—  494  —

iährigen  Aufenthaltes  im  Kloster  zog  er  nicht  nur  durch  seine  große
Liebenswürdigkeit,  seine  Frömmigkeit  und  Sittenstrenge,  sondern
auch  durch  seine  seltenen  Kenntnisse  und  seine  bedeutenden  Geistesanlagen
  die  besondere  Aufmerksamkeit  seiner  Oberen  auf  sich.

Im  Jahre  1627  begab  sich  Spee  nach  Franken,  wo  er  besonders
  in  den  Städten  Bamberg  und  Würzburg  in  der  Seelsorge
tätig  war.  Nicht  zwei  volle  Jahre  mag  er  wohl  in  dieser  Gegend
zugebracht  haben;  aber  die  Zeit  ist  für  ihn  sicher  die  qualvollste
seines  Lebens  gewesen,  eine  Zeit  des  bittersten  Seelenschmerzes.

Damals  herrschte  der  entsetzliche  Wahn,  daß  es  Hexen  und
Zauberer  gebe.  Das  finstere,  unheimliche  Aussehen  einer  alten
Frau,  ein  besonderes  Merkmal  an  ihr,  eine  zufällige  Rede  genügten,
  um  eine  solche  Unglückliche  bei  dem  abergläubischen  Volk
als  eine  Here  zu  verdächtigen.  Sie  wurde  dann  unbarmherzig
dem  Gericht  zur  Folter  und  zum  Feuertode  übergeben.  Außergewöhnliche
  Häßlichkeit  wie  hervorragende  Schönheit,  tiefer  Ernst
wie  ausgelassene  Heiterkeit,  Tölpelhaftigkeit  wie  besondere  Klugheit
und  Gelehrsamkeit,  kurz,  jede  ungewohnte  Erscheinung  galt  als  ein
Zeichen  teuflischer  Einwirkung.  Ein  Mensch  mit  solchen  Eigenschaften
  mußte  mit  dem  bösen  Feinde  im  Bunde  stehen  und  war  dem
Arm  der  rücksichtslos  mit  dem  Tode  strafenden  Gerichte  verfallen.
Die  Zahl  der  Unglücklichen,  die  diesem  furchtbaren  Wahne  zum  Opfer
fielen,  grenzt  ans  Unglaubliche.

Spce  lebte  inmitten  dieser  Greuel;  er  sah,  wie  sie  sich  tagtäglich
  vor  seinen  Augen  vollzogen,  ja  er  war  von  Amts  wegen  verpflichtet,
  die  vermeintlichen  Böscwichter  zu  bekehren  und  die  armen
Verurteilten  persönlich  zum  Scheiterhaufen  zu  geleiten.  All  der
Jammer,  den  er  da  sah,  drohte  ihm  das  Herz  zu  zerreißen.  Er
überzeugte  sich  von  der  Unschuld  dieser  Schlachtopfer,  und  das
Entsetzen  über  die  Verblendung  seiner  Zeitgenossen  erschütterte  den
edeln  Mann  so  tief,  daß  er,  noch  jung  an  Jahren,  graue  Haare  bekam.
  Voll  heiligen  Eifers  suchte  er  die  Unglücklichen  zu  retten,
wo  er  nur  konnte.  Aber  diese  Versuche  waren  sehr  gefährlich;
denn  wer  sich  damals  der  Hexen  annahm,  der  wurde  selbst  ohne
Unterschied  des  Standes  als  ihr  Mitschuldiger  angesehen  und  verdammt.
  Da  griff  Spee  zur  Feder  und  schrieb  ein  Buch  in  lateinischer
  Sprache,  worin  er  bewies,  wie  unsinnig,  rechtswidrig  und
empörend  das  grausame  Verfahren  der  Hexenrichter  sei.  Die  Wirkung,
  die  dieses  mit  Freimut,  Beredsamkeit  und  Begeisterung  geschriebene
  Buch  ausübte,  war  ganz  außerordentlich.  Selbst  über
Deutschlands  Grenzen  hinaus  drang  der  Ruf  der  gewaltigen  Schrift,
die  infolgedessen  in  mehrere  Sprachen  übersetzt  wurde.  So  steht