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343.  Der  Tag  der  Reichstagswahl.  von  mar  schön.

W-;  ist  denn  heute  los?  Dle  ganze  Stadt  ist  in  Kufregung.  Beim
Barbier,  beim  Sigarrenhändler,  auf  dem  Marhkt,  wo  zwei  sich
auf  der  Straße  treffen,  überall  hört  man  dieselben  beiden  Fragen:
ahaben  Sie  schon  gewählt?“  „Was  meinen  Sie,  wer  wird  gewählt
  werden?“  So  ein  Tag  kommt  allerdings  auch  gewöhnlich  alle
fünf  Jahre  nur  einmal  vor,  der  Tag  der  Reichstagswahl,  falls  nicht
der  Reichstag  vor  Kblauf  der  fünf  Jahre  aufgelöst  wird.  Schon  seit
vielen  Wochen  ist  von  allen  Harteien  auf  diesen  Tag  hin  gearbeitet
worden.  Sie  haben  große  Dolksversammlungen  abgehalten,  in  denen
die  Kandidaten  ihren  Wählern  in  langen  Reden  ihren  Standpunkt  über
die  zu  erwartenden  Gesetzentwürfe  darlegten  und  den  Bürgern  eine
wesentliche  Besserung  ihrer  Lage  in  Zussicht  stellten.  Die  Harteien
haben  auch  die  Wählerlisten  nachgesehen,  um  festzustellen,  ob  auch
alle  Personen,  die  für  sie  in  Frage  Kommen  hönnten,  darin  verzeichnet
  sind;  denn  nur  wer  in  der  Wählerliste  steht,  darf  sein  Wahlrecht
ausüben.  Uberall  liest  man  große  Plakate  mit  der  Rufschrift:  „Wählt
n.  n.!“  In  den  hauptstraßen  werden  solche  Plakate  herumgetragen.
Die  Seitungen  haben  in  den  letzten  Tagen  fast  über  nichts  weiter  als
über  die  bevorstehende  Reichstagswahl  geschrieben.  Dann  erschienen
die  amtlichen  Behanntmachungen  über  Ort  und  Seit  der  Wahl  und
über  die  Dorschriften,  die  beim  Wählen  zu  beachten  sind.

Und  nun  ist  der  große  Tag  endlich  angebrochen.

fim  genauesten  mit  ihrem  Wahlrecht  nehmen  es  die  jungen  Leute,
die  das  fünfundzwanzigste  Lebensjahr  noch  nicht  weit  überschritten
haben;  üben  sie  doch  das  wichtige  Recht  heute  zum  erstenmal  aus.  Und
sie  sind  sich  der  Wichtigkeit  dieses  Rechtes  wohl  bewußt,  des  Rechtes,
einen  Dertreter  in  den  Reichstag  zu  senden.  Denn  der  Reichstag
ist  neben  dem  Bundesrat  gleichberechtigt  in  der  Eesetzgebung;  ohne
seine  ustimmung  kann  kein  Gesetz  erlassen,  darf  keine  Steuer  eingeführt,
  keine  Kusgabe  vorgenommen  werden.  Zur  Mittagszeit  von
12  bis  2  Uhr  kommen  ganze  Scharen  von  Krbeitern  zum  Wählen.
Beim  Dorschreiten  der  Tageszeit  stellen  die  Harteien  fest,  wer  noch
nicht  gewählt  hat,  und  sofort  wird  der  Säumige  aufgesucht  und,  wenn's
not  tut,  sogar  mit  dem  Wagen  abgeholt.  heute  ist  jeder,  mag  er
auch  ein  noch  so  bescheidenes  Dasein  führen,  eine  wichtige  Herson;
heute  ist  er  Staatsbürger  und  kann  gerade  mit  seiner  einen  Stimme
den  Zusschlag  für  den  Reichstagskandidaten  geben.  Vor  dem  Wahl-