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299.  Friedrichs  des  Großen  Verdienste  um  Westpreußen.
  Von  Gustav  Freytag.

Als  Friedrich  der  Große  bei  der  ersten  Teilung  Polens  die  ihm
überwiesenen  Gebiete  in  Besitz  nahm,  erstaunten  seine  Beamten
nicht  wenig  über  die  Trostlosigkeit  der  unerhörten  Verhältnisse,  die
in  der  neuen  Provinz  bestanden.  "

Nur  einige  Städte  und  geschützte  Landstriche,  die  ausschließlich
  von  Deutschen  bewohnt  waren,  lebten  in  erträglichen  Zuständen.
  Andere  Städte  lagen  in  Trümmern  wie  die  meisten  Höfe  des
Flachlandes.  Bromberg,  die  deutsche  Kolonistenstadt,  fanden  die
Preußen  in  Schutt  und  Ruinen.  Kulm  hatte  aus  alter  Zeit  seine
wohlgefügten  Mauern  und  die  stattlichen  Kirchen  erhalten;  aber  ganze
Straßen  bestanden  nur  aus  Kellerräumen,  in  denen  elende  Bewohner
hausten,  Von  den  vierzig  Häusern  des  Marktplatzes  hatten  achtundzwanzig
  keine  Türen,  keine  Dächer,  keine  Fenster  und  keine  Eigentümer.
  In  ähnlicher  Verfassung  waren  andere  Städte.

Die  Häuser  der  Dörfer  waren  aus  hölzernen  Sprossen  gebaut
und  mit  Lehm  ausgeklebt.  Durch  die  Haustür  trat  man  in  die
Stube  mit  großem  Herd  ohne  Schornstein;  Stubenöfen  waren  unbekannt.
  Selten  wurde  ein  Licht  angezündet,  nur  der  Kienspan  erhellte
  das  Dunkel  der  langen  Winterabende.

Das  schmutzige  und  wüste  Volk  lebte  von  Brei  aus  Noggenmehl,
  oft  nur  von  Kräutern,  die  als  Gemüse  zur  Suppe  gekocht
wurden,  von  Heringen  und  Branntwein,  dem  Frauen  wie  Männer
ergeben  waren.  Brot  wurde  nur  von  den  Reichen  gebacken.  Viele
hatten  in  ihrem  Leben  nie  einen  solchen  Leckerbissen  gegessen;  nur
in  wenig  Dörfern  stand  ein  Backofen.  Hielten  die  Leute  sich  einmal
Bienenstöcke,  so  verkauften  sie  den  Honig  an  die  Städter,  außerdem
geschnitzte  Löffel  und  gestohlene  Rinde.  Dafür  erstanden  sie  auf  den
Jahrmärkten  den  groben  blauen  Tuchrock,  die  schwarze  Pelzmütze
und  das  hellrote  Kopftuch  für  ihre  Frauen.  Nicht  häufig  war  ein
Webstuhl;  das  Spinnrad  kannte  man  gar  nicht.  Selbst  auf  den
Gütern  der  Edelleute  und  des  Königs  waren  die  Wirtschaftsgebäude
verfallen  und  unbrauchbar.

Wer  einen  Brief  befördern  wollte,  mußte  einen  besondern
Boten  schicken,  denn  es  gab  keine  Post  im  Lande;  freilich  fühlte
man  in  den  Dörfern  auch  nicht  das  Bedürfnis  danach,  denn  ein
großer  Teil  der  Edelleute  konnte  so  wenig  lesen  und  schreiben
wie  die  Bauern.  Wer  erkrankte,  fand  keine  Hilfe  als  die  Geheimmittel
  einer  alten  Dorffrau,  denn  es  gab  im  ganzen  Lande  keine
Apotheken.  Wer  einen  Rock  nötig  hatte,  tat  wohl,  die  Nadel  selbst  in