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Von  weit  höherer  Bedeutung  für  Gemüt  und  Leben  der  Menschen
  sind  die  großen  Talseen,  die  ihre  Wasser  am  Saume  des
Hochgebirges  in  den  vorliegenden  Kalkalpen  sammeln.  Zu  ihnen
gehören  unter  den  vielen  Schweizer  Seen  der  Geufer,  Thuner,
Brienzer,  Vierwaldstätter  und  Zuger  See,  in  den  Bayrischen  Kalkalpen
  der  Tegern=  und  Königssee,  in  den  Osterreichischen  der  Traunsee.
  Man  hat  die  Seen  so  oft  die  Augen  der  Alpen  genannt;  ja,  aus
ihnen  leuchtet  die  Seele  der  Gebirgswelt.  Sie  sind  die  glänzendsten
Augen  der  Welt;  denn  ihr  wohltuender  Eindruck  wird  erhöht  durch
die  Reinheit  und  Klarheit  sowie  durch  die  herrliche  Farbe  ihres
Wassers.  Bei  den  meisten  Seen  kann  man  die  Gegenstände  in  der
Tiefe  von  9  bis  12  m  fast  ganz  deutlich  erkennen.

Aber  die  Alpenseen  begrußen  nicht  bloß  den  Fremdling  bei
einem  kurzen  Besuche  mit  einem  beglückenden  Lächeln  —  viel  wertvoller
  sind  sie  der  anwohnenden  Bevölkerung;  denn  ihre  Umgebung
ist  durch  besonders  mildes  Klima  begünstigt,  da  die  tiefgelegenen
Seeufer  meist  vor  rauhen  Winden  geschützt  sind.  Daher  blüht  hier
vorzugsweise  eine  herrliche  Pflanzenwelt  von  großer  Mannigfaltigkeit.
  Bayerns  beste  Obstbäume  gedeihen  zum  Teil  an  den  Ufern
der  Seen;  die  besseren  Weine  der  nördlichen  Schweiz  sind  Seeweine;
am  Bodensee  und  Züricher  See  sind  zahlreiche  Weingärten  dicht  zum
Ufer  hingedrängt,  während  nicht  weit  davon  wenig  oder  gar  kein
Wein  gebaut  wird.  Ebenso  ist  es  jenseits  der  Alpen.  An  den  Ufern
der  Talseen  sproßt  und  grünt  zuerst  der  Frühling,  und  von  ihnen
aus  beginnt  er  alljährlich  seinen  Triumphzug  weiter  hinauf  und
hinein  in  das  Alpenland.  Die  erste  Mandelblüte  erscheint  am  Gardasee;
  auch  der  Kirschbaum  blüht  zuerst  an  jenen  Seen.  Dort  ist
man  bereits  längst  von  blühenden  Bäumen,  grünenden  Kräutern  und
von  der  Farbenpracht  ausgedehnter  Blumenteppiche  umgeben,  wenn
landeinwärts  auf  den  Fluren  noch  winterliches  Aussehen  dem  Auge
begegnet.

Und  nun  vor  allem  die  Perle  der  Schweizer  Seen,  der  Vierwaldstätter
  See!  Trotzig  drohend  steigen  die  Berge  in  die  eisige
Luft  empor,  während  unten  italische  Glut  brütet;  hell  scheint  die
Sonne  über  dem  leuchtend  blauen  Seespiegel,  und  im  purpurnen
Lichte  verschwinden  die  Bergspitzen.  Hier  liegt  Luzern,  der  Mittelpunkt
  des  Reiseverkehrs.  Die  Hügel  treten  nahe  an  die  Stadt  heran,
so  daß  sie  sich  nicht  so  frei  ausbreiten  kann  wie  andere  Städte;  dafür
  ist  sie  aber  dem  See  näher  gerückt,  und  ihre  engen  Straßen
erhalten  dadurch  einen  eigenen  Reiz.  Von  oben  spiegeln  sich  ihre
Gasthofpaläste,  Kirchen,  Kapellen  und  Türme  in  der  klaren  Flut  des
Sees.  Außer  der  seßhaften  Bevölkerung  erblicken  wir  am  Vierwald-