264.  Gotentreue.  Von  Felix  Dahn

Erchigen  war  mit  dem  halben  Heer
Der  König  der  Goten,  Theodemer.

2.  Die  Heunen  jauchzten  auf  blutiger  Wal;
Die  Geier  stießen  herab  zu  Tal.

3.  Der  Mond  schien  hell;  der  Wind  pfiff  kalt  —
Die  Wölfe  heulten  im  Föhrenwald.

4.  Drei  Männer  ritten  durchs  Heidegefild,
Den  Helm  zerschroten,  2erhackt  den  Schild.

5.  Der  erste  über  den  Sattel  duer
Trug  seines  Königs  zerbrochenen  Speer.

6.  Der  zweite  des  Königs  Kronhelm  trug,
Den  mittendurch  ein  Schlachtbeil  schlug.

7.  Der  dritte  barg  im  treuen  Arm
Ein  verhüllt  Geheimnis  im  Mantel  warm.

8.  So  kamen  sie  an  den  lster  tief  —
Und  der  erste  hielt  mit  dem  Robß  und  rief:

9.  „Ein  zerhauner  Helm  —  ein  zerhadkter  Speer  —
Von  dem  Reich  der  Goten  blieb  nicht  mehr!“

Und  der  zweite  sprach:  „In  den  Wellen  dort
Versenkt  den  traurigen  Gotenhort!

11.  Dann  springen  wir  nach  von  dem  Uferrand  —
Was  säumst  du,  Meister  Hildebrand?“

12.  „Und  tragt  ihr  des  Königs  Helm  und  Speer,
Ihr  treuen  Gesellen  —  ich  trage  mehr!“

13.  Auf  schlug  er  seinen  Mantel  weich:
„lch  trage  der  Goten  Hort  und  Reich!

14.  Und  habt  ihr  gerettet  Speer  und  Kron'  —
Ich  habe  gerettet  des  Königs  Sohn!

15.  Erwache,  mein  Knabe!  leh  grüße  cich,
Du  König  der  Goten  —  Jungdieterich!“