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        <title>Bismarck. Sein Leben und sein Werk.</title>
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            <forname>Adolf</forname>
            <surname>Matthias</surname>
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        </author>
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            <idno>matthias_bismarck_leben_1915</idno>
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        Phnotographieverlag  von  Franz  Hanfstaeng!

Bismarck  am  Bundesratstisch
in  der  Reichstagssitzung  vom  6.  Februar  1888
Nach  dem  Gemälde  von  Anton  v.  Werner
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        Bismarck

Sein  Leben  und  sein  Werk
Von

Adolf  Matthias

Mit  4  Bildnissen

Erstes  bis  sechstes  Tausend

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck
München  1915
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        C.  H.  Becksche  Buchdruckerei  in  Nördlingen
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        Seinem  langjährigen  Freunde

Oskar  Beck

in  dankbarem  Gedenken
an  gemeinsames  Schaffen

Der  Verfasser
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        Vorwort

S#  den  ersten  Anfängen  meines  politischen  Denkens  lebt  Bismarck
  mir  in  Kopf,  Herz  und  Gemüt.  Wie  er  von  Tat  zu

Tat  alles,  was  wir  in  unserer  Jugend  für  unser  Vaterland  heiß  ersehnten,
  erfüllte,  haben  wir  bewundernd  geschaut  und  ihn  begleitet  auf  dem
Wege,  auf  welchem  er  mit  Blut  und  Eisen  Deutschlands  Einheit  schuf.
In  Frankreich  sind  wir  in  Waffen  mit  ihm  gegangen  und  haben  in  allen
Kämpfen  gegen  die  Franzosen  vertrauensvoll  zu  seiner  Tatkraft  aufgeblickt,
  daß  er  uns  einen  Frieden  schaffen  werde,  der  der  blutigen
Opfer  und  der  schweren  Mühen  wert  und  würdig  sei  und  den  er
schließen  werde,  unbekümmert  um  alle  unsere  scheelsüchtigen  Feinde  in
der  Welt,  England  voran,  die  unsere  Siege  uns  mißgönnten.

Und  in  den  Jahren  des  Friedens,  als  er  weiter  zimmerte  an
des  Reiches  Bau,  haben  wir  immerfort  zu  ihm  gestanden  und  in
festlichen  Stunden  ihm  zugejubelt  als  des  Reiches  getreuem  Eckart
bis  zu  seinem  letzten  Tage  und  über  den  Tod  hinaus  ihm  Treue
gehalten  in  unerschütterlichem  Danke.  Wenn  aber  bange  Stunden
kamen  und  wir  es  schmerzlich  empfanden,  daß  seine  ruhige  Klarheit
und  seine  richtige  Wegführung  uns  fehlte,  dann  haben  wir  immer
wieder  seiner  gedacht  und  uns  zurückgesehnt  nach  den  Tagen,  da
wir  uns  unter  seiner  Hut  sicher  und  wohlgeborgen  fühlten.

Wer  so  innerlich  mit  Bismarck  an  die  fünfzig  Jahr  gelebt  hat,
darf  dem  neuen  Geschlechte  wohl  erzählen,  was  Bismarck  uns
Alten  war:  er,  der  größte  Staatsmann  unserer  Geschichte,  der  es
verstanden  hat,  die  früher  getrennten  Fürsten  und  Völker  Deutschlands
  zusammenzufügen,  Stammessonderheit  und  Reichseinheit
zum  schönsten  Einklang  zu  bringen  und  ein  historisch  begründetes
monarchisches  Empfinden  mit  stolzem  Selbstbewußtsein  verbunden
uns  zu  hinterlassen,  das  seit  seinem  Wirken  den  Siegeszug  in
deutschen  Herzen  vollendet  hat  als  eine  Macht,  an  die  wir  glauben,
weil  Bismarck  dieses  Glaubens  lebte.
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        VIII  Vorwort

Doch  nicht  nur  den  großen  Staatsmann  will  ich  schildern,  auch
den  Menschen  Bismarck  möchte  ich  deutschen  Herzen  nahe  führen  in
seinem  geheimnisvollen  Werden,  wie  er  in  seinem  Glauben,  in  seiner
Liebe  und  in  seinem  echt  deutschen  Familiensinn  und  Heimatsgefühl  die
starken  Wurzeln  seiner  staatsmännischen  Kraft  und  seines  weltgeschichtlichen
  Wirkens  gefunden  und  zu  einer  Persönlichkeit  sich  entfaltet  hat,
die  ein  Muster  der  Nacheiferung  seinem  Volke  geworden  ist  und
dessen  politischem  Urteil  höhere  Gesetze  als  Erbgut  hinterlassen  hat.

Dieser  Bismarck  möge  wieder  aufleben  in  einer  schlichten  Biographie,
  die  wie  jede  echte  Biographie  eines  großen  Mannes  zur
Huldigung  für  den  Genius  wird,  die  aber  nicht  mit  des  Verfassers
eigener  Sprache  prunken  will,  sondern,  soweit  es  irgend  möglich  ist,
die  Sprache  und  den  Stil  des  großen  Mannes  selber  spricht  als
Träger  seines  Wesens,  seines  Denkens,  Fühlens  und  Wirkens,
wie  sie  in  seinen  Gedanken  und  Erinnerungen,  in  seinen  wundervollen
  Briefen,  in  seinen  wandernden  Worten  lebhafter  Unterhaltung
  und  in  seinen  großen  Reden  sich  widerspiegeln.  Bei  keinem
Staatsmann  ist  das  so  möglich,  weil  bei  keinem  das  eigene  Wort
in  geselligem  Verkehr,  in  Brief  und  Rede  so  die  Arbeit  des  Lebens
begleitet,  daß  eine  Biographie  fast  zur  Selbsibiographie  werden  kann.

So  gebe  denn  das  Buch  in  ernsten  Tagen  hinaus.  Es  trägt
in  seinen  letzten  Abschnitten  das  Gepräge  der  gewaltigen  Zeit  an
sich.  Die  große  Rede  vom  S.  Februar  1888  und  ihre  Wirkung
wurden  niedergeschrieben,  als  der  Krieg  sich  wie  ein  drohendes
Gewitter  Deutschland  näherte;  das  letzte  Kapitel  in  den  ersten
Tagen  des  August,  als  das  „ganze  Deutschland  von  der  Memel
bis  zum  Bodensee  wie  eine  Pulvermine  aufbrannte  und  von  Gewehren
  starrte“,  als  der  furor  teutonicus  durch  diese  Lande  zogund
  der  Geist  Bismarcks  aus  dem  Sachsenwalde  erwachte,  um
uns  zu  Krieg  und  zu  Sieg  zu  führen.  Das  walte  Gott.

Berlin,  im  November  1014.

Adolf  Marthias
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        Inhaltsverzeichnis

Kindheit  und  Schulzeit

.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

Der  „tolle“  Landjunker  ..
.AnkergrundmGlaube,Lcebeund  eignem  Heim  ..

.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen.  Auf  der  Wacht  vor  dem

Königskhrone.  1847  und  1848.

.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  wartememsn  Wirken.

1849—1852

.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.  1  5  1665  .
.„Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen.  1859—1862
.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung.  Der  Juostanan  —  das  erste

staatsmännische  Meisterstück.  1862—1863

Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück.  1863—4865
.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866  .
Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes.  1867—1870  .
.DerdeutfchtranzofscheKrieg18«0—1871Katserund  Reich

.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  dragen  und  um

unsere  Kolonien

.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers
.  Das  Dreikaisersahr.  Bismarcks  bettes  Wirken.  Seine  Ertlains

1888—1890

Feierabend  im  Sachsenwalde  .

114
143
169

189
222
257
289
318
353

377
414

430
451
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        1.  Kindheit  und  Schulzeit

m  1.  April  1845  wurde  Otto  von  Bismarck  in  dem  Guts—
hofe  des  altmärkischen  Dorfes  Schönhausen  geboren,  wo  im
Amt  und  Dorf  seit  1562  die  Familie  Bismarck  ansässig  war.

Es  war  eine  ereignisschwere  Zeit.  Vier  Wochen  vor  seiner
Geburt,  am  1.  März  1845,  war  Napoleon  bei  Cannes  gelandet,
am  20.  März  war  er  wieder  in  Paris  eingezogen;  Preußen
ruͤstete  von  neuem.  Zu  dem  geistigen  vaterländischen  Familien—
erbe  derer  von  Bismarck  waren  reiche  Erinnerungen  an  die
Fremdherrschaft  hinzugekommen.

Die  Eltern  waren  erst  wenige  Monate  verheiratet,  da  kam
das  Unglück  von  Jena  über  Preußen.  Durch  die  Altmark  eilten
die  preußischen  Flüchtlinge,  der  König  voran.  Französische  Soldaten
  waren  Ende  Oktober  1806  in  Schönhausen;  die  junge
Schloßfrau  mußte  vor  der  rohen  Soldateska  flüchten.  Schloß
und  Dorf  wurden  geplündert.  Angstvoll  verbrachten  die  Schloßbewohner
  eine  stürmische  Herbstnacht  im  Walde.  Zwei  Brüder
von  Bismarcks  Vater  hatten  mitgefochten;  der  eine  von  ihnen
die  Demütigung  von  Jena  bis  Tilsit  mitgekostet.  1809  zog
Ferdinand  von  Schill  durch  Tangermünde  unweit  von  Schön—
hausen;  ein  Bismarck  von  der  zweiten  Schönhauser  Linie  war
in  seiner  Freischar.  1813  hatten  sieben  Mitglieder  der  Familie
Bismarck  teilgenommen  an  dem  Kriege;  drei  waren  auf  dem
Schlachtfelde  geblieben;  vier  mit  dem  eisernen  Kreuze  heimgekehrt.
  Im  Mai  1813  lagen  unter  Jahns  Führung  Lützower
Jäger  in  Schönhausen,  um  den  Elbübergang  zu  decken.  Theodor
Körner  war  zeitweilig  im  Pfarrhause;  der  Pfarrer  hatte  in  sein
Kirchenbuch  die  Frage  geschrieben:  „O  goldener  Friede,  glückliche
  Ruhe,  die  wir  genossen!  Wann  kehrt  ihr  wieder?“  Körner
hatte  die  Antwort  hinzugesetzt:  „Dann,  wenn  Preußens  edle
Krieger  mit  Gott  für  König  und  Vaterland  fechtend  in  Paris
einziehen  werden.“  In  der  alten  Kirche  des  Dorfes  aber  wurden

A.  Matthias,  Bismarck  1
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        2  1.  Kindheit  und  Schulzeit

die  neu  eingetretenen  Freiwilligen  eingesegnet,  schwuren  den
Kriegseid  unter  Glockenklang  und  sangen  in  weihevoller  Stunde
die  deutschen  Kampfeslieder  Martin  Luthers  und  Ernst  Moritz
Arndts.  Der  greise  Bismarck  nannte  diese  Erzählungen  von
Lützows  verwegener  Schar  eine  seiner  ersten  und  lebhaftesten
Erinnerungen.  Wie  reich  mögen  sonst  die  gewaltigen  Eindrücke
aus  großer  erhebender  Zeit  gewesen  sein,  die  auf  den  heranwachsenden
  Knaben  einströmten,  als  der  frische  Ruhm  preußischer
  Waffentaten  noch  kräftig  die  Welt  erfüllte.

Aber  weiter  zurück  gingen  Bismarcks  Erinnerungen.  Im
Jahre  1270  wird  ein  Herbord  von  Bismarck  als  Aldermann,  als
Iltester  der  patrizischen  Kaufmanns=  und  Tuchhändlergilde  in
Stendal  genannt;  der  Name  weist  hin  auf  das  westwärts  gelegene
  Städtchen  Bismark  in  der  Altmark.  Der  Urenkel  dieses
Herbord,  Klaus  von  Bismarck,  war  wohl  der  erste  Ritterbürtige
des  Geschlechts.  Die  Kämpfe  der  Zünfte  und  der  Patrizier  trieben
ihn,  den  Erben  eines  stattlichen  Vermögens,  aus  der  Stadt  (1345).
Markgraf  Ludwig  der  Altere,  dem  Klaus  wiederholt  aus  Geldnöten
  geholfen,  belehnte  ihn  und  seine  Brüder  mit  Burgstall
und  seinen  prächtigen  Wäldern.  So  traten  sie  in  den  rittermäßigen
  Adel  ein;  sie  verlassen  die  Stadt  und  werden  vornehme
Landedelmänner,  wie  sie  es  geblieben  sind  bis  auf  unseres  Bismarcks
  Tage.  1562  zwang  der  Kurprinz  Hans  Georg,  der  gern
in  der  Einsamkeit  seiner  Jagdschlösser  lebte,  die  Bismarcks,  ihm
Burgstall  abzutreten.  Sie  erhielten  neben  Besitz  auf  dem  linken
Elbufer  vor  allem  das  rechtselbische  Schönhausen  und  Fischbeck;
mit  ihrem  Gut  verblieben  sie  im  Verbande  der  westelbischen  altmärkischen
  Ritterschaft;  ostelbische  Junker  wurden  sie  also  nicht.
Daß  viele  große  Väter  dieses  Geschlechts  große  Söhne  gezeugt
hätten,  kann  man  nicht  sagen;  aber  die  Bismarcks  zogen  vielfach
hierhin  und  dorthin,  so  taten  sie  in  den  Türken=  und  Hugenottenkriegen
  oder  anderswo  Kriegsdienste,  fast  dreihundert  Jahre
waren  Bismarcks  Kämpfer  in  Kriegen  gegen  Frankreich;  auch
studierten  sie  hier  oder  dort  und  machten  Kavaliersreisen  durch
die  weite  Welt.  Im  Dreißigjährigen  Krieg  wurde  (1642)  das
Schloß  Schönhausen  durch  Feuer  zerstört.
        <pb n="12" />
        Bismarcks  Vorfahren  3

Von  nahen  Beziehungen  zu  ihren  Landesherren  weiß  man
wenig;  erst  mit  dem  großen  Kurfürst  wird  das  anders.  Wir
finden  sie  von  jetzt  ab  fast  immer  in  kurfürstlichen  Diensten.
Christoph  Friedrich  von  Bismarck  focht  mit  bei  Fehrbellin  und
starb  1704  als  der  erste  preußische  General  Bismarckschen  Namens.
  Um  dieselbe  Zeit  (1700)  baute  August  von  Bismarck
das  abgebrannte  Schloß  zur  Seite  der  alten  Kirche  wieder  auf.
Die  altmärkischen  Bismarcks  erhielten  sich  in  diesen  Zeiten  starr
ihre  Selbständigkeit.  1722  nannte  Friedrich  Wilhelm  I.  die  Bismarcks
  unter  den  renitenten  Adelsgeschlechtern,  denen  man  den
Kitzel  der  Opposition  gegen  ihren  Landesherrn  austreiben  müsse.
Unter  Friedrich  dem  Großen  aber  finden  wir  wieder  Bismarcks
in  der  Nähe  ihres  Fürsten.  August  Friedrich  wurde  vor  dem  Feinde
bei  Mollwitz  Oberst  und  Ritter  des  Ordens  Pour  le  mérite;  er  fiel
1742  bei  Czaslau  an  der  Spitze  seines  Regiments,  der  Ansbach-Baireuther
  Dragoner.  Diesen  liebte  Otto  von  Bismarck  von  seinen
Ahnen  am  meisten,  weil  er  ihm  am  ähnlichsten  war.  Er  war  eine
wuchtige  Natur,  ein  starker  Zecher,  ein  gewaltiger  Jäger  und  ein
verwegener  Offtzier.  „Wie  er  jung  war,  da  war's,  wie  wenn  ich
mich  in  seinem  Bild  im  Spiegel  sähe.“  Dieses  Urgroßvaters  Bild
begleitete  Bismarck  später,  als  einziges  von  seinen  Ahnenbildern,
nach  Berlin  in  seine  Amtswohnung.  —  Den  zweiten  Sohn  dieses
Obersten,  Karl  Alexander,  nahm  Friedrich  II.  aus  der  Diplomatie
in  die  Armee.  Er  kämpfte  mit  bei  Kollin,  Leuthen  und  Hochkirch
und  erhielt  1758  seiner  Wunden  halber  als  Rittmeister  seinen
Abschied.  Soldat  im  strengen  Sinn  des  Wortes  war  er  nicht.
Er  war  ein  Mann,  der  lange  überlegte,  spät  handelte,  außerdem
eine  empfindsame,  fast  eine  Werthernatur;  vor  allem  aber  im
Grunde  seines  Wesens  ein  Landedelmann,  ein  echter  Schönhauser
  Bismarck.  Diese  taten  ihre  Schuldigkeit;  aber  sie  zogen
sich  so  früh  als  möglich  nach  Schönhausen  zurück:  hier  war  der
Mittelpunkt  ihrer  Welt,  nicht  in  Berlin.  Großzügigkeit  war
eigentlich  auf  keinem  Gebiete  ihnen  eigen.  Karl  Alexander  starb
1797.  Sein  Sohn  Ferdinand,  unseres  Bismarcks  Vater,  trat
zwölfjährig  bei  den  Leib-Karabinieren  ein  und  nahm  schon  dreiundzwanzigjährig
  seinen  Abschied,  nicht  ohne  Ungnade  seines

1*
        <pb n="13" />
        4  1.  Kindheit  und  Schulzeit

Königs,  der  ihm,  weil  er  nicht  lange  genug  gedient  hatte,  erst
in  weit  späteren  Jahren  Armeeuniform  und  Rittmeisterrang  ver—
lieh.  Er  war  ein  hochgewachsener  Mann,  fuͤnf  Fuß  zehn  Zoll
groß,  kräftig  und  derb,  voll  behäbigen  Humors,  im  wesentlichen
ohne  charakteristische  Zuͤge,  ohne  Interessen  und  ohne  viel  Bil—
dung,  ein  Sonderling,  aber  mit  gesundem  Menschenverstand
und  gesundem  Gefühl,  eifriger  Jäger,  von  aristokratischen  Vorurteilen
  frei;  sein  soziales  Gleichheitsbewußtsein  war,  wenn  über—
haupt,  nur  durch  Offizierseindrücke  seiner  Jugend  beeinflußt.  Otto
liebte  seinen  Vater  und  wenn  er  nicht  bei  ihm  war,  faßte  er
gute  Vorsätze,  die  aber  wenig  Stand  hielten;  denn  die  gut—
mütige  Zärtlichkeit  des  Vaters  war  ihm  lästig  und  er  lehnte
sie  immer  wieder  mit  Kälte  und  Verdrossenheit  ab.  Im  Grunde
seiner  Seele,  das  empfand  der  Sohn  noch  lebhaft  in  späteren
Jahren,  war  er  seinem  Vater  aber  von  Herzen  gut.  Wie  rührend
klingt  es,  wenn  er  immer  wieder  von  Kniephof  den  Bruder
und  die  Schwester  ermahnt:  „Schreibt  doch  dem  Vater;  er  freut
sich  über  jedes  Lebenszeichen.“

Die  vorurteilsfreie  Gesinnung  des  Vaters  erkannte  man  auch
bei  der  Wahl  seiner  Gattin.  Sommer  1806  führte  er  fünfund—
dreißigjährig  die  siebenzehnjährige  Wilhelmine  Mencken  zum
Traualtar.  Diese  stammte  aus  bürgerlichen  Kreisen.  Sie  war
die  Tochter  des  Kabinettsrates  Anastasius  Ludwig  Mencken,
dessen  Vater  Professor  in  Helmstedt  gewesen  war;  der  Sohn
neigte  nicht  zur  Gelehrsamkeit;  er  trat  in  den  diplomatischen
Dienst  unter  Friedrich  dem  Großen.  Als  dieser  den  neuen  Sekretär
  1782  zum  ersten  Male  in  Sanssouci  sah,  empfing  er  ihn  mit
den  Worten:  „Aber  sei  er  ja  ehrlich,  ehrlich.“  Unter  Friedrich
Wilhelm  II.  wurde  er  Geheimer  Kriegsrat.  Da  er  liberale  und
menschenfreundliche  Grundsätze  hatte,  war  er  bei  seinem  König
des  „Jakobinertums“  angeklagt.  Er  war  witzig,  gewandt,  wohlbeschlagen
  in  Deutsch  und  Französisch,  konnte  scherzhafte  Verse
bauen.  Aus  einer  originellen  Außerung  glauben  wir  schon  den
Enkel  zu  hören.  Ende  1796  hat  Mencken  den  Auftrag  bekommen,
  die  königliche  Instruktion  für  eine  Kommission  zu  entwerfen,
  die  die  Verwaltung  des  neuerworbenen,  polnischen  Süd-
        <pb n="14" />
        Vater  und  Mutter  5

preußen  regeln  sollte.  Er  tat  das,  aber  arg  theoretisch.  „Die
Instruktion  wurde“,  so  schrieb  er  später,  „mit  Enthusiasmus  aufgenommen
  und  gebilligt,  von  dem  König  in  pleno  eingeschärft,
hiernächst  mit  Stumpfsinn  beherzigt,  mit  Einfältigkeit  debattiert,
mit  Ränken  eludiert;  und  es  ist  auch  keine  Sylbe  davon  erfüllt
worden.“  Ganz  Bismarckscher  Stil.  Sonst  glich  er  seinem  Enkel
weniger.  Seinem  Wesen  fehlte  die  Kraft  und  Einfachheit  eines
starken  Willens.  —  Von  seinen  Zeitgenossen  wird  er  geschildert
als  mittelgroß,  mit  einem  freundlichen  Zug  im  Gesicht  und
sanftem  Lächeln,  wenn  er  mit  Freunden  sprach.  Er  war  schöngeistig,
  gesellig,  scherzhaft,  wo  es  hingehörte,  und  geistesgegenwärtig.


Die  Tochter  dieses  Kabinettsrats  war  in  bureaukratischen
und  Hofkreisen  groß  geworden;  Friedrich  Wilhelm  IV.  sprach
von  ihr  als  „Mienchen“  in  Erinnerung  an  gemeinsame  Kinderspiele:
  sie  blieb  lebenslang  die  rechte  Tochter  eines  hohen  Beamten
  und  die  Erbin  vieler  seiner  Anschauungen.  Sie  war  nach
des  Sohnes  Schilderung  eine  schöne  Frau,  die  äußere  Pracht
liebte;  diese  lastete  neben  dem  Reformeifer  in  der  häuslichen
Wirtschaft  wohl  auf  dem  Vermögen  ebenso  wie  das  kostspielige
Winterleben  in  Berlin;  sie  war  nervenschwach  und  behauptete
hellsehend  zu  sein;  mittelgroß,  von  feinen  Zügen,  langgestreckter
Nase  und  leuchtenden  Augen;  von  hellem  und  lebhaftem  Verstand;
  aber  sie  hatte  nach  des  Sohnes  Urteil  wenig  von  dem,
was  der  Berliner  Gemüt  nennt.  Sie  wollte,  ehrgeizig,  wie  sie
war,  daß  der  Sohn  viel  lernen  und  viel  werden  sollte,  und
dem  Sohne  schien  es  oft,  daß  sie  hart  und  kalt  gegen  ihn  gewesen
  sei.  Rastlos  besorgt,  aber  auch  maßlos  in  Ansprüchen
wollte  sie  auch  aus  dem  älteren  Sohne  Bernhard  mehr  machen,
als  aus  ihm  zu  machen  war.  Sie  dachte  gar  zu  viel  an  die
„Meinung  der  Leute“;  deshalb  schien  es  zweifelhaft,  ob  die
Bildung,  die  man  ihr  zuerkannte,  auch  tief  und  echt  war.  Wenn
der  Sohn  auch  Kritik  an  der  Mutter  übt,  er  schreibt  doch
pietätvoll  und  groß  später  an  seine  Braut:  „Was  eine  Mutter
dem  Kinde  werth  ist,  lernt  man  erst,  wenn  es  zu  spät,  wenn  sie
todt  ist.  Die  mittelmäßigste  Mutterliebe,  mit  allen  Belmischungen
        <pb n="15" />
        6  1.  Kindheit  und  Schulzeit

mütterlicher  Selbstsucht,  ist  doch  ein  Riese  gegen  alle  kindliche
Liebe."

So  waren  die  Jugendeindrücke,  die  der  Sohn  von  seinen
Eltern  empfing;  politisch  eher  liberal  als  reaktionär;  Bismarck
bezeichnet  es  selbst  als  eine  ungerechte  Einschätzung  seiner  Auffassung
  in  jüngeren  Jahren,  wenn  ihm  die  „Vorurteile  seines
Standes“  angeheftet  wurden  und  wenn  man  behauptete,  daß  Erinnerungen
  an  Bevorrechtung  des  Adels  der  Ausgangspunkt
seiner  inneren  Politik  gewesen  seien.  Die  Mutter  wäre  sicherlich,
  wenn  sie  seine  ministerielle  Tätigkeit  erlebt  hätte,  mit
dieser  kaum  zufrieden  gewesen,  wenn  sie  auch  an  den  äußeren
Erfolgen  seiner  amtlichen  Laufbahn  große  Freude  empfunden
hätte.  Im  Grunde  seines  Herzens  fühlte  er  sich  aber  nicht  als
Geheimrats=  und  Beamtenenkel,  sondern  als  ein  Bismarck,  besonders
  in  der  Richtung,  daß  er  immer  wieder  von  amtlichem
Geiste  sich  abgezogen  und  von  Geheimräten  abgestoßen  fühlte,
am  Landaufenthalt  aber  mit  ganzer  Seele  hing;  noch  als  Minister
  hat  er  es  halb  scherzend,  halb  im  Ernste  bedauert,  daß  er
nicht  Landedelmann  oder  doch  wenigstens  Offizier  geblieben.
Schönhausen  war  sein  gelobtes  Land  mit  den  Erinnerungen  an
die  Bismarcks  von  Fehrbellin,  Mollwitz  und  Czaslau  und  an  die
Kirchenglockenklänge,  unter  denen  die  Lützower  eingesegnet  wurden,
  um  das  Joch  des  fremden  Eroberers  mit  Blut  und  Eisen
abzuschütteln.

Schon  im  Jahre  nach  Bismarcks  Geburt  siedelten  die  Eltern
von  der  Altmark  nach  Pommern  über,  wo  sie  durch  Erbschaft
und  Vergleich  in  den  Besitz  der  Rittergüter  Kniephof,  Jarchelin
und  Külz  im  Kreise  Naugard  gekommen  waren  und  Kniephof
zu  ihrem  Wohnsitz  wählten,  das  in  einer  schönen,  holz=  und
wiesenreichen  Gegend,  nicht  fern  vom  Flüßchen  Zampel  gelegen,
mit  herrlichem  Garten  und  gerühmten  Karpfenteichen  ausgestattet
  war.  Hier  tummelte  sich  der  Knabe  mit  dem  Behagen,
das  ihn  Zeit  seines  Lebens  zur  Natur  zog,  in  Garten  und  Feld
und  wurde  stark  an  körperlicher  Gesundheit  und  Geistesfrische.  Wie
sinnig  schildert  er  in  späteren  Jahren  seiner  Braut  dieses  Jugendparadies,
  als  er  davon  Abschied  nehmen  mußte  (28.  April  1847):
        <pb n="16" />
        Kindheit  in  Kniephof  7

„Die  Rieselwiesen  und  die  Stachelbeeren  sind  hier  saftig  grün,
auch  Faulbaum  und  Flieder  haben  Blätter  wie  ein  Dukaten
groß,  und  der  Erdboden  unter  den  Bäumen  und  Büschen  des
Dornbergs  (Park)  war  mit  blauen,  weißen  und  gelben  Blumen
dicht  bezogen  ..  .  .  Auf  der  ganzen  Gegend  von  Wiesengrün,
Wasser  und  entlaubten  Eichen  lag  eine  weiche  traurige  Stimmung,
  als  ich  gegen  Sonnenuntergang  meinen  Abschiedsbesuch
auf  den  Plätzen  machte,  die  mir  lieb  und  auf  denen  ich  oft
träumerisch  und  schwermüthig  gewesen  war.  Ich  dachte  an  die
Haiden  und  Felder,  die  Seen  und  die  Häuser  und  die  Menschen
darin,  mein  Leben  rollte  sich  rückwärts  vor  mir  auf,  bis  in  die
Tage  zurück,  wo  ich  als  Kind  auf  dieser  Stelle  gespielt  hatte.
jeder  Baum,  den  ich  gepflanzt,  jede  Eiche,  unter  deren  rauschender
  Krone  ich  im  Grase  gelegen,  schien  mir  vorzuwerfen,
daß  ich  sie  in  fremde  Hände  gab  .  ..  die  Tagelähner  hielten
mir  vor,  wie  lange  sie  meinem  Vater  schon  gedient  hätten,  und
die  alten  Grauköpfe  weinten  ihre  hellen  Thränen.“  In  diesem
stillen  Lande  verlebte  Bismarck  seine  Kinderjahre.  Aber  auch
in  die  weite  Welt  kam  er  schon.  Im  Jahre  1818  begleitete  er
seine  Mutter  auf  einer  Badereise  nach  Ems  über  Kassel  hin,
über  den  Rheingau  zurück,  und  1820  wurde  er  nach  Liebenstein
  in  Thüringen  mitgenommen.  Als  er  als  siebenundsiebzigjähriger
  in  Jena  weilte,  sagte  er,  in  Thüringen  habe  er  als
Kind  zuerst  Felsen,  Berge,  Burgen  mit  ihren  geschichtlichen
Erinnerungen  kennen  gelernt.

In  seinem  sechsten  Lebensjahre  wurde  der  Knabe  dem  Plamannschen
  Institut  in  Berlin  zur  Erziehung  übergeben,  wo  sein
älterer  Bruder  Bernhard  (geboren  1810)  sich  bereits  befand.  Die
Ursache  dieser  frühen  Loslösung  von  der  Heimat  lag  wohl  darin,
daß  die  Mittel  für  einen  tüchtigen  Hauslehrer  nicht  reichten.
Gleichwohl  hat  er  es  seiner  Mutter  nie  verziehen,  daß  er  so
früh  das  Elternhaus  verlassen  mußte.  Sein  Heimweh  war  immer
so  stark,  daß  er  noch  in  späteren  Jahren  darüber  grollte.  Als
er  an  einem  Februarsonntage  des  Jahres  18514  den  Garten  des
Plamannschen  Institutes  an  der  Wilhelmstraße  besucht  hatte,
schrieb  er  seiner  Frau:  „Wie  klein  ist  doch  der  Garten,  der
        <pb n="17" />
        8  1.  Kindheit  und  Schulzeit

meine  ganze  Welt  war,  und  ich  begreife  nicht,  wo  der  Raum
geblieben  ist,  den  ich  so  oft  athemlos  durchlaufen  habe,  und
mein  Gärtchen  mit  Kresse  und  türkischem  Weizen,  und  alle  die
Geburtsstätten  verfallener  Luftschlösser  und  der  blaue  Duft  der
Berge,  die  damals  jenseits  des  Bretterzauns  lagen.  Die  Bäume
waren  alte  Bekannte,  ich  weiß  noch  die  Obstsorten  davon,  und
die  Hühner  waren  noch  da,  die  mir  immer  so  viel  Heimweh
nach  Kniephof  machten,  wenn  ich  sie  ansah,  und  die  Stunden
und  Viertelstunden  anstrich,  die  noch  verfließen  sollten,  bis  die
Ferien  da  waren  und  der  Stettiner  Postwagen.  Wie  sehnte  ich
mich  damals  in  das  Leben  und  die  Welt;  die  ganze  bunte  Erde,
wie  sie  mir  damals  existirte,  mit  ihren  Wäldern  und  Burgen
und  allen  den  Erlebnissen,  die  meiner  darin  warteten,  tauchte
mir  auf,  als  ich  in  dem  Garten  stand  und  ich  hätte  weinen
können,  wenn  der  prosaische  Hans  (von  Kleist-Retzow)  mich
nicht  rief  und  trieb,  und  ich  mich  erinnerte,  daß  ich  jetzt  ganz
genau  weiß,  wie  der  Garten  ein  kleiner  Fleck  in  der  Wilhelmstraße
  ist,  und  nicht  viel  Besondres  rings  umher  hinter  den
Zäunen,  und  die  Hasenhaide,  wo  wir  Sonntags  spielten,  ein
kleiner  dummer  Kiefernwald  ..  Ich  könnte  stundenlang  in
dem  Garten  sitzen  und  träumen;  wenn  Du  wieder  hier  bist,
mußt  Du  mit  mir  hingehn.“

Freundlichere  Tage  waren  es,  wenn  zur  Winterszeit  die
Eltern  in  Berlin  waren.  Bismarck  schreibt  noch  am  24.  Februar
1847  an  seine  Braut:  „Heut  war  der  Geburtstag  meiner  verstorbenen
  Mutter.  Wie  deutlich  schwebt  es  mir  vor,  als  meine
Eltern  in  Berlin  am  Opernplatz  wohnten,  dicht  neben  der
katholischen  Kirche,  wenn  ich  des  Morgens  durch  den  Jäger
aus  der  Pension  geholt  wurde,  das  Zimmer  meiner  Mutter
mit  Maiblumen,  die  sie  vorzüglich  liebte,  mit  geschenkten
Kleidern,  Büchern  und  interessanten  Nips  garnirt  fand;  dann
ein  großes  diner  mit  viel  jungen  Offtzieren,  die  jetzt  alte
Majors  sind,  und  schlemmenden  alten  Herrn  mit  Ordenssternen.
  Und  wenn  man  mich  gesättigt  von  Tisch  geschickt
hatte,  so  nahm  mich  die  Kammerjungfer  in  Empfang,  um  mir
mit  beiseite  gebrachtem  Caviar,  Baisers  und  dergleichen  den
        <pb n="18" />
        Im  Plamannschen  Institut  9

Magen  gründlich  zu  verderben.  Was  stahlen  doch  alle  diese
Domestiken.“

Das  Plamannsche  Institut  war  eine  Erziehungsanstalt  mit
Jahnschen  Traditionen  und  Pestalozzischen  Grundsätzen:  Strenge
Zucht,  Abhärtung,  stark  nationaler,  deutschtümelnder  Einschlag,
allseitige  Ausbildung  der  Persönlichkeit,  Selbsttätigkeit  des
Könnens.  Bismarck  hat  später  den  Gegensatz  zur  Aristokratie
beklagt;  das  „von“  vor  seinem  Namen  sei  ein  Nachteil  für  sein
kindliches  Behagen  im  Verkehr  mit  Mitschülern  und  Lehrern
gewesen.  Andere  Zöglinge  des  Plamannschen  Instituts  haben
einen  freundlicheren  Eindruck  von  dem  Geiste  der  Anstalt  behalten.
  Jedenfalls  nahm  Bismarck  aus  ihr  den  dort  herrschenden
  Franzosenhaß  und  deutschnationale  Eindrücke  in  sich  auf.
Doch  waren  diese  nicht  stark  genug,  um  angeborene  preußischmonarchische
  Empfindungen  zu  unterdrücken.  Seine  geschichtlichen
  Sympathien  blieben  auf  Seiten  der  Autorität.  Harmodius
  und  Aristogeiton,  die  Brüder,  die  den  athenischen  Tyrannen
Hipparchos  ermordeten,  und  Brutus,  der  den  Cäsar  tötete,
waren  für  sein  kindliches  Rechtsgefühl  Verbrecher,  und  Tell  ein
Rebell  und  Mörder.  Jeder  deutsche  Fürst,  der  vor  dem  dreißigjährigen
  Kriege  dem  Kaiser  widerstrebte,  ärgerte  ihn.  Aber
vom  Großen  Kurfürsten  an,  mit  dem  Brandenburgs  weltgeschichtliche
  Stellung  und  brandenburgisch-alt-preußischer
Patriotismus  begann,  war  er  parteiisch  genug,  auch  antikaiserlich
  zu  empfinden,  und  es  natürlich  zu  finden,  daß  der  siebenjährige
  Krieg  sich  vorbereitete,  mit  dem  Preußens  Großmachtstellung
  anhub.

In  seiner  Führung  und  in  seinen  Leistungen  war  er  wohl
so,  wie  er  selber  sich  später  gezeichnet  hat:  „Ich  war  ein  Junge
wie  alle  Jungen.“  Von  seinen  Lehrern  wurde  er  als  ein  Knabe
von  gemütlicher  Freundlichkeit  und  kindlichem  Frohsinn  bezeichnet,
  „den  alle  gern  haben,  sowie  er  auch  seinerseits  sich
freundlich  anschließt“.  Seine  Leistungen  waren  Knabenleistungen,
in  die  bedenkliche  Kategorie  eines  Musterknaben  sehen  wir  ihn
nirgendwo  eingereiht.  Er  neigte  auch  wohl  zur  Ubereilung  im
Arbeiten  und  Denken,  selbst  im  Turnen;  er  war  auch  „allzu
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        10  1.  Kindheit  und  Schulzeit

lebhaft  und  lange  beinahe  zerstreut“.  Das  vermelden  die  Zeugnisse;
  man  weiß  ja,  was  diese  trocknen  Nörgler  alles  zu  tadeln
wissen.

Wenn  Bismarck  selbst  seine  Jugend  später  etwas  dunkel
schildert,  so  wirkt  dabei  die  Wehmut  des  Rückgedenkens  mit;
die  Zeit  selbst  war  wohl  sonniger.  Einer  seiner  Schulgenossen
(Buchhändler  Ernst  Krieger)  spricht  von  schöner  Jugendzeit,  von
Schlachten,  die  Bismarck  beherrschte  als  der  hervorragendste
Held  der  trojanischen  Kämpfer.  Daß  er  schlagfertigen  Wortes
war,  hat  er  schon  damals  bewiesen:  Als  der  altdeutsch  gescheitelte,
  langlockige  Zeichenlehrer,  dem  der  junge  Edelmann  zu
fein  sein  mochte,  ihn  eine  Zierpuppe  schalt,  lautete  die  Antwort:
„Selbst  eine!“

Im  zwölften  Lebensjahre,  September  1827,  kam  er  mit
seinem  Bruder  in  die  Untertertia  des  Friedrich  Wilhelm-Gymnasums
  und  wohnte  in  der  Berliner  Wohnung  seiner  Eltern,
die  im  Sommer  mit  der  kleinen  Schwester  Malwine  in  Kniephof
  weilten.  Ausländische  und  inländische  Hofmeister  sorgten
für  seine  geistigen,  eine  alte  Dienerin  (Trine  Neumann)  für
seine  körperlichen  Bedürfnisse.  Besonders  wurde  auf  Erlernen
der  neueren  Sprachen  Gewicht  gelegt.  Französisch  muß  Bismarck
schon  frühe  gesprochen  haben.  Als  er  noch  Mädchenkleider  trug
und  einmal  in  einer  Gesellschaft  sich  aufhielt,  überraschte  er  einige
Herren,  die  sich  über  den  kleinen  Gast  wunderten  und  französisch
fragten,  ob  das  ein  Sohn  oder  eine  Tochter  vom  Hause  sein
möge,  durch  die  dreiste  Antwort:  „Gest  un  fils,  monsieur.“
Seine  Einsegnung  wurde  Ostern  1834  von  Schleiermacher  vollzogen
  unter  dem  Segen  des  Spruches  Col.  3,  23:  „Alles,  was
ihr  tut,  das  tut  von  Herzen,  als  dem  Herrn,  und  nicht  den
Menschen.“  Tiefer  eingewirkt  hat  Schleiermacher  wohl  kaum
auf  ihn.  Bismarck  ging  in  Glaubensdingen,  wir  werden  das
später  sehen,  seine  eigenen  Wege.  Im  Jahre  vor  seiner  Einsegnung
  (1830)  verließ  er  die  elterliche  Wohnung  und  kam,
weil  er  aufs  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster  überging,  zum
Professor  Prevost  und  ein  Jahr  später  ins  Haus  des  Professors
Bonnell,  zu  dem  er  sich  schon  auf  dem  Friedrich  Wilhelm-=
        <pb n="20" />
        Auf  dem  Wilhelm-Gymnasium  und  Grauen  Kloster  11

Gymnasium  hingezogen  fühlte  und  dem  er  lebenslang  mit  treuer
Dankbarkeit  ergeben  geblieben  ist.  Dieser  treffliche  Mann  hat
seinen  alten  Schüler  mit  den  in  ihrer  Schlichtheit  so  eindrucksvollen
  Worten  also  geschildert:  „Meine  Aufmerksamkeit  zog
Bismarck  schon  am  Tage  seiner  Einfuͤhrung  auf  sich,  bei  welcher
Gelegenheit  die  neu  Aufgenommenen  im  Schulsale  auf  mehreren
Bänken  hintereinanden  saßen,  so  daß  die  Lehrer  während  der
Einleitungsfeier  Gelegenheit  hatten,  die  Neuen  mit  vorahnender
Prüfung  durchzumustern.  Otto  von  Bismarck  saß  mit  sichtlicher
Spannung,  klarem,  freundlichem  Knabengesicht  und  hell  leuchtenden
  Augen,  frisch  und  munter  unter  seinen  Kameraden,  so
daß  ich  bei  mir  dachte:  das  ist  ja  ein  nettes  Jungchen,  den  will
ich  besonders  ins  Auge  fassen.  Er  wurde  zuerst  mein  Schüler
im  Lateinischen,  als  er  nach  Obertertia  kam.  1829  wurde  ich
ans  Berlinische  Gymnasium  zum  Grauen  Kloster  versetzt,  an
das  Bismarck  im  folgenden  Jahre  überging.  Ostern  1831  kam
er  als  Pensionär  in  mein  Haus,  wo  er  sich  freundlich  und  anspruchslos
  in  meiner  einfachen  Häuslichkeit  und  durchaus  zutraulich
  bewegte.  Er  zeigte  sich  in  jeder  Beziehung  liebenswürdig.
  Er  ging  des  Abends  fast  niemals  aus;  wenn  ich  zu
dieser  Zeit  zuweilen  nicht  zu  Hause  war,  so  unterhielt  er  sich
freundlich  und  harmlos  plaudernd  mit  meiner  Frau  und  verriet
  eine  starke  Neigung  zu  gemütlicher  Häuslichkeit.“  So  lebte
Bismarck  in  der  Erinnerung  eines  der  besten  seiner  Lehrer  fort.
Den  meisten  Mitschülern,  das  wissen  wir  von  einem  Schulgenossen
  (Moritz  von  Blanckenburg),  erschien  er  als  ein  „rätselhafter
  Mensch“.  Arbeiten  sah  man  ihn  nie.  Wenn  die  andern
büffelten,  ging  er  spazieren.  Trotzdem  war  er  einer  der  Bestbeschlagenen
  in  der  Klasse.

Wie  in  dem  Plamannschen  Institut  hatte  er  auch  auf  dem
Grauen  Kloster  unter  dem  Adelshasse  einzelner  Lehrer  zu  leiden,
der  sich  in  einem  großen  Teile  des  gebildeten  Bürgerstandes
aus  den  Zeiten  vor  1806  erhalten  hatte,  da  der  Adel  das
Offtzierkorps  fast  allein  gestellt  hatte.  Der  Knabe  ertrug  das
geduldig.  Die  angriffssüchtige  Stimmung,  die  unter  Umständen
in  bürgerlichen  Kreisen  zum  Vorschein  kam,  hat  ihn  niemals
        <pb n="21" />
        12  1.  Kindheit  und  Schulzeit

zu  einem  Vorstoß  in  entgegengesetzter  Richtung  veranlaßt.  Er
stand  auch  zu  sehr  unter  dem  Einfluß  der  vorurteilsfreien  Erziehung
  des  Hauses.

1832  verließ  er  als  Abiturient  das  Graue  Kloster;  wie  er
in  seinen  Erinnerungen  sagt,  „als  normales  Produkt  staatlichen
Unterrichts,  als  Pantheist  und  wenn  nicht  als  Republikaner,
doch  mit  der  Uberzeugung,  daß  die  Republik  die  vernünftigste
Staatsform  sei,  und  mit  dem  Nachdenken  über  die  Ursachen,
welche  die  Menschen  bestimmen  könnten,  einem  dauernd  zu  gehorchen,
  während  ich  von  Erwachsenen  manche  bittere  oder  geringschätzige
  Kritik  über  die  Herrscher  hören  konnte."“

Von  ausgesprochenen  Reigungen  für  dieses  oder  jenes  Unterrichtsfach
  wissen  wir  kaum  etwas.  Die  Mathematik,  das  hat
er  einmal  gesagt,  liebte  er  wenig.  Für  das  Altertum,  zumal
das  römische,  hat  er  sich  offenbar  lebhaft  interesssert;  reichliche
Zitate  und  Anspielungen  hat  er  zeitlebens  ihm  entnommen.  Der
philologische  Unterricht  hat  ihm  nicht  immer  gefallen,  die  griechische
  Grammatik  hat  er  überflüssig  genannt.  Zu  einer  Lebensmacht
  ist  die  gymnastale  Bildung  nicht  für  ihn  geworden;  dazu
war  er  ein  zu  moderner  Mensch  und  eine  im  deutschen  Wesen
zu  ausgeprägte  Natur.  Geschichtsstudien  lagen  ihm  besonders
nah;  die  neuere  deutsche  Dichtung,  die  französische  und  besonders
  die  englische  Literatur  —  allerdings  hauptsächlich  nach  der
Schulzeit  —  zogen  ihn  lebhaft  an.  Schiller  mit  seiner  warmen
Vaterlandsliebe  und  seiner  historisch-politischen  Art  zu  denken,
fesselte  ihn  mehr  als  Goethe.  Chamisso,  Uhland,  Lenau,  auch
Heine,  von  den  Fremden  Bypron  waren  ihm  lieb  und  vertraut.

Unter  seinen  Gymnastalleistungen  standen  Latein  stets  voran,
zeitweilig  auch  die  Geschichte,  später  mehr  noch  das  Deutsche,
in  dem  er  „eine  sehr  erfreuliche  Gewandtheit  besitze“.  Des  Abgangszeugnisses
  Schluß  lautete:  „Wir  entlassen  diesen  befähigten
und  wohlvorbereiteten  Jüngling  mit  unsern  besten  Segenswünschen
  und  der  Hoffnung,  daß  er  mit  erneutem  Eifer  an
seiner  ferneren  wissenschaftlichen  Ausbildung  arbeiten  werde."“

Charakteristisch  ist  dieses  Zeugnis  nicht,  wie  die  meisten  Zeugnisse
  aus  jener  Zeit,  denen  vielfach  ein  schematischer  Vordruck
        <pb n="22" />
        Der  Abiturient.  Wahl  des  Berufs  13

zugrunde  lag.  Charakteristisch  würden  Briefe  sein,  hätten  wir
deren  mehr  und  längere  als  erhalten  sind.  Einer  an  seinen
Bruder  Bernhard  aus  Kniephof  enthält  folgende  Stelle:  „Am
Freitag  sind  3  hoffnungsvolle  junge  Leute,  ein  Brandstifter,
ein  Straßenräuber  und  ein  Dieb,  kurze  Zeit  zwei  gleichen  Gelichters
  aus  der  Anstalt  echappirt.  Die  ganze  Gegend  wimmelte
von  Patrouillen,  Gensdarmen  und  Landsturm.  Man  war  seines
Lebens  nicht  sicher.  Am  Abend  rückte  die  Kniephofer  Reichsexekutionsarmee
  gegen  die  3  Ungeheuer  aus,  bestehend  aus
25  Mann  Landsturm,  soviel  es  anging  mit  Schießgewehren,
Flinten,  Büchsen,  Musketen,  Pistolen,  übrigens  aber  mit  Forken
und  Sensen  bewaffnet.  Alle  Übergangspunkte  über  die  Zampel
wurden  besetzt.  Unser  Militär  war  aber  erschrecklich  in  Furcht,
wenn  sich  zwei  Abtheilungen  begegneten,  riefen  sie  einander  an;
aber  vor  Angst  wagte  niemand  zu  antworten,  die  Einen  liefen,
was  sie  konnten,  die  Anderen  verkrochen  sich  in  die  Büsche."“
Man  sieht:  burschikose  Frische,  herzhafter  Griff  ins  Anschauliche
  und  humorvolle  Kraft  der  Auffassung  und  Schilderung.
Stil  und  Mensch  suchen  sich  schon  frühzeitig  zu  decken.

Bei  der  Wahl  seines  Berufs  kam  der  gutherzige  Vater
wenig  in  Betracht;  Bismarck  folgte  dem  Wunsche  der  an  Beamtenidealen
  hängenden  Mutter;  er  sollte  die  diplomatische
Laufbahn  ihres  Vaters  einschlagen,  aber,  wenn  möglich,  höher
hinauf.  Ob  Bismarck  ohne  besonderen  Kummer  zugestimmt  hat,
wissen  wir  nicht  bestimmt.  Jedenfalls  gibt  ein  Brief  Bismarcks
an  seinen  kaiserlichen  Herrn  aus  dem  Jahre  1872  zu  Zweifeln
Anlaß,  ob  es  so  ganz  ohne  Gegenwunsch  in  Bismarcks  Seele
wird  abgegangen  sein,  in  der  so  vieles  zeitlebens  auf=  und
niederwogte.  Der  erwähnte  Brief  war  ein  Dankschreiben  für
ein  Weihnachtsgeschenk,  eine  Nachbildung  des  Rauchschen  Standbildes
  Friedrichs  des  Großen  in  Bronzeguß.  Bismarck  sag
da:  „Die  Erinnerung  an  meinen  bei  Czaslau  gefallenen  Urgroßvater
  und  viele  andere  aus  dem  Munde  meines  Vaters
überkommende  lebendige  Mittheilungen  aus  der  großen  Zeit,
welche  das  vor  mir  stehende  Kunstwerk  vergegenwärtigt,  und
zu  denen  ich  eine  wohlerhaltene  Reihe  von  Briefen  meines
        <pb n="23" />
        14  1.  Kindheit  und  Schulzeit

Großvaters  aus  den  Feldlagern  des  Siebenjährigen  Krieges
rechnen  kann,  bilden  die  dauernden  Eindrücke  meiner  Kindheit,
und  ich  habe  es  jederzeit  bedauert,  daß  es  mir  nach  dem  Willen
meiner  Eltern  nicht  erlaubt  war,  lieber  vor  der  Front  als
hinter  dem  Schreibtische  meine  Anhänglichkeit  an  das  angestammte
Königshaus  und  meine  Begeisterung  für  die  Größe  und  den
Ruhm  des  Vaterlandes  zu  bethätigen.  Auch  heut,  nachdem
Eurer  Majestät  Gnade  mich  zu  den  höchsten  staatsmännischen
Ehren  erhoben  hat,  vermag  ich  das  Bedauern,  ähnliche
Stufen  nicht  als  Soldat  mir  erstritten  zu  haben,  nicht  ganz  zu
unterdrücken.  Verzeihen  Eure  Majestät  am  Heiligen  Abend  einem
Manne,  der  gewohnt  ist  an  Christlichen  Gedenktagen  auf  seine
Vergangenheit  zurückzublicken,  diese  Aussprache  persönlicher  Empfindungen.
  Ich  wäre  vielleicht  ein  unbrauchbarer  General  geworden,
  aber  nach  meiner  eignen  Reigung  hätte  ich  lieber
Schlachten  für  Eure  Majestät  gewonnen,  wie  die  Generäle  die
das  Denkmal  zieren,  als  diplomatische  Campagnen.“

Mag  Bismarck  hier  in  der  Rückerinnerung  spätere  Gedanken
in  seine  Vergangenheit  hineintragen  oder  nicht:  ein  starker  Ton
aus  der  Jugendzeit,  ob  die  Wahl  des  Berufes  den  „Schreibtisch“
  oder  die  „Front“  treffen  sollte,  klingt  in  diesem  Briefe
wider,  jedenfalls  ist  der  Schreibtisch,  hinter  dem  Bismarck  gesessen,
  stets  der  Front  einer  Armee  ähnlich  gewesen,  und  die
Feder  drauf  dem  Schwerte  des  Kriegers.  Der  Trieb  zum  Soldaten,
  den  Gott  in  Bismarck  geschaffen,  ist  auch  im  Dienste
des  Staatsmanns  zu  voller  Geltung  gekommen  und  stets  als
Beruf  ihm  treu  geblieben,  wo  er  mit  Krieg  und  Sieg  zu  erreichen
  wußte,  was  anders  nicht  zu  erringen  war.  Von  Bismarcks
  Berufswahl  gilt  also  im  vollen  Maße  des  Apostels
Wort:  „Ein  jeglicher  bleibe  in  dem  Berufe,  darinnen  er  berufen
  ist.“
        <pb n="24" />
        2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

MBimarch  bezog  Ostern  1832  die  Universität  Göttingen.  Der
vaterländische  Grundton  in  seiner  Lebensauffassung  hatte
zur  Folge,  daß  er  zunächst  zur  Burschenschaft  in  Beziehung  geriet.
Die  Burschenschaft  bezeichnete  als  ihren  Zweck  die  Pflege  des
nationalen  Gefühls.  Aber  die  Verfolgungen,  denen  sie  infolge  der
Karlsbader  Beschlüsse  ausgesetzt  war,  hatten  gerade  das  bewirkt,
was  jene  verhindern  wollten,  nämlich  daß  revolutionäre  Strömungen
  in  ihrem  Schoß  Wurzel  faßten.  Das  stieß  Bismarck  ab;
auch  mißfielen  ihm,  als  er  in  nähere  persönliche  Bekanntschaft  zu
ihren  Mitgliedern  kam,  die  Weigerung,  Satisfaktion  zu  geben,  und
auch  die  Hinwegsetzung  über  die  Formen  der  guten  Gesellschaft;
die  Extravaganz  der  politischen  Anschauungen  glaubte  er  auf  einen
Mangel  an  Bildung  und  an  Kenntnis  der  vorhandenen,  historisch
gewordenen  Lebensverhältnisse  zurückführen  zu  sollen.  Bismarck
war  Zeit  seines  Lebens  alle  politischen  Phrasen,  alles  Abstrakte
und  Doktrinäre  zuwider;  schon  als  Siebenzehnjähriger  hatte  er  die
Welt  der  historischen  Wirklichkeit  mehr  zu  beobachten  Gelegenheit
gehabt  als  die  meisten  jener  durchschnittlich  älteren  Studenten.

Daß  hinter  der  Schwärmerei  und  hinter  dem  wüsten  Gambrinus=
  und  Bacchuslärm  dieser  jugendlichen  Heißsporne  doch
ein  rein  vaterländischer  Idealismus,  ein  tiefinnerliches  Mitleben
mit  den  Gedanken  lag,  die  jene  Zeit  als  ein  Nachzittern  des
Geistes  der  Befreiungskriege  durchzogen,  und  ein  Mitleiden  mit
den  Kämpfen  und  Geschicken  der  Nation,  der  ihr  Lohn  für  ihre
Opfer  nicht  geworden  war,  das  wußte  der  junge  preußische  Landedelmann
  nicht  gebührend  einzuschätzen.  Und  daß  der  Idealismus
dieser  Kreise,  der  mit  Selbstaufopferung  im  Dienste  der  nationalen
  Idee  verbunden  war,  nicht  mit  praktischem  und  reellem
Zielbewußtsein  verbunden  war,  das  stieß  den  jungen  Wirklichkeitsmenschen
  vielleicht  noch  mehr  ab.  Ihm  lag  das  Herrengefühl
  näher,  das  damals  wie  heute  in  den  Korps  steckte,  und
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        16  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

die  mit  diesem  Gefuͤhl  verbundene  Begier,  den  Zwang  der  Sitte
und  des  Hauses  einmal  gründlich  wegzuwerfen.

So  wandte  er  sich  denn  von  der  Burschenschaft  ab  und  trat  bei
den  roten  Hannoveranern  ein.  Die  Art,  wie  er  mit  diesen  zusammen
kam,  wird  also  erzählt:  Bismarck  war  wegen  eines  jugendlichen  Unfugs
  vor  den  Universitätsrichter  geladen  —  man  nannte  ihn  wohl
schon  damals,  wie  zu  unsern  Zeiten:  Kadi.  Der  große,  sehr  schmale
Jüngling  begab  sich  dorthin  in  langem,  hellem  schlafrockartigem  Gewande,
  mit  seltsam  konstruierter  Mütze,  ein  gedrehtes  Eisenstäbchen
in  der  Hand,  begleitet  von  einem  mächtigen  weißgelben  Hunde.
Unterwegs  erregte  er  wegen  dieses  Kostüms  die  Heiterkeit  einiger
Studiosen  von  der  Landsmannschaft  Hannovera.  Er  antwortete
mit  einer  Forderung;  aber  den  älteren  Studenten  war  die  Menfur
mit  dem  blutjungen  Fuchs  nicht  lieb.  Ihr  Senior,  ein  Hausgenosse
Bismarcks,  legte  den  Konflikt  bei.  Am  5.  Juli  wurde  er  zur
Aufnahme  vorgeschlagen;  am  6.  trat  er  vorläufig  ein;  am  9.Juli,
nach  der  ersten  Mensur,  wurde  er  endgültig  aufgenommen.

In  diesem  Korps  hat  er  nun  alle  studentischen  Genüsse,  zu
denen  er  die  robuste  Natur  des  märktsch-pommerschen  Junkers
mitbrachte,  ausgekostet.  Doch  daß  er  tiefinnerlich  ein  anderer
war  als  seine  Genossen,  das  zeigen  schon  die  wenigen  Außerungen,
  die  aus  dieser  Zeit  von  ihm  erhalten  sind.  Viel  verkehrte
  er  damals  in  Göttingen  mit  dem  Hannoveraner  Gustav
Scharlach,  dem  späteren  Amtshauptmann  in  Münden,  und  dieser
erzählte  seinen  Kindern  oft  und  gern  von  den  gemütlichen
Abenden,  die  sie  beide  auf  der  tabakqualmerfüllten  Studentenbude
  bei  Pellkartoffeln  und  Göttinger  Leberwurst,  und  wenn's
hoch  herging,  bei  einer  Flasche  Scharlachberger,  der  schon  des
Namens  wegen  zum  Lieblingswein  ernannt  war,  verbrachten.
Wie  sie  damals  ihre  Zukunftspläne  geschmiedet  und  einmal
das  Wort  Bismarcks  gefallen  sei:  „Weißt  du,  Scharlach,  ich
werde  entweder  der  größte  Lump  oder  der  erste  Mann  Preußens.“
Auch  wenn  ihm  die  Art,  wie  die  Burschenschafter  die  nationalen
Ideen  vertraten,  nicht  behagte,  weil  sie  ihm  zu  überspannt  und
außerhalb  erreichbarer  historischer  Möglichkeit  lagen,  er  bewahrte
sich  innerlich  doch  seine  nationalen  Empfindungen  und  den
        <pb n="26" />
        Der  Göttinger  Korpsstudent  17

Glauben,  daß  die  Entwicklung  der  nächsten  Zukunft  zur  deutschen
  Einheit  führen  werde;  ging  er  doch  mit  seinem  amerikanischen
  Freunde  Coffin  die  Wette  darauf  ein,  daß  dieses  Ziel
in  zwanzig  Jahren  erreicht  sein  werde.

In  sein  erstes  Semester  fiel  die  Hambacher  Feier.  Dreißigbis
  vierzigtausend  Personen  versammelten  sich  am  27.  Mai  1832
auf  der  Schloßruine  zu  Hambach  bei  Neustadt  a.  d.  Hardt  zu
landesüblichen  Frühlingsvergnügungen  mit  großangelegtem  politischen
  Aufputz,  mit  revolutionären  Auftritten  und  Reden,  um
der  Ausbreitung  demokratischer  Gesinnung  und  der  Hoffnung
auf  einen  „freiheitlichen  Völkermai“  zu  dienen.  —  In  Bismarcks
drittes  Semester  fiel  der  Frankfurter  Putsch.  Am  3.  April  1833
wollten  einige  Demokraten,  denen  sich  Studenten,  Handwerker
und  einige  bei  solchen  Auftritten  damals  unvermeidliche  Polen
zugesellten,  den  Frankfurter  Bundestag  sprengen  und  Deutschland
  zu  einer  republikanischen  Bewegung  fortreißen.  Sie  überfielen
  die  Haupt=  und  Konstablerwache,  töteten  einige  Soldaten,
die  Widerstand  leisteten,  wurden  aber  vom  Militär  nach  tapferem
Kampfe  überwältigt  und  in  Haft  gebracht,  aus  der  die  meisten
wieder  entkamen.  Solche  Erscheinungen  stießen  Bismarck  ab,
seiner  preußischen  Schulung  widerstrebten  tumultuarische  Eingriffe
  in  die  staatliche  Ordnung.  —  über  auswärtige  Angelegenheiten,
  mit  denen  das  Publikum  sich  damals  wenig  beschäftigte,
dachte  er  aber,  wie  die  Nationalgesinnten,  im  Sinne  der  Freiheitskriege,
  vom  preußischen  Offiziersstandpunkt  gesehen.  Beim
Blick  auf  die  Landkarte  ärgerte  ihn  der  französtsche  Besitz  von
Straßburg;  der  spätere  Besuch  von  Heidelberg,  Speier  und  der
Pfalz  stimmte  ihn  rachsüchtig  und  kriegslustig.

Studiert  im  engeren  Sinne  des  Wortes  hat  er  in  Göttingen
nicht.  Wenn  ihm  Professor  Hugo,  der  berühmte  Rechtslehrer,
an  den  er  noch  dazu  einen  Empfehlungsbrief  mit  nach  Göttingen
genommen,  in  sein  Abgangszeugnis  schrieb,  daß  er  den  Studiosus
von  Bismarck  nie  in  seinem  Auditorium  gesehen  habe,  so  werden
die  anderen  Professoren  wohl  ein  Gleiches  ihm  haben  bezeugen
können.  Er  selbst  bestätigte  es,  wenn  er  nach  der  Göttinger
Zeit  von  Berlin,  November  1833,  an  seinen  Freund  Scharlach

A.  Matthias,  Blsmarck  2
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        18  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

mit  der  Uberschrift  „lieber  Giesecke“  —  das  war  der  Studentenname
  Scharlachs  —  schrieb:  „Willst  Du  diesen  Brief  in  derselben
  Stimmung  lesen,  in  welcher  er  geschrieben  ist,  so  trinke
erst  1  Fl.  Madeira.  Ich  würde  mich  wegen  meines  langen
Stillschweigens  entschuldigen,  wenn  Dir  nicht  meine  angeborene
Tintenscheu  bekannt  wäre,  und  wenn  Du  nicht  wüßtest,  daß
ich  in  Göttingen  lieber  zwei  Flaschen  Rheinwein  trank,  als
einen  Brief  schrieb,  und  daß  ich  beim  Anblick  einer  Feder
Convulsionen  bekam.“  Er  wird  aus  diesem  Grunde  auch  keine
Kollegien  besucht  haben.  Wo  sollte  die  „Zeit  zum  Ochsen“  bleiben,
wenn  man  bedenkt,  wie  viel  Feste  er  feierte,  wenn  man  liest
von  den  „Weinkommerschen“  in  Weende  und  Münden,  von  den
Amtern  als  Fuchsmajor  und  Konsenior,  die  er  zu  verwalten
hatte,  von  den  lustigen  Streichen,  bei  denen  einem  das  studentische
  Herz  aufgeht,  wie  er  entgegen  den  vormärzlichen  Verboten
  mehrmals  auf  der  Straße  zu  rauchen  gewagt,  wie  er  mit
einem  Gulden  belegt  wurde  wegen  Auswerfens  einer  leeren
Bouteille  auf  die  Straße;  wenn  man  hört  von  den  Fahrten
nach  der  Rudelsburg;  von  Ausflügen  nach  Thüringen,  von
fünfundzwanzig  Mensuren  in  drei  Semestern,  deren  Ergebnisse
gerühmt  wurden,  da  nur  ein  „Blutiger“  ihn  traf.  Es  waren
das  meist  sogenannte  Bestimmungsmensuren  mit  korpsstudentischen
  Gegnern.  Nur  einmal  war  es  ernst,  als  er  sechs  Mann
auf  einmal  forderte,  die  auf  Preußens  König  geschimpft  und
gesagt  hatten,  die  Preußen  seien  nie  honorige  Studenten.  Fünf
davon  hat  Bismarck  losgelassen,  weil  sie  nüchternen  Tages  erklärten,
  sie  seien  nachts  zuvor  betrunken  gewesen.  Einen  aber
hat  er  festgehalten.  Einmal  ist  er  auch  mit  elf  Tagen  Karzer
und  einmal  mit  sieben  Tagen  bestraft  und  auch  mit  doppelter
Androhung  der  Relegation.  Aber  niemals  waren  es  ehrenrührige
  Sachen,  die  er  beging,  sondern  Unfug,  aus  dem  studentischen
  Leben  erwachsend,  deshalb  auch  nicht  tragisch  zu  nehmen.
Daß  er  zu  wenig  gearbeitet  und  lästige  Schulden  gemacht  habe,
hat  Bismarck  später  als  schwarze  Punkte  seiner  Erinnerung
bezeichnet.

Gleichwohl  verflachte  er  nicht  im  Studentenleben,  und  ein
        <pb n="28" />
        Göttinger  Freundschaften  19

Korpssimpel  ist  er  nie  gewesen;  seine  Beziehungen  zum  alten
Korps  sind  nicht  sehr  rege  geblieben;  sie  lockerten  sich  allmählich.
  Schon  in  Göttingen  war  er  nicht  ausschließlich  mit  seinem
Korps  in  Verkehr.  Er  hielt  sich  schon  damals  wie  Zeit  seines
Lebens  unabhängig  und  blieb  immer  sein  eigner  Herr.  Er  suchte
Umgang  mit  Engländern  und  Amerikanern  wie  mit  Coffin  und
dem  späteren  Historiker  der  Niederlande  Motley  aus  Dorchester
in  Massachusets.  Es  ist  rührend,  wie  diese  Freundschaft  mit
dem  freien,  ruhigen  und  klugen  Amerikaner  Motley  auch  in
dem  alternden  Bismarck  in  jugendlicher  Kraft  erhalten  bleibt,
und  der  Kanzler  wie  ein  Kind  sich  freut,  als  des  Freundes
Besuch  in  Varzin  bevorstand.  Auch  mit  einigen  preußischen
Edelleuten  hatte  er  nahe  Beziehungen  wie  mit  den  Freiherrn
von  Canitz  und  zwei  Grafen  Schulenburg  und  mit  dem  witzigen
Balten  Grafen  Hermann  Keyserling.  Mit  diesem  erging  er  sich
gern  auch  in  wissenschaftlichen  Gesprächen.  Dieser  Umgang
machte  dem  jungen  Bismarck  Ehre.  Denn  Graf  Keyserling  war
ein  Mann  von  großer  Bildung  und  weitem  Geist,  eine  in  jeder
Beziehung  liebenswerte  Persönlichkeit,  durch  und  durch  Aristokrat,
  dabei  bescheiden,  frisch,  heiter  und  klar  in  seinen  kerngesunden
  Gefühlen.  In  Wissenschaft  scheint  Bismarck  sonst  nur  mit
dem  Geschichtskolleg  des  Historikers  Heeren  in  Beziehung  getreten
zu  sein,  der,  ein  Mann  von  nüchterner  Klarheit  und  Weite  der
historischen  Betrachtungsweise,  ihm  vielleicht  die  ersten  Keime
ins  Herz  gesenkt  hat  zu  kräftigem  Sinn  für  historische  Wirklichkeit
  und  wahre  Macht.

Im  Herbst  1833  ging  Bismarck  nach  Berlin,  wie  er  selbst
sagt,  mit  weniger  liberaler  Gesinnung,  als  er  es  verlassen  hatte,
eine  Reaktion,  die  sich  wieder  abschwächte,  nachdem  er  mit  dem
staatlichen  Räderwerk  in  unmittelbare  Beziehung  getreten  war.
Auf  der  Rückreise  lag  er  in  Braunschweig,  Magdeburg,  Schönhausen
  und  Brandenburg  drei  bis  vier  Wochen  am  Fieber.
Dann  fanden  sehr  unangenehme  Szenen  zwischen  ihm  und  seinem
„Alten“  statt,  der  sich  weigerte,  seines  Sohnes  Schulden  zu
bezahlen.  Das  versetzte  ihn,  wie  er  Freund  Scharlach  schreibt,
„in  eine  etwas  menschenfeindliche  Stimmung,  ungefähr  wie

2*
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        20  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

Charles  Moor,  als  er  Räuber  wird;  doch  tröste  ich  mich,  wie
jener  Straßenjunge:  „et  is  minem  Vater  schonst  recht,  det  ik
friere,  worum  koft  er  mir  keene  Henschen‘.  Der  Mangel  ist  so
arg  noch  nicht,  weil  ich  ungeheuren  Credit  habe,  welches  mir
Gelegenheit  gibt,  liederlich  zu  leben;  die  Folge  davon  ist,  daß
ich  blaß  und  krank  aussehe,  welches  mein  Alter,  wenn  ich
Weihnachten  nach  Haus  komme,  natürlich  meinem  Mangel  an
Subsistenzmitteln  zuschreiben  wird;  dann  werde  ich  kräftig  auf—
treten,  ihm  sagen:  daß  ich  lieber  Mohammedaner  werden,  als
länger  Hunger  leiden  wollte,  und  so  wird  sich  die  Sache  schon
machen.“  Einstweilen  lebte  er  Kronenstraße  44  wie  ein  gentleman,
  gewöhnte  sich  ein  geziertes  Wesen  an,  sprach  viel  französisch,
  brachte  den  größten  Teil  seiner  Zeit  mit  Anziehen,  den
übrigen  mit  Visitenmachen  und  bei  seiner  alten  Freundin,  der
Flasche,  zu;  des  Abends  betrug  er  sich  im  ersten  Rang  der
Oper  so  flegelhaft  als  möglich.  So  schildert  er  sich  seinem
Freunde  Scharlach,  wohl  etwas  burschikos  renommierend,  und
fährt  dann  fort:  „Du  würdest  erstaunen,  wenn  Du  jetzt  einmal
  Gelegenheit  hättest,  meine  Garderoben  zu  sehen  —  ein
Haufen  von  Manschetten,  Halsbinden,  Unterhosen  und  andern
Luxusartikeln.  Dabei  langweile  ich  mich  mit  leidlichem  Anstande
  ..  .  .  Aus  Göttingen  ist  noch  hier:  Bierbaum,  Löhning
und  Genossen,  das  Faultier  Sch.  und  der  schlanke  Freiheitsbaum
  der  Aristokratie,  dem  zum  Menschen  Alles,  zum  Kammerherrn
  nichts  fehlt,  als  ein  Schloß  vor's  Maul.  Er  lebt  hier
in  seeliger  Gemeinschaft  mit  dreißig  Vettern,  denen  er  allen
nichts  vorzuwerfen  hat,  und  von  deren  Beisammensein  eine
polizeiwidrige  Anhäufung  von  Dummheit  die  einzige  Folge  ist;
‚sie  essen  nicht,  sie  trinken  nicht",  was  tun  sie  denn?  Sie  zählen
ihre  Ahnen.  Bei  dem  Artikel  Dummheit  fällt  mir  ein,  daß
meine  Alte  ganz  ernstlich  darauf  dringt,  ich  solle  noch  einmal
zum  Prediger  gehen,  weil  ich  sagte,  manches  in  der  Bibel  sei
bildlich  gemeint.“

Wie  arbeits=  und  sorglos  er  in  Berlin  in  den  Tag  hineinlebte,
  zeigte  sich  auch  darin,  daß  er  im  Dezember  1833,  seinem
vierten  Semester,  sein  Göttinger  Abgangszeugnis  noch  nicht  hatte.
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        Der  Berliner  Student  21

Vermutlich  war  es  von  seinen  Gläubigern  mit  Beschlag  belegt.
Er  bat  seine  Göttinger  Freunde,  es  ihm  zu  verschaffen.  Erst  im
April  1834  traf  es  ein,  wie  er  fürchtet,  zu  spät,  da  die  Berliner
  Universitätsbehörde  schon  seit  Weihnachten  nichts  mehr
von  ihm  wissen  wollte.  Trotzdem  machte  er  sich  keine  ernsten
Sorgen;  er  schreibt  im  April  1834  von  Kniephof  an  Scharlach:
„Ich  werde  daher  wohl  das  Portefeuille  der  Auswärtigen  ausschlagen,
  mich  einige  Jahre  mit  der  rekrutendressserenden  Fuchtelklinge
  amüsieren,  dann  ein  Weib  nehmen,  Kinder  zeugen,  das
Land  bauen  und  die  Sitten  meiner  Bauern  durch  unmäßige
Branntweinfabrikation  untergraben.  Wenn  Du  also  in  zehn
Jahren  einmal  in  die  hiesige  Gegend  kommen  solltest,  so  biete  ich
Dir  an,  so  viel  Kartoffelschnaps  zu  trinken,  als  Du  willst  und
auf  der  Hetzjagd  den  Hals  zu  brechen,  so  oft  es  Dir  gut  scheint.
Du  wirst  hier  einen  fettgemästeten  Landwehrofftzier  finden,
einen  Schnurrbart,  der  schwört  und  flucht,  daß  die  Erde  zittert,
einen  großen  Abscheu  vor  Franzosen  hegt  und  Hunde  und  Bediente
  auf  das  Brutalste  prügelt,  wenn  er  von  seiner  Frau
tyrannisirt  worden.  Ich  werde  lederne  Hosen  tragen,  mich  zum
Wollmarkt  in  Stettin  auslachen  lassen,  und  wenn  man  mich
Herr  Baron  nennt,  werde  ich  mir  gutmütig  den  Schnurrbart
streichen  und  um  zwei  Thaler  wohlfeiler  verkaufen;  zu  Königs
Geburtstag  werde  ich  mich  besaufen,  und  vivat  schreien,  übrigens
mich  häufig  anreißen  und  mein  drittes  Wort  wird  sein:  Auf
Ahre!  superbes  Pferd!  Kurz,  ich  werde  glücklich  sein  im  ländlichen
  Kreise  meiner  Familie;  car  tel  est  mon  plaisir.  Schade,
daß  meine  Kenntnisse  so  vermodern,  ich  war  schon  bis  zur  Beendigung
  der  Obligationen  gekommen.“

Um  die  Zeit,  als  er  diesen  Brief  schrieb,  muß  es  zu  ernsten
Auseinandersetzungen  mit  den  Eltern  gekommen  sein,  die  schließlich
  kategorisch  verlangten,  er  solle  Soldat  werden;  sie  scheinen
daran  verzweifelt  zu  haben,  daß  Bismarck  ein  Examen  bestehen
werde.  Nun  nahm  er  seine  Kraft  zusammen,  versuchte  Kollegien
  zu  hören,  z.  B.  Staatsrecht  bei  Savigny,  sah  aber  ein,
daß  auf  diese  Weise  Versäumtes  nicht  nachzuholen  sei.  Er  gab
das  auf  und  holte  unter  Beihilfe  eines  tüchtigen  Privatdozenten
        <pb n="31" />
        22  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

durch  eisernen  Fleiß  die  Versäumnisse  von  vier  Semestern  nach
und  bestand  um  Ostern  1835,  zwanzig  Jahre  alt,  als  hin—
reichend  qualifiziert  das  erste  juristische  Eramen.  Ganz  anders
klingt  jetzt,  was  er  am  5.  Mai  an  Scharlach  schreibt.  Mit  siegreicher
  Festigkeit  habe  er  dem  Wunsche  der  Eltern,  Soldat  zu
werden,  widerstanden,  vermittels  angestrengter  Arbeit  „mit
Hilfe  der  heiligen  Jungfrau“  habe  er  sein  Ziel  erreicht;  ein
Jahr  noch  wolle  er  als  königlicher  Beamter,  d.  h.  als  Referendar
  beim  Berliner  Stadtgerichte  arbeiten,  um  dann  zur
Regierung  nach  Aachen  zu  gehen,  nach  Verlauf  eines  zweiten
Jahres  das  diplomatische  Examen  zu  machen  und  sich  der
Huld  des  Schicksals  zu  empfehlen,  wo  es  ihm  vor  der  Hand
gleichgültig  sei,  ob  man  ihm  Petersburg  oder  Rio  de  Janeiro
zum  Aufenthalt  anweise.  Er  sei  seit  sechs  Monaten  nicht  einmal
  halb  heiter  gewesen  und  beschäftige  sich  den  Tag  über
wissenschaftlich.

Wenn  es  auch  aus  jenem  Briefe  vom  April  1834  klingt,
als  ob  Bismarck  eine  Zeitlang  vollständig  verbummelt  gewesen
sei,  in  Wirklichkeit  war  es  wohl  etwas  anders  gewesen.  Die
Persönlichkeiten,  zu  denen  er  Beziehungen  pPflegte,  waren  doch
geistig  zu  bedeutend.  Herbst  1833  trat  er  Albrecht  von  Roon
und  Moritz  von  Blanckenburg  näher.  Im  Winter  dieses  Jahres
verkehrte  er  beständig  freundschaftlich  mit  Motley  und  dem
Grafen  Alexander  Keyserling,  dem  Bruder  des  Göttinger  Hermann;z
  außerdem  war  er  viel  in  vornehmen  Häusern  seiner  Verwandten
  von  Kessel  und  des  Grafen  von  Bismarck-Bohlen,  der
eine  geistig  hochstehende  Frau  hatte.  Motley  besonders  hatte
Einfluß  auf  Ausweitung  des  Bismarckschen  Gesichtskreises,  denn
er  war  reich  an  Geist  und  Seele,  dichterisch,  träumerisch,  zart,
und  von  unermüdlicher  Hinneigung  zum  Wissen.  Keyserling
war  ebenfalls  geistreich,  literarisch  eifrig  und  zu  fein  und  graziös,
  um  einem  Verbummelten  seine  Zeit  zu  schenken.  Und
wenn  wir  die  Briefe  an  Scharlach  lesen:  der  Unterton,  der
aus  der  burschikosen  Renommage  klingt,  ist  doch  ein  Herzenston,
  der  sich  im  Grunde  abwendet  von  dem  Zukunftsbilde,  das
Bismarck  von  sich  selbst  entwirft.  In  diesen  wenigen  Briefen
        <pb n="32" />
        Der  Berliner  Student.  Erstes  juristisches  Examen  23

offenbart  sich  Shakespearischer  Geist.  Sie  sind  voll  von  der
Kraft  eines  Genius,  reich  an  Greifbarkeit  des  Stils,  der  mit
der  Wirklichkeit  sich  restlos  deckt,  übersprudelnd  von  Witz,
frei  von  blasser  Reflexion  und  trotz  schnöder  Verachtung  der
geistigen  Sphäre  doch  von  einer  unbändigen  Geistigkeit,  die  den
Erdgeruch  der  märkischen  Scholle  an  sich  trug.  Ein  Junker  war
dieser  Bismarck,  aber  keiner  von  der  Art,  wie  er  sie  Scharlach
schilderte,  sondern  ein  Junker  in  dem  hohen  königlichen  Sinne,
wie  der  Prinz  Heinz  von  Wales,  der  später  Heinrich  V.  war,
in  dem  wir  Bismarck  zu  hören  glauben,  wenn  er  sagt:

„Ich  kenn'  euch  all',  und  unterstütz'  ein  Weilchen
Das  wilde  Wesen  eures  Müßiggangs.

Doch  darin  tu'  ich  es  der  Sonne  nach,

Die  niederm,  schädlichem  Gewölk  erlaubt

Zu  dämpfen  ihre  Schönheit  vor  der  Welt,
Damit,  wenn's  ihr  beliebt  sie  selbst  zu  sein,
Weil  sie  vermißt  ward,  man  sie  mehr  bewundre.“

Die  ersten  Strahlen  dieser  Sonne  brachen  durch,  als  der
Zwanzigjährige  in  kürzester  Frist  sein  erstes  juristisches  Examen
machte  und  mit  einem  Ernst,  wie  er  sonst  nur  gereiften  Naturen
eigen  zu  sein  pflegt,  seine  neue  amtliche  Tätigkeit  angriff.  Er
war  entschlossen,  die  diplomatische  Laufbahn  zu  wählen,  fand
aber,  als  er  sich  beim  Minister  des  Auswärtigen  Ancillon  vorstellte,
  wenig  Ermutigung.  Der  Minister  war  der  Meinung,
daß  der  hausbackene  preußische  Landadel  zur  Diplomatie  nicht
recht  geeignet  sei;  Erfolge  habe  er  nicht  geliefert.  Bismarcks
spätere  Erfahrung  mußte  Ancillon  recht  geben,  er  fand  meist
dann  tüchtige  Diplomaten,  wenn  diese  aus  der  militärischen
Stellung  kamen;  bei  Zivildiplomaten  aber  eine  zu  starke  Reigung
  zur  Kritik,  zum  Besserwissen,  zur  Opposition  und  zu  persönlichen
  Empfindlichkeiten,  besonders  wenn  dem  preußischen
Edelmann  ein  Standesgenosse  über  den  Kopf  zu  wachsen  drohte
und  dieser  außerhalb  der  militärischen  Verhältnisse  sein  Vorgesetzter
  wurde.  Auch  erblickten  diese  Diplomaten  in  der  zufälligen
  Kenntnis  fremder  Sprachen,  namentlich  der  französischen,
  zu  sehr  eine  Bevorzugung  und  wurden  anspruchsvoller,
        <pb n="33" />
        24  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

selbst  wenn  sie  politisch  als  verständnis-  und  urteilslos  bekannt
waren.  Ebenfalls  mußte  seine  Erfahrung  Ancillon  darin  recht
geben,  wenn  er  von  dem  preußischen  Landadel  den  Eindruck
hatte,  als  wenn  dieser  sich  aus  dem  engen  Gesichtskreis  der
damaligen  Berliner,  man  könnte  sagen  provinziellen  Verhältnisse
schwer  loslösen  ließ.  Die  an  den  kleinen  Höfen  erwachsenen,
in  den  preußischen  Dienst  übernommenen  Diplomaten  hatten  nicht
selten  vor  den  eingeborenen  die  größere  Sicherheit  der  Bewegung
in  höfischen  Kreisen  und  einen  größeren  Mangel  an  Blädigkeit
voraus.  Ausländische  Namen,  wie  Brassier,  Perponcher,  Savigny,
Oriola  standen  außerdem  höher  im  Kurse  als  einheimische.  Man
nahm  bei  ihnen  größere  Geläufigkeit  im  Französischen  an;  außerdem
  galten  sie  mehr,  weil  sie  „weiter  her“  waren.  Ancillon
riet  daher  dem  jungen  Bismarck,  zunächst  das  Examen  als
Regierungsassessor  zu  machen  und  dann  auf  dem  Umwege  durch
die  Zollvereinsgeschäfte  Eintritt  in  die  deut  sche  Diplomatie
Preußens  zu  suchen;  einen  Beruf  für  die  europäische  Politik
erwartete  er  also  bei  einem  Sprößling  des  einheimischen  Landadels
  nicht.

Ein  interessantes  Bild:  Der  Mann,  der  zu  der  franzosenfreundlichen
  Umgebung  des  Königs  in  den  schweren  Tagen  von
1813  gehörte,  dieser  glatte  „Hofpfaffe“,  wie  ihn  Gneisenau
genannt,  der  leichtsinnig  genug  war,  fünf  Jahre  (1832—37)
als  Minister  des  Auswärtigen  und  als  Metternichscher  Helfershelfer
  zu  fungieren,  dieser  füßliche  Vertreter  einer  kraft=  und
willenlosen  auswärtigen  Politik,  riet  Bismarck  ab  vom  Diplomatendienst,
  glaubte  der  Lenker  sein  zu  können  eines  Genius,
dessen  Politik  über  die  des  schwächlichen  Hofpfaffen  und  Metternichs
  hinwegzuschreiten  berufen  war  mit  nie  gesehener  Kunst  und
Kraft  preußischer  und  deutscher  Diplomatie.

Bismarck  folgte  dem  Rate  des  Ministers  und  entschloß  sich,
das  Examen  als  Regierungsassessor  zu  machen.  Zunächst  trat
er  im  Frühling  1835  in  die  praktische  Ausbildung  als  Auskultator
  ein  und  hatte  vier  Monate  beim  Kriminalgerichte
Protokoll  zu  führen,  wozu  er  von  dem  Rate  von  Vrauchitsch
über  Gebühr  herangezogen  wurde,  weil  er  über  den  Durch-
        <pb n="34" />
        Der  Auskultator  25

schnitt  schnell  und  lesbar  schrieb.  Aber  er  tat  seine  Pflicht  und
tat  sie  gern.  Ein  anderer  Geist  war  in  ihn  eingezogen.  Das
zeigt  ein  Brief  an  seinen  Freund  Scharlach  (vom  18.  Juni  1835),
der  im  geraden  Gegensatz  steht  zu  dem  verzweifelten  Schreiben
aus  dem  April  1834.  Er  schreibt:  „Ich  bin  jetzt  wieder  in
vollem  Zuge  beschäftigt,  die  Verbrechen  der  Berliner  ans  Licht
zu  ziehen  und  zu  bestrafen.  Dieser  dem  Staat  geleistete  Dienst,
bei  welchem  mir  bis  jetzt  die  mechanische  Function  des  Proto—
kollirens  obliegt,  sprach  an,  oder  war  leidlich,  so  lange  er  neu
war;  nun  sich  aber  meine  schönen  Finger  unter  der  Last  der
immer  beweglichen  Feder  zu  krümmen  anfangen,  wünsche  ich
sehnlichst,  mich  dem  Gemeinwesen  auf  eine  andere  Weise  nützlich
  machen  zu  können.  Doch  eine  unphilosophische  Leidenschaft
läßt  mich  diese  sowie  manche  andere  Unannehmlichkeit  mit  Geduld
  ertragen;  du  wirst  sie  errathen,  und  es  wird  dich  nicht
befremden  zu  hören,  daß  mein  Ehrgeiz,  welcher  früher  minder
heftig  und  anders  gerichtet  war,  mich  zu  einem  in  meinem  bisherigen
  Leben  beispiellosen  Fleiß  veranlaßt,  sowie  zur  Ergreifung
aller  andern  Mittel,  welche  mir  irgend  zur  Beförderung  im
Leben  zweckdienlich  scheinen..  Ich  bin  meines  Theils  zur
Zeit  so  verblendet,  daß  ich  ein  reines  Vergnügen  ohne  Nutzen
für  Zeitverlust  halte,  meinen  Bedienten  mit  den  unfreundlichsten
  Instructionen  gegen  jeden  Besucher  versehe  und  äußerst
verdrießlich  darüber  bin,  daß  mein,  sich  zum  Wettrennen  hier
aufhaltender  Alter  mich  täglich  zu  einem  dreistündigen  Mittagessen
  zwingt.“

Also  Ehrgeiz  und  Pflichtgefühl  erfüllen  ihn  jetzt  ganz  und
gar,  und  er  arbeitet  mit  der  ganzen  Wucht  seines  starken  Willens.
Und  doch  tritt  immer  wieder  der  Landjunker  mit  seinem  Freiheitsbedürfnis
  und  seiner  Natursehnsucht  zutage.  In  demselben
Brief  schreibt  er:  „Mein  Leben  ist  wirklich  etwas  kläglich,  bei
Lichte  besehen;  am  Tage  treibe  ich  Studien,  die  mich  nicht  ansprechen,
  Abends  affektire  ich  in  den  Gesellschaften  des  Hofes
und  der  Beamten  ein  Vergnügen,  welches  ich  nicht  Sch.  Cheißt
wohl  „Schaf“  oder  „Schafskopf“)  genug  bin  zu  empfinden
oder  zu  suchen.  Ich  glaube  schwerlich,  daß  mich  die  vollkommenste
        <pb n="35" />
        26  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

Erreichung  des  erstrebten  Zieles,  der  längste  Titel  und  der
breiteste  Orden  in  Deutschland,  die  staunenswertheste  Vornehmheit,
  entschädigen  wird,  für  die  körperlich  und  geistig  eingeschrumpfte
  Brust,  welche  das  Resultat  dieses  Lebens  sein  wird.
Ofters  regt  sich  noch  der  Wunsch,  die  Feder  mit  dem  Pflug,
und  die  Mappe  mit  der  Jagdtasche  zu  vertauschen;  doch  das
bleibt  mir  ja  immer  noch  übrig.“

Nachdem  Bismarck  vier  Monate  protokolliert  hatte,  wurde
er  zum  Stadtgerichte  versetzt,  von  der  völlig  mechanischen  Beschäftigung
  in  eine  durchaus  selbständige  Tätigkeit.  Der  Jüngling
  von  zwanzig  Jahren  hatte  Ehescheidungssachen  zu  erledigen.
Man  hatte  diese,  als  unwichtig  angesehenen  Sachen,  dem  unfähigsten
  Rate,  namens  Prätorius,  übertragen  und  den  grünen
Auskultatoren,  die  hier  ihre  ersten  selbständigen  Experimente
zu  machen  hatten;  denn  der  verantwortliche  Richter  wohnte
ihren  Verhandlungen  nicht  bei.  Als  Bismarck  einmal  eines
Ehezwistes  nicht  Herr  werden  konnte,  rief  er  Herrn  Prätorius
zu  Hilfe,  der  ihm  die  Sache  vormachte,  aber  auch  nichts  zustande
  brachte  und  die  Verhandlung  mit  den  Worten  schloß:
„Nun  merken  Sie  sich,  wie  man  das  macht,  und  lassen  Sie
mich  künftig  mit  dergleichen  in  Ruhe."“

Ansprechender  wurde  die  Abteilung  für  Bagatellprozesse,  in
die  er  nach  sechs  Wochen  versetzt  wurde:  hier  bekam  er  wenigstens
einige  Ubung  in  Aufnahmen  von  Klagen  und  Vernehmen  von
Zeugen;  doch  viel  wurde  seine  Belehrung  nicht  gefördert;  außerdem
  saß  er  mit  dem  leitenden  Rate  und  vier  bis  fünf  andern
Auskultatoren  in  einem  von  Gittern  und  lärmenden  Parteien
umgebenen  Raum,  wie  in  einem  Käfig.

Den  Winter  über  war  er  von  morgens  acht  Uhr  bis  abends
fleißig;  dann  zog  er  sich  an  und  ging  in  Gesellschaft;  auch  zu
Hofe.  Große  Reigung  dazu  hatte  er  nicht;  aber  seine  „Alten“
wünschten  es,  und  sie  hatten  seiner  Meinung  nach  ein  Recht
dazu,  da  es  für  sein  Fortkommen  von  Nutzen  sein  könne.  Auf
einem  Hofballe  wurde  er  hier  dem  Prinzen  Wilhelm,  dem  späteren
Kaiser,  mit  einem  Herrn  von  Schenk  zusammen  vorgestellt,  der
ebenso  groß  wie  Bismarck  und  ebenfalls  Auskultator  war.
        <pb n="36" />
        Der  Auskultator  27

Prinz  Wilhelm  sagte  scherzend  zu  den  beiden  gewaltigen  Jünglingsgestalten:
  „Nun,  die  Justiz  sucht  sich  ihre  jungen  Leute
jetzt  wohl  nach  dem  Gardemaß  aus.“  Wer  ahnte  damals,  daß
dieses  Gardemaß  zu  etwas  anderem  auserlesen  war,  als  zur
Erledigung  von  Bagatellprozessen.

Wenn  Bismarck  von  der  Arbeit  des  Kopfes  rastete,  dann
verlangte  das  Herz  sein  Recht;  dann  war  er  verliebt  und  trug
sich  bereits  mit  Heiratsgedanken.  Am  20.  Oktober  1835  gratulierte
  er  seinem  fünf  Jahre  älteren  Freunde  Scharlach  zur
Verlobung  und  schreibt:  „Ich  muß  doch  etwas  unwillkührlich
lächeln,  wenn  ich  uns  beide  als  Eheleute  denke;  die  glücklichen
Weiber!  Nicht,  als  ob  bei  mir  der  Zeitpunkt  auch  schon  so
nahe  läge,  wo  ich  unter  der  Masse  des  zweiten  Geschlechts
diejenige  werde  namhaft  machen,  welche  ich  gesonnen  bin
zu  meiner  Gattin  (unter  uns  gesagt,  das  einzige  Wesen
in  der  Welt,  welches  ich  beneide)  zu  erwählen;  ich  bin  zwar
fortwährend  exzessiv  verliebt,  wechsele  aber  häufig  den  Gegenstand
  meiner  Neigung;  doch  würde  ich  vielleicht  sehr  bald  einige
Versuche  dazu  machen,  wenn  bei  mir  irgend  eine  leidenschaftliche
  Aufregung  von  Dauer  war.  Ich  finde  meine  Ruhe  immer
bald  wieder  und  lebe  auf  diese  Weise  leidlich  zufrieden,  bis
auf  mitunter  eintretende  pecuniäre  Unannehmlichkeiten,  denn
du  glaubst  nicht,  was  meine  Alten  in  dieser  Beziehung  unduldsam
  sind;  das  Leben  hier  ist  infam  theuer,  besonders  wie  ich
es  zu  führen  gewissermaßen  gezwungen  werde;  so  kommt  es,
daß  ich  zwei  sehr  drückende  Posten  in  Göttingen  noch  immer
nicht  bezahlt  habe.“

Bis  in  die  Frühlingsmonate  arbeitete  er  für  den  Regierungsreferendar.
  Im  April  und  Mai  1836  sehen  wir  ihn  in
Schönhausen  in  schwerer  Arbeit  für  dieses  Examen.  Von  dort
schreibt  er  einen  seiner  schönsten  Briefe  an  seinen  Freund:
„Du  würdest  über  mich  lachen,  wenn  Du  jetzt  bei  mir
wärest.  Seit  vollen  vier  Wochen  sitze  ich  hier  in  einem  alten
verwünschten  Schlosse,  mit  Spitzbogen  und  vier  Fuß  dicken
Mauern,  einigen  dreißig  Zimmern,  wovon  zwei  meublirt,  prächtigen
  Damasttapeten,  deren  Farbe  an  wenigen  Fetzen  noch  zu
        <pb n="37" />
        28  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

erkennen  ist,  Ratten  in  Masse,  Camine,  in  denen  der  Wind
heult,  kurz,  in  „meiner  Väter  altem  Schloß“,  wo  sich  alles
vereint,  was  geeignet  ist,  einen  tüchtigen  Spleen  zu  unterhalten.
Daneben  eine  prächtige  alte  Kirche,  mein  Schlafzimmer  mit  der
Aussicht  nach  dem  Kirchhof,  auf  der  andern  Seite  einer  jener
alten  Gärten  mit  geschnittenen  Hecken  von  Taxus  und  prächtigen
  alten  Linden.  Die  einzige  lebende  Seele  in  dieser  verfallenen
  Umgebung  ist  Dein  Freund,  der  hier  von  einer  vertrockneten
  Haushälterin,  der  Spielgefährtin  und  Wärterin
meines  fünfundsechzigjährigen  Vaters,  gefüttert  und  gepflegt
wird.  Ich  bereite  mich  zum  Examen  vor,  höre  die  Nachtigallen,
schieße  nach  der  Scheibe,  lese  Voltaire  und  Spinozas  ethicum,
die  ich  in  der  hiesigen  an  Schweinsledern  ziemlich  reichen  Bibliothek
  gefunden.  Die  Berliner  meinen,  ich  wäre  verrückt,  und  die
Bauern  sagen:  „Use  arme  junge  Hehr,  wat  mak  em  wull  sin“,
wie  mir  meine  alte  „Mamsell“  mitgetheilt  hat.  Dabei  bin  ich
nie  so  zufrieden  gewesen  wie  hier;  ich  schlafe  nur  6  Stunden
und  finde  große  Freude  am  Studiren,  zwei  Dinge,  die  ich
lange  Zeit  für  unmöglich  hielt.  Ich  glaube,  der  Grund  oder
besser  die  Ursache  von  alledem  ist  der  Umstand,  daß  ich  den
Winter  über  heftig  verliebt  war,  ein  recht  befremdliches  factum,
eine  Thorheit,  der  ich  mich  nicht  in  so  hohem  Grade  für  fähig
gehalten  hätte,  aber  es  ist  mir  doch  fatal,  wie  ich  mich  so  aus
meiner  philosophischen  Ruhe  und  Ironie  habe  bringen  lassen;
das  Beste  dabei  ist  aber,  daß  ich  bei  meinen  Bekannten  beiderlei
Geschlechts  immer  für  den  kaltblütigsten  Weiberverächter  gelte;
so  täuschen  sich  die  Leute!  Sie  selbst  hält  mich,  glaube  ich,  für
einen  von  den  wenigen,  auf  die  sie  keinen  Eindruck  gemacht
hat.  Schließe  aus  dieser  Redensart  nicht  etwa,  daß  ich  noch
verliebt  bin,  denn  daß  sie  schön  ist,  kann  ihr  ein  jeder  sagen,
ohne  ihr  zu  schmeicheln  ..  ..  Du  wirst  sie  vielleicht  sehen,  es  ist
meine  Cousine,  jetzt  versprochen  mit  dem  zweiten  Sohn  des  Hh.
v.  M.  (Malortie)  in  Hannover.  Ahal  wirst  Du  sagen  —  unglückliche
  Liebe  —  Einsamkeit  —  Melancholie  —  2c.  Der  Zusammenhang
  ist  möglich,  doch  bin  ich  jetzt  schon  wieder  unbefangen
und  analysire  nach  Spinozistischen  Grundsätzen  die  Ursachen  der
        <pb n="38" />
        Arbeit  für  das  Regierungsreferendarexamen  29

Liebe,  um  es  künftig  mit  mehr  Kaltblütigkeit  zu  treiben.  Eben
‚heult  die  Thurmuhr  Mitternacht“;  also  schlaf  wohl  und  erzähle
mir  in  Deiner  Antwort  so  viel  von  Dir,  wie  ich  Dir  eben  von
mir,  zwei  Themata,  welche  mich  ganz  absonderlich  interessiren."
Seine  beiden  Prüfungsarbeiten  vollendete  er  in  dieser  Zeit,  die
philosophische  am  24.  April,  die  staatswissenschaftliche  am  15.  Mai.
Jene  handelte  über  die  Natur  und  die  Zulässigkeit  des  Eides
im  allgemeinen  und  nach  seinen  verschiedenen  Arten  aus  dem
Gesichtspunkte  der  philosophischen  Rechts=  und  Tugendlehre,
mit  Berücksichtigung  der  Lehre  des  Christentums.  Die  zweite
Arbeit  hatte  das  Thema:  Uber  Sparsamkeit  im  Staatshaushalte,
  ihr  Wesen  und  ihre  Erfolge,  auch  durch  geschichtliche
Beispiele  erläutert.  Die  Arbeiten  werden  sich,  wie  das  bei
Prüfungsarbeiten  so  ist,  an  bestimmte  Vorlagen  angelehnt  haben.
Charakteristisch  für  Bismarck  sind  einzelne  Gedanken:  z.  B.
„die  Sonne  geht  täglich  auf  und  erleuchtet  die  Welt,  aber  nur
wenigen  fällt  es  ein,  daß  dieses  wunderbar  sei,  und  nur  selten
nimmt  jemand  davon  Veranlassung,  an  die  Allmacht  des  Schöpfers
zu  denken,  erschlägt  aber  der  Blitz  einen  Menschen,  so  werden
die,  welche  es  sehen,  mit  Staunen  und  Gottesfurcht  erfüllt  und
preisen  die  wunderbaren  Wege  des  Herrn“.  Von  Religion  spricht
er  sonst  mit  Vorsicht  und  klarer  Zurückhaltung.  Von  einer  Vermenschlichung
  Gottes  mag  er  nichts  hören;  scheinbar  glaubt
er  nicht  an  einen  persönlichen  Gott  oder  doch  nicht  an  ein
persönliches  Verhältnis  zwischen  Gott  und  Menschen.  Längst
schon  sah  er  in  der  Gottheit  eine  kalte  Allmacht  und  Unnahbarkeit
  —  das  war  schon  kein  christlicher  Gott  mehr.  Er  war
Deist  mit  pantheistischen  Beimischungen,  wie  er  selbst  später
schrieb.

Im  Juni  reiste  er  nach  Aachen;  aber  nicht  wie  er  gehofft,
über  Hannover,  wo  er  seinen  Freund  Scharlach  gern  wieder
gesehen  hätte,  der  ihm  ernsthaft  betrübt  über  das  Nichtwiedersehen
  schrieb,  beiläufig  gesagt,  auch  ein  Pufferrezept  schickte,
den  Bismarck  offenbar  liebte.  —  Bismarck  mußte  über
Dresden,  Karlsbad  und  Frankfurt  a.  M.  reisen,  weil  „der
Teufel  eine  alte  Tante  von  hoher  Race  ritt,  daß  sie  wünschte,
        <pb n="39" />
        30  2.  Der  Sendent  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

Bismarck  solle  sie  als  Reisemarschall  nach  Böhmen  begleiten
und  dort  bei  einem  Verwandten  abliefern"“.  Der  Umweg
war  zwar  weit,  aber  Bismarck  tröstete  sich  mit  dem  Gedanken,
  daß  eine  alte  Tante  dasjenige  Thier  auf  der  Welt
sei,  vor  welchem  er,  nächst  einer  hübschen  Cousine,  die  größte
Ehrfurcht  habe.  Er  wagte  deshalb  ihrer  Ungnade  nicht  zu
trotzen;  hätte  er  angeführt,  er  habe  einen  Freund  in  Hannover
  zu  besuchen  versprochen,  so  hätte  es  geheißen:  „Lieber
Otto,  Du  mußt  Dich  ja  schämen,  wenn  Du  nach  Jachen
kommst,  und  hast  Dresden  nicht  gesehen,  und  Freunde,  die
findest  Du  überall."“

So  kam  er  denn  Ende  Juni  in  Aachen  an  und  machte  am
30.  Juni  sein  mündliches  Examen.  Seine  Eidesarbeit  war  recht
gut;  die  andere  erhielt  das  Prädikat  „zugelassen“.  Schlußurteil:
  „durchgängig  zeigte  der  Kandidat  eine  vorzügliche  Urteilskraft,
  Schnelligkeit  im  Auffassen  der  ihm  vorgelegten  Fragen
und  Gewandtheit  im  mündlichen  Ausdruck“.  „Sehr  gut  befähigt.“


In  seine  Tätigkeit  trat  er  sofort  ein.  Die  Persönlichkeiten,
mit  denen  er  zusammen  zu  arbeiten  hatte,  entsprachen  nicht
alle  dem  Ideale,  das  dem  einundzwanzigjährigen  Jünglinge
unberechtigt  vorschwebte,  und  noch  weniger  tat  das  der  Inhalt
der  laufenden  Geschäfte.  Er  erinnerte  sich  noch  im  späten  Alter,
daß  er  bei  vielen  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  Beamten
  und  Regierten  oder  innerhalb  jeder  dieser  beiden  Kategorien,
  Meinungsverschiedenheiten,  deren  polemische  Vertretung
Jahre  lang  die  Akten  anschwellen  machte,  gewöhnlich  unter
dem  Eindruck  stand:  „Ja,  so  kann  man  es  auch  machen“,  und
daß  Fragen,  deren  Entscheidung  in  dem  einen  oder  andern
Sinne  das  verbrauchte  Papier  nicht  wert  war,  eine  Geschäftslast
  erzeugten,  die  ein  einzelner  Präfekt  mit  dem  vierten  Teile
der  aufgewandten  Arbeitskraft  hätte  erledigen  können.  Das
tägliche  Arbeitspensum  war  nicht  groß,  und  besonders  für  die
Abteilungsdirigenten  fast  eine  Sinekure.  Bismarck  hatte  noch
später  von  allen  diesen  Beamten  wie  überhaupt  von  der  preußischen
  Bureaukratie  eine  geringe  Meinung.  Nur  für  den  be-
        <pb n="40" />
        Der  Referendar  in  Aachen  31

gabten  Präsidenten  von  Arnim,  der  damals  schon  einen  hohen
Ruf  genoß,  hatte  Bismarck  große  Achtung.  In  dessen  Hause
wurde  er  denn  auch  sehr  liebenswürdig  aufgenommen  und  er
war  der  einzige,  dem  der  Präsident  „zuweilen  im  töte  à  tôte
seine  Sünden  vorhielt  und  gute  Ratschläge  gab“.  Arnim  schob
den  jungen  Anfänger  auch  in  der  Arbeit  vor  und  überwies  ihn
gleichzeitig  mehreren  Abteilungen,  da  er  „wegen  Verfolgung
der  diplomatischen  Laufbahn  nicht  wie  die  anderen  Regierungsreferendare
  die  ganze  Dauer  der  Referendariatszeit  in  Aachen
zubringen  werde“.  Um  bald  zu  seinem  gewünschten  Bernfe  zu
kommen,  bat  er  im  November  seinen  Bruder  festzustellen,  wie
Ancillon  über  die  Zulassung  zur  Kandidatur  denke,  und  ob  er
möglicherweise  die  Prüfungsarbeiten  vor  Ablauf  seines  Jahres
bekommen  werde.  Am  23.  November  entschloß  er  sich,  da  er
von  Berlin  nichts  Bestimmtes  hörte,  ohne  Rücksicht  auf  seine
diplomatischen  Plänec,  wohl  auch  auf  Zureden  Arnims  hin,  zum
Regierungsassessor  und  bat  um  eine  entsprechende  Ausbildung.
Er  faßte  voller  Ehrgeiz  energische  Vorsätze  und  arbeitete  auch
darnach.

Neben  der  Arbeit  flutete  das  lebensfrohe  Treiben  der  Weltund
  Bäderstadt,  besonders  der  englische  Verkehr  auf  ihn  ein.
Recht  ernsthafte  Liebesleidenschaften  scheinen  ihn  damals  gefangen
genommen  zu  haben.  Mit  ihnen  sehen  wir  ihn  im  Winter  ringen
und  die  Arbeit  suchen,  um  die  innere  Erregung  niederzukämpfen.
Entschlüsse  und  Empfindungen  gingen  wirr  durcheinander.  Dazwischen
  Gedanken  an  die  Heimat  und  ihren  Frieden.  Am
1.  Juni  1837  nahm  er  eine  Woche  Urlaub,  weil  er  an  Migräne,
Schlaflosigkeit,  Schwindel  und  einem  Heer  von  anderen  Ubeln
litt.  Im  Juli  erbat  er  einen  vierzehntägigen  Urlaub.  Reiste
hinter  englischen  Bekannten  nach  Wiesbaden  her.  Seine
Leidenschaft  ging  mit  ihm  durch.  Was  er  getrieben,  ist  im
einzelnen  nicht  erkennbar.  In  späteren  Jahren  schrieb  er  einmal
  seiner  Gattin:  „Vorgestern  habe  ich  in  Wiesbaden  mit
einem  Gemisch  von  Wehmuth  und  altkluger  Weisheit  die
Stätten  früherer  Thorheit  angesehen.  Möchte  es  doch  Gott
gefallen  mit  seinem  klaren  und  starken  Weine  dies  Gefäß  zu
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        32  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

füllen,  in  dem  damals  der  Champagner  zweiundzwanzigjähriger
Jugend  nutzlos  verbrauste  und  schale  Neigen  zurückließ.  Wo
und  wie  mögen  Isabella  Loraine  und  Miß  Russel  jetzt  leben;
wie  viele  sind  begraben,  mit  denen  ich  damals  liebelte,  becherte
und  würfelte.“

Auf  jenes  Erlebnis  scheint  auch  ein  späterer  Brief  an
Scharlach  anzuspielen,  in  welchem  allerdings  die  sechs  Monate
nicht  ganz  stimmen,  wenn  nicht  Bismarck  einige  Monate
aus  der  Aachener  Zeit  zum  Urlaub  hinzugerechnet  hat.  Er
schreibt:  „In  Aachen  eröffneten  sich  mir  durch  das  Wohlwollen
  einflußreicher  Leute  in  Berlin  sehr  günstige  Aussichten
für  das,  was  man  eine  glänzende  Carridre  nennt;  und  vielleicht
hätte  der  Ehrgeiz,  der  damals  mein  Lotse  war,  noch  länger
und  für  immer  mein  Steuer  geführt,  wenn  nicht  eine  bildschöne
Engländerin  mich  verleitet  hätte,  den  Cours  zu  ändern,  und
sechs  Monate  ohne  den  geringsten  Urlaub  auf  ausländischen
Meeren  in  ihrem  Kielwasser  zu  fahren.  Ich  nöthigte  sie  endlich
  zum  Beilegen,  sie  strich  die  Flagge,  doch  nach  zweimonatlichem
  Besitz  ward  mir  die  Prise  von  einem  einarmigen
Obristen  mit  50  Jahren,  4  Pferden  und  15000  rl.  Revenüen
wieder  abgejagt.“

Den  vierzehntägigen  Urlaub  vom  Juli  verlängerte  er  auf
diesen  Fahrten  willkürlich  bis  in  den  September;  am  13.  dieses
Monats  schreibt  er  an  seinen  Freund  Scharlach,  daß  er  versprochen
  sei  und  in  den  heiligen  Stand  rc.  zu  treten  gedenke,
und  zwar  mit  einer  jungen  Brittin  von  blondem  Haar  und
seltener  Schönheit,  die  bis  dato  noch  kein  Wort  deutsch  verstehe.
  „Ich  reise  im  Augenblick  mit  der  Familie  nach  der
Schweiz,  und  werde  sie  in  Mailand  verlassen,  um  in  Deine
Arme,  und  von  da  in  die  meiner  Eltern  zu  eilen,  die  ich  seit
fast  zwei  Jahren  nicht  gesehen.  Wahrscheinlich  bist  Du  schon
verheirathet,  sonst  mußt  Du  mit  mir  nach  England,  um  mich
springen  zu  sehen,  welcher  actus  im  Frühjahr  vor  sich  gehen
wird.  En  attendant  grüße  Alle,  die  sich  meiner  erinnern  und
erwarte  mich  in  der  Krone,  wo  ich  am  Ende  des  Monats  bei
einer  Flasche  Lasitte  die  Sorgen  dieses  Lebens  näher  mit  Dir
        <pb n="42" />
        Ohne  Urlanb  auf  Reisen  33

zu  besprechen  hoffe;  den  Tag  meiner  Ankunft  kann  ich  nicht
genau  bestimmen.“

Was  er  in  Aussicht  gestellt,  erfolgte  nicht.  Am  28.  September
  ist  er  in  Göttingen  und  schreibt  an  seinen  Freund:
„Eben  hier  angekommen,  erhalte  ich  Deinen  Brief;  ich  reise  in
Gesellschaft,  und  es  ist  mir  unmöglich,  mich  hier  aufzuhalten;
ich  übernachte  in  Einbeck;  solltest  Du  mich  dort  treffen  können,
so  würdest  Du  mir  eine  große  Freude  machen;  mein  Reisegefährte,
  dem  der  Wagen  gehört,  in  dem  ich  fahre,  will  durchaus
  nicht  die  Nacht  hier  bleiben,  weil  er  morgen  Mittag  in
Hannover  sein  muß;  ich  weiß  mir  daher  nicht  zu  helfen,  und  kann
nur  um  Deine  Verzeihung  und  die  Fortdauer  Deiner  Freundschaft
  bitten.“  —  Im  Jahre  1845  schreibt  er  über  diesen  Aufenthalt
  an  denselben  Freund:  „Ich  kam  damals  durch  Göttingen;
da  ich  aber  dergestalt  Havarie  gelitten  hatte,  daß  ich  mich  von
einer  schwerfälligen  und  verdrieslichen  Gallione  mußte  schleppen
lassen,  so  war  ich  nicht  hinreichend  Herr  meiner  Bewegungen,
um  mit  Dir  zusammentreffen  zu  können.  Arm  im  Beutel,  krank
am  Herzen  kehrte  ich  nach  Pommern  heim.“  Aber  nicht  zu
seinen  Eltern  ging  er;  bis  zum  1.  November  reiste  er  bei  Mecklenburger
  und  Pommerschen  Freunden  umher.  Was  in  diesen  dramatisch
  bewegten  Wochen  sich  ereignete,  wissen  wir  nicht.  Zwischen
dem  13.  und  28.  September  muß  die  Katastrophe  eingetreten
sein,  vielleicht  in  der  Gestalt  des  einarmigen  Obristen.  Oder
war  es  ein  Brief  seines  Vaters,  der  ihn  in  Bern  traf?  Jedenfalls
  haben  wir  hier  den  Höhepunkt  Bismarckschen  Sturms
und  Drangs.  Solchen  Irrungen  und  Wirrungen,  wie  diesen,
begegnen  wir  in  seinen  persönlichen  Schicksalen  in  Zukunft  nicht
wieder.

Schon  wenige  Tage  nach  dem  Straßburger  Briefe  an  Scharlach
  hatte  Bismarck  an  seinen  Aachener  Präsidenten  geschrieben
wegen  der  langen  willkürlichen  Uberschreitung  des  Urlaubs  und
um  Verzeihung  gebeten;  er  habe  sich  fortreißen  lassen  durch
Umstände,  die  für  ihn  von  Wichtigkeit  gewesen.  Vorläufig  erbat
  er  sich  einen  weiteren  Urlaub,  dann  kam  er  um  seine  Versetzung
  nach  Potsdam  ein.

A.  Matthias,  Bismarck  3
        <pb n="43" />
        34  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

Mitte  Dezember  traf  er  dort  ein.  In  Potsdam  gehörten,
abweichend  von  den  übrigen  Provinzen,  die  indirekten  Steuern
zum  Ressort  der  Regierung.  Er  hatte  also  immer  noch  die  Absicht,
  auf  dem  Wege  über  den  Zollverein  in  die  diplomatische
Laufbahn  einzulenken.  Auch  persönliche  Beziehungen  mögen  ihn
nach  Potsdam  gewiesen  haben.  Hier  suchte  er  sich  nun,  wie  er
selber  eingestand,  durch  Spiel  und  Trunk  zu  zerstreuen,  auch
machte  er  unverhältnismäßig  große  Schulden.  Als  er  drei  Monate
in  Potsdam  bei  der  Regierung  gearbeitet  hatte,  trat  er  als
Einjähriger  bei  den  Gardejägern  ein.  Auf  ein  Angebot  des  Oberpräsidenten
  von  Bassewitz,  in  der  freien  Zeit  seine  Ausbildung
fortzusetzen,  antwortete  er  erst  nach  Wochen  und  verletzte  dadurch
  in  seiner  jugendlichen  Uberhebung  den  entgegenkommenden
Vorgesetzten.  Der  junge  dreiundzwanzigjährige  Mensch,  so  schrieb
er  selbst  später  an  seine  Braut,  war  schon  sehr  gealtert,  „jedenfalls
  viel  blasierter  als  zehn  Jahre  später“.  Aus  dieser  Stimmung
  heraus  beurteilte  er  die  Mitglieder  des  Regierungskollegiums
  in  ihrer  Gesamtheit  als  „Zopf  und  Perücke“,  wenn  sie
auch  einen  würdigeren  Eindruck  auf  ihn  machten  als  die  Aachener
Herren.  —  Inzwischen  waren  ernste  Sorgen  über  die  Familie
Bismarck  gekommen.

Im  Juni  1838  erkrankte  die  Mutter  unheilbar  an  Krebs;
sie  war  in  Berlin;  Bismarck  viel  bei  ihr.  Er  klagte  über  seine
Stellung  in  Potsdam  und  wünschte  sich  aus  ihr  hinweg.  Die
Verhältnisse  kamen  ihm  entgegen.  Die  Güter  Külz,  Jarchelin
und  Kniephof  lagen  so  darnieder,  daß  sie  der  ernstesten  Pflege
bedurften.  Der  Vater  dachte  an  seine  beiden  Söhnez  er  selbst
wollte  sich  nach  Schönhausen  zurückziehen.  In  Otto  wurde  der
Wunsch,  die  Feder  mit  dem  Pflug  zu  vertauschen,  der  immer
in  ihm  geschlummert  hatte,  wieder  lebendig.  Alles  kam  zusammen,
  um  solche  Gedanken  zur  Reife  zu  bringen.  Sein  Unmut
  und  sein  Widerwille  gegen  Potsdam  wurden  noch  gesteigert
  durch  Anzeigen  der  Aachener  an  die  Potsdamer  Regierung
  über  Schulden,  die  er  dort  gemacht,  die  er  aber  als  eine
Privatangelegenheit  ansah,  in  welche  die  hohe  Behörde  nicht
einzugreifen  habe.  Er  wollte  sich  sogar  beschweren.  Um  dem
        <pb n="44" />
        In  Potsdam  und  Greifswald  als  Referendar  und  Einjähriger  35

unsympathischen  Aufenthalte  ein  Ende  zu  machen,  bat  er  um
Urlaub  bei  der  Regierung  und  beantragte  auch  seine  Versetzung
nach  Greifswald  in  das  dortige  Jägerbataillon.  Er  glaubte
dort  billiger  leben  und  für  seine  neue  Tätigkeit  sich  besser  vorbereiten
  zu  können.

Im  September  war  er  in  Greifswald.  Er  beschäftigte  sich
im  Anfang  nebenher  mit  Chemie,  in  welchem  Fach  er  mit  einem
Mediziner,  der  sich  zum  Examen  vorbereitete,  täglich  einige  Stunden
arbeitete.  In  der  Nähe  sah  er  sich  bei  befreundeten  Familien
die  Wirtschaften  an,  die  durchschnittlich  in  einem  musterhaften
Zustande  waren.  Auch  lauschte  er  bei  Tisch  im  deutschen  Hause
auf  alle  die  wohlbeleibten  Figuren  mit  roten  Gesichtern,  dicken
Händen  und  beneidenswertem  Appetit,  die  sich  täglich  zu  sechs
und  acht  und  mehreren  dort  einfanden  und  ausschließlich  nur  von
Ackerbau  und  Kornhandel  sprachen.  Obgleich  sie  alle  erschrecklich
  schrien  und  heftig  dabei  gestikulierten,  verstand  er  doch
selten,  was  sie  sagten,  da  man  allgemein  platt  sprach  und  sehr
schnell,  so  daß  er  mitunter  nur  etwas  wie  Raps,  Hafer,  Arbsen,
Sämaschine,  Dröschen,  pummersche  Last  und  Berliner  Schäpel
unterschied;  das  hörte  er  dann  mit  sehr  verständiger  Miene  an,
dachte  darüber  nach  und  träumte  nachts  „von  Dreeschhafer,
Mist  und  Stoppelroggen".  Immatrikuliert  war  Bismarck  weder
in  Greifswald  noch  in  der  landwirtschaftlichen  Akademie  Eldena.
In  den  Hörsälen  konnte  er  nicht  mehr  lernen  als  aus  guten
Büchern;  auch  war  der  Weg  nach  Eldena,  das  eine  halbe
Meile  von  Greifswald  liegt,  im  Winter  oft  bodenlos.

Ganz  zurückgezogen  vom  studentischen  Treiben  wird  Bismarck
aber  nicht  gelebt  haben.  Er  erzählt  selbst  von  einer  Mensur.
Auch  in  einen  studentischen  Handel,  bei  dem  er  von  seiner  Wohnung
  aus  hatte  vermitteln  wollen,  wurde  er  hineingezogen  und,
wie  es  scheint,  zu  unrecht  von  der  Universitätsbehörde  wie
ein  Angeklagter  behandelt.  Er  wehrte  sich,  und  sein  Hauptmann
nahm  sich  seiner  an.  Bismarck  verklagte  den  beteiligten  Nachtwächter
  wegen  Amtsüberschreitung,  den  Urheber  falscher  Nachrichten
  über  ihn  wegen  Beleidigung.  Kurz,  die  Behörden,  die
nicht  gerecht  verfahren  waren,  imponierten  ihm  nicht;  er  stand

37
        <pb n="45" />
        36  2.  Der  Student  und  junge  Beamte  in  Sturm  und  Drang

auf  seiner  Persönlichkeit,  die  sich  niemals  etwas  bieten  ließ,
was  unangemessen  schien.

Am  1.  Januar  1839  starb  seine  Mutter,  noch  nicht  ganz
fünfzigjährig.  Otto  fühlte  sich  immer  unzufriedener  und  einsamer
  in  Greifswald;  immer  ungeduldiger  wurde  sein  Sehnen
nach  neuer  Tätigkeit,  wo  er  keine  Depeschen  zu  kopieren  haben
werde  und  in  welcher  er  Herr  und  nicht  Diener  war.
        <pb n="46" />
        3.  Der  „tolle“  Landjunker

Z'  Dienst  an  der  Regierung  kehrte  er  nach  der  Greifswalder
Zeit  nicht  wieder  zurück.  Er  bemühte  sich,  längeren  Urlaub
zu  bekommen,  um  es  mit  der  landwirtschaftlichen  Tätigkeit  zunächst
  einmal  zu  versuchen;  als  ihm  Weitläufigkeiten  von  seiten
der  Regierung  erwuchsen,  erbat  er  im  Oktober  1839  seinen
Abschied  aus  dem  Staatsdienst.

Ganz  leicht  wird  ihm  der  Entschluß  nicht  gewesen  sein.  Die
Gemahlin  seines  Vetters  Theodor  von  Bismarck  auf  Karlsburg,
die  kluge  Gräfin  Bohlen,  hatte  ihm  ernstlich  geraten,  in  der
Karriere  zu  bleiben.  Bismarcks  Antwort  gewährt  uns  einen
tiefen  Einblick  in  seine  damalige  Gedankenwelt  und  zeigt
durch  die  Gründlichkeit  der  Darlegung,  wie  ernst  er  mit  sich
zu  Rate  gegangen  und  wie  ihm  der  Entschluß  nicht  leicht
geworden  war;  sonst  hätte  es  einer  eingehenden  Begründung
nicht  so  bedurft.  Daß  ihm  von  Hause  aus  die  Natur  der  Geschäfte
  und  der  dienstlichen  Stellung  der  Staatsdiener  nicht
zusagt,  daß  er  es  nicht  unbedingt  für  ein  Glück  hält,  Beamter
und  selbst  Minister  zu  sein,  daß  es  ihm  ebenso  respektabel  und
unter  Umständen  nützlicher  zu  sein  scheint,  Korn  zu  bauen,  als
administrative  Verfügungen  zu  schreiben,  daß  sein  Ehrgeiz  mehr
danach  strebt,  nicht  zu  gehorchen,  als  zu  befehlen,  das  sind  für
ihn  Fakta,  für  die  er  außer  seinem  Geschmack  keine  Ursache
anzuführen  weiß.

Von  allen  Gründen,  diese  Abneigung  zu  bekämpfen,  wäre  ihm
der  würdigste  der  Wunsch  gewesen,  das  Wohl  anderer  zu  befördern,
aber  selbst  bei  der  unbescheidensten  Meinung  von  seinen  Fähigkeiten
glaubte  er  sich  zu  der  Ansicht  bekennen  zu  müssen,  daß  es  für  das
Wohlergehen  der  Einwohner  von  Preußen  keinen  Unterschied
mache,  ob  er  oder  ein  anderer  der  Regierung  einer  Provinz  angehöre
  oder  vorstehe.  „Die  Wirksamkeit  des  einzelnen  Beamten
bei  uns  ist  wenig  selbständig,  auch  die  des  höchsten,  und  bei  den
        <pb n="47" />
        38  3.  Der  „tolle“  Landjunker

andern  beschränkt  sie  sich  schon  wesentlich  darauf,  die  administrative
  Maschinerie  in  dem  einmal  vorgezeichneten  Geleise  fortzuschieben.
  Der  preußische  Beamte  gleicht  dem  Einzelnen  im
Orchester;  mag  er  die  erste  Violine  oder  den  Triangel  spielen,
ohne  Ubersicht  und  Einfluß  auf  das  Ganze,  muß  er  sein  Bruchstück
  abspielen,  wie  es  ihm  gesetzt  ist,  er  mag  es  für  gut  oder
schlecht  halten.  Ich  will  aber  Musik  machen,  wie  ich  sie
für  gut  erkenne,  oder  gar  keine.  In  einem  Staate  mit
freier  Verfassung  kann  ein  jeder,  der  sich  den  Staatsangelegenheiten
  widmet,  offen  seine  ganze  Kraft  an  die  Verteidigung
und  Durchführung  derjenigen  Maßregeln  und  Systeme  setzen,
von  deren  Gerechtigkeit  und  Nutzen  er  die  Uberzeugung  hat,
und  er  braucht  diese  letztere  einzig  und  allein  als  Richtschnur
seiner  Handlungen  anzuerkennen,  indem  er  in  das  öffentliche
die  Unabhängigkeit  des  Privatlebens  hinübernimmt  ..  ..  Bei
uns  aber  muß  man,  um  an  den  öffentlichen  Angelegenheiten
theilnehmen  zu  können,  besoldeter  und  abhängiger  Staatsdiener
sein;  man  muß  vollständig  der  Beamtenkaste  angehören,  ihre
falschen  und  richtigen  Ansichten  theilen,  und  jeder  Individualität
in  Meinung  und  Handlung  entsagen.“  —  Das  war  es,  was
Bismarck  vor  allem  von  dem  Beamtenberuf  abkehrte:  er  konnte,
so  jung  er  war,  seine  Persönlichkeit  nicht  dem  seiner  Meinung
nach  kleinlichen  Getriebe  opfern,  in  dem  man  Mißbräuche
ansehen  müsse,  ohne  sie  angreifen  zu  dürfen;  er  hatte  zu  oft
hochgestellte  Beamte  sagen  hören,  diese  oder  jene  Maßregel  sei
schädlich,  drückend,  ungerecht,  und  doch  hatten  sie  nicht  gewagt,
eine  untertänigste  Vorstellung  dagegen  einzureichen,  mußten  sie
vielmehr  gegen  ihre  Uberzeugung  fördern.  —  Auch  sein  politischer
  Glaube  war  ihm  hinderlich  unter  die  Fahne  einer  Regierung
  zu  treten,  deren  Grundsätze  zu  bekämpfen  er  für  eine
seiner  vornehmsten  Pflichten  gegen  das  Vaterland  hielt.  Welches
dieser  politische  Glaube  war,  sagt  er  nicht;  aber  in  seinen  Erinnerungen
  finden  wir  eine  Andeutungz  er  bemerkt  dort,  daß
er  von  Göttingen  nach  Berlin  mit  weniger  liberaler  Gesinnung
zurückgekommen  sei,  als  er  es  verlassen  habe;  diese  Reaktion
habe  sich  aber  abgeschwächt,  nachdem  er  mit  dem  staatlichen
        <pb n="48" />
        Bedenken  gegen  den  bisherigen  Beruf  39

Räderwerk  in  unmittelbare  Beziehung  getreten  war.  In  Aachen
hatte  er  viel  in  englischen  Kreisen  verkehrt;  kein  Wunder,  daß
er  freier  dachte  als  seine  Standesgenossen.  Spricht  er  doch
auch  in  diesem  Briefe  von  freier  Staatsverfassung  wie  auch
von  parlamentarischen  oder  populären  Fuͤhrern  wie  Peel,
O'Connel  und  Mirabeau  in  sympathischem  Tone.  —  Aber  hatte  er
denn  —  seine  Kusine  wird  darauf  hingewiesen  haben  —  keinen
Ehrgeiz?  Sicherlich,  doch  nicht  nach  Erfolgen,  die  auf  dem
breitgetretenen  Wege  durch  Examen,  Konnexionen,  Aktenstudium,
Anziennität  und  Wohlwollen  seiner  Vorgesetzten  zu  erreichen
waren.  Ganz  anders  stand  es  mit  Auszeichnungen,  wie  denen  eines
Soldaten  im  Kriege,  eines  Staatsmannes  bei  freier  Verfassung,
wie  jene  genannten  Männer  es  waren,  eines  Mitspielers  bei
energischen  politischen  Bewegungen;  solche  Auszeichnungen
würden  auf  ihn,  so  sagte  er,  „eine,  jede  Uberlegung  ausschließende
  Anziehungskraft  üben,  wie  das  Licht  auf  die  Mücke“.
Die  Befriedigungen  der  üblichen  amtlichen  Eitelkeit  habe  ja
auch  viel  Blendendes  für  ihn,  wenn  er  eine  Flasche  Wein  getrunken
  habe,  aber  nüchterne  Reflexion  sage  ihm,  daß  dieses
Hirngespinste  einer  törichten  Eitelkeit  seien,  in  eine  Kategorie
gehörig  mit  dem  Stolz  des  dandy  auf  seinen  Rock  und  des
Bankiers  auf  sein  Geld.  In  der  Meinung  andrer  sein  Glück
zu  suchen,  sei  unweise  und  fruchtlos;  ein  vernünftiger  Mensch
solle  sich  selbst  und  dem,  was  er  für  recht  und  wahr  erkannt,
leben,  nicht  aber  dem  Eindruck,  den  er  auf  andre  mache,  und
dem  Gerede,  welches  vor  oder  nach  seinem  Tode  über  ihn
gehen  möge.  —  Noch  weniger  als  Ehrgeiz  leitete  ihn  die  Aussicht
  auf  sicheren  Broterwerb.  „Das  Gehalt,  mit  dem  ich  bei
meinen  Bedürfnissen  heirathen  und  in  der  Stadt  einen  Hausstand
  bilden  könnte,  würde  ich,  bei  der  besten  zu  erwartenden
Carriere,  im  vierzigsten  Amtsjahre,  etwa  als  Präsident  und
dergleichen  haben,  wenn  ich  trocken  von  Actenstaub,  Hypochonder,
brust=  und  unterleibskrank  vom  Sitzen  geworden  sein  werde,
und  eine  Frau  zur  Krankenpflege  bedarf.  Für  diesen  mäßigen
Vortheil,  für  den  Kitzel,  mich  Herr  Präsident  nennen  zu  lassen,
für  das  Bewußtsein,  dem  Lande  selten  soviel  zu  nützen,  als
        <pb n="49" />
        40  3.  Der  „tolle“  Landjunker

ich  ihm  koste,  dabei  aber  mitunter  hemmend  und  nachtheilig
zu  wirken,  übrigens  das  zu  erfüllen,  was  ich  unbedachtsamer
Weise  zu  meiner  Pflicht  gemacht  habe,  dafür  bin  ich  fest  entschlossen,
  meine  UÜberzeugung,  meine  Unabhängigkeit,  meine
ganze  Lebenskraft  und  Thätigkeit  nicht  herzugeben,  so  lange  es
noch  Tausende,  und  unter  diesen  viele  ausgezeichnete  Leute
giebt,  nach  deren  Geschmack  jene  Kreise  hinreichend  kostbar  sind,
um  sie  den  Platz,  welchen  ich  leer  lasse,  mit  Freuden  ausfüllen
zu  machen.“

„Sie  machen  mir,  gnädige  Cousine,  die  sehr  schmeichelhafte
Vorhaltung,  daß  ich  mit  Fähigkeiten  ausgerüstet  sei,  welche
mich  besondre  Erfolge  im  Staatsdienst  hoffen  ließen
Dieselben  Fähigkeiten  versprechen  mir  auch  guten  Erfolg  in
jedem  andern  Geschäft,  und  um  eine  gute  Landwirthschaft  heut
zu  Tage  richtig  zu  leiten,  ist  vielleicht  mehr  Verstand  erforderlich,
  als  um  Geheimer  Rath  zu  werden.“  Zu  Kniephof  war
„die  volle  Kraft  und  Industrie  eines  gescheuten  Mannes"“  nach
Bismarcks  Uberzeugung  erforderlich.  Deshalb  setzte  er  sich  „mit
der  vollen  Unwissenheit  eines  schriftgelehrten  Stadtkindes“,  aber
im  Vertrauen  auf  seinen  starken  Willen  und  seine  Arbeitskraft
in  die  sehr  ausgedehnte  und  verwickelte  Wirtschaft  der  pommerschen
  Güter  Kniephof  und  Külz,  während  sein  Bruder
Bernhard  Jarchelin  verwaltete.  Er  fand  sich  hinein  in  die  Verwaltung,
  hatte  zunächst  schwere  Tagez  aber  in  einer  Zeit  von
drei  Jahren  waren  in  jeder  Beziehung  die  Gefahren  beseitigt.
1844  schreibt  er  an  Scharlach:  „Ich  habe  fünf  Jahre  allein
auf  dem  Lande  gelebt  und  mich  mit  einigem  Erfolge  der  Verbesserung
  meines  Wechsels  gewidmet,“  und  drei  Jahre  später
an  seine  Braut,  daß  „die  drei  Güter  1838  mit  hundertfünfzigtausend
  Thalern  angesetzt  gewesen  seien,  jetzt  aber  mit  zweihunderttausend
  Thalern  noch  zu  niedrig  gerechnet  würden“.

Als  Landedelmann  fühlte  sich  Bismarck  nun  an  seinem
richtigen  Platze.  Zu  seinen  Gutsleuten  stand  er  in  patriarchalischem
  Verhältnis.  Als  er  später  Kniephof  verließ,  begleiteten
  ihn  ihre  Tränen  und  Vorwürfe,  daß  er  von  ihnen
ging;  er  hatte  stets  mit  ihnen  so  gesprochen,  wie  mit  Seines-
        <pb n="50" />
        In  Kniephof.  Verlobung  und  Entlobung  41

gleichen,  und  er  war  ein  Herr  gewesen,  der  ein  warmes  Herz
für  sie  hatte.

Seine  ganze  Natur  erfrischte  sich  in  seinem  neuen  Bereich;
auch  sein  geistiger  Horizont  hatte  Gewinn.  Im  Wetter  zu  leben
und  es  kommen,  gehen  und  wirken  zu  sehen;  die  Beobachtungen
des  Kleinen  und  Kleinsten  in  der  Welt  des  Wachsens  und
Werdens;  die  beständige  Berührung  mit  den  Naturgewalten
und  ihrem  Walten,  Wirken  und  Schaffen:  das  alles  tat  seinem
Wirklichkeitssinn  wohl  und  machte  durch  Tatsächlichkeit  ihn
glücklich.  Als  Jäger  spähte,  prüfte  und  lernte  er  rasches  Handeln.
  Auf  seinem  getreuen  Pferde  Kaleb  ritt  er  durch  das
weite  Land  bei  Tag  und  bei  Nacht,  durch  Wald  und  Feld
und  an  den  Häusern  der  Menschen  vorbei,  die  ihn  kannten
und  ihm  vertraut  waren.  Vor  allem  aber:  Hier  war  er  Herr
und  hatte  keinen  Vorgesetzten;  diese  hatte  „er  nie  vertragen
können“.  Seit  August  1841  war  er  Leutnant  der  Infanterie
im  ersten  Bataillon  Stargard  des  neunten  Landwehrregiments;
ein  Jahr  später  kam  er  zu  den  Ulanen,  die  in  Stargard,
Greifenberg  und  Treptow  lagen.  Mit  den  Offizieren  stand  er
in  kameradschaftlichem  Verkehr.  Bei  einer  Ubung  rettete  er
seinen  Kniephofer  Reitknecht  Hildebrand  aus  dem  Wendelsee
bei  Lippehne,  wobei  er  sein  eigenes  Leben  aufs  Spiel  setzte.
Er  bekam  seine  erste  Ordensauszeichnung:  die  Rettungsmedaille.

Nach  zwei  Jahren  (1844)  verliebte  und  verlobte  sich  Bismarck
  mit  Ottilie  von  Puttkamer,  der  schönen  Tochter  der
Schloßherrin  von  Pansin.  Die  Mutter  seiner  Braut  setzte  ihm
bei  seiner  Werbung  eine  Frist  von  etwa  einem  Jahre.  Schließlich
  wurde  nichts  Endgültiges  daraus.  Bismarck  schreibt  darüber
an  seinen  Freund  Scharlach:  „Ich  erzürnte  mich  vierzehn  Tage
nach  der  Verlobung  mit  der  Mutter  meiner  Brant,  einer  Frau,
die,  um  ihr  Gerechtigkeit  zu  thun,  eine  der  bösesten  ist,  die  ich
kenne,  und  die  das  Bedürfnis  hat,  noch  selbst  der  Gegenstand
zärtlicher  Blicke  zu  sein.  Nach  fast  jahrelangen  Intriguen  gelang
  es  ihr  meiner  Braut  einen  höchst  lakonischen  Absagebrief
an  mich  in  die  Feder  zu  geben.  Ich  hielt  es  meiner  Würde
nicht  angemessen,  die  beleidigte  Aufgeregtheit  eines  Gemüths  zu
        <pb n="51" />
        42  3.  Der  „tolle“  Landjunker

zeigen,  und  ihr  mit  einigen  Schuͤssen  auf  Brüder  und  dergl.  der
Ungetreuen  Luft  zu  machen  Ich  brauchte  das  Universalmittel
  für  Verliebte,  ich  ging  auf  Reisen  und  wurde  wieder
liederlich.  Von  Edinburg  durch  England  und  Frankreich  trug  ich
meinen  Kummer  über  die  Alpen,  und  war  im  Begriff  über  Triest
nach  dem  Orient  zu  gehen,  eventualiter  die  Afghanen  durch
die  Lupe  zu  besehen,  wozu  ich  mit  Empfehlungen  ausgerüstet
war,  als  mir  mein  Vater  in  einem  thränenfeuchten  Brief,  der
von  einsamem  Alter  (73  Jahr,  Witwer,  taub),  Sterben  und
Wiedersehn  sprach,  die  Heimkehr  anbefahl.“  —  Bismarck  kam
zurück.  Im  Frühjahr  1844  machte  er  noch  einmal,  so  schrieb  er
später  (13.  Februar  1847)  an  seine  Braut,  den  Versuch,  einen
neuen  Anlauf  auf  eine  Ministerstelle  zu  nehmen.  Er  bat  um
Beschäftigung  bei  der  Königlichen  Regierung  in  Potsdam  zur
Ausbildung  für  das  Staatsexamen.  Die  Antwort  enthielt  den
Wunsch,  er  möge  durch  angestrengten  Fleiß  dem  Vorurteile  begegnen,
  welches  in  bezug  auf  seinen  Eifer  während  der  früheren
Beschäftigung  rege  geworden  sei.  Am  3.  Mai  trat  er  ein.  Am  fünfzehnten
  bat  er  um  kurzen  Urlaub,  da  sein  Bruder  krank  und  seine
Schwägerin  im  Sterben  liege.  Sie  starb  am  22.  Mai,  und  Bismarck
  bat  am  23.  Mai  um  Verlängerung  auf  drei  Wochen.  Sie
wurde  am  27.  Mai  gewährtz  nach  Ablauf  der  drei  Wochen
sehe  man  seiner  Rückkehr  jedenfalls  entgegen.  Am  17.  Juni
richtete  dann  Bismarck  aus  Potsdam  selber  ein  Schreiben  an  seine
Behäörde,  in  welchem  er,  da  sein  Administrator  krank  sei,  um  einen
Monat  Frist  bittet,  „ich  bedauere,  daß  es  mir  nicht  vergönnt
gewesen  ist,  einem  hohen  Präsidium  mein  Gesuch  persönlich  vorzutragen
  und  näher  motiviren  zu  können,  und  daß  mich  ein
Termin,  den  ich  unter  diesen  Umständen  persönlich  abhalten  muß,
nöthigt,  schon  morgen,  am  achtzehnten  vormittags  wieder  in  Pommern
  zu  sein.“  Am  26.  Juni  wurde  auch  diese  Verlängerung
genehmigt,  aber  mit  deutlichem  Tadel,  daß  „er  seine  Arbeiten
nicht  abgemacht  und  sich  bei  seinem  Rate  nicht  vorgestellt  habe.
Er  möge  ernstlich  erwägen,  ob  seine  häuslichen  Verhältnisse
mit  geregeltem  Arbeiten  und  der  praktischen  Ausbildung  vereinbar
sei,  der  er  sich  unterwerfen  müsse.“  Am  13.  Juli  bewarb  sich
        <pb n="52" />
        Wieder  in  Potsdam  als  Referendar  43

Bismarck  um  die  Erlaubnis  zum  Ubergange  nach  Stettin;  die
Regierung  in  Potsdam  fand  nichts  zu  erinnern.

Bismarck  schildert  diese  Episode  in  Potsdam  nicht  gerade
in  rosigen  Farben  (an  Scharlach  9.  Januar  1845):  „Im  Fruͤhjahr
machte  ich  einen  sechswöchentlichen  Versuch,  eine  andere  Krankheit,
  eine  an  Lebensüberdruß  grenzende  Gelangweiltheit  durch
alles,  was  mich  umgiebt,  zu  heilen,  indem  ich  mich  durch  besondere
  Vergünstigung  eines  unserer  Minister  als  Volontär
wieder  im  Staatsdienst  beschäftigen  ließ,  und  die  angestrengte
Arbeit  in  der  insipiden  und  leeres  Stroh  dreschenden  Schreiberei
unserer  Verwaltung,  als  eine  Art  von  geistigem  Holzhauen  betrachtete,
  um  meinem  theilnahmlos  erschlafften  Geist  wieder  etwas
von  dem  gesunden  Zustande  zu  geben,  den  einförmige  und  regelmäßige
  Thätigkeit  für  den  Körper  herbeizuführen  pflegt.  Aber
theils  war  mir  die  krähwinklige  Anmaßung  oder  lächerliche  Herablassung
  der  Vorgesetzten  nach  langer  Entwöhnung  noch  fataler,
als  sonst,  theils  nöthigten  mich  häusliche  Verhältnisse.  ..  die  Verwaltung
  meiner  Güter  wieder  selbst  zu  übernehmen.“  Aus  allem
darf  man  schließen,  daß  am  17.  Juni  die  Sachen  nicht  ganz  glatt
verlaufen  sind,  da  Bismarck  bei  keinem  seiner  Vorgesetzten  persönlich
  erschien,  sondern  den  schriftlichen  Weg  wählte.  Die  Sage
berichtet,  der  tüchtige,  aber  despotische  Oberpräsident  von  Meding
habe  Bismarck,  als  er  um  Urlaub  zu  erbitten  gekommen  war,
nach  seiner  Weise  warten  lassen,  woraufhin  Bismarck  dem  alten
Portier  den  Auftrag  gegeben:  „Sagen  Sie  dem  Herrn  Oberpräsidenten
  von  mir,  ich  wäre  fortgegangen,  aber  ich  käme  auch
nicht  wieder.“  Auch  wurde  erzählt,  kurz  nachher  sei  Bismarck
bei  einem  Berliner  Essen  als  erster  Gast  erschienen,  als  zweiter
Meding.  Auf  die  Frage  des  Wirtes:  „Ich  weiß  nicht,  ob  sich
die  Herren  kennen“,  habe  Bismarck  versetzt:  „Ich  habe  nicht
die  Ehre“  und  nach  der  Vorstellung  zu  seinem  hohen  Vorgesetzten
lächelnd  gesagt:  „Freut  mich  sehr“.

Im  August  desselben  Jahres  ging  er  gesundheitshalber  nach
Norderney.  Auf  der  Hinreise  hoffte  er  seinen  alten  Freund
Scharlach  wiederzusehen.  Er  fand  ihn  aber  am  4.  August  nicht
in  Hannover  und  schrieb  deshalb  nach  Hildesheim:  „Aus  dem
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        44  8.  Der  „kolle“  Landjunker

Staatshandbuch  habe  ich  mit  einiger  Heiterkeit  gesehen,  daß  Du
als  interimistischer  Oberteufel  die  Verdammten  in  Hildesheim
tyrannisirst.  Hätte  ich  das  eher  gewußt,  würde  ich  meinen  Herweg
  darnach  eingerichtet  haben;  jetzt  habe  ich  hier  nur  gerade
noch  Zeit  zum  Einpacken,  da  ich  morgen  zu  nachtschlafender
Zeit,  um  5  Uhr  abreisen  soll,  und  durch  wunderliche  Umstände
engagirt  bin,  mit  einem  Rudel  Damen,  die  ich  erst  gestern
kennen  gelernt  habe,  der  Familie  Eures  Kriegsministers  zusammenzufahren.“


In  Norderney  fand  er  seinen  guten  Humor  bald  wieder.
Er  entwirft  von  dort  seiner  Schwester  Malwine  ein  getreues  Bild
seines  Treibens,  wie  sie  denn  stets  die  Genossin  seines  Daseins
war.  Man  gedenkt  bei  diesen  Briefen  an  Goethe  und  dessen
Schwester,  die  auch  so  gemeinsamen  Sinnens  und  Denkens
lebten,  nur  daß  Bismarck  ihr  tiefere  Aufschlüsse  über  seine
Natur,  seine  Pläne,  sein  innerstes  Leben  nicht  gab.  Das
Herzenstor  zu  öffnen,  das  verstand  erst  seine  spätere  Braut.
Bismarcks  Schwester  war  eben  eine  zu  weltliche  Natur,  sie
glich  äußerlich  dem  schönen  Vater,  geistig  der  Mutter,  nur  war
sie  gesunder,  heiterer  und  von  gewinnend  lächelnder  Grazie,  gewohnt
  ihren  Lebenskreis  zu  beherrschen,  ohne  daß  die  Beherrschten
es  unangenehm  empfanden.  Der  Brief  Bismarcks  von  Norderney
ist  ein  Kabinettsstück  seiner  Schilderungskunst  und  seines  Stils;
jedes  Wort  und  jede  Wendung  echt  Bismarckisch:

Norderney,  9.  September  1844.
Theure  Kleine!

Seit  14  Tagen  hatte  ich  mir  vorgenommen,  Dir  zu  schreiben,
ohne  bisher  in  dem  Drange  der  Geschäfte  und  Vergnügungen
dazu  gelangen  zu  konnen.  Wenn  Du  neugierig  bist,  welches
diese  Geschäfte  sein  möchten,  so  bin  ich  wirklich  bei  der  Beschränktheit
  meiner  Zeit  und  dieses  Papieres  außer  Stande,
Dir  ein  vollständiges  Bild  davon  zu  entwerfen,  da  ihre  Reihenfolge
  und  Beschaffenheit,  je  nach  dem  Wechsel  der  Ebbe  und
Fluth,  täglich  die  mannigfaltigsten  Abänderungen  erleidet.  Man
badet  nämlich  nur  zur  Zeit  des  höchsten  Wassers,  weil  dann
der  stärkste  Wellenschlag  ist,  eine  Zeit,  die  zwischen  6  Morgens
        <pb n="54" />
        In  Norderney  45

und  6  Abends  täglich  um  eine  Stunde  später  eintritt  —  und
in  angenehmer  Abwechslung  die  Vorzüge  eines  windkalten,
regnichten  Sommermorgens  bald  in  Gottes  herrlicher  Natur
unter  den  erhebenden  Eindrücken  von  Sand  und  Seewasser
genießen  läßt,  bald  in  meines  Wirthes  Mousse  Onnen  Fimmen
fünf  Fuß  langem  Bett  unter  den  behaglichen  Empfindungen,
die  das  Liegen  auf  einer  Seegrasmatratze  in  mir  zu  erwecken
pflegt.  Ebenso  wechselt  die  table  d'höte  ihrer  Zeit  nach  zwischen
1  und  5  Uhr,  ihren  Bestandtheilen  nach  zwischen  Schellfisch,
Bohnen  und  Hammel  an  den  ungraden,  und  Seezunge,  Erbsen
und  Kalb  an  den  graden  Tagen  des  Monats,  woran  sich  im
ersten  Falle  süßer  Gries  mit  Fruchtsauce,  im  zweiten  Pudding
mit  Rosinen  anschließt.  Damit  das  Auge  den  Gaumen  nicht
beneidet,  sitzt  neben  mir  eine  Dame  aus  Dänemark,  deren  Anblick
  mich  mit  Wehmut  und  Heimweh  füllt,  denn  sie  erinnert
mich  an  Pfeffer  in  Kniephof,  wenn  er  sehr  mager  war,  sie
muß  ein  herrliches  Gemüth  haben,  oder  das  Schicksal  war  ungerecht
  gegen  sie,  auch  ist  ihre  Stimme  sanft,  und  sie  bietet
mir  zweimal  von  jeder  Schüssel  an,  die  vor  ihr  steht.  Mir
gegenüber  sitzt  der  alte  Graf  Beust,  eine  jener  Gestalten,  die
uns  im  Traum  erscheinen,  wenn  wir  schlafend  übel  werden;
ein  dicker  Frosch  ohne  Beine,  der  vor  jedem  Bissen  den  Mund
wie  einen  Nachtsack  bis  an  die  Schultern  aufreißt,  so  daß  ich
mich  schwindelnd  am  Rand  des  Tisches  halte.  Mein  anderer
Nachbar  ist  ein  russtscher  Offizier;  ein  guter  Junge,  gebaut
wie  ein  Stiefelknecht,  langer  schlanker  Leib  und  kurze  krumme
Beine.  Die  meisten  Lente  sind  schon  abgereist,  und  unsere  Tischgesellschaft
  ist  von  2  bis  300  auf  12  bis  15  zusammengeschmolzen.
Ich  selbst  habe  mein  Deputat  an  Bädern  nun  auch  weg  und
werde  mit  dem  nächsten  Dampfschiff,  welches  übermorgen  den
11.  erwartet  wird,  nach  Helgoland  abgehen  und  von  dort  über
Hamburg  nach  Schönhausen  kommen.

Soeben  meldet  mir  der  Jäger  des  Kronprinzen,  daß  ich  für
heut  auf  die  Annehmlichkeiten  der  table  höte  verzichten  soll,
um  zum  letzten  Mal  bei  IJ.  KK.  HH.  zu  essen,  wo  man  im
ganzen  besser  lebt.  Dieser  Hof  ist  überhaupt  sehr  liebenswürdig,
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        46  3.  Der  „tolle“  Landjunker

für  jetzt  die  einzige  angenehme  Gesellschaft  hier.  Die  Kronprinzessin
  ist  eine  sehr  heitere  und  liebenswürdige  Dame,  tanzt
gern  und  ist  munter  wie  ein  Kind.  Gestern  machten  wir  im
dicksten  Nebel  eine  Landparthie  in  die  Dünen,  kochten  draußen
Caffee  und  späterhin  Pellkartoffeln,  sprangen  wie  die  Schuljugend
von  den  Sandbergen,  und  obgleich  incl.  Prinzessin  nur  4  Par,
tanzten  wir,  bis  es  finster  wurde,  auf  dem  Rasen  und  machten
wie  die  Tollen  bockspringende  Ronden  um  unser  Feuer,  kindlich
und  champétre,  on  ne  peut  pas  plus.  Dergleichen  Parthien,
auch  Seefahrten,  bei  denen  die  Herrschaften  gewöhnlich  krank
wurden,  haben  wir  öfter  gemacht,  und  ich  muß  sagen,  daß
diese  Hofgesellschaft,  vor  den  meisten  übrigen  hier,  wenigstens
den  Vorzug  der  Ungezwungenheit  hatte.  Unser  Freund  Malortie
scheint  indessen  diese  Ansicht  nicht  zu  theilen  und  sieht  stets
gelangweilt  und  verdrießlich  aus;  nur  bei  Whist  und  Eigarren
scheint  er  sich  etwas  heimischer  zu  fühlen.  Im  Ganzen  ist  es
mir  doch  lieb,  daß  ich  ihn  nicht  geheirathet  habe;  er  ist  meist
ansteckend  langweilig,  seltene  lichte  Augenblicke  ausgenommen.
Das  Baden  gefällt  mir  hier  sehr,  und  so  einsam  es  ist,  bleibe
ich  nicht  ungern  noch  einige  Tage.  Der  Strand  ist  prächtig,
ganz  flach,  ebener,  weicher  Sand  ohne  alle  Steine,  und  Wellenschlag,
  wie  ich  ihn  weder  in  der  Ostsee  noch  bei  Dieppe  je
gesehen  habe.  Wenn  ich  eben  noch  bis  an  die  Kniee  im  Wasser
stehe,  so  kommt  eine  haushohe  Welle  (die  Häuser  sind  hier  nicht
so  hoch  wie  das  Berliner  Schloß),  dreht  mich  zehnmal  rundum
und  wirft  mich  zwanzig  Schritt  davon  in  den  Sand,  ein  einfaches
  Vergnügen,  dem  ich  mich  aber  täglich  con  amore  so
lange  hingebe,  als  es  die  ärztlichen  Vorschriften  irgend  gestatten.
  Mit  der  See  habe  ich  mich  überhaupt  sehr  befreundet;
täglich  segle  ich  einige  Stunden,  um  dabei  zu  fischen  und  nach
Delphinen  und  Seehunden  zu  schießen,  von  letzteren  habe  ich
nur  einen  erlegt;  ein  so  gutmüthiges  Hundegesicht,  mit  großen,
schönen  Augen,  daß  es  mir  ordentlich  leid  that.  Vor  14  Tagen
hatten  wir  Stürme  von  seltener  Heftigkeit;  einige  20  Schiffe
aller  Nationen  sind  an  den  Inseln  hier  gestrandet,  und  mehrere
Tage  lang  trieben  unzählige  Trümmer  von  Schiffen,  Uten-
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        Norderney.  Wieder  in  Kniephof  47

silien,  Waaren  in  Fässern,  Leichen,  Kleider  und  Papiere  an.
Ich  selbst  habe  eine  kleine  Probe  gehabt,  wie  Sturm  aussieht;
ich  war  mit  einem  fischenden  Freunde,  Tonke  Hams,  in  4  Stunden
nach  der  Insel  Wangerog  gefahren;  auf  dem  Rückwege  wurden
wir  in  dem  kleinen  Boot  24  Stunden  umhergeschaukelt  und
hatten  schon  in  den  ersten  keinen  trockenen  Faden  an  uns,  obgleich
  ich  in  einer  angeblichen  Cajüte  lag;  zum  Glück  waren
wir  mit  Schinken  und  Portwein  hinreichend  verproviantirt,
sonst  wäre  die  Fahrt  sehr  verdrießlich  gewesen.  Herzliche  Grüße
an  Vater  und  meinen  Dank  für  seinen  Brief,  desgl.  an  Antonie
und  Arnim.  Leb  wohl,  mein  Schatz,  mein  Herz,  mein  ...

Dein  treuer  Bruder
Bismarck.

Nach  seiner  Heimkehr  von  Norderney  saß  er  wieder  da,
körperlich  gesund,  aber  geistig  ziemlich  unempfindlich,  trieb  seine
Geschäfte  mit  Pünktlichkeit,  aber  ohne  besondere  Teilnahme,
suchte  seinen  Untergebenen  das  Leben  in  ihrer  Art  behaglich
zu  machen,  und  „sah“,  wie  er  mit  gutem  Humor  sagte,  „ohne
Arger  an,  wie  sie  ihn  dafür  betrogen“.

Des  Vormittags  war  er  verdrießlich,  nach  Tische  allen
milden  Gefühlen  zugänglich.  Sein  Umgang  bestand  in  Hunden,
Merden  und  Landjunkern;  bei  letzteren  erfreute  er  sich  einigen
Ansehens,  weil  er  Geschriebenes  mit  Leichtigkeit  lesen  konnte,
sich  zu  jeder  Zeit  wie  ein  Mensch  kleidete  und  dabei  ein  Stück
Wild  mit  der  Akkuratesse  eines  Metzgers  zerwirkte,  ruhig  und
dreist  ritt,  schwere  Cigarren  rauchte  und  seine  Gäste  mit  freundlicher
  Kaltblütigkeit  unter  den  Tisch  trank.  Denn  leider  Gottes.
konnte  er  nicht  mehr  betrunken  werden,  obschon  er  sich  dieses
Zustandes  als  eines  sehr  glücklichen  erinnerte.  So  vegetierte
er  fast  wie  ein  Uhrwerk,  ohne  besondere  Wünsche  oder  Befürchtungen
  zu  haben;  ein  sehr  harmonischer  und  langweiliger  Zustand.
  Seine  ehemalige  „Flamme“  sah  er  öfter  wieder,  ihre
Mutter  schien  gegen  eine  Verbindung  nichts  mehr  erinnern  zu
wollen,  doch  ging  Bismarck  auf  ihre  und  ihrer  Verwandten
Versuche,  eine  Annäherung  einzuleiten,  nicht  ein;  denn  obgleich
        <pb n="57" />
        48  3.  Der  „tolle“  Landjunker

er  nicht  sicher  war,  daß  alle  Neigung  in  ihm  erstorben  war,
so  fürchtete  er  doch,  daß  die  jahrelang  wiedergekäuten  Empfindungen
  einer  leichtfertigen  Mißhandlung  seines  innersten  und
wahrsten  Gefühls,  der  Verrat  seines  Zutrauens,  die  Kränkung
seines  Stolzes  einen  Rückstand  von  Bitterkeit  in  ihm  zurückgelassen
  hätten,  den  er  nicht  hinreichend  unterdrücken  zu  können
glaubte,  um  seiner  ehemals  Geliebten  eine  so  glückliche  Zukunft
  zu  sichern,  wie  er  sie  seiner  Frau  wünschte.  Es  war  ihm
beim  besten  Willen  zu  schwer,  eine  wirklich  empfundene  Beleidigung
  halbwegs  zu  vergessen.  —  So  schildert  er  sich  selber
seinem  alten  hannoverschen  Freunde.  Für  besser,  als  er  war,
hat  er  sich  niemals  ausgegeben;  es  lag  das  Gegenteil  in
seiner  Art.

Die  geschäftige  Fama,  die  gern  Ausnahmen  zur  Regel  macht
und  aus  kleinem  Beginn  anwächst  zu  allerhand  Mären,  hat
ihn  in  diesen  Jahren  den  „tollen  Bismarck“  genannt,  ob  mit
Recht,  das  steht  nach  den  Eigenschilderungen  dahin.  Diese  sogenannten
  „tollen“  Jahre  waren  doch  eher  dunkle  Zeiten,  waren
der  Ausbruch  eines  Geistes,  der  seinen  Tatendrang  ermüden
wollte  und  der  sich  ohne  ernsten  Pflichtenkreis  unbefriedigt  fühlte.
Tatsache  ist,  daß  er  ein  wilder  Reiter  war,  daß  er  oft  gestürzt
ist,  auch  im  nächtlichen  Walde,  aber  mit  Glück;  waghalsig
tummelte  er  sich  auch  in  Booten,  als  er  in  Norderney  war.  Seine
Gäste  weckte  er  morgens  auch  wohl  aus  dem  Schlaf  zu  der  von
ihnen  gewünschten  Stunde  mit  Pistolen,  daß  die  Kugeln  den
Kalk  von  der  Decke  niederregnen  ließen.  Auch  zu  Ehrenhändeln
sollen  diese  Waffen  ihm  gedient  haben.  Hatte  er  Besuch,  so
wurde  kräftig  gezecht;  Sekt  und  Porter  spielte  bei  Gelagen  eine
große  Rolle.  So  trieb  er  vieles,  wozu  seine  überschüssige  Kraft
ihn  verführte.  Doch  hohes  Spiel  und  niedere  Liebesgeschichten
gehörten  nicht  zu  seinen  Ausschreitungen.  Gegen  Damen  —  und
das  ist  ein  guter  Prüfstein  vornehmen  Charakters  —  blieb  er
immer  der  vollendete  Gentleman.  Daß  das  Gerücht  so  schonungslos
  mit  ihm  umging,  war  eine  Art  Wiedervergeltungj  er  selbst
schonte  mit  sarkastischem  Witz  und  unumschränkter  Sicherheit  niemanden,
  auch  sich  selber  nicht.
        <pb n="58" />
        Ernste  Stunden  des  „tollen“  Junkers  49

Auch  pflegt  nur  große  Naturen  die  schmückende  Sage  mit
geschichtlicher  Dramatisierung  auszuzeichnen:  an  Bismarcks  Ruf
und  Bild  prägte  sie  immer  wieder  die  Selbstbehauptung  aus,
die  den  Grundzug  seines  Wesens  bildete  und  die  in  der  weitatmigen
  Natur  von  Kniephof  freien  Raum  zu  voller  Ausgestaltung
  seines  Wesens  und  Wollens  fand.

Man  würde  sich  auch  täuschen,  wenn  man  Bismarck  nur
darnach  beurteilte,  was  über  ihn  nach  außen  drang,  wenn
man  glauben  würde,  er  habe  sich  dauernd  von  den  Dämonen
der  Einsamkeit  und  der  Stimmungen  unterkriegen  lassen.  Der
Einsame  fand  gute  Freunde:  die  Bücher  waren  die  besten  Genossen
  des  nach  Erkenntnis  und  Seelenruhe  trachtenden  Mannes.
  Er  las  sehr  viel  und  erhielt  häufige  Zusendungen  von  seinem
Buchhändler,  vor  allem  historische  Werke,  aber  auch  theologische
und  philosophische  Schriften,  wie  er  namentlich  Spinoza  gründlich
  studierte.  Auch  Strauß,  Feuerbach,  Sallet,  Byron,  Lenau
und  Grün  gesellten  sich  hinzu.  In  diesen  stillen  Stunden  faßte
vieles  an  Wissen,  Denken  und  Empfinden  in  seinem  Innern
Wurzel  und  senkte  sich  in  seine  Seele,  was  in  den  Tagen,  da
er  sich  den  Großen  der  Geschichte  zugesellte,  zur  Bewunderung
aller  derer,  die  Größe  selbstlos  schätzen,  so  frisch,  so  belebend
und  begeisternd  ans  Licht  trat.

Auch  der  Staat  mit  seinen  Pflichten  zog  ihn  immer  wieder
an.  Seit  1841  war  er  zweiter  Deputierter  des  Naugarder
Kreises.  Er  mußte  allerlei  Zeit  und  Kraft  auf  mannigfache
Kreisarbeit  verwenden  und  vertrat  häufiger  seinen  Bruder,  der
Landrat  warz  er  tat  auch  das  mit  dem  Humor,  der  ihm  eigen
war.  Als  Kreisdeputierter  hatte  er  einmal  den  Patron  von
Külz  —  das  war  er  selber  —  zu  laden;  er  vermochte  solch
seltsame  Ladung  nicht  auszuführen;  doch  die  Regierung  zwang
ihn  mit  Exzitatorium  und  Ordnungsstrafe.  Das  Protokoll,  in
welchem  der  Kreisdeputierte  Otto  von  Bismarck  den  Patron
von  Külz  gleichen  Namens  seine  Vorhaltungen  machte  und  der
letztere  sie  zurückwies,  wurde  doppelt  von  ein  und  demselben
unterschrieben  und  genehmigt.  —  Mit  gleichem  Humor  schrieb
er  in  einem  Gutachten  über  Expropriation:  „Sie  können  es  mir

A.  Matthias,  Bismarck  4
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        50  3.  Der  „tolle“  Landjunker

gar  nicht  bezahlen,  wenn  Sie  den  Park  meines  Vaters  in  einen
Karpfenteich  oder  das  Grab  meiner  seligen  Tante  in  einen  Aal—
sumpf  verwandeln.“

Daß  man  ihn  und  er  sich  selber  in  seiner  damaligen  Ge—
sinnung  als  liberal  bezeichnete,  ist  richtig,  doch  darf  man  das
nicht  im  Geiste  der  späteren  Parteien  fassen.  „Ich  wurde  zur
Kritik  geneigt,  also  „liberal“  in  dem  Sinne,  in  welchem  man
das  Wort  damals  in  Kreisen  von  Gutsbesitzern  anwandte  zur
Bezeichnung  der  Unzufriedenheit  mit  der  Bürokratie,  die  ihrerseits
  in  der  Mehrzahl  liberaler  als  ich  war,  aber  in  anderem
Sinne.“  Bismarck  war  oppositionell,  weil  er  ständisch-liberal
war,  er  fühlte  sich  zugehörig  zu  Adel  und  Land.  Denn  in
Hinterpommern  galten  die  Stände  und  die  Ritterschaft  alles,
die  Städte  fast  nichts.  In  politischer  Beziehung  war  er  damals
noch,  wie  er  1871  einmal  in  Versailles  gesagt  hat,  der  „wilde
Junker“.  Als  solcher  schrieb  er  auch  seinen  ersten  Zeitungsartikel
  über  Jagd  gegen  einen  hämischen  Artikel  über  Parforcejagden.
  Sein  Aufsatz  wurde  aber  nicht  angenommen.  Als  Sachkenner
  und  Landwirt  hatte  er  die  Unschädlichkeit  der  Parforcejagden
  und  den  Nutzen  für  die  Pferdezucht  nachgewiesen  und
recht  oft  und  recht  geflissentlich  das  Wort  Junker  gebraucht.
Am  Schlusse  bekennt  er  sich  zu  der  Schlechtigkeit,  in  dem  Stande
der  ci-devant  nobles  geboren  zu  sein,  und  er  verspottet  den  Lieferanten
  der  öffentlichen  Meinung  und  der  Stimme  des  Volkes;
fühlt  sich  also  als  Edelmann  im  leidenschaftlichen  Gegensatze
zu  dem  Adelshasse  jener  Zeit.

Was  die  auswärtige  Politik  anbetrifft,  so  lag  damals  wenig
Veranlassung  vor,  brennende  Fragen  lebhaft  zu  behandeln.  Der
Geist  der  Freiheitskriege  ging  noch  durchs  Land;  Bismarck  verkörperte
  ihn  und  sah  die  Dinge  zugleich  im  Geiste  Friedrichs
des  Großen  an;  eine  Außerung  aus  dem  Jahre  1842  ist  bezeichnend:
  „es  ist  das  Hauptziel  der  Gewaltigen  auf  Erden,"
womit  er  die  Landesfürsten  meinte,  „ihr  Herrschaftsgebiet  auszudehnen,
  ihre  Grenzen  zu  erweitern.  Ich  bin  der  Meinung,
daß  wir  auch  noch  einmal  eine  Zeit  bekommen  werden,  wo  das
Königreich  Preußen  einen  bedeutenden  Zuwachs  erhalten  wird."“
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        Seine  politischen  Anschauungen.  Druck  der  Einsamkeit  51

Der  vorwärtsstrebende  Sinn  für  eine  große  auswärtige  Politik
steckte  also  schon  damals  in  ihm.  Und  so  sehr  er  in  ständischen
Idealen  lebte,  er  war  empfänglich  für  alles  Neue,  was  innerlich
  gesund  war.  Seine  Freunde  mochten  schon  ahnen,  was
in  ihm  für  Werte  schlummerten.  Herr  von  Blanckenburg
feierte  ihn  auf  der  Hochzeit  seines  Sohnes  1844  als  künftigen
Minister.

Trotz  aller  Beschäftigung  mit  Landwirtschaft  und  Verwaltung
des  Kreises  blieb  der  Grundzug  das  Gefühl  der  Einsamkeit  und
der  Langeweile.  Der  Drang  nach  großzügiger  Tätigkeit,  nach
Kraftentwicklung  wurde  mächtiger;  die  Erkenntnis,  den  Beruf
verfehlt  oder  doch  den  richtigen  Beruf  nicht  gefunden  zu  haben,
wuchs  mehr  und  mehr.  Gesteigert  wurde  das  Gefühl  der  Vereinsamung,
  als  seine  Schwester  Malwine,  die  er  wie  eine  Braut
liebte,  sich  mit  seinem  Jugendfreund,  dem  Angermünder  Landrat
Oskar  von  Arnim  am  30.Oktober  1844  vermählt  hatte.  Am  4.  Dezember
  schreibt  er  von  Schönhausen  an  sie:  „Nach  Eurer  Abreise
habe  ich  das  Haus  natürlich  sehr  einsam  gefunden,  und  ich  habe
mich  an  den  Ofen  gesetzt,  geraucht  und  Betrachtungen  darüber
angestellt,  wie  unnatürlich  und  selbstsüchtig  es  ist,  wenn  Mädchen,
die  Brüder  haben  und  noch  dazu  unverehlichte,  sich  rücksichtslos
verheirathen,  und  thun,  als  wenn  sie  nur  in  der  Welt  wären,
um  ihren  fabelhaften  Neigungen  zu  folgen,  eine  Selbstsucht,
von  der  ich  unser  Geschlecht  und  mich  persönlich  glücklich  frei
weiß.  Nachdem  ich  das  Unfruchtbare  dieser  Betrachtungen  eingesehen
  hatte,  erhob  ich  mich  von  dem  grünledernen  Stuhl,  auf
dem  Dumit  Miß  und  Oskar  zu  küssen  und  zu  flüstern  pflegtest,  und
stürzte  mich  köpflings  in  die  Wahlumtriebe  .  .“  In  dieser  Zeit
muß  der  Briefwechsel  besonders  lebhaft  von  ihm  betrieben  worden
sein.  Aus  ihr  stammt  Bismarcks  schönes  Wort  an  seine  Schwester
aus  Kniephof  über  den  Wert  des  Briefwechsels  (22.  Februar
1845):  „Wenn  man  in  einem  wohlunterhaltenen  und  für  beide
Theile  stets  behaglichen  Briefwechsel  bleiben  will,  so  darf  man
sich  nicht  auf  den  Fuß  setzen,  jedes  Mal  eine  Art  von  geistigem
Sonntagsrock  zum  Briefschreiben  anzuziehn,  ich  meine,  daß  man
sich  genirt,  einander  gewöhnliche,  unbedeutende  Sachen,  alltäg-42
        <pb n="61" />
        52  3.  Der  „tolle“  Landjunker

liche  Briefe  zu  schreiben.  Wenn  man  sich  lieb  hat,  wie  es  von
uns  beiden  doch  anzunehmen  ist,  so  ist  es  ein  Vergnügen,  überhaupt
  nur  in  Verbindung  zu  sein.  Ist  man  geistig  angeregt,
so  schreibt  man  einen  witzigen,  ist  man  niedergeschlagen,  einen
sentimentalen  Brief;  hat  man  den  Magen  verdorben,  hypochonder,
und  hat  man  gelandwirthschaftet,  wie  ich  heut,  trocken  und  kurz.

.  Du  mußt,  mein  Herz,  dazu  beitragen,  uns  auf  dem  un—
genirten  Plauderfuß  zu  erhalten;  schreibe  Du  mir,  in  welcher
Stimmung  Du  willst  —  auch  in  der  wirthschaftlichsten  von  der
Welt,  Du  machst  mir  immer  eine  sehr  große  Freude;  Dein  Brief
mag  kurz  oder  lang,  frankirt  oder  unfrankirt  sein,  er  mag  Dir
uninteressant  vorkommen,  für  mich  ist  er  immer  das  Gegentheil.

.  Für  heute  leb  wohl,  mein  Lieb,  und  schreibe  ja  bald  an
Vater  und  dann  auch  an

Deinen  treuen  Bruder

Bismarck.“

So  plaudert  sich  der  Prachtmensch  seine  Einsamkeit  von  der
Seele.  Betrat  er  in  trostloser  Stumpfheit  sein  Haus,  so  gähnte
ihn  die  Tür  seines  Zimmers  an  und  das  stumme,  menschenleere
  Gerät  in  dem  leblosen  Raum.  „Nie  wurde  mir  die  Ode
meines  Daseins  deutlicher  als  in  solchen  Augenblicken,  bis  ich
dann  ein  Buch  ergriff,  von  denen  keines  traurig  genug  war,
oder  mechanisch  an  irgend  ein  Tagewerk  ging.  Am  liebsten
kam  ich  des  Nachts  nach  Hause,  um  gleich  zu  schlafen.“
Im  April  (9.  April  1845)  aber  ist  er  zur  Uberzeugung  gekommen,
  daß  er  heiraten  müsse:  „Johann  pfeift  draußen  ebenso
consequent  wie  falsch  einen  ganz  infamen  Schottischen,  und  ich
habe  nicht  die  Grausamkeit,  es  ihm  zu  verbieten,  da  er  ohne
Zweifel  seinen  heftigen  Liebeskummer  durch  Musik  zu  beschwichtigen
  sucht.  Das  Ideal  seiner  Träume  hat  vor  kurzem  auf  Zureden
  der  Eltern  ihm  abgesagt  und  einen  Stellmacher  geheirathet.
Ganz  mein  Fall,  bis  auf  den  Stellmacher,  der  noch  im  Schoße
der  Zukunft  raspelt.  Ich  muß  mich  übrigens,  hol  mich  der  D...
[Deixel  volkstümlich  statt  Teufel]  verheirathen,  das  wird  mir
wieder  recht  klar,  da  ich  mich  nach  Vaters  Abreise  einsam  und
        <pb n="62" />
        Tod  des  Vaters.  Nach  Schönhausen  53

verlassen  fühle,  und  milde,  feuchte  Witterung  mich  melancholisch,
sehnsuͤchtig,  verliebt  stimmt.  Mir  hilft  kein  Sträuben,  ich  muß
zuletzt  doch  noch  H.  E.  heirathen,  die  Leute  wollen  es  alle  so,
und  nichts  scheint  natürlicher,  da  wir  beide  zusammen  übrig
geblieben  sind.  Sie  läßt  mich  zwar  kalt,  aber  das  thun  sie  alle;
weiß  der  D.  ..  woran  es  liegt;  am  Ende  steckt  noch  ein  Pollak
(laß  Dir  den  Ausdruck  von  O.  erklären)  von  Reigung  für  meine
ungetreue  Stellmacherin  in  mirz  eine  Schwäche,  aber  um  derentwillen
  ich  anfange  mich  zu  achten;  es  ist  hübsch,  wenn  man
seine  Neigungen  nicht  mit  den  Hemden  wechseln  kann,  so  selten
letzteres  auch  geschehen  mag!“

Im  November  1845  starb  sein  Vater;  die  Söhne  teilten  sich
in  das  Erbe,  Bernhard  behielt  Külz  und  Jarchelin  dazu;  der
jüngere  bekam  zu  Kniephof  das  Stammgut  Schönhausen.  Hier
nahm  er  nun  seinen  Wohnsitz.  Als  er  im  Frühling  1847  endgültig
  von  Kniephof  Abschied  nahm,  der  Regen  leise  durch  die
Büsche  rieselte  und  er  lange  in  das  matte  Abendrot  starrte,  da
war  er,  wie  er  selber  sagt,  bis  zum  Uberlaufen  voll  Wehmut
und  Reue  über  die  träge  Gleichgültigkeit  und  die  verblendete
Genußsucht,  in  der  er  alle  die  reichen  Gaben  der  Jugend,  des
Geistes,  des  Vermögens,  der  Gesundheit  zwecklos  verschleudert
hatte.

In  Schönhausen  fühlte  sich  Bismarck  bald  heimisch.  Die
Leute  waren  alle  lange  im  Hause,  Bellin  als  Inspektor  zweiunddreißig
  Jahre,  im  ganzen  vierzig  Jahre,  da  er  als  Reitknecht
  bei  seinem  Vater  angefangen;  dessen  Frau  war  in  Bismarckschen
  Diensten  geboren,  die  Tochter  des  vorigen,
Schwester  des  jetzigen  Schäfers;  dieser  und  der  Ziegelmeister
dienten  schon  in  der  zweiten  Generation  auf  dem  Gute;  die
Väter  bei  Bismarcks  Vater  und  Großvater.  Auch  der  Gärtnerposten
  war  vom  Vater  geerbt,  und  der  Kuhhirt  hatte  Bismarcks
  Vater  noch  als  Fähnrich  gekannt.  So  war  es  patriarchalisch
  an  allen  Stellen.

Vor  allem  aber  fand  Bismarck  neben  neuen  landwirtschaftlichen
  Aufgaben  andere  Arbeit,  die  dem  tatkräftigen  Manne
besser  lag.  Er  schreibt  am  25.  Februar  1846  an  seine  Schwester:
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        54  3.  Der  „tolle“  Landjunker

„Ma  sœur.  ..  .  Ich  soll  hier  mit  der  gewichtigen  Charge  eines
Deichhauptmanns  bekleidet  werden,  auch  habe  ich  ziemlich  sichre
Aussicht,  in  den  sächsischen  (d.  h.  nicht  den  Dresdener)  Landtag
gewählt  zu  werden.  Die  Annahme  der  ersteren  Stelle  würde
entscheidend  für  die  Wahl  meines  Wohnsitzes,  hier,  sein.  Gehalt
ist  weiter  nicht  dabei,  aber  die  Verwaltung  der  Stelle  ist  von
Wichtigkeit  für  Schönhausen  und  die  andern  Güter,  indem  es
von  ihr  vorzugsweise  abhängt,  ob  wir  gelegentlich  wieder
unter  Wasser  kommen  oder  nicht.  Auf  der  andern  Seite
dringt  mein  Freund  Senfft  in  mich,  der  mich  durchaus  nach
Ostpreußen  schicken  will,  als  Sr.  Majestät  Commissarius  bei
dortigen  Meliorations-Arbeiten.  Diese  Stellung  würde  mir  vor
der  Hand  einen  ganz  interessanten  Wirkungskreis  und  dem—
nächst  eine,  wie  ich  glaube  unter  jetzigen  Umständen  sehr
günstige  Aussicht  auf  schnelle  Beförderung  im  Dienst  geben.
Aber  ich  würde  auf  das  bescheidne,  sichrere  Los,  welches  sich
mir  hier  bietet,  verbunden  mit  der  Aussicht  auf  den  Landrath
  verzichten.  .  .  Bernhard  redet  mir  wider  Erwarten  sehr
zu,  nach  Preußen  zu  gehn.  Ich  möchte  wissen,  was  er  sich  dabei
denkt.  Er  behauptet,  ich  sei  nach  Neigung  und  Anlage  für
den  Staatsdienst  gemacht,  und  würde  früher  oder  später  doch
hineingehn.“

Noch  aber  war  die  Stunde  nicht  für  ihn  gekommen.  Er  blieb
in  Schönhausen.  Bezeichnend  für  sein  Wesen,  daß  gerade  der
Deichhauptmann  ihn  lockte!  Frau  von  Blanckenburg  schrieb:
„Bismarck  wird  Deichhauptmann,  oder  Flußgott,  wie  er  sagt.“
Sein  Vorgänger  war  wegen  Pflichtwidrigkeiten  abgesetzt,  Bismarck
  stand  getreuer  in  seiner  Pflicht;  er  erfaßte  seine  Aufgaben
  mit  fester  Faust  und  setzte  sich  überall  entschlossen  durch,
mochte  er  Termine  abzuhalten  haben,  um  zänkische  Bauern  zu
vertragen,  oder  mochte  er  geduldig  warten  auf  das  Eintreten
des  Tauwetters  und  der  drohenden  Eisgangsgefahren,  wenn
im  ersten  Frühjahr  die  Wärme  plätzlich  stärker  auftrat  und  alles
MWasser  auf  einmal  sich  stromabwärts  ergoß.  Wie  wohl  fühlte  er
sich  dann  (er  schildert  es  selber),  wenn  die  Stafette  meldete,  daß
das  Eis  bei  Dresden  und  in  Böhmen  im  Gange  sei,  wenn  das
        <pb n="64" />
        Der  Deichhauptmann  55

zerfetzte  Fähnlein  im  nächtlichen  Sturm  und  Regen  am  Rande
der  aufrührerischen  Fluten  flatterte  und  wenn  er  auf  seinem
braunen  Pferde  saß,  das  ohrspitzend  und  schnarchend  seinen
Schrecken  über  den  donnernden  Lärm  der  Schlacht  zu  erkennen
gab,  die  sich  die  riesigen  Eisfelder  untereinander  lieferten,  wenn
sie  sich  in  Zwietracht  gelöst  hatten  und  ihre  mächtigen  Trümmer
sich  im  Strudel  auftürmten  und  zersplitterten.  In  diesem  imposantesten
  Schauspiel  in  der  Natur  fühlte  sich  der  Landjunker
in  seinem  Elemente:  „Die  Eisschollen  spielen  mir  den  Pappenheimer
  Marsch  zum  Ruf,  und  der  Chor  der  Bauern  singt  Frisch
auf  Cameraden".  Warum  thun  es  die  Klötze  nicht  wirklich?  Wie
schön  wäre  das  und  wie  poetisch.  Es  weht  mich  wie  frisches
Leben  an,  daß  dies  langweilige  Warten  vorbei  ist  und  die  Sache
vorgeht.“  Fast  prophetisch  für  sein  Leben  und  Empfinden  klingen
diese  Worte;  denn  in  diesen  Zeiten  ging  die  Sache  voran,  der
Landjunker  wuchs  zum  Manne  aus.  Man  denkt  unwillkürlich
wieder  an  Shakespeares  Worte,  die  er  den  Prinzen  Heinrich
weiter  sprechen  läßt:

„So,  wenn  ich  ab  dies  lose  Wesen  werfe,
Und  Schulden  zahle,  die  ich  nie  versprach,
Täusch'  ich  der  Welt  Erwartung  um  so  mehr,
Um  wie  viel  besser  als  mein  Wort  ich  bin;
Und  wie  ein  hell  Metall  auf  dunklem  Grund
Wird  meine  Bessrung,  Fehler  überglänzend,
Sich  schöner  zeigen  und  mehr  Augen  anziehn,
Als  was  durch  keine  Folie  wird  erhöht.“

Fast  ein  Jahrzehnt  hatte  nun  der  alte  Adam  in  ihm  gekämpft.
Er,  der  der  größte  Lump  zu  werden  fürchtete,  reinigte  sich  von
den  Schlacken,  um  dort  Boden  fassen  zu  können,  wo  er  der  erste
Mann  Preußens  zu  werden  imstande  war.

Die  Herrscherseele  in  Bismarck  ging  nun  bald  aus  auf  Ausschau
  nach  einem  Herrscherplatz.  Die  Uberkraft  einer  nicht  zu
wesensgleicher  Betätigung  kommenden  Persönlichkeit  war  kompaßlos
  im  Strome  des  Lebens  hin=  und  hergeworfen  in  Studien
und  Ausschreitungen,  unter  Menschen  und  Akten,  in  Philosophie
und  Liebe  im  wirren  Durcheinander.  In  den  letzten  Zeiten  von
        <pb n="65" />
        56  83.  Der  „tolle“  Landjunker

Kniephof  und  den  ersten  in  Schönhausen  zeigten  sich  aber  tief
im  innersten  Wesen  Bismarcks  geistige  Vorgänge  in  Keimen,
die  nun  bald  zu  kräftiger  Reife  gedeihen  sollten.  Es  nahte  die
Stunde,  wo  diese  Kraft  den  Anker  auswarf,  um  festen  Grund
zu  fassen  im  schützenden  Glauben  und  in  schützender  Heimat,  um
von  dort  auszuziehen  zu  politischer  Arbeit,  deren  Endziel  des
preußischen  Staates  Stärke  und  des  deutschen  Vaterlandes  Einheit
  sein  sollte.  Das  Vorspiel  bilden  die  Jahre  1847  und  1848.
In  ihnen  faßte  Bismarcks  Wollen  seinen  Ankergrund  in  Glauben
und  Heimat  und  in  den  Tiefen  der  Geschichte  seines  Königs
und  seines  Volks.
        <pb n="66" />
        4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Die  ganzen  Jahre  hindurch,  die  Bismarck  auf  Kniephof  in
junkerlicher  Ungebundenheit  lebte,  verließ  ihn  niemals
das  Gefühl  des  Unbefriedigtseins  und  der  inneren  Leere;  die
Sehnsucht  nach  Liebe  und  nach  Befriedigung  durch  den  Glauben
drängte  sich  immer  wieder  in  ihm  hervor,  und  wo  er  diese
ewigen  Werte  fand,  da  fühlte  er  sich  angezogen  und  doch  —  unbeugsam
  und  selbstbewußt,  wie  er  war  —  auch  wieder  abgestoßen.
  Vor  allem  war  es  die  gutsnachbarliche  Familic  von
Thadden-Trieglaff  auf  Zimmerhausen,  in  der  er  sich  wohl  fühlte,
wenn  daheim  ihn  Leere  und  Langeweile  anstarrte.  Mit  Herrn
und  Frau  von  Thadden  kam  er  gern  zusammen,  besonders  aber
mit  ihrer  Tochter  Marie,  die  mit  seinem  Freunde  Moritz  von
Blanckenburg  verlobt  war;  wäre  sie  nicht  schon  gebunden  gewesen,
  mit  diesem  frommen  und  mit  seltener  Klugheit  und  fast
überirdischer  Nächstenliebe  begnadigten  Wesen  hätten  ihn  engere
Bande  verknüpfen  können,  da  auch  Marie,  ohne  dadurch  ihre
Liebe  zum  Bräutigam  zu  kürzen,  an  Bismarck  hing,  weil  „seine
einnehmende  Persönlichkeit“,  wie  sie  selber  es  sagt,  „sie  gar
zu  sehr  bestach“,  weil  „seine  große  starke  Tüchtigkeit,  die  Klugheit
  und  Wärme  seines  Verstandes  ihr  wohl  taten“  und  sie
„immer  nicht  recht  an  sein  wüstes  Leben  glauben  konnte“,  von
dem  die  Sage  ging.  Auch  zog  sie,  die  Jean  Pauls  Titan  und
Novalis  blaue  Blume  liebte,  das  Romantische  an,  das  neben
starker  Klarheit  immer  in  Bismarck  gewohnt  hat  und  das  auch
damals  in  dem  Worte  sich  äußerte,  das  er  zu  ihr  sprach,  er
habe  zeitlebens  die  Nachtigallen  so  lieb  gehabt  und  „wie  merkwürdig
  ihm  die  Ironie  in  der  Nachtigallenklage  sei;z  wie  es  in
Italien  keine  Nachtigallen  gebe,  weil  der  Italiener  keine  brauche,
sondern  nur  der  schwermütige  Deutsche“.  In  der  Seele  dieser
edlen  Frau  sehen  wir  sich  Bismarcks  Bild  in  ganz  anderen
Farben  spiegeln,  als  sie  sich  in  Kniephof  gaben.  Schon  im
        <pb n="67" />
        58  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Jahre  1843  schreibt  sie  in  einem  Briefe  an  ihren  Bräutigam:
„Ich  habe  noch  nie  Jemanden  seinen  Unglauben  oder  vielmehr
Pantheismus  so  frei  und  klar  auseinandersetzen  hören.“  „Ottos
traurige  Ansichten,  in  denen  er  selbst  sich  ja  so  sehr  unbefriedigt
fühlt,  kennst  Du  ja.  Aufrichtig  ist  er  unstreitig,  und  das  hat
ja  eine  große  Verheißung,  auch  hat  er  doch  noch  eine  gewisse
Scheu  vor  dem  blauen  Dunstgebilde,  was  er  sich  von  Gott
gemacht  hat.“  Mit  Ernst  sprach  Bismarck  mit  Frau  von  Thadden
über  religiöse  Fragen,  auch  wie  er  seit  seinem  sechzehnten  Jahre
nicht  gebetet  habe:  „er  wisse  die  Nacht  so  gut,  wo  er  es  zum
letzten  Male  getan,  und  dann  wissentlich  gelassen“.  Auch  mit
Moritz  korrespondierte  er  in  dieser  Zeit  fleißig,  sein  Glaube
erwies  sich  als  vollständiger  Pantheismus;  der  Anmaßung  der
Gläubigen,  ihre  Ansicht  für  die  rechte  zu  halten,  stellte  er  die
Größe  seines  Gottes  gegenüber,  der  sich  um  ein  solches
Stäubchen  wie  er  nicht  bekümmern  könnez  neben  seiner  vollen
Glaubenslosigkeit  lag  aber  gleichwohl  in  seiner  völligen  Gleichgültigkeit
  gegen  Freud  und  Schmerz,  in  seiner  steten  bodenlosen
  Langeweile  und  Leere  die  entfernte  Sehnsucht  nach  kräftigerem
  Glauben:  „Wie  kann  ich  denn  glauben,  da  ich  doch
einmal  keinen  Glauben  habe;  der  muß  entweder  in  mich  hineinfahren
  oder  ohne  mein  Zutun  und  Wollen  in  mir  aufschießen."“
Bei  solchen  Gesprächen  wurde  er  vor  Aufregung  auch  wohl
dunkelrot,  vertrat  lebhaft  seine  Anschauungen  und  konnte  sich
gar  nicht  losreißen,  weil  er  sichtlich  neu  und  angenehm  berührt
war,  wenn  er  bei  diesen  frommen  Leuten  die  Liebe  zu  seiner
Seele  durchfühlte,  die  unbefangene  Herzlichkeit,  gemütvoll  wie
er  war,  wohltuend  empfand,  und  er  sogar  hörte,  daß  sein  Freund
Blanckenburg  mit  der  Braut  für  ihn  betete,  daß  er  wieder
Glauben  an  die  Menschheit  bekomme.  Auch  wußte  er  von  seinem
Freunde,  daß  dessen  an  Halsschwindsucht  leidende,  früh  verstorbene
  Schwester  Hedwig  ihn  mit  der  Glut  und  der  Entsagung
  einer  zum  Tode  Bestimmten  geliebt  und  sich  nach  seiner
Bekehrung  gesehnt  habe.  Lange  noch  klangen  die  Worte  des
Freundes  in  ihm  nach:  „Die  sterbende  Seele,  die  im  Todeskampf
  liegt,  bis  sie  dich  selig  weiß.“  Und  doch  zieht  sich  bald
        <pb n="68" />
        Verkehr  im  Hause  Thadden-Trieglaff  59

nach  1843  Bismarck  von  dem  Briefwechsel  mit  Moritz  von
Blanckenburg  zurück,  weil  er  sein  Mitleiden  als  Geringschätzung
empfindet.  Aber  mit  Marie  blieb  er  in  regem  Briefwechsel,  und
sie  wußte  in  ihm  die  Sehnsucht  nach  einem  persönlichen  Gott
so  wach  zu  halten,  daß  diese  immer  mehr  zur  Stärke  reifte
und  in  den  Zeiten,  da  Leid  und  Schmerz  und  Tod  geliebter
Freunde  Bismarcks  Herz  tief  bewegten,  mächtig  zum  Durchbruch
  kam,  um  schließlich  mit  der  Liebe  zur  Braut  sich  zu  vereinigen,
  die  ihm  das  Sehnen  nach  eignem  Herd  und  friedevoller
  Heimat  erfüllte.  Diese  Wanderung  zu  Glauben  und
Heimat  vollzog  sich  in  den  letzten  Jahren  des  Kniephofer  und
im  Beginn  des  Schönhauser  Aufenthaltes.

Zu  dem  frommen  Hause  Thadden  stand  auch  der  pommersche
Gutsherr  auf  Reinfeld  Heinrich  von  Puttkamer  und  dessen  Frau
Luitgarde,  geborene  von  Glasenapp,  in  freundschaftlichen  Beziehungen,
  beide  tief  religiös,  ehrenfest,  freundlich  und  altfränkisch;
  die  Frau,  die  viel  kränklich  war,  bedeutender  als  der
Mann,  auch  pietistischer  und  für  eigenes  und  fremdes  Heil
immerfort  selbstquälerisch  besorgt.  Ihre  Tochter  Johanna  war
innig  befreundet  mit  Marie  von  Thadden,  beide  schwärmerisch
veranlagt;  aber  Johanna  war  zurückhaltender  und  herber  als
jene,  nicht  schön,  aber  die  Augen  hatten  anziehende  Kraft  und
ihre  langen  schweren  Locken  waren  reizvoll;  sie  war  gesprächig,
witzig,  munter  und.  gescheit,  bescheiden,  wo  es  angemessen  war,
doch  auch  freimütig  tapfer,  wo  es  sein  mußte;  sehr  mustkalisch
und  überall  gern  gesehen.  Auf  der  Hochzeit  Mariens  (Oktober
1844)  führte  Bismarck  Johanna  zu  Tisch.  Von  irgendwelcher
Annäherung  wissen  wir  nichts.  Pfingsten  1845  trafen  sie  sich
wieder  im  Hause  des  jungen  Paars.  Hier  hatten  die  beiden
ein  ernstes  Gespräch  über  Religion.  Johanna  schrieb  später,
daß  sie  damals  schon  die  entschiedene  Überzeugung  gehabt  habe,
daß  sich  seine  Ansichten  noch  einmal  ganz  ändern  würden,  obgleich
  es  fast  unmöglich  geschienen  nach  seinen  Reden.  Sie
habe  es  ihm  das  schon  damals  gesagt,  obgleich  er  ihr  ganz
fremd  war  und  sie  keine  Antwort  bekam,  als  ein  unendlich
sarkastisches  Lächeln.  Innerlich  habe  sie  ihn  verteidigt,  ehe  sie
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        60  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

mit  ihm  in  irgend  einer  äußeren  Beziehung  stand  und  ihn
so  wenig  kannte.  Johanna  bewies  hier  den  feinen  weiblichen
Instinkt  für  Menschenkenntnis.  Denn  Ludwig  von  Gerlach,  auch
ein  Freund  des  Thaddenschen  Hauses,  schrieb  um  jene  Zeit  in
sein  Tagebuch:  „Bismarck  sprach  immer  gegen  den  christlichen
Glauben,  aber  wie  einer,  der  die  eigenen  Gedanken  los  werden
will  und  sich  freuen  würde,  widerlegt  zu  werden.“  —  Mit
Johanna  kam  Bismarck  zunächst  nicht  wieder  zusammen,  aber
Marie  korrespondierte  mit  beiden,  und  der  Wunsch,  sie  zu
sammenzuführen,  wird  manchmal  der  leichten  Hand  und  dem
feinen  Sinne  der  Schreiberin  die  rechten  Worte  in  die  Feder
gegeben  haben.  Im  Sommer  1846  brachte  Marie  von  Blanckenburg
  eine  Harzreise  zusammen,  an  der  mehrere  Freunde  sowie
auch  Bismarck  und  Johanna  von  Puttkamer  teilnahmen.  Am
27.  Juli  brach  man  von  Wernigerode  auf  und  besuchte  die
schönsten  Punkte  des  Gebirges.  Auf  Johanna  machte  die  Reise
einen  tiefen  Eindruck;  sie  spricht  von  „ewig  unvergeßlichen
Stunden“.  Bismarck  ist  in  diesen  Tagen  ihr  näher  gerückt,  besonders
  in  einem  religiösen  Gespräche,  das  die  beiden  auf  dem
Brocken  miteinander  hatten.  Er  war  aber  in  Zweifel,  ob  die
Erreichung  seines  Wunsches  Johanna  näher  zu  treten  mit  ihrem
Glück  und  ihrem  Frieden  verträglich  sein  werde,  und  ob  sein
Selbstvertrauen  nicht  größer  sei  als  seine  Kräfte,  wenn  er
glaubte,  daß  sie  in  ihm  finden  könne,  was  sie  in  ihrem  Manne
zu  suchen  berechtigt  sei.  Im  Herbst  kamen  aber  für  ihn  leidvolle
  Tage.  Eine  Epidemie  durchzog  Pommern  und  raubte
Thaddens  den  jüngsten  Sohn;  die  Mutter  lag  selbst  schwer
krank  am  gastrischen  Fieber,  das  sie  am  4.  Oktober  dahinraffte.
Bismarck  traf  am  Todestage  in  Zimmerhausen  ein.  Dann  erkrankte
  auch  Marie  an  Gehirnentzündung.  Am  25.Oktober  war
er  in  Kardamin  am  Krankenlager,  in  den  folgenden  Wochen
in  Kniephof.  Die  Kranke  freute  sich,  daß  Bismarck  erschienen
warz  er  müsse  sich  bekehren;  es  sei  die  höchste  Zeit,  war  ihr
sehnlichster  Wunsch.  Am  10.  November  starb  sie.  Heldenmütig
trug  der  Gatte  den  schweren  Schlag.  Bismarck  schrieb  darüber
an  seine  Schwester  und  bewundert  die  beneidenswerte  Zuver-
        <pb n="70" />
        Tod  Mariens  von  Blanckenburg.  Johanna  von  Puttkamer  61

sicht,  mit  der  Moritz  und  Marie  diesen  Tod  als  kaum  etwas
andres  wie  eine  Vorausreise  betrachten,  der  ein  fröhliches
Wiedersehen  über  kurz  oder  lang  folgen  müsse.  Für  ihn  aber
bedeutete  dieser  Tod,  wie  er  selbst  schrieb,  die  erste  große  und
unerwartete  Lücke  in  seinem  Leben.  „Mir  war  dieses  Gefühl
der  Leere,  dieser  Gedanke,  eine  mir  theure  und  nothwendig  gewordene
  Person,  deren  ich  sehr  wenig  habe,  nie  wieder  zu
sehen  und  zu  hören,  dieß  war  mir  so  neu,  daß  ich  mich  noch
nicht  damit  vertraut  machen  kann.“  Sein  Freund  aber  schreibt
von  ihm,  er  habe  sich  sehr  satt  geweint  und  geäußert:  „Dies
ist  das  erste  Herz,  das  ich  verliere,  von  dem  ich  weiß,  daß  es
warm  für  mich  schlug“  und  ferner:  „Jetzt  glaube  ich  an  eine
Ewigkeit  —  oder  es  hat  auch  Gott  nicht  die  Welt  geschaffen."“
Und  schließlich  erfahren  wir  von  Bismarcks  Freunde,  daß  er  gleich
nach  der  Nachricht  von  Mariens  Krankheit  auf  der  Eisenbahn
—  es  muß  das  am  25.  Oktober  gewesen  sein  —  zum  ersten
Male  wieder  gebetet  habe.

Mitte  Dezember  traf  Bismarck  in  Zimmerhausen  auch  Johanna
  mit  ihrem  Vater.  Am  14.  sprach  er  sich  mit  ihr  aus;
sie  sagte  nicht  nein.  Wenige  Tage  später  —  es  scheint  am
21.  Dezember  gewesen  zu  sein  —  schrieb  Bismarck  an  den
Vater  Johannas  seinen  Werbebrief,  der  am  heiligen  Abend
in  Reinfeld  eintraf.  Es  war  eine  große  „Konfession“  des
Glaubens,  der  Liebe  und  der  Sehnsucht  nach  einer  irdischen,
wertvollen  Heimat.  Mit  rückhaltloser  Offenheit  wollte  Bismarck
  über  sich  selbst  Auskunft  geben,  soweit  er  sich  selber  klar
geworden  war.

Über  sein  ußerliches  Auftreten  war  es  Johannas  Vater
leicht,  Nachrichten  zu  erhalten.  Es  kam  Bismarck  an  auf  eine
Darstellung  seines  inneren  Lebens,  besonders  seines  Standpunktes
zum  Christentum.  Seine  Erziehung,  in  der  er  dem  Elternhause
frühe  fremd  wurde,  die  einseitige  Ausbildung  seines  Verstandes
und  der  frühzeitige  Erwerb  positiver  Kenntnisse,  ein  unregelmäßig
  besuchter  und  unverstandener  Religionsunterricht  hatten
seinen  Glauben  kalt  gelassen;  es  war  ein  nackter  Deismus,  der
in  Gott  den  Urgrund  aller  Dinge,  aber  nicht  den  persönlichen
        <pb n="71" />
        62  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Vater  und  Lenker  sieht;  pantheistische  Beimischungen  kamen
hinzu:  mit  einem  solchen  Gott  stand  ihm  das  Gebet  in  Wider—
spruch,  denn  entweder  bringe  Gott  selbst,  nach  seiner  All—
gegenwart  alles,  also  auch  jeden  unserer  Gedanken  und  Willen
hervor,  und  man  bete  gewissermaßen  durch  sich  zu  sich  selbst
oder  aber  es  enthalte  eine  Vermessenheit  und  einen  Zweifel
an  der  Unwandelbarkeit,  also  auch  der  Vollkommenheit  des
göttlichen  Ratschlusses,  wenn  man  glaube,  durch  menschliche
Bitten  darauf  Einfluß  zu  üben.  In  seiner  Studienzeit  und
den  folgenden  Jahren  blieb  er  dem  Elternhause  und  den  Elternherzen
  fast  ein  Fremder.  Wenn  er  in  diesen  Zeiten  Studien
trieb,  die  ihm  dem  Ernst  des  Lebens  und  der  Ewigkeit  näherten,  so
waren  es  die  Philosophen  des  Altertums,  unverstandene  Hegelsche
Schriften  und  vor  allem  Spinoza,  in  dessen  anscheinend
mathematischer  Klarheit  er  Beruhigung  suchte  über  das,  was
menschlichem  Verstande  nicht  faßlich  ist.  Als  er  nach  dem  Tode
der  Mutter  nach  Kniephof  zog,  brachte  ihn  die  Einsamkeit  zu
anhaltendem  Nachdenken  über  diese  ernsten  Fragen;  die  innere
Stimme  wurde  hörbarer,  manches  empfand  er  als  Unrecht,
was  er  früher  für  erlaubt  gehalten.  Doch  blieb  sein  Streben
nach  Erkenntnis  immer  in  den  Zirkel  des  Verstandes  gebannt;
durch  Schriften  von  Strauß,  Feuerbach  und  Bruno  Bauer
geriet  er  nur  tiefer  in  die  Sackgasse  des  Zweifels.  Es  wurde
ihm  immer  klarer,  daß  Gott  dem  Menschen  die  Möglichkeit
der  Erkenntnis  versagt  habe  und  daß  es  Anmaßung  sei,  wenn
man  den  Willen  und  die  Pläne  des  Herrn  der  Welt  zu  kennen
behaupte;  der  Mensch  habe  vielmehr  in  Ergebenheit  zu  erwarten,
wie  sein  Schöpfer  im  Tode  über  ihn  bestimme;  auf  Erden
werde  der  Wille  Gottes  nicht  anders  kund,  als  durch  das  Ge—
wissen,  welches  er  uns  als  Fühlhorn  durch  das  Dunkel  der
Welt  mitgegeben  habe.  Bei  diesem  Glauben  habe  er  seinen
Frieden  nicht  gefunden,  aber  manche  Stunde  trostloser  Nieder—
geschlagenheit  darüber,  daß  sein  und  andrer  Menschen  Dasein
zwecklos  und  unersprießlich  sei,  vielleicht  nur  ein  beiläufiger
Ausfluß  der  Schöpfung,  der  entsteht  und  vergeht,  wie  Staub
vom  Rollen  der  Räder.
        <pb n="72" />
        Beginnender  Glaubenswandel  63

In  dieser  Zeit  nun  kam  er  in  Berührung  mit  seinem  Freunde
Moritz  Blanckenburg  und  dem  Trieglaffer  Kreise.  Ein  Gefühl
der  Scham  ergriff  ihn,  daß  er  mit  der  dürftigen  Leuchte  des
Verstandes  habe  Dinge  untersuchen  wollen,  welche  so  über—
legene  Geister  mit  kindlichem  Glauben  für  wahr  und  heilig
annahmen;  er  sah,  daß  diese  Freunde  in  ihren  äußeren  Werken
fast  durchgehends  Vorbilder  dessen  waren,  was  er  zu  sein
wünschte,  und  daß  Zuversicht  und  Friede  bei  ihnen  wohnte,
diese  sicheren  Begleiter  des  Glaubens;  er  sah  aber  auch,  daß
dieser  Glaube  sich  nicht  geben  und  nehmen  läßt,  daß  er  vielmehr
  in  Ergebenheit  abwarten  müsse,  ob  er  ihm  werden  würde.
Jedenfalls  fühlte  er  sich  bald  heimisch  in  jenem  Kreise  und
empfand  ein  Wohlsein,  wie  es  ihm  bisher  fremd  gewesen  war,
ein  Familienleben,  das  ihn  einschloß,  fast  eine  Heimat.

In  dieser  Stimmung  berührten  ihn  Ereignisse,  bei  denen
er  nicht  handelnd  beteiligt  war  und  die  er  als  Geheimnisse
nicht  mitteilen  kann.  Wir  gehen  nicht  fehl,  wenn  wir  die  Liebe
bis  zum  Tode  der  Schwester  Blanckenburgs  zu  diesen  Geheimnissen
  zählen.  Die  Erschütterung  war  so  stark,  daß  das  Bewußtsein
  der  Flachheit  und  des  Unwertes  seiner  Lebensrichtung
in  ihm  lebendiger  wurde  als  je.  Durch  anderer  Rat  und
eigenen  Trieb  las  er  unter  Gefangenhaltung  des  eigenen  Urteils
  in  der  heiligen  Schrift.  Alles  aber,  was  in  ihm  sich  jetzt
regte,  gewann  Leben,  als  bei  der  Nachricht  von  dem  Erkranken
seiner  innigsten  Freundin  Marie  von  Thadden  das  erste  inbrünstige
  Gebet  von  seinem  Herzen  sich  losriß.  Es  wurde  nicht
erhört,  doch  auch  nicht  verworfen:  denn  die  Kraft,  Gott  zu
bitten,  ging  ihm  nicht  wieder  verloren;  er  fühlte,  wenn  nicht
Frieden,  so  doch  Vertrauen  und  Lebensmut  in  sich,  wie  er  sie
sonst  nicht  mehr  gekannt.

Das  ist  in  großen  Zügen  der  Inhalt  des  Bismarckschen
Werbebriefes,  in  welchem  er  mit  unumwundener  Offenheit  und
Treue  dem  Vater  Johannas,  wie  sonst  noch  niemandem,  sein
Innerstes  offenbarte  in  der  Überzeugung,  daß  Gott  es  dem  Aufrichtigen
  gelingen  lasse.  Versprechungen  für  die  Zukunft  hielt
er  zurück,  die  beste  Bürgschaft,  die  er  zu  geben  vermochte  für
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        64  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

das  Wohl  Johannas,  sah  er  in  seinem  Gebet  um  den  Segen
des  Herrn.  Wenn  Herr  von  Puttkamer  nicht  ohne  weiteres
eine  günstige  Entscheidung  treffen  könne,  bat  er  um  Gelegen—
heit,  über  etwaige  Gründe  der  Ablehnung  sich  noch  erklären
zu  dürfen.  —  Am  28.  Dezember  erhielt  er  ein  Schreiben,  aus
dem  er  die  Erlaubnis  zu  kommen  entnahm  und  die  Frage  hörte,
ob  seine  Füße  gewisse  Tritte  getan  hätten.  Bismarck  antwortete,
  er  sei  fest  und  männlich  entschlossen,  dem  Frieden  gegen
jedermann  nachzujagen  und  der  Heiligung,  ohne  welche  niemand
den  Herrn  sehen  werde.  Nicht  wagte  er  zu  behaupten,  daß
seine  Schritte  so  gewiß  seien,  wie  er  wünschte,  daß  sie  wären.
„Ich  betrachte  mich  vielmehr  als  einen  Lahmen,  der  straucheln
wird,  den  die  Gnade  des  Herrn  aber  halten  wolle.  Ich
kann  für  jetzt  meinem  Bekenntniß,  soweit  ich  es  in  meinem
vorigen  Schreiben  ausgesprochen  habe,  nichts  hinzufügen,  um  so
weniger,  als  mit  dem  Wunsche,  Ihnen  über  Alles  befriedigende
  Auskunft  geben  zu  können,  nothwendig  in  mir  der  Verdacht
  aufsteigen  muß,  ich  könne  unbewußt  gegen  Sie  und  mich
unwahr  werden.  Ich  habe  in  meinem  früheren  Schreiben  Gott
angerufen,  daß  er  mir  zur  Klarheit  helfen  möge  in  der  Prüfung
meines  Innern,  auf  daß  kein  unwahres  Wort  aus  meiner  Feder
fließe,  und  was  ich  da  geschrieben  habe,  ist  mein  offenes  Bekenntniß
  vor  jedermann,  aus  dem  ich  kein  Geheimniß  mache,
und  insofern  allerdings  ein  gewisser  und  grader  Tritt.“

So  waren  die  beiden  Werbebriefe,  alles  in  ihnen  ist  groß,
wuchtig,  wahr  und  wahrhaftig.  Doch  auch  hier  verrät  sich  der
zukünftige  Staatsmann,  er  sprach  die  Sprache  dessen,  den  er
gewinnen  wollte,  des  schlichten  und  frommen  Landedelmannes,
aber  frei  von  pietistischer  Süße  und  unmännlicher  Schwäche.  —
Auf  ein  sofortiges  „Ja“  konnte  er  ja  nicht  rechnen;  wie  eine
Bombe  schlug  der  große  Brief  in  den  stillen  Edelhof  von  Reinfeld.
  Herr  v.  Puttkamer  fühlte  sich,  wie  er  sagte,  „wie  ein
Ochse  mit  dem  Beil  vor  den  Kopf  geschlagen“.  Am  12.  war
Bismarck  in  Reinfeld.  Die  abschließende  Tat  fügte  er  rasch
als  Mann  der  Tat  dem  Werbebrief  hinzu.  Selbigen  Tages  ging
an  seine  Schwester  die  kurze  Nachricht:  all  right.  Am  16.
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        Die  Werbebriefe.  Hochzeit  und  Hochzeitsreise  65

meldete  er  ihr  in  einem  Briefe:  „Ich  zeige  Dir  nunmehr  alles
Ernstes  meine  Verlobung  an,  die  kein  Geheimniß  mehr  ist.
Am  Montag  kam  ich  früh  durch  Angermünde,  fuhr  spurlos
durch  Naugard,  und  Dienstag  den  zwölften  um  Mittag  war  ich
verlobt.  Alles  Nähere,  das  maßlose  Erstaunen  der  Kassuben
lin  Hinterpommern  wohnender  wendischer  Volksstamm],  von
denen  die,  welche  nicht  gleich  rundum  überschlugen,  noch  immer
haufenweise  auf  dem  Rücken  liegen,  den  Verdruß  der  alten
Damen,  daß  auch  keine  sagen  kann:  ich  habe  eine  Silbe  davon
geahnt,  und  so  weiter,  will  ich  Dir  mündlich  erzählen.  Einstweilen
  bitte  ich  nur  Dich  und  Oskar,  Euch  in  wohlwollende
Verfassung  für  meine  zukünftige  Frau  zu  setzen.“"

Nun  folgt  eine  Brautzeit  reich  an  Geist  und  Leben  für  die
beiden  Brautleute,  die  in  einem  Briefwechsel  standen,  wie  er
selten  in  seiner  Schlichtheit  und  Größe  dasteht  in  der  Geschichte
der  deutschen  Liebe.  Im  Zusammenhang  mit  Bismarcks  Liebe,
Familiensinn  und  Glauben  kommen  wir  darauf  zurück.  Am
28.  Juli  war  die  Hochzeit.  Pastor  Sauer  traute  das  Paar
unter  dem  schlichten  Holzdach  der  Kirche  von  Alt-Kolziglow.
Wenig  Gäste  waren  geladen.  Unter  ihnen  Kleist-Retzow,  der
mit  bezug  auf  Schönhausen  einen  Toast  auf  „Otto  den  Sachsen“
ausbrachte  in  feiner  prophetischer  Anspielung  auf  Otto  den
Großen.  Am  11.  August  wurde  von  Schönhausen  die  Hochzeitsreise
  angetreten,  die  bis  zum  6.  Oktober  dauerte.

Es  ging  zunächst  über  Prag  nach  Wien.  Wie  das  junge
Paar  hier  gereist  und  gelebt,  klingt  noch  lange  in  Bismarcks
Erinnerung  nach.  1849  denkt  er  eines  Sonntags,  als  er
eine  Büchselsche  Predigt  gehört,  an  die  Prager  Teinkirche  mit
ihrer  herrlichen  Musik  und  Gesang  und  an  die  weißgekleideten
Priester  und  Dampf  und  Kerzen  und  Weihrauch.  Und  als  er
1852  in  diplomatischer  Sendung  nach  Wien  muß,  sieht  er  auf
der  Fahrt  die  mährischen  Gebirge,  die  sie  trotz  ihrer  Schönheit
auf  der  Hochzeitsreise  verschlafen  hatten.  Er  lebte  damals  ganz
in  der  schönen  Zeit  der  ersten  Liebe,  als  er  am  Prater  die
Jägerzeil  am  Lamm  vorbei  fuhr,  wo  sie  als  junges  Paar  gewohnt
  hatten,  und  an  den  Colonnaden  entlang,  wo  er  sich  er-A.

  Matthias,  Bismarck  5
        <pb n="75" />
        66  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

innerte,  daß  sie  zum  erstenmal  gemault  hatten;  er  „weiß  nicht
recht  warum,  aber  gewiß  durch  seine  Schuld“.  Und  auf  einer
Kletterpartie  ins  Gebirge  am  Leopoldsberg  hinter  Nußdorf
sieht  er  im  goldigsten  Abendduft  den  damaligen  Weg  die  Donau
hinauf  nach  Kloster  Neuburg  zu.  In  Schönbrunn  gedenkt  er
beim  Anblick  der  himmelhohen  Hecken  und  der  weißen  Statuen
in  den  gruͤnen  Nischen,  des  heimlichen  Gärtchens,  in  das  sie  damals
verbotenerweise  zuerst  geraten  waren.  Und  noch  deutlicher  und
lebhafter  erinnert  er  sich  im  Jahre  1864,  als  die  schleswigholsteinsche
  Frage  brennend  wurde,  der  Hochzeitsreise,  als  er  in
Schönbrunn  gerade  in  den  Zimmern  wohnte,  die  auf  diesen
heimlichen  reservierten  Garten  stießen,  in  den  das  junge  Paar
beim  Mondschein  eingedrungen  war,  und  er  sah  gerade  durch
eine  Glastür  den  dunklen  Buchenheckengang  entlang,  in  welchem  sie
mit  heimlichem  Behagen  am  Verbotenen  bis  an  das  Glasfenster
wanderten,  hinter  dem  damals  die  Kaiserin  wohnte;  und  er
wiederholte  die  Mondscheinwanderung  als  preußischer  Ministerpräsident
  mit  mehr  Bequemlichkeiten,  als  er  auf  der  Hochzeitsreise
  das  getan.  —  Von  Wien  gings  die  Donau  hinauf  bis
Linz,  von  da  nach  Salzburg  und  Merau.  In  Meran  trafen  sie
Fritz  Bismarck-Bohlen  und  Albrecht  von  Roon,  die  Begleiter
des  jungen  Prinzen  Friedrich  Karl.  Sie  ließen  sich  überreden,
nach  Venedig  zu  fahren,  wo  sie  den  König  trafen,  der  Bismarck
zur  Tafel  zog;  dann  fuhren  sie  über  Verona,  Mailand,  Genf,
Basel,  Frankfurt  nach  Schönhausen  heim,  schließlich  etwas  gehetzt,
  aber  doch  recht  vergnügt;  Johannas  völlige  Unblasiertheit
  tat  Bismarck  wohl.  Den  Rhein  nahmen  sie  auf  dem  eilfertigen
  Rückzuge  auch  noch  mit.  Da  mußte  dann  aber  freilich
  Johannas  Silberfond  noch  in  die  Reisekasse  geworfen
werden,  den  Bismarck  vorsichtigerweise  bei  sich  führte,  und
man  begnügte  sich  daheim  einstweilen  mit  dem  vom  Vater  ererbten
  plattierten  Leuchter  und  Teekessel.  Die  ganze  Reise  kostete
dem  jungen  Paar,  eingerechnet  fünfzig  Taler  für  Einkäufe,
achthundert  Taler.

In  Schönhausen  hatten  sie  einige  Wochen  die  Schwiegermutter
  zum  Besuch;  Bismarck  schrieb  seiner  Schwester,  er  könne
        <pb n="76" />
        Hochzeitsreise  67

also  ihr  Unterfutter  genau  kennen  lernen,  es  schiene  aber  nicht
so  bös  zu  sein,  wie  manche  Sprichwörter  behaupteten.  Sonst
befinde  er  sich  in  der  Ehe  noch  sehr  wohl  und  sei  die  bodenlose
  Niedergeschlagenheit  und  Langeweile  losgeworden,  die  ihn
sonst  geplagt  habe,  sobald  er  in  seinen  vier  Pfählen  sich  allein
befunden.  Johanna  packe  noch  alle  Tage  mit  großem  Genuß,
und  die  Wirtschafterin  Bellin  erteile  ihr  das  Lob,  daß  sie  noch
einmal  eine  ordentliche  Frau  werden  könne,  wenn  der  Speisekammerengel
  (Teufel  sei  wohl  zu  hart  gesagt)  ebenso  in  sie  fahre,
wie  der  Leinwandengel  es  schon  getan.  Da  die  Reise  vier  Wochen
länger  gedauert,  als  er  gewollt,  hatten  sich  seine  Arbeiten  aufgesummt,
  und  unzählige  Exzitatorien  mußten  das  Kaminfeuer
nähren.  Er  saß  nun  wieder  im  Amt;  und  die  politische  Tätigkeit,
die  schon  den  Bräutigam  im  Mai  und  Juni  stark  beschäftigt  hatte,
sollte  ihn  nun  immer  stärker  und  stärker  in  Anspruch  nehmen,  bis  sie
endlich  den  Landedelmann  ganz  aus  seinem  stillen  Kreise  riß  und
ihn  so  in  ihre  Netze  einspann,  daß  das  friedliche  Glück  des
Familienlebens  nur  zu  bald  ein  schöner  Traum  für  ihn  wurde.
Bevor  wir  aber  den  Politiker  auf  seiner  Bahn  zu  immer
umfassenderer  Wirkung  begleiten,  lohnt  sich  ein  Einblick  in  des
Menschen  Seele  und  Gemüt,  die  für  uns  in  Bismarcks  Briefen
so  offen  und  wahr  am  Tage  liegen.  Wie  falsch  beurteilte  man
doch  diesen  Mann,  als  er  zuerst  auf  dem  politischen  Schauplatz
als  Parlamentarier  und  als  Staatsmann  erschien.  Wie  viele
Parlamentarier  und  Staatsmänner  verlieren  in  unserer  Wertschätzung,
  wenn  sie  uns  menschlich  in  ihrer  Flachheit  des  Gemüts
und  des  Geistes  näher  rücken  und  wenn  sie  politischer  Rhetorik
und  staatsmännischer  Pose  bar  vor  uns  erscheinen!  Wie  aber
gewinnt  dieser  Bismarck,  wenn  wir  im  kleinen  und  kleinsten
die  Regungen  seiner  Seele  nachfühlen  und  mitempfinden.
Als  er  in  seinem  gewaltigen  Wirken  in  den  fünfziger  und
sechziger  Jahren  der  staunenden  Welt  sich  offenbarte,  da  war  es,
als  ob  Sturm  und  Wind  und  Wetter  wie  dämonische  Götter
durch  den  deutschen  Wald  rauschten  und  geradezu  unheimlich
erschien  dieser  Mann  in  seinem  gewaltsamen  Walten  und  Wirken.
Wenige  nur  ahnten  damals,  daß  die  menschlichen  Eigenschaften
5*
        <pb n="77" />
        68  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

dieses  politischen  Riesen  so  mild  und  feinen  Sinnes  waren  und
dem  Kleinleben  des  Waldes  in  Blatt  und  Blumen  glichen,  wenn
er  sturmfrei  daliegt  in  heimlichem  Dämmerschein  und  das  Flüstern
der  Bäume  uns  zum  Lauschen  zwingt,  als  spreche  aus  ihm  die
Stimme  freundlicher  Gottheit.

Auch  diesen  Bismarck  muß  man  festhalten,  wie  er  in  seinem
menschlichen  Wesen  sich  gibt,  dann  wird  man  sich  nicht  abgestoßen
fühlen  von  seiner  schroffen  Kampfesart  oder  diese  nur  bewundern;
dann  wird  man  ihm  auch  menschlich  nahe  rücken  und  ihn  lieb
gewinnen,  weil  man  empftindet,  wie  echt  und  wahr  und  lauter
es  in  den  tiefsten  Tiefen  seiner  Seele  sich  allezeit  regte.  Begleiten
  wir  ihn  also  zunächst  in  seinem  Liebesleben,  in  seinem
Familienglück  und  seinem  religiösen  Sinnen  und  Empfinden.

Wie  ist  schon  in  der  Brautzeit  der  tolle  Junker  so  ganz  umgewandelt;
  wie  zeigt  er  in  dem  Briefwechsel,  in  dem  er  immer
die  Führung  hat,  die  Fülle  seines  tiefen  Gemütes  und  seiner
Phantasie,  die  Feinheit  des  Herzenstaktes  und  Geschmacks  und
eine  Empfindung,  die  dichterischem  Genius  zu  entströmen  scheint.

Wie  weiß  dieser  starke  Mann  vor  allem  innig  und  selbstlos  zu
lieben  und  die  geliebte  Frauenseele  nach  dem  Bilde  zu  formen,
das  seinen  Idealen  gleicht.  Er  liebte  seine  Braut  so  sehr,  weil
er  sie  beherrschte,  und  doch  fühlte,  daß  ihr  zartes,  schlichtes
und  klares  Wesen  sie  nie  zu  seiner  Sklavin  machen,  daß  sie
stets  wie  eine  Mutter,  wie  ein  Freund  ihm  sein  werde  im
Wirbel  des  stürmischen  Lebens.  Hören  wir  Proben  aus  seinen
Briefen:  „Daß  Du  des  Abends  nicht  schreibst,  das  danke  ich
Dir  recht,  mein  Lieb,  wenn  ich  auch  selbst  darunter  leiden
soll;  jeder  künftige  Blick  in  Dein  grau-blau-schwarzes  Auge
mit  der  großen  Pupille  wird  mich  für  etwaige  verspätete  oder
verkürzte  Briefe  entschädigen.  —  Könnte  ich  doch  von  Dir
träumen,  wenn  Du  von  mirz  aber  ich  träume  seit  einiger  Zeit
gar  nicht;z  schauderhaft  gesund  und  prosaisch;  oder  ob  meine
Seele  nächtlich  nach  Reinfeld  fliegt  und  mit  der  Deinen  verkehrt?
  Dann  kann  sie  allerdings  hier  nicht  träumen;  aber  ste
müßte  doch  am  Morgen  von  ihrer  Reise  erzählen;  das  mürrische
Ding  schweigt  über  ihre  nächtlichen  Beschäftigungen,  als  wenn
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        Briefwechsel  der  Brautzeit  69

sie  mitschliefe  wie  ein  Dachs.“  —  Wie  hier  so  verschlingen  sich
fast  überall  ungezwungen  Wirklichkeit  und  Poesie  und  Liebe.
Wenn  Johanna  traurig  ist,  muntert  er  sie  auf:  „Mein  Herz  ist
voll  von  Dir  und  hat  nicht  Raum  für  Andres.  Bist  Du  ein
welkes  Blatt,  ein  ausgewaschnes  Kleid?  ich  will  sehn  ob  meine
Liebe  das  Grün  wieder  heranpflegen,  die  Farben  auffrischen  kann.
Frische  Blätter  mußt  du  treiben,  und  die  alten  will  ich  zwischen
das  Buch  meines  Herzens  legen,  daß  wir  sie  beim  Lesen  finden
als  Zeichen  lieber  Erinnerung.  Du  hast  die  Kohle,  die  unter
Asche  und  Trümmer  in  mir  glühte,  neu  angefacht,  sie  soll  Dich
in  belebende  Flammen  hüllen.“  Ein  andermal  schreibt  er  am
17.  Februar:  „Ich  will  Dir  auch  einmal  des  Morgens  schreiben,
und  zwar  an  einem  trüben  regnenden  Morgen,  will  ich  die  Sonne
wenigstens  in  mir  scheinen  lassen,  indem  ich  nur  an  Dich  denke.
Es  ist  halb  neun,  und  hier  16  Fuß  vom  Fenster  so  dunkel,  daß
ich  kaum  schreiben  kann.  Da  mußt  Du  schwarze  Sonne  von
innen  sehr  hell  scheinen,  wenn's  gehn  soll.  Wie  kann  Schwarz
leuchten?  nur  in  Gestalt  von  polirtem  Ebenholz,  geschliffner  Lava;
so  glatt  und  hart  bist  Du  nicht;  mein  Bild  mit  der  schwarzen
Sonne  ist  also  falsch.  Bist  Du  nicht  eher  eine  dunkle  warme
Sommernacht,  mit  Blüthenduft  und  Wetterleuchten?  Denn  sternund
  mondhell  möchte  ich  kaum  sagen,  das  Bild  ist  mir  zu  gleichmäßig
  ruhig.“

In  diese  Poeste  klingt  auch  Musik  hinein.  Musik  liebte  er;
sie  regte  ihn  nach  zwei  Richtungen  hin  auf:  zum  Vorgefühl
des  Krieges  und  der  Idylle.  Gute  Kirchenmusik  war  ihm  besonders
  lieb.  Konzerte  aber  besuchte  er  nie,  der  eingezwängte
Platz  und  das  bezahlte  Billet  nahmen  ihm  jeden  Genuß.
„Musik  muß  frei  geschenkt  sein  wie  Liebe.“  Er  schreibt  am
7.  Februar  1847:  „Warum  bist  Du  traurig,  in  Kleid  und  Herz
schwarz,  mein  Engel?  pflege  das  Grün  der  Hoffnung,  das  heut
recht  freudig  in  mir  rauschte,  als  ich  sein  äußeres  Abbild  sah,
indem  der  Gärtner  die  ersten  Frühlingsboten,  Hyacinthen  und
Krokus  auf  mein  Fenster  stellte;  et  dis-moi  donc,  pourquoi  es-tu
Paresseuse?  pourquoi  ne  fais-tu  pas  de  musique?  Ich  dachte
mir  Du  spieltest  c  dur  wenn  der  hohle  Thauwind  durch  die
        <pb n="79" />
        70  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

dürren  Zweige  der  Linden  heult,  und  d  moll,  wenn  die  Schneeflocken
  in  fantastischem  Wirbel  um  die  Ecken  des  alten  Thurmes
jagen  und  nach  ausgetobter  Verzweiflung  die  Gräber  mit  ihrem
Leichentuch  decken.  O  wenn  ich  Keudell  wäre,  ich  spielte  jetzt
den  ganzen  Tag  und  Töne  trügen  mich  über  Oder,  Rega,  Persante,
  Wipper  —  ich  weiß  nicht  wohin.  A  propos  de  paresse,
will  ich  mir  noch  eine  Bitte  an  Dich  erlauben,  aber  mit  einem
Vorwort.  Wenn  ich  Dich  um  etwas  bitte,  so  sage  ich  dabei
(nimm  es  nicht  für  Lästerung  oder  Spott)  Dein  Wille  geschehe,
der  Deinige  nämlich,  und  liebe  Dich  nicht  weniger,  und  bin
Dir  nicht  eine  Stunde  gram,  wenn  Du  meine  Bitte  nicht  erfüllst,
  ich  liebe  Dich  wie  Du  bist  und  wie  Du  zu  sein  für  gut
findest.“  Dann  bittet  er  seine  Braut,  sich  mit  Französisch  zu
beschäftigen,  nicht  viel,  aber  etwas;  es  aber  zu  versuchen  mit
Büchern,  die  sie  interessierten,  möge  es  sein,  was  es  wolle,  Romane
  oder  sonst  was;  er  bittet  nicht  um  seinetwillen,  denn  er
wolle  sich  mit  ihr  schon  in  der  Muttersprache  verständigen;  aber
in  der  Berührung  mit  der  Welt  werde  es  ihr  wohl  einmal  unangenehm,
  selbst  kränkend  sein,  wenn  ihr  das  Französische  fremd
sei.  Eine  interessante  Bitte.  Ahnte  der  Deichhauptmann  von
Schönhausen  etwas  von  seiner  Zukunft  in  der  weiten  Welt  staatsmännischen
  Wirkens?  —  Zunächst  lebte  er  in  der  kleinen  Welt
und  knüpfte  selbst  an  die  kleinsten  Dinge,  und  mochten  es  Portofragen
  sein,  Worte  aus  dem  hohen  Lied  der  Liebe,  die  aber
niemals  so  überschwänglich  waren,  daß  sie  der  Verwirklichung
fern  blieben.  Neben  seinen  großen  Werbebrief  gehören  solche
Worte:  „Sage  mir,  mein  Engel,  Du  schreibst  mit  so  vieler
Ernsthaftigkeit  über  Porto-Serupel;  bin  ich  oder  bist  Du  der
Pommer,  der  keinen  Scherz  versteht?  Glaubst  Du  wirklich,
daß  mich  das  etwas  angeht,  wieviel  Porto  ein  Brief  kostet?
Daß  ich  einen  weniger  schreiben  würde,  wenn  es  10  fach  wäre?
Diese  Idee  stimmt  mich  ungemein  heiter,  wenn  das  Dein  Ernst
war,  wie  ich  nach  der  Fassung  beinah  glaube;  und  wenn  ich
Carricatur  zeichnen  könnte,  so  würde  ich  Dir  mein  Profik  so
sarkastisch-sardonisch-ironisch-satirisch  an  den  Rand  malen,  wie
Du  es  noch  nie  gesehn  hast.  Du  erinnerst  vielleicht,  daß  ich
        <pb n="80" />
        Briefwechsel  der  Brautzeit  71

mich  in  Zimmerhausen  schon  über  Deinen  Muth  gewundert  habe,
mich,  den  Halbfremden,  anzunehmen  in  der  Eigenschaft,  dans
laquelle  me  voilà;  daß  Du  mich  aber  so  wenig  kennst,  daß  Du
mich,  den  gebornen  Verschwender,  für  geizig  hältst,  zeigt,  daß
Du  Dich  mir  in  blindem  Vertrauen  hingegeben  hast,  in  Vertrauen,
  wie  es  nur  eine  Liebe  geben  kann,  für  die  ich  Dir  Hände
und  Füße  küsse.  Du  mein  Herz,  wie  wenig  kennst  Du  die  Welt!
Warum  verklagst  Du  Deinen  letzten  Brief  so  sehr?  ich  habe
nichts  darin  gefunden,  was  mir  nicht  lieb  und  lieber  gewesen
wäre.  Und  wäre  es  anders,  wo  solltest  Du  künftig  eine  Brust
finden  um  zu  entladen,  was  die  Deine  drückt,  wenn  nicht  bei
mir?  Wer  ist  mehr  verpflichtet  und  berechtigt,  Leiden  und  Kummer
mit  Dir  zu  theilen,  Deine  Krankheiten,  Deine  Fehler  zu  tragen,
als  ich,  der  ich  mich  freiwillig  dazu  gedrängt  habe,  ohne  durch
Bluts=  oder  andre  Pflichten  dazu  gezwungen  zu  werden?  Du
hattest  eine  Freundin,  zu  der  Du  zu  jeder  Zeit  flüchten  konntest,
von  der  Du  nie  abgewiesen  wurdest;  vermissest  Du  die  in  diesem
Sinne,  in  dem  Bedürfniß?  Meine  liebe  liebe  Johanna,  muß
ich  Dir  nochmals  sagen,  daß  ich  Dich  liebe;  sans  phrase,  daß
wir  Freud  und  Leid  mit  einander  theilen  sollen,  ich  Dein  Leid,
Du  das  meine,  daß  wir  nicht  vereinigt  sind,  um  einander  nur
zu  zeigen  und  mitzutheilen,  was  dem  andern  Freude  macht,
sondern  daß  Du  Dein  Herz  zu  jeder  Zeit  bei  mir  ausschütten
darfst,  und  ich  bei  Dir,  es  mag  enthalten  was  es  wolle,  daß
ich  Deinen  Kummer,  Deine  Fehler,  Deine  Unarten,  wenn  Du
welche  hast,  tragen  muß  und  will,  und  Dich  liebe  wie  Du  bist,
nicht  wie  Du  sein  solltest  oder  könntest?  Benutze  mich,  brauche
mich,  wozu  Du  willst,  mißhandle  mich  äußerlich  und  innerlich,
wenn  Du  Lust  hast,  ich  bin  dazu  da  für  Dich,  aber  „genire“
Dich  nie  und  in  keiner  Art  vor  mir,  vertraue  mir  rückhaltlos,  in
der  Uberzeugung,  daß  ich  Alles  was  von  Dir  kommt  mit  inniger
Liebe,  mit  freudiger  und  geduldiger,  aufnehme.  Behalte  nicht
Deine  trüben  Gedanken  für  Dich  und  blicke  mich  mit  heitrer
Stirn  und  fröhlichen  Augen  an  dabei,  sondern  theile  mir  in
Wort  und  Blick  mit,  was  Du  im  Herzen  hast,  mag  es  Segen
oder  Leid  sein.  Sei  niemals  kleinmüthig  gegen  mich,  und  erscheint
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        72  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Dir  etwas  in  Dir  unverständig,  sündhaft,  niederdrückend,  so  bedenke,
  daß  All  dergleichen  in  mir  tausend  Mal  mehr  vorhanden
ist,  und  ich  davon  viel  zu  sehr  und  innig  durchdrungen  bin,  als
daß  ich  dergleichen  bei  Andern  geringschätzig  betrachten  sollte,
bei  Dir  mein  Herz  aber  anders  als  mit  Liebe,  wenn  auch  nicht
immer  mit  Duldung,  wahrnehmen  könnte.  Betrachte  uns  als
gegenseitige  Beichtväter,  als  mehr  wie  das,  die  wir  nach  der
Schrift  „Ein  Fleisch“  sein  sollen.“

Auch  im  Brautstande  also  sieht  Bismarck  die  Dinge,  wie  sie
sind,  nicht  wie  sie  sein  könnten  und  sein  sollten;  selbst  dem  Tode
sieht  er  ruhig  ins  Auge,  falls  er  kommen  sollte  und  sie  scheiden;
das  vermindert  aber  nicht  seine  Sorge  und  seine  Angst  um
Johannas  Wohlbefinden:  „Johanna,  wenn  Du  jetzt  krank
werden  wolltest,  es  wäre  schrecklich  über  alle  Beschreibung,
bei  dem  Gedanken  fuͤhle  ich  recht,  wie  innig  ich  Dich  liebe,  und
wie  innig  verwachsen  mir  das  Band  ist,  welches  uns  zusammenhält.
  Ich  verstehe,  was  Du  zu  sehr  lieben  nennst.  Wenn  ich  an
die  Möglichkeit  einer  Trennung  denke,  und  möglich  wäre  sie
doch,  so  einsam  wäre  ich  noch  nie  gewesen,  in  meinem  ganzen
einsamen  Leben.  .  ..  Es  ist  das  erste  Mal,  daß  ich  ernsthaft  der
Möglichkeit  ins  Auge  sehe,  daß  Du  mir  genommen  werden
könntest,  daß  ich  verurtheilt  werden  könnte,  diese  öden  Räume
zu  bewohnen  ohne  Aussicht,  daß  Du  sie  mit  mir  theilen  würdest,
mit  keiner  Seele  im  weitesten  Umkreise,  die  mir  nicht  so  gleich—
gültig  wäre,  als  hätte  ich  sie  nie  gesehn.  Ich  würde  zwar  in
mir  nicht  so  leer  an  Trost  sein  wie  in  alten  Zeiten;  aber  ich
würde  auch  etwas  verloren  haben,  was  ich  früher  nicht  kannte,
ein  liebendes  und  geliebtes  Herz,  und  nebenher  von  allem  ge—
trennt  sein,  was  mir  früher  in  Pommern  durch  Gewohnheit  und
Freundschaft  das  Leben  leicht  machte.  Eine  recht  egoistische  Gedankenreihe
  und  Betrachtungsweise,  die  da  zum  Vorschein  kommt,
wirst  Du  sagen;  allerdings,  aber  Schmerz  und  Furcht  sind
Egoisten,  und  in  Fällen  wie  der  angedeutete  finde  ich  nie  die
Gestorbenen,  sondern  nur  die  Überlebenden  zu  bedauern.  Aber
wer  spricht  vom  Sterben?  Das  Alles,  weil  Du  8  Tage  lang
nicht  geschrieben,  und  dann  habe  ich  noch  die  Dreistigkeit,  Dir
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        Briefwechsel  der  Brautzeit.  Das  erste  Kind  73

Vorhaltungen  wegen  trüber  Ahnungen  etc.  zu  machen!  Haättest
Du  nur  nicht  in  dem  letzten  Briefe  von  den  fatalen  Fiebern
gesprochen.  Des  Abends  bin  ich  stets  aufgeregt,  in  der  Einsamkeit,
  wenn  ich  nicht  müde  bin.  Morgen  bei  hellem  Tage  in  dem
Bahn-Coupé  werde  ich  Deine  mögliche  Lage  wohl  mit  mehr
Zuversicht  auffassen.  All  nonsense!  Seid  fröhlich  in  Hoffnung,
  geduldig  in  Trübsal,  haltet  an  am  Gebet.  Alle  Engel
wollen  Dich  behüten,  mein  geliebtes  Herz,  daß  wir  uns  bald
froh  wiedersehn.“

Dieser  Geist,  der  in  diesen  wie  in  allen  Briefen  der  ersten
Zeit  der  schönen  Liebe  atmet,  bleibt  grünen  und  wächst  zu  kräftigem
  Laubwerk  aus  im  Leben,  Wirken  und  Wandern  des
reifenden  und  gereiften  Mannes  und  weitet  sich  zu  echt  deutschem
  Familiensinn,  zu  kräftigem  Hangen  an  Haus  und  Herd
und  zu  immer  wieder  erwachender  Sehnsucht  zur  Heimatflur  und
zur  heimischen  Natur.  Der  aller  Phrase  abholde  Wirklichkeitssinn
  aber  setzt  sich  in  Handeln  und  Tat  um  und  durchsetzt  sich
immer  wieder,  wenn  auch  wehmütige  Züge  nicht  fehlen,  mit  dem
köstlichen  Humor,  der  uns  den  großen  Mann  so  menschlich  nahe
rückt.  ·

Am  21.  August  1848  wurde  dem  jungen  Paare  in  Schönhausen
  das  erste  Kind,  ein  Töchterchen,  geboren.  Er  meldet  dem
Großvater  Puttkamer  die  Geburt  und  schreibt  dann:  „Johanna
liegt  still  und  matt,  aber  doch  heiter  und  beruhigt  hinter  dem
Vorhang;  das  kleine  Wesen  einstweilen  unter  Tüchern  auf  dem
Sopha  und  gquarrt  ab  und  zu.  Ich  bin  recht  froh,  daß  das  erste
eine  Tochter  ist,  aber  wenn  es  auch  eine  Katze  gewesen  wäre,
so  hätte  ich  doch  Gott  auf  meinen  Knien  gedankt,  in  dem  Augenblicke
  wo  Johanna  davon  befreit  war.“  „Alles  ist  sehr  wohl;
nur  die  Wiege  fehlt  noch,  und  das  kleine  Fräulein  müssen  einstweilen
  in  einer  Futterschwinge  campiren.“  Und  einige  Tage
später  an  die  Mutter:  „Das  kleine  Wesen  brüllt  grade,  als
sollte  es  geschlachtet  werden,  und  trägt  überhaupt  niemals  Bedenken,
  seine  Stimme  kräftig  erschallen  zu  lassen,  wenn  es  aufwacht
  und  nicht  alles  in  Ordnung  findet.  Mit  der  Nahrung
geht  es  noch  schlecht;  das  Balg  will,  mit  einem  Eigensinn  den
        <pb n="83" />
        74  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

sie  von  mir  nicht  haben  kann,  durchaus  nicht  ansaugen,  wie  ein
schlechter  Blutigel,  nur  daß  sie  ihre  Abneigung  auch  sehr  vernehmlich
  zu  erkennen  gibt.  .  .  Ich  wechsle  den  ganzen  Tag,  wie
Schillers  Johanniterritter  zwischen  politischen  Kämpfen  und
Plänen  am  Schreibtisch  und  der  Wärterschürze  am  Krankenbett.“
Nicht  lange  konnte  Bismarck  am  Wochenbette  Pflegerdienste
tun.  Die  politischen  Kämpfe  riefen  den  Abgeordneten  nach  Berlin;
die  Schürze  des  Wärters  mußte  er  daheim  lassen,  aber  ein
Schmuck,  der  ebenso  schön  wie  diese  war,  begleitete  ihn  in  die
politischen  Kämpfe  der  Jahre  1848  und  1849:  Bismarck  verband
  als  echter  Johanniter  in  einem  Kranze  mit  der  demütigen
Christenliebe,  der  die  Sehnsucht  nach  Weib  und  Kind  sich  zugesellte,
  die  männliche  Kraft  des  politischen  Kämpfers.
Schon  am  23.  September  1847  fängt  er  an  rechtes  Heimweh
zu  bekommen:  die  Briefe  aus  der  Heimat  stimmen  ihn  wehmütig
und  lähmend;  „das  Herz  eines  Ehemannes  und  Vaters,  wenigstens
das  meine  in  diesen  Verhältnissen,  paßt  nicht  in  das  Treiben
der  Politik  und  Intrigue.“  Und  den  Winter  durch  geht  es  ihm
ebenso.  Er  schreibt  im  November:  „Ich  habe  ein  rechtes  Herzensbedürfniß
  bei  Dir  zu  sein,  und  es  treibt  mich  ungeduldig  umher,
  nicht  daß  ich  fürchtete  Du  möchtest  bangen  und  härmen
und  mir  böse  sein  über  mein  Ausbleiben,  sondern  der  eigne
Egoismus  ist  es,  das  unruhige  vagabondirende  Leben,  das  Alleinsein
  in  allem  diesen  Trouble  ist  mir  unendlich  drückend  und
ich  sehne  mich  recht  an  dem  heimischen  Kamin  mit  Dir  zu
sitzen.  Meinen  herzlichen  Dank  für  Deine  beiden  Briefe,
die  mir  recht  wohl  gethan  in  meinem  unbehaglichen  Heimweh.
Verdirb  Dir  aber  die  Augen  nicht  ganz  mein  süßer  Engel,  damit
  die  Sternchen  recht  dunkel  sind,  wenn  ich  komme.“
Besonders  schöne  Form  nimmt  diese  Sehnsucht  an,  wenn
die  Liebe  der  Natur  und  die  Sehnsucht  nach  ihr  mit  jener  zusammenklingt.
  Im  Juli  1849  schreibt  er  nach  Reinfeld:
„42  Stunden  sind  wir  erst  getrennt,  und  mir  scheint,  daß  es
eine  Woche  her  ist,  seit  ich  Dich  zwischen  den  Kieferbüschen  auf
dem  Berge  stehn  sah  und  mir  nachwinken;z  ich  sah  dann  links
noch  die  blauen  Berge  von  Viartlum;z  und  unser  schweigsamer
        <pb n="84" />
        Heimweh  des  Abgeordneten  75

Vetter  drehte  den  Kopf  rücksichtsvoll  rechts,  um  nicht  zu  sehn,
daß  mir  einiges  Scheidewasser  in  den  Bart  lief.  Es  war  glaube
ich  das  erste  Mal  seit  den  Schulferienzeiten,  daß  mir  ein  Abschied
  Thränen  kostete,  —  dieser  Rückblick  ließ  mich,  Angesichts
der  traurigen  Icker  von  Neu-Kolziglow,  Gott  recht  innig  danken
dafür,  daß  ich  wieder  etwas  habe  wovon  mir  der  Abschied  schwer
wird.“  —  Kräftiger  noch  wird  diese  Sehnsucht  nach  dem  Heim,
als  ihnen  die  Hoffnung  auf  ein  zweites  Kind  erblüht.  Im
September  1849  läßt  er  aus  einer  sehr  langweiligen  Kommissionssitzung,
  in  der  haarspaltende  Juristen  und  eitle  Schönredner
  die  einfache  Sache  so  breit  treten,  daß  er  mit  seinen
Gedanken  nicht  dabei  bleiben  kann,  diesen  freien  Lauf  zu  seiner
Frau:  „Laß  die  Melancholie  nicht  über  Deinem  Köpxschen  zusammenschlagen;
  es  ist  hart  für  uns  Beide,  daß  wir  immer
getrennt  sind  seit  dem  abscheulichen  März,  aber  denk  auch,  daß
es  nicht  immer  so  bleiben  kann,  hier  unter  dem  wechselnden
Mond,  und  namentlich  laß  die  Furcht  vor  dem  Dezember  Dich
nicht  beherrschen;  wir  alle  1000  Millionen  Menschen  sind  ja
vom  Weibe  geboren,  und  an  jeder  lebenden  Seele  haftet  der
Schmerz  und  die  Gefahr  einer  Mutter,  und  wie  selten  sind
unglückliche  Ereignisse  dabei;  jedesmal  wenn  sie  vorkommen
läßt  sich  eine  Vernachlässigung,  ein  Leichtsinn  oder  ein  Naturfehler,
  den  Du  nicht  hast,  nachweisen,  und  wir  wollen  Dich
schon  pflegen.“  Dem  „so  gänzlich  unverheirateten  Ansinnen“,
daß  seine  Frau  in  Reinfeld  bleibe,  widersetzt  er  sich  entschieden.
  Er  will  sie  in  Berlin  haben  und  will  dabei  sein.
„Die  Entbindung  in  Reinfeld  machen,  das  ist  eine  halbe
Scheidung,  ich  kann  und  will  nicht  so  lange  ohne  meine  Hanna
sein,  wir  sind  schon  oft  genug  getrennt.  Gegen  Ende  des  Monats
hole  ich  Dich  entweder  von  Reinfeld  oder  von  Zimmerhausen
ab,  das  ist  gewiß  wenn  Gott  will.  Sorge  also  mein  Lieb,  daß
das  Reisewesen  im  Stand,  die  Brabanter  Kutsch  dicht  ist,  und
was  sonst  dazu  gehört.“  Er  fand  schließlich  in  der  Behrenstraße
  60  eine  geräumige  Parterrewohnung,  wegen  deren  Lage
er  seine  Frau  beruhigt,  da  ein  Portier,  eine  Tag  und  Nacht
verschlossene  Haustür  und  feste  Fensterladen  da  seien.  „Wegen
        <pb n="85" />
        76  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Deiner  sonstigen  Ängste  werde  ich  Dich  in  Zimmerhausen  zurechteien.
  Alle  Frauen  fürchten  sich  vor  der  zweiten  mehr  wie
vor  der  ersten,  weil  es  so  weh  thut  mein  armes  Lieb,  aber  gefährlicher
  ist  es  viel  weniger.“  —  Am  28.  Dezember  wurde
Bismarck  der  erste  Sohn  geboren.  Nun  beginnen  mit  den  zwei
Kindern  die  Leiden  und  Freuden  des  Familienvaters,  die  einem
jeden  Sterblichen  dieser  Art  beschieden  sind  und  denen  Bismarck
mit  seinem  köstlichen  Humor  entgegensieht,  der  ihn  über  so  vieles
im  Leben  hinweggeholfen.

Nach  dem  schönen  Familiensommer  1850  kommen  wieder  Tage
der  Wanderschaft.  Den  Abgeordneten  und  dann  den  Frankfurter
Gesandten  trennten  seine  Pflichten  von  neuem  von  seiner  Familie,
und  von  neuem  erwachen  Sehnsucht  und  Liebe  und  Wünsche,
ganz  seinen  Lieben  leben  zu  können,  an  denen  er  mit  jeder
Faser  seines  starken  Herzens  hängt,  das  die  Welt  in  dem  kampfgewaltigen
  Politiker  und  Staatsmanne  nicht  vermutete.  Wie
horchten  wir  doch  alle  auf,  als  nach  den  Tagen  von  1864  und
1866,  als  der  Mann,  der  mit  gewaltiger  Hand  auf  dem  politischen
  Ambos  die  ersten  Hammerschläge  getan,  aus  dem  Buche
von  Hesekiel  vor  die  Welt  trat  als  ein  feinsinniger  und  weicher
Mensch,  der  mit  tiefem  Empfinden  an  den  Seinen  hing  und  mit
feiner  Kunst  der  Gattin,  der  Schwester  und  seinen  Freunden
sich  zu  geben  wußte.  Wie  prächtig  schreibt  er  im  Herbst  1850,
als  er  in  Schönhausen  als  Deichhauptmann  zu  tun  hat  und
die  Seinen  in  Reinfeld  sitzen:  „Mein  Engel,  ich  bange  mich
so  sehr,  daß  ich  es  kaum  aushalte  hier;  ich  habe  die  größte
Lust  der  Regierung  sofort  meinen  Abschied  zu  melden,  den
Deich  laufen  zu  lassen,  und  nach  Reinfeld  zu  fahren.  Schreibe
doch  nur  recht  sehr  oft,  mag  es  auch  100  Rthlr.  Porto  kosten,
ich  ängstige  mich  immer,  daß  Ihr  krank  seid,  und  heut  ist  mir
so  zu  Muthe,  daß  ich  gleich  zu  Fuß  nach  Pommern  laufen
möchte.  Ich  sehne  mich  nach  den  Kindern,  nach  Mutsch  und
Väterchen,  und  vor  allem  nach  Dir  mein  Liebling,  daß  ich
gar  keine  Ruhe  habe.  Was  ist  mir  Schönhausen  ohne  Cuch
hier.  Die  öde  Schlafstube,  die  leeren  Wiegen  mit  den  Bettchen
drin,  die  ganze  lautlose,  herbstneblige  Stille,  die  nur  das  Ticken
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        Die  Geburt  des  ersten  Sohnes.  Heimweh  und  Sorgen  um  die  Seinen  77

der  Uhr  und  der  periodische  Fall  der  Kastanien  unterbricht,  es  ist
als  ob  Ihr  alle  todt  wäret.  Ich  denke  immer  Dein  nächster  Brief
bringt  eine  böse  Nachricht.  .  In  Berlin  geht  es  noch,  wenn
man  allein  ist,  da  hat  man  den  ganzen  Tag  zu  thun  und  zu
schwatzen,  hier  aber  ist  es  um  toll  zu  werden;  ich  muß  früher
ein  ganz  andrer  Mensch  gewesen  sein,  daß  ich  es  immer  ausgehalten
  habe.“  —  Vierzehn  Tage  später  wächst  dieses  Einsamkeitsgefühl
  zu  tragischer  Höhe.  Er  hat  sechs  Tage  lang  keinen
Brief  erhalten,  selbst  alle  zwei  Tage,  wenigstens  ein-,  mitunter
  zweimal  geschrieben;  sie  habe  doch  Mutter  und  Kinder,
er  sei  mutterseelen  allein,  dabei  seien  die  Kinder  teilweis  krank.
„Schreibt  mir  doch  nur  einer  zwei  Zeilen,  daß  Ihr  lebt,  und
gesund  oder  krank  seid,  aber  greif  Deine  Augen  nicht  an  und
schreibe  nicht  bei  Licht.  Laßt  Euch  nur  nicht  abhalten
mir  zu  schreiben  wenn  etwa  jemand  schlimm  krank  geworden
ist;  jede  Nachricht  ist  besser,  als  dieses  ängstigende  Schweigen,
welches  der  Phantasie  den  unsinnigsten  Spielraum  bietet.
Angstige  Dich  nicht!  daß  ich  böse  bin  mein  Liebling,  über  das
Ausbleiben  von  Briefen;  ich  bin  nur  verunruhigt,  und  außerdem
  übellaunig  wegen  Abwesenheit  alles  dessen,  was  mich
heiter  stimmen  könnte,  aber  bitte  schreibe,  wo  möglich  jeden
Posttag,  wenn  auch  nur  ein  einziges  Wörtchen,  es  ist  immer
der  einzige  Lichtpunkt  in  meiner  Einsamkeit.  Leb  wohl  mein
Herz  und  schreibe  schreibe  schreibe  Deinem  treusten  v.  B."  —
Und  dann  folgt  noch  eine  Nachschrift:  „Ich  bin  in  solcher  Unruhe
  über  Euch,  daß  ich  für  nichts  Sinn  habe,  als  vor  dem
Kamin  zu  sitzen,  ins  verglimmende  Feuer  zu  sehn,  und  über
tausend  Möglichkeiten  von  Krankheit,  Tod,  Postunfug  und  plötzliche
  Reisepläne  nachzusinnen  und  Deichhauptmann  und  Geschworene
  zu  verwünschen.  Ich  bin  in  einer  kindischen  Angst.
Gute  Nacht.  Gott  behüte  Euch  alle."“

Im  Januar  1854  ist  er  wieder  als  Abgeordneter  in  Berlin:
Neue  Sorgen  bestürmen  ihn  um  das  am  Scharlachfteber  erkrankte
  Töchterchen.  Dazwischen  wieder  die  alten  schönen
Klänge  der  innigen  Liebe,  da  sein  Fernsein,  wie  es  scheint,  von
Johanna  als  Mangel  an  Liebe  gedeutet  war:  „Laß  Dich  durch
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        78  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

nichts  irre  machen  in  dem  Glauben,  daß  ich  Dich  liebe  wie
ein  Theil  von  mir  ohne  den  ich  nicht  leben  mag  und  kann,
wenigstens  was  man  leben  nennen  mag;  ich  fürchte  ich  würde
nichts  werden,  was  Gott  gefällt,  wenn  ich  Dich  nicht  hätte;
Du  bist  mein  Anker  an  der  guten  Seite  des  Ufers,  reißt  der,
so  sei  Gott  meiner  Seele  gnädig.“  Und  dann  kommen  wieder
Stunden  der  Angst  um  das  Kind:  „Was  in  Gefahr  ist,  liebt
man  doch  recht.“  Und  als  frohe  Botschaft  kommt,  da  atmet  er
auf:  „Gott  sei  Preis  und  Ehre,  daß  er  unser  Gebet  erhört."“
„Seine  Arme  sind  ja  für  die  beiden  Kinderchen  nicht  zu  kurz
ihnen  zu  helfen.“

Als  die  Befürchtungen  um  die  Kinder  zur  Ruhe  gegangen,
da  erwacht  „nach  dem  Lärm  und  dem  wüsten  Jagen  den  Tag
über  in  trocknen  langweiligen  Acten  und  oberflächlichem  Geschwätz“
  immer  wieder  die  Sehnsucht  nach  den  Lieben  und  nach
Einsamkeit  im  stillen  Heim  und  dem  Frieden  der  Natur.  „Ich
habe  so  eine  fixe  Idee  die  mich  in  allem  Getriebe  verfolgt,  in
einem  ganz  einsamen  tiefen  Gebirgsthal  im  warmen  Sommer,
dicht  am  Bach  mit  dem  Kopf  auf  Deinem  Schoß  zu  liegen,  und
über  mir  durch  den  Dampf  der  Cigarre  und  die  grünen  Buchenwipfel
  den  blauen  Himmel  anzusehn  und  von  Dir  angesehn
und  geeit  zu  werden,  und  so  sehr  lange  garnichts  zu  thun.  Wann
wird  das  einmal  werden?  im  Selkethal?  oder  wo?“

Solche  Zeiten  sollten  nicht  kommen.  Aus  dem  Engeren  ging
es  bald  mit  Bismarck  ins  Weite.  Im  Spril  die  ersten  Andeutungen,
  daß  er  nach  Frankfurt  als  Gesandter  solle.  Je  näher
diese  Möglichkeit  rückt,  um  so  kräftiger  regt  sich  das  Sehnen
nach  der  Stille  des  Heims  und  der  Natur  und  wie  ein  Abschiedslied
  von  diesem  friedlichen  Leben  zieht  es  durch  die  Briefe  dieser
Zeit.  Am  ersten  Mai  wird  es  ihm  wehmütig  zu  Mute,  wenn
er  an  Reinfeld  und  die  stillen  Pläne  für  den  Sommer  denkt:
„Mir  ist  als  sollten  wir  auswandern  nach  Amerika,  und  aus
allen  lieben  Gewohnheiten  scheiden;  denn  wer  weiß  wann  das
Rad  welches  uns  jetzt  ergreift,  uns  wieder  loslassen  mag,  und
wir  wieder  einen  stillen  Sommer  auf  dem  Lande  verleben.“
Und  wenige  Tage  später  tröstet  er  sich  und  seine  Johanna:
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        In  Frankfurt  allein.  Neue  Qualen  der  Einsamkeit  79

„Mein  süßes  liebstes  Herz,  warum  so  traurig,  es  ist  ja  schön
im  fremden  Land,  aber  mir  sind  die  Thränen  fast  nah,  wenn
ich  an  das  ländliche  Stilleben  mit  Dir  und  Zubehör  denke,
was  mir  vielleicht  auf  lange  in  ferner  Traumregion  schwebt,
und  jetzt  gerade  reizender  wie  je  erscheint.  Was  sprichst  Du  von
langer  Trennung,  mein  Engel?  mach  Dich  mit  dem  Gedanken
vertraut,  daß  Du  mit  mußt  in  den  Winter  der  großen  Welt;
woran  soll  ich  sonst  mich  wärmen?  Es  ist  möglich  und  wahrscheinlich,
  daß  ich  auf  lange  Jahre  nur  ein  flüchtiger  Besucher
auf  Urlaub  in  der  Heimath  sein  werde.  .  Lichte  die  Anker
Deiner  Seele,  und  bereite  Dich  den  heimischen  Hafen  zu  verlassen.
  Ich  weiß  an  meinem  eignen  Gefühl  wie  Dir  der  Gedanke
  schmerzlich  ist.  .  ..  Grüße  die  lieben  Eltern  sehr  sehr,
und  bitte  ste  um  Verzeihung,  daß  ich  unser  Stilleben  so  zerreiße,
  aber  ich  kann  mich  nicht  entziehn  ohne  fahnenflüchtig  zu
werden.“  Nach  wenigen  Tagen:  „Ich  muß  Dir  noch  in  zwei
Worten  sagen,  wie  ich  es  kaum  aushalte  vor  Sehnsucht  mit  Dir
zusammen  zu  sein,  und  ein  Heimweh  nach  Euch  allen  und  nach
dem  grünen  Frühling  empfinde  und  dem  Landleben,  daß  mir
ganz  schwer  ums  Herz  wird.“  An  dem  Tage  als  er  dieses
schrieb  war  er  zum  Essen  bei  General  Gerlach;  während  dieser
hohe  politische  Fragen  besprach  und  von  Vorträgen  und  Monarchen
dozierte,  sah  Bismarck,  wie  im  Vossischen  Garten  unter  den  Fenstern
der  Wind  wühlte  in  den  Kastanien=  und  Fliederblüten,  und  er
hörte  die  Nachtigallen,  und  dachte,  wenn  er  doch  mit  seiner
Johanna  am  Fenster  der  Tafelstube  stünde  und  auf  die  Terrasse
sähe.  Was  General  von  Gerlach  redete,  wußte  er  nicht.  Und
als  er  abends  zur  Ruhe  ging,  wurde  er  traurig  und  sehnsuchtskrank,
  daß  er  weinen  mußte  wie  er  im  Bett  lag  und  Gott  recht
innig  bitten,  daß  er  ihm  Kraft  gebe  seine  Pflicht  zu  tun.

Wir  sehen,  die  mit  innigster  Liebe  zur  Heimatflur  und
zur  Natur  verbundene  Zauberkraft  des  Familiensinnes,  auf  der
nun  doch  einmal  ein  gutes  Teil  der  Stärke  des  deutschen  Geistes
und  Volkes  beruht,  begleitet  Bismarck  auf  den  ersten  schweren
Posten,  auf  welchen  ihn  des  Königs  Wunsch  und  die  Pflicht
fürs  Vaterland  ruft.
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        80  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Und  als  er  auf  diesem  Posten  angelangt  ist,  da  haben  wir
dort  eine  Außerung,  wie  wir  sie  schöner  in  unserer  Literatur
und  sinniger  in  Bismarcks  Leben  kaum  wieder  finden:  „Ich
habe  Dich  geheirathet,  um  Dich  in  Gott  und  nach  dem  Bedürfnis
meines  Herzens  zu  lieben,  und  um  in  der  fremden  Welt  eine
Stelle  für  mein  Herz  zu  haben,  die  all  ihre  dürren  Winde
nicht  erkälten  und  an  der  ich  die  Wärme  des  heimathlichen
Kaminfeuers  finde,  an  das  ich  mich  dränge,  wenn  es  draußen
stürmt  und  friert;  nicht  aber  um  eine  Gesellschaftsfrau  für
Andere  zu  haben,  und  ich  will  Dein  Kaminchen  hegen  und
pflegen,  und  Holz  zulegen  und  pusten,  und  schützen  und  schirmen
gegen  alles  Böse  und  Fremde,  denn  es  giebt  nichts,  was  mir
nächst  Gottes  Barmherzigkeit  theurer  lieber  und  nothwendiger
ist  als  Deine  Liebe  und  der  heimathliche  Herd  der  überall  auch
in  der  Fremde  zwischen  uns  steht,  wenn  wir  bei  einander  sind.“
So  wehmütig  ihm  aber  auch  die  Sehnsucht  ist  und  so  schrecklich
  das  Heimweh,  der  Humor  macht  ihm  die  Wehmut  angenehm;
empfände  er  sie  nicht,  so  käme  er  sich  „so  alt  geworden  vor,
so  trocken  resignirt  und  actenmäßig,  als  wenn  er  nur  auf  Pappe
geklebt  wäre“.

Auf  Pappe  geklebt  war  auch  in  Frankfurt  sein  neues
Heim  nicht.  Er  suchte  es  draußen  möglichst  nahe  der  Natur,
damit  er  stärkende  Landluft  nicht  gar  zu  sehr  entbehrte.
Wie  es  in  diesem  Heim  aussah,  das  erfahren  wir  aus  einem
Briefe  an  seine  Schwiegermutter  (5.  Februar  1852):  „Der
Junge  kommt  eben  mit  einer  infamen  Mädchenhaube  auf  dem
Kopf,  legt  seine  feisten  Hände  auf  den  Tisch  und  fragt  mich:
Papa,  was  schreibst  du?  Mariechen  dehnt  sich  im  großen  Stuhl
und  sagt  altklug:  meiner  Jünge  bin  ich  doch  unbeschreiblich
gut.  Den  Jungen  verzieht  Leontine  über  die  Maßen  und  wirft
uns  das  Gleiche  vor,  während  ich  mir  doch  Aristidischer  Gerechtigkeit
  bewußt  bin.  Über  Johannas  Befinden  können  wir
im  Vergleich  mit  früher  nicht  klagen.  Von  ÜUbelkeiten  ist  sie
noch  oft  geplagt,  auch  spuken  die  Augenschmerzen  mitunter,
aber  im  Ganzen  scheint  ihr  das  Seebad  doch  sehr  wohlgethan
zu  haben.  Im  Sommer  soll  sie,  vor  ihrer  Entbindung,  Kreuz-
        <pb n="90" />
        Das  Familienleben  in  Frankfurt  81

nach  oder  das  ähnliche  Nauheim  gebrauchen.  Unsere  Wohnung
  liegt  über  1000  Schritt  vom  Thor  was  uns  einige  Illusion
  von  ländlicher  Unabhängigkeit  giebt,  die  ich  selbst  wenn
der  Wind  wie  heut  um  die  Hausecken  heult  und  den  Regen
rasselnd  gegen  die  Fenster  treibt,  dem  klapprigen  Lärm  und  den
dumpfigen  Straßen  der  Stadt  vorziehe.  .  Wie  dem  Reisenden
der  warme  und  ruhige  Platz  am  Feuer,  so  schwebt  mir  ein
unabhängiges  Familienleben  auf  dem  Land  durch  alle  politischen
guten  und  schlechten  Wetter  hindurch,  als  angenehmes  Ziel  vor,
welches  ich,  so  lange  ich  mich  rüstig  fühle,  nicht  eigenmächtig
herbeiziehe,  aber  doch  gern  kommen  sehen  werde,  sobald  es  Gottes
Wille  ist.“  Also  auch  hier  wieder  derselbe  Zug  des  Herzens  nach
ländlichem  Heim  und  zur  Familie.  Der  bleibt  ihm  auch,  als
er  von  Frankfurt  auf  diplomatische  Missionen  hinaus  muß,  der
bleibt  ihm  in  all  den  Jahren,  als  seine  weltgeschichtliche  Mission
sich  erfüllte;  wo  er  in  diesen  Zeiten  Briefe  schreibt  und  wir
Kunde  aus  seinem  Inneren  erhalten,  da  erfahren  wir  dieses
Sehnen  nach  wie  vor.  Es  wohnte  bleibend  in  ihm.  Im  Jahre
1852  schreibt  er  im  Juni  von  Wien:  „Es  ist  recht  hart,
daß  wir  so  viele  Zeit  unsres  kurzen  Lebens  getrennt  verbringen
müssen;  die  ist  dann  verloren  und  nicht  wiederzubringen.  Gott
allein  weiß,  warum  er  andre,  die  sich  recht  wohl  fühlen,  wenn
sie  nicht  bei  einander  sind,  zusammenläßt,  wie  einen  bejahrten
Freund,  der  mit  mir  bis  Dresden  reiste,  die  ganze  Zeit  mit
seiner  Frau  in  einem  Coupé  sitzen  mußte  und  nicht  rauchen
durfte;  und  wir  müssen  immer  correspondiren  aus  weiter  Ferne.
Wir  wollen  alles  nachholen,  und  uns  noch  viel  mehr  lieben,
wenn  wir  wieder  bei  einander  sind;  wenn  wir  nur  gesund
bleiben!  Dann  will  ich  auch  nicht  murren.  ich  bin  homesick
nach  unserm  Häuschen  und  allem  was  darin  ist;  ich
werde  ausgelassen  sein,  wenn  ich  erst  wieder  auf  der  alten
langweiligen  Thüringer  Bahn  bin,  und  mehr  noch,  wenn  ich
von  Bockenheim  aus  unser  Licht  erblicke.“  Einige  Tage  später:
„Mir  ist  die  glückliche  Ehe  und  die  Kinder,  die  mir  Gott  geschenkt
  hat,  wie  der  Regenbogen,  der  mir  die  Bürgschaft  der
Versöhnung  nach  der  Sündsluth  von  Verwilderung  und  Liebes-A.
  Matthias,  Bismarck  6
        <pb n="91" />
        82  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

mangel  giebt,  die  meine  Seele  in  frühern  Jahren  bedeckte.“
Diese  Ehe  ist  ihm  „das  Band,  an  dem  Gott  ihn  vorzugsweise
gehalten  und  geleitet  hat  auf  dem  glatten  Boden  der  Welt,
in  die  er  ohne  sein  Begehren  gestellt  ist.“  Und  von  diesem
glatten  Boden  aus  schreibt  der  Ministerpräsident  mitten  aus
den  schweren  politischen  Sorgen  des  Gasteiner  Vertrags  heraus
am  1.  August  1865  am  Geburtstag  seines  zweiten  Sohnes,  als
sie  achtzehn  Jahre  verheiratet  waren:  „Mein  geliebtes  18jähriges
Herz!  Heut  vor  13  Jahren  warst  Du  in  schwieriger  Situation,
und  wir  haben  seitdem  Gott  für  so  manche  Bewahrung  zu
danken  und  aus  Seiner  Gnade  in  der  Vergangenheit  Vertrauen
für  Gegenwart  und  Zukunft  zu  schöpfen.“  So  geschah  es  denn
auch;  und  als  das  Paar  Silberhochzeit  feierte,  da  konnte  der
kaiserliche  Herr,  der  die  großen  Sorgen  und  Mühen,  welche
Bismarck  Zeit  seines  Lebens  getragen,  am  besten  kannte,  an
seinen  treuesten  Mitarbeiter  am  26.  Juli  1872  von  Koblenz
aus  schreiben:  „Sie  werden  am  28.  d.  M.  ein  schönes  Familien-Fest
  begehen,  das  Ihnen  der  Allmächtige  in  Seiner  Gnade  bescheert.
  Daher  darf  und  kann  ich  mit  meiner  Theilnahme  an
diesem  Feste  nicht  zurückbleiben,  und  so  wollen  Sie  und  die
Fürstin,  Ihre  Gemahlin,  hier  meinen  innigsten  und  wärmsten
Glückwunsch  zu  diesem  erhebenden  Feste  entgegen  nehmen.  Daß
Ihnen  Beiden  unter  so  vielen  Glücksgütern,  die  Ihnen  die
Vorsehung  für  Sie  erkoren  hat,  doch  immer  das  häusliche  Glück
obenan  stand,  das  ist,  wofür  Ihre  Dankgebethe  zum  Himmel
steigen.  .  In  und  nach  allen  Ihren  Mühen  fanden  Sie  stets
in  der  Häuslichkeit  Erholung  und  Frieden,  und  das  erhält
Sie  Ihrem  schweren  Berufe.“  Der  König  hatte  recht.  Bismarcks
  starke  Stütze  im  Leben  war  seine  Frau.  Er  glaubt  an
dieses  unerschütterliche  Wesen,  dem  er  auf  den  Grund  sieht;
durch  sie  erhält  er  sich  in  der  politischen  Flut  von  Kräften
und  Gegenkräften,  denen  seine  Seele  ausgesetzt  war.  Es  ist,
als  ob  seine  dämonische  Natur,  die  ihn  zwang,  mit  Härte
an  seinem  Werke  zu  schaffen,  an  seiner  Frau  seine  ganze
Milde  zu  zeigen,  an  ihr  Hingabe  und  Zügelung  zu  finden
suchte.  Diese  Frau  hat  die  Mission  erfüllt,  dem  Genius  das
        <pb n="92" />
        Familienglück  und  Glauben  83

Gegengewicht  zu  halten  durch  ihre  stille,  schlichte  und  klare
Klugheit.

Und  ein  weiteres  Gegengewicht  gab  es  für  Bismarcks
Seele.  Es  war  noch  etwas  anderes,  was  in  Bismarck  im
Jahre  1847  die  Wendung  bewirkte  und  in  ihm  eine  Art  von
Wiedergeburt  zu  neuem  Dasein  schuf.  Wir  haben  gesehen,
wie  in  allen  Briefen,  die  Liebe  atmen,  ein  Glaube,  dessen
man  den  tollen  Junker  in  den  Zeiten  von  Sturm  und
Drang  nicht  für  fähig  gehalten  hätte,  den  Unterton  bildet,
der  an  manchen  Stellen  zu  mächtigen  Akkorden  ertönt,  denen
man  nur  mit  Andacht  lauschen  kann.  Dieser  Glaube,  der  im
Werbebrief  seinen  ersten  vollen  Ausdruck  findet,  bildet  nun
gleichsam  den  Säulenfuß  der  Gestalt,  der  die  Geschichte  den
Namen  des  eisernen  Kanzlers  gab.  Was  Bismarck  in  seinem
Werbebrief  versprochen,  hat  er  gehalten  Zeit  seines  Lebens.
In  diesem  Leben  hat  er  ja,  wie  er  selbst  einmal  gesagt,  keine
glückliche  Stunde  gehabt;  in  seinem  Glauben  hat  er  sein  Glück
gefunden.  Im  Leben  ein  Pessimist,  war  er  im  Glauben  ein
Optimist.  Wenn  andre  kleingläubig  waren,  dann  zeigt  er  einen
Glauben,  der  wie  aus  Erz  gegossen  schien.  Im  Leben  und  Amt
oft  von  trüber  und  düsterer  Anschauung,  Menschenverachtung
und  Schwermut  wurde  es  Licht  in  ihm,  wenn  er  seines  starken
Glaubens  lebte.  Er  schreibt  es  selber  an  seine  Frau  an  einem
herrlichem  Sommerabend  des  Jahres  1849,  als  er  allein  in
Schönhausen  saß:  „Am  Abend  wollte  ich  Dir  schreiben,  aber
es  war  so  himmlische  Luft,  daß  ich  wohl  2  Stunden  auf  der
Bank  vor  der  Gartenstube  saß,  rauchte  und  die  Fledermäuse
fliegen  sah,  ganz  wie  vor  2  Jahren  mit  Dir  mein  Liebling,  ehe
wir  unfre  Reise  antraten.  Die  Bäume  standen  so  still  und  hoch
neben  mir,  die  Luft  voll  Lindenblüthe,  im  Garten  schlug  eine
Wachtel  und  lockten  Rebhühner,  und  hinten  über  Arneburg
lag  der  letzte  blaßrothe  Saum  des  Sonnenuntergangs.  Ich
war  recht  von  Dank  gegen  Gott  erfüllt,  und  vor  meine  Seele
trat  das  ruhige  Glück  einer  von  Liebe  erfüllten  Häuslichkeit,
ein  stiller  Hafen,  in  den  von  den  Stürmen  des  Weltmeeres
wohl  ein  Windstoß  dringt,  der  die  Oberfläche  kräuselt,  aber

6*
        <pb n="93" />
        84  4.  Ankergrund  in  Glanbe,  Liebe  und  eignem  Heim

dessen  warme  Tiefen  klar  und  ruhig  bleiben,  so  lange  das
Kreuz  des  Herrn  sich  in  ihnen  spiegelte;  mag  auch  das  Spiegelbild
  oft  matt  und  entstellt  zurückstrahlen,  Gott  kennt  seine  Zeichen
doch.  Danke  auch  Du  ihm,  mein  Engel,  gedenke  des  vielen
Guten,  was  er  an  uns  gethan  hat,  des  vielen  Ubels,  vor  dem
er  uns  bewahrt,  und  halte  das  mit  festem  Vertrauen  auf  Seine
starke  Hand  den  bösen  Geistern  entgegen,  wenn  sie  Deine  kranke
Phantasie  mit  allerhand  Gebilden  der  Angst  zu  schrecken  suchen.“

Bismarck  wurde  ein  fleißiger  Bibelleser  und  er  blieb  es
lange;  in  den  politischen  Kämpfen  legen  stille  Stunden  und
stille  Worte  der  Briefe  Zeugnis  davon  ab.  Kurz  nach  seiner
Verlobung  las  er  1.  Cor.  13.  14,  „daß  der  gläubige  Mann  geheiligt
  werde  durch  das  gläubige  Weib“.  Das  bewahrheitete
sich  an  ihm,  nur  war  sein  Glaube  mutiger  als  der  seiner
frommen  Gefährtin.  „Der  Gott,  der  Welten  dreht,  kann  auch
mich  decken  mit  seinen  Flügeln,“  ruft  er  ihr  zu,  und  ein  ander
Mal:  „Sans  peur  et  sans  reproche  .  Furcht  bessert  nichts,
macht  verwirrt  und  hülflos  wenn  Gefahr  naht,  und  ist  ein
Mangel  an  Vertrauen  in  Gottes  Vorsehung.“  Er  verweist  sie
auf  Schillers  Reiterlied:  „und  setzet  Ihr  nicht  das  Leben  ein,
so  kann  Euch  das  Leben  gewonnen  nicht  sein“,  und  er  erläutert
  das  in  seiner  Art:  „In  ergebnem  Gottvertrauen  setz
die  Sporen  ein  und  laß  das  wilde  Roß  des  Lebens  mit  Dir
fliegen  über  Stock  und  Block,  gefaßt  darauf  den  Hals  zu
brechen,  aber  furchtlos,  da  Du  doch  einmal  scheiden  mußt
von  allem  was  Dir  auf  Erden  theuer  ist,  und  doch  nicht  auf
ewig.“

Mit  diesem  Gottvertrauen  verbindet  sich  bei  ihm  die  Zuversicht
  auf  die  Macht  des  Gebets.  Er  bedarf,  als  sein  Töchterchen
  erkrankt  ist,  nicht  der  Ermahnung,  seines  Kindes  betend
zu  gedenken:  „Ich  thu  es  täglich,  und  vertraue  dem  Herrn,
daß  er  uns  nicht  über  unfre  Kräfte  prüfen  werde.“  Und  bangt
er  um  seine  Frau  in  der  Ferne,  so  betet  er  für  sie.  „Gestern
Abend  war  mir  so  etwas  bange  um  Dich,  als  ich  im  Bett  lag,
und  ich  hatte  rechtes  Heimweh,  bat  den  lieben  Golt  recht
dringend,  daß  er  Dich  schützen  möge;z  ich  hoffe,  er  hat  es  ge-
        <pb n="94" />
        Vibel  und  Gottvertrauen  85

than,  wenn  ich  es  auch  nicht  um  ihn  verdiene.“  Die  Bitte
um  Gottes  Schutz  bildet  den  Schluß  vieler  seiner  Briefe.

Ganz  besonders  stark  regt  sich  dieses  Gottvertrauen,  als  er
ganz  plötzlich  vor  die  Aufgabe  gestellt  wird,  in  das  große  poli—
tische  Weltgetriebe  einzutreten,  das  ihm  so  gänzlich  unbekannt
war.  Am  25.  April  1854  hört  er,  daß  er  irgendwie  diplomatisch
verwendet  werden  solle,  am  28.  schreibt  er,  daß  man  ihn  als
Bundestagsgesandten  nach  Frankfurt  schicken  wolle.  „Ich  bete
recht  innig  daß  der  barmherzige  Gott  alles  ohne  Betrübniß
für  unser  zeitliches  Wohl  und  ohne  Schaden  für  meine  Seele
einrichte“  ..  .  „ich  habe  es  nicht  gesucht,  der  Herr  hat  es  gewollt
  muß  ich  annehmen,  und  ich  kann  mich  dem  nicht  entziehn.“
  Wenige  Tage  später  (3.  Mai)  hören  wir  die  Gott  vertrauenden
  Worte:  „Ich  wiederhole,  ich  habe  mit  keiner  Sylbe
herbeigeführt  oder  auch  nur  erwünscht  was  geschieht,  ich  bin
Gottes  Soldat,  und  wo  er  mich  hinschickt  da  muß  ich  gehn,
und  ich  glaube  daß  er  mich  schickt,  und  mein  Leben  zuschnitzt
wie  Er  es  braucht.“  Wenige  Wortez  aber  wie  inhaltsschwer!
Ist  es  nicht,  als  ob  in  ihnen  Gottes  geschichtliches  Walten  und
menschliche  Prophetie  sich  ineinander  schlingen  in  den  Tagen,
wo  der  Säemann  hinauszieht,  die  Saat  vorzubereiten,  die  dem
deutschen  Volke  zu  seinem  Segen  wachsen  sollte.

So  stark  Bismarcks  Glaube  ist,  er  hält  sich  frei  von  Hochmut
und  der  Lieblosigkeit  und  Wirkungsarmut  des  Quietismus,  die
so  leicht  mit  dem  Glauben  sich  verbinden.  Schon  gleich  nach
seiner  Verlobung  richtet  er  ein  ernstes  Wort  an  seine  Braut:
„Wie  habt  Ihr  doch  meist  so  wenig  Vertrauen  in  Euern
Glauben,  und  wickelt  ihn  sorgfältig  in  die  Baumwolle  der  Abgeschlossenheit,
  damit  kein  Luftzug  der  Welt  ihn  erkälte,  Andre
aber  sich  an  Euch  ärgern,  und  Euch  für  Leute  ausschreien,  die
sich  zu  heilig  dünken,  um  von  Zöllnern  etc.  berührt  zu  werden."“
Zu  diesen  Zöllnern  rechnete  Bismarck  wohl  auch  sich;  denn  ein
Weltkind,  wie  er  es  gewesen,  blieb  er  immer  noch;  bei  all  seiner
Frömmigkeit  stand  er  mitten  im  wirklichen  Leben  mit  seinen
Interessen  und  Sorgen  und  fragt  skeptisch  (28.  Februar  1847):
„Tou  care  for  nobody?  Das  ist  ja  garnicht  wahr  mein  Herz,
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        86  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

und  der  Nachsatz  auch  nicht,  und  werden  auch  beide  niemals
wahr  werden,  wenn  es  Dir  auch  noch  so  romantisch  vorkommt,
es  ist  so  langweilig,  daß  es  kein  Mensch  auf  die  Länge  aushält,
auch  mit  dem  Trost  des  Christenthums  nicht,  denn  ich  glaube,
daß  es  in  directem  Widerspruch  mit  demselben  steht,  und  letzteres
da  verdunkelt  ist,  wo  jener  Ausspruch  wahr  werden  kann.  Das
kommt  wieder  auf  den  Streit  über  Glauben  und  Werke  hinaus.
Ein  Glaube,  der  dem  Gläubigen  von  seinen  irdischen  Brüdern
sich  abzusondern  gestattet,  so  daß  er  sich  mit  einer  vermeinten
isolirten  Beziehung  zu  dem  Herrn  allein,  in  reiner  Beschaulichkeit
genügen  läßt,  ist  ein  todter  Glaube,  was  ich,  wenn  ich  nicht
irre,  in  einem  frühern  Briefe  als  Quietismus  (von  quies,  die
Ruhe)  bezeichnete,  ein,  meines  Erachtens  irriger  Weg,  auf  den
der  Mietismus  leicht  und  häufig  führt,  besonders  bei  Frauen.
Ich  meine  damit,  mit  dem  Absondern,  durchaus  nicht  den  geistlichen
  Hochmuth,  der  sich  heiliger  dünkt  als  Andre,  sondern  ich
möchte  sagen  das  stillsitzende  Harren  auf  den  Tag  des  Herrn,
in  Glaube  und  Hoffnung,  aber  ohne  das,  was  mir  die  rechte
Liebe  scheint.  Wo  die  ist,  da  ist  auch  glaub  ich  das  Bedürfniß,
sich  in  Freundschaft  oder  durch  andre  Bande  einem  der  sichtbaren
  Wesen  enger  anzuschließen,  als  bloß  durch  die  Bande  der
allgemeinen  christlichen  Liebe.  Jesus  selbst  hatte  einen  Jünger,
welchen  er  „lieb  hatte",  d.  h.  noch  inniger  und  in  andrer  Art,
als  nach  dem  Worte  „liebet  Euch  untereinander',  denn  daß  Du
dieses  letztre  Gebot  bei  dem  caring  for  nobody  nicht  ausschließen
willst,  weiß  ich  wohl,  aber  Du  sollst  mehr  thun,  Du  sollst  Seelen
haben,  die  Dir  näher  stehn  als  andre,  auch  wenn  Du  einst  ohne
mich  leben  solltest,  was  übrigens  trotz  Deiner  trüben  Ahnungen
von  nicht  Wiedersehn,  sobald  wohl  nicht  geschehn  wird;  indessen
fatta  sia  la  tua  voluntà,  und  käme  es,  so  denk  daran  mein
Herz.  Ich  kämpfe  grundsätzlich  in  mir  gegen  jede  düstre  Ansicht
der  Zukunft,  wenn  ich  ihrer  auch  nicht  immer  Herr  werde;  ich
bemühe  mich  zu  hoffen,  unter  allen  Umständen  das  Beste,  immer
natürlich  mit  obigen  italiänischen  Worten  des  Vaterunser  als
Grundgedanken.  Das  Leiden  macht  sich  bei  seinem  Eintritt  zeitig
genug  fühlbar,  ich  will  es  nicht  durch  Furcht  noch  vorwegnehmen."“
        <pb n="96" />
        Glaube  und  Werke.  Heiterkeit  des  Glaubens  87

In  derselben  hoffnungsstarken  Richtung  bewegen  sich  auch  sonst
seine  Mahnungen,  wenn  seine  Braut  in  a  fit  of  melancholy
schreibt,  sie  interessiere  eigentlich  gar  nichts,  und  sie  gräme  und
freue  sich  nicht.  Das  schmecke  nicht  nach  Christentum,  sondern
nach  Byron.  Der  alte  Gott,  der  ihr  stets  geholfen,  lebe  noch.
Deshalb  solle  der  Mensch  fest  in  der  Heiterkeit  des  Glaubens  stehen.

Daß  die  ungetrübte  Heiterkeit,  der  heimische  Boden  unserer
Kindheit,  eine  leicht  welkende  Blume  sei,  weiß  er.  Aber  er  weiß
auch,  daß  dieser  Kindheitstraum  nicht  lange  währt.  In  diesem
Geiste  schreibt  er  seiner  Braut:  „Auf  dem  Boden  der  Heiterkeit
  (im  höhern  Sinne)  und  der  Zufriedenheit  erhaben  zu  sein,
giebt  den  Begriff  der  Majestät,  des  Göttlichen,  das  der  Mensch
nur  in  seltnen  bevorzugten  Zeiten  und  Gestalten  schwach  widerstrahlt.
  Das  irdisch  Imponirende  und  Ergreifende,  was  mit
menschlichen  Mitteln  für  gewöhnlich  dargestellt  werden  kann,
steht  immer  in  Verwandtschaft  mit  dem  gefallenen  Engel,  der
schön  ist,  aber  ohne  Frieden,  groß  in  seinen  Plänen  und  Anstrengungen,
  aber  ohne  Gelingen,  stolz  und  traurig.  Darum
kann  das,  was  es  außerhalb  des  Gebietes  der  Religion  für
uns  Ergreifendes  giebt,  nicht  heiter  und  zufrieden  sein,  sondern
stets  nur  als  Wegweiser  dahin  dienen,  wo  wir  Frieden  finden.
Wenn  Dein  Sinn  für  die  Poesie  des  Herbstes,  des  Reifs  in  der
Maiennacht,  und  alles  dessen,  was  im  Menschen  dahin  gehört,
empfänglicher  geworden  ist,  so  beweist  das  nur  daß  Du  nicht  mehr
zwölfjährig  bist.  Uber  die  Kinder,  äußre  und  innre,  wie  über
die  kleinen  Bäume  des  Waldes  geht  der  Sturm  hinweg,  der  in
den  Kronen  der  alten  Bäume  braust  und  sie  beugt  und  bricht;
wenn  sie  größer  werden,  wachsen  sie  in  die  Sturmschicht  hinein,
und  ihre  Wurzeln  müssen  kräftiger  werden,  wenn  sie  nicht
untergehn  wollen.  Wenn  Bäume  im  Sturm  Risse  erleiden,  so
quillt  das  Harz  wie  lindernde  Thränen  aus  ihnen,  und  heiltz;
wenn  sie  aber  gegen  derlei  Risse  nicht  Schutz  in  eigner  Festigkeit,
  sondern  immer  wieder  das  Heilmittel  der  Harzthräne  suchen,
so  erschöpfen  sie  den  Quell  und  trocknen  aus.“  Festigkeit,  Heiterkeit
  und  Frieden  findet  Bismarck  also  im  Boden  des  Glaubens
und  in  der  Majestät  des  Göttlichen.
        <pb n="97" />
        88  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

Nach  diesem  Frieden  hat  Bismarck  allerwege  gestrebt  in  der
vollen  Heiterkeit  des  Glaubens,  und  sein  guter  Humor  kam
ihm  zu  Hilfe.  So  schreibt  er  im  Februar  1854:  „Ich  bin  trotz
aller  Kummermühe  recht  heiter,  seit  ich  weiß,  daß  Du  mit  den
babies  wieder  in  gutem  Geleise  bist.  So  wahr  ist  es,  daß  der
liebe  Gott  es  mit  uns  machen  muß  wie  jener  General  des
Strafbataillons,  der  seine  Leute  jeden  zweiten  Tag  fuchteln  ließ,
weil  sie  dann  in  den  freien  Tagen  so  vergnügt  waren.  Wir
werden  zu  leicht  undankbar  für  alle  Seine  Wohlthaten,  wenn
wir  nicht  an  die  Möglichkeit  des  Verlustes  erinnert  werden.“
Aus  demselben  Geiste  heraus  tönen  solche  Bemerkungen  wie  die
(3.  März  1854):  „Du  bist  in  Deinem  ganzen  Leben  nicht  des
Gefühls  froh  geworden,  so  recht  ganz  und  gar  gesund  und
schmerzfrei  zu  sein;  gewiß  wird  es  Dir  im  andern  Leben  noch
einmal  gut  geschrieben  werden,  sonst  kommst  Du  zu  schlecht  weg
im  Vergleich  mit  mir;  da  werde  ich  dann  wohl  Augenschmerzen
haben,  der  ich  jetzt  so  gesund  bin,  daß  ich  nicht  einmal  mehr  an
Sodbrennen  leide.“  Sein  aus  dem  Glauben  geschöpfter  Humor
geht  einmal  (17.  August  1849)  sogar  so  weit,  daß  eine  glücklich
gelöste  Ammenschwierigkeit  ihm  einen  rechten  Stein  vom  Herzen
nahm:  „ich  dankte  Gott  für  Seine  Gnade,  und  hätte  mich  dann
aus  reiner  Heiterkeit  beinah  berauscht.  Möge  Sein  Schutz  auch
ferner  über  Dir  und  dem  kleinen  Liebling  walten.“

In  diese  heitere  Glaubensauffassung  paßte  auch  kein  gelotismus
  und  keine  poesielose  Enge.  Auf  Empfehlung  seiner  Frau
war  er  einmal  bei  dem  hochorthodoxen  Pfarrer  Knaak  in  der
Kirche  gewesen;  er  schreibt  darüber  (7.  April  1854):  „Er  überspannt
  mir  die  Saiten;  er  findet  nicht  nur  alles  Tanzen,  auch
jegliches  Theatergehn  und  alle  Musik,  die  nicht  zur  „Ehre  Gottessondern
  nur  zum  Vergnügen  gemacht  werde,  fündlich,  und  Verläugnung
  Gottes,  wie  Petrus  sagt  „ich  kenne  des  Menschen  nicht“.
Das  geht  mir  zu  weit.  Zelotismus.“  —  Entsagung  war  auch
ihm  nicht  fremd,  aber  sie  mußte  ihre  Grenzen  haben  und  brauchte
nicht  aller  Freude  bar  zu  sein.  „Wir  werden  noch  oft  lernen
müssen,  den  Becher  abzusetzen,  wenn  es  uns  am  besten
schmeckt,  uns  dabei  über  das  zu  freuen,  was  wir  getrunken
        <pb n="98" />
        Gläubige  Entsagungskraft  und  religiöse  Bescheidenheit  89

haben,  und  guten  Muthes  auf  das  zu  verzichten,  was  wir  darin
lassen  müssen."

Diese  Entsagungskraft  liegt  auf  derselben  Linie  mit  der
religiösen  Bescheidenheit,  Demut  und  dem  frommen  Streben
nach  Selbsterkenntnis,  die  durch  viele  seiner  Briefe  hindurchziehen;
  wenige  Kernstellen  mögen  genügen.  „Wir  sind  nicht
auf  dieser  Welt  um  glücklich  zu  sein  und  zu  genießen,  sondern
um  unsere  Schuldigkeit  zu  thun,  und  je  weniger  meine  Lage
eine  selbst  gemachte  ist,  um  so  mehr  erkenne  ich,  daß  ich  das
Amt  versehn  soll,  in  das  ich  gesetzt  been.  Mein  erstes
Gefühl  bei  jedem  Brief  aus  Reinfeld  ist  Dank  aus  vollem  Herzen
für  das  unverdiente  Glück,  daß  ich  Euch  noch  habe  auf  dieser
Welt,  und  bei  jedem  Todesfall  von  Weib  oder  Kind,  den  ich
in  der  Zeitung  sehe,  fällt  es  mir  auf  die  Seele,  was  ich  zu
verlieren  habe,  und  was  der  barmherzige  Gott  mir  gegeben  und
bisher  erhalten  hat.  Möchte  die  Dankbarkeit  dafür  doch  mein
trotziges  und  weltliches  Herz  so  empfänglich  machen  für  die
Gnade  des  Herrn,  daß  er  nicht  nöthig  hat,  mich  zu  züchtigen
in  dem  was  ich  liebe,  denn  davor  fürchte  ich  mich  mehr  als
vor  jedem  andern  Übel.“  „Wenn  ich  Knaak  gehört  oder  gesprochen
  habe,  so  machte  er  mich  so  muthlos,  daß  mein  ganzes
Christenthum  in  Gefahr  kommt  zu  wanken;z  ich  kann  ihn  nicht
vertragen,  was  ohne  Zweifel  ein  schlechtes  Zeugniß  für  die
Kraft  meines  Glaubens  ist,  und  ich  bitte  Gott  um  Kräftigung
durch  Seinen  Geist,  denn  ich  bin  wie  eine  lahme  Ente  am
Rande  Seiner  Wasser,  das  sehe  ich  klar,  und  kann  mich  doch
nicht  ermannen,  daß  es  anders  werde.“  Und  an  die  Mutter
seiner  Frau  schreibt  er  in  einem  Geburtstagsbrief:  „Gott  ist
mein  oder  eigentlich  Dein  Zeuge  bei  mir,  daß  ich  Dir  recht
oft  vor  Ihm  Unrecht  abzubitten  hatte,  und  daß  ich  von  Ihm
die  Kraft  erbeten  habe,  mein  trotziges  Herz  mit  Demuth  und
Frieden  zu  füllen.  Ich  glaube,  wir  haben  auch  beide
erfahren,  daß  der  Herr  uns  hilft,  die  Ecken  abzuschleifen,  die
in  jedem  sich  neu  bildenden  Verhältniß  zwischen  Personen,
die  nicht  mehr  in  dem  leicht  sich  formenden  und  schmiegenden
Alter  der  ersten  Jugend  stehn,  abgeschliffen  werden  müssen,
        <pb n="99" />
        90  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

und  Er  wird  uns  auch  ferner  darin  helfen.“  Und  zum
Schlusse  eine  Stelle,  in  der  wie  in  einer  Symphonie  Glauben,
  Heimat  und  Natur  zusammenfließen;  aus  Frankfurt,  als
er  14  Jahre  zurückdenkt  an  den  Sturm  und  Drang  von  1837:
„Wie  manches  Laub  mag  noch  an  unserm  innern  Menschen
ausgrünen,  schatten,  rauschen  und  werthlos  welken,  bis  wieder
14  Jahre  vorüber  sind,  bis  1865,  wenn  wir's  erleben.  Ich  begreife
  nicht,  wie  ein  Mensch,  der  über  sich  nachdenkt  und  doch
von  Gott  nichts  weiß  oder  wissen  will,  sein  Leben  vor  Verachtung
  oder  Langeweile  tragen  kann,  ein  Leben,  das  dahinfährt
wie  ein  Strom,  wie  ein  Schlaf,  gleich  wie  ein  Gras,  das  bald
welk  wird;  wir  bringen  unfre  Jahre  zu  wie  ein  Geschwätz.  Ich
weiß  nicht,  wie  ich  das  früher  ausgehalten  habe;  sollte  ich  jetzt
leben  wie  damals,  ohne  Gott,  ohne  Dich,  ohne  Kinder  —  ich
wüßte  doch  in  der  That  nicht,  warum  ich  das  Leben  nicht  ablegen
  sollte  wie  ein  schmutziges  Hemde;  und  doch  sind  die  meisten
meiner  Bekannten  so,  und  leben.  .  Schließe  nicht  aus  diesem
Geschreibsel,  daß  ich  grade  besonders  schwarz  gestimmt  bin;  im
Gegentheil,  mir  ist  als  wenn  man  an  einem  schönen  Septembertage
  das  gelbwerdende  Laub  betrachtet;  gesund  und  heiter,  aber
etwas  Wehmuth,  etwas  Heimweh,  Sehnsucht  nach  Wald,  See,
Wiese,  Dir  und  Kindern,  alles  mit  Sonnenuntergang  und
Beethovenscher  Symphonie  vermischt.“"

Es  sind  ja  nur  Bruchstücke  seines  tiefen  Innenlebens,  die
wir  gegeben  haben;  aber  sie  deuten  auf  das  Ganze:  Bismarck
war  eine  tief  religiöse  Natur.  Wahr  und  klar  und  wirklichkeitsatmend
  ist  sein  Glaube  wie  seine  ganze  Art.  Solche  Naturen
stehen  niemals  im  Leeren;  auch  in  ihrem  weltlichen  Wirken
schwingt  allezeit  ein  starker  religiöser  Rhythmus  mit,  der  auch
bei  Bismarck  in  Stunden  politischen  Ernstes  und  weltgeschichtlicher
  Bedeutung  mächtig  widerhallte  wie  an  jenem  6.  Februar
1888,  als  er  der  Welt  im  Geiste  und  im  Namen  seines  Volkes
zurief:  „Wir  Deutschen  fürchten  Gott  und  sonst  nichts  auf  der
Welt.“

Es  gibt  religiöse  Naturen  aus  Weltferne  und  aus  Welttrotz.
An  jenen  können  wir  uns  in  Feierstunden  erbauen;  wir  können
        <pb n="100" />
        Dauerwert  seines  Glaubens  91

sie  lieben.  Den  glaubensstarken  Welttrotz  aber  müssen  wir  bewundern
  und  können  an  ihm  uns  aufrichten  an  jedem  Werktag
in  Arbeit,  Not  und  Gefahr,  weil  solcher  Glaube  die  Kraft  in
sich  birgt,  die  Welt  zu  überwinden.  Diesen  Glauben  mußten
wir  kennen  lernen,  ehe  wir  seinen  Träger  in  sein  politisches
Wirken  und  in  seinen  Kampf  mit  der  politischen  Welt  begleiten.
Als  er  in  diese  im  Jahre  1847  eintrat,  kannten  ihn  die  meisten
nicht;  nur  wenige  hatten  eine  Ahnung,  was  alles  in  ihm
schlummerte,  wogte  und  brandete.  Nun,  da  wir's  wissen,  haben
wir  die  Pflicht,  stets  den  ganzen  Mann  im  Auge  zu  behalten
und  einzuschätzen,  wenn  wir  ihn  durch  seine  politischen  Lehrund
  Wanderjahre  begleiten,  die  sehr  bald  zu  Meisterjahren
wurden.

In  der  Zeit,  da  seine  politische  Entwicklung  anhebt,  ist
seine  innere  Entwicklung  beendet.  Die  Geschichte  seiner  Seele,
seines  Glaubens,  seiner  Liebe  hat  einen  gewissen  Abschluß,  da
die  Geschichte  seines  geschichtlichen  Wirkens  beginnt.  Er  bleibt
von  nun  an  in  seinen  menschlichen  Zügen  derselbe.

Deshalb  hatten  wir  zuerst  tiefgehend  Einkehr  gehalten  bei
seinem  innersten  Wesen,  das  in  Liebe,  Heimat  und  Glauben
seine  starken  Wurzeln  hatte.
        <pb n="101" />
        5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen.  Auf  der
Wacht  vor  dem  Königsthrone.  1847  und  1848

Das  Jahr  1847  sollte  auch  für  Bismarcks  politische  Tätigkeit
  ein  wichtiger  Lebensabschnitt  werden.  Zwischen  Verlobung
  und  Hochzeit  fällt  sein  erstes  parlamentarisches  Auftreten.


Durch  Königliches  Patent  vom  1.  Februar  wurde  auf  den
14.  April  der  „Vereinigte  Landtag“  nach  Berlin  berufen,  der
sich  aus  den  Mitgliedern  der  Landtage  der  acht  preußischen
Provinzen  zusammensetzte.  Bismarck  war  stellvertretendes  Mitglied
  des  sächsischen  Provinziallandtages;  durch  besonderes  Vertrauen
  der  Magdeburgischen  Stände  war  er,  kaum  in  die
Provinz  gekommen,  an  die  erste  Stelle  unter  den  Vertretern
gerückt.  Aber  zunächst  war  keine  Aussicht.  Am  17.  Februar
tröstete  er  sich  in  einem  Briefe  an  seine  Braut:  „Das  Land
und  der  König  verlieren  ohne  Zweifel  dabei  einen  der  ausgezeichnetsten
  Vertreter,  und  eine  Stütze  des  Thrones  im  Reichstage,
  unsre  Liebe  aber  gewinnt.“  —  Der  Zufall,  vielleicht  auch
die  Rücksicht  des  „aus  Gesundheitsrücksichten“  zurücktretenden
eigentlichen  Abgeordneten  v.  Brauchitsch  auf  Bismarck  brachten
diesen  doch  noch  hinein,  der  nicht  ablehnen  wollte,  aus  Besorgnis,
  die  Magdeburgischen  Stände  zu  verletzen  und  sich  jede
Aussicht  auf  die  Zukunft,  die  sich  auf  ständische  Verbindung
gründe,  zu  verderben.  Zwischen  der  Liebe  des  Bräutigams  und
dem  Pfflichtgefühl  des  Mannes  gab  dieses  den  Ausschlag.  Am
18.  Mai  schreibt  er:  „Es  war  mein  eifriger  Wunsch  Mitglied
des  Landtags  zu  sein;  daß  aber  der  Landtag  und  Du  50  Meilen
auseinander  sind,  betrübte  mich  trotz  der  Erfüllung  meines
MWunsches.“  Und  besonders  betrübte  es  ihn,  daß  er  Pfingsten
nicht  kommen  kann.  „Ich  weiß  nicht,  wie  ich  es  mit  meinen
Plichten  vereinigen  soll,  3  bis  4  Tage  für  Kniephof  frei  zu
machen,  während  es  sich  hier  über  die  wichtigsten  Schicksale  des
Landes  oft  um  Eine  Stimme  handelt.“
        <pb n="102" />
        Der  Vereinigte  Landtag  1847  93

Nachdem  er  am  15.  Mai  zum  ersten  Male  kurz  das  Wort
ergriffen  und  in  einem  Geplänkel  sich  mit  dem  westfälischen
Liberalen  Georg  von  Vincke  auseinandergesetzt  hatte,  wandte
er  sich  in  längerer  Rede  am  17.  Mai  gegen  den  Führer  der
ostpreußischen  Liberalen  von  Saucken-Tarputschen,  der  von
Mangel  an  Vertrauen  gesprochen  hatte,  welches  zwischen  der
Verwaltung,  der  Gesetzgebung  und  dem  Volke  bestehen  müsse;
dieses  Vertrauen  habe  1806  gefehlt;  die  Reformen  von  1807
hätten  dann  den  Thron  mitten  in  das  Volk  hineingestellt.  Die
Begeisterung  von  1813  sei  nicht  eine  Folge  des  Nationalhasses,
  den  ein  edles,  gebildetes  Volk  gar  nicht  kenne,  sondern
eine  Frucht  jener  geistig  und  politisch  befreienden  Gesetzgebungen,
„damit  der  König  ausführen  könne,  was  er  in  weiser  Absicht
beschlossen  habe“.  Also  nicht  als  Befreiungskrieg  vom
dußeren  Joch,  sondern  als  einen  Freiheitskrieg  von  innerem
  Zwang  und  Druck  stellte  Saucken  jenen  Krieg  hin.
Sofort  erhob  sich  Bismarck.  Geschildert  wird  er  als  ein  Mann
„von  mittelalterlicher  Ritterlichkeit,  die  Hand  am  Schwerte
und  den  Fuß  im  Bügel“;  er  sah  aus,  „als  könne  er  einige
Demokraten  zum  Frühstück  vertilgen“,  „eine  hohe  Gestalt  von
mächtigem  Bau,  das  dichte  Haar  kurz  geschnitten,  das  gesund
gerötete  Antlitz  von  einem  starken  blonden  Vollbart  eingerahmt,
  die  blanken  grauen  Augen  etwas  vorstehend,  à  fleur
de  têéte,  wie  die  Franzosen  sagen“.  Einen  Augenblick  schaute
er  in  die  Versammlung  und  „sprach  dann  schlicht,  mitunter
stockend,  mit  einem  scharfen,  zuweilen  schneidenden,  nicht  eben
angenehmen  Klang  in  der  Stimme“:  „Ich  fühle  mich  gedrungen,
dem  zu  widersprechen,  was  auf  der  Tribüne  sowohl  als  außerhalb
  dieses  Saales  so  oft  laut  geworden  ist,  als  von  Ansprüchen
auf  die  Verfassung  die  Rede  war:  als  ob  die  Bewegung  des
Volkes  von  1813  anderen  Gründen  zugeschrieben  werden  müßte,
und  es  eines  anderen  Motivs  bedurft  hätte,  als  der  Schmach,
daß  Fremde  in  unserem  Lande  geboten.“  Hier  unterbrach  Murren
und  lautes  Rufen  den  Redner;  dieser  zog  aber  ruhig  die
Spenersche  Zeitung  aus  der  Tasche  und  las  darin,  bis  der
Vorsitzende  die  Ruhe  wiederhergestellt  hatte.  Dann  fuhr  er  fort,
        <pb n="103" />
        94  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

von  wiederholtem  Murren  unterbrochen  und  am  Schlusse  mit
großem  Lärm  begleitet:  „Es  heißt  meines  Erachtens  der  National—
ehre  einen  schlechten  Dienst  erweisen,  wenn  man  annimmt,  daß
die  Mißhandlung  und  Erniedrigung,  die  die  Preußen  durch
einen  fremden  Gewalthaber  erlitten,  nicht  hinreichend  gewesen
seien,  ihr  Blut  in  Wallung  zu  bringen  und  durch  den  Haß
gegen  die  Fremdlinge  alle  andern  Gefühle  übertäubt  werden
zu  lassen.“

Diese  im  Protokoll  stehenden  Worte  scheinen  einen  noch
kräftigeren  Wortlaut  gehabt  zu  haben;  denn  am  folgenden  Tage
schreibt  er  seiner  Braut:  „Gestern  erregte  ich  einen  unerhörten
Sturm  des  Mißfallens,  indem  ich  durch  eine,  nicht  deutlich
genug  gefaßte  Außerung  über  die  Natur  der  Volksbewegung
von  1813  die  mißverstandne  Eitelkeit  vieler  von  der  eignen
Parthei  verletzte,  und  natürlich  das  ganze  Halloh  der  Opposttion
gegen  mich  hatte.  Die  Erbitterung  war  groß,  vielleicht  grade
weil  ich  die  Wahrheit  sagte,  indem  ich  auf  1813  den  Satz  anwandte,
  daß  Jemand  (das  preußische  Volk),  der  von  einem
Andern  (den  Franzosen)  solange  geprügelt  wird,  bis  er  sich
wehrt,  sich  daraus  kein  Verdienst  gegen  einen  Dritten  (unsern
König)  machen  kann.  Man  warf  mir  meine  Jugend  und  was
sonst  noch  alles  vor.  Ich  muß  jetzt  vor  der  heutigen  Sitzung
hin,  um  beim  Druck  nachzusehen,  ob  sie  meine  Worte  nicht  in
Unsinn  verkehrt  haben.“  Der  Ausdruck  „geprügelt  werden“
wird  also  wohl  gefallen  sein;  den  Freiwilligen  von  1813  wird
er  mißfallen  haben.  Denn  Bismarck  ergänzt  sich  am  21.  Mai:
„Der  Vater  wird  Dir  erzählen,  wie  ich  neulich  hier  in  das
Wespennest  der  Freiwilligen  stach,  und  die  entrüsteten  Hornissen
auf  mich  hersummten;  andrerseits  hatte  ich  die  Genugthuung
dafür,  daß  viele  ältere  und  verständige  Leute  sich  mir  näherten,
die  ich  garnicht  kannte,  und  auch  versicherten,  ich  hätte  vollkommen
  die  Wahrheit  gesagt,  das  grade  habe  die  Leute  so  geärgert.“


Jedenfalls  sehen  wir  eins:  der  junge  Parlamentarier  nahm
kein  Blatt  vor  den  Mund  und  machte  aus  seinem  Herzen  keine
Mördergrube.  Mit  der  Kühnheit,  Entschlossenheit,  Bestimmtheit,
        <pb n="104" />
        Der  Vereinigte  Landtag  1847  95

in  denen  auch  wohl  erbitterte  Schärfe  und  kühle  Gering—
schätzung  wechselten,  tritt  er  am  ersten  Tage  in  die  Schranken
und  er  steigerte  durch  diese  Eigenschaften  den  Zorn  seiner  Gegner,
wie  er  das  allezeit  getan.

Hinter  diesen  rednerischen  Eigenschaften  stand  aber  auch
ein  ganzer  Mann,  der  wußte,  was  er  empfand  und  was  er
wollte.  Vor  allem  zeigte  er  schon  eine  große  Selbständigkeit;
ein  Dutzendmensch  war  dieser  von  Preußenstolz,  von  derber
Vaterlandsliebe,  von  Haß  gegen  alles  Fremde  und  von  robuster
Königstreue  beseelte  Mann  nicht.  Wie  er  sein  Preußen  liebte
und  seine  Pflichten  gegen  dieses  Land  auffaßte,  das  beweist
eine  Außerung,  die  er  einmal  in  Trieglaff  getan:  er  verstehe
es  nicht,  daß  1806  kein  Leutnant  seinem  feigen  General  eine
Kugel  vor  den  Kopf  geschossen  habe.  Das  starke  Empfinden
des  nationalen  Staatsmannes  regte  sich  schon  damals  in  ihm,
wenn  er  am  15.  Juni  den  Liberalen  zurief:  „Ich  möchte  den
Herren,  die  so  gerne  ihre  Ideale  jenseits  der  Vogesen  suchen,
eines  zur  Richtschnur  empfehlen,  was  den  Engländer  und  Franzosen
  auszeichnet:  Das  ist  das  stolze  Gefühl  der  Nationalehre,
welches  sich  nicht  so  leicht  und  so  häufig  dazu  hergibt,  nachahmenswerte
  und  bewunderte  Vorbilder  im  Auslande  zu  suchen."“
Und  wie  er  zu  seinem  König  und  zum  Königtum  stand,  das
zeigte  er  in  seinen  ersten  Reden  in  diesem  Vereinigten  Landtag.
  Seine  auf  der  historischen  Entwicklung  Preußens  beruhende
Uberzeugung  war,  daß  die  preußischen  Monarchen  nicht  von
des  Volkes,  sondern  von  Gottes  Gnaden  im  Besitz  einer  faktisch
unbeschränkten  Krone  seien,  von  deren  Rechten  sie  freiwillig  einen
Teil  dem  Volke  verliehen  und  damit  ein  Beispiel  gegeben  hätten,
welches  in  der  Geschichte  selten  sei.  Eine  authentische,  rechtsverbindliche
  Deklaration  seiner  Rechte  und  Versprechungen  könne
deshalb  nur  der  König  selber  geben:  das  liege  auch  im  Rechtsbewußtsein
  des  preußischen  Volkes;  der  alten  preußischen  Volksmeinung
  gelte  ein  Königswort  mehr  als  ein  Deutelen  und  Drehen
an  dem  Buchstaben  der  Gesetze.  Die  Majorität  dieses  Volkes
—  so  entgegnete  er  dem  Abgeordneten  Sperling  von  Königsberg
  —  sinde  er  aber  nicht  repräsentiert  in  den  Versammlungen
        <pb n="105" />
        96  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

auf  dem  Böttchershöfchen  in  Königsberg.  —  Diese  Anschauungen
klingen  ja  rücksichtslos  und  herausfordernd.  Aber  sie  verlieren
ihre  Rücksichtslosigkeit,  wenn  man  hinzunimmt,  daß  Bismarck
den  preußischen  Staat  für  einen  christlichen  Staat  hielt,  der
ihm  nicht  eine  müßige  Fiktion,  eine  Erfindung  neuerer  Staatsphilosophen
  war,  sondern  ein  Begriff,  der  ihm  so  alt  schien,
wie  das  heilige  römische  Reich,  so  alt,  wie  sämtliche  europäische
Staaten,  daß  dieser  Begriff  gerade  der  Boden  sei,  in  welchem
die  Staaten  Wurzel  geschlagen  haben,  und  daß  jeder  Staat,  wenn
er  seine  Dauer  gesichert  sehen,  seine  Berechtigung  zur  Existenz
nachweisen  wolle,  auf  religiöser  Grundlage  sich  befinden  müsse.
In  diesem  Geiste  hat  er  später  einmal  gesagt:  „Nehmen  Sie
mir  meinen  Glauben  und  Sie  nehmen  mir  meinen  König.
Denn  warum,  wenn  es  nicht  Gottes  Gebot  ist,  soll  ich  mich
sonst  diesen  Hohenzollern  unterordnen?  Es  ist  eine  schwäbische
Familie  und  nicht  besser  als  die  meine.“  In  diesem  Geiste
waren  ihm  auch  die  Worte  „Von  Gottes  Gnaden“  kein
leerer  Schall,  sondern  ein  Bekenntnis,  daß  die  Fürsten  das
Szepter,  welches  ihnen  Gott  verliehen  habe,  nach  Gottes  Willen
auf  Erden  führen  wollten.  Als  Gottes  Willen  erkannte  er  aber
das  an,  was  in  den  christlichen  Evangelien  geoffenbart  sei,  und
er  glaubte  in  seinem  Rechte  zu  sein,  wenn  er  einen  solchen
Staat  einen  christlichen  nannte,  der  sich  die  Aufgabe  gestellt
habe,  die  Lehren  des  Christentums  zu  verwirklichen  und  seine
Gesetzgebung  aus  dem  Urgquell  ewiger  Wahrheiten  neu  zu  schaffen.
Diese  Auffassung  von  Königtum  und  Staat  war  jedenfalls  großzügig
  und  ideal.  Sie  hatte  nichts  an  sich  von  dem  Mystisch-Verschwommenen
  der  Ideen  der  heiligen  Allianzz  sie  erweiterte
in  bezug  auf  Fürstenpflicht  mit  historischem  Feingefühl  das
Wort  Friedrich  des  Großen:  „Ich  bin  der  erste  Diener  meines
Staates“  zu  dem  Bekenntnis:  „Ich  bin  der  erste  Diener
meines  Staates  und  meines  Gottes,  dessen  Wille  allezeit  geschehen
  soll.“

Wenn  wir  aus  diesem  altpreußisch  frommen  Geiste  heraus
Bismarcks  Wesen  beurteilen,  so  werden  wir  ihn  in  seinem
Denken  und  Wirken  verstehen,  und,  auch  wenn  wir  nicht  mit
        <pb n="106" />
        Der  Vereinigte  Landtag  1847  97

ihm  ganz  gleichgesinnt  und  gleichgestimmt  sind,  ihn  bewundern
lernen.  —  Vor  allem  werden  wir  seine  eigene  Gewissenhaftigkeit
  zu  würdigen  wissen,  mit  welcher  er  an  der  parlamentarischen
Arbeit  blieb,  wo  er  es  doch  in  seiner  Gewalt  hatte,  den  Landtag
laufen  zu  lassen,  was  ihm  in  seinem  jungen  Brautstande  niemand
  verdacht  hätte.  Aber  die  Eine  Stimme,  auf  die  es  ankam,
  hätte  vielleicht  die  seinige  sein  können.  Und  dann  hielt
er  sich  verpflichtet  die  Abgeordneten  der  sogenannten  Hofpartei
und  starre  Konservative  von  unpolitischem  Durchgehen  und  von
ungeschickten  Seitensprüngen  abzuhalten,  was  gerade  er,  nachdem
er  seine  Richtung  aufs  unumwundeste  dargetan  hatte,  auf  das
unverdächtigste  tun  konnte.

Aus  seiner  preußischen  Gesinnung  heraus  muß  man  es  auch
verstehen,  daß  er  alle  Parallelen  mit  dem  Auslande,  welche  die
Gegner  reichlich  heranzogen,  als  etwas  Mißliches  hinstellte,  daß
ihn,  der  von  Haus  aus  reichliche  liberale  Anwandlungen  gehabt,
  die  Liberalen  auf  dem  ersten  parlamentarischen  Waffengange
  geradezu  abstießen,  weil  sie  ihm  zu  unpreußisch  und  zu
unpraktisch  zu  sein  schienen.  Geradezu  unbehaglich  waren  ihm
die  nicht  selbst  empfundenen  und  nicht  aus  heimischen  Verhältnissen
  erwachsenen  Ideen,  sondern  aus  Belgien  oder  Frankreich
her  eingeführten  Phrasen,  die  nach  einem  theoretischen  Muster
zugestutzt  waren.  Er  verachtete  es  geradezu,  wie  Abgeordnete
„mit  schamloser  Selbstgefälligkeit  ihre  nichtssagenden  Redensarten
  einer  so  großen  Versammlung  aufzudrängen  wagten“,  wie
„25  Redner  immer  wieder  dieselben  sentimentalen  Salbadereien
vorbrachten“  und  „immer  noch  langweilige  Humanitätsfaseler
redeten".  Das  sagt  er  besonders  im  Hinblick  auf  die  Debatten
über  Emanzipation  der  Juden  und  ihre  Zulassung  zu  Staatsämtern,
  in  denen  er  gegen  eine  große  Majorität  stand  und
nicht  in  Ubereinstimmung  mit  der  Regierung  sich  befand,  nicht
etwa  aus  Unduldsamkeit  oder  rohem  Rassenhaß,  sondern  auf
Grund  seiner  Auffassung  vom  christlichen  Staate  und  seiner
Erfahrungen  als  Landedelmann,  der  es  vollauf  würdigte,  „daß
die  Indenschaft  in  größeren  Städten  fast  durchaus  aus  achtungswerten
  Leuten  bestehe"“,  der  aber  auch  die  ländlichen  Verhält-A.

  Matthias,  Bismarck  7
        <pb n="107" />
        98  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

nisse  gruͤndlich  kannte:  „Ich  kenne  eine  Gegend“,  so  sagte  er,
„wo  die  jüdische  Bevölkerung  auf  dem  Lande  zahlreich  ist,  wo
es  Bauern  giebt,  die  nichts  ihr  Eigentum  nennen  auf  ihrem
ganzen  Grundstück;  von  dem  Bette  bis  zur  Ofengabel  gehört
alles  Mobiliar  dem  Juden,  das  Vieh  im  Stalle  gehört  dem  Juden,
und  der  Bauer  zahlt  für  jedes  einzelne  seine  tägliche  Miete,
das  Korn  auf  dem  Felde  und  in  der  Scheune  gehört  dem  Juden,
und  der  Jude  verkauft  dem  Bauer  das  Brot-,  Saat=  und  Futterkorn
  metzenweis.  Von  einem  ähnlichen  christlichen  Wucher  habe
ich,  wenigstens  in  meiner  Praxis,  noch  nie  gehört“.  Wir  sehen:
manch  scharfes  und  rücksichtsloses  Wort  mit  kraftvollem  Wirklichkeitssinn
  sprach  er  in  den  ersten  Kampfestagen.  Aber  es  war
vielfach  nicht  sein  letztes  Wort.  Wie  er  für  alle  Wirklichkeit
und  für  geschichtliches  Sein  und  Werden  reich  empfänglich  war,
so  war  er  auch  ein  Mann,  der  sich  belehren  und  bekehren  ließ,
wo  die  Sache  es  von  ihm  forderte.

So  war  auch  nicht  sein  letztes  Wort  die  unumschränkte
Autorität  der  alten  preußischen  Königsmacht,  die  seiner  Überzeugung
  nach  auf  dem  Ersten  Vereinigten  Landtag  staatsrechtlich
  vorhanden  war.  Aber  Bismarck  war  schon  damals  der
Meinung,  daß  die  Periodizität,  d.  h.  die  regelmäßige  Einberufung
des  Landtags  zu  einer  wahren  Lebensfähigkeit  dieser  Versammlung
  notwendig  sei;  er  wollte  sie  nur  nicht  erzwungen  sehen,
sondern  wünschte  die  Beschränkung  nur  als  freie  Gabe  königlicher
  Machtvollkommenheit.  Er  war  tief  davon  durchdrungen,
daß  der  Absolutismus  in  erster  Linie  Unparteilichkeit,  Ehrlichkeit,
  Pflichttreue,  Arbeitskraft  und  innere  Demut  der  Regierenden
bedürfe;  auch  wenn  sie  vorhanden,  so  würden  doch  männliche
oder  weibliche  Günstlinge,  im  besten  Falle  die  legitime  Frau,
die  eigene  Eitelkeit  und  Empfänglichkeit  für  Schmeicheleien  dem
Staate  die  Früchte  des  Königlichen  Wohlwollens  verkürzen,  da
der  Monarch  nicht  allwissend  sei  und  nicht  für  alle  Zweige  seiner
Aufgabe  gleiches  Verständnis  haben  könne.  Bismarck  war  schon
in  seinem  ersten  politischen  Wirken  dafür,  daß  die  Möglichkeit
öffentlicher  Kritik  der  Regierung  im  Parlamente  und  in  der
Presse  erstrebt  werde,  um  den  Monarchen  vor  der  Gefahr  zu
        <pb n="108" />
        Der  Vereinigte  Landtag  1847  99

behüten,  daß  Weiber,  Höflinge,  Streber  und  Phantasten  ihm
Scheuklappen  anlegten,  die  ihn  hinderten,  seine  monarchischen
Aufgaben  zu  übersehen  und  Mißgriffe  zu  vermeiden  oder  zu
korrigieren.  Diese  Auffassung  prägte  sich  um  so  schärfer  aus,
je  weiter  er  mit  den  Hofkreisen  vertraut  wurde  und  er  das
Staatsinteresse  gegen  ihre  Strömungen  und  Ressortengherzigkeit
  zu  vertreten  hatte.  Schon  damals  also  gehörte  Bismarck
nicht  zu  den  starren  und  blinden  Fürstendienern;  auch  war  er
nicht  ein  starrer  Konservativer,  der  etwa  für  ein  Adelsregiment
eingetreten  wäre.  Er  selbst  hat's  gesagt,  daß  ihm  niemals  die
Geburt  als  Ersatz  für  den  Mangel  an  Tüchtigkeit  gegolten
habe  und  daß  er  für  den  Grundbesitz  nicht  im  Interesse  besitzender
  Standesgenossen  eingetreten  sei,  sondern  weil  er  in  dem
Verfall  der  Landwirtschaft  eine  der  größten  Gefahren  für  unsern
staatlichen  Bestand  sah.  Als  Ideal  schwebte  ihm  damals  eine
monarchische  Gewalt  vor,  welche  durch  eine  unabhängige,  ständische
oder  berufsgenossenschaftliche  Landesvertretung  soweit  kontrolliert
wäre,  daß  Monarch  oder  Parlament  den  bestehenden  gesetzlichen
Rechtszustand  nicht  einseitig,  sondern  nur  nach  gegenseitiger
Ubereinstimmung  ändern  könnten,  bei  Offentlichkeit  und  öffentlicher
  Kritik  aller  staatlichen  Vorgänge  durch  Presse  und  Landtag.

Mit  solchen  Anschauungen  bewegte  sich  Bismarck  weiter
auf  politischer  Bahn.  Zunächst  sollte  er  als  Royalist  vor  seines
Königs  Thron  in  die  Bresche  treten.  In  Beziehung  zu  seinem
König  kam  er  wieder  im  Juni  1847.  Er  schreibt  am  22.  an
seine  Braut:  „Vorgestern  waren  wir  bei  unserm  Freunde  dem
Könige,  und  wurde  ich  von  den  hohen  Herrschaften  sehr  verzogen,
  und  bin  nun  so  stolz,  daß  ich  immer  über  Deinen  Kopf
wegsehn  werde,  und  nur  in  seltenen  Augenblicken  der  Herablassung
  mein  Auge  zu  Deinem  schwarz-grau-blauen  niederschlagen.“
  Auf  der  Hochzeitsreise  traf  er  den  König  in  Venedig
und  war  wieder  am  11.  Januar  1848  beim  Könige  neben
Ludwig  von  Gerlach  zu  Tisch.  Er  behielt  den  Eindruck,  bei
beiden  königlichen  Herrschaften  in  voller  Gnade  zu  stehen.

Dieses  Zusammensein  war  nahe  vor  dem  Sturm:  die  Nähe
des  Wetters  ahnte  damals  niemand.

77
        <pb n="109" />
        100  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

Am  26.  Juni  1847  wurde  der  Landtag  ungnädig  nach  Hause
geschickt,  weil  er  nicht  bloß  eine  beratende,  sondern  eine  beschließende
  Stimme  haben  und  auch  in  bestimmten  Zeitabschnitten
regelmäßig  berufen  werden  wollte.  Der  erste  Schritt  zum  Eintritt
  Preußens,  das  bisher  unumschränkte  Monarchie  gewesen
war,  in  die  Reihe  der  verfassungsmäßig  regierten  Staaten  war
somit  mißlungen.  Es  war  nicht  klug  vom  König  gewesen,  mit
dem  Versprechen  der  periodischen  Einberufung,  für  die  auch
Bismarck  sich  ausgesprochen  hatte,  zurückzuhalten.  Nun  stellte
Friedrich  Wilhelm  am  6.  März  1848,  durch  die  revolutionäre  Bewegung,
  welche  Europa  erschütterte,  gezwungen,  diese  periodische
Einberufung  in  Aussicht.  Es  war  zu  spät.  Am  24.  Februar  hatte
man  in  Paris  den  König  verjagt  und  die  Republik  ausgerufen.
Der  revolutionäre  Schrecken  breitete  sich  auch  in  Deutschland
aus;  die  meisten  Regierungen  Deutschlands  verstanden  sich  zu
Zugeständnissen  gegenüber  den  Liberalen.  Diese  stellten  Forderungen
  in  bezug  auf  Deutschlands  Einheit  und  Freiheit.  Insgeheim
  aber  hofften  die  Fürsten  auf  Preußens  Schutz  gegenüber
der  Revolution.  Diese  Hoffnung  wurde  zu  schanden.  Der  König
wich  vor  der  Bewegung  zurück.  Am  18.  März  brach  in  Berlin
die  Revolution  aus;  die  Aufrührer  bauten  Barrikaden,  wurden
aber  von  dem  Heere  unter  General  von  Prittwitz  erfolgreich
bekämpft.  Da  befahl  der  König,  aus  nicht  vollkommen  geklärten
Gründen,  den  Kampf  abzubrechen  und  die  Truppen  zuerst  aus
dem  Schloß,  dann  in  die  Kasernen  zurückzuziehen,  endlich  sie
ganz  aus  der  Stadt  zu  führen.  Am  21.  unternahm  er  von
Prinzen,  Generalen,  Ministern  und  Bürgern  begleitet,  mit  den
schwarz-rot-goldenen  Farben  geschmückt,  einen  Umritt  in  der
Stadt,  überall  stürmisch  begrüßt,  und  sprach  zur  Bürgerwehr,  zu
den  Professoren,  zu  den  Stadtverordneten  schwungvolle  Worte:
„Ich  trage  die  Farben,  die  nicht  mein  sind.  Aber  ich  will  damit
nichts  usurpieren;  ich  will  keine  Krone,  keine  Herrschaft,  ich
will  Deutschlands  Freiheit,  Deutschlands  Einheit,  ich  will  Ordnung,
  das  schwöre  ich  zu  Gott.“

Als  Bismarck  von  diesen  Vorgängen  in  Schönhausen  hörte,
war  er  tief  erbittert;  seiner  Meinung  nach  war  dieser  Umzug
        <pb n="110" />
        Die  Märzrevolution  101

nicht  geeignet,  das  wieder  einzubringen,  was  im  Innern  und  nach
außen  verloren  war;  der  König  stand  nicht  mehr  an  der  Spitze
seiner  Truppen,  sondern  der  Barrikadenkämpfer,  derselben  unlenkbaren
  Massen,  vor  deren  Bedrohung  die  Fürsten  Deutschlands
wenige  Tage  vorher  noch  Schutz  bei  ihm  gesucht  hatten.  Bismarck
hielt  es  für  würdelos  und  weichlich,  daß  Friedrich  Wilhelm  IV.
unter  dem  Druck  unberufener,  vielleicht  verräterischer  Ratgeber,
gedrängt  durch  die  Tränen  seiner  Frau,  das  siegreiche  Vorgehen
seiner  Truppen  dadurch  abzuschließen  suchte,  daß  er  auf  den
gewonnenen  Sieg  verzichtete  und  daß  er  damit  die  weitere  Entwicklung
  der  preußischen  Politik  zunächst  durch  den  Schaden
einer  versäumten  Gelegenheit  stark  hemmte.

Aber  Bismarck  hatte  nicht  nur  feste  politische  Ansichten  in
der  Theorie,  der  große  Realpolitiker  suchte  sie  auch,  soviel  er
als  brandenburgischer  Landedelmann  das  konnte,  in  Wrrklichkeit
  umzusetzen.  Da  er  hörte,  daß  der  König  in  der  Hand  der
Aufständischen  sei,  sah  er  seine  nächste  Aufgabe  darin,  den
König  zu  befreien.  Als  ihm  seine  Bauern  meldeten,  es  seien
aus  dem  nahen  Tangermünde  Männer  gekommen  mit  der  Aufforderung,
  auf  dem  Turme  zu  Schönhausen  die  schwarz-rot-goldene
Fahne  aufzuziehen,  und  mit  ernsten  Drohungen  im  Weigerungsfalle,
  fragte  er  die  Bauern,  ob  sie  sich  wehren  wollten.  Sie
antworteten  ja  und  vertrieben  auf  seine  Empfehlung,  unter
eifriger  Beteiligung  der  Weiber,  die  Städter  aus  dem  Dorfe.
Dann  ließ  Bismarck  eine  in  der  Kirche  vorhandene  weiße
Fahne  mit  dem  eisernen  Kreuz  aufziehen,  ließ  alles  sammeln,
was  an  Waffen  und  Schießbedarf  vorhanden  war,  und  ließ
durch  reitende  Boten  von  Jerichow  und  Rathenow  Pulver  holen.
Dann  fuhr  er  mit  seiner  Frau  auf  den  umliegenden  Dörfern
umher  und  fand  die  Bauern  bereit,  dem  Könige  in  Berlin  zu
Hilfe  zu  ziehen.  Nur  sein  nächster  Nachbar  erklärte,  er  werde
gegen  die  Bauern  auftreten  und  abwiegeln.  Bismarck:  „Sie
kennen  mich  als  einen  ruhigen  Mann,  aber  wenn  Sie  das  tun,
so  schieße  ich  Sie  nieder.“  „Das  werden  Sie  nicht,“  meinte  der
Nachbar.  „Ich  gebe  mein  Ehrenwort  darauf,“  versetzte  Bismarck,
„und  Sie  wissen,  daß  ich  das  halte,  also  lassen  Sie  das."
        <pb n="111" />
        102  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

Dann  fuhr  er  allein  nach  Potsdam,  kam  an  einem  Biwak
der  Garde-Infanterie  vorbei,  sprach  mit  den  Leuten  und  fand
Erbitterung  über  den  befohlenen  Rückzug  und  Verlangen  nach
neuem  Kampfe;  dann  sprach  er  die  Generale  von  Möllendorf
und  von  Prittwitz,  schilderte  ihnen  die  Stimmung  des  Landvolkes.
  Was  er  von  Berlin  hörte,  bestärkte  ihn  in  dem  Glauben,
daß  der  König  nicht  frei  sei.  Auf  seine  Aufforderung,  den
König  aus  Berlin  herauszuholen,  bekam  er  die  Antwort,  daß
man  ohne  Befehl  nicht  angreifen  könne.

Unter  diesen  Umständen  kam  Bismarck  auf  den  Gedanken,
den  Befehl  zum  Handeln,  der  vom  König  nicht  zu  erwarten
war,  von  anderer  Seite  zu  beschaffen.  Er  hoffte  auf  den  Prinzen
von  Preußen,  der  von  vornherein  die  allzu  lange  Nachsicht  des
Gouverneurs  von  Berlin,  Pfuel,  mit  scharfen  Worten  als  Demoralisierung
  der  Truppen  bezeichnet  und  nach  dem  Befehl  zum
Rückzuge  seinen  Degen  auf  den  Tisch  geworfen  hatte  mit  den
Worten,  er  könne  ihn  nicht  mehr  in  Ehren  tragen.  Den  Prinzen
fand  er  nicht,  wohl  aber  dessen  Gemahlin,  die  Auskunft  verweigerte
  über  den  Aufenthalt  des  Gemahls  und  in  lebhafter
Erregung  erklärte,  sie  habe  die  Rechte  ihres  Sohnes  zu  wahren.
Was  sie  sagte,  beruhte  auf  der  Voraussetzung,  daß  der  König
und  ihr  Gemahl  sich  nicht  halten  könnten,  und  ließ  auf  den  Gedanken
  schließen,  während  der  Minderjährigkeit  des  Sohnes
die  Regentschaft  zu  führen.  An  Bismarck  wurde  dann  von
Georg  von  Vincke  das  Ansinnen  gestellt,  die  Rechte  für  diesen
Zweck  zu  gewinnen.  Er  erwiderte  mit  aller  Lebhaftigkeit,  daß
er  mit  einem  Antrage  auf  gerichtliches  Verfahren  wegen  Hochverrats
  antworten  werde.  Von  diesem  Ansinnen  hat  Bismarck
dem  Könige  Wilhelm  niemals  etwas  gesagt,  wiewohl  die
Königin  ihm  viel  Gegnerschaft  bereitet  und  seine  Nerven  oft
auf  schwere  Proben  im  Leben  gestellt  hat.

Da  er  zum  Prinzen  von  Preußen  nicht  gelangen  konnte,
machte  er  sich  an  den  jungen  Prinzen  Friedrich  Karl,  auch  hier
vergeblich.  Schließlich  bekam  er  vom  Prinzen  Karl  ein  offenes
Schreiben  als  Legitimation  mit,  um  in  Berlin  zum  Könige  zu
gelangen.
        <pb n="112" />
        Die  Märzrevolution  103

Da  er  dort  zu  sehr  bekannt  war,  ließ  er  sich  seinen  Bart
abscheren  und  setzte  sich  einen  breiten  Hut  mit  bunter  Kokarde
auf;  dazu  trug  er  wegen  der  gehofften  Audienz  einen  Frack.
In  diesem  Aufzuge  ging  er  ins  Schloß,  wurde  aber  von  dem
Posten  der  Bürgerwache  abgewiesen.  So  gab  er  denn  die  Hoff-=nung
  auf  und  schrieb  einen  Brief  an  den  König,  der  an  diesen
durch  den  Fürsten  Boguslaw  Radziwill  gelangte.  Es  stand
unter  anderem  darin,  die  Revolution  beschränke  sich  auf  die
großen  Städte;  der  König  sei  Herr  im  Lande,  sobald  er  Berlin
verlasse.  Der  König  antwortete  nicht,  hat  aber  später  Bismarck
gesagt,  er  habe  den  auf  schlechtem  Papier  schlecht  geschriebenen
Brief  als  das  erste  Zeichen  von  Sympathie,  das  er  damals
erhalten,  sorgfältig  aufbewahrt.

Da  in  Berlin  nichts  zu  machen  war,  begab  sich  Bismarck
wieder  nach  Potsdam,  um  die  Generale  von  Möllendorf  und  von
Prittwitz  zu  veranlassen,  auch  ohne  Befehl  zum  Angriff  überzugehen;
  sie  waren  geneigt,  wenn  Wrangel  in  Stettin  und  Hedemann
  in  Magdeburg  sich  anschlössen.  Wrangel  wollte  alles  tun,
was  Prittwitz  tat.  Nach  Magdeburg  ging  Bismarck  selber.
Dort  bekam  er  die  Antwort,  er  möge  sofort  abreisen,  um  sich
eine  Unannehmlichkeit  und  dem  alten  General  eine  Lächerlichkeit
  zu  ersparen;  dieser  beabsichtigte,  ihn  als  Hochverräter  festnehmen
  zu  lassen.  Der  damalige  Oberpräsident  von  Bonin
hatte  nämlich  eine  Proklamation  erlassen:  „In  Berlin  ist  eine
Revolution  ausgebrochen.  Ich  werde  meine  Stellung  über  den
Parteien  nehmen.“  Diese  Stütze  des  Thrones  wurde  später
Finanzminister  und  Oberpräsident  von  Posen.

So  kehrte  Bismarck  nach  Schönhausen  zurück;  er  suchte  den
Bauern  begreiflich  zu  machen,  daß  ein  bewaffneter  Zug  nach
Berlin  untunlich  sei.  Dadurch  geriet  er  in  Verdacht,  von  dem
revolutionären  Schwindel  angesteckt  zu  sein.  Deshalb  machte  er
den  Vorschlag,  Deputierte  sollten  mit  ihm  nach  Potsdam  gehen,
um  mit  Prittwitz  oder  dem  Prinzen  von  Preußen  selbst  zu
sprechen.  Das  wurde  ausgeführt.  Als  man  in  Potsdam  ankam,
  wurde  gerade  der  König  von  einer  großen  Menschenmenge
in  wohlwollender  Stimmung  empfangen.  Bismarck  wollte  seine
        <pb n="113" />
        104  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

Bauern  vorstellen;  da  wurden  sie  ängstlich  und  zogen  sich  zurück.
Er  selber  begrüßte  den  König,  ohne  erkannt  zu  werden,  und
folgte  dann  ins  Schloß,  wo  er  die  Anrede  hörte,  welche  der
König  an  die  Offiziere  des  Gardekorps  richtete.  Bei  den
Worten:  „Ich  bin  niemals  freier  und  sicherer  gewesen  als  unter
dem  Schutze  meiner  Bürger,“  erhob  sich  Murren  und  Aufstoßen
von  Säbelscheiden.  Bismarck,  dem  wir  bei  Erzählung  dieser
Ereignisse  gefolgt  sind,  bemerkt  dazu:  „So  etwas  wird  ein
König  von  Preußen  inmitten  seiner  Offiziere  nie  gehört  haben
und  hoffentlich  nie  wieder  hören.“

Der  Zorn  und  Schmerz  über  die  königliche  Politik  bewegte
sein  Herz  noch  weiter;  sie  machten  sich  Luft  im  Vereinigten
Landtage,  der  am  2.  April  eröffnet  wurde.  Der  Junker  schützt
das  preußische  Königtum  vor  dem  König.  Die  Adresse  an  den
König,  die  in  den  ersten  Sitzungen  beraten  wurde,  akzeptiere
er  nur,  insoweit  sie  ein  Programm  der  Zukunft  sei,  aus  dem
alleinigen  Grunde,  weil  er  sich  nicht  anders  helfen  könne.  Als
er  durch  diese  Worte  Gelächter  hervorrief,  betonte  er  noch  einmal,
  daß  er  es  nicht  freiwillig  tue,  sondern  dem  Drange  der
Umstände  weiche,  daß  er  seine  Ansichten  nicht  gewechselt  habe
seit  den  sechs  Monaten,  die  vergangen  seien.  Gegen  die  Adresse
stimmte  er,  soweit  sie  Außerungen  von  Freude  und  Dank  enthielt
  für  das,  was  in  den  letzten  Tagen  geschehen  sei.  „Die
Vergangenheit  ist  begraben,  und  ich  bedaure  es  schmerzlicher
als  viele  von  Ihnen,  daß  keine  menschliche  Macht  imstande  ist,
sie  wieder  zu  erwecken,  nachdem  die  Krone  selbst  die  Erde  auf
ihren  Sarg  geworfen  hat.“  Mit  einer  Lüge  wolle  er  nicht
scheiden  aus  seiner  Wirksamkeit  im  Vereinigten  Landtag,  indem
  er  danke  und  sich  freue  über  das,  was  er  mindestens  für
einen  irrtümlichen  Weg  halten  müsse.  Zum  Schlusse  aber  kam
die  tiese  nationale  Empfindung  zum  Durchbruch  in  den  Worten:
„Wenn  es  wirklich  gelingt,  auf  dem  neuen  Wege,  der  jetzt
eingeschlagen  ist,  ein  einiges  deutsches  Vaterland,  einen  glücklichen
  oder  auch  nur  gesetzmäßig  geordneten  Zustand  zu  erlangen,
  dann  wird  der  Augenblick  gekommen  sein,  wo  ich  dem
Urheber  der  neuen  Ordnung  der  Dinge  meinen  Dank  aus-
        <pb n="114" />
        Der  Vereinigte  Landtag  1848  105

sprechen  kann;  jetzt  aber  ist  es  mir  nicht  möglich.“  Er  wollte
noch  mehr  sagen,  war  aber  durch  innere  Bewegung  an  weiterem
Sprechen  gehemmt:  ein  Weinkrampf  zwang  ihn,  die  Tribüne
zu  verlassen.  Wo  Bismarck  in  diesen  Tagen  den  Urheber  einer
neuen  Ordnung  sah,  darf  man  vermuten;  plante  er  doch  eine
Rede  für  den  verbannten  Prinzen  Wilhelm,  der  gleich  ihm  ab—
seits  von  der  schwächlichen  preußischen  Politik  der  Märztage
stand;  Bismarck  verschmähte  es  damals,  wie  zu  jeder  Zeit,
unter  „die  Kategorie  feiler  Bürokraten,  die  ihren  Mantel  mit
verächtlicher  Schamlosigkeit  nach  dem  Winde  drehten“,  gerechnet
  zu  werden.  Deshalb  drückten  ihm  selbst  seine  eifrigsten
Gegner  nach  seiner  Erklärung  mit  erhöhter  Wärme  die  Hand.

Was  Bismarck  in  jenen  Tagen  besonders  abstieß,  war  die
Unsicherheit  der  auswärtigen  Politik,  der  große  Abstand  zwischen
großen  Worten  und  schwächlichem  Handeln.  Der  König  hatte
das  Wort  gesprochen,  Preußen  müsse  in  Deutschland  aufgehen,
hatte  in  einem  Briefe  an  den  Herzog  von  Augustenburg  für
die  Selbständigkeit  der  Herzogtümer  Stellung  genommen:  die
Taten  entsprachen  nicht  den  Worten.  Bismarck  tadelte  die  auswärtige
  Politik  und  fand  durch  sie  die  Besorgnis  bestätigt,  mit
der  man  dem  phantastischen  Fluge  der  preußischen  Politik  nachsehen
  müsse.

Auch  zur  Behandlung  der  polnischen  Frage  hatte  er  kein
Vertrauen,  da  man  Mißhandlungen  der  Deutschen  nicht  mit
der  nötigen  Kraft  entgegengetreten  war,  und  er  fand  es  merkwürdig,
  wie  der  Berliner  in  der  gutmütigen  Einfalt  seines
Enthusiasmus  für  alles  Ausländische  sich  jemals  einbilden
konnte,  die  Polen  könnten  etwas  anderes  als  unsere  Feinde
sein.  In  einer  Zuschrift  an  die  „Magdeburgische  Zeitung“
dußerte  er  sich  über  die  auswärtige  Politik  Preußens  in  einer
Weise,  die  bewies,  wes  Geistes  Kind  dieser  Mann  schon  damals
  war  und  was  man  von  ihm  zu  erwarten  hatte.  Eine
der  bemerkenswertesten  Stellen  lautete:

„Die  Berliner  haben  die  Polen  mit  ihrem  Blute  befreit  und
sie  dann  eigenhändig  im  Triumph  durch  die  Stadt  gezogen;  zum
Dank  dafür  standen  die  Befreiten  bald  darauf  an  der  Spitze
        <pb n="115" />
        106  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

von  Banden,  welche  die  deutschen  Einwohner  einer  preußischen
Provinz  mit  Plünderung  und  Mord,  mit  Niedermetzelung  und
barbarischer  Verstümmelung  von  Weibern  und  Kindern  heimsuchten.
  So  hat  deutscher  Enthusiasmus  wieder  einmal  zum
eignen  Schaden  fremde  Kastanien  aus  dem  Feuer  geholt.  Ich
hätte  es  erklärlich  gefunden,  wenn  der  erste  Aufschwung  deutscher
Kraft  und  Einheit  sich  damit  Luft  gemacht  hätte,  Frankreich  das
Elsaß  abzufordern  und  die  deutsche  Fahne  auf  den  Dom  zu
Straßburg  zu  pflanzen.  Aber  es  ist  mehr  als  deutsche  Gutmütigkeit,
  wenn  wir  uns  mit  der  Ritterlichkeit  von  Romanhelden  vor
allem  dafür  begeistern  wollen,  daß  deutschen  Staaten  das  Letzte
von  dem  entzogen  werde,  was  deutsche  Waffen  im  Laufe  der
Jahrhunderte  in  Polen  und  Italien  gewonnen  hatten.  Das  will
man  jubelnd  verschenken,  der  Durchführung  einer  schwärmerischen
Theorie  zuliebe,  einer  Theorie,  die  uns  ebensogut  dahin  führen
muß,  aus  unseren  südöstlichen  Grenzbezirken  ein  neues  Slavenreich
  zu  bilden,  das  italienische  Tirol  den  Venetianern  zurückzugeben
  und  aus  Mähren  und  Böhmen  bis  in  die  Mitte  Deutschlands
  ein  von  letzteren  unabhängiges  Czechenreich  zu  gründen.“

Der  künftige  nationale  Staatsmann  kündigt  sich  in  solchen
Worten  an.

Am  10.  April  wurde  der  Vereinigte  Landtag  geschlossen.
Seine  Aufgabe  übernahm  die  Nationalversammlung,  die  in
Berlin  als  verfassunggebende  preußische  tagte  und  zu  unterscheiden
  ist  von  der  seit  dem  18.  Mai  1848  in  der  Frankfurter
Paulskirche  beratenden  deutschen  Nationalversammlung.  Bismarck
gehörte  der  Berliner  Versammlung  nicht  an.  Gleichwohl  war
er  nicht  untätig.  Und  wenn  er  auch  an  seine  Gattin  schreibt,  er
verbringe  den  Tag  mit  Pflastertreten,  Rauchen  und  Intriguieren,
so  muß  man  das  in  besserem  Sinne  fassen,  als  er's  sagte.  Denn
er  war  sehr  vielseitig  tätig  als  Journalist.  Seine  Zeitungsartikel
liefen  meist  unter  „Eingesandt“;  schade,  daß  wir  sie  nicht  alle
kennen;  es  würden  wertvolle  Quellen  Bismarckscher  Gedanken
sein.  Was  wir  kennen,  zeigt  ihn,  wie  schon  die  kleine  Probe
und  andere  ähnliche  Ausschnitte  über  aktuelle  Fragen  des  Tages
beweisen,  als  Meister  politischer  Worte  von  Dauerwert.
        <pb n="116" />
        Der  Agitator  und  Journalist  107

Neben  der  journalistischen  entfaltete  Bismarck  auch  eine  nicht
minder  eifrige  agitatorische  Tätigkeit.  Dem  gegen  Ende  Juni  gegründeten
  „Verein  zum  Schutze  des  Eigentums“,  der  die  alten
Rechte  der  Rittergüter  zu  wahren  suchte,  trat  er  bei  —  zugleich
mit  Kleist-Retzow,  von  Below-Hohndorf,  von  Puttkamer-Reinfeld,
von  Bülow-Cummerow  und  andern.  Gemeinsam  mit  diesen  Männern
  gründete  er  am  1.  Juli  die  „Neue  Preußische  Zeitung“  und  in
dem  „Preußenverein“  eine  Organisation,  die  bei  Hofe  Einfluß  zu
gewinnen  suchte.  Bismarck  stand  bei  allem  an  erster  Stelle.  Bei
dem  Anfang  November  gefaßten  Beschlusse,  der  immer  wieder
ausbrechenden  Unordnung  in  Berlin  ein  Ziel  zu  setzen  und  ein
tatkräftiges  Ministerium  zu  berufen,  war  der  König  vornehmlich
durch  ihn  beraten,  wie  er  überhaupt  in  dieser  Zeit  in  nächste
Beziehung  zum  Hofe  rückte.  Im  Juni  befand  sich  Bismarck  in
Potsdam.  Der  König  hörte  das;  er  sandte  seinen  Leibjäger  zu
ihm,  da  er  ihn  zu  sprechen  wünschte.  Bismarck  bedauerte,  dem
Befehl  keine  Folge  leisten  zu  können,  er  müsse  der  Gesundheit
seiner  Frau  wegen  heimreisen.  Da  erschien  der  Flügeladjutant
Edwin  von  Manteuffel  mit  dringender  Einladung  zur  Tafel.
Bismarck  konnte  nicht  weiter  ungehorsam  sein.  Nach  der  Tafel
war  er  mit  dem  König  allein  auf  der  Terrasse;  dieser  fragte
freundlich:  „Wie  geht  es  bei  Ihnen?"“  In  der  Gereiztheit,  die
Bismarck  seit  den  Märztagen  in  sich  trug,  antwortete  er:
„Schlecht.“  Darauf  der  König,  offenbar  unter  dem  Eindrucke
irgendwelcher  neuerer  Anordnungen,  die  er  getroffen:  „Ich  denke
die  Stimmung  ist  gut  bei  Ihnen.“  Darauf  Bismarck:  „Die
Stimmung  war  sehr  gut,  aber  seit  die  Revolution  uns  von  den
königlichen  Behörden  unter  königlichem  Stempel  eingeimpft
worden,  ist  sie  schlecht  geworden.  Das  Vertrauen  zu  dem  Beistande
  des  Königs  fehlt.“  In  dem  Augenblicke  trat  die  Königin
hinzu  und  sagte.  „Wie  können  Sie  so  zu  dem  Könige  sprechen?“
Der  König:  „Laß  mich  nur,  Elise;  ich  werde  schon  mit  ihm
fertig  werden,“"  und  dann  zu  Bismarck  gewandt:  „Was  werfen
Sie  mir  denn  eigentlich  vor?v“  „Die  Räumung  Berlins.“  „Die
habe  ich  nicht  gewollt“,  erwiderte  der  König;  die  Königin  setzte
hinzu:  „Daran  ist  der  König  ganz  unschuldig,  er  hatte  seit  drei
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        versetzte  Bismarck.  Unbeirrt  durch  diese  schroffe  Äußerung  sagte
der  König:  „Man  ist  immer  klüger,  wenn  man  vom  Rathause
kommt;  was  wäre  denn  damit  gewonnen,  daß  ich  zugäbe  ‚wie
ein  Esel“  gehandelt  zu  haben?  Vorwürfe  sind  nicht  das  Mittel,
einen  umgestürzten  Thron  wieder  aufzurichten,  dazu  bedarf  ich
des  Beistandes  und  tätiger  Hingebung,  nicht  der  Kritik.“  Die
Güte,  mit  der  der  König  dieses  und  Ähnliches  sagte,  überwältigte
Bismarck.  Er  war  gekommen  in  der  Stimmung  eines  Frondeurs,
dem  es  ganz  recht  gewesen  wäre,  ungnädig  weggeschickt  zu
werden.  Er  ging,  vollständig  entwaffnet  und  gewonnen.  Bismarcks
  Stimmung  im  Juni  kann  man  verstehen,  wenn  man
bedenkt,  daß  nicht  der  König  in  Berlin  herrschte,  sondern  die
Willkür,  und  daß  in  der  Hauptstadt  Preußens  Volksmassen  es
wagen  konnten,  in  der  Nacht  vom  15.  zum  16.  Juni  das  Zeughaus
  zu  stürmen,  um  sich  die  dort  auf  bewahrten  Waffen  anzueignen,
  und  daß  sie  dabei  die  im  Zeughause  hängenden  Siegesbeutestücke
  entehrten.

Als  man  in  Potsdam  Ende  Oktober  und  Anfang  November
sich  entschloß,  dieser  Unordnung  ein  Ende  zu  machen,  finden
wir  Bismarck  wieder  zur  Stelle.  Schon  im  September  hofft  er
auf  energisches  Vorgehen.  Er  schreibt  am  23.,  an  einem  Sonnabend
  Abend,  an  seine  Frau:  „Am  Montag  wird  der  Würfel
hier  wohl  fallen.  Entweder  zeigt  sich  das  Ministerium  schwach
wie  seine  Vorgänger  und  weicht  aus,  wogegen  ich  noch  bemüht
sein  werde  zu  wirken,  oder  es  thut  seine  Pflicht,  dann  zweifle
ich  keinen  Augenblick,  daß  am  Montag  Abend  oder  am  Dienstag
Blut  fließt.  Ich  hätte  nicht  gedacht,  daß  die  Demokraten  dreist
genug  sein  würden  die  Schlacht  anzunehmen;  aber  ihr  ganzes
Auftreten  deutet  an,  daß  sie  es  wollen.  Polen,  Frankfurter
Bummler,  Freischärler,  alles  mögliche  Gesindel  ist  wieder  vorhanden.
  Sie  rechnen  auf  den  Abfall  der  Truppen,  wahrscheinlich
durch  die  Reden  einzelner  unzufriedener  Schwätzer  unter  den
Soldaten  dazu  verleitet;  aber  ich  denke,  sie  werden  sich  sehr  irren."“

Mitte  Oktober  ist  er  in  Potsdam;  er  hatte  in  Berlin  bessere
Verhältnisse  gefunden,  nicht  die  kleinste  Emeute  mehr,  aber
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        Sein  Einfluß  bei  Hofe  im  Winter  1848  109

bittere  Spannung  zwischen  Bürgerwehr  und  Arbeitern;  diese
ließen  König  und  Militär  leben.

Ende  Oktober  fanden  Verhandlungen  mit  dem  Grafen  von
Brandenburg,  dem  Oheim  des  Königs,  wegen  Bildung  eines
neuen  tatkräftigen  Ministeriums  statt.  Bismarck  ist  Anfang
November  wieder  in  Potsdam  und  Berlin;  am  3.  ist  er  den
ganzen  Tag  dort  in  Staatsgeschäften  gewesen;  er  spottet,  daß
man  in  Berliner  parlamentarischen  Kreisen  sich  schmeichele  mit
der  Hoffnung,  der  König  werde  sich  durch  Deputationen  einschüchtern
  lassen;  zu  dem  Glauben  an  etwas  Energisches  kann
er  sich  aber  gleichwohl  immer  noch  nicht  aufschwingen.  In
diesen  Tagen  wurde  auch  an  seinen  Eintritt  ins  Ministerium
gedacht.  Der  Graf  Brandenburg  hatte  ihn  vorgeschlagen.  Der
König  aber  schrieb  an  den  Rand  des  Vorschlages:  „Nur  zu
gebrauchen,  wenn  das  Bajonett  schrankenlos  waltet.“  Eine
andere  Lesart  will  wissen,  der  König  habe  geschrieben:  „Roter
Reaktionär,  riecht  nach  Blut,  später  zu  gebrauchen.“  Der  König
kannte  Bismarck  genau.  Sollte  dieser  doch  dem  General  von
Prittwitz,  der  auf  persönlichen  Befehl  des  Ministers  des  Innern
wütend  den  Schloßplatz  mit  seinen  Truppen  geräumt  und  Bismarck
  gefragt  hatte,  was  er  denn  anders  hätte  tun  können,
geantwortet  haben:  „Ich  würde  es  für  zweckmäßiger  gehalten
haben,  einem  Unteroffizier  zu  befehlen:  „Nehmen  Sie  diesen
Zivilisten  in  Verwahrung!“  Bismarck  selbst  hat  damals  seinen
Eintritt  ins  Ministerium  nicht  gewünscht.  Wohl  aber  hat  er  zur
Gewinnung  Otto  von  Manteuffels  wesentlich  beigetragen,  indem
er  bis  spät  in  die  Nacht  auf  ihn  einredete  und  dessen  Frau
wegen  der  persönlichen  Sicherheit  des  Gatten  beruhigte.

Am  8.  November  gab  der  König  den  Befehl,  die  Nationalversammlung
  nach  Brandenburg  zu  verlegen.  Auf  deren  Weigerung
rückteder  Oberkommandierende  der  Marken,  General  von  Wrangel,
am  10.  in  Berlin  ein.  Bismarck  bemerkt  dazu:  „Heut  Mittag
um  2  rücken  alle  Truppen  von  Wrangels  in  Berlin  ein,  werden
dort  wohl  die  fliegenden  Corps  entwaffnen,  die  widerspenstigen
Deputirten  aus  dem  Concertsaal  bringen,  und  die  Stadt  wieder
zu  einer  Kön.  Preußischen  machen.  Ob  es  dabei  Hiebe  giebt,
        <pb n="119" />
        110  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

ist  zweifelhaft;  gestern  ist  wider  Erwarten  alles  ruhig  geblieben;
die  Demokraten  scheinen  doch  sehr  bestürzt  zu  sein.“  Und  am
14.  fügt  er  von  Potsdam  aus  hinzu:  „Gestern  hieß  es,  man
wolle  der  Königin  (zu  ihrem  Geburtstag)  eine  Katzenmustik  bringen;
eine  aufgestellte  Compagnie  reichte  hin,  die  Verwegnen  zum  stillschweigenden
  Abzug  zu  bringen.  Berlin  in  Belagerungszustand;
aber  noch  kein  Schuß  abgefeuert.  Die  Entwaffnung  der  Bürgerwehr
  geht  zwangsweise  und  sehr  allmählich  vor  sich.  Die  Versammlung
  im  Schützenhause  ist  gestern  durch  Soldaten  auseinandergesprengt,
  6  Mann,  die  nicht  gehen  wollten,  zur  Thür
hinausgeworfen.  Heut  wird  drüben  das  Standrecht  proclamirt.
..  Die  Bauern  der  Umgegend  haben  dem  König  erklärt,  wenn
er  sie  brauche,  solle  er  nur  rufen,  sie  kämen  mit  Waffen  und
Lebensmitteln  seinen  Truppen  zu  Hülfe.“  Andere  charakteristische
Außerungen  aus  diesen  Tagen  lauten:  „Man  erwartet  noch  etwas
Lärm,  aber  die  Leute  thun  alle  mit  dem  Munde  mehr  als  mit
der  Flinte;  daß  es  ganz  ohne  Kugelwechsel  abgehen  sollte,  kann
ich  mir  kaum  denken.  Die  Berliner  Stadtverordneten  haben  ihre
Unterwerfung  ausgesprochen;  das  dank  ihnen  der  —.“  „Von
hier  giebt  es  weiter  nichts  Neues,  als  daß  es  in  Potsdam  und
Berlin  so  ruhig  ist,  wie  unter  dem  vorigen  Könige,  und  die
Waffenablieferung  in  B.  ihren  ununterbrochnen  Fortgang  hat.
Es  ist  möglich,  daß  es  dabei  noch  beiläufig  zu  Gewaltscenen
kommt,  die  Truppen  brennen  innerlich  danach,  aber  im  Ganzen
scheint  mir  der  „passive  Widerstand“  der  Demokraten  nur  ein
zeitgemäßer  Ausdruck  für  das,  was  man  sonst  Angst  nannte."“
Dem  Könige  und  der  Königin  rückte  Bismarck  trotz  seiner  scharfen
Außerungen  im  Juni  recht  nahe.  Er  wurde  zur  Tafel  geladen,
durfte  sich  für  seine  Frau  einen  Erikazweig  vom  Nähtisch  der
Königin  pflücken  und  wurde  vom  König  ins  engste  Vertrauen
gezogen.  Dieser  äußerte  sich  dem  großen  Frondeur  gegenüber,
er  werde  zwar  seine  Versprechungen,  richtige  und  törichte,  unverbrüchlich
  halten,  ohne  den  mindesten  Doppelsinn,  er  werde
aber  die  Rechte  der  Krone  auf  dem  jetzt  betretenen  Wege  konsequent
  durchführen,  solange  er  noch  einen  Soldaten  und  einen
Fußbreit  preußischer  Erde  habe,  und  wenn  auch  mancher  zweifle
        <pb n="120" />
        Sein  Einfluß  bei  Hofe  im  Winter  1848  111

wegen  dessen,  was  in  den  letzten  sieben  Monaten  mit  und  ohne
seine  Schuld  geschehen  sei,  so  werde  seine  Versicherung  doch
Glauben  finden,  wenn  er  dabei  die  innigste  Überzeugung  ausspreche,
  daß  jeder  Versuch  zur  Umkehr  und  Vermittlung,  jedes
Schwanken  auf  dem  für  recht  erkannten  Wege  ihn  und  das
Land  unrettbar  in  den  Abgrund  der  Anarchie  stürze.  Bismarck
schied  dann  von  Potsdam  mit  dem  Danke  gegen  Gott,  daß  er
ihn  gewürdigt  habe,  der  guten  Sache  wieder  mehrmals  und
zuletzt  noch  erhebliche  Dienste  zu  tun.  Wie  weit  sein  Einfluß
gegangen,  ist  im  einzelnen  kaum  zu  ermessen.  Daß  er  groß  war,
wissen  wir;  daß  er  noch  größer  gewesen,  als  wir  heute  ermessen
können,  werden  unsre  Nachkommen  erfahren,  wenn  sich  die  ge—
schichtlichen  Quellen  in  Zukunft  noch  reicher  erschließen.

Nachdem  am  10.  November  die  Truppen  in  Berlin  eingerückt
waren,  wurde  am  12.  das  Kriegsgesetz  über  Berlin  verhängt;  am
15.  faßte  die  Nationalversammlung  den  Beschluß,  die  Steuern
zu  verweigern;  doch  ohne  jeden  Erfolg.  Am  5.  Dezember  wurde  die
Versammlung,  die  in  nicht  beschlußfähiger  Zahl  in  Brandenburg
zusammenkam,  aufgelöst,  zugleich  aber  vom  Könige  eine  Verfassung
erlassen,  die  den  demokratischen  Wünschen  entsprach.  Artikel  110
eröffnete  der  Volksvertretung  überdies  die  Möglichkeit,  auf  ihre
endgültige  Gestaltung  noch  weiteren  Einfluß  zu  üben.

So  ging  das  Jahr  1848  zu  Ende.  Bismarck  hat  sein  Urteil
über  die  Revolution  in  humorvoller  Weise  zusammengefaßt  in
einem  Briefe  an  seinen  Freund  Scharlach.  Er  geht  von  der
Voraussetzung  aus,  daß  der  Grundzug  des  Preußischen  Nationalcharakters
  die  Faulheit  sei;  der  Preuße  tue  nur,  was  er  müsse;
deshalb  liefere  Preußen  sehr  gute  Subalternoffiziere  und  Soldaten,
  mit  der  Generalität  sei  es  schon  schwach,  und  komme
sein  Landsmann  aus  dem  regelrechten  Zwange,  sei  es  nun  des
bunten  Rocks  oder  der  festen  Bureaustunden  in  die  Unabhängigkeit
  des  Privatlebens,  so  gerate  er  geistig  noch  mehr  als  körperlich
  in  eine  stagnierende  Trägheit,  bis  ihn  das  große  offizielle
Räderwerk  „im  Namen  des  Kehnigs“  wieder  bei  irgend  einem
Rockzipfel  erfasse.  „In  dieser  nationalen  Faulheit,"  so  fährt  er
dann  fort,  „lag  die  Möglichkeit,  daß  sie  uns  im  März  48  durch
        <pb n="121" />
        112  5.  Des  Parlamentariers  erste  Kundgebungen

„Mißverständnisse“,  durch  einfachen  Mißbrauch  des  Königlichen
Namens,  eine  Revolution  octroyirten,  mit  der  im  Grunde  nicht
10000  Menschen  im  Königreich,  von  den  Polen  abstrahirt,  einverstanden
  waren,  und  der  man  erst  Sympathien  schuf,  indem
man  den  Bauern  und  Arbeitern  goldene  Berge  versprach,“  ein
in  Bismarckscher  Zuspitzung  wohl  zu  scharfes  Urteil,  aber  wohl
geeignet,  auch  jene  Revolution  im  richtigen  Lichte  zu  zeigen.
Bevor  wir  von  dem  erregten  Jahre  scheiden,  ist  noch  einer

Zusammenkunft  von  geschichtlicher  Bedeutung  zu  gedenken.
Bismarck  hatte  in  den  Märztagen,  wie  wir  gesehen,  durch  den
Prinzen  Wilhelm  zum  Könige  gelangen  wollen.  Die  Prinzessin
hatte  ihm  damals  den  Aufenthalt  des  Prinzen  nicht  sagen
wollen  und  hatte  das  offenbar  ihrem  Gemahl  nach  England
geschrieben.  Als  dieser  bei  seiner  Rückkehr  einige  Minuten  auf
dem  Genthiner  Bahnhof  verweilte,  erkannte  er  den  in  der
hintersten  Reihe  des  Publikums  stehenden  Bismarck,  bahnte  sich
zu  ihm  den  Weg,  reichte  ihm  die  Hand  und  sagte:  „Ich  weiß,
daß  Sie  für  mich  tätig  gewesen  sind  und  werde  Ihnen  das
nie  vergessen.“  Bald  nach  dieser  Begnung  lud  er  Bismarck
nach  Babelsberg  ein.  Bismarck  erzählte  ihm  mancherlei  aus
den  Märztagen,  namentlich  aber  von  der  Stimmung,  in  der
die  Truppen  den  Rückzug  aus  Berlin  angetreten  und  die  sich
in  sehr  bittern,  auf  dem  Marsche  gesungenen  Versen  Luft  gemacht
  hatte.  Er  las  dem  Prinzen  das  Gedicht  vor,  von  dem
der  erste  und  letzte  Vers  mit  Bezug  auf  die  schwarz-rot-goldne
Fahne,  die  dem  König  bei  seinem  Umzug  durch  die  Straßen
von  Berlin  als  Zeichen  der  deutschen  Einheit  und  Freiheit  vorangetragen
  war,  also  lauteten:

Das  waren  Preußen,  schwarz  und  weiß  die  Farben,

So  schwebt'  die  Fahne  einmal  noch  voran,

Als  für  den  König  seine  Treuen  starben,

Für  ihren  König,  jubelnd  Mann  für  Mann.

Wir  sahen  ohne  Zagen

Fort  die  Gefallnen  tragen,

Daschnitt  ein  Ruf  ins  treue  Herz  hinein:

„Ihr  sollt  nicht  Preußen  mehr,  sollt  Deutsche  sein.“

*  *
*
        <pb n="122" />
        Bismarck  und  der  Prinz  von  Preußen  113

Schwarz,  Rot  und  Gold  glüht  nun  im  Sonnenlichte,
Der  schwarze  Adler  sinkt  herab  entweiht;

Hier  endet,  Zollern,  deines  Ruhms  Geschichte,

Hier  fiel  ein  König,  aber  nicht  im  Streit.

Wir  sehen  nicht  mehr  gerne

Nach  dem  gefallnen  Sterne.

Was  du  hier  tatest,  Fürst,  wird  dich  gereun,

So  treu  wird  keiner,  wie  die  Preußen,  sein.

Als  Prinz  Wilhelm  dieses  Gedicht  gehört,  brach  er  darüber
in  heftiges  Weinen  aus:  Ein  ergreifendes  Doppelbild,  diese
beiden  Männer  der  Zukunft  im  Jahre  1848.  Bismarck  am
2.  April  die  Tribüne  verlassend,  weil  ein  Weinkrampf  seine
Stimme  erstickte,  die  ihm  aus  Schmerz  über  den  Abschied  von
den  alten  Zeiten  preußischer  Größe  brach,  und  Prinz  Wilhelm
heftig  weinend  über  die  Schmach,  die  man  der  ruhmreichen
Armee  angetan.

A.  Matthias,  Bismarck  8
        <pb n="123" />
        6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen
  Wirken.  1849—1852

Lmn  Jahre  1848  war  Bismarck  wenig  parlamentarisch  tätig
J  gewesen,  im  wesentlichen  nur  in  den  Tagen  vom  2.  bis
10.  April,  während  des  zweiten  Vereinigten  Landtags.  Im
übrigen  hatte  er  politisch  als  Journalist  und  vor  allem
als  rühriger  Vorkämpfer  der  Krone  und  der  Macht  Preußens
agitatorisch  und  „intriguirend“  gewirkt,  weil  ihn  die  Einbuße,
  die  diese  zu  erleiden  in  Gefahr  waren,  schmerzlich  bewegte.


Anders  wurde  das  im  Jahre  1849.  Jene  stille  Tätigkeit
spann  sich  zwar  weiter,  aber  er  war  nun  vor  allem  der  wuchtige
  Parlamentarier,  der  vor  aller  Welt  seine  von  Wirklichkeitssinn
  strotzende  Tätigkeit  und  Arbeitskraft  offenbarte.  Die
durch  das  Wahlgesetz  vom  6.  Dezember  1848  geschaffene  zweite
Kammer  tagte  vom  26.  Februar  bis  zum  27.  April  1849.  Bismarck
  wurde  im  Wahlkreis  Brandenburg-Westhavelland-Zauch-Belzig
  mit  161  gegen  129  Stimmen  gewählt.  Sein  Programm
lautete:  „Anerkennung  der  Verfassung;  Verteidigung  gegen
Anarchie;  Gleichheit  vor  dem  Gesetz,  aber  keine  Abschaffung
des  Adels,  gleiche  Verteilung  der  Steuern  nach  dem  Vermögen,
soweit  es  erreichbar;  Wahl  nach  Interessen;  Abschaffung  geldwerter
  Rechte  nur  gegen  Entschädigung;  keine  Verminderung
des  stehenden  Heeres;  strenge  Preß=  und  Klubgesetze.“  Das
war  nicht  das  Programm  eines  hartgesottenen  Reaktionärs  und
schroffen  Junkers,  sondern  eines  Konservativen,  der  dem  Volke
geben  wollte,  was  seiner  Meinung  nach  des  Volkes  war.  Dieses
Programm  muß  Bismarck  in  Brandenburg  in  guten  Formen
vertreten  haben.  Denn  die  Demokraten  und  Republikaner  hörten
seine  Rede  mit  an,  und  selbst  die  Schlimmsten  verhielten  sich
so  ruhig,  daß  man  die  Mücken  hörte,  und  einige  von  ihnen
kamen  nachher  Bismarck  die  Hände  zu  schütteln.  Von  pöbelhaften
  Demonstrationen  hielt  sich  alles  mit  vielem  Anstand  fern.
        <pb n="124" />
        In  der  zweiten  Kammer  1849  115

Für  die  neue  zweite  Kammer,  die  durch  Verordnung  vom
30.  Mai  nach  dem  Dreiklassensystem  mit  öffentlicher  Stimmabgabe
  gewährt  wurde,  wurde  Bismarck  am  28.  Juli  für  denselben
  Wahlkreis  wiedergewählt.  Die  Tagungen  dieser  Kammer
fanden  statt  August  1849  bis  Februar  1850,  November  bis
Mai  1851  und  in  derselben  Zeit  bis  1852.  Dazwischen  versammelte
  sich  das  deutsche  Parlament  in  Erfurt  vom  20.  März
bis  25.  April  1850.

An  allen  diesen  Tagungen  nahm  Bismarck  mit  einem  Fleiß,
einer  Arbeitskraft,  Gewissenhaftigkeit,  Eindringlichkeit  und  Vielseitigkeit
  der  Sachkenntnis  teil,  die  Bewunderung  erweckt.  Schon
die  Mannigfaltigkeit  der  Stoffgebiete,  in  die  er  eingreift,  setzt
in  Erstaunen.  Und  wie  er  die  mannigfachsten  Fragen  berührte,
  das  hatte  alles  den  kräftigen  Zug  eines  gesunden  Wirklichkeitssinnes:
  nirgendwo  tritt  uns  der  öde  und  langweilige
Systematiker  entgegen;  und  alles  an  ihm  atmet  Ursprünglichkeit,
  die  ihm  der  Abgeordnete  für  Königsberg  Dr.  Simson  bestätigte,
  indem  er  sagte,  daß  der  Abgeordnete  von  Bismarck
„hohe  Originalität“  in  Verfassungsanschauungen  besitze.  Gründlich
  war  er  in  aller  Arbeit;  nichts  ist  ihm  widerwärtiger,  als
wenn  über  Wichtiges,  wie  über  die  Gemeindeordnung  (18.  Februar
  1850),  so  oberflächlich  und  rasch  beraten  wird,  und  wenn
Kommissionsberichte  so  spät  in  die  Hände  der  Abgeordneten
kommen,  daß  genaue  Kenntnisnahme  nicht  mehr  möglich  ist.
Wer  sich  von  dieser  Gründlichkeit  zu  überzeugen  wünscht,  der
mache  Stichproben,  wo  er  will,  und  er  wird  überall  die  genaueste,
  bis  ins  einzelnste  gehende  Kenntnis  finden.  Und  dazu
der  Fleiß  und  die  nie  ermattende  Rastlosigkeit,  die  wir  aus
den  Briefen  an  seine  Frau  erkennen  können.  Am  5.  Februar
1849,  am  Tage  seiner  Wahl,  schreibt  er:  „Es  wird  doch  eine
schwere  Sache  sein,  wenn  ich  gewählt  werden  sollte,  dieß  Leben
ohne  Ruhe  im  Herzen.“  Und  es  war  eine  schwere  Sache.  Ein
Bild  davon  gibt  eine  Stelle  aus  einem  Briefe  vom  Montag,
20.  Januar  1851:  „Sonnabend  10  Uhr  Ordensfest  bis  5  Uhr
RNachmittags  (wundervolle  Musik  in  der  Capelle  und  jämmerliche
  Predigt  von  Neander),  um  7  Conferenz  mit  Seehandlungs-87
        <pb n="125" />
        116  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

präsident,  Acten  und  Rechnungen,  bis  10,  dann  zu  Manteuffel,
Thee  und  Intriguen  bis  12,  zu  Hause  2  Briefe  in  Wahlkreis
geschrieben,  2  Uhr  zu  Bett.  Sonntag  6  Uhr  auf,  7  Uhr  zu
Asseburg,  wegen  Besetzung  des  Ministeriums  in  Bernburg  bis
9  Uhr  verhandelt,  dann  Büchsel  bis  11,  Minister  des  Innern
bis  12,  Visiten  bis  3,  um  6  Rendezvous  mit  Goltz  im  Auftrage
des  Prinzen  von  Preußen,  bis  9  Uhr  geschrieben  in  Folge  dessen,
dann  zu  Stolberg  mit  Malle  (bei  Wartensleben  und  General
Gerlach  abgesagt),  um  1  Uhr  zu  Bett.  Heut  früh  7½  Senfft
bei  mir,  blieb  bis  9,  sehr  geheimnißvoll,  bis  10  Acten,  um  10
Conferenz  mit  dem  Bankpräsidenten  bis  jetzt  (2  Uhr),  dann  hierher
  nach  der  Kammer  um  zu  sehen  ob  Briefe  sind.  Vor  dem
Essen  muß  ich  noch  über  100  Seiten  Acten  lesen  und  Notizen
daraus  machen,  um  6  Uhr  Commissionssitzung  die  bis  10  dauert
(lauter  Zahlen  und  Rechnungen,  immer  aufpassen),  um  10  zu
Voß  zum  souper  (Du  kennst  dasl!).“  Und  dabei  findet  dieser
arbeitsreiche  Mann  —  solche  Naturen  haben  immer  Zeit  —
noch  die  Muße,  seiner  Frau  Briefe  zu  schreiben,  die  zu  den
Perlen  unserer  Literatur  gehören:  „Alle  Tage  muß  ich  nachsitzen
  wie  ein  schlechter  Schuljunge,"  schreibt  er  ein  ander  Mal.
Daß  es  ihm  bei  einem  solchen  Übermaß  von  Anforderungen
passierte  in  der  ersten  von  drei  Kommisssonssitzungen,  die  er  an
einem  Morgen  abzusitzen  hatte,  ungewaschen  un  dohne  Hosenträger
  zu  erscheinen,  darf  nicht  wundernehmen;  auch  nicht,  daß
er  erst  nach  zwei  Stunden  in  der  zweiten  Kommission  den
Schlaf  aus  den  Augen  verlor.  An  einem  solchen  Tage  steht  er
denn  auch  auf  einem  Hofballe  nicht  an,  seiner  geliebten  Landesmutter,
  der  Königin  Elisabeth,  die  er  auch  einmal  seine  „alte
Flamme"  nennt,  auf  deren  Liebäugeln  der  König  den  tanzenden
Bismarck  aufmerksam  gemacht  hatte,  auseinanderzusetzen,  welch
miserabeles  Leben  er  den  Tag  über  geführt  habe,  um  dadurch
eine  frühere  Bemerkung  der  Königin  gegenüber,  daß  er  nur  aus
Gesundheitsrücksichten  tanze,  zu  motivieren.  Daß  dadurch  seine
daneben  stehende  Tänzerin,  die  Herzogin  Agnes  von  Dessau,
nicht  schmeichelhaft  berührt  wurde,  war  nicht  angenehm;  aber
Bismarck  schreibt:  „J  could  not  help  it.“
        <pb n="126" />
        In  der  zweiten  Kammer  1849.  Gegen  die  Revolution  117

Doch  nun  zu  dem  Wertvollsten,  was  die  Bismarcksche  Gedankenwelt
  am  Ende  der  vierziger  und  am  Beginne  der  fünfziger
  Jahre  bewegte.  Er  war  ja  derselbe,  der  er  Zeit  seines
Lebens  war,  aber  einseitiger,  noch  im  Werden  begriffen,  deshalb
  kühner,  auch  einmal  kräftig  über  die  Schnur  in  seinem
Ausdruck  hauend  und  schroffer,  sogar  bis  zum  Duell,  wenn  er
nicht  mit  der  Rücksicht  behandelt  wurde,  die  er  beanspruchte.

Der  Grundzug  seines  Wesens  und  seines  Willens  war  gegen
alles  gerichtet,  was  mit  der  Revolution  von  1848  zusammenhing.
  Am  2.  Februar  1849  zeigte  er  diese  Willensrichtung  in
der  Ansprache  an  seine  Wähler  in  Rathenow:  „Wer  es  aufrichtig
  mit  dem  Vaterlande  meint,  der  muß  jetzt  die  Regierung
auf  dem  von  ihr  eingeschlagenen  Wege  unterstützen,  um  die
Revolution,  die  uns  alle  bedroht,  zu  bekämofen.  Wenn
Sie  in  der  Kammer  einen  Vertreter  wünschen,  der  fest  entschlossen
  ist,  die  Sache  des  Vaterlandes  zu  seiner  eigenen  zu
machen,  ihr  mit  redlichem  Willen  aus  vollem  Herzen  und  ganzen
Kräften  zu  dienen,  und  dessen  nächstes  Streben  darauf  gerichtet
sein  wird,  die  alten  Bande  des  Vertrauens  zwischen  der  Krone
und  dem  Volke  wieder  fester  zu  knüpfen,  damit  Gesetz  und
Ordnung  walte,  damit  der  Wohlstand  und  das  Interesse  aller
friedlichen  Bürger  gefördert  werde,  dann  richten  Sie  Ihr  Auge
auf  mich!  Das  sind  meine  Ansichten:  wenn  Sie  dahin  mit  mir
einverstanden  sind,  dann  bitte  ich  um  Ihre  Stimme.“

Wie  er  sein  Versprechen  einlösen  wollte,  zeigte  er  bei  seinem
ersten  Auftreten  als  Abgeordneter  am  21.  März  bei  der  Verhandlung
  über  die  Adresse  an  den  König,  in  welcher  man  den
über  Berlin  verhängten  Belagerungszustand  mißbilligen  wollte.
Die  Anhänger  dieser  Mißbilligung  imponierten  Bismarck  mehr
durch  die  Länge  ihrer  Reden  als  durch  deren  Schärfe.  Den  gebräuchlichen
  rhetorischen  Schmuck  von  Kanonen  und  Bajonetten,
General  Brennus  (so  hatte  man  Wrangel  genannt,  weil  er  wie
ein  Brennus  in  Rom  seinen  ehernen  Degen  in  die  Wage  der
Gerechtigkeit  geworfen  habe)  und  Junkerparlament  verspottete
er,  die  Vorwürfe  gegen  das  Verbot  von  radikalen  Blättern
und  von  Abhaltung  der  radikalen  Klubs  wies  er  zurück,  da
        <pb n="127" />
        118  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

das  Feuer  der  Berliner  Straßenpolitik  im  Jahre  1848  durch
den  Wind  der  Plakatenpresse  und  der  Klubs  angefacht  worden
sei  und  Auftritte  herbeigeführt  habe,  die  zu  den  schmachvollsten
in  der  preußischen  Geschichte  gehörten,  gegen  welche  die  Gesetze
sich  machtlos  erwiesen.  Ungezügelte  Preßfreiheit  und  ein  Versammlungsrecht
  ohne  Kontrolle  nötigten  jede  Regierung  zu
einem  fortwährenden  Kriegsfuß  gegen  den  Aufruhr.  Er  bestritt,
daß  der  Geist  des  Aufruhrs,  wie  man  behauptete,  vollkommen
gewichen  sei:  die  Demonstrationen  auf  dem  Kirchhof  der  Märzgefallenen
  im  Friedrichshain  am  Jahrestage  der  Berliner  Revolution
  bestätigten  seine  Behauptung  und  Lieder,  die  am
18.  März  gesungen  seien,  wie
„Wir  färben  echt,  wir  färben  gut,
Wir  färben  mit  Tyrannenblut“

seien  noch  weniger  beruhigender  Natur.  In  diesen  Tagen  war
er  im  Friedrichshain  gewesen  und  hatte  in  Anknüpfung  an
den  Gang  die  Worte  gesprochen:  „Mein  Herz  schwillt  vor
Gift,  wenn  ich  sehe,  was  sie  aus  meinem  Vaterlande  gemacht
haben,  diese  Mörder,  mit  deren  Gräbern  der  Berliner  noch
heute  Götzendienst  treibt."

Die  Behauptungen  eines  Vorredners,  das  Volk  von  Berlin
wolle  die  Aufhebung  des  Belagerungszustandes,  bezeichnete  er  als
unrichtig  und  er  wandte  sich  gegen  den  Mißbrauch,  den  man  mit
dem  Worte  „Volk“  treibe.  Jeder  verstehe  darunter,  was  in  seinen
Kram  passe,  gewöhnlich  einen  beliebigen  Haufen  von  Individuen,
die  er  für  seine  Ansichten  gewonnen  habe.  „Das  wahre  preußische
Volk“,  so  sagte  er  dann,  „hat  in  der  letzten  Zeit  viel  Geduld
gezeigt  und  große  Leichtgläubigkeit  gegen  diejenigen,  die  sich
seine  Freunde  nennen.  Aber  in  der  Abstimmung  über  die  Adresse
wird  das  Volk  Material  genug  erhalten,  sich  darüber  aufzuklären,
  wer  zwischen  ihm  und  seinem  Frieden,  wer  zwischen  ihm
und  seinem  Recht  steht.“

Mit  großem  Nachdruck  kämpfte  Bismarck  gegen  das  uneingeschränkte
  Vereinsrecht.  Er  nannte  dieses  sogenannte  Grundrecht
  eine  Eroberung  der  Revolntion  auf  Kosten  des  allgemeinen
Grundrechtes  des  friedlichen  Bürgers,  des  Rechtes  auf  unge-
        <pb n="128" />
        In  der  zweiten  Kammer  1849.  Für  die  Rechte  der  Krone  119

störten  Schutz  durch  die  Obrigkeit;  in  dem  Vereinswesen  sah  er
die  gefährlichste  Waffe  der  Geister,  die  verneinen,  gegen  jede
obrigkeitliche  Autorität.  Er  hielt  dieses  Vereinsrecht  für  ein
Recht,  dessen  Mißbrauch  den  Gebrauch  übertreffe.  Charakteristisch
sagte  er:  „Gerade  in  dem  Vereinsrechte  liegt  vorzugsweise  die
Schneide  jener  Schere,  mit  welcher  die  konstitutionelle  Delila
dem  Simson  der  Monarchie  die  Locken  verschneidet,  um  ihn
den  demokratischen  Philistern  wehrlos  in  die  Hände  zu  liefern,
mag  dieser  Prozeß  nun  10,  oder,  wie  in  Frankreich,  18  Jahre
dauern.“

Was  er  hier  von  der  konstitutionellen  Delila  sagte,  sollte
keineswegs  von  der  Verfassung  allgemein  gelten.  Bismarck  hielt
ausdrücklich  daran  fest,  daß  es  Pflicht  sei,  die  neue  Regierungsform,
  wie  alle  Gesetze  des  Landes,  welche  von  seiner  gesetzmäßigen
  Obrigkeit  ausgehen,  auch  dann  gewissenhaft  zu  beobachten,
  wenn  sie  dem  einzelnen  nicht  gefielen.

Aber  auch  die  Rechte  der  Krone  wollte  er  unangetastet
wissen;  deshalb  wandte  er  sich  gegen  die  Amnestie  für  alle
seit  dem  18.  März  begangenen  politischen  Verbrechen,  nicht  aus
Unversöhnlichkeit,  sondern  weil  er  die  Begnadigung  als  ein
Recht  der  Krone  ansehe,  dessen  Wesen  gerade  in  freier  und  freiwilliger
  Ausführung  bestehe,  und  das  nicht  durch  Forderungen
oder  gar  durch  Drohungen  verkürzt  werden  dürfe.  Gegen  die
Amnestie  wandte  er  sich  auch  deshalb,  weil  wiederholte  Amnestie
das  Rechtsbewußtsein  im  Volke  schädige;  das  sei  der  Fall,
wenn  Abgeordnete  die  Vorgänge  des  18.  März  so  auffaßten,
als  sei  die  Obrigkeit  von  dem,  was  man  das  Volk  nenne,
amnestiert  worden,  während  es  doch  richtig  sei,  daß  der  König
die  Rebellen  amnestiert  habe.  Es  werde  dadurch  die  Meinung
verbreitet,  als  ob  das  ganze  Staatsrecht  auf  der  Barrikade  beruhe,
  als  ob  ein  jeder,  dem  es  gelinge  eine  Anzahl  von  Individuen,
  bewaffnet  oder  unbewaffnet,  zu  sammeln,  hinreichend
eine  schwache  Regierung  einzuschüchtern  und  ihr  zu  imponieren,
oder  wenn  sie  sich  nicht  einschüchtern  lasse,  sie  durch  Barrikaden
über  den  Haufen  zu  werfen,  vollkommen  im  Rechte  wäre.  Damit
  komme  man  zum  Faustrecht  der  Barrikaden.  Noch  eins
        <pb n="129" />
        120  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

kam  dem  Realpolitiker  hinzu:  „Der  Soldat“,  so  schloß  er,  „faßt
es  nicht,  daß  er  einen  und  denselben  Aufrührer  mehrmals  gefangen
  nehmen  soll;  ich  fürchte  also,  er  wird  weniger  Gefangene
machen,  und  die  weinerliche  Sentimentalität  unseres
Jahrhunderts,  welche  in  jedem  fanatischen  Rebellen,  in  jedem
gedungenen  Barrikadenkämpfer  einen  Märtyrer  findet,  wird
mehr  Blutvergießen  herbeiführen,  als  eine  strenge  und  geschlossene
Gerechtigkeit,  wenn  sie  von  Anfang  an  geübt  worden  wäre,
hätte  tun  können.“

Für  das  Recht  der  Krone  tritt  er  auch  bei  der  Steuerverweigerungsfrage
  auf.  Die  Kommission  für  den  Verfassungsentwurf
  hatte  beantragt,  in  Artikel  108  den  Satz  zu  streichen
„die  bestehenden  Steuern  und  Abgaben  werden  forterhoben“.
Bismarck  trat  mit  wuchtiger  Klarheit  gegen  diesen  Kommissionsantrag
  auf,  zum  Teil  in  Sätzen,  die  dauernden  Wert  besitzen
und  prophetisch  schon  auf  die  Konfliktszeit  wiesen.

Er  weist  plastisch  hin  auf  die  Folgen  eines  solchen  Beschlusses:
Die  ganze  Staatsgewalt  werde  von  der  Krone  auf  die  Kammern
übertragen,  der  Krone  bleibe  nicht  viel  mehr  übrig,  als  sich  der
Vollziehung  der  Kammerbeschlüsse  zu  befleißigen.  Die  Beschlüsse
dieser  oder  jener  Kammer  könnten  die  ganze  Staatsmaschine  zum
Stillstand  bringen,  den  keine  Macht  zu  hindern  vermöge.  Man
hatte  für  diesen  Antrag  darauf  hingewiesen,  daß  die  Konsequenz
  eines  aufrichtigen  konstitutionellen  Systems  ihn  fordere.
Bismarck  wandte  dagegen  ein:  „Das  Wort  konstitutionell'
ist  eines  der  Stichwörter,  die  in  neuester  Zeit  das  Vorrecht
haben,  an  die  Stelle  jeden  Grundes  sich  einzustellen.  Wo
Gründe  fehlen,  stellt  zur  rechten  Zeit  das  Wort  sich  ein.  Wo
es  sich  um  so  durchgreifende  Anordnungen  handelt,  sollte  man
doch  wohl  fragen,  ob  sie  gerecht  oder  ungerecht,  vernünftig  oder
schädlich,  für  Preußen  nützlich  oder  schädlich  seien.“  Ein  andermal
  bezeichnet  er  die  Phrase  als  den  schönsten  Schmuck  einer
konstitutionellen  Verfassung,  die  dem  Schleier  vor  dem  Bilde
von  Sais  vergleichbar  sei;  zerreiße  man  diesen,  so  werde  man
den  Augen  gar  mancher,  die  in  die  tieferen  Geheimnisse  des
Konstitutionalismus  noch  nicht  eingeweiht  seien,  zeigen,  daß  das
        <pb n="130" />
        —  —

In  der  zweiten  Kammer  1848.  Für  die  Rechte  der  Krone  121

Idol,  das  man  im  preußischen  Abgeordnetenhause  verehre,  nicht
ganz  das  war,  welches  sie  hinter  dem  Schleier  zu  finden  hofften.
Als  Muster  wurden  von  den  Liberalen  die  belgischen  und  französischen
  Verfassungen  angeführt.  Bismarck  hielt  ihnen  den  Satz
entgegen:  „Das  preußische  Königtum  unterscheidet  sich  dadurch
von  den  konstitutionellen  Dynastien  in  England,  Frankreich  und
Belgien,  daß  dort  die  Krone  aus  den  blutigen  Händen  der  Revo—
lution  überreicht  ist  —  unter  denjenigen  Bedingungen,  wie  sie
die  Revolution  für  gut  fand,  jenen  Dynastien  aufzulegen.“
Und  die  Berufungen  auf  England  wies  er  zurück  mit  den  Worten:
„Diese  Berufungen  sind  unser  Unglück;  geben  Sie  uns  alles
Englische,  was  wir  nicht  haben,  geben  Sie  uns  englische  Gottesfurcht
  und  englische  Achtung  vor  dem  Gesetze,  die  gesamte  englische
  Verfassung,  aber  auch  die  gesamten  Verhältnisse  des  englischen
  Grundbesitzes,  englischen  Reichtum  und  englischen  Gemeinsinn,
  besonders  aber  ein  englisches  Unterhaus,  kurz  und  gut
alles,  was  wir  nicht  haben,  dann  will  ich  auch  sagen,  Sie  können
uns  nach  englischer  Weise  regieren.“  ...  „Die  Grundlage  unserer
Verfassung  bildet  die  Gleichberechtigung  der  Krone,  der  Ersten
und  der  Zweiten  Kammer  in  der  Gesetzgebung.  Andern  Sie  diese
Gleichberechtigung  zum  Nachteil  der  Krone,  entziehen  Sie  die
Gesetzgebung  über  Steuern,  über  deren  Einnahme  und  Ausgabe,
dieser  allgemeinen  Regel,  so  vernichten  Sie  die  Selbständigkeit
  der  Krone  zu  Gunsten  von  Majoritäten,  deren  Geltung  auf
der  gewagten  Voraussetzung  beruht,  daß  ein  jeder  einzelne  der
künftigen  Abgeordneten  in  der  Lage  sein  werde,  sich  über  alle
Fragen  der  Politik  und  Gesetzgebung  ein  unabhängiges  und
unbefangenes  Urteil  zu  bilden.“  Wie  hier,  wies  er  auch  sonst
auf  eigenes  politisches  Wachstum  hin  und  warnte  vor  allem
Ausländischen,  das  immer  einen  gewissen  vornehmen  Anstrich
für  den  Deutschen  habe.  Europa  habe  uns  immer  für  ein
Volk  der  Denker  gehalten.  „Das  war  früher!“,  rief  er
aus;  „die  Volksvertretungen  der  letzten  zwei  Jahre  haben  uns
um  diesen  Ruf  gebracht,  sie  haben  dem  enttäuschten  Europa
nur  Ubersetzer  französischen  Makulaturs,  aber  keine  Selbstdenker
  gezeigt.“
        <pb n="131" />
        122  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

Wie  für  ein  starkes  Königtum,  so  trat  er  auch  für  den  vielgeschmähten
  Adel  ein,  der  vielfach  in  der  Kammer  angegriffen
und  dem  der  Vorwurf  gemacht  war,  daß  er  nicht  in  dem  Grade
patriotisch  gewesen  sei,  um  den  modernen  Freiheitsbestrebungen
eine  Stütze  zu  gewähren.  Er  verwahrt  sich  dagegen,  daß  der
Begriff  von  Patriotismus  und  Liberalismus  identifiziert  werde;
und  er  bittet  anzunehmen,  daß  ein  jeder  dasjenige  Maß  der
Freiheit  für  das  Volk  anstrebt,  welches  er  mit  dem  Wohle  des
Vaterlandes  verträglich  halte.  Aber  er  weist  auch  hin  auf  die
erheblichen  Verdienste  des  preußischen  Adels  für  die  wahre
Freiheit,  für  die  politische  Unabhängigkeit,  ohne  welche  die  Freiheit
  in  Preußen  nicht  bestehen  könne;  er  weist  hin  auf  die  Schlachtfelder,
  auf  denen  für  den  preußischen  Ruhm  und  die  Freiheit
gestritten  sei,  von  dem  Schlachtfelde  an  der  Brücke  bei  Warschau,
wo  der  große  Kurfürst  den  Grund  zur  Unabhängigkeit  Preußens
gelegt  habe,  bis  unter  die  Mauern  von  Rastatt,  wo  überall  die
Wurzel  preußischer  Freiheit  mit  dem  Blute  seiner  edlen  Geschlechter
  getränkt  sei.  Und  wenn  auch  im  Anfange  des  Jahrhunderts
die  Vorrechte  des  Adels,  die  er  durch  langjährigen  Besitz  als
seine  Rechte  zu  betrachten  gewohnt  gewesen  sei,  durch  die  Gesetzgebung
  aufgehoben  worden  seien  —  der  Adel  habe  sich  dadurch
nicht  in  eine  Stellung  drängen  lassen,  wie  sie  jetzt  die  Demokratie
der  Regierung  gegenüber  einnähme;  nicht  einmal  zu  einer  mürrischen
  Fronde  hätten  ihn  die  Verluste  getrieben,  sondern  als
der  König  1813  zu  den  Waffen  gerufen,  seien  die  Söhne  des
preußischen  Adels  in  den  ersten  Reihen  derer  gewesen,  welche
bereit  waren,  Gut  und  Blut  einzusetzen  für  die  Erhaltung  des
Königshauses  und  des  Vaterlandes,  deren  Gesetzgebung  ihnen
die  großen  Opfer  angesonnen  hatte.

In  derselben  Richtung  laufen  Bismarcks  Gedanken,  wenn
er  die  preußische  Armee  mit  ihren  Offtzieren,  Unteroffizieren
und  Gemeinen  verteidigt  und  zu  ihren  Gunsten  in  Wort  und
Anträgen  kämpft.  Nicht  ohne  versteckten,  herben  Tadel  der  im
Jahre  1848  von  der  Regierung  ergriffenen  Maßregeln  deutet  er
darauf  hin,  daß,  wenn  sich  die  leitenden  Kreise  nicht  durch  den
Lärm  der  großen  und  kleinen  Parlamente  hätten  betäuben  lassen,
        <pb n="132" />
        In  der  zweiten  Kammer  1849.  Für  Adel  und  Armee  123

sondern  sie  sich  auf  die  preußische  Armee  gestützt  hätten,  wenn
Preußens  Macht  und  Einfluß  und  Deutschlands  Glück  besser  bestellt
  gewesen  wäre;  die  Ergebnisse  zugunsten  der  Monarchie  und
nationalen  Sache  (und  hierbei  dachte  Bismarck  wohl  an  Reich
und  Kaiserkrone)  würden  viel  erheblicher  gewesen  sein,  wenn
nicht  Halbheit  und  Schüchternheit  hemmend  im  Wege  gestanden
hätten.  Er  tritt  deshalb  mit  aller  Entschiedenheit  für  materielle
Besserstellung  der  Armee  und  ihrer  Offtziere  ein;  dieses  Offizierkorps,
  um  welches  alle  kriegführenden  Völker  Preußen  beneideten,
sei  an  der  Spitze  einer  krieggewohnten  und  gedienten  Armee
für  jeden  Feind  unüberwindlich  und  die  alleinige  Grundlage
einer  kühnen  und  ruhmreichen  preußischen  Politik.  Daß  diese
Armee  in  den  Tagen  der  Barrikaden  nicht  die  Rolle  gespielt
habe,  die  ihrer  würdig  gewesen  wäre,  und  daß  die  Vertreter
des  Volkes  in  jenen  Tagen  mit  ihren  Sympathien  nicht  die
Stelle  getroffen  hätten,  wo  das  preußische  Militär  seine  Ehre
gesucht,  und  keinen  bessern  Balsam  für  das  wunde  Soldatenherz
  gehabt  hätten  als  die  kühle  Phrase:  „Auf  beiden  Seiten
schlagen  Heldenherzen,“  und  daß  das  preußische  Heer  am
19.  März  1848,  den  Zorn  des  gereizten  Siegers  im  Herzen,
die  geladene  Waffe  in  der  Hand,  lediglich  dem  Befehle  seines
Kriegsherrn  gehorchend,  unter  dem  Hohn  seiner  Gegner  die
Stelle  des  Besiegten  übernommen  habe,  das  beklagte  er  mit
tiefer  Wehmut  und  noch  tieferem  Manneszorn,  der  vor  dem
König  selbst  nicht  halt  gemacht  hatte,  weil  dieser  Zorn  sich  berufen
  fühlte,  den  Königsthron  vor  Barrikadenhelden  zu  schützen.
Von  der  Armee  wurde  dem  tapferen  Abgeordneten  Gleiches
mit  Gleichem  vergolten.  Im  September  schreibt  er  aus  Potsdam,
wo  er  in  militärischen  Kreisen  ein  Gunglsches  Konzert  gehört
hatte,  an  seine  Gattin:  „Ich  habe  meinem  Herzen  damit  wohlgethan,
  wie  diese  Soldatennaturen,  alt  und  jung  mich  lieben,
und  ihre  Damen  auch;  die  verstehen  mich  besser  als  diese
Kammeramphibien,  weil  sie  warmes  Preußenblut  im  Leibe
haben.“  —  Das  „warme  Preußenblut"“,  das  in  seinen  Adern
pulsierte,  erklärt  denn  auch  die  Sicherheit  seiner  eigentlich  reaktionären
  Forderungen.  So  bekämpfte  er  die  Zivilehe  als
        <pb n="133" />
        124  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

einen  sprachlichen  und  materiellen  Gallizismus,  er  warnte  vor
ihr,  da  sie  in  Preußen  der  kirchlichen  Trauung  feindselig  und
gewissermaßen  erobernd  in  dem  Bewußtsein  des  Volkes  gegenübertrete
  und  da  sie  den  kirchlichen  Segen  als  unnützes  Zubehör
  beiseite  schieben  wolle;  er  hoffte  es  noch  zu  erleben,  daß
das  Narrenschiff  der  Zeit  an  dem  Felsen  der  christlichen  Kirche
scheitern  werde,  da  der  Glaube  an  das  geoffenbarte  Wort
Gottes  im  Volke  fester  stehe,  als  der  Glaube  an  die  selig
machende  Kraft  irgendeines  Artikels  der  Verfassung.

In  derselben  Richtung  liegt  seine  Abneigung  gegen  die
großen  Städte,  die  er  als  Brutnester  der  Demokratie  bezeichnete,
als  naturgemäße  Heimat  der  Verbrechen,  gegen  die  er  am
20.  März  1852  ausrief:  „Ich  mißtraue  der  Bevölkerung  der
großen  Städte,  so  lange  sie  sich  von  ehrgeizigen  und  lügenhaften
  Demagogen  mißleiten  läßt,  und  ich  finde  dort  das  wahre
preußische  Volk  nicht.  Letzteres  wird  vielmehr,  wenn  die  großen
Städte  sich  wieder  einmal  erheben  sollten,  sie  zum  Gehorsam
zu  bringen  wissen,  und  sollte  es  sie  vom  Erdboden  tilgen.“
Hier  sprach  der  preußische  Landedelmann;  dieser  sprach  auch,
wenn  er  die  auf  Ablösung  der  gutsherrlichen  Rechte  gerichteten
und  dabei  von  einer  wirklich  ausreichenden  Entschädigung  absehenden
  Bestrebungen  mit  dem  Satze  angriff,  daß  die  Theorie
der  Revolution  immer  die  Nützlichkeit  über  das  Recht  stelle
und  in  Preußen  jetzt  die  Norm  gelte:  „Das  Eigentum  ist  unverletzlich,
  aber  nicht  für  alle.“

Aus  dieser  Natur  mit  warmem  Preußenblut,  aus  dieser
revolutionsfeindlichen  königstreuen  Grundgesinnung,  vor  allem
aber  aus  seinem  staatsmännischen  Wirklichkeitssinne,  der  aller
Phantasterei  und  romantischen  Schwärmerei  abhold  war  und
alles  Erreichbare  von  Dauerwert  höher  schätzte  als  Augenblickswerte,
  hat  man  Bismarcks  Stellungnahme  zur  Frage  der  Frankfurter
  Kaiserwahl  zu  beurteilen.

Am  28.  März  1849  war  in  der  deutschen  Nationalversammlung
  zu  Frankfurt  a.  M.  der  König  von  Preußen  zum  Deutschen
Kaiser  gewählt  worden  von  290  Abgeordneten;  240  hatten  sich
der  Abstimmung  enthalten.  Am  3.  April  wurde  die  aus  zwei-
        <pb n="134" />
        In  der  zweiten  Kammer  1849.  Bismarcks  Stellung  zur  Kaiserwahl  125

unddreißig  Mitgliedern  bestehende  Kaiserdeputation  unter  des
Präsidenten  Simson  Führung  von  Friedrich  Wilhem  IV.  im
Berliner  Schlosse  empfangen.  Simson  überreichte  Verfassung
und  Wahlprotokoll.  Der  König  sprach  seinen  Dank  aus;  er
lehnte  die  Krone  nicht  ab,  wünschte  aber  das  freie  Einverständnis
  der  gekrönten  Häupter,  der  Fürsten  und  freien
Städte,  die  in  gemeinsamer  Beratung  zu  prüfen  haben
würden,  ob  die  Verfassung  dem  Einzelnen  wie  dem  Ganzen
fromme,  ob  die  ihm  zugedachten  Rechte  ihn  in  den  Stand
setzen  würden,  mit  starker  Hand  die  Geschicke  des  großen
Vaterlandes  zu  leiten  und  die  Hoffnungen  seiner  Völker  zu
erfüllen.  Die  Deputation  ging  bestürzt  von  dannen;  sie  hatte
diese  Antwort  nicht  erwartet.

Am  21.  April  nahm  die  zweite  Kammer  Stellung.  Der
Abgeordnete  von  Vincke  beantragte  namens  der  Kommission
die  Annahme  der  angebotenen  Würde  eines  Oberhauptes  des
Deutschen  Reiches  auf  dem  Grunde  der  Reichsverfassung  unter
gewissen  Voraussetzungen.  Ministerpräsident  Graf  Brandenburg
legte  dar,  daß  das  Ministerium  dem  Könige  diesen  Antrag
nicht  empfehlen  könne.

Bismarck  schloß  sich  ihm  an.  Es  sei  nicht  Sache  der
Kammer,  Ansichten  und  Gefühle  über  eine  Frage  auszudrücken,
welche  verfassungsmäßig  ihrer  unmittelbaren  Entscheidung  und
Beschlußnahme  für  jetzt  nicht  unterliege.  Die  Erklärung  von
achtundzwanzig  Regierungen  (am  14.  April  hatten  achtundzwanzig
  deutsche  Staaten  —  alle  außer  den  Königreichen  —
sich  für  Annahme  der  Verfassung  und  Übertragung  der  Kaiserkrone
  an  Preußen  erklärt)  mit  zusammen  vier  bis  fünf  Millionen
  Untertanen,  deren  Minister  ihre  märzerrungenen  Stellungen
  mittels  der  Frankfurter  konstituierten  Anarchie  unter
Dach  und  Fach  bringen  wollten,  fielen  nicht  hinreichend  schwer
ins  Gewicht,  wo  es  sich  um  Preußens  Zukunft  handle.  Auch
sei  es  nicht  der  Kammer  Beruf  in  Fällen,  wo  die  Regierung
Seiner  Majestät  des  Königs  von  den  der  Krone  reservierten
Rechten  einen  Gebrauch  mache,  der  der  Kammer  mißfalle,  auf
die  Regierung  ein  anhaltendes  Feuer  von  Adressen  und  Miß-
        <pb n="135" />
        126  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

trauensvoten  zu  eröffnen,  bis  das  Ministerium  die  Flagge
streiche.  In  bezug  auf  die  Frage  der  Annahme  der  Reichsverfassung
  entwickelte  er  dann  seinen  Standpunkt  in  Sätzen
voll  realpolitischer  Weisheit,  die,  so  viel  Widerspruch  sie
damals  auch  erregten,  heute  doch  von  niemand  mehr  bestritten
werden.

In  Preußen  und  in  Deutschland  des  engeren  Bundes  könnten,
  so  führte  er  aus,  nicht  zwei  sich  gegenüberstehende  Verfassungen
  für  sechzehn  Millionen  Preußen  und  außerdem  für
vier  bis  fünf  Millionen  Deutsche  aus  dem  „Reich“  Geltung
haben,  zumal  auch  die  preußische  Verfassung  das  Prinzip  anerkenne,
  daß  der  Einfluß  einer  jeden  Volksklasse  in  demselben
Maße  steigen  müsse,  in  welchem  ihre  politische  Bildung  und
Urteilsfähigkeit  abnehme,  und  damit  ein  sicheres  Bollwerk  gebe
gegen  die  Aristokratie  der  Intelligenz.  Indes  habe  die  Frankfurter
  Verfassung  noch  tiefer  aus  dem  Brunnen  der  Weisheit
jener  Theoretiker  geschöpft,  welche  seit  dem  contrat  social,
der  die  Volkssouveränität  zum  Dogma  erhoben  habe,  nichts
gelernt  und  viel  vergessen  hätten,  —  jener  Theoretiker,  deren
Phantome  in  sechs  Monaten  des  Sommers  1848  mehr  an  Blut,
Geld  und  Tränen  gekostet  hätten,  als  ein  dreiunddreißigjähriger
Absolutismus.

Die  Frankfurter  Verfassung  wolle  den  König  zwingen,
seine  bisher  freie  Krone  als  Lehen  von  der  Nationalversammlung
  anzunehmen,  und  wenn  diese  Volksvertreter  etwas  dreimal
  beschließen,  so  habe  der  König,  dem  nur  ein  Suspensivveto,
  ein  beschränktes  Einspruchsrecht,  zustehe,  und  jeder
andere  Fürst,  der  Untertan  des  engeren  Bundesvolkes  sei,
aufgehört  zu  regieren.  Die  Frankfurter  Verfassung  bringe  das
Übel  der  jährlichen  Budgetbewilligung.  Die  Majorität,  die
aus  dem  Lottospiel  der  direkten  Wahlen  hervorgeht,  biete  nicht
die  geringste  Garantie  der  Urteilsfähigkeit  und  des  guten
Willens.  In  die  Hände  der  Majorität  sei  es  gelegt,  die
Staatsmaschine  in  jedem  Augenblicke  zum  Stillstehen  zu
bringen  und  die  königliche  wie  jede  andere  Macht  im  Staate
zu  neutralisieren.
        <pb n="136" />
        In  der  azweiten  Kammer  1849.  Bismarcks  "Stellung  zur  (Frankfurter  Verfassung  157

Die  Frankfurter  Verfassung  verlange  von  ihrem  zukünftigen
Kaiser,  daß  er  ihr  das  ganze  Deutschland  schaffe.  Er  werde
seine  Kommissare  nach  Österreich  oder  anders  wohin  schicken
müssen,  um  die  Verfassung  und  die  auf  ihrem  Grunde  gefaßten
Beschlüsse  durchzusetzen,  und  die  Fürsten,  die  sich  nicht  unterwerfen
  wollten,  als  Rebellen  behandeln  müssen.  Dahin  drängten
die  Radikalen;  dieses  Mandat,  das  dem  Kaiser  wird,  sei  die
Zauberformel,  die  die  radikale  Kammer  in  eine  gut  kaiserliche
  verwandeln  werde.  Es  werde  nicht  lange  dauern,  so
würden  sie  vor  den  Kaiser  hintreten  mit  dem  Reichswappen
und  ihn  fragen:  „Glaubst  Du,  dieser  Adler  sei  Dir  geschenkt?“
Die  Schlußfolgerung,  die  Bismarck  aus  diesen  und  aus  ähnlichen
  Gedanken  zieht,  lautete  kurz  und  bündig:  „Ehe  ich
sehe,  daß  mein  König  zum  Vasallen  solcher  Gedanken  wird,
will  ich  lieber,  daß  Preußen  Preußen  bleibt.  Die  Frankfurter
  Krone  mag  sehr  glänzend  sein,  aber  das  Gold,  welches
dem  Glanze  Wahrheit  verleiht,  soll  erst  durch  Einschmelzen
der  preußischen  Krone  gewonnen  werden;  und  ich  habe  kein
Vertrauen,  daß  der  Umguß  mit  der  Form  dieser  Verfassung
gelingen  wird."“

Das  waren  Bismarcks  Schlußworte,  nicht  mehr  die  Worte
eines  preußischen  Parlamentariers,  sondern  Gedanken  eines
Staatsmannes  und  Propheten  deutscher  Zukunft,  für  die  es
besser  war,  daß  wir  die  Wanderung  durch  die  Wüste  innerer
Kämpfe  von  1848  bis  1866  wie  die  Juden,  ehe  sie  ins  gelobte
  Land  kamen,  noch  haben  durchmachen  müssen.  Kriege,
wie  die  von  1866  und  1870  wären  Preußen,  wenn  es  damals
die  Krone  annahm,  schwerlich  erspart  geblieben,  nachdem  die
1848  zusammengebrochenen  Nachbarn,  Osterreich  und  die  Mittelstaaten,
  sich  wieder  gekräftigt  und  zur  Selbständigkeit  ermannt
hatten.  Ob  aber  diese  Kriege  so  si  siegreich  gewesen,  wic  1866
und  1870,  stand  doch  als  zweifelhaft  im  Buche  des  Schicksals
geschrieben.  Sie  hätten  schwerlich  hingereicht  an  die  Höhe  und
die  Kraft  der  geschichtlichen  Ereignisse,  in  welchen  die  preußische
Königskrone  unter  blutigen  Opfern  Alldeutschlands  zur  machtvollen
  deutschen  Kaiserkrone  umgeschmolzen  wurde.
        <pb n="137" />
        128  6.  Der  preußische  „Selbstdenber“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

Wie  in  den  Verhandlungen  über  die  Frankfurter  Verfassung,
  so  entfaltet  sich  Bismarck  in  der  Frage  des  Dreikönigsbündnisses
  und  in  der  Unionspolitik  als  weitblickender  Staatsmann.


Nachdem  Friedrich  Wilhelm  sich  dem  Frankfurter  Parlament
  und  der  Kaiserkrone  entzogen  hatte,  suchte  er  die  deutsche
Frage  auf  anderem  Wege  zu  lösen.  Er  machte  den  Versuch
einer  Union,  der  Herstellung  eines  engeren  preußischen,  auf
freiwilligen  Eintritt  der  Mittel=  und  Kleinstaaten  rechnenden
Bundes  innerhalb  des  weiteren  Bundes.  Der  engere  Bund
sollte  im  Einverständnis  mit  Osterreich,  nicht  gegen  Osterreich
entstehen  und  bestehen.  Beraten  wurde  der  König  dabei  von
seinem  Freunde,  dem  General  von  Radowitz.  Am  28.  April
1849  hatte  Preußen  zu  Konferenzen  eingeladen.  Am  15.  Mai
erließ  der  König  eine  Proklamation,  in  welcher  er  die  Ablehnung
  der  Kaiserwürde  und  die  inzwischen  erfolgte  Abberufung
der  preußischen  Abgeordneten  aus  der  Frankfurter  Versammlung
  begründete  und  versprach,  das  in  Frankfurt  begonnene
Werk  der  deutschen  Verfassung  im  Einverständnis  mit  den
größern  deutschen  Staaten  wieder  aufzunehmen.  Am  17.  Mai
begannen  die  Verhandlungen,  am  26.  kam  das  Dreikönigsbündnis
  zustande.  Sachsen  und  Hannover  traten  bei  unter
der  Voraussetzung,  daß  die  vorgeschlagene  Verfassung,  abgesehen
  von  Osterreich,  das  ganze  Deutschland  umfasse;  Versuche,
  Bayern  und  Württemberg  zu  gewinnen,  waren  erfolglos.
  Am  26.  Juni  trat  die  Kaiserpartei  der  Frankfurter
Nationalversammlung  in  Gotha  zusammen  und  sprach  ihre
volle  Zustimmung  zu  Preußens  Vorgehen  aus.  Am  25.  August
machte  von  Radowitz  als  Kommissar  der  Regierung  in  der
zweiten  Kammer  Mitteilung  von  dem  Stande  der  Verhandlungen.
  Als  meisterhafter  Redner  riß  er  Freund  und  Feind
mit  sich  fort  und  am  Schlusse  steigerte  sich  der  Beifall  zu  einer
seltenen  Höhe.  Bismarck  nahm,  weil  er  nicht  offen  gegen  die
Politik  der  Regierung  Front  machen  wollte,  in  der  Kreuzzeitung,
ohne  seinen  Namen  zu  nennen,  Stellung.  Er  nannte  die  Rede
eine  ausgezeichnete  deklamatorische  Vorstellung,  durch  welche
        <pb n="138" />
        Union  und  Dreikönigsbund  129

die  Kammer  hingerissen,  in  ihrer  Selbständigkeit  vernichtet  sei
durch  das  Rührende  der  Rede,  durch  glänzende  Worte,  durch
einen  ergreifenden,  bravoschwangeren  Ton  der  Stimme
Die  Rührung  war  eine  allgemeine,  ohne  daß  wir  in  der  gedruckten
  Rede  gerade  die  Stelle  bezeichnen  könnten,  über  die
jeder  einzelne  weinte.  Die  Versammlung  merkte  wohl  kaum,
daß  nicht  ihr  Urteil  berichtigt,  sondern  ihr  Gefühl  zur  Begeisterung
  gesteigert,  daß  sie  nicht  überzeugt,  sondern  hingerissen
wurde  von  dem  außerordentlichen  Manne.  Er  hätte  von  der
Kammer  alles,  auch  Millionen,  fordern  können;  es  wäre  sofort
bewilligt  worden.“  Bismarck  hatte  die  Rede  angreifen  wollen,
sich  aber  zurückgehalten,  um  den  König  nicht  zu  erzürnen;  die
ironische  Parlamentsschilderung  konnte  er  aber  nicht  unterdrücken;
  an  anderen  Stellen  steigert  diese  sich  zu  hohem  Humor,
wenn  sie  berichtet,  „daß  die  Rede  bei  einem  der  zentralsten  Pfeiler
preußischer  Gerechtigkeit  das  Bestreben,  die  sichtbaren  Zeichen
der  Rührung  zu  unterdrücken,  so  ungewöhnliche  Konstellationen
der  Gesichtszüge  hervorgebracht  habe,  daß  ein  Spaßvogel,  dem
selbst  dieser  Moment  nicht  heilig  war,  meinte,  jener  müsse  eben
das  Unglück  gehabt  haben,  Oberschlesser  statt  Oberungar  zu
trinken.“  Seiner  Frau  schrieb  Bismarck  in  diesen  Tagen:  „Die
deutsche  Frage  wird  überhaupt  nicht  in  unsern  Kammern,  sondern
  in  der  Diplomatie  und  im  Felde  entschieden,  und  alles
was  wir  darüber  schwatzen  und  beschließen,  hat  nicht  mehr
Werth  als  die  Mondscheinbetrachtungen  eines  sentimentalen
Jünglings,  der  Luftschlösser  baut  und  denkt  daß  irgend  ein
unverhofftes  Ereigniß  ihn  zum  großen  Mann  machen  werde.
Je  m'en  mogque,  und  die  farce  langweilt  mich  oft  recht  tief,
weil  ich  kein  vernünftiges  Ziel  dieses  Strohdreschens  vor  Augen
sehe."“

Am  6.  September  kämpfte  Bismarck  mit  offenem  Visier,
doch  mit  zarter  Rücksichtnahme  auf  die  Regierung,  gegen  ihre
Politik.  Diese  machte  Mitteilung  vom  Stand  der  deutschen
  Verfassungsangelegenheit  und  erklärte  dazu,  daß  die
preußische  Volksvertretung  gemäß  Artikel  111  der  preußischen
Verfassung,  wenn  einmal  künftig  der  Abschluß  des  deutschen

A.  Matthias,  Bismarck  9
        <pb n="139" />
        130  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

Verfassungswerkes  erfolgt  sein  werde,  bloß  noch  zu  befinden
habe,  ob  die  vom  Könige  getroffenen  Abänderungen  der  preußi—
schen  Verfassung  „mit  der  deutschen  Verfassung  im  Einklang
stehen“.  Bismarck  erklärte  zunächst,  daß  er  mit  dem  Dreikönigs-Vertrage
  nicht  vollkommen  einverstanden  sei,  setzte  aber
als  höflicher  Mann  hinzu:  „Ich  kann  aber  in  diesem  Umstande
  keinen  Grund  sinden,  einem  Ministerium  meine  Unterstützung
  zu  entziehen,  in  welchem  ich  die  Vertreter  gesellschaftlicher
  und  staatlicher  Zivilisation,  gegenüber  der  Demokratie,
anerkenne  und  ehre.“  Ein  demokratisches  Blatt,  die  „Vossische
Zeitung“  vom  8.  September,  bemerkte  dazu:  „Der  Abgeordnete
von  Bismarck  hat  in  der  Abstimmung  seine  preußische  Überzeugung
  der  preußischen  Regierung  zum  Opfer  in  deren  Schritten
für  den  Bundesstaat  gebracht.  Es  liegt  ein  Edelmut,  eine
Hochherzigkeit  hierin,  die  uns  als  Muster  der  Resignation  des
Sohnes  seines  Vaterlandes  dasteht,  wenn  wir  auch  der  politischen
  Ansicht  des  Herrn  von  Bismarck  schnurstracks  entgegen
  sind.“  —  Bismarck  erklärte  nun  aber  weiter:  „Ich  kann
jedoch  dabei  den  Wunsch  nicht  unterdrücken,  daß  es  das  letztemal
  sein  möge,  daß  die  Errungenschaften  des  preußischen
Schwertes  mit  freigebiger  Hand  weggegeben  werden,  um  die
nimmersatten  Anforderungen  eines  Phantoms  zu  befriedigen,
welches  unter  dem  fingierten  Namen  von  Zeitgeist  oder  öffentlicher
  Meinung  die  Vernunft  der  Fürsten  und  Völker  mit
seinem  Geschrei  betäubt,  bis  jeder  sich  vor  dem  Schatten  des
andern  fürchtet  und  alle  vergessen,  daß  unter  der  Löwenhaut
des  Gespenstes  ein  Wesen  steckt,  von  zwar  lärmender,  aber
wenig  furchtbarer  Natur.“

Dann  aber  nahm  er  scharfe  Frontstellung  gegen  den  zweiten
Teil  der  Regierungserklärung,  daß  nämlich  die  preußischen
Kammern  die  Zukunft  des  Vaterlandes  unwiederbringlich  an
den  Beschluß  einer  Reichsversammlung  binden  sollten,  deren
Zusammensetzung  man  noch  nicht  kenne,  und  an  die  Entscheidung
  eines  zukünftigen  Ministeriums,  das  man  auch  noch  nicht
kenne.  Solch  einem  vorzeitigen  Antrag  dürfe  man  nicht  zustimmen,
  weil  er  kein  praktisches  Resultat  gewähre,  wenn  er
        <pb n="140" />
        Der  Dreikönigsbund  131

in  dieser  Form  angenommen  würde.  Auch  deshalb  betrachte
er  diesen  Antrag  als  vorzeitig,  weil  die  Existenz  des  sogenannten
Dreikönigsbundes  noch  nicht  soweit  gesichert  sei,  um  sein  Bestehen
  den  Beschlüssen  zugrunde  zu  legen.  Und  wie  wolle  man
denn  diesen  Bund  einschachteln,  ohne  Widersprüche  hervorzurufen?
  Dann  weiter  die  Nachteile  für  Preußen!  Der  König
von  Preußen  verliert  seine  Initiative,  sein  Veto  in  der  Gesetzgebung;
  er  kann  wider  seinen  Willen  genötigt  werden,  Gesetzen
  beizustimmen,  die  er  mißbilligt;  Preußen  verzichtet  auf
die  freie  Disposition  über  sein  Heer  und  seine  Finanzen  und
verpflichtet  sich,  seine  sämtlichen  Aktiva  aller  Art  einzuwerfen
in  den  Konkurs  der  übrigen  deutschen  Staaten  ohne  Gewärtigung
  eines  Aquivalents.  Alles  dieses  und  noch  vieles  andere
schreckte  Bismarck  ab.  Entschieden  aber  wies  er  die  Bezugnahme
  auf  Friedrich  den  Großen  zurück,  dessen  Politik  man
mit  dem  Antrage  der  Kommissson  gleichgestellt  hatte.  „Friedrich
der  Große“,  so  warf  er  ein,  „hätte  das  Gutachten  nicht  gemacht,
  ich  glaube  vielmehr,  daß  er  sich  an  die  hervorragendste
Eigentümlichkeit  preußischer  Nationalität,  an  das  kriegerische
Element  in  ihr,  gewandt  haben  würde,  und  nicht  ohne  Erfolg.
Er  würde  gewußt  haben,  daß  noch  heute,  wie  zu  den  Zeiten
unserer  Väter,  der  Ton  der  Trompete,  die  zu  den  Fahnen  des
Landesherrn  ruft,  seinen  Reiz  für  ein  preußisches  Ohr  nicht
verloren  hat,  mag  es  sich  nun  um  eine  Verteidigung  unserer
Grenzen,  mag  es  sich  um  Preußens  Ruhm  und  Größe  handeln.
Er  hätte  die  Wahl  gehabt,  sich  nach  dem  Bruch  mit  Frankfurt
  an  den  alten  Kampfgenossen,  an  Osterreich  anzuschließen,
dort  die  glänzende  Rolle  zu  übernehmen,  welche  der  Kaiser
von  Rußland  gespielt  hat,  im  Bunde  mit  Osterreich  den  gemeinsamen
  Feind,  die  Revolution,  zu  vernichten.  Oder  es  hätte
ihm  freigestanden,  mit  demselben  Recht,  mit  dem  er  Schlessen
eroberte,  nach  Ablehnung  der  Frankfurter  Kaiserkrone  den
Deutschen  zu  befehlen,  welches  ihre  Verfassung  sein  solle,  auf
die  Gefahr  hin,  das  Schwert  in  die  Wagschale  zu  werfen.
Dies  wäre  eine  nationale  preußische  Politik  gewesen.  Sie
hätte  Preußen  im  ersten  Falle  in  Gemeinschaft  mit  Osterreich,
92
        <pb n="141" />
        132  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

im  andern  Falle  durch  sich  allein  die  richtige  Stellung  gegeben,
um  Deutschland  zu  der  Macht  zu  helfen,  die  ihm  in  Europagebührt.
  Der  vorliegende  Verfassungsentwurf  aber  vernichtet
das  spezisische  Preußentum.  ..

„Was  uns  gehalten  hat,  war  gerade  das  spezisische  Preußentum.
  Es  war  der  Rest  des  verketzerten  Stockpreußentums,  der
die  Revolution  überdauert  hatte,  die  preußische  Armee,  der
preußische  Schatz,  die  Früchte  langjähriger  intelligenter  preußischer
  Verwaltung  und  die  lebendige  Wechselwirkung,  die  in
Preußen  zwischen  König  und  Volk  besteht.  Es  war  die  Anhänglichkeit
  der  preußischen  Bevölkerung  an  die  angestammte
Dynastie,  es  waren  die  alten  preußischen  Tugenden  von  Ehre,
Treue,  Gehorsam  und  die  Tapferkeit,  welche  die  Armee,  von
deren  Knochenbau,  dem  Offizierkorps,  ausgehend,  bis  zu  den
jüngsten  Rekruten  durchziehen.  Diese  Armee  hegt  keine  dreifarbigen
  Begeisterungen,  in  ihr  werden  Sie  ebensowenig,  als
in  dem  übrigen  preußischen  Volke,  das  Bedürfnis  nach  einer
nationalen  Wiedergeburt  finden.  Sie  ist  zufrieden  mit  dem
Namen  Preußen  und  stolz  auf  den  Namen  Preußen.  Diese
Scharen,  sie  folgen  dem  schwarz-weißen  Banner,  nicht  dem
dreifarbigen,  unter  dem  schwarz-weißen  Banner  sterben  sie  mit
Freuden  für  ihr  Vaterland.  Das  dreifarbige  haben  sie  seit  dem
18.  März  als  Feldzeichen  ihrer  Gegner  kennen  gelernt.  Unter
ihnen  sind  die  Töne  des  Preußenliedes,  des  Dessauer  und
des  Hohenfriedberger  Marsches  wohl  gekannt  und  geliebt,  aber
ich  habe  noch  keinen  preußischen  Soldaten  singen  hören:  „Was
ist  des  Deutschen  Vaterland?“

„Das  Volk,  aus  dem  diese  Armee  hervorgegangen  ist,  dessen
wahrster  Repräsentant  diese  Armee  ist,  hat  kein  Bedürfnis,  sein
preußisches  Königtum  verschwimmen  zu  sehen  in  der  fauligen
Gärung  süddeutscher  Zuchtlosigkeit.  Seine  Treue  haftet  nicht
an  einem  papiernen  Reichsvorstand,  nicht  an  einem  Sechstel-Fürstenrat,
  sie  haftet  an  dem  lebendigen  und  freien  Könige
von  Preußen,  dem  Erben  seiner  Väter.  Dieses  Volk,  was  es
will,  das  wollen  wir  auch  mit  ihm.  Alle  Redner,  welche  ich
gehört  habe,  wollen  es  auch,  nur  auf  verschiedenem  Wege.  Wir
        <pb n="142" />
        Das  Preußentum  der  letzte  Pfeiler  deutscher  Macht  133

alle  wollen,  daß  der  preußische  Adler  seine  Fittiche  von  der
Memel  bis  zum  Donnersberge  schützend  und  herrschend  ausbreite,
  aber  frei  wollen  wir  ihn  sehen,  nicht  gefesselt  durch
einen  neuen  Regensburger  Reichstag,  und  nicht  gestutzt  an
den  Flügeln  von  jener  gleichmachenden  Heckenschere  aus  Frankfurt.
  Preußen  sind  wir  und  Preußen  wollen  wir  bleiben;  ich
weiß,  daß  ich  mit  diesen  Worten  das  Bekenntnis  der  preußischen
  Armee,  das  Bekenntnis  der  Mehrzahl  meiner  Landsleute
ausspreche,  und  hoffe  ich  zu  Gott,  daß  wir  auch  noch  lange
Preußen  bleiben  werden,  wenn  dieses  Stück  Papier  vergessen
sein  wird,  wie  ein  dürres  Herbstblatt.“

Am  folgenden  Tage  kam  der  Abgeordnete  von  Beckerath  auf
diese  Worte  zurück  und  bemerkte:  „Wo  viel  Licht  ist,  da  muß
auch  viel  Schatten  sein;  das  große  deutsche  Vaterland  muß  auch
einen  verlorenen  Sohn  haben.  Der  geehrte  Abgeordnete  ist  mir
zu  meinem  Bedauern  als  ein  solcher  erschienen,  er  will  kein
deutsches  Vaterland  kennen,  er  will  nichts  wissen  von  dem
Vaterlandsgesange,  der  von  den  südlichen  Alpen  bis  zu  den
nordischen  Meeren  erschallt,  ja  der  noch  jenseits  des  Ozeans
unsere  ausgewanderten  Brüder  mit  Entzücken  und  mit  Sehnsucht
  nach  dem  Heimatlande  erfüllt.“  Bismarck  protestierte
dagegen:  „von  Beckerath  hat  mir  Außerungen  unterschoben,
die  ich  keinenfalls  gemacht  habe;  er  meint,  ich  hätte  alle
Einheitsbestrebungen  für  demokratische  erklärt.  Das  ist  unwahr.
  .  ..  Der  Redner  hat  mich  nachher  einen  verlorenen
Sohn  Deutschlands  genannt.  Meine  Herren!  Mein  Vaterhaus
ist  Preußen,  und  ich  habe  mein  Vaterhaus  noch  nicht  verlassen
  und  werde  es  nicht  verlassen.“  Die  Vossische  Zeitung
protestierte  in  dem  schon  erwähnten  Artikel  gegen  die  Intoleranz
  der  staatsmännischen  Ansicht  von  Beckeraths  und  sagte
über  Bismarck  und  seine  Gesinnungsgenossen:  „Mögen  die
edlen  Männer,  die  fürs  isolierte  Preußen  aus  patriotischen
Uberzeugungen  sind,  dieses  hochherzigen  Vormannes  vortreffliches
  Beispiel  befolgen,  uns  deutschgesinnten  Preußen  helfen.
Sollte  das  aber  schief  ablaufen,  sollte  die  Spur  eines  Mißgriffes
  sich  bei  diesem  Entschluß  zeigen,  so  sei  diesen  Herzen
        <pb n="143" />
        134  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

im  voraus  die  volle  rückhaltlose  Umkehr  zur  alten  isolierten
Fahne  zugesagt.“

Das  Dreikönigsbündnis  hatte  keinen  Bestand.  Schon  Anfang
1850  schlossen  sich  Hannover  und  Sachsen  an  Württemberg,
Bayern  und  Osterreich  an.  Die  Unionsstaaten  beriefen  auf
Grund  des  vereinbarten  Wahlgesetzes  das  deutsche  Parlament
nach  Erfurt.  Bismarck  wurde  im  sechsten  Potsdamer  Wahlkreis
gewählt;  mit  großen  Erwartungen  ging  er  im  März  1850  nicht
nach  Erfurt.  Er  kam  dorthin,  wie  er  später  einmal  gesagt,  mit
denjenigen  politischen  Anschauungen,  die  er  aus  dem  Vaterhause
mitbrachte,  geschärft  durch  den  Kampf  gegen  die  Angriffe  der
Bewegung  von  1848  auf  Zustände,  die  ihm  wert  waren.  Viel
beteiligt  an  den  Debatten  hat  er  sich  nicht;  er  hatte  sich  ja  im
preußischen  Abgeordnetenhause  bereits  ausgesprochen  und  gewann
  bei  den  Verhandlungen  über  die  Verfassung  den  Eindruck,
daß  dieses  Parlament  mehr  und  mehr  in  die  Rolle  jenes  sterbenden
  Professors  von  Syrakus  —  des  Archimedes  —  verfalle,
der  den  auf  ihn  eindringenden  Tatsachen  in  theoretischer  Abstraktion
  sein  noli  turbare  circulos  meos  —  störe  meine  Kreise
nicht  —  zurief,  ohne  erheblichen  Eindruck  auf  irgend  jemanden
zu  machen.  Der  „Mondschein-“  und  „Professoren“  politik  gegenüber
  riet  Bismarck  überall  zu  Einschränkungen  in  Inhalt,  Form
und  Namen,  damit  man  nicht  „ridikül“  werde.  Der  Ausdruck
„Reich“  und  „Fürstenkollegium“  war  ihm  zu  hochz  er  riet  ihn
auf  „Union“  und  „Vereinsrat“  herabzusetzen,  und  er  fürchtete,
daß  von  den  jetzt  verbundenen  Staaten  noch  mehrere  „das  um
sie  geschlungene  Band  deutscher  Bruderliebe  zerreißen  würden“.
Mit  Ironie  sah  er  also  die  Erfurter  Dinge  an;  wo  aber  seine
Gegnerschaft  gegen  die  Demokratie  und  sein  preußischer  Stolz
in  Frage  kam,  da  ging  er  über  Ironie  und  Scherz  in  die
Tiefen  seines  Widerwillens  und  seiner  Liebe.  Bei  der  Beratung
des  Vereinsrechtes,  in  die  er  einzugreifen  die  Pflicht  fühlte,
sagte  er:  „Ich  bitte  Sie,  alles  zu  tun,  was  in  Ihrer  Macht
steht,  damit  dieser  Blasebalg  nicht  in  den  Händen  der  Demokratie
verbleibe,  um  die  Kohlen  unter  der  Asche  anzublasen.  Lassen
wir  uns  dadurch  nicht  täuschen,  daß  wir  unsre  Gegner  hier
        <pb n="144" />
        Das  Erfurter  Parlament  135

nicht  unter  uns  sehen,  die  Glut  dicht  unter  der  Asche  ist  leicht
wieder  anzufachen.  Ich  will  die  Demokratie  nicht  gerade  das
Reich  der  Geister  nennen,  aber  die  Geister,  die  verneinen,  gehören
  ihr,  und  wie  leicht  daran  ein  Reich  aufzuritzen  ist,  werden
wir  noch  erleben.“  —  Was  seine  preußische  Gesinnung  anbetraf,
so  hatte  er  seinen  Wählern  gesagt:  „Die  Zeit  ist  vorüber,  wo  die
Meinung  Gehör  fand,  daß  man  den  preußischen  Staat  schwächen
oder  auflösen  dürfe  —  er  dachte  wohl  an  des  Königs  Wort:
Preußen  geht  fortan  in  Deutschland  auf  —,  um  Deutschland
groß  zu  machen;  die  Stärke  Preußens  hat  Deutschland  gerettet;
die  Liebe  und  Treue  zwischen  dem  preußischen  Volke  und  seinem
Königshause  hat  die  Bestrebungen  der  Partei  zu  Boden  geschlagen,
  welche  in  Unordnung  und  Anarchie  die  Freiheit  und
das  Glück  der  Völker  sucht.“  Während  der  Tagung  hielt  er  es
für  seine  Pflicht,  noch  einmal  zu  warnen,  daß  Preußen  nicht
zu  viel  von  seiner  Eigenart  preisgebe.  Mit  Wehmut  sah  er  die
Sitze,  auf  denen  man  tagte,  mit  schwarz-rot-goldenen  Farben
geschmückt,  die  niemals  die  Farben  des  Deutschen  Reiches  gewesen
  seien,  die  aber  wohl  seit  zwei  Jahren  die  Farben  des
Aufruhrs  und  der  Barrikaden  seien,  Farben,  die  in  Preußen
neben  dem  Demokraten  nur  der  Soldat  in  trauerndem  Gehorsam
trage,  und  er  rief  in  dieser  Stimmung  dem  Hause  zu:  „Wenn
Sie  dem  preußischen,  dem  altpreußischen  Geiste,  nennen  Sie
ihn  stockpreußisch,  wenn  Sie  wollen,  nicht  mehr  Konzessionen
machen,  als  bis  jetzt  in  dieser  Verfassung  geschehen  ist,  dann
glaube  ich  nicht  an  eine  Verwirklichung  derselben,  und  wenn
Sie  sich  bemühen,  diese  Verfassung  diesem  preußischen  Geiste
aufzuzwängen,  so  werden  Sie  in  ihm  einen  Bucephalus  finden,
der  den  gewohnten  Reiter  und  Herrn  mit  mutiger  Freude
trägt,  den  unberufenen  Sonntagsreiter  aber  mitsamt  seiner
schwarz-rot-goldenen  Zäumung  auf  den  Sand  setzt.  Einen
Trost  gegen  diese  Eventualitäten  finde  ich  indessen  in  dem
festen  Glauben,  es  wird  nicht  lange  Zeit  vergehen,  so  werden
die  Parteien  zu  dieser  Verfassung  stehen,  wie  in  einer  Lafontaineschen
  Fabel  zwei  Arzte  zu  dem  Patienten,  dessen  Leiche
sie  verlassen.  Der  eine  sagt:  „Er  ist  tot,  ich  habe  es  gleich
        <pb n="145" />
        136  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

gesagt!“  der  andere:  „Hätte  er  meinen  Rat  befolgt,  so  würde
er  noch  leben.“

Am  15.  April  sprach  Bismarck  diese  Worte.  Am  29.  April
wurden  die  Sitzungen  geschlossen.  Die  kommenden  Ereignisse
trugen  gar  bald  die  Erfurter  Verfassung  zu  Grabe.

Am  26.  April  hatte  Osterreich  die  deutschen  Regierungen
auf  den  10.  Mai  zu  einer  Versammlung  nach  Frankfurt  a.  M.
eingeladen.  Mehrere  Regierungen  folgten.  Preußen  berief  einen
Kongreß  nach  Berlin,  um  die  Union  definitiv  zu  begründen.
Es  kam  aber  nur  ein  neues  Provisorium  zustande.  Osterreich
aber  proklamierte  mit  den  in  Frankfurt  versammelten  Vertretern
am  2.  September  den  alten  Bundestag  als  wieder  zu  Recht
bestehend.  Am  21.  September  sagte  dieser  trotz  Preußens  Protest
dem  aus  Anlaß  eines  Verfassungsbruchs  entflohenen  Kurfürsten
von  Hessen  seine  Hilfe  zu.  Ein  österreichisch-bayerisches  Korps
rückte  von  Süden  in  Hessen  ein;  zugleich  war,  da  Kurhessen
Mitglied  der  Union  war,  ein  preußisches  von  Norden  her  im
Anmarsch.  In  Berlin  fanden  Anfang  November  ernste  Beratungen
  statt,  bei  denen  General  von  Gerlach,  Graf  Brandenburg
  und  die  meisten  Minister  gegen  eine  Mobilmachung  und
gegen  den  König,  den  Prinzen  Wilhelm  und  Radowitz  waren,
der  seit  dem  September  Minister  des  Auswärtigen  war.  Radowitz
  nahm  seine  Entlassung,  Manteuffel  wurde  Minister  des
Auswärtigen.  Gleichwohl  wurde,  besonders  auf  Dringen  des
Prinzen  von  Preußen,  mobil  gemacht  und  am  8.  November
kam  es  zu  einem  Vorpostengefecht  bei  Bronzell,  wo  das  Pferd
eines  preußischen  Trompeters  (der  Schimmel  von  Bronzell)
getötet  wurde.

Aber  gegenüber  der  Tatsache,  daß  Preußen  nicht  nur  mit
Osterreich,  sondern  zugleich  mit  Nikolaus  von  Rußland  hätte
kämpfen  müssen,  den  der  Ministerpräsident  Graf  Brandenburg
in  Warschau  vergeblich  für  Preußen  zu  gewinnen  versuchte,  gab
dieses  nach.  Manteuffel,  nach  des  Grafen  Brandenburg  plötzlichem
  Tode  Ministerpräsident,  kam  mit  dem  Fürsten  Schwarzenberg
  am  29.  November  in  Olmütz  zusammen:  Preußen  verzichtete
  auf  die  Union,  gab  seine  Zustimmung  zum  Zusammentritt
        <pb n="146" />
        Bronzell  und  Olmütz  137

des  Bundestages  und  zur  Bundesexekution  in  Hessen  und  Holstein,
  das  man  zu  „paziffzieren“  wünschte.

So  lagen  die  Dinge,  als  der  preußische  Landtag  Ende
November  zusammentrat.  Wie  Bismarcks  Stimmung  in  diesem
Monat  war,  erfahren  wir  vor  allem  aus  seinen  Briefen.  Am
7.  November  schreibt  er  über  den  Rücktritt  Radowitzens  an  den
Kreuzzeitungsredakteur  Wagener:  „Ich  bin  vorgestern  bei  Lesung
Ihres  Montagsblattes  vor  Freude  auf  meinem  Stuhl  rund  um
den  Tisch  geritten,  und  manche  Flasche  Sect  ist  auf  die  Gesundheit
  des  Herrn  von  Radowitz  getrunken,  zum  ersten  Male
fühlt  man  Dank  gegen  ihn  und  wünscht  ihm  ohne  Groll  glückliche
  Reise.  Mir  selbst  ist  das  Herz  recht  frei  geworden,  und
ich  fühle  ganz  mit  Ihnen;  lassen  Sie  jetzt  Krieg  werden,  wo
und  mit  wem  man  will,  und  alle  preußischen  Klingen  werden
hoch  und  freudig  in  der  Sonne  blitzen;  mir  ist  es  wie  ein  Alp
vom  Herzen  gefallen.  Sie  glauben  nicht,  wie  stark  übrigens
der  deutsche  Schwindel  und  die  Wuth  auf  Osterreich  hier  selbst
in  den  conservativsten  Schichten  um  sich  gegriffen  hat.“  Man
sieht,  er  steht  nicht  gegen  Osterreich;  aber  scharf  gegen  die
deutsche  Bewegung,  die  ihm  zu  sehr  Preußens  Grundlagen
unterwühlt.  Wenn  die  preußischen  Klingen  für  preußische
Interessen  in  der  Sonne  blitzen  sollen,  dann  ist's  ihm  recht,
für  deutsch-demokratische  sind  sie  ihm  zu  gut.

Um  die  Mitte  des  Monats  schreibt  er  an  seine  Frau,  daß
die  hessische  und  holsteinische  Sache  für  Preußen  und  namentlich
  für  die  konservative  Partei  nicht  das  Interesse  habe,  daß
es  deshalb  lohne,  Menschen,  und  gar  Soldaten  zu  opfern.
Er  wünsche  einen  baldigen  ehrenvollen  Frieden,  der  im  wesentlichen
  dahin  gehe,  daß  Preußen  und  Osterreich  sich  unter  voller
Gleichberechtigung  miteinander  auf  Kosten  der  kleinen  Staaten
versöhnen.  Wie  wir  weiter  aus  diesen  Briefen  erfahren,  verteidigte
  er  in  diesen  Tagen  vom  Morgen  bis  zum  Abend  gegen
ganz  vernünftige  Leute  mit  derselben  Heftigkeit  die  Notwendigkeit
  des  Friedens,  mit  der  er  gegen  General  Gerlach  für  die
Notwendigkeit  des  Krieges  unter  gewissen  Umständen  (d.  h.  im
Falle  zu  großer  österreichischer  Impertinenz)  zankte.  Er  glaubte
        <pb n="147" />
        138  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

in  dieser  Zeit  (und  darin  irrte  er),  Rußland  werde  alle  aus
Preußens  militärischem  Ehrgefühl  hervorgehenden  Forderungen
und  Preußens  Ansprüche  auf  Machtvergrößerung  stützen,  wenn
nur  Ruhe  in  Holstein  werde  und  Preußen  die  parlamentarische
  Union  fallen  lasse.  Noch  am  24.  November,  wenige
Tage  vor  Olmütz,  schreibt  er  ein  kräftiges  Wort  gegen  den
Krieg:  „Der  Krieg  wäre  jetzt  ein  vollständiger  Unsinn,  der  von
Hause  aus  die  Folge  haben  würde,  daß  unsere  Regierung  noch
zwei  Meilen  weit  links  rutschen  würde.  Es  sei  undenkbar,
daß  konservative  Armeen,  die  einander  lieben  und  achten,  sich
zerfleischen  und  die  Geschicke  Deutschlands  in  die  Hände  der  Fremden
gelegt  würden,  wie  es  denn  bei  einem  Zwist  zwischen  Preußen
und  Osterreich  nicht  anders  sein  könne.  .  .  „Für  die  Demokraten
aller  Länder  werden  wir  siegen,  wenn  wir  siegen,  und  jeder
Demokrat  wird  seine  Wunden  dem  Könige  als  eine  unbezahlte
Rechnung  vorzeigen,  wenn  wir  mit  seiner  Hilfe  gestegt  haben
werden.  Ich  kann  meine  Thränen  nicht  halten,  wenn  ich
denke,  was  aus  meinem  Stolz,  meiner  Freude,  meinem  Vaterlande
  geworden  ist,  das  treue,  tapfere,  ehrliche  Preußenvolk,
trunken  gemacht  mit  dem  Taumelkkelch,  den  sie  preußische  Ehre
nennen.  Ich  kenne  keine  Ehre,  die  darin  besteht,  daß  man  den
Weg  der  Revolution  mit  Worten  verdammt  und  mit  Taten
geht.“  Die  immer  wieder  betonte  preußische  Ehre,  läßt  doch
darauf  schließen,  daß  auch  für  Bismarck  der  Pille  von  Olmütz,
die  nun  einmal  zu  schlucken  war,  eine  starke  Dosis  Bitternis
beigemischt  war.

Am  3.  Dezember,  wenige  Tage  nach  Olmütz,  hielt  er  seine
große  Rede  in  der  zweiten  Kammer,  die  staatsmännische  Größe
atmete  und  die  unter  dem  Eindrucke  stand  von  Mitteilungen,
die  er  aus  dem  Kriegsministerium  und  wohl  auch  aus  dem
Auswärtigen  Amt  bekommen  hatte;  denn  in  dieser  Rede  ist  er
über  Rußlands  Stellung  genau  unterrichtet.

Der  Kriegsminister  Stockhausen  hatte  ihm  als  zwingende
Gründe  für  den  Frieden  oder  doch  für  den  Aufschub  des  Krieges
die  Unmöglichkeit  angegeben,  die  Armee  rechtzeitig  oder  überhaupt
  zu  mobilisieren,  da  die  Stämme  vollkommen  verzettelt  seien.
        <pb n="148" />
        Olmütz  139

Er  bat  Bismarck,  auf  die  Abgeordneten  vertraulich  im  Sinne
der  Mäßigung  einzuwirken.  Stockhausen  war  nicht  imstande,
die  Unterlassungssünden  und  die  Planlosigkeit  der  preußischen
Politik  durch  plötzliche  militärische  Leistungen  wieder  gut  zu
machen,  und  er  geriet  in  eine  Situation,  die  selbst  der  politische
Leiter  im  Ministerium,  Graf  Brandenburg,  nicht  für  möglich
gehalten  hatte.  Dieser  „erlag“,  wie  Bismarck  sagt,  „der  Enttäuschung,
  welche  sein  hohes  patriotisches  Ehrgefühl  in  den
letzten  Tagen  seines  Lebens  erlitten  hatte.“  Er  starb  am  6.  November.
  Ob  es  legendär  ist  oder  nicht,  daß  Brandenburg  am
„gebrochenen  Herzen“  gestorben  sei,  auch  Bismarcks  Mut  war
in  gewissem  Sinne  gebrochen.  Er  hätte  die  preußische  Politik
mit  ähnlichen  Worten  in  der  Kammer  beurteilen  können,  wie  am
2.  April  1848:  „Ich  akzeptiere  die  Dinge  ohne  weiteres,  weil
ich  mir  nicht  anders  helfen  kann,  nicht  freiwillig,  sondern  durch
den  Drang  der  Verhältnisse  getrieben“.  Er  tat  nun  mehr,  als
Stockhausen  von  ihm  erbeten  hatte;  er  riet  nicht  nur  seinen
Freunden  zur  Mäßigung.  Er  stellte  sich  auf  die  Bresche  vor
die  Regierung  und  deckte  ihre  Politik,  während  er  doch  noch  am
22.  November  mit  General  Gerlach  für  die  Notwendigkeit  des
Krieges  bei  zu  großer  österreichischer  Impertinenz  „gezankt“  hatte.
In  der  Kammer  sprach  er  gegen  jenen  Krieg,  der  kein  Feldzug
einzelner  Regimenter  nach  Schleswig  oder  Baden,  keine  militärische
  Promenade  durch  unruhige  Provinzen  sein  werde,  sondern
ein  Krieg  in  großem  Maßstabe  gegen  zwei  unter  den  großen
Kontinentalmächten  —  Osterreich  und  Rußland  —,  während
die  dritte  —  Frankreich  —  beutelustig  an  der  preußischen  Grenze
rüste  und  sehr  wohl  wisse,  daß  im  Dom  zu  Köln  das  Kleinod
zu  finden  sei,  welches  geeignet  wäre,  die  französische  Revolution
zu  schließen  und  die  dortigen  Machthaber  zu  befestigen,  nämlich
  die  französische  Kaiserkrone.  Für  einen  Staatsmann  sei  es
leicht,  im  Kabinette  oder  in  der  Kammer  mit  dem  populären
Winde  in  die  Kriegstrompete  zu  stoßen  und  sich  dabei  an  seinem
Kaminfeuer  zu  wärmen  oder  von  der  Tribüne  der  Kammer
donnernde  Reden  zu  halten,  und  es  dem  Musketier,  der  auf
dem  Schnee  verblute,  zu  überlassen,  ob  sein  System  Sieg  und
        <pb n="149" />
        140  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

Ruhm  erwerbe  oder  nicht.  „Es  ist  nichts  leichter  als  das,  aber
wehe  dem  Staatsmann,  der  sich  in  dieser  Zeit  nicht
nach  einem  Grunde  zum  Kriege  umsieht,  der  auch  nach
dem  Kriege  noch  stichhaltig  ist.“  Und  dann  setzte  er  sich,
der  doch,  wie  wir  aus  seinen  Briefen  wissen,  nicht  aufrichtig  davon
überzeugt  war,  daß  die  preußische  auswärtige  Politik  volle  Ehre
eingelegt  habe,  für  diese  preußische  Ehre  mit  voller  Wucht  ein:
„Ich  habe  das  volle  Vertrauen,  und  ich  glaube,  die  Mehrzahl
der  Preußen  hat  es  mit  mir,  daß  das  Ministerium,  welches  im
November  1848  die  Ehre  des  Vaterlandes  gewahrt  hat,  daß
der  General,  auf  den  die  ganze  Armee  mit  Achtung  sieht  und
der  an  der  Spitze  des  Kriegsministeriums  steht,  daß  sie  und  ihre
Kollegen  auch  wissen,  was  preußische  Ehre  ist,  und  wie  sie  zu
wahren  sei.  Die  preußische  Ehre  besteht  nach  meiner  Uberzeugung
  nicht  darin,  daß  Preußen  überall  in  Deutschland  den
Don  Qufxote  spiele  für  gekränkte  Kammerzelebritäten,  welche
ihre  lokale  Verfassung  für  gefährdet  halten.  Ich  suche  die  preu-Hische
  Ehre  darin,  daß  Preußen  vor  allem  sich  von  jeder  schmachvollen
  Verbindung  mit  der  Demokratie  entfernt  halte,  daß  Preu-Hen
  in  der  vorliegenden  wie  in  allen  Fragen  nicht  zugebe,  daß
in  Deutschland  etwas  geschehe  ohne  Preußens  Einwilligung,  daß
dasjenige,  was  Preußen  und  Osterreich  nach  gemeinschaftlicher
unabhängiger  Erwägung  für  vernünftig  und  politisch  richtig
halten,  durch  die  beiden  gleichberechtigten  Schutzmächte  Deutschlands
  gemeinschaftlich  ausgeführt  werde.  Man  kann  sehr  darüber
  streiten,  was  in  diesen  Fällen,  namentlich  in  Hessen  und
Holstein,  politisch  und  vernünftig  sei.  Darüber  aber,  glaube
ich,  ist  die  Mehrzahl  von  uns  einig,  daß  es  wünschenswert
sei,  daß  in  Hessen  der  Rabulisterei  in  einem  Streite,  wo  ich
für  beide  Teile  nicht  einen  Schuß  Pulver  verbrennen  mag,
ein  Ende  gemacht  werde,  und  daß  der  unglückliche  Krieg  in
Schleswig-Holstein,  in  den  uns  die  unbesonnene  und  leichtfertige
  Politik  des  Jahres  1848  verflochten  hat,  ebenfalls  beseitigt
  werde.  Ich  selbst  wünsche  dringend  und  bestehe  auf
Wahrung  der  wirklichen  Rechte  der  Schleswig-Holsteiner,  eines
Stammes,  der  mir  durch  kriegerische  Tapferkeit  die  Achtung
        <pb n="150" />
        Olmütz  141

abgewonnen  hat,  die  ich  seinem  Bestreben  jederzeit  versagen
mußte,  seine  vermeintlichen  oder  wahren  Rechte  gegen  den  Landesherrn
  mit  revolutionärer  Waffengewalt  durchzufühten

„Die  Hauptfrage,  die  Krieg  und  Frieden  birgt,  die  Gestaltung
  Deutschlands,  die  Regelung  der  Verhältnisse  zwischen
Preußen  und  ÖOsterreich  und  der  Verhältnisse  von  Preußen
und  Osterreich  zu  den  kleineren  Staaten,  soll  in  wenigen
Tagen  der  Gegenstand  der  freien  Konferenzen  —  zu  Dresden
—  werden,  kann  also  jetzt  nicht  Gegenstand  eines  Krieges
sein.  Wer  den  Krieg  durchaus  will,  den  vertröste  ich  darauf,
daß  er  in  den  freien  Konferenzen  jederzeit  zu  finden  ist:  in
vier  oder  sechs  Wochen,  wenn  man  ihn  haben  will.  Ich  bin
weit  davon  entfernt,  in  einem  so  wichtigen  Augenblicke,  wie
dieser  ist,  die  Handlungsweise  der  Regierung  durch  Ratgeben
hemmen  zu  wollen.

„Wenn  ich  dem  Ministerium  gegenüber  einen  Wunsch  aussprechen
  wollte,  so  wäre  es  der,  daß  wir  nicht  eher  entwaffnen,
als  bis  die  freien  Konferenzen  ein  positives  Resultat  gegeben
haben;  dann  bleibt  es  noch  immer  Zeit,  einen  Krieg  zu  führen,
wenn  wir  ihn  wirklich  mit  Ehren  nicht  vermeiden  können  oder
nicht  vermeiden  wollen.“

So  schob  Bismarck  mit  großer  Klugheit  die  ganzen  Schwierigkeiten
  auf  das  Gebiet  der  Verhandlungen,  nicht  ohne  anzudeuten,
wie  Preußen  die  Zukunft  meistern  könne.  Mannhaft  wußte  er
als  königstreuer  Diener  seines  Herrn  die  schmerzlichen  Empfindungen
  über  die  politischen  Niederlagen  zu  unterdrücken  oder  mit
großer  Zartheit  zu  berühren.  Wie  ein  General  handelte  er,  der
den  Rückzug  so  ehrenvoll  deckt,  daß  man  die  Schlappe  darüber  zu
vergessen  versucht  ist.  Aber  nicht  nur  mannhaft,  auch  meisterhaft
war  dieses  Auftreten  des  Parlamentariers,  der  in  seiner  Rede
den  großen  Staatsmann  zeigte,  der  bald  zu  Größerem  berufen
werden  sollte,  als  in  der  Kammer  zu  sitzen,  wo  „erwachsene
Menschen  sich  über  Lappalien  stritten“,  unter  „den  wäsfrigen
Konstitutionellen“,  vor  „einem  kalt  servierten  Salat  von  Opposition
  aus  dem  Vereinigten  Landtage  und  Frankfurter  Rechten
mit  einer  Sauce  von  sentimentalen  Phrasen“.  —  So  viel
        <pb n="151" />
        142  6.  Der  preußische  „Selbstdenker“  in  seinem  parlamentarischen  Wirken

dürfte  zweifellos  sein:  Bismarcks  Rede  war  ein  Ereignis,  das
auf  Preußens  Politik  und  auf  Bismarcks  Lebensgang  einen
entscheidenden  Einfluß  haben  sollte;  der  Mann,  der  dem  Könige
schon  lange  als  ein  mutiger  und  kluger  Freund  galt,  hatte
sich  bei  Olmütz  als  ein  solcher  erprobt,  er  mußte  deshalb
an  einer  Stelle  stehen,  wo  der  preußische  Adler  seine  Fittiche
wieder  frei  ausbreiten  konnte  dem  Ziele  zu,  das  Bismarck
ihm  bereits  im  September  1849  gesetzt  hatte:  „schützend  und
herrschend  von  der  Memel  bis  zum  Donnersberge,  nicht  mehr
gefesselt  durch  einen  neuen  Regensburger  Reichstag  und  nicht
gestutzt  an  den  Flügeln  von  der  gleich  machenden  Heckenschere
aus  Frankfurt".
        <pb n="152" />
        7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.
1852—1859

n  April  1854  dachte  man  daran,  Bismarck  als  Bundestagsgesandten
  nach  Frankfurt  zu  schicken.  Manteuffel  fragte
ihn  —  Bismarck  kam  das  überraschendz  er  hatte  sich  nicht  dazu
gedrängt  —,  ob  er  die  Stelle  des  Bundestagsgesandten  annehmen
  wolle;  Bismarck  antwortete  einfach  mit  ja.  Der  König
ließ  ihn  zu  sich  bescheiden  und  sagte:  „Sie  haben  viel  Mut,
daß  Sie  so  ohne  weiteres  ein  Ihnen  fremdes  Amt  übernehmen.“
Bismarck  erwiderte:  „Der  Mut  ist  ganz  auf  seiten  Eurer
Majestät,  wenn  Sie  mir  eine  solche  Stellung  anvertrauen;  indessen
  sind  Eure  Majestät  ja  nicht  gebunden,  die  Ernennung
aufrecht  zu  erhalten,  sobald  sie  sich  nicht  bewährt.  Ich  selbst
kann  keine  Gewißheit  darüber  haben,  ob  die  Aufgabe  meine
Fähigkeit  übersteigt,  ehe  ich  ihr  näher  getreten  bin.  Wenn  ich
mich  derselben  nicht  gewachsen  finde,  so  werde  ich  der  erste  sein,
meine  Abberufung  zu  erbitten.  Ich  habe  den  Mut  zu  gehorchen,
wenn  Eure  Majestät  den  haben  zu  befehlen.“  Am  14.  Mai  traf
Bismarck  in  Frankfurt  ein,  zunächst  als  Legationsrat.

Die  Wahl  des  noch  nicht  sechsunddreißig  Jahre  alten  Mannes
  rief  in  amtlichen  Kreisen  allgemeines  Staunen  hervorz  ein
Mann  ohne  die  Weihe  staatlicher  Examina,  dessen  „vorfündflutliche“
  Anschauungen  im  Vereinigten  Landtage  und  in  der
zweiten  Kammer  Heiterkeit,  Gelächter  und  Murren  hervorgerufen,
  der  ein  Verteidiger  der  Politik  von  Olmütz  gewesen
sei,  nach  Frankfurt,  wo  es  galt  Preußens  Selbständigkeit
Osterreich  gegenüber  zu  wahren!  Auf  den  die  Zeitungen  spottend
  den  Scherz  des  Dechanten  von  Westminster  über  Lord
John  Russell  anwandten:  „Der  Mensch  würde  auch  das  Kommando
  einer  Fregatte  oder  eine  Steinoperation  übernehmen.“
Auch  General  von  Nochow,  der  nach  Petersburg  als  Gesandter
bestimmt  und  provisorisch  Bundestagsgesandter  in  Frankfurt
war,  arbeitete  gegen  Bismarck  und  suchte  ihn  als  Gesandten
        <pb n="153" />
        144  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

nach  Darmstadt  zu  bringen;  die  Osterreicher  wühlten  in  Berlin,
weil  sein  Schwarz-Weiß  ihnen  nicht  gelb  genug  war.  Alle  diese
Bemühungen  hatten  aber  keinen  Erfolg.  Am  11.  Juli  schrieb
Manteuffel,  der  König  habe  die  Ernennung  zum  Gesandten
genehmigt.  Herr  von  Nochow  solle  aber  nicht  brusquement
weggeschickt,  sondern  mit  aller  Rücksichtnahme  behandelt  werden.
Bismarck  tat  das  Seinige  dazu.  Als  am  15.  Juli  seine  Ernennung
  kam  und  von  Rochow,  ohne  ihn  von  seiner  Abreise  zu
unterrichten  und  ihm  die  Akten  zu  übergeben,  abreiste,  ging
Bismarck  dennoch  zur  Bahn,  um  seinen  Dank  für  das  ihm  bewiesene
  Wohlwollen  auszusprechen.

Der  neue  Aufenthalt  behagte  ihm;  die  Stadt  war  nicht  so
übel,  wie  Bismarcks  Frau  fürchtete.  Bismarck  mietete  eine
Gartenvilla,  blumig  und  elegant,  vor  dem  Tore,  wo  eine  abgeschlossene,
  an  das  Landleben  erinnernde  Häuslichkeit  möglich
war.  Sonst  war  das  Leben  für  ihn  zunächst  langweilig.  Die
Natur  entschädigte  und  erquickte  ihn.  Spaziergänge,  auf  denen
er  in  reizender  Sommernachtluft,  Mondschein  und  Pappelblättergeschwirr
  den  Aktenstaub  des  Tages  abschüttelte.  Auch
fuhr  er  wohl  nach  Rüdesheim,  nahm  sich  einen  Kahn,  ruderte
auf  den  Rhein  hinaus  und  schwamm  im  Mondschein,  nur  Nase
und  Augen  über  dem  lauen  Wasser,  bis  nach  dem  Mäuseturm
bei  Bingen,  wo  der  böse  Bischof  umkam.  „Es  ist  etwas  seltsam
träumerisches,“  schreibt  er  seiner  Frau,  „so  in  stiller  warmer
Nacht  im  Wasser  zu  liegen,  vom  Strom  langsam  getrieben,
nur  den  Himmel  mit  Mond  und  Sternen,  und  seitwärts  die
waldigen  Berggipfel  und  Burgzinnen  im  Mondlicht  zu  sehen,
und  nichts  als  das  leise  Plätschern  der  eigenen  Bewegung  zu
hören;  ich  möchte  alle  Abend  so  schwimmen.“  Zur  Empfänglichkeit
  für  schöne  Natur  kommt  Empfänglichkeit  für  Geselligkeit
  und  die  glückliche  Kunst  der  Charakteristik,  die  keinem
Diplomaten  fehlen  sollte  und  bei  Bismarck  in  stilistischen  Meisterstücken
  sich  kundgibt.  Gleich  nach  seiner  Ankunft  fühlt  er  sich
angezogen  von  Lord  und  Lady  Cowley,  der  englischen  Gesandtenfamilie,
  sehr  guten  und  angenehmen  Leuten;  sie  eine  elegante
Frau  von  gegen  vierzig,  sehr  weltlich,  aber  wohlwollend  und
        <pb n="154" />
        Die  ersten  Eindrücke  in  Frankfurt  145

schnell  bekannt;  Bismarck  stellte  sich  sofort  auf  Freundschaftsfuß
  mit  ihr,  um  eine  mächtige  Stütze  für  seine  Frau  an  ihr
zu  haben,  wenn  diese  in  das  kalte  Bad  der  diplomatischen
Gesellschaft  steigen  mußte.  Er  verkehrte  auch  im  Salon  der
Frau  von  Vrintz,  einer  Schwester  der  Frau  des  russischen
Gesandten  Meyendorf,  wo  sich  die  Diplomatie  alle  Abend  zusammenfand
  und  er  die  Gräfin  Thun  sah,  eine  junge,  sehr
schöne  Frau,  deren  Art  ihn  an  seine  Schwester  Malwine  erinnerte,
  dann  den  Marquis  de  Tallenay,  den  französischen  Gesandten,
  einen  höflichen  Fünfziger,  den  Grafen  Szechenyi,  einen
lustigen  jungen  Magyaren,  voller  Faxen,  und  verschiedene  andere
ausländische  Erscheinungen.  Man  spielte  dort  alle  Abende,  auch
die  Frau  vom  Hause,  und  nicht  ganz  niedrig;  man  schalt  Bismarck,
  daß  er  das  für  langweilig  erklärte;  er  erwiderte,  seine
Rolle  würde  sein,  die  Verlierenden  auszulachen.  —  Dazwischen
Tanzvergnügungen,  von  denen  er  köstliche  Schilderungen  gibt:
„Freitag  Ball  bei  Lady  Cowley,  der  bis  fünf  Uhr  morgens
dauerte;  sie  tanzen  hier  alle  wie  verrückt,  die  ältesten  Gesandten
von  fünfzig  Jahren  mit  weißem  Haar  tanzen  Cotillon  bis  zu
Ende,  im  Schweiße  ihres  Angesichts.  Um  Mitternacht  wurde
feierlich  God  save  the  qdueen  gespielt,  weil  ihr  Geburtstag
anbrach,  und  alles  war  Transparent  von  oben  bis  unten  mit
englischen  Wappen  und  Farben,  und  sehr  viele  sonderbare
und  steife  Ladies,  die  „lisp  english  when  they  lie“,  wie  ich
einmal  die  Ubersetzung  der  betreffenden  Stelle  im  Faust  gelesen
  habe,  d.  h.  sie  haben  alle  eine  Wuth  schlecht  französisch
zu  sprechen,  und  ich  vergesse  mein  Englisch  ganz  wie  ich  hier
mit  Schrecken  entdeckt  habe.“  —  Bismarck  findet  wenig  Gefallen
  weder  an  den  Herren  noch  an  den  Damen.  Seine  tief
angelegte  Natur  zieht  die  Gräfin  Thun  an.  „Sie  ist  eine
liebenswürdige  Frau,  weiblich  und  fromm  (katholisch,  sehr),
Eigenschaften,  die  den  Weibern  hier  nicht  allgemein  beiwohnen;
ihr  Mann  spielt  und  macht  die  Cour,  ich  glaube  mehr  wie  ihr
lieb  ist.  .  .  .  Die  Herren  hier  sind  unausstehlich.  Sowie  ich
einen  anrede  setzt  er  ein  diplomatisches  Gesicht  auf,  und  denkt

nach  was  er  antworten  kann  ohne  zu  viel  zu  sagen  und  was
A.  Matthias,  Bismarck  10
        <pb n="155" />
        146  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

er  über  meine  Äußerungen  nach  Hause  berichten  kann.  Die
nicht  so  sind,  conveniren  mir  noch  weniger;  sie  reden  Zweideutigkeiten
  mit  den  Damen,  und  letztre  gehn  ekelhaft  darauf
ein.  Es  macht  mir  einen  weniger  verderbten  Eindruck,  wenn
eine  Frau  einmal  gründlich  fällt,  aber  die  Scham  im  Herzen
bewahrt,  als  wenn  sie  Freude  an  solchem  Gerede  sindet,  und
ich  schätze  die  Thun  deshalb,  weil  sie  trotz  des  hier  ziemlich
allgemeinen  Tons  dergleichen  sehr  entschieden  von  sich  fern  zu
halten  weiß.“  Ganz  anderer  Art  und  nicht  ohne  Humor  ist
Bismarcks  Verkehr  beim  alten  Rothschild,  dem  „Baron  Amschel“.
Dieser  hatte  Bismarck  schon  zehn  Tage  vorher  zum  Essen  geladen.
  Bismarck  hatte  geantwortet,  „er  werde  kommen,  wenn
er  noch  lebte“.  Das  hatte  den  alten  Herrn  so  erschüttert,  daß
er  es  allen  Begegnenden  erzählte:  „Was  soll  er  nich  leben,
was  soll  er  doch  sterben  der  Mann,  is  er  doch  jung  und  stark.“"
Bismarck  hatte  Gefallen  an  Rothschild,  weil  er  eben  ganz
Schacherjude  sei  und  nichts  anderes  vorstellen  wollte,  dabei
ein  streng  orthodoxer  Jude,  der  bei  „seinen  diners  nichts  anrührt
  und  nur  gekauschertes  ißt".  Auch  Bismarck  gefiel  dem
Alten;  dieser  wollte  ihm  eine  Pffanze  schenken,  die  „2000
bare  Gülden“  gekostet  hatte;  seine  Freigebigkeit  begründete  er
mit  den  Worten:  „Waiß  Kott,  ich  schätze  Se  aufrichtig,  Herr
Beraun,  Se  sind  a  scheener  Mann,  e  braver  Mann.“

Über  die  Bedeutung  des  Bundestages  ist  er  sich  von  Anfang
  an  klar.  Schon  am  18.  Mai  schreibt  er  darüber  mit  vielleicht
  allzu  unbarmherzigem  Humor:  „Es  sind  lauter  Lappalien
mit  denen  die  Leute  sich  quälen,  und  diese  Diplomaten  sind
mir  schon  jetzt  mit  ihrer  wichtigthuenden  Kleinigkeitskrämerei
viel  lächerlicher  als  der  Abgeordnete  der  II.  Kammer  im  Gefühl
  seiner  Würde.  Wenn  nicht  äußre  Ereignisse  zutreten,  und
die  können  wir  superklugen  Bundestagsmenschen  weder  leiten
noch  vorherbestimmen,  so  weiß  ich  jetzt  ganz  genau,  was  wir
in  1,  2  oder  5  Jahren  zu  Stande  gebracht  haben  werden,
und  will  es  in  24  Stunden  zu  Stande  bringen,  wenn  die
andern  nur  einen  Tag  lang  wahrheitsliebend  und  vernünftig
sein  wollen.  Ich  habe  nie  daran  gezweifelt  daß  sie  alle  mit
        <pb n="156" />
        Bismarcks  Urteil  über  den  Bundestag  147

Wasser  kochen;  aber  eine  solche  nüchterne  einfältige  Wassersuppe,
  in  der  auch  nicht  ein  einziges  Fettauge  von  Hammeltalg
  zu  spüren  ist,  überrascht  mich.  Schickt  Schulzen  Filäöhr,
Stephan  Lotke  und  Herrn  von  Dombrowsky  aus  dem  Chaussee-Hause
  her,  wenn  sie  gewaschen  und  gekämmt  sind,  so  will  ich
in  der  Diplomatie  Staat  mit  ihnen  machen.  In  der  Kunst  mit
vielen  Worten  gar  nichts  zu  sagen  mache  ich  reißende  Fortschritte,
  schreibe  Berichte  von  vielen  Bogen,  die  sich  nett  und
rund  wie  Leitartikel  lesen,  und  wenn  Manteuffel  nachdem  er
sie  gelesen  hat  sagen  kann  was  drin  steht,  so  kann  er  mehr
wie  ich.  Jeder  von  uns  stellt  sich  als  glaubte  er  vom  anderen
daß  er  voller  Gedanken  und  Entwürfe  stecke,  wenn  ers  nur
aussprechen  wollte,  und  dabei  wissen  wir  alle  zusammen  nicht
um  ein  Haar  besser  was  aus  Deutschland  werden  wird  und
soll,  als  Dutken  Sauer.  [Ein  Schwachsinniger  auf  einem  Gute
Bismarcks.]  Kein  Mensch,  selbst  der  böswilligste  Zweifler  von
Demokrat,  glaubt  es,  was  für  Charlatanerie  und  Wichtigthuerei
  in  dieser  Diplomatie  steckt.“

Was  er  selbst  sich  aber  in  dieser  Gesellschaft  zu  wirken
vorgenommen,  das  wissen  wir  aus  seinen  eigenen  Worten,
die  er  so  ernst  nahm,  wie  alle  seine  Bekenntnisse,  die  er  an  allen
Wendepunkten  seines  Lebens  auszusprechen  pflegte:  „Noch  ganz
verblüfft  davon,  wie  mich  das  Rad  des  Lebens  so  plötzlich  gefaßt,
  aus  allen  lieben  Sommerträumen  gerissen,  und  in  diese
Stellung  geworfen,  muß  ich  mich  nun  gewöhnen  ein  regelmäßiger
  trockner  Geschäftsmann  zu  sein,  viel  und  feste  Arbeitsstunden
  zu  haben,  und  alt  zu  werden.  Spiel  und  Tanz  sind
vorbei,  Gott  hat  mich  auf  den  Fleck  gesetzt,  wo  ich  ein  ernster
Mann  sein  und  dem  Könige  und  dem  Lande  meine  Schuld
bezahlen  muß.  Seinen  Willen  nach  besten  Kräften  zu  thun
bin  ich  entschlossen,  und  wenn  mir  Weisheit  mangelt,  werde
ich  Ihn  bitten,  Er  giebt  reichlich  und  rückt  es  Niemand  auf.“
Das  war  das  Bild,  das  er  von  sich  für  die  Zukunft  entwarf.
Wie  andre  ihn  in  dieser  Zeit  sahen,  das  gibt  uns  die  Frau
seines  Freundes  Scharlach  wieder,  die  mit  ihm  in  der  ersten
Zeit  seiner  diplomatischen  Laufbahn  zusammentraf:  „In  der

10*
        <pb n="157" />
        148  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

Tat  kenne  ich  nur  wenige  Männer,  die  mir  so  den  Eindruck
der  Vollkommenheit  gemacht  hätten.  Die  höchste  Liebenswürdigkeit
  und  Feinheit  des  Betragens,  Entschiedenheit,  Energie,
brillanter  Verstand  und  blendender  Witz,  verbunden  mit  Gemüt,
  Treue  und  Frömmigkeit,  schmücken  diesen  ausgezeichneten
Mann.“  Sie  sah  tiefer,  als  die  Tagespresse,  welche  die  oben
angeführte  Bemerkung  des  Dechanten  von  Westminster  auf  ihn
anwandte.  Es  sollte  sich  bald  zeigen,  daß  Shakespeares  Worte
des  Erzbischofs  von  Canterbury,  die  dieser  von  König  Heinrich
  V.  sagt,  besser  auf  ihn  paßten:

„Nie  ward  so  schnell  ein  Zögling  noch  gebildeet.

Hört  ihn  verhandeln  über  Staatsgeschäfte,

So  glaubt  ihr,  daß  er  einzig  das  studiert.

Bringt  ihn  auf  einen  Fall  der  Politik,

Er  wird  desselben  Gordschen  Knoten  lösen.“

Schon  sein  persönliches  Auftreten  im  amtlichen  Verkehr
zeigte  ihn  den  Verhältnissen  gewachsen;  er  besaß  trotz  seiner
Jugend  die  Formen  einer  ausgereiften  Persönlichkeit.  Der  österreichische
  Präsidialgesandte  gesiel  sich  als  gemütlicher  Lebemann
  und  hochmütiger  Aristokrat  in  saloppen  Formen.  Wie
er  die  anderen  Gesandten  behandelte,  trat  er  auch  gegen  Bismarck
  auf;  Bismarck  muß  sich  mit  großer  Energie  gegen  Thun
gesetzt  haben,  wie  das  aus  einer  Sitzung  der  preußischen  zweiten
Kammer  vom  22.  März  1852  zu  schließen  ist.  Hier  kam  es  zu  einem
Wortgefechte,  das  schließlich  zu  einem  Duell  zwischen  dem  Abgeordneten
  von  Vincke  und  Bismarck  führte,  weil  Vismarck
dem  Gegner  Uberschreitung  der  Grenze  nicht  nur  der  diplomatischen,

  sondern  derjenigen  privaten  Diskretion  vorgeworfen
hatte,  deren  Beobachtung  von  einem  Manne  von  guter  Erziehung
  erwartet  werden  dürfe.  Vincke  hatte  Bismarck  nämlich
  spöttisch  einen  namhaften  Diplomaten  genannt,  was
Bismarck  zurückwies;  dem  schloß  sich  Vincke  ironisch  an,  auch
er  wolle  die  Äußerung  zurücknehmen,  da  alles,  was  er  von
Bismarcks  diplomatischen  Leistungen  wisse,  sich  nur  auf  die
bekannte  brennende  Cigarre  beschränke.  Von  dieser  Eigarre
wurde  damals  folgendes  erzählt:  Bismarck  machte  dem  Präsi-
        <pb n="158" />
        Bismarcks  Stellung  zur  österreichischen  Praͤsidialmacht  149

dialgesandten  Grafen  von  Thun-Hohenstein  seinen  Besuch;
Graf  Thun  empfing  ihn  mit  einer  nicht  ganz  stilvollen  Familiarität,
  rauchte  ruhig  seine  Cigarre  weiter  und  lud  Bismarck
  nicht  einmal  zum  Sitzen  ein.  Dieser  holte  einfach  seine
Eigarrentasche  hervor,  nahm  eine  Cigarre  heraus  und  sagte
ganz  gemütlich:  „DOarf  ich  um  Feuer  bitten,  Excellenz?“  Im
höchsten  Grade  verblüfft  gab  die  Excellenz  Feuer,  Bismarck
rauchte  seine  Cigarre  an  und  nahm  dann  ungeniert  Platz,
kaltblütig,  als  wenn  nichts  geschehen  sei,  das  Gespräch  beginnend.
  Eine  noch  lustigere  Cigarrengeschichte,  die  Vincke
gleichfalls  im  Sinne  gehabt  haben  kann,  hat  Bismarck  selbst
erzählt:  „Bei  den  Sitzungen  der  Militärkommission  hatte,  als
Rochow  Preußen  beim  Bundestage  vertrat,  Osterreich  allein
geraucht.  Rochow  hätte  es  als  leidenschaftlicher  Raucher  gewiß
auch  gern  getan,  getraute  sich's  aber  nicht.  Als  ich  nun
hinkam,  gelüstete  mich's  ebenfalls  nach  einer  Cigarre,  und  da
ich  nicht  einsah,  warum  nicht,  ließ  ich  mir  von  der  Präsidialmacht
  Feuer  geben,  was  von  ihr  und  den  andern  Herren  mit
Erstaunen  und  Mißvergnügen  bemerkt  zu  werden  schien.  Es
war  offenbar  für  sie  ein  Ereignis.  Für  diesmal  rauchten  nun
bloß  Osterreich  und  Preußen.  Aber  die  andern  Herren  hielten
das  augenscheinlich  für  so  wichtig,  daß  sie  darüber  nach  Hause
berichteten.  Auch  nach  Berlin  muß  man's  geschrieben  haben;
denn  es  erfolgte  eine  Anfrage  vom  Hochseligen,  der  selber  nicht
rauchte  und  die  Sache  vermutlich  nicht  nach  seinem  Geschmacke
fand.  Die  erfordert  nun  reifliche  Uberlegung  an  den  kleinen
Höfen,  und  es  dauerte  wohl  ein  halbes  Jahr,  daß  nur  die
beiden  Großmächte  rauchten.  Darauf  begann  auch  Schrenkh,
der  bayrische  Gesandte,  die  Würde  seiner  Stellung  durch  Rauchen
zu  wahren.  Der  Sachse  Nostiz  hatte  gewiß  auch  große  Lust
dazu,  aber  wohl  noch  keine  Erlaubnis  von  seinem  Minister.
Als  er  indes  das  nächste  Mal  sah,  daß  der  Hannoveraner
Bothmer  sich  eine  genehmigte,  muß  er,  der  eifrig  österreichisch
war  —  er  hatte  dort  Söhne  in  der  Armee  —  sich  mit  Rechberg
  verständigt  haben;  denn  er  zog  jetzt  ebenfalls  vom  Leder
und  dampfte.  Nun  waren  nur  noch  der  Württemberger  und
        <pb n="159" />
        150  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

der  Darmstädter  übrig,  und  die  rauchten  überhaupt  nicht.  Aber
die  Ehre  und  die  Bedeutung  ihrer  Staaten  erforderten  es  gebieterisch,
  und  so  langte  richtig  das  folgende  Mal  der  Würt—
temberger  eine  Cigarre  heraus  —  ich  sehe  ihn  noch,  es  war
ein  langes,  dünnes,  hellgelbes  Ding,  Couleur  Roggenstroh  —
und  rauchte  sie  mit  mürrischer  Entschlossenheit  als  Brandopfer
für  das  Vaterland  wenigstens  halb.  Nur  Hessen-Darmstadt
enthielt  sich,  wahrscheinlich  in  dem  Bewußtsein,  zur  Rivalität
nicht  groß  genug  zu  sein.“

Jedenfalls  litt  Bismarck  von.  vornherein  keine  Rücksichtslosigkeit
  gegen  seine  Person,  wenn  sie  ihn  als  Repräsentanten
seines  Königs  traf;  sie  trafen  ihn  allemal  wie  Schläge  gegen
seinen  König  und  sein  Land.  Dessen  Interessen  vertrat  er  auch
sonst  mit  Klugheit  und  Rachdruck,  besonders  der  überheblichen
Präsidialmacht  Österreich  gegenüber,  zu  dem  das  Verhältnis,
als  Bismarck  in  Frankfurt  eintrat,  wenn  nicht  gespannt,  doch
im  gewissen  Sinne  demütigend  war.  Man  gab  von  Wien  aus
guten  Rat,  auch  wo  er  gar  nicht  verlangt  wurde.  Preußen
sollte  jetzt  für  Osterreich,  das  sich  1848  das  hatte  von  Rußland
besorgen  lassen,  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  holen.

Nicht  nur  Preußen  in  seine  Dienste  zu  stellen  war  Österreich
  tätig.  Es  intriguierte  auch  in  Zollvereinsangelegenheiten.
Es  versuchte  den  Verein  zu  erweitern,  indem  es  verlangte,
daß  Handels=  und  Zollfragen  Bundessache  werden  sollten.
Geschah  das,  so  verlor  Preußen  seine  günstige  Stellung,  die
es  seit  zwanzig  Jahren  in  wirtschaftlichen  Fragen  inne  hatte.
Osterreich  ging  sogar  so  weit,  die  deutschen  Mittelstaaten  nach
Wien  einzuladen  zu  Verhandlungen,  die  auf  Errichtung  eines
Zollvereins  ohne  Preußen  abzielten;  Osterreich  fand  Entgegenkommen.
  Da  starb  Schwarzenberg  im  April  1852  und  Manteuffel
  lud  die  Zollvereinsstaaten  nach  Berlin  ein  und  erklärte
den  Eintritt  Osterreichs  bei  der  wirtschaftlichen  Verschiedenheit
Osterreichs  und  des  industriell  weit  mehr  entwickelten  Deutschland
  für  unmöglich,  war  aber  bereit,  zwischen  dem  Zollverein
und  Österreich  einen  Handelsvertrag  abzuschließen.  Um  diese
ganze  Angelegenheit  ins  richtige  Fahrwasser  zu  bringen,  ent-
        <pb n="160" />
        Bismarck  in  Wien.  Prokesch-Osten  151

schloß  sich  der  König,  Bismarck  „auf  die  hohe  Schule  der
Diplomatie  nach  Wien“  als  zeitweiligen  Vertreter  des  Wiener
Gesandten  Grafen  von  Arnim  zu  schicken  und  versprach  sich
von  ihm,  daß,  wenn  nicht  unerhörte,  lang  vorbereitete  Miß—
verständnisse  eingewurzelt  seien,  seine  Tätigkeit  in  Wien  wahrhaft
  segensreich  sein  werde.  Er  sollte  Verhandlungen  nicht
suchen,  sondern  mit  Konstatierung  seiner  Willfährigkeit,  es  an
sich  kommen  lassen,  in  der  Form  so  freundlich  und  eingehend
als  möglich  sein,  in  der  Sache  aber  allen  festen  Engagements,
allen  eigentlichen  Verhandlungen  entschlüpfen  und  vor  allem
alles,  was  seine  Abreise  als  einen  Bruch  konnte  erscheinen
lassen,  vermeiden.  Bismarck  gelang  das;  die  Verhandlungen
blieben  erfolglos,  wie  sie  es  ja  sein  sollten.  Sein  erster  diplomatischer
  Feldzug  bedeutete  aber  eben  deshalb  einen  Erfolg.
Der  Gegensatz  zwischen  Preußen  und  Osterreich  war  ihm
in  Wien  noch  deutlicher  ins  Bewußtsein  gerückt.  Dieser  Gegensatz
  verschärfte  sich  zwischen  den  Vertretern  der  beiden  Staaten,
als  im  Februar  1853  Prokesch  Ritter  von  Osten  an  des  Grafen
Thun  Stelle  trat.  Zu  dieser  Ernennung  gratulierte  ihm  Prinz
Wilhelm  aus  Coblenz  ironisch  und  fügte  hinzu:  „Sie  werden
einen  schweren  und  sehr  unangenehmen  Stand  bekommen,  um
so  mehr,  da  man  Sie  forthaben  will  von  F.  a.  /  M.  als  nicht
Ostreichisch  genug.  Ich  erwarte,  daß  Sie  eben  so  fest  gegen
Prokesch  sein  werden  als  Sie  es  gegen  Thun  waren,  und  daß
Sie  sich  nicht  werden  fortschnellen  lassen.  —  Aber  was  soll
man  zu  dieser  Wiener  Perfidie  sagen,  so  unmittelbar  nach
des  Kaisers  Visite?  Es  ist  völlig  Oestreichisch  contra  Preußen!
Ich  möchte  wohl  wissen,  was  man  in  Wien  sagte,  wenn  man
jetzt  Bernstorff  (einen  scharfen  Gegner  der  Schwarzenbergschen
Politik)  an  Ihre  Stelle  setzte??  Man  würde  es  eine  Insulte
nennen.“  Bismarck  selbst  dachte  —  wohl  nicht  ganz  objektiv  —
recht  schlecht  von  Prokesch.  Er  warf  ihm  vor,  daß  er  mit
Ruhe  und  Leichtigkeit  falsche  Tatsachen  aufstelle,  wahre  bestreite;
  dazu  gesellte  sich  in  einem  überraschenden  Grade
Kaltblütigkeit  im  Fallenlassen  eines  Gegenstandes  oder  Veränderung
  der  Front,  sobald  das  Falsum,  von  welchem
        <pb n="161" />
        152  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

er  ausgehe,  unausweichbar  zur  Anerkennung  gebracht  werde.
Einen  solchen  Rückzug  decke  er  nötigenfalls  durch  ein  Aufbrausen
  sittlicher  Entrüstung  oder  durch  einen  oft  sehr  persönlichen
  Angriff,  mit  welchem  er  die  Diskussion  auf  ein  neues
und  heterogenes  Gebiet  übertrage.  Dabei  gebrauche  er  gern
kleinliche  Waffen:  verschleppe  die  Sachen,  um  dem  Gegner  die
Rolle  eines  unruhigen  und  kleinlichen  Mahners  zuzuschieben;
wende  auch  unbedeutende  Ubergriffe  der  Präsidialmacht  an,
um  dem  Gegner  den  Charakter  eines  silbenstechenden  Kritikers
anzuheften;  berufe  sich  im  Wortgefechte  auf  „Hunderte“  von
Präzedenzfällen,  von  denen  er  jedoch  keinen  einzigen  namhaft
machen  könne.  Auch  mit  Prokeschs  Nachfolger,  Graf  Rechberg,
  verlief  der  Verkehr  zunächst  in  ähnlicher  Weise;  schlug
aber  infolge  von  Bismarcks  Ritterlichkeit  zum  Besseren  um.
In  Bismarcks  Erinnerungen  bekommen  wir  einen  interessanten
Einblick  in  dieses  Verhältnis.  Nach  einer  Sitzung  machte  Rechberg,
  als  sie  allein  waren,  Bismarck  Vorwürfe  über  seine  Unverträglichkeit,
  er  sei  ein  mauvais  coucheur  —  ein  übler
Schlafkamerad  —  und  Händelsucher;  er  bezog  sich  auf  Fälle,
in  denen  sich  Bismarck  gegen  Präsidialübergriffe  gewehrt  hatte;
Dieser  erwiderte,  er  wisse  nicht,  ob  der  Zorn  nur  ein  diplomatischer
  Schachzug  oder  Ernst  sei;  die  Außerung  desselben
sei  höchst  persönlicher  Art.  „Wir  können  doch  nicht  im  Bockenheimer
  Wäldchen  mit  der  Pistole  die  Diplomatie  unserer  Staaten
erledigen.“  Darauf  Rechberg  mit  großer  Heftigkeit:  „Wir
wollen  gleich  hinausfahren;  ich  bin  bereit,  auf  der  Stelle."“
Damit  war  für  Bismarck  der  Boden  der  Diplomatie  verlassen;
er  antwortete  ohne  Heftigkeit,  die  Sache  könne  ja  in  einer
Viertelstunde  im  Garten  des  Bundespalais  vor  sich  gehen.
„Ich  bitte  nur  um  die  Erlaubnis,  in  wenigen  Zeilen  die  Entstehung
  des  Streites  zu  Papier  zu  bringen  und  erwarte  von
Ihnen,  daß  Sie  diese  Aufzeichnung  mit  unterzeichnen  werden,
da  ich  meinem  Könige  gegenüber  nicht  als  ein  Raufbold  erscheinen
  möchte,  der  die  Diplomatie  auf  der  Mensur  führte.“
Er  begann  zu  schreiben,  Rechberg  ging  mit  raschen  Schritten
auf  und  ab.  Während  dessen  verrauchte  sein  Zorn;  er  wurde
        <pb n="162" />
        Graf  Rechberg.  Gegensatz  Bismarcks  zur  Politik  sterreichs  153

ruhiger.  Bismarck  verließ  ihn  dann  mit  der  Äußerung,  daß
er  den  mecklenburgischen  Gesandten,  Herrn  von  Oertzen,  als
seinen  Zeugen  zu  ihm  schicken  würde;  dieser  legte  den  Streit
versöhnlich  bei.  —  Bismarck  trat  später  zu  Rechberg  in  ein
geradezu  freundschaftliches  Verhältnis.  Und  das  kam  so:
Bei  einem  geschäftlichen  Besuche,  den  Bismarck  ihm  machte,
verließ  dieser  das  Zimmer,  um  seinen  Anzug  zu  wechseln,  und
überreichte  Bismarck  eine  Depesche,  die  er  soeben  von  seiner
Regierung  erhalten  hatte,  mit  der  Bitte  sie  zu  lesen.  Unglücklicherweise
  hatte  sich  Rechberg  vergriffen;  es  war  ein  streng
vertrauliches  Schriftstück,  das  zwar  dieselbe  Sache  betraf,  aber
nur  für  ihn  bestimmt  und  offenbar  von  einem  zweiten  ostenstblen
  begleitet  gewesen  war.  Als  Rechberg  wieder  eintrat,
gab  ihm  Bismarck  die  Depesche  zurück  mit  der  Außerung,  Rechberg
  habe  sich  versehen,  er  (Bismarck)  werde  vergessen,  was  er
gelesen  habe.  Bismarck  hat  denn  auch  vollkommenes  Schweigen
über  das  Versehen  beobachtet  und  nicht  den  geringsten,  auch
nur  indirekten  Gebrauch  davon  gemacht.  Seitdem  war  das
Verhältnis  beider  ungetrübt.  ,

Hatte  schon  die  ganze  Politik  Osterreichs  und  das  Gebaren
seiner  Vertreter  Bismarck  immer  mehr  in  Gegensatz  zu  diesem
Staate  gebracht,  so  trat  ein  starker  Wendepunkt  in  seiner  Stellung
ein,  als  er  in  Frankfurt  die  ihm  bis  dahin  unbekannte  Depesche
des  Fürsten  Schwarzenberg  vom  7.  Dezember  1850  zu  lesen
bekam,  in  welcher  dieser  die  Olmützer  Ergebnisse  so  darstellte,
als  ob  es  von  ihm  abgehangen  habe,  Preußen  „zu  demütigen“
oder  großmütig  zu  pardonnieren.  Trotz  Olmütz  war  Bismarck
noch  gut  österreichisch  nach  Frankfurt  gekommen;  der  Einblick
in  die  Schwarzenbergische  Politik  „avilir,  puis  démolir“,  den
er  dort  aktenmäßig  gewann,  enttäuschte  seine  jugendliche  Illusion.
Jetzt  war  es  ihm  klar:  der  gordische  Knoten  deutscher  Zustände
ließ  sich  nicht  in  Liebe  dualistisch  lösen,  nur  militärisch  zerhauen;
es  kam  darauf  an,  den  König  von  Preußen,  bewußt  oder  unbewußt,
  und  damit  das  preußische  Heer  für  den  Dienst  der
nationalen  Sache  zu  gewinnen,  mochte  man  vom  borussischen
Standpunkte  die  Führung  Preußens  oder  vom  nationalen
        <pb n="163" />
        154  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

die  Einigung  Deutschlands  als  die  Hauptsache  betrachten;  beide
Ziele  deckten  einander;  das  war  Bismarck  jetzt  klar.  Wann  dieser
Wendepunkt  eingetreten,  läßt  sich  nicht  genau  nachweisen.  Es
wird  aber  wohl  vor  dem  Krimkriege  gewesen  sein,  denn  Bismarcks
  Politik  ging  in  jener  Zeit  die  Bahn,  die  auf  den  Wendepunkt
  schließen  läßt.

Die  Schwierigkeiten  von  Bismarcks  Stellung  in  Frankfurt
wurden  noch  verstärkt  dadurch,  daß  Bismarck  beständig  von
seinem  König  in  Berlin  in  Anspruch  genommen  wurde.  In
einem  Jahre  hat  er  auf  den  Reisen  zwischen  Frankfurt  und
Berlin  zweitausend  Meilen  gemacht,  stets  die  neue  Cigarre  an
der  vorhergehenden  anzündend  oder  gut  schlafend.  Und  nicht
nur  über  Fragen  der  deutschen  und  der  auswärtigen  Politik
erforderte  der  König  seine  Ansicht,  er  beauftragte  ihn  auch
gelegentlich,  wenn  Entwürfe  des  Auswärtigen  Amts  vorlagen,
mit  der  Ausarbeitung  von  Gegenprojekten.  Bismarck  besprach
diese  stets  mit  seinem  Chef,  dem  Minister  von  Manteuffel,  so
daß  er  nichts  hinter  dessen  Rücken  tat.  Gleichwohl  gab  es  Verstimmung,
  da  allerhand  Einbläsereien  und  Klatsch  hinzukamen,
die  zur  Abkühlung  des  Verhältnisses  beitrugen,  so  daß  Manteuffel
  ihn  nicht  mehr  zum  Wohnen  bei  sich  einlud,  wenn  Bismarck
  nach  Berlin  kam.  Auch  wurden  Bismarck  seine  nahen
Beziehungen  zum  General  von  Gerlach  verdacht,  der  das  königliche
  Vertrauen  im  hohen  Maße  genoß;  und  der  König  brachte
ihn  noch  immer  mehr  in  diese  Schwierigkeiten,  weil  er  ihn  für
Ministerposten  in  Aussicht  nahm,  und  wenn  Bismarck  keine
Neigung  verriet,  sich  zu  Befehlen  verstieg  wie:  „Und  wenn  Sie
sich  an  der  Erde  winden,  es  hilft  Ihnen  nichts,  Sie  müssen
Minister  werden.“  Bismarck  hatte  von  alle  dem  den  Eindruck,
daß  der  König  ihn  hauptsächlich  zur  „Territion“  Manteuffels
nach  Berlin  kommen  ließ,  wenn  dieser  dem  Könige  nicht  zu
Willen  sein  wollte.  Denn  der  König  verlangte  gehorsame  Minister;
  er  konnte  sich  nicht  in  die  konstitutionellen  Formen  gewöhnen,
  die  in  der  Verantwortlichkeit  der  Minister  die  beste
Bürgschaft  für  die  Kraft  und  Dauer  dynastischer  Rechte  bieten.
Für  einen  solchen  allergehorsamsten  Ministerposten  wäre  Bis-
        <pb n="164" />
        Bismarcks  wachsender  Einfluß  bei  König  Friedrich  Wilhelm  IV.  155

marck  nicht  geeignet  gewesen;  er  würde,  was  er  sich  ja  nach
einem  zehnjährigen  Dienst  als  Gesandter  und  nach  einem  ebensolangen
  Dienst  als  Minister  wünschte,  sehr  bald  genossen  haben;
er  würde  schon  in  den  fünfziger  Jahren  auf  dem  Lande  über
das  Erlebte  nachgedacht  und  wie  sein  alter  Onkel  in  Templin
bei  Potsdam  Obstbäume  gepfropft  haben.  Er  zog  die  Unabhängigkeit
  eines  Gesandten  dem  Ministerium  vor;  denn  er
wußte  und  sagte  es:  „Der  König  sah  in  mir  ein  Ei,  das  er
selbst  gelegt  hatte  und  ausbrütete,  und  würde  bei  Meinungsverschiedenheiten
  immer  die  Vorstellung  gehabt  haben,  daß  das
Ei  klüger  sein  wolle  als  die  Henne."

Bismarck  hatte  also  von  Frankfurt  aus  viel  Einfluß  auf
die  preußische  Politik.  Von  Interesse  ist  seine  Stellungnahme
zu  den  religiös-kirchlichen  Fragen,  zu  der  schleswig-holsteinschen
Frage,  besonders  aber  zum  Krimkriege  und  zum  Kaiser  Napoleon.

In  Baden  hatte  sich  der  Erzbischof  von  Freiburg  dagegen
aufgelehnt,  daß  der  Staat  jede  Veröffentlichung  eines  kirchlichen
Erlasses  ohne  staatliche  Genehmigung  verbot.  Bismarck  war  als
Staatsmann  und  als  guter  Protestant  sich  wohl  bewußt,  daß
ein  Staat  wie  Preußen,  der  der  Reformation  sein  Dasein  dankte,
niemals  zu  vollem  inneren  Ausgleich  mit  Rom  kommen  würde
und  er  war  auch  entrüstet  über  den  unversöhnlichen  und  anmaßenden
  Geist,  der  sich  im  katholischen  Klerus  zeigte;  aber
er  war  schon  zu  sehr  Realpolitiker,  um  nicht  einzusehen,  daß
Preußen  durch  scharfe  Maßnahmen  die  katholische  Bevölkerung
in  die  Arme  Osterreichs  treiben  und  das  Haus  Wittelsbach
in  Bayern  mit  den  Habsburgern  enger  verbünden  würde.
Und  gerade  damals  lag  doch  die  Möglichkeit  nicht  fern,  wenn
Osterreich  die  Herrschaft  in  Deutschland  mit  Preußen  nicht  teilen
wollte,  die  Führung  in  Süddeutschland  an  Bayern  zu  bringen.
Deshalb  riet  er  zur  Zurückhaltung  in  derartigen  kirchlichen
Streitigkeiten.  Er  äußerte  schon  im  Februar  1852:  „Wenn
man  sich  das  Ansehen  gibt,  die  Wichtigkeit  Bayerns  anzuerkennen,
so  läßt  sich  mit  Bayern  manches  ausrichten.“

Die  schleswig-holsteinsche  Frage  sollte  in  London  endgültig
geregelt  werden.  Preußen  verlangte  zuvor  den  Verzicht  des
        <pb n="165" />
        156  7.  „Herreuleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

Augnstenburgers  Christian  August,  dessen  Rechte  nach  dem  Tode
des  kinderlosen  Königs  Friedrichs  VII.,  wie  man  in  den
Herzogtümern  mit  gutem  Rechte  glaubte  annehmen  zu  müssen,
allen  anderen  Bewerbern  in  Schleswig-Holstein  vorgingen.
Bismarck  erhielt  den  Auftrag,  diesen  Fürsten  gegen  Zahlung
einer  Abfindungssumme  zur  Verzichtleistung  zu  bewegen  für
sich  und  seine  Familie.  Das  gelang;  aber  der  Erbprinz
Friedrich  von  Augustenburg  hielt,  trotzdem  der  Vater  für  die
Familie  verzichtet  hatte,  an  seinen  Ansprüchen  fest.

Demgegenüber  einigten  sich  in  London  die  Großmächte  im
Londoner  Protokoll  vom  8.  Mai  1852,  daß  die  dänische  Monarchie
  unversehrt  erhalten  bleibe  und  daß  deshalb  der  Nachfolger
  in  Dänemark,  Prinz  Christian  von  Glücksburg,  das
Recht  habe,  in  der  Gesamtheit  der  jetzt  unter  dänischem
Szepter  stehenden  Staaten  nachzufolgen,  daß  aber  die  Rechte
Dänemarks  und  des  Deutschen  Bundes  hinsichtlich  Holsteins  und
Lauenburgs  durch  das  Londoner  Protokoll  unberührt  blieben.
Dieser  Vertrag  erschien  dem  Rechtsbewußtsein  in  Deutschland
als  ein  Gewaltstreich,  weil  mit  dem  Prinzen  von  Glücksburg
in  Dänemark  die  weibliche  Linie  zum  Thron  gelangte,  in
Schleswig-Holstein  aber  nach  Landesrecht  nur  die  männliche
Linie  erbberechtigt  war;  diese  vertrat  aber  Christian  August
und  der  Erbprinz  Friedrich.  Bismarck  versuchte  nun  die  Bundesversammlung
  zur  Annahme  des  Londoner  Protokolls  zu  vermögen.
  Aber  Bayern  und  Oldenburg  protestierten.  Bismarck
erlebt  einen  Mißerfolg;  bei  der  endgültigen  Lösung  der  schleswigholsteinschen
  Frage  in  den  Jahren  1863  und  1864  sollte  dieser
Mißerfolg  ihm  sehr  zustatten  kommen;  er  wußte  ihn  zu  ruhmvollem
  Erfolge  umzuformen.

In  der  großen  Politik  trat  Bismarck  zum  ersten  Male  beim
Krimkriege  nach  allen  Seiten  hin  mit  eigener  Ansicht,  die  nicht
etwa  Parteirücksichten  folgte,  auf  den  Planz  die  Spuren,  die  er
ging,  gruben  sich  tief  ein.  England  und  Frankreich  hatten  am
28.  März  1854  Rußland  den  Krieg  erklärt,  das  mit  der  Türkei
aus  Anlaß  der  Schutzherrschaft  aller  griechisch-katholischen  Christen
in  der  Türkei  im  Kriege  lag;  der  tiefere  Grund  war  für  Ruß-
        <pb n="166" />
        Schleswig-holsteinsche  Frage.  Krimkrieg  157

land  eine  Aufteilung  der  Türkei  ahnlich  der  Teilung  Polens.
Osterreich  hatte  starke  Interessen  in  den  Donaufürstentümern
und  mußte  sich  trotz  seiner  Dankbarkeitsverpflichtungen  von  den
Tagen  der  Revolution  her  gegen  Rußland  stellen.  Es  versuchte
Preußen  in  diesem  Kampf  auf  seine  Seite  zu  ziehen.
Bismarcks  Stellung  war  von  vornherein  sicher  und  festz;
sie  war  gegeben  durch  Preußens  Interessen  und  weder  von
Sympathien  noch  Antipathien  parteipolitischer  oder  gefühlsmäßiger
  Art  beeinflußt.  Er  war  in  diesen  Tagen  viel  in  Berlin.
Hier  spielte  die  sogenannte  „Wochenblattspartei“,  die  Fraktion
Bethmann-Hollweg,  eine  große  Rolle,  deren  geschickter  „Impresario"
  Graf  Robert  von  der  Goltz,  ein  Mann  von  ungewöhnlicher
  Befähigung,  Tätigkeit  und  großem  Einfluß  war.
Diese  Partei  verurteilte  aufs  schärfste  die  Politik  von  Olmütz;z  mit
ihr  spmpathisierte  der  Prinz  von  Preußen,  in  dessen  soldatischem
Gefühle  jene  Niederlage  einen  wunden  Punkt  bildete  und  der
trotz  seiner  großen  Liebe  zu  seinen  russischen  Verwandten  die
Demütigung  nicht  verwinden  konnte,  die  Preußen  durch  den
Kaiser  Nikolaus  erlitten  hatte.  Der  Krimkrieg  bot  die  Möglichkeit
  zur  Auswetzung  dieser  Scharte.  Auch  die  Liberalen,  die
den  brutalen  Absolutismus  vor  allem  treffen  wollten,  standen
auf  dieser  Seite.  Im  schroffen  Gegensatz  dazu  verhielten  sich  die
Konservativen  (unter  ihnen  die  nächste  Umgebung  des  Königs,
vor  allem  die  beiden  Gerlach).  Aus  alter  Tradition  sahen  sie
auf  Rußland  als  den  starken  Hort  der  konservativen  Grundsätze
und  den  alten  Waffengenossen  gegen  Frankreich,  den  treuesten
Verbündeten  der  heiligen  Allianz.  Manteuffel  stellte  sich  nicht  schroff
gegen  Rußland;  er  war  aber  ein  entschiedener  Gegner  jedes
Bruchs  mit  Osterreich.  Bismarck  stand  von  der  Parteien  Haß
und  Gunst  unverwirrt  da;  er  hatte  den  Grundsatz  Cavours,
daß  es  nichts  Dümmeres  in  der  Politik  als  alten  Groll  gibt.
Nicht  Groll  gegen  Osterreich  leitete  ihn,  aber  er  konnte  sich  eines
Gefühls  der  Beschämung  nicht  erwehren  über  das  Verhältnis
Preußens  zu  Österreich,  das  ihn  an  das  zwischen  Leporello  und
Don  Juan  erinnerte.  Für  den  Diener  Leporello  gibt  es  keine  Ruhe
bei  Tag  und  Nacht;  von  seinem  Herrn  wird  er  in  die  fatalsten
        <pb n="167" />
        158  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

Situationen  gebracht,  aller  möglichen  Schandtaten  beschuldigt
und  gerät  in  die  peinlichsten  Lagen,  in  denen  es  beinahe  Prügel
setzt.  Bismarck  war  erbittert,  daß  Preußen  auf  Kommando
Osterreichs  jede  eigene  Politik,  jede  selbständige  Ansicht  opferte.
Er  hatte  seit  vier  Jahren  genugsam  sich  gewehrt,  an  dieser
Leporellorolle  seinerseits  teilzunehmen.  Im  März  war  Bismarck
in  Berlin;  Prinz  Wilhelm,  der  Bismarcks  Einfluß  auf  den
König  sehr  hoch  einschätzte  und  ihm  gewissermaßen  die  Rolle
eines  „Schiedsmanns  zwischen  den  sich  entgegenstehenden  Ansichten
  und  Parteirichtungen“  zuerkannte,  ließ  ihn  zu  sich  befehlen
  und  suchte  ihn  zu  bewegen,  dem  König  im  westmächtlichen
  und  antirussischen  Sinne  zuzureden,  wobei  er  für  die
Stellungnahme  Preußens  aber  nicht  sowohl  den  Wunsch  Rußland
  zu  schaden  als  vielmehr  das  „richtige  Freundesinteresse
für  Rußland“  ins  Feld  führte.  Er  wies  darauf  hin,  daß
Rußland  ganz  Europa  gegen  sich  aufrufen  und  schließlich
unterliegen  werde.  Der  Krieg  würde  damit  enden,  daß  der
alte  Freund  und  Bundesgenosse  Preußens  vernichtet  oder
in  gefährlicher  Weise  geschädigt  werde;  es  sei  Preußens  von
der  Vorsehung  gegebene  Aufgabe,  den  Frieden  diktatorisch  herbeizuführen
  und  Preußens  Freund  auch  gegen  seinen  Willen  zu
retten.  Um  den  Prinzen  aus  diesem  Gedankenkreise  loszumachen,
stellte  Bismarck  ihm  vor,  daß  Preußen  keinen  eigenen  Kriegsgrund
  gegen  Rußland  habe  und  kein  Interesse  an  der  orientalischen
  Frage,  das  einen  Krieg  gegen  Rußland  oder  auch
nur  das  Opfer  der  langjährigen  guten  Beziehungen  zu  Rußland
  rechtfertige;  im  Gegenteil,  jeder  siegreiche  Krieg  gegen
Rußland  unter  nachbarlicher  Beteiligung  Preußens  belade
dieses  mit  dem  dauernden  Revanchegefühl  Rußlands  und  mit
Schwierigkeiten  in  der  Lösung  der  polnischen  Frage.  Preußens
eigene  Interessen  sprächen  keinenfalls  für,  eher  gegen  einen
Bruch  mit  Rußland.  Man  würde  einen  bisherigen  Freund
und  immerwährenden  Nachbarn,  ohne  provoziert  zu  sein,  entweder
  aus  Furcht  vor  Frankreich  oder  im  Liebesdienste  Englands
  und  Osterreichs  angreifen,  und  Preußens  König  würde
die  Rolle  eines  indischen  Vasallenfürsten  übernehmen,  der  im
        <pb n="168" />
        Krimkrieg  159

englischen  Patronat  englische  Kriege  zu  führen  habe  oder  die
des  Yorkschen  Korps  beim  Ausmarsch  des  Krieges  1812,  wo
die  damals  berechtigte  Furcht  vor  Frankreich  Preußen  zu  dessen
gehorsamen  Bundesgenossen  zwangsweise  gemacht  habe.  Der
Prinz,  durch  solche  Ausdrücke  verletzt,  unterbrach  Bismarck  in
zorniger  Röte  mit  den  Worten:  „Von  Vasallen  und  Furcht  ist
hier  gar  keine  Rede.“  Er  brach  aber  die  Unterredung  nicht  ab;
denn  wer  einmal  sein  Vertrauen  hatte,  schreibt  Bismarck  in
den  „Gedanken  und  Erinnerungen“,  konnte  ihm  gegenüber  sehr
frei  von  der  Leber  sprechen,  sogar  heftig  werden.

Trotz  Bismarcks  Warnungen  schloß  Preußen  am  20.  April
ein  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  Osterreich,  das  Preußen  verpflichtete,
  unter  Umständen  hunderttausend  Mann  in  Zeit  von
sechsunddreißig  Tagen  zu  konzentrieren,  ein  Drittel  in  Ostpreußen,
  die  beiden  anderen  um  Posen  oder  Breslau,  und  sein
Heer,  wenn  die  Umstände  es  erheischten,  auf  zweihunderttausend
Mann  zu  bringen  und  sich  behufs  alles  dessen  mit  OÖsterreich
zu  verständigen.  Am  3.  Mai  wurde  Bismarck  wieder  nach  Berlin
gerufen,  da  der  König  ihn  über  die  Behandlung  des  österreichischpreußischen
  Bündnisses  beim  Bundestage  zu  hören  wünschte.
Bismarck  schlug  dem  König  vor,  diese  Gelegenheit  zu  benützen,
um  die  preußische  Politik  aus  der  sekundären  und,  wie  ihm
schien,  unwürdigen  Lage  herauszuheben  und  eine  Stellung
einzunehmen,  welche  Preußen  die  Sympathie  und  Leitung  der
deutschen  Staaten  verschaffte,  die  mit  und  durch  Preußen
in  unabhängiger  Neutralität  verbleiben  wollten.  Bismarck
hielt  es  für  erreichbar,  wenn  Preußen,  sobald  Osterreich  die
Truppenaufstellung  verlange,  freundlich  und  bereitwillig  darauf
einginge,  aber  die  Aufstellung  der  66000  und  faktisch  mehr
Mann  nicht  bei  Lissa  in  Posen,  sondern  in  Ocberschlesien
machte,  so  daß  Preußens  Truppen  die  österreichische  oder  die
russische  Grenze  mit  gleicher  Leichtigkeit  überschreiten  könnten;
namentlich  dürfe  sich  Preußen  nicht  genieren,  die  Ziffer  100000
uneingestanden  zu  überschreiten.  Mit  200000  Mann  würde
Preußens  König  in  diesem  Augenblick  Herr  der  gesamten  europäischen
  Situation  werden,  den  Frieden  diktieren  und  in  Deutsch-
        <pb n="169" />
        160  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

land  eine  Preußens  würdige  Stellung  gewinnen  können.  Denn
Frankreich  sei  nicht  imstande  bedrohlich  an  der  Westgrenze
aufzutreten,  Osterreich  sei  festgenagelt  durch  die  russische  Armee
in  Polen  und  stark  geschwächt  durch  Krankheiten  in  der  Armee.
Der  König  war  nicht  unempfänglich;  der  geistreichste,  aber
tatenärmste  aller  preußischen  Könige  lächelte  wohlgefällig  und
sagte  im  Berliner  Dialektk:  „Liebeen,  das  is  sehr  schöne,  aber
es  is  mich  zu  teuer.  Solche  Gewaltstreiche  kann  ein  Mann  von
der  Sorte  Napoleon  wohl  machen,  ich  aber  nicht.“

Der  schwankende  König  ließ  sich  nicht  zum  Kriege  gegen
Rußland  hinreißen.  Noch  24  Jahre  später  (19.  Februar  1878)
wies  Bismarck  im  Reichstage  darauf  hin,  daß  das  ein  Glück
gewesen  sei.  Er  sagte:  „Ich  weiß,  welche  Künste  der  Über—
redung,  der  Drohung  bei  Preußen  angewendet  wurden,  um
uns  wie  einen  Hatzhund  in  einen  fremden  Krieg  hineinzutreiben,
und  es  war  nur  —  was  den  hochseligen  König  nicht  genug
zu  danken  ist  —  der  persönliche  Widerstand,  den  der  König
dagegen  geleistet  hat,  der  verhinderte,  daß  dieser  Mißgriff  damals
  begangen  wurde,  daß  wir  einen  Krieg  führten,  der  von
dem  Augenblicke  an,  wo  wir  den  ersten  Schuß  taten,  der
unsrige  geworden  wäre.  Alle  hinter  und  neben  uns  hätten
eine  gewisse  Erleichterung  empfunden  und  uns  gesagt,  wann
es  genug  war.  Der  hochselige  König  hat  mich  damals  in
schwierigeren  Momenten  von  Frankfurt  rufen  lassen,  um  die
Depeschen  in  seinem  Sinn  hier  zu  bearbeiten.  .  Nun,  ist  es
nicht  dankenswert,  daß  wir  damals  der  Versuchung,  Rußland
den  Krieg  zu  verbieten  oder  zu  erschweren,  widerstanden  haben?
Es  war  damals  auch  das  germanische  Interesse“,  in  welchem
der  Krimkrieg  geführt  wurde,  in  dessen  Namen  unser  Beistand
gefordert  wurde;  es  war  nur  das  Auffällige,  daß  der  gesamte
Deutsche  Bund  die  Ansicht  nicht  teilte,  daß  es  ein  germanisches
Interesse  wäre.  Ich  glaube,  es  war  das  einzige  Mal,  wo  ich
mich  in  Frankfurt  im  Bundestage  an  der  Spitze  der  Majorität
befunden  habe,  und  wo  Österreich  in  der  Minorität  war.“

Wie  Prinz  Wilhelm  Bismarck  beim  Könige  auszuspielen  bemüht
  war,  so  versuchte  es  auf  andere  Weise  Manteuffel,  der
        <pb n="170" />
        Krimkrieg  161

zwar  auch  mehr  Entgegenkommen  für  die  Westmächte  und  die
österreichischen  Wünsche  zeigte,  es  aber  doch  vermeiden  wollte,
den  König  durch  schärferes  Auftreten  gegen  seine  Auffassung
noch  mehr  zu  verstimmen  oder  die  Westmächte  und  Osterreich
durch  Eintreten  für  Bismarcks  Auffassung  zu  reizen  und  der  sich
deshalb,  wie  Bismarcks  Paukausdruck  lautete,  lieber  effacierte,
d.  h.  den  Körper  beim  Fechten  zurücknahm.  Er  ließ  den  französischen
  Gesandten  Marquis  Moustier  auf  Bismarck  los,  damit
dieser  sich  bekehre  zur  westmächtlichen  Auffassung  und  zu  ihrer
Vertretung  beim  Könige.  Bei  einem  Besuche,  den  Bismarck
Moustier  machte,  riß  diesen  die  Lebhaftigkeit  seines  Temperaments
  zu  der  bedrohlichen  Außerung  hin:  „La  politique  que
Vous  faites,  va  vous  conduire  à  Jéna.“  Worauf  Bismarck  antwortete:
  „Pourquoi  pas  à  Leipsic  ou  à  Rossbach?“"  Moustier
war  eine  so  unabhängige  Sprache  in  Berlin  nicht  gewohnt  und
wurde  stumm  und  bleich  vor  Zorn.  Nach  einigem  Schweigen
setzte  Bismarck  hinzu:  „Enfin  toute  nation  a  perdu  et  gagné
des  batailles.  Je  ne  suis  pas  venu  pour  faire  avec  vous  un
cours  d’histoire.“  Die  Unterhaltung  kam  nicht  wieder  in  Fluß.
Moustier  beschwerte  sich  über  Bismarck  bei  Manteuffel,  der
die  Beschwerde  an  den  König  brachte.  Dieser  aber  lobte  seinen
Frankfurter  Gesandten  wegen  der  richtigen  Antwort,  die  er
dem  Franzosen  gegeben  hatte.

Preußens  Haltung  im  Krimkriege  hatte  die  Westmächte  und
das  mit  ihnen  schließlich  (seit  Dezember  1854)  verbündete  Osterreich
  arg  verschnupft.  Sie  rächten  sich,  indem  sie  Preußen  von
den  Pariser  Konferenzen  1856,  die  den  Frieden  berieten,  ausschlossen
  und  ihm  nur  gestatteten,  den  von  den  Teilnehmern
gefaßten  Beschlüssen  seine  Unterschriftzuzufügen.  Bismarck  kochte
in  dieser  Zeit  vor  Wut,  er  litt  stellenweise  unter  fortwährenden
Anfällen  gallichten  Erbrechens  und  fand  nur  in  der  Erinnerung
an  den  Frühling  1848  ein  Gegenstück  seiner  körperlichen  und
geistigen  Stimmung;  er  hatte  nichts,  woran  er  sein  preußisches
Ehrgefühl  hätte  aufrichten  können.  Er  war  der  Meinung,  es
wäre  gar  nichts  verloren  gewesen,  wenn  Preußen  nicht  dabei
gewesen  wäre,  es  hätte  nur  feste  Entschlüsse  fassen  und  eine

A.  Matthlas,  Bismarck  11
        <pb n="171" />
        162  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

feste  Stellung  nehmen  sollen;  es  lag  gar  keine  Notwendigkeit
vor  für  Preußen,  die  damaligen  Verträge  zu  unterschreiben.
Aber  Manteuffel  antichambrierte  bei  den  Großmächten,  bis
er  nachträglich  —  quoique  moutarde  après  diner  meinte  der
Prinz  von  Preußen  Manteuffel  gegenüber  —  eine  Einladung
als  preußischer  Bevollmächtigter  erbettelt  hatte;  das  paßte  Bismarck
  nicht.  Mochte  Manteuffel  einen  Triumph  darin  sehen  und
Friedrich  Wilhelm  IV.  ihm  den  Orden  vom  Schwarzen  Adler
verleihen,  Cavour  sah  darin  eine  Gnade  und  Bismarck  eine
Niederlage,  eine  Art  von  Canossa,  wie  er  es  selber  bezeichnete.
Er  zog  für  seine  Politik  daraus  seine  ernsten  Folgerungen.  Immer
tiefer  grub  sich  bei  ihm  der  Groll  über  Preußens  schlaffe  Politik
ins  Herz,  und  kräftiger  stieg  sein  Zorn  gegen  Osterreich  in  den
Adern;  immer  selbständiger  wurde  er  in  den  Tagen  der  Unselbständigkeit
  preußischer  Politik.  —  In  diesen  ganzen  Gedankenkreis
  fügten  sich  seine  Beziehungen  ein,  die  er  zu  Napoleon
gegen  Osterreich  suchte.

Im  Sommer  1855  lud  der  damalige  Gesandte  in  Paris
Graf  Hatzfeldt  Bismarck  zum  Besuche  der  Industrieausstellung
ein.  Damals  sah  der  Kaiser  ihn  mehrere  Male  und  gab  nur
in  allgemeinen  Worten  seinen  Wunsch  und  seine  Absichten  im
Sinne  einer  französisch-preußischen  Intimität  zu  erkennen.  Er
sprach  davon,  daß  diese  beiden  benachbarten  Staaten,  die  vermöge
ihrer  Bildung  und  ihrer  Einrichtungen  an  der  Spitze  der  Zivilisation
ständen,  aufeinander  angewiesen  wären.  Bismarck  hatte  das  Gefühl,
  daß  Napoleon  Preußen  die  Stellung  im  Krimkriege  nicht
nachtrug  und  daß  er  für  Preußens  Sünden  im  Krimkriege  viel
nachsichtiger  als  England  und  Osterreich  war,  die  in  gröberer  und
leidenschaftlicherer  Form  sich  Preußen  gegenüber  gezeigt  hatten.

Bismarcks  Besuch  in  Paris  hatte  am  Hofe  mißfallen  und
die  gegen  Bismarck  schon  vorhandene  Verstimmung,  besonders
bei  der  Königin  Elisabeth,  gesteigert.  Auf  einer  Rheinfahrt  zum
Dombaufeste  nach  Köln,  zu  welcher  der  König  Bismarck  und
seine  Frau  eingeladen  hatte,  wurde  diese  von  der  Königin  vollständig
  ignoriert.  Der  Prinz  von  Preußen,  der  das  bemerkt
hatte,  gab  ihr  den  Arm  und  führte  sie  zu  Tisch.
        <pb n="172" />
        Bismarck  und  Napoleon  163

Im  folgenden  Winter  fragte  der  König  Bismarck  einmal
bei  Tafel  quer  über  den  Tisch  in  ironischem  Tone  nach  seiner
Meinung  über  Louis  Napoleon.  Bismarck  antwortete:  „Ich
habe  den  Eindruck,  daß  der  Kaiser  Napoleon  ein  gescheiter  und
liebenswürdiger  Mann  ist,  nicht  aber  so  klug,  wie  die  Welt  ihn
schätzt,  die  alles,  was  vorgeht,  auf  seine  Rechnung  schreibt,  und
wenn  es  in  Ostasien  zur  unrechten  Zeit  regnet,  das  aus  einer
übelwollenden  Machination  des  Kaisers  erklären  will.  Man  hat
sich  besonders  bei  uns  daran  gewöhnt,  ihn  als  eine  Art  génie
du  mal  zu  betrachten,  das  immer  nur  darüber  nachdenke,  wie
es  in  der  Welt  Unfug  anrichten  könne.  Ich  glaube,  daß  er  froh
ist,  wenn  er  etwas  Gutes  in  Ruhe  genießen  kann;  sein  Verstand
wird  auf  Kosten  seines  Herzens  überschätzt;  er  ist  im  Grunde
gutmütig,  und  es  ist  ihm  ein  ungewöhnliches  Maß  von  Dankbarkeit
  für  jeden  geleisteten  Dienst  eigen.“

Der  König  lachte  dazu  in  einer  Weise,  die  Bismarck  verdroß
  und  zu  der  Frage  veranlaßte,  ob  er  sich  gestatten  dürfe
die  augenblicklichen  Gedanken  Sr.  Majestät  zu  erraten.  Der
König  bejahte  und  Bismarck  sagte:

„General  von  Canitz  hielt  den  jungen  Offtzieren  in  der  Kriegsakademie
  Vorträge  über  Napoleons  Feldzüge.  Ein  strebsamer
Zuhörer  fragte  ihn,  warum  Napoleon  diese  oder  jene  Bewegung
unterlassen  haben  könne.  Canitz  antwortete:  „Ja,  sehen  Sie,  wie
dieser  Napoleon  eben  war,  ein  seelensguter  Kerl,  aber  dumm,
dumm'  —  was  natürlich  die  große  Heiterkeit  der  Kriegsschüler
erregte.  Ich  fürchte,  daß  Eurer  Majestät  Gedanken  über  mich
denen  des  Generals  von  Canitz  über  Napoleon  ähnlich  sind.“

Der  König  sagte  lachend:  „Sie  mögen  recht  haben;  aber
ich  kenne  den  jetzigen  Napoleon  nicht  hinreichend,  um  Ihren
Eindruck  bestreiten  zu  können,  daß  sein  Herz  besser  sei  als  sein
Kopf.“  Daß  die  Königin  mit  Bismarcks  Ansicht  unzufrieden
war,  konnte  er  aus  den  kleinen  Außerlichkeiten  entnehmen,  durch
welche  sich  bei  Hofe  die  Eindrücke  kenntlich  machen.

Das  Mißvergnügen  über  Bismarcks  Verkehr  mit  Napoleon
entsprang  eben  aus  dem  Begriffe  der  Legitimität,  der  Anschauung

vom  Gottesgnadentum  der  Monarchie.
11*
        <pb n="173" />
        164  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

Man  hielt  es  nicht  für  angemessen,  mit  einem  solchen  Par—
venu  zu  verkehren.  Bismarck  hielt  es  aber  weder  für  sündlich
noch  für  ehrenrührig,  mit  dem  von  Preußen  anerkannten  Souverän
eines  wichtigen  Landes  in  nähere  Verbindung  zu  treten,  wenn
es  der  Gang  der  Politik  mit  sich  bringe.  Daß  diese  Verbindung
an  sich  etwas  Wünschenswertes  sei,  meinte  er  nicht,  er  war
aber  damals  der  Ansicht,  daß  alle  anderen  Möglichkeiten,  preu-Hische
  Politik  zu  treiben,  weniger  günstig  wären,  und  daß  Preußen,
um  sie  zu  bessern,  durch  die  Wirklichkeit  oder  den  Schein  intimer
  Beziehungen  mit  Napoleon  hindurch  mußte.  Nur  durch
dieses  Mittel  noch  sei  Osterreich  so  weit  zur  Vernunft  und  zur
Verzichtleistung  auf  seinen  überspannten  Schwarzenbergischen
Ehrgeiz  zu  bringen,  daß  es  die  Verständigung  mit  Preußen  statt
seiner  Übervorteilung  suchen  werde.  Nur  durch  dieses  Mittel,
so  meinte  Bismarck,  konnte  Preußen  die  weitere  Entwicklung  der
direkten  Beziehungen  der  deutschen  Mittelstaaten  zu  Frankreich,
also  einen  neuen  Rheinbund,  hemmen.  Auch  England  werde
erst  dann  erkennen,  wie  wichtig  ihm  die  Allianz  Preußens  sei,
wenn  es  fürchten  müsse,  sie  an  Frankreich  zu  verlieren.  Bei
Frankreich  müsse  man  anfangen,  um  jenes  zur  Erkenntnis  der
Notwendigkeit  zu  bringen,  sich  mit  Preußen  gut  zu  stellen.

Bald  bot  sich  auch  für  Napoleon  eine  Gelegenheit  Preußen
seine  Zuneigung  zu  zeigen.  Das  Fürstentum  Neuchätel,  dessen
Beherrscher  seit  1707  die  Hohenzollern  waren,  war  1815  der
Schweiz  als  Kanton  beigetreten,  aber  im  alten  Verhältnis  zu
Preußen  geblieben.  1848  wurde  aber  dort  die  Republik  erklärt;  als
im  September  185  die  königlich  Gesinnten  dagegen  einen  Handstreich
  versuchten,  wurden  sie  besiegt  und  gefangen  genommen.
Es  drohte  ein  Krieg  zwischen  der  Schweiz  und  Preußen;  dabei
vermittelte  Napoleon,  Osterreich  aber  zeigte  keine  wohlwollende
Haltung:  die  Sache  wurde  friedlich  beigelegt,  die  Gefangenen
wurden  freigelassen;  Friedrich  Wilhelm  verzichtete  am  8.  Juni
1857  auf  Neuchatel.

Bismarck  war  im  Frühjahr  1857  nach  Paris  geschickt,  um
über  diese  Frage  zu  verhandeln.  Es  schien  ihm,  als  ob  Napoleon
voraussetze,  daß  er  dafür  auf  ein  Entgegenkommen  Preußens
        <pb n="174" />
        —.

Bismarck  und  Napoleon  165

in  anderen  Dingen  zu  rechnen  habe;  der  Kaiser  setzte  Bismarck
auseinander,  daß  es  ungerecht  sei,  ihn  zu  beschuldigen,  daß  er
nach  der  Rheingrenze  strebe.  Das  linksrheinische  Ufer  mit  etwa
drei  Millionen  Einwohnern  würde  für  Frankreich  eine  unhaltbare
  Grenze  sein.  Die  Natur  der  Dinge  würde  Frankreich  dahin
treiben,  auch  Luxemburg,  Belgien  und  Holland  zu  erwerben
oder  in  sichere  Abhängigkeit  zu  bringen.  Das  würde  von  Europa
für  unerträglich  befunden  werden,  eine  Koalition  würde  sich
bilden  gegen  eine  solche  an  Napoleon  I.  erinnernde  Prätensson;
man  würde  sagen,  Frankreichs  Hand  sei  gegen  jedermann,  und
deshalb  würde  jedermanns  Hand  gegen  Frankreich  sein.  Vielleicht
  werde  er  unter  Umständen  zur  Befriedigung  des  Nationalstolzes
  „une  petite  rectification  des  frontières“  verlangen  —
eine  kleine  „Berichtigung“,  wie  er  es  harmlos  bezeichnete;  er
könne  aber  auch  ohne  eine  solche  leben.  Wenn  er  wieder  eines
Krieges  bedürfen  sollte,  würde  er  denselben  eher  in  der  Richtung
  nach  Italien  suchen.  Dieses  Land  habe  doch  in  seinem
romanischen  Charakter  eine  große  Verwandtschaft  mit  Frankreich.

Als  Ergebnis  des  nächsten  Krieges  denke  er  sich  ein  Verhältnis
  der  Intimität  und  Abhängigkeit  Italiens  von  Frankreich,
vielleicht  eine  Erwerbung  einiger  Küstenpunkte.  Zu  diesem  Programm
  gehöre,  daß  Preußen  ihm  nicht  entgegen  sei;  Frankreich
und  Preußen  seien  aufeinander  angewiesen.  Für  Preußen  sei  es
wünschenswert  durch  die  Erwerbung  Hannovers  und  der  Elbherzogtümer
  sein  Gebiet  zu  konsolidieren,  um  damit  die  Unterlage
  einer  stärkeren  preußischen  Seemacht  zu  gewinnen.  Es  fehle
an  Seemächten  zweiten  Ranges,  die  durch  Vereinigung  ihrer
Streitkräfte  mit  der  französischen  das  drückende  ÜUbergewicht
Englands  aufhöben.  Zunächst  wünsche  er  sich  der  Neutralität
Preußens  zu  versichern  für  den  Fall,  daß  er  wegen  Jtaliens
mit  Osterreich  in  Krieg  geriete.  Bismarck  möge  den  König  über
dieses  alles  sondieren.

Was  Bismarck  nun  tat,  zeigte  des  klugen  Diplomaten  großartiges
  Geschick,  das  Richtige  zu  wählen  und  zwar  mit  weitem
Blick  in  die  Zukunft.  Er  antwortete,  er  sei  doppelt  erfreut,
daß  der  Kaiser  diese  Andeutungen  gerade  ihm  gemacht  habe,
        <pb n="175" />
        166  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  in  Frankfurt  a.  M.

weil  er  darin  einen  Beweis  seines  Vertrauens  sehen  dürfe,  und
weil  er  vielleicht  der  einzige  preußische  Diplomat  sei,  der  es
über  sich  nehmen  würde,  diese  ganze  Eröffnung  zu  Hause  und
auch  seinem  Souverän  gegenüber  zu  verschweigen.  Bismarck  bat
dringend,  der  Kaiser  möge  sich  dieser  Gedanken  entschlagen;
es  läge  außer  aller  Möglichkeit  für  den  König  Friedrich  Wilhelm
  IV.,  auf  dergleichen  einzugehen;  eine  ablehnende  Antwort
sei  unzweifelhaft,  wenn  ihm  die  Eröffnung  gemacht  würde.
Dabei  bleibe  im  letzteren  Falle  die  große  Gefahr,  daß  der  König
einem  anderen  Fürsten  gegenüber  eine  Indiskretion  begehe,
welchen  Versuchungen  er  widerstanden  habe.  Wenn  eine  andere
deutsche  Regierung  in  die  Lage  versetzt  würde,  über  dergleichen
Indiskretionen  nach  Paris  zu  berichten,  so  werde  das  für  Preußen
so  wertvolle  gute  Benehmen  mit  Frankreich  gestört  werden.
„Mais  ce  ne  serait  plus  une  indiscrétion,  ce  serait  une  trahison“,
  unterbrach  Napoleon  Bismarck  etwas  beunruhigt.  „Vous
vous  embourberiez  —  Sie  würden  Sich  in  den  Kot  hineinreiten!“
  —  fuhr  Bismarck  fort.  Der  Kaiser  fand  diesen  Ausdruck
schlagend  und  anschaulich  und  wiederholte  ihn.  Die  Unterredung
schloß  damit,  daß  er  für  diese  Offenheit  dankte  und  Bismarck
ihm  Schweigen  über  seine  Eröffnung  zusagte.

Bismarck  hat  dann  auch  Wort  gehalten.  Tatsächlich  enthalten
  die  amtlichen  Berichte  nichts  von  diesem  Gespräche.

In  Berlin  war  inzwischen  eine  Wendung  der  Dinge  eingetreten.
  Im  Juli  1857  machten  sich  Anzeichen  geistiger  Ermüdung
  beim  Könige  bemerkbar,  die  sich  mehr  und  mehr
verstärkten.  Es  folgte  ein  Schlaganfall  im  Oktober  1857.
Am  49.  hatte  Bismarck  eine  längere  Unterredung  mit  dem
Prinzen  von  Preußen,  dessen  Regentschaft  oder  Regierungsantritt
  bevorstand.  Dieser  regte  die  Frage  an,  ob  er,  wenn  er
zur  Regierung  komme,  die  Verfassung  unverändert  annehmen
oder  zuvor  eine  Revision  fordern  solle.  Der  sonst  als  heißsporniger
  Reaktionär  verschriene  Junker  riet,  nicht  an  die  Sache
zu  rühren,  nicht  durch  solche  Maßnahmen  eine  Unsicherheit  der
staatlichen  Zustände  zu  veranlassen  und  nicht  die  Befürchtung
eines  Systemwechsels  bei  jedem  Thronwechsel  herbeizuführen.
        <pb n="176" />
        Erkrankung  des  Königs.  Regentschaft  167

Preußens  Ansehen  in  Deutschland  und  seine  europäische  Bewegungsfreiheit
  wuͤrden  durch  einen  Zwist  zwischen  der  Krone
und  dem  Landtage  gemindert  werden,  die  Parteinahme  im  liberalen
  Deutschland  gegen  den  beabsichtigten  Schritt  würde  eine
allgemeine  sein.  Verfassungsfragen  seien  stets  den  politischen  Bedürfnissen
  des  Landes  unterzuordnen;  die  Machtfrage  und  innere
Geschlossenheit  sei  die  Hauptsache.  So  war  sein  Rat.  In  das
damalige  Intrigenspiel  der  Hofkamarilla,  die  den  unbequemen
Prinzen  gern  beiseite  geschoben  hätte  und  für  eine  unter  der
Kontrolle  der  Königin  geführte  Regierung  des  kranken  Königs
tätig  war,  läßt  uns  Bismarck  einen  Blick  in  seinen  Erinnerungen
tun.  Man  hatte  Bismarck  für  den  Plan  zu  gewinnen  gesucht;
aber  seine  entschlossene  Haltung  —  er  bezeichnete  das  Beabsichtigte
  als  Haremsregierung  —  war  ein  Strich  durch  die
Rechnung.

Am  26.  Oktober  1858  übernahm  Prinz  Wilhelm  die  Regentschaft.
  Eine  seiner  ersten  Handlungen  war  die  Entlassung  Manteuffels
  und  die  Berufung  des  Ministeriums  der  neuen  Kra#
unter  Leitung  des  Fürsten  Anton  von  Hohenzollern-Sigmaringen.
Nach  diesen  in  liberaler  Richtung  laufenden  Veränderungen
waren  für  Bismarck  die  Tage  in  Frankfurt  gezählt.  Im  Januar
1859  machte  Graf  Stillfried  auf  einem  Hofballe  eine  scherzhafte
Anspielung  zu  Bismarck  über  die  bevorstehende  Verwirklichung
seiner  schon  mehrmals  geplanten  Versetzung  nach  Petersburg.
Am  Tage  nach  dem  Balle  (26.  Jannar)  ging  Bismarck  zum  Regenten
und  teilte  ihm  unter  Wahrung  der  Diskretion  mit,  was  er
gehört  hatte.  Er  bedauere  die  Absicht,  weil  er  glaube,  in  Frankfurt,
  in  diesem  Fuchsbau  des  Bundestages,  dessen  Ein=  und
Ausgänge  er  bis  auf  die  Notröhren  kennen  gelernt  habe,  brauchbarere
  Dienste  leisten  zu  können,  als  irgend  einer  seiner  Nachfolger,
  der  die  sehr  verwickelte  Stellung,  die  auf  den  Beziehungen
zu  vielen  Höfen  und  Ministern  beruhe,  erst  wieder  kennen  lernen
müsse,  da  er  seine  achtjährigen  in  bewegten  Zuständen  erworbenen
Erfahrungen  nicht  vererben  könne.  Jeder  deutsche  Fürst,  jeder
Minister  und  die  deutschen  Höfe  seien  ihm  bekannt,  er  besitze
einen  erfreulichen  Einfluß  in  der  Bundesversammlung.  Dieses
        <pb n="177" />
        168  7.  „Herrenleben“  am  Bundestage  iu  Frankfurt  a.  M.

Kapital  werde  jetzt  zwecklos  zerstört.  Usedom,  sein  voraussichtlicher
  Nachfolger,  werde  das  Vertrauen  der  deutschen  Höfe
abschwächen,  weil  er  unklar  liberal  und  mehr  anekdotenerzählender
Hofmann  als  Staatsmann  sei;  Frau  von  Usedom  werde  der
Regierung  durch  ihre  Exzentrizität  Verlegenheiten  und  unerwünschte
  Eindrücke  in  Frankfurt  zuziehen.  Erst  als  der
Regent  die  Versetzung  als  einen  Beweis  seines  hohen  Vertrauens
hinstellte,  beruhigte  sich  Bismarck,  hielt  aber  seine  Sorge  über
die  heimische  Situation  und  über  die  Unfähigkeit  Usedoms  nicht
zurück.

Am  29.  Januar  erfolgte  die  Ernennung;  am  6.  März  verließ
  er  Frankfurt,  mit  Wehmut  im  Herzen;  denn  er  war  dort
gern  gewesen.  Noch  in  seiner  Altkanzlerzeit  schweiften  seine
Erinnerungen  humorvoll  dorthin:  „Frankfurt  ist  eine  Stadt,
in  der  ich  nächst  Berlin  am  längsten  und  liebsten  gewohnt
habe;  ich  war  von  1851—59  mit  meiner  Familie  dort  und
hatte  kaum  geglaubt,  daß  ich  noch  wo  anders  wohnen  würde.
Ich  hatte  mir  auf  dem  Friedhofe  schon  die  Stelle  ausgesucht,
wo  ich  einst  liegen  würde.  Man  hatte  mit  Politik  genug
zu  tun,  ohne  davon  überwältigt  zu  werden,  und  dazu  kamen
noch  zwei  bis  drei  Monate  Ferien;  es  war  ein  rechtes  Herrenleben.“
        <pb n="178" />
        Bismarck  als  Bundestagsgesandter

Photographie  nach  dem  Leben
        <pb n="179" />
        <pb n="180" />
        8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen.
1859—1862

m  23.  März  1859  verließ  Bismarck  Berlin;  die  Reise  war

sehr  beschwerlich.  Bei  Königsberg  fing  das  Schneegestöber
an;  fünf  Tage  lang  fuhr  er  Tag  und  Nacht  mit  acht  Kurierpferden;
  es  ging  oft  durch  Schnee,  der  hoch  wie  Dünensand
lag,  oft  im  Frachtwagenschritt;  man  blieb  auch  vollständig  im
Schnee  stecken  und  mußte  zu  Fuß  gehen,  dann  wieder  meilenweit
  Galopp,  wobei  man  in  der  Finsternis,  an  glatteisigen
Bergen  und  bei  gelegentlich  stürzenden  Pferden  seine  Seele
Gott  zu  empfehlen  alle  Ursache  hatte.  Das  Innere  des
Wagens  war  Bismarck  zu  eng;  er  tauschte  deshalb  mit  seinem
Kammerdiener  und  nahm  den  Sitz  auf  einem  verdeckten,  aber
vorn  offenen  Bock;  da  die  Kälte  bis  vierzehn  Grad  stieg,  so
ging  ihm  die  Haut  vom  Gesichte;  doch  lief  schließlich  alles
gut  ab.  Am  29.  traf  er  in  Petersburg  ein,  plätzlich,  wie  er
scherzte,  um  zwölf  Tage  jünger  geworden,  da  man  dort  noch  den
17.  schrieb.  Seine  Stellung  trat  er  gerade  an  seinem  Geburtstage
  an,  dem  1.  April,  an  dem  er  vierundvierzig  Jahre  alt
wurde,  mit  Audienz  beim  Kaiser,  die  Bismarck  durch  dessen
„liebenswürdige  Weise  zum  Geburtstagsgeschenk  wurde“.  Auch
sonst  empfingen  ihn  angenehme  Eindrücke,  jedermann  war
freundlich  und  liebenswürdig  zu  ihm,  und  in  seinen  dienstlichen
  Geschäften  machten  die  täglichen  Zänkereien  von  Frankfurt
  wohlwollenden  Beziehungen  Platz,  auch,  für  damals
wenigstens,  größeren  und  interessanteren,  als  es  die  gewöhnlichen
  Vorkommnisse  der  Bundespolitik  waren.  Seine  deutschen
Kollegen  waren  für  ihn  ein  chronisches  Übel,  über  dessen  ärztliche
  Behandlung  er  schwer  mit  sich  einig  werden  konnte.  Obschon
  er  ihnen  auf  Grund  von  Frankfurter  Antezedentien  und
Verleumdungen  keine  persona  grata  war,  so  machten  sie  doch
den  landsmannschaftlichen  Anspruch,  auf  ihn  in  betreff  politischer
  Mitteilungen  angewiesen  zu  sein,  weil  sie  den  Fürsten
        <pb n="181" />
        170  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

Gortschakow,  den  russischen  Staatskanzler,  fast  niemals  sahen,
und  dieser  sich  auf  große  Politik  nur  in  den  engsten  amtlichen
Grenzen  einließ.  Die  Dreistigkeit,  mit  welcher  Bismarck
unter  dieser  Rubrik  der  Landsmannschaft  die  indiskretesten
Fragen  à  brüle-pourpoint  —  wir  sagen  „das  Messer  an
die  Kehle  setzen"“  —  gestellt  wurden,  überstieg  jede  Voraussicht
  eines  wohlerzogenen  Politikers.  Besonders  entwickelte
  der  Osterreicher  Graf  Kärolyi  die  rücksichtsloseste
Entschlossenheit  unter  dem  Vorwande  des  bundesfreundlichen
  Verhältnisses.  Mochte  nun  Bismarck  solchen  Fragen
gegenüber  sich  verhalten,  wie  er  wollte,  er  entging  doch  niemals
  dem  Mißbrauch  seiner  Antworten.  Färbte  er  seine  Auslassungen
  einigermaßen  rücksichtsvoll  für  den  Frager,  d.  h.  im
österreichisch-mittelstaatlichen  Sinne,  so  hörte  er  schon  am
anderen  Tage  von  Gortschakow,  daß  ihm  durch  belgische,  englische,
  griechische  Kanäle  zu  Ohren  gekommen  sei,  Preußen
fange  doch  an,  der  Mehrheit  seiner  Bundesgenossen  nachzugeben,
  da  sogar  Bismarck  der  Gerechtigkeit  ihrer  Auffassungen
zugänglich  geworden  sei.  Wich  Bismarck  der  Antwort  aus,
so  hieß  es,  Bismarck  lasse  sich  nur  mit  Russen,  Franzosen
und  Engländern  ein,  gegen  den  deutschen  Landsmann  spiele
er  den  zugeknöpften  Großmachtsvertreter.  Vertrat  er  ehrlich
den  Standpunkt  der  preußischen  Regierung,  der  Preußen  die
Initiative  in  Deutschland  wahrte,  bemühte  er  sich,  Illusionen
aufzuklären  und  leidenschaftlichen  Hoffnungen  keine  Ermutigung
zu  geben,  so  wurde  er  in  den  Petersburger  deutschen  Kreisen
und  in  Berichten  nach  Hause  als  Bonapartist  und  Verschwörer
  gegen  Deutschland  angeklagt  mit  allen  den  Ubertreibungen
  und  Entstellungen,  welche  er  von  Frankfurt  her
gewohnt  war  und  welche  seit  acht  Jahren  so  oft  ihren  Ausdruck
  in  Beschwerden  bis  in  die  fürstlichen  Privatkorrespondenzen
  hinein  gefunden  hatten.  Der  Ubelstand  war,  daß  die
Vertreter  der  kleineren  Staaten  nichts  zu  tun  hatten,  oder
sich  doch  für  die  Geschäfte,  welche  der  Schutz  ihrer  Landslente
mit  sich  brachte,  nicht  interessterten,  sondern  auf  Klatschereien
hin  große  Politik  trieben,  wenn  ihnen  der  geschäftliche  Anhalt
        <pb n="182" />
        Bismarcks  Verhältnis  zu  den  Mittelstaaten  und  zu  Österreich  171

dazu  fehlte.  So  sah  Bismarck  die  kleine  Umwelt  an,  in  der
er  fortan  zu  wirken  hatte.

Jedenfalls  aber  kam  er,  so  kalt  man  ihn  gleichsam  fern
an  der  Newa  gestellt  hatte,  doch  sofort  mit  brennenden  Fragen
in  nächste  Berührung  und  wußte  die  richtige  Stellung  zu
nehmen.  Einen  tiefen  Einblick  tat  er  in  die  Stimmung,  die
in  Rußland  gegen  Österreich  herrschte.  Sie  war  feindlichster
Natur.  Er  schreibt  am  4.  April  seiner  Frau:  „Wie  die  Ostreicher
  hier  drunten  durch  sind,  davon  hat  man  gar  keine
Idee;  kein  räudiger  Hund  nimmt  ein  Stück  Fleisch  von  ihnen.
Man  wird  es  von  hier  doch  dazu  treiben  oder  kommen  lassen,
daß  der  Krieg  ausbricht,  und  ihnen  dann  das  Bajonnet  in
den  Rücken  rennen;  so  sehr  man  auch  friedlich  spricht,  und
so  sehr  ich  pflichtschuldigst  begütige,  der  Haß  ist  ohne  Maßen
und  übersteigt  alle  meine  Vermuthungen.  Erst  seit  ich  hier  bin
glaube  ich  an  Krieg;  die  ganze  russische  Politik  scheint  keinem
andern  Gedanken  Raum  zu  geben,  als  dem  wie  man  Osterreich
ans  Leben  kommt.  Selbst  der  ruhige,  sanfte  Kaiser  [Alexander  II.)
geräth  in  Zorn  und  Feuer,  wenn  er  davon  spricht,  auch  die
Kaiserin,  die  doch  Darmstädter  Prinzessin  ist,  und  die  Kaiserin
Mutter  hat  etwas  Ergreifendes,  wenn  sie  von  dem  gebrochenen
Herzen  ihres  Mannes  spricht  und  von  Franz  Joseph,  den  er
als  Sohn  geliebt,  ohne  Zorn  eigentlich,  aber  wie  von  einem
der  Rache  Gottes  Verfallenen.“  Der  Kaiserin-Mutter,  Nikolaus
  I.  Gemahlin,  der  Tochter  der  Königin  Luise,  stand  Bismarck
  besonders  nahe;  am  Tage  vor  seinem  Eintritt  hatte  er
bei  ihr  eine  lange  Audienz  gehabt  und  sich  an  der  graziösen
Vornehmheit  der  alten  Dame  gefreut.

Bismarcks  Stellung  Österreich  gegenüber  neigte  mehr  zu
Rußland  als  zu  seiner  eigenen  Regierung.  Am  19.  April
schreibt  er  nach  Haus:  „Unsere  Politik  verstimmt  mich;  wir
bleiben  Treibholz,  auf  unsern  eignen  Gewässern  planlos  umhergeblasen
  von  fremden  Winden;  und  was  für  ruppige  Winde,
übelriechende!  Wie  selten  sind  doch  Leute  von  eignem  Willen
in  einer  so  achtbaren  Nation  wie  die  unsrige.  Wir  lieben  die
Leporello-Rolle,  und  Ostreich  die  des  Don  Juan.“  Und  dieser
        <pb n="183" />
        172  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

Don  Juan  war  ebensowenig  verlegen  in  seinen  Mitteln  wie
der  Mozartsche,  besonders  im  geschickten  Gebrauch  der  Presse.
Bismarck  klagte  damals  bei  seinem  Chef,  dem  Minister  des
Auswärtigen  von  Schleinitz,  es  sei  so  weit  gekommen,  daß
kaum  noch  unter  dem  Mantel  allgemein  deutscher  Gesinnung
ein  preußisches  Blatt  sich  zu  preußischem  Patriotismus  zu
bekennen  wage.  Die  allgemeine  Piepmeierei  —  Piepmeier
nannte  man  in  den  vierziger  Jahren  den  Typus  eines  charakterlosen
  Philisters  —  spiele  dabei  eine  große  Rolle,  nicht  minder
die  Zwanziger,  die  Osterreich  zu  diesem  Zwecke  niemals  fehlten.
Die  meisten  Korrespondenten  schrieben  für  ihren  Lebensunterhalt,
  die  meisten  Blätter  hätten  die  Rentabilität  zum  Hauptzwecke,
  ein  erfahrener  Leser  könne  leicht  erkennen,  ob  das  betreffende
  Blatt  eine  Subvention  Österreichs  wiederum  erhalten
habe,  sie  bald  erwarte,  oder  sie  durch  drohende  Winke  herbeiführen
  wolle.  Die  Kreuzzeitung  tue  gratis,  was  der  österreichische
  Gesandte  in  Berlin  Koller  irgend  wünschen  könne.
Die  anderen  Blätter  kombinierten  ihre  Richtungen  nach  den
Rücksichten,  welche  sie  teils  auf  die  Subvention,  teils  auf  das
Abonnement  zu  nehmen  hätten.

Bismarck  sollte  selbst  erfahren,  bevor  er  nach  Petersburg
ging,  mit  welchen  Mitteln  die  Diplomatie  arbeitete  und  wie
die  östereichischen  geheimen  Fonds  auch  sonst  verwandt  wurden.
Es  erschien  bei  ihm  im  Hötel  Royal,  wo  er  logierte,  ein
Bankier  Levinstein,  Manteuffels  besonderer  Vertrauter,  mit
einem  Einführungsschreiben  des  Freiherrn  von  Buol,  des  Nachfolgers
  Schwarzenbergs.  Der  Mann  versuchte  Bismarck  zu  gewinnen
  durch  eine  Zusicherung  von  zwanzig=  bis  dreißigtausend
Talern  Verdienst  aus  einem  Finanzgeschäft,  bei  dem  Einzahlung
  nicht  erforderlich  sei,  sondern  nur  Befürwortung
der  österreichischen  Politik  mit  der  preußischen  am  russischen
Hofe.  Bismarck  wies  den  Unterhändler  zurück  und,  als
dieser  auch  auf  der  Treppe  noch  nicht  ging,  ließ  er  den  Versucher
  durch  den  Hinweis  auf  die  Steilheit  der  Treppe  und
seine  körperliche  Uberlegenheit  verschwinden,  doch  nicht  ohne
die  Drohung  hören  zu  müssen:  „Sehen  Sie  Sich  vor,  es  ist
        <pb n="184" />
        Bismarcks  Verhältnis  zu  sterreich  und  Frankreich  173

nicht  angenehm,  die  kaiserliche  Regierung  zum  Feinde  zu
haben.“

Die  Krisis  zwischen  Frankreich  und  Osterreich  verschärfte  sich.
Es  galt  ja  für  das  Königreich  Sardinien  und  für  dessen  König
Viktor  Emanuel,  die  Herrschaft  Österreichs  in  Oberitalien  zu  beseitigen;
  Graf  Cavour,  der  Minister  des  Königs,  verband  damit
den  Plan,  Italien  politisch  zu  einigen.  Napoleon  unterstützte  diese
Absichten  gegen  die  Zusicherung,  daß  ihm  nach  erfolgreichem  Kriege
Savoyen  und  Rizza  als  Entschädigung  zufalle.  Am  14.  April
war  Erzherzog  Albrecht  in  Berlin  gewesen,  um  Preußen  zum
Kriege  gegen  Frankreich  zu  bewegen;  in  ganz  Deutschland  war
die  Stimmung,  die  von  Wien  aus  stark  beeinflußt  wurde,  kriegslustig,
  fast  wie  im  Jahre  1843,  wiewohl  es  sich  jetzt  nicht  um
eine  Befreiung  von  fremdem  Joche  handelte,  sondern  darum,
Österreich  in  seinem  außerdeutschen  Besitz  zu  schützen,  und  wiewohl
  die  Befreiungs=  und  Einigungssehnsucht  diesmal  als  eine
tiefberechtigte  das  italienische  Volk  erfüllte.  Bismarck  ging  nicht
mit  der  öffentlichen  Meinung;  er  bot  ihr  Trotz.  Am  8.  Mai
schrieb  er  an  seinen  Bruder  über  diese  Frage;  nicht  viel  Worte
sind's,  sie  enthalten  aber  die  Hauptziele  seiner  Zukunftspolitik:
„Ich  bin  in  großer  Sorge,  daß  wir  uns  schließlich  mit  dem
nachgemachten  1813er  von  Oestreich  besoffen  machen  lassen
und  Thorheiten  begehn.  Sobald  wir  uns  einmischen,  wird
natürlich  für  Frankreich  der  deutsche  Krieg  Haupt=  und  der
italiänische  Nebensache  und  die  Parteinahme  Rußlands  für
Frankreich  unvermeidlich.  Dann  bricht  der  Tanz  an  allen  Ecken
los,  auch  im  Orient  und  in  Ungarn.  Ich  glaube,  daß  wir  es
in  der  Hand  haben,  den  Krieg  auf  Italien  einzuschränken  und
auch  Oestreichs  deutsche  Besitzungen  davor  zu  sichern.  Thun
wirs  nicht,  so  mag  Gott  ein  Einsehn  haben  und  uns  den  gesunden
  Menschenverstand  wieder  verleihn,  der  wenigstens  unfrer
Partei  für  die  Beurtheilung  auswärtiger  Verhältnisse  abhanden
gekommen  sein  muß,  wenn  die  blödsinnigen  Elukubrationen  der
Kreuzzeitung  über  die  europäische  „Situation“  die  Ansichten
ihrer  Leser  ausdrücken  sollen.  Wenn  wir  Oestreich  zum  Siege
verhülfen,  so  würden  wir  ihm  eine  Stellung  verschaffen,  wie
        <pb n="185" />
        174  8.  „Kalt  gestellt“  in  Prtersburg.  Pariser  Sommerwochen

es  sie  in  Italien  nie  und  in  Deutschland  seit  dem  Restitutionsedict
  [das  (1629)  Brandenburg  und  die  protestantischen
Länder  Deutschlands  um  großen  Landbesitz  brachte  und  die  Liga
und  Wallenstein  zu  Herrschern  in  Deutschland  machte]  im
30jährigen  Kriege  nicht  gehabt  hat,  dann  brauchen  wir  einen
neuen  Gustav  Adolph  und  Friedrich  II.,  um  uns  erst  wieder
zu  emanzipiren.  Bisher  haben  wir  uns  nicht  dumm  machen
lassen,  und  ich  hoffe,  wir  bleiben  fest.  Wir  sind  nicht  reich
genug,  um  unsere  Kräfte  in  Kriegen  aufzureiben,  die  uns  nichts
einbringen.“

Preußen  blieb  auch  zunächst  neutral.  Nach  dem  Siege
der  Franzosen  bei  Montebello  (20.  Mai)  wäre  er  bereit  gewesen
  zu  bewaffneter  Vermittlung,  wenn  Osterreich  ihm  die
alleinige  Verfügung  über  das  Bundesheer  überlassen  hätte.  In
Wien  ging  man  zuerst  darauf  ein.  Der  Prinzregent  machte  sechs
Armeekorps  mobil,  stellte  Mobilisterungsanträge  beim  Bunde,
machte  dann  die  gesamte  Armee  kriegsbereit  und  setzte  Truppen
nach  dem  Rhein  zu  in  Bewegung.  Dann  trat  am  8S.  Juli  Waffenstillstand
  ein,  drei  Tage  später  kam  Franz  Joseph  mit  Napoleon
in  Villafranca  zusammen.  Der  Frieden  wurde  geschlossen.  Für
Osterreich  bildete  das  Hauptmotiv  Eifersucht  auf  Preußen  und
Furcht  vor  seiner  Machtentfaltung.

Bismarck  hatte  recht  behalten.  Preußen  trug  die  Unkosten.
Seine  Mobilisferung  brachte  ihm  nichts  ein.  Nicht  ohne  Grund
hatte  er  mit  Besorgnis  die  Entwicklung  der  Dinge  beobachtet;
auch  er  war  ja  ebenfalls  dafür,  zu  rüsten,  aber  zugleich  Osterreich
das  Ultimatum  zu  stellen,  entweder  Preußens  Bedingungen  in
der  deutschen  Frage  anzunehmen  oder  Preußens  Angriff  zu  gewärtigen.
  Denn  Bismarck  sah  in  der  ganzen  Stellung  zum
Bunde  ein  Gebrechen  Preußens,  das  man  früher  oder  später
lerro  et  igni,  mit  Feuer  und  Schwert,  werde  heilen  müssen,
wenn  man  nicht  beizeiten  in  günstiger  Jahreszeit  eine  Kur  dagegen
  vornehmen  wolle.  Wenn  lediglich  der  Bund  aufgehoben
würde,  ohne  etwas  anderes  an  seine  Stelle  zu  setzen,  so  würden
schon  auf  Grund  dieser  negativen  Errungenschaften  sich  bald
bessere  und  natürlichere  Beziehungen  Preußens  zu  seinem  deutschen
        <pb n="186" />
        Der  italienische  Krieg  (1859)  175

Nachbarn  ausbilden  als  die  bisherigen.  Ganz  besonders  klar
und  deutlich  weist  er  auf  die  törichten  Ansprüche  der  „Bamberger“,
  d.  h.  der  zu  Bamberg  zusammengetretenen  Mittelstaaten,
  hin.  Wenn  diese  Staatsmänner  so  leichtfertig  bereit
seien,  dem  ersten  Anstoß  des  Kriegsgeschreis  der  urteilslosen
und  veränderlichen  Tagesstimmung  zu  folgen,  so  geschehe  das
mit  dem  tröstenden  Hintergedanken  an  die  Leichtigkeit,  mit  der
ein  kleiner  Staat  im  Fall  der  Not  die  Farbe  wechseln  könne.
Wolle  man  sich  dabei  aber  der  Bundeseinrichtungen  bedienen,
um  eine  Macht  wie  Preußen  ins  Feuer  zu  schicken;  mute  man
Preußen  zu,  Gut  und  Blut  für  die  politische  Weisheit  und  den
Tatendurst  von  Regierungen  einzusetzen,  denen  Preußens  Schutz
zum  Existieren  unentbehrlich  sei;  wollten  diese  Staaten,  deren
gesamter  Bestand  einem  Dritteil  von  Preußens  Armee  militärisch
  nicht  gewachsen  sei,  Preußen  den  leitenden  Impuls
geben,  solle  somit  alle  Autonomie  preußischer  Politik  aufhören,
dann  habe  sich  Preußen  zu  erinnern,  daß  die  Führer,  welche
ihm  zumuteten,  ihnen  zu  folgen,  andern  Interessen  dienten
als  preußischen,  und  daß  sie  die  Sache  Deutschlands,  welche
sie  im  Munde  führten,  so  verständen,  daß  sie  nicht  zugleich  die
Sache  Preußens  sein  könne,  wenn  Preußen  sich  nicht  aufgeben
wolle.  So  schrieb  der  kaltgestellte  preußische  Staatsmann  an
der  Newa  seinem  Minister,  und  wie  er  über  diese  Mittelstaaten
  sonst  dachte,  das  schrieb  er  einem  Freunde  nach  Frankfurt:
  „Wenn  es  uns  schlecht  geht,  so  werden  diese  Bundesstaaten
  von  uns  abfallen,  wie  welke  Pflaumen  im  Winde,  und
jeder  Fürst,  dessen  Residenz  französische  Einquartierung  bekommt,
  wird  sich  landesväterlich  auf  das  Floß  eines  neuen
Rheinbundes  retten."  Der  das  schrieb,  der  war  begeistert
von  echtem  1813er;  und  aus  dieser  Begeisterung  heraus  klang
der  Ton:  „Das  Wort  „Deutsch“  für  „Preußisch“  moöchte  ich
gern  erst  dann  auf  unfre  Fahne  geschrieben  sehn,  wenn  wir  enger
und  zweckmäßiger  mit  unsern  übrigen  Landsleuten  verbunden
wären,  als  bisher;  es  verliert  von  seinem  Zauber,  wenn  man
es  schon  jetzt,  in  Anwendung  auf  seinen  bundestäglichen  Nexus,
abnützt.“  Und  als  ihn  die  Presse,  die  Augsburger  und  Co.,
        <pb n="187" />
        176  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

die  im  österreichischen  Fahrwasser  sich  bewegte,  bonapartistischrussischer
  Gesinnungen  beschuldigte,  so  hatte  er  darauf  die  stolze
Antwort:  „Ubrigens  sind  meine  politischen  Liebhabereien  bei
Hof  und  Ministern  so  genau  gesiebt  worden,  daß  man  klar
weiß,  was  daran  ist,  und  wie  ich  gerade  in  nationalem  Aufschwung
  Abwehr  und  Kraft  gegen  Frankreich  zu  finden  glaube.
Wenn  ich  einem  Teufel  verschrieben  bin,  so  ist  es  ein  teutonischer
  und  kein  gallischer.“

Mit  solchen  Grundsätzen  mußte  er  denn  auch  scharf  Front
nehmen  gegen  die  Freunde  des  Preußischen  Wochenblatts  und
gegen  die  Männer  um  Bethmann-Hollweg,  die  für  „moralische
Eroberungen"  tätig  waren,  und  gegen  den  „Phrasenschwindel“,  daß
Preußen  in  Deutschland  aufgehen  müsse  und  Deutschland  nicht
„verpreußt“  werden  dürfe.  Er  hatte  aus  Frankfurt  die  Überzeugung
  mitgebracht,  daß  die  damaligen  Bundeseinrichtungen
für  Preußen  im  Frieden  eine  drückende,  in  kritischen  Zeiten
eine  lebensgefährliche  Fessel  bildeten.  Daß  er  dieses  und  seine
gegen  Osterreich  gerichteten  Gedanken  nicht  verschleierte,  läßt
sich  bei  seinem  lebhaften  Temperament  erklären.  Er  war  deshalb
  in  manchen  Kreisen  nicht  gern  gesehen  und  er  wußte,  daß
mancherlei  gegen  seine  Person  und  seine  amtliche  Wirksamkeit
gerichtete  Insinuationen  an  seinen  Chef,  den  Minister  des  Auswärtigen,
  gelangten,  so  daß  dieser,  als  Bismarck  einmal  unumwunden
  auf  den  Busch  klopfte,  ihn  bat  —  gerade  in  den
kritischen  Tagen  von  Solferino  —,  Bismarck  möge  sich  auch  in
seinen  außeramtlichen  Gesprächen  und  Beziehungen  möglichst
dem  Standpunkt  seiner  Regierung  konformieren.  Da  Bismarck
  —  ob  mit  Recht,  sei  dahingestellt  —  seinen  Chef  politisch
als  ein  Geschöpf  der  Prinzessi  in  Augusta,  als  einen  abhängigen
Höfling  und  als  eine  ohne  eigene  politische  Überzeugung  und
mit  Impotenz  des  Handelns  ausgestattete  Persönlichkeit  ansah,
wird  der  Rüffel  nicht  tief  gesessen  haben;  jedenfalls  hat  er  seine
politischen  Uberzeugungen  nicht  gestört  und  nicht  beeinflußt.

Die  letzte  Hälfte  des  Jahres  1859  und  der  Anfang  des
Jahres  1860  waren  für  Bismarck  böse  Tage.  Seit  dem  Januar
1859  war  er  nie  wieder  recht  gesund  gewesen.  Im  Juni  1859  ging
        <pb n="188" />
        Bismarcks  Gegensatz  zu  Ssterreich.  Seine  Erkrankung  177

er  nach  anhaltendem  Reiten  in  einer  überheizten  Reitbahn  ohne
Pelz  nach  Hause  und  hielt  sich  auch  unterwegs  noch  auf,  um
exerzierenden  Rekruten  zuzusehen.  Am  folgenden  Tage  hatte  er
Rheumatismus  in  allen  Gliedern.  Das  ÜUbel  wurde  mit  massenhaften
  Schröpfköpfen,  spanischen  Fliegen  und  Senf  über  den
ganzen  Leib  bekämpft.  Es  gelang  ihm,  die  Arzte  zu  überzeugen,
  nachdem  er  „schon  halb  für  eine  bessere  Welt  gewonnen
war“,  daß  seine  Nerven  durch  achtjährigen  ununterbrochenen
Arger  und  stete  Aufregung  geschwächt  wären  und  weiteres  Blutabzapfen
  ihn  mutmaßlich  typhös  oder  blödsinnig  machen  würde.
Seine  gute  Natur  half  sich  jedoch  rasch,  seitdem  man  ihm  Sekt
in  mäßigen  Quantitäten  verordnet  hatte.  Ein  unfähiger  Arzt
hatte  ihm  aber  in  der  letzten  Zeit  mit  der  Versicherung,  die
Sache  könne  auf  der  Reise,  die  Bismarck  vorhatte,  um  seine
Frau  nach  Petersburg  zu  holen,  schlimmer  werden,  ein  ungewöhnlich
  starkes  Pflaster  in  die  Kniekehle  gelegt,  das  eine  Vene  zerstörte,
worunter  Bismarck  Jahre  lang  gelitten  hat.  Um  bei  deutschen
Arzten  Hilfe  zu  suchen,  reiste  er  auf  dem  Seewege  im  Juli  1859
über  Stettin  nach  Berlin;  heftige  Schmerzen  veranlaßten  ihn,
den  berühmten  Chirurgen  Pirogow,  der  mit  an  Bord  war,
zu  fragen;  dieser  wollte  ihm  das  Bein  amputieren.  Bismarck
lehnte  aber  ab,  versuchte  in  Berlin  verschiedene  Behandlungen
und  wurde  schließlich  in  Bad  Nauheim  soweit  wieder  hergestellt,
daß  er  gehen,  auch  reiten  und  im  Oktober  den  Prinzregenten
nach  Warschau  zur  Zusammenkunft  mit  dem  Zaren  begleiten
konnte,  wo  es  „für  amüsable  Leute  wie  in  Abrahams  Schoß“
war.  Im  November  wollte  er  nach  Petersburg  zurück  und
machte  unterwegs  einen  Besuch  bei  Herrn  von  Below  in  Hohendorf;
  dort  bekam  er  eine  Lungenentzündung,  die  von  den  Ärzten
für  tödlich  gehalten  wurde.  Er  machte  sein  Testament  und  sah
seinem  Ende  mit  der  Beruhigung  entgegen,  die  unerträgliche
Schmerzen  gewähren.  Die  Krankheit  wurde  aber  nach  einem
Monate  langem  Siechtum  überwunden.  Im  Februar  1860  faßte
er  neuen  Lebensmut.  Er  schreibt  an  seinen  Freund  Geh.  Legationsrat
  von  Wentzel  in  Frankfurt:  „Beim  Zeitungslesen  befällt  mich
oft  der  Trieb,  kampflustig  in  die  Sitzungen  zu  eilen.  .  Unsere
A.  Matthlas,  Bismarck  12
        <pb n="189" />
        178  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

Anspruͤche  sind  zu  berechtigt,  um  nicht  schließlich,  wenn  auch
langsam,  sich  Anerkennung  zu  verschaffen,  und  die  von  des
Rheinbundes  und  der  Bundesacte  Gnade  souveränen  Klein—
staaten  können  ihren  Particularismus  auf  die  Dauer  gegen
den  Strom  der  Zeit  nicht  halten.  .  ..  Im  Ganzen  rückt  es  vorwärts,
  so  bald  wir  muthig  wollen  und  uns  unsers  Wollens  nicht
mehr  schämen,  sondern  im  Bunde,  in  der  Presse  und  vor  allem
in  unsern  Kammern  offen  darlegen,  was  wir  in  Deutschland
vorstellen  wollen,  und  was  der  Bund  bisher  für  Preußen  gegewesen
  ist:  ein  Alp  und  eine  Schlinge  um  unsern  Hals,  mit
dem  Ende  in  ultramontanen  Händen,  die  nur  auf  Gelegenheit
zum  Zuschnüren  warten.“  Im  Anfang  März  1860  war  Bismarck
so  weit,  nach  Berlin  reisen  zu  können,  wo  er,  seine  Genesung
abwartend,  an  den  Sitzungen  des  Herrenhauses  teilnahm  und  bis
in  den  Mai  verweilte.

In  jenen  Tagen  erwog  der  Prinzregent  Bismarcks  Berufung
zum  Minister  des  Auswärtigen  und  gab  ihm  Gelegenheit,  in
einer  Art  von  Conseil,  dem  außer  dem  Prinzregenten  und
Bismarck  noch  die  Minister  von  Schleinitz  und  von  Auerswald
beiwohnten,  sein  Programm  zu  entwickeln.  Als  die  schwächste
Seite  der  preußischen  Politik  bezeichnete  Bismarck  in  seinem
Vortrag  ihre  Zaghaftigkeit  gegen  Osterreich,  von  der  sie  seit
Olmütz  und  besonders  in  der  italienischen  Krisis  beherrscht
gewesen  sei.  Wäre  die  deutsche  Frage  im  Einverständnis  mit
Osterreich  zu  lösen,  um  so  besser.  Diese  Möglichkeit  sei  erst
da,  wenn  Osterreich  wisse,  daß  Preußen  auch  den  Krieg  nicht
fürchte.  Mit  Rußland  sei  die  Fühlung  leichter  gegen  Osterreich
  als  mit  Osterreich.  Unmöglich  sei  aber  auch  das  letztere
  nicht.  Aus  dem  K  krimkriege  und  den  polnischen  Verwicklungen
  habe  Preußen  dort  ein  Saldo,  das  geschickt  ausgenützt
  zur  Verständigung  mit  Ssterreich  führen  könne.  Er  fürchte
nur,  OÖsterreich  überschätze  seine  eigene  Macht  und  unterschätze
Preußen,  und  es  glaube  nicht  an  einen  Bruch;  es  stehe  noch
auf  der  in  Olmütz  errungenen  Basis  und  bedenke  nicht,  daß
damals  das  Schwergewicht  des  russischen  Einflusses  den  Ausschlag
  gegeben  habe.  Die  österreichische  Politik  sei  auch  nach  1856
        <pb n="190" />
        Verhandlung  über  Bismarcks  Eintritt  ins  Ministerium  179

ebenso  anspruchsvoll  geblieben.  Preußen  habe  sich  der  österreichischen
  Illusion  in  einer  Weise  unterworfen,  welche  an  das
Experiment  erinnere,  ein  Huhn  durch  einen  Kreidestrich  zu
fesseln.  —  Nach  Bismarck  kam  der  Minister  von  Schleinitz
zum  Wort,  der  an  die  traditionellen  nahen  Beziehungen  zu  Osterreich
  erinnerte  und  auf  die  Gefahren  einer  russisch-französischen
Annäherung  und  auf  die  öffentliche  Meinung  verwies,  die  gegen
eine  preußisch-russische  Verbindung  sei.  Der  Prinzregent  trat
Schleinitz  bei;  Bismarck  hatte  die  Empfindung,  als  ob  das  Ganze
nur  eine  Veranstaltung  gewesen  sei,  um  dem  einflußreichen
Fürsten  von  Hohenzollern,  der  dem  Regenten  Bismarcks  Ernennung
  vorgeschlagen  hatte,  zu  Willen  zu  sein;  auch  die  Prinzessin
  Augusta  schien  ihm  dabei  die  Hand  im  Spiele  gehabt  zu
haben;  Bismarcks  Hinneigung  zu  Rußland  und  zu  Napoleon
machte  ihn  ihr  einigermaßen  verdächtig.

Bismarck  ging  nun  nach  Petersburg  zurück  und  fühlte  sich
dort  wohl.  „Weit  davon,  sei  es  auch  bei  den  blauen  Füchsen,
hat  sein  Beruhigendes“  schrieb  er  seinem  Frankfurter  Freunde
v.  Wentzel.  Als  Beobachter  an  der  Newa  behielt  er  die  heimische
  Politik  scharf  im  Auge.  Der  Prinzregent  kam  am  16.  Juni
1860  mit  dem  Kaiser  Napoleon  in  Baden-Baden  zusammen;
die  vier  deutschen  Könige  und  andere  deutsche  Fürsten  waren
zugegen.  Bismarck  hätte  gewünscht,  wie  es  auch  im  Sinne
Napoleons  lag,  daß  der  König  allein  mit  Napoleon  verhandelt
hätte;  statt  einer  Annäherung  Preußens  war  eine  deutschnationale
  Demonstration  gegen  Frankreich  zustande  gekommen.
Er  schrieb:  „Dieses  parterre  des  Rois  wird  Louis  Napoleon
als  eine  corporative  Aufwartung  der  deutschen  Fürsten  schon
benützen,  um  einen  durch  den  andern  zu  ärgern  und  uns  zu
compromittiren,  wenn  wir  die  bisherige  Haltung  gegen  ihn,
wie  er  vermutet,  später  fortsetzen.“

Am  26.  Juli  fand  eine  Begegnung  des  Prinzregenten  mit
dem  Kaiser  Franz  Joseph  in  Teplitz  statt:  Bismarck  fürchtete,  als
er  von  der  Zusage  an  Osterreich  hörte,  die  preußischen  Truppen
an  die  Verteidigung  der  italienischen  Besitzungen  des  Kaiserhofes
zu  setzen,  daß  die  unfruchtbare  und  gefährliche  Politik  fortgesetzt

12*
        <pb n="191" />
        180  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

werde,  vor  der  er  stets  gewarnt  habe.  Ein  wohlunterrichteter
Korrespondent  schrieb  ihm  aus  Berlin:  „Wir  sind  in  Teplitz  mit
Wiener  Gemütlichkeit  glänzend  über  den  Löffel  barbiert,  für
nichts,  nicht  einmal  ein  Linsengericht,  verkauft.“  Bismarck
wünschte,  Gott  möge  geben,  daß  dieser  Mann  irre.

Im  übrigen  blieb  er  im  Winter  ohne  festere  Fühlung  mit
der  heimischen  Politik.  Im  März  1861  schreibt  er:  „Feldjäger
  scheinen  nicht  mehr  zu  reisen,  seit  Monaten  habe  ich  keine
couriermäßigen  Mittheilungen  vom  Ministerium,  und  was  mit
der  Post  kommt,  ist  langweilig.“

Bald  sollte  diese  Stille,  die  die  Ruhe  vor  dem  Sturme  war,
stärkerer  Bewegung  weichen.  Am  2.  Januar  1864  war  König
Friedrich  Wilhelm  IV.  gestorben.  Wilhelm  I.  wurde  Preußens
König.  Jetzt  kam  die  Arbeit  an  seinem  Werke,  der  Reorganisation
  der  Armee,  in  kräftigen  Fluß.

Bei  der  Mobilmachung  von  1859  waren  die  Mängel  der
preußischen  Heeresverfassung  grell  hervorgetreten.  Sie  beruhte
noch  ganz  auf  dem  Gesetze  von  1814.  Darnach  bestand  für
Preußen  die  allgemeine  Dienstpflicht;  3  Jahre  dauerte  diese
in  der  Linie,  2  Jahre  in  der  Reserve  und  je  7  Jahre  in  der
Landwehr  I.  und  II.  Aufgebots.  Aber  wie  schon  1814  betrug
das  stehende  Heer  auch  jetzt  noch  nur  40000  Mann,  während
doch  die  Bevölkerung  von  11  auf  18  Millionen  gewachsen  war.
Die  allgemeine  Dienstpflicht  stand  also  nur  auf  dem  Papier,
ein  großer  Teil  der  waffenfähigen  Jugend  war  überzählig.
Infolgedessen  mußte  bei  jeder  Mobilmachung  die  Landwehr
I.  Aufgebots,  von  der  etwa  die  Hälfte  verheiratet  war,  herangezogen
  werden.  1859  war  es  vorgekommen,  daß  in  einer
Landwehrkompagnie  von  250  Mann  242  verheiratet  waren;
dafür  saßen  jüngere,  unverheiratete  Leute,  die  kriegstüchtig
waren,  zu  Hause.  Der  Plan  der  Neuorganisation  war  nun,
jährlich  63000  Mann  auszuheben,  die  drei  jüngeren  Jahrgänge
  der  Landwehr  I.  Aufgebots  zur  Reserve  zu  ziehen,  die
älteren  aber  mit  der  Landwehr  II.  Aufgebots  zu  vereinigen
und  demgemäß  Landwehr  und  aktive  Feldarmee,  welch  letztere
aus  Linie  und  Reserve  bestand,  organisatorisch  schärfer  von-
        <pb n="192" />
        Tod  Friedrich  Wilhelms  IV.  Wilhelm  I.  König  181

einander  zu  trennen;  während  Linie  und  Reserve  die  eigentliche
  Feldarmee  bilden  sollten,  war  die  gesamte  Landwehr
in  ihrer  neuen  Gestalt  mehr  für  den  Dienst  daheim  und  in
den  Festungen  bestimmt.  Die  Mehrkosten  der  ganzen  Reuerung,
  durch  die  eine  Vermehrung  des  stehenden  Heeres  um
39  Infanterie=  und  12  Kavallerieregimenter  oder  117  Bataillone
und  72  Schwadronen  gewonnen  wurde,  betrugen  jährlich  nur
9⅛½  Millionen  Taler  (281½  Millionen  Mark).  Es  handelte  sich
um  ein  scharf  durchdachtes,  militärisch  und  politisch  bedeutungsvolles
  Werk;  die  Neuerung  war  dazu  echt  demokratisch  im  vornehmsten
  Sinne  des  Wortes,  in  allen  Einzelheiten  durchaus
vom  Geist  der  Billigkeit  getragen.

Seit  1859  war  Albrecht  von  Roon  Kriegsminister,  der  mit
dem  Prinzregenten  zusammen  um  den  neuen  Entwurf  das
Hauptverdienst  hatte;  Roon  war  eng  befreundet  mit  Bismarck.
  Dieser  schildert  ihn  also:  „Er  war  unerreicht  in  der
Treue,  Tapferkeit  und  Leistungsfähigkeit,  womit  er  vor  und
nach  meinem  Eintritt  die  Krisis  überwinden  half,  in  die
der  Staat  durch  das  Experiment  der  neuen  Kra  getreten
war.  Er  verstand  sein  Ressort  und  beherrschte  es,  war
der  beste  Redner  unter  uns,  ein  Mann  von  Geist  und  unerschütterlich
  in  der  Gesinnung  eines  ehrliebenden  preußischen
Offtziers."

Die  liberale  Partei  billigte  den  Entwurf  im  ganzen  und
großen,  glaubte  aber  wohlfeiler  zum  Ziele  kommen  zu  können
durch  Einführung  der  zweijährigen  Dienstzeit  für  die  Linieninfanterie,
  die  von  1833  ab  in  der  Tat  schon  etwa  zwanzig
Jahre  bestanden  hatte.  Darin  aber,  so  war  des  Regenten  und
Roons  unerschütterliche  Ansicht,  habe  ein  großer  Nachteil  des
Heeres  gelegen.  Der  äußersten  demokratischen  Linken  sagte  die
Neuerung  auch  sonst  nicht  zu.  Ihr  wahres  Ideal  war  eine
Milizverfassung,  jede  Verstärkung  des  stehenden  Heeres  aber
war  ihr  zuwider.  Insbesondere  bedeutete  in  ihren  Augen  die
Verstärkung  des  Offizierkorps,  die  Vermehrung  der  Kasernen,
die  Ausdehnung  der  Kadettenhäuser  und  der  Unteroffizierschulen
  eine  unwillkommene  Machtvermehrung  für  die  Krone.
        <pb n="193" />
        182  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

Waren  doch  die  Anhänger  der  alten  liberalen  Ideale  damals
von  der  Befürchtung  beherrscht,  daß  eine  Stärkung  der  Machtstellung
  Preußens  ein  großes  Hindernis  für  die  Einigung  der
Nation  sei.  Daß  aber  gerade  eine  starke  mächtige  preußische
Armee  die  Vorbedingung  zu  deutscher  Macht  und  Herrlichkeit
bilde,  das  war  Bismarcks  innerste  Überzeugung,  wie  sie  uns
aus  allen  seinen  Äußerungen  jener  Tage  entgegentritt.  Es
war  ein  trauriges  Schicksal  des  Liberalismus,  daß  er  nicht
von  vornherein  dieselbe  Stellung  einnahm  und  sich  nicht  leiten
ließ  von  der  weitblickenden  Anschauung,  daß  durch  eine  mächtige
  Armee,  die  dem  Volk  in  Waffen  immer  näher  kam,  ein
Staatsgebäude  so  gesichert  war,  daß  man  in  ihm  von  einheit—
licher  Macht  geschützt  zu  freiheitlicher  politischer  Gestaltung  besser
gelangen  kann,  als  unter  einem  Dach,  in  welches  jederzeit
ohne  viel  Schwierigkeit  die  Kanonen  des  Auslandes  ihre  Geschosse
  werfen  können.  Der  unglückliche  Gedanke  „von  der
Freiheit  zur  Einheit“  hat  die  politischen  Kämpfe  jener  Tage
unselig  beeinflußt;  man  hätte  ihn  mit  den  Idolen  des  Jahres
1848  begraben  sollen.  Der  Grundsatz  aber  „durch  Macht
und  Einheit  zur  Freiheit“  war  gesunder,  und  es  ist  ein  politischer
  Jammer  und  ein  Unglück  für  den  Liberalismus  gewesen,
  daß  er  nicht  auf  dem  Wege  zur  Einheit  und  Macht
von  vornherein  sich  dem  Führer  anschloß,  der  nicht  wenige
Gedanken  in  seinem  Programm  hatte,  die  liberal  waren  oder
doch  liberaler  Ausgestaltung  sehr  nahe  kamen.

Im  Jahre  1860  hatte  das  Abgeordnetenhaus  das  Geld
für  die  Organisation  auf  ein  Jahr  „einstweilig“  bewilligt;
ebenso  im  Jahre  1861;  von  den  Neuwahlen,  die  im  Dezember
stattfinden  mußten,  erwartete  man  keine  günstigen  Ergebnisse.

Zwischen  jenen  Tagungen  befand  sich  Bismarck  in  der  Heimat;
  im  Juli  1864  war  er  beim  Könige  in  Baden-Baden,
eben  in  der  Zeit,  als  der  Student  Becker  auf  den  König  schoß,
weil  dieser  nicht  genug  für  die  deutsche  Einheit  tue.  Damals  legte
Bismarck  dem  König  eine  Denkschrift  vor,  welche  die  Reorganisation
  des  Bundes  betraf  und  im  engen  Zusammenhang  mit
der  Reorganisation  der  Armee  stand,  da  eins  ohne  das  andere
        <pb n="194" />
        Militärkonflikt.  Bismarcks  Denkschrift  über  Bundesreorganisation  183

nicht  gut  zu  denken  war,  wenn  die  Zukunft  Deutschlands
dauernd  gesunden  sollte.

Die  Grundzüge  dieser  Denkschrift,  die  er  auf  Wunsch  des
Königs  im  Herbst  noch  weiter  ausgestaltete,  waren  etwa
diese:  Die  Zeiten  der  Heiligen  Allianz,  unter  deren  Schutze
sich  Deutschland  sicher  fühlen  konnte,  sind  vorbei;  Deutschland
ist  auf  sich  selbst  gestellt  und  auf  seine  eigene  Stärke  an—
gewiesen.  Die  kleineren  Staaten  können  diese  nicht  gewährleisten.
  Osterreichs  innere  Zustände  lassen  die  Bereitschaft  des
Kaiserlichen  Bundeskontingentes  in  der  Stunde  der  Gefahr
als  sehr  zweifelhaft  erscheinen;  dann  wird  Preußen  mit  seinen
achtzehn  Millionen  unter  höchster  Anspannung  aller  Kräfte
der  Hauptsache  nach  für  Deutschland  einzustehen  haben.  Es
ist  eine  Ungerechtigkeit,  daß  es  dabei  in  seiner  Gesamtheit  kein
stärkeres  Recht  am  Bunde  hat  als  die  kleinen  Nachbarstaaten,
die  es  schützt,  durch  die  es  aber  im  Frieden  seine  materielle
Entwicklung  beschränkt  sieht,  während  es  im  Kriege,  sobald  er
unglücklich  verläuft,  von  ihnen  verlassen  und  preisgegeben
werden  wird.  In  der  gesamten  deutschen  Bevölkerung  steigert
sich  das  Mißvergnügen,  daß  Deutschland  so  schwach  unter  den
Völkern  dasteht.  Preußen  muß  dahin  streben,  diese  Zustände
zu  verbessern;  als  Mittel  empftehlt  sich  die  Errichtung  einer
nationalen  Vertretung  des  deutschen  Volkes  beim  Bunde,  die
als  Bindemittel  dienen  kann  gegenüber  den  auseinandergehenden
  Interessen  der  Dynastien.  Diese  Vertretung  kann  durch
Delegationen  der  Landtage  gewonnen  werden.  Die  Kompetenz
dieser  Volksvertretung  sei  aber  einzuschränken  auf  die  Bestimmungen
  über  die  Wehrkraft  des  Bundes  und  die  Zollund
  Handelsgesetzgebung  mit  dem  Gebiete  der  verwandten
materiellen  Interessen;  die  Regierungsgewalt  soll  im  Inneren
jedem  Staat  unverkümmert  bleiben.  Dieses  Parlament  —  Bismarck
  nannte  es  Zollparlament  —  sollte  keine  über  den  Regierungen
  stehende  Zentralgewalt  sein,  wie  das  Frankfurter  Parlament
  es  für  sich  gefordert  hatte,  sondern  es  soll  neben  den
Vertretungen  der  Regierungen  beim  Bunde  stehen.  Eine  ehrliche
  Beteiligung  Osterreichs  kann  an  diesem  neuen  Bunde  nicht
        <pb n="195" />
        184  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

stattfinden.  —  Ehe  nun  Preußen  mit  derartigen  Bestrebungen
außerhalb  des  Bundes  offen  hervortrete,  würde  es  sich  jedenfalls
empfehlen,  ähnliche  Reformen  in  Frankfurt  auf  bundesverfassungsmäßigem
  Wege  zu  beantragen.

Die  Denkschrift  war,  wie  wir  sehen,  sehr  vorsichtig  gefaßt.
Um  den  König  für  sich  zu  gewinnen,  siel  Bismarck  nicht  gleich
mit  der  Türe  ins  Haus.  Er  sagt  nicht,  daß  die  direkte  Wahl
zur  Nationalversammlung  vielleicht  richtiger  sei,  auch  nicht,
daß  voraussichtlich  Gewalt  und  Krieg  nötig  werde,  um  zur  Gesundung
  zu  gelangen;  er  wollte  den  König  nicht  schrecken;  die
Erklärung  beim  Bunde  aber,  daß  die  Dinge  so  nicht  weiter
gingen,  forderte  er.

In  einem  Briefe  an  seinen  Freund  von  Below-Hohndorf
gibt  er  sich  bei  Besprechung  des  konservativen  Programms
unumwundener.  Dort  sagt  er,  es  sei  gar  nicht  die  Pfllicht
Preußens,  den  Rechtschutz  fremder  Fürsten  und  Länder  zu
übernehmen.  „Wir  kommen  dahin,  den  ganzen  unhistorischen,
gott=  und  rechtlosen  Souveränitätsschwindel  der  deutschen
Fürsten,  welche  unser  Bundesverhältnis  als  Piedestal  benutzen,
  von  dem  herab  sie  Europäische  Macht  spielen,  zum
Schoßkind  der  conservativen  Partei  Preußens  zu  machen.
Unsre  Regierung  ist  ohnehin  in  Preußen  liberal,  im  Auslande
legitimistisch;  wir  schützen  fremde  Kronrechte  mit  mehr  Beharrlichkeit
  als  die  eignen  und  begeistern  uns  für  die  von
Napoleon  geschaffenen,  von  Metternich  sanctionirten  kleinstaatlichen
  Souveränitäten  bis  zur  Blindheit  gegen  alle  Gefahren,
  mit  denen  Preußens  und  Deutschlands  Unabhängigkeit
für  die  Zukunft  bedroht  ist,  solange  der  Unsinn  der  jetzigen
Bundesverfassung  besteht,  die  nichts  ist  als  ein  Treib=  und
Conservirhaus  gefährlicher  und  revolutionärer  Particularbestrebungen."
  Er  wünscht  es  in  dem  konservativen  Programm
anstatt  des  vagen  Ausfalls  gegen  die  deutsche  Republik  offen
ausgesprochen,  was  Preußen  in  Deutschland  geändert  und
hergestellt  wünsche,  und  er  sieht  nicht  ein,  warum  die  Konservativen
  „vor  der  Idee  einer  Volksvertretung,  sei  es  im  Bunde,
sei  es  in  einem  Zollparlament,  so  zimperlich  zurückschrecken“.  Auch
        <pb n="196" />
        Bismarcks  Denkschrift.  Erneute  Aussicht  auf  einen  Ministerposten  185

für  eine  recht  konservative  Nationalvertretung  könne  man  selbst
bei  den  Liberalen  Dank  ernten.  War  das,  was  Bismarck  hier
forderte,  nicht  eine  endgültige  Kündigung  der  Metternichschen
Politik  und  der  frömmelnden  Phrasen  über  Gottesgnadentum
und  Legitimität,  wie  diese  Begriffe  von  der  Heiligen  Allianz
aufgefaßt  waren?  War  es  nicht  ein  Umguß  jener  Begriffe
in  geschichtlich  tief  empfundene  wahre  Werte,  die  Bismarck
zu  Ehren  bringen  sollte?  Und  waren  es  nicht  die  Grundlinien
des  zukünftigen  Deutschen  Reiches,  die  von  Bismarck  hier
niedergelegt  wurden?

Im  Oktober  1861  kehrte  Bismarck  noch  einmal  nach  Petersburg
  zurück.  Daß  er  nicht  lange  mehr  dort  bleiben  würde,
wußte  er;  Schleinitz  hatte  ihm  im  Juli  gesagt,  er  werde  voraussichtlich
  nach  Paris  kommen.  Bismarck  ergab  sich  darein,
ohne  Kummer  und  ohne  Freude  nach  Paris  oder  London  zu
gehn,  aber  auch  in  Petersburg  zu  bleiben,  wie  es  Gott  und  Seiner
Majestät  gefalle.  Der  Kohl  werde  weder  für  Preußens  Politik
noch  für  ihn  fetter,  wenn  das  eine  oder  andere  geschehe.  Im
April  1862  schrieb  ihm  der  neue  Minister  des  Auswärtigen
Bernstorff,  er  sei  nach  Paris  oder  London  versetzt;  wohin  von
beiden,  werde  ihm  der  König  in  Berlin  sagen.  Als  er  im  Mai
nach  Berlin  kam,  stand  Berlin  und  ein  Ministerposten  wieder
mehr  im  Vordergrund.  Dort  war  zum  Vertreter  des  Ministerprästdenten
  Fürsten  Hohenzollern  im  März  Prinz  Adolf  von
Hohenlohe-Ingelfingen  ernannt  worden,  der  körperlich  und  vielleicht
  auch  geistig  nicht  dem  Posten  gewachsen  war.  Er  bat
Bismarck,  ihn  von  seinem  Martyrium  zu  erlösen.  Dieser  konnte
sich  nicht  entschließen;  ihm  fehlte  der  Glaube  an  dauernde  Festigkeit
  des  Königs  unverantwortlichen  Einwirkungen  gegenüber;
er  war  besorgt,  schwierigen  und  verantwortlichen  Geschäften  entgegenzugehen
  und  auf  die  angenehme  Stellung  eines  einflußreichen
Gesandten  zu  verzichten.  Dabei  konnte  er  keine  sichere  Berechnung
  aufstellen  von  dem  Gewicht  und  der  Richtung  des  Beistandes,
  den  er  im  Kampfe  mit  der  steigenden  Flut  der
Parlamentsherrschaft  bei  dem  Könige  und  der  Königin,  bei
den  Kollegen  und  im  Lande  finden  werde.  Und  dann  —  so
        <pb n="197" />
        186  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

schrieb  er  einmal  an  Motley:  „Als  Gesandter  hatte  ich,  obschon
  Beamter,  das  Gefühl,  ein  Gentleman  zu  sein.  Als
Minister  ist  man  Helot.“  Seine  Lage,  in  einem  Berliner  Gasthofe
wie  ein  intrigierender  Gesandter  im  Lichte  eines  Bewerbers
vor  Anker  zu  liegen,  widerstrebte  seinem  Selbstgefühl.  Er  bat
den  Minister  Bernstorff  ihm  entweder  ein  Amt  oder  seine  Ent—
lassung  zu  verschaffen.

Am  22.  Mai  1862  wurde  Bismarck  zum  Gesandten  in
Paris  ernannt.  Er  freute  sich,  daß  er  nicht  nach  London  ge—
kommen  war.  Das  Gesandtschaftshaus  dort  erschreckte  ihn.  „Ich
werde  ganz  elend  bei  dem  Gedanken  dort  eingezwängt  zu  sein,
—  danke  Gott  täglich,  daß  wir  dort  nicht  hingeriethen.“  Am
1.  Juni  übergab  er  in  den  Tuilerien  sein  Beglaubigungsschreiben;
er  hatte  feierliche  Audienz  mit  Auffahrt  im  kaiserlichen  Wagen
und  aufmarschierten  Würdenträgern.  Sonst  war  der  Empfang
kurz  und  erbaulich,  ohne  Politik,  die  auf  un  de  ces  jours
verschoben  wurde.  Ende  Juni  war  Bismarck  in  Fontainebleau
beim  Kaiser  und  hatte  mit  ihm  eine  längere  Unterredung,  in
welcher  Napoleon  auf  eine  preußisch-französische  Allianz  zu
sprechen  kam,  die  er  nicht  als  ein  abenteuerliches  Projekt  hinstellte,
  er  finde  zwischen  beiden  Staaten  eine  Konformität  der
Interessen  und  darin  die  Elemente  einer  entente  intime  et
durable;  man  müsse  auf  alle  Ereignisse  gerüstet  sein  und  auf
Mittel  denken,  um  Nutzen  aus  ihnen  zu  ziehen.  Dann  eröffnete
  er  Bismarck,  daß  in  Wien  offenbar  ein  panischer
Schrecken  über  die  Ernennung  Bismarcks  herrsche;  der  österreichische
  Botschafter  Fürst  Metternich  habe  unbegrenzte  Vollmachten,
  sich  mit  ihm  um  jeden  Preis  zu  verständigen;  er  habe
aber  eine  fast  abergläubische  Abneigung,  sich  mit  den  Geschicken
OÖsterreichs  zu  verflechten.  Bismarck  zog  aus  dieser  Unterredung
nicht  die  Folgerung,  daß  Preußen  ein  Bündnis  mit  Frankreich
  zu  suchen  habe,  wohl  aber  die,  daß  Preußen  auf  treue
Bundesgenossenschaft  Osterreichs  gegen  Frankreich  nicht  zählen
könne  und  nicht  hoffen  dürfe,  die  freie  Zustimmung  Osterreichs
zur  Verbesserung  von  Preußens  Stellung  in  Deutschland  zu  erlangen.
        <pb n="198" />
        Gesandter  in  Paris.  In  Frankreich  auf  Reisen  187

Die  folgenden  Wochen  vergingen  für  Bismarck  in  Bangen
und  schwebender  Pein.  Da  das  offizielle  Paris  in  den  Bädern
war,  reiste  Bismarck  nach  den  Pyrenäen  und  Südfrankreich
in  beständigem  Zweifel,  ob  er  endgültig  in  London,  Paris
oder  Berlin  landen  werde,  um  hier  den  Kampf  gegen  die
bedrohten  Rechte  seines  Königs  aufzunehmen.

Hier  hatte  sich  der  Streit  zwischen  Regierung  und  Abgeordnetenhans
  immer  mehr  verschärft.  Die  Wahlen  hatten
im  Dezember  1861  eine  Stärkung  der  Linken,  der  Fortschrittspartei,
  ergeben.  Da  das  Abgeordnetenhaus  eine  größere  Spezialisierung
  des  Etats  verlangte  und  der  Heeresorganisation  sich
abgeneigt  zeigte,  wurde  es  am  11.  März  1862  wieder  aufgelöst.
Das  Ministerium  der  „neuen  Tra“  ging;  ein  konservatives  Ministerium
  trat  an  seine  Stelle;  aus  dem  alten  Ministerium  blieben
nur  Roon  und  der  Finanzminister  von  der  Heydt,  ein  altliberaler
  rheinischer  Großindustrieller;  auch  Graf  Bernstorff
blieb  als  Minister  der  auswärtigen  Angelegenheiten,  aber  im
beständigen  Schwanken,  da  er  lieber  nach  London  gehen  wollte,
der  König  aber  sein  Bleiben  wünschte.  Roon  war  die  Seele
des  Ministeriums,  er  bezeichnete  den  Wandel  der  Dinge  mit
den  Worten,  das  Buhlen  und  Kokettieren  mit  der  sogenannten
öffentlichen  Meinung  sei  nun  vorbei.  Er  hatte  beständig
seine  Blicke  auf  Bismarck  als  Helfer  in  der  Not  gerichtet;
schon  im  Mai  waren  ja  Versuche  gemacht,  diesen  Helfer  zu  gewinnen,
  aber  der  König  konnte  sich  nicht  entschließen.  Gleichwohl
  setzte  Roon  seine  Versuche  unaufhaltsam  fort.  Bismarck
  weilte  in  Südfrankreich,  mit  seinen  Gedanken  war  er  in
der  pommerschen  Heimat,  wo  seine  Familie  war;  seine  Möbel
standen  noch  in  Petersburg,  seine  Wagen  in  Stettin,  seine
Pferde  in  Schönhausen,  und  er  selbst  wußte  nicht,  wo  er  im
Winter  sein  Haupt  hinlegen  sollte.  Da  telegraphierte  ihm
Roon  nach  Avignon,  „die  Birne  sei  reif“.  Und  am  18.  September
  erhielt  er  nach  Paris  die  Depesche:  Periculum  in  mora.
Dépôchez  vous.  L’oncle  de  Maurice  Henning.  Henning
war  der  zweite  Vorname  Moritz  Blanckenburgs,  des  Neffen
von  Roon.  Obwohl  die  Fassung  zweifelhaft  ließ,  ob  die
        <pb n="199" />
        188  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

Depesche  vom  Könige  veranlaßt  war,  reiste  Bismarck  sofort
nach  Berlin.

Ein  Wendepunkt  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung  in
Preußens  und  Deutschlands  Geschicken  war  eingetreten.  „Der
Mensch  kann  den  Strom  der  Zeiten  nicht  schaffen  und  nicht
lenken,  er  kann  nur  auf  ihm  fahren  und  steuern,  mit  mehr
oder  weniger  Erfahrung  und  Geschick  den  Schiffbruch  vermeiden,“
  so  sagte  Bismarck  an  seinem  achtzigsten  Geburtstag
zu  den  deutschen  Studenten.  Nun  kam  er  an  das  Steuerruder
des  Schiffes,  auf  dessen  Kommandobrücke  sein  König  stand,
der  in  den  Septembertagen  des  Jahres  1862  verzweifelte,  ob
er  zu  diesem  Kommando  noch  weiter  befähigt  und  berufen  sei.
        <pb n="200" />
        9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung.  Der  Fürstentag
  —  das  erste  staatsmännische  Meisterstück.  1862—1863

m  20.  September  war  Bismarck  in  Berlin  eingetroffen  und

wurde  sofort  zum  Kronprinzen  beschieden.  Gefragt,  wie
er  die  Lage  ansehe,  konnte  er  nur  zurückhaltend  antworten,
weil  er  in  den  letzten  Wochen  keine  Zeitungen  gelesen,  und
verärgert  und  verdrießlich  sich  über  heimische  Angelegenheiten
nicht  unterrichtet  hatte.  Mit  Einzelheiten  nicht  vertraut,  hielt  er
sein  Urteil  zurück,  auch  glaubte  er  keine  Berechtigung  zu  haben,
dem  Kronprinzen  gegenüber  früher  sich  zu  äußern  als  dem
Könige.  Wie  richtig  das  war,  bewies  eine  Mitteilung  Roons,
daß  der  König  von  Bismarck  gesagt  hatte:  „Mit  dem  ist  es
auch  nichts;  er  ist  schon  bei  meinem  Sohne  gewesen.“  Die
Tragweite  dieser  Außerung  war  Bismarck  nicht  sofort  verständlich,
  weil  er  nicht  wußte,  daß  der  König  sich  mit  dem  Gedanken
  trug,  die  Krone  niederzulegen,  und  der  König  voraussetzte,
  er  habe  davon  gewußt  und  sich  deshalb  mit  dem  Nachfolger
  zu  stellen  gesucht.

Am  22.  September  wurde  Bismarck  in  Babelsberg  empfangen.
  Die  Sachlage  wurde  ihm  erst  klar,  als  der  König
ihm  sagte,  er  habe  sich  entschlossen,  abzudanken,  die  Urkunde
sei  bereits  entworfen,  er  könne  nur  regieren,  wie  er  es  vor
Gott,  seinem  Gewissen  und  seinen  Untertanen  zu  verantworten
vermöge.  Nach  dem  Willen  der  heutigen  Majorität  des  Landtags
  könne  er  sich  aber  nicht  richten;  Minister  finde  er  nicht
mehr,  die  bereit  seien,  seine  Regierung  zu  führen,  ohne  sich
und  ihn  der  parlamentarischen  Majorität  zu  unterwerfen.  Der
König  zeigte  dann  das  auf  dem  Tische  liegende  Aktenstück  in
seiner  Handschrift.  Bismarck  erwiderte,  es  sei  dem  Könige  ja
schon  seit  dem  Mai  bekannt,  daß  er  bereit  sei,  ins  Ministerium
einzutreten,  Roon  werde  mit  ihm  bleiben,  die  Vervollständigung
des  Kabinetts  ihm  gelingen,  falls  andre  Minister  durch  seinen
Eintritt  zum  Rücktritt  bewogen  würden.  Als  Bismarck  dann
        <pb n="201" />
        190  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

nach  einigem  Hin=  und  Herreden  auf  die  Frage,  ob  er  bereit
sei,  als  Minister  für  die  Militärorganisation  auch  gegen  die
Majorität  des  Landtages  einzutreten,  mit  ja  antwortete,  erklärte
  der  König:  „Dann  ist  es  meine  Pflicht,  mit  Ihnen  die
Weiterführung  des  Kampfes  zu  versuchen,  und  ich  abdizire
nicht.“

Der  König  forderte  Bismarck  auf,  ihn  in  den  Park  zu  begleiten.
  Auf  diesem  Spaziergange  gab  er  ihm  ein  acht  Folioseiten
  füllendes  Schriftstück,  das  alle  Fragen  der  damaligen
Regierungspolitik  umfaßte;  dadurch  wollte  er  Bismarck  an  bestimmte
  Ziele  binden.  Dieser  ging  auf  Einzelheiten  nicht  ein,
er  erklärte,  daß  es  sich  für  ihn  nicht  um  konservativ  oder
liberal  in  irgend  einer  Schattierung  handle,  sondern  um  königliches
  Regiment  oder  Parlamentsherrschaft;  auch  vor  einer
Periode  der  Diktatur  schrecke  er  nicht  zurück.  Er  sagte:  „In
dieser  Lage  werde  ich,  selbst  wenn  Eure  Majestät  mir  Dinge
befehlen  sollten,  die  ich  nicht  für  richtig  hielte,  Ihnen  zwar
diese  meine  Meinung  offen  entwickeln,  aber  wenn  Sie  auf
der  Ihrigen  schließlich  beharren,  lieber  mit  dem  Könige  untergehen,
  als  Eure  Majestät  im  Kampfe  mit  der  Majorität  im
Stiche  lassen.“  Bismarcks  Entschluß  war  also  fest,  getrieben
war  er  dazu,  weil  er  die  Negation  und  die  Phrase  der  damaligen
  Opposition  für  politisch  verderblich  hielt  im  Angesicht
der  nationalen  Aufgaben  Preußens,  die  positives  Schaffen  verlangten.
  Dann  aber  hegte  er  so  starke  Gefühle  der  Hingebung
und  Anhänglichkeit  zu  seinem  König,  daß  der  Gedanke,  in  Gemeinschaft
  mit  ihm  zugrunde  zu  gehen,  ihm  als  ein  sympathischer
  Abschluß  des  Lebens  erschien.  —  Der  König  zerriß,  als
er  Bismarcks  festen  Entschluß  erkannte,  sein  Programm,  um
es  dem  Feuer  zu  übergeben.  Eine  neue  Epoche  nimmt  von  dieser
Stunde  ihren  Ausgang.  Bismarck  wurde  zum  Ministerprästdenten
  und  zum  Minister  des  Auswärtigen  ernannt.  Er  stellte
sich  seinem  König  wie  ein  Lehensmann  zu  Diensten  mit  Leib
und  Seele,  willensgewaltig,  jenseits  irgendeines  Parteiprogramms.
  Beim  Könige  aber  beginnt  die  große  Treue,  die  Bismarcks
  in  gefahrvoller  Stunde  bewiesener  Mut  verdiente.
        <pb n="202" />
        Bismarck  in  Babelsberg;  er  wird  Ministerpräsident  191

Welche  Empfindungen  Bismarck  in  diesen  Tagen  erfüllten,
sagt  uns  ein  Brief  an  seine  Frau:  „Du  wirst  aus  den  Zeitungen
unser  Elend  schon  ersehen  haben.  Ich  bin  zum  Minister  mit  interimistischem
  Vorsitz  ernannt,  bis  Fürst  Hohenzollern  seinen  Abschied
  in  Händen  hat,  dann  werde  ich  definitiv  Ministerpräsident
und  übernehme  später  auch  das  Auswärtige  ..  .  Das  Alles  ist
nicht  erfreulich,  und  ich  erschrecke  jedesmal  darüber,  wenn  ich  des
Morgens  erwache.  Aber  es  muß  sein  .  .  Ergieb  Dich  in  Gottes
Schickung.  Leicht  ist  die  Sache  mir  ohnehin  nicht.“  Auch  das
„Leben  auf  dem  Präsentirteller“,  das  ihm  bevorstand,  fand  er
unbehaglich;  zumal  auf  Reisen  schien  es  ihm  lästig,  auf  jeder
Station  angegafft  zu  werden  „wie  ein  Japanese“  oder  „wie
ein  neues  Nilpferd  im  zoologischen  Garten“.

Am  24.  September  trat  er  sein  Amt  an.  Einen  Tag  zuvor
waren  im  Abgeordnetenhause  nach  siebentägiger  Debatte  die
Neuausgaben  für  die  Armee  mit  273  gegen  68  Stimmen  gestrichen
  worden.  Man  wollte  die  Gelder  nur  weiter  bewilligen,
wenn  die  Dienstzeit  auf  zwei  Jahre  herabgesetzt  würde;  der
König  aber,  der  Kriegsminister  von  Roon  und  der  Chef  des
Generalstabs  von  Moltke  waren  der  Meinung,  daß  es  ohne
die  dreijährige  Dienstzeit  nicht  gehe.

In  diese  Situation  trat  Bismarck  ein.  Am  29.  September
erschien  Bismarck  zum  erstenmal  als  Minister  in  der  Kammer.
Er  erklärte  im  Namen  des  Staatsministeriums,  daß  die  Regierung
  das  Budget  für  1863  zurückziehe,  da  „die  Ergebnisse
einer  sofortigen  Beschlußnahme  über  den  Etat  von  1863  der
zukünftigen  Erledigung  der  streitigen  Fragen  nicht  förderlich
sein,  sondern  die  Schwierigkeiten  derselben  erheblich  vermehren“
würden.  Die  Regierung  beabsichtige  „nicht,  den  Grundsatz  aufzugeben,
  daß  die  Etats  in  Zukunft  zeitig  genug  vorgelegt
werden,  um  ihre  Feststellung  vor  dem  Beginn  des  Jahres,  für
welches  sie  bestimmt  sind,  möglich  zu  machen.  Sie  halte  nur
in  dem  gegenwärtigen  Fall  für  ihre  Pflicht,  die  Hindernisse
der  Verständigung  nicht  höher  anschwellen  zu  lassen  als  sie
ohnehin  seien“.  Auch  in  der  Sitzung  der  Budgetkommission,
die  infolge  dieser  Erklärung  noch  am  gleichen  Tag  abgehalten
        <pb n="203" />
        192  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

wurde,  erschien  Bismarck  und  erwiderte  auf  die  Frage  des
zum  Berichterstatter  ernannten  Abgeordneten  von  Forckenbeck,
wann  nach  seiner  Ansicht  die  neue  Sitzungsperiode,  in  der  der
Etat  für  1863  zu  erwarten  sei,  ihren  Anfang  nehmen  solle:
die  Regierung  sei  außer  stande  schon  jetzt  hierauf  eine  Antwort
zu  geben;  sie  habe  den  Etat  zurückgezogen,  um  den  staatsrechtlichen
  Konflikt,  „dem  wir  vielleicht  entgegengehen",  tunlichst  zu
mildern;  sie  betrachte  die  Frist  als  eine  „Art  von  Waffenstillstand“;
  die  Zwecke,  die  sie  verfolge,  seien  „Zwecke  des  Friedens
und  der  Versöhnung“.

Von  den  Abgeordneten  wurde  er  mit  wenig  freundlichen
Empfindungen  empfangen.  Die  konservativen  Kreise,  von  deren
Anschauungen  sich  Bismarck  vielfach  entfernt  hatte,  waren
„düsterer  Ahnungen“  voll.  Die  Liberalen  nahmen  den  Neuling
nicht  ganz  ernst.  Die  von  diesen  beeinflußte  Berliner  Allgemeine
Zeitung  charakterissert  ihn  also:  „Als  ein  Landedelmann  von
mäßiger  politischer  Bildung,  dessen  Einsichten  und  Kenntnisse
sich  nicht  über  das  erheben,  was  das  Gemeingut  aller  Gebildeten
  ist,  begann  er  seine  Laufbahn.  Den  Höhepunkt  seines
parlamentarischen  Ruhmes  erreichte  er  in  der  Revisionskammer
von  1849  und  im  Unionparlamente  von  1850.  Er  trat  in
seinen  Reden  schroff  und  rücksichtslos  auf,  nonchalant  bis
zur  Frivolität,  mitunter  witzig  bis  zur  Derbheit  —  aber  wann
hätte  er  einen  politischen  Gedanken  geäußert?“  Und  Gustav
Freptags  vortreffliche  Wochenschrift  „Die  Grenzboten“  prophezeite,
  daß  er  sich  kein  Jahr  werde  halten  können  und  daß
auch  eine  größere  Kraft  als  er  gegenüber  dem  Abgeordnetenhaus,
  dessen  besonnene  und  feste  Haltung  gelobt  wurde,
scheitern  müsse.

Trotz  dieser  scharfen  Urteile  suchte  Bismarck  zunächst  den
Weg  des  Friedens.  Daß  er  nicht  reaktionäre  Bahnen  wandeln
wollte,  zeigte  er,  indem  er  dem  Hause  einen  Handelsvertrag  mit
Frankreich  im  freihändlerischen  Sinne  unterbreitete,  bewies  er  auch
dadurch,  daß  er  mit  liberalen  Führern  von  Bockum-Dolffs  und
von  Gneist  Fühlung  nahm,  um  auch  sie  versöhnlich  zu  stimmen,
und  daß  er  sogar  bereit  war,  einige  altliberale  Politiker  in  das
        <pb n="204" />
        Bismarcks  Empfang  bei  der  öffentlichen  Meinung;  sein  erstes  Auftreten  193

neue  Ministerium  zu  nehmen.  Als  er  am  30.  September  zum
zweiten  Male  in  der  Budgetkommission  erschien,  zeigte  er  dem
neben  ihm  sitzenden  Abgeordneten  von  Bockum-Dolffs  im  Verlauf
  der  Sitzung  einen  Olivenzweig,  den  er  aus  seiner  Brief—
tasche  herausgenommen  hatte,  und  bemerkte  dabei:  „Diesen
Olivenzweig  habe  ich  in  Avignon  gepflückt,  um  ihn  der  Volkspartei
  als  Friedenszeichen  anzubieten;  ich  sehe  jedoch,  daß  es
noch  nicht  Zeit  dazu  ist.“  Versöhnung  war  zunächst  seine
Parole,  aber  eine  Versöhnung,  die  Preußens  Macht  nicht
schädige,  sondern  stärke.  Bezeichnend  in  dieser  Richtung
waren  die  lapidaren  Sätze,  die  damals  aus  Bismarcks  Munde
kamen:  „Wir  haben  die  Vorliebe,  eine  zu  große  Rüstung
für  unsern  schmalen  Leib  zu  tragen;  nur  sollen  wir  sie  auch
nützen.  Nicht  auf  Preußens  Liberalismus  sieht  Deutschland,
sondern  auf  seine  Macht;  Bayern,  Württemberg,  Baden  mögen
dem  Liberalismus  huldigen,  darum  wird  ihnen  doch  keiner
Preußens  Rolle  anweisen;  Preußen  muß  seine  Kraft  zusammenfassen
  und  zusammenhalten  auf  den  günstigen  Augenblick,  der
schon  einige  Male  verpaßt  ist;  nicht  durch  Reden  und
Majoritätsbeschlüsse  werden  die  großen  Fragen  der
Zeit  entschieden  —  das  ist  der  große  Fehler  von
1848  und  1849  gewesen  —  sondern  durch  Eisen
und  Blut.“  —  Wenn  kein  Budget  zustande  komme,  dann
sei  tabula  rasaz  die  Verfassung  biete  keinen  Ausweg,  denn
da  stehe  Interpretation  gegen  Interpretation;z  summum  ius,
summa  iniuria,  das  Recht,  auf  die  höchste  Spitze  getrieben,
werde  zum  größten  Unrecht;  der  Buchstabe  töte.

Das  Wort  von  Eisen  und  Blut  oder  von  „Blut  und  Eisen“,
wie  es  im  geflügelten  Worte  sich  wandelte,  wurde  nun  bald
aus  dem  versöhnlichen  Zusammenhang  gerissen  und  weiter  verbreitet,
  als  habe  Bismarck  Blut  und  Eisen  über  das  Recht
gestellt.  Was  er  hat  sagen  wollen,  hat  er  später  selber  noch
einmal  betont:  „Es  handelte  sich  um  militärische  Fragen  und
ich  hatte  gesagt:  Legt  eine  möglichst  starke  militärische  Kraft,
mit  anderen  Worten  möglichst  viel  Blut  und  Eisen  in  die
Hand  des  Königs  von  Preußen,  dann  wird  er  die  Politik

A.  Matthias,  Bismarck  13
        <pb n="205" />
        194  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

machen  können,  die  Ihr  wünscht;  mit  Reden  und  Schützenfesten
und  Liedern  macht  sie  sich  nicht,  sie  macht  sich  nur  durch  Blut
und  Eisen."“

Bismarcks  Apereus  vom  30.  September  machten  weithin  Aufsehen.
  Der  König  weilte  in  Baden--Baden;  auch  dahin  war
die  Kunde  gedrungen,  und  Bismarck  lag  daran,  zeitig  dem
üblen  Eindruck  entgegenzuwirken,  den  seine  Worte  auf  den
vorsichtigen  und  gewaltsame  Mittel  scheuenden  König  gemacht
  haben  konnten.  Er  war  um  so  mehr  bereit,  Mißtrauen
  zu  zerstreuen,  als  Roon  beim  Nachhausegehen  seine
Unzufriedenheit  mit  Bismarcks  Außerungen  ausgesprochen
hatte,  da  solche  „geistreichen  Exkurse“  der  Sache  nicht  förderlich
  seien.

Bismarck  fuhr  deshalb  dem  Könige  bis  Jüterbog  entgegen;
er  traf  ihn  in  gedrückter  Stimmung.  Des  Königs  erste  Worte,
als  Bismarck  anfing,  die  Vorgänge  der  letzten  Tage  darzulegen,
waren:  „Ich  sehe  genau  voraus,  wie  das  alles  endigen  wird.
Da  vor  dem  Opernplatz,  unter  meinen  Fenstern,  wird  man
Ihnen  den  Kopf  abschlagen  und  etwas  später  mir.“  Darauf
Bismarck:  „Sterben  müssen  wir  früher  oder  später  doch,  und
können  wir  anständiger  umkommen?  Ich  selbst  im  Kampfe  für
die  Sache  meines  Königs  und  Eure  Majestät,  indem  Sie  Ihre
königlichen  Rechte  von  Gottes  Gnaden  mit  dem  eigenen  Blute
besiegeln,  ob  auf  dem  Schafott  oder  auf  dem  Schlachtfelde,
ändert  nichts  an  dem  rühmlichen  Einsetzen  von  Leib  und  Leben
für  die  von  Gottes  Gnaden  verliehenen  Rechte.  Karl  I.  wird
immer  eine  vornehme  historische  Erscheinung  bleiben,  wie  er
ungebeugt  seine  königliche  Gesinnung  mit  seinem  Blute  bekräftigt,
  nachdem  er  für  sein  Recht  das  Schwert  gezogen  und
die  Schlacht  verloren  hatte.“  Je  länger  Bismarck  so  sprach,
um  so  mehr  belebte  sich  der  König  und  fühlte  er  sich  in  die
Rolle  des  für  Königtum  und  Vaterland  kämpfenden  Offtziers
hinein;  äußeren  und  persönlichen  Gefahren  gegenüber  von  einer
seltenen  und  ihm  absolut  natürlichen  Furchtlosigkeit  hatte  seine
Haltung  etwas  Herzerhebendes  und  Begeisterndes.  Der  König
fühlte  sich,  wie  Bismarck  in  seinen  Gedanken  und  Erinne-
        <pb n="206" />
        Fahrt  mit  dem  Könige  von  Jüterbog  nach  Berlin  195

rungen  sagt,  bei  dem  Portepee  gefaßt  und  in  der  Lage  eines
Offiziers,  der  die  Aufgabe  hat,  einen  bestimmten  Posten  auf
Leben  und  Tod  zu  behaupten,  ob  er  darauf  umkommt  oder
nicht.  Damit  war  er  mit  seinen  Gedanken  auf  einen  andern
Weg  gestellt.  Bis  dahin  war  er  in  Besorgnis  befangen  gewesen
  vor  der  „Manöverkritik“,  welche  von  der  öffentlichen
Meinung,  der  Geschichte  und  seiner  Gemahlin  —  und  diese
verstand  sich  auf  Kritik  —  an  seinen  politischen  Maßnahmen
geübt  werden  könnte.  Jetzt  fühlte  er  sich  dieser  Sorge  überhoben.
  Matt,  niedergeschlagen  und  entmutigt  war  er  in  Jüterbog
angekommen.  Bei  der  Ankunft  in  Berlin  erschien  er  in  heitrer,
fröhlicher  und  kampfeslustiger  Stimmung,  die  sich  den  empfangenden
  Ministern  und  Beamten  gegenüber  auf  das  Unzweideutigste
  erkennbar  machte.

Die  Verhandlungen  im  Abgeordnetenhause  liefen  weiter,  wie
sie  gelaufen  waren.  Am  7.  Oktober  wurde  über  den  Antrag
Forckenbeck  Beschluß  gefaßt,  daß  die  Regierung  den  Etat  für
1863  dem  Hause  der  Abgeordneten  zur  verfassungsmäßigen
Beschlußnahme  so  schleunig  vorzulegen  habe,  daß  dessen  Feststellung
  noch  vor  dem  1.  Januar  1863  erfolgen  könne;  es  sei
verfassungswidrig,  wenn  die  Regierung  eine  Ausgabe  verfüge,
welche  durch  einen  Beschluß  des  Hauses  der  Abgeordneten
definitiv  abgelehnt  worden  sei.  Bismarck  sprach  dem  gegenüber
seine  Befürchtung  aus,  daß  die  prinzipiellen  Gegensätze  sich  verschärfen
  würden,  und  wies  nachdrücklich  darauf  hin,  daß  das  Abgeordnetenhaus
  allein  nicht  zu  entscheiden  habe,  sondern  auch
die  Rechte  der  Krone  und  des  Herrenhauses  eine  Wahrheit
bleiben  müßten.  Nachdem  ein  vermittelnder  Antrag  des  Abgeordneten
  Vincke  auf  einen  vorläufigen  Kredit  abgelehnt  war,
obschon  Bismarck  die  Zustimmung  der  Staatsregierung  dazu
ausgesprochen  hatte,  wurde  der  Antrag  Forckenbeck  mit  251
gegen  36  Stimmen  angenommen.

Am  10.  Oktober  lehnte  das  Herrenhaus  den  Etatentwurf,
wie  er  vom  Abgeordnetenhaus  beschlossen  war,  ab  und  nahm
den  ursprünglichen  Entwurf  der  Regierung  wieder  auf.  Am
13.  Oktober  erklärte  das  Abgeordnetenhaus  den  Beschluß  des

13•
        <pb n="207" />
        196  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

Herrenhauses  für  verfassungswidrig  und  damit  null  und  nichtig,
da  das  Herrenhaus  nur  den  vom  Abgeordnetenhaus  genehmigten
Etat  annehmen  oder  verwerfen,  nicht  aber  auf  den  Regierungsvorschlag
  zurückkommen  dürfe.  Der  Beschluß  wurde  mit  allen
abgegebenen  237  Stimmen  gefaßt;  acht  Konservative  hatten  sich
vorher  entfernt.  Bismarck  erhob  sich  sofort  nach  der  Abstimmung
  und  lud  die  Herren  auf  fünf  Uhr  im  Namen  des  Königs
zum  Schlusse  der  Tagung  im  Weißen  Saale  des  Schlosses  ein.
Hier  gab  er  die  Versicherung  ab,  daß  die  Regierung  sich  einer
schweren  Pflichtverletzung  schuldig  machen  würde,  wenn  sie  die
begonnene  Umformung  der  Heeresverfassung  rückgängig  machen
wollte.  Den  Schluß  der  Erklärung  bildete  die  Hoffnung  auf
eine  Ausgleichung  der  Gegensätze  im  Geiste  der  gemeinsamen
Hingebung  für  die  Macht  und  Würde  der  Krone  und  für  das
Wohl  des  Vaterlandes.

Trotzdem  diese  Worte  die  Hoffnung  nicht  aufgaben  —  der
Konflikt  zwischen  Regierung  und  Parlament  war  da,  und  kein
Mensch  glaubte  an  friedliche  Lösung.  In  diesem  Kampfe  standen
Bismarck  und  die  Vertreter  des  Volkes  einander  immer  schroffer
und  schroffer  gegenüber.  Bismarck  vertrat  die  Krone  und  die
Armee,  zwei  Größen,  deren  machtvolle  Erfolge  die  dunklen  Trübsale
  deutscher  Geschichte  wie  Lichtstrahlen  durchzogen,  die  den
Tag  verkünden.  Aus  diesen  geschichtlichen  Kräften  nahm  er
seinen  stützenden  Glauben,  seine  Kraft  zum  Handeln,  seine
Siegeshoffnung  und  seinen  unüberwindlichen  Mut,  der  selbst
den  Tod  nicht  fürchtete.  Dabei  kannte  er  seine  Ziele;  er  hatte
sie  und  die  Wege  dahin  schon  in  großen  Umrissen  gezeichnet  in
dem  Programm,  das  er  dem  König  vorgelegt,  und  in  seinen
Freundesbriefen;  ganz  unverhüllt  konnte  er  aber  diese  Wege
und  Ziele  in  ihren  äußersten  Konsequenzen  selbst  seinem  Könige
nicht  sagen.  Der  großen  Welt  und  der  kleinen  und  kleinlichen
Umwelt  durfte  er  sie  erst  recht  nicht  klarlegen,  wenn  er  nicht
wertvolle  Voraussetzungen  des  Erfolges  allzu  früh  preisgeben
wollte  oder  wenn  man  ihn  nicht,  gab  er  sie  preis,  für  waghalsig
  oder  gar  für  toll  halten  sollte.

Auch  einem  Teile  seiner  Gegner  lag  die  Macht  der  Armee  am
        <pb n="208" />
        Auflösung  des  Abgeordnetenhauses.  Steigerung  des  Konfliktes  197

Herzen,  aber  ihr  Liberalismus  und  der  Glaube  an  die  Bedeutung
des  Parlamentarismus  waren  Größen,  für  welche  sie  aus  der
deutschen  Vergangenheit  Erfolge  nicht  zu  nennen  vermochten,
wohl  aber  aus  fremder  Völker  Geschichte,  deren  Vorbilder  auf
Bismarck  mit  seinem  bodenständigen  nationalen  Empfinden
und  Denken  keinen  allzutiefen  Eindruck  machten.  Eine  Annäherung
  solcher  Gegensätze  war  schwierig.  Bismarck  kannte
ja  seine  Gegnerz  die  langen  Reden,  welche  sie  hielten,  gaben
ihm  beständig  Gelegenheit,  genau  zu  ergründen,  wie  sie  geradezu
im  Banne  ihrer  liberalen  und  parlamentarischen  Theorien
befangen  waren,  die  zwar  Begeisterung  weckten,  stellenweise  aber
einen  romantisch-weltfremden  Zug  hatten.  Die  Gegner  Bismarcks
  —  und  das  war  ein  Unglück  —  kannten  diesen  Mann
nicht  in  der  ganzen  Tiefe  seines  persönlichen  und  politischen
Innenlebens;  sie  hatten  keine  Ahnung  davon,  was  alles  in
dieser  Seele  vorging.  Daher  ihr  Lachen  und  Murren,  ihr
Spott  und  Hohn  bei  Worten,  denen  wir  heute  mit  Bewunderung
  lauschen.  Daß  die  Abgeordneten  nicht  schon  damals
stutzig  wurden,  begreift  man  kaum.  Wenn  gerade  in  den
Tagen,  da  der  Konflikt  vollständig  wurde,  Bismarck,  der  ihnen
ein  Verfassungsverächter  schien,  einen  Brief  an  den  Kurfürsten
von  Hessen  richtete,  in  welchem  er  sich  auf  die  Seite  der  hessischen
  Volksvertretung  stellte,  Beilegung  des  Verfassungsstreites
forderte  und  im  Weigerungsfalle  eine  Art  von  Vormundschaft
in  Aussicht  stellte;  wenn  er  in  jenen  Tagen  —  Ende  des
Jahres  1862  —  in  die  schon  von  Bernstorff,  seinem  Vorgänger,
  ausgenommenen  Verhandlungen  wegen  einer  Bundesreform
  eingriff  mit  dem  Vorschlage,  die  zukünftige  Nationalvertretung,
  in  der  Osterreich  nicht  vertreten  sein  sollte,  aus
direkten  Wahlen  hervorgehen  zu  lassen,  so  waren  das  gewiß  Vorgänge,
  die  die  Frage  wachrufen  mußten,  ob  man  diesem  Staatsmanne
  nicht  doch  Entgegenkommen  und  Vertrauen  schenken
dürfe.  Aber  die  Vorurteile  gegen  diesen  Mann  waren  zu  stark.
„Wann  hatte  er  einen  politischen  Gedanken  gehabt?“  lautete
der  liberale  Zweifel.  Und  seine  kraftvolle  Art,  sich  zu  geben,
in  der  ein  Stück  Menschenverachtung  lag,  trug  nicht  dazu  bei,
        <pb n="209" />
        198  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

die  vorgefaßte  Meinung  zu  zerstören,  zumal  Vorurteile  so  oft
mit  Eitelkeit  im  Bunde  sind  und  parlamentarische  Eitelkeit  die
gefährlichste  Sorte  ist.

So  ging  nun  das  verhängnisvolle  Jahr  zu  Ende;  das  Jahr
1863  begann  unter  trüben  Aussichten.  Ein  königlicher  Brief
beleuchtet  die  ganze  Lage.  Herr  von  Vincke  hatte  ein  Glückwunschschreiben
  an  den  König  gerichtet,  das  mit  den  Sätzen
schloß:  „Das  Volk  hängt  treu  an  Ew.  Majestät,  aber  es  hält  auch
fest  an  dem  Recht,  welches  ihm  der  Artikel  99  der  Verfassung
unzweideutig  gewährt.  Möge  Gott  die  unglücklichen  Folgen
eines  großen  Mißverständnisses  in  Gnaden  abwenden.“  Er
bekam  eine  prompte  Antwort,  in  welcher  der  König  nachdrücklich
  betonte,  daß  sein  Vertrauen  zu  seinem  Volke  unerschüttert
sei,  daß  er  aber  diejenigen  verdamme,  die  ihm  die  Liebe  und
das  Vertrauen  desselben  rauben  wollten.  .  Zu  dem  Hinweis
auf  §  99  bemerkte  der  König:  „Ich  möchte  wohl  wissen,  wie
viel  Menschen  im  Volke  den  §9  99  kennen  oder  ihn  je  haben
nennen  hören.  ..  Wer  aber  hat  denn  die  Ausführung  des
Paragraphen  unmöglich  gemacht?“  Er  habe  doch  verschiedene
Konzesskonen  gemacht,  darunter  eine  von  4  Millionen;  diese
erläutert  er  eingehend  und  schließt  dann  mit  den  lapidaren
Worten:  „Das  Abgeordnetenhaus  hat  von  seinem  Recht  Gebrauch
  gemacht  und  das  Budget  reducirt.  —  Das  Herrenhaus
hat  von  seinem  Recht  Gebrauch  gemacht  und  das  reducirte
Budget  en  bloc  verworfen.  —  Was  schreibt  die  Verfassung
in  einem  solchen  Falle  vor?  —  Nichts!  —  Da,  wie  oben
gezeigt,  das  Abgeordnetenhaus  sein  Recht  zur  Vernichtung  der
Armée  und  des  Landes  benutzte,  so  muß  ich  wegen  jenes
„Nichts“  suppléiren  und  als  guter  Hausvater  das  Haus
weiterführen  und  spätere  Rechenschaft  geben.  Wer  hat
also  den  §  99  unmöglich  gemacht???  Ich  wahrlich  nicht!
Wilhelm.“

Der  erste  große  Tag  des  am  14.  Januar  1863  wieder  zusammentretenden
  Abgeordnetenhauses  war  der  27.  Januar.  Am
Morgen  machte  der  König  Bismarck  in  einem  Briefe  darauf  aufmerksam,
  daß  der  Geburtstag  seines  Enkels,  seines  zweiten
        <pb n="210" />
        Stellungnahme  des  Königs  199

Nachfolgers,  sei,  was  vielleicht  in  einer  patriotischen  Phrase  „bei
der  heutigen  Schlacht“  anzubringen  wäre.  Mit  einem:  „Nun
Glück  zu!“  wiederholt  er  in  knappen  Worten,  was  er  Anfang
Januar  an  Vincke  geschrieben  hatte.

Beim  Eintritt  in  die  Tagesordnung  verlas  Bismarck  eine
Allerhöchste  Botschaft,  in  der  mitgeteilt  wurde,  daß  der  König
beschlossen  habe,  dem  nahebevorstehenden  Tage  (17.  März),  an
welchem  vor  fünfzig  Jahren  König  Friedrich  Wilhelm  III.  sein
Volk  zu  den  Waffen  gerufen  habe,  die  Weihe  bleibender  Erinnerung
  zu  verleihen  und  vor  allem  die  Schuld  der  Dankbarkeit
einzulösen  und  den  Veteranen  jener  großen  Zeit  eine  erneute
Fürsorge  zu  widmen.  —  Dann  kam  die  Adresse  zur  Beratung,
mit  welcher  die  Thronrede  beantwortet  werden  sollte.  Diese  hatte
die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß  die  Reorganisation  des  Heeres,
zu  deren  Aufrechthaltung  die  Regierung  des  Königs  sich  im
Interesse  der  Machtstellung  Preußens  einmütig  verpflichtet  erachte,
  auch  durch  die  gesetzliche  Feststellung  der  zu  ihrer  Durchführung
  erforderlichen  Ausgaben  nunmehr  ihren  vollständigen
Abschluß  finden  möge.  Die  Regierung  werde  von  dem  ernsten
Bestreben  geleitet,  das  einmütige  Zusammenwirken  mit  den
beiden  Häusern  zu  erreichen,  das  als  eine  wesentliche  Bedingung
  für  die  lebensvolle  Entwicklung  aller  staatlichen  Verhältnisse
  erwartet  werden  müsse.

Dem  ruhigen  Tone  der  Thronrede  entsprach  der  Adreßentwurf
  nicht,  der  sich  vielmehr  in  scharfer  Fassung  und  heftigen
  Vorwürfen  von  Verfassungswidrigkeiten,  Angriffen  auf
das  oberste  Recht  der  Volksvertretung,  Mißbrauch  der  Regierungsgewalt,
  Verletzung  der  Verfassung  durch  die  Minister  erging
  und  in  dem  Satze  gipfelte:  „Der  Artikel  99  ist  keine
Wahrheit  mehr“.

In  langer  Rede  schützte  Bismarck  die  Regierung  gegen
diesen  Vorwurf,  nachdem  er  schon  in  der  Kommissionsberatung
betont  hatte,  daß  es  eine  Grenze  dessen  gebe,  was  ein  König
von  Preußen  anhören  könne.  Über  den  Paragraphen  99  sprach
er  sich  klar  und  deutlich  also  aus:  „Artikel  99  lautet,  wenn
ich  mich  der  Worte  recht  erinnere:
        <pb n="211" />
        200  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

„Alle  Einnahmen  und  Ausgaben  des  Staates  müssen  für
jedes  Jahr  im  voraus  veranschlagt  und  auf  den  Staatshaushaltsetat
  gebracht  werden.

„Wenn  darauf  folgte:  (Letzterer  wird  jährlich  durch  das
Haus  der  Abgeordneten  festgestellt'!,  dann  hätten  Sie  in  Ihren
Beschwerden  in  der  Adresse  vollkommen  recht,  dann  wäre  die
Verfassung  verletzt.  Es  folgt  aber  im  Text:  „Letzterer,  der
Staatshaushaltsetat,  wird  jährlich  durch  ein  Gesetz  festgestellt“.
Wie  nun  ein  Gesetz  zustande  kommt,  sagt  Artikel  62  mit  unwiderleglicher
  Klarheit.  Er  sagt,  daß  zum  Zustandekommen
eines  jeden  Gesetzes,  also  auch  des  Budgetgesetzes,  die  Ubereinstimmung
  der  Krone  und  der  beiden  Kammern  erforderlich
  ist.  Daß  das  Herrenhaus  berechtigt  ist,  ein  von  der
Zweiten  Kammer  beschlossenes  und  ihm  nicht  konvenierendes
Budget  zu  verwerfen,  ist  außerdem  noch  in  dem  Artikel  hervorgehoben.


„Jedes  dieser  drei  konkurrierenden  Rechte  ist  in  der  Theorie
unbegrenzt,  und  das  eine  so  stark  als  das  andere.  Wenn  eine
Vereinbarung  zwischen  den  drei  Gewalten  nicht  stattfindet,  so
fehlt  es  in  der  Verfassung  an  jeglicher  Bestimmung  darüber,
welche  von  ihnen  nachgeben  muß.  In  früheren  Diskussionen
ist  man  freilich  über  diese  Schwierigkeit  mit  Leichtigkeit  hinweggegangen;
  es  wurde  nach  Analogie  von  anderen  Ländern,
deren  Verfassung  und  Gesetze  aber  in  Preußen  nicht  publiziert
sind  und  keine  Gültigkeit  haben,  angenommen,  die  Schwierigkeit
  sei  einfach  dadurch  zu  erledigen,  daß  die  beiden  anderen
Faktoren  sich  dem  Abgeordnetenhause  fügen.  Auf  diese  Weise
würde  allerdings  die  souveräne  Alleinherrschaft  des  Abgeordnetenhauses
  hergestellt  werden;  aber  eine  solche  Alleinherrschaft
ist  nicht  verfassungsmäßiges  Recht  in  Preußen.  Die  Verfassung
  hält  das  Gleichgewicht  der  drei  gesetzgebenden  Gewalten
in  allen  Fragen,  auch  in  der  Budgetgesetzgebung,  durchaus  fest;
keine  dieser  Gewalten  kann  die  andere  zum  Nachgeben  zwingen;
die  Verfassung  verweist  daher  auf  den  Weg  der  Kompromisse
zur  Verständigung.  Ein  konstitutionell  erfahrener  Staatsmann
hat  gesagt,  daß  das  ganze  Verfassungsleben  jederzeit  eine  Reihe
        <pb n="212" />
        Artikel  98  der  Verfassung  201

von  Kompromissen  ist.  Wird  der  Kompromiß  dadurch  vereitelt,
daß  eine  der  beteiligten  Gewalten  ihre  eigene  Ansicht  mit  doktrinärem
  Absolutismus  durchführen  will,  so  wird  die  Reihe
der  Kompromisse  unterbrochen  und  an  ihre  Stelle  treten  Konflikte,
  und  Konflikte,  da  das  Staatsleben  nicht  stillzustehen  vermag,
  werden  zu  Machtfragen.  Wer  die  Macht  in  Händen
hat,  geht  dann  in  seinem  Sinne  vor,  weil  das  Staatsleben
auch  nicht  einen  Augenblick  stillstehen  kann."

Die  vom  Könige  erbetene  „patriotische  Phrase“  bildete  den
Schluß  der  Rede;  war  aber  keine  Phrase  im  Sinne  einer  hohlen,
inhaltsleeren,  schönklingenden  Redensart,  sondern  ein  inhaltsvolles,
  wahrhaft  schönes  Wort:

„Was  die  Verfassung  Ihnen  an  Rechten  zubilligt,  soll  Ihnen
unverkürzt  zukommen,  was  Sie  darüber  hinaus  verlangen,  das
werden  wir  ablehnen,  und  Ihren  Forderungen  gegenüber  die
Rechte  der  Krone  mit  Ausdauer  wahrnehmen.  Es  ist  ein  eigentümliches
  Zusammentreffen,  daß  die  Beratung  dieses  Mani—
festes,  welches  unserem  königlichen  Herrn  überreicht  werden  soll,
gerade  zusammenfällt  mit  dem  heutigen  Geburtstage  des
jüngsten  mutmaßlichen  Thronerben.  In  diesem  Zusammentreffen
  sehen  wir  eine  verdoppelte  Aufforderung,  fest  für  die
Rechte  des  Königtums,  fest  für  die  Rechte  der  Nachfolger
Seiner  Majestät  einzustehen.  Das  preußische  Königtum  hat
seine  Mission  noch  nicht  erfüllt,  es  ist  noch  nicht  reif  dazu,
einen  rein  ornamentalen  Schmuck  Ihres  Verfassungsgebäudes
zu  bilden,  noch  nicht  reif,  als  ein  toter  Maschinenteil  dem
Mechanismus  des  parlamentarischen  Regiments  eingefügt  zu
werden.“

Der  König  beantwortete  die  Adresse  in  einem  nicht  von  den
Ministern  gegengezeichneten  Erlaß  vom  3.  Februar,  um  den  Abgeordneten
  zu  zeigen,  daß  seine  persönliche  Anschauung  und
Willensmeinung  unbeeinflußt  und  durchaus  selbständig  dastehe
und  daß  er  von  seinem  Ministerium  nicht  zu  trennen  sei.  Er
stellte  sich  auf  gleichen  Standpunkt  mit  diesem  und  wies  zudem
nachdrücklich  auf  die  zahlreichen  Kundgebungen  hin,  die  aus
allen  Volksklassen  ihm  zugegangen  seien,  deren  Teilnehmer  an
        <pb n="213" />
        202  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

Treue  und  Hingebung  gegen  ihr  preußisches  Vaterland  nicht
gegen  andere  zurückständen.

Die  Verhandlungen  des  Hauses  dauerten  bis  in  den  Mai.
Noch  manches  harte  Wort  hüben  und  drüben,  manche  gerechte  und
ungerechte  Rede  auf  beiden  Seiten  und  mancher  kräftige  Beschluß
  stammen  aus  dieser  Zeit.  Am  17.  Februar  erklärte  das
Abgeordnetenhaus  mit  274  gegen  45  Stimmen  die  Minister  für
verfassungswidrige  Ausgaben  mit  ihrer  Person  und  ihrem  Vermögen
  haftbar.  Man  riet  Bismarck,  seinen  Grundbesitz  zu  retten
durch  Übertragung  an  seinen  Bruder.  Das  widerstrebte  ihm,
weil  es  den  Eindruck  der  Ingstlichkeit  und  Geldsorge  gemacht
hätte.  Er  hatte  den  Kampf  einmal  auf  sich  genommen  und
wollte  ihn  durchführen.  Sollte  das  ganze  Werk,  das  ihm
vorschwebte,  gelingen,  so  mußte  er  ganze  Arbeit  machen  und
die  Waffen  gebrauchen,  wie  sie  für  den  Kampf  ihm  geeignet
erschienen,  mochten  sie  friedlichen  Geistern  auch  zu  scharf  erscheinen
  und  gerechtem  Empfinden  Bedenken  erregen.

Bismarcks  Kampfesstellung  mußte  sich  noch  verschärfen,  da
er  mit  seinen  parlamentarischen  Gegnern  über  eine  nationale
Frage  ernstester  Art  in  Widerstreit  geriet.  Die  polnische  Frage
wurde  brennend  und  goß  Ol  ins  Feuer.  Am  1.  Jannar  1863
brach  in  dem  unter  russischer  Herrschaft  stehenden  Polen  ein
Aufstand  aus.  Die  Polen  versicherten  zwar,  daß  dem  Aufstand
keinerlei  weitere  Absichten  zugrunde  lägen,  als  die,  sich  gegen
die  russische  Knutenherrschaft  zu  wehren;  für  den,  der  die  Geschichte
  der  polnischen  Aufstände  und  der  polnischen  Agitationen
kannte,  lag  es  auf  der  Hand,  daß  der  Sieg  der  polnischen  Revolution
  den  Aufruhr  im  ganzen  Umkreis  des  ehemaligen  polnischen
  Staates  entflammen  werde.  Zur  eigenen  Sicherung  mußte
nach  Bismarcks  Meinung  Preußen  dem  gefährdeten  Nachbar
hilfreiche  Hand  leisten.  In  dieser  Absicht  veranlaßte  er  eine
Konvention  mit  Rußland,  die  am  8.  Februar  1863  durch  den
General  von  Alvensleben  in  Petersburg  abgeschlossen  wurde.
Nach  dieser  sollten  auf  Ersuchen  des  russischen  und  des  preußischen
  Oberbefehlshabers  oder  der  Grenzbehörden  die  beiderseitigen
  Truppenführer  bevollmächtigt  werden,  sich  gegenseitig
        <pb n="214" />
        Verschärfung  des  Konflikts  durch  die  polnische  Frage  203

Hilfe  zu  leisten  und  nötigenfalls  auch  die  Grenze  zu  überschreiten
zur  Verfolgung  der  Rebellen,  die  aus  dem  einen  Lande  in  das
andere  flüchteten.  Bismarck  war  der  Ansicht,  daß  es  sich  nicht
nur  um  das  Interesse  der  Ostprovinzen,  sondern  auch  um  die
weitergreifende  Frage  handelte,  ob  im  russischen  Kabinett  —  und
das  kannte  er  —  eine  polenfreundliche  oder  eine  antipolnische
Richtung,  ein  Streben  nach  panslavistischer  antideutscher  Verbrüderung
  zwischen  Russen  und  Polen  oder  eine  gegenseitige
Anlehnung  der  russischen  und  der  preußischen  Politik  herrschte.

Für  Preußens  deutsche  Zukunft  war  die  Haltung  Rußlands
eine  Frage  von  hoher  Bedeutung.  Eine  polenfreundliche  Richtung
der  russischen  Politik  mußte  die  seit  dem  Pariser  Frieden  (1856)
und  schon  in  den  zwanziger  Jahren  angestrebte  russisch-französische
Fühlung  beleben;  ein  solches  Bündnis  hätte  Preußen  in  die
schwierigste  Lage  gebracht.  Dieses  hatte  ein  Interesse  daran,
die  im  russischen  Kabinett  tatsächlich  vorhandenen  polnischen
Sympathien  zu  bekämpfen.  Polens  Feindschaft  war  damit  unwirksam
  gemacht,  Rußlands  Freundschaft  für  eine  Zukunft,
in  welcher  Preußen  der  Rückendeckung  bedurfte,  gesichert.  Die
Konvention  war  ein  gelungener  Schachzug,  der  die  Partie
entschied,  die  innerhalb  des  russischen  Kabinetts  der  antipolnischmonarchische
  und  der  polonisierende  panflavistische  Einfluß
gegeneinander  spielten.

Die  Liberalen  stimmten  mit  Bismarck  auch  in  dieser  Frage
nicht  überein.  Ein  Sturm  der  Entrüstung  brach  los.  Für  die
Polen  zu  schwärmen  war  in  jenen  und  in  den  fünfziger  und
vierziger  Jahren  des  deutschen  Philisters  Lust  gewesen.  Wer  in
jene  Zeiten  zurückdenken  kann,  wird  sich  erinnern,  daß  selbst
des  väterlichen  Hauses  Köchin  bei  ihrer  Tätigkeit  Holteis  Lied
Der  alte  Feldherr:  „Denkst  du  daran,  mein  tapferer  Lagienka“,
zu  singen  pflegte.  Die  früheren  Zeiten  hatte  man  damals  vergessen,
  da  auf  den  durch  deutsche  Kultur  zu  Zivilisation  und
Wohlstand  gebrachten  Ostmarken  die  polnische  Herrschaft  mit
schwerem  Drucke  lastete,  und  da  ein  brandenburgischer  Kurfürst
in  jenen  Gebieten  das  deutsche  Schwert  wieder  zu  Ehren  und
Geltung  brachte.  Unpolitische  Gefühlsseligkeit  bewegte  die
        <pb n="215" />
        204  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

Liberalen,  da  jede  Einbuße  Rußlands  als  ein  Schritt  zum  Siege
des  Liberalismus  angesehen  wurde.  So  wurde  denn  Bismarcks
Politik  verurteilt  und  bekämpft  als  eine  Schmach  und  eine  Versündigung
  am  Geiste  der  Menschlichkeit  und  als  eine  Art  von
preußischer  Vasallenherrschaft  gegenüber  Rußland.  Im  Februar
brach  auch  dieser  Sturm  gegen  Bismarck  los;  auch  ihm  wußte
er  stand  zu  halten,  indem  er  betonte,  daß  der  unbestrittene  Zweck
der  Bewegung  die  Herstellung  eines  unabhängigen  polnischen
Reiches  sei,  daß  über  die  Bestrebungen,  auch  auf  preußischem
Gebiete  den  Aufstand  vorzubereiten,  amtliche  Anzeigen  vorlägen
  und  daß  die  Sicherheit  des  preußischen  Staates  gefährdet
  sei.  Als  aber  der  Abgeordnete  Waldeck  von  Gendarmendiensten
  sprach,  die  Preußen  Rußland  leiste  und  die  jedem
Preußen  die  Schamröte  ins  Gesicht  treibe,  und  daß  solche
Politik  nicht  der  Ehre  Preußens  entspreche,  da  entgegnete  Bismarck:
  „Ich  glaube,  für  die  Ehre  Preußens  mindestens  genau
so  viel  Sinn  zu  haben,  wie  der  Abgeordnete  Waldeck,  und  glaube
dies  durch  mein  Verhalten  in  der  Gegenwart,  durch  mein  Verhalten
  in  der  Vergangenheit  in  reichem  Maße  betätigt  zu  haben.“
Und  dem  Abgeordneten  Virchow,  der  geraten  hatte,  man  solle
statt  militärisch  zu  intervenieren,  lieber  die  russische  Regierung
zu  einer  anderen  Regierungsweise  in  Polen  bewegen,  erwiderte
er  unter  großer  und  anhaltender  Heiterkeit:  „Ich  muß  darauf
aufmerksam  machen,  daß  dergleichen  Ratschläge  an  fremde  Regierungen,
  wie  sie  im  Inneren  zu  regieren  haben,  immer  etwas
Mißliches  haben,  weil  sie  sehr  leicht  zur  Gegenseitigkeit  führen.“
Befremdlich  aber  fand  er  es,  daß  die  Interpellation  der  polnischen
Fraktion  von  deutschen  Abgeordneten  mitunterzeichnet  war.  Diesen
Abgeordneten  warf  er  die  Worte  ins  Gewissen:  „Die  Reigung,
sich  für  fremde  Nationalitäten  und  Nationalbestrebungen  zu  begeistern,
  auch  dann,  wenn  dieselben  nur  auf  Kosten  des  eignen
Vaterlandes  verwirklicht  werden  können,  ist  eine  politische  Krankheitsform,
  deren  geographische  Verbreitung  sich  auf  Deutschland
leider  beschränkt.“  Mit  gutem  Gewissen  aber  schloß  er  zum
Schutze  eigener  Politik  unter  anhaltender  Unruhe  und  Bewegung
des  Hauses:  „Wir  fühlen  uns  stark  in  der  Uberzeugung,  die
        <pb n="216" />
        Die  polnische  Frage  205

Pflicht  erfüllt  zu  haben,  die  uns  durch  die  Wahrung  der  Interessen
  des  Landes  auferlegt  war,  und  diese  Uberzeugung  wird
dadurch  nicht  geschwächt  werden,  wenn  Sie  uns  durch  die  Annahme
  Ihres  Antrages  in  die  Lage  versetzen,  vor  dem  Lande
Akt  davon  zu  nehmen,  daß  Sie  Partei  ergreifen  für  die  polnische
Insurrektion.“

So  wußte  er  sich  zu  wehren  mit  Worten,  die  im  Kampfe
wie  Funken  dem  Stein  entsprangen,  den  man  mit  Eisen  schlägt,
und  diese  Worte  wirkten  wie  preußische  Kriegerschwerter,  deren
Klingen  hell  in  der  Sonne  blitzen,  nicht  nur  auf  die  Vertreter
des  eigenen  Volkes,  sondern  auch  auf  fremde  Diplomaten,  die
alter  Gewohnheit  gemäß  sich  in  preußische  Dinge  mischten.  Osterreich
  zunächst  freute  sich  über  das  scharfe  Urteil,  das  überall  gegen
Preußen  laut  wurde.  Napoleon  sprach  sich  dem  preußischen  Gesandten
  gegenüber  sehr  ungnädig  aus.  Als  aber  der  britische
Botschafter  in  Berlin,  Sir  Andrew  Buchanan,  Bismarck  zur
Rede  zu  stellen  suchte  und  sagte,  Europa  werde  es  nicht  dulden,
daß  die  Konvention  zur  Ausführung  gelange  und  preußische
Truppen  die  Grenze  überschreiten  würden,  um  Rußland  zu
helfen,  bewahrte  Bismarck  dem  hitzigen  Lord  gegenüber  seine
volle  Ruhe,  indem  er  kurz  fragte:  „Wer  ist  Europa?"  Und  als
der  Engländer,  schon  etwas  abgekühlt,  sagte:  „Verschiedene  große
Nationen,“  fragte  Bismarck  weiter:  „Sind  sie  bereits  darüber
einig?“  Mit  diesen  schlagfertigen  Fragen  war  der  Botschafter  auf
den  Sand  gesetzt  und  England  zurückgewieseu.  Europa  imponierte
  Bismarck  seit  den  großen  Krisen  von  1854  und  1859
schon  längst  nicht  mehr.

Außer  der  polnischen  Frage  wetterleuchtete  auch  schon  die
schleswig-holsteinische  in  diese  Session  des  Abgeordnetenhauses
hinein.  Der  König  Friedrich  VII.  von  Dänemark  verstieß  mit
seinen  Maßnahmen  in  Holstein  wider  die  Vereinbarungen  mit
den  deutschen  Mächten  vom  Jahre  1852,  indem  er  Holstein  eine
neue  Verfassung  aufzwang,  durch  die  er  ihm  Gelder  und  Rechte
entzog,  worauf  es  Anspruch  hatte.  Dagegen  legten  Osterreich
und  Preußen  Verwahrung  ein;  von  dieser  gab  Bismarck  am
17.  April  auf  eine  Anfrage  des  Abgeordneten  Twesten  dem
        <pb n="217" />
        206  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

Abgeordnetenhause  Kenntnis.  Einer  Außerung  des  Abgeordneten,
  daß  Dänemark  sich  beruhigen  könne,  da  es  bei  den  nach
außen  und  innen  zerrütteten  Verhältnissen  Preußens  von  diesem
keinen  Krieg  werde  zu  befürchten  haben,  setzte  Bismarck  die
Worte  entgegen:  „Zum  Glück  ist  man  im  Auslande  nicht  ebenso
leichtgläubig,  und  ich  kann  Sie  und  das  Ausland  versichern,
wenn  wir  es  für  nötig  finden,  Krieg  zu  führen,  so  werden  wir
ihn  führen  mit  oder  ohne  Ihr  Gutheißen.“  Daß  genau  nach
einem  Jahre  Preußen  am  Vorabend  seines  ersten  Schlachtensieges
  stehen  sollte,  ahnte  damals  niemand;  wohl  aber  wußte
der,  der  die  Kriegsprophezeiung  gesprochen,  was  er  wollte.
Die  an  dramatischen  Momenten  reiche  Wintersession  des
Landtags  sollte  noch  in  besonders  starken  Gegensätzen  erfolglos
geschlossen  werden.  Am  14.  Mai  mußte  der  Kriegsminister  von
Roon  heftige  Vorwürfe,  wie  die,  er  habe  Unfrieden  ins  Land
geschleudert,  als  „eine  unberechtigte  Anmaßung“  zurückweisen.
Er  wurde  vom  Vizepräsidenten  von  Bockum-Dolffs  unterbrochen,
ließ  sich  das  nicht  bieten  und  blieb  bis  zum  Außersten  auf  seinem
Recht  bestehen.  Der  Vizepräsident  vertagte  die  Verhandlungen
auf  eine  Stunde,  indem  er  sein  Haupt  bedeckte.  Als  die  Sitzung
wieder  eröffnet  wurde,  nahmen  die  Minister  nicht  teil.  Noch  an
demselben  Tage  ging  dem  Präsidenten  ein  Schreiben  des  Gesamtministeriums
  zu,  worin  es  über  die  Beschränkung  des  ihm  von
der  Verfassung  gewährten  Rechts,  jederzeit  das  Wort  zu  ergreifen,
  Klage  führte  und  Genugtuung  forderte;  es  machte
seine  Teilnahme  an  den  Sitzungen  von  der  Erklärung  des  Präsidiums
  abhängig,  daß  eine  Wiederholung  jenes  Verfahrens
nicht  in  Aussicht  stände.  Auf  eine  sehr  vorsichtig  abgefaßte  Erklärung
  der  Kammer,  welche  die  Frage  der  Disziplinargewalt
über  die  Minister  umging,  kam  ein  zweites  Schreiben  des
Ministeriums,  worin  der  Protest  wiederholt  wurde  und  die  Forderung
  einer  ausdrücklichen  Erklärung,  daß  eine  Beschränkung  der
Minister  durch  den  Präsidenten  ausgeschlossen  sei.  Der  König
trat  in  einer  besonderen  von  allen  Ministern  gegengezeichneten
Botschaft  für  seine  Räte  ein.  Die  Kammer  schob,  von  der  Linken
beherrscht,  in  einer  Adresse  an  den  König  alle  Schuld  den
        <pb n="218" />
        Die  schleswig-holsteinsche  Frage.  Schluß  des  Landtags  207

Ministern  zu  und  erhob  sich  zu  dem  Vorwurf:  durch  ihre  Politik
nach  außen,  durch  ihr  verfassungswidriges  Verfahren  im  Innern
hätten  sie  das  Vertrauen  der  Völker  und  Regierungen  verscherzt.
Sie  selbst  hätten  im  Hause  der  Abgeordneten  aussprechen  müssen,
daß  Preußen  Feinde  ringsum  habe;  daß  ihm  überall  kriegerische
Verwicklungen  drohten.  Preußen  stehe  fast  allein  in  Deutschland,
  ja  in  Europa.  Nunmehr  erfolgte  der  entscheidende  Schlag;
mit  allen  Zeichen  königlicher  Ungnade  wurde  die  Session  geschlossen.
  Den  vorwurfsvollen  Ton  vermied  aber  die  Schlußrede,
  die  mit  den  Worten  endigte:  „Die  Regierung  Seiner
Majestät  erkennt  den  vollen  Ernst  ihrer  Aufgabe  und  die  Größe
der  Schwierigkeiten,  welche  ihr  entgegentreten;  sie  fühlt  sich  aber
stark  in  dem  Bewußtsein,  daß  es  die  Bewahrung  der  wichtigsten
Güter  des  Vaterlandes  gilt,  und  wird  daher  auch  das  Vertrauen
  festhalten,  daß  eine  besonnene  Würdigung  dieser  Interessen
  schließlich  zu  einer  dauernden  Verständigung  mit  der  Landesvertretung
  führen  und  eine  gedeihliche  Entwicklung  unseres  Verfassungslebens
  ermöglichen  werde.“  Mit  einem  schrillen  Mißklang
schloß  der  Landtag.  Das  Wort:  „Preußen  hat  Feinde  ringsum“
fand  in  verstärktem  Maße  auf  den  König  und  sein  Ministerium
Anwendung;  sie  hatten  auch  die  größte  Zahl  der  Vertreter  des
Volks  als  Feinde  sich  gegenüber.  An  Versöhnung  war  nicht  zu
denken.  Zu  diesen  Gegnern  trat  im  Sommer  des  Jahres  auch
der  Erbe  der  Krone.  Den  Anlaß  boten  die  scharfen  Maßregeln,
die  als  Antwort  auf  die  Herausforderungen  des  Abgeordnetenhauses
  erfolgten.

Am  1.  Juni  wurde  auf  Bismarcks  Antrag  durch  eine  Verordnung
  die  Preßfreiheit  so  gut  wie  aufgehoben.  Es  sollten
Zeitungen,  deren  Bestreben  dahin  ginge,  die  Einrichtungen  des
Staates,  die  öffentlichen  Behörden  und  deren  Anordnungen  dem
Haß  und  der  Verachtung  auszusetzen,  zunächst  zweimal  verwarnt,
wenn  dies  nicht  helfe,  zeitweise  oder  dauernd  verboten  werden.
Es  erhob  sich  ein  Sturm  der  Entrüstung  im  ganzen  liberalen
Lager.  Nun  konnte  eine  Sache,  die  dem  Recht  nach  nur  gesetzlich
  geregelt  werden  durfte,  auf  eine  Ministerialverfügung  hin
erledigt  werden.  Jede  Opposition  war  so  gut  wie  unmöglich
        <pb n="219" />
        208  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

gemacht.  Neben  diesen  „Preßordonnanzen“,  wie  man  die  Verfügung
  nicht  ohne  guten  Grund  nannte,  kam  es  zu  Maßregelungen
der  Beamten  seitens  der  Minister  des  Innern,  des  Grafen
Friedrich  von  Eulenburg,  und  der  Justiz,  des  Grafen  zur  Lippe.
Strafversetzung,  Versagung  von  Alterszulagen  und  andere
Maßnahmen  suchten  die  Beamten,  besonders  die  zahlreichen
Kreisrichter  und  Verwaltungsbeamten,  gefügig  zu  machen  und
zum  Schweigen  zu  zwingen.  Heute,  wo  die  Leidenschaften,  von
denen  jene  Zeit  tief  erregt  war,  nicht  mehr  toben,  kann  man
sich  solche  Gewaltmaßregeln  nur  aus  dem  Kampf  erklären,  der
Waffen,  und  seien  sie  noch  so  scharf,  nimmt,  wo  er  sie  nur  finden
kann.  Zudem  beherrschte  Bismarck  in  jener  Zeit  eine  gründliche
Verachtung  seiner  Gegner.  Intime  Außerungen  sagen  uns  das.
An  demselben  Tage  (17.  April),  als  er  das  Ausland  und  die
Abgeordneten  versicherte,  daß  Preußen  den  Krieg  nicht  fürchte,
schrieb  er  seinem  Freunde  Motley  einen  Brief,  in  welchem  es
also  heißt:  „Ich  habe  niemals  geglaubt,  daß  ich  in  meinen
reisen  Jahren  genötigt  sein  würde,  ein  so  unwürdiges  Gewerbe,
wie  das  eines  parlamentarischen  Ministers,  zu  betreiben.  Als
Gesandter  hatte  ich,  obschon  Beamter,  doch  das  Gefühl,  ein
Gentleman  zu  sein.  Als  Minister  ist  man  Helot.  Ich  bin
heruntergekommen  und  weiß  doch  selber  nicht  wie.  —  April  18.
Soweit  schrieb  ich  gestern.  Heute  früh  kaum  gefrühstückt,
da  saß  mir  Kärolyi  schon  gegenüber;  ihn  lösten  ohne  Unterbrechung
  Dänemark,  England,  Portugal,  Rußland,  Frankreich
ab,  dessen  Botschafter  ich  um  ein  Uhr  darauf  aufmerksam  machte,
daß  es  für  mich  Zeit  sei,  in  das  Haus  der  Phrasen  zu  gehen.
In  diesem  sitze  ich  nun  wieder,  höre  die  Leute  Unsinn  reden,
und  beendige  meinen  Brief;  die  Leute  sind  alle  darüber  einig,
unsere  Verträge  mit  Belgien  gutzuheißen,  und  doch  sprechen
zwanzig  Redner,  schelten  einander  mit  der  größten  Heftigkeit,
als  ob  jeder  den  andern  umbringen  wollte;  sie  sind  über  die
Motive  nicht  einig,  aus  denen  sie  übereinstimmen,  darum  der
Zank;  echt  deutsch,  leider,  Streit  um  des  Kaisers  Bart;  querelle
d’Allemand;  etwas  davon  habt  Ihr  Anglo-Saxon  Lankees  auch.
..  Eure  Gefechte  sind  blutig,  unsere  geschwätzig;  diese  Schwätzer
        <pb n="220" />
        Die  Preßordonnanzen.  Bismarcks  Widerwillen  gegen  das  Haus  der  Phrasen  209

können  Deutschland  wirklich  nicht  regiren,  ich  muß  dem  Widerstand
  leisten,  sie  haben  zu  wenig  Witz  und  zu  viel  Behagen,
dumm  und  dreist.  Dumm  in  seiner  Allgemeinheit  ist  nicht  der
richtige  Ausdruck;  die  Leute  sind,  einzeln  betrachtet,  zum  Theil
recht  gescheit,  meist  unterrichtet,  regelrechte  deutsche  Universitätsbildung,
  aber  von  der  Politik  über  die  Kirchthurmsinteressen
hinaus  wissen  sie  so  wenig,  als  wir  Studenten  davon  wußten,
ja  noch  weniger,  in  auswärtiger  Politik  sind  sie  auch  einzeln
genommen  Kinder;  in  allen  übrigen  Fragen  aber  werden  sie
kindisch,  sobald  sie  in  corpore  zusammentreten,  massenweise
dumm,  einzeln  verständig.“  Also  wie  Schiller  dachte  Bismarck:

Jeder,  sieht  man  ihn  einzeln,  ist  leidlich  klug  und  verständig;

Sind  sie  in  corpore,  gleich  wird  euch  ein  Dummkopf  daraus.

Und  wie  Schiller  dachte  er,  daß  im  Vaterlande  die  starken
Wurzeln  seiner  Kraft  seien  und  daß  der  Starke  am  mächtigsten
allein  sei;  daß  er  aus  der  Gemeinschaft  solcher  Männer,  wie
er  sie  schildert,  keine  Kraft  zum  Handeln  schöpfen  könne.  Nur
kämpfen  konnte  er  mit  ihnen.

Daß  in  diesem  Kampf  der  Erbe  der  Krone  zu  den  Gegnern
trat,  schlug  dem  Könige  eine  tiefe  Wunde.  Am  31.  Mai  reiste
der  Kronprinz  zu  einer  militärischen  Inspektion  nach  der  Provinz
Preußen  ab,  nachdem  er  den  König  noch  schriftlich  gebeten,  eine
Verfügung  ohne  den  Landtag  zu  vermeiden.  Am  2.  Juni  folgte
ihm  seine  Gemahlin.  Die  königliche  Verordnung  war  inzwischen
bekannt  geworden.  Am  4.  Juni  richtete  der  Kronprinz  an  seinen
Vater  ein  Schreiben,  in  welchem  er  sich  mißbilligend  über  die
Preßverordnung  aussprach,  sich  beschwerte,  daß  er  nicht  zugezogen
  sei  und  sich  über  die  Pflichten  äußerte,  die  ihm  nach
seiner  Meinung  als  dem  Thronfolger  oblägen.  Am  5.  Juni  antwortete
  der  Kronprinz  in  Danzig  auf  eine  Begrüßungsrede  des
Oberbürgermeisters  von  Winter.  In  dieser  Antwort  hieß  es:
„Auch  ich  beklage,  daß  ich  in  einer  Zeit  hergekommen  bin,  in
welcher  zwischen  Regierung  und  Volk  ein  Zerwürfnis  eingetreten
ist,  welches  zu  erfahren  mich  in  hohem  Grade  überrascht  hat.
Ich  habe  von  den  Anordnungen,  die  dazu  geführt  haben,  nichts
gewußt.  Ich  war  abwesend.  Ich  habe  keinen  Teil  an  den  Rat-A.

  Matthias,  Bismarck  14
        <pb n="221" />
        240  9.  Verfassungezwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

schlägen  gehabt,  die  dazu  geführt  haben.  Aber  wir  alle  und  ich
am  meisten,  der  ich  die  edlen  und  landesväterlichen  Intentionen
und  hochherzigen  Ges'nnungen  Seiner  Majestät  des  Königs  am
besten  kenne,  wir  alle  haben  die  Zuversicht,  daß  Preußen  unter
dem  Zepter  Seiner  Majestät  des  Königs  der  Größe  sicher  entgegengeht,
  die  ihm  die  Vorsehung  bestimmt  hat.“

Die  Worte  des  Kronprinzen  machten  im  In=  und  Auslande
gewaltiges  Aufsehen.  Am  7.  Juni  erfolgte  eine  sehr  ernste  Zurechtweisung
  des  Vaters.  Daraufhin  bat  der  Kronprinz  den
König  um  Verzeihung  wegen  eines  Schrittes,  den  er  um  seiner
und  seiner  Zukunft  willen  habe  tun  müssen;  er  bat  um  Entschuldigung,
  wenn  er  gefehlt  habe,  schloß  aber:  „Ich  werde  mit
demselben  Mute  für  meine  Uberzeugung  eintreten,  wie  Du  für
die  Deine.  Ich  kann  nichts  zurücknehmen,  werde  aber  schweigen.“
Der  König  war  noch  heftig  erregt.  Bismarck  aber  tat  alles,  um
zu  verhindern,  daß  er  dieser  Erregung  durch  offene  Maßregelung
Folge  gebe;  vor  allem  hielt  er  ihn  von  Schritten  ab,  die  an
Friedrich  Wilhelm  I.  und  Küstrin  erinnert  hätten,  indem  er
darauf  hinwies,  daß  in  diesem  Konflikte  die  Sympathien  der
Zeitgenossen  und  der  Nachwelt  dem  großen  Sohne  gehört  hätten
und  es  nicht  ratsam  sei,  den  Kronprinzen  zum  Märtyrer  zu
machen.  „Verfahren  Sie  fein  säuberlich  mit  dem  Knaben  Absalom“
  sagte  Bismarck  unter  Hinweis  auf  die  Bihbelstelle
(Sam.  2,  15,  3  u.4),  die  Geistliche  des  Landes  schon  zum  Predigttexte
  gewählt  hatten.  Es  gelang  ihm  —  auch  die  Königin  übte
ihren  Einfluß  aus  —,  den  König  zu  besänftigen,  am  11.  gewährte
  dieser  dem  Sohne  Verzeihung,  überging  die  Beschwerden
und  machte  ihm  Schweigen  zur  Pflicht.

Die  Angelegenheit  hatte  noch  ein  unerquickliches  Nachspiel.
Zunächst  nahm  sich  ihrer  in  indiskretester  Weise  die  Times  an;
es  wurde  klar,  daß  weibliche  Einflüsse  auf  den  Konprinzen
eingewirkt  hatten.  Dann  aber  erhielt  Bismarck  ein  aus  Stettin
datiertes  Schreiben  vom  Kronprinzen,  das  seine  Politik  in
starken  Ausdrücken  verurteilte.  Sie  sei  ohne  Wohlwollen  und
Achtung  für  das  Volk  und  stütze  sich  auf  sehr  zweifelhafte
Auslegungen  der  Verfassung;  er  werde  den  König  bitten,  sich,
        <pb n="222" />
        Zerwürfnis  zwischen  König  und  Kronprinzen  211

so  lange  das  Ministerium  im  Amte  sei,  der  Teilnahme  an  den
Sitzungen  enthalten  zu  dürfen.  Das  Schreiben  schloß  mit  den
Worten:  „Sie  werden  so  lange  an  der  Verfassung  deuteln,
bis  dieselbe  ihren  Werth  in  den  Augen  des  Volkes  verliert.
Sie  werden  dadurch  einerseits  anarchische  Bestrebungen,  die
über  die  Verfassung  hinausgehen,  wachrufen.  Sie  werden
andrerseits,  mögen  Sie  es  wollen  oder  nicht,  von  einer  ge—
wagten  Interpretation  zur  anderen,  bis  zu  dem  Anrathen  des
nackten  unverschleierten  Verfassungsbruchs  getrieben  werden.
Diejenigen,  welche  Seine  Majestät  den  König,  meinen  allergnädigsten
  Herrn  Vater,  auf  solche  Wege  führen,  betrachte  ich
als  die  allergefährlichsten  Rathgeber  für  Krone  und  Vaterland.“


Zu  den  letzten  Worten  hat  Bismarck  in  dem  Original  die
Randbemerkung  gesetzt:  „Ich  nicht“  und  „Leicht  fertig  ist  die
Jugend  mit  dem  Worte.“

Bismarck  antwortete  am  10.  Juli  in  voller  Ruhe;  eines
Eingehens  auf  die  Urteile  enthält  er  sich  in  Ehrerbietung;  die
Frage  könne  beim  Könige  ohne  Beeinträchtigung  der  nötigen
Schonung  nicht  zur  Sprache  gebracht  werden.  Daraufhin  ersuchte
  der  Kronprinz  Bismarck  auf  das  Entschiedenste,  dem
Könige  keine  Mitteilung  zu  machen;  er  werde  selber  zu  ge—
legener  Zeit  mit  dem  Könige  sprechen.  Wie  tief  ergriffen  dieser
war,  erfahren  wir  aus  einem  Briefe  Bismarcks  an  seine  Frau
vom  22.  Juli  aus  Salzburg:  „Dem  Könige  geht  es  gut,  doch
nagt  ihm  die  kronprinzliche  Geschichte  am  Herzen.  Seit  dem
Tage  als  ich  Carlsbad  verließ,  und  wo  ihm  durch  Zufall  eine
Zeitung  mit  den  Dingen  die  wir  ihm  sorgfältig  verborgen
hatten,  in  die  Hände  gerathen  ist,  scheint  die  gute  Laune  fort;
er  ist  still  und  in  sich  gekehrt,  forcirt  sich  heiter  zu  sein!  Es
thut  einem  das  Herz  weh  ihn  zu  sehen  wie  er  sein  Gefühl
niederkämpft,  aber  die  Einsamkeit  liebt.“

Im  August  lenkte  der  Kronprinz  ein  und  besuchte  Bismarck  in
Gastein;  doch  im  September  schlug  die  Stimmung  wieder  um,
als  der  König  angeordnet  hatte,  daß  der  Sohn  an  den  Sitzungen
des  Staatsministeriums  teilnehmen  solle.  Dann  verlief  die

14*
        <pb n="223" />
        212  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

Sache  sich  in  umfangreiche  Schriftstücke  und  schließlich  im
Sande.

Fragen,  die  von  weltgeschichtlicher  Bedeutung  werden  sollten,
drängten  zur  Entscheidung.  Starkes  Wetterleuchten  zog  die
Blicke  der  politisch  interessterten  Welt  dem  aufsteigenden  Gewitter
  zu.  n

Das  Machtverhältnis  Osterreichs  und  Preußens  innerhalb
des  deutschen  Bundes  bedurfte  endgültiger  Erledigung.  Aufzuschieben
  war  diese  Frage  nicht  mehr.  Das  hatte  Bismarck
bei  den  schweren  europäischen  Krisen  von  1854  und  1859  klar
erkannt.  Und  wo  bei  ihm  klare  Erkenntnis  herrschte,  da  setzte
sein  Wille  zur  Tat  ein.  Anfang  Dezember  1862  hatte  er  bereits
  dem  österreichischen  Botschafter  Grafen  Kärolyi  gegenüber
mit  offenen  Karten  gespielt.  Er  hatte  ihm  gesagt:  „Unsere  Beziehungen
  müssen  entweder  besser  oder  schlechter  werden,  als
sie  sind.  Ich  bin  bereit  zu  einem  gemeinschaftlichen  Versuche,
sie  besser  zu  machen.  Mißlingt  derselbe  durch  Ostreichs
Weigerung,  so  rechnen  Sie  nicht  darauf,  daß  wir  uns  durch
bundesfreundliche  Redensarten  werden  fesseln  lassen.  Sie
werden  mit  uns  als  europäische  Großmacht  zu  tun  bekommen;
  die  Paragraphen  der  Wiener  Schlußakte  [vom  8.  Juni
1815,  durch  welche  der  deutsche  Bund  errichtet  war]  haben
nicht  die  Kraft,  die  Entwicklung  der  deutschen  Geschichte  zu
hemmen.“

Das  hatte  nicht  viel  genutzt.  In  Wien  hatte  man  seit  den
Olmützer  und  Dresdener  Verhandlungen  der  Jahre  1850  und
1854,  welche  ohne  Ergebnis  blieben  und  den  alten  Deutschen
Bund  wieder  herstellten,  und  seit  den  Tagen  Schwarzenbergs,
  der  die  krasse  Vorherrschaft  Osterreichs  vertrat,  eine
irrige  Ansicht  gewonnen.  Man  hatte  sich  gewöhnt,  Preußen  für
schwächer  und  furchtsamer  zu  halten,  als  es  zu  sein  brauchte.
Es  war  Torheit,  mit  dieser  alten  preußischen  Schüchternheit
noch  im  Beginne  der  sechziger  Jahre  zu  rechnen,  seitdem  Wilhelm
  I.  den  Thron  bestiegen  hatte  und  Bismarck  sein  Minister
war.  Friedrich  Wilhelm  IV.  hätte  sich  ja  schwerlich  zum
Kriege  entschlossen.  Auch  bei  Wilhelm  I.  war  die  Abneigung,
        <pb n="224" />
        Spannung  zwischen  Preußen  und  Ssterreich  213

mit  den  väterlichen  Traditionen  von  1813  bis  18145  und  mit
den  Familienbeziehungen  —  Kaiser  Franz  Josef  war  ein
Reffe  der  Königin  Elisabeth  —  zu  brechen,  ebenso  stark  wie
bei  seinem  Bruder.  Aber  wenn  Empfindlichkeiten  wachgerufen
wurden,  die  aus  seiner  Offiziersehre  und  seinem  monarchischen
  Bewußtsein  hervorgingen,  so  war  Bismarck  sicher,  von
ihm  in  keiner  Gefahr  im  Stiche  gelassen  zu  werden.  Mit
diesem  Wechsel  der  Dinge  rechnete  man  in  Österreich  nicht
und  vertraute  zuviel  auf  die  Macht  der  augenblicklichen  öffentlichen
  Meinung,  wie  sie  durch  Preßagenten  und  Preßunterstützungen
  geschickt  beeinflußt  wurde.

Außerdem  überschätzte  man  damals,  wie  alle  Welt  es  tat,
eingeschlossen  die  Linke  des  Abgeordnetenhauses,  den  inneren
Konflikt  und  dessen  abschwächende  Wirkung  auf  Preußens  auswärtige
  Politik  und  militärische  Leistungsfähigkeit.  Auch  in
Preußen  war  die  Abneigung  gegen  den  Krieg  weitverbreitet,
sogar  in  den  höfischen  Kreisen  war  sie  noch  im  Anfange  des
Kriegs  von  1866  sogar  in  allerhand  diplomatischen  Zettelungen
tätig,  denen  der  Hausminister  von  Schleinitz,  der  frühere
Minister  des  Auswärtigen,  nahe  stand,  aber  in  die  preußischen
Regimenter  und  deren  Feuergefecht  auf  dem  Schlachtfelde
reichte  sie  nicht  hinein.  —  Hätte  man  sich  in  Österreich  entgegenkommender
  gezeigt,  eine  gemeinsame  Politik  wäre  möglich  gewesen,
  und  Bismarck  hat  sie  auch  versucht.  Zweifelhaft  wäre
es  immer  geblieben,  ob  diese  Politik  von  Dauer  gewesen  wäre;
denn  der  Glaube  an  Osterreichs  militärische  Uberlegenheit  war
dort  und  in  den  Mittelstaaten  zu  stark  eingewurzelt;  Preußen
wäre  bei  friedlicher  Lösung  stets  der  geringeren  Einschätzung
ausgesetzt  geblieben.

Es  wurde  nun  überhaupt  nicht  vor  eine  Wahl  gestellt;
Osterreich  ging  über  die  Anregung  von  1862  zur  Tagesordnung
  über  mit  dem  geradezu  entgegengesetzten  Vorstoß  zur  Berufung
  des  Frankfurter  Fürstentages,  durch  die  König  Wilhelm
im  Anfang  August  in  Gastein  überrascht  wurde:  der  Zerklüftung
  und  Zerfahrenheit  Deutschlands  wollte  es  ein  Ende  machen
durch  Schaffung  eines  Bundesdirektoriums  und  eines  Parla-
        <pb n="225" />
        214  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

ments  aus  Abgeordneten  der  einzelnen  Landtage;  ein  Parlament
aber  aus  direkten  Wahlen  lehnte  es  ab.

Bevor  Bismarck  den  König  gesprochen,  hatte  schon  eine  Unterredung
  zwischen  diesem  und  dem  Kaiser  Franz  Jofef  in  Gastein
stattgefunden.  König  Wilhelm  nahm  zunächst  keinen  Anstoß
daran,  daß  diese  Einladung  „mit  kurzer  Verfallfrist  (à  courte
Schéance)“  wie  der  Versuch  einer  Überrumpelung  aussah.
Der  Vorschlag  gesiel  ihm  wohl  auch  wegen  der  darin  liegenden
Aussicht  auf  fürstliche  Gemeinsamkeit,  die  gewahrt  werden  sollte
durch  häufige  Zusammenkünfte,  und  wegen  des  damit  verbundenen
  Zurückdrängens  des  parlamentarischen  Einflusses,
den  der  König  zurzeit  sehr  drückend  empfand.  Auch  die
Königinwitwe  Elisabeth  stand  dem  ganzen  Plane  von  vornherein
  freundlich  gegenüber;  als  der  König  auf  der  Reise
von  Gastein  nach  Baden-Baden  sie  in  Wildbad  im  württembergischen
  Schwarzwalde  begrüßte,  drang  sie  in  Bismarck,  doch
mit  dem  König  nach  Frankfurt  zu  gehen.  Bismarck  antwortete:
„Wenn  der  König  sich  nicht  anders  entschließt,  so  werde  ich
hingehen  und  dort  seine  Geschäfte  machen,  aber  nicht  als
Minister  nach  Berlin  zurückkehren".  Daraufhin  hörte  die
Königin  auf,  Bismarcks  Auffassung  beim  Könige  zu  bekämpfen.

Was  Bismarck  bewog,  dem  König  auf  das  Entschiedenste
abzuraten,  waren  sehr  ernste  Erwägungen,  die  weit  hinaus  in
Deutschlands  Zukunft  blickten.  Wenn  man  nach  Frankfurt  gegangen
  wäre,  um  auf  dem  Fürstenkongreß  die  preußisch-österreichische
  Rivalität  in  eine  gemeinsame  Bekämpfung  der  Revolution
  und  des  Konstitutionalismus  zu  verwandeln,  so  wäre
Preußen  äußerlich  geblieben,  was  es  vorher  war,  hätte  freilich
unter  dem  österreichischen  Präsidium  durch  bundestägliche  Beschlüsse
  die  Möglichkeit  gehabt,  seine  Verfassung  in  derselben
Weise,  wie  Österreich,  in  rückschrittlicher  Weise  abändern  zu
lassen,  hätte  damit  aber  den  nationaldeutschen  Weg  verlassen,
  d.  h.  den  Weg  zu  einem  Deutschland  ohne  ein
starkes  und  selbständiges  Preußen  und  zu  einem  aus  direkten
Wahlen  hervorgehenden  Parlament.  Es  wäre  der  Weg  des
Nückschrittes,  der  Reaktion  gewesen;  so  scharf  Bismarck  augen-
        <pb n="226" />
        Der  Frankfurter  Fürstentag  215

blicklich  auftrat  gegen  die  heimische  Opposition,  den  unhistorischen
Gedanken,  die  Verfassung  zu  ändern,  hat  er  keinen  Augenblick
gehegt;  wo  er  nach  der  Meinung  der  Gegner  gegen  die  Ver—
fassung  verstieß,  handelte  er  immer  in  dem  Bewußtsein,  daß
zweifelhafte  Bestimmungen  in  der  Verfassung  und  der  Gegensatz
der  nicht  miteinander  in  Einklang  stehenden  Paragraphen  ihm
das  Recht  gäben,  zunächst  zu  handeln,  wie  er  zu  handeln  es
als  vaterländische  Pflicht  ansah.

Es  wurde  Bismarck  nicht  leicht,  den  König  zum  Fernbleiben
zu  bestimmen.  Auf  der  Fahrt  von  Gastein  nach  Baden-Baden
glaubte  er  ihn  überzeugt  zu  haben.  Da  kam  in  Baden-Baden
ein  neuer  Ansturm  auf  den  Monarchen.  Der  alte  König  Johann
von  Sachsen  erneuerte  am  19.  August  im  Auftrage  aller  Fürsten
die  Einladung  nach  Frankfurt.  Diesem  Schachzuge  zu  widerstehen
  kostete  den  König  große  Uberwindung.  „Dreißig  regierende
Herren  und  ein  König  als  Kurier!“  wiederholte  er  mehrmals;
und  dabei  liebte  und  verehrte  er  den  feinsinnigen  und  klugen
sächsischen  König  mehr  als  irgend  jemanden  unter  den  Fürsten.
Es  war  keine  leichte  Arbeit,  die  Bismarck  an  diesem  Tage
hatte,  erst  um  Mitternacht  gelang  es  ihm,  die  Unterschrift  des
Königs  an  den  König  von  Sachsen  zu  erhalten.  Als  er  seinen
Herrn  verließ,  waren  beide  infolge  der  nervösen  Spannung
der  aufregenden  Entscheidungsstunden  krankhaft  erschöpft.  Die
sofortige  mündliche  Mitteilung  an  den  sächsischen  Minister
von  Beust,  den  schärfsten  Gegner  preußischer  Führung  im
Bunde,  trug  auch  den  Stempel  tiefer  Erregung  an  sich.  Von
Bismarck  erzählt  man,  er  habe,  nachdem  er  „im  Schweiße
seines  Angesichts“  seinem  Herrn  die  Absage  zum  Fürstentage
abgerungen,  ein  Service  von  Gläsern  zerschlagen,  um  seiner
Erregung  Luft  zu  machen  und  dann  dem  Adjutanten  gesagt:
  „Jetzt  ist  mir  wieder  wohl.“  Jedenfalls  war  damit
die  Krisis  überwunden.  Der  König  von  Sachsen  reiste  ab,
ohne,  wie  Bismarck  befürchtet  hatte,  den  König  nochmals  aufzusuchen.


Wie  Bismarck  über  den  Fürstentag  dachte,  sagt  ein  Schreiben
aus  dem  Monat  August  an  den  preußischen  Bundestags-
        <pb n="227" />
        216  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

gesandten  in  Frankfurt:  „Ich  betrachte  das  östreichische  Reformprojekt
  als  eine  Schaumwelle,  mit  welcher  Ministerpräsident
Schmerling  mehr  noch  ein  Manöver  der  inneren  östreichischen
Politik,  als  einen  Schachzug  antipreußischer  Diplomatie  beabsichtigt.
  Er  arrangirt  dem  Kaiser  eine  glänzende  Geburtstagsfeier
  mit  weißgekleideten  Fürsten  und  fingirt  ihm  Erfolge
der  constitutionellen  Ara  Ostreichs.  Von  dem  Dampf  der  Phrasen
entkleidet,  ist  des  Pudels  Kern  ein  so  dürftiger,  daß  man  dem
Volke  lieber  nicht  practisch  vordemonstriren  sollte,  wie  nicht
einmal  das  zu  Stande  kommt.  Einen  Einfluß  auf  die  Verhandlungen
  zu  erhalten,  empffehlt  sich  jetzt  noch  nicht;  wir
müssen  die  Weisheit  der  Reformen  sich  erst  ungestört  offenbaren
  lassen.“

Und  diese  Weisheit  war  dann  auch  nicht  weit  her.  Der
Fürstentag  wurde  am  16.  August  eröffnet.  Noch  einmal  strömten
in  der  alten  Kaiserstadt  fast  alle  deutschen  Fürsten  zusammen.
Festesjubel  durchtönte  die  Straßen;  glanzvolle  Auffahrten  erfreuten
  das  Auge  der  Frankfurter,  die  von  jeher  schaulustig
gewesen.  Aber  König  Wilhelm  fehlte,  „weil  er  seine  Entschließungen
  erst  feststellen  könne,  wenn  durch  geschäftsmäßige
Bearbeitung  der  Angelegenheiten  seitens  seiner  Räte  die  zu
erörternden  Abänderungen  der  Bundesverfassung  in  ihrem  Verhältnisse
  zu  der  berechtigten  Machtstellung  Preußens  und  zu
den  berechtigten  Interessen  der  Nation  geprüft  sein  würden.“
Preußen  hatte  seinerseits  bereits  am  22.  Januar  1863  eine  aus
direkten  und  allgemeinen  Wahlen  hervorgehende  Volksvertretung
und  Beteiligung  dieser  an  der  Gesetzgebung  gefordert.

Unter  dem  Vorbehalt,  daß  die  Beschlüsse  erst  bindend  sein
sollten,  wenn  Preußen  für  die  neue  Verfassung  gewonnen  sei,
unterzeichneten  vierundzwanzig  deutsche  Fürsten  die  Reformakte.
  Bismarck  erklärte  dazu,  „es  entspreche  nicht  der  Würde
seines  Monarchen,  Vorschläge  entgegenzunehmen,  über  die  dieser
vorher  nicht  gehört  worden  sei.“  Das  preußische  Staatsministerium
  sprach  sich  in  einem  Gutachten  gegen  die  Reformakte
aus  und  forderte  noch  einmal  eine  aus  direkter  Beteiligung
der  ganzen  Nation  hervorgehende  Nationalversammlung.
        <pb n="228" />
        Der  Frankfurter  Fürstentag  217

König  Wilhelm,  dem  es  anfangs  schwer  geworden,  den
Kongreß  nicht  zu  besuchen,  hielt  jetzt  fest  und  treu  zu  dem
Manne,  der  sein  erstes  Meisterstück  gemacht  hatte.  Denn  das
war  es.  Nicht  Osterreich,  sondern  Preußen  hatte  zu  Frankfurt
einen  vollen  Sieg  errungen.  Der  Erfolg  war  bald  nach  allen
Seiten  hin  sichtbar.  Als  der  König  auf  der  Rückreise  von
Baden-Baden  (31.  August)  nach  Berlin  so  nahe  an  Frankfurt
vorüberfuhr,  daß  sein  entschlossener  Wille,  sich  nicht  zu  beteiligen,
  aufs  klarste  zutage  trat,  da  wurden  die  meisten,  jedenfalls
  die  mächtigeren  deutschen  Fürsten  von  Unbehagen  erfaßt
bei  dem  Gedanken  an  den  Reformentwurf,  der  sie,  wenn
Preußen  fern  blieb,  Österreich  auslieferte  in  einem  Verbande,
in  dem  sie  nicht,  wie  bisher,  durch  die  Rivalität  der  beiden
Großmächte  gedeckt  waren.  Das  Wiener  Kabinett  hatte  gehofft,
  die  übrigen  Bundesfürsten  würden  auch  ohne  Preußen
zu  ihm  stehen.  Diese  aber  wollten  an  Osterreich  gegen  Preußen
und  an  Preußen  gegen  Ssterreich  eine  Stütze  haben  und  als
eigentliches  inneres  „Deutschland“  ein  „Schiedsamt“  zwischen
den  Großmächten  ausüben,  Deutschland  würde  also  zum  Sklaven
des  ganzen  mittelstaatlichen  Elends,  der  sogenannten  „Bamberger“
und  „Würzburger“  geworden  sein;  und  als  Häuptling  dieser
Bamberger  wäre  Graf  Beust  gerade  der  rechte  Mann  gewesen.
Die  deutsche  Trias  —  Österreich,  Preußen,  die  Mittelstaaten
war  dieser  Leute  Ideal.  Mit  diesem  war's  vorläufig  zu  Ende.

Die  vorgeschlagene  Organisation  des  Bundes  lehnte  Preußen
ab.  Am  15.  September  erstattete  das  Staatsministerium  an
den  König  Bericht,  in  dem  die  Gedanken  aus  Bismarcks
Badener  Denkschrift  aus  dem  Jahre  1861  wiederkehrten.  Sie
liefen  darauf  hinaus,  daß  die  Frankfurter  Vorschläge  die
wahren  Bedürfnisse  und  Interessen  der  deutschen  Nation  nicht
berücksichtigten,  sondern  partikularistischen  Bestrebungen  dienten;
es  müßten  andere  Grundlagen  auf  dem  Wege  von  Ministerkonferenzen
  gesucht  werden.  Volle  Parität  Österreichs  und
Preußens  sei  Vorbedingungz  ebenso  ein  Vetorecht  Preußens  gegen
Kriegserklärung;  die  Berufung  „einer  wahren,  aus  direkter
Beteiligung  der  ganzen  Nation  hervorgehenden  Nationalver=
        <pb n="229" />
        218  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

sammlung  müßten  den  Grundpfeiler  der  zukünftigen  Verfassung
des  Bundes  bilden.  —  Dieser  Bericht  wurde  an  die  Bundesregierungen
  gesandt  und  in  den  Zeitungen  veröffentlicht.  Er
atmete  Kraft,  jedes  Wort  war  wohlerwogen  und  wahrte
Preußens  künftige  Machtstellung  im  Bunde.  Die  Gedanken
fanden  Widerhall  in  Abgeordnetenkreisen,  von  denen  schon
im  August  dreihundert  in  Frankfurt  unter  Bennigsens  Führung
sich  versammelt  hatten  und  im  Einklang  mit  dem  allgemein
verhaßten  Bismarck  für  die  direkte  Nationalvertretung  als  unerläßliche
  Vorbedingung  eintraten.

Am  21.  Oktober  versammelten  sich  in  Rürnberg  die  Minister
  von  elf  der  dreiundzwanzig  Staaten,  die  in  Frankfurt
getagt  hatten,  unter  des  Grafen  von  Rechberg  Vorsitz  und  des
sächsischen  Ministers  von  Beust  kräftiger  Unterstützung  und
verwarfen  die  preußischen  Bedingungen  und  besonders  das
direkt  gewählte  Parlament  als  unannehmbar.  Für  einen  besondern
  Bund  unter  Osterreich  war  aber  ebenfalls  gar  keine
Stimmung  vorhanden.  Osterreichs  Vasallen  zu  werden,  hatten
die  Mittelstaaten  keine  Neigung.  Darob  war  Graf  von  Rechberg
erzürnt  und  er  wies  darauf  hin,  daß  der  Weg  nach  Berlin  für
OÖsterreich  nicht  weiter  und  nicht  schwieriger  sei  als  für  die
Mittelstaaten.  Preußen  wurde  damit  zur  umworbenen  Braut,
die  jeder  der  beiden  Bewerber  heimzuführen  hoffte.

Daß  OÖsterreich  auch  den  Beziehungen  Preußens  zu  Frankreich
  einen  großen  Dienst  geleistet  hatte,  siel  als  wertvolle
Nebenfrucht  noch  ab.  Graf  Goltz,  der  preußische  Gesandte  in
Paris,  berichtete  an  Bismarck,  er  sei  mit  Cäsar  ein  Herz  und
eine  Seele.  Napoleon  hoffte,  Preußen,  das  nunmehr  selbständiger
  als  je  dastand,  zu  seiner  Verfügung  zu  bekommen.
Von  Österreich  fühlte  er  sich  verletzt,  weil  er  es  darauf  hinarbeiten
  sah,  ganz  Deutschland  unter  sich  zu  vereinigen;  am
Rhein  wären  ihm  damit  die  Traditionen  des  Rheinbundes  zerronnen
  und  in  Italien  wäre  sein  Einfluß  durch  ein  mächtiges
Österreich  unrergraben.  Er  hoffte  auf  Preußen  und  auf  Bismarck,
  der  es  in  dieser  Zeit  sehr  geschickt  verstand,  diese  Hoffnungen
  warm  zu  halten.
        <pb n="230" />
        Preußens  Reformantrag  219

Alle  Welt  empfand  den  Sieg;  nur  die  preußischen  Liberalen
blieben  in  ihrer  Kampfesstellung,  trotzdem  daß  „Europa“  jetzt
nicht  mehr  so  verächtlich  auf  Preußen  schaute.

Um  nun  auch  der  preußischen  Volksvertretung  und  ihren
Wählern  Gelegenheit  zu  geben,  zu  der  doch  wesentlich  veränderten
  Sachlage  der  preußisch-nationalen  Politik  Stellung  zu
nehmen,  empfahl  das  Staatsministerium  dem  Könige  die  Auflösung
  des  Abgeordnetenhauses.  Diese  wurde  vollzogen  am
2.  September.  In  dem  Auflösungsvorschlage  hatte  das  Staatsministerinm
  —  und  das  war  Bismarck  —  folgendes  gesagt:
„Es  sind  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Bundesverfassung  Bestrebungen
  zutage  getreten,  deren  unverkennbare  Absicht  es  ist,
dem  preußischen  Staate  diejenige  Machtstellung  in  Deutschland
und  in  Europa  zu  verkümmern,  welche  das  wohlerworbene  Erbteil
  der  ruhmvollen  Geschichte  unserer  Väter  bildet,  und  welche
das  preußische  Volk  sich  nicht  streitig  machen  zu  lassen  jederzeit
entschlossen  gewesen  ist.

„Unter  diesen  Umständen  wird  es  für  Ew.  Majestät  Untertanen
  zugleich  ein  Bedürfnis  sein,  bei  den  bevorstehenden  Neuwahlen
  der  Tatsache  Ausdruck  zu  geben,  daß  keine  politische
Meinungsverschiedenheit  in  unserm  Lande  tief  genug  greift,  um
gegenüber  einem  Versuche  zur  Beeinträchtigung  der  Unabhängigkeit
  und  der  Würde  Preußens  die  Einigkeit  des  Volkes  in  sich
und  die  unverbrüchliche  Treue  zu  gefährden,  mit  welcher  dasselbe
  seinem  angestammten  Herrscherhause  anhängt.“

Die  Neuwahlen  brachten  keine  wesentliche  Veränderung.
Mißtrauen  und  Parteifanatismus  ließen  keine  Annäherung  an
die  Regierung  aufkommen,  trotzdem  diese  bei  der  Eröffnung  des
Landtags  sich  in  einer  Weise  vernehmen  ließ,  die  ernste  Beachtung
  verdient  hätte:  „Es  ist  Mein  dringender  Wunsch,“  —
so  lautete  die  Stelle  in  der  königlichen  Thronrede  —  „daß  den
zwischen  Meiner  Regierung  und  einem  Teile  der  Landesvertretung
entstandenen  Zerwürfnissen  ein  Ende  gemacht  werde.  Meine
königliche  Pflicht  gebietet  Mir,  die  Macht  und  die  Rechte  meiner
Krone  nicht  minder  wie  die  verfassungsmäßigen  Befugnisse  der
Landesvertretung  hochzuhalten  und  zu  schützen.“  Für  die  schles-
        <pb n="231" />
        220  9.  Verfassungszwist  und  Heereserneuerung;  der  Fürstentag

wig-holsteinsche  Frage  wurde  Lösung  in  bestimmte  Aussicht  gestellt:
  „Der  Deutsche  Bund  hat  beschlossen,  im  Wege  der  Exekution
  diejenigen  bundesrechtlichen  Forderungen  zur  Geltung  zu
bringen,  welchen  die  Regierung  Seiner  Majestät  des  Königs
von  Dänemark  in  betreff  der  Herzogtümer  Holstein  und  Lauenburg
  bisher  nicht  genügt  hat  oder  bis  zum  Eintritt  der  Exekution
nicht  genügen  wird.  Im  Falle  eines  den  Exekutions-=truppen
  überlegenen  Widerstandes  ist  die  Mitwirkung
preußischer  und  österreichischer  Streitkräfte  in  Aussicht
  genommen.  Sollte  dieser  Fall  eintreten  und  die  Verwendung
  außerordentlicher  Mittel  erheischen,  so  wird  Meine
Regierung  dem  Landtage  deshalb  die  erforderlichen  Vorlagen
machen.“  Die  Bundesreform  und  der  ernste  Wille  Preußens,
sie  zu  fördern,  wurde  nachdrucksvoll  betont:  „Ich  habe  die
Mängel  der  bestehenden  Bundesverfassung  niemals  verkannt,
aber  zu  ihrer  Umgestaltung  weder  den  gegenwärtigen  Moment
noch  die  eingeschlagenen  Wege  für  richtig  gewählt  halten  können.
..  Eine  Bürgschaft  kann  nur  solchen  Reformen  beiwohnen,
welche,  in  gerechter  Verteilung  des  Einflusses  nach  dem  Verhältnisse
  der  Macht  und  der  Leistungen,  dem  preußischen  Staate
die  ihm  in  Deutschland  gebührende  Stellung  sichern.  Dies
gute  Recht  Preußens  und  mit  ihm  die  Macht  und  Sicherheit
  Deutschlands  zu  wahren,  sehe  Ich  als  Meine  heilige
Pflicht  an.“  Auf  die  weltgeschichtliche  Bedeutung  des  Augenblicks
  wurde  nachdrücklich  mit  den  Worten  hingewiesen:  „Wir
stehen  in  einer  bewegten  Zeit,  vielleicht  an  der  Schwelle
einer  bewegteren  Zukunft.  Um  so  dringender  richte  Ich  an
Sie  die  Aufforderung,  an  die  Lösung  unserer  inneren  Fragen  mit
dem  ernsten  Willen  der  Verständigungheranzutreten.  Das  Ziel
kann  aber  nur  dann  erreicht  werden,  wenn  die  für  die
preußische  Monarchie  unentbehrliche  Macht  des  königlichen
  Regiments  ungeschwächt  erhalten  wird  und  Ich
von  Ihnen  bei  Ausübung  Ihrer  verfassungsmäßigen
Rechtein  der  Erfüllung  Meiner  landesherrlichen  Pflichten
  unterstützt  werde.  Gemeinsam  haben  wir  für  die  Ehre
und  das  Wohl  des  Vaterlandes  zu  wirken.  Dieser  Aufgabe  sind
        <pb n="232" />
        Preußens  Reformantrag  221

meine  Bestrebungen  unwandelbar  und  ausschließlich  gewidmet,
und  in  unerschüttertem  Vertrauen  auf  die  Treue  Meines  Volkes
hoffe  Ich,  dieselbe  so  zu  lösen,  wie  Ich  es  vor  Gott  verantworten
kann.“

Alle  diese  bedeutsamen  Worte  machten  aber  keineswegs  den
Eindruck  auf  die  Versammlung,  den  sie  auf  uns  heute  ausüben,
die  wir  das  nationale  Wollen  und  die  nationalen  Erfolge
Bismarckscher  Politik  überschauen  können.  Der  Abstand  zwischen
ihm  und  der  Vertretung  des  Volkes  wurde  zunächst  eher  größer
als  geringer.  Erst  der  Siegeszug  der  großen  Gedanken  Bismarcks
sollte  die  Kluft  füllen.  Daß  der  Kampf,  der  im  Jahre  1863
mit  Bundesreform  und  schleswig-holsteinscher  Frage  einsetzte,
um  die  deutsche  Einheit  und  Kraft  ging,  ahnten  damals  nur
wenige.  Bismarck  erkannte  das  Ziel  in  voller  Klarheit.  Seine
Gedanken,  aus  großer  geschichtlicher  Ahnungskraft  geboren,  waren
des  Erfolges  von  vornherein  gewiß,  und  ihr  Gang  zur  Verwirklichung
  sollte  vom  Glücke  der  geschichtlichen  Entwicklung  segensreich
  begünstigt  werden;  ein  solches  Glück  pflegt  nicht  blind  zu
sein,  wenn  das  Genie  es  lenkt,  das  scharf  in  die  Zukunft  zu
schauen  vermag,  die  kleinen  Geistern,  deren  Blick  durch  die
Grenzen  der  Partei  beschränkt  ist,  verschlossen  bleiben  muß.
        <pb n="233" />
        10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück.
1863—1865

m  15.  November  1863  starb  Friedrich  VII.  von  Dänemark
kinderlos.  Nach  der  Besiegung  der  Herzogtümer  Ende  der
fünfziger  Jahre  war  im  Londoner  Protokolle  1852  die  schleswigholsteinische
  Frage  durch  die  Großmächte  im  allgemeinen  dahin
geregelt  worden,  daß  der  unverkürzte  Bestand  der  dänischen
Monarchie  als  im  europäischen  Interesse  liegend  erklärt  wurde;
die  Erbansprüche  der  in  Dänemark  erbberechtigten  weiblichen
Glücksburger  Linie  waren  auch  für  die  Herzogtümer  aufrecht
erhalten,  diesen  blieben  jedoch  ausdrücklich  ihre  sonstigen  überlieferten
  Rechte  gesichert.  Jenes  Protokoll  war  aber  weder  vom
Deutschen  Bunde  noch  von  den  schleswig-holsteinischen  Ständen
anerkannt  worden.  Die  in  Schleswig-Holstein  erbberechtigte
männliche  Augustenburgische  Linie  hatte  zwar  in  der  Person  des
Herzogs  Christian  August  verzichtet;  der  Erbprinz  Friedrich  hatte
seine  Ansprüche  aber  aufrechterhalten.  Im  Jahre  1854  und  1855
erließ  nun  die  dänische  Regierung  eine  Gesamtverfassung  für
die  ganze  Monarchie,  welche  auf  die  Sonderrechte  der  Herzogtümer
  keine  Rücksicht  nahm;  dieser  Gewaltstreich  und  die  Behandlung
  der  Schleswiger,  deren  deutsche  Nationalität  man
nicht  schonte,  veranlaßten  den  Bund,  die  dänische  Gesamtverfassung
  für  ungültig  zu  erklären,  soweit  deutsches  Bundesgebiet
  in  Frage  komme.

Daraufhin  wurde  in  Kopenhagen  ein  neuer  Verfassungsentwurf
  beraten,  der  die  Gesamtverfassung  für  das  deutsche
Bundesgebiet  Holstein  und  Lauenburg  aufhob,  die  alten  Lasten
an  Geldzahlungen  aber  aufrecht  erhielt.  Dagegen  legten  Osterreich
  und  Preußen  Verwahrung  ein  im  April  1863,  Bismarck
betonte  auch  ausdrücklich,  daß  Dänemark  nach  dem  Ergebnis  der
Verhandlungen  von  1851/52  kein  Recht  zur  völligen  Einverleibung
  Schleswigs  habe.  Im  Abgeordnetenhause  kamen  diese
Dinge,  wie  wir  gesehen,  am  17.  April  zur  Sprache.
        <pb n="234" />
        Bismarcks  Stellung  zur  schleswig-holsteinischen  Frage  223

Am  1.  Oktober  beschloß  der  Deutsche  Bund  für  sein  Gebiet
  —  Holstein  und  Lauenburg  —  die  Bundesexekution.  Gleichwohl
  nahm  der  dänische  Reichstag  zwei  Tage  vor  dem  Tode
Friedrichs  VII.  den  Verfassungsentwurf  an.  Am  18.  November
erhob  der  neue  König  von  Dänemark,  Christian  IX.,  den  Beschluß
  zum  Gesetz.  Damit  war  der  Konflikt  gegeben.

Bismarck  wußte  von  vornherein,  was  er  wollte.  In  einem
Conseil  sprach  er  sich  für  die  Erwerbung  durch  Preußen  aus,
indem  er  den  König  erinnerte,  daß  jeder  seiner  Vorfahren
für  den  Staat  einen  Zuwachs  gewonnen  habe,  und  er  zählte
diesen  auf  bis  zu  Hohenzollern  und  dem  Jahdegebiet,  das  der
friedliche  Friedrich  Wilhelm  IV.  erworben  habe.  Während
seines  Vortrags  hatte  Bismarck  das  Gefühl,  als  ob  der  König
geglaubt  habe,  sein  Minister  stände  unter  dem  bachhischen  Eindruck
  eines  Frühstücks.  Der  Kronprinz  habe,  so  erzählt  er,
während  er  gesprochen,  die  Hände  zum  Himmel  erhoben,  als
zweifle  er  an  seinen  gesunden  Sinnen.  Die  Minister  schwiegen.

Wenn  dieses  höchste  Ziel  nicht  erreichbar  war,  so  konnte
man  Bismarcks  Meinung  nach  trotz  aller  Verzichtleistung  der
Augustenburger  auf  die  Einsetzung  dieser  Dynastie  und  Herstellung
eines  neuen  Mittelstaates  eingehen,  falls  die  preußischen  und
deutsch-nationalen  Interessen  sichergestellt  würden  durch  eine
Militärkonvention  mit  Kiel  als  Bundeshafen  und  durch  den
Nordostseekanal.

War  auch  das  nicht  zu  erreichen;  hätte  die  europäische
Situation  es  verhindert,  wäre  Preußen  durch  alle  Großmächte,
Osterreich  eingeschlossen,  isoliert  worden,  dann  stand  für  ihn
zur  Frage,  auf  welchem  Wege  für  die  Hherzogtümer,  sei  es  in
Form  einer  Personalunion  mit  Dänemark,  sei  es  in  einer  anderen
Gestaltung  ein  vorläufiger  Abschluß  erreichbar  blieb;  eine  Verbesserung
  der  Lage  der  Herzogtümer  müsse  jedenfalls  zu  erreichen
sein.  Doch  über  den  beiden  letzten  Möglichkeiten  behielt  er
die  Annexion  unverrückt  im  Auge.  Gänzlich  ausgeschlossen  für  ihn
war  ein  Krieg  Preußens  zum  Zwecke  der  Errichtung  eines  neuen
Großherzogtums  im  Bunde  mit  den  Zeitungen,  den  Vereinen,
den  Freischaren  und  den  Bundesstaaten  außer  Osterreich  und
        <pb n="235" />
        224.  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

ohne  die  Sicherheit,  daß  der  Bund  die  Sache  auf  jede  Gefahr
hin  durchführe.  Kindlich  erschien  ihm  das  Vertrauen  der  öffentlichen
  Meinung  und  maßgebender  Personen  auf  den  Beistand
Englands.  Schon  eher  glaubte  er  an  eine  französische  Genossenschaft,
  wenn  man  dieser  den  Preis  hätte  zahlen  wollen,  den  sie
gekostet  hätte.  Aber  ein  Krieg  gestützt  auf  die  soeben  gekennzeichneten
  Waffen  und  Genossen  von  1848  hätte  unter  den
großen  Mächten  nur  Feinde  gefunden.  Sobald  aber  Österreich
  mit  Preußen  ging,  so  schwand  die  Möglichkeit  und  Gefahr
eines  Bündnisses  der  anderen  Mächte.

Bismarck  hatte  mit  seinen  höchsten  Zielen  zunächst  alles
gegen  sich;  aber  gerade  in  solchen  Schwierigkeiten  fühlte  er
sich  wohl  und  zeigte  er  sich  der  Lage  und  den  Ereignissen  gewachsen.


Diese  verliefen  vorerst  gegen  ihn.  Friedrich  von  Augustenburg
  machte  seine  Erbansprüche  geltend  und  kam  im  Gefolge
der  Sachsen  und  Hannoveraner  nach  Holstein,  wo  er  von
der  Bevölkerung  jubelnd  als  Landesherr  ausgerufen  wurde.
Das  preußische  Abgeordnetenhaus  stand  zu  Friedrich  VIII.  und
gegen  Bismarck.  Die  Stimmung  der  Volksvertretung  war  um
so  erregter,  als  Bismarck  sich  zunächst  sehr  reserviert  verhielt  und
es  völlig  vermied,  auf  die  Erbfolgefrage  jetzt  schon  einzugehen.
Er  erklärte  es  als  ein  Gebot  der  Klugheit,  an  Preußens  Vertragstreue
  keinen  Zweifel  zu  lassen  und  an  die  Bestimmungen
des  Londoner  Vertrages  sich  zu  halten.  Die  Gültigkeit  des
Londoner  Vertrages  stehe  und  falle  mit  der  Erfüllung  der  Zusagen
Dänemarks,  die  jenem  zur  Voraussetzung  dienten.  —  Man
suchte  nun  zunächst  von  seiten  der  Großmächte  alles  zu  vermeiden,
  was  einen  europäischen  Krieg  heraufbeschwören  konnte;
denn  England  sah  mit  wachsamem  Auge  auf  die  Erfüllung
der  Bestimmungen  jenes  Vertrags.  Daher  schieden  Preußen
und  Österreich  zunächst  die  Thronfolgefrage  aus  und  betonten
immer  kräftiger  vor  allem  die  Regelung  der  Verfassung.  Dieses
Heranziehen  ÖSsterreichs  an  die  preußische  Politik  war  ebenso
ein  Meisterstück  Bismarcks,  wie  die  Abkehr  von  Österreich  beim
Fürstentage.
        <pb n="236" />
        —

Parlamentarische  und  diplomatische  Gegner  Bismarcks  225

Trotzdem  Bismarck  wiederholt  erklärt  hatte,  Preußen  werde
nach  Maßgabe  seiner  Stellung  als  europäische  Macht  und  als
Bundesglied  sowohl  fuͤr  das  deutsche  Recht  in  den  Herzogtümern
als  für  das  eigene  Ansehen  im  Rate  der  Großmächte  mit  besonnener
  Festigkeit  einstehen,  und  es  werde  kein  Fuß  breit
deutscher  Erde  verloren  gehen  und  kein  Titel  deutschen  Rechtes
geopfert  werden,  lehnte  man  gleichwohl  im  Abgeordnetenhause
die  für  etwaige  militärische  Maßnahmen  nötige  Anleihe  ab,  beschloß
  aber  gleichzeitig  eine  Adresse,  worin  man  den  König
bat,  sich  vom  Londoner  Vertrage  loszusagen  und  den  Erbprinzen
  als  Herzog  anzuerkennen.  Die  Volksvertretung  brachte
also,  wie  Bismarck  ihr  am  18.  Dezember  vorhielt,  Preußen
dahin,  daß  es  „bei  ausbrechendem  Kriege  dem  kleinen  Dänemark
  gegenüber  in  der  Rolle  des  Minderstarken  erschien,  und
verschaffte  der  dänischen  Landarmee  eine  numerische  Ubermacht,
indem  sie  die  Mittel  verweigerte,  die  Armee  rechtzeitig  zu  verstärken".
  Sie  nahm  damit  sowohl  vor  dem  Lande  als  vor  den
eigenen  Wählern  eine  schwere  Verantwortung  auf  sich.  Diese
schob  Bismarck  zum  Glücke  für  Preußen  und  Schleswig  dadurch
beiseite,  daß  er  nicht  lange  mehr  redete,  sondern  zu  handeln  sich
entschloß,  erforderlichenfalls,  wie  er  am  Sgylvestertage  durch
die  Antwort  des  Königs  auf  die  Adresse  der  Abgeordneten
erklärte,  mit  den  Waffen  in  der  Hand.

Auf  diesem  mit  Ruhe  und  Klarheit  verfolgten  Wege  zum
Ziele  wurde  Bismarck  von  dem  Spott  der  Führer  der  Opposition
begleitet,  deren  gefährlicher  Irrtum,  wie  er  ironisch  sagte,  es
war,  daß  in  der  Politik  dasjenige,  was  kein  Verstand  der
Verständigen  sieht,  dem  politischen  Dilettanten  durch  naive
Intuition  offenbar  werde.

In  dieser  naiven  Intuition  hatte  Virchow  orakelt,  Bismarck
habe  eigentlich  keine  Politik,  er  stürme  ohne  Kompaß  in  das
Meer  der  äußeren  Verwicklungen  und  ihm  fehle  jedes  leitende
Prinzip;z  und  Loewe-Bochum  hatte  nach  seiner  unzünftigen
Meinung  geäußert,  Bismarcks  Politik  habe  sich  so  erwiesen,
daß  er  sich  immer  den  Knäppel  zwischen  die  Beine  geworfen
habe  und  in  einem  Stolpern  und  Stürzen  geblieben  sei.

A.  Matthlas,  Bismarck  15
        <pb n="237" />
        226  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

Es  verdient  Bewunderung  und  wirkt  geradezu  herzergreifend,
  wie  solchen  Angriffen  gegenüber  Bismarck,  der  kein  Ziel
haben  sollte,  ruhig  und  zielbewußt  blieb  und  auch  noch  im
eigensten  diplomatischen  Hause  sich  zur  Wehr  setzen  mußte
gegen  Mitarbeiter,  die  ihm  den  besagten  Knüppel  zwischen  die
Beine  zu  werfen  suchten.

Am  Heiligen  Abend  sah  er  sich  genötigt,  an  den  Grafen  von
der  Goltz,  den  Gesandten  in  Paris,  der  in  der  entscheidenden
Tagesfrage  eine  der  ministeriellen  entgegengesetzte  Politik  durch
Immediatberichte  an  den  König  vertrat,  ein  nachdrückliches
Schreiben  zu  richten.  Als  alter  Führer  der  Bethmann-Hollwegschen
  Koterie  besaß  Graf  von  der  Goltz  einen  großen  Einfluß
bei  Hofe  und  war  als  Gegner  nicht  zu  unterschätzen.  Bismarck
  stellte  ihm  die  Unmöglichkeit  vor  Augen,  daß  der  König
zwei  auswärtige  Minister  habe  und  daß  die  schon  übermäßige
Friktion  der  Staatsmaschine  noch  dadurch  gesteigert  werde,  daß
dem  Könige  die  entgegengesetzte  Richtung  von  derjenigen  Politik
empfohlen  werde,  welche  dieser  mit  dem  gesamten  Ministerium
selbst  beschlossen  und  seit  vier  Wochen  befolgt  habe.  Solche
kreuzende  Auffassung  schade,  weil  sse  Zögerungen  und  Unentschiedenheiten
  hervorrufe;  nichts  aber  sei  gefährlicher,  als  eine
schwankende  Politik.  Wie  wenig  das  bei  Bismarcks  Politik  der
Fall  war,  das  mögen  seine  lapidaren  Worte  selber  sagen,  mit
denen  er  sie  in  ihren  Grundzügen  entrollte:  „Die  Frage  ist,  ob
wir  eine  Großmacht  sind  oder  ein  deutscher  Bundesstaat,  und
ob  wir,  der  ersteren  Eigenschaft  entsprechend,  monarchisch  oder,
wie  es  in  der  zweiten  Eigenschaft  allerdings  zulässig  ist,  durch
Professoren,  Kreisrichter  und  kleinstädtische  Schwätzer  zu  regieren
  sind.  Die  Jagd  hinter  dem  Phantom  der  Popularität
„in  Deutschland“,  die  wir  seit  den  vierziger  Jahren  betrieben,
hat  uns  unsere  Stellung  in  Deutschland  und  in  Europa  gekostet,
  und  wir  werden  sie  dadurch  nicht  wieder  gewinnen,  daß
wir  uns  vom  Strome  treiben  lassen  in  der  Meinung,  ihn  zu
lenken,  sondern  nur  dadurch,  daß  wir  fest  auf  eigenen  Füßen
stehen  und  zuerst  Großmacht  dann  Bundesstaat  sind.  Das  hat
Osterreich  zu  unserem  Schaden  stets  als  richtig  für  sich  an-
        <pb n="238" />
        Der  Pariser  Gesandte  von  der  Goltz  227

erkannt,  und  es  wird  sich  von  der  Komödie,  die  es  mit  deutschen
Sympathien  spielt,  nicht  aus  seinen  europäischen  Allianzen,
wenn  es  überhaupt  solche  hat,  herausreißen  lassen.“

Und  nun  stellt  er  die  österreichische  und  preußische  Politik
des  letzten  Jahres  einander  gegenüber:  „Unsere  von  Ihnen
im  Frühjahr  sehr  lebhaft  bekämpfte  Politik  hat  sich  in  der
polnischen  Sache  bewährt,  die  Schmerlingsche  bittere  Früchte
für  Osterreich  getragen.  Ist  es  denn  nicht  der  vollständigste
Sieg,  den  wir  erringen  konnten,  daß  Osterreich  zwei  Monate
nach  dem  Reformversuch  froh  ist,  wenn  von  demselben  nicht
mehr  gesprochen  wird,  und  mit  uns  identische  Noten  an  seine
früheren  Freunde  schreibt,  mit  uns  seinem  Schoßkinde,  der
Bundestagsmajorität,  drohend  erklärt,  es  werde  sich  nicht  majorisieren
  lassen?  Osterreich  hat  unser  Programm  adoptiert,
was  esim  Oktober  vorigen  Jahresöffentlich  verhöhnte;
es  hat  die  preußische  Allianz  statt  der  Würzburger
(in  der  sich  die  Mittelstaaten  gegen  Preußen  1859  zusammenfanden)
  gesucht,  empfängt  seine  Beihilfe  von  uns,  und
wenn  wir  ihm  heute  den  Rücken  kehren,  so  stürzen  wir
das  Ministerium.  Es  ist  noch  nicht  dagewesen,  daß
die  Wiener  Politik  in  diesem  Maße  en  gros  et  en
détail  von  Berlin  aus  geleitet  wurde.  Dabei  sind
wir  von  Frankreich  gesucht,  Fleury  (der  außerordentliche
Gesandte  Napoleons,  der  im  Dezember  1863  in  Berlin  vorsprach)
  bietet  mehr,  als  der  König  mag;  unsere  Stimme
hat  in  London  und  Petersburg  das  Gewicht,  was  ihr
seit  zwanzig  Jahren  verloren  war;  und  das  acht  Monate,
  nachdem  Sie  mir  die  gefährlichste  Isolierung
wegen  unserer  polnischen  Politik  prophezeiten.  Wenn
wir  jetzt  den  Großmächten  den  Rücken  drehen,  um  uns  der  in
dem  Netze  der  Vereinsdemokratie  gefangenen  Politik  der  Kleinstaaten
  in  die  Arme  zu  werfen,  so  wäre  das  die  elendeste  Lage,
in  die  man  die  Monarchie  nach  innen  und  außen  bringen
könnte.  Wir  würden  geschoben  statt  zu  schieben;  wir  würden
uns  auf  Elemente  stützen,  die  wir  nicht  beherrschen  und  die
uns  notwendig  feindlich  sind,  denen  wir  uns  aber  auf  Gnade

15-
        <pb n="239" />
        228  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

und  Ungnade  zu  ergeben  hätten.  Sie  glauben,  daß  in  der
deutschen  öffentlichen  Meinung,  Kammern,  Zeitungen  usw.  irgend
etwas  steckt,  was  uns  in  einer  Unions-  oder  Hegemoniepolitik
stützen  und  helfen  könnte.  Ich  halte  das  für  einen  radikalen
Irrtum,  für  ein  Phantasiegebilde.  Unsere  Stärkung  kann  nicht
aus  Kammern=  und  Preßpolitik,  sondern  nur  aus  waffenmäßiger
Großmachtspolitik  hervorgehen,  und  wir  haben  nicht  nachhaltige
  Kraft  genug,  um  sie  in  falscher  Front  und  für  Phrasen
und  Augustenburg  zu  verpuffen.“  ·

Von  der  Goltz  hatte  den  Satz  aufgestellt,  Osterreich  und
Preußen-Deutschland  zusammen  sollten  als  Staatenbund  Europa
trotzen.  Dabei  sollte  Preußen  in  Deutschland  die  Hegemonie
haben,  was  doch  Osterreich  gutwillig  nie  zugegeben  hätte.  Auf
diesen  schweren  Widerspruch  erwidert  Bismarck:  „Sie  sprechen
von  dem  Staatenkomplex  von  siebzig  Millionen  mit  einer  Million
Soldaten,  der  in  kompakter  Weise  Europa  trotzen  soll,  muthen
also  Osterreich  ein  Aushalten  auf  Tod  und  Leben  bei  einer
Politik  zu,  die  Preußen  zur  Hegemonie  führen  soll,  und  trauen
doch  dem  Staate,  der  fünfunddreißig  dieser  seebzig  Millionen
hat,  nicht  über  den  Weg.  Ich  auch  nicht;  aber  ich  finde  es
für  jetzt  richtig,  Ostreich  bei  uns  zu  haben;  ob  der  Augenblick
der  Trennung  kommt  und  von  wem,  das  werden  wir  sehn.“

Wenn  der  „Bierhaus-Enthusiasmus“,  wie  Bismarck  sich
ausdrückte,  den  Herren  in  London  und  Paris  imponierte,  so
freute  ihn  das;  es  paßte  ganz  in  „seinen  Kram“z  aber  deshalb
imponierte  er  ihm  noch  lange  nicht,  weil  er  in  dem  Kampfe,
der  bevorstand,  keinen  Schuß  und  wenig  Groschen  lieferte.

Wir  sehen:  Gings  mit  Osterreich  und  mit  ehrlicher  Teilung
der  Macht  in  Deutschland,  Bismarck  wars  recht;  gings  nicht  so,
so  wußte  Bismarck  auch,  was  er  zu  tun  hatte.  Er  schloß  seinen
Brief  in  geradezu  künstlerischer  Form:  „Ich  kann  selten  so  viel
schreiben,  wie  heut  in  der  Nacht  am  Heiligen  Abend,  wo  alle
Beamte  beurlaubt  sind,  und  ich  würde  an  niemanden  als  Sie
den  vierten  Theil  des  Briefes  schreiben.  Ich  thue  es,  weil  ich
mich  nicht  entschließen  kann,  Ihnen  amtlich  und  durch  die  Bureaus
in  derselben  Höhe  des  Tones  zu  schreiben,  bei  welchem  Ihre
        <pb n="240" />
        Januar  1864.  Ultimatum  an  Dänemark  229

Berichte  angelangt  sind.  Ich  habe  nicht  die  Hoffnung,  Sie  zu
überzeugen,  aber  ich  habe  das  Vertrauen  zu  Ihrer  eigenen  dienstlichen
  Erfahrung  und  zu  Ihrer  Unparteilichkeit,  daß  Sie  mir
zugeben  werden,  es  kann  nur  Eine  Politik  auf  einmal  gemacht
werden,  und  das  muß  die  sein,  über  welche  das  Ministerium
mit  dem  Könige  einig  ist.  Wollen  Sie  dieselbe  und  das  Ministerium
  zu  werfen  suchen,  so  müssen  Sie  das  hier  in  der  Kammer
und  in  der  Presse  an  der  Spitze  der  Opposition  unternehmen,
aber  nicht  von  Ihrer  jetzigen  Stellung  aus;  und  dann  muß  ich
mich  ebenfalls  an  Ihren  Satz  halten,  daß  in  einem  Conflict
des  Patriotismus  und  der  Freundschaft  der  Erstre  entscheidet.
Ich  kann  Sie  aber  versichern,  daß  mein  Patriotismus  von  so
starker  und  reiner  Natur  ist,  daß  eine  Freundschaft,  die  neben
ihm  zu  kurz  kommt,  dennoch  eine  sehr  herzliche  sein  kann.“

Diese  Worte  vom  Christabend  1863,  die  der  hohe  Ton
großzügiger  Politik  durchklingt,  und  die  Worte  vom  Splovestertage
  vom  Handeln  mit  den  Waffen  in  der  Hand  muß  man  zusammenhalten,
  um  zu  erkennen,  wie  gut  der  Kompaß  war,  der
Bismarck  in  das  Meer  der  äußeren  Verwicklungen  geleitete.
Er  beobachtete  alles,  was  um  ihn  her  im  Weiteren  und  im
Engeren  vor  sich  ging;  er  hörte  die  großen  Reden  in  Geduld
an;  aber,  mochten  sie  noch  so  eindrucksvoll  klingen,  er  betrachtete
sie  immer  nur  als  hors  d'’oeuvre  seiner  Politik;  sie  waren  ihm
in  gewissem  Sinne  sogar  willkommen,  da  er  seine  großen  Ziele
hinter  diese  Kulisse  schieben  konnte;  es  wäre  ihm  vielleicht  nicht
gelungen,  Osterreichs  Gefolgschaft  in  der  schleswig-holsteinschen
Frage  zu  erreichen,  wenn  man  dort  nicht  von  der  vermeintlichen
Zerrissenheit  Preußens  auf  seine  innere  Schwäche  spekuliert  und
Preußen  als  einen  ungefährlichen  Bundesgenossen  angesehen
hätte.  Der  Staatsmann  aber,  der  diesen  Bundesgenossen  vertrat,
  fühlte  sich  nicht  schwach.  Das  Jubeljahr,  das  nun  zur
Reige  ging,  gemahnte  ihn  an  das  große  Erbe  gesunder  Hohenzollernpolitik.
  Den  diplomatischen  Aufmarsch  mit  Österreich  hatte
er  bereits  vollendet,  jetzt  schaffte  er  dem  militärischen  Aufmarsch
freie  Bahn.  Und  dabei  hörte  er  nicht  auf  die  leeren  Phrasen
des  Pariser  Gesandten  oder  auf  die  großen  Reden  selbst-
        <pb n="241" />
        230  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

bewußter  Parlamentarier,  sondern  auf  das  Flattern  der  Fahnen
von  Fehrbellin,  auf  den  Trommelwirbel  von  Leuthen  und  die
Kanonen  vom  Leipziger  Schlachtfelde.

Am  16.  Januar  überreichten  die  Gesandten  Preußens  und
Osterreichs  in  Kopenhagen  das  Ultimatum  ihrer  Regierungen,
daß  binnen  48  Stunden  Dänemark  die  Einverleibung  Schleswigs
  in  die  Gesamtmonarchie  rückgängig  zu  machen  habe;  beim
Bunde  hatten  sie  die  Erklärung  abgegeben,  daß  sie  trotz  entgegenstehenden
  Bundesbeschlusses  die  Besetzung  Schleswigs  in
ihrer  Eigenschaft  als  europäische  Großmächte  ausführen  würden.
Gegen  dieses  Vorgehen  legte  das  preußische  Abgeordnetenhaus
am  21.  Januar  feierlichste  Verwahrung  ein,  da  die  Regierung
durch  einen  solchen  Schritt  Preußen  von  dem  deutschen  Bunde
gerade  in  dem  Augenblicke  trenne,  wo  die  Mehrzahl  der  deutschen
Regierungen  das  Recht  und  das  Interesse  Deutschlands  zu
wahren  bestrebt  sei.  Die  Regierung  ziehe  dadurch,  daß  sie  eine
rein  deutsche  Sache  als  europäische  behandle,  die  Einmischung
des  Auslandes  herbei  und  fordere  durch  die  angedrohte  Vergewaltigung
  den  berechtigten  Widerstand  der  übrigen  deutschen
Staaten  und  den  Bürgerkrieg  in  Deutschland  heraus.

Bei  dieser  Verwahrung  bekämpfte  Abgeordneter  Aßmann
als  Referent  die  preußische  Politik,  die  allein  durch  die  persönlichen
  Antipathien  und  Parteiinteressen  des  Ministerpräsidenten
  bestimmt  werde.  Die  Gesinnung  wie  die  Befähigung
Bismarcks  gebe  keinen  Anlaß,  der  weiteren  Entwickelung  einer
als  verderblich  erkannten  Aktion  mit  Zuversicht  entgegenzusehen.
Dabei  fielen  die  scharfen  Worte:  „Mag  Deutschland  wissen,  daß
wir  in  dieser  Frage  zu  ihm  und  nicht  zu  unserem  Ministerium
stehen,  daß  das  preußische  Volk  mit  der  Politik  dieses  Ministeriums
  nichts  gemein  hat,  und  daß  wir  alle  uns  zuständigen
Mittel  anwenden  werden,  um  dieser  verwerflichen  Politik  entgegenzutreten.
  Sagen  wir  uns  deshalb  von  jeder  Gemeinschaft
mit  der  Politik  dieses  Ministeriums  los,  verwahren  wir  uns
vor  jedem  seiner  Schritte,  und  geben  wir  dieser  Verwahrung
und  Lossagung  die  erste  praktische  Folge  durch  die  Verwerfung
der  Anleihevorlage!“  Im  Laufe  der  Debatte  fügte  Virchow
        <pb n="242" />
        Des  Abgeordnetenhauses  Zensur  Bismarckscher  Politik  231

noch  hinzu,  die  von  Bismarck  vertretene  Politik  schädige  in
gewalttätiger  und  verderblicher  Weise  die  heiligsten  Interessen
Preußens  und  Deutschlands.  Der  Ministerpräsident  sei  jetzt  nicht
mehr  der  Mann,  wie  er  hier  eingetreten  sei  mit  dem  Gefühle,
er  werde  durch  eine  energische  äußere  Politik  etwas  ausrichten.
Er  sei  jetzt  dem  Bösen  verfallen,  und  er  werde  von  ihm  nicht
wieder  loskommen!

Bismarck  erwiderte  in  längerer,  sehr  vorsichtiger  Rede,  in
der  er  sein  letztes  Ziel,  die  Annexion  Schleswigs,  nicht  enthüllen
  konnte,  aber  schon  andeutete,  wohin  die  „verderbliche“
preußische  Politik  des  Weges  ging.  Gegen  die  Einwürfe  und  Vorwürfe
  der  Abgeordneten  ließ  er  seiner  Schlagfertigkeit  und  seinem
Humor  freien  Lauf.  Einiger  dieser  Kernworte  erinnern  wir  uns,
zunächst  einer  Stelle  aus  einer  an  die  deutschen  Regierungen  gerichteten
  Depesche,  die  Bismarck  verlas:  „Welcher  Art  aber  auch
die  internationalen  Verhandlungen  sein  mögen,  durch  welche
ein  schließliches  Ergebnis  festgestellt  werden  kann,  ob  sie  mit
Dänemark  allein  oder  auf  einer  allgemeinen  Konferenz  geführt
werden:  die  königliche  Regierung  erachtet  es  für  ebenso  unzweifelhaft,
  daß  Deutschland  auf  einer  viel  vorteilhafteren
Grundlage  in  dieselben  eintreten  wird,  wenn  zuvor  entweder
durch  die  ausdrückliche  Zurücknahme  der  Verfassung  vom
18.  November  1863  wenigstens  der  widerrechtlich  in  Schleswig
eingeführte  Zustand  beseitigt,  oder  in  der  Okkupation  dieses
Landes  durch  Truppen  der  beiden  deutschen  Großmächte  ein
status  quo  gewonnen  ist,  von  welchem  ohne  Nachteil  für
Deutschland  ausgegangen  werden  kann.“

Dem  Abgeordneten  Virchow  erwiderte  er:  „Der  Herr  Vorredner
  kam  auf  den  Umstand,  daß  ich  meine  politische  Stellung
seit  meinem  Eintritt  in  das  Ministerium  wesentlich  geändert,
daß  ich  sie,  um  mich  trivial  auszudrücken,  nach  rechts  hinübergerückt
  habe.  Wenn  das  in  dem  Sinne  zuträfe,  und  wenn  ich
bei  seiner  Auffassung  des  „Bösen“,  dem  ich  verfallen  wäre,
stehen  bleibe,  so  glaube  ich,  ihm  meine  Gedanken  von  seinem
Standpunkte  aus  mundgerecht  zu  machen,  wenn  ich  sage,  ich
habe  nach  dem  Satze  gehandelt:  Flectere  si  nequeo  superos,
        <pb n="243" />
        232  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

Acheronta  movebol  —  Wenn  mich  der  Himmel  nicht  hört,
dann  ruf  ich  zu  Hilfe  die  Hölle  —.  Ich  habe,  als  ich  herkam,
  allerdings  die  Hoffnung  gehegt,  daß  ich  noch  bei
anderen  als  bei  mir  die  Reigung  finden  könnte,  den
Parteistandpunkt  unter  Umständen  dem  allgemeinen
vaterländischen  Interesse  zu  opfern.  Ich  will  nicht  näher
hervorheben,  um  niemand  zu  verletzen,  inwieweit  und  bei  wem
ich  mich  darin  getäuscht  habe;  getäuscht  aber  habe  ich  mich,
und  natürlich  wirkt  das  auf  meine  politische  Stellung  und
Beziehungen  ein.“

Den  Vorwurf  verschiedener  Redner,  die  Regierung  wolle
von  Deutschland  nichts  wissen,  parierte  er  mit  der  Entgegnung:
„Es  muß  ein  eigentümlicher  Zauber  in  diesem  Worte  deutsch
liegen.  Man  sieht,  daß  jeder  das  Wort  für  sich  zu  gewinnen
sucht,  und  jeder  das  deutsch  nennt,  was  ihm  nützt,  was  seinem
Parteistandpunkt  Vorteil  bringt,  und  damit  nach  Bedürfnis
wechselt.  So  kommt  es,  daß  man  in  manchen  Zeiten  es  deutsch
nennt,  gegen  den  Bund  sich  aufzulehnen,  in  anderen  Zeiten
das  für  deutsch  gilt,  für  den  fortschrittlich  gewordenen  Bund
Partei  zu  nehmen.  So  kann  es  leicht  geschehen,  daß  uns  vorgeworfen
  wird,  daß  wir  von  Deutschland  nichts  wissen  wollen
aus  Privatinteressen.  Ich  kann  diesen  Vorwurf  Ihnen  mit
vollem  Rechte  zurückgeben.  Sie  wollen  von  Preußen  nichts
wissen,  weil  es  Ihrem  Parteistandpunkte,  Ihrem  Partelinteresse
nicht  konveniert,  weil  es  Ihnen  konveniert,  Preußen  entweder
nicht  oder  als  Domäne  des  Nationalvereins  bestehen  zu  lassen.“

Sehr  nachdrücklich  aber  ging  er  gegen  das  Bestreben  des
Abgeordnetenhauses  an,  die  auswärtige  Politik  unter  seine
Zensur  zu  nehmen:  „Sie  verlangen,  daß  die  Regierung  des
Königs  nicht  bloß  den  Willen  habe,  das  Recht  und  die  Ehre
des  Landes  zu  schützen,  sondern  auch  die  Maßregeln,  welche
im  gegebenen  Falle  zur  Lösung  dieser  Aufgabe  erforderlich  sind,
der  Erwägung  des  Abgeordnetenhauses  entsprechend  auswähle.
Hier  trifft  also  der  Eingriff  in  die  Exekutive  nicht  nur  ihre
Gesamtrichtung,  sondern  auch  die  Details  in  den  einzelnen
Maßregeln.  Sie  setzen  sich  ein,  meine  Herren,  als  den
        <pb n="244" />
        Schluß  der  Landtagssession  25.  Januar  1864  233

diplomatischen  Hofkriegsrat,  von  dessen  Zustimmung  die
Aktion  der  Krone  abhängt,  dessen  Genehmigung  die  Regierung
selbst  für  die  einzelnen  Maßregeln  in  jedem  gegebenen  Falle
notwendig  bedarf,  wenn  sie  handeln  will.  .  ..  Sie  fordern,  daß
der  König  auf  Ihr  Geheiß  einen  Eroberungskrieg  führe,  um
Schleswig  für  den  Herzog  von  Augustenburg  zu  gewinnen.
Mit  einem  Worte,  meine  Herren,  wenn  man  Ihr  Vertrauen
erwerben  soll,  so  muß  man  sich  Ihnen  in  einer  Weise  hingeben,
  wie  es  für  die  Minister  des  Königs  von  Preußen  nicht
möglich  ist.  Wir  würden  dann  nicht  königliche  Minister,  wir
würden  Parlamentsminister,  wir  würden  Ihre  Minister  sein,
und  dazu,  das  hoffe  ich  zu  Gott,  werden  wir  nicht  kommen.  ...
Sie  kommen  mir  vor  wie  Archimedes  mit  seinem  Zirkel,  der
es  nicht  merkte,  daß  die  Stadt  erobert  war!  Meine  Herren!
fühlt  das  preußische  Volk  wie  Sie,  so  müßte  man  einfach  sagen,
der  preußische  Staat  habe  sich  überlebt,  und  die  Zeit  sei  gekommen,
  wo  er  anderen  historischen  Gebilden  Platz  zu  machen
habe.  So  weit  sind  wir  aber  noch  nicht!  Ich  erinnere  Sie  an
eine  Anekdote,  die  in  früheren  Zeiten  bei  der  Grundsteuerverhandlung
  in  diesen  Räumen  hänfig  zitiert  wurde.  Es  ist
das  Schreiben  König  Friedrich  Wilhelms  I.  an  ein  Mitglied
der  ostpreußischen  Stände  bei  Einführung  der  Grundsteuer;
er  sagt  darin,  wenn  ich  mich  der  Worte  richtig  erinnere:
Was  Ich  ruiniere,  das  ist  das  nie  pozwalam  (das  Einspruchsrecht)
  der  Junker;  Ich  etabliere  die  souveraineté  comme  un
rocher  de  bronze.  Meine  Herren!  Der  rocher  de  bronze
steht  noch  heute  fest;  er  bildet  das  Fundament  der
preußischen  Geschichte,  des  preußischen  Ruhmes,
der  preußischen  Großmacht  und  des  verfassungsmäßigen
  Königtums!  Diesen  ehernen  Felsen  werden
Sie  nicht  zu  erschüttern  vermögen  durch  Ihren
Nationalverein,  durch  Ihre  Resolution  und  Ihr
liberum  Veto!“

Das  liberum  veto,  das  Einspruchsrecht,  das  jeder  polnische
  Adlige  mit  den  Worten:  nie  pozwalam  ausüben  und
damit  jeden  Entschluß  ungültig  machen  konnte,  wies  Bismarck
        <pb n="245" />
        234  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

zum  Schutze  der  Krone  weit  von  sich.  Das  Abgeordnetenhaus,
das  die  Kriegsanleihe  abzulehnen  beschlossen  hatte,  wurde,  um
den  Gang  der  Geschichte  nicht  weiter  zu  stören,  am  25.  Januar
entlassen.  Dieses  Mal  aber  nicht  mit  versöhnlichen  Wendungen,
sondern  in  kriegerischem  Ton  und  kampfesfreudiger  Stimmung
und  in  der  Hoffnung,  daß  die  Maßnahmen  der  Regierung  im
Patriotismus  des  Landes  Widerhall  fsinden  würden,  im  Gegensatz
  zu  den  Beschlüssen  des  Abgeordnetenhauses.  Die  Worte
der  Schlußrede  lauteten:  „Der  feindselige  Charakter  dieser
Beschlüsse,  in  welchen  sich  das  Bestreben  ausdrückt,  die  auswärtige
  Politik  der  Regierung  einem  verfassungswidrigen
  Zwange  zu  unterwerfen,  ist  durch  Resolutionen
erhöht  worden,  durch  welche  die  Mehrheit  des  Hauses  der
Abgeordneten  in  der  von  ihr  willkürlich  aufgestellten  Voraussetzung
  kriegerischer  Verwickelungen  zwischen  Preußen  und  anderen
  deutschen  Staaten  im  voraus  gegen  das  preußische  Vaterland
  Partei  nimmt.  Ein  solches  Auftreten  des  Hauses  der
Abgeordneten  kann  auf  die  Befestigung  und  Entwickelung
unserer  Verfassungszustände  nur  verderblich  einwirken,  und  es
muß  einstweilen  auf  die  Hoffnung  einer  Verständigung  verzichtet
  werden.  Die  Regierung  Seiner  Majestät  wird  sich  aber
unter  allen  Umständen  für  verpflichtet  halten  müssen,  mit
ganzer  Kraft  und  in  voller  Ausübung  der  königlichen  Rechte
für  die  Erhaltung  des  Staates  und  für  das  Wohl  und  die
Ehre  Preußens  einzustehen.  Sie  hält  an  der  Uberzeugung  fest,
daß  sie  hierbei  in  der  patriotischen  Gesinnung  des  Landes  eine
ausreichende  und  wachsende  Unterstützung  finden  werde.“

Inzwischen  war  Dänemark  auf  die  im  Ultimatum  vom
16.  Januar  gestellten  Forderungen  nicht  eingegangen.  Daraufhin
verließen  die  Gesandten  Osterreichs  und  Preußens  Kopenhagen,
und  am  1.  Februar  rückten  die  Truppen  beider  Mächte  gegen
die  Eider  vor.

In  wenigen  Tagen  wurden  die  Dänen  in  die  Düppelstellung
und  nach  Alsen  gedrängt.  Die  Verbündeten  überschritten  die
jütische  Grenze.  Düppel  wurde  am  18.  April  von  den  Preußen
im  Sturm  genommen,  die  Halbinsel  bis  nach  Skagen  von  den
        <pb n="246" />
        Der  Krieg.  Wiener  Frieden  235

Osterreichern  und  Preußen  besetzt.  Dann  trat  ein  längerer
Waffenstillstand  ein,  da  die  Großmächte  zu  einer  Konferenz  in
London  zusammentraten,  um  die  dänische  Frage  zu  lösen.  Die
Einzelnheiten  der  Verhandlungen  sind  vielverschlungen;  das
Interessanteste  aber  an  ihnen  war,  daß  Bismarck  durch  die
Art  seiner  Vorschläge,  die  sogar  keinen  Anstand  nahmen,  den
Augustenburger  mit  Schleswig-Holstein  zu  bedenken,  es  meisterhaft
  verstand,  die  Dänen  immer  halsstarriger  zu  machen  und
so  schließlich  Ende  Juni  die  ganze  Konferenz  mit  Dänemark
matt  zu  setzen,  da  Frankreich  und  Rußland  Preußen  zuliebe
Dänemark  fallen  ließen.  In  der  Nacht  vom  28.  auf  29.  Juni
wurde  auch  die  Insel  Alsen  von  den  Preußen  genommen.  Bismarck
  schreibt  zwei  Tage  darauf  (1.  Juli)  an  seine  Frau  von
Karlsbad:  „Dem  König  geht  es  sehr  gut,  der  Alsener  Schluck
aus  dem  Siegesbecher  bekommt  ihm  noch  besser  als  der  Sprudel.
Wir  sind  mit  Östreich,  Frankreich  und  Rußland  ein  Herz  und
eine  Seele  und  werden  mit  Glückwünschen  getränkt,  bei  denen
das  Lächeln  mitunter  etwas  gelblich  ist,  wie  der  Franzose  sagt.“,

Und  das  Lächeln  Frankreichs  suchte  man  sich  zu  erhalten.
Roon  ging  mit  einigen  Offtzieren  zu  den  französischen  Manövern.
Politische  Gespräche  sollte  er  vermeiden;  nur  wenn  der  Kaiser
davon  anfange,  möge  Roon  den  Nutzen  einer  größeren  Annäherung
  und  intimer  Beziehungen  betonen,  aber  nichts  sagen,
was  nicht  auch  ein  Österreicher  hören  könne.  Und  wenige  Wochen
später,  im  Oktober,  war  Bismarck  selbst  in  Frankreich,  in
Biarritz;  es  war  nicht  nur  die  schöne  Luft  und  herrliche
Gegend,  die  ihn  anzog;  den  Osterreichern  sollte  bemerklich  gemacht
  werden,  daß  man  mehrere  Eisen  im  Feuer  habe.  Zu
dieser  Annäherung  an  Frankreich  mochte  die  Zusammenkunft
König  Wilhelms  mit  Franz  Joseph  in  Schönbrunn  am
20.  August  das  Ihrige  beigetragen  haben.  Hier  war  Bismarck
auch  auf  die  deutsche  Frage  zu  sprechen  gekommen,  hatte  dabei
aber  ebensowenig  wie  im  weiteren  Verlauf  der  Entwicklung
der  schleswig-holsteinischen  Sache  das  Entgegenkommen  gefunden,
  auf  das  man  in  Berlin  im  Hinblick  auf  die  Erfolge
rechnen  zu  können  glaubte,  die  die  beiden  Staaten  bei  ihrem
        <pb n="247" />
        236  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

gemeinsamen  diplomatischen  und  militärischen  Vorgehen  in  der
ersten  Hälfte  des  Jahres  erzielt  hatten.

In  diesen  Tagen  wurde  Bismarck  vom  Grafen  Rechberg  in
Wien  ein  Diner  gegeben.  Dabei  wies  er  im  scheinbar  harmlosen
Gespräch  mit  einigen  Diplomaten  auf  die  Zukunft  Osterreichs
hin:  „Ich  glaube  der  Ort  ist  schlecht  gewählt,  um  Ihnen  ein
Glaubensbekenntnis  abzulegen.  Aber  man  gewinnt  nichts,  wenn
man  seine  Augen  den  offenkundigen  Tatsachen  verschließt.  Es
ist  augenscheinlich,  daß  die  österreichische  Monarchie  wenig  deutsch
ist.  Sie  täten  also  besser,  sich  auf  Ihre  wirkliche  Kraft,  die  im
Bunde  Ihrer  zahlreichen  Völkerschaften  besteht,  zu  stützen,  als
dem  Traum  einer  Oberherrschaft  in  Deutschland  nachzulaufen,
die  wir  Ihnen  streitig  machen,  und  auf  die  Sie  keinen  Anspruch
  haben.  Was  deutsch  ist,  wird  früher  oder  später  zu
Deutschland  zurückkehren.  Es  ist  nicht  schwieriger  Wien  von
Berlin  aus  zu  regieren,  als  Pest  von  Wien.  Es  würde  sogar
leichter  sein.“  Mit  schweigendem  Erstaunen  hörte  man  ihm  zu.
Kurz  nachher  nahm  er  in  fröhlichem  Tone  Abschied  von  seinem
Gastgeber.  Als  ein  guter  Prophet  hatte  er  gesprochen.

Nachdem  Dänemark  besiegt  war,  mußte  es  im  Wiener  Frieden
vom  30.  Oktober  Schleswig,  Holstein  und  Lauenburg  an  Osterreich
  und  Preußen  abtreten.  An  demselben  Tage  schreibt  Bismarck
  von  Berlin  nach  Reinfeld:  „Der  Friede  mit  Dänemark  ist
heut  unterzeichnet,  nun  aber  gehn  die  Verhandlungen  darüber,
was  mit  den  Herzogthümern  werden  soll,  erst  recht  los.  Dazu
die  Zollgeschichte,  über  die  ich  mit  einigen  Collegen  schwer  an
einander  gerathe,  vielleicht  aus  einander,  und  alle  Vorbereitungen
für  die  liebe  Kammer.  Sie  finden  mich  hier  sehr  gesund  geworden,
  dünner  und  kräftiger,  aber  sie  werden  es  mir  bald
wieder  austreiben.“

Am  14.  November  bekam  Bismarck  den  Schwarzen  Adlerorden
  mit  einem  von  der  schlichten  Größe  seines  Königs  zeugenden
  Schreiben:  „Anliegend  übersende  ich  Ihnen  die  Insignien
des  hohen  Ordens  vom  schwarzen  Adler,  dessen  Verleihung  ich
Ihnen  heute  aussprach,  als  ich  den  Friedens  Tractat  mit  Dänemark
  in  Ihrem  Hause  unterzeichnet  hatte.
        <pb n="248" />
        Des  Königs  Rückblick  aufs  Jahr  1864  237

„Die  seltene  Umsicht,  Ausdauer  und  Energie,  mit  welcher
Sie  seit  2  Jahren  die  Regierung  unter  meiner  Leitung  führen,
vor  allem  aber  die  erfolgreiche  Thätigkeit,  welche  Sie  seit  einem
Jahre  bei  Behandlung  des  nun  vollbrachten  großen  Werkes
entwickelten,  —  giebt  Ihnen  das  volle  Anrecht  auf  die  Verleihung
dieses  hohen  Ordens.

„Durch  Ihre  Unterstützung  ist  es  mir  gelungen,  Preußen
politisch  und  militärisch  in  der  Stellung  zu  befestigen,  die  ihm
die  Vorsehung  angewiesen  hat.  Ohne  Kampf  ist  kein  Sieg!  Diese
Erfahrung  haben  auch  wir  in  vielen  Beziehungen  gemacht.
Kämpfe  wird  es  immer  geben,  möge  unser  stets  der  Sieg  sein!

„Möge  der  schwarze  Adler  Ihnen  meinen  Dank  bringen  und
er  immer  hoch  schweben.  Ihr  treuergebener  Wilhelm.“

In  gleich  schlichter  Weise  schreibt  Bismarck  an  seine  Frau:
„Ich  war  heut  eben  sehr  guter  Dinge,  da  der  Friede  wirklich
zu  Stande  gebracht;  der  König  hatte  mich  grade  verlassen,  den
Frieden  bei  mir  unterschrieben,  mir  den  schwarzen  Adler  gegeben
und,  was  mir  noch  lieber  war,  mich  herzlich  umarmt.“

Am  Christabend  schenkte  der  König  seinem  Minister  einen
Stock  mit  einem  Lorbeerkranze,  damit  er  sich  beim  Anblick  jenes
Kranzes  stets  erinnere,  daß  er  es  gewesen,  welcher  jene  Lorbeern
  gepflanzt  habe.  Bismarck  dankte  sofort  und  schloß  mit
den  Worten:  „Angesichts  des  Weihnachtsfestes  habe  ich  das
Bedürfniß,  Eurer  Majestät  zu  versichern,  daß  meine  Treue  und
mein  Gehorsam  gegen  den  Herrn,  den  Gott  mir  auf  Erden
gesetzt  hat,  auf  derselben  festen  Grundlage  beruhe,  wie  mein
Glaube.“  —  So  ging  das  an  Ereignissen  reiche  Jahr  zu  Ende;
erhebendere  Gefühle  erfüllten  den  Mann,  der  sie  vor  allem
gelenkt,  als  im  Jahre  zuvor,  da  er  einen  meinungsverschiedenen
und  unbotmäßigen  Gesandten  von  Einfluß  belehren  mußte  über
gefunde  Politik,  die  jener  ebensowenig  zu  würdigen  wußte  wie
die  Opposition  des  Landtages,  der  zum  Teil  außer  dem  Verständnis
  auch  der  gute  Wille  dazu  fehlte.

Am  25.  Januar  1864  war  dieser  Landtag  auseinander  gegangen.
  Am  14.  Januar  1865  trat  er  wieder  zusammen:  die
geschichtlich  bedeutsamen  Ereigutsse  hatten  ihn  in  Berlin  nicht
        <pb n="249" />
        238  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

vermissen  lassen.  Die  Thronrede  verkündete  sie  ihm  und  sie
deutete  an,  daß  die  zur  Größe  und  Macht  führende  Entwicklung
Preußens  noch  nicht  abgeschlossen  sei.  Wir  erinnern  uns  der
eindrucksvollsten  Stellen:

„Ein  ereignisreiches  Jahr  liegt  hinter  uns.  In  demselben
ist  es  Mir  gelungen  im  Bunde  mit  Seiner  Majestät  dem  Kaiser
von  Osterreich  eine  Ehrenschuld  Deutschlands  durch  die  siegreiche
Tapferkeit  der  vereinten  Heere  vermittelst  eines  ehrenvollen
Friedens  einzulösen.  .  Nach  einer  halbhundertjährigen,  nur
durch  ehrenvolle  Kriegszüge  von  kürzerer  Dauer  unterbrochenen
Friedensperiode  haben  sich  die  Ausbildung  und  Mannszucht
Meines  Heeres,  die  Zweckmäßigkeit  seiner  Verfassung  und  seiner
Ausrüstung  in  dem  vorjährigen,  durch  Ungunst  der  Witterung
und  durch  den  tapferen  Widerstand  des  Feindes  denkwürdigen
Kriege  glänzend  bewährt.

„Der  Friede  mit  Dänemark  hat  Deutschland  seine
bestrittenen  Nordmarken  und  diesen  die  Möglichkeit
der  lebendigen  Beteiligung  an  unserem  nationalen
Leben  zurückgegeben.  Es  wird  die  Aufgabe  Meiner  Politik
sein,  diese  Errungenschaft  durch  Einrichtungen  sicher  zu  stellen,
welche  uns  die  Ehrenpflicht  des  Schutzes  jener  Grenzen  erleichtern
und  die  Herzogtümer  in  den  Stand  setzen,  ihre  reichen  Kräfte  für
die  Entwickelung  der  Land=  und  Seemacht  wie  der  materiellen
Interessen  des  gemeinsamen  Vaterlandes  wirksam  zu  verwerten.  .  .  .

„Es  ist  Mein  dringender  Wunsch,  daß  der  Gegensatz,
welcher  in  den  letzten  Jahren  zwischen  Meiner  Regierung
  und  dem  Hause  der  Abgeordneten  obgewaltet  hat,
seine  Ausgleichung  finde.  Die  bedeutungsvollen  Ereignisse
der  jüngsten  Vergangenheit  werden  dazu  beigetragen  haben,  die
Meinungen  über  das  Bedürfnis  der  verbesserten  Organisation
des  Heeres,  die  sich  in  einem  siegreich  geführten  Kriege  bewährt
hat,  aufzuklären.  Die  Rechte,  welche  der  Landesvertretung  durch
die  Verfassungsurkunde  eingeräumt  worden  sind,  bin  Ich  auch
ferner  zu  achten  und  zu  wahren  entschlossen.  Soll  aber  Preußen
seine  Selbständigkeit  und  die  ihm  unter  den  europäischen  Staaten
gebührende  Machtstellung  behaupten,  so  muß  seine  Regierung
        <pb n="250" />
        Fortdauer  des  Konfliktes  239

eine  feste  und  starke  sein,  und  kann  sie  das  Einverständnis  mit
der  Landesvertretung  nicht  anders  als  unter  Aufrechterhaltung
der  Heereseinrichtungen  erstreben,  welche  die  Wehrhaftigkeit  und
damit  die  Sicherheit  des  Vaterlandes  verbürgen.“

Der  Hoffnung  der  Thronrede  entsprach  nicht  die  Haltung
des  Abgeordnetenhauses.  Im  Lande  und  wo  man  jenseits  der
preußischen  Grenzen  national  und  liberal  dachte,  war  man  an
vielen  Stellen  schon  schwankend,  ob  die  theoretische  Halsstarrigkeit
  der  Volksvertreter  den  Erfolgen  gegenüber  richtig  sei  und  den
Forderungen  praktischer  Politik  entspreche.  Aber  auf  die  große
Masse  der  Abgeordneten  blieben  die  ruhmvollen  Ereignisse  des
Jahres  1864  ohne  Wirkung;  diese  Männer  standen  gleichsam
neben  der  Geschichte.  Alle  Geldforderungen  des  Ministeriums
wurden  glattweg  zurückgewiesen.  Am  22.  Januar  1864  hatte
das  Abgeordnetenhaus  mit  275  gegen  51  Stimmen  die  zu
Zwecken  des  dänischen  Krieges  verlangte  Anleihe  von  zehn
Millionen  Talern  abgelehnt.  Ebenso  erging  es  in  der  Session
vom  14.  Januar  bis  17.  Juni  1865  allem,  was  die  Regierung
forderte  für  Gesandtschaftsposten,  zur  Herstellung  und  Befestigung
  zweier  Kriegshäfen  in  der  Kieler  Bucht  und  in  der
Jahde,  für  Anschaffung  von  Panzerfregatten  und  schweren  Gußstahlkanonen
  und  schließlich  auch  der  Vorlage,  welche  neunzehn
Millionen  Taler  aus  den  Verwaltungsüberschüssen  und  dem
Staatsschatz  zur  Bestreitung  der  Kriegskosten  forderte.

Zwischen  all  diesen  schmerzlichen  Schlägen,  welche  der  Regierung
  zuteil  wurden,  erklang  Bismarcks  Stimme  wie  die  eines
Predigers  in  der  Wüste.  Vergeblich  war  seine  Mahnung,  daß
die  Basis  des  konstitutionellen  Lebensprozesses  überall  der  Kompromiß
  sei  und  daß  die  Verfassung  nicht  einer  der  drei  Gewalten
  das  Recht  beilege  ein  Sic  volo  sic  jubeo  —  ich  will's,
also  befehl  ich's  —  zu  sprechen,  dem  die  andern  sich  zu  beugen
hätten,  soweit  sogar  sich  zu  beugen  hätten,  daß  der  König  nur
Ministern  sein  Vertrauen  schenke,  die  dem  Abgeordnetenhause
zu  Wunsche  seien.  „Und  das  alles“  —  so  hielt  er  ihnen  drastisch
vor  —  „um  eine  Pression  auf  die  Krone  auszuüben,  daß  sie
ihre  Minister  entlasse,  daß  sie  Ihre  Auffassung  des  Budget-
        <pb n="251" />
        240  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

rechts  annehme.  Meine  Herren,  Sie  kommen  dadurch  genau
in  die  Lage  der  falschen  Mutter  im  Urteile  Salomonis,  die
lieber  will,  daß  das  Kind  zu  Grunde  gehe,  als  daß  damit
anders  als  nach  ihrem  Willen  geschehe.“  Vergeblich  war  seine
Versicherung,  daß  in  den  schwebenden  Verhandlungen  die  preußischen
  Interessen  mit  Festigkeit  vertreten  würden  und  das  preußische
Blut  nicht  umsonst  geflossen  sei.  Vergeblich  war  es  auch,  wenn
er  bat,  von  der  Zukunft  noch  mehr  zu  erwarten,  als  er  jetzt
enthüllen  könne,  und  seine  Bitte,  daß  man  sich  von  der  Rützlichkeit
  des  österreichischen  Bündnisses  überzeugen  solle,  welche  die
Zukunft  noch  in  ein  helleres  Licht  stellen  werde,  als  die  bisherigen
  Ereignisse,  soweit  sie  zutage  traten,  es  getan  hätten,
und  als  er  selbst  im  Augenblicke  imstande  sei,  es  zu  tun.  In  den
Wind  geredet  waren  auch  alle  die  herrlichen  Worte,  die  Bismarck
über  den  Kieler  Hafen  und  die  Flotte  schon  damals  sprach  und
über  seine  Stellung  zur  schleswig-holsteinischen  Frage.  —  Ein
Abgeordneter  hatte  die  Behauptung  aufgestellt,  Preußen  sei  zu
schwach,  um  die  Ausgaben  zu  tragen  für  einen  Kriegshafen  und
für  eine  Flotte.  Daraufhin  entrollte  Bismarck  seine  Anschauungen
  über  die  Flottenfrage,  die  dem  zukunftssicheren  Blick  des
großen  Staatsmannes  und  seiner  Beurteilung  der  damaligen
liberalen  Philister  alle  Ehre  machen.  Er  sagte  am  1.  Juni:
„Im  allgemeinen  ist  die  Existenz  auf  der  Basis  der
Phäaken  bequemer  als  auf  der  Basis  der  Spartaner.
Man  läßt  sich  gern  schützen,  aber  zahlt  nicht  gern,  und  am
allerwenigsten  gibt  man  das  geringfügigste  Hoheitsrecht  zum
Besten  der  allgemeinen  Interessen  auf.  Ich  hatte  nicht  geglaubt,
  daß  der  maritime  Ehrgeiz  der  preußischen  liberalen
Partei  insoweit  reduziert  sei,  wie  ich  aus  dem  Munde  des
Herrn  Vorredners  gehört  habe,  und  daß  wir  in  dem  Maße
der  Unterstützung  der  übrigen  deutschen  Staaten  bedürften,
um  nur  mit  ihrer  Hilfe  unseren  eigenen  Handel  schützen  zu
können.  Ich  glaubte,  wir  würden  nicht  genug  gefordert  haben,
Sie  würden  das  Bedürfnis  haben,  noch  bestimmter  und  schneller
die  maritimen  Unternehmungen  zu  fördern,  ich  war  nicht  darauf
gefaßt,  in  dem  Bericht  der  Kommission  eine  indirekte  Apologie
        <pb n="252" />
        Bismarcks  Flottenprogramm  241

Hannibal  Fischers  zu  finden,  der  die  deutsche  Flotte  unter  den
Hammer  brachte.  Auch  diese  deutsche  Flotte  scheiterte  daran,
daß  in  den  deutschen  Gebieten,  ebenso  in  den  höheren,  regie—
renden  Kreisen,  wie  in  den  niederen,  die  Parteileidenschaft
mächtiger  war  als  der  Gemeinsinn.  Ich  hoffe,  daß  der  unserigen
  dasselbe  nicht  beschieden  sein  wird.

„Ihre  Zweifel,  ob  es  mir  gelingen  wird,  Kiel  zu  erwerben,
berührt  mein  Ressort  näher.  Wir  besitzen  in  den  Herzogtümern
  mehr  als  Kiel;  wir  besitzen  die  volle  Souveränität
in  Gemeinschaft  mit  Österreich,  und  ich  wüßte  nicht,  wer
uns  dieses  Pfand  nehmen  könnte  anders,  als  durch  einen
für  Preußen  unglücklichen  Krieg.  Fassen  wir  aber  diese
Eventualität  ins  Auge,  so  können  wir  jeden  in  unserem  Besitz
befindlichen  Hafen  ebensogut  verlieren.  Unser  Besitz  ist  ein  gemeinsamer,
  das  ist  wahr,  mit  Osterreich.  Nichtsdestoweniger  ist
er  ein  Besitz,  für  dessen  Aufgebung  wir  berechtigt  sein  würden,
unsere  Bedingungen  zu  stellen.  Eine  dieser  Bedingungen,  und
zwar  eine  der  ganz  unerläßlichen,  ohne  deren  Erfüllung  wir
diesen  Besitz  nicht  aufgeben  wollen,  ist  das  künftige  alleinige
Eigentum  des  Kieler  Hafens  für  Preußen.  .  ..  Die  Bedingungen,
  welche  wir  zu  stellen  beabsichtigen,  sind  so  gemäßigt,
daß  wir  wohl  die  Hoffnung  hegen  dürfen,  sie  auf  friedlichem
Wege  verwirklicht  zu  sehen.  Sie  sind  bekannt.  Wir  fordern
nichts,  als  die  Möglichkeit,  Deutschland  zur  See
wehrhaft  zu  machen  in  dem  Umfange,  in  dem  uns  dies
mit  den  Mitteln  der  Herzogtümer  erlaubt  sein  wird,
und  gegen  die  Wahrscheinlichkeit,  Düppel  in  nicht  gar  zu
langer  Zeit  noch  einmal  belagern  und  stürmen  zu  müssen,  diejenige
  Garantie  zu  gewinnen,  die  die  Hilfsquellen  der  Herzogtümer
  geben  können.  Wir  wollen  die  Stände  der  Herzogtümer
nicht  vergewaltigen,  aber  auch  uns  nicht  vergewaltigen  lassen;
wir  wollen  mit  ihnen  unterhandeln.  Kommen  wir  und  OÖsterreich
  mit  ihnen  zu  friedlicher  Verständigung  in  der  Sache,  so
wird  dies  ein  allerseits,  auch  für  Preußen  erwünschtes  Ergebnis
sein;  gelingt  es  nicht,  so  werden  keine  Beschlüsse,  keine
Proklamationen  der  Stände,  kein  einseitiges  Vor-A.

  Matthias,  Bismarck  16
        <pb n="253" />
        242  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

gehen  imstande  sein,  Preußen  aus  den  Herzogtümern
herauszumaßregeln.

„Zweifeln  Sie  dennoch  an  der  Möglichkeit,  unsere  Absichten
zu  verwirklichen,  so  habe  ich  schon  in  der  Kommission  ein  Auskunftsmittel
  empfohlen:  limitieren  Sie  die  Anleihe  dahin,  daß
die  erforderlichen  Beträge  nur  dann  zahlbar  sind,  wenn  wir
wirklich  Kiel  besitzen,  und  sagen  Sie:  „Kein  Kiel,  kein
Geld!“  Ich  glaube,  daß  Sie  anderen  Ministern  als  denen,
die  jetzt  die  Ehre  haben,  'sich  des  Vertrauens  Seiner  Majestät
des  Königs  zu  erfreuen,  eine  solche  Bedingung  nicht  abschlagen
würden.  Sie  zweifeln  an  unserer  Befähigung  und  an  unserem
Beruf,  Staatsgeschäfte  zu  treiben.  Ich  bin  nicht  unbescheiden
genug,  daß  mir  nicht  selbst  mitunter  solche  Zweifel  beikämen;
ich  bin  überzeugt,  daß  jeder  der  Herren,  die  diese  Phrase
unterschrieben  haben,  die  Sache  an  meiner  Stelle  besser  gemacht
  haben  würde;  aber  den  Beweis  davon  haben  Sie  noch
nicht  gegeben.  Haben  Sie  mit  der  Verweigerung  der
Anleihe,  die  wir  damals  von  Ihnen  verlangten,
Düppel  erobert  und  Alsen,  dann,  meine  Herren,  habe
ich  auch  die  Hoffnung,  daß  aus  Ihrer  Verweigerung
der  jetzigen  Anleihe  auch  eine  preußische  Flotte  hervorgehen
  werde.

„Wir  hätten  vielleicht,  wenn  Sie  uns  mit  der  Entschlossenheit
  beigestanden  hätten,  die  ich  von  Ihrem  preußischen  Patriotismus,
  sobald  Sie  die  Richtung  erkannten,  in  der  wir  gingen,
erwartete,  vielleicht  mehr  erreicht;  es  ist  möglich.  Aber  Sie
haben  Ihren  Beistand  verweigert.  Jedenfalls  ist  das,  was
damals  Ihr  Ideal  war,  jetzt  für  die  preußische  Regierung
  das  Minimum  des  Erreichbaren.  Wir  können
das,  was  Sie  vor  einundeinhalb  Jahren  als  Höchstes
erstrebten,  in  jeder  Viertelstunde  ins  Werk  setzen:
einen  unabhängigen  schleswig-holsteinischen  Staat,
sogar  mit  einigen  mäßigen,  uns  aber  nicht  genügenden
  Vorteilen  für  Preußen  —  es  bedarf  nur  einer  in
einer  Viertelstunde  aufzusetzenden  Erklärung  der  königlichen
Regierung,  und  der  Staat  wäre  geschaffen.“
        <pb n="254" />
        Fruchtlose  Verhandlungen  im  Abgeordnetenhause  243

An  demselben  Tage,  da  Bismarck  seine  großen  Ziele  andeutete,
  bezeichnete  der  Abgeordnete  von  Bunsen  Bismarcks
Politik  als  „in  wesentlichen  Punkten  erfolglos,  leidlich  in—
konsequent  und  springend,  und  leidlich  schroff  und  im  Dunklen
tappend.“  Mit  Recht  konnte  Bismarck  humorvoll  erwidern:
„Ja,  meine  Herren,  wenn  Worte  Geld  wären,  dann  hätten
wir  der  Freigebigkeit,  mit  der  Sie  die  Regierung  behandeln,
nur  unsere  dankbare  Bewunderung  zu  zollen.“  Und  mit  ebenso
gutem  Rechte  durfte  er  dem  Abgeordneten  Virchow,  der  die
Erfolge,  die  groß  und  anerkennenswert  seien,  nicht  als  Bismarcks
  Verdienst  anerkannte,  sondern  nur  für  einen  Zufall
hielt,  mit  ironischer  Verachtung  erwidern:  „Der  Referent  hat
einen  großen  Teil  seiner  langen  Rede  der  Kritik  meines  persönlichen
  Verfahrens  gewidmet.  Ich  will  ihm  auf  dieses  Gebiet
  nicht  in  seiner  ganzen  Breite  folgen.  Ich  bin  der  Anerkennung
  in  sehr  geringem  Maße  bedürftig  und  gegen  Kritik
ziemlich  unempfindlich.  Nehmen  Sie  immerhin  an,  daß  alles,
was  geschehen  ist,  rein  zufällig  geschah,  daß  die  preußische
Regierung  daran  vollständig  unschuldig  ist,  daß  wir  der  Spielball
  fremder  Intrigen  und  äußerer  Einflüsse  gewesen  sind,
deren  Wellenschlag  uns  zu  unserer  eigenen  Uberraschung  an
der  Küste  von  Kiel  ans  Land  geworfen  hat.  Nehmen  Sie
das  immerhin  an,  mir  genügt  es,  daß  wir  da  sind,  und  ob
Sie  uns  dabei  ein  Verdienst  zuschreiben  oder  nicht,  das  ist
mir  vollständig  gleichgültig."“

Ein  längerer  Streit  mit  einer  Opposition,  von  der  nichts
mehr  zu  erwarten  war,  hätte  den  Gang  der  politischen  Verhandlungen
  nur  gestört.  Am  17.  Juni  wurde  deshalb  der
Landtag  geschlossen.  Das  Haus  der  Abgeordneten  mußte  sich
sagen  lassen,  daß  es  sich  von  den  glänzenden  Taten  und  Erfolgen
  der  Armee  losgesagt  habe,  indem  es,  wie  früher  die  geforderte
  Anleihe,  so  jetzt  die  nachträgliche  Genehmigung  der
verausgabten  Kriegskosten  verweigert  habe.  Dieser  traurigen
Tatsache  gegenüber  klang  es  wie  ein  Siegeston  am  Schlusse
der  Rede  in  eine  große  Zukunft  hinein:  „Die  Regierung  lebt
der  Zuversicht,  daß  der  Weg,  den  sie  bisher  inne  gehalten,

16*
        <pb n="255" />
        244  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

ein  gerechter  und  heilsamer  gewesen  ist,  und  daß  der  Tag
nicht  mehr  fern  sein  kann,  an  welchem  die  Nation,  wie  be—
reits  durch  Tausende  aus  freier  Bewegung  kund  gewordener
Stimmen  geschehen,  so  auch  durch  den  Mund  ihrer  geordneten
Vertreter  ihrem  königlichen  Herrn  Dank  und  Anerkennung
aussprechen  werde.“

Neben  diesen  fruchtlosen  Verhandlungen  des  Abgeordnetenhauses
  liefen  nun  die  Ereignisse  her,  die  Bismarck  dem  Ziele,
das  er  vor  Augen  hatte,  zuzulenken  unablässig  bestrebt  war;
womöglich  im  Einverständnis  mit  Osterreich,  wenn  nicht,  gegen
Osterreich.

Zunächst  galt  es,  die  Mittelstaaten,  die  überall  der  großen
Politik  Bismarcks  hindernd  im  Wege  standen,  beiseite  zu  schieben.
In  Osterreich  hatten  sich  die  Verhältnisse  nicht  zugunsten
Preußens  gestaltet.  An  dem  Tage,  an  welchem  mit  Dänemark
  die  Friedensurkunde  unterzeichnet  wurde,  erhielt  Graf
Rechberg,  der  Preußen  und  Bismarck  geneigt  war,  seinen  Abschied.
  Die  preußische  Regierung  war  nicht  ganz  unschuldig  daran;
sie  hatte  trotz  der  Warnung  Bismarcks  bei  der  Erneuerung  des
Jollvereins  sich  nicht  so  entgegenkommend  zu  Osterreich  gezeigt,
wie  es  im  Interesse  weiteren  Zusammengehens  wünschenswert
gewesen  wäre.  Der  Nachfolger  Rechbergs  Graf  von  Mensdorff-Pouilly
  sollte  die  Politik  im  Geiste  Rechbergs  weiterführen;
doch  die  weiteren  Verhandlungen  drängten  ihn  von  Preußen
ab  und  den  Mittelstaaten  zu.  Diese  standen  noch  immer  für
den  Augustenburger  ein,  vor  allem  Sachsen  und  dessen  ehrgeiziger
  Minister  Beust.  In  einer  Note  vom  29.  September
1864  verlangte  Bismarck  die  Zurückziehung  der  hannoverschen
und  sächsischen  Exekutionstruppen,  da  durch  den  Wiener  Frieden
Osterreich  und  Preußen  und  nicht  der  Bund  Besitzer  von  Schleswig
  und  Holstein  waren.  Beust  machte  Miene  zum  Widerstand,
indem  er  mit  der  Einberufung  sämtlicher  Beurlaubten  drohte.
Aber  Osterreich  stand,  wie  Beust  gehofft  haben  mochte,  nicht
zu  Sachsen.  Am  Bunde  wurde  am  5.  Dezember  der  Beschluß
gefaßt,  die  Exekutionstruppen  zurückzunehmen.  Beust  mußte  sich
dadurch  zum  Rückzug  bequemen.
        <pb n="256" />
        Spannung  zwischen  Preußen  und  Ssterreich  245

Nun  hatte  Bismarck  mit  Osterreich  allein  zu  tun.  Die  gemein-=schaftliche
  Verwaltung  Schleswig-Holsteins  durch  Preußen  und
Osterreich  führte  aber  zu  allerhand  Unklarheiten  und  Reibungen
zwischen  den  österreichischen  und  preußischen  Kommissaren.
Jene  behandelten  den  Augustenburger  wie  einen  erbberechtigten
Fürsten,  diese  als  einen  Privatmann,  jene  begünstigten  die
Augustenburgischen  Agitationen,  diese  ließen  Agitatoren  verhaften
  und  ausweisen.  Dagegen  protestierte  wiederum  Österreich.
  Schließlich  schlug  Graf  Mensdorff  vor,  die  Herzogtümer
dem  Augustenburger  zu  übergeben.  Bismarck  schob  die  Entscheidung
  hinaus  und  berief  die  preußischen  Kronsyndici  zu
einem  Gutachten  über  die  Erbfolge.  Es  fiel  sehr  ungünstig  für
den  Augustenburger  aus  und  sprach  Preußen  und  Osterreich
das  alleinige  Recht  zu,  gesetzliche  Verfügungen  in  den  Herzogtümern
  zu  treffen.  Nun  regte  Bismarck  am  13.  Dezember  vertraulich
  die  Annexion  der  Herzogtümer  an.  Mensdorff  erwiderte
  am  21.  Dezember,  daß  der  österreichische  Botschafter
in  Berlin,  Graf  Kärolyi,  ermächtigt  gewesen  sei,  dem  Könige
zu  erklären,  daß  Österreich  nur  gegen  eine  Vergrößerung  seines
deutschen  Gebietes  die  Herzogtümer  abtreten  könne.  Dazu  konnte
Bismarck  seinem  Könige  nicht  raten.  Die  Osterreicher  wurden
nun  immer  nervöser,  Graf  Mensdorff  meinte  im  Gespräch  mit  dem
preußischen  Gesandten  Werther  in  Wien,  die  „schreckliche  Herzogtümerfrage“
  schließe  die  Keime  unabsehbarer  Verwicklungen  in
sich.  Dagegen  erklärte  Bismarck  am  8.  Februar  mit  größter
Gemütsruhe:  „Sehen  Sie,  wir  stehen  da  vor  der  Frage  der
Herzogtümer  wie  zwei  Gäste,  die  ein  treffliches  Gericht  vor
sich  haben;  der  eine  aber,  welcher  keinen  Appetit  hat  und  es
nicht  verzehren  will,  verbietet  energisch  dem  andern,  welchen
der  Leckerbissen  reizt,  zuzulangen  und  zu  schmausen.  So  warten
wir  denn,  bis  der  Augenblick  kommt;  einstweilen  befinden  wir
uns  leidlich  wohl  in  unsrer  Lage  und  werden  sie  erst  ändern,
wenn  man  uns  befriedigende  Bedingungen  anbietet.“  Die  Einmischung
  des  Bundestages  schloß  er  unbedingt  aus;  sie  bedeute
  den  Konflikt,  den  Preußen  nicht  fürchte,  bei  dem  es  sein
ganzes  Volk  hinter  sich  habe.  Wenn  das  auch  nicht  ganz  so
        <pb n="257" />
        246  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

war,  die  Stimmung  schlug  doch  schon  um.  An  beachtenswerten
Stellen  verlangte  man  eine  enge  Verbindung  der  Herzogtümer
mit  Preußen  im  nationalen  Interesse.  Zu  solcher  Ansicht  bekannte
  sich  der  grundliberale  Theodor  Mommsen,  Roms  berühmter
  Geschichtschreiber,  selbst  ein  Schleswig-Holsteiner;  dazu
bekannte  sich  eine  Adresse  von  einer  Anzahl  meist  der  Ritterschaft
angehöriger  Schleswig-Holsteiner,  an  deren  Spitze  Baron  Scheel-RPlessen
  stand,  und  die  „nationale  Partei“,  die  sich  am  12.  Februar
  1865  zu  Rendsburg  auf  Betreiben  des  Grafen  Reventlow
bildete.  In  dieser  Richtung  bewegten  sich  die  Forderungen  voll
bewußter  Stärke,  die  Bismarck  an  Kärolyi  stellte  und  dieser  am
22.  Februar  nach  Wien  depeschierte.  Die  Anerkennung  des
Augustenburgers  sollte,  so  forderte  Bismarck,  unter  folgenden
Bedingungen  stattsinden:  Anschluß  der  Herzogtümer  an  den
Jollverein,  Uberlieferung  des  Post=  und  Telegraphenwesens  an
Preußen,  Oberaufsicht  über  den  zukünftigen  Nordostseekanal,
Abtretung  einiger  militärisch  wichtiger  Plätze  und  Unterstellung
der  Flotte  und  des  schleswig-holsteinschen  Heeres  unter  Preußens
  unbedingten  Oberbefehl.  Die  Depesche  schloß  damit,  daß
Preußen  seine  Herrschaftsrechte  keinem  Landesherrn  in  den
Herzogtümern  übertragen  werde,  ehe  diese  Bedingungen  gesichert
  seien.

Osterreich  lehnte  diese  Forderungen  ab  und  mußte  sie  ablehnen;
  denn  in  den  bisherigen  Bund  paßte  ein  so  bedeutungsloser
  Vasall  nicht  hinein;  ganz  anders  wäre  die  Lage  gewesen,
wenn  nicht  Preußen,  sondern  eine  neue  deutsche  Gemeinschaft
  die  beiden  Staaten  einverleibt  und  Preußen  in  diesem
neuen  Bunde  die  Führung  gehabt  hätte.  So  aber  waren
die  Forderungen  verfrüht;  aber  es  zeigte  sich  schon  jetzt:  die
schleswig-holsteinsche  Frage  war  ohne  die  deutsche  Frage  nicht
zu  lösen.  4

Am  5.  März  wies  Osterreich  die  Forderungen  Preußens  zurück
  und  schwenkte  dann  ab  zu  den  Mittelstaaten,  indem  es
am  19.  März  ein  Zirkular  an  diese  erließ,  in  welchem  es  dem
von  Beust  und  dem  bayerischen  Minister  von  der  Pfordten  an
den  Bundestag  gerichteten  Antrag  zustimmte,  die  Einsetzung
        <pb n="258" />
        Gasteiner  Vertrag  247

des  Augustenburgers  der  Entscheidung,  des  Bundestages  zu
übergeben.  Diese  fiel  am  6.  April.  Osterreich  stimmte  mit
der  Majorität,  bei  der  sich  Sachsen  und  die  süddeutschen
Staaten  befanden,  auf  bedingungslose  Einsetzung  des  Augustenburgers.
  Der  Beschluß  hatte  bei  dem  Widerstande  Preußens
keine  weiteren  Folgen.  Die  Machtlostgkeit  des  Bundestags
war  schon  vorher  in  recht  helles  Licht  getreten.  Denn  Preußen
hatte  seine  Marinestation  von  Danzig  nach  Kiel  verlegt,  und
als  Osterreich  protestierte,  erklärt,  diesem  stehe  als  Miteigentümer
  dasselbe  Recht  zuz  ein  jeder  der  beiden  könne  die
Buchten  und  Häfen  des  Landes  für  seine  Schiffahrt  benutzen,
soweit  er  dadurch  die  gleiche  Befugnis  des  Genossen  nicht  verkümmre;
  wenn  Osterreich  durch  seine  geographischen  Verhältnisse
  den  Kieler  Hafen  zu  benützen  nicht  in  der  Lage  sei,  so
sei  das  kein  Grund  dafür,  daß  Preußen  ihn  ebenfalls  tot  liegen
lasse.  Preußen  befinde  sich  mit  den  Verträgen  nicht  in  Widerspruch,
  wohl  aber  Osterreich,  das  den  Bund  in  Verhältnisse
hineinzöge,  die  nicht  des  Bundes  seien.

Die  Verhältnisse  spitzten  ssch  immer  mehr  zu.  Am  29.  Mai
wurde  ein  Ministerrat  abgehalten,  an  dem  der  Kronprinz  und
der  Chef  des  Generalstabs  von  Moltke  teilnahmen.  Es  wurde
die  Frage  eines  Krieges  gegen  Osterreich  erörtert.  Moltke  erklärte
  sich  „auch  im  Namen  des  Offizierkorps“  für  Krieg  und
Einverleibung  Schleswig-Holsteins;  den  Sieg  hielt  er  für
möglich,  die  ziffernmäßige  ÜUberlegenheit  für  wahrscheinlich.
Die  Minister,  mit  Ausnahme  des  Finanzministers  von  Bodelschwingh
  und  des  Ministers  des  Inneren  Grasen  Eulenburg,
waren  für  Einverleibung  und  Krieg.  Der  Kronprinz  war  gegen
den  Krieg  und  für  den  Augustenburger.  Der  König  behielt
sich  die  Entscheidung  vor.

Vier  Tage  nachdem  der  preußische  Landtag  heimgeschickt
war  —  am  21.  Juni  —,  reiste  Bismarck  mit  seinem  Könige
nach  Karlsbad.  Von  dort  schrieb  er  an  seine  Frau  am
11.  Juli:  „In  der  Politik  sieht  es  kraus  aus,  und  ich  kann
keine  Pläne  über  Carlsbad  hinaus  machen.  .  .  .  Arbeit  über
Kopf.“  Wiederholt  klagt  er  weiter  über  Hitze  und  Arbeit.
        <pb n="259" />
        248  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

Von  Karlsbad  ging  Bismarck  mit  dem  Könige  nach  Gastein.
Auf  der  Reise  dorthin  hielt  dieser  in  Regensburg  ein
Kabinettskonseil  ab,  das  sich  mit  der  durch  Österreich  geschürten
  Bewegung  für  den  Augustenburger  beschäftigte.  Wie
groß  die  Spannung  war,  zeigte  die  Außerung,  die  Bismarck
am  23.  Juli  in  Salzburg  dem  bayrischen  Ministerpräsidenten
von  der  Pfordten  gegenüber  machte,  daß  nach  seiner  Überzeugung
  der  Krieg  zwischen  Osterreich  und  Preußen  sehr  wahrscheinlich
  sei;  sein  Ausbruch  stehe  unmittelbar  bevor;  ein
einziger  Stoß,  eine  Hauptschlacht  —  und  Preußen  werde  in
der  Lage  sein,  die  Bedingungen  zu  diktieren.  Zugleich  machte
er  den  Versuch,  Bayern  durch  die  Aussicht  auf  die  Führung
im  Süden  zu  gewinnen  und  so  die  Hoffnungen  auf  den  Sieg
zu  steigern.

Doch  noch  einmal  sollte  der  blutige  Waffengang  verschoben
werden.  Am  44.  August  schreibt  Bismarck  aus  Gastein  an  seine
Frau,  daß  der  österreichische  Gesandte  in  München  Graf  Blome
wieder  in  Gastein  sei  und  daß  sie  eifrig  an  der  Erhaltung  des
Friedens  und  an  der  Verklebung  der  Risse  im  Bau  arbeiteten.
An  demselben  Tage  wurde  von  ihm  und  dem  Grafen  Blome
der  Gasteiner  Vertrag  abgeschlossen,  der  keine  Lösung,  aber  doch
eine  Vertagung  der  Frage  brachte.  Mit  großem  Geschick  ging
Bismarck  bei  diesen  Verhandlungen  zu  Werke.  Es  kam  ihm
darauf  an,  den  leichtlebigen  und  frivolen  Grafen,  den  er  als
einen  passionierten  Spieler  kannte,  vom  Ernst  der  Situation
zu  überzeugen.  Ganz  gegen  seine  Gewohnheit  und  Grundsätze
nahm  er  nach  Tische  eine  Einladung  zum  Spiel  an  und  spielte
so  tollkühn  und  waghalsig,  daß  auf  Blomes  Gesicht  der  Ausdruck
  zu  lesen  war:  Das  muß  ja  ein  ganz  rabiater  Kerl  sein.
Bismarck  folgerte  daraus:  „Er  hielt  mich  für  waghalsig  und
gab  nach.“  Noch  in  späteren  Zeiten  war  er  überzengt,  daß
dieser  Eindruck  den  Gasteiner  Vertrag  sehr  gefördert  habe.

Auf  Grund  dieses  Vertrages  ging  das  Herzogtum  Lauenburg
  gegen  eine  Zahlung  von  2500000  dänischer  Taler  in
Preußens  Besitz  über;  die  Herzogtümer  Schleswig  und  Holstein
  wurden  zwischen  beiden  Mächten  in  der  Verwaltung  ge-
        <pb n="260" />
        Preußens  scheinbare  Annäherung  an  Frankreich  219

teilt.  Schleswig  erhielt  Preußen,  Holstein  OÖsterreich.  Der  Kieler
Hafen  wurde  Bundeshafen,  Rendsburg  Bundesfestung;  Preußen
wurde  das  Recht  zugesprochen,  den  Nordostseekanal  durch  Holstein
  zu  führen  sowie  Eisenbahnen  und  Telegraphen  dort  anzulegen.
  —  Bismarck  hatte  definitive  Teilung  gewünscht;  aber  das
war  Österreich  zu  einschneidende  ein  neuer  Frontwechsel  zu  den
Mittelstaaten  und  zum  Augustenburger  wäre  dann  nicht  mehr
möglich  gewesen.  Bismarck  stellte  sich  wieder  auf  den  bewährten
Grundsatz  seiner  Politik;  er  akzeptierte  aus  dem  alleinigen
Grunde,  weil  er  sich  nicht  anders  helfen  konnte,  und  er  hatte
die  Empfindung,  wie  er  seinem  Könige  schrieb,  daß  dieser  in
einen  Krieg  mit  Osterreich  mit  einem  anderen  Gefühle  und
mit  freierem  Mute  hineingehen  werde,  wenn  die  Notwendigkeit
  dazu  sich  aus  der  Ratur  der  Dinge  und  aus  seinen
monarchischen  Pflichten  ergebe.

In  des  Königs  Stimmung,  das  glaubte  Bismarck  wahrzunehmen,
  war  nach  dieser  ersten  Mehrung  des  Reichs  ein
Ppsychologischer  Wandel  eingetreten,  er  fand  Geschmack  an  Eroberungen,
  aber  doch  mit  vorwiegender  Befriedigung  darüber,
daß  dieser  Zuwachs:  die  Erwerbung  Lauenburgs,  der  Hafen  von
Kiel  —  der  doch  im  Grunde  preußisch  wurde,  da  Osterreichs
Schiffe  im  adriatischen  Meere  lagen  —,  die  militärische  Stellung
in  Schleswig,  das  Recht,  einen  Kanal  durch  Holstein  zu  bauen,
in  Friede  und  Freundschaft  mit  Osterreich  gewonnen  war.  Der
Ausdruck  dieser  freudigen  Empfindungen  war  die  Erhebung  Bismarcks
  in  den  Grafenstand  am  15.  September,  dem  Tage  der
Besttzergreifung  Lauenburgs,  die  der  König  als  eine  Folge  seiner,
von  Bismarck  mit  so  großer  und  ausgezeichneter  Umsicht  und
Einsicht  befolgten  Regierung  bezeichnete  und  dem  hinzufügte:
„Preußen  hat  in  den  vier  Jahren,  seit  welchen  ich  Sie  an
die  Spitze  der  Staatsregierung  berief,  eine  Stellung  eingenommen,
  die  seiner  Geschichte  würdig  ist  und  demselben  auch
eine  fernere  glückliche  und  glorreiche  Zukunft  verheißt.“

Daß  Bismarck  in  Holstein  den  Verhältnissen  Rechnung  trug
und  die  Hälfte  mehr  als  das  Ganze  sein  ließ,  hatten  auch  die
Nachrichten  aus  Paris  und  aus  Florenz  veranlaßt,  die  nicht
        <pb n="261" />
        250  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

günstig  für  Preußen  lauteten.  Napoleon  war  jede  Annäherung
Preußens  an  Osterreich  unsympathisch;  ebenso  wie  jede  Rückendeckung
  Osterreichs  durch  Preußen  nicht  in  Italiens  Politik
paßte.

So  nahm  Bismarck  den  Gedanken,  den  er  mit  Napoleon
schon  wiederholt  besprochen,  Preußens  Stärkung  in  Norddeutschland
  und  seine  Abkehr  von  den  Ostmächten  und  Annäherung
an  Frankreich,  wieder  auf  und  ließ  in  diesem  Sinne  durch
den  Gesandten  Goltz  vorarbeiten  durch  die  Andeutung,  daß
die  traditionelle  Annahme,  Preußen  und  Frankreich  seien
geborene  Gegner,  doch  vielleicht  nur  eine  Fiktion  bilde.
Er  setzte  es  beim  Könige  durch,  daß  er  selbst  das  gefährliche
Terrain  in  Frankreich  sondiere:  die  angegriffene  Gesundheit
der  Frau  von  Bismarck  galt  als  Vorwand.  Am  30.  September
  reiste  Bismarck  mit  seiner  Familie  nach  Biarritz,  wo
auch  Napoleon  bis  zum  12.  Oktober  weilte,  am  31.  Oktober
nach  Paris  und  von  dort  nach  einigen  Tagen  Aufenthalt  nach
Berlin  zurück.  Bismarck  war  in  dieser  Zeit  mit  dem  Kaiser
Napoleon,  mit  den  französischen  Ministern  Rouher  und  Drouyn,
sowie  mit  dem  Gesandten  Italiens  am  französischen  Hofe  zusammengetroffen.
  Was  er  verhandelt  hat,  läßt  sich  nicht  genau
erkennen.  Von  seinem  Könige  hatte  er  die  Weisung,  keine  Verpflichtungen
  mit  Frankreich  einzugehen;  das  nicht  zu  tun,  war
er  selber  klug  genug;  jedenfalls  bildeten  die  deutschnationale
Frage  und  Schleswig-Holstein  den  Gegenstand  der  Gespräche.
Wenn  die  deutsche  Frage  ÖOsterreich  von  Preußen  trennte,
konnte  diese  Isolierung  der  beiden  Westmächten  nur  erwünscht
sein.  Dem  italienischen  Gesandten  gab  Bismarck  zu  verstehen,
daß  der  Krieg  mit  Osterreich  unvermeidlich  sei;  den  Handelsvertrag
  des  Jollvereins  mit  Italien,  der  gar  nicht  recht  hatte
vorankommen  können,  trieb  er  jetzt  energisch  zum  Abschluß;
im  Dezember  war's  soweit;  die  Verleihung  des  Schwarzen
Adlerordens  an  Viktor  Emanuel  kennzeichnete  die  Lage.

Mit  Napoleon  hatte  Bismarck  ebenfalls  Glückz;  die  offtziöse
Presse  ließ  schon  im  Oktober  verlauten,  daß  Bismarck  in
Biarritz  Bürgschaften  für  die  unveränderte  Fortdauer  der  er-
        <pb n="262" />
        Stärkere  Gegensätze  in  Schleswig-Holstein  251

freulichen  Beziehungen  zwischen  Preußen  und  Frankreich  erhalten
  habe.  Man  geht  wohl  nicht  fehl,  wenn  man  annimmt,
daß  seine  diplomatische  Uberlegenheit  schon  hier  sich  Napoleon
gegenüber  geltend  gemacht  hat,  indem  er  dessen  lüsterne  Blicke
nach  Belgien  nicht  gerade  ablenkte.

Jedenfalls  merkte  Österreich,  daß  der  Wind  ihm  zuungunsten
  umgeschlagen  sei  und  stellte  auch  sein  Steuerruder
wiederum  in  der  Richtung  auf  die  Mittelstaaten  und  den
Augustenburger  ein.  Die  alten  Umtriebe  zugunsten  alles  dessen,
was  preußenfeindlich  war,  begannen  von  neuem  in  Holstein
und  in  der  Presse.  Der  Vorschlag  Preußens,  den  Bismarck  im
Einverständnis  mit  Napoleon  OÖsterreich  machte,  mit  einer  Geldentschädigung
  für  Holstein  sich  abfinden  zu  lassen,  goß  nur  Ol
ins  Feuer;  jedenfalls  erklärte  General  Gablenz,  der  österreichische
Gouverneur  in  Holstein,  dem  preußischen  Gouverneur  in  Schleswig
  von  Manteuffel  am  14.  Dezember,  sein  Herr  müsse  den
Herzog  von  Augustenburg  unterstützen,  weil  er  in  seinen  Ansprüchen
  einen  Damm  gegen  Preußens  deutsche  Pläne  besitze;
man  fürchte  den  Krieg  nicht  mehr,  nachdem  es  sich  um  Behauptung
  der  deutschen  Stellung  Österreichs  handle.

So  standen  die  Dinge  Ende  Dezember  1805.  Der  Beginn
des  Jahres  1866  stand  nicht  mehr  allein  im  Zeichen  der
schleswig-holsteinischen  Frage,  sondern  der  gewichtigeren  deutschen
  Frage,  die  zur  Entscheidung  drängte.

Der  Landtag  wurde  am  15.  Januar  eröffnet;  er  sollte  nur
von  kurzer  Dauer  sein.  Die  Eröffnungsrede  war  nicht  in  so
entgegenkommendem  Tone  gehalten,  wie  sonst;  sie  war  aber
ruhig  gestimmt  und  hatte  jedenfalls  nichts  Herausforderndes.
Nach  einem  Hinweis  auf  die  Erfolge  der  Regierung  im  Inneren
  wie  nach  außen,  besonders  auf  den  Gasteiner  Vertrag,
verweilte  die  Rede  mit  feierlichem  Nachdruck  bei  den  Erinnerungen
  an  die  große  Zeit  von  1845  und  den  Feierlichkeiten,
die  in  Anknüpfung  daran  im  vergangenen  Jahre  stattgefunden
hatten.  Sie  äußerte  von  neuem  die  Zuversicht,  daß  bei  Erwägung
  der  betreffenden  Vorlagen  die  Meinungsverschiedenheiten
  über  innere  Fragen  und  die  Parteistellungen  sich  der
        <pb n="263" />
        252  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

Pflicht  gegen  das  gemeinsame  Vaterland  unterordnen,  und  daß
beide  Häuser  des  Landtags  der  Krone  einmütig  und  rechtzeitig
die  Hand  bieten  würden,  um  die  Lösung  der  nationalen
Aufgaben  fördern  zu  helfen,  welche  dem  preußischen
Staate  vermöge  seiner  Beziehungen  zu  den  Elbherzogtümern
  in  verstärktem  Maße  oblägen,  und  schloß
mit  der  stolzen  Wendung  des  Pflichtbewußtseins  und  mit  einem
ernsten  Blick  auf  die  Beratungen  des  Hauses:  „Die  Regierung
Seiner  Majestät  trägt  das  Bewußtsein  in  sich,  daß  ihr  der
Wille  nicht  fehlt,  ihrem  königlichem  Herrn  nach  diesem  Seinem
Sinne  zu  dienen.  Sie  lebt  der  ÜUberzeugung,  daß  bei  einer
unbefangenen,  leidenschaftslosen  und  rein  sachlichen  Prüfung
dessen,  was  ihr  zu  erreichen  vergönnt  gewesen,  wie  dessen,
was  sie  mit  Hilfe  der  Landesvertretung  noch  erstrebt,  genug
der  Zwecke  und  Ziele  gefunden  werden  müßten,  in  denen
alle  Parteien  sich  eins  wissen.  Werden  Sie,  meine  Herren,
von  dem  Wunsche  getragen,  diese  Einigungspunkte  zu  suchen
und  festzuhalten,  so  wird  Ihren  Beratungen  Segen  und  Erfolg
  nicht  fehlen."

In  schroffem  Gegensatz  zu  der  Eröffnungsrede  standen  die
ersten  Worte  des  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses.  Er  hielt
sich  nicht  auf  hoher  Warte  über  den  Parteien,  sondern  er
machte  den  Präsidentenstuhl  zum  Richterstuhl  der  Opposttion.
Er  betonte  unter  Zustimmung  der  Parteigenossen,  daß  das
in  der  letzten  Session  bereits  aufgerollte  düstere  Bild  sich  seither
  noch  mehr  verfinstert  habe.  Nach  einem  Hinweis  auf  den
Verfassungskonflikt  und  nach  Zurückweisung  des  Vorwurfs,  durch
Verwerfung  von  Gesetzen  und  durch  Verweigerung  von  Geldmitteln
  das  materielle  Wohl  des  Landes  geschädigt  und  Rechte
sich  angemaßt  zu  haben,  die  es  nicht  besitze,  schloß  diese  Rede
mit  einer  ernsten  Mahnung  an  die  Regierung,  einen  freisinnigen
Entwicklungsgang  unverweilt  einzuschlagen.  —  Bei  solchen
Gegensätzen  war  auf  fruchtbare  Verhandlungen  nicht  mehr  zu
rechnen.  Das  Abgeordnetenhaus  protestierte  auch  gegen  die
Vereinigung  Lauenburgs  mit  Preußen,  da  die  Zustimmung  des
Landtags  nicht  erfolgt  sei.  Die  Regierung  aber  war  der  Meinung,
        <pb n="264" />
        Auflösung  des  Landtages  253

daß  nach  der  Verfassung  nur  dann  das  Abgeordnetenhaus  zuständig
  sei,  wenn  durch  diese  Erwerbung  dem  Staate  Lasten  auferlegt
  seien;  das  sei  aber  nicht  der  Fall,  da  die  vertragsmäßige
Entschädigungssumme  aus  der  königlichen  Schatulle  gezahlt  sei.

Die  Dinge  im  Abgeordnetenhause  spitzten  sich  immer  mehr
zu.  Die  Regierung  sah  in  dem  Beschlusse  über  Lauenburg
einen  Eingriff  in  ihre  Rechte  sowie  in  zwei  anderen  Be—
schlüssen  eine  Einmischung  in  die  Rechtspflege  und  die  dem
Könige  allein  zustehenden  Befugnisse  der  vollziehenden  Gewalt
und  gab  deshalb  diese  Beschlüsse  zurück,  da  sie  über  rechtswidrig
  gefaßte  Beschlüsse  des  Hauses  keine  amtliche  Mit—
teilung  vom  Präsidium  entgegenzunehmen  vermöge.  Daraufhin
  stellte  Forckenbeck  am  22.  Februar  den  Antrag,  über  dieses
Schreiben  zur  einfachen  Tagesordnung  überzugehen:  Virchow
schloß  sich  an,  da  „dieser  Gegenstand  überhaupt  nicht  würdig
sei,  von  dem  Hause  behandelt  zu  werden“.  Der  Abgeordnete
Reichensperger  dagegen  wollte  eine  vermittelnde  Adresse  an
den  König  angenommen  wissen.  Sobald  diese  abgelehnt  war,  trat
Bismarck  ein  und  machte  die  große  Überraschung  hervorrufende
Mitteilung,  daß  der  König  ihn  beauftragt  habe,  die  Session  zu
schließen.  Am  folgenden  Tage  —  dem  23.  Februar  —  verlas
er  im  Weißen  Saale  des  Königsschlosses  die  Schlußrede,  deren
bedeutsamste  Stellen  also  lauteten:

„Die  erste  Kundgebung,  welche  aus  dem  Hause  der  Abgeordneten
  erfolgte,  war  eine  Rede  seines  Präsidenten,  in
welcher  derselbe  der  feindseligen  Stimmung  der  Mehrheit  des
Hauses  durch  grundlose  und  herausfordernde  Vorwürfe  gegen
die  Regierung  Seiner  Majestät  des  Königs  Ausdruck  gab.

„Diesem  Vorgange  entsprach  die  fernere  Tätigkeit  des
Hauses;  sie  war  nicht  dem  Frieden,  sondern  dem  Streite  zugewandt,
  nicht  den  Gesetzesvorlagen,  sondern  dem  Bestreben
gewidmet,  zu  Angriffen  auf  die  Regierung  den  Anlaß  auf
solchen  Gebieten  zu  suchen,  welche  die  Landesverfassung  dem
Wirkungskreise  der  Volksvertretung  nicht  überwiesen  hat  und
auf  welchen  die  Tätigkeit  der  Abgeordneten  deshalb  eine  unfruchtbare
  bleiben  mußte.
        <pb n="265" />
        254  10.  Schleswig-Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

„Angesichts  dieser  uͤbergriffe  mußte  die  Staatsregierung  sich
die  Frage  vorlegen,  ob  von  der  Fortsetzung  der  Verhandlungen
des  Landtags  gedeihliche  Ergebnisse  für  die  Wohlfahrt  und  den
inneren  Frieden  des  Landes  überhaupt  zu  erwarten  ständen.  ..  .
Der  Verlauf  dieser  Beratungen  hat  bei  der  Staatsregierung
die  Besorgnis  nicht  zu  heben  vermocht,  daß  auf  dem  vom
Hause  der  Abgeordneten  eingeschlagenen  Wege  das
Land  ernsteren  Zerwürfnissen  entgegengeführt  und
die  Ausgleichung  der  bestehenden  auch  für  die  Zu—
kunft  erschwert  werden  würde.“

Zu  so  plötzlicher  Schließung  des  Landtages  hatte  außer  der
Zuspitzung  des  inneren  Konflikts  der  Stand  der  auswärtigen
Politik  beigetragen,  der  von  Tage  zu  Tage  unhaltbarer  wurde
und  nicht  auch  noch  die  Schwierigkeiten  ertragen  konnte,  welche
die  Mehrheit  der  Politik  Bismarcks  dadurch  bereitete,  daß  sie
in  Fühlung  trat  mit  den  in  Berlin  beglaubigten  fremden  Botschaftern
  und  —  wie  Bismarck  später  im  deutschen  Reichstage
einmal  gesagt  hat  —  am  Vormittag  etwa  dieselben  Einwände
gegen  dessen  Politik  erhob,  welche  die  Botschafter  ihm  am
Nachmittage  vortrugen.  Dazu  die  langen  Reden  von  Leuten,  die
im  Grunde  die  Zeit  tot  schlugen.  Wer  solche  breiten  Ergüsse  je
im  Leben  pflichtgemäß  mit  hat  anhören  müssen,  kann  es  Bismarck
nachfühlen,  wenn  er  am  3.  Februar  unter  Seufzen  sprach:
„Was  hilft  es,  daß  ich  in  die  Kommissionen  komme?  Ich  habe
kein  anderes  Resultat  davon,  als  daß  nachher  auf  der  Tribüne
hier  jeder  Satz  damit  anfängt:  der  Herr  Ministerpräsident  hat
gesagt  —  und  dann  kommt  etwas,  was  ich  nicht  immer  glaube
gesagt  zu  haben,  oder  wenigstens  ist  es  so  aus  dem  Zusammenhange
  herausgerissen  und  entstellt,  daß  stundenlange  Reden
dazu  nötig  wären,  wenn  ich  alles  durchgehen  und  berichtigen
wollte,  und  dazu,  meine  Herren,  ist  mir  meine  Zeit  und  meine
Lunge  zu  lieb."

Und  nicht  nur  Zeit  und  Lunge  Bismarcks  kamen  durch  die
Reden  in  Gefahr,  bedenklich  waren  auch  die  Anfragen  und
Anträge,  die  nicht  verhandelt  werden  konnten,  ohne  unzeitgemäße
  und  gefährliche  Enthüllung  der  letzten  Ziele  preußi-
        <pb n="266" />
        Vor  der  Entscheidungsstunde  255

scher  Politik.  Sollten  diese  erreicht  werden,  so  durfte  die  ungeschickte,
  vielleicht  auch  von  Fremden  beeinflußte  Neugierde
der  Opposition  sich  nicht  weiter  als  Hemmnis  geltend  machen.
„In  der  auswärtigen  Politik“,  so  sagte  Bismarck  am  3.  Februar,
  „gibt  es  Momente,  die  nicht  wieder  kommen.“  Diese
durfte  er  nicht  verpassen,  wie  der  Liberalismus  es  leider  tat
durch  seine  unleidliche  Verranntheit  Virchowscher  Art,  die  schon
so  viel  unserm  politischen  Leben  geschadet  hat.  „Die  Zeit  befiehlts,
  ihr  sind  wir  untertan“  war  Bismarcks  Grundsatz.  Wer
einen  Meisterschuß  tun  will,  kann  Auge  und  Hand  nicht  beirren
lassen  durch  eine  unruhige  Umgebung,  welche  nicht  in  der  Ziel—
linie  steht  und  das  Ziel  nicht  klar  vor  sich  sieht.

Und  im  Anfang  des  Jahres  1866  war  die  Zeit  erfüllt,  die
so  günstig  kaum  wiederkehren  konnte.  »

Im  Jannar  stand  die  Sache  zum  Bruch  mit  Osterreich.  Bismarck
  hielt  deshalb  Ausschau  nach  Bundesgenossen  für  den  Krieg.
Am  13.  erging  ein  Schreiben  an  den  preußischen  Gesandten  in
Florenz  Usedom:  die  österreichischen  Umtriebe  in  Holstein  gäben
den  natürlichen  Beziehungen  Preußens  zu  Stalien  freien  Raum;
der  Zeitpunkt  der  Krisis  sei  nahe  gerückt;  ein  durchgreifendes
Vorgehen  Preußens  in  der  deutschen  Frage  stehe  bevor.  Die
Haltung  Frankreichs  werde  voraussichtlich  nicht  feindselig  sein;
sei  es  doch  der  Fall,  so  biete  das  um  so  mehr  Anlaß,  sich  auf
die  tiefe  nationale  Basis  zurückzuziehen  und  die  dort  vorhandenen
  Kräfte  Preußens  zu  sammeln.  Am  20.  Januar  erhielt
der  preußische  Gesandte  in  Wien,  Werther,  ein  Schreiben  von
Bismarck,  in  welchem  gefordert  wurde,  Osterreich  solle  in  den
Herzogtümern  gemeinsame  Rechte  nicht  verletzen  und  revolutionäre
  Bestrebungen  nicht  unterstützen.  Von  Wien  erfolgte  eine
ruhige  und  selbstbewußte  Ablehnung.  Inzwischen  hatte  eine
Versammlung  in  Altona  stattgefunden,  in  welcher  an  die  viertausend
  Menschen  dem  Augustenburger  geradezu  eine  Huldigung
unter  Ausfällen  gegen  die  preußische  Regierung  dargebracht
hatten.  Das  veranlaßte  eine  neue  warnende  Note  nach  Wien:
Jetzt  sei  das  Verhalten  des  Wiener  Kabinetts  geradezu  aggressio;
  werde  das  nicht  anders,  so  müsse  Preußen  für  seine
        <pb n="267" />
        256  10.  Schleswig-  Holstein  —  das  zweite  Meisterstück

ganze  Politik  volle  Freiheit  gewinnen  und  von  dieser  den
Gebrauch  machen,  der  Preußens  Interessen  entspreche.  Eine
abweisende  Antwort  vom  7.  Februar,  in  welcher  betont  wurde,
daß  OÖsterreich  über  die  Verwaltung  in  Holstein  keine  Rechenschaft
  zu  geben  habe,  veranlaßte  Bismarck  am  9.  Februar  zu
der  kühlen  Bemerkung  an  den  Grafen  Kärolyi,  nun  seien  also
Preußens  bisher  so  intime  Beziehungen  zu  Osterreich  wieder
auf  den  Standpunkt  zurückgeführt,  den  sie  vor  dem  dänischen
Kriege  gehabt  hätten,  nicht  schlechter,  aber  auch  nicht  besser
als  zu  jeder  anderen  Macht.

Da  nunmehr  alles  zur  Entscheidung  drängte,  wurde  am
28.  Februar  unter  dem  Vorsitz  des  Königs  eine  ernste  Beratung
seiner  Minister  abgehalten.  Goltz  war  dazu  aus  Paris,  Manteuffel
  aus  Schleswig  gekommen.  Der  Chef  des  Generalstabes
von  Moltke  und  der  Kronprinz  sowie  General  von  Alvensleben
nahmen  daran  teil.  Bismarck  gab  einen  geschichtlichen  Rückblick,
der  die  Notwendigkeit  des  Krieges  erwies;  diesen  in  der
jetzigen  günstigen  Lage  zu  unternehmen  sei  klüger,  als  Österreich
  die  Wahl  der  Stunde  zu  überlassen.  Moltke  forderte  für
einen  sicheren  Erfolg  das  Zusammengehen  mit  Italien.  Der
Kronprinz  war  gegen  einen  Krieg;  der  König  entschied,  daß
der  Besitz  Schleswig-Holsteins  eines  Krieges  wert  sei;  doch
solle  er  nicht  übereilt  werden;  wünschenswerter  sei  es,  im
Frieden  die  Herzogtümer  zu  erlangen.  Goltz  bekam  den  Auftrag,
  Verhandlungen  mit  Napoleon  zu  beginnen,  wie  sie  Bismarck
  in  der  Richtung  auf  Annäherung  eingeleitet  hatte;
Moltke  wurde  für  die  Sendung  nach  Florenz  in  Aussicht  genommen.
        <pb n="268" />
        11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

evor  Moltke  nach  Florenz  entsandt  wurde,  begann  das

Vorspiel  des  Krieges  mit  Angriffsvorbereitungen  von
österreichischer  Seite.  Da  Preußen  auf  die  Note  vom  7.  Februar
nicht  antwortete,  so  war  man  sich  in  Wien  klar,  daß  Bismarck
nicht  ruhen  werde,  die  ganze  Lage  zu  seinem  Vorteil  zu  ge—
stalten.  Man  dachte  deshalb  an  die  Mobilmachung,  die  in
Osterreich  sich  nicht  so  rasch  vollzog  wie  in  Preußen.  Vom
7.—13.  März  fanden  Marschallkonferenzen  in  Wien  statt,  in
welchen  über  die  Mobilmachung  beraten  und  gegen  Mensdorff
beschlossen  wurde,  die  Truppen  in  Böhmen  und  Mähren  zu
verstärken.  —  Bismarck  drängte  auf  Gegenmaßregeln;  als  sie
nicht  erfolgten,  erkrankte  er  am  23.  März;  am  27.  gesundete  er,
als  der  Gegenzug  Preußens  erfolgte,  nämlich  der  Beschluß  des
Ministerrats  vom  27.  März,  die  schlesischen  Festungen  in  Kriegszustand
  zu  versetzen  und  mit  den  Pferdeankäufen  für  die  Artillerie
  zu  beginnen.  Daraufhin  erfolgte  am  7.  April  eine  Aufforderung
  Mensdorffs  in  ziemlich  hohem  Tone,  die  über  die
Mobiliskerung,  die  Preußen  zugestanden  hatte,  Aufklärung  erbat,
  aber  den  Wunsch  nach  Abrüstung  durchblicken  ließ.  Daraus
entwickelten  sich  Verhandlungen,  und  am  18.  April  kam  ein
Entwaffnungsvorschlag  OÖsterreichs,  daß  man  Zug  um  W
beiderseits  die  Rüstungen  vom  25.  an  rückgängig  mache.
war  denn  wiederum  der  Fortgang  gehemmt,  Bismarck  nwieder
  und  schrieb  in  stark  gedrückter  Stimmung  an  seinen  König
am  22.  April  unter  Beifügung  eines  Briefes  Manteuffels,  der
mit  der  Entwaffnung  nicht  einverstanden  war,  daß  Friede  mit
Osterreich  nach  seiner  sechzehnjährigen  Erfahrung  nicht  möglich
sei,  und  dieses  nur  dahin  strebe,  die  Verhältnisse  in  Italien
und  Frankreich  für  sich  günstiger  zu  gestalten;  vielleicht  aber
sei  Haß,  Kampflust  und  Geldverlegenheit  schon  jetzt  zu  groß,
um  auf  Preußens  Entgegenkommen  einzugehen.  Dann  habe

A.  Matthias,  Bismarck  17
        <pb n="269" />
        258  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

der  König  jedenfalls  die  Genugtuung,  für  den  Frieden  getan
zu  haben,  was  mit  Ehren  tunlich  gewesen  sei.  Die  Worte
„mit  Ehren“  brachten  den  König  in  Harnisch.  Er  stellte  in
der  Antwort  diese  Worte  voran  und  schrieb  dazu:  „Das  ist
mein  Leitstern  in  dieser  ganzen  Crisis  gewesen.“  Und  da  Manteuffel
  in  seinem  Briefe  auf  die  Lage  von  Olmütz  hingewiesen
hatte,  so  fragte  er,  wer  denn  jetzt,  wie  damals,  preußische
Ansprüche  habe  fallen  lassen,  er  möge  Manteuffel  sagen,
daß  wenn  ein  Preuße  jetzt  ihm,  dem  Könige,  Olmütz  in  die
Ohren  ranne,  er  sofort  die  Regierung  niederlege;  andere,  d.  h.
seine  Feinde,  würden  Olmütz  rufen,  Preußen  dürften  nicht
darin  einstimmen.

Glücklicherweise  kam  gerade  in  diesen  Tagen  eine  neue  Wendung
  der  Dinge,  die  Bismarck  wieder  gesund  machte  und  aus
seiner  verzweifelten  Stimmung  befreite,  in  der  er  vorher  in
ostentativer  Weise  sich  auf  eine  Reise  nach  Hamburg  und  Kiel
begeben  hatte.  Auf,  wie  es  scheint,  übertriebene  Alarmnachrichten
über  italienische  Rüstungen  mobilisierte  Osterreich  seine  Südarmee
  am  26.  April,  der  ein  kritischer  Tag  erster  Ordnung
werden  sollte.  Mensdorff  depeschierte  an  demselben  Tage  an  den
Berliner  Botschafter,  es  bleibe  auch  jetzt  noch  trotz  der  Mobilisierung
  der  Südarmee  bei  dem  Entwaffnungsvorschlage,  falls
Preußen  seine  Abrüstung  vollziehe.  Es  folgte  dann  eine  zweite
Wiener  Depesche,  die  Preußen  noch  einmal  kleine  Vorteile  in
den  Herzogtümern  anbot,  aber  zugleich  damit  drohte,  die  Frage
dem  Bunde  zur  Entscheidung  vorzulegen  und  die  schleswigholsteinischen
  Landstände  einzuberufen.  Zugleich  aber  traf  von
dem  italienischen  Ministerprässdent  Lamarmora  bei  dem  Botschafter
  Graf  Barral  in  Berlin  die  Anfrage  ein:  „Sehen
Sie,  was  die  preußische  Regierung  von  alle  dem  denkt  und
was  sie  zu  tun  beabsichtigt.“  Barral  antwortete  sofort:  „Bismarck
  sagt,  er  wisse,  daß  die  östreichischen  Rüstungen  nicht
bloß  in  Venetien,  sondern  allenthalben  beschleunigt  würden;
der  preußische  Gesandte  Werther  solle  in  Wien  erklären,  daß
dann  auch  Preußen  nicht  abrüsten  und  gegenüber  einem  Angriff
  auf  Italien  nicht  gleichgültig  bleiben  könne,  da  man
        <pb n="270" />
        Wachsende  Spannung  zwischen  Österreich  und  Preußen  259

Italien  zur  Erhaltung  des  europäischen  Gleichgewichts  notwendig
  erachte.“  Noch  an  demselben  Tage  erging  von  Florenz
aus  unter  dem  Jubel  der  Bevölkerung  der  Mobilmachungsbefehl
  der  italienischen  Armee.

So  war  die  Lage  Ende  Afpril.

deben  den  militärischen  Mobilisierungen  waren  diplomatische
Rüstungen  hergelaufen.

Kurze  Zeit  nach  dem  wichtigen  Ministerrat  vom  28.  Februar
kam  —  am  44.  März  —  der  italienische  General  Govone  im
Auftrage  Lamarmoras  nach  Berlin,  um  über  ein  Bündnis
Preußens  mit  Italien  zu  beraten.  Nach  dem  ersten  Zusammentreffen
  mit  Bismarck  schrieb  er  nach  Hause:  „Das  ist  Cavour,
wie  er  leibt  und  lebt.“  Er  sollte  recht  haben.  Bismarck  leitete
die  Verhandlungen  mit  der  Meisterschaft  des  italienischen  Staatsmannes.
  Zunächst  kam  man  nicht  recht  von  der  Stelle.  Govone
hatte  es  leicht:  Volk  und  Monarchie  und  Regierung  standen
einmütig  hinter  ihm.  Nicht  so  glücklich  war  Bismarck;  er
mußte  seinen  königlichen  Herrn  erst  vollkommen  gewinnen;  um
Schleswig-Holstein  allein  konnte  er  den  Krieg  nicht  führen;
das  sei,  so  meinte  er,  ein  zu  geringer  Siegespreis,  mit  dem
er  das  deutsche  Volk  nicht  auf  seine  Seite  bringen  könne;  die
Neugestaltung  Deutschlands  müsse  als  Ziel  und  Ideal  hingestellt
  werden;  dazu  sei  Zeit  nötig;  die  müsse  Italien  ihm
gönnen;z  jedenfalls  könne  schon  jetzt,  wenn  Italien  sich  zur  Hilfe
verpflichte,  die  Lösung  der  venetianischen  Frage  zugleich  mit
der  deutschen  von  Preußen  zugesichert  werden.

Diese  Verzögerung  machte  —  mit  Recht  —  den  Italiener
stutzig;  er  fürchtete,  daß  Preußen  Italien  benutze,  um  den
Osterreichern  die  Herzogtümer  ohne  Krieg  zu  entreißen.  Aber
auch  Bismarck  —  ebenfalls  nicht  ohne  Grund  —  war  vorsichtig,
  da  er  von  Verhandlungen  Italiens  mit  Frankreich
wußte;  denn  Italien  konnte  ja  auch  Preußen  als  Druck  benutzen,
  um  Venetien  ohne  Opfer  zu  gewinnen.  Bismarck  überwand
  schließlich  alle  Bedenken;  am  23.  März  kam  er  mit  dem
Grafen  Barral  überein,  daß  man  einen  Eventualbündnisvertrag
auf  drei  Monate  schließe;  während  dieser  Zeit  sollte  Preußen

17*
        <pb n="271" />
        260  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

losschlagen,  und  Italien  ihm  so  lange  zur  Verfügung  stehen.  Am
8.  April  wurde  der  Vertrag  wirkungskräftig;  bis  zum  Juli  also
waren  die  beiden  Staaten  gegenseitig  gebunden.  König  Wilhelm
hatte  sich  dazu  entschlossen,  weil  auch  Bayern,  auf  das  Bismarck
Ende  Februar  noch  gehofft  hatte,  sich  zu  Osterreich  geschlagen
hatte,  und  dann  —  behielt  er  ja  trotz  dieses  Vertrages  die
Entscheidung  in  der  Hand  und  konnte  noch  immer  für  Krieg
oder  Frieden  das  Schwert  in  die  Wagschale  werfen.

Als  dieses  Bündnis  bekannt  wurde,  rief  der  Franzose
Thiers  aus:  „Das  ist  das  größte  Ereignis  der  europäischen
Politik.“  So  war  es.  Mit  diesem  Vertrage  waren  die  beiden
großen  Völker,  die  trotz  reicher  innerer  Kräfte  Jahrhunderte
lang  zerrissen  und  geschwächt  und  ein  Raub  und  Spott  fremder
Völker  gewesen  waren,  zusammengetreten  in  gemeinsamem  Vormarsch
  zu  Einigkeit,  Kraft,  selbständigem  Schaffen  und  künftiger
nie  geahnter  Größe.  Und  daß  das  so  war,  das  ist  allein  das
Werk  Bismarcks,  dessen  Ruhm  er  mit  niemandem  zu  teilen
braucht.  In  einsamer  Größe  stand  er  da,  als  er  die  Tat  vollbrachte.
  Nicht  wie  Cavour  hatte  er  sein  Volk  hinter  sich;  das
preußische  Volk  mit  dem  Kronprinzen  an  der  Spitze  sprach  von
Bruderkrieg.  Der  König  war  nur  sehr  schwer  zum  Bündnis  zu
bewegen.  Die  eigenen  Parteifreunde  —  die  seinem  Herzen  nahegestanden,
  wie  Ludwig  von  Gerlach  —  warnten  vor  dem  Junheilvollen“"
  Krieg,  der,  auch  den  Sieg  vorausgesetzt,  die  Zerrüttung
  des  Vaterlandes,  des  preußischen  und  deutschen,  in  Aussicht
  stelle.  Die  Herrschaft  des  Auslandes  —  des  Bonaparte
und  des  italienischen  Revolutionswesens  —  und,  was  das  allerschlimmste,
  die  Befleckung  des  Gewissens  des  greisen  Königs  und
des  gesamten  Landes  seien  Gefahren  und  Resultate,  die  in  nächster
Nähe  drohten.  Dabei  war  Bismarck  umgeben  von  übelgesinnten
Diplomaten.  Wohin  Govone  hörte,  als  er  nach  Berlin  kam,
überall  warnte  man  ihn,  mit  dem  unzuverlässigen  Preußen
sich  einzulassen;  so  dachte  der  Graf  Barral,  so  der  englische
Botschafter,  Lord  Loftus,  so  der  französische,  Graf  Benedetti.
Und  ganz  im  Hintergrunde  der  gefährlichste  Gegner,  der  überall
in  Europa  die  Hand  im  Spiel  hatte:  Napoleon.  Gerade  in
        <pb n="272" />
        Preußens  Bündnis  mit  Italien  261

den  kritischen  Tagen  gegen  Ende  April  fanden  Verhandlungen
zwischen  OÖsterreich  und  Napoleon  statt,  die  auf  Abtretung
Venetiens  zielten.  Gab  Osterreich  dieses  preis,  so  bekam  es
die  Hände  frei  gegen  Preußen,  seinen  gefaͤhrlichsten  Gegner
in  Deutschland.  Es  wurde  der  geheime  Vorschlag  in  Paris
gemacht,  OÖsterreich  wolle  Venetien  an  Rapoleon  abtreten;
dieser  könne  es  dann  weiter  an  Italien  geben.  Wie  Napoleon
damals  zu  Preußen  stand,  liegt  nicht  klar  zutage;  jedenfalls
übermittelte  er  am  4.  Mai  den  Vorschlag  an  Italien.  Doch
Italiens  vornehmer  König  lehnte  die  Zumutung  eines  Vertragsbruches
  ab.

Inzwischen  wurde  die  militärische  Spannung  größer  und
größer.  Am  1.  Mai  war  Govone  bei  Bismarck  erschienen  und
hatte  gefragt,  was  Preußen  tun  werde,  nachdem  Osterreich
gegen  Italien  mobil  mache,  ob  es  an  Österreich  den  Krieg
erklären  werde,  wenn  es  in  Italien  zum  Kampfe  komme.
Bismarck  stellte  sich  auf  den  Boden  des  Vertrages.  Für
seine  Person  gab  er  die  bindendsten  Zusicherungen,  da  es  ja
auch  im  Interesse  Preußens  liege,  zu  Italien  zu  halten.  Auf
Konzessionen  Österreichs  werde  man  sich  schwerlich  einlassen,
da  diese  kaum  den  Vorteil  der  bisherigen  Lage  aufwiegen
könnten.  Daß  man  wisse,  was  in  Paris  vorginge,  ließ  er
durchblicken.

Eine  Antwort  durch  die  Tat  erfolgte  am  3.  Mai  mit  der
Mobilmachung.  Über  die  Beratungen,  die  zu  diesem  entscheidenden
  Schritte  führten,  haben  wir  urkundliche  Quellen,  die  zu
den  interessantesten  jener  Zeit  gehören:  Am  1.  Mai  berichtet
Bismarck  dem  König,  daß  er  das  Land  seines  Königs  nicht
länger  in  der  Gefahr  belassen  könne,  der  es  nach  seiner  Überzeugung
  angesichts  der  überlegenen  und  trotz  aller  Friedensbeteuerungen
  täglich  größere  Dimensionen  annehmenden  Rüstungen
OÖsterreichs  ausgesetzt  sei.  Der  Kriegsminister  werde  folgenden
Tages  einen  Bericht  des  Staatsministeriums  und  Anträge  auf
weitere  Vorsichtsmaßregeln  unterbreiten.  Bismarck  spricht  am
Schluß  des  Schreibens  als  Ergebnis  seiner  berechtigten  Besorgnis
die  Bitte  aus  um  Beschleunigung  der  zu  treffenden  Vorkehrungen.
        <pb n="273" />
        262  41.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

Vom  2.  Mai  liegt  ein  weiteres  Schreiben  Bismarcks  an  den
König  mit  einer  aus  Wien  eingegangenen  telegraphischen  Mitteilung
  vor,  die  keine  Aussicht  gewähre,  daß  Osterreich  entwaffnen
werde,  wohl  aber,  daß  es  Preußen  zur  Vervollständigung  seiner
Rüstungen  hinhalten  wolle,  um  einen  Vorsprung  zu  gewinnen,
den  Preußen  nicht  einholen  könne.  Er  fügt  hinzu,  daß  sowohl
die  Börse  und  die  Berliner  Kaufmannschaft  die  Untätigkeit  der
Regierung  unbegreiflich  und  für  das  Land  im  höchsten  Grade
beunruhigend  und  gefährlich  finde.  Dem  Schreiben  war  eine
von  ihm  verfaßte  Denkschrift  beigegeben,  die  für  die  Beratungen
des  Ministerrats  als  Unterlage  dienen  konnte.

Der  König  hatte  um  ½41  Uhr  nachts  vom  2.  auf  den  3.  Mai
zu  diesem  Briefe  die  für  Bismarck  bestimmte  Randbemerkung
gemacht:  „General  Mutius  meldet,  daß  bestimmt  12000  M.
zwischen  Troppau  und  Jägerndorff  also  unmittelbar  an  der
Grenze  stehen.  Dies,  mit  Werthers  Télégramm  zusammen,
zeigt,  daß  der  letzte  Moment  für  uns  gekommen  ist,  um  große
Rüstungen  anzuordnen,  was  also  um  3  Uhr  zu  berathen  ist.
Haben  Sie  meinen  Sohn  avertirt?  Er  ist  zum  Exerciren  hier."“

Die  entscheidende  Beratung  fand  statt;  Bismarcks  Denkschrift
  bildete  den  leitenden  Faden.  Der  erste  Punkt  betraf
ein  der  Form  nach  nicht  beglaubigtes  Anerbieten  von  Wien
zum  Abschluß  eines  Vertrages,  nach  welchem  der  König  unter
Ausschluß  der  Vereinigung  der  Herzogtümer  mit  der  Krone
Preußen  seine  Souveränität  auf  einen  preußischen  oder  andern
Prinzen  zu  übertragen  berechtigt  sein  solle,  dergestalt,  daß
Preußen  in  dem  unmittelbaren  Besitz  des  Kieler  Hafens,
wahrscheinlich  auch  der  Befestigungen  von  Düppel  und  der
sonst  von  Osterreich  angebotenen  Vorteile  verbleiben  solle;
unter  dem  Titel  Kriegskosten  sollten  fünfundzwanzig  Millionen
Taler  seitens  der  Herzogtümer  an  Osterreich  gezahlt  und  die
Bundesreform  in  dem  Sinne  angestrebt  werden,  daß  die  norddeutschen
  Kontingente  sich  Preußen  anzuschließen  hätten,  die
Süddeutschen  ausschließlich  zur  Disposition  Osterreichs  blieben.
—  Dieses  nicht  beglaubigte  Anerbieten  hatte  der  Bruder  des
Gouverneurs  von  Holstein,  Freiherr  Anton  von  Gablenz,  der
        <pb n="274" />
        Preußen  macht  mobil  263

auch  in  Preußen  angesessen  war,  gemacht.  Graf  Mensdorff
hatte  ihn  wohlwollend  empfangen,  und  Preußens  Botschafter,
Herr  von  Werther,  gab  ihm  ein  Einführungsschreiben  für
Bismarck  mit.  Anch  dieser  nahm  den  Unterhändler  freundlich
auf,  offenbar  um  gegen  Napoleons  Intrigen  einen  Gegenschlag
führen  zu  können.

Die  anderen  Punkte  betrafen  ein  Telegramm  aus  Florenz,
wonach  Viktor  Emannel  darauf  rechnete,  daß  Preußen  mit
Italien  gleichzeitig  losschlagen  werde,  eine  Depesche  des  Grafen
Goltz,  nach  welcher  der  Kaiser  Napoleon  den  Zeitpunkt  einer
Verständigung  mit  Preußen  für  gekommen  halte,  im  Falle  des
Mißlingens  aber  sich  den  von  Osterreich  gemachten  Anerbietungen
nicht  glaube  verschließen  zu  können.  Was  Napoleon  mit  Österreich
  meine,  sagt  die  Denkschrift,  sei  nicht  ersichtlich;  in  bezug
auf  Preußen  beschränke  sich  der  Kaiser  auf  die  Andeutung,  daß
die  Augen  Frankreichs  nach  dem  Rhein  gerichtet  seien.  Weiter
habe  der  französische  Botschafter  tags  zuvor  angefragt,  wie
Preußen  über  einen  Kongreß  denke.  Einen  Hauptpunkt  aber
bildeten  die  Berichte  von  der  ununterbrochen  wachsenden  Menge
kriegsbereiter  österreichischer  Truppen  unmittelbar  an  der  preu-Hischen
  Grenze  und  die  Befürchtung  ihres  sofortigen  Einmarsches
in  Preußen.  „Unter  diesen  Umständen“,  so  schließt  Bismarck,
„dürfte  es  zunächst  unerläßlich  sein  gegen  die  augenblickliche
Gefahr  sofort  die  kräftigsten  militärischen  Vorkehrungen  zu
treffen.  Diese  Maßregel  dürfte  ganz  unabhängig  von  den
diplomatischen  Verhandlungen,  zu  welchen  die  übrigen  Puncte
Anlaß  geben  ins  Werk  zu  setzen  sein.  Sie  präjudicirt  keiner
unsrer  politischen  Entschließungen,  giebt  vielmehr  derselben  erst
die  unentbehrliche  Grundlage  der  momentanen  Sicherheit  im
eignen  Hause."“

Der  Befehl,  fünf  Armeekorps  mobil  zu  machen,  erging  nun
sofort;  bis  zum  12.  Mai  wurde  in  rascher  Folge  die  ganze
Armee  in  Kriegsbereitschaft  gesetzt.  Die  Anerbietungen  des
Freiherrn  von  Gablenz  zerschlugen  sich  trotz  Bismarcks  Entgegenkommen
  am  25.  Mai.  Denn  Kaiser  Franz  Josef  erteilte
an  diesem  Tage  in  einer  Audienz  den  Bescheid,  es  sei  zu  be-
        <pb n="275" />
        264  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

dauern,  daß  diese  Vorschläge  nicht  vor  sechs  bis  acht  Wochen
gemacht  worden  seien;  jetzt  sei  es  zu  spät;  das  Mißtrauen  sei
auf  beiden  Seiten  schon  zu  groß.  Abermals  erschien  Österreich
als  der  Friedensstörer.  In  denselben  Tagen  scheiterte  der  Kongreßgedanke,
  zu  dem  Preußen  sich  freundlich  stellte,  an  dem
Widerstande  Osterreichs;  es  stellte  die  Bedingung,  daß  keine
Macht  einen  Gebietszuwachs  erlange;  das  war  für  Italien
und  auch  für  das  hoffende  Frankreich  unannehmbar.  Napoleon
machte  Mitteilung  von  der  Ablehnung;  Österreich  trage  jetzt
allein  die  Verantwortung  für  den  Krieg;  Frankreichs  wohlwollende
  Neutralität  sei  Preußen  nunmehr  gesichert.  Bismarck
konnte  damit  zufrieden  sein.  Er  war  in  allen  Fällen  der  klug
Entgegenkommende  gewesen.

Mitten  in  diese  ereignisvollen  Tage,  deren  Sorgen  und
Mühen  Bismarck  so  belasteten,  daß  er  zeitweise  an  der  Grenze
seiner  Körper=  und  Geisteskräfte  angelangt  war,  fiel  am  7.  Mai
ein  Angriff  auf  sein  Leben,  der  um  eines  Haaresbreite  ihm  den
Tod  gebracht  hätte.  Am  Abend  dieses  Tages  gegen  halb  sechs
Uhr  kehrte  er  nach  einem  Vortrage  beim  Könige  zu  seiner  Wohnung
  in  der  Wilhelmstraße  zurück.  Als  er  „Unter  den  Linden“
entlang  ging,  hörte  er  in  der  Nähe  der  russischen  Gesandtschaft
hinter  sich  zwei  Schüsse  fallen.  Er  sah  sich  um  und  gewahrte
in  nächster  Nähe  einen  jungen  Menschen  von  einigen  zwanzig
Jahren,  der  zum  dritten  Male  den  Revolver  auf  ihn  anlegte.
Bismarck  sprang  auf  ihn  zuz  da  ging  der  dritte  Schuß  los,  der
abermals  fehlte.  Nun  faßte  er  den  Menschen  an  der  Brust
und  am  rechten  Handgelenk;  sofort  nahm  der  Mordgesell  den
Revolver  in  die  linke  Hand  und  feuerte  rasch  noch  zwei  Schüsse
auf  Bismarck  ab.  Beim  letzten  Schuß  ging  dem  Attentäter  infolge
  der  Umklammerung  seines  Halses  durch  Bismarcks  Faust
die  Luft  aus.  In  diesem  Augenblicke  eilte  der  Buchbindermeister
Bannewitz  hinzu,  entwaffnete  gemeinsam  mit  Bismarck  den
Verbrecher  und  lieferte  ihn  einigen  Soldaten  des  gerade  vorübermaschierenden
  ersten  Bataillons  des  zweiten  Garderegiments
als  Gefangenen  aus.  Bismarcks  Paletot  hatte  die  Kraft  der
Kugeln  geschwächt,  so  daß  nur  eine  einzige  unbedeutende  Ver-
        <pb n="276" />
        Scheitern  des  französischen  Kongreßgedankens.  Attentat  auf  Bismarck  265

letzungen  der  Rippe  hervorbrachte.  Der  Paletot  war  vom  Pulver
der  Schüsse  versengt  und  von  den  Kugeln  durchlöchert.  Bismarck
  begab  sich  nach  dem  Mordversuch  heim.  Dort  ging  er
zuerst  in  sein  Arbeitszimmer,  um  dem  Könige  mit  wenigen
Worten  den  Vorgang  zu  melden  und  trat  dann  in  das  Speisezimmer,
  wo  er  die  Seinigen  beim  Essen  traf.  Er  sagte:  „Es
ist  eben  auf  mich  geschossen  worden;  aber  ich  bin  unversehrt.“
Dann  zergliederte  er  bei  Tisch  den  Fall,  als  ob  er  in  Kniephof
  auf  Jagd  gewesen.  „Als  Jäger  sagte  ich  mir,  die  beiden
letzten  Schüsse  müssen  gesessen  haben.  Ich  konnte  aber  zu
meiner  Verwunderung  bequem  nach  Hause  gehen.  Es  kommt
bei  Rotwild  vor,  daß  eine  Rippe  elastisch  federt,  wenn  die
Kugel  aufschlägt.“  Der  Mordgesell  hieß  Karl  Cohen-Blind.
Er  war  der  Stiefsohn  des  in  London  lebenden  badischen
Flüchtlings  Karl  Blind,  ein  Schüler  der  landwirtschaftlichen
Akademie  in  Hohenheim  (Württemberg),  den  bei  seinem  von
Haus  aus  verdrehten  Wesen  die  maßlosen  Angriffe  der  Gegner
Bismarcks  um  allen  Verstand  gebracht  hatten.  Während  der
Untersuchungshaft  schnitt  er  sich  in  der  auf  den  Mordversuch
folgenden  Nacht  mit  einem  Taschenmesser  die  Adern  auf  und
starb  an  Verblutung.

Unmittelbar  nach  der  Untat  erschien  der  König,  um  seinen
Minister  zu  beglückwünschen,  und  unterhielt  sich  kurze  Zeit  mit
ihm  allein.  Dann  kamen  Prinz  Karl,  der  alte  Feldmarschall
Wrangel,  Generale,  Minister,  Freunde  und  Verehrer,  am  Abend
auch  der  Kronprinz.  Eine  Unzahl  von  Glückwunschadressen,
Depeschen  und  Briefe  trafen  aus  ganz  Deutschland  ein.  Am
8.  Mai  fand  eine  erhebende  Kundgebung  vor  Bismarcks  Amtswohnung
  in  der  Wilhelmstraße  statt.  Das  zweite  Garderegiment,
  das  den  Mörder  verhaftet  hatte,  stellte  die  Musik;
Tausende  von  Menschen  hörten  auf  ihre  Klänge.  Es  wurden
gespielt  Lobet  den  Herrn“  und  das  Preußenlied.  Dann  richtete
Bismarck  an  die  Menge  die  Worte:  „Nehmen  Sie  meinen  Dank
für  diesen  Beweis  Ihrer  Teilnahme.  Seien  Sie  versichert,  daß
ich  mein  Leben  für  unsern  teuern  König  und  für  unser  Vaterland
stets  bereit  bin  hinzugeben,  sei  es  auf  dem  Felde,  sei  es  auf  dem
        <pb n="277" />
        266  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

Straßenpflaster.  Ich  verlange  nichts  Besseres  und  erflehe  als
eine  besondere  Gnade  von  Gott,  daß  mir  ein  solcher  Tod  ver—
gönnt  sei.  Sie  werden  dieses  patriotische  Gefühl  mit  mir  teilen;
darum  ersuche  ich  Sie,  daß  Sie  mit  mir  ausrufen:  Seine
Majestät,  unsrer  teurer  Herr  und  König,  er  lebe  hoch.“  Daß
nicht  nur  die  Tausende  in  der  Wilhelmstraße,  sondern  tausend
und  aber  tausende  in  Preußen  und  jenseits  der  schwarz-weißen
Grenzpfähle  in  den  Dank  gegen  Gott  einstimmten,  das  wissen
wir,  die  wir  diese  Tage  gewaltigen  Ernstes  mit  Bewußtsein
miterlebt  haben.  Es  ging  doch  in  diesen  Maitagen  durch  die
Seele  der  Deutschen,  die  geschichtlich  zu  denken  und  zu  empfinden
wußten,  ein  weltgeschichtlicher  Zug;  man  empfand  es  wie  eine
wunderbare  Fügung,  daß  Bismarck  von  keiner  Kugel  getroffen
war,  und  wie  einen  Richterspruch  weltgeschichtlichen  Glückes
zum  Segen  des  großen  Mannes  und  des  nach  Einheit  und
selbstbewußter  Kraft  sich  sehnenden  deutschen  Volkes.  Am  Abend
des  7.  Mai  begegneten  sich  zum  ersten  Male  Freunde  und  Feinde
Bismarckscher  Politik  eines  Herzens  und  einer  Seele.

Die  großen  Ereignisse  gingen  nun  schnell  ihrer  Lösung  ent—
gegen.  Am  1.  Juni  stellte  Osterreich  den  Streit  um  die  Herzogtümer
  der  Entscheidung  des  Bundestages  anheim,  zugleich  berief
  es  die  holsteinischen  Stände  nach  Itzehoe.  Damit  waren
die  Verträge  zwischen  Osterreich  und  Preußen  zerrissen.  Man
stand  wieder  auf  dem  Boden  des  Wiener  Friedens  vom  30.  Oktober
  1864.  Bismarck  hatte  völlig  freie  Hand.  In  einer  Note
nach  Wien  erklärte  er,  der  König  werde  den  General  von  Manteuffel
  mit  der  Wahrung  der  Preußen  aus  jenem  Frieden  zustehenden
  Souveränitätsrechte  auf  Holstein  beauftragen;  nach
der  Lossagung  vom  Gasteiner  Vertrag  habe  Osterreich  kein
Recht,  die  holsteinischen  Stände  einseitig  zu  bernfen;  dazu  gehöre
  Preußens  Zustimmung.  Zugleich  aber  trat  er  ebenso  energisch
  für  die  Lösung  der  schleswig-holsteinischen  Frage  in  engster
Verknüpfung  mit  der  deutschen  Frage  ein.  Am  9.  Juni  ließ  er
in  Frankfurt  durch  Savigny  eine  dahinzielende  Erklärung  abgeben,
  die  mit  den  Worten  schloß:  „Preußen  erwartet  auch  jetzt
nur  den  Augenblick,  wo  es  diese  Frage  mit  einer  Bundes-
        <pb n="278" />
        Eindruck  des  Attentats  in  Preußen  und  Deutschland  267

gewalt  verhandeln  kann,  in  welcher  die  Mitwirkung  der
nationalen  Vertretung  dem  Einflusse  partikularer  Interessen  das
Gegengewicht  hält  und  die  Bürgschaft  gewährt,  daß  die  von
Preußen  gebrachten  Opfer  schließlich  dem  gesamten  Vaterlande
und  nicht  der  dynastischen  Begehrlichkeit  zugute  kommen.“  Am
10.  Juni  sandte  dann  Peußen  den  deutschen  Regierungen
—  Osterreich  ausgenommen  —  die  Grundzüge  der  neuen
Bundesverfassung,  die  den  Oberbefehl  über  die  Nordarmee  dem
König  von  Preußen,  den  über  die  Südarmee  dem  Könige  von
Bayern,  die  Ausübung  der  gesetzgebenden  Gewalt  dem  Bundestag
  in  Gemeinschaft  mit  einer  Nationalvertretung  übertrug,
wobei  zur  Gültigkeit  der  Beschlüsse  die  Übereinstimmung  der
Mehrheit  des  Bundestages  mit  der  Mehrheit  der  Volksvertretung
  erforderlich  sein  sollte.  Hinsichtlich  des  allgemeinen
Wahlrechts  sollte  es  bei  den  in  dem  früheren  preußischen
Bundesreformentwurfe  gegebenen  Grundsätzen  bleiben.

Das  Bemerkenswerteste  und  auch  wohl  am  meisten  Um—
strittene  ist  die  Forderung  allgemeiner  Wahlen.  Man  hat  ver—
sucht,  diese  der  verzweifelten  Verlegenheit  oder  der  Popularitätshascherei
  oder  aber  einer  gewissen  diplomatischen  Unehrlichkeit
Bismarcks  zuzuschieben.  Er  selbst  hat  solche  Vorwürfe  von  sich
abgewehrt  in  jenen  Tagen,  als  er  die  Vorschläge  beim  Bunde
machen  ließ.  Am  4.  Juni  sagte  er  zu  dem  französischen  Journalisten
  Vilbort,  daß  er  bereits  in  Frankfurt  den  Plan  gefaßt
habe,  Deutschland  von  Österreichs  Joche  zu  befreien,  und  er
fügte  mit  jenen  „großen,  tiefen  und  sanften  Augen,  die  aber
schrecklich  werden  können,  wenn  sie  in  Zornesfeuer  aufblitzen“,
hinzu:  „Niemand  ist  berechtigt,  mir  die  Beleidigung  zuzufügen,
ich  dächte  daran,  Deutschland  mit  meinem  Parlamentsprojekte
zu  mystifizieren.“  Und  wer  das  Schreiben,  das  Bismarck  gerade
am  9.  Juni  an  den  Herzog  Ernst  von  Sachsen  Coburg-Gotha
richtete,  mit  gewissenhafter  Prüfung  liest,  der  muß  sich  überzeugen,
  daß  es  ihm  sehr  ernst  war  mit  diesem  Geschenk,  das
er  vertrauensvoll  dem  deutschen  Volke  machte  mit  bester  Hoffnung
  auf  die  Zukunft.  „Es  ist  unbillig  zu  verlangen,  daß  eine
Generation  oder  sogar  ein  Mann,  sei  es  auch  mein  Aller-
        <pb n="279" />
        268  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

gnädigster  Herr,  an  einem  Tage  gut  machen  soll,  was  Gene—
rationen  unserer  Vorfahren  Jahrhunderte  hindurch  verpfuscht
haben.  Erreichen  wir  jetzt,  was  in  der  Anlage  feststeht,  oder
Besseres,  so  mögen  unsre  Kinder  und  Enkel  den  Block  handlicher
  ausdrechseln  und  poliren.“

Man  würde  nun  fehlgehen,  wenn  man  annähme,  Bismarck
habe  aus  liberalen  Anwandlungen  das  allgemeine  Stimmrecht
gewünscht.  Auf  den  liberalen  Bourgeois  ist  er  niemals  gut  zu
sprechen  gewesen.  Er  hat  das  allgemeine  Stimmrecht  vielmehr
gegeben,  weil  er,  wie  im  Jahre  1848,  so  auch  im  Jahre  1866
das  Vertrauen  hatte,  daß  das  Volk  monarchischer  sei,  als  das
liberale  Bürgertum;  er  wollte  mit  diesem  Wahlrecht  die  elemen—
tare  Kraft  der  Nation  aufrufen  als  Bundesgenossen  gegen
Osterreich,  er  wollte  zeigen,  daß  man  da,  wo  es  sich  um  Errichtung
  eines  nationalen  Staates  handelte,  es  nicht  nur  mit
einem  Könige  und  seinem  Minister,  sondern  mit  einem  ganzen
Volke  zu  tun  habe.  Felsenfestes  Vertrauen  auf  nationale
Pflichterfüllung  des  Volkes  hat  Bismarck  diese  Waffe  in  die
Hand  gegeben,  um  sie  dem  Volke  zu  schenken.  Hat  er  sich  in
diesem  Vertrauen  getäuscht,  so  ist  das  nicht  seine  Schuld;  doch
braucht  man  an  Deutschlands  Entwicklung  nicht  zu  verzweifeln,
so  lange  noch  nicht  aller  Tage  Abend  ist.  Wir  wissen  doch,  daß
nicht  allein  Bismarck,  daß  auch  die  Generation  nach  ihm  an
republikanischen  Ideen  gekrankt  haben,  daß  mancher,  der  heute
monarchisch  gesinnt  ist  bis  auf  die  Knochen,  in  seiner  frühen
Jugend  anders  dachte,  daß  überhaupt  in  unserem  Liberalismus
in  monarchischer  Richtung  sich  eine  starke  Umwandlung  —  dank
Bismarcks  Wirken  —  vollzogen  hat  durch  Blut  und  Eisen  der
nationalen  Kämpfe  von  1864  bis  1871.  Sollte  nicht  —  nach
Bismarcks  oben  erwähntem  Wunsche  —  die  Zukunft  den  „Block“
des  Deutschen  Reiches  weiter  ausdrechseln  und  polieren?  Und
war  denn  nicht  die  Hoffnung  gerechtfertigt,  daß  dereinst,  vielleicht
  in  einer  Zeit,  wo  wiederum  mit  Blut  und  Eisen  das
deutsche  Volk  um  sein  Bestehen  zu  kämpfen  hätte,  ein  neuer
Hohenzoller  und  ein  neuer  großer  Staatsmann  das  deutsche
Volk  des  Vertrauens  würdig  finden  würden,  das  Bismarck  zu
        <pb n="280" />
        Preußens  Bundesreformentwurf.  Ausbruch  des  Krieges  269

ihm  gehegt  hat,  als  er  ihm  das  allgemeine  Wahlrecht  schenkte?
Gerade  der  Krieg,  in  dessen  Mitte  wir  heute  stehen,  der  das
noch  vor  kurzem  scheinbar  in  Parteien  hoffnungslos  zerklüftete
deutsche  Volk  mit  einemmal  in  einer  wunderbaren  Einigkeit  voll
begeisterter  Hingebung  an  Kaiser  und  Reich  sich  erheben  sah,  hat
es  ja  bewiesen  und  wird  es  noch  weiter  beweisen,  daß  Bismarck
in  seinem  felsenfesten  Vertrauen  zu  des  deutschen  Volkes  großem
Geist  und  gesundem  Sinn  sich  nicht  getäuscht  hat.

Am  7.  Juni  überschritt  Manteuffel  die  Eider  und  besetzte,  wozu
ihm  der  Wiener  Friede  ein  Recht  gab,  Holstein,  rücksichtsvoll  aber
nur  die  von  den  Osterreichern  nicht  besetzten  Orte.  Am  12.  Juni
verließ  General  von  Gablenz  mit  den  österreichischen  Truppen
Holstein  und  ging  nach  Böhmen.  Am  14.  Juni  stellte  Osterreich
  den  Antrag  beim  Bunde  auf  schleunige  Mobilmachung
des  Bundesheeres  mit  Ausnahme  des  preußischen  Teiles.  Die
Majorität  stimmte  mit  Osterreich.  Damit  war  der  Krieg  erklärt.
  Was  in  Bismarcks  Seele  vorging,  sagte  die  Provinzialkorrespondenz
  mit  Worten,  deren  Urheberrecht  in  seinem  Herzen
und  Verstande  wohnte:  „Der  144.  Juni  ist  in  der  Geschichte
Deutschlands  fortan  ein  Tag  von  dauernder  Bedeutung.  An
diesem  Tage  ist  der  Bund  in  seiner  bisherigen  Gestalt  vernichtet
worden.  OÖstreich  gedachte  den  Bund  gegen  Preußen  ins  Feld
zu  führen:  daran  ist  er  zu  Grunde  gegangen.  Statt  des  alten
machtlosen  Bundes  soll  eine  neue  Verbindung  deutscher  Fürsten
und  Völker  auf  den  Grundlagen  wahrer  Macht  und  echter
Freiheit  errichtet  werden.  Preußen  soll  in  diesem  Bunde  die
Stellung  einnehmen,  welche  ihm  nach  seiner  wirklichen  Bedeutung
  und  nach  seinen  Leistungen  für  Deutschland  gebührt.“
Und  als  Bismarck  um  Mitternacht  am  14.  Juni  mit  dem  englischen
  Botschafter  Lord  Loftus  im  Garten  des  Ministeriums
sich  erging,  sagte  er:  „Wenn  wir  geschlagen  werden,  kehre
ich  nicht  hierher  zurück.  Ich  werde  beim  letzten  Angriff  fallen.
Man  kann  nur  einmal  sterben,  und  es  ist  auch  besser  zu  sterben
als  geschlagen  zu  sein.“

Bismarck  sollte  heimkehren.  Die  preußische  Armee  entsprach
der  Siegeszuversicht,  die  General  Gustav  von  Alvensleben
        <pb n="281" />
        270  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

äußerte,  als  Bismarck  ihn  über  den  Ausgang  einer  ersten  Hauptschlacht
  fragte:  „Wir  laufen  sie  über,  daß  sie  die  Beine  gen
Himmel  kehren.“  Der  Waffengang  war  kurz  und  siegreich.
Hannover,  Sachsen  und  Kurhessen,  von  denen  Bismarck  nur
Neutralität,  nicht  Waffengenossenschaft  gegen  Osterreich  verlangt
  hatte,  standen  trotzdem  gegen  Preußen;  sie  wurden  mit
einer  Geschwindigkeit  besetzt,  die  Wiener  Blätter  damals  als
eine  „affenartige"“  bezeichneten.  Bismarcks  Geist  war  mit  diesem
Ansturm;  denn  am  17.  Juni  schrieb  er  an  Roon:  „Ist  denn
Manteuffel  in  Harburg  durch  irgend  welchen  Militärbefehl
festgenagelt?  Ich  hoffte,  er  würde  fliegen!“  Am  28.  und
29.  Juni  kam  Siegesnachricht  auf  Siegesnachricht  von  Böhmen
nach  Berlin.  Große  Volksmassen  versammelten  sich  vor  dem
Palais  des  Königs,  des  Kronprinzen  und  des  Prinzen  Friedrich
Karl.  Als  Bismarck  aus  dem  Königlichen  Palais  kam,  wurde
er  von  begeisterten  Massen  empfangen;z  vor  seiner  Wohnung
setzten  sich  ähnliche  Szenen  fort.  Er  mußte  auf  seinem  Balkon
erscheinen  und  sprach  zu  der  Menge:  „Gott  hat  uns  gestern
und  vorgestern  Siege  gegeben.  Nächst  Gott  verdanken  wir
diese  Siege  unserm  Allerhöchsten  Kriegsherrn,  dem  Könige.  Er
hat  von  Jugend  auf  sich  bemüht,  uns  eine  tapfre  Armee  zu
schaffen;  als  er  sie  hatte,  hat  es  ihn  viel  Mühe  und  Kampf
gekostet,  sse  zu  erhalten.  Jetzt  sehen  Sie,  daß  er  Recht  gehabt
hat.  Ohne  des  Königs  Pläne  wäre  es  nicht  möglich  gewesen,
solche  Siege  zu  erstreiten.  Darum  danken  wir  Gott,  und  lassen
Sie  uns  den  König,  den  Schöpfer  dieses  Kriegsheeres  loben
—  der  Himmel  gebe  seinen  Segen  dazu!“  Nach  dem  von  ihm
ausgebrachten  und  stürmisch  erwiderten  Hoch  auf  den  König
und  die  Armee  mahnte  Bismarck,  noch  der  Verwundeten  und
der  Zurückgebliebenen,  der  Witwen  und  Waisen  zu  gedenken,
und  als  der  Donner  eines  heraufziehenden  Gewitters  seine
Worte  begleitete,  rief  er:  „Der  Himmel  schießt  Salut!“  —
Am  30.  Juni  in  der  Frühe  reiste  der  König  nach  Böhmen  ab,
mit  ihm  Bismarck,  Roon  und  Moltke,  „alle  drei  vereint  in
ersprießlicher  Waffenbrüderschaft  wirkend"“,  wie  Roon  später
schrieb.  Am  1.  Juli  war  man  in  Sichrow  in  Böhmen.  Von
        <pb n="282" />
        Die  ersten  Siege.  Die  Schlacht  von  Königgrätz  271

dort  schrieb  Bismarck  an  seine  Frau:  „Wir  sind  heut  von
Reichenberg  aufgebrochen,  eben  hier  eingetroffen.  Die  ganze
Reise  war  eine  gefährliche  und  ich  bin  froh  keine  Verantwortung
  dafür  zu  haben.  Die  Ostreicher  konnten  gestern,  wenn
sie  Cavallerie  von  Leitmeritz  geschickt  hätten,  den  König  und
uns  alle  aufheben  ..  Wir  begegnen  überall  Gefangnen,  es
sollen  schon  über  15000  sein  nach  den  hier  vorliegenden  Angaben.
  Gitschin  ist  gestern  von  uns  mit  Bajonett  genommen,
Frankfurter  Division,  Gen.  Tümpling  an  Hüfte  schwer  verwundet,
  nicht  tödtlich.  Hitze  furchtbar,  Zufuhr  von  Proviant
schwer.  Unsre  Truppen  leiden  von  Mattigkeit  und  Hunger.  Im
Lande  bis  hier  nicht  viel  Spuren  des  Krieges,  außer  zertretnen
Kornfelden.  Die  Leute  fürchten  sich  nicht  vor  den  Soldaten,
stehn  mit  Frau  und  Kind  im  Sonntagsstaat  vor  den  Thüren
und  wundern  sich.“

Am  3.  Juli  folgte  der  Sieg  von  Königgrätz.  Bismarck  befand
  sich  den  ganzen  Tag  in  unmittelbarer  Nähe  seines  Königs
und  der  Generale  in  der  Uniform  des  Landwehrmajors  auf
seinem  riessgen  Fuchs,  unerschrocken  wie  sein  König.  Legationsrat
  Keudell  schildert  ihn  also:  „Wie  er  im  grauen  Mantel
hochaufgerichtet  dasaß  und  die  großen  Augen  unter  dem  Stahlhelme
  glänzten,  gab  er  ein  wunderbares  Bild,  das  mich  an
kindliche  Vorstellungen  von  Riesen  aus  der  nordischen  Urzeit  erinnerte.“
  Der  König  schrieb  an  seine  Gemahlin:  „So  avancierte
die  Infanterie  bis  zum  Thalrande  der  Elbe,  wo  jenseits  dieses.
Flusses  noch  sehr  heftiges  Granatfeuer,  in  das  ich  auch  geriet,
aus  dem  mich  Bismarck  ernstlich  entfernte.“  Wie  das  geschah,
und  über  die  Schlacht  berichtet  dieser  also  an  seine  Frau:
„Der  König  exponirte  sich  am  3.  allerdings  sehr,  und  es  war
gut,  daß  ich  mit  war,  denn  alle  Mahnungen  Anderer  fruchteten
nicht,  und  niemand  hätte  gewagt,  ihn  so  hart  anzureden  wie
ich  es  mir  beim  letzten  Male,  welches  half,  erlaubte,  nachdem
ein  Knäuel  von  10  Kürassieren  und  15  Pferden  vom  6.  Kür.=Reg.
  sich  neben  uns  blutend  wälzte,  und  die  Granaten  den
Herrn  in  unangenehmster  Nähe  umschwirrten.  Die  schlimmste
sprang  zum  Glück  nicht.  Er  kann  mir  noch  nicht  verzeihen
        <pb n="283" />
        272  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

daß  ich  ihm  das  Vergnügen  getroffen  zu  werden  verkümmerte;
„an  der  Stelle,  wo  ich  auf  allerhöchsten  Befehl  wegreiten  mußte“
sagte  er  gestern  noch  mit  gereiztem  Fingerzeig  auf  mich.  Es
ist  mir  aber  doch  lieber  so,  als  wenn  er  die  Vorsicht  übertriebe.
  Er  war  enthustasmirt  über  seine  Truppen,  und  mit
Recht,  so  exaltiert  daß  er  das  Sausen  und  Einschlagen  neben
sich  gar  nicht  zu  merken  schien,  ruhig  und  behaglich  wie  am
Kreuzberg,  und  fand  immer  wieder  Bataillone  denen  er  danken
und  „Guten  Abend,  Grenadiere“,  sagen  mußte,  bis  wir  dann
richtig  wieder  ins  Feuer  hineingetändelt  waren.  Er  hat  aber
so  viel  darüber  hören  müssen,  daß  er  es  künftig  lassen  wird,
und  Du  kannst  ganz  beruhigt  sein;  ich  glaube  auch  kaum  noch
an  eine  wirkliche  Schlacht.“  Ergänzend  fügt  er  einige  Tage
später  hinzu:  „Was  König  und  Granaten  anbelangt,  schrieb
ich  Dir  schon.  Die  Generäle  hatten  alle  den  Aberglauben,
sie,  als  Soldaten,  dürften  dem  Könige  von  Gefahr  nicht  reden,
und  schickten  mich,  der  ich  auch  Major  bin,  jedesmal  an  ihn
ab.  Sie  trauten  sich  nicht  in  dem  ernsten  Tone,  der  schließlich
half,  zu  der  verwegnen  Majestät  zu  reden.  Schließlich  weiß
er  es  mir  doch  Dank,  und  die  spitzen  Reden  „wie  Sie  mich
das  erste  Mal  wegjagten“  2c.  sind  die  Anerkennung,  daß  ich
Recht  hatte.  Niemand  kannte  die  Gegend,  keiner  führte  den
König,  der  nach  Belieben  grade  ausritt,  bis  ich  mich  zum  Wegweiser
  aufwarf.“  Daß  Bismarck  nicht  nur  seinen  Willen,  sondern
  auch  seine  Sporen  an  des  Königs  Pferd  heranbrachte,
damit  dieses  rascher  aus  dem  Feuer  kam,  wissen  wir  aus  späterer
Erzählung  Bismarcks.  Jedenfalls  ein  erhebendes  Bild:  der
König  und  sein  Minister  nicht  nur  vereint  gegen  den  inneren
Gegner,  sondern  auch  vereint  vor  dem  Feinde  im  Feuer  der  Feldschlacht.
  Was  ihnen  hier  zum  Siege  verhalf,  das  sagte  Roon  am
Abend  des  Tages:  „Bismarck,  diesmal  hat  uns  der  brave  Musketier
  noch  einmal  herausgerissen.“  Wie  groß  aber  der  Sieg
war,  das  bestätigte  Moltke  an  demselben  Abend:  „Eure  Majestät
haben  nicht  bloß  die  Schlacht,  sondern  den  Feldzug  gewonnen.“
Und  Bismarck  setzte  auf  der  Höhe  des  Erfolges  mit  kluger
weitausschanender  Mäßigung  hinzu:  „Die  Streitfrage  ist  also
        <pb n="284" />
        Napoleons  Einmischung  273

entschieden;  jetzt  gilt  es  die  alte  Freundschaft  mit  Ostreich
wieder  zu  gewinnen.“  Daß  es  ihm  ernst  mit  dieser  weisen  Maßhaltung
  war,  erfahren  wir  aus  einem  Briefe  an  seine  Fran
vom  9.  Juli:  „Uns  geht  es  gut,  trotz  Napoleon;  wenn  wir
nicht  übertrieben  in  unsren  Ansprüchen  sind  und  nicht  glauben
die  Welt  erobert  zu  haben,  so  werden  wir  auch  einen  Frieden
erlangen  der  der  Mühe  werth  ist.  Aber  wir  sind  ebenso  schnell
berauscht  wie  verzagt,  und  ich  habe  die  undankbare  Aufgabe
Wasser  in  den  brausenden  Wein  zu  gießen  und  geltend  zu
machen  daß  wir  nicht  allein  in  Europa  leben,  sondern  mit  noch
3  Mächten  die  uns  hassen  und  neiden.“

Mit  Napoleon  aber  stand  es  also:  Nach  der  Schlacht  von
Königgrätz  traf  in  der  Nacht  vom  4./5.  Juli  beim  Könige  ein
Telegramm  ein,  in  welchem  Louis  Napoleon  mitteilte,  daß  der
Kaiser  Franz  Josef  ihm  Venetien  abgetreten  und  seine  Vermittlung
  erbeten  habe.  Am  5.  Juli  erschien  eine  Note  im
Moniteur,  die  folgenden  Inhalt  hatte:  „Ein  wichtiges  Ereignis
  hat  sich  zugetragen.  Nachdem  der  Kaiser  von  Östreich  in
Italien  die  Ehre  seiner  Waffen  gewahrt  hat,  schließt  er  sich
den  vom  Kaiser  Napoleon  in  dem  Briefe  vom  11.  Juni  an
seinen  Minister  des  Außeren  niedergelegten  Ideen  an,  tritt
Venetien  an  den  Kaiser  der  Franzosen  ab  und  nimmt  seine
Vermittlung  an,  um  zwischen  den  streitenden  Mächten  den
Frieden  anzubahnen.  Der  Kaiser  Napoleon  hat  sich  beeilt,
diesem  Anruf  zu  entsprechen,  und  hat  sich  sofort  an  die  Könige
von  Preußen  und  Italien  gewendet,  um  einen  Waffenstillstand
herbeizuführen.“  Es  war  klar,  der  glänzende  Erfolg  der
preußischen  Waffen  kam  Napoleon  unerwartet  und  unerwünscht,
und  er  sah  sich  im  Hinblick  auf  die  nationale  Empfindlichkeit,
die  der  preußische  Sieg  bei  „Sadowa“  in  ganz  Frankreich
hervorgerufen  hatte,  genötigt,  aus  seiner  Zurückhaltung  herauszutreten.


Auf  den  König  und  seinen  Minister  machte  die  Depesche
Napoleons  einen  tiefen  Eindruck;  jener  rief  aus  „unglaublich!“
und  Bismarck  fügte  zornig  hinzu,  das  wolle  er  dem  Gallier  vergelten,
  wenn  sich  Gelegenheit  fände.  Gleichwohl  mahnte  die  Lage

A.  Matthias,  Biemarck  18
        <pb n="285" />
        274  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

zur  Ruhe  und  Vorsicht.  Wenn  Italien  die  Vermittlung  annahm,
hatte  Preußen  eine  neue  österreichische  Armee  gegen  sich  und
die  Gefahr  eines  französischen  Angriffs  dazu.  Und  wie  sich
Rußland  der  ungeahnten  Machtentfaltung  Preußens  gegenüber
verhielt,  war  nicht  vorauszusehen.  Bismarck  riet  deshalb  dem
Könige  Napoleon  hinzuhalten,  aber  mit  Ablehnung  jedes
Waffenstillstandes  sohne  Friedensbürgschaften.  Man  erklärte
sich  also  bereit,  über  die  Mittel  zur  Herstellung  des  Friedens.
sich  zu  verständigen.  Der  König  werde  durch  seinen  Gesandten
die  Bedingungen  angeben,  unter  welchen  die  militärische  Lage
und  Preußens  Verpflichtungen  gegen  den  König  von  Italien
es  erlauben  würden,  einen  Waffenstillstand  zu  schließen.

Da  Bismarck  dem  Könige  in  diesen  Tagen  kriegerischen
Dranges  nicht  eingehend  Vortrag  halten  konnte,  so  gab  er
am  9.  Juli,  zum  Teil  auf  eigene  Gefahr  hin,  dem  Pariser
Gesandten,  Grafen  Goltz,  nur  allgemeine  Gesichtspunkte  zur
Behandlung  der  Frage  an  die  Hand.  Diese  gingen  dahin,
daß  die  öffentliche  Meinung  in  Preußen  die  Einverleibung
Sachsens,  Hannovers  und  Hessens  verlange,  was  gewiß  für
alle  Beteiligten  die  zweckmäßigste  Lösung  wäre,  wenn  sie  sich
ohne  Abtretung  anderen  preußischen  Gebietes  erreichen  ließe.
Seinerseits  finde  er  den  Unterschied  zwischen  einer  für  Preußen
hinreichend  günstigen  Bundesreform  und  dem  unmittelbaren
Erwerb  jener  Länder  nicht  groß  genug,  um  das  Schicksal
der  Monarchie  von  neuem  aufs  Spiel  zu  setzen.  Preußens
politisches  Bedürfnis  beschränke  sich  auf  die  Verfügung  über
die  Kräfte  Norddeutschlands  in  irgend  einer  Form.  Hier  gebraucht
  Bismarck  zum  ersten  Male  den  Ausdruck  „Norddeutscher
Bund,  und  bemerkt  dazu,  er  spreche  das  Wort  ganz  unbedenklich
  aus,  weil  er  es,  wenn  die  nötige  Konsolidierung
des  Bundes  gewonnen  werden  solle,  zur  Zeit  noch  für  unmöglich
  halte,  auch  Süddeutschland  heranzuziehen.  Am  Schlusse
ersucht  Bismarck  den  Gesandten  festzustellen,  welchen  Eindruck
diese  Stellungnahme  Preußens  bei  Napoleon  hervorgerufen
habe  und  welche  außerdeutschen  Kompensationen  Frankreich
  verlangen  würde,  wenn  Preußen  die  Annexion  von
        <pb n="286" />
        Napoleons  Einmischung  275

Sachsen,  Hannover,  Kurhessen  und  Nassau  fordere.  Jedenfalls
  solle  Goltz,  ohne  zu  drohen,  durchblicken  lassen,  daß
Preußen  einen  im  Verhältnis  zu  seinen  Erfolgen  unehren—
vollen  Frieden  nicht  anzunehmen  fest  entschlossen  sei.  Für
den  Fall,  daß  Frankreich  eine  drohende  Haltung  annehme,
stellt  Bismarck  eine  nationale  Erhebung  Deutschlands  auf
der  vollen  Grundlage  der  Reichsverfassung  von  1849  und
die  Anwendung  jedes  Mittels  ohne  Rücksicht  auf  irgend  einen
Parteistandpunkt  zur  Kräftigung  des  Widerstandes  der  Nation
in  Aussicht.

Diese  Anweisung  vom  9.  Juli  ist  ein  Meisterstück.  Bismarck
  konnte  nicht  wissen,  was  wir  heute  wissen,  daß  Frankreichs
  Heereskraft  so  schwach  war,  wie  es  sich  bei  den  Be—
ratungen  in  St.  Cloud  in  diesen  Tagen  Kaiser  Napoleon  von
seinem  Minister  Lavalette  sagen  lassen  mußte;  er  konnte  ebenso—
wenig  einen  klaren  Einblick  haben,  wie  schwach  überhaupt  die
ganze  Position  in  Paris  war,  wo  man  planlos  hin  und  her  schwankte
auf  unruhigen  Wogen  des  Zweifelns  und  der  Bedenklichkeiten.
Dem  Ungewissen  gegenüber  war  also  klärende  Hinhaltung  das
beste  Mittel.  Bismarck  war  übrigens  auch  dadurch  gehemmt,  daß
seine  Ziele  von  den  Wünschen  seines  Königs  stark  abwichen.  Dieser
hatte,  als  das  Napoleonische  Telegramm  am  4.  Juli  wie  eine
Bombe  ins  preußische  Feldlager  fiel,  die  Friedensbedingungen
also  skizziert:  „Bundesreform  unter  preußischer  Leitung,  Erwerb
  Schleswig-Holsteins,  Osterreichisch-Schlesiens,  eines  böhmischen
  Grenzstrichs,  Ostfrieslands,  Ersetzung  der  feindlichen
Souveräne  von  Hannover,  Kurhessen,  Meiningen,  Nassau  durch
ihre  Thronfolger.“

In  der  Nacht  vom  14.  zum  12.  Juli  erschien  nun  in  Zwittan
in  Böhmen  urplötzlich  der  französische  Botschafter  in  Berlin,  Graf
Benedetti,  vor  Bismarcks  Bette,  um  mit  ihm  zu  verhandeln.  Bismarck
  erkannte  bald,  daß  dieser  ohne  bestimmte  Instruktionen
war  und  selber  nicht  recht  wußte,  was  er  sollte;  mit  großem
Geschick  holte  er  deshalb  den  Franzosen  soweit  aus,  als  überhaupt
  etwas  auszuholen  war.  Er  bewegte  sich  in  den  Forderungen,
die  er  Goltz  mitgeteilt  hatte,  und  mischte,  ohne  Verbindlichkeiten

18*
        <pb n="287" />
        276  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

einzugehen,  Klagen  und  Drohungen  durcheinander.  Benedetti
erklärte  für  die  Grundlinie  der  napoleonischen  Politik,  daß  eine
Vergrößerung  Preußens  um  höchstens  vier  Millionen  Seelen
in  Norddeutschland  —  welcher  Art  diese  Seelen  sein  dürften,
verriet  er  nicht  —  unter  Festhaltung  der  Mainlinie  als  Süd—
grenze,  keine  französische  Einmischung  nach  sich  ziehen  werde.
Er  hoffte  also  wohl,  wie  Bismarck  vermutete,  auf  einen  süd—
deutschen  Bund  als  Zweiggeschäft  der  französischen  Hauptfirma.
  Am  15.  Juli  verließ  Benedetti  das  Hauptquartier  in
Brünn,  um  über  Wien  nach  Paris  zu  gehen.  Er  erhielt  aber
Gegenbefehl,  kehrte  zurück  und  begleitete  das  Hauptquartier
weiter,  im  wesentlichen  als  Zuschauer.

In  diesem  Hauptquartier,  in  dem  militärischer  und  politischer
  Generalstab  gleichsam  vereinigt  waren,  ereigneten  sich  sehr
ernste  Dinge.  Der  König  und  Bismarck  waren  nicht  eines
Sinnes  und  eines  Zieles.  Gegen  den  20.  Juli  —  bestimmt
läßt  sich  der  Tag  nicht  feststellen  —  fand  unter  dem  Vorsitze
des  Königs  in  Nikolsburg  eine  Art  von  Kriegsrat  statt,  in
dem  zur  Entscheidung  stand,  ob  und  unter  welchen  Bedingungen
Friede  zu  machen  oder  ob  der  Krieg  fortzusetzen  sei.  Verschiedentlich
  hatte  Bismarck  mit  dem  österreichischen  Unterhändler
Grafen  Kärolyi  die  Bedingungen  für  den  Frieden  beraten  und
vereinbart,  daß  Preußen  sich  befriedigt  gebe,  wenn  Ssterreich
aus  dem  Deutschen  Bunde  austrete  und  die  Einrichtungen,  die
der  König  in  Norddeutschland  treffen  werde,  vorbehaltlich  der
Unversehrtheit  Sachsens,  anerkenne.

Bismarck  litt  in  diesen  Tagen  an  großer  Abspannung,  auch
wohl  an  Nervenschmerzen.  Deshalb  mußte  die  Beratung  in
seinem  Zimmer  abgehalten  werden.  Er  trug  seine  überzeugung
  vor,  daß  auf  die  genannten,  von  Osterreich  bewilligten
Bedingungen  hin  der  Friede  geschlossen  werden  müsse;  blieb
aber  mit  seinen  Vorschlägen  allein;  der  König  trat  der  mili—
tärischen  Mehrheit  bei,  die  für  weiteres  Vorrücken  war.  Das
hielten  des  Mannes  Nerven  nicht  aus,  der  Tag  und  Nacht
unter  angreifenden  Eindrücken  gelebt;  er  stand  schweigend  auf,
ging  in  sein  anstoßendes  Schlafzimmer  und  wurde  dort  von
        <pb n="288" />
        Nikolsburg  277

einem  Weinkrampf  befallen.  Währenddessen  brachen  die  im
Nebenzimmer  Versammelten  auf.

Bismarck  brachte  nun  die  Gründe,  die  für  den  Friedensschluß
  sprachen,  zu  Papier  und  bat  den  König,  wenn  er  diesen
seinen  verantwortlichen  Rat  nicht  annehmen  wolle,  ihn  seiner
Imter  als  Minister  bei  Weiterführung  des  Krieges  zu  entheben.
  Er  war,  wie  er  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“
es  ausdrückt,  „der  einzige  im  Lager,  dem  eine  politische  Verantwortlichkeit
  als  Minister  oblag  und  der  sich  notwendig  der
Situation  gegenüber  eine  Meinung  bilden  und  einen  Entschluß
fassen  mußte,  ohne  sich  für  den  Ausfall  auf  irgendeine  andere
Autorität  in  Gestalt  kollegialischen  Beschlusses  oder  höheren
Befehles  berufen  zu  können“.  Er  war  von  dem  Bewußtsein
durchdrungen,  daß  dieser  Krieg  im  wesentlichen  eine  Etappe
zur  deutschen  Einheit  sei  und  daß  nach  historischer  Konsequenz
ein  Krieg  mit  Frankreich  folgen  werde.  Er  konnte  zwar  die
Gestaltung  der  Zukunft  und  das  von  ihr  abhängige  Urteil  der
Welt  ebensowenig  voraussehen  wie  irgend  ein  anderer,  aber  er
war  gleichwohl  bereit,  die  Meinung,  die  er  sich  in  sorgsamer  Überlegung
  der  Zukunft  von  Preußens  Stellung  in  Deutschland  und
seiner.  Beziehungen  zu  Österreich  gebildet  hatte,  zu  verantworten
und  bei  dem  Könige  zu  vertreten.  Daß  man  ihn  im  Generalstabe
  den  „Questenberg  im  Lager“  nannte,  wußte  er;  schmeichelhaft
  war  für  ihn  der  Vergleich  mit  jenem  unsympathischen
Diplomaten  nicht;  aber  was  hatte  er  in  dieser  Beziehung  nicht
schon  alles  auf  sich  nehmen  müssen!

Er  ging  also  mit  seinem  Schriftstücke  zum  Könige.  Dort
entwickelte  er  seine  Gründe,  die  ihn  bestimmten,  zum  Frieden
zu  raten.  Österreich  schwer  zu  verwunden,  dauernde  Bitterkeit
und  Revanchebedürfnis  mehr  als  nötig  zu  hinterlassen,  müsse
Preußen  vermeiden,  vielmehr  müsse  es  die  Möglichkeit,  mit  dem
heutigen  Gegner  sich  zu  befreunden,  wahren  und  jedenfalls
den  österreichischen  Staat  als  „einen  Stein  im  europäischen
Schachbrett“  und  „die  Ernenerung  guter  Beziehungen  mit  ihm
als  einen  für  Preußen  offen  zu  haltenden  Schachzug“  ansehen.
Würde  Osterreich  schwer  geschädigt,  so  würde  es  der  Bundes-
        <pb n="289" />
        278  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

genosse  Frankreichs.  Eine  längere  Fortsetzung  des  Krieges
verspreche  nicht  mit  Sicherheit  Erfolge,  wie  die  bisher  er—
kämpften  glänzenden  Siege;  Frankreichs  Einmischung  diplomatischer
  oder  militärischer  Art  käme  man  am  besten  durch
den  Frieden  zuvor.

Des  Königs  Ansprüche  waren  seit  dem  4.  Juli  offenbar
gewachsen,  der  Hauptschuldige,  so  meinte  er,  könne  doch
nicht  ungestraft  ausgehen;  die  verführten  kleineren  deutschen
Staaten  dürfe  man  dann  leichter  davon  kommen  lassen;  er  bestand
  auf  der  Forderung  von  Gebietsabtretungen  seitens  Osterreichs.
  Darauf  erwiderte  Bismarck,  ein  Richteramt  habe  Preußen
nicht  zu  üben;  Osterreichs  Rivalitätskampf  gegen  Preußen  sei
nicht  strafbarer  als  der  preußische  gegen  Osterreich;  Preußens
Aufgabe  sei  Herstellung  oder  Anbahnung  deutsch-nationaler  Einheit
  unter  Leitung  von  Preußens  König.  Dann  kam  der  König
auf  Erwerbungen  von  den  deutschen  Staaten  durch  Beschneidung
der  Länder  verschiedener  Gegner.  Bismarck  wiederholte,  daß
Preußen  auch  hier  nicht  vergeltende  Gerechtigkeit,  sondern  Politik
zu  treiben  habe;  es  müsse  vermieden  werden,  durch  verstümmelte
Besitze  sich  unzuverlässige  Bundesgenossen  zu  schaffen.  Die  Anbahnung
  zukünftiger  eng  geschlossener  Einheit  und  Einmütigkeit
also  wollte  Bismarck  unter  keinen  Umständen  preisgeben.  Der
König  aber  beharrte  bei  seinen  Absichten;  vor  allem  zeigte  er
eine  starke  Abneigung  gegen  die  Unterbrechung  des  Siegeslaufes
seiner  Armee.  Und  hier  hatte  er  seine  militärischen  Berater
fast  geschlossen  hinter  sich.

Eine  Verlängerung  der  Erörterung  war  somit  unmöglich;
Bismarck  hatte  den  Eindruck,  seine  Auffassung  sei  abgelehnt.
Er  verließ  deshalb  das  Zimmer  mit  dem  Gedanken,  den  König
zu  bitten,  daß  er  ihm  erlauben  möge,  in  seiner  Eigenschaft  als
Offizier  in  sein  Regiment  einzutreten  und  damit  den  Ministerposten
  dranzugeben.  In  sein  Zimmer  zurückgekehrt,  war  er  in
der  Stimmung,  daß  ihm  der  Gedanke  nahe  trat,  ob  es  nicht
besser  sei,  aus  dem  offenstehenden,  vier  Stock  hohen  Fenster
zu  fallen;  und  er  sah  sich  nicht  um,  als  er  die  Tür  öffnen
hörte,  obwohl  er  vermutete,  daß  der  Eintretende  der  Kronprinz
        <pb n="290" />
        Nikolsburg.  Friedenspräliminarien  279

sei,  an  dessen  Zimmer  Bismarck  auf  dem  Korridor  vorüber—
gegangen  war.  Bismarck  fühlte  des  Kronprinzen  Hand  auf
seiner  Schulter;  dieser  sagte:  „Sie  wissen,  daß  ich  gegen  den
Krieg  gewesen  bin,  Sie  haben  ihn  für  notwendig  gehalten  und
tragen  die  Verantwortlichkeit  dafür.  Wenn  Sie  nun  überzeugt
sind,  daß  der  Zweck  erreicht  ist  und  jetzt  Friede  geschlossen  werden
muß,  so  bin  ich  bereit,  Ihnen  beizustehen  und  Ihre  Meinung
bei  meinem  Vater  zu  vertreten.“  Der  Kronprinz  begab  sich  dann
zum  Könige,  kam  nach  einer  kleinen  halben  Stunde  zurück  in
derselben  ruhigen  und  freundlichen  Stimmung  mit  den  Worten:
„Es  hat  sehr  schwer  gehalten,  aber  mein  Vater  hat  zugestimmt.“
  Diese  Zustimmung  fand  ihren  Ausdruck  in  einer
vom  Könige  mit  Bleistift  an  den  Nand  einer  der  letzten
Eingaben  geschriebenen  Bemerkung  ungefähr  des  Inhalts:
„Nachdem  mein  Ministerpräsident  mich  vor  dem  Feinde  im
Stiche  läßt  und  ich  hier  außer  stande  bin,  ihn  zu  ersetzen,  habe
ich  die  Frage  mit  meinem  Sohne  erörtert,  und  da  sich  derselbe
  der  Auffassung  des  Ministerpräsidenten  angeschlossen  hat,
sehe  ich  mich  zu  meinem  Schmerze  gezwungen,  nach  so  glänzenden
  Siegen  der  Armee  in  diesen  sauren  Apfel  zu  beißen  und
einen  so  schmachvollen  Frieden  anzunehmen.“

So  etwa  lauteten  nach  Bismarcks  Erinnerung  die  scharfen
Ausdrücke  des  Königs,  die  indes  den  Diener  seines  Herrn  nicht
zur  Empfindlichkeit  reizten;  er  wußte  es  nachzufühlen,  wie  schwer
es  dem  alten  Soldaten  fiel,  seine  glänzende  Siegeslaufbahn  aus
politischen  Erwägungen  unterbrechen  zu  müssen;  und  noch  bis  in
sein  höchstes  Alter  blieb  es  für  ihn  als  schmerzliche  Erinnerung
zurück,  daß  er  seinen  alten  Herrn,  den  er  persönlich  so  sehr  liebte,
in  heftige  Gemütsbewegung  hatte  versetzen  müssen,  die  aber  im
Interesse  des  Vaterlandes  nicht  zu  vermeiden  war,  wenn  Bismarck
verantwortlich  bleiben  wollte  für  die  preußische  Politik.

Die  Hauptsache  war:  er  hatte  erreicht,  was  erreichbar  und
was  von  Segen  war;  und  er  wußte,  weshalb  es  der  Eile  bedurfte.
Es  zogen  drohende  Wolken  von  Osten  und  Westen  herauf.
Am  24.  Juli  hatte  von  Petersburg  ein  Telegramm  gemeldet,
Kaiser  Alerander  wünsche  lebhaft  den  Zusammentritt  eines
        <pb n="291" />
        280  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

Kongresses,  da  die  in  Nikolsburg  schwebenden  Fragen  nicht
ohne  Zustimmung  Europas  erledigt  werden  könnten.  Die  amt—
liche  Anzeige  dieser  Forderung  konnte  jeden  Augenblick  ein—
treffen.  Dann  war  Preußen  womöglich  dem  Schiedsgericht
seiner  Nachbarn  im  Osten  und  Westen  preisgegeben  und  der
Siegespreis  wie  in  den  Jahren  1813  und  1815  gefährdet.  Und
gerade  als  Bismarck  am  26.  Juli  die  Präliminarien  unterzeichnen
  wollte,  erschien  Benedetti  mit  den  kleinen  französischen
Entschädigungsforderungen  auf  dem  linken  Rheinufer,  die  aber
von  Bismarck  mit  den  Worten  zurückgewiesen  wurde:  „Machen
Sie  mir  heute  keine  amtliche  Mitteilung  dieser  Art.“  Das
hieß  soviel  wie:  „Halten  Sie  mich  nicht  auf  mit  Kleinigkeiten,
  wo  die  Geschichte  ihre  gerechten  Folgerungen  aus  Jahrhunderten
  zieht.“  Die  Präliminarien  wurden  also  unterzeichnet,
ohne  Frankreich  und  Rußland  zu  beteiligen.  Am  28.  vollzog  sie
der  König.  Roon  schreibt  darüber  an  seine  Gattin:  „Die  Friedens-Präliminarien
  sind  heute  unterzeichnet  worden  in  unserer  Gegenwart.
  Als  er  —  der  König  —  dies  vollbracht,  sprang  der  Herr
auf,  umarmte  und  küßte  dankend  und  weinend,  mit  viel  beweglichen
  Worten  zuerst  Bismarck,  dann  mich  und  Moltke,  indem  er
diesem  und  mir  den  Schwarzen  Adler-Orden,  Bismarck  das  Großkreuz
  des  Hohenzollern  verlieh.“  So  herzerwärmend  war  das
Verhältnis  des  großen  Königs  zu  seinen  großen  Helfern.

Am  4.  August  kehrte  der  König  nach  Berlin  zurück,  da  am
folgenden  Tage  der  Landtag  zusammentrat.  Am  Morgen  dieses
Tages  traf  ein  Schreiben  Benedettis  bei  Bismarck  ein  mit  Kompensationsforderungen,
  weil  Napoleon  nicht  zugunsten  Ssterreichs
eingegriffen  habe.  Verlangt  wurden  die  Grenzen  von  1814,  ganz
Rheinbayern  und  Rheinhessen  mit  Mainz,  die  Lösung  des  zwischen
  dem  Deutschen  Bunde  und  Luxemburg  bestehenden  Bundesverhältnisses
  und  die  Aufhebung  des  preußischen  Garnisonrechtes
in  der  Festung  Luxemburg.  Benedetti  hatte  diese  Forderungen
schriftlich  aufgestellt,  weil  er  es  mit  Rücksicht  auf  den  Charakter
Bismarcks  lieber  vermeiden  wollte,  dem  ersten  Eindruck  beizuwohnen,
  den  seine  Eröffnungen  voraussichtlich  hervorrufen
würden.  Er  hatte  nicht  unrecht.  Als  er  am  folgenden  Tage
        <pb n="292" />
        Neue  Forderungen  Napoleons  281

mit  Bismarck  zusammentraf,  sagte  ihm  dieser,  die  Forderungen
seien  der  Krieg;  um  diesen  zu  verhüten,  tue  er  gut,  selbst  nach
Paris  zu  gehen.  Benedetti  aber  gab  nicht  nach  und  bat  Frankreichs
  Bedingungen  —  Bismarck  hatte  das  verweigert  —  dem
Könige  mitzuteilen.  Am  7.  August  gab  ihm  Bismarck  auch  des
Königs  Bescheid:  Kein  Zoll  breit  deutschen  Landes.  Bestehe
Frankreich  auf  seinen  Forderungen,  so  mache  Preußen  mit
Österreich  auf  jede  Bedingung  hin  sofort  Frieden,  gehe  dann
vereinigt  mit  seinem  Bundesgenossen  mit  800000  Mann  über
den  Rhein  und  nehme  den  Elsaß.  Bismarck  schloß  mit  der
Warnung,  ein  solcher  Krieg  werde  unter  gewissen  Umständen
ein  Krieg  mit  revolutionären  Donnerschlägen  sein  (à  coups
révolutionaires)  und  daß  angesichts  solcher  revolutionären  Gefahren
  die  deutschen  Dynastien  doch  wohl  eine  größere  Festigkeir
bewahren  würden,  als  die  des  Kaisers  Napoleon.  Das  wirkte.
Alles  wurde  von  Paris  aus  als  Mißverständnis  zurückgezogen.
Der  Minister  des  Auswärtigen  Drouyn  de  l'’Huys  trat  von
seinem  Amte  zurück.  Die  Politik  Bismarcks  hatte  einen  neuen
glänzenden  Erfolg  mehr  zu  verzeichnen.

Nun  war  noch  mit  den  kleineren  Gegnern  abzurechnen.
Am  28.  Juli  schon  hatte  Roon  an  seine  Gattin  geschrieben:
„Jetzt  kommen  die  Büßenden  alle.“  Ihr  Wunsch  gemeinsamer
Verhandlungen  wurde  abgewiesen,  sie  selber  zunächst  auch.
Beim  Abschluß  des  Waffenstillstandes  standen  preußische  Truppen
in  Bayreuth  und  Rürnberg  auf  München  zu  mit  Ausstrahlungen
nach  Heidelberg,  Mannheim  und  Darmstadt.  Hannover  und
Hessen  waren  schon  im  Juni  unschädlich  gemacht.  Daß  sie  ebenso
wie  Hessen-NRassau  annektiert  würden,  erschien  Bismarck  aus
politischen  Gesichtspunkten  selbstverständlich;  diese  Staaten  lagen
zwischen  preußischen  Gebieten;  der  Gefahr,  daß  sie  nach  dem
jedesmaligen  Ermessen  des  Souveräns  für  oder  gegen  Preußen
ins  Feld  zogen,  konnte  sich  Preußen  nicht  aussetzen;  mit  Hessen-Rassau
  in  unmittelbarer  Rähe  von  Coblenz  stand  es  ebenso;
die  Nassauer  erschienen  auch  bei  König  Wilhelm  mit  Deputationen,
  deren  stehende  Rede  war:  „Schütze  Se  uns  vor  dem
Fürste  und  sei"  Jagdknechte.“  Bei  diesen  Staaten  lag  die
        <pb n="293" />
        282  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

Sache  also  klar;  nach  Zerstückelungen  und  Teilabtretungen  wären
weder  Hessen  noch  Hannoveraner  zufriedene  Teilnehmer  des
Norddeutschen  Bundes  geworden.

Die  Verhandlungen  mit  den  übrigen  Bundesstaaten  sind
zum  Teil  Kabinettsstücke  kluger  und  auch  humorvoller  Bismarckscher
  Politik.  Württemberg  kam  zuerst  dran.  Sein  Minister
von  Varnbüler  hatte  sich  beim  Ausbruch  des  Krieges  schroff
gegen  Preußen  gestellt  und  wenig  deutsch  national  gezeigt.  Als
der  Tübinger  Professor  Römer  in  der  zweiten  Kammer  sich  für
Preußens  Integrität  im  Falle  seiner  Niederlage  ausgesprochen
hatte,  antwortete  Varnbüler  mit  einem  vae  victis  den  Preußen.
Jetzt  mußte  er  mit  seiner  „beweglichen  Empfänglichkeit  für  die
politischen  Eindrücke  jeder  Situation“  bei  den  Berliner  Verhandlungen
  die  Folgerungen  ziehen;  er  war,  weil  er  diplomatische
  Sünden  auf  dem  Konto  hatte,  der  geeignetste  Unterhändler
  für  Bismarck.  Dieser  verstand  sich  dazu,  die  Vergangenheit
  zu  vergessen,  und  er  gewann  durch  den  Vorgang  Württembergs
  im  Abschluß  des  Bündnisses  den  Weg  zu  den  andern.
Denn  ein  Bündnis  war  es,  nicht  nur  ein  Frieden.  Dem  Friedensvertrage
  (Unversehrtheit  des  Landes,  Kriegskosten,  Erneuerung
des  Zollvereins)  wurde  nämlich  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis
beigefügt,  nach  welchem  im  Kriegsfall  die  Truppen  Württembergs
  unter  den  Oberbefehl  Preußens  treten  sollten.  Das  geschah
  am  13.  August;  am  17.  folgte  Baden,  dann  kamen  die  nicht
ganz  leichten  Verhandlungen  mit  Bayern.  Hier  trat  Bismarck
zunächst  grob  und  hart  auf;  von  der  Pfordten  hatte  nach  Königgrätz
  mit  Wien  und  Paris  angeknüpft.  Als  er  in  Nikolsburg
erschien,  um  mit  Preußen  zu  verhandeln,  hatte  ihm  Bismarck,
der  von  der  Pfordten  früher  geschätzt  hatte,  barsch  zugerufen:
„Wissen  Sie,  daß  ich  Sie  als  Kriegsgefangenen  verhaften  lassen
könnte?"  Ebenso  barsch  waren  die  Friedensforderungen:  Sehr
hohe  Kriegsentschädigung  und  Abtretung  der  nördlich  vom  Main
gelegenen  Hälfte  von  Oberfranken  (200000  Einwohner).  Als
von  der  Pfordten  außer  sich  geriet  und  von  finis  Bavariae
sprach,  zeigte  Bismarck,  der  im  Gegensatz  zu  seinem  König
nicht  für  Gebietsabtretungen  war,  einen  anderen  Weg,  den
        <pb n="294" />
        Bündnisse  mit  den  Mittelstaaten  283

der  Versöhnung  und  des  Bündnisses.  Er  legte  Benedettis
Forderungen  vom  5.  Augnst  vor  und  fragte,  ob  Bayern  bereit
sei,  mit  Preußen,  der  Deutsche  mit  dem  Deutschen,  gegen  jeden
äußeren  Feind  zusammenzustehen.  Da  gehorchte  der  Bayer  der
gebietenden  nationalen  Stunde.  Die  beiden  Männer  umarmten
sich:  Am  22.  August  wurde  auch  dieses  Bündnis  geschlossen.
Am  23.  August  kam  der  Friede  mit  Osterreich  in  Prag  zustande.
  Hessen-Darmstadt  und  Sachsen  blieben  noch  übrig.  Am
3.  September  schloß  Preußen  mit  jenem  Staate  ab;  was  von
Hessen-Oarmstadt  nördlich  vom  Main  lag,  sollte  dem  Norddeutschen
  Bunde  beitreten.  Eines  besonderen  Schutz=  und  Trutzbündnisses
  bedurfte  es  hier  also  nicht;  Bismarck  traute  auch  dem
Minister  von  Dalwigk  wegen  seiner  Franzosenfreundlichkeit
nicht;  er  wünschte  die  Schutz=  und  Trutzbündnisse  geheim  zu
halten.  Dalwigk  aber  hätte  sie  wahrscheinlich  an  Napoleon
verraten.  —  Sachsen  schloß  erst  am  21.  Oktober  den  Frieden  ab.
Es  sollte  anfänglich  die  Selbständigkeit  seines  Heerwesens  gänzlich
  dran  geben;  schließlich  wurde  der  Friede  auf  derselben
Grundlage  wie  mit  den  andren  deutschen  Staaten  geschlossen,
nur  daß  Sachsen  dem  Norddeutschen  Bunde  beitrat.  Bismarck
war  an  diesem  Abschluß  nicht  beteiligt;  in  den  Herbstmonaten
lag  er  krank  darnieder.

Denn  außer  den  Friedensverhandlung  mit  all  den  Gegnern
nahmen  ihn  die  Mühen  um  den  inneren  Frieden  so  in  Anspruch,
  daß  seine  Kräfte  des  Geistes  und  Gemüts  und  sein
Körper  schließlich  den  Gehorsam  versagten.

Dieser  innere  Friede  war  für  ihn  eine  nationale  Frage
ersten  Ranges.  Es  durfte  dem  Auslande  keine  Spur  von  vorhandenen
  oder  bevorstehenden  Hemmnissen  der  nationalen  Kraft
durch  die  innere  Lage  gezeigt  werden,  sondern  nur  die  einige
nationale  Stimmung  zur  Anschauung  kommen,  zumal  da  sich
gar  nicht  voraussehen  ließ,  wann  und  mit  welchen  Bundesgenossen
  das  gereizte  Frankreich  losschlagen  würde.

Während  bei  Königgrätz  gekämpft  wurde,  wählte  man  zum
neuen  Abgeordnetenhause  in  der  Heimat.  Fast  die  Hälfte  der
neuen  Männer  bestand  aus  überzeugten  Anhängern  Bismarcks;
        <pb n="295" />
        284  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

gemäßigte  Liberale  waren  in  stärkerer  Zahl  gewählt.  Schon
vor  dem  Kriege  hatte  sich  Bismarck  stark  mit  Gedanken  der
Versöhnnng  getragen.  Am  20.  Juni  hatte  er  in  heller
Sommernacht  im  Garten  seiner  Ministerwohnung  ein  Gespräch
mit  dem  Liberalen  von  Unruh,  in  welchem  sich  sehr  deutlich
der  Gedanke  der  Versöhnung  kund  tat.  Diese  Grundstimmung
blieb  in  ihm.  Am  3.  August  befand  er  sich  mit  dem  Könige
in  Prag.  Von  dort  schreibt  er  an  seine  Frau:  „Großer
Zwist  im  Ministerium  über  die  Thronrede;  Lippe  führt  das
große  Wort  im  conservativen  Sinne  gegen  mich,  und  Hans
Kleist  hat  mir  einen  aufgeregten  Brief  geschrieben.  Die  Leutchen
  haben  alle  nicht  genug  zu  thun,  sehn  nichts  als  ihre  eigne
Nase  und  üben  ihre  Schwimmkunst  auf  der  stürmischen  Welle
der  Phrase.  Mit  den  Feinden  wird  man  fertig,  aber  die
Freunde!  Sie  tragen  alle  Schenklappen  und  sehn  nur  Einen
Fleck  von  der  Welt.“  In  diesen  Tagen  trafen  Abgeordnete  der
konservativen  Fraktion  beim  Könige  ein,  die  Versuche  machten,
den  günstigen  Augenblick  dem  ungeschickten  und  ehrgeizigen
Eigensinn  der  Führer  der  Opposition  gegenüber  zu  ergreifen,
um  die  Verfassung  zeitweilig  außer  Kraft  zu  setzen  und  einer
Durchsicht  zu  unterziehen.  Eine  Unterlage  war  geboten  durch
einen  Artikel  der  Verfassungsurkunde,  der  zur  Unterordnung  der
preußischen  unter  eine  neu  zu  schaffende  deutsche  Verfassung  berechtigte.
  Bismarck  setzte  sich  sehr  stark  in  Gegensatz  zu  solchen
Bestrebungen.  Irgendwelche  absolutistische  Versuche  verschütteren
seiner  Meinung  nach  die  Bahn  deutscher  Politik,  schwächten
die  durch  den  Sieg  erreichte  nationale  Kraft  Preußens.  Vor
diesem  Siege  hätte  er  nie  von  „Indemnität“  gesprochenz  jetzt
verlangte  er  diesen  Ausdruck  als  versöhnenden  Einschlag  in
der  Thronrede.  Was  er  darunter  verstanden  wissen  wollte,
legte  er  seinem  Könige  auf  der  Fahrt  von  Prag  nach  Berlin
dar.  Das  Verlangen  nach  Indemnität,  nach  Freisprechung  von
jeder  Schuld,  sei  kein  Eingeständnis  begangenen  Unrechts;  in
der  Gewährung  der  Indemnität  liege  nichts  weiter  als  die
Anerkennung  der  Tatsache,  daß  Regierung  und  König,  wie  die
Dinge  lagen,  richtig  gehandelt  hätten;  die  Regierung  habe  eben
        <pb n="296" />
        Indemmität.  Frieden  mit  der  Volksvertretung  285

den  Spielraum,  der  in  der  Verfassung  liege,  benützt;  Bismarck
wollte  dem  Gegner  jetzt  eine  goldene  Brücke  bauen.  Er  hat
das  dann  auch  den  Abgeordneten  gegenüber  am  1.  September
in  klar  verständlicher  Weise  also  ausgedrückt:  „Je  aufrichtiger
die  königliche  Regierung  den  Frieden  wünscht,  um  so  mehr
fühlen  ihre  Mitglieder  die  Verpflichtung,  sich  jedes  Eingehens
auf  retrospektive  Kritik  zu  enthalten,  sei  es  Abwehr,  seien  es
Angriffe.  Wir  haben  in  den  letzten  vier  Jahren  unsern  Standpunkt
  von  beiden  Seiten  häufig  mit  mehr  oder  weniger  Bitterkeit
  oder  Wohlwollen  vertreten,  keiner  hat  es  in  den  vier  Jahren
vermocht,  den  andern  zu  überzengen,  jeder  hat  geglaubt,  recht  zu
handeln,  wenn  er  so  handelte,  wie  er  es  tat.  Ein  Friedensschluß
würde  auch  in  den  auswärtigen  Verhältnissen  schwerlich  zustande
kommen,  wenn  man  verlangte,  daß  ihm  von  einem  von  beiden
Teilen  das  Bekenntnis  vorhergehen  sollte:  „Ich  sehe  jetzt  ein,  ich
habe  unrecht  gehandelt.—  Wir  wünschen  den  Frieden,  nicht  weil
wir  kampfunfähig  sind  in  diesem  innern  Kampf;  im  Gegenteil,  die
Flut  fließt  in  diesem  Augenblick  mehr  zu  unsern  Gunsten  als  vor
Jahren;  wir  wünschen  ihn  auch  nicht,  um  einer  etwaigen  künftigen
  Anklage  auf  Grund  eines  künftigen  Verantwortlichkeitsgesetzes
  zu  entgehen,  ich  glaube  nicht,  daß  man  uns  anklagen  wird,
ich  glaube  nicht,  daß,  wenn  es  geschieht,  man  uns  verurteilen
wird,  und  wie  dem  auch  sein  möge:  —  man  hat  dem  Ministerium
viel  Vorwürfe  gemacht,  den  der  Furchtsamkeit  noch  nicht!

„Wir  wünschen  den  Frieden,  weil  unsrer  Meinung  nach
das  Vaterland  ihn  im  gegenwärtigen  Augenblicke  in  höherem
Grade  bedarf,  als  früher;  wir  wünschen  ihn  und  suchen  ihn
namentlich  deshalb,  weil  wir  glauben,  ihn  im  gegenwärtigen
Moment  zu  finden,  wir  hätten  ihn  früher  gesucht,  wenn  wir
früher  hätten  hoffen  können,  ihn  zu  finden;  wir  glauben  ihn
zu  finden,  weil  Sie  erkannt  haben  werden,  daß  die  königliche
Regierung  den  Aufgaben,  welche  auch  Sie  in  Ihrer  Mehrzahl
erstreben,  nicht  so  fern  steht,  wie  Sie  vielleicht  vor  Jahren
gedacht  haben,  nicht  so  fern  steht,  wie  das  Schweigen  der  Regierung
  über  manches,  was  verschwiegen  werden  mußte,  Sie
zu  glauben  berechtigen  konnte."
        <pb n="297" />
        286  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866

Es  gelang  Bismarck  seinen  König  zu  überzeugen.  Daß  er
es  fertig  brachte,  ist  einer  seiner  vornehmsten  Erfolge  und  ein
Akt  politischer  und  moralischer  Selbstüberwindung,  die  er  deshalb
  sich  abgewinnen  konnte,  weil  sein  Genie  ebenso  mächtig
war  wie  sein  Mannesstolz.

Am  5.  August,  einem  Sonntag,  hatten  die  Mittagsglocken
den  Frieden  eingeläutet,  als  des  Königs  majestätisch-ehrwürdige
Gestalt  an  der  Spitze  der  Prinzen  seines  Hauses  den  Weißen
Saal  des  königlichen  Schlosses  betrat  und  Bismarck  dem  Könige
die  Thronrede  überreichte.  Erwärmend  und  ergreifend  wirkten
schon  die  kurzen  Worte,  die  von  den  Siegen  und  dem  Heldentod
  der  Kämpfer  sprachen;  reicher  Beifall  aber  durchtönte  den
Saal,  als  die  schlichten  Worte  fielen:  „Ich  hege  das  Vertrauen,
  daß  die  jüngsten  Ereignisse  dazu  beitragen
werden,  die  unerläßliche  Verständigung  insoweit  zu
erzielen,  daß  Meiner  Regierung  in  Bezug  auf  die
ohne  Staatshaushaltsgesetz  geführte  Verwaltung  die
Indemnität,  um  welche  die  Lamndesvertretung  angegangen
  werden  soll,  bereitwillig  erteilt  und  damit
der  bisherige  Konflikt  für  alle  Zeit  zum  Abschluß  gebracht
  werden  wird.“

Der  im  Weißen  Saale  bei  dieser  Stelle  sich  erhebende  Jubel
zitterte  in  vielen  tausend  Herzen  in  Preußen  und  jenseits  der
preußischen  Grenzpfähle  nach;  denn  nunmehr  war  eine  schwere
Sorge  um  Deutschlands  Gegenwart  und  Zukunft  von  ihnen
genommen.

Die  Verhandlungen  des  Landtags  verliefen  erfreulich.  Bismarcks
  berechtigte  Mahnung  am  1.  September  wirkte  heilsam;
er  fügte  ihr  noch  hinzu,  sonst  habe  man  wohl  gesagt:  „Was
das  Schwert  gewonnen  hat,  hat  die  Feder  verdorben“;  er  habe
das  Vertrauen,  daß  man  nicht  hören  werde:  was  Schwert  und
Feder  gewonnen  haben,  ist  von  dieser  Tribüne  vernichtet  worden.
  —  Daß  noch  Mißtöne  erklangen,  ist  im  politischen  Leben
unvermeidbar;  sie  gingen  von  unversöhnlichen,  im  Grunde
recht  kleinlichen  Persönlichkeiten  aus,  die  nichts  vergessen  und
nichts  vergeben  konnten;  aber  auch  aus  Bismarcks  alter  kon-
        <pb n="298" />
        Siegeseinzug.  Bismarcks  Ehrungen  287

—

servativer  Freundschaft  kamen  schon  Mißklänge,  denen  er  die
Mahnung  entgegenstellen  mußte,  man  möge  die  Diskussion  in
dieser  Zeit  doch  nicht  zur  Ablagerung  von  mehr  oder  weniger
feindseligen  Parteiansichten  benützen,  sondern  den  Blick  nur
nach  außen  richten  und  die  Notwendigkeit  im  Auge  behalten,
Rücken  an  Rücken  gegen  das  Ausland  dazustehen.  Jene  Mißklänge
  trugen  jedoch  nur  dazu  bei,  die  Harmonie,  die  jetzt  in
der  Entwicklung  lag,  schöner  zum  Ausklang  zu  bringen  und
dem  hellen  Licht  den  natürlichen  Schatten  zu  geben.

Am  20.  September  ritt  Bismarck  beim  feierlichen  Einzuge
des  siegreichen  Heeres  zwischen  Roon  und  Moltke  vor  seinem
König;  er  war  zum  Generalmajor  und  Chef  des  7.  schweren
Landwehr-Reiterregiments  ernannt.  Der  König  hatte  dazu  geschrieben:
  „Sie  haben  nicht  allein  als  Staatsmann  Ihren
Namen  für  alle  Zeiten  auf  die  Ehrentafeln  Unserer  Geschichte
geschrieben,  sondern  Sie  haben  Mir  auch  als  Soldat  treu  zur
Seite  gestanden,  und  will  Ich  bei  der  heutigen  militärischen
Feier  besonders  dessen  gedenken,  daß  Sie  mir  überall  das  Herz
und  den  Sinn  eines  Soldaten  gezeigt  haben.“  Von  nun  an
brauchte  Bismarck  nicht  mehr  im  steifen  Zivil  dem  Könige
Vortrag  zu  halten.  Dieser  hatte  von  dem  Widerwillen  Bismarcks
  gegen  diese  Tracht  gehört  und  gestattete  ihm  in  seiner
feinen  Art,  er  solle  nur  immer  in  der  Uniform  kommen,  die
er  an  seiner  Seite  bei  Sadowa  getragen.  Das  war  Bismarck
höchst  willkommen;  er  hatte  die  Hoftracht  stets  verabscheut  und,
wenn  er  sie  tragen  mußte,  hatte  das  stets  seine  eigene  Heiterkeit
  erregt.  Zu  dem  Ritterkreuze  des  Hohenzollernordens,  den
Bismarck  besaß,  verlieh  der  König  ihm  die  Schwerter  und  das
schwarz-weiße  Band  als  Erinnerung  an  die  historische  Granate.
Am  25.  September  erwarb  Bismarck  sich  ein  glänzendes  Vertrauensvotum
  im  Abgeordnetenhause;  es  bewilligte  die  durch
den  Krieg  veranlaßten  Ausgaben  bis  zur  Höhe  von  sechzig
Millionen  Talern  und  bezeugte  dadurch,  was  Bismarck  erbeten
hatte,  daß  die  Versöhnung  der  Geister,  daß  die  Absicht,  gemeinschaftlich
  das  Wohl  des  engeren  und  weiteren  Vaterlandes  zu
fördern  eine  aufrichtige  und  tiefgreifende  sei.
        <pb n="299" />
        288  11.  Das  Vorspiel  des  Krieges.  Der  Krieg  1866.

Schon  am  Einzugstage  war  er  bleich  und  angegriffen  wie
von  einem  Krankenlager  erstanden  dahergeritten;  lieber  hätte
der  Erschöpfte  sich  ganz  zurückgezogen.  Daher  mußte  er  bald
die  Arbeit  aufgeben,  da  seine  Kräfte  gänzlich  versagten.  Er  nahm
einen  Erholungsurlaub;  kaum  hatte  er  ihn  begonnen,  da  erkrankte
er  am  6.  Oktober  in  Putbus  an  heftigen  Schmerzen  des  Magens,
denen  man  mit  Opiumeinspritzungen  nur  wenig  Linderung  schaffte.
Seine  Frau  schreibt  während  der  Krankheit:  „Er  liegt  so  blaß,
so  matt,  so  traurig  da,  trotz  allem  Pflegen  und  Sorgen  und
Beten  sieht  er  so  jämmerlich  aus,  wie  seit  1859  nicht.  Ach,
das  ist  so  traurig,  daß  man  stundenlang  weinen  möchte.“  Erst
Anfang  Dezember  war  er  einigermaßen  genesen.

Im  November  bewilligte  das  Abgeordnetenhaus  für  die
Helden  von  1866  Dotationen.  Bismarck  erhielt  400000  Taler,
die  ihm  durch  ein  ehrendes  königliches  Handschreiben  am  7.  Februar
  1867  überwiesen  wurden.  Er  kaufte  dafür  das  gräflich
Blumenthalsche  Gut  Varzin  in  Hinterpommern,  wohin  er  in
Zukunft  aus  überwältigender  Arbeit,  aus  Sorgen  und  Mühen
und  dem  Arger  des  Tages  flüchten  konnte,  um  an  der  Natur
mit  empfänglichem  Blick  und  Gemüt  sich  zu  erfreuen  und  Geist
und  Körper  zu  neuen  Mühen  zu  stärken.
        <pb n="300" />
        12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes.  1867—1870

Dah  den  Mühen  der  letzten  vier  Jahre  wäre  es  Bismarck
zu  gönnen  gewesen,  wenn  er  hätte  dem  Rate  seiner
Freunde  folgen  und  längere  Zeit  der  Ruhe  pflegen  können;  aber
er  wollte,  wie  er  sagte,  das  Eisen  schmieden,  so  lange  es  glühe;
für  ihn  heiße  es,  wie  die  Frauen  in  Pommern  sagten,  wenn  ihre
Stunde  herannahe:  „jetzt  muß  ich  meiner  Gefahr  stehen.“  Ihm
galt  ja  Zeit  seines  Lebens  das  Goethewort:
Der  Lorbeerkranz  ist,  wo  er  Dir  erscheint,
Ein  Zeichen  mehr  des  Leidens  als  des  Glücks.

Schon  auf  dem  Krankenlager  in  Putbus  waren  seine  Gedanken
bei  dem  schweren  Werke,  das  ihm  zu  errichten  oblag,  und  er
diktierte  mancherlei  seiner  Frau  in  die  Feder.  Dann  hatte  er
sich  von  den  Geheimen  Räten  Hepke,  Max  Dunker  und  Lothar
Bucher  Entwürfe  einer  Bundesverfassung  senden  lassen.  Ihr
Ideal  war  ein  straff  vereinheitlichter  Bundesstaat  mit  einem
verantwortlichen  Ministerium,  einem  Oberhaus,  in  dem  die
Fürsten  vertreten  sein  sollten,  und  einem  Unterhaus.  Bismarck
sagten  die  Vorschläge  nicht  zu.  Ein  das  Ganze  zusammenfassendes
  Ministerium  werde  die  Rechte  der  Einzelstaaten  zu
sehr  beengen  und  ihren  Widerspruch  wachrufen;  ein  aus  den
Mitgliedern  der  Dynastien  gebildetes  Oberhaus  würde  von
partikularistischen  Strömungen  erfüllt  sein;  das  Ganze  überhaupt
  zu  umständlich  sich  gestalten.  Er  wollte  —  eine  durch
und  durch  historische  Natur  —  seinen  eigenen  Sdeen,  die  aus
den  deutschen  Verhältnissen  erwachsen  waren  und  die  er  seit
seiner  Denkschrift  von  1861  bis  zu  den  beim  Bundestage  am
10.  Juni  1866  eingereichten  Grundzügen  einer  Bundesreform
sich  ausgebildet  hatte,  treu  bleiben.  Er  knüpfte,  wie  das  auch
sonst  seine  Art  war,  praktisch  an  das  Gegebene  an  und  ließ
den  Bundestag  unter  dem  Namen  Bundesrat  fortbestehen,  setzte

mit  kühnem  und  glücklichem  Griff  diesen  an  die  Stelle  des
A.  Matthias,  Bismarck  19
        <pb n="301" />
        290  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

Reichsministeriums  und  machte  ihn  zur  Regierungsbehörde  des
neuen  Bundesstaates.  Auch  die  Stimmenverteilung  übernahm  er
vom  Bundestagez  wenn  Preußen  dabei  mit  17  unter  43  Stimmen
verhältnismäßig  schlecht  wegkam,  so  hatte  es  dafür  einen  wertvollen
  Ersatz  durch  das  Präsidium  des  Bundes,  das  der  König
übernahm;  dieser  war  betraut  mit  der  vollen  Vertretung  nach
außen,  mit  dem  Recht  der  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden,
mit  der  Überwachung  der  Ausführung  der  Bundesbeschlüsse,  der
Ernennung  aller  Bundesbeamten,  der  Exekutive  gegen  widerspenstige
  Bundesglieder,  dem  Oberbefehl  im  Krieg  und  Frieden
über  das  Bundesheer;  außerdem  stand  die  Flotte  direkt  unter
preußischem  Kommando.

Diesen  Entwurf  diktierte  Bismarck,  als  er  wieder  in  sein
Amt  eingetreten  war,  in  wenigen  Stunden  am  Nachmittage
des  13.  Dezember;  in  der  folgenden  Nacht  arbeitete  Lothar
Bucher  das  Diktat  aus.  Bismarck  zeigte  sich  hier  wieder  als
der  große  Realist.  Er  hielt  für  jede  Frage  stets  mehrere
Lösungen  bereit.  Die  jeweilig  mögliche,  die  am  meisten  Verwirklichung
  versprechende  benutzte  er  im  gegebenen  Fall.  Als
er  in  diesem  Jahre  einmal  im  Parlament  angegriffen  wurde,
bekennt  er,  es  wäre  nicht  seine  Absicht,  „ein  theoretisches  Ideal
einer  Bundesverfassung  herzustellen,  in  welcher  die  Einheit
Deutschlands  auf  ewig  verbürgt  werde.  Eine  solche  Quadratur
des  Zirkels  um  einige  Dezimalstellen  weiter  zu  rücken,  ist  nicht
die  Aufgabe  der  Gegenwart.“  —  Nicht:  Was  können  wir  allenfalls
  wünschen?  sondern:  Was  müssen  wir  unbedingt  haben?
Was  können  wir  sicher  erreichen?  war  immer  und  immer  wieder
seine  Fragestellung.  Am  15.  Dezember  traten  die  Bevollmächtigten
  der  einzelnen  Bundesstaaten  zusammen  und  konnten  ihre
Beratungen  auf  Grund  des  Bismarckschen  Entwurfs  beginnen.
Am  7.  Februar  1867  verständigten  sie  sich,  nachdem  schon  am
18.  Januar  der  Krone  Preußens,  dem  Präsidium,  das  Recht
übertragen  war,  den  Norddeutschen  Reichstag  einzuberufen.

Die  Wahlen  ergaben  eine  nationale  Mehrheitz  sogar  die
Wahlkreise,  die  bisher  unbestrittener  Besitz  der  Opposttion  gewesen
  waren,  gingen  dieser  verloren.  Die  Fortschrittspartei  zählte
        <pb n="302" />
        Der  neue  Reichstag  291

nur  noch  19  Mitglieder.  Die  konservative  Partei  war  im  Reichs—
tag  mit  60,  die  nationalliberale  mit  80  Abgeordneten  vertreten.
Die  neuen  preußischen  Provinzen,  die  zur  Verjüngung  Altpreußens
wesentlich  beitrugen  und  die  treuesten  Anhänger  Bismarcks  lieferten,
  und  die  kleineren  Staaten  und  Hansastädte  wählten  im
Geiste  dieser  Partei.

Am  Sonntag,  dem  24.  Februar,  trat  der  neue  Reichstag
in  Berlin  zusammen.  Die  Worte  der  Thronrede  entsprachen
dem  Inhalt  der  großen  Zeit  und  trugen  keine  Spur  von  Phrase
und  Hohlrednerei  an  sich,  die  tatenarmer  Zeit  eigen  zu  sein
pflegen.  Der  König  sagte:  „Es  ist  ein  erhebender  Augenblick,
in  welchem  Ich  in  Ihre  Mitte  trete;  mächtige  Ereignisse  haben
ihn  herbeigeführt,  große  Hoffnungen  knüpfen  sich  an  denselben.
Daß  es  mir  vergönnt  ist,  in  Gemeinsamkeit  mit  einer  Versammlung,
  wie  sie  seit  Jahrhunderten  keinen  deutschen  Fürsten
umgeben  hat,  diesen  Hoffnungen  Ausdruck  zu  geben,  dafür  danke
ich  der  göttlichen  Vorsehung,  welche  Deutschland  dem  von  seinem
Volke  ersehnten  Ziele  auf  Wegen  zuführt,  die  wir  nicht  wählen
oder  voraussehen.  .  .  .  Einst  mächtig,  groß  und  geehrt,  weil
einig  und  von  starken  Händen  geleitet,  sank  das  Deutsche  Reich,
nicht  ohne  Mitschuld  von  Haupt  und  Gliedern,  in  Zerrissen—
heit  und  Ohnmacht.  Des  Gewichtes  im  Rate  Europas,  des
Einflusses  auf  die  eigenen  Geschicke  beraubt,  ward  Deutschland
zur  Walstatt  der  Kämpfe  fremder  Mächte,  für  welche  es  das
Blut  seiner  Kinder,  die  Schlachtfelder  und  die  Kampfpreise
hergab.  Niemals  aber  hat  die  Sehnsucht  des  deutschen  Volkes
nach  seinen  verlorenen  Gütern  aufgehört,  und  die  Geschichte
unserer  Zeit  ist  erfüllt  von  den  Bestrebungen,  Deutschland  und
dem  deutschen  Volke  die  Größe  seiner  Vergangenheit  wieder
zu  erringen.  Wenn  diese  Bestrebungen  bisher  nicht  zum  Ziele
geführt,  wenn  sie  die  Zerrissenheit,  anstatt  sie  zu  heilen,  nur
gesteigert  haben,  weil  man  sich  durch  Hoffnungen  oder  Er—
innerungen  über  den  Wert  der  Gegenwart,  durch  Ideale  über
die  Bedeutung  der  Tatsachen  täuschen  ließ,  so  erkennen  wir
daraus  die  Notwendigkeit,  die  Einigung  des  deutschen
Volkes  an  der  Hand  der  Tatsachen  zu  suchen  und  nicht

19*
        <pb n="303" />
        292  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

wieder  das  Erreichbare  dem  Wünschenswerten  zu
opfern.  Der  Ihnen  vorzulegende  Verfassungsentwurf  mutet
der  Selbständigkeit  der  Einzelstaaten  zugunsten  der  Gesamtheit
  nur  diejenigen  Opfer  zu,  welche  unentbehrlich  sind,  um
den  Frieden  zu  schützen,  die  Sicherheit  des  Bundesgebietes  und
die  Entwicklung  der  Wohlfahrt  seiner  Bewohner  zu  gewährleisten.
  .  Nur  von  uns,  von  unsrer  Einigkeit,  von  unfrer
Vaterlandsliebe  hängt  es  daher  in  diesem  Augenblicke  ab,  dem
gesamten  Deutschland  die  Büörgschaften  einer  Zukunft  zu
sichern,  in  welcher  es,  frei  von  Gefahr  wieder  in  Zerrissenheit
und  Ohnmacht  zu  verfallen,  nach  eigener  Selbstbestimmung
seine  verfassungsmäßige  Entwicklung  und  seine  Wohlfahrt  zu
pflegen  und  in  dem  Rate  der  Völker  seinen  friedliebenden
Beruf  zu  erfüllen  vermag.  Ich  hege  das  Vertrauen  zu  Gott,
daß  die  Nachwelt  im  Rückblick  auf  unsre  gemeinsamen  Arbeiten
nicht  sagen  werde,  die  Erfahrungen  der  früher  mißlungenen
Versuche  seien  ohne  Nutzen  für  das  deutsche  Volk  geblieben,
daß  vielmehr  unfre  Kinder  mit  Dank  auf  diesen  Reichstag  als
den  Begründer  der  deutschen  Einheit,  Freiheit  und  Macht  zurückblicken
  werden.  Möge  durch  unser  gemeinsames  Werk
der  Traum  von  Jahrhunderten,  das  Sehnen  und
Ringen  der  jüngsten  Geschlechter  der  Erfüllung  entgegengeführt
  werden.“

Wer  dieser  Thronrede  seinen  Geist  eingeslößt  und  die  Form
gegeben  hatte,  zeigte  Bismarcks  erste  Rede,  mit  der  er  die
Bundesverfassung  dem  Hause  vorlegte  (4.  März).  Nach  den
Bundesverträgen  lief  am  18.  August  1867  die  Frist  ab,  zu
welcher  die  Verfassung  fertig  sein  mußtez  bis  dahin  hatte  das
norddeutsche  Parlament  und  zweiundzwanzig  Landtage  der  Verfassung
  zuzustimmen.  Beschleunigung  war  nötig.  Bismarck  kannte
seine  Volksgenossen,  als  er  ihnen  mahnend  zusprach:

„Es  liegt  ohne  Zweifel,  meine  Herren,  etwas  in  unserem
Nationalcharakter,  was  der  Vereinigung  Deutschlands  widerstrebt.
  Wir  hätten  die  Einheit  sonst  nicht  verloren  oder  hätten
sie  bald  wieder  gewonnen.  Wenn  wir  in  die  Zeit  der  deutschen
Größe,  die  erste  Kaiserzeit,  zurückblicken,  so  finden  wir,  daß
        <pb n="304" />
        —  —  —„  —  —  —

Die  Beratung  der  Bundesverfassung

293

kein  anderes  Land  in  Europa  in  dem  Maße  die  Wahrscheinlichkeit
  für  sich  hatte,  eine  mächtige  nationale  Einheit  sich  zu  erhalten,
  wie  gerade  Deutschland.  Blicken  Sie  im  Mittelalter
von  dem  russischen  Reiche  der  Rurikschen  Fürsten  bis  zu  den
westgotischen  und  arabischen  Gebieten  in  Spanien,  so  werden
Sie  finden,  daß  Deutschland  vor  allen  die  größte  Aussicht  hatte,
ein  einiges  Reich  zu  bleiben.  Was  ist  der  Grund,  der  uns
die  Einheit  verlieren  ließ  und  uns  bis  jetzt  verhindert  hat,  sie
wieder  zu  gewinnen?  Wenn  ich  es  mit  einem  kurzen  Worte
sagen  soll,  so  ist  es,  wie  mir  scheint,  ein  gewisser  Uberschuß
an  dem  Gefühle  männlicher  Selbständigkeit,  welcher  in  Deutschland
  den  einzelnen,  die  Gemeinde,  den  Stamm  veranlaßt,  sich
mehr  auf  die  eigenen  Kräfte  zu  verlassen,  als  auf  die  der  Gesamtheit.
  Es  ist  der  Mangel  jener  Gefügigkeit  des  einzelnen
und  des  Stammes  zugunsten  des  Gemeinwesens,  jener  Gefügigkeit,
  welche  unsere  Nachbarvölker  in  den  Stand  gesetzt  hat,
die  Wohltaten,  die  wir  erstreben,  sich  schon  früher  zu  sichern.
Die  Regierungen,  meine  Herren,  haben  Ihnen,  glaube  ich,  im
jetzigen  Falle  ein  gutes  Beispiel  gegeben.  Es  war  keine  unter
ihnen,  die  nicht  erhebliche  Bedenken,  mehr  oder  weniger  berechtigte
  Wünsche  dem  bisher  erreichten  Ziele  hat  opfern  müssen.
Liefern  auch  wir  den  Beweis,  meine  Herren,  daß  Deutschland
in  einer  sechshundertjährigen  Leidensgeschichte  Erfahrungen  gemacht
  hat,  die  es  beherzigt,  daß  wir  —  und  alle,  die  wir  hier
sind,  wir  haben  es  selbst  erlebt  —  die  Lehren  zu  Herzen  genommen
  haben,  die  wir  aus  den  verfehlten  Versuchen  von
Frankfurt  und  von  Erfurt  ziehen  mußten.  Das  Mißlingen
des  damaligen  Werkes  hat  in  Deutschland  einen  Zustand  der
Unsicherheit,  der  Unzufriedenheit  herbeigeführt,  der  sechzehn
Jahre  lang  gedauert  hat,  und  der  schließlich  durch  eine
Katastrophe,  wie  die  des  vorigen  Jahres  —  nach  irgend
einer  Seite  hin,  wie  es  Gott  gesiel  —  seinen  Abschluß  finden
mußte.  Das  deutsche  Volk,  meine  Herren,  hat  ein  Recht,
von  uns  zu  erwarten,  daß  wir  der  Wiederkehr  einer  solchen
Katastrophe  vorbeugen,  und  ich  bin  überzengt,  daß  Sie  mit
den  verbündeten  Regierungen  nichts  mehr  am  Herzen  liegen
        <pb n="305" />
        —  —  —

294  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

haben,  als  diese  gerechten  Erwartungen  des  deutschen  Volkes
zu  erfüllen.“

Was  Bismarck  gefürchtet  hatte,  trat  ein:  Bedenken,  Wünsche,
Einwürfe,  Widerstand  von  vielen  Seiten  anstatt  kräftiges  Zugreifen
  nach  der  unter  den  jetzigen  Umständen  erreichbaren  Gabe
deutscher  Einheit  und  Kraft  bis  zur  Mainlinie.  Wir  sind  heute
gewohnt,  die  Zeit  zwischen  1866  und  1870  in  hellem  Lichte  zu
sehen,  weil  der  Kriegs=  und  Siegesglanz  beider  Jahre  für  den
späteren  Betrachter  ihre  Sonnenstrahlen  über  die  Zwischenzeit
werfen.  Diese  hatte  aber  sehr  starke  Schatten.  Und  ihrer
empfindlichen  Kühle  stand  Bismarck  am  nächsten,  weil  er  die
Pflicht  hatte,  die  Schatten  zu  bannen.  Die  Kleinigkeiten  und
die  kleinlichen  Nörgeleien  übergehen  wir,  nur  die  großen  Fragen
seien  berührt.

Die  erste  Schwierigkeit,  bei  der  Bismarck  gegen  eine  neue
Gattung  parlamentarischer  Sondertümlerei  anzukämpfen  hatte,
betraf  die  Begründung  einer  starken  Bundesarmee  und  die
damit  zusammenhängende,  den  parlamentarischen  Partikularisten
unsympathische  Verkürzung  des  Budgetrechtes  der  Einzellandtage
  durch  den  Reichstag.  Die  Forderung  der  verbündeten
Regierungen  ging  dahin,  die  Ausgaben  für  das  Bundesheer  ein
für  allemal  gesetzlich  festzulegen;  nur  so  glaubten  sie  der  Zukunft
  sicher  entgegengehen  zu  können;  dieser  Sicherheit  wegen
wollten  sie  vertrauensvoll  dem  Bundesfeldherrn,  dem  Könige
von  Preußen,  eine  starke  Waffe  in  die  Hand  geben.  Der  Reichstag
  sollte  ein  für  allemal  für  jeden  bei  der  Fahne  dienenden
Soldaten  jährlich  225  Taler  als  Pauschalsumme  bewilligen,
und  ein  Prozent  der  Bevölkerung  sollte  unter  der  Fahne  gehalten
  werden.  Dagegen  erhoben  sich  nicht  nur  die  Linke
sondern  auch  die  Nationalliberalen,  in  deren  Namen  der  Abgeordnete
  Twesten  erklärte,  daß  ohne  eine  Anderung  dieses
Punktes  der  preußische  Landtag  schließlich  die  Verfassung  auf
jede  Gefahr  hin  verwerfen  müsse.  Darauf  setzte  Bismarck  mit
kräftigen  Worten  ein,  um  die  Gefahr  zu  zerstören,  die  seinem
Werke  drohte.  Er  erinnerte  an  die  Versuche  von  Frankfurt
und  Erfurt,  Deutschland  oder  einen  Teil  davon  zu  einigen;
        <pb n="306" />
        Bundesarmee  und  Budgetrecht  295

wie  dieses  Werk  gescheitert  sei,  weil  Hannover  und  Sachsen
zu  der  österreichischen  Armee,  die  hinter  Olmütz  stand,  mehr
Vertrauen  gehabt  hätten  als  zu  dem  Bündnis  mit  Preußen.
Er  wies  darauf  hin,  wie  man  damals  der  preußischen  Junkerpartei
  die  Verantwortung  für  das  Nichtzustandekommen  aufgeladen
  habe,  wie  man  kein  Wort  habe  finden  können,  das
stark  genug  gewesen  wäre,  um  diesen  „unwürdigen  Mangel
an  Vaterlandsliebe“  zu  brandmarken,  der  dahin  geführt  habe,
„aus  Standesinteressen  lieber  einen  Junkerstaat  von  der  Größe
der  Mark  Brandenburg  zu  gründen“  und  wie  man  auf  diese
Partei  Schmach  und  Vorwurf  gehäuft  habe,  weil  sie  gehindert
hätte,  was  sie  zustande  zu  bringen  gar  nicht  in  der  Lage  gewesen
  wäre.

Und  dann  fuhr  er  fort:  „Ich  habe,  als  hier  das  Recht,  zu
unsern  Vereinbarungen  nein  zu  sagen,  für  den  preußischen
Landtag  in  Anspruch  genommen  wurde,  in  der  ganzen  Versammlung
  keinen  Ausruf  des  Erstaunens  gehört,  außer  dem,
den  ich  in  meinem  Innern  unterdrückte.  Ich  glaube,  meine
Herren,  diejenigen,  die  dieses  Wort  aussprachen,  unterschätzen
denn  doch  den  Ernst  der  Situation,  in  der  wir  uns  befinden.
Glauben  Sie  wirklich,  daß  die  großartige  Bewegung,  die  im
vorigen  Jahre  die  Völker  vom  Belt  bis  an  die  Meere  Siziliens,
vom  Rhein  bis  an  den  Pruth  und  den  Dujestr  zum  Kampf
führte,  zu  dem  eisernen  Würfelspiele,  in  dem  um  Königs=  und
Kaiserkronen  gespielt  wurde,  —  daß  die  Millionen  deutscher
Krieger,  die  gegeneinander  gekämpft  und  geblutet  haben  auf
den  Schlachtfeldern  vom  Rhein  bis  zu  den  Karpathen,  —  daß
die  Tausende  und  Abertausende  von  Gebliebenen  und  der  Seuche
Erlegenen,  die  durch  ihren  Tod  diese  nationale  Entscheidung
besiegelt  haben,  mit  einer  Landtagsresolution  ad  acta  geschrieben
werden  können,  —  meine  Herren,  dann  stehen  Sie  wirklich
nicht  auf  der  Höhe  der  Situation!  Was  würden  Sie  wohl
einem  Invaliden  von  Königgrätz  antworten,  wenn  der  nach
dem  Ergebnisse  dieser  gewaltigen  Anstrengung  fragt.  Sie
würden  ihm  etwa  sagen:  ja  freilich,  mit  der  deutschen  Einheit
ist  es  wiederum  nichts  geworden,  die  wird  sich  wohl  bei  Ge-
        <pb n="307" />
        296  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

legenheit  sinden,  sie  ist  ja  leicht  zu  haben,  eine  Verständigung
ist  ja  alle  Tage  wieder  möglich;  aber  wir  haben  das  Recht
des  Abgeordnetenhauses  gerettet,  das  Recht,  jedes  Jahr  die
Existenz  der  preußischen  Armee  in  Frage  zu  stellen;  darum
haben  wir  mit  dem  Kaiser  von  Osterreich  um  die  Mauern  von
Preßburg  gerungen  —  und  damit  soll  der  Invalide  sich  trösten
über  den  Verlust  seiner  Glieder,  damit  die  Witwe,  die  ihren
Mann  verloren  hat?

„.  .  Sie  müssen  doch  die  Regierung  nicht  in  Verdacht
haben  und  keine  der  zweiundzwanzig  Bundesregierungen,  daß
sie  sich  von  der  historischen  konstitutionellen  Entwickelung
Deutschlands  lossagen,  daß  sie  nun  dieses  Parlament  etwa
benutzen  wolle,  um  den  Parlamentarismus  im  Kampf  der
Parlamente  gegeneinander  aufzureiben.  Was  hätten  wir  denn
davon?  Ist  denn  eine  Regierung  auf  die  Daner  denkbar,  namentlich
  eine  solche,  die  sich  zur  Aufgabe  gestellt  hat,  eine  Einheit
in  Feuer  oder  gar  in  kaltem  Metall,  wenn  das  Feuer  erkaltet
sein  wird,  zu  schmieden,  eine  Einigung,  die  nicht  überall  in
Europa  mit  Wohlwollen  gesehen  wird,  daß  diese  Regierung  es
sich  gewissermaßen  zur  systematischen  Aufgabe  stellt,  die  Rechte
der  Bevölkerung  auf  die  Teilnahme  an  ihren  eigenen  Geschäften
zu  unterdrücken,  abzuschaffen,  auf  ein  wildes  Reaktionswesen  sich
einzulassen,  sich  in  Kämpfen  mit  der  eigenen  Bevölkerung  aufzuhalten
  —  meine  Herren,  das  können  Sie  von  einer  Dynastie,
wie  sie  über  Preußen  regiert,  das  können  Sie  von  keiner  der
Dynastien,  die  augenblicklich  in  Deutschland  regieren,  erwarten,
daß  sie  an  ein  nationales  Werk  mit  dieser  Heuchelei  —  ich
kann  es  nicht  anders  nennen  —  herangeht.

„Wir  wollen  den  Grad  von  Freiheitsentwickelung,
der  mit  der  Sicherheit  des  Ganzen  nur  irgend  verträglich
  ist.  Es  kann  sich  nur  handeln  um  die  Grenze:  wie
viel,  was  ist  mit  dieser  Sicherheit  auf  die  Dauer  verträglich?
Was  ist  jetzt  mit  ihr  verträglich?  Ist  ein  Ubergangsstadium
nötig,  wie  lange  muß  dies  dauern?“

Für  den  Augenblick  wußte  dann  Bismarck  seinen  Worten  nichts
weiter  hinzuzufügen  als  die  nochmalige  Anfforderung  „Meine
        <pb n="308" />
        Verantwortliches  Ministerinm  und  Wahlrecht

297

Herren,  arbeiten  wir  rasch!  Setzen  wir  Deutschland,
so  zu  sagen,  in  den  Sattel!  Reiten  wird  es  schon
können!“  Diese  Worte  verfehlten  ihren  Eindruck  nicht.  Es
kam,  vornehmlich  durch  die  Vermittlung  des  nationalliberalen
Führers  Bennigsen,  ein  Ansgleich  zustande,  wonach  die  Friedensstärke
  des  Heeres  bis  zum  34.  Dezember  1871  anf  ein  Prozent
der  Bevölkerung  und  ein  Pauschquantum  von  225  Talern  für
jeden  Kopf  festgestellt  wurde.  Damit  war  die  Macht  des  jungen
Bundes  secher  gestellt.

Einen  weiteren  Streitpunkt  bildete  die  Frage,  ob  ein  verantwortliches
  Ministerium  der  Verfassung  eingefügt  werden
sollte.  Im  Bismarckschen  Entwurfe  stand  es  nicht,  und  Bismarck
  wollte  es  nicht.  Er  hatte  andere  Gedanken.  Der  Vorsitzende
  des  Bundesrates,  der  Bundeskanzler  sollte  dem  preußischen
  Minister  des  Auswärtigen  untergeordnet  sein,  wie  am
Bundestage;  er  habe  abhängig  zu  bleiben  von  seiner  Regierung
und  im  Bundesrat  so  zu  verfahren,  als  ob  der  preußische
Ministerpräsident  den  Vorsitz  einnähme.  Auch  alle  weiteren
Organe,  die  sich  an  den  Kanzler  angliederten,  sollten  in  derselben
  Abhängigkeit  stehen.

Diese  Gedanken  stellte  Bismarck  dem  Antrage  Bennigsens
auf  Einsetzung  von  verantwortlichen  Bundesministern  entgegen
und  er  erklärte,  diese  Grenze  hätte  sich  Preußen  in  den  Ansprüchen
  an  die  Opfer  gesetzt,  die  von  den  übrigen  Regierungen
zu  bringen  seien;  es  sei  nur  gefordert,  was  unentbehrlich  sei
zur  Führung  eines  nationalen  Gemeinwesens,  mehr  aber
nicht.  Dieses  zu  erreichen  sei  nicht  leicht  gewesen;  es  sei
deshalb  nicht  richtig,  wenn  sich  der  Reichstag  um  alles,  was
getan  und  erreicht  sei,  nicht  kümmere,  und  keine  Notiz  von
dem  in  der  Geschichte  unerhörten  Fall  nehme,  daß  die  Regierungen
  von  dreißig  Millionen  Deutschen  sich  nicht  bloß  dem
Wortlaute,  sondern  auch  dem  Geiste  nach  über  den  Entwurf
geeinigt  hätten.  Auch  hier  wieder  schloß  er  mit  ernster  Mahnung:
  „Wir  haben  den  größten  Teil  des  Werkes  getan,  wir
haben  den  Block  nahe  an  den  Gipfel  gehoben,  und  mit  tiefem
patriotischen  Schmerze  werde  ich  ihn  wieder  dem  Abgrunde
        <pb n="309" />
        298  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

zurollen  sehen.  Aber  Deutschland  wird  sich  dann  ewig  erinnern,
wer  die  Verantwortung  für  das  Mißlingen  trägt  —  wir  nicht.
Wenn  Sie  auf  kleinlichen  untergeordneten  Anderungen,  die
für  die  Regierungen  unannehmbar  sind,  bestehen,  selbst  auf
die  Gefahr  hin,  das  ganze  Werk  zum  Scheitern  zu  bringen,
dann  wird  sich  die  Ration  Ihrer  Namen  wohl  erinnern,
meine  Herren!“

Das  verantwortliche  Ministerium  wurde  durch  den  Reichstag
  abgelehnt;  dafür  die  Verantwortlichkeit  des  Bundeskanzlers
in  den  Entwurf  gebracht  mit  folgendem  harmlosen  Wortlaut:
„Die  Anordnungen  und  Verfügungen  des  Bundespräsidiums
werden  im  Namen  des  Bundes  erlassen  und  bedürfen  zur  Gültigkeit
  der  Gegenzeichnung  des  Bundeskanzlers,  welcher  dadurch
die  Verantwortlichkeit  übernimmt.“

Einen  weiteren  Streitpunkt  bildete  bei  der  Beratung  des
Wahlrechts  die  Frage,  ob  Diäten  oder  nicht,  ob  die  Wahl
öffentlich  oder  geheim  sein  sollte.

Wie  Bismarck  über  das  allgemeine  und  direkte  Wahlrecht
dachte,  bleibt  interessant  für  alle  Zeiten.  Ob  er  und  andere
mit  ihm  sich  getäuscht  haben  in  der  Wirkung  dieses  Rechtes,
wird  heute  noch  vielfach  umstritten.  Erst  die  Zukunft  unseres
Reiches  wird  zeigen,  ob  der  kühne  Griff  Bismarcks  auch  ein
glücklicher  Griff  gewesen  ist.  In  der  Stunde  der  größten  Gefahr,
  als  der  Weltkrieg  über  uns  kam,  hat  der  deutsche  Reichstag
  im  Bismarckschen  Geiste  sich  ebenso  bewährt,  wie  in  den
Tagen,  da  es  sich  um  die  Annahme  des  großen  Wehrbeitraggesetzes
  handelte.  Das  Vertrauen,  das  Bismarck  auf  sein  Volk
gesetzt,  hat  er  also  keinem  Unwürdigen  geschenkt,  als  er  am
28.  März  seine  denkwürdigen,  vielangeführen  und  oftmals  angefochtenen
  Worte  also  sprach:

„Das  allgemeine  Wahlrecht  ist  uns  gewissermaßen  als  ein
Erbteil  der  Entwickelung  der  deutschen  Einheitsbestrebungen
überkommen;  wir  haben  es  in  der  Reichsverfassung  gehabt,
wie  sie  in  Frankfurt  entworfen  wurde;  wir  haben  es  im  Jahre
1863  den  damaligen  Bestrebungen  Osterreichs  in  Frankfurt
entgegengesetzt,  und  ich  kann  nur  sagen:  ich  kenne  wenig-
        <pb n="310" />
        Allgemeines  Wahlrecht  299

stens  kein  besseres  Wahlgesetz.  Es  hat  ja  gewiß  eine
große  Anzahl  von  Mängeln,  die  machen,  daß  auch  dieses  Wahlgesetz
  die  wirklich  besonnene  und  berechtigte  Meinung  eines
Volkes  nicht  vollständig  photographiert  und  en  miniature  wiedergibt,
  und  die  verbündeten  Regierungen  hangen  an  diesem  Wahlgesetz
  nicht  in  dem  Maße,  daß  sie  nicht  jedes  andere  akzeptieren
sollten,  dessen  Vorzüge  vor  diesem  ihnen  nachgewiesen  werden.
Bisher  ist  diesem  kein  einziges  gegenübergestellt  worden.  Ich
habe  nicht  einmal  kursorisch  im  Laufe  der  Reden  ein  anderes
Wahlgesetz  diesem  gegenüber  rühmen  hören;  ich  will  damit  nur
motivieren,  daß  „verbündete  Regierungen“,  die  gewissermaßen
eine  republikanische  Spitze,  die  in  dem  Worte  „verbündete  Regierungen“
  liegt,  bilden,  keineswegs  ein  tief  angelegtes  Komplott
  gegen  die  Freiheit  der  Bourgeoste  in  Verbindung  mit
den  Massen  zur  Errichtung  eines  cäsarischen  Regiments  beabsichtigt
  haben  können.  Wir  haben  einfach  genommen,  was  vorlag,
  und  wovon  wir  glaubten,  daß  es  am  leichtesten  annehmbar
sein  würde,  und  weitere  Hintergedanken  nicht  dabei  gehabt.
Was  wollen  denn  die  Herren,  die  das  anfechten,  und  zwar
mit  der  Beschleunigung,  deren  wir  bedürfen,  an  dessen  Stelle
setzen?  Etwa  das  preußische  Dreiklassensystem?  Ja,
meine  Herren,  wer  dessen  Wirkung  und  die  Konstellationen,
die  es  im  Lande  schafft,  etwas  in  der  Nähe  beobachtet  hat,
muß  sagen,  ein  widersinnigeres,  elen  deres  Wahlgesetz
ist  nicht  in  irgend  einem  Staate  ausgedacht  worden,
ein  Wahlgesetz,  welches  alles  Zusammengehörige  auseinanderreißt
  und  Leute  zusammenwürfelt,  die  nichts  miteinander  zu
tun  haben,  in  jeder  Kommune  mit  anderem  Maße  mißt,  Leute,
die  in  irgend  einer  Gemeinde  weit  über  die  erste  Klasse  hinausreichen,
  diese  allein  ausfüllen  würden,  in  einer  benachbarten
Kommune  in  die  dritte  Klasse  wirft.  Wenn  der  Erfinder
  dieses  Wahlgesetzes  sich  die  praktische  Wirkung  desselben
  vergegenwärtigt  hätte,  hätte  er  es  nie  gemacht.  Eine
ähnliche  Willkürlichkeit  und  zugleich  eine  Härte  liegt  in  jedem
Census,  eine  Härte,  die  am  fühlbarsten  wird,  wo  dieser  Census
abreißt,  wo  die  Ausschließung  anfängt;  wir  können  es  dem
        <pb n="311" />
        300  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

Ansgeschlossenen  gegenüber  doch  wirklich  schwer  motivieren,
daß  er  deshalb,  weil  er  nicht  dieselbe  Steuerquote  wie  sein
Nachbar  zahlt  —  und  er  würde  sie  gern  bezahlen,  denn  sie
bedingt  ein  größeres  Vermögen,  das  hat  er  aber  nicht  —  er
gerade  Helot  und  politisch  tot  in  diesem  Staatswesen  sein  solle.
Diese  Argumentation  findet  überall  an  jeder  Stelle  Anwendung,
wo  eben  die  Reihe  derer,  die  politisch  berechtigt  bleiben  sollen,
abgebrochen  wird.

„Ich  habe  schließlich  stets  in  dem  Gesamtgefühl  des  Volkes
noch  mehr  Intelligenz  als  in  dem  Rachdenken  des  Wahlmannes
  bei  dem  Aussuchen  des  zu  Erwählenden  gefunden,  und
ich  appelliere  an  die  ziemlich  allgemeine  Erscheinung  —  ich
weiß  nicht,  ob  die  Herren  meine  Wahrnehmungen  alle  teilen,
aber  ich  habe  den  Eindruck,  daß  wir  bei  dem  direkten  Wahlrechte
  bedentendere  Kapazitäten  in  das  Haus  bringen,  als  bei
dem  indirekten.  Um  gewählt  zu  werden  bei  dem  direkten  Wahlrechte,
  muß  man  in  weiteren  Kreisen  ein  bedeutenderes  Ansehen
  haben,  weil  das  Gewicht  der  lokalen  Gevatterschaft  bei
dem  Wählen  nicht  so  zur  Hebung  kommt  in  den  ausgedehnten
Kreisen,  auf  die  es  bei  direkter  Wahl  ankommt.“

Bismarcks  Anschauung  deckte  sich  im  ganzen  mit  der  des
Reichstags.  Die  Bestimmungen  über  das  Wahlgesetz  wurden
angenommen  mit  dem  Zusatze,  daß  die  Wahlen  geheim  sein
sollten.  Diäten  wurden  nicht  bewilligt.

Der  Antrag  auf  geheime  Wahl  wurde  von  den  Liberalen
gestellt.  Sie  schwärmten  gerade  nicht  für  allgemeine  und  direkte
Wahlen;  sie  fürchteten,  daß  diese  Form  unter  einer  so  mächtigen
  Regierung  und  einem  so  gewalttätigen  Minister  gegen
sie  wirksam  sein  könne;  deshalb  suchten  sie  sich  gegen  Mißbrauch
  zu  schützen  durch  die  Forderung  der  geheimen  Wahl.
Bismarck  gab  nach,  nicht  aus  voller  Uberzeugung,  er  hat  es
stets  betont,  daß  er  an  der  geheimen  Wahl  unschuldig  sei.
Aber  entgegengetreten  ist  er  der  Wahlform  nicht.  Wohl  aber
hat  er  sich  gegen  Diäten  gewehrt  und  es  als  ausgeschlossen
erklärt,  daß  die  Regierung  diese  annehmen  werde.  Er  wollte
nicht  wie  im  Abgeordnetenhaus  von  soviel  Männern  des
        <pb n="312" />
        Die  Luxemburger  Frage  301

Schreibpultes  und  des  Katheders,  nicht  von  soviel  Kreisrichtern
  und  nicht  im  UÜbermaß  von  „Denkenden  der  Nationumgeben
  sein,  er  wollte  mehr  Männer,  die  von  großem  sozialem
Einfluß  und  mit  dem  praktischen  Leben  und  dem  Wirtschaftsleben
  inniger  verwachsen  waren.  In  der  Wirkung  der  Diätenlosigkeit
  hat  er  sich  getäuscht.  Ob  Diäten  oder  keine  Diäten,  hat
wenig  Einfluß  auf  die  Zusammensetzung  des  Reichstags  ausgeübt.
Schließlich  bewegten  sich  die  Verhandlungen  des  Reichstages
schneller  ihrem  Ziele  zu.  Am  17.  April  konnte  er  geschlossen
werden,  indem  der  König  mit  aufrichtiger  Genugtuung  die  Erfüllung
  der  Hoffnungen  betonte,  die  man  auf  diese  Beratungen
gesetzt  hatte,  und  den  Dank  des  Vaterlandes  damit  verband.
Daß  die  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  so  rasch  unter
Dach  und  Fach  kam,  war  Bismarcks  Mahnungen  zu  danken;
zu  Hilfe  kamen  ihm  dabei  die  nationale  Erregung,  welche  durch
auswärtige  Gefahren  erhöht  war.  Der  durch  die  Siege  von
1866  enttäuschte  Napoleon  ruhte  nicht  durch  „Stöckern  im
Ameisenhaufen“  die  deutsche  Frage  rege  zu  erhalten.  Jetzt
nahm  er  die  Luxemburger  Frage  in  seine  Hand,  um  eine  Entschädigung
  zu  gewinnen  als  Revanche  pour  Sadowa.
Luxemburg  hatte  bis  1866  zum  deutschen  Bunde  gehört;  in
der  Festung  Luxemburg  lag  nach  früheren  Verträgen  preußische
Besatzung.  Beim  Ausbruch  des  Krieges  hatte  die  großherzoglich
  luxemburgische  Regierung,  der  König  von  Holland,  auf
Seiten  der  Gegner  Preußens  gestanden,  lag  also  juristisch  genommen
  auch  mit  Preußen  im  Kriege;  Bismarck  hatte  aber
die  Sache  nicht  zu  ernst  genommen  und  in  einer  Auseinandersetzung
  mit  dem  niederländischen  Gesandten  humorvoll  bemerkt,
daß  man  beiderseitig  kein  Interesse  habe,  Krieg  zu  führen;  sie
„glaubten  sich  beide  aufs  Wort,  daß  sie  nicht  aufeinander  schießen
würden“.  Am  18.  März  wurde  nun  Bismarck  von  einem  demokratischen
  und  von  einem  altliberalen  Abgeordneten  im  Reichstage
  wegen  Luxemburgs  interpelliert;  er  gab  eine  vorsichtige  und
ausweichende  Antwort,  die  Bennigsen  in  einem  Briefe  an  seine
Frau  als  „oberfaul“  bezeichnete  und  die  tatsächlich  auch  nicht
gehauen  und  gestochen  war.  Bismarck  wollte  offenbar  der  Frage
        <pb n="313" />
        302  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

zunächst  ausweichen.  Sie  wurde  aber  von  Napoleon  akut  ge—
macht.  Schon  am  28.  Februar  hatte  der  französische  Minister
des  Auswärtigen  Marquis  de  Moustier  dem  französischen  Gesandten
  im  Haag  gemeldet,  Preußens  Recht,  Garnison  in  Luxemburg
  zu  halten,  sei  hinfällig  geworden;  die  Aufrechterhaltung
dieses  preußischen  Besatzungsrechtes  würde  nur  eine  Drohung
gegen  Frankreich  bedeuten  und  einen  durchaus  offensiven  Charakter
  haben.  An  demselben  18.  März  aber,  als  die  Interpellation
  im  Reichstage  stattfand,  verlangte  Kaiser  Napoleon,
daß  der  König  von  Holland  gegen  eine  Geldentschädigung  Luxemburg
  an  Frankreich  abtrete.  Dieser  ließ  am  28.  März  nach
Paris  telegraphieren,  er  sei  bereit,  Luxemburg  abzugeben;  doch
möge  sich  Frankreich  mit  Preußen  ins  Benehmen  setzen.  Die
Nachricht  von  diesen  Verhandlungen  rief  eine  gewaltige  Bewegung
  in  weiten  Kreisen  Deutschlands  hervor.  Am  26.  März
hatte  Holland  Preußen  von  dem  Ergebnis  der  Verhandlungen
in  Kenntnis  gesetzt.  Nun  konnte  Bismarck  die  Frage  nicht
mehr  in  der  Schwebe  lassen,  er  mußte  zugreifen  so  oder  so.
An  seinem  Geburtstage,  dem  1.  April,  kam  die  nationale
Bewegung  zu  mächtigem  Ausdruck  in  einer  Rede  Rudolf  von
Bennigsens.  Sie  sollte  eine  von  siebzig  Abgeordneten  unterstützte
  Interpellation  begründen  und  gipfelte  in  den  Fragen,
ob  der  Regierung  Preußens  die  Verhandlungen  wegen  Luxemburg
  bekannt  seien  und  ob  sie  entschlossen  sei,  die  Verbindung
Luxemburgs  mit  Deutschland  dauernd  sicher  zu  stellen.
Bennigsens  Rede  schloß  mit  den  Worten:  „Meine  Herren!
Lassen  Sie  uns  also  darüber  keinen  Zweifel,  daß,  wie  unter
uns  alle  Parteien,  auch  das  deutsche  Volk  einig  sein  wird,  jede
kräftige  Politik  der  Regierung  auf  jede  Gefahr  hin  zu  unterstützen
  diesem  und  allen  etwaigen  späteren  Versuchen  des  Auslandes
  gegenüber.“  Ein  langdauernder  jubelnder  Beifall
folgte  von  allen  Seiten  des  Hauses  den  Worten  Bennigsens,
der  in  seiner  edlen  Mannhaftigkeit  an  diesem  Tage  dem
Schöpfer  des  Reiches  nahe  rückte  und  auch  dem  Herzen  des
deutschen  Volkes,  das  ihm  zujubelte,  weil  er  den  Empfindungen
der  Nation  und  ihrem  Willen,  Deutschlands  Recht  und  Ehre
        <pb n="314" />
        Die  Luxemburger  Frage  303

und  jeden  Fußbreit  deutscher  Erde  zu  behaupten,  so  herrlichen
Ausdruck  gab.  Und  hinter  diesem  Volke  standen  die  hohen
Militärs.  Der  Generalstab  war  für  Krieg,  weil  er  den  Augenblick
  für  günstig  hielt,  da  die  Franzosen  weder  mit  der  Armeereorganisation
  noch  mit  ihren  neuen  Waffen  fertig  waren.
Bismarck  aber,  der  das  Steuer  führte,  mußte  alles  beobachten,
was  an  innerer  und  äußerer  Politik  in  Frage  kam;  er  war
weder  auf  Krieg  noch  auf  die  Vollendung  der  deutschen  Einheit
  im  Sturme  dieser  nationalen  Begeisterung  bedacht;  er
war  vor  allem  besorgt  um  die  Durchführung  des  Baus,  an  dem
man  jetzt  arbeitete,  um  die  Vollendung  und  die  Befestigung
des  Norddeutschen  Bundes  und  um  das  festere  militärische  Zusammenwachsen
  zwischen  Nord  und  Süd.  Wenn  man  ohne
Schaden  an  deutscher  Ehre  aus  der  ganzen  Sache  herauskam,
so  war  er  zufrieden.  Zu  seinem  Freunde  Keudell  sagte  er  in
diesen  Tagen:  „Man  darf  nicht  Krieg  führen,  wenn  es  mit
Ehren  zu  vermeiden  ist;  die  Chance  günstigen  Erfolges  ist  keine
gerechte  Ursache,  einen  großen  Krieg  anzufangen.“  Und  daß
es  ein  großer  Krieg  werden  würde,  wenn  es  mit  Frankreich
zur  Entscheidung  kam,  das  wußte  er;  wenn  auch  Moltke  den
Krieg  mit  Frankreich  schnell  zu  führen  hoffte,  da  es  für  die
Offensive  wenig  Kräfte  habe,  die  Defensive,  so  ahnte  Bismarck,
werde  im  Lande  selbst  bald  stark  genug  werden,  um  den
Krieg  in  die  Länge  zu  ziehen.  Daß  er  Recht  gehabt,  bewies
1870/1871.  Dann  aber  war  nicht  abzusehen,  wie  Osterreich
sich  stellte.  So  sehr  er  nun  den  Krieg  zu  vermeiden  wünschte,
in  keinem  Augenblicke  fürchtete  er  ihn.  Am  20.  März  schon
hatte  er  durch  den  Staatsanzeiger  die  Verträge  mit  Bayern
und  Baden  und  einige  Tage  später  auch  den  mit  Württemberg
veröffentlichen  lassen:  das  war  an  die  Adresse  der  französischen
Kriegstreiber  gerichtet.  Dann  hatte  er  in  Bayern  angefragt,
ob  der  Bund  auf  Bayerns  Hilfe  mit  Sicherheit  rechnen  könne;
er  hatte  dort  wissen  lassen,  daß  man  eher  den  Krieg  wagen
als  Frankreich  das  Land  überlassen  werde.  „Die  Auffassung
der  Nation“,  so  setzte  er  hinzu,  „deren  Ehrgefühl  ins  Spiel  gezogen,
  ist  das  Entscheidende."
        <pb n="315" />
        304  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

In  seiner  Antwort  auf  Bennigsens  Rede  nun  verband  sich
staatsmännische  Ruhe  und  Vorsicht  mit  sicherem  Machtbewußt—
sein  ohne  jede  Phrase.  Er  legte  die  Verhältnisse,  wie  sie  gerechtes
  Urteil  ansah,  in  aller  Schlichtheit  dar  und  ließ  den
beherrschenden  Grundton  in  den  letzten  Worten  ausklingen:
„Die  verbündeten  Regierungen  glauben,  daß  keine  fremde  Macht
zweifellose  Rechte  deutscher  Staaten  und  deutscher  Bevölkerungen
  beeinträchtigen  werde;  sie  hoffen  imstande  zu  sein,
solche  Rechte  zu  wahren  und  zu  schützen  auf  dem  Wege  friedlicher
  Verhandlungen  und  ohne  Gefährdung  der  freundschaftlichen
  Beziehungen,  in  welchen  sich  Deutschland  bisher  zur  Genugtuung
  der  verbündeten  Regierungen  mit  seinen  Nachbarn
befindet.  Sie  werden  sich  diesen  Hoffnungen  um  so  sicherer  hingeben
  können,  je  mehr  das  eintrifft,  was  der  Herr  Interpellant
vorher  zu  meiner  Frende  andeutete,  daß  wir  durch  unsere  Beratungen
  das  unerschütterliche  Vertrauen,  den  unzerreißbaren
Zusammenhang  des  deutschen  Volkes  mit  seinen  Regierungen
und  unter  seinen  Regierungen  betätigen  werden.“

Auf  Bismarcks  Worte  folgte  lebhafter  Beifall.  Die  nationale
  Erregung  erwiderte  weithin  im  deutschen  Volke  mit  gleicher
Zustimmung.  Gestärkt  durch  diese  Bewegung  und  gestützt  auf
das  energische  Auftreten  Bismarcks  zog  der  König  von  Holland
seine  Zusage  an  Napoleon  zurück.  Eine  Konferenz  in  London,
die  auf  Österreichs  Vorschlag  zusammentrat,  erklärte  am  11.  Mai
Luremburg  für  alle  Zeiten  neutral;  Preußen  gab  gleichzeitig
sein  Besatzungsrecht  in  Luxemburg  auf  und  willigte  ein  in  die
Schleifung  der  Festung.

Damit  war  der  Handel  begraben  und  die  beiden  Gegner
konnten  in  Ehren  darauf  zurückblicken.  Für  Deutschland  ergab
sich  der  Segen,  daß  die  Verfassung  des  neuen  Bundes  im
Fener  nationaler  Begeisterung  fertig  geschmiedet  wurde  und
daß  diese  Mobilmachung  deutscher  Kraft  und  Einmütigkeit  sich
bewährt  hatte  und  für  den  Ernstfall  volles  Vertrauen  schuf.

Am  1.  Juli  trat  die  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes
in  Kraft,  am  14.  Juli  wurde  Bismarck  zum  Bundeskanzler
ernannt.  Seine  nächste  Sorge  war  nun  das  Verhältnis  des
        <pb n="316" />
        Bündnisverträge  und  Zollparlament  305

neuen  Bundes  zu  den  Südstaaten.  Gleich  nach  dem  Kriege
war  in  Süddeutschland  die  Stimmung  für  Preußen  günstig;
in  Baden  hatte  sich  der  Umschwung  schon  während  des  Kriegs
mit  Osterreich  vollzogen;  dieser  Umschwung  befestigte  sich  so  stark,
daß  der  badische  Ministerpräsident  Mathy  es  dahin  brachte,  im
Namen  des  kerndeutschen  Großherzogs  Friedrich  im  November
1867  den  Eintritt  Badens  in  den  Norddeutschen  Bund  anzu—
bieten.  Bismarck  lehnte  dies  ab;  er  hielt  sich  an  den  Nikolsburger
  Frieden.  In  Württemberg  war  man  schwäbisch-eigen—
köpfig,  dort  wollte  man  in  demokratischen  und  klerikalen
Kreisen  nichts  von  Preußen  wissen,  neigte  vielmehr,  besonders
am  Hof  und  in  der  Regierung,  zu  Osterreich.  In  Bayern
äußerte  sich,  zumal  in  den  protestantischen  Landesteilen,  gleich
unmittelbar  nach  dem  Kriege  eine  lebhafte  Bewegung  für  den
Anschluß  an  den  Norddeutschen  Bund;  wir  wissen  das  auch  aus
den  Denkwürdigkeiten  des  nachmaligen  Reichskanzlers  Fürsten
Hohenlohe,  der  am  31.  Dezember  1866  als  Nachfolger  von  der
Pfordtens  zum  baperischen  Ministerpräsidenten  ernannt  worden
war.  Bald  aber  schlug  die  Stimmung  um;  das  starke  Ubergewicht
Preußens  im  Norddeutschen  Bunde,  vereinzelte  Ungeschicklichkeiten
des  Preußentums  in  den  neuen  Provinzen,  das  reaktionäre  Gebaren
der  preußischen  Konservativen  einschließlich  der  Minister,  abgesehen
von  Bismarck,  vor  allem  aber  die  Wühlarbeit  der  Preußen-feindlichen
  altbayerischen  Presse,  die  zumal  der  katholischen  Bevölkerung
  das  drohende  Gespenst  der  „Verpreußung“  in  allen  Farben
vor  Augen  malte,  hatte  in  Bayern  ein  beträchtliches  Anwachsen
der  klerikal-partikularistischen  Richtung  bewirkt,  so  daß  man
in  der  bayerischen  Reichsratskammer  ebenso  wie  im  württembergischen
  Landtag  sogar  daran  dachte,  das  Schutz=  und
Trutzbündnis  mit  Preußen  fallen  zu  lassen.  Hier  legte  sich
Bismarck  aber  kräftig  ins  Mittel.  Am  26.Oktober  1867  bemerkte
er  im  norddeutschen  Reichstag,  als  dort  die  mit  den  süddeutschen
  Regierungen  am  8.  Juli  vereinbarten  neuen  Zollvereinsverträge
  zur  Genehmigung  standen,  diese  seien  in  der
Voraussetzung  abgeschlossen,  daß  die  Bündnisverträge  ehrlich
gehalten  würden;  die  Jollvereinsverträge  hätte  Preußen  nicht
A.  Matthlas,  Bismarck  20
        <pb n="317" />
        306  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

abgeschlossen,  wenn  der  leiseste  Zweifel  an  der  Bündnistreue
vorhanden  gewesen  wäre;  er  habe  das  feste  Vertrauen,  daß  die
süddeutschen  Souveräne  und  Regierungen  sich  allezeit  zu  ihren
Worten  bekennen  würden,  auch  wenn  die  Mahnungen  des
süddeutschen  Nationalgefühls  minder  laut  an  ihr  Ohr  schlügen,
zumal  doch  auch  diese  Bündnisanträge  von  seiten  der  Regierungen
  an  Preußen  herangebracht  wären.  Er  richtete  dann
einen  kalten  Wasserstrahl  nach  dem  Süden  mit  den  Worten:
„Wir  sind  entschlossen,  die  wirtschaftliche  Gemeinschaft  nur
mit  denen  fortzusetzen,  die  es  freiwillig  tun,  und  die  auch
die  Gemeinschaft  der  Wehrkraft  auf  nationaler  Basis  mit  uns
fortzusetzen  entschlossen  sind.  Wenn  die  Bündnisverträge  —  was
ich  bis  jetzt  und  für  immer  im  Vertrauen  auf  den  Wert  eines
deutschen  Königswortes  vollständig  in  Abrede  stelle  —  in  Frage
gestellt  werden  sollten,  so  werden  wir  an  demselben  Tage  die
alten  Zollvereinsverträge  kündigen.“  Das  wirkte.  Die  Bündnisverträge
  erhielten  die  Zustimmung  der  süddeutschen  Volksvertretungen.


Was  diese  mehrerwähnten  Zollvereinsverträge  anbetraf,  so
war  Bismarck  von  Anfang  an  entschlossen  gewesen,  sie  nicht  zu
erneuern,  falls  man  in  Süddeutschland  nicht  auf  seinen  Plan
eines  deutschen  Zollparlaments  einginge.  So  sehr  er  jeder  Uberstürzung
  bezüglich  der  politischen  Vereinigung  mit  dem  Süden,
wie  er  gegenüber  Baden  gezeigt  hatte,  aus  dem  Wege  ging,
militärische  und  wirtschaftliche  Vereinigung  hielt  er  als  Mann
der  Wirklichkeit  für  wichtiger.  Er  wußte  und  hat's  gesagt,  daß
derjenige,  der  den  Daumen  auf  dem  Beutel  und  die  Hand
am  Schwerte  hat,  auch  die  Macht  besitzt;  und  daß  Geld  und
Waffen  die  Welt  beherrschen  und  den  Sieg  erkaufen.  Die
süddeutschen  Regierungen  stellten  dem  Zollparlament  keine
Schwierigkeiten  entgegen;  am  3.  Juni  1867  hatten  die  Beratungen
  mit  den  süddeutschen  Ministern  in  Berlin  begonnen,
und  am  folgenden  Tage  war  bereits  völliges  Einverständnis
erzielt.  Am  8.  Juli  erfolgte  der  Abschluß  der  neuen  Verträge;
  die  Wahlen,  Einrichtungen,  Zusammensetzung  und  Befugnisse
  des  Parlaments  waren  dieselben,  wie  die  des  nord-
        <pb n="318" />
        Das  Zollparlament  307

deutschen  Reichstages:  Zollparlament,  Zollbundesrat,  preußisches
Präsidium.  Die  Beratungen  sollten  sich  streng  auf  Zollfragen
beschränken.

Schwieriger  als  die  Regierungen  verhielten  sich  die  süd—
deutschen  Wähler.  Das  Ergebnis  der  Wahlen  zum  Zollparla—
ment  war  kein  erfreuliches;  nur  Baden  schickte  mehr  nationalgesinnte
  Männer  als  Partikularisten;  Bayern  und  Württemberg
sandten  Partikularisten  jeglicher  Richtung,  von  den  Demokraten
  bis  zu  den  Ultramontanen  hin.  Gleichwohl  ließ  es  sich
Bismarck  nicht  nehmen  dem  nenen  Parlament  den  Unterton  zu
geben,  der  auch  nationaler  Arbeit  nicht  fehlen  durfte.  Der
König  eröffnete  am  27.  April  1868  das  Parlament  im  Weißen
Saale  des  Königsschlosses,  wo  die  Luft  preußischer  Größe  die
süddeutschen  Männer,  besonders  die  schwäbischen  Eigenbrödler,
eindrucksvoll  umwehte,  mit  einer  Thronrede,  in  welcher  er
die  Entwicklung  des  deutschen  Zollvereins  schilderte  und  sich
am  Schluß  zu  Worten  nationaler  Höhe  erhob:  „Halten  Sie
das  gemeinsame  deutsche  Interesse  fest  im  Auge,  vermitteln
Sie  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  die  Einzelinteressen,  und
ein  Erfolg,  der  Ihnen  den  Dank  der  Nation  gewinnt,  wird
Ihre  Anstrengungen  krönen.  Die  freundschaftlichen  Beziehungen,
welche  die  deutschen  Regierungen  mit  allen  auswärtigen  Mächten
unterhalten,  berechtigen  zu  dem  Vertrauen,  daß  der  Entwicklung
  nationaler  Wohlfahrt,  deren  Pflege  heute  die  Vertreter
der  deutschen  Stämme  vereinigt,  die  Segnungen  des  Friedens
gesichert  bleiben,  zu  deren  Beschützung  die  deutschen  Staaten
sich  untereinander  verbündet  haben,  und  mit  Gottes  Beistand
jeder  Zeit  auf  die  geeinte  Kraft  des  deutschen  Volkes  werden
zählen  können.“  Von  Bismarck  erzählt  Bluntschli,  er  sei  bei
einem  Diner,  das  er  den  Mitgliedern  des  Zollparlaments  gab,
als  Wirt  sehr  liebenswürdig  gewesen,  politisch  sei  er  reserviert
geblieben.  So  war  er  auch  im  Parlament;  er  beteiligte  sich
selten  an  den  Verhandlungen,  nur  einmal  sprang  er  in  die
Ketten,  als  man  seiner  nationalen  Empfindlichkeit  und  seinem
deutschen  Selbstbewußtsein  zu  nahe  trat.  Bei  einem  Antrage
über  hessische  Weinzölle  hatte  ein  schwäbischer  Abgeordneter

20%
        <pb n="319" />
        308  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

von  Stuttgart  bemerkt,  das  Zollparlament  solle  nicht  durch
Erweiterung  seiner  Kompetenzen  sich  zum  Schauplatze  politischer
Kämpfe  zwischen  Nord=  und  Süddeutschland  machen,  schon  aus
Rücksicht  auf  das  Ausland.  Eine  offene  Darlegung  des  Gegen—
satzes  zwischen  Süd=  und  Norddeutschland  würde  eine  Störung
des  Friedens  bedeuten.

Darauf  erwiderte  Bismarck:  „Um  ein  für  allemal  das  Programm
  der  Politik  des  Norddeutschen  Bundes  zu  kennzeichnen,
erinnere  ich  Sie  an  eine  längst  publizierte  Zirkulardepesche  des
Kanzlers  des  Norddeutschen  Bundes  vom  7.  September  v.  J.
Wenn  Sie  dieselbe  mit  Aufmerksamkeit  lesen,  so  werden  Sie
sich  überzeugen,  daß  das  Programm  der  Politik  des  Norddeutschen
  Bundes,  an  welchem  dieselbe  noch  heute  festhält,  die
Selbständigkeit  Süddeutschlands  in  keiner  Weise  gefährdet,  und
selbst  wenn  Sie  den  Wunsch  aussprächen,  diese  Ihre  Selbständigkeit
  aufzugeben  (Sie  nennen  es  so,  ich  nicht  —  sich  dem
Norddeutschen  Bunde  zu  nähern,  will  ich  lieber  sagen),  so
müßten  Sie  diesen  Wunsch  schon  so  motivieren,  daß  er  auf
beiden  Seiten  dieselbe  günstige  Beurteilung  fände.  Sie  halten
uns  für  viel  empressierter,  als  wir  es  sind.  .  .  Aber  wenn
ich  mich  so  gegen  das  Bestreben  jeder  Kompetenzerweiterung
verwahre,  so  muß  ich  auch  jedem  Bestreben,  die  vertragsmäßige
Kompetenz  des  Zollvereins  zu  vermindern,  entgegentreten.  Ob
ein  solches  Streben  hier  vorliegt,  lasse  ich  noch  unentschieden;
dem  Herrn  Vorredner  aber  und  allen,  die  dasselbe  Themamit
  ihm  behandeln,  gebe  ich  zu  bedenken,  daß  ein  Appell
an  die  Furcht  in  deutschen  Herzen  niemals  ein  Echo
findet!"“

Der  Eindruck  dieser  Worte,  der  an  sich  schon  groß  war,
wurde  dadurch  erhöht,  daß  ein  anderer  Schwabe,  aber  ein
baperischer,  der  Abgeordnete  Dr.  Völk-Augsburg  im  Verlauf
seiner  Rede  ausrief:  „Noch  haben  einige  Leute  Vergnügen
daran,  sich  mit  Schneeballen  zu  bewerfen;  aber  die  Sonne  wird
mit  wachsender  Wärme  ihnen  das  Material  bald  verzehren;
ja,  meine  Herren,  es  ist  Frühling  geworden  in  Deutschland!“

Stürmischen  Beifall  erregte  diese  Rede  nicht  nur  im  Zoll-
        <pb n="320" />
        Abwehr  vaterlandsfeindlicher  Umtriebe  309

parlament;  weithin  durch  Deutschland  fanden  die  Worte  „eines
der  besten  Deutschen“,  wie  ihn  Bismarck  genannt  hat,  als  er
1882  dahinschied,  überall  in  deutschen  Landen  Widerhall,  wo
das  Gefühl,  daß  die  Winterstürme  dem  Frühlinge  wichen,  kräftiger
  und  kräftiger  wurde.

Während  der  Verhandlungen  hatte  der  Kanzler  zu  Bluntschli
über  seinen  Gesundheitszustand  geklagt,  er  könne  nachts  nur
zwei  Stunden  schlafen  und  müsse  viele  Stunden  warten,  bis
ein  wenig  Schlaf  komme.  Er  wolle  auf  Monate  weggehen  zu
seiner  Erholung.  Am  29.  Mai,  während  er  zu  Pferde  der
Parade  auf  dem  Tempelhofer  Felde  beiwohnte,  erkrankte  er
plötzlich  an  rheumatischer  Affektion  des  Rippenfells;  er  mußte
vom  16.  Juni  bis  Anfang  Dezember  ausspannen  und  sich  Ruhe
in  Varzin  gönnen,  soweit  das  dem  rastlos  tätigen  Manne
möglich  war.  Die  Maschine  war  zu  groß,  mit  der  er  arbeiten
mußte:  preußischer  Ministerprässdent,  Minister  des  Auswärtigen,
Bundeskanzler  und  in  Anspruch  genommen  von  drei  Parlamenten,
  dem  norddeutschen  Reichstag,  den  preußischen  Kammern
und  dem  Zollparlament.  Und  jedes  Parlament  stellte  hohe  Anforderungen
  an  ihn,  keins  konnte  ihn  missen.

Auch  den  Landtagsverhandlungen  konnte  er  nicht  fern
bleiben.  Und  hier  stand  er  vielfach  im  Kampf  mit  alten  Gegnern,
  mit  alten  Freunden  und  dazu  gegen  Polen,  Dänen  und
Welfen.  Kampf  war  nun  einmal  der  tragische  Beruf  von
Bismarcks  Leben,  insofern  alles  Tragische  eben  darauf  beruht,
daß  es  etwas  gibt,  von  dem  wir  nicht  lassen  können.  Das
war  bei  Biesmarck  die  Liebe  zu  seinem  vaterländischen  Werk
und  das  altpreußische  Pflichtgefühl,  dieses  Werk  zu  schützen
mit  aller  Kraft  zu  jeder  Stunde.

Vor  allem  waren  es  Fragen  mit  nationalem  Einschlag,
Fragen  der  Sicherheit  des  Vaterlandes,  die  ihn  in  den  Harnisch
  brachten.  Gegen  die  Polen,  wenn  sie  gegen  die  Einverleibung
  ehemals  polnischer  Landesteile  der  preußischen  Monarchie
  in  den  Norddeutschen  Bund  protestierten.  Er  griff  hier
den  Stier  bei  den  Hörnern  und  faßte  jene  Proteste  auf  als
das,  was  sie  waren,  als  einen  Angriff  gegen  die  preußische
        <pb n="321" />
        310  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

Monarchie.  Ohne  jede  Sentimentalität  entrollte  er  ein  Bild
dessen,  was  die  ehemalige  Republik  Polen  jetzt  besäße  an  Wohlstand,
  an  Rechtssicherheit  und  auch  an  Anhänglichkeit  der  Einwohner,
  sofern  diese  nicht  Verführern  anheimgefallen  seien,  an  ihre
Regierung,  zu  der  sie  auf  den  dänischen  und  böhmischen  Schlachtfeldern
  mit  der  ihrem  Blute  und  ihrer  Nationalität  eigentümlichen
Tapferkeit  gestanden  hätten.  Dem  hielt  er  das  traurige  Bild
entgegen,  das  die  ganze  Vergangenheit  des  polnischen  Volkes  mit
seiner  polnischen  Wirtschaft  aufweise,  in  einer  Rede  (18.  März
1867),  die  allezeit  geradezu  einen  politischen  Katechismus  bildet
für  jeden,  der  klare  Belehrung  über  Preußens  Verhältnis  zur
polnischen  Frage  haben  will.  Die  Rede  schloß  mit  der  Zusicherung
  an  die  Polen:  „Die  energischsten  Anstrengungen
—  und  wer  bewundert  nicht  den  Grad  von  Energie,  den  der
polnische  Adel  anwendet,  um  die  verlorene  Herrschaft  wieder
zu  erlangen?  —  die  energischsten  Anstrengungen,  die  größte
Hingebung  für  gemeinsame  Zwecke,  die  glänzendste  Tapferkeit,
die  einzelne  Individuen  für  diesen  Zweck  an  den  Tag  legen,
alles  das  reicht  nicht  hin,  um  die  verlorenen  Güter  zurückzubringen.
  Es  bleibt  das  Wort  des  Dichters  wahr:  „Was  Du
vom  Augenblicke  ausgeschlagen,  bringt  keine  Ewigkeit  zurück.“

Wie  gegen  Polen  wandte  er  sich  gegen  Welfen  und  Hessen,
besonders  gegen  die  Umtriebe  in  Frankreich.  Den  klagenden
Hannoveranern  gab  er  die  bittere  Wahrheit  zu  kosten:
„Wenn  das  Blut,  wenn  die  Freiheit  Preußens  aufs  Spiel  gestellt
  wird,  wenn  das  ganze  Königreich,  wie  es  war,  mit  seiner
glorreichen  Krone  als  Einsatz  stand,  wenn  die  Kroaten  unser
Land  mit  Plünderung  bedrohten,  wenn  die  Fremdherrschaft,
ich  weiß  nicht,  auf  wie  lange  uns  bedrohte,  —  wenn  man  uns
in  dieser  Gefahr  einen  Stich  in  die  Seite  gibt,  dann  soll  man
sich  darnach  nicht  auf  den  Standpunkt  der  Sentimentalität
stellen  und  über  schlechte  Behandlung  klagen.“  Bismarck  hatte
vor  dem  Kriege  den  hannoverschen  Minister  Graf  Platen  mit
den  Worten  gewarnt:  „Wenn  Sie  sich  mit  unsern  Feinden
liieren,  obschon  Sie  dieselben  Interessen  mit  uns  haben,  wenn
Sie  zwischen  Hamburg,  Minden  und  Köln  einen  Staat  schaffen,
        <pb n="322" />
        Abwehr  vaterlandsfeindlicher  Umtriebe  311

von  dem  wir  befürchten  müssen,  daß  er  jede  Verlegenheit  benutzt,
  jede  Front,  die  wir  nach  Süden  machen,  um  uns,  ich
will  nicht  sagen  den  Dolch,  aber  die  Waffe  in  den  Rücken  zu
rennen,  so  kann  ein  solcher  Staat  nicht  mit  unserm  Willen  bestehen,
  seine  Fortexistenz  wäre  unverträglich  mit  der  Preußens,
und  derjenige  preußische  Minister,  der  die  erste  Gelegenheit,
die  sich  zur  Beseitigung  eines  solchen  Hannovers  darbietet,
versäumen  würde,  verrät  sein  Land,  verrät  Deutschland.“  Diese
Warnung  teilte  er  im  März  1867  im  Reichstage  mit  und  auch
die  Tatsache,  daß  Preußen  vor  dem  Kriege,  ja  noch  bei  Langensalza
  über  ein  Bündnis  mit  Hannover  verhandelt  habe.  —  Als
nun  der  König  von  Hannover  auch  noch  nach  dem  Kriege
fortwährend  die  Rolle  eines  kriegerischen  Fürsten  Preußen  gegenüber
  spielte  mit  der  Anwerbung  der  Welfenlegion  und  mit
Kriegsmachenschaften  im  Auslande,  da  erhob  von  neuem  im
Januar  1869,  wie  bei  dem  Antrage  auf  Beschlagnahme  des
Vermögens  des  Königs  von  Hannover,  Bismarck  seine  warnende
Stimme,  er  erklärte  im  Abgeordnetenhause:  „Wir  wollen  hier
nicht  zu  Gericht  sitzen  über  den  gefallenen  Gegner,  aber  wir
wollen  Deutschland  vor  Schaden  bewahren,  wir  wollen  diesen
Frevel  mit  dem  Frieden  einer  großen  Nation,  mit  dem  Frieden
Europas  ein  Ende  machen  gegen  diejenigen,  welche  für  persönliche
  und  kleinliche  dynastische  Interessen  sich  berufen  fühlen,
das  Glück  und  die  Ehre  des  eigenen  Vaterlandes  in  Verschwörungen
  mit  dem  Auslande  zu  bedrohen  und  aufs  Spiel
zu  setzen.“

Und  in  denselben  Tagen  erging  er  sich  auch  gegen  gleiche
Umtriebe  des  Kurfürsten  von  Hessen,  indem  er  auf  das  Beispiel
  Coriolans  hinwies,  der  mit  den  Volskern  im  Bunde  seine
Vaterstadt  Rom  belagerte,  aber  durch  seine  Mutter  und  durch
seine  Gattin  zum  Abzuge  bewogen  wurde.  Es  waren  echt  Bismarcksche
  Worte,  denen  damals  begeisterter  Beifall  folgte:
„Leider  kann  sich  das  Ausland  sagen,  daß,  wenn  eine  Armee
siegreich  bei  uns  vordränge,  sie  nicht  überall  auf  denselben
feindlichen  Widerstand  stoßen  würde,  wie  er  vielleicht  bei  jeder
anderen  geschlossenen  europäischen  Nation  zu  erwarten  wäre.
        <pb n="323" />
        312  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

Die  Coriolane  sind  in  Deutschland  nicht  selten,  es  fehlt  ihnen
nur  an  Volskern,  und  wenn  sie  Volsker  fänden,  würden  sie
sich  bald  demaskieren;  nur  den  letzten  versöhnenden  Abschluß
Coriolans  würden  alle  Frauen  Kassels  und  Deutschlands  dann
nicht  imstande  sein,  herbeizuführen.  Es  ist  sehr  zu  beklagen,
daß  dem  bei  uns  so  ist.  Vergegenwärtigen  Sie  sich  den  Eindruck,
  den  es  in  Spanien  wie  in  Rußland,  in  England  wie
in  Frankreich,  in  Ungarn  wie  in  Dänemark  machen  würde.
Wenn  dort  irgend  jemand  erklärte,  er  wolle  seine  partikularistischen
  Gelüste,  seine  Familieninteressen,  seine  Parteiinteressen
mit  ausländischer  Hilfe  durchführen,  er  setze  seine  ganze  Hoffnung
  darauf,  und  arbeite  dahin,  daß  die  Fluren  seines  Vaterlandes
  zertreten  würden  von  siegreichen  ausländischen  Kriegsheeren,
  daß  seine  eigene  Heimat  in  dieselbe  Unterjochung  verfalle,
  wie  wir  sie  am  Anfang  dieses  Jahrhunderts  in  Deutschland
  erlebt  haben  —  was  kümmern  ihn  die  rauchenden  Trümmer
seines  Vaterlandes,  wenn  er  nur  auf  ihnen  steht!  —  nehmen
Sie  an,  daß  in  allen  Ländern  bis  in  das  kleine  Dänemark
hinein  eine  Partei,  eine  Clique  die  Frechheit  hätte,  sich  zu
solchen  Bestrebungen  offen  zu  bekennen,  solche  Leute  würden
dort  überall  ersticken  unter  der  zermalmenden  Verachtung  ihrer
Landsleute!  Bei  uns  allein  ist  das  nicht  so,  bei  uns  erliegen
sie  nicht  der  Verachtung;  sie  tragen  die  Stirn  hoch,  sie  sinden
öffentlich  Verteidiger  bis  in  diese  Räume  hinein.

„Uberall,  wo  Fäulnis  ist,  stellt  sich  ein  Leben  ein,  welches
man  nicht  mit  reinen  Glacéhandschuhen  anfassen  kann.  Dieser-Tatsache
  gegenüber  sprechen  Sie  doch  nicht  von  Spionierwesen!
Ich  bin  nicht  zum  Spion  geboren  meiner  ganzen  Natur  nach;
aber  ich  glaube,  wir  verdienen  Ihren  Dank,  wenn  wir  uns
dazu  hergeben,  bösartige  Reptilien  zu  verfolgen  bis  in  ihre
Höhlen  hinein,  um  zu  beobachten,  was  sie  treiben.“

Bei  Gelegenheit  dieser  Debatten  wies  er  auch  darauf  hin,
wie  ein  Teil  der  deutschen  Presse  es  nicht  scheue,  in  der  französischen
  Presse  gegen  Deutschland  zu  hetzen  und  bemerkte  dazu:
„Es  ist  an  sich  ein  verbrecherisches  Beginnen,  zwei  große
Nationen  in  der  Mitte  der  europäischen  Zivilisation,  die
        <pb n="324" />
        Gegen  die  vaterlandsfeindliche  Hetzpresse  313

beiderseits  den  ernsten  Willen  hegen,  miteinander  in  Frieden
zu  leben,  die  keine  wesentlichen  Interessen  haben,  welche  sie
trennen  könnten,  in  den  Krieg  hineintreiben  zu  wollen  und
sich  zu  diesem  Zwecke  mit  einem  großen  Aufwande  von  Geld—
mitteln  der  gedruckten  Lüge  zu  bedienen.

„Alle  diese  Nachrichten  würden  an  und  für  sich  unbedeutend
sein;  sie  stehen  gewöhnlich  zuerst  in  leicht  zugänglichen  Winkel—
blättern,  gewinnen  aber  dann  eine  ganz  andere  Bedeutung
durch  die  Mitwirkung  der  Telegraphie.  Wenn  z.  B.  in  der
„Bayerischen  Landeszeitung“  steht,  Preußen  habe  Süddeutschland
  zur  Kriegsbereitschaft  aufgefordert,  so  lacht  in  Deutschland
  ein  jeder  darüber;  wenn  dies  aber  als  eine  Nachricht
von  ungewöhnlicher  Wichtigkeit  von  beflissenen  Leuten,  die
dazu  besonders  angestellt  sind,  sofort  in  alle  Welt  telegraphiert
wird,  so  gewinnt  durch  das  Telegraphieren  die  erfundene
Nachricht  eine  Bedeutung,  die  sie  an  und  für  sich  nicht  ge—
habt  hat.

„Wir  haben  uns  gegen  die  Autorität  des  Gedruckten  erst
allmählich  abstumpfen  können,  und  das  ist  namentlich  seit
1848  gelungen;  bis  dahin  hatte  für  einen  großen  Teil  der
Bevoͤlkerung  alles  Gedruckte  seine  besondere  Bedeutung;  jeder,
der  auf  dem  Lande  nur  das  Amtsblatt  las,  von  der  Bibel
und  dem  Gesangbuche  nicht  zu  reden,  hielt  das  Gedruckte  für
wahr,  weil  es  gedruckt  war,  ungeachtet  des  üblichen  Sprich—
worts:  er  lügt  wie  gedruckt;  es  wird  vielleicht  auch  dahin
kommen  zu  sagen:  er  lügt  wie  telegraphiert,  denn  gegen  den
Mißbrauch,  der  mit  diesem  Beförderungsmittel  getrieben  wird,
sind  bisher  die  wenigsten  Leute  noch  auf  der  Hut;  sie  denken
nicht  an  den  Reichtum  von  Geldmitteln,  der  es  jemandem
möglich  macht,  zum  Telegraphieren  aller  in  drei  bis  vier
Sprachen  übersetzten  Tendenzlügen  in  verschiedenen  Welt—
städten  Lektoren  zu  bezahlen,  die  nur  damit  beschäftigt  sind,
Zeitungen  durchzulesen  und  zu  sehen,  ob  sich  eine  Alarmnachricht
  findet;  findet  er  keine,  so  hat  er  sie  zu  machen  und
telegraphiert  sie  nun  als  aufregendes  Symptom  an  verschiedene
ausländische  Blätter.
        <pb n="325" />
        314  12.  Der  Kanzler  des  Norddeutschen  Bundes

„So  wird  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich  bearbeitet;
umgekehrt  wird  sie  bei  uns  in  Deutschland  dahin  aufgeregt,
als  ob  wir  alle  Tage  einen  Angriff  Frankreichs  auf  Deutschland
  zu  gewärtigen  hätten.  Es  liegt  im  wohlverstandenen
Interesse  beider  Nationen,  daß  diesen  verlogenen  Intrigen  nach
Möglichkeit  ein  Ende  gemacht,  und  daß  die  Geldmittel  dazu
abgeschnitten  werden.

„Die  königliche  Regierung  hat  seit  Jahr  und  Tag  ihre
volle  Tätigkeit  auf  die  Zerstreuung  falscher  Kriegsgerüchte
verwendet,  sie  hat  in  diesem  Augenblick  die  Uberzeugung,  daß
die  europäischen  Regierungen  von  friedlichen  Intentionen  beseelt
  sind,  und  sie  hat  das  Bedürfnis,  daß  das  Publikum
endlich  zu  demselben  Glauben  und  zum  Vertrauen  auf  friedliche
  Zustände  gelange.  Schon  im  Interesse  der  nationalen
Würde  sind  die  Quellen  abzuschneiden,  aus  denen  deutsche
Blätter  besoldet  werden,  die  in  schamloser  Offentlichkeit  eine
starke  und  kriegstüchtige,  aber  ebenfalls  friedliebende  Nation,
wie  die  Franzosen,  zum  Kriege  gegen  Deutschland  auffordern
und  offen  die  Hoffnung  aussprechen,  das  Vaterland,  Deutschland,
  werde  in  diesem  Kriege  unterliegen.  Mir  sind  in  der
Presse  Vorwürfe  gemacht  worden,  daß  ich  solchen  Erscheinungen
gegenüber  die  diplomatische  Ruhe,  die  meine  Stellung  erfordert,
nicht  zu  bewahren  vermöchte;  ich  muß  nun  aber  sagen:  wer
über  solche  Niederträchtigkeit  nicht  in  Zorn  gerät,  hat  ein
anders  organisiertes  Nationalgefühl,  als  mir  eigen  ist!“

Nach  allen  Seiten  hin  stand  er  mit  seinem  nationalen
Zorn  auf  der  Wacht;  denn  „Gefahren  ringsum“,  das  war  das
charakteristische  Gepräge  jener  Tage  zwischen  1866  und  1870.

Und  mitten  hinein  in  diese  an  Schwierigkeiten  so  reiche
Zeit  kam  nun  auch  eine  Unstimmigkeit  mit  dem  König,  die  in
dem  Kanzler  sogar  vorübergehend  den  Wunsch  erweckte,  die  Geschäfte
  niederzulegen.  Er  stand  zwischen  dem  Könige,  acht  Ministern
  und  drei  parlamentarischen  Körperschaften  und  hatte  mit
den  verbündeten  und  den  fremden  Regierungen  beständig  in  einem
Maße  zu  tun,  das  die  Arbeitskraft  eines  einzelnen  weit  überschritt.
  In  Italien  saß  ein  Gesandter,  Graf  Usedom,  der  statt
        <pb n="326" />
        —

Laskers  Antrag  auf  den  Eintritt  Badens  in  den  Norddeutschen  Bund  315

zu  arbeiten,  meist  auf  dem  Lande  feierte,  wie  das  auch  sonst
manchem  deutschen  Diplomaten  eigen  zu  sein  pflegt,  und  Pflichtwidrigkeit
  über  Pflichtwidrigkeit  beging.  Bismarck  wünschte
die  Entfernung,  da  seine  „dienstliche  Last  durch  Unbrauchbarkeit
  dieses  Mitarbeiters  erhöht  werde“.  Der  König  konnte  sich
nicht  dazu  entschließen.  Gerade  in  der  Zeit,  als  diese  Frage
schwebte,  hatte  man  wegen  einer  Geldzahlung  an  die  Stadt
Frankfurt  eingehend  verhandelt  und  in  langen  Sitzungen  eine
Vorlage  ausgearbeitet,  die  an  den  Landtag  kommen  sollte.
Zwischendurch  hatte  der  König  aus  freien  Stücken  eine  größere
Summe  versprochen.  Man  mußte  nun  von  neuem  an  langwierige
  Arbeiten  gehen.  Das  wurde  Bismarck  zuviel;  er  bat
um  seine  Entlassung;  er  konnte  sein  Amt  unter  unnötigen  Erschwerungen
  nicht  mehr  führen.  Der  König  lehnte  das  Gesuch
ab  in  einem  Briefe,  der  für  alle  Zeiten  charakteristisch  ist  für
Bismarck  und  seinen  königlichen  Herrn:  „Wie  können  Sie  nur
daran  denken,  daß  ich  auf  Ihren  Gedanken  eingehen  könnte!
Mein  größtes  Glück  ist  es  ja  (diese  Worte  hatte  der
König  zweifach  unterstrichen),  mit  Ihnen  zu  leben  und  immer
fest  einverstanden  zu  sein  .  .  .  Ihr  Name  stehet  in  Preußens
Geschichte  höher  als  der  irgend  eines  preußischen  Staatsmanns.
  Den  soll  ich  lassen?  Niemals.  Ruhe  und  Gebeth
wird  Alles  ausgleichen.  Ihr  treuester  Freund  W.“  Usedom
wurde  entlassen,  Bismarck  blieb.

Es  war  ein  Glück  für  Deutschland.  Das  Jahr  1870  kam
heran  und  mit  ihm  der  große  Krieg.  Gleichsam  als  eine  Ouvertüre
  zu  dem  Wirbeln  der  Trommeln  und  dem  Klange  der
Kanonen  haben  wir  aus  dem  Februar  eine  Rede  Bismarcks,  wie
ste  kaum  schöner  grade  am  Anfange  dieses  Jahres  stehen  könnte.
Der  Abgeordnete  Lasker  hatte  beantragt,  Baden  an  den  Bund
anzuschließen.  Bismarck  erklärte  darauf,  warum  ihm  dieser
Antrag  überraschend  und  im  höchsten  Grade  unerwünscht  sei,
und  daß  er  ihn  für  einen  politischen  Fehler  halte.  Es  sei
nicht  wohlgetan,  dasjenige  Element,  das  der  nationalen  Entwicklung
  im  Süden  am  günstigsten  sei,  auszuscheiden  und  mit
einer  Barriere  abzuschließen;  „gewissermaßen  den  Milchtopf
        <pb n="327" />
        316  12.  Der  Kanzler  des  Norddentschen  Bundes

abzusahnen  und  das  übrige  sauer  werden  zu  lassen“.  Dann
fuhr  er  fort:  „Ich  hatte  zuerst,  als  ich  den  Antrag  las,  das
Gefühl,  daß  den  Herren  Antragstellern  so  etwa  zumute  war,
wie  Shakespeare  den  Heißsporn  Percy  schildert,  der,  nachdem
er  ein  halb  Dutzend  Schotten  umgebracht  hat,  über  das  langweilige
  Leben  klagt:  es  passiert  eben  nichts,  es  muß  etwas
Leben  hineingebracht  werden!  Gründung  staatlicher  Gemeinschaften,
  großartige  Reformen,  durchgreifende  Gesetzgebungen,
das  alles  erschöpft  den  Tatendrang  nicht:  es  muß  etwas  geschehen!
  Das  war  der  Eindruck,  den  ich  von  den  Antragstellern
  hatte,  ich  weiß  nicht,  mit  wieviel  Berechtigung.  Aber
wenn  einiges  daran  ist,  liegt  das  nicht  in  einer  gewaltigen
Unterschätzung  des  wirklich  Erreichten?  Denken  Sie  zurück,
meine  Herren,  in  die  Jahre  vor  1848,  in  die  Jahre  vor  1864:
mit  wie  wenigem  wäre  man  damals  zufrieden  gewesen!  Als
welche  glänzende  Errungenschaft  wäre  beispielsweise  diejenige
Einigung  für  ganz  Deutschland,  in  welcher  wir  heute  mit
Süddeutschland  stehen,  der  gesamten  Nation  erschienen,  nämlich
ein  Zollparlament,  welches  dem  Ganzen  eine  organische  verfassungsmäßige
  Gestalt  verlieh,  und  ein  gesicherter  Oberbefehl
der  gesamten  Heeresmacht!  Der  gesicherte  Oberbefehl  war
eine  große  Schwierigkeit  für  einen  Krieg  des  alten  Bundes:
er  war  schwerlich  zu  erreichen,  und  die  Verhandlungen  darüber
hätten,  wenn  nicht  außerhalb  des  Bundes  Vorsorge  getroffen
wäre,  länger  dauern  können,  als  der  Krieg.  Haben  wir  nicht
in  bezug  auf  Süddeutschland  ein  kostbares  Stück  nationaler
Einheit  erreicht?  Ich  kann  dreist  behaupten:  übt  nicht  das
Präsidium  des  Norddeutschen  Bundes  in  Süddeutschland  ein
Stück  kaiserlicher  Gewalt,  wie  es  im  Besitze  der  deutschen
Kaiser  seit  fünfhundert  Jahren  nicht  gewesen  ist?

„Wo  ist  denn  —  seit  der  Zeit  der  ersten  Hohenstaufen  —
ein  unbestrittener  Oberbefehl  im  Kriege,  eine  unbestrittene
Sicherheit  der  Gemeinschaft,  denselben  Feind  und  denselben
Freund  im  Krieg  zu  haben,  in  deutschen  Landen  vorhanden
gewesen?  wo  ist  denn  eine  wirtschaftliche  Einheit  vorhanden
gewesen,  an  deren  Spitze  der  deutsche  Kaiser  gestanden  hätte?
        <pb n="328" />
        Laskers  Antrag  auf  den  Eintritt  Badens  in  den  Norddeutschen  Bund  317

Der  Name  macht  es  nicht!  Aber  wenn  das  Präsidium,  wenn
der  König,  mein  allergnädigster  Herr,  im  Nordbunde  eine
Macht  übt,  die  zu  erweitern  im  nationalen  Interesse,  im  Interesse
  des  Gewichtes  und  des  Schutzes  von  Deutschland,  kein
Bedürfnis  vorhanden  ist,  so  kann  ich  behaupten:  das  Haupt
des  Nordbundes  hat  in  Süddeutschland  eine  Stellung,
  wie  sie  seit  dem  Kaiser  Rotbart  ein  deutscher
Kaiser  nicht  gehabt  hat,  und  dieser  doch  auch  nur,
wenn  sein  Schwert  gerade  siegreich  war,  vertragsmäßig
  und  allgemein  anerkanntnicht.  Also  unterschätzen
wir  dies  nicht,  und  drängen  Sie  nicht  so  auf  neue  Etappen:
genießen  Sie  doch  einen  Augenblick  froh,  was  Ihnen  beschieden,
und  begehren  Sie  nicht,  was  Sie  nicht  haben!“

Das  Jahr  1870  verging  in  seiner  ersten  Hälfte  ohne
irgendwelche  auswärtigen  Besorgnisse.  So  konnte  Bismarck  im
Juni  in  sein  Varziner  Tuskulum  zur  verdienten  Erholung
gehen.  Am  7.  Juni  schreibt  er  an  Roon  von  Berlin  aus:
„Ich  entfliehe  morgen  früh  den  Schlingen,  die  sich  mit  jedem
Tage  meines  Bleibens  stets  von  Neuem  um  meine  heimwärts
strebenden  Füße  legen.  Ich  hoffe,  daß  wir  uns  Anfangs  August
hier  so  wohl  wiedersehn,  wie  wir  es  uns  gegenseitig  wünschen.
Ich  habe  formell  6  Wochen  Urlaub  ..  Mit  herzlichen  Grüßen
in  Reise-Hast  Ihr  v.  B.“

Am  8.  Juni  reiste  er  nach  Varzin.  Am  30.  Juni  erklärte
der  französische  Minister  Ollivier  im  gesetzgebenden  Körper:
„Zu  keiner  Zeit  war  die  Aufrechterhaltung  des  Friedens  mehr
gesichert  als  jetzt.  Wohin  man  auch  blickt,  kann  man  nirgends
eine  Frage  entdecken,  die  Gefahr  in  sich  bergen  könnte.“  Am
2.  Juli  berichtete  der  österreichische  Geschäftsträger  in  Berlin
nach  Wien,  daß  in  der  politischen  Welt  fast  ausnahmslose
Ruhe  herrsche.  Und  am  11.  Juli  sagte  der  englische  Premier
Granville,  der  am  6.  das  Auswärtige  Amt  übernommen  hatte,
daß  bis  zum  5.  Juli  eine  solche  politische  Ruhe  herrschte,  wie
sie  dem  erfahrenen  Staatssekretär  Mr.  Hammond  während
seiner  langen  Praxis  noch  nicht  vorgekommen  sei.“
        <pb n="329" />
        13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser
und  Reich

m  2.  Juli  hatte  das  spanische  Ministerium  für  den  erledigten

Königsthron  den  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern  in
bestimmte  Aussicht  genommen.  Diese  Thronfolgefrage  hatte  eine
längere  Vorgeschichte:  In  Spanien  war  im  Jahre  1868  die
Königin  Isabella  gestürzt.  Seitdem  suchte  man  dort  nach  einem
König  und  hatte  schon  im  Jahre  1869  dem  Erbprinzen  die
Krone  angeboten.  Bismarck  war  diese  Kandidatur  von  vornherein
  willkommen.  Bereits  im  Jahre  1868  gleich  nach  dem  Sturz
der  Königin  hatte  er  sich  geäußert,  die  spanische  Bewegung  werde,
wenn  sie  einige  Konsistenz  entwickle,  ein  wirksames  Zugpflaster
zugunsten  des  Friedens  sein.  Was  auch  nur  an  Mitteln  und
Bürgschaften  für  die  Sicherung  des  europäischen  Friedens  sich
bot,  das  begrüßte  er  mit  Freuden;  auch  das  Anerbieten  der
Krone  Spaniens  an  den  Prinzen  von  Hohenzollern  betrachtete
er  unter  diesem  Gesichtspunkt.  Freilich  war  er  sich  klar,  daß
Frankreich  zunächst  empfindlich  berührt  sein  werde,  wenn  ein
Hohenzoller  —  und  mochte  er  mit  der  regierenden  Linie  auch
nur  lose  zusammenhängen  —  den  spanischen  Königsthron  besteige.
  In  Paris  war  schon  im  Jahre  1869,  als  die  Thronkandidatur
  Leopolds  zuerst  bekannt  wurde,  die  Presse  unruhig
geworden,  und  auch  Benedetti  hatte  keinen  Zweifel  darüber  gelassen,
  daß  man  an  der  Seine  diese  Lösung  der  Thronfolgefrage
  übel  nehmen  werde.  Indessen  —  die  französische  Empfindlichkeit
  konnte  beschwichtigt  werden.  Immerhin  war  das
Angebot,  auch  auf  Wunsch  des  Vaters  des  Erbprinzen,  des
Fürsten  Karl  Anton,  zunächst  fallen  gelassen  worden.  Zu  Beginn
  des  Jahres  1870  wurde  es  von  Marschall  Prim  wieder
aufgenommen,  und  Bismarck  legte  in  einer  Denkschrift  am
27.  Februar  seine  Ansichten  dar:  Wenn  der  Erbprinz  Spanien
von  der  Anarchie  erlöse,  die  dort  herrsche,  so  werde  das  Dankbarkeit
  für  Deutschland  erwecken.  Die  Sympathien  Spaniens
        <pb n="330" />
        Die  spanische  Thronkandidatur  319

für  Deutschland  würden  aber,  so  argumentierte  Bismarck,  die
Friedensliebe  Frankreichs  stärken;  für  Preußen  sei  in  einem
deutsch-französischen  Kriege  ein  deutschfreundliches  Regiment
in  Spanien  ein  bis  zwei  Armeekorps  wert,  da  Frankreich  seine
Südgrenze  nicht  ungeschützt  lassen  könne.  Andererseits  weist
Bismarck  in  den  Gedanken  und  Erinnerungen  nachdrücklich
darauf  hin,  daß  das  passive  Verhalten  Spaniens  nach  Ausbruch
  des  Krieges,  bei  dem  doch  auch  die  spanische  Ehre  in
Mitleidenschaft  gezogen  war,  bewiesen  habe,  daß  das  spanische
Volk,  auch  wenn  ein  Hohenzoller  es  regierte,  doch  schwerlich
dazu  hätte  bewogen  werden  können,  eine  Macht  wie  Frankreich
  uns  zuliebe  anzugreifen,  ja  auch  nur  ein  Regiment  aus
Liebe  zu  Deutschland  an  die  Pyrenden  zu  schicken.  Mehr  als
in  politischer  glaubte  er  sich  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  von
der  Verwirklichung  der  Thronkandidatur  versprechen  zu  können.
Der  Handel  Spaniens  mit  Deutschland  werde  sich  unter  einem
Hohenzoller  ebenso  beleben,  wie  das  mit  Rumänien  der  Fall
sei,  so  meinte  er,  auch  das  Ansehen  des  Hohenzollernhauses
werde  gehoben  und  der  monarchische  Sinn  gestärkt;  eine  Ablehnung
  werde  die  Spanier  verletzen;  außerdem  würden  die  Aussichten
  auf  eine  Republik  in  Spanien  wachsen;  das  aber  würde
Napoleon  ebenso  ungern  sehen,  wie  eine  orleanistische  Lösung.
Der  Hohenzollernprinz  war  zudem  mit  den  Napoleons  verwandt.

Im  Mai  trat  die  Frage  wieder  kräftiger  auf.  Die  spanische
Regierung  hatte  sich  dafür  verbürgt,  daß  die  spanischen  Cortes
den  Erbprinzen  sicher  wählen  würden.  Dieser  zeigte  sich  jetzt
geneigt  zur  Annahme  der  Wahl.  Er  empfand  es  doch  als  eine
Pflicht  das  spanische  Volk  nicht  in  seinen  Schwierigkeiten  sitzen
zu  lassen;  vor  einer  Bloßstellung  war  er  gesichert.  Bismarck
aber  wollte  nicht  offiziell  beteiligt  werden;  weil  er  „eine  vorübergehende
  Beunruhigung“  vorher  sah  und  dieser  frei  gegenüber
  stehen  wollte.  König  Wilhelm  gab  nach  langem  innerlichen
  Kampfe  am  21.  Juni  als  Familienhaupt  seine  endgültige
Zustimmung.

Spaniens  Ministerpräsident  Prim,  der  die  Verhandlungen
geführt  hatte,  hatte  die  Absicht,  im  Laufe  des  Juli  dem  Kaiser
        <pb n="331" />
        320  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Napoleon  die  Angelegenheit,  die  bisher  durchaus  vertraulich
betrieben  war,  zu  unterbreiten  und  dessen  Zustimmung  zu  erwirken.
  Aber  er  machte  unvorsichtigerweise  schon  vorzeitig  dem
französischen  Gesandten  Mercier  Mitteilung;  so  wurde  bereits
am  3.  Juli  die  ganze  Angelegenheit  in  Paris  bekannt  und  verursachte
  eine  gewaltige  Erregung  der  französischen  Nationalempfindlichkeit.


Am  4.  Juli  wurde  das  auswärtige  Amt  in  Berlin  von
dem  französischen  Geschäftsträger  (der  Gesandte  Benedetti
weilte  in  Wildbad)  befragt.  Bismarcks  Vertreter,  der  Unterstaatssekretär
  von  Thile,  gab  die  Antwort,  daß  die  preußische
Regierung  von  der  Angelegenheit  nichts  wisse;  wie  es  auch
zutraf,  da  die  Frage  der  Annahme  der  Wahl  von  dem  Könige
lediglich  als  Familiensache  behandelt  worden  war,  die  weder
Preußen  noch  den  Rorddeutschen  Bund  etwas  anging,  bei  der
es  sich  eben  nur  um  die  persönliche  Beziehung  des  Kriegsherrn
zu  einem  deutschen  Offizier  und  des  Hauptes  nicht  der  königlich
preußischen,  sondern  der  hohenzollernschen  Gesamtfamilie  zu  den
Trägern  des  Namens  Hohenzollern  handelte.  In  diesem  Sinne
war  auch  vom  Könige  bei  frühern  Anfragen  des  Prinzen  Leopold
  die  Sache  behandelt  worden.

In  Frankreich  suchte  man  nach  einer  Demütigung  Preußens,
wenn  nicht  nach  einem  Kriegsfalle,  besonders  seitdem  im  Mai
1870  der  deutschfeindliche  klerikale  Herzog  von  Gramont
Minister  des  Auswärtigen  war.  Demgegenüber  riet  Bismarck
am  5.  Juli  dem  König  telegraphisch,  sich  eine  ruhige  Auffassung
der  Lage  zu  bewahren.

Schon  in  der  Anfrage,  mit  der  man  von  Paris  aus  am
4.  Juli  die  preußische  Politik  zur  Rede  gestellt  hatte,  lag  eine
Unverschämtheit.  Diese  wurde  zur  bedrohenden  Beleidigung
durch  Herausforderungen  der  französischen  Presse  und  durch  die
Stellungnahme  des  Ministeriums  Gramont-Ollivier  im  gesetzgebenden
  Körper.  Am  6.  Juli  äußerte  sich  Gramont  auf  eine
Interpellation  hin:  „Wir  glauben  nicht,  daß  die  Achtung  vor
den  Rechten  eines  Nachbarvolkes  uns  verpflichtet,  zu  dulden,  daß
eine  fremde  Macht  einen  ihrer  Prinzen  auf  den  Thron  Karls  V.
        <pb n="332" />
        Die  spanische  Thronkandidatur  321

setze.  Dieser  Fall  wird  nicht  eintreten,  dessen  sind  wir  gewiß.
Sollte  es  anders  kommen,  so  würden  wir  unsere  Pflicht  ohne
Zaudern  und  ohne  Schwäche  zu  erfüllen  wissen.“  Diese  Erklärung
  war  nicht  etwa  improvisiert,  sondern  offenbar  im
Ministerrate  beschlossen.  Der  Ministerpräsident  Ollivier  stellte
das  in  derselben  Sitzung  fest  und  fügte  die  Worte  hinzu:
„Wenn  Sie  über  diese  Erklärung  nachgedacht  haben,  so  werden
Sie  sich  überzeugen,  daß  sie  keine  Ungewißheit  über  den  Gedanken
  der  Regierung  läßt,  insofern  es  sich  darum  handelt,
ob  sie  den  Frieden  will  oder  den  Krieg  herbeiführt.“  Das
waren  schon  amtliche  Drohungen  mit  der  Hand  am  Degengriff.
Die  Phrase:  „La  Prusse  cane“  (Preußen  verkriecht  sich)  und
andere  Außerungen,  wie  die  Worte  Girardins  in  der  Liberté,
man  müsse  die  Preußen  mit  Kolbenstößen  über  den  Rhein
treiben,  und  des  amtlichen  Moniteurs,  man  müsse  die  Frage
erweitern  und  die  Räumung  von  Mainz,  die  Aufhebung  der
Bündnisse  zwischen  Preußen  und  Süddeutschland,  die  Abtretung
Nordschleswigs  an  Dänemark  fordern,  und  andere  Maßlosigkeiten
  machten  für  das  deutsche  nationale  Ehrgefühl  jede  Nachgiebigkeit
  unmöglich.  Bismarcks  erste  Gedanken  waren  denn
auch,  das  sei  der  Krieg;  eine  solche  Sprache  könne  Gramont
nicht  führen,  wenn  der  Krieg  nicht  beschlossene  Sache  sei.
In  Keudells  Gegenwart  hat  er  damals  temperamentvoll,  wie
er  war,  gesagt:  jetzt  müsse  man  die  ganze  Armee  mobil  machen
und  über  Frankreich  herfallen;  das  wäre  der  Sieg!  „Leider,"
fügte  er  hinzu,  „geht  das  aber  nicht  —  aus  verschiedenen
Gründen.“  Er  nahm  sich  zusammen,  bewahrte  seine  Ruhe  und
folgte  zunächst  selbst  dem  Rate,  den  er  am  5.  Juli  seinem
Könige  gegeben  habe.  Auf  die  Außerungen  in  Paris  kam
eine  sehr  gelassene  Antwort  in  der  Norddeutschen  Allgemeinen
Zeitung.  Bismarck  blieb  noch  in  Varzin.  Inzwischen  setzten
Verhandlungen  der  französischen  Regierung  mit  dem  in
Ems  weilenden  Könige  ein,  die  ganz  ungewöähnlich  waren;
denn  man  hätte  sich  an  die  Regierung  und  den  WMinister
des  Auswärtigen  wenden  müssen,  nicht  an  den  König
persönlich.
A.  Matthias,  Bismarck  21
        <pb n="333" />
        322  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Am  9.  Juli  forderte  Benedetti,  der  von  Wildbad  nach  Ems
beordert  war,  den  König  auf,  wenn  nicht  durch  Befehl,  so
doch  durch  guten  Rat  den  Prinzen  Leopold  zum  Nücktritt  zu
bewegen.  Der  König  entwickelte  würdig  und  bestimmt  seinen
Standpunkt,  er  habe  als  Familienhaupt  eine  negative  Rolle
gespielt,  indem  er  dem  Prinzen  die  Annahme  nicht  untersagt
habe;  Frankreich  möge  seine  Anstrengungen  nach  Madrid
richten.  Unter  der  Hand  erklärte  er  sich  bereit,  mit  dem  Vater
des  Prinzen  in  Beziehung  zu  treten.  Die  Aufregung  in  Paris
wurde  inzwischen  größer  und  größer;  in  Ems  steigerte  sich  die
Belästigung  für  den  König  durch  Benedettis  Aufdringlichkeit
bis  zum  Unerträglichen.

Bismarck  entschloß  sich  am  12.  Juli,  von  Varzin  nach  Ems
aufzubrechen,  um  beim  Könige  die  Berufung  des  Reichstages
behufs  der  Mobilmachung  zu  befürworten.  Als  er  auf  dem
Wege  zur  Eisenbahn  durch  das  Nachbardorf  Wussow  fuhr,  stand
sein  Freund,  der  alte  Prediger  Mulert,  vor  der  Türe  des  Pfarrhofes
  und  grüßte  ihn  freundlich.  Seine  Antwort  im  offenen
Wagen  war  ein  Lufthieb  in  Quart  und  Terz,  womit  er  sagen
wollte,  daß  es  in  den  Krieg  gehe.  Als  er  in  Berlin  ankam,
empfingen  ihn,  noch  ehe  er,  in  den  Hof  seiner  Wohnung  einfahrend,
  den  Wagen  verlassen  hatte,  wie  er  in  den  „Gedanken
und  Erinnerungen“  anschaulich  berichtet,  „Telegramme,  aus
denen  hervorging,  daß  der  König  nach  den  französischen  Bedrohungen
  und  Beleidigungen  in  Parlament  und  Presse  fortfuhr,
  mit  Benedetti  zu  verhandeln,  ohne  ihn  in  kühler  Zurückhaltung
  an  seine  Minister  zu  verweisen“.  Während  des  Essens,
an  dem  Moltke  und  Roon  teilnahmen,  traf  von  der  Botschaft
in  Paris  die  Meldung  ein,  der  Prinz  von  Hohenzollern  habe
entsagt,  um  den  Krieg  abzuwenden,  mit  dem  Frankreich  drohte.
Bismarcks  erster  Gedanke  war,  aus  dem  Dienste  zu  scheiden.
Er  war  auf  das  tiefste  gedrückt.  In  dem  erpreßten  Nachgeben
sah  er  eine  Demütigung  Deutschlands,  die  er  nicht  amtlich  verantworten
  wollte.  Er  hielt  den  Rückzug  vor  den  prahlerischen
Kundgebungen  Frankreichs  für  schlimmer  als  den  von  Olmütz,
dem  die  gemeinsame  Vorgeschichte  mit  Osterreich  und  der  Mangel
        <pb n="334" />
        Bismarck  in  Berlin.  Verhandlungen  in  Ens  323

der  Kriegsvorbereitung  Preußens  zur  Entschuldigung  dienen
konnten.  Er  sah  schon  im  Geiste  voraus,  wie  Frankreich  die
Entsagung  des  Prinzen  als  einen  befriedigenden  Erfolg  ansehen
  und  das  stolze  Gefühl  hegen  werde,  eine  kriegerische
Drohung  in  der  Form  einer  Beleidigung  und  Verhöhnung  genüge,
  um  Preußen  zum  Rückzuge  auch  in  gerechter  Sache  zu
nötigen,  weil  „der  Norddeutsche  Bund  in  sich  nicht  das  hinreichende
  Machtgefühl  trage,  um  die  nationale  Ehre  und  Unabhängigkeit
  gegen  französische  Anmaßung  zu  schützen“.  Er
fand  kein  Mittel,  den  fressenden  Schaden,  den  er  von  einer
schüchternen  Politik  für  die  nationale  Stellung  befürchtete,
wieder  gut  zu  machen,  „ohne  Händel  ungeschickt  vom  Zaune  zu
brechen  und  künstlich  zu  suchen"“.  So  telegraphierte  er  den
Seinigen  nach  Varzin,  er  werde  in  wenigen  Tagen  wieder
dort  sein,  —  ob  als  Minister  wisse  er  nicht.  In  demselben  Sinne
sprach  er  mit  Roonz  man  habe  die  französische  Ohrfeige  weg,
man  stehe,  weil  man  nachgiebig  gewesen,  als  Händelsucher  da;
seine  Stellung  sei  unhaltbar,  da  der  friedliebende  König  den
Unverschämtheiten  eines  fremden  Agenten  vier  Tage  lang  seine
monarchische  Person  ausgesetzt  habe.  An  die  Weiterreise  dachte
er  nicht  mehr,  er  entschuldigte  sich  beim  Könige  mit  Ermüdung
und  Unwohlsein  und  schickte  zu  seiner  Vertretung  den  Minister
des  Innern  Eulenburg  nach  Ems.

In  seiner  Niedergeschlagenheit  lud  er  Moltke  und  Roon
für  den  13.  zu  Tische  ein  und  besprach  mit  ihnen  seinen  Rücktritt.
  Beide  wandten  sich  gegen  ihn  nicht  ohne  den  Vorwurf,
daß  er  egoistisch  das  Feld  räumen  wolle.  Da  kam  die  Meldung,
daß  eine  umfangreiche  chiffrierte  Depesche  aus  Ems,  von  Geheimrat
  Abeken  unterzeichnet,  eingetroffen  sei.  Die  Entzifferung
ergab,  daß  Abeken  das  Telegramm  auf  Befehl  des  Königs
redigiert  und  unterschrieben  hatte.  Bismarck  las  es  seinen
Gästen  vorz  sie  lautete  also:  „Seine  Majestät  schreibt  mir:
„Graf  Benedetti  sing  mich  auf  der  Promenade  ab,  um  auf  zuletzt
  sehr  zudringliche  Art  von  mir  zu  verlangen,  ich  sollte  ihn
autorisieren,  sofort  zu  telegraphieren,  daß  ich  für  alle  Zukunft
mich  verpflichtete,  niemals  wieder  meine  Zustimmung  zu  geben,

21*
        <pb n="335" />
        324  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

wenn  die  Hohenzollern  auf  ihre  Kandidatur  zurückkämen.  Ich
wies  ihn  zuletzt  etwas  ernst  zurück,  da  man  à  tout  jamais  dergleichen
  Engagements  nicht  nehmen  dürfe  noch  könne.  Natürlich
  sagte  ich  ihm,  daß  ich  noch  nichts  erhalten  hätte  und,  da
er  über  Paris  und  Madrid  früher  benachrichtigt  sei  als  ich,
er  wohl  einsähe,  daß  mein  Gouvernement  wiederum  außer
Spiel  sei.“  Seine  Majestät  hat  seitdem  ein  Schreiben  des
Fürsten  bekommen.  Da  Seine  Majestät  dem  Grafen  Benedetti
gesagt,  daß  er  Nachricht  vom  Fürsten  erwarte,  hat  Allerhöchstderselbe,
  mit  Rücksicht  auf  die  obige  Zumutung,  auf  des  Grafen
Eulenburg  und  meinen  Vortrag  beschlossen,  den  Grafen  Benedetti
  nicht  mehr  zu  empfangen,  sondern  ihm  nur  durch  einen
Adjutanten  sagen  zu  lassen,  daß  Seine  Majestät  jetzt  vom
Fürsten  die  Bestätigung  der  Nachricht  erhalten,  die  Benedetti
aus  Paris  schon  gehabt,  und  dem  Botschafter  nichts  weiter  zu
sagen  habe.  Seine  Majestät  stellt  Euer  Exzellenz  anheim,  ob
nicht  die  neue  Forderung  Benedettis  und  ihre  Zurückweisung
sogleich  sowohl  unsern  Gesandten  als  in  der  Presse  mitgeteilt
werden  sollte."

Nachdem  Bismarck  diese  Depesche  vorgelesen  hatte,  wurde
die  Niedergeschlagenheit  seiner  beiden  Gäste  so  tief,  daß  sie,
wie  er  selbst  berichtet,  Speise  und  Trank  verschmähten.  Bismarck
  prüfte  wiederholt  das  wichtige  Aktenstück  und  verweilte
vor  allem  beim  Schlusse,  der  ihm  das  Recht  gab,  den  Gesandten
  und  der  Presse  Mitteilungen  zu  machen.  Dann  fragte
er  Moltke  nach  dem  Stand  der  militärischen  Rüstungen  und
ob  ein  sofortiger  Ausbruch  des  Krieges  oder  Verschleppung
vorteilhafter  sei.  Moltke  hielt  schnellen  Ausbruch  für  vorteilhafter.
  Nunmehr  machte  Bismarck  Gebrauch  von  seinem
Rechtez  er  verkürzte  das  Telegramm  durch  Streichungen,  ohne
ein  Wort  hinzuzusetzen  oder  zu  ändern,  auf  die  nachstehende
Fassung:  „Nachdem  die  Nachrichten  von  der  Entsagung  des
Erbprinzen  von  Hohenzollern  der  kaiserlich  französischen  Regierung
  von  der  königlich  spanischen  amtlich  mitgeteilt  worden
sind,  hat  der  französische  Botschafter  in  Ems  an  Seine  Majestät
den  König  noch  die  Forderung  gestellt,  ihn  zu  autoriskeren,
        <pb n="336" />
        Rücktrittsgedanken.  Die  Emser  Depesche  325

daß  er  nach  Paris  telegraphiere,  daß  Seine  Majestät  der  König
sich  für  alle  Zukunft  verpflichte,  niemals  wieder  seine  Zustimmung
  zu  geben,  wenn  die  Hohenzollern  auf  ihre  Kandidatur
wieder  zurückkommen  sollten.  Seine  Majestät  der  König  hat
es  darauf  abgelehnt,  den  französischen  Botschafter  nochmals  zu
empfangen,  und  demselben  durch  den  Adjutanten  vom  Dienst
sagen  lassen,  daß  Seine  Majestät  dem  Botschafter  nichts  mehr
mitzuteilen  habe."

Der  Unterschied  in  der  Wirkung  des  gekürzten  Textes  der
Emser  Depesche  im  Vergleich  mit  der,  welche  das  Original
hervorgerufen  hätte,  war  kein  Ergebnis  stärkerer  Worte;  die
Ausdrücke  „zudringlich“,  „ich  wies  ihn  etwas  ernst  zurück“
und  „Zumutung“  waren  gefallen.  Die  neue  Form  ließ  die
Kundgebung  aber  als  eine  abschließende  erscheinen,  während  die
Redaktion  Abekens  nur  als  ein  Bruchstück  einer  schwebenden
und  in  Berlin  fortzusetzenden  Verhandlung  erschienen  sein
würde.  Durch  die  Redaktion,  die  er  der  Depesche  gab,  war
es  erst  möglich  sie  zu  veröffentlichen;  diese  Redaktion  als  eine
Fälschung  zu  bezeichnen,  das  konnte  nur  Leuten  beikommen,
die  keine  Ahnung  hatten  von  dem  Pflichtgefühl,  mit  dem  Bismarck
  als  verantwortlicher  Minister  seines  königlichen  Herrn
diesen  zu  decken  hatte  und  energisch  gedeckt  haben  würde,  wenn
er  selbst  dem  Franzosen  gegenüber  gestanden  hätte.  Seine
Antwort  würde  vielleicht  die  Form  angenommen  haben,  die
derjenigen  geglichen  hätte,  welche  er  im  Jahre  1859  im
Hotel  Royal  dem  Herrn  Levinstein  gegenüber  für  gut  befunden
hatte.

Der  Eindruck,  den  die  Kürzung  auf  Moltke  und  Roon
machte,  war,  wie  er  sein  mußte.  Moltke  erklärte:  „So  hat  das
einen  anderen  Klang,  vorher  klang  es  wie  eine  Chamade,  jetzt
wie  eine  Fanfare  in  Antwort  auf  eine  Herausforderung.“  Mit
anderen  Worten:  Vorhin  waren  Ton  und  Stimmung  der  Depesche
  die  einer  unter  gedämpftem  Trommelklang  geführten  Parlamentärverhandlung
  mit  dem  Feinde;z  jetzt  lautet's  wie  ein
frisches  frohes  Trompetensignal  zu  mutigem  Angriff.  Bismarck
wußte  das;  er  wußte,  daß  diese  Depesche  in  Paris  den  Ein-
        <pb n="337" />
        326  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

druck  eines  roten  Tuchs  auf  den  gallischen  Stier  machen  würde.
Er  sagte:  „Schlagen  müssen  wir,  wenn  wir  nicht  die  Rolle
des  Geschlagenen  ohne  Kampf  auf  uns  nehmen  wollen.  Der
Erfolg  hängt  aber  doch  wesentlich  von  den  Eindrücken  bei
uns  und  anderen  ab,  die  der  Ursprung  des  Krieges  hervorruft;
  es  ist  wichtig,  daß  wir  die  Angegriffenen  seien,  und
die  gallische  Uberhebung  und  Reizbarkeit  wird  uns  dazu  machen,
wenn  wir  mit  enuropäischer  Offentlichkeit,  soweit  es  uns  ohne
das  Sprachrohr  des  Reichstags  möglich  ist,  verkünden,  daß
wir  den  öffentlichen  Drohungen  Frankreichs  furchtlos  entgegentreten.“


Die  Stimmung  der  beiden  Generale  schlug  zu  Freudigkeit
um.  Sie  hatten  plötzlich  die  Lust  zu  essen  und  zu  trinken  wieder
gefunden  und  äußerten  sich  in  heiterer  Laune.  Roon  sagte:
„Der  alte  Gott  lebt  noch  und  wird  uns  nicht  in  Schande
verkommen  lassen.“  Und  Moltke  trat  ganz  aus  seiner  gleichmütigen
  Leidenschaftslosigkeit  heraus.  Mit  freudigem  Blick
gegen  die  Zimmerdecke  und  mit  Verzicht  auf  seine  sonstige  Gemessenheit
  in  Worten  schlug  er  mit  der  Hand  vor  die  Brust
und  sagte:  „Wenn  ich  das  noch  erlebe,  in  solchem  Kriege
unsere  Heere  zu  führen,  so  mag  gleich  nachher  „die  alte
Karasse“  der  Teufel  holen.“  Carasse  de  cheval  heißt  auf
deutsch  Schindmähre.  Moltke  war  damals  hinfälliger  als
später.  Er  glaubte  die  Strapazen  des  Feldzuges  nicht  zu
überstehen.

Die  Wirkung  der  Emser  Depesche  war  in  Deutschland  und
im  ganzen  Auslande  gewaltig.  Die  Fanfare  drang  am  15.  Juli
weit  hin  und  bewies,  daß  Bismarck  die  deutsche  Volkesseele
kannte,  wenn  er  diesen  Ton  anzuschlagen  für  richtig  hielt.
Nach  Hause  gab  er  jetzt  eine  andere  Nachricht:  „Vollständiger
Aufbruch“  lautete  sein  Telegramm.  Er  wußte,  der  Krieg
war  da.

Als  König  Wilhelm  am  Morgen  des  15.  die  Depesche,  die
Benedettis  Forderungen  schilderte,  las,  sagte  er  erschreckt:  „der
Krieg!“  An  demselben  Tage  kehrte  er  von  Ems  nach  Berlin
zurück.  Beispiellos  war  der  Jubel  überall,  wo  er  durchs  deutsche
        <pb n="338" />
        Der  Eindruck  der  Emser  Depesche.  Des  Königs  Rückkehr  nach  Berlin  327

Land  fuhr.  Ich  habe  ihn  selbst  miterlebt,  als  der  König  durch
Göttingen  kam.  Bei  seiner  Einfahrt  brausender  Jubel.  Dann
als  der  Bürgermeister  Merkel  ihn  begrüßte,  lautlose  Stille;  der
König  erwiderte,  die  Wendung  der  Dinge  sei  ihm  so  über—
raschend  gekommen  wie  ein  Blitz  aus  heiterm  Himmel;  so  ein—
fach  wie  1866  werde  die  Sache  nicht  gehen.  Und  als  immer
neue  Begeisterung  ihn  umtoste  und  Rufe  der  Studenten  wie:
„Krieg,  Majestät,  wir  wollen  Krieg“  erschallten,  da  ging  ein
ernstes  Lächeln  über  die  Mienen  des  alten  Herrn  und  er
sagte:  „Mit  solcher  Begeisterung  müssen  wir  siegen.“  Unter
donnerndem  Hochrufen  fuhr  er  weiter,  majestätisch  und  freundlich
  winkte  der  73  jährige  Greis  uns  zu.  „Für  einen  solchen
König  muß  ein  Volk  sich  opfern“  war  unser  aller  Empfindung.
  —  Bis  Brandenburg  waren  Bismarck,  Roon  und  Moltke
dem  Könige  entgegengefahren.  Auf  dem  Potsdamer  Bahnhof
in  Berlin  fand  eine  kurze  Beratung  im  Warteraum  statt.
Dann  eilte  der  Kronprinz  hinaus  und  rief  der  tausendköpfigen
jubelnden  Menge  zu:  „Die  Mobilmachung  der  Armee  ist  befohlen.“
  Am  Abend  ging  dieser  Befehl  in  alle  deutschen
Lande.

Am  19.  Juli  trat  der  Reichstag  zusammen.  Es  war  der  sechzigste
Jahrestag  des  Todes  der  Königin  Luise.  Ein  Gottesdienst  ging  der
Eröffnung  voran.  König  Wilhelm  kam  vom  Grabe  seiner  Mutter
in  die  Kirche.  Dann  folgte  die  feierliche  Handlung  im  Weißen
Saale  des  Schlosses.  Der  König  verlas  die  von  Bismarck  entworfene
  Thronrede,  die  zu  den  wichtigsten  Urkunden  deutscher
Geschichte  gehört.  Ihre  kraftvollsten  Stellen  lauteten:  „Die
spanische  Thronkandidatur  eines  deutschen  Prinzen,  deren  Aufstellung
  und  Beseitigung  die  verbündeten  Regierungen  gleich  fern
standen,  und  die  für  den  Norddeutschen  Bund  nur  insofern  von
Interesse  war,  als  die  Regierung  jener  uns  befreundeten  Nation
daran  die  Hoffnung  zu  knüpfen  schien,  einem  vielgeprüften
Lande  die  Bürgschaften  einer  geordneten  und  friedliebenden
Regierung  zu  gewinnen,  hat  dem  Gouvernement  des  Kaisers
der  Franzosen  den  Vorwand  geboten,  in  einer  dem  diplomatischen
  Verkehre  seit  langer  Zeit  unbekannten  Weise  den  Kriegs-
        <pb n="339" />
        328  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

fall  zu  stellen  und  denselben  auch  nach  Beseitigung  des  Vorwandes
  mit  jener  Geringschätzung  des  Anrechts  der  Völker
auf  die  Segnungen  des  Friedens  festzuhalten,  von  welcher  die
Geschichte  früherer  Beherrscher  Frankreichs  analoge  Beispiele
bietet.

„Hat  Deutschland  derartige  Vergewaltigungen  seines  Rechts
und  seiner  Ehre  in  früheren  Jahrhunderten  schweigend  ertragen,
so  ertrug  es  sie  nur,  weil  es  in  seiner  Zerrissenheit  nicht  wußte,
wie  stark  es  war.  Heute,  wo  das  Band  geistiger  und  rechtlicher
  Einigung,  welches  die  Befreiungskriege  zu  knüpfen  begannen,
  die  deutschen  Stämme  je  länger,  desto  inniger  verbindet,
  heute,  wo  Deutschlands  Rüstung  dem  Feinde  keine
Offnung  mehr  bietet,  trägt  Deutschland  in  sich  selbst  den
Willen  und  die  Kraft  der  Abwehr  erneuter  französischer  Gewalttat.


„Es  ist  keine  UÜberhebung,  welche  mir  diese  Worte  in  den
Mund  legt.  Die  verbündeten  Regierungen,  wie  Ich  selbst,
Wir  handeln  in  dem  vollen  Bewußtsein,  daß  Sieg  und  Niederlage
  in  der  Hand  des  Lenkers  der  Schlachten  ruhen.  Wir
haben  mit  klarem  Blicke  die  Verantwortlichkeit  ermessen,  welche
vor  den  Gerichten  Gottes  und  der  Menschen  den  trift,  der
zwei  große  und  friedliebende  Völker  im  Herzen  Europas  zu
verheerenden  Kriegen  treibt.

„Je  mehr  die  verbündeten  Regierungen  sich  bewußt  sind,
alles,  was  Ehre  und  Würde  gestatten,  getan  zu  haben,  um
Europa  die  Segnungen  des  Friedens  zu  bewahren,  und  je  unzweideutiger
  es  vor  aller  Augen  liegt,  daß  man  uns  das  Schwert
in  die  Hand  gezwungen  hat,  mit  um  so  größerer  Zuversicht
wenden  Wir  Uns,  gestützt  auf  den  einmütigen  Willen  der
deutschen  Regierungen  des  Südens  wie  des  Nordens,  an  die
Vaterlandsliebe  und  Opferfreudigkeit  des  deutschen  Volkes  mit
dem  Aufrufe  zur  Verteidigung  seiner  Ehre  und  seiner  Unabhängigkeit.


„Wir  werden  nach  dem  Beispiele  unserer  Väter  für  unsere
Freiheit  und  für  unser  Recht  gegen  die  Gewalttat  fremder
Eroberer  kämpfen,  und  in  diesem  Kampfe,  in  dem  wir  kein
        <pb n="340" />
        Reichstagseröffnung.  Frankreichs  Kriegserklärung  329

anderes  Ziel  verfolgen,  als  den  Frieden  Europas  dauernd  zu
sichern,  wird  Gott  mit  uns  sein,  wie  er  mit  unseren  Vätern
war.“

Am  gleichen  Tage  hielt  der  Reichstag  seine  erste  Sitzung
ab.  Sofort  nach  Beginn  erhob  sich  der  Bundeskanzler.  Unter
lautloser  Stille  sprach  er:

„Ich  teile  dem  hohen  Hause  mit,  daß  mir  der  französische
Geschäftsträger  heute  die  Kriegserklärung  Frankreichs  überreicht
  hat.“

Begeisterter  Jubel  begleitete  die  Verkündigung  des  ein—
zigsten  offiziellen  Aktenstückes,  das  Preußen  in  dieser  Sache
erhalten  hatte.  Der  nationale  Aufschwung,  der  der  Kriegs—
erklärung  in  Deutschland  folgte,  war  einem  Strome  vergleichbar,
  der  die  Schleusen  bricht.  Das  hatte  man  in  Frankreich
  nicht  erwartet.  Am  20.  Juli  erteilte  Bismarck  der  französischen
  Regierung  noch  einen  Hieb,  der  saß.  Er  veröffentlichte
durch  die  Times  die  Schriftstücke  Benedettis  aus  dem  August
1866,  in  welchen  dieser  die  Forderungen  Frankreichs  auf
Gebietsstücke  von  Bayern  und  Hessen,  Mainz  und  Luxemburg
  oder  aber  von  Luxemburg  und  Stücke  von  Belgien
aufgestellt  hatte.  Photographische  Wiedergabe  der  Handschrift
des  französischen  Botschafters  und  des  amtlichen  Papiers  erging
  an  alle  Kabinette.  Nun  wußte  Europa,  wie  es  mit
Frankreich  daran  war.

Am  31.  Juli  brach  Bismarck  mit  dem  Könige  zum  Kriegsschauplatze
  auf.

Uber  die  Zeit  in  Frankreich  haben  wir  in  den  Briefen  Bismarcks
  an  seine  Frau  mancherlei  zerstreute  echt  Bismarcksche
Worte,  die  ins  Große  weisen  oder  Alltägliches  mit  köstlichem
Humor  umrahmen.  Am  Aufange  steht  wie  ein  Motto  ein
Wort  der  Bescheidenheit,  welche  Triumph  auf  Vorschuß  nicht
kannte.  Am  2.  August  wurde  es  aus  Mainz  geschrieben:
„Der  Jubel  der  Volksmassen  auf  den  Bahnhöfen  war  betäubend,
  mir  zu  viel  für  jetzt,  sie  sollten  sich  das  sparen  bis
nach  dem  Siege,  den  Gott  uns  geben  wolle.“  Dieser  Aufblick
  zu  Gott  durchzieht  alle  Briefe  in  Bitten  für  seine
        <pb n="341" />
        330  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

beiden  Söhne,  die  als  Dragoner  mit  ins  Feld  zogen,  und
für  den  Sieg  des  Heeres  sowie  in  heißem  Dank  für  Gottes
Gnade,  als  von  seinen  Söhnen  der  eine  gesund,  der  andere  mit
einem  ungefährlichen  Schuß  in  der  Lende  „aus  dem  Blutbade“
vom  16.  August  davongekommen  war.  Mit  dem  Danke  für  den
Sieg  der  Heere  verbindet  sich  ein  unbegrenztes  Vertrauen  auf
den  deutschen  Krieger.  Es  ist  das  ein  bezeichnender  Zug  in
Bismarcks  Wesen,  der  meist  zu  wenig  beachtet  wird,  daß  er,
wie  er  in  den  Parteikämpfen  über  die  Führer  hinweg  immer
wieder  vertrauensvoll  den  gesunden  Menschenverstand  des  wahrhaften
  Volkes  hoch  einschätzt,  so  auch  seine  Bewunderung  dem
einfachen  Krieger  hochherzig  zollt.  Am  5.  August  schreibt  er:
„Mit  fünfzigfacher  Übermacht  haben  die  Franzosen  3  Stunden,
von  10  bis  1,  sich  mit  unsern  3  Compagnien  herumgeschossen.
Leonidas  ist  ein  Lump  gegen  unfre  Füseliere.“  Über  Weißenburg
und  Wörth  urteilt  er:  „Das  gestehn  selbst  die  Franzosen  ein,
daß  unfre  Leute  sich  wie  die  Helden  schlagen,  „un  Clan  irrésistible",
  und  dabei  stets  gegen  steile  und  verschanzte  Höhen.
Ich  habe  ihnen  nur  zu  große  Todesverachtung  vorzuwerfen,
und  deshalb  hat  die  arme  Infanterie  schrecklich  verloren,  namentlich
  Offiziere,  und  unter  ihnen  besonders  Stabsoffiziere.  Im
Wetteifer  zwischen  Baiern  und  Preußen,  oder  zwischen  1.,  2.,
3ter  Armee  gehen  sie  drauf,  als  wär's  ein  Wettlauf  im  Scherz.
Die  Baiern  schlagen  sich  vorzüglich,  grade  wie  unsre.  Die
Infanterie  muß  sich  das  berserkerartige  Draufstürzen  auf  den
Feind  doch  etwas  abgewöhnen,  denn  so  gutes  Blut  wie  das
unsrer  Soldaten  ist  selten  in  der  Welt.  Hier  ist  nichts  als
Himmel  und  Sachsen,  die  sehr  zornig  sind,  daß  sie  nicht  an  den
Feind  kommen.“  Über  Spichern  schreibt  er  aus  Herny  am
14.  August:  „Ein  Unteroffizier  sagte  mir:  hätten  wir  die  Poststion
der  Franzosen  gehabt,  keen  Deubel  hätte  die  gekrigt,  ich  wundre
mir  alleene,  daß  wir  se  gekrigt  haben!  Es  ist  ein  Jammer,  so
viel  von  diesen  heldenmüthigen  Leuten  zu  verlieren;  aber  der
moralische  Eindruck  auf  die  französische  Truppe  ist  auch  so  überwältigend,
  daß  er  uns  vielleicht  viel  Blut  in  der  Folge  spart.
..  .  Eiserne  Krenze  noch  keine  ausgegeben,  wahrscheinlich  nicht
        <pb n="342" />
        Bismarck  im  Felde  331

fertig.  Es  ist  vielleicht  recht  gut,  denn  wenn  erst  einige  damit
gehn,  so  sind  die  Andern  garnicht  mehr  zu  halten,  und  stecken
die  Köpfe  in  die  Mündung  der  französischen  Kanonen;  sie  sind
so  schon  wie  die  Berserker.  Der  Franzose  meint,  unsre  wären
so  an  das  Manöverschießen  gewöhnt,  daß  sie  ganz  vergäßen,
daß  hier  mit  Kugeln  geschossen  würde!  ein  schönes  Lob  der
Tapferkeit.“  Ebenso  finden  andere  Kriegertugenden  seine  An—
erkennung.  Kurz  vor  Sedan:  „Auch  in  der  Marschirfähigkeit
zeigen  sich  die  Deutschen  den  für  ihre  Leichtfüßigkeit  bekannten
Franzosen  überlegen,  und  wir  sind  nicht  nur  besser  mit
Schuhzeug  versehn  wie  die  Gegner,  sondern  haben  auch
bessere  Beine  darinstecken.“  —  Und  als  im  November  und
Dezember  vor  Paris  es  immer  und  immer  lautete:  „Vor
Paris  nichts  Neues“  und  die  Operationen  dort  nicht  von
der  Stelle  rückten,  in  den  Provinzen  aber  heiße  Kämpfe
bevorstanden,  da  verliert  Bismarck  sein  Vertrauen  nicht;
Ende  November  schreibt  er:  „Die  Regimenter  reißen  uns
durch,  nicht  die  Generäle“  und  am  Christabend:  „Der  Ruhm
der  Führung  liegt  in  dem  bewundernswerthen  Heldenmuth
der  Truppe;  nur  etwas  weniger  davon,  und  keiner  der
Führer  würde  vor  der  Kritik  heut  bestehn.“  Das  klingt
etwas  hart.  Wer  aber  damals  im  Felde  gestanden,  weiß,
wie  alles  unter  dem  dumpfen  Drucke  seufzte,  daß  die  Sache.
nicht  recht  vorwärts  ging;  wie  Bismarck  grollten  die  Krieger,
die  mit  den  immer  neuerstehenden  französischen  Armeen  im
Winterfeldzuge  kämpfen  mußten,  den  Zögernden  in  Verseilles,
wo  der  Armee  wie  Thor  „ein  weiblich  Gewand  die  Knie  umwallte“
  und  sie  am  Gehen  hinderte,  wie  sich  Bismarck  am
7.  Dezember  vorsichtig  äußerte.

Zwischen  diesen  ins  Große  zielenden  Gedanken  sind  die
Briefe,  die  das  alltägliche  Treiben  des  Kriegs  schildern,  von
Humor  und  schlichter  Menschlichkeit  durchwoben.  Gutmütig  verdutzt
  spricht  er  von  dem  Eindruck,  den  er  in  Pont-à-Mousson.
hervorgerufen:  „Die  Leute  müssen  mich  für  einen  Bluthund
halten,  die  alten  Weiber,  wenn  sie  meinen  Namen  hören,
fallen  auf  die  Knie  und  bitten  mich  um  ihr  Leben.  Attila.
        <pb n="343" />
        332  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

war  ein  Lamm  gegen  mich.“  —  Allen  Entbehrungen  gegenüber
  setzt  er  guten  Humor  auf.  In  einem  verlassenen  Bauernhause
  in  Herny  vor  Metz  regaliert  ihn  die  Nachbarin  mit
einem  Huhn,  welches  zwei  Stunden  vor  Tisch  noch  seine  Bekanntschaft
  machte:  „Seiner  Leiche  vermochten  meine  guten
Zähne  nichts  anzuhaben.  Dagegen  erfuhr  ich,  daß  ein  eivet
von  einem  zahmen  Kaninchen  für  hungrige  Leute  sehr  eßbar
ist,  selbst  dann,  wenn  die  Bestandtheile  uns  noch  eine  Stunde
zuvor  durch  ihre  muntern  Sprünge  ergötzt  haben.  Daneben
esse  ich  wie  ein  gesunder  Mensch  gebratenen  und  rohen  Speck
mit  soviel  Knoblauch,  daß  mir  mein  Atem  schon  wie  ein
Salpeterkeller  zu  riechen  scheint.  Das  alles  bekommt  mir  sehr
gut.“  Und  zwei  Wochen  später:  „Ich  habe  nach  wie  vor
Grund,  Speck  und  Commißbrod  als  Heilmittel  anzusehn,  deren
Wirksamkeit  ich  früher  nicht  erkannt  habe;  befinde  mich  sehr
gut  dabei."“

Nach  dem  großen  Siege  bei  Sedan  am  3.  September  schreibt
er:  „Ich  bin  gestern  früh  um  6  zu  Pferde  gestiegen,  um  Mitternacht
  herunter,  10—11  Meilen  geritten,  zweimal  naß  und  trocken
geworden  und  hatte  seit  dem  dritten  Tage  nichts  Warmes  genossen,
  als  ich  zu  besagter  Mitternacht  über  einen  Schmorbraten
gerieth,  wie  ein  Wolf  davon  aß,  dann  6  Stunden  sehr  fest
schlief.  Danach  befinde  ich  mich  heut  wie  eine  Maräne  in  der
Wipper  (pommerscher  Fluß),  und  was  wunderbarer  ist,  Röschen
(Bismarcks  Pferd)  auch,  die  in  18  Stunden  kein  Futter  und
kein  Wasser  bekam,  und  jene  11  Meilen  in  schlechten  Wegen,
Dunkelheit  und  Regen  unter  mir  machte;  sie  fraß  sofort  mit
gutem  Appetit.“  Das  Schlimmste  waren  ihm,  wie  uns  allen,
die  wir  die  traulichen  Kommoditäten  deutscher  Heimat  in  Frankreich
  schmerzlich  vermißten,  dieser  Mangel  feinerer  Kultur.  Am
28.  August  schreibt  er  von  Clermont:  „Sehr  nett  ist  es  hier
nicht,  mit  dem  einzigen  Binsenstuhl,  Generalstab  mit  Nachtdienst
unter  mir,  Büreau  mit  dito  über  mir,  20  Leute,  die  in  dem
dünnen,  schallenden  Hause  wohnen,  5  schreiende  Kinder  neben
mir,  und  nicht  einmal  ein  —  —  —;  man  muß  sich  daran  gewöhnen
  Angesichts  des  Publikums  schamlos  zu  verfahren,  wie
        <pb n="344" />
        Bismarck  im  Felde  333

es  eben  geht  und  die  Schildwachen  zu  bewegen,  daß  sie
wenigstens  nicht  mit  präsentirtem  Gewehr  dabeistehn.  Verzeih
dieses  Detail,  aber  es  ist  mir  die  unangenehmste  der  kriegerischen
  Entbehrungen.“  Solche  Nöte  hörten  auf;  es  kamen
auch  Tage  mit  Sekt.  In  Versailles  besucht  ihn  am  8.  Oktober
  sein  jüngerer  Sohn  Bill:  „Zu  Tisch  tranken  wir  Sect,
aus  Rothschilds  Keller  gekauft,  bis  Dein  Sohn  einen  rothen
Sattel  auf  der  Nase  hatte.“  Und  im  Dezember  tröstet  er
seine  Frau  über  den  Sohn  Bill,  der,  sonst  schreibfaul,  für
eine  Spickgans,  die  Bismarck  ihm  geschickt,  sich  bedankt:
„Spickgans,  dann  schreibt  er.  Ich  schicke  ihm  heut  wieder
eine  durch  denselben  Feldjäger.“  Spickgänse  waren  also  in
Versailles  nicht  selten  und  Bismarck  angenehme  Zugaben.
Nicht  so  die  vielen  Fürstlichkeiten,  die  dort  waren.  Schon  im
August  schreibt  er:  „Es  ist  wahrhaft  empörend,  wie  die  fürstlichen
  Zuschauer  jeden  Platz  wegnehmen,  und  Roon  und  mich
nöthigen  unsre  Arbeitskräfte  zurückzulassen,  damit  diese  zuschanenden
  königlichen  Hoheiten  mit  ihren  Dienern,  Pferden  und
Adjutanten  Platz  finden!“  Und  am  1.  Oktober  aus  Ferrieères:
„Gestern  feierten  wir  Ihrer  Majestät  Geburtstag  mit  Gratulation
  um  10  früh,  dann  geputztes  Diner  mit  allen  Prinzen
und  Orden,  dergleichen  ist  angreifend,  weil  ich  mit  den  Herrn
besonnen  und  höflich  reden  muß.“  Lieber  hätte  er  es  nicht  getan;
  denn  einige  Wochen  später  klagt  er  aus  Versailles:  „Verdruß
  ist  viel,  wie  überall  wo  viel  unbeschäftigte  Fürsten  sind,
aber  ich  härte  mich  doch  mehr  ab.“  Und  wieder  einige  Zeit
später:  „Mich  plagen  die  Fürsten  mit  ihrer  Geschäftigkeit.“  So
war  auch  ihm  wie  sonst  dem  arbeitenden  Manne  nicht  die
Arbeit  das  Schlimmste,  sondern  die  belästigende  Muße  derer,
die  der  Arbeit  im  Wege  stehen.

Bismarcks  Feldzugsbriefe  enthalten  auch  einige  für  die  Beurteilung
  der  anfänglichen  Erfolge  interessante  ÄAußerungen,
die  beweisen,  daß  auch  er  wie  alle  Welt  damals  sich  täuschte
über  die  ausschlaggebende  friedenschaffende  Wirkung  dieser  Erfolge.
  15.  August:  „Gestern  sehr  blutige  Schlacht  vor  Metz.
Unsere  Militairs  haben  nach  derselben  den  Eindruck,  daß  das
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        334  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Ende  des  französischen  Widerstandes  angefangen  hat  und
glauben  in  Kurzem  vor  Paris  zu  sein.“  Am  16.  August:  „Gelingt
das  (d.  h.  die  Franzosen  auf  Thionville  zurückzudrängen),  so
ist  die  französ.  Armee  so  zersprengt,  daß  sie  sich  nicht  mehr  setzen
kann,  und  der  Feldzug  so  gut  wie  zu  Ende.“  Am  24.  August
nach  den  großen  Kämpfen  um  Metz:  „Entweder  schlägt  man
sich  erst  vor  Paris,  oder  garnicht  mehr.“  Und  unmittelbar  nach
Sedan  am  3.  September  schreibt  er  von  der  Metzer  Armee,
daß  auch  sie  bald  werde  kapitulieren  müssen.  Es  sollte  anders
kommen;  Metz  hielt  sich  länger,  als  man  erwartet  hatte,  und
noch  länger  Paris.  Und  die  Volkskraft  Frankreichs  bewies,
daß  ein  großes  Volk  mit  großer  Vergangenheit  Armeen  aus
der  Erde  stampfen  kann,  auch  wenn  der  Herrscherthron  zusammengebrochen
  ist.

Dieses  Ereignis  hatte  sich  bei  Sedan  vollzogen;  soweit  Bismarck
  dabei  in  Mitwirkung  kam,  schildert  er  am  3.  September
aus  Vendresse  in  seiner  Art,  die  nie  das  Glück  beleidigte  durch  die
Torheit  eigener  Uberhebung,  mit  Worten  und  in  Gedanker  schlicht
und  bescheiden:  „Vorgestern,  vor  Tagesgrauen,  verließ  ich  mein
hiesiges  Quartier,  kehre  heute  zurück  und  habe  in  der  Zwischenzeit
  die  große  Schlacht  von  Sedan  am  1.  erlebt,  in  der  wir
30000  Gefangne  machten,  und  den  Rest  der  französischen  Armee,
der  wir  seit  Bar  le  Duc  nachjagten,  in  die  Festung  warfen,
wo  sie  sich  mit  dem  Kaiser  kriegsgefangen  ergeben  mußte.  Gestern
  früh  5  Uhr,  nachdem  ich  bis  1  Uhr  früh  mit  Moltcke  und
den  französischen  Generälen  über  die  abzuschließende  Capitulation
  verhandelt  hatte,  weckte  mich  der  General  Reille,  den
ich  kenne,  um  mir  zu  sagen  daß  Napoleon  mich  zu  sprechen
wünschte.  Ich  ritt  ungewaschen  und  ungefrühstückt  gegen  Sedan,
fand  den  Kaiser  im  offenen  Wagen  mit  3  Adjudanten  und
3  zu  Pferde  daneben  auf  der  Landstraße  vor  Sedan  haltend.
Ich  saß  ab,  grüßte  ihn  ebenso  höflich  wie  in  den  Tuilerien
und  fragte  nach  seinen  Befehlen.  Er  wünschte  den  König  zu
sehen;  ich  sagte  ihm  der  Wahrheit  gemäß,  daß  S.  M.  3  Meilen
davon  an  dem  Orte  wo  ich  jetzt  schreibe,  sein  Quartier  habe.
Auf  N.s  Frage,  wohin  er  sich  begeben  solle,  bot  ich  ihm,  da
        <pb n="346" />
        Sedan  335

ich  Gegend  unkundig,  mein  Quartier  in  Donchery  an,  einem
kleinen  Ort  an  der  Mäß  dicht  bei  Sedan;  er  nahm  es  an,
und  fuhr  von  seinen  sechs  Franzosen,  von  mir  und  von  Carl,
der  mir  inzwischen  nachgeritten  war,  geleitet,  durch  den  einsamen
  Morgen  nach  unserer  Seite  zu.  Vor  dem  Ort  Donchery
wurde  es  ihm  leid  wegen  der  möglichen  Menschenmenge,  und  er
fragte  mich,  ob  er  in  einem  einsamen  Arbeiterhause  am  Wege
absteigen  könne;  ich  ließ  es  besehn  durch  Carl,  der  meldete  es
sei  ärmlich  und  unrein:  „n’importe",  meinte  N.,  und  ich  stieg
mit  ihm  eine  gebrechliche,  enge  Stiege  hinauf.  In  einer  Kammer
von  10  Fuß  Gevierte,  mit  einem  sichtnen  Tische  und  2  Binsenstühlen,
  saßen  wir  eine  Stunde,  die  Anderen  waren  unten.
Ein  gewaltiger  Contrast  mit  unserm  letzten  Beisammensein,
67  in  den  Tuilerien.  Unsre  Unterhaltung  war  schwierig,  wenn
ich  nicht  Dinge  berühren  wollte,  die  den  von  Gottes  gewaltiger
Hand  Niedergeworfenen  schmerzlich  berühren  mußten.  Ich  hatte
durch  Carl  Offtziere  aus  der  Stadt  holen  und  Moltcke  bitten
lassen  zu  kommen.  Wir  schickten  dann  einen  der  ersteren  auf
Recognoszirung  und  entdeckten  ½  Meile  davon  in  Fresnois
ein  kleines  Schloß  mit  Park.  Dorthin  geleitete  ich  ihn  mit
einer  inzwischen  herangeholten  Escorte  vom  Leib-Kür.-Regt.,  und
dort  schlossen  wir  mit  dem  französischen  Obergeneral  Wimpfen
die  Capitulation,  vermöge  deren  40=  bis  60000  Franzosen,  genauer
  weiß  ich  es  noch  nicht,  mit  allem,  was  sie  haben,  unsre
Gefangnen  wurden.  Der  vor=  und  gestrige  Tag  kosten  Frankreich
  100000  Mann  und  einen  Kaiser.  Heut  früh  ging  letztrer
mit  allen  seinen  Hofleuten,  Pferden  und  Wagen  nach  Wilhelmshöhe
  bei  Kassel  ab.

„Es  ist  ein  weltgeschichtliches  Ereigniß,  ein  Sieg,  für  den
wir  Gott  dem  Herrn  in  Demuth  danken  wollen,  und  der  den
Krieg  entscheidet,  wenn  wir  auch  letztren  gegen  das  kaiserlose
Frankreich  noch  fortführen  müssen.“

Nach  Sedan  verschob  sich  das  Hauptquartier  nach  Westen.
Vom  15.—19.  September  befand  es  sich  in  Meaux;  dort  begannen,
wie  Bismarck  schreibt,  „die  Friedens-,  nicht  Tauben,  sondern
Aaskrähen  nach  ihm  zu  stoßen.“  Er  erfuhr,  daß  Thiers  eine
        <pb n="347" />
        336  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Rundreise  an  den  neutralen  Höfen  Europas  angetreten  habe,
um  eine  Einmischung  und  Vermittlung  zugunsten  des  Friedens
zu  erwirken.  Er  bezeichnete  deshalb  in  einem  Rundschreiben
an  die  preußischen  Vertreter  an  den  europäischen  Höfen  genau
die  Stellungnahme  der  Regierung.  Thiers  werde  den  Glauben
an  die  Friedensliebe  der  Pariser  Regierung  der  französischen
Republik  zu  erwecken  suchen.  Die  sei  nicht  vorhanden;  es  werde
vielmehr  die  Volksleidenschaft  durch  die  Maßnahmen  und  Sprache
der  französsschen  Regierung  aufgereizt.  Die  Forderung  eines
Waffenstillstandes  ohne  Sicherheit  der  Friedensbedingungen  sei
eine  Zumutung  und  rechne  bei  Preußen  auf  Mangel  an  militärischem
  und  politischem  Urteil  oder  auf  Gleichgültigkeit  gegen
eigene  Interessen.  Die  Einmischung  fremder  Mächte  sei  unangebracht,
  Frankreich  habe  allein  den  Krieg  willkürlich  heraufbeschworen
  und  habe  deshalb  mit  Deutschland  allein  zu  kämpfen
und  die  Rechnung  abzuschließen.  Es  sei  grausam,  wenn  die
Neutralen  Frankreich  Hoffnung  auf  Einmischung  machten  und
dadurch  den  Kampf  verlängerten.  Die  Friedensbedingungen
seien  Preußen  durch  das  Gesetz  der  Notwehr  auferlegt  gegen
ein  gewalttätiges  und  friedloses  Nachbarvolk.  Straßburg,  ein
Ausfalltor  für  Frankreich,  und  Metz  hätten  für  Frankreich
offensive,  für  Deutschland  defenstve  Bedeutung.  Denn  Deutschland
  sei  in  zwanzig  Kriegen  mit  Frankreich  niemals  Angreifer
gewesen,  von  ihm  sei  eine  Störung  des  Friedens  nicht  zu  befürchten.
  —  Dieses  Rundschreiben  wirkte;  die  Versuche,  die  der
allezeit  gegen  Preußen  agitierende  österreichische  Minister  Beust
und  England  machten,  um  eine  „kollektive  Mediation  der  Mächte"
zustande  zu  bringen,  wurden  zurückgewiesen,  das  Rühren  fremder
Köche  in  Deutschlands  Topfe  hörte  endlich  auf.  Was  aber  wichtiger
  war:  Elsaß-Lothringen  tauchte  schon  als  Siegespreis  aus
den  Wogen  des  Krieges  auf.  Und  Bismarck  stellte  diesen  Preis
nicht  nur  aus  nationalbegeisterter  Empfindung  oder  im  Hinblick
auf  historisch  begründete  Forderungen,  zu  denen  vergangener  Raub
die  Berechtigung  gab.  Seine  Begründung  trug  vielmehr  den
Wirklichkeitscharakter  gesunder  Notwehr  gegen  Frankreich  in
sich,  zugleich  bedeutete  ihm  Elsaß-Lothringen  die  Brücke  übern
        <pb n="348" />
        Rundreise  Thiers.  Rundschreiben  Bismarcks  337

Main.  Als  im  Jahre  1859  ein  deutsch-französischer  Krieg
drohte,  hatte  Bismarck  ein  Gespräch  mit  dem  geistreichen  König
Wilhelm  von  Württemberg,  in  welchem  dieser  seine  Entschlossenheit,
  allen  Bundesverpflichtungen  nachzukommen,  be—
tonte,  aber  auch  auf  die  üble  Lage  hinwies,  daß  Süddeutschland
früher  von  den  Franzosen  überschwemmt  sein  würde,  ehe  der
deutsche  Bund  zu  Hilfe  kommen  könne.  Solange  Straßburg
nicht  deutsch  sei,  würde  es  immer  ein  Hindernis  für  Süd—
deutschland  bilden,  sich  der  deutschen  Einheit,  einer  deutschnationalen
  Politik  ohne  Rückhalt  hinzugeben.  Uber  dieses  Gespräch
  berichtete  Bismarck  nach  dem  Kriege  im  Reichstage
und  er  fügte  hinzu:  „Der  Keil,  den  die  Ecke  des  Elsaß  bei
Weißenburg  in  Deutschland  hineinschob,  trennte  Süddeutschland
  wirksamer  als  die  politische  Mainlinie  von  Norddeutschland,
  und  es  gehörte  bei  den  Süddeutschen  ein  großer
Grad  von  Entschlossenheit,  von  nationaler  Begeisterung  und
Hingebung  dazu,  in  der  Gefahr  Norddeutschlands  die  ihrige
zu  sehen  und  frisch  zuzugreifen,  um  mit  uns  gemeinschaftlich
vorzugehen.“  Elsaß-Lothringen  war  für  Bismarck  der  Schlußstein
  der  deutschen  Einheit  und  Sicherheit.  Das  wurde  den
Mächten  klar  gemacht,  zu  denen  Thiers  seinen  Bittgang  antrat
  in  dem  anmaßenden  Gedanken,  als  ob  Frankreich  Europa
bedeutete.

Am  19.  September  erschien  Jules  Favre,  ein  anderes  Mitglied
  der  Pariser  Regierung,  bei  Bismarck;  die  Verhandlungen
wegen  eines  Waffenstillstandes  wurden  am  20.  in  Schloß  Ferrières
  fortgesetzt,  führten  aber  zu  keinen  Ergebnissen,  da  die
preußischen  Bedingungen:  Aufrechthaltung  des  militärischen
status  quo  vor  Paris,  Fortdauer  der  Feindseligkeiten  vor  Metz
und  Ubergabe  von  Straßburg,  Toul  und  Bitsch  nicht  angenommen
  wurden.  Es  erschien  vielmehr  eine  Proklamation
der  Pariser  Regierung,  die  damit  schloß,  daß  man  weder  einen
Zoll  französischen  Landes  noch  einen  Stein  französischer  Festungen
preisgeben  werde.  Die  französische  Presse  erklärte  die  Fortsetzung
  des  Krieges  als  eine  Ungerechtigkeit,  nachdem  Napoleon
gefangen  sei;  es  war  das  dieselbe  Presse,  die  vor  Beginn  des

A.  Matthias,  Bismarck  22
        <pb n="349" />
        338  13.  Der  deutsch-französtsche  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Krieges  die  Preußen  mit  Kolbenstößen  über  den  Rhein  hatte
zurücktreiben  wollen.  Bismarcks  Auffassung  und  Standpunkt
in  dieser  Zeit  geht  aus  einem  Briefe  vom  23.  September  an
seinen  Sohn  Herbert  am  klarsten  hervor:  „Ich  habe  hier
mit  den  Franzosen  (Favre,  von  Ring  und  Hall,  sehr  kleinlaut,
  begleitet)  schon  dreimal  stundenlang  verhandelt,  sie  bekamen
  aber  über  das  Elsaß  noch  immer  so  schweres  Bauchgrimmen,
  daß  wir  abbrechen  mußten.  Fünftausend  Millionen
Franken  glaubten  sie  zahlen  zu  können,  und  schienen  bereit
dazu,  wenn  wir  ihnen  Straßburg  ließen.  Aber  ich  sagte  ihnen,
von  dem  Gelde  wollten  wir  erst  später  reden,  vorher  die
deutsche  Grenze  feststellen  und  dicht  machen.  Denn  sobald  sie
zu  Kräften  kämen,  griffen  sie  uns  doch  wieder  an,  sagte  ich,
was  sie  unter  ganz  pomphaften  Friedensschwüren  bestritten.
Alles  schon  dagewesen.“

Diese  Verhandlungen  hatten  Bismarck  nicht  sehr  erhitzt;
viel  Mühe  und  Not  und  vor  allem  ein  bewundernswertes  Maß
von  Ruhe  und  Geduld  kostete  es,  um  die  Südstaaten  dem
neuen  Reiche  zu  gewinnen,  das  zu  gründen  einmütiger  Wunsch
und  Wille  des  ganzen  deutschen  Volkes  war.  Bei  dieser
Arbeit  war  er  wieder  einmal  ganz  auf  sich  allein  gestellt;
nur  sein  hervorragender  Mitarbeiter  Rudolf  Delbrück,  der
Präsident  des  Bundeskanzleramtes,  stand  in  treuem  und  zähen
Schaffen  ihm  auch  in  innerer  Übereinstimmung  zur  Seite.
Die  Liberalen,  unter  ihnen  Heinrich  von  Treitschke,  hätten  am
liebsten  mit  den  Rheinbundfürsten  kurzen  Prozeß  gemacht,  um
ein  starkes  deutsches  Königtum  herzustellen.  Der  Kronprinz
hatte  ähnliche  Gedanken.  Er  wollte  die  Dynastien  stark  beschneiden,
  die  Kaiserkrone  so  reich  an  Macht  wie  nur  möglich
  machen.  Zu  Gustav  Freytag  hatte  er  nach  Wörth  gesagt,
  die  Macht  sei  da,  um  die  Widerstrebenden  zu  zwingen.
Noch  am  16.  November  geriet  der  Kronprinz,  der  über
Bayerns  militärische  Sonderstellung  empört  war,  hart  mit
Bismarck  aneinander,  er  verlangte,  daß  man  fest  und  gebietend
  auftrete  und  sprach  vom  Versäumen  eines  weltgeschichtlichen
  Moments.  Bismarck  dachte  anders  und  blieb
        <pb n="350" />
        Verhandlungen  mit  den  süddeutschen  Staaten  339

ruhig;  wie  er  seiner  Frau  geschrieben  von  dem  Mute  und
der  Tapferkeit  der  Bundesgenossen,  wie  er  nach  dem  Feldzuge
  im  Reichstage  die  hohe  Entschlossenheit  pries,  die
Süddeutschland  in  gefahrvoller  Lage  bewiesen,  so  hielt  er
bei  allen  Verhandlungen  den  Grundsatz  entschlossen  fest
„Treue  um  Treue"“.  Geradezu  als  eine  unehrliche  Politik  bezeichnete
  er  es,  die  Bundesgenossen,  die  freiwillig  herbeigeeilt,
wider  ihren  Willen  zu  Konzesstonen  zu  zwingen.  Der  Kronprinz
  wollte  das  Gold  der  preußischen  Krone  umschmelzen  in
die  deutsche  Kaiserkrone,  Bismarck  aber  das  Gold  der  preußischen
  Krone  erhalten  wissen;  er  hätte  seinen  König  auch
niemals  zu  der  allergeringsten  Schwächung  preußischer  Eigenart
  gebracht;  ihm  lag  es  vor  allem  daran,  die  Präsidialmacht
und  Feldherrnrechte  so  weit  zu  stärken,  daß  der  Kaisertitel  ein
würdiger  Ausdruck  dieser  erweiterten  Macht  war.  Das  alte,
echte  Gold  der  Preußenkrone  verlieh  der  neuen  Krone  genug
des  Glanzes.  Den  König  auch  nur  zur  Annahme  jenes  Titels
zu  bewegen,  ist  Bismarck  in  den  spätern  Verhandlungen  schwer
genug  geworden.

Zunächst  lag  ihm  daran,  daß  der  Stoß  des  nationalen
Willens  sich  nur  gegen  den  Feind  richtete,  der  die  Unabhängigkeit
  Deutschlands  bedrohte,  und  gegen  das  Ausland,  das  sich
in  die  Selbständigkeit  Deutschlands  so  oder  so  einzumischen
berufen  fühlte,  gegen  die  Bundesgenossen  aber,  die  der  preußischen
  Führung  so  willig  gefolgt  waren,  wollte  er  nichts
Gewaltsames  ausführen.

In  diesem  Geiste  ließ  er  zunächst  durch  Delbrück  die  Verhandlungen
  führen,  dann  nahm  er  sie  vom  22.  Oktober  an  mit
den  vier  süddeutschen  Staaten  selber  in  die  Hand,  und  zwar  mit
jedem  besonders.  Mit  Baden  kam  man  bald  zum  Ergebnis.
Es  hatte  ja  gleich  nach  dem  1866er  Kriege  den  Wunsch  ausgesprochen
  in  den  Norddeutschen  Bund  einzutreten.  Ebenso
schnell  gelang  es  mit  Hessen-Darmstadt  einig  zu  werden.  Denn
hier  beflügelte  das  schlechte  Gewissen  die  Schritte  zur  Einigung.
Der  Minister  Dalwigk  und  sein  Herr  hatten  vor  dem  Kriege

zu  stark  mit  Napoleon  geliebäugelt.  ÜUberaus  schwierig  waren
22.
        <pb n="351" />
        340  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

die  Verhandlungen  mit  Bayern  und  Württemberg;z  hier  fing
ein  Markten  und  Feilschen  mit  Reservatrechten  an,  das  Bismarck
  zur  Verzweiflung  hätte  bringen  können,  wenn  ihm  die
Fähigkeit  zu  verzweifeln  überhaupt  eigen  gewesen  wäre.  Wo
der  Mensch  verzweifelt,  lebt  kein  Gott,  war  sein  Grundsatz  im
Leben  und  im  Handeln  und  nichts  Abgeschmackteres  fand  er  auf
der  Welt  als  einen  Menschen,  der  verzweifelt.  Er  rechnete  bei
den  Verhandlungen  mit  diesen  beiden  Staaten  auf  den  Segen  der
Konkurrenz.  Schon  hatte  er  Württemberg  so  weit,  daß  der  Abschluß
fir  und  fertig  war  und  am  12.  November  unterzeichnet  werden
sollte.  Da  kam  Gegenbefehl  von  Stuttgart,  daß  der  „Abschluß
ohne  Bayern  keinenfalls  erfolgen  solle  vor  ausdrücklicher  Genehmigung“.
  So  wurde  mit  Bayern  wieder  kräftig  eingesetzt
und  mit  diesem,  ohne  sich  um  Württemberg  zu  kümmern,  am
23.  November  abgeschlossen.  Als  es  geschehen,  trat  er  mit
einem  Becher  an  den  Tisch  seiner  Getreuen  im  Rebenzimmer,
setzte  sich  zu  ihnen  und  sagte  bewegt:  „Nun  wäre  der  bayerische
  Vertrag  fertig  und  unterzeichnet.  Die  deutsche  Einheit
ist  gemacht  und  der  Kaiser  auch.“  Er  ließ  eine  Flasche  Champagner
  bringen.  „Es  ist  ein  Ereignis.  Die  Zeitungen  werden
nicht  zufrieden  sein,  und  wer  einmal  in  der  gewöhnlichen  Art
Geschichte  schreibt,  kann  unser  Abkommen  tadeln.  Er  kann
sagen,  der  dumme  Kerl  hätte  mehr  fordern  sollen;  er  hätte  es
erlangt,  sie  hätten  gemußt,  und  er  kann  recht  haben  —  mit
dem  Müssen.  Mir  aber  lag  mehr  daran,  daß  die  Leute  mit
der  Sache  innerlich  zufrieden  waren  —  was  sind  Verträge?
Wenn  man  muß!  —  und  ich  weiß,  daß  sie  vergnügt  fortgegangen
  sind.  —  Ich  wollte  sie  nicht  pressen,  die  Situation
nicht  ausnutzen.  Der  Vertrag  hat  seine  Mängel,  aber  er  ist
so  fester.  Ich  rechne  ihn  zu  dem  Wichtigsten,  was  wir  in
diesen  Jahren  erreicht  haben.  Was  den  Kaiser  betrifft,  so
habe  ich  ihnen  den  bei  den  Verhandlungen  damit  annehmbar
gemacht,  daß  ich  ihnen  vorstellte,  es  müsse  für  ihren  König
doch  bequemer  und  leichter  sein,  gewisse  Rechte  dem
Deutschen  Kaiser  einzuräumen,  als  dem  benachbarten  Könige
von  Preußen.“
        <pb n="352" />
        Abschluß  der  Verhandlungen.  Der  Kaisertitel  341

Am  24.  November  trat  der  Norddeutsche  Reichstag  zusammen.
  Delbrück  kündigte  den  Abschluß  mit  Bayern,  Baden
und  Hessen  an.  Am  25.  unterschrieb  dann  auch  Württemberg.
  Vom  24.  November  bis  10.  Dezember  genehmigte  der
Reichstag  alle  Verträge.  An  Stelle  der  Vertragsworte  „Bundes-Oberhaupt“
  und  „Deutscher  Bund“  wurde  Kaiser  und  Reich
gesetzt.

„Kaiser  und  Reich“.  Welche  Schwierigkeiten  mußte  nun
Bismarck  noch  beseitigen,  um  seinen  König  zur  Annahme  des
Kaisertitels  zu  bewegen.  Am  12.  Dezember  noch  schreibt  er
an  seine  Frau:  „Mich  plagen  die  Fürstlichkeiten  mit  ihrer
Geschäftigkeit  und  auch  mein  allergnädigster  mit  all  den
kleinen  Schwierigkeiten,  die  sich  für  ihn  in  der  sehr  einfachen
Kaiserfrage  an  fürstliche  Vorurtheile  und  Kinkerlitzchen  knüpfen.“
Die  Kaiserkrone  erschien  dem  König  zu  sehr  im  Lichte  eines
übertragenen  modernen  Amtes.  Bei  den  ersten  Erörterungen
sagte  er:  „Was  soll  mir  der  Charaktermajor?"  Der  Kaisertitel
  erschien  ihm  wie  ein  leerer  Titel  ohne  Macht,  wie  dem
titulierten  Major  die  wirklichen  Befugnisse  eines  Majors,  ein
Bataillon  zu  kommandieren,  noch  fehlen.  Bismarck  erwiderte
ihm  unter  anderem:  „Eure  Majestät  wollen  doch  nicht  ewig
ein  Neutrum  bleiben:  „das  Präsidium"?  In  dem  Ausdrucke
„Präsidium“’  liegt  eine  Abstraktion,  in  dem  Worte  „Kaiser“
eine  große  Schwungkraft.“  Solche  und  ähnliche  Bedenken
kehrten  wieder.  Bismarck  überwand  sie  durch  die  Tat.  Ende
November,  als  die  Kaiserfrage  kritisch  stand  und  zu  scheitern
drohte  an  der  Abneigung  König  Wilhelms  und  an  dem
Schweigen  des  Bayernkönigs,  der  von  dem  badischen  Großherzog
  gebeten  worden  war,  die  Anregung  zu  geben,  befand
sich  in  Versailles  der  Oberstallmeister  des  Bayernkönigs,  Graf
Holnstein,  der  seinem  Herrn  besonders  nahe  stand.  Dieser
übernahm  auf  Bismarcks  Bitte  die  Überbringung  eines  Schreibens
  an  König  Ludwig  II.,  das  Bismarck,  um  die  Beförderung
  nicht  zu  verzögern,  sofort  an  einem  abgedeckten  Eßtische
auf  durchschlagendem  Papier  und  mit  widerstrebender  Tinte
niederschrieb.  Bismarck  entwickelte  darin  den  Gedanken,  daß
        <pb n="353" />
        342  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

die  bayerische  Krone  die  Präsidialrechte  dem  König  von  Preußen
ohne  Verstimmung  des  bayerischen  Selbstgefühls  nicht  werde
einräumen  können.  Der  König  von  Preußen  übe  preußische
Autorität  innerhalb  der  Grenzen  Bayerns  aus,  das  sei  neu
und  werde  die  baperische  Empfindlichkeit  verletzen,  ein  deutscher
Kaiser  aber  sei  nicht  der  im  Stamme  verschiedene  Nachbar
Bayerns,  sondern  der  Landsmann;z  nur  einem  Deutschen  Kaiser,
nicht  einem  Könige  von  Preußen  könne  Bayern  Konzesssionen
machen.  Dem  Hauptschreiben  fügte  Bismarck  noch  ein  persönliches
  Schreiben  bei,  denn  er  kannte  den  romantischen  Zug
des  Königs.  In  diesem  letzteren  sprach  er  von  dem  besonderen
Wohlwollen,  das  die  Wittelsbachische  Dynastie  zu  der  Zeit,
wo  sie  in  der  Mark  Brandenburg  regierte,  Bismarcks  Vorfahren
  während  mehr  als  einer  Generation  erwiesen  habe.  Am
27.  November  reiste  Graf  Holnstein  nach  Hohenschwangau.  Der
König  war  bettlägrig,  nahm  den  Grafen  aber  an,  als  er  von
Bismarcks  Briefe  hörte.  Er  brachte  darauf  das  Schreiben  an
den  König  von  Preußen  auf  Grund  des  von  Bismarck  ebenfalls
  schon  entworfenen  Konzepts  zu  Papier.  Daß  Bayern  nur
dem  Deutschen  Kaiser,  aber  nicht  dem  Könige  von  Preußen
Konzessionen  machen  könne,  war  eine  wichtige  Wendung  in
dem  Briefe,  die  bestimmt  war  zum  Druck  auf  König  Wilhelms
Abneigung  gegen  die  Annahme  des  Kaisertitels.  Am  3.  Dezember
war  Graf  Holnstein  wieder  in  Versailles;  an  demselben  Tage
wurde  das  Schreiben  vorgelegt  und  das  Widerstreben  König
Wilhelms  gebrochen.  Am  10.  Dezember  nahm  auch  der  Reichstag
  die  Ausdrücke  „Kaiser  und  Reich"  an.  Am  18.  erschien
eine  Abordnung  mit  dem  Präsidenten  Simson  an  der  Spitze.
Simsons  Meisterrede  entlockte  dem  Kronprinzen  helle  Tränen,
und  der  König  mußte  vor  Rührung  in  seiner  Antwort  einige
Male  innehalten.

Bismarck  hatte  die  Verhandlungen  mit  den  Süddeutschen
deshalb  so  rasch  zum  Abschlusse  getrieben,  weil  er  nicht  sicher
sein  konnte,  ob  nicht  die  europäische  Lage  sich  für  die  Erfolge
der  deutschen  Waffen  ungünstig  gestalten  werde.  Er  sah,  daß
sein  großes  Werk  noch  immer  in  Lebensgefahr  war.  Es  lagen,
        <pb n="354" />
        Der  Kaisertitel.  Verzögerung  des  Bombardements  343

so  ruhig  sich  die  Neutralen  verhielten,  doch  immer  allerhand
Kongreßgedanken  in  der  Luft.  Graf  Beust  war  noch  im  Ok—
tober  in  dieser  Richtung  tätig  gewesen;  das  konnte  sich  wiederholen,
  wenn  die  Verhandlungen  und  wenn  der  Krieg  sich  so
in  die  Länge  zog,  wie  es  der  Fall  war.  Wer  damals  mit  im
Heere  gestanden  an  der  Loire,  wo  der  Volkskrieg  immer  neue
Massen  den  stets  schwächer  werdenden  deutschen  Heeren  entgegenwarf,
  weiß,  wie  zornig  die  Krieger  nach  Paris  blickten,
wo  das  heiß  ersehnte  Bombardement  noch  immer  nicht  in  Szene
gesetzt  wurde.  Den  Zorn  der  Krieger  fühlte  Bismarck  mit.  Ende
Oktober  schreibt  er  an  seine  Gattin:  „Ich  muß  heute  noch
meine  Entrüstung  über  den  auch  Dir  gemeldeten  und  in  vielen
Zeitungen  gedruckten  Gedanken  zu  Papier  bringen,  als  hemmte
ich  das  Spiel  unsrer  Geschütze  gegen  Paris  und  trüge  damit
die  Schuld  an  der  Verlängerung  des  Krieges.  Jeden  Morgen
seit  Wochen  hoffte  ich  durch  das  Donnern  geweckt  zu  werden,
über  200  stehn  schon,  aber  sie  schießen  nicht,  und  sollen  doch
noch  nicht  einmal  Paris,  sondern  nur  einige  Forts  zum  Ziele
nehmen.  Es  schwebt  über  der  Sache  irgend  eine  Intrigue,
angesponnen  von  Weibern,  Erzbischöfen  und  Gelehrten,  bekannte
  hohe  Einflüsse  sollen  mitspielen,  damit  das  Lob  des
Auslandes  und  die  Phrasenberäucherung  keine  Einbuße  erleiden.
Jeder  klagt  hier  über  Hindernisse  anonymer  Natur,  der  eine
sagt,  man  stellt  die  Artillerie-Transporte  auf  den  Bahnen
zurück,  damit  sie  nicht  eintreffen,  der  andere  schilt  auf  Mangel
früherer  Vorbereitung,  der  Dritte  sagt,  die  Munition  sei  noch
zu  wenig,  der  vierte  die  Armirung  unfertig,  der  Fünfte,  es
sei  alles  da,  nur  der  Befehl  zu  schießen  nicht.  Dabei  frieren
und  erkranken  die  Leute,  der  Krieg  verschleppt  sich,  die  Neutralen
  reden  uns  drein,  weil  ihnen  die  Zeit  lang  wird,  und
Frankreich  waffnet  mit  den  100000  den  von  Gewehren  aus  England
  und  Amerika.  Das  alles  predige  ich  täglich,  und  dann
behaupten  die  Leute,  ich  sei  Schuld  an  dem  Verschleppen,  was
vieler  ehrlicher  Soldaten  Tod  verursachen  kann,  um  sich  vom
Auslande  für  Schonung  der  „Ziwvilisation“  loben  zu  lassen.
Bitte  widersprich  der  Lüge  gegen  jedermann.“
        <pb n="355" />
        344  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Welchen  Einflüssen  die  Verzögerung  zuzuschreiben  war,  darüber
  hatte  Bismarck  seine  Gedanken,  sagte  sie  aber  nicht  alle.
Immer  zorniger  äußert  er  sich.  Am  22.  November  schreibt
er:  „Roon  ist  krank  aus  Aerger  über  die  Intriguen  gegen  das
Bombardement  der  Pariser  Forts.  Wenn  das  einmal  bekannt
wird,  weshalb  unfre  guten  Soldaten  so  lange  im  Granatfeuer
schlafen  müssen  und  nicht  angreifen  dürfen,  das  wird  böses
Blut  geben,  und  bekannt  wird  es  werden,  denn  es  sind  zuviel
Leute  die  daran  glauben.  Ob  der  König  es  weiß  und  duldet
oder  getäuscht  wird,  darüber  ist  Streit,  ich  glaube  letztres  gern.
Das  Complott,  wenn  es  existirt,  sitzt  bis  im  Generalstabe,  der
mir  außer  dem  guten  und  klugen  alten  Moltke,  überhaupt  nicht
gefällt;  ihm  ist  der  Erfolg  kaiserwahnsinnig  in  die  Krone  gefahren
  und  ich  ängstige  mich  oft  daß  diese  anmaßende  Selbstüberschätzung
  an  uns  noch  gestraft  werden  wird.“  —  Roon
hatte  am  1.  Dezember  sich  beim  Könige  über  die  unverzeihliche
und  verderbliche  Verschleppung  sehr  deutlich  ausgesprochen,
hatte  aber  noch  nicht  obsiegen  können  gegen  „ijene  von  sentimentalen
  Damen  ausgehenden  ganz  unberechtigten  Einflüsse".
Noch  am  7.  schreibt  Bismarck:  „Der  gute  Roon  ist  vor  Aerger
über  unsre  Passivität  und  seine  vergeblichen  Versuche,  uns  zum
Angriff  zu  bringen,  recht  krank  gewesen,  jetzt  besser,  resignirt,
nur  darf  man  nicht  von  der  Sache  reden,  er  wird  gleich  unwohl
  vor  Bitterkeit.“  Endlich,  am  27.  Dezember  war  alles
soweit,  daß  begonnen  werden  konnte.  Am  1.  Januar  schreibt
Bismarck:  „Mont-Avron  in  Einem  Tage  zusammengeschossen
und  ohne  Verlust  besetzt.  Die  bisherigen  Gegner  des  Angriffs
sind  bekehrt,  fast  etwas  sauer  blickend  über  die  raschen  Erfolge
  der  Artillerie,  denn  jeder  sagt  sich  nun  im  Stillen,  das
hätten  wir  vor  2  Monaten  auch  gekonnt,  wenn  nicht  ein  Dutzend
Leute  von  Einfluß  aus  verschiedenen  Gründen  es  hinderten.“
Und  am  4.  Januar:  „Es  hätte  längst  anders  sein  können,
wenn  früher  geschossen  wurde.  Nach  den  glänzenden  Erfolgen
der  ersten  Versuche  streitet  das  niemand  mehr,  und  man  sindet
schwer  jemand  der  eingestände,  jemals  gegen  Schießen  gewesen
  zu  sein,  und  doch  ist  es  erst  3  Wochen  her,  daß  von
        <pb n="356" />
        Das  Bombardement.  Die  Kaiserproklamation  345

denen  die  am  Kriegsrath  zugezogen  worden,  Roon  der
einzige  Rechtgläubige  war,  und  der  General-Adjutant  Boyen
noch  die  Reichstagsherrn  zu  überzeugen  suchte,  daß  Roon
aus  Mangel  an  Verstand  und  ich  aus  Verbitterung  gegen
den  Generalstab,  —  daß  wir  die  Einzigen  wären  die  nach
Schießen  verlangten,  weil  wir  es  beide  nicht  verständen.“
So  ging  denn  Paris  seinem  Schicksal  und  der  Krieg  seinem
Ende  entgegen.

Am  18.  Jannar  sollte  die  Kaiserproklamation  stattfinden.
Eine  neue  Schwierigkeit  erhob  sich.  Der  König  wollte,
wenn  schon  Kaiser,  Kaiser  von  Deutschland  heißen.  In  dem
Schreiben  des  Königs  von  Bayern  stand  Deutscher  Kaiser,  dasselbe
  im  Artikel  der  neuen  Verfassung.  Bismarck  hatte  das
zu  vertreten  für  die  Fassung  bei  der  Proklamation  und  vertrat
  es  am  17.  mit  allen  Gründen,  die  auch  in  der  Sache
lagen.  Auf  das  heftigste  wies  der  König,  auch  als  der  Kronprinz
  Bismarck  unterstützte,  diesen  Titel  ab.  Am  Morgen  des
18.  suchte  Bismarck  den  Großherzog  von  Baden  auf  und  fragte
ihn,  wie  er  beim  ersten  Kaiserhoch  den  neuen  Kaiser  zu  bezeichnen
  denke.  „Als  Kaiser  von  Deutschland,  nach  Befehl
Seiner  Majestät.“  Bismarcks  Hinweis  auf  die  Verfassung  bewog
  den  Großherzog,  noch  einmal  zum  König  zu  gehen.

Mittags  12¼  fand  die  Kaiserproklamation  im  Spiegelsaale
des  französischen  Königsschlosses  zu  Versailles  statt.  Zahlreiche
Fürsten,  hinter  ihnen  und  ihnen  zur  Seite  Minister  und  Generale;
  am  linken  Flügel  Bismarck;  vor  der  Estrade,  auf  welcher
der  Kaiser  stand,  die  Fahnen  der  deutschen  Regimenter.  Dann
erging  der  Befehl  des  Kaisers  an  den  Bundeskanzler,  die  Proklamation
  an  das  deutsche  Volk  zu  verlesen,  die  zweifellos  von
Bismarckschem  Geiste  war.  Der  Kanzler  sprach,  wie  ein  Augenzeuge
  schildert,  „anfangs  mit  einer  vor  Erregung  keuchenden
Brust,  bleichem  Antlitz  und  so  blutleeren  Ohren,  daß  sie  fast
durchsichtig  waren;  mit  Mühe  rangen  sich  die  ersten  Sätze  aus
der  Brust;  aber  allmählich  wurde  die  Stimme  klar  und  durchdrang
  den  Saal“,  besonders  bei  den  Schlußworten:  „Wir  übernehmen
  die  Kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht,
        <pb n="357" />
        346  43.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

in  deutscher  Treue  die  Rechte  des  Reiches  und  seiner  Glieder
zu  schützen,  den  Frieden  zu  wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands
  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft  seines  Volkes  zu  verteidigen.
Wir  nehmen  sie  an  in  der  Hoffnung,  daß  dem  deutschen  Volke
vergönnt  sein  wird,  den  Lohn  seiner  heißen  und  opfermütigen
Kämpfe  in  dauerndem  Frieden  und  innerhalb  der  Grenzen  zu
genießen,  welche  dem  Vaterlande  die  seit  Jahrhunderten  entbehrte
  Sicherung  gegen  erneute  Angriffe  Frankreichs  gewähren.
Uns  aber  und  Unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  wolle
Gott  verleihen,  allzeit  Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu  sein,
nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,  sondern  an  den
Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf  dem  Gebiete
nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung.  “  Als
Bismarck  geendet,  war  er,  wie  bei  der  Verlesung,  in  großer
Spannung,  ob  „Deutscher  Kaiser“  oder  „Kaiser  von  Deutschland“.
  Da  rief  der  Großherzog  mit  lauter  Stimme  und  hocherhobenem
  Helm:  Seine  Majestät,  der  Kaiser  Wilhelm  lebe
hoch.  Begeisterter  Ruf  der  Versammlung  und  „Heil  Dir  im
Siegerkranz“  endete  die  Feier.

Dann  trat  der  Kaiser  von  dem  erhöhten  Stande  herabz;
Bismarck,  der  allein  auf  dem  freien  Platze  davor  stand,  ließ
er  unbeachtet  und  ging  an  ihm  vorüber,  um  den  dahinter
stehenden  Generalen  die  Hand  zu  bieten.  In  dieser  Zurückhaltung
  verharrte  er  mehrere  Tage,  bis  allmählich  die  gegenseitigen
  Beziehungen  in  das  alte  Geleise  kamen.

Wenn  da,  wo  alles  in  herrlichster  Stimmung  gewesen,  Bismarck,
  dieser  einzige  Mann,  der  fast  alles  geschaffen,  nicht
frei  von  Trübung  war,  so  mußte  er  das  wie  so  vieles  in
die  Tragik  seines  Lebens  einrechnen.  Es  ist  nun  einmal  nicht
anders:  In  großen  Stunden,  die  ein  ganzes  Volk  zum  Glücke
führen,  leiden  die  einzelnen,  die  das  Große  geschaffen,  unter
dem  tragischen  Einschlag,  der  dem  Werden  alles  Großen  zugesellt
  ist.  Da,  wo  die  Kaiserkrone  im  einzelnen  geschmiedet
wurde,  litt  in  diesen  Tagen  der  Kanzler  so  gut  am  Feuer
der  Esse,  das  den  Ambos  bestrahlte,  wie  der  Krieger  da
draußen  im  Felde,  wo  die  Funken  noch  immer  stoben  im
        <pb n="358" />
        Die  Kaiserproklamation.  Friedensverhandlungen  347

Kampfesfeuer,  in  welchem  das  Gold  sich  läuterte,  das  zu
jener  Krone  nötig  war.

Glücklicherweise  linderte  bei  Bismarck  guter  Humor  den
Schmerz  zu  Wehmut.  Am  21.  schrieb  er  seiner  Frau:  „Ich
habe  dir  schrecklich  lange  nicht  geschrieben,  verzeih,  aber  diese
Kaisergeburt  war  eine  schwere,  und  Könige  haben  in  solchen
Zeiten  ihre  wunderlichen  Gelüste,  wie  Frauen  bevor  sie  der
Welt  hergeben  was  sie  doch  nicht  behalten  können.  Ich  hatte
als  Accoucheur  mehrmals  das  dringende  Bedürfnis  eine
Bombe  zu  sein  und  zu  platzen  daß  der  ganze  Bau  in  Trümmer
gegangen  wäre.  Nöthige  Geschäfte  greifen  mich  wenig  an,
aber  die  unnöthigen.“

Inzwischen  wurde  die  Beschießung  von  Paris  fortgesetzt.
Die  in  Paris  akkreditierten  Gesandten  der  neutralen  Mächte
richteten  eine  Bitte  und  Beschwerde  an  Bismarck,  „daß  den
Grundsätzen  und  anerkannten  Bräuchen  des  Völkerrechts  entsprechend
  sse  und  ihr  Eigentum  geschützt  würden“.  Bismarck
wies  die  Berufung  aufs  Völkerrecht  zurück.  Die  Verantwortung
hätten  diejenigen  zu  tragen,  welche  die  Hauptstadt  und  ihre
Umgebung  zur  Festung  und  zum  Schlachtfelde  gewählt  hätten,
und  diejenigen,  welche  freiwillig  dort  ihren  Wohnsitz  wählten.
Es  sei  früh  genug  auf  diese  gefährliche  Lage  aufmerksam  gemacht.
  Wenn  die  Pariser  Regierung  die  Neutralen  nicht  aus
der  Festung  lasse,  so  hätten  diese  sich  mit  ihren  Beschwerden
an  diese  Machthaber  zu  wenden.

Am  23.  erschien  Jules  Favre  bei  Bismarck.  Als  er  mit
den  Worten  begann,  er  komme,  um  die  Verhandlungen  von
Ferrières  wieder  aufzunehmen,  bekam  er  die  scharfe  Antwort,
die  Lage  sei  nicht  mehr  dieselbe;  wenn  die  Grundsätze  von
Ferrières  aufrecht  erhalten  würden,  so  brauche  man  nicht  weiter
zu  sprechen;  Bismarck  schloß:  „Meine  Zeit  ist  kostbar,  die  Ihrige
auch.  Ich  sehe  keine  Notwendigkeit  sie  zu  verlieren.“  So  wurde
denn  auch  keine  Zeit  verloren.  Am  28.  wurde  der  Waffenstillstand
  unterzeichnet:  Die  Pariser  Forts  wurden  der  deutschen
Armee  übergeben,  die  Besatzungstruppen  kriegsgefangen,  der
Waffenstillstand  sollte  21  Tage  dauern,  die  Nationalgarde  in
        <pb n="359" />
        348  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Paris  nicht  entwaffnet  werden,  12000  Mann  regulärer
Truppen  wurden  den  französischen  Militärbehörden  für  den
inneren  Dienst  in  Paris  zur  Verfügung  gelassen.  Sofort
sollte  eine  freigewählte  Versammlung  von  Abgeordneten  des
Volks  in  Bordeaux  zusammentreten,  die  zu  entscheiden  habe,
ob  Krieg  oder  Frieden.  Am  8.  Februar  fanden  die  Wahlen
statt  und  ergaben  eine  Mehrheit  von  Friedensfreunden.  Am
17.  Februar  wurde  Thiers  zum  Haupt  der  vollziehenden  Gewalt
  der  französischen  Regierung  gewählt.  Dieser  erschien
am  21.  Februar  in  Versailles  zur  Friedensverhandlung;  am
23.  wurde  Favre  aus  Paris  zugezogen.  Bismarck  stellte  folgende
  Geldforderung:  Zahlung  einer  Kriegsentschädigung  von
sechs  Milliarden  Francs.  Thiers  erklärte  die  Summe  für
unerschwinglichz  nach  einigen  Verhandlungen  wurde  sie  auf
fünf  Milliarden  herabgesetzt.  Als  Thiers  auch  diese  für  zu
hoch  erklärte  und  nur  zwei  Milliarden  zahlen  wollte,  legte  ihm
Bismarck  die  Rechnung  vor,  die  Frankreich  im  Frieden  von  Tilsit
im  Jahre  1807  von  dem  armen  Preußen  gefordert  hatte  und
die  genau  dem  Verhältnis  der  fünf  Milliarden  entsprach.  An
der  Forderung  von  Metz  und  Belfort  —  Elsaß  und  Straßburg
  waren  zugestanden  —  schienen  die  Verhandlungen  scheitern
zu  sollen.  Thiers  wandte  sich  an  den  König,  dieser  wies  ihn
freundlich,  aber  bestimmt  ab.  Bismarck  sagte  zu  Thiers:  „Wenn
Sie  erblicher  König  von  Frankreich  wären,  würde  ich  mich
im  Vertrauen  auf  Sie  mit  geringeren  Bürgschaften  begnügen;
so  aber  müssen  wir  uns  anderweit  sicher  stellen.“  Da  Bismarck
  sah,  daß  man  ohne  ein  zweites  Zugeständnis  nicht  weiter
komme,  stellte  er  nach  einer  Unterredung  mit  dem  Kaiser  und
Moltke  die  Wahl  zwischen  Belfort  und  dem  Einmarsch  deutscher
Truppen  in  Paris.  Thiers  wählte  den  Einmarsch,  Frankreich
behielt  Belfort.  Am  26.  Febrnar  kam  der  Präliminarfriede
zum  Abschluß.  Es  waren  schwere  Tage  gewesen  für  Bismarck.
Geheimrat  Abeken  schreibt,  daß  dem  Kanzler  von  Thiers  und  Favre
so  zugesetzt  sei,  daß  er  zeitweise  ganz  herunter  gewesen,  wie
er  ihn  kaum  je  gesehen,  selbst  in  seinen  schlimmsten  Zeiten
nicht.  Todmüde  wie  er  war,  habe  er  doch  nicht  schlafen  können;
        <pb n="360" />
        Der  Friede  349

er  habe  ihn  tief  gedauert.  Besonders  Thiers  fiel  Bismarck
auf  die  Nerven;  dieser  schreibt  an  seine  Frau  am  Tage  nach
dem  Abschluß:  „Mein  kleiner  Freund  Thiers  ist  sehr  geistreich
und  liebenswürdig,  aber  kein  Geschäftsmann  für  mündliche
Unterhandlungen.  Der  Gedankenschaum  quillt  aus  ihm  unaufhaltsam
  wie  aus  einer  geöffneten  Flasche,  und  ermüdet  die
Geduld  weil  er  hindert  zu  dem  trinkbaren  Stoffe  zu  gelangen
auf  den  es  ankommt.  Es  wurde  mir  sehr  schwer  so  hart  gegen
ihn  zu  sein  wie  ich  mußte.  Das  wußten  die  Bösewichter,  und
deshalb  hatten  sie  ihn  vorgeschoben.“  Die  Friedenspräliminarien
  waren  wieder  einmal  Bismarck  eigenstes  Werk,  der
König  fühlte  das;  am  27.  schrieb  er:  „Ich  ergreife  die  Feder,
um  Ihnen  zu  den  Premissen  des  Friedens,  den  ich  wiederum
nur  Ihrer  Umsicht,  Festigkeit  und  Ausdauer  verdanke,  Glück
zu  wünschen!  Wo  Alles,  außer  Frankreich,  Ihnen  dankt,  stehet
mein  Dank  oben  an,  den  ich  mit  der  höchsten  Anerkennung
für  dieses  Werk,  Ihnen  hiermit  ausspreche.“  Und  Bismarcko
  Wie  es  ihm  ums  Herz  war  an  diesem  Tage,
schrieb  er  „im  stillen  Kämmerlein“  in  dem  erwähnten  Briefe
an  seine  Frau:  „Gott  hat  uns  mit  Seiner  starken  Hand
soweit  geführt,  Er  wird  uns  ja  auch  den  Frieden  fest
machen,  für  den  neben  vielem  Gesindel  in  Frankreich,  so
viel  ehrliche  Leute  bei  uns,  und  auch  bei  den  Gegnern  gefallen,
  verkrüppelt  und  in  Traner  sind.  Mein  Herz  ist
voll  demütigen  Dankes.“  Gott  und  seine  Volksgenossen
waren  seine  Hauptgedanken.  Gab  es  je  einen  Staatsmann
mit  einem  schlichteren  Herzen?

Am  1.  März  erfolgte  der  Einzug  von  30000  Mann  deutscher
Truppen  in  Paris,  an  dem  sich  Bismarck  sowenig  wie  der
Kaiser  beteiligte;  am  Abend  war  Zapfenstreich;  Bismarck  schreibt
darüber:  „Beim  Zapfenstreich  sind  Tausende  Pariser  mit  unsern
Soldaten  im  Arm  gefolgt,  und  bei  „Helm  ab  zum  Gebet“  nahm
alles  die  Hüte  ab,  und  sagten  voilà  ce  qui  nous  mangque,
und  das  wird  wohl  richtig  sein.“"  Am  9.  März  traf  Bismarck
in  Berlin  ein,  wo  seine  Gattin  und  Tochter  ihn  auf  dem
Potsdamer  Bahnhof  empfingen.
        <pb n="361" />
        350  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

Am  28.  März  traten  die  deutschen  und  französischen  Bevollmächtigten,
  Graf  Arnim  und  Favre,  in  Brüssel  zusammen,
um  den  endgültigen  Frieden  zu  schließen.  Infolge  französischer
Quertreibereien  kam  man  nicht  weiter.  Da  nahm  Bismarck
wiederum  die  Sache  selbst  in  die  Hand.  Er  hob  die  Brüsseler
Konferenz  auf  und  ging  selbst  nach  Frankfurt  mit  den
Legationsräten  Grafen  Hatzfeld  und  Lothar  Bucher;  von
französischer  Seite  kamen  Favre,  der  Minister  des  Auswärtigen,
  und  der  Finanzminister  Pouyer-Quertier.  Da  Bismarck
  hier  mit  seiner  den  Franzosen  wohlbekannten  Unbeugsamkeit
  auftrat,  so  wurde  bereits  am  10.  Mai  der  Friede
unterzeichnet.

Der  Kaiser  war  bereits  am  17.  März  nach  Berlin  zurückgekehrt.
  Am  21.  März  wurde  der  Reichstag  eröffnet.  Als  Bismarck
  vor  der  Eröffnung  beim  Kaiser  erschien,  erhob  ihn  der
Kaiser  in  den  Fürstenstand.  Bismarck  wollte  diesen  Rang
zunächst  ablehnen.  Alle  Titel  waren  ihm  Objekte  des
Humors.  Er  schreibt  darüber  an  seinen  Bruder:  „In  diesen
Schwindel  werde  ich  mich  wohl  nicht  mehr  recht  einleben.“
  Er  war  nahe  daran,  seinen  Herrn  zu  bitten,  auf
seine  Absicht  zu  verzichten,  aus  Gründen  seines  Vermögens
und  seiner  Lebensverhältnisse  überhaupt.  Doch  der  Kaiser
kam  ihm  unter  Tränen  mit  so  herzlichen  Glückwünschen  zuvor,
  daß  Bismarck  seine  Bitte  nicht  vorzubringen  vermochte.


Die  Thronrede  kündigte  die  wichtigsten  Vorlagen  an,  wies
auf  die  errungene  Einheit  hin,  die  seit  der  Zeit  unsrer  Väter
erstrebt  sei,  und  gipfelte  in  den  beiden  Sätzen:  „Das  neue
Deutschland,  wie  es  aus  der  Feuerprobe  des  gegenwärtigen
Krieges  hervorgegangen  ist,  wird  ein  zuverlässiger  Bürge  des
europäischen  Friedens  sein,  weil  es  stark  und  selbstbewußt
genug  ist,  um  sich  Ordnung  seiner  eigenen  Angelegenheiten
als  ein  ausschließliches,  aber  auch  ausreichendes  und  zufriedenstellendes
  Erbteil  zu  bewahren..  Möge  die  Wiederherstellung
  des  Deutschen  Reiches  für  die  deutsche  Nation
auch  nach  Innen  das  Wahrzeichen  neuer  Größe  sein,  möge
        <pb n="362" />
        Eröffnung  des  Deutschen  Reichstages  351

dem  Deutschen  Reichskriege,  den  wir  so  ruhmreich  geführt,
ein  nicht  minder  glorreicher  Reichsfrieden  folgen,  und  möge
die  Aufgabe  des  deutschen  Volkes  fortan  darin  beschlossen
sein,  sich  in  dem  Wettkampfe  um  die  Güter  des  Friedens
als  Sieger  zu  erweisen.“

Die  Zusammensetzung  des  neuen  Reichstages  trug  das  Gepräge
  der  großen  Zeit.  Die  stärkste  Partei  waren  die  Nationalliberalen,
  die  seit  Erstarkung  der  nationalen  Idee  im  deutschen
Volke  in  die  unmittelbarste  Nähe  Bismarcks  gerückt  waren.

Die  ersten  Verhandlungen  betrafen  wichtige  nationale  Fragen:
die  neue  Reichsverfassung,  ein  monumentales  Parlamentshaus,
die  Kriegsanleihe,  Elsaß-Lothringen  und  die  Ratifikation  des
Frankfurter  Friedens.  Die  abschließende  Thronrede  am  15.  Juni
konnte  ohne  jeden  Mißklang  nur  den  Dank  der  neuen  Reichsregierung
  künden.

Am  24.  Juni  richtete  der  Kaiser  ein  Schreiben  an  Bismarck,
  mit  welchem  er  den  zum  Domanium  des  Herzogtums
  Lauenburg  gehörigen  Grundbesitz  im  Amte  Schwarzenbeck,
  der  dem  Könige  als  freies  und  unbeschränktes  Eigentum
gehörte,  dem  Reichskanzler  in  Anerkennung  seiner  Verdienste
  als  ein  Geschenk  übereignete.  So  hatte  Bismarck
im  Sachsenwalde  ein  Tuskulum;  er  kaufte  sich  das  am
Rande  des  Waldes  gelegene  Schloß  Friedrichsruh  hinzu,  in
dem  er  so  oft  von  Sorgen  und  Mühen  und  Kümmernissen
Rast  finden  sollte.

Als  das  ruhmreiche  Jahr  zu  Ende  ging,  bezeugte  ihm  der
Kaiser  von  neuem  seine  Dankbarkeit;  am  Christabend  schrieb  er
ihm,  daß  er  nicht  von  neuem  ihm  vorzuführen  brauche,  was  er
selber,  was  Preußen  und  Deutschland  Bismarcks  rastlosem
Mühen  in  dieser  ruhmreichen  Zeit  verdanke,  und  daß  die  Welt
sein  segensreiches  Wirken  zur  Umgestaltung  der  europäischen,
ja  der  Welt  anerkenne  und  auch  kenne,  wie  er,  der  König,  dankbar
  gewesen  sei.  „In  Ihrem  Hause  und  in  Ihrer  Familie
wünsche  ich  aber  ein  sichtbares  Zeichen  dieser  Dankbarkeit  zu
errichten:  ich  benütze  dazu  das  heutige  Fest,  um  Ihnen  meine
Büste  in  Marmor  zu  senden,  da  dieser  Stoff  einigermaßen
        <pb n="363" />
        —

352  13.  Der  deutsch-französische  Krieg.  1870—1871.  Kaiser  und  Reich

im  Stande  ist,  meine  Gesinnungen  für  Sie,  auf  die  Nachwelt
zu  bringen.
Mit  den  Gefühlen,  die  geben,  mögen  Sie  das  Weihnachtsgeschenk
  nehmen!
Ihr  dankbarer,  treu  ergebener
Wilhelm
Imp.  Rex.“

Es  war  wohl  das  erste  Mal,  daß  Bismarcks  Herr  und
König  in  ungewöhnlicher  Weise  als  Imperator,  als  Kaiser
unterschrieb.  Sollte  damit  der  herzliche  Druck  der  Hand,  der
am  18.  Januar  ausgeblieben  war,  nachgeholt  werden  unter  dem
Christbaum,  der  Frieden  auf  Erden  kündet?
        <pb n="364" />
        Bismarck  im  Jahre  1871

Photographie  nach  dem  Leben
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        14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Jiem  Kriege  mit  Frankreich  sollte  kein  innerer  Friede  folgen.

Bismarck  wollte  ihn;  Forderungen  Roms  und  Parteiströmungen,
  die  im  Gegensatze  zum  neuen  Reiche  standen,  wollten
es  anders.  Im  Dezember  1869  war  in  Rom  das  vatikanische
Konzil  zusammengetreten;  es  sollte  die  Unfehlbarkeit  des  Papstes
beschließen.  Viele  treue  Katholiken  Deutschlands,  Osterreichs
und  der  Schweiz  befürchteten,  daß  die  Erhebung  dieser  Lehre
zum  kirchlichen  Dogma  den  Anspruch  auf  die  Unterwerfung  nicht
nur  der  Wissenschaft  und  der  Schule,  sondern  des  gesamten
Staatswesens  unter  die  Oberhoheit  des  Papstes  in  sich  schließe.
Der  damalige  baperische  Ministerpräsident  Fürst  Hohenlohe
machte  auf  die  hierdurch  dem  Staate  drohende  Gefahr  aufmerksam
  und  riet  zu  gemeinsamem  staatlichen  Vorgehen  gegen  ein
solches  Dogma.  Bismarck  nahm  eine  vorsichtige  Stellung  ein;  er
mißbilligte  es,  als  der  preußische  Gesandte  beim  päpstlichen  Stuhl
Graf  Arnim  gegen  den  drohenden  Beschluß  des  Konzils  Verwahrung
  einzulegen  riet.  Er  war  der  Meinung,  daß  man  nicht
protestieren  solle;  es  sei  undankbar,  wenn  man  doch  nicht  verhindern
  könne,  wogegen  man  protestiere.  Er  folgte  dem  Grundsatz,
  der  Kirche  völlige  Freiheit  in  kirchlichen  Dingen  zu  lassen,
sich  aber  zu  entschiedener  Abwehr  gegen  die  Kirche  zu  richten,
wenn  diese  auf  das  staatliche  Gebiet  übergriffe;  Eingriffe  in
katholische  kirchliche  Angelegenheiten  widersprächen  dem  protestantischen
  Charakter  Preußens.

Er  wahrte  deshalb  äußerlich  seine  Ruhe;  wir  wissen  aber  vom
Fürsten  Hohenlohe,  daß  er  mit  banger,  immer  wachsender  Sorge
schon  im  Jahre  1869  dem  Herannahen  des  Konfliktes  entgegensah,
dessen  traurige  Bedeutung  er  nicht  unterschätzte.  Er  hielt  es
„gegenüber  einer  römischen  Partei,  welche  mit  bewußter  Entschlossenheit
  den  kirchlichen  und  politischen  Frieden  Europas  zu
stören  bereit  sei,  für  besser,  nicht  gezwungen  zu  werden  von  der

A.  Matthias,  Bismarck  23
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        354  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

parlamentarischen  Waffe  der  Gesetzgebung  gegen  jeden  un—
gerechten  Angriff  der  geistlichen  Gewalt  Gebrauch  zu  machen,
und  für  eine  Wohltat,  die  den  geistlichen  und  weltlichen  Obrigkeiten
  erwiesen  würde,  wenn  sich  der  Konflikt  zwischen  beiden
durch  Warnungen  und  Vorsorgen  verhüten  ließe“.  Das  sind
seine  eigenen  Gedanken  und  Worte,  die  er  an  den  preußischen
Gesandten  im  November  1869  richtete,  denen  er  aber  hinzufügte:
  „Nur  bei  etwaigen  Versuchen  der  Störung  des  konfesssonellen
  Friedens  auf  dem  äußeren  Gebiete,  welche  wir
übrigens  nicht  erwarten,  werden  die  Regierungen  mit  fester
Hand  einzuschreiten  haben.“  Und  noch  im  Januar  1870,  als
die  Mehrzahl  der  Mitglieder  des  Konzils  —  die  deutschen
Bischöfe  gehörten  nicht  zu  ihr  —  die  Unfehlbarkeit  gefordert
hatte,  gab  Bismarck  die  ruhige  Weisung:  „Wir  können  nur
wünschen,  daß  der  Organismus  der  katholischen  Kirche,  auf
dessen  Grunde  sich  bisher  gedeihliche  Beziehungen  zwischen  Staat
und  Kirche  gebildet  haben,  nicht  gestört  oder  unterbrochen  werde.
..  Es  wird  für  jetzt  mehr  nicht  tunlich  sein,  als  daß  wir  die
Deutschen  und  die  ihnen  zustimmenden  Bischöfe  ermutigen  und
moralisch  unterstützen  und  ihnen  die  Zustimmung  geben,  daß
wir  auch  im  schlimmsten  Falle  ihre  Rechte  im  eigenen  Lande
wahren  würden,  daß  tief  eingreifende  Anderungen  in  dem
Organismus  der  katholischen  Kirche,  wie  sie  durch  die  absolutistischen
  Tendenzen  der  Kurialpartei  angestrebt  würden,  nicht
ohne  Einfluß  auf  die  Beziehungen  der  Kirche  zum  Staate  und
damit  auf  ihre  eigene  Stellung  der  Regierung  gegenüber  bleiben
würden.“  Bismarck  war  doch  eine  in  geschichtlicher  Betrachtung
aller  Dinge  zu  gewiegte  Persönlichkeit,  als  daß  er  nicht  erkannt
hätte,  wie  durch  das  Unfehlbarkeitsdogma  dem  theokratischen
Absolutismus  an  der  Tiber  die  letzte  Weihe  gegeben  werden
sollte.  Gleichwohl  schärfte  er  dem  preußischen  Gesandten  ein,
dem  Konzil  und  der  Kurie  gegenüber  eine  vollkommen  ruhige
und  abwartende  Haltung  zu  bewahren  und  vertraulich,  in  Ubereinstimmung
  mit  gleichgesinnten  Gesandten,  eine  möglichst  ermutigende
  und  stärkende  Einwirkung  auf  die  Bischöfe  geltend
zu  machen.
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        Biemarcks  vorsichtige  Haltung  Rom  gegenüber  355

Dieser  ruhigen  staatsmännischen  Stellung  entsprach  Bismarcks
  duldsame  und  religiös  feinsinnige  Auffassung  der  Dinge.
Nichts  ist  ihm  widerwärtiger  gewesen  —  und  es  schied  ihn  das
schon  frühe  von  gläubigen  konservativen  Freunden  —  als  eine
religiöse  Anschauung,  welche  den  Glauben  an  Gott  und  den
Frieden,  den  dieser  Glanbe  gibt,  zur  politischen  Marktware  und
zu  politischen  Streitobjekten  entweiht,  und  die  konfessionelle  Politik
treibt,  aber  bei  diesem  Betriebe  leugnet,  konfessionell  Partei  zu
nehmen.  Er  stand,  ein  echt  hohenzollersch  gesinnter  Staatsmann,
auf  dem  hohen  Standpunkt  eines  Friedrich  des  Großen.  Wer  das
bezweifelt,  der  lese  das  berühmte  Votum  nach,  das  Bismarck  abgab,
  als  die  Volkserbitterung  im  August  1869  über  die  Anlage
eines  katholischen  Klosters  in  Moabit  sich  hinreißen  ließ  zur  Zerstörung
  der  betreffenden  Gebäulichkeiten  und  ein  Einschreiten  der
Regierung  nötig  machte.  Er  warnte  ernstlich,  vom  Grundsatze
Friedrichs  des  Großen  abzuweichen,  daß  jedermann  nach  seiner
Facon  selig  werden  könne,  und  Schritte  zu  tun,  welche  das  Vertrauen
  der  Katholiken  zur  Regierung,  daß  sie  ihnen  die  Freiheit
und  Sicherheit  ihres  Kultus  gewährleiste,  erschüttern  könnten.
Die  Katholiken  in  Preußen  hätten  sich  1848  und  1866  als  treue
Untertanen  bewährt;  eine  Erschütterung  des  Vertrauens  der  acht
Millionen  Katholiken  werde  ein  Nachteil  für  die  Dynastie  sein.

Auch  wenn  das  Unfehlbarkeitsdogma  Annahme  fände,  sei,
so  war  Bismarcks  Ansicht,  immer  noch  Ruhe  geboten;  wiederholt
  hat  er  sich  in  diesem  Sinne  geäußert,  so  im  Mai  1870:
„die  preußische  Regierung  hat  kein  eigenes  Interesse  an  dem
Unfehlbarkeitsdogma“;  und  sogar  noch  am  20.  Juli:  „Herr
von  Arnim  soll  sich  jeder  ostensibeln  Demonstration  enthalten.
Die  Infallibilität  ist  uns  augenblicklich  ohne  Interesse."“

Verdächtig  schien  ihm  aber  mehr  und  mehr  in  der  ganzen
Bewegung  das  Gebaren  der  Jesuiten.  So  entgegenkommend
und  duldsam  er  in  seiner  staatsmännischen  und  religiösen  Beurteilung
  bisher  gewesen,  so  scharf  und  rücksichtslos  war  er,
wo  seinem  nationalen  Werke  Gefahren  drohten.  Und  hier
drohten  sie;  er  hat  es  im  Dezember  1874  im  Reichstage  gesagt:
  „Daß  der  Krieg  von  1870  im  Einverständnis  mit  der

23°
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        356  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

roͤmischen  Politik  gegen  uns  begonnen  ist;  daß  man  damals
in  Rom,  wie  auch  anderswo,  auf  den  Sieg  der  Franzosen
sicher  rechnete;  daß  am  französischen  Kaiserhof  gerade  die
katholischen  Einflüsse  den  eigentlichen  Ausschlag  für  den  kriegerischen
  Entschluß  gaben;  daß  der  feste  Beschluß  Frieden  zu
halten  umgeworfen  wurde  durch  Einflüsse,  deren  Zusammenhang
  mit  den  jesuitischen  Grundsätzen  nachgewiesen  ist,  über
alles  das  bin  ich  vollständig  in  der  Lage,  Zeugnis  ablegen  zu
können.“

Das  Dogma  wurde  am  18.  Juli,  einen  Tag  vor  der  Kriegserklärung
  Frankreichs,  angenommen;  der  Niederlage  von  Sedan
folgte  der  Einmarsch  der  Truppen  des  Königs  von  Stalien  in
Rom  und  damit  die  Aufhebung  der  weltlichen  Herrschaft  in
der  neuen  Residenzstadt  des  Königs.  Die  deutschen  Bischöfe,
die  sich  dem  Dogma  widersetzt  hatten,  unterwarfen  sich  einer
nach  dem  andern  und  zwangen  auch  alle  Untergebenen  in  Kirche
und  auf  Lehrstühlen,  die  bis  dahin  in  freier  Bewegung  ihnen
eine  Stütze  gewesen  waren,  zur  Unterwerfung.  Das  aber  mußte
zu  Konflikten  mit  der  Staatsgewalt  führen,  die  jene  Untergebenen
  zu  stützen  und  zu  schützen  verpflichtet  war,  und  die
verlangen  mußte,  daß  auch  die  Bischöfe  nicht  in  Gegensatz  zu
Staatsgesetzen  traten  und  sich  vor  allem  nicht  Rechte  in  der
Schule  anmaßten,  die  dem  Staat  zustanden.  Das  alles  zog
Bismarck  in  Erwägung,  gleichwohl  hoffte  er  noch  immer,  die
Verhältnisse,  die  nicht  ungünstig  lagen,  würden  sich  zugunsten
Deutschlands  doch  noch  so  gestalten  lassen,  daß  der  Kampf
nicht  zum  Ausbruch  kam.

Er  zeigte  aber  nicht  nur  Ruhe,  sondern  auch  Entgegenkommen.
Als  der  Kardinalstaatssekretär  Antonelli  im  Oktober  durch
Arnim  anfragte,  ob  der  Papst,  falls  er  Rom  verlassen  müsse,
auf  Preußens  Unterstützung  rechnen  könne,  daß  man  ihn  ungestört
  reisen  lassen  werde,  antwortete  Bismarck  bejahend  und
sprach  in  Florenz  durch  den  norddeutschen  Gesandten  die  Hoffnung
  aus,  daß  die  italienische  Regierung  die  Freiheit  und
Würde  des  Papstes  unter  allen  Umständen  und  auch  dann
achten  werde,  wenn  dieser  wider  Erwarten  seine  Residenz  ver-
        <pb n="370" />
        Unfehlbarkeitsdogma.  Bismarcks  Zurückhaltung  und  Entgegenkommen  357

legen  müsse.  Es  solle  das  keine  unaufgeforderte  Einmischung
sein;  der  König  glaube  aber  den  norddeutschen  Katholiken  die
Fürsorge  für  den  Papst  schuldig  zu  sein.  —  So  entgegenkommend
er  sich  hier  zeigte,  für  so  unzulässig  hielt  er  eine  Einmischung
zur  Wiederherstellung  des  Kirchenstaates,  die  der  Erzbischof  von
Posen  Ledochowski  im  November  1870  von  Preußen  verlangte,
da  der  König  von  Preußen  ein  Machtwort  in  dieser  Richtung
den  vielen  Millionen  Christen  schuldig  sei,  die  unter  seinem
glorreichen  Szepter  lebten.  Trotz  dieser  anmaßenden  Forderungen
wurden  die  Verhandlungen  wegen  eines  Asyls  des  Papstes  so
freundlich  fortgesetzt,  daß  noch  im  März  1871  ein  Glückwunschschreiben
  des  Papstes  an  den  Kaiser  kam,  in  welchem  die  Hoffnung
  auf  Freundschaft  zwischen  Reich  und  Kirche  ausgesprochen
wurde.  Schon  vorher  war  am  18.  Februar  Bischof  Ketteler  von
Mainz  mit  einer  von  56  Mitgliedern  des  Abgeordnetenhauses
unterzeichneten  Adresse  bei  Bismarck  in  Versailles  erschienen,
in  welcher  der  Kaiser  um  Wiederaufrichtung  der  weltlichen
Herrschaft  des  Papstes  gebeten  wurde.  Daß  die  Zeit  der  Römerzüge
  für  den  neuen  deutschen  Kaiser  vorüber  war,  begriffen
diese  Bittgänger  nicht,  Bismarck  aber  wußte  es  und  konnte
ihnen  nicht  dienen.  Infolgedessen  wurde  die  Mobilmachung  des
römischen  Heerbanns  deutlicher.

In  den  Reichstag  waren  57  Katholiken  von  der  Parteifarbe
des  Bischofs  Ketteler  gewählt.  Diese  traten  unter  Windthorst  und
Savigny  zu  einer  katholischen  Fraktion  zusammen,  die  sich  nach
ihren  Sitzen  im  Reichstag  Zentrum  nannte.  Daß  Winhthorst
ursprünglich  mehr  Welf  als  Ultramontaner  war,  wußte  man  in
Hannoverz  daß  er  noch  ehrgeiziger  war  als  beides,  wußte  man
ebenso;  und  allgemein  hatte  man  die  Empfindung,  daß  ein  preußischer
  Ministerposten  der  kleinen  Exzellenz  nicht  übel  gestanden
haben  würde.  Savigny,  den  Jugendfreund  und  langjährigen
Mitarbeiter  Bismarcks,  der  an  den  Kanzlerposten  im  neuen  Reich
gedacht  hatte,  schloß  gekränkter  Ehrgeiz  mit  dem  welfischen  Gegner
Preußens  eng  zusammen.  Indem  nun  die  neue  Fraktion  die
von  allen  übrigen  Parteien  angenommene  Adresse  an  den  Kaiser
ablehnte  und  gemeinsam  mit  Polen,  Welfen,  Sozialdemokraten,
        <pb n="371" />
        358  44.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Partikularisten  und  Dänen  stimmte,  stellte  sie  sich  offensichtlich
der  nationalen  Bewegung,  die  den  neuen  Kaiserthron  wie  eine
Hochflut  umrauschte,  entgegen.  Es  behagte  dieser  Fraktion
nicht,  daß  die  Adresse  die  Tage  der  Einmischung  in  das  innere
Leben  anderer  Völker  als  nimmer  wiederkehrend  bezeichnete.

Gleich  in  den  ersten  Verhandlungen  erfolgte  ein  neuer
Vorstoß;  das  Zentrum  verlangte  die  Aufnahme  der  vieldeutigen
Artikel  12  und  15  der  preußischen  Verfassung,  welche  die
Grenzlinie  zwischen  Staat  und  Kirche  verschoben  und  schon
so  manche  Zusammenstöße  zwischen  den  beiden  Gewalten  hervorgerufen
  hatten,  in  die  Reichsverfassung.  Dieses  Vorgehen  des
Zentrums  war  ein  böses  Zeichen  der  Zeit.  Bismarck  aber  hielt
es  noch  in  letzter  Stunde  für  möglich,  den  Kampf  zu  vermeiden.
  Er  hielt  sich  in  den  erregten  Debatten  zurück  und  beklagte
  sich  in  Rom  über  das  Auftreten  der  neuen  Oppositionspartei.
  Der  Kardinalstaatssekretär  äußerte  sich  mißbilligend
über  ihr  schroffes  Vorgehen.

Das  war  im  April  und  Mai.  Im  Juni  schlug  die  Stimmung
um.  In  der  Partei  Windthorst-Savigny  war  man  römischer
als  Rom.  Diese  Anschauungen  sprangen  nach  Rom  über,
im  Juni  zog  man  dort  den  Tadel  gegen  die  katholischen  Abgeordneten
  zurück.  Am  30.  Juni  ging  eine  Note  dorthin  an
Preußens  Vertreter,  in  welcher  Bismarck  erklärte,  er  könne
diesen  Wandel  nur  der  Einwirkung  der  fanatischen  Partei  in
Rom  und  des  Zentrums  zuschreiben;  dann  folgte  eine  Art  von
Ultimatum  mit  den  Worten:  „Diese  aggresive  Tendenz  der  die
Kirche  beherrschenden  Partei  nötigt  uns  zur  Abwehr,  in  welcher
wir  unsere  eigene  Verteidigung  suchen,  die  wir  aber  mit  allem
Ernst  mit  den  uns  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  durchführen
müssen.  Kann  man  sich  im  Vatikan  entschließen,  mit  der
regierungsfeindlichen  Partei  zu  brechen,  so  wird  uns  das  nur
erwünscht  sein,  kann  oder  will  man  das  nicht,  so  lehnen  wir
die  Verantwortung  für  die  Folgen  ab.“

Damit  war  der  Kampf  so  gut  wie  eingeleitet.  Er  konnte
nicht  mehr  aufgehalten  werden,  da  die  Bischöfe  gegen  Lehrer,
welche  das  Unfehlbarkeitsdogma  nicht  anerkannten,  mit  kirch-
        <pb n="372" />
        Angriff  des  Zentrums.  Abwehrmaßregeln  der  Regierung  359

lichen  Strafen  vorgingen,  so  der  Bischof  Krementz  von  Erme—
land  mit  der  großen  Exkommunikation  gegen  den  Professor
Wollmann  in  Braunsberg.

Wenige  Tage  nach  dieser  aggressiven  Maßregel  erfolgte
seitens  der  Regierung  der  erste  Schlag,  die  Aufhebung  der
katholischen  Abteilung  im  Kultusministerium,  die  Bismarck  wie
einen  feindlichen  Posten  im  eigenen  Lager  ansah.  Dann  wurde  im
preußischen  Abgeordnetenhause  das  Schulaufsichtsgesetz  eingebracht,
  durch  welches  die  Aufsicht  über  alle  öffentlichen  und  privaten
  Unterrichtsanstalten  dem  Staate  übertragen  wurde.  Da  der
Kultusminister  von  Mühler  gegen  dieses  Gesetz  war,  mußte  er  dem
energischen  Dr.  Falk  weichen.  Vorher  schon  war  im  Reichstage
der  sogenannte  Kanzelparagraph  angenommen  gegen  Geistliche,
die  in  Ausübung  ihres  Berufs  in  friedestörender  Weise  Angelegen—
heiten  des  Staates  behandelten;  die  Anregung  hiezu  war  von
Bayern  ausgegangen.  Hinzu  kam  im  Jahre  1872  die  Ausweisung
der  Jesuiten  und  der  mit  ihnen  verwandten  Orden.

In  diesem  ersten  Jahre  des  Kampfes  erhob  sich  auch  ein
direkter  Streit  mit  dem  päpstlichen  Stuhl.  Für  den  Posten  eines
diplomatischen  Vertreters  des  Deutschen  Reiches  beim  Vatikan  war
vom  Kaiser  der  Kardinal  Fürst  von  Hohenlohe,  der  Bruder  des
fruͤheren  bayerischen  Ministerpräsidenten,  in  Aussicht  genommen;
es  war  das  eine  Friedensäußerung,  da  ein  Kardinal  kein  Vertreter
  von  romfeindlichen  Tendenzen  sein  konnte.  Die  Antwort
des  Papstes  war  ablehnend,  da  ein  Kardinal  der  Kirche,  auch
wegen  der  augenblicklichen  Verhältnisse  des  Heiligen  Stuhls,  zur
Annahme  eines  so  delikaten  und  wichtigen  Amtes  nicht  autori—
siert  werden  könnte.  Bei  der  Beratung  des  Gehalts  dieser
Gesandtschaft  im  Reichstage  ergriff  Bismarck  das  Wort,  um
den  Reichstag  zu  versichern,  daß  gegenüber  den  neuen  Dogmen
eine  Nachgiebigkeit  des  Deutschen  Reiches  ausgeschlossen  sei.
„Seien  Sie  außer  Sorge:  Nach  Canossa  gehen  wir  nicht  —
weder  körperlich,  noch  geistig.“

Die  Erbitterung  des  Papstes  steigerte  sich  mit  jedem  neuen
Gesetz  und  jeder  neuen  Maßregel,  die  die  Regierung  für  ihre
Selbständigkeit  nötig  befand,  und  mit  jeder  neuen  Rede,  in
        <pb n="373" />
        360  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

welcher  Bismarck  seine  Ansichten  über  den  augenublicklichen
Kampf  und  das  Verhältnis  vom  Staate  zur  Kirche  darlegte.

Am  24.  Juni  1872  hielt  der  Papst  eine  Ansprache  an  eine
Deputation  des  katholischen  deutschen  Lesevereins,  die  eine  tiefe
Erregung  wachrief  und  selbst  in  gut  katholischen  Blättern,  wie
der  Schlesischen  Volkszeitung,  schmerzlich  empfunden  wurde.
Sie  lautete  in  der  Hauptsache:  „Wir  haben  es  mit  einer
Verfolgung  zu  tun,  die,  von  weitem  vorbereitet,  jetzt  ausgebrochen
  ist;  es  ist  der  erste  Minister  einer  mächtigen  Regierung,
  der  nach  seinen  stegreichen  Erfolgen  im  Felde  sich  an
die  Spitze  der  Verfolgung  gestellt  hat.  Ich  habe  ihn  wissen
lassen,  daß  ein  Triumph  ohne  Mäßigung  von  keiner  Dauer
ist,  daß  ein  Triumph,  der  sich  in  einen  Kampf  gegen  die  Wahrheit
  und  die  Kirche  einläßt,  der  größte  Wahnsinn  ist.  Ich  habe
die  Frage  an  den  Ministerpräsidenten  richten  lassen,  warum
nun  auf  einmal  die  Katholiken  sich  in  Leute  verwandelt  haben
sollen,  die  den  Gehorsam  verweigern,  gefährliche  Umtriebe
machen,  auf  den  Untergang  des  Staates  sinnen.  Die  Antwort
erwarte  ich  noch  immer,  vielleicht  weil  es  auf  die  Wahrheit
keine  Antwort  gibt.  Wer  weiß,  ob  nicht  bald  sich  das  Steinchen
  von  der  Höhe  loslöst,  welches  den  Fuß  des  Kolosses  zertrümmert.“


Die  amtliche  Provinzialkorrespondenz  bestritt,  daß  der  Papst
diese  Fragen  an  Bismarck  gerichtet  habe.  Wäre  es  geschehen,
so  würde  doch  der  Reichskanzler  schon  deshalb  kaum  haben  annehmen
  können,  daß  der  Papst  eine  Antwort  erwarte,  weil  es
dieselben  Fragen  seien,  welche  im  Laufe  des  letzten  Jahres
Fürst  Bismarck  und  Seine  Majestät  der  Kaiser  wiederholt
mahnend  an  die  Katholiken  gerichtet  hätten.  „Die  Tußerung
des  Papstes“,  so  lauteten  die  Worte  weiter,  „enthielt  vor
allem  einen  neuen  Fingerzeig,  daß  es  sich  bei  den  kirchlichen
Fragen  um  einen  einheitlich  geleiteten  Kampf  handelte,  daß
daher  auch  die  Abwehr  nicht  auf  den  einzelnen  Fall  gerichtet
sein  darf,  sondern  stets  den  großen  Zusammenhang  der  antinationalen
  kirchlichen  Bewegung  im  Auge  behalten  muß.  Wir
werden  uns  bei  jedem  weiteren  Schritte  bewußt  bleiben  müssen,
        <pb n="374" />
        Angriffe  des  Papstes.  Weitere  Gesetze  zum  Schutz  der  staatlichen  Rechte  361

daß  der  Wunsch  der  Gegner  darauf  gerichtet  ist,  dem  mächtigen
deutschen  Reiche  den  Fuß  zu  zerschmettern.“

Ende  Dezember  sprach  der  Papst  noch  in  einer  Allokution
von  „grausamen  Kirchenverfolgungen“  und  von  „Anmaßung
und  Unverschämtheit  der  Reichsregierung“.  Daraufhin  wurde
der  preußische  Vertreter  am  Vatikan  abberufen  und  der  diplomatische
  Verkehr  abgebrochen.

Die  Gesetzgebung  ging  ihren  Weg  weiter,  und  neue  Entwürfe
  fanden  im  Mai  1873  im  preußischen  Landtag  Annahme.
  Diese  sogenannten  Maigesetze  regelten  die  Grenzen
des  geistlichen  Rechts  beim  Gebrauch  kirchlicher  Straf=  und
Zuchtmittel,  die  Vorbildung  und  Anstellung  der  Geistlichen,  den
Austritt  aus  der  Kirche,  die  kirchliche  Disziplinargewalt  und  die
Errichtung  des  Gerichtshofes  für  kirchliche  Angelegenheiten.
Bismarck  überließ  die  juristische  Detailarbeit,  wie  er  selber
später  erklärt  hat,  dem  Kultusminister.  „Die  Arbeit,“  so  sagte
er,  „lag  mir  ressortmäßig  fern,  und  weder  in  meiner  Absicht  noch
in  meiner  Befähigung  lag  es,  Falk  als  Juristen  zu  kontrollieren
oder  zu  korrigieren.“  Diese  Gesetze,  die  mehr  Kampfesmittel
als  Kampfesziel  waren,  sind  denn  auch  später  wieder  gefallen,
ebenso  wie  andere  bis  zum  Jahre  1875  gegebene  Gesetze,  z.  B.  das
Sperrgesetz  und  das  Gesetz  über  die  Aufhebung  der  Mönchsund
  Nonnenorden,  während  das  Gesetz  über  Einführung  der
obligatorischen  Zivilehe  wie  die  im  Jahre  1872  gegebenen  Gesetze
und  die  Anderung  der  ungeschickt  gefaßten  Verfassungsartikel
dauernde  Geltung  behalten  haben.

Da  die  Bischöfe  sich  dieser  „einseitigen“  Gesetzgebung  widersetzten,
  so  wurden  sie  entweder  in  Haft  gebracht  oder  abgesetzt.
  Es  blieben  nur  noch  zwei  oder  drei  im  Amte.  Inzwischen
  hatte  der  Papst  am  7.  August  1873  ein  Schreiben
an  den  Kaiser  gerichtet,  das  diesem  den  Vorwurf  machte,
seine  Regierung  beabsichtige  die  Vernichtung  des  Katholizismus;
  daß  der  Kaiser  die  Handlungen  seines  Kanzlers
nicht  billige,  wurde  als  Vermutung  hinzugefügt.  Der  Papst
stellte  sogar  die  Behauptung  auf,  daß  der  Kaiser,  wie  jeder
Getaufte,  in  irgendeiner  Beziehung  dem  Papste  angehöre.  Die
        <pb n="375" />
        362  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Antwort  blieb  nicht  aus.  Der  Kaiser  bezeichnete  die  katholische
Geistlichkeit  als  die  Anstifterin  des  Streites,  da  sie  der  weltlichen
  Obrigkeit  den  verfassungsmäßigen  Gehorsam  verweigert
habe.  Er  erklärte  sich  vollständig  einverstanden  mit  den  von
seinen  Ministern  vorgeschlagenen  Gesetzen  und  wies  den  päpstlichen
  Anspruch,  „daß  er  in  dem  Verhältnis  zu  Gott  einen
anderen  Vermittler  als  den  Herrn  Jesum  Christum  annehmen
solle“,  als  unevangelisch  zurück.

So  ging  denn  der  Kampf  in  seiner  ganzen  Heftigkeit
weiter.  Die  Person  Bismarcks  stand  in  diesem  neuen  Kampf,
wie  in  den  innern  Kämpfen  vor  1866,  wieder  im  Vordergrund,
immer  ungebeugt  und  schlagfertig.  Er  behielt  stets  den  großen
Zusammenhang  im  Auge  und  verlor  sich  niemals  in  kleinliche
Gedanken.  Den  Gegner  kennzeichnete  er  scharf,  wie  er  war
und  gekennzeichnet  werden  mußte.  Seine  eigenen  Worte  mögen
als  Zeugen  der  Zeit  für  Bismarck  sprechen.

Am  30.  Januar  1872  sprach  er  über  die  Bildung  des
Zentrums  in  Worten,  welche  für  alle  Zeit  ihre  Bedeutung
behalten:  „Ich  habe  es  von  Hause  aus  als  eine  der  ungeheuerlichsten
  Erscheinungen  auf  politischem  Gebiete  betrachtet,  daß
sich  eine  konfesssonelle  Fraktion  in  einer  politischen  Versammlung
  bildete,  eine  Fraktion,  der  man,  wenn  alle  übrigen  Konfessionen
  dasselbe  Prinzip  annehmen  wollten,  nur  die  Gesamtheit
  einer  evangelischen  Fraktion  gegenüberstellen  müßte:  dann
wären  wir  allerseits  auf  einem  inkommensurablen  Boden;  denn
damit  würden  wir  die  Theologie  in  die  öffentlichen  Versammlungen
  tragen,  um  sie  zum  Gegenstande  der  Tribünendiskussion
zu  machen.  Es  war  ein  großer  politischer  Fehler,  den  die
Herren  vom  politischen  Standpunkte  des  Abgeordneten  Windthorst
  begingen,  daß  sie  diese  Fraktion  überhaupt  bildeten,  eine
rein  konfesssonelle  Fraktion  auf  rein  politischem  Boden,  indem
sie  ihre  Glaubensgenossen  aus  den  verschiedenen  Fraktionen
durch  die  Einflüsse,  die  ihnen  zu  Gebote  standen,  nötigten,
sich  ihnen  anzuschließen.

„Wenn  zur  Herstellung  des  Friedens  mit  dem  Staate  die
Fraktion  des  Abgeordneten  Windthorst  sich  auf  einem  poli-
        <pb n="376" />
        Bismarcks  Urteil  über  den  Anfang  des  Kampfes  363

tischen  Boden  konfessionell  konstituiert  hatte  und  ihre  politische
Haltung  in  der  Hauptsache  von  der  Konfession  abhängig
machte,  so  konnte  man  fragen:  sucht  sie  auf  diese  Weise  den
Frieden  zu  erstreben,  indem  sie  ihre  Macht  zeigt?  Ich  habe,
als  ich  aus  Frankreich  zurückkam,  die  Bildung  dieser  Fraktion
nicht  anders  betrachten  können,  als  im  Lichte  einer  Mobilmachung
  der  Partei  gegen  den  Staat,  und  ich  habe  mich  nun
gefragt:  Wird  dieses  streitbare  Korps,  welches  zweifellose  Anhänger
  der  Regierung  aus  ihren  Sitzen  verdrängt  und  eine
solche  Macht  übt,  daß  es  gänzlich  unbekannte  Leute,  die  in
den  Wahlkreisen  niemals  gesehen  waren,  bei  der  Wahl  durch
einfachen  Befehl  von  hier  aus  durchsetzt,  —  wird  dieses  streitbare
  Korps  der  Regierung  verbündet  sein,  wird  es  ihr  helfen
wollen,  oder  wird  es  sie  angreifen?  Ich  bin  etwas  zweifelhaft
geworden,  als  ich  die  Wahl  der  Führer  sah,  als  ich  sah,  daß
ein  so  kampfbereites  und  streitbares  Mitglied,  wie  der  Abgeordnete
  Windthorst,  sofort  an  die  Spitze  trat,  ein  Mitglied,
welches  meinem  Eindrucke  nach  —  und  ich  bin  ja  berechtigt
und  verpflichtet,  Rechenschaft  über  meine  Eindrücke  zu  geben,
da  die  Haltung  der  Regierung  einer  Fraktion  gegenüber  wesentlich
  von  der  politischen  Richtung  ihres  Vorstandes  abhängt
  —  ein  Mitglied,  welches  von  Anfang  an,  aus  Gründen,
die  ich  achte  und  ehre,  ungern  und  mit  Widerstreben  der
preußischen  Gemeinschaft  beigetreten  ist,  ein  Mitglied,  das
bisher  niemals  durch  seine  Haltung  und  durch  die  Färbung
seiner  Rede  bekundet  hat,  daß  es  diesen  Widerwillen  überwunden
  habe,  ein  Mitglied,  von  dem  ich  heute  noch  zweifelhaft
  bin,  ob  ihm  die  Neubildung  des  Deutschen  Reiches  willkommen
  ist,  in  dieser  Gestalt  —  sint  ut  sunt  aut  non  sint  —
ob  er  in  dieser  Gestalt  die  deutsche  Einigung  annehmen  will,
oder  ob  er  sie  lieber  gar  nicht  gesehen  hätte;  darüber  bin  ich
noch  immer  im  Zweifel.

„Ich  bin  indes,  als  ich  aus  Frankreich  zurückkehrte,  unter
dem  Eindruck  und  in  dem  Glauben  gewesen,  daß  wir  an  der
katholischen  Kirche  eine  Stütze  für  die  Regierung  haben  würden
—  vielleicht  eine  unbeqgueme  und  vorsichtig  zu  behandelnde;
        <pb n="377" />
        364  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

ich  bin  in  Sorge  gewesen,  wie  wir  es  anzufangen  haben
würden,  vom  politischen  Standpunkte  aus,  etwa  anspruchsvolle
Freunde  so  zu  befriedigen,  daß  wir  mit  ihnen  auf  die  Dauer
leben  können,  und  daß  wir  dabei  die  nötige  Fühlung  mit  der
Mehrheit  des  Landes  behielten.  Diese  Sorge  hat  mich  damals,
ich  kann  wohl  sagen,  in  erster  Linie  beschäftigt,  so  oft  ich
mich  den  inneren  Angelegenheiten  wieder  zuwendete.  Ich  wurde
in  der  Tat  überrascht  durch  die  Haltung,  welche  die  mobil
gemachte  Armee  einnahm.

„Ich  habe  mich  aber  noch  in  der  ersten  Reichstagssitzung
einer  Außerung  über  diese  Dinge  sorgfältig  enthalten,  ich  habe
mir  gesagt,  die  Frage  ist  zu  ernst,  ich  will  abwarten,  wie  sich
die  Partei  entwickelt,  ob  freundlich  oder  feindlich,  ich  habe
geschwiegen.  Von  jener  Seite  wurde  nicht  geschwiegen.

„Ich  mußte,  als  ich  aus  Frankreich  zurückkam,  erfahren,
welche  Mittel  bei  den  Wahlen  angewendet  worden  waren,  um
die  Wahlen  dieser  neuen  Partei  durchzusetzen.  Wir  hatten  gehofft,
  an  einer  streng  kirchlichen  Partei  eine  Stütze  für  die
Regierung  zu  gewinnen,  die  dem  Kaiser  gibt,  was  des  Kaisers
ist,  die  die  Achtung  vor  der  Regierung  auch  da,  wo  man
glaubt,  daß  die  Regierung  irrt,  in  allen  Kreisen,  namentlich
in  den  Kreisen  des  politisch  weniger  unterrichteten  gemeinen
Mannes,  der  Masse,  zu  erhalten  sucht.  Ich  mußte  mit  Betrübnis
  und  Befremden  hören,  daß  die  Wahlreden,  die  ja  zum
größten  Teil  gedruckt  sind,  die  Preßerzeugnisse,  die  auf  die
Wahlen  hinwirkten,  gerade  an  die  Leidenschaft  der  unteren
Klassen,  der  Masse,  appellierten,  um  sie  zu  erregen  gegen  die
Regierung;  daß  dagegen  nichts  geschah,  um  irgendein  von
seiten  der  Regierung  vorgekommenes  Versehen  zu  entschuldigen,
sondern  daß  man  alles,  was  man  an  unserer  Regierung  wie
an  jeder  nach  menschlicher  Unvollkommenheit  tadeln  kann,  sehr
scharf  beleuchtete.  Aber  etwas  Gutes  über  die  preußische  Regierung,
  etwas,  was  zur  Anerkennung  derselben  aufforderte,
habe  ich  in  diesen  Wahlreden  nie  gelesen.  Nichtsdestoweniger
mußte  man  nach  dem  Zeugnisse  der  Herren  annehmen,  daß  die
altpreußischen  Einrichtungen  —  altpreußisch  ist  nicht  die  rich-
        <pb n="378" />
        Bismarcks  Urteil  über  den  Anfang  des  Kampfes  365

tige  Bezeichnung,  sondern  neupreußische  Einrichtungen  —  wie
sie  bestehen,  von  der  katholischen  Kirche  als  ihr  willkommen,
als  ihr  nützlich,  als  ihr  eine  ehrenvolle  und  bequeme  Stellung
gewährend,  anerkannt  würden.  Die  höchsten  Zeugnisse  von
Seiner  Heiligkeit  dem  Papste,  die  Zeugnisse  der  Bischöfe  haben
uns  darüber  vorgelegen,  daß  man  mit  uns  zufrieden  sei.  Wir
hatten  gehofft,  daß  diese  Zufriedenheit  sich  einigermaßen  bei
dem  Einfluß  auf  den  gemeinen  Mann,  wie  er  auf  der  Kanzel
und  im  Beichtstuhl  geübt  wird,  zeigen  und  erkennbar  machen
würde,  und  wie  ich  sah,  daß  doch  mehr  das  Gegenteil  der
Fall  war,  wie  ich  sah,  daß  man  auf  der  einen  Seite  die
preußischen  Einrichtungen  für  das  Reich  verlangte,  auf  der
anderen  Seite  sie  dem  gemeinen  Manne  nicht  in  einem  ganz
günstigen  Lichte  darstellte,  da  bin  ich  zweifelhaft  geworden
und  bin  einen  Schritt  zurückgetreten.  Wie  ich  ferner  gefunden
habe,  daß  die  Fraktion,  von  der  ich  sprach,  im  Reichstage  sich
bereitwillig  Elemente  aneignete,  deren  fortdauernder  prinzipieller,
von  mir  und  von  mehreren  Seiten  in  seinen  Motiven  ja  nicht
angefochtener  Widerspruch  gegen  den  preußischen  Staat  und
gegen  das  Deutsche  Reich  notorisch  war,  und  sich  aus  diesen
Elementen  verstärkte,  Protestanten,  die  nichts  mit  dieser  Partei
gemein  hatten,  als  die  Feindschaft  gegen  das  Deutsche  Reich
und  Preußen,  in  ihre  Mitte  aufnahm,  daß  sie  Billigung  und
Anerkennung  fand  bei  allen  den  Parteien,  die,  sei  es  vom
nationalen,  sei  es  vom  revolutionären  Standpunkt  aus,  gegen
den  Staat  feindlich  gesinnt  sind  —  eine  Gemeinschaft,  die
die  Herren  vielleicht  im  Prinzip  zurückweisen,  die  sie  aber  doch,
sei  es  wider  ihren  Willen,  auf  dem  Wege,  den  sie  gingen,
fanden  —  da  bin  ich  mir  immer  klarer  in  der  Besorgnis  geworden,
  daß  wir  durch  diese  Partei  zu  der  bedauerlichen
Situation  kommen  würden,  in  der  wir  uns  befinden.“

Den  Anfang  des  Kampfes  hatte  Bismarck  in  diesen  Reden
für  alle  Zeiten  klargestellt,  ebenso  den  Führer  und  die  Gegner
im  Kampfe  scharf  charakterissert.  Das  Wesen  aber  des  Kampfes
kennzeichnete  er  ein  Jahr  später  in  demselben  Monat,  als  die
Fortschrittspartei  in  einem  Wahlaufruf  zu  den  Reichstagswahlen
        <pb n="379" />
        366  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

(23.  März  1873)  erklärt  hatte,  sie  werde  die  Regierung  in  einem
Kampfe  unterstützen,  „der  mit  jedem  Tage  mehr  den  Charakter
eines  großen  Kulturkampfes  der  Menschheit  annehme“.  Die
Bezeichnung  „Kulturkampf“,  die  von  der  öffentlichen  Meinung
allgemein  akzeptiert  wurde  und  noch  heute  als  Titel  des
Kampfes  gilt,  trifft  doch  nicht  das  Richtige,  sie  hat  sogar,
wenn  man  den  Staat  als  Stätte  der  Kultur  und  die  katholische
Kirche  als  Stätte  der  Unkultur  und  Bismarck  und  seine  Mitstreiter
als  Vorkämpfer  der  Kultur  und  die  Gegner  als  Vorkämpfer
der  Unkultur  ansieht,  etwas  unverdient  Herabsetzendes  für  eine
der  größten  Kulturmächte  der  Geschichte,  für  die  katholische
Kirche.  Auch  Bismarck  war  dieses  Glaubens  nicht.  Sein
politisches  Bekenntnis  vom  10.  März  1873  lautete  anders;  er
wehrte  sich  im  Herrenhaus  bei  der  Beratung  der  sogenannten
Maigesetze  gegen  die  Bestrebungen,  diesen  Vorlagen  und  damit
dem  ganzen  Kampfe  ein  lediglich  konfessionelles,  ein  kirchliches,  ein
kulturelles  Gepräge  aufzudrücken.  Bismarcks  Worte  von  dauerndem
Wert  lauteten:  „Die  Frage,  in  der  wir  uns  befinden,  wird  meines
Erachtens  gefälscht,  und  das  Licht,  in  dem  wir  sie  betrachten,
ist  ein  falsches,  wenn  man  sie  als  eine  konfesssonelle,  kirchliche
betrachtet.  Es  ist  wesentlich  eine  politische;  es  handelt  sich
nicht  um  den  Kampf,  wie  unseren  katholischen  Mitbürgern
eingeredet  wird,  einer  evangelischen  Dynastie  gegen  die  katholische
  Kirche,  es  handelt  sich  nicht  um  den  Kampf  zwischen
Glauben  und  Unglauben,  es  handelt  sich  um  den  uralten
Machtstreit,  der  so  alt  ist  wie  das  Menschengeschlecht,  um  den
Machtstreit  zwischen  Königtum  und  Priestertum,  den  Machtstreit,
  der  viel  älter  ist,  als  die  Erscheinung  unseres  Erlösers
in  dieser  Welt,  den  Machtstreit,  in  dem  AOgamemnon  in  Aulis
mit  seinen  Sehern  lag,  der  ihm  dort  die  Tochter  kostete  und
die  Griechen  am  Auslaufen  verhinderte,  den  Machtstreit,  der
die  deutsche  Geschichte  des  Mittelalters  bis  zur  Zersetzung  des
Deutschen  Reiches  erfüllt  hat  unter  dem  Namen  der  Kämpfe
der  Päpste  mit  den  Kaisern,  der  im  Mittelalter  seinen  Abschluß
damit  fand,  daß  der  letzte  Vertreter  des  erlauchten  schwäbischen
Kaiserstammes  unter  dem  Beile  eines  französischen  Eroberers
        <pb n="380" />
        Bismarcks  Urteil  über  das  Wesen  des  Anfangs  367

auf  dem  Schafott  starb,  und  daß  dieser  französische  Eroberer
im  Bündnis  mit  dem  damaligen  Papste  stand.  Wir  sind  der
analogen  Lösung  der  Situation  nahe  gewesen,  übersetzt  immer
in  die  Sitten  unserer  Zeit.  Wenn  der  französische  Eroberungskrieg,
  dessen  Ausbruch  mit  der  Publikation  der  vatikanischen
Beschlüsse  zusammenftiel,  erfolgreich  war,  so  weiß  ich  nicht,
was  man  auch  auf  unseren  kirchlichen  Gebieten  in  Deutschland
von  den  gestis  Dei  per  Francos  —  von  den  Gottestaten
durch  Franzosenhand  —  zu  erzählen  haben  würde.  Ahnliche
Pläne  haben  vorgelegen  vor  dem  letzten  Kriege  mit  Osterreich,
ähnliche  Pläne  haben  vorgelegen  vor  Olmütz,  wo  ein  ähnliches
Bündnis  bestand  gegenüber  der  königlichen  Macht,  wie  sie  in
unserem  Lande  besteht,  auf  einer  Basis,  die  von  Rom  nicht
anerkannt  wird.  Es  ist  meines  Erachtens  eine  Fälschung  der
Politik  und  der  Geschichte,  wenn  man  Seine  Heiligkeit  den
Papst  ganz  ausschließlich  als  den  Hohenpriester  einer  Konfession
oder  die  katholische  Kirche  als  Vertreter  des  Kirchentums  überhaupt
  betrachtet.  Das  Papsttum  ist  eine  politische  Macht  jederzeit
  gewesen,  die  mit  der  größten  Entschiedenheit  und  dem
größten  Erfolge  in  die  Verhältnisse  dieser  Welt  eingegriffen
hat,  die  diese  Eingriffe  erstrebt  und  zu  ihrem  Programm  gemacht
  hat.  Die  Programme  sind  bekannt.  Das  Ziel,  welches
der  päpstlichen  Gewalt,  wie  den  Franzosen  die  Rheingrenze,
ununterbrochen  vorschwebte,  das  Programm,  das  zur  Zeit  der
mittelalterlichen  Kaiser  seiner  Verwirklichung  nahe  war,  ist
die  Unterwerfung  der  weltlichen  Gewalt  unter  die  geistliche,
ein  eminent  politischer  Zweck,  ein  Streben,  welches  ebenso  alt
ist  wie  die  Menschheit.  Denn  so  lange  hat  es  auch,  sei  es
kluge  Leute,  sei  es  wirkliche  Priester  gegeben,  die  die  Behauptung
  aufstellten,  daß  ihnen  der  Wille  Gottes  genauer  bekannt
sei,  als  ihren  Mitmenschen,  und  daß  sie  auf  Grund  dieser
Behauptung  das  Recht  hätten,  ihre  Mitmenschen  zu  beherrschen;
und  daß  dieser  Satz  das  Fundament  der  päpstlichen  Ansprüche
auf  Herrschaft  ist,  ist  bekannt.  Ich  brauche  hier  an  alle  die
hundertmal  erwähnten  und  kritisierten  Aktenstücke  nicht  zu  erinnern:
  sie  sind  nicht  nur  publici  juris,  sondern  auch  jedem,
        <pb n="381" />
        368  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

der  einen  oberflächlichen  Einblick  in  die  Weltgeschichte  hat,
bekannt.  Der  Kampf  des  Priestertums  mit  dem  Königtum,
der  Kampf  in  diesem  Falle  des  Papstes  mit  dem  deutschen
Kaiser,  wie  wir  ihn  schon  im  Mittelalter  gesehen  haben,  ist
zu  beurteilen  wie  jeder  andere  Kampf:  er  hat  seine  Bündnisse,
er  hat  seine  Friedensschlüsse,  er  hat  seine  Haltepunkte,  er  hat
seine  Waffenstillstände.  Es  hat  friedliche  Päpste  gegeben,  es  hat
kämpfende  und  erobernde  gegeben;  es  hat  ja  sogar  einen  friedlichen
  König  von  Frankreich  gegeben,  wenn  auch  Ludwig  XVI.
in  die  Lage  gekommen  ist,  Kriege  zu  führen;  also  selbst  bei
unseren  französischen  Nachbarn  fanden  sich  Monarchen,  die
weniger  Vorliebe  für  den  Krieg,  mehr  Vorliebe  für  den  Frieden
hatten.  Es  ist  auch  in  den  Kämpfen  der  päpstlichen  Macht
nicht  immer  der  Fall  gewesen,  daß  gerade  katholische  Mächte
die  Bundesgenossen  ausschließlich  des  Papstes  gewesen  wären;
auch  haben  die  Priester  nicht  immer  auf  seiten  des  Papstes
gestanden.  Wir  haben  Kardinäle  als  Minister  von  Großmächten
gehabt  zu  einer  Zeit,  wo  diese  Großmächte  eine  stark  anti—
päpstliche  Politik  bis  zur  Gewalttat  durchführten.  Wir  haben
Bischöfe  gegen  päpstliche  Interessen  in  dem  Heerbann  der
deutschen  Kaiser  gefunden.  Also  dieser  Machtstreit  unterliegt
denselben  Bedingungen,  wie  jeder  andere  politische  Kampf,
und  es  ist  eine  Verschiebung  der  Frage,  die  für  den  Eindruck
auf  urteilslose  Leute  berechnet  ist,  wenn  man  sie  darstellt,  als
ob  es  sich  um  Bedrückung  der  Kirche  handelte.  Es  handelt
sich  um  Verteidigung  des  Staates,  es  handelt  sich  um  die
Abgrenzung,  wie  weit  die  Priesterherrschaft  und  wie  weit  die
Königsherrschaft  gehen  soll,  und  diese  Abgrenzung  muß  so
gefunden  werden,  daß  der  Staat  seinerseits  dabei  bestehen
kann.  Denn  in  dem  Reiche  dieser  Welt  hat  er  das  Regiment
und  den  Vortritt.“

Und  als  am  24.  April  an  derselben  Stelle  —  im  Herrenhause
  —  Graf  Brühl  erklärte,  Bismarck  bekämpfe  die  Kirche,
wies  dieser  den  Vorwurf  scharf  zurück  mit  den  Worten:  „Ich
klage  die  bewußten  Gründer  der  Zentrumspartei  an:  zu  einer
Zeit,  wo  tiefer  konfessioneller  Friede  im  Lande  war,  da  haben
        <pb n="382" />
        Bismarck  und  die  Konservativen  369

sie  diesen  Zündstoff  des  Zerwürfnisses  und  Kampfes  sorgfältig
gesammelt,  in  der  Absicht,  sich  einer  erheblichen  Macht  im
Staate  zu  bemächtigen,  die  für  oder  gegen  die  Regierung  nach
dem  Willen  der  Fraktionsleiter  den  Ausschlag  gegeben  hätte,
70  bis  80  Stimmen  womöglich  auf  140  zu  bringen.  Wenn
man  das  mit  Erfolg  organisieren  kann,  ist  man  der  Herr  im
Staate;  der  Staat  aber  tut  wohl,  daß  er  sich  vorsieht,  auf
daß  der  König  Herr  im  Staate  bleibe  und  nicht  die  Zentrumspartei.“


So  sah  Bismarck  den  Kampf  an,  so  kämpfte  er  für  seines
Königs  und  für  des  Staates  Rechte;  ihm  standen  in  diesem
Kampfe  gegen  Zentrum,  Polen,  Welfen  und  Partikularisten  die
übrigen  Parteien  nicht  so  fest  zur  Seite,  wie  er  es  hätte  erwarten
  können.

Die  Konservativen  vor  allem  waren  sehr  unsichere  Bundesgenossen,
  waren  es  schon  länger  gewesen,  besonders  Männer  wie
Kleist-Retzow  und  Blanckenburg.  Diesen  war  Bismarck  bereits
1866  „zu  weit  nach  links  gegangen“  bei  der  Indemnitätsfrage;
die  Bevorzugung  der  Nationalliberalen,  vor  allem  das  „Aufgehen
Preußens  in  Deutschland“  behagte  ihnen  nicht.  Das  altpreußische
Junkertum  beugte  sich  auf.  An  der  Spitze  der  Bewegung  stand
der  frühere  preußische  Instizminister  Graf  Lippe,  der  im  Herrenhause
  1869  den  Antrag  einzubringen  wagte,  die  Errichtung  eines
Bundesoberhandelsgerichtes  als  verfassungswidrig  zu  erklären.
Der  Antrag  wäre  angenommen  worden,  wenn  Bismarck  nicht  von
Varzin  aus  energisch  protestiert  hätte;  in  diesem  Protestschreiben
sinden  wir  die  Worte:  „Hinter  dem  drängenden  preußischen
Herrenhause  stehen  Frankreich  und  Osterreich,  die  sächsischen
und  süddeutschen  Partikularisten,  die  Ultramontanen  und  Republikaner,
  Hietzing  (das  Feldherrnzelt  des  Welfenlagers)  und
Stuttgart.“  Schon  damals  sah  er  in  dieser  Art  von  Konservativen
  Feinde  des  deutschen  Gedankens,  Feinde  des  Reichs.
Deutlicher  wurde  diese  Reichsgegnerschaft  1870.  Im  November,
dem  Geburtsmonat  des  neuen  Reichs,  schreibt  sein  alter  Freund
Blanckenburg  an  Roon:  „Finster  und  traurig  denke  ich  an  die
politische  Zukunft.  Ich  habe  in  Berlin  Itzenplitz,  Eulenburg,

A.  Matthlas,  Bis#marck  24
        <pb n="383" />
        370  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Wagener  und  einen  ganzen  Haufen  Freikonservative  gesprochen.
Auch  die  letzteren  erschrecken  über  den  kopflosen  Eintritt  von
Hessen,  Württemberg,  Baden  in  den  Bund  und  sehen  es  als
eine  ausgemachte  Sache  an,  daß  die  Mehrheit  des  neuen  Reichstags
  vollständig  verlaskern  muß.“  Selbst  Roon  trennte  sich
innerlich  schon  von  Bismarck  im  Februar  1874;  er  schreibt,  er
könne  als  alter  Kerl  sich  nicht  in  dem  neuen  kaiserlichen  Schauspielhause
  zurechtfinden,  in  welchem  die  National=  und  sonstigen
Liberalen  ganz  recht  hätten,  von  einer  „neuen  Xra“  und  von
„freiheitlicher  Entwicklung“  zu  sprechen;  die  alten  Fahnen  und
Schlagworte  bedeuteten  nichts  mehr  als  eine  geschichtliche  Erinnerung.
  Die  alten  Heiligtümer  sieht  er  der  Zerstörung  preisgegeben;
  das  neue  Reich  nennt  er  einen  neuen  Tempel,  dessen
Oberpriester  den  alten  Kultus  aufzuopfern  trachte,  um  neuen
Gottheiten  Altäre  zu  bauen.  Mit  dem  Hauptregiss  eur  der  neuesten
Ara  findet  er  sich  grundsätzlich  vielfach  nicht  im  Einverständnis.
Durch  Bismarcks  Verdeutschung  à  tout  prix  sei  ihm  —  so  sagt
er  im  Rovember  —  sein  preußisches  Programm  unbrauchbar
geworden  und  ironisch  spricht  er  von  Fehlgeburten“  und  bemerkt
  er,  ob  „das  Kaiserhühnchen  wohlgestaltet  aus  dem  Ei
kriechen“  werde,  wisse  man  nicht  sicher.  So  standen  die  streng
Konservativen  im  Kampfe  gegen  die  Kirche  auch  nicht  zu  Bismarck.
  Roon  nannte  ihn  einen  „verwegenen  Steuermann“  und
Blanckenburg  schreibt,  Bismarck  habe  in  Pommern  jede  Brücke,
die  man  ihm  noch  wieder  hätte  bauen  können,  abgebrochen.
Der  „junkerliche  Geist‘  war  eben  Bismarck  feind.  Wie  die
deutsche  Idee  diesen  Kreisen  immer  unheimlich  gewesen  war,  so
hatte  auch  ihr  Christentum  sehr  viel  Verwandtes  mit  dem  der
Kämpfer  gegen  staatliche  Rechte  und  für  kirchliche  Unfehlbarkeit.
Sie  hatten  die  Empfindung:  „Brennt  des  Nachbars  Wand,  so
bist  du  selber  gefährdet.“  Deshalb  standen  sie  so  heftig  gegen
Bismarck,  daß  ein  Pairsschub  im  Herrenhause  die  Kampfgesetze
retten  mußte.  Daß  Bismarck  ein  solcher  Kampf  nicht  leicht  wurde,
davon  zeugen  seine  Worte,  die  er  im  Herrenhause  damals  sprach:
„Keine  Regierung  hat  je  ein  Interesse,  mit  einer  konservativen
Partei  zu  brechen,  aber  die  Partei  besorgt  das  mitunter  selbst.“
        <pb n="384" />
        Angriffe  der  Konservativen  auf  Bismarck  371

Und  fast  verzweifelnd  klagt  er  bei  Roon  über  sein  „Gewerbe“,
das  ein  solches  sei,  „in  dem  man  viele  Feinde  gewinnt,  aber
keine  neuen  Freunde,  sondern  die  alten  verliert,  wenn  man
es  zehn  Jahre  lang  ehrlich  und  furchtlos  treibt“.  Seine  Erbitterung
  über  die  Haltung  der  Konservativen  war  so  groß,
daf  er  am  1.  Januar  1873  das  Amt  des  Ministerpräsidenten  an
Roon  abgab,  was  sich  aber  so  wenig  bewährte,  daß  er  schon
am  9.  November,  als  Roon  in  den  Ruhestand  trat,  es  wieder
übernehmen  mußte,  obwohl  er  voraussah,  daß  er  „gegen  den
neidischen  Junkerdünkel,  gegen  mangelnde  Hingabe  der  Konservativen
  für  König  und  Land  und  gegen  die  ehrgeizigen  Priester
des  römischen  Götzendienstes“  schwer  zu  kämpfen  haben  werde.
„Aber“,  so  schreibt  er  am  20.  November  an  Roon,  „gefochten
soll  sein,  das  ist  mir  so  klar,  als  ob  Gott  es  mir  auf  deutsch
direkt  befohlen  hätte;  ich  stehe  dienstlich  an  der  Bresche,  und
mein  irdischer  Herr  hat  keine  Rückzugslinie;  also  vexilla  regis
prodeunt,  und  ich  will,  krank  oder  gesund,  die  Fahne  meines
Lehnsherrn  halten  gegen  meine  factiösen  Vettern  so  fest  wie
gegen  Papst,  Türken  und  Franzosen.“  Immer  heftiger  wurden
die  Angriffe;  schließlich  verstieg  sich  die  Kreuzzeitung  zu  der
schamlosen  Verleumdung,  Bismarck  bereichere  sich  durch  Beziehungen
  zur  jüdischen  Hochsinanz,  die  „Reichsglocke“  brachte
Ahnliches  und  der  pommersche  Konservative  Diest-Daber  schloß
sich  an,  woraufhin  er  drei  Monate  ins  Gefängnis  wanderte.
Den  Chor  zu  diesen  ehrlosen  Verleumdungen  bildete  eine  größere
Anzahl  von  Landedelleuten  und  Pastoren,  die  die  Kreuzzeitung
in  Schutz  nahmen.  Ahnliches  hatte  Bismarck  in  der  Konfliktszeit
nicht  erlebt;  nur  die  sozialdemokratische  Presse  erreichte  später
den  Ton  dieser  Sykophanten,  von  denen  sich  die  vornehmen  Konservativen
  in  der  deutsch-konservativen  Partei  absonderten.
Auch  die  Liberalen,  die  eine  überwältigende  Majorität  im
neuen  Reichstage  hatten  und  auf  die  er  in  diesem  Kampfe  mit
Sicherheit  zählen  konnte,  stellten  sich  —  leider  sei's  gesagt  —
sonst  nicht  so,  daß  sie  ihm  auch  innerlich  nahe  gerückt  wären.
Wohl  die  Männer  um  Bennigsen  und  die  Liberalen  aus  den
Bundesstaaten,  aber  die  „Laskerei“  warf  doch  immer  wieder
24
        <pb n="385" />
        372  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

Zerwürfnisse  in  die  Partei  und  in  das  Verhältnis  zwischen
Bismarck  und  die  Nationalliberalen,  die  während  eines  solchen
Kampfes  besser  unterlassen  wären.  So  kam  es  schon  im  Sommer
1873  bei  dem  Militärgesetz  zu  einem  Zusammenstoß,  als  Lasker
Volksrechte  und  die  Parteidoktrin  in  die  Frage  mischte,  die  Bismarck
  allein  vom  Standpunkte  der  Sicherheit  und  der  Macht
des  jungen  Reiches  behandelte.  „Das  sind“,  so  rief  er  dem
Abgeordneten  zu,  „Reden  aus  vergangener  Zeit,  die  ich  berechtigt
bin  deklamatorisch  zu  nennen.“

Bennigsen  gelang  es  ja  dann  im  Jahre  1874,  die  Einigung
zwischen  Bismarck,  der  damals  leidend  darniederlag,  und  den
Liberalen  herzustellen  durch  das  Kompromiß,  das  die  Stärke  der
Armee  auf  sieben  Jahre  festlegte.  Aber  innerlich  wurde  Bismarck
eine  Partei  fremder,  die  ihre  Dienste  so  ungern  umsonst  tat,
von  der  man  ihm  spöttelnd  im  Bundesrat  sagte:  „Das  also  sind
die  Männer,  auf  die  Sie  sich  stützen“,  und  über  deren  Zusammenstoß
  mit  Bismarck  Blanckenburg  an  Roon  frohlockend
schrieb,  man  sei  bereits  kurz  vor  dem  „Zusammenknall“.

So  stand  Bismarck  wieder  einmal  fast  vereinsamt  da.  Und
als  er  nun  nach  diesen  schweren  Sorgen,  mit  denen  er  auf
dem  Krankenlager  hatte  ringen  müssen,  im  Juli  1874  zur
Heilung  in  Kissingen  weilte,  machte  der  katholische  Böttchergeselle
  Kullmann,  einen  Mordversuch,  indem  er  aus  nächster
Nähe  auf  den  spazierenfahrenden  Kanzler  schoß  und  ihn  am
Knöchel  des  linken  Handgelenks  verwundete.  Kullmann  hatte,
wie  sich  aus  dem  Verhör  ergab,  bis  vor  acht  Tagen  in  Neustadt-Magdeburg
  gearbeitet,  war  Mitglied  des  dortigen  katholischen
Gesellenvereins  und  hatte  hier  seine  fanatischen  Ideen  sich  gebildet.
  Tiefe  Entrüstung  ging  durch  alle  patriotisch  gesinnten
und  unbefangen  urteilenden  Kreise,  und  es  wäre  angebracht
gewesen,  wenn  auch  das  Zentrum  mit  schweigender  oder  unumwundener
  Verachtung  den  Mordgesellen  bedacht  hätte.  Als
aber  der  bayerische  Abgeordnete  Jörg  die  Verantwortlichkeit
seiner  Partei  für  die  Tat  des  „halbverrückten“  Menschen  ablehnte,
  rief  ihm  Bismarck  zu:  „Der  Mann,  den  ich  selbst  gesprochen
  habe,  ist  vollkommen  im  Besitze  seiner  geistigen  Fähig-
        <pb n="386" />
        Kullmanns  Attentat.  Höhe  des  kirchlichen  Kampfes  373

keiten;  Sie  haben  ja  auch  weitläufige  ärztliche  Atteste  darüber.
Aber  mögen  Sie  sich  lossagen  von  diesem  Mörder,  wie  Sie
wollen,  er  hängt  sich  an  Ihre  Nockschöße  fest,  er  nennt  Sie
seine  Fraktion.  Als  ich  ihn  fragte:  Welches  ist  denn  Ihre
Fraktion?  hat  er  vor  Zeugen  gesagt:  Die  Zentrumsfraktion  im
Reichstage!“  Und  als  bei  diesen  Worten  ein  bekanntes  Mitglied
  des  Zentrums  von  hohem  Adel  „Pfui“  rief,  antwortete
Bismarck:  „Pfui  ist  ein  Ausdruck  des  Ekels  und  der  Verachtung.
Meine  Herren,  glauben  Sie  nicht,  daß  mir  diese  Gefühle  fern
liegen;  ich  bin  nur  zu  höflich,  um  sie  auszusprechen.“

Durch  die  neuen  Kirchengesetze  hatte  sich  der  Staat  feste  Bollwerke
  für  seine  Verteidigungsstellung  verschafft.  Die  deutschen
Bischöfe  und  Geistlichen  erkannten  diese  Gesetze  nicht  an  und
befolgten  sie  nicht,  denn  eine  päpstliche  Enzyklika  vom  5.  Februar
1875  hatte  sie  für  ungültig  erklärt,  weil  sie  der  göttlichen  Einrichtung
  der  Kirche  ganz  und  gar  widerstritten.  So  lag  es  denn
in  der  Natur  des  Kampfes,  daß  der  Staat  sich  nicht  nur  auf
Verteidigung  beschränkte,  sondern  auch  zum  Angriff  übergehen
mußte  durch  Sperrung  der  Gehälter  und  durch  Absetzung  der
Widerspenstigen.  Daraus  ergaben  sich  Zustände,  die  auf  die
Dauer  unhaltbar  waren.  So  unbarmherzig  konnte  der  Staat
nicht  sein,  wie  die  Kirche,  die  die  Bischöfe  und  ihre  Pfarrer
zwang,  ihre  Sprengel  lieber  zu  verlassen,  als  sich  zu  unterwerfen.
  Sie  mußte  auf  alle  Fälle  als  ecclesia  triumphans
aus  diesem  Kampfe  hervorgehen,  wenn  auch  der  Staat  und
seine  Bürger  schwer  darunter  litten.

Deshalb  mußte  der  Staat  im  Interesse  dieser  seiner  Bürger
den  Weg  zum  Ausgleich  suchen.  Solange  Pius  IX.  lebte,  war
das  nicht  möglich.  Als  er  am  7.  Februar  1878  starb,  folgte
Leo  XIII.;  der  zum  Staatssekretär  ernannte  Kardinal  Franchi
gehörte  zur  gemäßigten  Partei.  Am  20.  Mai  1878  teilte  Leo  XIII.
seine  Erhebung  auf  den  päpstlichen  Stuhl  dem  Kaiser  mit  und
sprach  von  den  freundlichen  Beziehungen  früherer  Zeit.  Kaiser
Wilhelm  dankte,  wünschte  dem  Papste  eine  gesegnete  Regierung
und  fügte  die  Hoffnung  hinzu,  daß  es  dem  Papste  gelingen  möge,
die  Geistlichen  zum  Gehorsam  gegen  die  Staatsgesetze  zu  be-
        <pb n="387" />
        374  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeit

wegen.  Es  wurden  dann  Versuche  zur  Verständigung  gemacht.
Sie  scheiterten,  weil  der  versöhnlich  gesinnte  Franchi  starb  und
die  Zentrumspartei  in  Deutschland  hartnäckiger  und  weniger
friedliebend  war  als  Rom.

Schließlich  ging  dann  Bismarck  im  Jahre  1880,  ohne  sich
um  Rom  und  Zentrum  zu  bekümmern,  mit  Friedensgesetzen
vor,  welche  harte  Bestimmungen  milderten  oder  ganz  beseitigten
und  allmählich  normale  Verhältnisse  herbeiführten.  1882  stellte
er  auch  die  Gesandtschaft  in  Rom  wieder  her,  um  durch  unmittelbare
  Beziehung  der  Regierung  zum  Papste  das  Friedenswerk
  zu  fördern.  Es  wurden  dann  weitere  Friedensgesetze  vorgelegt;
  die  letzten  im  Jahre  1886.  Bei  der  Beratung  dieser
Gesetze  sprach  Bismarck  charakteristische  Friedensworte:  „Es
waren  zwei  Wege,  um  den  katholischen  Untertanen  des  Königs
von  Preußen  das  richtige  Verständnis  der  Absichten  der  Regierung
  zu  eröffnen:  einmal  der  der  einfachen  gewöhnlichen
Gesetzgebung,  dann  der  vorgängigen  Verhandlung  mit  der  römischen
  Kurie.  Ich  habe  den  letzteren  aus  mannigfachen  Gründen
vorgezogen  —  nicht  daß  ich  eine  zweiseitige  Verhandlung  erstrebt
  oder  geführt  hätte,  aber  ich  habe  es  für  nützlich  gehalten,
die  Vorlage,  die  wir  dem  Preußischen  Landtage  zu  machen
beabsichtigten,  zur  Kenntnis  Seiner  Heiligkeit  des  Papstes  zu
bringen  und  sein  Urteil  darüber  zu  hören,  ohne  zu  versprechen,
daß  wir  unsere  Entschließung  dem  Urteil  gemäß  ändern  würden.
Ich  habe  diesem  Weg  den  Vorzug  gegeben,  weil  ich  den  Eindruck
  habe,  daß  ich  bei  dem  Papste  Leo  XIII.  mehr  Wohlwollen
  und  mehr  Interesse  für  die  Befestigung  des  Deutschen
Reiches  und  für  das  Wohlergehen  des  preußischen  Staates
finden  würde,  als  ich  zuzeiten  in  der  Majorität  des  Deutschen
Reichstages  gefunden  habe.

„Ich  halte  den  Papst  für  deutschfreundlicher  als  das  Zentrum.
  Der  Papst  ist  eben  ein  weiser,  gemäßigter  und  friedliebender
  Herr.  Ob  man  das  von  allen  Mitgliedern  der  Reichstagsmehrheit
  sagen  kann,  lasse  ich  dahingestellt  sein.

„Der  Papst  ist  außerdem  nicht  Welfe,  er  ist  nicht  Pole  und
ist  auch  nicht  deutschfreisinnig.  Er  hat  auch  keine  Anlehnung
        <pb n="388" />
        Bismarcks  erste  Schritte  zur  Beilegung  des  Kampfes  375

mit  der  Sozialdemokratie.  Kurz,  alle  die  Einflüsse,  die  im
Parlament  die  Situation  fälschen,  finden  in  Rom  nicht  statt.
Der  Papst  ist  rein  Katholik  und  nichts  als  Katholik.  Dadurch,
daß  er  es  ist,  werden  ja  eine  Anzahl  Schwierigkeiten  an  sich
geboren,  aber  die  Schwierigkeiten  werden  nicht  kompliziert  durch
das  Bedürfnis  der  Anlehnung  und  des  Empfanges  und  der
Vergeltung  von  Liebesdiensten  anderer  Parteien.  Der  Papst
ist  frei  und  repräsentiert  die  freie  katholische  Kirche;  das  Zentrum
  repräsentiert  die  katholische  Kirche  im  Dienste  des  Parlamentarismus
  und  der  Wahlumtriebe,  und  deshalb  habe  ich  es
vorgezogen,  mich  an  den  von  allen  Bundesgenossen,  die  mit
dem  Zentrum  die  Majorität  im  Reichstage  bilden,  vollständig
freien  Papst,  an  die  Kurie  zu  wenden,  um  dort  die  Verständigung
  zu  suchen,  und  ich  bin  auch  entschlossen,  in  den  weiteren
Phasen  auf  diesem  Wege  fortzufahren,  da  ich  von  der  Weisheit
  und  Friedensliebe  Leos  XIII.  mehr  Erfolg  für  den  inneren
Frieden  Deutschlands  erwarte,  wie  von  den  Verhandlungen
im  Reichstage,  und  weil  ich  der  Zentrumspartei,  so  wie  sie
jetzt  zusammengesetzt  ist,  nicht  gegenübertreten  will,  ohne  den
katholischen  Preußen  die  Gewißheit  vorher  zu  geben,  daß  ich
im  Einverständnis  bin  mit  dem  Papst,  der  höchsten  Autorität
ihres  Bekenntnisses.“

So  wurden  die  letzten  Kampfesobjekte  beseitigt.  Kein  wichtiges
  Recht  der  Krone  ward  dabei  an  die  Kirche  preisgegeben,
kein  Canossagang  ward  angetreten.  Bismarck  hatte  das  Wichtigste
  zum  Frieden  getan  und  zur  Herstellung  freundlicher  amtlicher
  Beziehungen  zum  Oberhaupt  der  katholischen  Kirche.  —

Ehe  der  Streit  ausbrach  und  nach  Beendigung  des  Kampfes
war  er  innerlich  derselbe  geblieben.  Er  wünschte  den  Frieden.
Sein  letztes  Wort  über  diesen  hat  er  in  seinen  Gedanken  und
Erinnerungen  gesprochen:  „Inwieweit  der  Friede  von  Dauer
sein  wird  und  die  konfessionellen  Kämpfe  nun  ruhen  werden,
kann  nur  die  Zeit  lehren.  Es  hängt  das  von  kirchlichen  Stimmungen
  ab  und  von  dem  Grade  der  Streitbarkeit  nicht  bloß
des  jedesmaligen  Papstes  und  seiner  leitenden  Ratgeber,  sondern
  auch  der  deutschen  Bischöfe  und  der  mehr  oder  weniger
        <pb n="389" />
        376  14.  Der  Kampf  mit  Rom  um  staatliche  Selbständigkeir

hochkirchlichen  Richtung,  welche  im  Wechsel  der  Zeit  in  der
katholischen  Bevölkerung  herrscht.  Eine  feste  Grenze  der  römischen
  Ansprüche  an  die  paritätischen  Staaten  mit  evangelischer
Dynastie  läßt  sich  nicht  herstellen.  Richt  einmal  in  rein  katholischen
  Staaten.  Der  uralte  Kampf  zwischen  Priestern  und
Königen  wird  nicht  heut  zum  Abschluß  gelangen,  namentlich
nicht  in  Deutschland.“

Aber  in  Deutschland  ist  vieles  doch  nach  dem  Kulturkampf
anders  geworden  als  vorher.  Der  Staat  und  weitblickende
evangelische  Kreise  halten  sich  fern  von  dem  Gedanken,  der
in  der  Hitze  des  Kampfes  sich  hie  und  da  regte,  die  Kirche
zur  Dienerin  des  Staates  zu  machen,  und  fern  von  geringschätzender
  Beurteilung  katholischer  Kultur  und  Wissenschaft;
dann  aber  ist  die  Liebe  zum  gemeinsamen  Vaterlande  von  Jahr
zu  Jahr  so  erstarkt,  daß  der  Katholik  von  heute  weit  empfindlicher
  als  ehedem  ist  gegen  den  Vorwurf  der  Reichsfeindschaft,
der  ihm  im  Kulturkampf  so  oft  gemacht  worden  ist  —  mit
Recht  oder  mit  Unrecht,  je  nach  dem  Werte,  den  er  vaterländischen
  Gütern  wie  Kaiser  und  Reich  zumaß.  Es  geht  ihm
wie  dem  Soldaten  aus  dem  bayerischen  Oberlande,  der  aus
dem  Feldlager  vor  Paris  nach  Hause  berichten  ließ:  „Sagt
unserm  Herrn  Pfarrer,  der  uns  mit  soviel  Sorge  fortließ,
luthersch  wärn  mer  nich  geworden,  aber  preufs'sch!“  Das  heißt
in  des  Volkes  Munde:  Die  Treue  zur  angestammten  Kirche
soll  der  Liebe  zum  gemeinsamen  deutschen  Vaterlande  und  seinem
Begründer  keinen  Eintrag  mehr  tun.  Und  dieses  gemeinsame
Vaterland  ist  mit  dem  Namen  Bismarck  für  jeden  Deutschen
aufs  engste  verwachsen,  auch  für  den  Sohn  der  Kirche,  mit
der  Bismarck  eine  gute  Weile  auf  Kampfesfuß  stand  und,  wie
die  Verhältnisse  lagen,  stehen  mußte.
        <pb n="390" />
        15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche
Fragen  und  um  unsere  Kolonien

Der  Kampf  gegen  Rom  war  für  Bismarck  immer  eine
politische  Machtfrage  gewesen;  in  zweiter  Linie  erst  eine
Frage  religiöser  Natur.  Die  soziale  Frage  lag  ihm  am  Herzen
als  eine  religiöse  Angelegenheit;  an  erster  Stelle  stand  ihm  hier
das  praktische  Christentum  und  die  charitative  Seite  der  Sozialpolitik.
  Schon  frühe,  als  er  noch  ein  schlichter  Landedelmann  war,
jammerte  es  ihn,  wo  er  unverschuldete  Not  und  unverschuldetes
Elend  sah.  Schon  im  Jahre  seiner  Verlobung  schreibt  er  an
seine  Braut,  die  ihn  in  Reinfeld  zu  sehen  wünscht:  „Ich  habe
mich  in  diesem  Winter  etwas  mehr  um  die  hiesige  Armenpflege
  bekümmert,  und,  wenn  nicht  in  meinen  Dörfern,  so  doch
in  der  benachbarten  Stadt  Jerichow  Elend  gefunden,  wie  es
nicht  schlimmer  sein  kann.  Wenn  ich  bedenke,  wie  1  Thaler  einer
solchen  hungernden  Familie  über  Wochen  hinweg  hilft,  so  ist  es  mir
fast  wie  ein  Diebstahl  an  den  Armen,  die  hungern  und  frieren,
wenn  ich  30  ausgebe  um  die  Reise  zu  machen.“  Bismarck  besaß
eben  ein  soziales  Gewissen  feinster  Art,  er  vermochte  sich  nicht
in  seinen  Gedanken  und  seinem  Empfinden  von  seinen  bedürftigen
  Mitmenschen  zu  trennen  und  egeistisch  sich  glücklich  im  Besitz
zu  fühlen.  Als  er  zu  Amt  und  verantwortungsvoller  Stellung
gelangte,  finden  wir  deshalb  viele  sorgende  Erwägungen  sozialer
Art  bei  ihm.  Schon  vor  1864  suchte  er  Berührung  mit  Lassalle,
um  über  soziale  Probleme  mit  dem  Mann  zu  sprechen,  der
eine  „viel  vornehmere  Natur  war,  als  seine  Epigonen“,  den
er  deshalb  gar  nicht  zu  den  Sozialdemokraten  rechnete  und
„der  selbst  ein  dringendes  Bedürfnis  hatte“  mit  Bismarck  in
Beziehung  zu  treten.  Auch  scheint  er  im  Jahre  1867  mit  Marx,
als  dieser  in  Hamburg  weilte,  angeknüpft  zu  haben,  um  dessen
„große  Talente  im  Interesse  des  deutschen  Volkes  zu  verwerten“.
Als  dann  der  große  Krieg  von  1870  beendet  war,  und  Bismarck
Ruhe  für  soziale  Pläne  zu  finden  hoffte,  hat  er  im  August
        <pb n="391" />
        378  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen
1871  in  Gastein  mit  dem  österreichischen  Reichskanzler  verhandelt
  über  gemeinsame  Bekämpfung  der  Internationale,  aber
auch  über  Untersuchung  von  Maßregeln,  welche  zur  Ausgleichung
wirtschaftlicher  Gegensätze  und  zur  Beseitigung  von  Notständen
unter  den  arbeitenden  Klassen  beitragen  könnten.  Im  Oktober
desselben  Jahres  —  also  acht  Jahre  vor  dem  Sezialistengesetz
  —  hat  er  dann  ein  Schreiben  an  den  Minister  Itzenplitz
gerichtet,  in  dem  er  neben  Bekämpfungsmaßregeln  Berücksfichtigung
  berechtigter  Wünsche  der  arbeitenden  Klassen  in  Gesetzgebung
  und  Verwaltung  empfahl.  Staatsgefährliche  Agitationen
sollten  nur  verboten  werden,  soweit  es  geschehen  könne  „ohne
ein  gesundes  öffentliches  Leben  zu  verkümmern“.  Zweckmäßig
sei  Beratung  sachkundiger  Männer  aus  Deutschland  und  Osterreich,
  Berufung  von  Mitgliedern  aller  politischen  und  wirtschaftlichen
  Parteien  zur  Vorbereitung  eines  Programms.  Als
im  folgenden  Jahre  zu  Eisenach  der  Kongreß  der  Kathedersozialisten
  stattfand,  entsandte  Bismarck  den  Geheimen  Rat
Hermann  Wagener  dorthin;  das  amtliche  Organ,  die  Provinzial-Korrespondenz
  sagte,  weshalb.  Es  war  die  tiefgehende
  Wichtigkeit  der  dort  behandelten  Fragen  und  der
mit  ihnen  zusammenhängenden  Pflichten  des  Staates.  „Sie
wird,“  so  schrieb  das  offizielle  Organ,  „von  der  Regierung
des  Reichs  so  entschieden  anerkannt,  daß  diese  im  Begriffe
steht,  sich  über  die  dabei  in  Betracht  kommenden  allgemeinen
  Gesichtspunkte  und  Aufgaben  mit  der  österreichischungarischen
  Regierung  ins  Einvernehmen  zu  setzen.  Die  zu
diesem  Zwecke  schon  früher  verabredeten  gemeinsamen  Beratungen
  werden  in  wenigen  Wochen  stattsinden.“  Es  kam
dann  noch  zum  Gedankenaustausch;  doch  verlief  schließlich  die
Sache  im  Sande.  Bismarck  war  nicht  schuld  daran.  Der
Kulturkampf  nahm  seine  Kräfte  in  Anspruch,  die  Sorgen  um
die  militärische  Sicherstellung  des  Reichs  kamen  hinzu  und  die
vielen  anderen  Mühen,  die  das  neue  Reich  mit  sich  brachte.
Auch  versagten  ja,  wie  bekannt,  gerade  auf  wirtschaftlichem
Gebiete  in  dieser  Zeit  Bismarcks  Mitarbeiter  und  der  bureaukratische
  Apyparat.  Daß  das  Auftreten  der  Sozialdemokraten
        <pb n="392" />
        Anfänge  sozialpolitischer  Tätigkeit  379

ihm  die  Lust,  mit  diesen  gemeinsam  zu  schaffen,  gänzlich  nahm
und  mehr  die  Abwehr  in  den  Vordergrund  seines  Interesses
drängte,  konnte  niemand  ihm  verüblen.  Denn  inzwischen
steigerte  sich  die  Agitation  im  „Mistgabelstil“,  wie  Liebknecht
selber  später  einmal  diese  Stilgattung  bezeichnet  hat,  in  Ver—
sammlungen,  Flugschriften  und  in  der  Presse,  die  Revolutio—
nierung  und  Fanatisierung  der  Genossen  und  deren  Erziehung
zu  bedauernswerter  Vaterlandslosigkeit  in  bedenklicher  Weise.
Bismarck  sann  schon  1875  auf  Gegenwehr,  dann  versuchte  er
1876  bei  Beratung  der  Strafgesetznovelle  seinen  Einfluß  in  der
Richtung  auf  Eindämmung  der  sozialistischen  Verhetzung  und
Ubergriffe  geltend  zu  machen,  aber  ohne  Erfolg;  was  er  damals
schon  vorausgesehen,  hat  sich  bewahrheitet.  Im  Dezember  1875
sagte  er  zu  einigen  Gästen  seiner  parlamentarischen  Soiree:
„Der  Sozialismus  hat  die  allergrößten  Fortschritte  gemacht,  weit
größere  als  Sie  glauben,  meine  Herren,  das  wird  sich  bei  den
nächsten  Wahlen  bereits  sehr  deutlich  zeigen.  Schon  nach  einigen
Jahren  wird  das  Bürgertum  nach  den  Strafbestimmungen,  die
Sie  jetzt  einstimmig  verwerfen  wollen,  lechzen  wie  der  einsame
Wanderer  in  der  Wüste  nach  einem  Schluck  Wasser.“

Im  Jahre  1871  hatte  die  sozialdemokratische  Partei  über
3  Prozent  der  Wähler  verfügt;  im  Jahre  1877  verfügte  sie
über  9  Prozent.  Trotz  der  Sorge  um  Abwendung  dieser  Gefahr
  ließ  Bismarck  die  friedliche  Lösung  der  sozialen  Frage
nicht  aus  dem  Auge.  Die  Gedanken  verließen  ihn  nicht  in
Berlin,  nicht  in  Varzin,  nicht  in  Friedrichsruh.  Besorgnis  um
das  junge  Deutsche  Reich,  auch  ehrliches  Mitleid  mit  dem
Schicksal  des  bedürftigen  Mannes  quälte  ihn  mehr  als  die
revolutionären  Manlhelden,  die  sich  in  ihrer  Führerstellung  ganz
wohl  befanden.  Noch  im  August  1877  hatte  er  an  den  Minister
Achenbach  geschrieben,  daß  ein  wichtiger  Beitrag  zur  Lösung
der  sozialen  Frage  die  schärfere  Kontrolle  der  Fabriken  und
Einführung  der  Arbeiter-Unfall=  und  Invalidenversorgung  sei.

Daß  diese  sozialen  Sorgen  Bismarcks  berechtigt  waren,
sollten  Tatsachen  traurigster  Art  der  Welt  zu  Gemüt  führen.
Am  11.  Mai  1878  schoß  der  Klempnergesell  Hödel  auf  den
        <pb n="393" />
        380  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

einundachtzigjährigen  Kaiser  in  Berlin,  glücklicherweise  ohne
zu  treffen.  Es  war  ein  verbummelter  Genosse,  der  sich  frech
als  „Attentäter  Seiner  Majestät  des  deutschen  Kaisers"  bezeichnete
  und  der  durch  die  hetzerischen  Agitationen  der  Sozialdemokratie
  zweifellos  fanatissert  war.  Bismarck,  der  in  Friedrichsruh
  war,  gab  sofort  Weisung  nach  Berlin,  daß  ein  Gesetz
gegen  die  Sozialdemokratie  vorgelegt  werde.  Der  Reichstag
lehnte  die  Vorlage  am  24.  Mai  mit  einer  Mehrheit  von  254  gegen
57  Stimmen  ab.  Da  erfolgte  am  2.  Juni  ein  neues  Attentat.
Dr.  Nobiling  schoß  so  sicher,  daß  der  Kaiser  schwer  am  Kopf  und
beiden  Armen  verwundet  wurdez  er  schwebte  in  Lebensgefahr
und  mußte  während  fünf  voller  Monate  von  dem  Kronprinzen  in
der  Führung  der  Regierungsgeschäfte  vertreten  werden.  Als  Bismarck
  von  einer  Spazierfahrt  heimkehrend  die  Kunde  in  Friedrichsruh
  durch  den  Geheimrat  Tiedemann  hörte,  stieß  er  den  Spazierstock
  in  die  Erde  und  bemerkte  kurz:  „Jetzt  wird  der  Reichstag
aufgelöst.“  Dieser  verdiente  es;  denn  er  war  auch  der  beabsichtigten
  Steuer=  und  Zollreform,  ohne  die  die  Finanzen  des
Reiches  trostlos  blieben  und  soziale  Sorgen  nicht  gehoben  werden
konnten,  abgeneigt.  Unbekümmert  um  die  eigene  Schonung,
deren  der  leidende  Bismarck  bedurfte,  traf  er  am  3.  Juni  in
Berlin  ein.  Am  6.  Juni  wurde  vom  Bundesrat  einstimmig
die  Auflösung  des  Reichstages  beschlossen.  Am  30.  Juli  fanden
die  Neuwahlen  statt,  die  beiden  konservativen  Fraktionen  gingen
verstärkt  aus  diesen  Wahlen  hervor,  die  Fortschrittspartei  verlor
10,  die  Nationalliberalen  32  Sitze.  Es  wäre  nicht  so  gekommen,
  wenn  sie  auf  ihren  Parteigenossen  Gneist  gehört
hätten,  der  sie  nach  dem  Hödelschen  Attentat  warnte,  daß  sie
ssch  in  einem  verhängnisvollen  Irrtum  befänden,  wenn  site
meinten,  man  dürfe  keine  Ausnahmegesetze  erlassen.  Er  sah
voraus,  daß  seine  Partei  den  größten  Schaden  von  der  Ablehnung
  haben  und  diese  bereuen  würde.

Am  9.  September  wurde  dem  Reichstag  der  neue  Entwurf
  eines  Sozialistengesetzes  vorgelegt.  Bei  der  Generaldebatte
  ergriff  Bismarck  das  Wort;  die  Rede,  die  sich  in
großen  Zügen  über  die  wichtigsten  mit  der  Frage  zusammen-
        <pb n="394" />
        Attentate  auf  den  Kaiser.  Sozialistengesetz  381

hängenden  Punkte  äußerte,  schloß  mit  einer  Warnung  vor  dem
nihilistischen  Messer  und  der  Nobilingschen  Schrotflinte  und  mit
den  Worten:  „Wenn  wir  in  einer  solchen  Weise  unter  der
Tyrannei  einer  Gesellschaft  von  Banditen  existieren  sollen,  dann
verliert  jede  Existenz  ihren  Wert,  und  ich  hoffe,  daß  der  Reichstag
  den  Regierungen,  dem  Kaiser,  der  den  Schutz  für  seine
Person,  für  seine  preußischen  Untertanen  und  seine  deutschen
Landsleute  verlangt  —  daß  wir  ihm  zur  Seite  stehen  werden!
Daß  bei  der  Gelegenheit  vielleicht  einige  Opfer  des  Meuchelmordes
  unter  uns  noch  fallen  werden,  das  ist  sehr  wohl  möglich,
  aber  jeder,  dem  das  geschehen  könnte,  mag  eingedenk  sein,
daß  er  zum  Nutzen,  zum  großen  Nutzen  seines  Vaterlandes
auf  dem  Schlachtfeld  der  Ehre  bleibt!“

Nach  längeren  Beratungen  kam  am  18.  Oktober  das  Gesetz
gegen  die  gemeingefährlichen  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie
zustande  für  die  Dauer  von  zweieinhalb  Jahren.  Durch  diese
Beschränkung  wurde  seine  Wirkung  schwer  beeinträchtigt;  es
ist  dann  mehrere  Male  verlängert  und  hat  bis  zum  30.  September
  1890  bestanden.  Solche  Maßregeln  hielt  Bismarck
gegen  die  Sozialdemokratie  für  heilsam.  Wertlos  aber  erschienen
  sie  ihm,  wenn  nicht  zugleich  der  Staat  mit  ganzem
Ernst  der  sozialen  Frage  sich  annahm.  Bismarck  ergriff  diese
Aufgabe  mit  fester  Hand  und  mit  gutem  Gewissen;  er  konnte
das,  da  er  in  seinem  praktischen  Christentum  gefestigt  war
seit  dem  Augenblicke,  da  er  in  seinem  Haus  und  in  seinem
Pflichtenbereich  auf  dem  Grunde  seines  Glaubens  stand.  Von
diesem  Grunde  aus  begann  er  sein  Werk  der  sozialen  Reform,
das  neben  der  Gründung  des  Reiches  vielleicht  als  sein  größtes
Verdienst  bezeichnet  werden  muß  und  das  unsere  Bewunderung
noch  mehr  erregen  würde,  wenn  die  Verwirklichung  Bismarckscher
  Ideen  zu  reiner  und  voller  Ausgestaltung  gekommen
wäre  und  nicht  unter  der  parlamentarischen  Bureankratie  so
arg  gelitten  hätte.  Das  Kraftvolle  an  diesen  Ideen  war,  daß
sich  Bismarcks  Glaube  in  ihnen  verschmolz  mit  den  großen
Traditionen  der  preußischen  Krone  und  mit  seinem  Vertrauen
auf  sein  deutsches  Volk,  das  ihn  auch  bei  der  Einführung  des
        <pb n="395" />
        382  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

allgemeinen  Wahlrechts  geleitet  hatte,  „um  die  gesunden  Elemente,
  welche  den  Kern  und  die  Masse  des  Volkes  bilden,  wieder
in  Berührung  mit  der  höchsten  Gewalt  zu  bringen“.  Und  diese
höchste  Gewalt,  sein  kaiserlicher  Herr,  stand  bei  diesem  Werke
ganz  zu  seinem  Kanzler,  der  wieder  einmal  als  „der  Kugelfang“
für  alle  Geschosse  der  Gegner  diente,  an  dem  „jeder  seine  üble
Laune  und  kleinlichen  Spott  in  persönlicher  Kritik  ablagerte“.

Doch  hören  wir  hier  Bismarcks  Worte  selber.  Wir  haben
in  ihnen  ein  herrliches  Stück  aus  seinem  sozialen  Glaubens-=bekenntnis,
  das  verdiente,  für  alle  Zeiten  tief  und  unvergeßlich
in  jedes  deutsche  Herz  eingesenkt  zu  werden.  Am  2.  April  1881
hatte  bei  der  Beratung  des  weit  ausgreifenden  Gesetzes  über
Arbeiter-Unfallversicherung  der  Abgeordnete  Richter  Zwangsversicherung,
  Versicherungsmonopol  und  Reichsversicherungsanstalt
  bekämpft.  Bismarck  erwiderte:

„Der  Herr  Abgeordnete  Richter  hat  auf  die  Verantwortlichkeit
  des  Staates  für  das,  was  er  tut,  auf  dem  Gebiet,
welches  er  heute  betritt,  aufmerksam  gemacht.  Nun,  meine
Herren,  ich  habe  das  Gefühl,  daß  der  Staat  auch  für  seine
Unterlassungen  verantwortlich  werden  kann.  Ich  bin  nicht  der
Meinung,  daß  das  Jaisser  faire,  laisser  aller',  „das  reine
Manchestertum  in  der  Politik“,  „Jeder  sehe,  wie  er's  treibe,
jeder  sehe,  wo  er  bleibe",  „Wer  nicht  stark  genug  ist,  zu  stehen,
wird  niedergerannt  und  zu  Boden  getreten",  Wer  da  hat,
dem  wird  gegeben,  wer  nicht  hat,  dem  wird  genommen“  —
daß  das  im  Staat,  namentlich  in  dem  monarchischen,  landesväterlich
  regierten  Staat  Anwendung  finden  könne;  im  Gegenteil,
  ich  glaube,  daß  diejenigen,  die  auf  diese  Weise  die  Einwirkung
  des  Staates  zum  Schutz  der  Schwächeren  perhorreszieren,
  ihrerseits  sich  dem  Verdacht  aussetzen,  daß  sie  die  Stärke,
die  ihnen,  sei  es  kapitalistisch,  sei  es  rhetorisch,  sei  es  sonstwie,
beiwohnt,  zum  Gewinn  eines  Anhangs,  zur  Unterdrückung  der
anderen,  zur  Anbahnung  einer  Parteiherrschaft  ausbeuten  wollen
und  verdrießlich  werden,  sobald  ihnen  dieses  Beginnen  durch
irgendeinen  Einfluß  der  Regierung  gestört  wird.

„Dem  Herrn  Abgeordneten  reicht  die  Konsequenz  dieser
        <pb n="396" />
        Bismarcks  soziales  Glaubensbekenntnis  383

Gesetzgebung  nicht  weit  genug.  Ja,  wenn  er  nur  Geduld  haben
will,  so  werden  wir  seinen  Erwartungen  und  seinen  Wünschen
in  dieser  Beziehung  vielleicht  später  entsprechen  können  —  nur
nicht  zu  schnell  und  nur  nicht  alles  auf  einmall!

„Vor  dem  Verhungern  ist  der  invalide  Arbeiter  durch
unsere  heutige  Armengesetzgebung  geschützt.  Nach  dem  Landrechte
  wenigstens  soll  niemand  verhungern;z  ob  es  nicht  dennoch
geschieht,  weiß  ich  nicht.  Das  genügt  aber  nicht,  um  den
Mann  mit  Zufriedenheit  auf  sein  Alter  und  seine  Zukunft
blicken  zu  lassen,  und  es  liegt  in  diesem  Gesetze  auch  die  Tendenz,
  das  Gefühl  menschlicher  Würde,  welches  auch  der  ärmste
Deutsche  meinem  Willen  nach  behalten  soll,  wach  zu  erhalten,
daß  er  nicht  rechtlos  als  reiner  Almosenempfänger  dasteht,
sondern  daß  er  ein  peculium  —  ein  unantastbares  Eigentum  —
an  sich  trägt,  über  das  niemand  außer  ihm  verfügen  kann,
und  das  ihm  auch  nicht  entfremdet  werden  kann,  über  das  er
als  Armer  selbständig  verfügen  kann  und  das  ihm  manche  Tür
leichter  öffnet,  die  ihm  sonst  verschlossen  wird,  und  ihm  in
dem  Hause,  in  dem  er  Aufnahme  gefunden  hat,  eine  bessere
Behandlung  sichert,  wenn  er  den  Zuschuß,  den  er  mit  hineinbringt,
  aus  dem  Hause  auch  wieder  entfernen  kann.  Wer
den  Armenverhältnissen  in  großen  Städten  selbstprüfend  nähergetreten
  ist,  wer  auf  dem  Lande  namentlich  den  Gemeindearmen
  nachgespürt  hat,  und  selbst  in  den  bestverpflegten,  guten
Gemeinden  hat  beobachten  können,  wie  ein  Armer,  namentlich
wenn  er  körperlich  schwach  und  verkrüppelt  ist,  unter  Umständen
  behandelt  wird  im  Hause  von  Stiefmüttern,  von  Verwandten
  irgendeiner  Art,  von  sehr  nahen  Verwandten  mitunter,
  der  muß  eingestehen,  daß  jeder  gesunde  Arbeiter,  der
dies  mit  anskeht,  sich  sagt:  Es  ist  doch  fürchterlich,  daß  ein
Mensch  auf  diese  Weise  durch  die  Behandlung  in  dem  Hause,
das  er  früher  bewohnte,  herunterkommt,  wo  der  Hund  seines
Nachfolgers  es  nicht  schlimmer  hat.  Das  kommt  vor!  Welche
Waffe  hat  ein  schwacher  Krüppel  dagegen,  wenn  er  in  die  Ecke
gestoßen  und  hungrig  ernährt  wird?  Er  hat  gar  keine!  Hat
er  aber  nur  100  oder  200  Mark  für  sich,  so  besinnt  sich  das
        <pb n="397" />
        384  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

Haus  schon  sehr,  bevor  es  ihn  drückt.  Wir  haben  es  bei  den
Kriegsinvaliden  sehen  können,  wenn  nur  sechs  oder  fünf  Taler
monatlich  gegeben  werden,  das  ist  für  einen  Armenhaushalt
auf  dem  Lande  schon  etwas  Bares,  wo  die  kleinrechnende
Frau  sich  sehr  besinnt,  daß  sie  den  Kostgänger,  der  Geld  ein—
bringt,  nicht  verdrießlich  macht  und  los  wird.  Also,  sage  ich,
wir  haben  das  Bedürfnis,  in  diesem  Gesetze  auf  eine  menschenwürdige
  Behandlung  zunächst  dieser  Sorte  von  Armen  zu
wirken,  und  ich  werde  Herrn  Richter  in  den  weiteren  Konsequenzen
  im  nächsten  Jahre  —  mag  dieses  Gesetz  abgelehnt
werden  oder  nicht  —  vollständig  befriedigen  in  bezug  auf  die
Masse  und  Ausdehnung  der  staatlichen  Fürsorge  für  eine  bessere
und  würdigere  Behandlung  der  Erwerbslosen.  Aber  zunächst
ist  dieses  Gesetz  gewissermaßen  eine  Probe,  die  wir  machen,
und  auch  eine  Sonde,  wie  tief  das  Wasser  finanziell  ist,  in
das  wir  Staat  und  Land  vorschlagen  hineinzutreten.  Man
kann  gegen  diese  Dinge  nicht  in  der  Weise  sich  decken,  daß
man  eine  geläufige,  glatte  Rede  hält,  in  der  man  die  Ausbildung
  des  Haftpflichtgesetzes  empfiehlt,  ohne  nur  mit  einer
Silbe  anzudeuten,  wie  man  sich  diese  Ausbildung  denkt.  Damit
kann  man  diese  Sache  nicht  erledigen,  damit  spielt  man  den
Strauß,  der  den  Kopf  versteckt,  um  die  Gefahr  nicht  zu  sehen.
Die  Aufgabe  der  Regierung  ist  es,  den  Gefahren  ruhig  und
furchtlos  ins  Auge  zu  sehen,  aber  auch  die  Vorwände,  die  zur
Aufregung  der  Massen  benutzt  werden,  die  sie  für  verbrecherische
  Lehren  erst  gelehrig  machen,  so  viel  an  uns  ist,  zu  beseitigen.
  Nennen  Sie  das  Sozialismus  oder  nicht,  es  ist  mir
das  ziemlich  gleichgültig.

„Wenn  der  Herr  Abgeordnete  Bamberger  sihm  war  bei
seiner  schroff  manchesterlichen  Richtung  das  Wort  sozial'
fatall,  der  ja  an  dem  Worte  cchristlich'  keinen  Anstoß  nahm,
für  unsere  Bestrebungen  einen  Namen  finden  wollte,  den
ich  bereitwillig  annahm,  so  ist  es  der:  praktisches  Christentum,
aber  sans  phrase,  wobei  wir  die  Leute  nicht  mit  Reden
und  Redensarten  bezahlen,  sondern  wo  wir  ihnen  wirklich
etwas  gewähren  wollen.  —  Aber  umsonst  ist  der  Tod.  Wenn
        <pb n="398" />
        Bismarcks  soziales  Glaubensbekenntnis  385

Sie  nicht  in  die  Tasche  greifen  wollen  und  in  die  Staatskasse,
  dann  werden  Sie  nichts  fertig  bekommen!“

Dieses  mahnende  Bekenntnis  erweiterte  Bismarck  am  9.  Januar
  1882  mit  einem  historischen  Rückblick  und  einem  kernigen
Einblick  in  die  christlichen  Quellen  seiner  Tatkraft:

„Ich  habe  als  das  System,  welches  ich  nach  dem  Willen
Seiner  Majestät  des  Kaisers  zu  vertreten  habe,  bei  früheren
Gelegenheiten  aufgestellt:  Wir  wollen  dahin  streben,  daß  es
im  Staate  womöglich  niemanden  oder  doch  so  wenige  wie
möglich  gebe,  die  sich  sagen:  Wir  sind  nur  dazu  da,  um  die
Lasten  des  Staates  zu  tragen,  wir  haben  aber  kein  Gefühl
davon,  daß  der  Staat  um  unser  Wohl  und  Weh  sich  irgendwie
bekümmert  —  daß  die  Zahl  dieser  nach  Möglichkeit  vermindert
werde.  Es  gehört  zu  den  Traditionen  der  Dynastie,  der  ich
diene,  sich  des  Schwachen  im  wirtschaftlichen  Kampfe  anzunehmen.
  Friedrich  der  Große  sagte  schon:  Je  serai  le  roi  des
guenux  —  ich  werde  ein  König  der  Bettler  sein  —,  und  er
hat  es  nach  seiner  Art  durchgeführt  in  strenger  Gerechtigkeit
gegen  hoch  und  gering  in  der  Art,  wie  seine  Zeit  es  mit  sich
brachte.  Friedrich  Wilhelm  III.  hat  dem  damals  hörigen
Banuernstande  eine  freie  Stellung  verschafft,  in  der  es  ihm
gegeben  gewesen  ist  —  bis  zu  einer  rückläufigen  Bewegung,
die  vor  etwa  fünfzehn  Jahren  anfing  —  zu  prosperieren  und
stark  und  unabhängig  zu  werden.  Unser  oder  mein  jetziger
Herr  ist  von  dem  edlen  Ehrgeiz  beseelt,  in  seinem  hohen  Alter
wenigstens  noch  die  Hand  angelegt  und  den  Anstoß  gegeben
zu  haben,  daß  für  die  heutzutage  schwächste  Klasse  unserer
Mitbürger,  wenn  auch  nicht  die  gleichen  Vorteile  und  Ziele
wie  für  den  Bauernstand  vor  siebzig  Jahren,  aber  doch  eine
wesentliche  Besserung  der  Gesamtsituation,  des  Vertrauens,
mit  dem  dieser  ärmere  Mitbürger  in  die  Zukunft  und  auf  den
Staat,  dem  er  angehört,  sehen  kann  —  daß  noch  zu  Lebzeiten
Seiner  Majestät  hieran  Hand  angelegt  wird,  und  daß  die
Bewegung,  die  damit  angeregt  wird,  vielleicht  in  einem  weiteren
Menschenalter  ihre  Ziele  erreicht,  wenn  sie  vielleicht  auch  wieder
ersterben  mag  unter  dem  Drange  der  Zeit  und  der  Gewalt

A.  Matthias,  Bismarck  25
        <pb n="399" />
        386  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

anderer  Kräfte.  Er  hat  es  sich  als  Ziel  gesetzt,  auf  diesem
Gebiete  nach  einem  früher  oder  später  erreichbaren  analogen
Zustand  der  Arbeiter  zu  streben,  wie  sein  hochseliger  Vater  in
der  ewig  denkwürdigen  Emanzipation  der  Bauern,  die  an  die
Namen  Stein,  Hardenberg  und  Friedrich  Wilhelm  III.  sich
knüpft  .  ..

„Die  Anforderungen  des  Herrn  Vorredners  Freiherr  von
Hertling  hatte  Erweiterung  der  arbeiterfreundlichen  Fabrikgesetzgebung
  gefordert]  könnte  ich  um  so  sicherer  mit  einem  einfachen
Ja  beantworten  und  mich  dann  wieder  hinsetzen,  weil  ich  mich
dabei  ganz  innerhalb  des  Gebiets  befinde,  was  ich  mir  erlaubte
bei  einer  früheren  Gelegenheit,  praktisches  Christentum  zu  nennen,
das  heißt  Betätigung  unserer  christlichen  Sittenlehre  auf  dem
Gebiet  der  Nächstenliebe.  Ich  habe  gefunden,  daß  in  der  Presse
mehr  als  im  Parlament  diese  Bezeichnung  manchen  Anstoß  gegeben
  und  manche  Gegner  geschaffen  hat,  denen  es  unangenehm
ist,  das  Wort  cchristlich"  so  scharf  akzentuiert  zu  sehen  —  ich
meine  nicht  von  konfessionellen  Unterschieden,  ich  meine  nur  von
dem  Unterschiede  in  dem  Grade  des  Glaubens  oder  Nichtglaubens.
  Aber  auch  diejenigen,  die  an  die  Offenbarungen  des
Christentums  nicht  mehr  glauben,  möchte  ich  daran  erinnern,
daß  doch  die  ganzen  Begriffe  von  Moral,  Ehre  und  Pflichtgefühl,
  nach  denen  sie  ihre  anderen  Handlungen  in  dieser  Welt
einrichten,  wesentlich  nur  die  fossilen  Uberreste  des  Christentums
ihrer  Väter  sind,  die  unsere  sittliche  Richtung,  unser  Rechtsund
  Ehrgefühl  noch  heute,  manchem  Ungläubigen  unbewußt,
bestimmen,  wenn  er  auch  die  Quelle  selbst  vergessen  hat,  aus
der  unsere  heutigen  Begriffe  von  Zivilisation  und  Pflicht  geslossen
  sind.  Ich  glaube  also,  auch  ihnen  und  selbst  denen,  die
einer  anderen  Konfession  angehören,  ist  doch  das  Gebot  der
Nächstenliebe,  das  Gebot  der  Wohltätigkeit  auch  in  ihrer  Konfession
  ein  vorherrschendes.  Ich  sehe  daher  nicht  ein,  mit  welchem
Recht  wir  für  unsere  gesamten  Privathandlungen  die  Gebote
des  Christentums,  lebendig  oder  fossil,  anerkennen  und  sie  gerade
bei  den  wichtigsten  Handlungen,  bei  der  wichtigsten  Betätigung
unserer  Pflichten,  bei  der  Teilnahme  an  der  Gesetzgebung  eines.
        <pb n="400" />
        Bismarcks  soziales  Bekenntnis  387

Landes  von  45  Millionen  in  den  Hintergrund  schieben  wollen
und  sagen:  hier  haben  wir  uns  daran  nicht  zu  kehren.  Ich
meinerseits  bekenne  mich  offen  dazu,  daß  dieser  mein  Glaube
an  die  Ausflüsse  unserer  offenbarten  Religion  in  Gestalt  der
Sittenlehre  vorzugsweise  bestimmend  für  mich  ist  und  jedenfalls
auch  für  die  Stellung  des  Kaisers  zu  der  Sache  und  daß  damit
die  Frage  von  dem  christlichen  oder  nichtchristlichen  Staate  gar
nichts  zu  tun  hat.  Ich,  der  Minister  dieses  Staates,  bin  Christ
und  entschlossen,  als  solcher  zu  handeln,  wie  ich  glaube,  es  vor
Gott  rechtfertigen  zu  können.“

Und  noch  eine  kräftige  Ergänzung  seines  ssozialistischen“
Standpunktes  fügte  er  am  12.  Juni  1882  hinzu:  „Sie  werden
genötigt  sein,  dem  Staat  ein  paar  Tropfen  sozialen  Oles  im
Rezept  beizusetzen;  sozialistisch  war  die  Befreiung  des  Bauernstandes,
  sozialistisch  ist  jede  Enteignung  zugunsten  der  Eisenbahnen,
  sozialistisch  im  höchsten  Grade  die  Zusammenlegung
der  Grundstücke,  die  ganze  Armenpflege,  der  Wegeban,  das
heißt  der  Zwang  zum  Wegebau,  indem  ich  auf  meinen  Grundstücken
  einen  Weg  für  die  Durchreisenden  erhalten  muß.  Das
alles  ist  sozialistisch.  Wenn  Sie  glauben,  mit  dem  Worte
„Sozialismus“  jemand  Schrecken  einflößen  zu  können,  so  stehen
Sie  auf  einem  Standpunkte,  den  ich  längst  überwunden  habe
und  dessen  Uberwindung  für  die  ganze  Reichsgesetzgebung  durchaus
  notwendig  ist.“

Solche  Gedanken  Bismarcks  waren  geeignet,  die  beiden
kaiserlichen  Botschaften  zu  begründen,  welche  als  Merksteine
landesväterlicher  Fürsorge  und  fürstlicher  Pflichttreue  in  der
Geschichte  der  Hohenzollern  dastehen.  Am  17.  November  1881
wandte  sich  der  Kaiser  an  den  Reichstag;  den  Kern  seiner
Gedanken  bildeten  die  Worte:  „Die  Heilung  der  sozialen  Schäden
wird  nicht  ausschließlich  im  Wege  der  Repression  sozialdemokratischer
  Ausschreitungen,  sondern  gleichmäßig  auf  dem  Wege
der  positiven  Förderung  des  Wohls  der  Arbeiter  zu  suchen  sein.
Wir  halten  es  für  Unsere  kaiserliche  Pflicht,  dem  Reichstag
diese  Aufgabe  von  neuem  ans  Herz  zu  legen,  und  Wir  würden
mit  um  so  größerer  Befriedigung  auf  alle  Erfolge,  mit  denen

25*
        <pb n="401" />
        388  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

Gott  Unsere  Regierung  sichtlich  gesegnet  hat,  zurückblicken,  wenn
es  Uns  gelänge,  dereinst  das  Bewußtsein  mitzunehmen,  dem
Vaterlande  neue  und  dauernde  Bürgschaften  seines  inneren
Friedens  und  den  Hilfsbedürftigen  größere  Sicherheit  und  Er—
giebigkeit  des  Beistandes,  auf  den  sie  Anspruch  haben,  zu  hinter—
lassen.“  Als  trotz  dieser  hochherzigen  Wünsche  die  Unfall—
versicherung  immer  wieder  durch  parlamentarische  Weiterungen
aufgehalten  wurde,  nahm  der  Kaiser  von  neuem  (44.  April
1883)  zu  einer  von  Bismarck  gegengezeichneten  Botschaft  seine
Zuflucht,  in  der  mit  Wehmut  der  Gedanke  widerklingt,  daß
dem  Kaiser  nicht  lange  mehr  zu  leben  vergönnt  sei:  „Die  zur
Beratung  des  Gesetzes  erforderliche  Zeit  ist  eine  lange  für  die
Empfindungen,  mit  welchen  Wir  in  Unserem  Lebensalter  auf
die  Größe  der  Aufgaben  blicken,  welche  zu  lösen  sind.  ..  Unsere
kaiserlichen  Pflichten  gebieten  Uns  aber,  kein  in  Unserer  Macht
stehendes  Mittel  zu  versäumen,  um  die  Besserung  der  Lage  der
Arbeiter  und  den  Frieden  der  Berufsklassen  untereinander  zu
fördern,  so  lange  Uns  Gott  Kraft  gibt  zu  wirken.“

So  kamen  denn  unter  beständiger  Mahnung  der  drängenden
Bismarckschen  Reden,  von  deren  Geist  wir  einen  Hauch  verspürt
  haben,  die  Gesetze  zustande.  Nachdem  im  Jahre  1880
ein  Steuererlaß  alle  preußischen  Staatsbürger,  die  weniger
als  1200  Mark  Jahreseinkommen  hatten,  von  der  Klassenstener
  befreit  hatte,  wurde  im  Jahre  1883  von  Reichswegen
die  Versicherung  der  in  den  industriellen  Werken  und  Fabriken
beschäftigten  Arbeiter  und  Betriebsbeamten  gegen  Krankheit,
1884  gegen  Unfälle  und  1889  gegen  Alter  und  Gebrechlichkeit
  zu  Wege  gebracht.  Diese  große  soziale  Gesetzgebung  lobte
ihren  Meister,  sie  hätte  ihm  noch  mehr  Lob  und  Ruhm  gebracht,
wenn  alles,  was  er  gewollt  hatte,  erreicht  worden  wäre,
wenn  die  großen  Reichsanstalten  oder  vom  Reich  abhängige
Korporationen  die  Versicherungen  geleitet  und  größere  Reichszuschüsse
  sie  verstärkt  hätten.  Der  Hader  der  Parteien  aber  hat
teilweise  Organisationen  geschaffen,  die  lückenhaft  und  schwerfällig,
  bureaukratisch  und  wenig  harmonisch  sind.  Bismarck
teilte  bei  dieser  oft  verzweifelten  Arbeit  wie  auch  bei  seinem
        <pb n="402" />
        Die  kaiserlichen  Botschaften.  Soziale  Gesetzgebung  389

wirtschaftspolitischen  Schaffen  das  Los  aller  reformatorischen
Geister.  Sein  Pfad  ging  unterm  Kreuze.  In  diesem  Jahre,
in  dem  er  das  letzte  Dezenninm  seines  staatsmännischen  Wir—
kens  antrat,  glaubt  er  manchmal  zu  erliegen,  aber  der  sorgende
Gedanke  um  die  Festigung  des  Reichs  rief  ihn  immer  wieder
an  die  Gewehre.  Am  8.  Mai  1880  sagte  er  im  Reichstage:
„Ich  habe  nunmehr  den  Kampf  für  die  dentsche  Einheit  seit
30  Jahren  geführt;  es  sind  nahezu  30  Jahre,  daß  ich  am
Bundestag  zuerst  dafür  eingetreten  bin,  es  sind  18  Jahre,  daß
ich  in  einer  Stellung  bin,  in  der  ich  mit  einem  französischen
Historiker,  den  ich  vor  einiger  Zeit  in  einer  schlaflosen  Nacht
las,  wohl  sagen  kann  —  er  spricht  von  einem  Staatsmanne,
dem  man  mehr  Verdienst  zuschrieb,  als  ich  für  mich  in  An—
spruch  nehme  —:  „II  devait  succomber  au  poids  des  haines
inassouvies  qui  s'accumulent  sur  la  töte  de  tout  ministre
dui  reste  trop  longtemps  au  pouvoir“.“  Ich  fürchte,  daß
ich  nach  18  Jahren  längst  in  dieser  Lage  war,  ich  hatte  alle
Parteien  wechselnd  zu  bekämpfen,  gegen  jede  hatte  ich  einen
heftigen  Strauß  zu  kämpfen  —  davon  kommen  dles  haines
inassouvies",  von  denen  der  französische  Historiker  spricht.  Nun,
ich  bin  nicht  mehr  jung,  ich  habe  gelebt  und  geliebt  —  gefochten
  auch,  und  ich  habe  keine  Abneigung  mehr  gegen  ein
ruhiges  Leben.  Das  einzige,  was  mich  in  meiner  Stellung
hält,  ist  der  Wille  des  Kaisers,  den  ich  in  seinem  hohen  Alter
gegen  seinen  Willen  nicht  habe  verlassen  können  —  versucht
habe  ich  es  mehrmals.  Aber  ich  kann  Ihnen  sagen:  Ich  bin
müde,  todmüde,  und  namentlich,  wenn  ich  erwäge,  gegen  was
für  Hindernisse  ich  kämpfen  muß,  wenn  ich  für  das  Deutsche
Reich,  für  die  deutsche  Nation,  für  ihre  Einheit  eintreten  will.“"

Und  ein  Jahr  später  sagte  er  in  ähnlichem  Sinne,  als
Eugen  Richter  gegen  die  innere  Politik  Bismarcks  heftige  Angriffe
  richtete:  „Für  mich  hat  immer  nur  ein  einziger  Kompaß,

*  Er  mußte  erliegen  unter  der  Last  des  ungesättigten  Hasses,  der  sich
über  dem  Haupte  eines  jeden  Ministers  ansammelt,  der  zu  lange  im  Besitze
der  Macht  bleibt.
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        390  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

ein  einziger  Polarstern,  nach  dem  ich  steuere,  bestanden:  Salus
publica!  Ich  habe  vom  Anfang  meiner  Tätigkeit  an  vielleicht
oft  rasch  und  unbesonnen  gehandelt,  aber  wenn  ich  Zeit  hatte,
darüber  nachzudenken,  mich  immer  der  Frage  untergeordnet:
Was  ist  für  mein  Vaterland,  was  ist  —  solange  ich  allein
in  Preußen  war  —  für  meine  Dynastie,  und  heutzutage,  was
ist  für  die  deutsche  Nation  das  Nützliche,  das  Zweckmäßige,
das  Richtige?  Doktrinär  bin  ich  in  meinem  Leben  nicht  gewesen;
  alle  Systeme,  durch  die  die  Parteien  sich  getrennt  und
gebunden  fühlen,  kommen  für  mich  in  zweiter  Linie,  in  erster
Linie  kommt  die  Nation,  ihre  Stellung  nach  außen,  ihre  Selbständigkeit,
  unsere  Organisation  in  der  Weise,  daß  wir  als
große  Nation  in  der  Welt  frei  atmen  können.  Alles,  was
nachher  folgen  mag,  liberale,  reaktionäre,  konservative  Verfassung
  —  meine  Herren,  ich  gestehe  ganz  offen,  das  kommt
mir  in  zweiter  Linie,  das  ist  ein  Luxus  der  Einrichtung,  der
an  der  Zeit  ist,  nachdem  das  Haus  fest  gebaut  dasteht.  In
diesen  Parteifragen  kann  ich  zum  Nutzen  des  Landes  dem  einen
oder  dem  andern  näher  treten,  die  Doktrin  gebe  ich  außerordentlich
  wohlfeil.  Schaffen  wir  zuerst  einen  festen,  nach  außen
gesicherten,  im  Innern  fest  gefügten,  durch  das  nationale  Band
verbundenen  Bau,  und  dann  fragen  Sie  mich  um  meine  Meinung,
  in  welcher  Weise  mit  mehr  oder  weniger  liberalen  Verfassungseinrichtungen
  das  Haus  zu  möblieren  ist,  und  Sie
werden  vielleicht  finden,  daß  ich  antworte:  Ja,  ich  habe  darin
keine  vorgefaßte  Meinung,  machen  Sie  mir  Vorschläge,  und
wenn  der  Landesherr,  dem  ich  diene,  beistimmt,  so  werden  Sie
bei  mir  prinzipielle  Schwierigkeiten  wesentlich  nicht  finden.
Man  kann  es  so  machen  oder  so,  es  gibt  viele  Wege,  die  nach
Rom  führen.  Es  gibt  Zeiten,  wo  man  liberal  regieren  muß,
und  Zeiten,  wo  man  diktatorisch  regieren  muß,  es  wechselt
alles,  hier  gibt  es  keine  Ewigkeit.  Aber  von  dem  Bau  des
Deutschen  Reiches,  von  der  Einigkeit  der  deutschen
Nation,  da  verlange  ich,  daß  sie  fest  und  fturmfrei
dastehe  und  nicht  bloß  eine  passagere  Feldbefestigung
nach  einigen  Seiten  hin  habe;  seiner  Schöpfung  und
        <pb n="404" />
        Bange  Sorgen  um  die  Zukunft  des  Reichs  391

Konsolidation  habe  ich  meine  ganze  politische  Tätigkeit
  vom  ersten  Augenblick,  wo  sie  begann,  untergeordnet,
  und  wenn  Sie  mir  einen  einzigen  Moment
zeigen,  wo  ich  nicht  nach  dieser  Richtung  der  Magnetnadel
  gesteuert  habe,  so  können  Sie  mir  vielleicht
nachweisen,  daß  ich  geirrt  habe,  aber  nicht  nachweisen,
daß  ich  das  nationale  Ziel  einen  Augenblick  aus  den
Augen  verloren  habe.“

Dieses  nationale  Ziel  war  ihm  die  finanzielle  Selbständigkeit
  und  die  Zahlungsfähigkeit  des  Reiches.  Ihr  galt  seine
Wirtschaftspolitik,  die  mit  seiner  geldbedürftigen  Sozialpolitik
in  innigster  Verbindung  stand.  Diese  Bestrebungen  bilden
eines  der  schönsten  Blätter  in  seinem  Ruhmeskranze.

Unter  diesen  großen  wirtschaftlichen  Fragen  stand  die  Eisenbahnfrage
  nicht  an  letzter  Stelle.  63  verschiedene  Eisenbahnverwaltungen
  arbeiteten  mit  1357  verschiedenen  Tarifen  drauf
los,  damit  die  Besitzer  dieser  Privatbahnen  einträgliche  Einnahmequellen
  besaßen.  Dem  Wirrwarr  mußte  ein  Ende  gemacht
werden.  Am  1.  März  1873  nahm  Bismarck  in  einer  Denkschrift
  Stellung  gegen  die  Privatbahnen  und  für  die  Einrichtung
einer  Reichsbehörde.  Am  17.  Mai  1873  brachte  der  schwäbische
Abgeordnete  Elben  im  Reichstage  den  Antrag  ein  auf  Gründung
eines  Reichseisenbahnamtes.  Bismarck  erklärte,  diese  Forderung
laste  wie  ein  im  Schuldbuch  offenstehender  Posten  auf  dem
Reichskanzler,  der  den  Anstoß  zu  geben  haben  würde.  Er  begrüßte
  den  Antrag,  wie  man  langersehnte  Hilfstruppen  begrüßt,
und  er  erklärte  sich  fest  entschlossen,  sein  schwer  belastetes
kanzlerisches  Gewissen  durch  Ausführung  des  Antrages  zu  erleichtern.
  Bis  jetzt  fehle  dem  Reiche  die  Berechtigung  zur
Exekutive;  er  bat  den  Reichstag  dringend  im  Interesse  der
Würde  des  Reiches  und  seiner  Verfassung,  die  Reichsgewalt
nicht  in  der  bisherigen  Ohnmacht  und  Machtlosigkeit  verharren
zu  lassen.  Im  Jahre  1874  wurde  das  Reichseisenbahnamt  als
ständige  Aufsichtsbehörde  geschaffen.  Aber  schon  der  Versuch,  durch
ein  Reichseisenbahngesetz  die  allgemein  gehaltenen  Bestimmungen
der  Verfassung  auszugestalten  und  dem  Reichseisenbahnamt  eine
        <pb n="405" />
        392  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

klare  Stellung  auch  gegenüber  den  Einzelstaaten  zu  sichern,
scheiterte  an  dem  Widerstand  einzelner  Bundesstaaten.

Nun  beschritt  Bismarck  einen  anderen  Weg,  und  zwar  den
kühnsten,  wie  er  es  liebte.  Auf  einer  parlamentarischen  Soiree
am  11.  Dezember  1875  bekannte  er  sich  als  Anhänger  und
eifriger  Förderer  des  großen  Gedankens,  sämtliche  deutsche
Eisenbahnen,  wenn  auch  nur  nach  und  nach,  für  das  Reich  anzukaufen.
  Dieser  Gedanke  wirkte  wie  eine  Bombez  die  Presse
beschäftigte  sich  monatelang  damit,  zumal  Bismarck  mit  seinem
Plane  in  direktem  Gegensatz  zu  dem  Chef  des  Reichskanzleramtes,
  dem  verdienten  Staatssekretär  Rudolf  Delbrück,  stand.
Am  8.  Januar  1876  wies  Bismarck  in  einer  Denkschrift  auf  die
Zersplitterung  des  deutschen  Eisenbahnwesens  und  auf  ihre  wirtschaftlichen
  Nachteile  hin.  Im  einzelnen  erörterte  er  die  Frage
des  Erwerbs  der  Eisenbahnen  für  den  Staat  und  ob  der  Erwerb
  durch  Preußen  oder  das  Reich  den  Vorzug  verdiene.  Er
entschied  sich  für  das  Reich.  Die  Reichsverfassung  wolle  die
Erhebung  der  Eisenbahn  zu  einer  wahrhaft  nationalen  Verkehrsanstalt.
  Der  Erwerb  der  Privatbahnen  durch  Preußen  werde
nur  den  preußischen  Einfluß  erweitern.  Der  in  der  Hand  des
Reichs  vereinigte  Besitz  der  preußischen  Privat=  und  Staatsbahnen
  habe  als  kräftiges  Mittel  zur  Festigung  des  nationalen
Bandes,  zur  Förderung  der  nationalen  Wohlfahrt  gewiß  alle
wahren  Freunde  des  Reichs  für  sich.  Im  Besitz  des  preußischen
Eisenbahnnetzes  würde  das  Reich  sich  auch  mit  den  übrigen
Bundesstaaten  mit  Staatsbahnbesitz  über  alle  wichtigen  Maßnahmen
  leicht  verständigen.  Zum  Schlusse  empfahl  Bismarck,
dem  preußischen  Landtag  eine  Vorlage  wegen  Abtretung  des
gesamten  Eisenbahnbesitzes  Preußens  einschließlich  seiner  Rechte
bezüglich  der  Privatbahnen  an  das  Reich  zu  machen.

Schon  im  Mai  kam  die  Vorlage  im  Abgeordneten=  und
Herrenhause  zur  Beratung,  am  4.  Juni  wurde  sie  als  Gesetz
veröffentlicht.  Gegen  dieses  Gesetz  hatte  der  Abgeordnete  Richter
in  langer  Rede  sich  ergangen  und  es  als  eine  große  Gefahr
für  das  deutsche  Eisenbahnwesen  bekämpft.  Bismarck  erwiderte
ihm  mit  allen  guten  Gründen,  die  er  hatte,  wobei  er  irenisch
        <pb n="406" />
        Bismarcks  Eisenbahnpolitik  393

bemerkte,  er  glaube  nicht  an  die  von  Richter  gezeichneten  Gefahren,
  er  glaube  nicht,  daß  uns  die  deutsche  Freiheit  und  Ein—
heit  auf  der  ersten  Reichslokomotive  davonfahren  werde.  Auf
den  weiteren  Verlauf  der  Frage  wies  er  am  Schlusse  als  kluger
Prophet  also  hin:  „Mag  die  Entwicklung  noch  so  langsam  sein,
unter  noch  so  großen  Kämpfen  vor  sich  gehen,  was  ist  denn
Wichtiges  jemals  anders  zustande  gekommen,  als  mit  Kämpfen
und  gerade  durch  Kämpfe?  Mögen  diese  noch  so  groß,  mögen
sie  noch  so  schwierig  sein,  wir  werden  im  Bewußtsein  des  guten
Zieles,  das  wir  verfolgen,  nicht  davor  zurückschrecken  und  werden
auch  nicht  erlahmen  und  nicht  entmutigt  werden,  weil  ich  überzeugt
  bin,  daß,  wenn  eines  an  sich  richtigen  Gedankens  sich  bei
uns  die  öffentliche  Meinung  einmal  bemächtigt  hat,  er  nicht
eher  von  der  Tagesordnung  verschwinden  wird,  als  bis  er  sich
verwirklicht  hat,  als  bis  mit  andern  Worten  die  Reichsverfassung,
als  deren  Stellvertreter  ich  vor  Ihnen  stehe,  zu  einer  Wahrheit
wird,  auch  in  ihrem  Eisenbahnartikel.“

Nun  waren  günstige  Vorbedingungen  für  ein  einheitliches
deutsches  Eisenbahnwesen  gegeben.  Preußen  war  mit  gutem
Beispiel  vorangegangen.  Heute  ist  kaum  jemand  in  Zweifel,  daß
das  Reich  ein  glänzendes  Geschäft  gemacht  und  seine  Finanzen
auf  eine  gesunde  Grundlage  gestellt  haben  würde.  Im  Jahre
1876  hatte  es  nicht  mehr  als  29212  Kilometer  Bahnen,  1910
hatte  es  58444  Kilometer.

Das  große  nationale  Werk  scheiterte  gleichwohl;  im  Jahre
1878  klagt  Bismarck  bitter,  wie  er  immer  wieder  von  seinen
Ministern  vertröstet  werde;  er  sei  als  Ministerpräsident  nicht
imstande,  die  Sache  auch  nur  um  einen  Schritt  weiter  zu  bringen;
er  sei  noch  nicht  einmal  in  der  Lage  gewesen,  die  Frage,  ob
und  in  welcher  Form  man  das  Reich  fragen  solle  und  er  sich
vom  Reich  den  wahrscheinlichen  Korb  holen  wolle,  überhaupt
auch  nur  zur  Erörterung  im  Staatsministerium  zu  bringen.  Es
schlummerten  eben  in  dieser  geheiligten  Gemeinschaft,  wie  so
manches  andere,  auch  die  Eisenbahnfragen  in  toter  Hand.

Dann  kam  der  Widerstand  eines  Teils  der  größeren  Bundesstaaten,
  zumal  Bayerns,  Sachsens  und  Württembergs.  Er  nahm
        <pb n="407" />
        394  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

stellenweise  höhnische  Formen  an.  Die  Schranke  partikularistischen
Unverstandes  war  schließlich  für  Bismarck  unübersteigbar.  So
zog  er  denn  seine  Konsequenzen.  Das  Gesetz  vom  4.  Juni  1876
blieb  ja  bestehen  und  besteht  heute  noch  in  seinem  ganzen  Umfange.
  Schon  1876  hatte  Bismarck  zu  dem  Gesetzentwurf  das
Votum  hinzugefügt,  es  könne  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  Preußen
bei  etwaiger  Weigerung  des  Reiches  an  die  Lösung  der  Aufgabe
  mit  voller  Kraft  allein  herantreten  und  vor  allem  die  Erweiterung
  und  Konsolidierung  seines  eigenen  Staatsbahnbesitzes
als  das  Ziel  seiner  Eisenbahnpolitik  betrachten  werde.  Daß  durch
diese  Erweiterung  das  Ubergewicht  der  preußischen  Interessen
über  die  Grenzen  des  preußischen  Staates  hinaus  sich  fühlbar
machen  werde,  wäre  eine  wahrscheinliche  Folge  der  alsdann  von
der  preußischen  Eisenbahnverwaltung  notwendig  einzuschlagenden
Richtung.  Auch  hier  war  Bismarck  ein  guter  Prophet.  Er  hat
sein  Ziel  mit  tatkräftiger  Unterstützung  des  Ministers  Maybach
fast  vollkommen  erreicht.  Der  Schwerpunkt  der  Eisenbahnpolitik
aber  ruht  heute  nicht,  wie  Bismarck  es  in  nationaler  Begeisterung
gewollt,  beim  Reich,  er  ruht  bei  den  Regierungen  der  Eisenbahnen
  besitzenden  Bundesstaaten,  und  da  Preußen  der  größte
unter  ihnen  ist,  bei  Preußen.  Die  Gegenwart  findet  sich  ja,  so
gut  wie  es  geht,  damit  ab;  das  Reichsphilisterium  läßt  es  sich
gefallen.  Der  große  Augenblick  ist  eben  verpaßt,  wiederkommen
wird  er  schwerlich.  An  Bismarck  lag  es  nicht,  wenn  dieses
wichtige  Band  deutscher  Einheit  und  wirtschaftlicher  Kraft  nicht
um  die  deutschen  Bundesstaaten  geschlungen  ist.

Außer  der  Eisenbahnpolitik  beschäftigte  Bismarck,  je  mehr
er  die  Hände  vom  Kulturkampf  freibekam,  die  Durchführung
der  Steuer-,  Zoll=  und  Wirtschaftsreform.  Schon  im  Jahre  1872
haben  wir  Andeutungen  darüber,  welche  Ziele  er  im  Auge  hatte.
Bei  der  Beratung  über  die  Herabsetzung  der  Salzsteuer  wies
er  darauf  hin,  daß  er  der  einzige  sei,  dem  die  Verfassung  eine
Verantwortlichkeit  für  die  Ausführung  der  Gesetze  und  der  Verfassung
  auferlege.  Er  habe  deshalb  bei  allem  mehr  als  jeder
andere  stets  an  den  gesunden  Bestand  und  eine  gedeihliche  Fortentwicklung
  des  Reiches  zu  denken  und  vor  allem  daran,  daß
        <pb n="408" />
        Steuer-,  Zoll=  und  Wirtschaftsfragen  395

die  eignen  Einnahmen  des  Reichs  nicht  ohne  hinlänglichen  Ersatz
vermindert  würden.  Die  Anweisung  auf  die  Matrikularbeiträge,
welche  die  Einzelstaaten  bei  Fehlbeträgen  zu  zahlen  hätten,  nahm
er  nicht  als  Ersatz  für  eigne  Reichseinnahmen  an,  da  das  große
Bindemittel  einer  starken  gemeinsamen  Finanzeinrichtung,
  eines  gemeinsamen  Finanzsystems  einem  Reiche  fehle,  das
nur  auf  Matrikularbeiträge  begründet  sei.  Er  verlangte  Reichssteuern
  und  wies  schon  damals  mit  einer  gewissen  prophetischen
Resignation  darauf  hin,  daß  von  den  parlamentarischen  Mächten
solche  schwer  zu  erringen  seien,  da  gerade  immer  die  Steuer,
welche  das  Reich  habe  oder  brauche,  allemal  als  die  allerdrückendste
  bezeichnet  werde.

Nach  diesen  Andeutungen,  die  eine  Art  von  Generalidee
enthielten,  trat  er  mit  den  Grundzügen  seines  Programms  am
22.  Rovember  1875  hervor,  als  über  die  Erhöhung  der  Brausteuer
  beraten  wurde.  Er  bezeichnete  eine  totale  Steuerreform
einschließlich  der  Zollreform  als  wünschenswert.  „Aber“,  so
sagte  er,  „sie  ist  eine  Herkulesarbeit,  die  man  versuchsweise
angefaßt  haben  muß  in  der  Eigenschaft  eines  verhältnismäßigen
Laien,  wie  ich  es  bin,  um  ihre  Schwierigkeiten  zu  übersehen.
Mit  einem  Zuge  an  diesem  Retze,  unter  dem  wir  jetzt  in  steuerlicher
  Beziehung  gefangen  sind,  da  klirren  alle  Maschen  bis
in  die  kleinsten  Staaten  hinein;  jeder  hat  seine  besonderen
Wünsche.  Eine  vollständige  Reform  kann  nicht  zustande  kommen
ohne  eine  bereitwillige,  tätige,  in  die  Hände  arbeitende  Mitwirkung
jeder  einzelnen  partikularen  Regierung  mit  dem  Reiche.“

Die  Hauptsätze  aus  dieser  großen  Rede  werden  am  besten  Bismarcks
  steuerpolitische  Reformgedanken  widerspiegeln:  „Wenn
ich  zuerst  vom  Standpunkt  lediglich  des  Reiches  spreche,  so  habe
ich  das  Bedürfnis  einer  möglichsten  Verminderung,  wenn  nicht
vollständigen  Beseitigung  der  matrikularen  Umlagen.  Es  ist
das  wohl  kaum  bestritten,  daß  die  Form  der  Matrikularumlage
eine  solche  ist,  die  den  steuerpflichtigen  Staat  nicht  gerecht  nach
dem  Verhältnis  seiner  Leistungsfähigkeit  trifft.  Ich  möchte
sagen,  es  ist  eine  rohe  Form,  die  zur  Aushilfe  dienen  kann,  so
lange  man  in  dem  ersten  Ingendalter  des  Reiches  demselben
        <pb n="409" />
        396  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

eigene  Einnahmen  zu  verschaffen  nicht  vollständig  in  der  Lage
war.  Ist  es  aber  anerkannt,  daß  es  eine  Steuer  ist,  die  nicht
gerecht  trifft,  so  gehört  sie  von  meinem  politischen  Standpunkt
als  Reichskanzler  nicht  zu  den  Mitteln,  die  das  Reich  konsolidieren.
  Das  Gefühl,  zu  ungerechten  Leistungen  herangezogen
  zu  werden,  entwickelt  das  Bestreben,  einer  solchen  Ungerechtigkeit
  sich  zu  entziehen,  und  verstimmt.

„Also  aus  dem  Gesichtspunkt  der  Befestigung  des  Reiches
—  das  Reich  ist  jung  im  Vergleich  zu  den  einzelnen  Staaten  —
ich  möchte  sagen,  bei  allen  den  Knochenbrüchen,  denen  Deutschland
  im  Laufe  der  Jahrhunderte  ausgesetzt  worden  ist,  und
deren  Heilung  jetzt  versucht  ist,  da  ist  der  callus  sdas  neugebildete
  Gewebe]  noch  nicht  wieder  so  fest  verwachsen,  daß
nicht  Verstimmungen  oder  ein  Druck  parlamentarischer  Machtprobe
  und  dergleichen  das  Reich  empfindlicher  treffen  sollten,
als  den  Partikularstaat.  Denn  dem  uns  eingeborenen  Stammessondergefühl
  entsprechend  ist  ja  bei  uns  die  Existenz  des
Partikularstaats  bisher  viel  mehr  in  succum  et  sanguinem
lin  Fleisch  und  Blut;  gedrungen,  viel  naturwüchsiger,  ich
möchte  sagen,  noch  heutzutage  lebenskräftiger  zum  Uberdauern
von  Stürmen,  als  das  neue  Reich.  Je  mehr  gemeinsame
Reichseinrichtungen  wir  schaffen,  je  mehr  gemeinsames
  Reichsvermögen,  desto  mehr  befestigen  wir
das  Reich.  Wenn  das  Reich  zugrunde  geht,  was  Gott  verhüte
  und  verhüten  wird,  so  würde  ja  die  Sache  sich  nicht
in  nichts  auflösen,  wie  bei  anderen  Staaten,  sondern  es  würde
der  status  quo  ante  lder  frühere  Zustand]  eintreten.  Der
preußische  Partikularismus,  der  mächtigste  und  bei  weitem  gefährlichste,
  mit  dem  wir  zu  tun  haben,  würde  aufschnellen
in  einer  ungemein  lebenskräftigen  Weise.  Also  das  Unglück,
das  Reich  zu  zerstören,  ist  für  unsere  deutsche  patriotische
Empfindung  ein  außerordentlich  schweres.

„Ich  sage  dies  nur,  um  Sie  zu  bitten,  das  Reich  in  seinen
Institutionen  nach  Möglichkeit,  auch  in  den  kleinen  Dingen,
zu  schonen  und  zu  pflegen  und  denen,  die  sich  überbürdet
fühlen  und,  wie  ich  glaube,  mit  Recht  überbürdet  fühlen,  etwas
        <pb n="410" />
        Steuerreformen  397

mehr  Liebe  und  Schonung  und  nicht  die  rein  theoretische  Härte
entgegenzutragen.

„Ich  kam  über  meiner  Gemütsbewegung  gegen  partikularistische
  Bestrebungen  von  der  Frage  der  Reform  ab,  um  Ihnen
zu  sagen,  wie  ich  sie  verstehe.  .  .  Ich  erkläre  mich  von  Hause
aus  wesentlich  für  Aufbringung  aller  Mittel  nach  Möglichkeit
durch  indirekte  Steuern  und  halte  die  direkten  Steuern  für
einen  harten  und  plumpen  Notbehelf,  nach  Ahnlichkeit  der
Matrikularbeiträge,  mit  alleiniger  Ausnahme,  ich  möchte  sagen,
einer  Anstandssteuer,  die  ich  von  den  direkten  immer  aufrecht
erhalten  würde,  das  ist  die  Einkommensteuer  der  reichen  Leute
—  aber  wohlverstanden  nur  der  wirklich  reichen  Leute.  Die
heutige  Einkommensteuer,  wie  sie  bis  zum  Vermögen  von  1000
Talern  geht,  trifft  nicht  bloß  reiche  Leute.  Es  gibt  Lagen  des
Lebens,  in  denen  man  mit  1000  Talern  wohlhabend  ist,  das
ist  richtig;  es  gibt  aber  auch  Lagen,  in  denen  man  mit  1000
Talern  sehr  gedrückt  und  geniert  lebt,  wo  man  nur  mit  Mühe
die  Kindererziehung,  die  äußere  Erscheinung,  die  Existenz,  die
Wohnung  bestreitet.  —  Sie  werden  sagen,  es  sind  das  Ideale,
die  ich  vortrage.  Ich  glaube  aber,  Sie  haben  ein  Recht,  die
Ideale  Ihres  verantwortlichen  Beamten  zu  kennen.

„Mein  Sdeal  also,  nach  dem  ich  strebe,  ist  möglichst  ausschließlich
  durch  indirekte  Steuern  den  Staatsbedarf  aufzubringen.
  .  .  Die  indirekten  —  was  auch  theoretisch  darüber
gesagt  werden  mag  —  faktisch  ist,  daß  man  sie  weniger  fühlt.
Es  ist  schwer  zu  berechnen,  wie  viel  der  einzelne  bezahlt,  wie
viel  auf  andere  Mitbürger  abgebürdet  wird.  .  .  In  Frankreich
  und  in  England  wird  die  überwiegende  Masse  der  Staatsbedürfnisse
  durch  indirekte  Steuern  aufgebracht.

„Ich  bekenne  mich  also  unbedingt  zu  dem  System
der  indirekten  Steuern;  ich  glaube  auch,  daß  die  indirekten
Steuern  sich  viel  mehr  in  das  Niveau,  das  Gleichgewicht  setzen
in  bezug  auf  die  Frage,  wer  sie  denn  eigentlich  trägt,  als  man
gewöhnlich  annimmt.  Wenn  ich  mich  an  die  Biersteuer  halte,
so  bin  ich  der  Meinung,  daß  auch  der  Nichtbiertrinker  an
dieser  Biersteuer  seinen  erheblichen  Anteil  tragen  wird.  Er
        <pb n="411" />
        398  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

braucht  Dienstleistungen  in  großer  Menge;  nicht  bloß  die
direkten  Dienstleistungen  eines  Domestiken  im  Hause,  der  doch
auch  an  das  Bier  gewöhnt  ist  und  dasselbe  mit  in  seinen
Lohn  verlangt,  sondern  Dienstleistungen,  die  sich  die  Hand—
werker  untereinander  leisten.  Ich  werde  in  dem  Paar  Stiefel
das  Bier,  das  der  Schuhmacher  zu  trinken  pflegt,  und  das  zu
seinen  täglichen  Bedürfnissen  und  Gewohnheiten  gehört,  vergüten
  müssen  pro  rata  parte.  Und  so  könnte  man  die  Bei—
spiele  bis  ins  Unendliche  vervielfältigen;  durch  versteuertes
Brot,  durch  versteuertes  Bier  und  durch  versteuertes  Fleisch
wird  eben  jede  der  Dienstleistungen,  die  wir  voneinander  verlangen,
  um  so  viel  verteuert,  als  nötig  ist,  um  den  Dienstleister
  resp.  Verfertiger  des  gebrauchten  Objekts  in  die  Lage  zu
versetzen,  daß  er  seinen  Bedürfnissen  nach  existieren  kann.  Ich
glaube,  daß  auf  diese  Weise  die  indirekten  Steuern  sich  von
selbst  vollständig  ins  Gleichgewicht  bringen.

„Mein  Bestreben  wäre  also  Verminderung  der  Matrikularbeiträge,
  so  weit  es  sein  kann.  Zur  gänzlichen  Abschaffung  ist
es  noch  sehr  weit  hin.  Es  fragt  sich  bloß,  ob  Sie  uns  helfen
wollen,  einen  Schritt  in  der  Richtung  einer  Reform  zu  tun,
wenn  wir  die  ganze  Reform  nicht  leisten  können  —  die  letztere
wird  in  erster  Linie  immer  im  Reiche  anfangen  müssen,  die
Partikularstaaten  können  erst  nach  und  nach  folgen,  auch  die
Zölle  stehen  dem  Reiche  zu  —  daß  wir  in  unseren  Zöllen,
ganz  unabhängig  von  der  Frage,  wie  hoch  jedes  einzelne  besteuert
  werden  soll,  uns  doch  frei  machen  von  dieser  zu  großen
Masse  von  zgollpflichtigen  Gegenständen,  daß  wir  uns  auf  das
Gebiet  eines  reinen  einfachen  Finanzzollsystems  zurückziehen  und
alle  diejenigen  Artikel,  die  nicht  wirklich  Finanzartikel  sind,  d.h.
nicht  hinreichenden  Ertrag  geben,  über  Bord  werfen.  .  .  .  Als
Gegenstände  der  Verzollung  und  zugleich  einer  entsprechenden
Besteuerung  im  Inlande  sehe  ich  im  ganzen  an  diejenigen
Verzehrungsgegenstände,  deren  man  sich,  ohne  das  Leben  zu
schädigen,  in  gewissem  Maße  wenigstens  zu  enthalten  vermag,
wo  man  in  gewissem  Maße  den  Regulator  seiner  eigenen  Beiträge
  zum  öffentlichen  Steuersäckel  insoweit  in  der  Hand  hat,
        <pb n="412" />
        Reform  der  Zölle  399

daß  man  weiß:  wenn  ich  zwei  Seidel  trinke,  so  zahle  ich  zwei
Pfennige  —  so  viel  mag  darauf  kommen,  ich  weiß  es  nicht  —
und  wenn  ich  zehn  Seidel  brauche,  so  zahle  ich  zehn  Pfennige.
Dasselbe  ist  der  Fall  mit  dem  Kaffee  und  vor  allen  Dingen
mit  dem  Tabak;  ich  kann  die  Zeit  kaum  erwarten,  daß  der
Tabak  höhere  Summen  steure,  so  sehr  ich  jedem  Raucher  das
Vergnügen  gönne.  Analog  steht  es  auch  mit  dem  Bier,  dem
Branntwein,  dem  gucker,  dem  Petroleum  und  allen  diesen
großen  Verzehrungsgegenständen,  gewissermaßen  den  Luxusgegenständen
  der  großen  Masse.  Die  Luxusgegenstände  der
Reichen  würde  ich  sehr  hoch  zu  besteuern  geneigt  sein;  sie
bringen  aber  nicht  viel:  Trüffeln  und  Equipagen,  was  können
sie  bringen?  Da  kommen  wir  in  eine  Menge  kleinlicher  Gegenstände,
  ausländische  Toilettengegenstände  und  dergleichen:  ich
würde  sie  mit  dem  Zolle,  unter  Umständen  sehr  hoch,  fassen;
sie  sind  ja  eigentlich  noch  würdiger  wie  der  Tabak,  recht  schwer
belastet  zu  werden.“

Als  Bismarck  diese  Grundsätze  darlegte,  begleitete  ihn  an
manchen  Stellen  lebhafter  Beifall;  aber  noch  lebhafter  wurde
der  Widerstand  der  herrschenden  Wirtschaftsparteien,  als  er  in
den  folgenden  Jahren  in  bezug  auf  die  Zollgesetzgebung  zu  der
Uberzeugung  gelangte,  daß  Deutschland  unter  dem  seit  1865
wirksamen  „Freihandelssystem  mehr  und  mehr  der  Auszehrung
verfalle,  die  nur  durch  den  Blutzufluß  der  französischen  Fünfmilliardenzahlung
  einige  Zeit  aufgehalten“  worden  sei.  Er  gewann
  diese  Uberzeugung,  als  er  die  Katastrophe  kommen  sah,
welche  die  für  den  1.  Januar  1877  trotz  seiner  dringenden  Warnungen
  geplante  Aufhebung  aller  Eisenzölle  über  die  deutsche
Eisenindustrie  herbeiführte.  Die  deutschen  Eisenproduzenten  fingen
an,  schwer  zu  leiden.  Bismarck  war  als  Kanzler  mit  seiner  Ansicht
  „allein  gelassen“,  er  fühlte  immer  mehr  die  Verpflichtung
zu  handeln.  Im  Jahre  1881  hat  er  es  im  Reichstage  gesagt,
daß  „die  Not  des  Landes,  das  Ausblasen  aller  Hochöfen,  das
Zurückgehen  des  Lebensstandes,  der  Industrie,  der  Arbeiter,  das
Darniederliegen  aller  Geschäfte  so  nahe  trat,  daß  er  sich  darum
bekümmern  müßte“,  er  empfand  eben  als  echter  Staatsmann
        <pb n="413" />
        400  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

„die  Leiden  und  Freuden  des  arbeitenden  und  produzierenden
Volkes  an  sich  selbst  mit“  und  er  suchte  zu  ergründen,  was
diesem  Volke  fehlte.  Den  Grund  glaubte  er  zu  finden  im  Frei—
handelssystem;  bei  seinen  Ministerkollegen  fand  er  keinen  Glauben,
  keine  Unterstützung;  bestärkt  wurde  er  in  seiner  Überzeugung
durch  die  Wahrnehmung,  daß  nicht  bloß  OÖsterreich  und  Rußland
ihren  Zollgürtel  stark  anzogen,  sondern  daß  auch  Frankreich
gleich  nach  Aufhebung  der  deutschen  Eisenzölle  einen  schutzzöllnerischen
  Tarif  den  Kammern  vorlegte.  Im  Jahre  1877,  als
es  Zeit  war,  das  Werk  energisch  anzufassen,  war  er  aber  einmal
wieder  todmüde,  verstimmt  über  einen  Konflikt  mit  dem  Chef
der  Admiralität  von  Stosch,  über  ultramontane  Intrigen  und
über  Friktionen  in  Hofkreisen,  verstimmt  auch  über  seine  Mitarbeiter,
  die  ihn  nicht  unterstützten  in  seinen  Ideen,  und  deshalb
überarbeitet  in  einem  nicht  mehr  erträglichen  Maßez  er  reichte
Ende  März  seine  Entlassung  ein.  Am  7.  April  erfolgte  die  Ablehnung
  des  Kaisers  mit  dem  berühmten  „Niemals“.  Bismarck
blieb,  er  bekam  einen  längeren  Urlaub;  für  seine  Entlastung
wurde  ausreichend  gesorgt.  Die  Freude  über  sein  Verbleiben
war  überall  im  ganzen  Lande,  wo  man  den  Wert  des  Kanzlers
richtig  und  patriotisch  einschätzte,  ungemein  groß.  Am  13.  April
gab  Rudolf  von  Bennigsen  im  Reichstag  dieser  Freude  begeisterten
  Ausdruck.

Und  im  Grunde  war  Bismarck  froh,  daß  er  von  seinem
Werke  nicht  Abschied  nehmen  durfte.  Er  schilderte  damals  seine
Stimmung  in  einem  schönen  Gleichnis.  Er  verglich  sich  mit  einem
müden  Jäger,  der,  von  tagelanger  ergebnisloser  Pirsch  abgemattet
und  fast  verschmachtend,  im  Begriff  ist  zu  Boden  zu  sinken  und
die  Jagd  ganz  aufzugeben;  da  signalisteren  ihm  die  Jägerburschen
  ein  paar  starke  Wildsauen;  und  flugs  erwacht  in  ihm
die  alte  Jägerlust,  mit  frischer  Kraft  bricht  er  auf  und  begibt
sich  aufs  neue  an  das  herrliche  Waidwerk.  So  auch  würde  er
sich,  müde  und  abgehetzt,  wie  er  sich  fühle,  dennoch  mit  neuer
Energie  und  alter  Kraft  ans  Werk  begeben,  das  zu  vollbringen
er  sich  vorgesetzt,  wenn  ihm  die  hilfreichen  Jägerburschen  zur
Hand  wären,  um  vereint  mit  ihm  die  Sauen  zu  stellen.  Diese
        <pb n="414" />
        Bismarck  amtsmüde.  Entlassungsgesuch  401

Sauen  waren  für  ihn  die  wirtschaftliche  Gesetzgebung  und  die
Steuer=  und  Zollreform.

Zunächst  suchte  Bismarck  die  stärkste  Partei  des  Reichstages,
die  Nationalliberalen,  zu  gewinnen.  Er  verhandelte  mit  Bennigsen
1877  im  Juli  und  Dezember.  Bennigsen  sollte  Vizekanzler  werden
und  an  die  Spitze  des  Reichsfinanzwesens  treten.  Die  Verhandlungen
  scheiterten,  da  Bennigsen  auch  den  Eintritt  Forckenbecks
und  von  Stauffenbergs  ins  Ministerium  forderte;  auch  war  die
Person  Bennigsens  dem  Kaiser  nicht  spmpathisch.  So  setzte  denn
Bismarck  an  anderen  Stellen  ein.  Er  verhandelte  von  Varzin
aus  mit  dem  Staatssekretär  von  Bülow  und  verlangte,  daß  die
Reformen  von  den  jetzigen  Ministerkollegen  in  Angriff  genommen
würden;  nur  wenn  ihre  Mitwirkung  sichergestellt  werde,  werde
er  weiter  arbeiten  können;  wenn  nicht,  werde  er  im  nächsten
Reichstage  erscheinen,  aber  nur  um  die  Gründe  seines  definitiven
Rücktritts  öffentlich  darzulegen.  Die  positive  Leistung  eines
Finanzprogramms  sei  Sache  des  Ressortministers,  in  diesem
Falle  des  Finanzministers  von  Camphausenz  er  sei  als  Präsident
des  Ministeriums  nicht  berufen,  Finanzprogramme  zu  erfinden
und  auf  die  Ausführung  zu  verzichten,  wenn  der  Finanzminister
sich  die  Kritik  vorbehalte  und  nicht  zustimme.

So  kam  dann  die  Angelegenheit  vorwärts.  Am  22.  Februar
1878  wurden  dem  Reichstage  Entwürfe  über  die  Besteuerung
der  Börsenpapiere  und  Lotterielose,  die  Einführung  des  Spielkartenstemwels
  und  die  Erhöhung  der  Tabaksteuer  vorgelegt.
Bismarck  nahm  das  Wort  und  ging  weiter  als  die  Vorlage.
Er  sagte:  „Ich  leugne  nicht  und  halte  es  nach  den  Zweifeln,
die  ausgesprochen  sind,  ob  Monopolisten  in  unserer  Mitte  sich
befinden,  nicht  für  überflüssig,  offen  zu  bekennen,  daß  ich
dem  Monopol  zustrebe  und  daß  ich  in  diesem  Sinne  die  Vorlage
  als  Durchgangspunkt  annehme.“  Infolgedessen  fühlte
sich  Camphausen  nicht  mehr  geheuer  in  seiner  Lage  und  trat
im  März  zurück.

Inzwischen  nahmen  die  Reformideen  auch  in  Zollfragen  eine
immer  festere  Gestalt  an.  Im  Oktober  traten  nicht  weniger  als
204  Reichstagsabgeordnete  als  volkswirtschaftliche  Vereinigung

A.  Matthlas,  Bismarck  26
        <pb n="415" />
        402  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

aus  allen  Parteien  zusammen  und  verfaßten  eine  Erklärung  mit
dem  Grundgedanken,  daß  die  schwierigen  Fragen  der  deutschen
Handelspolitik  nicht  lediglich  nach  den  Schlagwörtern  von  Freihandel
  und  Schutzzoll  gelöst  werden  könnten,  daß  es  vielmehr
darauf  ankomme,  die  wirklichen  und  vermeintlichen  Gegensätze
mit  Sachkenntnis,  Umsicht  und  Vaterlandsliebe  auszugleichen.
87  Zentrumsmitglieder,  36  Konservative,  39  Freikonservative,
27  Nationalliberale,  15  Mitglieder  kleinerer  Gruppen  unterzeichneten.
  Auf  eine  schriftliche  Anfrage  des  württembergischen
Reichstagsabgeordneten  von  Varnbüler,  der  ein  einflußreiches
Mitglied  jener  volkswirtschaftlichen  Vereinigung  war,  ob  die
Reichsregierung  beabsichtige,  dem  nächsten  Reichstage  den  Entwurf
  eines  neuen  Zolltarifs  vorzulegen,  antwortete  Bismarck
von  Friedrichsruh  aus,  es  liege  allerdings  in  seiner  Absicht,
eine  umfassende  Revision  des  Zolltarifs  herbeizuführen  und  die
dazu  erforderlichen  Anträge  der  Prüfung  der  verbündeten  Regierungen
  zu  unterbreiten.  Das  geschah  noch  im  Dezember  1878
in  einer  Denkschrift,  die  ein  in  das  wirtschaftliche  Leben  der
Nation  tief  einschneidendes  Reformprogramm  Bismarcks  enthielt,
  das  die  indirekten  Steuern  stärker  betonte,  Reform  der
Eisentarife  verlangte  und  für  die  Zölle  die  goldene  Mittelstraße
einhielt,  indem  schutzzöllnerische  Ubertreibungen  so  gut  wie  freihändlerische
  vermieden  wurden.

Für  diese  Reformen  war  Bismarck  nur  der  Konservativen
sicher,  die  Nationalliberalen  waren  gespalten.  Er  nahm  deshalb
seine  Bundesgenossen,  wo  er  sie  finden  konnte,  auch  im  Zentrum.
Dem  am  12.  Februar  1879  eröffneten  Reichstag  wurde  der  neue
Zolltarif  vorgelegt.  Am  2.  Mai  entwickelte  Bismarck  in  großer
bedeutsamer  Rede  seine  Ansichten,  daß  das  Bedürfnis  einer
Finanzreform  in  Deutschland  und  besonders  in  Preußen  seit
langem  bestanden  habe,  legte  den  zeitigen  Zustand  der  deutschen
Gesamtfinanzen  klar  und  verlangte  mäßigen  Schutz  der  einheimischen
  Arbeit.  Amerika,  Frankreich,  Rußland  und  Osterreich
strebten  dem  Schutzzoll  zu.  Deutschland  sei  durch  die  weitgeöffneten
  Tore  seiner  Einfuhr  die  Ablagerungsstätte  aller  Überproduktion
  des  Auslandes  geworden.  Das  drücke  die  Preise,  den
        <pb n="416" />
        Der  neue  Zolltarif  403

Ü

Entwicklungsgang  der  Industrie  und  die  Besserung  der  wirt—
schaftlichen  Verhältnisse.  Die  Türe  müsse  geschlossen,  eine  höhere
Barriore  errichtet  werden;  der  deutsche  Markt,  auf  welchem  die
deutsche  Gutmütigkeit  vom  Auslande  ausgebeutet  werde,  müsse
der  deutschen  Industrie  erhalten  bleiben.  Bismarck  schloß  dann
seine  tiefdurchdachte,  von  staatsmännischem  Geiste  getragene
Rede  mit  den  Worten:

„Nach  meinem  Gefühl  sind  wir,  seitdem  wir  unsere  Tarife
zu  tief  heruntergesetzt  haben  —  eine  Schuld,  von  der  ich
mich  nicht  eximiere  —  in  einem  Verblutungsprozeß  begriffen,
der  durch  die  verrufene  Milliardenzahlung  um  ein  paar
Jahre  aufgehalten  ist,  der  ohne  diese  Milliarden  aber  wahrscheinlich
  schon  vor  fünf  Jahren  so  weit  gekommen  wäre  wie
heute.  Angesichts  dieser  Sachlage,  wie  ich  sie  beurteile,  liegt
kein  Grund  vor,  persönliche  Empfindlichkeit  in  eine  Sache  einzumischen,
  die  wir,  wenn  wir  ehrlich  sein  wollen,  alle  nicht  beherrschen;
  so  wenig  wie  die  Frage  des  menschlichen  inneren
Körpers,  so  wenig,  behaupte  ich,  gibt  es  einen,  der  mit  unfehlbarer
  Gewißheit  sagen  könnte,  dies  ist  die  Folge  der  und  der
wirtschaftlichen  Maßregel.  Deshalb  möchte  ich  bitten,  jede  persönliche
  Empfindlichkeit  in  diesen  Fragen  aus  dem  Spiel  zu
lassen,  und  ebenso  die  politische  Seite;  die  Frage,  die  vorliegt,
ist  keine  politische,  sondern  eine  rein  wirtschaftliche.  Wir  wollen
sehen,  wie  wir  dem  deutschen  Körper  wieder  Blut,  wie  wir  ihm
die  Kraft  der  regelmäßigen  Zirkulation  des  Blutes  wieder  zuführen
  können,  aber  meine  dringende  Bitte  geht  dahin,  alle
Fragen  der  politischen  Parteien,  alle  Fragen  der  Fraktionstaktik
  von  dieser  allgemein  deutschen  reinen  Interessenfrage
fernzuhalten.  Und  wenn  wir  dem  deutschen  Volke  etwas  zu
geben  haben,  so  sage  ich:  bis  dat,  qui  cito  dat,  und  qui
non  cito  dat  (doppelt  gibt,  wer  schnell  gibt  und  wer  nicht
schnell  gibt),  der  schädigt  unsere  ganze  Volkswohlfahrt  in
hohem  Grade.  Ich  glaube,  daß  diese  ÜUberzeugung  die  Verhandlungen
  des  hohen  Hauses  beherrschen  sollte,  daß  das
deutsche  Volk  vor  allen  Dingen  Gewißheit  über  seine  wirtschaftliche
  Zukunft  verlangt,  und  daß  selbst  eine  schnelle  Ab-26°
        <pb n="417" />
        404  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

lehnung  dessen,  was  Sie  nicht  wollen,  immer,  auch  in  der
Meinung  der  Regierung,  noch  günstiger  ist,  als  ein  Hinziehen
der  Ungewißheit,  in  der  niemand  weiß,  wie  die  Zukunft  sich
gestalten  wird.“

Wiederholt  mußte  Bismarck  noch  vom  Mai  bis  Juli  in
die  Verhandlungen  eingreifen,  besonders  als  es  sich  um  die
Frage  handelte,  welche  konstitutionellen  Garantien  bei  Ein—
führung  der  erhöhten  Zölle  verlangt  werden  sollten.  Auch  diese
Schwierigkeit  wurde  gehoben,  indem  von  Franckenstein  im
Namen  des  Zentrums  beantragte,  daß,  wenn  der  Betrag  der
Zölle  in  einem  Jahre  die  Summe  von  130  Millionen  Mark
überschreite,  der  Überschuß  den  einzelnen  Bundesstaaten  nach
Maßgabe  der  Matrikularbeiträge  zu  überweisen  sei.  Da  von
nationalliberaler  Seite  kein  annehmbarer  Antrag  gestellt  wurde,
entschied  sich  Bismarck  am  9.  Juli  für  den  Zentrumsantrag.
Daß  ihm  diese  Stellung  nicht  leicht  geworden,  daß  er  lieber
mit  seinem  alten  Freunde  Bennigsen  gegangen  wäre,  verschwieg
er  nicht,  aber  er  betonte:  „Ich  habe  von  Anfang  meiner
Karriere  nur  den  einen  Leitstern  gehabt:  durch  welche  Mittel
und  auf  welchem  Wege  kann  ich  Deutschland  zu  einer  Einigung
bringen  und  wie  kann  ich  diese  Einigung  befestigen,  foͤrdern
und  so  gestalten,  daß  sie  aus  freiem  Willen  aller  Mitwirkenden
dauernd  erhalten  wird.“  Und  er  schloß  seine  Rede:  „Ich  für
meinen  Teil  werde  den  Weg,  den  ich  im  Interesse  des  Vaterlandes
  für  den  rechten  erkenne,  unbedingt  bis  ans  Ende  gehen,
unbeirrt  —  mag  ich  Haß  oder  Liebe  dafür  ernten  —  das  ist
mir  gleichgültig.“

Am  12.  Juli  wurde  der  Zolltarif  nebst  dem  Tarifgesetze
mit  217  gegen  1417  Stimmen  angenommen.  Etwa  ein  Dutzend
Nationalliberale  hatten  mit  den  Konservativen  und  einem
großen  Teile  des  Zentrums  für  die  Vorlage  gestimmt;  sie
mußten  deshalb  aus  der  Fraktion  austreten.  Die  Botschaft,
die  am  12.  Juli  den  Reichstag  schloß,  sprach  im  Geiste  Bismarcks
  die  Hoffnung  aus,  daß  die  Meinungsverschiedenheiten,
  die  in  der  Diskussion  zutage  getreten  seien,  keine
dauernden  sein,  sondern  daß  der  Reichstag  mit  vereinten
        <pb n="418" />
        Annahme  des  Zolltarifs.  „Franckensteinsche  Klausel“  405

Kräften  und  einigen  Sinnes  an  dem  gemeinsamen  Werke
weiter  arbeiten  werde.

Dieses  Werk  hatte  für  Bismarck  noch  eine  Lücke,  so  lange
das  Tabakmonopol  nicht  angenommen  war.  Aus  dessen  Erträgnissen
  hoffte  er  für  große  soziale  Zwecke  Geld  zu  gewinnen.


Schon  am  22.  Februar  1878  hatte  sich  Bismarck  zum
Monopol  bekannt.  Am  4.  Februar  sprach  er  das  Bekenntnis
deutlicher  aus,  daß  der  Tabak  noch  mehr  Geld  bringen  müsse;
es  möge  regieren,  wer  wolle;  selbst  wenn  Herr  Richter  oder
Herr  Rickert  Minister  würde,  würden  sie  den  Tabak  stärker
heranziehen,  wenn  auch  nicht  in  der  Form  des  Monopols.
Daß  er  nicht  nachlassen  werde,  gab  er  deutlich  zu  verstehen:
„Ich  bin  auf  recht  lange  parlamentarische  Kämpfe,  auf  längere,
als  mein  Leben  dauern  wird,  in  dieser  Frage  gefaßt,  aber
ich  werde  nicht  um  ein  Haar  breit  darin  schwanken,  und  wenn
ich  müde  bin,  werde  ich  ausruhen,  aber  in  keiner  Weise  um—
kehren,  und  ich  werde  auf  der  Bresche  sterben,  so  Gott  will,
vielleicht  auf  dieser  Stelle  dermaleinst,  wenn  ich  nicht  mehr
leben  kann.

„Ein  braves  Pferd  stirbt  in  den  Sielen.  Ich  habe  früher
die  Absicht,  zurückzutreten,  unumwunden  erklärt,  weil  ich  mich
körperlich  nicht  leistungsfähig  mehr  fühlte,  die  Sache  fortzusetzen,
  und  weil  ich  bei  meinen  Kollegen  nicht  überall  die
Unterstützung  fand,  deren  ich  bedurfte  —  ich  halte  es  für
nützlich  zu  konstatieren,  daß  ich  von  dieser  Anwandlung  ganz
zurückgekommen  bin,  es  fällt  mir  nicht  ein,  zurückzutreten.
J'y  suis,  j'y  reste!  Ich  gedenke  so  lange  im  Amte  zu
bleiben,  wie  Seine  Majestät  der  Kaiser  es  für  gut  findet.
Sein  Wille  ist  das  einzige,  was  mich  aus  dem  Sattel  heben
wird.  Es  hat  viel  zu  dieser  meiner  Uberzeugung  auszuhalten
  beigetragen,  daß  ich  gesehen  habe,  wer  sich  eigentlich
  freut,  wenn  ich  zurücktrete.  Nachdem  ich  die  Herren
schärfer  ins  Auge  gefaßt  habe,  die  meinen  Rücktritt  wollen,
da  habe  ich  mir  gesagt:  Ich  muß  dem  Vaterlande  doch  noch
etwas  nütze  sein,  wenn  ich  bleibe,  und  ich  habe  mich  ent-
        <pb n="419" />
        406  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

schlossen,  solange  noch  ein  Faden  an  mir  ist,  will  ich  dem
Vaterlande  dienen.“

Am  12.  und  14.  Juni  vertrat  er  das  Monopol,  von  dem  er
sich  einen  Jahresüberschuß  von  163  Millionen  Mark  versprach,
in  zwei  großen  Reden,  in  denen  er  auf  die  Zerfahrenheit  der
Parteien  schwermütig  hinwies  in  Worten,  die  für  alle  Zeit
ihren  Wert  behalten:  „In  dem  Fraktionswesen  liegt  eine  große
Schädigung  unserer  politischen  Leistungsfähigkeit.  Ich  glaube,
daß  unsere  politisch  begabten  Männer,  unsere  Staatsmänner
durch  die  Fraktion,  durch  das  Fraktionsleben  dem  Staatsleben
entzogen  und  entfremdet  werden.  Ich  habe  den  Eindruck,  daß
in  unserem  heutigen  politischen  Leben  überhaupt  der  Satz  gilt:
„Fraktion  geht  vor  Reich‘.  Ich  befinde  mich  in  meinen  Bemühungen,
  ich  möchte  sagen,  einem  Ring  von  Fraktionen  gegenüber,
  wo  ich  voraussehe,  daß  jeder  Schritt,  den  ich  nach  irgend
einer  Richtung  behufs  der  Reform  tue,  erfolglos  sein  wird,
weil  die  Fraktionen,  auf  deren  Zustimmung  es  ankommt,  entweder
  der  Regierung  überhaupt  keinen  Erfolg  gönnen,  oder
doch  nur  unter  gewissen  Bedingungen  mit  irgend  einem  „do
ut  des',  was  die  Regierung  in  dem  Maße  nicht  leisten  kann.
Wir  würden  die  Unterstützung  mancher  Fraktionen  vielleicht
haben,  wenn  wir  uns  in  ihren  Dienst  begeben,  wenn  wir  dem
Kaiser  zureden  wollten,  irgend  ein  Canossa  zu  machen  —  ich
meine  nicht  ein  klerikales,  ich  meine  ein  liberales  Canossa
Wenn  ich  nun  so  wenig  Hoffnung  habe  und  dennoch  ausharre,
  so  können  Sie  fragen:  Was  veranlaßt  denn  diesen
matten  Greis,  seine  Sisyphusarbeit  fortzusetzen,  wenn  er  selbst
die  Uberzeugung  hat,  er  kommt  zu  nichts?  Meine  Herren,
wir  haben,  in  Preußen  wenigstens,  eine  eigentümliche  militärische
  Tradition,  das  ist  die  des  Dienst=  und  Pflichtgefühls.
Nach  diesem  Gefühl  bin  ich,  wie  ich  es  von  Jugend  auf  in
Preußen  gelernt  habe,  solange  ich  das  Amt  trage,  verpflichtet,
dieses  Amtes  zu  warten,  und  ich  muß  meinen  Dienst  tun,  es
mag  mir  sauer  werden,  es  mag  mir  wider  den  Strich  sein.
Ich  lebte  viel  lieber  auf  dem  Lande,  als  unter  Ihnen,  so
liebenswürdig  Sie  auch  sind.  Wenn  ich  es  dennoch  tue,  so
        <pb n="420" />
        Tabakmonopol.  Fraktionsuuwesen  407

ist  es  nur  das  Gefühl  dessen,  was  man  mit  dem  rohen  Ausdruck
  „verdammte  Pflicht  und  Schuldigkeit“  benennt,  so  lange
ich  den  Titel  des  Kanzlers  trage.

„Ich  habe  das  Gefuͤhl  gehabt,  ich  wäre  berechtigt  gewesen
zu  gehen,  im  Jahre  1877.  Es  ist  mir  damals  die  Erlaubnis
dazu  versagt  worden,  und  es  kam  darüber  das  Jahr  1878.
Nachdem  ich  dort  meinen  Herrn  und  König  nach  dem  Nobiling—
schen  Attentate  in  seinem  Blute  habe  liegen  sehen,  da  habe
ich  den  Eindruck  gehabt,  daß  ich  dem  Herrn,  der  seinerseits
seiner  Stellung  und  Pflicht  vor  Gott  und  den  Menschen  Leib
und  Leben  dargebracht  und  geopfert  hat,  gegen  seinen  Willen
nicht  aus  dem  Dienste  gehen  kann.  Das  habe  ich  mir  stillschweigend
  gelobt,  und  das  ist  der  einzige  Grund,  warum  Sie
mich  überhaupt  hier  noch  sehen,  das  einzige  Fleisch  und  Blut
meines  alten  Herrn,  dem  ich  geschworen  habe,  dem  ich  anhänge
  und  den  ich  liebe.  Außer  diesem  Grunde  ist  es  ein
Anderes,  sehr  Natürliches,  daß  ich  mit  einer  gewissen  Sorge
der  Zukunft  der  Einrichtungen  entgegensehe,  deren  Herstellung
ich  dreißig  Jahre  meines  Lebens  und  meine  besten  Kräfte  ge—
widmet  habe.  Ich  kann  mich  mitunter  in  schlaflosen  Nächten
des  Gedankens  nicht  erwehren,  daß  vielleicht  unsere  Söhne
nachmals  wieder  um  den  wohlbekannten  runden  Tisch  des
Frankfurter  Bundestages  sitzen  könnten.“

Diese  Besorgnis  —  so  führte  er  weiter  aus  —  sei  in  ihm  hervorgerufen
  worden  durch  das  Fraktionsunwesen  im  Reichstag.
Im  Reichstag  habe  er  bei  der  Gründung  des  Reichs  den  Anker  der
Rettung  und  den  Kitt  für  Deutschlands  Einheit  gesehen,  dem  man
deshalb  möglichst  viel  Rechte  gewähren,  den  man  möglichst  stark
hinstellen  müsse.  Sein  Vertrauen  darauf,  daß  Deutschlands  Einheit
auch  in  Zukunft  gesichert  sei,  beruhe  heutzutage  viel  mehr  auf  den
Dynastien,  in  denen  er  früher  eine  Gefahr  der  Einheit  und  der
nationalen  Gedanken  gesehen  habe.  Diese  Dynastien  hielten  den
nationalen  Gedanken  hoch  und  ständen  Rücken  an  Rücken  gegen
alle  auswärtigen  Gefahren  und  hülfen  über  alle  Gefahren  und
Krisen  hinweg,  wenn  auch  der  Reichstag  vorübergehend  an  dem
Marasmus  der  Fraktionskrankheit  leiden  sollte.  Der  Schluß
        <pb n="421" />
        408  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

der  Rede  lautete:  „Meine  Herren,  ich  werde  nicht  oft  mehr
zu  Ihnen  sprechen  können,  ich  bin  matt,  ich  habe  keine  Lust
und  kein  Interesse,  aber  ich  möchte  nicht  von  der  Bühne  abtreten,
  ohne  Ihnen  dies  ans  Herz  zu  legen:  Seien  Sie  einig
und  lassen  Sie  den  nationalen  Gedanken  vor  Europa
leuchten;  er  ist  augenblicklich  in  der  Verfinsterung
begriffen.“"

Trotz  aller  Bemühungen  nahm  der  Reichstag  das  Tabakmonopol
  nicht  an,  auch  das  Branntweinmonopol  nicht,  aus  dem
Bismarck  300  Millionen  als  Erträgnis  erhoffte.  Es  waren  das
Enttäuschungen  für  ihn,  die  auch  uns  mit  einer  Art  von  Wehmut
  erfüllen  müssen.  Diese  Empfindung  wird  aber  überwogen
von  dem  Gefühl  der  Bewunderung,  wie  der  alternde  Kanzler
die  arbeitsvollen  Tage  und  die  schlaflosen  Nächte  von  dem  einen
Gedanken  erfüllt  ist,  das  Haus,  das  er  errichtet,  so  zu  bestellen,
  daß  es  sturmfest  werde  und  daß  in  ihm  eine  an  Erfolgen
  reiche  Arbeit  sich  vollziehe.

Und  an  Erfolgen  sollte  es  Bismarck  bei  seinen  letzten  Mühen
doch  auch  nicht  fehlen.

Die  Einheit  des  Reiches  hatte  noch  einen  bedenklichen
Schönheitsfehler.  Es  gab  noch  Staaten,  welche  außerhalb  des
deutschen  Zollvereines  standen.  Es  waren  das  Hamburg  und
Bremen.  Die  Reichsverfassung  von  1871  hatte  diesen  Staaten
noch  eine  Sonderstellung  gelassen;  sie  sollten  als  Freihäfen
außerhalb  der  Zollgrenze  bleiben,  bis  sie  ihren  Einschluß  selbst
beantragten.  Bismarck  erinnerte  sie  daran,  daß  diese  Sonderstellung
  nicht  ewig  dauern  könne  und  forderte  sie  1880  zum
Anschluß  auf.  Anfangs  rief  das  hellen  Widerspruch  wach,
aber  Bismarck  hatte  alle  Reichsgenossen  für  sich,  die  wie  er
erzürnt  darüber  waren,  daß  hier  partikulare  Eigenstellung  den
nationalen  Rechten  und  Pflichten  nicht  gebührend  Rechnung
trug;  er  drohte  sogar  ganz  sanft,  daß  er  die  Elbschiffahrtsverträge
  von  18214,  auf  Grund  deren  jedes  Entgegenkommen
ausgeschlossen  sei,  in  ihre  Rechte  treten  lassen  könne.  Der
Bundesrat,  die  deutsche  Industrie  und  die  nationale  Stimmung
stellten  sich  auf  Bismarcks  Seite;  er  selbst  zeigte  großes  Entgegen-
        <pb n="422" />
        Zollanschluß  der  Hansastädte  aus  Reich  409

kommen  und  Ruhe.  Und  wenn  auch  der  Abgeordnete  Richter
im  Reichstag  höhnend  bemerkte,  in  dieser  Sache  habe  man
von  der  sonst  so  viel  gerühmten  diplomatischen  Geschicklichkeit
des  Kanzlers  nichts  bemerkt,  so  brachte  diese  doch  am  25.  Mai
1881  den  Zollanschlußvertrag  mit  Hamburg  zuwege.  Das  Reich
zahlte  zu  den  Anschlußkosten  40  Millionen  Mark.  1888  trat
der  Anschluß  in  Wirksamkeit.  Bremen  folgte  dem  Beispiel
Hamburgs.  Der  Abgeordnete  Mosle  von  Bremen  hatte  schon
am  25.  Mai  1881  richtig  prophezeit:  „Die  Hansestädte  werden,
nachdem  sie  in  das  Zollgebiet  eingeschlossen  sind,  nach  wenigen
Jahren  gar  nicht  mehr  wissen,  weshalb  sie  so  lange  draußen
geblieben  sind,  weshalb  sie  nicht  schon  früher  den  Antrag  gestellt
  haben,  in  die  Zollgemeinschaft  aufgenommen  zu  werden.“

Wie  Bismarck  auch  bei  dieser  so  selbstverständlichen  Frage
mit  dem  Parteigeist  des  Parlaments  zu  kämpfen  hatte  in  langen
aufreibenden,  aber  erfolgreichen  Reden,  bildet  wiederum  ein
Ruhmesblatt  —  nicht  etwa  in  der  Geschichte  des  Reichstages,
wohl  aber  in  der  Geschichte  Bismarckschen  Wirkens.

Wenige  Jahre  später  —  es  war  im  ereignisvollen  Jahre
1884  —  trat  Bismarck  auch  zugunsten  des  Eintritts  Deutschlands
  in  die  Reihe  der  kolonialen  Mächte  kräftig  ein.  Er
war  nicht  von  vornherein  ein  Förderer  solcher  Bestrebungen;
wie  es  seine  Art  war,  ging  er  an  große  Probleme  mit  staatsmännischer
  Vorsicht  heran  und  griff  erst  dann  zu,  wenn  sich  ihm
Wirklichkeitswerte  greifbar  darboten.  Während  all  der  Jahre
nach  dem  Kriege  von  1870  erforderten  die  Aufgaben,  welche  die
Sicherstellung  des  jungen  Reiches  und  die  große  europäische
Politik  an  ihn  stellten,  seine  gespannteste  Aufmerksamkeit  und
Tätigkeit.  In  weitliegende  Unternehmungen  zur  See  konnte
er  sich  bei  Deutschlands  damals  noch  kleiner  Flotte  nicht  einlassen.
  Daß  die  nationale  Handelspolitik  vorläufig  noch  in
anderen  Bahnen  Früchte  ernten  konnte,  daß  ein  paar  tropische
Gebiete  zunächst  wenig  nützen  würden  und  der  deutsche  Kaufmann
  und  Fabrikant  sich  vor  allem  sein  sicheres  Absatzgebiet
in  englischen  Gebieten  und  fremden  Ländern  anderer  Nationen
zu  festigen  und  zu  erweitern  habe,  das  stand  für  ihn  fest.
        <pb n="423" />
        410  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

Anders  wurde  die  Sache,  als  es  sich  um  greifbare  Anfänge  deutschkolonialer
  Art,  um  reale  Interessen  und  um  deutsche  Männer
handelte,  die  den  Wagemut  besaßen,  koloniale  Bestrebungen
zu  verwirklichen.  So  stand  im  Jahre  1880  das  Hamburger
Haus  Godeffroy  vor  der  Gefahr,  daß  namhafte  Handels—
begünstigungen,  die  es  von  der  samoanischen  Regierung  erhalten
hatte,  und  die  Engländer  und  Amerikaner  zurückzudrängen
geeignet  waren,  verloren  gingen,  wenn  nicht  die  heimische  Re—
gierung  helfend  eingriff.  Das  Hamburger  Haus  begründete
unter  Bismarcks  Einwirkung  eine  deutsche  Handelsgesellschaft;
die  Reichsregierung  stellte  den  Antrag,  für  diese  Gesellschaft,
die  auf  den  Samoas-Inseln  arbeiten  sollte,  eine  jährliche  Zinsbürgschaft
  von  300000  Mark  zu  bewilligen.  Bismarck  befürwortete
  den  Antrag;  dieser  wurde  mit  128  gegen  112  Stimmen
abgelehnt.  Er  war  tief  verstimmt.  Vestigia  terrent;  solche
Erfahrung,  meinte  er  mit  Recht,  müsse  abschreckend  wirken.
Er  hielt  sich  zurück,  um  bei  gegebener  Gelegenheit  um  so  kräftiger
  einzusetzen.  Diese  sollte  bald  kommen.

Anfang  Dezember  1883  erwarb  der  Hamburger  Kaufmann
  Lüderitz  an  der  Bucht  Angra  Pequena  in  Südwestafrika
  von  den  Eingeborenen  ein  größeres  Gebiet  und  bat  um
den  Schutz  des  Deutschen  Reiches.  Bismarck  gewährte  ihm
diesen  am  24.  April  1884.  Das  nationale  Kraftgefühl,  das
sich  hier  zeigte,  entsprach  seinem  innersten  Wesen,  und  er  wußte
dieses  zu  entfalten,  ohne  sich  von  dem  Übelwollen  der  Eng—
länder  beirren  zu  lassen.  Im  Juni  schickte  er  seinen  Sohn
Herbert,  der  damals  Hilfsarbeiter  im  Auswärtigen  Amte  war,
nach  London,  um  die  Anerkennung  Englands  zu  erlangen.
England  machte  Schwierigkeiten;  es  knüpfte  die  Bedingung
daran,  daß  Deutschland  nach  Osten  seinen  Machtbereich  nicht
bis  zu  den  Burenstaaten  ausdehnen  solle.  Bismarck  wies  diese
Anmaßung  zurück  mit  dem  Grundsatze,  daß  niemandem  ein
Verfügungsrecht  über  freies  Gebiet  zustände;  Deutschland  lasse
sich  in  solchen  Gebieten  keinerlei  Grenzen  ziehen.  England
mußte  in  diesem  Falle  nachgeben,  gab  aber  trotzdem  seine
Quertreibereien  nicht  auf.  Dagegen  setzte  Bismarck  seine  Macht-
        <pb n="424" />
        Bismarcks  Kolonialpolitik  411

mittel  kluger  Politik  ein,  die  mehr  wert  waren,  als  eine
Flotte,  die  Deutschland  damals  nicht  zur  Verfuͤgung  hatte.
England  war  soeben  in  Ägypten  eingezogen;  dort  stieß  es  wie
anderswo  mit  Frankreich,  in  Asien  mit  Rußland  zusammen.
Bismarck  ließ  es  durchblicken,  daß  er  „vielleicht  genötigt  sein
werde,  diejenigen,  die  Gegner  von  England  seien,  zu  unterstützen
  und  irgendein  do  ut  des  herzustellen“.  Und  als  trotzdem
  England  noch  Schwierigkeiten  machte,  wies  Bismarck  in
der  Reichstagssitzung  vom  2.  März  1885  auf  die  Achillesferse
Englands  in  Agypten  hin  und  auf  die  Spannung,  in  die
England  mit  mehreren  europäischen  Mächten,  besonders  mit
Frankreich  geraten  würde,  wenn  es  etwa  eine  direkte  Annexion
Agyptens  vornehmen  sollte.  In  der  Norddeutschen  Allgemeinen
Zeitung  aber  ließ  er  eine  wirksame  Betrachtung  anstellen  über
das  „allen  diplomatischen  Traditionen  widersprechende“  Verhalten
  der  Londoner  Regierung.  So  hielt  Bismarck  England
klug  und  stramm  am  Zügel  gerade  in  den  Jahren,  wo  seine
Kolonialpolitik  sich  ruhig,  aber  sicher  entfaltete.

In  demselben  Jahre  wurden  die  Küsten  von  Togo  und
Kamerun  in  Westafrika  einfach  durch  Flaggenhissen  unter
deutschen  Schutz  gestellt;  auch  Deutsch-Ostafrika  erworben.
Dasselbe  geschah  fast  gleichzeitig  im  Stillen  Ozean  mit  RNeu-Guinea,
  dem  Bismarckarchipel,  den  Marschall=  und  einigen
der  nördlichen  Salomoninseln.  So  war  Deutschland  unter  der
ruhigen  und  sicheren  Führung  Bismarcks  in  die  Reihe  der
Kolonialmächte  eingetreten.

Da  die  Rechtmäßigkeit  der  deutschen  Erwerbungen  mehrfach
  von  England  angezweifelt  wurde  und  auch  Frankreich
am  Kongo  unter  diesen  Zweifeln  litt,  so  lud  Bismarck,  mit
Frankreich  vereinigt,  die  beteiligten  Mächte  zu  einer  Kongokonferenz
  (Oktober  1884)  nach  Berlin  ein,  wo  die  volle  Handelsfreiheit
  im  Stromgebiet  des  Kongo,  vor  allem  aber  die
Normen  festgelegt  wurden,  welche  fortan  für  die  Besiedelung
Afrikas  gelten  sollten,  und  damit  auch  die  Grenzen,  die  man
Englands  Allerweltspolitik  gegenüber  ein  für  allemal  entgegenstellte.
        <pb n="425" />
        412  15.  Bismarcks  Sorgen  um  soziale  und  wirtschaftliche  Fragen

In  diesem  Jahre  —  März  1885  —  setzte  Bismarck,  nachdem
  er  im  Jahre  1884  auch  hier  eine  Ablehnung  hatte  ertragen
  müssen,  im  Reichstag  die  Gewährung  einer  Unterstützung
durch,  welche  dem  Norddeutschen  Lloyd  für  die  Errichtung  von
Postdampferlinien  nach  Ostassen  und  Australien  vom  Reich
gewährt  werden  sollten.

Um  die  Machtentwicklung  auf  kolonialem  Gebiete  hat
Bismarck  also  kämpfen  müssen  in  ernster  Arbeit  nach  außen,
um  jede  Gefahr  von  dieser  Entwicklung  fern  zu  halten;  noch
mehr  aber  stand  er  mit  den  inneren  Gegnern  im  Kampfe,  die
ihm  immer  wieder  Hindernisse  bereiteten  und  gegen  die  er  in
langen  Reden  ein  Werk  verteidigte,  dessen  Wert  uns  heute  so
selbstverständlich  erscheint,  daß  wir  nur  mit  Staunen  oder
Mitleid  Bismarcks  Gegner  anzuhören  vermögen.  Alle  die
Reden  hier  auch  nur  zu  charakterisieren,  die  Bismarck  geradezu
wie  Perlen  den  oppositionellen  Parlamentariern  vorwerfen
mußte,  ist  unmöglich.  Gegen  den  Schluß  der  großen  Kolonialdebatten
  hat  er  aber  ein  Wort  gesprochen,  das  als  eine  rückblickende
  Mahnung  besonderer  Wertung  bedarf,  aus  dem  zugleich
  wehmütig  und  doch  versöhnend  der  Ton  vom  kolonialen
deutschen  Völkerfrühlung  widerklingt:  „Ich  kann  es  doch  nur  für
einen  Irrtum  in  der  Schätzung  halten,  wenn  England  uns  unsere
bescheidenen  Kolonialversuche  mißgönnt.  Wenn  man  auch  geneigt
  ist,  auf  die  Stimmung  jedes  einzelnen  Kolonialreeders
und  Kaufmanns  englischer  Nation  Rücksicht  zu  nehmen,  so
kann  ich  doch  nicht  glauben,  daß  man  die  Art,  unserer  Kolonialpolitik
  entgegenzuwirken,  wie  sie  sich  in  Kamerun  sowohl
wie  in  Australien,  in  Neuguinea,  in  Fidji  und  an  anderen
Orten  gezeigt  hat  —  beibehalten  werde,  ohne  Rücksicht  auf
die  Stimmung  zu  nehmen,  in  welche  die  deutsche  Nation  dadurch
  versetzt  wird.  Bei  den  fremden  Nationen  machen  die
Vorgänge  in  Deutschland  ja  sehr  leicht  den  Eindruck,  daß  bei
uns  zwar  unter  Umständen,  wie  1870,  wie  1813,  die  geharnischten
  Männer  aus  der  Erde  wachsen  wie  aus  der  Saat
der  Drachenzähne  in  der  griechischen  Mythe  in  Kolchis,  aber,
daß  sich  dann  auch  stets  irgendein  Zaubersteinchen  der  Medea
        <pb n="426" />
        Bismarcks  Kolonialpolitik  413

findet,  welches  man  zwischen  sie  werfen  kann,  worauf  sie  übereinander
  herfallen  und  sich  so  raufen,  daß  der  fremde  Jason
ganz  ruhig  dabeistehen  kann  und  zusehen,  wie  die  deutschen
gewappneten  Recken  sich  untereinander  bekämpfen.  Es  liegt
eine  eigentümliche  prophetische  Voraussicht  in  unserem  alten
nationalen  Mythus,  daß  sich,  so  oft  es  den  Deutschen  gut
geht,  wenn  ein  deutscher  Völkerfrühling  wieder,  wie  der  verstorbene
  Kollege  Völk  sich  ausdrückte,  anbricht,  daß  dann  auch
stets  der  Loki  nicht  fehlt,  der  seinen  Hödur  findet,  einen  blöden,
dämlichen  Menschen,  den  er  mit  Geschick  veranlaßt,  den  deutschen
  Völkerfrühling  zu  erschlagen  oder  niederzustimmen.“
        <pb n="427" />
        16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

##n  einem  Zeitraum  von  sieben  Jahren  hatte  Bismarck  durch
#  drei  kurze  Kriege  eingelöst,  was  Jahrhunderte  geschichtlicher
  Entwicklung  dem  deutschen  Volke  schuldig  geblieben  waren:
Preußen  war  in  diesen  Kriegen  an  Land  und  Einfluß  gewachsen,
  dem  deutschen  Volke  war  ein  mächtiges  Vaterland
geschaffen,  um  Jahrhunderte  war  es  in  seiner  politischen  Entwicklung
  vorwärts  gerückt,  ein  wirtschaftlicher  Aufschwung  war
ihm  für  die  Zukunft  gewiß.  Nun  galt  es  die  Worte  der  Kaiserproklamation
  von  Versailles  zu  verwirklichen,  daß  der  neue
Kaiser  und  seine  Nachfolger  unter  Gottes  Schutze  allezeit
Mehrer  des  Deutschen  Reiches  seien,  nicht  an  kriegerischen  Eroberungen,
  sondern  an  den  Gütern  und  Gaben  des  Friedens
auf  dem  Gebiete  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gestttung.

Schon  im  September  1870  war  Bismarck  von  der  Sorge
um  den  künftigen  Frieden  erfüllt,  als  Thiers  seine  Rundreise
antrat,  um  Europa  gegen  das  neue  Deutschland  aufzubringen.
Schon  damals  sondierte  er  von  Meaux  aus  in  Wien  und
Petersburg,  um  einen  Bund  der  drei  Kaiser  zustande  zu  bringen,
mit  dem  Hintergedanken,  auch  Italien  zum  Beitritt  zu  bewegen
und  damit  dem  monarchischen  Prinzipe  in  Italien  eine  feste
Anlehnung  an  diesen  Bund  zu  gewähren.

Im  Dezember  1870  ließ  Bismarck  durch  den  preußischen
Gesandten  in  Wien  von  Schweinitz  den  österreichischen  Kanzler
Grafen  Beust  wissen,  daß  Deutschland  bereit  sei,  in  ein  aufrichtiges
  Freundschaftsverhältnis  zu  Osterreich  zu  treten.  Eine
entgegenkommende  Antwort  erfolgte.  Fester  wurde  das  Verhältnis,
als  im  November  1871  Graf  Andrassy  Beusts  Nachfolger  wurde,
der  zu  Bismarck  in  innigem  Einvernehmen  und  persönlicher
Freundschaft  stand,  während  Beust  noch  beim  Ausbruch  des
französischen  Krieges  nicht  ganz  abgeneigt  gewesen  war,  Deutschland
  mit  Italien  gemeinsam  in  den  Rücken  zu  fallen.  Mit
        <pb n="428" />
        Das  Dreikaiserbündnis  415

Rußland,  dem  alten  Freunde  Preußens,  wurden  ebenfalls  zur
Anbahnung  des  Dreikaiserverhältnisses  Verhandlungen  an—
geknüpft,  und  wenn  auch  Rußlands  und  Osterreichs  Interessen
auf  dem  Balkan  auseinanderliefen,  sie  ließen  sich  ebenso  wie
die  panslavistischen  Gefahren  vielleicht  eher  durch  Freundschaft
dieser  Mächte  ausgleichen,  als  durch  Gegnerschaft.  Was  1871
angebahnt  war,  erhielt  in  der  Dreikaiserzusammenkunft  im
September  1872  feierlichen  Ausdruck  und  Bestätigung;  es  wurde
ein  Bündnis  geschlossen,  das  nicht  auf  geschriebenen  Vereinbarungen
  beruhte  und  bei  dem  keiner  der  drei  Kaiser  ver—
pflichtet  war,  sich  von  den  anderen  zwei  Kaisern  überstimmen
zu  lassen.  Es  beruhte  auf  den  persönlichen  Sympathien  zwischen
den  drei  Monarchen,  auf  dem  persönlichen  Vertrauen,  welches
diese  hohen  Herren  zueinander  hatten  und  auf  dem  durch  langjährige
  Beziehungen  gefestigten  guten  Verhältnis  der  drei  Minister
  Gortschakow,  Andrassy  und  Bismarck.

Dieses  vertrauensvolle  Verhältnis  wurde  gestört  durch  die
Ereignisse  des  Jahres  1875.  In  Frankreich  war  eine  klerikalisierende
  Richtung  am  Ruder,  die  offenbar  auf  den  Revanchekrieg
hinauswollte.  Am  7.  März  1875  kam  ein  Gesetz  zustande,  welches
das  Heer  durch  vierte  Bataillone  um  144000  Mann  vermehrte;
Moltke  sah  darin  die  Absicht  Frankreichs,  die  Überlegenheit
über  die  deutsche  Armee  zu  erlangen  und  in  einem  Kriege
diese  geltend  zu  machen.  Ein  Artikel  der  Berliner  „Post“:
„Ist  der  Krieg  in  Sicht?“  beleuchtete  die  ganze  Situation;  in
Frankreich  war  man  beleidigt,  tat  unschuldig  und  schob  die
Schuld  Deutschland  zu.  Der  Minister  des  Auswärtigen,  Herzog
von  Decazes,  richtete  durch  den  Petersburger  Botschafter  an
den  Zaren  Alexander  II.  die  Aufforderung,  daß  er  die  Ungerechtigkeit
  eines  deutschen  Angriffs  nicht  dulden  und  die
Schuldlosen  mit  seinem  Degen  decken  möchte,  die  sich  auf  seine
Hilfe  verlassen  hätten.

Am  10.  Mai  kam  Kaiser  Alexander  nach  Berlin,  machte
sofort  einen  Besuch  bei  Bismarck  und  stellte  fest,  daß  man  in
Berlin  keinen  Krieg  beabsichtige  und  daß  man  sich  nur  dann
mit  Frankreich  messen  würde,  wenn  der  Krieg  Deutschland  auf-
        <pb n="429" />
        416  16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kauzlers

gedrängt  werde.  Wir  wissen  es  von  Bismarck  selber,  daß  er
stets  ein  Feind  von  Präventivkriegen  gewesen  ist,  von  vorbeugenden
  Angriffskriegen,  die  man  nur  deshalb  führe,  um  einem
Kriege  mit  einem  später  besser  gerüsteten  Feinde  vorzugreifen.
Es  war  für  ihn  wahrscheinlich,  daß  ein  Krieg  im  Jahr  1875
siegreich  gewesen  wäre,  aber  unwahrscheinlich,  daß  die  übrigen
Mächte  neutral  geblieben  wären.  Die  scheinbare  Gehässigkeit
eines  Angriffs  auf  Frankreich,  um  dieses  nicht  wieder  zu  Atem
kommen  zu  lassen,  hätte  England  einen  willkommenen  Vorwand
für  seine  Humanitätsphrasen,  Rußland  aber  eine  Gelegenheit
geboten,  den  UÜbergang  aus  der  Politik  der  persönlichen  Freundschaft
  der  beiden  Kaiser  zu  der  des  kühlen  russischen  Staatsinteresses
  zu  vollziehen.  Bismarck  empfand  es  schon  im  Jahre
1875,  daß  es  Rußland  erst  allmählich  zum  Bewußtsein  gekommen
war,  wie  stark  und  konsolidiert  Deutschland  durch  den  Krieg
von  1870  geworden  war.  Er  bemerkte,  daß  an  der  Rewa  bereits
Zweifel  darüber  herrschten,  ob  es  richtig  gewesen  sei,  die  Dinge
so  weit  kommen  zu  lassen,  ohne  in  die  Entwicklung  einzugreifen.
Nur  die  aufrichtige  Freundschaft  Alexanders  II.  für  seinen
Oheim,  den  Kaiser  Wilhelm,  milderte  das  Unbehagen,  das  man
in  amtlichen  russischen  Kreisen,  das  insonderheit  Gortschakow
empfand,  der  am  12.  Mai  eine  Unterredung  mit  Bismarck  hatte.
Wiewohl  Bismarck  auch  diesem,  ebenso  wie  dem  Kaiser  Alerander,
  klargemacht  haben  wird,  wie  wenig  kriegerisch  gesinnt
und  angriffsbegierig  man  in  Berlin  sei,  erließ  Gortschakow  ein
Rundschreiben,  das  mit  den  Worten  anfing:  „Maintenant  —
also  unter  russischem  Druck  —  la  paix  est  assurée.“  Er  spielte
sich  damit  als  Retter  des  bedrohten  Frankreich  auf  und  als
schützender  Freund  der  gefährdeten  großen  Nation.  Bismarck
hat  dieses  Vorgehen  Gortschakows  im  Jahre  1888  in  seiner
großen  Rede  vom  6.  Februar  also  gekennzeichnet:  „Im  Jahre
1875  trat  zuerst  eine  Neigung  meines  russischen  Kollegen,  des
Fürsten  Gortschakow,  zutage,  sich  mehr  um  Popularität  in
Frankreich  als  bei  uns  zu  bemühen  und  gewisse  künstlich  herbeigeführte
  Konstellationen  dazu  zu  benutzen,  um  der  Welt  durch
ein  hinzugefügtes  Telegramm  glauben  zu  machen,  als  hätten
        <pb n="430" />
        Verstimmungen  zwischen  Berlin  und  Petersburg  417

wir  1875  irgendeinen  entfernten  Gedanken  daran  gehabt,  Frankreich
  zu  überfallen,  und  als  wäre  es  das  Verdienst  des  Fürsten
Gortschakow,  Frankreich  aus  dieser  Gefahr  errettet  zu  haben.
Das  war  das  erste  Befremden,  welches  zwischen  uns  auftrat,
und  welches  mich  zu  einer  lebhaften  Aussprache  mit  meinem
früheren  Freunde  und  späteren  Kollegen  veranlaßte."“

Zunächst  kam  es  aber  nicht  zu  größeren  Verstimmungen,
da  die  orientalische  Krisss  sich  mehr  und  mehr  zuspitzte.
Mitte  Juli  1875  brach  in  der  Herzegowina  ein  Aufstand
gegen  die  türkische  Herrschaft  aus,  der  sich  schnell  über  Montenegro
  und  Bosnien  ausbreitete  und  im  folgenden  Jahr  auch
Serbien  und  Bulgarien  zu  den  Waffen  rief.  Dem  konnten
Österreich,  Rußland  und  auch  England  nicht  ruhig  zusehen.
Zwischen  Österreich  und  Rußland  kam  es  während  dieser  Verhandlungen
  zu  ernsten  Spannungen.  Rußland  fragte  im  Jahre
1876  an,  ob  Deutschland  neutral  bleiben  werde  im  Falle  eines
Krieges.  Bismarcks  Antwort  ging  dahin,  daß  Deutschland
daran  liege,  sich  die  Freundschaft  der  beiden  Staaten  zu  erhalten,
  aber  auch  daran,  daß  im  Falle  eines  Krieges  keiner
von  beiden  so  geschwächt  werde,  daß  seine  Unabhängigkeit
und  Gleichwertigkeit  unter  den  Großmächten  verschwindend
gering  werde.  Darin  lag  eine  Mahnung  für  Rußland,  es
nicht  allzuweit  mit  Osterreich  zu  treiben.  Es  kam  deshalb  in
Reichstadt  zu  einem  Vertrage  zwischen  diesen  beiden  Staaten,
in  welchem  Osterreich  gegen  das  Versprechen  der  Neutralität
im  Kriege  die  Anwartschaft  auf  Bosnien  und  die  Herzegowina
zugesichert  wurde.

Bismarck  hat  sich  in  dieser  Zeit  im  Reichstag  wiederholt  zur
orientalischen  Frage  ausgesprochen,  am  eingehendsten  am  5.  Dezember
  1876.  Er  wandte  sich  damals  gegen  die  Behauptungen
parlamentarischer  Gegner,  daß  Rußland  von  Deutschland  große
Gefälligkeiten  und  Dienste  fordere.  Bismarck  betonte,  Rußland  verlange
  nichts  weiter  als  Deutschlands  Neutralität  im  Kriege.  Diese
liege  vollständig  im  deutschen  Interesse.  Wer  die  Reichsregierung
mit  Rußland  zu  „brouillieren“  hoffe,  irre  sich.  Den  Herren,  die
mit  dem  Abgeordneten  Richter,  der  interpelliert  hatte,  eines  Sinnes

A.  Matthias,  Blsmarck  27
        <pb n="431" />
        418  46.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

waren,  rief  er  zu:  „Bemühen  Sie  sich  darin,  wie  Sie  wollen,
ich  gebe  Ihnen  die  positive  Versicherung,  so  lange  wir  auf
diesem  Flecke  stehen,  wird  es  Ihnen  nie  gelingen,  unser  gutes
und  solides  Verhältnis  zu  Rußland  irgendwie  zu  alterieren  und
in  die  erprobte  hundertjährige  Freundschaft,  die  zwischen  beiden
Regierungen  besteht,  einen  Riß  zu  machen.  Dazu  gehören  stärkere
Leute  wie  Sie,  dazu  gehört  die  kaiserlich  russische  Regierung
selbst,  die  allein  wäre  imstande,  und  die  hat  ebensowenig  die
Absicht.“  Bismarck  sprach  an  diesem  Tage  auch  das  Wort,  das
seitdem  Umlaufswert  erhalten  hat:  „Ich  werde  zu  irgendwelcher
aktiven  Beteiligung  Deutschlands  an  diesen  Dingen  nicht  raten,
so  lange  ich  in  dem  Ganzen  für  Deutschland  kein  Interesse  sehe,
welches  auch  nur  —  entschuldigen  Sie  die  Derbheit  des  Ausdrucks
  —  die  gesunden  Knochen  eines  einzigen  pommerschen
Musketiers  wert  wäre.  Ich  habe  ausdrücken  wollen,  daß  wir
mit  dem  Blute  unserer  Landsleute  und  unserer  Soldaten  sparsamer
  sein  müßten,  als  es  für  eine  willkürliche  Politik  einzusetzen,
  zu  der  uns  kein  Interesse  zwingt.“

So  gelang  es,  den  Krieg,  der  1877  ausbrach,  zu  lokalisieren.
Bis  zum  31.  Januar  1878  waren  die  Türken  so  geschwächt,  daß
sie  in  Adrianopel  einen  Waffenstillstand  abschlossen.  Bismarck
hatte  Gelegenheit,  Deutschlands  Stellung  zu  kennzeichnen,  als
Bennigsen  über  diese  im  Reichstage  am  19.  Februar  Aufschluß
erbat.  Er  tat  das  in  längerer  Rede,  deren  Ertrag  er  in  seiner
Art  knapp  dahin  zusammenfaßte:  „Die  Vermittelung  des  Friedens
denke  ich  mir  nicht  so,  daß  wir  nun  bei  divergierenden  Ansichten
den  Schiedsrichter  spielen  und  sagen:  so  soll  es  sein,  und  dahinter
  steht  die  Macht  des  Deutschen  Reiches;  sondern  ich  denke
sie  mir  bescheidener,  ja  mehr  die  eines  ehrlichen  Maklers,  der
das  Geschäft  wirklich  zustande  bringen  will.  .  .  Ich  weiß,  daß
ich  sehr  viele  Erwartungen  täusche,  die  sich  an  die  heutigen
Eröffnungen  anknüpfen;  aber  ich  bin  nicht  der  Meinung,  daß
wir  den  Napoleonischen  Weg  zu  gehen  hätten,  um,  wenn  nicht
der  Schiedsrichter,  auch  nur  der  Schulmeister  in  Europa  sein
zu  wollen.  .  .  .  Wir  werden  niemals  die  Verantwortung  übernehmen,
  eine  sichere,  seit  Menschenaltern  erprobte  Freundschaft
        <pb n="432" />
        Bis  marck  als  ehrlicher  Makler  des  Friedens  419

einer  großen,  mächtigen  Nachbarnation  dem  Kitzel,  eine  Rolle
in  Europa  zu  spielen,  aufzuopfern.“

Anfang  März  stellte  Rußland  den  Wunsch  an  ihn,  zur
definitiven  Beilegung  des  Krieges  einen  Kongreß  der  Großmächte
  nach  Berlin  einzuberufen.  Als  diese  Aufforderung  an
Bismarck  kam,  war  er  schwer  krank  in  Friedrichsruh.  Er  hatte
zunächst  wenig  RNeigung,  weil  er  eben  körperlich  sich  nicht  in
der  entsprechenden  Verfassung  fühlte,  dann  aber  auch,  weil  er
nicht  gern  die  Reichsregierung  so  weit  in  die  Sache  verwickeln
wollte,  wie  es  die  Rolle  des  Präsidierens  eines  Kongresses
notwendig  mit  sich  bringt.  Wenn  er  schließlich  dennoch  nachgab,
  so  veranlaßte  ihn  dazu  das  Bewußtsein,  mit  der  Annahme
dieser  Mission  ein  Interesse  des  Friedens  zu  erfüllen,  aber  auch
das  dankbare  Andenken,  das  er  sich  an  die  Gnade  des  Kaisers
Alexanders  II.  immer  bewahrt  hatte.  So  trat  der  Kongreß  am
13.  Juni  in  Berlin  zusammen.  Hier  hat  nun  Bismarck,  wie  er
selbst  an  dem  denkwürdigen  6.  Februar  1888  sich  geäußert  hat,
seine  Rolle,  ohne  des  Landes  und  der  Freunde  Interessen  zu
verletzen,  so  aufgefaßt,  als  ob  er  russischer  Bevollmächtigter
gewesen  wäre.  Während  der  ganzen  Kongreßverhandlungen  ist
kein  einziger  russischer  Wunsch  zu  seiner  Kenntnis  gekommen,
den  er  nicht  befürwortet  und  durchgesetzt  hätte,  besonders
durch  seine  Einwirkung  auf  Lord  Beaconsfield,  den  er  in
kritischen  Momenten  auf  dem  Krankenlager  sogar  nachts  aufsuchte.
  Nachdem  der  Kongreß  zu  Ende  war,  dachte  er:  „Nun,
den  höchsten  russischen  Orden  in  Brillanten  besitze  ich  schon,
sonst  müßte  ich  den  jetzt  bekommen.“  Er  hatte  das  Gefühl,
ein  Verdienst  für  ein  fremde  Macht  sich  erworben  zu  haben,
wie  es  selten  einem  fremden  Minister  vergönnt  gewesen  war.
Die  Empfindungen  Bismarcks  teilte  in  Osterreich,  Frankreich
und  England  die  ganze  politische  Welt,  die  ihm  dankbar  war
für  seine  Unparteilichkeit  und  sein  unermüdliches  Geschick;  auch
das  amtliche  Rußland  schloß  sich  dem  Danke  an;  aber  das
Wort  Bismarcks,  daß  nur  die  russische  Regierung  selbst  imstande
  wäre,  in  die  erprobte  hundertjährige  Freundschaft  zwischen
  der  preußischen  und  russischen  Regierung  einen  Riß  zu

27°
        <pb n="433" />
        420  16.  Die  auswaͤrtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

machen,  schien  in  Erfüllung  gehen  zu  sollen.  Zu  seiner  Überraschung
  und  Enttäuschung  setzte  in  Petersburg  eine  Art  von
Preßkampagne  ein,  durch  welche  die  deutsche  Politik  angegriffen,
Bismarck  selbst  in  seinen  Absichten  verdächtigt  wurde.  Diese
Angriffe  steigerten  sich  beständig;  sogar  zu  Forderungen,  daß
die  deutsche  Regierung  einen  Druck  auf  Österreich  ausüben
solle  in  Sachen,  wo  österreichisches  Recht  nicht  ohne  weiteres
angegriffen  werden  durfte.  Bismarck  konnte  dazu  die  Hand
nicht  bieten,  denn  wenn  er  Osterreich  dem  Deutschen  Reich
entfremdete,  wenn  Deutschland  ganz  isoliert  dastand  in  Europa,
dann  geriet  es  in  vollkommene  Abhängigkeit  von  Rußland.
Die  Folgen  des  Kongresses  zeigten  ihm,  daß  das  unerträglich
war;  denn  auch  das  vollständige  zeitweilige  Indienststellen  der
deutschen  Politik  in  die  russische  schützte  Deutschland  nicht  vor
einem  Streit  mit  Rußland.  Beklagte  sich  doch  der  Zar  im
August  1879  direkt  bei  Kaiser  Wilhelm  über  die  Parteilichkeit
  der  deutschen  Kommissare  bei  den  Verhandlungen  über  die
Ausführung  des  Balkanfriedens,  und  drohte  er  doch  sogar,  die
Bewilligung  seiner  Bitte  sei  Voraussetzung  dafür,  daß  der
Friede  zwischen  Rußland  und  Deutschland  erhalten  werde.
Bei  solchen  Kriegsdrohungen  konnte  Bismarck  seine  Politik
nicht  ins  Ungewisse  laufen  lassen.  Vor  die  Notwendigkeit  gestellt,
  zwischen  Rußland  und  Osterreich  zu  wählen,  trat  er  auf
die  Seite  ÖOsterreichs,  das  den  Frieden  wollte.

Daß  Bismarck  diese  Wahl  nicht  leicht  wurde,  daß  er  das
Für  und  Wider  ernstlich  erwogen  hat,  wissen  wir.  Vor  allem
fürchtete  er,  wenn  Rußland  etwa  sich  zu  Osterreich  schlug,  ein
Bündnis  dieser  Mächte  auch  mit  Frankreich,  wie  es  gegen
Friedrich  den  Großen  bereits  bestanden  hatte;  und  dieses  Bündnis
  konnte  leicht  eintreten,  wenn  in  Ssterreich  Männer  wie
Beust  zu  Einfluß  kamen,  welche  das  Streben  OÖsterreichs  nach
Vorherrschaft  in  Deutschland  neu  belebten  und  die  Rebenbuhlerschaft
  Preußens  zu  vernichten  wünschten.  Einem  solchen
deutschfeindlichen  Bündnis  mußte  er  die  Spitze  abbrechen  durch
vertragsmäßige  Sicherstellung  enger  Beziehungen  zu  wenigstens
einer  dieser  Großmächte;  das  konnte  nur  Osterreich  sein,  das
        <pb n="434" />
        Bismarck  rückt  von  Rußland  ab,  neigt  sich  zu  SÖsterreich  421

sich  als  gleichberechtigt  zu  Deutschland  stellen  würde,  aber
nicht  als  eine  Macht  von  dem  tprannischen  Ubergewicht  Rußlands,
  wie  es  sich  in  dem  drohenden  Brief  des  Kaisers
Alexander  geltend  machte.

Daß  das  Bündnis  mit  OÖsterreich  materiell  schwächer  war
als  das  mit  Rußland,  wußte  Bismarck  sehr  wohl;  gleichwohl
zog  er  jenes  aus  gewichtigen  Gründen  vor.  Ein  österreichisches
Bündnis  war  ziemlich  bei  allen  Parteien  populär,  abgesehen
von  den  Sozialdemokraten.  Es  entsprach  auch  den  Traditionen
der  Geschichte  und  des  Völkerrechts.  Man  konnte  Europa  und
Rußland  gegenüber  mit  Recht  geltend  machen,  daß  zwischen
dem  gesamten  Deutschland  und  der  habsburgischen  Monarchie
zu  Zeiten  des  Römischen  Reiches  deutscher  Nation  und  des
deutschen  Bundes  eine  staatsrechtliche  Verbindung  lange  bestanden
  hatte.

So  entschloß  sich  denn  Bismarck  zu  dem  ernstlichen  Versuch
ein  solches  Bündnis  zustande  zu  bringen  und  seines  Kaisers
Widerstand  zu  bekämpfen,  den  dieser  mehr  aus  Gründen,  die
dem  Gemötsleben  angehörten,  als  der  Politik,  voraussichtlich
leisten  würde.  Gegen  Bismarcks  Willen  war  Kaiser  Wilhelm
am  3.  September  mit  seinem  Neffen  Alexander  II.,  um  die
bestehende  Spannung  aufzuheben,  in  Alexandrowo  zusammengetroffen,
  und  man  hatte  dort,  wie  Bismarck  schreibt,  „von
neuem  unter  Tränen  und  in  der  vollsten  Aufrichtigkeit  des
Herzens  die  Versicherungen  der  althergebrachten  Freundschaft
ausgetauscht“;  in  der  Sache  hatte  sich  aber  nichts  geändert.

Schon  vorher  (27.  und  28.  August)  hatte  Bismarck  mit  dem
österreichisch-ungarischen  Minister  des  Auswärtigen  Andrassy
eine  Zusammenkunft  in  Gastein.  Nachdem  er  die  Lage  dargelegt
  hatte,  zog  Andrassy  daraus  die  Folgerung  mit  den
Worten:  „Gegen  ein  russisch-französisches  Bündnis  ist  der
natürliche  Gegenzug  ein  österreichisch-deutsches  Bündnis.“  Bismarck
  kam  damit  auf  den  Weg,  den  er  gesucht  und  erhofft
hatte.  Er  ließ  sich  von  seinem  Herrn  die  Ermächtigung  geben,
über  Wien  nach  Hause  zu  reisen  und  dort  das  Bündnis  abzuschließen.
  Am  21.  September  fuhr  er  über  Linz  nach  Wien;
        <pb n="435" />
        422  16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

schon  auf  der  Reise  fand  er  stark  entgegenkommende  Stimmung
der  Bevölkerung;  Bismarck  hielt  sich  jedoch  wohlwollenden
Kundgebungen  gegenüber  völlig  zurück.  In  Wien  mehrten  sich
die  freundlichen  Demonstrationen,  besonders  nachdem  Kaiser
Franz  Joseph  ihn  persönlich  besucht  hatte.  Alle  diese  Erscheinungen
  faßte  Bismarck  als  den  unzweideutigen  Ausdruck  des
Wunsches  auf  nach  enger  Freundschaft  mit  dem  Deutschen
Reiche.  Der  Vertrag  wurde  am  24.  September  vereinbart.
Kaiser  Wilhelm  wollte  ihn  nicht  genehmigen,  weil  er  eine  Spitze
gegen  Rußland  enthielt.  Dadurch  wurde  Bismarck  genötigt,
zu  dem  peinlichen  Mittel  der  Kabinettsfrage  zu  greifen;  die
Minister  standen  zu  Bismarck;  auch  der  Kronprinz  war  für
das  Bündnis  eingenommen.  So  gab  denn  Kaiser  Wilhelm
nach,  hielt  es  aber  in  seinem  ritterlichen  Sinne  für  erforderlich,
  den  Kaiser  von  Rußland  vertraulich  von  dem  Bündnis
in  Kenntnis  zu  setzen.  Bismarck  stimmte  zu,  da  er  nach  wie
vor  die  Pflege  nachbarlicher  Beziehungen  zu  Rußland  neben
dem  defensiven  Bunde  mit  Osterreich  für  geboten  ansah;  er
wollte  die  Brücke  nach  Rußland  nicht  abbrechen,  damit  auch
die  Wiener  Regierung  die  dem  deutschen  Bündnis  feindlichen
slavischen  oder  klerikalen  Elemente  im  Zaum  halten  konnte.
Tatsächlich  gestalteten  sich  denn  auch  die  Beziehungen  zu  Rußland
  freundlicher.  Der  Zar  nahm  die  Mitteilung  mit  ruhigem
Dank  auf;  die  russische  Presse  befleißigte  sich  eines  gemäßigteren
  Tones.  »

Verstärkt  wurde  das  Bündnis  mit  Osterreich,  als  im  Jahre
1882  auch  Italien,  das  wegen  Frankreichs  Ausbreitung  in
Nordafrika  besorgt  war,  ihm  beitrat  und  dieses  sich  zum  Drei—
bunde  erweiterte,  dem  Bismarck  für  den  Fall  eines  Krieges
eine  wichtige  strategische  Bedeutung  beimaß.  Trotz  der  Stärkung
  Deutschlands  durch  dieses  Bündnis  wollte  Bismarck  „den
Draht  nach  St.  Petersburg  nicht  abreißen  lassen“.  Kaiser
Alexander  III.,  der  1881  zur  Regierung  gekommen  war,
hatte  die  Überzeugung,  daß  die  Sicherheit  seiner  Dynastie  und
seines  Reiches  auf  einem  guten  Einvernehmen  mit  Deutschland
beruhe.  Auf  seine  Anregung  fand  deshalb  September  1881
        <pb n="436" />
        Der  Dreibund  423

eine  Zusammenkunft  mit  Kaiser  Wilhelm  in  Danzig  statt.  Fürst
Bismarck  und  der  russische  Staatssekretär  von  Giers,  Gortschakows
  Stellvertreter,  waren  zugegen.  Bismarck  wirkte  durch
sein  persönliches  Auftreten  sehr  vorteilhaft;  denn  Giers  äußerte
sich  dem  österreichischen  Botschafter  Kalnoky  gegenüber  bald
nach  der  Zusammenkunft:  „Namentlich  hat  die  Weisheit  und
unerwartete  Mäßigung  der  Sprache  des  Fürsten  Bismarck  sowohl
  auf  den  Zaren  als  auf  mich  einen  guten  Eindruck  gemacht
  und  uns  darüber  beruhigt,  daß  er  nach  keiner  Richtung
hin  andere  als  friedliche  Absichten  verfolgt.“  Im  Jahre  1882
wurde  Giers  an  Gortschakows  Stelle  Minister  des  Auswärtigen;
Bismarck  tat  das  Seinige,  um  aus  den  neuen  Verhältnissen  auch
für  Rußlands  Annäherung  Vorteile  zu  ziehen.  Am  15.  September
  kamen  die  drei  Kaiser  in  Skierniewicze  zusammen,  um
den  Vertrag  zu  bekräftigen,  der  schon  im  März  zwischen  den
drei  Staaten  abgeschlossen  war;  nach  diesem  war  jeder  zu
wohlwollender  Neutralität  verpflichtet,  falls  einer  von  ihnen
irgendwoher  angegriffen  werden  sollte.

Diese  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Rußland  hielt  Bismarck
  auch  fest  im  Jahre  1886,  als  die  bulgarische  Frage
brennend  wurde.  Der  Krieg  von  1877/1878  hatte  Bulgarien
von  der  Türkenherrschaft  befreit;  der  Fürst  des  Landes,  Alexander
aus  dem  Hause  Battenberg,  wußte  sich  nicht  zu  Rußland  zu
stellen;  es  trat  eine  heftige  Spannung  ein.  Eine  von  Rußland
  angezettelte  Verschwörung  kam  zum  Ausbruch.  Der  Fürst
wurde  überfallen,  zur  Abdankung  gezwungen  und  nach  Rußland
  als  Gefangener  geführt.  Er  kehrte  nach  seiner  Entlassung
in  sein  Land  nur  noch  zurück,  um  abzudanken,  und  verließ  dann
für  immer  Bulgarien.  Die  bismarckfeindliche  Presse  in  Deutschland
  verlangte  von  Bismarck  ein  Eingreifen  zugunsten  des
Battenbergers;  er  blieb  kühl  und  ließ  in  Reden,  der  Presse  und
diplomatischen  Noten  verlauten,  Deutschland  habe  kein  Interesse
an  Bulgarien,  Rußland  könne,  selbst  bis  Konstantinopel,  vorrücken,
  ohne  Deutschland  auf  dem  Wege  zu  finden;  mit  einer
feinen  Wendung  nach  Osterreich=  Ungarn  hin  bemerkte  er,  daß
Deutschland  sich  von  niemanden  das  Leitseil  um  den  Hals
        <pb n="437" />
        424  16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

werfen  lasse.  In  der  Februarrede  1888  hat  er  humorvoll
einen  Rückblick  auf  diese  Frage  geworfen:  „Bulgarien,  das
Ländchen  zwischen  Donau  und  Balkan,  ist  überhaupt  kein  Objekt
  von  hinreichender  Größe,  um  daran  die  Konsequenzen  zu
knüpfen,  um  seinetwillen  Europa  von  Moskau  bis  an  die
Pyrenäen  und  von  der  Nordsee  bis  Palermo  hin  in  einen
Krieg  zu  stürzen,  dessen  Ausgang  kein  Mensch  voraussehen
kann;  man  würde  am  Ende  nach  dem  Kriege  kaum  mehr  wissen,
warum  man  sich  geschlagen  hat.“

Ende  desselben  Jahres,  in  dem  eine  unvernünftige  Presse
uns  in  die  bulgarischen  Händel  verwickeln  wollte,  drohte  eine
neue  Kriegsgefahr  vom  Westen.  Der  französische  Kriegsminister
Boulanger  plante  einen  Revanchekrieg  gegen  Deutschland.  Die
Gelegenheit  war  günstig.  Auf  der  Balkanhalbinsel  spitzten
sich  die  Verhältnisse  zwischen  OÖsterreich  und  Rußland  wegen
der  bulgarischen  Frage  immer  mehr  zu.  Griff  Rußland  Österreich
  an,  so  mußte  Deutschland  seinem  Bundesgenossen  beispringen,
  dann  glaubte  Frankreich  den  Sieg  sicher  zu  haben.
Gegen  solche  Gefahren  blieb  der  beste  Schutz  die  eigene  starke
Wehrkraft.  Diese  zu  verstärken  war  die  Zeit  günstig.  Das
sogenannte  Septennat,  das  die  Friedensstärke  des  Heeres  auf
sieben  Jahre  festgelegt  hatte,  näherte  sich  seinem  Ende.  Im
November  1886  beantragte  die  Reichsregierung  die  Verlängerung
  um  weitere  sieben  Jahre  und  eine  Erhöhung  des  Friedensstandes
  von  427000  auf  468000.  Bismarck  begründete  die
Notwendigkeit  der  Armeeverstärkung  mit  dem  Hinweis  auf  die
politische  Lage  und  schilderte  eindrucksvoll  Frankreichs  Angriffslust
  und  die  Gefahren,  welchen  Deutschland  nach  einer  Niederlage
  ausgesetzt  sei:  Mit  Elsaß-Lothringen  werde  man  sich
nicht  begnügen,  man  werde  das  Doppelte  dazu  verlangen,  die
Nheingrenze  werde  allenfalls  das  Ziel  bilden;  die  Herstellung
des  Königreichs  Hannover  werde  hinzukommen,  und  Schleswig
werde  zweifellos  an  Dänemark  verloren  gehen.  Aber  was  das
Schlimmste  ist:  „Wir  würden  dieselben  Franzosen  uns  gegenüber
  finden,  unter  deren  Herrschaft  wir  1807  bis  1813  gelitten
  haben,  und  die  uns  ausgepreßt  haben  bis  aufs  Blut  —
        <pb n="438" />
        Kriegsgefahr  von  Frankreich.  Das  Septennat  425

wie  die  Franzosen  sagen:  Saigner  à  blanc,  das  heißt  so  lange
zur  Ader  lassen,  bis  die  Blutleere  eintritt,  damit  der  niedergeworfene
  Feind  nicht  wieder  auf  die  Beine  kommt  und  in
den  nächsten  dreißig  Jahren  nicht  wieder  an  die  Möglichkeit
denken  kann,  sich  dem  Sieger  gegenüberzustellen.“  Einem  solchen
Kriege  gegenüber  werde  der  Krieg  von  1870  nur  ein  Kinderspiel
  sein.

Gleichwohl  wurde  das  geforderte  Septennat  abgelehnt.
Zentrum,  deutschfreisinnige  Partei  und  Sozialdemokratie  befanden
  sich  in  der  Opposstion,  man  wollte  nur  drei,  nicht  sieben
Jahre  die  verlangte  Heeresstärke  genehmigen.  Der  Reichstag
wurde  am  14.  Januar  1887  aufgelöst,  der  neue  Reichstag  genehmigte
  am  9.  März  mit  222  gegen  23  Stimmen  die  Regierungsvorlage.
  Das  Zentrum  enthielt  sich  der  Abstimmung;
der  Papst  hatte  auf  Wunsch  Bismarcks  dem  Zentrum  die  Annahme
  des  Antrages  empfohlen.  Durch  diese  Ereignisse  bildete
sich  eine  neue  Parteigruppierung.  Die  Beziehungen  zwischen
Konservativen  und  Liberalen  wurden  engerz  Bismarck  konnte
jetzt  auf  dieses  Kartell  auch  in  anderen  Fragen  rechnen.

Es  war  ein  Glück,  daß  es  so  kam;  Bismarck  hatte  russischen
  Intrigen  gegenüber  diese  starke  Deckung  nötig.  Es  war
so  weit  getrieben,  daß  man  dem  Zaren  Schriftstücke  unterbreitet
hatte,  aus  denen  man  folgern  mußte,  daß  Bismarck  in  Gegensatz
  zur  russischen  Politik  den  in  Petersburg  verhaßten  neuen
Fürsten  von  Bulgarien  Ferdinand  von  Coburg  zur  Ubernahme
seiner  Würde  ermuntert  habe.  Als  der  Zar  am  18.  November
1887  durch  Berlin  kam,  hatte  Bismarck  eine  Unterredung  mit
ihm  und  deckte  das  ganze  Ränkespiel  auf.  Die  gefälschten
Dokumente  wurden  am  31.  Dezember  1887  im  Reichsanzeiger
veröffentlicht.  Die  Fälschungen  wiesen  in  ihrem  Ursprung
nach  den  Orleans  in  Frankreich  und  nach  Dänemark,  ihr
Zweck  war,  Bismarck  beim  Zaren  zu  verdächtigen.  Nachdem
jener  die  Machenschaften  klar  gelegt  hatte,  faßte  der  Zar
wieder  Vertrauen  und  es  kam  wahrscheinlich  in  dieser  Zeit
der  sogenannte  „Rückversicherungsvertrag“  zustande,  der  Rußland
  gegen  das  Versprechen,  in  einem  neuen  deutsch-französi-
        <pb n="439" />
        426  16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

schen  Kriege  neutral  zu  bleiben,  im  Orient  freie  Hand  ließ.
Der  Vertrag  war  unbedingt  geheim  zu  halten;  er  berührte  das
Bündnis  mit  Osterreich  nicht,  das  Deutschland  verpflichtete
Osterreich  beizustehen,  falls  dieses  von  Rußland  angegriffen
würde.
Trotz  dieses  Vertrags  blieben  in  Rußland  die  Stimmung
des  Volkes  und  die  militärischen  Maßregeln  an  der  Grenze
beunruhigend.  Die  Presse  Deutschlands  und  Österreichs  wurde
erregt;z  in  beiden  Ländern  fanden  militärische  Beratungen
statt.  Dem  deutschen  Reichstage  wurde  am  24.November  1887
ein  Gesetzentwurf,  betreffend  Anderungen  der  Wehrpflicht,
vorgelegt,  durch  welchen  sechs  bisher  dem  Landsturm  angehörige
  Jahrgänge  der  Landwehr  als  deren  zweites  Aufgebot
einverleibt  wurden,  womit  sich  die  Landwehrdienstpflicht  bis
zum  39.  Lebensjahre  verlängerte.  Zu  diesem  wichtigen  Gesetzentwurf,
  dessen  Tragweite  wir  erst  heute  ganz  übersehen
und  würdigen  können,  sprach  Bismarck  am  6.  Februar  1888
in  einer  großen  Rede.  Er  warf  einen  Rückblick  auf  sein  gesamtes
  politisches  Lebenswerk  und  entrollte  in  majestätischen
Zügen  ein  Bild  der  europäischen  Lage;  sie  sei  zwar  friedlicher
  als  im  Jahre  vorher,  aber  mahne  immer  noch  trotz
aller  Friedensliebe  der  augenblicklichen  Regierungen  zu  großer
Vorsicht,  da  die  Kriegsparteien  in  Frankreich  und  Rußland  in
jedem  Augenblick  wieder  die  Sachlage  beherrschen  könnten.
Für  diesen  Ernstfall  sehe  das  neue  Gesetz  ein  Mehr  von
700000  Soldaten  vor.  Zwei  hervorragende  Stellen  dieser
Rede,  die  für  alle  Zeiten  ihre  Bedeutung  haben,  müssen  uns
in  die  Erinnerung  gerufen  werden:  „Wenn  wir  in  Deutschland
  einen  Krieg  mit  der  vollen  Wirkung  unserer  Nationalkraft
  führen  wollen,  so  muß  es  ein  Krieg  sein,  mit  dem  alle,
die  ihn  mitmachen,  alle,  die  ihm  Opfer  bringen,  kurz  und  gut,
mit  dem  die  ganze  Nation  einverstanden  ist;  es  muß  ein  Volkskrieg
  sein;  es  muß  ein  Krieg  sein,  der  mit  dem  Enthustasmus
geführt  wird  wie  der  von  1870,  wo  wir  ruchlos  angegriffen
wurden.  Es  ist  mir  noch  erinnerlich  der  ohrengellende,  freudige
Zuruf  am  Kölner  Bahnhofe,  und  so  war  es  von  Berlin  bis
        <pb n="440" />
        Rußlands  bedenkliche  Haltung.  Bismarcks  Rede  vom  6.  Februar  1888  427

Köln,  so  war  es  hier  in  Berlin.  Die  Wogen  der  Volkszustim—
mung  trugen  uns  in  den  Krieg  hinein,  wir  hätten  wollen  mögen
oder  nicht.  So  muß  es  auch  sein,  wenn  eine  Volkskraft  wie
die  unsere  zur  vollen  Geltung  kommen  soll.  Ein  Krieg,  zu  dem
wir  nicht  vom  Volkswillen  getragen  werden,  der  wird  geführt
werden,  wenn  schließlich  die  verordneten  Obrigkeiten  ihn  für
nötig  halten  und  erklärt  haben;  er  wird  auch  mit  vollem
Schneid  und  vielleicht  siegreich  geführt  werden,  wenn  man  erst
einmal  Feuer  bekommen  und  Blut  gesehen  hat.  Aber  es  wird
nicht  von  Hause  aus  der  Elan  und  das  Feuer  dahinter  sein
wie  in  einem  Kriege,  wenn  wir  angegriffen  werden.  Dann
wird  das  ganze  Deutschland  von  der  Memel  bis  zum
Bodensee  wie  eine  Pulvermine  aufbrennen  und  von
Gewehren  starren,  und  es  wird  kein  Feind  wagen,
mit  diesem  furor  teutonicus,  der  sich  bei  dem  Angriff
  entwickelt,  es  aufzunehmen.

„Ich  glaube  nicht  an  eine  unmittelbar  bevorstehende  Friedensstörung
  und  bitte,  daß  Sie  das  vorliegende  Gesetz  unabhängig
von  diesem  Gedanken  und  dieser  Befürchtung  behandeln,  lediglich
als  eine  volle  Herstellung  der  Verwendbarkeit  der  gewaltigen
Kraft,  die  Gott  in  die  deutsche  Nation  gelegt  hat  für  den  Fall,
daß  wir  sie  brauchen;  brauchen  wir  sie  nicht,  dann  werden  wir
sie  nicht  rufen;  wir  suchen  den  Fall  zu  vermeiden,  daß  wir  sie
brauchen.

„Dieses  Bestreben  wird  uns  noch  immer  einigermaßen  erschwert
  durch  drohende  Zeitungsartikel  vom  Auslande,  und  ich
möchte  die  Mahnung  hauptsächlich  an  das  Ausland  richten,
doch  diese  Drohungen  zu  unterlassen.  Sie  führen  zu  nichts.  Die
Drohung,  die  wir  —  nicht  von  der  Regierung  —  aber  in  der
Presse  erfahren,  ist  eigentlich  eine  unglaubliche  Dummheit,  wenn
man  bedenkt,  daß  man  eine  große  und  stolze  Macht,  wie  es  das
Deutsche  Reich  ist,  durch  eine  gewisse  drohende  Gestaltung  der
Druckerschwärze,  durch  Zusammenstellung  von  Worten  glaubt
einschüchtern  zu  können.  Man  sollte  das  unterlassen,  dann  würde
man  es  uns  leichter  machen,  unseren  beiden  Nachbarn  auch
gefälliger  entgegenzukommen.  Jedes  Land  ist  auf  die  Dauer
        <pb n="441" />
        428  16.  Die  auswärtige  Politik  des  deutschen  Kanzlers

doch  für  die  Fenster,  die  seine  Presse  einschlägt,  irgend  einmal
verantwortlich;  die  Rechnung  wird  an  irgendeinem  Tage  prä—
sentiert  in  der  Verstimmung  des  anderen  Landes.  Wir  können
durch  Liebe  und  Wohlwollen  leicht  bestochen  werden  —  vielleicht
zu  leicht  —  aber  durch  Drohungen  ganz  gewiß  nicht!  Wir
Deutsche  fürchten  Gott,  aber  sonst  nichts  in  der  Welt;
und  die  Gottesfurcht  ist  es  schon,  die  uns  den  Frieden
lieben  und  pflegen  läßt.  Wer  ihn  aber  trotzdem  bricht,
der  wird  sich  überzeugen,  daß  die  kampfesfreudige
Vaterlandsliebe,  welche  1813diegesamte  Bevölkerung
des  damals  schwachen,  kleinen  und  ausgesogenen  Preu-Hen
  unter  die  Fahnen  rief,  heutzutage  ein  Gemeingut
der  ganzen  deutschen  Nation  ist,  und  daß  derjenige,
welcher  die  deutsche  Nation  irgendwie  angreift,  sie
einheitlich  gewaffnet  finden  wird  und  jeden  Wehrmann
  mit  dem  festen  Glauben  im  Herzen:  Gott  wird
mit  uns  sein!“

Die  Rede  entfachte  gewaltigen  Beifall.  Der  Abgeordnete
Feldmarschall  Moltke  war  einer  der  ersten,  der  dem  Kanzler
glückwünschend  die  Hand  reichte.  Drei  Tage  vor  Bismarcks
Rede  war  der  Bündnisvertrag  mit  OÖsterreich  veröffentlicht,  um
das  friedliche  Gepräge  der  Verteidigung  aller  Welt  kund  zu  tun
und  allen  Preßverdächtigungen  des  Auslandes  die  Spitze  abzubrechen,
  zugleich  aber  auch  der  Welt  zu  zeigen,  wie  fest  Osterreich
  und  das  Deutsche  Reich  verbunden  waren.

Wer  es  miterlebt  hat,  wie  die  Rede  in  ganz  Deutschland
und  über  seine  Grenzen  hinaus  zündete,  weiß  es,  daß  ihre
Wirkung  der  Kunde  von  einer  siegreichen  Schlacht  gleich  war.
So  wurde  denn  Bismarck  auf  dem  Nachhausewege  von  begeisterten
  Huldigungen  einer  dichten  Menschenmenge  begleitet,
und  vor  dem  Reichskanzlerpalais  wollten  die  begeisterten  Kundgebungen
  kein  Ende  nehmen.  Von  den  Fürsten  Deutschlands
und  aus  dem  Volke  kamen  zahllose  begeisterte  Zustimmungstelegramme,
  der  italienische  Ministerpräsident  Crispi  wünschte
ihm  im  Namen  der  Regierung  Glück  zu  dem  friedlichen  Inhalt
  der  Rede;  die  Presse  aller  Länder  war  fast  einmütig  im
        <pb n="442" />
        Bismarcks  Rede  vom  6.  Februar  1888  429

Lobe  des  gewaltigen  Mannes.  Selbst  der  Kaiser  von  Rußland
konnte  dem  Kanzler  seine  Anerkennung  nicht  versagen.

Der  einundneunzigjährige  Kaiser  Wilhelm  sprach  Bismarck
  am  7.  Februar  seinen  Dank  aus;  er  hatte  mit  ganzer
Seele  in  den  schweren  Tagen  zu  seinem  Minister  gestanden
und  war  glücklich,  daß  das  Gewitter  sich  endlich  verzog
und  die  Sonne  des  Friedens  wieder  aus  den  Wolken  hervorbrach.
  Bismarcks  Rede  sollte  die  letzte  große  Freude
sein,  die  Kaiser  Wilhelm  erlebie,  er  durfte  auf  die  letzten
Jahre  seines  Lebens  mit  denselben  Empfindungen  zurückblicken,
wie  sein  großer  Minister,  der  zum  ersten  Male  den  Reichstag
fest  geschlossen  hinter  sich  hatte  und  mit  dem  erhebenden  Gefühl
auf  die  letzten  Jahre  seines  Wirkens  blicken  konnte,  daß  sein
tiefes  nationales  Empfinden  Gemeingut  des  Volkes  werde,  das
sich  in  Not  und  Gefahr  immer  wieder  zu  einer  einzigen  nationalen
Partei  zusammenscharen  werde,  zu  der  Partei  Bismarck  im
echtesten  und  kräftigsten  Sinne  des  Worts.
        <pb n="443" />
        17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.
Seine  Entlassung.  1888—1890

ie  letzte  große  Freude,  die  der  Kaiser  durch  seines  Kanzlers

Triumph  erlebt  hatte,  war  umdüstert  durch  schwere  Trübsal,
die  ihn  in  seiner  Familie  heimsuchte.  Sein  Sohn,  der  Kronprinz,
weilte  in  San  Remoz;  ein  schweres  Krebsleiden  hatte  ihn  im
besten  Mannesalter  befallen;  am  8.  Februar  mußte  an  dem
Kranken  ein  operativer  Eingriff  vorgenommen  werden,  um  ihm
künstliches  Atmen  zu  ermöglichen.  Am  23.  Februar  starb  im
blühenden  Alter  des  Kaisers  Lieblingsenkel  Prinz  Ludwig  von
Baden.  Am  3.  März  erkrankte  der  hochbetagte  Monarch  selbst;  der
Zustand  wurde  immer  bedenklicher.  Fürst  Bismarck  weilte  viel  am
Krankenlager  seines  Herrn.  Am  Morgen  des  9.  März  verschied  der
Kaiser.  Mittags  verkündete  Bismarck  im  Reichstage  mit  zitternder
Stimme,  daß  Kaiser  Wilhelm  zu  seinen  Vätern  entschlafen  sei,
er  fügte  hinzu,  daß  inmitten  der  schweren  Schickungen,  welche
der  dahingeschiedene  Herr  noch  in  seinem  Hause  erlebt  hatte,
ein  großer  Trost  für  ihn  gewesen  sei,  daß  die  ganze  Welt  und
nicht  nur  Deutschland  mit  Teilnahme  auf  seines  Hauses  Leid
geblickt  und  damit  bewiesen  habe,  welches  Vertrauen  seine
Dynastie  bei  allen  Nationen  erworben  habe.  Und  ein  weiterer
Trost  habe  darin  gelegen,  daß  die  Herstellung  und  Festigung
der  Nationalität  seines  Volkes  den  Abend  seines  Lebens  verschönt
  und  umleuchtet  habe.

Totenstille  herrschte  während  der  Rede  im  Saale;  Bismarck
konnte  vor  innerer  Bewegung  die  Tränen  nicht  zurückhalten;
nur  mit  Mühe  gelangte  er  zu  Ende.

Er  hatte  am  meisten  verloren,  und  die  gesamte  deutsche  Welt
empfand  das  mit  ihm.  In  der  ganzen  Geschichte  stehen  diese  beiden
Männer  einzig  da  in  ihrem  Zusammenwirken,  das  geradezu
etwas  Geheimnisvolles  an  sich  trägt.  Herr  und  Diener,  König
und  Minister,  beides  Naturen  von  selbständiger  Kraft  und  von
hohem  Bewußtsein  getragen,  beide  starken  Willens,  beide  in
        <pb n="444" />
        Bismarck  und  Kaiser  Wilhelm.  Kaiser  Friedrich  431

edelstem  Ehrgeiz  eifersüchtig  wachend  über  ihren  persönlichen
Rechten,  die  der  Herrscher  sich  bewußt  war  von  Gottes  Gnaden
  empfangen  zu  haben,  die  der  Diener,  dem  eine  Herrscherseele
  geworden  war,  als  eine  gottgegebene  Naturgewalt  in  sich
empfand.  Der  König  wollte  regieren  und  regierte  wirklich;
Bismarck  mußte,  ohne  Herrscher  zu  sein,  seine  Gedanken  zur
Herrschaft  zu  bringen  suchen,  aber  auf  vieles,  was  er  nicht  durchsetzen
  konnte,  verzichten.  Kein  Wunder,  daß  sie  oftmals  nur  nach
heftigen  Kämpfen  sich  ineinander  fanden;  dem  Könige  war  das
möglich,  weil  ihm  niederer  Hang  zur  Herrschsucht  gänzlich  fern
lag,  und  Bismarck  konnte  es,  weil  dieser  stolze  Mann,  gerade
weil  er  Stolz  besaß,  auch  die  stolze  Demut  des  Gehorsams  und
der  Pflichterfüllung,  die  der  Sache  dient,  zu  üben  verstand.  Es
waren  eben  Kämpfe  vornehmer  Naturen,  die  hier  gekämpft
wurden.  Könnten  wir  in  diese  Kämpfe,  deren  Verlauf  sich  heute
noch  unserer  Kenntnis  entzieht,  bis  in  alle  Einzelheiten  eindringen,
unsere  Bewunderung  würde  nur  gesteigert  werden,  wenn  wir
sähen,  wie  sich  hier  die  höchsten  politischen  und  männlichen
Tugenden  in  Kampf  und  Nachgiebigkeit  offenbarten.  Wo
große  Ereignisse  sich  vollziehen,  wo  bedeutende  Persönlichkeiten
  mit  dem  vollen  Bewußtsein  ihrer  Verantwortlichkeit  in
die  Weltgeschichte  schaffend  eingreifen,  da  kann  es  nicht  hergehen,
  wie  in  der  harmonischen  Welt  der  Philosophen.  Könige
und  ihre  höchsten  Berater  müssen  ringen,  wenn  etwas  Rechtes
reifen  soll.  Könige,  die  nur  zu  befehlen  verstehen,  und  Minister,
die  nur  gehorchen  können,  haben  noch  niemals  ihrem  Staat
dauernden  Segen  gebracht.  König  Wilhelm,  der  milde,  gerechte
und  vorsichtige,  an  Jahren  ältere  Monarch,  dem  Bismarck  im
Beginne  seines  Wirkens  nicht  sympathisch,  ja  in  seiner  leidenschaftlichen
  Kühnheit  fast  unheimlich  war,  hat  sich  doch  immer
mehr  gefunden  in  die  zeitweise  rücksichtslose  fast  titanische
Natur  seines  Ministers.  Im  Innersten  ihres  Wesens  gab
es  in  Wahrheit  zu  viele  Punkte  der  Übereinstimmung;  beide
waren  durch  und  durch  geschichtliche  Naturen,  in  preußischer
Uberlieferung  sicher  fußend,  beide  wollten  Krone  und
Armee  in  ihrer  alten  Kraft  erhalten,  beide  dem  preußischen
        <pb n="445" />
        432  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

Staat  und  dem  Deutschen  Reiche  seine  gebührende  Machtstellung
und  dem  deutschen  Volke  seine  kernige  Gesundheit  und  Gesinnung
  erhalten,  und  beider  Wirken  vollzog  sich  —  man  sollte
das  niemals  übersehen  —  in  der  stillen  Zuversicht  eines  schlichten
und  mannhaften  Christenglaubens.  So  standen  sie  immer  mehr
da  Hand  in  Hand,  Schulter  an  Schulter,  Herz  in  Herz  und  in
einmütigem  Denken  und  Empfinden,  und  sie  kamen  schließlich
zu  jenem  völlig  ungetrübten,  einmütigen  Zusammenwirken,  das
die  letzten  Jahre  mit  dem  idealen  Glanze  vollendeter  Harmonie
umgab.  —

Am  141.  März  fuhr  Bismarck  dem  Kaiser  Friedrich,  der
schwerkrank  aus  Italien  heimkehrte,  bis  Leipzig  entgegen.
Dort  bestieg  er  den  Salonwagen  und  wurde  herzlich  von
seinem  neuen  Herrn  begrüßt.  In  seinen  ersten  Regierungsmaßregeln,
  in  einer  Proklamation  an  sein  Volk  und  in  einem
Erlaß  an  seinen  Kanzler  bekannte  sich  Kaiser  Friedrich  zu
Grundsätzen,  die  sich  vollständig  mit  denen  des  Kanzlers  deckten,
so  daß  der  Kaiser  mit  guter  Zuversicht  am  Schlusse  jenes  Erlasses
  sagen  konnte:  „Zur  Verwirklichung  dieser  meiner  Absichten
rechne  ich  auf  Ihre  so  oft  bewiesene  Hingabe  und  auf  die
Unterstützung  Ihrer  bewährten  Erfahrung.“  Es  war  ein  weitverbreiteter
  Irrtum,  daß  Bismarcks  Verhältnis  zum  Kaiser
Friedrich  kein  gutes  gewesen  sei.  Vor  1866  mag  das  Vertrauen
Friedrich  Wilhelms  gelegentlich  geschwankt  haben.  In  den  Jahren
nachher  ist  es  stets  gleich  geblieben  trotz  aller  Versuche,  es  zu
erschüttern,  die  von  den  verschiedensten  Seiten  angestellt  wurden.
Und  als  im  Jahre  1885  der  Gesundheitszustand  des  alten  Kaisers
zu  ernsten  Besorgnissen  Anlaß  gab,  berief  der  Kronprinz  Bismarck
  nach  Potsdam  und  fragte,  ob  er  im  Falle  eines  Thronwechsels
  im  Dienste  bleiben  werde.  Bismarck  erklärte  sich  bereit
unter  zwei  Bedingungen:  keine  Parlamentsregierung,  unter
welcher  die  Minister  Vollstrecker  des  Willens  nicht  des  Königs,
sondern  der  Mehrheit  des  Parlaments  würden,  und  keine  auswärtigen,
  besonders  keine  englischen  Einflüsse  in  der  Politik.
Der  Kronprinz  erwiderte  mit  einer  entsprechenden  Handbewegung:
„Kein  Gedanke  daran!“
        <pb n="446" />
        Unter  Kaiser  Friedrich  433

Bei  der  Kronprinzessin  konnte  Bismarck  nicht  dasselbe  Wohlwollen
  voraussetzen;  ihre  angeborene  Sympathie  für  ihre  englische
  Heimat  verführte  sie  zu  dem  Bestreben,  den  preußischdeutschen
  Einfluß  in  europäischen  Fragen  in  die  Wagschale  ihres
Vaterlandes  hinüberzuschieben.  Das  gab  zu  mancherlei  Erörterungen
  Anlaß.  Gleichwohl  war  die  neue  Kaiserin  zu  klug,  um
nicht  einzusehen,  daß  Bismarcks  Bleiben  im  Interesse  der  Dynastie
  liege.

Leicht  sind  ihm  die  Tage  unter  Kaiser  Friedrichs  Regiment
nicht  geworden.  Er  hat  es  selbst  einmal  gesagt,  daß  ihm  in
seinem  Leben  viel  schwere  Tage  beschieden  gewesen,  daß  das
Wenigste  von  dem,  was  wir  erreicht  hätten,  glatt  durchgegangen
sei.  Aber  das  schwierigste  Stück  sei  ihm  bis  in  sein  hohes
Alter  aufgespart  geblieben,  die  Tage  unter  Kaiser  Friedrich  seien
ihm  doch  als  die  schwersten  von  allen  erschienen.

Ein  Sonnenblick  in  dieser  Zeit  war  sein  dreiundsiebzigster
Geburtstag.  Hoch  und  niedrig,  Fürsten  und  schlichte  Bürgersleute
  wetteiferten,  um  ihm  ihre  Anhänglichkeit  und  Verehrung
  zu  beweisen.  Der  Kronprinz  Wilhelm  wohnte  dem
Festmahl  bei,  welches  die  anwesenden  Mitglieder  der  Familie
Bismarck,  Offiziersabordnungen  und  einige  befreundete  Persönlichkeiten
  beim  Reichskanzler  vereinigte.  Bei  diesem  Festmahl
sprach  der  Prinz  folgende  Worte:  „Um  mich  eines  militärischen
  Bildes  zu  bedienen,  vergleiche  ich  unsere  jetzige  Lage
mit  einem  Regiment,  das  zum  Sturm  schreitet.  Der  Kommandeur
  ist  gefallen,  der  Nächste  im  Kommando,  obwohl
schwer  getroffen,  reitet  noch  kühn  voran.  Alle  Blicke  sind  nach
der  Fahne  gerichtet,  welche  der  Träger  hoch  emporschwenkt.  So
halten  Ew.  Durchlaucht  das  Reichspanier.  Möge  es  Ihnen  noch
lange  vergönnt  sein,  im  Verein  mit  dem  geliebten  und  verehrten
Kaiser  das  Reichspanier  hochzuhalten.  Gott  segne  und  schütze
den  Kaiser  und  Ew.  Durchlaucht.“

Eine  der  Schwierigkeiten,  die  Bismarck  zu  überwinden  hatte,
berührte  die  auswärtige  Politik.  Es  war  beabsichtigt,  den  vertriebenen
  Bulgarenfürsten  Prinzen  Alexander  von  Battenberg
mit  Viktoria,  der  Tochter  der  Kaiserin,  zu  verheiraten.  Wäre

A.  Matthias,  Bismarck  28
        <pb n="447" />
        434  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

dieser  Plan  ausgeführt  worden,  so  hätte  man  Kaiser  Alexander
  III.,  der  den  Battenberger  haßte,  und  die  Russen  stark  verletzt
  und  die  russische  Politik  wieder  in  die  Bahnen  französtscher
Kriegslust  geleitet.  Es  gelang  Bismarck,  den  Heiratsplan  zu  vereiteln.
  Auch  trat  Kaiser  Friedrich  von  dem  Wunsche  zurück,  einer
größeren  Anzahl  von  Deutsch-Freisinnigen  Orden  zu  verleihen
und  in  eine  Amnestie  die  Sozialdemokraten  einzuschließen.  In
einer  anderen  Frage  hingegen  gab  Bismarck  nach.  Er  stimmte
zu,  daß  der  Minister  des  Innern  Puttkamer  verabschiedet  wurde,
weil  er  sich  so  stark  auf  Wahlbeeinflussung  eingelassen  hatte,
daß  es  Bismarck  zu  viel  war.  Mit  dem  Kaiser  blieb  er
im  übrigen  in  so  gutem  Einvernehmen,  daß  jener  noch  am
Tage  vor  seinem  Tode  ihm  ein  rührendes  Zeichen  seines
Vertrauens  gab.  Als  der  Kanzler  zum  Vortrage  im  Neuen
Palais  erschien,  legte  der  Kaiser,  der  nicht  mehr  imstande  war
zu  sprechen,  die  Hand  seiner  Gattin  in  die  Bismarcks  und
drückte  warm  die  beiden  Hände,  als  wolle  er  sagen,  daß  er
die  Kaiserin  des  Fürsten  Schutze  anvertraue.  Am  15.  Juni
wurde  Kaiser  Friedrich  von  seinem  schweren  Leiden  durch  den
Tod  erlöst.

Dem  jungen  Kaiser,  der  neunundzwanzig  Jahre  alt  war,  stand
der  dreiundsiebzigjährige  Kanzler,  zu  dem  der  neue  Herrscher  in
schwärmerischer  Verehrung  aufblickte,  ebenso  treu  zur  Seite,  wie
seinen  dahingeschiedenen  Vorgängern.  Am  25.  Juni  wurde  der
Reichstag  eröffnet;  zweiundzwanzig  Bundesfürsten,  deren  Staaten
Bismarcks  Klugheit  durch  den  Schutz  ihrer  Dynastien  fest  ans
Reich  geschmiedet  hatte,  umgaben  den  Kaiser.  Die  Thronrede
bekundete  seinen  festen  Willen  der  kaiserlichen  Botschaft
vom  17.  November  1881  getreu  dahin  zu  wirken,  daß  der
arbeitenden  Bevölkerung  auch  ferner  der  Schutz  gewährt  werde,
der  den  Schwachen  und  Bedrängten  im  Kampfe  um  das  Dasein
  zur  Ausgleichung  ungesunder  gesellschaftlicher  Gegensätze
zu  gewähren  sei,  ebenso  aber  auch  allen  Bestrebungen,
welche  die  staatliche  Ordnung  zu  untergraben  drohten,  mit
Nachdruck  entgegen  zu  treten.  In  der  auswärtigen  Politik
erklärte  der  Kaiser  sich  entschlossen  mit  jedermann  Frieden  zu
        <pb n="448" />
        Kaiser  Wilhelm  II.  Die  innere  Politik  435

halten  und  niemals  sich  durch  seine  Liebe  zum  deutschen  Heere
in  Versuchung  führen  zu  lassen,  den  Frieden  nicht  gewissenhaft
  zu  hüten.  Das  in  deutscher  Treue  festzuhaltende  Bündnis
mit  Osterreich  und  Italien  gestatte  die  sorgfältige  Pflege  der
persönlichen  Freundschaft  für  den  Kaiser  von  Rußland  und
der  seit  hundert  Jahren  bestehenden  friedlichen  Beziehungen  zu
dem  russischen  Nachbarreiche.  Daß  diese  aufrichtigen  und  freimütigen
  Bekenntnisse  auch  Bismarckschen  Geistes  waren,  bekundete
  der  Kaiser,  als  er  den  Text  der  Rede  dem  Kanzler
zurückgab,  der  mit  tiefem  Reigen  die  Hand  seines  Herrn  küßte,
worauf  der  Kaiser  die  Hand  des  Kanzlers  mehrere  Male  herzhaft
  drückte.

Im  vollen  Einvernehmen  mit  Bismarck  führte  der  Kaiser
Deutschlands  auswärtige  Politik.

In  der  inneren  Politik  lagen  die  Dinge  nicht  so  erfreulich,
Das  Kartell  zwischen  Konservativen  und  gemäßigten  Liberalen,
das  durch  die  letzten  Reichstagswahlen  geschaffen  war,  hatte
den  Hochkonservativen  von  Anfang  an  nicht  behagt.  Diese
gruppierten  sich  um  den  Hofprediger  Stöcker,  der  einen  Brief
an  den  Redakteur  der  Kreuzzeitung,  Freiherrn  von  Hammerstein,
  schrieb  und  riet,  man  möge  beim  Kaiser  den  Eindruck
erwecken,  daß  er  von  Bismarck  nicht  gut  beraten  sei;  man
müsse  rings  um  das  Kartell  Scheiterhaufen  anzünden,  den
herrschenden  Optimismus  in  die  Flammen  werfen  und  dadurch
die  Lage  beleuchten.  Es  gelang  nun  zwar  diesen  Treibereien
nicht,  zu  erreichen,  was  sie  erstrebten.  Der  Kaiser  gab  vielmehr
im  Reichsanzeiger  zu  erkennen,  daß  er  in  dem  Kartell  eine  den
Grundsätzen  seiner  Regierung  entsprechende  Gestaltung  sehe;  er
vermöge  die  Mittel,  mit  denen  die  Kreuzzeitung  das  Kartell  angreife,
  mit  der  Achtung  vor  der  allerhöchsten  Person  und  vor  unsern
verfassungsmäßigen  Institutionen  nicht  in  Einklang  zu  bringen.
So  blieb  das  Verhältnis  zwischen  Kaiser  und  Kanzler  ungetrübt.

Auch  ein  Angriff  von  anderer  Seite,  aus  Kreisen,  die  dem
verstorbenen  Kaiser  Friedrich  nahe  gestanden,  schlug  fehl.  Professor
  Dr.  Geffcken  von  Hamburg  veröffentlichte,  zunächst  ohne
seinen  Namen  zu  nennen,  Auszüge  aus  dem  Tagebuch  des

28“
        <pb n="449" />
        436  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

verstorbenen  Kaisers  Friedrich,  die  nicht  geeignet  waren,  das
Bild  des  Dahingeschiedenen  in  den  Augen  der  deutschen
Bundesfürsten  in  ein  freundliches  Licht  zu  stellen,  erhellte
doch  daraus,  daß  er  bei  der  Begründung  der  deutschen  Kaiserwürde
  ihre  Selbständigkeit  stark  habe  einschränken  wollen.  Auch
machten  die  Tagebuchaufzeichnungen  den  Eindruck,  als  ob  der
Kronprinz  von  Mißtrauen  gegen  Bismarck,  gegen  seine  Fähigkeit
  und  Ehrlichkeit  erfüllt  gewesen  sei  und  auch  von  Mißgunst
über  des  Kanzlers  Einfluß  bei  König  Wilhelm.  Die  Veröffentlichung
  gab  Anlaß  zu  einem  Immediatbericht  Bismarcks  an
den  Kaiser,  der  ebenso  wie  sein  Kanzler  erzürnt  war  über  die
begangene  Indiskretion.  In  diesem  Bericht  ward  Bismarck  durch
sein  Mißtrauen,  das  ganz  natürlich  war  angesichts  der  ihn
umgebenden  Intrigen,  veranlaßt,  an  manchen  Stellen  vielleicht
eine  zu  scharfe  Feder  zu  führen.  Kurz,  die  ganze  Angelegenheit
  war  nach  allen  Seiten  hin  höchst  unerquicklich;  verlief  aber
schließlich  so,  daß  des  Kaisers  Zusammenwirken  mit  Bismarck
nicht  weiter  gestört  wurde.

Erfreulicher  waren  die  Verhandlungen  im  Reichstage.  In
Kolonialfragen  war  auch  das  Zentrum  jetzt  weit  entgegenkommender,
  da  die  Frage  der  Missionen  die  parlamentarischen
Entscheidungen  beeinflußte.

Im  Januar  1889  wurde  im  Etat  für  Südwestafrika  eine
Mehrforderung  von  51000  Mark  und  in  dem  für  Ostafrika  zur
Bekämpfung  des  Sklavenhandels  und  zum  Schutz  der  deutschen
Interessen  die  Summe  von  zwei  Millionen  Mark  anstandslos
bewilligt.  Bismarck  betonte  bei  dieser  Gelegenheit  noch  einmal,
daß  er  von  Haus  aus  kein  Kolonialmensch  gewesen  seiz  er
habe  anfangs  gerechte  Bedenken  gehabt;  nur  der  Druck  der
öffentlichen  Meinung,  der  Druck  der  Mehrheit  habe  ihn  bestimmt
  zu  kapitulieren  und  sich  unterzuordnen.  Nachdem  man
aber  der  kolonialen  Strömung  soweit  nachgegeben  habe,  daß
man  nicht  mehr  zurück  könne,  so  müsse  man  auch  schneller
handeln.  Nur  dadurch  werde  man  dem  tüchtigen  Reichskommissar
  Hauptmann  von  Wissmann  seine  schwierigen  Aufgaben
etwas  erleichtern.  Bismarcks  Wunsch  erfüllte  sich,  der  Reichs-
        <pb n="450" />
        Gesetz  über  Alters  und  Invaliditätsversicherung  437

tag  bewilligte  die  große  Summe  binnen  wenigen  Tagen  nach  dem
Grundsatze  bis  dat,  qui  cito  dat,  doppelt  gibt,  wer  gleich  gibt.

Zu  Bismarcks  größter  Freude  sollte  nun  endlich  auch  das
Gesetz  über  Alters=  und  Invaliditätsversicherung  zum  Abschluß
kommen.  Schon  im  Jahre  1882  hatte  er  dieses  höchste  Ziel
seiner  Sozialpolitik  ins  Auge  gefaßt.  Er  hoffte  durch  das
Tabakmonopol  die  Mittel  zur  Verfügung  zu  bekommen,  um
den  Arbeitern  für  die  Tage  der  Ruhe  nach  der  Arbeit  ein
einigermaßen  sorgenloses  Leben  zu  schaffen,  ohne  daß  sie  in
der  Zeit  der  Arbeit  mit  Abgaben  für  das  Alter  belastet  würden.
Diese  Hoffnungen  erfüllten  sich  nicht,  das  Monopol  wurde
abgelehnt,  andere  Mittel  wurden  nicht  zur  Verfügung  gestellt.
Bismarck  erlitt  dadurch  eine  der  schmerzlichsten  Enttäuschungen
seines  Lebens.  Dieser  Teil  der  sozialen  Gesetzgebung  verlangsamte
  sich  wesentlich.  Trotzdem  verlor  ihn  Bismarck  nicht  aus
den  Augen.  Im  Jahre  1887  wurde  wieder  kräftiger  eingesetzt;
es  war  Aussicht,  daß  des  greisen  Kaisers  Wilhelm  letzte
Lebenszeit  ihm  noch  die  Freude  über  den  Abschluß  der  sozialen
Gesetzgebung  brächte.  Da  starb  er  darüber  hinweg.  Des
schaffensfrohen  Enkels  Thronrede  rief  eine  neue  Mahnung  ins
Land  hinaus.  Die  Arbeit  wurde  wieder  aufgenommen  und
rastlos  gefördert.

Während  der  Verhandlungen  hatte  sich  das  Gerücht  verbreitet,
  bei  den  verbündeten  Regierungen  beständen  Meinungsverschiedenheiten
  über  die  Vorlage  und  der  Reichskanzler  lege
wenig  Gewicht  auf  das  Zustandekommen  des  Gesetzes.  Diesem
Gerücht  trat  Staatssekretär  von  Boettcher,  der  sich  um  das  Gesetz
mit  großer  Arbeitskraft  und  ebenso  großem  Geschick  bemüht  hatte,
entgegen;  und  auch  Bismarck  griff  mit  Nachdruck  ein,  als  die
zweite  Lesung  am  29.  März  1889  begann.  Er  wies  zunächst  die
„Verdächtigung“  zurück,  als  ob  er  kein  Interesse  am  Zustandekommen
  des  Gesetzes  nähme,  er  bezeichnete  solche  Behauptungen
als  eine  „reine  und  dreiste  Erfindung“.  Nur  habe  er  nicht  geglaubt,
  daß  die  Vorlage  noch  in  diesem  Winter,  noch  in  dieser
Session  sich  zustande  bringen  lassen  werde;  er  habe  vielmehr  gefürchtet,
  die  Regierung  werde  gewissermaßen  ein  totes  Rennen
        <pb n="451" />
        438  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

haben  und  die  Vorlage  das  nächste  Jahr  noch  einmal  einbringen
müssen.  „Ich  glaube“,  so  sagte  er,  „daß  die  öffentlichen  Blätter
meiner  politischen  Freunde“  übertreiben,  wenn  sie  von  mir  sagen,
daß  ich,  schnell  alternd,  der  Arbeitsunfähigkeit  entgegen  ginge.
Einiges  kann  ich  noch  leisten,  aber  nicht  alles,  was  ich  früher
getan  habe.  Wenn  ich  die  Aufgaben  eines  Auswärtigen  Ministers
  eines  großen  Landes  und  auch  nur  die  noch  zur  Zufriedenheit
  leiste  auf  meine  alten  Tage,  dann  werde  ich  immer  noch
das  Werk  eines  Mannes  tun,  das  in  anderen  Ländern  als
ein  volles  Manneswerk  gilt,  und  ein  dankenswertes  Werk.
Wenn  es  mir  gelingt,  dabei  in  Einigkeit  mit  allen  verbündeten
Regierungen  und  mit  Seiner  Majestät  dem  Kaiser,  im  Genusse
des  Vertrauens  der  fremden  Regierungen,  unsere  auswärtige
Politik  weiter  zu  führen,  so  sehe  ich  das  einstweilen  als  meine
allererste  Pflicht  an.  In  allen  anderen  Beziehungen  bin  ich
leichter  ersetzbar.  Die  Summe  von  Vertrauen  und  Erfahrungen,
die  ich  aber  in  etwa  dreißig  Jahren  auswärtiger  Politik  mir
habe  erwerben  können,  die  kann  ich  nicht  vererben,  und  die
kann  ich  nicht  übertragen.

„Namentlich  in  diesen  jetzt  vorliegenden  Fragen  bin  ich  durch
meinen  Kollegen  Herrn  von  Boettcher  ja  mehr  als  ersetzt.  Ich
hätte  das,  was  er  in  dieser  Sache  getan  und  geleistet  hat,  selbst
nicht  leisten  können.  Jeder  hat  sein  eigenes  Fach,  und  in  diesem
Fache  sehe  ich  neidlos  das  Verdienst  meines  Herrn  Kollegen
als  das  größere  an  als  das  meinige.

„Aber  so  viel  Verdienst  habe  ich  doch  auch  in  dieser  Sache,
daß  ich  es  fast  als  eine  Beleidigung  ansehen  könnte,  wenn  man
von  mir  glauben  wollte,  daß  ich  sie  nun  im  Augenblicke  der
Entscheidung  im  Stiche  lassen  würde.  Ich  darf  mir  die  erste
Urheberschaft  der  ganzen  sozialen  Politik  zusprechen,  einschließlich
des  letzten  Abschlusses  davon,  der  uns  jetzt  beschäftigt.  Es  ist
mir  gelungen,  die  Liebe  des  hochseligen  Kaisers  Wilhelm  für
diese  Sache  zu  gewinnen.  Er  hat  es  als  seinen  schönsten
Triumph  bezeichnet,  den  er  noch  haben  würde,  und  den  er  noch
zu  erleben  wünschte,  wenn  diese  Fürsorge  für  den  Bedürftigen
noch  unter  seiner  Regierung  zum  Abschluß  kommen  könnte.  Der
        <pb n="452" />
        Bismarcks  letzte  Rede  im  Reichstage  439

jetzt  regierende  Kaiser  hat  es  eine  seiner  ersten  Außerungen  sein
lassen,  sich  diese  Neigung  Seines  hochseligen  Herrn  Großvaters
unbedingt  anzueignen.  Wie  sollte  ich  nun  dahin  kommen,  dieses
unter  meiner  Initiative  ins  Leben  gerufene  Werk  dicht  vor  dem
Abschlusse  zu  verleugnen,  ja  sogar  zu  bekämpfen!  Es  hieße  das
nicht  nur  das  Andenken  des  alten  Kaisers,  sondern  auch  den
Dienst  meines  jetzigen  Herrn  vollständig  verraten  und  verlassen.
Es  ist  das  in  der  Tat  eine  fast  beleidigende  Zumutung,  die  mir
damit  gestellt  wird.“

Am  18.  Mai  trat  er  noch  einmal  für  das  Gesetz  ein:

„Ich  habe,  als  ich  das  letzte  Mal  in  dieser  Frage  hier  das
Wort  nahm,  schon  hervorgehoben,  daß  meine  Nichtbeteiligung
an  den  Diskussionen  im  einzelnen  nicht  aus  Mangel  an  persönlichem
  Interesse  hervorgeht,  sondern  aus  Mangel  an  Kräften,
der  Gesamtheit  meiner  Aufgaben  nach  allen  Seiten  hin  wie
früher  zu  genügen.  Es  ist  mit  den  Jahren  für  mich  eine  Notwendigkeit
  geworden,  den  Kreis  meiner  Tätigkeit  prinzipiell
enger  zu  ziehen.  Ich  habe  vor  allen  Dingen  die  Leitung  der
auswärtigen  Beziehungen  und  auch  die  Leitung  der  inneren
Politik  in  ihren  Haupteinrichtungen,  in  Preußen  sowohl  wie
im  Reich,  beibehalten  zu  müssen  geglaubt;  außerhalb  des  damit
gezogenen  Kreises  liegt  für  mich  die  Aufgabe,  hier  Reden  zu
halten,  von  denen  ich  ganz  sicher  bin,  daß  sie  keine  einzige
Stimme  in  der  definitiven  Abstimmung  gewinnen  werden,  und
wenn  ich  auch  mit  Engelszungen  redete.  Die  Herren  wissen  ja
alle  schon  heute,  wofür  und  wogegen  sie  stimmen  wollen,  und
alles,  was  hier  an  Beredsamkeit  ausgetauscht  wird,  selbst  das,
was  an  anscheinender  Bitterkeit  und  Feindschaft  ausgetauscht
wird,  ist  doch  für  andere  Gegenden  berechnet  und  nicht  für  den
Einfluß  auf  irgend  jemanden,  der  hier  in  diesem  Saale  stimmberechtigt
  ist.

„Es  hat  mich  in  keiner  Weise  überrascht,  daß  die  sozialdemokratische
  Partei  gegen  dieses  Gesetz  ist.  Wenn  eines  der  Mitglieder
  der  freisinnigen  Partei  gesagt  hat,  daß  wir  die  Sozialdemokraten
  mit  dieser  Vorlage  nicht  gewinnen  würden,  ginge
aus  deren  Auftreten  hier  dagegen  hervor  —  so  möchte  ich  darauf
        <pb n="453" />
        440  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

doch  erwidern,  daß  dieser  Redner  —  es  war  der  Abgeordnete
Dr.  Barth  —  zwei  Dinge  vollständig  verwechselt:  das  sind  die
sozialistischen  Führer  und  die  sozialistischen  Massen.  Die  Massen,
welche  mit  irgend  etwas  unzufrieden  sind,  mit  etwas,  dem  auch
die  Sozialdemokratie  nicht  würde  abhelfen  können,  stimmen  bei
den  Wahlen  für  die  Sozialdemokraten,  weil  sie  ihrer  Unzufriedenheit
  durch  eine  regierungsfeindliche  Abstimmung  eben  Ausdruck
  geben  wollen.  Auf  einem  ganz  anderen  Boden  stehen  die
Herren,  deren  ganze  Bedentung,  deren  Herrschaft  darauf  beruht,
daß  die  von  ihnen  geleiteten  und  mißleiteten  Massen  unzufrieden
bleiben.  Diese  lehnen  natürlich  das  Gesetz  ab,  weil  es  immer  —
es  wird  die  Sozialdemokratie  in  ihrer  Gesamtheit  nicht  versöhnen
  —  doch  ein  Schritt  auf  dem  Wege  und  eine  Abfindung
mit  unserem  eigenen  Gewissen  ist,  daß  wir  wirklich  berechtigte
Unzufriedenheiten  nach  der  Möglichkeit,  die  sich  uns  bietet  und
die  der  Reichstag  uns  gestattet,  mildern  wollen.  Täuschen  wir
uns  doch  darüber  nicht,  daß  wir  mit  der  Sozialdemokratie  nicht
wie  mit  einer  landsmannschaftlichen  Partei  in  ruhiger  Diskussion
sind;  sie  lebt  mit  uns  im  Kriege,  und  sie  wird  losschlagen,  gerade
so  gut  wie  die  Franzosen,  sobald  sie  sich  stark  genug  dazu  fühlt.
Und  diese  Stärke  vorzubereiten  —  nicht  der  großen  Partei,  sondern
  der  Führer  —  ist  ja  die  ganze  Aufgabe  ihrer  Politik  —
und  alles,  was  diese  Stärke  zum  Losschlagen,  zur  Erzeugung
des  Bürgerkrieges,  zur  Herstellung  des  Massentritts  der  Arbeiterbataillone"
  schädigen  kann,  hindern  kann,  hemmen  kann,  das
werden  sie  natürlich  bekämpfen;  also  wird  ihnen  auch  jedes
Entgegenkommen  für  die  Leiden  des  armen  Mannes,  welches
von  Staats  wegen  geschieht,  hinderlich  sein  —  das  mindert  die
Unzufriedenheit,  und  Unzufriedenheit  brauchen  sie.  Also  das  war
natürlich  vorauszusehen,  daß  sie  dagegen  stimmen  würden.
„Ich  habe  mich  auch  darüber  nicht  gewundert,  daß  die  Herren
von  der  freisinnigen  Partei  dagegen  stimmen.  Ich  habe  in  dem
Vierteljahrhundert  und  mehr,  daß  ich  an  dieser  Stelle  bin,  noch
nie  von  diesen  Herren  eine  Zustimmung  für  irgend  etwas  gehabt
—  wenn  ich  allein  vielleicht  ausnehme  vor  Jahr  und  Tag  die
letzte  Zustimmung  zur  letzten  Hand,  die  an  unsere  Wehrverfassung
        <pb n="454" />
        Bismarcks  letzte  Rede  im  Reichstage  441

gelegt  wurde.  .  .  Daß  die  Herren  Welfen  gegen  die  Vorlage
sind,  das  geht  aus  anderen  Gründen  hervor,  als  die  Opposition
der  Fortschrittspartei.  .  ..  Wenn  die  Polen  eine  Vorlage  verwerfen,
  so  geben  sie  damit  nur  das  Zeugnis  ab,  daß  dieselbe
zur  Konsolidation  des  Deutschen  Reiches  führen  könnte;  daß
die  Franzosenfreunde,  welche  durch  voreiligen  Beschluß  des
Reichstags  in  seine  Mitte  zugelassen  worden  sind,  um  an  der
Gesetzgebung  über  das  gesamte  Reich  teilzunehmen  —  dazu
haben  wir  wahrhaftig  nicht  den  Krieg  geführt,  um  uns  vierzehn
Franzosen  einzuimpfen  —  daß  die  dagegen  sind,  ist  ebenso
natürlich;  es  zeigt  uns  die  Opposition  dieser  Herren,  daß  in
diesem  Gesetz  etwas  drinstecken  muß,  was  dem  Deutschen  Reiche
nützlich  sei.

„Ich  würde  bei  der  Selbstverständlichkeit  dieser  Opposition
und  ihrer  Voraussichtlichkeit  darüber  gar  nicht  gesprochen  haben.
Aber  auch  von  konservativer  Seite  wird  gegen  das  Gesetz  eine
Opposition  geübt,  die  ich  mit  der  Aufgabe  der  konservativen
Partei  nicht  verträglich  finde.  Ich  möchte  jedem  Konservativen,
der  hier  gegen  dies  Gesetz  auftritt,  mit  dem  Spruch  des  Dichters
antworten:

Es  tut  mir  lang'  schon  weh,
Daß  ich  dich  in  der  Geseilschaft  seh'.

„Es  liegt  ja  sehr  nahe  —  les  extrémes  se  touchent  —  daß
Hyperkonservative  —  ich  habe  das  oft  in  meinem  Leben  schon
durchgemacht  —  sich  unter  Umständen,  wenn  sie  zornig  werden,
im  politischen  Effekt  von  den  Sozialdemokraten  nur  mäßig  unterscheiden.
  Ich  möchte  den  Herren  zurufen  zur  Erinnerung  an  den
Boden  des  Vaterlandes  und  selbst  der  Partei,  auf  dem  sie  stehen:
Wie  können  Sie  von  seiten  der  konservativen  Partei  auf  diese
Weise  dem  individnellen  Zorn,  dem  Verdruß,  dem  lokalen  Interesse
  Raum  geben  gegenüber  einer  Frage,  welche  die  Gesamtheit
des  Reiches  so  bis  in  ihre  innersten  Tiefen  berührt,  wie  das
hier  geschehen  ist!  Ich  bin  betrübt  gewesen,  in  dem  Berichte
von  der  gestrigen  Sitzung  aus  einem  konservativen  Munde  unseren
Gegnern  das  Zeugnis  geliefert  zu  sehen,  daß  in  dergleichen
Sachen  die  Gutsinteressen,  die  lokalen,  die  persönlichen  Inter-
        <pb n="455" />
        442  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

essen  in  erster  Linie  maßgebend  sind,  von  den  großen  Reichsinteressen,
  von  den  nationalen,  den  christlichen  Interessen  aber
gar  nicht  mehr  die  Rede  ist.

„Das,  meine  Herren,  ist  kein  konservatives  Gebaren,  und  wer
sich  auf  diese  Seite  der  Kirchturmspolitik,  des  Lokalpatriotismus,
des  Provinzialpatriotismus  stellt,  der,  glaube  ich,  erfüllt  die
Aufgaben,  die  ein  Mandat  eines  Reichstagsabgeordneten  an  ihn
stellt,  doch  nur  partiell,  mit  viel  Schatten  und  wenig  Licht.“

Der  Schluß  der  Rede,  in  welcher  der  Reichskanzler  noch
auf  viele  Einzelheiten  mit  bewundernswerter  Sachkenntnis  einging,
  richtete  sich  in  charakteristischer  Weise  an  die  konservativen
Elemente  im  weitesten  Sinne:

„Nun,  meine  Herren,  ich  richte  also  meine  Rede  heute
vorzugsweise  an  die  konservative  Partei,  zu  der  ich  die  Reichspartei
  und  —  die  Herren  mögen  es  mir  nicht  übel  nehmen  —
die  Nationalliberalen  und  das  Zentrum  rechne  —  ich  halte
die  eben  genannten  Parteien  in  der  Gesamtrichtung  ihrer
Majorität  für  konservativ,  das  heißt  für  Parteien,  welche  den
Staat,  das  Reich,  nicht  nur  überhaupt  und  generell,  sondern
auch  angebrachtermaßen  erhalten  und  schützen  wollen.  Nur
mit  den  Herren  habe  ich  mich  auseinanderzusetzen,  mit  den
anderen  habe  ich  zu  kämpfen;  das  ist  eine  andere  Sache.  Aber
ich  möchte  die  konservativen  Herren  ihrerseits  besonders  bitten,
sich  von  der  Gemeinschaft  von  Sozialdemokraten,  Polen,  Welfen,
Elsässer-Franzosen  —  und  auch  von  der  Gemeinschaft  der  Freisinnigen
  absolut  loszusagen."

Das  Gesetz  wurde  am  24.  Mai  angenommen  mit  185  gegen
165.  Dagegen  hatten  die  übliche  Opposition,  außerdem  11  Konservative,
  12  Nationalliberale  und  75  vom  Zentrum  gestimmt.

Die  Rede  Bismarcks  am  18.  Mai  1889  sollte  seine  letzte  Rede
im  Reichstage  sein,  sein  parlamentarischer  Schwanengesang,
der  seines  ganzen  Wirkens  würdig  war.  Nun  waren  alle  deutschen
Arbeiter  unter  den  Schutz  des  Reiches  gestellt;  es  wäre  das
noch  mehr  der  Fall  gewesen,  wenn  Bismarcks  Ideale  in  finanzpolitischer,
  wirtschaftlicher  und  sozialer  Richtung  sich  alle  erfüllt
hätten.  Jedenfalls  war  es  unleugbar,  daß  kein  anderer  Staat
        <pb n="456" />
        Unstimmigkeiten  zwischen  Kaiser  und  Bismarck  443

Deutschland  jetzt  auf  dem  sozialen  Gebiete  gleichstand  in  diesem
großen  Liebeswerke  praktischen  Christentums.

Am  1.  Januar  1890  richtete  der  Kaiser  an  den  Fürsten  Bismarck
ein  Glückwunschschreiben,  in  welchem  er  seine  hohe  Befriedigung
darüber  ausdrückte,  daß  es  unter  der  vertrauensvollen  Mitwirkung
  der  Vertretung  des  Reiches  gelungen  sei,  das  Gesetz
zustande  zu  bringen  und  dadurch  einen  wesentlichen  Schritt
auf  dem  ihm  besonders  am  Herzen  liegenden  Wege  der  Für—
sorge  für  die  arbeitende  Bevölkerung  vorwärts  zu  tun;  das
Schreiben  schloß  mit  den  Worten:  „Ich  weiß  sehr  wohl,  welch
reicher  Anteil  an  diesem  Erfolge  Ihrer  aufopfernden  und
schaffensfreudigen  Tatkraft  gebührt,  und  bitte  Gott,  er  möge
Mir  in  Meinem  schweren  und  verantwortungsvollen  Herrscherberufe
  Ihren  treuen  und  erprobten  Rat  noch  viele  Jahre  erhalten."


Als  die  Kaiserin  Augusta  am  7.  Januar  starb,  wollte
Bismarck  von  Friedrichsruh  nach  Berlin  kommen,  um  der
Gemahlin  des  dahingeschiedenen  Kaisers  die  letzte  Ehre  zu
erweisen.  Der  Kaiser  hörte  davon  und  sprach  Bismarck  den
Wunsch  aus,  seine  Gesundheit  zu  schonen  und  seinen  Landaufenthalt
  nicht  zu  unterbrechen.  Es  war  sicherlich  dem  Kaiser
wirklich  Herzensmeinung,  daß  der  Kanzler  sich  schone.  Ob  aber
nicht  Einflüsse  von  Personen,  die  gegen  Bismarck  sich  richteten,
dazu  beigetragen  haben,  ihn  „aus  dem  lebendigen  Zusammenhange
  der  Dinge  fernzuhalten“,  muß  man  dahingestellt  sein
lassen.  Bismarck  hat  diese  Vermutung  einmal  ausgesprochen;
jedenfalls  hatte  er  damals  keineswegs  das  Bedürfnis,  so  lange
von  Berlin  abwesend  zu  sein.

Als  ihn  am  24.  Januar  die  Sorge  um  das  Sozialistengesetz
  nach  Berlin  zurückrief,  zeigte  es  sich  schon  am  ersten
Tage  in  der  Sitzung  des  Staatsministeriums  und  bei  dem
unter  des  Kaisers  Vorsitz  stattfindenden  Kronrat,  daß  des  Kaisers
Anschauungen  und  Bestrebungen  von  denen  Bismarcks  mehr
und  mehr  abwichen  in  bezug  auf  jenes  Gesetz  sowohl  wie  auf
die  Sozialpolitik  überhaupt.

Am  25.  Januar  sollte  der  Reichstag  geschlossen  werden,
        <pb n="457" />
        444  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wuken.  Seine  Entlassung

zuvor  aber  mußte  in  dritter  Lesung  das  Sozialistengesetz  beraten
  werden.  In  der  Kommissson  war  es  ohne  die  von  der
Regierung  gewünschte  Ausweisungsbestimmung  angenommen.
Bismarck  hielt  diese  Bestimmung  für  dringend  nötig.  Die
Konservativen  standen  zu  seiner  Ansicht  und  hofften  auf  eine
Erklärung  der  Regierung  in  Bismarcks  und  in  ihrem  Sinne.
Da  Bismarck  diese  nicht  abgab,  stimmten  die  Konservativen
gegen  das  ihrer  Meinung  nach  verstümmelte  und  deshalb  wertlose
  Gesetz  mit  Zentrum,  Freisinn  und  Sozialdemokraten,  die
überhaupt  kein  Ausnahmegesetz  wollten.  Damit  kam  das  ganze
Gesetz  zu  Fall.

Weshalb  Bismarck  in  entscheidender  Stunde  nicht  sprach,
ist  nicht  klargestellt.  Die  Annahme,  daß  etwas  zwischen  ihm
und  dem  Kaiser  sowie  seinen  Kollegen  im  Ministerium  lag,
trifft  wohl  das  Richtige.  Auch  das  wird  richtig  sein,  daß  er
in  dem  Wunsche,  auf  das  allerentschiedenste  gegen  die  Sozialdemokratie
  aufzutreten,  nicht  mit  des  Kaisers  Wünschen  zusammentraf,
  da  dieser  später  einmal  optimistisch  im  Staatsrat
sagte:  „Die  Sozialdemokratie  überlassen  Sie  mir,  mit  der
werde  ich  ganz  allein  fertig  werden.“

Der  Kaiser  wünschte  offenbar  dieser  Partei  seine  entgegenkommenden
  Absichten  zu  zeigen.  Da  Bismarck  für  des  Kaisers
Ansichten  sich  nicht  voll  einsetzen  konnte,  sprach  er  schon  am
Tage  seiner  Rückkehr  —  auch  um  entlastet  zu  werden  —  den
Wunsch  aus,  von  dem  Ministerium  für  Handel  und  Gewerbe,
das  er  bisher  verwaltet  hatte,  befreit  zu  werden.  Der  Oberpräsident
  der  Rheinprovinz  von  Berlepsch,  ein  überzeugter  Anhänger
  weitgehender  sozialer  Reformen,  wurde  damit  betraut.

Dann  erschienen  am  4.  Februar  zwei  Erlasse  des  Kaisers,
einer  an  Bismarck  und  einer  an  den  neuen  Handelsminister,
der  Fortführung  der  Sozialreform  versprach.  Man  hoffte  damit
der  Sozialdemokratie  bei  den  Ende  Februar  stattfindenden
Wahlen  den  Wind  aus  den  Segeln  zu  nehmen.  Es  fiel  auf,
daß  Bismarck  nicht  gegengezeichnet  hatte.  Auch  das  deutete
darauf  hin,  daß  in  den  maßgebenden  Kreisen  nicht  alles  war,
wie  es  zu  wünschen  gewesen  wäre.  In  diesem  Sinne  durfte
        <pb n="458" />
        Wachsende  Spannung  445

man  auch  ein  Wort  auffassen,  das  Bismarck  bei  einem  parlamentarischen
  Essen,  dem  auch  der  Kaiser  beiwohnte,  am  4.  Februar
  zu  einigen  Abgeordneten  sagte:  „Der  Kaiser  hat  mich
recht  lieb,  aber  imponieren  kann  ich  ihm  doch  nicht.  Versuchen
Sie  es  doch,  meine  Herren!  Vielleicht  imponieren  Sie  ihm;
ich  zweifle  allerdings  daran.“

Die  Wahlen  am  20.  Februar  fielen  betrübend  aus.  Das
konservativ-liberale  Kartell,  das  Werk  Bismarcks,  wurde  stark
geschwächt  durch  Anwachsen  der  linksliberalen  und  sozialdemokratischen
  Elemente.  Bismarcks  Stellung  wurde  damit
nicht  befestigt.

Schon  Anfang  Februar  hatte  er  daran  gedacht,  um  seinen
Abschied  zu  bitten.  Am  25.  Februar  bei  einem  Vortrage,  den
Bismarck  dem  Kaiser  über  die  Wahlen  hielt,  wurde  diese  persönliche
  Angelegenheit  von  ihm  nochmals  zurückgestellt.  Es  lag
damals  eine  neue  Militärvorlage  vor,  in  der  es  sich  um  eine
beträchtliche  Heeresvermehrung  handelte;  diese  wollte  der  Kanzler
  noch  vertreten.  Falls  diese  Vorlage  nicht  durchkomme,  dachte
er  an  Auflösung,  wenn  nötig,  für  mehrere  Malez  er  scheint
auch  sogar  alleräußerstenfalls  erwogen  zu  haben,  die  Bundesfürsten
  und  Häupter  der  Freien  Städte  nach  Berlin  zu  rufen
zur  Abänderung  und  Einschränkung  des  Wahlrechts.

So  weit  zu  gehen  konnte  der  Kaiser  sich  nicht  entschließen.  Die
Spannung  zwischen  ihm  und  Bismarck  verstärkte  sich.  Am  9.  März
verlieh  er  dem  Staatssekretär  und  Vizepräsidenten  des  Staatsministeriums
  v.  Böttcher  den  Schwarzen  Adlerorden  mit  der  Begründung,
  die  Sozialreform  habe  an  ihm  ihre  Hauptstütze  gehabt.

Die  Minister  standen  während  dieser  Spannung  auf  Seite
des  Kaisers,  und  es  scheint,  als  ob  dadurch  im  Geschäftsgange
Bismarck  hier  oder  da  nicht  gebührend  berücksichtigt  worden  sei.

Bismarck  aber  war  nicht  der  Mann,  sich  Rechte,  die  er  zu
haben  glaubte,  verkürzen  zu  lassen;  er  machte  aufmerksam  auf
die  Kabinettsorder  vom  8.  September  1852,  nach  welcher  der
Verkehr  der  einzelnen  Fachminister  der  Kontrolle  des  Ministerpräsidenten
  unterstellt  war.  Der  Kaiser  hinwiederum  betrachtete
das  als  eine  schwere  Beeinträchtigung  seiner  Herrscherbefugnisse;
        <pb n="459" />
        446  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

er  trug  Bismarck  auf,  eine  Order  zu  entwerfen,  durch  welche
die  Bestimmungen  von  1852  aufgehoben  würden.  Das  vermehrte
  die  Spannung.

Es  kam  noch  etwas  anderes  hinzu.  Am  10.  März  (oder
war  es  am  12.)  hatte  Windthorst  durch  Vermittlung  Herrn
von  Bleichröders,  der  Bismarcks  Bankier  war,  eine  Unterredung
mit  Bismarck  über  die  augenblickliche  Sachlage;  ihr  Ergebnis
wurde  durch  einen  Artikel  der  Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung
vom  13.  März  bekannt;  darnach  war  ein  Zusammengehen  der
Konservativen  und  des  Zentrums  in  Aussicht  genommen.

Der  Kaiser  bekam  von  der  Wahrheit  stark  abweichende  Berichte
  über  jene  Zusammenkunft;z  er  soll  sogar  den  Verdacht
geschöpft  haben,  Bismarck  wolle  sich  der  Hilfe  des  Zentrums
gegen  ihn  bedienen.  Am  Morgen  des  15.  März  fuhr  er  im
Reichskanzlerpalais  vor.  Hier  muß  es  zu  heftigen  Auseinandersetzungen
  gekommen  sein.  Jedenfalls  wollte  Bismarck  sich  den
freien  Verkehr  mit  den  Parteiführern  nicht  untersagen  lassen,
und  falls  die  Order  von  1852  aufgehoben  würde,  nicht  länger
Ministerpräsident  bleiben.

Sehr  schnell  vollzog  sich  nun  die  Entscheidung.  Am  Morgen
des  17.  März  erschienen  bei  Bismarck  die  Chefs  des  Militär=  und
Zivilkabinetts  General  v.  Hahnke  und  Geheimrat  v.  Lucanus.  Sie
teilten  mit,  daß  der  Kaiser  in  bezug  auf  die  Kabinettsorder  bei
seinem  Verlangen  bleibe,  und,  falls  Bismarck  auf  seinem  Widerstande
  verharre,  dessen  Entlassungsgesuche  entgegensehe.  Bismarck
konnte  sich  nicht  entschließen,  diesem  Wunsch  sogleich  zu  willfahren;
  er  wollte  zwar  die  Stellung  des  die  Verantwortung
tragenden  Ministerpräsidenten  durch  Anderung  der  Order  nicht
erschüttern,  aber  er  hielt  für  die  gerade  damals  recht  schwierigen
  auswärtigen  Verhältnisse  seine  reiche  diplomatische  Erfahrung
  für  unentbehrlich.  Er  berief,  da  er  leidend  war,  das
Ministerium  zu  sich  und  fand  dieses,  solange  es  bei  ihm  war,
einstimmig  auf  seiner  Seite  stehend.

An  demselben  Tage  traf  auch  ein  Schreiben  des  Kaisers
bei  Bismarck  ein,  in  welchem  ihm  der  Vorwurf  gemacht  wurde,
dem  Kaiser  Berichte  aus  Kiew  über  russische  Truppenbewegungen
        <pb n="460" />
        Bismarcks  Entlassung  447

vorenthalten  zu  haben.  Auch  brachte  der  Kaiser  seine  abweichende
Meinung  über  die  Führung  der  auswärtigen  Politik  zum  Aus—
druck.  Bismarck  hatte  jene  Berichte,  die  ihm  veraltet  erschienen,
an  den  Generalstab  weitergegeben.

Nun  erst  —  nach  dem  Eintreffen  des  kaiserlichen  Schreibens  —
scheint  Bismarck  sich  zum  Rücktritt  entschlossen  zu  haben;  er  verfaßte
  am  18.  März  sein  zwanzig  Seiten  füllendes  Entlassungsgesuch,
  dessen  Schluß,  charakteristisch  für  den  ganzen  Verlauf  der
Dinge  und  für  Bismarcks  ganze  Seelenverfassung  in  diesen
schweren  Tagen,  also  lautete:  „Es  ist  mir  bei  meiner  Anhänglichkeit
  an  den  Dienst  des  Königlichen  Hauses  und  an  Euere  Majestät
und  bei  der  langjährigen  Einlebung  in  Verhältnisse,  welche  ich
bisher  für  dauernd  gehalten  hatte,  sehr  schmerzlich,  aus  der
gewohnten  Beziehung  zu  Allerhöchstdemselben  und  zu  der  Gesamtpolitik
  des  Reichs  und  Preußens  auszuscheiden,  aber  nach
gewissenhafter  Erwägung  der  Allerhöchsten  Intentionen,  zu  deren
Ausführung  ich  bereit  sein  müßte,  wenn  ich  im  Dienst  bliebe,
kann  ich  nicht  anders,  als  Euere  Majestät  alleruntertänigst
bitten,  mich  aus  dem  Amte  des  Reichskanzlers,  des  Ministerpräsidenten
  und  des  Preußischen  Ministers  der  auswärtigen
Angelegenheiten  in  Gnade  und  mit  der  gesetzlichen  Pension  entlassen
  zu  wollen.  Nach  meinen  Eindrücken  in  den  letzten  Wochen
und  nach  den  Eröffnungen,  die  ich  gestern  den  Mitteilungen
aus  Eurer  Majestät  Zivil=  und  Militärkabinett  entnommen  habe,
darf  ich  in  Ehrfurcht  annehmen,  daß  ich  mit  diesem  meinem
Entlassungsgesuch  den  Wünschen  Euerer  Majestät  entgegenkomme
  und  also  auf  eine  huldreiche  Bewilligung  mit  Sicherheit
rechnen  darf.  Ich  würde  die  Bitte  um  Entlassung  aus  meinen
Imtern  schon  vor  Jahr  und  Tag  Euerer  Majestät  unterbreitet
haben,  wenn  ich  nicht  den  Eindruck  gehabt  hätte,  daß  es  Euerer
Majestät  erwünscht  wäre,  die  Erfahrungen  und  die  Fähigkeiten
eines  treuen  Dieners  Ihrer  Vorfahren  zu  benutzen.  Nachdem
ich  sicher  bin,  daß  Euere  Majestät  derselben  nicht  bedürfen,
darf  ich  aus  dem  politischen  Leben  zurücktreten,  ohne  zu  befürchten,
  daß  mein  Entschluß  von  der  öffentlichen  Meinung  als
unzeitig  verurteilt  wird.“
        <pb n="461" />
        448  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

Am  20.  März  wurde  Bismarcks  Entlassungsgesuch  vom
Kaiser  genehmigt;  die  wesentlichen  Worte  lauteten  also:  „Mit
tiefer  Bewegung  habe  Ich  aus  Ihrem  Gesuche  vom  18.  d.  M.
ersehen,  daß  Sie  entschlossen  sind,  von  den  Ämtern  zurückzutreten,
  welche  Sie  seit  langen  Jahren  mit  unvergleichlichem
Erfolge  geführt  haben.  Ich  hatte  gehofft,  dem  Gedanken,  Mich
von  Ihnen  zu  trennen,  bei  unseren  Lebzeiten  nicht  näher  treten
zu  müssen.  Wenn  Ich  gleichwohl  im  vollen  Bewußtsein  der
folgenschweren  Tragweite  Ihres  Rücktritts  jetzt  genötigt  bin,
Mich  mit  diesem  Gedanken  vertraut  zu  machen,  so  tue  Ich
dies  zwar  betrübten  Herzens,  aber  in  der  festen  Zuversicht,
daß  die  Gewährung  Ihres  Gesuches  dazu  beitragen  werde,
Ihr  für  das  Vaterland  unersetzliches  Leben  und  Ihre  Kräfte
so  lang  wie  möglich  zu  schonen  und  zu  erhalten.  Die  von
Ihnen  für  Ihren  Entschluß  angeführten  Gründe  überzeugen
Mich,  daß  weitere  Versuche,  Sie  zur  Zurücknahme  Ihres  Antrages
  zu  bestimmen,  keine  Aussicht  auf  Erfolg  haben.
Ich  habe  es  als  eine  der  gnädigsten  Fügungen  in  Meinem
Leben  betrachtet,  daß  Ich  Sie  bei  Meinem  Regierungsantritt
als  Meinen  ersten  Berater  zur  Seite  hatte.  Was  Sie  für
Preußen  und  Deutschland  gewirkt  und  erreicht  haben,  was
Sie  Meinem  Hause,  Meinen  Vorfahren  und  Mir  gewesen  sind,
wird  Mir  und  dem  deutschen  Volke  in  dankbarer  unvergänglicher
  Erinnerung  bleiben.  Aber  auch  im  Auslande  wird  Ihrer
weisen  und  tatkräftigen  Friedenspolitik,  die  Ich  auch  künftig
aus  voller  Uberzeugung  zur  Richtschnur  Meines  Handelns  zu
machen  entschlossen  bin,  allezeit  mit  ruhmvoller  Anerkennung
gedacht  werden.“

Zum  Schlusse  des  Schreibens  ernannte  der  Kaiser  den
Fürsten  zum  Herzoge  von  Lauenburg  und  wegen  seiner  Verdienste
  um  die  preußische  Armee  zum  Generalobersten  mit  dem
Range  eines  Generalfeldmarschalls.

Am  26.  März  erfolgte  in  ruhiger  und  würdiger  Form  die
Abschiedsaudienz  beim  Kaiser.  Die  Kaiserin  mit  ihren  Söhnen
war  zugegen  und  nahm  vom  Fürsten  den  herzlichsten  Abschied
mit  einem  Rosenstrauß  und  mit  Dank  für  das,  was  er  auch  für
        <pb n="462" />
        Eindruck  in  der  Welt  449

die  Zukunft  dieser  ihrer  Söhne  getan  habe.  Auf  dem  Hin=  und
Rückwege  wurde  Bismarck  von  Huldigungen  begleitet,  die  jeder
Beschreibung  spetten.  Am  Spätnachmittage  des  28.  März
weilte  Bismarck  an  der  Grabstätte  des  alten  Kaisers  im
Mausoleum  von  Charlottenburg.  Er  hatte  sich  Rosen  vom
Hofgärtner  erbeten  und  brachte  diese  als  letzten  Gruß  seinem
dahingeschiedenen  kaiserlichen  Herrn.  Ernst  und  still  fuhr  er
dann  heimwärts,  wiederum  begleitet  von  den  Huldigungen
treuer  Liebe  des  Volkes.

Am  29.  März  kam  der  Abschied  von  des  Reiches  Hauptstadt.
  Als  er  zum  Lehrter  Bahnhof  fuhr,  erreichten  die  Huldigungen
  des  Volkes  ihren  Höhepunkt  in  einer  Sturmflut  des
Dankes.  Der  Kaiser  hatte  zum  Bahnhof  die  erste  Schwadron
der  Gardekürassiere  mit  ihrer  Standarte  entsandt.  Die  Musik
blies  ihm  zum  Abschied  das  Lied:  „Ich  bin  ein  Preuße,  kennt
Ihr  meine  Farben?“  Die  Menge  fiel  jubelnd  mit  Gesang
ein.  Auf  dem  Bahnhof  waren  die  Spitzen  der  Militär=  und
Zivilbehörden  und  die  Hofchargen  zugegen.  Es  war  somit,
wie  Bismarck  es  später  einmal  bezeichnet  hat,  ein  Begräbnis
erster  Klasse.

Bis  in  die  weiteste  Ferne  zitterte  die  Katastrophe  nach;  selbst
die  französische  Presse  wurde  der  Größe  des  scheidenden  Mannes
gerecht:  „Bismarck  war  eine  Friedensbürgschaft  für  Europa"“,
war  in  ihr  zu  lesen;  in  England  schrieb  man:  „Die  Erhaltung
des  Friedens  wird  schwerer  sein,  wenn  des  Meisters  leitende
Hand  verschwunden  ist“;  und  in  Italien  bezeichnete  man  „Bismarcks
  Riesengestalt  als  ein  Werkzeug  der  Vorsehung,  als  einen
Hort  des  Friedens  für  ganz  Europa“.  Deutschland  aber  stand
im  Zeichen  schmerzlichster  Wehmut.  Der  Kaiser  selbst  telegraphierte
  an  den  Großherzog  von  Weimar:  „Mir  ist  so  weh,
als  hätte  ich  noch  einmal  meinen  Großvater  verloren;  aber
von  Gott  Bestimmtes  ist  zu  tragen,  auch  wenn  man  darunter
zu  Grunde  gehen  sollte.  Das  Amt  des  wachthabenden  Offiziers
auf  dem  Staatsschiffe  ist  mir  zugefallen,  der  Kurs  bleibt  der
alte.  Volldampf  voraus.“  Das  deutsche  Volk  aber  konnte  nicht

verlangen,  so  schwer  ihm  in  seiner  unbegrenzten  Liebe  der  Ab-N.
  Matthias,  Bismarck  29
        <pb n="463" />
        450  17.  Das  Dreikaiserjahr.  Bismarcks  letztes  Wirken.  Seine  Entlassung

schied  von  Bismarck  auch  wurde,  daß  die  Zurückhaltung  und
die  zuwartende  Bedächtigkeit  des  Alters  sich  mit  dem  Tatendrang
  und  der  mutigen  Zuversicht  der  Jugend  verständige.
Dort  galt  es  einen  Schatz  von  Ruhm  und  Ehre  zu  wahren  und
zu  hüten,  hier  einen  neuen  Schatz  von  gleichem  Wert  wagemutig
erst  zu  erwerben.  Und  wenn  auch  manches  Wort  des  Unmuts
laut  wurde,  daß  alles  so  plötzlich  und  in  solchen  Formen  kam,
eins  ist  uns  aus  jenen  Tagen  im  tiefsten  Herzen  als  Erinnerung
  geblieben:  die  Festigkeit  und  die  Tiefe  monarchischer
Gesinnung  hat  damals  ihre  Feuerprobe  bestanden.  Und  kein
anderer  als  Bismarck  war  es,  der  die  Königstreue  dem  Volke
durch  sein  hehres  Beispiel  so  fest  ins  Herz  gesenkt  hatte,  daß  sie
diese  Feuerprobe  bestehen  konnte.  In  den  schweren  Tagen  der
Revolution  von  1848  hatte  er  mit  banger  Sorge  gesehen,  wie
Königsthrone  nicht  sicher  waren  vor  den  Mächten  des  Umsturzes,
  und  er  hatte  mit  mannhafter  Entschlossenheit,  als  viele
zagten,  sich  zu  seinem  Könige  gestellt  und  es  sich  fortan  zur
heiligsten  Aufgabe  seines  Lebens  gemacht,  den  Thron  zu  festigen
gegen  alle  Stürme  der  Zukunft  und  gegen  jeden  Stoß  der
Zeit.  Aus  der  Nähe  dieses  Thrones  mußte  er  nun  scheiden;
und  er  schied  davon  in  dem  Vertrauen,  daß  sein  Werk  von
festem  Bestande  sei,  weil  es  fortan  geschützt  wurde  von  einem
zu  klarem  monarchischem  Vollbewußtsein  durch  gewaltige  Ereignisse
  geschulten  Volke.
        <pb n="464" />
        Bismarck  in  den  Neunziger  Jahren

Nach  dem  Gemälde  von  Franz  v.  Lenbach
        <pb n="465" />
        <pb n="466" />
        18.  Feierabend  im  Sachsenwalde

un  kam  für  Bismarck  die  Zeit  der  Ruhe.  Er  zog  sich  nach

Friedrichsruh  zurück,  selten  war  er  in  Varzin  und  Schönhausen;
  im  Sommer  verweilte  er  zu  Kurzwecken  in  Kissingen.
Friedrichsrnh  zog  ihn  aus  mancherlei  Gründen  an:  vor  allem
war  es  die  Schönheit  des  Sachsenwaldes,  die  ihn  fesselte.
Weshalb  der  Wald  ihm  so  lieb  war,  hat  er  den  bergischen
Frauen  verraten,  die  zu  ihm  im  Jahre  1894  eine  Huldi—
gungsfahrt  machten:  „Ich  bin  im  Walde  lange  nicht  so  ein—
sam,  wie  oft  in  den  vorhergehenden  dreißig  Jahren.  Man
ist  immer  am  einsamsten  in  großen  Städten,  am  Hofe,  im
Parlamente,  unter  seinen  Kollegen;  dort  fühlt  man  sich  mitunter
  wie  unter  Larven  die  einzige  fühlende  Brust.  Aber  im
Walde  fühle  ich  mich  niemals  einsam;  das  muß  in  der  Natur
des  Waldes  begründet  sein.  Ich  weiß  nicht,  ob  Sie  in  Ihrem
Leben  so  viele  Förster  kennen  gelernt  haben,  wie  ich:  aber
ich  habe  vorwiegend  zufriedene  Förster  gekannt.  Die  Waldeinsamkeit
  muß  für  Deutsche  etwas  Befriedigendes  haben,  und
die  amtliche  Tätigkeit  eines  Ministers  muß  andere  Wirkungen
haben.“  Einsamkeit  ist  für  kleine  Geister  eine  Qual,  aber  sie
ist  das  Los  und  die  Sehnsucht  aller  hervorragenden  Persönlichkeiten.
  So  sehr  das  bei  Bismarck  zutrifft,  so  gut  wußte
doch  auch  gerade  er,  daß  die  wahre  Weisheit  zwischen  Weltumgang
  und  Einsamkeit  in  der  Mitte  liegt  und  daß  in
völliger  Einsamkeit  die  Säfte  des  Gemütes  trocknen  und  der
Gedankenlauf  stockt.  In  Friedrichsruh  konnte  er,  auch  wenn
er  die  republikanischen  Ideen  seiner  Primanerjahre  inzwischen
abgelegt  hatte,  mit  den  leitenden  Männern  der  hamburgischen
Republik,  deren  Ehrenbürger  er  war,  lebhaft  verkehren,  zumal
  ja  sein  früherer  Verkehr  sich  vielfach  von  ihm  zurückhielt.
Alte  Freunde  mieden  ihn,  wie  das  so  geht,  wenn  die  Sonne
fürstlicher  Gnade  nicht  mehr  scheint.  Nur  wenige  Menschen

29*
        <pb n="467" />
        452  18.  Feierabend  im  Sachsenwalde

sind  es,  die  auch  den  Schatten  lieben.  Es  wurde  leer  um
Bismarck  von  hohen  Herren,  von  Ministern,  Hofleuten,  Abgeordneten.
  „Die  Dankbarkeit  zieht  sich  zurück,  wenn  man
seine  Pflicht  getan  hat,“  sagte  Bismarck  in  diesen  Zeiten  zu
Paul  Heyse  und  zu  Dr.  Hans  Blum:  „Ein  strebsamer  Mann,
der  um  seine  Karrieère  besorgt  ist,  riskiert  durch  einen  Besuch
in  Friedrichsruh  zu  viel.“  Und  dann  —  der  ganzen  offiziellen
Mittelmäßigkeit  war  die  Nähe  dieses  großen  Mannes  immer
unheimlich  gewesen;  denn  große  und  kleine  Geister  ziehen  sich
niemals  an  in  der  Welt.

Es  war  aber  noch  etwas  andres,  was  Bismarck  Friedrichsruh
  lieb  machte.  Der  Eigentümer  der  „Hamburger  Nachrichten“,
  Dr.  Julius  Hartmeyer,  stellte  dem  Fürsten  seine  Zei—
tung  zur  Verfügung,  damit  er  seine  Ansichten  über  wichtige
politische  Fragen  und  über  staatliches  Leben  jederzeit  kundtun
könne.  Und  Bismarck  hatte  das  Bedürfnis  und  er  fühlte  die
Pflicht  in  sich,  diesem  Bedürfnisse  zum  Wohle  des  Ganzen
Raum  zu  schaffen.  Man  hat  Bismarck  das  verdacht.  Eine
große  liberale  Zeitung  hat  sogar  gegen  Bismarck  den  Vorwurf
erhoben,  „daß  er  als  Nörgler  hinter  dem  Reichswagen  her—
laufe“.  Das  ist  ungerecht.  Wir  wollen  doch  niemals  ver—
gessen,  daß  jeder  Staatsmann,  der  mit  einer  reichen  Erfahrung
aus  dem  Amte  scheidet,  gar  nicht  das  Recht  hat,  diese  Erfahrung
  als  ein  nutzloses  Pfund  zu  begraben;  wir  wollen  nicht
vergessen,  daß  uns  manch  grober  Fehler  der  auswärtigen  Politik
mit  seinen  gefährlichen  Folgen  erspart  geblieben  wäre,  wenn
die  Ausnutzung  reicher  politischer  Erfahrung  auch  ansgeschiedener
  staatsmännischer  Kräfte  zur  guten  Tradition  bei  uns
gehörte.  Bismarck  einfach  auszuschalten  war  eine  Torheit,
wie  denn  auch  der  Kaiser  in  seinem  Schreiben  vom  22.  März
es  gewünscht  hatte,  „daß  Bismarcks  Rat  und  seine  Tatkraft,
seine  Treue  und  Hingebung  auch  in  Zukunft  ihm  und  dem
Vaterlande  nicht  fehlen  werde“.  Es  war  ganz  einfach  ein  Gesetz
der  Menschennatur,  daß  Bismarck  nicht  plötzlich  unwirksam  werden
konnte.  Als  er  im  Jahre  1854  in  die  staatsmännische  Tätigkeit
eintrat  und  nach  Frankfurt  a.  M.  von  seinem  Könige  gesandt
        <pb n="468" />
        Gegensatz  zu  den  maßgebenden  Kreisen  453

wurde,  da  schrieb  er  am  1.  Mai  seiner  Gattin:  „Wer  weiß,
wann  das  Nad,  welches  uns  jetzt  ergreift,  uns  wieder  loslassen
  mag?“  Seitdem  hatte  dieses  Rad  sich  fast  40  Jahre  geschwungen;
  und  nun  sollte  es  plötzlich  seine  Schwungkraft
verlieren.  Das  war  wider  alle  Ratur!  Bismarck  war  ein
Kämpfer  gewesen  alle  die  langen  Jahre  hindurch.  Wie  konnte
man  nun  plötzlich  verlangen,  daß  er  schwieg.  „Es  würde“,
so  hat  er  sich  damals  geäußert,  „etwas  schwer  für  mich  sein
—  nach  vierzigjähriger  unausgesetzter  Beschäftigung  und  Absorbierung
  in  politischen  Studien  —  nach  einer  so  ungeheuren
Tätigkeit  und  Verantwortlichkeit  eine  Rolle  zu  spielen,  deren
zwei  unverletzbare  Bedingungen  Sprachlosigkeit  und  Unbeweglichkeit
  sind.  Das  verlangen  sie  aber  von  mir,  meine  lieben
Freunde,  welche  sogar  geflissentlich  vermeiden,  von  meinen
früher  Deutschland  geleisteten  Diensten  zu  sprechen,  damit  sie
nicht  durch  einen  Vergleich  ihre  eigenen  Prätensionen  auf  Anerkennung,
  Auszeichnung  und  Avancement  schädigen.  Aber  ich
bin  nicht  so  leicht  zum  Schweigen  gebracht  und  paralgysiert.“
Und  ein  andermal:  „Mich  hat  man  mit  75  Jahren  Jabgealtert",
und  ich  fühle  mich  noch  viel  zu  jung,  um  nichts  zu  tun.“
Noch  Anfang  1892  sagte  er  über  das  Verlangen,  daß  er  sich
ruhig  verhalten  sollte:  „Man  hat  von  mir  verlangt,  ich  sollte
mich  um  Politik  nicht  mehr  kümmern.  Niemals  ist  mir  eine
größere  Dummheit  vorgekommen,  als  diese  unerhörte  Forderung.“
  Daß  Bismarck  bei  seinen  Außerungen  in  der  Presse
und  Besuchern  gegenüber  gelegentlich  scharf  kritische  Auskunft
erteilte,  ist  richtig;  er  hätte  sich  milder  äußern  können.  Aber
er  war  keine  Goethenatur,  war  es  nie  gewesen.  Als  er  im  Jahre
1858  in  Frankfurt  einmal  den  Vortrag  des  Goetheliedes  „An
den  Mond“  hörte,  äußerte  er  bei  den  Worten  „Selig,  wer  sich
vor  der  Welt  ohne  Haß  verschließt“:  „Welche  Schneiderseele,
dieser  Goethe.“  Eine  Schneiderseele  trug  er  eben  nicht  in  sich.
Neben  der  Liebe  war  auch  der  ehrliche  Haß  ein  Bedürfnis
und  eine  Kraft  seines  Geistes.

Und  dieser  Haß  sog  Nahrung  aus  Vorkommnissen,  die  ihn
verbittern  mußten.  Am  23.  Mai  wurden  die  Gesandten  des
        <pb n="469" />
        454  18.  Feierabend  im  Sachsenwalde

Reichs  und  Preußens  im  Auslande  angewiesen,  den  fremden
Kabinetten  zu  eröffnen,  „daß  den  Außerungen  der  Presse  in
bezug  auf  die  Ansichten  Bismarcks  ein  aktuelles  Gewicht  nicht
beigelegt  werden  dürfe“.  Das  war  ein  gutes  Recht  des  aus—
wärtigen  Amtes;  Bismarck  würde  ein  Gleiches  getan  haben
einem  Gegner  gegenüber.  Er  wurde  aber,  als  es  ihm  geschah,
nur  verbitterter;  man  kann  es  verstehen,  wenn  man  bedenkt,
welche  Weltmachtstellung  er  bis  vor  kurzem  noch  eingenommen
hatte.

Es  kam  hinzu  —  und  das  muß  man  bedenken  und  zu
würdigen  wissen  —,  daß  ihn  die  Sorge  um  den  Frieden  und
die  Zukunft  seines  Vaterlandes  Tag  und  Nacht  quälte,  daß
er  die  Empfindung  nicht  los  werden  konnte,  es  werde  nicht
mehr  wie  bisher  derselbe  Kurs  gehalten,  es  bilde  nicht  mehr
so  die  Sorge  der  deutschen  Politik,  den  Krieg  nach  zwei
Fronten  mit  allen  erlaubten  Mitteln  der  diplomatischen
Kunst  zu  vermeiden  und  vor  allem  zu  vermeiden,  den  Kaiser
Alexander  III.  in  Frankreichs  Arme  zu  treiben.  Auch  die
nach  England  und  nach  den  Polen  hinüberneigende  Politik
gefiel  ihm  nicht.  Er  fühlte  deshalb  die  Pflicht  in  sich,  zu
warnen.  Von  der  unbesieglichen  Gewalt  dieses  Pflichtgefühls
machten  seine  Gegner  sich  keinen  Begriff,  sie  bedachten  eines
nicht:  vom  Amte  kann  man  pensioniert  werden,  von  der  Liebe
zum  Vaterlande  und  von  der  Sorge  um  dessen  Wohl  nie—
mals,  so  lange  das  Herz  und  das  Gewissen  in  einem  wach
und  lebendig  ist.  Wer  in  ein  Amt  eintritt  und  wem  Gott
erst  im  Augenblick  des  Eintritts  Verstand  und  Gemüt  zum
Amte  gibt,  der  mag  ja,  wenn  er  dieses  Amt  niederlegt,  mit
dem  Verstande  dasselbe  tun.  Eine  solche  Natur  war  Bismarck
nicht;  er  hatte  schon  vor  seinem  Amte  mehr  Verstand  be—
sessen  als  Dutzende  maßgebender  Persönlichkeiten;  deshalb  behielt
  er  ihn  auch  im  Ruhestande  und  konnte  ihn  nicht  zur
Schweigsamkeit  unterdrücken.

So  wurde  denn  das  Verhältnis  zwischen  Bismarck  und
seinem  Nachfolger,  dem  Reichskanzler  Caprivi,  immer  unerquicklicher;
  dafür  setzten  die  Huldigungen  aus  dem  Volke  immer
        <pb n="470" />
        Des  Volkes  Liebe.  Versöhnung  mit  dem  Kaiser  455

kräftiger  ein.  Dieses  hatte  die  Empfindung,  daß  ein  Volk,
welches  die  großen  Menschen  seiner  Geschichte  nicht  hochhält,
wie  ein  Mensch  ist,  der  seinen  Vater  verleugnet.  Und  in  heller
Flamme  loderte  diese  Liebe  zu  Bismarck  auf,  als  er  am  18.  Juni
zur  Hochzeit  seines  Sohnes  über  Berlin  und  Dresden  nach
Wien  fuhr.  In  Wien  wurde  Bismarck  von  der  offiziellen  Welt
gemieden,  weil  schon  am  9.  Juni  der  Reichskanzler  Caprivi
den  deutschen  Botschafter  Prinzen  Reuß  angewiesen  hatte,
daß  dieser  dem  Fürsten  gegenüber  nur  die  gesellschaftlichen
Formen  erfüllen,  einer  etwaigen  Einladung  zur  Hochzeit  des
Grafen  Herbert  aber  ausweichen  solle;  der  Kaiser  werde  von
der  Feier  keine  Notiz  nehmen.  Auch  der  Kaiser  von  Osterreich,
der  früher  den  Fürsten  Bismarck  aufs  Hervorragendste  ausgezeichnet
  hatte,  lehnte  es  ab,  Bismarck  in  Audienz  zu  empfangen.


Bismarck  war  so  tief  gekränkt,  daß  er  zuerst  Caprivi  fordern
wollte,  und  er  sprach  sich  Vertretern  der  Presse  gegenüber
nun  ganz  rücksichtslos  über  politische  Fragen  aus  und  über
schwache  und  unfähige  Männer,  die  jetzt  auf  die  Regierung
ihren  Einfluß  ausübten.  Als  aber  in  weiteren  Kreisen  bekannt
wurde,  was  Bismarck  in  Wien  erlebt  hatte,  da  steigerte  sich
die  Begeisterung  im  Volke  und  die  ganze  Fahrt  von  Wien
nach  Kissingen  glich  geradezu  einem  Triumphzuge.

So  schön  diese  Begeisterung  war,  es  ging  doch  ein  Zug
tiefer  Wehmut  durchs  deutsche  Volk,  dem  die  Liebe  zum  Kaiser
und  die  Liebe  zu  Bismarck  gestört  wurde  durch  die  unerquicklichen
  Vorgänge,  wie  sie  nun  einmal  aus  der  tragischen  Mißlage
  sich  ergaben.

Und  Bismarck  selbst  empfand  es  in  dieser  verzweifelten  Zeit
immer  wieder  schmerzlich,  daß  seine  Stellung  zu  seinem  kaiserlichen
  Herrn  nicht  so  war,  wie  er  und  das  ganze  deutsche  Volk
es  wünschte.  Vor  allem  bangte  ihn  um  die  Erhaltung  des
monarchischen  Gefühls;  zu  Paul  Heyse  äußerte  er  auf  der
Rückreise  von  Wien  in  München:  „Früher  war  mein  ganzes
Bestreben  dahin  gerichtet,  das  monarchische  Gefühl  im  Volke
zu  heben.  An  den  Höfen  und  in  der  offiziellen  Welt  wurde
        <pb n="471" />
        456  18.  Feierabend  im  Sachsenwalde

ich  gefeiert  und  mit  Dankbarkeit  überhäuft.  Das  Volk  wollte
mich  steinigen.  Heute  jubelt  mir  das  Volk  dafür  zu,  während
die  anderen  Kreise  mich  ängstlich  meiden.  Ich  glaube,  das
nennt  man  Ironie  des  Schicksals.“

Schon  am  16.  August  1890  hatte  er  in  Kissingen  das  bemerkenswerte
  Wort  gesprochen:  „Der  Kaiser  ist  jung,  arbeitsfreudig,
  tatkräftig,  es  steckt  etwas  vom  alten  Fritz  in  ihm,
aber  er  muß  davon  heutzutage  einen  weisen  Gebrauch  machen.
Ich  bin  ihm  nicht  im  Wege.  Er  hat  auch  nach  meinem  Wissen
keine  Ursache,  mir  gram  zu  sein,  so  wenig  wie  ich  es  ihm  bin.
Allerdings  hätte  meine  Entlassung  sich  anders  vollziehen
müssen.  .  .  Doch  der  Zunder  ist  erloschen,  meine  Friedenspfeife
  raucht,  ohne  daß  die  Feinde  die  Ringe  steigen  sehen.
Ich  bin  dem  Kaiser,  wie  gesagt,  nicht  gram.  Und  der  Kaiser
ist  es  vielleicht  auch  mir  nicht.“

Bismarck  sollte  recht  behalten.  Im  August  1893  erkrankte
er  in  Kissingen  so  schwer,  daß  er  die  Abreise  von  dort  nicht
zur  festgesetzten  Zeit,  Ende  August,  ausführen  konnte.  Er  blieb
länger  dort.  Um  diese  Zeit  reiste  der  Kaiser  zu  den  Manövern
des  österreichisch-ungarischen  Heeres  nach  Güns.  Von  dort
kam  ein  Telegramm,  in  welchem  der  Kaiser,  der  erst  spät  von
Bismarcks  Erkrankung  gehört,  diesem  eines  seiner  Schlösser  zur
Erholung  anbot,  da  das  Klima  in  Friedrichsruh  für  ein  Lungenleiden
  nicht  günstig  sei.  Dieses  gütige  Angebot  wurde  zwar
nicht  angenommen,  aber  die  Fäden  waren  wieder  angeknüpft.
Der  Kaiser  lud  Bismarck  zu  seinem  Geburtstage  1894  nach
Berlin  ein,  und  Bismarck  erschien,  da  ihm  die  eigentlichen  Festlichkeiten
  zu  anstrengend  waren,  unter  dem  Jubel  der  Berliner
Bevölkerung  am  26.  Januar  im  kaiserlichen  Schlosse.  „Der
Monarch  und  der  Patriarch“  unseres  Volkes  hatten  sich  wiedergefunden.
  Und  so  blieb  denn  das  Verhältnis  von  Kaiser  und
und  Kanzler  weiterhin  fast  ungetrübt.  Nur  leichte  Verstimmungen
  gab  es  noch,  wenn  der  getreue  Eckart  glaubte  einmal
wieder  warnen  zu  müssen.  Auch  zum  achtzigsten  Geburtstag
erschien  der  Kaiser  bei  Bismarck  in  Friedrichsruh,  als  das
ganze  deutsche  Volk  sich  glückwünschend  um  den  Alt-Reichs-
        <pb n="472" />
        Bismarcks  Tod  457

kanzler  scharte  in  zahllosen  Wallfahrten,  die  dem  greisen
Manne  einigermaßen  über  den  Schmerz  hinweghelfen  mochten,
in  dem  ihn  der  Verlust  der  treuen  Lebensgefährtin  —  sie  war
ihm  am  27.  November  1894  im  Tode  vorausgegangen  —
zurückgelassen  hatte.

Diese  Huldigungen  wiederholten  sich  in  immer  gleicher  Stärke
an  jedem  Gedenktage  seines  Lebens,  so  noch  am  84.  Geburtstage
am  1.  April  1898.  Es  sollte  das  letzte  Mal  sein,  daß  Bismarck
die  Liebe  seines  Volkes  voll  empfand.

Gegen  Ende  Juni  begann  sein  Befinden  schlechter  zu
werden;  immerhin  konnte  er  am  28.  Juli  sich  noch  einmal
im  Rollstuhl  in  den  Familienkreis  fahren  lassen.  Am  30.  Juli
las  der  Fürst  noch  seine  Hamburger  Nachrichten,  sprach  über
politische  Fragen,  nahm  noch  Speise  und  Trank  zu  sich  und
scherzte  darüber,  daß  man  so  wenig  geistige  Getränke  zum
Wasser  setze.  Dann  aber  trat  plötzlich  eine  Wendung  zum
Schlimmen  ein,  und  um  elf  Uhr  abends  erlöste  ihn  der  Tod
—  leicht  und  schmerzlos.  Als  seine  Tochter,  die  Gräfin  Marie
Rantzau,  ihm  den  Todesschweiß  abwischte,  war  sein  letztes  Wort:
„Danke,  mein  Kind.“

Die  Kundgebungen  der  Trauer  waren  zahllos  in  der  ganzen
Welt.  Bewundernd  beugte  sie  sich,  ob  Freund,  ob  Feindz  sie
empfand,  daß  ein  staatenbildender,  weltbeherrschender  Genius
dahingeschieden  war.  Der  Kaiser  wollte  dem  Heimgegangenen
im  Berliner  Dom  neben  den  Gebeinen  seiner  Vorfahren  die
letzte  Ruhestätte  bereiten.  Bismarck  hatte  es  anders  bestimmt;
er  wünschte  neben  seiner  Lebensgefährtin  unter  den  Wipfeln
des  Sachsenwaldes  begraben  zu  sein  mit  der  Grabschrift:  Ein
treuer  deutscher  Diener  Wilhelms  I.

Dort  liegt,  was  sterblich  an  ihm  war.  Was  aber  unsterblich
  in  ihm  lebte,  das  wirkt  unter  uns  und  in  uns  fort  als
selbstbewußte,  denkende  und  handelnde  schöpferische  Kraft,  als
mächtiges  Staatsgefühl,  das  selbst  Bismarcks  erbittertste  Feinde
in  unserer  großen  und  gewaltigen  Zeit  unter  den  Reichsgedanken,
den  er  geschaffen,  gezwungen  hat,  und  als  felsenfester  Glaube
an  die  Macht  und  Größe  des  deutschen  Vaterlandes,  das
        <pb n="473" />
        458  18.  Feierabend  im  Sachsenwalde

Millionen  deutscher  Männer  in  einem  starken  Hause  zu  ver—
teidigen  bereit  sind  mit  Blut  und  Eisen  in  dem  Bewußtsein,
daß  in  diesem  Hause  als  Bismarcks  Erbgut  die  höchsten  Güter
unseres  Volkes  sich  bergen:  Vaterlandsliebe,  Fürstentreue,  Frömmigkeit
  und  der  rastlose  Fleiß,  der  geistige  und  materielle
Güter  in  Friedensarbeit  ungestört  zu  schaffen  die  Sehnsucht
in  sich  trägt.
        <pb n="474" />
        Von  Wirkl.  Geh.  Oberregierungsrat  Dr.  Adolf  Matthias
sind  ferner  erschienen:

Meine  Kriegserinnerungen

Blätter  aus  der  Werdezeit  von  Kaiser  und  Reich
3.  Auflage  (6.  und  7.  Tausend).  In  Leinwand  gebunden  M  3.—

„Das  ist  ein  Trunk  aus  frischem  Quellwasser.  Hier  spricht  zu  uns  ein  Mann,  der
Kopf  und  Herz  auf  dem  rechten  Fleck  hat,  und  einer,  der  die  Kunst  des  Erzählens
beherrscht.  Es  heißt  einmal  in  dem  Buch:  „Die  schönste  Gabe,  die  einem  die  Mutter
mit  auf  den  Weg  des  Lebens  gegeben  hat,  ist  ein  glücklicher  Humor.“  Und  diesen
spürt  man  fast  auf  jeder  Seite,  nicht  etwa  bloß  in  anekdotenhaften  Schilderungen,
sondern  in  der  Heliterkeit  des  Herzens,  die  über  dem  Ganzen  liegt.  Es  ist  ein  herzerquickendes
  und  herzstählendes  Buch  für  jedermann.“  Professor  Dr.  Alfred  Biese
(Koblenzer  Zeltung).

Wieerziehen  wir  unsern  Sohn  Benjamin?
Ein  Buch  für  deutsche  Väter  und  Mütter
9.  Auflage.  In  Leinwand  gebunden  M  4.—

„Zum  Erscheinen  der  neuen  Auflage  habe  ich  zwei  Glückwünsche  auszusprechen:  den
einen  für  den  Autor  und  den  Verleger,  den  andern  für  alle  deutschen  Eltern,  die
einen  Sohn  zu  erziehen  haben.“  Jakob  Wychgram.  —  „Uns  ist  keln  Werk  be.
kannt,  das  in  so  klarer,  volkstümlicher  und  umfassender  Weise  die  großen  Fragen
der  Kindererziehung  behandelte.  Man  legt  das  Buch  nicht  aus  der  Hand,  ohne  für
das  Erziehungswerk  reiche  und  nachhaltige  Anregungen  empfangen  zu  haben.“  Der
Sonntagsschulfreund.  —  „Wirklich  ein  wahrer  Schatzkasten  von  Ratschlägen,
die  von  großer  pädagogtscher  Erfahrung  Zeugnis  geben.“  Zeitschrift  für  das
Realschuiwesen.

Wie  werden  wir  Kinder  des  Glücks?
3.  Auflage.  In  Leinwand  gebunden  M  4.—

„Verbitterte  und  resignierte  Gemüter  werden  sich  in  dem  prächtigen,  sinnigen  Buche
erfrischen.  Dem  Suchenden  hilft  es  finden,  den  Zagenden  stützt  es,  mit  dem  Glücklichen
  jubelt  es,  und  auch  aus  dem  scheinbar  Alitäglichsten  schlägt  es  Funken  der
Freude.  Es  ist  das  rechte,  echte  Weihnachtsbuch,  eine  helle,  strahlende  Kerze  am
Baume  des  Lebens.“"  Westermanns  Monatshefte.  —  „SEine  Art  von  phiilosophischem
  Hausbuch,  das  nach  dem  Werktage  freundlichen  Träumen  und  erquickendem
  Schlafe  den  Weg  bereitet  und  neuen  Mut  schafft  für  die  Arbeit  des  kommenden
Tages.“  Kölnische  Zeitung.  —  „Ein  im  edelsten  Sinne  voikstümliches  Buch,  das
ebensowohl  mit  dem  Herzen  als  mit  dem  Kopf  geschrieben  ist.“  Rheinische  Blätter
für  Erziehung  und  Unterricht.

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

1
        <pb n="475" />
        Bücher  aus  großer  Zeit  (1870/71)

Fröschweiler  Chronik.  Kriegs=  und  Friedensbilder  aus  dem  Jahre  1870  von  Karl
Klein,  vormals  Pfarrer  in  Fröschweiler.  Volksausgabe.  34.  und  35.  Auflage.
  In  Leinwand  gebunden  M  2.80.  Prachtausgabe,  illustriert  von
Ernst  Zimmer.  12.  bis  16.  Tausend.  Elegant  gebunden  M  10.—

Fröschweiler  Erinnerungen.  Ergänzungsblätter  zu  Pfarrer  Kleins  Fröschweiler
Chronik  von  Katharina  Klein.  6.  Auflage.  In  Leinwand  gebunden  M  1.40

Der  Krieg  von  1870/71  dargestellt  von  Mitkämpfern.  In  Verbindung  mit  anderen
herausgegeben  von  Hauptmann  Karl  Tanera.  Sieben  Bände.  4.  und  5.  Auflage.
  Eeheftet  je  M  2.—,  kartoniert  je  M  2.50

Der  deutsche  Krieg  1870/71.  Ein  Heldengedicht  aus  dem  Nachlaß  des  seligen
Philipp  Ulrich  Schartenmayer.  Herausgegeben  von  einem  Freunde  des  Verewigten.
  7.  Auflage.  In  neuer  Ausstattung.  Leicht  gebunden  M  1.40

Ernste  und  heitere  Erinnerungen  eines  Ordonnanzoffiziers  1870/71.  Von  Hauptmann
  Karl  Tanera.  Neue  Ausgabe  in  einem  Bande.  12.  Auflage  (35.  bis
40.  Tausend).  In  Leinwandgebunden  M  3.50.  Prachtausgabe,  illustriert
von  Ernst  Zimmer.  17.  bis  20.  Tausend.  Elegant  gebunden  M  14.—

Kriegserlebnisse  eines  Kaiser  Alexander-Garde-Grenadiers  im  Feid  und  im  Lazarett
  von  Leutnant  a.  D.  Hofrat  H.  Dinckelberg.  2.  Auflage.  Geheftet  M  2.25,
kartoniert  M  2.80

Mit  den  Pommern  vor  Metz,  Paris  und  im  Jura.  Ernste  und  heitere  Bilder  aus
dem  Kriegsleben  von  1870/71.  Von  Paul  Qunde.  Geheftet  M  1.40,  in  Leinwand
  gebunden  M  1.80

Bei  den  Fahnen  des  III.  Armeekorps  von  Metz  bis  le  Mans.  Von  Hauptmann
a.  D.  G.  Koch.  Geheftet  M  2.25,  kartontert  M  2.80

Kriegstagebuch  187071  des  jüngsten  Offiziers  im  Königs-Grenadier-Regiment
(2.  westpreußischen)  Nr.  7  in  Liegnitz.  Von  Franz  von  Wantoch-Rekowski,
Major  a.  D.,  Geh.  Legationsrat,  k.  Preuß.  Kammerherr.  In  Leinwand  gebunden
  M3.—

Erinnerungen  eines  kriegsfreiwilligen  Gymnasiasten  aus  dem  Jahre  1870/71.
Von  Werner  Jösting,  Superintendent  a.  D.  in  Gütersloh.  2.  Auflage.  Geheftet
  M  2.—,  gebunden  M  2.50

Erlebnisse  eines  Einjährig-Freiwilligen  des  VII.  (rhein.-westf.)  Korps.  Von  Ernst
Esch,  Professor  am  Gymnasium  zu  Barmen.  Geh.  M  1.60,  kart.  M2.20

Vor  dem  Feind.  Kriegserinnerungen  aus  dem  Feldzug  gegen  Frankreich  im
Jahre  1870/71.  Von  Adolf  Brandenburg,  weiland  Einjährig-Freiwilliger  der
11.  Kompagnie  des  Niederrheinischen  Füsilier-Regiments  Nr.  39.  In  Leinwand
  gebunden  M  3.—

Unter  Prinz  Friedrich  Karl.  Erlebnisse  eines  Musketiers  des  X.  Armeekorps.  Von
E.  Stier,  Oberlehrer.  3.,  umgearbeitete  Auflage.  Geh.  M  2.—,  kart.  M  2.50

Meine  Kriegserinnerungen.  Blätter  aus  der  Werdezeit  von  Kaiser  und  Reich.
Von  Adolf  Matthias,  Wirkl.  Geh.  Oberregierungsrat.  3.  Auflage  (6.  und
7.  Tausend).  In  Leinwand  gebunden  M  3.—

Eriebnisse  eines  rheinischen  Dragoners  im  Feldzuge  187071.  Von  Dr.  Ad.  Kayser.
2.  Auflage.  Geheftet  M  2.25,  kartoniert  M  2.80

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

2
        <pb n="476" />
        Bücher  aus  großer  Zeit  (1870/71)

Bei  den  Fahnen  des  XII.  (kgl.  sächs.)  Armeekorps.  Von  C.  L.  Hähnel,  Oberlehrer.
2.  Auflage.  Geheftet  M  1.60,  kartoniert  M  2.20

Vier  Monate  vor  Paris.  Von  Otto  Liebmann,  Professor  in  Jena.  2.  Auflage.
Geheftet  M  3.50,  in  Leinwand  gebunden  M  4.50

Bei  höheren  Stäben.  Adjutanten-Erlebulsse  aus  dem  großen  Kriegsjahre.  Von
Major  Ad.  Ott.  Geheftet  M2.—,  kartoniert  M2.50

Erlebnisse  eines  freiwllligen  Jägers.  Von  Pfarrer  Oskar  Leibig.  4.  Auflage.
Geheftet  M  2.25,  kartonlert  M  2.80

Drei  Jahre  in  Frankreich.  Erinnerungen  eines  Truppenofflziers.  Von  Hauptmann
  a.  D.  Fr.  Koch-Brenberg.  Geheftet  M  2.—,  kartoniert  M  2.50

Unter  General  von  der  Tann.  Feldzugserinnerungen  eines  Kompanieführers
von  Hauptmann  a.  D.  Hugo  Arnold.  2  Bände.  Geh.  je  MI2.—,  kart.  je  M2.50

Meine  Feldzugserinnerungen  1870/71..  Von  Gottlieb  v.  Thäter,  Generalmajor  z.  D.
In  Leinwand  gebunden  M3.—

Kriegserinnerungen  eines  Soldaten  des  k.  bayerischen.  Infanterie-Leib-Regiments
1870/71.  Von  Florian  Kühnhauser.  2.  Auflage.  Mit  einer  Karte.  In  Leinwand
  gebunden  M  2.80

Kriegserlebnisse  bayerischer  Artilleristen.  Von  Mitkämpfern  erzählt.  Herausgegeben
  von  Major  a.  D.  L.  Hütz  und  Major  a.  D.  O.  Schmalz.  2  Telle.
Geheftet  je  M  2.25,  kartoniert  je  M  2.80

Erlebnisse  eines  Feldgeilstlichen.  Von  Edm.  Pfleiderer,  ord.  Professor  der  Philosophie.
  Geheftet  M  2.25,  kartontert  M  2.80

Im  großen  Hauptaquartier.  Feldbriefe  in  die  Heimat.  Illustriert.  Von  Dr.
P.  Matthes,  Leibarzt  Sr.  k.  Hoheit  des  Großherzogs  von  Sachsen.  Geheftet
M2.50,  in  Leinwand  gebunden  M  3.50

Erinnerungen  eines  freiwilligen  Krankenpflegers.  Von  Th.  Gümbel,  Pfarrer.
2.  Auflage.  Geheftet  M  2.25,  kartoniert  M  2.80

1

Deutschlands  Kriege  von  Fehrbellin  bis  Königgrätz.  Eine  vaterländische  Bibliothek
für  das  deutsche  Volk  und  Heer  von  Hauptmann  Karl  Tanera.  Mit  zahlreichen
  Karten  und  Plänen.  Neun  Bände.  GEeheftet  je  M  2.—,  kartoniert
je  M2.50

Die  Befreiungskriege  der  Jahre  1813—15.  Von  Hauptmann  Karl  Tanera.  Neue
Ausgabe  in  einem  Bande.  Durchgesehen  von  Karl  Freiherrn  von  Lupin.
Mit  15  Vollbildern  von  Ernst  Zimmer,  nebst  4  historischen  Karten.  10.  bis
13.  Tausend.  In  Leinwand  gebunden  M  3.50

Der  Burenkrieg  in  Wort  und  Bild  für  Jung  und  Alt.  Von  Franko  Seiner.  Mit
vielen  Illustrationen  von  Ernst  Zimmer.  Gebunden  M  3.50

Erinnerungen  eines  deutschen  Burenkämpfers.  Von  Franko  Seiner.  Zwel  Bände
mit  Karten  und  Plänen.  Gebunden  M  6.30.  (Auch  einzeln  käuflich:  erster
Band  M  2.80,  zwelter  Band  M  3.50)

Tagebuchblätter  eines  deutschen  Arztes  aus  dem  Burenkriege.  Von  Hero  Tilemann.
2.  Auflage.  In  Leinwand  gebunden  M5.—

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

3
        <pb n="477" />
        Deutsche  Geschichte

Von  Oskar  Jäger

4.  (mit  der  3.  gleichlautende)  Auflage  (11.  bis  13.  Tausend)
(Soeben  erschienen!)

Zwei  Bände  mit  220  Abbildungen  und  15  historischen  Karten
Jeder  Band  in  Leinwand  geb.  M  7.50,  in  Liebhaberband  M  10.—

Aus  den  Urteilen:

„Dies  Werk  ist  das  literarische  Testament  eines  hochverdienten  Gelehrten
  und  heischt  pietätvolle  Aufnahme,  aber  es  ist  auch  wirklich  in
seiner  ganzen  Abrundung  und  künstlerischen  Gestaltung  des  Riesenstoffes
  ein  Meisterwerk.“  Gymnasialdirektor  Dr.  Alfred  Biese
(Koblenzer  Zeitung).  —  „Jäger  hat  mit  diesem  Vermächtnis  mehr
getan,  als  den  vielen  bereits  vorhandenen  Erzählungen  von  der  Geschichte
  der  Deutschen  eine  neue  hinzugefügt:  sein  jugendfrisches  Alterswerk
  bringt  unserem  Volke  die  Erfüllung  eines  von  seinen  Besten
lange  vergeblich  gehegten  Wunsches,  eine  nach  Inhalt  und  Form  gleich
wertvolle,  wissenschaftlich  begründete,  volkstümlich  geschriebene,  allumfassende
  und  doch  nicht  überladene  Darstellung  der  deutschen  Geschichte.“
  Professor  Dr.  Karl  Berger  (Deutsche  Zeitung).  —  „Was
man  hier  vor  sich  hat,  ist  die  völlig  ausgereifte  Frucht  einer  in  jeder
Hinsicht  abgeklärten,  von  edlem  Feuer  für  die  Sache  des  Deutschtums
beseelten,  von  souveräner  Beherrschung  des  Stofses  zeugenden  Denkarbeit.“
  Professor  Dr.  W.  Martens  (Frankfurter  Zeitung).  —  „Das
Buch  verbindet  wissenschaftliche  Zuverlässigkeit  mit  volkstümlicher  und
doch  gewählter  Schreibweise  und  trifft  in  der  Ausführlichkeit  mit  wirklich
  großem  Geschick  die  rechte  Mitte.“  Literarisches  Zentralblatt.
—  „Das  Buch  erschließt  weit  mehr  als  nur  die  politische  deutsche  Geschichte:
  es  führt  uns  den  gesamten  Werdegang  der  Nation  vor  und
flicht  in  gegebenem  Moment  auch  Exkurse  auf  die  Gebiete  von  Kunst
und  Wissenschaft,  Religion  und  Dichtung  und  das  kulturelle  und  soziale
Leben  überhaupt  ein.“  Baseler  Nachrichten.  —  „Vom  ersten  Kapitel
seines  prächtigen  Buches  bis  zum  letzten  zeigt  der  Verfasser,  wie  der
Gang  des  politischen  Lebens  in  Wechselwirkung  steht  mit  der  Einwirkung
  des  geistigen  und  wirtschaftlichen  Lebens  unserer  Nation.“
Allgemeine  Deutsche  Lehrerzeitung.  —„SEine  edel  volkstümliche
Deutsche  Geschichte,  die  Leben  zeugen  wird.“  Kölnische  Zeitung.

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

4
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        Deutsche  Literaturgeschichte
Von  Alfred  Biese

Erster  Band:  Von  den  Anfängen  bis  Herder.  Siebente  (mit  der

sechsten  gleichlautende)  Auflage  (27.  bis  30.  Tausend).  Zweiter  Band:

Von  Goethe  bis  Mörike.  Sechste  Auflage  (23.  bis  26.  Tausend).

Dritter  Band:  Von  Hebbel  bis  zur  Gegenwart.  Sechste  Auflage

(23.  bis  26.  Tausend).  Jeder  Band,  mit  vielen  Bildnissen,  in  Leinwand
  gebunden  M  5.50,  in  Liebhaberband  M  7.—

„  .  Das  Schöne  tst,  daß  das  Werk  durchgängig  den  Charakter  voller  Ruhe  und
Reise  trägt,  daß  man  nirgends  merkt,  daß  es  einer  angestrengten  Tätigkeit  abgerungen
  werden  mußte.  Ich  fand  in  dem  letzten  Bande  besonders  kräftig  die  beiden
Charakterzüge  hervortreten,  die  nach  metner  Meinung  das  Buch  vornehmlich  auszeichnen:
  vor  allem  versteht  der  Verfasser  zu  erzählen,  er  läßt  die  Sache  mit  voller
Unmittelbarkeit  durch  ihre  eigene  Kraft  wirken,  stellt  sich  nicht  mit  subjektiver  Reslerion
  zwischen  den  Leser  und  den  Gegenstand.  So  ist  es  zum  Beispiel  ein  wahrer
Genuß,  seine  Darstellung  Storms  zu  lesen.  Ferner  aber  schätze  ich  besonders  die  Verbindung
  einer  großen  Weite  des  Gesichtskreises  mit  einer  charaktervollen  Gesinnung.
So  zweifle  ich  nicht  an  einem  schönen  und  dauernden  Erfolge  des  Werkes;  jetzt,  wo
es  als  Ganzes  vorliegt,  wird  es  erst  recht  zur  Wirkung  kommen  .  .“  Uniov.  Prof.
Dr.  Rudolf  Eucken,  Jena.

Deutsches  Literatur-Lexikon

Biographisches  und  bibliographisches  Handbuch
mit  Motivübersichten  und  Quellennachweisen

Von  Herm.  Anders  Krüger
In  Leinwand  gebunden  M  7.50  (soeben  erschienenl)

„Das  ist  ein  Hilfswerk,  das  alle  Literaturarbeiter  und  Literaturfreunde  zu  oft
schmerzlich  vermißt  haben,  um  es,  nun  da  wirs  haben,  nicht  freudig  und  dankbar
willkommen  zu  heißen.“  Westermanns  Monatshefte.  —  „Das  vorliegende  alphabetische
  nach  Stichworten  geordnete  Literaturlexikon  ist  die  Frucht  eines  wahren
Bienenfleißes  und  für  jeden  Literaturfreund  eine  wertvoille  Gabe.  Was  das  Lexikon
aber  ganz  besonders  wertvoll  macht,  das  ist  der  Umstand,  daß  auch  die  Helden  der
Weltliteratur  einbezogen  und  behandelt  worden  sind.“  Allgemeine  deutsche
Lehrerzeitung.  —  „Ein  solches  Werk,  das  sich  nicht  ausschließlich  den  Interessen
der  gelehrten  Forschung  unterordnet,  sondern  auch  dem  eifrigen  Literaturfreund  ein
gewissenhaft  orientierendes  Nachschlagebuch  sein  will,  war  längst  eine  Notwendigkeit.
Die  ergänzenden  Motivübersichten  und  Quellennachweise  bei  den  einzelnen  dichterischen
  Persönlichkeiten  gehen  bis  in  die  jüngste  Zeit  und  sind  von  geradezu  erschöpfender
  Gründlichkett.“  Weser-Zeitung.  —  „E#ine  wertvolle  Fundgrube  für
Literaten  und  Bibliophilen.  Seine  Vielseitigkeit  und  Ubersichtlichkeit  machen  es  zu
einem  gediegenen  Handbuch  für  Lehrer  aller  Schulen,  von  der  Hochschule  an,  für
Bibliothekare  und  Studenten,  Buchhändler  und  Journalisten  und  für  die  erfreulicherweise
  jährlich  wachsende  große  Zahl  der  Bücherfreunde.“  Kölnische  Zeitung.

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

5
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        Biographien  von  Dichtern  und  Denkern

G  o  eth  e  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Von  Albert  Bielschowsky.
28.  und  29.  Auflage.  Zwei  Bände  mit  zwei  Porträtgravüren.
  In  Leinwand  gebunden  M  14.—,  in  Liebhaberhalbfranzband
  M  19.—,  in  Ganzleder  (Luxusausgabe)  M  36.—
„Bielschowskys  Goethe  gehört  in  jedes  Deuischen  Haus,  der  überhaupt  befähigt  ist,
Goethe  geistig  mitzubesitzen.“  Kunstwart.  —  „Bielschowskys  Buch  ist  ein  Weckruf
an  die  Nation,  der  nicht  ungehört  verhallen  wird,  denn  er  ist  der  berufene  Verkünder
  Goetheschen  Geistes.“  Geh.  Hofrat  Dr.  Max  Dreßler  (Karlsruher  Zeitung).

S  chiller  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Von  Karl  Berger.
7.  und  8.  Auflage  (20.  bis  27.  Tausend).  Zwei  Bände

mit  zwei  Porträtgravüren.  In  Leinwand  gebunden  M  14.—,  in  Liebhaberhalbfranzband

  M  19.—

„Die  Biographie  verbindet  die  Vollständigkeit  des  Geschichtswerkes  mit  der  Anschaulichkeit

  des  Kunstwerks.  Als  Kunstwerk  nimmt  sie  ohne  Frage  die  erste  Stelle  ein

und  dürfte  darum  für  Schiller  das  werden,  was  Bielschowsky  für  Goethe  geworden
ist:  „Der  Schiller  für  das  gebildete  deutsche  Haus“.“  Preußische  Jahrbücher.

Der  Dichter  und  sein  Werk.  Von  Max
Shakespeare  J.  Wolff.  3.,  durchgesehene  Auflage  (7.  bis
10.  Tausend).  Zwei  Bände,  mit  zwei  Porträtgravüren.  In  Leinwand
gebunden  M  12.—,  in  Liebhaberhalbfranzband  M  17.—

„In  Wolffs  Shakespeare  haben  wir  endlich  unsere  moderne  deutsche,  sowohl  wissenschaftlichen
  als  künstlerischen  Ansprüchen  gerecht  werdende  Shakespearebiographie!"
Dr.  F.  Servaes  (Neue  Freie  Presse).

Kleist  Sein  Leben  und  sein  Werk.  Von  Wilhelm  Herzog.
"1  2.  Auflage  (4.—6.  Taus.).  Mit  zwei  Porträtgravüren.  In
Leinwand  gebunden  M  7.50,  in  Liebhaberhalbfranzband  M  10.—

„Wilhelm  Herzog  war  wie  kein  zweiter  berufen,  eine  Biographie  zu  schaffen,  die  dem
deutschen  Hause,  der  deutschen  Jugend  Kleist  so  nahe  brächte,  wie  es  Bielschowsky
mit  Goethe,  Berger  mit  Schiller,  Woerner  mit  Ibsen,  Wolff  mit  Shakespeare  und
Moliere.  Ehrhard-Necker  mit  Grillparzer  verstanden  haben.  Und  das  tlef  schürfende
ausgezelchnete  Werk  verdient  mehr  als  irgend  ein  zweites,  allen  Gebildeten,  dem
Forscher  wie  dem  Laien,  kurz  allen  denen  warm  empfohlen  zu  werden,  die  ein  Herz
gewonnen  haben  für  den  wunderbar  eigenartigen  Dichter  und  Menschen  Kleist."
GEymnasial-Direktor  Dr.  Alfred  Biese  (Koblenzer  Zeitung).

Grill  arzer  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Von  August
p  3  Ehrhard  und  Moritz  Necker.  2.,  umgearbeitete
Auflage.  Mit  vielen  Bildnissen  und  Faksimiles.  In  Lwd.  geb.  M  7.50
„Wer  sich  heute  von  Grillparzers  Leben  und  Schaffen  ein  zuverlässiges  Bild  machen
will,  der  wird  nach  diesem  Buche  greifen  müssen;  es  entspricht  dem  dermaligen  Stande
der  Grillparzerliteratur  bis  ins  kleinste,  nimmt  auf  alles  Bezug  und  versagt  nach
keiner  Richtiung.  Man  hat  Trefflicheres  über  den  Dichter  nie  gelesen.“  Neues
Wiener  Tagblatt.  —  „Die  beste  Einführung  in  die  Persönlichkeit  und  das  Werk
des  Dichters,  die  wir  besitzen.“"  Frankfurter  Zeitung.

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

6
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        Biographien  von  Dichtern  und  Denkern

d  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Von  Eugen  Kühne-Her
  er  mann.  2.,  neubearbeitete  Auflage.  Mit  einer  Porträtgravüre.
  In  Leinwand  gebunden  M  8.—

„Wer  sich  in  Herder  vertleft,  kommt  nicht  mehr  los  von  ihm,  und  am  liebsten  riefe,
ja  schrie  man  den  andern  zu:  „Hier  ist  ein  ganz  moderner  Geist,  ja  der  Modernste
der  Modernen;  kommt,  schaut,  staunt  und  schöpfet!“  Herder  als  Führer,  als  Geist,
der  Geister  lenkt,  ist  der  Herder  Kühnemanns.“  Professor  Dr.  A.  Geßier  (Nationalzeitung,
  Basel).

S  ill  Von  Eugen  Kühnemann.  5.  Auflage  (12.  bis
chi  er  15.  Tausend).  Mit  einer  Porträtgravüre.  In  Leinwand

  gebunden  M  6.50

„Der  um  die  Erkenntnis  von  Schillers  Asthetik  hochverdlenie  Verfasser  hat  mit  seinem
„Schiller“  ein  unvergleichliches  Werk  geschaffen.  .  .  Die  vielerörterte,  oft  nur  oberflächlich
  oder  mit  unzulänglichen  Mitteln  und  Kräften  behandelte  Frage,  was  Schiller
uns  Menschen  von  heute  bedeute,  diese  Lebensfrage  hat  hter  ihre  gründlichste,  tiefste
und  am  meisten  überzeugende  Beantwortung  durch  lebendige  Darstellung  erfahren.“
Professor  Dr.  Karl  Berger  (Literarisches  Echo).

K  t  Von  M.  Kronenberg.  4.  Auflage.  Mit  einer  Porträtan
  gravüre.  In  Leinwand  gebunden  M  4.80

„Schon  einige  Maie  hat  man  versucht,  Kant  gemeinverständlich  darzustellen,  aber
noch  nie  mit  solchem  Glück  wie  Kronenberg.  Kein  Wort  des  Lobes  ist  zu  viel  für
die  Art,  wie  der  Verfasser  die  schwierigsten  philosophischen  Probleme  dem  Laienverständniisse
  nahebringt  und  Interesse  für  die  innere  Entwicklung  Kants  zu  erregen
weiß.“  Frankfurter  Zeitung.

:  7  :  Sein  Leben  und  seine  Werke.  Von
Friedrich  Nietzsche  Richard  M.  Meyer.  Mit  zwei
Porträtgravüren.  In  Leinwand  gebunden  M  10.—,  in  Liebhaberhalbfranzband
  M  12.50

„Man  hat  sie  schon  lange  erwartet,  die  Nietzsche-Biographie,  dle  mit  der  Unbefangenheit
  des  erworbenen  Distanzgefühls  und  vor  allem  mit  literarischem  Blick  aus  einer
maßvollen  und  beherrschten  Menschlichkeit  heraus  den  Phllosophen  nicht  nur,  sondern
das  Personenleben  seiner  Seele  und  den  Künstler  schltidern  würde.  Dah  ich  das  gleich
sage:  es  ist  hier  ein  Buch  aus  Erlebnis  und  doch  aus  jahrelanger  Forschung  geholt.
Das  erstemal  sehen  wir  Nietzsche  als  Symbol  der  Kultur  unserer  Tage  und  der  Zukunft.
Rlchard  M.  Meyer  gibt  uns  ein  Buch  von  positiver  Bedeutung.“  Dr.  Franz  Strunz
(Neue  Freie  Presse).

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

7
        <pb n="481" />
        Geschichte  des  deutschen  Idealismus

von  Dr.  M.  Kronenberg

Erster  Band:  Die  idealistische  Ideenentwicklung  von  ihren  Anfängen
bis  zu  Kant.  In  Leinen  M  7.—,  in  Halbfranz  M  8.50

Zweiter  Band:  Die  klassische  Periode  des  deutschen  Idealismus.
Von  Kant  bis  Hegel.  In  Leinen  M  11.—,  in  Halbfranz  M  13.—

„Das  Buch  mit  seiner  feinen  Darlegung  der  Wege,  die  zur  großen  Periode  des
deutschen  Idealismus  führen,  der  Zusammenhänge  aller  wissenschaftlichen  und  künftlerischen
  Vorläufer,  hat  mich  vom  ersten  bis  zum  letzten  Worte  gefesselt;  ich  möchte
daher  recht  viele  mit  derselben  Freude  aus  diesem  klaren  Erkenntnisborn  trinken
sehen  und  gestärkt  wissen.“  Prof.  Dr.  A.  Geßler  (Nationalzeitung,  Basel).  —  „Das
Werk  ist  aus  entschieden  idealistischem  Geiste  geboren  und  wirkt  in  der  Tat  nicht  wie
ein  totes  Buch,  sondern  wie  ein  Bekenntnis  und  eine  lebende  Tat.  Es  ist  in  ganz
besonderem  Maße  geeignet  zur  Einführung  in  die  idealistische  GSedankenwelt  und  in
den  Geist  der  Philosophie  überhaupt.“  Deutsche  Zeitung.  —  „Es  darf  als  eine
Gabe  von  außerordentlichem  Werte  für  gebildete  Männer  und  Frauen  bezeichnet
werden."  Propyläen.

Deutsches  Sagenbuch

in  Verbindung  mit  Dr.  Friedrich  Ranke  herausgegeben  von
Professor  Dr.  Fr.  von  der  Leyen

1.  Teil:  Die  Götter  und  Göttersagen  der  Germanen  von  Professor
Dr.  v.  d.  Leyen.  In  Pappband  M  2.50,  in  Halbpergament  M4.—

2.  Teil:  Die  deutschen  Heldensagen  von  Professor  Dr.  v.  d.  Leyen.
In  Pappband  M  3.50,  in  Halbpergament  M  5.—

A.  Teil:  Die  deutschen  Volkssagen  von  Dr.  Friedrich  Ranke.  In
Pappband  M  3.—,  in  Halbpergament  M  4.50

3.  Teil:  Die  deutschen  Sagen  des  Mittelalters  folgt

„Wer  die  Wahrheit  über  unsere  Götter  und  Göttersagen  hören  und  zugleich  die  ganze
Poesie  und  Tiefe  derselben  genießen  will,  wird  betdes  in  diesem  köstlichen  Buch
finden."“  Karlsruher  Zeitung.  —  „Der  Band  füllt  eine  lang  en  pfundene  Lücke
aus.  Die  klaren,  nirgends  phantastisch  ausschweifenden,  überall  lebendigen  Ausführungen
  des  Verfassers  leiten  vortrefflich  in  das  Verständnis  primitiver,  mit  ungebrochener
  Seelenkraft  Götter  und  Mythen  schaffender  Bölker  ein.“  W.  v.  Scholz
(Kunstwart).  —  „Diesen  Band  las  ich  in  einem  Zuge  bis  zum  Ende  —  was  mir
sonst  noch  bet  keinem  Sagenbuch  gelungen  ist.  Ein  Buch,  das  dem  Kinde,  dem
Germanisten,  dem  Asthetiker  in  gleicher  Weise  dient.  Es  macht  jede  Abhandlung
und  jedes  Handbuch  überflüssig.  Kurzum  hier  haben  wir  „das“  deutsche  Sagenbuch.“
Jugendschriftenwarte.

C.  H.  Becksche  Verlagsbuchhandlung  Oskar  Beck  München

8
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    </body>
  </text>
</TEI>
