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Fahne  frei  und  stolz.  4½2  Minuten  nach  10  Uhr  ist's  erst,  —  und
jetzt  auf  Schanze  3,  5  und  1;  —  ein  paar  Minuten,  da  wallt's  auch
von  Schanze  2  und  4  schwarzweiß  herab.  Kein  Sweifel  mehr,  die
ersten  sechs  Schanzen  sind  genommen;  der  erste  Teil  der  gewaltigen
Rufgabe  ist  gelöst.

317.  Aach  der  Schlacht  bei  Königgrätz.

Aus  dem  Tagebuche  Kalser  Friedrichs.

Solche  Augenbliche  müssen  erlebt  sein,  beschreiben  lassen  sie  sich

nicht.  Heiße  Dankgebete  stiegen  zu  Gott  empor,  ich  möchte
sagen  Stoßgebete;  dann  muß  man  sich  wieder  in  die  Sachlage  vertiefen,
  überall  hinsehen,  aufpassen  und  darf  Kaum  den  mit  Leichen
und  Verwundeten  besäten  Boden  betrachten,  wo  alte  Bekannte,  die
man  kurz  zuvor  lebensfroh  in  den  Kampf  hineinrüchken  sah,  hingestreckt
  liegen.

Zu  unsern  Füßen  um  Nosberitz  herum  wütete  der  Kampf;
aber  es  war  bereits  das  ausgesprochenste  Rüchzugs=  und  Nachhutgefecht.
  Der  Himmel  begann  sich  aufzuklären,  und  Sonnenstreifen
  fielen  auf  die  blutige  Walstatt.  Als  mir  eben  der  Heldentod
  des  Generalleutnants  von  Hiller  und  seines  zweiten  Adjutanten,
des  hoffnungsvollen  Leutnants  Theißen  vom  4.  Garderegiment  zu
Fuß,  gemeldet  wurde  und  das  Gefühl  des  Schmerzes  über  so  viele
Verluste  anfing,  sich  Geltung  verschaffen  zu  wollen,  hörte  ich  Hurra
rufen.  Wir  glaubten,  der  König  komme,  aber  es  war  Ftiedrich  Karl.
Schon  von  weitem  schwenkten  wir  uns  mit  unsern  Mützen  zu
und  fielen  uns  dann  unter  dem  Hurrarufen  der  Truppen  meines
äußersten  rechten  und  seines  äußersten  linken  Flügels,  mit  denen  ich
unserm  König  ein  begeistertes  Hurra  brachte,  in  die  Arme.  Auch
solche  Begrüßungen  wollen  erlebt  sein;  vor  zwei  Jahren  umarmte
ich  ihn  vor  Düppel  als  Sieger,  heute  waren  wir  beide  Sieger,  und
nach  dem  harten  Stand  seiner  Truppen  hatte  ich  die  Entscheidung
des  heutigen  Tages  mit  meiner  Armee  herbeigeführt.

Meine  Gedanken  waren  jetzt  bei  meiner  Frau,  meinen  Kindern,
  meiner  Mutter  und  meiner  Schwester.  Unser  heimgegangener
kleiner  Sigismund  schwebte  mir  vor,  als  ob  sein  Tod  der  Vorläufer
eines  großen  Ereignisses  in  meinem  Leben  hätte  sein  sollen.  Aber
Siege  ersetzen  nicht  den  Verlust  eines  Kindes,  vielmehr  bricht  sich  der
bohrende  Schmerz  unter  solchen  gewaltigen  Eindrüchen  erst  recht
Bahn.

Aber  ich  mußte  mich  daran  erinnern,  daß  hier  keine  Zeit  sei,
irgendwelchen  Gefühlen  nachzugeben,  daß  vielmehr  alle  Gedanken

gelebuch  für  Oberklassen  D.  35