—  422  —

Ein  Grab  in  fremder  Erde.

eute  haben  wir  einen  Kameraden  zur  letzten  Ruhe  bestateet.
Ohne  Begleitung  eines  Geistlichen  trugen  wir,  sechs  Mann  an  der  Sahl,
die  starre  hülle  des  Legionärs  auf  einen  hof,  der  von  Olivenbäumen
und  Halmen  bestanden  war.  Wir  stellten  den  Sarg  zur  Erde  und
gruben  in  aller  Eile  ein  Grab.  Darauf  senkten  wir  den  Sarg  hinein
und  schaufelten  die  Grube  zu.  Unser  Sergeant,  ein  im  Dienst  ergrauter
  Schwarzwälder,  befahl:  „Kniet  nieder  zum  Gebet!“  Nach  dem
Gebet  erhoben  wir  uns  und  warfen  eine  Handvoll  Dünensand  auf
den  Hügel.  Wer  war  der  Tote?  Laß  mich  den  Namen  verschweigen.
Sieh  zu  unsern  Häupten  die  Schwalbe  dort!  Wenn  sie  heimkehrt  zur
Srühlingszeit  und  mit  lautem  Cezwitscher  ihr  Nest  unterm  niedrigen
hüttendache  begrüßt,  möchte  sie  vielleicht  ausplaudern,  was  sie  gesehen,
und  den  Namen,  den  sie  erlauscht  hat,  der  harrenden  Mutter  verraten.
Die  Kunde  von  dem  Schichsal  ihres  Sohnes  würde  die  alte  Frau
niederschmettern.

Möge  aber  die  Eeschichte  des  namenlosen  Grabes  im  fernen
Algerien  dir  eine  Warnung  sein,  wenn  die  Stunde  der  Dersuchung
an  dich  heranlritt.  Sie  wird  deinen  Fuß  vom  Wege  des  Derderbens
zurüchhalten  und  deiner  Mutter  bitteres  Leid  ersparen.  Und  auch  du,
freudloser  Wanderer,  der  du  rastest  im  Schatten  deutscher  Linden  und
nicht  weißt  wohin  und  woher,  lenhe  deine  Schritte,  wohin  du  willst,
nur  meide  die  französlsche  Fremdenlegion!

252.  Der  Amgzonenstrom  und  der  Urwald  in
Südamerika.  Von  Joseph  Spillmann.

Der  Amazonenstrom  übertrifft  an  Wasserfülle  alle  Flüsse  der  Welt.
Dieser  Riese  unter  den  Strömen  hat  die  fünffache  Länge  des
Rheines  und  besitzt  ein  Stromgebiet  von  der  Größe  Europas.  Er
hat  seine  Quelle  im  Andengebirge  und  wird  auf  seiner  Reise  nach
Osten  hin  durch  zahlreiche  gewaltige  Nebenströme  verstärkt.  Wenn
der  Amazonenstrom  die  Ebene  erreicht,  besitzt  er  schon  die  Breite
des  Rheines  bei  Wesel;  dann  schwillt  er  auf  seiner  ruhigen  Wanderschaft
  durch  den  Urwald  Brasiliens  immer  gewaltiger  an  und
erreicht  bald  eine  Breite  von  10  km.  Schwimmende  Wiesen  trägt
der  Strom  auf  seinem  Rücken,  und  wenn  der  Sturm  seine  Wasser
aufwirbelt,  reißt  er  im  Grimme  die  Inseln  mit  sich  fort,  die  er
selbst  geschaffen  har.  Endlich  rollt  der  Riese  seine  gelben  Wogen
mit  einem  Tiefgange  von  100  m  und  in  einer  Breite  von  90  km
genau  unter  der  Uleicherlinie  in  den  Atlantischen  Ozean;  450  km