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Es  ist  König  Wilhelm,  der  sich  alljährlich  nach  dem  anstrengenden
  arbeitsvollen  Winter  in  Ems  einige  Wochen  Erholung  gönnt.
An  dem  warmen  Sprudel,  der  hier  heilkräftig  der  Talsohle  entquillt,
will  er  sich  erfrischen  und  stärken  zu  neuer  Arbeit.  Alle  freuen  sich
jedesmal  über  seine  Ankunft;  jedermann  hat  ihn  lieb  wie  einen
alten  Freund.  Vor  allem  ist  er  gern  gesehen  bei  der  Kinderwelt
von  Ems.

Nur  wenige  Wochen  aber  sollte  das  friedliche  Stilleben  im
Sommer  1870  dauern.  Wie  ein  Blitz  aus  heiterm  Himmel  kamen
die  Berichte  von  den  kriegerischen  Reden  in  Frankreichs  Hauptstadt.
Der  französische  Unterhändler,  der  plötzlich  im  Bade  auftaucht,  scheint
freilich  keinen  Sturm  zu  verkündigen;  aber  sooft  er  sich  dem  König
naht,  sieht  man  auf  dessen  Antlitz  Spuren  unmutiger  Bewegung.

Immer  rücksichtsloser  wird  die  aus  Paris  ertönende  Sprache,
in  wie  zierliche  Redensarten  sie  der  gewandte  Botschafter  auch  zu
kleiden  weiß;  immer  weiter  gehen  die  Forderungen,  mit  denen  man
den  friedlich  seiner  Kur  lebenden  Fürsten  stört.

Am  13.  Juli  ging  der  König  mit  seinem  Adjutauten  Grafen
Lehndorf  wie  gewöhnlich  spazieren.  Am  Ende  der  Promenade  erschien
  der  französische  Abgesandte  Graf  Benedetti  und  wurde  vom
König  leutselig  begrüßt.  Am  Tage  vorher  hatte  der  Prinz  Leopold
von  Hohenzollern  auf  den  spanischen  Thron  verzichtet,  um  jeden
Vorwand  zum  Kriege  zu  beseitigen.  Aber  hiermit  war  Benedetti
im  Auftrage  seiner  Regierung  noch  nicht  zufrieden.  Er  verlangte
vom  König  eine  Erklärung,  daß  er  auch  in  Zukunft  dem  Prinzen
von  Hohenzollern  die  Genehmigung  versagen  werde.  Eine  solche
Zumutung  wies  der  König  zurück.  Als  er  in  seine  Wohnung  zurückgekehrt
  war,  ließ  der  französische  Gesandte  um  eine  nochmalige
Unterredung  bitten.  Der  König  aber  sprach  zu  seinem  Adjutanten:
„Sagen  Sie  doch  diesem  Herrn,  daß  ich  ihm  nichts  weiter  mitzuteilen
  habe.“  In  der  Seele  des  greisen  Königs  mochten  Erinnerungen
  an  alte  schwere  Zeiten  auftauchen.

Am  1.  Januar  1807  war  der  zehnjährige  Prinz  Wilhelm  ins
Heer  eingetreten,  als  seine  Familie  flüchtig  in  Königsberg  weilte.
Wenig  sehlte  damals,  und  der  übermütige  Korse  hätte  das  Wort
gesprochen:  „Das  Haus  Hohenzollern  hat  aufgehört  zu  regieren.“
Aber  auf  die  Zeiten  der  Schmach  war  die  Erhebung  gefolgt,  die
Zeit  von  1813  bis  1814;  als  kaum  siebzehnjähriger  Jüngling  war
ber  jetzt  ergraute  Mann  damals  an  der  Seite  seines  Vaters  mit  nach
Paris  gezogen.  Und  jetzt  —  sollten  die  alten  Zeiten  sich  erneuern?
Der  König  wollte  den  Krieg  mit  Frankreich  nicht.  Sollte  er  aber
zum  Kriege  gezwungen  werden,  dann  wollte  er  zeigen,  daß  er  als