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265.  Aus  der  Siegfriedsage.

1.  Wie  Siegfried  hörnen  ward.
Von  Gustav  Schwab.

n  den  Niederlanden  wohnte  in  uralter  Zeit  ein  König  namens

Siegmund,  der  durch  seine  große  Macht  weithin  berühmt  war.
Sein  Sohn  hieß  Siegfried.  Der  Knabe  war  von  unbändiger  Krast.
und  all  sein  Trachten  ging  dahin,  in  die  Fremde  zu  ziehen,  um
Abenteuer  zu  bestehen.  Endlich  gab  der  König  dem  Wunsche  seines
Sohnes  nach  und  ließ  ihn  ziehen.

Siegfried  kam  bald  in  ein  Dorf,  das  vor  einem  Walde  lag.
Dort  verdang  er  sich  bei  einem  Schmiede,  um  zu  lernen,  wie  man
Waffen  schmiede.  Er  schlug  aber  so  gewaltig  auf  das  Eisen,  daß
es  zersprang  und  der  Amboß  in  die  Erde  sank.  Der  Meister
fürchtete  sich  deshalb  vor  ihm  und  suchte  sich  des  wilden  Gesellen
zu  entledigen.  Er  schickte  ihn  daher  in  den  nahen  Wald  zu  einem
Köhler.  Unterwegs  mußte  Siegfried  an  der  Höhle  eines  greulichen
Drachen  oder  Lindwurms  vorbei,  und  dieser,  dachte  der  Meister,
werde  den  jungen  Helden  töten.  Wirklich  fuhr  der  Drache  auf  den
nichts  ahnenden  Wanderer  los,  aber  Siegfried  wehrte  sich  tapfer.
Er  riß  die  stärksten  Bäume  aus  der  Erde,  warf  sie  auf  das  Untier
und  zündete  dann  den  ganzen  Holzstoß  an.  Von  der  Glut  begann
die  Hornhaut  des  Ungetüms  zu  schmelzen,  und  ein  Strom  von
fettiger  Masse  floß  unter  dem  brennenden  Haufen  hervor.  Neugierig
  tauchte  Siegfried  seinen  Finger  in  das  Fett,  und  siehe  da,
als  es  erkaltet  war,  hatte  eine  undurchdringliche  Hornhaut  den  Finger
  überzogen.  Da  bestrich  sich  der  Held  den  ganzen  Leib  aus  diesem
  trägen  Strom,  und  so  ward  er  ganz  mit  Horn  überzogen,
also,  daß  ihn  kein  Schwert  verwunden  konnte.  Nur  auf  dem  Rükken
  zwischen  den  Schultern  blieb  eine  Stelle  frei.  Da  sollte  er  frühzeitig
  den  Todesstoß  empfangen.

2.  Wie  Siegfried  erschlagen  ward.
Von  Gotthold  Klee.

Als  Siegfried  erwachsen  war,  gewann  er  ein  Weib  mit  Namen
  Kriemhilde.  Ihr  Bruder  hieß  Gunter  und  war  König  in  Burgunderland;
  sein  Weib  hieß  Brunhilde.  Da  geschah  es,  baß  Kriemhilde
  und  Brunhilde  über  die  Vorzüge  ihrer  Männer  in  heftigen
Streit  gerieten,  und  Brunhilde  beschloß,  Kriemhildens  Mann  solle
des  Todes  sterben.  Sie  gewann  ihren  Lehnsmann  Hagen,  daß  er
ihn  töte.  Darauf  begab  sich  der  falsche  Hagen  zu  Kriemhilde  und

Lesebuch  für  Cberklassen.  T.  29