410  Goettingen,  Universitäts-Bibliothek

Blattes,  auf  welcher  die  Vertreibung  der  Wechsler  hätte  gemalt
werden  sollen,  schon  mit  anderm  Text  beschrieben;  desshalb  sind  die
Bilder  und  Belegstellen  der  beiden  Seiten  des  Goettinger  Exemplars
(30b  und  3la)  in  dem  Jenenser  ungeschickter  Weise  zu  einem
einzigen  Bilde  verschmolzen.

Auch  im  Text  zeigen  sich  diese  Verschiedenheiten;  z.  B.  S.36
des  Jenenser  und  Bl.29b  des  Goettinger  Exemplars  ist  der  apokalyptische
  Reiter  mit  der  Wage  dargestellt;  als  Gegenstück  (Jen.  S.37
und  Goett.  Bl.30a)  hält  ein  Geistlicher  eine  Wage,  an  welcher  die
Schale  mit  dem  päpstlichen  Recht  steigt,  die  mit  dem  göttlichen
sinkt.  Der,  welcher  die  Wage  hält,  ist  im  Jen.  ein  Bischof,  heisst
“magister  Albi’  und  spricht  einen  Gallus  an;  im  Goett.  ist  es  ein
Kardinal,  der  einen  magister  Krawin  anspricht;  an  der  Schale  des
göttlichen  Rechts  stehen  hier  Pala  und  Rokyezan.  Sonst  hat  öfter
die  eine  Abschrift  Textstücke,  welche  in  der  andern  fehlen.  Demnach
  ist  keine  von  beiden  das  Original,  aber  jede  werthvoll.

Auf  dem  Vorsetzblatt  des  Jenenser  Exemplars  steht:  Bohuslaus
De  xx  sue  causa  memorie  manu  propria  me  fecit.  Darunter  von
einer  Hand  des  16  Jahrhunderts:  Antithesis  Christi  et  Antichristi.
Odpornost  kristowa  s  Antikryston.  Schon  Struve  sah  diesen  Bohuslaus
als  Urheber  des  Ganzen  an;  Graf  Caspar  von  Sternberg  hob  die
Worte  hervor,  welche  im  Jenenser  Exemplar  unter  das  Lied  von
Ziskas  Heer  geschrieben  sind  “hec  deosolemnisa  de  Üzechticz’;  da
Deosolemnisa-Bohuslaus  sei,  so  sei  das  ausradirte  Wort  auf  dem  Vorsetzblatt
  darnach  zu  ergänzen  und  der  Urheber  unseres  Buches  heisse
Bohuslaus  de  Czechtiez;  vgl.  Safarik  bei  Jungmann  8.102.  Allein  dieser
Bohuslaus  mag  den  Spiegel  und  vielleicht  andere  Stücke  der  Jenenser
Handschrift  abgeschrieben,  vielleicht  auch  den  Spiegel  nachgemalt
haben;  sicherlich  aber  hat  er  weder  den  Text  noch  die  Bilder  des
Spiegels  ersonnen.  Der  Urheber  dieses  böhmischen  Spiegels  ist  demnach
  noch  unbekannt.

In  der  Antithesis  figurata  vitae  Christi  et  Anti-Christi  hat  Lucas
Cranach  3  Bilderpaare  gegeben,  welche  denen  des  Spiegels  sehr
ähnlich  sind:  Christus  wäscht  den  Aposteln  die  Füsse:  der  Pabst
lässt  sich  die  Füsse  küssen  (vgl.  Jen.  S.53.  54);  Christus  trägt  das
Kreuz:  der  Pabst  wird  in  einer  Sänfte  getragen  (Jen.  S.12  und  13);
Christus  peitscht  die  Wechsler:  der  Pabst  nimmt  Geld  in  Empfang
für  Privilegien  (Jen.  S.39  =  Goett.30b,  31a);  dazu  finden  sich  die
Bilder  eines  4.  Paares  auch  hier  (Christus  mit  der  Dornenkrone:  dem
Pabst  wird  von  Konstantin  die  Tiara  aufgesetzt;  Jen.  8.43  und
40),  auch  Christus  in  der  Krippe  und  der  Pabst  zu  Ross  findet  sich
hier,  wenn  auch  mit  andern  Gegenbildern  (Jen.  5.41  und  42).  Dann
hat  Luther  1536  4  Hussbriefe  und  den  Brief  der  Herren  von  Böhmen
und  Mähren  in  deutscher  Übersetzung  herausgegeben,  welche  sich
in  dem  Druck  finden,  der  in  das  Jenenser  Exemplar  eingeschoben
ist.  Dazu  kommt,  dass  der  Titel  Antithesis  e£c.  sowohl  in  der  Jenenser
Handschrift  als  bei  Cranach  steht.  Da  nach  Struve  und  Mylius  der
Churfürst  Johann  Friedrich  diese  Handschrift  besass,  so  ist  die  Annahme
  jener  Gelehrten,  dass  Luther  und  Cranach  aus  diesem  Jenenser
Bilderwerk  geschöpft  hätten,  durchaus  wahrscheinlich.