Anhang.
Die  Pockeuerkrankuugen  im  Jahre  1897.

Nach  den  für  das  Jahr  1897  beim  Kaiserlichen  Gesundheitsamte  eingegangenen
Meldekarten  sind  in  den  24  außerpreußischen  Bundesstaaten  und  in  Elsaß-Lothringen  1)  im
Ganzen  16  Erkrankungen  an  Pocken  zur  amtlichen  Kenntniß  gelangt,  darunter  keine  mit
tödtlichem  Ausgang.:)  Unter  den  Erkrankten  befanden  sich  2  landwirthschaftliche  Arbeiterinnen
  und  1  Schüler,  welche  aus  ihrem  in  Rußland  gelegenen  Heimathsorte  krank  zugereist
waren,  sowie  1  in  Böhmen  geborener  Verkäufer,  der  sich  allerdings  schon  längere  Zeit  in
Deutschland  aufgehalten  hatte.  Da  die  Gesammtbevölkerung  des  Reiches  mit  Ausschluß  von
Preußen  sich  nach  der  letzten  Volkszählung  auf  20  424778  und  für  die  Mitte  des  Berichtsjahres
  nach  der  üblichen  Schätzung  auf  20  726  775  belief,  so  sind  auf  je  1  Million
Einwohner  innerhalb  Jahresfrist  nur  0##7  Personen  (im  Vorjahre  1,01)  an  den  Pocken  erkrankt.
Die  Verhältnißziffer  stellt  sich  noch  niedriger,  wenn  man  die  Ausländer  in  Abzug  bringt.

Von  den  16  Pockenerkrankungen  wurden  beobachtet:  8  in  Bayern,  4  im  Königreich
Sachsen,  je  2  in  Braunschweig  und  Schwarzburg-Rudolstadt.  In  20  Bundesstaaten  und
in  Elsaß-Lothringen  sind  Erkrankungen  an  Pocken  überhaupt  nicht  zur  Anzeige  gelangt.

In  Bayern  wurden  aus  München  4  und  aus  4  anderen  Gemeinden  je  1  Pockenerkrankung
  gemeldet.

In  München  erkrankten  Ende  Juni  die  32jährige,  nur  einmal  im  ersten  Lebensjahre
  geimpfte  Tochter  eines  Kaufmanns  und  am  1.  Juli  eine  ebenso  alte  Kaufmannsfrau,
welche  mit  11  Jahren  und  am  2.  Juli  (also  nach  ihrer  Erkrankung)  wiedergeimpft  war,
leicht  an  diskreten  Pocken.  In  beiden  Fällen  geben  die  Meldekarten  an,  daß  die  Ansteckung
  vermuthlich  durch  Familienangehörige  erfolgt  ist,  deren  im  Mai  bezw.  Juni  stattgehabten
  Erkrankungen  als  Varicellen  gedeutet  worden  waren  3).  Von  der  Kaufmannsfrau
wurde  die  Krankheit  auf  das  Hausmeister-Ehepaar  übertragen;  beide  Ehegatten  waren  über

1)  Die  aus  Preußen  eingegangenen  Meldekarten  werden  weiter  unten  besonders  besprochen.

2)  In  Oesterreich=  Ungarn  sind  nach  vorläufigen  Mittheilungen  während  des  Jahres  1897
4208  Pockenerkrankungen  mit  848  Todesfällen  (=  20,1  %  der  Erkrankten)  gemeldet  worden.  (Oesterr.
San.-W.  1898,  S.  419.)  Der  Impfzustand  ist  bei  8  976  mit  780  Todesfällen  bekannt;  hiervon  betrafen
2015  mit  163  (8,1)  geimpfte,  1961  mit  617  (31,8%)  ungeimpfte  Personen.  (Vergl.  Veröffentl.  d.
Kaiserl.  Gesundheitsamtes  1898  S.  1049).

9  Gemäß  eines  nach  der  Drucklegung  eingegangenen  Berichts  war  in  den  Münchener  Fällen  die
Ansteckung  durch  einen  Herrn,  der  in  Wien  die  Pocken  überstanden  hatte  und  von  dort  vor  vollendeter
Genesung  zurückgekehrt  war,  erfolgt.