—  383  —

wundern,  wenn  die  Marktpolizei  recht  häufig  Gelegenheit  findet,  nachdrücklich
  einzuschreiten.

Aus  der  RNegerstadt  führt  uns  die  zwei  Kilometer  lange  schnurgerade
  Doktor-Becker-Straße  nach  der  Meeresküste  zurück  zu  dem
großen  Regierungskrankenhause.  Wir  kommen  nun  an  dem  Schulhause
  und  der  Handwerkerschule  vorbei,  in  denen  die  jungen
Suaheli  im  Lesen  und  Schreiben  wie  in  den  Handwerken  unterwiesen
  werden.  Schon  seit  einer  Reihe  von  Jahren  ist  das  erfreuliche
  Ziel  erreicht,  daß  alle  Gegenstände  der  Hauseinrichtung,  wie
Türen,  Fenster,  Schlösser,  Möbel  und  dergleichen,  hier  angefertigt
werden,  während  früher  alles  dies  aus  Europa  einzeln  bezogen  werden
  mußte.

Wir  folgen  nun  dem  Meeresstrande  und  erreichen  das  Haus
des  Gouverneurs,  an  dem  unser  Rundgang  sein  Ende  finden  soll.
Ich  habe  es  vier  Jahre  bewohnt  und  täglich  mit  Behagen  die  zweckmäßige
  Anordnung  und  Einrichtung  des  Hauses  empfunden.  In  den
Tropen  lebt  man  im  allgemeinen  mit  der  großartigen  Natur,  die
den  Menschen  umgibt  und  ihm  ihre  Eindrücke  unwiderstehlich  aufprägt.
  Um  6  Uhr  morgens  wirst  der  riesige  Feuerball  den  Schläfer
aus  dem  Bett.  In  wenigen  Angenblicken  erscheint  er  über  dem
Horizont  und  durchdringt  alle  Räume  mit  einer  überwältigenden
Fülle  von  Licht.  Bad,  Frühstück,  Spaziergang,  Tagesarbeit  von
8  bis  5  Uhr,  unterbrochen  durch  ein  kräftiges  warmes  Frühstück
und  vielleicht  eine  kurze  Mittagsruhe,  süllen  den  Tag  in  gleichmäßiger,
  wenig  aufregender  Folge.  Mit  5  Uhr  abends  beginnen
die  Erholungs=  und  Genußstunden.  Da  wird  geritten,  gefahren,
Tennis  gespielt,  Boot  gefahren,  und  was  es  sonst  an  körperlichen
Bewegungen  gibt.  Bald  nach  6  Uhr  wird  es  dunkel.  Um  7  Uhr
wird  die  Hauptmahlzeit  eingenommen,  und  dann  folgt  das  süße
RNichtstun,  dessen  volles  Behagen  nur  der  zu  fassen  vermag,  der
einige  Vollmondnächte  in  den  Tropen,  womöglich  am  Meeresstrande,
durchlebt  hat.  Es  kann  kaum  ein  so  rohes  Gemüt  geben,  das  nicht
sich  immer  wieder  wie  ein  Kind  auf  die  vierzehn  Tage  vor  und
nach  dem  Vollmonb  freute.  Das  silbern  glänzende  Gestirn,  das
sich  im  Meere  kristallklar  spiegelt,  die  starke  und  doch  zauberhaft
gedämpfte  Helle,  der  wunderbare  Glanz  der  Blätter  von  Palmen,
Mangos  und  andern  Bäumen,  der  pechschwarze  Schlagschatten,  den
die  Bäume  werfen,  das  unendliche,  unaufhörliche  Gesumm  und
Gezirp  der  tropischen  Insektenwelt:  all  das  übt  auf  den  sinnigen
Menschen  eine  ganz  unerklärliche  Wirkung,  die  einem  sanften  Einlullen
  in  reizende  Träumereien  gleichkommt.  Gerade  diese  stillen
Stunden  friedlicher  Einkehr  in  sich  selbst  oder  behaglichen  Planderns