—  638  —
314.  Die  alten  Zollschranken.

Van  Frle  drich  Förster.
E-  ist  eine  altbekannte  Sache,  daß  unser  deutsches  Vaterland
früher  in  ungleich  mehr  Länder  und  Ländchen  zerrissen
war  als  jetzt,  und  daß  zwischen  den  verschiedenen  Ländern
Zollschranken  errichtet  waren,  die  das  eine  Ländchen  vom
andern  wirtschaftlich  trennten.

Da  mochte  man  nun  zu  jener  Zeit  von  Osten  nach  Süden
oder  von  Westen  nach  Osten  reisen,  man  stieß  zuweilen  alle
paar  Stunden  auf  einen  Schlagbaum.  Bei  jedem  Schlagbaum
befand  sich  ein  Zollhaus,  und  vor  jedem  Zollhaus  standen  Tag
und  Nacht  Zollwärter,  die  jeden  Reisenden  fragten,  ob  er  getwas
  Zollbares“  bei  sich  habe;  nach  Befinden  durchsuchten  sie
sein  Gepäck  oder  gar  seine  Taschen  nach  zollbaren  Waren  oder
Sachen.  Schöpften  die  Zollbeamten  Verdacht,  so  schleppten  sie
ihre  Opfer  mit  ins  Zollhaus,  wo  sie  gründlich  untersucht  wurden.
Fand  man  etwas  Zolipflichtiges,  was  der  Reisende  verschwiegen
  hatte,  so  wurde  dic  eingeschmuggelte  Ware  „kontreband“
gemacht,  d.  h.  sie  wurde  als  eingeschmuggelt  weggenommen.
Auberdem  mußte  der  Besitzer  noch  hohe  Strafgelder  zahlen.
Besonders  gründlich  wurden  die  Wagen  untersucht,  selbst
Kutschwagen  waren  nicht  ausgeschlossen.

Um  die  Zollpladkereien,  die  damals  in  Deutschland  herrschten,
  recht  deutlich  zu  machen,  will  ich  eine  Geschichte  erzählen.

Ein  Professor  aus  Thüringen  reiste  zur  Ferienzeit  des
Jahres  1821  mit  seiner  Gattin  nach  Bremen,  wo  sie  Verwandte
besuchen  wollten.  Sie  hatten  sich  eine  Lohnkutsche  gemietet
und  fuhren  damit  in  der  schönen  Sommerzeit  nach  Bremen.

Dort  hörte  die  Frau,  wie  außerordentlich  billig  die  Kolonialwaren
  zu  erhandeln  wären,  und  konnte  der  Versuchung  nicht
widerstehen,  ein  Sädechen  Kaffee  zu  kaufen.  Ihrem  Manne
sagte  sie  nichts  davon.

Ohne  Sorgen  bestieg  daher  der  Professor  seinen  Kutschwagen,
  um  die  Heimreise  anzutreten;  auch  die  Frau  nahm  in
fröhlichster  Stimmung  im  Wagen  Platz.  Die  Fahrt  ging  über
Göttingen,  wo  der  Professor  einen  Kollegen  hatte,  mit  dem  er
befreundet  war.

Nach  einigen  Stunden  standen  die  Reisenden  an  der  hannoverschen
  Grenze  vor  einem  Zollhause.  Ein  Beamter  trat  an
den  Wagenschlag  und  fragte:  „Haben  die  Herrschaften  etwas
Zollbares?"  Der  Herr  Professor  sprach  mit  Gewissensruhe:
„Nein“,  während  die  Frau  Professor  leicht  errötete.  „Ich  muß