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Abend,  die  rasche  Nacht,  und  es  wird  hühler.  Riesensterne  schauen
herab,  und  tief  aufatmend  zieht  die  Karawane  weiter  ihrem  Ziel
entgegen.

250.  Straßenbilder  in  Kairo.
Von  Paul  Wilhelm  von  Keppler.

Wir  biegen  in  die  breite  Muskistraße  ein.  Sofort  erfaßt  uns  der
Strom  des  frisch  bewegten  Lebens,  zunächst  in  Gestalt  von
sechs  Eseln,  die  uns  von  den  Eselsjungen  derb  auf  den  Leib  geschoben
  werden.  Während  gleichzeitig  sechs  Stiefelputzer  mit  dem
lauten  Rufe:  „Stiefel  putz!“  auf  uns  losstürmen  und  ernstliche  Versuche
  machen,  unsern  völlig  blanken  Stiefeln  ihre  Kunst  angedeihen
zu  lassen,  schreien  die  Eselsjungen  aus  vollem  Halse:  „Nix  Esel
reit,  Baron?  Gut'  Esel,  Bismarckesel,  Capriviesel,  Berliner  Esel!"
Da  wir  zu  Fuß  gehen  wollen,  bleibt  uns  nichts  übrig  als  durch
sansenden  Stockschwung  die  gerühmten  Esel  und  die  rühmenden  Buben
  auseinanderzutreiben  und  rasch  die  freigewordene  Stelle  zu  benutzen,
  um  in  die  Straße  zu  kommen.

Hier  nimmt  uns  ein  solches  Gedränge  und  Geschrei  in  die
Mitte,  daß  wir  zunächst  ängstlich  an  die  Häuserzeilen  geschmiegt  unsern
  Weg  fortsetzen  und  auf  einen  etwas  breiteren  Platz  zueilen,  um
hier  Umschau  zu  halten.  Beide  Augen  haben  vollauf  zu  tun,  um
das  sarbenwogende  Schauspiel  aufzunehmen.  Welche  Gestalten  zichen
an  uns  vorüber!  Eine  wahre  Musterkarte  für  VDölkerkunde,  eine
wahre  Ausstellung  von  Trachten.  In  der  Tat,  die  Stadt  mit  ihren
400000  Einwohnern  und  ihren  Hunderten  von  Fremden  ist  ein  Treffpunkt
  aller  Völker  des  Morgen=  und  Abendlandes.  Hier  der  bleiche
Deutsche  und  Engländer,  denen  nur  die  ungewohnte  Sonnenglut  die
Wangen  rot  gefärbt  hat;  hier  der  kohlschwarze  Neger,  mit  Vorliebe
blendend  weiß  gekleidet;  hier  der  bronzebraune  Beduine  mit  seinem
weiten  gestreiften  Mantel  und  seinem  strickumwundenen  Turban;
hier  der  gelbe  Araber  in  weißem,  grünem,  gelbem  Rock;  hier  der
Kopte  mit  seinem  überaus  scharf  geschnittenen  altägyptischen.  Gesicht.
Da  reitet  eine  Standesperson  hoch  zu  Esel  an  uns  vorüber,  auf  goldgesticktem
  Sattel  sitzend,  umwallt  von  schwarzseidenem  Mantel.  Dazwischen
  schieben  sich  watschelnden  Ganges  Frauen  durch,  ganz  eingehüllt
  in  ein  schwarzes  Tuch,  das  sie  ängstlich  zusammenhalten;  von
ihren  Gesichtern  ist  nichts  zu  sehen  als  ein  Paar  hervorblitzende
Augensterne;  Kopf  und  Stirn  sind  schwarz  verhüllt;  auf  der  Stirn
ist  häufig  eine  aufrechtstehende  Messingröhre  befestigt,  wie  man  uns