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246.  Kus  der  Umgebung  von  Nonstantinopel.

Brief  des  Grafen  helmut  von  Moltke  an  seine  Mutter.
Bujukdere  bei  Uonstantinopel,  den  30.  Movember  1855.
Liebe  Mutter!
Wie  lange  ist  es  her,  daß  ich  keine  Nachricht  von  Dir  habe;  möchtest
  Du  doch  gesund  und  zufrieden  sein!  Kber  ich  hoffe,  Gott
wird  Dich  beschützen  und  erhalten.  Wenn  Du  diese  Seilen,  wie  ich
hoffe,  zu  Weihnachten  erhältst,  so  ersiehst  Du  wenigstens,  daß  ich  mancherlei
  Ichwierlgkeiten  glüchlich  überwunden,  daß  ich  gesund  geblieben
und  durch  einen  schönen  Aufenthalt  in  einer  ganz  neuen  Welt  gelohnt
  bin.

Möchte  ich  Dich  doch  nur  ein  iertelstündchen  hier  an  mein  Henster
  führen  können,  unter  dem  die  kristallklaren  Wellen  des  Bosporus
plätschern,  gerade  als  wenn  man  in  der  Kojüte  eines  großen  Kriegsschiffes
  sitzt.  Jene  Berge,  die  so  nahe,  daß  man  die  Fenster  der  häuser
zählen  kann,  sind  ein  anderer  Weltteil,  sind  Asien.  Rechts  in  dem
kleinen  Wiesental  siehst  Du  eine  Gruppe  riesenhafter  Platanen;  sie
tragen  den  Namen  Gottfrieds  von  Bouillon,  der  unter  ihnen  geruht
haben  soll,  als  er  mit  den  Nreuzrittern  nach  Dalästina  zog.  Kuf  jenen
Bergen  ragt  das  alte  genuesische  Kastell  mit  dem  Wappen  der  Republikk
  und  der  Jahreszahl  1100  über  dem  Torwege.  Cinks  blichst  Du
in  die  hohe  See,  es  ist  das  gefürchtete  Schwarze  Meer.  Schuell,  geräuschlos
  eilen  die  leichten  Kaihs  unter  meinen  Henstern  vorüber,  mächtige
  Kriegsschiffe  ankern  ganz  nahe  an  den  häusern,  und  die  Dampfschiffe
  brausen  mit  flatternden  Flaggen  vorbei.  Die  ausgedehnten
Begräbnisplätze  sind  wahre  Sypressenwälder,  der  Lorbeer  ist  hier  ein
Baum,  und  die  Hinie  sticht  mit  hellem  sastigem  Grün  gegen  die  fast
schwarze  regungslose  Sypresse  freundlich  ab.  Uberall  blühen  noch
Rosen  in  den  Gärten,  und  wir  haben  Tage,  wo  die  WMärme  noch
lästig  wird.

Wenn  ich  nach  Berlin  zurüchkomme,  werde  ich  Dir  auch  mein
Shizzenbuch  schichen.  Ich  bitte  Dich  aber  innig,  mir  achricht  von
Dir  nach  Ueapel  zuhommen  zu  lassen.  Du  kannft  Dir  die  vielen
Fragen  denhen,  die  ich  Dir  zu  tun  habe.

Am  heiligen  Zbend  werde  ich  in  Gedanhen  bei  Euch  sein  und
hoffe,  in  Athen,  wenn  nicht  in  Rlexandrien  auf  Eure  Gesundheit  zu
trinken.  Mitte  Januar  denke  ich  in  Neapel  zu  sein,  von  wo  aus
ich  Dir  wieder  schreiben  werde.

Sür  heute  adien,  liebe  Mutter;  halte  Dich  nur  gesund  und  schone
Deine  Kräfte.  Laß  auch  die  Fußdeche  legen  und  pflege  Dich  ein