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        <title>Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.</title>
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            <idno>maier_bode_winterschulen_1913</idno>
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        Lesebuch

Tandwirtschaftliche  Winterschulen
und  ähnliche  Anstalten

im  Bönigreich  Bapern.

Unter  Mitwirkung  mehrerer  Schulmänner  bearbeitet
und  herausgegeben

von

Fr.  Maier-Bode,

Landesökonomierat  in  Bayreuth.

Ministeriell  genehmigt.
3.  Muflage.
Mit  44  in  den  Text  gedruckten  Abbildungen.

Stuttgart

Verlagsbuchhandlung  von  Eugen  Ulmer
Verlag  für  Landwirtschaft,  Obst=  und  Gartenbau.
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        —  H  —

Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Juhrlich  erscheint:
—  —  Landwirtschaftlicherr
Taschen=  u.  Schreibkalender.

Herausgegeben  von
Landesökonomierat  Maier-Bode.

 

 

Huszug  aus  dem  Inhaltsverzeichnis:
Arbeitskalender,  Zinsberechnung,  Kassenbuch,
Melkregister,  Lohnverrechnung,  Saattabelle,
Cutterstofftabelle,  Trächtigkeitskalender,  Notizblätter
  u.  #.  v.  —  —

preis  in  Leinwand  geb.  mit  Bleistift  4  1.—.
In  Hartien  von  10  Exemplaren  an  à  90  8.

Unentbehrlich  für  jeden  Landwirt.

J
        <pb n="3" />
        Kgl.  Hofbuchdruckerei  Ungeheuer  &amp;amp;  Ulmer,  Ludwigsburg.
        <pb n="4" />
        Vorwortst.

—  —  —

Das  vorliegende  Lesebuch,  welches  vornehmlich  zum  Gebrauche  im
deutschen  Unterricht  für  die  Landwirtschaftlichen  Winterschulen
im  Königreich  Bayern  bearbeitet  worden  ist,  verdankt  seine  Entstehung
einem  in  Fachkreisen  schon  längst  gefühlten  Bedürfnis.  Die  Bearbeitung
dieses  Buches  erfolgte  unter  eingehendster  Berücksichtigung  des  im  K.
Staatsministerium  des  Innern  für  Kirchen=  und  Schulangelegenheiten
am  11.  und  12.  Dezember  1899  ausgearbeiteten  Normallehrplanes  für  die
Landwirts  chaftlichen  Winterschulen  und  unter  Würdigung  der  Wünsche,
welche  die  berufenen  Vertreter  des  landwirtschaftlichen  Standes  in  betreff
der  Weiterentwicklung  des  landwirtschaftlichen  Unterrichtswesens  am  deutlichsten
  in  den  Verhandlungen  des  Bayerischen  Landwirtschaftsrates  vom
23.  November  1899  zum  Ausdruck  gebracht  haben.

Die  Landwirtschaftlichen  Winterschulen  sind  Fachschulen,  die  den
Söhnen  von  Landwirten  eine  landwirtschaftlich-fachliche  Ausbildung  gewähren
  und  zugleich  Gelegenheit  bieten  sollen,  die  in  der  Volksschule  erworbenen
  Kenntnisse  in  den  Elementarfächern  zu  ergänzen  und  zu  erweitern.
Sie  müssen  daher  noch  mehr  als  die  Volksschulen  den  altbewährten  Grundsatz:
  „non  scholae,  sed  vitae  discimus“  beachten.  Die  Fachschule  hat  also
die  Aufgabe  ihre  Schüler  in  das  praktische  Leben  einzuführen;  sie  hat  aber
auch  die  weitere,  nicht  weniger  wichtige  Aufgabe  das  Gemüt  der  Schüler
zu  veredeln  und  ihren  Charakter  zu  bilden.  Von  diesen  Gesichtspunkten
ausgehend,  wurde  die  Auswahl  der  Lesestücke  in  den  ersten  Abschnitten  getroffen.
  Um  aber  auch  der  Allgemeinbildung  des  Landwirts  genügend
Rechnung  zu  tragen,  sind  außerdem  Lesestücke  geographischen  und  geschichtlichen
  Inhalts  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  bayerischen  Verhältnisse
sowie  solche  aus  der  Natur  und  über  die  Gesundheitspflege  beigegeben
worden.  Lesestücke,  welche  den  Schülern  schon  von  der  Volksschule  her
bekannt  sind,  wurden  in  das  Lesebuch  nicht  aufgenommen  und  bei  Auswahl
        <pb n="5" />
        IV

der  fachwissenschaftlichen  Aufsätze  ist  darauf  geachtet  worden,  daß  diese  nicht
in  den  eigentlichen  landwirtschaftlichen  Unterricht  übergreifen.

Zum  Schluß  ist  es  mir  eine  angenehme  Pflicht,  meinen  verehrten
Mitarbeitern  auch  an  dieser  Stelle  für  ihre  bereitwillige  Unterstützung
meinen  verbindlichsten  Dank  auszusprechen.

Möge  das  Buch  eine  freundliche  Aufnahme  finden  und  an  seinem  Teile
zur  Förderung  der  Landwirtschaft  in  Bayern  beitragen.

Augsburg,  im  Februar  1900.
Maier-Bode.

Porwort  zur  zweiten  und  dritten  Auflage.

Das  Lesebuch  für  die  Landwirtschaftlichen  Winterschulen  im  Königreich
  Bayern  wurde  vom  K.  Staatsministerium  des  Innern  für  Kirchenund
  Schulangelegenheiten  zur  Einführung  empfohlen  und  hat  in  den  beteiligten
  Kreisen  überall  gute  Aufnahme  gefunden.  An  der  vorliegenden
  Auflage  sind  daher  wesentliche  Veränderungen  nicht  vorgenommen
worden;  dagegen  wurden  sämtliche  Lesestücke  sorgfältig  durchgesehen  und
erforderlichen  Falles  ergänzt.  Dabei  fanden  alle  Verbesserungsvorschläge,
die  mir  in  dankenswerter  Weise  gemacht  wurden,  weitestgehende  Berücksichtigung.


Zum  Schluß  liegt  mir  noch  die  angenehme  Pflicht  ob,  meinen  verehrten
  Mitarbeitern  für  ihre  Mühe  den  verbindlichsten  Dank  zum  Ausdruck
zu  bringen.  "

Möge  das  Lesebuch  in  seiner  neuen  Auflage,  die  durch  eine  Anzahl
schöner  Abbildungen  bereichert  wurde,  dieselbe  wohlwollende  Beurteilung
finden,  wie  sie  ihm  bisher  zuteil  geworden  ist.

Bayreuth,  im  Herbst  1913.

Maier-Bode.
        <pb n="6" />
        —  —  —  —  —
So  d  =  S

15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
.*  Der  Prozeß
23.
24.
26.
26.
27.
26.
29.

%  %  S  „  „  K  „

Inhaltsverzeichnis.

 

(Die  mit  “  bezeichneten  Stücke  sind  Gedichte.)
I.  Aus  dem  Berufs=  und  Wirtschaftsleben  des  Landwirts.

.*  Mit  Gott

.  Von  der  Landwirtschaft  und  ihrer  Aufgabe  in  Deutschland.
Der  Ackerbau,  eine  Schule  der  Religiosität  «-Die
  Ausbildung  des  Landwirts

Der  Bauer

u  Im  Schweiße  deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brod  cien

MDas  Lied  vom  Samenkorn  .

.GoldeneRegelnzurguten  Fuhrung  eines  s  deushals

Weise  Sparsamkeit  «

.’I·D1eKuh  .

.  Durch  Obstbau  reich  geworden  .

ber  die  Kultur  der  Erdbeere

Aussprüche  über  die  Bedeutung  der  Landwirtschaft

.  Bei  wem  können  sich  die  beersche  Landwirte  in  wirtschaftlichen  aroon

Rat  erholen?

II.  Der  Landwirt  in  Familie,  Gemeinde  und  Staat.

Der  Sonntag  im  Bauernhause

Die  letzte  Nacht  im  Elternhause  .

Ein  Briefuechsel  zwischen  Sohn  und  Fatfer  .

Der  Bauer  Johannes  ermahnt  seinen  Knecht  vi.

Vom  Dienen  #
Spruchweisheit  in  der  Herren-  und  Gesindestube

Im  Austrag

Von  der  Gemeinheit  und  Rohheit  .  .
Grundsätze  für  die  Jugend  zum  Schutze  der  wiere  .
*  Goldene  Hausregeln  und  Simnsprüche  für  den  Tierschus

Ein  armes  Doof  .
Ein  wohlhabendes  Dorf  ......
Hausindustrie.............

Feuerwehr  s  o  e  ·  ·  6  r“  ·  "  "  6·  "  rl  e  0  i  o

26
28

33
36
38
39
41

46
46
48
53
56
58
        <pb n="7" />
        VI

Nr.  Seite

30.  Der  Landwirtschaftliche  Verien  59
31.  Das  Münchener  Oktoberfestt..  62
32.  Die  wundervolle  Ordnung  des  Staates.  .  .  ..  63
33.  *  Liebe  zum  Vaterland..  65

III.  Aus  der  Geographie.

34.  *  Bayerland,  mein  Heimatland..  64606
35.  Bahen  .w  9f7
36.  Land  und  Leute  in  Oberbayern  6000020
37.  Die  Wünsch  009090
38.  Oberbayerische  Bauart  der  düuser  .............71
39.D16Holledau....  .............  72
40.  Die  Donau  bis  Passau..w  7142
41.  Ernteleben  im  Günben:  76
42.  Das  Algäu  und  seine  Bewohner..w  7T7J9
43.  *  Der  Stundaschlag..w  842
44.  Der  bayerische  Waldd  88382
45.  Bauernhaus  und  Gehöfte  in  Nordbayern  .........  84
46.«·DercchlosserundsemGesell..............86
47.DasobereMamtal...  ............86
48.  Die  Dörfer  im  Weinlande  der  %  .  87
49.  '°s  Blümche  .  869
50.  Bayerns  Erzeugnisseee  829
51.  Deutschland  ..  93
52.  Die  Flüsse,  die  Lebensadern  des  Natur-  und  Völkerlebens  94
53.  Das  Lied  von  den  deutschen  Strömen  99P6PP6P625
54.  Deutschlands  Kolonien  ...........  96
55.  Die  Österreichisch-ungarische  Monarchie  1003
56.  Die  Schweiiz  105

57.  Die  wichtigsten  nicht  deutschen  Volker  Ruropas  107

IV.  Handel  und  Statistik.

58.  Von  Deutschlands  Binnenhandel  und  Verker  112
59.  Der  Außenhandel  des  deutschen  Reichees..  1414
60.  Die  Eisenbahnen  und  der  Weltverkhen  1416
61.  Aus  der  Statistik  der  bayerischen  Landwirtschfft..  118

V.  Aus  der  Geschichte.

62.  Die  Geschichte  des  Ackerbaes  120
63.  Der  Einfluß  Karls  des  Großen  (768  810)  auf  die  Gutwiciung  der
deutschen  Landwirtschaft  .  ..  .  123
64.  Die  deutschen  Dörfer  vor  dem  Dreißzigjährigen  kriege  ..  ..  125
65.  Dörfer  und  Städte  nach  dem  Dreißigjährigen  Krege  126

66.  Kurfürst  Maximilian  I  von  Bayrn  127
        <pb n="8" />
        67.
68.
69.
70.
71.
72.
73.
74.
75.
76.
77.
78.
79.
80.

81.
82.
TLied  der  Schnitter

.Das  Hafermus
85.

86.
87.
88.
89.
90.
91.
92.
93.

94.
95.
96.
97.
98.
99.
100.
101.
102.

Die  Landesverteidiger

Maximilian  III.  Joseph  von  -  .

Kurfürst  Maximilian  Joseph  IV.,  erster  König  von  Bayern.
Deutschlands  Erhebung  im  Frihsabr!  1813  ..
Des  Volkes  Not  .

Die  Schlacht  bei  ee

Ludwig  I.  .

Maximilian  II.

König  Ludwig  1U.

Anteil  Bayerns  am  Deutsch-  französischen  Kriege.

Die  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums
Prinz-Regent  Luitpold

Kaiser  Wilhelm  II.

Prinz-Regent  Ludwig

VI.  Aus  der  Natur.

*  Die  Wunder  Gottes  in  der  Natur
Familienleben  in  der  Natur

Die  Honigbiene

Wirtschaftliche  Bedeutung  der  Biene

Des  Landmanns  Freunde  und  Feinde  in  der  Tierwelt
Der  Maulwurf  «

Die  Ziege

*  Aus  dem  Wald  ·

Der  Wald  und  seine  Bedeutung

Ein  Wintertag  im  Walde

Vom  Wind  und  Wetter

VII.  Pflege  der  Gesundheit  und  Krankenpflege.

Unsere  Hausmittel

Verhalten  bei  ansteckenden  Krankbeiten

Die  erste  Hilfe  bei  Verletzten  und  Scheintoten

Die  Trichine,  der  Bandwurm  und  die  Finne
Die  Schädlichkeit  des  Tabekgenusses  für  die  Jugend
Ein  falscher  Freund

Von  der  Kleidung

Die  Zähne  und  ihre  Pflege

Das  beste  Mittel  alt  zu  werden

VII

Seite
130
133
134
136
140
143
145
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150
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158
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161
162
164
170
173
183
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188
189
191
194

198
204
206
209
212
214
215
218
220
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        I.  Kus  dem  Verufs-  und  Wirtschaftsleben
des  Landwirts.

1.  Mit  Gott.

Mit  Gott!  —  das  ist  ein  schönes  Wort  —
Da  wandert  man  so  frählich  fort
Und  fragt  nach  Brücke  nicht  und  Steg;
Mit  Gott!  —  man  findet  seinen  Weg.

Dies  Wort  ist  wie  ein  Wanderstab;
Moan  geht  den  Berg  hinauf,  hinab,
Das  Feld  hindurch,  den  Wald  entlang,
Und  graut  die  Tlacht,  man  wird  nicht  bang.

Im  Grau'n  der  NWacht,  im  Windgebraus  —
Man  weiß  sich  doch  im  Vaterhaus,
Sorgt  nicht  am  Kreuzweg  allzuviel:
Man  geht  mit  Gott  und  kommt  ans  GSiel.

Mit  Gottl  das  ist  so  wunderleicht!
Und  doch,  so  weit  der  Himmel  reicht,
S  weit  hinwandeln  Tag  und  Kacht,
Dies  Wort  hat  wundergroße  Macht.

Fürwahr,  das  ist  ein  seliger  Mann,
Der'  recht  vom  Herzen  sagen  kann.
Er  wird  so  stark,  daß  selbst  der  Tod
Demütig  naht  und  nimmer  droht.

Wohlan,  so  sprich  zur  Abendruh,
ZSum  Morgenlichte  sag'  es  du:
Mit  Gott!  Mit  Gott!  —  so  fang  es  an,
Dein  Tagewerk,  so  schließ  es  dann!
Hermann  Kletke.
Mater-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  1
        <pb n="11" />
        —  2  —

2.  Von  der  TLandwirtschaft  und  ihrer  Aufgabe  in  Deutschland.

Die  Erde,  auf  der  wir  wandeln,  ist  auch  die  Mutter,  welche  uns  alle
nährt  und  kleidet  und  in  unermeßlicher  Fülle  darbietet,  was  zur  Notdurft
und  zum  Genusse  des  Lebens  gehört.

Der  Erde  ihren  Segen  abzugewinnen  und  sie  so  zu  pflegen,  daß  sich
dieser  ununterbrochen  erneuert,  ist  zunächst  der  Beruf  des  Landwirts,  sei
er  Ackersmann  oder  Obstzüchter  oder  Winzer.  Jeder  ist  darauf  hingewiesen,
das  Land  zu  bauen  und  zu  pflegen,  damit  es  ihm  Ernte  gebe  zu  seiner
Zeit.  So  war  es  auch  nach  der  Heiligen  Schrift  von  Anfang  an.  Gott
setzte  den  ersten  Menschen  in  den  Garten  Eden,  „ihn  zu  bebauen  und  zu
bewahren",  und  die  Söhne  desselben  waren  der  eine  ein  Ackersmann,  der
andere  ein  Hirte.  Der  Ackersmann  tötet  den  Hirten  und  seine  Kinder
bauen  sich  feste  Wohnsitze  und  pflegen  die  Künste  des  Friedens  und  die
Gewerke  (1.  Moses  4).  Das  ist  das  Urbild  der  menschlichen  Geschichte.

Soweit  unsere  geschichtlichen  Kenntnisse  zurückreichen,  wissen  wir,  daß
die  ältesten  Völkerschaften  bloß  von  der  Jagd  auf  die  Tiere  des  Feldes,
des  Waldes  und  des  Wassers  lebten.  Das  war  der  einfachste  und  natürlichste
Erwerb  der  Lebensbedürfnisse,  daß  der  Mensch  ohne  weiteres  hinnahm,
was  ihm  die  Natur  freiwillig  darbot.  Je  mehr  sich  aber  die  Menschen
mehrten  und  das  Wild  sich  minderte,  desto  unsicherer  und  mühseliger  wurde
dieser  Erwerb.  Die  Menschen  begannen  nun  einzelne  geeignete  Tierarten
zu  zähmen  und  zu  pflegen,  und  aus  den  Jägervölkern  wurden  Hirtenvölker.
  .

Sie  konnten  es  bleiben,  so  lange  ihre  Herden  genügende  Weide  fanden,
und  es  ihnen  zusagte  umherzuziehen  von  einer  Gegend  in  die  andere;
sobald  aber  bei  vermehrter  Zahl  die  natürlichen  Weideplätze  nicht  mehr
ausreichten,  waren  sie  gezwungen,  dem  Boden  durch  künstliche  Mittel,  durch
Anbau  und  Bepflanzung  mit  gewissen  Nährgewächsen,  eine  genügende
Menge  von  Nahrungsstoffen  abzugewinnen.  Sie  wurden  Ackerbauvölker
und  der  Ackersmann  verdrängte  den  wandernden  Hirten.

Damit  war  aber  der  Grund  zu  der  ganzen  späteren  Gesittung  der
Menschheit  gelegt.  Nun  erst  war  sie  veranlaßt  feste  Wohnplätze  zu  nehmen
und  ordentliche  Hütten  zu  bauen.  Mit  den  ersten  bleibenden  Ansiedelungen
entstand  das  feste  Eigentum.  Es  bildeten  sich  Nachbarschaften  und  aus
diesen  später  eine  Art  von  Gemeindewesen  und  mit  diesem  gewisse  Rechtszustände.
  Als  sich  der  Landbau  weiter  entwickelte,  vervielfältigte  er  das
Nachdenken  und  die  Beschäftigung  der  Menschen  nach  allen  Seiten  hin.  Er
führte  zu  Gewerben  und  Künsten  verschiedener  Art,  vereinigte  die  Leute
in  immer  größerer  Zahl,  verband  sie  zu  Tausch  und  Handel,  milderte  und
veredelte  ihre  Geselligkeit  und  Gesittung.

So  wurde  der  Landbau  zur  Wiege  der  menschlichen  Gesittung.  Er
baute  Dörfer  und  Städte,  gründete  Reiche  und  lehrte  sie  die  Wohltaten
der  Heimat  und  des  Gesetzes,  die  Künste  des  Friedens,  die  Tugenden  des
Bürgertums.  Der  Stand  des  „Bauers“  im  weitesten  Sinne  des  Wortes
ist  also  nicht  nur  der  älteste  und  ehrwürdigste  der  menschlichen  Gesellschaft,
        <pb n="12" />
        —  3  —

sondern  ist  ihr  auch  zur  Quelle  unendlichen  Segens  geworden.  Auf  ihm
ruht  heute  noch  das  Wohl  der  gesitteten  Welt,  da  er  das  tägliche  Brot  und
das  Kleid  gibt.  Der  Landbau  hat  die  Völker  erhalten  und  diejenigen,
welche  sich  ihm  nicht  widmeten,  sind  größtenteils  spurlos  verschwunden.
Finden  wir  heutzutage  noch  in  fernen  Gegenden  kleine  Völkerschaften  ohne
Landbau  und  Viehzucht,  bloß  von  Jagd  und  Fischfang  lebend,  so  sehen
wir  auch,  daß  sie  auf  der  tiefsten  Stufe  der  Gesittung  stehen  oder  ihrem
Untergang  entgegengehen.

In  neuerer  Zeit  hat  sich  die  Gewerbetätigkeit  aller  Art  sehr  vervollkommnet
  und  ihre  Erzeugnisse  haben  sich  außerordentlich  vermehrt.  Während
  Deutschland  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  als  Ackerbaustaat
galt,  dessen  Bewohner  zu  65  0%  in  der  Landwirtschaft  tätig  waren,  ist  es
jetzt  zu  einem  Industrie=  und  Ackerbaustaate  geworden,  dessen  Bevölkerung
sich  nicht  einmal  mehr  zu  einem  Drittel  mit  Landbau,  Viehzucht  und  Gärtnerei
  beschäftigt.  An  Ackerland,  Gartenland,  Weinbergen,  Wiesen,  Weiden
und  Hutungen  ist  nach  der  Aufnahme  von  1900  eine  Gesamtfläche  von
35.055  390  ha  vorhanden;  bei  der  Benutzung  des  Acker=  und  Gartenlandes
waren  gewidmet:  16  050  990  ha  den  Getreidearten  und  Hülsenfrüchten,
4593  220  ha  den  Hackfrüchten  und  Gemüsen,  187  910  ha  den  Handelsgewächsen,
  2  656  660  ha  den  Futterpflanzen,  2  285  740  ha  der  Ackerweide
und  der  Brache,  482  790  ha  den  Haus=  und  Obstgärten.  Den  Bedarf  an
Brotfrüchten  vermag  die  deutsche  Landwirtschaft  zur  Zeit  nicht  zu  decken,
weshalb  eine  erhebliche  Zufuhr  aus  Bulgarien,  Osterreich-Ungarn,  Rumänien,
  Rußland,  Serbien,  Britisch  Indien,  Argentinien,  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  und  dem  Australischen  Bund#y  erfolgt,  die  im  Jahre
1911  an  Roggen  614  115  Tonnen  und  an  Weizen  2  488  333  Tonnen  betrug.

Das  Streben  der  deutschen  Landwirtschaft  muß  also  dahin  gehen,
Deutschlands  Bedürfnis  an  Brotfrüchten  durch  die  Erzeugnisse  des  eigenen
Landes  zu  befriedigen.  Die  Hauptmittel  dazu  sind:  Vermehrung  des
Kulturbodens,  Steigerung  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens,
Hebung  der  Viehzucht,  des  Obst=  und  Futterbaues,  der  Milchwirtschaft
  und  gründliche  Verbesserung  aller  Zweige  der  Landwirtschaft
  überhaupt.

Der  deutsche  Bauernstand  hat  eine  große  und  hochwichtige  Aufgabe
zu  erfüllen.  Er  darf  mit  Recht  erwarten  in  der  Lösung  derselben  von  allen
Seiten,  namentlich  von  seiten  des  Staates,  kräftig  unterstützt  zu  werden.
Seine  Hauptstützen  aber  liegen  in  ihm  selbst,  in  seiner  Einsicht
und  Bildung,  in  seinem  rechtschaffenen  Fleiße  und  dem  unermüdlichen
  Streben  vorwärts  zu  kommen  und  sich  die  Fortschritte
  und  Erleichterungen  der  Neuzeit  zunutze  zu  machen.
Dann  „wird  auch  der  Herr  den  Acker  segnen  und  der  Acker  wird  Frucht
tragen.“  (1.  Mos.  27,  28.)  ·

Nach  Fr.  v.  Tschudi  und  dem  „Statistischen  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich,  Jahrg.  1911.“

 

52)  Die  5  Kolonien  des  australischen  Festlandes  (Queensland,  Neu-Süd-Wales,
Viktoria,  Südaustralien,  Westaustralien)  und  Tasmanien.
        <pb n="13" />
        —  4  —

3.  Der  Ackerbau,  eine  Schule  der  Religiosttät.

In  dem  Ackerbau  erkennen  wir  die  Grundlage  aller  bürgerlichen  Geselligkeit
  und  Ordnung;  in  ihm  die  sicherste,  wenn  auch  nicht  immer  die
reichste  Quelle  des  Wohlstandes  im  Staat  und  in  den  Familien;  in  ihm  endlich
  eine  vorzügliche  Schule  einer  frommen,  gottergebenen  Gesinnung,
die  wir  unter  dem  schönen  Namen  Religiosität  begreifen.

Zwar  der  Ewige,  dessen  allmächtiges  Wirken  das  ganze  Weltall  durchdringt,
  hat  sich  keinem  seiner  vernünftigen  Geschöpfe  verborgen.  Ein
geheimer  Zug  des  Herzens  führt  zu  ihm.  Es  will  religiös  sein,  ehe  es  weiß,
daß  es  soll.  Die  Vernunft  selbst  ist  eine  innere  lebendige  und  unerschöpfliche
  Quelle  seiner  Erkenntnis  und  der  aufmerksame  Beobachter  dessen,
was  ihn  umgibt,  hat  nicht  nötig,  Landwirt  zu  sein  und  den  Pflug  zu  führen,
um  im  Auftauchen  der  Sonne,  im  Sternenheer,  das  die  Nacht  durchschimmert,
  im  Gewittersturm,  in  der  Blume  des  Feldes,  in  dem  weisen  Zusammenhang
  aller  Dinge  den  zu  schauen,  zu  bewundern,  anzubeten,  den  das
Herz  so  geheimnisvoll  ahnt  und  die  Vernunft  so  unausweichbar  erkennt.
Allein  es  ist  doch  nicht  zu  leugnen,  daß  von  den  unzähligen  Berufsarten
und  Geschäften,  in  welche  sich  das  bedürfnisreiche  Geschlecht  der  Sterblichen
  teilt,  das  eine  weniger,  das  andere  mehr  von  der  Anschauung  der
großen,  herrlichen  Natur  und  dem  Andenken  an  ihren  Urheber  abzieht
und  daß  der  Landmann  mehr  als  jeder  andere  in  ihm  festgehalten  wird.
Wohin  er  das  Auge  wendet,  wird  er  an  den  Schöpfer  und  Erhalter  aller
Dinge,  an  den  Allmächtigen,  Allweisen,  Allessegnenden  erinnert  und  seiner
unsichtbaren  Gegenwart  nahegestellt.

Ich  würde  die  Zeit  nicht  finden,  wenn  ich  alle  Denkmale  der  Allmacht
und  Güte  und  Weisheit  aufzählen  wollte,  die  ihn  in  allen  Tageszeiten,
in  allen  Jahreszeiten,  vom  Morgenrot  des  ersten  Frühlingstages  bis  zum
letzten  duftenden  Herbstabend,  in  allen  seinen  Geschäften  unaufhörlich  umgeben.
  Der  Berg  und  das  Tal,  der  Grashalm,  die  Blume  des  Feldes
zeugen  von  Gott.  Im  Gesang  der  Lerche,  im  Säuseln  des  Abendwindes,
im  Rollen  der  Gewitter  vernimmt  er  seinen  Preis.  Aus  allen  Blumenkelchen
  steigen  Weihrauchdüfte  zu  ihm  empor.  Wohin  er  seine  Blicke  wendet,
begegnet  ihm  sein  Gott.  Die  ganze  Natur  wird  ihm  zum  Tempel  des
Vaters  aller  Wesen,  in  dessen  Händen  sein  Schicksal  ruht.  Welche  andere
Berufsart  erinnert  so  unaufhörlich,  so  unausweichlich  an  die  Abhängigkeit
von  Gott,  an  die  engen,  unverrückbaren  Verhältnisse  zwischen  dem  Sterblichen
  und  ihm?

Zwar  gestehen  wir  gerne  zu,  daß  jeder  Mensch  in  jedem  Alter,  auf
jeder  Stufe  des  Glückes,  in  jedem  Berufe  Gelegenheit  genug  findet,  wenn
er  auf  seine  Gefahren  achten  will,  seiner  Ohnmächtigkeit  sich  bewußt  zu
werden  und  den  Lenker  seiner  Schicksale  über  den  Sternen  zu  suchen  und
zu  vernehmen.  Allein  dies  alles  zugestanden,  steht  doch  die  ackerbauende
Volksklasse  noch  in  einem  besonderen  Verhältnisse  zu  dem  Herrn  der  Natur
und  wird  öfter  und  lebhafter  als  jede  andere  an  ihre  Abhängigkeit  von
ihm  erinnert.  Der  Landmann  darf  die  Fruchtbarkeit  des  Erdreichs,  dem
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er  seine  Saaten  anvertraut,  von  keinem  Menschen  erwarten,  von  keinem
Günstling  des  Glücks  erschmeicheln;  es  bedarf  keiner  Laune  eines  Königs
dazu.  Sie  ist  durch  das  ewig  wirksame  Wort  des  Schöpfers  gegeben,  ausgebreitet,
  unvertilgbar,  unerschöpflich  und  wartet  nur  auf  eine  fleißige  Hand.

Oder  wer  führt  ihm  die  Sonne  am  heiteren  blauen  Himmel  herauf,
daß  sich  die  Keime  seiner  Saaten  entwickeln?  Wer  überzieht  den  Himmel
mit  Wolken,  daß  er  zu  rechter  Zeit  seine  Pflanzung  begieße?  Oder  wer
weigert  beides  und  bleibt  stumm  zu  seinen  Bitten?  Oder  wer  zerstört
die  Hoffnung  des  Glücklichen  durch  Hagelschlag  den  Tag  vor  der  Ernte?
Nennt  mir  einen  Menschen,  der  einen  Regentropfen  in  dem  Dunstkreise
zusammenziehen,  der  die  Millionen  von  Weizenkörnern,  die  der  Garbenbinder
  sammelt,  um  eines  vermehren  kann!  Da  wird  alle  Weisheit  der
Gelehrten,  alle  Fertigkeit  des  Künstlers,  alle  Macht  der  Könige  zu  Schanden.

Nur  zu  dem  Ewigen  kann  der  Sämann  beten,  wenn  er  seine  Saat
auf  den  Acker  trägt;  nur  ihm  der  Schnitter  danken,  wenn  reiche,  schwere
Halme  unter  der  Sichel  fallen;  nur  demutsvoll  zu  ihm  und  vertrauend
sprechen:  „Dein  Wille  geschehe“,  wenn  alle  seine  Hoffnungen  vernichtet
sind.  So  wird  jeder  Landmann  unaufhörlich  an  Gott  und  seine  Verhältnisse
  zu  ihm  erinnert;  so  ist  sein  Beruf,  wenn  er  nur  will,  mehr  als  jeder

andere,  eine  Schule  der  Religiosität.
Johann  Peter  Hebel.

4.  Die  Ausbildung  des  Landwirts.

Jur  eine  ordentliche  Schulbildung  und  eine  gründliche  Vorbildung
  auf  seinen  Beruf  machen  den  Landwirt  zum  Herrn  seines
Geschäfts;  auch  der  Landmann  bedarf  einer  ausreichenden  theoretischen
  und  praktischen  Vorbereitung  auf  die  Beschäftigung,  die
ihm  den  Lebensunterhalt  gewähren  und  ihn  zu  einem  glücklichen
Menschen  machen  soll.  Nur  der  einsichtige,  gut  geschulte  und  erfahrene
  Mann  kann  frei  und  glücklich  auf  seinem  Erbe  und  Hofe
leben;  nur  er  wird  ein  rechter  Bauer  sein.  Was  der  Landwirt
an  theoretischem  Wissen  braucht,  das  lernt  er  zunächst  in  der
Volksschule.  Dank  der  landesväterlichen  Fürsorge  unseres  erhabenen
  Herrscherhauses  hat  die  Volksschule  im  Laufe  der  letzten
Jahrhunderte  eine  solche  Ausgestaltung  erhalten,  daf  die  geistigen
Fähigkeiten,  die  sie  vermittelt,  in  den  meisten  Fällen  für  die  allgemeine
  Bildung,  welche  dem  Landwirte  nötig  ist,  ausreichte,
wenn  ihre  Veranstaltungen  in  Erziehung  und  Unterricht  nur  von
allen  gehörig  benutzt  und  ausgenützt  würden.  Jedenfalls  erweisen
  die  Landwirte  sich  und  ihren  Kindern  den  größten
Nutzen,  wenn  sie  für  die  Volksschule  gern  und  freudig  die  Opfer
bringen,  die  ihnen  die  Regierung  zu  ihrem  eigenen  Besten  auferlegt.
  Leider  fehlt  es  in  dieser  Beziehung  noch  häufig  an  der
richtigen  Wertschätzung  der  Volksschule;  vielfach  wird  sie  noch
mehr  als  eine  Last  denn  als  eine  überaus  wohltätige  Einrichtung
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angesehen.  Und  doch  verdankt  es  der  Bauernstand  ihr  nicht  in
letzter  Linie,  daft  er  sich  jetzt  gegen  früher  auf  einer  bedeutend
höheren  Stufe  der  Bildung  und  des  Wohlstandes  befindet.

Wenn  von  den  in  der  Volksschule  erworbenen  Kenntnissen
häufig  bald  so  viel  verloren  geht,  dafz  selbst  das  Lesen  und
Schreiben  nicht  mehr  mit  Leichtigkeit  getrieben  werden  kann,  so
hat  das  seinen  Grund  in  dem  Mangel  an  Wiederholung  und  Ubung
des  Gelernten  nach  dem  Austritte  aus  der  Schule,  den  viele  Eltern
törichterweise  nicht  früh  genug  für  ihre  Kinder  glauben  herbeiführen
  zu  müssen.  Nach  der  Entlassung  aus  der  Volksschule
wird  vielfach  kein  Buch  mehr  zur  Hand  genommen,  keine  Feder
gerührt  und  bald  sind  alle  mühsam  angeeigneten  Kenntnisse  und
Fertigkeiten  verloren  gegangen;  nicht  einmal  die  Fähigkeit  zur
einfachsten  ländlichen  Buchführung  in  Form  der  Kalendernotizen
verbleibt  häufig  dem  jungen  Landwirte.  Das  ist  nicht  die  Schuld
der  Volksschule  und  ihrer  Lehrer;  es  fehlt  meistens  noch  die
Ländliche  Fortbildungsschule,  welche  das  in  der  Volksschule
kaum  angefangene  Werk  der  theoretischen  Vorbildung  auf  den
Beruf  des  Landwirts  fortzusetzen  hat.  Daher  ist  es  mit  Freuden
zu  begrüßen,  daf  der  Staat  auch  hier  anregend  und  weiterbauend
  vorgeht.  Es  ist  Fürsorge  getroffen,  daft  auch  den
weniger  wohlhabenden  Gemeinden  durch  die  Errichtung  solcher
Schulen  die  Wohltat  der  Weiterbildung  der  dem  schulpflichtigen
Alter  entwachsenen  Jugend  zu  teil  werden  kann.

Wer  ein  rechter  Bauer  werden  will,  mußf  jedenfalls  alles
aufbieten,  um  möglichst  viel  Belehrung  und  möglichst  genaue
Kenntnisse  für  seinen  künftigen  Beruf  zu  gewinnen.  Er  darf
keine  Gelegenheit  versäumen,  das  mannigfaltige  und  wunderbare
Wesen  und  Leben  der  Natur,  welche  die  Werkstätte  seiner  Arbeit
ist,  eingehend  kennen  zu  lernen.  Die  Ländliche  Fortbildungsschule,
  der  sich  die  Landwirtschaftliche  Winterschule
  oder  für  Wohlhabendere  auch  die  Landwirtschaftsschule
  und  die  Ackerbauschule  anschlieften,  will  dazu  erwünschte
  Handreichung  bieten.  Landwirte,  sorgt  für  einen
wohlgeschulten  Nachwuchs;helft  die  Volksschule  ausbauen
  und  gründet  für  eure  Jugend  Ländliche  Fortbildungs-
  und  Landwirtschaftliche  Winterschulen!

Mit  der  theoretischen  Schulung  in  der  Volks-  und  Fortbil--dungsschule
  muf  die  praktische  Ausbildung  in  allen  Zweigen
der  Landwirtschaft  Hand  in  Hand  gehen.  Diese  nimmt  in  den
meisten  Fällen  ihren  Anfang  auf  dem  väterlichen  Hofe  unter  dem
Auge  der  Eltern.  Wie  der  Knabe,  der  sich  zum  Handwerker
ausbilden  will,  zu  einem  tüchtigen  Meister  in  die  Lehre  kommt,
so  wäre  es  wohl  zu  wünschen,  daf  der,  welcher  sich  der  Landwirtschaft
  widmen  will,  seine  Lehrzeit  bei  einem  besonders
tüchtigen  Landwirte  durchzumachen  hätte.  Wie  der  Handwerker
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        —  7  —

nach  beendigter  Lehrzeit  zum  Wanderstabe  greift  und  sich  tüchtig
in  der  Welt  umsieht,  um  sein  fachliches  Wissen  und  Können  möglichst
  allseitig  und  gründlich  auszugestalten,  so  sollte  auch  der
angehende  Landwirt  gleichsam  auf  die  Wanderschaft  gehen,  um
die  landwirtschaftlichen  Betriebe  anderer  Gegenden  und  Arbeit
und  Sorge  anderer  Besitzer  aus  eigener  Erfahrung  kennen  zu
lernen.  Gewachsen  an  Wissen  und  Können  würde  der  junge  Bauer
dann  auf  den  väterlichen  Hof  zurückkehren  und  mit  reicher  Erfahrung
  und  auch  gröfßerer  Wertschätzung  des  Erbes  seiner  Eltern
würde  er  dann  die  eigene,  ihm  teure  Scholle  bauen,  welche  den  um-Sichtigen
  und  einsichtigen  Besitzer  immer  nährt.  Die  Erfahrung
lehrt,  daß  gerade  im  landwirtschaftlichen  Betriebe  alles  auf  Beispiel
und  Vorbild  ankommt.  Grau  ist  hier  erst  recht  alle  Theorie,  wenn
nicht  des  Lebens  und  der  praktischen  Tätigkeit  stets  grünender  und
weiter  wachsender  Baum  sie  stützt.  Wohltätige  Neuerungen  im
Ackerbau,  lohnende  Verbesserungen  in  der  Viehzucht,  weise  Einrichtung
  und  Führung  des  ländlichen  Haushalts  lernt  der  junge
Landwirt  besser  und  leichter  in  fremder  Wirtschaft  als  auf  dem
eignen  Hofe,  wo  die  Gewohnheit  und  das  Herkommen  nur  zu  leicht
Auge  und  Ohrgegen  Verbesserungen  unempfänglich  machen.  Auch.
hier  gilt  das  Wort  Schillers:  „Willst  du  dich  selber  erkennen,  so
Sieh,  wie  die  andern  es  treiben;  willst  du  die  andern  verstehn,
blick'  in  dein  eigenes  Herz“.  Ein  nachahmenswerter  Gebrauch  hat
sich  in  Dänemark  herausgebildet.  Dort  vermieten  die  bäuerlichen
Besitzer  ihre  Söhne  und  Töchter  eine  Zeit  lang  in  gute  herrschaftliche
  Wirtschaften  als  Gesinde.  Die  jungen  Leute  lernen  auf  diese
Weise  eine  rationelle  Praxis  in  der  Ackerbestellung,  Düngung  und
Pflege  der  Kulturen,  in  der  Viehhaltung,  in  der  Molkerei  und  allen
Verwandten  Zweigen  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  kennen.
Dort  werden  solche  Bedienstete,  welche  den  anderen  Dienstboten
ein  gutes  Vorbild  geben,  wie  die  Freiwilligen  der  Armee  vor  den
anderen  Soldaten,  von  der  Herrschaft  geschätzt  und  in  solchem
Dienstverhältnis  der  Bauernsöhne  und  -2öchter  sieht  man  eine
ehrende  und  wohltätige  Einrichtung  der  ländlichen  Bevölkerung.
Daß  eine  vorübergehende  dienende  Stellung  der  jungen  Bauerntöchter
  in  fremden  Familien  zur  Ausbildung  der  künftigen  Hausfrauen
  in  allen  Zweigen  der  Haushaltung  und  auch  zur  gesellschaftlichen
  Ausbildung  von  dem  größten  Nutzen  ist,  lehrt  die
Erfahrung  bereits  auch  bei  uns.  Es  wäre  nur  zu  wünschen,  daß
diese  Sitte  noch  allgemeiner  würde  und  dafz  auch  die  künftigen
Herren  der  bäuerlichen  Besitzungen  durch  vorübergehenden
Dienst  auf  fremden  Hôöfen  Erfahrungen  für  ihren  Beruf  sammelten
und  selbst  die  Leiden  und  Freuden  des  dienenden  Standes  an  sich
erführen.  „Der  ist  ein  unbrauchbarer  Ackersmann,  der  nicht  befehlen
  und  nicht  gehorchen  kann“  und  „wer  nie  Knecht  gewesen,
kann  auch  kein  guter  Herr  sein“.
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        —  8  —

Lan  dwirte,  sorgt  für  einetüchtigepraktische  Ausbildung
  eurer  Söhne  und  Erben!  Gebt  sie  zu  tüchtigen
Bauern  in  die  Lehre  und  lafzt  sie  nach  der  Lehrzeit  sich  in  der
Welt  umsehen!  Zum  Segen  eures  Besitztums  werden  sie  reich
an  Kenntnissen  und  Erfahrungen  aus  der  Fremde  heimkehren.

Nach  Dr.  Thiel.

5.  Ver  Bauer.

Glücklich  der  Fuß,  welcher  über  weite  Flächen  des  eigenen  Grundes
schreitet;  glücklich  das  Haupt,  welches  die  Kraft  der  grünenden  Natur  einem
verständigen  Willen  zu  unterwerfen  weiß!  Alles,  was  den  Menschen
stark,  gesund  und  gut  macht,  das  ist  dem  Landwirt  zuteil  geworden.  Sein
Leben  ist  ein  unaufhörlicher  Kampf,  ein  endloser  Sieg.  Ihm  stählt  die
reine  Gottesluft  die  Muskeln  des  Leibes,  ihm  zwingt  die  uralte  Ordnung
der  Natur  auch  die  Gedanken  zu  geordnetem  Lauf.  Er  ist  der  Priester,
welcher  Beständigkeit,  Zucht  und  Sitte,  die  ersten  Tugenden  eines  Volkes,
zu  hüten  hat.  Wenn  andere  Arten  nützlicher  Tätigkeit  veralten,  die  seine
ist  so  ewig  wie  das  Leben  der  Erde;  wenn  andere  Arbeit  den  Menschen
in  enge  Mauern  einschließt,  in  die  Tiefe  der  Erde  oder  zwischen  die  Holzplanken
  des  Schiffes,  sein  Blick  hat  nur  zwei  Grenzen,  oben  den  blauen
Himmel  und  unten  den  festen  Grund.  Ihm  wird  die  höchste  Freude  des
Schaffens;  denn  was  sein  Befehl  von  der  Natur  fordert,  Pflanze  und
Tier,  das  wächst  unter  seiner  Hand  zu  eigenem  frohem  Leben  auf.  Auch
dem  Städter  ist  die  grüne  Saat  und  die  goldene  Halmfrucht  des  Feldes,
das  Rind  auf  der  Weide  und  das  galoppierende  Füllen,  Waldesgrün  und
Wiesenduft  eine  Erquickung  des  Herzens;  aber  kräftiger,  stolzer,  edler  ist
das  Behagen  des  Mannes,  der  mit  dem  Bewußtsein  über  seine  Flur  schreitet:
dies  ist  alles  mein;  meine  Kraft  erschuf  es  und  mir  gereicht  es  zum  Segen.
Denn  nicht  in  mühelosem  Genuß  betrachtet  er  die  Bilder,  welche  ihm  die
Natur  entgegenhält.  An  jeden  Blick  knüpft  sich  ein  Wunsch,  an  jeden  Eindruck
  ein  Vorsatz,  jedes  Ding  hat  für  ihn  einen  Zweck;  denn  alles,  das  fruchtbare
  Feld,  das  Tier  und  der  Mensch  soll  neues  schaffen  nach  seinem  Willen,
dem  Willen  des  Gebieters.  Die  tägliche  Arbeit  ist  sein  Genuß  und  in  diesem
Genusse  wächst  seine  Kraft.  —  So  lebt  der  Mann,  welcher  selbst  der  arbeitsame
  Wirt  seines  Gutes  ist.

Und  dreimal  glücklich  der  Herr  eines  Grundes,  auf  dem  durch  mehrere
Menschenalter  ein  starker  Kampf  gegen  die  rohen  Launen  der  Natur  geführt
  ist.  Die  Pflugschar  greift  tief  in  den  gereinigten  Boden,  anspruchsvolle
  Kulturpflanzen  breiten  ihre  Blätter  in  üppiger  Pracht;  auf  den
Stengeln  bräunen  sich  große  Dolden  und  körnerreiche  Schoten  und  unten
in  der  Erde  rundet  sich  mächtig  die  fleischige  Wurzel.  Dann  kommt  die
Zeit,  wo  sich  die  kunstvolle  Industrie  auf  den  Ackerschollen  ansiedelt.  Dann
ziehen  die  abenteuerlichen  Gestalten  der  Maschinen  nach  dem  Wirtschaftshof;
  der  ungeheure  Kupferkessel  fährt  mit  Blumen  begrenzt  heran;  große
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Räder  mit  hundert  Zähnen  drehen  sich  gehorsam  im  Kreise;  lange  Röhren
verschlingen  sich  in  den  neugebauten  Räumen  und  die  mechanischen  Ge—
lenke  bewegen  sich  rastlos  bei  Tag  und  Nacht.  Eine  edle  Industrie!  Sie
erblüht  aus  der  Kraft  des  Bodens  und  vergrößert  wieder  diese  Kraft.  Wo
der  eigene  Grund  des  Gutes  seine  Früchte  der  Fabrik  reichlich  spendet,
da  arbeiten  im  Freien  die  uralte  Pflugschar,  im  gemauerten  Haus  der  neue
Dampfkessel  brüderlich  miteinander,  um  ihren  Herrn  reicher  zu  machen,
stattlicher  und  weiser.  Solange  er  nur  die  alten  Halmfrüchte  baute,  die
grüne  Nahrung  der  Tiere  und  die  runde  Knollenfrucht,  waren  die  Preise
auf  dem  nächsten  Wochenmarkt  vielleicht  das,  was  ihn  in  der  fremden  Welt
am  meisten  interessierte,  und  wenn  der  Bauer  im  Dorf  gegen  ihn  auftrumpfte,
  so  war  ihm  das  vielleicht  der  größte  Arger.  Und  mit  abschließendem
  Stolz  sah  er  aus  seinem  umgrenzten  Kreise  wie  in  die  blaue  Ferne
hinein,  in  das  geschäftige  Treiben  der  großen  Städte,  in  die  verwickelten
Verhältnisse,  welche  durch  eine  neue  Zeit  geschaffen  sind.  Jetzt  steht  er
selbst  mitten  zwischen  den  Rädern  des  modernen  Schaffens,  er  beobachtet
viele  Strömungen  des  menschlichen  Geistes  auch  außerhalb  seiner  Feldmark.
Viele  Gesetze  des  Lebens  lernt  er  kennen  und  viele  Gedanken  der  Menschen,
er  gewinnt  einen  andern  Maßstab  für  den  Wert  des  Mannes,  jetzt,  wo  er
das  Gewühl  des  Marktes,  das  Arbeitszimmer  des  Gelehrten  auch  für  sich
braucht.  Er  knüpft  seine  Fäden  an  Leute  von  anderem  Berufe  und  Fremde
freuen  sich  ihm  die  Hand  zu  reichen  und  ihren  Vorteil  mit  dem  seinigen  zu
verbinden.  Immer  größer  werden  die  Kreise,  in  welche  ihn  sein  Interesse
zieht,  immer  mächtiger  der  Einfluß,  den  er  auf  andere  gewinnt.

Neben  dem  ländlichen  Tagelöhner  baut  ein  neues  Geschlecht  arbeitsamer
  Menschen  seine  Hütten  auf  den  Ackerboden  in  jeder  Abstufung  von
Wissen  und  Bildung;  allen  kann  er  gerecht  und  allen  zum  Heil  werden.
In  starker  Zunahme  wächst  die  Kraft  seiner  Landschaft;  der  Wert  des  Bodens
steigt  von  Jahr  zu  Jahr;  die  lockende  Aufforderung  zu  größerem  Erwerb
treibt  auch  den  zähen  Bauer  aus  dem  Geleise  alter  Gewohnheit.  Der
schlechte  Feldweg  wird  zur  Chaussee,  der  sumpfige  Graben  zum  Kanal.
Zwischen  den  Getreidefeldern  fahren  die  Reihen  der  Frachtwagen  entlang;
auf  wüsten  Stellen  erheben  sich  die  roten  Dächer  neuer  Wohnungen;  der
Briefbote,  der  sonst  nur  zweimal  in  der  Woche  seine  Ledertasche  durch  die

luren  trug,  erscheint  jetzt  alle  Tage;  sein  Ranzen  ist  schwer  von  Briefen
und  Zeitungen,  und  wenn  er  bei  einem  neuen  Haus  anhält,  um  der  jungen
Frau,  die  mit  ihrem  Manne  von  fern  zuzog,  eine  Nachricht  von  der  Heimat
zu  bringen,  da  nimmt  er  dankend  das  Glas  Milch,  das  ihm  die  Erfreute
an  der  Türe  reicht,  und  erzählt  ihr  eilig,  wie  lang  ihm  sonst  der  Weg  von
einem  Dorf  zum  andern  in  der  heißen  Sonne  geworden.  Dann  erwacht
auch  die  Begehrlichkeit,  die  kindische  Base  jedes  Fortschritts.  Die  Nadel
des  Schneiders  hat  viel  an  neuen  Stoffen  zu  nähen;  zwischen  den  Bauernhäusern
  stellt  der  kleine  Kaufmann  seinen  Kram  auf,  er  legt  seine  Zitronen
in  das  Schaufenster,  den  Tabak  in  schönen  Paketen  und  lockende  Flaschen
mit  silbernen  Zetteln.  Und  die  Schullehrer  in  den  Dörfern  klagen  über
die  Menge  der  Schüler;  ein  zweites  Schulhaus  wird  gebaut,  eine  höhere
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Klasse  eingerichtet;  in  einem  Schranke  seiner  Wohnstube  legt  der  Lehrer
die  erste  Leihbibliothek  an  und  der  Buchhändler  in  der  Stadt  übergibt  ihm
neue  Bücher  zum  Verkaufe.  —  So  wird  das  Leben  des  starken  Landwirts
ein  Segen  für  die  Umgegend,  für  das  ganze  Land.

Wehe  aber  dem  Landwirte,  dem  der  Grund  unter  den  Füßen  fremden
Gewalten  verfällt!  Er  ist  verloren,  wenn  seine  Arbeit  nicht  mehr  ausreicht
die  Ansprüche  zu  befriedigen,  welche  andere  Menschen  an  ihn  machen.
Die  Geister  der  Natur  gönnen  ihren  Segen  nur  dem,  welcher  ihnen  frei
und  sicher  gegenübersteht;  sie  empören  sich,  wo  sie  Schwäche,  Eile  und  halben
Mut  ahnen.  Keine  Arbeit  wird  mehr  zum  Heil.  Die  gelbe  Blüte  der
Olsaat  und  die  blaue  Blume  des  Flachses  vertrocknen  ohne  Frucht;  Rost
und  Brand  fallen  über  das  Getreide;  in  tödlichem  Faulfieber  schwindet
der  kleine  Leib  der  Kartoffel;  sie  alle,  so  lange  an  Gehorsam  gewöhnt,
wissen  so  bitter  jede  Nachlässigkeit  zu  strafen.  Dann  wird  für  den  Herrn
der  tägliche  Gang  durch  die  Felder  ein  täglicher  Fluch;  wenn  die  Lerche
aus  dem  Roggen  aufsteigt,  muß  er  denken,  daß  die  Frucht  schon  auf  dem
Halme  verkauft  ist;  wenn  das  Gespann  der  Rinder  den  Klee  nach  den  Ställen
fährt,  weiß  er,  daß  der  Ertrag  von  Milch  und  Fleisch  schon  von  fremden
Gläubigern  gefordert  ist,  und  er  muß  zweifeln,  ob  die  Fruchtbarkeit,  welche
seinem  Acker  durch  das  Wiederkäuen  der  eßlustigen  Tiere  im  nächsten  Jahre
kommen  soll,  noch  ihm  selbst  zum  Vorteil  werden  wird.  Finster,  mürrisch,
verzweifelt  kehrt  er  nach  dem  Hofe  zurück.  Leicht  wird  er  dann  seiner  Wirtschaft
  und  den  Feldern  fremd;  er  sucht  jenseit  seiner  Flur  den  lästigen  Gedanken
  zu  entfliehen  und  durch  die  Flucht  beschleunigt  er  seinen  Untergang.
Was  ihn  vielleicht  noch  retten  könnte,  ein  vollständiges  Hingeben  an  die  Arbeit,
  das  wird  ihm  unerträglich.

Und  dreimal  wehe  dem  Landwirte,  der  übereilt  in  unverständigem
Gelüste  die  schwarze  Kunst  des  Dampfes  über  seine  Schollen  führt  um
Kräfte  aus  ihm  hervorzulocken,  die  nicht  darin  leben.  Ihn  trifft  der  härteste
Fluch,  der  Sterblichen  beschieden  ist.  Nicht  er  allein  wird  schwächer;  er
macht  auch  viele  andere  schlecht,  die  er  zum  Dienst  an  sein  Leben  gebunden
hat.  In  dem  Schwunge  der  Reäder,  die  er  vorwitzig  in  seinem  Kreis  aufstellte,
  wird  zerrissen,  was  in  seiner  Wirtschaft  noch  unversehrt  war;  die
Kraft  seines  Bodens  verzehrt  sich  in  fruchtlosen  Versuchen;  seine  Gespanne
erlahmen  an  schweren  Fabrikfuhren;  seine  ehrlichen  Landarbeiter  verwandeln
sich  in  ein  schmutziges,  hungerndes  Proletariat.  Wo  sonst  ruhiger  Gehorsam
  wenigstens  das  Nötige  schuf,  wuchert  jetzt  Hader,  Widersetzlichkeit
und  Betrug.  Er  selbst  ist  hineingezogen  in  den  Wirbel  lästiger  Geschäfte;
wie  brausende  Wellen  stürzen  die  Forderungen  auf  ihn  herein;  im  verzweifelten
  Kampfe,  ein  Ertrinkender,  sucht  er  ohne  Wahl  Hilfe  bei  allem,  was
in  den  Bereich  seiner  Hände  kommt,  und  ermattet  vom  fruchtlosen  Ringen
sinkt  er  hinab  in  die  Tiefe.  «

„Soll  und  Haben“  von  Gustav  Freytag.
        <pb n="20" />
        —  11  —

6.  Im  Schweiße  deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brot  essen.

Der  einzige  Weg  zum  Wohlstande  und  zum  wahren  Glücke,  auf  welchem
du  nicht  nur  dich  selber,  sondern  zugleich  die  Welt  bereicherst,  ist  der  der
Erzeugung  und  Vermehrung  der  Güter,  d.  h.  der  Weg  der  Arbeitsamkeit
und  Ersparnis.  Es  gibt  allerdings  auch  einen  Glücksweg,  wobei  der  eine
durchs  Spiel,  der  andere  durch  Erbschaft,  der  dritte  durch  einen  Fund  sich
bereichert,  d.  h.  immer  der  eine  das  gewinnt,  was  der  andere  verliert,  wobei
  aber  tatsächlich  kein  neuer  Wert  erzeugt  wird.  Gar  mancher,  der  auf
solche  Glücksfälle  wartet,  verpaßt  darüber  die  beste  Zeit  zur  Arbeit  und
bleibt  „Ein  armer  Teufel;  und  welchen  geringen  Wert  haben  diese  Güter
gegenüber  den  selbsterworbenen!  Gewinnt  nicht  der  Mensch,  welcher  sein
tägliches  Brot  erarbeitet,  zugleich  zwei  der  größten  Güter:  Häuslichkeit
und  Genügsamkeit?  Stellt  sich  nicht  mit  dem  selbsterworbenen  Brote
der  beste  Gast  ein,  nämlich  die  Zufriedenheit,  und  kann  nicht  der  Genügsame,
welcher  mit  wenigem  zufrieden  ist,  leicht  entbehren?

Das  Glück  der  Menschheit  besteht  nicht  darin,  daß  sie  sich  nur  zum
Genusse  an  die  gedeckte  Tafel  setzen  darf.  Welch  zweifelhaften  Dienst
die  Natur  dem  Menschen  erweist,  wenn  sie  ihm  die  gebratenen  Tauben  ins
Maul  fliegen  läßt,  beweisen  uns  jene  südlichen  Himmelsstriche,  wo  sie  ihm
freiwillig  alles  gibt,  was  er  nur  braucht,  wo  ihm  das  Brot  auf  den  Bäumen
wächst,  die  Flüsse  von  Fischen  und  die  Wälder  von  Tieren  wimmeln,  wo
er  weder  für  Kleidung  noch  für  Holz  im  Winter  zu  sorgen  hat.  Wir  sehen,
daß  die  Bewohner  jener  Gegenden  faul  und  arm  bleiben,  daß  bei  ihnen
Mangel  und  Hungersnot  nichts  Seltenes  sind,  während  wir,  die  wir  dem
Boden  mit  Arbeit  und  Mühe  unser  tägliches  Brot  abringen,  nicht  nur  die
Bedürfnisse  des  Lebens  erwerben,  sondern  auch  einen  Wohlstand  begründen,
der  uns  in  den  Zeiten  der  Not  schützt,  und  tausend  Einrichtungen  für  unsere
Bequemlichkeit  haben,  von  welchen  jene  armen  Wilden  nichts  wissen.  Das
Wort  der  Bibel:  „Im  Schweiße  deines  Angesichts  sollst  du  dein
Brot  essen“,  ist  ein  Segenswort  für  die  Menschheit  geworden.

Nlun  höre  ich  aber  den  einen  und  den  andern  behaupten,  daß  mitten
in  dem  blühenden  Erwerbsleben  unfrer  Zeit  die  Landwirtschaft  nicht  mehr
gleichen  Schritt  mit  den  Gewerben  halten  könne;  während  diese  emporblühen,
  müsse  jene  zugrunde  gehen.  Diese  Ansicht  ist  indessen  geradezu
unrichtig;  denn  alle  erlaubten  Erwerbszweige  arbeiten  einander  in  die  Hände.
Soviel  sieht  jeder  ein,  daß  eine  nachhaltige  und  gesunde  Hebung  des  Gewerbslebens
  nur  zugleich  mit  einer  Steigerung  des  Ertrags  in  der  Landwirtschaft
  erfolgen  kann;  denn  wenn  der  Bauer  nicht  wiederum  Erzeugnisse
in  hinreichender  Menge  hervorbringt,  um  billiges  Brot  liefern  und  doch
noch  Ersparnisse  machen  und  gewerbliche  Erzeugnisse  kaufen  zu  können,
so  gedeihen  auch  jene  nicht  und  andrerseits  wird  durch  ein  gehobenes
Gewerbsleben  auch  ein  größerer  Bedarf  an  Nahrungemitteln  hervorgerufen.
  1

Es  ist  richtig,  daß  durch  die  Beschickung  unsrer  Märkte  mit  Korn,  Mehl,
Fleisch,  Fett  und  Wolle  aus  fernen  Gegenden,  in  denen  die  Erzeugungs-
        <pb n="21" />
        kosten  viel  geringer  sind  als  bei  uns,  ein  Druck  auf  die  Preise  dieser  Er—
zeugnisse  auf  unsren  Märkten  ausgeübt  wird  und  daß  andrerseits  sowohl
die  Preise  des  Bodens  als  die  Kosten  der  Arbeit,  die  Steuern  und  andern
Betriebskosten  seit  einer  Reihe  von  Jahren  so  gestiegen  sind,  daß  die  Furcht,
wir  lösen  in  ungünstigen  Jahren  nicht  so  viel  aus  unsrer  Frucht,  als  uns
dieselbe  gekostet  hat,  bei  der  gegenwärtigen  Größe  unsrer  Ernten  und  der
jetzigen  Betriebsweise  keine  unbegründete  ist.

Sollen  wir  aber  deswegen  die  Konkurrenz  des  Auslandes  tadeln,
welche  Tausenden  billiges  Brot  schafft?  Die  Konkurrenz  ist  das  Bestreben
mehrerer,  welche  die  gleichen  Erzeugnisse  hervorbringen,  es  einander  an
Billigkeit  und  Güte  derselben  zuvor  zu  tun,  um  dadurch  mehr  Absatz  zu
erlangen,  und  obgleich  sie  für  den  Faulen  und  Untätigen  oft  störend  und
unangenehm  ist,  so  kommt  sie  doch  allen  zugute  und  ihr  allein  verdanken
wir  die  Billigkeit  und  Güte  der  Waren.

Gerade  diese  Konkurrenz  ist  für  die  Gewerbe  eine  strenge  Lehrmei—
sterin  geworden;  denn  nirgends  ist  dieselbe  so  ausgebildet  und  so  bedrohlich
für  den  Säumigen  und  doch  verdanken  sie  gerade  ihr  und  der  durch  sie  er—
zielten  Billigkeit  und  Verbreitung  der  Erzeugnisse  ihre  hohe  Blüte.  Ver—
gleichen  wir  aber  auch  die  vollkommene  Ausnutzung  der  Kräfte,  die  Er—
sparnis  an  Arbeit  und  Kapital  in  den  Gewerben  mit  der  Art  und  Weise,
wie  diese  Dinge  in  der  Landwirtschaft  verwendet  werden,  so  müssen  wir  zugeben,
  daß  wir  ihnen  gegenüber  auf  einer  niederen  Stufe  stehen  und  von
ihnen  viel  lernen  können.

Auch  für  die  Landwirte  erweist  sich  die  Konkurrenz  als  die  beste  Lehrmeisterin,
  indem  sie  dieselben  auf  den  rechten  Weg  weist,  wenn  sie  auf  Irrwegen
  waren,  und  sie  auf  die  Erzeugnisse  aufmerksam  macht,  welche  sie
unter  den  natürlichen  Verhältnissen  ihrer  Gegend  am  billigsten  und  mit
dem  meisten  Vorteil  erzielen  können.  Sie  lehrt  sie  aber  auch  ihren  Boden
den  Verhältnissen  angemessen  auszunutzen,  Arbeit  ersparen,  vielen  und
billigen  Dünger  erzeugen  und  diesen  am  vorteilhaftesten  verwenden  —  kurz
unter  Aufwand  von  möglichst  geringen  Mitteln  den  größten  Nutzen  zu  erzielen.
  So  wird  auch  die  Landwirtschaft  in  Zukunft  mehr  und  mehr  im
Vereine  mit  den  andern  Erwerbszweigen  und  unter  den  Segnungen  des
Friedens  sich  entfalten  und  blühen.  Nach  Fritz  Möhrlin.

 

7.  Das  Lied  vom  Samenkorn.

Der  Sämann  streut  aus  voller  Hand]Vollkrauser  bren,  schlank  undschön,
Den  Samen  auf  das  weiche  Land.  Muß  nun  die  Halmensaat  erstehn
Und,  wundersam!  was  er  gesät,  Und  wie  ein  grünes,  stilles  Meer
Das  Körnlein  wieder  aufersteht.  Im  Winde  wogt  sie  hin  und  her.

Die  Erde  nimmt  es  in  den  Schot  Die  Ernte  naht,  die  Sichel  klingt.
Und  wickelt  es  im  stillen  los;  Die  Garberauscht,  gen  Himmel  dringt
Ein  zartes  Keimlein  kommt  hervor  Der  Freude  lauter  Jubelsang,

Und  hebt  sein  rötlich  Haupt  empor.  Des  Herzens  stiller  Preis  und  Dank.

Friedr.  Adolf  Krummacher.
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        —  13  —

8.  Goldene  Regeln  zur  guten  Führung  eines  Haushalts.

1.  Kaufe  nie  etwas  ohne  vorher  genau  zu  überlegen,  ob  es  notwendig  ist.

Ohne  Uberlegung  Geld  auszugeben,  ist  ebenso  schlimm  als  auf  der
Straße  Geld  zu  verlieren.  Darum  darf  man  die  kleinste  Ausgabe  nicht  unbesonnen
  machen  und  sollte  es  sich  auch  nur  um  wenige  Pfennige  handeln.
Kommt  die  Lust  etwas  zu  kaufen,  dann  muß  man  sich  immer  erst  fragen:
Ist  das  auch  notwendig,  oder  —  kann  ich's  noch  entbehren?  Weder  von
einem  zudringlichen  Hausierer  noch  durch  billigere  Preise  auf  einem  Ausverkaufe
  oder  einer  Versteigerung  darf  man  sich  verleiten  lassen  unnötige
Sachen  zu  kaufen.  Allerdings  soll  man  bei  jedem  Einkaufe  überlegen:
Wo  und  wie  komme  ich  am  billigsten  zurecht?  Aber  man  muß  auch  beachten,
  daß  das  auffallend  Billige  meistens  schlecht  ist  und  deshalb  sehr
teuer  wird.  Kleider,  Stiefel,  Wäschestücke,  die  doppelt  so  lange  halten  wie
andere,  machen  sich  doppelt  bezahlt.  Der  niedrige  Preis  kommt  nur  dann
in  Betracht,  wenn  man  von  der  Güte  und  Dauerhaftigkeit  der  Sache  überzeugt
  ist.  Vor  allem  aber  muß  das  bloß  Wünschenswerte  immer  vor  dem
Votwendigen  zurücktreten.  Pünktlich  Miete  zahlen,  Brot  im  Schranke,
Ol  auf  der  Lampe,  Kohlen  im  Kasten  haben  ist  notwendiger  als  vieles  andre;
hiefür  muß  zuerst  gesorgt  sein,  ehe  man  an  weniger  notwendige,  bloß  wünschenswerte
  Dinge  denken  darf.

2.  Derzeichne  jede,  auch  die  kleinste  Ausgabe  im  Ausgabebuche!

Wer  nicht  gerne  rechnet,  wird  niemals  gut  haushalten  lernen,  ebensowenig,
  wer  nicht  gerne  und  genau  alles  aufschreibt.  Eine  klare  Ubersicht
über  die  wirklichen  Bedürfnisse  der  Haushaltung  ist  nicht  möglich  ohne
alle  Ausgaben  aufzuschreiben.  Man  muß  immer  noch  einmal  nachsehen
können,  was  man  in  dieser  oder  jener  Woche  gebraucht  hat  und  was  man
für  einzelne  Sachen  bezahlen  mußte.  Wenn  man  nicht  alles  ausfschreibt,
dann  ist  Überlegen,  Berechnen,  UÜberschauen  des  Notwendigen  und  also
auch  ein  sparsames  Haushalten  nicht  möglich.

Un  sich  das  genaue  Ausschreiben  zu  erleichtern,  muß  man  eine  Schreibtafel
  oder  ein  Notizbuch  zur  Hand  haben  und  sein  Ausgabebuch  gut  einrichten.
  In  Geldsachen  soll  man  sich  auf  sein  Gedächtnis  nicht  zu  viel  verlassen.
  Jede  Ausgabe,  die  im  Laufe  des  Tages  gemacht  worden  ist,  wird

sofort  kurz  aufgeschrieben  und  diese  Aufzeichnungen  werden  jeden  Abend
ins  Ausgabebuch  eingetragen.

5.  Schau'  in  die  Zukunft  und  behalte  notwendige  Ausgaben  stets  im  Auge!

Keine  für  die  Haushaltung  nötige  Ausgabe  darf  uns  unverhofft  entgegentreten
  und  alles,  was  in  nächster  Zeit  für  Miete,  Kleider,  Schuhe
und  andere  Anschaffungen  nötig  ist,  müssen  wir  immer  im  Auge  behalten.

erden  derlei  Ausgaben  dringend  und  kommen  sie  unerwartet,  dann
        <pb n="23" />
        —  14  —

gibt's  Verdrießlichkeiten,  böse  Launen  und,  was  das  Schlimmste  ist,  leicht
Schulden;  sind  sie  aber  vorhergesehen,  dann  kann  man  zeitig  sorgen,  daß
man  sie  bestreiten  kann  ohne  borgen  zu  müssen,  und  frühzeitig  anfangen
etwas  für  diese  Ausgaben  zurückzulegen.  Im  Sommer  muß  man  an  die
Kosten  der  Wintervorräte  denken  und  an  die  nötigen  Winterkleider,  im  Winter
  auf  die  Ergänzung  und  Erneuerung  der  Haus=  und  Leibwäsche,  der
Hausgeräte  und  auf  die  Beschaffung  der  Sommerkleider  bedacht  sein.
Zu  jeder  Zeit  muß  man  aber  auch  an  mögliche  Krankheitsfälle  oder  anderes
Mißgeschick  denken  und  den  Notpfennig  zu  vermehren  suchen.

4.  Kaufe  die  Lebensmittel  möglichst  im  Dorrate  und  mit  barem  Gelde!

Der  Nutzen,  den  man  durch  den  Einkauf  der  Nahrungsmittel  in  größeren
Mengen  erlangt,  ist  viel  bedeutender,  als  man  auf  den  ersten  Blick  meint.
Zunächst  liegt  darin  ein  großer  Gewinn  an  Zeit.  Wie  viele  Ausgänge  müßte
man  in  der  Woche  machen,  wenn  man  Kaffee,  Reis,  Butter  und  dergl.  immer
nur  zu  ½  oder  ¼  kg  kaufen  wollte?  Die  Zeit  zu  solch  unnötigen  Ausgängen
  würde  im  Jahr  manchen  kostbaren  Arbeitstag  ergeben.  Am  wichtigsten
  ist  aber  der  Geldgewinn,  den  man  dadurch  erzielt.  Alle  Waren
bekommt  man  bei  größeren  Bezügen  billiger  und  besser.  Wie  wichtig  es  ist,
für  den  Winter  einen  hinreichenden  Vorrat  von  Gemüsen  einzulegen,  ersieht
  man  schon  daraus,  daß  ½  kg  selbsteingemachtes  Sauerkraut  nur  wenige
Pfennig  kostet,  während  man  es  auf  dem  Markte  oder  im  Laden  mindestens
mit  10  Pfg.  bezahlen  muß.  Die  Kohlen,  in  kleiner  Menge  gekauft,  kosten
bedeutend  mehr  als  in  größerer  Menge.  Gewinnt  man  auf  diese  Weise
bei  jedem  Einkaufe  an  den  verschiedenen  Waren  auch  nur  einige  Pfennige,
so  macht  das  auf  das  Jahr  schon  eine  bedeutende  Summe,  und  sollte  man  diese
auch  nicht  mehr  für  nötige  Sachen  bedürfen,  dann  suche  man  sie  zu
gewinnen  für  wünschenswerte  und  nützliche  Dinge,  die  das  Familienleben
  verschönen  und  angenehm  machen,  oder  lege  sie  als  Notpfennig
zurück.

Der  Mann  mit  kleiner  Einnahme  hüte  sich  besonders  vor  dem  Schuldenmachen.
  Kommt  der  Armere  einmal  in  Schulden,  so  kann  er  sich
nur  mit  der  größten  Mühe  davon  frei  machen.  Vielen  gelingt  es  gar  nie
mehr.  Das  Barzahlen  ist  eine  der  wichtigsten  wirtschaftlichen  Regeln,
nicht  nur  für  den  Betrieb  eines  Geschäftes,  sondern  auch  für  den  gewöhnlichen
  Haushalt.

 

5.  Achte  keinen  Ofennig  gering;  jeder  einzelne  hat  großen  Wert.

Viel  kann  man  sparen  ohne  irgend  etwas  zu  entbehren,  und  zwar
durch  das  Sparen  im  kleinen.  Dazu  hat  man  im  Leben  alle  Tage
Gelegenheit  und  der  tägliche  Pfennig  wird  gar  bald  zur  Mark  und
zum  Taler.  «

lsxtäglichgibtin6Monaten1,80.--,imJahr3,60-Ø;

5  5%  5%  geben  „  6  »  9,00  "  P  „%  18,00  5

10  77  77  1  77  6  77  18,00  77  77  77  36,00  77
        <pb n="24" />
        —  15  —

Wie  leicht  man  aber  täglich  viele  Pfennig  ersparen  kann,  mag  man  aus
folgendem  entnehmen:

Beim  Heizen  des  Ofens  und  Herdes  kann  man  täglich  mehrere  Pfennig
gewinnen,  wenn  man  das  Feuer  nicht  unnötigerweise  stark  brennen  läßt.
Mehr  noch  kann  man  ersparen  durch  kluge  Auswahl  und  Zusammensetzung
der  Speisen  für  die  Mahlzeiten,  ohne  daß  sie  deshalb  weniger  gut  und
nahrhaft  sein  müßten.  Am  meisten  aber  kann  man  ersparen  durch  Schonen
der  Kleider,  Schuhe  und  Geräte.  Werden  die  Kleider,  die  Strümpfe,
die  Wäschegegenstände  immer  sorgfältig  ausgebessert,  wenn  sich  ein  kleiner
Riß  oder  Fehler  zeigt,  dann  kommt  man  um  die  Hälfte  länger  damit  aus,
als  wenn  man  nachlässig  damit  umgeht  und  die  kleinen  Risse  groß  werden
läßt,  ehe  man  an  das  Ausbessern  denkt.  Nicht  anders  ist's  auch  mit  den
Hausgeräten.  Wer  unachtsam  und  rauh  damit  umgeht,  zerbricht  und  ver—
dirbt  dreimal  mehr  als  andere,  die  schonend  damit  verfahren.  Jede  durch
liachtsamkeit  zerbrochene  Sache  ist  aber  verlorenes,  auf  die  Straße  geworfenes
  Geld.  Viel  kann  sodann  durch  Verwertung  der  Brot=  und  Speisereste
erspart  werden.  Zu  dieser  Sparsamkeit  ermahnt  sogar  der  Heiland,  wenn  er
sagt:  „Sammelt  die  übrigen  Brocken,  auf  daß  nichts  umkomme.“

Nach  dem  „Wegweiser  zum  häuslichen  Glücke“.

9.  Weise  Sparsamkeit.

Zwei  von  den  Einwohnern  eines  Dorfes,  welches  mit  der  völligen  Ernte
durch  den  Blitz  eingeäschert  worden  war,  wurden  von  ihrer  Gemeinde
in  die  umliegende  Gegend  entsendet,  für  diese  Verunglückten  einige  Beisteuer
zu  erbitten.  Unter  andern  kamen  sie  frühmorgens  auf  den  Hof  eines  wohlhabenden
  Landmannes.  Sie  fanden  ihn  vor  dem  Stalle  und  hörten,  als
sie  sich  ihm  näherten,  wie  er  dem  Knechte  ernstlich  verwies,  daß  er  die  Stricke,
woran  die  Ochsen  gespannt  gewesen,  über  Nacht  im  Regen  am  Pfluge
gelassen  und  nicht  ins  Trockene  gebracht  hatte.  „O  wehl  der  Mann  ist
genau“,  sprach  einer  zum  andern,  „hier  wird  es  nicht  viel  geben!“  Nun
wurde  der  Herr  des  Hofes  die  Fremden  gewahr,  und  indes  er  mit  ihnen
in  sein  Haus  ging,  erzählten  sie  ihm  ihr  Unglück  und  brachten  ihr  Begehren
an.  Groß  war  ihre  Verwunderung,  als  er  ihnen  bald  ein  ansehnliches  Geschenk
  an  Geld  gab  und  noch  versprach  ebensoviel  an  Saatkorn  der  verunglückten
  Gemeinde  zu  schicken.  Ja,  sie  konnten  in  ihrer  dankbaren  Rührung
sich  nicht  enthalten,  während  des  Frühstücks  ihrem  Wohltäter  zu  gestehen,
wie  seine  Mildtätigkeit  ihnen  umsomehr  unerwartet  gewesen  sei,  da  sie  ihn
wegen  des  vorhin  um  eine  Kleinigkeit  dem  Knechte  gegebenen  Verweises
für  sehr  genau  gehalten  hätten.

„Lieben  Freunde,“  war  seine  Antwort,  „eben  dadurch,  daß  ich  das
Meinige  jederzeit  zu  Rate  hielt,  kam  ich  in  den  glücklichen  Zustand  wohltätig
  sein  zu  können.“  —  Wie  mancher  schämt  sich  der  Sparsamkeit,  weil
er  des  Geizes  sich  zu  schämen  glaubt!  Und  wie  mancher  schämt  sich  der
Wohltätigkeit,  weil  er  sie  fälschlich  für  Verschwendung  hält!

E.  von  Rochow.
        <pb n="25" />
        —  16  —

10.  Die  Ruh.

Frau  Magdalis  weint  auf  ihr  letztes  Stück  Brot.
Sie  konnt'’  es  vor  Kummer  nicht  essen.
Ach,  Witwen  bekümmert  oft  größere  VNot,
Als  glückliche  2  enschen  ermessen.

„Wie  tief  ich  auch  immer  geschlagen  nun  bin!
Was  hab'  ich,  bist  du  erst  verzehret  d'“  —
Denn,  Jammer!  ihr  Eins  und  ihr  Alles  war  hin,
Die  Kuh,  die  bisher  sie  ernähret.

Heim  kamen  mit  lieblichem  Schellengetön
Die  andern,  gesättigt  in  Fülle;
Dor  Magdalis  Hforte  blieb  keine  mehr  stehn
Und  rief  ihr  mit  sanftem  Gebrülle.

Sie  sank  auf  ihr  ärmliches  Lager  dahin
In  hoffnungslosem  Derzagen,
Derwirrt  und  zerrüttet  an  jeglichem  Sinn,
An  jeglichem  Gliede  zerschlagen.

Doch  stärkte  kein  Schlaf  sie  von  Abend  bis  früh.
Schwer  abgemüdet  im  Schwalle
Don  ängstlichen  Träumen  erschütterten  sie
Die  Schläge  der  Glockenuhr  alle.

Früh  tat  ihr  des  Hirtenhornes  Getön
Ihr  Elend  von  neuem  zu  wissen.
„O  wehe!  Kun  hab'  ich  nichts  aufzustehn!“
So  schluchzte  sie  nieder  ins  Klissen.

Sonst  weckte  des  Dornes  Geschmetter  ihr  Herz
Den  Dater  der  Güte  zu  preisen.
Jetzt  zürnet  und  hadert  entgegen  ihr  Schmerz
Dem  Ofleger  der  Witwen  und  Waisen.

Und  horch!  Auf  Ohr  und  auf  Derz  wie  ein  Stein

iel's  ihr  mit  dröhnendem  Schalle.

hr  rieselt  ein  Schauer  durch  Mark  und  Gebein:
Es  dünkt  ihr  wie  Brüllen  im  Stalle.

„O  himmel!  Derzeihe  mir  jegliche  Schuld
Und  ahnde  nicht  meine  Derbrechen!“
Sie  wähnt,  es  erhübe  sich  Geistertumult
Ihr  sträfliches  Sagen  zu  rächen.
        <pb n="26" />
        —  17  —

Kaum  aber  hatte  vom  schrecklichen  Ton
Sich  mählich  der  Wachhall  verloren,
So  drang  ihr  noch  lauter  und  deutlicher  schon
Das  Brüllen  vom  Stalle  zu  Ohren.

„Barmherziger  Himmel,  erbarme  dich  mein
Und  halte  den  Bösen  in  Banden!“
Tief  barg  sie  das  Haupt  in  die  Uissen  hinein,
Daß  Hören  und  Sehen  ihr  schwanden.

Hier  schlug  ihr,  indem  sie  im  Schweiße  zerquoll,
Das  bebende  Herz  wie  ein  Hammer;
Und  drittes,  noch  lauteres  Brüllen  erscholl,
Als  wärs  vor  dem  Bett  in  der  Kammer.

Uun  sprang  sie  mit  wildem  Entsetzen  heraus,
Stieß  auf  die  Laden  der  elle.
Schon  strahlte  der  Morgen;  der  Dämmerung  Graus
Wich  seiner  erfreulichen  Helle.

Und  als  sie  mit  heiligem  Kreuz  sich  versehn:
„Gott  helfe  mir  gnädiglich,  Amen!“
Da  wagte  sie's  zitternd  zum  Stalle  zu  gehn
In  Gottes  allmächtigem  Wamen.

OWunder!  Hier  kehrte  die  herrlichste  Kuh,
So  glatt  und  so  blank  wie  ein  Spiegel,
Die  Stirne  mit  silbernem  Sternchen  ihr  zu;
Vor  Staunen  entsank  ihr  der  Riegel.

Dort  füllte  die  Krippe  frisch  duftender  Klee
Und  Heu  den  Stall,  sie  zu  nähren;
Dier  leuchtet  ein  Eimerchen,  weiß  wie  der  Schnee,
Die  strotzenden  Euter  zu  leeren.

Sie  trug  ein  zierlich  beschriebenes  Blatt
Um  Stirn  und  Dörner  gewunden:
„Sum  Troste  der  guten  Frau  Magdalis  hat
.  M.  hierher  mich  gebunden.“  —

SBott  hatt'  es  ihm  gnädig  verliehen,  die  Wot
Des  Armen  so  wohl  zu  ermessen.

Gott  hat  ihm  verliehen  ein  Stücklein  Brot,
Das  konnt'  er  alleine  nicht  essen.  —

Mir  deucht,  ich  wäre  von  Gott  erseh'n,
Was  gut  und  was  schön  ist  zu  preisen;
Maier-Bode,  Lesebuch,  8.  Aufl.
        <pb n="27" />
        —  18  —

Daher  besing'  ich,  was  gut  ist  und  schön,
In  schlicht  einfältigen  Weisen.

„So,“  schwur  mir  ein  Maurer,  „so  ist  es  gescheh'n!“
Allein  er  verbot  mir  den  Namen.
Gott  lass'  es  dem  Edeln  doch  wohlergehn!
Das  bet'  ich  herzinniglich,  Amen!  Gottfried  August  Bürger.

11.  Burch  Obstbau  reich  geworden.

Eines  Abends  verirrte  sich  ein  Baumhändler  auf  seinem  Wege  und
mußte  in  einem  elenden  Hause  übernachten,  dessen  Bewohner,  ein  blutarmer
Taglöhner,  den  Namen  Oswald  führte.  Der  arme,  aber  gute  Mann  gab
seinem  verirrten  Gaste  alles,  was  die  Armut  nur  geben  konnte,  und  der
Baumhändler  hatte  so  viel  Ehrlichkeit,  daß  er  die  empfangene  Gefälligkeit
nicht  nur  mit  Geld  sondern  auch  mit  einem  Gegendienste  bezahlte.  Sobald
  es  Tag  geworden,  ging  der  Baumhändler  um  die  Hütte  herum  und
sah  da  ein  gar  schmales  Gärtchen,  worin  noch  nie  etwas  anderes  gebaut
worden  war  als  Erdäpfel  und  Rüben.  Dieses  Gärtchen  war  das  ganze
Hofgut  des  Taglöhners.  „Lieber  Mann“,  sprach  der  Baumhändler,  „ich
will  machen,  daß  Ihr  aus  diesem  wiewohl  kleinen  Grundstücke  mit  der  Zeit
recht  viel  Geld  ziehen  könnt.  Seht,  ich  will  Euch  zur  Dankbarkeit  für  die
genossene  Bewirtung  zwei  junge  Obstbäume  einsetzen,  die  von  besonders
guter  Art  sind.  Sie  werden  zwar  die  ersten  fünf  Jahre  keinen  Gewinn
bringen;  aber  desto  größer  wird  der  Nutzen  sein,  den  Ihr  nach  dieser  Zeit
daraus  ziehen  werdet.  Ihr  dürft  diese  zwei  Stämme  für  einen  wahren
Schatz  ansehen;  lasset  nur  kein  Gras  darunter  aufkommen  und  sorget  dafür,
daß  sie  nicht  abgerissen  oder  vom  Vieh  angefressen  werden.  Ich  bin  versichert,
  Ihr  und  Eure  Kinder  werden  lebenslänglich  an  mich  denken.“

Der  Baumhändler  setzte  die  zwei  Bäumlein  (wie  aus  nebenstehender
Abbildung  1  ersichtlich  ist)  ein  und  zog  seinen  Weg  weiter.  —  Wie  erstaunte
nicht  der  gute  Taglöhner,  als  sie  im  fünften  Jahre  die  ersten  Früchte  brachten,
Früchte  so  reizend,  daß  sie  seinen  Mund  ganz  bezauberten,  weil  er  so  Köstliches
  all  die  Tage  seines  Lebens  nie  gegessen  hatte.  Ei,  dachte  er,  so  köstliche
Früchte  sind  für  einen  Taglöhner  allzugut;  die  kommenden  Jahre,  wenn
Gott  mir  das  Leben  und  diesen  Bäumchen  wieder  die  Fruchtbarkeit  schenkt,
trage  ich  die  Früchte  in  die  Stadt  und  mache  sie  zu  Geld.  —  Er  tat  es.  Seine
Früchte  waren  die  schönsten  auf  dem  ganzen  Obstmarkte.  Und  schon  im
vierzehnten  Jahre  nahm  er  bare  vierzig  Mark  dafür  ein.

Sein  Nachbar  Pflug,  ein  reicher  Bauer,  hatte  Grund  und  Boden  genug;
  aber  er  baute  wie  sein  Vater  und  Urgroßvater  nur  immer  Getreide
und  probierte  nie  etwas  anderes.  Da  trat  ein  Mißjahr  ein  und  er  erntete
nichts.  Unser  Taglöhner  löste  in  diesem  Jahre  aus  Obst  achtzig  Mark.
Da  kaufte  er  vom  Nachbar  einen  Acker,  der  gerade  an  sein  schmales  Gärtchen
stieß.  Diesen  Acker  besetzte  er  mit  Obstbäumen.
        <pb n="28" />
        —  18  —

Pflug  lachte,  als  Oswald  auf  den  Acker  Bäume  setzte.  —  Oswald

aber  setzte  die  Bäume  in  gerader  Linie  weit  genug  voneinander  und  dachte:
Unten  nehmen  sie  mir  wenig  Raum

weg;  ich  kann  dazwischen  pflanzen  -
und  bauen,  was  ich  will;  und  oben  in
der  Luft  können  sie  wuchern,  wie  sie  4

wollen.  Werden  sie  zu  groß,  daß  sie
mir  den  Platz  zu  stark  überschatten,  so
entschädigen  sie  mich  durch  ihre
Früchte  zehnfach.—  So  war  es  auch.
Oswald  löste  aus  Obst  von  Jahr  zu
Jahr  mehr.  Er  hatte  auch  Stachelund
  Johannisbeeren  sowie  vers  chiedene
  Sorten  Erdbeeren  und  Weintrauben
  gepflanzt  und  nahm  immer
zehn  Mark  ein,  ehe  Pflug  eine
einzige  gewann.

Es  kamen  allerlei  Zeiten  und
allerlei  Ubel.  Der  arme  Taglöhner
warjetztreich,  der  reiche  Bauer  wurde
arm.  Oswald  kaufte  ihm  noch
mehrere  Grundstücke  ab,  welche  er
wieder  mit  Obstbäumen  bepflanzte.
So  trieb  er  es  fort.  Er  baute  wohl
auch  Weizen,  Korn,  Gerste,  Hafer;
aber  der  Gewinn  aus  Obst  überstieg
den  Gewinn  aus  Getreide  alljährlich.
—  Endlich  wurde  in  der  Nachbarschaft
  ein  Bauerngut  ausgeboten,
  welchesdie  günstigste
Lage  zur  Obstbaumzucht
hatte.  Oswald  kaufte  es,
blieb  zwar  darauf  schuldig,
betrieb  aber  von  nun  an  bis
zu  seinem  Ende  den  Obstbau
so  tätig,  daß  er  nicht  bloß
bald  schuldenfrei,  sondern
selbst  der  reichste  Mann  des
Ortes  wurde.  —

Jeder  Grundbesitzer  kann
murs  Lbshaumzuchtinkurzer
eit  wohlhabend  werden,  4;  #
wenner,  Ma  der  Erde  auf-  Abbildung  1.  Normal  gepflanzter  Baum
wärts  bauend,  auch  den  Luftraum
  in  Besitz  nimmt  und  brav  Bäume  setzt,  wenn  anders  der  Boden  und
die  örtliche  Lage  dem  Obstbau  günstig  sind.  Nach  Völter.
        <pb n="29" />
        —  20  —
2.  Uber  die  Kultur  der  Erdbeere.

Die  Landwirtschaft  treibende  Bevölkerung  unseres  Vaterlandes
ist  durch  viele  Fehljahre  in  der  letzten  Zeit  in  ihren  Vermögensverhältnissen
  sehr  zurückgekommen.  Wir  dürfen  uns  daher  nicht.
wundern  und  es  dem  Landmanne  nicht  verargen,  wenn  er  schließlich
  ungeduldig  und  unzufrieden  wird.  Auf  der  andern  Seite  aber
müssen  wir  seinen  nie  versiegenden  Mut  und  seine  rastlose  Tätigkeit
  bewundern,  die  ihn  immer  neue  Mittel  und  Wege  finden  lassen
seinen  Lebensunterhalt  der  Erde  abzugewinnen;  wir  müssen  uns
erfreuen  an  seinem  Schaffensgeiste,  der  ihn  dazu  führt,  das,  was
er  auf  einem  Gebiete  verloren  hat,  auf  einem  andern  wieder  zu.
erringen.  So  haben  sich  die  Bewohner  des  Dorfes  Staufenberg  in
Baden  trotz  der  Mißernten  auf  beinahe  allen  Gebieten  der  Landwirtschaft
  in  den  letzten  Jahren  nicht  nur  ihr  ordentliches  Auskommen
  gesichert,  sondern  es  sind  viele  derselben  durch  sorgsame
Pflege  der  Erdbeerkultur  zu  einem  gewissen  Wohlstande  gelangt.
Schon  in  früherer  Zeit  haben  sich  viele  Bewohner  des  Dorfes  neben
der  Bewirtschaftung  ihrer  Felder  dadurch  einen  lohnenden  Nebenverdienst
  erworben,  daf  sie  die  in  den  umliegenden  Wäldern  reichlich
  wachsenden  Beeren  sammelten  und  an  Händler  verkauften.
Diese  brachten  sie  nach  dem  naheliegenden  Baden-Baden,  wo  die
Beerenfrüchte  bei  dem  dortigen  groen  Fremdenverkehr  sehr  gut.
bezahlt  wurden.  Hierbei  schon  spielte  die  Erdbeere  eine  große
Rolle;  natürlich  war  dies  zunächst  nur  die  wildwachsende  Walderdbeere.
Ende  der  dreifiiger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  lief  der  Kurfürst.
von  Hessen-Kassel  in  Baden  einen  großen  Garten  anlegen,  wobei
auch  Staufenberger  Taglöhner  arbeiteten.  Bei  dieser  Gelegenbeit
lernten  dieselben  außer  der  bekannten  Walderdbeere  auch  verschiedene
großfrüchtige  Erdbeersorten  kennen  und  brachten  davon  einzelne
Stöcke,  deren  Früchte  unter  dem  Namen  „welsche  Erdbeeren“  bekannt
wurden,  nach  Staufenberg.  Da  sich  dieselben  sehr  rasch  vermehrten,
s0  waren  schon  nach  einigen  Jahren  kleinere  mit  Erdbeeren  bepflanzte
Beete  nicht  nur  in  Gärten  sondern  auch  *i  in  den  Weinbergen
  zu  sehen.

Mit  der  Pflege  dieser  Pflanzen  beschäftigten  sich  zunächst  nur
die  Obsthändler,  welche  ihre  Früchte  auf  dem  Markte  in  Baden  absetzten.
  Dort  sahen  die  übrigen  Landwirte,  daß  sich  die  Erdbeer-Ppflanzungen
  als  sehr  erträglich  erwiesen,  und  sie  versuchten,  einer
nach  dem  andern,  selbst  solche  Pflanzungen  anzulegen.  So  breiteten
sich  diese  immer  mehr  aus  und  schon  bei  Beginn  der  sechziger
Jahre  gab  es  unter  den  Landwirten  Staufenbergs  wenige  mehr,  die
nicht  ein  oder  mehrere  Grundstücke  ausschließlich  mit  Erdbeerpflanzen
  bebauten.  Da  die  Lage  des  Ortes,  der  auf  drei  Seiten  von
Bergen  umgeben  und  dadurch  gegen  die  rauhen  Nord-  und  Ostwinde
  geschützt  ist,  für  diese  Anpflanzung  eine  sehr  günstige  ist,  so.
        <pb n="30" />
        —  21  —

gedeihen  die  Früchte  vortrefflich.  Der  ganze  Ertrag  wurde  immer
noch  nach  Baden  zu  einem  verhältnismäßig  geringen  Preise  verkauft.
Ein  dortiger  Kaufmann  lieferte  die  Früchte  in  größeren  Quantitäten
an.  Konservenfabriken,  besonders  nach  Stuttgart.  Um  höhere  Preise
zu  erzielen,  galt  es  nun  für  Staufenberg  neue  Absatzquellen.
aufzufinden.  In  dieser  Beziehung  war  es  namentlich  der  dortige
Lehrer,  welcher  sich  große  Verdienste  dadurch  erwarb,  dafz  er
durch  Anzeigen,  Zeitungsartikel  und  Reisen  für  das  Bekanntwerden
  des  erdbeerproduzierenden  Staufenberg  sorgte.  So  fanden
die  Staufenberger  Früchte  seit  Ende  der  sechziger  Jahre  auch  in
entfernter  gelegenen  Städten,  wie  Stuttgart,  Deidesheim,  Würzburg
  etc.  großen  Absatz.  Der  Versand  nach  diesen  größeren  Städten
geschieht  stets  im  groen,  wobei  Staufenberg  der  Umstand  sehr  zu
statten  kommt,  daf  1869  die  Eisenbahn  nach  dem  nahe  gelegenen
Gernsbach  eröffnet  wurde.  Ebensoviel  Erdbeeren,  als  im  großen
verkauft  werden,  setzen  Händler  im  Einzelverkaufe  in  den  näher
gelegenen  Städten  ab.

Staufenberg  ist  wohl  gegenwärtig  für  die  Erdbeerkultur  in  ganz
Deutschland  der  bedeutendste  Ort.  Mit  dem  größeren  Absatze  war
natürlich  die  Vermehrung  der  Anpflanzungen  Hand  in  Hand  ge-Sangen
  und  sie  haben  sich  soweit  ausgedehnt,  daß  jetzt  ungefähr
Hektar  mit  Erdbeeren  bepflanzt  sind,  welche  einen  Durchschnittsertrag
  von  mindestens  500  Zentnern  jährlich  ergeben.  Je  nach  der
Größe  des  Ertrags  schwankt  der  Preis  zwischen  30  und  50  Mark
Per  Zentner.  Mit  den  Absatzquellen  für  Erdbeeren  wurden  auch
Ssolche  für  andere  ähnliche  Produkte  aufgefunden,  unter  welchen
hier  besonders  die  Stachelbeere  und  edleres  Obst,  hauptsächlich
Pfirsiche  zu  erwähnen  sind.  Es  werden  in  Staufenberg  jährlich
wohl  ebensoviel  Stachelbeeren  als  Erdbeeren  gewonnen.

Wie  schon  erwähnt,  verdankt  der  Ort  seinen  Wohlstand  fast
ausschliellich  der  Erdbeerkultur.  Sie  erfordert  zwar  viel  Arbeit:
der  Boden  mufß  jährlich  mehreremale  vom  Unkraute  gereinigt,  gehörig
  gelockert  und  gedüngt  werden.  Die  Mühe  ist  nahezu  ebenso
groß  als  in  den  Weinbergen;  dafür  gibt  es  aber  auch  sehr  selten
eine  Mifernte  und  der  Landmann  wird  für  seine  harte  Arbeit
durch  einen  sicheren  Ertrag  reichlich  belohnt.  ·

Nach  „Badische  Fortbildungsschule“.

3.  Aussprüche  über  die  Bedeutung  der  Landwirtschaft.

In  Bayern  überwiegt  als  Grundbesitzer  bei  weitem  der  bäuerliche
  Stand,  der  vielfach  seit  Jahrhunderten  auf  dem  eigenen  Gut
sitat  und,  so  Gott  will,  noch  Jahrhunderte  lang  auf  demselben
sitzen  wird.  Der  Großgrundbesitz  ist  so,  wie  er  im  Osten  von
Deutschland  und  in  anderen  europäischen  Ländern  besteht,  in
Bayern  kaum  vertreten;  Latifundien  gibt  es  kaum.  Derselbe  hat
        <pb n="31" />
        —  22  —

aber  die  große  Bedeutung,  besonders  wenn  er  in  Selbstbewirtschaftung
  steht,  daß  er  den  kleineren  Grundbesitzern  als  Muster
und  Beispiel  dient,  dem  kleineren  Besitzer,  der  nicht  imstande
ist,  Experimente  oder  Versuche  zu  machen,  der  aber,  wenn  er
sieht,  daß  sie  beim  Großgrundbesitzer  von  Erfolg  begleitet  sind,
nicht  zögert  sie  nachzumachen.  Es  wird  vielfach  auf  die  Hilfe  des
Reiches  und  des  Staates  für  die  Landwirtschaft  hingewiesen  und
es  ist  kein  Zweifel,  daff  die  gesetzgeberischen  Mafregeln  derselben.
fördernd  oder  hemmend  auf  die  Landwirtschaft  einwirken  können;
und  es  ist  zu  wünschen,  daff  die  Finanzen  Deutschlands  und  der
Einzelstaaten  es  möglich  machen,  daß  für  die  Landwirtschaft  nach
Kräften  und  noch  mehr  als  bis  jetzt  —  und  man  kann  sagen
teilweise  mit  Erfolg  —  geschehen  ist,  geschehen  möge.  Alle  gesetzgeberischen
  Maßregeln  aber  helfen  nichts,  wenn  nicht  der  Mann
selber  sich  um  seine  Wirtschaft  annimmt.  JNur  der  Landwirt,  der
die  Erfindungen  und  wissenschäftlichen  Entdeckungen  der  Neuzeit
sich  zu  Nutzen  macht,  nur  derjenige,  der  ebenso,  wie  er  es  mit
seinem  Boden  tun  muf,  auch  mit  seinem  Vermögen  wirtschaftet,
das  heiftt  derjenige,  der  seinem  Boden  mehr  zukommen  läßt  als
er  nimmt,  und  ebenso  derjenige,  der  in  seiner  Wirtschaft  mehr
einnimmt  als  ausgibt,  wird  auf  die  Dauer  auf  einen  grünen  Zweig
kommen.  Es  gilt  das  für  den  großen  Besitzer  ebensowohl  wie  für
den  kleinen.  Die  größten  Vermögen  sind  schon  zu  Grunde  gegangen
  und  die  Kleinsten  haben,  wenn  sie  tüchtig  waren,  sich  in
die  Höhe  hinaufgearbeitet.

Auf  eines  möchte  in  noch  besonders  aufmerksam  machen:
Der  Landwirt  muft  nicht  nur  ein  ausgezeichneter  Forst-  und  Landwirt
  sein,  er  muft  insbesondere  auch  ein  guter  Kaufmann  sein.
Denn  was  bilft  es  ihm.  wenn  er  die  besten  Produkte  hervorbringt,
beim  Verkauf  aber  nicht  das  zurückbekommt,  was  er  auf  dieselben
verwendet  hat?  Er  muf  insbesondere  auch  in  der  Beziehung  ein
Kaufmann  sein,  daß  er  die  Verbesserungen  und  die  Meliorationen,
die  er  auf  seinem  Gute  vornimmt,  das  Geld,  welches  er  in  seine
Bauten  und  insbesondere  in  seine  Maschinen  steckt,  amortisiert,
d.  h.,  daft  er  wie  ein  guter  Kaufmann  und  Industrieller  es  tut,
abschreibt;  sonst  stürzt  er  sich  in  Schulden  und  Schulden  sind  leicht

gemacht,  aber  schwer  bezahlt.
Aus  einer  Ansprache  des  Prinzregenten  Ludwig  von  Bayern  (1893).

Der  Ackerbau  ist  die  Grundlage  des  menschenwürdigen  Daseins
  für  uns  alle,  bis  zu  dem  begeisterten  Künstler,  dem  tiefen
Denker,  ja,  bis  zum  Träger  der  Krone  hinauf,  und  aller  Glanz  und
Reichtum  der  Erfindungen  heutiger  Zeit  sind  aus  dem  Schlichten
Urquell  des  Landbaues  entsprungen  und  sinken  zurück  in  ihr

Nichts  ohne  die  stetige  Wendung  der  Scholle  mit  dem  Pfluge  und

der  Hacke.  Dr.  Meyn-Uetersen.
        <pb n="32" />
        —  23  —

Der  Grundbesitz  ist  das  edelste  Gut;
Wie  die  Erd’  in  Gottes  Händen  ruht,
Ob  Stürme  schnauben,  ob  Feinde  toben,
Der  Grund  bleibt  unten,  der  Himmel  oben.
Friedrich  Rückert.

Die  Landwirtschaft  ist  die  Urquelle  der  gesamten  menschlichen
Kultur.  Durch  seine  Arbeit  wird  der  Landwirt  der  Schöpfer  eines
Paradieses  und  dann  kann  er  stolz  sein  Haupt  erheben  und  sich
freuen,  daf  seine  freie  Tätigkeit  unabhängig  vom  Zufall  ist  und  dat
sein  Fleil  erschaffen  kann,  was  vorher  nicht  da  war.  Wenn  diese
Wahrheit  in  dem  Landmann  ein  erhebendes  Selbstgefühl  erregt,
So  legt  sie  ihm  auch  die  Verpflichtung  auf  seinen  Beruf  zu  üben,
wie  es  die  Wichtigkeit  derselben  erheischt.  koppe.

14.  Zei  wem  zönnen  sich  die  bayerischen  Landwirte  in
wirtschaftlichen  Fragen  Rat  erholen?

Die  Organe,  welche  den  bayerischen  Landwirten  bei  ihrem  Betriebe
mit  Rat  und  Tat  an  die  Hand  gehen  sollen,  sind  in  den  letzten  Jahren  bedeutend
  vermehrt  worden.  .

In  erster  Linie  sind  hier  die  K.  Landwirtschaftslehrer  und  landwirtschaftlichen
  Wanderlehrer  an  den  landwirtschaftlichen  Winterschulen  zu
nennen.  Diese  sollen  die  praktischen  Berater  der  Landwirte  ihres  Bezirkes
im  allgemeinen  sein;  sie  haben  insbesondere  dieselben  in  ihren  Betrieben
aufzusuchen  um  ihnen  praktische  Ratschläge  zu  erteilen,  sie  zu  Verbesserungen
anzuregen  und  ihnen  bei  deren  Durchführung  an  die  Hand  zu  gehen.  Solche
Landwirtschaftslehrer  sind  bis  jetzt  aufgestellt  in  Erding,  Landsberg  a.  L.,
Mühldorf,  Pfaffenhofen,  Traunstein,  Wolfratshausen,  Deggendorf,  Kötzting,
  Landshut,  Passau,  Pfarrkirchen,  Straubing,  Alsenz,  Frankenthal,
Haßloch,  Homburg,  Kandel,  Kirchheimbolanden,  Landau,  Speyer,  Wolfstein,
Zweibrücken,  Amberg,  Cham,  Neumarkt,  Regensburg,  Tirschenreuth,
Weiden,  Bamberg,  Bayreuth,  Wunsiedel,  Altdorf,  Ansbach,  Eichstätt,  Fürth,
Hersbruck,  Neustadt  a.  A.,  Weißenburg  i.  Bay.,  Aschaffenburg,  Würzburg,
Augsburg,  Immenstadt,  Kaufbeuren,  Lauingen  und  Neuburg  a.  D.

Neben  diesen  Kräften  stehen  den  Landwirten  zur  Belehrung  in  allgemeinen
  Fragen  die  Sekretäre  der  landwirtschaftlichen  Kreisvereine,  dann
die  Lehrkräfte  an  den  verschiedenen  landwirtschaftlichen  Schulen,  namentlich
an  der  landwirtschaftlichen  Abteilung  der  K.  Technischen  Hochschule  in
München,  an  der  K.  Akademie  für  Landwirtschaft  und  Brauerei  in  Weihenstephan,
  an  den  Landwirtschaftsschulen  Nürnberg  und  Pfarrkirchen,  an
den  Kreisackerbauschulen  zu  Landsberg,  Schönbrunn,  Kaiserslautern  und
Triesdorf  zur  Verfügung.

Auf  dem  Gebiete  des  landwirtschaftlichen  Meliorationswesens  kann
Rat  erholt  werden  bei  den  Vorständen  der  K.  Kulturbauämter  in  München,
        <pb n="33" />
        —  24  —

Ingolstadt,  Weilheim,  Rosenheim,  Mühldorf,  Deggendorf,  Landshut,
Pfarrkirchen,  Neustadt  a.  H.,  Homburg,  Amberg,  Regensburg,  Weiden,
Bayreuth,  Bamberg,  Ansbach,  Nürnberg,  Aschaffenburg,  Würzburg,
Schweinfurt,  Donauwörth,  Günzburg,  Kaufbeuren  und  Kempten.  Für
Fragen  der  Moorkultur  ist  die  K.  B.  Moorkulturanstalt  in  München  mit  ihren
Kulturstationen  in  Bernau  a.  Ch.,  Karlshuld  im  Donaumoose,  Erding  und
Weihenstephan  da.  Uber  Flurbereinigungsunternehmungen  erteilt  die
K.  Flurbereinigungskommission  zu  München  Aufschluß.

Anfragen  bezüglich  der  künstlichen  Dünge=  und  Futtermittel  sowie
der  Saatware  und  dergl.  sind  entweder  an  die  K.  Zentralversuchsstation
München  oder  an  die  betreffende  Kreisversuchsstation  —  Speyer,  Triesdorf,
  Würzburg  und  Augsburg  —  sowie  an  die  K.  Saatzuchtanstalt  Weihenstephan
  zu  richten.

Für  Auskünfte  über  Pflanzenkrankheiten  und  deren  Bekämpfung  ist
vom  K.  Staatsministerium  des  Innern  die  K.  Agrikulturbotanische  Anstalt
zu  München  errichtet  worden.

Als  Beirat  in  Fragen  der  Hopfenkultur  und  -behandlung  ist  der  K.
Landesinspektor  für  Hopfenbau  in  Weihenstephan  bestellt.

Für  den  Obst=  und  Gartenbau  steht  der  dem  K.  Staatsministerium
des  Innern  beigegebene  K.  Landesinspektor  für  Obst=  und  Gartenbau  zur
Verfügung.  Außerdem  sind  fast  in  allen  Kreisen  besondere  Kräfte  zur  Belehrung
  auf  diesem  Gebiete  vorhanden.  Hier  sind  vor  allem  der  Landesverband
  Bayerischer  Obstbauvereine  mit  dem  Sitze  in  Nürnberg  und  die
von  den  einzelnen  Kreisen  aufgestellten  Kreiswanderlehrer  für  Obst=  und
Gartenbau,  dann  die  Vorstände  der  Obst=  und  Gartenbauschule  in  Weihenstephan,
  Veitshöchheim,  Neustadt  a.  H.  und  der  Obst=  und  Weinbauschule
Schlachters  bei  Lindau  zu  nennen.

Belehrung  auf  dem  Gebiete  des  Weinbaues  übernehmen  der  vom
K.  Staatsministerium  des  Innern  aufgestellte  Landesinspektor  für  Weinbau
in  Neustadt  a.  H.,  dann  die  für  die  einzelnen  Weinbaugebiete  aufgestellten
Sachverständigen  in  Reblausangelegenheiten  und  in  Unterfranken  die  Organe
  des  Fränkischen  Weinbauvereins.

Zur  Beratung  in  Fragen  der  Viehzucht,  namentlich  der  Rindviehund
  Schweinezucht,  sind  der  K.  Landesinspektor  für  Tierzucht  im  K.  Staatsministerium
  des  Innern  in  München,  dann  die  in  den  verschiedenen  Zuchtgebieten
  aufgestellten  Zuchtinspektoren  in  Miesbach,  Traunstein,  Weilheim,
Mühldorf,  Pfaffenhofen,  Landshut,  Passau,  Landau,  Kaiserslautern,
Weiden,  Regensburg,  Bamberg,  Bayreuth,  Gunzenhausen,  Ansbach,
Schweinfurt,  Aschaffenburg,  Immenstadt  und  Donauwörth  berufen.

Auf  dem  Gebiete  der  Pferdezucht  geben  die  K.  Landesgestüte  in  Erding,
  Landshut,  Zweibrücken,  Ansbach  und  Augsburg  Aufschluß.

In  Fragen  der  Fischzucht  haben  sich  die  Interessenten  an  den  K.  Landesinspektor
  für  Fischzucht  im  K.  Staatsministerium  des  Innern  in  München
und  an  die  in  den  einzelnen  Kreisen  aufgestellten  Kreisfischereisachverständigen
  sowie  an  die  Geschäftsstelle  des  B.  Landesfischereivereins  in  München
zu  wenden.
        <pb n="34" />
        —  25  —

Zur  Beratung  in  Angelegenheiten  der  Geflügelzucht  sind  die  Vorstände
der  Kreisgeflügelzuchtanstalten  in  Erding  und  Erlangen  sowie  der  Vorstand
des  Landesverbands  Bayerischer  Geflügelzuchtvereine  und  in  Angelegen—
heiten  der  Bienenzucht  der  K.  Landesinspektor  für  Bienenzucht  in  München
und  der  Vorstand  der  K.  Anstalt  für  Bienenzucht  in  Erlangen  bereit.

Für  das  milchwirtschaftliche  Gebiet  sind  der  K.  Landesinspektor  für
Milchwirtschaft  im  K.  Staatsministerium  des  Innern  in  München,  dann  die
von  den  milchwirtschaftlichen  Vereinen  im  Algäu  und  in  Niederbayern  aufgestellten
  Organe  sowie  die  in  einzelnen  Kreisen  aufgestellten  Kreismolkereiinspektoren
  vorhanden.

Anfragen  über  das  landwirtschaftliche  Maschinenwesen  beantwortet
die  K.  Prüfungsanstalt  für  landwirtschaftliche  und  Brauereimaschinen
in  Weihenstephan,  solche  über  landwirtschaftliches  Bauwesen  die  „Baustelle",
die  beim  Bayerischen  Landwirtschaftsrat  in  München  eingerichtet  ist.  Der
Bayerische  Landwirtschaftsrat  hat  für  seine  Mitglieder  außerdem  eine
Rechtsauskunftstelle,  eine  Buchstelle,  eine  elektrotechnische  Beratungsstelle
und  Schlachtviehverkaufsstellen  eingerichtet.

Zu  Aufschlüssen  in  Bezug  auf  das  Genossenschaftswesen  ist  die  Geschäftsführung
  des  Landesverbandes  landwirtschaftlicher  Darlehenskassenvereine
  in  München,  Prinz-Ludwigstraße,  bereit.

Schließlich  können  sich  noch  Landwirte,  welche  als  Nebenbetrieb  eine
Brennerei  besitzen,  bei  dem  Vorstand  des  Brennereitechnischen  Instituts
in  Weihenstephan  Rat  erholen.

Es  ist  hiernach  sicherlich  Fürsorge  getroffen,  daß  die  bayerischen  Landwirte
  und  Vereinigungen  solcher  so  ziemlich  in  allen  an  sie  herantretenden
wirtschaftlichen  Fragen  sich  einen  sachgemäßen,  fast  stets  ohne  Entgelt  gewährten
  Beirat  verschaffen  können.  «

Nach  einer  Zusammenstellung  von  B.  im  „Wochenblatt  des  Landwirtschaftlichen
Vereins  in  Bayern“.
        <pb n="35" />
        II.  Der  Tandwirt  in  Jamilie,  Gemeinde
und  Staat.

—ä

15.  Der  Sonntag  im  Bauernhause.

Der  Sonntag  kam  vom  Himmel  herauf,  hell,  klar,  wunderschön;  die
dunkelgrünen  Grashalme  hatten  mit  Kränzen  ihre  Stirn  geschmückt  und
funkelten  und  dufteten  als  süße  Bräute  in  dem  Tempel  Gottes.  Tausend
Stieglitze,  tausend  Lerchen,  tausend  Amseln  sangen  die  Hochzeitslieder;  mit
weißem  Bart,  ernst  und  feierlich,  aber  mit  den  Rosen  der  Jugend  auf  den
Wangen,  sahen  die  alten  Berge  der  Alpen  nieder  als  Zeugen  auf  die  schöne
Braut  und  als  Gottes  Priesterin  erhob  sich  die  Sonne  hoch  über  alle  und
spendete  in  funkelnden  Strahlen  den  Hochzeitsegen.

Der  tausendstimmige  Gesang  und  des  Landes  Herrlichkeit  hatten  den
Bauer  früh  geweckt;  er  stand  auf,  ging  hinaus  und  wandelte  andächtigen
Gemüts  dem  Segen  nach,  den  ihm  Gott  beschert  hatte.  Er  durchging
mit  hochgehobenen  Füßen  und  langen  Schritten  das  mächtige  Gras,  stand
am  üppigen  Kornmeer  still,  an  den  wohlgeordneten  Pflanzplätzen,  dem  sich
sanft  wiegenden  Flachs;  er  betrachtete  die  schwellenden  Kirschen,  die  von
kleiner  Frucht  starrenden  Bäume  mit  Kernobst;  band  hier  etwas  auf,  sammelte
  dort  etwas  Schädliches  ab  und  freute  sich  bei  allem  nicht  nur  des
Preises,  den  es  kosten  könne,  sondern  auch  des  Herrn,  von  dessen  Güte
die  Erde  voll,  dessen  Herrlichkeit  und  Weisheit  mit  jedem  Morgen  neu  sei.

Im  stillen  dachte  er:  Sieh,  wie  jeder  Baum  in  seiner  Pracht,  jeder
Acker  in  seiner  ganzen  Fülle,  jedes  Geschöpf  mit  seinem  ganzen  Wesen  Gott
preist,  so  sollte  es  auch  jeder  Mensch  tun  aus  Herzensgrund  in  all  seinem
Tun  und  Lassen,  nicht  bloß  mit  dem  Munde.  Ich  und  mein  Weib  und
meine  Kinder  wollen  freilich  dem  Herrn  dienen,  wenn  wir  auch  oft  dagegen
fehlen;  denn  was  hälfe  uns  Gewinn  der  ganzen  Welt,  wenn  wir  Schaden
an  der  Seele  nehmen?  Aber  auch  für  die  Seelen  meiner  Leute  muß  ich
sorgen;  hole  ich  doch  den  Arzt,  wenn  der  Körper  krank  ist.

So  hatte  er  unvermerkt  die  Essenszeit  versäumt.  Als  er  zur  Küchentür
  eintrat  mit  der  freundlichen  Frage:  „Ist  das  Essen  fertig?“  erhielt  er
ebenso  freundlich  zur  Antwort:  „Freilich!  wir  hätten  schon  längst  essen
können,  wenn  du  dagewesen  wärst.  Aber  mit  wem  hast  du  wieder  geplaudert?“
  —  „Mit  dem  lieben  Gott,“  antwortete  er  ernst.  Schweigend
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        —  27  —

schenkte  die  Mutter  den  Kaffee  ein;  eine  Magd  mußte  die  Knechte  rufen
und  die  andre  das  Essen  auftragen.

Als  man  schweigend  gegessen  hatte,  denn  der  Meister  sprach  nicht,
fragte  dieser:  „Wer  geth  heute  zur  Kirche?“  —  „Ich  bin  deshalb  schon
angezogen,  daß  ich  nicht  zu  spät  komme,“  antwortete  die  Mutter  und  die
Kinder  riefen:  „Mutter,  ich  will  mit!“  Zwei  Knechte  aber  und  zwei  Mägde
blieben  stumm.  Als  er  weiter  fragte:  „Will  denn  keins  von  euch?“  fehlte
es  dem  einen  an  Schuhen  und  dem  andern  an  Strümpfen.  Sie  hatten
keine  Lust,  daher  Entschuldigungen  die  Fülle.  Da  sagte  der  Bauer:  „So
kann  das  nicht  mehr  gehen;  das  ist  zu  arg,  daß  zu  jedem  Laufen  Zeit  ist,
nur  nicht  zum  Kirchengehen.  Morgens  am  Sonntag  kann  man  keinen  vom
Haus  bringen  und  am  Nachmittag  ist  es,  als  ob  sie  aus  einer  Kanone  davon
geschossen  werden;  bis  spät  in  die  Nacht  kommt  niemand  heim.  Das  ist
doch  eine  schlechte  Sache,  wenn  man  nur  an  Narrenpossen  denkt,  aber  nie
an  Gott  und  seine  eigene  Seele.  Ich  will  es  euch  geradeaus  sagen:  Kein
Meister  traut  einem  Dienstboten,  der  sich  Gott  aus  dem  Sinn  schlägt  und
ihm  untreu  wird.  So  will  ich  es  aber  nicht  haben  und  überdies  habe  ich
etwas,  das  ihr  mir  heute  besorgen  sollt.  Ich  muß  40  Pfund  Salz  haben,
die  könnt  ihr  beiden  Mägde  mitbringen,  im  Tragen  löst  ihr  euch  einander  ab;
du,  Hans,  gehst  nach  der  Kirche  zum  Müller  und  fragst,  wann  ich  ein  Fuder
Kleie  holen  kann.  Uli  bleibt  bei  mir  im  Haus.“  „Aber,  Vater,  wer  kocht
uns  denn  das  Sonntagsgericht,  wenn  du  alle  fortschickst?“  fragte  die  Frau.
„Unsre  Anna  ist  schon  12  Jahre  alt,  die  kann  nach  dem  Essen  sehen;  lernen
soll  sie  es  doch  und  sie  hat  ihre  Freude  daran,“  war  die  Antwort.  Diese
Befehle  waren  unwiderruflich;  aber  ihnen  zu  folgen  ging  hart;  namentlich
die  beiden  Mägde  konnten  durchaus  nicht  fertig  werden.

Die  Bäuerin  hatte  unterdessen  für  den  Mittag  alles  angeordnet  und
stand  zum  Gehen  bereit,  zwei  Kinder  bei  ihr,  von  denen  der  Knabe  das
Gesangbuch  trug.  Sie  rief  ihrem  Manne  ein  „Behüt  dich  Gott“  zu;  der
Anna  befahl  sie  nicht  zu  viel  Holz  zuzulegen,  denn  das  Fleisch  sei  jung  und
die  Kirche  dauere  mitunter  lang;  aber  noch  immer  waren  die  Mägde  nicht
da.  Endlich  ging  sie  mit  den  Kindern  fort,  indem  sie  die  Mägde  erinnern
ließ  zu  eilen,  daß  sie  zur  rechten  Zeit  in  der  Kirche  seien.  Sie  ging  ihren
ruhigen  gemessenen  Gang,  an  der  Brust  einen  Rosmarinstengel  und  Mutterfreude
  in  dem  Gesichte;  denn  an  der  einen  Hand  hatte  sie  ihren  kräftigen
Jungen  mit  einer  Nelke  an  der  Mütze  und  einem  schönen  rotseidenen  Tuche
um  den  Hals;  an  der  andern  ihr  blühendes  Mädchen,  dessen  Gesicht  ein  weißer
Strohhut  deckte  und  an  dessen  Brust  ich  ein  Sträußlein  wiegte.  Eine  Viertelstunde
  später  liefen  die  Mägde  nach;  eine  mußte  aber  noch  wieder  umkehren
den  vergessenen  Salzsack  zu  holen.

Währenddessen  hatte  der  Meister  seinen  Sonntagsanzug  vollendet,
damit  dem  Sonntag  sein  Recht  geschehe,  obgleich  er  zu  Hause  bleiben  wollte.
Er  stopfte  sich  nun  seine  Pfeife  und  wollte,  ein  getreuer  Wächter  seines
Hauses,  sich  auf  die  Bank  vor  der  Tür  setzen.  Da  sah  er  einen  Stuhlwagen
von  der  Straße  abbiegen  und  auf  sein  Haus  steuern,  das  Pferd  mit  blankem
Geschirr  und  Leute  darauf,  große  und  kleine.  Bald  erkannte  er  seine  Schwe-
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        —  28  —

ster,  welche  mit  ihrem  Manne  und  drei  Kindern  zum  Besuche  kam.
Von  Herzen  hieß  er  sie  willkommen,  half  vom  Wagen  und  führte  sie
ins  Haus.

Auf  die  Frage  der  Schwester,  wo  die  Frau  sei,  gab  er  zur  Antwort;
„In  der  Kirche;  aber  gebt  einen  Augenblick  Geduld,  so  wird  sie  hier  sein;
setzt  euch  nur  nieder.“  Der  Schwager  aber  wollte  erst  sehen,  wo  der  Knecht
sein  Pferd  hingestellt  habe,  und  hören,  wie  er  es  rühme;  deshalb  ging  er
in  den  Stall.  Er  selbst  ging  in  den  Keller,  Butter,  Brot,  Käse,  Rahm  zu
holen;  dieses  übergab  er  Anna,  welche  den  Kaffee  fast  fertig  hatte,  um  den
Tisch  zu  decken,  und  diese  war  froh  wie  eine  Königin,  daß  sie  der  Tante  zeigen
könne,  was  sie  schon  verstehe.  Bald  war  der  Tisch  gedeckt,  eingeschenkt
und  Anna  mußte  zum  Aufwarten  bleiben,  während  der  Vater  noch  ein
Stück  Fleisch  und  einen  Schinken  holte,  der  für  den  Mittag  bestimmt  war.
Sobald  der  Vater  eintrat,  eilte  sie  hinaus,  brachte  das  Fleisch  über  das
Feuer  und  legte  sonst  alles  zurecht,  damit  die  Mutter  es  bei  der  Hand  habe,
wenn  sie  aus  der  Kirche  komme.  Diese  kam;  im  Schweiße  ihres  Angesichts
eilte  sie  daher;  sie  hatte  von  ferne  den  Wagen  vor  der  Tür  gesehen  und
war  in  Angst,  was  sie  den  Gästen  vorsetze.  Ihr  erster  Gang  war  nach  dem
Feuerherd:  hier  fand  sie  alles  vorbereitet  und  begrüßte  ihren  Besuch  mit
heiterem  Gesicht.  Sodann  besorgte  sie  den  Mittag.  Zu  ihrem  Verdruß
ließen  sich  die  Mägde  noch  immer  nicht  sehen  und  konnten  daher  auch  nicht
helfen.

Heiter  ging  der  Mittag  vorüber.  Am  Nachmittag  besuchten  sie  Vieh  und
Feld;  die  Männer  handelten  um  eine  Kuh,  konnten  aber  nicht  einig  werden.

Als  der  Besuch  sich  zur  Abreise  rüstete,  wurde  erst  wieder  der  Tisch
gedeckt,  gehörig  gegessen  und  getrunken,  dann  reisten  sie  ab.  Mutter  und
Tochter  räumten  jetzt  alles  auf;  das  Geschirr  ward  gereinigt,  an  seinen
Ort  gestellt;  die  Sonntagskleider  ausgezogen,  gesäubert  an  ihren  Platz
gehängt,  auch  die  des  Vaters,  der  bereits  sein  Werktagskleid  hervorgesucht
und  angezogen  hatte.  Alle  suchten  ihr  Lager,  nur  der  Hausvater  nicht,  er
mußte  bei  einer  Kuh  wachen.  Aus  „Uli,  der  Knecht“,  von  Jeremias  Gotthelf.

16.  Die  letzte  Macht  im  Elternhause.

Das  griff  ans  herz  und  ich  vergess  es  nimmer:
Es  war  die  letzte  Uacht  im  Uaterhaus;
Zieh'n  sollt  ich  mit  dem  ersten  Frührotschimmer,
Uielleicht  auf  ewig,  in  die  Welt  binaus.

Uoch  lag  ich  schlaflos  auf  dem  weichen  Pfühle;
Denn  viel  bewegte  mir  die  junge  Bruft:
Des  heimwebs  Uorgefühl,  des  Scheidens  Schwüle
Und  hHoffnung  doch  und  rege  Wanderlust.
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        Da  schlug  es  zwölf.  Die  Campe  brannte  trübe
Und  leise  schritt  es  durch  die  Kammertür  —
Ein  Geist  erschien  mir,  doch  ein  Geist  der  Tiebe;
Denn  meiner  Mutter  gleich  erschien  er  mir.

Sie  nahte  still,  als  wollte  sie  nicht  stören
Des  Sohnes,  wie  sie  meinte,  tiefe  Ruh'.
sch  hört'  sie,  doch  ich  schien  sie  nicht  zu  hören;
lch  sah  sie,  doch  ich  schloß  die  Hugen  zu.

Wie  nah'’  ihr  Ocem!  Iihre  hände  lagen
Auf  meinem  haupte  wie  schon  oft  zuvor  —
Erlauscht  ich  auch  nicht  ihrer  Lippen  Klagen,
Mein  herz  vernahm,  was  nicht  vernahm  mein  Ohr.

Dann  fühlt  ich  ihre  Wange  auf  der  meinen  —
Warum  umschlang  ich  liebe  voll  sie  nicht,
Als  ich  sie  weinen  hörte,  schmerzlich  weinen,
Und  eine  Cräne  sfiel  auf  mein  Gesicht?

Und  nochmals  neigte  sie  den  Mund,  den  frommen,
Und  küßte  leise  diele  Cräne  fort.
Drauf  ging  sie  wieder  —  still,  wie  sie  gekommen.
ch  ließ  sie  gehn  und  sprach  dazu  kein  Wort.

Am  Morgen  schied  ich  ohne  ihr  zu  sagen,
Was  ich  geseh'n;  doch  wie  ein  heilig  Gut
Treu  hab'  ich  die  Erinnerung  getragen
Im  herzen,  wo  des  Mienschen  Bestes  vuht.

Und  dann,  als  ich  nach  wechselvollen  Jahren
Am  offnen  Grabe  meiner  Kinder  stand,
Da  hab  ich  tief  erbebend  erst  erfahren,
Was  jene  Nacht  mein  Mütterlein  empfand.

Und  Lieb’  und  Reue,  Dank  und  heißes  sehnen,
sch  kost  sie  täglich,  koste  sie  nicht  aus.
Wohl  bin  ich  glücklich  —  aber  oft  in  Cränen
Denk’'  ich  der  letzten  Dacht  im  Uaterbaus.  B.  Beimann.
        <pb n="39" />
        —  30  —

—17.  cin  Briafwoolsol  æwisehen  Sohn  und  Vator.

Langenbräch  den  §.  Sepfember  1913.

Lieber  Fater!

47  ich  ror  14  Tagen  æum  leteten  Male  bei  Euch  coeite,  enhlte
  ich  von  meinem  PFreounde  Leist,  weleher  mit  mir  in  derselben
WVirtschaft  lernt.  Am  I.  Osctoboer  ist  seine  Lehræeit  vorüber  und  er
2%.  sich  alsckhonn  sofort  aufdie  Wanderschoft  begeben  um  seine  Kenntnisse
  auf  einem  anderen  Gutshofe  zu  vergprößern.  Seimen  Weggang
bedauere  ich  selr,  ioeil  ieh  an  ihm  einen  treuen,  klugen  Fuhrer  hatte,
mit  dem  ich  gern  aæusammen  war.  Ich  möchte  ihm  dankbar  sein  für
alles  Gute,  das  er  mir  erwiesen.  Am  besten  könnte  sch  es  dadurch
tun,  icenn  ich  ihm  gute  Ratschlãge  für  die  Zeit  seiner  weiteren  Ausbildung
  und  seiner  Wanderschaft  erteilen  würde.  Dazu  öin  ich  jedoch
nicht  imstande,  290%½¼  aber  Du,  lieber  Vater!  Du  hast  mir  oft  von  Deiner
Wanderschaft  mit  Begeisterunꝗ  eraählt  und  uwirst  mir  gewiß  umgeltend
Deine  Ansichten  über  das  Wandern  mitteilen,  die  ich  dann  meinem
Freunde  als  Wanderregeln  mit  auf  den  Weg  geben  kann.  Ich  danke
Dir  im  voraus  bestens  für  Deine  Mitteilungen  und  bitte  die  liebe
Mittter  sowie  die  lieben  Geschuister  heræalich  æu  grüßen.

In  dankbarer  Liebe
Dein  Konrad.

Münster  i.  W.  am  12.  Sept.  1913.
Mein  lieber  Konrad!

Gerne  komme  ich  Deiner  Bitte  nach  und  schreibe  Dir  meine  Ansichten
  über  das  Wandern.  Die  gute  alte  Zeit  des  Wanderlebens  ist
freilich  vorüber;  es  geht  jelæt  alles  mit  der  Eisenbahn  und  ivir  sind
direh  Deutschland  geflogen  ohne  es  gesehen  eæu  haben.  Iech  bin
hein  Schwärmer  für  die  hinter  uns  liegenden  Tage  und  mein  Schritt
gelt  voricũrts;  eins  aber  war  schön  an  der  alten  LZeit  und  sollle  trotæ
der  Eisenbalin  und  aller  anderen  Verhelirsmittel  von  der  Jugend  hoch-Healten
  2cerden:  das  Mandern.

s  ist  nicht  so  5alliy  als  qgie  Eisenbafo#t;  man  Tommift  nr
langsam  æum  Ziel  und  wird  muide  dabei;  aber  —  wir  lernen  Menschen
rennen,  mit  Menschen  verkehren  und  vor  allem  andern  sehen  wir,
        <pb n="40" />
        —  31  —

ci#e  schön,  wie  unermeßlieoh  schön  unser  Vaterland  ist.  Wir
faen  es,  daß  es  an  unser  Herz  sich  anschmiegt,  dab  es  uns  um-Fänot
  m  unæerreißbaren  Banden,  und  wir  hören  den  Ituf,  der  an
Jeden  deztschen  Manz  ergeht:  „Schätze  mich“

Handere  im  Frihjahr  Rindu  an  den  Rhein,  durchæiehe  Schioabenland
  und  das  traute  Thüringen.  Sei  ein  willhkommener  Gast  am  wohlgedechten
  Tische  des  westfũlischen  Bauern;  dann  geh  hinab  und  wirf
einen  Bliek  auf  das  ewige  Meer,  an  dessen  Strand  ein  Bollwerk
Deutschlunds,  „Wilhelmshaven“,  liegt.  Ziehe  uweiter  in  die  Gesilde
Schleswig-Holsteins.  Die  alten  Städte  des  Hansabundes  begrüßen  Dich
mit  ihren  unermeßlichen  Ieichtümern,  Berlin  mit  seinen  vielen  glüicklichen
  und  —  leider  aueh  vielen  unglücklichen  Menschen.  Weiter  geht
es  sdivurts  nach  Potsdam  und  Halle  mit  ihren  Erinnerungen  an  den
großen  Köniꝗ  und  den  hindlieh  frommen  August  Hermann  M’ancke.
Versũume  nicht  Thüringens  schöne  Berge  æu  besuchen.  Hier  findest
Du  auch  die  an  geschichtlichen  Erinnerungen  üiberreiche  Wartburg  bei
Eiserach.  Doch  ohne  Aufenthall  weiter  dureh  die  herrlichen  Berge
Bayerns,  die  weinumrankten  Hõhen  Sachsens,  ostrockrts  ins  Urgebirge
Deutschlands,  ins  Riesengebirge.  Ja,  Deutschland  ist  schön  und  auch
die  Ebenen  Ost-  und  Westpreußens  sind  nicht  reiælos;  denn  Hüugel,
Seen  und  Wäãlder  schaffen  mannigfache  Abuwechslung.

Was  ist  es  u#n,  2bas  di  Vöeral!  siehst,  ioas  ist  es,  das  aus  den
Augen  der  meisten  Bewohner  Dir  entgegenleuchtet,  das  Dich  üuberall
rwillkommen  sein  läßt?  Ist  es  das  Wonhlleben  des  Volkes?  Vein.  Du
wirst  überall  viele  Menschen  finden,  die  mit  ihrem  Lose  nicht  æaufrieden
sind;  die  gibt  es  im  Westen  wie  im  Osten;  aber  warum  sind  der
leteteren  gottlob  auf  dem  Lande  80  wenige  im  Fergleich  æu  den  Bewohnern
  der  Städte,  die  trotæ  größeren  Perdienstes  und  bequemeren
Lebens  rceit  unæufriedener  sind?

Siehe,  das  ist  der  Segen  des  Eigentums,  des  Besitaes,  und
sei  es  nur  ein  Stückehen  Landes,  sei  es  nur  eine  Hüutte,  deren  Dach
auf  den  Boden  stößt;  das  ist  der  Segen  des  Daseins  in  und  mit  der
schönen  Gottesnatur,  des  Lebens  im  friedlichen  Reiche  der  Pflaneenwelt,
  unter  dem  blauen  Himmel,  über  dem  wir  den  Hort  der  Gottesliebe
  au  finden  hoffen;  das  ist  die  Freude  am  friedlichen  Kampfe
mit  den  Gewalten  des  Naturlebens.  Dberalt  ist  das  Leben  ein
Kampf,  der  da  am  schuersten  ist,  wo  auch  der  Mensch  als
Gegner  auftritt.  Auf  dem  Lande,  200  auch  der  uwenig  beqgüterte
        <pb n="41" />
        —  32  —

Mann  sich  ein  Heim  gründen  Kanzn,  herrscht  noch  Zufriedenheit  und
durch  diese  zoir#liches  Gudct.

Unsere  Zuhunftspropheten  aber,  die  der  Menschheit  das  Glüch
dor  gleichen  Stellung  bringen  rcollen,  Kennen  das  Gldch  der  Zufriedenheit
  nicht;  sie  hennen  nicht  die  Freude  am  eigenen  Besitæe,  nicht  das
Foriodrisstreben  nach  selbsteriwoorbenem  Bigentum  in  friedlichem  Verrehr
  mit  unseren  Nebenmenschen.  Auch  aufs  Land  uwollen  sie  den  Neid
und  Haß  tragen  und  die  friedlieh  sich  ihr  Brot  verdienenden  Menschen
unæufrieden  machen,  indem  sie  denselben  die  Schũtaæe  #rer  Märchen-#belt
  zeigen.

Darum  lerne  in  der  Fremde  unser  Fraffvolles  Landvolk  Kenzen,
das  Sich  2roeder  den  Boden  unter  den  F#n  noch  das  Geld  aus  dem
Beutel,  am  allerwenigsten  aber  den  Gott  aus  dem  Herzen  rauben  làfßt.
Lerne  unser  deutsches  Volk  hennen  und  lieben;  dann  wirst  Du  ihm
nie  und  nimmer  das  sogenannte  Glückh  der  Gleichstellung  wünschen,
das  erst  recht  nieht  aufs  Land  gehört  und  dort  nur  namenloses  Elend
stiften  würde.

Der  Landbau  ist  eine  der  Wuraeln  des  Volksiwohles  und  der  Gesundheit
  jeder  Nation,  und  wenn  Du  mit  offenen  Augen  durch  dio
Dörfer  und  Stàdtchen  wanderst,  dann  wirst  Du  erkennen,  daß  diese
Wuraeln  der  deutschen  Nation  stark  und  gesund  sind.

Das  Wandoern  hat  einen  eigenen  Reieæ  und  verfuührt  leicht  æaur
Wanderlust,  d.  i.  aum  Vagabundentum.  Man  muuß;  stets  bedenken,
daß  uns  das  Wandern  Gelegenheit  geben  soll,  die  Welt,  die  Menschen
und  die  Arbeit  hennen  eæu  lernen.  Trauriq,  wenn  die  Not  æaum
Wandern  treibt;  der  tüchtige  Arbeiter,  der  voriwärtsstrebende  Landuirt
und  Handuerker,  der  gewandte,  brauchbare  Kaufmann  aber  finden
fast  immer  Arbeit.  LZeugnisse  und  Papiere  hübsch  in  Ordnung,  den
Anæug  reinlich  und  ganæ,  Lebensmut  und  Arbeitslust  im  Coesichee,
ein  freundliches  Wort  auf  den  Lippen,  das  alles  findet  im  deutschen
Vaterlande  noch  immer  ein  Heim.  Vor  allem  aber  beheraige  Dein
Freund  den  Spruch.  „Geh  ohne  Gottes  Geist  und  Wort  niemals  aus

deinem  Hause  fort“  und  die  trefflichen  Worte,  Des  Paters  Abschicedswort«
  von  J.  Sturm.

Da  toanderst  in  die  Welt  hinaus
Auf  dir  noch  fremden  Wegen;
Doch  folgt  dir  aus  dem  stillen  Haus
Der  treusten  Liebe  Segen.
        <pb n="42" />
        —  33  —

Ein  Ende  nahm  das  leichte  Sviel;
Es  naht  der  Ernst  des  Lebens;
Behalt  im  Auge  fost  dein  Zicz,
Geh  keinen  Schritt  rergebens“

Nimm  auf  die  Schultern  Last  und  Müinh
Mit  frohem  Gottvertrauen

Und  lerne,  wirkend  spũt  und  früh,

Den  eignen  Herd  dir  batten“

Wer  sich  de  Elre  zodhlf  ↄum  Hort,
Den  kann  nkein  Schalk  verführen;
Gerader  We9,  gerades  Wort

Sol  dich  zm  Eiele  Führen.

Halt  hoch  den  Kopf,  was  dir  auch  droht,
Und  werde  nie  aum  Knechte;

Brich  mit  dem  Armen  gern  dein  Brot
Und  rcahre  seine  Eechte!

Dreib  nie  mit  heil'gen  Dingen  Spott
Und  ehr'  auch  fremden  Glauben
Und  laß  dir  deinen  Herrn  und  Gott
Von  Keinem  Laveifler  rauben

Und  men  ein  letster  Druck  der  Hand

Und  eine  letzte  Biiffe

Bewahr'  dir  treu  im  fremden  Land
Des  Vaterhauses  Sitte!

Grũße  Deinen  Freund  und  nimm  auch  Du  von  uns  allen  die
besten  Gruũiße  entgegen.

Dein  treuer  Vater.
Naen  Th.  Lange.

18.  Der  Bauer  Johannes  ermahnt  seinen  Knecht  Uli.

E8  herrscht  in  vielen  Bauernhäusern  und  in  solchen,  wo  das
Besitztum  sich  lange  in  der  Familie  fortgeerbt,  Familiensitte  sich  gefestigt
  hat,  Familienehre  entstanden  ist,  die  sehr  schöne  Gewohnheit,
durchaus  keinen  Zank,  keinen  heftigen  Auftritt  zu  veranlassen,  der
irgend  der  Nachbarn  Aufmerksamkeit  auf  sich  ziehen  könnte.  In

Maier-Bode,  Lesebuch,  3.  Aufl.  3
        <pb n="43" />
        —  34  —

stolzer  Ruhe  liegt  das  Haus  mitten  in  den  grünen  Bäumen,  in  ruhigem,
gemessenen  Anstande  bewegen  sich  um  und  in  demselben  seine  Bewohner
und  über  die  Bäume  schallt  höchstens  das  Wiehern  der  Pferde,  aber
nicht  die  Stimme  der  Menschen.  Es  wird  nicht  viel  und  laut  getadelt.
Mann  und  Weib  tun  es  gegen  einander  nie,  daf  es  andere  hören,
über  Fehler  der  Dienstboten  schweigen  sie  oft  oder  machen  gleichsam
im  Vorbeigehen  eine  Bemerkung,  lassen  bloß  ein  Wort,  eine  Andeutung
fallen,  welche  nur  das  Ohr  dessen  erreicht,  dem  sie  gilt.  Wenn  etwas
Besonderes  vorgefallen  oder  das  Maf  voll  geworden  ist,  so  rufen  sie
den  Sünder  ins  Stübli,  und  zwar  so  unbemerkt  als  möglich,  oder  suchen
ihn  bei  einsamer  Arbeit  auf  und  lesen  ihm  unter  vier  Augen  ein
Kapitel,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  und  dazu  hat  sich  der  Meister  gewWöhnlich
  recht  vorbereitet.  Er  liest  dies  Kapitel  in  voller  Ruhe,  recht
väterlich,  verhehlt  dem  Sünder  nichts,  auch  das  Herbste  nicht,  läßt
ihm  aber  auch  Gerechtigkeit  widerfahren,  stellt  ihm  die  Folgen  seines
Tuns  in  Bezug  auf  sein  zukünftig  Schicksal  vor.  Und  wenn  der
Meister  fertig  ist,  so  erscheint  die  Sache  so  weit  abgetan,  daf  der
Abkapitelte  oder  die  anderen  im  Betragen  des  Meisters  durchausnichts
  spüren,  weder  Bitterkeit  noch  Heftigkeit  noch  etwas  anderes.
Diese  Kapitel  sind  meist  von  guter  Wirkung  wegen  des  Väterlichen,
welches  darin  vorherrscht,  wegen  der  Ruhe,  mit  welcher  sie  gehalten
werden,  wegen  der  Schonung  vor  andern.  Von  der  Selbstbeherrschung
und  ruhigen  Gemessenheit  in  solchen  Häusern  vermag  man  sich  kaum
eine  Vorstellung  zu  machen.

Unter  solchen  äußeren  Verhältnissen  lebte  der  Bauer  Johannes  mit
seinen  Hausgenossen.  Uli,  des  Meisters  Knecht,  war  ein  großer,  schöner
Bursche,  noch  nicht  20  Jahre  alt,  von  kraftvollem  Ausschen,  aber
mit  einem  Ausdruck  im  Gesichte,  welcher  nicht  auf  Mäßigkeit  schließen
ließ.  Er  war  vom  gestrigen  Sonntagsvergnügen,  wie  öfters  vorher,  mit
wüstem  Kopfe  heimgekehrt.  Wohl  empfand  er  das  Unrechte  seines
Gebahrens,  wohl  ahnte  er,  was  es  bei  seiner  bisherigen  Lebensart  für
ein  Ende  mit  ihm  nehmen  müsse;  aber  Scham  und  finsterer
Trotz  verdunkelten  seinen  sonst  hellen  Blick  und  verschlossen
sein  Herxz.

Johannes  rief  ihn  am  Montag  vormittags  ins  Stübli  und  hub  also
an:  „Hör’'.  Uli,  so  kann  es  nicht  länger  fortgehen,  du  tust  mir  zu  wüst,
dein  Betrinken  kommt  mir  zu  oft  wieder;  ich  will  meine  Rosse  und
Kühe  keinem  anvertrauen,  der  den  Kopf  voll  Branntwein  oder  voll
Wein  hat,  einen  solchen  darf  ich  nicht  mit  der  Laterne  in  den  Stall
lassen  und  ganz  besonders  nicht,  wenn  er  noch  dazu  tubaket  wie  du:
es  sind  mir  schon  viele  Häuser  so  verleichtsinnigt  worden.  Ich  weiß
auch  gar  nicht,  was  du  auch  sinnst  und  was  du  denkst,  wo  das  hinaus
will?“  Er  habe  noch  nichts  verleichtsinnigt,  antwortete  Uli,  er  habe
seine  Arbeit  immer  noch  gemacht,  es  habe  sie  ihm  niemand  noch  zu
machen  brauchen,  und  was  er  trinke,  zahle  ihm  niemand;  was  er
vertrinke,  gehe  niemanden  an,  er  vertrinke  sein  Geld.
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„Aber  es  ist  mein  Knecht,“  antwortete  der  Meister,  „der  sein  Geld
vertrinkt,  und  wenn  du  wüst  tust,  so  geht  es  über  mich  aus  und
die  Leute  sagen,  das  sei  des  Bodenbauern  Knecht  und  sie  wüttten.
nicht,  was  er  auch  sinne,  dafz  er  ihn  so  machen  lasse  und  daß  er  so
einen  haben  möge.  Du  hast  mir  noch  kein  Haus  verleichtsinnigt,  aber
denk’  Uli,  wär's  denn  nicht  an  einemmal  zu  viel?  Und  hättest  du  noch
eine  ruhige  Stunde,  wenn  du  denken  müßtest,  du  hättest  mir  mein
Haus  verleichtsinnigt?  Und  wenn  wir  und  die  Kinder  dann  noch  darin
bleiben  und  verbrennen  müßten?  Und  was  ist's  mit  deiner  Arbeit?
Es  wäre  mir  fast  lieber,  du  lägest  den  ganzen  Tag  im  Bette.  Du
schläfst  ja  beim  Melken  unter  den  Kühen  ein,  sichst,  hörst,  riechst
nichts  und  stolperst  im  Hause  herum,  wie  wenn  du  sturm  wärest  an
der  Leber.  Es  ist  ein  Elend,  daft  du  an  nichts  als  an  dein  Vergnügen
denkst.“  Solches  nehme  er  nicht  an,  sagte  Uli,  und  wenn  er  ihm  nicht
genug  arbeiten  könne,  so  wolle  er  gehen.  Aber  so  sei  es  heutzutage,
man  könne  keinem  Meister  mehr  genug  arbeiten,  wenn  man  schon
immer  mache;  es  sei  einer  wüster  wie  der  andere.  Lohn  wollten  sie
e  länger  je  weniger  geben  und  das  Essen  werde  alle  Tage  schlechter.
Am  Ende  werde  man  noch  Erdfföhe,  Käfer  und  Heustüffel  zusammenlesen
müssen,  wenn  man  Fleisch  haben  wolle  und  Fett  im  Kraut!  „Hör’  Uli.“
Sagte  der  Meister,  „du  bist  noch  sturm,  ich  hätte  noch  nichts  zu  dir
Sagen  sollen.  Aber  du  kannst  mich  dauern,  du  wärest  sonst  ein  braver
Bursch  und  könntest  arbeiten.  Ich  habe  eine  Zeit  lang  geglaubt,  es
gebe  etwas  Rechtes  aus  dir,  und  ich  habe  mich  gefreut.  Aber  seitdem
du  das  Wirtshausgelauf  angefangen,  bist  du  ganz  ein  anderer  geworden.
  Es  ist  dir  an  nichts  mehr  gelegen,  hast  einen  bösen  Kopf,
und  wenn  man  dir  etwas  sagt,  so  hängst  du  einem  das  böse  Maul
an  oder  schmollst  eine  ganze  Woche  lang.  Zähle  darauf,  du  wirst
unglücklich.  Leicht  kannst  du  dein  Leben  lang  auf  diesem  Wege  in
der  teuren  Zeit  sein  wie  so  viel  tausend  andere,  die  es  gerade
machten  wie  du  und  jetzt  im  Elend  sind  und  in  der  teuren  Zeit.
Denn  für  einen,  der  nichts  vermag,  der  immer  zu  wenig  hat,  der  ent-Weder
  betteln  oder  Schulden  machen  oder  hungern  muß,  währt  ja
die  teure  Zeit,  wie  wohlkeil  es  übrigens  sein  mag,  von  Jahr  zu  Jahr,
in  alle  Ewigkeit.  Geh  jetzt,  besinne  dich,  und  wenn  du  dich  nicht
ändern  willst,  so  kannst  du  in  Gottes  Namen  gehen,  ich  begehre  dich
nicht  mehr.  Gib  mir  in  acht  Tagen  den  Bescheid.“  Da  hätte  er  sich
bald  ausbesonnen  und  brauche  nicht  acht  Tage  dazu,  brummte  Uli
im  Hinausgehen;  aber  der  Meister  tat,  als  höre  er  es  nicht.

Uli  war  bitterbös,  als  sei  ihm  das  gröfte  Unrecht  geschehen.  Er
warf  das  Werkzeug  herum,  als  ob  alles  drauf  müfßte  an  einem  Tage,
und  die  Tiere  brüllte  er  an,  daff  es  dem  Meister  in  alle  Glieder  kam;
allein  dieser  hielt  an  sich  und  sagte  nur  ein  einziges  Mal:  „Nume
hübschelil  Als  indessen  die  Wein-  und  anderen  Geister  den  Auf-Beregten
  verließen  und  die  frühere  Spannung  einer  unerträglichen
Mattigkeit  Platz  machte,  da  fingen  des  Meisters  Worte  an  zu  wirken;
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nun  ärgerte  er  sich  nicht  mehr  über  den  Meister,  der  ihm  seine  Liederlichkeit
  vorgehalten  hatte,  sondern  über  sich,  daß  er  so  liederlich  gewesen.
  Trotzdem  gab  er  kein  gutes  Wort  und  es  schien  ihm  nichts
recht.  Er  war  zerfallen  mit  sich  selbst  und  mit  der  ganzen  Welt.
Aber  des  Bauern  ruhiges,  ernstes  Wesen  gegen  ihn  schmolz  endlich
die  Eiskruste  der  Selbstverblendung  und  führte  Uli  nach  und  nach  nicht
nur  zu  guten  Vorsätzen  sondern  auch  zu  völliger  Umkehr.  So  blieb  er
bei  seinem  Meister  als  Knecht,  bis  er  durch  dessen  Vermittlung  nach
Jahren  einen  einträglicheren  Platz  erhielt.  Durch  Sparsamkeit  und  freundliche
  Beihilfe  seines  fräheren  Herrn  sehen  wir  ihn  endlich  selbständig

werden.  Aus  „Uli,  der  Knecht“,  von  Jeremies  Gotthelf.

19.  Vom  Dienen.

Der  Bauer  Johannes  spricht:  „Ich  denke  mein  Lebtag  daran,  wie
unser  Pfarrer  uns  das  Dienen  ausgelegt  hat  in  der  Unterweisung  und
wie  er  die  Sache  so  deutlich  gemacht  hat;  man  hat  ihm  müssen  glauben
und  es  ist  mancher  glücklich  geworden,  der  ihm  geglaubt  hat.  Er  hat  gesagt:
Alle  Menschen  empfingen  von  Gott  zwei  große  Kapitalien,  die  man  zinsbar
zu  machen  habe,  nämlich  Kräfte  und  Zeit.  Durch  gute  Anwendung  derselben
  müßten  wir  das  zeitliche  und  ewige  Leben  gewinnen.  Nun  habe
mancher  nichts,  woran  er  seine  Kräfte  üben,  seine  Zeit  nützlich  und  abträglich
gebrauchen  könne;  er  verleihe  daher  seine  Kräfte,  seine  Zeit  jemandem,  der
zu  viel  Arbeit,  aber  zu  wenig  Zeit  und  Kräfte  habe,  um  einen  bestimmten.
Lohn;  das  heiße  dienen.  Nun  sei  dies  eine  gar  traurige  Sache,  daß  die
meisten  Dienstboten  ihr  Los  als  ein  Unglück  betrachteten  und  die  Meisterleute
  als  ihre  Feinde  oder  wenigstens  als  ihre  Unterdrücker,  daß  sie  es  als
einen  Vorteil  ansehen,  im  Dienste  so  wenig  als  möglich  zu  machen,  so  viel
Zeit  als  möglich  verlaufen  und  verschlafen  zu  können,  daß  sie  untreu  würden;
denn  sie  entzögen  dem  Meister  das,  was  sie  verliehen,  verkauft  hätten,
die  Zeit.  Wie  aber  jede  Untreue  sich  selbst  bestrafe,  so  führe  auch  diese  Untreue
  gar  fürchterliche  Folgen  mit  sich;  denn  so  wie  man  untren  sei  gegen
seinen  Meister,  sei  man  auch  untreu  an  sich.  Es  gebe  jede  Ausübung  unvermerkt
  eine  Gewohnheit,  welche  man  nicht  mehr  loswerde.  Wenn  so
ein  Knechtlein  jahrelang  so  wenig  als  möglich  getan,  so  langsam  als  möglich
an  einer  Sache  gemacht,  allemal  gebrummt  habe,  wenn  man  ihm  etwas
zugemutet,  entweder  auf  und  davon  gemacht  habe,  unbekümmert  wie  es
komme,  zu  nichts  Sorge  getragen,  so  viel  als  möglich  unnütz  gebraucht,
nie  Angst  gehabt,  sondern  für  alles  gleichgültig  gewesen  sei,  so  gebe  das  erstlich
eine  Gewohnheit  und  die  könne  es  später  nicht  mehr  ablegen.  Zu  allen
Meistern  bringe  es  diese  Gewohnheit  mit,  und  wenn  es  am  Ende  für  sich
selbst  sei,  sich  verheirate,  wer  müsse  dann  diese  Gewohnheiten,  diese  Trägheit,
Schläfrigkeit,  Meisterlosigkeit,  Unzufriedenheit  haben  als  es  selbst?  Es
müsse  sie  tragen  und  alle  Folgen,  Not  und  Jammer  bis  ins  Grab,  durch  das
Grab  bis  vor  Gottes  Richterstuhl.  Man  solle  doch  nur  sehen,  wie  viele  tausend
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        —  37  —

Menschen  ihren  Mitmenschen  zur  Last  seien  und  Gott  zur  Ärgernis  und  sich  als
widerwärtige  Geschöpfe  herumschleppten,  den  Denkenden  als  sichtbare  Zeugnisse,
  wie  die  Untreue  sich  selbst  straft.  Aber  so  wie  man  durch  sein  Tun  sich  inwendig
  eine  Gewohnheitbereite,  so  mache  man  sich  zweitens  nach  außen  einen
Namen.  An  diesem  Namen,  an  dem  Ruf,  der  Geltung  unter  den  Menschen,
arbeite  ein  jeder  von  Kindesbeinen  an  bis  zum  Grabe;  jede  kleine  Ausübung,
ja  jedes  einzelne  Wort  trage  zu  diesem  Namen  bei.  Dieser  Name  öffne  oder
versperre  uns  Herzen,  mache  uns  wert  oder  unwert,  gesucht  oder  verstoßen.
Wie  gering  ein  Mensch  sein  möge,  so  habe  er  doch  einen  Namen,  ihn  betrachteten
  die  Augen  seiner  Mitmenschen  und  urteilten,  was  er  ihnen  wert
sei.  So  mache  auch  iedes  Knechtlein  an  seinem  Namen  unwillkürlich  und
nach  diesem  Namen  kriege  es  Lohn,  dieser  Name  breche  ihm  Bahn  oder
verschließe  sie  ihm.  Da  könne  eines  lange  reden  und  über  frühere  Meisterleut’
  schimpfen,  es  mache  damit  seinen  Namen  nicht  gut,  sein  Tun  habe  ihn
längst  gemacht.

Ein  solcher  Name  werde  stundenweit  bekannt,  man  könne  nicht  begreifen
wie.  Es  sei  eine  wunderbare  Sache  um  diesen  Namen  und  doch  beachten
ihn  die  Menschen  viel  zu  wenig  und  namentlich  die,  welchen  er  das  zweite
Gut  sei,  mit  dem  sie,  verbunden  mit  der  inneren  Gewohnheit,  ein  drittes,
ein  gutes  Auskommen  in  der  Welt,  Vermögen,  ein  viertes,  den  Himmel
und  seine  Schätze  erwerben  sollten.  Er  frage  nun,  wie  ein  elender  Tropf
einer  sei,  wenn  er  schlechte  Gewohnheiten,  einen  schlechten  Namen  habe  und
um  Himmel  und  Erde  komme.

Daher  solle  jeder,  habe  der  Herr  Pfarrer  gesagt,  der  in  Dienst  trete,  den
Dienst  nicht  betrachten  als  seine  Sklavenzeit,  den  Meister  als  den  Feind,
sondern  als  eine  Lehrzeit  und  den  Meister  als  eine  Wohltat  Gottes;  denn
was  sollten  die  Armen,  d.  h.  die,  welche  nur  Zeit  und  Kräfte,  also  doch
eigentlich  viel  hätten,  anfangen,  wenn  ihnen  niemand  Arbeit  und  Lohn  zu
geben  hätte?  Sie  sollen  die  Dienstzeit  betrachten  als  eine  Gelegenheit  sich
an  Arbeit  und  Emsigkeit  zu  gewöhnen  und  sich  einen  recht  guten  Namen
zu  machen  unter  den  Menschen.  In  dem  Maße,  als  sie  dem  Meister  treu
seien,  seien  sie  es  auch  an  sich,  und  wie  der  Meister  an  ihnen  gewinne,  gewinnen
  sie  selbst  auch.  Sie  sollen  ja  nie  meinen,  nur  der  Meister  ziehe
Nutzen  aus  ihrem  Fleiße;  sie  gewinnen  wenigstens  ebensoviel  dabei.  Kämen
sie  auch  zu  einem  schlechten  Meister,  so  sollten  sie  auch  da  nicht  suchen  ihn
zu  strafen  durch  schlechte  Aufführung;  sie  täten  damit  nur  sich  selbst  ein  Leid
an  und  schadeten  sich  innerlich  und  äußerlich.

Wenn  nun  so  ein  Dienstbote  immer  besser  arbeite,  immer  treuer  und
geschickter  werde,  so  sei  das  sein  Eigentum  und  das  könne  niemand  von
ihm  nehmen  und  dazu  besitze  er  einen  guten  Namen,  die  Leute  hätten  ihn
gern,  vertrauten  ihm  viel  an  und  die  Welt  stünde  ihm  offen.  Er  möge
vornehmen,  was  er  wolle,  so  finde  er  gute  Leute,  die  ihm  hülfen,  weil  sein
guter  Name  der  beste  Bürge  für  ihn  sei.  Man  solle  doch  nur  darauf  achten,
welche  unter  ihnen  zu  Eigentum  und  Ansehen  kämen.

Danx  hätte  der  Pfarrer  noch  ein  drittes  gesagt.  Er  hat  gesagt,  der
Mensch  wolle  Freude  haben  und  müsse  Freude  haben,  besonders  in  der
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        —  38  —

Jugendzeit.  Hasse  nun  ein  Dienstboten  seinen  Dienst,  sei  ihm  die  Arbeit
zuwider,  so  müsse  er  eine  besondere  Freude  suchen.  Er  fange  daher  an  zu
laufen,  mit  schlechten  Sachen  sich  abzugeben,  und  habe  daran  seine  Freude
und  sinne  daran  Tag  und  Nacht.  Sei  aber  einem  Knecht  oder  einer  Magd
das  Licht  aufgegangen,  daß  sie  etwas  werden  möchten,  und  der  Glaube
gekommen,  daß  sie  etwas  werden  könnten,  so  liebten  sie  die  Arbeit,  hätten
Freude  daran,  etwas  zu  lernen,  etwas  recht  zu  machen,  Freude,  wenn  ihnen
etwas  gelinge,  wachse,  was  sie  gesät,  fett  werde,  was  sie  gefüttert;  sie  sagten
nie,  was  frage  ich  dem  nach,  was  geht  mich  das  an,  ich  habe  so  nichts  davon.
Ja,  sie  hätten  eine  eigentliche  Lust  daran  etwas  Ungewohntes  zu  verrichten,
etwas  Schweres  zu  unternehmen;  dadurch  wüchsen  ihre  Kräfte  am  besten,
machten  sie  sich  den  besten  Namen.  So  hätten  sie  auch  Freude  an  des  Mei—
sters  Sache,  seinen  Pferden,  seinem  Vieh,  seinem  Korn,  seinem  Gras,  als
ob  es  ihnen  gehöre.  Woran  man  Freude  habe,  daran  sinne  man  auch,  da
habe  man  das  Herz.  Habe  nun  der  Knecht  seinen  Dienst  im  Kopf,  erfülle
ihn  der  Trieb,  so  ein  vor  Gott  und  Menschen  recht  tüchtiger  Mensch  zu  werden,
so  habe  der  Teufel  wenig  Macht  über  ihn,  könne  ihm  nicht  böse  Sachen  eingeben,
  wüste  Sachen,  an  die  er  Tag  und  Nacht  denke,  so  daß  er  keinen  Sinn
für  seine  Arbeit  habe,  und  die  ihn  noch  von  einem  Laster  zum  andern  zögen
und  innerlich  und  äußerlich  verdürben.  Das  hat  der  Pfarrer  gesagt;  es  ist
mir,  als  ob  es  heute  wäre,  als  er  uns  das  sagte,  und  ich  habe  schon  hundertmal

  gesehen,  daß  er  recht  hatte.  Aus  „uUli,  der  Knecht,“  von  Jeremias  Gotthelf.

20.  Spruchweisheit  in  der  Herren-  und  Gesindestube.
«  1.

Des  Herren  Tritt  den  Acker  düngt,
Des  Herren  Aug'’  das  Vieh  velüngt,
Des  Herren  Gegenwärtigkeit

Häalt  in  Gehorsam  Knecht  und  Maid;
Wo  der  Herr  nicht  selber  kommet  hin,
De  ist  gewihlich  schlecht  Gewinn.

II.

Das  Wetter  kennt  man  am  Wind,
Den  Vater  am  Kind,

Den  Herrn  am  Gesind,

Den  Vogel  am  Gesang,

Den  Hafen  am  Klang.,

Den  Esel  an  den  Ohren,

An  den  Worten  den  Toren.

III.
Ein  fleiliger  Hausvater  macht  hurtig  Gesinde.—  Nicht  aufseine  Leute
passen,  heißt  den  Geldsack  offen  lassen.  —  Eine  fleilige  Hausfreu  ist  die
beste  Sperbüchse.  —  Des  Herrn  Auge  macht  das  Vieh  fett.  —  Selbstgetan
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        —  39  —

ist  bald  getan.  —  Selbst  ist  der  Mann.  —  Hilf  dir  selbst,  so  hilft  dir  Gott.  —
Wenn  der  Herr  kurzsichtig  ist,  ist  der  Knecht  gar  blind.  —  Wie  das  Haupt,
so  die  Glieder.  —  Wie  der  Herr,  so  der  Knecht.  —  Ordnung  und  Hut  erhalt
  des  Bauern  Gut.  —  de  schärfer  die  Rute,  je  besser  des  Kind.  —  Allzu
  scharf  macht  schaftig.  —  Gute  Gewöhnung  ist  gute  Erziehung.  —  Wie
die  Alten  sungen,  so  Zwitschern  auch  die  Jungen.

IV.

Treue  hat  Brot,  Untreue  leidet  Not.  —  Ein  schlechtes  Pferd,  das  sein
Futter  nicht  verdient.  —  Untreue  schlägt  den  eigenen  Herrn.  —  Hunger  ist
der  beste  Koch.  —  Sluchen  läutet  dem  Teufel  zur  Messe.  —  Tierschinder,
Leuteschinder.  —  Den  Geschickten  hält  man  wert,  den  Ungeschickten  niemand
  begehrt.  —  Wer  will  mit  essen,  muß  auch  mit  dreschen.  —  Aus
einem  Funken  wird  ein  Feuer.  —  Junges  Blut,  spar’'  dein  Gut,  Armut  im
Alter  wehe  tut.  —  Das  schlechteste  Rad  am  Wagen  knarrt  am  meisten.  —
Wer  gut  schmiert,  der  gut  fährt.  —  Wie  die  Arbeit,  so  der  Lohn.  —  Halte
Ordnung,  liebe  sie,  sie  erspart  dir  Zeit  und  Müöh’'’.  —  Wer  zu  früh  will  Herr

Sein,  muß  lange  Knecht  sein.  .
Nach  dem  Lesebuch  von  Hollmann-Knak.

21.  Im  Austrag.

Austrag,  so  heißt  der  kleine  Anbau  am  Hofe,  aus  welchem  heute  der
alte  Bauer  zum  ersten  Male  herausschaut.  Bei  dem  Anblicke  des  Lebens  und
Treibens  auf  dem  Hofe  vergißt  er  jedoch,  daß  er  das  Gut  übergeben  und
nichts  mehr  zu  befehlen  hat.  „Ei,  Marie,“  schreit  er  nach  dem  Brunnen
zu,  „hau  doch  die  Kuh  nicht  unnötig  und  laß  sie  in  Frieden  saufen!  Kannst
doch  die  andern  zurückhalten,  bis  die  ersten  genug  haben;  denn  so  ver—
drängen  sie  einander  und  die  Hälfte  geht  durstig  in  den  Stall.“  Die  Magd
tut,  als  höre  sie  ihn  nicht.  „Karl,“  ruft  nun  der  Alte  wieder,  „mach'  doch
dem  Schimmel  die  Zugstricke  länger,  er  muß  ja  den  ganzen  Wagen  allein
ziehen  und  der  faule  Braune  geht  leer  nebenher!“  Der  Knecht  dreht  sich
um,  schaut  ihm  ins  Gesicht  und  lacht.  Der  Schwiegersohn,  der  seit  gestern
das  Gut  hat,  will  heute  wieder  mähen  lassen.  Der  Alte  jedoch  meint,  er
möge  das  Gemähte  erst  einfahren.  Kurz  antwortete  der  Schwiegersohn:
„Laßt  jetzt  nur  mich  machen,  so  wie  ich  Euch  früher  machen  ließ!“
Verdrießlich  wirft  der  Alte  das  Fenster  zu  und  denkt:  Der  Schwiegersohn
  hat  eigentlich  recht,  ich  habe  ja  mein  Gut  an  ihn  abgetreten  und  mir
nur  das  kleine  Austragsstübchen  vorbehalten;  er  ist  ein  fleißiger,  sparsamer
Mensch  und  wird  schon  allein  auf  die  rechte  Fährte  kommen,  wenn  er  auch
anfangs  manches  verkehrt  macht;  er  war  zwar  grob,  hat's  aber  gewiß  nicht
böse  gemeint.  So  denkt  er  und  dann  steigt  er  hinab  in  den  Hof,  um  zu
sehen,  wie  er  sich  irgendwo  nützlich  machen  kann.  Er  geht  in  die  Scheune
und  macht  Strohseile;  denn  die  kann  man  immer  brauchen,  denkt  er.  Über
teiner  Arbeit  legt  sich  vollends  die  Aufregung.  Auch  bei  dem  Schwiegersohne
  schwindet  sie.  Er  denkt:  Es  ist  doch  meines  Weibes  Vater  und  das
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        —  40  —

Gut  kommt  von  ihm;  aber  wer  kann  die  Worte  genau  auf  die  Goldwage
legen,  wenn  man  den  Kopf  voll  hat.  Recht  hat  er  im  Grunde  auch  gehabt,
das  Wetter  ist  zweifelhaft  und  man  täte  besser  das  in  Sicherheit  zu  bringen,
was  schon  gehauen  ist.  Er  kehrt  in  unschlüssiger  Stimmung  in  den  Hof  zurück
  und  ist  angenehm  erfreut,  als  er  den  Schwiegervater  hinter  einem
stattlichen  Haufen  Strohseile  erblickt.

Von  der  Stunde  an  haben  sich  die  beiden  verstanden.  Der  Schwiegersohn
  hat  den  alten  Bauer  stets  zu  Rate  gezogen  und  ihn  vor  den  Dienstboten
  geachtet  und  dieser  schwört  nicht  höher  als  auf  seinen  Schwiegersohn.
Ex  ist  ihm  stets  behilflich  bei  seinen  Arbeiten,  daß  er  oft  wehren  muß:  „Vater,
das  ist  nicht  mehr  für  Euer  Alter,  strengt  Euch  nicht  mehr  so  an!“  Er  geht
oft  durch  die  Fluren  und  betrachtet  die  Saaten  und  die  schönen  Kleeäcker
mit  größerem  Stolze  als  ehedem  die  eigenen.  Auch  die  Dienstboten  haben
es  bald  gemerkt,  daß  zwischen  den  beiden  die  größte  Eintracht  herrscht,  und
nicht  mehr  gelacht,  wenn  der  Alte  etwas  tadelte;  denn  sie  wußten,  daß  sie
bei  dem  Jungen  übel  ankommen  würden.  Und  als  nach  Jahr  und  Tag  ein
Kindlein  in  der  Wiege  schrie,  wurde  der  Alte  die  fleißigste  und  besorgteste
Kindsmagd;  denn  er  sah  hier  den  alten  Baum  neue  Sprossen  treiben  und  das
ist  fröhliche  Hoffnung,  welche  selbst  über  das  Grab  hinaus  grünt.  Wir
können  ihn  an  manchen  Sommernachmittagen  beobachten,  wie  er  daheim,
die  Fliegenklatsche  in  der  Hand,  an  der  Wiege  eingenickt  sitzt,  während  die
andern  draußen  auf  dem  Felde  arbeiten,  oder  wie  er  stolz  dareinschaut,  wenn
der  Erstgeborene  an  seiner  Hand  die  ersten  Schritte  macht.  Wie  schön  ist  es,
wenn  so  das  Alter  mit  dem  Rat  und  die  Jugend  mit  der  Tat  froh  zum  gemeinsamen
  Werke  schreitet,  wenn  die  alten  Leute  im  Kreise  der  Kinder  und
Enkel  leben,  teilnehmend  an  allen  ihren  Freuden  und  Leiden!

Leider  ist  es  nicht  überall  so  und  in  manchen  Austragsstübchen  ertönen
Seufzer  und  Klagen.  Der  sogenannte  Austrag,  das  Leibgedinge,  die  Bezüge
  an  Mehl,  Schmalz,  Eiern,  Fleisch  rc.,  welche  die  alten  Leute  vertragsmäßig
  von  ihren  Kindern  zu  erhalten  haben,  gibt  nur  zu  oft  Anlaß  zu  Unzufriedenheiten.
  Auf  der  einen  Seite  zeigen  sich  Neid  und  Geiz,  auf  der
andern  Mißtrauen  und  Klagen.  Wie  bitter  muß  das  Stück  Brot  den  alten
Austräglern  im  Munde  aufquellen,  wenn  sie  denken  müssen:  Es  ist  uns  nicht
gegönnt  von  unsern  Kindern,  oder:  Unsere  Kinder  wären  froh,  wenn  es  nicht
mehr  lange  währte,  oder  wenn  sich  gar  Streit  und  üble  Nachrede  an  ein
solches  Verhältnis  knüpfen  und  es  unerträglich  machen!  Es  ist  darum
nicht  gut,  wenn  die  Eltern  den  Kindern  die  Ubernahme  des  Gutes  zu  leicht
machen,  alles  aus  den  Händen  geben  und  in  eine  zu  große  Abhängigkeit
von  ihren  Kindern  geraten.  Die  Kinder  werden  ihnen  viel  mehr  Liebe
erweisen,  wenn  sie  wissen,  daß  die  Eltern  unabhängig  von  ihnen  sind  und
daß  sie  noch  einmal  etwas  zu  erwarten  haben.

Traurig  ist  es  aber  da,  wo  die  Eltern  nichts  erübrigt  haben,  wo  man
nicht  übergeben  kann  und  noch  immer  das  Leitseil  führen  muß,  wenn  man
längst  der  Ruhe  bedürfte.  Steht  es  so,  daß  die  Kinder  mit  aller  Arbeit
und  Sparsamkeit  kaum  das  tägliche  Brot  für  sich  und  ihre  Nachkommen
auftreiben  und  damit  auch  noch  die  arbeitsunfähigen  Eltern  erhalten  sollen,
        <pb n="50" />
        —  41  —

welche  eine  Last  mehr  für  sie  sind,  so  daß  sie  an  jedem  Morgen  ein  Vorwurf
  trifft,  daß  sie  noch  am  Leben  sind,  so  ist  das  wohl  der  traurigste  und
beklagenswerteste  Zustand,  zumal  wenn  das  der  Lohn  für  ein  arbeitsvolles
  Leben  ist  und  ihnen  der  Tod  als  einziger  Erlöser  willkommen  sein  muß.

Es  sehe  sich  daher  jeder  wohl  vor,  daß  er  sich  in  seiner  Jugend  einen
Stecken  fürs  Alter  schneide  und  daß  beim  Übergeben  keine  Mißverhältnisse
eintreten,  die  dem  guten  Einvernehmen  zwischen  Eltern  und  Kindern
gefährlich  werden.  Wer  aber  seine  Kinder  mit  Liebe  und  Strenge  zum  Guten
erzog,  dem  werden  sie  auch  durch  Dank  und  Anhänglichkeit  das  Alter  verönen.

  Nach  Fritz  Möhrlin.

22.  Der  Prozess.

J  ,  ja,  Prozesse  müssen  sein;
Gesetzt,  sie  wären  nicht  auf  Erden,
Wie  könnt’  alsdann  das  Mein  und  Dein
Bestimmet  und  entschieden  werden?
Das  Streiten  lehrt  uns  die  Natur:
Drum,  Bruder,  recht’“  und  streite  nur.
Du  siehst,  man  will  dich  übertäuben;
Doch  gib  nicht  nach,  setz  alles  auf
Und  laß  dem  Handel  seinen  Lauf;
Denn  Recht  muß  doch  Recht  bleiben.

„Was  sprecht  Ihr  Nachbar?  Dieser  Rain,
Der  sollte,  meint  Ihr,  Euer  sein?
Nein,  er  gehört  zu  meinen  Hufen.“

„Nicht  doch,  Gevatter,  nicht,  lhr  irrt;
lch  will  Euch  zwanzig  Zeugen  rufen,
Von  denen  jeder  sagen  wird,

Daß  lange  vor  der  Schwedenzeit  —  —“

„Gevatter,  Ihr  seid  nicht  gescheit!
Versteht  lhr  mich?  slch  will's  Euch  lehren,
Daß  Rain  und  Gras  mir  zugehören.
lch  will  nicht  eher  sanfte  ruhen;

Das  Recht,  das  soll  den  Ausspruch  tun.“
So  saget  Kunz,  schlägt  in  die  Hand
Und  rückt  den  spitzen  Hut  die  Quere.

„Ja,  eh’  ich  diesen  Rain  entbehre,

So  meid’  ich  lieber  Gut  und  Land.“

Der  Zorn  bringt  ihn  zu  schnellen  Schritten,
Er  eilet  zu  der  nahen  Stadt;
        <pb n="51" />
        —  42  —

Allein  Herr  Glimpf,  sein  Advokat,

War  kurz  zuvor  ins  Amt  geritten.

Er  läuft  und  holt  Herrn  Glimpfen  ein.

Wie,  Sprecht  ihr,  kann  das  möglich  sein?

Kunz  war  zu  Fuß  und  Glimpf  zu  Pferde.

So  glaubt  ihr,  daß  ich  lügen  werde?

lch  bitt'  euch,  stellt  das  Reden  ein,

Sonst  werd’  ich,  diesen  Schimpf  zu  rächen,

Gleich  selber  mit  Herrn  Glimpfen  sprechen.

Ich  sag’  es  noch  einmal,  Kunz  holt  Herrn  Climpfen  ein,
CGreift  in  den  Zaum  und  grüßt  Herrn  Glimpfen.

„Herr!“  fängt  er  ganz  erbittert  an,

„Mein  Nachbar,  der  infame  Mann,

Der  Schelm,  ich  will  ihn  zwar  nicht  schimpfen,

Der,  denkt  nur,  spricht,  der  schmale  Rain,

Der  zwischen  unsern  Feldern  lieget,

Der,  spricht  der  Nar,  der  wäre  sein.

Allein  den  will  ich  seh'n,  der  mich  darum  betrüget!“
„Herr!“  fuhr  er  fort,  „Herr  meine  beste  Kuh,

Sechs  Scheffel  Hafer  noch  dazu!

(Hier  wieherte  das  Pferd  vor  Freuden.)

O  dient  mir  wider  ihn  und  helft  die  Sach’  entscheiden!“
„Kein  Mensch,“  versetzt  Herr  Climpf,  „dient  freudiger  als  ich.
Der  Nachbar  hat  nichts  einzuwenden,

Ihr  habt  das  größte  Recht  in  Händen;

Aus  Euren  Reden  zeigt  es  sich.

Genug,  verklagt  den  Ungestümen!

lch  will  mich  zwar  nicht  selber  rühmen,

Dies  tut  kein  ehrlicher  gurist;

Doch  dieses  könnt  lhr  leicht  erfahren,

Ob  ein  Prozeß  seit  20  Jahren

Von  mir  verloren  worden  ist!

lch  will  Euch  Eure  Sache  führen;

Ein  Wort,  ein  Mann!  lhr  sollt  sie  nicht  verlieren!“
Climpf  reitet  fort.  „Herrl“  ruft  ihm  Kunz  noch  nach,
lch  halte,  was  ich  Euch  versprach.“

Wie  hitzig  wird  der  Streit  getrieben!
Manch  Ries  Papier  wird  vollgeschrieben,
Das  halbe  Dorf  muß  in  das  Amt:

Man  eilt,  die  Zeugen  abzuhören,
Und  fünfundzwanzig  müssen  schwören

Und  diese  schwören  insgesamt,
Daß,  wie  die  alte  Nachricht  lehrte,
Der  Rain  ihm  gar  nicht  zugehörte.
        <pb n="52" />
        —  43  —

Ei,  Kunz,  das  Ding  geht  ziemlich  schlecht!
lch  weiß  zwar  wenig  von  dem  Rechte;
Doch  im  Vertrau'fn  geredit,  ich  dächte,

Du  hättest  nicht  das  größte  Recht.

Manch  widrig  Urteil  kömmt;  doch  laßt  es  widrig  klingen!
Olimpf  muntert  den  Klienten  auf:
„Laßt  dem  Prozesse  seinen  Lauf,
5  Schwor-  Euch,  endlich  durchzuringen;

0R  4

„Herr,  ich  hör’'  es  schon;  ich  will  das  Geld  gleich  bringen.“
Kunz  borgt  manch  Kapital.  Fünf  Jahre  währt  der  Streit.
Allein  warum  so  lange  Zeit?

Dies,  Leser,  kann  ich  dir  nicht  sagen,
Du  mutt  die  Rechtsgelehrten  fragen.

Ein  letztes  Urteil  kömmt.  O  scht  doch,  Kunz  gewinnt!
Er  hat  zwar  viel  dabei  gelitten;
Allein  was  tut's,  daß  Haus  und  Hof  verstritten
Und  Haus  und  Hof  schon  angeschlagen  sind?
Genug,  daß  er  den  Rain  gewinnt.
„Ol“  ruft  er,  „lernt  von  mir,  den  Streit  aufs  höchste  treiben;
Ihr  scht  ja,  Recht  muß  doch  Recht  bleiben!“

Christian  Fürchtegott  Gellert.

23.  Von  der  Gemeinheit  und  Roheit.

Die  Mehrzahl  der  Menschen  ist  gemeinen  Standes,  auch  du;
aber  ich  hoffe,  dafs  du  niemals  ein  gemeiner  Mensch  wirst;
denn  es  gibt  nichts  Verächtlicheres  als  die  Gemeinheit.  Der
gemeine,  niedrige  Stand  wird  von  keinem  Vernünftigen  für
eine  Schande  gehalten.  Nicht  der  Stand  ehrt  den  Menschen.
sondern  der  Mensch  den  Stand.  Leider  gibt  es  aber  in  jedem.
Stande  „gemeine  Stricke“,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  d.  h.
Leute,  die  niedrige,  niederträchtige,  ehrlose  Gesinnungen  hegen
und  infolge  dieser  Gesinnungen  Handlungen  begehen,  deren
sich  der  Mensch  des  gemeinsten,  niedrigsten  Standes  schämt,
wenn  er  nur  einiges  Ehrgefühl  hat.  Es  gibt  eben  Handlungen,
die  kein  Staatsgesetz  verbietet  oder  verbieten  Kann,  die  also
auch  nicht  vom  Gesetze  gestraft  werden  können,  die  aber
jeder  gebildete  Mensch  um  keinen  Preis  sich  zu  schulden  kommen
läßt,  eben  weil  sie  gemein  sind.  Wer  sagt  es  denn  aber,  daf
solche  Handlungen  gemein  sind?  Das  sittliche  Gefühl  für
Recht  und  Unrecht.
        <pb n="53" />
        —  44  —

Ein  Landmann  erzählte  mir  unlängst  folgendes:

„Ich  hatte  einmal  den  törichten  Einfall,  mein  väterliches
Erbgut  verkaufen  und  ein  etwas  gröfßeres,  welches  im  nächsten
Dorfe  feil  stand,  erwerben  zu  wollen.  Meinem  Nachbar,  den  ich
für  einen  erprobten  Freund  hielt,  und  von  dem  ich  sicher  wufte,
daf,  es  ihm  nicht  in  den  Sinn  kam,  selbst  einen  Käufer  für  das
Gut  abgeben  zu  wollen,  teilte  ich  meine  Absicht  mit  und  beriet
mich  mit  ihm.  Wir  begingen  selbander  den  Wald,  schätzten
dessen  ungefähren  Wert  so  gut,  als  wir  es  verstanden,  ebenso
die  Felder,  Wiesen,  Hutungen,  Teiche  u.  s.  w.  und  wurden  dahin
  schlüssig:  50  000  Mark  ist  das  Gut  wert;  wenn  es  dafür
fällt,  ist  es  ein  guter  Kauf.

Tags  darauf  mache  ich  mich  auf  den  Weg  zu  dem  Verkäufer.
Ich  denke  doch,  der  Mund  bleibt  mir  offen  stehen  vor  Erstaunen,
als  ich  dort  erfahre,  daft  tags  vorher  mein  Nachbar  den  Kauf
um  die  genannte  Summe  abgeschlossen  habe  um  einen  Gewinn
zu  machen.  Mein  Nachbar  hatte  klug  und  pfiffig  gehandelt,
War  aber  leider  ein  gemeiner  Mensch.“  "

Einst  war  ich  in  einer  Provinzialstadt  unter  ehrbaren  Bürgern.
In  dieser  Stadt  war  Mangel  an  guten  Wohnungen;  die  Mietpreise
standen  hoch  und  jungen  Leuten,  die  sich  verheiraten  wollten,
liel  es  schwer  einen  passenden  Herd  zu  finden.  Da  war  es  nun
vor  einem  halben  Jahre  einem  jungen  Paare  —  der  Mann  war
ein  mäßig  besoldeter  Beamter  —  geglückt,  für  einen  leidlichen
Preis  eine  passende  Wohnung  zu  finden,  welche  sich  die  Leutlein
  in  ihrer  Weise  gut  einrichteten,  und  worin  sie  sich  wohl
befanden.  Was  war  geschehen?  Ein  reicher  Fabrikant
brauchte  eine  hübsch  eingerichtete  Wohnung,  wollte  nicht
lange  suchen  und  bot  dem  Hausbesitzer  ohne  weiteres  60  Mark
mehr.  Dieser,  gelockt  durch  den  höheren  Preis,  stellte  nun
dem  Beamten  die  Wahl  entweder  dasselbe  zu  zahlen  oder
auszuziehen.  Das  Gehalt  des  Beamten  erlaubte  das  erstere
nicht  und  darum  mußte  er  nach  halbjähriger  Kündigung  seine
liebe  Wohnung  räumen.  Die  ehrbaren  Bürger  nannten  die
Handlungsweise  des  Fabrikanten  und  des  Hausbesitzers  gemein;
ich  ebenfalls.

Und  siehe,  wenn  du  einmal  ähnlich  handelst,  wenn  du  dich
in  gemeinen  Redensarten  ergehst,  über  das  Heilige  spottest,
schmutzige,  schamlose  Gedanken  hegest  und  pflegest,  am
Fluchen  und  Wettern  Gefallen  hast,  als  Gast  für  eine  Woche
issest  und  trinkest,  unter  Zotenreiern  nicht  errötest  u.  s.  w.,
So  bist  auch  du  ein  —  gemeiner  Mensch.

Mit  der  Gemeinheit  nahe  verwandt  ist  die  Roheit.  Mit
rohen  Menschen  will  kein  gebildeter  zu  tun  haben;  der  Edle
Verabscheut  sie  und  geht  ihnen  aus  dem  Wege;  der  Anständige
weist  sie  von  sich  und  duldet  sie  in  keiner  Gesellschaft.  Die
        <pb n="54" />
        —  45  —

Rohen  haben  ihre  Freude  an  unanständigen  Reden,  schamlosen
Gebärden,  an  grobem  Tone,  am  Schreien  und  Toben,  am
Fluchen  und  Schimpfen,  am  Quälen,  Argern,  Zerstören  und  Freveln.
Ihr  Lebensweg  führt  ins  Zuchthaus  oder  doch  ganz  nahe  vorbei.

Es  ist  ein  sehr  natürliches  Bestreben,  daft  wir  das  Andenken
  an  große  Begebenheiten  und  grofße  Männer  auf  die  Nachwelt
  zu  bringen  und  durch  Denkmäler  gleichsam  lebendig  zu
erhalten  suchen;  tun  wir  doch  dasselbe  für  unsere  Toten,  auch
wenn  sie  nichts  getan  haben,  was  ihren  Namen  berühmt  machen
könnte.  Auf  dem  schlechtesten  Kirchhofe  findet  man  Denksteine,
und  wären  es  nur  einfache  Kreuze,  und  das  eben  ist  das  Schöne,
dafz  das  einfachste  Denkmal  ebensogut  wie  das  kostbarste  die
Erinnerung  an  die  Verstorbenen  weckt  und  von  der  Liebe  der
Hinterbliebenen  Zeugnis  gibt.

Nun  gilt  es  schon  bei  allen  gebildeten  Leuten  für  einen
ruchlosen  Frevel,  wenn  ein  roher  Mensch  an  dem  Denkmal  eines
Verstorbenen  rührt.  Sollten  da  nicht  erst  recht  die  Denkmäler,
die  ein  ganzes  Volk  seinen  großen  Toten  gesetzt  hat,  heilig
sein?  Ist  es  nicht  eine  Schande  für  ein  Volk,  wenn  es  die  Kunstwerke
  mancherlei  Art,  die  der  Staat,  die  Gemeinden  oder  Privatleute
  auf  Straßen  und  öffentlichen  Plätzen,  in  Gärten  und
Promenaden  aufgestellt  haben,  durch  besondere  Wächter  oder
Einfriedigungen  gegen  den  Frevel  roher  Menschen  schützen
mutg?  Viele  jedoch  sind  dem  Mutwillen  des  Frevels  leicht  erreichbar.
  Nichts  kann  sie  besser  schützen  als  die  Pietät,  d.  i.  ehrfurchtsvolle
  Gesinnung.  Es  ist  darum  ein  abscheuliches  Bubenstück,
  wenn  jemand  2zerstört  oder  beschädigt,  was  der  Fleit
des  Künstlers  in  langer  Zeit  geschaffen,  was  wohldenkende
Menschen  hingestellt  haben,  damit  jeder  Vorübergehende  es
mit  Lust  beschaue  und  mit  geniefße.

Und  doch  gibt  es  noch  ärgeren  Frevel  als  den  genannten;
das  ist  der  Baumfrevel  oder  die  mutwillige  Beschädigung
der  Bäume  an  den  Landstraßen  und  des  jungen  Anwuchses  in
den  Gärten,  öffentlichen  Anlagen  und  Wäldern.  Wer  ein  Kunstwerk
  oder  ein  Denkmal  beschädigt,  der  versündigt  sich  an
seinem  Nächsten,  dessen  Arbeit  und  Freude  er  mutwillig  zerstört;
  der  Baumfrevler  versündigt  sich  zugleich  an  einem  Geschöpfe
  Gottes,  das  keine  menschliche  Kunst  wiederherstellen  kann.

Und  was  soll  ich  von  denen  sagen,  die  ein  lebendes  Geschöpf
  Gottes  mifhandeln,  quälen  und  martern,  die  ihm  eine
Last  aufladen,  die  es  nicht  tragen  oder  ziehen  kann,  die  ihm
die  Nahrung  verkümmern,  deren  es  zu  seinem  Bestehen  bedarf?
Nichts  will  ich  von  ihnen  sagen;  denn  die  heilige  Schrift  hat
ihnen  längst  das  Urteil  gesprochen:  „Der  Gerechte,“  heift  es
in  den  Sprüchen  Salomonis,  „erbarmt  sich  seines  Viehes;  aber
das  Herz  des  Gottlosen  ist  unbarmherzig.“  Nach  HI.  Weber.
        <pb n="55" />
        24.  Grundlsãtze  für  die  Jugend  zum  Schutze
der  Tiere.

1.  Du  solllt  den  Schöpfer  auch  in  leinen  Geschöpfen  ehren  und  Gottes  Weisheit,
Macht  und  Güte  auch  in  der  Gestalt,  im  Leben  und  Dutzen  der  Ciere  immer  mehr
und  mehr  erkennen  lernen.

2.  Du  sollft  ohne  Uot  oder  guten  Grund  keinem  Ciere  Schmerzen  bereiten.

3.  Du  solllt  beim  Cöten  lowohl  der  zur  menschlichen  Dahrung  bestimmten  als
auch  der  schadenbringenden  Ciere  (Inlekten  u.  l.  w.)  die  schnelllte  und  am  wenigsten
schmerzhafte  Codesart  in  Anwendung  bringen.

4.  Du  solllt  beim  Cransporte  der  Tiere  möglichste  Schonung  beobachten.

5.  Du  solllst  Zugtiere  nicht  gegen  ihre  Uatur  oder  über  ihre  Kräfte  anstrengen
oder  sonst  graulam  bebandeln,  z.  B.  durch  DUechen,  Schlagen,  Stebenlassen  in  groher
Bitze  oder  Hälte  u.  I.  W.;  solllt  nur  im  Dotfalle  die  Heitsche  gebrauchen  und  dich  des
Peitlschenknallens,  das  nur  zu  Robeiten  führt,  unbedingt  enthalten.

6.  Du  solllt  deinen  Paustieren  stets  die  notwendige  Dflege  und  Uabrung  angedeihen
  lallen  und  kein  Cier  balten,  das  du  nicht  gebührend  ernähren  kannst.

7.  Die  Singvögel  einzufangen  oder  gar  zu  töten  und  deren  Uester  auszunehmen,
ist  mit  Recht  auf  das  strengste  verboten;  hüte  dich  dieses  Verbot  zu  überschreiten.

S.  Huch  erkrankten  Baustieren  sollit  du  rechtzeitig  die  nötige  Bilfe  und  Dflege
lpenden  und  solche  durch  Sachkundige  ärztlich  behandeln  lallen.

9.  Bebandle  überhaupt  deine  Baustiere  sowie  auch  fremde  Ciere,  die  durch  Zufall
  in  deine  Hand  gegeben  wonden  lind,  stets  mit  billiger  Schonung  und  mahvoller
Klugbeit  und  dein  Gewillen  loll  es  dir  zur  Hufgabe  und  zur  Sbrenlache  machen  auch
andere  nach  Möglichkeit  dazu  zu  bewegen.

10.  Du  solllt  den  dir  von  Eltern,  Lebrern,  Geistlichen  und  sonstigen  Vorgeletzten

  in  Mort  und  Beilpiel  gegebenen  Lebren  willig  Folge  leisten.
Uierschutz-Kalender.

25.  Goldene  Hausregeln  und  Sinnsprũche  für  den  Tierschuts.

Es  sclhuf  dich  Cozz,  so  Stet  geschy#ieben,
Das  Tier  ward  auch  auf  seinen  Ruf,
Drum,  uillst  du  deinen  Schöõpfer  lieben,
Lieb'  die  Geschõpfe,  die  er  sSchluf.

WVosil  ist  das  Tier  dir  untergeben

Zum  Dienste  als  ein  treuer  Kneclkt;

Doch  nimmst  du  grundlos  ihm  das  Lebez,
Verletaest  du  ein  heilig  Reciit.

Ver  ein  Geschöpf,  aur  Lust  geboren,
Aus  HPosheit  quãlet  oder  Scheraæ,

Der  gat  den  schönsten  Schmuck  verloren,
Der  Menschen  ziert,  ein  fühlend  Heræ!
        <pb n="56" />
        —  47  —

Denk',  wie  genügsam  und  geduldig

Das  Tier  stets  ist  aum  Dienst  bereit!
Drum  bist  Geduld  auch  du  ihim  schuldig
Und  çate  flege  jederaeit.

Laß  nie  die  Walirheit  dir  entschwinden:
„LMie  du,  so  fühlt  den  Schmeræ  das  Tier,“
Denk'  stets:  Was  wũrde  ich  empfinden,
Gesckche  —  wmie  dem  7%%e  mr5

Es  Sei  der  Soruck  als  heil  ger  Same

In  jedes  Menschen  Brust  gelegt:

„Nur  dem  gebülrt  des  Menschen  Name,
Der  Mitleid  mit  den  Tieren  hegt!“

Erbarmen  sei  ins  Hera  geschrieben,
Ihr  Eltern,  früh  schon  eurem  Kind!
O,  lehret  es  die  Tiere  lieben,

Die  ja  wie  Kinder  hilflos  Sind.

QOuck  nie  dein  Tier  auf  steilem  Wege
Durclh  rohen  Schlag  und  schuwere  Last!
Doch  sei  auch  sorgsam  in  der  Hflege,
Gib  Nahrung  ihm  und  gõnn'  ihm  Rast

Erspar'  dem  Tiere  alle  Qualen,

Venn  du's  vor  Rflug  und  Wagen  Spannst:
Vor  Frost  und  heißen  Sonnenstranlen
Beschũtae  es,  so  gut  du  kannst!

Bbenhandelst  du  das  Zugtier  schonend
Und  nicht,  als  wär  dein  Heræa  von  Stein,
Durch  langes  Leben  dich  belohnend,
WVird  es  dein  eigner  Nutaen  sein.

Es  Rann  das  kranke  Tier  niclit  klagen;
Drum  hnilf  ihm  du  æau  eder  Frist;

Und  kann's  auch  nicht,,  Vergelt's  Gott  sagen,
Glaub',  daß  der  Lolin  dir  sicher  ist.

Es  sollen  Zucht  und  Ordnung  walten
In  deinem  Hause  beral.

Ein  jedes  Tier  sei  gut  gehalten

Und  reinlich  selbst  des  Schweines  Stall.

Dem  Kosse,  Jas  30  biel  ertragen,
Dem  Hunde,  treu  dir  bs  zum  Jod  —
Du  wünschest  dir's  in  alten  Tagen  —
Gib  ihnen  auch  das  Gnadenbrot
        <pb n="57" />
        —  48  —

Ist's  dein  Beruf  ein  Tier  au  töten,
Vollaiele  sicher  deine  Hfliclit;

Denk'  an  des  eignen  Todes  Nöten
Und  quòl  das  arme  Onfer  nichlit!

Nicht  um  den  Wolilgeschmack  æu  heben,
Bereite  je  dem  Tiere  Qual,

Das  uns  zur  Nalrung  Gott  gegeben,
Venn  Gott  dir  segnen  Soll  das  Mat!

O  lähme  nicht  des  Vogels  Schwingen,
Gönn'  ihm  den  Flug  in  Gottes  Lickt;
Zuwar  wird  er  noch  im  Käfig  singen,
Docsti  —  was  er  leidet,  ahnst  du  nichsit.

Der  Võgel  Nestoer  sollst  du  Schonen,
Und  bringt  der  Winter  bittre  Not,
So  streue  du,  es  wird  Sich  lolhnen,
Den  armen,  lieben  Vöglein  Brot.

Der  Wurm  selbst,  der  im  Staub  sich  windet,
Er  sei  verschont  vor  deinem  Tritt;

Denn  auch  dos  kleinste  Tier  empfindet
Die  sũße  Lust  des  Lebens  mit.

Des  Tieres  Schafz  sei  deine  Sache;
Denn  uwenn  es  auch  nicht  reden  Rann,
Ruft  das  gequãlte  Tier  um  Rachsie
Mit  stummem  Blick  den  Himmel  an.

Vie  glũcklich  ist  der  Freund  der  Armen,

Der  Freund  der  Tiere  groß  und  kKlein/

Denn  wer  mit  ihnen  hat  Erbarmen,

Dem  wird  auch  Gott  barmlneræig  sein.  Franæ  Bonn.

26.  Ein  armes  Dorf.

An  einem  schönen  Honntage  des  Jahres  18.  hatte  der  größte
Teil  der  Einwohner  des  Dorfes  Schönfeld  die  Leiche  eines  Mitbürgers,
eines  einfachen  Fabrikarbeiters,  zur  letzten  Ruhestätte  begleitet.

Jon  den  Zurückgekehrken  blieb  nahe  der  Kirche  ein  Häuflein
um  einen  Mann  stehen,  der  sich  dem  Geleite  ebenfalls  angeschlossen
hatie,  ein  Mann  von  vorgerüchten  Jahren,  aber  noch  von  der

üstigkeit  eines  Lierzigers.

Es  war  der  Doktor  Auer,  dessen  Namen  man  im  ganzen  Dorfe
mit  Achtung  nannke.  Als  NRegimentsarzk  hatte  er  in  den  Kriegsjahren
  fast  alle  Feldzüge  mitgemacht  und  sich  durch  Geschicklich-
        <pb n="58" />
        —  49  —

keit  und  freundliche  Fürsorge  für  die  Soldaten  ausgezeichnet.  Nach
dem  Kriege  zog  er  sich,  35  Jahre  alt,  in  seinen  Geburtsort  zurück,
wo  seine  Familie  in  einem  durch  Arbeit  erworbenen  mäßigen
Wohlstande  lebte.  Er  heiratete  eine  Witwe,  wurde  Vater  von  zwei
Kindern  und  hatte  so  viel  Einkommen,  daß  er  bequem  leben  und
noch  Wohltätigkeit  üben  konnte.

Wenn  er  noch  seinem  Berufe  als  Arzt  oblag,  so  geschah  es
hauptsächlich  um  den  Armen  beizustehen;  die  wohlhabenderen  Kranken
wies  er  seinen  Kollegen  in  der  benachbarten  Stadt  zu;  es  war  ihm
nicht  um  eine  größere  Praxis  zu  kun.  Noch  aus  einem  andern
Grunde  wollte  sich  der  Dokkor  seiner  Freiheit  nicht  begeben.  Er
machte,  solange  er  noch  kinderlos  war,  alle  Jahre  eine  Reise  von
einigen  Monaten,  bald  in  dieses  bald  in  jenes  Land  von  Europa,
leils  um  seiner  Liebe  zur  Botanik  nachzugehen,  keils  um  die  Menschen
  und  ihre  Hitten  kennen  zu  lernen.

Kam  er  zurück,  so  verglich  er  dann  den  Zustand  seiner  Gemeinde
  mit  demjenigen  andrer  Dörfer,  die  er  gesehen  hatte.  Er
gHwahrte,  wie  seit  dem  Frieden  in  einer  Menge  von  Ortschaften

eränderungen  vorgegangen  waren,  die  ans  Wunderbare  grenzten.
Wo  früher  eine  spärliche  und  armselige  Bevölkerung  elend  fortkam,
lebten  heute  zahlreiche  Einwohner  in  Wohlhabenheit;  wo  sonst  nur
das  Geschrei  wilder  Jögel  die  Stille  der  Felder  und  Wälder  unterbrach,
  da  ließ  sich  jetzt  das  Geräusch  der  Tätigkeit  und  Arbeik
vernehmen.  Es  waren  die  Fortschritte  im  Landbau  und  die  Lervollkommnungen
  in  der  Industrie,  die  diese  Leränderungen  bewirkt
  hatten.

Kitten  in  dieser  allgemeinen  Bewegung  war  das  Dorf  Schönfeld
  gänzlich  stehen  geblieben.  Auer  stellte  die  Frage  an  sich,  ob
denn  wohl  die  unentgeltlichen  Dienste,  die  er  den  Armen  leistete,
das  einzige  Mittel  seien  um  sich  seinen  Mitbürgern  nützlich  zu  machen.

Ur  einen  Mann,  der  so  viel  gesehen  und  so  gut  beobachtet  hatte,
konnte  die  Antwort  hierauf  nicht  zweifelhaft  sein.

Virklich  wandte  er  auch,  unker  Beschränkung  seiner  Auefluge,
sleine  Gedanken  nun  ausschliezich  der  Hebung  seiner  Gemeinde
zu;  er  wollte,  indem  er  den  Anstoß  zu  den  Verbesserungen  der
Neuzeit  gab,  der  Wohltäter  seiner  Mitbürger  werden.

Das  Dorf  Schönfeld  hatte  eine  glückliche  Lage,  die  seine  Bewohner
  nur  nicht  zu  benutzen  verstanden.  Es  lag  am  Ufer  eines
Flusses,  der  kurz  oberhalb  anfing  schiffbar  zu  werden  und  sein  Gebiet
  in  zwei  Teile  frennte;  die  Hohnungen  standen  aber  fast  alle
auf  dem  rechten  Ufer  am  sanften  Abhange  eines  Hügels.  Mitten
im  Dorfe  war  dieser  Abhang  am  steilsten;  ein  freier  Platz  vor  der
Kirche,  von  dem  man  eine  sehr  schöne  Aussicht  namentlich  über  das
jenseitige.  Ufer  genoß,  siel  sogar  ganz  schroff  ab.

Hinter  den  Wohnungen,  auf  einer  Anhöhe,  dehnte  h  eine
kleine  Ebene  aus.  Diese  war  gegen  Norden  von  bewaldeten  Hügeln

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  4
        <pb n="59" />
        —  50  —

eingeschlossen,  welche  das  Dorf  gegen  rauhe  Winde  schützten.  Nach
vorn  bildete  der  Fluß  ein  Hufeisen,  in  dessen  Mittelpunkt  die  Kirche
lag.  Verfolgte  man  den  Lauf  des  Flusses,  so  gewahrte  man  gegen
Abend  auf  anderthalb  Stunden  Entfernung  eine  kleine  an  seinem
Ufer  liegende  Stadt,  die  den  Horizont  begrenzte.  Innerhalb  des
Hufeisens  lag  eine  Ebene  von  der  Breite  einer  Stunde,  durch  die
ein  Bach  floß,  der  sich  mitten  im  Ort  in  den  Fluß  ergoß.  Es
sehlke  diesem  Bach  nie  an  Wasser;  an  stillen  Stellen  war  er  ktief;
sonst  war  er  rauschend  und  hatte  selbst  von  Strecke  zu  Strecke  unbenützte
  Gefälle.

Obwohl  der  Bach  für  das  Dorf  eine  Cuelle  der  Wohlhabenheit
hätte  sein  können,  so  war  er  doch  dessen  größte  Plage  geworden.
Nach  heftigem  Regen  überschwemmte  er  oft  seine  niedrigen  Ufer  und
verwandelte  die  Ebene  in  eine  Art  von  Humpf.  Statt  fetter  Wiesen
bof  daher  diese  nur  eine  magere,  mit  Binsen  und  ungesunden
Wasserpflanzen  bewachsene  Weide.  Zudem  war  das  an  den  niedrigsten
  Stellen  stehen  bleibende  Wasser  im  Herbste  die  Ursache  von
kalten  Fiebern,  welche  alljährlich  von  der  auf  diesem  Ufer  wohnenden
  Bevölkerung  viele  Opfer  forderten  und  die  meisten  auf  die
andre  Heite  des  Elusses  hinübertrieben.  Ho  gab  diese  Ebene,  die
nur  auf  eine  verständige  Hand  wartete  um  reichen  Hegen  zu  gewähren,
  den  Anblick  einer  Art  Wüste,  in  der  ein  paar  armselige
Herden  weideten.  Die  auf  der  Hochebene  hinter  dem  Dorfe  gelegenen
  Güter  hatten  im  ganzen  einen  guten  Boden;  aber,  erschöpft
durch  den  fortgesetzten  Anbau  der  nämlichen  Gewächse,  lieferten  sie
schwache  Ernten.  Aus  Mangel  an  Eutter  und  aus  diesem  Grunde
an  Lieh  Kkonnten  die  Einwohner,  die  nichts  von  einem  künstlichen
Wiesenbau  verstanden,  ihren  Feldern  den  Dünger,  der  zur  Fruchtbarkeit
  erforderlich  ist,  nicht  gewähren.  Sie  ließen  jedes  Jahr  einen
Teil  brach  liegen  und  verloren  so  den  Ertrag,  den  ihnen  eine  vernünftige
  Folge  in  den  Ernten  gegeben  hätte.  Lon  besonderen
Kulturen,  von  dem  Anbau  von  Handelsgewächsen,  deren  Einführung
oft  allein  einer  ganzen  Gemeinde  Leben  gibt,  war  ihnen  ohnehin
nichts  bekannt.

Ho  schleppte  sich  die  Bevölkerung  von  Schönfeld,  die  kaum
300  Heelen  zählte,  in  Armut  dahin.  Man  hielt  an  der  althergebrachten
  Lerfahrungsart  im  Feldbau  fest.  Gerste,  NRoggen,  Hafer,
Karkoffeln,  ein  wenig  Wein,  aus  guten  Lagen  zwar,  aber  wertlos,
weil  nicht  mit  der  gehörigen  Horgfalt  behandelt,  etwas  Wolle  von
armseligen  Schafen,  dazu  noch  etwas  Hanf  für  den  eigenen  VLerbrauch,
  das  waren  die  Erzeugnisse  der  Gemeinde.  Fügen  wir  noch
einige  der  gewöhnlichen  Gemüse  hinzu  und  rauhes,  geschmackloses
Obst  von  schlecht  gezogenen  Bäumen,  und  wir  haben  die  vollständige
  Liste  der  im  Dorfe  geernteten  Gegenstände.

twas  Korn,  Eier,  einiges  Geflügel,  selten  Obst  und  Gemüse,
waren  das  einzige,  das  die  Bewohner  in  die  Stadt  zu  Markte
        <pb n="60" />
        —  51  —

bringen  konnken,  um  von  dem  Erlöse  die  Steuern  zu  bezahlen  und
das  Unentbehrlichste  einzukaufen.  Mit  Ausnahme  eines  Maurers,
eines  Schreiners,  eines  Zimmermanns  und  eines  Schmieds,  ohne
welche  Handwerker  auch  die  unbedeutendste  Niederlassung  nicht  bestehen
  kann,  war  in  dem  Dorfe  nichts  von  Gewerbefleiß  zu  finden.
Dazu  fehlte  es  an  aller  Tätigkeit,  an  jedem  Unternehmungsgeiste.

An  diese  elenden  Zustände  knüpfte  sich  dann  jene  Eifersucht,
die  sich  der  Armen  gegenüber  denen,  die  in  besserer  Lage  sind,
leicht  bemächtigt.  Denn  die  Armen  leben  oft  in  dem  Irrtum,  was
die  andern  besitzen,  sei  ihnen  genommen,  und  sehen  nicht  ein,  daß
der  Reichtum  wieder  Neichtum  erzeugt  und  die  Armut  aller  nur  das
Elend  des  einzelnen  fortpflanzt.

Kamen  Bürger  aus  der  Stadt  um  sich  in  der  Gemeinde  anzukaufen,
  so  wurden  sie  von  den  Ortsangehörigen  mit  scheelen  Augen
angesehen.  Während  sie  sich  über  den  Zufluß  von  Kapitalien,  der
den  Güterwert  erhöht  und  den  VLertkehr  belebt,  hätten  Glück  wünschen
  sollen,  wurden  sie  ärgerlich  über  eine  Konkurrenz,  die  ihnen
den  Preis  des  Feldes  erhöhte,  um  dessen  kleinste  Stücke  sie  sich
zankten.  Wenn  auch  die  schöne  Lage  des  Dorfes  Fremde  anzog,
konnte  sich  doch  niemand  daselbst  niederlassen,  da  er  die  Beute  der
kleinlichsten  Anfechtungen  zu  werden  fürchten  mußte.

Schon  der  bloße  Anblick  der  Mehrzahl  der  Dorfwohnungen
kündigte  das  Elend  und  die  Noheit  der  Bewohner  an;  einige
dieser  Wohnungen  schienen  mehr  zur  Aufnahme  von  Tieren  als
von  Menschen  geeignet.  Es  waren  enge  Hütten,  mit  der  Türe  als
alleinigem  Luftloch  und  einem  einzigen  Raum  im  Innern,  in  welchem

ater,  Mutter  und  Kinder  zusammen  lebten.  Der  Boden,  aus
Erde  gestampft  und  niedriger  als  die  Umgebung,  unterhien  eine
beständige  Feuchtigkeit.  Rechnet  man  dazu  Mangel  an  Luft,  Licht
und  Reinlichkeik,  oft  auch  an  genügender  Nahrung,  so  konnte  es
nicht  fehlen,  daß  die  Kinder  schwächlich  und  ungesund,  entweder
im  frühen  Alter  weggerafft  wurden  oder  ihr  Leben  lang  nichts
leisten  konnten.  Außerhalb  der  Häuser  sah  man  eine  Anhäufung
von  Abfällen  und  Unrat  aller  Art,  stehende,  stinkende  Wasser  und

fützen  von  Jauche.  Das  war  der  Anblich,  den  die  Gemeinde  bot.

IZm  übrigen  bemerkte  man  nichts  von  jenen  lachenden  Baumgärten,
  die  vielen  Dörfern  ein  so  reizendes  Aussehen  geben;  nichts
von  den  Einfassungen,  den  Blumenrabatten,  die  bei  einer  so  grogen
Zahl  von  Landbewohnern  zugleich  den  Wohlstand  und  den  Geschmack
  für  feinere  Lebensgenüsse  bekunden.  Kaum  sah  man  bei
einigen  Hütten  fünf  oder  sechs  verkrüppelte  Obstbäume  und  zwei
oder  drei  Krautgärtchen  mit  zerfallenem  Zaun,  schlecht  gegen  das
Eindringen  der  Haustiere  geschützt.

Schritt  man  durch  das  leblose  Dorf,  so  hörte  man  höchstens
einige  klatschsüchtige  Gevatterinnen,  die  ihre  bösen  Zungen  aneinander
wetzten,  oder  das  Geschrei  sich  selbst  überlassener,  auf  der  Straße
        <pb n="61" />
        —  52  —

spielender  Kinder;  denn  auch  mit  dem  Schulbesuch  wurde  es  nicht
streng  genommen.  Während  die  Eltern  behaupteten,  sie  könnten
ihre  Kinder  für  ihre  Arbeit  nicht  entbehren,  lungerten  diese  auf
der  Gasse  umher.  Einige  hüteten  während  der  guten  Jahreszeit
eine  magere  Kuh  auf  den  Gemeindewiesen  oder  führten  ein  paar
Hämmel  in  die  Wälder,  die  dork  großen  Schaden  anrichteten;  im
Winker  aber  lasen  die  Kinder  Abfallholz  auf.  Was  sie  aber  noch
Qogr  auflasen,  war  die  Gewohnheit  des  Müßiggangs  mit  all  seinen
astern.

Auch  die  Wege  der  Gemeinde  boten  denselben  Anblick  dar  wie
das  Dorf.  Das  Zugvpieh  erschöpfte  seine  Kräfte  bei  dem  schlechten
Zustande  derselben.  Die  daraus  entstehende  Unmöglichkeit,  die
Cuhrwerke  gehörig  zu  beladen,  vervielfältigte  die  Fahrten  und  veranlaßte
  viel  Zeitverlust,  oft  Kkamen  Rad-  und  Wagenbrüche  vor.  Im
Winter  wurden  die  meisten  Wege  ganz  unfahrbar,  und  da  kein  Fuhr.
werk  mehr  auss  Feld  ging,  so  hörten  auch  die  Arbeiten  im  Dorfe
auf,  was  die  Folge  hatte,  daß  die  Einwohner  den  größten  Teil  des
Tages  in  den  Schenken  zubrachten.  Aber  auch  die  Stadt  wurde
jede  Voche  von  Mann  und  Frau  besucht;  ebenso  lief  man  auch
allen  Märkten  der  umliegenden  Dörfer  auf  vier  oder  fünf  Stunden
im  Umtkreise  nach.

In  den  Kneipen,  auf  den  Messen  und  Närkten,  bei  allen  Lolksversammlungen
  zeichneten  sich  die  Schönfelder  durch  grobe  Reden
und  Streitsucht  aus  und  es  kam  nicht  selten  zu  Schlägereien.  Bei
ihrem  zänkischen  und  streitigen  Wesen  vermied  man  es  auch  überhaupt
  sich  mit  ihnen  einzulassen.  Einige  Bürger  der  Stadt  wären  gerne
geneigt  gewesen,  das  Gefäll  des  obenerwähnten  Baches  nutzbar  zu
machen;  aber  sie  scheuten  sich  mit  so  ungeselligen  Nachbarn  in  Lerhandlung
  zu  treten.

Dies  war  der  Zustand  der  Gemeinde,  als  der  Doktor  es  unternahm
  denselben  zu  verbessern.

Ehe  er  sein  großes  Lorhaben  in  Angriff  nahm,  berechnete  er
alle  Folgen.  Es  konnte  nicht  zweifelhaft  sein,  daß,  wenn  es  ihm
gelang,  der  modernen  Zivilisation  in  der  Gemeinde  Bahn  zu  brechen,
auch  der  Geist  und  die  Sitten  sich  ändern  würden.  Aber  er  war
sich  auch  wohl  bewußk,  mit  welchen  Schwierigkeiten  er  zu  kämpfen
haren  würde,  welche  Hindernisse  ihm  Vorurteil,  Trägheit,  Eiferucht,
  Verleumdung  bereiten,  und  wie  er  für  eine  Zeit  lang  seine
Ruhe  und  seinen  Frieden  zu  opfern  habe.  Dieser  Kampf  schreckte
jedoch  den  für  sein  Lorhaben  begeisterten  Mann  nicht  zurück.
Komme  ich  nicht  ans  Ziel,  dachte  er,  so  erreichen  es  andre  nach
mir.  Ubrigens  sah  er  wohl  ein,  daß  er  allein  einer  so  großen
Aufgabe  nicht  gewachsen  sei.  Bescheiden,  wie  alle  Männer  von
wahrem  Lerdienst,  begriff  er,  daß  er  sich  nach  Hilfe  umsehen
müsse,  und  sich  solche  zu  verschaffen,  war  daher  die  erste  seiner
Horgen.  Nach  Rapet-Meyer.
        <pb n="62" />
        —  53  —

27.  Gin  wohlhabendes  Dorf.

In  das  Gebiet  der  Gemeinde  gehörte  auch  ein  Besitztum,  das  aus
einem  hübschen  Landgut  und  einem  Schlößchen  bestand.  Der  Besitzer  desselben,
  ein  reicher  Mann  mit  Namen  Hofmann,  wohnte  jedoch  in  der  Stadt
und  kam  nur  in  der  schönen  Jahreszeit  manchmal  heraus.  Der  Charakter
der  Schönfelder  und  der  Anblick  ihres  Elends  waren  ihm  zuwider.  Er  hatte
den  guten  Willen  Hilfe  zu  leisten,  wo  es  not  tat,  sah  aber  wohl  ein,  daß
seine  Wohltätigkeit  das  Ubel  nicht  von  Grund  aus  beseitigen  konnte.  Arbeitsam
  und  beharrlich,  aber  schüchtern  und  schwer  von  Entschluß,  hätte  er
nie  das  Werk  begonnen,  das  sich  Doktor  Auer  zur  Aufgabe  gemacht  hatte.

Dieser  aber  begriff,  welchen  Beistand  er  bei  einem  Manne  finden
konnte,  der  Glücksgüter  und  die  erforderliche  Muße  neben  einem  offenen
Sinne  für  das  Wohl  seiner  Mitmenschen  besaß.  Er  machte  daher  Herrn
Hofmann  mit  seinem  Vorhaben  bekannt;  dieser  nahm  es  beifällig  auf  und
versprach  Unterstützung.  Schon  wiederholt  war  Herrn  Hofmann  die  Stelle
des  Ortsvorstandes  angeboten  worden;  nun  entschloß  er  sich  dieselbe  anzunehmen.
  Dies  brachte  für  ihn  die  Notwendigkeit  mit  sich  öfter  in  Schönfeld
zu  verweilen;  ja,  er  verlegte,  eingenommen  für  das  Werk,  an  dem  er  mitwirken
  sollte,  bald  seinen  Wohnsitz  dahin.

Leeider  starb  zur  selbigen  Zeit  der  hochwürdige  Herr  Pfarrer,  ein  Mann
in  den  besten  Jahren,  auf  dessen  Mitwirkung  die  beiden  gerechnet  hatten.
Da  der  Doktor  überzeugt  war,  daß  die  Wiedergeburt  einer  verwahrlosten
Gemeinde  ohne  den  Beistand  der  Religion  unmöglich  sei,  so  bot  er  allen  seinen
Einfluß  auf,  daß  für  die  Gemeinde  wieder  ein  Geistlicher  bestimmt  wurde,
der,  kräftig  und  erleuchtet,  ihn  in  seinem  Vorhaben  unterstützen  konnte.  Dies
gelang  und  dem  Doktor  standen  nun  tüchtige  Kräfte  als  Mitarbeiter  zur  Seite.

Es  würde  zu  weit  führen,  wenn  wir  die  Mittel  nachweisen  wollten,
welche  in  schöner  Übereinstimmung  von  den  drei  Männern  angewandt
wurden  um  dem  Dorfe  ein  anderes  Aussehen  zu  geben.  Die  Veränderung
war  eine  solche,  daß  es  eigentlich,  um  die  Zustände  zwanzig  Jahre  später
darzustellen,  nur  der  Kehrseite  der  Schilderung  bedürfte,  die  wir  oben  gegeben
  haben.  ,

Eine  in  Unmwissenheit  versunkene  Bevölkerung  wird  am  besten  durch
Beispiele  überzeugt.  Um  also  die  Bewohner  von  Schönfeld  zueinem  besseren
Feldbau  anzuspornen,  mußten  sie  auf  günstige  Erfolge  hingewiesen  werden
können.  Eben  jetzt  lief  der  Pacht  auf  dem  Besitztum  des  Herrn  Hofmann
ab.  Er  ließ  große  Verbesserungsarbeiten  auf  seine  Kosten  vornehmen,
welche  den  neuen  Pächter  verpflichteten  sich  seinen  Ansichten  zu  fügen.
Dem  kleineren  Besitztum  des  Doktors  stand  ein  Verwalter  vor;  auch  hier
Verbesserungen  durchzuführen,  dazu  fehlte  es  ihm  an  dem  nötigen  Kapital.
Er  entschloß  sich  zu  einem  Schritt,  der  sich  als  eines  der  heilsamsten  Beispiele
  erwies.  Statt  Geld  aufzunehmen,  verkaufte  er  die  Hälfte  seines
Besitzes;  nun  hatte  er  die  Mittel  den  Rest  nutzbarer  zu  machen.  Daß  dies
nicht  nur  ein  gutes  Beispiel  sondern  auch  eine  gute  Spekulation  war,  zeigte
sich  zehn  Jahre  später,  indem  ihm  die  Hälfte  seiner  Güter  einen  schöneren
        <pb n="63" />
        —  54  —

Ertrag  abwarf  als  vorher  das  Ganze.  Der  Wert  seines  nach  allen  Richtungen
verbesserten  Besitzes  hatte  sich  fast  verdreifacht.

Solche  Erfolge  stachen  jedoch  den  Bewohnern  von  Schönfeld  in  die
Augen.  Nachdem  einmal  einige  Bauern,  durch  das  Beispiel,  den  Zuspruch
und  hie  und  da  durch  geheime  Unterstützung  des  Herrn  Hofmann  ermuntert,
für  Verbesserung  gewonnen  waren,  war  das  Schwerste  überwunden;
dennoch  blieb  des  Dokters  Leben  von  nun  an  ein  immerwährender  Kampf
mit  Hindernissen.  Er  mußte  persönlich  alle  Arbeiten  überwachen  und  durfte
nicht  müde  werden  Belehrung  und  Rat  zu  erteilen,  wozu  er  die  Sonntage
benutzte,  an  welchen  sich  die  Bewohner  in  Gruppen  um  die  Kirche  zu  ver—
sammeln  pflegten.

Worauf  er  vor  allen  Dingen  seine  Aufmerksamkeit  richtete,  das  war
die  Eindämmung  des  Baches,  der  die  Ebene  bei  dem  Dorfe  durchschnitt.
  Hatte  man  diese  bewerkstelligt,  so  waren  nicht  nur  die  Überschwemmungen
  beseitigt,  welche  die  Ebene  in  einen  ungesunden  Sumpf  verwandelten,
  sondern  auch  gute  Wiesen  gewonnen.  Man  schritt  ans  Werk,  dämmte
den  Bach  ein,  leitete  das  Wasser  in  zahlreichen  Gräben  ab  und  in  kurzer
Zeit  war  gutes  und  fettes  Futter  für  einen  vermehrten  Viehstand  und  damit
auch  Dung  gewonnen,  woran  das  Dorf  immer  Mangel  gelitten  hatte.

Dies  war  aber  nicht  alles.  Wir  wissen,  daß  der  Bach  viel  Gefäll  hatte.
In  der  nächsten  Nähe  des  Dorfes  baute  der  Doktor  nun  eine  Mahlmühle,
die  dem  Orte  bisher  gefehlt  hatte;  auf  weite  Entfernung  und  auf  schlechten
Wegen  hatten  die  Bewohner  ihre  Frucht  zur  Mühle  fahren  müssen.  Doktor
Auer  ging  weiter.  Grund  und  Boden  der  Gemeinde  war  nicht  so  groß,
daß  die  Bewohner  hinreichend  mit  Feldarbeit  beschäftigt  gewesen  wären.
Er  beschloß  daher  eine  Industrie  in  das  Dorf  zu  rufen.  Durch  den  Verkauf
eines  Teils  seines  Besitztums  an  einige  unternehmende  Kapitalisten  wurde
auch  dies  ermöglicht.  Bald  sah  man  die  Mauern  einer  Spinnerei  sich  erheben,
  an  die  sich  später  eine  Kattunfabrik  anschloß.  Der  Anfang  mit  derlei
Anstalten  war  nun  gemacht,  und  da  immer  noch  Wasserkräfte  übrig  waren,
so  gab  dies  zur  Errichtung  einiger  Hammerschmieden  Anlaß.  Ohne  Anstände
liefen  diese  Neuerungen  aber  nicht  ab.  Schönfelds  Einwohner  waren  für
diese  neue  Gewerbtätigkeit  teils  nicht  zahlreich  teils  nicht  verständig  genug
und  es  mußten  daher  fremde  Arbeiter  herbeigezogen  werden,  welche  man
als  ebensoviel  Mäuler,  die  dem  Ort  das  Brot  wegessen  und  die  Waren  verteuern,
  mit  Neid  und  Unwillen  ansah.

Der  Doktor  wußte  die  Aufgeregten  zu  beruhigen.  Es  galt  aber  noch
in  einer  andern  Richtung  allen  seinen  Einfluß  geltend  zu  machen,  da  es  sich
nun  auch  darum  handelte,  die  Gemeindegüter,  einen  ansehnlichen  Besitz,
auf  welchem  die  Armen  ihre  Kühe  und  Schafe  weideten,  teils  zu  verkaufen,
teils  auf  lebenslängliche  Nutznießung  gegen  mäßigen  Zins  zu  verteilen.
„Das  heißt  die  Gemeinde  ruinieren  und  die  Armen  vollends  an  den  Bettelstab
  bringen“,  war  das  Gerede  im  Dorf.  Der  Doktor  setzte  aber  auch  dies
vermöge  seiner  Beliebtheit  in  der  Überzeugung  durch,  daß  sein  Vorschlag
die  beste  Auskunft  sei,  für  die  gemeinnützigen  Verbesserungen  Mittel  zu
schaffen  und  wertlose  Weiden  in  gutes  Ackerland  zu  verwandeln.  So  wurde
        <pb n="64" />
        —  55  —

denn  auf  sein  Anraten  ein  Teil  des  Gemeindegutes  unter  die  Einwohner
verteilt,  der  Rest  kam  zum  Verkauf  und  gelangte  in  die  Hände  auswärtiger
Eigentümer,  die  eine  bessere  Bearbeitung  des  Bodens  einführten.

Jetzt  wendete  Herr  Auer  seine  Sorgfalt  auch  den  Wäldern  zu,  die
bisher  fast  wertlos  gewesen  waren,  weil  Ziegen  und  Schafen  keinen  Nachwuchs
  hatten  aufkommen  lassen.  Da  gleichzeitig  die  Hammerschmieden
Nachfrage  nach  Holz  veranlaßten,  so  kamen  die  Forsten  bald  in  schönen
Ertrag  und  die  Bevölkerung  fand  auch  hier  Arbeit.

Mit  den  gewonnenen  Mitteln  konnten  nun  auch  diejenigen  Arbeiten
in  Angriff  genommen  werden,  die  den  Verkehr  des  Ortes  nach  auswärts
erleichtern  sollten.  In  erster  Linie  mußten  die  so  verwahrlosten  Verbindungsstraßen
  hergestellt  werden.  Anfänglich  sahen  viele  auch  darin
nur  Fronen  zum  Besten  der  Wohlhabenden.  Bald  aber,  als  sie  wahrnahmen,
wie  die  Gewerbtätigkeit  und  die  Fortschritte  im  Feldbau  das  Fuhrwerk
vermehrten,  begriffen  sie,  daß  dem  Armen  wie  dem  Reichen  der  gute  Zustand
  der  Wege  zustatten  kam.

Auch  der  neue  Geistliche  hatte  durch  Wohlwollen  und  freundliche
Teilnahme  an  den  Angelegenheiten  der  einzelnen  Familien  sich  die  Herzen
gewonnen  und  nun  war  es  ihm  leicht  an  der  Wiedergeburt  der  Gemeinde
mitzuarbeiten.  Die  Kirche  war  besuchter  als  je.  Indem  sich  die  Vermögensumstände
  der  Leute  verbesserten,  wurden  diese  selbst  auch  sittlich  besser.

Nach  so  vielen  Fortschritten  im  Haushalt  der  Gemeinde  konnte  man
nun  auch  an  Verschönerungen  denken.  Der  Platz  vor  der  Kirche  wurde
vergrößert,  mit  Bäumen  bepflanzt  und  in  einen  Spaziergang  mit  Bänken
verwandelt.  Dort  saß  der  Doktor  gerne  und  plauderte  mit  den  Bewohnern,
von  welchen  er  viele  noch  als  Kinder  gekannt  hatte  und  die  er  daher  nach
ländlicher  Sitte  duzte.

Wie  hatte  sich  der  Anblick  von  der  Terrasse  aus  seit  wenigen  Jahren
verändert!  Die  Ufer  des  sich  unten  vorüberschlängelnden  Flusses  waren
auf  beiden  Seiten  mit  Reihen  von  Bäumen  eingefaßt,  die  nicht  nur  die
Landschaft  mit  ihrem  heiteren  Grün  verschönten,  sondern  auch  der  Gemeindekasse
  einen  hübschen  Ertrag  abwarfen.  Über  sie  weg  ruhte  das
Auge  auf  einem  herrlichen  Teppich  von  Wiesen.  Inmitten  dieses  Bildes  lag
dann  die  Fabrik,  deren  stattliche  Gebäude  die  kleinen  umherliegenden
Akeiterwohnungen  beherrschten,  die  selbst  einen  heitern  Anblick  gewährten.
Auch  bei  ihrem  Aupbau  hatte  der  Doktor  seinen  Einfluß  geltend  gemacht
und  bei  Herrn  Hofmann  und  den  Fabrikbesitzern  willige  Unterstützung  gefunden.
  Licht  und  Luft  durfte  den  Häuschen  nicht  fehlen.  Sie  waren
von  Gärten  mit  Obstbäumen  umgeben  und  durch  lebendige  Hecken  voneinander
  getrennt.  An  der  Liebhaberei  für  Blumenzucht  konnte  man
wahrnehmen,  daß  der  veredelnde  Sinn  für  das  Schöne  Einkehr  gefunden
habe.  Solche  Beispiele  wirkten  auch  auf  die  Bewohner  im  Dorfe  zurück.
Überall  war  man  beflissen,  den  alten  schmutzigen  und  unbequemen  Wohnungen
  ein  besseres  Gewand  anzuziehen,  und  das  ganze  Dorf  gewann  allmählich
  ein  freundlicheres  Aussehen,  zumal  auch  die  Dunghaufen,  deren  nützliche
  Jauche  bisher  auf  die  Straße  abgeflossen,  zweckmäßiger  angelegt  wurden.
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        —  56  —

Bei  all  diesen  Verbesserungen  rechnete  Herr  Auer  besonders  auf  das
nachwachsende  Geschlecht  und  dabei  mußte  ihm  die  Schule  behilflich  sein,  in
welcher  der  einsichtsvolle  Lehrer,  Herr  Raimund,  im  Sinne  des  Doktors
wirkte.  Der  Geistliche  besuchte  die  Schule  fleißig,  um  dadurch  seine  Wertschätzung
  der  Schularbeit  zu  bezeugen,  und  Versäumnisse  wurden  nicht  mehr
geduldet.  Um  die  in  der  Werktagsschule  erworbenen  Kenntnisse  und  Fertigkeiten
  zu  befestigen,  wurde  eine  Fortbildungsschule  ins  Leben  gerufen,
obgleich  sie  das  Gesetz  nicht  forderte.  Sie  wurde  ebenso  eifrig  wie  die
Volksbibliothek  benutzt,  die  namentlich  an  den  Winterabenden  einen
segensreichen  Einfluß  auf  die  Bildung  der  Schönfelder  ausübte.

Mit  dem  veränderten  Aussehen  des  Dorfes  ging  so  allmählich  auch
eine  Veränderung  der  Sitten  vor  sich.  Die  frühere  Roheit,  der  wilde
Charakter,  die  Faulheit  der  Bewohner  machten  mehr  und  mehr  einem
gebildeten  Benehmen  und  besseren  Gesinnungen  Platz;  die  Märkte,  die
Wirtshäuser  wurden  nicht  mehr  so  häufig  besucht,  die  Felder  besser  bebaut,
der  häusliche  Erwerbsfleiß  nahm  zu.  Auch  der  Anbau  von  Handelsgewächsen
  kam  nunmehr  auf  und  brachte  Geld  ins  Dorf.  Besonders  leistete
der  Doktor  auch  dem  Obstbau,  dessen  Ertrag  eine  mühelose  Ernte  ist,
Vorschub.  Er  sorgte  für  die  Anpflanzung  guter  Sorten  von  Obstbäumen
und  gab  selbst  im  Pfropfen  und  Beschneiden  der  Bäume  Unterweisung.
Eine  Verbesserung  des  Viehschlages  durfte  auch  nicht  fehlen  und  daran
knüpfte  sich  auf  seinen  Rat  und  unter  seinem  Beistand  ein  neuer  Erwerb,
die  Bereitung  von  Käse.  Nach  Vorgängen  in  der  Schweiz  wurde  täglich
die  entbehrliche  Milch  sämtlicher  Kühe  an  einen  zur  Käsereibereitung  angestellten
  Einwohner  abgeliefert,  der  den  Besitzern  Rechnung  darüber  hielt.
Selbst  die  kleinste  Menge  konnte  auf  diese  Weise  ohne  Kosten  und  Zeitverlust
verwertet  werden.  Da  die  Bienenzucht  ebenfalls  einen  sichern  Ertrag
abwirft,  so  weckte  er  auch  den  Sinn  der  Schönfelder  für  diese  Liebhaberei.

So  war  das  Dorf  Schönfeld  jetzt  fast  nicht  mehr  zu  erkennen.  Seine
Bevölkerung  hatte  sich  in  zwanzig  Jahren  verdreifacht,  der  Wohlstand  aber
war  in  noch  größeren  Verhältnissen  gestiegen.  Nach  Rapet-Meyer.

28.  Hausindustrie.

Neben  der  Landwirtschaft  entwickelte  sich  schon  in  frühester  Zeit  die
Hausindustrie.  Der  kleine  Landbesitzer,  welcher  nicht  Feld  genug  besaß,  um
seine  ganze  Arbeitskraft  verwerten  zu  können,  benützte  seine  freie  Zeit  zur
Herstellung  eines  industriellen  Erzeugnisses.  Als  sich  infolge  der  mehrfachen
Teilungen  in  vielen  Familien  der  Landbesitz  verkleinerte,  gewannen  die  einzelnen
Familienglieder  mehr  Zeit  für  ihre  gewerbliche  Tätigkeit  und  die  Anzahl
derjenigen  Leute,  welche  ihre  ganze  Zeit  oder  doch  den  überaus  größten  Teil
derselben  der  Erzeugung  eines  gewerblichen  Gutes  zuwendeten,  wuchs  von  Jahr
zu  Jahr.  So  sehen  wir  noch  heutigestags  Hunderttausende  von  Familien
auf  dem  platten  Lande  oder  in  kleinen  Städten  innerhalb  ihrer  eigenen  Räumlichkeiten
  während  der  Zeit,  die  der  Betrieb  der  kleinen  Landwirtschaft  nicht
in  Anspruch  nimmt,  mit  industriellen  Arbeiten  beschäftigt;  ebensoviele  haben
das  frühere  Nebengewerbe  zum  Hauptgewerbe  erhoben.  Dieselben  arbeiten
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        —  57  —

teils  in  der  Wohnung  teils  in  besonderen  Werkstätten,  in  der  Regel  mit  eigenen
Werkzeugen  und  Geräten,  allein  oder  auch  mit  den  Familienangehörigen,
selten  mit  Fremden.  Alle  Erzeugnisse  dienen  dem  Massenverbrauch.

Es  gibt  eine  sehr  große  Anzahl  von  Gewerben,  die  in  dieser  Weise
betrieben  werden.  In  jedem  gewerblichen  Berufe,  der  keine  teuern  Maschinen
verlangt,  ist  Hausindustrie  möglich.  Als  landwirtschaftliche  Hausindustrie
kommen  in  Bayern  insbesondere  in  Betracht:

die  Weberei  in  einem  großen  Teile  Oberfrankens,  dann  in  Niederbayern
bei  Passau  und  Wegscheid;
die  Korbflechterei  in  Oberfranken,  in  Niederbayern  in  Winzer,  Bezirksamts
  Deggendorf,  in  der  Pfalz  zumal  in  Rosheim,  Bezirksamts
Frankenthal,  dann  in  Scheidt  und  Neupfotz,  Bezirksamts  Germersheim,
  in  Unterfranken  in  dem  an  Oberfranken  angrenzenden  Teile
und  in  Schwaben  im  Donaumoos;
die  Holzwarenfabrikation  in  Oberbayern  in  den  Bezirken  Berchtesgaden
  und  Garmisch,  in  Oberfranken  in  Kupferberg  und  in  Unterfranken
  in  der  Rhön  sowie  im  Spessart  mit  der  Holzschnitzerei,
bezw.  in  Mittenwald  mit  der  Geigenmacherei  und  in  Niederbayern
iim  Bayerischen  Wald  mit  der  Herstellung  gröberer  Ware;
die  Schuhwarenherstellung  in  der  Rheinpfalz  in  und  bei  Pirmasens
Ö%  in  Oberfranken  in  den  Bezirken  Naila,  Kulmbach  und  Stadtteinach;

die  Sachzeei  (Konfektion)  in  der  Pfalz  bei  Speyer,  dann  in  Unterfranken
  im  Spessart;
die  Strohflechterei  in  einigen  Bezirken  Oberfrankens,  der  Oberpfalz
und  Unterfrankens  für  gröbere  Ware  und  in  Schwaben  (Distrikt
Weiler)  sowie  in  der  Rheinpfalz  für  feinere  Gegenstände;
die  Stickerei  verschiedener  Art  in  Oberfranken,  Unterfranken  (Kahlpgrund)
  und  Schwaben  (Oberstaufen,  Weiler  und  Umgebung);
die  Schiefertafelmacherei  in  Oberfranken.

Diese  Art  von  Industrie  hat  große  Vorzüge.  Vater,  Mutter  und
Kinder  arbeiten  gemeinschaftlich  an  demselben  Werke  und  sind  infolgedessen
während  der  ganzen  Arbeitszeit  beieinander,  wodurch  das  Leben  innerhalb
der  Familie  sehr  gefördert  wird.  Die  Kinder  sind  unter  beständiger  Aufsicht
  und  werden  zur  Arbeitsamkeit  von  frühester  Jugend  an  erzogen.  Die
Frauen  können  selbst  für  ihren  Haushalt  sorgen.  Dem  Arbeiter  ist  es
möglich,  nach  eigenem  Ermessen  die  Dauer  seiner  Arbeitszeit  zu  bestimmen
und  einen  wohltuenden  Wechsel  innerhalb  derselben  eintreten  zu  lassen.

Der  Mann  der  Hausindustrie  klebt  an  der  Scholle.  Die  von  Kindheit
  an  geübte  Beschäftigung  wählt  der  heranwachsende  Mensch  häufig  auch
für  sich  und  selbst  die  bitterste  Not  kann  ihn  selten  bestimmen  zu  einem
anderen  Berufe  überzugehen.  Er  hungert,  wenn  es  wenig  zu  verdienen
gibt,  und  ist  lustig  und  guter  Dinge,  wenn  der  Lohn  reichlich  ausfällt;
immer  aber  bleibt  er  bei  seiner  zwanglosen  Arbeit,  zu  der  ihn  niemals  der
Klang  der  Fabrikglocke  ruft.  Er  verfällt  dabei  oft  der  Ausbeutung  von
Unternehmern  und  Mittelspersonen.  Von  großem  Vorteile  ist  es  daher,
wenn  sich  die  einzelnen  durch  Bildung  von  Genossenschaften  enger  aneinander
  schließen,  durch  gemeinsamen  Einkauf  von  Rohmaterialien,  durch
gemeinsame  Erwerbung  von  Arbeitsmaschinen,  die  Herstellungskosten  verringern
  und  durch  gemeinsamen  Verkauf  den  Preis  zu  beeinflussen  versuchen.
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        —  58  —

Die  Hausindustrie  ist  noch  immer  anwendbar  und  auch  der  Fabrikindustrie
  gegenüber  in  beschränktem  Maße  dauernd  konkurrenzfähig,  wo  keine
größeren  kostspieligen  Maschinen  technisch  anwendbar  sind,  die  Arbeit  also
wesentlich  Handarbeit  mit  einfachen  Werkzeugen  bezw.  Geräten  bleibt.  Allenfalls
  verwendete  kleine,  nicht  kostspielige  Maschinen,  z.  B.  Nähmaschinen,
werden  ihr  nur  zum  Vorteile  gereichen.  Auch  da,  wo  keine  Arbeitsteilung
die  Herstellungskosten  erheblich  verringert,  kann  die  Hausindustrie  noch  bestehen.
  Nach  amtlichen  Quellen  und  nach  Pache.

29.  Feuerwehr.

Für  das  Eigentum  einer  Gemeinde  sowie  für  das  Leben  der
Personen  in  derselben  ist  kaum  eine  andere  öffentliche  Einrichtung
s0  wichtig  wie  das  Feuerlöschwesen  und  doch  ist  dasselbe  an
vielen  Orten  noch  nicht  gut  bestellt.  Vielfach  fehlt  es  an  den
allernotwendigsten  Feuerlöschgerätschaften  oder  man  hat  zwar
eine  Löschmaschine  und  andere  Geräte  angeschafft,  versäumt
aber  beizeiten  für  eine  geschulte  Bedienungsmannschaft  zu  sorgen.
Bricht  ein  Brand  aus,  so  herrscht  auf  dem  Brandplatze  die
größte  Unordnung.  Jeder  will  da  alles  am  besten  verstehen,
Jjeder  befehlen,  keiner  gehorchen.  Bei  solchem  Wirrwarr  gerät
ein  First  nach  dem  andern  in  Brand,  während  bei  rechtzeitigem
und  richtigem  Eingreifen  das  Feuer  auf  seinen  Herd  beschränkt
werden  könnte.

Darum  sollte  keine  Gemeinde  mit  Verbesserung  ihrer  Löscheinrichtungen
  und  mit  Errichtung  einer  geschulten  Feuerwehr
so  lange  zuwarten,  bis  es  zu  spät  ist,  und  wo  eine  Feuerwehr
besteht,  sollten  alle  gesunden  Männer  eine  Ehre  darin  erblicken,
derselben  als  Mitglieder  angehören  zu  dürfen;  denn  die  Feuer-Wehr
  hat  wichtige  und  segensreiche  Aufgaben  zu  lösen.  Wo
früher  auf  dem  Brandplatze  Unordnung  und  Durcheinander
herrschte,  wird  nun  Ruhe  und  Ordnung  hergestellt;  wo  früher
viele  kommandierten,  befiehlt  nun  ein  einziger;  alle  andern  aber
gehorchen  und  reichen  sich  brüderlich  die  Hand  zur  Abwehr
von  Gefahren;  wo  man  sonst  nicht  schnell  und  sicher  genug
dem  feindlichen  Elemente  entgegentrat,  greift  nun  eine  geübte
Schar  rasch  und  zielbewuszt  ein;  wo  sonst  bei  ungestümer
Rettungsarbeit  durch  Menschenhandoft  mehr  Schaden  angerichtet
wurde  als  durch  das  Feuer,  wird  nun  durch  wohlberechnetes
Abwägen  zwischen  Mittel  und  Zweck  jede  unnötige  Gefährdung
und  Schädigung  von  Personen  und  Eigentum  tunlichst  vermieden.

Die  Feuerwehr  ist  entweder  eine  pflichtmäßige  oder
eine  freiwillige.  Durch  distriktspolizeiliche  Vorschrift  kann
angeordnet  werden,  daft  in  jeder  Gemeinde  des  Bezirks  alle
gesunden  Männer  zwischen  18  und  40  Jahren  zum  Feuerlösch--dienste
  bereit  stehen  und  zu  diesem  Zwecke  alljährlich  einer
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        —  59  —

entsprechenden  Anzahl  von  Ubungen  beiwohnen  müssen.  Aber
eine  Pflichtfeuerwehr  ist  immer  nur  ein  dürftiger  Notbehelf.

  Weit  wirksamer  erweisen  sich  die  freiwilligen
Feuerwehren.

Eine  freiwillige  Feuerwehr  ist  ein  Verein  gleichstrebender,
hillsbereiter  Männer  unter  einem  von  ihnen  gewählten  Verwaltungsrate.
  Die  Mannschaft,  welche  mittels  Handschlag  auf  Eifer
und  Opferwilligkeit  verpflichtet  wird,  ist  in  der  Regel  in  drei
Züge  (Steiger,  Spritzen-  und  Ordnungsmänner)  eingeteilt.  Sie
sucht  sich  durch  häufige,  schulmäßige  Ubungen  zur  Erfüllung
ihrer  Aufgabe  auszubilden  und  immer  leistungsfähiger  zu  machen.

Die  Feuerwehrleute  sind  meistens  mit  Helmen  oder  wenigstens
mit  Dienstmützen  versehen;  gut,  aber  nicht  notwendig  ist  es,
wenn  sich  dieselben  auch  gleichartige  Joppen  oder  Blusen  anschaffen.
  Uberhaupt  kommt  es  bei  der  Feuerwehr  erst  in  zZweiter
Linie  darauf  an,  daf  sie  proper  auftrete;  ihr  Hauptschmuck  besteht
  vielmehr  in  Ordnung,  Disziplin,  Selbstvertrauen,  Ruhe
und  Sicherheit  beim  Handeln.  Mit  diesen  Tugenden  ausgestattet,
bildet  die  Feuerwehr  ein  hochbedeutsames,  von  der  Staatsregierung,
  den  Behörden  und  einsichtsvollen  Bürgern  geachtetes
und  auf  alle  Weise  gefördertes  Glied  in  der  Reihe  der  öffentlichen
  Wohlfahrtseinrichtungen.  Nach  L.  Jung.

30.  Der  Landwirtschaftliche  Verein.

Schon  seit  alter  Zeit  hatte  das  Gewerbe  seine  Zünfte.  Nach  deren
Aufhebung  sind  die  meisten  Gewerbsleute  durch  Bildung  von  sogenannten
Innungen  wieder  in  freien  Vereinigungen  zusammengetreten.  Sie  erreichen
dadurch  in  ihrem  Geschäftsbetrieb,  insbesondere  in  der  gegenseitigen  Be—
lehrung,  im  Kredit,  im  Warenbezug  und  im  Verkauf  der  eigenen  Ware  eine
Stärke,  wie  sie  dem  einzelnen  Manne  nicht  möglich  ist.  Nun  bestehen
ja  auch  schon  seit  längerer  Zeit  landwirtschaftliche  Vereine,  die  für  die
Hebung  der  Landwirtschaft  eifrig  tätig  sind.  Aber  wie  viele  Landwirte
gibt  es,  die  nicht  in  einen  solchen  Verein  eintreten!  Sie  sehen  die  Einigung
der  Geschäftsleute  vor  ihren  Augen  entstehen,  haben  auch  nicht  selten  unter
der  geschlossenen  Einigung  der  Handelsleute  beim  Kauf  und  Verkauf  sehr
fühlbar  zu  leiden;  allein  ihrem  Beispiel  folgen  sie  nicht.

Der  Landwirtschaftliche  Verein  vertritt  und  fördert  insbesondere  die
Interefsen  der  Landwirte  mit  mittlerem  und  kleinerem  Besitz,  weil  diese
Klassen  von  Bauern  nicht  nur  die  Mehrzahl  bilden,  sondern  auch  der  Vereinigung
  und  Unterstützung  am  meisten  bedürftig  sind.  Die  Besitzer  großer
Güter  erhalten  in  der  Regel  eine  bessere  Ausbildung  und  können  sich  auch
wegen  des  Besitzes  größerer  Geldmittel  viel  leichter  selbst  helfen.  Den
Bauern  mit  zerstückeltem,  kleinem  Besitz  fehlen  in  der  Regel  Wissen  und
Geldmittel,  um  von  den  Fortschritten  auf  landwirtschaftlichem  Gebiete
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        —  60  —

Gebrauch  machen  zu  können.  Der  Kleinbesitzer  bewegt  sich  deshalb  mit
einer  gewissen  Vorliebe  in  den  ererbten  Überlieferungen  fort.  Und  nicht
selten  hat  er  noch  gegen  alles  Neue  ein  großes  Mißtrauen.  Er  hat  auch
ein  gewisses  Recht  zu  solcher  Vorsicht.  Alle  seine  Verhältnisse  sind  klein
und  enge  und  haben  durch  langbewährte  Erfahrungen  eine  gewisse  Festigkeit
  erhalten.  Weitgreifende  Neuerungen  in  dieser  festen  Wirtschaftsweise
können  leicht  den  ganzen  Betrieb  stören.  Der  kleine  Besitzer  hat  sogar
schon  oft  in  dieser  Hinsicht  recht  trübe  Erfahrungen  gemacht.  Es  werden
ihm  Neuerungen  anempfohlen,  die  vielleicht  für  seine  Verhältnisse  nicht
passen  oder  die,  was  wohl  besonders  oft  geschieht,  von  ihm  falsch  verstanden
und  falsch  angewendet  werden,  so  daß  er  zu  Schaden  kommt.  Kein  Wunder,
daß  er  dann  endlich  mißtrauisch  wird  und  es  lieber  so  macht,  wie  es  der  Vater,
Großvater  und  Urgroßvater  gemacht  haben.

Dieser  Tatsache  gegenüber  hat  der  Landwirtschaftliche  Verein  sich  eine
sehr  bedeutungsvolle  Aufgabe  gestellt.

Durch  öffentliche  Vorträge  und  Besprechungen  sowie  durch  Verteilung
von  Büchern  und  Zeitungen  belehrt  er  die  Landwirte.  Er  bietet  ihnen
bei  den  Vereinsversammlungen  eine  leichte  und  günstige  Gelegenheit  ihre
Ansichten  auszutauschen,  ihre  Erfahrungen  und  Beobachtungen,  welche  sie
bei  Ausübung  ihres  Berufs  zu  machen  so  vielfach  Gelegenheit  haben,  sich
gegenseitig  mitzuteilen.  Er  sucht  die  Mißstände  im  landwirtschaftlichen
Gewerbe  und  deren  Ursachen  aufzudecken,  mit  Sachverständigen  über  Mittel
zur  Abhilfe  dieser  Mißstände  zu  beraten  und  diese  dann  mit  gesamter  Kraft
zur  Anwendung  zu  bringen.  Er  strebt  die  Einführung  verbesserter  Geräte
und  Maschinen  an  und  hat  auf  diesem  Gebiete  schon  recht  segensreich  gewirkt.
  So  haben  auch  seine  unablässigen  Bemühungen  zur  Förderung  der
Viehzucht,  der  Wiesenkultur,  für  Ausdehnung  des  Futterbaues,  für  Anlage
von  Feldwegen,  wesentlich  zu  den  hier  erreichten  Verbesserungen  beigetragen.
Der  Anbau  von  Handelspflanzen  und  von  fremdländischen,  früher  unbekannt
gebliebenen  Gewächsen,  geht  von  ihm  aus.  Obst=  und  Weinbau  waren
stets  der  Gegenstand  seiner  besonderen  Aufmerksamkeit.  Und  auch  die
Herausgabe  eines  landwirtschaftlichen  Wochenblattes,  die  Ausstellungen
und  Prämien  haben  wie  die  zahlreichen  Versammlungen  und  Besprechungen
  lediglich  den  Zweck,  die  gedeihliche  Entwicklung  der  Landwirtschaft
nach  allen  Richtungen  hin  zu  fördern.

Und  was  ist  es,  das  so  viele  Bauern  zurückhält  dem  Landwirtschaftlichen
  Verein  beizutrteten?  Einzelne  scheuen  die  geringen  Kosten,  die  der
Eintritt  fordert.  Und  doch  ist  oft  ein  einziger  Ratschlag  im  landwirtschaftlichen
  Wochenblatt  oder  in  einer  landwirtschaftlichen  Besprechung  mehr
wert  als  der  ganze  jährliche  Beitrag  eines  Mitgliedes.  Außerdem  werden
den  Mitgliedern  durch  Verleihung  von  Prämien,  durch  Beschaffung  guter
und  billiger  Saatfrüchte,  Dünger=  und  Futtermittel,  von  Obstbäumen
u.  dergl.  weitere  Vorteile  zugewendet.

Der  Landwirtschaftliche  Verein  ist  eben  in  der  Lage,  viele  Vergünstigungen
  zu  gewähren,  weil  er  bei  gemeinsamen  Bezügen  im  großen  gut
und  billig  einkaufen  kann.
        <pb n="70" />
        —  61  —

Auch  gewährt  der  Staat  auf  Antrag  der  Volksvertretung  diesem  Vereine
sehr  namhafte  Beihilfe  und  Unterstützung,  damit  er  imstande  ist,  seiner
großen  und  wichtigen  Aufgabe  nachzukommen.  Aber  auch  solche  Landwirte
gibt  es,  die  aus  Gleichgültigkeit  oder  aus  Vorurteil  gegen  alles  Neue  nicht
in  den  Verein  eintreten.  Manche  glauben  auch,  der  Landwirt  habe  Bildung,
Fortschritt  und  Weiterlernen  nicht  nötig.

Fleiß  und  Sparsamkeit,  Nüchternheit  und  Gottesfurcht  sind  die  Grundsteine
  eines  tüchtigen  Bauernstandes  und  werden  es  auch  immer  bleiben;
aber  damit  allein  ist  es  heutzutage  nicht  getan.  Mit  berechnender  überlegung
  muß  die  Landwirtschaft  betrieben  werden.  Es  genügt  in  der  Gegenwart
  nicht  mehr,  daß  man  mit  Dunggabel  und  Dreschflegel  ordentlich  hantieren
  kann.  Es  gehört  mehr  dazu  ein  tüchtiger  Bauer  zu  sein.  Die  Landwirtschaft
  von  heute  ist  ein  Gewerbe,  das  so  viel  oder  mehr  Kenntnisse  erfordert
  als  manches  andere.

Die  Grundsätze,  nach  denen  sonst  der  Landmann  arbeitete,  sind  vielfach
hinfällig  geworden.  Wer  oben  bleiben  will,  muß  die  Zeit  verstehen  und
mit  ihr  zu  rechnen  wissen.  Kein  Gewerbetreibender  und  kein  Geschäftsmann,
aber  auch  nicht  der  Landwirt  ist  imstande,  sein  Geschäft  in  die  Höhe  zu  bringen
und  auf  der  Höhe  zu  erhalten,  wenn  er  sich  nicht  bemüht,  die  Verbesserungen
zu  erkennen  und  zu  verwerten,  welche  die  fortschreitende  Kultur  zu  Tage
gefördert  hat.

Die  früheren  Erträge  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  reichen  heutzutage
  nicht  mehr  aus,  weil  der  Wirtschaftsaufwand  unverhältnismäßig  hoch
gestiegen  ist.  Die  Erträge  müssen  ebenfalls  gesteigert  werden,  wenn  die
Landwirtschaft  ein  lohnendes  Gewerbe  bleiben  soll.  Trotzdem  haben  die
meisten  Landwirte  immer  noch  die  Meinung,  daß  nur  durch  der  Hände
Fleiß  Gewinn  zu  erzielen  sei.

Die  hohen  Arbeitspreise  nötigen  jedoch  den  Landwirt  manche  Handarbeit
  durch  zweckmäßige  Maschinenarbeit  zu  ersetzen,  weil  sie  dadurch  billiger
und  häufig  auch  besser  verrichtet  wird.  Die  Steigerung  der  Ausgaben  in
Familie,  Gemeinde  und  Staat  bei  hohen  Güter=  und  Arbeitspreisen  verlangt,
  jede  Scholle  möglichst  auszunützen  und  überall  da  zwei  Halme  wachsen
zu  machen,  wo  früher  nur  einer  wuchs.  Die  niederen  Getreide=  und  hohen
Viehpreise  bedingen  vermehrten  Futterbau  und  vermehrte  Viehzucht.  Die
hohen  Vieh=  und  Futterpreise  aber  erheischen  eine  wichtige  Pflege  der  Haustiere,
  um  möglichst  wenig  Verlust  an  Vieh  und  volle  Ausnützung  und  Verwertung
  des  Futters  zu  haben.  Dem  An=  und  Verkauf  endlich  müssen
äußerste  Vorsicht  und  sorgfältige  Berechnung-  zugrunde  gelegt  werden.
Dazu  aber  sind  viele  Kenntnisse  nötig.  Kein  Wunder,  daß  unter  solchen
Verhältnissen  die  kleinen  Grundbesitzer  an  ihre  Scholle  gebunden  bleiben
und  mit  den  Verbesserungen  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  nicht  bekannt
werden.  Gar  mancher  Landwirt  hätte  die  nötige  geistige  Begabung  seine
Lage  zu  verbessern,  wenn  er  über  die  Mittel  und  Wege  zur  einträglichen
Wirtschaftsführung  genügend  unterrichtet  worden  wäre.

Wie  könnte  aber  die  Landwirtschaft  gründlicher  und  nachhaltiger  gefördert
  werden  als  dadurch,  daß  man  den  Landmann  selbst  fördert,  d.  h.
        <pb n="71" />
        —  62  —

ihn  auf  eine  höhere  Stufe  der  Bildung  und  Gesittung  hebt!  Wissen  und
Verstand  sind  aber  nicht  ererbt.  Sie  müssen  angeeignet  und  ausgebildet
werden.  Das  geschieht  durch  gute  Erziehung  in  Schule  und  Haus,  durch
Belehrung,  durch  Aneiferung  und  Aufmunterung,  wie  sie  von  dem  Vereine
ausgehen.  Nach  Karl  Römer.

51.  Das  Münchener  Oktoberfest.

Als  am  12.  Oktober  1810,  dem  Geburtstage  des  Königs  Max  I.,
dessen  Sohn,  Kronprinz  Ludwig,  mit  der  Hrinzessin  Therese  von  Sachsen-Mltenburg
  sich  vermählte,  da  wollte  die  getreue  Stadt  München  ihre  Teilnahme
  an  diesem  Ereignisse  durch  ein  großes  Dolksfest  bekunden.  Ein
Oferderennen,  von  jeher  das  beliebteste  Dolksvergnügen  des  Altbapern,
sollte  den  Glanzpunkt  des  Festes  bilden.  Der  17.  Oktober  wurde  als
Tag  der  Festfeier  bestimmt.

Die  Einladung  zur  Teilnahme  fand  im  ganzen  Lande  freudigen  Anklang.
  Das  Landvolk  strömte  aus  allen  Gegenden  der  Hauptstadt  zu;  die
Bürgergarden  von  München,  Augsburg  und  Straubing  rückten  am  festgesetzten
  Tage  mit  klingendem  Spiel  und  wehenden  Fahnen  auf  die
„Theresienwiese“  im  Südwesten  der  Stadt.  Junge  Haare  aus  allen  Landesteilen
  legten  die  besten  Erzeugnisse  der  Heimat  den  Meuvermählten  zu
Füßen.  Dann  fand  das  Oferderennen  im  Angesicht  des  Hofes  statt.

Dies  war  das  erste  Oktoberfest;  dasselbe  hatte  so  großen  Beifall  gefunden,
  daß  man  beschloß,  es  solle  alljährlich  ein  solches  Dolksfest  begangen
  werden,  bei  welchem  die  besten  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
des  Hönigreichs  zur  Ausstellung  gebracht  würden.  Der  Landwirtschaftliche
  Derein  setzte  Dreise  aus  für  musterhafte  Erzeugnisse  des  Ackerbaues,
für  Obstbau,  Zienenzucht,  für  die  schönsten  Oferde,  Rinder  und  Schafe.
Und  so  ist  es  noch  heute.

Es  ist  der  erste  Sonntag  im  Oktober.  Alle  Gasthöfe  der  Hauptstadt
sind  von  Fremden  gefüllt;  der  größte  Teil  der  Geschäfte  ruht  für  eine
Woche.  Auf  den  Straßen  herrscht  ein  buntes  Treiben.  Schon  früh
strömen  endlose  Hüge  aus  allen  Teilen  der  Stadt  zum  Sendlingertore
hinaus  nach  der  Theresienwiese.  Die  Wiese  ist  festlich  geschmückt.  Hohe
Masten  tragen  Flaggen  in  den  Farben  des  Landes  und  der  Hauptstadt.
Blauweiße  Fahnen  bezeichnen  die  eiförmige  Rennbahn,  in  deren  Mitte
ein  längliches  Rechteck,  von  Bretterbuden  umgeben,  offen  gehalten  ist  um
allen  hungrigen  und  durstigen  Seelen  zu  dienen.

In  der  Mitte  der  allmählich  ansteigenden  Hhöhe,  welche  die
Theresienwiese  fast  halbkreisförmig  umgibt,  ist  ein  großes  Selt  für  die
königliche  Familie  errichtet;  gegenüber  erheben  sich  Tribünen  für  vornehmere
  Suschauer  und  für  Musikchöre.  Auf  der  Wiese  lustwandeln  die
Frauen  und  Mädchen  in  der  Landestracht.  Don  der  Höhe  blickt  das
eherne  Standbild  der  Bavaria  auf  das  bunte  Getümmel  ihrer  linder
herab.  Tiachmittags  2  Uhr  beginnt  das  Fest.  Kanonendonner  verkündet
  die  Ankunft  des  Königs,  der  mit  lautem  Suruf  begrüßt  wird.
        <pb n="72" />
        —  63  —

Unaben  in  altdeutscher  Tracht  tragen  die  buntseidenen  Dreisfahnen  und
silbernen  Medaillen  am  Uönigszelt  vorüber;  voraus  schreitet  ein
Trompeterkorps.  Mun  ziehen  die  Aussteller  mit  ihren  prächtigen  Tieren
vorüber.  Der  schmächtige  Rottäler,  der  beste  Oferdezüchter  des  Landes,
erscheint  neben  dem  gedrungenen  Oberländer  und  dem  hochstämmigen
Schwaben  in  festtäglicher  Tracht,  die  Hrachtstücke  seines  Stalles  führend.
  Die  Mähnen  der  Rosse  sind  zierlich  geflochten;  seidene  Schleifen
und  Bänder  in  den  Landesfarben  flattern  darin;  Saum  und  Gebiß
blinken  wie  Silber.  Schmucke  Dirnen  in  der  Tracht  des  Oberlandes
führen  das  mit  Blumenkränzen  und  weitschallenden  Glocken  geschmückte
Rind  vor,  des  Alpenlandes  größten  Reichtum.  Den  Rindern  folgen
leinwollige  Schafe  und  staunenswert  gemästete  Schweine.  —  Die

Derteilung  der  Dreise  erfolgt  durch  den  König  selbst  oder  durch  seinen
Stellvertreter.

Ein  neuer  Sug  mit  Trompetenbegleitung  naht  sich.  Es  sind  die
Rennbuben  in  enganliegender  Kleidung  auf  ihren  schmucken  Oferden.  Dor
den  Schranken  der  Rennbahn  machen  sie  Halt.  Diese  öffnet  sich  und  wie  die
Windsbraut  schießen  die  Oferde  nun  die  Bahn  entlang.  Dreimal  muß
die  eine  Diertelmeile  lange  Bahn  umritten  werden;  wer  zuerst  am  Siele
ankommt,  gewinnt  den  Oreis.  Ist  das  Rennen  vorüber,  dann  ergießt
sich  die  Mxenschenmenge  über  die  Wiese  und  strömt  zu  den  Zuden  um
sich  an  einem  frischen  Trunk  Bier  zu  laben.

Am  nächsten  Tage  beginnt  das  Festschießen  mit  Stutzen  und  Armbrust
nach  der  Scheibe,  dem  Bogel  und  dem  laufenden  hHirsch.  Es  dauert  eine
ganze  Woche  und  während  dieser  Seit  wird  die  Theresienwiese  nie  leer
von  Zesuchern  aus  der  Stadt  und  von  dem  Lande.  Am  zweiten  Sonntag
werden  die  Schützenpreise  verteilt;  am  Abend  beschließt  ein  prächtiges
Feuerwerk  das  herrliche  Fest.  nach  Gr.  Kscher.

32.  Die  Wundervolle  Ordnung  des  Staates.

J  Alle  kennen  die  hübsche  Erzählung  von  Abraham  und  Lot:
Wie  sie  in  Streit  über  ihre  Weideplätze  gerieten,  aber  sich  lieber  mit
ihren  Herden  trennten  als  uneinig  zusammenlebten.  Sie  konnten
dieses  Auskunftsmittel  zum  Frieden  ergreifen;  denn  sie  waren  als
Nomaden  nirgends  angesiedelt.  Hätten  sie  aber  einen  festen  Wohn--blatz
  gehabt,  so  wäre  ihnen  nichts  übrig  geblieben  als  sich  zu  vertragen.
  Und  was  wäre  wohl  das  nächste  für  diesen  Zweck  gewesen
um  häufigen  Streit  zu  vermeiden?  Offenbar  hätten  sie  ihren  Besitz
genau  abgrenzen  müssen.  Wenn  nun  die  Zahl  der  Zusammenwohnenden
  wuchs,  wenn  nicht  mehr  jeder  für  seine  Bedürfnisse
selbst  sorgte,  sondern  der  eine  dieses,  der  andere  jenes  Gewerbe
trieb  und  sich  zunächst  ein  Tauschhandel  entwickelte;  wenn  qadurch
die  Fragen  über  das  „Mein  und  Dein“  immer  schwieriger  wurden;
wenn  endlich  unter  den  durch  ihre  Wohnsitze  Verbundenen  auch
        <pb n="73" />
        —  64  —

Unruhige  waren,  welche  in  Schranken  gehalten  und  nötigenfalls  durch
Strafen  von  der  Wiederholung  ihrer  Ruhestörungen  und  Missetaten
abgeschreckt  werden  muftten:  so  ist  leicht  einzusehen,  daß  es  fester
Gesetze  bedurfte,  durch  welche  Handel  und  Wandel  geregelt  und
jedem  das  Maß  seiner  Freiheit  zugewiesen  wurde,  damit  er  die
andern  nicht  in  ihren  Ansprüchen  auf  die  gleiche  Freiheit  beeinträchtigte.
  Und  nicht  nur  mußte  bestimmt  werden,  was  als  Recht
gelten  sollte,  sondern  auch,  wer  es  zu  verwalten  und  darüber  zu
wachen  habe,  daft  es  nicht  übertreten  würde.

Schon  das  Zusammenleben  nomadischer  Hirtenstämme  ist  undenkbar
  ohne  gewisse  rechtliche  Bestimmungen  und  ohne  die  Unterordnung
  der  Menge  unter  ein  gemeinsames  Oberhaupt.  Wie  viel
weniger  läßt  sich  eine  aus  so  vielen  und  so  verschiedenartigen.
Gliedern  zusammengesetzte  Gemeinschaft  denken,  wie  diejenige,  in
der  wir  leben,  ohne  daft  noch  eine  weit  genauere  Bestimmung  dafür
getroffen  ist,  daß  jedem  das  Seine  werde:  dem  Käufer  und  dem
Verkäufer,  dem  Gläubiger  und  dem  Schuldner,  dem  Herrn  wie  dem
Diener,  dem  Untertanen  wie  dem  Fürsten  etc.  Ein  solch  streng  geordnetes,
  wohlgegliedertes  Ganze  aber,  worin  jedem  seine  Rechte  und
Pflichten  angewiesen  sind  und  für  die  Vollziehung  beider  gesorgt
wird,  ist  der  Staat.

Mit  diesem  Worte  haben  wir  die  vollkommenste  Form  des  ge-Ssellschaftlichen
  Zusammenlebens  bezeichnet.  Wie  der  Ackerbau  die
Grundlage  für  alle  höhere  Gesittung,  so  ist  der  Staat  die  vollendetste
Ausbildung  derselben;  alle  Güter  des  Kulturlebens  finden  in  seinem
Schoße  ihren  Schutz  und  ihre  Pflege.

Was  sollte  aus  uns  werden,  wenn  plötzlich  alles  das  aufhörte,
was  wir  jetzt  an  staatlicher  Fürsorge  genießen;  wenn  sich  autzer
unsern  nächsten  Angehörigen  niemand  mehr  um  uns  bekümmerte;
wenn  wir  Haus  und  Hof,  Handel  und  Wandel  und  selbst  unser
Leben  und  Sterben  dem  blofsen  guten  Willen  der  Menschen  anheimstellen
  müßten;  wenn  jeder  sich  selbst  zu  schützen  hätte  und  uns
keine  Obrigkeit  bewachte!  Wie  schnell  wären  alle  die  Güter  vernichtet,
  deren  wir  uns  jetzt  erfreuen,  wie  rasch  würden  wir  in  jenen
Zustand  zurücksinken,  wo  jeder  allein  für  sich  sorgt  und  nur  das
Recht  des  Stärkeren  gilt!  Was  würde  aus  allen  den  gemeinnützigen
Einrichtungen  werden,  die  jetzt  unser  Leben  fördern  und  uns  Sicherheit
  oder  doch,  wenn  das  Unglück  einmal  nicht  zu  verbüten  ist,
Hilfe  bieten,  und  zwar  nicht  nur  gegen  die  Eingriffe  der  Menschen,
wie  Diebstahl,  Mord  etc.,  sondern  auch  gegen  feindliche  Naturgewalten,
  wie  Feuers-,  Wassers-  und  Hungersnot,  verheerende  Krankheiten
  etc.  Es  würde  sich  das  Wort  Schillers  erfüllen:

„Nichts  Heiliges  ist  mehr;  es  lösen
Sich  alle  Bande  frommer  Scheu;

Der  Gute  räumt  den  Platz  dem  Bösen
Und  alle  Laster  walten  frei.“
        <pb n="74" />
        —  65  —

Und  wenn  wir  etwa  meinen  wollten,  dafür  sei  der  Staat,  den
sich  überhaupt  manche  fälschlich  nur  als  einen  unbequemen  Gebieter
und  Steuerforderer  denken,  nicht  notwendig,  das  nämliche  ließe  sich
auch  durch  eine  einfache  Verabredung  der  Bürger  untereinander
erreichen:  so  fragt  euch  nur,  wie  lange  es  mit  dem  guten  Willen
aller  einzelnen  Mitglieder  einer  solchen  Gesellschaft  dauern  würde,
an  der  jemand  nur  teilnähme,  wie  etwa  an  einem  Turnvereine  oder
Sängerbunde.,  —  wie  lange  es  dauern  würde,  wenn  nicht  das
zwingende  Band  des  Staates  das  Ganze  zusammenhielte!  Gewiß  ist
es  eine  lobenswerte  Sache  um  die  vielen  Vereine,  welche  die
Menschen,  zumal  in  unseren  Zeiten,  gründen,  um  Sparkassen,  Witwenkassen,
  Lebens-,  Feuer-,  Wasser-  und  Hagelversicherungen  u.  dergl.
Aber  alle  diese  Genossenschaften  können  sich  nur  bilden,  wo  schon
ein  Staat  vorhanden  ist,  und  sie  haben  ihren  Bestand  nur  unter
dem  Schutze  der  staatlichen  Ordnung,  die  der  Dichter  eine  segensreiche
  Himmelstochter  nennt.  Die  Stadt-  oder  Dorfgemeinde  kann
ihre  Zwecke  nur  erfüllen,  insofern  sie  als  ein  Glied  in  jenes  größere
Ganze  eingefügt  ist.

Der  Staat  also  ist  es,  der  die  gegenseitigen  Beziehungen  seiner
Bürger  regelt,  sie  in  der  Ausübung  ihrer  Tätigkeit  schützt  und
fördert;  der  die  Gesetze  über  Eigentum.  Gewerbsbetrieb,  Landeskultur,
  Bildungswesen  etc.  gibt  und  aufrecht  erhält;  der  die  Strafen
für  Ubertretungen  ansetzt  und  die  Wächter  des  Gesetzes  bestellt;
der  durch  seine  Heeresmacht  und  Bündnisse  mit  andern  Staaten
dafür  sorgt,  da6  die  Angriffe  äufzerer  Feinde  abgewehrt  werden
und  durch  eine  verständige  und  sorgfältige  Verwaltung  darauf
bedacht  ist,  Eintracht,  Wohlstand  und  Bildung  im  Innern  zu  fördern;
  der  endlich  für  soviel  Vorteile,  die  er  gewährt,  dem  Bürger
auch  gewisse  Leistungen  und  Verpflichtungen  auferlegt,  wie  z.  B.
Steuerpflicht  und  Heeresdienst.  Mit  Recht  wird  daher  jeder  bestraft,

  der  mit  Frevlerhand  störend  in  die  wundervolle  Ordnung  des

Staates  eingreift.  Nach  Deimling.

s3  Liebe  zum  Vaterland.

I.  Kns  Uaterland,  ans  teure,  schließ  dich  an;
Das  halte  fest  mit  deinem  ganzen  herzen.
Hier  sind  die  starten  Wurzein  deiner  Kraft;
Dort  in  der  fremden  Welt  stehst  du  allein,
Ein  schwankes  Kohr,  das  jeder  Sturm  zerknickt.  Fiiecbieh  v.  sehlller

2.  An  unfrer  Uäter  Taten  Um  unfsre  Schmach  sich  kränken,
Mit  Tiebe  sich  erbau'n,  Sich  unfrer  Ehre  freu'n;
Fortpflanzen  ihre  Saaten,  Sein  eignes  sch  vergessen
Dem  alten  Grund  vertrau'n;  In  aller  Lust  und  Schmerz:

In  solchem  Angedenken  Das  nennt  man  wohl  ermessen
Des  Landes  heil  erneu'n;  Für  unser  Dolk  ein  herz.  ruwig  Uhlana.

Maier-Bode,  Lesebuch,  8.  Aufl.  5
        <pb n="75" />
        III.  Aus  der  Geographie.

54.  Bayerland,  mein  Heimatland.

1.  O  Zaperland,  mein  Heimatland,
Ich  grüße  dich  mit  Mund  und  Hand!
Du  TLand  mit  deinen  goldnen  Auen,
An  Früchten  reich  und  reich  an  Wein,
Wie  bist  du  herrlich  anzuschauen!
Dom  Watzmann  bis  zur  Hfalz  am  Rhein,
Dom  Säuling  bis  zum  Saalestrand,
Wie  bist  du  schön,  mein  Vaterland!

2.  Auch  deine  Farben  treu  und  wert,
Sie  sind  im  ganzen  Reich  geehrt:
Dein  Weiß  so  hell  wie  Schwanenflügel,
Wie  Alpenschnee  im  Sonnenschein,
Dein  Blau  wie  deiner  Donau  Spiegel
Und  wie  die  Atherglocke  rein;
So  weht  es  hoch,  so  glänzt  es  klar,
Dies  ruhmgekrönte  Farbenpaar.

5.  Dem  Fürsten  Deil,  mein  Bapernland,
Der  als  das  schöne  Derrscherpfand
Den  Weg  zu  jedem  Derzen  findet,
Wie  jedes  ihm  entgegenschlägt,
Der  Freiheit  mit  Gesetz  verbindet
Und  hoch  das  Löwenbanner  trägt,
Wie  es  in  kühnem  Siegesflug
Der  erste  Wittelsbacher  trug.

4.  Du  baperisch  Dolk  mit  Kraft  und  Kut,
Bewahr  die  deutsche  Sitte  gut!
Aus  Deutschland  sprießt  dein  Dölkersegen,
In  Deutschland  ruht  dein  Heil  und  Hort,
Ihm  schließ  dich  an  auf  allen  Wegen;
Und  so,  mein  Bapern,  blühe  fort
In  stillem  Glück  und  stiller  Dracht,
Du  Deutschlands  treue  Alpenwacht!  Leonhard  wohlmuth.
        <pb n="76" />
        —  67  —

35.  Bayern.

„Weißt  du,  wo  gleich  Paradiesen

Ein  deutscher  Gau  entgegen  lacht?

Der  Berge  schön  gekrönte  Riesen,

Der  Seen  wechselvolle  Pracht?

Wo  stolze  Ströme  sich  ergießen

Durch  reiche  Fluren  weltmeerwärts?

Wo  tausend  Bäche  lieblich  fließen?  —
Sieh,  das  ist  Bayern,  Deutschlands  Herz!“

Ed.  Frhr.  v.  Schrenk.

Vom  Fichtelgebirge  an  gegen  Süden,  umgrenzt  vom  Böhmerwald,
Jura  und  den  Alpen,  erstrecken  sich  zu  beiden  Seiten  der  Donau  die  altbayerischen
  mit  den  schwäbischen  Gauen;  vom  Fichtelgebirge  gegen  Westen
bis  zum  Spessart  und  Odenwald,  durchströmt  vom  Main,  die  fränkischbaherischen
  Gebiete,  die  ersteren,  mit  der  Hauptabdachung  nach  Osten,
zum  Gebiete  des  Schwarzen  Meeres,  die  letzteren,  mit  der  Hauptabdachung
nach  Westen,  zum  Gebiete  der  Nordsee  gehörend.

Ein  von  dem  Hauptlande  getrenntes  Gebiet,  die  Rheinpfalz,  breitet
sich,  durchzogen  vom  Hartgebirge,  am  linken  Rheinufer  aus.

Kaum  ein  anderes  Land  bietet  in  dieser  Ausdehnung  und  Größe
einen  so  reichen  Wechsel  der  Natur,  eine  solche  Fülle  der  verschiedensten
Produkte,  ein  so  mannigfach  geartetes  Volksleben  als  unser  Bayerland.
Nicht  bloß  im  allgemeinen  weist  Bayern  den  Gegensatz  von  Gebirgsland
und  Ebene  auf;  nein,  die  ganze  Stufenleiter  der  Bodengestaltung  vom  eisund
  schneeumstarrten  Hochgebirge  bis  hinab  zum  welligen  Hügelland,  von
der  rauhen  Hochfläche  bis  zur  milden  Tiefebene  finden  wir  hier  vertreten.

Dort  erblicken  wir  das  Hochgebirge  der  Alpen  mit  seinen  majestätischen
Bergriesen,  schimmernden  Schneefeldern,  saftigen  Almen,  klaren  Seen  und
schäumenden  Bergflüssen;  hier  breitet  sich  eine  große,  von  mächtigen
Wasseradern  durchfurchte  Hochfläche  aus,  auf  welcher  anmutige,  waldbewachsene
  Höhenzüge  mit  ausgedehnten  Ebenen  abwechseln.  Wenn  diese
auch  hier  und  da  Sumpflandschaften,  Heideflächen,  magere  Triften  und
armliche  Kiefernbestände  zeigen,  so  sind  sie  doch  meist  fruchtbares  Getreideland
  mit  unabs  ehbaren  Weizenfluren  oder  fetter  Wiesengrund,  dann
und  wann  unterbrochen  durch  dunkelgefärbte  Waldstrecken.  Dort  wieder
steigen  aus  der  Ebene  allgemach  die  vielfach  verzweigten  Höhen  des  Mittelgebirges
  auf,  bekleidet  hier  mit  dem  dunkleren  Gewande  der  Nadel=  dort
mit  dem  helleren  der  Laubholzwaldungen.  Hier  windet  sich  in  sorgsam  gepflegten
  Anpflanzungen  an  einem  Walde  schlanker  Stangen  die  würzige
Hopfenranke  empor  und  dort,  wo  die  Sonne  ihre  Strahlen  glühender  zur
Erde  sendet,  schmücken  blühende  Obsthaine  die  Talgründe  und  üppige  Rebgelände
  die  Höhen.

Wenn  die  alten  Deutschen  meinten,  das  Land  sei  glücklich  zu  preisen,
in  dem  folgende  fünf  W  gefunden  würden:  Wald,  Wiese,  Wasser,
Wein  und  Weizen,  dann  darf  man  Bayern  gewiß  ein  gesegnetes  Land
nennen;  denn  an  alledem  fehlt  es  bei  uns  nicht  und  wir  können  daher  geiß
  mit  Zufriedenheit  auf  unser  Heimatland  blicken.  Sind  auchicht  alle  Gegenden
  Bayerns  gleich  freigebig  vbn  der  Natur  bevorzugt,  so  stiefmütterlich
        <pb n="77" />
        —  68  —

ist  doch  auch  keine  bedacht,  daß  sie  ihren  Bewohnern  nicht  wenigstens  den
nötigsten  Lebensbedarf  darböte.  Weitaus  die  Mehrzahl  der  Einwohner
Bayerns  erfreut  sich  eines  befriedigenden  Wohlstandes  und  Lebensgenusses.
Die  Behäbigkeit  des  altbayerischen  Bauern  ist  sprichwörtlich  geworden  und
doch  ist  es  eine  Frage,  ob  der  Hopfenbauer  Mittelfrankens  oder  der  Weinbergbesitzer
  vor  der  Hart  sich  in  einen  Tausch  mit  ihm  einließen.  Bei  den  Bergund
  Waldbewohnern  finden  wir  allerdings  selten  ein  so  ergiebiges  Besitztum;
allein  dafür  ist  ihnen  eine  andere  Gabe  zuteil  geworden,  köstlicher  wahrlich
als  Reichtum  an  Gut  und  Geld:  ein  heiterer,  freier  Sinn,  Genügsamkeit  und
Zufriedenheit,  und  das  Volk  der  Berge  fühlt  sich  daher  trotz  äußerer  Armut
meist  glücklicher  und  wohler  als  das  Volk  der  Ebene.  An  Quellen  ausreichenden
  Erwerbs  mangelt  es  aber  auch  den  Gebirgsbewohnern  nicht.  Wo  der
Wald  deren  eigen  Gutz  ist,  wirft  er  kaum  geringeres  Erträgnis  ab  als  Wiese
und  Ackerland.  Meist  freilich  sind  die  Waldungen  im  Besitze  des  Staates,
der  Stiftungen  oder  Gemeinden.  Dann  sucht  der  Wäldler  seinen  und  der
Seinen  Unterhalt  durch  Holzhauen,  Kohlenbrennen,  Teer=  und  Pechgewinnung,
  Einsammeln  von  Beeren,  Arzneikräutern  u.  dergl.

Arm  an  Pflanzenwuchs  sind  nur  wenige  Strecken  in  Bayern;  allenthalben
  lohnen  reiche  und  mannigfache  Erzeugnisse  die  Pflege  und  den  Anbau
des  Bodens.

Bayern  ist  ein  in  ausgedehntem  Maße  Ackerbau  und  Viehzucht  treibender

  Staat  und  zwei  Fünftel  seiner  Bewohner  sind  diesen  Beschäftigungen
zugewandt.  Der  Gewerbebetrieb,  früher  meistens  auf  die  nächsten  und  notwendigsten
  Bedürfnisse  beschränkt,  hat  sich  in  neuerer  Zeit,  seitdem  durch  die
Eisenbahnen  der  Austausch  der  Produkte  rascher  und  umfassender  geworden,
sehr  erweitert  und  aus  dem  beschränkten  Standpunkte  des  Kleingewerbs  an
vielen  Orten  und  in  mannigfachen  Produkten  zur  Fabrikindustrie  erhoben.
Die  Städte  Nürnberg,  Regensburg  und  Augsburg,  in  früheren  Tagens  chon
durch  Handel  und  Gewerbefleiß  weltberühmt,  haben  ihren  ehrenvollen  Ruf
nicht  nur  zu  erhalten,  sondern  selbst  zu  steigern  gewußt.  Ihnen  eifern  jüngere
Fabrikstädte  rühmlich  nach,  so  Kempten,  Kaufbeuren,  München,  Hof,  Fürth,
Schweinfurt,  Kaiserslautern,  St.  Ingbert,  Frankenthal  u.  a.  m.  Nach
allen  Richtungen  durchziehen  die  Eisenbahn-,  Telegraphen-  und  Telephonlinien
  das  Land,  Städte  und  Dörfer  miteinander  verbindend,  und  fortwährend
  wird  rüstig  gearbeitet,  das  Eisenbahnnetz  insbesondere  durch
Lokalbahnen  zu  vervollständigen.
Wenn  wir  dasalles  überblicken,  dann  dürfen  wir  gewiß  sagen:  Bayern
ist  ein  glückliches  Land,  glücklich  durch  seine  schöne  und  gesegnete
  Natur,  glücklich  auch  durch  die  Tätigkeit  und  den  Wohlstand
  seiner  Bewohner.  Nach  Riehl,  Bavaria  u.  a.

 

 

36.  Land  und  Leute  in  Oberbayern.

Will  man  sich  eine  echt  oberbayerische  Landschaft  vorstellen,  wie  der
Wanderer  ihr  bei  jedem  Schritte  begegnet,  so  denke  man  sich  ein  kleines,
grünes  Tal.  Eine  nur  wenig  betretene  Straße  durchschneidet  es;  seine
        <pb n="78" />
        —  69  —

Bergwände  sind  mit  dunklen  Tannen  bewachsen;  sein  von  einem  Bache
durchflossener  Boden  ist  zur  Hälfte  Ackerland,  zur  Hälfte  Wiese;  hier  und
da  stehen  mit  halbdürren  Asten  die  Zeugen  vergangener  Jahrhunderte,
uralte,  im  Winde  ächzende  Eichen  mit  weißbemooster  Rinde.  Mitten  aber
in  dieser  Einsamkeit,  von  einem  kleinen  Garten  und  einigen  Obstbäumen
umgeben,  liegt  der  Hof  des  Bauern;  ein  schlanker,  mit  „einem  Buschen“,
bunten  Bändern  und  vielen  Figuren  geschmückter  Kirchweihbaum  überragt
ihn  hoch  und  grüßt  den  Wanderer  schon  aus  der  Ferne.  Der  Haustür  gegenüber
  rinnt  ein  Brünnlein  klaren  Wassers;  ihm  zur  Seite  steht  ein  hohes,
altes  Kruzifix  von  Holz;  frische  Blumen  schmücken  die  Füße  des  Heilandes;
ein  Betstuhl  steht  darunter.  Unweit  davon  in  der  Wiese,  von  einer  jener
alten  Eichen  beschattet,  liegt  eine  kleine  weiße  Kapelle  mit  einem  Glöckchen:
dicht  vor  dem  Hause  aber  selbst  läuft  eine  lange  Kegelbahn  hin;  die  schwere
Kugel  und  der  Krug  klaren,  kräftigen  Bieres  gehen  abwechselnd  von  Hand  zu
Hand.  Eine  Kastanie  beschattet  die  Spieler.  Auf  der  hölzernen  Galerie
des  Hauees  stehen  einige  „Nagerlstöcke“;  dahinter,  an  der  Wand  unter  dem
Dache,  hängen  drei  von  unzähligen  Kugeln  durchschossene  Scheiben  mit
längst  verbleichter  Farbe.  Durch  die  offenen  Fenster  des  Hauses  hört  man
den  hellen  wehmütigen  Klang  der  Zither;  man  sieht  die  Burschen,  eine  Feder
und  Blumen  auf  dem  Hute,  mit  stampfenden  Füßen  und  schnalzenden
Händen  und  Zungen,  die  lachenden  Mädchen  in  ihrem  heitern  Feiertagsgewand
  umtanzen.  Dazwischen  hört  man  eine  kräftige  Stimme  in  fröhlicher
Veise  singen.  So  wird  getanzt  und  gesungen,  getrunken  und  gekegelt.  Die
Musik  wird  lauter  und  wilder;  —  da  erschallt  plötzlich  das  Glöckchen  in  der
kleinen  Wiesenkapelle,  es  läutet  zum  Ave-Maria;  jetzt  wird  auf  einmal
alles  stille,  die  Musik  schweigt,  die  Kegel  ruhen;  Tänzer,  Sänger,  Trinker,
Spieler  und  Schützen,  alle  entblößen  ihr  Haupt  und  beten  bei  dem  einsam
tönenden  Klang  der  Glocke  den  Jungfräulichen  Gruß.

Verlassen  wir  den  friedlichen  Hof  des  Bauern;  wandern  wir  aus  dem
stillen  Wiesentale  des  Niederlandes  den  Bergen  zu;  folgen  wir  den  Alpenwassern,
  die  raschen  Sprunges,  gleich  den  tanzenden  Burschen,  die  Hochebene
  durcheilen,  zu  den  Bergen  des  Hochlandes,

„wo's  Edelweiß  blüht  an  der  Felsenwand“.

»  Hier,  in  dem  Gebiete  schäumender  Wasserfälle  und  rauschender  Wildbäche,
  wird  alles  luftiger,  großartiger,  kühner;  steile  Berghänge  und  tief
verborgene  Felsentäler  und  finstere  Schluchten  finden  wir  hier,  wo  die  mächtigen,
  von  Alter  und  Wind  zusammengebrochenen  Tannen  zu  Hunderten,
sa  zu  Tausenden,  mit  fußhohem  Moos  überdeckt,  dahinmodern  und  den
lungen  Nachwuchs  aus  ihren  Leichen  aufwachsen  lassen.  In  dieser  wunderreichen
  Alpenwelt  tönt  das  jodelnde  Lied  jauchzender  Lust  durchdringender
und  heller;  allein  auch  die  düstere,  in  der  Einsamkeit  brütende,  wehmutsvolle
  Sehnsucht  singt  ihre  Klagen  in  herzdurchschneidenden  Tönen.

Da  steigt  der  Hirt  sicheren  Fußes  die  höchste  Felsenwand  hinan,  eine
Ilume,  den  Preis  seiner  Kühnheit,  zu  pflücken;  er  steckt  sie  auf  den  Hut,
und  diesen  auf  der  schwindelnden  Felsenspitze  schwenkend,  singt  er:
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        —  70  —

“n  Himmi  sei'  Blau

is  a'  gar  schön's  G'schau
und  voraus  g'fallt  m'a  halt,
daß  er  boarisch  is  g'malt.“

Auf  einer  andern  Höhe  aber,  weit  von  ihm,  wo  seine  Lust  nicht  hindringt,
  sitzt  vielleicht  in  der  totenstillen  Einsamkeit  nackter  Felsen,  wo  keine
Blumen  blühen,  eine  Sennerin,  die  in  Wind  und  Wetter  ihr  Lied  in  das
Tal  hinabsingt;  der  Hirtenbube  der  nächsten  Alpe  hört  es;  er  singt  es  weiter
und  bald  erschallt  es  von  Mund  zu  Mund,  die  Täler  auf  und  ab.

Je  höher  wir  aber  in  dem  Hochgebirge  hinansteigen,  um  so  finsterer,
wilder,  menschenfeindlicher  wird  die  im  Eishauche  der  Gletscher  erstarrende
und  ersterbende  Natur;  hier  in  der  stummen  Ode,

„wo  gar  koa  Baam,

koa  Latschn  nimmer  steht,

in  lauter  Fels,  lauter  G'wändk,

wo's  grausi  aba  geht,“
braucht  es  allerdings  „a  Schneid“,  wenn  der  Mensch  nicht  gleich  der  Natur
in  Trübsinn  vertrauern  und  erstarren  will.

Aber  auch  hier  schreitet  längs  der  kalten,  übereisten  Felswände  frischen
Mutes  ein  Jäger  singend  daher:

„Wenn  der  Spielhahn  falzt  und  gurgelt  auf'n  Schnee,
is  a  frischer  Jäger  bei  der  Höh.“

So  ist  das  Volk,  das  in  diesen  Bergen  und  draußen  auf  der  Hochebene
wohnt,  ein  abgehärtetes.  Nicht  nur  vom  Norden,  sondern  auch  vom  Süden
wird  es  über  die  hohen  Eisberge  von  kalten  Winden  angeweht;  es  bedarf
einer  tüchtigen,  nachhaltigen  Nahrung  und  diese  gewähren  ihm  Bier  und
Knödel,  die  sein  Mark  und  Bein  kräftigen,  so  daß  es,  starken  Knochenbaues,
den  Mühseligkeiten  und  Stürmen  des  Lebens  mit  Heiterkeit  Trotz  bietet.

Nach  Guido  Görres.

 

37.  Die  Wünsch“.

 

Es  sitz'n  bei'nander  beim  Bier  So  viel  Geld,  dass  Enk  abkaafa  kunnt
Kamerad'’n  a  Stuck’  a  vier;  Den  Wald  und  dees  ganzi  G'schloss,
Die  hab'n  von  Wünschen  g'redt  So  weitschichti  und  so  gross.“

Und  weller  dees  mehreri  hätt.  Und  der  viert’sagt:  „I’  wünschet  mirschier
Der  oa’  sagt:  „Dees  wusst  i’  bald,  Dif  anders  als  no’  a’'  Mass  Bier.“"  —
wünschet  mir  grad  an’'  Wald,  Da  hab'n  die  andern  g’lacht,

Mit  dem  ma'’  z  Kalch  brenna  kunnt  Dass  der'’s  a'’  d0  dalket  macht.

Den  ganzen  Matzmann  von  Erund.“  Und  drüben  a'’  fremder  Her,

Der  ander  sagt:  „Und  i’  a'  Gschloss,  Der  winkt  der  kellnerin  her

S  weitschichti  und  so  gross,  Und  zahlt  ihm  no  zwoa  Mass  Bier,
Dass  der  Kalch  vom  Watzmann  nit  langt,  Dem  viert'n  da  vo'’  die  vier;

Bis  ma'  “s  Dach  zun  bau'’n  ankangt“.  Die  andern  studiert’n  Füchs'

Und  der  dritt’sagt:  „I  wollt’,  dass  i#’  fund'  Mit  ihneri  Wünsch’  krieg'n  nix.

Franz  v.  Kobell.
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        —  71  —

38.  Oberbayerische  Bauart  der  Häuser.

Die  Bauernhäuser  sind  meist  im  Unterstock  Stein-,  im  Oberstock
Holzbau.  Sicherlich  ist  wenigstens  die  hintere  Hälfte  Holzbau.  Rings
um  den  oberen  „Gaden“  läuft  eine  Galerie.  Zu  ihr  führt  vom  Erdboden
  aus  nicht  selten  eine  eigene  Treppenstiege.  Unter  ihr  ist  kleines
Brennholz  so  aufgeschichtet,  daß  davon  das  Küchenfenster  ganz  eingerahmt
  ist.  Droben  auf  der  Galerie  hängen  an  einer  Schnur  vor
dem  Fenster  Maiskolben  zum  Dürrwerden.

Die  Dächer  sind  flachwinkelig,  meist  mit  Schindeln  gedecht  und
mit  großen  Steinen  beschwert.  Die  Dachflanken  ragen  so  weit  über
die  Mauern  des  Hauses  hinaus,  daß  der  Vorplatz  und  die  Galerie
vor  Regen  und  Unwetter  geschützt  sind.

Viele  der  Häuser  sind  mit  Heiligenbildern  oder  Sinnsprüchen  geschmückt.
  Bei  wohlhabenderen  Häusern  sind  zuweilen  auch  die  Fenster
mit  Blumengewinden  ummalt.  Die  Fensterstöcke  sind  meist  sehr  klein,
nicht  viel  größer  oft  als  eine  einzige  Fensterscheibe  in  der  Stadt,  mehr
quadratförmig  als  rechteckig;  so  knapp,  daß  man  kaum  den  Kopf  hindurchzwängen
  kann.  Bei  einzelstehenden  Häusern  sind  die  Fenster  oft  vergittert.

Im  Innern  der  Häuser  ist  trotz  aller  äußeren  Behäbigkeit  meist
kaum  mehr  als  das  übliche,  notwendige  „Gelaß“.  Unten  ist  gewöhnlich
die  Stube,  die  Kammer,  die  Küche  und  die  Knechtkammer,  oben  die
schöne  Stube,  die  Schlafstube  für  die  Kinder  und  die  Magdkammer.  In
der  Stube  fällt  uns  der  übergroße  Kachelofen  mit  der  als  Lagerstätte
dienenden  Ofenbank,  „dem  Faulbett“",  und  den  wäschebehängten
Trockenstangen  zuerst  in  die  Augen.  An  einem  der  in  die  Wände
eingemauerten  Schränke  hängt  der  Kalender.  In  der  Herrgottsecke
gegenüber  dem  Tische  ist  das  Kruzifix.  Darunter  steht  ein  alter,  welker
Blumenstrauß.  Uber  dem  Kreuz  hängt  an  einer  Schnur  als  Sinnbild
des  Hl.  Geistes  eine  Papiertaube.  Hinter  dem  Kruzifix  steckt  der
verstaubte  Palm=  und  Kräuterbüschel.  Im  Hintergrund  der  Stube  führt
zuweilen  eine  Treppe  zur  Kinderschlafktammer  im  oberen  Gaden.  ODurch
die  über  der  Stiege  angebrachte  Falltür  läßt  man  im  Winter  vor  dem
Schlafengehen  die  Wärme  aus  der  Wohnstube  in  die  Kammer  entweichen.

Das  Hinterteil  des  Hauses  enthält  den  Stall  und  den  Heuboden.

Friedlich  wohnen  unter  einem  Dache  Herr,  Gesinde  und  Bieh.

Da  in  den  Tälern  um  die  obere  Isar  der  Feldbau  wenig,  ja
stellenweise  gar  nicht  möglich  ist,  so  mangelt  selbstverständlich  bei  den
meisten  Häusern  der  Getreidestock.  Und  da  die  Wies=  und  Weidegrundstücke
  meist  sehr  weit  und  beschwerlich  liegen,  so  bringt  der  Bauer
nur  den  nötigsten  Futtervorrat  ins  Haus.  Das  entbehrliche  Heu  oder

rummet  bringt  er  vorerst  in  den  auf  seinen  „Wiesmahden“  aus
Holzstämmen  erbauten  Futterhütten  unter.  Im  Winter  schafft  er  dann

vom  Futter  nach  Bedarf  und  Möglichkeit  auf  einem  großen  Handschlitten
  heim.
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        —  72  —

In  den  ödesten  und  unwirtsamsten  Tälern  unserer  bayerischen
Alpen  kann  man  arnmselige,  schwarze  Holzhütten  als  Wohnhäuser
treffen,  die  schier  schlechter  sind  als  die  Ställe  und  Scheuern  draußen
im  Vorlande.  Auf  roher  Unterlage  aus  Bruchsteinen  ist  ein  Bau  aus
rohem  Holz  errichtet.  Man  sieht  es  den  Häusern  an,  wie  sie  stück—
weise  gewachsen  sind,  d.  h.  nach  dem  Zuwachs  der  Familie  und  des
Viehstandes.  Gleichwohl  führen  in  einer  solchen  Hütte  Familien  mit
oft  5—8  Köpfen  ein  zufriedenes  Leben.  In  den  Bergtälern,  welche
ins  Borland  münden,  sieht  man  dagegen  wieder  stattliche  Bauernhöfe
mit  dreistöchigem,  fast  ganz  aus  Stein  gebauten  Wohngebäude  mit
eigenem  Zubau  als  Austraghaus.

Dort  leben  die  alten  Bauersleute  oder  auch  die  ledigen  Geschwister,
wenn  die  Eltern  dem  ältesten  Sohne  ihr  Anwesen  übergeben  haben.

Nach  Bronner.

39,  Die  Holledau.

Zwischen  Pfaffenhofen  a.  I.,  Landshut  und  Abensberg  liegt
inmitten  des  Hügelrückengebietes  der  Hopfengarten  Südbayerns,
die  sog.  Holledau  oder  Hollertau.  Hier  sehen  wir  in  bachdurchrauschten
  Tälern  und  an  Hügellehnen  in  Abwechslung  mit  Ackerfeldern
  große  Hopfenpflanzungen,  teils  Stangen-  teils  Drahtanlagen.
  Wie  Bajonette  ganzer  Regimenter  Soldaten  glänzen  die

 

Abbildung  2.  Weibliche  Hopfenpflfanze.  Abbildung  3.  Männliche  Hopfenpflanze.

Spitzen  der  Stangen,  an  welchen  sich  die  Hopfenpflanzen  hinaufranken.
  Etwa  5000  ha  des  Bodens  sind  mit  Hopfen  bebaut.  Der
tiefgründige,  sandig-lehmige  Boden  dieses  Gebietes  ist  für  die
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        —  73  —

Kultur  dieser  Pflanze  sehr  geeignet.  Der  Hopfenbau  ist  keineswegs
  ein  so  leichtes,  müheloses  Geschäft,  wie  gewöhnlich  angenommen
  wird.  Er  erfordert  viel  Arbeit,  Umsicht  und  Sorgfalt.
Die  Hauptorte  der  Holledau  sind  Wolnzach,  Geisenfeld,  Mainburg,
  Nandlstadt  und  Au.  Schon  ein  alter  Volksspruch  heißt:

„Wolnzach,  Nandlstadt  und  Au
Sind  die  drei  Hauptstädt'  der  Holledau.“

Es  sind  dies  aber  samt  und  sonders  keine  Städte,  sondern
nur  große  Marktflecken  mit  einigen  stattlichen  Häusern,  deren

hohe  Dachgiebel  mit  den  vielen  Lucken  zum  Hopfendörren  gut
geeignet  sind.

Der  Hopfenbau  hat  in  früherer  Zeit  ziemliche  Wohlhabenheit
in  die  genannten  Orte  gebracht.  Vor  35—40  Jahren  noch  gab
es  in  der  Holledau  Hopfenbauern,  die  Tausende
von  Gulden  im  Jahre  verdienten.  Gegenwärtig,
  wo  der  Zentner  kaum  so  viel  Mark  gilt
als  früher  Gulden,  ist  der  Gewinn  ziemlich
schwankend.

Zur  Zeit  werden  noch  alljährlich  etwa
75000  Zentner  Hopfen  in  der  Holledau  erzeugt,
Vom  ha  also  etwa  15  Zentner.  Auf  der  Hopfen-Wage
  zu  Wolnzach  erhalten  durchschnittlich
7000  Ballen  Hopfen  zu  je  2  Zentner  ihr  Siegel.
Nicht  viel  weniger  Ballen  kommen  von  Mainburg
und  Au,  welch  beide  Orte  auch  amtliche  Hopfen-Wagen
  besitzen,  in  den  Handel.  Der  Holledauer

opfen  gilt  als  eine  gute,  vielgeschätzte  Ware.  Abbildung  4.

8Etwa  Ende  August  bringt  die  Sommer-  Hopfendolde.
hitze  die  Hopfendolden  zur  Reife.  Anfang

September  kann  dann  die  Ernte,  das  Hopfenbrocken  oder

opfenzupfen,  beginnen.  In  vierzehn  Tagen  oder  drei  Wochen
mut  die  ganze  Arbeit  geschehen  sein,  damit  die  Dolden
schön  grün  bleiben  und  nicht  den  Kupferbrand  bekommen.
Aus  allen  Himmelsrichtungen  wandern  zu  diesem  Geschäfte
Hilfskrafte  zu,  aus  den  Städten  und  Märkten  der  Umgegend,
aus  dem  Bayerischen  Wald,  aus  Böhmen,  von  Franken  und
Schwaben.  10—12000  Personen  finden  hier  bei  der  Hopfen-Pflücke

  Beschäftigung.  Da  herrscht  dann  in  der  Holledau  ein
reges  Leben  und  Treiben.

Uber  die  Entstehung  des  Hopfenbaues  in  der  Holledau  ist
folgendes  bekannt:

Seit  Menschenerinnern  schon  wird  in  der  Holledau  Hopfen
gebaut.  In  einer  Urkunde  des  Bistums  Freising  vom  9.  Jahrhundert
geschieht  bereits  etlicher  Hopfengärten  im  alten  Bayern  Er-
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        —  74  —

wähnung.  Nach  sicherer  Uberlieferung  ist  der  Hopfenbau  in  Südbayern
  zuerst  in  Geisenfeld  und  zwar  durch  kriegsgefangene
Slaven-  oder  Wendenansiedler  eingeführt  worden.  Größeren  Umfang
  gewann  der  Holledauer  Hopfenbau  erst  in  der  zweiten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts.  Zu  Anfang  desselben  wurden  nur  etwa
100  Zentner  Hopfen  gewonnen.  Nach  Bronner.

40.  Die  Vonau  bis  Passun.

Der  südliche  Abhang  des  Schwarzwaldes  ist  es,  der  dem  Donaustrom
sein  Dasein  schenkt.  Unweit  der  südwestlichen  Grenze  unseres  deutschen
Vaterlandes  entspringen  auf  badischem  Gebiete,  etwa  1000  m  über  dem
Meere,  die  beiden  Quellflüsse  Brega  und  Brigach.  Sie  eilen  in  südöstlicher
Richtung  abwärts,  um  sich  etwa  400  m  tiefer  bei  Donaueschingen  zu  vereinigen
  und  zugleich  den  Namen  Donau  anzunehmen,  nachdem  noch  der
Abfluß  des  Schloßweihers  zu  Donaueschingen  hinzugekommen  ist.

Der  vereinigte  Fluß  wendet  sich  bald  gegen  Nordosten  um  die  Massen
des  Schwäbischen  Juras,  die  sich  ihm  in  den  Weg  stellen,  zu  durchbrechen.
Zunächst  sind  es  anmutige,  rundliche  Berge,  die  den  Fluß  begleiten;  aus
grünen  Laubwäldern  schauen  an  deren  Abhängen  pyramidenartige  Felsgruppen
  hervor;  hin  und  wieder  aber  begegnen  dem  Auge  auch  unbewaldete
Berge,  die  mit  Felstrümmern  übersät  sind.  Später  schickt  der  Fluß  sich
an  ein  Felsentor  zu  durchwandern.  Es  ist  unterhalb  Friedingen  und  Kloster
Beuron,  wo  jähe  Felsenwände  das  Stromufer  berändern.  Die  Gipfel
dieser  Gebirgsmassen  kleiden  sich  in  dunklen  Wald;  an  den  jähen  Abhängen
hat  menschlicher  Fleiß  hin  und  wieder  versucht  die  geringe  Erdkrume  ertragsfähig
  zu  machen;  die  Straße  aber  hat  man  an  der  Talsohle  mühsam
durch  Felssprengungen  hergestellt,  um  den  Verkehr  der  Menschen  auch  hier  zu
ermöglichen.  Nicht  viele  und  wenig  volkreiche  Dörfchen  begleiten  diese  Stromschnelle;
  aber  malerisch  schauen  von  steiler  Höhe  mehrere  umfangreiche
Burgen  und  Schlösser  zum  engen  Strombette  hinab.  Es  ist  ein  eigentümlicher
  Zauber,  der  den  Wanderer  an  dieser  Stelle  gefesselt  hält.  Zu  den
schönsten  Burgen  der  Gegend  nicht  nur  sondern  auch  unseres  ganzen  Vaterlandes
  gehört  Schloß  Wildenstein.  Von  der  Höhe  des  Gebirges  führt  eine
Zugbrücke  über  einen  Felsenspalt  hinweg  zu  einer  kleinen  Platte,  welche
einen  Teil  des  Schloßgebäudes  trägt;  doch  der  eigentliche  Hauptteil  desselben
  ist  auf  einem  Felsen  gelegen,  welcher  sich  steil  Uüber  dem  Strom  erhebt
  und  durch  eine  zweite  Brücke  mit  dem  bereits  erwähnten  Schloßteile
verbunden  wird.  Unterhalb  des  gleichfalls  malerischen  Schlosses  Werenwag
liegt  das  Eisenwerk  Tiergarten  und  die  Straße  muß  sich  hier  durch  mehrere
Felsentunnel  vorwärtszwängen.  Kaum  sind  jene  Engen  gewichen,  so  wird
der  Strom  schon  wieder  bedrängt;  über  diesem  Felsendurchbruche  thront  die
Ruine  Dietfurt;  dann  hüpfen  die  Wellen  an  dem  ehemaligen  Kloster  Inzigkofen
  vorüber  und  erreichen  die  Stadt  Sigmaringen,  welche  reizend  auf
zwei  Felsen  und  deren  Abhängen  sich  aufbaut  und  von  den  Wogen  der
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        —  75  —

Donau  umschlungen  wird.  Es  ist  der  letzte  reizvolle  Punkt  vor  dem  Eintritt
  des  Stromes  in  eine  einförmige  Riedgegend.  Auf  schwärzlichem
Moorgrunde  finden  sich  hier  zu  beiden  Seiten  der  Donau  nur  spärliche
Wiesen  und  Felder,  nur  dürre  Fichtenwälder;  eine  kurze  Abwechslung
bietet  der  Stromdurchbruch  durch  eine  Felsenpforte  bei  Zell;  dann  aber
folgt  bis  in  die  Nähe  der  von  einem  herrlichen  Münster  überragten  Festung
Ulm  aufs  neue  flaches,  sumpfiges  Moorgebiet.  Weiterhin  gelangen  wir
durch  das  traurige  Donauried,  begegnen  den  berühmten  Schlachtorten
Höchstädt  und  Blindheim  und  der  ehemaligen  Reichsstadt  Donauwörth,
bei  welcher  die  Wörnitz  aus  dem  fruchtbaren  Ries  in  die  Donau  mündet.
Vor  Neuburg  treten  von  beiden  Seiten  Hügelreihen  bis  an  den  Fluß  heran;
jenseits  der  südlichen  breitet  sich  bis  unterhalb  der  stattlichen  Festung  Ingolstadt
  abermals  ein  wenig  fruchtbares  Donaumoos  aus,  für  dessen  teilweise
Bebauung  und  Ansiedlung  sich  Kurfürst  Karl  Theodor  und  König  Ludwig  I.
viel  bemüht  haben.  Von  Neustadt  bis  Regensburg  ist  die  Donau  abermals
von  Gebirgen  eingeengt,  deren  seltsam  geformte  Felsen  den  schluchtartig
eingezwängten  Fluß  überragen.  Hier  liegt  das  Benediktinerkloster  Weltenburg
  mit  den  zum  Teil  in  den  Fels  selbst  hineingehauenen  Altären  seiner
Stiftskirche.  Auf  dem  Michelsberg  bei  Kehlheim  unweit  der  Mündung
Altmühl  erhebt  sich  die  herrliche  Befreiungshalle,  welche  König  Ludwig  I.
zu  Ehren  aller  Helden  der  Befreiungskriege  erbauen  ließ.  Bei  Abbach
treten  die  Felsen  wieder  steil  an  den  Fluß  heran  bis  Mariaort,  wo  die  aus
dem  wildromantischen  Tale  von  Etterzhausen  kommende  Nab  einmündet.
Bei  Regensburg  mit  seinem  herrlichen  Dome  erreicht  die  Donau
ihren  nördlichsten  Punkt  (495  n.  Br.),  um  sich  dann  südöstlich  zu  wenden.
Die  Brücke,  welche  hier  über  den  Fluß  gelegt  ist,  überdauert  die  Zeit  ihres
Erbauers,  Heinrichs  des  Stolzen,  schon  über  750  Jahre  und  zeigt  sich  noch
immer  dem  Anpralle  der  Wogen  gewachsen.  Gegenüber  Regensburg  ergießt
  sich  der  Regen,  welcher  aus  dem  wildesten  und  großartigsten  Teil
des  Böhmerwaldes  kommt,  in  die  Donau.  Der  Regen  umfließt  auf  zwei
Seiten  den  Bayerischen  Wald,  der  mit  einem  Zweig  des  Böhmerwaldes
gegen  Südosten  verwachsen  ist.  Durch  den  Bayerischen  Wald  wird  die
Donau  gezwungen  ihren  nordöstlichen  Lauf  gegen  Südosten  zu  wenden.
Der  Bayerische  Wald  fällt  steil  zu  dem  Strome  ab,  über  den  er  sich  mit
1300  m  hohen,  bewaldeten  Kuppen  erhebt.  Auf  einem  Vorsprung  des
Gebirges  ragt  bei  Donaustauf  die  herrliche  Walhalla  empor,  welche  König
Ludwig  der  I.  über  dem  moajestätischen  Strome  zu  einem  „Tempel  deutscher
Ehren“  aus  Untersberger  Marmor  erbaut  hat.  Die  Walhalla  ist  30  m  breit,
94  mtief  und  92  mhochz  ihren  vorderen  Giebel  tragen  16  Säulen  in  2  Reihen;
je  18  Säulen  umgeben  die  Seiten  und  9  Säulen  die  Rückseite.  Von  den
Giebelfeldern  zeigt  das  eine  in  kolossalen  Marmorfiguren  den  Sieg  des  Arminius
  über  Varus,  während  das  andere  in  sinnbildlicher  Form  die  Wiedergewinnung
  westdeutscher  Städte  von  Frankreich  zur  Darstellung  bringt.
Die  Walhalla  ist  in  ihrem  Innern  äußerst  prächtig  geschmückt  und  enthält
in  zwei  Reihen  übereinander  die  Büsten  der  von  dem  Erbauer  zu  „Walhallagenossen“
  auserwählten  Deutschen.
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        —  76  —

Die  Donau  windet  sich  nun  anmutig  durch  Wiesen  und  Felder  hin—
durch  und  erreicht  die  „Kornkammer  Bayerns“,  die  Stadt  Straubing,
ihren  Hauptort,  bespülend.  Auf  der  linken  Seite  treten  waldige  Berge
naher  zum  Strome  heran,  rechts  liegt  auf  einer  Terrasse  der  weite,  waldlose
Gäuboden  mit  seinen  reichen  Getreidefeldern.  Die  Uferlandschaft  selbst
ist  eintönig,  meist  sumpfige  Wiesen  und  Wald.  Links  im  Vordergrunde
zeigt  sich  eine  kahle  Anhöhe  mit  einem  Kirchlein:  der  Wallfahrtsort  Bogenerberg.
  Weiter  flußabwärts  erhebt  sich  mitten  in  der  Ebene  der  gewaltige
Klotz  des  Natternberges,  dann  unmittelbar  links  Deggendorf  mit  seinem
stattlichen  Hafen,  der  Hauptstapelplatz  für  die  Produkte  des  Bayerwaldes.
Gleich  darauf  mündet  die  rauschende  Isar,  das  wilde  Alpenkind;  dann  grüßt
der  Strom  die  der  Winzener  Burg  und  netzt  den  Fuß  des
alten,  verfallenen  Hilgartsberg.  Hinter  Vilshofen,  wo  die
kleine  Vils  in  den  Strom  tritt,  verengt  sich  das  Flußbett  um  ein  beträchtliches
  und  bildet  das  an  Felsen  und  Untiefen  reiche,  für  die  Schiffahrt  so
gefährliche  G'hachlet  1).  Rechts  erheben  sich  die  steilen  Felsen  der  Donauleite,
an  deren  Fuß  sich  Straße  und  Eisenbahn  hinziehen.  So  nähern  wir  uns  dem
prächtigen  Passau,  in  einem  Kessel  erbaut,  in  welchem  sich  die  Täler  der  Ilz,
des  Inns  und  der  Donau  kreuzen.  Passau  liegt  zum  größten  Teile  auf  der
langgestreckten  Halbinsel,  welche  die  unter  einem  spitzen  Winkel  zusammenfließenden
  Ströme  Donau  und  Inn  gebildet  haben.  Zur  linken  Hand
ragt  auf  hohen  Felsen  die  ehemalige  Festung  Oberhaus,  während  den
Eingang  zum  Ilztal  Burg  Niederhaus  schützt.  Noch  einige  Stunden  talabwärts
  grüßt  der  Strom  den  lieblichen  Markt  Obernzell,  durch  seine
Schmelztiegel  in  der  ganzen  Welt  bekannt;  dann  scheidet  die  Donau  vom
Deutschen  Reiche,  um  ihre  Wasserwogen  zunächst  durch  die  befreundete
Osterreichisch-Ungarische  Monarchie  weiter  gegen  Osten  zu  führen.

Meyer,  Stauber  u.  a.

 

4l.  Ernteleben  im  Gäuboden.

In  den  Stromtälern  der  Donau  und  Isar  neigen  sich  die  goldgelben
  Weizenähren  unter  dem  sengenden  Jakobisonnenstrahl  dem
Schnitter  entgegen.  Das  weiff  der  winterlich  ärmliche  Böhmerwald
sehr  genau:  von  Kundschaftern  hinaus  und  Briefen  herein.  Er  speit
nun  seine  überschüssigen  Arbeitskräfte  auf  allen  Gebirgssteigen  und
Landstraßen  in  den  Flachboden.  In  mehreren  buntscheckigen  Schwärmen
strömt  das  Volk  durch  die  Vorwalddörfer  gegen  Straubing  hinaus
zum  sog.  „Sklavenmarkt“.  Das  ist  die  jeweils  letzte  Samstagsschranne
Vvor  Erntebeginn.

Jede  Böhmerwaldlerin,  wenn  sie  zum  erstenmal  herauskommt,
betrachtet  das  Donautal  mit  seinen  wogenden  Getreidefeldern,  seinen
Zahlreichen  stattlichen  Dörfern  und  Geböften  wie  eine  Art  Paradies.
Dies  ist  ihr  aber  durchaus  nicht  zu  verargen;  ist  doch  das  unver-#

  1)  Von  Hachel  —  Flachshechel.
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        —  77  —

gleichliche  Getreideland  die  „Kornkammer  Bayerns“.  Angesichts  des
Straubinger  Stadtturmes  nehmen  die  Arbeitsscharen  ihre  letzten  Rastplätze
  bei  einem  Imbiß  Brot  und  einem  Trunk  Bier.  Es  sind  Männer
und  Weiber,  von  denen  jedes  den  umfangreichen  Bündel  Wäsche  auf
dem  Rücken  und  die  umwickelte  Sichel  am  Arme  hat.

In  endlos  langen  Reihen  stehen  am  nächsten  Tage  die  Ernteleute
  auf  dem  Straubinger  Stadtplatze  um  „gehandelt“  zu  werden.
Reiche  Gäulandbauern  durchschreiten  den  Arbeitsmarkt  und  halten
prüfende  Umschau.  Nach  vollzogenem  Geding  fährt  alsdann  ein  jeder
Schrannenbauer  einen  Wagen  voll  „Arnleut“  nach  Hause.  Jede  Stunde
an  diesem  Sonnabend  rasseln  auf  allen  Haupt-  und  Nebenstraßen  die
Fuhrwerke  mit  lustigem  Schnittervolk  nach  den  Dörfern  hbinaus.
Sonntag  ist  noch  Rast.

Am  Montag  jedoch  in  grauender  Morgenfrühe  zieht  es  von  sämtlichen
  Höfen  hinaus  in  die  Feldbreiten.  Da  gibt  es  ein  buntes  Erntebild:
  voraus  ein  munterer  Böhme,  welcher  tanzt  und  geigt.,  und  hinter
ihm  drein  ein  ebenso  leichtes  Schnittervölkchen,  tanzend,  lachend,
scherzend  und  munter  „Juchhuhu!“  in  die  Lüfte  stoffend.  So  bewegt
  es  sich  durch  die  Dorfgasse.  —  Einer  jedoch  bewahrt  Würde
und  Ernst:  der  Oberknecht.  Er  ist  die  Angel,  um  welche  das  ganze
Schnittervolk  sich  dreht.  Der  Bauer  gibt  seinen  Tagesbefehl  nur  an
ihn  und  er  mit  seinen  Leuten  vollzieht  denselben.  Er  führt  sein
Volk  zum  und  vom  Acker,  zum  und  vom  Tisch.  Er  ruft  um  3  Uhr
morgens  mit  seinem  dröhnenden  „Aufl“  seine  sämtlichen  Leute  aus
den  Federn.  Um  4  Uhr  steht  er  am  Acker.  Da  läutet  die  Gebetglocke
  den  Tag  an.  Der  Oberknecht  zieht  seinen  Hut  und  betet,
die  andern  ihm  nach.  Dann  fabhren  die  Erntesicheln  zischend  in  die
Ahren.  Jedes  nimmt  seinen  Bifang  und  zwar  in  altgewohnter  Reihen--folge;
  nach  dem  männlichen  Schnitter  ein  weiblicher.

Punkt  8  und  3  Uhr  erdröhnt  in  den  Feldbreiten  die  Stimme
des  Oberknechts:  „Zum  Brotl“  Denn  ebenso  pünktlich  ist  auch  der
Hausbote  da  mit  einem  mächtigen  Kruge  Bier  und  einem  nicht  kleinen
Laib  Brot.  Der  Knecht  schneidet  Scheiben  vom  Brotlaib,  welche  die
andern  emsig  in  die  Schüssel  brocken.  Das  gibt  einen  beliebten  und
kräftigend  nahrhaften  Schmaus.

Steigt  die  Sonne  immer  höher  und  klebt  den  Schnittern  die
Zunge  am  ausgetrockneten  Gaumen,  so  erscheinen  die  „Wasserbuben“.
Da  fährt  soeben  einer  vom  Hof  heraus  in  das  Feld,  das  „Wasserlagl“
auf  seinem  Zweiradkarren.  Ist  das  Fäßchen  geleert,  so  läuft  er  fort
und  kommt  hurtig  wieder  mit  einem  frischen,  vom  Schnittervolke
stets  freudig  begrüßt  und  belobt.

Sengt  die  Erntesonne  recht  brennend  herab,  dann  mischt  die
Bäuerin  etwas  Essig  in  das  Wasser.  Das  gibt  einen  köstlichen  Labetrunk.
  von  der  einen  Brotzeit  zur  andern.

Den  letzten  Abrenbüschel  berührt  keine  Erntesichel  mehr:  er
bleibt  stehen,  weibliche  Hände  flechten  Feldblumen  drein  und  winden
        <pb n="87" />
        —  78  —

buntfarbige  Bändchen  herum.  Nun  sendet  das  Schnittervolk  ein
Dankgebet  zu  Gott;  dann  aber  umschlingen  sich  die  Paare  und  tanzen
um  die  geschmückten  letzten  Abren  einen  fröhlichen  Feldreigen.

Ist  das  Getreide  unter  Sichel  und  Sense  gefallen,  so  beginnt  ein
anderes  wichtiges  Erntegeschäft:  das  Einfahren.  Drei  aufgeleiterte
Wägen  stehen  im  Hofe,  an  jedem  zwei  markige,  schneidige  Gäule;
und  nun  binaus  in  das  Feldl!

Der  Ober-  und  der  „Anderknecht“  geben  die  Weizengarben  und
Gerstenbüschel  auf.  Das  geht  hurtig  und  wie  am  Schnürchen,  auch
ohne  den  Bauern;  doch  greift  dieser  auch  selbst  zu,  namentlich  bei
unbeständiger  Sonne.

Die  vier  Scheunentore  stehen  flügelweit  offen.  Die  Ablader
harren  im  Speicherviertel  und  mit  ihnen  der  Ochs,  der  „treten“  mutt.
Das  erste  Weizen-  und  Gerstenfuder  fährt  der  Bauer  eigenhändig.
Vom  Felde  in  die  Scheune  und  besprengt  sie  mit  einigen  Tropfen  geweihten
  Wassers,  damit  der  Himmel,  wie  er  die  goldene  Frucht
auf  der  Flur  geschont,  sie  auch  behüten  möge  vor  Wirbelsturm,  Feuer
und  Speicherwurm.

Ein  eigenartiges  Schauspiel  ist  es  zuzuschauen,  wie  der  sogenannte
  „Gerstenstock“  emporwächst.  Von  den  Abladern  erklimmt
immer  abwechselnd  ein  anderer  die  Fuhre  um  die  Gerste  vom  Wagen
in  das  Viertel  zu  gabeln;  die  übrigen  greifen  darnach  und  werfen  sie
auseinander;  der  Ochs  aber,  geführt  von  einer  Manneshand,  mut  eintreten.
  Das  tut  er  anfänglich  sehr  vergnügt;  denn  er  hält  es  für
einen  Spaziergang,  bei  welchem  er  sich  die  Gerstenbüschel  weidlich
schmecken  lätt.  Aber  nicht  recht  lange;  denn  er  wird  steinmüde  in
dem  ewigen  Herumtreten  kreuz  und  qduer  und  rundum,  schüttelt  nun
mißvergnügt  den  Kopf,  schreit  aus  voller  Kehle:  „Muh,  muh!“  bläst
und  schnaubt  ärgerlich  aus  der  Nase,  bohrt  ingrimmig  seine  Hörner
in  das  Stroh,  setzt  sich  auf  die  Hinterbeine,  rastend  und  wiederkäuend
  und  will  nicht  mehr  „treten“.  Allein  alle  seine  schlauen
Hausmittel  helfen  ihm  nichts;  er  muß,  wenn  nicht  mit  guten  Worten,
dann  mit  Schlägen.  So  verbleibt  er  meist  drei  Tage  und  Nächte  im
Speicherviertel  und  gelangt  mit  dem  wachsenden  Gerstenstock  immer
höher  und  höher  hinauf.  18t  jedoch  die  vorletzte  Fuhre  eingetreten,
so  hat  der  Ochse  seine  Erntearbeit  getan.  Nun  errichtet  man  unten
auf  der  Tenne  einen  großen  Strohhügel  und  fährt  die  letzte  Gerstenfuhre
  herein.  Zwischen  den  beiden  Strohwänden,  Stock  und  Fuder,
rutscht  alsdann  der  Ochs  hernieder,  ganz  schön  gemütlich,  ohne  Beinbruch,
  zum  Ergötzen  des  gesamten  Hofes.

Ist  die  gesamte  Ernte  im  Stadel,  dann  feiert  man  nach  uraltem
Brauch  das  „Arnmahl“.  Dabei  macht  der  Bauer  selbst  den  Wirt,
und  soll  der  gute  Name  seines  Hauses  nicht  Schaden  leiden,  so  mut#
an  diesem  Ehren-  und  Freudentage  des  Dienstvolkes  der  Schmaus  und
Trank  ein  sehr  reichlicher  sein.  Vom  Mittagstisch  bis  tief  in  die
Nacht  verwandelt  sich  beim  Erntemahl  die  Bauernstube  in  einen  Tanz-
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        boden,  und  damit  ja  nichts  Heiteres  und  Lustiges  diesen  Stunden
fehle,  ist  auch  der  eine  oder  andere  Erzähler  mit  einer  recht  faustdicken
  Scherzliige  und  Bauernschnurre  zur  Hand.  So  wechseln  Tanz
und  Sang  und  kurzweiliger  Schabernack.  Nach  Schlicht.

42.  Das  Algäu  und  seine  Bewohner.

DOD0o  sich  die  südliche  Grenze  Bayerns  gleich  einer  Halbinsel  am
tiessten  nach  Tirol  hinein  erstreckt,  müssen  wir  das  Algäu  auf  der
Karte  suchen.  Dort  an  den  Ouellbächen  der  Iller  und  auf  den  Berghalden,
  aus  denen  sie  hervorsprudeln,  sitzt  der  Algäuer  Lolksstamm.
Ein  hoher  Gebirgskamm,  bis  zum  Hochvogel  (2593  m)  ansteigend,
umrahmt  die  Täler  der  drei  Bäche,  welche  sich  in  der  kleinen  Ebene
oberhalb  Honthofen  bei  Oberstdorf  zur  Iller  vereinigen.  Bis  nach
Kempten  hinab  erstreckt  sich  das  Algäu,  welches  bis  dahin  von  der
Iller  in  zwei  Hälften  gekeilt  wird.  In  der  Regel  wird  auch  noch
die  Landschaft  längs  der  Eisenbahn  von  Immenstadt  nach  Lindau
zum  Algäu  gerechnet.

Es  ist  die  Ferle  der  bayerischen  Alpenlandschaften  und  weder
Tirol  noch  Lorarlberg  hat  eine  solche  Anzahl  grüner  Alpenweiden
außzuweisen  wie  das  Algäu.  Hoch  hinauf  sind  seine  Berge  mit  saftigen
Alpenwiesen  bedeckt,  dazwischen  mit  dunblen  Nadelholzwaldungen
umsäumt.  Großarkig  ist  der  Anblick  des  Hochgebirges,  auf  welchem
Adler  und  Gemse  hausen,  mit  seinen  grünen  Heen  und  rauschenden
Wasserfällen.  Wunderbar  ist  die  Fernsicht  von  seinen  höchsten  Bergspitzen,
  z.  B.  vom  Grünten,  dem  Schwäbischen  Rigi.  Sie  erstreckt
sich  westwärts  über  den  Bodensee  bis  zum  Finsteraarhorn  im  Berner
Oberland,  ostwärte  bis  zum  Wendelstein  und  zur  Zugspitze  und
reicht  gegen  Norden  in  unabsehbarer  Ferne  über  das  Alpenvorland
hinweg  bis  nach  Ulm.

Der  Algäuer  läßt  sich  die  Arbeit  nicht  leid  werden.  In  den  tief
eingeschnittenen  Tälern  seiner  Heimat  sehen  wir  sorgfältig  gepflegte
und  gedüngte  Wiesen  und  selbst  auf  den  Höhen  und  Bergen  sind
die  besseren,  kesgründigen  Lagen  noch  in  solcher  Weise  gepflegt.  Die
hohe  Lage  des  Landes)  macht  den  Ertrag  des  Getreidebaues  unsicher,
  weshalb  man  nur  Sommerweizen,  Sommerroggen,  Hafer,
Acherbohnen  und  Kartoffeln  baut;  allein  der  Anbau  dieser  Früchte
nimmt  in  neuerer  Zeit  mehr  und  mehr  ab  und  bat  im  obern  Algäu
bereits  der  reinen  Graswirtschaft  vollständig  das  Feld  geräumt.
In  früheren  Zeiken  wurde  im  Algäu  viel  Flachs  gebaut;  heute  ist
auch  der  Flachsbau  änzlich  verschwunden  und  Milchwirtschaft  und
Liehzucht  sind  die  fast  ausschließlichen  Erwerbszweige  des  Algäuers.
Hein  ganzes  Dichten  und  Trachten  ist  darauf  gerichtet  recht  viel  und
möglichst  gutes  Futter  zu  ernten.

—

1)  Oberstdorf  liegt  815  m  über  dem  Meere.
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        —  80  —

In  dem  feuchten  Gebirgsklima  und  bei  der  reichlichen  Düngung
(Güllewirtschaft)  gedeiht  das  Futter  auch  vortrefflich;  doch  ist  das
Dörren  des  Grases  durch  die  häufigen  Niederschläge  sehr  erschwert
und  die  Gewinnung  eines  guten  Heus  nur  durch  das  hier  übliche
Aufhängen  des  Futters  an  Holzgerüsten,  den  sogenannten  Heinzen,
möglich.  Auch  von  den  steilsten  Höhen  seiner  Berge,  wo  das  Lieh
sich  nicht  mehr  zu  weiden  getraut,  holt  der  Wildheuer,  mit  Steigeisen
bewaffnet,  das  würzige,  wie  Tee  duftende  Bergheu  herab  und  trägt
es  zentnerweise  auf  seinem  Nacken  zu  Tal.

Große  Dörfer  sind  im  Algäu  selten.  Der  Bauer  wohnt  am
liebsten  inmitten  seines  Besitztums.  Um  die  Wohn=  und  Wirtschaftsgebäude
  weidet  im  Lor-  und  Nachsommer  das  kurzbeinige,  breilstirnige,
  trefflich  gepflegte  Lieh.  Gegen  Ende  Mai  bis  Mitte  Juni
werden  die  Alpen  bezogen,  auf  denen  das  Lieh  bis  zum  September
verbleibk.

Der  Algäuer  BLiehschlag  ist  einer  der  besten  und  bekanntesten  in
ganz  Bayern;  doch  hat  er,  allerdings  nicht  zu  seinem  Nachteil,  im
Laufe  der  Zeit  eine  große  Umwandlung  erfahren.  Als  nämlich  in
den  50er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Milchwirtschaft  einen
früher  nie  geahnten  Ausschwung  erfuhr  und  die  Milchpreise  eine
ungewöhnliche  Höhe  annahmen,  ging  im  Algäu  die  Liehzucht  sehr
zurüch;  der  Algäuer  sah  nur  noch  auf  den  Milchertrag,  nicht  mehr
auf  die  Oualität  des  Liehes,  welches  er  auch  nicht  mehr  wie  sonst
selbst  nachzog,  sondern  aus  Osterreich  einführke.  Dadurch  kam  die
früher  so  bedeutende  Liehzucht  des  Algäus  an  den  Rand  des  Abgrunds
  und  es  bedurfte  sehr  großer  Anstrengungen  und  des  eifrigen
Eintretens  einiger  weiker  schauenden  Landwirte  in  Wort  und  Beispiel,
  um  noch  rechtzeitig  die  Liehzucht  in  diesem  von  Natur  hiezu
so  bevorzugten  Lande  vor  dem  Niedergange  zu  bewahren.

Durch  die  Gründung  der  Herdebuchgesellschaft  kam  ein  neuer
Ausschwung  in  die  Liehzucht  des  Algäus;  wertvolle  Zuchttiere  aus
den  verwandten,  ebenfalls  zur  Rasse  des  Graubraunen  Gebirgsviehes
gehörenden  schweizerischen  Liehschlägen,  vor  allem  dem  Schwyzerschlag,
  wurden  eingeführt,  sachgemäß,  unter  Berücksichtigung  von
Corm,  Farbe  und  spezieller  Milchleistung,  weiter  gezüchfet  und  heute
nimmt  das  Algäuer  VLieh  als  mittelschweres,  genügsames  und  gesundes
  Gebirgsvieh  von  außerordentlicher  Milchergiebigkeit  wiederum
eine  hervorragende  Stellung  unter  den  bayerischen  Liehschlägen  ein.

Die  Tiere  sind  einfarbig  hellbraun  (Mausefarbe)  oder  braun  bis
dunkelbraun,  haben  schwarze  Hornspitze,  schwarze  Klauen,  bleifarbenes
Elotzmaul  und  schwarze  oder  braune  Schwanzquaste.  Auf  eine  Kuh
von  400  bis  500  kg  Lebendgewicht  rechnet  man  eine  jährliche  Milchmenge
  von  durchschnittlich  3000  kg  mit  einem  Fettgehalt  von  3,6  ⅝%;
die  höchsten  Erträgnisse  beliefen  sich  nach  den  Probemelkungen  der
Algäuer  Herdebuchgesellschaft  auf  5658  kg  Milch  mit  4,85⅝%  Fett.
        <pb n="90" />
        —  81  —

Aus  der  fetten  Milch  der  wohlgenährten  Kühe  werden  die  berühmten
  Algäuer  Käse  erzeugt.  Was  im  Deutschen  Reiche  als
schmackhafter  Emmentaler-  und  Schweizerkäse  bezahlt  und  gegessen
wird,  stammt  zum  größten  Teile  aus  dem  Algäu.  In  großen
Hennereien  wird  die  Milch  von  den  einzelnen  Höfen  und  Dörfern
gesammelt  und  zu  Käse  und  Butter  verarbeitet.  Kempten  ist  der
Hauptplatz  des  bayerischen  und  süddeutschen  Käsehandels.

Die  größten  Ziehmärkte  des  Algäus  sind  die  zu  Sonthofen,  im
Herbste  nach  dem  Abtrieb  von  der  Alp.  Aus  der  Nähe  und  Ferne,
aus  Altbayern  Franken,  Würktemberg,  Elsaß,  Preußen,  Sachsen,
Böhmen,  Ungarn  und  Rußland,  ja  sogar  aus  Schweden  kommen
Fremde  um  die  schönsten  Zuchttiere  zu  kaufen.

—-—
*

 

Abbildung  5.  Algäuer  Kuh.

Der  Algäuer  lebt  mäßig.  Zein  Hauptgetränk  ist  die  Milch.
Milch,  und  was  sich  daraus  machen  läßt:  „der“  Butter  und  der
Käse,  sind  die  Hauptnahrung  des  Lolkes;  daneben  genießt  man  das
gesalzene  und  geräucherte  Fleisch  vom  Rind  und  vom  Schwein,  welch
letzteres  bei  der  Molkenfütterung  in  den  Sennereien  vortrefflich  gedeiht.
  Mehlspeisen  gelten  im  Algäu  als  Lecherbissen  und  Fesltagskost.
  Im  obern  Algäu  namentlich  wird  an  Brot  und  Mehl  gespart;
Milchbost  ist  hier  vorherrschend.  Beliebte  Speisen  sind  der  „Stopfer",
ein  fettgeschmalzenes  Habermus,  und  die  EW“3  ein  gestoßener
Pfannkuchen,  in  Altbayern  „Schmarren“,  in  Franken  „Zammet"
genannt.  Zu  jeder  Mahlzeit  kommt  Milch  als  Nachtrunk  auf  den
Tisch.  Beliebt  ist  auch  der  Kaffee,  besonders  der  Rahmbaffee,  welcher
meistens  ohne  Zucker  genossen  wird.

Maier-Bode,  Lesebuch,  3.  Aufl.  6
        <pb n="91" />
        —  82  —

Die  Algäuer  gehören  zum  Stamme  der  Alemannen,  gleichwie
die  Vorarlberger  und  die  Schweizer.  Am  nächsten  verwandt  mit
den  Alemannen  sind  die  Schwaben  und  doch  unterscheiden  sich  beide
sehr  auffällig.  J  bin  9'si“,  spricht  der  Alemanne,  „J  bin  gwea“
der  Ochwabe.  Die  Bevölkerung  von  Sonthofen  an  aufwärts  zeigt
noch  heute  den  hohen  VWuchs  und  den  starken  Körperbau,  die
runden  Knochen,  die  breiten  Schultern  und  die  gewölbte  Brust  des
alten  alemannischen  Skammes  sowie  die  schwarzen  Haare  und  die
kleinen  Augen  desselben.  Eischer  und  Scholter.

45.  Der  Stundaschlag.

(Schwäbische  Mundart.)

Wear  woiß,  was  bringt  der  Stundaschlag  d  —
D'Glock  und  der  Hammer

Bringat  Leid  und  Jammer;

Oübertrag's  bei  Uacht  und  Tag!

Und  schlägt  a  freudigs  Stündle  au',

Heb's  mit  beide  Hända,

’'s  könnt  sie  wieder  wenda;

Oft  wird  gar  g'schwind  der  Dimmel  grau.

So  zwischa  Jubel,  zwischa  Hlag

Sitterat  unser  Leaba;

Koi'm  weard's  anders  geaba

Wohl  bis  zum  letzta  Stundaschlag.  —  örazinth  wäckerle.

44.  Ver  Bayerische  Wald.

Der  Bayerische  Wald,  im  Munde  des  Volkes  schlechthin  „der  Wald“
genannt,  ist  kein  für  sich  abgeschlossenes  Gebirge,  sondern  ein  Teil  des
mächtigen  Böhmerwaldes  und  zwar  seines  südwestlichen  Abfalles.  Im
Nordwesten  gegen  die  Oberpfalz  zu  steht  er  durch  den  Pfälzer  Wald  mit
dem  hufeisenförmigen  Fichtelgebirge,  gegen  Südosten  aber  mit  dem  Böhmisch-österreichischen
  Gebirge  in  Verbindung.  Er  umfaßt  den  von  der  Donau
nördlich  gelegenen  Teil  Niederbayerns  und  die  östliche  Oberpfals.

Der  Bayerische  Wald  enthält  zwei  von  Südost  nach  Nordwest  streichende
  Hauptketten,  nämlich  das  Böhmisch-bayerische  Grenzgebirge  (mit
dem  Arber,  Rachel  und  Lusen)  vom  Dreisesselberge  bis  zum  Furth-Tauser-Paß
  und  das  Donaugebirge  (mit  dem  Dreitannenriegel)  von  Regensburg
bis  unterhalb  Passau.

Zwischen  den  beiden  Hauptzügen  breitet  sich  ein  mehr  hügeliges  Land
aus,  welches  den  Namen  Pfahlgebirge  führt.  Der  Bayerische  Wald  ist
noch  Wald  in  seinem  mittleren  Teile,  im  Donaugebirge  dagegen  hat  sich
        <pb n="92" />
        —  83  —

nur  mehr  wenig  vom  Walde  erhalten.  Der  hintere  Zug  ist  großartiger
Wald.  Die  hochschaftigen  Stämme  der  Bäume  gleichen  Riesensäulen;
bogenartig  wölben  sich  die  grünen  Gipfel  der  Buchen,  überragt  von  dunklen
Tannen,  übereinander.  Feierliche  Stille,  die  nur  morgens  und  abends
von  der  klangvollen  Stimme  der  Drossel  unterbrochen  wird,  herrscht  in
diesem  Helldunkel.  In  höheren  Lagen  bemerken  wir  das  Auftreten  des
Ahorns.  Bald  verläßt  uns  auch  die  Tanne  und  die  Fichte  ist  fast  ausschließlich
  an  ihre  Stelle  getreten;  allein  sie  ist  nicht  mehr  hochstämmig  und
schlank.  Was  sie  jedoch  an  Höhe  einbüßt,  gewinnt  sie  an  Breite  der  Krone.
Der  Stamm  verdünnt  sich  kegelartig,  die  weit  herabhängenden  Zweige
aber  erreichen  einen  bedeutenden  Umfang.  Man  nennt  solche  Fichten
„Spitzfeichten“.  Das  Holz  derselben  zeichnet  sich  durch  besondere  Feinheit
der  Jahresringe  sowie  durch  eine  seltene  Gleichmäßigkeit  aus.  Diese  Eigentümlichkeiten
  machen  es  besonders  zu  Resonanzböden  für  musikalische  Zwecke
geeignet.  Der  Kern  des  Gebirges  besteht  aus  Granit,  Gneis  und  Glimmerschiefer.
  Der  Pfahl  ist  ein  mächtiger  Quarzgang,  der  mitten  durch  das
Gebirge  schnurgerade  hinstreicht  und  sich  vom  Fuß  des  Dreisesselberges  bis
Bodenwöhr  in  der  Oberpfalz  erstreckt.  Graphit  und  Porzellanerde  kommen
als  Einlagerungen  im  Gneisgebiete  vor.
Das  Klima  ist  rauh  und  der  Boden  liefert  geringen  Ertrag.  Daher
sind  die  Bewohner  chon  von  Haus  aus  auf  Genügsamkeit  angewiesen.
Im  inneren  Walde  bilden  Kraut,  Kartoffeln,  grobe  Mehlspeisen,  saure
lch  und  Schwämme  die  wichtigsten  Bestandteile  des  bäuerlichen  Tisches.

Der  Bayerische  Wald  zählt  ungefähr  250  000  Bewohner,  die  sich  selbst
„Waldler“  nennen.  Der  Abstammung  nach  sind  sie  Altbayern.  Das  Landvolk
  zeigt  im  ganzen  einen  kräftigen  Körperbau.  Im  südöstlichen  Teile,
besonders  im  Passauer  Walde,  haust  ein  ausnehmend  schöner  Menschenschlag.
  Der  Waldler  ist  etwas  derb,  aber  gutmütig,  dabei  genügsam  und
**“  Er  hängt  treu  an  seinen  heimatlichen  Bergen  und  liebt  Gesang  und
Die  Hauptnahrungsquellen  der  Bewohner  des  Bayerischen  Waldes
sind  Ackerbau,  Viehzucht  und  in  den  höher  gelegenen  Teilen  des  Waldes
die  Ausbeutung  des  Holzreichtums.  Die  eigentliche  Holzindustrie  beschräntt
sich  auf  die  Herstellung  von  Brettern,  Pfosten,  Dachschindeln  und  Zündhölschendraht;
  das  hervorragendste  und  edelste  Erzeugnis  des  Böhmerund
  Bayerischen  Waldes  ist  das  kostbare  Resonanzbodenholz,  das  überallhin,
  sogar  bis  nach  England  und  Amerika  versendet  wird.

Weit  älter  als  die  Holzindustrie  im  Bayerischen  Walde  ist  die  Glasfabrikation,
  die  zu  den  wichtigsten  Erwerbszweigen  des  Waldes  gehört.
Die  ersten  Glashütten  sind  wahrscheinlich  schon  im  Mittelalter  in  der  Nähe
des  Goldenen  Steiges,  eines  Weges  von  Passau  nach  Prachatitz  in  Böhmen,
entstanden.  Es  gibt  in  ganz  Europa  kein  zweites  Waldgebirge,  das  so  viele
Glashütten  aufzuweisen  hätte  wie  der  Böhmer=  und  der  Bayerische  Wald.
Besonders  zahlreich  sind  die  Glashütten  um  Zwiesel.  Die  Leinwandaddustrie
  des  Bayerischen  Waldes,  vorzugsweise  im  Bezirksamt  Wegscheid,
ist  ein  in  hoher  Blüte  stehender  Nahrungszweig  der  dortigen  Bevölkerung.
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        —  84  —

Die  Leinwand  dieser  Gegend,  im  Handel  unter  dem  Namen  „Passauer
Linnen“  bekannt,  wird  als  gediegenes  Fabrikat  sehr  geschätzt.

Außerdem  beschäftigt  die  Gewinnung  und  Verarbeitung  verschiedener
nutzbarer  Mineralstoffe  zahlreiche  Hände.  Es  findet  sich  bei  Bodenmais
Schwefelkies,  aus  welchem  Vitriol  und  Alaun  gewonnen  wird,  und  bei
Wegscheid  gräbt  man  feine  weiße  Porzellanerde  sowie  Graphit  und  schwarze
Töpfererde,  woraus  die  weltbekannten  Schmelztiegel  Obernzells  gefertigt
werden.  Nach  Mayenberg.

45.  Bauernhaus  und  Cehöfte  in  Nordbayern.

Bodengestaltung  und  vorhandenes  Baumaterial  sind  beim  Bau  des
Hauses  maßgebend.  Da  das  Fichtelgebirge  und  seine  Ausläufer  Reichtum
  an  weichem  Werkholz  bieten,  so  ist  dort  auch  Fachwerk  und
Schindeldachung  vorwaltend.  Das  Giebeldreieck  des  Wohnhauses,
nicht  selten  der  ganze  Oberstock,  ist  mit  Brettern  verschalt.  Bei  den
großen,  mehrfirstigen,  geschlossenen  Gehöften  bilden  Wohnhaus  und
Nebengebäude  drei  Seiten,  eine  hohe  Holzwand  mit  gedecktem  Gang
bildet  die  vierte,  das  Ganze  gleicht  einer  hölzernen  Festung.

Im  Innern  trennt  die  Hausflur  Stube,  Schlafkammer  und  Küche
von  der  Stallung.  Die  Einrichtung  ist  auf  das  Unentbehrlichste  beschränkt;
  Farbenschmuck  fehlt.

Die  Weberhütten  im  nördlichen  und  östlichen  Bergvorland  vereinigen
  in  der  Regel  Flöz,  Küche,  Schlafkammer  und  Wohngelafß  in
einem  Raum,  in  dem  außer  Webstuhl  und  Familienliegerstätte  kaum
ein  bischen  Platz  um  den  Kachelofen  sich  findet.

Mehrfirstige  Bauerngehöfte  erheben  sich  an  der  Eger  und  unteren
Kösseine.  Hier  steht  das  Wohnhaus  mit  der  angebauten  Stallung
einerseits,  der  Heuschuppen  andrerseits,  in  der  Tiefe  die  Stadeltenne
und  gegen  die  Straße  die  abschließende  Planke  mit  der  Einfahrt;
auf  der  Hausseite  breitet  sich  die  Dungstätte  aus,  in  der  Mitte  des
Hofes  steht  der  Taubenschlag  und  daneben  der  granitene  Hausbrunnen.
An  die  Stadeltüre  ist  ein  Geier  mit  ausgespreizten  Schwingen  angenagelt,
  damit  der  Hof  vor  Wetterschlag  sicher  sei.  Aufzerhalb  der
Umfriedung  ist  das  eingezäunte  Hausgärtchen,  von  einer  Birke  spärlich
  beschattet.  Der  Starenkobel  darf  nicht  fehlen;  denn  wie  die
Schwalbe  gilt  auch  der  Star  als  glückbringend  und  unverletzlich.

Im  unteren  Regnitzgrund  und  im  flachen  Maintal  finden  wir
Steinbau,  in  der  Hügelregion  Riegelbau  mit  bloliegendem  Fachwerk,
meist  einstöckig  mit  mäßig  steiler  Dachung  und  wenig  vorspringenden
Sparren.  Die  Türe  ist  an  der  Breitseite.

Auferst  eigenartig  ist  das  Bauernhaus  im  Frankenwald,  namentlich
  an  der  Rodach,  der  oberen  Kronach  und  Haslach.  Holzreichtum
ist  die  Ursache,  daf  der  Holzbau  in  allen  möglichen  Formen,  vom
Blockhaus  mit  den  einfachsten  Balkenwandungen  bis  zum  buntesten
und  launigsten  Riegelwerk,  vorkommt.  An  den  Hausecken  finden
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        —  85  —

sich  oft  erkerähnliche  Anbaue;  selbst  einer  Art  gedeckter  Laubengänge
  begegnen  wir  da  und  dort,  namentlich  als  Verbindung  zwischen
Haupt-  und  Nebengebäuden.

Die  innere  Einrichtung  entspricht  so  ziemlich  der  im  Bayreuther
Land;  doch  haben  die  Flößerdörfer  des  Frankenwaldes  mehr  bürgerliche
  als  bäuerliche  Eigenart.  4

In  den  Hochdörfen  des  Juras  treffen  wir  teilweise  große  Armlichkeit.
  Da  der  zerklüftete  Jurakalk  kein  Wasser  hält,  mufz  damit
gegeizt  werden.  Statt  der  „Ofenbruck“  geht  eine  feste  Bank  an  den
beiden  Fensterseiten  der  Stube  hin.  Die  Bedachung  der  Häuser  besteht
  fast  durchgehends  aus  den  weifischimmernden  Jurakalkplatten.

Die  Gegensätze  von  Berg-  und  Flachland  sind  in  Mittelfranken
weniger  scharf  und  entschieden  als  in  Oberfranken;  deshalb  ist  auch
ein  geringer  Unterschied  in  den  Bauernhäusern.  Die  Hügelzone  macht
sich  nur  durch  vorwaltenden  Fach-  und  Riegelbau  gegenüber  der
Ebene  bemerkbar,  die  vorzugsweise  Bruchstein  bis  an  das  Kranzgesims
zeigt.  Das  langgestreckte  Haus  bildet  mit  der  Stallung  eine  Flucht,
hat  seinen  Eingang  an  der  Breitseite  und  ist  mit  Platten  gedeckt;
Türe  und  Fensterstöcke,  alles  lot-  und  wagrecht,  aber  recht  nüchtern.

Die  innere  Einrichtung  ist  wie  in  Oberfranken.  In  der  Stube
stcht  der  Ofen  mit  dem  brodelnden  Wasserkessel;  auf  der  Eichstätter
  Alp  ist  der  Ofen  eisern  und  es  mangelt  ihm  deshalb  die
trauliche  Ofenbank.  Das  Ansbacher  Land  dagegen  hat  den  alten.
Kachelofen  mit  Aselstangen  und  Ofenbank.

Der  altbayerische  und  oberpfälzische  Bauer  ist  bekanntlich  weniger
beweglich  und  lebendig  als  der  fränkische,  dessen  leicht  erregbare
Gemütsart  sgeine  Neugierde  und  Redfertigkeit  erklärt.  Diese  Eigenschaft
  kommt  in  der  Gestaltung  seines  Hauses  zum  unverkennbaren
Ausdruck.  Die  kleinen  Fenster  auf  dem  platten  Lande  Südbayerns
gönnen  der  Neugierde  kaum  einen  Einblick  in  die  Häuslichkeit.  Das
fränkische  Bauernhaus  hat  dagegen  große  Fensteröffnungen.  Damit
ist  die  Einsicht  erleichert  und  die  Aussicht  eine  unbehinderte.  In
Südbayern  ist  das  Wirtshaus  das  bedeutendste  und  schmuckste  Haus
bei  der  Kirche;  in  Nordbayern  dagegen  spielt  es  eine  bescheidene  Rolle.

Das  Wohnhaus  in  den  Gauländern  am  Mittelmain  trägt  städtisches
Gepräge.  Mit  der  Giebelseite  gegen  die  Straße  gerichtet,  meist
Weistöckig,  ist  es  von  Grund  auf  gemauert.  Die  Langseite  kehrt
Sich  dem  Hofe  zu,  den  eine  Mauer  von  der  Straße  abschliegt.  Wie
das  Einzelhaus,  so  ist  das  ganze  Gaudorf  nüchtern.

Steigen  wir  die  Haberge  oder  den  Steigerwald  aufwärts,  so
treffen  wir  eine  reiche  Zahl  von  Weilern  und  Einzelgehöften,  nach
allen  Richtungen  zerstreut.  Der  tiefere  Haßwald  birgt  viele  zierliche,
hochgiebelige  Riegelbauten  mit  bloßliegendem,  braun  gebeiztem  Fachwerk
  und  breiten  Doppelfenstern.

Das  Rhöner  Gebirgshaus  ruht  auf  gemauertem  Unterbau  von  Basalt
oder  Buntsandstein.  Das  niedere,  tief  liegende  Erdgeschoft  enthält  die
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        —  86  —

Stallung.  Darüber  erhebt  sich  von  Fachwerk  das  Wohngelaß,  zu  dessen
Flur  eine  steinerne  Freitreppe  führt.  Das  mächtig  erhöhte  Dach  ragt
an  der  Langseite  etwas  vor.  Eine  vorspringende  Wetterschräge  zieht
sich  über  die  Fenster,  bäufig  auch  längs  der  ganzen  Vorderseite  des
Hauses  hin.  Die  Einrichtung  ist  einfach  und  formlos.  Besser  ist  es
im  Saalgrund  und  im  Grabfeld.  Hier  trifft  man  ab  und  zu  eine  Täfelung  im
Wohngelaß,  zierliches  Geräte  und  geschnitzte  Stühle  mit  bunter  Malerei.

Die  Hütten  der  Dörfer  im  Hochspessart  sind  vorwiegend  klein
und  unansehnlich.  Die  aus  Lehm-  und  Luftziegeln  erbauten  niederen.
Behausungen  decken  schwarzgraue  Schindeldächer.

Eine  besondere  Erwähnung  verdient  noch  der  Südostwinkel  der
Spessarter  Mainbucht,  die  Hochplatte  zwischen  dem  Flut  und  der
Haslach.  Hier  wohnt  ein  stilles,  ernstes,  nüchternes  Völklein.  Das
Bauernhaus  zeigt  das  Gepräge  der  Ordnung  und  Reinlichkeit  und  ist
im  Innern  wohnlich  und  sauber,  dabei  in  vollstem  Maße  einfach  und
anspruchslos,  das  Hausgeräte  trotz  aller  Wohlhabenheit  auf  das  Notwendigste
  beschränkt.  Nach  Wenz.

46.  Ver  Schlosser  und  sein  Gezfell.
(Nürnberger  Mundart.)

1.  A  Schlosser  haut  an  G'sell'n  g'hat,  2.  Oizy)  haut  amalder  Master  g'sagt:

der  haut  fu  longsam  g'feilt,  „G'sell,  dös  versteih  ih  niht;

und  wenn  er  z'’  Mittag  geeff'n  haut,  es  ist  doch  su  mein  Lebta  g'wöst,
dann  aber  haut  er  gFeeilt.  und  wall  )  ih  denk',  die  Ried#):
Der  Eierst':!  in  der  Schüssel  drin,  Su  wöi#)  mer  ärbet,  ißt  mer  ah;
der  Letzt'  ah  widder  draus.  ba  dir  geiht's  niht  a  su,  "
Es  ist  ka  Mensch  su  fleißi  g'wöst  su  longsam  haut  noh  kaner  g  feilt
ban?)  Tisch  im  ganz'n  Haus.  und  ißt  su  g'schwind  wöi  du!“

 

3.  Ja,  sagt  der  G'sell:  „Dös  waß  ih  scho;

haut  all's  sein  gout'n  Grund;

das  Essen  wörd  halt  goar  niht  lang,

die  Arbet  verzi7)  Stund.

Wenn  aner  möißts)  an  ganzen  Tog

in  an  Stück  esf'’n  fort,

täts  af  die  letzt  su  longsam  göih,

als  wöi  ban  Feiln  dort.“  Jakob  Konrad  Grübel.

47.  Das  obere  Maoaintal.

Der  Main  ist  der  echte  fränkische  Fluß,  weil  er  von  seinem  Ursprung
an  bis  fast  zu  seiner  Mündung  in  den  Rhein  das  gesegnete,  fruchtbare
Franken  durchzieht.  Wie  ein  fröhlicher  Knabe  liebt  der  Main  lustige  Abwechslungen;
  er  durchfließt  in  zahllosen  Krümmungen  das  Bamberger
und  Würzburger  Land  bis  zum  Spessart,  um  den  er  sich  zwischen  Wertheim
und  Aschaffenburg  herumschlingt.

1)  Erste.  5  beim.  ))  jetzt.  )  weil  =  so  lang.  5)  Rede.  5  wie.  '  vierzehn.  ")  müßt.
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        —  87  —

Das  Maintal,  besonders  bei  Lichtenfels,  zählt  unstreitig  zu  den  schönsten
Tälern  Deutschlands.  Die  Gegenden  an  seinen  Ufern  bieten  vielfach
wechselnde,  herrliche  Landschaftsbilder,  die  das  Menschenherz  erfreuen.
Einen  entzückenden  Ausblick  hat  man  von  dem  hoch  gelegenen  Schlosse
Banz  aus  das  Maintal  aufwärts  bis  zum  Nordende  des  Frankenjuras.
Banz  gegenüber  sieht  man  den  Wallfahrtsort  Vierzehnheiligen,  wohin
jährlich  Tausende  von  frommen  Pilgern  ziehen.  Nicht  minder  schön  ist
die  Aussicht  auf  den  dichterisch  verherrlichten,  gewaltigen  und  zerklüfteten
Staffelberg,  an  dessen  Fuß  das  Städtchen  Staffelstein  liegt.  Gegen  Süden
dehnt  sich  der  Maingrund  in  blendender  Schönheit  aus.  Unter  anderen
Dchtern  Freist  ganz  besonders  Viktor  v.  Scheffel  diese  Gegend  in  seinem

anderlied:

 

„Zum  heil'gen  Veit  von  Staffelstein
Komm  ich  emporgestiegen

Und  seh'  die  Lande  um  den  Main
Zu  meinen  Füßen  liegen:

Von  Bamberg  bis  zum  Grabfeldgau
Umrahmen  Berg  und  Hügel

Die  breite,  stromdurchglänzte  Au  —
Ich  wollt'  mir  wüchsen  Flügel!“

Bei  Bamberg  gewährt  der  von  der  ehrwürdigen  Burgruine  Altenburg
  überragte  Michaelsberg  mit  dem  großartigen  Gebäude  einer  ehemaligen
  Benediktiner-Abtei  eine  prachtvolle  Aussicht.  Von  da  aus  übersieht
  man  Bambergs  weiten  Kessel,  den  „Garten  Deutschlands“,  auch
das  Deutsche  Italien“  genannt.  Vor  unseren  Augen  breitet  sich  hier  das
Maintal,  der  Baunach=  und  Itzgrund  aus,  letzterer  bis  nach  Koburg  hin.
Esist  ein  Bild,  wie  es  lieblicher  nicht  gedacht  werden  kann.  Zahllose  größere
und  kleinere  Ortschaften  beleben  die  fruchtbare  Maingegend;  wohin  wir
blicken,  nirgends  finden  wir  Eintönigkeit;  überall  ist  Abwechslung,  überall
Üppigkeit;  kurz  dieser  Landstrich  gehört  zu  den  gesegnetsten  der  Erde.

Teicher.

48.  Die  Vörfer  im  Weinlande  der  Pfalz.

Das  Weinland,  welches  etwa  oberhalb  Neuleiningen  beginnt  und  längs
der  Harthügelkette  in  einer  Breite  von  einer  oder  anderthalb  Stunden
hinaufzieht  bis  in  die  Gegend  von  Landat,  ist  der  „gesegnete  Gottesgarten“
der  Pfalz  mit  seinem  südlich  milden,  herzerheiternden  Klima.  Hier  reift
an  sonnigen  Hügeln  —  vorab  zwischen  Ungstein  und  Neustadt  —  der  Ruhm
und  Preis  des  Landes  und  seine  „goldene  Wonne“  und  hier  in  dieser
wundervollen  Umgebung  erheben  sich  auch  die  stolzen  Wohnsitze  des  „Adels
vom  Wein“.  Betrachten  wir  diese  Weinorte  näher.

Schon  der  äußere  Anblick  hat  einen  eigenen  Reiz,  liege  die  Ortschaft
am  Abhang,  am  Fuß  der  Hart  oder  am  Einschnitt  des  Tales.  Hinten  die
anmutig  geformte  Bergwand  der  Hart  mit  ihren  halbzerfallenen  Ruinen
und  anderseits  wieder  die  prachtvolle  Aussicht.  Die  Häuserstaffage  ge-
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        —  88  —

winnt  noch  an  Schönheit  und  Leben;  statt  der  veralteten  Kirchtürme  in
ihren  geschmacklosen  Formen  erheben  sich  vielerorts  neue  aus  Sandstein,
weiß  oder  rot,  hoch  und  schlank  aufgebaut,  viereckig  mit  spitzgegiebelten  Wänden;
  daraus  steigt  der  achtkantige,  nur  langsam  sich  zuspitzende,  schiefergedeckte
  Helm  in  die  Luft;  oben  blinkt  das  goldene  Kreuz;  —  oder  man
sieht  selbst  reingotische  Türme  in  durchbrochener  Steinmetzenarbeit,  wie  der
an  der  neuen  Kirche  zu  Neustadt  oder  der  an  der  alten  Johanniskirche  zu
Dürkheim,  eine  wohltuende  Unterbrechung  in  dem  eintönigen  Häusergewirr.
Die  Bevölkerung  ist  hier  überwiegend  katholisch.  Darum  zeigt  sich  vor  dem
Orte  das  malerische  „Bildhäusel“,  vorn  zwei  überdachte  hölzerne  Pfeiler,
in  der  Mauer  des  Häuschens  eine  verglaste  Nische  mit  Heiligenbildern  und
oben  im  Giebel  eine  Madonna,  vor  dem  Häuschen  ein  steinernes  Kruzifix
und  ein  Betstuhl.  Wo  das  Bildhäuschen  fehlt,  steht  eine  kleine  Kapelle,
ein  Kruzifix  oder  ein  Muttergottesbild.  Feld-  und  Wegkreuze  finden  sich
häufig.  Auch  im  Innern  des  Dorfes  zeigen  sich  an  den  Wänden  oder  Ecken
der  Häuser  mehrfältig  Nischen  mit  Heiligenbildern  oder  mit  dem  Schutzpatrone
  des  Ortes.  Malerisch  ist  die  Gruppierung  der  Häuser,  namentlich
am  Gebirge  über  Neustadt  hinaus,  malerisch  durch  den  Wechsel  von  alten
Herrschaftsgebäuden  aus  Sandstein  mit  bürgerlichem  Holzbau  der  älteren
Zeit  und  mit  dem  modernen  Steinbau,  der  allmählich  fast  allen  Volksschichten
gemeinsam  geworden  ist.  Die  Dörfer  St.  Martin,  Rhodt,  Weiher,  dann
selbst  Ober-,  Mittel=  und  Unterhambach  u.  s.  w.  zeigen  uns  noch  echte,  nicht
immer  verkünstelte  Muster  des  älteren  Steinbaues  Häuser  mit  maleris  chen
Erkern,  auch  sonst  mit  kunstreicher  Steinmetzenarbeit  reichlich  verziert.

Eine  Eigentümlichkeit,  wo  nicht  besonderer  Schmuck  in  fast  allen  ehemals
  speyergauischen  Orten,  ist  noch  das  Rathaus  mit  offener  Halle.  Auf
kräftigen  Steinsäulen  ruht  der  obere  Stock  mit  der  Ratsstube,  so  in  Rhodt,
Weiher,  Ilbelsheim,  Impflingen  u.  a.,  redende  Denkmale  des  lebendigen
Rechtsverkehrs  der  früheren  Zeit.  Anderwärts,  wie  z.  B.  in  Dörrenbach
bei  Bergzabern,  ist  am  Rathause,  einem  ansehnlichen  und  zugleich  einem
sehr  interessanten  Holzbau,  die  Halle  geschlossen.  Eine  andere  bemerkenswerte
  Zierde  vorderpfälzischer  Rathäuser  ist  die  hohe,  freie  Treppe  von
außen  mit  überdachtem  Balkon,  so  recht  geeignet,  um  von  der  Ratsstube  aus
unmittelbar  mit  der  Ortsversammlung  zu  verkehren.  Solche  Freitreppen
zeigen  noch  Freinsheim,  Schifferstadt,  Neustadt  und  Deidesheim.  In
unsern  Dörfern  sind  heute  das  Gemeinde-,  zumeist  auch  Schulhaus,  in  der
Regel  glatte,  schmucklose,  früher  selbst  nicht  immer  praktisch  und  bequem
eingerichtete  Bauten,  so  daß  der  pfälzische  Volkswitz  nicht  in  Verlegenheit
kam  um  vortreffliche  Nahrung.  Die  „Betzenkammer“,  ein  auch  urkundlich
vorkommender  Name  für  das  vorsorgliche  Ortsgefängnis,  ist  im  Dorfe  bald
hier  bald  dort  angebracht.

Etwas  Unterbrechung  und  somit  mehr  Leben  in  die  Straßenlinien
bringen  auch  die  querüberstehenden  Wirtshausschilde,  die  „Nasenschilde“,
mit  ihren  mythischen  Tierfiguren  und  allerlei  Namen  und  mit  ihrem  vergoldeten
  Schnörkelbeiwerk.  Doch  sie  verschwinden  zusehends  und  waren
im  Westrich  nicht  gerade  allgemeine  Sitte.  Statt  ihrer  winkt  nun  die
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        —  89  —

glatt  anliegende  Tafel  höchstens  mit  dem  gemalten  —  mehr  mit  dem  geschriebenen
  Wahrzeichen  oder  bloß  mit  dem  Namen  des  „Gasthofbesitzers“
oder  des  Wirtes.  Selbst  das  einfache  Schenkhaus,  die  „Hecken=  und  Schoppenwirtschaft“,
  modernisiert  sich;  seltener  werden  die  Hecken  und  Sträuße;
der  alte  Spruch  aber  zur  Einladung  des  Gastes,  mitunter  launig  und  schalkhaft,
  ist  da  und  dort  noch  geblieben.  Ludwig  Schandein.

49.  /  Klümche“
((Pfälzische  Mundart.)

 

I.  Bin  9'sesse'  im  e'  grüne  Feld  S6.  Er  schnuft  dara'  un'  grabelt  dral'
un'’hab'  e'  Blum  betracht't;  voll  Hunger  un'  voll  Gier

die  hot  der  liebe  Gott  gar  schö'  un'  wühlt  die  Blätter  schier  kaput,
un  farbereich  gemacht.  deß  übermüt'ge  Tier.

2.  O  Blümche',  hab'  ich  mer  gedenkt,  6.  Un'wieer  wech  is  kummtee'  Bien'
o,  wie  beneid'  ich  dich;  mit  wüschte,  geele  Füß',

du  blühscht  so  hübsch  un'“  ruhig  do;  die  hockt  mit  Summse  druf  un'freßt
wie  anners  find'  ich  mich.  un'’  freßt  de'  Honig  süß.

3.  Dir  will  mernix,  dich  qguältmer  nit;  7.  Un'  nocher  kommt  e'  Käffer  her,
du  guckst  de'  Himmel  a'  der  war  so  schwer  un'  dumm,

un  zählscht  in  deinem  stille'  GlückF  un'  druckt  un'  biegt  deß  Blümche'  do
die  Silberwölkcher  dra'.  bis  uf  de'  Bodden  um.

4.  Un  wieich  deß  so  denk',  so  kummt  8.  Un'  drüber  fangt's  zu  dunnre'a
e  Papilion  ih  doher;  un'  endlich  hagelt's  gar

er  tut,  als  wann  deß  zarte  Ding  uf  mich  un'  Blum  un'  Büsch  un'  Bääm,
for  ihn  gewachfe'  wär..  daß's  zum  d'erbarme'  war.

9.  Die  Gränk',  so  kann  dann  gar  nigx  sei',

in  Ruh'  un'  ohne  Plooch;

warum  jetzt  des  nit  anners  is,

denk'  lang  schon  drüber  nooch.  Franz  v.  Kobell.

50.  Bayerns  Erzeugnisse.

Bayern  ist  hauptsächlich  wegen  der  Mannigfaltigkeit  und  des  Reichtums
  seiner  Naturprodukte  eines  der  gesegnetsten  Länder  Deutschlands.
Von  der  Natur  schon  ist  es  vorzugsweise  auf  die  landwirtschaftlichen  Erwwerizweige
  hingewiesen,  mit  denen  sich  zwei  Fünftel  der  Bevölkerung

Das  Pflanzenreich  liefert  in  den  Wäldern  und  in  dem  reichen
Ertrag  des  landwirtschaftlich  benutzten  Bodens  zwei  Hauptquellen  des
Reichtums  des  Landes.  Die  größte  zusammenhängende  Waldmasse  bildet
das  bayerische  Hochgebirge  von  der  Iller  bis  zur  Salzach  sowie  der  Böh-Mischbayerische
  Wald  an  der  Ostgrenze  Bayerns.  Hieran  reihen  sich  der

1)  Schmetterling.
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        —  90  —

weit  ausgedehnte  Pfälzer  Wald  auf  dem  Hartgebirge  und  dem  Westrich,
der  Spessart  und  der  bayerische  Anteil  des  Odenwaldes  in  Unterfranken,
das  Fichtelgebirge,  das  Rhöngebirge  und  der  Nürnberger  Reichsforst  in
Mittelfranken.  Den  geringsten  Waldbestand  hat  Schwaben.  Durch  die
reichen  Holzerträgnisse  knüpft  sich  an  den  Wald  eine  große  Industrie.

Unter  den  Kulturpflanzen  nimmt  das  Getreide,  für  dessen  Anbau
Bayern  einen  im  allgemeinen  sehr  günstigen  Boden  besitzt,  die  erste  Stelle
ein.  Treffliches  Getreide  gedeiht  besonders  in  Niederbayern,  der  reichsten
Kornkammer  des  Landes,  dann  im  Ries,  im  Aischgrund,  im  Ochsenfurter
und  Schweinfurter  Gau  und  in  der  Vorderpfalz.  Von  hohem  Belang  ist
der  überall  verbreitete  Kartoffelbau,  der  am  meisten  in  der  Rheinpfalz
und  Unterfranken  sowie  in  der  Oberpfalz  und  in  Mittelfranken  blüht.  Der
beste  Flachs  wird  im  sogen.  Sechsämterlande  mit  dem  Knotenpunkte  Wunsiedel
  in  Oberfranken  und  im  Bayerischen  Walde,  der  meiste  Hanf  in  der
Pfalz  gewonnen.  —  Der  Hopfenbau  hat  in  den  letzten  Jahren  abgenommen;
  der  Spalter=  und  der  Holledauer  Hopfen  gelten  als  die  besten  und
bilden  einen  wichtigen  Handelsartikel.  —  Im  Tabakbau  nimmt  die  Pfalz
die  erste  Stelle  in  Deutschland  ein;  auch  in  Mittelfranken  und  Unterfranken
wird  der  Anbau  dieses  Handelsgewächses  betrieben.

Obst  gedeiht  vorzüglich  in  der  Vorderpfalz,  in  Unterfranken  und  im
südwestlichen  Teile  von  Oberfranken;  das  südliche  Bayern  ist,  abgesehen
von  der  Gegend  um  Lindau,  infolge  seiner  hohen  Lage  und  des  rauhen
Klimas  dem  Obstbau  weniger  günstig.  —  Der  Gemüsebau  blüht  namentlich
  im  Bamberger  Kessel  und  um  Nürnberg  sowie  in  der  Vorderpfalz  um
Zeiskam  und  Frankenthal.  —  Trefflicher  Wein  wächst  im  Main=  und
Taubertal  und  an  den  Abhängen  der  Hart.  .

Was  das  Tierreich  betrifft,  so  ist  zunächst  die  Pferdezucht  für  viele
—  namentlich  bäuerliche  —  Grundbesitzer  Bayerns  eine  unentbehrliche
Erwerbsquelle.  Die  bayerischen  Pferde  werden  wegen  ihrer  Leistungen
sehr  geschätzt  und  auch  vom  Auslande  gerne  gekauft.  Zur  Hebung  der  Pferdezucht
  trägt  besonders  die  K.  B.  Landesgestütsverwaltung  bei.  —  Von  größerer
  Wichtigkeit  für  die  bayerische  Landwirtschaft  ist  die  Rindviehzucht,
welche  folgende  Schläge  umfaßt:  das  Graubraune  Gebirgsvieh  (Algäuer),
das  Einfarbig  gelbe  Frankenvieh  (Scheinfelder,  Ellinger),  den  Murnau-Werdenfelser
  Schlag,  den  Glan-Donnersberger  Schlag,  das  Bayerische
Rotvieh  (Voigtländer),  das  große  Fleckvieh  (oberbayerisches  Alpenfleckvieh),
das  mittelgroße  Fleckvieh  Simmentaler  Schlages,  den  Pinzgauer  Schlag,
den  Ansbach-Triesdorfer  Schlag,  das  Kelheimer  Vieh,  das  ober=  und  niederbayeris
  che  Landvieh.  In  verschiedenen  Gegenden,  in  welchen  die  Reinzucht
eines  bestimmten  Schlages  schon  seit  längerer  Zeit  betrieben  wird  oder  in
welchen  ihrer  wirtschaftlichen  Verhältnisse  wegen  die  Produktion  von  Zuchtvieh
  besonders  vorteilhaft  ist,  haben  sich  lokale  und  distriktive  Zuchtvereinigungen
  zu  größeren  Verbänden,  Zuchtverbänden  und  Herdebuchgesellschaften,
  zusammengeschlossen.  —  Die  Schafzucht  hat  in  Bayern  in
wirtschaftlicher  Beziehung  weniger  Bedeutungz  sie  ist  in  den  letzten  Jahren
infolge  der  gedrückten  Preise  für  Schaffleisch  und  Wolle  und  infolge  von
        <pb n="100" />
        —  91  —

Anderungen  im  landwirtschaftlichen  Betriebe  zurückgegangen.  —  Die
Ziegenhaltung  ist  verhältnismäßig  gering.  In  denjenigen  Gegenden,
in  welchen  der  Kleinbesitz  vorwaltet,  wird  die  Ziege  in  größerer  Zahl  getroffen.
  —  Die  Schweinezucht  hat  in  den  letzten  Jahren  vielerorts
leider  abgenommen.  —  Die  Geflügelzucht  wird  von  den  bayerischen
  Landwirten  lediglich  als  Nebenbetrieb  behandelt,  aus  welchem  aber
immerhin  vielen  Gegenden  erhebliche  Einnahmen  zufließen.  —  Besondere
Sorgfalt  wird  in  neuerer  Zeit  auch  der  Fisch  zucht  gewidmet.

Der  Bergbau  wird  zum  kleineren  Teile  vom  Staate,  zum  größeren
von  Privatleuten  betrieben.  Eisen,  das  für  die  Industrie  vom  größten
Werte  ist,  findet  sich  in  bedeutenden  Mengen  im  Fichtelgebirge  (Fichtelberg),
  im  Jura  in  der  Oberpfalz  (Amberg)  und  in  der  Rheinpfalz  (St.  Ingbert).
  Hier  lagern  auch  Stein=  und  Braunkohlen;  außerdem  finden
wir  diese  schätzbaren  Mineralien  am  Fuße  der  Alpen  bei  Peissenberg,
Miesbach  und  Penzberg.

Torf  dagegen  wird  in  den  Niederungen  der  Donau,  besonders  in
Schwaben  und  Neuburg,  im  Flußgebiet  der  Isar,  in  der  Oberpfalz  und  in
der  Rheinpfalz  gewonnen.  Schwefelkies  wird  in  Niederbayern  bei
Bodenmais  zu  Tage  gefördert,  Graphit  in  der  Passauer  Gegend,  Porzellanerde
  hauptsächlich  im  Bezirke  Tirschenreuth  und  bei  Wunsiedel;
  Schiefer  findet  man  in  Oberfranken,  Lithographiesteine  bei
Solnhofen.

Hervorragend  ist  die  Gewinnung  von  Kalkstein,  Basalt  und  Granit,
besonders  in  der  Oberpfalz,  in  Unterfranken  und  in  der  Rheinpfalz;  auch

armor,  Achat,  Jaspis  und  Granaten  werden  gefunden.  Für
Salz  ist  der  Hauptbezirk  im  Südosten,  wo  sich  das  Steinsalzbergwerk
Berchtesgaden  und  die  großen  Salinen  Reichenhall  und  Rosenheim  befinden.
Diese  drei  Salzstätten  nebst  denen  von  Dürkheim  und  Kissirigen  liefern
jährlich  Kochsalz  im  Werte  von  2  Millionen  Mark.  Unter  den  zahlreichen
Mineralquellen  Bayerns,  die  meist  in  den  Gebirgsgegenden  Oberund
  Unterfrankens  und  Oberbayerns  liegen,  nimmt  Kissingen  den  ersten
Rang  ein.  Erwähnenswert  sind  außerdem:  Reichenhall,  Brückenau,  Bocklet,
Wipfeld  in  Unterfranken,  das  Alexanderbad  bei  Wunsiedel  und  das  Bad
Steben  in  Oberfranken,  das  Ottobad  zu  Wiesau  in  der  Oberpfalz,  das
Wildbad  zu  Kreuth  sowie  noch  die  Bäder  zu  Rosenheim  und  Sulz  bei  Peissenberg
  in  Oberbayern  und  das  Bad  Gleisweiler  in  der  Rheinpfalz.

Die  Gewerbetätigkeit  hat  in  Bayern  besonders  seit  Einführung
der  Gewerbefreiheit  (1.  Mai  1868)  einen  bedeutenden  Ausschwung  genommen.
  Sämtliche  Zweige  der  Industrie  sind  vertreten  und  beschäftigen
ein  Drittel  der  Einwohner.  Als  Hauptorte  hoch  entwickelter  Gewerbeund
  Fabriktätigkeit  ragen  unter  den  größeren  Städten  hervor:  Nürnberg,
Fürth,  München,  Augsburg,  Würzburg,  Schweinfurt,  Hof,  Schwabach,
Kaiserslautern  und  Ludwigshafen.
db  Die  Industrie  in  Glas  und  Glaswaren  hat  ihren  Sitz  in  der

erpfalz  und  im  Bayerischen  Walde.  Für  Herstellung  von  Spiegelglas
  und  Spiegeln  bestehen  viele  Fabriken,  die  fast  alle  ihre  Erzeugnisse
        <pb n="101" />
        nach  Fürth  und  Nürnberg  abliefern,  wo  sie  belegt  werden.  Das  Fichtelgebirge
  ist  der  Hauptsitz  für  Herstellung  gewickelter  Perlen.

Im  Gebiete  der  Stein-,  Zement=  und  Tonwaren-Fabrikation
zeigt  sich  in  Bayern  eine  stets  fortschreitende  Bewegung.  Granit=  und
Syenitschleifereien  finden  sich  im  Fichtelgebirge;  die  kunstvolle  Bearbeitung
  der  verschiedenen  Steinarten  blüht  in  ganz  Bayern,  besonders  in
München.  Solnhofen  ist  berühmt  durch  seine  Steinplatten.  Mühlsteine
  liefern  hauptsächlich  mehrere  unterfränkische  Orte  und  Miesbach,
Wetzsteine  Ohlstadt  in  Oberbayern.

Größere  Ziegelfabriken  bestehen  bei  München,  Augsburg,  Bayreuth,
  Ludwigshafen;  größere  Zementfabriken  im  Bezirke  Rosenheim
und  in  München.  Terrakottawaren  werden  in  München  und  Speyer,
Schmelztiegel  besonders  in  Obernzell  und  Hafnerzell  in  Niederbayern
gefertigt.  Porzellan=  und  Steingutwaren-Fabrikation  ist  hervorragend
  in  Nymphenburg,  Amberg,  Hirschau,  Regensburg,  Kaiserslautern,
bei  Passau,  Lichtenfels  und  dann  bei  Aschaffenburg  und  Neuburg.

Ziemlich  bedeutend  ist  die  Gewinnung  von  Eisen  und  die  Herstellung
von  Eisen-  und  Stahlwaren.  Roheisen  wird  jährlich  im  Werte  von  über
2  Millionen  Mark  gewonnen  und  zum  größten  Teile  in  den  Hammerwerken
der  Oberpfalz,  der  Rheinpfalz  und  in  Oberbayern  verarbeitet.  Die  Maximilianshütte
  nördlich  von  Regensburg  gehört  zu  den  größten  Eisenwerken
Deutschlands;  berühmt  sind  die  Metallwaren  von  Nürnberg  und  Fürth,
die  Schwabacher  Nadeln,  die  Bronzegußwaren  von  München  und
Nürnberg.  Im  Kunsterzgusse  nimmt  München  eine  der  hervorragendsten
Stellen  unter  allen  Städten  der  Erde  ein.  Hier  blüht  auch,  wie  in  Nürnberg,
Fürth,  Schwabach  und  Augsburg,  die  Herstellung  von  Waren  aus
edlen  Metallen.  —  Ausgezeichnete  Maschinenfabriken  gibt  es  in
Nürnberg,  München,  Augsburg,  Oberzell  bei  Würzburg,  Kaiserslautern,
Ludwigshafen.  Die  Fraunhoferschen  und  Steinheilschen  optischen
Instrumente  genießen  Weltruf  und  Schuckert  in  Nürnberg  hat  sich  für  die
Einrichtung  elektrischer  Beleuchtung  einen  weithin  bekannten  Namen
erworben.

Zur  Herstellung  von  chemischen  Produkten  für  technische  Zwecke
bestehen  Fabriken  in  München,  Nürnberg,  Augsburg,  Kitzingen,  Regensburg,
  Kaiserslautern  und  Ludwigshafen,  während  Parfümerien  vorzugsweise
  in  München  und  Würzburg  bereitet  werden.  Die  Anilinfabrik
  zu  Ludwigshafen,  die  Ultramarinfabriken  in  Nürnberg  und
Kaiserslautern  zählen  zu  den  bedeutendsten  ihrer  Art  in  ganz  Europa;
andere  Farbwaren  werden  in  München,  Schweinfurt  (Schweinfurter
Grün),  Amberg,  Regensburg,  Augsburg,  Gersthofen  bei  Augsburg  und
Dürkheim  hergestellt.  —  Die  Bleistiftfabriken  in  Stein,  Nürnberg  und
Regensburg  senden  ihre  Erzeugnisse  in  alle  Weltteile.

Die  Holzindustrie  Bayerns  gründet  sich  auf  die  bedeutende  einheimische
  Holzproduktion.  Die  in  München,  Regensburg  und  Kaiserslautern
  blühende  Parkettfabrikation  bezieht  ihr  Holz  hauptsächlich
aus  dem  Böhmer=  und  Bayerischen  Walde;  diese  beiden  Gebirge  liefern
        <pb n="102" />
        auch  das  Holz  für  Resonanzböden  und  Klaviaturen  (namentlich
Passau,  Oberzwiesel  und  Lichtenthal);  die  Geigen  von  Mittenwald  genießen
  Weltruf.  Auch  die  Kunsttischlereien  in  München,  Würzburg
und  Edenkoben  versenden  weithin  ihre  trefflichen  Erzeugnisse.  Die  Spielwaren
  von  Nürnberg  und  Fürth,  welche  beiden  Städte  die  Hauptsitze
der  Industrie  in  Kurzwaren  sind,  kennt  man  auf  der  ganzen  Erde;  auch
die  Holzschnitzereien  von  Berchtesgaden,  Reichenhall,  Oberammergau,
  Garmisch,  Partenkirchen  und  Brückenau  wandern  über  die  Meere.
Korbflechterei  blüht  in  Oberfranken,  Strohflechterei  im  Bezirksamt
  Lindau  als  Hausindustrie.  Die  Weberei  beschäftigt  in  der  Rhön,  im
Fichtelgebirge  und  im  Bayerischen  Walde,  dann  insbesondere  in  Augsburg
  (Woll-,  Damast=  und  Seidenwaren)  viele  Hände.  Die  Gerbereien
sind  sowohl  hinsichtlich  ihrer  Zahl  als  auch  durch  die  Güte  ihrer  Erzeugnisse
von  Bedeutung.  Die  Tabakfabrikation  blüht  besonders  in  der  Pfalz
und  in  Mittelfranken.  Die  Rübenzuckerfabriken  in  Frankenthal  und
Schweinfurt  versorgen  einen  großen  Teil  Deutschlands  mit  Zucker,  die
Käsereien  des  Algäus  viele  Gegenden  mit  trefflichem  Käse.

In  der  Bierbrauerei  steht  Bayern  in  Bezug  auf  die  Menge  und

Güte  der  Erzeugnisse  allen  Staaten  Deutschlands  voran.  Bier  aus  München,
Erlangen,  Kulmbach,  Kitzingen,  Nürnberg,  Speyer,  Augsburg  und  anderen
Orten  wird  überallhin  versandt.
Die  Papierfabrikation  hebt  sich  immer  mehr.  Hauptsitze  derselben
  sind  München,  Augsburg,  Kempten,  Nürnberg,  Regensburg,  Aschaffenburg,
  Speyer  und  Passau.  Kartonage-Arbeiten  und  Spielkarten
werden  hauptsächlich  in  und  bei  Nürnberg  verfertigt  und  bilden  einen  Massenausfuhrartikel.
  ·

Mittelpunkt  für  die  Photographie,  Lithographie,  Kunst—
druckerei  und  Xylographie  ist  München,  ebenso  für  Bildhauerei
und  kirchliche  Kunst.  Die  Glasmalerei  und  die  Kartographie  finden
in  München  und  Nürnberg  kunstverständige  Pflege.

Hauptsitz  des  Kunstgewerbes  überhaupt  ist  München,  woselbst  der
Kunstgewerbeverein  das  deutsche  Kunstgewerbe  mit  allen  Kräften  zu
fördern  und  Kunst  und  Gewerbe  möglichst  innig  mit  einander  zu  verbinden
sucht.  In  ähnlicher  Weise  ist  das  Bayerische  Gewerbemuseum  in  Nürnberg
  bestrebt,  die  Industrie  und  die  Kunst  in  Bayern  auf  eine  möglichst
hohe  Stufe  zu  heben.

Nach  den  „Maßnahmen  auf  dem  Gebiete  der  landwirtschaftlichen  Verwaltung  in  Bayern“
und  dem  „Lesebuch  für  Gewerbliche  Fortbildungsschulen“.

51.  Deutschland.

Vergleichen  wir  Deutschland  mit  den  übrigen  Ländern  Europas  in  Bezug
  auf  die  Gestaltung  der  Oberfläche,  so  finden  wir,  daß  in  allen  andern
europäischen  Ländern  eine  gewisse  Form  der  Oberflächenbildung  vorherrscht.
So  besteht  Rußland  mit  Polen  aus  einer  einzigen  ungeheuren  Ebene,  die  im
Innern  nur  durch  einige  Hügelreihen  und  Landrücken  an  mehreren  Stellen
unterbrochen  wird.  Auch  in  Frankreich  herrscht  die  Ebene  vor,  wenngleich
        <pb n="103" />
        —  94  —

es  dort  nicht  an  Gebirgslandschaften  fehlt,  von  denen  indes  nur  eine  im
Innern  des  Landes,  die  übrigen  aber  gegen  die  Grenzen  hin  liegen.  Spanien
ist  fast  durchgängig  Hochland.  Die  Balkanhalbinsel  ist  in  ihrer  ganzen
Längenausdehnung  von  mächtigen  Gebirgszügen  erfüllt,  die  mit  vielen
größern  und  kleinern  Armen  nach  allen  Seiten  ausgreifen.  Fast  ebenso
verhält  es  sich  mit  der  italienischen  Halbinsel,  die  nur  in  ihrem  Deutschland
zunächst  gelegenen  Teile,  dem  nördlichen,  sich  zu  einer  größern  Ebene  ausweitet,
  welche  einige  Ahnlichkeit  mit  der  norddeutschen  Ebene  hat.  Die
Skandinavische  Halbinsel  ist  im  Norden  wie  im  Süden  gebirgig  und  Großbritannien
  hat  zwar  in  seinem  östlichen  Teile  weit  weniger  den  Charakter
eines  Gebirgslandes  als  in  dem  westlichen;  aber  auch  jener  Teil  ist,  wo  nicht
Gebirgs-,  doch  fast  durchweg  Hügelland  und  bietet  keine  ausgedehnten  Ebenen
dar.  Dagegen  herrscht  in  der  Oberflächengestaltung  Deutschlands  die  größte
Mannigfaltigkeit  der  Naturformen.  Wir  finden  hier  einen  reichen  Wechsel
von  Hochgebirgs-,  Hochflächen=  und  Stufenländern  mit  den  verschiedenartigsten
Stromsystemen,  Mittelgebirge  jeder  Art  und  weite  Flachländer,  das  Tiefland
des  slavischen  Osteuropas,  den  eigentümlichen  Wechsel  zwischen  Bergland  und
welliger  Ebene  der  Britischen  Inseln,  die  überraschende  Mannigfaltigkeit  der
Balkan-,  die  Regelmäßigkeit  der  italienischen  und  die  Hochflächenbildung
der  Pyrenäischen  Halbinsel.  »

Und  wie  Deutschland  rücksichtlich  seiner  Lage,  Größe  und  Oberflächengestaltung
  unter  den  Ländern  Europas  eine  vermittelnde  Stellung  einnimmt,
so  ist  dies  auch  hinsichtlich  seiner  Gewässer  der  Fall.  Es  hat  nicht  so  große
Ströme  wie  das  slavische  Osteuropa,  aber  größere  als  jedes  andere  Land
Europas,  und  erfreut  sich  einer  gleichmäßigen  Wasserverteilung  nach  fast  allen
Gegenden.  Da  es  weit  mehr  binnenländisch  ist  als  die  meisten  andern  Länder
Europas  außer  Rußland,  so  haben  seine  Flußadern  auch  eine  höhere  Wichtigkeit
  erlangen  müssen.  Was  aber  die  Schönheit  der  Flußlandschaften  anlangt,
so  steht  unser  Vaterland  selbst  weit  über  Frankreich.  Die  Seine  kann  weder
an  Wasserreichtum  noch  an  Schönheit  der  nächsten  Gegenden  mit  der  Elbe
verglichen  werden;  denn  ihre  Ufer  bilden  nirgends  stolze  Landschaften  wie  die
Elbe  bei  Dresden.  Die  Natur  der  Landschaften  ist  in  Deutschland  schon
deshalb  mannigfaltiger  und  reizender  als  in  Frankreich,  weil  die  Verzweigung
der  Gebirge  bei  uns  weit  größer  ist  als  in  dem  meist  flacheren  Nachbarreiche.
Wie  anmutig  auch  die  Ufergegenden  der  Rhone,  besonders  bei  Lyon,  sein
mögen,  so  sind  sie  doch  nicht  reizender  als  die  des  herrlichen  Rheinstromes,
dessen  prachtvolle  Ufer  mit  ihren  Rebenhügeln,  Bergen,  Städten  und  Burgruinen
  von  den  Reisenden  aller  Völker  aufgesucht  und  hoch  gepriesen  werden;
mit  ihm  kann  sich  weder  Rhone  noch  Loire  messen.

Nach  dem  „Lesebuch  für  Gewerbliche  Fortbildungsschulen“.

52.  Die  Flüsse,  die  Lebensadern  des  Natur-  und  Völkerlebens.

Die  Flüsse  und  Flußtäler  werden  überall  die  Sammler  alles
Lebendigen.  In  dem  häufig  genetzten  Schlamme  der  Flutttäler  entwickeln
  sich  die  Pflanzenkeime;  hier  schießen  die  Bäume  in  dichten
Waldungen  auf;  hier  sind  die  Ausdünstungen  des  Flusses,  die  Nebel
und  die  Tauniederschläge  am  stärksten;  die  Gräser,  Kräuter  und
Wiesen  werden  davon  getränkt.  Auch  sind  die  Flüsse  überall  die
Hauptverbreiter  des  Gesämes  der  Pflanzen,  das  sie  fortführen  und  an
        <pb n="104" />
        —  95  —

ihren  Ufern  zerstreuen;  und  dieser  Umstand  wirkt  mit  dazu,  daß  die
FPlußniederungen  die  Sammler  der  buntesten  und  reichsten  Flora  werden.

Die  Tiere  der  Wildnis  sind  in  ihrem  Lebenshaushalte  in  demselben
  Grade  wie  die  Pflanzen  an  die  Quellen,  Bäche  und  Flüsse  gefesselt.
  Viele  von  ihnen  sind  bei  ihrer  Nahrungsweise  geradezu  an
die  Wesen,  welche  im  Wasser  leben,  gebunden  und  diese  müssen  dann
notwendig  ihre  Wohnung  hart  am  Ufer  bauen.  Keines  aber  ist,  das
des  Wassers  entbehren  könnte.  Haben  sie  daher  auch  nicht  alle  ihre
Höhlen  in  der  Nähe,  so  haben  sie  doch  ihre  Sammelplätze  an  den
Ufern  und  stellen  ihre  Wanderungen  längs  derselben  an.

Das  Leben  des  Menschen,  des  Herrn  der  Schöpfung,  der  sich
alles  dienstbar  macht,  und  dem  die  Tiere  in  und  aufter  dem  Wasser,
die  Pflanzen  an  den  Ufern  und  das  Wasser  selber  gleich  nützlich  und
unentbehrlich  sind,  ist  daher  noch  viel  inniger  und  noch  weit  mannigfaltiger
  mit  den  Fäden  der  Flüsse  verwebt.  Der  Mensch  siedelt  sich
an  den  Flüssen  und  Quellen  an,  weil  ihm  das  Wasser  zu  seiner  Nahrung
  als  Getränk,  zur  Sättigung  seines  Viehes,  zur  Benetzung  seiner
Gärten  und  Acker  ganz  unentbehrlich  ist.  Als  Fischer  baut  er  seine
Hütte  an  die  Ufer  der  Flüsse,  wo  er  der  reichsten  Beute  gewiß  ist.
Auch  die  Hirten  kommen,  ihr  Vieh  zu  tränken  und  zu  baden,  zu  den
Flüssen  und  finden  hier  die  fetteste  Weide.  In  manchen  Gegenden  der
Erde  können  Sie  sogar  nur  längs  der  Flüsse  auf  Weide  hoffen.  —  Der
Ackerbauer  findet  hier  die  fruchtbarsten  Landstriche,  die  mit  schöner
F.  ruchterde  überzogenen  Niederungen.  Bei  seinen  Fabriken  und  Maschinen
  benutzt  der  Mensch  das  fließende  Wasser  als  treibende  Kraft,  wo
die  Anstrengung  seines  eigenen  Armes  nicht  mehr  ausreicht.  Auf  dem
glatten  Wasser  schafft  er  größere  Lasten  fort  als  auf  dem  festen
Boden  und  so  zeigen  sich  die  Flüsse  als  die  natürlichsten,  großartigsten
und  schätzbarsten  Vermittler  und  Bahnen  für  Handel  und  Verkehr
und  die  Flußufer  als  die  Hauptsitze  der  vornehmsten  Markt-  und
Handelsplätze  der  Welt.  Nach  Kohl.

53.  Das  Lied  von  den  deutschen  Strömen.

Laßt  uns  die  deutschen  Ströme  singen  Denkt  seiner  schön  bekränzten  Höhen
Zm  deutschen  festlichen  Verein  Und  seiner  Burgen  im  Gesang,

nd  zwischendurch  die  Gläser  klingen,  Die  stolz  auf  jene  Hen  sehen,
Denn  sie  beschenken  uns  mit  Wein.  Die  jüngst  das  deutsche  Volkbezwang!
Auf  ihre  Töne  laßt  uns  lauschen,
Die  alle  jetzt  herüberweh'n,  Tief  in  des  Fichtelberges  Klüften,
Und  bald  der  Wellen  lautes  Rauschen  Mit  grauen  Nebeln  angeran,
Bald  ihren  leisern  Gruß  verstehn!  Umneht  von  nördlich  kalten  Lüften,
Beginnt  der  Main  die  Heldenbahn.
Lerrst  gedenkt  des  alten  Rheines,  Er  kämpft  in  mutigem  Gefechte

r  flutend  durch  die  Ufer  schwillt,  Sich  hin  bis  zu  dem  Vater  Rhein
Und  seines  goldnen  Labeweines,  Unddrängt,  bekränzt  mit  Weingeflechte,
Der  aus  der  Traube  lustig  quillt;  In  seine  Ufer  sich  hinein.
        <pb n="105" />
        —  96  —

Zm  Land  der  Schwaben  auferzogen,  So  nah  dem  hochbeglückten  Lande,
ilt  rasch  und  leicht  der  Neckar  hin;  Wo  Zwingherrnblut  die  Erde  trank
Wenn  auch  nicht  mit  gewölbten  Bogen  Und  nach  gelöstem  Sklavenbande
Gewalt'ge  Brücken  drüber  zieh'n,  Das  Römerjoch  zu  Boden  sank,
Doch  spiegeln  gleich  den  schönsten  Vernimm,  o  Weser,  unfre  Grüße,
·  Kränzen  Sie  sollen  jubelnd  zu  dir  zieh'n!
Sich  Dörfer  in  der  klaren  Flut  Voll  Ernst  und  stiller  Würde  fließe,
Und  dunkelblau  mit  sanftem  Glänzen  Du  Freiheitsstrom,  zum  Weltmeer  hin!
Der  Himmel,  der  darüber  ruht.  ,
Es  sei  der  Oder  jetzt  gesungen
Gestiegen  aus  verborgnen  Quellen,  Der  letzte  schallende  Gefang;
Im  grünen,  luftigen  Gewand,  Einst  hat  ja  laut  um  sie  gerungen
m  welches  tausend  Falten  schwellen,  Das  deutsche  Volk  im  Waffenklang.
Strömt  weit  die  Donau  durch  das  Als  es  sich  still  und  stark  erhoben
Z  Land;  In  seiner  ganzen  Riesenmacht,
Die  Städte,  die  sich  drin  erblicen,  Da  half  der  Helfer  ihm  von  oben;
Erzählen  von  vergangner  Zeit  Geschlagen  ward  die  Völkerschlacht.
Und  fragen  dann  mit  stillem  Nicken:  Z„  „
Wann  wird  die  alte  Pracht  erneut?  So  rauscht,  ihr  Ström  denn  zu-·
  ammen
Durch  alle  Gau'n  der  freien  Sachsen  J  ein  gewaltig  Heldenlied!
Ergeht  sich  stolz  das  Riesenkind;  Zum  Himmel  schlagt,  ihr  hellen
Es  sieht  wie  sonst  die  Eichen  wachsen;  Flammen,
Doch  sucht  es  seinen  Wittekind.  Die  ihr  im  tiefsten  Herzen  glüht!
Und  denkt  es  der  gesunknen  Helden,  Eins  wollen  wir  uns  treu  bewahren,
Dann  zögert  es  im  raschen  Lauf,  Doch  eins  erwerben  auch  zugleich:
Und  wünscht,  was  alte  Sagen  melden,  Du,  Herr,  beschützt  es  vor  Gefahren
Herauf,  aus  seiner  Flut  herauf.  Und  zu  uns  komm  dein  freies  Reich!
Karl  Buchner.

 

54.  Deutschlands  Kolonien.

Im  Jahre  1527  erhielt  das  Handelshaus  Welser  in  Augsburg  von
Kaiser  Karl  V.  als  Pfand  für  gelichene  Geldsummen  Venezuslal).  Es
konnte  aber  diese  Kolonie  den  Spaniern  gegenüber  nicht  behaupten.

6½  schickte  der  Große  Kurfüst  von  Brandenburg  ein  Schift
Seiner  neugegründeten  Flotte  nach  der  Sklavenküste  in  Afrika,  ließ
in  den  Gebieten  einiger  Negerhäuptlinge  seine  Flagge  hissen  und  nahm
dadurch  von  dem  Lande  Besitz.  Zwei  Jahre  darauf  legte  man  die
kleine  Festung  Groß-Friedrichsburg  an;  allein  schon  unter  Friedrich  Wilhelm
  I.  wurde  die  Kolonie  um  6000  Gulden  an  die  Niederlande  verkauft.

Erst  1884  dachte  man  in  Deutschland  wieder  an  die  Erwerbung
von  Kolonien.  Zur  Zeit  besitzt  das  Deutsche  Reich  Schutzgebiete  in
Afrika  und  in  der  Südsee  sowie  ein  Pachtgebiet  in  China.

A.  In  Afrika.  1.  Das  Togéólan  dy),  erheblich  größer  als
Bayern,  liegt  an  der  Sklavenküste  in  Ober-Guinéa  (Ginéa)  und  grenzt
im  Westen  an  englisches,  im  Osten  an  französisches  Besitztum.  Klein-1)

  d.  i.  Klein-Venedig.
2)  TogS  =  Seeort.
        <pb n="106" />
        —  97  —

Popo)  ist  einer  der  wichtigsten  Handelsplätze  der  Kolonie;  der
regierende  deutsche  Beamte  hat  seinen  Sitz  in  Lome.  Das  tropische
Klima  können  Europäer  nicht  gut  ertragen;  Feldarbeit  ist  für  sie
ausgeschlossen.  Im  Innern  des  Landes  findet  man  Wälder  mit  Olpalmen
und  Affenbrotbäumen,  auch  stark  bevölkerte  Negerdörfer,  deren  Bewohner
  Mais,  Durra  (Mohrenhirse),  mehlhaltige  Wurzelgewächse  (Kassave,
  Lams)  und  Baumwolle  bauen.  Die  Grasfluren  des  Hochlandes
nähren  zahlreiche  Rinder,  Pferde  und  Esel.  Die  Ausfuhr  besteht  in
Palmöl,  Palmkernen,  aus  welchen  man  61  preßt,  Gummi  und  Vieh.
Eingeführt  werden  besonders  Baumwollenwaren,  Salz,  Tabak,  Gewehre
und  leider  die  den  Negern  so  verderblichen  Spirituosen  2.

2.  Kamerün  hat  die  Größe  des  Deutschen  Reiches  ohne  Schlesien.
  Es  liegt  nur  einige  Grade  nördlich  vom  Aquator;  sein  Klima  ist
deshalb  tropisch  und  für  den  Weifen  noch  gefährlicher  als  in  Tog.
Arbeiten,  die  mit  körperlicher  Anstrengung  verbunden  sind,  vermag
er  nur  schwer  vorzunehmen.  An  der  Küste  herrschen  tödliche  Fieber.
Binnenwärts  erhebt  sich  das  Land,  hier  ist  das  Klima  etwas  gesünder;
im  Kamerüngebirge  steigt  der  Mongo-ma-Loba#s)  bis  zu  4000  Meter
auf.  Die  Nährfrucht  der  Küstenstämme  sind  die  Brot  liefernden,
gurkenförmigen  Früchte  des  Bananenbaumes  oder  Pisangs;  auf  dem
Hochlande  werden  sie  durch  die  üblichen  Getreidearteu  Innerafrikas,
Wie  Durra  und  Reis,  ersetzt.  Pflanzungen)  von  Tabak,  Kaffee,  Kakao
sind  angelegt  worden  und  versprechen  reichen  Ertrag.  Als  Haustiere
halten  die  Eingeborenen  Schweine,  Schafe,  schlappohrige  Ziegen  und
Hühner.  Im  Urwald  hausen  Schimpanse  und  Gorilla,  Schlangen  mannigfaltigster
  Art,  Leopard,  Hyäne  und  große  Wildschweine.  Auf
den  Grasfluren  des  Hochlandes  weiden  Antilopen,  Büffel  und  hier  wie
dort  Elefanten  in  großen  Herden;  die  ersten  Versuche  jung  eingefangene
  Elefanten  zu  zähmen,  können  als  gelungen  bezeichnet  werden.
Die  Ausfuhr  von  Elfenbein  ist  noch  immer  bedeutend.  Der  Wert  des
Schutzgebietes  liegt  jedoch  in  der  unerschöpflichen  Fruchtbarkeit  des
Bodens,  weshalb  es  als  Perle  der  Guinéaländer  gilt.  Die  Zukunft
Kamerüns  als  Pflanzenkolonie  ist  gesichert,  wenn  es  gelingt  den
Neger  zu  stetigerer  Arbeit  zu  bewegen.  Die  Ausfuhr  von  Kautschuk,
der  aus  dem  Safte  einer  Lianenart  5ö)  gewonnen  wird,  von  Palmöl,  Palmkernen
  und  Kakao  bewegt  sich  in  aufsteigender  Linie.  Zur  Einfuhr
kommen  dieselben  Gegenstände  wie  in  Togé,  dazu  Eisen-  und  Holzwaren.

)  Popo  =  Volk,  Stamm.
),  Die  Einfuhr  von  geistigen  Getränken  in  Afrika  ist  durch  die

Brüsseler  Konferenz  von  1899  durch  hohe  Zölle  stark  erschwert  und  seitdem
  in  der  Tat  gesunken.

)  d.  i.  Götterberg.

)  Umer  Pflanzung  (Plantage)  ist  hier  der  im  großen  botriebene
Anbau  von  tropischen  Gewächsen  durch  Eingeborene  unter  Leitung  von
Weißen  zu  verstehen.

5)  Lianen,  beim  Emporwachsen  sich  auf  andere  Pflanzen  stützende
Gewächse,  bei  uns  Efeu,  Waldrebe,  Geißblatt;  in  den  Tropen  sehr  zahlreich.

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  7
        <pb n="107" />
        —  98  —

Mehrere  Faktoreien  1!)  an  der  Küste  gehören  dem  Hamburger  Hause
Woermann.  Die  Hauptstadt  Bueä,  welche  900  m  über  dem  Meere  liegt,
ist  durch  eine  Schmalspurbahn  mit  dem  Hafen  Viktoria  verbunden.

3.  Der  wichtigste  Hafenort  von  Deutsch-Südwest-Afri  ka,
welches  an  Flächeninhalt  das  Deutsche  Reich  1½  mal  übertrifft,  ist
Swakopmund,  Sitz  der  Verwaltung  Windhoek  :)  (huk).  Auf  der  sandigen
  und  unwirtlichen  Steilküste  sicht  man  weder  Baum  noch  Strauch,
nicht  einmal  einen  Grashalm;  nur  Seevögel  beleben  sie.  Das  Hinterland
  besteht  aus  Hochebenen  und  dem  Kalaharibecken,  das  teils  Steppe
teils  Wüste  ist.  Der  größte  Teil  des  Hinterlandes  bildet  mit  seinem
langen,  gelben,  aber  kräftigen  Grase  eine  gute  Viehweide,  die  vor  der
Rinderpest  Vieh  zur  Ausfuhr  und  kräftige  Zugochsen  lieferte.  Wassermangel
  und  Mangel  an  Verkehrswegen  machen  eine  Kultivierung  des
Landes,  in  welchem  man  Kupfer.  goldhaltigen  Quarz  und  Diamanten
entdeckt  hat,  vorerst  unmöglich;  doch  könnte  mit  Fangdämmen  und
Talsperren,  welche  die  bisher  nutzlos  versickernden  Gewitterregen  auffangen,
  viel  erreicht  werden.  Die  Flufßufer  sind  fruchtbar.  Als  Ausfuhrartikel
  sind  Guano,  Häute  und  Strauffedern  zu  erwähnen.  Der
unermeßliche  Fischreichtum,  den  die  Küstenströmung  birgt,  ist  bisher
noch  nicht  ausgenützt  worden.  An  Raubtieren,  wie  Löwen,  Panthern,
Leoparden,  Wildkatzen,  Hyänen,  Wölfen,  wilden  Hunden  und  Schakalen
mangelt  es  im  Innern  nicht.  Von  den  in  Südafrika  ansässigen  Boeren
(Buren)  haben  einzelne  Stämme  der  Eingeborenen  Holländisch  gelernt.
Die  Mission  ist  in  einigen  Gegenden  mit  Erfolg  tätig.

4.  Deutsch-Ost-Afrika.  Diese  Kolonie  umfaßt  die  Hinterlandschaften
  der  Sansibarküste  sowie  die  Küste  selbst,  welche  1890
dem  Sultan  in  Sansibar  um  4  Millionen  Mark  abgekauft  wurde.  Das
ganze  Land  ist  fast  doppelt  so  gro  wie  das  Deutsche  Reich.  Die
Küste  ist  sumpfig  und  ungesund.  Die  wichtigsten  Hafenplätze  sind
Tanga,  Bagamajo  und  Dar-es-Saläm  9),  welches  der  Sitz  des  Kaiserlichen
  Statthalters  ist.  Den  Gipfel  des  6000  m  hohen  Kilima-Ncjäro!)
(Kilimandscharo)  bedeckt  ewiger  Schnee.  Hochländer  und  Berglandschaften
  senken  sich  nach  dem  Gebiet  der  3  großen  Seen;  nach  der
Küste  zu  fallen  sie  in  Terrassen  steil  ab.  Es  wechseln  hier  sehr
fruchtbare  Gebiete  mit  wüstenartigen  Wildnissen  und  grasreichen
Steppen.  Diese  sind  die  Heimat  der  Antilopen,  Büffel,  Giraffen  und
Zebras,  das  Jagdgebiet  der  Leoparden.  Schakale,  Hyänen  und  Löwen.
In  den  Urwaldgebieten  herrscht  der  üppigste  Pflanzenwuchs;  da
hausen  Affen,  Elefanten  und  Nashörner  und  in  den  Flüssen  und  Seen
wimmelt  es  von  HFlutpferden,  Krokodilen  und  Fischen.  Inmitten  der

1)  Faktoreien  sind  Warenhäuser,  welche  von  europäischen  Handelshäusern
  im  Auslande  angelegt  werden  und  zum  Aufkaufe  ausländischer
und  Verkaufe  eigener  Waren  dienen.

2)  d.  i.  Windspitze.

2  d.  i.  Wohnung  des  Friedens.

9  d.  i.  Berg  des  Ndjäro,  eines  Kälte  bringenden  Berggeistes.
        <pb n="108" />
        —  99  —

Wildnisse  trifft  man  auch  fruchtbare,  woblbevölkerte  Landschaften,
welche  mit  Kokos-  und  Olpalmen  geschmückt  sind.  In  Gärten  und
auf  Feldern  gewinnt  der  Neger  im  Hackbau  und  ohne  Dünger  sein  Korn,
die  Olfrucht.  Sesam,  Bananen,  Gemüse  und  Baumwolle.  Anbauversuche
mit  letzterer,  mit  Tabak,  Kakao,  Vanille,  Zuckerrohr  und  Kaffee  sind
glänzend  ausgefallen.  Kautschuk,  Elfenbein,  Getreide,  Kaffee  und  Kopaly
bilden  die  Hauptwaren,  welche  von  Trägerkarawanen  nach  der  Küste
gebracht  und  auch  schon  mittels  der  Eisenbahn  dahin  geschafft  werden;
eingeführt  werden  Baumwollenzeuge,  Eisenwaren,  Reis  und  Wein.
B.  In  der  Südsee.  1.  Das  „Neu-Guinéa-Gebiet“.  Es
umfaßt  gegenwärtig  2  Hauptgebiete,  das  Kaiser  Wilhelms-Land  und
den  Bismarck-Archipel  mit  den  Salomon-Inseln.  In  diesen  Ländern
herrscht  die  wenig  schwankende,  dabei  feuchte  Treibhauswärme  von
26  C.  Die  Küstenstrecken  des  Kaiser  Wilhelms-Landes  sind  bier
und  da  gefährliche  Herde  der  Malaria,  während  das  Innere  und  die
übrigen  Inseln  im  ganzen  gesünder  zu  sein  scheinen.  Die  eingeborene
Bevölkerung  besteht  fast  ausschlieflich  aus  Papüa,  bei  welchen  der
Menschenfrafz  noch  vielfach  im  Schwunge  ist,  weil  sie  außer  von
Fischen,  Vögeln  und  sehr  spärlich  vorhandenen  Schweinen  und  Hunden
kaum  Fleischnahrung  gewinnen  können.  Die  Papüa  pflanzen  Betelund
  Kokospalmen;  im  übrigen  nähren  sie  sich  von  dem,  was  ihnen

e  gütige  Natur  an  Vams,  Taro?),  Zuckerrohr,  Bananen  u.  s.  w.  in
den  Mund  wachsen  läßt.  Obwohl  die  Eingeborenen  noch  die  Werk-2euge
  der  Steinzeit  handhaben,  verstehen  sie  sich  doch  trefflich  auf
den  Bau  von  Booten  mit  Auslegern,  mit  denen  sie  die  Korallenriffe
geschickt  durchkreuzen;  auf  den  Salomon-Inseln  zimmern  sie  sogar
ausgezeichnete  Hochseebote.

Z  a)  Das  Kaiser  Wilhelms-Land  nimmt  den  nordöstlichen
Teil  der  Insel  Neu-Guinéa  ein  und  ist  etwa  ½  mal  so  grof  wie  das
Deutsche  Reich.  Die  Küste  hat  nur  2  größere  Einbuchtungen,  aber
mehrere  Häfen.  Das  Bismarckgebirge,  welchem  zahlreiche  Flüsse  entspringen,
  erhebt  sich  bis  über  4000  m.  Der  Kaiserin  Augusta-Flut
wird  mit  kleinen  Dampfern  befahren.  Vor  den  Bergketten  liegt  ein
breites  Tiefland,  wo  die  erstaunliche  Fruchtbarkeit  des  Bodens  und
die  regelmäßigen  Niederschläge  einen  großartigen  Pflanzenwuchs  bewirken.
  Die  Tierwelt  ist  reich  an  bunten  Vögeln,  doch  arm  an
Säugetieren.  Nur  die  Küste  ist  einigermafen  bekannt.  Europäisches
Leben  hat  sich  bis  jetzt  nur  an  der  Astrolabebai  entwickelt.  Einige
Häfen  derselben  (Friedrich  Wilhelms-Hafen,  Stephansort)  und  auch
des  Hüon-Golfes  (Simbang)  werden  von  den  Dampfern  des  Norddeutschen
  Lloyd  (Leud)  angelaufen.

b)  Der  Bismarckarchipel  und  die  Salomon-Inseln.
Ersterer  umfaßt  3  Hauptinseln,  nämlich  Neu-Pommern,  Neu-Mecklenburg.
nd  Neu-Hannover.  Der  europäische  Betrieb  beschränkt  sich  zumeist

Harte,  schwer  schmelzbare,  bernsteinähnliche  Harze.
)  Gewächs  mit  stärkemehlreicher  Knolle.
        <pb n="109" />
        —  100  —

auf  die  Station  Herbertshöhe,  auf  Neu-Pommern  gelegen.  Die  Bevölkerung
  leistet  den  deutschen  Pflanzern  leidliche  Dienste,  so  daß!
Kopra  1),  Tabak  und  Baumwolle  ausgeführt  werden  können.

Die  Salomon-Inseln,  nur  teilweise  zu  Deutschland  gehörig,  erhielten
  ihren  Namen  durch  einen  Spanier,  der  sie  im  Jahre  1567  entdeckte
  und  in  der  Beschreibung  derselben  behauptete,  daß  König
Salomo  von  dort  her  das  nötige  Gold  zum  Tempelbau  geholt  habe.  Bisher
konnten  nicht  einmal  die  Küsten  zur  Genüge  erforscht  werden,  da  sich
die  Bewohner  den  Weisen  gegenüber  fast  völlig  unnahbar  verhalten.

2.  Die  Karolinen  und  Marianen  führen  ihren  Namen  nach
dem  spanischen  König  Karl  II.  und  seiner  Gemahlin  Maria  Anna.
Beide  Inselgruppen  umfassen  einen  Flächeninhalt  von  der  Gröfe  des
Herzogtums  Sachsen-Meiningen,  sind  aber  über  eine  Meeresfläche  ausgesät,
  die  von  den  Balearen  bis  Kreta,  bezw.  von  Sardinien  bis  nach
Bremen  reichen  würde.  Ihr  Wert  besteht  vor  allem  darin,  daß  sie
unser  Südsee-Gebiet  in  günstiger  Weise  abrunden  und  Stützpunkte
für  die  Verbindung  mit  unserer  Pachtung  in  China  schaffen.

Die  Karolinen,  etwa  700  an  der  Zahl,  sind  überwiegend  Korallengebilde.
  Im  Westen  von  ihnen  liegen  die  Palau-Inseln.  Aus  dem
vulkanischen  Gestein  der  größten  derselben  brechen  die  Schiffer  der
Karolinen  ihre  merkwürdigen  „Geldsteine“,  welche  gleichsam  als
Sparkassen  um  die  Hütten  herum  aufgestellt  werden;  ein  Stein  mit
etwa  2  m  Durchmesser  wertet  ein  fettes  Schwein.  Die  Kokospalme
wird  hier  nach  5  bis  6  Jahren  ertragsfähig  und  liefert  30  Jahre  bindurch
  alljährlich  eine  Nußernte  im  Werte  von  2  Mk.

Die  Marianen  bilden  eine  sich  von  Süden  nach  Norden  erstreckende
Reibe  von  15  Inseln.  Sie  sind  neben  Tasmanien  das  einzige  australische
  Land,  welches  keine  Ureinwohner  mehr  hat;  diese  wurden  im
Verzweiflungskampfe  gegen  die  Spanier  grauenvoll  zu  Grunde  gerichtet.

3.  Die  Marschall-Inseln  sind  nach  dem  englischen  Kapitän
Marshall  benannt,  der  sie  erstmals  genauer  untersuchte.  Auch  auf
diese  pflanzenarmen  Korallen-Eilande  hat  die  von  Mittelamerika  kommende
  Meeresströmung  die  Kokospalme  verpflanzt.  Sie  liefert  dem
Eingeborenen  alles,  was  er  braucht:  Nahrung,  einen  frischen.  Trunk,
Material  zum  Hausbau  und  zu  Geräten  und  in  der  Kopra  einen  wertvollen
  Handelsartikel.  Da  auf  den  Marschall-Inseln  Quellwasser  völlig
mangelt,  so  sind  die  Bewohner  gezwungen  sich  mit  Regenwasser  zu
behelfen,  das  sie  Sorgfältig  in  Gruben  auffangen.

4.  Die  Sam  éa-Inseln.  Sie  bestehen  aus  14  vulkanischen  Inseln,
welche  reihenartig  von  Osten  nach  Westen  liegen.  Die  3  größten.
sind  Savali.  Upolu  und  Tutuila,  welches  zu  den  Vereinigten  Staaten
Amerikas  gehört.  Die  reichste,  fruchtbarste  und  schönste  aller
Saméa-Inseln,  „die  Perle  der  Südsee“,  ist  Upolu  mit  dem  Hafenort

1)  Der  zerschnittene  und  getrocknete  Kern  der  Kokosnuß,  der  zur
Herstellung  von  Olen,  Kerzen,  Seifen  und  Futterkuchen  Verwendung  findet,
der  wichtigste  Ausfuhrgegenstand  der  Südsee-Inseln.
        <pb n="110" />
        —  101  —

Apia.  Hauptgegenstände  der  Einfuhr  sind  Gewebe  und  Nahrungsmittel
  für  Europäer;  ausgeführt  werden  Kopra  und  Baumwolle.  Das
Meer  ist  reich  an  Schildkröten,  welche  das  zu  Schmuckwaren  verarbeitete
  Schildpatt  liefern.  Die  Saméaner  bekennen  sich  mit  wenig
Ausnahmen  bereits  zum  Christentum.

C.  In  China.  Die  Kiautschout)  -Bucht  ist  durch  einen
Vertrag  mit  China  im  Jahre  1897  mit  dem  anliegenden  Gebiete  auf
der  Halbinsel  Schantung  auf  99  Jahre  gepachtet  worden.

Jeder  kennt  das  Wort  Kiautschou  und  glaubt,  damit  den  Sitz
unserer  Herrschaft  in  China  angeben  zu  können.  Das  ist  aber  ein
Irrtum;  denn  Kiautschou  ist  eine  Stadt  im  chinesischen  Gebiete,  nord-Westlich
  von  unserem  Besitz.  Nach  diesem  Platze  oder  besser  nach
der  auf  alten  Karten  so  bezeichneten  Bucht  ist  die  deutsche  Erwerbung
benannt  worden.  Die  Hauptstadt  und  zugleich  der  einzige  europäische
Wohnort  in  Deutsch-China  ist  Tsingtau  oder  „die  grüne  Insel“,  wie
das  Wort  übersetzt  werden  muf.

Die  eingeborne  Bevölkerung  Deutsch-Chinas  wohnt  mit  Ausnahme
des  geringen  Bruchteils,  der  sich  im  Bereich  Tsingtaus  ansiedeln
durfte,  lediglich  in  Dörfern.  Diese  machen,  von  aufen  gesehen,  einen
recht  guten  Eindruck,  der  allerdings  beim  Betreten  durch  den  in  allen
Ortschaften  Chinas  üblichen  Schmutz  und  Geruch  stark  beeinträchtigt
  wird.  Die  Bauart  der  Dörfer  ist  regelmäig.  Eine  Hauptstraße
zieht  von  Ost  nach  West,  kleinere  Seitenstrafen  laufen  ihr  parallel,
andere  kreuzen  sie  im  rechten  Winkel.  Nach  Norden  und  Nord-Westen
  sind  nicht  nur  die  Dörfer  sondern  auch  die  einzelnen  Häuser
zum  Schutze  gegen  den  während  der  Wintermonate  wehenden  scharfen
Nordwestwind  meistens  ganz  abgeschlossen.  Die  Häuser  haben  einen
Unterbau  aus  Feldsteinen,  der  aber  ohne  Fundament  auf  den  Erdboden
gesetzt  wird.  Der  Unterbau  trägt  die  Wände,  die  aus  roh  gebrannten
Ziegeln  oder  aus  Lehm  und  Stroh  aufgeführt  sind.  Die  Fenster  werden
an  Stelle  der  Glasscheiben  mit  dünnem  Papier  versehen.  Die  Dächer
bestehen  aus  Schilf  oder  Stroh,  seltener  aus  Ziegeln,  in  den  Fischerdörfern
  bisweilen  aus  getrocknetem  Seetang.  Der  aus  festgestampftem
Lehm  hergestellte  Fuboden  liegt  etwa  30  cm  über  der  Erde.  Alle
zu  einem  Gehöft  gehörigen  Baulichkeiten  werden  durch  eine  ungefähr
  2  m  hohe  Mauer  umschlossen,  wodurch  die  Ortschaften  trotz
ihrer  regelmäßigen  Anlage  sehr  unübersichtlich  erscheinen.  Fast  jedes
Dort  hat  eine  Schule,  woraus  man  auf  einen  verhältnismäßig  hohen
Bildungsgrad  unserer  neuen  Landsleute  schlietten  könnte,  wenn  nicht
ein  großer  Teil  dieser  Schulen  leer  stände  oder  zu  anderen  Zwecken
Verwendet  würde.

VUnfern  der  Ortschaften  liegen  die  Begräbnisstätten,  die  weithin
an  ihren  hohen  Baumgruppen  zu  erkennen  sind.  Auch  Tempel  findet

Man  vielfach  in  oder  bei  den  Dörfern;  doch  werden  diese  Gotteshäuser
.

Spr.  Kjaudscho  von  Kiau  —  Leim  und  Tschou  —  Hauptstadt  eines

Kreises  ersten  Grades,  also  ungefähr  Leimstadt.
        <pb n="111" />
        —  102  —

nicht  sonderlich  heilig  gehalten;  denn  man  stellt  sie  den  durchreisenden
Fremden  bereitwilligst  als  Quartier  zur  Verfügung.  Wenn  es  an  Raum
zur  Unterbringung  der  Feldfrüchte  mangelt,  so  wird  ohne  weiteres
der  Tempel  benutzt.  Die  Priester  selbst  verwenden  auf  ihre  Landwirtschaft
  mehr  Zeit  und  Mühe  als  auf  ihr  eigentliches  Amt.

Ein  großes  Netz  von  Fußwegen,  die  auch  in  den  hohen  Gebirgsgegenden
  nicht  fehlen,  verbindet  die  Dörfer,  Gehöfte,  Tempel  und
Friedhöfe  miteinander.  Auf  diesen  Pfaden  vollzieht  sich  der  ganze
Verkehr.  Sie  dienen  gleichmäig  dem  Fufzgänger,  dem  Reiter,  dem
Lastträger,  dem  Saumtier  und  vor  allem  dem  einrädrigen  Schubkarren,
diesem  Haupttransportmittel  in  China.  Die  Bevölkerung  ist  kräftig  und
gut  gebaut,  friedfertig  und  genügsam.  Sie  lebt  hauptsächlich  von  Feldund
  Gartenbau,  betreibt  aber  auch  Viehzucht,  Fischerei  und  Schiffahrt.

Unser  Pachtgebiet  und  im  weitern  Sinne  die  ganze  Halbinsel
Schantung  erfreut  sich  nicht  allerwärts  eines  besonders  ergiebigen.
Ackerbodens.  Trotzdem  ist  jedes  Fleckchen,  und  sei  es  auch  noch
so  Klein,  aufs  sorgfältigste  bebaut.  An  der  Feldbestellung  beteiligt
sich  die  ganze  Familie.  Auch  die  Bauersfrau  hilft  trotz  ihrer  verkrüppelten
  Füße  beim  Ausjäten  oder  bei  leichteren  Hackarbeiten.  Sie
reicht  dem  braunen  Gatten,  der  im  Schweiße  seines  Angesichts  mit  der
schweren  Hacke  die  Schollen  des  Gartenlandes  aufbricht,  die  Pflanzen  zum
Einsetzen  dar  oder  sie  hantiert  an  den  kleinen  hölzernen  Stauwerken
herum,  welche  den  Zufluß  des  Wassers  in  den  Berieselungsgräben  regeln.

Die  Arbeit  auf  den  Feldern  beginnt  schon  im  Februar  und  der
Juni  ist  der  erste  Erntemonat.  Dann  werden  Gerste  und  Weizen
„gezogen“  —  denn  die  Wurzeln  dienen  als  Brennmaterial  —  und  in
die  Scheuern  gebracht.  Die  Aprikosen,  Pfirsiche  und  Pflaumen  reiten
und  das  Grün  der  Granatbäume  verschwindet  unter  der  Fülle  roter
Blüten.  Die  leeren  Schläge  werden  mit  Hanf,  Mais  und  Hülsenfrüchten,
namentlich  Bohnen,  bestellt,  die  in  der  fruchtbaren  Regenperiode  so
üppig  gedeihen,  daß  im  September  die  Haupternte  beginnt.  Der  Reis
ist  gelb,  die  Hirse  trocken  und  die  Dorfmühlen  schaffen  Tag  für  Tag
um  die  Körner  in  grobes  Mehl  zu  verwandeln,  das  als  wichtigster
Vorrat  für  die  kalte  Jahreszeit  aufgespart  wird.  Nun  kommen  Sesam,
Bohnen,  Erbsen  und  Mais  an  die  Reihe.  Dann  folgen  der  Buchweizen
und  die  Zahl  der  Oktoberfrüchte,  wie  Zitronen,  Datteln,  Kastanien
und  Erdnüsse.  Den  Schluß  macht  die  Versorgung  der  Felder  mit
Wintersaat,  nämlich  Gerste  und  Weizen.  Das  Erdreich  hat  also
knapp  ein  Vierteljahr  Ruhe  und  es  ist  daher  billig  zu  verwundern,
daß  die  Erträge  immer  noch  ergiebig  genug  ausfallen  die  starke  Bevölkerung)
  zu  ernähren.  Bei  einer  minder  sorgsamen  und  fleißigen.
Bearbeitung  wäre  dies  ganz  unmöglich.

—  Nach  G.  K.,  Seidlitz,  Deimling  und  Ridel  u.  a.
)  Die  Provinz  Schantung  zählt  auf  einem  Gebiete  von  der  Hälfte  der

Bodenflüche  Preußens  gegen  45  Millionen  Menschen;  die  Bevölkerungsdichtigkeit
  ist  also  etwa  dreimal  so  stark  wie  die  Preufens.
        <pb n="112" />
        —  103  —

55.  Die  sterreichischungarische  Monartchie

besteht  aus  zwei  Reichshälften,  von  denen  die  eine  das  Kaisertum  Oster—
reich,  die  andere  das  Königreich  Ungarn  begreift.  Der  Gesamtflächeninhalt
  einschließlich  von  Bosnien  und  der  Herzegowina  beträgt  675  000  qkm
mit  einer  Bevölkerung  von  51  Millionen  Einwohnern.  **

Der  Bodengestalt  nach  zeigt  das  Kaiserreich  die  größte  Mannigfaltigkeit,
  doch  ist  es  vorwiegend  gebirgig;  kaum  ¼  des  ganzen  Gebietes  gehört
  der  Ebene  an.  Hauptgebirge  sind  die  Alpen,  die  Karpathen
und  die  Stufenlandschaften  von  Böhmen  und  Mähren.  Von  den  Tiefländern
  nehmen  die  Donaubecken  (Ungarische  Tiefebene,  Wiener
Becken)  und  das  Galizische  Tiefland  den  größten  Flächenraum  ein.

Kein  Staat  Europas  ist  an  Erzeugnissen  aus  den  drei  Reichen
der  Natur  und  an  innern  Hilfsmitteln  zur  Hebung  des  Wohlstandes  so  reich
als  Osterreich-Ungarn.  .

Die  wichtigste  Nahrungsquelle  ist  die  Landwirts  chaft,  weil  durch
sie  etwa  ⅜/  der  Bevölkerung  ihre  wesentliche  Beschäftigung  finden.  Auf
dem  meist  höchst  fruchtbaren  Boden  werden  alle  europäischen  Getreidepflanzen
  in  solcher  Menge  erzeugt,  daß  viel  ausgeführt  werden  kann.  Verhältnismäßig
  am  meisten  Acker=  und  Wiesenland  besitzen  Galizien,  Mähren
und  Böhmen,  dann  in  Ungarn  die  Obere  Ebene  mit  den  Waag=  und  Raabtälern,
  die  Untere  Ebene,  östlich  von  der  Theiß;  außerdem  die  großen  Flußtäler
  der  Donau,  Drau,  Sau  und  Maros.  Man  baut  Weizen  in  Ungarn
und  im  Banat,  Roggen,  Hafer,  Mais  in  der  Bukowina  und  in  Ungarn,  an
der  Sau  Lein  und  Hanf  in  Galizien,  Tabak  vorzüglich  in  Ungarn,  Oliven  in
Dalmatien;  der  Obstbau  ist  sehr  ergiebig;  Hopfen,  der  beste  auf  der  Erde,
wächst  in  Böhmen  und  Galizien.  Für  Weine  und  Weinausfuhr  ist  Ungarn
(Cokay,  Erlau  rc.)  nächst  Frankreich  das  Hauptland;  außerdem  baut  man
Wein  in  Südtirol,  Böhmen,  Osterreich  und  Siebenbürgen.  Die  bedeutenden
Waldungen  liefern  Holz,  Pottasche,  Gerberrinde,  Knoppern,  Terpentin
und  Harz.  Schöne  Eichenwälder  stehen  an  der  Drau  und  Sau.  Die  Viehzucht
  ist  in  den  Alpen,  in  Böhmen  und  Ungarn  vorzüglich.  Die  meisten
Pferde  haben  Ungarn  und  Galizien;  ausgezeichnetes  Rindvieh  trifft  man  in

en  Alpen,  in  Ungarn,  Galizien  und  Böhmen;  Geflügel=  und  Bienenzucht
wird  überall  getrieben;  den  feinsten  Honig  liefern  Siebenbürgen  und  Kärnten.
Der  Seidenbau  erfreut  sich  in  Tirol  und  Siebenbürgen  einer  eifrigen  Pflege.
Die  Jagd  ist  noch  immer  bedeutend,  obwohl  in  der  Abnahme.  Von  großer
Bedeutung  ist  die  Industrie  in  Flachs,  Hanf,  Schaf=  und  Baumwolle,
Leder  und  Lederwaren,  Rübenzuckererzeugung,  Bierbrauerei  und  Branntweinbrennerei.
  Blühende  Eisenindustrie  findet  sich  in  Steiermark.  An
Mannigfaltigkeit  der  Erze  und  anderer  Mineralien  wird  Osterreich  von
keinem  europäischen  Staate  übertroffen.

Ungarn  ist  größtenteils,  besonders  in  der  Mitte,  Flachland,  das  im
TNorden  und  Osten  von  den  Karpathen,  im  Südwesten  von  den  Ausläufern
der  östlichen  Alpen  begrenzt  wird.  Die  geographische  Lage,  noch  mehr  aber
die  Form  seiner  Oberfläche  machen  es  zu  einem  im  allgemeinen  klimatisch
        <pb n="113" />
        —  104  —

milden  Lande.  Die  in  der  Mitte  sich  ausdehnenden  Steppen  heißen  Pußten.
Sie  haben  einen  Umfang  von  400—500  km,  sind  baumlos,  ohne  Flüsse,
das  ganze  Jahr  hindurch  belebt  mit  zahllosen  Herden  von  Pferden  und  Rindern,
  Schweinen  und  Schafen.  Der  meist  fruchtbare  Boden  bietet  den  Anblick
  eines  Getreidemeeres,  das  im  Winde  Wellen  schlägt,  zuweilen  aber
auch  im  Sande  erstarrt  und  das  Bild  einer  Wüste  zeigt,  dann  wieder  in
eine  weite  grüne  Grasfläche  sich  verwandelt.  Keine  gebahnten  Wege  und
Straßen,  nur  Wagenspuren  zeigen  hier  und  da,  wo  am  meisten  gefahren
wird.  Meilenweit  erblickt  man  kein  Haus,  geschweige  ein  Dorf;  nur  zuweilen
  kommt  ein  Brunnen  zum  Vorschein,  nämlich  ein  in  die  Erde  gegrabenes
  Loch,  aus  dem  eine  Stange  zum  Heraufziehen  des  Wassers  hervorragt
  und  in  dessen  Nähe  ein  ausgehöhlter  Baumstamm  sichtbar  ist
um  daran  das  Vieh  zu  tränken;  zuweilen  führt  der  Weg  an  einem  Hügel,
dem  Grab  irgend  eines  Helden  aus  längst  entschwundener  Zeit,  vorüber.
Der  Wanderer  freut  sich  über  die  Störche,  die  über  seinem  Haupte  hinziehen;
denn  sie  fesseln  auf  einige  Augenblicke  seinen  Blick  und  des  Abends  unterhalten
  ihn  die  vielen  kleinen  Feuer,  die  aus  allen  Richtungen  herschimmern,
teils  von  den  Hirten  teils  von  Reisenden,  die  gleich  den  Karawanen  des  Ostens
auf  freiem  Felde  übernachten,  angezündet.

Die  Bodenkultur  schreitet  mächtig  fort,  Ackerbau  und  Viehzucht
geben  den  Hauptertrag  Ungarns,  welches  eines  der  reichsten  Getreideländer
der  Erde  ist  und  deswegen  auch  die  Kornkammer  Europas  genannt  wird.
Nächst  Mehl  und  Weizen  sind  Schweine  der  wichtigste  Ausfuhrartikel.
Dazu  liefert  Ungarn  etwa  ½16  der  gesamten  Erzeugung  an  Rübenzucker  auf
der  Erde.  Ungarn  hat  außerdem  einen  großen  Überschuß  an  vorzüglichem
Wein  und  edlem  Obst,  an  Tabak,  Wolle  und  an  Hühnereiern.  Bemerkenswert
  ist  der  große  Bestand  an  Pferden,  von  denen  13  auf  100  Einwohner
kommen.

Von  den  Bewohnern  gehören  nahezu  die  Hälfte  dem  magyarischen
Stamme  an.  Die  übrigen  sind  Slaven  und  Walachen,  an  den  Grenzen
Deutsche.  Die  Magyaren  beherrschen  durch  Sprache  und  Sitte  das  ganze
gesellschaftliche  Leben.  Seit  einem  Jahrtausend  sind  sie  dieselben  geblieben.
  Gleich  ihren  Vätern  tragen  sie  immer  noch  den  gleichgeformten
Schnurrbart  und  bespornte  Stiefel;  der  friedsame  Bauer  zeigt  wie  seine
Vorfahren  dasselbe  kriegerisch  männliche  Gesicht  und  denselben  kriegerisch
trotzigen  Gang.  Die  Kleidung  ist  noch  höchst  eigentümlich.  Die  Bauern
tragen  ein  Hemd  mit  weiten  Armeln,  das  nur  bis  auf  die  Hüften  reicht;
von  den  Hüften  an  beginnt  das  weite  Beinkleid  von  Leinwand,  welches
mittels  eines  Riemens  oder  eines  Tuches  um  den  Leib  befestigt  ist  und
bis  in  die  Stiefel  reicht.  Über  die  Schultern  wird  ein  Pelz  von  Schaffellen
  geworfen,  den  Kopf  deckt  ein  Hut  mit  breiten  Rändern  oder  eine
Mütze  in  Gestalt  eines  Tschako.  Die  Edelleute  und  reichen  Bauern  tragen
enge  Hosen  von  Tuch,  die  mit  Tressen  besetzt  sind.  Ganz  husarenmäßig
ziehen  sie  den  Dolman  an  und  lassen  den  Pelz  darüberhängen.  Die  Frauen
tragen  wie  die  Männer  schwarze  oder  rote  Stiefel.  Sie  gehen  in  kurzen
Röcken,  farbigen  Leibchen  und  des  Winters  in  Schafpelzen.
        <pb n="114" />
        —  105  —

Ein  altes  Sprichwort  sagt:  „Der  Ungar  wird  zu  Pferde  geboren.“
Vier  Jahre  alt  wird  der  Kleine  auf  ein  Pferd  gesetzt,  klammert  sich  an  die
Mähne  fest,  übt  sich  täglich  im  Reiten  und  an  dem  Tage,  an  welchem  er
galoppieren  kann,  ohne  herunter  zu  fallen,  spricht  der  Vater  mit  ernster
Wichtigkeit  zu  ihm:  „Du  bist  ein  Mann.“  Der  Ungar  ist  gern  Soldat  und
kämpft  am  liebsten  zu  Pferde.

Der  ungarische  Bauer  hat  in  seinem  oft  sehr  geräumigen  Gehöfte
keine  Scheuern,  weil  er  sich  nicht  die  Mühe  nimmt  sein  Getreide  einzufahren,
  sondern  es  gleich  im  Freien  in  Haufen  setzt.  Hier  läßt  er  es  von
seinen  Pferden  austreten.  Wieviel  dabei  oft  verwüstet  wird,  läßt  sich  leicht
ermessen.  Nach  Grube:  „Geographische  Charakterbilder".

56.  Die  Schweiz.

das  höchste  Land  Europas,  besteht  aus  Alpen,  Juragebirgsland
  und  Hochebene.  Auf  die  Alpen  treffen  58%,  auf  die
Hochebene  30%  und  auf  den  Jura  12  %  der  Oberfläche  des  Landes.
Die  Schweiz  ist  das  an  Naturschönheiten  reichste  Land  Europas.
Die  Gewässer  der  Alpen  sind:  Rhein,  Inn,  Po,  Etsch,
Rhone;  die  des  Juras  gehören  zum  Rhein-  und  Rhonegebiet;
die,  welche  die  Hochebene  durchschneiden,  gehören  gröftenteils
zum  Gebiete  des  Rheins  und  nur  im  Süd-Westen  zum  Rhonegebiet.
ç  as  Klima  ist  wegen  der  Gebirge  sehr  ungleichmäßig  und
Viel  kälter  als  in  anderen  Gegenden  unter  demselben  Breitengrad.
Es  ist  auf  der  Hochfläche  zwar  gemäßigt,  jedoch  von  starken
inden  vielfach  beherrscht,  so  daß  es  im  ganzen  rauher  erscheint
  als  dasjenige  von  Mitteldeutschland.  Bei  1200  m  Höhe
beginnt  die  Alpenregion,  welche  sich  nur  noch  für  die  Alpen- 



wirtschaft  eignet;  über  2600  m  hinaus  herrscht  ewiger  Winter.
Der  Flächeninhalt  beträgt  41  390  qkm  mit  3.7  Millionen  Be-Wohnern,
  90  auf  1  qkm.

Der  Landbau,  beschränkt  durch  Gebirge  und  Klima,  ist
von  untergeordneter  Bedeutung  und  erzeugt  nicht  einmal  in  der
Hochebene  genug  Getreide  (etwa  die  Hälfte  des  Bedarfs  mutfz
Elngeführt  werden);  dagegen  wird  viel  Obst  und  Wein  gebaut;
TIenes  wird  entweder  roh  genossen  oder  zu  Obstwein,  Kirschund
  Zwetschenwasser  verarbeitet;  Wein  gedeiht  besonders  in
den  Kantonen  Waadt  und  Zurich.  Der  Bergbau  fördert  allein
Salz  in  erheblicher  Menge.  Vorzugliche  Hellquellen  und  zahlreiche
  klimatische-  Kurorte  sind  vorhanden.  Die  Rindvieh-Zucht
  steht  infolge  der  herrlichen  Wiesen  und  Weiden  in
höchster  Blute,  reicht  jedoch  für  den  Bedarf  an  Fleisch  (massenhafte
  Einfuhr  von  Mastvieh)  und  Butter  nicht  aus;  nur  Käse
und  kondensierte  Milch  gelangen  in  bedeutenden  Mengen  zur
Ausfuhr.  Küserei  wird  nicht  nur  in  der  Lennereiwirtschaft
sondern  auch  von  den  Talbewohnern  in  den  auf  genossenschaftliche
  Weise  eingerichteten  Dorfkäsereien  betrieben.
        <pb n="115" />
        —  106  —

Die  Käsefabrikation  bildet  in  manchen  Gegenden  den
Kern  des  landwirtschaftlichen  Betriebes.  Zur  Käsebereitung
wird  Milch  von  Kühen,  Schafen  und  Ziegen  verwendet.  Die
Behandlung  beruht  bei  der  Herstellung  auf  der  Abscheidung
des  sogenannten  Bruches  (Quarks)  von  dem  Wasser  der  Milch,
den  Molken  oder  Schotten  (Abzeug).  Zu  diesem  Zwecke  wird
die  Milch  entweder  künstlich  durch  Lab  aus  Kälbermagen  oder
durch  Sauerzusatz  zum  Gerinnen  gebracht.  Ersteres  Verfahren
liefert  die  sogenannten  Süfzmilch-  oder  Labkäse,  letzteres
die  Sauermilchkäse.  Nach  dem  Gerinnen  wird  der  Käse
gepreßst  und  geformt.

Die  Unterschiede  der  Käsesorten  sind  eben  sowohl  in  den
Bereitungsmethoden,  wie  durch  die  Qualität  der  dazu  verwendeten
  Milch  begründet.  Bei  Verarbeitung  von  unabgerahmter
Milch  erhält  man  fetten  Käse,  zu  halbfettem  wird  die  Milch
halb  abgerahmt,  mageren  Käse  bereitet  man  aus  stärker  entrahmter
  Milch.  Die  meisten  Sauermilchkäse  sind  aus  sehr  magerer
Milch  hergestellt.

Nach  dem  Ausscheiden  des  Bruches  bleibt  in  der  Molke
noch  ein  Eiweißstoff  zurück,  welcher  durch  Erhitzen  zum  Gerinnen
  gebracht  und  unter  dem  Namen  Zieger  gleichfalls  auf
Milchprodukte  verarbeitet  wird.

Aus  dem  Rückstande  der  Milchflüssigkeit  (den  Molken)  wird
entweder  Molkenessig  oder  durch  Verdampfung  Milchzucker  bereitet;
  beides  sind  Nebenprodukte  der  Käsefabrikation.  Meist
aber  dienen  die  Molken  zur  Schweinemast.

Der  Eintritt  der  Reife  des  Käses  ist  von  der  Temperatur
in  den  Kellerräumen  und  von  dem  Grade  der  Pressung  abhängig.
Bei  Weichkäsen  kennzeichnet  sich  die  Reife  durch  die  Umwandlung
  des  weißen  Teiges  in  eine  gelbliche,  durchscheinende,  feste
oder  weiche,  speckige  Masse.

Die  Sauermilchkäse  lassen  sich  ohne  Ausnahme  nicht  lange
aufbewahren;  mit  der  fortschreitenden  Reife  zerflieften  sie  zu
einer  gallertartigen  Masse,  welche  zuletzt  vollständig  in  Fäulnis
übergeht  und  üblen  Geruch  verbreitet.

Alle  Käse,  bei  deren  Herstellung  eine  höhere  Erwärmung
des  Bruches,  ein  sogenanntes  „Nachwärmen“  oder  Brennen  stattgefunden
  hat,  lassen  sich  unter  günstigen  Umständen  jahrelang
aufbewahren.  4

Die  beste  Sorte  Käse  kommt  als  Emmentaler  (Kanton  Bern)
in  den  Handel.  Ferner  erzeugt  die  Schweiz  eine  große  Menge
trefficher  Ziegenkäse.  Der  Schabzieger  ist  ein  Kräuterkäse
  aus  Zieger  mit  Zusatz  von  Steinkleepulver  (Melilotus  coerulea);
  er  heißt  deshalb  auch  „Grüner  Käse“;  seine  Fabrikation
ist  besonders  im  Kanton  Glarus  häufig  zu  finden.

Nach  Aufsberg  und  „Lesebuch  von  Kuhr  u.  Löser“.
        <pb n="116" />
        —  107  —

57.  Die  wichtigsten  nicht  deutschen  Völker  Europas.

Die  hervorragendsten  europäischen  Völker  sind  teils  romanischer
teils  germanischer  Abstammung.  Die  romanischen  Völker  haben  ibre
Blütezeit  hinter  sich,  die  germanischen  befinden  sich  in  derselben  oder
erwarten  sie  noch.

1.  Ein  Volk  romanischen  Stammes,  das  in  der  Geschichte  einst
eine  Hauptrolle  gespielt  hat,  später  aber  vom  Schauplatz  derselben
mehr  und  mehr  verdrängt  wurde,  sind  die  Italiener.  Welche  Erinnerungen
  knüpfen  sich  an  Italien,  welche  Schätze  birgt  es  noch
heute!  Noch  heute  zieht  es  Tausende  mit  unwiderstehlichem  Zuge  in
das  „Land,  wo  die  Zitronen  blüh'n“,  mit  seinen  Myrten,  Zitronen  und
Orangen;  noch  heute  sind  seine  Museen  und  Kunstsammlungen  ein
Anziehungspunkt  für  Künstler  und  Kunstfreunde.  Roms  Macht  ist
zweimal  dahingesunken;  aber  wenn  der  Reisende  die  Kuppel  der
Peterskirche  am  Himmel  auftauchen  sieht,  da  klopft  sein  Herz  höher
und  sein  Fufß  betritt  nicht  ohne  eine  gewisse  Erregung  die  Räume
der  heiligen  Stadt.  —  Das  Ideal  des  Italieners  ist  das  süfte  Nichtstun;
darum  ist  der  Handel  der  Italiener  von  geringer  Bedeutung,  die  gewerbliche
  Tätigkeit  der  Größe  und  dem  Reichtume  des  Landes  nicht
entsprechend.  Auch  die  Volksbildung  steht  auf  niedrigerer  Stufe  als
in  den  meisten  anderen  europäischen  Ländern.  Die  Regierung  hat
noch  jetzt  mit  der  Unterdrückung  des  Räuberunwesens  zu  tun.  Aufeerst
zudringliche  Bettler  belästigen  den  Reisenden  und  hundert  Hände
strecken  sich  bei  jeder  Gelegenheit  nach  einem  Trinkgeld  aus.  Im
nördlichen  Italien  findet  man  mehr  Arbeitsamkeit;  von  hier  aus  gehen.
viele  Einwohner  in  andere  Länder,  um  als  Eisenbahnarbeiter,  Maurer,
Gipsfigurenhändler  oder  Zuckerbäcker  so  viel  zu  verdienen,  daßfß  sie
sich  später  in  der  Heimat  ansiedeln  können.  Der  ltaliener  hat  eine
schöne  Gestalt,  meist  dunkle  Augen  und  dunkles  Haar,  ein  leidenschaftliches
  Gemüt,  große  Zungenfertigkeit  und  eine  schöne  klangreiche
  Sprache.

2.  Das  stolzeste  Volk  der  romanischen  Rasse  sind  die  Spanier.
Seinen  Stolz  trägt  der  Spanier  schon  im  Aufeern  zur  Schau;  er  bückt
sich  nicht  gern  und  arbeitet  nur,  wenn  er  muß.  Sein  Vaterland,  das
in  seinen  südlichen  Teilen  die  köstlichsten  Weine  und  Süqfrüchte
hervorbringt,  stellt  auch  keine  großen  Anforderungen  an  seine  Arbeitskraft;
  es  bringt  ihm  fast  von  selbst  hervor,  was  er  braucht.  Und
der  Spanier  braucht  wenig,  da  Mäßigkeit,  besonders  im  Essen  und
Trinken,  zu  seinen  Haupttugenden  gehört.  Betrunkene  sind  eine
große  Seltenheit.  Die  Männer  tragen  fast  das  ganze  Jahr  hindurch
einen  Mantel,  der  alle  Einffüsse  des  Klimas  abhält;  er  ist,  je  nachdem
er  fester  oder  nachlässiger  umgeschlagen  ist,  das  Thermometer  der
Witterung.  Die  spanischen  Frauen  und  Mädchen,  die  höchst  malerische
Kostüme  tragen,  sind  wegen  ihrer  Schönheit  berühmt;  mit  unnachahmlicher
  Anmut  tanzen  sie  die  Tarantella  oder  schlingen  sie  den
        <pb n="117" />
        —  108  —

Fandango.  Sie  schlagen  dabei  die  Kastagnetten  und  erfreuen  den
Zuschauer  bald  durch  langsame  bald  durch  leidenschaftliche,  schnelle
Bewegungen  des  Körpers.  —  Das  Land  ist  schwach  bevölkert.  Stundenlang
  sucht  der  Reisende  auf  den  Hochebenen  der  beiden  Castilien  nach
Spuren  von  Menschen.  Höchstens  ein  Hirt  zu  Pferde,  seine  Tiere
weidend  und  mit  der  Lanze  bewaffnet,  begegnet  ihm.  —  Von  der
niederen  Bildungsstufe,  auf  der  sich  das  spanische  Volk  noch  befindet,
zeigt  sein  Hauptvergnügen,  das  Stiergefecht.  Arm  und  reich,  hoch  und
niedrig  erfreut  sich  im  Zirkus  an  den  Todesqualen  der  gereizten  unddann
  nach  allen  Regeln  der  Kunst  verwundeten  Stiere  und  feiert  die
siegreichen  Matadores,  wie  man  bei  uns  große  Künstler  feiert.  —
Gewerbefleiß  und  Handel  liegen  in  Spanien  darnieder.

3.  Am  nächsten  unter  den  Völkern  romanischen  Stammes  wohnen
uns  die  Franzosen.  Will  man  die  Eigentümlichkeiten  der  Franzosen
schildern,  so  läuft  man  Gefahr  nur  diejenigen  der  Pariser  zu  schildern;
denn  Paris  bildet  den  Mittelpunkt  des  gesellschaftlichen  und  politischen
Lebens,  das  Herz  Frankreichs.  Jedoch  der  Kundige  weiß,  dafß  sich
die  Bewohner  der  verschiedenen  Landschaften  sehr  scharf  unterscheiden.
Die  Franzosen  sind  rasch  zu  erregen  und  zu  begeistern  und  ein  tapferes,
kriegstüchtiges  Volk.  Der  Ruhm  geht  ihnen  über  alles;  bis  zum
Jahre  1870  hielten  sie  sich  für  unbesiegbar.  Aber  es  fehlte  ihnen  die
zähe  Energie  und  die  Ausdauer;  einmal  besiegt,  verzagen  sie  leicht.
Ihre  Begeisterung  für  einzelne  Menschen  verkehrt  sich  leicht  in  Mißtrauen;
  sie  lieben  Veränderung  und  Wechsel,  namentlich  in  der
Regierungsform.  —  Frankreich  ist  ein  reich  gesegnetes  Land  und  mit
gröfttem  Fleie  bebaut.  Handel  und  Industrie  blühen.  Die  Erzeugnisse
der  Franzosen  sind  sehr  geschmackvoll,  aber  nicht,  wie  sie  selbst
meinen,  unentbehrlich  und  unnachahmlich.  Auch  Deutschland  hat  im
Kunstgewerbe  große  Fortschritte  gemacht.  —  Bei  dem  großen  ZEZinflusse,
  den  man  Jahrhundertelang.  besonders  in  Deutschland,  den  Franosen
  gewährt  hat,  ist  es  begreiflich,  daß  das  Nationalbewuftsein  bei
ihnen  sehr  hoch  gestiegen  ist.  Sie  leben  in  der  festen  Meinung,  daß:
Sie  die  große  Nation,  die  geborenen  Beherrscher  der  gebildeten  Welt
selen.  Doch  kann  man  nicht  leugnen,  daf  der  Franzose  die  Formen
des  gesellschaftlichen  Lebens  geschickt  zu  handhaben  weifz  und  dat
er  sich  durch  eine  angeborene  Anmut  der  Bewegungen  und  durch
Höflichkeit  des  Benehmens  auszeichnet.  Denn  Höflichkeit  und  Anstand
  findet  man  auch  bei  dem  gemeinen  Manne;  es  fehlt  den  Fran-2osen
  jene  plumpe  Schüchternheit,  die  in  Deutschland  den  Abstand
zwischen  den  gebildeten  und  ungebildeten  Klassen  so  grofsz  macht.  —
Der  Bildungsstand  des  Volkes  entspricht  jedoch  nicht  seiner  Einbildung.
Lesen  und  Schreiben  sind  noch  bei  weitem  nicht  Gemeingut  des  ganzen
Volkes,  obwohl  Frankreich  seine  Gelehrten  auf  allen  Gebieten  ebenso
hat  wie  Deutschland.

4.  Germanischer  Abkunft  und  somit  uns  Deutschen  verwandt  sind
die  Holländer.  Die  Belgier,  die  zwischen  Frankreich  und  Holland
        <pb n="118" />
        —  109  —

wohnen,  bilden  gleichsam  das  Mittelglied  zwischen  den  Bewohnern
beider  Länder.  Der  Grundzug  der  Holländer  ist  das  Phlegma,  jene
Stetigkeit  und  Zähigkeit  des  Charakters,  die  schwer  zu  erregen  und
zu  begeistern  ist,  aber  mit  um  so  größerer  Ausdauer  an  dem  einmal
Ergriffenen  festhält.  Mit  unsagbarem  Fleiffe  haben  sie  ihr  ebenes,
gleichförmiges  und  von  den  Reizen  der  Natur  wenig  bedachtes  Land
dem  Meere  abgewonnen;  sie  schützen  es  vor  seinem  immer  drohenden
Ungestüm  durch  Deiche,  die  mit  der  größten  Sorgfalt  gebaut  sind  und
imstand  erhalten  werden.  Ganze  Meeresteile  baben  sie  ausgepumpt  um
fruchtbares  Land  zu  gewinnen,  und  Kanäle  nach  allen  Seiten  gezogen
um  den  Verkehr  zu  fördern.  Denn  auf  den  Handel,  besonders  den
Seehandel,  ist  der  Holländer  von  jeher  angewiesen  gewesen,  und  wenn
auch  die  Holländische  Flagge  nicht  mehr  wie  sonst  stolz  auf  allen.
Meeren  gebietet,  so  sind  die  großen  Hafenplätze  Hollands  doch  noch
Haupthandelsplätze  für  den  überseeischen  Verkehr.  Den  Ameisen
gleich  in  besonnener,  ruhiger,  aber  steter  Arbeit  bewegt  sich  das
fleiige,  stille  Volk  in  seinem  windmühlenbesäten,  feuchtnebligen  Lande.
Die  Holländer  machen  wenig  von  sich  reden,  sie  reden  auch  selbst
wenig.  Die  kurze  Pfeife  im  Munde,  steht  in  der  Feierstunde  der
Mann  aus  dem  Volke  am  Hafen  oder  vor  seinem  netten  Bäuschen
mit  grünen  Jalousien  und  lauscht  den  Erzählungen  des  wettergebräunten
Matrosen,  der  gestern  auf  dem  großen  Kauffahrteifahrer  aus  den
Kolonien  zurückgekommen  ist,  oder  erzählt  von  seiner  Arbeit  oder
dem  Gewinn  seiner  Handelsunternehmung.  Das  Bier  liebt  der  Hol--länder
  weniger,  dafür  bevorzugt  er  den  Tee.  In  den  großen  Restaurationsgärten
  Amsterdams  sitzen  die  Familien  auch  in  der  heifen
Nachmittagszeit  am  Teetisch;  sie  bereiten  den  Tee  selbst,  wozu  sie
vom  Wirt  nur  das  nötige  Geschirr  und  die  Teeblätter  geliefert  erhalten.
  —  Bekannt,  ja  sprichwörtlich  ist  die  holländische  Reinlickkeit.
Wenn  nun  auch  nicht  in  ganz  Holland,  so  wie  es  in  Broek  geschehen
Soll,  sämtliche  Gerätschaften  des  mit  Fliesen  belegten  und  täglich
gescheuerten  Kuhstalles  so  blank  geputzt  werden  wie  Tischgeschirr,
so  scheuert  die  holländische  Bürgersfrau  doch  wöchentlich  Haus  und
Straße  gründlich,  das  mit  Olfarbe  gestrichene  Haus  auch  von  außen.
Selbst  in  Amsterdam  ist  diese  Reinlichkeit  bis  auf  die  Hütten  der
Armen  herunter  zu  finden.

5.  Der  Engländer  zeigt  unter  allen  Völkern  das  größte  Selbstbewußtsein.
  Er-  ist  so  stolz  auf  seine  vaterländischen  Einrichtungen
und  Gewohnheiten,  daft  er  sie  auch  im  Auslande  nicht  missen  will;
in  das  Fremdartige  fügt  er  sich  schwer.  Die  Flagge  Englands  ist  auf
allen  Meeren  hochangesehen;  seine  Handelsverbindungen  umspannen
die  ganze  Erde;  seine  Sprache  ist  die  verbreitetste  unter  den  europäischen.
  Sehr  entwickelt  ist  des  Engländers  Familiensinn;  sein  Haus
isf  seine  Burg.  In  der  Familie  feiert  er  vor  allem  seinen  Sonntag,
auf  dessen  Heiligung  viel  strenger  gehalten  wird  als  bei  uns.  Am
Sonntag  finden  weder  Konzerte  noch  Theatervorstellungen  statt;  selbst
        <pb n="119" />
        —  110  —

die  Eisenbahnzüge  verkehren  am  Sonntag  nicht  oder  nur  in  geringerer
Zahl  als  an  Wochentagen.  —  Um  so  reger  entwickelt  sich  die  gewerbliche
  Tätigkeit  an  den  Wochentagen.  Fabriken  gibt  es  ohne  Zahl
und  in  mancher  Stadt  überragen  die  Schornsteine  der  Fabriken  die
Kirchtürme;  dafür  wandern  auch  die  englischen  Waren  in  alle  Welt.
Von  China  bis  nach  Indien  und  Afrika  kleidet  man  sich  in  die  Erzeugnisse
englischer  Webstühle  oder  gebraucht  englische  Stahl-  und  Messingwaren.
Man  sagt  freilich  den  Engländern  nach,  daf  sie  ihrer  Neigung,  Geschäfte
zu  machen  und  Geld  zu  verdienen,  auch  die  beiligsten  Interessen
opfern,  und  es  ist  wohl  keine  Sage,  daß  noch  heute  Schiffe  die  englischen
  Häfen  verlassen,  die  halb  mit  Bibeln,  halb  mit  Götzenbildern.
für  heidnische  Völker  beladen  sind.  Eine  Schattenseite  der  ausgedehnten
Fabriktätigkeit  zeigt  sich  auch  in  dem  Vorhandensein  einer  Menge
armer  Arbeiter;  in  Liverpool,  Manchester,  auch  in  London  gibt  es
Tausende  von  Familien,  die  in  einem  Zustande  des  Elends  und  der
Armut  leben,  von  dem  wir  Deutschen  keinen  Begriff  haben.  Auch
die  Verbrecherwelt  ist  zahlreicher.  —  Lassen  sich  Geschäfte  im  Ernst
nicht  machen,  so  werden  sie  im  Scherz  gemacht,  d.  h.  man  wettet.  Bei
jeder  Gelegenheit  heifft  es:  Was  gilt  die  Wette?  Ist  ein  Mensch  ins
Wasser  gestürzt,  so  springen  wobl  einige  binzu,  ihn  zu  retten;  aber
hundert  andere  wetten  am  Ufer,  ob  er  ertrinkt  oder  nicht.  Damit  hängt
die  grofe  Vorliebe  der  Engländer  für  Wettfahrten,  Wettrennen,  Bozen,
Hahnenkämpfe,  kurz  für  allen  „Sport“  zusammen,  Vergnügungen,  die
das  ganze  Interesse  auch  des  gemeinen  Mannes  in  Anspruch  nehmen.

6.  Die  Russen  gehören  zum  Völkerstamme  der  Slaven  und  bekennen
  sich  alle  ohne  Unterschied  zur  Griechischen  Kirche.  Ihnen  ist
der  Zar  nicht  blofz  Kaiser  sondern  auch.  Oberpriester.  In  Beobachtung
der  religiösen  Gebräuche  sind  sie  sehr  eifrig  und  gewissenhaft.

Den  Ackerbau  liebt  der  Russe  im  ganzen  genommen  weniger
als  Handel  und  Gewerbe.  Er  scheint  zum  Handeltreiben  geboren.
Der  Hang  und  die  natürliche  Anlage  zum  Handel  und  Schacher  ist
ein  Hauptzug  in  dem  Charakter  des  russischen  Volkes.  Von  dem
Frondienste  hat  erst  Kaiser  Alexander  II.  die  Bauern  befreit;  doch
Wissen  sie  ihre  Freiheit  nicht  zu  würdigen.

Die  Russen  haben  einen  auferordentlich  starken  Körper,  der  Kälte
und  Hitze,  Schmerzen  und  Beschwerden  leicht  zu  ertragen  vermag.
Dies  kommt  daher,  daß  sie  von  J  ugend  auf  daran  gewöhnt  werden,
aus  den  heißen  Stuben  in  die  strenge  Kälte  zu  gehen  und  sich  im
Schnee  herumzuwälzen.  Ohne  heife  Bäder  kann  kein  Russe  leben;,
er  mutz  wenigstens  jede  Woche  ein  solches  Bad  haben.

Waenn  man  von  der  Trunksucht  der  Russen  spricht,  so  muß  man
nicht  glauben,  daf  sie  das  Trinken  zur  Gewohnheit  machen;  derselbe
Mensch,  der  heute  betrunken  sich  auf  der  Straße  wälzt,  ist  nicht  bloß
Morgen,  sondern  mehrere  Wochen  nachher  wieder  der  nüchternste,
mähßigste  und  arbeitsamste  und  löscht  seinen  Durst  mit  Wasser  ohne
nach  Branntwein  zu  gelüsten.  In  ähnlicher  Weise  ist  es  auch  mit
        <pb n="120" />
        —  111  —

dem  Essen.  So  starke  Mahlzeiten  der  Russe  zu  sich  nehmen  kann,
Wo  sie  ihm  nichts  kosten,  so  lebt  er  doch  im  allgemeinen  mit  seiner
Familie  sehr  einfach.  Er  ist  lustig  und  heiter  auch  in  der  größfßten
Entbehrung,  unterwürfig  vor  seinem  Herrn,  klug  und  listig  gegen
seinesgleichen,  ausdauernd  in  der  Arbeit,  sobald  er  muft,  geschickt
und  rübrig  in  jedem  Unternehmen  und  sehr  gastfreundlich.

So  sehr  auch  seit  Peter  dem  Großen  abendländische  Bildung  in
Rußland  eingedrungen  ist,  den  Bauern  hat  sie  nicht  erreicht;  er  ist
roh,  unwissend  und  abergläubisch  geblieben;  denn  Volksschulen  in
unserem  Sinne  gibt  es  noch  nicht.  Die  reichen  Edelleute  erscheinen
wohl  gebildet,  im  Grunde  ihres  Herzens  jedoch  sind  die  meisten
ebenso  roh  wie  die  gemeinen  Russen.  Nach  Weber.
        <pb n="121" />
        IV.  Handel  und  Statistik.

—.

58.  Von  Veutschlands  Binnenhandel  und  Verkehr.

Handel  und  Verkehr  dienen  dazu,  die  Erzeugnisse  der  Landwirtschaft
und  Industrie  sowie  die  Rohprodukte  in  Umlauf  zu  setzen.  Den  Handel
im  eigenen  Lande  nennt  man  Binnenhandelz  denjenigen,  welcher  sich
im  Verkehr  mit  den  Nachbarstaaten  entwickelt,  Außenhandel;  dehnt  er
sich  auf  überseeische  Gebiete  und  Kulturländer  aus,  so  wird  er  zum  Welthandel.
  Ein  gut  eingerichteter  Binnenhandel  sorgt  dafür,  daß  die  einheimischen
  Erzeugnisse  im  Inlande  abgesetzt  werden  und  die  Güter  schnell
und  sicher  in  alle  Teile  des  Vaterlandes  kommen.

Im  Mittelalter  war  der  Handel  sehr  erschwert,  weil  es  an  Kunststraßen
mangelte  und  die  Wege  unsicher  waren.  Gegenden,  die  fern  von  den
großen  Handelswegen  lagen,  waren  von  den  Segnungen  eines  regen  Verkehrs
  ausgeschlossen.

Früher  herrschte  manchmal  in  einzelnen  Gegenden  Deutschlands  infolge
schlechten  Ernteausfalls  Teuerung  und  darum  auch  Not  und  Elend,  während
in  anderen  Gegenden  Überfluß  an  Nahrungsmitteln  vorhanden  war.  Derartige
  Zustände  können  jetzt  nicht  mehr  leicht  vorkommen,  weil  mit  der  Verwertung
  der  Dampfkraft  und  Elektrizität  im  Verkehr  ein  schneller  Güteraustausch
  ermöglicht  ist;  ferner  sind  durch  den  Aufschwung  des  Weltverkehrs
und  durch  den  sorgsam  und  bis  ins  einzelne  gegliederten  Binnenhandel
Reis,  Sago,  Kaffee,  Tee,  Gewürze  und  andere  Erzeugnisse  der  heißen
Zonen,  die  früher  nur  Wohlhabende  kaufen  konnten,  nunmehr  Gegenstände
des  Massenverbrauchs  und  so  Nahrungs=  und  Genußmittel  des  Volkes.
geworden.  .

Der  Grad  der  Entwickelung  des  Binnenhandels  hängt  von  der  Wegsamkeit
  eines  Landes  ab.  So  ist  z.  B.  der  Binnenverkehr  in  Norwegen
trotz  der  neuzeitlichen  Verkehrsmittel  nicht  hoch  entwickelt,  weil  die  Landesnatur
  mit  ihrer  Unwegsamkeit  in  dieser  Beziehung  große  Schwierigkeiten
macht.  Das  deutsche  Tiefland  dagegen  zeigt  sich  für  die  Anlage  eines
vielverzweigten  Kunststraßennetzes  recht  günstig  und  ähnlich  ist  es  auch  mit
den  südlichen  Hochländern.

Von  der  höchsten  Bedeutung  für  den  Binnenverkehr  sind  die  Wasserstraßen,
  an  denen  Deutschland  sehr  reich  ist.
        <pb n="122" />
        —  113  —

Der  Rhein  wäre  die  wichtigste  deutsche  Wasserstraße,  wenn  sein
Mündungsgebiet  nicht  in  fremden  Händen  liegen  würde.  So  aber  nimmt
er  trotz  seiner  für  den  deutschen  Binnenhandel  so  günstigen  Stromentwickelung
  erst  die  zweite,  ja  nach  der  Anzahl  der  Fahrzeuge  sogar  erst  die
dritte  Stelle  unter  den  deutschen  Strömen  ein.

Die  Ems  bleibt  ziemlich  eisfrei  und  gestattet  bei  ihrem  Wasserreichtum
eine  rege  Kahnschiffahrt.  An  die  Ems  schließt  sich  das  große  ostfriesische
Kanalsystem  an,  welches  größtenteils  durch  die  Entwässerung  von  Torfmooren

  hervorgerufen  worden  ist  und  dem  Torfhandel  und  Ortsverkehr
ient.

Die  Weser  ist  zeitig  eisfrei  und  bleibt  in  manchen  Wintern  immer  zugänglich.
  Dampfer  gehen  aufwärts  bis  Münden  und  Handelsschiffe  auf  der
Fulda  bis  Kassel,  sobald  deren  begonnene  Schiffbarmachung  zwischen  Münden
  und  Kassel  vollendet  sein  wird.

Die  Elbe  ist  von  allen  deutschen  Strömen  für  den  Binnenhandel
am  wichtigsten.  Ihre  Schiffbarkeit  beginnt  mit  dem  Einfluß  der  Moldau.
Unter  ihren  Nebenflüssen  wird  die  Havel  selbst  von  großen  Flußschiffen  und
Dampfern  befahren.

Die  Oder  ist  der  bedeutendste  deutsche  Strom  des  Ostseebeckens  und
wetteifert  hinsichtlich  ihrer  Bedeutung  für  den  deutschen  Binnenhandel
mit  dem  mächtigen  Rheinstrom.  Bei  Ratibor  wird  sie  für  kleinere,  bei
Breslau  für  größere  Flußschiffe  fahrbar;  Seeschiffe  gelangen  bis  Stettin.

Die  Schiffbarkeit  der  Donau  beginnt  bei  Ulm;  die  Dampfsschiffahrt
wird  von  Regensburg  an  betrieben.

Der  Verbesserung  der  Flußläufe  zum  Zwecke  des  Handels  und  Verkehrs,
  wie  der  Verbindung  der  einzelnen  Flüsse  untereinander  durch  Kanäle,
wird  in  neuester  Zeit  besondere  Sorgfalt  zugewendet.

Das  wichtigste  Beförderungsmittel  des  Binnenhandels  sind  die  Eisenbahnen.
  Das  Eisenbahnwesen  Deutschlands  hat  das  seiner  Nachbarländer
überflügelt,  so  daß  Deutschland  unter  den  europäischen  Staaten  in  dieser
Beziehung  die  erste  Stelle  einnimmt.  Die  größten  Bahnnetze  sind  im
deutschen  Tieflande  mit  dem  Knotenpunkte  Berlin  und  im  Rheingebiet  mit
den  Knotenpunkten  Düsseldorf,  Köln,  Frankfurt  am  Main  und  Straßburg.
  In  Süddeutschland  sind  München,  Stuttgart  und  Nürnberg  wichtige
  Punkte.

Zu  den  Verkehrsmitteln  gehören  auch  das  Post-,  Telegraphenund
  Telephonwesen.  Den  gewaltigsten  Aufschwung  nahm  das  Postwesen
  seit  der  im  Jahre  1874  (auf  Betreiben  des  ersten  deutschen  Generalpostmeisters
  Dr.  von  Stephan)  erfolgten  Gründung  eines  Weltpostvereins,
dessen  Aufgabe  es  ist,  den  Weltpostverkehr  auf  alle  Weise  zu  fördern  und  zu
erleichtern,

JIn  Bezug  auf  das  Telegraphenwesen  steht  Deutschland  mit  Frankreich
  auf  gleicher  Stufe;  in  der  Ausbildung  und  Anwendung  des  Telephons
aber  übertrifft  es  alle  Länder  der  Erde.  Nach  Tromnau.

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  8
        <pb n="123" />
        —  114  —

59.  Der  Außenhandel  des  Deuntschen  Reiches.

Die  hervorragende  Stellung  des  Deutschen  Reiches  im  Welthandel
beruht  auf  seinen  mannigfachen  und  teilweise  großartigen  Industriebetrieben.
Sie  liefern  besonders  Gegenstände  zur  Ausfuhr,  müssen  aber  ihre  Rohstoffe
größtenteils  aus  dem  Auslande  beziehen,  während  das  Reich  an  Rohstoffen
fast  nur  Kochsalz,  Abraumsalze  und  Steinkohlen  ausführt.

An  Erzeugnissen  der  Landwirtschaft  bleibt  die  Ausfuhr  hinter  der
Einfuhr  ungeheuer  zurück.  Deutschland  bezieht  Getreide  besonders  aus
Rußland,  Rumänien,  Argentinien  und  den  Vereinigten  Staaten  von
Amerika,  ferner  aus  Bulgarien,  Osterreich-Ungarn,  Britisch-Indien,  Serbien,
Dänemark  und  dem  Australischen  Bund;  seine  Getreideausfuhr  ist  verschwindend
  klein.  Nicht  unerheblich  ist  die  Einfuhr  an  Bohnen,  Erbsen
und  Linsen.  Hopfen  wird  mehr  aus=  als  eingeführt;  die  Einfuhr  von
Obst  ist  ungemein  groß.  Auch  an  Vieh  und  Fleisch  deckt  Deutschland
seinen  Bedarf  nicht.  Es  bezieht  vom  Auslande  Pferde  (hauptsächlich  aus
den  Nachbarländern  Belgien,  Dänemark,  Osterreich-Ungarn,  Rußland  und
den  Niederlanden),  Rindvieh  (aus  Dänemark,  OÖsterreich-Ungarn  und  der
Schweiz),  Schweine  (aus  Rußland).  Frisches  Fleisch  bezieht  es  aus
Dänemark,  den  Niederlanden  und  Rußland,  einfach  zubereitetes  aus  den
Vereinigten  Staaten,  Dänemark,  den  Niederlanden  und  Osterreich-Ungarn,
Schmalz  und  Fleischextrakt  besonders  aus  Amerika.  Butter  wird  aus
Rußland,  den  Niederlanden,  Dänemark  und  Osterreich-Ungarn  geliefert.
Käse  wird  gleichfalls  in  großen  Mengen  eingeführt  und  zwar  aus  den
Niederlanden,  der  Schweiz  und  Frankreich.  Die  Viehausfuhr  erstreckt
sich  hauptsächlich  auf  Schafe.  Sehr  bedeutend  ist  die  Einfuhr  an  Eiern,
namentlich  aus  Rußland,  Osterreich-Ungarn,  Bulgarien  und  Italien.  Große
Ladungen  von  Heringen,  meist  gesalzen,  kommen  aus  Großbritannien,  den
Niederlanden  und  Norwegen.

Auch  der  deutsche  Wald  genügt  den  an  ihn  gestellten  Anforderungen
nicht.  Aus  Osterreich-Ungarn,  Rußland,  Finnland,  den  Vereinigten  Staaten
und  Schweden  werden  Bau=  und  Nutzholz,  aus  Amerika  Nutzholz  von
Buchsbaum,  Zedern,  Kokos,  Ebenholz  und  Mahagoni,  aus  Mexiko  und
Britisch-Westindien  Blauholz,  aus  Argentinien  Quebrachoholz  eingeführt;
dieser  Einfuhr  steht  nur  eine  geringe  Ausfuhr  gegenüber,  besonders  nach  den
Niederlanden,  Belgien  und  Großbritannien.

Das  Ergebnis  des  Bergbaues  gestattet  eine  bedeutende  Ausfuhr.
Die  Einfuhr  englischer  Steinkohlen  und  böhmischer  Braunkohlen  wird
durch  eine  ganz  bedeutende  Steinkohlenausfuhr  nach  den  westlichen  Nachbarländern,
  nach  Rußland,  der  Schweiz  und  Osterreich-Ungarn  überwogen.
Salzwird  nach  verschiedenen  Ländern  ausgeführt,  die  Abraumsalze  besonders
nach  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  nach  Schweden,  den  Niederlanden
  und  Großbritannien.  Die  Einfuhr  an  Erzen  übertrifft  die  Ausfuhr.

Kolonialwaren  (Kaffee,  Tee,  Kakao,  Reis,  Gewürze,  Tabak),
Südfrüchte,  Wein  und  feine  Spirituosen  sowie  Petroleum  bezieht
  das  Reich  zum  großen  Teil  vom  Auslande.  Amerika,  Indien  und
        <pb n="124" />
        —  115  —

Ostasien  liefern  in  der  Hauptsache  die  Kolonialwaren.  Deutschland  betreibt
jedoch  eine  großartige  Ausfuhr  an  Zucker,  namentlich  nach  Großbritannien,
den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  Norwegen,  Schweiz,  Dänemark
und  den  Niederlanden.  Lebkuchen  werden  von  Nürnberg  nach  allen  Erdteilen
  versandt.  Südfrüchte  (Zitronen,  Apfelsinen,  Datteln,  Feigen
u.  dergl.)  kommen  besonders  aus  den  Mittelmeerländern.  Petroleum
wird  aus  Rußland  und  der  Union  eingeführt.  Weine  werden  aus  Frankreich,
  Spanien,  Italien,  Osterreich-Ungarn,  Griechenland,  Portugal  und  der
Türkei  bezogen.  Ausgeführt  wird  vor  allem  Flaschenwein.  Sehr  bedeutend
ist  die  Ausfuhr  von  Bier  nach  allen  Erdteilen,  in  Europa  besonders  nach
Belgien,  Frankreich  und  der  Schweiz.

Die  Rohstoffe  der  Textilindustrie  kommen  aus  Argentinien,  dem
Australischen  Bund  und  Britisch-Südafrika  (Schafwolle),  Rußland  (Flachs),
Großbritannien  (Baumwollgarne),  Osterreich-Ungarn  und  Belgien  (Leinengarne),
  Großbritannien  (Wollengarne),  der  Union,  Agypten  und  Ostindien
(Baumwolle),  der  Schweiz,  Frankreich  und  Italien  (Roh=  und  Florettseide).
Den  Hauptmarkt  für  die  Erzeugnisse  dieser  Industrie  bilden  die  Union,
die  deutschen  Kolonien  und  andere  überseeische  Gebiete,  Großbritannien,
die  Niederlande  und  die  Schweiz;  fertige  Kleider,  Leibwäsche  und  Putzwaren
verlangen  besonders  Großbritannien,  die  Niederlande,  die  Schweiz,
Schweden,  Dänemark,  Norwegen,  Britisch-Nordamerika  u.  a.

Die  Fabrikate  der  deutschen  chemischen  Industrie  (besonders
Säuren  und  Salze,  Parfümerien,  Arznei=  und  Farbwaren,  Schreib=  und
Zeichenmaterial)  finden  großen  Absatz  in  allen  Nachbarländern,  dann  in
Skandinavien  und  der  Union;  ebenso  deutsches  Papier  und  deutsche  Pappe.
Sehr  bedeutend  ist  die  Ausfuhr  in  fertigen  Lederwaren,  vornehmlich  in
Handschuhen,  wozu  die  Nachbarstaaten  die  Rohstoffe  liefern.

In  den  Gegenständen  der  Maschinenindustrie  ist  die  Ausfuhr  bedeutender
  als  die  Einfuhr.  Fast  alle  europäischen  Länder  beziehen  von
Deutschland  Nähmaschinen,  landwirtschaftliche  Maschinen  und  Lokomotiven;
allerdings  führt  Deutschland  noch  immer  auch  sehr  viele  landwirtschaftliche
Maschinen  aus  den  Vereinigten  Staaten,  Großbritannien,  Britisch-Nordamerika
  und  Schweden  ein;  groß  ist  auch  die  Ausfuhr  von  Musikinstrumenten
(Klavieren,  Harmoniums  und  Orgeln),  besonders  nach  Großbritannien  und
Australien;  die  Einfuhr  von  Taschenuhren  (aus  der  Schweiz)  überwiegt  die
Ausfuhr.  Gegenstände  der  Metallindustrie  (besonders  Eisenwaren)  finden
in  den  Nachbarstaaten  und  der  Union  Absatz,  Kurz=  und  Schmuckwaren
in  England,  Osterreich,  Rußland,  Spielzeug  besonders  in  England  und
der  Union.

Da  in  vielen  Gegenständen,  besonders  in  Steinkohlen  und  Maschinen
aller  Art,  Baumwollwaren,  Wollenwaren,  groben  und  feinen  Eisenwaren,
Gold=  und  Silberwaren,  Büchern,  Karten,  Musikalien,  Farbdruckbildern,
Kupferstichen,  Spielzeug  aller  Art,  Waren  aus  unedlen  Metallen,  vergoldet
oder  versilbert,  Abraumsalzen  u.  a.  die  Ausfuhr  steigt,  so  ist  damit  ein  kräftiger
Trieb  zur  Weiterentwicklung  der  deutschen  Industrie  gegeben.

Nach  dem  Statistischen  Jahrbuch  für  vas  Deutsche  Reich  1905  und  nach  Brust  und  Berdrow.
        <pb n="125" />
        —  116  —

60.  Die  Eisenbahnen  und  der  Weltverkehr.

Wir  haben  jetzt  Eisenbahnen  über  schmale  Meeresarme  in
Schottland  und  durch  sandige  Wüsten,  z.  B.  zwischen  Alexandria
  und  Suez;  sie  durchschneiden  die  Lagunen  von  Venedig,
erklimmen  hohe  Berge,  wie  Rigi  und  Vesuv,  und  übersteigen
Alpenpässe;  sie  rollen  durch  die  weite  Prärie  und  durch  den
tropischen  Urwald.  In  Berlin  geht  die  Stadt-  und  Ringbahn
hoch  über  dem  Menschenverkehr  hin;  in  London  durchbraust
der  Zug  die  Tunnel  unter  der  Themse,  ja  man  hat  sogar  den
kühnen  Plan  gefaßt,  einen  Tunnel  unter  dem  Meere  zwischen
England  und  Frankreich  anzulegen,  um  so  der  Lokomotive  einen
Weg  nach  dem  Festlande  zu  bahnen.

In  Europa  können  wir  bereits  ununterbrochen  von  Madrid
bis  nach  Konstantinopel  gelangen  und  von  Brindisi  in  Süditalien
  bis  nach  Petersburg.  Rufßlands  Ziel,  sein  Schienennetz
von  der  Wolga  durch  Sibirien  bis  an  den  Großen  Ozean  auszudehnen,
  ist  erreicht.  Die  Pyrenäen,  der  Brenner  und  der
Semmering  sind  schon  überschient;  der  Mont  Cenis-Tunnel  durchbricht
  die  Westalpen,  seit  1882  ist  sogar  in  einer  Länge  von
2  Meilen  der  St.  Gotthard  durchtunnelt  und  1906  wurde  der
Durchstich  des  Simplon  vollendet.

Der  Gotthard-Lunnel  gehört  zu  den  größten  Wunderwerken
der  Neuzeit.  Louis  Favre,  eines  Zimmermanns  Sohn  und  von
Hause  aus  selbst  nur  ein  Zimmermann,  ist  der  kühne  Mann,
der  dieses  Riesenwerk  in  nur  8  Jahren  ausgeführt  hat,  und
zwar  mit  einem  Kostenaufwande  von  etwa  200  Mill.  Franken.
Dieser  Tunnel,  der  bei  Göschenen  in  der  Schweiz  einmündet
und  bei  Airolo  in  Italien  wieder  aus  dem  Schotße  dieses  ungeheuren
  Alpenberges  heraustritt,  verbindet  Deutschland  und  die
Schweiz  direkt  mit  Italien  und  hat  den  Verkehr  zwischen
beiden  Ländern  bedeutend  erhöht.  Bevor  die  Bahnlinie  den
Tunnel  erreicht,  führt  sie  über  die  kühnsten  Brücken  hinweg,
welche  schäumende  Gebirgswässer  und  Schluchten,  die  Hunderte
von  Metern  tief  sind,  überspannen;  sie  muf  durch  verschiedene
Kehrtunnel  allmählich  die  Talstufe  ersteigen  und  in  großen
Windungen  an  steilen  Felswänden  emporklettern.  Während  auf
dem  sonst  so  belebten  Passe  mit  seinem  weltberühmten  Hospize
der  Wanderer  in  Licht  und  Luft  der  Gletscherwelt  tief  aufatmet,
Sausen  860  m  tief  unter  seinen  Füßen  Eisenbahnzüge,  von  künstlichen
  Luftströmen  begleitet  und  von  elektrischem  Lichte  erleuchtet,
  an  den  Nischen  vorüber,  worin  die  einsamen  Bahnwärter
hausen,  durch  den  Riesenberg,  dessen  Gestein  der  Gewalt  der
Bohrmaschine  und  des  Dynamits  weichen  mußte.

Schon  diese  europäischen  Bahnen  erweisen  sich  als  höchst
wichtige  Abkürzer  und  Beförderer  des  Weltverkehrs;  doch  hat
        <pb n="126" />
        —  117  —

dieser  noch  mehr  durch  die  großen  Eisenbahnen  Nordamerikas
gewonnen.  Seitdem  die  letzte  Schiene  der  Pacificbahn  mit
goldenem  Nagel  auf  einer  Schwelle  von  Zedernholz  befestigt
wurde,  sind  Ost  und  West  ganz  nahe  gerückt  worden.  Die
Pacifichbahn,  die  über  48  Längengrade  reicht,  ist  ein  Kulturband,
  das  den  Atlantischen  Ozean  mit  dem  Stillen  Ozean  verknüpft,
  ein  Werk,  das  in  Bezug  auf  die  Bedeutung  für  den
Weltverkehr  höchstens  im  Suezkanal  seines  gleichen  findet.  Auf
diesem  700  Meilen  langen  Eisenringe  von  Neuyork  bis  St.  Francisco
durcheilt  die  Lokomotive  einen  Weg,  der  größer  ist  als  der  von
Neuyork  nach  England,  in  6—7  Tagen.  Der  menschenbeschwerte
Dampfzug  durchrast  die  endlos  scheinenden  Prärien,  wo  ehemals
der  Büffel  hauste,  die  dichten  Urwälder,  in  welchen  der  Indianer
Jagte,  übersteigt  Höhen  von  2500  m,  wo  die  Lawinen  herniederdonnern
  und  meilenlange  Schneedächer  zu  seinem  Schutze  errichtet
  worden  sind,  überfliegt  auf  kühnen,  turmhohen  Brücken
reißende  Ströme  und  unzugängliche  Abgründe.  Die  Stationen
Wachsen  mit  Riesenschritten  zu  großen  Städten  empor  und  das
Land  rechts  und  links  verwandelt  sich  wie  durch  Zauber  in
fruchttragende  Felder.

Immer  mehr  tritt  die  Bedeutung  dieser  Bahn  für  den  Welthandel
  hervor.  China,  Japan,  Indien  und  Australien  mit  ihren
reichen  Hilfsquellen  sind  in  einem  grofartigen  Aufschwung  begriffen.
  Ihr  Handel  mit  Tee  und  Seide  nimmt  schon  jetzt  teil-Welse
  seinen  Weg  über  die  Pacificbahn.  Die  Dampferfahrten
China-Japan  über  St.  Francisco  mehren  sich  beständig.  Reisende
nehmen  nun  viel  lieber  den  Westweg  nach  Ostasien  als  den
Weg  über  Suez;  denn  der  erstere  hält  sich  in  milden  Klimaten,
während  der  letztere  durch  die  heifesten  Gegenden  der  Erde
führt.  Da  die  deutschen  Postdampfer  die  Fahrt  über  den
Atlantischen  Ozean  in  der  Regel  in  10—12  Tagen  vollbringen,
so  können  wir  jetzt  schon  in  16—18  Tagen  an  der  Küste  des
Stillen  Ozeans  sein,  nachdem  wir  ein  Weltmeer  und  einen  Weltteil
  durcheilt  haben.  Nehmen  wir  von  St.  Francisco  aus  die
Dampferlinie  über  Lokohama  in  Japan,  Hongkong  in  China,
Indien,  Aden,  Suez,  so  können  wir  recht  gut  in  80  Tagen  rund
um  die  Erde  reisen.  Und  diese  Reise  ist  nun  noch  bedeutend
abgekurzt,  nachdem  die  Sibirische  Eisenbahn  Europa  mit  dem
Großen  Czean  verbindet.

So  muß  sich  denn  der  alte  Erdball  gefallen  lassen,  daf  die
amelsenhaft  auf  ihm  wirtschaftenden  kleinen  Menschen  ihn
mehr  und  mehr  nach  ihrem  Bedarf  zurichten,  ihn  in  eiserne
Banden  schlagen  und  mit  eisernen  Drähten  überspinnen,  Landngen
  durchschneiden  und  Felsengebirge  durchbrechen,  die

emmnisse  des  Raumes  und  der  Zeit  immer  mehr  überwinden.

Nach  E.  Stötzners  Lesebuch.
        <pb n="127" />
        —  118  —

61.  Aus  der  Statistik  der  bayerischen  Landwirtschaft.

Von  der  6598  168  Köpfe  zählenden  Gesamtbevölkerung  Bayerns
gehörten  im  Jahre  1907  der  Landwirtschaft  treibenden  Bevölkerung  2  659  127
an  (Selbständige,  Familienangehörige  und  Dienende).  1882  hatte  deren
Zahl  2  639  999  betragen;  sie  ging  also  um  ein  geringes  hinauf.  In  den  übrigen
  Wirtschaftszweigen  dagegen  vermehrte  sich  die  teilnehmende  Bevölkerung
stärker.  Während  des  gleichen  Zeitraums  sank  die  Zahl  der  landwirtschaftlichen
  Betriebe  von  669  911  auf  663  785  herab;  die  Abwanderung
kam  zum  größten  Teile  der  Industrie  zugute.

Die  kleinen  Betriebe  unter  2  ha  vermehrten  sich  von  206  575  auf
241  642;  die  kleinbäuerlichen  Wirtschaften  von  2—5  ha  verminderten  sich
von  165  408  auf  162  431.  Die  mittelbäuerlichen  Betriebe  waren  in  der
Zunahme  begriffen;  denn  1907  wurden  224  640  gegen  216  999  im  Jahre
1895  gezählt.  Das  ist  eine  erfreuliche  Erscheinung.  Gerade  die  Betriebe
von  mittlerer  Größe,  die  in  Bayern  die  überwiegende  Masse  der  bäuerlichen
Wirtschaften  ausmachen,  zeigen  sich  gegenüber  den  ungünstigen  wirtschaftlichen
  Verhältnissen  nicht  nur  widerstands=  sondern  auch  vermehrungsfähig.
Die  Zahl  der  großbäuerlichen  und  der  landwirtschaftlichen  Großbetriebe
erfuhr  eine  Abnahme  von  44  182  auf  40  663  bezw.  von  621  auf  535.  Die
kleinen  und  mittleren  Betriebsgrößen  weisen  auch  die  geringste  Zahl  von
Vergantungen  auf.  Von  10  000  Anwesen  wurden  im  Jahre  1911  im
Zwangswege  veräußert  in  der  Größe  von  unter  5  ha  323,  von  5—20  ha
134,  von  20—50  ha  25  und  von  über  50  ha  5  Anwesen.

Die  Zersplitterung  des  Grundbesitzes  ist  nach  wie  vor  in  der  Pfalz  am
größten,  in  der  Oberpfalz  am  geringsten.  Dort  sind  63,2  00  Parzellenbetriebe,
  hier  nur  23,7  %.  Große  Güter  mit  über  100  ha  landwirtschaftlich

benutzter  Fläche  finden  sich  am  meisten  in  Oberbayern,  am  wenigsten  in
Oberfranken.

Die  große  Mehrzahl  der  landwirtschaftlichen  Betriebe  wird  von  den
Eigentümern  selbst  bewirtschaftet.  1895  waren  es  66,59  %,  1907  66,3  0%.
Die  Verpachtung  spielt  also  immerhin  eine  untergeordnete  Rolle.  Das
entspricht  dem  Vorherrschen  der  mittleren  Besitzgrößen  in  Bayern,  bei  denen
die  Eigenwirtschaft  weit  vorteilhafter  ist  als  die  Verpachtung.
Die  viehlosen  Wirtschaften  gingen  nicht  unerheblich  zurück,  von  74  483
im  Jahre  1895  auf  62  736  im  Jahre  1907;  das  Wirtschaftskapital  wurde
demnach  größer.  Die  Betriebe  mit  Pferde=  und  Ziegenhaltung  nahmen  zu,
die  mit  Schaf-,  Rinder-  und  Schweinehaltung  verminderten  sich.  Der
Viehstand  selbst  ist  also  nicht  im  Wachsen  begriffen.  Im  Jahre  1907  wurden
392  091  Pferde  (einschließlich  der  Militärpferde),  3  725  430  Rinder,  735  113
Schafe,  2056  222  Schweine  und  308  150  Ziegen  gezählt.  Am  2.  Dezember
1912  wies  der  Viehstand  in  Bahern  folgende  Ziffern  auf:  401  990  Pferde,
3560  723  Rinder,  475  661  Schafe,  1  814  418  Schweine  und  315  122  Ziegen.
Die  Verwendung  von  Maschinen  im  landwirtschaftlichen  Betriebe
erfuhr  eine  ganz  außerordentliche  Steigerung.  Im  Jahre  1895  arbeiteten
194  900  Betriebe  mit  Maschinen,  1907  jedoch  273  168  Wirtschaften.
        <pb n="128" />
        —  119  —

Kulturunternehmungen,  Be=  und  Entwässerungsanlagen,  Entwässerungen
  mittels  Tonröhrendrainagen  wurden  im  letzten  Jahrzehnt  nach  Zahl
und  Umfang  in  großem  Maße  in  Angriff  genommen  und  durchgeführt.

Nach  alledem  stellt  sich  nach  der  landwirtschaftlichen  Betriebsstatistik
des  Jahres  1907  die  Lage  der  bayerischen  Landwirtschaft  im  großen  und
ganzen  als  befriedigend  dar.  Fast  auf  allen  Gebieten  zeigt  sich  ein  eifriges
Vorwärtsstreben,  ein  steter  Fortschritt.  Seit  1907  sind  die  landwirtschaftlichen
  Verhältnisse  nicht  schlimmer  geworden.  Die  Preise  der  landwirtschaftlichen
  Erzeugnisse  stiegen.  Wo  die  Kraft  des  einzelnen  zu  erlahmen
drohte,  wirkte  der  genossenschaftliche  Zusammenschluß  helfend  und  fördernd
ein;  die  Staatsregierung  ließ  es  an  der  Unterstützung  der  landwirtschaftlichen
Interessen  nicht  fehlen.  So  läßt  sich  denn  mit  Recht  hoffen,  daß  sich  die
bayerische  Landwirtschaft  auch  in  der  Zukunft  einer  weiteren  gedeihlichen
Entwicklung  erfreuen  wird.

Nach  dem  Statistischen  Jahrbuch  für  das  Königreich  Bayern,  Jahrgang  1911.
        <pb n="129" />
        V.  Aus  der  Geschichte.

62.  Die  Geschichte  des  Ackerbaues.

Wenn  auch  ein  notdürftiger  Ackerbau  beim  Lockern  des  Bodens  mittels
spitzer  Steine,  Ochsenhörner  oder  großer  Muscheln  denkbar  ist,  so  konnte
doch  ein  ergiebiger  und  verbreiteter  Ackerbau  erst  eintreten,  als  die  Men—
schen  die  Erfindung  gemacht  hatten  die  Kraft  gezähmter  Tiere  dabei  zu  ver—
wenden.  Wahrscheinlich  gab  ein  gekrümmter  Baumast,  an  den  man  Rinder
spannte  und  den  man  in  die  Erde  drückte,  den  ersten  Pflug.  Zur  Zeit,
als  die  Geschichte  beginnt,  kannten  die  asiatischen  Völker,  die  Agypter  und
Griechen  schon  einen  hölzernen  Pflug,  aber  ohne  Räder,  Sech  und  Streich—
brett;  auch  die  Egge  war  bei  diesen  Völkern  bereits  in  Benutzung.  In
Agypten  erwies  sich  der  Ackerbau  auf  dem  Nilschlamm  am  ergiebigsten  und
darum  ist  die  Annahme  nicht  ohne  Grund,  daß  die  Agypter  die  Erfinder  des
Pfluges  sind.  Die  Griechen  schrieben  die  Erfindung  desselben  der  Demeter,
  der  Göttin  des  Ackerbaues,  zu,  was  den  Beweis  dafür  erbringt,
daß  die  Erfindung  sehr  alt  ist  und  für  sehr  wohltätig  erachtet  wurde.  Obgleich
  die  alten  Völker  den  Ackerbau  nicht  so  sorgfältig  und  in  so  ausgedehntem
  Maße  betrieben  wie  wir  in  unseren  Tagen,  so  stand  er  doch  bei
ihnen  und  namentlich  bei  den  Römern  in  sehr  hohem  Ansehen.  Die  Römer
bauten  besonders  Weizen  und  Gerste;  aus  jenem  bereiteten  sich  wohlhabende
und  aus  dieser  ärmere  Leute  das  nötige  Brot.

Die  alten  Deutschen  hielten  freilich  außer  Jagd  und  Krieg  jede  Arbeit
für  eine  Entehrung  des  freien  Mannes;  trotzdem  fand  auch  bei  ihnen  der
Ackerbau  durch  die  Hand  der  Frauen  und  Sklaven  die  notwendigste  Pflege.
Man  baute  nur  Gerste  und  Hafer  an,  also  Sommersaat;  denn  für  den  Anbau
von  Winters  aat  scheint  der  Boden  nicht  genugsam  entwässert  und  das  Klima
unter  dem  Einflusse  der  riesigen  Wälder  zu  kalt  gewesen  zu  sein.  Als  die
Römer  nach  Deutschland  kamen  und  am  Rheine  zuerst  Weizen  säten,  erfror
ihnen  im  Winter  die  Saat.  Die  genannten  Sommergetreidearten  sind  aber
nicht  in  Deutschland  heimisch,  sondern  in  Asien  und  es  ist  daher  wohl  anzunehmen,
  daß  die  Einwanderer  von  Asien  nach  Deutschland  die  Kenntnis  des
Ackerbaues  mitgebracht  haben.  Die  Deutschen  kannten  auch  eine  Art
Pflug;  er  wurde  von  Ochsen  gezogen;  denn  Pferde  waren  wie  der  freie
Mann  nur  bei  der  Jagd  und  im  Kriege  tätig.  Aus  dem  Hafer  buk  der
        <pb n="130" />
        —  121  —

Deutsche  Brot  oder  kochte  Brei;  aus  der  Gerste  wurde  vorzugsweise  Bier
gebraut.  Erst  im  6.  Jahrhundert  n.  Chr.  brachten  slavische  Völker  den  Roggen
und  seinen  Anbau  nach  Deutschland  und  von  den  Franken  lernten  die
im  nördlichen  Deutschland  lebenden  Sachsen  erst  im  8.  Jahrhundert  den  Weizen
und  seinen  Anbau  kennen.  Damals  war  also  der  Boden  schon  so  weit  entwässert
  und  der  Wald  so  weit  gelichtet,  daß  Wintersaaten  selbst  im  nördlichen
  Deutschland  ausdauern  konnten.

Es  mußte  beim  Beginn  des  Ackerbaues  schon  bemerkt  worden  sein,
daß  an  Stellen,  wo  der  tierische  Unrat  liegen  geblieben  war,  die  Pflanzen
besonders  üppig  und  kräftig  wuchsen,  und  es  gehörte  wenig  Nachdenken
dazu,  die  tierischen  Absonderungen  zu  sammeln  und  zur  Düngung  zu  benutzen.
  Die  alten  Griechen  düngten  schon  zur  Zeit  der  Eroberung  Trojas
(1184  v.  Chr.)  ihre  Acker;  die  Deutschen  scheinen  diese  Kunst  auch  gekannt,
aber  micht  sorgfältig  geübt  zu  haben.  Das  hatte  wohl  seinen  Grund  in  den
mangelhaften,  schwerfälligen  Fuhrwerken  und  in  den  schlechten  Wegen,
wodurch  die  Verbringung  des  Düngers  auf  die  Acker  sehr  erschwert  wurde.

Als  im  Mittelalter  die  Leibeigenschaft  in  Deutschland  sich  immer
mehr  ausbreitete,  erlosch  die  Lust  des  gemeinen  Mannes  für  Erwerbung
eines  großen  Eigentums.  Unter  der  beständigen  Willkürherrschaft  und  dem
Drucke  der  Steuern,  in  dem  unsichern  Besitze  seines  erworbenen  Eigentums,
hatte  er  nicht  Lust  und  Zeit,  auf  eine  bessere  Bearbeitung  des  ihm  jeweilig
verliehenen  Bodens  zu  denken.  Er  bebaute  den  Acker  notdürftig  und  schlecht
in  altherkömmlicher  Weise  und  hatte  davon  nur  einen  kargen,  für  die  nötigsten
Lebensbedürfnisse  kaum  ausreichenden  Ertrag.  Aber  auch  die  Güter  der
freien  Herren  gaben  keine  reichlicheren  Ernten,  da  sie  ebenfalls  nur  notdürftig
und  schlecht  unter  beständigem  Zwang  von  Leibeigenen  bearbeitet  wurden.
Nur  die  Klöster  ließen  ihre  Ländereien  sorgfältiger  bebauen,  besser  düngen
und  neue  Bearbeitungsweisen  einführen;  so  gaben  denn  die  Klosterländekeien
  auch  bald  einen  vermehrten  Ertrag.  Allmählich  ging  die  verbesserte
Bewirtschaftung  der  Klostergüter  auf  die  Güter  der  weltlichen  Herrschaften
über;  auf  die  Dörfer  zu  den  Bauern  konnte  sie  nicht  eher  kommen,  als  bis
die  Leibeigenschaft  und  die  täglichen  Frondienste  aufgehoben  waren,  was
erst  in  späteren  Zeiten  eintrat.  Auch  die  landwirtschaftlichen  Geräte  erhielten
  durch  Vermittelung  der  Klöster  bedeutende  Verbesserungen.  Der
deutsche  Pflug  erhielt  Räder  und  ein  Sech,  welches  die  Furche  erst  einschneidet,
  ehe  die  Pflugschar  sie  umwirft.

Seit  uralten  Zeiten  war  in  Deutschland  bei  jedem  bäuerlichen  Anwesen
  nur  ein  kleines  Stück  Land  in  der  Nähe  der  Wohnung  dem  Gute  zu
eigen;  das  übrige  Land  gehörte  der  Dorfschaft  gemeinschaftlich  und  wurde
von  allen  Bauern  gemeinschaftlich  bearbeitet,  bestellt  und  abgeerntet.
Alles  Land  der  Gemeinschaft  zerfiel  in  vier  große  Felder  oder  Fluren,
wovon  ein  Feld  in  der  Brache  lag,  ein  anderes  mit  Wintersaat,  ein  drittes
mit  Sommersaat  bestellt  wurde.  Unter  diesen  drei  Feldern  fand  ein  Wechsel
der  Wirtschaft  statt,  darum  „Dreifelderwirtschaft"  genannt;  eine  vierte,
zum  Graswuchs  besonders  geeignete  Gemeindeflur  lag  aber  beständig
in  der  Weide.  Bei  dieser  Gemeindewirtschaft  war  an  keine  Verbesse-
        <pb n="131" />
        —  122  —

rung  der  Landwirtschaft  zu  denken;  denn  niemand  hatte  Lust  mit  Opfern
Verbesserungen  einzuführen,  da  ihr  Erfolg  ihm  immer  nur  zum  kleinsten
Teile  zugute  gekommen  sein  würde,  und  wollte  jemand  wirklich  Verbesserungen
  einführen,  so  stieß  er  auf  den  heftigsten  Widerspruch  von  seiten  seiner
Nachbarn,  weil  der  Stillstand  zu  allen  Zeiten  immer  mehr  Freunde  gefunden
hat  als  der  Fortschritt.  Erst  als  der  gemeinschaftliche  Besitz  aufgeteilt  wurde
und  jeder  davon  seinen  Anteil  als  alleiniges  Eigentum  erhielt,  da  konnte  der
Bauer  sein  Feld  bewirtschaften,  wie  es  ihm  beliebte.  Er  bearbeitete  es
nun  sorgfältiger,  schaffte  die  stehende  Weide  ab  und  nahm  andere  Verbesserungen
  in  der  Landwirtschaft  vor.  Der  größere  Fruchtertrag  reizte  die
Nachbarn,  welche  bisher  für  den  Stillstand  gewesen  waren,  bald  zur  Nachahmung
  und  zum  Fortschritt.

Zur  Zeit  der  Leibeigenschaft  und  auch  noch  nach  Abschaffung  derselben
  mußte  der  Bauer  auf  den  großen  Gütern  seiner  Herrschaft  täglich
oder  doch  mehrere  Tage  in  der  Woche  mit  Leuten  und  Gespann  Frondienste
  tun.  Dabei  konnte  er  seine  eigenen  Ländereien  nicht  gehörig  und
zur  rechten  Zeit  bearbeiten;  er  mußte  viele  Pferde  haben  und  konnte  daher  nur
wenig  anderes  Vieh  halten;  seine  Pferde  waren  selten  im  Stalle;  darum
gewann  er  auch  nur  wenig  Dünger  für  die  Verbesserung  seines  Ackers  und
ein  schlechtgedüngter  Acker  gibt  nur  einen  geringen  Ertrag.  Alle  diese  Nachteile
  verschwanden,  als  die  Frondienste  aufgehoben  und  mit  einer  jährlichen
Abgabe  abgelöst  wurden.  Jetzt  wurden  aber  auch  die  bisher  bei  dem  Frondienste
  beteiligten  Güter  besser  bewirtschaftet;  denn  der  Frondienstleistende
arbeitet  unwillig  und  darum  immer  sorglos  und  schlecht.

Durch  Hinwegräumung  der  eben  erwähnten  Hindernisse  der  Landwirtschaft
  war  derselben  wohl  Raum  zur  Hebung  gegeben;  aber  es  fehlte
noch  die  gehörige  Erzeugung  des  Düngers,  ein  ausgiebiger  Futterbau  und
ein  reicher  Viehstand.  Da  lernte  man  die  Anwendung  des  Mergels  und
dessen  günstige  Wirkung  auf  den  Ertrag  der  Kulturpflanzen  kennen.  Mergel
enthält  neben  Ton  und  Sand  15—50  0)  kohlensauren  Kalk;  wird  der  Mergel
mit  der  Ackerkrume  vermischt,  so  gibt  das  Feld  den  Ertrag  eines  reich  gedüngten
  Bodens.  Durch  die  Mergelung,  welche  schnell  allgemein  wurde,
gewann  der  Landmann  Uberfluß  an  Stroh  und  an  Futter;  daher  konnte
der  Viehstand  vermehrt  werden.  Da  durch  denselben  wiederum  die  Düngerelheugung
  größer  wurde,  so  kam  die  Landwirtschaft  immer  mehr  in  Aufwung.



Der  vermehrte  Viehstand  wurde  insbesondere  begünstigt  durch  Einführung
  des  Kleebaues  in  Deutschland  und  durch  Aufhebung  der  beständigen
  Weiden.  Um  beides  hat  sich  das  meiste  Verdienst  erworben
der  ehemalige  Leinweber  Christian  Schubart,  welcher  deswegen  vom
deutschen  Kaiser  im  Jahre  1784  unter  dem  Namen  „von  Kleefeld“  in
den  Adelstand  erhoben  wurde.  Auch  das  Gipsen  führte  Schubart  ein.

Den  größten  Aufschwung  erhielt  die  deutsche  Landwirtschaft  aber
zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts  durch  die  Versuche  und  Schriften  Albrecht
von  Thaers.  Er  wird  mit  Recht  der  Vater  der  neuen  oder  rationellen
Landwirtschaft  genannt,  d.  h.  einer  Landwirtschaft,  welche  nicht  mehr
        <pb n="132" />
        —  123  —

gedankenlos  nach  dem  alten  Herkommen  wirtschaftet,  sondern  sich  der
Gründe  und  Folgen  in  ihrem  Treiben  überall  bewußt  zu  werden  sucht.
Von  nun  an  erhielt  die  Landwirtschaft  nicht  bloß  eine  Literatur,  sondern
auch  verbesserte  landwirtschaftliche  Geräte  und  mancherlei  Maschinen,
welche  Arbeitskräfte  ersparen  und  die  Arbeit  selbst  erleichtern  und  be—
schleunigen.  An  vielen  Orten  entstanden  landwirtschaftliche  Schulen,
auf  welchen  junge  Männer  für  einsichtigere  und  erfolgreichere  Betreibung
der  Landwirtschaft  vorgebildet  werden.

Als  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  Chemie  wunderbare  schnelle
Fortschritte  machte,  wandte  sie  sich  auch  dem  landwirtschaftlichen  Betriebe
zu.  Sie  hat  manche  Verbesserungen  in  der  Landwirtschaft  zustande  gebracht;
  besonders  hat  der  1872  in  München  verstorbene  Professor  Justus
von  Liebig  sich  um  die  Agrikulturchemie  große  Verdienste  erworben.
Seiner  Forschung  namentlich  verdankt  man  die  zweckmäßige  Anwendung
der  künstlichen  Düngemittel.

Anfangs  hat  sich  der  kleine  Landmann  gegen  Aufnahme  mancher
Verbesserungen  in  der  Landwirtschaft  gesträubt;  aber  durch  den  Erfolg
überzeugt,  ist  er  in  der  letzten  Zeit  immer  mehr  zu  ihrer  Aufnahme  ge—
neigt  geworden.  Gegenwärtig  steht  er  auf  dem  Punkte  selbst  zu  einem  verständigen
  Betrieb  der  Landwirtschaft  überzugehen.  Nach  Kirchmann.

 

63.  Der  Einsluß  Karls  des  Großen  (768—814)  auf  die
Entwicklung  der  deutschen  Landwirtschaft.

Mit  Karl  dem  Großen  beginnt  ein  neuer  Zeitabschnitt  für  den  Ackerbau
  Deutschlands.  Dieser  Fürst  widmete  dem  Landbau  die  eifrigste  Sorgfalt,
  munterte  zur  Ausrodung  der  Wälder  auf  und  überließ  denen,  welche
solche  Arbeit  verrichteten,  einen  Teil  des  neugewonnenen  Bodens  als
Grundzins  leistendes  Eigentum.  Und  nicht  nur  durch  Gesetze  und  Verordnungen
  suchte  er  Ackerbau  und  Viehzucht  zu  heben,  er  selbst  ging  durch
Einrichtung  von  Musterwirtschaften  auf  seinen  Hausgütern  (Meierhöfen)
den  Landbauern  mit  gutem  Beispiel  voran.  Auf  alles  sah  er  hier  persönlich
  und  ließ  sich  selbst  die  Rechnungen  vorlegen.

Noch  zwei  Jahre  vor  seinem  Tode  erließ  Karl  der  Große  eine  Verordnung
  über  die  Bewirtschaftung  seiner  Güter,  welche  über  den  damaligen
Stand  des  Ackerbaus  höchst  wissenswerte  Aufschlüsse  gibt.  Darin  wird
gehandelt  von  der  Bebauung  der  Getreidefelder  und  der  Wiesen,  von  der
Bewirtschaftung  der  Wälder,  von  der  Viehzucht,  von  der  Pflege  der  Pferde,
von  der  Bienenzucht  und  bis  ins  einzelnste  vom  Gartenbau.  So  erfahren
wir,  auf  welche  Blumen  und  Gemüse  die  deutsche  Gärtnerei  zu  Anfang  des
9.  Jahrhunderts  Fleiß  und  Sorgfalt  verwandte;  wir  erhalten  Kunde,  daß
Lilien,  Rösen  und  andere  Ziergesträuche  gepflegt,  daß  Kümmel,  Fenchel,
Petersilie,  Kresse,  Gurken,  Bohnen,  Karotten,  Zwiebeln,  Lauch,  Kerbel,
Rübenkohl  und  andere  Gemüse  gezogen  wurden.  Auch  der  Obstbau  wird
betont  und  auf  die  verschiedenen  Arten  des  Stein=  und  Kernobstes  näher
        <pb n="133" />
        —  124  —

eingegangen.  Der  Wein,  der  durch  die  Römer  bekannt  gewordene  Freudenbringer,
  ist  ebenfalls  nicht  vergessen;  denn  durch  Karl  wurde  der  Weinbau  am
Rhein  verbessert  und  erweitert.

Auch  der  Flachsbau  fand  eine  sorgsame  Pflege,  entsprechend  der
Vorliebe  der  Germanen  für  linnene  Kleider;  der  Diebstahl  im  Flachsfelde
war  nach  dem  salfränkischen  Gesetze  mit  einer  hohen  Strafe  belegt.

Mit  dem  Fortschritt  der  Landwirtschaft  in  der  karolingischen  Zeit
änderten  sich  auch  die  baulichen  Einrichtungen  zum  Bessern.  An  die  Stelle
der  altdeutschen,  roh  aus  Baumstämmen  aufgeblockten,  mit  Lehm  verstrichenen,
  strohgedeckten,  fenster=  und  treppenlosen  Hütte,  in  welcher
Menschen  und  Vieh  Winters  zusammenwohnten,  traten  allmählich  größere
Wohnräume.  Schon  teilte  selbst  der  Bürger  die  Behausung  in  Wohnhaus,
Scheune  und  Viehstall,  während  die  Gehöfte  der  Grundbesitzer  aus  Herren-,
Keller=  und  Backhaus,  Speicher  und  Kornboden,  Pferde-,  Rindvieh-,
Schaf=  und  Schweinestall  bestanden.  Hierzu  kam  noch  ein  abgesondertes
Haus  für  die  Frauen,  in  welchem  sie  der  Beschäftigung  mit  Spindel  und
Webstuhl  oblagen,  weswegen  das  Frauenhaus  auch  kurzweg  Arbeitshaus
oder  Werkstätte  genannt  wurde.

Anfangs  waren  die  Baulichkeiten  meistens  nur  aus  Holz  aufgeführt;
Steine  und  Ziegel  waren  selten.  Inwendig  boten  die  Häuser  einen  einzigen
Raum  ohne  Wandteilung  dar.  Inmitten  dieses  Raumes  ragte  eine  Säule
empor,  welche  das  Dach  trug.  Bald  begann  man  aber  die  Behausungen
mit  Schindeln  zu  decken,  Wandteilungen  und  Treppen  einzuführen.  Unter
und  nach  Kaiser  Karl  fing  man  an  steinerne  Häuser  zu  errichten.  Nicht
nur  die  berühmten  kaiserlichen  Pfalzen  zu  Aachen,  Ingelheim  und  anderwärts,
  auch  viele  der  Herrenhäuser  auf  Karls  Gütern  waren  schon  aus  Stein
gebaut.

In  ihren  Gemächern  saßen  die  Frauen  die  meiste  Zeit,  welche  ihnen
die  Geschäfte  des  Haushaltes  übrig  ließen,  den  Rocken  zwischen  den  Knien,
die  Spindel  in  der  Hand  (die  Spinnräder  wurden  erst  im  15.  Jahrhundert
erfunden),  oder  mit  kundiger  Hand  das  Weberschifflein  regierend,  und
lagen  so  einer  Arbeit  ob,  welche  noch  lange  den  Hauptstoff  zu  ihrer  und
ihrer  Männer  Gewandung  lieferte,  einer  Arbeit,  welcher  sich  die  Königstochter
  nicht  minder  als  die  Bäuerin  oder  die  leibeigene  Magd  unterzog.
Kaiser  Otto  des  Großen  Tochter  Liutgardis,  die  Gemahlin  des  Herzogs
Konrad  von  Lothringen  und  Franken,  war  eine  so  fleißige  Spinnerin,  daß
als  Zeugnis  dessen  eine  goldene  Spindel  über  ihrem  Grabe  aufgehängt  wurde.
Neben  der  Linnen=  wurde  auch  die  Wollweberei  schon  frühe  von  den  deutschen
  Frauen  mit  großer  Kunstfertigkeit  betrieben.  So  lange  die  Tracht
der  Männer  und  Frauen  im  allgemeinen  kunstlos  und  einfach  blieb,  also
bis  weit  ins  Mittelalter  hinein,  handhabten  die  Frauen  neben  Spindel  und
Webstuhl  auch  die  Schere  und  Nadel  und  in  mittelalterlichen  Gedichten  wird
noch  manche  hübsche  Szene  vorgeführt,  wo  Fürstinnen  die  Kleider  zuschnitten
  und  ihre  Dienerinnen  das  Zugeschnittene  nähten.

Der  Wert  des  Grundeigentums  war  seit  der  karolingischen  Zeit  mit  dem
Wachsen  der  Bevölkerung  bedeutend  gestiegen.  Deutschland  bot  infolge
        <pb n="134" />
        —  125  —

emsiger  Rodung  schon  im  13.  und  mehr  noch  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts
ein  ganz  anderes  Bild  dar,  als  die  urgermanische  Waldlandschaft  es  gezeigt
hatte.  Der  Flächeninhalt  von  Grund  und  Boden  hatte  sich  sehr  bedeutend
vermehrt,  wenn  auch  die  Reste  der  alten  Waldwildnis  noch  groß  genug
waren  um  Bärenfamilien  und  Wölfen  bequemen  Aufenthalt  zu  gewähren.
Größtmögliche  Erzielung  von  Getreide  wurde  allmählich  die  Hauptaufgabe  des
Ackerbaues.  Daneben  ermunterte  der  rege  Handel  zum  Anbau  von  Lein,
Raps  und  Mohn,  von  Gewürz=  und  Farbpflanzen,  wie  Fenchel,  Anis,
Koriander,  Süßholz,  Safran,  Krapp,  Saflor  und  Waid.  Gemüse=  und
Obstbau  trieben  namentlich  Klöster  und  Städte  eifrig,  letztere  auch  den
Hopfenbau,  den  der  stets  anspruchsvoller  werdende  bürgerliche  Biergeschmack
  notwendig  machte.  Der  Weinbau  gewann  besonders  in  den
Rhein-,  Main=  und  Neckargegenden  eine  immer  größere  Bedeutung  und
der  mittelalterliche  Winzer  verstand  sein  mühevolles  Gewerbe,  das  Düngen,
Pfählen,  Hacken  und  Beschneiden  gleich  seinen  Gewerbsgenossen  von  heutzutage.


Das  Vieh  ließ  man  sommerüber  auf  Gemeindeweiden  und  in  Gemeindewaldungen
  grasen.  Die  größte  Aufmerksamkeit  widmete  man  der
Zucht  der  Pferde,  weil  bei  dem  starken  Verbrauche  dieser  Tiere  in  der
Ritterzeit  die  Pferdezucht  weitaus  am  einträglichsten  war.  Unter  dem
Kleinvieh  herrschten  die  Schweine  vor;  doch  mehrte  die  starke  Nachfrage
nach  Wolle  auch  die  Schafherden.  Der  große  Verbrauch  von  Wachslichtern
  durch  die  Kirche,  wie  das  Wohlgefallen  an  sußem  Gebäck,  hoben
auch  die  Bienenzucht;  indessen  bezog  man  einen  großen  Teil  des  Bedarfs
  an  Wachs  und  Honig  noch  immer  von  den  Waldbienen.  Die  steigenden
Holzpreise,  besonders  die  von  Bauholz,  wandten  den  Wäldern  eine  größere
Aufmerksamkeit  zu;  und  wenn  auch  die  Forstkultur  noch  eine  unbekannte
Sache  war,  so  kannte  man  doch  schon  den  Forstschutz  durch  eigens  dazu  bestellte
  Förster.  Nach  J.  Scherr,  „Deutsche  Kultur-  und  Sittengeschichte."

64.  Die  deutschen  Dörfer  vor  dem  Dreissigjährigen  Kriege.

Beim  Beginn  des  Dreissigjährigen  Krieges  herrschte  nach  dem
langen  Frieden  große  Wohlhabenheit  unter  den  Bauern.  Die  Dörfer
Waren  nicht  ganz  ohne  Schutzwehr;  breite  Gräben,  Zäune  oder  Wände
von  Lehm  und  Steinen  umgrenzten  oft  das  Dorf;  an  den  Hauptstrafen
waren  Tore,  welche  zur  Nacht  geschlossen  wurden.  In  der  Regel
wWar  der  Kirchhof  mit  einer  besonderen  Mauer  geschützt;  er  bildete
mehr  als  einmal  die  Festung  und  letzte  Zuflucht  der  Bewohner.
Dorf  und  Flur  wurden  durch  Nacht-  und  Tagwächter  beschritten.
Die  Häuser  waren  zwar  nur  von  Holz  und  Lehm  in  ungetälliger
Form,  oft  in  engen  Dorfstraßen  zusammengedrängt;  aber  sie  waren
nicht  arm  an  Hausrat  und  behaglicher  Wohnlichkeit.  Alte  Obst-Pflanzungen
  umgaben  die  Dörfer  und  viele  Quellen  ergossen  ihr  klares
Wasser  in  steinerne  Tröge.  Auf  den  eingefriedeten  Höfen  tummelten
        <pb n="135" />
        —  126  —

sich  große  Scharen  von  kleinem  Geflũügel;  auf  den  Stoppeläckern  lagen
mächtige  Gänseherden  und  in  den  Ställen  standen  die  Pferde.  Große
Gemeindeherden  grasten  auf  den  Höhenzügen  und  Wiesen.  Die  Wolle
stand  in  hohem  Preise  und  an  vielen  Orten  wurde  auf  feine  Zucht
gehalten.  Die  deutschen  Tuche  waren  berühmt  und  Tuchwaren  der
beste  Ausfuhrartikel.  Die  Dorfflur  lag  —  wo  nicht  die  altfränkische
Flurteilung  in  lange  Ländereien  sich  erhalten  hatte  —  in  drei  Felder
geteilt,  deren  Hufen  viel  gespalten  und  Beet  für  Beet  sorgfältig  mit
Steinen  umsetzt  waren.  Der  Acker  war  nicht  ohne  höhere  Kultur.
Ein  feinmehliger  weiter  Weizen  wurde  in  das  Winterfeld  gesät.
Der  Flachs  ward  sorgfältig  durch  die  Wasserröste  zubereitet.  Außerdem
  brachte  Anis  und  Saflor  viel  Geld  ein.  Auch  der  Kardenbau
war  altheimisch;  von  Olsaaten  wurde  Rübsen,  am  Rheine  aber  Raps
in  die  Brache  gesät.  Die  schwanken  Rispen  der  Hirse  gaben  reichlichen
  Ertrag.  In  Thüringen  und  Franken  waren  damals  an  den  Abhängen
  von  warmer  Lage  überall  Rebengärten  und  diese  alte  Kultur,
welche  jetzt  in  denselben  Landschaften  fast  untergegangen  ist,  mut
in  günstigen  Jahren  doch  einen  trinkbaren  Wein  hervorgebracht  haben;
denn  es  werden  in  den  Chroniken  einige  Weinjahre  als  vortrefflich
gerühmt.  Auch  Hopfen  wurde  fleifig  gebaut  und  zu  gutem  Bier
benutzt.  Schon  säte  man  von  Futtergewächsen  den  Spörgel  und  die
Pferdebohne.  Die  Abzugsgräben,  ja  sogar  die  Bewässerungsgräben
zu  erhalten,  war  gewöhnlich.  Schon  war  Erfurt  Mittelpunkt  eines
großen  Samenhandels  und  höherer  Gartenkultur.  Im  ganzen  war,
wenn  #mnan  verschiedene  Zeiten  mit  einander  vergleichen  darf,  die
landwirtschaftliche  Kultur  im  Jahre  1618  nicht  geringer  als  etwa

200  Jahre  später.  Gustav  Freytag.

65.  Vörfer  und  Städte  nach  dem  Preißigjährigen  Rriege.

Es  sind  zwei  Jahrhunderte  vergangen,  ehe  der  Kulturzustand  der
Dörfer  die  Höhe  wieder  gewann,  die  er  beim  Ausbruch  des  Dreißigjährigen
  Krieges  hatte.  Der  Krieg  vernichtete  diese  ganze  Blüte;  denn
er  fiel  mit  seiner  Hauptschwere  gerade  auf  den  Bauernstand.  Die
Dörfer  lagen  in  Asche;  der  Biehstand  ging  ein;  das  Feld  verwuchs
und  ward  stellenweise  wieder  zu  Wald;  die  Leichen  blieben  unbegraben.
Die  Dorfhunde  rotteten  sich  zusammen  wie  Herden  Raubtiere  und  zu
dem  Elende  des  Krieges  kamen  die  unausbleiblichen  Plagen  des
Hungers  und  der  Pest.  In  der  zweiten  Hälfte  des  Krieges  weigerte
sich  ein  schwedischer  General,  sein  Heer  von  Pommern  nach  Süddeutschland
  zu  führen,  weil  durch  die  dazwischenliegende  Ode  sein  Verlust
  größer  sein  würde  als  durch  die  blutigste  Niederlage.  In  einzelnen
Gegenden,  wie  in  Schlesien,  Thüringen  und  Mecklenburg,  hatte  der
Krieg  besonders  grausam  gehaust.  Beim  Friedensschluß  gab  es  eine
Menge  verbrannter  Ortschaften,  Dörfer,  Städte  und  Schlösser.  An
manchen  Orten  zählten  Dörfer,  die  früher  400  Einwohner  hatten,  nur
        <pb n="136" />
        —  127  —

noch  20;  manche  waren  ganz  verödet.  Roch  heutzutage  bezeichnen
Ramen  von  Feldmarten,  einzelne  übrig  gebliebene  Gehöfte,  hier  und
da  sogar  noch  Kirchentrümmer  die  Stätten,  wo  einst  blühende  Dörfer
gestanden.  Von  den  meisten  war  nach  dem  Kriege  nur  noch  die  Kirche,
und  auch  diese  oft  nur  als  Ruine,  vorhanden.  Es  war  die  fromme,
ausdauernde  Landgeistlichkeit,  die  um  die  Kirche  den  Keim  einer
Gemeinde  wieder  versammelte.  Aber  es  dauerte  lange,  ehe  die  Verwilderung
  und  Sittenlosigkeit  wieder  wich.  Aus  der  allgemeinen  Verwüstung
  ragten  die  großen  Städte  in  einem  elenden  Zustande  hervor.
Das  deutsche  Bürgertum,  einst  trotzig  und  gewaltsam,  war  fast  vernichtet.
  Den  kleineren  Städten  erging  es  meist  nicht  besser  als  den
Dörfern.  Größere,  befestigtere  überdauerten  wohl  den  Krieg.  Aber
dann  waren  sie  durch  Umlagerung  so  oft  geängstigt,  durch  Abgaben
und  Brandschatzungen  so  erschöpft,  durch  Hunger  und  Pest  so  entvölkert,
  daß  viele  Häuser  und  Straßen  in  Trümmern  liegen  blieben
und  daß,  da  die  städtischen  Steuern  fast  allein  auf  den  Grundstücken
lasteten,  kaum  ein  Eigentümer  Lust  hatte  wieder  aufzubauen.  Bayern
allein  war  etwa  um  80  000  Familien  ärmer  geworden  und  wohl
2000  Höfe  waren  unbewohnt.  Auch  der  alte  Sinn  der  Selbständigkeit
  war  dahin,  der  frohe  Sinn  auf  dem  Lande  erschlaffte  und  die
Herrlichkeit  der  Städte  sank.  Guskav  Freyfag.

66.  Kurfürst  Marimilian  I.  von  Bayern.
(1597—1651.)

Maximilian  I.  war  unzweifelhaft  der  bedeutendste  deutsche  Fürst
seiner  Zeit.  Er  besaß  eine  Festigkeit  des  Charakters,  eine  Unabhängigkeit
des  Willens  und  eine  Selbständigkeit  des  Urteils,  wie  sie  selten  einem
Menschen  beschieden  sind.

Max  genoß  eine  sorgfältige  Erziehung.  An  der  Universität  Ingolstadt
  betrieb  er  mit  regem  Eifer  das  Studium  der  Sprachen,  der  Rechtswissenschaft,
  Mathematik  und  Kriegskunst.  Nachdem  er  auf  Reisen  die
Welt  kennen  gelernt  hatte,  nahm  er  eifrigst  an  den  Staatsgeschäften  teil.
Von  früher  Jugend  auf  an  Ordnung,  Mäßigkeit  und  Arbeitsamkeit  gewöhnt,
verwendete  er  seine  großen  Geistesgaben  nur  für  das  Wohl  seines  Landes
und  den  Sieg  der  katholischen  Sache,  der  er  jederzeit  Gut  und  Blut  zu  opfern
bereit  war.

Als  er  die  Regierung  übernahm,  war  der  Staatshaushalt  zerrüttet,
die  Schuldenlast  drückend;  dazu  hatten  sich  Mißbräuche  aller  Art  eingeschlichen.
  Der  Herzog  stellte  letztere  ab,  beschränkte  den  Aufwand  des
Hofes,  führte  eine  genaue  Prüfung  der  Ausgaben  und  weise  Sparsamkeit
ein  und  hob  durch  Förderung  des  Salzwesens  (Solenleitung  von  Reichenhall
  nach  Traunstein),  des  Handels-  und  Gewerbefleißes  die  Einnahmen  des
Staates.  Sein  Hauptaugenmerk  aber  richtete  er  auf  Herstellung  einer  ansehnlichen
  Kriegsmacht.  Sein  Scharfblick  erkannte  wohl,  daß  die
beständigen  Reibereien  zwischen  den  beiden  Religionsparteien,  die  unter
        <pb n="137" />
        —  128  —

Kaisers  Rudolfs  II.  Regierung  (1576—1612)  wieder  besonders  heftig  geworden
  waren,  unvermeidlich  zum  Kriege  führen  mußten.  Deshalb  bildete
er  eine  stets  schlagfertige  Kerntruppe  aus  seinen  Landeskindern,  sorgte  für
Waffenvorräte,  befestigte  München  und  andere  Orte  und  verstärkte  die
Werke  in  Ingolstadt.  Seine  Feldherrn  Alexander  von  Haslang  und  der
äußerst  kriegskundige  Niederländer  Tilly  standen  ihm  hierbei  treu  zur  Seite.
Daneben  aber  war  der  Herzog  auf  allen  Gebieten  zur  Beförderung  des
Volkswohles  in  einer  geradezu  staunenswerten  Weise  tätig.  Die  Armen
erfreuten  sich  seiner  Fürsorge;  das  Schulwesen  suchte  er  zu  heben;  ebenso
begünstigte  er  die  Wissenschaften,  namentlich  das  Studium  der  vaterländischen
  Geschichte,  und  die  Kunst  fand  in  ihm  einen  stets  opferwilligen  Freund.
Meximilians  streng  rechtlicher  Sinn  verlangte  nach  besseren  Rechtszuständen,
  weshalb  er  das  Bayerische  Landrecht  ausarbeiten  ließ.

Das  dicht  bevölkerte,  lebhafte  und  seiner  gesunden  Luft  halber  gepriesene
  München  galt  schon  bei  Maximilians  Regierungsantritt  als  die
schönste  Stadt  Deutschlands.  Er  fügte  den  schon  vorhandenen  Prachtbauten
  die  jetzige  alte  Residenz  hinzu,  ein  nach  den  Entwürfen  des  Niederländers
  Peter  de  Witte  (Candidus)  aufgeführtes  Gebäude.  Von  seiner
erloschenen  äußeren  Pracht  geben  heute  nur  noch  der  eine  wieder  hergestellte
  Hof  und  die  großartigen  Portale  und  Erzbildwerke  Zeugnis.  An  ihn
schloß  sich  würdig  der  Hofgarten,  welcher  in  größerem  Maßstabe  dieselbe
meisterhafte  Verbindung  von  Baukunst,  Bildnerei,  Malerei  und  Gartenkunst
  zeigte  wie  noch  gegenwärtig  der  lauschige  Grottenhof  der  Residenz.
In  dieser  bereitete  Maximilian  den  von  seinen  Vorgängern  begonnenen
Kunstsammlungen  prächtige  Stätten  und  vervollständigte  dieselben,  von
gründlichem  Wissen  und  feinem  Geschmack  geleitet,  durch  eigene  Ankäufe.

Die  Tuchweberei  erfuhr  durch  die  Berufung  niederländischer  Meister
und  Abordnung  einheimischer  Knaben  an  die  berühmten  Tuchfabriken  in
den  Niederlanden  eine  wesentliche  Hebung.

Bedeutende  Künstler  zog  Maximilian  an  seinen  Hof,  begabte  junge
Leute  ließ  er  im  Auslande  auf  seine  Kosten  ausbilden.  Kunstgewerbe
aller  Art  suchte  er  in  München  heimisch  zu  machen  und  zu  heben.  Von
hier  gingen  kunstvoll  verzierte  Waffen  und  Harnische  nach  Italien,  Frankreich
  und  Spanien;  von  hier  erbat  man  sich  aus  Madrid  Lehrmeister  für  die
Anfertigung  marmorgleichen  Stucks.  Wie  sehr  Maximilian  darauf  bedacht
war  alles  mit  künstlerischem  Schmucke  zu  verschönen,  zeigen  die  prachtvollen.
Geschütze,  welche  jetzt  vor  dem  Münchener  Heeresmuseum  aufgestellt  sind.

Aber  nicht  nur  an  Werken  des  Friedens  sondern  auch  an  Taten  des
Krieges  war  seine  Regierung  leider  sehr  reich.  Das  erste  Mal  ergriff  Maximilian
  die  Waffen,  als  in  der  Reichsstadt  Donauwörth  eine  katholische
Prozession  gestört  und  sein  Gesandter  von  der  protestantischen  Mehrheit  der
Stadt  verhöhnt  worden  war.  Er  besetzte  1607  das  geächtete  Donauwörth  mit
der  Zustimmung  Kaiser  Rudolfs  II.  und  machte  es  zur  bayerischen  Landstadt.

Nachdem  die  katholischen  Fürsten  sich  1609  in  der  Liga  vereinigt  hatten,
wurde  Maximilian  zum  militärischen  Haupt  derselben  erwählt;  sein  Vetter,
Kurfürst  Friedrich  IV.  von  der  Pfalz,  stand  an  der  Spitze  der  protestan-
        <pb n="138" />
        —  129  —

tischen  Union.  Noch  unter  Kaiser  Matthias  (1612—1619)  brach  der  verderbliche
  Dreißigjährige  Krieg  (1618—1648)  aus  und  zwar  begann
er  in  Böhmen.  Nach  des  Kaisers  Tod  wählten  hier  die  Stände  nicht  den
Kaiser  Ferdinand  II.  (1619—1637),  sondern  den  Kurfürsten  Friedrich  V.
von  der  Pfalz  zu  ihrem  König.  Maximilian  rückte  mit  der  Armee  der  Liga
in  Böhmen  ein  und  Tilly  gewann  1620  über  den  „Winterkönig“  einen  ebenso
raschen,  wie  vollständigen  Sieg  am  Weißen  Berge  bei  Prag.  Zum  Andenken
an  denselben  ließ  Maximilian  die  Mariensäule  zu  München  errichten.  Auf
dem  Reichstage  zu  Regensburg  1623  wurde  Maximilian  vom  Kaiser  mit  der
Kurwürde  auf  Lebenszeit  belehnt.  Im  Jahre  1628  erhielt  er  den  größten
Teil  der  Oberpfalz  mit  Cham  und  die  Pfalz  rechts  des  Rheins.

Nach  dem  Siege  über  den  Dänenkönig  Christian  IV.  bei  Lutter  am
Barenberge  bezwang  Tilly  1631  Magdeburg.  Nun  aber  begann  sein  Glücksstern
  rasch  zu  erbleichen.  Am  16.  September  1631  entriß  dem  greisen
Schlachtenmeister,  der  mehr  als  20  Schlachten  siegreich  geschlagen,  der
junge  Schwedenkönig  Gustov  Adolf  bei  Breitenfeld  unweit  Leipzig  den
Sieg;  die  alte  spanische  Taktik,  die  Tilly  unter  den  Fahnen  des  Herzogs
Alba  erlernt  hatte,  erlag  der  neuen  Kriegskunst,  welche  auf  leichtere  Beweglichkeit
  der  Truppenkörper  ihre  Pläne  gründete.  Es  war  einer  der  entscheidenden
  Tage  für  das  Weltgeschick.  Das  protestantische  Deutschland
war  mit  einem  Schlag  gerettet  und  der  von  bayerischen  Reitern  aus  seiner
Hauptstadt  Prag  verjagte  Friedrich  hatte  die  Genugtuung,  im  Gefolge
des  siegreichen  Schwedenkönigs  mit  anzusehen,  wie  die  Ratsherren  der
bayerischen  Hauptstadt,  auf  dem  Gasteig  kniend,  dem  Schweden  die  Schlüssel
der  Stadttore  überreichten.  Am  17.  Mai  1632  zog  Gustav  Adolf  in  München
ein;  der  Kurfürst  konnte  mit  den  Trümmern  seines  geschlagenen  Heeres
nichts  tun  um  die  getreue  Stadt  zu  retten.  Gustav  Adolf  forderte  eine  unerschwingliche
  Kriegssteuer,  trat  aber  sonst  nicht  als  strenger  Eroberer  auf,
vermutlich,  weil  er  sich  schon  als  das  künftige  Haupt  des  Deutschen  Reiches
betrachtete.  Allein  seine  großen  Pläne  gingen  bald  mit  ihm  selbst  zu  Grabe;
die  Schlacht  bei  Lützen  am  16.  November  1632  brachte  ihm  die  tödliche
Kugel.  Jetzt  begann  die  schrecklichste  Zeit  des  Krieges,  der  immer  mehr
in  planloses,  wildes  Morden  und  Rauben  ausartete.  Die  Bayern  zeichneten
  sich  in  manchen  Gefechten  aus  unter  Johann  Mercy  und  Tillys
Landsmann,  dem  kühnen,  abenteuerlichen  Johann  von  Werth,  der  die
Schlacht  bei  Nördlingen  1634  zum  Nachteile  der  Schweden  entschied.  Diese
hätten  nun  unser  Vaterland  verlassen  müssen,  wenn  sie  nicht  an  Frankreich,
welches  Deutschland  noch  mehr  verderben  wollte,  offene  Unterstützung
gefunden  hätten.  Mercy  siegte  bei  Tuttlingen  und  Mergentheim,  fiel  aber
bald  darauf  selbst  1645  in  der  Schlacht  bei  Alerheim  im  Ries,  wo  die  Bayern
vor  den  Franzosen  zurückweichen  mußten.  Diese  drangen  nun  mit  den  Schweden
  in  Bayern  ein  und  hausten  dort  mit  unerhörter  Grausamkeit.  Kurfürst
Max  befreite  1647  durch  den  Abschluß  eines  Waffenstillstandes  das  Land  von
dem  gräßlichen  Drucke  der  zügellosen  Feinde.

Endlich  erscholl  die  Kunde  von  dem  Frieden,  der  in  Westfalen
zu  Münster  und  Osnabrück  abgeschlossen  wurde  (1648).  Maximilian

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  9
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        —  130  —

durfte  die  Oberpfalz  und  die  Kurwürde  als  erbliches  Lehen  behalten.  Die
Rheinpfalz  aber  erhielt  Karl  Ludwig,  der  Sohn  Friedrichs  V.,  als  neu—
errichtete  achte  Kur.

Die  Folgen  des  Krieges  waren  furchtbar.  Das  Deutsche  Reich  war
zugrunde  gerichtet,  der  Kaiser  seiner  Macht  und  seines  Ansehens  beraubt.
Zwei  Dritteile  der  Bevölkerung  waren  ausgestorben.  Handel  und  Gewerbe
lagen  vollständig  darnieder;  die  Werkstätten  standen  leer.  Entlassene  Soldaten
  zogen  bettelnd  und  stehlend  im  Lande  umher;  Räuber  und  Raubtiere
machten  die  Gegenden  unsicher.  Die  Dörfer  waren  in  Schutthaufen  verwandelt;
  das  Vieh  fehlte,  die  Obstbäume  waren  verschwunden;  vorher
brühende  Fluren  lagen  als  Unkrautflächen  da.  Es  bedurfte  des  angestrengtesten
  Fleißes  und  des  innigsten  Gottvertrauens  unserer  Ahnen  um  die  schweren
  Schäden  zu  heilen.

Maximilian  hatte  den  ganzen  Krieg  durchlebt.  Das  Leid  seiner  Untertanen
  ging  ihm  tief  zu  Herzen;  nach  Kräften  suchte  er  ihnen  fördernd  beizustehen.
  Als  ein  Greis  von  79  Jahren  beschloß  er  im  Jahre  1651  sein
taten=  und  ruhmreiches  Leben.

Nach  Stieve,  Max  Britzelmayr  und  Karl  Theodor  Heigel.

67.  Die  Landesverteidiger.

Im  spanischen  Erbfo  gekrieg  (1701—1714)  standen  die  Bayern  auf
der  Seite  Frankreichs.  Die  vereinigten  Bayern  und  Franzosen  wurden
aber  in  der  Schlacht  bei  Höchstädt  (1704)  so  entscheidend  geschlagen,  daß
der  Kurfürst  Max  Emanuel  über  den  Rhein  fliehen  mußte  und  Bayern
von  den  Osterreichern  besetzt  wurde.  Das  bayerische  Volk  mußte  fast  unerschwingliche
  Kriegslasten  tragen.  Bürger  und  Bauern  verarmten.  Dazu
kam,  daß  12.000  junge  Bayern  ausgehoben  und  in  die  österreichische  Armee
gesteckt  wurden.  Da  ging  die  Losung  durchs  Land:  „Lieber  baherisch
sterben,  als  österreichisch  verderben!“  llberall  sammelten  sich  zur  Befreiung
  Bayerns  streitbare  Männer.  Sie  nannten  sich  Landesverteidiger.
Namentlich  waren  es  die  Oberländer  Bauern,  welche  in  Begeisterung  für
ihren  Landesherrn  die  Hauptstadt  von  den  Feinden  befreien  wollten.  Mitten
im  Winter  eilten  gegen  5000  Mann  nach  München.  Ihr  Anführer  war  der
französische  Hauptmann  Gauthier.  Bei  Schäftlarn  ordnete  er  die  Schar
und  brach  am  Abend  vor  der  Christnacht  1004  gegen  München  auf.  Die
Bürger  der  Stadt  waren  im  Einverständnis  mit  den  Landesverteidigern.

Es  war  schon  elf  Uhr  vorüber,  als  der  Vortrab  der  Oberländer  Bauern
hinter  Harlaching  herankam  und  in  die  Spitzen  des  Tannenwaldes  vorrückte,
welcher  damals  noch  weit  gegen  das  Giesinger  Bergkirchlein  und  die  wenigen
um  dasselbe  gescharten  Wohnhäuser  heranreichte.

Gauthier  hatte  den  Befehl  erlassen  nur  mit  der  äußersten  Behutsamkeit
  vorzugehen  und  alles  unnötige  Geräusch  zu  vermeiden.  Als  aber  die
ersten  Schützen  gegen  die  Felder  vorrückten  und  eine  Schar  von  Reitern
gewahrten,  welche  hinter  Giesing  Posten  gefaßt  hatten,  waren  Befehl
        <pb n="140" />
        —  131  —

und  Vorsicht  im  Ungestüm  der  Kampfbegierde  vergessen  und  die  ersten
Schüsse  knallten  verräterisch  durch  die  Nacht.  Mit  Jubelgeschrei  sahen  die
Schützen  einige  der  Reiter  stürzen,  die  übrigen  aber  abschwenken  und  in
die  Nacht  davonsprengen.  Im  Sturmschritt  und  in  gedrängten  Haufen
ging  es  den  Giesinger  Berg  hinab,  dann  längs  desselben  unter  den  kur—
fürstlichen  Jagdhäuseln  bis  an  das  Paulanerkloster  hin;  bei  diesem  sollte
die  erste  Abteilung  der  Münchener  stehen  und  die  Ankommenden  empfangen.

„Wer  da?“  rief  es  hin,  und  „Bayerische  Landesverteidiger!“  scholl
es  zurück.  Es  war  die  streitbare  Schar  der  Zimmerleute  aus  der  Vorstadt
Au,  welche  mit  Schurzfell  und  Beil  sich  bereit  hielten,  falls  man  ihrer
bedürfen  sollte  beim  Brückensturme.  Unangefochten  erreichte  man  das
Ende  der  Vorstadt.  Der  Brückeneingang  war  unbesetzt;  drüben  ragte
der  rote  Turm,  ein  viereckiges,  festgefügtes  Gebäude,  unheimlich  herüber;
nichts  regte  sich  als  die  Wellen  der  Isar.

Geräuschlos  wie  Schatten  harrten  die  Landesverteidiger  der  entscheidenden
  Stunde  und  des  Zeichens  zum  Angriffe.  Jetzt  kündeten  von  den
Türmen  der  Stadt  die  Uhren  die  Mitternachtsstunde  —  dann  war  es  wieder
still.  Kein  Glockengeläute  rief  zur  Mette;  kein  Feuerzeichen  stieg  über  den
finstern  Giebeln  empor  um  zu  verkünden,  daß  die  Genossen  bereit  seien
die  Befreier  zu  empfangen.  Immer  langsamer  verstrichen  den  Harrenden
die  Augenblicke  und  jede  Viertelstunde  schien  sich  zu  einer  Ewigkeit  zu  erweitern;
  immer  unruhiger,  immer  ängstlicher  schlugen  die  Herzen  und  ein
unheimliches  Geflüster  durchlief  die  Reihen.  „Was  hat  das  zu  bedeuten?“
hieß  es.  „Nun  sind  wir  da  —  und  nun  lassen  uns  die  Bürger  im  Stiche?“
Es  war  aber  nur  ein  einziger  Augenblick  des  Zagens,  der  die  Gemüter  beschlich;
  im  nächsten  ward  es  allen  klar,  daß  die  Münchener  sicherlich  nicht
wortbrüchig  geworden  waren;  daß  es  also  nur  die  Gewalt  sein  konnte,
die  sie  verhinderte.  Ein  riesenhafter  Mann,  welcher  mit  den  Auer  Zimmerleuten
  zuvorderst  stand  —  der  Volksmund  nennt  ihn  den  Kochler  Schmiedbalthes
  —  gab  den  Ausschlag.  Mit  hochgeschwungener  Eisenkeule  rief  er:
„Was  besinnen  wir  uns  lange!  Worthalten  heißt's.  Vorwärts,  Kameraden!
Mutter  Maria,  steh  uns  bei!“

Voran  stürmten  die  Scharen,  die  Zimmerleute  an  der  Spitze.  Aber
so  still  es  im  Roten  Turme  gewesen,  schien  man  die  Ankommenden  trotzdem
erwartet  zu  haben;  denn  kaum  hatten  die  ersten  Reihen  die  Brücke  betreten
als  es  aus  allen  Turmluken  aufblitzte  und  große  und  kleine  Kugeln  in  die
dichtgedrängte  Menge  todbringend  einschlugen.  Viele  stürzten;  mancher,
unfähig  sich  zu  halten,  taumelte  über  das  niedere  Geländer  in  den  Fluß
hinab.  In  der  ersten  Verwirrung  stockte  der  Anlauf;  aber  die  Vordersten
hatten  schon  den  Turm  selbst  erreicht:  gewaltsam  dröhnten  und  schmetterten
die  mächtigen  Zimmermannsbeile  an  das  Tor.  Die  Eichenbohlen  des
Tores  vermochten  in  die  Länge  den  Hieben  nicht  zu  widerstehen;  krachend
stürzten  die  Flügel  nach  innen.  Jedoch  den  darüber  Eindringenden  blitzte
ein  noch  stärkerer  Kugelregen  entgegen:  die  Kaiserlichen  hatten  sich  im
Torwege  geschart  und  ein  wütendes  Handgemenge  begann.  Da  waren
die  Keulen,  die  Axte  und  Morgensterne  an  ihrem  Platze;  gegen  sie  fruchtete
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        —  132  —

kein  Widerstand:  ehe  eine  halbe  Stunde  vergangen  war,  lag  die  Turmbesatzung
  erschlagen  und  die  Landesverteidiger  stürmten  dem  inneren,  dem  eigentlichen
  Isartore  zu.  Eine  kleinere  Abteilung  schwenkte  rechts  gegen  das
„Kosttörl“  ab,  das  die  Bürger  zu  öffnen  versprochen  hatten.  Am  Isartore
erwartete  die  Bauern  ein  weit  furchtbarerer  Widerstand.  Die  Brücke
über  den  Graben  war  aufgezogen  und  es  galt  nun  vor  allem  sie  niederzuzwingen.
  Während  einzelne  versuchten  durch  den  Graben  zu  schwimmen,
um  an  den  Mauern  emporzuklimmen  und  die  Brückenseile  zu  durchhauen,
beschränkten  sich  die  meisten  Schützen  darauf  mit  ihrer  nie  fehlenden  Kugel
die  Mauern  von  der  Besatzung  zu  säubern;  auch  die  beiden  im  roten  Turme
erbeuteten  Geschütze  wurden  herbeigeschleppt  und  man  begann  das  Tor
zu  beschießen.  Schon  war  es  einigen  Waghälsen  gelungen  in  der  Tiefe
des  Grabens  mit  Leitern  an  Turm  und  Mauern  zu  gelangen,  und  der  begeisterten
  Todesverachtung  der  Bauern  hätten  auch  diese  Bollwerke  nicht
mehr  auf  lange  zu  widerstehen  vermocht.

Da  dröhnte  von  fern  ein  Kanonenschuß  durch  die  Nacht.  Im  Rücken
der  Stürmenden  begann  es  unruhig  zu  werden;  das  entmutigende  Fluchwort:
  „Verrat,  Verrat!“  wurde  immer  lauter,  immer  häufiger.  Das
ganze  Vorhaben,  hieß  es,  sei  den  Kaiserlichen  haarklein  verraten  gewesen;
der  Kriechbaum  und  der  Wendt  seien  von  Anzing  da  und  stünden  den  Angreifern
  im  Rücken.  Vergebens  bemühten  sich  die  Führer  ihre  Leute  zu
halten  und  anzuspornen.  Vom  Gasteig  begannen  die  Kugeln  Wendts
unter  den  Bauern  einzuschlagen;  das  Geschrei  im  Rücken  von  der  Brücke
her  wurde  immer  lauter  und  wilder;  die  Besatzung  der  Landesverteidiger
im  Roten  Turme  wurde  aus  diesem  gedrängt  und  warf  sich  auf  die  übrigen;
schon  sah  man  die  Säbel  der  Panduren  über  den  hintersten  blinken;  da  fiel
auch  die  Brücke  des  Isartores  herab;  die  Kaiserlichen  fielen  wütend  aus  und
von  zwei  Seiten  drohte  der  treuen  Schar  das  Verderben.

Ungeübt  in  regelmäßigem  Kampfe,  weit  schwächer  an  Zahl  und  ungleich
  an  Waffen,  vermochte  diese  nicht  Stand  zu  halten;  aber  sie  floh  nicht.
Mannhaft,  geschlossen,  immerfort  fechtend,  zogen  sich  die  Landesverteidiger
Schritt  um  Schritt  zurück,  in  ihrer  Mitte  Gauthier,  überall  der  Erste,  wo“
die  Gefahr  am  höchsten  war,  über  ihren  Häuptern  die  Marienfahne.  So
zogen  sie  sich  längs  der  Isar  bis  an  die  Thalkirchner  Fluren  hin,  aber  nur  um
neuen  Feinden  zu  begegnen.  Eine  Abteilung  Panduren  war  oberhalb
über  den  seichten  Fluß  gegangen  und  fielen  jetzt  in  die  Flanke;  so  von  allen
Seiten  umschwärmt  und  gedrängt,  schwankte  die  immer  kleiner  werdende
Schar  dem  Höhenzuge  von  Sendling  zu.

Die  zweite  Abteilung  der  Bauern,  welche  auf  dem  linken  Ufer  der
Isar  gegen  München  vorgerückt  war,  hatte  lange  vergeblich  vor  dem  Sendlingertor
  auf  die  verabredeten  Zeichen  gewartet.  Als  diese  ausblieben,
vom  Isartore  aber  das  Schreien  und  Schießen  herüberhallte,  unternahmen
sie  einen  Angriff  auf  das  ebenfalls  durch  Graben  und  Zugbrücke  gedeckte
Tor.  Eine  Abteilung  des  Wendtschen  Korps  aber,  die  bei  Föhring  über
die  Isar  gegangen  war  und  die  Stadt  umzingelt  hatte,  faßte  sie  von  der
Seite  und  zwang  sie  nach  hartnäckigem  und  blutigem  Gefechte  zum  Rückzug.
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        —  133  —

Der  die  Straße  beherrschende  Sendlinger  Kirchhof  erschien  vollkommen
geeignet  diesen  zu  decken;  er  war  rasch  besetzt  und  die  Straße  durch  einen
Verhau  abgesperrt.  Gauthier  kam  mit  dem  Reste  seiner  Schar  eben  recht
sich  mit  ihnen  zu  vereinigen.  Es  schlug  sieben  Uhr  auf  dem  Turme  der
Dorfkirche;  aber  es  war  fast  noch  vollständig  finster;  denn  die  Winternacht
weicht  langsam  und  spät  von  den  Fluren  der  Hochebene.

Ein  neuer,  letzter  Kampf  begann,  kurz  und  hoffnungslos.  Die  überlegene
  Zahl  der  Feinde  hatte  nämlich  auch  von  der  Landsberger  Straße
her  die  Anhöhe  umgangen  und  umringte  nun  die  Bauern.  Da  der  Verhau
unhaltbar  geworden,  verblieb  diesem  keine  andere  Schutzwehr  als  die  Mauer
des  Kirchhofes.  In  einem  Winkel  desselben  stand  bald  der  letzte  Rest  der
Kämpfer  um  Gauthier,  darunter  vierunddreißig  Mann  von  den  wackeren
Auer  Zimmerleuten  und  ein  letztes  Häuflein  derer  aus  Lenggries,  Tölz
und  Jachenau.

Sie  erlagen  Mann  für  Mann  als  Helden  dem  vielfach  überlegenen
Feinde.

Trotz  dieser  Niederlage  dauerte  der  Aufstand  fort.  Bei  Aidenbach
in  der  Nähe  von  Vilshofen  erfolgte  1706  der  letzte  Kampf.  Auch  hier
unterlagen  die  Landesverteidiger  der  österreichischen  Ubermacht.  Ein  strenges
Strafgericht  erging  über  Bayern.  Viele,  die  sich  am  Aufstand  beteiligt,
traf  die  Todesstrafe,  andere  wurden  in  das  Gefängnis  geworfen.  Das  Volk
mußte  alle  Waffen  abliefern.  Die  bayerischen  Grenzgebiete  wurden  von
dem  Kaiser  verschenkt  und  erst  im  Jahre  1714  erhielt  Max  Emanuel  sein
Land  wieder.  Nach  Schmid  und  Max  Britzelmayer.

68.  Marimilian  III.  Joseph  von  Bayern.
(1745—1777.)

Auf  Karl  Albrecht,  den  von  1742—45  die  deutsche  Kaiserkrone  schmückte,
folgte  auf  dem  kurfürstlichen  Thron  sein  Sohn  Maximilian  III.  Joseph.

Der  edle  Fürst  war  nach  Kräften  bemüht  die  Wunden  zu  heilen,  die
der  Osterreichische  Erbfolgekrieg  seinem  Lande  geschlagen.  Vor  allem  strebte
er  nach  möglichster  Sparsamkeit  im  Hof=  und  Staatshaushalte.  Um  die
Lasten  des  Volkes  zu  erleichtern,  wurde  der  Hofstaat  und  das  Militär  vermindert
  und  aller  Prunk  abgeschafft.

Ein  Hauptaugenmerk  richtete  der  ebenso  einsichtsvolle  als  wohlwollende
Fürst  auf  die  Hebung  der  Landwirtschaft  und  der  Gewerbe,  des  Handels
und  Verkehrs  sowie  auf  die  Förderung  der  geistigen  Wohlfahrt  der  Bevölkerung.
  Zunächst  suchte  er  durch  seinen  früheren  Erzieher  Ickstadt
die  Universität  Ingolstadt  zu  heben.  Mit  Wärme  unterstützte  die  Regierung
die  Bestrebungen  zur  Hebung  des  Volksschulwesens,  wobei  sich  der  Stiftskgnonikus
  Heinrich  Braun  große  Verdienste  erwarb.  Realschulen  wurden
errichtet,  den  Gymnasien  eingehende  Sorgfalt  gewidmet  und  die  Güter
des  1773  aufgehobenen  Jesuitenordens  Bildungszwecken  zugewendet.
Im  Jahre  1759  entstand  durch  die  Bemühung  der  Räte  Lorie  und  Limbrunn
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        —  134  —

die  Akademie  der  Wissenschaften  zu  München,  durch  deren  Mitglieder  vorzüglich
  das  Studium  der  vaterländischen  Geschichte  gepflegt  wurde.  Die
Feiertage  wurden  beschränkt  und  die  müßigen  Bettler  streng  zur  Arbeit
angehalten.  Zur  Verbesserung  der  Rechtspflege  arbeitete  der  gelehrte
Kreittmayr  ein  Gesetzbuch  aus.  Das  Strafgesetzbuch  war  zwar  mit  Härte
geschrieben  und  grausam  waren  die  Strafen,  welche  selbst  für  geringe  Verbrechen
  verhängt  wurden.  Doch  wäre  es  ungerecht  daraus  einen  Schluß
auf  das  Herz  des  Kurfürsten  ziehen  zu  wollen.  Selbst  eine  durch  und
durch  rechtliche  und  makellose  Natur,  wollte  er  auch  sein  Volk  sittlich
heben  und  man  mag  es  begreiflich  finden,  wenn  er  bei  der  damaligen
Verwilderung  des  Volkes  mit  seinen  Räten  in  den  Irrtum  fiel,  durch  möglichst
  strenge  Gesetze  diesen  Zweck  zu  erreichen.

Doch  war  jedwede  Härte  seinem  milden,  wahrhaft  väterlichen  Herzen
fremd  und  seine  Absichten  waren  die  reinsten  und  wohlwollendsten.  Das
bewies  er  bei  der  furchtbaren  Teuerung  von  1771  und  1772;  da  zeigte  sich
am  besten  der  unbegrenzte  Wohltätigkeitssinn  des  Kurfürsten.  Die  Hofleute
  hatten  ihm  des  Volkes  Not  verheimlicht.  Als  er  aber  eines  Morgens
aus  der  Kirche  ging,  umringte  ihn  ein  Haufen  bleicher,  abgezehrter  Menschen.
„Brot,“  riefen  sie,  „Brot,  Herr,  wir  müssen  verhungern!“  Mit  Entsetzen
vernahm  Max  Joseph  die  Schilderung  der  Hungersnot.  Er  gab  den  Bittenden
  all  das  Geld,  das  er  bei  sich  trug,  und  versprach  ihnen  fernere  Hilfe.
Und  er  hielt  Wort.  Sofort  ließ  er  das  Wild  in  den  fürstlichen  Jagden  schießen
  und  die  Kornspeicher  öffnen;  auch  ließ  er  aus  eigenen  Mitteln  Getreide
aus  Italien  bringen  um  den  hungernden  Untertanen  Brot  zu  verschaffen.

Als  am  30.  Dezember  1777  der  Kurfürst  starb,  war  es  im  Lande,  als
wäre  aus  jedem  Hause  ein  Vater  geschieden.  Nicht  höfische  Schmeichelei,
sondern  kindliche  Liebe  eines  dankbaren  Volkes  hat  ihm  den  Beinamen  des
Vielgeliebten  gegeben.

Max  Joseph  III.  war  der  letzte  Nachkomme  Ludwigs  des  Bayern;
nach  seinem  Tode  ging  die  Regierung  des  Landes  an  die  Pfälzer  Linie
über  und  Bayern  und  Pfalz  wurden  unter  Karl  Theodor  nach  mehr  als
fünfhalbhundertjähriger  Trennung  wieder  vereinigt.  dah  Vershiedenen.

69.  Kurfürst  Marimilian  Joseph  IV.,  erster  Rönig  von  Bayern.
(1799—1825.)

Mit  Karl  Theodor  war  der  Sulzbacher  Zweig  am  vielhundertjährigen.
Stamm  der  Schyren  abgestorben.  Noch  grünte  aber  das  edle  Reis  von
Pfalz-Birkenfeld  kräftig,  nun  als  des  Stammes  ungeteilter  Gipfel.

As  vor  beinahe  dritthalb  Jahrhunderten  Pfalzgraf  Wolfgang  von
Zweibrücken,  ein  Urenkel  Stephans,  des  Sohnes  Kaiser  Ruprechts  (1400
bis  1410),  den  Tod  herannahen  sah,  hat  er  sein  Land  unter  seine  Söhne  geteilt.
  Dem  einen  gab  er  Neuburg,  dem  andern  Zweibrücken,  dem  dritten
Sulzbach,  dem  vierten  Vohenstrauß,  dem  fünften  aber,  dem  jüngsten  aller,
Birkenfeld  im  Nahegau.  Dieser  hieß  Karl.  Nach  zweihundert  und  dreißig
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        —  135  —

Jahren  waren  nun  die  gesamten  pfälzischen  Häuser  vergangen.  Nur  das
Geschlecht  Pfalz-Birkenfeld,  an  Macht  und  Reichtum  das  kleinste,  blühte
noch  in  seinem  Fürsten  Maximilian  Joseph.  Dieser,  ein  Sohn  des  weisen
und  guten  Pfalzgrafen  Friedrich  Michael  von  Birkenfeld,  war  es,  auf
dessen  Haupt  die  ewige  Vorsehung  alle  Kronen  von  Pfalz  und  Bayern
vereinigt  legte.

Der  jüngste  von  seines  Vaters  Kindern,  ohne  Aussicht  und  Hoffnung
zu  einer  eigenen  Herrschaft,  war  er  dem  Kriegsstand  gewidmet  gewesen,
seine  Jugend  im  französischen  Heerdienst  verflossen.  Als  aber  Herzog  Karl
von  Zweibrücken,  sein  Bruder,  ohne  Söhne  zu  hinterlassen,  aus  dem  Leben
gegangen  war,  hatte  Maximilian  mit  Pfalz-Birkenfeld  das  Herzogtum
Zweibrücken  und  vier  Jahre  später  die  gesamte  Pfalz=  und  Bayernlande
ererbt.  An  demselben  Tage,  da  Karl  Theodor  erblaßte,  ward  Maximilian
Joseph  auf  den  Straßen  Münchens  zum  Herrn  von  Pfalz  und  Bayern  auserufen.



Viele  fürchteten  des  neuen  Herrn  Liebe  zu  den  Waffen,  unter  welchen
seine  Jugend  verstrichen  war  und  zu  denen  das  eiserne  Zeitalter  rief.  Vielen
bangte,  daß  er  wie  sein  Vorfahr  mit  Vorliebe  auf  frühere  Lande  und  Angehörige
  zurückschauen  werde.  Andere  aber,  die  der  Anmut  und  Leutseligkeit
  seines  Wesens  gedachten,  welche  er  bewiesen,  wenn  er  von  Zeit  zu
Zeit  am  Hofe  in  München  erschienen  war,  oder  die  sich  erinnerten,  wie  er
als  junger  Fürst,  noch  ohne  Hoffnung  zur  Herrschaft,  gegen  Karl  Theodor
und  Wien  für  die  Unteilbarkeit  des  bayerischen  Stammlandes  geredet  und
getan,  weissagten  bessere  Zukunft.

Nach  wenigen  Wochen  hielt  er  seinen  Einzug  in  die  Hauptstadt.  Mit
ihm  kam  seine  Gemahlin  Karoline,  eine  Fürstin  des  erlauchten  Hauses  von
Baden;  Karl  Ludwig,  sein  Sohn  aus  erster  Ehe,  ein  geistvoll,  blühender
Knabe  von  dreizehn  Jahren,  Auguste  Amalie  Luise,  Karoline  Auguste,  seine
Töchter,  in  aufblühender  Schönheit,  und  Karl,  von  den  Seinen  der  Jüngste.
So  kam  er,  ein  zärtlicher  Hausvater  unter  seinen  Kindern.  Und  als  ihn  die
Bayern  erblickten  in  seiner  stattlichen  Gestalt,  in  seinem  Antlitz  den  gemütlichen
  Biedersinn,  in  seinem  Wort  und  Wesen  die  ganze  Huld  der  alten  Fürsten
  zu  Bayern,  schloß  sich  alles  Volkes  Herz  gegen  ihn  auf  und  sprach:
„Wahrlich,  dieser  ist  Maximilian  Joseph  der  andere,  aber  im  Kreise  schöner
Kinder  glückseliger  als  der  erste!“  Er  war  es.

Doch  sturmvoll  und  mühsam  war  seiner  Herrschaft  Antritt:  das  ganze
Land  von  den  Kriegsvölkern  Osterreichs  angefüllt,  die  nun  über  den  Lech
zum  Rhein  drängten,  welchen  die  Feldherren  Frankreichs  schon  feindselig
überschritten  hatten;  das  bayerische  Heer,  zum  Schirm  des  Vaterlandes,
ohne  Ubung,  Zucht  und  Stärke;  der  Schatz  erschöpft;  die  Schuldenmenge
des  Staates  sowie  der  wahre  Ertrag  der  Gefälle  kaum  recht  bekannt;  das
Steuer-  und  Aufschlagswesen  ohne  Verhältnis  und  Ebenmaß;  die  Staatsführung
  ohne  Einheit,  Klarheit  und  Kraft,  in  vielerlei  Landesverwaltungen
zersplittert,  welche  sich  in  ehrgeiziger  Nebenbuhlerei  trennten.  Die  Staatsverfassung
  alten  Zeiten  entstammt,  mit  den  Mängeln,  ohne  die  Tugenden
ihres  Ursprungs,  anders  in  Bayern,  anders  in  der  Oberen  Pfalz,  anders
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        —  136  —

im  Herzogtum  Neuburg;  die  ständische  Landschaft  ohne  Achtung,  ohne

Wert  für  das  öffentliche  Heil;  die  Erziehung  des  Volkes  versäumt;  die  Freiheit

  der  Presse  vernichtet;  die  Bevölkerung  durch  ältere  und  neuere  Kriege,

durch  Erschwerung  der  Ehen  für  die  Grundholden,  welche,  wo  nicht  den

Namen,  doch  oft  Last  und  Schmach  noch  der  Leibeigenschaft  trugen,  durch

sensermnbariet.  der  Bauerngüter,  durch  Fesseln  des  Gewerbefleißes  gewächt.


So  fand  Maximilian  Joseph  Bayern.  Selten  empfing  ein  Fürst  aus
der  Hand  des  Schicksals  eine  schwerere  Aufgabe  des  Lebens.

Aber  unter  den  furchtbarsten  Kriegen  und  Umwälzungen  des  Weltteils,
  da  alte  Throne  und  Reiche  vergingen,  neue  emporstiegen,  nichts
blieb,  wie  es  gewesen,  gründete  er  Bayerns  Zukunft,  gab  seinem  Volke
neue  Verfassungen,  Ordnungen  und  Gesetze  und  erweiterte  die  Grenzen
seiner  Lande.  Im  siebenten  Jahre  der  Herrschaft  nahm  er  die  königliche
Krone  auf  sein  Haupt,  daß  an  ihm  in  Erfüllung  zu  gehen  schien,  was  weiland
Maria  Eleonora  von  Sulzbach  in  weissagenden  Gesichten  erblickt  zu  haben
glaubte.  Es  wird  erzählt,  die  fromme  Pfalzgräfin  habe  einst  im  großen
Spiegel  ihres  Gemachs  bei  hellem  Tage  Zeichen  und  Wunder  wahrgenommen,
  die  kein  anderes  Auge  gesehen,  und  in  der  Entzückung  ausgerufen:
„Ich  schaue  den  Stamm  der  Pfalzgrafen  und  unter  denselben  einen  herrlicher
  von  den  übrigen  glänzen,  ihn  höher  denn  alle.“

Was  Maximilian  Joseph,  der  König  Bayerns,  seinem  Volke  gewesen,
wie  er  den  Staat  neu  geordnet,  die  Gerechtigkeit  gehandhabt,  die  öffentliche
  Verwaltung  bestellt,  Kunst=  und  Wissenschaft  gepflegt,  Erziehung  und
Unterricht  vaterländischer  Jugend  gebessert,  Gewissens=  und  Denkfreiheit
geschirmt,  Glauben,  Gottesfurcht  und  Sittenstrenge  emporgehalten,  das
Heer  im  Kriege  achtbar,  das  Land  im  Frieden  blühend  gemacht  hat:  darüber
richte  du,  unbestechlicher  Ernst  der  Nachwelt!

Eins  nur  zeug'’  ich  von  ihm  in  Wahrheit:  Ich  habe  gesehen,  wie  der
königliche  Greis  sein  Volk  geliebt  hat  und  wie  das  Volk  ihm  mit  jener  rührenden
  Inbrunst  zugetan  war,  mit  der  es  einst  dem  ersten  Maximilian  Joseph
angehangen.  Das  Leiden  verhängnisschwerer  Zeiten  brach  manches
Glück  und  Herz,  nicht  diese  Liebe.  Und  wohl  von  allen  früheren  Fürstinnen
zu  Bayern  konnte  keine  sich  kindlich  freudigerer  Verehrung  von  ihren  Untertanen
  rühmen  als  Karolina,  die  königliche  Frau,  unter  den  Müttern  ihres
Landes  nie  königlicher  als  im  Kreise  ihrer  Kinder.  Heinrich  Ischokke.

70.  Deutschlands  GErhebung  im  Frühjahr  1813.

Die  Aufrufe  des  Königs,  welche  durch  das  ganze  Land  und  weit  über
dessen  Grenzen  hinaus  hallten,  brachten  im  Verein  mit  allen  vorhergegangenen
  eine  Wirkung  hervor,  die  sich  nicht  genügend  beschreiben  läßt.
Das  nachfolgende  Geschlecht  wird  davon  immer  nur  eine  schwache  Vorstellung
  haben;  man  mußte  diese  Zeit  selbst  durchlebt  haben.  Alle  Herzen
wurden  davon  bis  auf  den  Grund  erschüttert.  Auch  die  Frauen,  sonst  wenig
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        —  137  —

bekümmert  um  öffentliche  Angelegenheiten,  teilten  gleichmäßig  das  allgemeine
Gefühl.  Es  war  kein  Mann,  kein  Weib,  keine  Familie  im  ganzen  Lande,  die
nicht  schwere  Unbill  von  den  Franzosen  erlitten  hatte.  Ganz  abgesehen  von  der
allgemeinen  Schmach,  die  tief  gefühlt  wurde,  hatte  fast  jeder  persönliche
Beleidigungen  zu  rächen  und  bittere  Verluste  zu  beklagen.  Seit  beinahe
sieben  Jahren  waren  tausend  und  abertausend  Feinde  im  Lande,  die  auf
Kosten  desselben  lebten  und  denen  man  noch  eine  unerschwingliche  Kriegssteuer
  hatte  zahlen  müssen.  Des  Siegers  ÜUbermut  und  Hohn  hatte  beleidigt;
aus  Kriegstrotz  war  von  ihm  so  mancher  gemißhandelt,  nicht  wenige,  die
Widerstand  versucht,  geschlagen,  so  viele  beraubt  worden.  Beständige
Einquartierungen,  nie  aufhörende  Lieferungen  aller  Art,  immerwährendes
Liegen  auf  der  Landstraße  mit  den  Gespannen  u.  s.  w.  hatten  Bürger  und
Landmann  zur  Verzweiflung  gebracht.  Daher  in  allen  Herzen  das  eine
Gefühl,  das  schimpfliche  Joch  abzuwerfen  und  blutige  Rache  zu  nehmen;
daher  der  freudige  Entschluß,  mit  Daransetzung  des  letzten  Blutstropfens
und  des  letzten  Gutes  bis  zur  Vernichtung  zu  kämpfen;  daher  der  Aufstand
des  ganzen  Volkes  auf  den  Ruf  des  Königs.  Wie  der  Dichter  gesungen  hatte,
so  geschah  es:  „Das  Volk  stand  auf,  der  Sturm  brach  los.“  Die  Universitäten
  lösten  sich  auf,  weil  Studierende  und  Professoren  zusammen  die  Waffen
ergriffen;  die  oberen  Klassen  der  Gymnasien  wurden  leer;  die  Regierungskollegien
  und  die  Gerichtshöfe  schmolzen  zusammen;  der  Landmann  verließ
seinen  Pflug,  der  Handwerker  seine  Werkstatt,  der  Kaufmann  sein  Geschäft
um  zur  Wehr  zu  greifen.  Der  Unterschied  der  Stände  schien  vergessen;
denn  in  den  Reihen  der  Freiwilligen  stand  der  Prinz  neben  dem  Bürgersohne
  der  Städte;  die  Selbstsucht  schwieg,  es  gab  nur  ein  Gefühl,  einen
Willen.  Niemand  wollte  von  der  allgemeinen  Bewegung  zurückbleiben.
Jünglinge  unter  16  Jahren,  Männer  über  50  Jahre  stellten  sich  zur  Verfügung.
  Der  Familienvater  verließ  Weib  und  Kind.  Vater  und  Mutter,
Bräute  und  Verwandte  waren  stolz  darauf  ihre  Söhne  und  Angehörigen
im  heiligen  Kampfe  zu  wissen.  Viele  überschätzten  ihre  Kräfte,  mußten  zurückgewiesen
  werden  und  trauerten,  nicht  mitstreiten  zu  können.  Nicht
minder  zeigte  sich  das  weibliche  Geschlecht  der  großen  Sache  würdig.  Von
der  Zeitströmung  ergriffen,  wurden  manche  über  ihren  Berufskreis  hinausgeführt
  und  kämpften  in  dem  Freiheitskriege  mit.  Die  sich  zu  solchem

ußersten  nicht  entschließen  mochten,  wirkten  mit  Aufbietung  aller  ihrer
Kräfte  arbeitend  für  die  Sache  des  Vaterlandes.  Jeder  Ort  wurde  zur
kriegerischen  Werkstatt.  Das  ganze  Land  zum  Kriegslager.  Was  die  freien
Staaten  des  Altertums,  was  Rom  und  Sparta  an  Vaterlandsliebe  aufzuweisen
  haben,  es  übertrifft  nicht  das  erhabene  Gefühl,  welches  Preußen
letzt  entflammte.  Die  Flammen  dieser  Begeisterung  wuchsen  höher  und
höher  und  stiegen  auf  zu  einer  Riesenlohe,  daß  ganz  Europa  sich  daran  erwärmte.
  Nicht  anders,  als  wenn  von  jedem  Hügel  Alarm  geblasen,  der
Generalmarsch  auf  allen  Straßen  geschlagen  würde,  auf  den  Bergen  die

zeuerzeichen  gebrannt  hätten,  raffte  sich  jedermann  auf  und  griff  zu  den
Waffen.  Immer  von  neuem  klang  der  laute  Ruf  durchs  Land:  Das  Vaterland
  ist  in  Gefahr!  Begeistert  sang  Theodor  Körner:
        <pb n="147" />
        —  138  —

„Frisch  auf,  mein  Volk!  Die  Flammenzeichen  rauchen,
Hell  aus  dem  Norden  bricht  der  Freiheit  Licht.

Du  sollst  den  Stahl  in  Feindesherzen  tauchen;

Frisch  auf,  mein  Volkl!  —  Die  Flammenzeichen  rauchen,
Die  Saat  ist  reif;  ihr  Schnitter,  zaudert  nicht!“

Alle  Schichten  des  Volkes  haben  gleichmäßig  ihr  Höchstes  eingesetzt;
es  gebührt  ihnen  alle  gleiche  Ehre.

Daß  in  Preußen  jeder  nur  irgend  kampffähige  Mann  mit  Begeisterung
zu  den  Waffen  griff,  ist  nur  die  eine  Seite  der  großen  Leistung;  die  andere,
eben  so  große  war,  daß  jeder  willig  Hab  und  Gut  opferte  um  so  große  Heeresmassen
  auszurüsten  und  zu  ernähren,  und  daß  alles  Tun  und  Treiben  nur
auf  diesen  großen  Zweck  gerichtet  war.  „Große  Opfer  werden  von  allen
Ständen  gefordert  werden“,  hatte  der  König  gesagt.  Es  muß  zur  Ehre  der
Nation  ausgesprochen  werden,  daß  der  Drang  zum  Geben  gleichen  Schritt
hielt  mit  der  Freudigkeit  persönlich  in  den  Kampf  zu  gehen.  Der  Zudrang
zum  freiwilligen  Eintritt  war  so  groß,  daß  es  sehr  viele  gab,  welche  die
Ausrüstung  nicht  aus  eigenen  Mitteln  bestreiten  konnten;  auf  diese  besonder3
wandte  sich  die  Teilnahme.  Die  Zeitungen  von  Berlin,  Breslau  und
Königsberg  aus  ener  Zeit,  in  denen  diese  Gaben,  wie  sie  in  diesen  Hauptstädten
eingingen,  verzeichnet  stehen,  werden  immer  ein  schönes  Denkmal  des
Ruhmes  sein.  Und  doch  sind  diese  Aufzeichnungen  nur  ein  Teil  dessen,
was  wirklich  in  allen  Gauen  auf  den  Altar  des  Vaterlandes  gelegt  worden
ist.  Viele  wollten  gerne  geben;  aber  sie  hatten  nicht  bares  Geld  und  auf
dieses,  meinten  sie,  käme  es  allein  an.  Ihnen  mußte  gesagt  werden,  daß  in
einem  Augenblicke  wie  der  jetzige,  wo  der  Staat  nur  durch  außerordentliche
Anstrengungen  seine  Selbständigkeit  erhalten  könne,  jedes  Opfer  für  denselben
  viel  Wert  habe:  Pferde,  Vieh,  Getreide,  Futter,  ungemünztes  Silber,
Waffen,  Tuch,  Eisen,  Stiefel,  Schuhe,  Leder,  Strümpfe  u.  s.  f.;  ja  selbst
Fuhren,  Handarbeiten  u.  a.,  je  nachdem  der  eine  dieses,  der  andere  jenes
geben  oder  leisten  könne,  seien  eine  Unterstützung,  eine  Förderung  für  die
gemeinschaftliche  Sache.

Es  ist  rührend,  was  alles  hergegeben  wurde.  Das  Heiligste,  was
man  besonders  hoch  hält,  was  sonst  unschätzbar  ist,  wurde  freudig  zum
Opfer  gebracht.  Man  gab,  was  irgend  möglich  war.  Staatsdiener,  viele
im  stehenden  Heere  dienende  Offiziere  gaben  den  vierten,  selbst  den  dritten
Teil  ihres  Gehaltes,  verabschiedete  Beamte  und  Offiziere  einen  Teil  ihrer
Pension,  einige  die  Hälfte,  einige  diese  sogar  ganz.  Andere  liehen  dem
Staate  ein  kleines  erspartes  Kapital  ohne  Zinsen  während  der  Kriegszeit.
Viele  besoldeten  eine  Anzahl  Freiwilliger  im  Felde.  Mancher  einzelne
schenkte  mehrere  Tausende  von  Talern.  Berlin  allein  hat  so  viele  Freiwillige
gestellt  und  ausgerüstet,  als  erforderlich  sein  würden  um  mehrere  Infanterieund
  Kavallerie-Regimenter  daraus  zu  errichten.  So  nach  Verhältnis  in
den  Provinzen.  Neun  Prinzessinnen,  an  der  Spitze  die  hochherzige  Prinzessin
  Wilhelm  von  Preußen,  Marianne,  geborene  Prinzessin  von  Hessen-Homburg,
  gründeten  einen  Frauenverein  zum  Wohle  des  Vaterlandes  und
        <pb n="148" />
        —  139  —

erließen  einen  Aufruf  an  die  Frauen  im  preußischen  Staate.  Sogleich  gab
auch  das  weibliche  Geschlecht  alles,  worauf  es  doch  sonst  hohen  Wert  legt,
jede  Art  von  Schmuck,  jedes  Kleinod,  jedes  Ersparte.  Witwen  gaben
einen  Teil  ihrer  dürftigen  Pension  hin,  die  Armsten  doch  noch  irgend  etwas,
die  meisten  ihre  Arbeitskräfte.  Auch  die  dienende  Klasse  blieb  nicht  zurück.
—  Ein  glänzendes  Beispiel  von  Vaterlandsliebe  gab  in  Breslau  Ferdinande
v.  Schmettau,  die  zwar  ganz  arm,  aber  im  Besitze  eines  schönen,  reichen
Haares  war.  Sie  opferte  dasselbe  um  das  gelöste  Geld  den  Freiwilligen
zukommen  zu  lassen.  Ihr  Edelsinn  wurde  aber  in  ganz  unerwarteter  Weise
belohnt.  Viele  wünschten  eine  bleibende  Erinnerung  an  ihre  hochherzige
Tat  zu  besitzen.  Es  fand  daher  dankbare  Anerkennung,  als  jemand  das
verkaufte  Haar  wieder  kaufte  und  daraus  allerlei  Zieraten,  Ringe,  Ketten
u.  s.  w.  anfertigen  ließ.  Das  Verlangen  nach  einem  solchen  Stück  war  so  groß,
daß  der  Verkauf  der  Schmucksachen  nach  wenigen  Wochen  dem  Freiwilligenfoolnds
  die  Summe  von  139  Talern  eingebracht  hatte.  —  Goldene  Trauringe
  wurden  aus  allen  Gegenden  des  Landes  zu  mehreren  Tausenden  hingegeben.
  Es  war  die  Veranstaltung  getroffen,  daß  man  dafür  eiserne  Ringe
mit  der  Inschrift:  „Gold  gab  ich  für  Eisen  1813“  zurückerhielt  und  diese
Ringe  werden  in  den  betreffenden  Familien  noch  jetzt  wie  ein  Heiligtum
betrachtet.  Außer  diesem  Sinn  der  Frauen  das  Liebste  herzugeben,  zeigten
sie  sich  auch  in  unausgesetzter  Tätigkeit  für  die  gute  Sache.  Frauen  und
Mädchen  aus  allen  Ständen,  selbst  aus  den  höchsten,  nähten  Mäntel,  Hosen,
Hemden,  zupften  Wundfäden  und  strickten  mit  Emsigkeit  für  die  Freiwilligen
und  nicht  wenige  waren  es,  die  nicht  imstande  wie  andere  Geld  und  Kleinodien
  darzubringen,  auf  solche  Weise  durch  ihrer  Hände  Arbeit  dem  Vaterlande
den  innigsten  Tribut  zollten.  Später  aber  haben  sie  bei  Kranken  und  Verwundeten
  in  den  Lazaretten  und  Krankenhäusern  eine  Aufopferung  bewiesen,
  die  des  schönsten  Kranzes  wert  ist.  Überhaupt  war  das  weibliche
Geschlecht  von  einem  Feuer  für  die  Sache  des  Vaterlandes  entbrannt,
dem  an  Glanz  und  Glut  kaum  etwas  gleichkommt,  was  irgend  die  Geschichte
  berichtet.

Ohne  die  patriotischen  Beiträge  hätte  die  Bildung  der  freiwilligen
Jägerabteilungen  und  anderer  freiwilligen  Scharen  weder  den  Anfang
gewinnen  können,  den  sie  wirklich  gewann,  noch  hätte  im  Kriege  selbst
der  Bestand  derselben  erhalten  werden  können.  Ohne  den  tatkräftigen
Beistand  der  Frauen  aber  hätte  alles  nicht  so  schnell  ins  Werk  gesetzt,  später
noch  verstärkt  und  in  Vollzähligkeit  erhalten  werden  können.  Durch  ihre
Aufopferung  und  Pflege  sind  endlich  Tausende  verwundeter  und  kranker
Krieger  dem  Vaterlande  erhalten  worden,  die  in  verhältnismäßig  kurzer
Zeit  in  die  Reihen  der  Kämpfer  zurückkehren  konnten.

So  arbeitete  denn  in  Preußen  mit  Aufbietung  aller  Kraft  jeder  auf
das  gemeinsame  Ziel  hin.  Gegen  ein  ganzes  Volk  aber,  welches  mit  starkem
Willen  und  nachhaltiger  Kraft  für  seine  höchsten  Güter,  Freiheit  und  Unabhängigkeit,
  mit  Freudigkeit  und  Vertrauen  auf  seine  gerechte  Sache  in
den  Tod  gehen  will,  werden  alle  Eroberer  der  Welt  auf  die  Länge  nichts
ausrichten  können.  Naq  H.  Beitzte.
        <pb n="149" />
        —  140  —

7l.  Des  Volkes  Not.
(1813.)

Die  furchtbare  Schlacht  bei  Bautzen  kam;  der  Waffenstillstand  folgte.
Sorgenvoller  wurde  der  Blick  des  Volkes.  Ströme  von  Blut  waren  geflossen;
  das  Heer  war  zurückgedrängt;  Napoleon  schien  für  irdische  Waffen
unbesiegbar.  Und  doch,  obgleich  gerade  die  Klügsten  einige  Wochen  finster
in  die  Zukunft  schauten,  dem  Volke  erhielt  eine  richtige  Empfindung  das
Selbstgefühl  und  den  gehobenen  Entschluß.  Vertrauen  zu  Gott,  zur  guten
Sache,  zur  eigenen  Kraft  war  die  Grundstimmung.  Jeder  sah,  daß  die
preußische  Kraft  in  diesem  Feldzuge  unvergleichbar  stärker  war  als  im
unseligen  letzten  Kriege.  Nur  noch  wenig  schien  an  Stärke  zu  fehlen  und
man  warf  den  Tyrannen;  wenn  man  die  Anstrengung  noch  um  etwas  erhöhte,
  so  mochte  er  hinweggeschleudert  werden.  Die  freiwilligen  Beiträge
gingen  fort;  noch  im  Spätherbst  wurde  über  den  Empfang  quittiert.  Die
Ausrüstung  der  Landwehren  wurde  beendet;  überall  schnitt,  nähte,  pochte
der  Handwerker  für  seinen  König  und  das  Vaterland.

Und  wieder  begann  der  Drang  des  Krieges,  Stoß  und  Gegenstoß,
Flut  und  Rückschlag;  hart  drängten  die  Heere,  bald  sah  man  vom  Turme
die  Heerhaufen  der  Feinde  bald  der  Freunde  heranziehen.  Die  Städte
und  Landschaften  im  Westen  von  Berlin  und  Breslau  erfuhren  jetzt  selbst
das  Schicksal  des  Krieges.  Ach,  seine  schrecklichen  Bilder  sind  dem  Deutschen
nicht  fremd;  bis  zur  Zeit  unserer  Väter  haben  sie  fast  jedem  Geschlecht
deutscher  Bürger  die  Seele  erschüttert.

Dumpfe,  kurze  Schläge  in  der  Luft;  es  ist  ferner  Kanonendonner.
Auf  dem  Markte,  vor  den  Toren  stehen  lauschende  Haufen;  wenig  wird  gesprochen,
  halbe  Worte  mit  gedämpfter  Stimme,  als  fürchte  der  Sprecher
den  Klang  in  der  Luft  zu  übertönen.  Vom  Kranz  der  Türme,  vom  Giebel
der  Häuser,  welche  dem  Kampfplatze  zu  liegen,  spähen  die  Augen  der  Bürger
ängstlich  in  die  Ferne.  Am  Rande  des  Horizonts  liegt  es  wie  eine  weiße
Wolke  im  Sonnenlicht;  nur  zuweilen  regt  es  sich  darin,  ein  helles  Aufleuchten,
ein  dunkler  Schatten.  Aber  auf  den  Seitenwegen,  welche  aus  den  nächsten
Dörfern  von  der  Landstraße  seitab  führen,  bewegen  sich  dunkle  Haufen.
Es  sind  flüchtige  Landleute,  welche  quer  durch  das  Land  in  den  Wald  oder
in  die  Berge  ziehen.  Jeder  auf  den  Schultern,  was  er  zusammenraffte;
nur  wenige  vermögen  ihre  Habe  zu  fahren,  denn  Wagen  und  Pferde  sind
ihnen  schon  seit  Wochen  vom  Kriegsvolke  genommen;  Buben  und  Männer
treiben  mit  ängstlichem  Schlage  ihre  Herden;  laut  jammernd  tragen  die
Weiber  ihre  kleinsten  Kinder.  Und  wieder  ein  Rollen  in  der  Luft,  deutlicher,
heller.  In  wildem  Rennen  stürmt  ein  Reiter  durch  das  Stadttor  und  wieder
einer.  Die  Unsern  ziehen  sich  zurück.  Die  Haufen  der  Unsern  fahren  auseinander;
  angstvoll  rennt  das  Volk  in  Häuser  und  wieder  auf  die  Straßen;
auch  in  der  Stadt  beginnt  die  Flucht.  Laut  ertönt  Schrei,  Zuruf  und  Klage.
Wer  noch  ein  Gespann  hat,  reißt  die  Rosse  zur  Deichsel;  die  Tuchmacher
werfen  ihre  Ballen,  der  Kaufmann  die  wertvollsten  Kisten  auf  das  Geflecht,
oben  darauf  die  eigenen  Kinder  und  die  der  Nachbarn,  Zu  den  abliegenden
        <pb n="150" />
        —  141  —

Toren  drängt  Fuhrwerk  und  der  Haufen  flüchtiger  Menschen.  Ist  ein
sumpfiges  Bruchland,  schwer  zugänglich,  oder  ein  dichter  Wald  in  der  Nähe,
so  geht  die  Flucht  dorthin.  Unwegbare  Verstecke,  noch  von  der  Schwedenzeit
  her  bekannt,  werden  jetzt  wieder  aufgesucht.  Dort  sammeln  sich  große
Scharen,  enge  gedrängt;  unter  Rinder  und  Füllen  birgt  sich  der  Städter  und
der  Landmann  durch  mehrere  Tage.  Zuweilen  noch  länger.  Nach  der
Schlacht  bei  Bautzen  hauste  die  Gemeinde  Tillendorf  bei  Bunzlau  über
eine  Woche  im  nahen  Walde;  ihr  treuer  Seelsorger,  Senftleben,  begleitete
sie  und  hielt  in  der  Wildnis  auf  Ordnung;  auch  ein  Kind  hat  er  dort
getauft.

Wer  aber  in  der  Stadt  bei  seinem  Eigentume  oder  in  seiner  Pflicht
zurückbleibt,  der  ist  eifrig  die  Seinen  und  die  Habe  zu  verstecken.  Lange
ist  der  Fall  überlegt  und  erfinderisch  sind  Schlupfwinkel  ausgedacht.  Hat
gar  die  Stadt  den  besonderen  Grimm  des  Feindes  zu  fürchten,  weil  sie
durch  preußischen  Eifer  auffällig  wurde,  dann  drohen  ihr  Brand,  Plünderung,
  Verjagen  der  Bürger.  In  solchem  Falle  tragen  die  einzelnen
Mitglieder  der  Familie  das  Geld  fest  eingenäht  in  ihren  Kleidern.

Eine  angstvolle  Stunde  verrinnt  in  fiebrigem  Hoffen.  Auf  der  Straße
rasseln  die  ersten  Verkünder  des  Rückzuges,  beschädigte  Geschütze,  von
Kosaken  geführt.  Langsam  ziehen  sie  zurück;  ihre  Mannschaft  ist  unvollständig,
  von  Pulver  geschwärzt;  mehr  als  einer  wankt  verwundet.  Die
Infanterie  folgt;  Wagen  kommen,  überfüllt  mit  wunden  und  halbtoten
Kriegern.  Die  Nachhut  postiert  sich,  am  Tor  und  den  Straßenecken  den
Feind  erwartend.  Halbwüchsige  Buben  laufen  aus  den  Häusern  und  tragen
den  Kriegern  noch  zu,  wonach  sie  gerufen,  einen  Trunk,  ein  Brot;  sie  halten
den  Wunden  die  Tornister  und  helfen  bei  schnellem  Verbande.

Staubwolken  auf  der  Landstraße.  Der  erste  feindliche  Reiter  nähert
sich  dem  Tore,  vorsichtig  spähend,  den  Karabiner  auf  dem  rechten  Schenkel;
da  fällt  aus  der  Nachhut  ein  Schuß;  auch  der  Chasseur1)  feuert  seinen  Karabiner
  ab,  wendet  das  Pferd  und  zieht  sich  zurück.  Gleich  darauf  dringt
der  feindliche  Vortrab  im  schnellen  Trabe  vor;  die  preußischen  Tirailleurs2)
ziehen  sich  von  Stellung  zu  Stellung  zurück  und  feuern.  Endlich  hat  der
letzte  die  Häuserreihe  verlassen.

Leere  Straßen,  lautlose  Stille.  Auch  die  Knaben,  welche  die  preußischen
  Tirailleurs  begleitet  haben,  sind  verschwunden;  die  Vorhänge  der
Fenster  werden  herabgelassen,  die  Türen  geschlossen;  aber  hinter  Vorhang
und  Tor  spähen  ängstliche  Blicke  auf  den  heranziehenden  Feind.  Plötzlich
ein  rauher  tausendstimmiger  Ruf:  Vive  Fempereur  13)  und  wie  eine  Wasserflut
  stürzt  französisches  Fußvolk  in  die  Stadt.  Sogleich  dröhnen  die  Kolbenschläge
  an  den  Haustüren;  öffnet  sich  eine  Türe  nicht  schnell,  so  wird  sie
zornig  erbrochen.  Und  nun  folgt  der  wüste  Streit,  welchen  der  schutzlose
Bürger  mit  dem  gereizten  Feinde  auszumachen  hat,  unerschwingliche

 

 

)  sprich:  Schafför  =  franz.  leichter  Reiter.  5  sprich:  Tirailjör  =  in
zerltreuter  Ordnung  fechtende  Schützen.  )  sprich:  Wiw  lamp'rör  =  Es  lebe  der
aiser!
        <pb n="151" />
        —  142  —

Forderungen,  Drohung,  nicht  selten  Mißhandlung  und  Todesgefahr,  über—
all  Geschrei,  Jammern  und  Gewalttat.  Schränke  und  Truhen  werden  er—
brochen,  Wertvolles  und  Wertloses  geraubt,  verdorben,  zerschlagen,  am
meisten  bei  solchen,  welche  geflohen  sind,  denn  die  Habe  ihres  ungastlichen
Hauses  ist  nach  Soldatenbrauch  dem  Eindringenden  verfallen.  Die  Behörden
  der  Stadt  werden  auf  das  Rathaus  geschleppt  und  über  die  Quartiere
  der  Truppen,  über  Lieferung  von  Lebensmitteln  und  Fourage  1)  und
über  eine  unmögliche  Kontribution,?))  welche  die  Stadt  zahlen  soll,  beginnt
die  peinliche  Verhandlung.

Können  die  feindlichen  Führer  nicht  durch  Geschenke  befriedigt  werden
oder  soll  die  Stadt  eine  Strafe  erhalten,  so  werden  angesehene  Einwohner
zusammengetrieben,  festgehalten,  bedroht,  vielleicht  beim  Aufbruche  als
Geiseln  fortgeführt.  Lagert  ein  größeres  Korps  um  die  Stadt,  so  biwakiert?)
auch  wohl  ein  Bataillon  auf  dem  Markte.  Schnell  ist  der  Franzose  eingerichtet;
  aus  den  Vorstädten  hat  er  sich  Stroh  herbeigeholt,  die  Lebensmittel
  hat  er  unterwegs  geraubt;  zum  Brennholz  zerschlägt  er  Türen  und
Möbelz;  häßlich  dröhnt  das  Krachen  der  Axte  in  den  Balken  und  Schränken.
Hell  flackern  die  Lagerfeuer  auf;  lautes  Lachen,  französische  Lieder  klingen
um  die  Flammen.

Und  zieht  am  Morgen  nach  einer  Nacht,  die  der  Bürger  ängstlich  durchwachte,
  der  Feind  wieder  ab,  dann  sieht  der  Städter  erstaunt  die  schnelle
Verwüstung  in  der  Stadt  und  vor  dem  Tore  die  plötzliche  Verwandlung
der  Landschaft.  Das  unabsehbare  Getreidemeer,  welches  gestern  um  seine
Stadtmauern  wogte,  ist  verschwunden,  von  Roß  und  Mann  zerwühlt,
niedergestampft,  zertreten;  die  Holzzäune  der  Gärten  sind  zerbrochen,
Sommerlauben,  Gartenhäuser  abgerissen,  Fruchtbäume  abgehauen.  In
Haufen  liegt  das  Brennholz  um  die  erlöschenden  Wachtfeuer;  der  Bürger
mag  darin  die  Bretter  seines  Wagens,  die  Tore  seiner  Scheuer  finden;
kaum  erkennt  er  die  Stelle,  wo  sein  eigener  Garten  war;  denn  mit  Lagerstroh
und  wüstem  Unrat,  mit  dem  Blut  und  Eingeweide  geschlachteter  Tiere  ist
der  Platz  bedeckt.  Und  in  der  Ferne,  wo  die  Häuser  des  nächsten  Dorfes
aus  dem  Baumlaube  ragten,  erkennt  er  auch  die  Umrisse  der  Dächer  nicht
mehr;  nur  die  Wände  stehen  wie  ein  Trümmerhauf.

Herb  war  es  solche  Stunden  zu  durchleben,  und  auf  Tage  fiel  wohl
manchem  der  Mut.  Auch  dem  Begüterten  wurde  jetzt  schwer  den  Seinen
nur  das  Leben  zu  fristen.  Alles  war  aufgezehrt  und  verwüstet,  die  Lebensmittel
  der  Stadt  und  der  Umgegend,  und  kein  Landmann  brachte  das  Unentbehrliche
  auf  den  Markt;  weit  in  das  Land  mußte  man  senden  den  Hunger  zu
stillen.  Aber  der  Mensch  wird  bei  einer  schnellen  Folge  großer  Ereignisse
kälter,  zäher,  härter  gegen  sich  selbst;  der  starke  Anteil,  welchen  jeder  einzelne
an  dem  Schicksale  des  Staates  nahm,  machte  gleichgültiger  gegen  die  eigene
Not.  Nach  jeder  Gefahr  empfand  man  mit  Behagen,  daß  man  das  letzte,
das  Leben,  doch  gerettet.  Und  man  hoffte.  Gustav  Freytag.

1)  =  Futter  für  die  Pferde,  sprich  Furahsch.  )  =  Kriegssteuer.  )  =  lagert.
        <pb n="152" />
        —  143  —

72.  Die  Schlacht  bei  Leipzig.
(16.—18.  Oktober  1813.)

Um  Leipzig  waren  die  Krieger  versammelt.  Napoleon  hatte  ihrer
an  180  000  mit  600  Kanonen,  der  Heilige  Bund,  d.  h.  Osterreich,  Rußland
  und  Preußen,  an  250  000  mit  1000  Kanonen.  Am  16.  Cktober
begann  der  Angriff.  Ein  grauer  Herbstnebel  lag  auf  den  Feldern  und
der  Morgen  war  düster.  Gegen  neun  Uhr  wurde  es  heller  und  nun.
brachen  die  Russen  und  Preußen  los.  Es  fing  ein  so  gräßliches  Kanonenfeuer
  an,  daß  die  Erde  davon  erbebte.  In  den  Dörfern,  welche
südöstlich  von  Leipzig  liegen,  kämpfte  man  mit  großer  Erbitterung.
Napoleon  war  hier  selbst  und  ermunterte  seine  Scharen.  Sie  fochten.
auch  tapfer.  Bald  eroberten  die  Verbündeten  die  Dörfer  bald  die  Franzosen;
  es  war  ein  entsetzliches  Drängen  und  Treiben.  Endlich  stürmten
die  Russen  und  Preußen  noch  einmal  heran;  die  Franzosen  wichen,
mehrere  Regimenter  flohen.  Napoleon  sah  dies  mit  düsterem  Gesicht.
„Vor  mit  dem  Geschütz“  rief  er  und  150  Kanonen  sprengten  herbei,
hinten  nach  große  Haufen  von  Garden.  Der  Angriff  war  mörderisch;
die  Verbündeten  mubßten  einen  Augenblick  weichen  und  den  Franzosen
die  Dörfer  überlassen.  Als  der  österreichische  Feldberr  dies  sah,  liet
er  schnell  frische  Truppen  anrücken,  im  Sturmschritt  auf  die  Dörfer
losgehen  und  abermals  den  Kampf  beginnen.  Lange  wütete  man
gegeneinander,  endlich  wichen  die  Franzosen.  Sie  muhßten  zurück.
Am  Abend  standen  die  Heere  fast  auf  derselben  Stelle  wieder,  wo  sie
des  Morgens  die  Schlacht  begonnen  hatten.

Im  Norden  von  Leipzig  war  es  unterdessen  ganz  anders  ausgefallen.
  Hier  stand  Blücher  und  schlug  eine  Schlacht  für  sich,  die  man
die  Schlacht  bei  Möckern  nennt.  JNapoleon  hatte  einen  tüchtigen
General  mit  großer  Macht  gegen  den  Helden  geschickt  und  gesagt,
man  solle  Blücher  so  lange  zurückwerfen,  bis  er  mit  den  Feinden  im
Südosten  fertig  sei,  dann  wolle  er  auch  kommen  und  helfen.  Der  französische
  General  tat,  was  er  konnte.  In  Möckern  entstand  ein  grähßlicher
Kampf.  Dreimal  wurde  das  Dorf  gewonnen;  dreimal  ging  es  verloren.
Die  Franzosen  stellten  vierzig  Kanonen  in  den  Straßen  auf  und  schmetterten
  alles  nieder,  was  ihnen  nahe  kam.  Die  Reihen  der  braven  Preußen
wurden  immer  dünner.  Man  meldete  dem  General  die  Gefahr.  „Nun“,
sprach  der  brave  Horn,  „So  wollen  wir  einmal  ein  Hurra  machen!“
Und  im  Sturmlauf  läßt  er  sein  Fußvolk  auf  die  Kanonen  losgehen;  die
Franzosen  weichen;  die  Kanonen  werden  genommen.  Eine  neue  Masse
Feinde  rückt  heran.  Es  sind  die  alten  französischen  Seesoldaten,  die
schon  oft  so  große  Taten  getan  haben.  Dassprengt  Vork  mit  den  Husaren
daher.  „Vorwärts!  eingehauen!“  ruft  er.  Auf  das  Wort  stürzen  die
braven  Husaren  in  das  Getümmel,  hauen,  stechen  und  reiten  alles  nieder,
Was  ihnen  nahe  ist,  und  Schrecken  und  Flucht  kommt  über  die  Feinde.
Sie  eilen  nach  Leipzig.  Blücher  hat  an  50  Kanconen,  viele  tausend
Gefangene  und  mehrere  Siegeszeichen  gewonnen.
        <pb n="153" />
        —  144  —

Den  folgenden  Tag  wollte  Napoleon  gern  mit  den  Verbündeten
unterhandeln.  Aber  so  glatt  und  gut  auch  seine  Worte  waren,  man
glaubte  ihnen  nicht.  Er  hatte  nun  einmal  das  Zutrauen  verloren.  Am
Oktober  begann  daher  auch  der  Kampf  wieder.  Der  französische
Kaiser  hatte  seine  Soldaten  näher  zusammengezogen  und  war  dicht  an
Leipzig  gerückt.  Hier  wurde  er  nun  von  allen  Seiten  bestürmt.  Klug
und  tapfer  wehrte  er  sich;  dieser  Ruhm  muß  ihm  bleiben.  Von  einer
Anhöbe  herab,  bei  einer  Zerschossenen  Windmühle,  leitete  er  die  Schlacht;
ihm  gegenüber  hielten  auf  einem  Hügel  bei  einer  Ziegelscheune  die  Monarchen
  Friedrich  Wilhelm  III.,  König  von  Preußen,  Kaiser  Franz  II.
von  OÖsterreich  und  Kaiser  Alexander  I.  von  Rußland.  Unter  ihren
Augen  führten  die  braven  Krieger  das  große  Werk  aus.  Ein  Dorf  nach
dem  andern  wurde  den  Franzosen  genommen;  immer  schlimmer  erging
es  ihnen.  Und  siehe,  noch  war  es  nicht  Abend,  da  sprengte  der
Feldherr  Schwarzenberg  den  Hügel  heran  zu  den  drei  Herrschern  und
meldete:  „Wir  haben  gesiegt;  der  Feind  zieht  fort“.  Die  frommen
Fürsten  aber  steigen  von  den  Rossen,  beugen  ihre  Knie  vor  dem  Allmächtigen,
  welcher  die  Welt  regiert  und  mit  seiner  Gnade  bei  denen  ist,
die  auf  ihn  trauen,  heben  ihre  Hände  zum  Himmel  empor  und  beten
im  Staub  den  König  der  Könige  an.  Alle,  die  bei  ihnen  sind,  tun  ein
Gleiches.  Der  kleine  Hügel,  wo  dies  geschah,  heißt  bis  auf  den  heutigen.
Tag  der  Dreimonarchenhügel.

Als  die  dunkle  Nacht  schon  das  große  Blutfeld  bedeckte,  befandsich
  Napoleon  noch  auf  dem  Hügel  bei  seiner  Windmühle,  wo  er  sich
ein  Wachtfeuer  hatte  anzünden  lassen.  Er  hatte  seinem  ersten  Gehilfen,
Berthier  1),  die  Anordnung  des  Rückzuges  mitgeteilt  und  dieser  diktierte
Sie  an  einem  Seitenwachtfeuer  einigen  Adjutanten.  Ringsum  herrschte
tiefe  Stille.  Man  hatte  dem  von  harter  Anstrengung  der  letzten  Tage
und  noch  mehr  von  den  heftigsten  Bewegungen  des  Gemüts  erschöpften.
Herrscher  einen  hölzernen  Schemel  gebracht,  auf  welchem  er  in  Schlummer
  sank.  Hoffnung,  Furcht,  Zorn,  Ummut,  Zähneknirschen  —  was
mochte  alles  in  diesen  Tagen  das  heftige  Gemüt  erschüttert  haben!
Jetzt  saß  er,  wie  ein  Augenzeuge  ihn  gesehen,  nachlässig  auf  seinem
Schemel  zusammen  gesunken,  die  Hände  schlaff  im  Schoße  ruhend,
die  Augen  geschlossen  unter  dem  dunklen  Zelt  des  Himmels,  mitten
auf  dem  Leichenfeld,  das  er  geschaffen  hatte  und  welches  durch  die
brennenden  Dörfer  und  unzähligen  Wachtfeuer  wie  mit  verzehrenden
Flammen  besät  war.  Die  Anführer  standen  düster  und  verstummt
um  das  Feuer  und  die  zurückziehenden  Haufen  rauschten  in  einiger
Entfernung  am  Fute  des  Hügels  vorüber.  Nach  einer  Viertelstunde
erwachte  Napoleon  und  warf  einen  großen,  verwunderungsvollen  Blick
im  Kreise  um  sich  her;  dann  stand  er  auf  und  begab  sich  nach  Leipzig,
Wo  er  gegen  9  Uhr  eintraf.  .

Nach  Mitternacht,  als  der  Mond  aufging,  begann  der  Rückzug  des
ganzen  Heeres  durch  Leipzig.  Hier  war  ein  Drängen  und  Treiben

à4)  sprich:  Berthié.
        <pb n="154" />
        —  145  —

ohnegleichen.  Die  Angst  trieb  jeden  Franzosen  vorwärts.  Und  wohl
mochten  sie  nun  auch  eilen,  daß  sie  davon  kamen;  denn  die  Russen
saßen  ihnen  auf  der  Ferse.  Kaum  graute  der  Tag,  so  stürmten  die
Preußen  auf  Leipzig  los,  drangen  in  die  Stadt  und  nahmen  gefangen,
was  ihnen  vorkam.  Die  Beute  in  der  Leipziger  Schlacht  bestand  aus
400  Kanonen,  7  Adlern  und  21  Fahnen  und  gefangen  wurden  30  000
Soldaten  mit  23  Generalen.  Viel  verloren  die  Franzosen  auch  noch
auf  dem  Rückzug;  denn  in  der  Verwirrung  eilte  alles  durcheinander
und  binterher  die  Verbündeten  um  die  Angst  zu  vergrößern.  Als  Napoleon
  in  die  Gegend  von  Hanau  kam,  siche,  da  traten  ihm  die  Bayern,
welche  sich  von  ihm  losgesagt  hatten  und  zum  Bund  übergetreten
waren,  in  den  Weg  und  er  muhlte  sich  mit  vielem  Verlust  hier  durchschlagen,
  ehe  er  fortktam.  Darauf  zog  er  in  großer  Eile  von  dannen
über  den  Rhein.  Die  Sieger  aber  besetzten  alle  Länder  bis  an  diesen
Fluß,  befreiten  Holland  und  die  Schweiz  und  nahmen  den  Franzosen
eine  Menge  Festungen  in  Deutschland  ab,  welche  von  ihnen  noch  besetzt
waren.  So  herrlich  schloß  das  Jahr  1813.

Nach  Becker,  Kohlrausch  u.  a.

73.  Zudwig  l.
(1825—1848.

Ludwig  I.,  geboren  den  25.  August  1786,  studierte  in  Landshut  und
Göttingen  und  machte  große  Reisen  nach  Italien,  Frankreich  und  Spanien,
wodurch  seine  Liebe  zur  Kunst  geweckt  und  genährt  wurde.  Als  Kronprinz
  lebte  er  abwechselnd  in  Salzburg,  Innsbruck,  Würzburg  und  Aschaffenburg
  und  widmete  sich  fast  ausschließlich  den  Künsten  und  Wissenschaften.
Weil  er  sehr  sparsam  war,  konnte  er  damals  beträchtliche  Summen  auf  den
Ankauf  von  Kunstschätzen  und  auf  die  Erbauung  eines  prachtvollen  Museums
in  München,  der  Glyptothek,  zur  Aufnahme  von  Meisterwerken  der  Bildhauerkunst
  verwenden.

Mit  dem  Wahlspruche:  „Gerecht  und  beharrlich!“  trat  Ludwig  I.
am  23.  Oktober  1825  die  Regierung  an.

Seine  erste  Sorge  war  durch  weise  Sparsamkeit  die  Abgaben  der
Untertanen  zu  vermindern.  Er  selbst  ging  mit  gutem  Beispiele  voran,
vereinfachte  die  Hofhaltung  und  verwendete  das  Ersparte  zum  Besten
des  Landes.  Mit  großer  Sorgfalt  wachte  er  über  die  Erziehungs=  und
Unterrichtsanstalten  und  pflegte  Künste  und  Wissenschaften;  sehr  vieles
geschah  auch  unter  seiner  Regierung  zur  Förderung  des  Ackerbaues,  des
Handels  und  der  Gewerbe.  Die  Eisenbahn  zwischen  Nürnberg  und  Fürth
war  die  erste,  welche  in  Deutschland  angelegt  wurde  (1835).  Hohe  Erwartungen
  knüpfte  Ludwig  an  den  Kanal,  der  die  Nordsee  mit  dem  Schwarzen
  Meere  verbinden  sollte;  der  Bau  wurde  ausgeführt,  hatte  jedoch  nicht
den  gewünschten  Erfolg,  da  bald  eine  Menge  Schienenwege  der  Wasserstraße
  Konkurrenz  machten.  Was  Ludwig  auf  dem  Gebiete  der  Kunst

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  10
        <pb n="155" />
        —  146  —

ins  Dasein  rief,  übertrifft  alles,  was  vor  ihm  in  Bayern,  ja  man  kann  sagen
in  Deutschland,  geschah.  Unter  den  prachtvollen  Bauten,  die  er  aufführen
ließ,  seien  hier  nur  genannt:  der  Wittelsbacher  Palast,  die  Allerheiligenkirche,
die  Ludwigskirche,  das  Universitätsgebäude  und  die  neue  Pinakothek  in
München,  die  Walhalla  bei  Regensburg  und  die  Befreiungshalle  bei  Kelheim.
Dabei  wurde  auch  der  Armen  und  Notleidenden,  der  von  Feuersbrunst
und  Uberschwemmung  Heimgesuchten  in  keinem  Teile  des  Landes  vergessen.
Am  20.  März  1848  entsagte  Ludwig  der  Krone  und  übergab  die  Regierung
seinem  Sohne,  dem  Kronprinzen  Maximilian.  Die  Worte,  welche  er
bei  dieser  Gelegenheit  an  die  Bayern  richtete,  lauten:  „Bayern!  Ich  lege
die  Krone  nieder  zugunsten  meines  geliebten  Sohnes,  des  Kronprinzen
Maximilian.  Treu  der  Verfassung  regierte  ich;  dem  Wohle  des  Volkes  war
mein  Leben  geweiht;  —  als  wenn  ich  eines  Freistaates  Beamter  gewesen,
so  gewissenhaft  ging  ich  mit  den  Staatsgeldern  um.  Ich  kann  jedem  offen
in  die  Augen  sehen.  —  Und  nun  meinen  tiefgefühlten  Dank  allen,  die  mir
anhingen.  Auch  vom  Throne  herabgestiegen,  schlägt  glühend  mein  Herz
für  Bayern,  für  Deutschland."

Am  29.  Februar  1868  beschloß  dieser  echt  deutsch  gesinnte  Fürst  in
Nizza,  wo  er  Kräftigung  seiner  Gesundheit  gesucht  hatte,  sein  großes,  an
schönen  Taten  reiches  Leben.  Die  Leiche  Ludwigs  I.  wurde  nach  München
gebracht  und  ruht  dort  in  der  von  ihm  erbauten  Bonifaziuskirche.

Münchener  Lesebuch.

74.  Marimilian  II.
(1848—1864.)

Er  bestieg  in  einer  verhängnisvllen  Zeit  den  Thron.  Das  Lolk
war  mit  den  bestehenden  Verhältaissen  unzufrieden  und  forderte  Preßfreiheit,
  Offentlichkeit  und  Mündlichkeit  der  Rechtspflege,  Aufhebung
der  standes-  und  gutsherrlichen  Gerichtsbarkeit,  ein  neues  Gesetz
bezüglich  der  Wahl  der  Landtagsabgeordneten  und  für  Deutschland
eine  neue  staatliche  Ordnung.  Am  18.  Mai  1848  wurde  die  deutsche
Nationalversammlung  zu  Frankfurt  a.  M.  eröffnek.  Hie  arbeilete  eine
Reichsverfassung  aus  und  ernannte  den  Erzherzog  Johann  von  Esterreich
  zum  Reichsverweser.  Er  zog  am  11.  Juli  in  Frankfurk  ein.  Im
folgenden  Jahre  erwählte  die  Versammlung  den  König  Wilhelm  IV.
von  Preußen  zum  erblichen  Kaiser;  aber  dieser  nahm  die  ihm  zugedachte
  Würde  nicht  an.  Weil  Freußen  seine  Abgeordneten  abberief,
so  wurde  am  29.  Mai  1849  von  65  Abgeordneten  der  Austrift  aus
der  Lersammlung  erklärt;  der  übrige  Teil  der  Mitglieder  —  das
Rumpfparlament  —  siedelte  nach  Stuttgart  über,  wurde  jedoch  am
18.  Juni  durch  Waffengewalt  an  der  Fortsetzung  der  Beratungen
gehindert.

Maaximilian  erwarb  sich  durch  Erfüllung  vieler  Wünsche  seines
Lolkes  die  Liebe  desselben,  und  als  es  eine  Meinungsverschiedenheit
  zwischen  den  Ministern  und  den  Landtagsabgeordneten  über  die
        <pb n="156" />
        —  147  —

Auslegung  der  Verfassung  gab,  beendete  er  den  Streik  durch  die
Worte:  „Ich  will  Frieden  haben  mit  meinem  Lolke.“  Seine  landesväterliche
  Fürsorge  erstreckte  sich  auch  auf  die  äußere  Wohlfahrt  des
Landes.  Jür  die  Landwirtschaft  ward  manche  wohltätige  Verordnung
erlassen;  das  Gesetz  über  Aufhebung  und  Ablösung  der  Grundlasten
befreite  von  vielen  Abgaben  und  Leistungen,  zu  welchen  der  Besitz
von  Grund  und  Boden  verpflichtete,  z.  B.  von  den  Zehnten,  der
Gilde,  der  Hand-  und  Spannfron,  dem  Handlohn  etc.  Lollzugsvorschriften
  zum  Gewerbegesetz  suchten  die  Entwicklung  der  Industrie  zu
fördern  und  den  Ubergang  zur  Gewerbefreiheit  zu  erleichkern.  Arme
und  Notleidende  werden  noch  heute  von  dem  durch  ihn  gestifteten
„Johannisverein“  unterstützt.  Als  Freund  der  Wissenschaften  berief
Mazimilian  ausgezeichnete  Gelehrte  an  die  Hochschulen  Bayerns.
Er  ließ  Erzeugnisse  des  Kunstfleißgses  aus  früheren  Jahrhunderten
sammeln  und  in  dem  von  ihm  erbauten  Nationalmuseum  zu  Nünchen
  ausstellen.

Aber  nicht  bloß  das  Wohl  Bayerns,  auch  das  Wohl  Deutschlands
  lag  ihm  am  Herzen,  was  er  durch  die  Teilnahme  an  dem
Geschick  der  Herzogtümer  Schleswig-Holstein  bekundete,  welche  sich
aus  der  drückenden  dänischen  Herrschaft  befreien  wollten.  Zur  selben
Zeit  als  diese  Angelegenheit  ganz  Deutschland  in  Aufregung  versetzte,
  machte  der  Tod  dem  Leben  des  geliebten  Königs  ganz  unerwartet
  ein  Ende.  Seine  Regierung  war  für  Bayern  eine  Zeit  des
Glüches;  darum  bewahrt  ihm  sein  Lolk  ein  dankbares,  gesegnetes
Andenken.  Lesebuch  für  das  8.  Schulfahr.

 

75.  König  Ludwig  II.
(1864—1886).

Ludwig  II.  gelangte  unerwartet  frühe  zur  Herrschaft.  In  seine
Hand  war  wiederholt  eine  folgenschwere  Wahl  gelegt.  Noch  in  dem
Jahre  seiner  Thronbesteigung  wurde  Schleswig-Holstein  von  Preußen
und  ÖOsterreich  mit  Waffengewalt  von  der  drückenden  dänischen  Herrschaft
  befreit  und  an  diese  beiden  Mächte  abgetreten.  Da  Preubßen  die
Herzogtümer  ganz  für  sich  zu  erwerben  beabsichtigte,  so  kam  es  1866
zum  deutschen  „Bruderkrieg“,  in  welchem  Bayern  zu  Osterreich  stand.
Das  Kriegsglück  entschied  zu  Gunsten  Preußens.  Infolge  des  Krieges
16ste  sich  der  seitherige  Deutsche  Bund  auf.  Osterreich,  welches  die
Hauptschlacht  bei  Königgrätz  in  Böhmen  verlor,  mußte  aus  dem  Verbande
  mit  Deutschland  scheiden.  Die  Staaten  nördlich  des  Mains
Taten  unter  Preußens  Führung  zum  Norddeutschen  Bunde  zusammen:
die  süddeutschen  Staaten  schloßen  Schutz-  und  Trutzbündnisse  mit
Preußen  ab,  bildeten  mit  dem  Nordbunde  den  Deutschen  Zollverein
und  beschickten  das  Deutsche  Zollparlament  zu  Berlin,  welches  1868
zum  ersten  Male  zusammentrat.
        <pb n="157" />
        —  148  —

Eifersüchtig  auf  Preußens  Macht,  erklärte  der  französische  Kaiser-Napoleon
  III.  mit  frevelhaftem  Ubermute  um  eines  nichtigen  Vorwandes
  willen  am  19.  Juli  1870  an  Preußen  den  Krieg.  Die  süddeutschen
  Staaten  —  Bayern  an  der  Spitze  —  traten  entgegen  der  Hoffnung
Napoleons  als  treue  Bundesgenossen  auf  die  Seite  Preußens.  Die  deutschen
  Heere  eilten  von  Sieg  zu  Sieg  und  die  bayerischen  Truppen  unter
von  der  Tann  und  Hartmann  und  unter  dem  Oberbefehl  des  Kron-Prinzen
  Friedrich  von  Preußen  entwickelten  in  allen  Schlachten  und
Gefechten,  in  welchen  sie  beteiligt  waren,  so  bei  Weilßenburg,  Wörth,
Sedan,  Paris  und  Orleans,  heldenmütige  Tapferkeit.  Dieser  Krieg,
der  seinesgleichen  in  der  Geschichte  nicht  hat,  führte  auch  die  volle
Einigung  Deutschlands  herbei,  die  Frankreich  stets  zu  verhindern
gesucht  hatte;  denn  noch  vor  dem  Friedenschlusse  wurde  durch  den
Beitritt  der  süddeutschen  Staaten  der  Norddeutsche  Bund  zum  neuen
Deutschen  Reiche  erweitert  und  Bayerns  hochherziger  König  Ludwig  II.
trug  unter  Zustimmung  aller  deutschen  Fürsten  und  der  freien  Städte
dem  siegreichen  Könige  Wilhelm  von  Preußen  die  erbliche  Kaiserwürde
an,  worauf  dieser  am  18.  Januar  1871  im  Schlosse  zu  Verseilles  in  feierlicher
  Weise  die  Annahme  der  deutschen  Kaiserkrone  erklärte.  Damit
ging  eine  langgehegte  Hoffnung  des  deutschen  Volkes  in  Erfüllung.

Ein  besonders  freudevolles  Ereignis  in  der  Regierungszeit  Ludwigs
  II.  war  die  im  Jahre  1880  veranstaltete  Feier  des  700jährigen
Regierungsjubiläums  des  glorreichen  Hauses  Wittelsbach.  Der  König
aber  lehnte  alle  Huldigungen  und  Feste  ab,  die  ihm  persönlich  zugedacht.
waren,  und  verordnete  hochherzig,  daß  die  zur  Jubelfeier  bestimmten
Geldmittel  in  der  großartigen  Wittelsbacher  Landesstiftung  zur  Hebung
des  Handwerks  in  Stadt  und  Land  vereinigt  würden.

Indessen  war  es  dem  König  Ludwig  II.  nicht  beschieden,  bis  in
ein  höheres  Lebensalter  die  Krone  zu  tragen.  Am  Abend  des  13.  Juni
1886  fand  der  König  seinen  Tod.  Pfalzer  Lesebuch.

76.  Anteil  Bayerns  am  Veutschfranzösischen  Briege.
(1870—1871.)

Die  Einigung  Deutschlands  nach  dem  Kriege  von  1866  erschien  Napoleon
  III.,  dem  Kaiser  der  Franzosen,  welcher  bis  dahin  den  Schiedsrichter
in  Europa  gespielt  hatte,  bedrohlich.  Angetrieben  von  den  über  Preußens.
Erfolge  erbitterten  Franzosen,  führte  er  1870  durch  das  zudringliche  Vorgehen
seines  Gesandten  eine  Beleidigung  König  Wilhelms  herbei,  wodurch  der
Bruch  mit  Deutschland  erfolgte.  Da  erhob  sich  unter  den  Klängen  der
„Wacht  am  Rhein"  ganz  Deutschland  wider  den  alten  Erbfeind,  und  was
Ludwig  XIV.  und  Napoleon  I.  an  Deutschland  gesündigt  hatten,  wurde
gesühnt  durch  Frankreichs  Niederlagen.

Der  Tag  von  Weißenburg  öffnete  den  deutschen  Armeen  das  Elsaß;
der  Tag  von  Wörth  sicherte  seinen  Besitz.  Gerade  dem  dritten  Armee-
        <pb n="158" />
        —  149  —

korps,  das  die  süddeutschen  Heere  vereinigte  und  bei  welchem  die  Prinzen
des  bayerischen  Königshauses  standen,  war  es  beschieden  den  ersten  kühnen
Vorstoß  ins  Feindesland  zu  wagen;  alle  die  Bahn  versperrenden  Festungen
wurden  zur  Ubergabe  genötigt.  Auch  an  jenen  entscheidenden  Schlachttagen
  vom  30.  August  bis  zum  1.  September  hatten  die  Bayern  den  ruhmvollsten
  Anteil;  bei  Beaumont,  Bazeilles,  Balan,  Sedan  flatterten  die  weißblauen
  Fahnen.  Dem  bayerischen  General  von  Maillinger  wurde  zuerst
unmittelbar  vor  den  Mauern  der  umzingelten  Festung  Sedan  die  Meldung
gebracht,  daß  Kaiser  Napoleon  den  fruchtlosen  Kampf  aufgeben  wolle  und
bereit  sei  sich  zu  ergeben;  bayerische  Reiter  bildeten  die  Begleitung  bei  jener
denkwürdigen  Fahrt  Napoleons  nach  Donchery,  wo  Bismarck,  „der  eiserne
Kanzler“,  die  Bedingungen  der  Unterwerfung  vorschrieb.  Als  das  Ungeheuere,
  Unglaubliche  sich  vollzogen  hatte,  die  Gefangennehmung  einer  Armee
von  100  000  Mann  mit  ihrem  Herrn  und  Kaiser,  wurden  vorzugsweise
bayerische  Krieger  dazu  ausersehen  die  Gefangenen  nach  Deutschland  zu
führen;  denn  neidlos  wurde  von  allen  eingestanden,  daß  sie  im  Entscheidungskampf
  den  ersten  Kranz  errungen.

Im  beispiellos  beschwerlichen  Winterfeldzug  1870—71  bewiesen  die
Bayern  sich  in  jeder  Beziehung  als  vorzügliche  Soldaten.  Gegen  die  französische
  Armee  an  der  Loire,  die  durch  Gambetta  gleichsam  „aus  dem  Boden
gestampft“",  zum  Entsatz  der  eingeschlossenen  Hauptstadt  bestimmt  war,
wurde  General  von  der  Tann  mit  einem  aus  Bayern  und  Preußen  bestehenden
  Heere  abgeschickt.  Die  Siege  bei  Artenay  am  10.  und  bei  Orleans
am  11.  Oktober  öffneten  ihnen  die  Tore  der  Stadt  Orleans.  Zwar  mußte
sie  einige  Wochen  später  dem  an  Zahl  weit  überlegenen  Feinde  geräumt
werden;  es  folgte  der  bange  Tag  von  Coulmiers;  dann  aber,  als  durch
Vereinigung  mit  dem  Korps  des  Prinzen  Friedrich  Karl  einigermaßen  das
Gleichgewicht  der  Kräfte  hergestellt  war,  fand  ein  zweiter  Kampf  statt,
der  mit  dem  Sieg  und  dem  Wiedereinzug  in  die  Loirestadt  am  4.  Dezember
endigte.  Auch  bei  der  Belagerung  von  Paris  sprachen  die  bayerischen  Batterien
  ein  gewichtiges  Wort;  das  Plateau  von  Chatillon  wurde  von  General
Hartmann  im  Sturm  genommen.  Das  Oberkommando  ehrte  die  kühne
Leistung,  indem  es  dieser  Stellung  den  Namen  „Bayernschanze“  gab.  Bald
darauf  war  der  letzte  Wunsch  der  deutschen  Kämpfer  erfüllt.  Paris  erklärte
sich  für  besiegt  (28.  Januar  1871).  Durch  den  Triumphbogen,  den  man
von  der  Bayernschanze  aus  im  Häusermeer  hatte  deutlich  unterscheiden
können,  zogen  die  deutschen  Truppen,  darunter  die  Bayern  an  der  Spitze,
mit  klingendem  Spiele  und  fliegenden  Fahnen.

Zwar  war  der  Krieg  mit  der  Übergabe  der  Hauptstadt  noch  nicht  beendet;
  allein  der  ersehnte  Friede  konnte  nicht  mehr  lange  verzögert  werden.
Der  endgültige  Friedensschluß  wurde  am  10.  Mai  1871  zu  Frankfurt  a.  M.
vallzogen.  Aus  einem  ruhmreichen  Feldzuge  ohnegleichen  brachten  unsere
siegreichen  Heere  die  alten  Reichslande  Elsaß-Lothringen  sowie  Kaiser  und
Reich  zurück.  Nach  Karl  Theodor  Heigel.
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        —  150  —

77.  Die  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums.
(1871.)

Herrlich  war  die  Frucht  der  glorreichen  Siege  der  Jahre  1870  und
1871.  Alle  Schmach,  die  uns  Frankreich  seit  drei  Jahrhunderten  zugefügt,
war  getilgt  und  deutsche  Lande  an  unserer  Westgrenze  waren  für  Deutschland
  wiedergewonnen;  noch  herrlicher  aber  war  die  Frucht,  die  aus  dem
glücklich  beendeten  Kriege  für  den  inneren  Ausbau  unseres  Vaterlandes
hervorging,  die  Wiederaufrichtung  des  durch  Frankreichs  Gewalttätigkeit
und  Frevelmut  zertrümmerten  deutschen  Kaisertums.

Beim  Beginne  des  Krieges  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  durchdrang
  alle  deutschen  Herzen  das  lebhafte  Gefühl,  daß  der  Main  nicht  mehr
die  Grenze  zwischen  Nord=  und  Süddeutschland  bilden  dürfe,  daß  die  Staaten
des  Nordens  und  des  Südens  zu  einer  politischen  Einheit  zusammenwachsen
müßten.  Seit  dem  Jahre  1866  lebte  in  der  ganzen  Nation  nur  das  eine
Streben,  die  so  lang  erstrebte  und  durch  die  Gründung  des  Norddeutschen
Bundes  verheißungsvoll  angebahnte,  aber  noch  nicht  vollendete  Neugestaltung
  in  der  Einigung  des  gesamten  Vaterlandes  zu  verwirklichen.  Wie  das
Volk  jetzt  sich  unter  einem  obersten  Führer  und  Kriegsherrn  zur  Verteidigung
  des  vaterländischen  Bodens  erhoben  hatte,  so  wollte  es  auch  für  alle
Zukunft,  als  ein  einig  Volk  von  Brüdern,  zu  einem  staatlichen  Ganzen
fest  verbunden  sein  und  bleiben.

Schon  im  November  1870  kamen  die  Verträge  zum  Abschluß,  durch
welche  die  süddeutschen  Staaten  mit  dem  Nordbunde  sich  zu  einem  Deutschen
  Reiche  verbanden.  Als  daher  König  Wilhelm  in  den  Herrscherpalast
der  Könige  von  Frankreich  eingezogen  war,  da  richtete  der  mächtigste  der
übrigen  deutschen  Fürsten,  König  Ludwig  II.  von  Bayern,  im  Namen
sämtlicher  deutschen  Fürsten  an  das  Bundesoberhaupt  die  Bitte,  die  im
Gedächtnis  des  deutschen  Volkes  nie  geschwundene  Herrlichkeit  deutscher
Nation  durch  Erneuerung  der  Kaiserwürde  und  Übernahme  der  Kaiserkrone
zu  vollenden.  Am  18.  Dezember  nahm  König  Wilhelm  dieselbe  Bitte
von  den  Abgesandten  des  Norddeutschen  Bundes  entgegen  und  verhieß,
er  werde  sich  dem  Rufe  des  gesamten  Vaterlandes  nicht  entziehen.  So  war
denn  auf  Frankreichs  blutgetränkten  Gefilden  der  Grundstein  zum  neuen
Deutschen  Reiche  gelegt  und  der  Krieg  hatte  gerade  das  so  herrlich  gefördert
und  verwirklicht,  was  Frankreich  hintertreiben  wollte.

Am  18.  Januar  1871,  an  dem  Tage,  an  welchem  170  Jahre  vorher
Kurfürst  Friedrich  III.  von  Brandenburg  sich  die  preußische  Königskrone
aufs  Haupt  gesetzt,  in  dem  Spiegelsaale  des  Schlosses  Ludwigs  XIV.  zu
Versailles,  von  welchem  so  unheilvolle  Pläne  zur  Erniedrigung  und  Zersplitterung
  Deutschlands  ausgegangen  sind,  erklärte  König  Wilhelm  im
Kreise  deutscher  Fürsten,  Heerführer  und  Abgeordneten,  daß  er  für  sich
und  seine  Nachfolger  auf  dem  Throne  Preußens  die  deutsche  Kaiserwürde
annehme.  Ganz  Deutschland  jubelte  auf  bei  der  frohen  Kunde  und  alle
Herzen  begrüßten  mit  Preis  und  Dank  die  Worte,  mit  welchen  die  kaiserliche
  Proklamation  schloß:  „Wir  übernehmen  die  kaiserliche  Würde  in  dem
        <pb n="160" />
        —  151  —

Bewußtsein  der  Pflicht,  in  deutscher  Treue  die  Rechte  des  Reichs  und  seiner
Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu  wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands,
  gestützt  auf  die  geeinigte  Kraft  seines  Volkes,  zu  verteidigen.  Wir
nehmen  sie  an  in  der  Hoffnung,  daß  dem  deutschen  Volke  vergönnt  sein
wird,  den  Lohn  seiner  heißen  und  opfermutigen  Kämpfe  in  dauerndem
Frieden  und  innerhalb  der  Grenzen  zu  genießen,  welche  dem  Vaterlande
die  seit  Jahrhunderten  entbehrte  Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs
  gewähren.  Uns  aber  und  unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone
wolle  Gott  verleihen  allezeit  Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu  sein,  nicht
an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  Gütern  und  Gaben  des  Friedens,
auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung."

Am  21.  März  1871  wurde  der  erste  allgemeine  Deutsche  Reichstag
eröffnet.  In  der  Eröffnungsrede  sprach  Kaiser  Wilhelm  I.  in  Demut  den
Dank  gegen  Gott  aus  für  die  weltgeschichtlichen  Erfolge,  mit  denen  seine
Gnade  die  Eintracht  der  deutschen  Bundesgenossen,  den  Heldenmut  und
die  Mannszucht  der  Heere  und  die  opferfreudige  Hingebung  des  Volkes
gesegnet  hatte,  und  schloß  dann  mit  den  Worten:  „Möge  die  Wiederherstellung
  des  Deutschen  Reiches  für  die  deutsche  Nation  auch  nach  innen  das
Wahrzeichen  neuer  Größe  sein!  Möge  dem  deutschen  Reichskriege  ein  nicht
minder  glorreicher  Reichsfriede  folgen  und  möge  die  Aufgabe  des  deutschen
Volkes  fortan  darin  beschlossen  sein,  sich  in  dem  Wettkampfe  um  die  Güter
des  Friedens  als  Sieger  zu  erweisen!  Das  walte  Gott!“

Der  innere  Ausbau  des  Reiches  machte  rasche  Fortschritte.  Die  Gesetggebung
  und  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  wurde  auf  das
ganze  Reich  übertragen;  einheitliches  Maß-,  Gewichts=  und  Münzsystem
ward  eingeführt.  Elsaß  und  Deutschlothringen  wurden  deutsche  Reichslande
  und  erhielten  ihre  eigene  kaiserliche  Verwaltung.  Straßburg,  der
alte  Sitz  deutscher  Kunst  und  Wissenschaft,  erhielt  eine  glänzend  ausgestattete
  Universität.

Das  Deutsche  Reich,  das  in  seinem  Innern  auf  den  Gebieten  der
Kunst  und  Wissenschaft,  des  Ackerbaues,  des  Handels  und  der  Gewerbe  einen
herrlichen  Aufschwung  genommen,  steht  in  einer  Wehrhaftigkeit  und  Machtfülle
  da  wie  nie  zuvor,  so  daß  sich  ihm  kein  anderes  an  die  Seite  stellen  kann.

Möge  unser  teures  deutsches  Vaterland  in  seiner  aus  blutiger  Saat
erwachsenen  Neugestaltung  unter  Gottes  Gnade  die  Segnungen  des  Friedens
  genießen,  einig  im  Innern  und  stark  nach  außen!  Möge  in  unserer
Jüugend  für  alle  Zukunft  der  Geist  fortleben,  der  die  Kämpfer  des  letzten
Krieges  von  Sieg  zu  Sieg  führte:  der  Geist  der  Frömmigkeit,  der  Tapferkeit
und  der  Treue!  L.  Stacke.

78.  Prinz-Regent  Tuitpold.
.  (1886—1912.)
Ein  gutiges  Geschick  leitete  den  Prinzen  Luitpold  durch  ein
langes  Leben  und  hieß  ihn  in  den  Jahren,  da  andere  sich  unter  der

Last  des  Alkers  beugen,  die  Zügel  der  Regierung  ergreifen,  als  sein  königlicher
  Neffe  Ludwig  ll.  1886  unerwartek  aus  dieser  Zeitlichkeit  schied.
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        —  152  —

In  der  Residenz  zu  Würzburg,  einem  der  schönsten  und  großartigsten
  Fürstenschlösser  Deutschlands,  erblickte  Prinz  Tuitpold  als
der  dritte  Sohn  des  damaligen  Kronprinzen  und  nachherigen  Königs
Ludwig  l.  am  12.  März  1821  das  Licht  der  Welt.  Er  erhielt  wie
alle  seine  Geschwister  eine  sehr  sorgfältige  Erziehung  und  Ausbildung,
welche  der  Later  persönlich  überwachte.  Aus  Neigung  und  Vorliebe
entschied  sich  Prinz  Luitpold  seine  ganze  Lebenskraft  dem  Heere  zu
widmen,  um  einst  als  der  erste  Ooldat  der  bayerischen  Armee  an  der
Heite  seines  ältesten,  zum  Throne  berufenen  Bruders  stehen  zu  können.
Wenn  nun  auch  die  Erziehung  des  Prinzen  ihre  Absicht  in  erster
Linie  auf  dessen  künftigen  Holdatenberuf  richtete,  so  ließ  sie  doch
keine  seiner  vielfachen  Geistesgaben  ohne  Pflege.  Der  Prinz  war
äußerst  regsam,  für  alle  Eindrücke  sehr  empfänglich;  er  faßte  rasch
auf  und  sein  ausgezeichnetes  Gedächtnis  befähigte  ihn  eine  reiche
Fülle  des  Wissens  sich  anzueignen,  namenklich  umfassende  Sprachkenntnisse
  zu  sammeln.  Großer  Wert  wurde  auf  die  Ausbildung
und  Kräftigung  des  Körpers  gelegt  und  Prinz  Luitpold  in  allen
ritterlichen  Ubungen,  besonders  im  Turnen,  Reiten,  Fechten,  Tanzen
und  Schwimmen  unterrichtet.  Dem  innigen  Verkehr  mit  der  freien
Natur  verdankte  der  Prinz  seine  bis  in  die  letzten  Lebensjahre  anhaltende,
  bewundernswerte  körperliche  und  geistige  Rüstigkeit  und
Frische.  Mit  vollstem  Rechte  konnte  er  schreiben:  Pflege  der  Jugend
schafft  rüstiges  Alter.

Als  Holdat  übte  der  Prinz  den  Artilleriedienst  durch  alle  Stellungen
  vom  Kanonier  bis  zum  Oberst;  auch  suchte  er,  durch  Dienstleistungen
  bei  der  Infanterie  und  Kavallerie  mit  Eifer  in  das  ganze
Gefüge  der  bayerischen  Heeresverwaltung  einzudringen,  so  daß  es  ihm
möglich  wurde,  später  durch  tatkräftige  Oberaussicht  die  bayerische
Armee  zu  jener  Tüchtigkeit  und  Schlagfertigkeit  zu  erheben,  welche
sie  in  dem  großen  Kriege  1870/71  ebenbürtig  an  die  Seife  der  norddeutschen
  Truppen  treten  ließ.

König  Ludwig  l.  ließ  seinem  driktgeborenen  Sohne  Luitpold
außer  der  militärischen  auch  eine  staatsmännische  Erziehung  geben.
Die  umfassenden  Kenntnisse  des  Prinzen  fanden  ihre  Erweiterung
und  Vertiefung  durch  ausgedehnte  Reisen  nach  Ikalien,  Opanien,
Portugal,  Marokko,  Türkei,  Kleinasien,  Agypten  und  Griechenland,
wobei  er  sich  mit  den  HZitten  und  Gebräuchen  jener  Lölker  vertraut
zu  machen  suchte.  Helten  mag  ein  Fürst  nach  jeder  Hinsicht  so
wonwvorbereitel  zur  Regierung  gekommen  sein  wie  Prinzregent

nitpold.

„In  Treue  fest“  war  der  Wahlspruch  des  Regenten.  Treu  und
unentwegt  hielt  er  an  der  Lerfassung  des  Landes  fest  und  seine  Fürsorge
  erstrechte  sich  auf  alles,  was  zu  seines  Lolkes  Wohlfahrk  und
Gedeihen  gehört.  Bei  aller  Anhänglichbeik  an  die  engere  Heimat
vergaß  er  nie  die  Liebe  zum  großen  deutschen  Laterlande.  Die
        <pb n="162" />
        —  153  —

innigste  persönliche  Freundschaft  verband  ihn  mit  dem  deutschen
Kaiser  und  den  meisten  übrigen  deutschen  Bundesfürsten.  Wie  sein
Later  so  zeigte  auch  Prinzregent  Luitpold  große  Neigung  zur  Kunst;
er  verweilte  gern  unter  Künstlern  und  wendete  aus  eigener  Kasse
ganz  bedeutende  Summen  zu  ihrer  Beschäftigung  auf.  Die  TLuitpoldbrücke
  und  das  Armeedenkmal  in  der  Feldherrnhalle  zu  München,
  der  Kiliansbrunnen  in  Würzburg,  die  prächtige,  im  romanischen
  Otile  aufgeführte  Votivkirche  zu  Berg  und  die  von  ihm  angekauften
  Gemälde  bilden  großartige  Zeugnisse  für  seine  fürstliche
Freigebigkeit.

Cast  täglich  empfing  Prinzregenk  Luitpold  Männer  aus  allen
Berufsarten  und  Ständen  und  lieh  jedem  Untertan,  der  besondere
Wünsche  und  Anliegen  vorzubringen  hatte,  gnädig  sein  Ohr.  Bei
solchen  Gelegenheiten  unterrichtete  er  sich  über  alle  einschlägigen  Lerhältnisse
  und  suchte  Abhilfe  zu  schaffen,  wenn  solche  notwendig  war.
Wo  nur  immer  eine  arme  Familie  im  Königreiche  durch  einen  Unfall
  ihres  Ernährers  beraubt  wurde  oder  durch  irgend  ein  unglückliches
  Elementarereignis  in  Not  geriet,  da  war  er  gleich  zur  Unterstützung
  bereit.  Auf  seinen  Reisen  und  Jagden  kam  der  erlauchte
Fürst  mit  Hunderten  von  Leuten  aus  allen  Ständen  in  Berührung;
er  unterhielt  sich  eingehend  mit  ihnen,  freute  sich  ihrer  offenen  Antworten
  und  suchte  sich  überall  ein  eigenes  Urteil  zu  bilden.  Als
Freund  des  Friedens  war  er  jederzeit  bestrebt,  alle  religiösen,  politischen
  und  wirtschaftlichen  Gegensätze  unter  dem  Lolke  zu  mildern
und  zu  heben.

Oympathisch,  liebens-  und  verehrenswert  krift  uns  die  Gestalt
des  Regenten  entgegen.  In  seinem  Wesen  paarte  sich  fester  Glaube
mit  edler  religiöser  Duldsamkeit,  wahre  Gottesfurcht  mit  strenger
Hikttenreinheit,  treue  Pflichterfüllung  mit  unbeugsamer  Gerechtigkeit,
fürstliches  Oelbstbewußtsein  mit  Wertschätzung  aller  Stände,  hoher
Edelsinn  und  stolze  Nitterlichkeit  mit  außerordentlicher  Seelengüte,
huldvolle  Leutseligkeit  mit  herablassender  Milde.

Auf  solche  Weise  gewann  der  Prinzregent  die  Liebe  und  Zuneigung
  seines  Lolkes.  Dieselbe  offenbarte  sich  durch  Errichtung  von
Brunnen  und  Denkmälern,  in  besonderer  Weise  aber  am  12.  Närz
1891,  1901  und  1911  bei  der  Feier  seines  70,  80.  und  90.  Geburtsl7
  n“  wobei  Stadt  und  Land  in  großartigen  Kundgebungen  weltteiferten.


Am  Morgen  des  12.  Dezember  1912  trug  der  Draht  in  alle
Gaue  unseres  Vaterlandes  die  traurige  Kunde:  Beine  Königliche
Hoheit  Prinzregent  Luitpold  von  Bayern  ist  um  5  Uhr  morgens
senft  entschlafen.  Der  gütige  Prinzregent  Luitpold  war  tot  und  die
Vertretung  des  Königs  Otlo,  die  Regentschaft,  ging  auf  Luitpolds
ältesten  Sohn,  den  Prinzen  Ludwig  von  Bayern  über.

Nach  Dr.  Hans  Reidelbach.
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        —  154  —
79.  Kaiser  Wilhelm  II.

Wie  seine  großben  Vorfahren  stets  ganz  in  den  Herrscherpflichten
aufgingen,  sein  Heldengroßvater,  Kaiser  Wilhelm  I.,  noch  am  Spätabend
  des  tatenreichsten  Lebens  keine  Zeit  fand  müde  zu  werden,  so
sehen  wir  unsern  Kaiser  rastlos  tätig,  das  Wohl  seines  Volkes  zu  fördern
und  Macht  und  Ansehen  des  deutschen  Vaterlandes  zu  kräftigen  und
zu  voller  Geltung  zu  bringen.

Wilhelm  II.  wurde  am  27.  Januar  1859  im  kronprinzlichen  Palais
zu  Berlin  geboren.  Der  Prinz  Friedrich  Wilhelm,  der  nachmalige
Kaiser  Friedrich  III.,  war  sein  Vater,  die  Kaiserin  Viktoria,  eine  Tochter
der  Königin  von  England,  seine  Mutter.

Prinz  Wilhelm  erhielt  eine  sorgfältige,  streng  geregelte  Erziehung.
Seine  Lehrer  waren  tüchtige,  erprobte  Männer.  Der  begabte  Junge
faßte  rasch  und  leicht.  Den  Studien  gingen  die  körperlichen  Ubungen
zur  Seite,  um  Gemüt,  Geist  und  Körper  zu  möglichst  gleichmäßiger
Ausbildung  zu  bringen.  Die  großen  Ereignisse  von  1870/71  wirkten
mächtig  auf  den  feurigen  Prinzen  und  bei  dem  Einzuge  der  siegreichen
Truppen  in  Berlin  bedauerte  er  sehr,  daß  er  an  den  ruhmreichen  Kämpfen
nicht  hatte  teilnehmen  können.

Auf  Anordnung  der  hohen  Eltern  besuchte  Prinz  Wilhelm  mit
seinem  Bruder  Heinrich  das  Cymnasium  zu  Kassel.  Willig  befolgte
er  die  bestehende  Schulordnung  und  erwarb  sich  durch  sein  liebenswürdiges
  Verhalten  die  Liebe  und  Achtung  der  Lehrer  und  Mitschüler.
Am  27.  Januar  1877  wurde  der  Prinz  großjährig.  Nachdem  er  noch  einige
Zeit  als  OCffizier  beim  ersten  Garderegiment  zu  Potsdam  Dienst  getan,  be-20g
  er  die  Hochschule  zu  Bonn,  wo  er  2  Jahre  lang  ernsten  Studien  sich
hingab,  doch  auch  das  frische,  freie  Studentenleben  in  froher  Weise  genob.

Auf  die  akademische  Studienzeit  folgte  nun  der  Militärdienst,  in
dem  der  schneidige  Prinz  Hervorragendes  leistete,  so  daß  der  Großvater
den  geliebten  Enkel  schon  an  seinem  29.  Geburtstage  zum  Generalmajor
  ernennen  konnte.  Aber  auch  die  Einführung  in  die  Verwaltung
des  gesamten  Staatswesens  erforderte  eingehende  Studien,  denen  der
Prinz  unter  den  Augen  des  großen  Kaisers  und  seines  geistesgewaltigen.
Kanzlers,  des  Fürsten  Bismarck,  sowie  unter  Führung  hervorragender
Staatsmänner  sich  mit  regem  Eifer  unterzog.  Heller  Jubel  erscholl
durch  die  deutschen  Lande,  als  am  27.  Februar  1881  der  künftige
deutsche  Kaiser  sich  mit  Augusta  Viktoria,  der  liebreizenden  Tochter
des  Herzogs  Friedrich  von  Schleswig-Holstein,  vermählte.  Als  am  6.
Mai  1882  der  nunmehrige  Kronprinz  geboren  wurde,  konnte  der  alte
Heldenkaiser,  den  Neugeborenen  auf  dem  Schoße  tragend,  dem  Sohne
uand  Enkel  „Hurra,  vier  Kaiser  “  zurufen.  Sechs  Söhne  und  eine  Tochter
  umgeben  das  hohe  Paar,  ein  freundliches  Bild  glücklichen  deutschen
Familienlebens  bietend,  das  bereits  der  Kronprinz,  zwei  seiner  Brüder
und  seine  Schwester  durch  Verheiratung  erweiterten.

Doch  auch  des  Lebens  Ernst  und  Schmerz  blieb  dem  Kaiser  nicht
erspart.  Nachdem  er  am  Sterbebette  des  Großvaters,  des  unvergeß-
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        —  155  —

lichen  Heldenkaisers,  gestanden,  mußte  er  auch  den  beißgeliebten
Vater  an  schmerzlicher  Krankheit  nach  einer  Regierungszeit  von  nur
99  Tagen  dahinscheiden  schen.  Am  15.  Juni  1888  wurde  Wilhelm  II.
König  von  Preußen  und  Deutscher  Kaiser.  Welche  Enttäuschung
ist  seitcem  denen  geworden,  die  da  glaubten,  der  Erbe  und  Nachfolger
des  großen  Kaisers  werde  nun  ungestüm  die  Fackel  des  Krieges  entbrennen
  lassen.  Die  Worte:  „Auf  den  Thron  Meiner  Väter  berufen,
habe  Ich  die  Regierung  im  Aufblick  zum  Könige  der  Könige  übernommen
  und  Gott  gelobt,  nach  dem  Beispiel  Meiner  Väter  Meinem
Volke  ein  gerechter  und  milder  Fürst  zu  sein,  Frömmigkeit  und  Gottesfurcht
  zu  pflegen,  den  Frieden  zu  schirmen,  die  Wohlfahrt  des  Landes
zu  fördern,  den  Armen  und  Bedrängten  ein  Helfer,  dem  Rechte  ein
treuer  Wächter  zu  sein“  —  treu  und  ganz  hat  er  sie  gehalten.  Seit  der
Wiedergewinnung  des  Elsafz  sind  jetzt  Jahrzehnte  des  Friedens  über
Deutschland  dahingegangen,  eine  Zeit  gedeihlichen  Strebens  und  Schaffens,
  der  Sammlung  des  gesamten  Deutschtums.  Mit  Stolz  blicken
wir  auf  unsern  Kaiser,  der  als  würdiger  Nachfolger  des  großen  Begründers
des  Reiches,  dessen  Manahmen  zur  Entwicklung  des  Volkswohls  und
Sicherstellung  des  Vaterlandes  mit  vollem  Herzen  erfaft  und  mit  fester,
kundiger  Hand  weiterführt.  Wenn  neben  dem  schlagfertigen  Landheere,
  das  allzeit  treue  Grenzwacht  hält,  auch  eine  tatkräftige  Flotte
auf  allen  Meeren  die  deutschen  Interessen  zu  wahren,  die  ausgewanderten
  Söhne,  die  erworbenen  überseeischen  Gebiete  zu  schützen  vermag,
so  ist  das  vor  allem  das  Werk  Wilhelms  II.  Zu  deutscher  Kraft  und
Energie  gesellt  sich  bei  unserem  erhabenen  Kaiser  aufrichtige  Frömmigkeit
  und  inniges  Gottvertrauen.  Dem  Gefühle  treuer  Anhänglichkeit
Verlich  das  deutsche  Volk  bei  Begehung  der  Jubelfeier  der  25jährigen
Regierung  des  Kaisers  begeisterten  Ausdruck.  Nach  Dr.  Keller.

80.  RKönig  Ludwig  III.

(5.  November  1913.)

Das  Jahr  1913,  das  dem  deutschen  Volk  soviel  Schönes  und
Erhebendes  gebracht  hat,  in  dem  es  ihm  vergönnt  war,  das  25jährige
Regierungsjubiläum  des  Deutschen  Kaisers  und  den  100  jährigen
Gedenktag  der  Schlacht  bei  Leipzig  zu  feiern,  hat  dem  zweitgrößten
deutschen  Bundesstaat,  unserem  geliebten  Bayernland,  wieder  einen
regierenden  König  geschenkt.

Für  König  Otto,  den  ein  tragisches  Geschick  seine  Macht  und
Würde  nicht  ausüben  läßt,  hat  König  Ludwig  III.  nach  kurzer
Regentschaft  auf  Wunsch  seines  Volkes  die  schwere  Last  der  Krone  auf
sich  genommen,  um  Bayern  im  Sinne  seiner  hohen  Ahnen  zu  regieren.

Es  ist  für  unser  bayerisches  Baterland  eine  glückliche  Fügung,  daß
König  Ludwig  III.  so  trefflich  auf  sein  Herrscheramt  vorbereitet  ist.
Geboren  am  7.  Januar  1845,  hat  sich  Ludwig  III.  in  einem  Leben
voll  Arbeit  Einsicht  in  die  Schicksale  vieler  Menschenherzen,  in  die
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        —  156  —

Bedürfnisse  der  Berufe  seiner  Landeskinder  und  in  alle  Zweige  des
Staatslebens  erworben.  Als  Prinz  Ludwig  ist  er  1866  in  der  Schlacht
bei  Helmstädt  in  der  Feuerlinie  gestanden  und  schwer  verwundet
worden.  Als  Vater  einer  Familie,  in  der  deutscher  Familiensinn
herrscht,  hat  er  Elternglück  und  Elternleid  erfahren.  Er  kennt  die
Sorgen  des  Landwirts  und  des  Fabrikherrn,  des  Handwerkers  und
des  Kaufmanns,  des  Soldaten  und  des  Beamten,  des  Unternehmers
und  des  Arbeiters.  Erfüllt  von  tiefem  Gottvertrauen,  hat  er  stets  die
Lebensregel  befolgt:  Bete  und  arbeite!  Er  bewegt  sich  gern
unter  dem  Bolke  und  erfreut  durch  seine  schlichte  Freundlichkeit  hoch
und  nieder.  In  allen  Gegenden  Bayerns  hat  König  Ludwig  in  ungezählten
  Versammlungen  zur  Besserung  des  Erwerbs  und  Verkehrs
Rat  erteilt  und  viele  Feste  durch  seine  Anwesenheit  ausgezeichnet.
Ein  halbes  Jahrhundert  ist  er  Mitglied  der  Kammer  der  Neichsräte
gewesen  und  hat  in  dieser  langen  Zeit  an  allen  wichtigeren  Aufgaben
des  Staates  in  hervorragender  Weise  mitgearbeitet.  Besonders  nahe
aber  steht  der  König  der  bäuerlichen  Bevölkerung  Bayerns.  Hat
er  doch  als  Gutsbesitzer  die  Leiden  und  Freuden  des  Landmanns
selbst  im  reichlichsten  Maße  kennen  gelernt.  Unablässig  für  den
Fortschritt  dieses  wichtigsten  aller  Berufe  tätig,  hat  er  Mustergültiges
  in  Biehzucht  und  Bodenbearbeitung  auf  seinen  Gütern
geschaffen.  Wenn  ein  jeder  Landwirt  so  treu  im  Kleinen  ist,  wie
König  Ludwig  treu  im  Großen,  so  kann  der  bayerischen  Landwirtschaft
  eine  glückliche  Zukunft  prophezeit  werden.  In  fast  allen  seinen
Reden,  die  er  öffentlich  gehalten  hat,  gibt  die  Liebe  zur  Landwirtschaft
als  Erhalterin  der  heimischen  Scholle  den  Grundton  an.  Für  alles,
was  den  Landmann  interessiert,  hat  er  ein  warmes  Herz.  Diele
Jahre  war  er  Ehrenpräsident  des  Landwirtschaftlichen  Dereins  in
Bayern,  dessen  Allerhöchster  Protektor  er  jetzt  ist,  und  hat  nach  Möglichkeit
  an  allen  Sitzungen  desselben  teilgenommen,  oft  das  Wort
ergreifend,  ratend  und  helfend,  wo  es  möglich  war.  So  können  wir
denn  sagen,  König  Ludwig  kennt  Bayerns  Land  und  Volk.  Die
Bayern  kennen  ihren  Landesherrn  und  vertrauen  auf  dessen  feste,
umsichtige  und  gerechte  Regierung.  Sie  empfinden,  daß  er  ein  Herz
für  sein  Volk  hat  und  erwidern  sein  landesväterliches  Wohlwollen
mit  aufrichtiger  Zuneigung.  »

Möge  Ludwig  III.  sein  Herrscheramt  lange  ausüben  und
die  Hoffnungen,  mit  denen  Bayerns  Volk  ihn  begrüßt  hat,  nicht  nur
erfüllen,  sondern  übertreffen!  Möge  es  Ludwig  beschieden  sein  nach
vielen  Jahren  segensreicher  Regierung  sagen  zu  können:  „Ich  habe
vom  ersten  Tage  Meiner  Herrschaft  an  das  Bertrauen  und  die  Liebe
Meines  Volkes  genossen.  Das  hat  Mich  beglücht.  Mit  jedem  Jahre
hat  sich  Mir  dieses  Herrscherglüch  noch  gemehrt.  Der  König  der
Könige  hat  Meine  Regierung  mit  reichstem  Segen  erfüllt."

Gott  schütze  unseren  König  Ludwig  III.  Nach  verschiedenen  Quellen.
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        157

 

 

 

 

 

 

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K  ——.

 

 

f

—

König  Ludwig  lll.
        <pb n="167" />
        VI.  Aus  der  Natur.

8l.  Die  Wunder  Gottes  in  der  Katur.

Die  Himmel  rühmen  des  Ewigen  Ehre;
Ihr  Schall  pflanzt  seinen  Wamen  fort.
Ihn  rühmt  der  Erdkreis,  ihn  preisen  die  Meere;
Dernimm,  o  Mensch,  ihr  göttlich  Wort!

Wer  trägt  der  Dimmel  unzählbare  Sterned
Wer  führt  die  Sonn'  aus  ihrem  Seltd
Sie  kommt  und  leuchtet  und  lacht  uns  von  ferne
Und  läuft  den  Weg  gleich  als  ein  Held.

Dernimm's  und  siehe  die  Wunder  der  Werke,
Die  die  Watur  dir  aufgestellt!
Verkündigt  Weisheit  und  Ordnung  und  Stärke
Dir  nicht  den  Herrn,  den  Herrn  der  Welt?

HKannst  du  der  Wesen  unzählbare  Heere,
Den  kleinsten  Staub  fühllos  beschau'n  ꝰ
Durch  wen  ist  alles  O,  gib  ihm  die  Ehre!
Mir,  ruft  der  Herr,  sollst  du  vertrau'n.

Mein  ist  die  Kraft,  mein  ist  Himmel  und  Erde;
An  meinen  Werken  kennst  du  mich.
Ich  bin's  und  werde  sein,  der  ich  sein  werde,
Dein  Gott  und  Vater  ewiglich.

Ich  bin  dein  Schöpfer,  bin  Weisheit  und  Güte,
Ein  Gott  der  Ordnung  und  dein  Deil;
Ich  bin's,  mich  liebe  von  ganzem  Gemüte
Und  nimm  an  meiner  Gnade  teil!
Thristian  Fürchtegott  Gellert.
        <pb n="168" />
        —  159  —

82.  Familienleben  in  der  Natur.

Unmerklich  geht  der  Frühling  in  den  Frühsommer  über  und  gerade
dies  ist  ja  die  schönste  Zeit  des  ganzen  Jahres.  Immer  neue  Blüten  er—
schließen  ihre  duftigen  Kelche  und  wetteifern  an  Pracht  und  Herrlichkeit
mit  dem  zarten,  lieblichen  Grün  des  Laubwaldes.  Wir  lassen  uns  auf
einer  natürlichen  Moosbank  nieder,  welche  um  den  mächtigen  Stamm  einer
Eiche  sich  gebildet  hat.  Vor  uns,  auf  einer  jungen  Buche,  einem  etwas
verdickten  Knorren  ähnlich,  bemerkt  der  scharfe  Blick  das  wundersam  künstliche
  Nest  eines  Buchfinkenpärchens.  Noch  ganz  kleine  Junge,  unschön  in
ihrer  Nacktheit  und  doch  so  interessant  in  ihrem  Werden  zu  lieblichen  Vögelchen,
  sperren  eifrig  die  Schnäbel  auf  und  empfangen  Futter  von  den  Alten.
Und  diese  Fütterung  besteht  in  einer  Wohltat  für  uns;  denn  es  sind  fast  ausschließlich
  schädliche  Insekten,  mit  denen  die  Singvögel  ihre  Jungen  ernähren.


Seitwärts,  in  einem  kleinen  Sumpfe,  tummelt  sich  mannigfaltiges
Leben  umher.  Die  größten  Bewohner  desselben  waren  bisher  ein  Paar
Wildenten,  ein  gar  zärtliches  Pärchen.  Doch  seitdem  die  Ente  brütet,
hat  der  Erpel  sie  treulos  verlassen  und  geht  selbstsüchtig  seinem  Vergnügen
nach.  Jetzt  führt  die  Ente  bereits  ihre  allerliebsten  kleinen  Jungen  aufs
Wasser  und  ersetzt  denselben  durch  zehnfache  Sorge  und  Obhut  zugleich
die  fehlende  des  abwesenden  Vaters.  Ein  rührendes  Beispiel  ihrer  treuen
und  zugleich  bedachtsamen  Muttersorge  gibt  sie  uns,  indem  sie  die  Jungen
von  dem  zu  kleinen  Wassertümpel  hinweg  nach  einem  weitab  gelegenen
großen  Bruche  führt.  Sie  watschelt  voran  und  der  ganze  kleine  Schwarm
wackelt  Kopf  für  Kopf  hinterher.  Für  die  Wanderung  wählt  die  alte  Ente
möglichst  sorgfältig  schützende  Ortlichkeiten,  Gräben  u.  s.  w.  und  späht  fortwährend
  nach  jeder  Gefahr.  Und  wenn  nun  ein  Hirtenhund  sich  blicken
läßt,  da  stürmt  sie  wie  mit  Todesverachtung  ihm  entgegen,  stellt  sich  dann
flügellahm  und  flattert  dicht  vor  ihm  her,  so  daß  er  jeden  Augenblick  wähnt
sie  erhaschen  zu  können.  Wohlweislich  aber  lockt  sie  ihn  in  dieser  Weise
eine  weite  Strecke  hinweg  nach  einer  ganz  entgegengesetzten  Richtung.  Dann
erhebt  sie  sich  plötzlich,  fliegt  im  großen  Bogen  zurück  zu  den  Jungen  und  lockt
diese  nun  aus  ihren  Schlupfwinkeln  unter  Gras  und  Kraut  hervor.  Meistens
  gelingt  es  ihrer  treuen  Sorge  die  Schar  der  Kleinen  glücklich  bis  auf
das  schützende  große  Wasser  zu  bringen.

Ein  ungleich  besserer  Familienvater  als  der  Erpel  ist  das  männliche
Rebhuhn.  Während  die  Henne  des  Rebhuhnpärchens  auf  den  Eiern  brütet,
hält  der  Hahn  in  treuester  Liebe  und  Sorge  fortwährend  in  der  Nähe  sich
auf,  überwacht  das  Nest  und  mahnt  bei  jeder  drohenden  Gefahr  warnend
zur  Flucht.  Jetzt  führen  nun  beide  Gatten  die  zierlichen,  anmutigen  Jungen,
welche  noch  viel  hübscher  als  die  Entchen  sind,  ebenfalls  nahrungsuchend  aus.
Ud  hier  erscheint  uns  wiederum  ein  Bild  so  lieblicher,  rührender  Elternsorge,
  wie  es  die  Menschenwelt  kaum  schöner  aufzuweisen  vermag.  Während
die  Kleinen  Würmchen  und  Körner  picken,  sich  neckend  balgen  und  im  Sande
kugeln,  springen,  hüpfen  und  einander  jagen,  während  die  alte  Henne
        <pb n="169" />
        —  160  —

immer  eifrig  scharrt  und  nach  Futter  umhersucht,  umkreist  der  Hahn  fortwährend
  das  Völkchen.  Er  späht  nach  jeder  Gefahr  aus  um  beim  Nahen
irgend  eines  Störenfriedes  sofort  seine  schrillen  Rufe  ertönen  zu  lassen.
Sobald  die  Jungen  dieselben  hören,  suchen  sie  aufs  schnellste  Schutz  unter
trockenem  Laube  zwischen  Gestrüpp  und  Gestein.

 

Abbildung  6.  Rebhuhn.

Auch  ein  zierliches  Reh  führt  seine  beiden  niedlichen  Kälbchen  nahrungsuchend
  auf  die  Saat  hinaus,  während  der  alte  Rehbock  in  einiger
Entfernung  hinterher  folgt.

Sehen  wir  uns  wieder  in  der  allernächsten  Umgebung  um,  so  entdecken
  wir  am  glatten  Kiefernstamm  das  Schlupfloch  eines  Spechtes.  Fast
neben  uns  im  Mose,  dann  unweit  davon  im  dichten  Gebüsch,  und  wieder
in  einer  geringen  Entfernung  davon  in  der  Höhlung  eines  abgebrochenen,
niedrigen  Astes  sind  verschiedene  Vogelnester,  beinahe  sämtlich  mit  kleinen
Jungen.  Sie  sperren  alle  fortwährend  begehrlich  die  Schnäbel  auf  und
**  von  den  Alten  in  unendlichem  Eifer  und  liebevollster  Sorgfalt  geert.



Noch  ein  sehr  hübsches  Familienbild  entfaltet  sich  dann  aber  vor  unseren
Blicken.  An  einer  sehr  dichten  Stelle  rührt  es  sich  plötzlich  im  Gebüsch.
Wir  bleiben  regungslos  stehen;  da  schlüpft  plötzlich  ein  großer,  starker  Fuchs
hervor  und  ihm  folgen  eins,  zwei,  drei,  vier,  fünf  junge  Füchschen.  Behaglich
  streckt  sich  die  Füchsin  in  den  Sonnenstrahlen  aus  und  die  Kleinen
beginnen  allerliebst  zu  spielen  und  in  toller  Lust  zu  balgen.  Drei  von
        <pb n="170" />
        —  161  —

ihnen  tummeln  sich  auf  dem  Körper  der  Alten  herum  und  tragen  im  kindlichen
  Spiel  bereits  die  ganze  List,  Tücke  und  Verschlagenheit  ihres  Geschlechtes
  zur  Schau;  das  vierte  sucht  bereits  schnuppernd  nach  Beute  umher
und  das  Nesthäkchen  sitzt  träumerisch  und  schläfrig  dabei.  Der  alte  Fuchs
aber  läßt  auch  jetzt  in  scheinbarer  Ruhe  und  Sorglosigkeit  doch  die  Sicherheit
der  Jungen  und  seiner  selbst  keinen  Augenblick  außer  Acht;  auf  jedes  Geräusch
lauscht  er,  die  Ohren  spitzend;  seine  scharfe  Nase  schnuppert  witternd  nach
jeder  Kunde,  welche  der  wehende  Lufthauch  ihm  bringt,  und  sein  Auge
späht  fortwährend  vorsichtig  umher.  Karl  Ruß.

sa  Lied  der  Schnitter.

Singt,  ihr  Schnitter,  froh  und  frei;

Denn  das  Korn  ist  aufgeladen

Und  die  Ernte  ist  vorbei,

Ist  vollbracht  mit  Gottes  Cnaden.

Und  erbört  ist  das  Gebet,

Das  wir  täglich  zu  ihm  schickten,

Das  wir  riefen  früh  und  spät,

Wenn  wir  auf  die  Felder  blickten:
„Schirm'  uns,  GCott,  vor  Sorg’  und  ot  —
Gib  uns  unser  täglich  Brot!"

Ruhig  schlief  der  junge  Keim

In  des  Winters  Kleid  verborgen;

Doch  uns  quästen  bald  geheim

Bange  Fragen,  laute  Sorgen:

„Werden  sterben  nicht  vor  Weh

Unsrer  hoffnung  junge  Sprossen?  —

Denn  es  hält  zu  lang  der  schnee

Unsre  Felder  dicht  verschlossen.
Schütz“,  o  GCott,  sie  vor  dem  Cod  —
Gib  uns  unser  täglich  Brot!“

Ach,  wie  oft  mit  Zagen  sah'n
Wir  den  Himmel  grau  sich  färben,
Sah'’n  auf  schwarzer  Wolke  nah’'n
Donner,  Schrecken  und  Derderben
Und  wir  baten  ängstlich  heiß:
„Wolle,  Uater,  uns  erhören,
Laß  nicht  unsrer  hände  Fleiß,
Unser  Tiebstes  nicht  zerstören,
Wende  ab,  was  uns  bedroht  —
Gib  uns  unser  täglich  Brot!“
Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  11
        <pb n="171" />
        —  162  —

Regen  kam  in  wildem  Guß,

Warf  die  schweren  halme  nieder

Und  wir  fragten  voll  Uerdruß:

„Wann,  ach,  wann  erstehn  sie  wieder?

Werden  ihr  gebeugtes  haupt

Jemals  wieder  sie  erheben?

Oder  hat  der  Sturm  geraubt

ihnen  auch  der  Wurzel  Leben?
Richt  sie  auf  durch  dein  Gebot  —
Gib  uns  unser  täglich  Brot!"“

CGnädig  hast  du  Gist  und  Brand

Von  den  Halmen  abgewendet,

Hast  uns  warme  Zeit  gesandt

Und  uns  reiches  Korn  gespendet,

hast  erhört,  was  jedes  kind

Beten  lernt  in  frommer  Feier,

Wenn  der  helle  Cag  beginnt

Und  wenn  mit  des  Craumes  sSchleier
Biederschwebt  das  Hbendrot:
„Cib  uns  unser  täglich  Brotl“

Rudolf  Uöwenstein.

84.  Das  Hafermus.

Kinder,  das  Hafermus  ist  fertig,  so  kommt  denn  und  esset!
Betek:  „Aller  Augen“  —  und  gebt  mir  ordentlich  Achtung,
Daß  am  rußigen  Topf  sich  keins  das  Armelchen  schwarz  macht.
Ho,  nun  esset  und  segn’'  es  euch  Gott  und  wachst  und  gedeihet!
Zeht,  es  hat  die  Haberkörnlein  der  Later  im  Frühjahr
Zwischen  die  Furche  gesät  mit  fleißiger  Hand  und  beegget.
Aber  daß  sie  gewachsen  und  zeitig  geworden,  dafür  kann
Euer  VLater  hier  nichl,  das  kat  der  Later  im  Himmel.
Denkt  nur,  Kinder,  es  schläst  ein  Keimchen  im  mehligen  Körnlein,
Klein  gestaltet  und  zart;  nicht  regt,  noch  rührt  sich  das  Keimchen;
Nein,  es  schläft  und  spricht  euch  kein  Wort  und  ißt  nicht  und  trinkt  nicht,
Bis  es  die  Furche  bedecht  und  der  aufgelockerte  Boden;
Aber  sodann  in  der  Furch'  und  in  der  befeuchteten  Wärme
Wacht  allmählich  es  auf  aus  seinem  verschwiegenen  Schlafe,
Strecht  die  Gliederchen  aus  und  sauget  am  saftigen  Körnlein,
Just  wie  ein  Mutterkind;  es  fehlt  nur,  daß  es  noch  weinte.
Nach  und  nach  wird's  größer  und  heimlich  auch  schöner  und  stärker,
Ochlüpft  aus  den  Windeln  heraus  und  streckt  ein  Würzelchen  abwärts
Tiefer  hinein  in  den  Grund,  sich  Nahrung  suchend  und  findend.
Ja,  und  der  VLorwitz  plagt's,  neugierig  möcht’  es  auch  wissen,
Wie  es  nun  weiter  oben  wohl  sei.  —  Gar  heimlich  und  furchtsam
        <pb n="172" />
        —  163  —

Guckt's  aus  dem  Boden  heraus.  —  Potz  Stern!  ich  glaub',  es  gefällt  ihm!  —
Und  der  liebe  Gott  schickt  einen  Engel  hernieder:

„Bringt  ihm  ein  Tröpfchen  Tau  und  sag'  ihm  freundlich  Willkommen!“
Und  es  trinkt  und  schmeckt  ihm  so  wohl,;  es  streckt  sich  gewaltig.

Aber  nun  kämmt  sich  die  Sonne,  und  ist  sie  gekämmt  und  gewaschen,
Tritt  mit  dem  Strickzeug  schnell  sie  hervor  dort  hinter  den  Bergen,
Wandelk  daher  den  Weg  hoch  an  der  himmlischen  Straße,

Hfricket  und  schauet  herab,  wie  eine  freundliche  Mutter

Nach  den  Kinderchen  sieht.  Sie  lächelt  freundlich  dem  Keimchen

Und  es  tut  ihm  so  wohl  bis  tief  hinein  in  das  Würzlein.

„Holch  eine  treffliche  Frau,  und  doch  so  gütig,  so  freundlich  !“

Aber  was  sie  wohl  strickt?  Ein  Gewölk  aus  himmlischen  Düsten!
Ochon  setzt's  Tropfen;  ein  Sprützelchen  kommt;  jetzt  regnet  es  völlig.
Keimlein  trinket  sich  satt;  drauf  wehet  ein  Lüftchen  und  trochnet's

Und  es  sagt:  „Nicht  kehr'  ich  zurück  jetzt  unter  den  Boden,

Nicht  um  alles!  Da  bleib'  ich  und  schau',  zu  was  ich  noch  gut  bin!“
Esset,  ihr  Kindlein,  und  segn'  es  euch  Gott  und  wachst  und  gedeihet!
Bittre  zeit  doch  harrt  auf  das  Keimlein.  Wolken  an  Wolken

Ztehen  am  Himmel,  bei  Tag  und  bei  Nacht,  und  die  Sonne  verbirgt  sich;
Hoch  auf  den  Bergen  da  schneit  es  und  weiter  unfen  da  hagelt's.

Hu  —  wie  schaudert  es  jetzt  dem  Keimlein;  wie  bangt  es  und  weint  es!
Und  der  Boden  ist  zu  und  hat  gar  ärmliche  Nahrung.

„Ist  denn  die  Sonne  gestorben,“  so  spricht's,  „daß  sie  gar  nicht  zu  seh'n  ist?
Oder  fürchtet  sie  auch,  sie  erfrör'?  Ach,  wär'  ich  geblieben,

Wo  ich  gewesen,  bescheiden  und  klein  im  mehligen  Körnlein,

In  dem  heimischen  Grund  und  in  der  befeuchteten  Wärme!“

Zeht,  ihr  Kinder,  so  geht's!  Ihr  sprecht  wohl  auch  noch  dereinst  so,
Wenn  in  die  Well  ihr  kommt,  bei  nie  gesehenen  Leuten

Ochaffen  müßt  und  euch  rühren  und  Brot  euch  verdienen  und  Kleidung:
„Wäre  daheim  ich  doch  beim  Mütterchen  hinter  dem  Ofen!“

Tröst  euch  Gott;  es  währet  nicht  immer  und  endlich  wird's  besser,

Wie  auch  das  Keimlein  erfahren.  Nun  hört!  Am  heikeren  Maitag
Weht  es  so  lau  und  es  steigt  die  onne  so  kräftig  vom  Berg  auf

Und  sie  schauf,  wie's  dem  Keimlein  ergeht,  und  gibt  ihm  ein  Küßchen.
Ach!  wie  ist's  ihm  so  wohl;  es  weiß  nicht  zu  bleiben  vor  Freude!
Allgemach  pranget  die  Matte  mit  Gras  und  mit  farbigen  Blumen;
Allgemach  duftet  die  Blüte  der  Kirschen;  es  grünet  der  Pflaumenbaum;
Buschiger  wird  das  Korn  und  buschiger  Weizen  und  Gerste

Und  mein  Häberlein  spricht:  „Jetzt  bleib’  ich  allein  nicht  dahinten!“
Nein,  es  spreitet  die  Blätlchen  —  wer  hat  sie  so  zart  ihm  gewoben?
Jetzt  auch  schießet  der  Halm  —  wer  treibt  in  Röhren  an  Nöhren

Aus  den  Wurzeln  das  Wasser  hinauf  zu  der  saftigen  Spitze?

Endlich  schlüpft  ein  Ahrlein  heraus  und  schwankt  in  den  Lüften.  —
Zage  mir  doch  nur  ein  Nensch,  wer  hat  an  seidne  Fäden

Dort  ein  Knöspchen  gehängt  und  hier  mit  künstlichen  Händen?
Himmlische  Engel,  wer  sonst?  —  Sie  wandeln  zwischen  den  Furchen
        <pb n="173" />
        —  164  —

Auf  und  ab  von  Halme  zu  Halm  und  schaffen  gewalig.

Jetzt  hängt  Blüte  bei  Blüt’  an  der  zierlichen,  schwankenden  Ahre

Und  mein  Häferchen  steht  gleich  einem  Bräutlein  im  Kirchstuhl.

Jetzt  sind  zarte  Körnlein  darin  und  wachsen  im  stillen

Und  mein  Hafer  beginnt  zu  merken,  was  es  will  werden.  ·

Käferlein  kommt  nun  und  Fliege;  sie  kommen  und  machen  Besuch  ihm,

Schauen,  wie  es  ihm  geht,  und  singen  ihr:  Eiapopeia!  —

Und  auch  der  Glühwurm  kommt,  potz  tausend!  mit  dem  Laternchen

Nachts  um  neun  auf  Besuch,  wenn  Elieg'  und  Käferlein  schlafen.  —

Esset,  ihr  Kinder,  segn’  es  euch  Gott  und  wachst  und  gedeihet!

Opäterhin  hat  man  geheut  und  Kirschen  gesammelt  nach  Pfingsten,

Opäterhin  saftige  Pflaumen  gepflücht  dort  hinten  im  Garten;

HOpäterhin  hat  man  Roggen  gemäht  und  Weizen  und  Gerste;

Aber  die  Kinder  der  Armen  sind  barfuß  zwischen  den  St#oppeln

Ahren  lesen  gegangen  und  's  Mäuslein  machte  den  Kehraus.

Drauf  hat  auch  der  Hafer  gegelbt;  voll  mehliger  Körner

Hat  er  geschwankt  und  gesagt:  „Jetzt  ist's  mir  endlich  verleidet;

Meine  zZeit,  ich  merk'  es,  ist  aus.  Was  mach'  ich  allein  hier

3wischen  den  Stoppelrüben  und  zwischen  dem  Kraut  der  Kartoffeln?“

Drauf  ist  die  Mutter  hinaus  mit  Euphrosinchen  und  Lieschen

Und  schon  fror's  an  den  Fingern,  so  kalt  war's  morgens  und  abends.

Endlich  haben  wir  heim  ihn  gebracht  in  die  staubige  Scheune

Und  ihn  gedroschen  von  früh  um  zwei  bis  zum  Abend  um  viere.

Drauf  hat  des  Müllers  Esel  ihn  abgeholt  in  die  Mühle

Und  ihn  wiedergebracht,  in  feine  Körnlein  zermahlen,

Und  mit  sahniger  Milch  von  jungen,  flechigen  Kühen

Hat  lieb  Mütkerchen  ihn  gekocht,  —  gelt,  Kinder,  es  schmechte?  —

Wischet  die  Löffel  nun  ab  und  bet’  eins:  „Danket  dem  Herren!“

Und  jetzt  geht  in  die  Schule;  dort  hängt  das  Ränzchen  am  Himsel!

Galle  mir  keins;  gebt  Achtung  und  lernt  hübsch,  was  man  euch  aufgibt!

Kehrk  ihr  zurüch,  setzt's  auch  ein  gebachenes  Pfläumlein  zum  Nacht#üsch.
Nach  Johann  Peter  Hebel.

85.  Die  Honigbiene.

Wenn  die  ersten  goldenen  Strahlen  der  Frühlingssonne  die  Luft
erwärmen  und  diese  den  Bienenstock  durchdringt,  da  regt  sich's  dort
drinnen  in  lautem  Summen  und  Brummen.  Bald  lassen  sich  die  ersten
und  ungeduldigsten  der  Bewohner  an  den  Fluglöchern  blicken  und,
scheint  die  Sonne  noch  ein  wenig  wärmer,  zum  ersten  Ausfluge  verleiten,
  den  sie  aber  meistens  mit  dem  Leben  bezahlen  müssen;  denn
wir  finden  sie  dann  wohl  dutzendweise  erstarrt  über  den  Schnee  zerstreut.
  Wenn  der  Bienenvater  in  der  Mitte  oder  zu  Ende  Februar
nicht  sorgsam  die  Stöcke  überwacht  und  die  Fluglöcher  während  der

Mittagsstunden  schließt,  so  gehen  ihm  eine  Menge  der  kräftigsten  und
besten  Bienen  zu  Grunde.
        <pb n="174" />
        —  165  —

Kurze  Zeit  nachher  halten  die  Bienen  ihre  ersten  ordentlichen
Ausflüge  (Reinigungsausflüge).  Bei  diesen  sind  sie  noch  sehr  matt
und  schwach.  Einige  Tage  später  haben  sie  mit  der  zunehmenden
Wärme  ihre  volle  Lebenskraft  wieder  erlangt  und  umschwärmen  nun
die  ersten  Frühlingsblüten  und  besonders  die  blumenstaubreichen
Weiden-,  Haselnuß-  und  Erlenkätzchen.

Bald  beginnt  die  Bewohnerschaft  des  Bienenhauses  mit  der  wichtigen
  und  sehr  notwendigen  Säuberung  der  Wohnung,  wobei  ihbr  der
Bienenzüchter  durch  Reinigung  des  Bodenbrettes  sehr  behilflich  sein
kann.  Dann  werden  die  Zellen  ausgebessert  und  besonders  die  für  die
Brut  bestimmten  instand  gesetzt.  Ferner  wird  Harz  eingesammelt
um  mit  demselben  alle  Ritzen,  Fugen  und  Löcher  zu  verkleben,  die
durch  den  Frost,  durch  Mäuse,  Käfer  und  andere  böse  Gäste  hervorgebracht
  sind.

   

  

 

Abbild.  7.  Arbeiterin.  Abbild.  8.  Königin.  Abbild.  9.  Drohne.

Nun  regt  sich  auch  die  Bienenkönigin  und  beginnt  mit  dem  Eierlegen.
  Je  nach  der  Witterung  legt  sie  anfangs  ein-  bis  sechshundert
und  später  in  den  heißen  Monaten  sogar  zwei-  bis  dreitausend  Eier
täglich  und  je  nach  der  Anzabl  derselben  beeilen  sich  die  Bienen  auch
mit  dem  Zellen-  und  Wabenbau.  Die  Eier  sind  ziemlich  gleich,  bläulichweiß,
  zylinderförmig  und  stehen  schief  in  den  Zellen.  Nach  etwa
3  Tagen  kriechen  aus  den  Eiern  die  Maden,  d.  h.  die  Bienenlarven.
Diese  werden  nun  von  den  Arbeitsbienen  sorgfältig  mit  Futterbrei
versehen,  den  sie  aus  Blumenmehl,  Honig  und  Wasser  bereiten.

In  jedem  Stocke  gibt  es  dreierlei  Bienen:  die  Mutterbiene,  Königin
oder  Weisel  genannt,  die  einzige  vollständig  entwickelte  Biene  weiblichen
  Geschlechts,  dann  die  männlichen  Bienen  oder  Drohnen  und
die  Arbeitsbienen.  Die  Mutterbiene  legt  zuerst  die  zu  Arbeitsbienen,
dann  die  zu  Drohnen  und  zuletzt  die  zu  neuen  Königinnen  bestimmten.
Eier.  Es  hängt  indessen  nur  von  der  Erweiterung  der  Zellen,  der  Behandlung
  und  dem  Futter  ab,  ob  aus  denselben  Eiern  Königinnen  oder
Arbeitsbienen  entstehen  sollen.

Am  neunten  Tage  nach  dem  Legen  des  Eies  beginnt  die  Made  der
Arbeitsbiene  sich  einzuspinnen,  und  sobald  sie  hiermit  fertig  ist,  bauen
die  Arbeiter  sogleich  einen  porösen  Deckel  aus  Wachs  über  ihre  Zelle,
damit  sie  in  ihrer  Verwandlung  zur  Puppe  oder  Nymphe  nicht  gestört
wird.  In  etwa  zwanzig  bis  einundzwahzig  Tagen  ist  die  Entwicklung
        <pb n="175" />
        —  166  —

der  Biene  vollständig  beendet.  Sie  beißt  dann  den  Deckel  auf  und  kriecht
aus  ihrem  Gefängnisse  hervor.  Während  nun  von  einigen  Arbeitern.
die  Zelle  sofort  gereinigt  und  zur  Aufnahme  eines  neuen  Eies  hergestellt
wird,  nehmen  andere  sich  der  noch  zarten  jungen  Biene  zärtlich  an,
füttern,  glätten  und  putzen  sie,  damit  sie  nun  bald  selbst  an  die  Arbeit
gehen  könne.  Anfangs  hat  sie  dann  nur  mit  häuslichen  Geschäften  zu
tun,  muhß  die  Brut  füttern,  Zellen  bauen  und  die  Honigzellen  bedecken;
erst  nach  zwei  Tagen  haben  sich  ihre  Flügel  so  erhärtet  und  ist  sie  so
kräftig,  daß  sie  ausfliegen,  Blumenstaub  und  später  auch  Honig  einsammeln
  kann.

In  ganz  ähnlicher  Weise  geht  auch  die  Entwicklung  der  Drohnen
vor  sich.  Die  Zellen,  in  welchen  dieselben  erbrütet  werden,  sind  tiefer
und  weiter,  als  die  für  die  Arbeitsbienen.  Die  Drohneneier  sind  ein
klein  wenig  kürzer,  aber  nicht  dieker  als  die,  aus  denen  Arbeitsbienen
kriechen.  Sie  brauchen  bis  zur  Entwickelung  zum  vollständigen  Insekt
etwa  zwei  Tage  länger  als  die  für  die  Arbeitsbienen.  Die  jungen  Bienen
halten  ihr  erstes  „Vorspiel“  erst  nach  acht  Tagen  und  erst  vom  achtzehnten
  Lebenstage  an  fliegen  sie  auf  Tracht  aus.

Sobald  die  Mutterbiene  eine  binreichende  Anzahl  von  Eiern  für
die  beiden  ersten  Bienenarten  gelegt  hat,  unter  denen  die  zu  den  Arbeitsbienen
  naturgemäß  bedeutend  überwiegend  sind,  beginnen  die  Bienen
auch  die  sogenannten  Schwarmzellen  zu  bauen,  aus  denen  junge  Königinnen
  erbrütet  werden.  Während  die  Arbeitsbienen-  und  Drohnenzellen
  regelmäßig  sechskantig  geformt  sind,  haben  diese  die  runde
Gestalt  einer  Eichel,  einer  Birne,  eines  Kruges  und  sind  auch  bedeutend
  größer.  Die  hierhinein  gelegten  Eier  unterscheiden  sich  im  äußeren
durchaus  nicht  von  den  anderen  Bieneneiern.  Ihre  Entwickelung
geht  aber  noch  zwei  bis  vier  Tage  schneller  vor  sich  und  wird  auch
Sorgsamer  überwacht.  Die  Maden  werden  so  reichlich  mit  bestem  Futter
gefüttert,  daß  sie  gleichsam  im  Futtersafte  schwimmen,  was  bei  den  andefren
  keineswegs  der  Fall  ist.

Einer  der  wichtigsten  Vorgänge  im  Leben  unserer  Kerbtiere  ist
das  Schwärmen.  Da  in  den  wärmeren  Monaten  die  Volkszahl  eines
Stockes  immer  größer,  der  Raum  immer  enger  wird,  so  bemächtigt
sich  eines  großben  Teils  der  Bewohnerschaft  eine  Unruhe,  eine  Lust
zum  Auswandern  und  zur  Gründung  einer  neuen  Heimat.  Sie  zeigen
dies  zunächst  dadurch  an,  daß  sie  „Vorliegen“  1),  d,  h.  sich  auberhalb
des  Stockes  um  das  Flugloch  in  dichten  Massen  ansetzen.  Inzwischen
fliegt  eine  Anzahl  „Spürbienen“  (nur  beim  Vorschwarme)  aus,  welche
nach  einem  passenden  Orte  zur  Ubersiedelung  umhersuchen  und,  sobald
Sie  einen  solchen  in  hohlen  Bäumen,  Mauern  oder  Türmen  gefunden
haben,  ihre  Genossen  herbeilocken  um  den  Platz  zu  reinigen  und  instand.
zu  setzen.  Sonderbarerweise  ziehen  nun  aber  nicht  eine  junge  Königin
und  ein  junges  Bienenvolk  zur  Gründung  einer  neuen  Kolonie  aus,

1)  Das  Vorliegen  ist  kein  sicheres  Zeichen  des  baldigen  Schwärmens.
        <pb n="176" />
        —  167  —

sondern  die  alten  (Vorschwarm).  Sobald  die  erste  junge  Königin  zum
Auslaufen  reif  ist,  fragt  sie  durch  qduakende  Töne  an,  ob  schon  eine  andere
junge  Königin  im  Stocke  vorhanden  sei.  Erhält  sie  keine  Antwort,
S  verläßt  sie  ihre  Zelle  und  gibt  ihr  Vorhandensein  durch  längeres
„Tüten“,  besonders  in  den  Abendstunden  zu  erkennen,  während  die
zunächst  reif  werdenden  Königinnen  quakend  in  ihren  Zellen  verbleiben,
bis  die  erste  sie  entweder  absticht  oder  mit  einem  Teile  des  Volkes  als
Nachschwarm,  dem  sich  oft  noch  mehrere  anschlieBen,  abzicht.

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Abbild.  10.  Bienenwaben  mit  verschiedenen  Zellen.

1  Bienenkönhgin;  2  Drohnen,  die  übrigen  Bienen  sind  Arbeiterinnen,  auf  Arbeiterzellen  sich  bewegend;

  3  Weiselnäpfchen;  4  bedeckte  Eönisinzelle:  5  geöffnete  Königinzelle  mit  momentan

ausschlüpfender  Köonsin  u6  aufgerissene  Königinzelle.  Die  mit  Eiern  bestifteten  und  mit  Maden

besetzten  kleinen  Zellen  Sind  Arbeiterzellen,  die  noch  kleineren  unregelmäßigen  und  eingefügten

sind  Ubergangszellen;  die  größeren  sechseckigen  sind  Drohnenzellen.  Die  Entwicklung  der
Königinzelle  ist  unter  3,  4,  5  und  6  dargestellt.

Gewöhnlich  in  den  Mittagsstunden,  und  nachdem  sie  sich  im  Stocke
mit  Honig  versehen  haben,  stürmen  sie  massenhaft  zum  Flugloche
hinaus  und  schwärmen  in  der  Luft  umher.  Allmählich  hängen  sie  sich
dann  in  der  Nähe  des  alten  Stockes  in  der  Form  einer  großen  Traube
an  einen  Baumast.  Nachdem  der  Schwarm  etwa  zur  Hälfte  den  Stock
verlassen,  erscheint  auch  die  Königin  auf  dem  Flugbrette  und  begibt
sich  zu  ihrem  Volke.  Oft  kommt  es  vor,  daß  die  alte  Königin  zu  schwach
ist  oder  wegen  beschädigter  Flügel  sich  nicht  erheben  kann  und  zur
Erde  fällt;  dann  zieht  der  Schwarm  auf  den  Mutterstock  zurück  und
wartet  dort  das  Erbrüten  einer  neuen  Königin  ab.

Ist  die  Königin  aber  flugfertig  und  beim  Schwarme  angelangt,  so
hält  nur  das  Bedürfnis  nach  Ruhe  sie  an  dem  ersten  Anlegeorte  noch  auf,
an  dem  sie  oft  sogar  die  Nacht  hindurch  weilt,  während  die  Spürbienen
        <pb n="177" />
        —  168  —

bis  zum  Abend  hin  und  her  fliegen  und  sie  durch  eigentümlich  lockende
Töne  zum  Weiterziehen  anregen.  Unterdessen  wird  nun  meistens  der
Schwarm  vom  Bienenvater  in  einen  untergehaltenen  Fangkorb  geschüttelt;
  geschieht  dies  nicht,  so  zieht  er  nach  einigen  Stunden  oder
am  nächsten  Morgen,  sobald  es  warm  wird,  nach  dem  erspähten  Platze
oder  auch  ziellos  ins  Weite.

Wenn  der  Korb  dem  Bienenvölkchen  dann  als  neue  Wohnung  gefällt,
  so  beginnen  sie  sofort  ihre  Tätigkeit  in  demselben.

Begleiten  wir  die  Bienen  einmal  hinaus  um  sie  in  ibrer  Tätigkeit
auf  den  Blumen  zu  beobachten!  Bereits  im  ersten  Frühjahre  um-—

  —
—

 

 

 

 

Abbild.  11.  Bienentraube.  Abbild.  12.  Fassen  eines  Schwarmes.

schwärmen  sie  die  Kätzchen  der  Weiden,  Espen,  HaselnuBsträucher,
Erlen  oder  andere  blumenstaubreiche  Blüten  und  füllen  sich  dort  ihre
„Körbchen“  1)  mit  Blumenstaub.  Dabei  fassen  und  öffnen  sie  den  Staubbeutel
  mit  den  Vorderfüßen  und  schütten  mittelst  der  breiten  Mittelbeine
  den  Blumenstaub  in  dieselben.  Mit  gelben,  roten  oder  weißen
Klümpchen  an  den  Beinen,  „Höschen“  genannt,  eilen  sie  dann  nach.
Hause.  Blumenstaubreiche  Blüten  finden  sich  die  ganze  warme  Zeit
hindurch  und  dieses  Staub-,  auch  Blumenmehl  genannt,  ist  ihnen  besonders
  zur  Brutzeit  sehr  nötig,  da  sie  dasselbe  wegen  seines  Stickstoffgehaltes
  zur  Bereitung  des  Futterbreies  für  die  Maden  unbedingt
brauchen.

1)  Muldenförmige  Vertiefung  an  der  Aufenseite  der  Unterschenkel.
der  Hinterbeine.
        <pb n="178" />
        —  169  —

Noch  wichtiger  für  die  Brut  und  für  sie  selbst  ist  der  Honig.  Den
Honigsaft  saugen  sie  bekanntlich  aus  fast  allen  Blüten,  sowohl  aus  denen.
giftiger  Pflanzen  als  aus  denen  anderer,  und  verändern  oder  bereiten
ihn  gleichsam  in  ihrem  Magen  oder  vielmehr  in  dem  Vormagen  oder  in.
der  „Honigblase“  zu,  so  daß  er,  beim  Ausspeien  dicker  geworden,  als
der  bekannte  Honig  erscheint.  In  den  Zellen  verdickt  sich  der  Honig
noch  mehr,  so  daß  er  in  zehn  bis  vierzehn  Tagen  fast  ganz  fest  geworden
  ist.

Zur  Wachsbereitung  verzehren  die  Bienen  Honig,  der  sich  dann
in  ihrem  Körper  zu  Wachs  verwandelt,  das  durch  besondere  Behältnisse,
deren  sich  acht  am  Bauche  befinden,  bei  etwa  +  31—38%%  C  ausschwitzt.
Weder  die  Mutterbienen  noch  die  Drohnen  können  Blumenstaub  einsammeln,
  Honig  oder  Wachs  bereiten,  sondern  dies  alles  bleibt  den
Arbeitsbienen  überlassen.

Der  erste  Schwarm  eines  Stockes  wird  gewöhnlich  der  „Vorschwarm“
genannt;  bei  günstiger  Witterung  und  reichlichem  Honig-  und  Blumenmehlertrage
  ziehen  von  einem  Stocke  wohl  noch  in  demselben  Sommer
ein  bis  zwei  oder  gar  drei  „Nachschwärme“  ab.  Auch  die  zuerst  im
Frühjahr  abgezogenen  Vorschwärme  entsenden  oft  noch  in  demselben
Jahre  eine  Kolonie  (Jungfernschwärme).

Sobald  die  Witterung  unfreundlicher  wird  und  die  Nahrung  abzunehmen
  beginnt,  fängt  die  sogenannte  Drohnenschlacht  an,  d.  h.  die
Drohnen,  die  unnötigen  Fresser,  werden  getötet  oder  vertrieben  und
müssen  elend  umkommen.

Wenn  dann  die  Nächte  immer  kälter  und  die  Winde  immer  beftiger
werden,  so  ziehen  sich  die  Bienen,  welche  rechtzeitig  alle  Spalten  etc.
sorgfältig  mit  Kittwachs  verklebten  und  auch  die  Fluglöcher  durch
Bogen,  Pfeiler  und  Winde  verengten,  zu  einer  Traube  zusammen.
Ebenso  sorgen  sie  auch  für  die  Reinlichkeit  und  überziehen  übelriechende
Gegenstände,  z.  B.  tote  Tiere,  die  vorher  zu  ihnen  bineingekrochen
sind,  mit  Wachs.  Zwar  fliegen  sie  in  den  warmen  Tagesstunden  noch
immer  aus,  doch  gehen  dabei,  ebenso  wie  im  Frühjahre,  gar  viele  zu
Grunde,  indem  sie  unterwegs  erstarren  und  umkommen.  Endlich,
wenn  alle  Nahrung  ein  Ende  hat,  bleiben  sie  im  Stocke  zurück  und
ziehen  sich  in  einen  dichten  Haufen  in  der  Mitte,  unterhalb  ihrer  Wintervorräte,
  zusammen.  In  ihrer  Mitte  ruht  die  Königin,  als  der  Mittelpunkt
und  die  Seele  des  ganzen  Schwarmes.

Die  Bienen  erstarren  den  Winter  hindurch  keineswegs  vollständig,
sondern  sie  genießen  noch  von  Zeit  zu  Zeit  ein  wenig  Nahrung.  Wird
die  Kälte  außerordentlich  stark,  so  fallen  sie  in  Klumpen  auf  den  Boden
und  sterben;  deshalb  ist  es  ratsam,  die  Stöcke  vor  zu  großer  Kälte  durch.
eine  Umhüllung  zu  schützen  oder  sie  während  des  Winters  an  einen
frostfreien  Ort  zu  stellen.

Die  Wichtigkeit  der  Bienenzucht  ist  längst  allenthalben  anerkannt,
und  in  manchen  Gegenden  bildet  dieselbe  bereits  einen  Hauptnahrungs-
        <pb n="179" />
        —  170  —

zweig  der  Bewohner.  Im  ganzen  kann  sie  indessen  überall  noch  bedeutend
  ausgedehnt  werden  und  verspricht,  sich  dann  als  eine  wahre
Goldgrube  zu  erweisen.  Nach  Karl  Ruß  und  Johann  Besch.

86.  Wirtschaftliche  Bedeutung  der  Biene.

Wenn  die  Bienen  in  Bezug  auf  ihr  Leben  und  ihre  Tätigkeit
  die  größte  Bewunderung  erregen,  so  verdienen  sie  auch  in
Wirtschaftlicher  Beziehung  die  Beachtung  des  Menschen.  Die
Biene  ist  ja  die  Sammlerin  und  Erzeugerin  der  wertvollen  Er-ZZeugnisse
  des  Honigs  und  des  Wachses,  die  von  jeher  hoch  geschätzt
  wurden.  Wenn  man  sich  in  den  frühesten  Zeiten  auch

 

Abbild.  13.  Gartenhaus  mit  verschiedenen  Bienenwohnungen.

begnügen  mochte,  den  wildlebenden  Bienenvölkern  ihre  Er-Zzeugnisse
  zu  entnehmen,  so  machte  man  sie  später  gleichsam  zu
Haustieren,  indem  man  ihnen  künstliche  Wohnungen  bereitete
und  diese  in  die  Nähe  von  menschlichen  Wohnungen  versetzte.
Schon  die  alten  Römer  ließen  den  Bienen  die  sorgsamste  Pflege
angedeihen  und  hielten  die  Bienenzucht  für  einen  wesentlichen
Teil  der  Landwirtschaft.
        <pb n="180" />
        —  171  —

Wem  der  Ertrag  der  Bienenzucht  zu  gering  erscheinen
sollte,  der  bedenkt  nicht,  daß  dieser  Ertrag  reiner  Gewinn  ist.
Vom  Ertrage  des  Ackerbaues  muß  man  in  Abzug  bringen  die
Zinsen  des  Betriebskapitals,  die  Kosten  der  Kultur,  den  Wert
der  Düngung  und  die  Bodensteuer;  vom  Ertrage  der  andern
Nutztiere  muft  der  Wert  des  für  sie  angebauten  oder  ihnen  gereichten
  Futters  in  Berechnung  gezogen  werden.  Die  Bienen
aber  suchen  sich  ihre  Nahrung  allenthalben  selbst;  sie  braucht
ihnen  nicht  besonders  angebaut  und  herbeigeschafft  zu  werden.

 

Abbild.  14.  Fremdbestäubung  durch  honigleckende  Bienen  bei  der
Muskateller-  und  Wiesensalbei.  (Nach  Dodel-Port.)

à  Offene  Blüte  der  Muskateller-Salbei  mit  einer  honigsaugenden  Holzbiene,  deren  Rücken.
während  des  Saugens  von  den  abwäris  gebogenen  Staubfäden  berührt  und  mit  Pollen  belegt
wird.  In  der  Ruhe  sind  die  Staubfäden  zurückgebogen  (b);  wird  ein  Bienenrüssel  (r)  zwischen
den  beiden  Staubfäden  hindurch  gesteckt,  um  an  den  hinten  gelegenen  Nektarbehälter  zu  gelangen,
  so  wird  der  Pollenbeutel  nach  vorn  über  gebogen  (c).  d  Blüte  der  Wiesensalbei.
I1)  Stellung  der  noch  nicht  empfängnisfähigen  Narbengabel,  2)  Stellung  derselben,  wenn  sie
empfängnisfählg  geworden  ist.  In  dieser  Stellung  berührt  sie  den  pollenbedeckten  Rücken
der  honigsuchenden  Biene.

Durch  die  Bienen  kann  der  Landwirt  selbst  aus  dem  Ubel
noch  Nutzen  ziehen,  indem  die  meisten  der  in  seinen  Saaten
wuchernden  Unkräuter,  wie  der  Hederich,  die  Kornblume,  der
Augentrost,  der  wilde  Mohn  u.  a.  den  Bienen  eine  reichliche
Weide  gewähren.  Indem  aber  die  Bienen  von  Blume  zu  Blume
fliegen,  teils  um  den  aus  gewissen  Stellen  hervorquellenden
Honigsaft  einzuschlürfen,  teils  um  den  männlichen  Blütenstaub
abzustreifen,  einzutragen,  fügen  sie  den  Gewächsen  nicht  nur
keinen  Schaden  zu,  sondern  leisten  ihnen  auch  einen  großen
Dienst,  indem  sie  eine  vollkommenere  Befruchtung  der  Ge-Wächse
  vermitteln  und  einen  stärkeren  und  kräftigeren  Fruchtansatz
  bewirken.  Wird  nämlich  der  männliche  Staub  einer.
andern  Blüte  oder  von  einer  andern  Pflanze  derselben  Art  auf
die  weiblichen  Teile  übertragen,  s5  wird  ein  kräftigerer  Frucht-
        <pb n="181" />
        —  172  —

ansatz  erzielt.  Alles  dies  bewirken  bei  unseren  Fruchtbäumen
und  anderen  Feld-  und  Gartengewächsen  vorzugsweise  die
Bienen.  Wo  es  daher  an  Bienen  fehlt,  wird  man  niemals  solche
Obsternten  machen  wie  in  Gegenden  mit  zahlreich  besetzten
Bienenständen.  Bäume,  Blumen  und  Bienen  sind  für  einander
geschaffen  und  leisten  einander  gegenseitig  die  wichtigsten
Dienste.  Wenn  daher  auch  in  einzelnen  Jahren  wegen  Ungunst
der  Witterung  die  Bienen  höchstens  ihren  Bedarf  eingetragen  und
dem  Imker  als  Ernte  nichts  überlassen  können,  so  ist  auch  dann
die  geringe  Mühe,  welche  ihre  Pflege  verursacht,  nicht  vergebens
  gewesen.  Mittelbaren  Nutzen  haben  sie  doch  gewährt
und  eine  reichlichere  Ernte  von  Garten-  und  Feldfrüchten  zuwege
  gebracht.

Zum  Betriebe  der  Bienenzucht  bedarf  es  keines  großen.
Kapitals,  da  zur  ersten  Anlage  einige  wenige  Stöcke  genügen,
die  sich  bei  richtiger  Behandlung  durch  Schwärme  bald  vermehren
  oder  künstlich,  besonders  bei  beweglichem  Bau,  sicher
durch  Ableger  vermehren  lassen.  Was  viele  von  dem  Betriebe
der  Bienenzucht  abhält,  das  ist  die  übertriebene  Furcht  vor  dem
Stachel  der  Biene.  Die  gewöhnliche  schwarze  oder  graue  Biene
ist  allerdings  ziemlich  reizbar  und  zum  Stechen  geneigt;  doch
gibt  es  auch  sehr  sanfte  Arten,  wie  die  Krainer,  namentlich
aber  die  gelbe  italienische  Biene,  welche  mit  sanftem  Charakter
aufzerordentlichen  Flei  verbindet  und  daher  auch  den  größten
Ertrag  bringt.  Die  Einführung  dieser  sanften,  schönen  und
nützlichen  Bienenart  ist  um  so  leichter,  als  es  dazu  keineswegs
des  Ankaufs  eines  ganzen  Stockes  oder  Volkes  bedarf,  vielmehr
das  Zusetzen  einer  fruchtbaren  Königin  schon  hinreicht,  einen
gewöhnlichen  Stock  in  einen  italienischen  umzuwandeln.  Die
beste  Biene  für  unsere  Gegenden  ist  und  bleibt  jedoch  die
„Deutsche  Biene“,  da  sie,  an  unser  Klima  gewöhnt,  eine  unermüdliche
  Honigsammlerin  ist  und  bei  richtiger  Behandlung  auch
genügend  Schwärme  abstößt.  «

Welch  einen  Zuwachs  würde  der  Wohlstand  und  Reichtum
eines  Landes  dadurch  gewinnen,  wenn  jeder,  der  dazu  Belegenheit
  hat,  auch  nur  in  kleinem  Umfange  Bienenzucht  betriebe!
Wieviel  Zucker  könnte  nicht  in  der  Haushaltung  erspart  werden,
Wenn  man  sich  erst  mehr  an  den  Verbrauch  des  Honigs  gewöhnen
  würde.  Seine  heilsame  Wirkung  ist  bekannt,  sein  lieblicher
  Geschmack  sprichwörtlich,  und  für  des  Landes  Wohl
väterlich  besorgte  Regenten  waren  stets  bestrebt,  diese  Quelle
des  Wohlstandes  immer  mehr  zu  erschließen  und  zu  einem
immer  allgemeineren  Bienenzuchtbetriebe  aufzumuntern.

Ausübender  Bienenzüchter  könnte  jeder  werden,  der  etwas
Grund  und  Boden  besitzt,  denn  es  würde  den  Stöcken  kaum  an
der  nötigen  Nahrung  fehlen;  und  mit  dem  wunderbaren  Treiben
        <pb n="182" />
        —  173  —

der  Bienen  sich  einigermaßen  bekannt  machen,  sie  fleißig
beobachten,  sowohl  in  ihrer  Wohnung  wie  draußen  auf  den
Fluren,  das  sollte  jeder,  um  die  Weisheit  kennen  zu  lernen,
die  sich  dabei  kund  gibt.  Ehe  die  Menschen  rohe  Hütten.
herstellen  lernten,  bauten  die  Bienen  ohne  Maßstab  und
Winkelmaft  ihre  sechseckigen  Zellen  mit  bewunderungswürdiger
  Regelmäßigkeit,  und  wenn  einem  Baumeister  die
Aufgabe  gestellt  würde,  welche  Form  und  Einrichtung  den
einzelnen  Wohnräumen  zu  geben  sei,  um  an  Baumaterial  möglichst
zu  sparen  und  an  Raum  möglichst  zu  gewinnen,  so  hat  die  Biene
diese  Aufgabe  längst  praktisch  gelöst.  Ihre  Geschicklichkeit,  Beschädigungen
  ihrer  Zellen  und  Waben  vollkommen  wieder  auszubessern,
  herabgestürzte  Teile  ihres  Gebäudes  durch  Pfeiler
zu  stützen,  durch  Nieten  festzumachen  und  alles  wieder  in  gehörige
  Verbindung  zu  bringen,  Hängebrücken,  Ketten  und  Leitern
herzustellen,  reift  zur  Bewunderung  hin.

Von  der  Biene  kann  der  Mensch  jedenfalls  noch  mehr
lernen  als  von  der  in  der  Heiligen  Schrift  zum  beschämenden
Beispiel  für  den  Trägen  hingestellten  Ameise.  Der  Fleiß  der
Biene  ist  unermüdlich,  sie  fällt  ihm  bei  rauher  Luft  gar  zu  oft
zum  Opfer.  Durch  ihre  Reinlichkeit,  ihre  Anhänglichkeit  und
Verträglichkeit,  durch  ihre  Uneigennützigkeit,  infolge  deren  sie
das  letzte  Tröpfchen  Honig  mit  ihren  Schwestern  teilt,  durch.
ihre  zärtliche  Liebe  zu  ihrer  Mutter  und  Regentin,  durch  ihren
Mut  bei  Verteidigung  ihres  Stockes,  indem  sie  sich  einem  Verderben
  drohenden  Feinde  mit  Todesverachtung  entgegenstürzt,
wird  die  Biene  für  den  Menschen  zur  Lehrerin  der  schönsten
häuslichen  und  burgerlichen  Tugenden.  Handelte  jeder  Bürger
eines  Staates  aus  Uberzeugung  und  Pflichtgefühl,  wie  die  Biene
aus  unmittelbarer  Eingebung  oder  Instinkt  handelt,  ein  solcher
Staat  wäre  glücklich  zu  preisen.  Jeder,  der  sich  mit  der  Pflege
der  Bienen  nicht  aus  bloßer  Gewinnsucht,  sondern  aus  wahrer
Liebe  befaftt  und  seine  Pfleglinge  aufmerksam  beobachtet,  ist
daher  auch  in  der  Regel  ein  edler  Mensch,  ein  guter  Staatsbürger,
  ein  treuer  Freund.  Als  Bienenfreund  ist  er  selbstverständlich
  auch  Blumenfreund,  ein  Bewunderer  der  Werke  der
Allmacht  und  der  Wunder  der  Natur.

Nach  Dr.  J.  Dzierzon  und  Johann  Besch.

87.  Des  Landmanns  Freunde  und  Feinde  in  der  Tierwelt.

Wir  müssen  anerkennen,  daß  der  Mensch  ganz  entschieden  das  Recht  hat
ülle  seine  Nebengeschöpfe  für  seinen  Nutzen  in  Gebrauch  zu  ziehen.  Der
denkende  Mensch  wird  aber  auch  einsehen,  daß  dieses  Recht  ihm  auch  zugleich
  ernste  Pflichten  auferlegt.  Wir  dürfen  kein  Tier  mutwillig  töten  oder
auch  nur  in  seinem  Lebensgenusse  beeinträchtigen.  Diejenigen  Tiere,  die
        <pb n="183" />
        —  174  —

wir  zu  unserer  Ernährung,  Kleidung  u.  s.  w.  schlachten  oder  sonstwie  erlegen
müssen,  dürfen  wir  nimmermehr  quälen;  denn  wohl  ihr  Leben,  nicht  aber
ihre  Pein  ist  unser  Recht.  Denjenigen  Tieren  gegenüber,  die  wir  als  unsere
Feinde  befehden,  haben  wir  die  dringende  Verpflichtung  gewissenhaft  zu
erwägen,  ob  ihr  Schaden  für  uns  oder  für  den  Naturhaushalt  wirklich  ein
so  bedeutender  und  den  etwaigen  Nutzen  überwiegender  ist,  daß  ihre  Verfolgung
  und  Vertilgung  durchaus  geboten  erscheint.  Handeln  wir  anders,
so  sind  wir  roh.

Um  in  jeder  Hinsicht  ein  richtiges  Urteil  zu  gewinnen  und  die  Behandlung
  der  Tiere  oder  vielmehr  unsern  ganzen  Verkehr  mit  ihnen  so  zu
regeln,  wie  es  unserer  Menschenwürde  entsprechend  ist  und  dem  Menschenherzen

  Ehre  macht,  bedarf  es  vor  allem  einer  möglichst  gründlichen  Kenntnis
der  Tiere.

Wäre  aber  diese  Kenntnis  der  uns  umgebenden  Tierwelt  jedermann
zu  eigen  geworden,  so  würde  der  Naturfreund  nicht  mehr  den  Schmerz
erleben,  daß  der  biedere  Landmann  im  blinden  Wahn  seine  besten  Freunde,
eine  Eule,  einen  Bussard  u.  dergl.  erschießt  und  ans  Scheunentor  nagelt,
daß  er  Fledermaus,  Iltis,  Wiesel  u.  a.  aufs  eifrigste  verfolgt  und  daß  allerlei
harmlose  Tiere  ohne  Ziel  und  Zweck  vernichtet  werden.

Aus  der  leider  noch  überall  herrschenden  Unbekanntschaft  mit  den
nächsten  Tieren  entspringt  eben  die  betrübende  Erscheinung,  daß  noch
immer  jene  überaus  nützlichen  Geschöpfe,  die  als  unsere  nächsten  Freunde

unter  den  Tieren  anzusehen  sind,  leider  gerade  am  meisten  befehdet
werden.

Zu  verschiedenen  Zeiten  während  des  Wachstums  können  wir  an
allen  Nutzgewächsen  die  verderbliche  Tätigkeit  freßgieriger  Schädiger  bemerken.
  Schon  an  den  Wurzeln  der  Getreide=  und  Gemüsepflänzchen
wie  der  Obstbäume  u.  s.  w.  nagen  Maden  und  Larvenz  nicht  minder  bedroht
ist  das  Dasein  der  Knospe  an  Baum,  Strauch  und  Kraut,  wie  später  des
Blattes,  der  Blüte  und  Frucht.  Es  sind  in  der  Tat  Legionen  winziger
und  eben  in  ihrer  Unzahl  und  Mannigfaltigkeit  überaus  furchtbarer  Feinde
aus  den  Reihen  der  niederen  Tiere,  die  fortwährend  unsere  nützlichsten
und  unentbehrlichsten  Nutzgewächse  und  Gebrauchsgegenstände  schwer
beeinträchtigen  und  sogar  unser  ganzes  Dasein  gefährden  können.  Zu
diesen  unseren  nächsten  Feinden  gehören  außer  Nagetieren  namentlich
auch  Würmer,  Weichtiere  und  Insekten.

Der  Mailkäfer,  einer  der  allerbösesten  kleinen  Fresser,  nagt  bereits
als  Larve  an  allen  Wurzeln  in  der  Erde,  von  haardünnen  bis  zu  zolldicken,
und  wo  diese  Larve,  Engerling  genannt,  sehr  zahlreich  ist,  können  große
bestellte  Flächen  verkümmern  und  verderben.  Doch  unbemerkt  sind  die
Bekämpfer  auf  seiner  Spur,  die  seinem  Unternehmen  zu  steuern  vermögen.
In  der  Erde  verfolgt  der  Maulwurf  die  Engerlinge  mit  großem  Eifer.
Er  tut  dies  freilich  nicht  etwa  uns  zuliebe  —  wie  wir  Menschen  das
Tun  und  Treiben  der  Tiere  uns  wohl  zu  erklären  pflegen  —  sondern  er  ist
seinerseits  ein  sehr  arger  Räuber  und  Fresser,  dessen  Mordlust  aber  dem
        <pb n="184" />
        —  175  —

Naturhaushalt  und  uns  zugute  kommt.  Außer  den  Engerlingen  jagt  und
frißt  der  Maulwurf  in  erstaunlichen  Massen  auch  allerlei  andere  gefräßige
Larven,  Regenwürmer,  Schnecken  und  alle  diejenigen  Tiere  überhaupt,
die  wir  als  Ungeziefer  zu  bezeichnen  pflegen.

Nicht  wie  er,  tief  unten  in  der  Erde,  allein  beinahe  noch  heimlicher  und
verborgener,  treibt  ein  anderer  kleiner  Räuber  sein  Wesen.  Es  ist  die
Spitzmaus,  die  von  denselben  schädlichen  Tieren  sich  ernährt  und  von
ihnen  täglich  viel  mehr  verzehrt  als  ihr  eigenes  Körpergewicht  beträgt.

Größer  und  gewandter  ist  das  Kleine  Wiesel,  ebenfalls  ein  mord—
süchtiger  Verfolger  jener  schädlichen  Kerbtiere  und  anderer,  aber  auch  der

 

Abbild.  15.  Kleines  Wiesel.

Mäuse,  zu  deren  fürchterlichsten  Feinden  es  gehört,  weil  es  vermöge  seiner
schlanken  Gestalt  diesen  bösen  Nagern  bis  in  den  innersten  Schlupfwinkel
nachzujagen  vermag.

Wiederum  größer  und  kräftiger  ist  der  Iltis,  der  daher  außer  den
Kerbtieren,  Mäusen  u.  dergl.  auch  die  Ratten  jagt.  Ihm  folgt  dann  noch
der  Igel  als  sehr  eifriger  Mäuse-,  Schnecken=  und  Madewvertilger.

Alle  diese  kleinsten  Raubsäugetiere  sind  als  die  wirksamsten  Bekämpfer
dos  Ungeziefers  und  daher  als  unsere  besten  Freunde  aus  der  Tierwelt
zu  betrachten.  Die  drei  letzteren  von  ihnen,  Igel,  Iltis  und  Wiesel,  verursachen
  allerdings  im  Naturhaushalt  auch  Schaden,  indem  sie  manches
Vogelnest  ausräubern  und  zuweilen  auch  einen  alten  Vogel  oder  ein  an-
        <pb n="185" />
        —  176  —

deres  nützliches  Tier  erwischen.  Allein  dieser  Schaden  ist  im  Vergleich  mit
ihrem  Nutzen  gar  nicht  in  Betracht  zu  ziehen  und  es  herrscht  über  ihre  Wichtigkeit
  für  den  Haushalt  der  Natur  bei  den  Tierkundigen  gar  kein  Zweifel
mehr.  Auch  der  Maulwurf  wird  zuweilen  dadurch  lästig,  daß  er  in  den
Gärten  kostbare  Pflanzen  mit  seinen  Haufen  überschüttet.  Doch  ist  längst
festgestellt,  daß  er  sowohl  als  auch  die  Spitzmaus  sich  ausschließlich  von
schädlichen  Getieren  ernähren  und  niemals  Pflanzenstoffe  berühren.

Alle  diese  kleinen  Räuber  gehen  übrigens  in  der  Dämmerung  ihrer
Nahrung  nach  und  zu  dieser  Zeit  können  wir  noch  eine  andere  Tierfamilie
in  gleich  nützlicher  Tätigkeit  belauschen,  dies  sind  die  Fledermäuse,  welche
in  sämtlichen  europäischen  Arten  ebenfalls  ausschließlich  nur  von  tierischer
Nahrung  leben.  Da  aber  im  dämmernden  Düster  auch  die  meisten  jener
kleinen  Pflanzenfresser  am  regsamsten  sind,  so  isthieraus  unschwer  zu  ermessen,
daß  die  Tätigkeit  aller  dieser  Dimmerungstiere  eine  außerordentlich  wirksame
  sein  muß.

–  -

—:  EM*77272:
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,

 

 

Abbild.  16.  Ziegenmelker.

In  der  Vogelwelt  finden  wir  dann  ebenfalls  mehrere  sehr  wichtige,
in  der  Dämmerung  auf  Raub  ausziehende  Tiere.  Zunächst  sind  es  die
sämtlichen  einheimischen  Eulen,  mit  Ausnahme  der  größten,  des  Uhu,
die  in  ihrer  Ernährung  den  kleinen  Raubsäugetieren  völlig  gleichen  und
ganz  ebenso  nützlich  sind.  Ihnen  folgt  dann  die  Nachtschwalbe,  auch
Tagschlaf,  Ziegenmelker,  Nachtschatten  genannt,  ein  Vogel,  etwa  von  der
Größe  einer  Drossel,  der  für  die  Wälder  und  Obstgärten  von  großer  Wichtigkeit
  ist,  weil  er  die  gefräßigen  Käfer,  Schmetterlinge  und  andere  Kerbtiere
in  staunenswerter  Anzahl  vertilgt.

Hiermit  sind  wir  zu  den  lieblichsten  unter  unseren  nächsten  Freunden
aus  der  Tierwelt  gelangt,  nämlich  zu  den  Vögeln.  Wenn  wir  den  jubelnden
Liedern  in  Hain  und  Garten  und  über  uns  in  der  klaren,  blauen  Luft  voll
Entzücken  lauschen,  wenn  rings  um  uns  her  die  gefiederte  Welt  durch  ihre
bunten  Farben  und  ihre  anmutige  Lebendigkeit  uns  erfreut  —  dann  denken
wir  wohl  kaum  daran,  daß  dieselben  Vögel  zugleich  für  den  Naturhaushalt
        <pb n="186" />
        —  177  —

unermeßlich  wichtig  sind.  Gerade  die  herrlichsten  Sänger  und  alle  kerbtierfressenden
  Vögel  überhaupt,  also  Nachtigallen,  Blaukehlchen,  Rotkehlchen,
  Rotschwänzchen,  alle  Grasmücken,  Laubvögelchen,  Schilfund
  Rohrsänger,  Schmätzer,  Fliegenschnäpper,  Bachstelzen,
Meisen,  Goldhähnchen,  alle  Drosseln,  Stare,  alle  Pieper,  die
Schwalben  und  Segler,  die  Spechte,  Kleiber,  Baumläufer,
Kuckucke  ernähren  sich  fast  ausschließlich  von  Kerbtieren  in  allen  deren  Entwicklungsstufen.
  Sie  sind  es  eigentlich  vor  allen  anderen  Tieren,  die  unser
Getreide,  Gemüse,  Obst  und  also  unsere  wichtigsten  Lebensbedürfnisse  uns
zu  erhalten  vermögen.  Diese  Unentbehrlichkeit  der  Singvögel  für  den

 

Abbild.  17.  a  Hausrotschwänzchen,  b  Gartenrotschwänzchen.

Naturhaushalt  und  das  Menschenwohl  ist  bereits  so  allgemein  anerkannt,
daß  die  leider  unbestreitbare  Tatsache  der  allmählichen  Verringerung  aller
dieser  Vogelarten  in  unserem  deutschen  Vaterlande  Gegenstand  der  Erwägung
  von  seiten  der  maßgebenden  Behörden  geworden  ist  und  daß
man  bereits  Gesetzesbestimmungen  zu  ihrem  Schutze  erlassen  hat.

Aber  auch  unter  den  körnerfressenden  Singvögeln  gibt  es  viele,  die
zeitweise  von  Kerbtieren  und  Gewürm  sich  ernähren  oder  doch  wenigstens
ihre  Jungen  damit  groß  füttern.  Dies  sind  vor  allem  der  Buch=  oder
Edelfink  und  seine  nächsten  Verwandten,  Stieglitz,  Zeisig,  Hänfling,
Girlitz,  Grünfink,  ferner  die  Lerchen.

Die  Naturwissenschaft  hat  im  Verein  mit  der  Landwirtschaftskunde
u.  s.  w.  festgestellt,  daß  alle  Kerbtierplagen,  besonders  aber  der  verheerende
Raupenfraß,  die  massenhafte  Getreidevernichtung  u.  dergl.  nur  darin
begründet  sind,  daß  durch  die  menschliche  Bodenbearbeitung  tief  eingreifende

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  12
        <pb n="187" />
        —  178  —

    

Abbild.  18.  Kuckuck.

Abbild.  19.  ·.·  «  «  b  Grünling,  e  Edela'
  Gimpel,  «  fink,  d  Stieglitz.
        <pb n="188" />
        —  179  —

Störungen  im  Walten  der  Natur  hervorgerufen  worden  sind.  Durch  das
Herunterschlagen  der  Wälder,  das  Ausroden  der  Gebüsche  und  die  immer
größere  Ausdehnung  des  urbar  gemachten  Ackerlandes  werden  den  Vögeln
die  Brutstätten  und  jenen  kleinen  Raubtieren  die  Schlupfwinkel  immer
mehr  entzogen.  Dies  ist  aber  die  Ursache,  daß  die  gefräßigen  Kerbtiere

 

Abbild.  20.  a  Der  Erbsen-  Abbildung  21.  Apfelblütenstecher  als
käfer.  b  Eine  vom  Käfer  Käfer  und  Larve.1!)  (Der  kleine  Käfer
bewohnte  Erbse.  zeigt  die  natürliche  Größe.)

nicht  allein  nicht  verringert  werden,  sondern  daß  sie  auch  an  unsern  Naturgewächsen
  reichlich  gedeckte,  Tafeln  finden  um  sich  in  kräftigster  Weise  zu  entwickeln
  und  ins  zahllose  zu  vermehren.

  

Abbildung  22.  Abbildung  23.  Der  große
Das  Weibchen  der  Nonne  in  natürlicher  Fichtenborkenkäfer.
Größe.  Rechts  oben  der  Käfer  und  die  Larve  in

natürlicher  Größe,  links  der  Käfer  vergrößert,
  rechts  unten  die  Larve  desgl.

Da  hat  nun  die  neuere  Zeit  Erscheinungen  gezeigt,  die  man  früher
gar  nicht  kannte.  Winzige,  dem  unbewaffneten  Auge  unsichtbare  Fliegenund
  Mückenarten  legen  ihre  Eier  an  die  Getreidepflänzchen  und  die  daraus
sich  entwickelnden  Maden  üben  eine  so  verderbliche  Wirkung  am  Roggen,
Weizen  u.  dergl.  aus,  daß  man  diese  kleinen  Feinde  als  Getreideverwüster
bezeichnen  muß.  In  ähnlicher  Weise  zeigen  sich  die  Samenkäfer  für
die  Erbsen  (Abbildung  20)  und  andere  Hülsenfrüchte,  der  Apfelblütenstecher
  (Abbildung  21)  und  mehrere  andere  Käfer  für  die  Obstbaumblüten,

1)  Der  Strich  zeigt  bei  dieser  und  den  folgenden  Abbildungen  die  natürliche
Größe  an.
        <pb n="189" />
        —  180  —

Blattläuse  und  Raupen  für  mancherlei  Gemüsepflanzen,  die  Nonne
(Abbildung  22)  und  der  Borkenkäfer  (Abbildung  23  und  24)  für  Waldbäume
  und  die  Kornwürmer  (Abbildung  25)  für  das  Getreide  schädlich.
Übersehen  wir  nun  diese  wahrhaft  unendlichen  Heerscharen  aus  den  Reihen
der  niederen  Tiere,  die  als  unsere  nächsten  Feinde  auftreten,  weil  sie  uns  eben
am  Unentbehrlichsten  schädigen,  so  wird  uns  klar,  daß  eine  Abhilfe  gegen  sie
weder  in  unserer  eigenen  Macht  steht,  noch  durch  jene  Vierfüßler  und  Vögel

G

 

  

 

Abbildung  25.
Larve  des  schwarzen  Kornkäfers  im
..  Korn  (schwarzer  Kornwurm).

9  V  1—  »5
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—  **

"

——2  4

6
6

  

Abbild.  24.  Mutter=  und  Larvengänge  des  Abbildung  26.

großen  und  (rechts  oben)  des  sechszähnigen  Anreizende  Schlupfwespe.
Fichtenborkenkäfers;  des  letzteren  „Sterngang“  M  sp
nur  zu  ¼.

in  ausreichender  Weise  gewährt  werden  kann,  zumal  diese  ja  immer  mehr
zurückgedrängt  werden.

Aber  auch  hier  treten  uns  wiederum  andere  Freunde  aus  der  Tierwelt
  helfend  zur  Seite  und  zwar  aus  den  Reihen  der  Kerbtiere  selber.  Die
wichtigsten  unter  ihnen  sind  die  Schlupfwespen  (Abbildung  26),  meistens
ebenfalls  winzige  Tierchen,  die  ihre  Eier  in  oder  an  die  Larven,  Maden,
Raupen  jener  Getreideverwüster  und  Baumverderber  legen  und  die  daraus
sich  entwickelnde  Brut  zugrunde  richten.

Verschiedene  Raubkäfer,  Raubfliegen  und  Raubwespen  sind
es  sodann,  die  in  mörderischer  Gefräßigkeit  ihre  Verwandten  aus  der  Kerbtierwelt
  gar  wirksam  befehden.  Einige  der  bekanntesten  sind  die  Puppen-
        <pb n="190" />
        —  181  —

räuber,  ein  großer,  kräftiger  Käfer,  der  besonders  Raupen,  Larven  und
Puppen  schädlicher  Kerbtiere  vernichtet,  und  der  Marienkäfer  (auch
Siebenpunkt  genannt),  der  jene  gierigen  Sauger  frißt.  Der  Blattlauslöwe,
die  Larve  der  Florfliege  (Abbildung  28),  wütet  unter  den  Blattläusen
und  ähnlichen  winzigen  Pflanzenschädigern  geradezu  fürchterlich.  Ganz
ebenso  freßlustige  Räuber  sind  die  Libellen,  die  besonders  die  winzigen

      
 
  
      

 

1—

 

--1


—  —

Abbildung  27.

–  –
–

Larve  des

Puppenräubers.  (Calosoma  sycophanta.)
  Fast  nat.  Größe.

5

uNNNN  d
M—L

Fliegen  und  Mücken,  die  Erzeuger
der  getreideverwüstenden  Larven,
verfolgen.

Können  wir  diesen  hochwichtigen
Bundesgenossen  im  Kampfe  gegen
unsere  schlimmsten  kleinen  Feinde
auch  keineswegs  Schutz  und  Hegung
gewähren  wie  den  Singvögeln  und
kleinen  Vierfüßlern,  so  ist  es  doch  notwendig,
  daß  wir  sie  kennen  lernen;  e  d  e

*“

   

□—½
21

 

 

denn  wir  empfangen  durch  sie  eine
beherzigenswerte  Lehre.  Könnte  der
Mensch  sich  aller  Eingriffe  in  das  Walten
  der  Natur  durchaus  enthalten,  so

Abbildung  28.  Gemeine  Florfliege.

a  Fliege,  b  Larve,  c  Puppe  von  vorn,  d  von

der  Seite,  e  der  noch  geschlossene,  k  der  geöffnete

  Kokon,  g  die  gestielten  Eier,  h  ein
einzelnes  Ei  (b,  c,  d,  h)  vergrößert.)

würde  auch  ein  Kampf  mit  allen
unsern  nächsten  Widersachern  gar  nicht  notwendig  sein;  denn  die  Natur  würde
ihr  Gleichgewicht  immer  wieder  von  selber  herstellen.  Da  dies  jedoch  nicht
möglich  ist,  so  muß  der  Mensch  kämpfen  und  sich  Schutz  zu  verschaffen  suchen.
Wenn  er  nun  aber  ohne  Einsicht  und  Kenntnis  alle  erreichbaren  Kerbtiere
vernichten  wollte,  wie  es  im  allgemeinen  leider  nur  noch  zu  vielfach  geschieht,
so  würde  er  ja  auch  die  erwähnten  Freunde  und  Helfer  ebenfalls  umbringen.
Hieraus  erhellt  wiederum,  wie  notwendig  eben  die  Bekanntschaft  mit  unseren
  nächsten  Freunden  aus  der  Tierwelt  ist.

Ferner  müssen  wir  wohl  beachten,  daß  zahlreiche  Tiere  vorhanden
sind,  deren  Verhältnis  zum  Naturhaushalt  selbst  für  den  Kundigen  noch
        <pb n="191" />
        .-  J##.
*l7  #  *s  -.
5  W  W

.

 

Abbildung  29.
a  Rabenkrähe,  b  Saatkrähe,  c  Nebelkrähe,  d  Elster.

 

Abbild.  30.  Der  Mäusebussard.  Abbildung  31.  Kreuzotter.
        <pb n="192" />
        —  183  —

nicht  völlig  feststeht.  Hierzu  gehören  die  Krähenartigen  Vögel  und
viele  Raubvögel,  unter  denen  es  immer  einige  gibt,  wie  die  Dohle  und  den
Mäusebussard,  an  deren  Nützlichkeit  niemand  zweifeln  darf.  Aber  die
übrigen  sollte  man  keineswegs  unnachsichtlich  verfolgen,  bevor  man  von
ihrer  überwiegenden  Schädlichkeit  überzeugt  ist.

**?“

 

Abbildung  32.  Zauneddechse.

Schließlich  gibt  es  noch  eine  Anzahl  von  Tieren,  die  den  meisten  Menschen
  widerwärtig  und  ekelhaft  erscheinen  und  die  doch  durch  Vertilgung
verderbenbringender  Geschöpfe  zu  unsern  nächsten  Freunden  gehören.
Dies  sind  die  Frösche,  Kröten  und  Eikichsen  alle  einheimischen
Schlangen,  mit  alleiniger  Ausnahme  der  giftigen  Kreuzotter  (Abbildung
31),  und  sämtliche  Kriechtiere  oder  Amphibien  überhaupt.  Auch  ihnen
alnei  möge  man  nur  Gerechtigkeit  walten  lassen;  bei  genauerer  Bekanntschaft
  wird  sich  die  Freundschaft  ganz  von  selber  finden.

Nach  Ruß  mit  Abbildungen  aus  „Tierwelt  und  Landwirtschaft“  von  Prof.  Dr.  G.  Rörig.

88.  Ver  Maulwurf.

Unter  allen  Tieren,  die  ihre  Jungen  säugen,  ist  der  Maulwurf  das
einzige,  das  seiner  Nahrung  allein  in  dunklen  Gängen  unter  der  Erde
nachgeht.

Und  an  dem  einen  ist's  zu  viel,  wird  mancher  sagen,  der  an  seine  Felder
und  Wiesen  denkt,  wie  sie  mit  Maulwurfshügeln  bedeckt  sind,  wie  der  Boden
        <pb n="193" />
        —  184  —

zerwühlt  und  durchlöchert  wird,  wie  die  Gewächse  oben  absterben,  wenn  das
heimtückische  Tier  unten  an  den  Wurzeln  weidet.

Nun  so  wollen  wir  denn  Gericht  halten  über  den  Missetäter!

Wahr  ist  es  und  nicht  zu  leugnen,  daß  er  durch  seine  unterirdischen
Gänge  den  Boden  durchwühlt  und  ihm  hin  und  wieder  etwas  von  seiner
Festigkeit  raubt.

Wahr  ist  es  ferner,  daß  er  durch  die  herausgestoßenen  Grundhaufen
viel  fruchtbares  Land  bedeckt  und  die  darunter  liegenden  Keime  im  Wachstum
  gehindert,  ja  erstickt  werden  können.  Dafür  ist  jedoch  in  einer  fleißigen
Hand  der  Rechen  gut.

Aber  wer  hat's  gesehen,  daß  der  Maulwurf  die  Wurzeln  abfrißt?  Wer
kanns'  behaupten?

 

Abbildung  33.  Maulwurf.

Nun,  man  sagt  so:  Wo  die  Wurzeln  abgenagt  sind  und  die  Pflanzen
sterben,  wird  man  auch  Maulwürfe  finden,  und  wo  keine  Maulwürfe  sind,
geschieht  das  auch  nicht.  Folglich  tut's  der  Maulwurf.  —  Der  das  sagt,
ist  vermutlich  der  nämliche,  der  einmal  so  behauptet  hat:  Wenn  im  Frühlinge
  die  Frösche  zeitig  quaken,  so  schlägt  auch  das  Laub  beizeiten  aus.  Wenn
aber  die  Frösche  lange  nicht  quaken  wollen,  so  will  auch  das  Laub  nicht
kommen.  Folglich  quaken  die  Frösche  das  Laub  heraus.  —  Seht  doch,
wie  man  sich  irren  kann!  —

Aber  da  kommt  ein  Advokat  des  Maulwurfs,  ein  erfahrener  Landwirt
und  Naturbeobachter,  der  sagt  so:

Nicht  der  Maulwurf  frißt  die  Wurzeln  ab,  sondern  die  Quatten  oder
Engerlinge,  die  unter  der  Erde  sind,  aus  welchen  hernach  die  Maikäfer  und
anderes  Ungeziefer  kommen.  Der  Maulwurf  aber  frißt  die  Quatten  und
reinigt  den  Boden  von  diesen  Feinden.
        <pb n="194" />
        —  185  —

Jetzt  wird  es  also  begreiflich,  daß  der  Maulwurf  immer  da  ist,  wo
das  Gras  und  die  Pflanzen  krank  sind  und  absterben,  weil  die  Quatten
da  sind,  denen  er  nachgeht  und  die  er  verfolgt.  Und  dann  muß  er's  getan
haben,  was  diese  anstellen,  und  bekommt  für  eine  Wohltat,  die  er  euch
erweisen  will,  des  Henkers  Dank.

Das  hat  wieder  einer  in  der  Stube  erfunden  oder  aus  Büchern  gelernt,
werdet  ihr  sagen,  der  noch  keinen  Maulwurf  gesehen  hat.

Halt,  guter  Freund,  der  das  sagt,  kennt  den  Maulwurf  besser  als  ihr
alle  und  eure  besten  Schermäuser,  wie  ihr  sogleich  sehen  werdet.  Denn  ihr
könnt  zweierlei  Proben  anstellen,  ob  er  die  Wahrheit  sagt.

Erstlich,  wenn  ihr  dem  Maulwurf  in  den  Mund  schaut.  Denn  alle
vierfüßigen  oder  Säugetiere,  welche  die  Natur  zum  Nagen  am  Pflanzen—
werk  bestellt  hat,  haben  in  jeder  Kinnlade,  oben  und  unten,  nur  zwei  einzige
und  zwar  scharfe  Vorderzähne  und  gar  keine  Eckzähne,  sondern  eine  Lücke
bis  zu  den  Stockzähnen.  Alle  Raubtiere  aber,  welche  andere  Tiere  fangen
und  fressen,  haben  sechs  und  mehr  spitzige  Vorderzähne,  dann  Eckzähne  auf
beiden  Seiten  und  hinter  diesen  zahlreiche  Stockzähne.  Wenn  ihr  nun  das
Gebiß  eines  Maulwurfs  betrachtet,  so  werdet  ihr  finden:  er  hat  in  der
oberen  Kinnlade  sechs  und  in  der  untern  acht  spitzige  Vorderzähne  und  hinter
denselben  Eckzähne  auf  allen  vier  Seiten,  und  daraus  folgt:  es  ist  kein  Tier,
das  an  Pflanzen  nagt,  sondern  ein  kleines  Raubtier,  das  andere  Tiere  frißt.

Zweitens,  wenn  ihr  einem  getöteten  Maulwurfe  den  Bauch  auf—
schneidet  und  in  den  Magen  schaut.  Denn  was  er  frißt,  muß  er  im  Magen
haben,  und  was  er  im  Magen  hat,  muß  er  gefressen  haben.  Nun  werdet
ihr,  wenn  ihr  die  Probe  machen  wollt,  nie  Wurzelfasern  oder  so  etwas  in
dem  Magen  des  Maulwurfs  finden,  aber  immer  die  Häute  von  Engerlingen,
Regenwürmern  und  anderem  Ungeziefer,  das  unter  der  Erde  lebt.

Wie  sieht's  jetzt  aus?

Wenn  ihr  also  den  Maulwurf  recht  fleißig  verfolgt  und  mit  Stumpf
und  Stiel  vertilgen  wollt,  so  tut  ihr  euch  selbst  den  größten  Schaden  und
den  Engerlingen  den  größten  Gefallen.  Da  können  sie  alsdann  ohne  Gefahr
  eure  Wiesen  und  Felder  verwüsten,  wachsen  und  gedeihen  und  im  Frühjahr
  kommt  alsdann  der  Maikäfer,  frißt  euch=  die  Bäume  kahl  wie  Besenreis
und  bringt  euch  zur  Vergeltung  auch  des  Kuckucks  Dank  und  Lohn.

So  sieht's  aus.  Johann  Peter  Hebel.

 

89.  Die  Ziege.

Für  viele  wirtschaftliche  Verhältnisse  ist  die  Ziege  als  das  Haustier
des  Kleinbauern  von  größter  Bedeutung.  Die  Ziegenhaltung  erfordert
wenig  Raum  und  geringes  Betriebskapital,  weil  die  Ziege  mit  Waldund
  Raingras,  Laub,  Zweigen,  Garten=  und  Küchenabfällen,  kurz  mit
Futter,  welches  von  andern  Haustieren  nicht  ausgenommen  wird,  zufrieden
ist.  Sie  ist  in  der  Lage  unfruchtbare  Hänge,  welche  nur  sehr  minder-
        <pb n="195" />
        —  186  —

wertige  Futterpflanzen  liefern,  zu  beweiden  und  auszunutzen.  Die  Ziege
liefert  im  Verhältnis  zu  ihrem  Körpergewicht  eine  große  Menge  eiweißund
  fettreicher  Milch,  welche  durch  den  Umstand,  daß  in  ihr  noch  keine
Keime  der  Tuberkulosekrankheit  gefunden  worden  sind,  sich  besonders  als
frische  Kindermilch  eignet.  Die  Ziege  wirft  ferner  im  Jahre  eine  Anzahl
von  Zicklein,  welche,  falls  sie  nicht  als  Zuchttiere  Verwendung  finden
sollen,  vorzügliches  Fleisch  liefern,  wie  auch  ältere  weibliche  und  männliche
  Tiere,  letztere  nach  vorhergegangener  Kastration,  mit  Vorteil  geschlachtet
  und  verwertet  werden  können.  Das  Ziegenfleisch  genießt  bis

——

—

 

“  33-.  —

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—  —

—
—

Abbildung  34.  Landziege.

jetzt  zwar  nur  ein  geringes  Ansehen;  bei  richtiger  Behandlung  und  Verwertung
  der  Tiere  treten  jedoch  die  Nachteile  des  Fleisches  weniger  hervor.
Am  besten  ist  es  entweder  die  jungen  Zicklein,  wenn  sie  mit  Milch  aufgezogen
  sind,  im  Alter  von  4—6  Wochen  zu  schlachten,  oder  aber  die  Ziegen,
falls  sie  durch  ihre  Körperform  oder  aus  andern  Gründen  zur  Zucht  nicht
geeignet  erscheinen,  im  Alter  von  1—2  Jahren  durch  Weidefutter  mit  wenig
Kraftfutterzusatz  oder  im  Stalle  durch  Heu,  Stroh,  Hackfrüchte  und  Kraftfutter
  schlachtreif  zu  machen.  Auch  die  Ziegenfelle  haben  noch  einen  nennenswerten
  Preis  und  werden  zur  Herstellung  feiner  Damenschuhe  und
Handschuhe  verwendet.  Endlich  liefert  das  nützliche  Tier  bei  sorgsamer
Einstreu  und  richtiger  Aufbewahrung  einen  vorzüglichen  Dünger,  welcher
        <pb n="196" />
        —  187  —

im  Hausgarten  oder  auf  dem  Gemüsefelde  in  bester  Weise  zur  Geltung
kommt.

Von  Interesse  ist  die  nachstehende  Rentabilitatsberechnung,  da  sie
beweist,  daß  selbst  bei  Pachtung  einer  geringen  Weidefläche  und  Ankauf
sämtlicher  Futtermittel,  wie  Heu,  Stroh,  Möhren  und  Kraftfutter,  noch
ein  verhältnismäßig  hoher  Gewinn  erzielt  werden  kann.  Das  zu  diesem

 

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—  *
——

7—
Abbildung  35.  Weiße  Saanenziege.

Zweck  ausgewählte  zweijährige  Tier  einheimischer  Rasse  war  am  12.  Mai
1895  melk  geworden  und  lieferte  umstehendes  Resultat.  (S.  S.  188.)

Recht  deutlich  springt  die  allgemeine  Bedeutung  der  Ziegenzucht
durch  die  Viehzählung  in  die  Augen.  Der  Bestand  der  Ziegen  in  Bayern
betrug  im  Jahre  1912  315  122  Stück.  Leider  ist  durch  mannigfache  Einflüsse,
  wie  schlechte  Bockhaltung,  mangelhafte  Ernährung,  Haltung  und
Pflege,  die  vorhandene  Landrasse,  namentlich  in  der  Milchleistung,  sehr
zuräckgegangen,  so  daß  die  neuerdings  hervortretenden  Bestrebungen,
durch  Gründung  von  Ziegenzuchtvereinen  und  durch  Kreuzung  der  Landziegen
  mit  Böcken  der  milchreichen  Saanenrasse  die  Zucht  zu  heben,  warm
zu  begrüßen  sind.
        <pb n="197" />
        188

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einnahme.  Ausgabe.
Monats-Preis  Ge-Monat
  Liter  leistung  per  samtund
  per  in  Liter  preis  Gegenstand  M
ag  Tag  Liten  5/
1895
16.—1.Mai  250  4000  0,16  6,40  Heu  3  Ztr.  à  2,50  =  7,50
—30.  Juni  225  67.5  0,16  10.80  -.
1.—31.Ju1i2,1065,10,1610,41  Stgxäszxr  Einstreu  und  8
1.—1.  Aug.  180  558  06  893/  Hülse,  „verwan)  700
1.—30.  Sept.  160  480  016  685t#  24  "„
1.—1.  Okt.  1,45  44,95  0,18  8,09Feldmöhren  3,5  Ztr.  à
1.—30.  Nov.  1,10  33,00  0,18  5,94,50  4  *
1—31.  d  00  248  018  446roftfutter  (Kleie,  getr
1896  Biertreber,  Leinmehl)  4,80
1.—31.  Jan.  —  14,0  018  2,52  «
1..—·20.Feb.r.  90  1s  1  Pacht  der  Gartenweide  4,00
4—15.  MWii  2,60  286  0„0,16  4,57
71,24  Summe  28,55
Hierzu  Düngerwert  6,00
Wert  des  Kitzchens  am  15.  Mai  1896  3,00
Summe  80,24
Abzug  der  Ausgaben  28,55
Reingewinn  51,69  Nach  Dr.  Klöpfer

 

 

90.  Aus  dem  Wald.

Mit  dem  alten  Förster  heut

Bin  ich  durch  den  Wald  gegangen,
Während  hell  im  Festgeläut'

Aus  dem  Dorf  die  Glocken  klangen.

Golden  floß  ins  Laub  der  Tag;
Vöglein  sangen  Gottes  Ehre,
Fast  als  ob  der  ganze  Hag
Wüßte,  deß  es  Sonntag  wäre.

Und  wir  kamen  ins  Kevier,

Wo,  umrauscht  von  alten  Bäumen,
Junge  Stämmlein,  ohne  Zier,
Sproßten  auf  besonnten  Räumen.

Feierlich  der  Alte  sprach:
„Sichst  du  über  unsern  Wegen

 

Hochgewölbt  das  grüne  Dach?
Oas  ist  unsrer  Ahnen  Segen.

Denn  es  gilt  ein  ewig  Recht,

Wo  die  hohen  Wipfel  rauschen;
Von  Geschlechte  zu  Geschlecht
CGeht  im  Wald  ein  ewig  Tauschen.

Was  uns  not  ist,  uns  zum  Heil
Warchs  gegründet  von  den  Vatern:;
Aber  das  ist  unser  Teil,

Daß  wir  gründen  für  die  Spätern.

Drum  im  Forst  auf  meinem  Stand
Ist  mir'’s  oft,  als  böt’  ich  linde
Meinem  Ahnherrn  diese  Hand,
Jene  meinem  Kindeskinde.
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        Und  sobald  ich  pflanzen  will,

Pocht  das  Herz  mir,  daß  ich’'s  merke,
Und  ein  frommes  Sprüchlein  still
Muß  ich  beten  zu  dem  Werke:

Schütz’  euch  Cott,  ihr  Reiser  schwank,
Mögen  unter  euern  Kronen,

189  —

Und  ihr,  Enkel,  still  erfreut,

Mögt  ihr  dann  mein  Segnen  ahnen,
Wie's  mit  frommem  Dank  mich  heut
An  die  Väter  will  gemahnen!“

Wie  verstummend  im  Gebet
Schwieg  der  Mann,  der  tiefergraute,

Rauscht  ihr  einst  den  Wald  entlang,
Gottesfurcht  und  Freiheit  wohnen!

Klaren  Auges,  ein  Prophet,
Welcher  vorwärts,  rückwärts  schaute.

 

Segnend  auf  die  Stämmlein  rings
Sah  ich  dann  die  Händ’  ihn  breiten;
Aber  in  den  Wipfeln  ging's

Wie  ein  Gruß  aus  alten  Zeiten.  Emanuel  Geibel.

91.  Ver  Wald  und  seine  Bedeutung.

Ob  der  Wald  Bedeutung  hat,  kann  keine  Frage  sein.  Wohin  wir
blicken,  überall  sehen  wir  Erzeugnisse  des  Waldes.  Unsere  Wohnungen,
unsere  Geräte,  unsere  Schiffe,  unsere  Eisenbahnen,  sogar  unsere  Bergwerke
  könnten  nicht  sein,  wenn  der  Wald  nicht  wäre.  Des  Winters  Kälte
würden  wir  erliegen,  Nahrungsmittel,  für  uns  erst  durch  des  Feuers  Macht
genießbar,  würden  uns  nichts  nützen,  die  Kraft  des  Dampfes  würden  wir
nicht  kennen,  durch  sie  nicht  über  Land  und  Meer  fliegen,  wenn  es  keine
Wälder  gäbe  oder  gegeben  hätte.

Die  Fortschritte  der  Kultur  sind  an  den  Wald  gebunden  und  doch
war  die  Kultur  die  größte  Feindin  des  Waldes  sie  ist  es  leider  hier  und  da
noch  jetzt.  Deutschland,  vormals  mit  dichten  Eichen=  und  Buchenwäldern
überdeckt,  ist  jetzt  nur  strichweise  noch  mit  schönen  Waldungen  versehen;
nackte  Berge,  wüste  Ebenen  sind  da,  wo  vormals  dichte  Wälder  standen.
Was  nützt  der  Flugsand,  was  trägt  die  Heide?  Was  könnte  der  Wald,
den  man  vor  grauer  Zeit  aus  Unverstand  oder  Eigennutz  geschlagen,  nutzen?
Immer  fühlbarer  wird  der  Holzmangel,  immer  höher  steigen  die  Holzpreise.
Die  Steinkohlen  und  Braunkohlen  wachsen  nicht  nach,  die  Torfdecke  des
Moores  vermehrt  sich  nur  langsam;  mögen  sie  auch  noch  für  Tausende  von
Jahren  Brennstoff  liefern,  so  wird  doch  diese  Quelle  einmal  versiegen.

Die  Waldungen  sind  mit  dem  Wohle  der  Menschheit  eng  verknüpft,
von  ihnen  ist  zum  großen  Teile  das  Klima,  die  geschützte  Lage,  die  Feuchtigkeit
  und  Fruchtbarkeit  des  Bodens  abhängig.  In  der  Natur  greift  alles
ineinander,  die  Stoffe  kreisen  ohne  Unterlaß.  Die  Pflanze  nimmt  aus  der
Luft  Kohlensäure  und  andere  gas=  und  dunstförmige  Produkte,  welche
von  den  Tieren  ausgeatmet  oder  durch  die  Verwesung  in  Freiheit  gesetzt
werden;  sie  haucht  dagegen  Sauerstoff  in  die  Atmosphäre  aus.  Dieser
Sauerstoff  dient  den  Tieren  zum  Leben.  Der  Baum  mit  seinen  grünen
Blättern  und  jungen  Zweigen  bietet  der  Luft  eine  große  aufnehmende
und  aushauchende  Oberfläche;  er  bindet  den  Kohlenstoff  der  Kohlensäure
        <pb n="199" />
        —  190  —

um  aus  ihm  Holz,  Stärkemehl  u.  s.  w.  zu  bereiten.  Der  Wald  entzieht  der  Luft
durch  seine  ungleich  größere  aufsaugende  Oberfläche  weit  mehr  der  genannten
Gase  als  die  Wiese  und  das  Kornfeld,  er  gibt  in  gleichem  Maße  mehr  Sauerstoff
  an  die  Atmosphäre  ab.  Sein  Einfluß  auf  die  chemische  Zusammensetzung
  des  Dunstkreises  der  Erde  ist  deshalb  von  großer  Bedeutung.

Der  Laubwald  wirft  alljährlich  seine  Blätter  ab;  selbst  die  Nadelhölzer
  verlieren  nach  einer  bestimmten  Reihe  von  Jahren  ihre  Nadeln.
In  den  Nadeln  und  im  Laube  erhält  der  Boden  einen  Teil  der  mineralischen
  Stoffe  zurück,  welche  ihm  die  Wurzeln  der  Bäume  entzogen;  die  organischen
  Verbindungen  der  Blätter  werden  dagegen  für  den  Boden  eine
reiche  Humusquelle.  Der  Schatten  der  Belaubung  erhält  dem  Boden
seine  Feuchtigkeit,  die  Verwesung  arbeitet  fort  und  fort,  es  entstehen
Moospolster,  die  Humusdecke  des  Waldes  wächst  von  Jahr  zu  Jahr.

Wasser  ist  das  notwendigste  Lebensbedürfnis  aller  Pflanzen  und
Tiere;  ohne  Wasser  kein  Saft,  ohne  Saftströmung  kein  Leben.  Der  Wald
entzieht  der  Atmosphäre  viel  Wasser,  er  haucht  viel  Wasser  wieder  aus.
Bewaldete  Gegenden  haben  in  der  Regel  eine  feuchte  Atmosphäre,  sie  haben
Regen  und  fruchtbaren  Tau.  Wie  der  Blitzableiter  die  Gewitterwolken,
so  zieht  der  Wald  die  Regenwolke  zu  sich  herab;  sie  erquickt  ihn  nicht  allein,
sie  kommt  auch  den  benachbarten  Feldern  zugute;  in  der  Nähe  des  Laubwaldes
  findet  man  fast  überall  fruchtbares  Ackerland.  Der  Tau  ist  ein
Niederschlag  wässeriger  Ausdünstungen  der  Erdoberfläche;  wo  er  entstehen
soll,  muß  letztere  Wasser  abgeben.  Der  dürre  Sand,  der  nackte  Fels  kann
wenig  Wasser  geben;  ihn  kann  deshalb  kein  Tau  erfrischen.  Der  Wald,
mit  einer  bedeutenden  Verdunstungsoberfläche  versehen,  gibt  seinem  Boden,
gibt  dem  benachbarten  Lande  eine  große  Menge  des  erquickenden  Taues;
der  Boden  des  dichten  Hochwaldes,  am  Tage  durch  die  Sonnenstrahlen
weniger  erwärmt,  wird  in  der  Nacht  auch  weniger  durch  Ausstrahlung  erkältet.
  Die  von  Feuchtigkeit  erfüllten  Luftschichten  über  dem  Walde  senken
sich  am  stillen,  kühlen  Abend  als  Nebel  in  das  Tal;  der  Tau  perlt  am  Morgen
auf  den  Wiesen,  er  erquickt  den  Acker.  Wie  in  den  Küstengegenden  die
Meeresdünste,  so  sorgen  die  Waldesdünste  im  Binnenlande  für  die  Bewässerung
  des  Bodens  und  durch  dieselbe  für  dessen  Fruchtbarkeit.

Die  Mehrzahl  der  Flüsse  entspringt  auf  bewaldeten  Gebirgen;  der
Wald  erhält  einer  Gegend  ihren  Wassergehalt,  er  sorgt  für  die  Flüsse,
er  ernährt  ihre  Quellen;  in  der  Wüste  versiegen  dieselben.  Die  ungeheuren,
wasserreichen  Ströme  Nordamerikas  durchziehen  den  Urwald;  ob  sie  so
wasserreich  bleiben  werden,  wenn  ihre  Wälder  verschwunden  sind?  Die
Winde  fahren  her  und  hin;  fällt  auch  auf  dürren  Sand  ein  warmer  Regen,
was  hilft  er  diesem  Sande?  Begierig  eingesogen,  wird  sein  Wasser  ebenso
schnell  wieder  abgegeben,  keine  Pflanzen  sind  vorhanden,  die  das  Wasser
an  sich  fesseln  könnten;  nur  wenige  Pflanzenarten  können  überhaupt  auf
dürrem  Sande  gedeihen,  weil  nur  wenige  imstande  sind  das  Wasser  lange
festzuhalten.  Die  Kakteen  und  die  blattlosen  Euphorbien  sind  fast  die  einzigen
  Bewohner  tropischer  Wiesen;  unser  Sandgras  wächst  auf  dem  Flugsand
  dürrer  Heiden  und  wird  schon  hier,  indem  es  durch  seine  Wurzelaus-
        <pb n="200" />
        —  191  —

breitung  den  lockeren  Sand  befestigt,  nützlich.  Das  Sandgras  zeigt  uns
die  Möglichkeit,  auch  Wüsteneien  ganz  allmählich  mit  einer  neuen  Pflanzendecke
  zu  bekleiden.

Wenn  sich  im  Winter  Schnee  und  Eis  auf  dem  Gebirge  häuft  um
vor  der  Sonne  des  Frühlings  zu  schmelzen,  so  schwellen  die  Ströme  plötzlich
  an,  ein  Bergstrom  kommt  zu  anderen,  die  Wassermasse  stürzt  mit
Macht  ins  Tal  hinab.  Bedeckt  ein  Wald  des  Gebirges  Grund,  fließen  die
Ströme  durch  fruchtbares  Land,  so  wird  ein  großer  Teil  des  schmelzenden
Schnees,  der  auf  den  Bäumen  oder  unter  ihnen  liegt,  von  der  lockeren  Dammerde
  des  Bodens  aufgesogen  und  zurückgehalten,  während  er  da,  wo  ihn
der  Boden  nicht  aufnimmt,  die  Wassermenge  der  Flüsse  vermehrt.  Seitdem
die  Wälder  verschwanden  oder  über  alle  Gebühr  gelichtet  wurden,  sind
die  Überschwemmungen  der  Flüsse  im  Frühjahre  furchtbarer  als  je
hervorgetreten.

Ein  Bergrücken,  eine  Mauer,  ein  Wald  schützen  vor  dem  Winde.  Der
Windschutz  des  Hochwaldes  ist  in  mancher  Gegend  nicht  ohne  wohltätigen
Einfluß;  von  ihm  beschirmt,  gedeiht  der  junge  Wald,  gedeiht  das  Ackerland;
er  verhütet  die  weitere  Ausbreitung  des  Flugsandes;  er  hemmt  die  nachteilige
  Einwirkung  austrocknender  Winde;  er  gewährt  endlich  Schatten  und
Kühlung.  Der  wohltätige  Einfluß  des  Waldes  auf  die  Luftbeschaffenheit
einer  Gegend  läßt  sich  nicht  mehr  in  Zweifel  ziehen.  Der  Gesundheitszustand
  der  Menschen  und  Tiere,  das  Gedeihen  der  Pflanzen  ist  von  der  Luftbeschaffenheit
  einer  Gegend  abhängig;  manche  verheerende  Krankheit,
die  wir  vormals  nicht  kannten,  hängt  vielleicht  mit  einer  Veränderung  der
Atmosphäre  durch  die  Verminderung  der  Wälder  zusammen.

Der  Wald  hat  aber  auch  noch  eine  sittliche  und  nationale  Bedeutung.
In  unseren  zahlreichen  deutschen  Walddörfern  blüht  das  Volksleben  noch
im  naturfrischen  Glanze.  Wie  die  See  das  Küstenvolk  frisch  erhält,  so  wirkt
in  gleicher  Weise  der  Wald  im  Binnenlande.  Der  Waldbauer  ist  lustiger
als  der  Feldbauer;  er  singt  noch  mit  den  Vögeln  des  Waldes  um  die  Wette.
Ein  Dorf  ohne  Wald  ist  wie  eine  Stadt  ohne  historische  Bauwerke,  ohne
Denkmäler,  ohne  Kunstsammlungen,  ohne  Theater  und  Musik.  Der  Wald
ist  der  Turnplatz  der  Jugend  und  die  Festhalle  der  Alten.  Wir  müssen  den
Wald  erhalten  nicht  bloß,  damit  uns  der  Ofen  im  Winter  nicht  kalt  werde,
sondern  auch,  damit  die  Pulse  des  Volkslebens  warm  und  fröhlich  weiter
schlagen,  damit  Deutschland  deutsch  bleibe.  K.  Schacht.

 

92.  Ein  Wintertag  im  Waldr.

Voll  und  schwer  sind  die  Schneeflocken  herabgerieselt,  fast  die  ganze
Nacht  hindurch,  bis  zum  herandämmernden  Morgen.  Dann  hat  ein  gelinder
Frost  die  Schneedecke  überhaucht  und  gefestigt.  Ein  solcher  Wintertag
ist  vorzugsweise  dazu  geeignet,  um  die  heimische  Natur  auch  in  dieser  Jahreszeit
  in  all  ihrer  Schönheit  kennen  zu  lernen;  wir  wandern  daher  heute  schon
früh  hinaus  in  den  stillen,  tiefverschneiten  Wald.
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        Sobald  uns  das  Waldesdunkel  aufgenommen,  macht  sich  die  Ruhe
und  Waldeinsamkeit  so  recht  fühlbar.  Außer  dem  knirschenden  Geräusch
unserer  eigenen  Schritte  ist  weithin  kein  Laut  zu  vernehmen  und  in  gleicher
Weise  erscheint  uns  der  ganze  Wald  starr,  ohne  Bewegung  und  Leben.

Wo  die  Strahlen  der  Morgensonne  durch  die  dichten  Wipfel  der  Nadelhölzer
  brechen,  umgolden  sie  die  weiße  Schneerinde,  welche  sich  von  dem
Grün  der  Kieferngebüsche  gar  wunderschön  abhebt.

So  weit  unsere  Blicke  reichen,  reihen  sich  zu  beiden  Seiten  des  Weges
die  Baumstämme  ziemlich  dicht  aneinander  und  machen  fast  den  Eindruck
einer  unendlichen  Säulenhalle,  deren  Wölbungen  die  Baumkronen  bilden
und  deren  Boden  die  schneeweiße  Decke  ist.

Plötzlich  erweitert  sich  das  Walddickicht  an  einer  Seite  zur  weithin
übersehbaren  Fläche,  von  den  Forstleuten  „Lichtung“  oder  „Blöße"“  genannt,
  hier  und  da  mit  einigen  einzelnen  Bäumen  bestanden.  Dies  ist
ein  „Plan"  des  Forstes,  auf  welchem  vor  kurzer  Zeit  das  „hohe  Holz“  heruntergeschlagen
  worden.  Die  einzelnen  Stämme  hat  man  als  „Samenbäume“
  stehen  lassen,  damit  von  ihren  Sämereien  die  Fläche  wieder  angesät
und  allmählich  bewaldet  werde.  Hier  machen  wir  Halt.

Wohl  verwahrt  mit  warmen  Kleidern  und  Schuhzeug,  so  daß  wir
der  gelinden  Kälte  zu  trotzen  vermögen,  stellen  wir  uns  nun  so  hinter  einem
dichten  Busche  auf,  daß  wir  durch  denselben  gedeckt  sind,  d.  h.  von  besonders
scheuen  wilden  Tieren  nicht  bemerkt  werden,  unsererseits  aber  gute  Umschau
  halten  können.

Ein  knisterndes  Geräusch  lenkt  unsere  Aufmerksamkeit  seitwärts  nach
dem  Walde  hinein.  Hier  bietet  sich  unseren  Blicken  eine  eigentümliche
Erscheinung.  Eine  Gesellschaft  Kreuzschnäbel  tummelt  sich  in  den  Zweigen.
Es  sind  wunderliche  Vögel,  deren  selbstgeschäftiges  Treiben  mit  der  tiefen
Waldesruhe  so  recht  übereinstimmt  und  doch  das  Bild  zu  einem  lieblich
lebensfrohen  macht.  Gleich  Rubinen  erglänzen  sie  im  dunkelroten  Gefieder
  auf  den  grünen,  weißüberzogenen  Zweigen;  hier  wiegt  sich  einer,
mit  dem  Kopfe  nach  unten  hängend,  an  den  schwankenden  Reisern,  dort
bricht  ein  anderer  mit  dem  sonderbaren,  kreuzweise  übereinandergebogenen
Schnabel  bedächtig  die  Schuppen  der  harten  Kiefern=  und  Fichtenzapfen
auseinander  um  die  Samen  darunter  hervorzuholen.  Dies  Aufbrechen
verursacht  eben  jenes  leise  und  einförmige  Knistern.  Ein  dritter  Kreuzschnabel
  sitzt  auf  dem  höchsten  Wipfel  einer  kleinen  Fichte  und  läßt  sein  einfaches
  Lied  ertönen.  Merkwürdig,  trotz  Sturm  und  Graus,  Eis  und  Schnee
ist  doch  jetzt  gerade  die  Brutzeit  dieser  sonderbaren  Vögel.  Unter  einem
dichten  Kiefernzweige,  vor  dem  Schnee  wohlverwahrt,  finden  wir  ein  Nest
mit  ganz  kleinen  Jungen,  welche  die  Mutter  sorgsam  bedeckt  und  gegen  die
e  verwahrt,  während  der  Vater  die  ganze  Familie  füttern  und  ernähren
muß.

Der  Wintertag  bricht  nur  langsam  an;  wohl  dringt  schon  hin  und
wieder  ein  Strahl  der  Morgensonne  durch  das  Schneegewölk,  doch  im  übrigen
hüllt  noch  graue  Dämmerung  die  ganze  Natur  in  ihr  düsteres  Gewand.
Vor  uns,  weit  jenseits  der  Lichtung,  wird  es  lebendig.  Gestalten  tauchen
        <pb n="202" />
        —  193  —

aus  dem  trüben  Düster  auf,  von  denen  wir  anfangs  nicht  unterscheiden  können,
ob  es  Menschen  oder  Tiere  sind.  Sie  nähern  sich  langsam,  und  wie  dann
ein  Sonnenstrahl  hervorbricht,  sehen  wir,  daß  es  Hirsche  sind.  Ein  altes
stattliches  „Tier“,  eine  Hirschkuh,  schreitet  voran,  dann  zwei  jüngere,  darauf
wiederum  eine  alte  Hirschkuh  mit  einem  Kälbchen  und  zuletzt  ein  sehr  großer
männlicher  Hirsch  mit  gewaltigem  Geweih;  alle  eilen  nun,  nachdem  sie  sich  gesichert
  haben,  d.  h.  sich  umgeschaut,  ob  keine  Gefahr  zu  besorgen,  ziemlich
schnell  daher  und  zwar  wenden  sie  sich  geradezu  nach  der  anderen  Seite  der
Lichtung,  wo  dicht  am  Waldesrande  eine  Fütterung  für  sie  angebracht  ist.

Die  jungen  Leser  werden  sich  darüber  wundern,  daß  man  die  Hirsche
im  Walde  füttert.  Dies  ist  aber  in  der  Tat  der  Fall  und  zwar  werden  die
Fütterungen  für  allerlei  Wild,  also  auch  für  Rehe,  Hasen,  Rebhühner  u.  s.  w.
eingerichtet,  einerseits  um  diese  Tiere  vor  Not  und  Verderben  im  harten
Winter  zu  bewahren  und  andererseits  um  sie  davon  abzuhalten,  daß  sie
Schaden  an  wertvollen  Forst-  und  Naturgewächsen  verursachen.

Von  den  Hirschen  aufgescheucht,  huscht  eine  Schwarzdrossel  oder
Amsel  bei  uns  vorüber,  jener  schöne,  tiefschwarze  Vogel  mit  goldgelbem
Schnabel,  der  zu  den  angenehmsten  Frühlingssängern  gehört.  Dann  sehen
wir  am  Waldesrande  eine  Schar  Seidenschwänze,  welche  auf  den  jungen
Ebereschenbäumen  nach  einzelnen  Vogelbeeren  umhersuchen.  Diese  schön
gezeichneten  Vögel  sind  nordische  Wanderer,  welche  unserem  deutschen
Vaterlande  nur  im  Winter  angehören.  Mit  einmal  wird  es  rings  um  uns
her  lebendig;  eine  Schar  jener  munteren  und  überaus  nützlichen  Vögelchen,
Kohl=  oder  Fink-,  Tannen-,  Hauben=  und  Blaumeisen,  Goldhähnchen,
Baumrutscher,  Kleiber  (Blauspecht)  und  ein  einzelner  kleiner  Specht  ziehen
hier  zwitschernd  und  singend  um  die  Waldesecke,  indem  sie  von  den  Obstgärten
  eines  Dorfes  nach  denen  des  anderen  zu  streichen.  An  ihrem  lustigen
und  zutraulichen  Wesen,  besonders  aber  an  der  Emsigkeit,  mit  der  sie  Baum
und  Strauch  absuchen  um  dieselben  von  den  schädlichen  Kerbtierbruten  zu
befreien,  darf  sich  das  Herz  des  Naturfreundes  innig  freuen.  Plötzlich
läßt  eine  Kohlmeise  einen  schrillen  Warnungsruf  erschallen  und  augenblicklich
  ist  die  ganze  Schar  in  das  schützende  Dickicht  verschwunden.  Ein  Sperber,
der  arge,  blutdürstige  Feind  der  kleinen  Vögel,  streicht  hier  am  Rande  des
Waldes  umher  auf  die  Schwarzdrosseln,  Meisen  oder  andere  Vögel  Jagd
zu  machen.  Diesmal  ist  es  aber  vergeblich;  denn  in  dem  dichten  Kieferund
  Fichtengebüsche  sind  die  Vögelchen  wohlgeborgen.

Auch  der  Erzräuber  Reineke,  der  mordgierige  Fuchs,  stöbert,  vom
Hunger  getrieben,  drüben  am  Waldesrande  umher  und  wagt  sich  sogar
quer  über  die  Lichtung  und  nach  dem  Felde  hinaus,  was  er  zu  anderer
Jahreszeit  bei  Tage  niemals  tut.  Dort  bewegt  es  sich  plötzlich  in  einer
alten  hohen  Föhre  vor  uns  und  pfeilschnell  schießt  ein  Eichkätzchen  daraus
hervor,  verfolgt  von  einem  Marder,  seinem  bittersten  Feinde.  Während
dessen  kommt  hurtig  ein  Hase  über  die  Lichtung  daher,  welchen  Reineke
aus  seinem  warmen  Lager  aufgestört  hat  ohne  ihn  jedoch  zu  erwischen,
und  der  nun  ebenfalls  im  schützenden  Dickicht  schleunigst  sich  zu  verbergen
  sucht.

Maier-Bode,  Lesebuch.  3.  Aufl.  13
        <pb n="203" />
        —  194  —

Weithin  nach  dem  Felde  zu  erhebt  sich  ein  gewaltiges  Geschrei.  Auch
eine  große  Waldeule  hat  der  Hunger  hervorgetrieben  und  sie  wird  nun  von
Krähen  und  Elstern  mit  Hallo  so  lange  verfolgt,  bis  sie  wieder  einen  schützenden
Schlupfwinkel  aufgefunden  hat.

So  sehen  wir  allenthalben  rings  umher  Kampf  und  Streit,  größtenteils
  verursacht  oder  doch  augenblicklich  zur  Geltung  gekommen  durch  die
Not  der  bösen  Jahreszeit,  durch  die  Wintersnot,  welche  eingekehrt  ist,  wie
bei  den  armen  Menschen  so  auch  bei  den  Tieren.  Während  aber  die  klare
Wintersonne  jetzt  voll  und  herrlich  über  das  Gewölk  sich  erhebt,  zeigt  sich
uns  noch  ein  anderes  Kampfbild.  ·

Die  Hirsche  fressen  jetzt  an  der  zweiseitigen  Futterkrippe,  welche  von
einem  Strohdache  überdeckt  ist  um  das  aufgestreute  Heu  vor  dem  Naßwerden
zu  schützen.  Eine  Hirschkuh  mit  ihrem  Kälbchen  und  der  größte  männliche
Hirsch  wandern  nahe  herzu.  Zwei  andere  Männchen  aber  bleiben  seitwärts
auf  der  Lichtung  stehen.  Eifersucht,  Zorn  und  Wut  funkeln  aus  ihren
Blicken  und  eben  wollen  sie  kämpfend  aufeinander  losstürzen.  Jetzt  prallen
sie  klappernd  mit  dem  Geweihe  zusammen  und  das  weithin  schallende  Ge—
räusch  macht  den  alten  sehr  starken  Bock  aufmerksam.  Noch  ein-,  zweimal
fahren  sie  in  Wut  zusammen,  dann  eilt  der  Alte  in  mächtigen  Sprüngen
herbei  um  sie  auseinander  zu  treiben.  Aber  noch  ein  anderer  „dritter
Mann“  ist  zugegen.  Langsam  erhebt  sich  das  Feuerrohr  des  Jägers,  mit
welchem  wir  hinausgegangen  sind;  ein  Knall,  und  zum  Tode  getroffen
stürzt  der  „Schaufler“  mit  dem  breiten  Geweih  zusammen.  In  vielfachem
Wlderhall  bricht  sich  der  Donner  des  Schusses  an  den  Waldwänden.  Die
Hirsche  sausen  wie  der  Sturmwind  davon  und  die  Krähen  fliegen  mit  Geschrei
dem  Felde  zu,  während  der  Fuchs  das  Dickicht  zu  gewinnen  sucht  und  die
Vögelchen  nach  dem  tiefen  Innern  des  Waldes  flüchten.

Der  Mensch  hat  sich  den  frei  lebenden  Tieren  in  seiner  Furchtbarkeit
gezeigt.  Doch  das  ist  sein  Recht;  denn  er  darf  ja  in  vernunftmäßiger  Weise
alle  seine  Nebengeschöpfe  zur  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  benutzen.
Ein  gellender  Pfiff  ruft  den  an  der  Waldecke  harrenden  Schlitten  herbei,
die  Beute  wird  aufgeladen  und  der  glückliche  Schütze  freut  sich  auf  den  wohlschmeckenden
  Sonntagsbraten.  Wir  aber  haben  bei  dieser  Gelegenheit

eine  Anzahl  der  im  deutschen  Walde  frei  lebenden  Tiere  in  ihrem  Tun  und
Treiben  kennen  gelernt.  Karl  Ruß.

93.  Vom  Wind  und  Wetter.

In  Bezug  auf  das  Wetter  herrscht  infolge  der  Unwissenheit  noch  sehr
viel  Aberglaube.  Hohe  Zeit  ist  es,  daß  eine  gesteigerte  Kenntnis  der  Naturgesetze
  auch  diesen  Aberglauben  verscheucht.  Es  ist  Unsinn  zu  glauben,
daß  Kometen,  Sonnen=  und  Mondfinsternisse  auf  das  Schicksal  der  Menschen
eine  Einwirkung  haben,  daß  der  Mond  das  Wetter  beeinflusse,  daß  man  an
gewissen  Tagen  manche  landwirtschaftliche  Arbeiten  vornehmen  oder  lassen
solle,  daß  am  Freitag  eine  Veränderung  des  Wetters  erfolge,  daß  man
das  Wetter  nach  dem  Hundertjährigen  Kalender,  nach  dem  Vogelfluge  be-
        <pb n="204" />
        —  195  —

stimmt  beurteilen  könne  und  anderes  mehr.  Das  Wetter  hängt  von  sehr
vielen  Ursachen  ab,  deren  Wirkung  sehr  schwer  voraus  zu  berechnen  ist.
Am  glaubhaftesten  sind  die  sogenannten  Wettervorhersagen,  welche  auf
Grund  der  Wetterberichte  verfaßt,  in  Zeitungen  mitgeteilt  und  durch
Anschläge  veröffentlicht  werden.  Diese  Wetterberichte  gehen  von  einer  großen
  Anzahl  von  meteorologischen  Stationen,  See=  und  Sternwarten  auf
telegraphischem  Wege  bei  einer  Zentralstelle  ein  und  bieten  in  ihrer  Gesamtheit
  für  den  wissenschaftlich  gebildeten  Meteorologen  die  beste  Grundlage
  zur  Bestimmung  der  Wettervorhersage.  Da  diese  im  Laufe  der  Jahre
immer  zutreffender  werden,  wird  der  Landmann  gut  tun,  wenn  er  künftig
denselben  mehr  Beachtung  schenkt  als  den  althergebrachten  Bauernregeln
und  darnach  trachtet,  rechtzeitig  in  den  Besitz  der  Wettervorhersage  für  den
kommenden  Tag  zu  gelangen.

Es  fehlt  jedoch  auch  für  den  einfachen  Landmann  nicht  ganz  und  gar
an  Zeichen,  welche  ihn  zu  einem  Schlusse  auf  das  zukünftige  Wetter  berechtigen.
  So  ist  klar,  daß  er  in  der  Regel  auf  nasse  Witterung  schließen
darf,  wenn  er  an  dem  Rauchen  der  Wälder,  am  Beschlagen  der  Steine
und  Gebäude,  am  Tröpfeln  des  Schornsteins  rc.  bemerkt,  daß  die  Luft  mit
Wasserdampf  übersättigt  ist  und  deshalb  einen  Teil  desselben  absetzt.  Die
Feuchtigkeit  der  Luft  ist  auch  die  Ursache,  daß  entfernte  Wälder  bisweilen
ungewöhnlich  nahe  und  von  dunkelblauer  Farbe  erscheinen,  daß  die  Sterne
stärker  flimmern,  daß  die  Sonne  blaß  aussieht,  daß  Mond  und  Sonne  beim
Auf=  und  Niedergange  eine  ungewöhnliche  Größe  oder  wohl  auch  einen
Hof  haben;  daher  können  diese  Erscheinungen  im  allgemeinen  als  Vorboten
eines  bald  eintretenden  nassen  Wetters  angesehen  werden.

Bisweilen  empfindet  man  die  Sonnenwärme  stärker,  als  man  nach
dem  Grade  des  Thermometers  dieselbe  empfinden  sollte;  es  „sticht“  die
Sonne.  Man  schwitzt  an  solchen  Tagen  auch  im  Schatten,  selbst  wenn
man  sich  nicht  sehr  anstrengt;  der  Körper  ist  schlaff,  die  Luft  drückend.  Diese
Erscheinungen  rühren  jedenfalls  von  einer  starken  Elektrizität  des  Bodens
und  der  Luft  her,  und  der  Schluß,  daß  ein  Gewitter  bevorsteht,  wird  selten
trügen.  Kühlt  sich  die  Luft  nach  dem  Gewitter  nur  wenig  ab,  so  entsteht
bald  ein  zweites  und  drittes,  und  wenn  eine  starke  Abkühlung  der  Luft
durch  das  Gewitter  bewirkt  worden  ist,  so  folgt  auf  dasselbe  oft  ein  mehrere
Tage  anhaltendes  Regenwetter.

Weht  gegen  Johanni  ein  anhaltender  Süd=  und  Südwestwind,  so
regnet  es  oft  längere  Zeit;  denn  in  dieser  Zeit  ist  an  der  Grenze  unserer
gemäßigten  Zone  die  Regenzeit  der  heißen  Zone  und  der  alsdann  sehr
warme  und  feuchte,  von  dort  her  zu  uns  kommende  Wind  setzt  bei  seinem
Fortgange  in  kalten  Gegenden  viel  Wasserdampf  durch  Nebel  und  Wolken
ab.  Auf  dieser  Erfahrung  beruht  der  im  allgemeinen  nicht  ganz  falsche
Glaube,  daß  es  7  Wochen  lang  täglich  regnet,  wenn  es  am  sogenannten
Siebenschläfertage,  dem  27.  Juni,  geregnet  hat.

Da  die  Mücken  immer  die  trockenste  und  wärmste  Luft  suchen,  so
halten  sie  sich,  wenn  die  Luft  feucht  ist,  in  der  untersten  Luftschicht  am
meisten  auf,  und  weil  die  Schwalben  da  herumfliegen,  wo  sie  die  meisten
        <pb n="205" />
        —  196  —

Mücken  finden,  so  schwingen  sie  sich  bei  feuchter,  warmer  Luft  ganz  nahe
über  der  Erde  hin.  Aus  demselben  Grunde  springen  alsdann  in  Gewässern
die  Fische  öfters  empor  um  eine  nahe  über  dem  Wasser  schwebende  Mücke  zu
erschnappen.  Auch  aus  diesen  Erscheinungen  kann  man  also  auf  Regen  schließen.

Das  Aufsteigen  des  Morgennebels  deutet  auf  Übersättigung  der  Luft
mit  Wasserdampf,  folglich  auf  trübes  Wetter,  dagegen  das  Niederfallen
des  Morgennebels  auf  einen  heiteren  Tag.

Die  Verhüllung  der  Gipfel  bewaldeter  Berge  in  eine  Wolke  nach
heiterem  Wetter  zeigt  Regen  an;  denn  die  durch  Verdunstung  des  Wassers
auf  solchem  Berggipfel  erzeugte  Verminderung  der  Temperatur  der  Luft
bewirkt,  daß  der  vorüberziehende  Wind  in  der  kalten,  feuchten  Bergluft
schon  einen  Teil  des  Wasserdampfes  als  Wolke  absetzt,  während  in  tiefer
gelegenen  Gegenden  die  Wärme  noch  zu  groß  ist,  als  daß  der  Wasserdampf
der  Luft  den  Sättigungsgrad  überschritte.  Die  vom  Berge  fortziehenden
Wolken  lösen  sich  daher  auch  bald  wieder  auf.

Jede  starke  Auflösung  der  Wolken  deutet  auf  heiteres  Wetter  und  die
Erzeugung  oder  Vergrößerung  der  Wolken  auf  trübes.

Die  sichersten  Wetterregeln  ergeben  sich  indes  aus  der  Beobachtung
des  Windes  und  des  Luftdruckes.  Es  würde  nicht  schwer  sein,  die  Beschaffenheit
  des  Wetters  vorauszusagen,  wenn  man  immer  genau  wüßte,  was  für
ein  Wind  in  einer  gewissen  Zeit  wehte.  Diese  Kenntnis  zu  erlangen,  ist
jetzt  durch  die  meteorologischen  Stationen  möglich  geworden,  welche  sich
in  verschiedenen  Ländern  befinden  und  sich  durch  den  Telegraphen  gegenseitig
  über  die  Windströmung,  den  Feuchtigkeitsgehalt,  den  Druck  und  die
Wärme  der  Luft  Mitteilung  machen.

Unter  den  Instrumenten,  mit  deren  Hilfe  man  einen  Schluß  auf  das
bevorstehende  Wetter  machen  zu  können  glaubt,  ist  das  Barometer  am
bekanntesten.  Aber  auch  das  beste  Barometer  hat  als  Wetterglas  im  ganzen
nur  einen  geringen  Wert;  jedoch  ist  es  nicht  ohne  Nutzen,  wenn  man  aus
seinen  Anzeigen  die  richtigen  Schlüsse  zu  machen  weiß.  Man  schließt
nämlich  aus  dem  Steigen  des  Quecksilbers  und  aus  dessen  hohem  Stande
auf  gutes  Wetter  und  aus  dem  Fallen  oder  dem  niedrigen  Stande  auf
Regen  und  Wind.  Eigentlich  aber  darf  man  aus  dem  Steigen  und  Fallen
nur  auf  eine  Vergrößerung  oder  Verringerung  des  Luftdruckes  schließen.
Der  ganze  Wert  des  Barometers  als  eines  Wetterglases  besteht  also  mehr
darin,  daß  man  aus  dem  festen  Stande  des  Quecksilbers  auf  eine  gewisse
Ruhe  der  Atmosphäre  oder  auf  Gleichmäßigkeit  in  dem  Luftzuge,  aus  der
Veränderung  aber  auf  Mangel  an  Gleichförmigkeit,  auf  Unruhe  in  der
Atmosphäre  schließen  kann.  Das  plötzliche,  starke  Fallen  verkündigt  allerdings
  den  nahenden  Sturm  oft  im  voraus.  Die  Nord-,  Nordost=  und
Ostwinde  sind  meistenteils  kalt  und  schwer,  folglich  vermehren  sie  den  Luftdruck
  und  deshalb  steigt  bei  jenen  Winden  das  Barometer.  Weil  nun  bei
eben  diesen  Winden  der  Himmel  meistens  heiter  ist,  so  schließt  man,  daß  das
Steigen  des  Quecksilbers  heiteres  Wetter  angezeigt  habe;  allein  der  Druck
der  Luft  kann  sich  auch  durch  andere  Ursachen  vergrößern  und  es  wird  dann
der  Schluf  falsch  sein.
        <pb n="206" />
        —  197  —

Der  Süd-,  Südwest-  und  Westwind  haben  eine  mildere  Temperatur
und  sind  daher  leicht,  folglich  vermindern  sie  den  Druck  der  Luft  und  das
Quecksilber  fällt.  Weil  aber  gerade  diese  Winde  oft  Regen  bringen,  so
geht  das  Fallen  des  Quecksilbers  oft  dem  Regen  voraus;  allein  auch  dieses
Zeichen  kann  unrichtig  sein,  wenn  der  Luftdruck  sich  aus  einer  anderen
Ursache  vermindert  hat.  Daher  kann  es  regnen,  wenn  das  Ouecksilber
steigt,  und  es  kann  heiteres  Wetter  sein,  wenn  es  fällt.  Will  man  daher
das  Barometer  als  Wetterglas  richtig  benutzen,  so  muß  man  sich  an  folgende
Regeln  halten:

1.  Ein  ungewöhnlich  hoher  Stand  des  Quecksilbers  zeigt  heiteres  Wetter
an,  das  im  Winter  von  strenger  Kälte,  im  Sommer  von  mäßiger  Hitze  begleitet
  ist.

2.  Ein  sehr  niedriger  Stand  deutet  auf  Wind,  und  wenn  dieser  aus
Südwest,  Süd  oder  West  kommt,  auf  Regen.

3.  Das  plötzliche,  starke  Fallen  des  Quecksilbers  läßt  starken  Wind  oder
Sturm  vermuten,  welcher  Regen  bringt,  wenn  er  aus  Süd,  Südwest  oder
West  weht.

4.  Dauernde  Unveränderlichkeit  in  dem  Stande  des  Quecksilbers,
mag  er  hoch  oder  niedrig  sein,  zeigt  die  Fortdauer  der  eben  vorhandenen
Beschaffenheit  des  Wetters  an.

5.  Die  Veränderung  des  Quecksilberstandes  ist  mit  Veränderlichkeit  in
dem  Wetter  verbunden,  wobei  es  nicht  selten  regnet,  wenn  der  Wind  aus  den
genannten  Himmelsgegenden  weht.  Nach  Palm  (Webehh.
        <pb n="207" />
        VII.  Pflege  der  Gesundheit  und  Krankenpflege.


94.  Unsere  Hausmittel.

Man  hört  so  viel  von  Hausmitteln  reden  und  versteht
darunter  meistens  Mittel,  welche  in  bestimmten  Krankheiten  angewendet
  werden,  bevor  man  einen  Arzt  um  Rat  fragt.  Die
verschiedenen  Tee  arten  (Kamillen,  Pfefferminze,  Wermut  u.  a.),
Pflanzensäfte  (Eibisch-,  Manna-,  Rhabarbersaft),  für  äußerliche
Schäden  Bleiwasser,  Salben,  Pflaster  u.  dergl.  gehören  unter
die  Hausmittel.  Im  allgemeinen  sind  es  recht  harmlose  und
unschuldige  Sachen  und  man  kann  bei  deren  Anwendung  nicht
viel  schaden.  Ich  möchte  aber  nicht  von  diesen  reden,  sondern
von  Mitteln,  die  jedem  von  uns  immer  und  an  allen  Orten  zur
Hand  sind  und  die,  recht  angewendet,  die  schätzbarsten  Arzneimittel
  übertreffen,  nicht  weil  sie  die  vorhandenen  Krankheiten
heilen,  sondern  den  Ausbruch  derselben  verhüten.  Solche  Mittel
sind  in  jedem  Hause;  der  Reiche  kann  sie  nicht  entbehren  und
der  Arme  umsonst  haben;  sie  sind  die  richtigen  Hausmittel.

I.  Das  erste  und  wichtigste  von  ihnen  ist  die  Luft.

Die  Luft  ist  das  wichtigste  und  zum  Leben  notwendigste
Mittel.  Ein  Erwachsener  atmet  in  24  Stunden  etwa  9000  Liter
Luft  ein  und  verjüngt  durch  sie  das  im  Körper  fließende  Blut.
Speise  und  Trank  bedarf  der  Mensch  zu  gewissen,  Luft  zu  allen
Zeiten.  Ohne  Nahrung  verhungert  ein  Mensch  in  einer  bestimmten,
unter  Umständen  langen  Zeit;  ohne  Luft  erlischt  das  Leben  in
wenigen  Augenblicken.  Unreine,  verdorbene  Luft  gefährdet  Leben
und  Gesundheit  im  höchsten  Grade.  Die  reine  Luft  2.  B.  im
Walde  und  auf  Bergen,  besteht  aus  Sauerstoff,  Stickstoff.
Wasserdampf  und  Kohlensäure.  Der  wichtigste  Bestandteil
  ist  der  Sauerstoff,  weil  dieser  zur  Blutbildung  unbedingt
erforderlich  ist;  der  gefährlichste  ist  die  Kohlensäure,  welche
sich  durch  die  Ausatmung,  Verbrennung,  Gärung  u.  dergl.
bildet.  Enthält  die  Luft,  in  der  wir  uns  aufhalten,  zu  viel
Kohlensäure,  so  wird  die  Atmung  gehindert,  die  Herztätigkeit
gestört  und  unregelmäßig;  es  treten  Beklemmung,  Atemnot,
        <pb n="208" />
        —  199  —

Lufthunger  und  Betäubung  ein,  die  zum  Tode  führen  können.
Das  ist  der  Fall,  wenn  in  einem  geschlossenen  Raume  Menschen.
oder  Tiere  längere  Zeit  verweilen,  2z.  B.  in  Schlafstuben,  Wirtshäusern
  und  Theatern.

Von  Beimischungen,  welche  die  Luft  verderben,  ist  vor  allen
die  von  Kohlendunst  (Kohlenoxyc),  wie  er  bei  offenem  Verbrennen
von  Kohlen  entsteht,  zu  nennen.  Jedermann  hat  schon  von
Todesfällen  gehört,  welche  durch  zu  frühes  Schlieften  von  Ofenklappen
  verursacht  wurden.  Hier  kann  der  sich  bildende  Dunst
durch  den  Kamin  nicht  entweichen;  er  teilt  sich  der  Zimmerluft
mit  und  schon  3  Prozent  Kohlenoxyd  genügen  den  Tod  herbeizuführen.
  Ahnliche  Gase  bilden  sich  in  Sümpfen,  Gruben,  tiefen
Brunnen  und  an  anderen  Orten.  Daher  ist  das  Hinuntersteigen
in  solche  nur  unter  der  Vorsichtsmaßregel  erlaubt,  daft  man
vorher  ein  brennendes  Licht  hinunterläßt.  Brennt  dieses  ruhig
weiter,  dann  besteht  keine  Gefahr;  die  Luft  enthält  genug
Sauerstoff  zum  Atmen.

Nicht  selten  finden  Verunreinigungen  der  Luft  durch  Ruf,
Rauch,  Staub  u.  dergl.  statt.  Derartige  Beimischungen  reizen
zunächst  die  Atmungsorgane  (Kehlkopf,  Luftröhre  und  Lungen)
es  entstechen  Husten  und  später  die  verschiedensten  Lungenkrankheiten.


Am  gefährlichsten  aber  sind  Beimengungen  von  lebenden
Organismen,  kleinen  unsichtbaren  Pflanzen  und  Tieren,  welche
in  jeder  Luft  eingeatmet  werden  und  in  denen  man  die  Ursache
verschiedener  Krankheiten  vermutet.

Aus  dem  bisher  Gesagten  geht  hervor,  dafß  reine  Luft  eine
der  ersten  Bedingungen  für  die  Gesundheit  ist.  Wir  erfüllen  diese
Bedingung,  wenn  wir  unsere  Schlaf-  und  Wohnzimmer  geräumig
genug  machen;  wenn  wir  jederzeit  der  frischen  Luft  Zutritt  gestatten
  und  wenn  wir  für  die  Entfernung  der  verdorbenen  Luft
durch  Offnen  der  Fenster  Sorge  tragen.  Man  kann  sich  gar
nichts  Verkehrteres  denken  als  z.  B.  in  Krankenstuben  die  Fenster
fest  zu  verschließen.  Gerade  da  ist  gute  Luft  mehr  als  sonstwo
notwendig  und  es  gibt  gar  keine  Krankheit,  bei  welcher  frische
Luft,  wenn  sie  nicht  zu  kalt  oder  Zugluft  ist,  schadet.  Bei  recht
vielen  Krankheiten  dagegen,  namentlich  bei  solchen,  die  mit
Hitze  verbunden  sind,  ist  die  reine  frische  Luft  die  allerbeste
Arznei.  Auch  die  Ansicht,  Nachtluft  sei  schädlich,  ist  ein  ungerechtfertigtes
  Vorurteil.

II.  Ein  zweites,  Kkaum  minder  wichtiges  Mittel
ist  das  Wasser.

Ohne  Wasser  kein  Leben!  Nur  durch  die  Vermittlung  des
Wassers  kreisen  die  Säfte  im  Körper  des  Tieres  und  in  der
Pflanze,  wird  die  Nahrung  aufgenommen,  das  Unbrauchbare  und
        <pb n="209" />
        —  200  —

Abgenutzte  ausgeschieden.  Der  menschliche  Körper  besteht
nahezu  aus  70  Prozent  Wasser;  selbst  Teile,  welche  wir  als
fest  bezeichnen,  z.  B.  Knochen,  enthalten  10  Prozent.  —  Gemüse-Pflanzen
  sind  erstaunlich  reich  an  Wasser,  s0  hat  Kraut  88  Prozent,
Gurken  haben  sogar  95  Prozent  Wasser.

Gleichzeitige  Entziehung  von  Nahrung  und  Wasser  tötet
durchschnittlich  in  8  Tagen.  Menschen,  z.  B.  Geisteskranke,  die
nichts  aßen,  aber  tranken,  haben  über  40  Tage  gelebt.

Wir  unterscheiden  verschiedene  Arten  von  Wasser:

1)  Das  Regenwasser  (Meteorwasser,  Regen,  Hagel,  Schnee)

2)

ist  reines  Wasser,  klar,  geruch-  und  geschmacklos.  In
Wasserarmen  Gegenden  sammelt  man  dasselbe  in  Zisternen
  zum  Genusse  für  Menschen  und  Tiere.  So  war  es
bis  vor  kurzem  auf  der  Rauhen  Alb  oder  dem  Schwäbischen
Jura,  so  ist  es  heute  noch  in  den  norddeutschen  Marschgegenden.
  So  lange  es  dort  reichlich  regnet,  ist  das
Wasser  gut  und  geniefbar;  bei  Trockenheit  fängt  es  an
zu  faulen  und  wird  schädlich.

Das  Grundwasser  ist  das  durch  den  Boden  gesickerte
Regenwasser.  Wir  lernen  es  am  besten  in  den  Brunnen
kennen.  Wasser  aus  tiefen  Brunnen,  die  in  nicht  bewohntem
  Gelände  gegraben  sind,  ist  nahezu  so  rein  wie  Regenwasser.
  Brunnenwasser  in  Städten  und  Dörfern  ist  dagegen
  sehr  oft  durch  fremde  Beimengungen,  z.  B.  von
Dunggruben,  Abtritten,  Schlächtereien  u.  dergl.  verunreinigt,
  enthält  auch  sehr  oft  die  kleinsten  pflanzlichen.
und  tierischen  Organismen  (Bakterien),  die  gesundbheitsschädlich
  sind.  Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daf  die
Güte  des  Wassers  mit  der  Tiefe  des  Brunnens,  aus  dem
es  geschöpft  wird,  zunimmt.  Dabei  kommt  es  natürlich
wesentlich  auf  die  Beschaffenheit  des  Bodens  an,  durch
den  das  Wasser  sickert.  Wenn  auch  im  allgemeinen
schlechtes  Wasser  beim  Durchsickern  durch  den  Boden
sich  reinigt,  so  nimmt  es  auf  der  andern  Seite  auch  Stoffe
aus  dem  Boden  auf.  Besonders  deutlich  sieht  man  dies
bei  kalkhaltigem  Untergrunde.  Der  aufgelöste  Kalk  macht
das  Wasser  hart  und  in  solchem  Wasser  löst  sich  2.  B.
keine  Seife;  es  bildet  beim  Kochen  Niederschläge,  den
Kesselstein.  Auf  dieselbe  Art  entstehen  auch  die
Mineralwasser,  welche  Salze,  Erden,  Metalle  und  dergl.
enthalten,  wie  z.  B.  das  Friedrichshaller  Bitterwasser,  die
Stahlwasser  von  Freiersbach  im  Renchtal,  das  Wasser  in
Baden-Baden  u.  a.
        <pb n="210" />
        —  201  —

3)  Tritt  das  Grundwasser  durch  eine  natürliche  oder  künstliche
  Offnung  zu  Tage,  so  haben  wir  das  QUuellwasser.
Dieses  ist  das  beste  Genufzwasser,  weil  es  die  wenigsten
Beimengungen  enthält,  dagegen  immer  mehr  oder  weniger
Kohlensäure,  welche  ihm  den  angenehmeren  Geschmack
gegenüber  dem  Regenwasser  verleiht.  Weiter  zeichnet
sich  das  Quellwasser  zu  seinem  Vorteil  vor  fast  allen
Wasserarten  durch  seine  kühle,  das  ganze  Jahr  über  sich
ziemlich  gleichbleibende  Temperatur  (durchschnittlich  bei
uns  9—11  0)  aus.

4)  Der  Vollständigkeit  halber  führen  wir  das  Wasser  der
offenen  Wasserläufe  (Bäche,  Flüsse)  und-des  Meeres
an.  Fliefkende  Wasser  in  unbewohnten  Gegenden  sind
im  allgemeinen  sehr  rein,  in  bewohnten  dagegen  durch
allerlei  Stoffe,  namentlich  Abfallstoffe,  verunreinigt.  Je
größer  die  Stadt,  je  kleiner  der  Flust,  desto  größer  die
Verunreinigung.  In  England  fehlt  in  einzelnen  Flüssen
alles  tierische  Leben;  kein  Fisch  kann  darin  leben.  Annähernd
  ebenso  ist  es  in  Deutschland  nur  in  der  Wupper.

Das  Meerwasser  zeichnet  sich  durch  seinen  Salzgehalt,
der  es  zum  Trinken  unbrauchbar  macht,  vor  allen  andern  aus.

Uberblicken  wir  das  bisher  Gesagte,  so  haben  wir  einen  geschlossenen
  Kreislauf  vor  uns,  dessen  Anfang  der  Regen  ist.  Aus
dem  Regen  entsteht  das  Grund-  und  Quellwasser,  aus  diesem  entstehen
  die  Quellen,  Bäche,  Flüsse  und  Ströme  und  diese  endlich
bilden  das  Meer.  Durch  Verdunstung  entsteigen  diesem  Wasserdämpfe,
  welche  Wolken  bilden,  aus  denen  der  Regen  niederfällt.

Die  Verwendung  des  Wassers  für  den  Menschen  ist  eine
zweifache.  Einmal  als  Trinkwasser  bildet  das  Wasser  einen
unentbehrlichen  Faktor  im  Lebensprozesse.  Es  löst  die  Bestandteile
  der  Nahrung,  die  zum  Aufbau  des  Körpers  dienen,  auf,  führt
sie  in  die  Säfte  (das  Blut)  und  scheidet  aus  dem  Organismus
die  verbrauchten  Stoffe  aus.  Große  Mengen  Wasser  werden
schon  mit  den  Nahrungsmitteln  aufgenommen.  Aber  auch  als
wirkliches  Trinkwasser  wird  es  dem  Körper  zugeführt.  Das
Bedürfnis  nach  Trinken,  der  Durst.  ist  jedem  bekannt,  ebenso,
daß  ein  rechter  Durst  nur  durch  Wasser  gestillt  wird.  Dieses
muf,  um  seinen  Dienst  tun  zu  können,  rein  und  frisch  sein.  Unreines
  Wasser  macht  krank;  warmes  Wasser  stillt  den  Durst  nicht.

Eine  andere  Verwendung  des  Wassers  ist  die  mehr  äuferliche
  zum  Waschen  und  zu  Bädern.  Reinlichkeit  erhält  den
Löib.  Fleißiges  Waschen  erhält  den  Körper  gesund,  indem  es,
wie  das  Baden  es  tut,  die  Haut  frei  macht  von  Verunreinigungen,
die  Poren  offen  hält  und  so  den  Gasaustausch  zwischen  Körper
und  äufterer  Luft  befördert  (Hautatmung).
        <pb n="211" />
        —  202  —

In  kranken  Tagen  nützen  die  Umschläge  mit  kaltem  oder
warmem  Wasser  bei  den  verschiedensten  Gebrechen,  ebenso  wie
kalte  und  warme  Bäder,  die  schon  seit  Jahrhunderten  in  Gebrauch
  sind.

Gutes  reines  Wasser  als  Getränk  schadet  nie,  ebensowenig
als  ein  Bad  oder  eine  Waschung,  und  es  gibt  gar  keine  Krankheit,
  in  der  das  eine  oder  das  andere  verboten  wäre.

III.  Licht  und  Wärme.

Das  Licht  ist  eine  Lebensbedingung  der  meisten  Pflanzen
und  Tiere,  so  gut  wie  die  Luft  und  das  Wasser.  Alle  Pflanzen,
welche  grüne  Blätter  haben,  können  dasselbe  nicht  entbehren,
Weil  einer  ihrer  wichtigsten  Faktoren,  das  Blattgrün  (Chlorophyll),
durch  seine  Einwirkung  entsteht.  Darum  streben  die  Pflanzen
nach  dem  Lichte.  Am  besten  sieht  man  dies  an  Orten,  wo  nur
von  einer  Seite  Licht  Zutritt  hat,  z.  B.  in  Schluchten.  Da  strecken
sich  die  Bäume  und  Sträucher  förmlich  nach  der  Lichtquelle
und  erhalten  dadurch  oft  die  sonderbarsten  Gestalten.  Und
während  sie  auf  der  dem  Lichte  zugewendeten  Seite  üppige
Schosse  treiben,  verkümmern  sie  auf  der  lichtleeren  Seite.  Im
Keller,  wenn  die  Kartoffeln,  Rüben  und  andere  Gewächse  zu
treiben  anfangen,  richten  sich  alle  Triebe  nach  den  Kellerfenstern
und  gerade  bei  diesen  kann  man  am  besten  beobachten,  wie
notwendig  das  Licht  für  das  Wachstum  der  Pflanzen  ist;  sie
sind  blaft,  gelblich,  weil  eben  das  Blattgrün  nur  im  Sonnenlichte
sich  bilden  kann.  —  Wir  benutzen  diese  Eigentümlichkeit  zu
ge  wissen  Zwecken.  Wenn  z.  B.  im  Frühjahr  Hyazinthen  oder
Tulpen  keine  Stengel  treiben,  die  Blüten  dicht  über  der  Erde  in
den  Blättern  sitzen  bleiben,  so  bringen  wir  sie  zur  besseren
Entwicklung,  indem  wir  einen  Trichter  von  undurchsichtigem
Stoff  (Papier,  Blech  oder  dergl.)  darüber  stülpen.  Die  Blüte
reckt  sich  nach  der  Lichtquelle  und  hebt  sich  aus  den  Blättern.
Wenn  wir  im  Garten  Endivie  oder  Sellerie  binden,  so  bleiben
die  inneren  Blätter  weiffgelb  und  weicher  als  die  äufzern.  Sie
können  sich,  des  Lichts  beraubt,  nicht  völlig  entwickeln,  verkümmern,
  werden  aber  für  den  Genufz  schmackhafter.  —  Wie
sehr  auch  die  schöne  Farbe  der  Blumen  von  der  Sonne  abhängt,
weift  jeder;  Schattenblumen  haben  düstere  Farben.  Tiere  und
Menschen  brauchen  das  Licht  so  gut  wie  die  Pflanzen  zu  ihrer
Entwicklung.  Im  Finstern  können  sie  nicht  gedeihen.  Darum
verkümmern  sie,  wenn  ihnen  das  Licht  für  längere  Zeit  entzogen
wird.  Darin  liegt  —  neben  anderem  —  z.  B.  der  Grund  für
das  frische,  schmucke  Aussehen  des  Weideviehs  gegenüber  dem

Stallvieh.  Dunkelarrest  macht  den  Menschen  bei  längerer  Dauer
ernstlich  krank.
        <pb n="212" />
        —  203  —

Am  wichtigsten  ist  uns  das  Licht  für  den  Gebrauch  des
edelsten  und  wertvollsten  unserer  Sinne,  das  Auge.
O0,  eine  edle  Himmelsgabe  ist
Das  Licht  des  Auges.  —  Alle  Wesen  leben
Vom  Lichte,  jedes  glückliche  Geschöpf  —
Die  Pflanze  selbst  kehrt  freudig  sich  zum  Lichte.“

Die  ganze  Herrlichkeit  der  Natur,  sie  ist  ein  mit  sieben
Siegeln  verschlossenes  Buch  für  den  Unglücklichen,  dem  das
Augenlicht  versagt  ist,  und  bliebe  ein  solches  für  uns  alle  und
für  immer,  wenn  nicht  die  liebe  Sonne  am  frühen  Morgen  uns
weckte  mit  ihrem  milden  Scheine.  „Es  freue  sich,  wer  da  atmet
im  rosigen  Licht.“

Da  wir  nun  gesehen  haben,  wie  wichtig  für  alle  Geschöpfe
das  Licht  ist,  so  wird  sich  unschwer  begreifen  lassen,  dafz  der
Mensch  von  alters  her  bemüht  war,  sich  den  Genuft  des  Lichts
in  ausgedehntem  Maße  zu  verschaffen.  Wir  bauen  unsere  Wohnhäuser
  gegen  die  Lichtseite,  versehen  sie  mit  großen  Fenstern
und  beleuchten  sie,  wenn  das  natürliche  Licht  mangelt,  künstlich.
  Man  versteht  es  eigentlich  heute  schon  nicht  mehr  recht,
wie  unsere  Vorfahren  in  ihren  dunklen,  rauchigen  Stuben  mit
den  kleinen  Fensterchen  leben  konnten,  und  eine  Wohnstube  ohne
Fenster,  wie  z.  B.  vor  der  Erfindung  des  Fensterglases,  kann
man  sich  gar  nicht  mehr  denken.  Die  älteste  Beleuchtungsart,
der  Kienspan,  den  man  in  meiner  Jugend  noch  in  mancher
Schwarzwälder-Stube  antraf,  ist  den  Talg-,  Paraffin-  und  Stearinkerzen
  gewichen;  diese  haben  den  Ol-  und  Petroleumlampen
oder  dem  Leuchtgase  Platz  gemacht,  das  wiederum  durch  die
Elektrizität  schon  vielfach  verdrängt  ist.

Für  unser  Auge  ist  es  von  der  größten  Wichtigkeit,  datß
wir  unsere  Arbeiten  bei  der  richtigen  Beleuchtung  verrichten.
Zu  helle  Beleuchtung  blendet  das  Auge  und  ist  ebenso  schädlich
als  zu  geringe.  Gegen  jene  (direktes  Sonnenlicht)  schützen
wir  uns  durch  Vorhänge,  Fensterläden  u.  dergl.;  dem  Mangel
an  Licht  helfen  wir  durch  Lampen  und  Lichter  ab.  Was  wir
als  Schutz  für  unsere  Augen  von  diesen  verlangen  müssen,  ist,
dat  sie  hell  und  ruhig  brennen.  Dann  kommt  es  nicht  so  sehr
auf  die  Art  der  Beleuchtung  an.

Kein  Licht  ohne  Wärme!  Wo  die  Sonne  hinscheint,  wo
ein  Kerzen-  oder  Lampenlicht  brennt,  empfinden  wir  an  unserer
Körperoberfläche,  z.  B.  der  fühlenden  Hand,  Wärme.  Die  Wärme
stammt  aber  nicht  nur  von  den  Lichtquellen,  als  deren  wichtigste
wir  die  Sonne  kennen  gelernt  haben,  sondern  es  gibt  eine  Menge
anderer  Wärmequellen,  von  denen  wir  später  reden  wollen.  Ich
meine  die  Vorgänge  in  der  Natur,  die  man  als  chemische
Prozesse  bezeichnet  und  bei  denen  immer  Wäürme  frei  oder
gebunden  wird.  Ich  will  hier  nur  an  einige  alltägliche  Erschei-
        <pb n="213" />
        —  204  —

nungen,  z.  B.  an  das  Erwärmen  der  Flüssigkeiten  beim  Gären,
die  Erhitzung  des  Heus  und  Grummets,  die  sich  bekanntlich
bis  zur  Selbstentzündung  steigern  kann,  und  an  die  Wärmeentwicklung
  beim  Löschen  des  Kalks  erinnern.

Der  bekannteste  und  für  uns  wichtigste  Prozef  ist  aber  die
Verbrennung,  weil  wir  diese  zur  Erwärmung  der  uns  umgebenden
  Luft  benutzen.  Wenn  auch  der  Mensch  bei  den  verschiedensten
  Wärmegraden  leben  kann,  so  ist  doch  für  sein  Gedeihen
  und  Wohlbefinden  eine  gewisse  Wärme  notwendig.  Bei
uns  in  Mitteleuropa  liegt  diese  etwa  zwischen  5  unter  und  200
über  dem  Gefrierpunkte  des  Wassers;  die  zuträglichste  Tempe--ratur
  aber  liegt  bei  16%  C.  Diese  suchen  wir  uns  zu  verschaffen,
indem  wir  im  Sommer  unsere  Wohnräume  kühlen,  im  Winter
erwärmen.  Die  Erwärmung  geschieht  bekanntlich  durch  Verbrennung
  von  Holz,  Kohlen,  Torf  u.  dergl.  in  Ofen.  In  dieser
Beziehung  nun  wird  viel  gesündigt.  Namentlich  in  Krankenstuben
  trifft  man  oft  eine  Hitze,  die,  abgesehen  von  andern  Verunreinigungen
  der  Zimmerluft,  an  und  für  sich  höchst  nachteilig
wirkt.  Es  ist  grundfalsch,  bei  jeder  Krankheit  den  Patienten
in  dicke  Federbetten  zu  stecken  und  den  Ofen  bis  zum  Bersten
zu  heizen.  Im  Gegenteil,  zumal  bei  entzündlichen,  hitzigen
Krankheiten,  bekommt  die  mittlere  Temperatur  von  15  oder
16%  C  weitaus  am  besten.  Zu  große  Erwärmung  verursacht
Blutwallung,  roten  Kopf,  Schwindel,  Ohrensausen,  selbst  Ohnmacht,
  wo  nicht  Schlimmeres.  Nach  Dr.  Offinger.

95.  Verhalten  bei  anstechenden  Krankheiten.

Zu  den  ansteckenden  Krankheiten  rechnet  man  namentlich  Scharlach,
  Masern,  Diphtheritis,  Unterleibstyphus  (Nervenfieber),
Cholera  und  Blattern  (Pocken).  Herrscht  eine  dieser  Krankheiten  im
Orte,  so  ist  für  die  Gesunden  die  erste  und  wichtigste  Regel  sich  strenger
Reinlichkeit  zu  befleißigen,  sich  wiederholt  täglich  zu  waschen,  wöchentlich
mindestens  einmal  den  ganzen  Körper,  und  den  Mund  recht  häufig  auszuspülen;
  letzteres  ganz  besonders  bei  Diphtheritis-Epidemien.

Ist  ein  Familienmitglied  erkrankt,  so  ist  es  bei  beschränkten  Räumlichkeiten
  aufs  dringendste  zu  raten,  den  Patienten  in  ein  Krankenhaus
zu  bringen,  um  der  Gefahr  der  Weiterverbreitung  der  Krankheit  vorzubeugen.
  Ist  dies  nicht  möglich,  so  muß  der  Kranke,  wenn  die  Räumlichkeiten
dies  irgend  gestatten,  ein  Zimmer  für  sich  allein  bekommen,  das  nur  von
der  pflegenden  Person  und  dem  Arzt  betreten  werden  darf.  Daß  niemand
bei  dem  Kranken  im  Bett  liegen  darf,  versteht  sich  von  selbst.  Da  alles,
was  mit  dem  Kranken  in  Berührung  gekommen  ist,  den  Ansteckungsstoff
in  sich  trägt,  darf  nichts  aus  dem  Zimmer  heraus,  was  nicht  desinfiziert,
d.  h.  durch  Abtöten  der  Krankheitskeime  unschädlich  gemacht  ist.  Dies
        <pb n="214" />
        —  205  —

gilt  namentlich  von  gebrauchter  Wäsche  und  von  den  Abgängen  des  Kranken
(Stuhlgang,  Urin,  Auswurf,  Erbrochenes  ꝛc.).  Die  Wäsche  wird  in  ein
im  Krankenzimmer  stehendes  größeres  Gefäß  (Waschbütte  u.  dergl.)  gelegt,
in  dem  man  eine  starke  Schmierseifelösung  angemacht  hat.  In  dieser  Lösung
weicht  man  die  Wäsche  mehrere  Stunden  ein  oder  kocht  sie  dann  in  einem
andern  Raum  ½  Stunde  lang  im  Wasser.  Die  Abgänge  müssen  ebenfalls
im  Krankenzimmer  in  einen  Topf  mit  2prozentiger  Lysollösung  (20  g  oder
etwa  1½  Eßlöffel  Lysol  auf  1  Liter  Wasser)  geschüttet  werden  und  darin
mindestens  eine  Stunde  bleiben,  ehe  sie  in  den  Abort  gebracht  werden.

Besonders  bei  Typhus  und  Ruhr  ist  die  Desinfektion  des  Stuhlgangs
mit  größter  Sorgfalt  auszuführen.

Den  Kranken  selbst  wasche  man  täglich  mehrmals  ganz  und  gebe  ihm
öfters  frische,  aber  gut  vorgewärmte  Leib=  und  Bettwäsche.  Es  ist  ein
törichter  Aberglaube,  daß  man  einen  mit  einer  ansteckenden  Krankheit
behafteten  Kranken,  insbesondere  Masern=  und  Scharlachkranken,  nicht
waschen  und  frisch  kleiden  dürfe.  Beides  ist  bei  entsprechender  Vorsicht
(warmes  Waschwasser,  vorgewärmte  Wäsche)  ungefährlich,  und  da  gerade
bei  Erkrankungen  die  Hautpflege  doppelt  nötig  ist  um  die  ungesunden
Säfte  aus  dem  Körper  zu  entfernen,  höchst  vorteilhaft.  Der  Kranke  muß
sein  eigenes  Eß-  und  Trinkgeschirr  haben,  das  im  Zimmer  verbleiben  muß.
Das  Krankenzimmer  muß  täglich  durch  feuchtes  Aufwischen  (nicht  Kehren)
gereinigt  und  stets  gut  gelüftet  werden.

Die  pflegende  Person  muß  nach  jeder  Berührung  des  Kranken  die
Hände  in  zweiprozentiger  Lysollösung  waschen;  sie  darf  niemals  im  Krankenzimmer
  essen  oder  trinken.

Nach  Beendigung  der  Krankheit  muß  der  Kranke  ein  warmes  Seifenbad
  nehmen  oder  wenigstens  den  ganzen  Körper  mit  warmem  Seifenwasser
abwaschen  und  das  benutzte  Zimmer  muß  einer  gründlichen  Desinfektion
unterzogen  werden,  da  sonst  der  Ansteckungsstoff  darin  bleibt  und  später
auf  Gesunde  übergehen  kann.

Zu  den  ansteckenden  Krankheiten  im  weiteren  Sinne  des  Wortes  gehören
  auch  die  Lungenschwindsucht  (Tuberkulose,  Auszehrung)  und  die
Geschlechtskrankheiten.  «

Die  Lungenschwindsucht  wird  durch  den  sogenannten  Tuberkelbazillus
verursacht,  der  in  unzähligen  Mengen  im  Auswurf  der  Schwindsüchtigen
enthalten  ist.  Wird  der  Auswurs,  wie  es  ja  gewöhnlich  geschieht,  in  Spucknäpfe,
  die  mit  Sand,  Sägemehl  oder  Asche  gefüllt  sind,  oder  auf  den  Fußboden
  entleert,  so  trocknet  er  ein,  zerstäubt,  wird  dann  mit  der  Luft  weiter
getragen  und  gelangt  durch  Einatmung  in  die  Lunge  anderer  Menschen.
Die  Kranken  müssen  deshalb  angehalten  werden,  im  Hause  nur  in  ein  mit
Wasser  gefülltes  Speiglas  auszuspucken,  dessen  Inhalt  in  den  Abort  gegossen
  wird,  außerhalb  der  Häuser  in  ein  Taschentuch,  das  aber  häufig  ge-Wechselt
  wird  und,  wie  vorhin  dargelegt,  in  Schmierseifelösung  eingeweicht
werden  muß.  Gegen  die  Schwindsucht  schützt  man  sich  am  sichersten  durch
Kräftigung  und  Abhärtung  des  Körpers  von  Jugend  auf,  durch  gesunde
Wohnung,  zweckmäßige  Ernährung  und  regelmäßige  Lebensweise.
        <pb n="215" />
        —  206  —

Nicht  eindringlich  genug  kann  gewarnt  werden  vor  den  Ratschlägen
von  Kurpfuschern  oder  anderen  unkundigen  Personen  und  vor  dem  Gebrauch
von  Geheimmitteln,  wie  sie  in  den  Zeitungen  angepriesen  werden.  Es
handelt  sich  hierbei  stets  um  eine  Täuschung  der  Kranken.

Wer  sich  unwohl  fühlt,  kuriere  nicht  selbst  an  sich  herum,  sondern
gehe  alsbald  zum  Arzt.

Diejenigen  aber,  welche  den  von  uns  erteilten  Ratschlägen  folgen,
werden  sich  vor  sehr  vielen  und  besonders  vor  manchen  der  häufigsten  und
verderblichsten  Krankheiten  schützen,  die  man  als  chronische,  d.  h.  als  lang
andauernde  bezeichnet.  «

Tu,  was  du  kannst,  lieber  Leser,  um  den  Anforderungen  der  Natur
gerecht  zu  werden!  Richte  deine  Lebensweise,  deine  Wohnung,  deine
Ernährung,  deine  Kleidung,  deine  Körperpflege  möglichst  nach  den  hier
dargelegten  Grundsätzen  ein,  dann  wird  der  Segen  für  dich  und  die  deinen
nicht  ausbleiben.  Auch  hier  gilt  der  Spruch:

„Hilf  dir  selbst,  so  wird  dir  Gott  helfen!“

Aus  „Wie  erhält  man  sich  gesund  und  erwerbsfähig“  von  Kalle  und  Dr.  Schellenberg.

96.  Die  erste  Hilfe  bei  Verletzten  und  Scheintoten.

Gar  mancher  Verunglückte  wäre  wieder  zum  Leben  zurückgerufen
sunnen,  wenn  man  zur  rechten  Zeit  zu  den  geeigneten  Mitteln  gegriffen
ätte.
Wird  eines  der  größeren  Blutgefäße  verletzt,  so  strömt  das  Blut  quellend
oder  im  Strahl  hervor.  Bei  Erwachsenen  hat  ein  Verlust  von  2½  kg  Blut
unbedingt  den  Tod  zur  Folge.  Kleinere  Blutungen  können  durch  Kälte,
Eintauchen  des  verletzten  Gliedes  in  kaltes  Wasser  gestillt  werden,  größere
dadurch,  daß  man  an  der  verwundeten  Stelle  den  Blutkreislauf  durch
Unterbinden  hemmt.  Hierzu  kann  man  ein  nasses  Tuch  mit  einem  Knoten
benutzen;  man  bringt  den  Knoten  auf  die  Stelle,  aus  welcher  das  Blut
hervorquillt,  und  stellt  durch  möglichst  festes  Binden  einen  drückenden  Verband
  her.  Arztliche  Hilfe  ist  sofort  zu  suchen.  Nasenblutungen  werden  durch
Einziehen  von  kaltem  Wasser,  kalte  Aufschläge  oder  in  schweren  Fällen
durch  Verstopfen  mit  Baumwollenballen,  welche  mit  blutstillenden  Mitteln
getränkt  sind,  beseitigt.  Bei  tiefen  Schnittwunden  sind  die  Wundränder
durch  einen  dichten  Verband  ununterbrochen  zusammenzuhalten.  Der
verwundete  Teil  wird  mit  Eis  gekühlt  und  in  eine  ruhige,  wagerechte  Lage
gebracht.  Wunden  verlangen  eine  sorgfältige  Behandlung  und  größte
Reinlichkeit.  Bei  kleineren  Wunden  nimmt  man  zur  Vereinigung  der  Wundränder
  Heftpflaster.  Die  Wände  müssen  verkleben  und  verwachsen.  Eiterbildung
  muß  verhindert  werden.  Damit  größere  Wunden  nicht  durch  die
Pilze  der  Luft  in  Fäulnis  übergehen,  legt  man  sogleich  Watte  darauf,  die
mit  212%70iger  Karbollösung  getränkt  ist,  und  erhält  sie  etwas  feucht.  Durch
die  Watte  wird  die  Luft  gereinigt,  ehe  sie  an  die  Wunde  kommt;  die  Pilze
werden  zurückgehalten  und  zerstört.  Verwundete  Glieder  werden  oft
        <pb n="216" />
        —  207  —

in  lauem  Wasser  oder  Kamillentee  gebadet  oder  gespült,  aber  nicht  mit
Schwämmen  oder  Tüchern  abgewaschen,  da  diese  Schmutz  und  Pilze  ent—
halten  können.

Körperteile  mit  Brandwunden  werden  zur  Linderung  des  Schmerzes
sofort  in  kaltes  Wasser  getaucht  oder  mit  kalten  Umschlägen  bedeckt.  Leichtere
Wunden,  bei  denen  Blasen  sich  nicht  gebildet  haben,  kühlt  man  mit  Bleiwasser;
  schwerere  behandelt  man  ebenfalls  zuerst  mit  Kälte,  dann  aber  mit
kühlenden  Mitteln,  wie  Leinöl  mit  Kalkwasser,  Pfefferminzöl,  Eigelb,
frischer  Butter,  geschabten  Kartoffeln.  Hierauf  bedeckt  man  sie  schonend  mit
Watte,  welche  in  1%  ige  Karbollösung  getaucht  wurde.

Die  Erfahrung  lehrt,  daß  viele  Handwerker  oft  unvorsichtig  und  leichtsinnig
  mit  scharfen  und  spitzen  Werkzeugen  umgehen,  so  daß  bei  ihnen  viel
zu  oft  Verwundungen  vorkommen.
  Dadurch  verursacht  sich
der  einzelne  selbst  unnötige
Schmerzen,  stört  den  regelmäßigen
  Fortgang  des  Geschäftes
  und  schädigt  sich  und  seine  VKL
Familie  am  Einkommen.  Daher  —
Vorsicht!  Durch  Stoß,  Schlag,  .»"
Fall,  Sturz  werden  innere  ½
Zerreißungen  hervorgebracht,  l  nl“
welche  mit  Blutergüssen  unter
der  Haut  sowie  mit  schmerzhafter
  Schwellung  und  Verfärbung
  verbunden  sind  und
Quetschungen  heißen.  Bis  zur
Ankunst  des  Arztes  wendet
man  kaltes  Wasser  an  und  löst  "  „„  «
alle  engen  Kleidungsstücke.  Die  Abbildung  36,  J3  2“73  eines
Zerrung  und  Zerreißung  der  ·
GelenkbänderundQuetschung
der  Gelenkenden  nennt  man  Verstauchung.  Das  Gelenk  schwillt
an.  Ruhe  und  kalte  Umschläge  sind  die  ersten  Mittel,  die  bis  zur
Ankunft  des  Arztes  angewandt  werden  müssen.  Die  dauernde  Ver—
schiebung  der  Knochenenden  eines  Gelenkes  nach  Zerreißung  der  Gelenkbänder
  nennt  man  Verrenkung.  Die  Form  des  Gelenkes  ist  verändert,
alle  Bewegungsversuche  sind  sehr  schmerzhaft.  Das  Gelenk  muß  möglichst
bald,  jedoch  nur  vom  Arzt,  eingerichtet  werden.  Ein  Knochenbruch
heilt  dadurch,  daß  sich  an  den  Bruchenden  neue  Knochenmasse  bildet,  welche
die  Enden  zusammenkittet.  Diese  Masse  ist  anfangs  weich,  wird  aber  in
2—6  Wochen  hart.  Sind  während  dieser  Zeit  die  Bruchenden  stets  unbeweglich
  in  der  richtigen  Lage  zueinander  erhalten  worden,  so  bleibt  keine
entstellende  Formveränderung  nach  der  Heilung  zurück.  Im  anderen  Falle
heilt  der  Knochen  schief  oder  mit  Verkürzung  zusammen.  Der  Bruch  wird
deshalb  vom  Arzte  eingerichtet,  d.  h.  die  Bruchenden  werden  in  die  richtige

       
 
   

    

   

   

.  .
...  —

 
   
 

[1  V.
—0

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—  W  S
—  —  –  —
        <pb n="217" />
        —  208  —

Stellung  zueinander  gebracht.  Das  Verbleiben  in  ihr  wird  durch  Anlegung
entweder  von  Schienen  oder  erhärtender  Verbände  (Gips,  Wasserglas)
erzielt.  Ist  ein  Arzt  nicht  sofort  zu  haben,  so  muß  man  die  Bruchstelle
aufsuchen,  die  Kleider  aufschneiden  (nicht  ausziehen)  und  einen  vorläufigen
Verband  herstellen.  Uberall  findet  man  zu  Schienen  und  zur  Befestigung
für  sie  passende  Dinge:  Latten,  Besenstiele,  Fußmatten,  Zweige,  Binsen,
Stroh,  Taschentücher,
Handtücher,  Bindfaden,
  Hosenträger  u.  .  w.
Nach  der  vorläufigen
Anlegung  der  Schie-)n
  nen  und  de  Verbandes
lagert  man  den  Kranken
  passend  auf  einer
Bahre  oder  einem
Wagen  und  befördert
ihn  vorsichtig  zum

 

«  —  ——*§.[  [(  Arzte.
—  Bei  Ohnmachts-Abbildung
  37.  Notverband  eines  anfällen  bringt  man

Unterschenkelbruches.  den  Kranken  sofort  an

die  frische  Luft,  läßt
ihn  an  scharf  riechenden,  belebenden  Stoffen  (Salmiakgeist  oder  Kölnischem
  Wasser)  riechen  und  gibt  ihm  etwas  Wein  doder  schwarzen
Kasfee  zu  trinken.  Außerdem  fächelt  man  ihm  frische  Luft  zu,  lockert  die
enganliegenden  Kleider,  besprengt  Gesicht  und  Herzgrube  mit  kaltem  Wasser,

   

Abbildung  38.  Notverband  eines  Oberschenkelbruches.

bürstet  die  Fußsohle  und  kitzelt  die  Nase,  damit  Niesreiz  ersolgt.  Bleiche,
blutarme  Personen  müssen  wagerecht,  vollblütige  mit  erhöhtem  Kopfe
gelagert  werden.

Der  Scheintote  hat  ein  totenähnliches  Aussehen.  Das  Leben  scheint
erloschen  zu  sein.  Von  der  Atmung  ist  nichts  zu  merken.  Die  Sinne  versagen
  den  Dienst.  Von  Gefühl  zeigt  sich  keine  Spur.  Wir  rufen  ihn  an:
er  hört  nicht.  Wir  schütteln,  berühren,  stechen  ihn:  er  bleibt  regungslos,
wie  er  war.  In  Wahrheit  bestehen  aber  die  Herz=  und  Atembewegungen
fort,  freilich  so  schwach,  daß  man  sie  ohne  weiteres  nicht  wahrzunehmen  ver-
        <pb n="218" />
        —  209  —

mag.  Man  hat  verschiedene  Mittel  um  den  Scheintod  vom  wirklichen  Tod
zu  unterscheiden.  Das  Beschlagen  eines  vor  die  Nase  gehaltenen  kalten
Spiegels  oder  die  Bewegung  einer  Flaumfeder  lassen  auf  Scheintod
schließen.  Ein  sicheres  Zeichen  besteht  im  Auflegen  von  Senfteig,  welcher
bei  Scheintoten  die  Haut  noch  rötet.

Vermutet  man  Scheintod,  so  sind  unverzüglich  Wiederbelebungsversuche
anzustellen.  Man  muß  vor  allem  die  fast  erloschene  Herz=  und  Atemtätigkeit
  wieder  anzuregen  suchen.  Dies  geschieht  teils  durch  Reizung  der  Empfindungsnerven,
  wie  dies  bei  der  Ohnmacht  schon  dargelegt  wurde,  teils
durch  alsbaldige  Einleitung  der  künstlichen  Atmung  selbst.  Man  entkleidet
den  Scheintoten,  hüllt  ihn  in  warme  Tücher  ein,  legt  ihn  bei  etwas  erhöhtem
Kopfe  auf  den  Rücken  und  zieht  seine  Zunge  vor,  damit  die  Luftwege  frei
werden.  Sodann  stellt  man  sich  hinter  den  Kopf  des  Verunglückten,  erfaßt
seine  beiden  Arme  über  dem  Ellenbogen  und  zieht  sie  gestreckt,  so  weit  es
geht,  über  den  Kopf.  In  dieser  Stellung  beläßt  man  sie  etwa  2  Sekunden.
Dadurch  tritt  Luft  in  die  Lungen  ein.  Hierauf  werden  die  Arme  langsam
wieder  zurückgeführt  und  zwei  Sekunden  an  die  Seiten  der  Brust  gedrückt.
Auf  diese  Weise  tritt  die  Luft  wieder  aus.  Im  Takte  des  ruhigen  Atmens
fährt  man  vorläufig  eine  Stunde  lang  fort.  Aber  man  verliere  die  Geduld
nicht,  sondern  zeige  große  Ausdauer;  denn  die  Arbeit  der  Wiederbelebung
glückt  oft  erst  nach  fünf  Stunden.  Sind  zwei  Personen  zugegen,  so  machen
beide,  jeder  an  einem  Arm,  gleichzeitig  dieselben  Bewegungen.  Hat  man
die  Freude  Lebenszeichen  wahrzunehmen  —  es  tritt  ein  plötzlicher  Farbenwechsel
  im  Gesicht  ein  und  der  Scheintote  beginnt  schwach  zu  atmen  —
so  wird  die  künstliche  Atmung  mit  Unterbrechungen  schwächer  und  schwächer
fortgesetzt.  Man  reibe  und  bürste  Waden  und  Arme  und  wasche  die  Schläfe
und  Stirn  mit  warmem  Branntwein  oder  Essig.  Nach  dem  Erwachen
flößt  man  dem  Wiederbelebten  etwas  Wein  ein  und  überläßt  ihn  dann  dem
Schlummer.  Diese  Aufgaben  sind  bei  allen  Arten  von  Scheintod  zu  lösen.
Jede  Art  aber  erfordert  noch  ein  besonderes  Verhalten.

Lesebuch  von  Schanze.

97.  Die  Trichine,  der  Bandwurm  und  die  Finne.

Die  Trichinen  verursachen  die  schreckliche  Trichinenkrankheit,  die
von  den  Arzten  erst  in  neuerer  Zeit  erkannt  worden  ist.  Das  winzig  kleine
Würmchen  lebt  im  Fleische  mancher  Tiere,  namentlich  der  Schweine.  Genießt
  der  Mensch  trichinenhaltiges  Schweinefleisch,  so  erkrankt  er  mehr
oder  weniger  schwer,  ja  nicht  selten  tritt  der  Tod  ein.  Die  genossenen
Trichinen  setzen  sich  nämlich  im  Darme  der  Menschen  fest  und  erzeugen  hier
lebendige  Junge,  Fadenwürmchen,  wie  man  sie  kleiner  kaum  kennt.  Die
alten  Trichinen  bleiben  im  Darme,  bis  sie  untergehen;  die  junge  Brut
aber  wandert  vom  Darme  aus  in  den  Körper  des  Menschen  ein.  In  dem
Fleische  allein  treffen  die  jungen  Trichinen  eine  für  ihr  weiteres  Wachstum
geeignete  Wohnstätte.  Schon  14  Tage  nach  der  Einwanderung  ist  das
Würmchen  ausgewachsen.  Nun  vollt  es  sich  spiralartig  zusammen  wie  eine

Mater-Bode,  Lesebuch,  3.  Aufl.  14
        <pb n="219" />
        —  210  —

Uhrfeder  und  es  bilden  sich  dann  nach  und  nach  um  ein  jedes  Tierchen  eine
Kapsel  aus  Kalksalz,  sodaß  es  zuletzt  in  einer  Kalkschale  steckt  wie  ein  Vogelei.
Sind  die  Trichinen  eingekapselt,  so  können  sie  sich  nicht  weiter  bewegen
und  weiter  entwickeln.  Die  Kapsel  ist  für  sie  ein  Gefängnis,  aus  dem  sie
nur  frei  werden,  wenn  sie  mit  dem  Fleische,  in  dem  sie  liegen,  in  den  Magen
eines  Essers  gelangen.

Rechnen  wir  auch  nur  200  Junge  auf  eine  Trichinenmutter,  so  ge—
nügen  5000  solcher  Mütter,  um  eine  Million  Junge  für  die  Einwanderung
zu  liefern,  und  so  viele  Muttertiere  können  in  wenigen  Bissen  Fleisch  enthalten
  sein,  auch  wenn  es  von  ihnen  nicht  in  besonders  hohem  Grade  durchsetzt

  ist.

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Abbild.  39.  Verkapselte  Muskeltrichinen.  Abbild.  40.  Schweinefinnen.

a  stark  vergrößert,  b  in  natürlicher  Größe.  a  mit  eingezogenem,  b  mit  hervorgestülptem
  Kopfe.  (Vielf.  vergr.)

Je  mehr  lebende  Tiere  genossen  werden  und  je  länger  sie  im  Darme
3  um  so  mehr  Junge  werden  geliefert  und  um  so  höher  steigt  die

efahr.

Die  Erscheinungen  der  Trichinenkrankheit  stellen  sich  sehr  verschieden
dar.  Gewöhnlich  sind  es  ruhrartige  Zufälle,  dann  Schwäche,  Mattigkeit
wie  bei  Gicht;  ferner  tritt  Fieber  ein  wie  beim  Nervenfieber.  Meist  schwillt
das  Gesicht  auf,  namentlich  die  Augengegend.  Zuweilen  sterben  die  Menschen
  innerhalb  3—4  Wochen  nach  dem  Genusse;  nicht  selten  nimmt  die
Krankheit  einen  mehr  schleichenden  Verlauf  und  es  tritt  eine  langsame  Genesung
  ein  oder  statt  deren  ein  langwieriges  Siechtum.  —  Durch  ein  einziges
Schwein  sind  im  Oktober  1863  in  Hettstedt  bei  Eisleben  150  Menschen  schwer
erkrankt  und  25  gestorben.  In  dem  Dorfe  Hedersleben  bei  Quedlinburg
erkrankten  1865  gegen  300  Personen  an  der  Trichinenkrankheit;  es  starben
über  80.  Solche  Beispiele  sollten  uns  warnen  vor  dem  Genusse  des  rohen
Schweinefleisches,  wie  es  im  Schinken  und  in  mancher  Wurst  uns  dargeboten
        <pb n="220" />
        —  211  —

wird.  Durch  Kochen  und  Braten  sowie  durch  starke  Räucherung  des  Fleisches
werden  die  Trichinen  getötet.  Noch  besser  schützt  die  mikroskopische  Fleischbeschau,
  die  der  Staat  jetzt  gesetzlich  angeordnet  hat.

Den  Trichinen  gleichen  in  vieler  Beziehung  die  Finnen,  die  bekanntermaßen
  bei  Schweinen  nicht  selten  sind.  Die  Finnen  sitzen  auch  im  Fleische;
—  sie  kommen  häufig  in
großer  Zahl  vor;  sie
haben  nie  Eier  und  erzeugen
  nie  Junge,  gerade
  so  wie  die  Muskeltrichinen.
  Die  Finnen
  sind  aber  ungleich
größer.  Während  die
Trichinen,  auch  wenn
man  die  Kapsel  zu  dem
Tiere  rechnet,  höchstens
einen  kleinen  weißen
Punkt  oder  einen  feinen
  Strich  darstellen,
-  so  erreichen  die  Finnen
—  die  Größe  einer  Erbse,
Dne  n  —  zuweilen  die  einer

ildung  41.  «  "
Kopf  des  Vandwurn  von  gunn  Ksche  oder

der  Schweinefinne.  .  .
(Bedeutend  vergrößert.)  wechselung  beider  ist

daher  nicht  möglich.

Schon  die  besseren  Untersucher  des  vorigen
Jahrhunderts  hatten  bemerkt,  daß  der  Finnenwurm
  eine  große  Übereinstimmung  des  Baues
mit  dem  Kopfe  eines  Bandwurmes  besitze,
und  sie  hatten  daher  beide,  den  Finnenwurm
und  den  Bandwurm,  zu  einem  und  demselben
Geschlechte  gerechnet.  Indes  betrachteten  sie
doch  beide  als  getrennte  Arten  derselben  Gattung,
  die  nebeneinander  beständen,  wie  etwa
Esel  und  Pferd,  Hund  und  Wolf,  ohne  jemals
ineinander  über=  oder  auseinander  hervorzugehen.
  die  weitergehende-  Forichung  sen
neueren  Zeit  führte  zu  dem  Ergebnisse,  da  .-der
  Finnenwurm  des  Fleisches,  wenn  er  von  F“–*Z2  an  d  wurm.
einem  Tiere  oder  Menschen  gegessen  wird,  sich
im  Darme  desselben  in  einen  Bandwurm  verwandelt  oder  vielmehr  zu
einem  Bandwurme  entwickelt,  daß  also  derselbe  Wurm  eine  Zeitlang  in
dem  Finnenzustande  lebt  um  später  in  den  Bandwurmzustand  überzugehen.

Schwieriger  war  die  Frage,  wie  der  Wurm  in  den  Finnenzustand
und  in  das  Fleisch  gelangt.  In  dem  Bandwurmzustande  erzeugt  er  an

  

 

 

 

IICCCIIII.  VLV
        <pb n="221" />
        —  212  —

seinem  hinteren  Leibesende  durch  Wachstum  und  Abschnürung  immer
neue  Glieder,  von  denen  jedes  in  sich  nicht  bloß  Eier  und  Samen,  sondern
auch  lebendige  Junge  hervorbringt.  Diese  schlüpfen  aber  aus  der  Eier—
schale  erst  heraus,  nachdem  sie  aus  dem  Körper  entleert  worden  und  auf
irgend  eine  Weise  mit  der  Nahrung  oder  mit  dem  Getränke  wieder  von  einem
Tiere  (Schweine)  genossen  worden  sind.  Sobald  sie  in  den  Magen  gelangt
sind,  löst  sich  die  Schale;  die  jungen,  dann  noch  ganz  kleinen  Tierchen  werden
frei,  durchdringen  die  Darmwand  und  gelangen  in  verschiedene  Teile  des
Körpers  um  sich  zu  Finnenwürmern  zu  entwickeln.

Es  ist  dies  eine  lange  und  in  hohem  Maße  dem  Zufall  überlassene
Entwicklungsreihe.  Der  Finnenwurm  muß  gegessen  werden  um  im  Darme
des  Essers  zum  Bandwurme  zu  werden,  und  die  von  diesem  in  einzelnen
Gliedern  erzeugten  Eier  und  Jungen  müssen  wiederum  genossen  oder  wenigstens
  eingenommen  werden,  um  in  das  Innere  des  Körpers  und  namentlich
in  das  Fleisch  eindringen  und  sich  hier  zu  neuen  Finnenwürmern  ausbilden
zu  können.  Rudolf  Virchow.

98.  Vie  Schädlichkeit  des  Tabakgenusses  für  die  Jugend.

Es  isteine  bekannte  Erfahrung,  daß  vielen  Menschen  verbotene  Früchte
besser  schmecken  als  erlaubte,  und  zwar  gerade  darum,  weil  sie  verboten
sind.  Dies  gilt  ohne  Zweifel  im  ausgedehntesten  Maße  vom  Tabakrauchen
der  heranwachsenden  Jugend.  Trotzdem  Eltern,  Lehrer  und  Meister
den  jungen  Leuten  das  Rauchen  verbieten  oder  in  wohlmeinender  Absicht
widerraten,  so  handeln  doch  viele  dagegen  und  sündigen  so  wider  ihre  Gesundheit.
  Wie  viele  junge  Leute  legen  durch  frühzeitiges  Rauchen  den
Grund  zu  späterem  Siechtum,  schwerer  Krankheit  und  frühem  Tod!  Aber
auch  Erwachsenen  bringt  das  übermäßige  Rauchen  die  größten  Nachteile
für  die  Gesundheit.

Die  Tabakpflanze  gehört  zur  Familie  der  Nachtschattenarten,  die
fast  aus  lauter  Giftpflanzen  gebildet  wird.  Die  Tollkirsche,  das  Bilsenkraut
  und  der  Stechapfel  sind  nahe  Verwandte  unseres  Tabaks.  Sein
giftig  wirkender  Stoff  ist  aber  nicht  der  gleiche  wie  der  in  den  drei  genannten
Giftpflanzen,  sondern  unterscheidet  sich  hinsichtlich  seiner  giftigen  Wirkungsart
  von  ihm.  Er  führt  den  Namen  Nikotin.  Im  reinen  Zustande  ist  er
eine  farblose,  durchsichtige,  leicht  bewegliche  Flüssigkeit  von  starkem,  betäubendem
  Tabakgeruch  und  eines  der  heftigsten  Gifte,  das  dem  Schierlingsgifte
  an  Stärke  etwa  16mal  überlegen  ist.  Frösche  gehen  in  1#8  Minuten
zu  Grunde,  wenn  man  ihnen  einen  Tropfen  auf  die  Zunge  bringt.  Kommt
man  mit  einem  in  Nikotin  getauchten  Stäbchen  dem  Schnabel  kleiner
Vögel  nahe,  so  tritt  bei  diesen  augenblicklich  der  Tod  ein.  Tauben  verenden
durch  einen  Tropfen  Nikotin  in  30  Sekunden.  Ja,  mit  acht  Gramm  Nikotin
hat  man  in  4½  Minuten  schon  Pferde  getötet.

Die  Wirkung  auf  den  menschlichen  Körper  ist  ebenfalls  sehr  stark.
Selbst  ein  hundertstel  Tropfen  bereitet  Brennen  und  Kratzen  im  Munde
und  Schlunde  sowie  starke  Speichelabsonderung;  bei  ½%  Tropfen  treten
        <pb n="222" />
        —  213  —

Schwindel,  Kopfschmerz,  Schläfrigkeit,  Beklommenheit  und  Trockenheit
im  Schlunde  ein.

Dadurch,  daß  man  die  Zigarren  zwischen  den  feuchten  Lippen  hält,
gelangt  außer  dem  Rauche  beständig  Nikotin  in  den  Mund.  Und  diese
Menge  dürfte  unter  Umständen  noch  größer  sein  als  diejenige,  welche  durch
den  Rauch  dem  Körper  zugeführt  wird.

Aber  auch  der  aus  dem  brennenden  Tabak  sich  entwickelnde  Rauch
hat  giftige  Bestandteile.  Sie  entstehen  eben  erst  durch  die  Einwirkung
der  Wärme  auf  die  übrigen  Bestandteile  der  Tabakblätter,  sind  also  Zer—
setzungsprodukte  derselben.  Es  findet  in  der  Zigarre  oder  in  der  Pfeife
ein  ähnlicher  Vorgang  statt  wie  in  der  Gasretorte,  wenn  in  einer  solchen  Holz,
Braunkohlen  und  Steinkohlen  erhitzt  werden.  Daher  sind  auch  die  hierbei
entstehenden  Produkte  teeriger  Natur.  Wir  finden  dieselben  giftigen  Stoffe,
die  aus  dem  Steinkohlenteer  abgeschieden  werden  können,  darin  wieder
und  in  Dampfform  auch  im  Tabakrauch.  Außer  vielen  anderen  Stoffen
konnten  kleine  Mengen  von  Schwefelwasserstoff  und  Blausäure  (Cyanwasserstoff)
  sowie  von  Kohlenoxydgas  und  Kohlensäure  im  Tabakrauch  nachgewiesen
  werden.

Aus  alledem  geht  also  unzweifelhaft  hervor,  daß  das  Tabakrauchen
in  mehrfacher  Hinsicht  Gefahren  für  die  Gesundheit  zur  Folge  haben  kann:
nämlich  beim  Zigarrenrauchen  durch  die  unmittelbare  Aufnahme  von  Nikotin
  von  seiten  der  feuchten  Lippen  und  beim  Zigarren=  und  Pfeifenrauchen
durch  den  entstehenden  Rauch,  welcher  dem  Körper  andere  Giftstoffe  zuführt.
  Außer  dieser  unmittelbaren  kommt  aber  auch  noch  eine  mittelbare
Wirkung  in  Betracht,  die  eine  Schädigung  der  Gesundheit  mit  sich  bringen
kann.  So  lange  sich  nämlich  Rauch  in  der  Mundhöhle  und  den  Luftwegen
befindet,  ist  selbstverständlich  die  Menge  von  atmosphärischer  Luft  (Sauerstoff)
  auf  das  geringste  Maß  herabgedrückt.  Nun  wird  zwar  der  Rauch  wieder
  ausgestoßen.  Und  in  demselben  Augenblicke  tritt  auch  wieder  frische
Luft  in  den  Mund.  Aber  die  Menge  der  Luft,  die  in  einer  bestimmten  Zeit
den  Lungen  zugeführt  wird,  ist  doch  immerhin  bedeutend  geringer,  als  wenn
in  derselben  Zeit  kein  Tabakrauch  in  den  Mund  gelangt  wäre.  Gerade
hierin  liegt  die  große  Schädlichkeit  des  Rauchens  für  die  Jugend,  die  noch
im  Wachsen  und  in  der  körperlichen  Ausbildung  begriffen  ist.  Der  Stoffwechsel
  wird  durch  das  Rauchen  gehemmt  und  hierdurch  die  Entwicklung  des
Körpers  zurückgehalten,  und  zwar  in  einer  Zeit,  in  welcher  dies  gerade  am
allerwenigsten  stattfinden  sollte.  Durch  die  infolge  des  Rauchens  verminderte
Luftzufuhr  erleidet  der  gesamte  Stoffumsatz  eine  Verzögerung  und  die
Ausbildung  des  Körpers  eine  Beeinträchtigung,  zumal  durch  das  Rauchen
auch  die  Eßlust  vermindert  und  das  Bedürfnis  nach  Trank  erhöht  wird.
Vermehrte  Speichelabsonderung,  Hustenreiz,  Kopfschmerz,  Schwindel
bilden  den.  Anfang  der  langen  Reihe  von  Leiden,  die  durch  zu  frühes  und
zu  vieles  Rauchen  in  immer  höherem  Grade  sich  einstellen  und  mit  Verdauungsbeschwerden,
  Krankheiten  des  Zentralnervensystems,  Neuralgie
leinsetiigem  Gesichtsnervenschmerz),  Gliederreißen,  ja  selbst  mit  frühzeitigem

ode  enden.
        <pb n="223" />
        —  214  —

Die  Wirkung  des  Tabaks  tritt  langsam  und  nur  im  Anfang  mit  heftigen,
  bald  wieder  verschwindenden  Vergiftungserscheinungen  auf.  Es
kann  sogar  Fälle  geben,  in  denen  der  Raucher  sich  dabei  ganz  wohl  fühlt
und  auf  die  geringe  Erscheinung  gar  nicht  achtet,  die  das  zu  starke  Rauchen
unwillkürlich  zur  Folge  hat.  In  der  Tat  gibt  es  auch  viele  Menschen,  die
trotz  des  Rauchens  ein  hohes  Alter  erreichen.  Aber  dies  sind  immer  Ausnahmen.
  Für  die  Jugend  hat  der  Tabakgenuß  stets  eine  Schädigung  der
Gesundheit  im  Gefolge.  Dr.  Heppe.

99.  Ein  foalscher  Freunad.

Traue  keinem  Freunde,  ehe  du  von  seiner  4½/  richiskeit  überzeugt
bist"  So  Mancher  schleicht  sich  met  giesbnerischen  Worten  an  den  Menschen
heran  um  ihn  Nur  um  80  Sicherer  verderben  zu  können.  Lu  diesen  falschen
Freunden  gehört  auch  der  Alkonol.

„Ich  wärme  dich"/“  Spricht  er  zum  frierenden  Wanderer,  dem  bei
strenger  Winterhälte  ein  Wirtshausschild  am  Wege  winkt.  „Nimm  schnell
ein  Gläschen,  dann  magst  du  weiter  gehen!  Sollst  sehen,  wie  es  darnach
worm  durch  deine  Qllcder  2icht“

Warm  wird's  dem  getäuschten  Manne.  Aber  vwie  lange  hält  dieses
PWärmegefühl  stand  ?  Gar  bald  macht  es  einer  um  so  empfindlicheren
Käalte  Platz.  Jenes  Kreus  dort  cm  Wege  ꝛeigt  dir  die  Stelle,  wo  der  Arme
erfroren  aufgefunden  wurde.

„Ich  stärkhe  dichl“  sagt  er  2um  Holæzhacher,  der  ermüdet  und  schreißßtriefend
  vor  seinem  Holestoße  steht.  „Trin  n#r  Mal  ein  Schlüchchen“
Fuhlst  du  nicht,  wie  so  ein  paur  Tröpfehen  stärken  können?“

Sahest  du  schon  einen  abgetriebenen  Gaul  mit  auf-  und  abgehenden
Flanken  mühsam  seinen  Schiberen  Karren  den  Berg  hinanschleppen?  —
Ich  muß  mein  Rößlein  einmal  stärken,  den#t  der  Fu##rmann  und  Raut
das  geplagte  7#er.  Dnd  siehe  da,  es  zielt  auch  coieder  besser.

Du  glubst  doch  nicht,  daß  die  Peitsche  dem  Tiere  neue  Kraft  gegeben
nhabe!  FPuhrmann  und  Holzhauer  geichen  jenem  förichten  Müller,  der  das
Wasser  so  Reftig  auf  die  Räder  richtfef,  dal  ste  im  allerschmnellsten  Laufje
Rerumgejagtf  #nerden.  Ein  Wassergub,  ein  Peitschenschlag,  ein  Schluchchen
nach  dem  andern  aind  das  sicherste  Mittel  um  auch  das  Lunstreichste
Maschinenterb  recht  schnell  zu  verderben.

„Ich  heile  dich!“  tröstet  er  den  Kranken.  ,„Schau  dich  nur  einmal
in  der  Apothehe  recht  um!  Dort  stehe  ich  mitten  zuischen  den  Aranei-Metteln.
  Sicher  Relfe  ich  d#r““

Köôömnen  unsere  Geffpflanzen  nicht  meit  gleichem  Rechte  so  sprechen?
Warum  Rält  aber  der  4potheber  ren  Saft  so  sorpsam  verschlossen?  Das
mit  dem  Gifte  nicht  leichtsinnig  umgegangen  werde  und  nicht  jeder  davon
bekomme.  Nur  auf  Verordnung  des  Arates  verabreicht  er  davon.  Unser
falscher  Preund  hat  es  verstanden  der  Apothehe  au  entfliehen.  Als  Lebenswasser
  für  Kranke  verschrieben,  bewährte  er  sich  seit  Iahrhunderten.
Heute  aber,  wo  er  jedermann  augũnqlich  ist,  lügt  er  gerade  so  wie  der  Teufel,
der  Zva  belog,  20enn  er  sagf:  „Ich  Reile  deich“
        <pb n="224" />
        —  215  —

„Ich  mache  munter  und  froh!“  verspricht  er  dem  Mutlosen.
„Höre  nur,  wie  deine  Kameraden  lachen  und  singen!  Sieh,  wie  sie  sich
brüderlich  umarmen  und  necken!  Ist  es  nicht  eine  Lust  in  ihrer  Mitte
zu  sein?“

Folge  mir  einen  Augenblich  in  die  Gefüngnisse!  Prage  dort  die
Messerhelden  und  Totschläger,  wer  sie  hinter  Schloss  und  RKiegel  gebracht
Rabe“  Die  Meisten  werden  dir  mit  geballter  Faust  antworten:  ,„Dieser
Lustigmacher,  der  Alkohol“.  —  Begleite  mich  in  eine  Irrenanstalt!  Wonher
Lommt's,  daß  ihre  Rãume  so  gefüllt  sind  mit  den  bedauernswerten  Geschõpfen?
Wiederum  lautet  die  Antwort:  ,Unser  Freudenbringer  und  Sorgenbrecher,
der  Alkohol  ist  schuld  daran“.  Heinrich  Droste.

100.  Von  der  Bleidung.

Der  Hauptzweck  unserer  Kleidung  besteht  darin,  den
Wärmeabfluß  aus  unserem  Körper  auf  das  richtige  Maß  zu
bringen.  Der  Wert  der  Kleidung  steigt  für  den  Menschen  mit  der  zunehmenden
  Kälte  der  Gegend,  in  welcher  er  lebt.  In  seinen  Kleidern.
erträgt  der  Mensch  die  Einwirkung  der  Witterung  bis  zu  den  Polarländern.
Das  Mittelmaß  der  Wärme,  in  welcher  der  Neger  und  der  Eskimo  leben,
unterscheidet  sich  um  43  Grad  nach  Celsius  und  doch  ist  die  Blutwärme
beider  gleich.  Dies  kommt  größtenteis  daher,  daß  sie  ihre  Kleidung  dem
Wärmemaß  anpassen.  Da  die  Kleidung  die  Eigenwärme  und  die  Ausdünstung
  des  Körpers  in  heißen  wie  in  kalten  Gegenden,  in  nasser  und  trokkener
  Witterung  zu  regeln  vermag,  ist  sie  ein  Hilfsmittel,  durch  welches
der  Mensch  unter  jedem  Himmelsstriche  den  Schwankungen  der  Witterungsverhältnisse
  trotzen  kann.  Natürlich  muß  er  seine  Kleidung  auch  den
Witterungsverhältnissen  stets  anpassen.  Er  muß  danach  verschiedene  Stoffe,
ja  selbst  verschiedene  Farben  und  Formen  für  die  Kleidung  wählen.

Zuvörderst  ist  bei  der  Kleidung  auf  ihre  Fähigkeit  die  Wärme
zu  leiten,  zu  sehen.  Die  Kleider  müssen  schlechte  Wärmeleiter  sein,  damit
sie  die  ihnen  übertragene  Wärme  nicht  zu  rasch  durch  sie  hindurchlassen
und  wieder  abgeben.  Unter  unsern  Kleiderstoffen  sind  vor  allem  tierische
Stoffe,  wie  Wolle  und  Seide,  und  noch  mehr  Pelzarten  und  Flaum
schlechte  Wärmeleiter,  während  leinene  Stoffe  die  Wärme  besser  leiten.
Die  Baumwolle  steht  zwischen  diesen  in  der  Mitte.  Die  Kleider  überziehen
  den  Menschen  gleichsam  mit  einer  zweiten  Haut,  an  deren  Oberfläche
die  Wärmeabgabe  ohne  die  für  unsere  eigene  Haut  unangenehme  Empfindung
  von  Frost  vor  sich  geht.  Der  Grad  der  Dichtigkeit  eines  Stoffes
hat  Einfluß  auf  seine  Wärmeleitung.  Weil  die  Luft  selbst  ein  schlechter
Wärmeleiter  ist,  so  muß  auch  ein  Stoff,  der  viel  Luft  in  seinen  Maschen  enthält,
  also  ein  lockerer,  wärmer  sein  als  ein  dichter  und  fester.  Gestrickte  weitmaschige
  Strümpfe  halten  wärmer  als  dichte,  gewirkte.  Ein  wattiertes  Kleidungsstück
  hält  im  neuen  Zustande  wärmer,  als  wenn  es  abgetragen  ist,  und
zwar  deshalb,  weil  die  Watte,  deren  Menge  doch  ganz  gleich  geblieben  ist,  sich
        <pb n="225" />
        —  216  —

beim  Tragen  verdichtet  hat.  Bei  einem  Pelze  sind  es  die  feinen  Härchen,
welche  ihm  seine  warmhaltende  Eigenschaft  verleihen.  Diese  fangen  alle
Wärme  auf,  welche  von  der  Hautoberfläche  abfließt  und  geben  sie  an  die
zwischen  den  einzlenen  Härchen  strömende  Luft  ab.  Sehr  enge  Kleider,
z.  B.  enge  Schuhe  und  Handschuhe,  verhindern  die  Bildung  einer  warm—
haltenden  Luftschicht  über  der  Haut.

Gegen  die  Wärme  der  Luft  geben  die  Kleider  geringen  Schutz.  Es
ist  nur  die  strahlende  Wärme  und  die  Erhitzung  durch  das  unmittelbare
Sonnenlicht,  gegen  welche  wir  uns  durch  dünne,  dichte  und  helle  Stoffe
teilweise  zu  sichern  vermögen.  In  dieser  Beziehung  ist  die  Farbe  des
Kleides  oder  Schirms  von  großer  Bedeutung.  Dunkle,  besonders  schwarze
Stoffe  haben  die  Eigenschaft  die  Lichtstrahlen  einzusaugen,  während
hellfarbige,  zumal  weiße  Stoffe  die  Lichtstrahlen  zurückwerfen.  Jene
eignen  sich  daher  für  den  Winter,  diese  für  den  Sommer.  Um  sich  von  dem
Gesagten  zu  überzeugen,  lege  man  Tuchstückchen  verschiedener  Farbe  im
Sonnenlicht  auf  Schnee.  Die  schwarzen  und  dunkeln  sinken  am  schnellsten
ein.  Personen,  welche  in  Krankenzimmern  schwarze  oder  dunkle  Kleidung
tragen,  sind  empfänglicher  für  ansteckende  Krankheiten  als  solche,  welche
mit  hellen  Stoffen  bekleidet  sind,  weil  die  Ausdünstungen  des  kranken  Körpers
  viel  leichter  von  den  dunkeln  als  von  hellen  Stoffen  aufgesaugt  werden.
Dies  läßt  sich  leicht  beweisen.  Wenn  man  ein  helles  und  ein  dunkles  Kleid
fünf  Minuten  lang  dem  Tabakrauch  aussetzt,  so  wird  man  finden,  daß  das
dunkle  stärker  nach  Tabak  riecht  und  den  Geruch  länger  festhält  als  das  helle.
In  Zimmern,  in  welchen  ansteckende  Krankheiten  herrschen,  sollte  man
deshalb  niemals  schwarze  oder  dunkle  Gewänder  tragen.

Nasse  Kleider,  sei  es,  daß  sie  Regen,  Schnee  und  Tau  von  außen
oder  Schweiß  von  innen  in  sich  aufgenommen  haben,  sind  nicht  nur  deshalb
kälter,  weil  das  Wasser  die  Wärme  viel  besser  fortleitet  als  die  Luft,  sondern
noch  mehr,  weil  die  Verdunstung  der  in  den  Kleidern  befindlichen  Feuchtigkeit
  Wärme  bindet  und  Abkühlung  erzeugt.  So  entzieht  ein  naß  gewordener
  Strumpf,  wenn  er  am  Fuße  wieder  trocken  wird,  dem  Fuße  eine
Wärmemenge,  welche  genügt  um  250  g  Wasser  von  Null  Grad  bis  zum
Sieden  oder  mehr  als  250  Gramm  Eis  zum  Schmelzen  zu  bringen.  Man
wechsle  also  ja  nasse  Strümpfe  sowie  andere  feuchte  Leibwäsche  und  Kleidungsstücke
  so  schnell  als  möglich.

Aber  die  Stoffe  haben  noch  eine  andere  Verschiedenheit,  welche  unsere
Abkühlung  oder  Erwärmung  erheblich  beeinflußt:  das  ist  die  verschiedene
Fähigkeit  Wasser  in  sich  aufzunehmen  und  abzugeben.  Leinwand
  saugt  Feuchtigkeit  schnell  auf  und  wird  verhältnismäßig  schnell  wieder
trocken.  Daher  sind  Leinwandhemden  auf  bloßem  Körper  beim  Schwitzen
gleich  durchnäßt  und  hinterher  wieder  kühl.  Dagegen  saugt  Wolle  die
Feuchtigkeit  langsam  auf  und  gibt  sie  auch  langsam  wieder  ab.  Deshalb
fühlen  wir  beim  Schwitzen  in  wollenen  oder  halbwollenen  Hemden  bei
weitem  nicht  das  Unbehagen  wie  in  leinenen  und  sind  nachher  nicht  so  jäh
abgekühlt  und  so  leicht  erkältet  wie  bei  jenen.  Daraus  folgt,  daß  Leute,
die  einem  starken  Wechsel  von  Hitze  und  Kälte  ausgesetzt  sind,  Arbeiter  aller
        <pb n="226" />
        —  217  —

Art,  Schiffer,  Soldaten,  Wanderer,  Gebirgsreisende,  ferner  solche,  die  zu
Erkältungen  neigen,  wohl  daran  tun,  wenn  sie  auf  bloßem  Körper  wollene
oder  halbwollene,  lockere  Stoffe  tragen.  Der  Unterschied  zwischen  baum—
wollenen  und  Leinenhemden  ist  gesundheitlich  nicht  bedeutend.  Der  Gebrauch
  der  wollenen  oder  halbwollenen  Unterhemden  ist  sehr  verbreitet;
allein  häufig  wird  ihr  Nutzen  durch  einen  Mißbrauch  wieder  abgeschwächt.
Es  tragen  nämlich  viele  dieses  Unterhemd  bei  Tag  und  Nacht  und  geben
es  zu  selten  in  die  Wäsche.  Die  gleichmäßige  Wärme  des  Bettes  macht  nur
ein  leinenes  oder  baumwollenes  Hemd  als  Nachtbekleidung  erforderlich.
Ferner  ist  es  notwendig,  während  des  Schlafens  von  allen  enganliegenden
Kleidungsstücken  befreit  zu  sein,  besonders  aber  von  solchen,  welche  noch
mit  den  Schlacken  des  Tages  oder  gar  der  Woche  beladen  sind,  und  endlich
gewährt  das  wollene  Unterhemd,  wenn  es  die  Hautausdünstungen  der  Nacht
in  sich  aufgenommen  hat,  am  Morgen  weniger  Schutz,  als  wenn  es  während
der  Nacht  der  freien  Einwirkung  der  Luft  ausgesetzt  geblieben  war.

Wie  es  für  die  Gesundheit  unserer  Wohnungen  notwendig  ist,  daß

die  Poren  unserer  Wände  rein  und  frei  mit  Luft  und  nicht  mit  Wasser,
Schmutz  und  Pilzmassen  erfüllt  sind,  so  müssen  auch  die  Poren  unserer
Kleider  rein  und  luftig  bleiben.  Sie  sind  fortdauernd  mannigfacher
  Verunreinigung  von  außen  und  innen  ausgesetzt.  Sie  nehmen  von
unserer  Haut  auch  die  abgestoßenen  Hautschüppchen,  Hauttalg  u.  a.  mit.
Daraus  folgt,  wie  wichtig  das  Reinhalten  der  Kleider,  das  starke  Klopfen,
Ausstäuben,  Lüften  und  Waschen  derselben  auch  für  unsere  Gesundheit
ist.  Alle  unmittelbar  den  Körper  umgebenden  Kleidungsstücke  insbesondere
müssen  waschbar  sein  und  möglichst  oft  in  die  Wäsche  gegeben  werden.  Kleider,
  Wäsche  und  Betten  von  Kranken  darf  man  niemals  weiter  verwenden,
ehe  sie  sorgfältig  gereinigt  und  wirksam  desinfiziert  worden  sind.  Bei
ansteckenden  Krankheiten  vermitteln  sie  sehr  häufig  die  Weiterverbreitung.
Je  rauher  ein  Stoff,  um  so  leichter  nimmt  er  Staub  und  auch  Ansteckungsstoff
  in  sich  auf.  Glatte,  helle,  waschbare  Überkleider  sind  daher  die  geeignetste
  Tracht  bei  der  Krankenwartung.
Vuoon  chemischen  Giften,  welche  Kleiderstoffen  anhaften  können,
ist  das  Arsenik  am  häufigsten  Ursache  von  Erkrankungen  geworden.  Man
hat  beobachtet,  daß  rote  Strümpfe,  die  mit  arsenikhaltigem  Anilinrot  gefärbt
  waren,  Ausschläge  an  den  Füßen  bewirkten.  Ahnliches  hat  man  auch
an  der  Stirn  durch  das  Hutfutter  entstehen  sehen.

Wenn  wir  auch  dem  Körper  den  notwendigen  Schutz  gegen  die  Kälte
gewähren  müssen,  so  ist  ein  Ubermaß  vom  übel,  weil  die  Haut  dadurch
allzu  empfindlich  gemacht  wird.  Am  schädlichsten  aber  wirkt  der  plötzliche
Wechsel  der  Wärme.  Wenn  wir  aus  einem  überfüllten  Versammlungsraum,
  in  dem  eine  heiße,  feuchte  Luft  unsere  Haut  bis  zur  äußersten  Grenze
gerötet  und  mit  Schweiß  bedeckt  hat,  ohne  wärmere  Bekleidung  in  die  Luft
hinaustreten  wenn  wir  beim  Feuerlärm  aus  dem  warmen  Bette  auffahren
und  unverhyüllt  uns  schnell  zum  offenen  Fenster  hinauslehnen,  wenn  wir
nach  anstrengender  Wanderung  den  heißen,  feuchten  Rücken  ohne  Mantel
gegen  ein  nasses,  kaltes  Gemäuer  ftützen  in  gahen  wir  Veranlassung  zu  den
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        —  218  —

heftigen  Erkältungskrankheiten.  So  ist  auch  die  Zeit  des  häufigen
Schnupfens  und  der  Entzündungen  der  Luftwege  nicht  die  Zeit  gleichmäßiger
Kälte,  sondern  die  des  starken  und  schnellen  Wechsels  in  der  Witterung.
Form  und  Schnitt  der  Kleidung  sind  für  unsere  Gesundheit  von  der
größten  Wichtigkeit.  An  keinem  Teile  des  Körpers  darf  eine  drückende  oder
schnürende  Wirkung  ausgeübt,  die  natürliche  Form  nicht  künstlich  verunstaltet
und  die  Entwickelung  der  einzelnen  Körperwerkzeuge  beeinträchtigt  werden.

Nach-Bock  und  Jakobs

101.  Die  Zähne  und  ihre  Pflege.

Hast  du,  lieber  Leser,  schon  einmal  alte  Leute,  die  nur  noch  wenige
Zähne  hatten,  essen  sehen?  Welche  Mühe  macht  es  ihnen,  Speisen  zu  zerkleinern,
  die  du  mit  deinen  gesunden  Zähnen  so  leicht  beißen  kannst!  Ja
solche  Leute  verdienen  unser  volles  Mitleid,  und  da  ich  dich  vor  einem
ähnlichen  Schicksal  bewahren  möchte,  will  ich  dir  im  folgenden  einiges  über
die  Zähne  und  die  Mittel  zu  ihrer  Erhaltung  mitteilen.

Die  festen  Speisen,  die  wir  genießen,  müssen  wir,  bevor  wir  sie  hinunterschlucken
  können,  abbeißen  und  zerkleinern.  Dies  geschieht  durch  die
Zähne.  Das  Kind  hat  deren  zwanzig,  welche  Milchzähne  heißen.  Zwischen
dem  siebenten  und  vierzehnten  Jahre  fallen  diese  Zähne  aus,  und  es  treten
an  fihre  Stelle  nach  und  nach  die  zweiunddreißig  bleibenden  Zähne.  Nach
ihrer  Stellung  teilt  man  diese  ein  in  die  acht  meißelförmigen  Vorderoder
  ZJSchneidezähne,  in  die  vier  spitzen  Eckzähne  und  die  zwanzig
breiten  und  höckerigen  Backen  zähne.  Jeder  Zahn  besteht  aus  drei  Teilen,
aus  der  freien  sichtbaren  Krone,  aus  dem  vom  Zahnfleisch  bedeckten  Halse
und  aus  der  Wurzel,  welche  im  Kieferknochen  steckt.  Durch  eine  feine
Offnung  in  der  Wurzelspitze  treten  Nerven  und  Blutgefäße  in  den  Zahn;
die  letzteren  nähren  ihn.  Zum  Schutze  der  Krone,  die  allein  mit  den  Speisen
in  Berührung  kommt,  dient  der  Zahnschmelz,  ein  gelblichweißer,  glänzender
lberzug,  der  härter  ist  als  der  härteste  Knochen.  Unter  dem  Schmelz  liegt
das  Zahnbein,  das  in  seinem  unteren  Ende  von  der  Wurzelrinde  umgeben
  ist.  Hals  und  Krone  schließen  eine  kleine,  mit  dem  feinen  Wurzelkanale
  in  Verbindung  stehende  Höhle  ein,  in  welcher  der  weiche,  blut=  und
nervenreiche  Zahnkeim  enthalten  ist.

Trotzdem  die  Zähne  durch  den  Zahnschmelz  sehr  gut  geschützt  sind,
können  sie  dennoch  leicht  beschädigt  werden.  Schadhafte  Zähne  haben
aber  manche  Unannehmlichkeiten  zur  Folge.  Sie  bereiten  nicht  nur  heftige
Schmerzen,  sondern  können  auch  die  Speisen  nicht  mehr  genug  zerkleinern.
Schlecht  zerkaute  Speisen  sind  aber  schwer  zu  verdauen  und  schaden  unserer
Gesundheit.  So  schön  ferner  ein  Mund  mit  weißen,  gesunden  Zähnen  ist,
so  häßlich  sieht  ein  Mund  aus,  in  welchem  schwarze  Zähne  stehen  oder  gar
viele  Zähne  fehlen.  Auch  verbreiten  schlecht  gepflegte  oder  kranke  Zähne
einen  übeln  Mundgeruch.  Wir  müssen  daher  die  Zähne  vor  Verletzungen
  bewahren  und  auf  ihre  Gesundheit  große  Sorgfalt  verwenden,
um  so  mehr,  als  wir  sie  vielleicht  60  Jahre  und  noch  länger  gebrauchen
        <pb n="228" />
        —  219  —

müssen.  Derjenige  aber  mutet  seinen  Zähnen  zu  viel  zu,  welcher  Nüsse,
Zucker  und  andere  harte  Gegenstände,  statt  sie  mit  einem  Hammer  oder
einer  Zange  zu  zerkleinern,  mit  den  Zähnen  zerbeißt.  Wie  leicht  kann
dabei  ein  Stück  von  einem  Zahn  abspringen!  Die  hierdurch  offen  gelegte
innere  Zahnmasse  fault  dann  mit  der  Zeit,  da  sie  von  dem  harten  Zahnschmelz
  nicht  mehr  geschützt  ist,  und  der  Zahn  ist  verloren.

Die  Zähne  müssen  ferner  reingehalten  werden.  Das  ist
die  erste  und  wichtigste  Regel  der  Zahnpflege.  Von  den  Speisen,  die  wir
genießen,  setzen  sich  leicht  kleine  Reste  an  die  Zähne  an,  geraten  in  Fäulnis
und  greifen  dann  auch  den  Zahn  selbst  an.  Die  Folge  ist,  daß  allmählich
die  Zahnmasse  schwindet  und  der  Zahn  hohl  wird.  Unter  den  menschlichen
Nahrungemitteln  sind  es  vorzugsweise  die  stärkehaltigen,  welche  den  Zahnfraß
  hervorrufen,  da  sie  durch  Gärung  Milchsäure  erzeugen.  Am  allergefährlichsten
  sind  Brot  und  Kuchen.  In  weiten  Kreisen  der  Bevölkerung
wird  vorzugsweise  der  Zuckergenuß  für  den  Verfall  der  Zähne  verantwort- 



 

6  4
"  6
Abbildung  43.  Ein  Backenzahn.  Abbildung  44.
(Vergrößert.)  Durchschnitt  durch  den  ersten  Backenzahn.
a  Krone,  b  Hals,  o  Wurzel.  t5

(Vergrößert.)
a.  Schmelz,  d  Zahnbein,  e  Zahnkeim,  d  Wurzelrinde.

lich  gemacht.  In  reinem  Zustande  ist  der  Zucker  nicht  gefährlich,  weil  er
sich  leicht  löst  und  dann  verschluckt  wird.  In  den  Fällen  dagegen,  wo  der
Zucker  in  Verbindung  mit  stärkehaltigen  Stoffen  genossen  wird  und  zusammen
  mit  diesen  in  den  Zwischenräumen  der  Zähne  haften  bleibt,  entfaltet
er  seine  volle  verheerende  Wirkung.  Darum  werden  Bäcker  und  Konditoren
besonders  häufig  von  Zahnerkrankungen  heimgesucht.  Der  fleißige  und
zweckmäßige  Gebrauch  der  Zahnbürste  ist  das  sicherste  Mittel  der  Zahnpflege.
Die  Zahnbürste  darf  nicht  zu  weich,  aber  auch  nicht  zu  hart  sein.  Zu  weiche
Bürsten  reinigen  nicht  genügend,  zu  harte  verletzen  oft  das  Zahnfleisch  und
können  sogar  allmählich  den  Schmelz  wegschleifen,  namentlich  wenn  sie
immer  quer  über  die  Zähne  geführt  werden.  Will  man  die  Zahnbürste
richtiggebrauchen,  somuß  man  immer  vom  Zahnfleische  nach  den  Kronen  der
Zähne  hin  bürsten  und  nicht  querüber;  denn  dadurch  werden  Schleim  und
Speisereste  in  die  Zwischenräume  der  Zähne  hineingedrängt,  wo  sie  gerade
  am  gefährlichsten  sind,  weil  sie  hier  am  festesten  haften.  Natürlich
müssen  die  Zähne  ebensowohl  innen  wie  außen  und  auch  auf  den  Kauflächen
gereinigt  werden.  Nach  jeder  Mahlzeit  entferne  man  die  zwischen  den
        <pb n="229" />
        —  220  —

Zähnen  sitzen  gebliebenen  Speisereste  sorgfältig  mit  dem  Zahnstocher  und
spüle  den  Mund  mit  Wasser  aus.  Zur  Beseitigung  von  Säuren  bediene
man  sich  eines  guten  Zahnpulvers.  Sind  die  Zähne  schon  stark  abgenützt
oder  besteht  keine  große  Neigung  zum  Ansetzen  von  Säuren,  so  vermeide
man  überhaupt  die  Zahnpulver  und  bediene  sich  der  reinen  Seife,  welche
man  unter  dem  Namen  „Medizinische  Seife“  in  jeder  Apotheke  bekommt.
Die  Reinigung  des  Mundes  und  der  Zähne  muß  täglich  mindestens  zweimal,
morgens  und  abends,  noch  besser  aber  nach  jeder  Mahlzeit  vorgenommen
werden.  Durch  leichtes  Bluten  des  Zahnfleisches  lasse  man  sich  vom  Gebrauche
  der  Bürste  nicht  abhalten.  Alle  Mund=  und  Zahnwasser,  welche
Säuren  enthalten  und  zum  Weißmachen  der  Zähne  oft  empfohlen  werden,
sind  verwerflich,  da  sie  die  Kalkmasse  des  Schmelzes  zerstören.  Ist  der
Zahn  einmal  angegangen,  so  muß  die  entstandene  Höhlung  mit  ganz  besonderer
  Sorgfalt  gereinigt  werden;  denn  in  ihr  geht  die  Zersetzung  von
Speiseteilchen  am  lebhaftesten  von  statten,  was  dann  oft  sehr  üblen  Geruch
aus  dem  Munde  erzeugt  und  die  benachbarten  Zähne  ansteckt.  Trotz  des
Putzens  können  sich  aber  an  den  Zähnen  braune  oder  schwarze  Flecke  zeigen,
die  von  dem  sogenannten  Zahnstein  herrühren.  Da  auch  der  Zahnstein
den  Zahn  und  das  Zahnfleisch  reizt,  so  müssen  solche  Flecke  vom  Arzte  durch
vorsichtiges  Abkratzen  entfernt  werden.  Ferner  sind  auch  sehr  heiße  oder
sehr  kalte  Speisen  den  Zähnen  schädlich  und  namentlich  ist  es  der  schnelle
Wechsel  zwischen  ihnen.  Wie  ein  Tropfen  kalten  Wassers,  auf  den  Glaszylinder
  einer  brennenden  Lampe  gebracht,  diesen  zum  Springen  bringt,
so  entstehen  auch  in  dem  porzellanartigen  Zahnschmelz  leicht  Sprünge  und
Risse,  wenn  man  z.  B.  während  des  Genusses  warmer  Speisen  kaltes  Wasser
trinkt.  In  solchen  Rissen,  mögen  sie  auch  noch  so  fein  sein,  können  sich  leicht
Speisereste  festsetzen  und  das  Hohlwerden  des  Zahnes  verursachen.
Sollte  dir,  lieber  Leser,  trotz  sorgfältiger  Pflege  deiner  Zähne  dennoch
ein  Zahn  hohl  werden,  so  gehe  gleich  zum  Arzte.  Ist  die  Fäulnis  noch
nicht  zu  weit  vorgeschritten,  so  wird  dir  derselbe  den  Zahn  mit  einem  Metall
oder  einer  andern  festen  Masse  ausfüllen.  Da  Luft  und  Speisen  dann
nicht  mehr  an  die  kranke  Stelle  des  Zahnes  gelangen  können,  so  hören  die
Schmerzen  auf  und  du  wirst  den  Zahn  noch  viele  Jahre  gebrauchen  können.
Ist  aber  keine  Rettung  mehr  möglich,  so  laß  ihn  vom  Arzte  ausziehen.
Nach  „Lesebuch  von  Gehrig,  Dr.  Helmkampf,  Krausbauer“  und  nach  Dr.  Hopf.

102.  Das  beste  Mittel  alt  zu  werden.

Ein  Greis  wurde  gefragt,  wie  er  es  angefangen  habe  um  ein  so
hohes  Alter  zu  erreichen.  „Gewiß  hast  du“,  sagte  der  eine,  „ein  treffliches
  Mittel,  das  du  bis  heute  noch  gebrauchst.“  „Gib  uns  doch  auch
von  demselben!“  sagte  ein  anderer.

Der  Greis  lächelte  und  sagte:  „Recht  gern,  meine  Kinder;  aber  ich
fürchte,  ihr  werdet  es  nicht  gebrauchen.  Meine  Mittel  sind  einfach:  ich
aß  stets  nur  um  satt  zu  werden  und  trank  nur  um  nicht  mehr  zu  dürsten."

—  —
        <pb n="230" />
        Derlag  von  Sugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Landwirtfchaft.

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  der  Obstbäume.  Preis  geb.  4  4.—.

Ein  prächtiges  Buch,  in  welchem  sich  der  Verfasser  die  Aufgabe  stellt,  die  Arbeiten  des
Landwirts  (Feldbau,  Handelsgewächsbau,  Obst=  und  Gemüsebau,  Viehzucht  einschließlich  Milchwirtschaft,
  Pferde-,  Schweine-,  Geslügel-  und  Bienenzucht)  in  der  natürlichen  Reibenkolge  der
Jabreszelten  darzustellen,  wodurch  dem  Werke  der  große  Vorzug  zuteil  wurde,  dem  Landwirt
gerade  dann  mit  dem  entiprechenden  Rat  zur  Band  zu  lein,  wenn  er  ihn  am  nötigiten

draucht.  Die  Borgänge  in  der  Natur,  mit  echt  poetischem  Hauch  umwoben,  sind  wie  die  Gesetze
derselben,  in  heichtchersndlicher  Form  dargestellt.  chem  Hauch  si  setz

Dachschlagebuch  kür  Haus,  Bof  und  Feld.  Von  Landwirtschaftsinspektor
O.  Vazlen.  Mit  9  Abbildungen.  Preis  gebunden  47  2.—.  f

Die  Wirtschatts  lehre  des  Landbaues.  Ein  Lehrbuch  für  Landwirte,  Studierende,
  Landwirts  Laftslehrrer  und  Verwaltungsbeamte.  Von  Professor  Dr.
F.  Waterstradt,  Hohenheim.  Preis  gebunden  4  9.—.

Cheorie  und  Draxis  der  Pflanzenzüchtung.  Ein  Leitfaden  für  praktische
Landwirte  und  Studierende.  Von  Dr.  H.  Lang,  Vorstand  der  großh.

bad.  Saatzuchtanstalt  Hochburg.  Mit  47  Abbildungen.  Preis  geb.  44  4.50.

Dutwiebschwache  Mirtschaft  von  Ulrich  Hege  in  Häusern  bei  München.
Kritische  Studie  eines  intensiven  landwirtschaftlichen  Betriebes.  Von  Dr.
Friedrich  Wagner,  Proeer  für  Landwirtschaft  an  der  Königl.  Bayer.
Akademie  Weihenstephan.  reis  gebunden  5.—.

Landwirtschaftlicher  Calchen-  und  Schreibhalender.  Herausgegeben  vom
Kgl.  Landesökonomierat  Fr.  Maier-Bode.  Preis  in  Leinwand  geb.  mit
Bleistift  versehen  1.—.  (In  Partien  von  10  Exempl.  an  à  4  —.90.)

Föblings  landwirtschaktliche  Teitung.  Zentralblatt  für  praktische  Landwirtschaft.
  Unter  Mitwirkung  hervorragender  Gelehrter  und  Praktiker  herausegeben
  von  Geh.  ofrat  Professor  Dr.  W.  Edler,  Direktor  des  landwirtchaftl.
  Instituts  der  Universität  Jena.  Monatlich  2  Hefte  à  2  bis  2½

Druckbogen.  Preis  pro  Quartal  4  8.—.

Di  eit  t  enthält  stets  ei  Ie  d

aug  dnse  geeniremohuch  e  —  E
lichen  Gewerbe.  Die  Redaktion  (Herr  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.  Edier  in  Jena)  wird,  unterstützt
von  einer  großen  Zahl  hervorragendster  Fachmänner,  über  die  neuen  Forschungen  und  Erbtabrungen
  auf  allen  Gebieten  der  Landwirtichakte  wilfenschaft  und  der  Prax#  in  Original-Aglaben

  stets  eingehend  berichten,  sowie  auch  den  Landwirt  interessierende  aktvelle  Fragen
        <pb n="231" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stutigart.

Landwirtlchaft.

Deuzeitliche  Kandwirtschaft.  20  gemeinfaßliche  Vorträge  über  Maßnahmen
zur  Ertragssteigerung  in  mittleren  und  kleineren  Landwirtschaftsbetrieben.
Von  ÖOk.-Rat  G.  Linckh,  Generalsekretär  der  Landw.-Kammer  für  das
Großh.  Sachsen,  Weimar.  2.  Auflage.  Geb.  “4  4.—.
In  20  flott  ausgearbeiteten  Vorträgen  ist  es  dem  Verfasser  gelungen,  das  Wichtigste
aus  allen  Gebieten  der  Landwirtschaft  in  entsprechender  Form  zu  behandeln.  Dem  Landwirtschaftslebrer

  wird  diese  Schrift  bei  Abhaltung  von  Vorträgen  ein  willtommenes  Dachschlage-Werk
  und  dem  praktischen  Landwirt  eine  QGuelle  reicher  Belebrung  sein.

 

 

Die  Tagerung  der  Getreide.  Entstehung  und  Verhütung  mit  besonderer  Berücksichtigung
  der  Züchtung  auf  Standfestigkeit.  Von  Geh.  Hofrat  Prof.  Dr.
C.  Kraus  in  München.  Preis  gebunden  4“  13.—.

ierwelt  und  Eandwirtichaft,  des  Landwirts  Freunde  und  Feinde  unter
den  freilebenden  Tieren.  Von  Geheimrat  Professor  Dr.  G.  Rörig.
Mit  5  Farbentafeln  und  439  Textabbildungen.  Volksausgabe.  Preis  in
Leinwand  gebunden  4  6.—.  418  Seiten,  großes  Oktav-Format.

 

 

Witterungskunde  für  Landwirte.  Eine  Anleitung  zur  Anstellung  von  meteorologischen
  Beobachtungen  und  zur  Venützung  von  Wetterkarten.  Von  Prof.
Dr.  Paul  Holdefleiß  in  Halle  a.  S.  Mit  14  Textabbildungen  und
6  Wetterkarten.  Preis  brosch.  “  2.40.

 

Tierbeilkunde  und  Fütterungslebre.

Chb.  Merb’s  Baustierbeilkunde  für  Landwirte.  12.  Aufl.  neu  bearbeitet  von

L.  Hoffmann,  Prof.  an  der  Kgl.  tierärztl.  Hochschule  zu  Stuttgart.

Mit  168  Abb.  Preis  geb.  “  4.—.

Prosessor  Hoffmann  hat  es  in  muasterbafter  Meile  verstanden,  mit  der  Ueubearbeitung
dieser  „Paustierbeilkunde“  ein  Buch  zu  schaffen,  so  wie  es  jeder  praktilche  Landwirt,  der  wenig
Zeit  zum  Lesen  hat,  wünscht:  nämlich  leichtverständlich  und  öberlichtlich.  Eine  große  Zahl
neuer  prächtiger  Griginalabbildungen  über  BHeilhunde  ist  in  den  Text  ausgenommen  worden,
wodurch  das  Verständnis  und  der  Nutzen  des  Buches  wesentlich  erhöht  wurde.  Die  inneren
wie  die  äußeren  Krankheiten  sind  aufs  eingehendste  besprochen,  und  die  bewährtesten  Mittel  zur
Erkennung  und  Bekämpfung  in  klarer  Weise  angegeben,  auch  ist  den  seuchenhaften  Krank.
heiten  und  der  Behandlung  und  Tilgung  derselben  nach  reichsgesetzlichen  Vorschriften  eingehendfte
  Berücksichtigung  zu  keil  geworden.

Die  Fürterung  der  landwirtschaftlichen  Dutztiere.  Auf  Grund  der  neuen
Forschungsergebnisse  und  praktischer  Erfahrung  in  gemeinverständlicher
Form  bearbeitet  von  Ok.-Rat  G.  Flast  Generalsekretär  der  Landwirt-Kammer
  für  das  Großherzogtum  Sachsen.  Preis  geb.  4  5.—.

reitfaden  der  Fütterungslebre  für  den  Unterricht  an  landwirtsch.  Lehranstalten.
Von  Oekonomierat  Linckh.  2.  Aufl.  Preis  geb.  .44  1.20.

Kurze  Fütterungslehre  mit  Anleitung  zur  Aufstellung  von  Futterrationen.  Auf
Grund  der  neuesten,  insbesondere  der  Kellner'schen  Forschungen  in  leichtfaßlicher
  Form  bearbeitet  von  V.  Renner,  Kgl.  Landwirtschaftslehrer  in
Frankenthal  (Pfalz).  2.  Auflage.  Preis  gebunden  “4  1.50.

WMaldwirtlschaft.

Sra#nct  4#r  creigssensschest  fr  Lante  h  und  Forstlute
on  Dr.  V.  üpfer,  Professor  o  en  an  der  Universite
München.  Mit  53  Abbild.  Preis  gebunden  .4  6.—.

Der  Wald  und  dellen  Bewirtschaktung.  Von  Kgl.  Oberforstrat  H.  Fischbach.
3.  Aufl.  von  Oberförster  Dr.  Wörnle.  Mit  42  Abbild.  Geb.  “4  1.80.
        <pb n="232" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

Tierzucht.

Aus  Biologie,  Tierzucht  und  Rallengeschichte.  Von  Prof.  Dr.  K.  Kraemer
in  Hohenheim.
I.  Band.  Mit  36  Abbildungen.  Gebunden  .7  9.—.
II.  Band.  Mit  67  Abbildungen.  Gebunden  X  9.—.

Fort#chrittliche  Cierzucht.  Allgemeine  und  besondere  Züchtungskunde  umfassend
H#er,  Rind,  Schaf,  Ziege,  Schwein,  Kaninchen  u.  Geflügel.  Von  A.  Hink,
roßherzogl.  bad.  Zuchtinspektor  a.  D.  Preis  geb.  =  2.50.

Geburtsbilfe  und  Geburtspklege.  Ein  praktischer  Ratgeber  für  Viehbesttzer.
Von  Dr.  C.  Nörner.  it  46  Abbildungen.  Preis  geb.  4“  2.80.

Diese  sehr  empfehlenswerte  Schrift  verdient  weiteite  Verbreitung  in  landwirtschaftlichen
  Kroisen.

Mnleitung  zur  Beurteilung  der  Rinder.  Gemeinfaßliche  Belehrung  für  Studierende
  der  Landwirtschaft  und  der  Veterinär-Medizin,  für  Landwirte  und
Rindviehbesitzer.  Von  Dr.  C.  Nörner.  Mit  70  Abbildungen.  Preis
brosch.  4  5.—,  geb.  4  6.—.

Taocht  ond  Haltung  des  Rindes.  Zugleich  ein  Leitfaden  zum  Unterricht  an
landwirtsch.  Winter=  und  Ackerbauschulen.  Von  Okonomierat  A.  Schmid
und  B.  Schuemacher,  Großh.  Bezirkstierarzt.  Mit  14  Abbild.  und  5
Tafelbildern.  Preis  geb.  “  1.30.

Die  Hferckezucht  unter  Berücksichtigung  des  betriebswirtschaftlichen  Standpunktes.
Von  Dr.  Simon  v.  Nathusius,  Professor  am  landw.  Institut  der
Universität  Halle.  Mit  12  Abbild.  Preis  brosch.  4#  3.—,  geb.  4  3.80.
Verfasser  bespricht  zunächst  die  Geschichte  und  Naturgeschichte  des  Pferdes,  dann  seine

verschiedenen  Rafsen,  dabei  die  zwet  großen  Abteilungen  „Laufpferd  und  Schrittpferd“  feststellend,

  weiter  das  Laufen  des  Pferdes  einschl.  der  Gangarten,  Dann  behandelt  er  die  Zucht
des  VfFerdes  im  allgemeinen  und  im  besonderen  und  die  Haltung  des  Pferdes  (Pflege  und

Ernährung).  Schließlich  teilt  er  Läine  Gedanken  über  Aussichten  und  Kosten  der  Hferdezocht,

über  Leistungsprüfung  und  über  Wert  und  Aufgabe  der  Gestütbücher  mit.  Bei  durchaus

wifsenschaftlicher  Grundlage  ist  das  Buch  vornehmlich  für  die  Praxis  geschrieben  und  wird  jedem

Züchter  und  Liebhaber  von  Pferden  eine  willkommene  Gabe  sein.

Tocht,  Haltung,  Mastung  und  Pflege  des  Schweines.  Bearbeitet  von
A.  Junghanns  und  A.  Schmid,  Großherzogl.  bad.  Okonomieräte.
4.  Aufl.  Mit  15  Abb.  u.  10  Tafelbild.  Geb.4  1.50.

Das  Buch  von  der  Tiege.  Von  L.  Hoffmann,  Professor  an  der  K.  tierärztl.
Hochschule  in  Stuttgart.  2.  Auflage.  Mit  8  Abbild.  Geb.  4  1.20.

Die  Butzgekläügelzucht.  Eine  Anleitung  zum  praktischen  Betrieb  derselben.

4.  Masl.  Von  Landwirtschaftsinspektor  K.  Römer.  Mit  52  Abbildungen.

—.  *  dieser  Schrift  eine  auf  langfährige  Erf  ütte,  durchaus

eser  e  auf  langjä  ützte,  u

zuverlaͤsst  Wamasse  2  eraktlichen  Betrieb  dor  zunsabride  Eesabrung  gestechte,  Kurchus

sängern  in  der  Geslügelhaltung  eine  einführende  Anleitung,  den  praktischen  Geflügelzüchtern

ein  brauchbares  Hand=  und  Nahschlagebuch  und  den  Freunden  und  Liebhabern  des  Geflügels
etne  beliebte  Unterhaltungsschrift.

Hraktische  Geflügelfütterung.  Von  Okonomierat  Wilhelm  Maier,  Dozent
an  der  K.  Geflügelzuchtanstalt  Erding.  Mit  81  Abb.  Preis  geb.  44  2.—.
Ein  äußerst  praktisch  und  populär  geschriebenes  Büchlein,  das  jedem  Geflügelzüchter  von
größtem  Wert  sein  wird.

Wirtischaftsbuch  kür  die  Geklögelzucht.  Von  Zuchtinspektor  A.  Hink.
4.  Auflage.  Preis  50  2.

Cagebuch  für  die  *-  allennesterpröüfong.  Von  Zuchtinspektor  A.  Hink.  Preis  50  J7.
        <pb n="233" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

Tierzucht.

 

Atlas  der  Ralfen  und  Ehemen  unlerer  Haustiere.  Von  Dr.  Simon  von
Nathusius,  Professor  an  der  Universttät  Halle  a.  S.  Nach  Originalzeichnungen
  von  Tiermaler  Th.  von  Nathufius.

I.  Serie:  Oferderallen.  24  Tafeln  mit  Text.  Preis  in  Leinwand-Mappe

  .“  6.—.
II.  Rinderralsen.  28  Tafeln  mit  Text.  Preis  in  Leinwand-Mappe
  M  7.—.
III.  Schweine-,  Schaf-  und  Tiegenralsen.  24  Tafeln  mit  Text.
eis  in  Leinwand-Mappe  4  6.50
IV.  Werschiedenbeiten  der  Formen,  verursacht  durch  Geschlecht,
Aufzucht,  Gebrauchszweck,  Variabilität  2c.  35  Tafeln

mit  Text.  Preis  in  Leinwand-Mappe  .“  6.50.
Format  Jeder  Tafel  20,5:  26  em.  Jecke  Ferie  isf  einzeln  Käick.

Das  Schaf.  Seine  wirtschaftliche  Bedeutung,  seine  Zucht,  Haltung  und  Pflege.
Ein  Handbuch  für  mittlere  und  kleine  Schafhalter  und  landwirtschaftliche
Beamte.  Von  Regierungsrat  und  Ok.-Rat  F.  Oldenburg.  Mit  4  Textabbildungen
  und  11  Rassebildern.  Preis  geb.  4  1.20.

Die  Kaninchenzucht.  Von  Pfarrer  Emil  Felden  in  Dehlingen  i.  Els.  Mit
17  Abbildungen.  Preis  geb.  M  1.20.

 

 

 

Bienenzucht.

 

Bandbuch  der  Bienenkunde  in  Einzeldarstellungen.  Von  Professor  Dr.  E.
Zander  (Kgl.  Anstalt  für  Bienenzucht  in  Erlangen).
I.  Die  Faulbrut  und  ibre  Bekämpfung.  Mit  4  Tafeln  und  s  Orig.-Abb.  Preis  90  U.
IHI.  Die  Krankbelten  und  Schädlinge  der  erwachlenen  Bienen.  Mit  8  Tafeln  und
13  Abbild.  Preis  .4  1.80.
III.  Der  Bau  der  Biene.  Mit  20  Tafeln  und  149  Abbildungen.  Preis  gebunden  4  5.—.
Iy.  Da"  Teben  der  Biene.  Mit  120  Abbildungen.  Preis  gebunden  .4  4.—.
Unter  obigem  Titel  gab  der  treffliche  Leiter  der  wissenschaftlichen  Abteilung  der  K.  Anstalt
für  Bienenzucht  in  Erlangen  ein  Sammetwerk  über  Bienenkunde  heraus,  das  in  der  gesamten  Fache


presse  eine  begeisterte  Aufnahme  gefunden  hat.  Die  Zander'-schen  Schristen,  welche  in  vielfachen
Beziehungen  bahndrechend  sind,  sollten  daher  in  keiner  Imkerbibliothek  fehlen.

 

Das  Buch  von  der  Biene.  Unter  Mitwirkung  von  Lehrer  Elsäßer,  Pfarrer
Gmelin,  Pfarrer  Klein,  Direktor  Dr.  Krancher  u.  Ok.  Rat  V.  Wüst,
herausgegeben  von  J.  Witzgall,  Lehrer  und  Großbienenzüchter.  2.  Aufl.
Mit  305  Abbildungen.  Preis  geb.  4  6.50.

Der  Bienenbausbalt.  Von  Fr.  Pfäfflin,  Oberschulrat.  4.  Auflage.  Mit
34  Abbildungen.  Geb.  M  1.20.
In  fesselnder  Darstellung  schildert  der  Verfasser  zuerst  das  interessante  Leben  der  Bienen

gbt  sodann  genaue  Anleitung  zur  Errichtung  der  Bienenwohnungen  und  bietet  schließlich  in
ürde  klare  Belehrung  über  eine  rationelle  und  erfolgreiche  Pstege  der  Biene  und  Bienenzucht.

 

Draktischer  Uegweiser  kör  rationelle  Bienengucht,  mit  besonderer  Berücksichtigung
  der  Königinnenzucht  in  233  Fragen  und  Antworten.  Von  Oberlehrer
  Julius  ertern  Dozent  für  Bienenzucht  an  der  landwirtsch.
Hochschule  Hohenheim.  2.  Aufl.  Mit  106  Abbild.  Preis  geb.  4  2.—.
        <pb n="234" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Wilchwirtschaft.

Schäfers  Lebrbuch  der  Wilchwirtschaft.  Ein  Leitfaden  für  den  Unterricht  an
milchwirtschaftlichen  und  landwirtschaftlichen  Lehranstalten,  sowie  ein  Wegweiser
  für  erfolgreichen,  praktischen  Betrieb.  §.  Aufl.  Neu  bearbeitet  von
Professor  Dr.  Sieglin.  Mit  213  Abbildungen.  Geb.  .4  4.20.

Katech#mus  der  Wilchwirtschaft.  Ein  kurzgefaßter  Leitfaden  für  den  Unterricht
an  Molkereischulen  und  landw.  Lehranstalten,  sowie  zum  Selbstunterricht
von  Profeffor  Dr.  Th.  Lenkel=  Vorstand  der  Kagl.  Mollereischule  Weihenstephan.
  2.  Auflage.  it  137  Abbild.  Preis  geb.  4  3

—  z.herausgeyeben  im  Austrag  des  deutschen  Mülchwirischaftt=  Vereir  Vereins
von  G  at  Professor  Dr.  R.  Ostertag  und  Frosessor  Dr.  Th.  Henkel.
2.  8  Mit  88  Ebnnn  n  Preis  geb.  4  1

Der  praktische  Milchwirt.  Von  Dr.  von  Klenze.  3.  zun  bearbeitet  von
Landwirtschaftsinspektor  R.  Häcker.  Mit  81  Abb.  Preis  geb.  M  1.30.

Fon  I  Auysberg,  Instruhtor  der  Zenfral-Lehrsennerei  in  Weiler  zind  erschienen:

Die  Bexeitong  von  Rundkäfen  nach  Smmeentaler  Hrt.  I.  Teil.  Mit  25  Abb.
Kart.  4  1.—.  II.  Teil:  Ergänzungen  und  Nachträge.  (Mit  einem  Anhang:
  Bereitung  von  Tilsiter  Käsen.)  Mit  18  Abb.  Kart.  4  1

Die  Bereitung  von  Uleichkälen  im  Kllgäu.  Mit  30  Abb.  Preis  eart.  #  1.80.

Rahmgewinnung  und  Butterbereitung.  2.  Auflage.  Mit  86  Abb.  Preis
art.  M  1.80.

Stallkunde  und  Milchhenntnis.  Mit  14  Abbild.  Preis  kart.  M  1.20.
Die  Prüfung  der  Milch  auf  Gehalt  und  Käsereitauglichkeit.  Mit  28  Abb.  4  1.20

Bauhunde.

Des  Landmanns  Baukunde.  Zum  Gebrauch  für  Landleute  und  ländliche
Techniker.  Von  Prof.  Alfred  Schubert,  landw.  Baumeister.  2.  Aufl.
Mit  22  Tafeln.  veo  alsn  des  Verfassers.)  Preis  geb.  4  1.—.

Des  Landwirts  Bauberater.  Ein  Auskunftsbuch  über  die  Materialien,  Ausführungsarten,
  Reparaturen  u.  s.  w.  im  landw.  Bauwesen.  In  250  Fragen
und  Antworten  von  Professor  A.  Schubert.  Preis  geb.  “  1.—.

WMie  baut  der  Tandmann  leine  Ställe  praktisch  und  billig?  Ein  kurzer
beichtlaßlicher  Ratgeber  #  Landleute,  ländliche  Techniker  usw.  von  Prof.
Alfred  Schubert.  2.  Aufl.  Mit  40  Originalabbild.,  7  Musterbauplänen.
  Preis  geb.  4  1.—.

Die  Dunglititte,  ihre  zwechmäßige  Hnlage  und  Huskührong.  Von  Professor
Alr  ed  Schubert,  landw.  Baumeister.  Mit  einem  Vorwort  von  Prof.
#  E.  Ramm.  Mit  7  Tafeln  und  14  Abb.  Geb.  4  1.—.

Anleitung  zur  Husführung  ländlicher  Bauten  mit  Berücksichtigung  von  Kleinbauernhöfen
  im  s#blichen  Deutschland.  Von  Professor  Alfred  Schubert.
Mit  115  Originalabbild.  und  5  Musterbauplänen  des  Verfassers.  Preis
in  Leinwand  gebunden  "4  3.—.

Tandwirtschaktliche  Gebäude.  Entwürfe  der  Baustelle  des  Bayerischen  Landwirtschaftsrates.
  Herausgegeben  von  Fritz  Jummerspach,  Architekt,
ord.  Professor  an  der  Kgl.  Techn.  Hochschule  in  München  und  Vorstand  der
Baustelle  des  bayer.  Landwirtschaftsrates.  4  Lieferungen,  je  8  Tafeln
nebst  kurzem  Text  enthaltend.  Preis  jeder  Lieferung  /kF3.—.  (Größe  der
Tafeln  34  cm  hoch  und  44  cm  breit.)  Preis  komplett  in  Mappe  4¾  14.—.
        <pb n="235" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Obstbau.

Vollständiges  Handbuch  der  Obsthultur.  5.  Auflage.  Bearbeitet  von

Okonomierat  Fr.  Lucas,  Direktor  des  Pomolog.  Instituts  in  Reutlingen.

Dieses  Buch  gibt  über  alles,  was  den  Obstbau  betrifft,  in  klarer,  verständlicher  Sroche  er-Lene

  Aufschluß,  so  daß  es  für  jeden  Obst-=  und  Gartenfreund  einen  zuverlälligen  eber

det.  Für  unsere  deutschen  Verhältnisse  bearbeitet,  nimmt  es  eine  erste  Stelle  in  der  betreffenden

Kteratur  ein;  es  gibt  uns  nur  Selbsterprobtes  und  schließt  alles  auf  fremder  Grundlage  ruhende
und  für  unser  Klima  nicht  passende  völlig  aus.

Kurze  UAnleitung  zur  Obstkultur.  12.  Aufl.,  bearb.  von  Ok.-Rat  Fr.  Lucas.
Mit  5  Tafeln  und  88  Abb.  Preis  geb.  4  2.—.  '

Die  Cehre  vom  Baumschnitt.  8.  Auflage  bearbeitet  von  Okonomierat  Fr.
Lucas.  Mit  256  Abbild.  und  4  lithograph.  Tafeln.  Preis  geb.  4  7.50.

Der  Baumnmschnitt  gehört  zu  den  interessantesten  Arbeiten  im  Bereiche  des  Gartenbaues.
Das  Lucas'sche  Werk  ist  für  den  deutschen  Baumzüchter  und  Gartenfreund  im  Laufe  der  Zeit
zum  Führer  durch  dieses  Gebiet  geworden.

Der  landwirtichaktliche  Obltbau.  Allgemeine  Grundzüge  zum  rationellen
Betrieb  desselben.  Bearbeitet  von  Th.  Nerlinger  und  K.  Bach.
7.  Auflage  von  Landw.-Inspektor  K.  Bach.  Mit  124  Abbildungen.
Preis  gebunden  4#  2.85.

Der  Bedelzprtba.  Von  Obstbaulehrer  Georg  Thiem.  Mit  133  Abb.
eb.  4  3.—.

 

 

 

 

 

Die  Frochtbarkeit  der  Obstbäume,  ihre  physiologische  Ursache  und  ihre  Einleitung
  auf  künstlichem  Wege.  Von  W.  Poenicke.  Mit  13  Abb.  Preis  2—

Die  wertvollften  Cakfel-  und  Bandelsäpfel.  Eine  Auswahl  von  hundert
Früchten,  zusammengestellt  unter  Berücksichtigung  der  s.  Zeit  von  dem
Deutschen  Pomologen-Verein  empfohlenen  und  der  heute  wertvollsten  Handelssorten.
  Von  Kgl.  Okonomierat  Fr.  Lucas  in  Reutlingen.  Mit  116

Horleschnitten.  Z.,  vollständig  umgearbeitete  Auflage.  Preis  geb.  4  4.—.

Pflanzenkrankbeiten.

Die  Krankbeiten  und  Belchädigungen  unlerer  landw.  Kulturpflanzen.  (Getreide,
  Hülsenfrüchte,  Futter-Gräser  und  -Kräuter,  Wurzelgewächse,  Handelsgewächse,
  Gemüse=  und  Küchenpflanzen,  Obstbäume,  Beerenobstgewächse.
Weinstock).  Eine  Anleitung  zu  ihrer  Erkennung  und  Bekämpfung  für
Landwirte  und  Gärtner.  Von  Dr.  O.  von  Kirchner,  Professor  der
Botanik  an  der  Kgl.  württ.  landw.  Hochschule  Hohenheim.  2.  vollständig
umgearbeitete  Auflage.  684  S.  gr.  8°.  Preis  brosch.  4¼4  14.—,  geb.  “  15.50.

Die  Getreidefeinde,  ihre  Erkennung  und  Bekämpfung.  Von  Professor  Dr.
O.  v.  Kirchner  in  Hohenheim.  Mit  80  farbigen  Abbildungen  auf  zwei
Tafeln  (je  39/49  cm)  und  Textbeschreibung  mit  Angabe  der  Bekämpfungsmittel.
  Preis  geb.  4  2.—.

Prlanzenschut;  nach  Monaten  geordnet.  Eine  Anleitung  für  Landwirte,
Gärtner,  Obstbaumzüchter  us0w.  Von  Professor  Dr.  L.  Hiltner
in  München.  Mit  138  Abbildungen.  Preis  in  Leinw.  geb.  "  4.50.

Krankbeiten  und  Beschädigungen  der  Uurz-  und.  PEierseftan  des  Gartenbaues.
  Von  Prof.  Dr.  Fr.  Krüger  und  Prof.  Dr.  Ia.  Rörig.  Mit
4  Farbentafeln  und  224  Textabbildungen.  Preis  geb.  M  6.  —.
Jedem  Gartenliebbaber,  wie  auch  Berufsgärtner,  der  sich  an  Hand  eines  Buches  über
dic  michtigsten  Krankheiten  und  durch  Tiere  hervorgerufenen  Beschädigungen  unserer  Obst-,  Semöse-

  und  Tierpklanzen  kurz  selbst  unterrichten  will,  kann  das  Krüger  und  RNörig'sche  Werk
aufs  wärmite  empfohlen  werden.
        <pb n="236" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Oblstwein-  und  Mieinbereitung.

Obst-  und  Hüchenvorräte  im  Bausbalt.  Anleitung  zur  Frischhaltung  und
Verwertung  von  Odst,  Hewwühen  und  anderen  Nahrungsmitteln.  Von
Karl  Burkhardt,  Oberlehrer  an  der  K.  Weinbauschule  Weinsberg
und  Leiter  der  staatlichen  Obst=  und  Gemüseverwertungskurse.  2.  Aufl.
Mit  19  Abbildungen.  Preis  in  Leinwand  gebunden  M  2.40.

Draktilcher  Ratgeber  in  der  bäuslichen  Obst-  und  Gemüleverwertung.
Von  Obstbaulehrer  H.  Grote.  2.  Aufl.  Mit  98  Abb.  Preis  “4  2.20.

Die  Oanbnntrarinbereitunz.  Von  Professor  Dr.  R.  Meißner,  Vorstand  der  Kgl.
Württ.  Weinbau-Versuchsanstalt  Weinsberg.  Mit  45  Abb.  Preis  geb.  1.50.

Max  Bartb,  Die  Obltweinbereitung  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Beerenobstweine.
  7.  Aufl.,  bearbeitet  von  Prof.  Dr.  C.  von  der  Heide,  Vorstand
der  önochemischen  Versuchsstation  der  Kgl.  Lehranstalt  für  Wein-,  Obst=  und
Gartenbau  zu  Geisenheim  a.  Rh.  Mit  26  Abbildungen.  Preis  .“  1.40.
Wenn  jeder,  der  Obstmost  bereitet,  sich  streng  an  die  Lehren  dieser  leichtverständlich  geschriebenen,

  auf  neuester  wissenschaftlicher  Darstellung  beruhenden  Schrifichen  halten  wollte,  dann

würden  bald  die  vielen  essigstichigen,  trüben  und  kranken  Moste  aus  den  Kellern  verschwinden.  Es
können  diese  Schriftchen  jedermann  aufs  beste  empfohlen  werden.

 

 

 

Der  Jobannisbeerwein  und  die  übrigen  Obft-  und  Beerenweine.
Nebst  Angaben  über  die  Kultur  des  Johannisbeerstrauches.  Von  H.  Timm.
4.  Auflage.  Mit  53  Abbildungen.  Geb.  4  3.—.

Die  Bereitung,  Heg  und  Unterluchung  des  Meines.  Von  Geh.  Hofrat
Prof.  Dr.  J.  Neßler.  8.  Auflage,  bearb.  von  Dr.  K.  Windisch,  Professor
  an  der  Kgl.  Landwirtsch.  Hochschule,  Vorstand  des  Kal.  Technolog.
Instituts  Hohenheim.  Mit  134  Abbildungen.  Preis  geb.  44  11.—.

Max  Barth,  Die  Kellerbebandlung  der  Craubenweine.  Kurzgefaßte  Anleitung
zur  Erzielung  gesunder,  klarer  Weine  für  Weingärtner,  Weinhändler,  Wirte,

Küfer  und  sonstige  Weininteressenten.  3.  verbesserte  Auflage,  bearb.  von  Prof.

Dr.  R.  Meißner,  Vorstand  der  Kgl.  württ.  Weinbau-Versuchsanstalt  in

Weinsberg.  Mit  53  Abbildungen.  Preis  geb.  44  2.80.

Diese  von  hervorragender  Seite  bearbeiteten  Schri  ermöglichen  dem  Praktiker  eine
rasche  Ortentierung  über  die  wichtigsten  Fragen  aus  dem  Gebiete  der  Kellerwirtschaft,  namentlich
auch  in  Betreff  der  Behanudlung  sehlerhafter  und  kranker  Weine.  Diese  Bücher  sind  jedem  Weininteressenten
  wärmstens  zu  empfehlen.

Obltlchutz.

Die  Obltbaumfeinde,  ihre  Erkennung  und  Bekämpfung.  Von  Prof.  Dr.  O.  v.
Kirchner  in  Hohenheim.  3.  Auflage.  Mit  über  100  kolorierten  Abbildungen
auf  2  Tafeln  (je  39/49  cm)  und  Textbeschreibung  mit  Angabe  der  Bekärrpfungsmittel.
  Preis  gebunden  “  2.—.

Die  wichtigsten  seinde  der  Obstbäume.  Von  Professor  Dr.  G.  Lüstner  in
Geisenheim  a.  Rh.  Mit  30  Abbild.  Preis  geb.  4  1.—.

Die  Hevenfeind#e,  ihre  Erkennung  und  Bekämpfung.  Von  Prof.  Dr.  O.  von
Kirchner  in  Hohenheim.  2.  Auflage.  Mit  71  farb.  Abbildungen  auf
2  Taf.  und  25  Textfig.  Preis  geb.  4  2.—.

Schutz  der  Obstbäume  gegen  keindliche  Ciere  und  gegen  Hrankbeiten.  Von
bref-  Dr.  Taschen  erg  und  Geh.  Reg-Rat  Prof.  Dr.  Sorauer.
it  185  Abbild.  Preis  brosch.  ¾  9.—,  geb.  4(  10.—.
Drses  Werk  ist  auch  in  ze#ei  Je  sinzeln  käuMichen  Fänden  zu  beziehen  und  zwar:
I.  Bd.:  Schutz  der  Obstbäume  gegen  feindliche  Tiere.  3Z.  Auflage.  Von  Prof.
Dr.  Taschenberg.  Mit  75  Abbild.  Brosch.  4  4.80,  geb.  4  5.60,,
II.  Bd.  Schutz  der  Obstbäume  gegen  Krankheiten.  Von  Geh.  Reg.-Rat  Prof.
Dr.  Sorauer.  Mit  110  Abb.  Brosch.  4¾  4.20,  geb.  4  5.—.

 

—
        <pb n="237" />
        Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.

 

Gartenbau  und  Blumenzucht.

 

Cbrift-Tucas  Gartenbuch.  Eine  gemeinfaßliche  Anleitung  zur  Anlage  und  Behandlung
  des  Hausgartens  und  zur  Kultur  der  Blumen,  Gemüse,  Obstbäume
und  Reben,  einschließlich  der  Blumenzucht  im  Zimmer.  18.  stark  vermehrte
  Auflage  bearbeitet  von  Okonomierat  Fr.  Lucas.  Mit  292  Abbild.
und  2  farb.  Doppeltafeln,  enthaltend:  tierische  und  pflanzliche  Schädlinge
der  Obstbäume.  Preis  in  Leinwand  geb.  4  4.—.

Vielen  Tausenden  dient  Christs  Gartenbuch  als  unentbehrlicher  und  denkbar  zuverlässigste.
Ratgeber  bei  der  Pflege  ihrer  Gärten.  Was  dem  Buche  die  ungemein  große  Verbreitung  sicherte,
ist  der  Umstand,  daß  es  neben  dem  äußerst  billigen  Preis  (.&amp;amp;  4.—)  bei  479  Druckseiten  und  292  Abbildungen,
  sowie  2  farbigen  Doppeltafeln,  enth.:  die  tierischen  und  pflanzlichen  Schädlinge  des
bstbaumes  nur  wirklich  ausführbare  Anweisungen  und  Ratschläge  erteilt,  so  daß  jeder  Gartenbesitzer
ohne  gärtnerische  Beihilse  seinen  Hausgarten  ob  groß  oder  2—  dauach  selbst  bebanen  kann.

 

 

Pflanzen  im  Zimmer  und  deren  Bebandlung.  Von  L.  Gräbener,  Großh.
Hofgartendirektor  in  Karlsruhe.  3.  Aufl.  Mit  46  Abb.  Preis  geb.  “  2.20.

 

HKleingartenbau.  Anleitung  zur  Pflege  der  Nutz=  und  Zierpflanzen  des  Hausgartens,
  einschließlich  der  Zimmerblumen,  der  Balkon=  und  Aquariumsgewächse.
  Für  Schule  und  Haus  biologisch  bearbeitet  von  Oberlehrer
J.  Grüner,  Leiter  der  Gartenbaukurse  im  Schwäb.  Frauenverein.  Mit
10  Abbild.  Preis  geb.  44  1.30.

 

Der  Hausgarten.  Kurze  Anleitung  zur  Anlage,  Einrichtung  und  Unterhaltung
desselben  unter  besonderer  Berücksichtigung  des  Gemüsebaues  für
Garten-,  Haus=  und  Villenbesitzer,  Gartenfreunde  und  Gärtner.  Mit  60
Abbild.  Von  Landesökonomierat  F.  Rebholz,  Kgl.  Bayer.  Landesinspektor
  für  Obst=  und  Gartenbau.  Preis  gebunden  4  1.20.

Der  Rofe  Zucht  und  H#lege.  Von  Stephan  Olbrich,  Gartenbautechniker
in  Zürich.  2.  Aufl.  Mit  116  Abbild.  Geb.  M  5.50.

Vermehrung  und  Schnitt  der  Tiergebölze  mit  einigen  Ausblicken  auf  die
Fragzen  der  Vererbung  und  Hybridation.  Von  Stephan  Olbrich,
artenbautechniker  und  Dendrologe.  2.  Auflage.  Mit  133  Abbildungen.

Preis  gebunden  4  4.—.

Die  winterbarten  Uadelbölzer  Mittelenropas.  Ein  Handbuch  für  Gärtner
und  Gartenfreunde.  Von  GE.  Schelle,  Kgl.  Garteninspektor  am  botan.
Garten  der  Universität  Tübingen.  Mit  173  Abbildungen  und  einer  geographischen
  Karte.  Preis  brosch.  44  7.—,  geb.  4  8.—.

„HBandbuch  der  Kakteenhultur.  Kurze  Beschreibung  der  meisten  gegenwärtig
im  Handel  befindlichen  Kakteen,  nebst  Angabe  zu  deren  Pflege.  Für  Gärtner
und  Kakteenliebhaber  zusammengestellt  von  E.  Schelle,  Kgl.  Garteninspektor
  in  Tübingen.  Mit  200  Abbild.  Preis  brosch.  4  4.50,  in
Leinwand  geb.  4  5.—.

Der  Blumengarten.  Anleitung  zur  Anlage,  Bepflanzung  und  Pflege  eines  einfachen
  Ziergartens.  Von  Ernst  Schelle,  Kgl.  Garteninspektor  zu
Tübingen.  Mit  20  Abbildungen.  Preis  geb.  M  1.20.

aturstudien.  Reiseskizzen  eines  alten  Landschaftsgärtners.  Von  Rud.  Goethe,
Landes-Okonomierat  (früher  Direktor  der  gu  Lehranstalt  für  Gartenbau
in  Geisenheim).  Mit  60  Abbild.  Preis  geb.  4  2.20.

Pflanzenschmuck  für  Balkone,  Fassaden,  Dach  und  Vorgärten  im  städtischen
Straßenbilde.  Von  M.  Hoffmann,  Kgl.  Gartenbaudirektor.  Preis  75  J.
        <pb n="238" />
        Des  LTandmanns  Winterxabende.

Belehrendes  und  Anterhaltendes  aus  allen  Zweigen  der  Landwirtschast.
(Hreis  der  gebundenen  Bändchen  4  J.—  bis  M  1.80.)

Diese  Bändchen  sind  insbesondere  zur  Lektüre  für  ländliche  Bevölkerung
geeignet,  indem  sie  dieselbe  in  die  verschiedensten  Sweige  der  Landwirtschaft  belehrend
  und  anregend  einführen,  die  Freude  an  ihrem  Beruf  erhöhen  und  zu
nützlicher  Tätigkeit  anspornen  sollen.

Daß  diese  Aufgabe  in  richtiger  Weise  glücklich  gelöst  wurde,  bestätigen  einstimmig
  die  vielen  hunderte  von  anerkennenden  Rezensionen,  wie  auch  alle  die
Empfehlungen,  die  dem  durchweg  volkstümlich  geschriebenen  Sammelwerk  von
allen  Seiten,  darunter  von  höchsten  Stellen,  zu  teil  wurden.

Des  Landmanns  Winterabende  sollten  somit  in  jedem  bäuerlichen
Bause,  in  jeder  Orts-  und  Volksbibliothek,  in  jeder  Bibliothek  ländlicher  Fortbildungs=
  und  Winterabendschulen  u.  s.  f.,  zu  finden  sein.

1.  Bd.  Die,  Natur  als  Lehrmeisterin  des  Landmanns.  Von  Fritz  Möhrlin.  3.  Aufl.  Mit  18  MAbb.
eb.  —.

2.  „  Unterhaltungen  über  Obstbau.  Von  Dr.  Ed.  Lucas.  5.  Aufl.  Mit  28  Abb.  Geb.  K  1.20.

Beier  gchmipste  Ekbriahr  oder  Leiden  und  Freuden  eines  Schuldenbauern.  Von  Fritz  Möhrlin.
Au

16.  Hausfrau  auf  un-  e  7  S.  Müller.  4.  Aufl.  Mit  18  Abb.  Geb.  K  1.30.

Die  Volkswirtschaft  im  Bauernhofe.  Von  Fritz  Möhrlin.  4.  Aufl.  Geb.  .K  1.40.

Peter  Schmid,  der  Fortschrittsbauer.  Von  Fritz  Möhrlin.  3.  Aufl.  Mit  9  Abb.  Geb.  M.  1.—.

Anterhaltungen  Über  Gemüsebau.  Von  Dr.  Ed.  Lucas.  4.  Aufl.  Mit  18  Abb.  Geb.  4  1.20.

Der  Futterbau  auf  dem  AUcker,  der  Wige  und  der  Weide.  Von  H.  Zeeb.  4.  Aufl.  bearb.  von  Rudolf
Zeeb.  Mit  28  Abb.  Geb.  K  1  .

9.  „Kalendergeschichten  für  die  —*s  Von  Fr.  Möhrlin.  2.  Aufl.  Geb.  K  1.—.

10.  Der  Bienenhaushalt.  Von  Fr.  Pfäfflin.  4.  Aufl.  Mit  34  Abb.  Geb.  M  1.20.

11.  Bau  und  Zucht  des  Rinds.  Von  W.  Martin.  2.  Aufl.  Mit  28  Abb.  Geb.  KA  1.20.

12.  „  Die  Fütterung  des  Rindviehs.  Von  Wilhelm  Martin.  2.  Aufl.  Mit  7  Abb.  Geb.  MA  1.20.

-

Dmee
228  §  *"

l

13.  „.  Der  praktische  Milchwirt.  Von  Dr.  von  Klenze.  4.  Aufl.  bearb.  von  Okonomierat  R.  Häcker.
Mit  81  Abb.  Geb.  4

14.  „  Der  Bauernspiegel.  bun  —  Möhrlin.  2.  Aufl.  Mit  6  Abb.  Geb.  K  1.—.

15.,  2#6  Flleuen  de-  Rinds  in  Gesundheit  und  Krankheit.  Von  W.  Martin.  2.  Aufl.  Mit  29  Abb.

16.  „  K  Furerletu  Genessenschaftswesen  in  Deutschland.  Von  Generalsekretär  Dr.  C.  Neumann,
  Darmstadt.  Geb.

17.  7  gegucht  un  und  sslege,  des  kuntuttssostuchen  Nutzgeflügels.  Von  K.  Römer.  5.  Aufl.  Mit

18.  "  Ea  redi  7.  t  ——“  und  Düngung.  Von  Dr.  L.  Löll.  3.  Aufl.  von  Landw.=Fasppuhe
  .  Mit  18  Abb.  Geb.  K  1

19.  Die  Vögel  und  die  Landwirtschaft.  Von  *  L.  Hopf.  2.  Aufl.  Mit  27  Abb.  Geb.  M  1.—.
20.  „Der  Handelsgewächsbau.  Von  Heinrich  Zeeb.  2.  Aufl.  Mit  33  Abb.  Geb.  K  1.—.
21.  „  Helundhee,  und  5  Gemeinverst.  Abhandlung  darüber.  Von  Dr.  L.  Hopf.  2.  Aufl.

22.  2  reh  ver  hls-  Von  Dr.  Löll.  2.,  Aufl.  von  Landesbkonomierat  Maiter-Bode.
Mit  52  Abb.

23.  „  Der  rechnende  Lerduel-  von  F.  Möhrlin.  8.  Aufl.  bearb.  von  C.  Courtin.  Geb.  K  1.20.

24.  Erste  Hilfe  in  Krankheits-  und  Unglücksfüllen.  Von  Dr.  Hopf.  2.  Aufl.  Mit  24  Abb.  Geb.  4  1.20.

25.  „  Betriebslehre  für  den  kleinen  Landwirt.  Von  Prof.  Dr.  P.  Holdefleiß.  Geb.  MA  1.80.

26.  „  Der  Tierschutz.  Von  Dr.  Hopf.  2.  Aufl.  von  Prof.  Dr.  Wiedmann.  Mit  28  Abb.  Geb.  K  1.20.

27.  „  Je  Anpflanzung  und  Behandluna;  der  Korb=  und  Bandweiden.  Von  A.  Schmid.  2.  Aufl.  Mit
0  Abb.  und  4  Tafeln  .M41

28.,  banerlige  *  Pferdehaltung.  Von  G.  Zippelius.  8.  Aufl.  Mit  as  Abb.

29.,  Sntltchen  ählungen  aus  dem  bäuerlichen  Beruf.  Von  Okonomierat  A.  Schmid.  2.  Au
Mit  8  Abb.  iuuzu  1.—.  f  4  n.

 

Verlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.
        <pb n="239" />
        Des  Tandmanns  Winkerabende.

 

30.  Bd.  Der  Wald  und  dessen  Bewirtschaftung,  Won  Kberforstaat  H.  Fischbach.  3.  Aufl.  bearb.  von

31.
32.

33.

34.
36.

36.

37.
38.
39.

40.

41.

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43.
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45.
46.

47.

48.
49.

50.

51.
52.
53.
54.

55.
56.
57.

58.

59.
60.
61.

62.
63.

64.
95.
66.
67.

68.
69.
70.
71.
72.

73.

2  8

2  3  3  s#

Forstamtmann  Dr.  Wörnle.
Einkehr  und  Umschau.  Erzähl.  Vit  d.  nner  usnkt=  Lon-  *  Möhrlin.  2.  Aufl.  Geb.  M  1.20.

Jucht,  Haltung,  Mastung  und  Pflege  des  S  weines.  Von  Junghanns  und  Schmid.  4.  Aufl.
t  15  Abb.  und  10  Tafelbild.  Geb.  K  1  rl  Junsh  BG  i

n  Fischzucht  im  Kleinbetrieb.  Von  *  W.  Pressel.  Mit  11  Abb.  Geb.  K  1.—.

Aus  dem  Tagebuch  eines  Landwirtschaftslehrers.  Von  K.  Römer.  2.  Aufl.  Geb.  A  1.20.
Der  Pfennig  in  der  Landwirtschaft.  Von  Fr.  Möhrlin.  2.  Aufl.  Geb.  K  1.—.

3  Sebsthillfe  des  Landwirts.  Von  Karl  Römer.  2.  Aufl.  v.  Landw.-Insp.  Schmidberger.

Wohlstandsquellen  und  Wohlstandsgefahren.  Von  Chr.  Weigand.  2.  Aufl.  Geb.  K  1.—
Das  Klima  und  der  Boden.  Von  Dr.  Löll.  Mit  8  Abb.  Geb.  K  1.—.

Kuct  und  Haltung  des  Rindes.  Bon  Otonomierat  Schmid  und  Bezirkstierarzt  Schuemacher.
Mit  14  Abb.  und  5  Tafelbild.  Geb.  46

Die  Verwertung  d.  Obstes  im  ländl.  *  Von  K.  Bach.  2.  Aufl.  Mit  36  Abb.  Geb.  K  1.—.
Die  Aufbewahrung  der  landwirtschaftlichen  und  hauswirtschaftlichen  Vorräte.  Von  W.  Schäfer.
Mit  24  Abb.  Geb.  4+K  1.—.

J.  Losers  Geschichte  der  Landwirtschaft.  2.  Aufl.  v.  Prof.  Fr.  Jost.  Geb.  A  1.20.
Der  Weinbau.  Von  E.  Klein.  2.  Aufl.  Mit  44  Abb.  Geb.  (4  1.20.

Geschichte  der  einzelnen  Zweige  der  Landwirtschaft.  Von  J.  Löser.  Geb.  M  1.20.
Die  Geschichte  eines  kleinen  Landgutes.  Von  Fr.  Möhrlin.  Geb.  4  1.—.

Die  Heubereitung  Veschreibung  der  Methoden  zur  Konservierung  der  Grünfutterpflanzen.  Von
H.  Heine.  Mit  24  Ab  K  1.—

Der  Stallürger,  honsel  are  we  und  Verwendung.  Von  Okonomierat  Otto
Geibel.  2.  Aufl.  Mit  14  Abb.

Die  Wirtschaftsweise  der  ——.  Von  K.  Römer.  2.  Aufl.  Mit  22  Abb.  Geb.  441.—.

Johannis=  und  Stachelbeerwein  und  die  Bereitung  der  übrigen  Beerenweine.  Von  W.  Tensi.
2.  Aufl.  Mit  9  Abb.  Geb.  K  1.—

Die  Arbeiterversicherung  mit  Berücsichtigung  der  ländl.  Verhältaisse.  (Kranken-,  Unfall=  und  Invalidenversicherung).
  Von  Regierungspräsident  C.  A.  von  Huzel.  2.  Aufl.  Geb.  .K  1.30.

Der  Landmann  in  der  Familie.  Von  W.  Martin.  Geb.  K  1.—.

Der  Kunstdünger.  Von  Landw.-Insp.  J.  Schmidberger.  2.  Aufl.  Geb.  K  1.—.
Pflanzenschutz.  Von  Dr.  Karl  Müller.  Mit  47  Abb.  Geb.  -x  1.20.

e  Fgaft  uttermittel.  Von  Karl  Römer.  2.  Aufl.  von  Landw.-Lehrer  Weckesser.  Geb.

Der  Zuckerrübenbau.  Von  Dr.  C.  J.  Eisbein.  Mit  29  Abb.  Geb.  K  1.—.
Der  Blumengarten.  Von  Garteninsp.  E.  Schelle.  Mit  20  Abb.  Geb.  M  1.20.
2  Bodenbearbeituns  in  ihren  natürlichen  Grundlagen.  Von  J.  Schmidberger.  Mit  9  Abb.

Des  Landmanns  Baukunde.  Von  Professor  Alfred  Schubert.  2.  Aufl.  Mit  22  Tafeln.  (Originalabbild.
  des  Verf.)  Geb.  .K  1.—.

Die  Züchtung  der  Milchkuh.  Von  K.  Römer.  2.  Aufl.  Mit  12  Abb.  Geb.  K  1.—.
Das  Buch  von  der  Ziege.  Von  Prof.  L.  Hoffmann.  2.  Aufl.  Mit  12  Abb.  Geb.  K  1.20-Die

  Düngerstütte,  ihre  Anlage  und  Ausführung.  Von  Prof.  A.  Schubert,  landw.  Baumeister.
2.  Auflage.  Mit  23  Abbildungen.  Geb.  M

Die  Gesundheitspflege  der  Haustiere.  Von  .  gippelius.  Mit  6  Abb.  Geb.  M  1.—.

Ratgeter  bei  Krankheits=  und  Unglächsfällen  unserer  Haustiere.  Von  Prof.  L.  Hoffmann.
2.  Aufl.  Mit  11  Abb.  Geb.  K  1.—.

Des  Landwirts  Ausbildung.  Von  Direktor  C.  Courtin.  Geb.  4  1.30.
Hufpflege,  Hufbeschlag  und  Hufkrankheiten.  Von  Prof.  L.  Hoffmann.  Mit  62  Abb.  Geb.  K  1.—.
Feldmann,  der  Bauernfreund.  Von  K.  Gestütsdirektor  O.  Schwarzmaier.  Geb.  K  1.—.

Die  Siuchen,  deren  Lefahren  und  Belämpfung.  Von  Bezirkstierarzt  Martin  Reuter.  Mit
10  Abb.  Geb.  K  1

Lewährschaft  und  Grnöhrsfeyler  bei  Haustierveräußerungen.  Von  M.  Reuter.  Mit  26  Abb.

Wake  der  der  aGe#bbanernsohn.  Eine  lehrreiche  Dorfgeschichte.  Von  Gestütsdirektor  Schwarz-Der

  W  des  Landwirts.  Auleitung  zur  Abfassung  schriftlicher  Arbeiten  unter  besonderer
Berücksichtigung  des  Hürel.  Hesesbuches.  .  Aufl.  von  Okonomierat  Dr.  Schleyer,  K.  Landwirtschaftͤlehrer.
  Geb.  4  1

Ländliche  Teichwirtschaft.  van  Fr.  E.  Weber,  Teichwirt.  Mit  15  Abb.  Geb.  4  1.—.

Steigerung  der  Erträge  des  Ackerbaues  und  der  Sieltucht.  Hun  Ouonomierat  H.  Balster,  Direktor
  der  landw.  Schule  Bassum  (Hann.).  Mit  5

Ent--  und  Bewäsfserung.  Urbarmachung  von  —W*“  *—  —  E.  Heiurichsen,
Landwirtschaftslehrer  zu  Passau.  Mit  35  Abb.  Geb.  (K  1.—.

Derlag  von  Eugen  Ulmer  in  Stuttgart.
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        74.  Bd.

75.
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Des  Tandmanns  Winterabende.
A#e  grtoe  und  uͤhre  Kultur  nach  ratlonellen  Grundsätzen.  Von  Dr.  Rudolf  Ulrich.  Mit

Geruer-  un  nnetchleprnoé  Von  Kal.  Okonomterat  J.  Muth.  Mit  146  Abb.  Geb.  #  kem.
Der  bentsce,  Bauer  in  der  Vergangenheit  und  in  der  Gegenwart.  Von  Okonomierat  W.  Martin.
Geb.  4

Wie  curl  er“  Landmann  seine  Ställe  praktisch  und  billig?  Von  Prof.  W  Schub  Prt.  2.  Aufl.  Mit
40  Originalabbild.,  7  Musterbauplänen  und  Kostenberechnungen.  Preis  —.

Die  Kaninchenzucht.  Von  Pfarrer  E.  Felden.  Mit  17  Abb.  Preis  geb.  4  1.20.

der  land-Der
  praktische  Pflanzenarzt.  Ein  Ratgeber  zur  Bekämpfung  der  wichtigsten  Es
wirtschaftl.  herblannenar  Von  Prof.  Dr.  J.  E.  Weiß.  Mit  45  Abb.  Preis  geb.  M  1.30.

Säen  und  Ernten.  Von  K.  Landesbkonomierat  3  Muth,  Vorstand  der  K.  *  nwshin
  Ellwangen.  Mit  22  Abb.  Preis  geb.  K  1

Das  Schaf.  Seine  wirtschaftliche  Bedeutung,  seine  Zucht,  Haltung  und  Pflege.  Von  Regierungsund
  Okonomierat  F.  Oldenburg.  Mit  15  Abb.  Preis  geb.  K  1

Die  Bakterien.  Des  Landwirts  Freunde  und  Feinde.  Von  Dr.  hoffm  ann,  Geschäftsführer

des  Sonderausschusses  fü-  Bodenbatteriologiẽ  der  Deutschen  Landwutschaftsgesellschaft.  Mit
15  Abb.  Preis  geb.  K  1

Des  Landmanns  Bauberater.  Ein  Auskunftsbuch  über  wu  lsin  Ausführungsarten,  Reparaturen
  usw.  im  landwirtschaftl.  Bauwesen.  Von  Prof.  A.  Schubert.  Geb.  K  1

Bedeukung  und  Anwendung  der  Gründüngung.  Von  Hbonomierat  G.  Lindh.  Geb.  K  1.30.

Was  soll  der  Landwirt  von  der  Agrarpolitik  wissen?  Von  Dr.  Zahnbrecher.  Geb.  M  1.50.

Herosfenschaftlicher  Bezug  landwirtschaftl.  Bedarfsartikel.  Von  Landwirtschaftslehrer  Leonardt.
  .—.

Des  Landwirts  Ratgeber  in  Geldsachen.  Von  Dr.  Zahnbrecher.  Geb.  4A  1.20.
Der  Landwirt  als  Kaufmann.  Von  Landwirtschaftslehrer  L.  Leonhardt.  Geb.  K  1.30.
Der  bäuerliche  Redner.  Von  Dr.  Zahnbrecher.  Geb.  4  1.30.

Die  Volkspoesie  in  den  Sprichwörtern,  Sinnsrüchen,  Bauernregeln  und  Hausinschriften  auf  dem
Lande.  Von  Oberlehrer  Ils.  Geb.  4  1

Lraltisches  Hochbuch  für  einfache  bürgerliche  Küche.  Von  Helene  Ochs  und  R.  Häcker.  3.  Aufl.
besrestrn  rro“  Eiurichtung  der  Milchviehkontrollvereine.  Ein-  Mitel  zur  Hebung  der  Rentabilität
der  Rindviehhaltung.  Von  Okonomierat  G.  Linckh.  Geb.  4

Chemie  des  praktischen  Landwirts.  Von  Landw.--Lehrer  K.  Herr  mann.  Mit  9  Abb.  Geb.  M.  1.—.
Wiesenbau  und  Wiesenpflege.  Von  Landw.-Lehrer  R.  Schül  er.  Mit  63  Abb.  Geb.  M.  1.30.

KHipbabetisches-Inbaltsverzeichnis  der  Sammlung
„Des  Landmanns  Mlinterabende.“

Ackerbau  Bd.  72,  80.
Agrarpolitik  Bdl.  s6.
Arbeiterverstcherg.  Bd.60.
Bakterten  Bd.  8
Baukunde  6)2v  Bd.  68.

Ecili-glege  Rd.  25.
Bienenzucht  Bd.  10.
Blumengarten  Bd.  56.
Bodenbearbettung  Bd.

Suchfübemn.  Bd.  23.

Chemie  Bd.  93.

Dünger  u.  Düngung  Bd.
18,  47.  52,  61,  84.

Ernten  Bd.  80.
Erzählungen  a.  d.  bäuerl.
f  Bd.  8,  8,  9,  14,

29,  31,  5v  55,  37.  45,
ö1,  66

##szucht"  Fe.  ,  7.
utterbau  Bd.
ilerungslehre  Dd.  18,

Liigek  e2.  T  48,
Geldwesen  B
Gemüsebau  2“n  V

S#e#leuschs  chaftswesen

Geräte-  gus  ner
kunde  Bd.

 

Sluchte:  der  Landwirt-42,
  44.
Geschichte  des  deutschen

Bauern  Bd.
Ge  zrusdg  des
enschen  Bd.  21,  24.
Gesundheitspflege  der
Haustiere  Bd.  15,  62.
Getreidebau  Bd.  22.
Gewährschaft  Lund  Ge-6


    

Kartoffelbau  74.
Kaufmann,  Landwirt  als

Kochbuch  Bd.  9
Kulturtechnik  8.  78.
Landwirt,  d.  Ausbildung
dess.  vd.
Laleehtrtnz  t.  allgem.
d.  84,  72,  90.
Maschinenkunde  s.  Gerätekunde.

Milchviehkontrollv.  Bd.92
Milchwirtschaft  Bd.  13.
Naturkunde  Bd.  1.

 

 

Obstbau  Bd.  2.
Obstverwertung  Bd.  40,
41,  49.

Hseruckt  Bd.  28.
sanzenfeankh.  Bo-  79.
anzenschu

Ae  bäuerl.  Bd.  89.

Rindviehzucht  Rd.  11,  12,
15,  39,  59.

Säen  Bd.  80.

Schen  #ucht  Bd.  81.

S  Fstwerkehr  des  Land--wirts
  Bd.  70.

Schweinezucht,  Bd.  82.

Seuchen
idrit  dan  Bd.  a8.
rarbeô  Bd.  15,

Tierschu
d.  s-  u.  schädgolriseh

  ur.  90.

Volkswirtschaft  Bd.  5.

Waldbau  Bd.  90.

Weidenkultur  Bd.  27.

Weinbau  Bd.  48.

*  W.  8  94.
egenzu

zu  Terkübendau  Bd.  65.

4uigusrliche  Ferzeichnisse  uber  „Des  La#dmanns  WMWinterabende“  stehen

umsonst  und  Franho  zur  Feryngung.

Verlag  von  Sugen  Ulmer  in  Stuttgart.
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