—  434  —

legte  sich  ein  breiter  Gurt  mit  einem  Rurzen  Schwert  in  lederner
Scheide.  Seine  Füße  stechten  in  haarigen  Schuhen,  aus  einem
Stück  Leder  gefertigt  und  mit  Riemen  an  den  Knöcheln  festgeschnürt.
Über  seine  Schultern  hing  ein  Mantel  aus  Tuch  hinab,  von  einer
Spange  an  der  rechten  Seite  zusammengehalten.  So  schritt  er
rüstig  vorwärts,  den  langen  Speer  in  der  Rechten  und  den  rot
bemalten  Schild  in  der  Linken.  Plötzlich  blieb  er  stehen.  Hatte  es
nicht  in  den  Zweigen  geknacht?  Wurfbereit  hob  er  seinen  Speer.
In  jener  Zeit  trieben  in  dem  Waldesdichicht  unheimliche  Tiere  ihr
Wesen,  denen  man  ohne  Waffen  nicht  begegnen  durfte  —  bösartige
Auerochsen,  grimmige  Bären,  gefräßige  Wölfe.  Doch  es  blieb  still.
Bielleicht  war  es  nur  ein  furchtsames  Reh,  das  vor  dem  einsamen
Wanderer  die  Flucht  ergriff.  Hugbald,  unser  Krieger,  schritt  weiter.
Sein  Weg  führte  bergan.  Es  war  der  letzte  Hügel,  der  ihn  von
der  Hofstatt  seines  Vaters  trennte.  Das  Herz  lachte  ihm  im  Leibe,
denn  die  Heimat  durfte  er  wiedersehen,  nachdem  er  jahrelang  in  der
Gefolgschaft  seines  Gaufürsten  zugebracht  hatte.  Busch  und  Baum
erinnerten  ihn  schon  hier  an  seine  Jugendzeit.  Da  stand  der  alte
Buchenbaum,  an  dem  einst  sein  Vater  voll  Stolz  und  Freude  das
Runenzeichen  seines  Erstgeborenen  in  die  Rinde  eingeritzt  hatte,  und
dort  zwischen  jenen  zwei  Bäumen  hatte  seine  Ahne  das  Tuch
ausgespannt  und  ihn  hineingelegt  und  ihre  Lieder  dazu  gesungen.
Wie  hatte  er  hier  in  den  Höhlungen  der  uralten  Waldriesen  nach
Eichhörnchen,  Wiesel  und  Marder  gespäht,  um  sie  mit  seinem
Krummbogen  wegzuschießen!  Wie  war  er  wagelustig  auf  die
schwanken  Aste  der  Holzbirnbäume  gehklettert,  die  da  und  dort  zwischen
  den  andern  Waldbäumen  wuchsen!  So  mächtig  hatte  den
Jüngling  die  Erinnerung  gepacht,  daß  er  des  Weges  nicht  achtete,
bis  er  über  eine  knorrige  Wurzel  stolperte,  die  quer  über  den  Weg
lief.  Endlich  war  er  auf  der  Anhöhe  angekommen.  Eine  Waldblöße
  dehnte  sich  vor  ihm  aus.  In  der  Mitte  stand  ein  mächtiger
Eichbaum.  Voll  Ehrfurcht  betrachtete  Hugbald  den  wohl  tausendjährigen
  Waldriesen.  Ein  leiser  Morgenwind  säuselte  durch  das
dichte  Blätterdach.  Der  Krieger  machte  das  Zeichen  Donars,  einen
Hammer,  über  seiner  Brust;  dann  trat  er  vor  und  blickte  hinab.

Unten,  mitten  auf  den  Feldern  und  Weiden,  schimmerte  das
Strohdach  eines  Blochhauses  herauf,  und  ein  bläulicher  Rauch  stieg
in  die  frische  Morgenlust  empor.  Ein  Klappern  schallte  ihm  entgegen,
  und  gleich  darauf  flogen  zwei  Vögel  mit  gar  langen  Schnäbeln
über  die  Hofstatt  hinweg.  Auch  der  Hofsänger  bot  seinen  Morgengruß.
  Die  bunten  Stimmen  der  Schalke  waren  vernehmbar,  und
der  Hofwart  schlug  an,  es  klang  wie  Freudengebell.