—  398  —

Endlich  treffen  wir  an  unserer  Station  ein.  Von  allen
Seiten  gestoßen  durch  die  lärmende  Menschenmenge,  die  wir
nur  hören  und  fühlen,  nicht  aber  sehen  können,  werden  wir
nach  der  schlüpfrigen  Treppe  gedrängt,  die  zur  Straße  binaufführt,
  und  befinden  uns  dann  schlieblich  nach  überstandener
Mühe  und  Not  in  vollkommener  Nacht.  Alle  Gaslaternen  sind
angezündet,  alle  Läden  ·  völlig  erleuchtet,  als  wäre  es  zehn  Uhr
abends  und  nicht  zehn  Uhr  morgens;  doch  das  bilft  alles  nichts.
Es  ist  fast  schlimmer  als  eine  richtige  natürliche  Nacht.

In  dieser  undurchdringlichen  schmutzigbraunen  Wolke  können
  wir  keinen  Vorüberkommenden  eher  erkennen,  als  bis
wir  in  Gefahr  sind,  mit  ihm  zusammenzustoßen,  und  die  roten
halbersticrten  Gasflammen  über  unserm  Kopfe  bleiben  unsichtbar,
  bis  wir  den  Laternenständer  mit  dem  Spazierstocke
zu  berühren  vermögen.  Wir  hören  das  Geräusch  von  Wagen
und  das  Anrufen  von  Kutschern,  sehen  aber  nichts,  bevor  nicht
das  Rad  einer  Droschke  an  die  Fußsteigkante  anprallt  und  auf
unserm  Rockärmel  einen  Schmutgstreifen  hinterläßt.  Es  wäre
geradezu  lebensge  fährlich,  jetzt  eine  Straße  zu  kreuzen,  ohne
die  vorzügliche  Dressur  der  Londoner  Pferde,  die  keinen  Menschen
  umreißen,  solange  das  irgend  zu  vermeiden  ist.  Die
Kutscher  rufen  und  warnen  unausgesetgt,  und  die  große  Menge
tappt  sich  mit  den  Händen  an  den  Hausmauern  bin,  staut  sich
unmittelbar  vor  den  großen  erleuchteten  Schaufenstern  oder
sucht  in  Omnibussen  und  Droschken  Zuflucht.  Auf  dem  Verdedk
  eines  Omnibusses  Kkommt  es  einem  vor,  als  schwömme  man
in  einer  merkwürdigen  Wolkenschicht:  das  Strabenpflaster  ist
unter  dem  Nebel  gänzlich  verstedtt,  und  man  erkennt  nur  unklar
  das  Verdeck  der  nächsten  Wagen  und  die  Omnibusführer,
die  mit  großen  Laternen  dicht  vor  den  Pferden  hergehen.
Dagegen  vermag  man  von  dem  erhöhten  Standpunkte  aus  die
Dächer  und  die  oberen  Stodkrwerke  der  Häuser  ganz  deutlich  zu
erkennen.  Die  dichte  in  den  Straben  lagernde  Nebelschicht  ist
nämlich  nur  etwa  sechs  bis  neun  Meter  hoch.

In  jeder  andern  Stadt  außer  in  London  würde  der  Verkehr
  unter  solchen  lebensgefährlichen  Umständen  stocken,  da
der  einzelne  Fußgänger  durch  undurchdringliche  Finsternis  vollständig
  abgesondert  und  es  fast  unmöglich  ist,  einen  Weg  2zu
finden,  weil  die  Häuser  ganz  unsichtbar  sind.  Die  Gewandtheit
der  Londoner  Kutscher  und  die  Dressur  ihrer  Pferde  überwinden
  jedoch  auch  solche  Hindernisse.  Die  beiden  je  eine
Strahenhälfte  bededtenden  Wagenströme  stehen  niemals  still,