—  117  —

wesenden  ein  mit  derartig  regenerierter  Valzine  geimpfter  Ochse  vorgeführt  werden,  welcher
nach  6mal  24  Stunden  einen  geradezu  mustergültigen  Zustand  des  Impffeldes  zeigte.
Calmette  und  Guerin  haben  im  Institut  Pasteur  zu  Lille  1)  folgendes  Verfahren  ausgebildet:
  Auf  dem  Rücken  des  Kaninchens  wird  eine  Fläche  von  etwa  15  gem  rasiert;  auf
diese  wird  ohne  Verletzung  der  Haut  sofort,  bevor  noch  die  durch  das  Rasieren  entstandene
Hautröte  verschwunden  ist,  Kälberlymphe  einfach  eingerieben.  Bei  hellfarbigen  Kaninchen
entstehen  intensive  Eruptionen.  Am  4.  Tage  wird  das  Tier  getötet,  die  Impffläche
einschl.  der  ödematösen  Umgebung  abgeschabt  und  das  Abgeschabte  im  Mörser  verrieben.
Solche  Verreibung  ist  vielfach  zu  Kälber=  und  Kinderimpfungen  verwendet  worden.  Die
Lymphe  hat  sich  als  konstant  erwiesen,  enthält  immer  eine  geringe  Menge  fremder  Mikroben.
Während  3  oder  4  direkte  Pafsagen  von  Kalb  zu  Kalb  genügen,  um  den  animalen  Stoff
durch  die  Vermehrung  der  fremden  Keime  abzuschwächen,  kann  man  auf  dem  Kaninchen
mehr  als  12  Passagen  vornehmen,  ohne  daß  die  Beschaffenheit  der  Eruption  sich  ändert.
Von  dieser  Erfahrung  ausgehend,  haben  Calmette  und  Guerin  ein  Verfahren  zur  Regeneration
der  animalen  Stämme  ausgebildet.  Das  Kalb  wird  mit  der  soeben  von  Kaninchen  abgenommenen
  Lymphe  geimpft.  Es  scheint,  daß  die  Mikrobenflora  einer  solchen  Stammlymphe
sich  nicht  auf  dem  Kalbe  weiter  entwickelt.  Calmette  und  Guerin  konnten  damit  jedesmal
Vakzine  von  tadelloser  Beschaffenheit  erzielen.  Das  Kaninchen  vermittelt  aber  nicht  allein
eine  tadellose  Vakzine,  sondern  führt  auch  keine  Abschwächung  derselben  herbei.  Das  Institut
Pasteur  zu  Lille  übt  dieses  Verfahren  seit  zwei  Jahren;  jährlich  sind  dort  gegen  40  000  Tuben
hergestellt.  Die  genannten  Forscher  fassen  ihr  Urteil  dahin  zusammen,  daß  die  Züchtung  und  Konservierung
  von  wirksamen  Vakzinestämmen  von  jetzt  ab  nicht  mehr  die  Sache  der  Impfinstitute
zu  sein  braucht,  denn  das  Kaninchen  regeneriert  vollständig  selbst  abgeschwächte  Lymphestämme.
Das  nach  vielfachen  Versuchen  in  Weimar  im  Jahre  1904  durchgeführte  Verfahren
der  Lympheregenerierung  ist  folgendes  geworden:  Für  jede  Kälberimpfung  sind  4  bis  6  Tage
vorher  je  2  bis  4  Kaninchen  in  der  von  Calmette  und  Guerin  beschriebenen  Weise  mit  Kinderlymphe,
  mit  frischer  oder  monatelang  konservierter  Kälberlymphe  geimpft  worden.  Halbwüchsige
  Kaninchen  erhalten  eine  handgroße  Impfstelle  auf  der  Lendengegend,  in  welche  einige
Röhrchen  Kinderlymphe  oder  ½  g  Elhyzerinkälberlymphe  nur  mit  der  desinfizierten  Fingerspitze
  eingerieben  werden.  Bei  Tieren  mit  derberer  Haut  wird  vorher  die  rasierte  Fläche
leicht  mit  Sandpapier  überstrichen.  Es  hat  sich  herausgestellt,  daß  Kinderlymphe,  frische
Kälberlymphe  und  konservierte  Glyzerinlymphe  gleichmäßig  und  leicht  haften.  Nach  4  mal
24  Stunden  ist  die  Impffläche  gleichmäßig  infiltriert.  Meist  sind  die  Haare  wieder  etwas
nachgewachsen  und  bedecken  die  Haut  als  leichter  Wollüberzug.  Sobald  die  Impfstelle  einige
rote  Risse  und  Sprünge  zeigt,  wie  in  einer  gebrochenen  Glasscheibe,  ist  der  Termin  zur
Abimpfung  gekommen.  Zur  Kontrolle  sind  im  Beginn  der  Versuche  je  4  Schnittchen  an  der
Innenfläche  des  einen  Ohres  angelegt  worden.  Der  typische  Verlauf  dieser  Impfschnitte  ist
nach  dem  Schema  in  Fig.  2  (s.  S.  119),  welches  von  Kaninchen  ohne  gleichzeitige  Rückenimpfung
  stammt,  langsamer;  er  erreicht  erst  nach  5  bis  6  mal  24  Stunden  seine  Höhe  um  alsdann
  rasch  unmittelbar  in  das  Eintrocknungsstadium  überzugehen,  welches  in  etwa  12  Tagen
ohne  Eiterung  beendet  ist.  Für  die  Abimpfung  muß  das  Tier  getötet  werden,  was  durch
einen  Schlag  in  den  Nacken  rasch  geschieht.  Die  geimpfte  Stelle  wird  ausgeschnitten  und  auf
ein  walzenförmiges  Holzstück  von  12  cm  Durchmesser  mittels  kleiner  Nägel  ausgespannt,  daun
wird  es  gründlich  mit  gekochtem,  warmen  Wasser  abgerieben;  mit  dem  scharfen  Löffel  wird
nun  die  Epidermis  und  die  Malpighische  Schicht  bis  auf  die  Lederhaut  kräftig  abgeschabt.

)  Comptes  rendus  des  séances  de  la  société  de  Biologie,  Séance  du  17.  V.  1902.