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unser  Kaiser.  Obgleich  es  noch  winterlich  dunkel  ist,  hat  sich  der
Monarch  doch  schon  um  6  Uhr  erhoben.  Aus  den  großen  Kleiderschränken
  ist  heute  wie  gewöhnlich  die  kleine  preußische  Generalsuniform
  gewählt  worden.  Das  erste  Frühstück  wird  im  Salon  der
Kaiserin  eingenommen;  die  Kaiserin  läßt  sich's  nicht  nehmen,  diese
stille  Morgenstunde  mit  ihrem  Gemahl  zu  teilen.  Wer  will  sagen,
was  da  an  Gedanken  und  Plänen,  an  Sorgen  und  Fragen  unter
vier  Augen  ausgetauscht  wird!

Das  zweifenstrige  Arbeitszimmer  des  Kaisers  macht  einen
ernsten,  feierlichen  Eindruck.  Auf  dem  Arbeitstische  liegen  Privatbriefe
  und  amtliche  Briese,  Bittschriften  und  Denkschriften,  Berichte
der  Ministerien,  Akten  der  obersten  Verwaltungsbehörden,  Patente
für  Landheer  und  Marine  und  Bestallungen  für  den  Zivildienst.
An  einem  einzigen  Tage  gehen  dreihundert  bis  vierhundert  Schriftstücke
  für  den  kaiserlichen  Herrn  ein.  Solch  einziger  Brief=  und
Aktenstoß,  was  umschließt  er  an  Bitten,  Hoffnungen,  Fragen,  Entscheidungen!
  Die  zwei  Buchstaben  „Ja“,  an  den  Rand  geschrieben,
wie  können  sie  oft  eine  ganze  Familie  dem  Elend  entreißen!  Ein
einziger  Namenszug,  wie  kann  er  ein  ganzes  Menschenleben  in  neue
Bahnen  lenken!  Wir  wissen,  mit  welcher  Gewissenhaftigkeit  der
Kaiser  sich  dieser  prüfenden  Arbeit  unterzieht.  Für  ein  Stipendium
war  einmal  der  Sohn  eines  höheren  Beamten  vorgeschlagen  worden.
  Der  Kaiser  fand  unter  den  zahlreichen  Bewerbungen  auch  die
Bittschrift  einer  armen  Witwe,  und  die  Entscheidung  lautete  als
bald:  „Der  Sohn  der  Witwe  geht  den  andern  vor.“

Während  der  Früharbeit  tritt  die  Kaiserin  herein,  um  ihren
Gemahl  zur  Spazierfahrt  abzuholen.  Sie  steigen  ein,  und  zu  Wagen
in  scharfem  Trabe  oder  im  Automobil  geht  es  die  Linden  entlang
durchs  Brandenburger  Tor  in  den  Tiergarten  hinein.

Gegen  10  Uhr  ist  der  Kaiser  wieder  in  seinem  Arbeitszimmer.
Jetzt  beginnen  die  Vorträge  und  Konferenzen.  Den  Anfang  macht
der  Oberhofmarschall.  Er  berichtet  über  die  Angelegenheiten  des
kaiserlichen  Haushaltes,  legt  Pläne  über  Veränderungen  in  den
koniglichen  Schlössern  und  Gärten  vor,  unterbreitet  die  Programme
für  Festlichkeiten  und  Reisen  oder  überbringt  die  Gesuche  um  Audienzen.
  Jetzt  kommen  die  Chefs  des  Zivil-,  Militär=  und  Marinekabinetts.
  Die  dicken  Ledermappen  zeigen  schon,  wieviel  neue  Arbeit
  sie  mitbringen.  Beim  Zivilkabinett  laufen  jährlich  etwa  7000
Schriftstücke  für  den  Monarchen  ein,  und  im  Laufe  von  zehn  Regierungsjahren
  hat  der  Herrscher  allein  85  000  Befehle  für  das
Militärkabinett  vollzogen.  Bald  folgen  die  Minister  und  die  Staatssekretäre
  mit  ihren  Vorlrägen.  Brennende  Tagesfragen  werden  be-