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272.  Mathilde,  die  Gemahlin  Heinrichs  J.

1  Von  Joseph  Freundgen.

Mehhitde  war  die  Tochter  des  westfälischen  Grafen  Dietrich  von
Ringelheim,  der  dem  berühmten  Geschlechte  des  alten  Sachsenherzogs
  Wittekind  entstammte.  Von  ihren  Eltern  wurde  sie  frühzeitig
  ihrer  Großmutter  übergeben,  die  Abtissin  des  Benediktinerklosters
  zu  Herford  war.  Unter  der  Leitung  dieser  ehrwürdigen
Frau  sollte  sie  dort  erzogen  werden.  Hier  wurde  sie  von  früh  auf
in  mancherlei  Kenntnissen  und  Fertigkeiten  unterwiesen;  nicht  minder
  aber  wurde  sie  zur  Frömmigkeit  und  zur  Demut  angehalten.
und  dies  geschah  mit  einem  solchen  Erfolge,  daß  diese  Tugenden
von  da  ab  ihr  ganzes  Leben  zierten.  Der  Ruf  ihrer  Schönheit
und  Tugend  verbreitete  sich  weithin  im  Lande.  Auch  an  den  Hof
des  Herzogs  von  Sachsen  war  diese  Kunde  gedrungen.  Und  Herzog
Otto  sprach  den  Wunsch  aus,  daß  sein  Sohn  Heinrich  die  Tochter
des  altberühmten  und  im  Sachsenlande  hoch  angesehenen  Geschlechtes
  als  seine  Gemahlin  heimführen  möchte.

In  schlichter  Kleidung  betrat  Heinrich  einst  zur  Zeit  des  Gottesdienstes
  die  Klosterkirche  zu  Herford.  Um  unbemerkt  zu  bleiben.
stellte  er  sich  in  den  Schatten  eines  Pfeilers.  Von  hier  aus  beobachtete
  er  die  Jungfrau,  die  inmitten  der  Klosterfrauen  in  aller
Demut  andachtsvoll  dem  Gottesdienste  beiwohnte.  Mit  hoher  Freude
gewahrte  er  ihre  Anmut,  mit  ebenso  großer  Freude  gewahrte  er
ihre  Sittsamkeit  und  ihre  Andacht.  Sein  Wohlgefallen  wurde  so
groß,  daß  er  beschloß,  Mathilde  zu  seiner  Gemahlin  zu  erwählen.
Still  verließ  er  die  Kirche  und  begab  sich  zu  seinen  Gefährten,  die
eine  Strecke  vor  dem  Ort  zurückgeblieben  waren.  Hier  schmückte  er
sich  mit  prächtigen  Gewändern  und  ritt  dann  an  der  Spitze  einer
stattlichen  Schar  zum  Kloster  hin.  Nunmehr  erkannten  ihn  alle
als  den  Sohn  des  Herzogs  im  Lande.  Er  ließ  sich  zu  der  Abtissin
führen  und  begehrte  von  ihr,  als  der  Großmutter  Mathildens,  die
Jungfrau  zum  Weibe.  Seine  Bitte  wurde  ihm  gewährt.  In  Wallhausen
  wurde  mit  großem  Aufwande  die  Hochzeit  gefeiert.  Die
Stadt  Wallhausen  mit  Umgebung  schenkte  Heinrich  seiner  Gemahlin
als  Morgengabe.

2.

Allzeit  blieb  Mathilde  fromm  und  demütig  von  Herzen,  selbst
als  sie  später  Königin  geworden  war  und  königliche  Pracht  ihr
Leben  verschönerte.  Wo  sie  auch  sein  mochte,  daheim  oder  auf
der  Reise,  überall  besuchte  sie  die  Armen,  um  ihnen  mit  freigebigster
  Hand  Wohltaten  zu  spenden;  stundenlang  saß  sie  auch  in  den