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Als  Impfftoff  ist  Menschenlymphe  auch  im  Berichtsjahre  sehr  selten  verwendet
worden.  Ofters  ist  bei  der  Wiederholung  von  vorher  erfolglos  gewesenen  Impfungen  und
auch  bei  Privatimpfungen  Menschenlymphe  benutzt  worden.  In  andern  Fällen  handelte  es
sich  um  Autorevaccinationen  oder  um  die  Impfung  von  Nachzüglern,  die  im  Nachschautermin,
  an  dem  Thierlymphe  nicht  zur  Verfügung  stand,  erschienen  waren.  In  Sachsen-Weimar
  verimpfte  ein  Impfarzt  neben  der  Thierlymphe  auch  noch  selbst  gesammelte  humanisirte
  Lymphe.  -

Die  zu  öffentlichen  Impfungen  benutzte  Thierlymphe  stammte  innerhalb  der  einzelnen
Bundesstaaten  vollständig  oder  größtenteils  aus  den  eigenen  staatlichen  Lymphegewinnungsanstalten
  oder  denjenigen  benachbarter  Staaten,  mit  welchen  entsprechende  Abkommen  getroffen
waren.  Aber  auch  zu  den  Privatimpfungen  fand  großentheils  Thierlymphe  aus  staatlichen
Anstalten  Verwendung.  Private  Bezugsquellen  für  Thierlymphe  werden  nur  selten  genannt.
Es  sind  dies  Aehle-Lübeck,  Bläsing-Elberfeld,  Böttcher-Halle,  Grober-Bremen,  Lahusen-Bremen,
  Pissin-Berlin,  Protze-Elberfeld.  In  Elsaß-Lothringen  wurde  auch  Pariser  Lymphe
benutzt.  Für  Preußen  ist,  da  der  Bedarf  an  thierischem  Impfstoff  nach  Errichtung  einer
ausreichenden  Zahl  von  staatlichen  Anstalten  zur  Gewinnung  solchen  Impfstoffes  leicht
und  in  genügender  Menge  jederzeit  gedeckt  werden  kann,  inzwischen  durch  Runderlaß  der
Herren  Minister  der  ꝛc.  Medizinalangelegenheiten  und  des  Innern  vom  31.  März  18971)
bestimmt  worden,  daß  in  Zukunft  für  die  öffentlichen  Impfungen  im  Allgemeinen  ausschließlich
  thierischer  Impfstoff  aus  den  Landesanstalten  zu  verwenden  ist.

Beweiskräftige  Thatsachen,  welche  gegen  die  Reinheit  des  Impfstoffes  sprechen,  sind
nicht  bekannt  geworden.  Bei  aus  Weimar  stammender  Lymphe  wurde  öfter  ein  beträchtlicher
  Grad  von  Randröthe,  bei  etwa  20  Erstimpflingen  ein  fleckiger  Hautausschlag  beobachtet.
  Es  haben  indessen  die  angestellten  Untersuchungen  die  Reinheit  des  Impfstoffs
  ergeben.  Dagegen  wurden  Wirksamkeit  und  Haltbarkeit  der  Lymphe
öfters  bemängelt.  So  soll  der  Impfstoff  nach  den  Berichten  einer  Anzahl  bayerischer
Amtsärzte  in  der  Wirkung  gegen  das  Vorjahr  etwas  nachgestanden,  sich  auch  in  2  Amtsbezirken
  nicht  genügend  haltbar  erwiesen  haben.  In  Braunschweig  wurden  14  Sendungen
von  mangelhafter  Beschaffenheit  festgestellt.  In  einigen  Staaten  zeigte  Thierlymphe  aus
Weimar  eine  verschiedene  und  mannigfach  unsichere  Wirksamkeit.  In  Elsaß-Lothringen
ließ  die  Lymphe  aus  Metz  wiederholt  zu  wünschen  übrig.  Ueber  die  Protze'sche  und
Aehle'sche  Lumphe  wurde  mehrfach  geklagt.  In  Hessen  vorgenommene  Versuche  mit  Landmann'scher
  bezw.  Merck-Landmann'scher,  sogenannter  keimfreier  Lymphe  hatten  schlechte
Erfolge.  Wo  sie  indeß  gut  anging,  sollen  dieselben  Reizerscheinungen  aufgetreten  sein,  wie
bei  der  Institutslymphe.

Ueber  in  Preußen  angestellte  Versuche  mit  centrifugirter,  verdünnter  und  keimfreier
Lymphe  enthält  der  betreffende  Bericht  folgende  Mittheilungen:

In  der  Beschaffenheit  der  in  den  staatlichen  Anstalten  fabrizirten  Lymphe  traten  im  Berichtsjahre
insofern  Aenderungen  ein,  als  einige  Anstalten  klare  und  verdünnte  Lymphe  abgaben.  Seitdem  es  in  der
staatlichen  Anstalt  zu  Köln  gelungen  war,  im  Berfolg  der  im  Frühjahr  1895  von  dem  Herrn  Minister
der  Medizinalangelegenheiten  angeordneten  Versuche  einen  klaren  und  doch  voll  wirksamen  Impfstoff  auf
dem  einfachen  Wege  der  Sedimentirung  zu  erzeugen,  und  nachdem  unabhängig  davon  der  praktische  Arzt
Dr.  Landmann  zu  Frankfurt  a.  M.  mit  seiner  sogenannten  keimfreien  Lymphe  hervorgetreten  war,  wurde
vom  Herrn  Minister  eine  Kommission  zur  Prüfung  der  Impfstofffrage  unter  dem  Vorsitz  des  Fachreferenten
im  Ministerium  für  geistliche  u.  s.  w.  Angelegenheiten  eingesetzt.  Auf  Anregung  dieser  Kommission  wurden
mehrfache  Impfversuche  mit  sedimentirter,  centrifugirter  und  verdünnter  Lymphe  angestellt,  auch  von

1)  Vergl.  Veröff.  des  Kaiserlichen  Gesundheitsamts  1897,  S.  424.