59

Als  wir  vor  mehr  als  dreißig  Jahren  die  landwirthschaftliche
Wanderlehre  anregten  und  vor  21  Jahren  anfingen,  sie  selbst  auszuüben,
  dachte  noch  niemand  an  einen  Getreide-Schutzzoll,  noch  niemand
an  die  Goldwährung  und  ihre  Folgen  und  doch  fehlte  es  uns  durchaus
nicht  an  Stoff  zu  belehrenden  Vorträgen.  Obgleich  num  nicht  geleugnet
werden  kann,  daß  die  unterfränkischen  Bauern  sich  zur  Zeit  etwas  besser
stehen  würden,  als  sie  sich  stehen,  wenn  sie  sämmtlich  in  der  Lage  gewesen
  wären,  nur  die  Rathschläge  zu  befolgen,  welche  wir  ihnen
in  Bezug  auf  die  Anwendung  der  Beidünger,  die  Bodenbearbeitung,
die  Züchtung  und  Fütterung  des  Viches  in  Wort  und  Schrift  seit
21  Jahren  ertheilten,  so  beweist  doch  das  Beispiel  von  ‚England,
welches  sich  am  längsten  der  Segnungen  des  Freihandels
  und  der  Goldwährung  zu  erfreuen  hat,
daß  auch  selbst  der  rationellste  Betrieb  der  Landwirthschaft  nicht  gegen
ihren  Untergang  schützt,  wenn  ihre  Produkte  entwerthet  werden;  denn
was  können  aller  Fleiß  und  alle  Geschäftstüchtigkeit  helfen,  wenn  die  erzielten
  Produkte  nicht  gekauft  und  angemessen  bezahlt  werden?

Unter  der  Herrschaft  der  englischen,  bis  in  die  vierziger  Jahre  bestandenen
  Korngesetze,  nach  welchen  die  Einfuhr  von  Weizen  erst  dann
stattfinden  durfte,  wenn  dessen  Preis  in  England  eine  gewisse  Höhe  erreichte,
hatte  bekanntlich  der  rationelle  Betrieb  der  Landwirthschaft,  sowohl  was
den  Ackerbau  als  auch  die  Viehzucht  betrifft,  in  England  eine  Höhe
erreicht,  wie  in  keinem  anderen  Lande  und  mit  dieser  Blüthe  der  Landwirthschaft,
  welche  durch  die  Fortschritte  in  der  Agriculturchemie  und
dem  Maschinenwesen  auch  nach  Aufhebung  der  Kornbill  noch  eine  bedeutende
  Steigerung  erfuhr,  hielt  die  Blüthe  der  Industrie  und  des
Handels  gleichen  Schritt.  Damals  exportirte  England  noch  Getreide,
aber  es  währte  nicht  sehr  lange,  so  überwog  der  Import  des  amerikanischen
  Weizens  den  Export  und  ganz  in  demselben  Maße  wie  jener
zunahm,  nahm  der  Anbau  des  Weizens  in  England  ab,  so  daß  gegenwärtig
  dortselbst  über  972  000  ha  Land,  die  ehemals  lachende  Getreidefelder
  waren,  theils  in  Weide  und  Wald  umgewandelt  sind,  theils  auch
ganz  öde  liegen;  denn  die  Fracht  von  Nordamerika  nach  England  für
1  Ctr.  Weizen  beträgt  nicht  mehr  wie  vor  10  Jahren,  als  der  Freihändler
  Cobden  zu  Manchester  die  Abschaffung  der  Kornbill  durchsetzte,
  10,  sondern,  weil  die  Schiffer  den  Weizen  als  Ballast  mitmehmen,
nur  noch  1  bis  höchstens  2  Mark.

Unter  dem  Schutzzolle  und  der  hohen  Schiffsfracht  war  das  Brod
theuer  in  England,  aber  seine  Landwirthschaft,  Industrie  und  sein