Arzt  am  Krankenbette  an.  „Es  ist  gut,  daß  ich  Sie  treffe,  Frau
Thiemes“,  begann  Doktor  Neumann;  „ich  wollte  schon  lange
mal  mit  Ihnen  sprechen.  Iller  in  der  Wohnung  wird  Ihr  Fritz
nle  gesund  werden.  Der  mut  raus  in  ein  Sanatorium,  in  eine
lleilstätte,  wo  er  gesunde  Luft,  kräktige  Kost,  ordentliche  Pllexe
und  stündige  Behandlung  hat;  dann  kann  er  sich  noch  einmal
erholen  und  wieder  gesunden;  wenn  er  aber  hierbleibt,  wird
das  nie  werden.“  „Ja,  Herr  Doktor,“  erwiderte  Frau  Thiemcs,
„wovon  soll  eine  arme  Waschfrau  ein  Sanatorinm  bezahlen?
Nächste  Woche  laufen  die  26  Wochen  Krankenkasse  ab,  dann
haben  wir  gar  nichts  mehr.“  „Hat  denn  lhr  Fritz  keine  Karten
  geklebt?“  forschte  der  Arzt.  Frau  Thiemes  kramie  in  der
Schublade  und  brachte  vier  volle  und  die  fünfte  ungelangene
Klebekarte  herbei.  „Dann  ist  ja  alles  in  schönster  Ordnung“,
lobte  der  Doktor.  „lch  denke,  auf  die  Karten  bekommt  man
erst  mit  70  Jahren  etwas“,  fragte  die  Frau  zweiselnd.  „Mit
70  Jahren  wird  die  Altersrente  allerdings  erst  gezahlt“,  belehrte
sie  der  Arzt;  „Invalidenrente  aber  kann  man  schon  mit  20  Jahren
  bekommen,  wenn  man  nämlich  bis  dahin  200  Alurken  geklebt
  hat;  aber  Alters-  und  Invalidenrente  sind  jetzt  Nebensachen.
  Die  Hauptsache  ist,  daß  die  Versicherungsanstalt  Ihren
Fritz  in  ihre  Heilstätte  aufnimmt,  verpflegen,  behandeln  und
wieder  gesund  machen  soll,  und,  weil  er  geklebt  hat,  völlig
kostenlos.  Das  wollen  wir  jetzt  beantragen.“  Gesagt,  getan.
Der  Arzt  schrich  das  Gesuch  und  die  Bescheinigung  und
schickte  beides  sogleich  ab.

Mehrere  Wochen  gingen  Ins  Lanl.  Da  kam  eines  Tagoes
Mutter  Thiemes  freudestrahlend  zum  Arzt:  „Herr  Doktor,  Herr
Doktor,  er  ist  angenommen.  Morgen  schon  soll  ich  ihn  auf
die  Bahn  bringen!“  Schwer  wurde  der  Mutier  der  Abschied
von  ihrem  Liebling  auf  dem  Bahnhof;  die  Trünen  rannen  ihr
über  das  runzlige  Gesicht.  Wugte  sie  denn,  ob  sie  ihren  Fritz
noch  einmal  wiederschen  würde?  —  Aber  nach  kaum  einor
Woche  schrieb  dieser  schon.  Und  wie  hoffnungskfreudig  schrieb
er!  Die  Heilstätte  sei  ein  grohes,  schönes  Haus,  fast  so  schön
wie  ein  Schloß.  Er  liege  Iin  einem  geräumigen,  hellen,  luftigen
Zimmer.  Milch,  Eier  und  kräftige  Nahrung  erhalte  er  in  Hüllo
und  Fülle.  Allc  seien  so  lieh  und  gut  zu  ihm;  er  werde  ge-