—  62  —

berg  gab  die  katholische  Bevölkerung  bei  der  Einweihung  der  neu—
erbauten  evangelischen  Kirche  durch  ihre  ganze  Haltung  dabei  einen
deutlichen  Beweis  ihrer  Zuneigung  zu  den  evangelischen  Mit—
bürgern.

Eine  wie  weitgehende  Toleranz  überhaupt  der  große  König  auch
in  den  neuen  polnischen  Erwerbungen  übte  und  förderte,  davon
hier  nur  ein  Beispiel.  In  der  Gegend  von  Inowrazlaw  fanden
sich  viele  Moräste  und  andere  Plätze,  welche  urbar  gemacht  und
mit  Kolonisten  besetzt  werden  sollten.  Weil  es  aber  an  Menschen
fehlte,  meinte  der  König,  „es  wäre  schon  recht,  wenn  sich  die  jetzt
an  der  polnischen  Grenze  aufhaltenden  türkischen  Tataren  dort
niederlassen  wollten.  Ich  würde  sie  in  Kriegszeiten  zu  Soldaten
gebrauchen,  und  in  Friedenszeiten  sollten  sie  ruhig  bei  den  Ihrigen
bleiben.  Ihr  habt  Euch  demnach  alle  Mühe  zu  geben,  wie  Ihr
solche  hereinziehet.  Ich  will  ihnen  auch  Moscheen  bauen  und  allen
Schutz  angedeihen  lassen  und  sie  überhaupt  wie  meine  übrigen  Unter—
tanen  behandeln.“  Die  Bromberger  Kammer  hat  ohne  Zweifel
diese  Befehle  besolgt.  Am  13.  August  schrieb  Friedrich  an  Voltaire,
daß  er  mit  1000  mohamedanischen  Familien  in  Unterhandlung
stehe,  denen  er  Wohnungen  und  Moscheen  verschaffen  wolle.  „Wir
werden  dann,“  schrieb  er  weiter,  „religiöse  Waschungen  haben  und
Illih  Allah  fingen  hören,  ohne  uns  darüber  zu  ärgern.“  Indessen
findet  sich  keine  Spur  einer  solchen  Einwanderung;  ohne  Zweifel
find  also  die  Unterhandlungen  gescheitert.

Ganz  gering  war  die  Zahl  der  lutherischen  Kirchen  im  Lande.
'och  1788  zählte  Holsche  nur  36  Pfarrer.

Am  14.  Juni  1772  schreibt  der  König  an  den  Kammerpräsidenten
  Domhardt  zu  Königsberg:  „Ich  habe  bei  meiner  Durchreife
durch  Polnisch-Preußen  observiert,  daß  auf  dem  Lande  gar  keine
Schulanstalten  vorhanden  sind“.1)  Unmittelbar  nach  der  Besitznahme
  Westpreußens  bezeichnet  er  in  einem  Briefe  an  d'Alembert
  die  Sorge  für  die  Erziehung  als  einen  wichtigen  Gegenstand,
welchen  die  Fürsten  nicht  vernachlässigen  sollten,  und  die  er  bis

1)  Nur  in  den  deutschen  lutherischen  Ortschaften  fanden  sich  durchgängig
Schulen  vor.  Die  Schulhalter,  meist  Handwerker  im  Hauptamt,  hatten  oftmals
das  Recht,  in  Ermangelung  eines  evangelischen  Geistlichen  Gottesdienst  zu  halten,
ja  manchmal  sogar  zu  taufen,  zu  trauen  und  zu  beerdigen.  Beheim-Schwarzbach
S.  255.