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Wenige  Wochen  gingen  ins  Land,  da  erhielt  Frau  Hellriegel  von
der  Versicherungsanstalt  ein  langes  Schreiben.  Darin  stand  zu
lesen,  daß  sic  eine  jährliche  Witwenrente  erhalte,  solange  sie  nicht
arbeiten  könne,  außerdem  für  jedes  Kind  bis  zur  Vollendung  des
15.  Lebensjahres  eine  Waisenrente,  daß  ihr  außerdem  ein  ganzer
Jahresbetrag  der  Witwenrente  als  sogenanntes  Witwengeld  neben
der  Witwenrente  gezahlt  werden  würde;  und  jedes  ihrer  Kinder,
wenn  es  das  15.  Lebensjahr  vollende,  habe  eine  Waisenaussteuer
für  seinen  künftigen  Beruf  zu  beanspruchen,  die  den  achtfachen  Betrag
  der  monatlichen  Waisenrente  ausmache.  Frau  Hellriegel  traute
ihren  Augen  nicht;  aber  als  ihr  am  nächsten  Tage  auf  der  Postanstalt
  alle  bereits  fälligen  Beträge  ohne  weiteres  ausgezahlt  wurden,
  da  dankte  sie  in  ihrem  Herzen  der  Regierung  ihres  Vaterlandes,
die  sich  der  armen  Witwen  in  der  Not  annimmt.

340.  Ein  guter  Bürger.  von  Johann  wolsgang  von  Goethe.

O5b.  was  wäre  das  Haus,  was  wäre  die  Stadt,  wenn  nicht  immer
Jeder  gedächte  mit  Lust  zu  erhalten  und  zu  erneuen
Und  zu  verbessern  auch,  wie  die  Zeit  uns  lehrt  und  das  RKusland!
Soll  doch  nicht  als  ein  Pilz  der  Mensch  dem  Boden  entwachsen
Und  verfaulen  geschwind  an  dem  DPlatze,  der  ihn  erzeugt  hat,
Keine  Spur  nachlassend  von  seiner  lebendigen  Wirkung!
Sieht  man  am  hause  doch  gleich  so  deutlich,  wes  Sinnes  der  herr  sei,
Wie  man,  das  Städtchen  betretend,  die  Obrigkeiten  beurteilt.
Denn  wo  die  Türme  verfallen  und  Mauern,  wo  in  den  Gräben
Unrat  sich  häufet  und  Unrat  auf  allen  Gassen  herumliegt,
Wo  der  Stein  aus  der  Fuge  sich  rücht  und  nicht  wieder  gesetzt  wird,
Wo  der  Balken  verfault  und  das  haus  vergeblich  die  neue
Unterstützung  erwartet:  der  Ort  ist  übel  regieret.
Denn  wo  nicht  immer  von  oben  die  Ordnung  und  Reinlichheit
wirket,
Da  gewöhnet  sich  leicht  der  Bürger  zu  schmutzigem  Saumsal,
Wie  der  Bettler  sich  auch  an  lumpige  Kleider  gewöhnt.
Darum  hab'’  ich  gewünscht,  es  solle  sich  hermann  auf  keisen
Bald  begeben  und  sehn  zum  wenigsten  Straßburg  und  Franhfurt
Und  das  freundliche  Mannheim,  das  gleich  und  heiter  gebaut  ist.
Denn  wer  die  Städte  gesehn,  die  großen  und  reinlichen,  ruht  nicht,
Künftig  die  Vaterstadt  selbst,  so  hlein  sie  auch  sei,  zu  verzieren.

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