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        <title>Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil.</title>
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            <idno>meyer_konversationslexikon_2_1917</idno>
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        Meyers

Großes
Konversations--Lexikon.

Ein  Nachschlagewerk  des  allgemeinen  Wissens.

Sechste,

gänzlich  neubearbeitete  und  vermehrte  Auflage.

Mit  20660  Abbildungen  im  Text  und  auf  etwa  1940  Bildertafeln,  Karten  und  Plänen
sowie  215  Textbeilagen.

Kriegsnachtrag.

Zweiter  Teil.

Leipzig  und  Wien.
Bibliographisches  Unstikut.
1917.
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        Alle  Rechte  vom  Verleger  vorbehalten.
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        Vorbemerkung.

Unsere  Absicht,  mit  dem  vorliegenden  zweiten  Teil  das  Werk  abzuschließen,  ist  durch
die  unvorhergesehene  Dauer  des  Krieges  leider  vereitelt  worden.

Unter  der  wachsenden  Fülle  der  Ereignisse  hat  der  Aufbau  des  Werkes  leiden  müssen.
Insbesondere  ist  die  zweckmäßige  Verteilung  des  fortgesetzt  zuströmenden  Stoffes  sehr
schwierig  geworden.  Doch  hat  das  im  Gesamtplan  des  Werkes  keine  wesentliche  Abweichung
von  den  einmal  festgelegten  Richtlinien  nötig  gemacht.  Wenn  der  zweite  Band  einen  straf—
feren  systematischen  Zusammenhang  auch  nicht  durchweg  aufrechterhalten  konnte,  so  gliedert
sich  der  Stoff  der  größeren  Abteilungen,  die  hier,  wie  im  ersten  Bande,  beibehalten  sind,
dem  erstrebten  Gesamtbilde  doch  einheitlich  ein,  obwohl  es  hier  und  da  scheinbar  nur  lose
zusammengefügt  ist.  Wir  dürfen  daher  mit  gutem  Grunde  hoffen,  dem  Ganzen  mit  einem
dritten  Teil  die  erforderliche  Abrundung  geben  zu  können.  Erst  dieser  wird  eine  vollkommenere
  Ausgleichung  und  die  wünschenswerte  Ebenmäßigkeit  der  verschiedenen  Stoffgebicte
bringen,  indem  er  unter  sachlicher  Würdigung  der  noch  kommenden  Ereignisse  da  einen
Ausgleich  schafft,  wo  jetzt  noch  die  Erfordernisse  des  Kampfes  eine  gewisse  Zurückhaltung
auferlegen.  Das  gilt  insbesondere  für  die  Abschnitte,  die  sich  mit  der  eigentlichen  Kriegführung
  und  den  weiten  Gebieten  der  Kriegstechnik  befassen;  sie  werden  im  letzten  Bande
eine  besonders  eingehende  Darstellung  erfahren.

Herausgeber  und  Verlag.
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        Inhaltsverzeichnis  des  zweiten  Teiles.

Kriegszielbewegung,  von  Prof.  Dr.  Dietrich  Schäfer

Entwicklung  und  Ergebnisse  der  kolonialen  Arbeit
Deutschlands,  von  Legationsrat  Dr.  A.  Zimmermann

Das  deutsche  Elsaß,  von  Prof.  Lie.  Wilhelm  Kapp.

Oseerreich-Ungarns  Verfassung  und  Verwaltung,  von
Prof.  Dr.  Berthold  Brethoz

Galizien  und  die  polnische  Frage,  von  Arol.  Dr.  Ger.
harb  Seellger

Siebenbürgen,  von  Lut  Korodi,  Tir.  Deutschen  geitung

Die  Irredenta,  von  Schulrat  Dr.  Wilhelm  Rohmeder.

Englische  Verfassungs=  und  Verwaltungoge  schichte,  von
Prof.  Dr.  Felir  Salonnn

Englands  Überseereich  während  des  Krieges,  von  eegationsrat
  Dr.  Alfred  Zimmermann  .

Indien,  von  Dr.  phil.  Hermann  v.  Staden

Die  Grundzüge  der  russischen  Eroberungspoliktk,  von
Prof.  Dr.  Hans  Uebersberger  .

Die  Probleme  des  Baltans,  von  Prof.  Dr.  Samassa

Die  Türkei  im  Weltkriege,  von  Prof.  Dr.  Oberhummer

Der  heilige  Krieg,  von  I2.  Hugo  Grothe  .

DernntteleuropånchturkncheBlockwuow  os-PaulSmnassa


Bulgarien,  von  Prof.  Dr.  Oito  Freiherrn  o“  von  Dungern

Rumänien,  von  demselben  ..

Die  neutralen  Mächte  cites,  von  Pros.  pr.  Richard
Sternfelb

Ostasien  im  Welttriege,  r  von  grok.  Dr.  dtio  Franke

Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse  der  Vergangenheit,
  von  Prof.  Dr.  Dietrich  Schäfer

Der  österreichisch-italienische  bandtriegsschauplat,  von
Prof.  Dr.  Frig  Machatschek  ..

Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz,  von  Prol.  vr.

Seite
1

12
16

Alfred  Merz  106
Das  Mittelmeergebiet  als  acicocihaidleb.  von  dem
selben  115
Die  türkischen  Kriegsschaupläher
A.  Die  Dardanellen,  von  Oberst  3.  D.  v.  Diest  131
B.  Die  vorderasialtischen  Kriegöschaupläße,  von  Privatdozent
  Dr.  jur.  ot  phil.  Hugo  Grothe  133
Der  rumänische  Kriegsschauplatz,  von  Prof.  Dr.  Kaßner  140
Der  mazedonische  Kriegsschauplatz,  von  demselten.  143
Die  kolonialen  Kriegsschauplätze,  von  Dr.  Oskar  Karstedt  146
Dokumente  zum  Kriegsverlauf:
A.  Dokumente  zum  Unterseebootkrieiee  150
B.  Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.
Dezember  1916  164
Kriegskalender  (bis  Ende  1916)  .  178
Kriegsberichte  aus  dem  Großen  bantanane  l9##  1:
Kämpfe  im  März  .  .  .  .19:3
Die  Schlacht  vor  Verdun.  190
Die  rufsische  Märzoffensive  108
Kämpfe  im  April  .  201
Der  Krieg  zu  Lande  in  den  Monaten  Mai  und  Zuni  203
Die  russische  Sommeroffensive  1916.  205

Seite
Aus  den  Kämpfen  der  deutschen  L#athentrun#en  210
Die  Schlacht  an  der  —oomme  213
Der  Dobrudscha-Feldzug  221
Die  Eroberung  von  Tutrakan  225
Vom  Rotenturmpaß  bis  Titu  227
Der  Einbruch  in  die  Walachei.  231
Verfolgungskämpfe  vor  Bukarest  232
Der  Vormarsch  der  Donau-Armee  von  Bularest  auf
Brãuila  ..  .  ..2«3
Somme  und  S  Siebenbürgen.  .  235
Der  Seekrieg  1915/16,  von  Konteradmiral.  Foß:
A.  Seekriegskalender  .  238.
B.  Schidenns  der  Kampfhandlungen:
I.  Allgemeines  241#
II.  Der  Seekrieg  in  den  nordwestlichen  Meeren  244
III.  Nördliche  Meere  246
IV.  Baltan  und  südliche  Meere  247
V.  Die  Tauchboote.  ..  218
VI.  Die  Seeschlacht  vor  dem  Stagerra  249
VII.  Ostseee  .  .25:)
VIII.  Die  österreichisch-  ungarische  Flotte  257
IX.  Die  Ereiguisse  im  Orient  und  M.ttelmeer  258
X.  Der  Kreuzer=  und  Handelskrien  260
Das  Etappenwesen,  von  Hauptmann  a.  D.  Oesele  261
Das  Pionierwesen,  von  demselben  268
Hand=  und  Fanstfeuerwafsen,  von  Lauptmann  Vo-  sier  279
Festungen  u.  Festungskrieg,  von  dauptmann  a.  D.  Oesel:  280
Uniformen  292
Die  Eisenbahnen  im  Weltkriege,  von  Generalleutnant
z.  D.  Freiherrn  von  Steinaccker  294
Kriegschirurgie,  von  Stabsarzt  Dr.  Haehner  300
Die  Seuchenbekämpfung,  von  Prof.  Urr.  H.  Heisch  307

Philosophie  und  Krieg,  von  Pros.  I#r.  Ernst  Vergmann  312

Kultur  und  Charakter  der  Kriegführenden,  von  Gymnasialoberlehrer
  Dr.  Karl  Weitzel  .

Der  Krieg  in  der  Auffasjung  unserer  7  von  9  es.
Dr.  Tietrich  Schäfer.

Die  Presse  unserer  Gegner,  von  r.  Hermann  die

Englische  Kampfmethoden,  von  Paul  Dehn  ..

DchrtequnddieUmsmivoutsksstmocomuge.

Deutfciiedrganiiationimstriegcvoungacmcism

Dcutmchrztchunq,vonsohanmstewe

Die  militärische  Jugenderziehung,  von  Prof.  Prohmer  «

DerztncgnnddtcchrmltchcnMsmonen
I.  Die  evangelischen  Missionen,  von  Prof.  Dr.  Martin
  Schian  .
II.  Die  katholischen  Missionen,  von  Robert  Sereit,
O.  M.  I1.
Der  Krieg  und  der  Latikan,  von  prook  n.  Martin  Schian
Die  National=  und  Kriegeleder  der  Deutschen,  von
Pros.  Adolf  Bartels.
Die  deuische  Literatur  während  des  Ki  eges,  von  dem.
selben.
Kriegoliteratur,  von  rook  *  Nichard  3  Fe  ster
        <pb n="6" />
        VIII  Inhalts=  und  Illustrationsverzeichnis  des  zweiten  Teiles
Seite  Seite
Arbeitsnachweis  und  Arbeitsmarkt,  von  Prof.  Dr  Patentrechte  im  Kriege,  von  Geh.  Reg.  Rat  Johannes
J.  Jastronu.  388  Neuberg  44
Die  Gewerktschaften  und  der  Krieg.'  von  Dr.  E.  Lederer  393  Kriegsleistungen  und  Kriegsschüden,  von  Oberlanbes.
Der  Sozialismus  im  Kriege,  von  demselben.  397  gerichtsrat  Dr.  Warneyer  .  418
Vaterländischer  Hilfodienst,  von  Prof.  Dr.  Sommerlad  400  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner,  v.  Dr.  O  Lederer  43
Kriegsgesetzgebung  Osierreichs.  von  Oberlandesgerichts-  Englands  Handelsestellung,  von  Paul  Dehn  Z  430
rat  Dr.  Warneyer  103|  Die  russische  Sozialpolitik,  von  Dr.  r#ll.  Karl  Nötzel  438
Kriegsfürforge  in  Osterreich-Ungarn,  von  Dr.  .  Stolper  407  Spionage,  von  Kriegsgerichtsrat  Heinrich  Dien  443
Die  Rechtsstellung  der  neutralen  Staaten,  von  Ober-  Franktireurwesen,  von  bemselden  .  ...446
landesgerichtikatvk.kameyek.  ..  412Ncgtftek................450
·
Illustrationsverzeichnis.
Beilagen.
Seite  Seile
Russische  Staatsmänner  und  Heerführer,  Tafel  %%  Deutsche  Helden,  Tafel
Französische  Staatsmänner  und  Heerführer,  Tasel  "  Osterreichisch=  ungarische  Heer-  (Tertblatt  S.  53).  180
Staatsoberhäupter,  Staatsmänner,  Heer=  und  Flot-  führer,  Tafel  II
tenführer,  Textblatt  .  53DecufcheheerführerTafellllllvstettbtausw.194
Türkische  Staatsmänger  u.  Heer-  Verdun,  Karte  197
flihrer,  Tafel  6.  „  Das  Vordringen  der  eraide  im  Jralgebiet  1915
Bulgarische  Staatsmänner  und  (Textblatt  S.  560  62  bis  1917,  Karte.  203
Heerführer,  Tafel  Die  österreichische  Offensive  im  Stdiiroler  Grenz-Italienisch-
  Osterreichische  Grenzgebiete,  Karte  98  gebiet,  Karte  201
Unteres  Isonzogebiet,  Karte  .  101DterussnchcnOsscnsiven  März  1916  und  Juni=  àu
Die  Ostsee,  Karte  .  .  106  1916,  Karte  206
Länder  des  Mittelmeers,  Karte  116%  Somme-  Aisne,  Karte  .  214
Kaukasusfront,  Karte.  133  Der  rumänische  Feldzug  im  Herost  1916.  TLarte  .  222
Un  arijch-  rumänisches  Greuzgebiet,  Relieftarte  140  Deutsche  Marine,  Tafel  "
*  Kämpfe  in  Mazedonien,  Karte.  143  Deutsche  Staatsmänner,  Tafel  II  (Tertblatt  S.  5.  250
Westliche  Balkanhalbinsel,  Reliefkarte  144  Etappenwesen,  farbige  Tafel  mit  Erläuterungen  .  262
Koloniale  Kriegsschauplätze,  Karte  148  Pionierwesen,  Tafel  I/II  .  268
Die  Staatsoberhäupter  der  En—  Hand=  und  Faustfeuerwaffen,  Tafel  1—I.  ..  280
tente,  Tajel  x  —JFelduniformen  LII,  farbige  Tafeln  mit  Textblatt  T
Englische  Staatsmänner,  Heer-  (#etblatt  S.  59)  174  uniformen  feindlicher  Heere-  .  292
führer  und  Admirale,  Tafel  Kriegschirurgie,  Tafel  UII4  .  300
Abbildungen  im  Text.
Seite  Seite
Die  bulgarisch-küreische  Gren  zänderung  bei  Adrianopel,  Schienensprengung,  2  Figuren  278
Kärtchen  .  Sprengung  von  Weichen  und  Krenzungen,  2  Figuren  270
Die  Dardanellen,  Kürtchen.  132  Laufquerschnitt  (Gewehr)  ..  ..280
Das  Kampfgebiet  auf  der  Sinaihalbinsel,  Kärtchen  135  Zugprofile,  3  Figuren  280
Die  Eroberung  von  Tutrakan,  Kärtchen.  226|  Mehrladevorrichtungen,  5  Figuren.  281
Hermannstadt  und  Roterturmpaß,  Kärtchen.  227  IBalle  D.,  das  Spitzgeschoß  Frankreichs  281
Die  Seeschlacht  vor  dem  Skagerrak,  5  Skizzen.  21/  252Sondergeschosse,  3  Figuren.  .  282
Seitenrampen,  3  Figuren  ..  274  Englische  Vorrichtung  zum  Nbbrechen  der  Gohrbit  283
Brückensteg  auf  Tounen,  Floßballensteg,  2  Figuren.  275K  Die  Festung  Antwerpen,  Kärtcken  288
Fähre  aus  vorgefundenen  Kähnen.  .  s.75pmäbmcIPanzcunrnL  289
Flöße,  3  Figuren.  276Hebbarer  Panzerturm  .  289
Fähre  aus  Tonnenflößen  276Fort  von  Lüttich,  Grundriß  und  Durchschnitt,  2  guren  290
Schwimmbar  gemachter  Wagen.  276  Sperrfort  mit  drehbaren  Panzertürmen  auf  Pwotsäule  291
Bau  von  Zelten,  4  Figuren  277  Tangentialschuß  des  Schadels.  .  301
Ban  einer  Lagerhütte,  3  Figuren  ..  277Opneraliver  Ausgleich  von  Gliedverkürzungen,  2  schema-In
  die  Erde  versenkte  Winterlagerhütt  278  tische  Darstellungen  .  305
Minenanlagen  in  sieinernen  Brückenpfeilern,  2  Giguren  278]  Dumdumgeschosse,  14  Figuren  .  306
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        Kriegszielbewegung

von  Professor  Dr.  Dietrich  Schäfer  in  Berlin  =  Steglitz

Kriege  können  nicht  geführt  werden,  ohne  daß  die
Kämpfenden  nach  Zweck  und  Ziel  fragen.  Das  ist
selbst  bei  despotisch  regierten  Völkern  von  jeher  so
gewesen,  geschweige  denn  in  Staaten,  deren  Angehöri-*
  eine  Mitwirkung  zusteht  an  der  Bestimmung  ihrer

eschicke.  Wie  könnte  es  anders  sein  in  dem  gegenwärtigen
  Kriege,  der  an  Ausdehnung  und  Kraftaufwand
  alles,  was  die  Weltgeschichte  je  sah,  weit  hinter
sich  zurückläßt!  Denn  niemals  sind  Völker  in  einem
Umfange,  wie  es  gegenwärtig  der  Fall  ist,  in  den
Dienst  von  Kriegszwecken  gestellt  worden;  nie  zuvor
wäre  das  auch  möglich  gewesen.

Es  hat  sich  aber  ein  augenfälliger  Unterschied
  in  der  Haltung  der  einander  gegenüberstehenden
  Mächtegruppen  ergeben.  Die
Staaten  der  sogenannten  Cntente  haben  von  vornherein
  aus  den  Zwecken,  die  sie  durch  den  Krieg  erreichen
  wollten,  kein  Hehl  gemacht.  Was  sie  in  der  ersten
Januarwoche  1917  in  Beantwortung  des  amerikanischen
  Vermittlungsversuchs  als  ihren  Kriegswillen
verkündeten,  ist  von  Anfang  an  ihre  offen  ausgesprochene
  Absicht  gewesen:  Vernichtung  der  gegenüberstehenden
  Mächte  als  selbständiger  Staatswesen.  Was
die  Regierenden  hier  in  amtlicher  Form  erklärten,
haben  die  Regierten  in  allen  möglichen  Formen  und
Wendungen  vorgebracht,  nicht  nur  ihre  Presse,  sondern
  auch  ihre  geistig  führenden  Männer,  einzeln  und
in  Körperschaften.

Dem  steht  deutscher=  und  österreich-ungarischerseits
die  äußerste  Zurückhaltung  gegenüber.  Über  die  Ziele
der  Regierungen  ist  lange  Zeit  nichts  verlautbart,  wenn
man  nicht  den  Inhalt  des  Ultimatums  der  Donaumonarchie
  an  Serbien  vom  Juli  1914  als  Kriegsziel
ansehen  will.  Den  Außerungen  der  öffentlichen  Meinung
  sind  engste  Schranken  gezogen  worden;  über
Kriegsziele  zu  reden  oder  zu  schreiben,  wurde  verboten
und  das  Verbot  streng  aufrechterhalten.  Obgleich  kein
Feind  unsere  Regierung  hätte  verantwortlich  machen
können  für  Ansichten  und  Forderungen,  die  etwa  im
deutschen  Volke  laut  wurden,  blieb  sie  dabei,  daß  man
die  Gegner  nicht  noch  mehr  reizen  dürfe,  ein  Bedenken,
  das  in  deren  Kreisen  niemals  aufgetaucht  ist.
Deutscher  Vaterlandsliebe  durfte  man  alles  bieten;  in
den  Wald  hineinzurufen,  wie  es  herausschallte,  war
nicht  gestattet.  Daß  eine  starke  öffentliche  Meinung
auch  eine  Stütze  sein,  daß  sie  im  Auslande,  besonders
auch,  soweit  es  neutral  war  und  ist,  Eindruck  machen
kann,  ward  nicht  beachtet.  Bismarcks  Mahnung  zur

Der  Krieg  1914/17.  II.

Seit  des  deutsch--dänischen  Waffenstillstandes  und  der
ondoner  Konferenz  im  Jahre  1864:  Laßt  alle
Hunde  bellen-,  war  vergessen,  vergessen,  daß  er  damals
  preußischen  Ehrgeize  herbeiwünschte,  1870  die
öffentliche  Meinung  emmunterte.

Die  Frage::  Was  wird  das  Ende  des  Krieges
  sein?.  ist  von  seinem  Anfang  an  naturgemäßt
  nicht  gleichmäßig  beantwortet  woren.

  Es  wurden  Meinungen  vertreten,  die  zeinen
Hubertusburger  Frieden=  als  erträglich,  ja  als  befriedigend
  ansahen.  Sie  waren  bei  der  Mehrzahl  ihrer
Vertreter  bestimmt  durch  die  ungeheureäußerliche  Überlegenheit
  der  Gegner;  übertraf  doch  die  Bewohnerzahl
ihrer  weiten  Reiche  die  der  Mittelmächte  von  Anfang
  an  mehr  als  sechsfach.  Dazu  die  völlige  Herrschaft
  über  die  See  mit  allen  ihren  wirtschaftlichen
Folgen!  Wie  sollte  man  da  mehr  erreichen  als  gerade
bestehen?  Die  raschen  und  großen  Erfolge  im  Westen,
die  glückliche  Abwehr  des  ostpreußischen  Russeneinfalles
und  Taten  unserer  Flotte,  besonders  der  U-Boote,
haben  doch  manchem  gut  vaterländisch  gesinnten  Zaghaften
  Hoffnungen  erweckt,  denen  nachzuhängen  er  zunächst
  nicht  gewagt  hatte.  Es  waren  dann  weiterhin
besonders  die  folgenden  Erwägungen,  die  das  Urteil
über  Kriegsziele  bestimmten.

So  gut  wie  einstimmig  war  die  Nation  der  Überzeugung,
  daß  die  Mittelmächte  am  Kriege
nicht  schuld  seien.  Deutschland  hatte  den  Krie
nicht  gewollt,  weder  seine  Regierung  noch  sein  Volk.
Wenn  Liebknecht  und  Gesinnungsgenossen  unsere
Regierung  anklagten,  so  ist  das  außerhalb  ihres  Kreises
  richtig  eingeschätzt  worden  als  wahnwitziges,
vaterlandsverräterisches  Gerede.  Häufiger  wurde  —
und  wird  noch  heute  leider  nicht  selten  —  den  -Alldeutschene
  die  Schuld  in  die  Schuhe  geschoben;  sie
sollten  durch  maßlose  nationale  Ansprüche  das  Ausland
  gereizt,  geradezu  zur  Abwehr  genötigt  haben.
Bei  Feinden  und  übelwollenden  Neutralen  iind  diese
Vorwürfe  begierig  aufgegriffen  und  zur  Rechtfertigung
  ihres  Verhaltens  benutzt  worden.  Sie  beruhen
oft  auf  gänzlicher  Unkenntnis  der  alldeutschen  Bestrebungen
  und  werden  weitverbreiteten  Organen
nachgebetet,  die  internationale  Tendenzen  vertreten
und  sich  auf  herausgegriffene  Einzelheiten  stützen.
Klarer  als  irgendeine  andere  politische  Richtung  haben
ä„  Alldeutsche=  kommen  sehen,  was  sich  1914  vollzog,
haben  häufiger  gewarnt  und  gemahnt.  Wäre  politisch
und  militärisch  geschehen,  was  sie  seit  Jahren  ver-1
        <pb n="8" />
        2  Schäfer:  Kriegszielbewegung

traten  und  forderten,  wir  wären  anders  vorbereitet  in
den  Daseinskampf  gezogen.  Der  ausgebrochene  Krie

drängte  doch  weitesten  Kreisen  die  Erkenntnis  auf
daß  unsere  so  lange  Jahre,  mehrfach  bis  an  die  Grenze
des  Zulässigen  bewiesene  Friedensliebe  uns  nicht  hatte
schützen  können  vor  Haß,  Neid  und  Eroberungssucht
erbarmungsloser  Feinde.  Sie  wurde  die  Grundlage
für  diejenigen  Anschauungen  über  Kriegsziele,  die
durchaus  die  herrschenden  geworden  sind,  insbesondere
  in  demjenigen  Teile  unseres  Volkes,  der  von  jeher
Verständnis  bewiesen  hat  für  die  unerbittliche  Notwendigkeit
  starker  Machtpolitik  und  stets  bereit  gewesen
ist  zur  Bewilligung  der  dazu  erforderlichen  Mittel.

Kann  Friedensliebe  das  Reichnicht  schützen,
  wie  kann  es  dann  gesichert  werden  vor
der  Wiederholung  ähnlicher  Erfahrungen?

Gegenüber  den  Wutausbrülchen  unserer  Feinde,  mit
denen  sie  uns  gleich  in  den  ersten  Wochen  überschütteten,
  mußte  jede  Aussicht  schwinden,  ihre  Achtung
und  Neigung  zu  gewinnen.  Einzige  Hoffnung  blieb,
sie  durch  Furcht  zu  bändigen,  ihre  Macht  so  zu  schwächen,
  die  unsere  so  zu  mehren,  daß  die  Aussicht  auf
Erfolg  bei  zukünftigen  Angriffen  geschmälert,  die  Abwehr
  erleichtert  werde.  Das  konnte  nur  geschehen  durch
Mehrung  der  eigenen  Kraft.

Die  Verhältnisse  stellen  dem  aber  besondere  Schwierigkeiten
  entgegen.  Es  gibt  gegen  20  Millionen  Deutsche
  außerhalb  der  Grenzen  unseres  Reiches.  Aber  in
unmittelbarem  Zusammenhange  mit  Reichsangehörigen
  wohnen  sie  nur  im  verbündeten  Osterreich-Ungarn
und  in  der  befreundeten  Schweiz.  Jede  Erweiterung
deutschen  Herrschaftsgebietes  muß  also  hineingreifen
in  fremdes  Volkstum,  kann  nicht  nur  Deutsche  heranziehen.
  Bedeutet  das  nicht  eher  eine  Schwächung  als
eine  Stärkung,  zumal  in  unserer  demokratisch  gerichteten
  Zeit,  die  sich  über  Volksrechte  nicht  leicht  hinwegsetzt?
  So  galt  es,  zwischen  zwei  übeln  das
kleinere  zu  wählen:  Verzicht  auf  Erweiterung
  unseres  Machtbereichs  oder  die  Gefahren
  einer  fremden  Elementen  aufgenötigten

  Herrschaft.

Die  Wahl  ist  nur  zu  treffen  unter  Erwägung  der
Einzelverhältnisse.  Sie  sind  sehr  verschieden  im  Osten
und  im  Westen;  es  kommen  hinzu  die  von  übersee.

Der  preußische  Staat  und  aus  seiner  Erbschaft
  das  Deutsche  Reich  haben  sich  lange
guter  Beziehungen  zu  Rußlanderfreut.  Es
bestand  kein  Gegensatz  der  Interessen  zwischen  den
Nachbarmächten.  Ein  solcher  entwickelte  sich  aber,  als
die  russische  Politik  immer  unverhüllter  der  Beherrschung
  des  Balkans,  der  Vernichtung  der  Türkei  und
der  vollen  Verfügung  über  Bosporus  und  Dardanellen
  zustrebte.  Das  war  gleichbedeutend  mit  der  Auflösung
  der  Donaumonarchie,  die  Deutschland  nicht
zulassen  konnte,  ohne  sich  selbst  das  Urteil  zu  sprechen.
Ein  Hergang  auf  dem  Balkan  ist  denn  auch  der  unmittelbare
  Anlaß  zum  Kriege  geworden.

Krieg  mit  Rußland  war  gleichbedeutend
mit  dem  Aufrollen  der  polnischen  Frage
(vgl.  v.  Massow,  Polen,  Bd.  J,  S.  88,  und  Seeliger,
Galizien  und  die  polnische  Frage,  Bd.  II.  S.  26).
Man  muß  sich  bei  Erörterungen  über  den  Untergang
der  polnischen  Selbständigkeit  (die  übrigens  unter  den
letzten  beiden  Königen  nur  noch  ein  Schein  war)  stets
gegenwärtig  halten,  daß  er  erfolgt  ist,  weil  Rußland
unter  Katharina  II.  unentwegt  und  erfolgreich  das
Ziel  verfolgte,  den  ganzen  Staat  in  Abhängigkeit  zu

bringen.  Das  konnte  Osterreich  zur  Not,  Preußen
unter  keinen  Umständen  dulden.  Polnisches  Gebiet
trennte  seine  beiden  Stammländer,  reichte  bis  fast  unter
  die  Tore  von  Breslau  und  Berlin.  Den  polnischen
Bau  gegen  die  russische  Gefahr  zu  stützen,  war  unmöglich,
  weil  er  längst  viel  zu  morsch  geworden  war.
Es  blieb  keine  Wahl,  man  mußte  sich  bei  seinem  Abbruch
  das  Nötige  sichern.  Das  ist  in  verschiedenen
Formen,  zuletzt  mit  Beschränkung  auf  das  unerläßlich
Notwendige,  geschehen  in  den  Verträgen  der  Jahre
1772,  1793,  1795,  1815.  Die  Polen  haben  sie  nie
gelten  lassen.  Der  deutsch-russische  Krieg  machte  eine
Neuordnung  unvermeidlich.  Wie  ließ  sie  sich  für
Deutschland  erträglich  gestalten?

Eine  Beantwortung  dieser  Frage  kann  natürlich
nurversucht  werden,  ausgehend  von  der  Voraussetzung
eines  deutschen  Sieges.  Daß  eine  Niderlage  uns  Ostund
  Westpreußen,  Posen  und  den  größten  Teil  von
Schlesien,  vielleicht  die  ganze  Provinz  und  dazu  noch
pommersche  und  brandenburgische  Gebietoteile  kosten
wird,  daran  kann  nach  den  zahlreichen  russischen  Außerungen
  über  die  erhoffte  Siegesbeute  nicht  gezweifelt
werden.  Aber  wo  bei  glücklichem  Ausgange
jenseits  unserer  gegenwärtigen  eine  neue
Grenze  ziehen?

Man  kann  darauf  nur  eine  Antwort  geben,  indem
man  sich  unsere  Lage  gegenüber  Rußland  vergegenwärtigt.
  Der  Gegensatz  ist  unausgleichbar,  solange
nicht  Rußland  seine  Balkanpläne  aufgibt;  die  Durchfahrt
  durch  die  Meerengen  kann  man  ihm  gestatten,
aber  nicht  die  Herrsch  aft  über  Dardanellen  und  Bosporus.
  Die  Bevölkerung  des  ungeheuren  Reiches  ist
schon  jetzt  jener  der  Mittelmächte  um  nahezu  die  Hälfte
überlegen  und  erfreut  sich  einer  erheblich  höheren  Vermehrungsziffer.
  Dazu  befindet  sie  sich  in  einem  unleugbaren
  kulturellen  und  besonders  wirtschaftlichen
Ausstieg,  der  für  ihren  Hauptteil,  das  Großrussentum,
seit  einem  Jahrzehnt  mächtig  gefördert  wird  durch
die  in  der  Ausführung  begriffene  Bodenreform  (vgl.
Nötzel,  Russische  Sozialpolitik.  Abt.  V).  Massenhafte
Umsiedlung  großrussischer  Bauern  ostwärts  in  die
fruchtbaren  südwestsibirischen  Bezirke  hat  schon  jetzt  die
nationale  und  erst  recht  die  militärische  Kraft  des  Reiches
  außerordentlich  gestärkt.  Dann  die  schier  unbegrenzte
  Möglichkeit  der  Weiterentwicklung  in  dem
durch  alle  Klimate  sich  erstreckenden,  jeder  Produktion
fähigen,  mit  Bodenschätzen  aller  Art  ausgestatteten
Reiche!  Wenn  ein  Gelehrter  pazifistischer  Richtung
darauf  hinwies,  daß  Widerstand  unnütz  sei,  da  Rußland
uns  doch  in  einem  Menschenalter  oder  zwei  erdrücken
werde,  so  war  das  zwar  empörend,  aber  verständlich.

Für  ein  verzweifelndes  Ergeben  in  ein  scheinbar
unvermeidliches  Schicksal  war  um  so  weniger  Anlaß,
als  doch  auch  Momente  der  Schwäche  unverkennbar
  vorhanden  sind.  Die  russische  Riesenmacht
ist  erst  in  den  letzten  zwei  Jahrhunderten  zu  ihrer  jetzigen
  Größe  emporgewachsen,  im  Grunde  genommen
erst  in  den  letzten  drei  bis  vier  Menschenaltern,  und
sie  hat  nicht  vermocht,  sich  die  neu  gewonnenen
  Gebiete  innerlich  anzupassen.  Vom  Eismeer
  bis  zum  Schwarzen  Meer  zieht  sich  ein  breiter
Gürtel  von  Fremdvölkern  an  der  ganzen  Westgrenze
entlang:  Finnländer,  Balten,  Esten,  Letten,  Litauer,
Polen,  Weißrussen,  Ukrainer,  Rumänen  (vgl.  Zechlin,
Die  Fremdvölker  Rußlands,  Bd.  I,  S.  71).  Ukrainer
bilden  auch  den  Hauptbestandteil  der  Bewohner  Südrußlands.
  Nirgends  hat  der  Großrusse  ein  nicht  unter
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        Schäfer:  Kriegszielbewegung  3

seinem  Zaren  stehendes  Volk  zum  unmittelbaren  Nachbar.
  Zu  dem  Unterschied  der  Sprache  und  Geschichte
tritt  der  des  Bekenntnisses.  Finnländer,  Balten,  Esten
und  Letten  sind  evangelisch,  Polen,  Litauer  und  Weißrussen
  römisch-katholisch.  Bei  der  ersten  und  einzigen
Nationalitätenzählung  im  Russischen  Reich  ergaben
sich  nur  56  Millionen  Großrussen  von  reichlich  128
Millionen  Bewohnern,  also  43/4  Prozent!  Daneben
über  22  Millionen  Ukrainer!  Jetzt  wird  deren  Zahl
auf  mehr  als  28  Millionen  berechnet.  Die  Gebiete,
die  seit  Katharina  II.  dem  Reiche  an  seiner  Westgrenze
angeschlossen  wurden,  zählten  1912  nicht  weniger  als
48  Millionen  Bewohner,  mit  denen,  die  Peter  der
Große  und  Elisabeth  erwarben,  gegen  53  Millionen.
In  den  Unruhen,  die  dem  japanischen  Kriege  folgten,
ist  deutlich  zutage  getreten,  daß  diese  weiten  Gebiete
zum  allergrößten  Teil  noch  keineswegs  mit  dem  Reiche
verschmolzen  sind.  Der  Gedanke,  daß  hier  eine  Schwächung
  Rußlands  möglich  sei,  lag  nahe  genug,  ist  auch
schon  vor  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  von
Nichtrussen  und  wieder  und  wieder  von  den  Nächstbeteiligten
  erwogen  worden.  Wie  oft  hat  man  von
Angehörigen  russischer  Fremdvölker  gehört:  „Rußland
  muß  und  wird  zerfallen;  es  ist  zu  bunt  zusammengesetzt!le


Solcher  Auffassung  kann  aber  nicht  weiter  Naum
gegeben  werden,  ohne  daß  man  sich  zugleich  klarzumachen
  sucht,  in  welche  Zustände  etwa  loszulösende
Völkerschaften  hinübergeführt  werden  könnten.  Kein
Besonnener  hatjemals  auchnureinen  Augenblickdaran
gedacht,  daß  das  etwa  in  der  Weise  geschehen  könne,
wie  bisher  so  ziemlich  alle  staatlichen  Gebietserweiterungen
  in  Europa  sich  vollzogen  haben,  durch  einfache
Einverleibung.  Lahmlegung  unserer  Reichsverfassung
durch  Einfügung  zahlreicher  widerstrebender  Teilhaber
wäre  ja  die  unausbleibliche  Folge.  Man  mußte  daher
  den  loszulösenden  und  anzugliedernden  Elementen
  in  irgendeiner  Form  eine  gewisse  Freiheit  der  Bewegung
  eigener  Betätigung  gewähren.  Dabei  mußte
aber  Deutschlands  Vorteil,  d.  h.  die  Mehrung  seiner
Sicherheit,  erster  und  vornehmster  Gesichtspunkt  bleiben;
  handelte  es  sich  doch  nicht  nur  um  Schwächung
feindlicher,  sondern  auch  um  tunlichste  Stärkung  der
eigenen  Stellung.  Keineswegs  konnte  allein  -Be-Eung
  von  Völkern=  Richtschnur  des  Handelns  sein;
ie  muß  ihre  Schranken  finden  in  dem  für  Deutschland
  Erträglichen.

Da  aber  handelte  es  sich  wieder  um  zwei  Ziele.
Zunächst  mußten  die  Wohnsitze  des  eigenen
Volkes  besser  gedeckt  werden,  als  es  zu  Beginn
dieses  Krieges  der  Fall  war.  Russeneinfälle  in  blülhende
  deutsche  Lande  mußten  in  Zukunft  tunlichst  erschwert
  werden.  Dazu  bedurfte  es  der  vollenund  dauernden
  Herrschaft  über  die  lange  Festungskette,  die  sich  im
Gelände  der  Flüsse  Weichsel,  Bug,  Narew,  Bobr,
Memel  von  Warschau  bis  Kauen  (Kowno)  entlang
zieht.  Es  mußte  aber  zugleich  daran  gedacht
werden,  daß  dieser  Krieg  wohl  die  letzte  Gelegenheit
  darbietet,  neue  Siedlungsmöglichkeiten
  fürunsere  wachsende  Vevölkerung

u  gewinnen.  Wir  hatten  den  Krieg  nicht  gewollt.

n  er  aber  einmal  ausgebrochen  war,  durften  wir
nicht  versäumen,  zum  Guten  für  uns  zu  wenden,  was
unsere  Gegner  zu  unserem  Verderben  begonnenhatten.

Eine  der  bedenklichsten  Wandlungeninder
Zusammensetzung  unseres  Volkskörpers  ist
sicherlich  die  starke  Verschiebung  des  Verhältnisses

  zwischen  städtischerundländlicher
Bevölkerung,  die  sichimletzten  halben  Jahrhundert
  volsiogen  hat.  Seit  dem  deutsch-französischen
  Krieg  ist  des  Reiches  Einwohnerzahl  um  25
Millionen  gestiegen;  fast  der  gesamte  Zuwachs  fällt
aber  auf  die  Städte.  ganz  besonders  die  Großstädte;
die  ländliche  Bevölkerung  hat  sich  nur  in  einigen  wenigen
  Gegenden  vermehrt,  ist  in  manchen  zurückgeganen.

  Mit  dem  Anwachsen  der  städtischen  Bewohnerschaft
  haben  Gewerbe  und  Handel  einen  immer  breiteren
  Raum  gewonnen;  die  Zahl  der  in  ländlichen
Betrieben  haupt=  und  nebengeschäftlich  Tätigen  war
schon  1907  auf  25  Prozent  zurückgegangen.  Die  gesunde
  Mischung  unseres  Volkskörpers  ist  gefährdet:
er  bedarf  der  Auffrischung  durch  verstärkte  Fühlung
mit  dem  Lande,  mit  Feldarbeit.  Raum  dafür  kann
nur  die  östliche  Nachbarschaft  bieten,  nicht  die  dicht,
stellenweise  überdicht  bevölkerte  westliche.  Ihre  volle
wirtschaftliche  Angliederung  ist,  wie  die  Gegenwart
deutlich  zum  Bewußtsein  bringt,  unbedingtes  Erfordernis,
  will  Deutschland  in  einem  zukünftigen  großen
Kriege  seine  Ernährung  besser  gesichert  sehen  als  in
der  gegenwärtigen  schweren  Heimsuchung.

Es  sommt  hinzu.  daß  die  rund  1½  Million  ländlicher
  Siedler  deutschen  Stammes  und  deutscher
Sprache,  die  seit  den  Tagen  der  zweiten  Katharina  in
verschiedenen  Gegenden  des  Russischen  Reiches  auf  Veranlassung
  der  Herrscher  eine  neue  Heimat  gesucht  und
gefunden  haben,  während  des  Krieges  hart  bedrängt,
zum  großen  Teil  um  Haus  und  Hof  gebracht  worden
sind,  obgleich  sie  ihre  Wehrpflicht  gegen  das  Reich  zu
erfüllen  hatten  und  treu  erfüllten,  daß  ferner  die  Russen
bei  ihrem  Rückzuge  aus  den  Westgebieten  nicht  nur
Hunderttausende,  sondern  Millionen  der  Angesessenen
mit  sich  forttrieben,  offenbar  in  der  Absicht,  sie  nie
wieder  in  ihre  Heimat  zurückkehren  zu  lassen,  sondern
sie  durch  Großrussen  zu  ersetzen.  Neues  Lo#d  wird
dem  großrussischen  Bauer,  der  durch  die  Bodenreform
landhungriger  geworden  ist,  als  er  früher  gewesen
war,  als  Ziel  des  Krieges  hingestellt.  So  drängte  sich
der  Gedanke  auf,  in  dem  Lande,  das  infolge  der  deutschen
  Besetzung  frei  geworden  war,  nicht  nur  dem
Reichsdeutschen  neue  Siedlungsmöglichkeiten  zu  schaffen,
  sondern  auch  den  schwer  heimgesuchten  bäuerlichen
Deutschen  Rußlands  neue  Heimstätten  zu  gewähren
innerhalb  des  zu  erweiternden  deutschen  Machtbereichs.

Eine  besondere  Aufgabe  stellten  die  baltischen-Lande,
  die  sogenannten  russischen  Ostseeprovinzen
(ugl.  Stavenhagen,  Die  deutschen  Ostseeprovinzen,
Bd.  J,  S.  84).  Livland,  Estland  und  Kurland  sind
durch  Deutsche  dem  Abendlande  zugeführt  worden;
sie  haben  ihrer  Kultur  nach  nie  dem  Osten,  stets  dem
Westen  angehört.  Was  Ritter,  Bürger,  Geistliche  dort
leisteten,  hat  sich  bewährt  und  erhalten  bis  auf  den
heutigen  Tag.  Der  Besitz  des  Landes  würde  Deutschlands
  Herrschaft  auf  der  Ostsee  festlegen,  seine  Grenzen
  decken;  auch  würden  sich  seine  Bewohner  leichter
in  die  deutschen  Verhältnisse  hinüberfinden  als  irgendeine
  andere  Bevölkerung  der  östlichen  Nachbargebiete.
Kein  Wunder,  daß  ausgesprochen  und  erwogen  wurde,
ob  und  wie  man  diese  Gebiete  wieder  zurückführen
könne  in  die  Beziehungen,  in  denen  sie  bis  in  die
zweite  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  zum  Reiche,  in
denen  sie  bis  heute  zur  deutschen  Kultur  standen.

Daß  in  all  diesen  Gedankengängen,  die  sich  aufdrängten,
  kein  Besonnener  die  Schwierigkeiten
verkannte,  die  in  dem  bunten  Völkergemisch  liegen,
bedarf  kaum  der  Erwähnung.  Aber  man  war  und

1“
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        4  Schäfer:  Kriegszielbewegung

ist  in  einer  Zwangslage;  es  gilt,  unter  verschiedenen
  übeln  zu  wählen.  Eine  vollauf  befriedigende,
  für  alle  Zeiten  Ruhe  verbürgende
  Neuordnung  der  Dinge  läßt  sich  nicht
aufrichten.  Unter  allen  Umständen  werden
dem  Reiche  Aufgaben  gestellt,  in  die  es  sich
hineinfinden  muß,  wenn  es  bestehen  will.

Und  ähnlich  liegen  die  Dinge  im  Westen.

Die  Heeresleitung  hat  sich  mit  raschem  Griff  Belgiens
  bemächtigt  und  damit  den  Weg  nach  Frankreich
geöffnet.  Die  Regierung  des  Landes  hatte  den  Durchmarsch
  nicht  zulassen  wollen  trotz  verbürgter  Integrität
  und  Schadloshaltung.  Da  sie  längst  Verobredungen
  getroffen  hatte  Über  militärisches  Zusammenwirken
mit  den  Westmächten,  konnte  sie  sich  über  Bruch  der
Neutralität  mit  Recht  nicht  beklagen;  sie  mußte  um  so
eher  als  Feind  gelten,  da  die  Bevölkerung  sich  in  blinder
  Wut  und  unter  wilden,  allem  Kriegsgebrauch
hohnsprechenden  Ausschreitungen  den  einrückenden

eutschen  widersetzte.  Daß  Belgien  in  Frankreichs

and  oder  auch  nur  im  Griff  der  Franzosen  für

eutschland  eine  schwere  Gefahr  bedeulet,  ist  bisher
stets  und  allgemein  anerkannt  worden.  1  Besatzungsrecht,
  das  Preußen  1818  für  die  Maasfestungen
  erhielt,  hat  das  seinen  klaren  Ausdruck  gefunden;
gegenitber  der  belgischen  Revolution  von  1830  ist  diese

uffassung  das  Leitmotiv  für  die  Haltung  der  Großmächte
  geworden  und  hat  auch  noch  beim  Ausbruch
des  deutsch  französischen  Krieges  1870  die  englische
öffentliche  Meinung  bewegt.  Erst  als  England  Deutschland
  zu  fürchten  anfing  und  sich  dem  Zweibund  näherte,
ist  es  anders  geworden.  Die  Besetzung  Belgiens
weckte  naturgemäß  in  Deutschland  den  Wunsch,  in  Zukunft
  dem  Feinde  an  der  Südwest-,  nicht  an  der  Ostgrenze
  dieses  Landes  begegnen  zu  können.  nicht  zuletzt
auch  infolge  des  Verhaltens  der  belgischen  Regierung
in  den  letzten  Jahrzehnten.  Sie  hat  wohl  versucht,  ihr
Land  gegen  Osten,  durch  starken  Ausbau  der  Maasfestungen,
  nicht  aber  gegen  Frankreich  hin  zu  decken.

Die  Gefahr,  der  man  hier  zu  steuern  hatte,  wog  um
so  schwerer,  als  die  von  ihr  zunächst  bedrohten  Gebiete
für  die  deutsche  Kuichführun  gerade  die  wichtigsten,
unentbehrlich  für  sie  sind.  Sie  sind  der  Sitz  unserer
entwickeltsten  Industrie,  insbesondere  der  Schwer-,
der  Rüstungsindustrie.  Ihre  Besetzung,  ja  schon  ihre
Gefährdung  durch  den  Feind  könnte  alles  lähmen;
man  muß  ihr  möglichst  vorzubeugen  suchen.  Der
Krieg  hat  gelehrt,  daß  Kohlen  und  Eisen  seine  wichtigsten
  Erfordernisse  sind,  daß  man  ihrer  nicht  genug
besitzen  kann.  Wie,  wenn  man  Belgiens  Produktion
zu  dauernder  Verfügung  haben,  4  jedem  Gegner
entziehen  könnte?  Es  wäre  eine  weitere  Friedensbürgschaft.
  Dann  vergegenwärtigte  man  sich,  daß
Antwerpen  im  Laufe  der  Jahrzehnte  immer  mehr
eins  der  Fenster  geworden  war,  durch  die  Deutschland
in  die  Welt  hinausschaut,  daß  sein  ungeheurer  Hafenbetrieb
  vor  allem  auf  deutscher  Aus-  und  Einfuhr
beruht,  und  daß  dem  Deutschlands  Einfluß  auf  die
dortige  Ordnung  des  Verkehrs  nicht  entspreche.  Als
es  Engsand  gegenüber  mehr  und  mehr  darauf  ankam,
durch  U-  Boote,  Luftschiffe  und  Flug  zeuge  etwas  zu
erreichen,  stellte  sich  heraus,  ein  wie  wichtiger,  ja  unentbehrlicher
  Stützpunkt  für  solche  Unternehmungen
die  flandrische  Küste  ist.  Ein  dauerndes  Verfügungsrecht
  über  sie  würde  auch  unsere  Flotte  in  eine  ganz
andere  Stellung  gegenüber  ihrem  britischen  Todfeinde
bringen,  als  das  »nasse  Dreiecke  sie  bieten  kann,  ist

unerläßliche  Vorbedingung  für  eine  einigermaßen
ebenbürtige  Gegnerschaft.

So  entwickellen  sich  die  Anschauungen,  die  eine
dauernde  deutsche  Stellung  in  Belgien  als  Kriegsziel
vertraten.

Im  Nordosten  Frankreichs  hatten  unsere  Truppen
  von  den  Vogesen  bis  zur  flandrischen  Grenze  hin
ein  erhebliches  VGebien  besetzen  können,  darunter  des
Landes  wichtigste  Produktionsstätten  für  Kohle  und
Eisen  und  seine  bestentwickelten  Industriebe  zirke.  Anderseits
  war  es  den  Franzosen  gelungen,  gestützt  auf
Belfort,  ins  Oberelsaß  einzudringen  und  die  Vogesendässe
  und  ihre  anschließenden  Täler  bis  über  die  Diolzhauser

  Straße  hinaus  zu  iiss  Das  hat,  besonders
  im  Süden,  den  alten  Wunsch,  Belfort  in
deutsche  Hand  zu  bringen  und  damit  die  burgundische
Pforte  zu  sperren,  mächtig  belebt,  auch  erkennen  lassen,
  daß  für  die  Behauptung  der  Vogesen  der  Besitz
westlichen  Vorgeländes  wichiig  sei.  Besonders  aber
bat  der  Krieg  die  Bedeutung  des  lothringischen  Erzeckens
  ins  rechte  Licht  gesetzt.  Sein  reichsländischluxemburgischer
  Teil  stand  zu  deutscher  Verfügung.

ätten  die  Franzosen  zu  Beginn  der  Feindseligkeiten
ich  klargemacht,  daß  sie  durch  weittragende  Geschütze
Deutschlands  ergiebigste  Erzgruben  vernichten  konnten,
  es  wäre  für  uns  verhängnisvoll  geworden.  So
haben  wir  durch  raschen  Vorstoß  ihren  Anteil  in  unsere
  Hand  gebracht,  und  das  ist  für  unsere  Kriegführung
  um  so  wichtiger  geworden,  als  die  überseeischen
Erzlieferungen,  durch  die  wir  in  Friedenszeiten  unseren
  Bedarf  decken,  zum  Teil  völlig  gesperrt.  zum
Teil  stark  behindert  worden  sind.  Frankreich  auch  die
Mittel  der  Kriegführung,  die  der  im  Norden  von  uns
besetzte  Landesteil  liefert,  zu  entziehen,  war  ein  natürlicher
  Gedanke;  so  würde  Frankreichs  Angriffsgelüsten
ein  Dämpfer  aufgesetzt.  Besser  noch  als  von  der  belgischen
  Küste  ließ  sich  England  von  Dünkirchen,  Calais
  und  Boulogne  aus  in  Schach  halten;  Dünkirchen
liegt  noch  auf  stänmsschem  Sprachgebiet!  Der  Besitz
disser  Plätze  wäre  für  Deutschland  von  hohem  Werte.

Wenn  so  die  kriegerischen  Lergänge  Wünschen.
Hoffnungen  und  Plänen  an  Ost-  und  Westgrenze  des
Reiches  anregten  und  berechtigten,  so  stand  es  anders
in  übersee.  Englands  üÜbergewicht  auf  dem  Meere,
vermehrt  durch  die  französische  Flotte,  machte  sich  hier
in  erdrückender  Weise  geltend,  zumal  auch  Japan  auf
die  Seite  der  Gegner  trat.  Die  deutschen  Kolonien
waren  von  der  Heimat  abgeschnitten.  Gegen  getroffene
  Vereinbarung  üÜbertrugen  die  Feinde  den  Krieg
auf  den  schwarzen  Erdteil;  unsere  emporblühenden
afrikanischen  Kolonien  wurden  trotz  heldenhafter
Gegenwehr  ihrer  schwachen  Schutztruppen  bis  auf
einen  geringen  Rest  eine  nach  der  andern  erobert.
Tsingtau  konnte  die  Tapferkeit  seiner  Verteidiger  nicht
retten  vor  der  asiatischen  Großmacht,  die  sich  mühelos
auch  unserer  Koralleninseln  bemächtigte.  Die  deutsche
Flagge  verschwand  von  den  Meeren.  Ruhmbedeckt
gingen  die  einzelnen  Kreuzer  mit  ihren  Besatzungen
nacheinander  dem  Vaterlande  verloren;  was  die=  Emden«
  vollbrachte,  zwang  selbst  dem  giftigen  Haß  der
Engländer  Bewunderung  ab.  Nur  „Goeben=  und
k  Breslaue  retteten  sich  durch  Kühnheit  und  List  in  die
Dardanellen.  Unsere  Handelsschisse  mußten  sich  in
neutrale  Hafen  flüchten  oder  wurden  eine  Beute  der
Feinde.  Arbeit  und  Kapital,  die  man  auf  unsere  Kolonien
  verwandt  hatte,  waren  zunächst  verloren.
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        Schäfer:  Kriegszielbewegung

Diese  traurigen  Erfahrungen  konnten  doch  den  kolonialen
  Mut  unseres  Volles  nicht  brechen.  Es  war
nur  eine  Stimme:  Nicht  verzichten!  Was  man  unter
Zweifeln  und  Kämpfen  erworben  hatte,  sollte  zurückgewonnen
  werden.  Sein  unentbehrlicher  Wert  war
erkannt.  Gestützt  auf  die  europäischen  Erfolge,  insbesondere
  auf  die  Herrschaft  über  Belgien,  rechnete
man  troßz  allem  mit  einer  Vermehrung  auch  des  Außenbesitzes.
  Vor  allem  aber  verlangte  man  Freiheit  der
Meere=  Sie  wurde  zum  Schlagwort.  Man  wollte
den  friedlichen  Verkehr  gesichert  wissen  gegen  brutale
Vergewaltigung,  den  eigenen  und  den  neutralen.
„Stützpunkte  über  See-  aeen  sichern;  man  erfuhr,
welche  Macht  England  durch  ihren  Besitz  ausübte.

Das  waren  die  Gedanken,  die  Millionen
Köpfe  bewegten,  die  in  Gesprächen  und  Zusammenkünften,
  soweit  sie  unter  dem  Druck
des  Belagerungszustandes  möglich  waren,
immer  und  immer  wieder  erörtert  wurden.
Es  war  natürlich,  daß  man  sie  bald  auch  programmmäßig
  zus  ammensaßte:  das  Bestehen  der  verschiedenen
vaterländischen  Vereine  brachte  das  mit  sich.  Wo
und  wann  es  zuerst  geschehen  ist,  läßt  sich  zur  Zeit
noch  nicht  feststellen,  die  Entwicklung,  der  Bewegung
auch  nicht  im  einzelnen  verfolgen.  Aber  am  10.
März  1915  richteten  sechs  auf  wirtschaftlicher  Grundlage
  stehende  Verbände,  der  Bund  der  Landwirte,
der  Deutsche  Bauernbund,  der  Zentralverband  deutscher
  Industrieller,  der  Bund  der  Industriellen,  der
Hansabund  und  der  Reichsdeutsche  Mittelstandsverband
  eine  Eingabe  an  den  Reichstag,  in  der  es
75  „Gibt  man  die  Meinungsäußerung  über  das

riedensziel  und  die  Friedensbedingungen  frei,  dann
wird  sich  zeigen,  daß,  von  ganz  verschwindenden  Ausnahmen
  abgesehen,  im  ganzen  deutschen  Volke,  ohne
Rücksicht  auf  die  Parteistellung,  in  der  Front  wie
hinter  der  Front,  nur  ein  einziger  kraftvoller  Wille
besteht,  durchzuhalten  bis  zum  äußersten,  damit
  unser  deutsches  Vaterland  aus  dem  ihm
aufgezwungenen  Kampfe  um  seine  Existenz
größer  und  stärker  hervorgeht,  mitgesicherten
  Grenzen  im  Westen  und  Osten  und  mit
den  zur  Sicherung  unserer  Seegeltung  wie
ausmilitärischen  undwirtschaftlichen  Gründen
  notwendigen  europäischen  undkolonialen
  Gebietserweilerungen,  ohnedienuneinmal
  das  allseitigerstrebte  Ziel,  den  Kriegso
zum  Abschluß  zubringen,  daß  eine  Wiederholung
  derartiger  Kämpfe  so  gut  wie  auseschlossen

  erscheint,  nicht  erreicht  werden
ean  n.«  Die  Eingabe  schließt  mit  den  Worten:  „-Es
liegt  im  Interesse  der  Wohlfahrt  unseres  deutschen
Vaterlandes  für  alle  Zukunft,  daß  dieser  einheitliche
und  kraftvolle  Wille  zum  Ausdruck  gelange  als  der
Wille  des  ganzen  deutschen  Volkes,  das  opferfreudig
und  geschlossen  hinter  einer  Regierung  stehen  wird,
die  diesen  Willen  mit  unbeugsamer  Festigkeit  vertritt.-Am

  folgenden  5.  Mai  hat  sich  dann  der  Alldeutsche
Verband  an  den  Reichskanzler  gewandt  mit  einer
Darlegung,  die  näher  auf  Einzelheiten  eingeht.  Ihm
find  am  20.  Mai  die  genannten  sechs  Verbände  in
ähnlicher  Weise  gefolgt.  Am  16.  Mai  haben  auch  die
Landesvorstände  der  nationalliberalen  Partei  Kriegsziele
  aufgestellt.  Es  steht  wohl  in  Zusammenhang  mit
diesen  Schritten,  daß  der  Reichskanzler  sich  am  28.
Mai  1915  im  Reichstage  zum  erstenmal  äußerte.  Er
bemerkte  gegen  Schluß  seiner  Rede:  -Je  mehr  uns

5

die  Liebe  zur  Heimat  tief  an  das  Herz  packt,  je  mehr
wir  sorgen  müssen  für  Kinder  und  Enkel,  um  so  seg
müssen  wir  ausharren,  bis  wir  uns  alle  nur
möglichen  realen  Garantien  und  Sicherheiten
  dafür  geschaffen  und  erkämpft  haben,
daß  keiner  unserer  Feinde  —nicht  vereinzelt,
nicht  vereint  —  wieder  einen  Waffengang
wagen  wird.=Die

  Worte  wurden  mit  »stürmischem  Bravo  und
Händeklatschene  begrüßt.  Sie  waren  aber  zu  allge
mein  und  bei  näherer  Betrachtung  zu  inhaltleer,  als
daß  sie  dauernden  Eindruck  hätten  hinterlassen  können.
  Garantien,  daß  uns  nie  wieder  ein  Feind  anreifen

  wird,  kann  es  nicht  geben.  Bismarck  hatte  nach
edan  versprochen,  den  Franzosen  einen  Angriff
möglichst  erschweren,  Deutschland  die  Abwehr  tunlichst
erleichtern  zu  wollen.  Das  war  ein  erreichbares  Ziel.

So  dauerte  die  Bewegung  fort.  Bei  den  Beratungen
  im  Alldeutschen  Verbande,  die  zu  seiner
Eingabe  führten,  hatte  noch  ein  zweiter  Entwurf  vorgelegen.
  der  von  Alfred  Gildemeister  in  St.  Magnus

ei  Bremen  entworfen  war  und  in  der  Gesamttendenz
  durchaus  mit  ihr  einig  ging.  Er  wurde  in
einem  anderen  Kreise,  der  unter  Leitung  des  Geheimen
  Konsistorialrats  Professor  D.  Seeberg  von  der
Berliner  Universität  zusammengetreten  war,  weiterberaten
  und  ist  dann  Grundlage  geworden  für  eine
Versammlung  im  Künstlerhause  in  der  Bellevuestabe
  zu  Berlin,  die  am  20.  Juni  unter  Zulassung

er  Regierung  abgehalten  werden  konnte.  Sie  war
von  mehr  als  400  Herren  aus  allen  Gegenden  Deutschlands
  und  aus  allen  Ständen  und  Berufen,  überwiegend
  doch  von  Männern  akademischer  Bildung
besucht,  was  Anlaß  geworden  ist,  von  einer  -Kundgebung
  der  Iniellektuellen=  zu  sprechen.  Die  genehmigte
  Denkschrift  wurde  am  8.  Juli  im  Namen
der  Unterzeichner  dem  Reichskanzler  übergeben,
  mit  ihrer  Verbreitung  und  Sammlung  von  Zustimmungserklärungen
  auch  danach  noch  fortgefahren.
Alle  drei  Eingaben  enthalten  Einzelforderungen  im
besprochenen  Sinne.

Der  Reichskanzler  hatte  die  Bewegung  bis  dahin
nicht  gehindert;  es  steht  aber  fest,  daß  sie  ihm  nicht
erwünscht  war.  Er  hatte  Bedenken  wegen  des  Eindrucks,
  den  die  aufgestellten  Forderungen  im  Auslande
  machen  könnten.  Es  ist  nicht  ohne  Verständigung
  mit  ihm  eine  Gegenbewegung  in  Gang
gebracht  worden,  die  unter  dem  Namen  von  Delrück,

  Dernburg,  Harnack,  Hatzfeldt  -  Trachenber
und  Kahl  in  die  Offentlichkeit  trat.  Sie  erklärte  sch
gegen  den  geschehenen  Schritt  und  verwarf  »die  Einverieibung
  oder  Angliederung  politisch  selbständiger
und  an  Selbständigkeit  gewöhnter  Völker-,  wollte
aber  anderseits  die  besetzten  Gebiete  znicht  zu  einem
Bollwerk  für  unsere  Gegner  werden.  Rivalen  Deutschlands
  sich  dort  nicht  festsetzen  lassen.  Der  höchste
Siegespreis  werde  immer  in  der  stolz  errungenen  Gewißheit
  bestehen,  daß  Deutschland  auch  eine  Welt  von
Feinden  nicht  zu  fürchten  brauche,  und  in  dem  beispiellosen
  Kraftbewuptsein,  das  unser  Volk  den  anderen
  Völkern  der  Erde  und  den  kommenden  Generationen
  gegeben  habe.«  Doch  wurde  wieder  gesagt,
daß  »das  deutsche  Volk  nur  einen  Frieden  schließen
könne,  der  den  strategischen  Bedürfnissen,  den  politischen
  und  wirtschaftlichen  Interessen  des  Landes
und  der  ungeheuren  Betätigung  seiner  Kraft  und  seines
  Unternehmungsgeistes  in  der  Heimat  und  auf
dem  freien  Meere  gesicherte  Grundlagen  gebe«.  Auf
        <pb n="12" />
        6  Schäfer:  Kriegszielbewegung

irgendwelche  Einzelerörterungen  ließ  sich  der  kurze
Aufruf  nicht  ein.  Er  fand  bis  zum  27.  Juli  90  Unterschriften,
  denen  weiterhin  noch  51  hinzugetreten
sind,  darunter  auch  zwei  Frauen  und  führende  Mitglieder
  des  Bundes  =  Neues  Vaterlande,  den  die  ausesprochenen
  Pazifisten  (vgl.  den  Beitrag  -Der  Ewige
Frirden  und  die  Pazifisten  im  3.  Band)  unter  Anlehnung
  an  auslündifhhe  Bestrebungen  gebildet  hatten.
Da  in  diesen  Außerungen  offenbar  Regierungsauffassungen
  zum  Ausdruck  kamen,  konnten  sie  die
frühere  Bewegung  nur  beleben.  Die  Denlschrift  vom
20.  Juni  fand  im  ganzen  1347  Unterschriften,  darunter
  die  von  352  #mroßfforen  deutscher  Hochschulen,
von  158  Schulmännern  und  Geistlichen,  145  höheren
Verwaltungsbeamten.  Bürgermeistern  und  Stadtverordneten,
  148  Richtern  und  Anwalten,  40  Reichs  -
und  Landtagsabgeordneten,  18  inaktiven  Admiralen
und  Generalen,  182  Männern  aus  Industrie,  Handel
und  Bankwesen,  52  Landwirten,  252  Künstlern,
Schriftstellern,  Verlagsbuchhändlern.  Beide  Denkschriften
  waren  natürlich  nur  von  Person  zu  Person
bekanntgegeben  worden.

Das  hat  natürlich  nicht  verhindern  können,  daß  sie
auch  in  unberufene  Hände  gelangten.  Ein  amerikanischer
  Journalist  verbreitete  die  des  20.  Juni  von
Kopenhagen  aus  im  Auslande.  Die  Furcht  der  Regierung
  vor  vermehrter  Aufregung  der  Feinde  veranlaßte
  sie,  noch  im  Juli  weitere  Sammlung  von
Unterschriften  zu  untersagen.  Sie  hat  sich  später  (13.
November)  zur  Beschlagnahme  der  Denkschrift  veranlaßt
  gesehen,  da  deren  Verbreitung  fortgesetzt  wurde.
In  dem  Augenblicke,  da  die  Beschlagnahme  erfolgte,
war  aber  schon  eine  neue  Denkschei  fertig,  die  an
die  Stelle  der  bisherigen  treten  sollte.  Sie  war  notwendig
  geworden  durch  die  Anderung  der  Lage.  Den
Erfolgen  im  Westen,  die  in  den  ersten  Monaten  des
Krieges  errungen  waren,  hatten  sich  im  Osten,  wo  die
Wage  lange  geschwankt  hatte,  nicht  minder  erfreuliche
und  wichtige  zugesellt.  Nach  dem  Durchbruch  von
Gorlize  hatten  unsere  Truppen  im  Verein  mit  den
Verbündeten  ihre  Waffen  bis  an  die  Düna  und  über
Litauen  hinaus  nach  Weißrußland  und  Wolhynien
hineintragen  können.  Der  Eintritt  Jlaliens  in  den
Krieg  hatte  das  nicht  gehindert,  der  Bulgariens  aber
rasche  und  durchschlagende  Erfolge  gegen  Serbien  und
Montenegro  ermöglicht.  Andererseits  hatte  sich  im
Westen  der  Stellungskrieg  festgelegt.  Die  neue
Denkschrift,  die  dicsem  Wandel  Rechnung  trug,  ist
doch,  mit  Rücksicht  auf  die  Tagung  des  Neichstags
und  aus  anderen  Gründen,  erst  zu  Anfang  des
Jahres  1916  unter  dem  Titel  =  Zur  Lage«  zur
Versendung  gelangt.  Sie  wurde  eine  neue  Grundlage
  des  Zusammenschlusses.

Inzwischen  hatte  auch  der  Kanzler  in  seinen  öffentlichen
  Außerungen  den  Hergängen  bis  zu  einem  gewissen
  Grade  Rechnung  getragen.  In  der  Reichstagsrede
  vom  19.  August  1915,  14  Tage  nach
dem  Falle  Warschaus,  gab  er  dem  Gedanken  vom  28.
Mai  in  weniger  anfechtbarer  Form  mit  den  Worten
Ausdruck:  Deutschland  muß  seine  Stellung  so  ausbauen,
  festigen  und  stärken,  daß  den  anderen  Mächten
die  Neigung  vergeht,  wieder  Einkreisungspolitik  zu
treiben-,  und  fügte  hinzu:  »Wir  müssen  zu  unserem
wie  zum  Schutz  und  Heil  aller  Völker  die  Freiheit
  der  Meere  erringen;  er  gab  zugleich  der  überzeugung
  Ausdruck,  daß  -Europa  nur  zur  Ruhe  kommen
  könne  durch  eine  starke  und  unantastbare  Stellung

  Deutschlandse.  Er  unterließ  es,  zu  sagen,  wie
er  sich  eine  solche  Stellung  denke,  gab  aber  Bedenken
Nahrung,  indem  er  von  »der  Freiheit  der  großen  und
der  kleinen  Nationen«  redete,  deren  Hort  wir  sein
wollten,  und  in  bezug  auf  Polen  mit  einer  warmen
Anerkennung  der-Freiheitsliebe-  seines  Volkes  gegenüber
  dem  Russentum  der  Hoffnung  Ausdruck  gab,
„daß  die  heutige  Besetzung  der  polnischen  Grenzen
gegen  Osten  den  Beginn  einer  Entwicklung  darstellen
werde.  die  die  alten  Gegensätze  zwischen  Deutschen
und  Polen  aus  der  Welt  schaffe  und  das  vom  russischen
  Joch  befreite  Land  einer  gülckiichen  Zukunft
entgegenführen  werde,  in  der  es  die  Eigenart  seines
nalionalen  Lebens  pflegen  und  entwickeln  könnee.
Man  hörte  Gedankengänge  heraus,  denen  der  Kanzler
  schon  früher  Ausdruck  gegeben  hatte,  und  hielt  es
nicht  für  ausgeschlossen,  daß  er  das  unmittelbare  Ziel
des  Krieges  mehr  in  der  Vorbereitung  einer  Kulturgemeinschaft
  als  in  Mehrung  deutscher  Macht  sehe,
auf  der  doch  allein  eine  für  uns  ersprießliche  Kulturgemeinschaft
  der  Völker  aufgebaut  werden  kann.
Man  erinnerte  sich,  daß  die  Polen  Freiheitsliebe  nicht
nur  gegen  die  Russen,  sondern  auch  gegen  uns  bewährt,
  daß  sie  Belege  irgendwelcher  Sympathie  für
die  deutsche  Sache  während  des  Krieges  nicht  gegeben
hatten,  auch  daß  es  keinerlei  Gründe  gab,  die  berechtigten,
  einen  ganz  selbständigen  polnischen  Staat  zwischen
  Rußland  und  Deutschland  als  geeignete  Sicherung
  unserer  Grenzen  anzusehen.

Diese  Bedenken  und  Befürchtungen  wurden  nicht
völlig  zerstreut,  als  der  Reichskanzler  sich  am  9.  Dezemvor
  1915  etwas  näher  erklärte.  Er  sagte  im

eichstage:  „In  meinen  früheren  Reden  habe  ich
das  allgemeine  Kriegsziel  umrissen.  Ich  kann  auch
heute  nicht  auf  Einzelheiten  eingehen:  Ich  kann  nicht
sagen,  welche  Garantien  die  Kaiserliche  Regierung  z.  B.
in  der  belgischen  Frage  fordern  wird,  welche  Machtgrundlagen
  sie  für  diese  Garantien  für  notwendig
erachtet.  Aber  eines  muüssen  sich  unsere  Feinde  selbst
sagen:  Je  länger  und  erbitterter  sie  den  Krieg  gegen
uns  führen,  um  so  mehr  wachsen  die  Garantien,  die
für  uns  nolwendig  sind.  Wollen  unsere  Feinde
füralle  Zulunft  eine  Kluft  zwischen  Deutschland
  und  der  übrigen  Welt  aufrichten,  dann
sollen  sie  sich  nicht  wundern,  daß  auch  wir  unsere  Zukunft
  darnach  einrichten.  Weder  im  Osten  noch  im
Westen  dürfen  unsere  Feinde  von  heute  über  Einfallstore
  verfügen,  durch  die  sie  uns  von  morgen  ab
aufs  neue  und  schärfer  als  bisher  bedrohen.  Es  ist
ja  bekannt,  daß  Frankreich  seine  Anleihen  an  Nußla
nur  umer  der  ausdrücklichen  Bedingung  gegeben  hat,
daß  Rußlund  die  polnischen  Festungen  und  Eisenbahnen
  gegen  uns  ausbaue.  Und  ebenso  ist  es  bekannt,
daß  England  und  Frankreich  Belgien  als  ihr  Aufmarschgebiet
  gegen  uns  betrachteten.  Dagegen  müssen
wir  uns  politisch  und  militärisch,  und  wir  müssen
auch  wirtschaftlich  die  Möglichkeit  unserer  Entfaltun
sichern.  Was  dazu  nötig  ist,  muß  erreicht  werden.  J
denke,  es  gibt  im  deutschen  Vaterlande  niemanden,
  der  nicht  diesem  Ziele  zustrebt.-Die

  hypothetische  Wendung  von  der  Kluft  zwischen
Deutschland  und  der  übrigen  Welt  ließ  ungeachtet  all
der  scharfen  Worte,  die  der  Reichskanzler  gegen  die
Feinde  gebraucht  hatte,  Zweifel,  ob  er  von  ihrem  Vernichtungswillen
  denügend  überzeugt  sei,  und  es  war
bezeichnend,  daß  der  Abgeordnete  Spahn  als  Sprecher
des  Zentrums  in  seiner  kurzen  Zusammenfassung  der
Kanzlerforderungen  hinzufügte,  daß  sie  durchzusegen
        <pb n="13" />
        Schäfer:  Kriegszielbewegung  7

seien  »mit  allen  Mitteln,  einschließlich  der  dazu
erforderlichen  Gebietserwerbungene.

Wieder  einen  Schritt  weiter  ging  der  Reichskanzler
  am  5.  April  1916:  Zu  unserer  Verteidigung
  sind  wir  ausgezogen.  Aber  das,  was  war,  ist
nicht  mehr.  Die  Geschichte  ist  mit  chernen  Schritten
vorwärts  gegangen;  es  gibt  kein  Zurück.  Unsere
und  Österreich--Ungarns  Absicht  ist  es  nicht

ewesen,  die  polnische  Frage  aufzurollen;

as  Schicksal  der  Schlachten  hat  sie  auferollt.

  Nun  steht  sie  da  und  harrt  der  Lösung.

eutschland  und  ÖOsterreich-Ungarn  müssen  und  werden
  sie  lösen.  Den  status  quo  ante  kennt  nach  so  ungeheuren
  Geschehnissen  die  Geschichte  nicht.  Das  Belgien
  nach  dem  Kriege  wird  nicht  mehr  das  alte  vor
dem  Kriege  sein.  Das  Polen,  das  der  russische  Tschinownik,
  noch  bastig  Bestechungsgelder  erpressend,  das
der  russische  Kosak  brennend  und  raubend  verlassen
hat,  ist  nicht  mehr.  Selbst  Mitglieder  der  Duma  haben
anerkannt,  daß  sie  sich  die  Rückkehr  des  Tschinownik  an
den  Platz,  wo  inzwischen  ein  Deutscher,  ein  Osterreicher,
ein  Pole  ehrlich  für  das  unglückliche  Land  gearbeitet
haben,  nicht  vorstellen  können.  Herr  Asquith  spricht
in  seinen  Friedensbedingungen  vom  Prinzip  der  Nationalität.
  Wenn  er  das  tut,  und  wenn  er  sich  in
die  Lage  des  unbesiegten  und  unbesiegbaren  Gegners
versetzt,  kann  er  dann  annehmen,  daß  Deutschland
freiwillig  die  von  ihm  und  seinen  Bundesgenossen
befreiten  Völker  zwischen  der  Baltischen  See  und  den
Wolhynischen  Sümpfen  wieder  dem  Regiment  des  reaktionären
  Rußland  ausliefern  wird,  mögen  sie  Polen,
  Litauer,  Balten  oder  Letten  sein?  Nein,  meine
Herren,  Rußland  darf  nicht  zum  zweiten  Male  seine
Heere  an  der  ungeschützten  Grenze  Ost-  und  Westpreußens
  aufmarschieren  lassen,  nicht  noch  einmal
mit  französischem  Gelde  das  Weichselland  als  Einfallstor
  in  das  ungeschützte  Deutschland  einrichten.
Und  ebenso,  meine  Herren,  wird  jemand  glauben,  daß
wir  die  im  Westen  besetzten  Länder,  auf  denen  das
Blut  des  Volkes  geflossen  ist,  ohne  völlige  Sicherung
für  unsere  Zuunft  preisgeben  werden?  Wir  werden
uns  reale  Garantien  dafür  schaffen,  daß  Belgien  nicht
ein  englisch-französischer  Vasallenstaat,  nicht  militärisch
  und  wirtschaftlich  als  Vorwerk  gegen  Deutschland
ausgebaut  wird.  Auch  hier  gibt  es  keinen  status  quo
ante;  auch  hier  macht  das  Schicksal  keinen  Schritt  zurück.
  Auch  hier  kann  Deutschland  den  lange  nieder-#chaltenen
  flämischen  Volksstamm  nicht  wieder  der

erwelschung  preisgeben,  sondern  wird  ihm  eine  gesunde,
  seinen  reichen  Anlagen  entsprechende  Entwicklung
  auf  der  Grundlage  seiner  niederländischen
Sprache  und  Eigenheit  sichern.

Es  mußte  in  diesen  Außerungen  auffallen,  daß
nach  der  Meinung  des  Kanzlers  =  das  Schicksal  der
Schlachten  die  polnische  Frage  aufgerollt  habe«.  Nicht
das  Schicksal  der  Schlachten  hatte  sie  aufgerollt,  sondern
  der  Ausbruch  des  Krieges  überhaupt.  Dem
Schicksal  hatte  man  zu  danken;  wäre  es  anders  ausgefallen,
  so  hätte  Rußland  das  entscheidende  Wort  in
der  Frage  zu  sprechen  gehabt.  Den  Krieg  aber  hatten
alle  Urteilsfähigen  mindestens  seit  1907/08  sicher
vorausgesehen;  der  Mord  von  Sarajevo  hatte  ihn  ja
nur  zufallig,  zum  Glück  für  uns  vorzeilig,  zum  Ausbruch
  gebracht.  So  war  lange  zu  erkennen  gewesen,
daß  die  polnische  Frage  aufgerollt  werden  würde.  Die
Außerung  des  Kanzlers  mußte  starke  Zweifel  erregen,
ob  unsere  Regierung  mit  klarer  Einsicht,  mit  bestimmter,

  zielbewußter  Auffassung  an  sie  herangetreten  war.
Wenn,  so  regte  sich  auf  Grund  der  Rede  der  Verdacht,
ob  es  in  der  richtigen  Weise  geschehen  sei,  ob  die  Ziele
des  leitenden  Staatsmannes  sich  nicht  mehr  auf  Befreiung
  von  Völkern  als  auf  Mehrung  deutscher
Macht  richteten.  Denn  von  solcher  hatte  er  doch  nur
in  vieldeutigen  Wendungen  gesprochen.

Die  Zweifel  waren  um  so  mehr  berechtigt,  als  die
Regierung  auch  in  anderer  Richtung  nach  der  Meinung
  weiter  und  bester  Kreise  versagt  hatte.

England  war  nicht  imstande  gewesen,  eine
völkerrechtlich  gültige  Blockade  gegenüber
den  deutschen  Kusten  auszuüben.  Es  hatte
daher  die  Blockade  durch  eine  ECperre  der  Zugänge
zur  Nordsee  ersetzt.  Von  Oktober  1914  an  ist  deutscherseits
  beraten  worden,  ob  man  dem  nicht  durch
eine  ähnliche  Maßnahme  begegnen  könne;  am  4.  Februar
  1915  wurde  eine  Sperrzone  um  England
  herumfestgesetzt,  die  vom  18.  Februar  ab
von  Neutralen  nur  auf  eigene  Gefahr  befahren  werden
  könne.  Durch  U-Boote  wollte  man  sie  aufrechterhalten.
  Nachdem  die  Erklärung  (vgl.  S.  150  f.)  einmal
hinausgegangen  war,  mußte  an  dem  getanen  Schritt
unbedingt  festgehalten  werden.  Tatsächlich  wurde
aber,  noch  ehe  der  U-Bootkrieg  überhaupt  begonnen
hatte,  seine  Wirksamkeit  durch  einschränkende  Bestimmungen
  ganz  erheblich  behindert;  man  wich  schrittweise
  zurück.  Ganz  besonders  geschah  dies,  als  am
7.  Mai  der  große  englische  Dampfer  -Lusitaniac,  der
bewaffnet  war  und  Kriegsbedarf  zuführte,  torpediert
worden  und  dabei  einige  Amerikaner  ums  Leben  gekommen
  waren.  Unsere  Regierung  hat  von  Kriegsbeginn
  an  dem  Phantom  eines  Zusammengehens  mit
den  Vereinigten  Staaten,  vertrauter  Beziehungen  zu
ihnen  und  gemeinsamer  Friedensbestrebungen  nachgejagt
  (ogl.  den  Beitrag  -  Die  Politik  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  und  der  Krieg«  in  Bd.  III),
während  doch  von  Anfang  an  klar  war,  daß  die
Union  der  Weltlage  wegen,  wenn  nicht  gerade  eine
deutsche,  so  doch  jedenfalls  keine  englische  Niederlage
  wünschen  konnte.  Sie  hätte  den  Wert  der
natürlichen  englisch-amerikanischen  Bundesgenossenschaft
  im  Stillen  Ozean  bedenklich  herabgedrückt.

So  hat  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
denn  auch  bald  erkennen  lassen,  daß  sie  durchausprobritisch
  war.  Sie  ließ  sich  von  England  jede  Störung
  ihres  Verkehrs,  von  Deutschland  keine  gefallen;
sie  gestattete  England  ein  überwachen  des  Draht=  und
Briefverkehrs  mit  Deutschland;  sie  erlaubte  ihren
Angehörigen  unter  nichtigen  Ausreden,  in  geradezu
schamloser  Weise  ungeheuren  Gewinn  aus  Lieferung
von  Kriegsmaterial  zu  ziehen,  obgleich  Deutschland
im  amerikanisch-spanischen  Kriege  1898  anders  als
England  Zufuhr  von  Kriegsbedarf  verboten  und
Amerika  selbst  während  des  mexikanischen  Krieges
solche  untersagt  hatte.  Die  Regierung  gab  im  =  Lusitania--Fall
  (vgl.  diesen  Artikel  im  lexikalischen  Teil
des  3.  Bandes)  nach,  verzichtete  zwar  nicht  ausdrücklich,
wohl  aber  tatsächlich  auf  die  Aufrechterhaltung  der
Sperrzone.  Und  nicht  nur  das!  Als  nach  der  Torpedierung
  der  =  Anconar  am  6.  November  1915  Osterreich-
  Ungarn  auf  die  amerikanische  Beschwerde  mit
herzerfrischender  Festigkeit  geantwortet  hatte  und  die
Union  sich  damit  nicht  zufrieden  gab,  sandte  unsere
Regierung  einen  besonderen  Bevollmächtigten  nach
Wien,  die  verbündete  Macht  zur  Nachgiebigkeit  zu
bewegen,  was  leider  auch  in  vollem  Umfange  gelang.
        <pb n="14" />
        8  Schäfer:  Kriegszielbewegung

An  die  Stelle  einer  schon  entworfenen,  der  ersten  entsprechenden
  zweiten  Note  trat  eine  andere,  die  durch
ihre  Schlaffheit  allgemein  überraschte  und  enttäuschte.

Die  Verhandlungen  über  die  „Lusitania  spannen
sich  weiter  fort.  Sie  spitzten  sich  zu  Anfang  des
neuen  Jahres  zu;  ein  amerikanischer  Spezialgesandter,
Oberst  House,  erschien  in  Berlin  mit  einer  Art  Ultimatum.
  Die  Offentlichkeit  ehr,  daß  der  Reichskanzler
  zu  einem  amerikanischen  Pressemann  geäußert
habe,  er  könne  sich  die  U.  Bootwaffe  nicht  aus  der  Hand
winden  lassen.  Unterm  8.  Februar  1916  wurde
eine  Denkschrift  bekanntgegeben.  nach  der
bewaffnete  feindliche  Handelsschiffe  nach
Ablauf  einer  gewissen  Frist  wie  Kriegsschiffe
behandelt  werden  sollten.  Da  die  gleichzeitig
veröffentlichte  österreichisch-ungarische  Erklärung  die
Frist  auf  drei  Wochen  bemaß,  glaubte  man  allgemein,
daß  der  „verschärfte  U-Bootkrieg:  am  1.  März  beginnen
  werde.  Man  wurde  abermals  schmerzlich  enttäuscht,
  denn  die  von  unserer  Regierung  am  15.  März
Fnausgegedene  Mitteilung,  daß  der  verschärfte  Uootkrieg

  in  vollem  Gange  sei,  entsprach  nicht  der
Sachlage.  Völkerrechtliche  Bestimmungen  Über  Kriegsverwendung
  von  U-Booten  gab  es  nicht.  Englands
Gebrauch  seiner  maritimen  Machtmittel  sprach  jedem
Völkerrecht  Hohn.  Mit  Recht  erwartete  und  verlangte
man  von  unserer  Regierung,  daß  sie  sich  im  Gebrauch
der  einzig  wirksamen  Waffe  gegen  Englands  brutale
Ver  kwaltigung.  gegen  seinen  Aushungerungskrieg,
die  Normen  selbst  setze,  fremdem  Einspruch,  und  zumal
  so  fadenscheinigem  und  selbstsüchtigem  wie  dem
amerikanischen,  sich  nicht  füge.

Die  Erklärung  vom  8.  Februar  1916  war  ein  vom
Standpunkte  wirksamer  U-  Boot-Kriegführung  halber,
  unzureichender  und  daher  bedenklicher  Schritt.
Wie  wollte  man  denn  erkennen,  daß  ein  Handelsschiff
feindlich  und  daß  es  bewaffnet  war?  Die  Engländer
hatten  sofort  nach  Erklärung  der  Sperrzone  angefangen,
  unter  fremder  Flagge  und  mit  fremden  Abzeichen

u  fahren,  und  Geschütze  waren  leicht  zu  verbergen.
Umeribansscherseits  wurde  sofort  dieser  Einspruch  erhoben.
  In  den  Beratungen  im  Großen  Hauptquartier
zu  Anfang  März  entschied  man  sich  für  Abschwächunen,

  besonders  in  bezug  auf  Passagierdampfer,  die

er  Erklärung  vom  8.  Februar  ihre  Bedeutung  nahmen.
  Dies  Verfahren  führte  schließlich  dazu,  daß  der
Staatssekretär  v.  Tirpitz  aus  seiner  Stellung  schied.
Ein  treuer  Diener  Seiner  Majestät,  mit  dessen  Namen
die  Ausgestaltung  deutscher  Seewehr  unauslöschlich
verknüpft  ist,  war  damit  aus  einer  Stellung  entfernt,
deren  richtige  Besetzung  gerade  durch  seine  Person
weitesten  Kreisen  urteilsfähiger  und  vaterländisch  gesinnter
  Männer  allein  gesichert  erschien.  Es  ist  wahrscheinlich,
  daß  sein  Sturz  auch  zusammenhing  mit
seinem  nachdrücklichen  Eintreten  für  das  Festhalten
Belgiens  und  der  flandrischen  Küste  als  unerläßlicher
Vorbedingung  maritimer  Sicherung  gegen  England.

Inzwischen  war  weithin  bekanntgeworden,  daß  die
zunächst  zum  Urteil  berufenen  Fachleute  überzeugt
waren  von  der  erfolgreichen  Wirksamkeit  eines  im
Sinne  der  beiden  Erklärungen  vom  4.  Februar  1915
und  8.  Februar  1916  durchgeführten  U.  Boot-Handelskrieges.
  Da  mit  Rücksicht  auf  die  von  der  südlichen
Halbkugel  her  einlaufenden  Zufuhren  für  England
die  Erbffaung  nicht  hinausgeschoben  werden  durfte,
wenn  die  Wirkung  nicht  in  Frage  gestellt  werden  sollte,
entschloß  man  sich  zu  Eingaben  an  Se.  Majestät  und

an  den  Reichstag;  sie  sind  am  22.  März  abgesandt
bzw.  eingereicht  worden,  trotz  der  wenigen  Tage,  die
ur  Verfügung  standen,  jene  mit  gegen  30.000,  diese,
für  die  noch  einige  Tage  länger  gesammelt  werden
konnte,  mit  mehr  als  90000  Unterschriften.  Hätten
nicht  scharfe  Verbote  und  Beschlagnahme  gehindert,
es  hätten  viele  Hunderttausende  ihre  Namen  gegeben.

Denn  immer  weiter  und  immer  tieser  verbreitete
sich  im  Volke  die  Überzeugung,  daß  England  der
Feind  sei,  daß  dieser  Gegner  die  übrigen  zusammenhalte,
  immer  neue  heranzuziehen  suche,  und  daß  gerade
  er  die  dauernde  Schwächung  und  Lähmung
Deutschlands  am  nachdrücklichsten  und  skrupellosesten
betreibe.  Indem  sich  der  Reichskanzler  dem  für  wirk.
sam  gehaltenen  Vorgehen  gegen  diesen  Feind  widersetzte,
  gab  er  den  Zweifeln  an  seiner  Reichsleitung  neue
und  reiche  Nahrung,  mehrte  den  Verdacht,  daß  er
immer  noch  an  die  Möglichkeit  einer  Verständigung,
eines  Ausgleichs  mit  England  glaube,  ein  Ziel  zu
erreichen  suche,  dem  er  vor  dem  Kriege  so  lange  ergebnislos
  nachgestrebt  hatte.  Daß  Rücksichten  auf  Amerika,
  Befürchtungen  und  Hoffnungen,  dabei  besonders
geltend  gemacht  wurden,  konnte  das  Mißtrauen  nur
erhöhen;  denn  klar  war  die  Tatsache  und  weithin
herrschend  die  überzeugung,  daß  Amerika  nur  englische
  Politik  treibe  und  eher  durch  Entschlossenheit
und  Festigkeit  als  durch  Nachgiebigkeit  und  Schwanken
  zur  Anerkennung  und  Berücksichtigung  des  deutschen
  Standpunktes  gebracht  werden  könne.  Zu  gerechtem
  Unwillen  steigerte  sich  dieses  Mißtrauen,  als
die  nach  Form  und  Inhalt  gleich  anmaßende  Note  der
Vereinigten  Staaten  vom  20.  April  (vgl.  S.  158)
am  4.  Mai  eine  Beantwortung  (vgl.  S.  160)  erfuhr,
die  man  nur  als  schwächliches  Zurückweichen  bezeichnen
  kann.  Nach  allem,  was  erlebt  worden  war,  konnte
ja  gar  nicht  mehr  zweifelhaft  sein,  daß  Amerika  nicht
daran  dachte,  irgendwelchen  ernstlichen  Druck  auf
England  zwecks  Milderung  seiner  Absperrmaßregeln
auszuüben.  Indem  die  Schlußbemerkung  der  deutschen
  Note  Freiheit  des  Handelns  vorbewhiel,.  wenn
diese  Voraussetzung  nicht  zutreffe,  führte  sie  einen
Hieb  in  die  Luft.  Amerikanischerseits  wurde  auch  sofort
  VBerwahrung  eingelegt,  daß  auf  diese  Bemerkung
je  irgendwelcher  Anspruch  begründet  werden  könne.
Wurson  rühmte  sich  in  öffentlicher  Rede,  Deutschland
niedergeboxt  zu  haben.  Unser  Ansehen  war  schwer
geschädigt;  ostbare  Zeit  ging  verloren.

Es  kam  Weiteres  hinzu.  Die  große  Mehrheit  der
sozialdemokratischen  Partei  hatte  im  Reichstag  zusammen
  mit  den  sogenannten  bürgerlichen  Parteien
bewilligt,  was  die  Regierung  für  den  Krieg  forderte.
Im  Kriegs=  wie  Bürgerdienst  hatten  die  Arbeiter  ihre
Pflicht  erfüllt  wie  jeder  andere  deutsche  Stand.  Glänzend
  hatte  sich  gezeigt,  was  das  Reich  bedeutete  für
alle,  die  in  seinem  Schatten  wohnen,  was  Nationalgefühl
  für  das  Volksleben  ist.  Es  war  aber  natürlich,

aß  die  Führer  der  Sozialdemokratie,  die  den  internationalen
  Faden  jäh  zerrissen  sahen  und  auf  seine
Wiederanknüpfung  nicht  so  ohne  weiteres  verzichten
wollten,  in  den  Kragen  der  Herrschaftserweiterung
und  Machtvermehrung  nicht  nur  zurückhaltend  waren,
  sondern  sich  ablehnend  verhiellen.  Die  Genossen
sympathisierten  im  allgemeinen  mit  den  Pazifisten,
und  die  Eifrigeren  unter  ihnen  hielten  es  für  ihre
Pflicht,  die  Kriegszielbestrebungen  möglichst  an  die
Offentlichkeit  zu  zerren,  um  sie  vor  In-  und  Ausland
an  den  Pranger  zu  stellen  und  die  Regierung  zum
        <pb n="15" />
        Schäfer:  Kriegszielbewegung  9

Einschreiten  zu  bewegen.  So  widerfuhr  der  Schrift
„Zur  Lage«  das  gleiche  Schicksal  wie  der  Denkschrift
des  20.  Hent  1915;  in  Anlaß  einer  Anregung  des
Sozialdemokraten  Ströbel  in  der  Sitzung  des  Abgeordnetenhauses
  vom  22.  Februar  1916  wurde  ihre
Beschlagnahme  ausgesprochen.

Am  20.  Juni  1916  besprach  der  Führer  der  vaterlandstreuen
  sozialdemokratischen  Mehrheit  im  Reichstage,
  Scheidemann,  in  Breslau  in  einer  großen  Parteiversammlung
  die  Kriegsziele  des  Reichskanzlers.  Er
suchte  ihn  zu  rechtfertigen  gegen  die  aus  seiner  Rede
vom  5.  April  im  Auslande  gesolgerte  Annahme,  daß
er  die  Eroberung  Belgiens  und  der  besetzten  französischen
  Gebiete  beabsichtige.  Er  bemerkte  nach  einem
Bericht  des  -Berliner  Tageblatts-  vom  22.  Juni,  der
von  der  -Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung=  bestätigt
  wurde:  -Man  tut  dem  Reichskanzler  ein  gewaltiges
  Unrecht,  wenn  manihm  diese  Absichten  untertellt.
  Ich  weiß.  daß  er  nicht  an  derartige  Pläne  denkt.

ch  hoffe.  er  wird  es  mir  nicht  mißdeuten,  wenn  ich  hier
eine  Indiskretion  begeher  Ich  begehe  sie  aber  in  der
Absicht,  unserem  Lande  einen  Dienst  zu  erweisen.  Als
vor  einem  Jahre  die  sechs  alldeutschen  Verbände  dem
Reichskanzler  ihre  bekannten  Eroberungepläne  unterbreiteten,
  wurde  ich  mit  einigen  Parteshreunden  beim
Reichskanzler  vorstellig,  um  Einspruch  zu  erheben  ge-#en
  jene  Pläne.  Wir  hörten  aus  dem  Munde

es  Reichskanzlers,  daß  er  mit  jenen  Eroberungsplänen
  nichts  zu  tun  haben  wolle,
daß  er  sie  weit  von  sich  weise,  und  daßeer  sie,
wie  alle  ähnlichen  Pläne,  auf  das  entschiedenste
  mißbillige.-Die

  =  Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung  begnügte
sich  damit,  zu  diesen  Außerungen  auf  die  Reden  des
Reichskanzlers  im  Reichstage  zu  verweisen.  Diesem
Berhalten  gegenüber  mußte  vor  allem  auffallen,  daß
diese  Reden,  wenn  sie  Überhaupt  einen  sachlichen  Inhalt
  und  einen  Sinn  haben  sollten,  gar  nicht  anders
aufgefaßt  werden  konnten,  als  daß  die  vom  Reichskanzler
  erstrebten  Ziele  mit  den  von  den  sechs  Verbänden
  und  in  den  sonstigen  Kriegszielschriften  gestellten
in  der  Hauptsache  zusammonktesen.  Den  Sinn  der
Kanzlerrede  vom  5.  April  1916  hatte  der  Wortführer
des  Zentrums  nach  der  vorherrschenden  Ansicht  im
unmittelbarem  Anschluß  an  die  Rede  richtig  wiedergegeben:
  Belgien  solle  militärisch,  politisch,  wirtschaftlich
  in  deutsche  Hand  »zu  liegen  kommene.  Darüber
hinaus  gingen  die  oben  berührten  Schriften  auch
nicht.  Frankreich  gegenüber  vertraten  einige  weitergehende
  Forderungen,  aber  nach  Osten  hatte  noch  keine,
in  weitere  Kreise  gekommene  das  Ziel  so  bestimmt  beichnet

  und  so  weit  gesteckt  wie  der  Reichskanzler  selbst.
Polen-  Litauer,  Balten  und  Letten  sollten  nach  ihm
nicht  wieder  unter  das  reaktionäre  Rußland  zurückkehren!
  Auch  hatte  er  ja  am  5.  April  die  russische  Regierung
  aufgefordert,  unseren  verjagten  und  gepeinigten
  Landsleuten  die  Tür  aus  der  russischen
nnechtischaft  zu  öffnene.  Sie  aufzunehmen,  brauchte
man  doch  Land,  das  allein  in  den  Außzenbezirken  des
von  uns  besetßzten  Gebietes  gewonnen  werden  konnte.
Man  stand  vor  einem  Rätsel.

Das  fand  lebhaftesten  Ausdruckin  einer  Versammlung,
  welche  ungefähr  ein  Jahr  nach  jener  ersten  im
Künstlerhause,  am  25.  Juni  1916,  die  eichen  Kreise
im  Abgeordnetenhausevereinigte.  Der  Ausschuß,
der  jene  erste  Zusammenkunft  vorbereitete,  hatte  sich
alsbald  nach  Überreichung  der  Denkschrift,  noch  im

Juli  1915,  aufgelöst;  es  war  aber  in  unmittelbarem
Anschluß  daran  ein  neuer  Ausschuß  in  Tätigkeit  getreten,
  dem  ganz  überwiegend  die  gleichen  Personen
angehörten.  Da  Professor  Seeberg  erklärte,  die  Lei.
tung  nicht  weiter  führen  zu  können,  trat  auf  Wunsch
der  Mitglieder  der  Verfasser  des  vorliegenden  Beitrages
  an  seine  Stelle,  der  bei  der  Vorbereitung  der
ersten  Versammlung  und  Deukschrift  nicht  beteiligt  gewesen
  war,  nur,  auf  Wunsch  des  Vorsitzenden,  für  den
20.  Juni  eine  Ansprache  übernommen  hatte.  Er  ist
nachher  der  Verfasser  der  Schriften  =  Zur  Lage  und
„  Nochmals  zur  Lage=  geworden.  Die  Zahl  der  über
ganz  Deutschland  verbreiteten  Vertrauenomänner  bezifferte
  sich  bald  auf  viele  Hunderte,  die  der  Zustimmenden
  auf  noch  mehr  Tausende;  zahlreiche  Ortsruppen

  entstanden,  Verständnis  zu  verbreiten  für

ie  vertretenen  Meinungen.  In  einer  ganzen  Reihe
von  Druckschriften  und  F#  oläteern  wurden  sie  im
einzelnen  dargelegt  und  begründet.

Wie  jener  ersten,  so  ist  auch  der  zweiten  großen
Versammlung  alsbald  eine  Gegenaktion  gefolgt.  Es
trat,  wiederum  unter  offenbarer  Begünstigung  der
Regierung,  ein  -Deutsch-nationaler  Ausschuß
für  einen  ehrenvollen  Frieden  zusammen.
Das  Anschreiben,  mit  dem  sich  nach  den  Mitteilungen
linksstehender  Blätter  dieser  Ausschuß  werbend  an
weitere  Kreise  wandte,  war  wunderlich  genug  und  ist
ter  auch  von  einigen  der  Herren,  deren  Namen  als

nterzeichner  genannt  wurden,  verleugnet  worden.
Seine  Verfasser  machten  sich  grober  Gedächtnisfehler
schuldig,  sprachen  von  =  Unersättlichkeiten  in  den  Kundgebungen
  des  Alldeutschen  Verbandes  offenbar  ohne

iese  Kundgebungen  überhaupt  zu  kennen,  von  denen,
verglichen  mit  den  Außerungen  des  Reichskanzlers,  genau
  dasselbe  gilt  wie  von  jenen  der  sechs  Verbände,
und  bekundeten  offensichrliol,  daß  sie  über  Stand  und
Behandlung  der  einschlägigen  Fragen  völlig  ununterrichtet
  waren.  Denn  wenn  sie  erklärten.  daß  der
neue  Ausschuß  seinen  Mitgliedern  und  Gesinnungsenossen

  alles  einschlägige  Material  Unparteiisch  unterreiten,

  mit  ihnen  lernen  und  forschen--  wolle,  „  umso,
unbeirrt  von  billigen  Schlagworten  (sol).  der  deutschen
Zukunft  den  Boden  zu  bereiten,  so  übersahen  sie

anz,  daß  dieses  Material  im  Verfolg  der  bisherigen

estrebungen  längst  in  umfassendster  und  gründlichster
Weise  zugänglich  gemacht  und  nicht  mit  Schlagwörtern,
  sondern  auf  Grund  eingehenden  Studiums
und  gründlicher  Kenntnis  der  Dinge  bearbeitet  worden
  war.  Von  irgendwelchem  gemeinsamen  .  Lernen
und  Forschen  ist  nachher  auch  nicht  die  Rede  gewesen.

Da  ein  Unterschied  zwischen  Friedensbedingungen,
die  der  Deutsch-nationale  Ausschuß  ja  erörtern  wollte,
und  Kriegszielen  nicht  zu  entdecken  war,  so  hätte  der
seit  Jahresfrist  bestehende  Ausschuß  sich  selbst  aufgegeben,
  wäre  er  nicht  auch  in  die  Offentlichkeit  getreten
und  hätte  nicht  das  gleiche  Recht  der  Agitation  in
Anspruch  genommen.  Scheu  vor  Regierungsmaßnahmen
  konnte  davon  nicht  mehr  abhalten.  So  ist
er  durch  eine  den  Zeitungen  übermittelte  Erklärun
vom  13.  Juli  1916  der  Unabhängige  Ausschuß
für  einen  deutschen  Frieden--  geworden.  Der
Deutsch-nationale  Ausschuß  hatte  für  den  1.  August
in  zahlreichen  deutschen  Städten  Vorträge  angesagt,
die  auch  zum  großen  Teil  gehalten  worden  sind.
Weiterhin  hat  man  wenig  mehe  von  ihm  gehört;  wer
eigentlich  seine  Leiter  waren,  hat  nie  mit  Sicherheit
festgestellt  werden  können.  Doch  sind  von  seiner  stark
besetzten  Geschäftsstelle  aus  nicht  wenige  Artikelbeson-
        <pb n="16" />
        10

ders  in  der  kleineren  Provinzpresse  verbreitet  worden,
die  sich  besonders  einer  scharfen,  zum  Teil  geradezu

ehässigen  Polemil  gegen  den  Unabhängigen  Ausschuß
  befleißigten.

Zu  Erwiderungen  hat  sich  dieser  nicht  entschlossen.
Dagegen  hat  er  sich  nicht  nur  für  berechtigt,  sondern
auch  für  verpflichtet  gehalten,  seine  Organisation  weiter
  auszubauen  und  stärker  hervorzutreten.  Am  13.
August  wurde  im  Abgeordnetenhause  eine  wiederum
  aus  allen  Teilen  Deutschlands  stark  besuchte  Versammlung
  abgehalten,  in  der  ein  Aufruf  »An  das
deutsche  Volk=  beschlossen  und  am  23.  August  mit
240  Unterschriften  angesehenster  deutscher  Männer
versandt  wurde.  Zahlreiche  neue  Ortsgruppen  entstanden;
  eine  umfassende  Vortragstätigkeit  wurde
planmäßig  in  die  Wege  geleitet.  Der  Eintritt  Rumäniens
  in  die  Reihe  unserer  Gegner  und  der  Wechsel
in  der  obersten  Heeresleitung  gaben  der  Bewegung
einen  neuen  Anstoß.  Am  15.  und  16.  Oktober  1916
waren  wieder  über  600  Männer  im  Abgeordnetenhause
  versammelt;  die  gegnerische  Presse,  die  stels  bemüht
  gewesen  war,  der  Tätigkeit  des  Ausschusses
nachzuspüren,  verstieg  sich  diesmal  zu  verleumderischen
Anklagen.  Gegen  einen  der  Redner  wurde  ein  Anklageverfahren
  eingeleitet  wegen  Beleidigung  des
Reichskanzlers;  die  Herren,  die  bei  der  Ladung  der
Versammlungmitgewirkthatten,  wurden  in  Strafegenommen,
  weil  sie  der  für  politische  Zusammenkünfte
bestehenden  Anmeldepflicht  nicht  genügt  hatten.  Mitlieder

  des  Vorstandes  und  die  Geschäftsstelle  mußten
Haussuchungen  über  sich  ergehen  lassen,  der  Vorsitzende
  in  Nachforschung  nach  einer  Denukschrift,  von
deren  Vorhandensein  er  erst  durch  die  Polizeibeamten
erfuhr.  Früher  hatte  sich  das  Eingreifen  der  Polizei,
so  lebhaft  es  im  März  zur  Zeit  der  U.Boot-Agitation
auch  gewesen  war,  doch  immer  nur  auf  Nachfragen
beschränkt.  Am  20.  Oktober  wurden  Briefe  mitgenommen,
  weil  in  ihnen  das  Wort  Denkschrift  vorkam,  allerdings
  schon  am  23.  zurückgegeben.  Bis  dahin  hatte
der  Ausschuß  in  losester  Form,  ohne  Statuten,  gearbeitet.
  Ermußte  jetzt,  wollte  er  seine  Tätigkeit  fortsetzen,
Verein  werden.  Unter  dem  bisherigen  Namen  hat  er
am  1.  November  1916  Vereinsform  angenommen,
der  Polizeibehörde  Statuten  eingereicht  und  seinen
Vorstand  benannt.  Eine  Beitragspflicht  hat  er  doch
nicht  eingeführt.  Die  Kosten  sind  auch  weiterhin  ausschließlich
  durch  freiwillige  Beiträge  gedeckt  worden.

Die  Erklärung  der  verbündeten  Kaisermächte  vom
5.  November  1916  über  ein  neues  polnisches  Staatswesen,
  dann  das  Friedensangebot  der  Mittelmächte
am  12.  Dezember  (vgl.  S.  164  f.)  und  die  nicht  nur
schnöde,  sondern  freche  Art  seiner  Ablehnung  (vgl.
S.  167  f.)  trugen  das  Verständnis  für  die  vaterländische
  Kriegszielbewegung  in  immer  weitere  Kreise.
Handelte  es  sich  doch  in  der  polnischen  Frage  um  eine
der  wichtigsten  Entscheidungen,  die  überhaupt  zu  treffen
waren,  vielleicht  um  die  wichtigste  des  ganzen  Krieges,
und  ihre  Beantwortung  war  nun,  trotz  der  wiederholten
  Zusage  des  Reichskanzlers,  die  Erörterung  der
Kriegsziele  so  früh  freizugeben,  daß  es  dem  deutschen
Volke  möglich  sein  werde,  seine  Ansichten  und  Wünsche
  rechtzeitig  zur  Geltung  zu  bringen,  in  einer  Weise
festgelegt,  die  den  allergrößten  Bedenken  unterlag  und
durch  die  Folgen  bis  jetzt  auch  in  keiner  Weise  gerechtfertigt
  worden  ist,  war  festgelegt,  ohne  daß  den
nächstberechtigten  und  beteiligten  Körperschaften,  dem
Reichstag  und  dem  preußischen  Landtag,  Gelegenheit

Schäfer:  Kriegszielbewegung

gegeben  war,  sich  zur  Sache  zu  äußern.  Sind  doch  in
den  polnischen  Dingen  Preußen  und  Reich  identisch!
Auch  das  Friedensangebot  hätte  leicht  Folgen  haben
können,  die  eine  vorherige  Verständigung  mit  den
Volksvertretern  als  unerläßlich  offenbart  hätten.  So
wurde  die  Stimmung,  daß  man  die  Leitung  der  auswärtigen
  Politik,  wie  es  im  Reiche  von  Bismarckscher
Zeit  her  Brauch  geworden  war,  nicht  in  blindem  Vertrauen
  der  Regierung  überlassen  könne,  noch  weiter
verbreitet  und  tiefer  begründet.

Das  Treiben  des  Genossen  Scheidemann  wirkte
weiter  in  dieser  Richtung.  Er  wurde  nicht  müde,  seine
Weisheit:  „Französisch  bleibe,  was  französisch  ist.
belgisch,  was  belgisch  landauf,  landab  zu  verkünden
und  dabei  durchblicken  zu  lassen,  daß  er  wisse,  um  welchen
  Preis  Frankreich  den  Frieden  haben  könne;  er
konnte  das  tun,  ohne  daß  ihm  von  verantwortlicher
Stelle  her  irgendwie  gesteuert  worden  wäre.  Man
wurde  sich  klarer  darüber,  daß  es  gelte,  mit  aller  Deutlichkeit
  Stellung  zu  nehmen.  Schon  am  27.  Januar
1916  hatte  auch  der  Wehrverein  dem  Reichskanzler
eine  Kriegszieldenkschrift  eingereicht,  am  17.  Juni  der
Flottenverein;  die  Deutsche  Kolonialgesellschaft  hatte
lkkoloniale  Leitsätzer  aufgestellt.  Am  12.  November
1916  folgte  auch  der  -Deutsch-nationale  Ausschuß  für
einen  ehrenvollen  Frieden  und  Ende  des  Monats  die
nationalliberale  Partei.  Am  27.  November  wurde
»die  sachliche  Erörterung  der  Kriegszieles  unter  gewissen
  Beschränkungen  freigegeben.  Am  19.  Januar
1917  veranstaltete  siann  der  Unabhängige  Ausschuß
im  Abgeordnetenhause  eine  Versammlung,  für  die
über  4600  Zulaßgesuche  wegen  Platzmangel  abgelehnt
werden  mußten.  Redner  aller  bürgerlichen  Parteien
sprachen  einmütig  für  einen  starken  deutschen  Frieden;
auch  ein  sozialdemokratischer  Vertreter  hatte  sich  bereit
gefunden,  mitzuwirken,  war  aber  durch  die  Fraktion
gehindert  worden.  Scheidemanns  Auftreten  wird  ja
von  den  Parteigenossen  keineswegs  allgemein  gebilligt;
  sachlich  urteilende  Sozialisten  können  seinen
Standpunkt  gar  nicht  einnehmen,  denn  ein  Frieden
in  dem  von  ihm  vertretenen  Sinne  wäre  der  sichere
Ruin  des  deutschen  Arbeiterstandes.  Es  wurde  denn
auch  in  Abrede  gestellt,  daß  er  in  betreff  der  Kriegskosten
  die  ihm  zugeschriebene  Losung  »jeder  trage  seine
Lastene  ausgegeben  habe.  In  einer  Schrift:  -;  Ein
Appell  an  Denkende=  hat  der  Zentralvorstand  der
sozialdemokratischen  Partei  selbst,  um  seine  Haltung
gegenüber  den  -Unabhängigen  zurechtfertigen,  überzeugend
  dargetan,  welche  Folgen  ein  Frieden  nach
den  Absichten  der  Gegner  gerade  für  den  Arbeiterstand
  haben  würde.

Am  1.  Februar  1917  ist  endlich  der  U-Bootkrie
erklärt  worden  in  dem  Sinne,  wie  er  ursprünglec
gedacht  war,  und  zwar  nicht  nur  für  die  britischen  Gewässer,
  sondern  für  die  aller  unserer  Gegner.  Damit
ist  der  Krieg  vor  die  letzte  Entscheidung  gerückt.  Daß
sie  ausfallen  muß  im  Sinne  einer  starken  Mehrung
deutscher  Macht,  wenn  die  Zukunft  unseres  Vaterlandes
  gesichert  sein  soll,  kann  weniger  als  je  zweifelhaft
  sein,  auch  nach  der  russischen  Revolution  vom
März  (vgl.  den  Beitrag  in  Bd.  3)  nicht.

Denn  noch  ist  in  keiner  Weise  ersichtlich,  ob  sie  die
Gefahren  mindern  wird,  die  unserem  Volke  von  russischer
  Macht  drohen.  Niemand  kann  die  Möglichkeit
leugnen,  daß  diese  Macht  um  so  gefährlicher  wird,  je
freier  das  innere  Staatsleben  ist,  auf  das  sie  sich  stützen
  kann.  Daß  republikanische  Staatsform  an  sich
ein  besserer  Bürge  für  friedliche  Nachbarschaft  wäre,
        <pb n="17" />
        Schäfer:  Kriegszielbewegung

kann  doch  nur  behaupten,  wer  in  Wolkenkuckucksheim
lebt  und  alle  Lehren  der  Geschichte  in  den  Wind  schlägt.
Ist  denn  das  Römerreich  nicht  von  der  Republik  begründet
  worden?  War  die  französische  Republik  von
1792  etwa  nicht  eroberungssüchtig  oder  nicht  die  bestehende,
  die  einen  Kolonialbesitz  von  fast  10  Millionen
  ukm  erworben  hat?  Kann  irgendein  Kundiger
den  ungeheuren  Ausdehnungstrieb  verkennen,  der  von
Anfang  an  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika
  lebendig  gewesen  ist?  Auch  eine  russische  Republik
  wird  ausdehnungsbedürftig,  ausdehnungsgierig
  sein.  Sie  wird  es  sein,  auch  wenn  sie  sich  föderativ
  gestalten  sollte,  denn  das  Großrussentum  würde
führend  bleiben  und  ihr  alsbald  wieder  den  gleichen
allsllawischen  Stempel  aufdrücken,  welcher  der  Politik
des  Zarentums  in  den  letzten  Jahrzehnten  das  Gepräge
  gab.  Ob  man  das  Panslawismus  oder  Neoslawismus
  nennt,  ist  doch  vollkommen  gleichgültig.
Deutschland  in  den  bisherigen  Grenzen  würde  unter
dem  gleichen,  ja  unter  einem  schwereren  Druck  stehen
als  bisher.  Es  wäre  vorbei  mit  dem  erhofften  Schutz
unseres  Ostens,  vorbei  mit  der  Betätigungsmöglichkeit
  für  den  deutschen  Landmann,  deren  wir  so  dringend
  bedürfen.  Ost-  und  Westpreußen  würden  wieder
unter  den  Kanonen  der  Festungslinie  von  Warschau
bis  Kauen  liegen,  Oberschlesiens  Minen-  und  Industriebezirk
  wieder  im  Bereich  feindlicher  Grenzkommandos.
  Und  das  gegenüber  einem  verstärkten  Polen,
  das  seine  nationalen  Aspirationen  nur  im
Westen,  nicht  im  Osten  befriedigen  kann  und  dabei
das  gesamte  Slawentum  hinter  sich  hätte.  Mit  der
Rücksiedlung  der  landbauenden  Deutschen  Rußlands
auf  heimischen  Boden  wäre  es  für  alle  Zeiten  vorbei;
die  baltischen  Deutschen  wären  der  sicheren  Vernichtung
  ausgeliefert.  Das  alles  in  blindem  Vertrauen
auf  die  Friedfertigkeit  republikanischer  Staatsbildunen!
  Ein  Staatsmann,  der  solcher  Entwicklung  zusteuerte,
  würde  der  Totengräber  des  Deutschen  Reiches
  und  Volkes  werden.

Am  14.  Juli  ist  der  in  den  Kreisen  des  -Unabhän-=gigen
  Ausschusses  und  auch  weithin  sonst  schon  lange
für  nötig  gehaltene  Kanzlerwechsel  endlich  erfolgt.
Aber  am  19.  Juli  hat  eine  Reichstagsmehrheit,  zu

11

der  überraschenderweise  auch  fast  das  gesamte  Zentrum
  gehörte,  eine  Entschließung  gefaßt,  nach  der  ein
„  Frieden  der  Verständigung  und  der  dauernden  Versöhnung
  der  Völker#  angestrebt  wird,  mit  dem  »er—
wungene  Gebietserwerbungen  und  politische,  wirtschofthche
  oder  finanzielle  Vergewaltigungen  unvereinbar
  seien.  Als  wenn  es  einen  anderen  Frieden
geben  könnte  als  einen  solchen  der  Verständigung,
und  als  wenn  je  auf  große  Kriege  eine  dauernde  Versöhnung
  der  Völker  gefolgt  und  ein  Verzicht  auf  Machterweiterung
  nicht  gleichbedeutend  wäre  mit  der  Vernichtung
  unserer  Zutnft  Die  Entschließung  war
aber  nicht  nur  sinnwidrig,  sondern  auch  durch  ihre
Wirkung  im  Auslande  in  hohem  Grade  verderblich.
Sie  bestärkte  den  Kriegswillen  der  Gegner,  die  in  ihr
einen  Beleg  unserer  Schwäche  erblickten  und  nur  erblicken
  konnten.  Glücklicherweise  steht  ihr  die  Erklärung
  des  neuen  Reichskanzlers  Dr.  Michaelis  gegenüber,
  daß  wir  „einen  Frieden  wollen,  in  dem  wir
uns  erfolgreich  durchsetzen:  und  in  dem  ein  erster
Linie  die  Grenzen  des  Deutschen  Reiches  für  alle
Zeiten  sichergestellt  werden«.  Daß  das  nur  möglich
ist  durch  Erweiterung  deutscher  Macht,  sieht  -jeder
Denkende«.  Und  wenn  der  neue  Reichskanzler  hervorhob,
  daß  Sdie  deutsche  Armee  mit  ihren  höbrern
mit  dieser  Erklärung  einverstandene  sei,  so  liegt  für
die  Träger  und  Förderer  der  vaterländischen  Kriegsielbewegung
  kein  Anlaß  vor,  den  Mut  sinken  zu  lassen,
sondern  im  Gegenteil  nur  ein  neuer,  starker  Antrieb
zum  Vertreten  ihrer  Auffassung.

Die  Literatur  der  Kriegszielbewegung  ist  der  Lage
entsprechend  fast  ausnahmslos  als  Handschrift  gedrucktund
  pvertraulich-  verbreitet  worden.  Jetzt  kann  darauf
bingeweesen  werden,  daß  die  =  Auskunftstelle  Vereinigter

erdändes  (Berlin  N  24,  Friedrichstraße  136)  1915  unter
dem  Titel  Gedanken  und  Wünsche  deutscher  Vereinc  und
Verbände  zur  Gestaltung  des  Friedens  eine  Sammlung
von  Kriegszieleingaben  und  -erklärungen  drucken  ließ  und
diese  Veröffentlichung  am  1.  Mai  1916  unter  dem  Titel
„Gedanken  und  Wünsche  zur  Gestaltung  des  Friedens=  in
erweiterter  Form  wiederholte.  Der  „  Unabhängige  Ausschuß
  für  einen  deutschen  Frieden“  (Berlin  SW  48,  Wilhelmstraße
  9)  ließ  ein  Verzeichnis  der  hauptsächlichsten  von
ihm  verbreiteten  Schriften  drucken.
        <pb n="18" />
        J.  Politik  und  Geschichle

Entwicklung  und  Ergebnisse  der  Kokonialen
  Arbeit  Deutschlands

von  Legationsrat  Dr.  Alfred  Zimmermann  in  Verlin

I.  Die  ersten  deutschen  Kolonisationsversuche.

Die  fast  allgemein  verbreitete  Annahme,  daß  Manel
  an  Verständnis  für  die  Bedeutung  üÜlberseeischer
esitzungen  das  deutsche  Volk  veranlaßt  hätte,  bei  den
Teilungen  der  Erde  in  früheren  Jahrhunderten  den
bloßen  Zuschauer  abzugeben,  entspricht  nicht  den  Tatsachen.
  Wie  sich  in  neuerer  Zeit  herausgestellt  hat,
fehlte  es  bereits  in  den  ersten  Jahren  der  großen  Entdeckungen,
  an  denen  auch  deutsche  Männer  beteiligt
waren,  in  Deutschland  weder  an  der  nötigen  Einsicht
für  den  Wert  der  neuen  Betätigungsgebiete  noch  an
der  Neigung,  einen  Teil  daran  dem  Vaterlande  zu
sichern.  Mit  welcher  Aufmerksamkeit  man  die  Erfolge
der  Spanier  und  Portugiesen  damals  beobachtete,  beweist
  schon  das  Erscheinen  der  zahlreichen  Schilderungen
  der  neuen  Entdeckungen  gerade  in  Deutschland.
  Bei  den  nahen  Beziehungen  des  deutschen
Herrscherhauses  zum  spanischen  und  der  engen  wirtschaftlichen
  Verbindung  beider  Reiche  konnte  man  ja
damals  annehmen,  daß  die  von  Spanien  erzielten
neuen  Vorteile  Deutschlands  Kaufherren  besonders
zugute  kommen  würden.  Lag  doch  in  ihren  Händen
von  alters  her  die  Versorgung  Nord-  und  Lsteuropas
mit  Erzeugnissen  Afrikas  und  Asiens,  und  besaßen  sie
doch  überall  ihre  tüchtigen  Vertreter.  Aber  die  großen
süddeutschen  Handelshäuser  wollten  nicht  nur  die
Geschäfte  der  Spanier  besorgen.  Sie  taten  auch  sehr
früh  schon  Schritte,  um  sich  selbst  einen  Anteil  an  der
Neuen  Welt  zu  sichern.  Die  Vertreter  des  großen
Hauses  der  Welser  bemühten  sich  bei  den  spanischen
Behörden  in  Santo  Domingo  wie  in  Madrid,  das
Recht  der  Besitzergreifung  von  weiten  Gebieten  am
Golfe  von  Maracaibo  zu  erlangen.  Sie  vermuteten
dort  nicht  allein  goldreiche  Gegenden  im  Innern,  sondern
  auch  eine  natürliche  Wasserstraße  zum  Stillen
Ozean.  Kaum  war  der  Abschluß  eines  entsprechenden
Vertrags  mit  der  spanischen  Krone  am  27.  März  1528
Fegtück.  so  begannen  sie  mit  der  Absendung  von  Koonisten
  nach  dem  neuen  Erwerbe  und  gingen  daran,
diesen  Teil  Südamerikas  gründlich  zu  erforschen.
Während  derselben  Jahre,  in  denen  Pizarro  mit
seinen  Genossen  das  Goldland  Peru  vom  Meere  aus
entdeckte  und  eroberte,  drangen  die  Bevollmächtigten
der  Welser  von  Norden  bis  weit  ins  Innere  vor  und
nahmen  Anteil  an  der  Gründung  von  Santa  Fé  de

Bogotäá.  Aber  das  Land  des  sagenhaften  Dorados
war  so  wenig  auffindbar  wie  die  Wasserstratze  zum
Stillen  Meere,  und  der  Besiedelung  und  Erschließung
des  Küstenlandes  legte  die  Eiersucht  der  Spanier
unlbersteigbare  Hindernisse  in  den  Weg.  Nach  vielen
vergeblichen  großen  Opfern  an  Geld  und  Menschen
erklärte  die  spanische  Regierung  1555  das  Privileg  für
erloschen.  Die  großen  Verluste  der  deutschen  Handelshäuser
  infolge  der  spanischen  Staatsbankerotte.
die  religiösen  und  politischen  Wirren  in  Deutschland
machten  dann  für  lange  so  weitausschauende  Unternehmungen
  hier  unmöglich.  Inzwischen  geriet  die
Nordseeküste  zum  Teil  in  dänische  Hand,  die  Ostseeküste
  in  schwedische,  sperrten  die  Dänen  die  Wasserstraße
  zwischen  beiden  Meeren  und  ging  die  Machtstellung
  der  deutschen  Hansestädte  verloren.  Deutschland
  zerfiel  in  machtlose  Kleinstaaten,  die  sich  mit
Osterreich  und  untereinander  bekämpften.  Hand  in
Hand  mit  der  politischen  Ohnmacht  ging  der  wirtschaftliche
  Niedergang.  Je  mehr  die  Nachbarländer
erstarkten,  um  eoschnücher  wurde  das  Deutsche  Reich.
Aber  selbst  in  diesen  traurigen  Zeiten  blieb  hier
der  Wunsch  nach  Seegeltung  und  überseeischer  Betätigung
  lebendig.  Kaum  gab  der  Westfälische  Frieden
  die  Möglichkeit  dazu,  so  faßte  der  Kurfürst  von
Brandenburg  die  Errichtung  einer  Gesellschaft  für  den
Handel  mit  Indien  in  seinem  ostpreußischen  Besitze
ins  Auge.  Gemeinsam  mit  Dänemark,  das  seine  Faktoreien
  an  der  Koromandelküste  dem  Unternehmen
überlassen  wollte,  hat  er  sich  mehrere  Jahre  hindurch
bemüht,  die  nötigen  Mittel  zusammenzubringen  und
ein  kaiserliches  Privileg  zu  erwirken.  Nur  die  neuen
Verwicklungen  mit  Frankreich  und  Schweden  veranlaßten
  ihn  schließlich,  diese  Pläne  zu  vertagen.  Als
er  sie  1660  wieder  in  Erwägung  zog,  gedachte  er  ihnen
eine  wesentlich  erweiterte  Grundlage  zu  geben.  Er
uUnternahm  damals  den  Versuch,  den  Kaiserhof  in
Wien  und  sogar  Spanien,  das  in  zwischen  durch  die
rücksichtslose  Politik  Englands  und  Hollands  in  größte
Gefahren  geraten  und  in  seinem  Bestande  bedroht
war,  für  gemeinsames  Vorgehen  zu  gewinnen.  Seine
Schritte  blieben  erfolglos,  da  man  weder  in  Wien
noch  Madrid  in  den  ausschlaggebenden  Kreisen  das
nötige  Verständnis  dafür  gewann.  Während  der  folenden
  Jahre  änderte  sich  die  Lage.  Handel  und
andel  Brandenburgs  und  Preußens  hatten  sich  erholt.
  Die  Macht  des  Kurfürsten  war  groß  genug  geworden,
  um  sich  der  übergriffe  seiner  Nachbarn  selbst
zu  erwehren.  Er  nahm  1674  holländische  Kaperschiffe
in  seine  Dienste  und  griff  gegen  die  Schweden  und
        <pb n="19" />
        Zimmermann:  Entwicklung  und  Ergebnisse  der  kolonialen  Arbeit  Deutschlands  13

sogar  gegen  die  Spanier  zur  Gewalt.  Die  dabei  erselten
  rfolge  veranlaßten  ihn,  1680  seinem  Admiral

ie  Erlaubnis  zur  Anlage  von  Faktoreien  an  der
Goldküste  Westafrikas  zu  erteilen.

Bis  1717  ist  dieser  Sesi  in  deutscher  Hand  geblieben,
  obwohl  Holland,  England  und  Frankreich
um  die  Wette  das  brandenburgische  Unternehmen,
das  von  1682  ab  seinen  Sitz  in  Emden  hatte,  aufs
rücksichtsloseste  bekämpft  und  geschädigt  haben.  Dadurch,
  daß  sie  ihm  die  Vrrschisfung  von  Negerarbeitern
  nach  Amerika,  zu  jener  Zeit  das  einzige  Geschäft,
das  afrikanische  Unternehmungen  bezahlt  machte,  bis
ur  Unmöglichkeit  erschwerten,  zwangen  sie  schließlich
Freedrich  Wilhelm  I.,  die  Faktoreien  zu  veräußern.

Wie  wenig  dieser  durch  besondere  Umstände  bedingte
  Mißerfolg  den  Drang  der  deutschen  Handelswelt
  nach  überfeeischen  Unternehmungen  abgekühlt
hat,  beweist  die  Tatsache,  daß  um  dieselde  Zeit  der
Wiener  Hof,  an  den  nach  Abschluß  des  Spanischen
Erbfolgekriegs  Belgien  mit  dem  Ostender  Hafen  gefallen
  war,  von  verschiedensten  Seiten  mit  kolonialen
Plänen  bestürmt  wurde.  Ehe  noch  die  Regierung  sich
schlüssig  gemacht  hatte,  sandten  wagemutige  Kaufleute
  Anfang  1715  von  Ostende  drei  Schiffe  mit  Waren
  nach  Indien.  Als  sie  Mitte  des  folgenden  Jahres
zurlickkehrten,  konnten  über  100  Prozent  Gewinn  verteilt
  werden.  Ihr  Erfolg  förderte  den  Eifer  anderer
Wagemutiger.  Aber  Vorstellungen  und  Drohungen
Englands  und  Hollands  schüchterten  die  kaiserliche
Regierung  ein.  Erst  1718  ließ  sie  neue  Fahrten  nach
Indien  zu.  Auch  diese  Schiffe  machten  gute  Geschäfte.
Da  überdies  die  Weltlage  sich  inzwischen  günstiger  gestaltet
  hatte,  ging  man  nun  in  Wien  dazu  über,  amtliche
  Pässe  für  Unternehmungen  in  Indien  zu  erteilen
und  die  Einsprüche  Englands  und  Hollands  abzuweisen.
  Der  um  jene  Zeit  in  Paris  und  London  ersolgende
  Mississippi-  und  Südseekrach,  der  beide  Läner
  in  arge  Schwierigkeiten  verwickelte,  begünstigte  die
deutschen  Pläne.  Man  sandte  daher  nicht  nur  neue
Schiffe  nach  Indien  und  faßte  den  Erwerb  der  Insel
Tabago,  der  Salomonsinseln,  ja  sogar  Madagaskars
ins  Auge,  sondern  man  erteilte  1722  der  -Kaiserlichen
und  königlichen  Kompanie  für  die  österreichischen  Niederlande
  ein  kaiserliches  Privileg.  Das  Kapital  von
6  Millionen  Gulden  wurde  im  Handumdrehen  gezeichnet.
  Der  Kurs  der  Aktien  stellte  sich  sofort  auf
1120.  Im  Jahre  1725  konnten  bereits  6  Proz.  verteilt
  werden.  Während  der  nächsten  Jahre  stiegen  die
Gewinne  fortgesetzt.  England  und  Holland,  die  Österreich
  gegenÜber  damals  nicht  zur  Gewalt  zu  greifen
wagten,  gerieten  in  schwere  Besorgnis.  Da  bot  das
österreichisch--  spanische  Bündnis  ihnen  eine  Handhabe.
Sie  wußten  Frankreich  und  sogar  Preußen  zum  Zusammenschluß
  mit  ihnen  zu  bringen.  Der  Musschluß
der  österreichischen  Niederlande  vom  Handel  mit  Indien
  wurde  als  eines  der  Ziele  des  Bundes  ausdrücklich
  erklärt.  Als  gar  noch  eine  neue  Gefahr  von  seiten
der  Türkei  auftauchte,  der  Papst  auf  Seite  der  Liga
trat  und  Kaiser  Karl  VI.  die  Zustimmung  der  Mächte
kr  Anderung  der  österreichischen  Thronfolgeordnung

auchte,  wagte  man  in  Wien  das  so  aussichtsreiche
Unternehmen  nicht  fortzuführen.  1732  wurden  die
Fahrten  nach  Indien  eingestellt  und  die  Gesellschaft
aufgelöst!  —  Trotz  dieser  bösen  Erfahrungen  haben
sichsowoh  Marta  Theresia  wie  Friedrich  d.  Gr.  mehr
als  einmal  mit  neuen  überseeischen  Plänen  beschäftigt
und  einigen  zu  ihrer  Verwirklichung  bestimmten  Unternehmungen
  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Die  Ungunst

der  Weltlage  beraubte  sie  aber  im  voraus  der  Möglichkeiteines
  Erfolgs.  Und  selbst  wenn  er  ihnen  beschieden
ewesen  wäre,  würden  die  Revolutionskriege  ihren
esitz  ebenso  wie  den  der  anderen  Staaten  in  die  Gewalt
  des  meerbeherrschenden  Englands  gebracht  haben.
Trotz  Englands  übermacht  ist  im  19.  Jahrhundert
der  Wunsch  nach  Erwerb  eigener  Kolonien  in  Deutschland
  nicht  mehr  eingeschlafen.  Man  verlangte  nach
ihnen  nicht  nur,  um  sich  im  Handel  mit  tropischen
Erzeugnissen  von  England  unabhängig  zu  machen,
sondern  auch  um  nicht  alljährlich  die  vielen  Tausende
von  Auswanderern  für  das  deutsche  Volkstum  zu  verlieren.
  Immer  wieder  haben  Privatleute  und  Vereine
koloniale  Pläne  aufgestellt  und  den  Versuch  unternommen,
  deutsche  Gemeinschaften  über  See  zu  gründen.
  Am  lebhaftesten  wurde  die  Bewegung  in  den
1840er  Jahren,  als  der  Zollverein  einen  großen  Teil
Deutschlands  wirtschaftlich  geeint,  damit  gestärkt  und
mit  neuem  Selbstgefühl  erfüllt  hatte.  Neben  allerlei
Vorschlägen  für  Ansiedlungen  in  Süd=  und  Mittelamerika,
  Australien  und  Wrika  wurde  damals  von
dem  sogenannten  deutschen  Adelsverein  der  ernstliche
Versuch  gemacht,  in  dem  zu  jener  Zeit  halb  unabhängigen
  Texas  einen  großen  deutschen  Pflanzstaat  ins
Leben  zu  rufen.  —  An  der  nie  schlummernden  Eifersucht
  und  Wachsamkeit  Englands  sind  diese  Pläne  gescheitert.
  Die  Monroedoktrin  der  Vereinigten  Staaten
  machte  bald  ihr  Wiederaufleben  unmöglich.

II.  Der  Erwerb  der  Schutzgebiete.

Der  Freiherr  Klaus  von  der  Decken  ist  es  gewesen,
der,  als  sich  die  Weltlage  für  die  Deutschen  Anfang
der  1860er  Jahre  günstiger  gestaltete,  die  ersten  vorbereitenden
  Schritte  zum  Gewinne  kolonialen  Besitzes
in  Afrika  getan  hat.  Sein  Ziel  war  Erwerb  der  ostafrikanischen
  Tana=  und  Jubagebiete  mit  ihrem  bergigen
  Hinterlande.  Sein  friher  Tod  hinderte  ihn  an
der  Verwirklichung  seines  Planes.  Doch  der  Überlebende
  Teilnehmer  seines  Zuges,  Dr.  O.  Kersten,  ließ
nicht  ab,  seinen  Gedanken  weiter  zu  verfechten.  Auf
seine  Veranlassung  gingen  Ende  der  1870er  Jahre  die
Brüder  Denhardt  ins  Tanaland,  erforschten  es  und
bereiteten  eine  deutsche  Niederlassung  vor.  Während
sie  in  Afrika  arbeiteten  und  vergebens  bemüht  waren,
die  Unterstützung  der  Reichsbehörden  zu  erlangen,
sah  sich  der  deutsche  Reichskanzler  aus  politischen  wie
wirtschaftlichen  Erwägungen  heraus  bewogen,  staatliches
  Eingreifen  zugunsten  eines  kolonialen  Unternehmens
  in  der  Südsee  ins  Auge  zu  fassen.  Er  wollte
durch  Gewährung  einer  Zinsgarantie  die  großen
Godeffroyschen  Pflanzungen  auf  den  Samoainseln
vor  Zusammenbruch  retten.  Die  Furcht  vor  Verwicklungen
  mit  anderen  Mächten  und  Abneigung  gegen
so  gewagte  Geschäfte,  vielleicht  auch  Haß  gegen  den
Kanzler  veranlaßten  die  Mehrheit  des  Reichstags,  die
Vorlage  abzulehnen.  Fortgesetzte  Hilfegesuche  deutscher
  Unternehmer  in  herrenlosen  Überseeischen  Ländern
  gegen  Vergewaltigungen  durch  die  Eingeborenen
oder  Fcinde  Staaten  bewogen  aber  die  deutsche  Reierung,

  dem  Drängen  zahlreicher  Freunde  ko  onialer
Unternehmungen  nochmals  nachzugeben.  Im  April
1883  erkundigte  sich  Fürst  Bismarck  in  Hamburg  und
Bremen  nach  den  Beschwerden  und  Wünschen  der  in
Afrika  tätigen  Firmen.  Auf  ihre  Darlegungen  hin
beschloss  er,  die  herrenlosen  Gebiete,  die  ur  eutsche
Arbeit  in  Betracht  kamen,  unter  den  Schutz  des  Reiches
zu  stellen.  Noch  zu  Ende  des  Jahres  1893  verständigte
  er  England,  daß  sich  Deutschland  entschlossen
        <pb n="20" />
        14

habe,  sich  seiner  Angehörigen  in  dem  schutz=  und
herrenlosen  Südwestafrika,  für  das  England  wiederholt
  jede  Verantwortung  abgelehnt  hatte,  von  nun
an  selbst  anzunehmen.  Anfang  1884  entsandte  er  den
Generalkonsul  Dr.  Nachtigal  nach  Westafrika  und  ließ
dort  die  deutsche  Flagge  in  Togo,  Kamerun  und  Südwestafrika
  hissen.  Ende  1884  erklärte  er  die  deutsche
Schutzherrschaft  über  Neuguinea.  Gleichzeitig  setzte
er  beim  Reichstag  Annahme  eines  Gesetzes  betreffs
Einrichtung  staatlich  unterstützter  Dampferlinien  nach
Ostasien  und  Australien  durch  und  brachte  im  Herbst
1884  die  internationale  Konferenz  zur  Regelung  der
seit  einigen  Jahren  die  Welt  bewegenden  Kongoangelegenheit
  zustande.  Durch  sie  erreichte  er,  daß
fast  das  gesamte  mittlere  Afrika  der  Herrschaft  Englands
  und  Frankreichs  endgültig,  wie  man  annehmen
konnte,  entzogen  und  dem  auf  Deutschlands  Freundschaft
  angewiesenen  Belgien  zugeteilt  wurde.  Vertragsmäßig
  sollte  dieses  Riesengebiet  nicht  nur  dem
Handel  und  der  Schiffahrt  Deutschlands  für  immer
offenstehen,  sondern  auch  in  Kriegszeiten  ebenso  wie
der  größte  Teil  des  Kamerungebiets  und  ganz  Ostafrika
  dieselbe  Neutralität  wie  Belgien  genießen!  Letztere
  Abmachung  war  von  besonderer  Bedeutung  für
Deutschland,  da  es  inzwischen  seine  Hand  nicht  nur
auf  das  Witugebiet,  sondern  auch  dank  der  Tätigkeit
deutscher  Kolonialfreunde,  die  Dr.  Peters,  Graf  Pfeil
und  Dr.  Jühlke  nach  Afrika  entsandt  hatten,  auf  einen

roßen  Teil  des  Hinterlandes  der  Besitzungen  des
Baltanats  Sansibar  gelegt  hatte.

Das  Vorgehen  Deutschlands  stieß  auf  lebhaften
Widerspruch  nicht  allein  bei  England  und  seinen  Tochterstaaten,
  sondern  auch  bei  Frankreich  und  Portugal.
Es  bedurfte  sehr  langer  und  mühseliger  Verhandlunen,

  ehe  mit  ihnen  einigermaßen  zufriedenstellende

erständigungen  über  die  Grenzen  der  neuen  deutschen
  Besitzungen  erzielt  werden  konnten.  Die  wichtigste
  war  der  Vertrag  vom  1.  Juli  1890  mit  England,
worin  Deutschland  Witu  abtrat,  seine  Ansprüche  auf
Sansibar  fallen  ließ  und  dafür  die  Insel  Helgoland
eintauschte.  Nach  der  Auseinandersetzung  mit  allen
Nachbarn  befand  sich  das  Deutsche  Reich  im  Besitz  eines
überseeischen  Gebietes  von  2495  300  qkm  Größe,  das
beinahe  fünfmal  soviel  Fläche  als  das  Mutterland
einnahm,  mit  etwa  12  Millionen  farbiger  Bewohner.
Leider  war  dieser  große  Besitz  fast  unerforscht  und  unerschlossen,
  entbehrte  jeder  geordneten  Verwaltung  und
warf  keinerlei  Erträge  ab  als  den  Handelsgewinn  der
in  den  Küstenorten  tätigen  Kaufleute.  Wenige  Jahre
später  erfuhr  er  noch  eine  Erweiterung.  Am  27.  April
1898  wurde  der  von  China  dem  Deutschen  Reich  verpachtete
  Hafen  Kiautschon  zum  Schutzgebiete  erklärt.
Am  12.  Februar  1899  kaufte  das  Reich  ferner  dem
durch  Amerika  des  Hauptteils  seiner  Kolonien  beraubten
  Spanien  die  Karolineninseln  ab,  auf  denen
schon  seit  längerer  Zeit  Deutsche  tätig  gewesen  waren,
und  am  2.  Dezember  1899  erwarb  es  endlich  durch
Abkommen  mit  England  und  den  Vereinigten  Staaten
die  beiden  größten  Inseln  der  Samoagruppe.  Der
gesamte  Neuerwerb  hatte  den  Umfang  von  etwa  3700
akm.  Dazu  kam  durch  den  Vertrag  mit  Frankreich  vom
4.  November  1911  das  295000  akm  große  Kongogebiet,
  dessen  Bewohnerzahl  noch  nicht  festgestellt  war.

III.  Die  Berwaltung  der  Schutzgebiete.

Bei  Kaiser  Wilhelm  I.  und  seinem  Kanzler  bestand
anfänglich  nicht  die  Absicht,  die  unter  deutschen  Schutz
gestellten  Gebiete  in  Reichsverwaltung  zu  nehmen.

I.  Politik  und  Geschichte

Nicht  allein  die  Rücksicht  auf  die  großen  Kosten,  sondern
  auch  die  überzeugung,  daß  es  dem  Reich  an  den
dafür  Feeigneten  eamten  fehle,  und  die  Furcht  vor
Verwicklungen  mit  dem  Auslande  bestimmten  sie  zu
dieser  Haltung.  So  wurde  die  gesamte  Verwaltung
des  Gebietes  von  Neuguinea  und  Nachbarschaft  der
Neuguinea-Kompanie,  die  Südwestafrikas  dem  Kaufmann
  Lüderitz  und  später  (5.  April  1885)  der  seine
Rechtstitel  übernehmenden  Deutschen  Kolonialgesellschaft
  für  Südwestafrika,  die  Ostafrikas  der  Gesellschaft
für  deutsche  Kolonisation  übertragen.  Dieses  Unternehmen
  erhielt  unterm  27.  Februar  1885  einen  kaiserlichen
  Schutzbrief  nach  dem  Muster  der  von  England
der  Nordborneo-Kompanie  erteilten  Charter.  Ein  entsprechender
  Schutzbrief  wurde  am  17.  Mai  1885  der
Neuguinea-Kompanie  erteilt.  Für  die  Marshallinseln
stellte  das  Reich  allerdings  die  Beamten.  Doch  ihre
Besoldung  und  die  ganze  Verwaltung  geschah  durch
die  Jaluitgesellschaft  auf  Grund  eines  mit  ihr  am  21.
Januar  1888  getroffenen  Abkommens.  In  Kamerun
und  Togo  sollten  die  Verhältnisse  in  derselben  Weise
geregelt  werden.  Da  sich  aber  die  dortigen  Kaufleute
zu  einem  Zusammenschluß  und  zur  übernahme  staatlicher
  Vollmachten  nicht  bewegen  ließen,  sah  sich  der
Kanzler  gezwungen,  hier  von  vornherein  eine  bescheidene
  staatliche  Verwaltung  einzurichten.  —  Die
Mittel  der  kolonialen  Gesellschaften  erwiesen  sich  für
dieihnen  erwachsenden  Aufgaben  nicht  als  ausreichend.
Erhebungen  der  mit  staatlicher  Einmischung  in  ihre
Verhältnisse,  besonders  in  den  Sklavenhandel,  unzufriedenen
  Eingeborenen,  Streitigkeiten  mit  den  Nachbarkolonien
  erschöpften  binnen  wenigen  Jahren  ihre
Kassen  und  zwangen  das  Reich  zum  Eingreifen.  Nach
einem  durch  den  Reichskommissar  v.  Wissmann  niedergeschlagenen
  Aufstande  mußte  am  1.  Januar  1891
stafrika  in  volle  Verwaltung  des  Reiches  übernommen
  werden.  Dieselbe  Notwendigkeit  stellte  sich  bald
in  den  anderen  Schutzgebieten,  bis  auf  die  Marshallinseln,
  heraus.  Die  Verwaltung  Neuguineas  ging
bereits  durch  Vertrag  vom  23.  Mai  1889  auf  einen
Kaiserlichen  Kommissar  über.  Unterm  7.Oktober  1899
übernahm  das  Reich  auch  hier  alle  Hoheitsrechte.

Die  Leitung  der  kolonialen  Geschäfte  in  Deutschland
hat  die  ersten  Jahre  hindurch  in  der  Hand  des  Geheimrats
  v.  Kusserow  im  Auswärtigen  Amte  gelegen,
dem  dann  der  Geheimrat  Dr.  Krauel  gefolgt  war.
Nach  dem  Aufstande  in  Ostafrika,  der  die  Geschäfte
gewalt  anschwellen  ließ,  wurde  für  sie  eine  besondere

bteilung  im  Auswärtigen  Amte  geschaffen,  an  deren
Spitze  unterm  29.  Juni  1890  der  Geheimrat  Dr.  Paul
Kayser  trat.  Sein  Nachfolger  wurde  am  15.  Oktober
1896  Dr.  Oswald  Frhr.  v.  Richthofen,  den  am  31.
März  1898  Dr.  Gerhard  v.  Buchka  ablöste.  Am  12.
Juni  1900  übernahm  Dr.  Stübel  die  Leitung  der  Kolonialabteilung.
  Vom  16.  November  1905  bis  5.  September
  1906  lag  sie  dann  in  der  Hand  des  Erbprinzen
  Ernst  zu  Hohenlohe-Langenburg.  An  seine  Stelle
trat  am  10.  September  1906  Bernhard  Dernburg,
der  bis  dahin  keine  Beamtenstellung  bekleidet  hatte.
Der  Kolonialabteilung  stand  ein  durch  kaiserliche  Verordnung
  vom  10.  Oktober  1890  geschaffener  Kolonial.
rat  Sachverständiger  zur  Seite.  Die  Regierung  in  den
Schutzgebieten  wurde  1890  für  Ostafrika  und  Kamerun
  in  die  Hände  von  Gouverneuren  gelegt.  Die
obersten  Beamten  in  Togo,  Südwestafrika,  Neuguinea
und  auf  den  Marshallinseln  führten  den  Titel  Landeshauptmann.
  Später  erhielten  auch  sie,  bis  auf  den
obersten  Beamten  der  Marshallinseln,  die  Bezeichnung
        <pb n="21" />
        Zimmermann:  Entwicklung  und  Ergebnisse  der  kolonialen  Arbeit  Deutschlands  15

als  Gouverneur,  da  die  Leiter  der  fremden  Nachbarkolonien
  allgemein  diesen  Titel  führten  und  die  Bezeichnungals
  Landeshauptmannz  häusigen  Mißverständnissen
  Anlaß  gab.  Nach  Erwerb  Kiautschous  und
Samoas  wurden  auch  die  höchsten  dortigen  Beamten
zu  Gouverneuren  ernannt.  Die  Spitzen  der  Bezirke
in  allen  Schutzgebieten  haben  regelmäßig  den  Titel
Bezirksamtmänner  erhalten.  Neben  ihnen  gab  es
Kommissare  für  besondere  Aufgaben.

Eine  große  und  gefährliche  allgemeine  Erhebung
der  Eingeborenen  Südwestafrikas  veranlaßte  zu  Anfang
  des  20.  Jahrhunderts  eine  völlige  Umgestaltung
der  Bismarckschen  Kolonialverwaltung.  An  Stelle
der  Kolonialabteilung  im  Auswärtigen  Amte  trat  im
Jahre  1907  ein  besonderes  Reichskolonialamt,  mit
dessen  Leitung  der  Direktor  Dernburg  am  17.  Mai
betraut  wurde.  Bereits  am  9.  Juni  1910  wurde  er
durch  seinen  Unterstaatssekretär  Dr.  Friedrich  v.  Lindequist
  ersetzt.  Nachdem  dieser  wegen  Meinungsverschiedenheiten
  in  der  Behandlung  der  Marokkofrage
am  6.  November  1911  sein  Amt  niedergelegt  hatte,
folgte  ihm  der  Gouverneur  von  Samoa  Dr.  W.  Solf.
Seit  der  Errichtung  des  Reichsamtes  ist  in  Humburg
ein  besonderes  Kolonialinstitut  zur  Vorbildung  von

Anwärtern  für  die  Tätigkeit  in  den  Kolonien  geschaffen
worden,  wofür  bis  dahin  nur  das  Berliner  orientalische
  Seminar  zur  Verfügung  stand.  Dafür  wurde
unterm  17.  Februar  1908  der  Kolonialrat  aufgehoben.
Durch  eine  Verordnung  vom  Juli  1910  wurde  an
seiner  Stelle  eine  ständige  Kommission  zur  Unterstützung
  der  Kolonialverwaltung  in  wirtschaftlichen  Fragen
  neben  einer  seit  1909  bestehenden  kolonialen  Abteilung
  der  deutschen  Landwirtschaftsgesellschaft  ins
Leben  gerufen.  Die  neue  Kommission  ist  nur  einmal
im  September  1911  in  Tätigkeit  getreten,  obwohl  sie
im  Juni  1913  durch  Ernennung  neuer  Mitglieder  eine
Verstärkung  erfahren  hat.

IV.  Die  wirtschaftliche  Entwicklung.

Über  die  Aufwendungen,  die  das  Deutsche  Reich  für
seine  lberseeischen  Besitzungen  im  Laufe  der  Jahre
gemacht,  und  die  Erträge,  welche  diese  selbst  allmählich
  erzielt  haben,  geben  die  klarste  Auskunft  die  Zahlen
  der  stets  auf  Grundlage  der  wirklichen  Einkünfte
aufgestellten  Haushaltsvoranschläge.  Sie  erreichten
seit  Uübernahme  der  einzelnen  Schutzgebiete  in  staatliche
  Verwaltung  nachstehende  Beträge  in  Einnahme
und  Ausgabe  (in  Tausenden  Mark):

Karolinen,  T  Betrag  der
Ostafrika  Kamerunn  Togo  Sübwes  Neu-  Marianen,  Marshall-  Samon  Kiantscheu  wirklichen  Ausafrika#

  gutnea  Palau  insoln  gaben
1892  —  560  116  207  —  —  s  —  —  5407
1893  1209,P  580  143  273  —  —  1  —  —  7605
1894  5520  610  183  1  027  —  —  45  —  —  10  179
1895  5837  1  230  265  1727  —  —  8  —  —  9317
1896  5901  1319  330  4473  —  —  4  —  —  13571
1897  6  039  400  1270  #  455  —  —  4  —  —  15  129
1898  5965  1394  550  5001  —  —  8  —  5000  17508
1899  8495  1713  80  1  7479  732  —  4  —  8500  23  169
1900  97068  3215  750  8174  923  370  10  252  v  vos  37425
1901  84091  3776  1443  10  452  810  312  12  266  11050  30484
1902  8051  4237  165.)  94590  822  338  8  l  441  12  404  37097
1903  81462  3666  1096  13019  900  4290  10  540  12  803  11021
1904  11677  4485  5225  110  575  1161  417  —1  660  13088  101  150

—.

1905  10  450  4020  4710  66  450  1070  410  510  13  500  204  680
1906  12  620  50650  2660  62670  1550  590  650  14790  101  180
19207  13800  6040  2080  45070  1510  430  610  13530  73130
1908  11900  6810  2980  119080  1850  750  660  11470  155  530
1909  12  590  6960  2720  294390  2330  8:30  12290  68  110
1910  13800  8760  2540  40  150  2400  870  14840  82450
1911  14  670  9050  3310  51r110  2520  920  15090  90  60
1912  18970  10950  3310  34810  2760  1000  15  N.10  87630
1913  20510  13340  4060  46  570  3410  1130  16  700  105  810
1914  23770  17260  4180  40310  3830  1380  18410  109  170

Nicht  weniger  bezeichnend  für  die  Erfolge  der  deutschen
  kolonialen  Arbeit  sind  die  Ergebnisse  der  Aufzeichnungen
  über  den  Handel  der  Schutzgebiete.

Nach  der  amtlichen  Statistik  erreichte  er  in  den  drei
Jahrzehnten  der  deutschen  Tätigkeit  folgenden  Umfang
(in  Tausenden  Mark):

Neuguinea,  —  9  —
«  -  Wert  des  Ge-.
  Südwest=  Karolinen,  Marshall-  ·  .  »
Ostafrika  Kamerun  Togo  afrika  Marianen,  nseln  Samoa  Kiautschon  —“ie
Palau  siial
Eins.  Ausf.  E#inf.  |Ausf.  Cinf.  Ausf.Einf,]Ansf.  Einf.[Ausf.  Einf.  Ausf.  Einf.  Ausf,  Einf.]  Aust,  Sebiete
1892  —  —  447114264%  —  —  —  —  —  —  —  —  —
188897713  6681  4162  4633  24151  3414  —  —  —  —  —  —  —1—  –  —  —
18#  7008  8258  5658  4089  2a54  3048  —  —  —  —  ———  —  —  —
1900  11480  4204142  5686,  S  3059  5B68  v9508  20721272  598  556  2106  12061  —  —  —
190#  17655/0ê3SQOG500  4387/202969  17624  717  193  101
1½#0  88650  20  805  OO  S1  N  “  3  602  4  9378  3623534  6V375/60  51  359619
1121/SOO⅝S  183  1159  /32499  3903  %

1  Legtos  Jahr,  für  das  vollständige  Zahlen  vorliegen.

Die  deutsche  Verwaltung  hat  sich  nicht  damit  beügt,
  im  den  Kolonien  Ruhe  und  Ordnung  herzuellen,

  sie  hat  sie  auch  im  angestrengter  Arbeit  nach

allen  Richtungen  hin  erschlossen.  Nachdem  erst  Ostafrika,
  Kamerun,  Togo  und  Südwestafrika  mit  dem
englischen  Kabelnetz  in  Verbindung  gebracht  worden
        <pb n="22" />
        16

waren,  schuf  man  1913  für  Toßo  und  Kamerun  zunächst
  Anschluß  an  ein  eigenes  deutsches  Kabel.  Die
Karolinen  wurden  um  dieselbe  Zeit  durch  ein  deutsches
Kabel  mit  den  Telegraphenlinien  Ostasiens  verknüpft.
In  den  letzten  Jahren  vor  dem  Krieg  gelang  es,  alle
Schutzgebiete  durch  Funkenilirme  zum  Austausch  von
Nachrichten  mit  Deutschland  instand  zu  setzen.

Nicht  weniger  nachdrücklich  ist  der  Bau  von  Häfen
und  Bahnlinien  in  diesen  Kolonien  gefördert  worden.
In  Ostafrika  waren  bei  Kriegsausbruch  die  352  km
lange  Usambarabahn  und  die  847  km  lange  Mittellandbahn
  fertig.  Eine  Verlängerung  um  413  km  bis

um  Tanganjika  war  im  Bau.  In  Kamerun  befanden
ich  die  160  km  lange  Nordbahn  und  81  km  der  Mittellandbahn
  im  Betrieb.  In  Togo  war  die  44  km  lange
Küstenbahn  und  die  Linie  nach  Palime  (119  ku)  fertig.
  In  Südwestafrika  gab  es  an  Bahnen  die  Linie
Swakopmund-Windhuk  (382  km),  die  Strecke  von
dort  nach  Keetmanshoop  (506  km),  die  Otavibahn
(671  km)  und  die  Lüderitzbuchtbahn  (545  km).  Im

anzen  waren  Ende  1912  bereits  in  den  afrikanischen
Schigebieten  3867  km  Bahnen  im  Betrieb  und  696
k#m  im  Bau.  In  jedem  Schutzgebiete  erschienen  außer

I.  Politik  und  Geschichte

einem  Amtsblatte  deutsche  Zeitungen.  Überall  war
für  Schulen,  Kirchen,  Krankenhäuser,  Arzte  und  Apotheken
  gesorgt.  Eine  große  Zahl  privater  Gesellschaften
betrieb  die  Ausbeutung  der  Naturschätze  der  Kolonien
underzielte  dabei  stetig  wachsende  Gewinne.  Besonders
erfolgreich  erwiesen  sich  die  Unternehmungen  für  Diamantengewinnung
  in  Südwestafrika,  die  Kautschulund
  Kakaogesellschaften  in  Kamerun,  Ostafrika  und  der
Südsee  sowie  die  Kupfergewinnung  in  Südwestafrika.
Vier  Banken  vermittelten  den  Zahlungsverkehr.

Literatur.  G.  Schumacher,  Geschichte  der  deutschen
Kolonialversuche  in  Venezuela  (in  der  Festschrift  zur  Feier
der  vierhundertjährigen  Entdeckung  Amerikas,  Hamb.  833
J.  Humbert,  L'Oceupation  allemande  du  Vénézuela
(Par.  1905);  .  Huisman,  La  Belgique  commerciale
sous  Charles  VI-(Brüssel  1902);  R.  Schück,  Brandendurgpreußische
  Kolonialpolitik  (Berl.  1889);  V.  Ring,  Asiatische
Landelskompagnten  Friedrich  des  Großen  (das.  1890);

oschizky,  Deutsche  Kolonialgeschichte  (Leipz.  1888);  A.
Zimmermann,  Geschichte  der  preußisch-deutschen  Handelspolitik
  (Oldenb.  u.  Leipz.  1892);  Derselbe,  Kolonialpeschichtlche
  Studien  (das.  1895);  Derfelbe,  Geschichte  der

eutschen  Kolonialpolitik  (Berl.  1914);  H.  Meyer,  Das
deutsche  Kolonialreich  (Leipz.  1909  f.,  2  Bde.).

Das  deufsche  Elsaß
von  Professor  Lic.  Wilhelm  Kapp  zu  Straßburg  i.  E.

Deutsche  Art  von  Landschaft  und  Volkstum.
Mit  Fug  und  Recht  können  wir  vom  ’deutschen
Elsaße  reden;  denn  es  gehört  in  die  deutsche  Landschaft
  hinein.  Die  elsässische  Ebene  ist  ein  Stück  der
von  Basel  bis  zum  Taunus  reichenden,  zwischen  Vogesen,
  Hardt,  Schwarzwald  und  Odenwald  eingebetteten
  oberrheinischen  Ebene.  Mit  ihrer  nordsüdlichen
Richtung  stellt  sie  die  Verbindung  von  Süden  und
Norden  her  und  wird  durch  den  Rhein,  dem  von  den
Vogesen  her  alle  Gewässer  zuströmen,  an  den  großen
mitteldeutschen  Strom  angeschlossen.  So  weist  die

anze  Natur  des  Landes  nach  Norden  und  Osten  in

ie  Gesamtheit  der  deutschen  Lande.  Nach  Westen  zu,
gegen  den  Kulturbereich  des  Romanischen,  ist  die  Ebene
wie  mittels  einer  Mauer  durch  die  Vogesen  geschieden,
und  die  mehr  oder  weniger  scharf  ausgeprägte  Kammbildung
  dieses  Gebirges  mit  seinen  unwirtlichen,  dörfliche
  oder  städtische  Siedlungen  ausschließenden  Zügen
  läßt  es  schwer  zu,  daß  man  von  hüben  und  drülben
  sich  die  Hände  reicht  und  beide  Welten  über  das
Gebirge  hinweg  ineinander  Übergehen.  Freilich  so
abschliessend  ist  die  Wand  nicht,  daß  nicht  auch  von
Westen  her  leicht  Einflüsse  in  das  von  der  Vogesen.
mauer  beschirmte  Elsaßland  hineinwirken  konnten.
Aber  der  Riegelcharakter  der  Vogesen  war  doch  das
Bestimmende.  Da  war  es  kein  Wunder,  daß  die  germanischen
  Scharen  in  ihrem  Zuge  nach  dem  Westen  dieses
  Stück  der  oberrheinischen  Ebene  ebenso  füllten  wie
im  nördlichen  und  östlichen  Teile,  aber  auch  im  großen
und  ganzen  nicht  über  die  Scheidemauer  hinüberkamen;
  nur  über  die  großen  Senken  der  Nordvogesen
ergoß  sich  der  germanische  Völkerstrom  weiter  in  die
heulige  lothringische  Hochebene.  So  ist  die  ganze  Ebene
ein  zusammenhängendes  germanisches  Siedlungsgebiet
  geworden,  in  dem  am  allerwenigsten  der  Rhein
eine  Trennungslinie  bilden  konnte.  Wohl  sind  die  Heeressäulen

  Ariovists  zunächst  zwei  Menschenalter  vor
Beginn  der  christlichen  Zeitrechnung  der  überlegenen
Führung  und  Waffentechnik  der  Römer  gewichen,  zurück
  über  den  Rhein,  und  wurden  etwa  zwei  Jahrhunderte
  lang  hinter  dem  Limes  von  den  römischen  Grenzen
  ferngehalten,  um  dann  vom  4.  Jahrhundert  an
um  so  unaufhaltsamer  alle  Wälle  und  Dämme  des
Römerreiches  zu  durchbrechen  und  die  ganze  oberrheinische
  Ebene  zu  besetzen.  Seitdem  ist  diesem  Rheintalgebiet
  auch  volklich  das  deutsche  Gepräge  gegeben,
und  zwar  das  alemannische  im  Süden.  das  fränkische
  im  Norden  jenseits  des  Hagenauer  Forstes  und
der  mittleren  Vogesen  in  Lothringen.  Der  Hhüarste  unwidersprechliche
  Veweis  für  diese  Tatsache  der  Völkerscheidung
  durch  die  Vogesen  ist  mit  der  Sprachengrenze
egeben,  die  seit  undenklichen  Zeilen  bis  heute  in  der
Hupriccche  längs  des  Vogesenkammes  verläuft.  Also
das  Gebirge  treunt  die  beiden  Welten,  die  deutsche  und
die  romanische,  und  nicht  der  Rhein.  Wer  von  Westen
her  über  den  Vogesenwall  das  Land  betrat,  der  hatte
auch  deutlich  das  Gefühl,  daß  er  in  germanisches  Land
kam.  So  schrieb  der  Engländer  Fomg-  über  einen
Besuch  des  Landes:  -Wenn  man  in  der  Geschichte
davon  liest,  so  macht  die  Einverleibung  des  deutschen
Elsaß  in  das  französische  Staatsgebiet  einen  so  tiefen
Eindruck  nicht;  daß  ich  aber,  aus  Frankreich  kommend,
über  hohe  Gebirge  mußte  und  dann  in  eine  Ebene
hinabstieg,  in  der  ein  von  den  Franzsen  in  Sitte,
Sprache.  Abstammung  ganz  unterschiedenes  Volk
wohnt,  das  machte  mir  Eindruck.e
Individuelle  Eigenart  des  deutschen
Indes  so  sehr  Landschaft  und  Volkstum  des  Elsa
völlig  in  den  Bereich  des  Germanischen  gehören,  so
hat  sich  das  Germanische  auf  diesem  Boden  doch  wieder
ineigener  Art  entwickelt.  Schon  die  Landschaft,  wie
sie  die  Natur  in  Ebene,  Randgebirge,  Senkungsfeldern
des  Gebirges  aufgebaut  hat,  gibt  der  ganzen  Lebensentwicklung
  im  Elsaß  ihre  eigene  Form  und  Gestaltung.
  Der  die  Grabenlandschaft  zwischen  den  zwei
        <pb n="23" />
        Kapp:  Das  deutsche  Elsaß

Gebirgsmauern  Schwarzwald  und  Vogesen  durchtrömende

  Rhein  hat  sichtlich  den  elsässischen  Teil  güntiger

  bedacht.  Er  fließt  nämlich  beträchtlich  näher  dem
östlichen  Randgebirge,  dem  Schwarzwald,  als  dem
westlichen,  den  Vogesen.  So  läßt  er  neben  sich  auf  der
linken  Seite  einen  ausgedehnteren  Raum  als  Ebene.
Diese  breite,  fruchtbare  Tallandschaft,  die  elsässische,
mußte  von  vornherein  den  noch  dazu  von  Südwesten
durch  die  Senke  zwischen  Vogesen  und  Jura  von  der
Rhone  und  Saone  kommenden  Kulturstrom  zunächst
auf  sich  lenken.  Nach  der  Unterwerfung  Galliens  bis
an  den  Rhein  erschienen  der  römische  Legionssoldat,
Händler,  Beamite  mit  allem,  was  in  ihrem  Gefolge
einherzog,  im  Lande.  Straßen,  Siedlungen,  befestigte
Orte  entstanden;  der  Rand  des  Gebirges  mit  seiner
sonnig.heiteren  Vorhügellandschaft  zog  besonders  an.
Als  der  Sturm  der  Völkerwanderung  verbraust  war
und  die  Franken  endgültig  über  das  asemanmif  che  Elsaß
  Herr  geworden  waren,  da  ist  auf  der  durch  die
Römer  gelegten  Kulturgrundlage  schnell  neues  Leben
entsprossen.  Das  Christentum  fand  auf  seinem  Wege
nach  Germanien  über  die  elsässische  Landschaft  natürliche
  Eingangspforten  von  Westen  her;  eine  Reihe
blühender  Abteien  begegnet  uns  schon  in  der  frühfränkischen
  Zeit,  wie  Murbach,  Maursmünster,  Weißenburg.
  Sie  stellen  bedeutsame  Mittelpunkte  für
kolonisatorische,  kulturelle  Arbeit  dar.  Es  ist  also  nicht
auffallend,  daß  entlang  der  Vogesenwand  und  zum
Teil  am  Eingang  in  die  breiten  Taer  im  Laufe  des
Mittelalters  Stadt  an  Stadt  entsteht:  Thann,  Gebweiler,
  Türkheim,  Rappoltsweiler,  Barr,  Rosheim,
Molsheim,  Zabern.  Prächtige  Kirchen  und  Rathäuser
zeugen  noch  heute  von  ihrer  Blüte  und  Wohlhabenheit
  in  vergangenen  Tagen.  Dieser  großen  Kulturstraße,
  die  unter  dem  Schutze  des  Gebirgswalles  an
den  sonnigen,  heiteren  Abhängen  und  Hügeln  der  Vorlandschaft
  sich  hinzieht,  entspricht  eine  zweite  wichtige
Kulturstraße  in  der  Ebene.  Hier  haben  wir  gegenüber
den  Ausgängen  der  Täler  der  Vogesen  Mülhausen
an  der  breiten  Völkerstraße  der  Burgunder  Pforte  gegenlber
  dem  Doller  und  Thurtal,  Ensisheim  gegenüber
  dem  Lauchtal,  Colmar  gegenüber  dem  Fechttal,
Schlettstadt  gegenüber  Weiler  und  Lebertal,  Straß.
burg  gegenüber  dem  Breuschtal  an  der  über  die  Zaberner
  Senke  ins  Lothringische  führenden  alten  Römerstraße.
  Nicht  leicht  wird  man  sonst  in  Deutschland  auf
verhältnismäßig  so  schmalem  Raum  zwischen  Strom
und  Gebirge  so  zahlreiche  städtische  Siedlungen  treffen.
Sie  sind  es  darum  auch,  die  dem  Lande  sein  Gepräge
geben;  mehr  wie  irgendwo  stehen  Dorf  und  Bauerntum
  unter  vorwiegend  städtischem  Einfluß.  Noch
heute  ist  für  Stimmung  und  Haltung  der  Bevölkerung
  im  Grunde  nur  der  Städter  maßgebend;  der
knorrige,  zähe.  selbstgewisse,  selbstbewußte  Charakter
des  deutschen  Bauern  geht  dem  elsässischen  sichtlich  ab.
Der  fruchtbare  Landstrich  hat  zu  seiner  Bevölkerungsergänzung
  stets  der  Einwanderung  bedurft;  sie  kam
zumeist  aus  Osten,  aus  Schwaben,  aber  auch  aus  dem
Wesien,  vor  allem  seit  Besetzung  des  Landes  durch
die  Franzosen.  Ein  solches  durch  stärkere  Mischung
entstandenes  Volkstum,  das  den  vom  Süden  und
Südwesten  aus  der  romanischen  Welt  kommenden
Kulturstrom  früh  aufgenommen  hatte,  wesentlich  in
der  weichen  Luft  der  Ebene  und  am  sonnigeheiteren
Rande  des  Gebirges  an  den  Vorhügeln  sich  entfaltete,
sich  früh  in  städtischen  Siedlungen  von  beträchtlicher
Anzahl  Kultursitze  schuf  und  im  Laufe  der  Zeiten  nicht
nennenswert  durch  eine  Gebirgs=  oder  Platcaubevöl-Der

  Krieg  1914/17.  II.

17

kerung  rauherer,  festerer,  härterer  Struktur  ergänzt
werden  konnte,  weil  die  Vogesen  nach  ihrem  ganzen
Aufbau  und  ihren  Siedlungsbedingungen  relativ
menschenarm  sind,  ein  solches  Volkstum,  dem  so  die
Stadt  und  die  Ebene  vorzugsweise  sein  Gepräge  gegeben
  haben,  muß  wieder  eigenartige  Züge  an  96
tragen,  die  es  von  dem  Volkstum  anderer  deutschen
Landschaften,  auch  derer  in  nächster  Nachbarschaft,
charakteristisch  unterscheiden.
Deutsches  Elsaß  und  allgemein  deutsche  Geschichts.
  und  Kulturentwicklung.  Aber  dieses  also
urch  die  Natur  eigenartig  geprägte  deutsche  Volkstum
  im  Elsaß  mit  seiner  früh  erblühten  und  erstarkten
  städtischen  Kultur  mußte  bald  notwendig  regen
Anteil  nehmen  an  der  gesamtdeutschen  Lebens=
  und  Kulturentwicklung,  vor  allem  in
jenen  Tagen  des  Mittelalters,  da  der  Schwerpunkt
des  Lebens  und  der  Geschichte  des  Reiches  wesentlich
im  Süden  und  Südwesten  lag.  Die  alten  deutschen
Königsgeschlechter  von  den  Merowingern,  Karolinern
  bis  zu  den  Staufern  haben  das  Elsaß  geliebt  und
evorzugt;  die  Habsburger  waren  noch  durch  besondere
  Bande  mit  dem  Lande  verbunden,  große  Teile
des  Ober-Elsaß  gehörten  zu  dem  Grundstock  der  habsburgischen
  Hausmacht.  Die  Erinnerung  an  königliche
  Pfalzen,  Burgen  der  Staufer,  die  das  hier  6t.
reichlich  vertretene  Reichsgut  schirmen  mußten,  waren
im  Volke  besonders  lebendig;  der  Reichsgedanke  saß
in  den  freien  Reichsstädten,  vorab  Straßburg  und  in
dem  ganzen  Gebiet,  das  in  deren  Schatten  lag,  tief
und  zäh;  eine  stärkere  Territorialmacht,  die  dem
Reichsgedanken  abträglich  war,  bildete  sich  hier  nicht;
darum  aber  mußte  66c  der  Verfall  der  Macht  des
Reiches  am  ehesten  hier,  wo  man  sich  auf  das  Reich
stützen  wollte  und  mußte,  flhlbar  werden.  Denn  in
jener  Zeit,  da  das  Reich  mehr  und  mehr  seine  Ohnmacht
  offenbarte  und  vor  allem  an  seinen  Grenzen
nicht  mehr  als  überlegene,  kraftvolle  Schutzgewalt
auftreten  konnte,  fing  Frankreich  an,  aufstrebend  und
machthungrig  um  sich  zu  greifen.  Was  lag  ihm  näher,
als  daß  ces  seine  begehrlichen  Blicke  vor  allem  auf  das
vor  seiner  Tür  liegende,  nur  zu  sehr  vom  Reiche  verlassene
  und  unbewehrte  Elsaß  richtete!  Innerhalb  eines
Jahrhunderts,  von  der  Mitte  des  16.  bis  zur  Mitte
des  17.  Jahrhunderts,  hat  es  das  Ziel  seines  Strebens
erreicht  1681  hat  die  Einnahme  Straßburgs  die  friedliche
  und  kriegerische  Eroberung  der  deutschen  Grenzmark
  im  Westen  besiegelt;  noch  gehörte  eine  Anzahl
kleiner  Territorialfürsten  in  den  Verband  des  Reiches;
aber  als  Vasallen  des  französischen  Königs  standen  sie
doch  schon  ganz  im  Macht-  und  Einflußbereich  des
französischen  Staates.  Konnte  das  Grenzland  aber
ein  Jahrhundert  lang  als  g#auswärtige  Provinze  im
großen  und  ganzen,  wenn  auch  unter  französischer
Verwaltung,  abseits  von  dem  großen  Strom  französischer
  Wirtschafts-  und  Kulturentwicklung,  seine  eigene
Art  noch  pflegen,  die  Verbindung  mit  Deutschland
weiter  unterhalten,  so  hat  die  mit  der  Revolution  einsetzende
  nationalfranzösische  Bewegung  diesem  Son.
derdasein  völlig  ein  Ende  gemacht.  Elsaß  und  Lothringen,
  aufgeteilt  in  drei  Departements,  wurden  jetzt
national,  politisch  fest  an  das  Ganze  des  französischen
Zentralstaates  angeschlossen  und  in  allem  den  übrigen
Verwaltungsbezirken  des  Staalswesens  gleichgemacht.
Die  Franzosen  spürten  wohl  in  ihren  neu  erwachten
nationalen  Instinkten,  daß  dieses  Land  etwas  Eigenes,
von  der  romanischen  Art  völlig  Verschiedenes  hatte;
es  war  ein  durch  und  durch  deutsches  Land,  dem  wie

2
        <pb n="24" />
        18

nicht  leicht  einer  zweiten  deutschen  Landschaft  Überall
der  Stempel  deutschen  Geistes,  deutscher  Bildung  und
Kultur  aufgedrückt  war.  War  doch  ein  gut  Teil  des
deutschen  Geistes-  und  Kulturbesitzes,  zu  dem  es  das
deutsche  Volk  im  Mittelalter  bis  über  die  Reformationszeit
  hinaus  gebracht  hatte,  hier  zu  Hause.  Am
Eingang  des  mittelalterlichen  deutschen  Schrifttums
steht  der  elsässische  Mönch  Otfried  von  Weißenburg
mit  seiner  Evangelienharmonie;  auf  der  Höhe  unserer
deutschen  ersten  großen  Literaturperiode  erglänzen  die
Namen  von  Elsässern  wie  Reimar  von  Hagenau,  von
dem  Walther  das  Dichten  gelernt,  Gottfried  von  Straßburg,
  der  in  Tristan  und  Isolde  deutsche  Ausdrucksfähigkeit
  und  Gestaltungstraft  in  höchster  künstlerischer
  Vollendung  zeigt.  Die  großen  deutschen  Gottesmänner
  des  14.  Jahrhunderts,  die  ihre  tiesen  Erlebnisse
  in  deutsche  Laute  und  Sprachformen  ausströmen
lassen  und  deutsche  Sprache  so  aufs  tiefste  beseelen
und  vergeistigen,  Meister  Eckart  und  sein  großer  Schüler
  Tauler,  weisen  hierher  an  den  elsässischen  Oberrhein;
  die  so  recht  aus  deutscher  Seele  geborene  Geistesbewegung
  der  Reformation  hat  auf  diesem  empfänglichen,
  für  jede  Geistessaat  aufgelockerten  elsässischen
Boden  vor  allem  verständnisvolle  Begeisterung  hervorgerufen;
  zwei  reformatorische  Hauptvorkämpfer,
der  eine  auf  politischem,  der  andere  auf  religiösem  Gebiet,
  Jakob  Sturm  und  Martin  Butzer,  haben  in
Straßburg  ihren  Wirkungskreis  gehabt,  von  dem  aus
sie  bestimmenden  Einfluß  ausübten  auf  den  Gang
der  religiösen  wie  politischen  Bewegung  ihres  Zeitalters.
  Die  deutsche  mittelalterliche  Baukunsthat  in  der
elsässischen  Landschaft  einzigartige  Denkmale  geschaffen;
  keines  zeugt  aber  so  sehr  vom  Können  deutscher
Bauleute  wie  das  Meisterwerk  deutscher  Gotik,  das
Straßburger  Münster.  So  ist  es  kein  Wunder,  daß
den  aus  dem  Herzen  Deutschlands  kommenden  Goethe
die  Ahnung  von  dem,  was  deutsch  ist,  gerade  hier  in
Straßburg  wie  eine  Offenbarung  überkam,  und  noch
1815  hatte  Jakob  Grimm  von  dem  Elsässer  und  seinem
  Lande  geurteilt:  „Schmählich  von  Kaiser  und
Reich  in  Sücche  gelassen,  hat  er  sich  selbst  beigestanden,
Sprache,  Sitte,  Tracht  aufrechterhalten,  welches  nicht
beschrieben,  sondern  nur  mit  Augen  angeschaut  werden
  kann,  weil  es  bis  in  die  Mienen,  Redensarten,
Hausgerät  und  Einrichtungen  der  Stube  geht  ..  .«

Der  Prozeß  der  Französierung  im  deutschen  Elsaß.
  Aber  schon  war  der  Prozeß  der  Französierung
  in  raschen  Gang  gekommen.  In  etwas  mehr  als
zwei  Menschenaltern  wurde  das  Volk,  so  deutsch  es  in
Sprache,  Sitte,  Art  auch  noch  blieb,  doch  national,  politisch
  und  kulturell  in  seinen  führenden  Schichten  eine
Beute  des  Franzosentums,  ja  in  den  vierziger  und
fünfziger  Jahren  ging  es  einigen  Elsässern  schon  zu
rasch,  sie  bekamen  Angst  um  ihre  ihnen  noch  gebliebene
deutsche  Art  und  brachten  sich  und  den  Kranzofen
wieder  in  Erinnerung:  Wir  reden  Deutsch,  sind  geistig
Deutsche,  wenn  auch  politisch  Franzosen.  Aber  solche
gelegentliche  Erinnerungen  und  Mahnungen  einzelner
konnten  die  Entwicklung,  die  der  völligen  nationalen
und  auch  kulturellen  Verschmelzung  mit  französischem
Staat  und  Volk  zustrebte,  nicht  hindern.  So  hat  das
Jahr  1870  doch  ein  im  großen  und  ganzen  innerlich
französisch  gewordenes  Poie  angetroffen,  und  das
Deutsche  Reich  sah  sich  vor  keine  leichte  Aufgabe  gestellt,
  dieses  in  das  Franzosentum  so  stark  hineingewachsene,
  ursprünglich  doch  kerndeutsche  Volkstum
wieder  zurückzugewinnen.  Das  Ergebnis  der  an  die
kulturelle  nationale  Rückeroberung  gesetzten  Arbeit

I.  Politik  und  Geschichte

ist  bis  zum  Krieg  nicht  befriedigend  gewesen,  und
auch  der  Krieg,  in  dem  die  Elsässer  Seite  an  Seite  mit
den  Söhnen  aller  deutschen  Gaue  gegen  die  Franzosen
und  ihre  Verbündeten  kämpfen,  hat  es  noch  nicht  vermocht,
  daß  der  in  das  eljässische  Volkstum  ein-  und
durchgedrungene  französische  Sauerteig  entfernt  ward,
ja  die  letzten  Jahre  vor  Ausbruch  des  Krieges  hatten
wieder  gcn  eine  stärkere  Geltendmachung  und
Bewegung  dieser  französischen  Stoffe  in  dem  Organismus
  des  elsässischen  Bolkskörpers  gebracht.

Die  deutsche  Berwaltung.  Und  doch  hat  das
Deutsche  Reich  Elsaß-Lothringen  eine  Stellung  gegeben,
  die  Frankreich  ihm  nie  geben  konnte.  Als
man  unter  französischer  Herrschaft  aus  dem  Lande
drei  französische  Departements  gemacht  hatte,  die  genau
  wie  jedes  andere  von  der  Zentrale  Paris  aus  re-Lert
  wurden.  konnte  auf  elsässische  oder  lothringische

onderwünsche,  die  dem  deutschen  Grundcharakter
Rechnung  getragen  hätten,  nicht  Rücksicht  genommen
  werden;  noch  weniger  hatte  das  französische  Zentralisierungssystem
  der  Verwaltung  Raum  fürirgendwelche
  ernsthafte  selbständige  Betätigung  von  Behörden
  und  Körperschaften  in  diesen,  kulturell  und
geschichtlich  doch  ganz  anders  orientierten  Landesteilen.
am  Rhein  und  an  der  Mosel.  Im  Wesen  des  deutschen
  Föderativstaates  aber  lag  es,  daß  er  von  Anfang
  an  dem  Sondergeist,  der  heimischen  Art  und  überlieferung
  mehr  entgegenkommen  wollte  und  konnte.
So  hat  man  den  neu  gewonnenen  Gebieten  bald  nach
1871  die  Anlage  zur  Selbständigkeit  gegeben;  Reichsorgane
  und  Landesorgane  sollten  sich  in  die  Arbeit
der  Verwaltung  teilen.  Zuerst  überwogen  natürlich
die  ersteren.  Kaiser,  Kanzler,  Bundesrat,  Reichsamt.
Reichstag  waren  in  den  ersten  Jahren  in  der  Hauptsache
  für  die  gesetzgeberischen  Arbeiten,  den  höheren
Verwaltungsorganismus  die  entscheidenden  Faktoren:
mehr  und  mehr  ließ  man  dann,  da  sich  die  Verhältnisse
  allmählich  festigten  und  die  Stimmung  sich  beruhigte,
  Landesorgane  an  deren  Stelle  treten:  1875
schon  eine  eigene  Landesvertretung  von  58  Mitgliedern,
  aus  den  Bezirkstagen,  den  vier  größten  Städten
und  den  Landkreisen  hervorgehend;  1879  wurde  ein
Statthalter  mit  einem  eigenen  Ministerium  an  die
Spitze  gestellt;  1911  hat  man  Elsaß-Lothringen  die
lange  begehrte  Verfassung  gegeben,  durch  die  der  Landesausschuß
  in  eine  aus  zwei  Kammern  bestehende
richtige  Volksvertretung  umgebildet  wurde.  Für  die
Jweiue  Kammer  wurde  das  allgemeine  gleiche  direkte

ahlverfahren  eingeführt,  also  in  der  Hauptsache  das
Reichstagswahlrecht,  das  jeder  Elsaß-Lothringer  von
Anfang  der  deutschen  Herrschaft  hatte,  auch  auf  das
elsaß-lothringische  Staatsgebiet  ausgedehnt.  Elsaß-Lothringen,
  obwohl  es  staatsrechtlich  noch  Reichsland
blieb,  regierte  sich  selbst  und  erhielt  dadurch,  daß  es
Sitz  und  Stimme  im  Bundesrat  empfing,  auch  Anteil
  an  der  Gesamtregierung  des  Reiches.

Was  dem  Lande  noch  einen  auffälligen  Ausnahme-.
zustandscharakter  gab,  war  schon  früher  beseitigt  woren.

  So  bestand  z.  B.  der  sogenannte  Diktaturpararaph,

  der  den  Statthalter  ermächligte,  „bei  Gefahren
1  die  öffentliche  Sicherheit  alle  abregeln  ungesäumt
  zu  treffen,  die  er  zur  Abwendung  der  Gefahr
für  erforderlich  erachtete.  Dieser  Paragraph  ist  seit
1897  nicht  mehr  in  Anwendung  gekommen  und  seit
1902  aufgehoben.  Der  Paßzwang,  der  zur  Abwehr
  der  von  Frankreich  her  geschürten  Propagandatätigkeit
  eingeführt  wurde,  ist  seit  1891  nur  noch
gegen  militärpflichtige  Personen  angewandt  worden
        <pb n="25" />
        Kapp:  Das  deutsche  Elsaß

für  Vereine  gilt  das  allgemeine  Reichsvereinsgesetz;
nach  dem  Reichspreßgesetz  konnten  französische
Zeitungen  unbeschränkt  in  Elsaß-Lothringen  gedruckt
werden  und  erscheinen,  während  bekanntlich  in  Frankreich
  fremdsprachliche  periodische  Druckschriften  durch
einfache  Verfügung  verboten  werden  können  (Gesetz
vom  22.  Juli  1895).  Für  die  Bezirkstage,  die  die
Etats  für  die  Kommunalverwaltung  der  drei  Bezirke
(Ober-,  Unter-Elsaß,  Lothringen)  auf  dem  Gebiet  des
Landarmenwesens,  der  Irrenpflege,  des  Straßenbaues
  zu  bewilligen  haben,  gilt  das  allgemeine  gleiche
Wahlrecht,.  Die  Gemeindeordnung  von  1895,  die  für
die  Gemeinderäte  dasselbe  demokratische  Wahlrecht
vorsieht,  hat  den  Gemeinden  weitgehendes  Selbstverwaltungsrecht
  verliehen.  Danach  mag  man  ermessen,
was  es  mit  den  in  der  Welt  in  Umlauf  gesetzten
Schlagwörtern  der  Unterdrückung  und  Rechtlosigkeit
der  Elsaß-Lothringer  auf  sich  hat.

Wirtschaftliche  Entwicklung  unter  dentscher  Berwaltung.
  Wie  diese  großen,  durch  das  Reich  verliehenen
  Rechte  und  Freiheiten  Elsaß-Lothringen  weit  über
das  frühere  französisch-provinziale  Dasein  hinausgehoben
  haben,  so  setzte  mit  der  deutschen  Herrschaft
auf  allen  Gebieten  des  wirtschaftlichen  und  kulturellen
Lebens  eine  neue,  die  französische  Vergangenheit
mächtig  überholende  Entwicklung  ein.  Wie  sehr  die
wirtschaftliche  Hebung  des  Landes  seit  der  Wiederangliederung
  an  das  Reich  gefördert  wurde,  kann
man  schon  daraus  erschließen,  daß  die  Zahl  der  Eisenbahnkilometer
  von  1871—1910  um  173  Proz.  gestiegen
  ist,  für  die  Verbesserung  der  Schiffahrtskanäle
bis  zum  Jahre  1914:  100  Millionen  Mk.  aufgewandt
wurden;  1875  betrug  der  Güterverkehr  auf  den  Eisenbahnen
  510  ½  Tonnenkilometer  und  1912:  3252000;
auf  den  Wasserstraßen  hat  der  Verkehr,  der  1892:
1454  629  t  betrug,  im  Jahre  1913  die  Ziffer  von
4616865  t  erreicht;  der  Geschäftsumsatz  der  drei
Reichsbankanstalten  in  Straßburg,  Metz,  Mülhausen
ist  von  841,5  Millionen  im  Jahee  1876  auf  über
8  Milliarden  Mk.  im  Jahre  1912  gestiegen,  die  Spareinlagen
  von  7,4  Millionen  im  Jahre  1872  auf  177,8
Millionen  Mk.  im  Jahre  19121.

Die  Landwirtschaft  wurde  vor  allem,  dankdem
aus  Altdeutschland  eingeführten  Genossenschaftswesen,
dank  dem  landwirtschaftlichen  Unterricht,  der  Organisation
  landwirtschaftlicher  Kreisvereine,  auf  eine  Höhe
Lbracht,  wie  sie  die  französische  Zeit  nicht  kannte.

azu  schufen  die  deutsche  Bolgesetgebung  die  Über
das  ganze  Land  verstreuten  starken  Garnisonen  eine
Preisgestaltung  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse,  so
daß  die  Arbeit  des  Bauern  wie  niemals  vorher  gewinnbringend
  und  lohnend  wurde;  kein  Wunder,  daß
der  Wohlstand  der  Bauern  im  deutschen  Elsaß  in  zunehmendem
  Wachstum  begriffen  ist.

Ganz  neue  Ausblicke  für  die  wirtschaftliche  Zukunft
des  Landes  ergaben  sich  noch,  seitdem  in  den  letzten
Fahrsehaten  die  gewaltigen  Erzmengen  im  lothringischen
  Boden  durch  das  sogenannte  Thomasverfahren,
das  diese  Erze  von  dem  starken  phosphorhaltigen  Beisatz
  befreit,  so  ungeheuren  Wert  erhielten,  und  nun
altdeutsche  Unternehmungskraft  daranging,  diese  Bodenschätze
  zu  heben  und  zu  verarbeiten.  nfolne  der
in  unmittelbarer  Nähe  der  Erzgruben  aufgeschlossenen
Kohlenlager  konnte  in  Lothringen  sich  eine  Hüttenindustrie
  entwickeln,  die  in  einem  Zeitraum  von

1  Siehe  Näheres  in  Wohin  gehört  Elsaßs-Lothringen  #  von
G#gen  Elfässern,  herausgegeben  von  Friedr.  Lienhard  (Zürich  1915).

19

zwei  Jahrzehnten  der  Ausdehnung  der  rheinisch-westfälischen
  nahekam.  Was  Lothringen  in  seinen  Erzen
hatte,  fand  das  Elsaß  in  seinem  Kali,  das  seit  etwa
zehn  Jahren  in  ganz  überraschender  Mächtigkeit  in
der  Gegend  von  Mülpausen  efunden  wurde.  Seitdem
  die  altdeutsche  Hochfinanz  sich  diese  kostbaren  Werte

esichert  und  ihren  Abbau  in  Angriff  genommen,  hat
h  dort  im  Ober-Elsaß  ein  ganzneues  zukunftsreiches,
wirtschaftlich-industrielles  Leben  entfaltet,  das  für  die
infolgedes  Krieges  so  schwererschütterte  Textilindustrie
willkommenen  Ersatz  zu  bieten  geeignet  ist.  Wichtig
ist  vor  allem,  daß  diese  eine  neue  wirtschaftliche  Zukunft
  für  das  Land  verheißenden  Industrien  wesentlich
  von  deutschem  Kapital  und  deutscher  Unternehmungskraft
  genährt  werden,  während  die  alte  einheimische
  Textil--,  Glas-,  Porzellan-,  Maschinenindustrie
  und  andere  Fabrikations=  und  Handelsunternehmungen
  bis  vor  dem  Krieg  noch  viel  zu  sehr  in
den  Händen  der  Kreise  französischen  Kapitals  waren.
Das  hatte  zur  Folge,  daß,  soweit  der  Geltungsbereich
dieser  Wirtschaftsmächte  reichte,  das  Franzosentum
feste  Stützen  und  Grundlagen  im  Lande  besaß.  Die
Industriezentren  in  Mülhausen,  Kolmar,  Thann,  Gebweiler,
  Münster,  Markirch,  Grafenstaden,  im  Steintal,
  Breuschtal,  in  Münzthal,  Saargemünd  und  andere
  Orte  wurden  so  Mittelpunkte,  von  denen  aus  die
Pflege  der  französischen  Sprache  immer  neue  Nahrung
  empfing.

Franzosentum  unter  dentscher  Herrschaft.  Wenn
man  sich  darüber  klar  werden  will,  wie  es  kam,  daß
diese  inneigung  zum  Franzosentum  mit  den  Jahren
unter  deutf  cher  Herrschaft  sich  nicht  nur  zäh  erhielt,
sondern  immer  noch  weiter  um  sich  griff,  dann  wird
man  vor  allen  Dingen  die  bedeutsame  Rolle,  die  die
französische  Sprache  bei  dieser  Erhaltung  und
Befestigung  französischer  Sympathien  spielte,  gegenwärtighalten
  müssen.  Die  französische  Sprache  ist  im
19.  Jahrhundert  in  den  Kreisen  der  elsässischen  Bourgeoisie
  die  Bildungssprache  geworden  und  ist  es  erst
recht  geblieben  nach  1870.  Gewiß,  die  deutsch-elsässische
  Mundart  wurde  daneben  geduldet,  ja  vielfach
sogar  sorgsam  gepflegt  als  ein  Gondergut  das  doch
noch  einen  gewissen  Trennungsstrich  gegenüber  dem
Welschen  bezeichnete;  aber  es  blieb  doch  die  Sprache
des  Volkes  ,  das  Ausdrucksmittel  für  das  Gewöhnliche,
  Alltägliche,  Gemeine.  Für  alles  höhere,  geistiere,

  veredelte  Leben  schien  nur  die  feine,  gebildete
ranzösische  Sprache  das  angemessene,  würdige  Verständigungsmittel,
  das  in  der  Gesellschaft“  allein
Geltung  hatte.  So  hatte  das  Französische  von  Haus
aus  von  diesem  Herrschaftsbereich  in  dem  wohlhabenderen
  und  gebildeteren  Bürgertum  her  den  Zug  des
Vornehmen,  der  es  für  die  große  Masse  des  Volkes
wieder  so  wertvoll  und  erstrebenswert  machte.  Der
allgemeine  Volksinstinkt  strebte  dem  französischen
Sprachgut  entgegen,  weil  es  den  Eintritt  in  die  besseren
  Gesellschaftsschichten  am  ebelten  verbürgte  und
am  leichtesten  ein  gewisses  Maß  von  Bildung  und
Erkenntnis  vermittelte.  Je  mehr  so  die  unteren
Schichten,  vor  allem  auch  die  Bauern,  unter  dem
Banne  dieser  Anschauungen  standen,  daß  man  mit
der  Beherrschung  des  Französischen  in  Berührung
und  Gemeinschaft  kommt  mit  den  geistweitenden  Bildungs-
  und  Kulturkräften,  um  so  williger  ließen  sie
sich  den  von  den  oberen  Schichten  ausgehenden
Druck  gefallen,  der  das  Französische  für  jeden  Elsässer,
  der  etwas  von  unten  nach  oben  wollte,  zur
Pflicht  machte.  So  herrschte  in  bezug  auf  Schätzung

27
        <pb n="26" />
        20

der  französischen  Sprache  als  des  vornehmsten  Bildungsmittels
  in  allen  Kreisen  des  elsässischen  Volkes
  von  unten  bis  oben  volle  Übereinstimmung.
Die  Losung  der  Einführung  des  französischen  Unterrichts
  in  die  Volksschule  war  durchaus  volkstümlich.
Bei  dieser  Wertschätzung,  der  sich  die  französische
Sprache  im  Lande  erfreute,  war  man  natürlich  in  den
oberen  Ständen  sehr  dafür  interessiert,  daß  möglichst
viele  Kanäle  nach  Frankreich  zu  offengehalten  würden,
auf  denen  das  Gegenwärtige,  Lebendige  von  französischer
  Literatur,  Kunst,  Aoiu,  nationaler  Kultur
in  das  Land  einströmen  konnte,  und  dieses  Bedürfnis
  traf  mit  dem  starken  Ausdehnungstrieb  und  Geltungswillen
  französischer  Zivilisation  des  gegenwärtigen
  Frankreichs  zusammen,  so  daß  sich  aus  diesem
Zusammentreffen  beider  Strebungen  von  innen  und
von  außzen  eine  äußerst  rrfolgreiche  französische
Kulturpropagando  ergab,  die  in  den  mannizfaltigsten
  Formen  und  Veranstaltungen  auf  dem  Wege
der  Presse,  des  Vereinswesens,  des  Theaters  usw.  zur
Erscheinung  kam.  Maurice  Barres  hat  dieser  rührien,
  im  Elsee  naturgemüß  einen  fruchtbaren  Boden
denden  Propagandatätigkeit  mit  seinem  glänzenden
Namen  besonderen  Nachdruck  und  Erfolg  verliehen.
In  dem  Kreis,  der  sich  um  die  Revue  alsacienne  in
Straßburg  herum  bildete,  fand  diese  Bewegung  ihre
treibende  Kraft  und  ihren  belebenden  Mittelpunkt.
Je  mehr  aber  diese  französische  Kultur=  und  Sprachenbestrebungen
  sich  durchsetzten,  desto  mehr  wurde  man
sich  auch  bewußt,  daß  man  in  einer  im  Widerspruch
mit*dieser  französischen  Kulturbewegung  stehenden  Umwelt
  stand.  So  wurde  das  natunhaft  Deutsch-Elsässische,
  das  Deutschtum  der  Altdeutschen,  der  in  der  deutschen
  Wissenschaft,  in  deutschem  Schrifttum,  deutscher
Kunst  unddeutschem  öffentlichen  Leben  sichkundgebende
Deutschwille  mehr  und  mehr  als  etwas  Fremdes,
Störendes,  Hemmendes,  ja  Feindliches  empfunden;
man  fühlte  sich  mit  dem  französischen  Herzen  in  dem
deutschen  Elsaß  nicht  mehr  zu  Hause.  Die  meisten  dieser
nach  Frankreich  neigenden,  im  Bannkreis  der  französischen
  Ideen  lebenden  Elsässer  entschlossen  sich  unter
diesen  Umständen  zu  einem  mehr  oder  minder  schwächlichen
  Kompromiß,  und  so  kam  das  zwiespältige,  zwitterhafte,
  geteilte  Wesen  des  heutigen  Elsässers,  der
zwischen  französischen  und  deutschen  Stimmungen  unentschieden
  hin  und  her  schwankt,  heraus.  Was  im
Elsässertum  nach  Einheit,  nach  klarer  und  entschledener
  Ausgeglichenheit  strebte,  konnte  bei  solchem  Kompromiß
  nicht  stehenbleiben  und  schlug  sich  entschlossen
anz  auf  die  französische  oder  ganz  auf  die  deutsche
Seite;  es  bildete  sich  ein  ausgesprochenes  Nurfranzosen=
  und  ein  scharf  ausgeprägtes  Deutsch-Elsässertum;
  freilich  lag  das  Nurfranzosentum  mehr  als
das  Nurdeutschtum  in  der  Richtung  der  ganzen  herkömmlich
  französierenden  Strebung.  Diese  entschiedenen
  Deutsch-Elsässer  bildeten  unter  den  Einheimischen
doch  nur  eine  Minderheit,  die  unter  dem  Einflusse
des  Kriegsereignisses  allerdings,  wie  anzunehmen  ist,
Verstärkung  erfahren  hat.

Danach  darf  man  im  elfässischen  Volk,  abgesehen
von  dieser  Auswahl  von  deutschgesinnten  Elsässern,
nicht  ein  eigentlich  nationaldeutsches  Empfinden  fuchen;
  es  war  vor  dem  Krieg  nicht  in  der  breiten  unteren,
  nicht  in  der  mittleren  und  oberen  Schicht  und  ist
auch  im  Krieg  nicht  entstanden.  Das  ist  indes  nichts
Auffallendes.  Das  nationale  Fühlen  ist  auch  sonst  in
Deutschland  nicht  ohne  weiteres  ein  selbstverständlicher
Besitz  der  Gesamtheit.  Aber  von  einem  einflußreichen,

I.  Politik  und  Geschichte

das  Ganze  bestimmenden  Kern  aus  wirken  hier  die
nationalen  Strahlungen  auch  auf  die  Masse.  Diese
Schichten,  die  sonst  in  Deutschland  das  Vaterländische
in  besonderer  Verwahrung  und  Pflege  haben,  entbehren
  im  Elsaß  durchaus  des  Organs  für  das  Nationale,
  werden  am  allerwenigsten  durch  vaterländischdeutsches
  Empfinden  bestimmt.  Das  ist  begreiflich,  wenn
man  erwägt,  daß  das  bewußt  nationale  Leben  im
wesentlichen  ein  Erzeugnis  der  geet  nach  der  französischen
  Revolution  ia.  und  in  dieser  für  das  Entstehen
des  Nationalbewußtseins  so  wichtigen  Epoche,  da  das
gebildete  Deutschland  in  größerem  Uulfange  von  dem
nationalen  Geist  ergriffen  wurde,  war  das  Elfaß  auf
der  anderen  Seite  und  geriet  da  auch  ganzin  den  Bannkreis
  des  neufranzösischen  Nationalbewußtseins.  Um
so  leichter  ließ  sich  das  elsässische  Bürgertum  von  diegen
  französischen  Nationalgeist  ergreifen,  als  dessen
räger  in  der  Hauptsache  von  dem  bürgerlich-liberalen
Volkselement  gestellt  wurden.  Das  Zusammenwachsen
  des  elsässischen  Bürgertums  mit  Bedürfnissen  und
Interessen  der  französischen  Bourgeoisie  hat  dann  vor
allem  den  nationalfranzösischen  Geist  in  das  deutsche
Elsaß  einströmen  lassen.  Unter  der  Nachwirkung  dieses
  Prozesses  stehen  wir  heute  noch;  das  Bürgertum
des  Elsaß,  das  die  nationale  Neugeburt  des  19.  Jahrhunderts
  als  Glied  des  französischen  Nationalstaates
erlebte,  hat  in  seiner  Mehrheit  in  diesen  40  Jahren
die  Richtung  auf  das  Nationaldeutsche  noch  nicht
efunden,  nite  finden  können.  Vielmehr  hat  in  dieer
  Zeit  sich  gerade  ein  Wesenszug  im  Elsässertum
herausgebildet,  der  einer  Verschmelzung  mit  dem  deutschen
  Volkstum  und  Reich  wieder  hindernd  im  Wege
tehen  mußte;  in  der  deutschen  Periode  hat  das  els  l
ische  Selbstbewußtsein  ein  starkes  elsässisches
Stammesgefühl  zur  Entwicklung  gebracht.
Elsässischer  sortilniarsuge  Die  Vorbedingunen
  zu  diesem  Partikularismus  waren  ja  auch
in  der  französischen  Zeit  gegeben.  Man  unterschied
sich  immer  gern  von  den  Welschen;  aber  das  einheitliche,
  geschlossene,  ausgeglichene  Franzosentum
und  der  straff  organisierte  französische  Zentralstaat
konnten  solche  Anlagen  und  Stimmungen  nicht  fördern.
  Anders  war  es,  als  der  Elsässer  mit  dem  vielsäuigen
  partikularistisch  gestimmten,  individualiierten
  Deutschtum  und  Staatenwesen  zusammenkam,
da  mußten  alle  jene  partikularistisch  elsöfüchen  Sondergefühle
  herausgefordert  werden.  Dazu  ergoß  sich
ein  für  ein  so  kleines  Land  schier  zu  großer  Einwandererstrom
  in  das  Elsaß;  er  hatte  zunächst  vor
allem  zur  Folge,  daß  die  Einheimischen  vor  dem  fremden
  Zustrom  sich  mehr  auf  sich  selbst  zurückzogen  und
sich  mehr  und  mehr  von  den  Eingewanderten  unterschieden.
  So  bildete  sich  das  Bewußtsein  des  Andersartigen,
  und  das  Bewußtsein  des  Andersartigen  trieb
sie  erst  recht  dazu,  dem  Andersartigen  das  Fremdartige
  unterzuschieben  und  zur  Unterscheidung  von  dem
Altdeutschen  das  französische  Erbe  jetzt  erst  recht
hervorzuholen  und  als  das  elsässische  Wesensmerkmal
  zu  betonen  und  zu  pflegen.

Dazu  kam,  daß  die  staatsrechtliche  Form  des
Reichslandes,  die  das  Land  immer  mehr  auf  sich  selbst
stellte  und  dem  Wesen  des  Bundesstaates  annäherte,
auf  die  Dauer  notwendig  auf  das  Volk  in  der  Richtung
  wirken  mußte,  daß  es  sich  als  ein  von  den  übrigen
  partikularistischen  Staatsvölkern  unterschiedenes,
eigenes  Individualvolk  fühlte  und  so  dahin  gedrängt
wurde,  nach  angemessenem,  entsprechendem  Inhalt
für  dieses  sein  eigenartiges  völkisches  partikularistisches
        <pb n="27" />
        Kapp:  Das  deutsche  Elsaß

Selbstbewußtsein  zu  suchen.  Und  dieser  Inhalt  konnte
nach  Lage  der  Dinge  nur  wiederum  in  dem  gefunden
  werden,  was  das  Elsaß  abseits  von  der  deutschen
  Entwicklung  in  der  Verbindung  mit  Frank-=reich
  geworden  war.  In  diesem  französischen  Stoff
von  Sprache,  Kultur,  geschichtlicher  Erinnerung
glaubte  man  gegenüber  dem  starken  Ich=  und  Selbstgefühl
  der  Altdeutschen  ein  Gegengewicht  gefunden
zu  haben,  das  stark  genug  schien,  dem  Elsässer  gegenüber
  dem  hinzugekommenen  fremden  Element  einen
Rückhalt,  ja  in  gewisser  Beziehung  eine  überlegenheit
zu  bieten.  Auf  diesem  ganz  natürlichen  Wege  bekam
so  das  deutsche  Elsaß  gerade  unter  der  deutschen
Herrschaft  eine  franzößsche  Auffärbung.  die  es  in  der
Art  vielleicht  vor  1870  nicht  hatte,  obwohl  damals
zahlenmäßig  die  französische  Sprache  bei  Behörden,
Geschäften,  Tsellschafttichen  Zirkeln  mehr  vorherrschend
  war.  Der  Französierungsprozeß  im  Elsaß  war
eine  notwendige  Folge  oder,  wenn  man  so  will,  eine
notwendige  Begleiterscheinung  des  durch  das  Wesen
deutschen  Voltsums  und  Staatswesens  hervorgerufenen
  und  genährlen  elsässischen  Partikularismus.  Es
war  dann  diese  französische  TDönung  in  gewissem  Sinn
ein  Kampf=  und  Schußmittel  mittels  dessen  man  sich
in  der  Gesamtfamilie  der  Deutschen  als  ein  ebenbürtiges,
  gleichwertiges  Stammesindividuum  behaupten
wollte.  Sowie  also  mit  dem  Erwachen  des  selbständigen
  politischen  Lebens  im  Elsaß  die  Parteien,
die  Presse  sich  in  den  Dienst  des  partikularistischen
Gedankens  stellten,  mußten  die  französierenden  Stimmungen
  unter  der  Wirkung  der  Partei  und  Preßtätigkeit
  besonders  aufleben.  Je  intensiver  das  politische
  Leben  im  Lande  wurde  und  damit  im  Zusammenhang
  der  partikularistische  Wille,  desto  stärker
trat  die  französierende  Bewegung  und  Stimmung  als
Ausdrucksform  des  elsässischen  Partikularismus  heraus.
  Sie  ist  nicht  von  außen  hineingetragen,  sie  ist
von  innen  erwachsen.  Daß  natürlich  dieses  partikularistische,
  in  französischer  Gewandung  gern  einherschreitende
  Elsässertum  in  nicht  wenigen  seiner  Vertreter
anz  von  dem  Vollfranzosentum  verschlungen  ward,
ist  nur  zu  sehr  begriflcch  Denn  diesem  ganzen  Prozeß
  der  geistig-politischen  Selbstbewegung  des  Elsässertums,
  das  durch  übernahme  von  Fremdstoffen  sich
einen  Halt  zu  geben  suchte,  haftete  innerlich  so  viel
Unklares  und  Unwahres  an,  daß  gerade  die  stärkeren,
ielbewußteren  Geister  aus  dieser  geistigen  Luft  nach

arheit  und  Wahrheit  strebten  und  sie  entweder  im
völligen  Franzosentum  oder  im  eindeutigen  Deutschtum
  fanden.  Aber  die  Hauptströmung,  wie  sie  in  der
Masse  des  Bürgertums  bis  in  das  Bauerntum  und
in  die  Arbeiterwelt  vertreten  ward,  ging  in  der  Richtung
  der  Herausbildung  des  französisch-deutschen
Mischcharakters,  in  dem  man  die  Legitimation  für  das
Streben  nach  dem  individuellen  Volks=  und  Staatsdasein
  sich  verschaffen  wollte.  Wäre  die  Entwicklung
weiter  friedlich  verlaufen,  wäre  es  sogar  zu  der  von
den  Demokratien  beider  Länder  gerade  vor  dem  Kriege

21

erstrebten  Verständigung  zwischen  Frankreich  und
Deutschland  gekommen,  so  lag  die  Verwirklichung  des
Traumes  der  Bildung  eines  französisch  -deutschen
Volks=  und  Staatsgebildes,  das  die  Brücke  bilden  sollte
zwischen  den  zwei  fremden  Welten,  der  romanischen
und  der  germanischen,  nicht  so  x  außer  dem  Bereich
der  Möglichkeit.  Aber  daß  die  Verwirklichung  dieses
Brückenideals  für  das  Deutschtum  in  der  Westmark
auch  tödlich  sein  mußte,  bedarf  keines  Nachweises.
Das  Deutsche  ist  bei  solcher  noch  dazu  so  gezwungenen
Verbindung  stets  der  schwächere  Teil.

Nun  hat  der  Krieg  anders  entschieden.  Die  furchtbare
  Katastrophe  bedeutet  das  Ende  dieser  von  Anfang
  an  falsch  angelegten  Entwicklung.  Jetzt  war  mit
einemmal  nur  die  Frage  gestellt:  Franzosentum  oder
Deutschtum;  nach  dem  Krieg  wird  durch  den  Zwang
der  Tatsachen  immer  wieder  jeder  Elsässer  sich  vor
diese  Frage  gestellt  sehen;  sie  wird  zunehmend  im  deutschen
  Sinne  gelöst  werden.  Das  gemeinsame  schwere
Schicksal  wird  trotz  des  Aufwühlens  alter  Gegensätze
und  Abneigungen  schließlich  doch  mehr  nach  der  deutschen
  Seite  hin  wirken.  Die  Nötigung,  das  elsässische
Bewußtsein  mit  französischem  Inhalt  zu  füllen,  wird
geringer  werden  und  erst  recht,  wenn  der  eigene  Staat
gahinhaur  und  man  nicht  mehr  vor  die  schwere  Aufgabe,
  ein  elsässisches  oder  exsaßelothringisch  Staats.
volk  werden  zu  müssen,  gestellt  wird.  Mit  dem  Wegfall
  dieser  Last  fällt  auch  ein  gut  Stück  des  Zwanges,
sich  nach  charakteristischem  Kulturgehalt  von  auhen
für  diese  Staats-  und  Volkspersönlichkeit  umzusehen:
Elsaß  als  Teil  eines  deutschen  Bundesstaates,  ein
deutsches  Elsaß.

Literatur.  Zur  elsässischen  Frage:  Lorenzu.  Scherer,
Geschichte  des  Elsaß  (Berk.  1872);  Graf  Eckbrecht  v.  Dürckheim,
  Erinnerungen  (Stuttg.  1891);  Julius  Petersen,
Das  Deutschtum  in  Elsaß-Lothringen  (Münch.  1902);  Werner
  Wittich,  Deutsche  und  französische  Kultur  im  Elsaß
(Straßb.  1900);  Derselbe,  Kultur  und  Nationalbewußtsein
im  Elsaß  (Revue  Alsacienne=  XI,  1909);  Hans  Spieser,
Elsaß-Lothringen  als  Bundesstaat  (Berl.  1908);  Wilhelm
Kapp,  Das  Elsässische  Bürgertum  (Straßb.  1908);  Fritz
Kiener,  Die  Elsässische  Bourgeoisie  („Revue  Alsacienne
XI,  1909);  H.  Ruland,  Deutschtum  und  Franzosentum
in  Elsaß-Lothringen  (Kolmar  1908);  R.  Guerrier,  Aus
Vergangenheit  und  Gegenwart  des  Elsasses  (Stuttg.  1908);
Paul  Grünberg,  Zur  elsässischen  Lage  und  Frage  (Straßb.
1908);  F.  Eccard,  Die  französische  Sprache  im  Elsaß
(„Revue  Alsaciennee  XII,  1910);  Wilhelm  Kapp,  Zur
elsässischen  Kulturfrage  („Preußische  Jahrbücher,  Bd.  39,
2.  Heft  1910);  Otto  Flake,  Elsässertum  („Revue  Alsacienne“
  XII,  1910);  Wilhelm  Kapp,  Das  Elsaß  (vPatriac,
  1911).  —  Während  des  Krieges:  Von  einigen  Elsässern,
  Wohin  gehört  Elsaß  =  Lothringen?  Herausgegeben
von  Friedr.  Lienhard  (Zürich  1915);  Friedr.  Lienhard,
Welttrieg  und  Elsaß-Lothringen  (Berl.  1916);  Wilhelm
Kapp,  Die  Westmark  des  Deutschen  Reiches  in  Vergangenbet
  und  Gegenwart  (das.  1916);  E.  v.  Borries,  Eineitung
  zu  deutscher  Dichtung  im  Elsaß  von  1815—  1870
(Swaße,  1916);  Gustav  Anrich,  Deutsche  und  französische
  Kultur  im  Elsaß  (das.  1916);  Herm.  Wendel,  Elsaß-Lothringen
  und  die  Sozialdemokratie  (Berl.  1910).
        <pb n="28" />
        22

Osterreich-Angarns  Verfassung  und
Berwaltung
von  Professor  Dr.  Berthold  Bretholz  in  Brünn

1  Die  geschichtlichen  Grundlagen  (1526—
1848).  Der  habsburgische  Großstaat  „Österreich-Ungarn
  entstand  unter  dem  Drucke  der  osmanischen
Gefahr.  Nach  dem  Tode  ihres  gemeinsamen  Königs
Ludwig  II.(1526)  erwählten  die  Böhmen  und  Ungarn
Ferdinand  I.,  den  Bruder  Kaiser  Karls  V.,  zu  ihren
Herrscher,  der  als  Erzherzog  von  Osterreich  den  größten
  Verband  deutscher  Fürstentümer  im  Reich  regierte.
Erhatte  sich  allmählich  durch  Angliederung  von  Steiermark,
  Kärnten.  Krain,  Tirol.  Istrien,  Triest,  Görz,
Gradisca,  Vorarlberg  an  das  alte  Kernland  der  Ostmark,
  Nieder=  und  Oberösterreich,  gebildet  und  sollte
sich  nunmehr,  obwohl  der  größte  Teil  Ungarns  in
türkischem  Besitz  war,  verdoppeln.  Allein  der  Anschluß
Böhmens  und  Ungarns  bedeutete  zunächst  nur  ein
Nebeneinanderleben  dreier  in  jeder  Beziehung  grundverschiedenen
  Ländergruppen  —  denn  auch  die  Königreiche
  Böhmen  und  Ungarn  hatten  ihre  angegliederten
  Gebiete  —  unter  einem  gemeinsamen  Fülrsten,  eine
Personalunion.  Die  Eigenart  der  staatlichen  Einrichtungen,
  die  Verschiedenheit  in  Sprache,  Recht,  Kultur
ers  chwerten  jede  Annäherung.  Aber  dynastische  Rücksichten,
  das  Bestreben  der  Habsburger,  vor  allem  die
Erbfolge  in  allen  drei  Gebieten  gleichmäßi  zu  gestalten
  und  zu  sichern,  bahnten  den  Weg  zur  Realunion.

Ursprünglich  galt  in  Böhmen  und  in  Ungarn  —
wenn  es  auch  Ferdinand  I.  nicht  ohne  Grund  nur
widerwillig  anerkannte  freies  Wahlrecht  der  Stände,
in  Osterreich  dagegen  Erbrecht  des  ganzen  Hauses
ohne  jede  Einflußnahme  der  Stände.  In  Böhmen
setzte  wohl  schon  Ferdinand  I.  1547  (nach  Mühlberg),
noch  bestimmter  Ferdinand  II.  1627  in  der  »Verneuerten
  Landesordnunge  und  in  Ungarn  Leopold  I.
1687  (nach  den  Türkensiegen  des  Prinzen  Eugen)  die
Anerkennung  des  Erbrechtes  seines  Hauses  durch.
Allein  endgültig  und  einheitlich  wurde  die  Erbfolge
erst  durch  Karl  VI.  geregelt,  als  er  am  19.  April  1713
das  Hausgesetz  über  die  Erbfolge  als  sanctio  pragmatica
  und  lex  perpetuc  Valitura  erließ  und  es  durch
feierliche  und  bindende  Zustimmungen  jedes  einzelnen
Landes,  die  zwischen  1720  und  1722  erfolgten,  auch
zum  Landes=  bzw.  ersten  österreichischen  Staatsgrundgeseß
  erhob.  Diese  noch  heute  in  Kraft  stehende  =  Pragmatische
  Sanktion  bestimmte  ungeteilte  Vererbung
des  gesamten  Ländergebiets  zuerst  in  männlicher,  dann
in  weiblicher  Linie  nach  dem  Rechte  der  Erstgeburt.

Ein  zweites  einigendes  Band  legte  sich  um  die  drei
Ländergruppen  durch  die  Errichtung  gemeinsamer
landesfürstlicher  Behörden  für  bestimmte  Verwaltungsgebiete:
  Auswärtige  Angelegenheiten,  landesfürstliche
  Finanzen,  oberste  Leitung  des  Heerwesens,
deren  einheitliche,  von  den  Ständen  der  einzelnen  Länder
  unabhängige  Ordnung  gleichfalls  im  dynastischen
Interesse  begründet  lag.  Auch  diese  Entwicklung  beginnt
  schon  unter  Ferdinand  L,  wird  unter  Ferdinand
  II.  nach  der  Vernichtung  des  alten  böhmischen
und  mährischen  ständischen  Adels  bedeutend  gefördert,
aber  erst  durch  die  zentralistische  Verwaltungsreform
unter  Maria  Theresia  und  Joseph  II.  zu  einem  vorläusigen
  Abschluß  gebracht,  doch  nur  in  den  österreichicchen
  und  böhmischen  Ländern,  nicht  auch  in  jenen  der
ungarischen  Krone.  Denn  alle  Versuche  Josephs,  die
neuen  Zentralbehörden  und  die  einheitliche  deutsche

I.  Politik  und  Geschichte

Staatssprache  auch  in  Ungarn  einzuführen,  schlugen
fehl.  Leopold  II.  mußte  dem  Widerstand  der  Stände
nachgeben  und  die  staatliche  Selbständigkeit  Ungarns,
die  Unabhängigkeit  seiner  Gesetzgebung  und  Verwaltung
  1791  anerkennen.  Und  auch  die  Annahme  des
österreichischen  Kaisertitels  durch  Franz  I.  (1804),  die
Auflösung  des  Deutschen  Reiches  (1806)  und  der  Beitritt
  Osterreichs  mit  den  zum  ehemaligen  Deutschen
Reich  gehörigen  Ländern  zum  Deutschen  Bund  (1815)
änderten  an  diesem  gleichsam  dualistischen  Verhältnis
nichts  mehr.  Erst  mit  dem  Jahre  1848  beginnen
Versuche,  dieses  System  “l  durchbrechen.

II.  Die  Berfassaun  ämpfe  zwischen  1848  und
1867.  Der  in  den  Märztagen  1848  in  Osterreich
und  in  Ungarn  allenthalben  gestellten  Forderung
nach  Verfassungen  wurde  von  der  Regierung  Kaiser
Ferdinands  I.  in  verschiedener  Weise  entsprochen.  Für
Ungarn  wurden  schon  am  11.  April  jene  31  Gesetze
sanktioniert,  die  der  am  12.  November  1847  in  Preßburg
  eröffnete  Reichstag  beschlossen  hatte  und  die  den
Namen  der  Ungarischen  Verfassung  von  1848°%
führen.  Durch  sie  wurde  von  neuem  die  Unabhängigkeit
  und  Selbständigkeit  des  ungarischen  Staates  (Ungarn,
  Kroatien,  Slawonien,  Siebenbürgen)  festgesetzt,
eine  Gemeinschaftlichkeit  mit  den  österreichischen  Ländern
  nur  in  bezug  auf  die  regierende  Dynastie  gemäß
  den  Bestimmungen  der  Pragmatischen  Sanktion
anerkannt  und  eine  Regentschaft  durch  einen  vom
Reichstag  zu  wählenden  Palatin  schon  für  den  Fall
vorgesehen,  daß  der  König  außer  Landes  weile.  Für
die  österreichischen  Länder  erließ  die  Regierung  Ferdinands
  am  25.  April  1848  eine  Verfassung  (Pillersdorfsche
  Verfassung),  die  aber  vor  ihrem  Inkrafttreten
von  einer  konstituierenden  Reichsversammlung  durchberaten
  werden  sollte.  Diese  begann  am  22.  Juli  ihre
Tätigkeit  in  Wien,  wurde  später  nach  Kremsier  verlegt
  (Kremsierer  Reichstag),  wo  sie  zuerst  das  wichtige
Gesetz  Über  die  Grundentlastung,  Ablösung  der  Robot
und  Aufhebung  der  patrimonialen  Gerichtsbarkeit  fertigstellte,
  das  auch  die  kaiserliche  Sanktion  erlangte
(7.  September  1848).  Dagegen  kam  der  in  Kremsier
tatsächlich  ausgearbeitete  Verfassungsentwurf  nicht  zur
Durchführung.  Der  junge,  am  2.  Dezember  1848  nach
Abdankung  seines  Oheims  zur  Negierung  gelangte
Kaiser  Franz  Joseph  I.  löste  die  Kremsierer  Versammlung
  auf  und  erließ  eine  Reichsverfassung  (März-Velhaffung
  vom  4.  März  1849),  die  für  alle  seine
Länder,  Ungarn  mit  eingeschlossen,  gelten  sollte.  Doch
trat  sie  nie  in  Kraft;  durch  kaiserliches  Patent  vom
31.  Dezember  1851  wurde  sie,  ebenso  die  ungarische
1848er  Verfassung,  aufgehoben.  Die  Zeit  des  zentralistischen
  Absolutismus  begann.  Ein  „Reichsrat-,
dessen  Mitglieder  vom  Kaiser  allein  ernannt  wurden,
wurde  als  bloßer  Rat  der  Krone  eingesetzt,  ein  Ministerium,
  das  -allein  und  ausschließende  dem  Monarchen
  verantwortlich  war,  leitete  die  Verwaltung
nach  den  gleichzeitig  erlassenen  »Grundsätzen  für  organische
  Einrichtungen  in  den  Kronländern  des  österreichischen
  Kaiserstaatese.  Nach  dem  unglücklich  geführten
  Krieg  von  1859  trat  der  Rückschlag  ein.  Zuerst
  wurde  (5.  März  1860)  der  -Reichsrat-=  durch
neue  Mitglieder  ergänzt,  darunter  38  aus  den  Landesvertretungen,
  und  tagie  als  verstärkter  Reichsrate
vom  31.  Mai  bis  29.  September.  Seiner  Tätigkeit
entsprang  das  am  20.Oktober  1860  erlassene  Oktoberdiplom,
  durch  das  die  Neuordnung  der  inneren  Verhältnisse
  der  Monarchie  eingeleitet  wurde.  Es  verfügte
  vor  allem  die  Schaffung  eines  Gesamtreichsrats
        <pb n="29" />
        Bretholz:  Osterreich-Ungarns  Verfassung  und  Verwaltung

von  100  Mitgliedern  für  sämtliche,  auch  die  ungarischen
  Länder,  daneben  einen  engeren  Reichsrat  für
die  nichtungarischen.  Allein  schon  am  26.  Februar
1861  erschien  ein  kaiserliches  Patent  (Februar-Patent),
das  abgesehen  von  anderen  Bestimmungen  auch  die
Beichspertretung  auf  eine  neue  Grundlage  stellte,  indem
  es  eine  zweikammerige  Reichsvertretung,  Herrenhaus
  und  Abgeordnetenhaus,  für  alle  Königreiche  und
Länder  vors  ah  Dieser  Gesamtreichsrat  trat  wohl  am
1.  Mai  1861  zusammen,  blieb  aber  vom  Anfang  an
ein  Torso,  da  die  Vertreter  Ungarns,  Lombardo--Venetiens,
  Kroatiens  in  den  Sitzungen  des  Abgeordnetenhauses
  nie,  die  Siebenbürgens  nur  kurze  Zeit  erschienen,
der  ungarische  Landtag  Überdies  die  gesetzgeberische
Kompetenz  dieses  Reichsrates  über  die  ungarischen
Länder  bestritt  und  die  Wiederherstellung  der  ungarischen
  1848er  Verfassung  forderte.  Aber  auch  in
mehreren  österreichischen  Ländern  erhob  sich  Widerstand
  gegen  das  Februar-Patent,  weil  die  dem  engeren
Reichsrat  eingeräumten  Befugnisse  die  Rechte  der
Landtage  einschränkten.

Diese  Schwierigkeiten  veranlaßten  die  Sistierung
der  Verfassung  (20.  September  1865)  und  Einberufung
  des  ungarischen  Reichstags  (14  Dezember)  behufs
  -Verständigung  mit  den  legalen  Vertretern  Meiner
  Bölker  in  den  östlichen  Teilen  des  Reichese.  Doch
blieben  die  Verhandlungen  erfolglos,  und  erst  nach
dem  Krieg  von  1866  kameen  diese  fast  zwanzigjährigen
Verfassungswirren  zu  einem  Abschluß  durch  dens  ogenannten
  üerreichisch-ungarlschen  Ausgleich
vom  Jahre  1867.

Während  in  Osterreich  die  Verfassungssistierung  in
Kraft  blieb,  ernannte  der  Kaiser  für  Ungarn  am  17.
Februar  1867  ein  selbständiges  Ministerium,  ließ  sich
am  8.  Juni  in  Budapest  zum  un  arischen  König  krönen
  und  sanktionierte  die  mittlerweile  von  einem
eigens  hierzu  eingesetzten  Reichstagsausschuß  ausgearbeitete
  neue  Verfassung  der  16  Gesetzartikel.  Sie
regeln  die  Beziehungen  zwischen  Drnes-  und  Unarn

  einer-,  zwischen  den  Ländern  der  ungarischen
one  und  den  Übrigen  anderseits.  In  letzterer  Hinsicht
  istes  insbesondere  der  12.  Gesetzartikel  (sanktiontert
am  12.  Juni  1867),  der  die  Behandlung  der  beiden
Reichshälften  gemeinsamen  Angelegenheiten  festsetzte.
Allein  diese  gesetzlichen  Bestimmungen  erfolgten  entgegen
  der  im  Sistierungspatent  gemachten  Zusage
ohne  jede  Mitwirkung  »der  legalen  Vertreter  der
andern  Königreiche  und  Länder“.  Denn  der  für
diesen  Zweck  bereits  für  den  25.  Februar  1867  auseschriebene
  „  außerordentliche  Reichsrate  trat  nie  zuammen,
  und  das  am  22.  Mai  eröffnete  österreichische
Parlament  stand  vor  unabänderlichen  Abmachungen
zwischen  Ungarn  und  der  Krone,  die  eine  Umänderung
des  Februar-Patentes  notwendig  machten.  Diese  erfolgte
  in  den  zwischen  der  österreichischen  Regierung
und  dem  Parlament  vereindarten  Staatsgrundgesetzen,
  die  am  21.  Dezember  1867  beschlossen  wurden
und  als  österreichische  Dezember-Verfassunge  bezeichnet
  werden.  Nur  eines  derselben  betrifft  »die  allen
Ländern  der  österreichischen  Monarchie  gemeinsamen
Angelegenheiten  und  die  Art  ihrer  Behandlunge,  entspricht
  also  dem  12.  ungarischen  Gesetzartikel,  ohne
aber  in  der  Textierung  und  manchen  Einzelheiten  mit
ihm  überein  zustimmen.  Durch  dieses  korrespondierende
Gesetz  wird  der  Dualismus  Osterreich-Ungarns  begründet,
  während  im  übrigen  die  beiden  grundlegenden
  Verfassungen  von  1867  für  Ungarn  und  für
Osterreich  voneinander  vollkommen  unabhängig  sind.

28

III.  Die  österreichische  1867er  Verfassung  und
ihre  weitere  Entwicklung.  Erst  durch  das  kaiserliche
Handschreiben  vom  11.  Oktober  1915  ist  mit  der  Erneuerung
  des  Wappens  der  österreichischen  Länder
der  Name  Osterreiche,  der  allerdings  schon  seit  Bezinn
  der  Verfassungszeit  geläufig  war,  für  »die  im

eichstag  vertretenen  Königreiche  und  Länder-,  wie
es  früher  hieß,  amtlich  fesigelegt  —  ein  Schritt  weiter
in  der  Stärkung  des  zentralistischen  Gedankens  gegenüber
  föderaltstclchen  Bestrebungen,  die  von  jeher  der
ruhigen  inneren  Entwicklung  dieses  Staates  entgegenstehen.
  Denn  nach  der  Dezember=  Verfassung  kann
Osterreich  nicht  schlechtweg  als  Einheitsstaat  bezeichnet
werden,  da  sich  in  Gesetzgebung  und  Verwaltung  neben
Überwiegenden  zentralistischen  auch  eine  Anzahl  wichtiger
  dezentralistischer  (föderativer,  autonomer)  Merkmale
  nachweisen  lassen.

1)  Der  Reichsrat.  Der  Wirkungzkreis  dieser
vom  Kaiser  alljährlich  einzuberufenden  gemeinsamen
Vertretung  der  17  zugehörigen  Länder  ist  in  der  Verfassung
  genau  umschrieben  und  betrifft  die  allen  Ländern
  gemeinschaftlichen  Angelegenheiten.  Der  Reichsrat
  besteht  aus  zwei  Kammern,  dem  mehr  aristokratischen,
  aus  erblichen  und  150—  170  lebenslänglich
vom  Kaiser  ernannten  Mitgliedern  sich  zusammensetzenden
  Herrenhaus  und  dem  mehr  demokratischen
Abgeordnetenhaus.  Erst  seit  1878  besteht  für  dieses
anstatt  der  friüheren  Beschickung  durch  die  Landtage
das  direkte  Wahlrecht,  wodurch  das  Abgeordnetenhaus
  von  den  in  den  Landtagen  jeweilig  herrschenden
  Richtungen  unabhängig  ist.  Zugleich  wurde  damals
  die  ursprüngliche  Zäht  von  203  Mitgliedern
auf  253,  im  J.  1896  durch  die  Einfügung  der  allgemeinen
  Kurie  auf  425  und  1907  anläßlich  der  Einführung
  des  allgemeinen  gleichen  und  direkten  Wahlrechts
  auf  516  erhöht.  Das  aktive  Wahlrecht,  von
dem  das  Militär  ausgeschlossen  ist,  haben  männliche
österreichische  Staatsbürger  über  24  Jahre  mit  mindestens
  einjähriger  Ansässigkeit  in  der  Wahlgemeinde;
beim  passiven  Wahlrecht  sind  dreijährige  Ansässigkeit
und  das  30.  Lebensjahr  erforderlich.  —  In  beiden
Häusern  spielen  die  Parteiverhältnisse  eine  wichtige
Rolle.  Im  Herrenhaus  bildet  zwischen  einer  konservativ
  föderalistischen  „Rechten  und  einer  liberalzentralistischen
  Verfassungspartei.  eine  zentralistischonservative

  Mittelparteie  oft  das  Zünglein  an  der
Wage,  das  die  Regierung  durch  den  Pairsschub  in
Händen  hat.  Das  Abgeordnetenhaus  spaltet  sich
hauptsächlich  nach  nationalen  Gesichtspunkten,  nur
die  sozialdemokratische  Partei  umfaßt  Angehörige
verschiedener  Nationalität.  Entsprechend  der  österreichischen
  Nationalitätenmenge  unterscheidet  man
deutsche,  tschechische,  polnische,  ruthenische,  slowenische,
serbokroatische,  italienische,  rumänische  Abgeordnetenklubs,
  die  weiter  aus  politischen  oder  wirtschaftlichen
Gründen  in  Verbände  zerfallen.  Entsprechend  der
parlamentarischen  Sitte,  daß  die  fortschrittlichen  Parteien
  auf  der  linken,  die  konservativen  auf  der  rechten
Seite  des  Hauses  sitzen,  sind  auch  im  österreichischen
Reichsrat  die  Bezeichnungen  „Linke-,  „Rechte  für
diese  Gruppen  eingebürgert.  —  Herrenhaus  und
Abgeordnetenhaus  verhandeln  und  beschließen  selbsäändig.
  verkehren  miteinander  teils  mündlich,  teils
schriftlich,  aber  erst  ihre  übereinstimmenden  Beschlüsse
erhalten  durch  die  kaiserliche  Sanktion  Gesetzeskraft;
nur  bei  Fragen  des  Etats  und  des  Rekrutengesetzes
ibt  die  niedrigere  der  bewilligten  Ziffern  den  Auschlag.
  —  Das  Abgeordnetenhaus  ist  infolge  einer
        <pb n="30" />
        24

ungenügenden  Geschäftsordnung  in  der  ersten  Zeit
seines  Bestandes  durch  Abstinenz,  in  der  letzten  vielfach
durch  Obstruktion  in  seiner  Tätigkeit  schwer  behindert
worden,  so  daß  die  Reform  der  Geschäftsordnung  zur
Zeit  eine  allgemeine  Forderung  der  großen  Parteien
darstellt,  die  um  so  leichter  durchzuführen  ist,  als  es
darüber  selber  zu  beschließen  hat,  wie  es  auch  seine
Funktionäre  selbst  wählt,  während  das  Präsidium  des
Herrenhauses  vom  Kaiser  ernannt  wird.

2)  Die  Ministerien  und  übrigen  Zentralbehörden.
  Die  neun  Ministerien  (des  Innern,  für
Kultus  und  Unterricht,  Landesverteidigung,  Justiz,
Ackerbau,  Finanzen,  Handel,  Eisenbahnen  und  das
1908  geschaffene  für  öffentliche  Arbeiten),  deren  Zahl
verfassungsmäßig  nicht  feststeht,  bilden  einerseits  das
Bindeglied  zwischen  Krone  und  Parlament,  anderseits
  die  oberste  Instanz  in  der  landesfürstlichen  Behördenorganisation.
  Die  Minister  werden  vom  Kaiser
ernannt,  sind  aber  durch  das  Staatsgrundgesetz  vom
25.  Juli  1867  dem  Reichsrat  verantwortlich  und
unterstehen  bei  erhobener  Anklage  dem  Staatsgerichtshof.
  Für  die  zentrale  Verwaltung  dienen  die  den
Ministerien  untergeordneten  mittleren  und  unteren
Behörden,  die  für  jedes  Kronland  gesondert  bestehen,
nur  daß  Vorarlberg  mit  Tirol,  Istrien  mit  Görz-Gradisca
  und  Stadt  Triest  zu  je  einem  staatlichen  Verwaltungsgebiet
  vereinigt  sind.  An  der  Spitze  jedes
einzelnen  Kronlandes  bzw.  Verwaltungsgebiets  steht
ein  Landeschef  (Statthalter,  Landespräsident),  zugleich
Vertreter  des  Kaisers  und  der  Regierung.  In  den
Bereich  der  Statthaltereien  bzw.  Landesregierungen

ehören  alle  jene  in  den  Ländern  vorkommenden  Gesbarte.
  die  in  letzter  Instanz  in  den  Wirkungskreis
der  Ministerien  des  Innern,  für  Kultus  und  Unterricht,
  Landesverteidigung  und  Ackerbau  fallen,  in
beschränkterem  Maßze  auch  solche  der  Finanzen,  des
Handels  und  der  öffentlichen  Arbeiten.  Für  diese  allgemeine
  Landes=  oder  politische  Verwaltung  dienen
als  erste  Instanz  die  Beziukshauptmannschasten  und
in  Städten  mit  eignem  Gemeindestatut  die  Kommunalämter
  (Bürgermeister  und  Magistrat).  Außerdem  unterstehen
  den  Statthaltereien  und  Landesregierungen
für  gewisse  Ressorts  bestimmte  Fachbehörden:  Landes.,
Bezirks-,  Ortsschulräte;  Finanzlandes-  oder  Finanzdirektionen
  mit  weiteren  Unterbehörden;  Post=  und  Telegraphendirektionen;
  Berghauptmannschaften  usw.

Dagegen  ist  die  Rechtspflege  von  der  Verwaltung

rundsätzlich  vollkommen  getrennt.  Sie  wird  in  höchster
stanz  vom  obersten  Gerichts-  und  Kassationshof
besorgt,  in  zweiter  von  den  Oberlandes-,  in  erster  von
Landes-,  Kreis-,  Geschwornen=  und  Bezirksgerichten,
nebst  verschiedenen  besonderen  Gerichten.

Als  zentrale,  den  Ministerien  nebengeordnete  Behörden
  gelten  ferner  der  Oberste  Rechnungshof  zur
Ausübung  der  Finanzkontrolle  und  die  beiden  Kontrollbehörden
  gegenüber  der  Verwaltung:  der  Verwaltungsgerichtshof
  und  das  Reichsgericht.

3)  Die  autonome  Länderverwaltung.  Die  im
österreichischen  Reichsrat  vertretenen  Länder  bilden  im
Rahmen  der  Staatsverwaltung  Selbstverwaltungskörper,
  deren  oberstes  Organ  der  Landtag  ist.  Die
Grenzen  in  der  Wirksamkeit  der  Landtage  gegenüber
dem  Reichsrat  sind  ganz  genau  festgesetzt,  indem  das
Staatsgrundgesetz  vom  21.Dezember  1867  alle  Gegenstände
  der  Gesetzgebung,  die  nicht  ausdrücklich  dem
Reichsrate  vorbehalten  sind,  dem  Landtage  zuwies,
ohne  sie  aber  wie  jene  taxativ  aufzuzählen,  so  daß  ihre
Erweiterung  viel  leichter  durchführbar  ist  als  die  des

I.  Politik  und  Geschichte

Reichsrats.  Sie  betreffen  vornehmlich  Landeshaushalt
und  Landesbesteuerung,  Landeskultur,  öffentliche
Bauten,  Wohltätigkeilsanstalten,  aber  auch  Strafund
  Zivilgesetzgebung  u.  a.  m.  Die  Landtage  sind  einkammerige
  Volksvertretungen,  deren  Stellung  erstmalig
  durch  die  mit  dem  Patent  vom  26.  Februar  1861
erlassenen  Landesordnungen  und  Landtagswahlordnungen
  bestimmt  worden  ist,  seither  aber  verschiedene
Veränderungen  in  den  verschiedenen  Kronländern  erfahren
  hat.  Die  Wahlen  erfolgen  nach  Wählerklassen
(Kurien),  deren  man  höchstens  fünf  unterscheidet:
Großgrundbesitz,  Städte,  Handels-  und  Gewerbekammern,
  Landgemeinden  und  (seit  1896)  die  allgemeine
Wählerklasse.  Zur  Vermeidung  nationaler  Kämpfe
bei  den  Wahlen  wurde  für  den  mährischen  Landtag
1905,  für  den  in  der  Bukowina  1910  die  nationale
Scheidung  der  Wähler  nach  dem  Personalitätsprinzip
mit  feststehender  Zahl  der  Mandate  für  jede  Nationalität
  festgesetzt.  Die  Mitgliederzahl  ist  in  den  einzelnen
Ländern  verschieden,  ebenso  die  Bedingungen  für
aktives  und  passives  Wahlrecht  und  der  Titel  des
vom  Kaiser  zu  ernennenden  Vorsitzenden  (Oberstlandmarschall
  in  Böhmen,  Landmarschall  in  Galizien.
Landeshauptmann  in  den  meisten  übrigen).  Die  vom
Kaiser  einzuberufenden  Landtage  tagen  regelmäßig
nur  ein=  oder  zweimal  jährlich  durch  mehrere  Wochen
in  der  Landeshauptstadt  und  haben  eine  sechsjährige
Funktionsdauer.  Das  vollziehende  und  repräsentative
  Organ  des  Landtags  ist  der  aus  dem  Landtag
gewählte  Landesausschuß,  dessen  Mitgliederzahl  wiederum
  von  Land  zu  Land  wechselt.  Nicht  ohne  Grund
bezeichnet  man  ihn  als  zweite  Landesregierung-;
denn  ist  auch  die  Länderverwaltung  im  Grunde  als.
eine  Entlastung  für  die  staatliche  Verwaltung  gedacht,
so  hat  sich  doch  hierdurch  ein  Dualismus  in  der  gesamten
  Verwaltung  herausgebildet,  der  sie  vielfach  erschwert
  und  Kompetenzkonflikte  hervorruft.  Vor  allem
aber  stärkt  er  den  politischen  Gegensatz  zwischen  Autonomisten,
  die  die  Selbstverwaltung  in  noch  weit  größerem
  Maße  ausgedehnt  wünschen,  und  Zentralisten,
die  mindestens  die  organisatorisch  auszubildende  Überordnung
  der  Staatsgewalt  über  die  Selbstverwaltungsorgane
  fordern.  Die  Ausgestaltung  oder  Zurückdrängung
  der  Österreich  eigentümlichen  Länderautonomie
  ist  daher  eine  der  aktuellsten  und  schicksalschwersten
  Fragen  der  inneren  Politik,  die  nach  einer
Lösung  verlangt.  In  gewissem  Sinne  wurdesiebereits
in  Angriff  genommen,  als  durch  allerhöchstes  Handschreiben
  vom  22.  Mai  1911  eine  Kommission  zur
Förderung  der  Verwaltungsreforme  eingesetzt  wurde,
deren  Tätigkeit  jedoch  durch  den  Ausbruch  des  Krieges
vorläufig  eingestellt  ist.  Damit  im  Zusammenhang
steht  die  ungemein  verwickelte  Sprachenfrage,  da  in
Österreich  nicht  nur  keine  Staatssprache  besteht,  sondern
  Artikel  19  des  Staats  rundgesetzes  »die  Gleichberechtigung
  aller  landesüblichen  Sprachen  in  Schule,
Amt  und  öffentlichem  Lebene  ausspricht,  eine  Fassung,
die  zu  ernstesten  Erörterungen  geflhrt  hat.  Infolge
des  Weltkrieges  und  des  durch  den  Tod  Kaiser  Franz,
Josephs  (21.  Nov.  1916)  eingetretenen  Thronwechsels
(Nachfolger:  Kaiser  Karl  I.,  Großneffe  Franz  Josephs)
sind  nun  alle  mit  der  Neuordnung  des  Staates  zusammenhängenden
  Fragen  auf  der  Tagesordnung,
ohne  daß  die  Richtung  heute  schon  erkennbar  wäre.

IV.  Die  Länder  der  ungarischen  Krone.  Der
zweite  Staat  der  Monarchie  zeigt  eine  ganz  andere
Struktur.  Er  ist  im  Jnnern  noch  weniger  Einheitsstaat
  als  Osterreich,  denn  in  dem  sog.  ungarisch-kroa-
        <pb n="31" />
        Bretholz:  Osterreich-Ungarns  Verfassung  und  Verwaltung

tischen  Ausgleich  vom  Jahre  1868,  der  jenem  zwischen
Ungarn  und  Österreich  von  1867  unmittelbar  folgte,
erkannte  Ungarn  die  Gebietsintegrität  der  Länder
Kroatien  und  Slawonien  an  und  versprach,  die  Rüchk.
einerleihung  Dalmatiens  mit  diesen  Ländern  anzuerkennen,
  falls  sie  einmal  erfolgen  sollte;  denn  Dalmatien
  gilt  laut  der  Dezember-Verfassung  zur  Zeit
als  österreichisches  Kronland.  Die  Regierungs-  und
Vollzugsgewalt  übt  in  Ungarn  der  König  aus  durch
das  von  ihm  ernannte  ungarische  Ministerium,  das
aus  acht  Ressortministern  besteht  (innere  Angelegenheiten,
  Landesfinanzen,  Handel,  Ackerbau,  Kultus
und  Unterricht,  Rechtspflege,  Landesverteidigung,  à
latere),  nebst  dem  portefeuillelosen  Minister  für  Kroatien,
  Slawonien  und  Dalmatien.  Neben  dem  Ministerium
  gelten  als  selbständige  Zentralstelle  der  Staatsrechnungshof
  und  die  autonome  kroatisch-slawonischdalmatinische
  Landesregierung  in  Agram  mit  dem
Banus  an  der  Spitze,  die  alle  Angelegenheiten  des
Innern,  Kultus  und  Unterrichts  und  der  Justiz  selbstständig
  leitet.  Ebenso  gilt  hier  das  Kroatische  als  Amtsbrach,
  während  im  übrigen  Königreich  Ungarisch
Staats-  und  Amtssprache  ist.  Zum  Zweck  der  Verwaltung
  ist  Ungarn  in  Munizipien  geteilt,  an  deren  Spitze
der  vom  Kaiser  ernannte  Obergespan  steht  (in  Budapestund
  Agram:  Oberbürgermeister),  ihm  zur  Seite  der
Munizipalausschuß  (Höchstbesteuerte  und  Gewählte).
Die  gesetzgebende  Gewalt  steht  dem  König  mit  dem
Reichstage  zu.  welch  letzterer  aus  der  (1885  neu  organisierten)
  Mägnstentesel  und  dem  Abgeordnetenhaus
besteht  (413  gewählte,  40  aus  dem  kroatischen  Landtag
  entsendete  Mitglieder).  Eine  eigene  Landesgesetzgebung
  und  verwaltung  besteht  nur  hinsichtlich  Kroatien
  =  Slawoniens.  Die  Rechtspflege  ist  auch  hier
von  der  Verwaltlung  durchaus  getrennt;  als  oberste
Instanz  in  Zivilrechts=  und  Strafrechtsangelegenheiten
  gilt  in  Ungarn  die  königliche  Kurie  in  Budapest,
in  Kroatien  die  Septemviraltafel,  denen  Gerichtshöfe
zweiter  und  erster  Instanz  nebst  Geschwornen-  und
esonderen  Gerichten  unterstehen.
Dieparlamentarischen  Schwierigkeitenin  Ungarnergeben
  sich  einerseits  aus  den  Bestrebungen  der  Nationaitäten
  (Slowaken,  Rumänen,  Serben)  und  dem  Gegensatz
  zu  Kroatien,  anderseits  aus  Ansprüchen  der  sog.
1848er  Unabhängigkeitspartei,  die  seit  1907  mit  der  gemäßigteren
  Nationalpartei  zwar  die  Regierungspartei
bildet,  aber  den  1867er  Ausgleich  nicht  voll  anerkennt.
V.  Die  gesamtstaatlichen  Angelegenheiten  Ssterreichs
  und  Ungarns.  Als  solche  gelten  laut  den  Bestimmungen
  in  den  beiderseitigen  Verfassungen  von
1867  mit  gewissen  Einschränkungen,  die  wir  übergehen,
  1)  die  auswärtigen  Angelegenheiten,  2)  das
Kriegswesen  und  die  Kriegsmarine,  3)  das  Finanzwesen
  rücksichtlich  der  gemeinschaftlich  zu  bestreitenden
Auslagen.  Ihre  Leilung  untersteht  den  drei  gemeinsamen
  Ministerien:  dem  Ministerium  des  Außern,
das  Überdies  die  familienrechtlichen  Geschäfte  der  Mitlieder
  des  kaiserlichen  Hauses  führt  und  danach  den
satztitel  hat:  .  und  des  kaiserlichen  Hauses«,  dem
Reichskriegs=  und  dem  Reichsfinanzministerium.  Die
Mitwirkung  der  beiden  Parlamente  geschieht  durch
die  Delegationen,  je  zwei  60gliederige  aus  beiden
Häusern  gewählte  Ausschüsse,  die  jährlich  einmal  zufolge
  Einberufung  durch  den  Kaiser  zusammentreten
unb  vornehmlich  das  Recht  der  Feststellung  des  gemeinsamen
  Budgets  und  ein  weitgehendes  Kontrollrecht
  über  die  gemeinsame  Verwaltung  ausüben.

25

Außer  denfest  bestimmten  gemeinsamen  Angelegenheiten
  gibt  es  noch  gleichartig  verwaltete  Angelegenheiten,
  wie  Zollgesetzgebung,  Feststellung  des  Münzwesens
  und  des  Geldfußes,  dann  insbesondere  der
Quote,  d.  h.  des  Verhältnisses,  nach  welchem  die  Kosten
der  Führung  der  gemeinsamen  Angelegenheiten  von
beiden  Staaten  zu  tragen  sind.  Die  materielle  übereinstimmung
  dieser  in  die  Kompetenz  jedes  einzelnen
Staates  fallenden  Angelegenheiten  wird  erzielt  entweder
  durch  die  beiderfeinngen  Ministerien  oder  durch
Deputationen  (z.  B.  Quotendeputation),  die  aus  den
Parlamenten  gewählt  werden.  Diese  Vereinbarungen
  wurden  bisher  stets  auf  10  Jahre  getroffen,  am
27.  Januar  1917  jedoch  auf  20  Jahre.  Eben  hier,
aber  auch  in  dem  gemeinsamen  Kriegswesen  äußert
sich  der  Pauptwiderstand  der  starrsten  Anhänger  der
1848er  Unabhängigkeitspartei,  die  die  Gemeinsamkeit
womöglich  auf  die  Personalunion  beschränken  möchten.
Die  Rechte  des  Monarchen  in  den  gemeinsamen  Anelegenheiten

  beziehen  sich  auf  die  Ernennung  der
inister,  die  Sanktion  der  Delegationsbeschlüsse  und
die  Bestimmung  der  Beitragsquote  und  anderer  Angelegenheiten
  bei  nicht  zu  erzielender  Üübereinstimmung.
Vor  allem  aber  steht  ihm  die  oberste  Befehlsgewalt
über  die  gesamte  bewaffnete  Macht  und  die  Vertretun
des  Gesamtstaates  nach  außen  hin  zu,  wie  er  denn  auch
allein  Krieg  erklärt  und  Frieden  schließt.  Die  gemeinsamen
  Behörden  sowie  die  Wehrmacht  tragen  die  Beeichnung
  rkaiserlich  und  königlich  (k.  u.k.),  im  Gegen-*
  zu  k.  k.  für  die  landesfürstlichen  Behörden  in  öterreich
  und  k.  u.  (königlich  ungarisch)  für  jene  in  Ungarn.

VI.  Bosnien  und  Herzegowina.  Die  Verwaltung
  der  beiden  laut  Artikel  25  des  Berliner  Vertrags
  vom  13.  Juli  1878  besetzten  (okkupierten)  Provinzen
  bes  orhte  nach  dem  Gesetz  vom  22.  Februar  1880
im  Namen  des  Kaisers  die  gemeinsame  Regierung
durch  den  gemeinsamen  Finanzminister.  Durch  ein
kaiserliches  Dandschreiben  vom  5.  Oktober  1908  wurde
die  Okkupation  in  Annexion  (Besitzergreifung)  umewandelt,

  so  daß  seither  der  Monarch  auch  hier  alle

ouveränitätsrechte  besitzt  wie  in  seinen  übrigen  Ländern.
  Nach  Anerkennung  dieser  Souveränität  durch
die  Türkei  und  die  Signatarmächte  des  Berliner  Vertrags
  erhielt  Bosnien  und  Herzegowina  am  17.  Februar
  1910  ein  eigenes  Landesstatut  nebst  zugehörigen
Gesetzen,  die  zusammen  die  „Verfassung  Bosniens
und  der  Herzegowinae  bilden.

Literatur.  Die  österreichischen  Geschichten  von  F.  v.
Krones  (Berl.  1876—  79,  5  Rde.;  in  kurzer  JFassung
in  2.  Auflage  1906,  besorgt  von  K.  Uhlirz  Semtent
Göschenl),  A.  Huber  (Gotha  1885  —  95,  5  Bde.),  F.  M.
Mayer  (3.  Aufl.,  Wien  1909,  2  Bde.);  die  österreichischen
Reichsgeschichten  von  A.  Bachmann  (2.  Aufl.,  Prag  190,
Huber-Dopsch  (2.  Aufl.,  Wien  1901),  A.  Luschin  v.
Ebengreuth  (Bamberg  1899);  L.  und  F.  Krautmann,
Osterreichische  Staatsbürgerkunde  (Wien  1908);  H.  Rauchberg,
  ÖOsterreichische  Bürgerkunde  (das.  191  1/12);  Max
B  urdhard,  Leitfaden  der  Verfassungskunde  der  österreichischungarischen
  Monarchie  (das.  1893);  F.  Hauke,  Grundriß  des
(Ssterreichischen)  Verfassungsrechts  (Leipz.  1905):  J.  Uldrich,
Das  österreichische  Staatsrecht  (Tübing.  1904);  Derselbe,
Lehrbuch  des  österreichischen  Verwaltungsrechts  (Wien  1904);
Michler-Ulbrich,  Osterreichisches  Staatswörterbuch  (2.
Aufl.,  das.  1905—09.,  4  Bde.);  -Die  österreichischen  Verfassungsgeseßec,
  herausg.  von  E.  Bernatzit  (Leipz.  1900);
G.  v.  Ferdinandy,  Staats=  und  Verwaltungerecht  des
Königreichs  Ungarn  und  seiner  Nebenländer  (beutsch  in  der
Bibl.  d.  öffentl.  Rechts,  Bd.  16,  Hannover  1909);  R.  Charmatz,
  Wegweiser  durch  die  Literatur  der  österreichischen  Geschichte
  (Stuttg.  1912).
        <pb n="32" />
        26

Galizien  und  die  polnische  Frage
von  Professor  Dr.  Gerhard  Seeliger  in  Leipzig

Land  und  Wirtschaft.  Das  Kronland  Galizien,
78500  akm  groß,  breitet  sich  nördlich  von  dem  großen,
  zuerst  östlich,  dann  südöstlich  streichenden  Gebirgszuge
  der  Karpathen  aus.  Es  bildet  keine  georaphische

  Einheit,  seine  Landschaften  gehören  zu
den  Flußgebieten  der  Weichsel,  des  Dnjestr  und  der
Donau,  sie  streben  einerseits  nordwärts  nach  der
Ostsee,  anderseits  südwärts  nach  dem  Schwarzen  Meer
(vgl.  die  Karten  bei  S.  200  und  210,  Bd.  1).  Im
Westen  senken  sich  die  Sandsteinberge  allmählich  herab
ur  fruchtbaren  Ebene  südlich  von  der  Weichsel,  im

sten  aber  beginnt  nördlich  vom  Dnjestr  das  weite
podolische  Hochland,  die  Hochplatte,  die  einst  beim
Zusammenziehen  der  Erdrinde  zerrissen  wurde  und
bald  den  Anblick  anmutiger  Hügellandschaft,  bald  den
der  gewaltigen  Erosionstäler  gewährt.  Zwischen  dem
fruchtbaren  Westen  und  dem  üppigen  Acker-  und
Steppenland  des  Ostens  liegt  die  nordgalizische  Tiefebene,
  durch  den  von  vdemberg  nordwestlich  streichenden
Hbhenzug  (Roztocze)  in  zwei  Teile  gesondert,  den  kleineren
  östlichen  der  Bugniederung  und  den  größeren
westlichen  im  Dreieck  des  Weichsel-Sangebiets.  Südlich
  vom  Dusjestr  aber,  dessen  linkes  Ufer  den  südlichen
Steilrand  der  podolischen  Hochebene  bildet,  breitet  sich
das  reizvolle  Karpathenvorland  aus,  das  nach  Osten
hin  in  das  fruchtbare  Pokutien  am  schönen  Pruthtal
übergeht.

Galizien  hat  infolge  der  Mannigfaltigkeit  des  Bodens
  die  verschiedensten  wirtschaftlichen  Aufgaben
  zu  lösen.  Seine  Gebirge  bergen  keine  metalischen
  Schätze,  aber  das  gute  und  besonders  im  Osten
üppige  Ackerland,  die  prächtigen  Weiden  und  die  ausgedehnten
  Nadelwälder  weisen  auf  eine  reiche  landund
  forstwirtschaftliche  Tätigkeit  hin.  —  Von  den
7849991  ha  des  Landesgebiets  dienen  48.5  Proz.  als
Acker,  11.18  Proz.  als  Wiesen,  1,39  Proz.  als  Gärten,
9,  ss  Proz.  als  Weiden,  25,68  Proz.  als  Wald,  während
  ein  kleiner  Rest  als  unproduktive  Fläche  zu  gelten

at.  76.82  Proz,  der  Bevölkerung  steht  im  Dienst  der
Landwirtschaft,  Galizien  ist  ein  Agrikulturland  im
wahrsten  Sinn.  Aber  merkwürdig,  es  vermag  Pferde
und  Hornvieh  in  großer  Menge,  es  vermag  vor  allem
Borstenvieh,  auch  Eier,  Geflügel  und  Federn  auszuführen,
  doch  erzeugte  es  bisher  nicht  so  viel  Brotgetreide,
um  den  eigenen  Bedarf  nach  den  in  Westeuropa  üblichen
Sätzen  zu  befriedigen.  Auch  Kartoffeln  und  Kraut,
in  erstaunlicher  Menge  vorhanden.  bieten  nicht  so  viel
Ersatz,  um  auf  eine  fremde  Einfuhr  von  Brotgetreide
in  das  agrarische  Land  verzichten  zu  können.  Hier
liegen  schwere  Mängel  der  Organisation  vor.  Dadurch,
  daß  die  Hälfte  des  Ackerbodens  auf  Zwergwirtschaften
  mit  kaum  1  ha#  verteilt  ist,  daß  die  Mittelbetriebe
  fehlen  und  daß  den  Kleinbetrieben  nur  ein
vielfach  stark  verschuldeter  Großgrundbesitz  mit  extensiven
  Wirtschaftstendenzen  gegenübersteht,  war
jeder  kräftige  Fortschritt  gehemmt.  Und  wie  auf  dem
Gebiet  des  Agrarischen,  so  ist  auch  auf  dem  aller
anderen  wirtschaftlichen  Betätigung  eine  großzügige
  Reform  unerläßlich.
ie  Salzbergwerke  Bochnia  und  Wieliczka  im
Westen,  die  größten  Osterreichs.  und  die  Salinen  Ostgaliziens
  haben  1913  für  20  Mill.  Kronen  Salz  erzeugt
  (7/8  von  Gesamtösterreich),  aber  sie  werden
nicht  voll  ausgenutzt,  besonders  nicht  die  Steinsalzbergwerke
  des  Ostens.  Die  schon  1810  entdeckten

I.  Politik  und  Geschichte

Kalisalze  bei  Kalusz,  deren  Abbau  1887  begonnen
wurde.  würden  bei  intensivem  Betrieb  hohe  volkswirtschaftliche
  Werte  schaffen.  Und  erst  die  Rohöle
(Naphtha)!  Der  Nordabhang  der  Karpathen  von
Gorlice  bis  zur  Bukowina,  besonders  die  Gegend
von  Drohobycz  und  Boryslaw,  birgt  diese  reichen
Naturschätze.  nn  auch  bisher  nur  knapp  4  Proz.
der  Weltproduktion  geliefert  werden  konnte  (1912:
18700  Zistern  zu  je  10000  kg),  so  ist  doch  Galizien
an  die  dritte  Stelle  der  Olerzeuger,  nach  Amerika
und  Rußland,  vor  Rumänien  und  Holländisch--Indien,
  gerückt  und  vermag  nicht  nur  Österreich-Ungarn,
sondern  teilweise  auch  Deutschland  zu  versorgen.  —
Eine  weitere  wertvolle  Gabe  des  galizischen  Bodens,
die  Kohlenschätze  Westgaliziens,  wird  erst  in  neuester

eit  erkannt;  seine  Kohlenadern,  die  von  Mährenchlesien

  herüberragen,  wurden  auf  einen  abbaufähigen
  Steinkohlenvorrat  von  24,9  Milliarden  Tonnen
in  größerer  Tiefe  berechnet,  ein  Vielfaches  im  Vergleich
  zu  den  in  Mähren-Schlesien  vorhandenen
2,1  Milliarden;  wurde  doch  in  Aussicht  gestellt,  daß
bei  einer  Verzehnfachung  der  gegenwärtigen  Produktion,
  d.  h.  bei  einer  Jahreserzeugung  von  20  Millionen
  Tonnen,  die  Schätze  für  1200  Jahre  ausreichen
  würden.

Noch  ist  auf  keinem  Wirtschaftsgebiet  in  Galizien
der  Höhepunkt  der  Leistungsfähigkeit  erreicht.  Galizien
  kann  die  reiche  Kornkammer  werden,  die  es
jetzt  nicht  ist,  es  kann  Viehzucht  und  Holzproduktion
mächtig  steigern;  es  kann  und  muß  jene  Industrien  zur
Entfaltung  bringen,  zu  denen  die  Gaben  der  Natur
einladen:  Don,  En#-  Erdöl.  Und  wenn  die  Kohlenschätze
  kräftig  gehoben,  wenn  die  Wasserkräste  des
Gebirges  ausgenutzt  werden,  dann  wird  ein  wirtschaftlicher
  Aufschwung  einsetzen  zum  Heil  des  Landes,
  zum  Heil  auch  der  großen  wirtschaftlichen  und
politischen  Gemeinschaft,  in  der  Galizien  steht.

Bevölkerung.  Von  (1910)  8025  675  Einwohnern
bekannten  sich  4672500  zur  polnischen,  3208092
zur  ruthenischen  und  90  114  zur  deutschen  Umgangssprache
  —  der  unbedeutende  Rest  verteilt  sich  auf
verschiedene  Nationalitäten.  Von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt
  hat  sich  das  Verhältnis  zugunsten  der  Polen,
zuungunsten  der  Deutschen  verschoben.  Noch  1880
wurden  323612  Deutsche  gezählt,  1890  nur  227  158,
1900  nur  212317.  Tatsächlich  sind  bei  den  Zählungen
  polnische  Willkürlichkeiten  vorgekommen.  Die
Haupterklärung  aber  für  diese  Verschiebung  liegt
darin,  daß  die  Duden  sich  unter  dem  Eimfluß  des  zur
Macht  gelangten  Polentums  äußerlich  für  dieses  erklärten.
  Für  die  Beurteilung  der  völkischen  Verhältnisse
  ist  zu  beachten,  daß  unter  den  41/  Millionen
Polen  sich  850  000  Juden  befinden,  die  untereinander
  meist  nicht  Polnisch,  sondern  „Jidische  sprechen.

Die  Polen  (vgl.  Bd.  I.  S.  77  ff.)  bewohnen  hauptsächlich
  den  Westen  bis  zum  San,  die  Ruthenen  die

rößere  Osthälfte.  Aber  während  sich  die  ruthenischen
Siedlungen  nur  im  Süden  den  Karpathen  entlang
westwärts  über  den  San  hinaus  bis  zum  Dunajec  vorschieben,
  haben  die  Polen  an  den  verschiedensten  Stellen
des  Ostgebiets  festen  Fuß  gefaßt  als  Beamte,  als  Industrielle,
  Kaufleute,  Handwerker;  sie  baben  manche
Städte  und  deren  Umgebung,  so  Lemberg,  fast  völlig
dokonistert  und  sie  haben  sich  schließlich  in  dem  urprünglich
  reinen  Ruthenengebiet  neben  den  3132541
Ruthenen  zu  der  stattlichen  Minderzahl  von  2111  680
emvorgeschwungen.  während  die  im  eigentlich  polnischen
  Land  vorhandenen  Ruthenen  nur  75551  be-
        <pb n="33" />
        Seeliger:  Galizien  und  die  polnische  Faage

tragen.  Die  Polen  Galiziens  bilden  den  südlichen  Flügel
  des  im  Oder=  und  Weichselgebiet  ansässigen  15=Millionenvolks;
  die  Krönungsstadt  Krakau  war  in  der
Zeit  der  höchsten  Blüte  polnischer  Macht,  vom  14.—
17.  Jahrhundert,  Mittelpunkt  des  polnischen  Lebens.

Die  Ruthenen  Galiziens  sind  Ukrainer  (vgl.  Bd.  1,
S.  82),  sie  werden  auch  Rotrussen  oder  Rotruthenen,
nach  der  offiziellen  russischen  Bezeichnung  Kleinrussen
genannt.  Die  etwa  33  Millionen  Ukrainer,  die  Bewohner
  des  weiten  südwestlichen  Rußlands,  des  nördlichen
  Beßarabiens,  des  östlichen  Galiziens,  der  nördlichen
  Bukowina  und  der  nördlichsten  Landstriche
Ungarns,  haben  den  slawischen  Typus  reiner  erhalten
als  das  Tochtervolk,  das  von  ihnen  ausgegangen  war
und  sich  auf  Kolonisationsboden  durch  Verdindung
mit  fremden  Volkselementen,  mit  Finnen  und  Tataren,
  zu  einer  alle  anderen  Slawen  weit  überragenden
  Volksmasse  ausgedehnt  hat,  die  Großrussen.

Als  drittes  Volkstum  von  ausgeprägter  Individualität
  gesellen  sich  in  Galizien  die  Juden  (pgl.
Bd.  I.  S.  83)  hinzu,  die  gleich  den  Stammesgenossen
im  westlichen  Rußland,  in  der  Bukowina  und  in
Beßarabien  seit  dem  14.  Jahrhundert  aus  dem  deutschen
  Westen  eingewandert  waren.  Sie  leben  auf  dem
platten  Lande  fast  nur  als  Gastwirte  und  Krediteber,

  sie  bewohnen  mit  Vorliebe  die  Städte  und  treien

  Handel  aller  Art.  Zahlreiche  galizische  Städte
haben  ein  völlig  jüdisches  Gepräge,  in  manchen  bilden
die  Juden  die  Mehrheit  der  Bewohner.  An  ihrer
Eigenart  in  Religion,  Sitte  und  Sprache,  letztere  eine
ostmitteldeutsche,  mit  hebräischen  und  slawischen  Worten
  durchsetzte  Mundart  (7Jidisch-),  halten  sie  mit

rößter  Zähigkeit  fest,  zeigen  sich  aber  der  zionistischen

eweg  ung  nicht  sehr  zugänglich  und  schließen  sich  gern
jener  Nation  äußerlich  an,  die  den  maßgebenden  Einfluß
  im  Lande  ausübt;  wie  sich  die  Juden  der  Bukowina
  meist  als  Deutsche  bekannten,  so  die  Juden  Galiziens
  fast  ausnahmslos  als  Polen.

Das  Deutschtum  in  Galizien.  Obschon  das  Ergebnis
  der  Zählung  von  1910,  wonach  die  Deutschen
nur  1,1  Proz.  der  Gesamtbevölkerung  ausmachen,
sicher  irrig  ist,  so  bilden  die  Deutschen  im  Verhältnis
#  Polen  und  Ruthenen  nur  eine  verschwindend  kleine

inderheit,  kaum  mehr  als  100000,  von  den  in
Wahrheit  Deutsch  sprechenden  Juden  abgesehen.  Aber
dennoch  hat  das  Deutschtum  beim  ganzen  Aufbau  des
Kulturlebens  in  Galizien  einen  geradezu  überwältigeden
  Einfluß  ausgeübt.  Nicht  allein  das  deutsche

echt  hat  im  Mittelalter  dem  flawischen  Osten,  besonders
  in  den  Städten,  die  festen  Ordnungen  geeben,
  sondern  fast  alle  Elemente  des  Geistigen  und
unstlerischen,  ebenso  Elemente  der  Siedlungsart  und
des  Wirtschaftslebens  stammen  vom  deutschen  Volk,
selbst  da,  wo  nicht  eine  unmittelbare  Vermittlung  durch
deutsche  Siedler  stattfand.  Aber  auch  die  deutsche
Kolonisation  ist  einst  bedeutend  gewesen.

Seit  dem  13.  Jahrhundert  sind  Deutsche  nach  Kleinpolen
  und  dem  südlichen  Ruthenenland  als  bürgerliche
  Siedler,  als  Städtebewohner  sowie  als  Ritter
und  Großgrundbesitzer  gekommen.  Ostmitteldeutsche
waren  es  zumeist,  die  über  Schlesien  von  einsichtigen
Regenten  Polens  und  des  damals  selbständigen  Rutheniens
  gerufen  wurden.  Mit  Magdeburger  Recht
wurden  die  neu  gegründeten  Städte  ausgestattet;
deutschen  Charakter  hatten  die  führenden  Städte.
Krakau  war  im  13.  Jahrhundert  eine  deutsch  verwaltete
  Bürgergemeinde;  Vemberg  erscheint  um  die
Wende  des  13.  und  14.  Jahrhunderts  als  deutsches

27

Gemeinwesen,  mit  deutschen  Beamten  und  deutscher
Amsssprache.  Bei  zahlreichen  galizischen  Städten  und
Dörfern  ist  das  gleiche  anzunehmen.  Für  diese  Periode
  spricht  ein  Lemberger  Chronist  des  17.  Jahrhunderts
  von  der  „Leopolis  Germanica“.  Auch  der
Klerus  war  vielfach  deutsch.  Nach  einem  Beschluß  des
Przemysler  Kapitels  von  1452  sollten  alle  angestellten
Geistlichen  der  deutschen  Sprache  mächtig  sein.  Erst
im  16.  Jahrhundert  beginnt  sich  allmählich  ein  Umschwung
  zu  vollziehen.  Eine  starke  Polonisierung
setzt  ein.  Der  Adlige,  der  vornehme  Bürger  betrachtet
  sich  als  Pole,  der  freie  deutsche  Bauer  wird  vom
slawischen  Adel  mißgünstig  behandelt.  Die  deutschen
Errungenschaften  gingen  im  16.  und  17.  Jahrhundert
  verloren;  nur  im  westlichsten  Teil,  der  als  schlesisches
  Landesgebiet  im  13.  und  14.  Jahrhundert
deutsch  kolonisiert  worden  war,  blieb  die  Sprachinsel
BialaKunzendorf-  Alzen  erhalten.  Erst  das  18.
Jahrhundert  brachte  in  Galizien  eine  Erneuerung  des
deutschen  Lebens.  Schon  Mitte  des  Jahrhunderts
beriefen  polnische  Könige  und  Herren  Deutsche;  damals
  suchte  Stanislaus  Poniatowsti.,  der  Vater  des
kesten  Polenkönigs,  die  Stadt  Zalesczyki  am  Dnujestr
besonders  durch  cheesische  Tuchmacher  zur  Blüte  zu
bringen.  Und  dann  setzten  nach  der  ersten  Teilung
Polens  die  Bemühungen  Maria  Theresias  und  Josephs
  II.  ein.  Durch  das  Patent  von  1774  wurden
tohtreiche  bäuerliche  Siedler,  meist  Süddeutsche,  nach

alizien  gerufen,  nicht  um  zu  germanisieren,  nur  um
die  Landeskultur  zu  heben.  Eine  über  das  ganze  Land
hin  verstreute  Siedlung  wurde  deshalb  angeordnet;
in  200  Ortschaften  Galiziens  begegnen  gegenwärtig
beträchtliche  deutsche  Volkselemente.  Und  wie  die  Berufung
  deutscher  Bauern  und  Handwerker  nicht  auf
Germanisierungstendenzen  beruht,  so  auch  nicht  die
nur  im  zentralen  Staatsinteresse  gestellte  Forderung
Josephs  an  den  ersten  galizischen  Statthalter,  -daß
alles  in  deutscher  oder  lateinischer  Sprache  traktiert
werden  solle«.  Die  nationalen  Folgen  waren  gleichwohl
  bedeutsam.  Durch  die  deutsche  Verwaltung  erhielt
  das  ganze  Land  nach  und  nach  einen  deutschen
Anstrich.  Huch  auch  die  Masse  des  Volkes  unberührt,
wurde  auch  nirgends  planvoll  germanisiert  und  fehlte
insbesondere  auch  jede  Absicht  dieser  Art,  so  machte
sich  doch  eine  germanisierende  Wirkung  geltend.  Alles,
was  auf  höhere  Bildung  und  auf  Einfluß  Anspruch
erhob,  begann  sich  dem  Deutschtum  zuzuwenden.
1784  ward  in  Lemberg  eine  deutsche  Universität  gegründet,
  die  ehrwürdige,  1361  gestiftete  JagellonenuUniversität
  Krakau  gewann  deutschen  Charakter.
Wurde  auch  Galizien  im  19.  Jahrhundert  durchaus
nicht  ein  deutsches  Land,  so  war  doch  eine  beherrschende
  deutsche  Oberschicht  hervorgetreten  und  hatte
dem  in  seinem  Volkstum  polnisch  und  ruthenisch  gebliebenen
  Kronland  ein  deutsches  Gepräge  verliehen.
—  Erst  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  setzte  die  flawische
Reaktion  ein.  1867  wurde  Galizien  der  Herrschaft  der
Polen  überliefert.  Die  deutsche  Beamtenschaft  verschwand,
  die  Amtssprache  wurde  1868  polnisch,  die
beiden  Universitäten  Krakau  und  Lemberg  wurden
vollstündig  polonisiert  und  eine  Akademie  der  Wissenschaften
  in  Krakau  als  Mittelpunkt  des  nationalpolnischen
  Wissenschaftslebens  gegründet.  Die  Umwandlung
  konnte  sich  so  ungemein  rasch  vollziehen,
weil  es  sich  nicht  um  eine  nationale  Veränderung  des
Volkstums,  sondern  nur  um  eine  Verschiebung  in  der
politisch  und  kulturell  vorherrschenden  kleinen  Oberschicht

  gehandelt  hat.
        <pb n="34" />
        28

Politische  Geschichte.  Das  Kronland  Galizien,
offiziell  „Königreich  Galizien  und  Lodomerien  mit
dem  Großherzogtum  Krakau  und  dem  Herzogtum
Auschwitz  und  Zatore,  hat  seinen  Namen  vom
Fürstentum  Halitsch  (=  Galitsch,  lat.  Galicia),  das
sich  über  das  südöstliche  Gebiet  des  heutigen  Galiziens
ausdehnte.  Die  einzelnen  Landschaften  führen  verschiedene
  Landesfarben  und  Wappen.  Aus  drei
politischen  Sondergebilden  setzt  sich  eben  das
heutige  Galizien  zusammen,  aus  den  kleinen  schlesischen
  Herzogtümern  Auschwitz  und  Zator  des  Westens,
aus  dem  kleinpolnischen,  vornehmlich  den  Fürstentümern
  Krakau  und  Sandomirz  entstammenden
Mittelgebiet  und  aus  dem  vorwiegend  ruthenischen
Land  des  Ostens,  das  aus  den  Fürstentümern  Halitsch
(Galicia)  und  Wladimir  (Lodomerien)  hervorgeganen

  ist.  Bei  der  ersten  Teilung  Polens  hat  das  Haus
absburg-Lothringen  die  Herzogtümer  Auschwitzator
  auf  Grund  böhmischer  Herrschaftsrechte,  das
Königreich  Galizien  und  Lodomerien  aber  als  einstigen
  Teil  des  ungarischen  Königreichs  beansprucht.
uschwitz-Zator  hatte  im  12.  und  13.  Jahrhundert
  die  Segnungen  der  deutschen  Kultur  empfangen;
  es  war  gleich  den  anderen  piastischen  Teilfürstentümern
  im  großen  germanisierenden  Kulturprozeß
den  deutschen  Verhältnissen  auch  politisch  nahe  gerüückt
  und  im  14.  Jahrhundert  als  Land  der  böhmischen
  Krone  und  damit  als  deutsches  Reichsland
erklärt  worden.  Polen  hat  damals  ein  für  allemal
verzichtet,  den  festen  staatsrechtlichen  Zusammenhang
Auschwitz  Zators  mit  Böhmen  und  mit  dem  Reich
stören  zu  wollen.  Als  dann  später  das  erstarkte  polnische
  Königtum  die  Zurückgewinnung  Schlesiens
versuchte,  wurde  Auschwitz  1457,  Zator  1494  erworben;
  aber  diese  Loslösung  wurde  von  den  legalen
Mächten,  insbesondere  vom  böhmischen  König,  niemals
  in  vollem  Umfang  anerkannt,  der  Charakter
der  beiden  Herzogtümer  als  schlesisches  Lehnsgebiet,
das  zu  Böhmen  und  dem  Deutschen  Reich  gehört,  nie
ganz  verleugnet.  Daher  konnte  Habsburg-Lothringen
  1772  mit  Recht  die  Rückgabe  fordern;  daher  wurden
  nach  Begründung  des  Deutschen  Bundes  1815
und  ausdrücklich  1818  unter  den  Gebieten  des  österreichischen
  Kaiserstaats,  die  als  einstige  deutsche  Reichsländer
  zum  Deutschen  Bund  gehören  sollten,  die  Herzogtümer
  Auschwitz  und  Zator  besonders  genannt.

Galizien  und  Lodomerien.  Die  1772  erhobenen
  Ansprüche  der  ungarischen  Krone  auf  das
Ruthenenland  gehen  bis  auf  das  12.  Jahrhundert
zurück.  Lange  bildete  das  Tscherwenische  (Rotes
Land),  d.  i.  Ostgalizien  und  Wolhynien,  ein  Streitobjekt
  zwischen  den  beiden  großen  slawischen  Mächten,
den  Polen  im  Westen  und  den  Ukrainern  in  Kiew.
Seit  1087  stand  das  Gebiet  als  Kiewer  Teilfürstentum
  unter  der  Herrschaftvon  Nachkommen  Wladimirs
des  Großen  von  Kiew  im  östlichen  Staatsverband,
wobei  anfangs  Przemysl,  dann  im  12.  Jahrhundert
Halitsch  die  Hauptstadt  war.  Dritthalb  Jahrhunderte
blieb  der  Zusammenhang  mit  Kiew  gewahrt.  Das
Christentum,  Ende  des  10.  Jahrhunderts  in  der
griechisch-orientalischen  Form  angenommen,  wurde
von  den  unter  der  Metropole  Kiew  stehenden  Bistümern
  Przemysl,  Wladimir,  Halitsch,  später  auch
Chelm  gepflegt.  Politisch  traten  damals  in  bestimmter
  Ausprägung  die  Fürstentümer  Halitsch
(d.  i.  das  Land  um  Halitsch,  Galicia)  und  Wladimir
d.  i.  das  Land  um  Wladimir--Wolynskij,  Lodomeria)
genon  die  zeitweilig,  besonders  unter  der  Dynastie

I.  Politik  und  Geschichte

der  Romanowitschen,  den  Nachfolgern  der  1198  ausgestorbenen
  Rostislawitschen,  vereinigt  wurden.  Damals
  suchten  zuerst  die  Ungarn  Einfluß  zu  gewinnen.
Schon  1099  waren  sie  ins  Land  gekommen;  1124
hatten  sich  Stephan  II.  und  1194  Bela  III.  rex  Galiciae--genannt.
  Im  Vertrag  von  Sanok  1206  aber
scheint  Andreas  II.  eine  formelle  uerhehe  Ungarns
über  Ruthenien  erlangt  zu  haben;  seitdem  führen
wenigstens  die  ungarischen  Könige  im  großen  Titel
die  Bezeichnung  srex  Galiciae  et  Lodomeriaec,  obschon
  wiederholte  Versuche,  eine  wirkliche  Herrschaft
auszuüben  und  eine  kirchliche  Angliederung  an  Rom
anzuregen,  nur  vorübergehenden  Erfolg  hatten.  Als
1310  das  einheimische  rotruthenische  Herrscherhaus
ausstarb,  erhoben  Polen  und  Ungarn  Ansprüche.
Kasimir  von  Polen  eroberte  das  Land;  Ungarn  verwies
  nur  auf  angebliche  alte  Gerechtsame.  Schließlich
  einigten  sich  die  beiden  1352  dahin,  daß  Kasimir
das  Land  Reußen  („Russia-),  das  ausdrücklich  als
ungarisches  Eigentum  bezeichnet  wurde,  auf  Lebenszeit
  erhielt,  daß  aber  nach  Kasimirs  Tod  der  Rückfall
an  Ungarn  vorgesehen  blieb.  Im  Widerspruch  mit
diesen  Abmachungen  besetzten  1387  die  Polen  das
Reußenland,  und  Ungarn  ließ  sich  das  gefallen.
Nach  endlosen  Verhandlungen  kam  es  zum  Lublower
Vertrag  von  1412,  wonach  Reußen  bis  zum  Tode
eines  der  beiden  vertragschließenden  Könige  und  noch
weitere  fünf  Jahre  bei  Polen  verbleiben  sollte,  damit
in  der  Zwischenzeit  endgültige  Abmachungen  erfolgten.
1434  starb  König  Wladislaw  Jagello;  1439  ging  die
1412  gestellte  Frist  zu  Ende,  ohne  daß  neue  Entscheidungen
  getroffen  waren.  Galizien,  das  schon
1433  als  Provinz  dem  polnischen  Reich  einverleibt
worden  war,  galt  fortan  schlechthin  als  Gebiet  der
polnischen  Krone.  Und  Ungarn  erhob  keinen  Widerspruch.
  Zwar  nannten  sich  die  ungarischen  Könige
auch  weiterhin  Könige  von  Galizien  und  Lodomerien,
  aber  sie  haben  in  Verträgen,  besonders  1442
und  1689,  die  Zugehörigkeit  des  Ruthenenlandes  zu
Polen  anerkannt.  Wenn  das  Haus  Habsburg  1772
Anspruch  auf  Galizien  und  Lodomerien  erhob,  so
ist  das  rechtlich  wenig  begründet,  anders  als  beim
Anspruch  auf  Auschwitz--Zator.  Dort  kein  Verzicht,
sondern  wiederholte  Anmeldung  des  Rechts.  hier
Aufgeben  früherer  Gerechtsame,  L.  minsverfall  und
mittelbare  Anerkennung  des  polnischen  Besitzes.
Neu-Galizien.  Die  Teilungen  Polens  waren
keine  Rechtsakte,  sondern  Maßnahmen  der  Gewalt.
1772  erhielt  Osterreich  Galizien  und  Lodomerien,
Auschwitz-Zator  und  einen  Teil  Kleinpolens  südlich
der  Weichsel.  Die  dritte  Teilung  1795  brachte  das
goose  kleinpolnische  Gebiet  mit  Krakau  nördlich  der
Leichsel  zwischen  Pilica  und  Bug:  Neu-Galizien.
Der  Schönbrunner  Frieden  1809  und  Abmachungen
1810  überwiesen  Neu-(West-)  Galizien  und  den  Fomosker
  Kreis  an  das  Großfürstentum  Warschau,  Tarnopol
  und  Tschortkow  in  Ostgalizien  an  Rußland.
Auf  dem  Wiener  Kongreß  1815  ward  im  wesentlichen
  auf  den  Besitzstand  von  1772  zurückgegangen,
nur  daß  einige  Grenzdistrikte  des  Ostens  an  Rußland
kamen.  Der  damals  begründete  kleine  Freistaat
Krakau  aber  ist  1846  an  Pnerrreich  übertragen  worden.
  Zeitweilig,  und  zwar  1786—1849  und  1860
bis  1861,  war  die  1774  von  Österreich  gewonnene  Bukowina
  als  Czernowitzer  Kreis  mit  dem  Kronland
Galizien  administrativ  verbunden.
Die  polnische  Frage  und  die  Proklamation  am
5.  November  1916.  Der  Weltkrieg  verlangte  von
        <pb n="35" />
        Seeliger:  Galizien  und  die  polnische  Frage

Anfang  an  neue  Ordnungen.  Die  polnische  Frage
tauchte  wieder  auf  und  mit  ihr  ein  galizisches  Problem.
Wenn  lediglich  völlische  und  kulturelle  Verhältnisse
entscheidend  wären,  dann  würde  die  geschichtliche  Entwicklung
  einfach  zu  einer  politischen  Einigung  der
Ukrainer  und  zu  einer  solchen  der  Polen  führen.  Dann
würden  die  drei  historisch-staatsrechtlich  und  ethnisch
verschiedenen  Teile  des  künstlichen  Gebildes  Galizien
in  der  Art  berücksichtigt  werden,  daß  der  Osten  an  ein
Ukrainisches  Reich,  der  Westen  an  einen  polnischen
Staat  und  nur  der  westlichste  kleine  Landstrich  von
schlesischem  Charakter  an  Schlesien  käme.  Wünsche
dieser  Art  sind  oft  genug,  vor  dem  Krieg  und  während
des  Krieges,  geäußert  worden.  Aber  es  haben  auch
Momente  der  politischen  Macht  und  der  staatlichen
Forderungen  mitzusprechen.  Das  erschwert  die  Lösung
des  großen  polnischen  Problems.  —  Dasukrainische
Bolkstum  von  33  Millionen,  erst  in  den  letzten.
Jahrzehnten  zum  Bewußtsein  der  nationalen  Eigenart
  gelangt,  hat  sicher  innere  Berechtigung  zur  Forderung
  des  politischen  Sonderdaseins.  Geradezu  töricht
  wirkten  die  feierlichen  Erklärungen,  die  die  Russen
im  Rausch  flüchtiger  Erfolge  zu  Lemberg  und  Przemysl
  verkündeten,  daß  sie  gekommen  seien,  altrussischen
  Boden  zurückzugewinnen  und  die  Einheit  und
Unteilbarkeit  des  heiligen  Rußlands  herzustellen.  Als
ob  das  Ukrainerreich  Kiew,  zu  dem  einst  Rotruthenien
gehörte,  moskowitisches  Land  wäre,  als  ob  die  Moskowiter,
  dieses  im  Kolonialland  von  fremden  Elementen
durchsetzte,  ja  überwucherte  Volkstum,  alte  Rechte  auf
Ruthenien  hätten.  Hatte  doch  der  Großrusse  erst  im
17.  Jahrhundert  Kiew  erobert,  nicht  befreit,  vielmehr
den  sprachverwandten,  kaum  noch  stammverwandten
Ukrainer  geknechtet,  ihm  Schrift,  Sprache,  Sitte  und  Religion
  —  den  griechisch-katholischen  Glauben,  den  der
Ukrainer  Ende  des  16.  Jahrhunderts  statt  des  orthodox-russischen
  angenommen  hatte,  zu  rauben  gesucht.
Wenn  etwas  eine  innere  Berechtigung  in  der  Geschichte
hot,  dann  die  ukrainische  Bewegung,  deren  geistiger
Mittelpunkt  jahrzehntelang  in  Lemberg  war.  Aber  ob
die  Ergebnisse  des  Krieges  zu  einer  Befreiung  der  Ukrainer
  führen  werden?  Vielleicht  reicht  die  eigene  Kraft
des  Jahrhunderte  geknebelten  Volkes  für  die  große  Tat
nicht  aus;  die  Befreiung  mag  späteren  Bildungen  vorbehalten
  bleiben.  —  Auch  die  polnische  Frage  kann
nicht  die  anfangs  erhoffte  Lösung  finden.  Mit  lementarer
  Macht  ist  bei  Kriegsbeginn  der  begeisterte  Wunsch
der  meisten  Polen  nach  Aufrichtung  eines  polnischen
Staates  hervorgebrochen.  Schon  wurde  das  jagellonische
  Reich  mit  seinen  weiten,  Über  die  Polen,  Ukrainer
und  Weißrussen  hinausragenden  Grenzen  gesehen  —
phantastische,  utopistische  Träume.  Die  nüchternen
polnischen  Politiker  haben  von  Anfang  an  ihren
Wünschen  engere  Schranken  gezogen,  und  besonders
nach  den  glänzenden  Siegen  bes  Mittelmächte  im
Herbst  1915  ihr  bestimmtes  Streben  auf  die  politische
Verbindung  der  den  Russen  entrissenen  Gebiete  mit
Galizien  gerichtet.  Das  am  14.  August  1914  in
Krakau  gegründete  Oberste  Nationalkomitee,  das  mit
dem  später  ins  Leben  getretenen  Warschauer  Nationalen
  Zentralkomitee  in  Beziehung  trat,  hat  mehr
und  mehr  als  festes  Ziel  aufgestellt  die  Aufrichtung
eines  unter  Österreich  stehenden  polnischen  Staates,  der
Galizien  und  möglichst  viel  bisher  russisches  Gebiet
umfaßt.  Daran,  daß  Preußen  auf  die  überwiegend
von  Deutschen  bewohnten,  von  Polen  stark  durchsetzten
  Landstriche  zugunsten  eines  neuen  Polens  verzichten
  werde,  haben  klarblickende  Polen  wohl  nicht,

29

sicher  nicht  einstweilen,  gedacht.  Und  die  Idee  eines
solchen  Polens  unter  habsburgischer  Herrschaftist  auch
von  weiten  Kreisen  der  Deutsch  -Osterreicher  (2  Denk.
schrift  aus  Deutsch-Osterreich#,  Leipz.  1915),  ist  sogar
auch  von  manchen  Ungarn  (Julius  Andrässy)  vertreten
  worden.  Daß  auch  der  Verwirklichung  dieser  Gedanken
  größte  Schwierigkeiten  entgegenstanden,  mußte
jedem  klar  sein.  Mannigfache  andere  Pläne  tauchten
auf,  und  die  Polen  erbaten  nur  das  eine:  Keine  vierte
Teilung  Polens.  Schließlich  geschah  das,  was  schon
vorher  und  immer  bestimmter  angedeutet  worden
war;  der  deutsche  Kaiser  und  der  Monarch  Österreich-Ungarns
  ließen  in  feierlicher  Proklamation  am  5.  November
  1916  verkünden,  daß  sie  aus  den  der  russischen
  Herrschaft  entrissenen  polnischen  Gebieten  einen
selbständigen  Staat  mit  erblicher  Monarchie  und
konstitutioneller  Verfassung  zu  bilden  Übereingekommen
  seien:  Ein  Polen  nur  auf  russischem  Gebiet,  ein
Polen  ohne  Galizien.  Und  gleichzeitig  richtete  Kaiser
Franz  Joseph  an  den  österreichischen  Ministerpräsidenten
  Körber  ein  Handschreiben,  in  dem  der  kaiserliche
Wille  zum  Ausdruck  kommt,  daß  ein  dem  Augenblick,
in  dem  der  neue  (polnische)  Staat  zur  Entstehung  gelangt,
  Hand  in  Hand  mit  dieser  Entwicklung  auch  dem
Lande  Galizien  das  Recht=  verliehen  werde,  seine  Landesangelegenheiten
  bis  zum  vollen  Maße  dessen,  was
mit  seiner  Tätigkeit  zur  staatlichen  Gesamtheit  und  mit
deren  Gedeihen  im  Einklange  steht,  selbständig  zu  ordnen
  und  damit  der  Bevölkerung  Galiziens  die  Gewähr
ihrer  nationalen  Entfaltung  zu  bietenc.  —  Der  Minister
  wurde  aufgefordert,  zur  „gesetzmäßigen  Verwirklichunge
  des  kaiserlichen  Wunsches  geeignete  Vorschläge
  vorzubereiten.  —  So  wurde  die  pölnische  Frage,
so  wurde  das  damit  zusammenhängende  galhisch-Problem
  auf  eine  neue  Grundlage  gestellt.
Galiziens  Sonderstellung.  Die  Aufrichtung  des
Dualismus  und  der  Ausgleich  mit  Ungarn  1867  haben
  naturgemäß  den  Sonderwünschen  der  slawischen
Völker  Vorschub  geleistet.  Die  Tschechen  veranstalteten
  damals  gemeinschaftlich  mit  Slowenen,  Ruthenen
und  Kroaten  den  „Pilgerzug"  nach  Moskau,  und
Prag  begann,  nach  dem  den  Russen  gegebenen  Versprechen
  des  Tschechenführers  Rieger,  die  slawische
Zukunftsidee  vorzubereiten.  Die  Polen  Galiziens
aber  suchten  in  übereinstimmung  mit  den  Machthabern
Osterreichs  eine  ihren  nationalen  Bestrebungen  genehme
  politische  Sonderstellung  zu  gewinnen.  Schon
1866  hatte  der  galizische  Landtag  ein  Programm  der
Autonomie  entworfen  und  die  Ernennung  eines  galizischen
  Hofkanzlers  erbeten.  Dann  wurde  am  24.  September
  1868  die  berühmte  „Resolutione  des  Landtages
  gefaßt,  die  zwar  nicht  so  weit  ging  wie  die  einst
1790  an  Kaiser  Leopold  gerichtete  Eingabe  und  kein
besonderes  galizisches  Heer  forderte,  aber  doch  eine
überaus  weitgehende  Sonderstellung  auf  allen  Gebieten
  der  Verwaltung  und  des  Finanzwesens  begehrte.
Am  26.  Juni  1869  wurde  die  galizische  Resolutionim
  österreichischen  Reichsrat  vorgelegt;  sie  wurde  abgelehnt.
  Es  folgte  1869  eine  zweite  polnische  Eingabe,
1870  das  Projekt  Rechbauers  und  1871  der  Entwurf
des  Ministeriums  Hohenwart,  —  alles  vergebens.
Indessen  wurde  den  Polen  tatsächlich  vieles  gewährt,
was  die  anderen  Kronländer  nicht  besaßen,  vor  allem
die  selbständige  Verwaltung  des  Schulwesens,  die  der
polnischen  Propaganda,  ja  einer  planvollen  Polonisierung
  die  wichtigsten  Dienste  geleistet  hat,  die  innere  polnische
  Amtssprache,  ausgenommen  bei  der  Gendarmerie,
  die  ausschließliche  Anstellung  von  einheimischen  Be-
        <pb n="36" />
        30

amten,  eine  bevorzugte  Stellung  der  beiden  galizischen
Oberlandesgerichte  zu  Lemberg  und  Krakau  und  die
Errichtung  eines  besonderen  galizischen  Senats  beim
Obersten  Gerichtshof  in  Wien,  endlich  1871  einen  eigenen
  Minister  für  Galizien,  d.  h.  für  das  Polentum.
Die  galizische  Landesordnung  vom  26.  Februar  1861
blieb  zwar  in  den  Grundzügen  bestehen,  wurde  aber
so  ergänzt,  daß  das  Polentum  die  volle  Herrschaft  ge-Pad
  gewährleiste!  erhielt.  Die  Zusammensetzung
des  Landtages  beruht  auf  einer  Wahlordnung,  dieden
Polen  ein  weit  über  das  zahlenmäßige  Verhältnis  der
Bevölkerung  hinausgehendes  üÜbergewicht  verschafft.
Den  maßgebenden  Einfluß  auf  die  gesamte  Landesregierung
  aber  übt  der  Landesausschuß  aus,  der
aus  dem  vom  Kaiser  ernannten  Marschall  und  sechs
Abgeordneten  des  Landtages  besteht.  Der  kaiserliche
Statthalter  ist  nicht  eigentlich  Chef  des  Regiments,
sondern  mehr  Mittelglied  zwischen  der  galizischen
Landes-  und  der  Wiener  Zentralregierung.
So  haben  die  Polen  durch  Gesetze  und  via  facti
die  volle  Herrschaft  in  Galizien  erlangt.  Und  nicht
nur  das.  Sie  haben  gleichzeitig  in  Wien  eine  machtvolle
  Einwirkung  auszullben  gewußt,  sie  waren  oft
das  =  Zünglein  an  der  Wage.,  sie  haben  dafür  Sonderrechte
  als  Belohnung  eingeheimst.  Seit  den  1870er
Jahren  nahmen  diehastn  im  Kaiserstaat  eine  geradezu
dominierende  Stellung  ein.  Sollten  sie  nicht  voll
zufrieden  sein?  Galizien  besaß  zahlreiche  Sonderrechte
und  war  in  wichtigsten  Fragen  unabhängig  vom
Wiener  Parlament,  seine  Polen  aber  wirkten  gleichwohl
  im  Reichsrat  überall  entscheidend  mit,  auch  dann,
wenn  die  Beschlüsse  für  die  anderen  Kronländer,  nicht
für  Galizien  galten.  Vorteile  über  Vorteile,  Rechte
ohne  Verpflichtung.  Auf  Galizien  wurde  durchschnittlich
  dreimal  soviel  verwendet,  wie  es  für  die  Reichsratsländer
  aufbrachte.  Gleichwohl  waren  die  Polen
nicht  befriedigt.  Denn  kein  echter  Pole,  der  nicht  die
Wiederherstellung  des  einstigen  Polenreiches  erträumt!
Aber  auch  kein  Pole,  der  nicht  tiefes  Verständnis  für
die  mächtigen  Vorteile  der  gewonnenen  Stellung  in
Galizien  und  zugleich  im  Kaiserstaat  besessen  hätte!
Die  Sehnsucht  nach  dem  zukünftigen  Polenreich  blieb;
aber  die  Rufe  nach  einer  weiteren  politischen  Sondersrellung
  im  Sinne  der  Resolutione  von  1868,  beonders
  im  Sinne  der  in  den  Vordergrund  geschobenen
Forderung,  daß  Galizien  nicht  mehr  eigentlich  im
Reichsrat  vertreten  sein  solle,  diese  Rufe  verstummten.
Wie  sollte  auch  die  Beseitigung  gerade  jenes  Verhältnisses
  begehrt  werden,  das  den  Polen  so  gewaltig
eholfen  haite)  Es  vollzog  sich  ein  Umschwung.  Die
olen  schwiegen  —  und  die  Deutschen  verlangten  das,
was  1868  die  Polen  gewünscht  hatten.  Man  fand
den  Einfluß  der  polnisch-galizischen  „Delegation--  im
Reichsrat  unbillig,  geradezu  ungerecht.  Im  Linzer
Programm  der  radikalen  deutsch-nationalen  Gruppe
Schönerer  wurde  1882  zum  erstenmal  seitens  der
Deutschen  die  Forderung  einer  völligen  Sonderstellung
Galiziens  und  eines  Ausscheidens  der  galizischen
„Delegatione  aus  dem  Reichsrat  aufgestellt.  Im
Pfingstprogramm  1899  wurde  die  Forderung  wiederholt;
  am  7.  November  1915  haben  der  deutsche
Nationalverband  und  die  christlichsoziale  Partei  gemeinsam
  den  gleichen  Wunsch  geäußert,  und  im  Osterprogramm
  1916  haben  die  gleichen  deutschen  Parteien
den  Ausschluß  von  Galizien,  zugleich  auch  den  der  Bukowina
  und  Dalmatiens,  begehrt  Vom  deutsch-nationalen
  Standpunkt  aus  war  das  sehr  begreiflich.  Von  516
Reichsratsmitgliedern  gehören  110  der  polnischen  und

I.  Politik  und  Geschichte

ruthenischen  Nation  an.  Das  Stimmenverhältnis
würde  eine  derartige  Verschiebung  erfahren,  daß  zwar
nicht  die  Deutschen  die  für  Versasfungsärderen  en
notwendige  Pukimrtelmedert.  erlangen,  daß  aber
doch  ein  Verhältnis  von  227  Deutschen  zu  179  Nichtdeutschen
  zu  erreichen  und  die  slawische  Mehrheit  im
österreichischen  Abgeordnetenhaus  gebrochen  wäre.
Ausblicke.  Noch  ist  vieles  ungeklärt,  in  der  polnischen
  Frage  ebenso  wie  in  der  der  Sonderstellung
Galiziens.  Die  Proklamationen  vom  5.  November
haben  keineswegs  einen  allgemeinen  Enthusiasmus
ausgelöst.  Unzufriedenheit  zeigte  sich  vielfach  bei
Deutschen,  bei  Ruthenen,  bei  Polen.  Den  einen  war
das  den  Polen  gewährte  Entgegenkommen  zu  groß,
den  anderen  zu  llein.  Was  Galizien  im  besonderen  angeht,
  so  waren  auch  die  österreichischen  Polen  anfangs.
wenig  erbaut.  Ein  Teil  zeigte  sich  enttäuscht  und  ernüchtert,
  ein  anderer  verhielt  sich  kühl  und  skeptisch,
stellte  sofort  Bedingungen,  verlangte  nationale  Garantien
  innerhalb  und  außerhalb  Galiziens.  Der  Deutsche
  Volksrat  für  Galizien  hatte  schon  früher  eine
Denkschrift  betreffend  die  Wünsche  und  Forderungen
der  Deutschen  Galiziens=  eingereicht.  Jetzt  tagten  die
Karpathendeutschen  noch  im  November  zu  Wien  und
äußerten  die  Befürchtung,  daß  die  Deutschen  durch
das  privilegierte  Polentum  vergewaltigt  werden  würden.
  Den  schärfsten  Widerspruch  erhob  die  ukrainische
Parlamentsvertretung.  Sie  erklärte  die  angekündigte
Sonderstellung  Galiziens  als  tiefste  Verletzung  der
ukrainischen  Rechte  und  als  Auslieferung  des  viertrößten
  Volkes  der  Monarchie  an  die  unbeschränkte
gerstant  des  nationalen  Gegners;  sie  verlangte  die
ildung  eines  besonderen  ukrainischen  Kronlandes.
Das  Mißlichste  aber  war,  daß  die  österreichische  Regierung
  selbst  unsicher  wurde.  Der  Ministerpräsident
Körber  hatte  am  27.  November  die  galizische  Proklamation
  als  etwas  Fertiges  übernommen;  er  hatte
dieses  Erbe  Stürgkhs  nur  widerwillig  angetreten  und,

wie  verlautet,  in  den  Entwurf  des  kaiserlichen  Handschreibens

  das  bedeutsame  Wort  #gesetzmäßige  einefügt.
  Er  wollte  nicht  gleich  seinem  Vorganger  mit
ilfe  des  §  14,  d.  h.  ohne  Parlament,  im  Verordnungsweg
  die  einschneidenden  Maßnahmen  treffen.  Das
mit  größten  Hoffnungen  allgemein  begrüßte  Ministerium
  Körber  brach  rasch  zusammen.  Dazu  kam
der  Thronwechsel,  auf  Franz  Joseph  I.  folgte  am  21.
November  1916  Kaiser  Karl  I.  Körbers  Nachfolger
Clam-Martinitz  nahm  von  Anfang  an  eine  unsichere,
ja,  wie  es  scheint,  ratlose  Haltung  ein.  Die  Radikal-Deutschen
  verlangten  Sonderstellung  und  Ausscheiden
  Galiziens  aus  den  im  Reichsrat  vertretenen  Ländern
  mit  Hilfe  des  §  14,  andere  Parteien  dagegen  begehrten
  vorerst  die  Einberufung  des  Reichsrats.

Polen,  Ruthenen,  Deutsche  waren  eifrig  mit  Verhandlungen
  über  Galizien  beschäftigt.  Ja  die  Ausschüsse
  des  Polenklubs  haben  schon  im  Januar  ihre
Arbeiten  abgeschlossen  und  die  polnischen  Wünsche  der
Wiener  Regierung  überreicht.  Staatsmännisch  Uug
haben  sie  sich  rasch  in  die  neuen  Verhältnisse  gefunden
und  unter  vorläufigem  Verzicht  auf  politische  Vereinigung
  mit  dem  Königreich  Polen  einen  maßgebenden

influß  auf  die  positiven  Ordnungen  der  Gegenwart
zu  gewinnen  begonnen,  ohne  damit  zukünftige  Veränderungen
  zu  verbauen.

Da  brachte  im  März  1917  die  russische  Revolution.
der  Sturz  des  Zarentums,  eine  unerwartete  Wendung,
  militärisch  sicherlich  einen  Gewinn  für  die
Mittelmächte,  politisch  aber  eine  Fülle  von  neuen
        <pb n="37" />
        Korodi:  Siebenbürgen

Schwierigkeiten.  Die  Verkündung  der  Völkerautonomie
  für  alle  Stämme  des  demokratischen  Rußlands
erregte  eine  neue  Bewegung  unter  Polen  und  Ukrainern,
  löst  die  alten  und  neuen  Spupathien  für  einen
Anschluß  an  Osterreich  und  die  Mittelmächte,  wirbt
für  eine  Verbindung  mit  dem  „demokratischen=  Rußland
  und  erweckt  alte  phantastische  Großmachtpläne.
Wieder  steigen  die  Träume  vom  Jagellonenreich  auf
und  daneben  die  Gedanken  von  der  Aufrichtung  eines
Ukrainestaates  unter  völliger  Mißachtung  der  gegenwärtigen
  politischen  Grenzen.  Vorkommnisse  in  dem
von  Deutschen  und  Österreichern  verwalteten  Kongreßpolen
  und  besonders  die  Erklärungen  der  slawischen
Parteien  in  der  ersten  Sitzung  des  österreichischen
Reichsrats  am  30.  Mai  offenbaren  Tendenzen,  die  die
Lebensinteressen  der  verbündeten  Mittelmächte  gefährden.
  Die  Lockungen  der  russischen  -Demokratie-,
die  in  Wahrheit  niemals  auf  eigenes  Machtstreben
verzichten  kann,  beeinflussen  verhängnisvoll  die  Bestrebungen
  der  Westslawen.  So  lebhaft  die  Deutschen
das  Erstehen  eines  selbständigen  Polens  und  einer
selbständigen  Ukraine  begrüßen,  so  kräftig  müssen  sie
aus  wirischaftlichen  und  politischen  Gründen  eine
angere.  Verbindung  mit  diesen  Völkern  zu  erhalten
und  zu  pflegen,  ein  Abschwenken  zum  Moskowitertum
zu  verhindern  suchen.  Hier  liegen  die  Gefahren,  die
Hoffnungen  und  Wünsche.  Ein  Zusammengehen  der
Ukrainer,  der  Polen  und  aller  Westslawen  mit  den
Mittelmächten  entspricht  den  wahrsten  Bedürfnissen
dieser  Völker  ebenso  wie  denen  ihres  großen  deutschen
Nachbarn.  Wird  eine  nicht  allzu  ferne  Zukunft  zu
diesen  Zielen  führen?

Erst  allmählich  werden  die  verschiedenen  Forderungen,
  die  einander  widerstreitenden  nationalen  Bedürfnisse
  der  Polen,  der  Ruthenen,  der  Deutschen,  dazu
die  Erfordernisse  des  österreichischen  und  des  deutschen
  Staatsgedankens  in  übereinstimmung  zu  bringen
  sein.  Denn  dazu  gehören  gegenseitiges  Vertrauen
und  mancher  Verzicht  der  einzelnen  Völker.  Diese
Voraussetzungen  müssen  erst  gewonnen  werden.

Unser  iser  wird,  wenn  nicht  alle  Zeichen  trügen,
  keine  Aufteilung  Galiziens  unter  einen  ruthenischen
  und  polnischen  Staat  vornehmen.  Zunächst
wird  nur  das  augenblicklich  Nötige  und  das  durch  die
individuellen  Zeitverhältnisse  Gestattete  und  leicht
Mögliche  geregelt  werden,  das  andere  der  Zukunft
vorbehalten  werden.

Von  größter  Wichtigkeit  aber  ist  es,  daß  bei  den
augenblicklichen  Ordnungen  auch  das  in  weiterer  Ferne
stehende  Ziel  nicht  vergessen  werde.  Und  deshalb
muß  beim  Ausbau  der  am  5.  November  verkündeten
Neuordnung  in  Polen  und  in  Galizien  der  Grundsatz
  durchgeführt  werden:  Keine  Auslieferung  einer
Nation  an  die  brutale  Unterdrückung  einer  anderen;
gleicher  Schutz  für  alle.  Die  Worte  des  Handschreibens
vom  5.  November,  der  Bevölkerung  Galiziens  solle

31

die  Gewähr  ihrer  nationalen  Entfaltung  geboten  werden,
  gelten  für  alle  Völker  Galiziens  in  gleicher  Weise,
für  Polen,  Ruthenen,  Deutsche.  Daher  ist  die  Teilung
Galiziens  in  ein  polnisches  und  in  ein  ruthenisches
Kronland  abzulehnen,  denn  das  würde  zu  heftigsten
nationalen  Kämpfen  Anlaß  geben.  Deshalb  ist  eine
Ordnung  zu  fordern,  die  alle  weltlichen  Minderheiten
schützt.  Es  müssen  vor  allem  Vorkehrungen  getroffen
  werden,  die  jede  Vergewaltigung  des  deutschen
Elements  unmöglich  machen.  Daher  ist,  das  sei  die
wichtigste  Aufgabe,  das  polnische  Machtstreben  von
vornherein  in  feste  Schranken  zu  bannen  und  seine
Ausbreitung  über  weißrussisches,  lettisches,  ukrainisches
  und  deutsches  Gebiet  zu  verhindern.  Denn  diese
UAusbreitung  würde  nicht  nur  die  Bedürfnisse  der  benachbarten
  Großstaaten  stören,  sondern  dem  Grundsatz
  der  Völkerautonomie  schroff  widersprechen.
Ganz  Mitteleuropa  hat  ein  Interesse  daran,  daß
Galizien,  ein  Land  der  verheißungsvollen  Zukunft,
ein  Land  der  wichtigen  Verbindung  auf  dem  Wirtschaftsweg
  nach  dem  Südosten,  zur  Blüte  gebracht
werde.  Das  künstliche  politische  Gebilde  wird  gewiß
einstweilen  bestehen  bleiben.  Die  historisch  verschiedene
Zusammensetzung  hat  nur  Bedeutung  für  Gegenwart
und  Zukunft,  wenn  sie  Trägerin  großer,  verschiedener
Gesellschaftsbedürfnisse  ist.  Vielleicht  wird  in  der
Hinsicht  später  noch  manches  in  Galizien  zur  Geltung
kommen.  Schon  jetzt  aber  ist  eines  wünschenswert:
Da  in  nächster  oder  in  einer  ferneren  Zukunft  ein
kräftiger  Grenzschnitt  zwischen  einem  polnischen  und
einem  deutsch--völkischen  Machtgebiet  vorgenommen
werden  wird,  ist  an  Schlesien  das  zurückzugeben,  was
ihm  von  Rechts  wegen  zukommt  und  was  völkisch  und
politisch  dem  Westen  gehört,  Auschwitz-Zator  oder
wenigstens  die  westlichsten  Teile  davon.  Die  gegenwärtige
  schlesisch-galizische  Grenze  könnte  vertrauensvoll
  nicht  als  Grenze  zwischen  zwei  selbständigen
Staaten  bestehen.  Sie  würdetopographisch,  wirtschaftlich
  und  besonders  auch  strategisch  geradezu  unmöglich
  sein.  Mit  Leichtigkeit  kann  jetzt  noch  geregelt  werden,
  was  vielleicht  später  größte  Schwierigkeiten  bietet.
Literatur.  Die  österreichisch-ungarische  Monarchie  in
Wort  und  Bilde,  Bd.  19:  Galizien  (Wien  1898);  J.  Szuiskj,
Die  Polen  und  Ruthenen  in  Galizien  (Teschen  1882);  A.  v.
Guttry,  Galizien  (Münch.  1916);  St.  Tomaschiwskyi,
Die  weltpolitische  Bedeutung  Galiziens  (das.  1915);  =  Das
Deutschtum  in  Galizien-,  herausgegeben  vom  Bund  derchristlichen
  Deutschen  in  Galizien  (Lemberg  1914%  R.  Kaindl,
Geschichte  der  Deutschen  in  den  Karpathenländern  (Gotha
1907—11);  Derselbe,  Die  Deutschen  in  Galizien  und  in  der
Bukowina  (Frankf.  1916);  Th.  Zöckler,  Das  Deutschtum  in
Galizien  (Weim.  1915);  G.  Seellger,  Das  Deutschtum  in
den  Westbeskiden  und  die  Herzogtümer  ushoh  und  Zator
——  Mitteilungen-,  Nov.  1916);  M.  Hruschewky
  .  Geschichte  der  Ukraine  1  (Lemberg  u.  Wien  1916).—
ochenschrift  für  polnische  Interessen  (Wien,  seit
Jan.  1915;  vgl.  besonders  die  Aufsätze  von  Sluszkiewicz,
Die  Volkswirtschaft  Galiziens,  im  1.  Band).

r  Polen,

Sießen  ürgen

don  Lutz  Korodi,  politischem  Direktor  der  -Deutschen  Zeitung
  in  Berlin

Die  politische,  kulturelle  und  strategische  Bedeutung
Siebenbürgens,  des  =  Landes  jenseits  des  Waldes-(Transsilvania),
  ist  in  der  neueren  Zeit,  gerade  auch

für  das  deutsche  Volk,  nie  so  augenfällig  in  Erscheinung
  getreten  wie  nach  dem  rumänischen  Einfall
im  August  1916.  Und  doch  gibt  die  physikalische,  die
geologische,  die  Staaten-  und  die  Völkerkarte  dieses
mitteleuropäischen  Südostpfeilers  eigentlich  an  sich
reichen  Aufschluß  darüber.  Aber  erst  die  unvermutet
ernste  Gefährdung  dieses  Besitzes  und  dann  seineglück-
        <pb n="38" />
        32

liche  Sicherung  brachten  es  auch  den  Fernerstehenden
um  Bewußtsein,  welche  unwägbaren  Werte  für  das
Kontgreich  Ungarn  und  für  die  habsburgische  Gesamtmonarchie,
  in  weiterer  Folge  auch  für  das  Deutsche
Reich,  hier  zu  verteidigen  und  für  die  Zukunft  voll
auszuprägen  sind.  Eine  richtige  Entdeckungsfahrt
machte  die  siegreiche  Armee  Falkenhayn  auf  ihrem  .
von  Hötzing  über  Hermannstadt  bis  Kronstadt,  un
es  ist  als  sicher  anzunehmen,  daß  die  deutschen  Befreier
  des  Siebenbürger  -Sachsenlandes=  auch  für
Friedenszeiten  eine  mächtige  Anregung  erhalten  haben,
die  Spuren  achteinhalbhundertjähriger  deutscher  Arbeit
in  diesen  gesegneten  Gauen  weiter  zu  verfolgen  und
ihre  Entwicklungsmöglichkeit  und  -notwendigkeit  fest
im  Auge  zu  behalterd  Dämme  gibt  es  hier  auszubauen,
  die  nicht  nur  den  Bestand  Osterreich-Ungarns
an  einer  langen  Kette  von  Einfallstoren  verbürgen,
sondern  auch  für  deutschen  Unternehmungsgeist  zu
Nutz  und  Frommen  des  Donaureiches  ein  Feld  von
unvergleichlicher  Fruchtbarkeit  und  Mannigfaltigkeit
umrahmen.

Die  Deutschen  in  Siebenbürgen,  nach  der  amtlichen
  ungarischen  Volkszählung  von  1910  insgesamt
234085  Seelen,  also  nur  8,7  v.  H.  der  siebenbürischen

  Bevölkerung  (d.  i.  11,5  v.  H.  der  Deutaten
  in  ganz  Ungarn),  sind  die  eigentlichen  Kulturträger
  in  den  siebenbürgischen  Landesteilen  Ungarnsz
  wie  das  Gebiet  seit  dessen  Vereinigung  mit

em  übrigen  Ungarn  (1867)  staatsrechtlich  benannt
wird.  „Sachsen=  heißzen  sie  jetzt  allgemein,  obwohl
ihre  Herkunft  aus  dem  Moselfränkischen  (Mitte  des
12.  Jahrhunderto)  jetzt  wissenschaftlich  genau  festgestellt
  ist.  Der  allgemeine  Kolonistenname  „  Saxoueswurde
  im  Mittelalter  hier  politischer  Begriff  für  die
»ständische  Natione  und  nach  der  Aufhebung  der
sächsischen  Munizipalverfassung  (1876)  ausschließlich
Bezeichnung  für  die  stammeseigentümliche  völkische
Zusammengehörigkeit.  über  die  Volkszahl  der  ersten
deutschen  Einwanderer  fehlen  auch  nur  annähernd
genauere  Angaben.  Die  ursprünglichen  Siedlungsebiete

  selbst  entsprechen  im  Groen  und  ganzen  den
heutigen  Wohnstätten  der  Sachsen  auf  dem  alten
„Königsboden=  um  Hermannstadt,  Schäßburg,  Kronstadt
  und  Bistritz  (Nösen).  Bis  Ende  des  18.  Jahrhunderts
  stand  keinem  anderen  Volksstamm  als  dem
sächsischene  das  Bürgerrecht  zu,  auch  dem  madjarischen
  nicht.  Diese  Sonderstellung  ist  noch  auf  den
Goldenen  Freibrief  Andreas'’  II.  (1224)  zurückzuführen,
  durch  den  die  Sachsen  als  politisnhe  Einheit
(„Unus  sit  populus-)  ein  »Glied  der  heiligen  Krone-(sacrae
  membrum  coronae)  wurden,  zu  deren  Schutz
die  -Gäster  (hospites)  vom  König  ausdrücklich  ins
Land  eingeladen  wurden,  zum  Schutz  nicht  nur  als
Grenzwächter  gegen  auswärtige  Feinde,  sondern  auch
gegen  rebellionslustige  Ansässige,  denen  merkwürdi.
gerweise  zur  selben  Beit  das  Recht  auf  bewaffneten
Widerstand  gegen  die  Königsgewalt  (ins  resistendi)
für  den  Fack  der  Verfassungsverletzung  eingeräumt
wurde.  Wie  ein  historischer  Reflex  dieser  Zeit  wirkt
noch  heute  die  für  den  Nichteingeweihten  befremdliche
Erscheinung,  daß  die  ungarische  Regierung,  gestützt  auf
ein  handliches  Wahlrecht  und  auf  die  spezisisch  ungarische
  Wahlpraxis,  vornehmlich  die  =  Nationalitätengegenden
  als  ihre  sichersten  parlamentarischen  Rekrutierungsbezirke
  betrachtet,  während  die  Vertreter  der
radikalsten  staatsrechtlichen  Opposition  (Kossuthisten)
nahezu  ausschließ'ich  von  rassenmadjarischen  Wählerschaften
  in  den  Reichstag  zu  Ofenpest  entsandt  werden.

I.  Politik  und  Geschichte

Die  große  Mehrzahl  der  siebenbürgisch  sächsischen
Abgeordneten  (11)  gehört  gegenwärtig  aus  Gründen
politischer  Opportunität  der  ungarischen  Regierungspartei
  an;  nur  zwei  Vertreter,  die  sich  um  den  Zusammenschluß
  mit  dem  übrigen  ungarländischen  Deutschtum
  bemühen,  stehen  außerhalb  der  Parteien,  um  sich
die  volle  persönliche  Bewegungsfreiheit  in  nationalen
Dingen  zu  wahren.  Einer  von  diesen,  der  Abgeordnete
  Brandsch,  ist  seit  einem  Jabrjehnt  der  geistige
Führer  und  Organisator  jener  fälschlich  als  „Pangermanen=
  verschrienen  Deutschen  Ungarns,  die  uine  usammenfassung
  des  gesamten  ungarländischen  Deutschtums
  und  eine  entsprechende  Vertretung  im  Reichstag
sowie  die  kulturelle  Sicherstellung  dieses  Deutschtums
im  Sinne  des  ungarischen  Gesetzes  über  die  Gleichberechtigung
  der  Nationalitätene  (aus  dem  Jahre
1868)  anstreben.  Einig  aber  sind  alle  Sachsen  und
auch  deren  parlamentarische  Vertreter  im  Willen,  das
Volkstum  im  Dienste  ihres  Vaterlandes  rein  und
stark  zu  erhalten.  In  dieser  Richtung  hat  die  sogenannte
  #grüne  Bewegung=  (1893—1901)  mancherlei
  kräftigen  Antrieb  gegeben;  damals  gewannen  auch
die  südungarischen  Banater  Schwaben  zuerst  dauernd
nachwirkende  Fühlung  mit  ihren  siebenbürgischen
Volksgenossen.

Schulen  mit  deutscher  Unterrichtssprache  besitzen
in  den  Ländern  der  Stephanskrone,  abgesehen  von
einigen  kümmerlichen  Resten  deutschen  Schulwesens
im  außersiebenbürgischen  Ungarn,  nur  die  Siebenbürger
  Sachsen  (in  254  Gemeinden  etwa  260  Volksschulen,
  9  höhere  Knabenschulen,  je  eine  Lehrer-  und
Lehrerinnenbildungsanstalt.  höhere  Mädchen-  und
ländliche  Fortbildungsschulen,  Handels-,  Gewerbeund
  Ackerbauschulen  usw.).  Dieses  Schulwesen  steht
unter  dem  Schutz  der  autonomen  evangelischen
Landeskirche,  der  fast  alle  Deutschen  Siebenbürgens
  angehören,  da  die  Reformation  hier,  begünstigt
durch  die  politischen  Wirren  des  16.  Jahrhunderts,
unter  den  Sachsen  allenthalben  1ngegindert  Eingang
fand.  Die  Theologiestudierenden  sind  auch  heute
verpflichtet,  mindestens  zwei  Jahre  deutsche  Hochschulen
  zu  besuchen;  ihre  Prüfungen  legen  sie  in  Hermannstadt
  vor  einer  Prüfungskommission  des  Landeskonsistoriums
  in  deutscher  Sprache  ab,  während  für
sämtliche  anderen  Studierenden,  also  auch  für  die
künftigen  Lehrer  der  sächsischen  höheren  Schulen,  die
madjarische  Staatsprüfung  verbindlich  ist.  Weitaus
die  meisten  sächsischen  Hochschüler  besuchen  mindestens
ein  Jahr  lang  auch  deutsche  Universitäten,  um  den
geistigen  Zusammenhang  mit  dem  Mutterland  lebenig

  zu  erhalten.  Ein  beredtes  Bild  dieses  innigen
JZusammenhangen  wie  er  auch  der  heranwachsenden

ugend  vermittelt  wird,  bietet  das  -Deutsche  Lesebuch«
  für  die  höheren  Schulen  der  evangelischen
Landeskirche  von  Netoliczka  und  Wolff.

In  Schule  und  Kirche  der  Sachsen  ist  das  Hochdeulsche
  Vortrags-  und  Dienstsprache.  Daneben  wird
die  Mundart  eifrig  gepflegt,  dessen  wissenschaftlicher
Erforschung  das  von  Adolf  Schullerus  herausgegebene
  =  Siebenbürgisch-sächsische  Wörterbuche  dient
(Straßburg  i.  E.  1908  ff.).  Um  die  sprachkundliche
Erforschung  der  alten  Heimat  machte  sich  der  Bistritzer
Stadtpfarrer  Kisch  sehr  verdient.  Der  Geschichtschreiber
  der  Siebenbürger  Sachsen  ist  der  Bischof
Georg  Daniel  Teutscht.  Die  Schriften  des  sieben-1

  Neuausgabe  und  Fortsetzung  der  »Geschichte  der  Siebenbürger
Sachsene  von  Bischof  Friedrich  Teutsch  (Hermannstadt  1907).
        <pb n="39" />
        Korodi:  Siebenbürgen

bürgischen  Reformators  Johannes  Honterus  hat  der
Kronstädter  Gymnasialdirektor  Oskar  Netoliczka  herausgegeben
  (Wien  1898).

Wie  sehr  die  Kirche  von  jeher  den  Sammelpunkt
des  sächsischen  Volkslebens  bildete,  zeigen  Hunderte
von  Kirchenkastellen,  die  einst  der  Verteidigung  dienten
  und  heute  der  natürlichen  Schönheit  des  Landes
ein  reizvolles  Relief  verleihent.  Unter  den  Werken
der  bildenden  Kunst  im  Hermannstädter  Baron  Brukenthalschen
  Museum  sind  auch  einige  alte  Meister  zu
finden  (Memling,  van  Eyck);  in  der  Neuen  Pinakothek
zu  München  begegnet  uns  dafür  einer  der  hervorragendsten
  Maler  Siebenbürgens,  Robert  Wellmann,
der  auch  im  Ofenpester  Nationalmuseum  vertreten  ist.
Die  Malkunst  wurde  in  Siebenbürgen  so  recht  eingebürgert
  durch  den  aus  Mecklenburg  gebürtigen  Karl
Dörschlag.  Sorgfältige  Zeichnung  und  solide  Pinselführung
  kennzeichnen  diese  kräftig  aufstrebende  junge
Schule  der  letzten  Jahrzehnte;  außer  Wellmann  sind
unter  diesen  Künstlern  Artur  Coulin.  Karl  Ziegler
(in  Posen),  Fritz  Schullerus  und  Friedrich  Mieß  zu
nennen,  jeder  eine  ausgeprägte  Individualität  für  sich.
Als  Sängerinnen  haben  sich  in  Berlin  die  Geschwister
Lula  Myß-Gmeiner  und  Ella  Klein-Gmeiner  einen
Namen  gemacht.  Schon  durch  diese  knappen  Feststellungen
  wird  der  Zusammenhang  des  siebenbürgischdeutschen
  Geisteslebens  mit  der  gemeindeutschen  Kultur
  genügend  dargetan.

Die  Kriegstüchtigkeirder  Siebenbürger  Sachsen
äußerte  sich  auch  in  der  Gegenwart  nicht  nur  dadurch,
daß  sie  im  Verhältnis  zu  den  anderen  Völkerschaften
die  größte  Zahl  von  Kriegsteilnehmern  stellten,  sondern
auch  durch  ihre  starke  Vertretung  unter  den  führenden
Männern  in  der  Kriegskunst.  General  v.  Kövess  ist  der
Sohn  einer  sächsischen  Mutter,  und  der  Generalstabschef
  Freiherr  Arz  v.  Straußenburg  entstammt  einem
alten  sächsischen  Patriziergeschlecht  aus  Hermannstadt.

Das  sächsische  Gewerbe  hatte  während  des  letzten
Menschenalters  durch  den  ungarisch-rumänischen  Zollkrieg
  stark  gelitten;  unternehmungslustige  Sachsen
wanderten  infolgedessen  vielfach  nach  Rumänien  ab,
wo  sie,  unterstützt  von  König  Karl,  lebensfähige  Industrien
  schufen.  Seit  etwa  20  Jahren  hat  sich  dagegen
auch  in  Siebenbürgen  eine  vielversprechende  junge
Industrie  entwickelt,  deren  beachtenswerteste  Vertreter
  fast  ausschließlich  Sachsen  sind.  Eine  Befruchtung
  dieser  Industrie  wird  einerseits  von  der  Beteiligung
  deutschen  Kapitals  erwartet,  nicht  zum  geringsten
Teil  aber  von  der  Ausnußung  der  vor  wenigen  Jahren
  entdeckten  Erdgasquellen,  deren  Zuleitung  allerdings
  von  der  ungarischen  Regierung  zunächst  nur
für  die  industriearmen  madjarischen  Städte  Siebenbürgens
  in  Aussichtgenommen  ist.  Die  Finanzierung
und  die  technische  Anlage  wurden  in  der  Hauptsache
der  Deutschen  Bank  übertragen.

Volkswirtschaftlich  befruchtend  wirken  unter  den
Sachsen  vorzugsweise  die  sächsischen  Sparkassen
in  Hermannstadt  und  Kronstadt;  ihren  Reingewinn
wenden  sie  kulturellen  Zwecken  zu.  Dividenden  werden
  den  Aktionären  nur  in  der  Höhe  der  gewöhnlichen
Spareinlagen  zugesprochen.  Die  erste  Sparkasse  überhaupt
  in  Ungarn  wurde  (1834)  in  Kronstadt  gegründet.
  Auf  dem  ganzen  Sachsenboden  sind  Hunderte
von  Faiffeisen=  Verbinen  tätig,  um  die  Bauern  im

1  Abbildungen  im  Sammelwerk  von  E.  Sigerus  Burgen
und  Kirchenkastelle  im  siebendürgischen  Sachsenlande  (Hermannstadt
  1900).

Der  Krieg  1914/17.  II.

33

Wege  der  wirtschaftlichen  Selbsthilfe  unabhängig  zu
erhalten.  Das  Hauptverdienst  an  der  vorbildlichen
Arbeil  auf  diesem  Gebiet  gebührt  dem  Direktor  der
Hermannstädter  Sparkasse  Karl  Wolff.

Der  im  Mittelalter  blühende  Handel  der  Sachsen
erlitt  naturgemäß  durch  die  neuen  Verhältnisse  des
Weltverkehrs  erhebliche  Einbuße.  Eine  kräftigere
Neubelebung  ist  erst  zu  erwarten,  wenn  das  mehr
als  dürftige  siebenbürgische  Eisenbahnnetz  entsprechend
ausgebaut  werden  wird.

Das  Vereinswesen  der  Sachsen  ist  durchweg  auf
völkischer  Grundlage  aufgebaut.  Der  Sammelpunkt
für  kirchliche  Unterstützungstätigkeit  ist  der  Gustav-Adolf
  Verein,  für  wissenschaftliche  Forschung  aller  Art
der  Landeskundeverein  und  der  jüngere  Naturwissenschaftliche
  Verein,  für  Ackerbau  und  Viehzucht  der  Landwirtschaftliche
  Verein,  für  die  touristische  Erschließung
des  Landes  der  Karpathenverein,  für  evangelische
Liebestätigkeit  der  evangelische  Frauenverein;  für  die
musikalischen  Bestrebungen  wirken  der  Siebenbürgischdeutsche
  Sängerbund  und  für  Leibeslbung  eine  große
Anzahl  städtischer  und  auch  ländlicher  Turnvereine  und
Jugendwehren,  für  Kunsthandwerkusw.  der  Sebastian-Hann-Verein.
  Die  meisten  Vereine  haben  ihren  Hauptihin
  Hermannstadt.  Allsommerlich  tagen  sie  abwechselnd
  an  einem  von  Jahr  zu  Jahr  bestimmten  Ort  diese
„Vereinstage=  sind  eine  ganz  eigenartige  Heerschau
über  die  geistige  Arbeit  des  sächsischen  Volkstums,  die
dem  Fremden  einen  genauen  Einblick  in  das  Kulturgefüge
  dieser  geschlossenen  nationalen  Gemeinschaftgewährt.
  Hier  entfaltet  sich  ihm  am  bequemsten  auch  das
reiche  Bild  der  Volkstrachten.  Durch  den  rumänischen
  Einfall  im  Herbst  1916  ist  allerdings  viel  kostbares
  Material  vernichtet  oder  verschleppt  worden,  und
es  wird  jahrelanger  Mühe  bedürfen,  bis  die  also  geichteten
  Schätze  der  Volkskunst  erneuert  werden.  Emsig
arbeitet  daran  der  (in  Honigberg  bei  Kronstadt)  neuegründete

  Verein  =  Sächsischer  Hausfleiße,  der  die
Oerstellung  und  den  Vertrieb  der  Stickereien  fördert.
Es  ist  als  sicher  anzunehmen,  daß  sich  durch  diese  Hausindustrie
  auch  auf  dem  Wege  der  Ausfuhr  nach  Deutschland
  der  bäuerlichen  Bevölkerung  eine  recht  ergiebige
Erwerbsquelle  eröffnet.

Die  deutsche  Schauspielkun  stwird  durch  Wandergesellschaften
  gepflegt,  vorzugsweise  in  Hermannstadt
und  Kronstadt.  Unter  den  zahlreichen  deutschen  Zeitungen
  sind  vor  allem  das  -Siebenbürgisch-deutsche
Tageblatte,  die  =  Siebenbürgisch  deutsche  Tagespost-(beide
  in  Hermannstadt)  und  die-Kronstädter  Zeitung.
zu  erwähnen,  alle  drei  täglich  erscheinend.  Die  erste
Druckerei  in  Ungarn  errichtete  1533  der  Reformator
Honterus  (in  Kronstadt).

Die  madjarische  Bevölkerung  Siebenbürgens
zählt  nach  der  amtlichen  ungarischen  Statistik  (von
1910)  918217,  die  rumänische  1472021  Seelen,
d.  h.  34.3  bzw.  55  v.  H.  Wirtschaftlich  bedeuten  die
in  entschieden  aufsteigender  Linie  sich  entwickelnden
Rumänen  für  das  siebenbürgische  Deutschtum  durch
ihre  bescheidene  Lebenshaltung  und  ihre  starke  Volksvermehrung
  eine  gewisse  Gefahr,  während  sich  aus
der  notwendigen  Abwehr  gegen  die  Madjarisierungsbestrebungen
  für  die  beiden  Nationalitäten  manche
wesentliche  Berührungspunkte  ergeben.  (Die  3  Millionen
  Rumänen  Ungarns  haben  im  Reichstag  5  und
die  noch  nicht  10  Millionen  Madjaren  395  Vertreter.)
Das  Madjarentum  dringt  vorzugsweisein  jenen  Städten
  vor,  wo  ihm  durch  Besetzung  oder  Neuschaffung
von  Beamtenstellen  künstlich  Vorschub  geleistet  wird.

3
        <pb n="40" />
        34

Ausschlaggebend  in  der  Gemeinde-  und  Komitatsverwaltung
  ist  aber  auf  dem  alten  „Königsbodendoch
  auch  heute  noch  das  deutsche  Bürger=  und  Bauerntum.
  In  den  Landgemeinden  wohnen  die  Sachsen
nur  mit  Rumänen  untermischt.

Ihrer  historischen  Aufgabe  als  -Grenzwächtere
nach  Ost  und  Süd  werden  die  Sachsen  noch  erfolgreicher
  gerecht  werden,  wenn  der  während  des  Krieges
ausgearbeitete  Plan  einer  Neubesiedlung  und  der
Rückwanderung  (aus  Rumänien  und  Amerika)
durchgeführt  wird.  Erfreulicherweise  steht  die  ungarische
  Regierung  dieser  Bewegung  freundlich  gegenüber,
  hemmt  sie  wenigstens  nicht.  Im  Sturmjahr
1848  wurde  der  evangelische  Pfarrer  Stephan  Ludwig
  Roth  standrechtlich  erschossen,  weil  er  sich  bemüht
hatte,  aus  dem  Mutterland  deutsche  Siedler  in  Siebenbürgen
  ansässig  zu  machen.  Heute,  nach  den  Erfahrungen
  des  Wterieges,  muß  doch  auch  innerhalb
des  Madjarentums  die  Überzeugung  allgemach  zum
Durchbruch  kommen,  daß  deutscher  Zuzug  in  Ungarn
die  zuverlässigste  Stärkung  des  wohlverstandenen  ungarischen
  Staatsgedankens  bedeutet.

Die  völkische  Sicherung  dessieben  bürgischen  Deutschtums
  auch  für  eine  fernere  Zukunft  wird  aber  zunächst
hauptsächlich  davon  abhängen,  ob  es  gelingen  wird,
den  engeren  politischen  und  kulturellen  Zusammenhang
  mit  den  Übrigen  Deutschen  in  Ungarn  herzustellen,
  deren  Volkszahl  in  Wirklichkeit,  bei  vorsichtiger
Schätzung,  auf  etwa  dritthalb  Millionen  veranschlagt
werden  kann.  Die  amtliche  ungarische  Zählung  gibt
zwar  nur  ungefähr  2  Millionen  Deutsche  in  Ungarn
an,  dabei  ist  aber  zu  beachten,  daß  die  Zählkommissare
angewiesen  waren,  die  Muttersprache  nach  dem  Bekenntnis
  zu  bestimmen,  welche  Sprache  »anmi  liebstengesprochen
  wird.  Die  Freimütigkeit  des  Bekenntnisses
wird  dadurch  bei  allen  von  Staats-  und  Gemeindeämtern
  abhängigen  Personen  auf  eine  harte  Probe
gestellt.  Außerdem  wird  durch  die  Vermengung  des
geographischen  und  staatsrechtlichen  Begriffs  ungarisch=
  mit  dem  rein  elhnographischen  »madjarisch«
mancherlei  für  die  Deutschen  sehr  nachteilige  Verwirrung
  bewirkt,  zumal  in  der  madjarischen  Hrache  die
gerade  für  die  Sprachverhältnisse  grundlegende  Scheidung
  der  beiden  Begriffe  nicht  möglich  ist;  sie  hat
dafür  nur  ein  Wort  (magyar).  Im  madiarischen
Sprachgebrauch  ist  deshalb  der  ungarische=  Staatsbürger
  ohne  Rücksicht  auf  sein  besonderes  Volkstum
schlechtweg  „Madjare.

Die  Siebenbürger  Sachsen  werden  zwar,  wenn  eine
wesentliche  Erweiterung  des  Wahlrechts  in  Ungarn
verwirklicht  wird,  wie  sie  Kaiser  Karl  (durch  Handschreiben
  vom  29.  April  1917)  in  Aussicht  gestellt  hat,
in  ihrem  Besitzstand  an  Reichstagsmandaten  nicht
unerheblich  eingeschränkt  werden.  Der  Verlust  wird
aber  reichlich  ausgewogen  werden,  wenn  die  geheime
Abstimmung  auch  auf  dem  Land  erfolgt;  bisher  ist

I.  Politik  und  Geschichte

sie  nur  den  Städten  zugestanden,  wo  das  Madjarentum,
  abgesehen  von  den  sächsischen  Städten,  das  Heft
fest  in  der  Hand  hält.  Nur  durch  die  geheime  Stimmabgabe
  kann  aber  der  Wahlvorgang  von  der  starken
behördlichen  Beeinflussung,  wie  sie  in  Ungarn  gang
und  gäbe  ist,  dauernd  befreit  werden.  Dann  nur  werden
  im  ungarischen  Reichstag  auch  die  übrigen  Deutschen
  vertreten  sein,  die  jetzt  senen  einzigen  völkischen.
Abgeordneten  zu  wählen  vermögen.  Ihnen  würden
bei  billiger  Durchführung  der  Reform  im  richtigen
Verhältnis  zu  ihrer  Volkszahl  und  Durchschnittsbildung
  mundestens  50  Mandate  zukommen,  und  sie  träten
  damit  auch  als  politischer  Fakor  nach  Gebühr  in
die  Erscheinung.  Dann  werden  auch  die  Siebenbürger
Sachsen,  als  die  berufenen  Führer  des  gesamten  ungarländischen
  Deutschtums,  bei  voller  Anerkennung
der  Staatsnotwendigkeiten  aus  ihrer  jetzigen  scheuen
Zurückhaltung  hervortreten.  Auch  von  der  Krone  werden
  sie  dann  als  Stütze  der  geschlossenen  staatsrechtlichen
  Gemeinsamkeit  zwischen  Osterreich  und  Ungarn
politisch  sehr  viel  höher  zu  werten  sein.  Bon  der  Plattform
  des  Parlaments  können  dann  auch  die  übrigen
Deutschen  in  Ungarn  mit  sicherer  Aussicht  auf  Erfolg.
den  Wiederaufbauihres  deutschen  Schulwesens  fordern,
wie  es  den  Siebenbürger  Sachsen  in  vorbildlicher  Ausgestaltung
  seit  den  Tagen  der  Reformation  eigen  ist.

Literatur.  Außer  den  im  Text  bereits  angeführten
Schriften  sind  zu  erwähnen:  Michael  Albert,  Gedichte,
(Hermannst.  1893);  E.  Bi  en  „Siebenbürgen.  Ein  Handbuch
für  Reisende  (das.  1903);  R.  Csallner,  Quellenbuch  zur
vaterländischen  Geschichte  (das.  P00  C.  Frhr.  v.  Czörnig,
Ethnographie  der  österreichischen  onarchie,  Bd.  2  und  3
(Wien  1855  u.  1857);  J.  Haltrich,  Deutsche  Volksmärchen
aus  dem  Sachsenlande  in  Siebenbürgen  (Hermannst.  1885);
J.  Haltrich  u.  J.  Wolff,  Zur  Volkskunde  der  Siebenbürger
  Sachsen  (Wien  1885);  F.  Herfurth  u.  F.  Schiel,
Sächsisches  Bolksliederbuch  (mit  Melodiensatz,  Hermannst.
1900);  R.  Kaindl,  Geschichte  der  Deutschen  in  den  Karpathenländern,
  Bd.  2  und  3  (Gotha  1907  u.  1911);  V.  Käst—J
ner,  Gedichte  in  siebenbürgisch-sächsischer  Mundart  (Hermannstadt
  1895);  L.  Korodi,  Deutsche  Vorposten  im  Karpathenland
  (Berl.  1908);  Derselbe,  Siebenbürgen,  Land  und-Leute
  (das.  1906);  Friedr.  Müller,  Siebenbürger  Sagen
(Hermannst.  1885);  Müller-Langenthal,  Die  Siebenbürger
  Sachsen  (Weimar  1911);  V.  Roth,  Geschichte  der
deutschen  Baukunst  in  Siebenbürgen  (Straßb.  1905,  Derselbe,
  Geschichte  des  deutschen  Kunstgewerbes  in  Siebenbürgen
(das.  1908);  Fr.  Guntram  Schultheiß,  Deutschtum  und
Madjarisierung  in  Ungarn  und  Siebenbürgen  Münch.  1898):
Fr.  Wilh.  Schuster,  Gedichte  (Hermannst.  1896);  E.  Sigerus,
  Durch  Siebenbürgen.  Eine  Touristenfahrt  (Bilder;
das.  1905);  E.  Thullner,  Ous  der  Rokestuw.  Lasug  Geschichten
  ä  saksesche  Reimen  (das.  1906);  Trausch  u.  J.  C.
Schuller,  Schriftsteller-Lexikon  der  Siebenbürger  Sachsen
(das.  1868  ff.);  Franz  Zimmermann,  Georg  Müller  u.
Karl  Werner,  Urkundenbuch  zur  Geschichte  der  Deutschen  in
Siebendürgen  (das.  1892  ff.);  ferner  „Archiv=  des  Vereins  für
siebenbürgische  Landeskunde  (das.,  seit  1862);  -Korrespondenzblatt-
  desselben  Vereins  (daf.,  seit  1877);  =  Jahrbuchdes
  Siebenbürgischen  Karpathenvereins  (das.,  seit  1881).

Die  lrredenta
von  Schulrat  Dr.  med.  et  phil.  Wilh.  Rohmeder  in  München

Begriff,  Name  und  Wesen.  lrredenta“  (i„Die
italienischen  Unerlösten«),  „Italia  irredenta“  („Das
unerlöste  Italien«),  „  Terra  irredenta  (7  Unerlöster
Vol'sboden-).  diese  und  ähnliche  Ausdrücke  und

Wortverbindungen  sollen,  im  wesentlichen  übereinstimmend,
  dem  Gedanken  Ausdruck  geben,  daß  namhafte
  Bestandteile  des  italienischen  Volkstums
unter  fremder  Herrschaft  stehen.  Ein  lrredentistac
  ist  ein  -Unerlöster.  Die  auf  Erlösung  oder
Befreiung  dieser  Volksbestandteile  gerichteten  Lehren
und  Bestrebungen  werden  unter  der  Bezeichnung
        <pb n="41" />
        Rohmeder:  Die  krredenta  35

„  Irredentismus-  zusammengefaßt.  In  der  zweiten
und  dritten  der  obigen  Wortverbindungen  kommt

gleich  der  geographische  oder  geschichtliche  Nebenegriff

  mit  zum  Ausdruck  daß  nicht  nur  Bestandteile

des  italienischen  Bolkes,  sondern  auch  Teile  des
Landes  Italien  zu  rerlösen=  seien.  Diese  Vorstellung
  ist  auch  in  dem  Ausdruck  -Redenziones  (von
redimere  =  erlösen)  in  dem  Sinne  mitenthalten,  daß
die  „Erlösunge  in  der  Zurückgabe  an  das  Stammland
  bestehe.

Name  und  Begriff  sind  also  italienischen  Ursprungs.
  In  den  letzten  Jahrzehnten  hat  man  indes
beide  auch  auf  außeritalienische  Verhältnisse  Übertragen.
  Das  klassische  Land  des  Irredentismus  aber
war  und  blieb  immer  dessen  Heimatland  Italien.
Die  geschichtlichen  Grundlagen  desselben  waren  die
politischen  Verhältnisse,  die  dem  Lande  durch  den
Wiener  Kongreß  (1814—15)  gegeben  worden  waren.
In  seiner  nun  100jährigen  Goschichte  sind  zwei  Perioden
  erkennbar.

Die  treibenden  Kräfte  der  ersten  Periode  (1814
bis  1861)0  sind  die  Gedankengänge,  Schlagwörter  und
republikanischen  Ziele  der  Revolution  von  1789,
jedoch  in  solcher  Umgestaltung  der  letzteren,  daß  an  die
Stelle  der  »Liberté«  die  -Befreiunge  und  an  die  Stelle
der  „Egalité  et  Fraternité  die  politische  Einigungtrat.
  Trägerinnen  und  Pflegerinnen  waren  die  über
ganz  Italien  verbreiteten,  von  der  Schweiz,  von  Paris
und  London  aus  geleiteten  (und  bezahlten)  Geheimgesellschaften,
  besonders  die  der  Carbonari  und  der
Freimaurerlogen,  die  infolge  der  engen  politischen
Verbindung  des  lombardisch-venezianischen  Königreichs
  (Oberitalien  bis  zum  Tessin)  mit  alten  Kronländern
  der  habsburgischen  Monarchie  auch  in  diese
hinüberwechselten.  Fruchtbaren  Nährboden  lieferte,
dort  wie  hier,  das  Metternichsche  Regierungssystem,
das  die  Bedeutung  einer  geistig-politischen  Bewegung
nicht  zu  erkennen  und  derselben  nur  mit  groben  Hos
zeimaßnahmen  zu  begegnen  vermochte.  Durch  die
Verbindung  des  sardinisch-piemontesischen  Königtums
(Viktor  Emanuel  II.,  Cavour)  mit  den  Trägern  der
revolutionär-republikanischen  Bewegung  (Mazzini,
Garibaldi)  wurde  unter  der  Führung  des  ersteren
und  vorläufiger  Zurückstellung  der  politischen  Ziele
(republikanische  Staatsform)  seitens  der  letzteren
durch  die  Errichtung  des  Königreichs  Italien  (1859

bis  1861)  die  obengenannten  Ziele  nahezu  vollständig
  erreicht.

Die  zweite  Periode  (1861—1915)  entnahm  ihre
geistigen  Waffen  den  Lehren  des  sog.  Nationalitätenprinzips,
  die  Napoleon  III.,  der  Enkel  und  Erbe
der  Revolution.  zur  Grundlage  seiner  Politik  erhoben
haite,  soweit  sie  ihm  zur  Erreichung  selbstsüchtiger
Zwecke  dienlich  schienen.  In  den  ersten  Jahrzehnten
  nach  1861  vermochten  die  Vertreter  des  monarchischen
  Gedankens  (Crispi,  Giolitti  u.  a.)  die  revolutionär-republikanischen
  Elemente  (Nadikale,  Republikaner,
  die  staats-=  und  kirchenfeindlichen  Logen),  die
nun  die  Träger  und  Pfleger  auch  des  Irredentismus
geworden  waren,  noch  zu  beherrschen  und  zu  leiten.
Nachdem  aber  (1876)  dieser  (durch  Zanardelli  u.  a.)
hof=  und  regierungssähig  geworden  war,  gelangte  die
Leitung  des  innerlich  noch  nicht  festgefügten  Staates
mehr  und  mehr  in  die  Hände  der  revolutionären  Elemente,
  deren  Willensvollstrecker  nun  der  semitisch-englische
  Bastard  Sonnino  geworden  ist,  der  das  Königtum
  1915  in  das  Abenteuer  der  Beteiligung  am  Weltkrieg
  hineinriß.

Geschichtlich-politische,  geographische  und  ethnographische
  Grundlagen.  Man  vergegenwärtige  sich
die  durch  den  Wiener  Kongreß  geschaffenen  politischen
Verhältnisse  Italiens:  Oberitalien  unter  der  unmittelbaren
  Herrschaft,  Mittelitalien  durch  habsburgische
Nebenlinien  (Modena,  Parma.  Toskana)  unter  der
Vormundschaftder  Metternichschen  Regierungsgrundsätze;
  im  Übrigen  Mittelitalien  der  Kirchenstaat  mit
seinem  hierarchischen  Regierungssystem;  in  einem
Reste  Mittelitaliens  und  in  Unterstalen  Sizilien
Bourbonen,  die  auch  hier  anichts  gelernt  und  nichts
vergessen  hatten.  Und  demgegenüber  nun  der  Gang
und  die  Erfolge  der  Befreiungs=  und  Einigungsbestrebungen
  (1848  —70),  die  infolge  glücklicher  Umstände
  und  mit  fremder  Hilfe  ihre  Ziele  erreichten!
Der  Versuch  des  treulosen  und  charakterschwachen
Königs  Karl  Albert  von  Piemont-Sardinien  (1848)
scheiterte  an  der  Feldherrnkunst  Radetzkys  (Custozza,
Novara,  Mortaral).  Die  Verbindung  des  klugen  und
zielbewußten  Sohnes  und  Nachfolgers  Karl  Alberts,
Viktor  Emanuels,  unter  der  Leitung  eines  zuverlässigen
  und  tatkräftigen  Staatsmanns  (Cavour)  mit
Napoleon  III.  und  der  Revolution  zugleich  führte
zum  Erwerb  der  Lombardei  (Magenta,  Solferinol)
und  der  mittelitalienischen  gaitten  (1859),  ferner
des  größten  Teiles  des  Kirchenstaates  und  Unteritaliens
  mit  Sizilien  (1860)  und  zur  Errichtung  eines
italienischen  Königtums  (1861),  dessen  Kronträger
allerdings  schon  1860  das  Stammland  seiner  Dynatie,

  Savoyen,  und  das  Heimatland  Garibaldis,  die
italienische  Grafschaft  Nizza,  für  die  geleisteten  Dienste
an  Frankreich  hatte  abtreten  müssen.  Das  Bündnis
mit  Preußen  im  Jahre  1866  brachte  dem  jungen  Königreich
  trotz  seiner  Niederlagen  zu  Land  und  zu  Wasser
  (Custozza,  Lissal)  Venetien,  und  die  Abberufung
der  französischen  Schutztruppen  aus  Rom  infolge  des
deutsch-französischen  Krieges  (1870)  öffnete  die  Tore
dieser  Stadt.  Das  Wort  Italien=  hatte  aufgehört,
ein  bloß  geographischer  Begriff  zu  sein.  Halte  es  von
1861—70  im  Gegensatz  Jum  „erlösten  Italiene  ¶  ta--lia
  redenta)  noch  eine  -  Terra  irredenta  gegeben,  so
konnte  nun  auch  dieser  Gegensatz  als  beseitigt  gelten.

Denn  welche  Bestandteile  des  italienischen  Volkes
bzw.  welche  wirklichitalienischen  Gebiete  konnten
  zum  fertigen  Italienc  noch  fehlen?  Man  mochte
an  die  folgenden  denken:

1)  Korsika,  seit  1768  bei  Frankreich;  2)  die  Grafschaft
  Nizza,  seit  1860  bei  Frankreich;  3)  Malta,
im  Jahre  1800  von  England  als  Seesperre  am  übergang
  vom  westlichen  zum  östlichen  Mittelmeerbecken
wegigenommen  :  4)  der  schweizerische  Kanton  Tessin;
5)  die  (nach  irredentistischer  Ausdrucksweise)  -italienischen
  Provinzen-,  die  noch  im  Besitze  Osterreichs
verblieben  waren.  Es  mußte  nun  auffallen,  daß  sich
die  fortgesetzte  irredentistische  Werbung  und  Bewegung
  nicht  auf  die,  in  sich  abgeschlossenen  und  ohne

weifel  nahezu  rein  italienischen  Gebietsteile  Korsika.

eizza  und  Malta  (mit  zusammen  800000  Bewohnern)
  und  ebenso  nur  lau  und  gelegentlich  und
ohneernstlich  geäußerte  Losreißungsbestrebungen  auf
das  Tessin  erstreckten,  sondern  sich  vielmehr  auf  alte
habsburgische  Provinzen  und  Kronländer  beschränkten,
  in  denen  sie  gerade  am  allerwenigsten  geschichtlich,
  geographisch,  völkisch  und  sprachlich  begründet
  sind.  Diese,  beim  ersten  Blick  befremdliche
Erscheinung  kann  indes  nicht  mit  einem  Hinweis  auf
die  geschichtlich-politischen  Beziehungen  zwischen  Osterreich
  und  Italien  genügend  erklärt  werden;  dunkle

3*
        <pb n="42" />
        36

Rassenimstinkte  und  andere  aus  der  Tiefe  der  italienischen
  Volksseele  emporquellende  Gegensätzlichkeiten
wirkten  in  weit  stärkerem  Maße  bestimmend  mit.

Folgendes  ist  festzustellen:  Geschlossene  italienische
  Volks=  und  Sprachgebiete  gibt  es  in
Osterreich  nicht;  nicht  einmal  die  Stadt  Triest  mit
Gebiet  kann  als  ein  solches  gelten  (118  536  Italiener
gegen  70  489  Deutsche  und  Slawen).  Wohl  verzeichnete
  die  irredentistische  Ausdrucksweise  in  zahllosen
Flugschriften,  Ansichtskarten  und  anderen  bildlichen
Darstellungen  fünf  unerlöste  italienische  Provinzen
(Dalmatien,  Görz  mit  Küstenland,  Istrien,  Triest,
„Trentino#rs),  von  denen  die  neuere  Irredentisten-Tages=
  und  Zeitschriftenpresse  die  drei  mittleren  als
»Provincia  Giulia#  zusammenzufassen  pflegt,  während
  die  »Provinz  Trentino“  in  ein  „  Trentino  di
sotto«  (das  mittlere  Etschgebiet)  und  ein  =  Trentino  di
sopra#  (das  obere  Etsch=  und  das  Eisackgebiet)  geteilt
wird,  der  Herausgeber  des  -Archivio  per  I'Alto
Adige-##dagegen  das  österreichische  Etsch=  und  Eisackland
  kartographisch  als  zwei  getrennte  Provinzen  dartellt
  (Trentino=  und  -  Alto  Adige:).  Allein  schon  der

lick  auf  eine  gute,  d.  h.  nicht  nach  irredentistischen
Rezepten  gefertigte  Volks=  oder  Sprachenkarte  der
unerlösten  Provinzen=  oder  in  ein  deutsches  Handbuch
  der  Geographie  genügt,  zu  zeigen,  wie  es  um  die
„Italianitäte  dieser  „Provinzen=  steht.  Wohl  wurde
nach  den  Ergebnissen  der  letzten  Volkszählung  (31.
Dez.  1910)  die  Zahl  derer,  die  sich  italienischer  oder
ladinischer  Mundarten  als  Umgangssprache  bedienen,
auf  768000  berechnet.  Aber  der  weitaus  größte
Teil  derselben  besteht  aus  Rätoromanen  (Ladinern
in  Tirol,  Friaulern  im  Görzischen  und  in  den  Küsten.
landen)  —  sei  es,  daß  sie  heute  noch  rätoromanische
Mundarten  reden,  sei  es,  daß  sie  es  bloß  dem  Blute  und
der  Herkunft  nach  sind  —  oder  Deutschen,  die  in  den
letzten  acht  Jahrzehnten  (infolge  der  Wirkungen  der
Metternichschen  Ara  und  desirredentistischen  Zwanges)
nur  oberflächlich  sprachlich  verwelscht  wurden.  Gegenüber
  der  allgemeinen  Unkenntnis  in  bezug  auf  diese
Tatsachen  und  den  irredentistischen  Ansprüchen  kann
dies  nie  scharf  genug  hervorgehoben  werden.

Die  Verhältnisse  in  den  beiden  in  Betracht  kommenden
  Gebieten  —  Südtirol  und  Adriagebiete  —  sind
indes  so  verschieden,  daß  sie  gesondert  betrachtet  werden
  müssen.

a)  Südtirol.

Mit  drei  Gruppen  von  Schlagwörtern  suchte  die
irredentistische  Werbung  und  Volksverhetzung  in  Italien
  und  im  Ausland  die  Ansprüche  Italiens  auf  Südtirol
  oder  auf  Teile  desselben  zu  begründen,  nämlich
  mit  den  Redensarten  von  den  egeschichtlichen
Rechtene,  den  -natürlichen  Grenzen=  Jtaliens
und  von  den  zunerlösten  Brüderne.

Die  Behauptung  von  geschichtlichen  Rechtenläßt
  sich  mit  wenig  Worten  erledigen.  Abgesehen  von
der  kurz  dauernden  (1810—13)  Napoleonischen  Zuweisung
  eines  Teiles  von  Südtirol  an  das  Vizekönigreich
  Italien  (das  übrigens  bloß  Lombardei-Venetien
  und  die  Osthälfte  von  Mittelitalien  umfaßte),  hat
Südtirol  oder  haben  Teile  desselben  nie  zu  Italien
gehört.  Geschichtliche  Ansprüche  auf  Südtirol  oder
überhaupt  auf  Gebiete  Osterreichs  aber  mit  der  Berufung
  auf  das  Römerreich  begründen  zu  wollen,  ist
eine  Fälschung,  die  man  bloß  der  Unwissenheit  bieten

1  Tolomeo  Ettore,  Archivio  per  I'Alto  Adige.
presso  Egna  (Bolzano,  seit  1906).

Gleno

I.  Politik  und  Geschichte

darf.  Denn  das  Italien  von  1861  ist  ebensowenig
eine  Fortsetzung  des  Römerreiches,  als  die  Italiener
von  heute  Nachkommen  der  Römer  sind.  überdies
gehörten  die  Ausgangstore  aus  den  Alpen  zur  oberitalienischen
  Tiefebene  am  Isonzo,  an  der  Brint
(Brenta)  und  an  der  Etsch  seit  952,  d.  h.  seit  der  Errichtung
  der  Marken  Verona  (Bern)  und  Aquileja  (Aglei),
stets  zum  Machtgebiete  des  deutsch-römischen  Reiches.

Nicht  besser  steht  es  um  die  Redensart  von  den
-5natürlichen  Grenzen  Italiens.  Wohl  hat  der
Trienter  Professor  Johann  Frapporti,  der  Erfinder
  des  -Trentino-,  seinem  berüchtigten  Buchet  schon
1840  eine  Karte  beigegeben,  die  sein  von  ihm  erfundenes
  staatsrechtliches  Gebilde  bis  zum  Brenner  ausdehnte.
  Wohl  hat  der  verwegenste  aller  Verschwörer
und  Revolutionäre  und  der  tollkühnste  Vorkämpfer
für  die  staatliche  Einheit  Italiens  in  der  Form  einer
Republik,  der  Genueser  Advokat  Josef  Mazzini,  in
seinem  Aufruf  vom  25.  August  1866  erklärt:  -Uns
gehört,  wenn  je  ein  italienisches  Land  unser  war,  das
Trentino  bis  Brunopolis=  und  bis  zum  rätischen  Alpenkamm;
  unser  sind  alle  Voralpen  südlich  davon  und
alle  Gewässer,  die  sich  in  die  Etsch,  in  die  Adda,  in
den  Oglio,  in  den  Po  und  in  den  Golf  von  Venedig
ergießen.  Natur,  Wachstum  und  Sitte  dieser  Gebiete
reden  im  Gegensatz  zum  Inn  die  Sprache  Italiens.
Sie  gehörten  einst  zu  Rome  usw.s  Wohl  blieb  diese
Lehre  fortan  das  irredentistische  Glaubensbekenntnis,
und  als  erster  hat  Vallardi  in  Mailand“"  für  das
Gebiet  südlich  der  Wasserscheide  zwischen  Inn  und
Etsch  auch  italienische  geographische  Namen  aufzufinden
  sich  bemüht.  Wohl  wurde  diese  Lehre  seitdem  in
Lehr=  und  Schulbüchern  und  auf  Hand-  und  Wandkarten
  viel  tausendfach  verbreitet  und  dem  italienischen
Volk  als  nationalpolitisches  Dogma  glaubhaft  gemacht,.
  Wohl  haben  neuestens  sogar  italienische  Gelehrte
  von  Ruf  »die  Lehre  von  der  staatenbildenden
Kraft  der  Wasserscheiden:  wissenschaftlich  zu  begründen
  versuchts.  Vergeblich!  Alle  Lehren  der  Geschichte,
der  Staatenbildung  und  der  politischen  Geographie
sprechen  dagegen.  Nie  und  nimmer  haben  Wasserscheiden
  natürliche  Staatsgrenzen  gebildet  und  nie
und  nirgends  haben  innerhalb  der  Alpen  Wasserscheiden
  als  Volks-,  Stammes=  oder  Staatsgrenzen  bestanden.
  Die  Alpen,  als  Naturgebilde  betrachtet,
bilden  eben  ein  durch  seine  Eigenart  zusammengehöriges,
  einheitliches  Naturgebiet,  und  die
wahren  Naturgrenzen  eines  Staates  sind  an  den  Grenzen
  seines  Naturgebietes  zu  suchens.

Und  daran  haben  wahrscheinlich  die  Verkünder  dieser
  Lehre  überhaupt  nicht  gedacht,  daß  innerhalb  des
großen  Halbkreises  von  Nizza  über  die  Zentralalpen
zum  Quarnero  und  weiter  bis  zur  Bucht  von  Cattaro
  —  einem  Gebiet  von  300000  qkm,  das  sie  Italien
  zusprechen  —  die  paar  Tausende  wirklicher  Italiener
  eine  winzige,  verschwindende  Minderheit  gegen-1

  Frapporti,  Della  storia  e  della  condlione  del  Trentino
  (Trient  1840).

2  (Gemeint  ist  Bruneck.

*  Mazezini,  Serlttl  editi  e  lnediti  (Mail.  u.  Rom  1873—
1891,  XIV.  Ad.,  S.  211  ff.).

4  Francesco  Ballardi,  Carta  corografffa  del  Trentino
(Mail.  o.  J.,  nach  1866  erschienen!.

*  So  Marinellt,  Vater  u.  Sohn,  jener,  Giovanni  M.,  in
seinem  Werk  La  Terras  (Mail.  1885—99,  IV.  RBd.),  dieser,  Olinto
M.,  in  der  Schrift  „Arca  doell’  Italia  naturalee  (1895).

65  Vgl.  W.  Rohmeder,  Die  Naturgrenze  Italiens  gegen  Norden
(Kest  28  der  Zeitschrift  »  Das  Deutschtum  im  Auslande,  Berl.  1916).
        <pb n="43" />
        Rohmeder:  Die  lrredenta

über  den  Hunderttausenden  von  Deutschen.  Rätoromanen
  und  Slawen  ausmachen  würden  und  daß  sie
damit  zu  den  gerade  von  den  =  Unerlösten  am  lautesten
  und  geräuschvollsten  verkündeten  Forderungen,
die  sie  aus  dem  =  Nationalitälenprinzip=  ableiten,  in
schreienden  Widerspruch  gerieten.

Denn  in  Wirklichkeit  gibt  es  ein  bodenständies

  Italienertum  in  Tirolnicht.  Bis  ins  16.
Fahrdundert  war  den  Italienern  die  dauernde  Niederlassung
  innerhalb  des  gesamten  Gebietes  des  heutigen
  Tirols  verboten,  oder  nur  mit  besonderer  landesherrlicher
  oder  auch  kaiserlicher  Erlaubnis  konnte  sie
gestattet  werden.  Nur  während  der  Zeit,  da  es  der
epublik  Venedig  vorübergehend  gelungen  war,
die  südlichen  Alpenausgänge  unter  ihre  Gewalt  zu
bringen,  konnten  sich  Venediger  in  Rofereit  und  südlich
  davon  und  am  Gartsee  dauernd  niederlassen.
Maximilian  I.  nahm  der  Republik  diese  alten  Reichsgebiete
  wieder  ab  (1509),  und  während  seiner  Regierungszeit
  und  im  ganzen  16.  Jahrhundert  wurde  stets
nur  einzelnen  orosiuischen-  Familien  die  Einwanderung
  und  die  Niederlassung  gestattet.  Es  gehört
nicht  hierher,  nachzuweisen,  warum  und  unter  welchen
Umsständen  in  den  folgenden  Jahrhunderten  zahlreichere
  italienische  Einwanderungen  erfolgen  konnten.
Was  aber  Tecinis  von  den  italienischen  Vollselementen
  östlich  der  Etsch  behauptet  und  nachweist  —.  Avventizii
  e  stranieri  d’origine#  nennter  sie  —,  das  gilt  auch
von  den  wirklichen  Jutalienern  in  den  Landschaften
rechts  der  Etsch.  Wirkliche  Italiener  in  Welschtirol  sind
bloß  die  Eingewanderten  bzwideren  unvermischtgebliebenen
  Abkömmlinge.  Man  schätzt  ihre  Zahl  auf  50
70000.  Die  Masse  der  einheimischen,  bodenständigen
Bevölkerung  besteht  aus  Rätoromanen  oder  Deutschen.
Dies  ergibt  sich  auch  aus  den  sprachlichen  Verhältnissen.
  Noch  Dante  schloß  das  Vulgare  turpissimum-
  (das  Ladinische),  das  seinerzeit  im  unteren
Etschtal  gesprochen  wurde,  mit  scharfen  Worten  von
der  Zugehörigkeit  zur  italienischen  Sprache  aus.  Die
seit  der  zweiten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  zunächst
von  seiten  der  Kirche  eingeleitete  sprachliche  Verwelschung
  der  bodenständigen  welschtirolischen  Bevölkerung
  konnte  allerdings  infolge  besonderer  Umstände
in  der  Folge  Fortschritte  machen  und  besonders  (im
19.  Jahrhundert)  unter  den  Wirkungen  der  Metternichschen
  Einrichtungen  bis  zum  heutigen  Grade  sich
entwickeln.  Aber  auch  heute  noch  gilt,  was  Christian
Schneller  vor  50  Jahren?  von  den  ehemals  deutschen
  Landschaften  östlich  der  Etsch  schrieb,  daß  nämlich
  über  das  dortige  Deutschtum  die  italienische
Sprache  nur  wie  ein  dünner  Schleier  gezogen  und
selbst  dieser  noch  an  verschiedenen  Stellen  (in  den  deutschen
  Sprachinseln!)  zerrissen  seie.  Heute  noch  leben
in  Welschtirol  an  10000  Deutsche,  und  sprechen  unter
397000  Welschtirolern  noch  94000  ladinische  Mundarten.
  Ja,  der  beste  italienische  Kenner  der  welschtirolischen
  Sprachverhällnisse  und  der  bedeutendste  italienische
  Sprachforscher  im  letzten  Vierteljahrhundert
G.  J.  Ascoli“"  behauptel  in  übereinstimmung  mit

1  Lgk.  W.  Rohmeder,  Bölkischer  Reiseführer  (Klagensurt
1914,  Abschnitt  Südtirole,  S.  222  ff.).

2  Francesco  dei  Tecini,  Dissertazione  intorno  alle  Popolarionl
  alplne  tedesche  del  Tirolo  Meridlonale  usw.  (Trient  1860).

3  „Süld#ttrol  nach  seinen  geographischen,  ethnographischen  und
geschichtlichen  Verhälmissena  in  der  Osterreichischen  Nevue  (5.
Jahrg.,  1867,  S.  101ff.).

4  aArchtvio  glottologico  kallanos  (Rom,  Turin  u.  Florenz
1813,  Bod.  L  S.  317  ff.)

37

anderen  (deutschen  und  italienischen)  Kennern  der
Verhältnisse,  daß  —  nämlich  im  Gegensatz  zur  angestammten
  Redeweise  der  Bevölkerung  —  die  italienische
  Sprache  nur  im  Etschtal,  am  Westrand  des  Sulzberges
  einerseits  und  des  Fleimser  Tales  anderseits
Eingang  gefunden  und  selbst  in  der  unmittelbaren
Umgebung  von  Trient  und  im  Suganertal  eine  Vermengung
  des  Italienischen  mit  dem  Ladinischen  stattgefunden
  habe.  Nur  die  Umgebung  von  Rofereit
(Rovereto)  und  Reif  (Riva)  nimmt  er  ausdrücklich
von  dem  Gebiet  aus,  wo  Merkmale  des  Ladinischen
noch  herrschen  oder  wenigstens  nach  Geltung  ringen.

Auf  einer  solchen  Grundlage  gelang  es  der  italienischen
  Irredenta  durch  eine  der  größten  Fälschungen
  der  Geschichte  eine  rein  #taljenische  Provinz,  Treutino
  zu  schaffen  und  es  zu  ermöglichen,  daß  das  moderne
  Italien  in  den  Jahren  1848  und  1849,  1859,
1866  und  1915  unter  Berufung  auf  nationale  Rücksichten
  mit  Waffengewalt  unbegründete  Ansprüche  auf
eines  der  wichtigsten  Stücke  althabsburgischen  Besitzes
erheben  konnte.  So  wird  es  denn  auch  leicht  erklärlich,
  warum  sich  der  Irredentismus  in  Welschtirol  stets
auf  kleine,  wirtschaftlich  und  sozial  bestinumt  umgrenzte
Kreise  der  Bevölkerung  beschränkte.  Die  große  Masse
der  bodenständigen  Bevölkerung  Welschtirols  stand
ihm  stets  ablehnend,  ja  feindlich  gegenüber".

b)  Adriagebiete.

Die  irredentistischen  Bestrebungen  erstreckten  sich
in  Italien  und  Osterreich  bis  1859  fast  nur  auf  Südtirol.
  Erst  nach  1859  und  besonders  nach  1866  begunnen
  sie  auch  auf  die  Adriagebiete  überzugreifen.

koch  1848  war  Triest  in  der  Frankfurter  Nationalversammlung
  durch  deutsche  Abgeordnete  vertreten,
und  alssich  sardinisch-neapolitanische  Kriegsschiffe  auf
der  Höhe  von  Triest  zeigten,  wurde  auf  dem  Kastell
die  schwarz-rot-goldene  Fahne  gezogen  zum  Zeichen,
daß  die  Stadt  unter  dem  Schutze  des  Deutschen  Reiches
  stehe.  In  dem  erwähnten  Manifest  Mazzinis
vom  25.  August  1866  aber  hieß  es:  =  Uns  gehören
die  Julischen  und  Karnischen  Alpen.  Das  istrianische
Ufer  ist  der  östliche  Teil  und  die  Ergänzung  des  venezianischen.
  Uns  gehört  Hochfriaul.  Uns  gehört
auch  aus  ethnographischen,  politischen  und  wirtschaftlichen
  Gründen  Istrien,  das  für  uns  so  notwendig  ist,
wie  die  Häfen  Dalmatiene  für  die  Südflawen.  Unser
ist  Triest  und  der  Karst  mit  Adelsberg,  der  jetzt  Laibach
unterworfen  ist“,  usw.  Also:  weil  für  Italien  diese
Gebiete  zur  Ergänzung  des  Westufers  notwendig  sind,
deshalb  hat  es  geschichtliche,  geographische  und  völkisch
  begründete  Ansprüche  auf  dieselben!

Die  rgeschichtlichenAnspruche  werden  von  den
irredentistischen  Schriftstellern  (und  der  italienischen
Regierung')  mit  Hinweisen  auf  das  Römerreich  und
auf  (zerfallene)  venedigische  Militärkolonien  begründet!
  Dienatürliche  Grenze-Italiens  nach  dieser
Seite  bildet  nicht  etwa  die  Adria  —  die  ja  aus  einem
(Mare  amaros  ein  .  Mare  nostro“  werden  soll!  —,
sondern  eine  zum  Teil  künstlich  zusammengestellte
Wasserscheide  über  die  Julischen  und  Dinarischen  Alpen
  und  die  dazwischen  liegenden  Hochflächen  des
Karstes!  Und  was  die  völkische  und  die  sprachliche

1  M.  Mayr,  Der  italienische  Irredentismus  (2.  Aufl.,  Zunsbruck
  1917,  S.  80).

2  Val.  Wilh.  Rohmeder,  Es  gibt  kein  Trentino  (-„Innsbrucker
  Nachrichtene  1902,  Nr.  121/122  und  124/125,  ferner  1906,
Nr.  236,  und  1907,  Nr.  271);  Derselbe,  Es  gibt  kein  Trentino  (°  Die
Bergstadte  1915,  Heft  12);  Kuk,  Es  gidt  kein  Trentino  (Wien  1900).
        <pb n="44" />
        38

Begründung  der  Ansprüche  betrifft,  so  sind  auch  hier,
wie  in  Südtirol,  alle  italienischen  Elemente  familienweise
  Zugewandertec,  die  als  forositische#  oder  als
rechtsverfällte  Flüchtlinge  (Fuorsusciti  =  Vertriebene)
  oder  als  Notleidende  irgendwelcher  Art  hier
Justuchtsstätten  suchten,  gegen  deren  Zuwanderung
Ferdinand  I.  1553  scharfe  Dekrete  erließ,  wie  früher
schon  (in  den  20er  Jahren)  wiederholt  gegen  das
»armie  venedigische  Volk=  in  Südtirol,  dessen  Vertreibung
  er  anordnete.  Auch  die  ziffernmäßigen  Verhältnisse
  reden  eine  deutliche  Sprache.  Beim  alten  Bölkertor
  am  mittleren  Isonzo  stoßen  drei  Völker  (Deutsche,
Slawen  und  Friauler)  und  vier  Sprachen  (die  Sprachen
dieser  und  Italienisch)  aufeinander.  In  der  Grafschaft
  Görz  (mit  Gradisca  usw.)  sind  63  Proz.  der
Bevölkerung  Slawen,  zum  großen  Teil  slowenisierte
Deutsche;  33  Proz.  -zreden  Irulisch,  schreiben  aber
Italienisch=  (A.  Vench-  nur  2  Proz.  (5000)  reden
Italienisch.  In  Istrien  machen  die  Italienisch  Redenden
  nur  ein  Drittel,  höchstens  zwei  Fünftel  (40000)
der  Gesamtbevölkerung  aus,  in  Dalmatien,  wo  sie
auf  die  Städte  (Zara,  Ragusa,  Spalato  usw.)  beschränkt
  sind,  höchstens  ein  Zehntel.  Überdies  ist  in
allen  diesen  Gebieten  das  Welschtum  im  Rückgang.
Nur  Triest,  seit  1382  habsburgischer  Besitz  und  durch
ungezählte  Millionen  österreichischer  Staatsgelder,
sowie  deutschen  Unternehmungsgeist  das  geworden,
was  es  heute  ist,  haben  die  Italiener  seit  einem  halben
  Jahrhundert  zu  einer  Hochburg  des  Irredentismus
  und  zu  einem  Hauptsitz  staatsfeindlicher  irredentistischer
  Umtriebe  und  Anschläge  zu  machen  vermocht,
  seit  sie  zur  Mehrheit  in  der  Stadt  geworden  sind
(1910  in  Stadt  und  Umgebung:  118  536  italienische,
58747  flawische.  11742  deutsche,  zusammen  189025
Einw.,  ohne  Militär  und  ohne  die  staatsfremden  Elemente).
  Hier  war  denn  auch  stets  der  Hauptsitz  aller
irredentistischen  Vereine  und  Vereinigungen  (Lega
nazionale,  Società  Dante  Alighieri,  Pro  Patria,
Trento  e  Trieste,  Innominata,  Corda  fratres),  mehrerer
  in  staatsfeindlicher  Richtung  von  London  und
Paris  aus  geleiteter  Logen  usw.,  sowie  zahlloser  gesellschaftlicher
  Sport=  und  anderer  Vereine,  die  sämtlich
  unter  harmlosen  Aushängeschildern  der  irredentistischen
  Werbung  und  Verhetzung  dienten.  Hier
war  auch  der  Hauptsitz  von  Verschwörern  und  Verschwörungen
  in  der  Provincia  Venezia  Giulige  hier
z.  B.  die  Heimat  des  Oberdank,  der  einen  mißglückten
Mordanschlag  gegen  Kaiser  Franz  Joseph  machte  und,
mit  dem  Tode  bestraft,  nun  dafür  im  ganzen  irredentistisch-revolutionär
  gesinnten  Italien  als  Märtyrer
  mit  Straßenbenennungen,  Denkmälern,  Jahresfesten
  usw.  gefeiert  wird;  auch  des  Verschwörers
Bürzel  (jetzt  Barzilai),  eines  Rabbiners  Sohn,  dem
es  gelang,  aus  einjähriger  Untersuchungshaft  wegen
Oeteiligung  an  einem  Mordanschlag  gegen  das
Leben  des  Kaisers  nach  Rom  zu  entkommen,  wo  er
als  leidenschaftlich  republikanischer  Journalist  zur
Geltung  gelangte,  beim  Ausbruch  des  italunish.
österreichischen  Krieges  zum  Minister  der  -Prorince
irredente  dell’  Austria“  ernannt  wurde  und  als
solcher  durch  Beteiligung  an  Kriegslieferungen  sich
schamlos  bereicherte.

1  Bgl.  H.  J.  Bidermann,  Die  Nomanen  und  ihre  Verbreitung
  in  Osterreich  (Graz  1877,  S.  135  ff.  u.  168  ff.,  mit  reichen
  Literaturnachweisen);  C.  Frhr.  v.  Chörnig,  Das  Land  Görz
(Wien  1873);  Derselbe,  Die  Stadt  Görz  (Wien  1874);  ferner
C.  Frhr.  v.  Czörnig  (Sohn),  Die  ethnologischen  Berhälmisse
des  österreichischen  Küstenlandes  (Trieft  1885).

I.  Politik  und  Geschichte

Aus  der  Geschichte  des  Irredentismus!.

Man  hat  versucht.  die  ersten  irredentistischen  Regungen
  in  die  Zeit  des  Erwachens  nationaler  Ideen,
nämlich  in  die  2.  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  zurückzuverlegen.
  Mit  Unrecht.  Die  dafür  in  Anspruch  genommenen
  Kreise  von  Schöngeistern,  Schriftstellern,
„  Philosophen=  und  Dichterlingen  in  Rofereit  und
Umgebung  (Baroni,  Tartarotti,  Rosmini  u.  a.),  die
sich  in  der  -  Academia  degli  Agiatie  (1753)  zusammenfanden,
  Ablömmlinge  sorositischer  Geschlechter,
hielten  sich  allerdings  hochmütig  abgesondert  von  der
einheimischen  (ladinischen  und  deutschen)  Umgebung;
aber  für  irredentistische  Neigungen  boten  die  politischen
Zustände  des  Landes,  aus  dem  ihre  Vorfahren  gekommen
  waren,  keinen  Anreiz.  Auch  der  Dichter  von
Iserac,  Klemens  Vannetti  (gest.  1795),  der  Urheber
jenes  Wortes,  das  später  zum  Leitspruch  der  Irredentisten
  wurde:  „Italiani  noi  siamo,  ma  non  Tirolesi-:,
  gehörte  zu  ihnen.  Der  ganze  deutschenhasserische
Kreis  bestand  tatsächlich  ausslbibmmilingen  der  ersten
italienischen  Einwanderung  in  Südtirol.

Ebensowenig  darf  man  die  allerdings  heftigen
Streitigkeiten  und  Kämpfe  zwischen  den  Alttiroler
Ständemitgliedern  und  den  Vertretern  der  =  Welschen
Konfinen=  und  der  fürstbischöflichen  Trienter  Gebiete
im  sog.  -Offenen  Landtag=  von  1790—92  als  Außerungen
  irredentistischer  Gesinnung  deuten.  Hierbei
handelte  es  sich  um  ganz  anderes,  nämlich  um  wirtschaftliche
  und  politische  Gleichberechtigung  der  letzteren,
  im  besonderen  um  Zulassung  des  welschtirolischen
  Weinhandels  nach  Deutschtirol.  Auch  in  allen
Verhandlungen,  die  dem  Landtag  vorangingen  und
nachfolgten,  kann  höchstens  die  in  einer  Versammlung
  in  Streng  (Strigno,  im  unteren  Suganertal)
ausgesprochene  Bitte  als  solche  von  nationaler  Färbung
  betrachtet  werden,  die  Bewohner  der  Umgegend
möchten  von  dem  Zwange,  Deutsch  lernen  zu  müssen,
befreit  werden,  und  man  möge  ihnen  Beamte  schicken,
die  auch  der  italienischen  Sprache  mächtig  seien.

Den  Ausgangspunkt  für  irredentistische  Regungen
bildet  die  im  Frieden  von  Schönbrunn  (1809)  vorbereitete
  und  durch  den  Pariser  Vertrag  (28.  Februar
  1810)  durchgeführte  Dreiteilung  Tirols  in
Bayerisch-Tirol,  Illyrisch--Tirolund  Jtalienisch-Tirol
  und  die  Zuweisung  des  letzteren,  das
aber  bekanntlich  auch  einen  namhaften  Teil  von
Deutsch-Tirol  (mit  Bozen)  umfaßte,  an  das  Königreich
  Italien.  Die  Zerreißung  des  Landes  erfolgte
angeblich  zu  dem  Zwecke,  die  Wiederholung  tirolischer
Aufstände,  wie  desjenigen  von  1809,  unmöglich  zu
machen.  Die  tatsächlichen  Gründe  lagen  aber  tiefer.
Sie  wurden  angedeutet  durch  die  ausgesprochene  Absicht
  Napoleons,  Italien  in  der  Folge  bis  zum  Brenner
  auszudehnen,  und  gelangten  zum  Ausdruck  in  der
Beseitigung  aller  bisherigen  Einrichtungen  sowie  der
deutschen  Verwaluung  und  Rechtspflege,  der  Einführung
  italienisch-französischer  Gesetze  und  Verordnungen
  sowie  der  italienischen  Amtssprache  im  ganzen
»Tirolo  italiano-.  So  kurz  der  Zeitraum  war,  so  verhängnisvoll
  wurden  diese  drei  Jahre  (1810—13)  für
das  Land  und  für  den  ganzen  Staat,  so  unheilvoll
nachwirkend,  wie  die  französische  Herrschaft  (1797—
1805  und  1809—  13)  in  den  Küstengebieten  und  in  den

1  Ugl.  Mich.  Mayr,  Der  ital.  Irredentismus  (s.  oben,  S.  37),
ferner:  »  Die  Irredentaa.  Von  einem  Tiroler  (Bozen  1912);  Spectator
  Italus,  Der  italienische  Irrebentismus  □mmsbruck  1912).

#  „taliener  sind  wir,  aber  nicht  Tiroler.,
        <pb n="45" />
        Rohmeder:  Die  Irredenta

füdöstlichen  Alpenlandschaften.  Während  Napoleon
noch  auf  Elba  saß,  nahm  die  revolutionäre  Tätigkeit
der  von  Paris  und  London  aus  geleiteten  Geheim--gesellschaften
  in  Italien  schon  ihren  Anfang.  Sie
griff  nach  Südtirol  über,  dauerte  auch  nach  der  Verannung
  Napoleons  auf  die  Insel  Helena  fort  und
ließ  das  Land  bis  nach  der  Julirevolution  (1830)  nicht
zur  Ruhe  kommen.  Hier  sind  die  Wurzeln  des  späteren
  Irredentismus  zu  suchen,  wenn  auch  der  Name
damals  noch  nicht  gegeben  war.  Eine  Flut  von  Schriften,
  die  im  geheimen  verbreitet  wurden,  ergoß  sich
über  das  Land.  Mayr  hat  im  2.  und  3.  Kapitel  seines
oben  (S.  37)  angeführten  Werkes  (-Der  italienische
Irredentismus-)  den  ganzen  Hexensabbat  dieser  Bewegung
  ausführlich  dorgelegt.  Eine  wissenschaftliche
Grundlage  wurde  der  Bewegung  zu  geben  versucht
durch  die  Geschichts=  und  Tatsachenfälschungen  Perinis#
  und  Frapportis  (s.  oben,  S.  36).  Die  Regierung  in
Wien  und  ebensodas  -Guberniume  in  Innsbruckstanden
  der  ganzen  Bewegung  ebenso  verständnislos  wie
machtlos  gegenüber.  Das  Schlimmste  aber  war,  daß
die  beim  gesamten  Volk  verhaßten,  auch  wirtschaftlich
drückenden  französisch-italienischen  Einrichtungen  beibehalten
  und  z.  B.  durch  die  neue  Amterorganisation
von  1817  sogar  noch  erweitert  und  noch  drückender
gestaltet  wurden.  Erstreckte  sich  die  Verwelschungspolitik
  Metternichs  doch  sogar  bis  auf  die  Austilgung
der  alten  deutschen  Ortsnamen.  Statt  der  Wiedereinführung
  der  deutschen  Verwaltung,  die  das  Volk
erhofft  hatte,  erzwang  sie  den  nahezu  ausschließlichen
Gebrauch  der  italienischen  Sprache  in  den  Gerichten
und  Amtern.  Südtirol  sollte  ein  übergangsgebiet  zu
den  österreichischen  Provinzen  in  Italien  werden,  das
diesen  brauchbare  und  zuverlässige  Beamte  liefere.
Auf  die  große  politische  Arena  trat  der  Irredentismus
  zuerst  in  der  Frankfurter  Nationalversammlung
  (1848).  Nachdem  nach  heftigen  Kämpfen
  »für«  und  »wider«  auch  Welschtirol  seine  (vier)
Bevollmächtigten  dahin  entsandt  hatte,  stellten  diese
als  Ergebnis  langer  vorhergegangener  Verhandlungen
  den  Antrag,  -daß  die  tirolischen  Kreise  Trient
und  Rofereit  unter  dem  Vorbehalt  der  Wiedervereinigung
  mit  Osterreich  aus  dem  politischen  Verband
mit  dem  Deutschen  Bunde  entlassen  werden  sollen.
Jedoch  nur  unter  den  demokratischen  Schwärmern
für  -  Gleichheit,  Brüderlichkeit  und  Nationalität-  fanden
  sie  Beifall  und  Unterstützung.  Am  12.  August
1848  wurde  der  Antrag  des  pölterrechtlichen  x•
schusses  mit  großer  Mehrheit  angenommen:Es  ist
eine  heilige  Anüt  der  Selbsterhaltung  für  Deutschland,
  seinen  Besitz  zu  wahren.  Strategische  Gründe
erfordern,  daß  der  Südabhang  der  tirolischen  Alpen
zu  Deutschland  gehöre.  Dies  könne  seine  Tore  jetzt
nicht  den  eigenen  Feinden  öffnen.“  Nachdem  auch
die  in  gleicher  Richtung  laufenden  Verhandlungen
auf  dem  österreichischen  Reichstag  zu  Kremsier  zu
keinem  Ergebnis  geführt  hatten,  die  Versöhnungsversuche
  im  Tiroler  Landtag  aber  gescheitert  waren,
dauerten  die  hochverräterischen  Bestrebungen  der  Irre-1

  Agostino  Perin!,  Almanaco  trentino  (1843).

39

denta  ungeschwächt  weiter.  In  Südtirol  führten  sie
nemenilsc  1849,  1866  und  1878  zu  mehr  oder  weniger
heftigen  öffentlichen  Ausbrüchen,  beschränkten  sich  aber
sonst  in  der  Offentlichkeit  auf  die  zuerst  in  einer  Versammlung
  in  Gallian  (Calliano,  1848)  —  als  Reserve!
  —  aufgestellte  Forderung  der  administrativen
  Trennung  Welschtirols  von  Deutschtirol  (die
sog.  Autonomiesorderunge  Sie  wurde  im  Tiroler
Landtag  in  humorvoller  Abwechslung  vertreten  bald
durch  die  Abstinenz-,  bald  durch  eine  Croresserpolttil
von  denen  sich  die  letztere  als  die  erfolgreichere  erwies.
Denn  die  fortgesetzt  schwächliche  Nachgiebigkeit  der
wechselnden  österreichischen  Keichs=  und  der  tirolischen
Landesregierungen  reizte  zu  stets  neuen  Forderungen.
Jede  Erfüllung  solcher  wurde  zum  Sprungbrett  für
neue  naltonalhiesche  Ansprüche.  Unter  ausgiebiger,
kurzsichtiger  Mithilfe  (liberaler)  Landtagsabgeordneter
war  im  Jahre  1902  die  Autonomieforderung  der  Verwirklichung
  nahe  gekommen.  Sie  scheiterte  schließlich
nur  an  der  Moßlcligteieder  Ansprüche  der  offenen  und
der  verkappten  Vertreter  irredentistischer  Wünsche,  von
denen  sie  als  erster  Schritte  zur  Erfüllung  weiterer
(geheimer)  Loffnungen  bezeichnet  worden  war.

Unterdessen  war  die  irredentistische  Werbung  auch
auf  die  Adriagebiete  ausgedehnt  worden.  Die  (ofsenen
und  geheimen)  Verbindungen  herüber  und  hinüber
batten  sich  immer  dichter  Kaltee,  das  Vereinswesen.

esonders  das  geheime,  Hhaite  an  Ausdehnung  und
Einfluß  fortgesetzt  zugenommen,  organisatorische  Einrichtungen
  und  Familienverbindungen  hatten  die
reichsitalienische  Zuwanderung  mächtig  gefördert  und
die  irredentistische  Presse  in  Italien  und  in  Osterreich,
hier  mittels  umfangreicher  Geldzuwendungen  durch
italienische  Vermittlung  gefördert,  war  immer  einflußreicher,
  die  Rat=  und  Planlosigkeit  der  österreichischen
Regierungen,  gesteigert  durch  die  Rücksichten  auf  den
„Bundesgenossen-,  aber  immer  größer  geworden.

Die  Irredenta  hat  den  österreichisch  italienischen
Krieg  von  1915  als  ihren=  Krieg  bezeichnet.  Jedenfalls
  ist  die  Entrüstung  der  friedliebenden,  kaiser-  und
staatstreuen  bodenständigen  Bevölkerung  Welschtirols
und  der  Adriagebiete  über  die  irredentistischen  Ruheund
  Friedensstörer  voll  berechtigt.  Und  wenn  die  krredenta
  tatsächlich  auch  zu  schwach  war,  den  Kampf  um
die  alten  Völkertore  aus  den  Alpen  zur  oberitalienischen
  Tiefebene  zu  entfesseln,  so  hat  sie  sich  jedenfalls
seit  langem  als  ein  sehr  brauchbares  Werkzeug  in  der
Hand  des  englischen  Botschafters  in  Rom,  Sir  Rennel
Rodd,  zur  Herbeiführung  des  Krieges  erwiesen.

Die  rrosten  und  die  kleinen  Führer  der  Irredenta
haben,  beladen  mit  dem  Fluche  der  Bevölkerung  und
geächtet  durch  das  Kainszeichen  des  Hoch=  und  Landesverrats,
  den  Boden  vieljähriger  Wühlarbeit  verlassen.
  Das  Volk  ist  seine  Dränger  los.  Der  Irredentismus
  ist  tot.  Ob  er  je  wieder  zum  Leben  wird
erwachen  können,  wird  von  der  Einsicht  und  Festigkeit
  zunächst  der  beteiligten  Landesregierungen  und
besonders  der  Vertreter  des  tirolischen  Volkes,  des
weitern  aber  von  der  Weisheit  und  Festigkeit  der
österreichischen  Staatsregierung  und  der  österreichischen
  Volksvertretung  abhängen.
        <pb n="46" />
        40

Englische  Verfassungs-  und  Berwaltungsgeschichle

von  Professor  Dr.  Felix  Salomon  in  Leipzig

Die  englische  Verfassung  ist  in  keiner  Verfassungsurkunde
  niedergelegt.  Niemand  würde  imstande  sein,
das  Datum  ihres  Ursprungs  oder  den  Namen  ihrer
Urheber  zu  nennen.  Sie  ist  allmählich  geworden  und

ewachsen;  viele  Bestimmungen  haben  in  Gesetzen
#usdruch  gefunden,  mehr  noch  beruht  auf  Herkommen
und  Gewohnheit.  Die  Kräfte,  welche  den  Formen
Geist  und  Inhalt  gegeben  haben,  sind  diejenigen,
welche  Englands  Werdegang  bestimmen;  daher  kann
hier  aus  einem  überreichen  Stoffe  nur  das  herausgehoben
  werden,  was  auf  das  Verständnis  der  Gegenwart
  hinausführt.

Uberblich  von  den  Anfängen  bis  zur  ersten  Resormbill
  im  Jahre  1832.

Mittelalter.  Es  ist  eine  schwierige  Frage,  wieviel
schon  aus  der  Angelsachsenzeit  (5.—  11.  Jahrhundert)
der  Zukunft  zustatten  gekommen  ist;  auf  zweierlei  sei
verwiesen:  In  der  Friedensbürgschaft,  die  bereils  im
Angelsachsenstaat  voll  entwickelt  gewesen  ist,  keimt  der
Gedanke  der  Selbsttätigkeit  aller  Volksgenossen  im
staatlichen  Interesse.  Zweitens:  Die  Reichsversammlung
  der  Angelsachsen,  ihre  Witena-  gemöte,  gehört
zum  Stammbaum  des  Parlaments,  insofern  sie  Anehörige

  der  verschiedenen  Landesteile  vereinigt,  eine

erbindung  zwischen  dem  König  und  der  Aristokratie
auf  rein  politischer  Grundlage  herstellt  und  das
Pflichtbewußtsein  eines  Staatsbürgers  lehrt.  Als
Staatsgründer  versagten  die  Angelsachsen;  hier  haben
die  Normannen  und  ihre  Nachkommen,  das  Haus
Anjou-Plantagenet(11.—14.Jahrhundert),  eingesetzt.
Das  Wesentliche  und  Neue  war  die  Zentralisation
der  Staatsgewalt  in  den  Händen  des  Königs;  deren
wichtigstes  Organ  wurde  die  curia  regis.  Diese  curia
ist  die  Stammutter  der  wichtigsten  englischen  Behörden,
  die  sich  mit  der  Differenzierung  der  Geschäfte
nacheinander  abzweigen;  den  Anfang  macht  das
Schatzamt  (Court  of  Exchequer).  Die  Organe  der
Zentralisation  förderten  die  Ausbildung  des  königlichen
  Absolutismus,  in  der  Lokalverwaltung  durch
das  von  den  Angelsachsen  übernommene  Amt  des
Sherifss.  Der  Absolutismussteigerte  sich  von  Wilhelm
dem  Eroberer  bis  zu  Heinrich  II.,  wo  er  den  Höhepunkt
  erreichte  (1154  —89).  Unter  Heinrichs  Söhnen
  Richard  und  Johann  artete  der  Absolutismus
in  Willkür  aus  und  führte  zu  einer  denkwürdigen
Reaktion.  Von  Anfang  der  Normannenzeit  an  hatte
sich  eine  von  Hochadel  und  hoher  Geistlichkeit  vertretene
  Gegenströmung  bemerkbar  gemacht,  die  das
Königtum  zu  beschränken  suchte;  jetzt  dringt  diese
Strömung  durch,  zumal  es  den  führenden  Elementen
gelingt,  das  städlische  Bürgertum  zum  Mitgehen  zu
gewinnen;  alle  zusammen  weisen  das  Königtum  in
der  Magna  Charta  1215  auf  die  Grenzen,  die  das
Lehnrecht  ihm  stellte.  Diese  feudale  Kundgebung
war  zugleich  eine  nationale,  insofern  den  Wünschen
dieser  drei  maßgebenden  Bevölkerungsschichten  gleichzeitig
  Rechnung  getragen  wurde.  Hiernach  setzt  der
durch  die  Jahrhunderte  währende  Widerstreit  zwischen
Königtum  und  Ständetum  ein,  wem  die  Führung  der
Nation  gebühre;  er  hatte  zunächst  zur  Folge,  daß  das
Königtum,  wenn  es  sich  behaupten  wollte,  seine  Macht
anders  als  bisher  im  englischen  Boden  verankern

I.  Politik  und  Geschichte

mußte.  Das  hat  Eduard  I.  (1272—  1307)  verstanden,
  mit  dem  eine  zweite  schöpferische  Epoche  der  englischen
  Monarchie  beginnt.  Das  Königtum  müht  sich
einerseits,  den  Feudalismus  auf  dem  Wege  der  Gesetzgebung
  zumal  in  bezug  auf  den  Grundbesitz  zu
entwurzeln;  anderseits  zieht  es  die  nicht  feudalen
Schichten  der  englischen  Gesellschaft,  besonders  das
städtische  Bürgertum,  durch  eine  nationale  Politik  wieder
  mehr  an  sich  heran.  In  diesem  Zusammenhang
beginnt  das  Parlament  ständige  Bedeutung  zu  gewinnen;
  es  wird  in  der  Vereinigung  aller  maßgebenden
  Stände  als  Reichsversammlung  begriffen,  die
das  Reich  repräsentiere,  wie  die  Grafschaftsversammlungen
  die  Grafschaften.  Das  Wurzelwerk  des  Parlaments
  weist  eine  mannigfache  Verästelung  auf;  der
Wille  des  Königs  durfte  nicht  fehlen,  um  es  zu  wirksamem
  Bestande  zu  erheben.  Der  König  gedenkt  es
seinen  Finanzen  dienstbar  zu  machen;  aus  einer  widerruflichen
  königlichen  Gabe  wird  eine  ständige  nationale
  Einrichtung,  als  der  König  in  einem  ungünstig
  verlaufenden  Kriege  zum  Zugeständnis  dauernder
  Anerkennung  gezwungen  wird:  Die  Confirmatio
Chartarum  von  1297  ist  in  diesem  Sinne  das  Gründungsdatum
  des  Parlaments.  Die  Scheidung  in  ein
Ober-  und  Unterhaus  (Houseof  Lords  und  House
of  Commons)  ist  von  etwa  1352  zu  datieren.  Das
Oberhaus  zeugt  von  feudaler  Herkunft;  das  Unterhaus
  tritt  anfangs  bescheiden  zurück;  ganz  allmählich
nur  entwickeln  2#  seine  Rechte.  Neue  Kriege  und
neue  Geldbedürftigkeit  des  Königs  führen  dahin,  daß
eine  Finanzquelle  nach  der  andern  unter  die  Kontrolle
  des  Parlaments  gerät;  an  die  Geldbewilligung
schließt  sich  das  Verlangen  des  Parlaments,  an  der
Gesetzgebung  Anteil  zu  haben.  Indessen  bleibt  die
Stellung  des  Königs  noch  durchaus  beherrschend;
seine  Hoheitsrechte  —  im  Begriff  der  Prärogative  zusammengefaßt
  —  umfassen  ein  weitgehendes  Verordnungsrecht
  und  das  Recht,  von  bestinunten  Gesetzen  zu
dispensieren.  Mittelpunkt  der  Staatstätigkeit  wird  der
Staatsrat.  Die  organisierende  Tätigkeit  des  Königtums
  zieht  auch  die  Lokalverwaltung  in  ihr  Bereich;
unter  Eduard  III.  (1327—.77)  tritt  das  von  Gneist
gepriesene  Selfgovernment,  das  Urbild  der  modernen
  Selbstverwaltung,  ins  Leben.  Der  Sheriff  wird
durch  den  Friedensrichter  abgelöst,  der  ehrenamtlich
die  Verwaltungsgeschäfte  übernimmt  und  den  Kampf
gegen  den  Feudalismus  von  hier  aus  mit  Erfolg  zu
Ende  führt.  Auf  diese  schöpferischen  Zeiten  folgten
solche  der  Unsicherheit  und  Verwirrung  (14.—15.
Jahrhundert).  Das  Königtum  war  durch  das  Emporkommen
  des  Parlaments  geschwächt,  das  Land  aber
halte  sich  gewöhnt,  alle  Entscheidungen  vom  Könige
ausgehen  zu  sehen.  Anderseits  war  das  Parlament
noch  nicht  imstande,  den  König  zu  stützen  oder  zu  ersetzen,
  denn  es  stellte  keinen  einheitlichen  Willen  dar;
die  zwei  Häuser  gaben  verschiedenen  Interessen  Ausdruck.
  Das  Oberhaus  suchte  das  Unterhaus  zu  beherrschen
  und  dem  noch  vorhandenen  Streben  des  Feudaladels
  nach  Selbständigkeit  dienstbar  zu  machen.

16.  bis  18.  Jahrhundert.  Die  Vernichtung  des
steitbaren  Adels  in  den  Rosenkriegen  bahnte  den  Weg
für  die  Wirksamkeit  der  Tudors  (1185  —  1603);  mit
ihnen  gelangt  die  letzte  der  groszen  Epochen  des  englischen
  Königtums  zum  Abschluß.  Ihr  Absolutismus
läßt  sich  als  ein  verfassungsmäßiger  bezeichnen,  weil
er  die  Grenzen  innehielt,  die  die  Verfassung  steckte;  die
Willfährigkeit  des  Parlaments  ermöglichte  eine  sostarke
Initiative.  Sie  haben  dann  ihre  Gewalten  benutzt,
        <pb n="47" />
        Salomon:  Englische  Verfassungs-  und  Verwaltungsgeschichte

um  die  Arbeiten  am  englischen  Staatsbau  fertigzustellen.
  Ihre  Wirtschaftspolitil  errichtete  die  Staatswirtschaft
  auf  der  Wirtschaftskraft  der  eigenen  Nation;
ihre  Kirchenpolitik  schuf  ein  Staatskirchentum.
Das  Zentralorgan  der  Monarchie  erhält  den  Namen
des  Privy  Council.  Im  nächstfolgenden  Zeitalter  der
Stuarts  (1603—  88)  setzte  die  unvermeidliche  Auseinandersetzung
  zwischen  Königtum  und  Parlament
von  neuem  ein;  England  tritt  in  sein  Revolutionszeitalter.
  Das  Königtum  sucht  die  ererbte  Stellung
festzuhalten  und  verstärkt  sie  durch  Aufstellung  einer
Theorie  vom  göttlichen  Recht  der  Krongewalt;  demgegenüber
  dringen  in  das  Parlament  Strömungen
ein,  die  aus  den  wirtschaftlichen  Kräften,  welche  die
Tudors  hatten  heranziehen  helfen,  und  aus  den  kirchlichen
  und  religibsen  Auseinandersetzungen,  zu  denen
ihr  Staatskirchentum  Anlaß  gab,  Nahrung  zogen;
sie  weisen  auf  eine  Emanzipation  von  der  staatlichen
Autorität.  Unterschiedlich  von  früher  wird  das  Unterhaus
  zum  eigentlichen  Schauplatz  des  Kampfes.  Das
Ringen  endete  nach  mannigfachen  Schwankungen  mit
einem  Kompromißj;  weder  das  Verlangen  des  Parlaments
  nach  Vorherrschaft  setzt  sich  durch,  noch  das
des  Königs  nach  selbständiger  Leitung.  Ebenso  kompromißartig
  läuft  der  Streit  zwischen  den  kirchlichen
und  rellgibsen  Richtungen  aus;  das  Staatskirchentum
erkennt  den  abweichenden  Sekten  ihre  Daseinsberechtiung
  zu,  die  Gleichberechtigung  ist  erst  im  19.  Jahrhundeir
  gefolgt.  Auf  dieser  Grundlage  einigten  sich
die  politischen  Parteien,  die  infolge  der  Auseinander.
setzung  zwischen  Staat  und  Gesellschaft  ins  Leben  getreten
  waren,  die  Tories  als  Anwalie  eines  regierenden
  Königtums  und  eines  machtvollen  Staatskirchentums,
  die  Whigs  als  Vertreter  der  Parlamentsherrschaft
  und  des  Dissentertums.  Die  Einigung  hat  in
der  Erklärung  der  Rechte  (Billofrights)  von  1689einen
Niederschlag  gefunden;  König  Wilhelm  III.  (1688—
1702),  der  nach  dem  Sturzder  Stuarts  auf  den  Thron
berufen  wurde,  nahm  die  neue  Grundlage  an.  Auf
diese  Weise  war  ein  neuer  Ausgangspunkt  für  die
weitere  Entwicklung  geschaffen.

Königtum  und  Parlament  standen  fortan  auf  gleichem
  Boden,  auf  dem  Boden  des  Gesetzes  und  der
Verfassung.  Wie  würden  sie  sich  unter  diesen  veränderten
  Verhältnissen  miteinander  abfinden?  Die  Exekutive
  der  Krone  war  unter  parlamentarische  Kontrolle
gestellt;  war  damit  gesagt,  daß  das  Parlament  selbst
die  Exekutive  zu  übernehmen  habe?  Kein  Artikel  verbot
  der  Krone,  ihre  Minister  zu  ernennen;  wie  aber
sollte  deren  Würde  in  Einklang  mit  der  Verantwortlichkeit
  zu  bringen  sein,  welche  das  Parlament  forderte?
  Anderseits  war  die  Mission  des  Parlaments
als  Anwalt  von  Freiheit  und  Recht  erfüllt;  wird  es
auch  in  Konflikten  anderer  Art,  zusammengesetzt  wie
es  war.  eine  Vertretung  der  Nation  bedeuten  können?
Auf  diese  Fragen  hat  der  Verlauf  des  18.  Jahrhunderts
wechselnde  Auskunft  gegeben.  Mit  der  Thronbesteigung
  des  Hauses  Hannover  beginnt  unter  den  besonderen
  Umständen,  welche  die  Herrschaft  einer  fremden
Dynastie  schuf,  eine  Periode  des  aristokratischen
Parlamentarismus  von  etwa  1714—  60.  Die
Whigpartei  als  Partei  des  Großgrundbesitzes  und
Großkapitals  sicherte  sich  in  Verfassung  und  Verwaltung
  ausschließlichen  Einfluß;  im  Parlamentwiein  der
Lokalverwaltung  schließt  sich  die  regierende  Kaste  nach
unten  hin  ab.  Die  Minister  —  im  Kabinett  vereinigt
—  sind  nicht  mehr  Vollstrecker  des  königlichen  Willens,
sondern  Mitarbeiter,  allenfalls  Leiter  des  Parlaments.

41

Der  König  zieht  sich  aus  dem  Kabinett,  obwohl  es
ursprünglich  als  Kreis  vertrauter  Ratgeber  des  Monarchen
  gegründet  war,  zurück,  weil  seine  Rolle  hier
ausgespielt  ist.  Zwischen  diesen  aristokratischen  Parlamentarismus
  und  den  demokratischen  des  19.  Jahr.
hunderts  schiebt  sich  eine  weitere  Periode  ein,  in  der
das  Ministerium  des  jüngeren  Pitt  (1784—  1806)
Formen  annimmt,  die  sich  der  konstitutionellen  Monarchie
  nähern.  Der  König  behält  das  Recht  der  Ministerernennung
  ein  leitender  Minister,  der  Premierminister,
  vermittelt  zwischen  Krone  und  Parlament
und  sucht  außerhalb  der  Wände  des  Parlaments  die
Stimmung  der  öffentlichen  Meinung  und  der  Wählerschaft
  nutzbar  zu  machen;  der  oligarchische  Ring  soll
durch  veränderte  Zusammensetzung  beider  Häuser
gebrochen  werden.  Ein  verfassungsmäßig  regierendes
  und  doch  nicht  parlamentarisch
gebundenes  Königtum  gehört  also  zu  den  Entwicklungsphasen,
  welche  die  nglische  Verfassung  durchemacht
  hat;  Organe  der  Monarchie,  nicht  der  Aritokratie,
  sind  es  gewesen,  welche  den  Staat  durch  die
Stürme  des  napoleonischen  Zeitalters  hindurchgebracht
  haben.

Von  1832  bis  zur  Grgenwart.

Bis  zum  Ausgang  des  19.  Jahrhunderts.  Es
gilt,  sich  einzuprägen,  daß  vieles  von  dem.  was  einst
die  Bewunderung  der  englischen  Verfassung  hervorrief,
  heute  nicht  mehr  in  Geltung  ist  und  vieles  von  den
jetzt  gültigen  Zuständen  erst  im  Verlaufe  des  letzten
Jahrhunderts  Eingang  gefunden  hat.  Mit  der  einst
gepriesenen  Harmonie  des  Verfassungsbaues  war  es
aus,  als  mit  der  Demokratisierung  des  Staatslebens
  das  Parlament  zur  wirklichen  Volksvertretung
wurde;  da  rückte  der  Schwerpunkt  aller  Gewalten  in
das  Unterhaus.  Zu  keiner  Zeit  ist  das  Unterhaus
mächtiger  gewesen  als  während  der  ersten  3—4  Jahrzehnte
  der  Regierung  Viktorias.  Dem  Bevölkerungswachstum,
  der  ökonomischen  Umwälzung,  der  Verschiebung
  der  Bevölkerung  tragen  die  Reform  des  parlamentarischen
  Wahlrechts  und  eine  neue  Einteilung
der  Wahlbezirke  Rechnung.  Dieerste  Reformbill  (1832)
öffnet  dem  Mittelstand  die  Tore;  die  zweite  (1867)  den
kleineren  Ladeninhabern  und  der  höheren  Arbeiterschaft;
  die  dritte  (1884)  erweitert  die  Zahl  der  Stimmberechtigten
  noch  um  2  Millionen.  In  dieser  Zusammenseßung
  erkennt  das  Parlament  sein  Recht  als
regierungsbildendes  Organ;  das  Kabinett  wird  dem
Unterhause  verantwortlich.  Erstjetzt  findet  der  Brauch
Eingang,  wonach  die  Minister  gezwungen  sind,  dem
einen  oder  anderen  Hause  des  Parlaments  anzuehören.

  Erst  jetzt  gilt  das  Kabinett  in  dem  Augenlick

  als  abgesetzt,  wo  es  aufhört,  das  Vertrauen  des
Unterhauses  zu  besitzen.  Der  Parlamentariomus  erhält
  seine  Stetigkeit  durch  die  Zweiteilung  der  Parteien,
welche  die  modernen  Namen  liberal  undkonservativ
  erhalten,  und  durch  die  Organisation  des  Parteilebens
  in  den  politischen  Klubs  und  in  der  Wählerschaft.
Der  Erfolg  ist,  daß  in  normalen  Zeiten  der  Parteiführer
  unbedingt  über  eine  Mehrheit  verfügt.  Die
übrigen  Züge  des  neuzeitlichen  Kabinettsystems  sind
folgende:  Das  Kabinett  ist  dem  Souverän  und  der
Legislatur  gegenüber  eine  Einheit.  Die  Leitung  hat
der  Premierminister;  die  übrigen  Minister  sind  ihm
untergeordnet;  er  ist  der  wirklich  verantwortliche
Staatsmann.  Das  Kabinett  arbeitet  als  Partei-  und
Geheimkomitee.  In  solcher  Weise  wird  die  Monarchie
von  heute  beschränkt;  immerhin  bleibt  der  Souverän
        <pb n="48" />
        42

ein  Faktor,  mit  dem  zu  rechnen  ist:  Er  ist  führend  im
Gesellschaftsleben;  auf  politischem  Gebiet  wahrt  er
sich  ein  Kontrollrecht  in  den  auswärtigen  Angelegenheiten.
  Der  monarchische  Sinn,  durch  den  unwürdigen
  Georg  IV.  und  den  unbedeutenden  Wilhelm  IV.
gemindert,  erhält  unter  Viktoria  neue  Kräftigung.
Alles  in  allem  erscheint  die  englische  Verfassung  in
dieser  Gestalt  zur  demokratischsten  in  der  Welt  geworden;
  denn  nirgendwo  scheint  es  das  souveräne
Volk  so  leicht  zu  haben,  seinen  Willen  auszuüben.
Ist  doch  die  theoretische  Grundlage  des  Verfassungsbaues
  die  Verantwortlichkeit  der  Minister  dem  Parlament
  und  durch  das  Parlament  der  Nation  gegenüber,
  und  ist  die  Nation  nicht  mehr  ein  unbestimmter
Begriff,  sondern  die  jederzeit  zur  Kundgebung  ihres
Willens  berechtigte,  die  breiten  Volksmassen  umfassende
  Wählerschaft.  In  den  gleichen  Zeiten  erfolgt
eine  durchgreifende  Veränderung  des  Verwaltungssystems:
  Das  aristokratische  Selfgovernment  schwindet
und  mit  ihm  der  Zusammenhang,  in  dem  Gneist  den
Kraftquell  des  Parlaments  entdeckt  zu  haben  meinte.
Die  in  der  Lokalverwaltung  erprobten  Männer  hatten
als  Abgeordnete  ihre  Erfahrung  ins  Parlament  gebracht;
  den  Rechten,  die  sie  als  Volksvertreter  genossen,
entsprachen  die  Pflichten,  denen  sie  sich  ehrenamtlich
in  den  Grafschaften  unterzogen.  Das  hört  völlig  auf:
im  klassischen  Lande  der  Celbsiwerwaltung  entsteht
eine  gewaltige  Zentralorganisation  eines  berufsmäßigen
  Beamtentums.  Gewählte  und
bezahlte  Beamte  und  Richter  drängen  die  Ehrenämter
zurück;  die  alten  Formen  der  Armenverwaltung,  der
Munizipalverwaltung  usw.  erfahren  eine  durchgreifende
  Veränderung  durch  Gesetze,  unter  denen  das  von
1834  über  das  Armenwesen,  die  Munizipalakte  von
1835  als  Beispiele  genannt  seien.  Die  Zentralisation
führt  zur  Einrichtung  des  Ministeriums  für  Lokalverwaltung
  (local  government  board).

Die  heutigen  Zustände.  Zu  den  Merkmalen  des
heutigen  Zustandes  gehört  vor  anderm  das  Versagen
des  altehrwürdigen  Porlaments.  Das  Oberhaus,
das  nun  auch  auhoortt  bloß  eine  erbliche  Pairskammer
zu  sein,  hat  1911  vor  der  Demokratie  kapitulieren  und
auf  das  ihm  noch  verbliebene  Einspruchsrecht  in  die
Gesetzgebung  auf  dem  Gebiet  der  Finanzen  verzichten
müsssen.  Wesentlicher  ist  die  Ohnmacht  des  Unterhausess;
  sie  beruht  einerseits  auf  dem  Personal,  das  zu
zahlreich  ist,  um  eine  Verantwortung  zu  übernehmen
(670  Abgeordnete),  anderseits  auf  ben  immer  mehr
anschwellenden  Material,  das  in  seiner  Mannigfaltigkeit
  lähmend  wirkt  und  eine  Sachkenntnis  verlangt,
die  bei  mangelnder  Vorbildung  der  Parlamentarier
nicht  mehr  vorhanden  ist.  Da  hat  sich  die  Notwendigkeit
  einer  Konzentration  der  führenden  Kräfte  herausgestellt;
  diese  ist  der  Stärkung  des  Kabinetts  auf

I.  Politik  und  Geschichte

Kosten  des  Parlaments  zugute  gekommen.  Die  zunehmende
  Machtvollkommenheit  des  Kabinetts  ist
ein  anderes  Kennzeichen  unserer  Zeit.  Innerhalb  des
Kabinetts  ist  es  wiederum  ein  engerer  Ring,  der  die
Leitung  an  sich  reißt,  je  mehr  die  wachsende  Zahl  der
Fachminister  Vertraulichkeit  und  Beschlußfassung  erschweren.
  Das  demokratische  Prinzip  ist  gewahrt,  denn
die  Wählerschaft  bleibt  der  wirkliche  Souverän,  aber
die  Menge  regiert  in  Wirklichkeit  nicht.  Die  Demokratie
  findet  in  beer  Art  und  Weise  der  Ausführdarkeit
politischer  Geschäfte  ihre  Grenzen.  Das  heutige  Regierungssystem
  ist  als  eine  beschränkte  Demokratie
t  bezeichnen.  Weitere  Schwierigkeiten  haben  sich  mit

en  Wandlungen  herausgestellt,  welche  den  englischen
Staat  zum  Mittelpunkt  eines  Weltreiches  haben  werden
  lassen.  Irland  mit  seinem  Verlangen  nach  Homerule,
  d.  h.  nach  einem  eigenen  Parlament,  das  kurz
vor  Ausbruch  des  Krieges  von  der  Regierung  bewilligt,
  am  Einspruch  des  Oberhauses  scheiterte,  ist  ein
Beispiel,  wie  sich  die  Strömungen  im  britischen  Reiche
kreuzen:  Neben  einer  durch  die  Demokratie  bedingten
Tendenz  zur  Zentralisation  ist  eine  von  den  Reichsteilen
  ausgehende  Tendenz  zur  Dezentralisation  sichtbar.
  Die  dezentralisierende  Tendenz  wirkt  auf  erneute
Stärkung  des  Königtums,  da  bis  auf  weiteres  weder
ein  Reichsparlament.  noch  ein  Reichskabinett,  sondern
allein  der  Thron  das  die  Reichsteile  einigende  Band
darstellt.  So  befindet  sich  die  en  glische  Verfassung  heute
in  einem  Zustande  der  Gärung  und  des  überganges;
nach  Beendigung  des  Krieges  werden  neue  Lösungen
zu  erwarten  sein.

Literatur.  Gesamtdarstellungen:  R.  Gneist,  Englische
Verfassungsgeschichte  (Berl.  1882);  E.  Boutmy,  Le  déeveloppement
  de  la  constitution  et  de  la  société  politique
  en  Angleterre  (Par.  1887);  J.  Hatschek,  Englische
  Verfassungsgeschichte  bis  zum  Regierungsantritt  der
Königin  Viktoria  (Münch.  1913;  mit  reichen  Literaturangaben);
  J.  Redlich,  Englische  Lokalverwaltung  (Leipz.
1910).  —  Einzelne  Epochen:  F.  Liebermann,  Die  Ges
der  Angelsachsen  (Halle  1898—1915;,  grundlegend);  W.
Stubbs,  The  constitutional  History  of  England  (bond.

1887—91);  H.  Hallam,  Constitutional  History  of  England

  (neueste  Aufl.,  das.  1886);  Erstine  May,  Constitutional
  Histor  of  England  (5.  Aufl.,  das.  1875),  W.
Michael,  Die  Entstehung  der  Kabinettsregierung  in  England
  (2Zeitschrift  für  Politikc,  Bd.  6).  —  Für  die  neueßt
Zeit:  Sidneh  Law,  Die  Regierung  Englands  (Lond.
1906;  deutsch,  Tübing.  1908);  A.  L.  Lowell,  Die  englische
  Verfassung  (Lond.  1911;  deutsch,  Leipg.  1913).  —

ür  den  Übergang  des  englischen  Staates  zum  Weltreich:

lix  Salomon,  Der  britische  Imperialismus  (Leipz.
1916).  —  Zur  Kritik  der  heutigen  Verfassungszustände:  N.
wrp  N  Zweikammer=  und  Zweiparteiensystem
  (wZeitschrift  für  Politik-,  Bd.  4).  Einen  Hinweis
  auf  neue  Möglichkeiten  gibt  Sidney  Law,  The
Cabinet  Revolution  („The  Fortnightly  Reviewe,  Februarheft
  1917).

Englands  Aberseereich  während  des
Krieges

von  Legationsrat  Dr.  Alfred  Zimmermann  in  Berlin

Bei  dem  Mangel  sicherer  und  unabhängiger  Verbindungen
  mit  den  überseeischen  Ländern  ist  es  während
  des  Weltkriegs  unmöglich,  ein  erschöpfendes  Bild
von  den  Zuständen  in  Englands  Kolonien  im  Verlaufe
  der  letzten  Jahre  zu  gewinnen.  Sicher  ist,  daß

das  Steigen  der  Preise  für  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe
  in  Europa  ihre  Entwicklung  ebenso  günstig  beeinflußt
  haben  dürfte,  wie  die  Entziehung  von  zahlreichen
  arbeitsfähigen  Eingeborenen  und  noch  mehr  die
von  Weißen,  an  denen  ohnehin  kein  überfluß  herrschte,
für  Kriegsdienst  sie  geschädigt  haben  muß.  Außerdem
ist  anzunehmen,  daß  der  lange  Aufenthalt  zahlreicher
farbiger  Bewohner  der  Kolonien  in  Europa,  ihr  genaues
  Bekanntwerden  mit  dessen  Zuständen  sowie  die
        <pb n="49" />
        Zimmermann:  Englands  Uberseereich  während  des  Krieges

Stärkung  der  Macht  Japans  und  Amerikas  nicht  ohne
liefgreifende  Wirkungen  für  die  Zukunft  des  britischen
Kolonialreichs  bleiben  werden.  Daß  der  Weltkrieg  auch
noch  in  anderen  Hinsichten  Folgen  für  dessen  künftige
Gestaltung  nach  sich  ziehen  wird,  macht  schon  ein  Blick
auf  die  Entwicklung  während  der  Jahre  wahrscheinlich,
  wo  England  den  Riesenkampf  vorbereitet  hat.

I.  Die  Schritte  zur  engeren  Verbindung  Englands
mit  seinen  Kolonien.

Furcht  vor  Wiederholung  von  Erfahrungen  wie
den  zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts  mit  den  Neuenglandstaaten
  gemachten  und  gleichzeitig  das  Streben,
  die  Ausgaben  für  koloniale  Zwecke  zu  sparen,
haben  England  in  den  1860er  Jahren  zum  völligen
Bruch  mit  dem  früheren  Kolonialsystem  veranlaßt.
Es  zog  damals  seine  Truppen  aus  den  schon  Selbstverwaltung
  genießenden  Kolonien  zurück  und  schränkte
die  Ausgaben  für  die  Kronkolonien  —  bis  auf  Indien
  —  nach  und  nach  aufs  äußerste  ein.  In  der
Folgezeit  wurde  Kanada,  Australien  und  zuletzt  auch
Südafrika  fast  unbeschränktes  Selbstbestimmungsrecht
selbst  in  Fragen  von  Handel  und  Schiffahrt  eingeräumt
  und  der  Einfluß  des  Mutterlandes  auf  die
Besetzung  der  höchsten  Verwaltungsstellen  beschränkt.
Diese  mit  Erfolg  den  älteren  Siedlungen  gegenüber  anewandte

  Politik  erwies  sich  als  untunlich  für  die  von
de  der  1880er  Jahre  an  im  Wettbewerb  mit  Deutschland
  und  Frankreich  erworbenen  neuen  afrikanischen
Besitzungen.  Man  stellte  sie  daher  unter  die  Verwaltung
  von  mit  staatlichen  Rechten  ausgestatteten  Erwerdsgesellschaften
  nach  dem  Muster  der  großen  Kompanien
  des  16.  und  17.  Jahrhunderts.  Als  deren  Mittel
  aber  für  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  nicht  ausreichten.
  griff  der  Kolonialsttrriär  Joseph  Chamberlain  von
Staats  wegen  ein.  Es  kam  ihm  dabei  zugute,  daß  während
  der  letzten  Jahrzehnte  in  England  eine  lebhafte
Bewegung  zur  Herbeiführung  einer  näheren  Verbindung
  der  Kolonien  mit  dem  Mutterlande  entstanden
war.  Drei  große  Vereine,  das  Royal  Colonial  Institurte
  (1868),  die  Imperial  Federation  League  (1884)
und  die  United  Empire  Trade  League  (1891),  wirkten
  neben  der  Londoner  Handelskammer  lebhaft  im
Sinne  der  Schöpfung  eines  allbritischen  Zollvereins

Begünstigung  des  eigenen  Handels  und  dereigenen
Schiffahmt  vor  denen  des  Auslandes.  Unter  dem
Eindruck  dieser  Bestrebungen,  die  ihre  Kraft  hauptsächlich
  der  Furcht  vor  dem  Erstarken  deutschen  Wettbewerbs
  verdankten,  entschloß  sich  die  Regierung  zur
Berufung  einer  Versammlung  von  Vertretern  der
Kolonien  im  Jahre  1887,  auf  der  über  die  Mittel  und
Wege  der  zweckmäßigsten  Verteidigung  des  britischen
Reiches  und  der  Förderung  seines  Handels  beraten
wurde.  Außer  bei  Neusüdwales  und  Tasmania  fand
hier  der  Gedanke  von  Vorzugszöllen  in  England  und
den  Kolonien  zu  gegenseitiger  Begünstigung  allgememen
  Beifall.  Um  so  nachdrücklicher  erhob  sich
gegen  diesen  Plan  die  Handelswelt  Englands.  Sie
erreichte,  daß,  obwohl  der  Premierminister  Lord  Salisbury
  dem  Vorschlag  geneigt  war  und  Kanada  ihn
lebhaft  unterstützte,  von  der  Berufung  einer  neuen
Ronferenz  zunächst  Abstand  genommen  wurde.  Erst
1897  kam  es  unter  dem  Einfluß  Chamberlains  wieder
dazu.  Es  zeigte  sich  hier,  daß  die  Regierung  den
Bünschen  der  Freunde  einer  engeren  Verbindung
zwischen  Mutterland  und  Kolonien  sehr  geneigt  und
zu  einem  Bruche  mit  der  hergebrachten  Freihandelspolitik
  bereits  entschlossen  war.  Noch  deutlicher  trat

43

das  1902  bei  der  zur  Feier  der  Krönung  Eduards  VII.
veranstalteten  dritten  Konferenz  hervor,  wo  als  erstes
Ergebnis  der  Beratungen  die  Errichtung  eines  Reichsverteidigungsrats
  und  Teilnahme  der  Kolonien  an
den  Maßregeln  zum  Schutze  des  Reiches  festgestellt
wurden.  Bei  der  vierten  Konferenz  1904  wurde  bereits
  Errichtung  einer  Behörde  zur  dauernden  Vertretung
  der  Kolonien  in  London  rwogen.  Die  Niederlage
  der  Konservativen  machte  den  Plänen  zur  Einführung
  eines  Getreidezolls  in  England,  bei  dem  den
Kolonien  Vorteile  eingeräumt  werden  sollten,  vorderband
  ein  Ende.  Umsonst  führte  Kanada  1897  einen
arif  ein,  der  das  Mutterland  vor  dem  Auslande  begünsgte.
  und  veranlaßte  1903  Neuseeland,  seinem
eispiel  zu  folgen.  Weder  auf  der  allgemeinen  fünften
  Reichskonferenz  1907,  noch  auf  der  sechsten  1911
konnten  die  Freunde  eines  allbritischen  Zollvereins
durchdringen.  Wie  stark  der  Gedanke  aber  damals
schon  in  den  Kolonien  geworden  war,  ergibt  sich  daraus,
  daß  auch  Südafrika  1906,  Australien  1907  dem
Mutterlande  einseitig  besondere  Begünstigungen  für
seine  Waren  eingeräumt  und  Kanada  1909  seinen
Tarif  weiter  zu  seinen  Gunsten  ausgestaltet  hatte.
Die  für  1914  geplante  Konferenz  hat  infolge  des
Krieges  erst  Anfang  1917  stattfinden  können.  Vorbereitet
  worden  ist  sie  durch  eingehende  Untersuchungen
eines  1912  niedergesetzten  königlichen  Ausschusses  zur
Prüfung  der  wirtschaftlichen  Hilfsquellen  der  überseeischen
  Besitzungen.  Der  Gedanke  eines  auf  gegenseitige
  Zollvorteile  begründeten  engen  Verbands  der
Kolonien  mit  England  hat  dabei  sowohl  aus  Haß
egen  Deutschland  als  infolge  der  großen  Opfer  der
Wionien  für  den  Krieg  den  Sieg  davongetragen.  Die
englische  Regierung  hat  sich  zur  Einführung  eines
Zolltariss  bereit  erklärt.  Die  Kolonien  sollen  im
Mutterland  besondere  Vorteile  vor  allen  Ländern  eingeräumt
  erhalten.  Der  englische  Freihandel,  das  Palladium
  des  britischen  Reiches,  soll  also  dem  Weltkrieg
um  Opfer  fallen.  Die  Kolonien  erhalten  die  auschlaggebende
  Macht,  da  ihre  Entwicklung  weit  größer
ist  als  die  des  Mutterlandes.  Die  gesamte  Bevölkerung
  des  britischen  Überseereichs,  die  1891  die  Höhe
von  307  676000  Köpfen  erreicht  hatte,  ist  ja  bis  Ende
1911,  dem  letzten  Zeitpunkt,  für  den  vollständige  amtliche
  Zahlen  vorliegen,  auf  372127000  gestiegen!
Die  Steigerung  belief  sich  bei  Indien  von  287270000
auf  315086000,  bei  Australien  von  3174000  auf
4455000,  bei  Neuseeland  von  626  700  auf  1008000,
bei  Südafrika  von  5176000  (im  Jahre  1901)  auf
5973000,  bei  Westafrika  von  angeblich  1649000  auf
20178000,  bei  Kanada  von  5035000  auf  7449000,
bei  Westindien  von  1362000  auf  1689000.  Am
31.  Dezember  1914  zählte  man  in  Australien  4941  000
Personen,  in  Neuseeland  1096000,  in  Südafrika
6465000,  in  Kanada  8  327000.  Das  englische  Mutterland
  hat  es  dagegen  von  38  105000  Bewohnern
im  Jahre  1891  nur  auf  412977000  Ende  1901  und
45  371000  Ende  1911  gebracht.

II.  Indien.

Das  Kaiserreich  Indien  hat  England  während  des
Krieges  nicht  nur  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe  im
weitesten  Umfange  und  Truppen  für  Kleinasien,
Agypten,  die  Balkanhalbinsel  und  Frankreich,  sondern
auch  viele  Arbeitskräfte  liefern  müssen.  1917  ist  es
auch  noch  veranlaßt  worden,  2  Milliarden  Mark  der
neuesten  englischen  Kriegsanleihe  zu  übernehmen.
Daß  es  diese  Leistungen  aus  freiem  Willen  vollbracht
        <pb n="50" />
        44

hat.  ist  sehr  unwahrscheinlich.  Noch  im  Oktober  1913
schrieb  ein  genauer  Kenner  des  Landes  im  »XIXih  century«:
  »Unter  allen  Schwierigkeiten,  mit  denen  das
englische  Volk  heute  zu  kämpfen  hat.  ist  keine  wichtiger
und  dringender  als  die  indische.  Die  Unzufriedenheit
nimmt  dort  nicht  ab  und  kann  es  auch  nicht.  Sie  is
nicht  vereinzelt,  sondern  allgemein,  sie  schwankt
nicht,  sondern  ist  dauernd!  —  Ein  Attentatsversuch
gegen  den  Vizekönig  Lord  Hardinge  zu  Ende  des  Jahres
  1912,  dem  1910  ein  solcher  gegen  seinen  Voränger

  Lord  Minto  und  in  Vorjahren  andere  gegen
bohe  Beamte  vorausgegangen  waren,  entsprach  nur
zu  gut  dieser  Auffassung.  Die  Ursachen  der  Gärung
in  Indien  haben  Kenner  der  Verhältnisse  in  der  Notlage
  der  durch  Englands  billige  gewerbliche  Erzeugnisse
  um  ihr  Brot  gebrachten  indischen  Handwerker,
in  dem  Druck  der  Bodenabgaben,  der  Übervölkerung
Indiens  und  der  Heranbildung  einer  großen  halbebildeten

  Klasse  durch  die  öffentlichen  Schulen  zu
Ainden  geglaubt.  Die  Unzufriedenen  benutzken  die  Erregung
  weiter  Kreise  über  die  1905  erfolgte  Trennung
Bengalens  in  zwei  Provinzen,  das  Wachsen  des  eineborenen

  Selbstgefühls  durch  den  Sieg  Japans  über

ußland  und  die  Notlage  infolge  von  Mißernten  für
ihre  Zwecke.  Sie  forderten  nicht  nur  Besetzung  aller
Beamtenstellen  durch  Indier,  sondern  auch  Einräumung
  eines  Anteils  an  der  bis  dahin  ganz  in  englischer
Hand  liegenden  Regierung  und  Bruch  mit  der  Ausbeutung
  Indiens  zugunsten  Englands  durch  überhohe
  Besoldung  zahlreicher  englischer  Beamter  und
Offiziere.  Für  die  Zahlung  der  Pensionen  an  solche
flossen  jährlich  seit  jangem  nicht  weniger  als  300
Millionen  Mark  aus  Indien  nach  England!  Die
englische  Regierung,  die  in  Indien  vor  dem  Kriege
über  76000  Mann  weißer  und  170000  eingeborener
Truppen  verfügte,  hat  die  Bewegung  für  ernst  genug
angesehen,  um  den  Wünschen  der  Wortführer  entgegenzukommen.
  Die  Zweiteilung  Bengalens  ist  rückgängig
  gemacht,  der  Sitz  der  Regierung  von  Kalkutta
nach  der  heiligen  Stadt  Delhi  verlegt,  der  indischen
Bevölkerung  eine  gewisse  Vertretung  bei  dem  Vize-Wöig
  eingeräumt  worden.  Vor  allem  aber  hat  man
die  Aufmerksamkeiten  und  Gefälligkeiten  gegen  die
vielen  indischen  Fürsten,  die  vielfach  ihre  Erziehung
in  England  genossen  haben,  und  in  denen  England
während  der  letzten  Jahrzehnte  immer  seine  beste
Stütze  erblickte,  verdoppelt.  Zugute  kommen  den
Engländern  überdies  die  starken  religiösen  und  sozialen
  Gegensätze  zwischen  den  zahlreichen  Stämmen
und  Bevölkerungsllassen  des  riesigen  Landes  und  der
Mangel  an  kriegerischem  Sinn  und  an  Waffen  bei  den
Hindus.  Trotzdem  haben  19  eingeborene  Mitglieder
des  Gesetzgebenden  Rates  von  Indien  Ende  1916  in
einer  an  den  VBizekönig  gerichteten  Denkschrift  Besetzung
  der  Executive  Councils  zur  Hälfte,  der  Legislative
  Councils  in  den  verschiedenen  Provinzen  in  der
Mehrheit  mit  gewählten  eingeborenen  Mitgliedern  und
Gleichstellung  der  Indier  im  Heere  mit  den  Europäern
gefordert.  Diese  Ansprüche  hat  sich  ein  im  Dezember
1916  zu  Lacknau  abgehaltener  indischer  Kongreß,  an
dem  an  2350  gewählte  Abgeordnete  und  1000  Besucher
teilgenommen  haben,  nicht  nur  angeeignet,  sondern
auch  Verbot  des  Kulihandels,  Aushehana  des  Verbots
der  Niederlassung  von  Indiern  in  englischen  Kolonien,
Gleichstellung  der  indischen  mit  den  englischen  Offi.
zieren  neben  dem  Recht  auf  volle  Selbstverwaltung
gefordert!  Die  Mißstimmung  der  Indier  hat  auch  in
geringer  Beteiligung  an  den  englischen  Kriegsanleihen

I.  Politik  und  Geschichte

und  lebhaften  Angriffen  der  im  neutralen  Auslande
tätigen  Unzufriedenen  auf  England  Ausdruck  gefunden.
  Abgesehen  davon  soll  es  an  verschiedenen  Stellen
  Indiens  mehrfach  zu  Erhebungen  gekommen  sein.
Jedenfalls  hat  die  Bewegung  in  England  ernste  Sorgen
  erregt.  Nachdem  die  Hinrichtung  einzelner  Führer
der  nationalen  Strömung  keine  genügende  Wirkung
geübt,  ist  sie  zur  Einführung  der  allgemeinen  Wehrpflicht
  für  die  Europäer  in  Indien  geschritten  und  hat
angeblich  Japan  um  Entsendung  von  Hilfstruppen
für  Indien  gebeten.  Dieser  Schritt  soll  vergeblich  gewesen
  sein,  da  die  Japaner  dafür  nicht  nur  Gewährung
  einer  hohen  Anleihe,  sondern  auch  Aufhebung
der  gegen  ihre  Einwanderung  in  Australien  bestehenden
  Gesetze  und  freie  Hand  in  China  verlangt  haben.
Sicheres  darüber  ist  für  den  Augenblickt  ebensowenig
festzustellen  wie  über  die  Erfolge  der  deutschen  Mission,
die  nach  Erklärungen  im  englischen  Parlament  Anfang
  1916  in  Afghanistan  eingetroffen  ist.  Nach  englischer
  Behauptung  ist  sie  gescheitert  und  ein  Teil  ihrer
Mitglieder  den  Feinden  in  die  Hände  gefallen.

Um  die  indischen  Kapitalisten  der  Zeichnung  der
Kriegsanleihe  geneigt  zu  machen,  ist  Indien  nach  der
Angabe  englischer  Zeitungen  ein  Schutzzoll  auf  Baumwollgewebe
  zugesagt  worden.  Es  ist  aber  noch  die
Frage,  ob  eine  solche  Maßnahme  nicht  am  Widerspruch
der  englischen  Baumwollfabrikanten  scheitern  wird.  —
Indiens  Einnahmen  sind  seit  1900  von  75272000
auf  80  156  000  Pfd.  Sterl.  im  Jahre  1914,  seine  Ausaben

  in  derselben  Zeit  von  73  602  000  auf  82  8980000

efd.  Sterl.  gewachsen.  Seine  Schulden  betrugen  1900:
223843000  Pfd.  Sterl.,  1914:  304765000  Pfd.
Sterl.  An  Zöllen  vereinnahmte  es  1900;:  5032000
Pfd.  Sterl.,  1914:  7033000  Pfd.  Sterl.

III.  Afrika.

Sehr  erheblich  ist  der  englische  Afrikabesitz  durch
den  Weltkrieg  in  Mitleidenschaft  gezogen  worden.  Die
Eifersucht  der  Briten  gegen  Deuschlchrds  Erfolge  auf
afrikanischem  Gebiete  hat  sehr  wesentlich  ihre  zum
Kriege  führende  Politik  beeinflußt.  Wie  jetzt  aus  den
inzwischen  veröffentlichten  amtlichen  Aktenstücken  mit
Sicherheit  feststeht,  haben  sie  daher  vom  ersten  Tage
der  Krisis  an  ohne  jede  Rücksicht  auf  die  Vereinbarungen
  der  internationalen  Kongoakte  sofort  alle  möglichen
  Schritte  getan,  nicht  nur  alle  Verbindungen

wischen  Deutschland  und  Afrika  zu  zerstören,  sondern
sch  auch  seiner  Kolonien  zu  bemächtigen.  Nachdem
englische  Kreuzer  die  deutschen  Funkentürme  bombardiert
  und  die  deutschen  Schiffe  tunlichst  versenkt  hatten,
wurden  die  verschiedenen  Kolonien  veranlaßt,  gegen
die  deutschen  Nachbargebiete  vorzugehen.  Das  Kapparlament
  gab  am  12.  Sept.  1914  seine  Zustimmung,
nachdem  General  Botha  mit  Hilfe  einer  gefälschten
Karte:  den  Abgeordneten  vorgetäuscht  hatte,  daß  die
Deutschen  die  Feindseligkeiten  ihrerseits  eröffnet  hätten!
  An  der  Durchführung  des  Angriffs  wurde  Botha
indessen  vorerst  durch  eine  bewaffnete  Erhebung  der
Burenführer  Dewet,  Delarey  und  Kemp,  der  sich  später
  auch  die  Generale  Beyers  und  Hertog  anschlossen,
  gehindert.  Zwar  hat  Botha  das  Vorgehen  seiner
einstigen  Freunde  mit  rücksichtsloser  Gewalt  sofort

1  Sommer  1917.

2  Das  Nähere  darilber  in  der  ?  Kölnischen  Zeltunge  vom  15.
Oktober  1914.  Tie  Sache  ist  dann  am  21.  Dei3ember  1915  im
Reichstag  als  Neuigkelt  zur  Sprache  gebracht  und  im  Kolontalblatte
  nochmals  veröffentlicht  worden.
        <pb n="51" />
        Zimmermann:  Englands  Überseereich  während  des  Krieges

belänipft  und  dabei  den  Tod  Delareys  verursacht;
doch  die  Bewegung  griff  im  Norden  erheblich  um  sich,
bis  der  Mangel  an  Waffen  und  besonders  Automobilen,
  denen  die  Pferde  sich  nicht  gewachsen  zeigten,  die
Erhebung  scheitern  ließ.  Verschiedene  Burenführer
lamen  um.  Dewet  fiel  seinen  Feinden  in  die  Hände,  die
ihn  ein  Jahr  lang  ins  Gefängnis  sperrten.  Nach  diesem
  Erfolg  ging  Botha  von  allen  Seiten  gegen  das  benachbarte
  Deutsch-Südwest  vor.  So  tapfer  und
geschickt  man  sich  dort  verteidigte,  auf  die  Länge  war
man  dem  übermächtigen  Feinde  nicht  gewachsen,  dem
die  deutschen  Bahnlinien  nicht  nur  die  Verbindung
mit  Kapland,  sondern  auch  das  Vorgehen  in  dem
wasserlosen,  armen  Lande  sehr  erleichterten.  Am
9.  Juli  1915  mußte  der  deutsche  Gouverneur  mit  seiner
kleinen  Macht  im  äußersten  Norden  der  Kolonie  kapimlieren.
  Gegen  seine  etwa  3700  Köpfe  zählende
Truppe  hatte  Botha  aber  65000  Mann  ins  Feld  führen
  und  etwa  300  Millionen  Mark  opfern  mlüssen.

Nach  Beendigung  dieses  Feldzugs  hat  sich  Botha
dazubestimmen  lassen,  auch  den  Kümpf  gegen  Deutsch-Ostafrika,
  wo  England  vergebens  eingeborene  und
indische  Truppen  in  großer  Zahl  eingesetzt  hatte,  aufunehmen.

  Er  hat  nach  und  nach  26000  Südafrianer
  zur  See  dorthin  geschaff  und  mitnrstutung
von  Belgiern,  Indiern,  Neuseeländern,  englischen  Freiwilligen
  und  Portugiesen  den  Kampf  geführt.  Welche
Kosten  dadurch  erwachsen,  welche  Verluste  den  Briten
beschieden  gewesen  sein  mögen,  darüber  liegen  zuverlässige
  Nachrichten  nicht  vor.  Sie  müssen  jedenfalls
riesig  sein  und  werden  die  künftige  Lage  Britisch-Südafrikas
  nach  jeder  Richtung  erheblich  beeinflussen.  Es
ist  das  um  so  sicherer  zu  erwarten,  als  schon  vor  dem
Kriege  die  inneren  Verhältnisse  hier  nicht  sehr  befriedigend
  waren.  In  den  Goldminen  war  es  zu  so  ernsten
  Streitigkeiten  zwischen  den  Arbeitern  und  den
Gesellschaften  gekommen,  daß  eine  Anzahl  Wortführer
der  ersteren  gewaltsam  nach  England  deportiert  wurden.
  Ein  allgemeiner  Aufstand  war  die  Folge  gewesen.
  In  Rhodesien  herrschte  Zwiespalt  zwischen  der
Chartered  Company  und  den  Ansiedlern,  die  Befreiung
  von  der  Gesellschaft  und  Anschluß  an  die  Südafrikanische
  Union  verlangten.  Infolge  der  Arbeiterunruhen
  und  der  stetig  steigenden  Kosten  der  Goldgewinnung
  machten  auch  die  Minengesellschaften,
eren  Anteile  viel  zu  hoch  getrieben  waren,  immer
schlechtere  Geschäfte.  Wie  der  Krieg  diese  Verhältnisse
beeinflußt  hat,  darüber  fehlt  es  vorderhand  an  zuverlässigen
  Nachrichten.  Unzweifelhaft  hat  er  den  Einfluß
  der  Farbigen  erheblich  gesteigert  und  die  Kosten
des  Bergwerkbetriebs  weiter  erhöht.  Dazu  muß  er
die  Finanzen  der  Kolonie  in  bedenkliche  Verwirrung
gebracht  haben.  Schon  vor  dem  Krieg  stand  es  damit
nicht  besonders.  Von  18763.000  Pfd.  Sterl.  im  Jahre
1911  sind  hier  die  Einnahmen  bis  1914  gefallen  auf
16  685  000  Pfd.  Sterl.,  die  Ausgaben  gestiegen  von
17700000  auf  18912000  Pfd.  Sterl.  Die  Zölle
brachten  1911:  4892000,  1914:  4040  000  Pfd.  Sterling.
  Diesen  Einnahmen  standen  1914:  122  412000
Pfd.  Sterl.  Schulden  gegenüber!

In  geringerem  Maße  wird  wahrscheinlich  der  Krieg
die  Lage  der  tropischen  Afrikakolonien  Englands  beeinflußt
  haben.  Sie  haben  zwar  auch  Truppen  gestellt;
aber  die  dafür  erforderlichen  Aufwendungen  dürften
bei  ihnen  ausgeglichen  worden  sein  durch  die  Gewinne
ans  der  Wegnahme  des  Besitzes  der  deutschen  Handelshäuser
  und  aus  dem  Fortfall  des  Wettbewerbs  der  Nachbarbesitzungen
  Deutschlands.  Die  früher  von  diesen

45

gemachten  Gewinne  fließen  ihnen  jetzt  zu,  und  sie  dürften
infolge  der  gesteigerten  Nachfrage  nach  Olfrüchten  noch
erheblich  gewachsen  sein.  Dient  doch  das  Palm--  und
Erdnußöl  jetzt  nicht  allein  mehr  zur  Seifen-,  sondern
auch  zur  besser  lohnenden  Speisefettbereitung.  Die  letztere
  Entdeckung  hatdie  Gewinne  derimtropischen  Afrika
täligen  Unternehmungen  sehr  erheblich  gesteigert  und
war  kurz  vor  dem  Krieg  der  Anlaß,  daß  neben  der
Leverschen  Sunlightcompany  auch  noch  andere  Gesellschaften
  im  Einverständnis  mit  der  englischen  Reierung
  von  den  eingeborenen  Häuptlingen  große  Beitzungen
  zur  Ausbeutungder  Palmenwäldererworben
hatten.  Da  sie  sich  hierbei  das  ausschließliche  Recht  auf
Anlage  von  Bahnen  in  den  fraglichen  Gebieten  fürihre
Zwecke  ausbedungen  hatten,  führten  diese  Landerwerbungen
  zu  lebhaftem  Widerspruch  in  den  Kolonien
wie  im  englischen  Parlamente.  Es  ist  nicht  bekanntgeworden,
  ob  bei  solcher  Sachlage  diese  Konzessionen
die  endgültige  Genehmigung  der  englischen  Regierung
efunden  haben.  —  Einer  ähnlich  günstigen  Cutwickung
  wie  die  Olerzeugung  erfreute  sich  in  den  englischen
Kolonien  Westafrikas  die  Kautschuk-,  Kakao-  und  Goldewinnung.
  Der  Ertrag  der  letzteren  ist  von  1497200
fd.  Sterl.  im  Jahre  1912  auf  bereits  1706  500  Pfd.
Sterl.  im  Jahre  1915  gestiegen.  Der  Baumwollbau
  hat  besondere  Fortschritte  in  Britisch-Ostafrika
gemacht.  Während  in  Britisch-Westafrika  die  Ausfuhr
der  Baumwolle  von  1905  bis  1913  von  1500000  auf
4500000  Pfund  gestiegen  war,  ist  sie  in  Ostafrika  und
Uganda  von  142000  auf  12366  000  Pfund  gewachsen.
In  Nyassaland  belief  sich  das  Uinwachsen  von  776000
auf  2676  000  Pfund!  Es  ist  anzunehmen,  daß  diese
Entwicklung  während  des  Krieges  weitere  Fortschritte
gemacht  hat.  Die  Erfolge  des  Anbaues  von  Baumwolle,
  Kautschuk  und  Gummi  hatten  bereits  1913  dazu
eführt,  daß  die  ostafrikanischen  Besitzungen  Englands
einer  oder  nur  noch  sehr  geringer  Zuschüsse  vom
Mutterlande  bedurften.  Sie  haben  daneben  aber  auch
den  Anlaß  zu  einer  Enteignung  des  Besitzes  der  Massai
und  ihrer  Verpflanzung  nach  einem  anderen  Gebiete
wider  ihren  Willen  gegeben.  —  Die  ernsteste  Sorge
Englands  in  Ostafrika  war  in  der  Zeit  des  Kriegsausbruchs
  ein  neuer  Streit  mit  dem  Mullah  der  Somalistämme.
  Seit  1899  hat  England  mit  ihm  Krieg
geführt,  trotz  größter  Anstrengungen  aber  keinen  nennenswerten
  Erfolg  gegen  ihn  erzielt.  Es  ist  ebensowenig
  bekanntgeworden,  wie  sich  die  Lage  im  Somalilande
  während  des  Weltkriegs  gestaltet  hat,  wie  man
zuverästt  e  Kunde  von  dem  Ausgange  des  Kampfes
er  Senuff  gegen  die  Briten  besitzt.

IV.  Kanada  und  Westindien.

Die  Lage  dieser  Kolonien  war  vor  dem  Kriege  eine
sehr  verschiedene.  In  Kanada  stand  der  Wunsch  nach
Heranziehung  europäischer,  besonders  deutscher  Einwanderer
  und  ausländischen  Kapitals  zur  Erschließung
der  ungeheuren,  dünnbevölkerten,  rauhen  Gebiete  des
Innern,  in  Westindien  die  Gewinnung  vorteilhafter
Märkte  für  Rohrzucker,  Kaffee,  Bananen  und  andere
Tropenfrüchte  im  Vordergrunde.  Ersteres  fürchtete
das  Anwachsen  des  Einflusses  der  Vereinigten  Staaten,
  denen  es  notgedrungen  1909  allerlei  Zollvorteile
eingeräumt  hatte;  die  Westindier  hätten  am  liebsten
eine  Einverleibung  in  die  Union  gesehen,  um  deren
Markt  zollfrei  für  ihre  Erzeugnisse  zu  gewinnen.  Der
Weltkrieg  hat  die  Verhältnisse  erheblich  verschoben.

Das  menschenarme  Kanada  hat  sehr  erhebliche
Mengen  von  Soldaten  aufgebracht  und  England  zu
        <pb n="52" />
        46

Hilfe  geschickt.  Seine  Entwicklung  ist  dadurch  arg  beeinträchtigt
  worden,  wie  sich  am  deutlichsten  im  Sturze
des  Kurses  der  Papiere  der  Kanada-Pazisikbahn  zeigt.
Zum  Unglück  für  dieses  jahrelang  durch  geschickte
Werbetätigkeit  in  die  Höhe  gebrachte  Unternehmen  ist
auch  noch  der  Gründer  der  Bahn,  Lord  Strathcona,
der  seine  Laufbahn  als  Laufbursche  begonnen  hatte,
aber  dank  seiner  großen  Begabung  das  Vertrauen
aller  maßgebenden  Leute  besaß,  Unfung  1914  gestorden.
  Da  infolge  des  Aufschwungs  der  Bahn  das  Land
selbst  in  den  entlegensten  Teilen  der  Kolonie  geradezu
phantastischen  Wert  erlangt  hattet,  bedeutete  der  Rückang

  der  Schätzung  der  Anteile  der  Bahneinen  schweren

chlag  für  das  ganze  riesige  Land.  Der  Schaden  ist
um  so  schwerer,  als  die  weiße  Einwanderung  bereits
1915  um  60  Prozent  und  seitdem  noch  weiter  zurückgegangen
  ist.  Die  Schädigung  der  Volkswirtschaft
der  Kolonie  durch  diese  Bechälkisse  zusammen  mit
dem  Anwachsen  ihrer  Verschuldung  durch  die  grohen
  militärischen  Aufwendungen  dürften  Wirkungen
haben,  die  sich  jetzt  noch  nicht  übersehen  lassen.  Auf
weiteren  Zufluß  der  als  beste  Ansiedler  in  Kanada  allgemein
  angesehenen  Deutschen  dürfte  dazu  nach  dem
Kriege  nicht  mehr  zu  rechnen  sein.  Noch  1910  belief
sich  die  Zahl  der  Einwanderer  in  Kanada  auf  311000,
1912  sogar  auf  402400,  während  sie  1914  auf145000
gesunken  war.  Kanadas  Einfuhr  ist  von  40  504000

fd.  Sterl.  im  Jahre  1900  auf  132509000  im  Jahre
1914  gestiegen,  seine  Ausfuhr  von  41203000  Pfd.
Sterl.  auf  103999.500  Pfd.  Sterl.  Die  Einnahmen
beliefen  sich  1900  auf  10984000,  1914  auf  28089000
Pfd.  Sterl.;  die  Ausgaben  betrugen  1900:  9276000,
1914:  28663  000,  die  Schulden  1900:  74709000,
1914:  150  246000  Pfd.  Sterling.

Der  britische  Besitz  in  Westin  dien,  der  so  lange  unter
  den  niedrigen  Preisen  für  Rohrzucker  und  ungünstiger
  geographischer  Lage  gelitten,  hat  dagegen  während

er  Kriegsfahre  einen  ungeahnten  Auffherung  erfahren.
  Den  Anlaß  dazu  haben  die  Aufhebung  der  Prämien
  für  Ausfuhr  des  europäischen  Rübenzuckers  und
der  Bau  des  Panamakanals  gegeben.  Die  erstere  durch
Minister  Chamberlain  herbeigeführte  Maßnahme  hat
der  Rohrzuckergewinnung  großen  Vorteil  verschafft.
Und  die  Gewinne  der  Zuckererzeuger  sind  nun  noch
durch  den  Weltkrieg,  der  der  Ausfuhr  des  Rübenuckers
  aus  Europa  ein  Ende  gemacht  und  die  Nachfrage
  nach  Rohrzucker  in  unerwarteter  Weise  gesteigert
*7  in  erheblichem  Maße  gestiegen.  Der  Bau  des
anamakanals  hat  den  Verkehr  in  Westindien  dazu
bedeutend  gefördert  und  für  viele  dortige  Erzeugnisse
neue  Märkte  eröffnet.  So  ist  z.  B.  die  Mineralblausfuhr
  Trinidads  von  2700  Pfd.  Sterl.  im  Jahre  1900,
21000  Pfd.  Sterl.  im  Jahre  1912,  1914  bereits  auf
75000  Pfd.  Sterl.  und  seitdem  noch  auf  erheblich
höhere  Veträge  gewachsen.  Es  dürfte  hiermit  und  mit
dem  wirtschaftlichen  Aufschwunge  dieser  lange  vernachlässigten
  Gebiete  zusammenhängen,  daß  neuerdings
  eine  lebhafte  Bewegung  zur  Herbeiführung  einer
näheren  Verbindung  der  einzelnen  Inseln  untereinander
  und  mit  dem  britischen  Festlandbesitz  sowie  Anderung
  ihrer  Regierungsform  sich  bemerkbar  gemacht
hat.  Diese  auf  ein  Gebiet  von  vielen  tausend  Quadratkilometern
  verstreuten,  große  Strecken  voneinander
entfernten  und  doch  ganz  aufeinander  angewiesenen
Kolonien,  die  vereint  eine  meist  farbige  Bevölkerung

1  In  Kalgary  wurden  Anfang  1914  für  den  Quadratfuß
Bauland  20  000  Mark  bezahlt!

I.  Politik  und  Geschichte

von  etwa  1  Million  Menschen  haben  und  1914  für
9788000  Pfd.  Sterl.  Waren  ein-,  für  9390000  Pfd.
Sterl.  ausführten,  sind  bisher  ohne  eine  gemeinsame
Verwaltung  und  in  sehr  verschiedener  wirtschaftlicher
Lage  gewesen.  Ihren  eigenen  Einnahmen  in  Höhe
von  2767000  Pfd.  Sterl.  standen  Ausgaben  von
2964000  Pfd.  Sterl.  gegenüber.  Ihre  Schulden  hatten
  die  Höhe  von  6552000  Pfd.  Sterl.  erreicht.  Die
Windward=  wie  Leeward  Islands.  Trinidad  und  Tabago
  waren  nur  mit  Hilfe  von  Anleihen  imstande,
ihre  jährlichen  Ausgaben  zu  decken.  Mit  ähnlichen
Verlegenheiten  kämpften  die  Bermudasinseln  und  BritischGuayana,
  während  Honduras  höhere  Einkünfte
erzielte,  als  es  brauchte.  Verschiedene  Versuche,  diese
klimatisch  und  wirtschaftlich  einander  ähnlichen  Kolonien
  in  nähere  Beziehungen  zu  setzen  und  gegenseitig
zu  fördern,  waren  immer  daran  gescheitert,  daß  die
in  besserer  Lage  befindlichen  keine  Lust  hatten,  die
Verlegenheiten  der  anderen  auf  sich  zu  nehmen.  Seit
dem  neuen  Aufschwung  der  Rohrzuckerindustrie  ist  das
anders  geworden.  Kanada  erachtete  es  für  angezeigt,
mit  Westindien  über  ein  Zollabkommen  in  Verhandlung
  zu  treten,  wobei  zum  ersten  Male  eine  gemeinsame
  Verteerung  dieser  Kolonien  ins  Leben  gerufen
wurde.  Auch  in  den  Vereinigten  Staaten  regten  sich
dann  Bestrebungen,  die  Segiehun  en  zu  Britisch-Weilindien,
  wohl  mit  Rücksicht  auf  Kuba  und  Portoriko
und  den  Panamakanal,  enger  zu  gestalten.  Dazu  wurden
  in  England  Stimmen  laut,  die  mit  Rücksicht  auf
die  gänzliche  Verschiebung  der  Lage  Westindiens  durch
Amerikas  Vorgehen  dort  eine  straffere  Organisierung
dieses  Besitzes  gorderten.  Sie  regten  Vereinigung  aller
  dieser  Kolonien  zu  einer  Föderation  unter  einem
High  Commissioner  mit  Beiseitelassung  des  solchen
Pläuen  abgeneigten  Jamaika  und  der  zu  entlegenen
Barbadosinseln  an.  —  Inzwischen  ist  der  Panamakanal
  in  Betrieb  genommen,  und  Amerika  hat  die  Hand
auf  die  dänischen  Inseln  inmitten  der  englischen  Besitzungen
  gelegt.  Die  Lage  hat  sich  damit  in  politischer
Hinsicht  sehr  zu  ungunsten  Englands  verändert.  Wirtschaftlich
  freilich  dürften  der  Krieg  und  seine  Folgeerscheinungen
  diesem  Teil  des  englischen  Weltreichs
bedeutend  zugute  gekommen  sein.

V.  Australien.

Das  für  sein  ungeheures  Gebiet  so  dünn  bevölkerte
und  schwer  verschuldeten  Australien,  das  unter  dem
Einfluß  der  um  die  Höhe  ihres  Lohnes  besorgten  herrschenden
  Arbeiterpartei  Jahre  hindurch  die  Einwanderung
  tunlich  erschwert,  wenn  nicht  unmöglich  gemacht
  und  damit  die  Zunahme  seiner  Bewohnerschaft
schwer  beeinträchtigt  hat,  ist  seit  Kriegsbeginn  aufs  eifrigste
  bemüht  gewesen,  das  Mutterland  nachdrücklich

u  unterstützen.  Es  hat  ihm  nicht  nur  seine  Flotte  zur
Verfugung  gestellt  und  mit  ihr  die  deutschen  Funkentürme
  in  der  Südsee  zerstört  und  den  deutschen  Kreuzern
  den  Garaus  gemacht,  sondern  es  hat  auch  trotz
großer  Kosten  über  300000  Mann  Soldaten  nach  den
Kriegsschauplätzen  entsandt.  Diese  Haltung  der  herr.
schenden  Kreise  des  fünften  Erdteils  hat  Erstaunen
erregt,  einmal  weil  es  die  Arbeiter  sind,  die  hier  die
Gewalt  in  der  Hand  haben,  und  dann,  da  früher  gerade
die  Australier  in  der  Geltendmachung  ihres  eigenen

1  1914  belief  sich  die  öffentlicbe  Schuld  der  Commonwealth
von  Australlen  und  der  Einzelstaaten  auf  312  290  000  Pfd.  Sterl.
gegenüber  266029000  Pfd.  Sterl.  im  Jahre  1912.  Neusecland
schuldete  1912:  90061000,  1914:  100060000  Pfd.  Sterling
        <pb n="53" />
        v.  Staden:  Indien

Vorteils  auch  dem  Mutterlande  gegenüber  besonders
rücksichtslos  vorgegangen  sind.  Haben  sie  doch  England
nicht  nur  völlig  freie  Hand  in  den  Zoll-  und  Handelsvertragsfragen
  abgezwungen,  sondern  es  auch  durch
das  Verbot  der  Beschäftigung  farbiger  Mannschaften
auf  Schiffen,  Aussperrung  aller  Farbigen,  selbst  der
Indier  und  Japaner,  und  maßlose  Erschwerung  aller
weißen  Einwanderung  mehrfach  in  schwere  Verlegenheiten
  gebracht.  Die  durch  lange  Hegtereien  der  Presse
hier  verbreitete  Furcht  vor  angeblichen  deutschen  Eroberungsplänen
  und  der  Zorn  Über  die  Festsetzung  des
Deutschen  Reiches  im  Stillen  Ozean  haben  aber  offenbar
  alle  früheren  Rücksichten,  die  Furcht  vor  Rußland
und  Japan  und  den  vorher  lebhaften  Wunsch  nach  Verdrängung
  Frankreichs  aus  der  ozeanischen  Inselwelt,
in  den  Hintergrund  geschoben.  Als  der  Krieg  ausbrach,
nahmen  finanzielle  Sorgen  die  Aufmerksamkeit  der
Australier  vorwiegend  in  Anspruch.  Während  ihre
Schuldenlast  fortgesetzt  wuchs  und  ihre  Bevölkerung
kaum  zunahm,  stiegen  ihre  Ausgaben  unausgesetzt,
ohne  daß  ihr  Mapenhandellsich  in  entsprechendem  Maße
hob.  Während  ihre  Einfuhr  1900  einen  Wert  von
1643000  Pfd.  Sterl.  hatte,  bezifferte  sie  sich  1910  nur
auf  1619000.  1914  auf  2170000  Pfd.  Sterl.  Die
Ausfuhr  belief  sich  1900  auf  69203000,  1910  auf
96  671000,  1914  auf  101569000  Pfd.  Sterl.  Die
Einnahmen  waren  zwar  von  1900  bis  1914  von
35  126  000  Pfd.  Sterl.  auf  75199000  gestiegen,  aber
ihnen  standen  in  den  genannten  Jahren  Ausgaben
von  34000000  und  74464000  Pfd.  Sterl.  gegen-47



über  und  die  Aussicht  auf  immer  wachsende  Schuldzinsen
  und  Aufwendungen  für  die  Zwecke  der  neuen
BundeSregtrung.  Kein  Wunder.  wenn  unter  den
Anträgen,  die  Australien  für  die  Reichskonferenz  in
London  vorbereitete,  der  Wunsch  anerster  Stelle  stand,
daß  England  in  Zukunft  die  Zinsen  der  Anleihen  für
öffentliche  Arbeiten  von  allgemeinem  Interesse  in  den
Kolonien  verbürgen  solle.  Inzwischen  haben  aber  die
englandfreundlichen  Kreise  Australiens  während  des
Krieges  nichts  unterlassen,  um  des  Mutterlandes
Zwecke  weiter  zu  fördern.  In  Südaustralien  ist  die
deutsche  Sprache  als  Lehrgegenstand  in  den  Schulen
bereits  verboten  worden,  und  der  leitende  Minister  des
Commonwealth,  Hughes,  hat  eine  allgemeine  Volksabstimmung
  für  Einführung  der  Wehrpflicht  im  ganzen
  Lande  durchgesetzt.  Wider  sein  Erwarten  ist  dieser
Antrag  gescheitert.  723000  Männer  und  Frauen  haben
  dagegen,  nur  637000  dafür  gestimmt.  Auch  die
Stimmen  der  in  Europa  verwendeten  australischen
Soldaten  haben  Hughes  nicht  zum  Erfolge  verholfen.
Es  ist  darüber  in  Australien  zu  einer  Krisis  gekommen,
  die  den  Ministerpräsidenten  verhindert  hat,  zur
Reichskonferenz  im  Frühjahr  1917  nach  London  zu
reisen.  Die  nach  Auflösung  des  Parlaments  ausgeschriebenen
  Neuwahlen  sind  indessen  für  beide  Häuser
in  seinem  Sinne  ausgefallen.  Welchen  Einfluß  der
deutsche  Unterseebootkrieg  und  die  wahrscheinliche  Vernichtung
  zahlreicher  Schiffe  mit  australischem  Getreide
und  Fleisch  auf  die  Verhältnisse  des  Commonwealth
ausüben  wird,  ist  noch  nicht  abzusehen.

Indien
von  Dr.  phil.  Hermann  v.  Staden  in  Berlin

Das  Verhalten  Indiens  nach  englischer
Darstellung.  In  der  Einleitung  zu  --The  Iudian
Vear  Bock#  schreibt  der  englische  Herausgeber,  anfangs
  habe  die  öffentliche  Meinung  Indiens  die  Natur
des  England  aufgezwungenen  Kampfes  nicht  erkannt;
als  man  aber  erfahren  habe,  daß  der  deutsche  Einfall
in  Belgien  der  casus  belli  sei,  und  daß  es  sich  um  den
Schut  der  schwächeren  Staaten  und  Völker  handle,
dasei  Indien  wunderbar  emporgeflammt  in  dem  Wunsche,
  das  britische  Reich  zu  unterstützen,  und  die  Schwerter
  aller  indischen  Fürsten  seien  aus  der  Scheide  geflogen.
  In  einem  Augenblick  sei  das  Bild  innerer
Unruhe  verschwunden.  Der  Vizekönig  habe  die  Minister
  Seiner  Majestät  benachrichtigt,  daß  Indien  den
letzten  Mann  und  das  letzte  Gewehr  seinem  Dienste
weihen  werde,  die  Truppen  seien  glücklich  gewesen,  auf
den  europäischen  Schlachtfeldern  kämpfen  zu  dürfen,
und  der  Vizekönig  habe  die  Anregung  des  Gesetzgebenden
  Rates  angenommen,  wonach  die  Kosten  auf
die  indische  Staatskasse  übernommen  werden  sollten.

Diese  englische  Schilderung  der  angeblichen  Kriegsbegeisterung
  Indiens  sieht  in  starkem  Gegensatz  zu  der
wahren  Überzeugung  der  zu  Hunderten  freiwillig  in
der  Verbannung  lebenden  und  für  die  Befreiung  ihrer
Heimat  wirkenden  Indier  sowie  der  zu  Tausenden
gefangengenommenen  indischen  Soldaten,  die  von
der  Begeisterung  für  das  britische  Reich  nichts  wissen.

1  Herausg  geben  von  Stanley  Need,  L.  L  D.  (Bombay  und
Kalkutta  1915).

Die  wirkliche  Lage.  Wie  sieht  es  in  Wirklichkeit
in  Indien  aus?  Wie  haben  sich  die  300  Millionen
Indiens  zum  Weltkriege  gestellt,  was  ist  seit  August
1914  in  Indien  ges  chehen  und  wie  sind  die  politischen
Zustände  und  Aussichten  Indiens  zu  beurteilen,  wenn
der  Krieg  beendigt  sein  wird?  Auf  diese  Fragen  eine
durch  gesicherte  Daten  begründete  Antwort  zu  geben.
ist  heute  nicht  möglich.  Die  Absperrung  Indiens,  die
als  eine  der  merkwürdigsten  Folgen  der  Herrschaft
Englands  über  das  Weltmeer  und  den  Nachrichten.
dienst  in  der  Geschichte  einzig  dasteht,  aber  zu  der  zweihundertjährigen
  Unterdrückung  des  Buchdrucks  in  Irland
  ein  interessantes  Gegenstück  bildet,  ist  so  folgerichtig
  und  geschickt  durchgeführt  worden,  der  geistige
Verkehr  zwischen  dem  indischen  Fünftel  der  Menschheit
  und  der  übrigen  Welt  läuft  seit  beinahe  drei  Jahren
  so  ausschließlich  durch  die  Hände  der  wenigen  englischen
  Staatsmänner,  daß  diese  Männer  allein  in  der
Lage  sind,  über  den  gegenwärtigen  Zustand  Indiens
Auskunft  zu  geben.  Es  braucht  nicht  gesagt  zu  werden,
  daß  alles,  was  diese  Männer  der  Osfentlichken
mitzuteilen  für  gut  befinden,  nach  dem  britischen
Staatsinteresse  bemessen  und  zugestutzt,  also  für  die
Beurteilung  der  Lage  nicht  nur  lückenhaft  und  unzureichend,
  sondern  durchaus  unzuverlässig  und  irreführend
  ist,  wenn  auch  noch  so  viele  einzelne  Nachrichten
der  Wirklichkeit  entsprechen  mögen.  Diese  von  England
  bekanntgegebenen  Nachrichten  müssen  aus  der
britischen  Gesamddarstellung  der  indischen  Frage  herausgehoben
  und  für  sich  betrachtet,  auf  ihre  innere
Wahrscheinlichkeit  hin  geprüft  und  dann  in  ihrem
Kern  mit  den  äußerst  spärlichen  Nachrichten  zusammengehalten
  werden,  die  auf  anderen  Wegen,  etwa  durch
        <pb n="54" />
        48

neutrale  Seeleute,  durch  kriegsgefangene  Indier,  durch
entlassene  deutsche  Zivilgefangene  oder  sonstwie,  nach
Europa  gelangen.  Das  so  gewonnene  Bild  ist  aber
schlie-lich  unter  diejenige,  allerdings  zum  Teil  subjektiv
  beeinflußte  Beleuchtung  zu  rücken.  die  uns  der  Verlauf
  der  indischen  Bewegung  bis  zum  Beginn  des  Krieges,
  unsere  Kenntnis  der  vor  dem  Kriege  vorhandenen
Stimmungen,  Triebkräfte  und  Möglichkeiten  Indiens
sowie  die  überzeugung  der  heute  im  Gebiet  der  Mittelmächte
  lebenden  Indier  an  die  Hand  gibt.
Indiensunnatürliche  Entwicklungimletßten
  Jahrhundert.  Wer  in  Indien  gelebt  hat,
konnte  unter  demunmerklichen  Einfluß  britischer  Suggestion
  leicht  dahin  kommen,  die  Herrschaft  Englands
über  Indien  zu  billigen,  ja  in  der  Hauptsache  für
segensreich  und  darum  entwicklungsgeschichtlich  für
notwendig  zu  halten,  und  viele  haben  schon  geglaubt,
einen  lebendigen,  organischen  Zusammenhang,  ein
Verwachsensein  Indiens  mit  seinem  Beschützerwahrzunehmen.
  Es  ist  klar,  daß  solche  Leute  sich  eine
Loslösung  Indiens  von  England  nur  schwer  vorstellen
  können  und  die  Aussichten  Indiens  auf  Befreiung
  pessimistisch  beurteilen.  In  Wahrheit  ist  aber  die
Entwicklung,  die  Indien  unter  britischer  Herrschaft
genommen  hat,  durchaus  keine  natürliche.  Selbst  die
pax  britannica,  der  50jährige,  für  weite  Teile  des
Landes  sogar  100jährige  Friede,  ist  nur  ein  Fortschritt
  auf  dem  toten  Strang,  wie  die  erschreckend  zunehmende
  Verarmung  des  Volkes  und  das  Verhungern
  von  30  Millionen  Menschen  in  50  Jahren  beweisen.
  Die  ganze  gewaltsam  geförderte  Entwicklung
ist  auf  ein  totes  Geleise  geschoben  und  muß  eine  völlig
neue  Michtung  einschlagen,  eine  von  der  Natur  gewiesene,
  bei  der  die  Kräfte  und  der  Geist  Indiens  selbst
das  Bewegende  sind  und  nicht  die  Bereicherung  Englands,
  sondern  die  materielle  und  geistige  Förderung
der  Indier  das  Ziel  bildet.  Bei  dieser  eigentlich  selbstverständlichen
  Auffassung  braucht  man  sich  dann  nur
zu  vergegenwärtigen,  daß  Indien  über  300  Millionen
Menschen  birgt,  um  zu  der  Erkenntnis  zu  gelangen,
daß  die  Loslösung  von  England  mit  innerer  Notwendigkeit
  kommen  muß  und  mit  der  Swadeschi-Bewegung
  auch  bereits  begonnen  hat.  Kleine  Völker
können  möglicherweise  von  einem  großen  Volke  bis
zur  Vernichtung  vergewaltigt  werden.  Daß  aber  300
Millionen  dauernd  geknechtet  und  von  der  selbständigen
  Mitwirkung  an  dem  Organisationsprozeß  der
Menschheit  könnten  ausgeschlossen  werden,  ist  wohl  unmöglich.
  In  diesem  Sinne  bekennen  wir  uns  gern  zu
einer  optimistischen  Betrachtung  der  indischen  Frage.
Indiens  politisches  Erwachen.  Stellen  wir
die  von  der  Zensur  durchgelassenen  Nachrichten,  auch
die  für  England  günstig  lautenden,  zusammen,  so  er-*
  sich  zunächst  das  eine  mit  Sicherheit,  daß  der  Krieg
ie  Bevölkerung  Indiens  als  Ganzes  genommen  nicht
gleichgültig  gelassen,  daß  er  sie  vielmehr  heftig  erregt
hat,  und  zwar  in  einem  Grade,  der  bei  diesem  von
jeher  abgeschlossen  für  sich  lebenden  Volke  ganz  ungewöhnlich
  ist.  Die  indische  Menschheit  hat  sich,  wenn
wir  die  Mohammedaner  und  eine  dünne  Schicht  gebildeter
  Hindu  ausnehmen,  umden  Laufder  Welt  sonst
nicht  gekümmert.  Bis  vor  etwa  zehn  Jahren  waren
ihr  die  politischen  Dinge  selbst  im  eigenen  Lande  gleichgültig.
  Die  Kaste  mit  dem  eifrig  gehüteten  Kreiseihrer
echte  und  Pflichten  nahm  alles  Interesse  hin  und
vefriedigte  den  auch  im  Hindu  lebendigen  Organisationstrieb,
  während  man  den  wirtschaftlichen  Stillstand,
  die  chronische  Verarmung,  als  ein  Fatum  über

I.  Politik  und  Geschichte

sich  ergehen  ließ.  In  diesen  scheinbaren  Todesschlaf,
der  uns  Europäer  verleiten  konnte,  an  der  politischen
Zukunft  Indiens  zu  verzweifeln,  kam  plötzlich  Bewegung
  durch  die  von  Lord  Curzon  geplante,  von
Lord  Minto  durchgeführte.  gegen  die  von  jeher  unbequemen
  bengalischen  Hindu  gerichtete  Teilung  der  Provinz
  Bengalen.  Die  erbilterten  Hindu  antworteten
mit  dem  Boykott  englischer  Waren,  der  unter  dem  Losungswort
  =  Swadeschi-  auch  außerhalb  Bengalens
populär  wurde  und  die  erste  über  ganz  Indien  gehende
politische  Bewegung  darstellt.  Gleichzeitig  weckte  der

lühende,  hochpoctische  Sang  -Bande  Mataramtes

  1894  verstorbenen  Dichters  B.  Tschandra  Tschattopadhyaya
  die  in  jedem  Hindu  schlummernde  Liebe
zu  Indien  und  schuf  für  das  Volksbewußtsein  den
Begriff  Vaterland.  Bald  zeigte  sich,  daß  auch  die  —
durch  die  Teilung  Bengalens  begünstigten  —  Mohammedaner
  an  Patriotismus  nicht  zurückstehen  wollten.
Die  neunhundertjährige  Feindschaft  zwischen  den  beiden
  Gruppen  der  Bevölkerung  nahm  nicht  zu,  wie
man  hätte  erwarten  sollen,  sondern  schlug  in  kurzer
Zeit  in  eine  gemeinsame  antienglische  Stimmung  um.
Als  sechs  Jahre  später  (1911)  die  verhaßte  Maßnabme
aufgehoben  und  Delhi,  die  einstige  Hauptstadt  der
Großmogule,  an  Stelle  Kalkuttas  zum  Sitz  der  Zentralregierung
  erklärt  wurde,  war  die  Annäherung  der
beiden  Gruppen  schon  so  weit  vorgeschritten,  daß  diese
Neuerungen  sie  nicht  mehr  zu  trennen  vermochten,
vielmehr  als  Anzeichen  der  Unsicherheit  und  Schwäche
der  Regierung  angesehen  wurden  und  die  nationale
Strömung  nur  verstärkten.  Die  märchenhafte  Pracht
des  Durbars  (Dezember  1911)  befriedigte  zwar  die
Schaulust  des  Volkes  und  vielleicht  auch  die  Eitelkeit
einzelner  Fürsten,  aber  die  traurige  Gestalt  Georgs  V.,
dem  der  allbeliebte  Gaekwar  von  Baroda,  der  zweite
im  Range  unter  den  Fürsten,  ziemlich  unverhüllt  seine
Geringschätzung  zu  erkennen  gab,  flößte  den  Indiern
weder  Liebe  noch  Achtung  ein.  Dagegen  verstand  es
der  neue  Vizekönig  Lord  Hardinge,  obwohl  er  fast
einem  Attentat  zum  Opfer  gefallen  wäre  (auch  auf
Lord  Minto  war  ein  solches  versucht  worden),  durch
Klugheit  und  ungekünstelte  Leutseligkeit  die  öffentliche
Meinung  bei  einigermaßen  guter  Laune  zu  erhalten
und  den  Ausbruch  der  Krise  hinaus  zuschieben.  Dieser
Mann  ragte  über  den  englischen  Durchschnittscharakter
  weit  hinaus;  hat  er  es  doch  gewagt,  trotz  der
wütenden  Angriffe  der  =  Europäischen  Gesellschaftr  in
Indien  bis  zum  Ablauf  seiner  Regierungszeit  seinen
deutschen  Hofkapellmeister  beizubehalten.

Der  erste  Nationalkongreß  nach  Kriegsausbruch.
  Aber  auch  Lord  Hardinge  vermochte  nicht
zu  verhindern,  daß  bei  Ausbruch  des  Krieges  ganz
Indien  aufhorchte,  die  Hofjfnungen  des  Nationalismus
sich  neu  belebten  und  überall  die  Frage  aufgeworfen
wurde:  Was  bedeutet  der  Krieg  für  Indien?  Auf  dem
Nationalkongreß  in  Madras  (Dezember  1914)  wurde
bei  aller  üblichen  Betonung  der  Loyalität  ganz  offen
und  mit  einer  bis  dahin  unbekannten  Entschiedenheit
eine  stärkere  Heran  ziehung  der  Indier  zur  Gesetzgebung
und  Verwaltung  gefordert.  Diesen  Kongreß  besuchte
übrigens  auch  der  Gouverneur  von  Madras  —  dererste
Fall  einer  amtlichen  Vertretung  der  Regierung  bei  den
seit  drei  Jahrzehnten  alljährlich  tagenden  National.
kongressen!  Im  übrigen  verlief  der  Kongreß  friedlich.

1  Metrisch  Übersezt  von  Helmuth  v.  Glasenapp  im  2  Korrespondenzblatt
  der  Nachrichtenstelle  für  den  Orient«,  III.  Jahrg.
Nr.  8,  S.  354.
        <pb n="55" />
        v.  Staden:  Indien

Das  Verhalten  der  Fürsten.  Auch  die  Fürsten
verhielten  sich  loyal.  Aber  wenn  wirklich  allen  siebenhundert
  Fürsten  »das  Schwert  aus  der  Scheide  geflo-*ßr*
  ist,  so  war  das  nicht  mehr  als  eine  schöne  Geste.

it  England  in  den  Krieg  gezogen  sind  nur  ganz
wenige,  und  auch  diese  sind  inzwischen  längst  heimekehrt.

  Aber  ihre  —  an  Zahl  geringen  —  Truppen

aben  sie  dem  King-Emperor  zur  Verfügung  gestellt,
und  viele  haben  für  den  Krieg  Geld,  einzelne  auch
Maschinengewehre  oder  sonstige  Waffen  gestiftet.  Auch
der  Gaekwar  von  Baroda,  der  bei  Kriegsausbruch  in
London  war,  während  sich  seine  Gemablin  in  Karlsbad
  befand,  hat  eine  namhafte  Summe  zur  Bekämpfung
  der  deutschen  Barbaren  hergegeben,  obgleich  er
genau  weiß,  daß  wir  weniger  Barbaren  sind  als  die

ngländer.  Wie  diese  und  ähnliche  Bekundungen  von
Loyalität  zu  bewerten  sind,  liegt  auf  der  Hand.  Dem
ohnehin  verdächtigen  Fürsten  wäre  es  übel  ergangen,
wenn  er  anders  gehandelt  hätte.  Unklar  und  auffällig
  sind  die  Vorgänge  in  Haiderabad,  dessen  Herrscher,
  der  Nizam,  sonst  traditionell  ein  Freund  Englands
  war.  Der  Nizam  ist  der  erste  der  indischen  Fürsten,
  ist  Mohammedaner,  undauch  in  seiner  Hauptstadt
Haiderabad,  der  viertgrößten  Stadt  Indiens,  herrscht
das  mohammedanische  Element  vor.  Der  noch  sehr
junge  Fürst  mußte  plötzlich  seine  Hauptstadt  verlassen,
angeblich,  weil  die  Bevölkerung  mit  seiner  englandfreundlichen
  Haltung  nicht  einverstanden  war  und  die
Lage  für  ihn  bedrohlich  geworden  wäre.  Aber  daschon
unter  seinem  Vater  die  Beziehungen  zur  britischen  Regierung
  gelockert  waren,  weil  England  die  Verträge
nicht  hielt,  sondern  den  Nizam  finanziell  Üübervorteilte,
so  darf  man  eher  annehmen,  daß  der  junge  Herrscher
mit  seinen  englandfeindlichen  Untertanen  sympathisiert
  hat  und  deshalb  von  den  Engländern  entfernt
worden  ist.  Das  war  1915;  was  seitdem  aus  der
Sache  geworden  ist,  wissen  wir  nicht.

Bekanntlich  standen  die  indischen  Fürsten  vor  dem
Kriege  durchweg  mit  England  auf  gutem  Fuße;  englische
  Erziehung  und  Gewöhnung,  finanzielle  Beteiligung
  an  englischen  Unternehmungen,  Bequemlichkeit
  und  bei  manchen  auch  die  Furcht,  daß  bei  dem
Sturze  der  Oberherrschaft  auch  ihr  eigener  Thron  ins
Wanken  geraten  könne,  waren  die  Ursache.  Ihre
militärische  Ohnmachtließ  den  Gedanken  anoffene  Auflehnung
  vollends  nicht  aufkommen.  Aber  man  würde
irren,  wenn  man  die  Fürsten  für  begeisterte  Anhänger
  Englands  hielte;  wirklich  ergeben  sind  ihm  wohl
nur  ganz  wenige.  Zu  diesen  scheint  der  Maharadschah
von  Bikanir  zu  gehören,  der  deshalb  bei  vielen  seiner
Standesgenossen  offenbar  unbeliebt  ist.  Denn  die
Akten  einer  1916  aufgedeckten  Verschwörung.  in  die
auch  ein  Fürst  verwickelt  war,  haben  ergeben,  daß  man
plante,  alle  Radschputenfürsten  zum  Anschluß  an  die
Verschwörung  zu  bewegen,  den  Fürsten  von  Bikanir
aber  als  unbekehrbaren  Englandfreund  zu  töten.

Die  Stimmung  im  Volke.  Was  das  Volk  betrifft,
  so  ist  die  Haltung  dieser  ungeheuren,  politisch
völlig  unreifen  Masse  um  so  schwerer  zu  kennzeichnen,
als  *  örtlich  sehr  verschieden  war  und  in  der  ersten
Zeit,  durch  die  Regierungspresse  in  Verwirrung  gebracht,
  hier  und  da  auch,  wenigstens  auf  der  Oberfläche,
  gewechselt  zu  haben  scheint.  Wie  überall,  so
hat  England  auch  in  Indien  seine  Kriegserklärung
an  Deutschland  mit  dem  deutschen  Einfall  in  Belgien
  begründet  und  sich  als  den  Schützer  der  schwächeren
  Nationen  aufgespielt.  Da  gleichzeitig  Regierungsvertreter
  und  Presse  wiederholt  ausführten,  daß  für

Der  Krieg  1914/17.  II.

49

Indien  eine  neue  Zeit  angebrochen  sei,  daß  man  die
Bevölkerung  hinfort  nicht  mehr  als  unmündig  betrachten
  dürfe,  daß  sie  vielmehr  durch  ihre  Teilnahme  an
dem  gemeinsamen  Kampfe  gegen  deutsche  Barbarei
ihre  politische  Reife  erweise  und  auf  eine  Stufe  mit
den  übrigen  für  England  und  für  die  Freiheit  kämpfenden
  britischen  Kolonien  trete,  so  dürfen  wir  uns
nicht  wundern,  wenn  das  Volk,  das  Deutschland  nicht
kennt,  durch  solche  Darstellungen  und  Versprechungen
  getäuscht  wurde,  wenn  es  zu  Ergebenheitserklärungen
  und  zu  Kundgebungen  für  den  Krieg  kam  und
indische  Redner  dabei  begeistertee  Reden  für  -das
Reich=  hielten.  Diese  Redner  waren  vorwiegend  Beamte
  —  es  gibt  deren  in  Indien  anderthalb  Millionen
  —,  die  sch  der  Regierung  zu  empfehlen  die  Gelegenheit
  benutzten.  Dau  redet  der  Indier  gern  und
mit  großer  Geläupigkeit  der  Zunge  und  berauscht  sich
an  seiner  Rede  auch  dann,  wenner  durchaus  noch  nicht
entschlossen  ist,  den  Worten  Taten  folgen  zu  lassen.
Taten  werden  in  Indien  in  der  Stille  geboren  und
treten  ans  Licht,  wenn  man  es  am  wenigsten  vermutet.
  Hätte  irgendeine  nennenswerte  Anzahl  von  Indiern
  aus  besser  künstlich  erzeugten  und  vorübergehenden
  Kriegsbegeisterung  die  Konsequenzen  gezogen  und
ein  Freiwilligenkorps  gebildet,  so  würde  die  Welt  das
sicherlich  erfahren  haben.  Ganz  im  Gegenteil  ist  die
Rekrutierung  auch  der  Berufssoldaten  bei  denjenigen
Stämmen,  denen  der  Kriegsdienst  geläufig  ist,  keineswegs
  nach  Wunsch  gegangen,  und  die  Werber  sind
oft  vom  Volke  bedroht  und  verprügelt  worden.

Waffenlosigkeit  und  Wehrlosigkeit  des
Volkes.  Die  Erklärung  des  Vizekönigs,  daß  Indien
den  letzten  Mann  und  die  letzte  Flinte  dem  Dienste
des  Königs  weihen  werde,  ist  also  eine  echt  englische
Lüge.  Außer  den  Berufssoldaten  denkt  kein  Indier
daran,  sein  Leben  für  Englands  König  zu  opfern.
Ad  vocem  Schießgewehr  aber  sei  als  symptomatisches
Kuriosum  erwähnt,  daß  die  Zahl  der  Erlaubnisscheine
für  Gewehre  von  176779  im  Jahre  1914  auf  175890
im  Jahre  1915  zurückgegangen  ist.  Da  in  letzterer
Zahl  aber  23  123  neue  Erlaubnisscheine  enthalten  sind,
die  vermutlich  an  Engländer,  andere  Europäer  und
Eurasier  (die  zu  England  haltenden  Mischlinge)  zur
Verteidigung  bei  einem  etwaigen  Aufstande  ausgegeben
  worden  sind,  so  bleibt,  wenn  man  die  infolge
von  Todesfall  erloschenen  und  die  wenigen  Hundert
den  Deutschen  abgenommenen  Scheine  abzieht,  nur
der  Schluß  übrig,  daß  Tausenden  von  Indiern  die
Erlaubnis,  Hinterlader  zu  führen,  entzogen  worden
ist  —  eine  Aenartige  Illustration  zu  der  Redensart
vom  letzten  Mann  und  letzten  Schießgewehr!  Die  Zunahme
  der  Todesfälle  durch  wilde  Tiere  zeigt  ferner,
daß  die  Engländer  sich  nicht  mehr  so  wie  früher  zur
Jagd  aufs  Land  hinauswagen,  sondern  zum  Schutze
ihrer  Familie  zu  Hause  bleiben.

Politische  Morde,  Plünderungen,  Verschwörungen
  und  örtliche  Aufstände.  Was
sich  seit  Kriegsbeginn  in  Indien  ereignet  hat,  ist  freilich
  auch  dazu  angetan,  die  dort  lebenden  Engländer

u  äußerster  Vosicht  und  Wachsamkeit  zu  mahnen.

ewalttaten  der  verschiedensten  Art,  wie  sie  in  so  erschreckend
  hoher  Zahl  sonst  unerhört  waren,  sind  aus
allen  Teilen  des  Landes  gemeldet  worden.  Bald
waren  espolitische  Morde,  an  englischen  oder  eingeborenen
  Beamten  und  nicht  selten  auf  offener  Straße  verübt,
  bald  räuberische  Üüberfälle  (sogenannte  dacoities)
auf  die  verhaßten  Wucherer,  die  um  so  Uüppiger  gedeihen,
  je  mehr  das  Volk  in  Schulden  gerät,  bald  Em-4
        <pb n="56" />
        50

põrungen  indischer  Truppen,  die  ihre  britischen  Offiiere
  ermordeten  und  dann  über  die  Landhäuser  der
ngländer  herfielen,  bald  weitverzweigte  Verschwörungen,
  an  denen  Indier  aus  den  besten  Kreisen  beteiligt
  waren  und  die  Daende  von  Todesurteilen  zur
Folge  hatten,  bald  Angriffe  auf  eingeborene  Christen,
bald  Plünderungen  und  Mordtaten,  die  von  räuberischen
  Kasten  ausgingen  und  ganze  Landstriche  in
Schrecken  versetzten.  In  einigen  Fauen  sind  sogar
regelrechte  Aufstände  mit  dem  Ziele,  die  britische  Herrschaft
  zu  stürzen,  unternommen  worden,  so  in  Tschota
Nagpur  und  an  der  ritüe  bei  den  mohammedanischen
  Mopla.  Die  Mopla  haben  schon  im  September
1914  und  dann  wieder  im  Frühjahr  1915  einen  Aufstand
  versucht.  Sie  sind  Nachkommen  von  Arabern,
die  um  das  Jahr  1000  zur  See  eingewandert  sind;
ein  Infanterieregiment,  das  aus  dieser  streitbaren
Selte  angeworben  war,  mußte  wegen  dauernder  Unbotmäßigkeit
  1907  wieder  aufgelöst  werden.  Den
Aufstand  in  Tschota  Nagpur  versuchte  man  auf  den
Einfluß  der  Goßnerschen  Mission  zurückzuführen,  und
einer  der  Missionare  war  bereits  der  cellnahme  beschuldigt,
  als  man  zu  seinem  Glück  in  den  Satzungen
der  Aufständischen  die  Bestimmung  fand,  daß  kein
Europäer  an  der  Erhebung  teilnehmen  dürfe.

Ursache  des  Fehlschlagensaller  bisherigen
Empörungen.  Die  Ursache  des  Fehlschlagens  dieser
  Aufstände  und  zugleich  die  Erklärung  dahr,  weshalb
  die  von  vielen  erwartete  allgemeine  Erhebung
ganz  Indiens  bis  jetzt  ausgeblieben  ist,  muß  einzig
und  allein  in  dem  Umstande  gesucht  werden,  daß  die
Bevölkerung  waffenlos  ist.  Die  Bestimmungen  über
die  Einfuhr  moderner  Schießwaffen  waren  vor  15
Jahren  schon  so  scharf,  daß  ein  Deutscher,  der  bei  seiner
  Ankunft  eine  Parabellum  -Pistole  mitbrachte,  alle
Monate  von  einem  englischen  Unteroffizier  kontrolliert
  wurde  und  die  Waffe  vorzuzeigen  hatte.  In  den
letzten  10  Jahren  aber  sind  die  Bestimmungen  immer
  mehr  verschärft  und  immer  strenger  gehandhabt
worden.  Erlaubnisscheine  wurden  nur  an  Engländer
  und  zuverlässige  Europäer  und  Eurasier  ausgegeben,
  an  Indier  fast  nie,  und  wenn  der  Waffenschmuggel
  auch  nicht  ganz  hat  unterbunden  werden
können,  so  hat  er  sich  doch  in  solchen  Grenzen  gehalten,
  daß  die  meisten  Indier  noch  nie  einen  Hinterlader
aus  der  Nähe  gesehen  haben;  die  eingeborenen  Jägerkasten
  aber  bedienen  sich  harmloser  altmodischer  Vorderlader,
  und  diese  Jäger  wohnen  so  verstreut  und
einzeln,  daß  sie  völlig  ungefährlich  sind.  Auch  die  indischen
  Truppen,  die  übrigens  in  den  meisten  Garnisonen
  durch  britische  Truppen  kontrolliert  werden,
sind  im  Grunde  waffenlos;  sie  haben  wohl  Gewehre,
aber  keine  Munition.  Artillerie  aber  und  Maschinengewehre
  sind  ausschließlich  in  den  Händen  der  britischen
  Truppen.  So  begreift  es  sich,  daß  revolutionäre
  Gewalttaten,  so  zahlreich  sie  sind,  doch  immer
nur  vereinzelt  auftreten  und  selten  zu  einer  größeren
Empörung  auflodern.

Ausbreitung  des  Englandhasses  über  ganz
Indien.  Aus  dem  geschilderten  Zustand  zu  schließen,
daß  das  Volk  zu  friedliebend  oder  gar  mit  derbritischen
Herrschaft  einverstanden  sei,  wäre  ein  Irrtum.  Die
Stimmung  ist  vielmehr  durch  das  ganze  Land  so  englandfeindlich,
  daß  der  Zustand  auf  die  Dauer  unerträglich
  werden  muß.  Und  man  vermöchte  nicht  zu  entscheiden,
  ob  Hindu  oder  Mohammedaner  die  gröbere
Feindschaft  gegen  den  Bedrücker  hegen.  Die  Mohammedaner
  haben  den  älteren  politischen  Sinn,  die  grö-I.

  Politik  und  Geschichte

ßere  Angriffslust  und  jetzt  im  Weltkriege  den  Anreiz
durch  die  Ertlärung  des  Dschihad  (vgl.  »Der  heilige
Krieg-,  S.  71  ff.).  Dazu  kommt,  daß  sie  sich  als  Verbündete
  Deutschlands  fühlen  und  auf  die  deutsche
Hilfe  rechnen.  Die  Hindu  hatten  bis  zum  Ausbruch
des  Krieges  wohl  überhaupt  keine  Vorstellung  davon,
durch  welche  Art  von  Wafssengang  die  Befreiung  herbeigeführt
  werden  könne;  sie  speicherten  den  Haß  im
Busen  auf  und  machten  sich  Luft  durch  verwegene
Attentate  und  heimliche  Verschwörungen,  und  wenn
diese  auch  nicht  den  gewünschten  Erfolg  gehabt  haben,
so  ist  der  Haß  nur  um  so  glühender  geworden  und
ergreift  immer  weitere  Kreise  der  früher  politisch  gleichgültigen
  Masse.  Als  1857  der  Sepoy-Aufstand,  der
übrigens  nicht  nur  als  eine  Militärrevolte  zu  bewerten
ist,  sondern  dem  auch  die  allgemeine  Unzufriedenheit
der  Bevölkerung  mit  der  Habgier  und  Willkür  der
Britisch  -Ostindischen  Kompanie  zugrunde  lag,  die
Herrschaft  Englands  in  Frage  stellte,  waren  es  die
kriegerischen  Sikh,  die  aus  alter  Feindschaft  gegen  ihre
früheren  mohammedanischen  Bedrücker  zu  den  Engländern
  hielten  und  ihnen  die  Niederwerfung  des
Aufstandes  ermöglichten.  Heule  sind  die  Sikh  durchaus
  nicht  mehr  englandfreundlich  gesinnt.  Eins  ihrer
Regimenter  hat  gemeinsam  mit  mohammedanischen
Pandschabi  im  Frühjahr  1915  an  dem  Aufstand  von
Singapur  teilgenommen  und  den  dort  gefangen  gehaltenen
  deutschen  Seeleuten  und  Kaufleuten  zur
Flucht  verholfen.  An  einer  Verschwörung,  die  1916
in  Hongkong  aufgedeckt  wurde,  waren  ebenfalls  indische
  Kaufleute,  Soldaten  und  Beamte  aus  den  verschiedensten
  Völkerschaften  und  Kasten  beteiligt.  In
Bombay  und  Madras  scheint  die  Lage  neuerdings
wieder  besonders  gefahrdrohend  zu  sem:  denn  die
Gouverneure  dieser  beiden  großen  Provinzen,  deren
Amtszeit  abgelaufen  war,  sollen  vorläufig  auf  ihrem
Posten  bleiben.  An  dem  Aufstande  von  1857  hatte
der  ganze  Süden  überhaupt  nicht  teilgenommen;
heute  zeigen  Verschwörungen,  Aufstände,  Plünderungen.
  die  aus  Madras,  aus  dem  Süden  des  Tamilenlandes
  und  aus  Travankor  gemeldet  werden,  daß
auch  diese  drawidischen  Lande,  in  denen  verhältnismäßig
  wenig  Mohammedaner  leben,  von  dem  Triebe
zur  Empöruny  durchseucht  sind.  Dabei  ist  Madras
ein  Hauptsitz  der  christlichen  Mission,  die  in  diesem
Bezirk  bei  weitem  die  meisten  Anhänger  zählt,  und
der  Mittelpunkt  aller  englischen  und  indischen  Bildungsbestrebungen
  Südindiens;  Travankor  aber  ist
einer  der  bestgeordneten,  sozial  glücklichsten  Staaten
Indiens  und  hat  neben  Baroda,  Lorschn  und  Maisur
die  beste  Schulbildung!

Der  Einfluß  der  Presse.  Die  Zeiten  sind  andere
  geworden.  1858  gab  es  in  Indien  46  Zeitungen,
heute  gibt  es  etwa  3000  Zeitungen  und  Zeitschriften,
und  jährlich  erscheinen  10000  Bücher  in  indischen
Sprachen!  Kein  Wunder.  wenn  die  Gedanken  sich  rasch
über  das  ganze  Land  verbreiten,  die  politische  Unruhe
unausrottbar  geworden  ist  und  die  Gefängnisse  sich
immer  mehr  füllen,  wie  in  Bengalen,  wo  die  Zahl
der  Gefangenen  von  1914  bis  1915  von  69000  auf
81000  stieg,  oder  im  Pandschab,  wo  die  tägliche
Durchschnittszahl  von  15000  auf  17000  unk  die
Zahl  der  Untersuchungsgefangenen  von  18343  auf
25  530  hinaufging.  Die  Regierung  hatte  die  durch  die
Presse  drohende  Gefahr  zu  spät  erkannt  und  griff  erst
in  den  letzten  zehn  Jahren  zu  immer  schärferen  Maß-1

  Juli  1917.
        <pb n="57" />
        v.  Staden:  Indien

regeln.  Aber  die  Schriftleiter  der  indischen  Zeitungen
nahmen  Gefängnis,  Verbannung  und  Zwangsarbeit
mit  Heldenmut  auf  sich,  immer  neue  Märtyrer  erstanden,
  und  heute  sind  die  Indier  von  der  Wirksamleit
  der  Presse  so  durchdrungen,  daß  der  letzte  Nationalkongreß
  die  völlige  Preßfreiheit  als  eine  seiner  vornehmsten
  Forderungen  aufgestellt  hat.

Wirtschaftliche  und  finanzielle  Nöte  infolge

  des  Krieges.  Die  Unzufriedenheit  mit  der  britischen
  Herrschaft  wird  noch  gesteigert  durch  die  schlimmen
  wirtschaftlichen  Folgen  des  Krieges.  Zwarist  auch
in  Indien  eine  Waffenindustrie  eerblühz  zwar  haben
einzelne  Zweige  der  Volkswirtschaft,  wie  die  Glasindustrie
  und  der  Indigobau,  gewonnen,  sind  zum
Ersatz  der  fehlen  den  deutschen  Waren  neue  Industrien
ins  Leben  gerufen  worden,  und  der  Baumwollenindustrie
  von  Bombay  hat  man  neuerdings  einen  Einfuhrzoll
  bewilligt,  der  den  Manchesterwaren  schweren
Schaden  zufügen  wird.  Aber  die  ganze  Handelsbilanz
ist  höchst  ungünstig,  die  Mehreinfuhr  beständig  gestiegen,
  und  die  Preise  der  täglichen  Verbrauchswaren
haben  eine  Höhe  erreicht,  die  der  arme  Indier  nicht
mehr  erschwingen  kann.  Trotzdem  soll  das  Land  nicht
nur  die  Kosten  der  militärischen  Hilfe  bestreiten,  die
es  England  leistet,  sondern  der  Rat  des  Vizekönigs
bat  Anfang  1917  noch  obendrein  100  Millionen  Pfund
für  England  bewilligt.  Diesem  Rat  gehören  außer
einem  einzigen  Indier  nur  Engländer  an;  dieser  einzige
  Indier  aber,  der  schon  bei  früheren  Gelegenheiten
gezeigt  hat,  daß  er  ein  Nationalindier  ist,  wird  vermutlich
  auch  jetzt  gegen  die  Bewilligung  gestimmt  haben,
und  das  Geschenk  Indiens  an  Engichrd  ist  in  Wahrheit
  ein  britischer  Gewaltakt.  Die  Gewährung  eines
Einfuhrzolles  für  englische  Baumwollwaren  sollte  die
bittere  Pille  versüßen  und  wenigstens  die  einflußreichen
Baumwollindustriellen  von  Bombayversöhnen.  Aber
die  gewiegten  indischen  Kaufleute  wissen  genau,  daß,
wenn  England  den  Krieg  gewinnt,  die  Industriellen
von  Manchester  die  Aufhebung  des  Zolles  fordern  und
auch  durchsetzen  werden.  Indien  trägt  auf  alle  Fälle
den  Schaden.  Es  opfert  für  die  Wohlfahrt  des  Empire
  Menschen  (bis  jetzt  etwa  300  000),  Lebensmittel
(Weizen  und  Reis),  Gelder  und  den  Rest  des  eigenen
Wohlstandes  und  geht,  wenn  England  siegt,  unfehldar
  weiterer,  hoffnungsloser  Verarmung  entgegen.

Indiens  einzige  Rettung.  Aus  dieser  Not
gibt  es  nur  eine  Rettung:  Trennung  Indiens  von
England.  Es  ist  von  höchster  geschichtlicher  Bedeutung,
  daß  der  Nationalkongreß,  also  die  einzige  quasioffizielle
  Vertretung  der  Gesamtheit  des  Volkes  von
Indien,  auf  seiner  letzten  Tagung  in  Lacknau  (Dezember
  1916)  die  Forderungvölliger  Selbstverwaltung
offen  aufgestellt  hat.  über  die  Verhandlungen  dieser
denkwürdigen  31.  Tagung  des  Nationalkongresses
sowie  über  die  9.  Sitzung  der  All  India  Moslem
Leagune,  die  ebenfalls  im  Dezember  1916  in  Lacknau
tagte  und  sich  mit  dem  Nationalkongref  sachlich  einig
erklärte,  berichtet  ausführlich  das  „Korrespondenzblatt
  der  Nachrichtenstelle  für  den  Oriente.  Der  Inhalt
  der  in  Lacknau  erhobenen  Forderungen  wird  hiert
in  folgende  drei  Sätze  zusammengefaßt:

a)  Im  Hinblick  auf  die  Tatsache,  daß  die  großen
Gemeinschaften  Indiens  Erben  alter  Zivilisation  sind
und  auch  während  der  hundert  Jahre  britischer  Herrschaft
  ihre  Befähigung  für  eine  Selbstregierung  gezeigt
  haben,  und  in  Anbetracht  dessen,  daß  das  herr-1

  Sonderbellage  zu  Nr.  11  des  3.  Jahrgangs.

51

schende  Regierungssystem  die  gerechten  Ansprüche  des
Volkes  nicht  befriedigt,  ist  der  Kongreß  der  Ansicht,
daß  die  Zeit  gekommen  ist.  wo  S.  M.  der  Kaiser  und
König  geruhen  sollte,  eine  Proklamation  zu  erlassen,
in  welcher  es  als  ein  Ziel  der  britischen  Politik  ausgesprochen
  wird,  Indien  möglichst  bald  die  Selbstverwaltung
  zu  verleihen.

b)  Der  Kongreß  fordert  die  Regierung  auf,  entscheidende
  Schritte  zur  Einführung  der  Selbstregierung
  zu  unternehmen  durch  Ausführung  der  vom
Kongreß  in  Gemeinschaft  mit  der  Moslem  League  in
einer  Denkschrift  gesorderten  Reformen.

c)  Indien  soll  aus  der  Stellung  eines  abhängigen
Landes  zu  der  eines  vollberechtigten  Gliedes  des  britischen
  Reiches  erhoben  und  den  Dominien  mit  Selbstverwaltung
  gleichgestellt  werden.

Es  leuchtet  ein,  daß  England  auf  diese  Forderungen
  gutwillig  nicht  eingehen  wird.  Denn  Selbstverwaltung
  einer  von  Engländern  bewohnten  Kolonie,
wie  Australien  oder  Kanada,  ist  etwas  ganz  anderes
als  Selbstverwaltung  eines  unterworfenen  Landes
mit  rassefremder  Bevölkerung,  wie  es  Indien  ist.  Hier
würde  der  Selbstverwaltung  die  Forderung  nach  politischer
  Selbständigkeit  auf  dem  Fuße  sfolgen  und  aus
der  Krone  des  britischen  Reiches  der  schönste  Edelstein
  herausgebrochen  werden,  ja  Englands  Stellung
am  Indischen  Ozean  und  in  Asien  überhaupt  würde
mit  dem  Verluste  Indiens  unhaltbar  werden.  Das
weiß  jeder  Engländer,  und  kein  britischer  Staatsmann
würde  eine  Maßnahme  verantworten  wollen,  die  ein
solches,  mit  der  Auflösung  des  britischen  Weltreiches
gleichbedeutendes  Ergebnis  zur  Folge  hätte.  Nur  gezwungengibt
  England  Indien  frei.  Mit  anderen  Worten:
  Indien  kann  nur  dann  frei  werden,  wenn  England
  im  Weltkriege  unterliegt,  wenn  Deutschland  Sie-F
  bleibt.  Nur  ein  siegreiches  und  freies  Deutschland
ann  auch  Indien  zur  Freiheit  verhelfen.

Deutschlands  Anteil  an  Indiens  Be—
freiun  Das  wissen  auch  die  führenden  Kreise  Indiens.
  Schon  lange  vor  Ausbruch  des  Krieges  konnte
man  von  gebildeten  Indiern  hören:  »Our  deliverance
  depends  upon  Germany.:  Würde  Deutschlands
  Selbständigkeit  in  diesem  Kriege  erstickt,  seine
kaum  entfaltete  Macht  in  Ohnmacht  verwandelt  werden,
  dann  wäre  es  mit  der  Hoffnung  auf  eine  Befreiung
  Indiens  voraussichtlich  für  Jahrhunderte
vorbei,  dann  würde  der  englisch-amerikanische  Materialismus
  sowohl  Indien  als  auch  Ostasien  durch
eine  pax  anglosaxonica  so  lange  ausbeuten,  bis  eine
neue  fürchterliche  Völkerdämmerung  kommen  müßte.
Mit  der  Unterdrückung  des  deutschen  Grundsatzes
„  Jedem  das  Seine  durch  den  heuchlerisch  fromm  verkleideten
  angelsächsischen  Materialismus  wäre  dann
aber  auch  die  Entwicklung  der  weißen  Rasse  auf  den
toten  Strang  geraten,  und  an  diese  Möglichkeit  glauben
  wir  nicht.  Denn  die  weiße  Rasse  hat  ihre  auf
die  Organisation  der  Menschheit  gerichtete  Aufgabe
ja  kaum  begonnen,  sie  hat  noch  ein  gewaltiges  Arbeitsfeld
  vor  sich.  Was  England  auf  diesem  Gebiet  geleistet
  hat,  soll  nicht  verkannt  werden,  aber  es  war
doch  wesentlich  formaler  Natur;  insularer  Egoismus,
Denkträgheit  und  Unaufrichtigkeit  haben  die  Engländer
  verhindert,  das  große  Problem  gedanklich  zu
durchdringen  und  bei  der  Wurzel  anzufassen.  Diese
Arbeit  muß  aber  geschehen,  die  ganze  Welt  wartet  darauf.
  Sie  wird  die  welthistorische  Aufgabe  des  deutschen
  Volkes  bilden.  Die  Erwähnung  der  Knechtung
Indiens  durch  England  in  der  deutschen  Note  an  die

47
        <pb n="58" />
        52

Vereinigten  Staaten  vom  31.  Jannar  1917  (s.  S.  168)
scheint  darauf  hinzudeuten,  daß  die  deutsche  Reichsregierung
  schon  zu  Bethmanns  Zeiten  die  Möglichkeit
erwog,  auch  die  Befreiung  Indiens  in  den  Kreis  ihrer
Aufgaben  einzubeziehen.

Es  ist  gut,  den  Blick  von  den  gewaltigen  Ereignissen
  der  Gegenwart  von  Zeit  zu  Zeit  abzuwenden
und  auf  diese  Hersrelttoe  zu  richten.  Denn  sie  zeigt
uns  den  inneren  Zusammenhang  zwischen  dem  Schicksal
  dieses  Landes  und  unserem  eigenen  Schicksal.  Viel
zu  wenig  ist  die  indische  Frage  bei  uns  studiert  worden;
  gedankenlos  haben  wir  die  unerhörte  Knechtung
und  Ausbeutung  einer  Kulturmenschheit  von  300
Millionen  als  unabänderliche  Tatsache  betrachtet.
Die  indische  Frage  wird  in  Zukunft  bei  uns  von
Staatsmännern  und  Presse,  von  Wirtschafts=  und
Kulturpolitikern  eifrig  und  gründlich  verfolgt  werden
müssen.  Nicht  als  ob  wir,  Rlest  für  den  Fall  der  völligen
  Niederringung  Englands,  daran  denken  dürften,
auch  nur  einen  Teil  Indiens  für  uns  zu  erwerben
—  die  „Pachtunge  auch  des  kleinsten  Stützpunktes  auf
indischem  Boden  wäre  der  größte  politische  Mißriff

  —,  sondern  weil  Indien  seine  Wiedergeburt  zu
Hicatticher  Helbständigtelt  von  uns  erhofft,  und  weil
unser  Gewinn  an  weltpolitischem  Ansehen  und  wirtschaftlichen
  Werten  um  so  größer  und  sicherer  sein
wird,  je  entschiedener  wir  uns  auf  Indiens  Seite  Herlen,
  seine  Befreiung  von  der  britischen  Herrschaft  fördern
  und  jede  europäische,  amerikanische  oder  japanische
Besetzung  indischen  Gebietes  verhindern.  Mag  die
innere  Entwicklung  Indiens  nach  dem  Aufhören  der
britischen  Herrschaft  verlaufen,  wie  sie  will,  mögen
Hindu  und  Mohammedaner,  Monarchisten  und  Republikaner
  noch  so  lange  und  beftig  um  die  Vorherrschaft
  ringen  —  wir  können  der  indischen  Menschheit
diese  zu  ihrer  Erziehung  notwendigen  Kämpfe  nicht

I.  Politik  und  Geschichte

ersparen;  wir  dürfen  weder  selbst  eingreifen  noch  dulden,
  daß  andere  Mächte  sich  einmischen.  Was  wir
verlangen  mülssen,  ist,  daß  unser  Handel  überall  da
offene  Türen  finde,  wo  Indien  anderen  Mächten  die
Tür  öffnet,  daß,  solange  Indien  nicht  geeinigt  ist,
keiner  fremden  Macht  von  einem  Teile  des  Landes
irgendwelche  Vorrechte  eingeräumt  werden.  Um  so
eher  wird  die  weltwirtschaftliche  Notwendigkeit  die
Völker  Indiens  zwingen,  sich  zu  einer  staatlichen  Einheit
  zusammenzuschließen,  zu  der  Indien  durch  seine
geographische  Lage  durchaus  geschaffen  ist.  Bis  dahin
  muß  für  den  Organisationsprozeß  des  Landes
unverbrüchlich  der  Grundsatz  gelten,  den  heute  alle
politisch  denkenden  Indier  fordern:  Indien  den  Indiern!
  Wenn  wir  üÜber  die  Durchführung  dieses
Grundsatzes  wachen,  bis  sein  Ziel  erreicht  ist,  dann
haben  wir  als  Organisator  der  Menschheit  unser
Miisterstück  gemacht.

Literatur.  Sten  Konow,  Indien  unter  der  englischen
  Herrschaft  (Tübing.  1915);  H.  v.  Staden,  Indien
im  Weltkriege  ('Der  Deutsche  Kriege,  63.  Heft,  Sinttg.  u.
Berl.  1915);  W.  J.  Bryan,  Die  englische  Herrschaft  in
Indien  (Berl.,  o.  J.;  ursprünglich  veröffentlicht  im  Jahre
1900);  -Indien  unter  der  brinschen  Faust.  Englische  Kolonialwirtschaft
  im  englischen  Urteil«  chrsg.  von  der  Indischen
Nationalpartei,  2.  Aufl.,  Berl.  1916);  Selbstregierung  für
Indien,  gefordert  vom  Indischen  Nationalkongreß  und  der
Al  India  Moslem  Lcague=  (Lacknau,  Dez.  1916,  hrsg.
vom  Europäischen  Zentralkomitee  der  Indischen  Nationalisten,
  Stockholm);  Graf  Erust  zu  Reventlow,  Indien,
seine  Bedeutung  für  Großbritannien,  Deutschland  und  die
Zukunft  der  Welt  (mit  einer  Karte,  Berl.  1917).  —  Val.
auch  „Der  Neue  Orient«,  Halbmonatschrift  für  das  politische,
  wirtschaftliche  und  geistige  Leben  im  gesamten  Osten,
Schriftleltung:  Herbert  Müller  (1.  Band,  Berl.  1917),  und
Geisit  des  Okend.  Zeitschrift  der  Gesellschaft  für  Kunde  des
Ostens.  Mit  Bildern.  Herausgeber:  Hermann  v.  Staden
(2.  Jahrg.,  Münch.  1914/15).

Die  Grundzüge  der  rufsischen  Eroberungspolitik

von  Professor  Dr.  Hans  Uebersberger  in  Wien

Nicht  einmal  ganz  100  Dörfer  nannte  Iwan  Kalita,
  der  Stammvater  des  Moskauer  Zweiges  des
Hauses  Rjurik,  am  Beginne  des  14.  Jahrhunderts
sein  Testament  von  1327)  sein  eigen.  Nicht  mit  dem
chwerte  in  der  Faust,  sondern  durch  Kauf  suchte  er
sein  Herrschaftsgebiet  zu  erweitern.  Seine  Nachfolger
folgten  seinem  Beispeele,  aber  sie  fühlten  manchmal
schon  die  Kraft,  auch  Gewalt  anzuwenden.  Sie  verstanden
  es  dabei  wie  er  trefflich,  sich  in  die  Gunst  des
Gebieters  des  damaligen  Rußlands,  des  jeweiligen
Chans  der  Goldenen  Horde  von  Kiptschak,  einzuschmeicheln.
  Durch  klingenden  Nachdruck  wußten  sie  sich  diese
Gunst  zu  erwerben  und  zu  behaupten.  So  wurde  der
kleine  Moskauer  Teilfürst,  der  nach  den  Gesetzen  der
Senioratserbfolge  im  Hause  Rjurik  auf  der  niedersten
Stufe  stand,  durch  die  Gunst  der  Tataren  zum  Großfürsten
  über  die  anderen  gesetzt.  Der  Moskauer  Großfürst
  erhält  den  Auftrag,  in  den  russischen  Landen  den
Tribut  für  die  Horde  einzusammeln,  eine  Kopfsteuer,
von  der  nur  die  Geistlichkeit  befreit  war.  Diese  wenig
ehrenvolle  Pflicht  wird  in  der  Hand  der  Moskauer
Fürsten  zu  einer  Waffe,  die  politische  Einigung  des  in
röstere,  kleinere  und  kleinste  Fürstentümer  zerrissenen
ußlands  anzubahnen.  Aus  dem  verantwortlichen

Einsammler  der  Kopfsteuer  des  Chans  wurde  der  bevollmächtigte
  Leiter  und  Richter  der  russischen  Fürsten,
sagt  der  rusfiche  Histortter  Kljutschewski.  Iwan  Kalita
hatte  1328  durch  den  Chan  die  großfürstliche  Würde
erlangt,  und  seit  dieser  Zeit  schon  blieb  sie  für  alle  Zukunft
  bei  seinem  Hause.  Das  Moskauer  Großfürstentum
  aber,  das  Iwan  Kalita  am  Beginn  des  14.  Jahrhunderts
  in  einer  Ausdehnung  von  500  Quadratmeilen
  Übernommen  hatte,  war  bis  zur  Mitte  des  15.
Jahrhunderts  bereits  auf  15000  Quadratmeilen  anewachsen.
  Die  günstige  geographische  Lage  im  Wolgakabecken

  hatte  natürlich,  was  den  Bevölkerungszustuß
  und  die  wirtschaftliche  Entwicklung  betraf.  das
hrige  zu  diesem  Wachstum  beigetragen.  Dazu  kam,
daß  der  durch  den  Mongoleneinfall  aus  Kiew  vertriebene
  Metropolit,  das  geistliche  Oberhaupt  der  Russen,
zuerst  durch  Zufall,  dann  mit  Absicht  seinen  Wohnsitz
in  Moskau  ausfschlug,  dadurch  diese  Stadt  zum  geist.
lichen  Zentrum  der  russischen  Lande  machte  und  dem
Moskauer  Großfürsten  in  den  Augen  des  Volkes  cine
besondere  Weihe  gab.  Es  ist  schon  von  berufenster
russischer  Seite  ausgesprochen  worden,  daß  es  grundfalsch
  wäre,  dieses  Emporsteigen  Moskaus  etwa  den
persönlichen  Eigenschaften  seiner  Großfürsten  uzuschreiben.
  Von  auffallender  Mitlelmäßigkceit  gleichen
  sie  alle  wie  ein  Ei  dem  anderen,  weder  Tapferkeit
  noch  andere  moralische  Vorzüge  nannten  sie  ihr
eigen.  Friedlich  gesinnt,  lieben  feH  den  Kampf  nicht,
        <pb n="59" />
        Russische  Staatsmämer  und  Heerführer.

IWan  Longinowitsch  Goremykin.

2

GCrosfürst  Nlkolaus  Nlkolajewitsch.  Paul  v.  Rennenkampl.

Bibliographisches  Institut  in  Lelpzig.
        <pb n="60" />
        Französische  Staatsmänner  und  Heerführer.

Arlstide  Brland.

Joseph  Jacques  Césalre  Joffre.  Théophlle  Delcassé.

Nivelle.
        <pb n="61" />
        [Zu  den  Bllduistafeln.]

Staatsoberhäupter,  Staatsmänner,  Heer-  und  Flottenführer.

(Ausführliche  Schilderungen  bringen  dlie  elnzelnen  Izxikonartikul  des  folgenden  Telles.)

—.

Vierbund.

VII.  Deutsche  Staatsmänner.

Zimmermann,  Artur,  deutscher  Staatsmann,  geb.
8.  Mai  1859  in  Frankenstein,  wurde  nach  längerer
konsularischer  Dienstleistung  in  China  1910  Dirigent
der  politischen  Abtellung  des  Auswärtigen  Amtes,
Unterstaatssekretär  und  war  Nov.  1916  bis
Aug.  1917  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes.

Stein,  Hermann  von,  preuß.  General,  geb.  13.
Sept.  1854  in  Wedderstedt  (Prov.  Sachsen),  1896
Major  im  Großen  Generalstab,  1905  Oberst,  1910  Generalmajor
  u.  Oberquartiermeister,  1913  in  den  erblichen
  Adelstand  erhoben,  wurde  Aug.  1914  Generalduartiermeister.
  Seit  Okt.  1914  Führer  der  6.  Re-"srvenrmee,
  wurde  S.  im  Okt.  1916  Kriegsminister.

Roedera,  Siegfried,  Grafvon,  deutscher  Staatsmann,
  geb.  27.  Juli  1870  in  Marburg,  1903  Hilfsarbeiter
  im  Finanzministerium,  1905  Landrat  des
Kreises  Niederbarnim,  1911  Oberpräsidialrat  in  Potsdam,
  1914  Staatssekretär  von  Elsa-Lothringen,  übernahm
  Juni  1916  die  Leitung  des  Reichsschatzamtes.

Groener,  Wilhelm,  württemb.  General,  geb.  22.
Nov.  1867  in  Ludwigsburg  (Wünt.),  1912  Chef  der
Eisenbahnabteilung  im  Gr.  Generalstab,  1914  Oberst,
nach  Kriegsausbruch  Chef  des  deutschen  Feldeisen--bahnwesens,
  1915  Generalmsjor,  Mai  1916  Vorstandsmitglied
  des  Kriegsernährungsamtes,  leitete  von  November
  1916  bis  August  1917  das  Kricgsamt.

Schlerning,  Otto  von,  Mediziner,  geb.  4.  Ckt.
1853  in  Eberswalde,  1898  Generaloberarzt,  1900  Generslarzt
  und  Abteilungschef  im  Kriegsministerium,
1  Genecralstabsarzt  der  preuß.  Armee,  Chef  des
Sanitätskorps  und  Direktor  der  Kaiser-Wilhelm-Akndemie
  in  Berlin,  erhielt  1915  den  Rang  eines  Generals
  der  Infanterie  und  ist  seit  Kriegsbeginn  Chef  des
Feldsanitätswesens.

Batockf-Friebe  (spr.  Stzki),  Adolf  Tortilowicz
von,  deutscher  Staatsmann,  geb.  31.  Juli  1868  in
Bledau,  Landrat,  1910  Mitglied  des  preuß.  Herrenhauses,
  seit  1914  Oberprisident  der  Provinz  Ostpreulen,
  war  Mai  1916  bis  Aug.  1917  Präüsident  des
Kriegsernährungsamtes.

VIII.  Deutsche  Marine.

Pohl,  Hugo  von,  deutscher  Admiral,  geb.  25.
Aug.  1855  in  Breslau,  1894  Korvettenkapitän  und
Vorsteher  der  Zentralabteilung  des  Reichsmarineamts,
Fregattenkapitän  und  Kommandant  des  Agir“,
später  der  =  Hansaz,  führte  1900  die  deutsche  Abteilung
  gegen  die  Takuforts  (chines.  Bozerunruhen),
war  Kommandant  mehrerer  Linienschiffe,  wurde  1907
Vizeadmiral  und  Inspekteur  der  Marineartillerie,
1913  Admiral  und  Chef  des  Admiralstabes,  1915
Führer  der  deutschen  Hochseestreitkräfte.  P.  starb
am  23.  Febr.  1916.

Cspelle,  Eduard  von,  deutscher  Admiral,  geb.
10.  Okt.  1855  in  Celle,  seit  1891  im  Reichsmarineamt,
  bis  1898  Dezernent  der  militärischen  Abteilung,
wurde  1904  Direktor  des  Verwaltungsdepartements,
1006  Konteradmiral,  1909  Vizeadmiral,  1913  Admiral.
  Seit  1914  Unterstantssekretär,  wurde  C.  Mürz
6  Staatssekretär  des  Reichsmarineamts.

Spee,  Maximilian,  Graf  von,  deutscher  Admi-Der

  Kriec9  7914/17.  II.

ral,  geb.  22.Juni  1861  in  Kopenhagen,  1905  Kapitän
z.  S.,  1908  Chef  des  Stabes  beim  Kommando  der  Nordseestation,
  1910  Konteradmiral,  1913  Vizeadmiral
und  Chef  des  Kreuzergeschwaders,  siegte  1.  Nov.  1914
bei  Coronel  über  die  Engländer  und  fand  8.  Dez.  1914
in  der  Schlacht  bei  den  Falklandinseln  den  Tod.
Hlpper,  Franz  von,  deutscher  Admiral,  geb.
13.  Sept.  1863  in  Weilheim  (Oberbayern),  1907  Kapitän
  z.  S.,  1907—08  Kommandant  der  Panzerkreuzer
„  Friedrich  Karl#  und  „Gneisenauc,  1908  Komm.  der
1.  Torpedodivision,  1912  Konteradmiral,  führte  in  der
Secschlacht  vor  dem  Skagerrak  die  Aufklärungsschifle.
Holtzendorff,  Henning  von,  d’utscher  Admiral,
geb.  9.  Jan.  1853  in  Berlin,  1897  Kapitän  zur  See,
Chef  des  Stabes  der  Ostsecstation,  1901  Oberwerftdirektor
  in  Danzig,  1904  Konteradmiral,  1905
zweiter  Admiral  des  2.  Geschwaders  der  aktiven
Schlachtflotte,  1906  Chef  des  1.  Geschwaders  der
Hochseeflotte,  war  1909—13  Chef  der  Hochseeflotte
und  wurde  März  1915  Chef  des  Admiralstabes.
Scheer,  Reinhold,  deutscher  Admiral,  geb.  30.
Sept.  1863  in  Obernkirchen  (Hessen-Nassau),  1905
Kapitän  zur  See  und  Kommandant  des  Linienschiftes
°  Elsaß#  1909  Konteradmiral  und  Chef  des  Stabes
der  Hochsecflotte,  wurde  1911  Direktor  des  Allgemeinen
  Marinedepartements,  1913  Vizeadmiral  und
1916  Chef  der  Hochseeflotte,  mit  der  er  dio  Schlacht
vor  dem  Skagerrak  (31.  Mai  bis  1.Juni  1916)  gewann.

IX.  Deutsche  Heerführer.

Below,  Otto  von,  preuß.  General,  geb.  18.  Jan.
1857  in  Danzig,  1905  Oberst,  1912  Generalleutnant
und  Kommandeur  der  2.Division,  Aug.  1914  Befehlshaber
  des  1.  Reservekorps,  das  er  gegen  die  russische
Wilna-  und  Narew-Armee  führte,  verteidigte  seit  Nov.
1914  mit  der  S.  Armee  die  Angernpp-Linie  und  leitete
Mal  1915  den  Vorstoß  nach  Kurland.  1916/17  kümpfte
B.  an  der  Somme  und  in  Mazedonien.

Leopold,  Maximilian  Josceph  Maria  Arnulf,
Prinz  von  Bayern,  geb.  9.  Febr.  1846  in  München,
  1873  Oberst,  1881—87  Führer  der  1.  Division,
1887  -92  des  1.  bayr.  Armeekorps,  1892  Generalin--spekteur
  der  4.  Armeeinspektion,  1896  Generaloberst,
1905  Generalfeldmarschall,  Juli  1915  Befehlshaber
der  gegen  Polen  operierenden  Heeresgruppe,  eroberte
5.  Aug.  Warschau,  wurde  Aug.  1916  Oberbefeblshaber
der  nördlichen  Heeresgruppen  im  Osten  und  befreite
Galizien  Juli-August  1917  von  den  Russen.

"  François  (spr.  frangsüc),  Hermann  von,  preub.
General,  geb.  31.  Jan.  1856  in  Luxemburg,  1903
Oberst,  1911  Generalleutnant  und  Kommandeur  der
13.  Division,  1913  Führer  des  1.  Armeekorps,  Aug.
Kommandeur  der  Grenzschutztruppen  im  Osten,
nahm  an  der  Schlacht  bei  Tannenberg  teil,  wurde
Okt.  1914  Oberbefehlsbaber  der  S.  Armee,  verteidigte
später  die  deutsche  Front  bei  St.-Quentin  und  bezwang
  3.  Juni  1915  die  Festung  Przemysl.

Eichhorn,  Hermann  von,  preuß.  General,  geb.
13.  Febr.  1848  in  Breslau,  1894  Oberst,  1901  Generalleutnant
  und  Kommandeur  der  9.  Division,  1904
kommandierender  General  des  18.  Armeekorps,  1905
Gen.  d.  Inf.,  1913  Generaloberst  und  Generalinspekteur
  der  7.  Armeeinspektion,  nahm  an  der  Winterschlucht
  in  Masuren  teil  und  führte  Juli  1915  den
Vorstoß  gegen  die  Narewfront,  Wilna,  Molodetschno.
        <pb n="62" />
        II

Staatsoberhäupter,  Staatsmänner,  Heer-  und  Flottenführer.

Linsingen,  Alexunder  von,  preuß.  Generul,  geb.
10.  Febr.  1850  in  Hildesheim,  1897  Oberst,  1905
Generallcutnant  und  Kommandeur  der  27.  Division,
1909  Gen.  d.  Inf.  und  Führer  des  2.  Armcekorps,
ging  Jan.  1915  mit  der  deutschen  Südarmee  zur  Unterstützung
  der  ÖOsterreicher  in  die  Karpathen,  eroberte
  Brest  Litowsk  (26.  Aug.  1915)  und  befehligte
dann  die  Heeresgruppe  im  Abschnitt  Pinsk-  Tarnopol.

Woyrsch,  Remus  von,  preuß.  General,  geb.
4.  Febr.  1847  in  Pilsnitz,  189  4  Oberst,  1901  Generalleutnant
  und  Kommandeur  der  12.  Division,  1904
kommandierender  General  des  6.  Armeekorps,  1906
Gen.  d.  Inf.,  1911  zur  Disposition  gestellt,  wurde  1914
Generaloberst,  1915  Führer  einer  Armeegruppe  und
croberte  Radom  und  Iwangorod  (Juli-August  1915).

Bothmer,  Felix,  Graf  von,  bayer.  General,  geb.
10.  Dez.  1852  in  München,  1900  Oberst,  1905  Generalleutnant
  und  Kommandeur  der  2.  bayer.  Division,
  1910  Gen.  d.  Inf.,  hatte  hervorragenden  Anteil
an  der  Zurückeroberung  Galiziens,  verteidigte  seit
Juli  1915  die  Front  in  Ostgalizien  zwischen  Tarnopol
und  Dnjestr  und  führte  Juli-August  1917  den  Vorstoß
  über  die  russische  Grenze  aus.

Einem,  Karl  von,  gen.  von  Rothmaler,  preub.
General,  geb.  1.  Jan.  1853  inHerzberg  (Harz),  1895
bis  1898  Chef  des  Stabes  des  7.  Armeekorps,  1900  Genernlmajor
  und  Direktor  des  Allgem.  Kriegsdepartements,
  1903—09  preuß.  Kriegsminister,  wurde  1907
Gen.  d.  Kav.,  1909  Führer  des  7.  Armeekorps,  mit
dem  er  an  dem  Vormarsch  durch  Belgien  teilnahm,  und
verteidigt  seit  Sept.  1914  als  Oberbefehlshaber  der
3.  Armee  den  Champagne-Abschnitt.

Lochow,  Ewaldvon,  preuß.  General,  geb.  1.  April
1855  in  Petkus,  1902  Oberst,  1906  Direktor  des  Armee-Verwaltungsdepartements,
  1909  Generalleutnunt
und  Kommandeur  der  2.  Garde-Infanteriedivision,
1912  kommandierender  General  des  3.  Armeekorps,
1913  Gen.  d.  Inf.,  siegte  Jan.  1915  in  der  Schlacht
bei  Soissons  über  die  Franzosen.

Scholtz,  Friedrich  von,  preuß.  General,  geb.  24.

Mürz  1851  in  Flensburg,  1898  Abteilungschef  im
Großen  Generalstab,  1901  Oberst,  1906  Oberquartiermeister,
  1908  Generulleutnant  und  Kommandeur  der
21.  Division,  1912  Gen.  d.  Art.  und  kommandiereuder
Gencral  des  20.Armeekorps,  nahm  an  den  Schlachten
in  Ostpreußen  (Aug.-Sept.  1914)  teil  und  eroberte
1915  Grodno,  Ostrolenkua  und  Lomsha.
Elsa,  Karl  Ludwig  d’,  sächs.  General,  geb.
1.  Sept.  1849  in  Dresden,  Abteilungschef  im  Kriegsministerium,
  1902  diensttuender  General  à  la  suite
des  Königs,  wurdo  1904  Generalleutnant  und  Kommandeur
  der  24.  Division,  1908  Gen.  d.  Inf.  und  1910
kommundieronder  General  des  12.  Armeckorps.  E.,
scit  1916  Generaloberst,  führte  bis  Jan.  1917  eine
Armeeabteilung  im  Westen.

Gallwitz,  Max  von,  preuß.  General,  geb.  2.  Mui
1852  in  Breslau,  1899  Oberst,  1901  Generalmasjor,
Dircktor  des  Armecverwaltungsdepartements,
Generalleutnant,  1911  Gen.  d.  Art.  u.  Inspeckteur
der  Feldurtillerie,  wurde  nach  Kriegsausbruch  Führer
der  rechten  Flügelarmee  in  Ostpreußen,  bezwang  Juli
1915  die  Narewfestungen  Rozan  und  Pultusk  und
nahm  un  Verband  der  Ieeresgruppe  Mackensen  am
zweiten  serbischen  Feldzug  teil.

X.  Deutsche  Helden.
Litzmann,  Karl,  preuß.  General,  geb.  22.  Jan.
1850  in  Neu-Globsow,  1899  Landwehrinspektcur,
Generalleutnant,  1902.—05  Dircktor  der  Kriegsakademie

  zu  Berlin,  1914  Führer  der  3.  Gardedivision
  (Durchbruch  bei  Brzeziny  23./24.  Nov.  1914),
eroberte  18.  Aug.  1915  Kowno.

Emmich,  Otto  von,  preuß.  General,  geb.  4.  Aug.
1848  zu  Minden  i.  W.,  1901  Generalmajor,  1905
Generalleutnant  und  Kommandeur  der  10.  Division,
kommandierender  General  des  10.  Armeekorps,
eroberte  7.  Aug.  1914  Lüttich,  die  erste  feindliche
Festung,  verteidigte  den  Abschnitt  um  Reims  und
nahm  an  dem  Durchbruch  bei  Gorlice  (2.  Mai  1915)
teil.  E.  starb  22.  Dex.  1915  in  Hannover.

Meyer-Wualdeck,  Alfred,  deutscher  Seemann,
geb.  27.  Nov.  1864  in  St.  Petersburg,  1899  Erster
Offizier  auf  dem  Kreuzer  „  Geierc,  1903  Korvettenkapitän,
  190  5  Erster  Admiralstabsoffizier  beim  1.  Geschwader,
  1907  Fregattenkapitän,  1909  Kapitän  zur
Sce,  wurde  Aug.  1911  Gouverneur  von  Kiautschou,
das  er  1914  gegen  die  Japaner  verteidigte.  M.  fiel
Nov.  1914  in  japanische  Gefungenschaft.

Weddigen,  Otto,  deutscher  Seemann,  geb.  15.
Sept.  1882  in  Herford  (Westf.),  seit  1901  in  der
Marine,  1912  Kapitünleutuant,  versenkte  mit  »U  9.
am  22.  Sept.  1914  die  englischen  Panzerkreuzer  .  Hogue«,
  Cressye,  „Abonkire,  später  zahlreiche  Handelsdampfer
  mit  =  U  294,  anf  dem  er  Ende  März  1915
in  der  Irischen  See  den  Tod  fand.

Immelmanas,  Mux,  süchs.  Fliegeroffizier,  geb.  21.
Sept.  1890  in  Dresden,  seit  1911  im  Heer,  besuchte
1911—12  die  Kriegsschule  zu  Anklam,  studierte  bis
1914  Maschinenbau,  ging  April  1915  ins  Feld,  wurde
1916  Oberleutnant  und  schoß  Aug.  1915  bis  Juni
16:  18  Flugzeuge  ab.  I.  starb  18.  Juni  1916,  vom
Gegner  unbesiegt,  im  Luftkampf  an  der  Westfront.

Müller,  Karl  von,  deutscher  Marineofflzier,  geb.
16.  Juni  1873  zu  Blankenburg  a.  H.,  1908  Korvettenkapitän,
  1914  Fregattenkapitän,  befehligte  seit
1913  den  Kleinen  Kreuzer  „  Emden  und  geriet  nach
bedeutender  Schädigung  des  feindlichen  Handels  im
Indischen  Ozenn  bei  Untergung  der  Emden.  9.  Norv.
1914  in  australisch-englische  Gefungenschaft.

XI.  österreichisch-ungar.  Heerführer.

Arz  von  Straußbenburg,  Artur,  österr.-  ungar.
General,  geb.  1857  in  Hermannstadt,  1902  Oberst,
1906  -08  im  Kriegsministerium,  1912  Feldmarschallleutnant,
  1913  Sektionschef  im  Kriegsministerium,
wurde  Okt.  1914  Führer  des  6.  Armeekorps,  1915
Gen.  d.  Inf.,  nahm  an  der  Mai-Oflensive  1915  und
der  Eroberung  von  Brest  Litowsk  teil  und  wurde  1917
Generaloberst  und  Generalstabschef  der  Armee.

Kövefs  von  Kövelsháäza,  Hermann,  österr.-ungar.
General,  geb.  30.April  1854  in  Temesvér,  1896  Oberst,
1902  Generalmnjor,  1907  Feldmarschallentnant  und
Kommandeur  der  8.  Infantcrietruppendivision,  1911
Gen.  d.  Inf.  und  komm.  General  des  12.  Armeckorps,
1916  Generaloberst,  1917  Generalfeldmarschall,  eroberte
  5.  Aug.  1915  Iwangorod,  befebligte  den  westlichen
  Flügel  der  Heeresgruppe  Mackensen  in  Serbien,
tspäter  die  Angrifflsgruppe  gegen  Montenegro  u.  verteidigte
  die  siebenbürgische  Ostfront  gegen  die  Ruminen.

Böhm-Ermolli,  Eduardvon,  österr.-ungar.  Heerführer,
  geb.  21.  Febr.  1856  in  Ancona,  1897  Oberst,
Generalmajor,  1907  Feldmarschallentnant  und
Kommandeur  der  12.  Infanterietruppendivision,  1911
komm.  Generaldes  1.  Armeekorps,  1916  Genernloberst,
übernahm  Aug.  1914  die  Führung  der  2.  Armee,  eroberte
  22.  Juni  1915  Lemberg  zurück,  nahm  8.  Sept.
1915  Dubno  und  leitete  hierauf  die  Kämpfe  in  Nordostgalizien.
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        Staatsoberhäupter,  Staatsmänner,  Heer-  und  Flottenführer.

III

—.

Boroevié  von  Bojua,  Svetozar,  österr.-  ungar.
Generaloberst,  geb.  13.  Dez.  1856  zu  Umetic,  1897
Oberst,  1904  Generalmnjor,  1908  Feldwarschalleutnant,
  1913  Gen.  d.  Inf.  und  Führer  des  6.  Armeekorps,
Sept.  1914  Befehlshaber  der  3.  Armee,  entsetzte  die
Festung  Przemysl  (10.  Okt.  1914),  verteidigte  bis  Mai
5  die  westlichen  Karpathenpfsse  und  späüter  die
österr.-ungarische  Isonzofront  gegen  die  Italiener.

Pflanzer-Baltin,  Karl,  Freiherr  von,  österr.-ungar.
  Heerführer,  geb.  1.  Juni  1855  in  Pécs  (Fünfkirchen),
  1897  Generalstabschef  des  11.  Armeekorps,
1907  Feldmarschalleutnant,  1911  Gencralinspekteur
der  Korps-Offiziersschulen,  Aug.  1914  Gen.  d.  Kav.,
verteidigte  die  Bukowina  gegen  die  Russen.  P.  trat
1916  in  den  Ruhestand.

Puhallo  von  Brlog,  Paul,  österr.-ungar.  General,
geb.  26.  Febr.  1856  in  Brlog,  1905  Generalmajor,
1  Feldmarschalleutnant  und  Kommandeur  der
46.  Infanterictruppendivision,  1913  komm.  General
des  5.  Armeekorps,  1915  Führer  der  3.  Armee,  drang
gegen  Wolhynien  vor  und  eroberte  Luzk.

XII.  Türkische  Staatsmänner  und  Heerführer.


Enver  Pascha,  türk.  General  und  Staatsmann,  geb.
1872  in  Konstantinopcl,  schloß  sich  1908  der  revolutionären
  Bewegung  an,  wurde  1909  türk.  Militärattaché
in  Berlin,  leitete  1911  den  Volkskrieg  in  Tripolis
gegen  die  Italiener,  war  im  1.  Balkankrieg  Generalstabschef
  des  10.  Armeekorps  und  eroberte  1913
Adrianopel.  Seit  1914  Kriegsminister,  wurde  E.  Ckt.
1914  Vizegeneralissimus  des  Heeres  und  der  Flotte.

Said  Halim  Pascha,  Prin  z,  türk.  Staatsmann,  ein
Vetter  des  Khediven  von  Agypten,  geb.  1859  in  Kairo,
bildete  nach  der  Ermordung  des  Großwesirs  Machmud
Schefket  Juni  1913  ein  jungtürkisches  Kabinett,  förderte
  die  deutsch-türkischen  Beziehungen  und  setzte
sich  für  den  Anschluß  der  Türkei  an  die  Zentral--mächte
  im  Kriege  ein.  S.  trat  Februar  1917  zurück.

Liman  von  Sanders,  Otto,  preuß.  General,  geb.
18.  Febr.  1855  in  Stolp  (Pomm.),  1904  Oberst,  1911
Generallcutnant  und  Komm.  der  22.  Division,  1913
Leiter  einer  Reformmission  im  türk.  Heere,  dann
Kommandeur  des  1.  türk.  Armeckorps,  1914  preub.
Gen.  d.  Kav.,  wurde  Nov.  1914  Führer  der  Kaukasus-Armeoc
  und  verteidigte  seit  März  1915  die  Dardanellen.

Dschemal  Pascha,  Achmed,  türk.  Staatsmann
und  Heerführer,  geb.  1873  in  Konstantinopel,  1913
Minister  der  öffentlichen  Arbeiten,  bald  darauf  der
Marine,  leitete  als  Oberbefehlshaber  der  4.  türkischen
Armee,  die  von  Damaskus  nach  dem  Sueskanal  vorging,
  die  Kämpfe  auf  der  Sinaihalbinsel.  D.  ist  seit
auch  Statthalter  von  Srien.

Talaat  Pascha,  Mehmed,  türk.  Stantsmann  und
hervorragender  Führer  der  jungtürkischen  Bewegung,
geb.  Aug.  1874  in  Adrianopel,  1908  Vizeprisident
des  Parlaments,  führte  eine  moderno  Verwaltung  ein.
1909  —  11  und  seit  1913  Minister  des  Innern,  wurde
7.  Febr.  1917  Grohwesir.

Goltz,  Colmar,  Freih.  von  der,  preuß.  General,
geb.  12.  Aug.  1843  in  Bielkenfeld,  1878—  83  im
Generalstab,  dann  Leiter  des  türk.  Militärbildungswesens,
  1896  Generalleutnant,  1898  Generalinspek--teur
  des  Ingenicur-  und  Pionierkorps  und  der  Festungen,
  1900  Gen.  d.  Inf.,  1902  Komm..des  1.  Armeckorps,
1908  Generaloberst,  führto  1009—10  die  türk.  Heeresrelorm
  durch.  Seit  1911  Generalfeldmarschall,  wurde

G.  Aug.  1914  Generalgouverneur  von  Belgien,  April
1915  Führer  der  1.  fürkischen  Armee  in  Mesopotamien,
  in  deren  Hauptquartier  er  19.  April  1916  starb.

XIII.  Bulgarische  Staatsmänner  und
Heerführer.

Schekoff,  Nikolaus,  bulgar.  Gencral,  geb.  25.Dez.
1864,  Leiter  der  Offiziersschule  in  Sofia,  im  1.  Balkankrieg
  Generalstabschef  der  2.  Armee,  später  Divisionskommandeur,
  wurde  Aug.  1915  Kriegsminister,
Okt.  1915  Oberbefehlshaber  der  bulgar.  Feldarmee.

Radoslawoff,  Wassil,  bulgar.  Staatsmann,  geb.  in
Lowatsch,  1884—86  Justizminister,  dann  Minister--präsident,
  wurde  nach  dem  Sturz  Stambuloffs  1894
Justizminister,  war  1899—1900  Minister  des  Innern
und  wurde  1913  Ministerprisident.

Bojadschijeff,  bulgar.  General,  im  Balkankrieg
Kommandeur  der  4.  Division,  1913  Kriegsminister,
1914  Armeeinspekteur  in  Rustschuk,  eroberte  1915  als
Führer  der  1.  Armee  den  nordöstlichen  Teil  Serbiens.

Schostoff,  Konstantin,  bulgar.  General,  war  nach
seiner  Ausbildung  im  Wiener  Generalstab  tätig,  dann
Militärattaché  in  Wien  und  Paris,  wurde  1912  Generalstabschef
  der  3.  Armee,  1913  Brigadekommandeur,
1915  Führer  der  7.  Division  und  1916  Chel  des  bulgarischen
  Generalstabes.  S.  starb  1.  Sept.  1916.

Neidenoff,  Kalin,  bulgar.  General,  geb.  25.  Aug.
1863  in  Schiroka-  Laka,  1895  Chef  des  Arsenals  in
Sofia,  1906  Oberst,  war  im  Balkankrieg  stellvertretender
  Chef  der  Artillerie  beim  Hauptquartier,  wurde
Inspektor  der  Artillerie,  1917  Generalleutnant
und  ist  seit  1915  Kriegsminister.

Todoroff,  bulgar.  General,  geb.  1858,  führte  im
1.  Bulkankrieg  die  7.  Division,  wurde  1913  Generalinspektor,
  kämpfte  1915  als  Führer  der  2.  bulgarischen
  Armee  gegen  die  Sarrail-Armee  und  besetzte  den
Nordostzipfel  Griechenlands  mit  Kawalla.

Entente.
XIV.  Die  Staatsoberhäupter.

Poincaré  (spr.  pälngkars),  Raymond,  Prisident
der  franz.  Republik,  geb.  20.  Aug.  1860  in  Bar-le-Duc
  (Lothr.),  Advokat,  1887  Deputierter,  1894—95
Unterrichtsminister,  1903  Senator,  1906  Finanzminister,
  wurde  1912  für  die  Periode  1913—  20  zum
Prüsidenten  gewählt.

Georg  V.,  Friedrich,  König  von  Grobbritannien
  und  Irland,  2.  Sohn  König  Eduards  VII.,
aus  dem  Hause  Koburg,  geb.  3.  Juni  1865  in  Marlborough-House,
  wurde  1892  infolge  des  Todes  seines
Bruders  Albert  Viktor  Thronerbe,  1901  Prinz  von
Wales,  6.  Mai  1910  König  und  liel  sich  12.  Dez.
1911  in  Delbi  zum  Kaiser  von  Indien  krönen.  G.  ist
seit  6.  Juli  1893  mit  Prinzessin  Viktoria  Mary  von
Teck  vermählt;  Thronfolger  ist  Eduard,  Prinz  von
Wales  (geb.  23.  Juni  1894).  August  1917  nahm  er
für  seine  Familie  den  Namen  Windsor  an.

Viktor  Emannel  III.,  König  von  ltalien,  geb.
11.  Mai  1869  in  Neanpel,  einziger  Sohn  König  Humberts,
  bestieg  29.  Juli  1900  den  Thron.  Aus  seiner
Ehe  mit  Prinzessin  Helene  von  Montenegro  stammen
zwei  Töchter  und  Kronprinz  Humbert  (geb.  15.  Nov.
1904).  Am  25.  Mai  1915  übernahm  V.  den  Oberbefehl
  über  Heer  und  Flotte  und  übergab  die  Regentschaft
  seinem  Oheim  Herzog  Thomas  von  Genua.
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        IV

Staatsoberhäupter,  Staatsmäönner,  Heer-  und  Flottenführer.

Nikolaus  II,  Alexandrowitsch,  Zar  von
Rußland,  geb.  18.  Mai  1868  in  Petersburg,  Altester
Sohn  Alexanders  III.,  übernahm  1.  Nov.  1894  die
Regierung,  schloß  ein  Bündnis  mit  Frankreich  und
veranlaßte  1898  die  Haager  Friedenskonferenz.  Am
12.  März  1917  verfügte  die  revolutionäre  Regierung
seine  Entthronung  und  setzte  ihn  nach  seiner  Abdankung
  (15.  März)  gefangen.

XV.  Englische  Staatsmänner,  Heerführer
und  Admirale.

Asqufth  (epr.  Iskwisnpg,  Herbert  Heunry,  engl.
Staatsmann,  geb.  12.  Sept.  1852  in  Morley,  Rechtsanwalt,
  1892—95  Minister  des  Innern,  1905  Schatzkanzler,
  1908  Premierminister,  1914  Kriegsminister,
war  Mai  1915  bis  Dez.  1916  Ministerprläident.

Grey  (pr.  gre),  Lord  Edward,  engl.  Staatsmann,
geb.  25.  April  1862  in  Oxford,  1892—95  Unterstaatsskretär
  des  Auswärtigen,  war  1905—16  Minister  des
Auswürtigen.  G.  setzte  die  deutschfeindliche  Politik
Eduards  VII.  fort.

French  (spr.  frontsch,  Sir  John  Pinkstone
Denton,  Visconntof  Tpern,  engl.  General,  geb.
28.  Sept.  1852  in  Ripple  Vale  (Kent),  1891  Oberst,
18  Generalmasjor,  1902  kommandierender  General
des  1.  Armeekorps,  1907  Generalinspekteur  der  britischen
  Armee,  war  bis  Dezember  1915  Oberbefehlshaber
  der  englischen  Truppen  in  Frankreich.

Kitchener  (epr.  kittsch-),  Horatio  Herbert,  Visconnt
  of  Khartum,  engl.  General,  geb.  24.  Juni
1850  in  Leicestershire,  1892  Oberbefehlshaber  der
ägyptischen  Truppen,  1899  Generalgouverneur  des
Sudans,  1902—05  kommandierender  General  in  Indien,
  1909  Feldmarschall,  übernahm  bei  Ausbruch  des
Krieges,  seit  Aug.  1914  Kriegsminister,  die  Rekrutierung
  des  britischen  Heeres.  K.  starb  5.  Juni  1916
infolge  Schiffsunfalls  bei  den  Orkney-Inseln.

Beatty  (sepr.  bitl),  David,  engl.  Seemann,  geb.
1871,  1900  Kapitän  zur  See,  1910  Konteradmiral,
1912  Kommandeur  des  1.  Kreuzergeschwaders,  unternahm
  Aug.  1914  den  ersten  Vorstoch  gegen  die  Deutsche
  Bucht,  führte  in  der  Schlacht  vor  dem  Skagerrak
die  Aufklärungsschiffe  und  wurde  Nov.  1916  Oberbefehlshaber
  der  englischen  Schlachtflotte.

Jellicoe  (spr.  deehellikS),  Sir  John  Rushworth,
brit.  Admiral,  geb.  5.  Dex.  1859,  1900  Befehlshaber
der  engl.  Flotte  in  China,  1905  Leiter  der  Marineartillerie,
  1907  Konteradmiral,  1910  Kommandeur
der  atlantischen  Flotte,  1912  zweiter  Seelord  der  Admiralität,
  wurde  Anug.  1914  Oberbefehlshaber  der
engl.  Seestreitkräfte,  1915  Admiral,  führte  in  der
Schlacht  vor  dem  Skagerrak  die  engl.  Hauptkrüfte
und  wurde  Nov.  1916  erster  Seelord  der  Admiralität.

XVI.  Russische  Staatsmänner  und  Heerführer.


Ssasonow,  Sergei  Dimitrijewitsch,  russ.  Staatsmann,
  geb.  29.  Juli  1860,  1906  Ministerresident  am
Vatikan,  1909  erster  Gehilfe  des  Ministers  Iswolskij,
1910—16  Minister  des  Außern,  vertrat  eine  deutsch--keindliche,
  panslawistische  Politik.

Ssuchomlinow,  Wladimir  Alexandrowitsch,
russ.  Staatsmann,  geb.  1848,  1899  Generalstabschef
des  Militärbezirks  Kiew,  später  Generalgouverneur
von  Kiew,  1909  Kriegsminister,  Hauptorganisator
des  russischen  Heeres,  wurde  Juni  1915  abgesetzt.

Goremykin,  Iwan  Longinowitsch,  russ.  Staats.
mann,  geb.  1840,  1891  Adjunkt  des  Justizministers,
8  Minister  des  Innern,  wurde  1899  abgesetz,  1906
Ministerpräsident,  betätigte  sich  dann  im  Reichsrat,
wurde  1914  zum  zweitenmal  Ministerpräsident  und
trat  1916  rurück.

Lwolskij,  Alczander  Petrowitsch  von,  geb.
18.  Marz  1856  in  Moskau,  1894  Ministerresident  am
Vatikan,  1897  Gesandter  in  München,  1903  in  Ko-Ppenhagen,
  1906  Minister  des  Auswiärtigen,  schloß  mit
China,  Japan  und  England  Verträge  und  trieb,  seit
Botschafter  in  Paris,  gegen  Dentschland  und  besonders
  gegen  OÖsterreich-Ungarn  gerichtete  Politik.

Nikolaus  Nikolsjewitsch,  Großfürst  von  Rubland,
  geb.  18.  Nov.  1856,  1890  Kommandeur  der
2.  Garde-Kavalleriedivision,  1895  Generalinspekteur
der  Kavallerie,  1905  Oberkommandierender  des  Petersburger
  Militärbezirks,  wurde  Aug.  1914  Ober.
befehlshaber  der  genmten  russischen  Streitkräffe,
Sept.  1915  Virekönig  des  Kaukasus  und  Armeeführer
gegen  die  Türkei.

Rennenkampf,  Paul  von,  russ.  General,  geb.  17.
April  1854,  1895  Oberst,  nahm  als  Gen.  d.  Kav.  am
p#ss.apan.  Krieg  teil,  wurde  komm.  General  des
3.  Armeekorps,  1913  Oberbefehlshaber  des  Wilnser
Militärbezirks  und  unternahm  als  Führer  der  Wilns-Armee
  Aug.  1914  den  Vorstoß  gegen  Königsberg.
Nach  der  Niederlage  an  den  Masurischen  Seen  abgesetzt,
  wurde  R.  1915  Gouverneur  von  Petersburg.

XVII.  Französische  Staatsmänner  und
Heerführer.

Viviani,  René,  franzbsischer  80  zialistischer  Staatsmann,
  geb.  1863  in  Sidi  bel  Abbes  (Algerien),  1906—
1910  Arbeitsminister,  Juni  1914  Ministerprädsident
und  Minister  des  Auswärtigen,  trat  nach  dem  Zusammenbruch
  der  franz.  Herbstoflensive  Okt.  1915  zurück.

Briand  (spr.  briäng),  Aristide,  franz.  Staatsmann,
geb.  28.  Mürz  1862  in  Nantes,  Advokat,  1905  Kultusminister,
  1908  daneben  Justizminister,  führte  die
Trennung  von  Staat  und  Kirche  durch.  1909—11
Ministerpräsident,  1912  Justizminister,  übernahm  B.
als  Nachfolger  Vivianis  Okt.  1915  wiederum  die  Leitung
des  Ministeriums,  die  er  bis  März  1917  innehatte.

Joffre  (spr.  seboff),  Joseph  Jacques  Césaire,
franz.  General,  geb.  4.  Jan.  1852  in  Rivesaltes,  1902
Brigadegeneral,  1905  Divisionskommandeur,  1908
Kommandeur  des  2.  Armeekorps,  1911  Chef  des  franz.
Generalstabes,  war  Dez.  1914  bis  Dez.  1916  Oberbefehlshaber
  der  französischen  Streitkräfte.

Delcassé,  Thé0phile,  franz.  Staatsmann,  geb.
1.  März  1852  in  Paris,  1894  Kolonialminister,  1898
bis  1905  Minister  des  AuBern,  1911  Marineminister,
franz.  Botschafter  in  Petersburg,  war  Aug.  1914
bis  Okt.  1915  Minister  des  Außern.

Foch  (epr.  fock),  franz.  General,  geb.  1851  in  Metz,
nach  technischer  Ansbildung  Direktor  der  höheren
Kriegsschule,  Aug.  1914komm.  Generaldes  20.  Armeekorps,
  war  in  der  Marneschlacht  Führer  der  3.  Armee,
spüter  Oberbefehlshaber  der  franz.  Nordostfront.

Nivelle  (spr.  nlwlly),  franz.  General,  nahm  1900  am
chines.  Boxerfeldzug  teil,  wurde  Aug.  1914  Oberst,
Okt.  1914  Brigadegeneral,  1915  Generalleutnant  und
Kommandeur  der  5.  Infanteriedivision,  1916  komm.
General  des  3.  Armeekorps.  N.  verteidigte  erfolgreich
Verdun,  wurde  Dez.  1916  Oberbefehlshaber  der  franz.

Ostfront,  April  1917  aber  durch  Pétain  ersetrt.

—

—
        <pb n="65" />
        Uebersberger:  Die  Grundzüge  der  russischen  Eroberungspolitik

und  wenn  sie  kämpfen  müssen,  sind  sie  meist  die  Geschlagenen.
  Aber  wie  ihnen  starke  Talente  fremd  sind,
sind  ihnen  auch  starke  Leidenschaften  und  Fehler  fremd.
Mittelmäßigkeiten,  mehrchronologische  Zeichen  als  historische
  Persönlichkeiten,  hat  man  sie  genannt.  Die
politische  und  nationale  Machtentfaltung  des  Moskauer
  Fürstentums  ist  also  nicht  so  sehr  das  Werk  seiner
Fürsten.  ihrer  Schöpferkraft  und  ihrer  Talente  als  der
Gunst  der  Verhältnisse  und  eines  unbewußten  Strebens
  des  großrussischen  Stammes,  seine  geographische
und  politische  Einigung  zuerringen,  da  ihm  die  Schrecknisse
  der  Tatarenherrschaft  die  Nachteile  seiner  inneren
Zerrissenheit  und  Zersplitterung  am  eigenen  Leibe  zu
ditter  zu  Gemüte  geführt  hatten.

Seit  der  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  ging  das  territoriale
  Anwachsen  des  Moskauer  Großfürstentums
im  beschleunigten  Tempo  vor  sich.  Iwan  III.,  der
1472  in  zweiter  Ehe  die  Paläologentochter  Sophia
aus  ärmlichen  Verhältnissen  heimgeführt,  und  sein
ältester  Sohn  aus  dieser  Ehe,  Wasilij,  vergrößern  ihr
Herrschaftsgebiet  von  15000  auf  40000  Quadratmeilen.
  Groß-Nowgorod,  die  alte  Städterepublik  im
Norden  mit  ihrem  ungeheuren  Kolonialbesitz  bis  an
die  Ufer  des  Weißen  Meeres  und  bis  an  den  Ural,  ihre
Tochterstadt  Pskow,  das  Großfürstentum  Twer,  das
Fürstentum  Rjäsan  wurden  neben  anderen  russischen
Fürstentümern  durch  Gewalt,  List  oder  Kauf  dem
moskauischen  Reiche  einverleibt.  Auch  dem  mächtigen
slawischen  Rivalen  im  Westen,  Polen-Litauen,  wurde
1514  das  Fürstentum  Smolensk  mehr  durch  Verrat
als  durch  Waffengewalt  entrissen.  Der  moskauische
Großfürst  fühlte  sich  bereits  stark  genug,  die  ehemals
um  Kiewer  Großfürstentum  gehörigen  westrussischen
Fürstentümer.  die  während  der  Mongolenherrschaft
von  Litauen  einverleibt  worden  waren,  auf  Grund
keiner  anderen  Rechte  als  der  nationalen  und  kirchlichen
  Gleichheit  und  ihrer  ehemaligen  Zugehörigkeit
zum  Kiewschen  Reiche  von  Polen-Litauen  zurückufordern.
  Der  Existenzkampf  zwischen  Polen  und

oskau  hat  seine  Geburtsstunde  in  jenen  Tagen  der
Wende  vom  15.  zum  16.  Jahrhundert.  Der  Moskauer
Großfürst,  der  1480  mehr  durch  die  Gunst  äußerer
Umstände  wie  der  innerlich  im  Verfall  begriffenen  und
daher  geschwächten  Goldenen  Horde  als  durch  tapfere
Ensschsosfenheit  das  unwürdige  Joch  abgeschüttelt
hatte,  wendet  nun  seinen  Blick  nach  Westen.  Jwan  III.
ist  der  erste  der  Moskauer  Großfürsten,  der  es  wagt,
Westeuropa  gegenüber  den  anmaßenden  Titel  eines
„Herrn  von  ganz  Rußlande  zu  gebrauchen.  Litauen
selbst  ist  es,  das  1494  in  einem  Vertrage  mit  ihm  diesen
  Titel,  der  doch  die  Losreißung  der  weißrussischen
und  kleinrussischen  Gebiete  des  litauischen  Reiches  zum
Progamme  erhob,  anerkennen  muß.  Dem  livländischen
  Landmeister  gegenllber  aber  neunt  sich  Iwan  III.
soßar  schon  »  Zar  von  ganz  Rußland  -.  Seinem  Nachfolger
  Wasilij  gelingt  es,  1514  in  einen  Vertrag  mit
Kaiser  Maximilian  I.  den  Titel  =  Kaysser  und  Herrscher
  aller  Reußene  einzuschmuggeln,  mochte  der  Kaiser
  auch  nicht  im  entferntesten  gesennen  sein,  ihm  diese
Gleichstellung  zu  gewähren  und  offen  den  Vorbehalt
aussprechen,  daß  er  diese  Vertragsurkunde,  weil  sie
»wider  kayserlich  Mayestat  und  des  heiligen  reiches  stil
und  gewissen:  später  gegen  eine  ähnliche  austauschen
könne.  Wasilij  dachte  nicht  daran,  diese  mit  der  Goldenen
  Bulle  versehene  Fassung  des  Vertrages  gegen
die  andere,  in  der  die  häufige  und  aufdringliche  Titulatur-Kayser
  vermieden  wurde,  einzutauschen.  Und
so  kam  es,  daß  Peter  der  Große  diesen  im  Moskauer

53

Archiv  immer  sorgsam  bewahrten  Vertrag  1718  als
Beweisstück  für  die  Berechtigung  zur  Führung  des
Kaisertitels  abdrucken  lassen  konnte.  In  begreiflicher
Furcht  vor  dem  Chan  der  Krim  und  dem  Sultan  vermied
  man  es  natürlich  in  Moskau,  diesen  gegenüber
jenen  stolzen  Titel  zu  gebrauchen,  und  Kotoschichin,
ein  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  aus  Rußland
entflohener  Beamter  des  =  Gesandtschaftsamtes,  berichtet,
  wie  man  noch  zu  seiner  Zeit  diesen  Machthabern
  gegenüber  es  ängstlich  unterließ,  den  Titel  anuwenden,
  den  man  Westeuropa  gegenüber  zu  führen
ch  nicht  scheute.

Iwans  III.  Enkel,  Iwan  IV.,  war  dann  darauf  bedacht,
  dem  Titel  eines  »Zaren«  durch  die  Bestätigung
der  griechischen  Kirchenfürsten  mit  dem  ökumenischen
Patriarchen  an  der  Spitze  auch  die  kirchliche  Weihe  zu
geben.  Diese  letzteren  waren  schon  mit  Rücksicht  auf  die
reichen  Zuwendungen  der  Moskauer  Großfürsten  gern
bereit,  Jwan  IV.zu  Willen  zu  sein;  sogar  die  in  Moskau
  erfundene  usendung  einer  Zarenkrone  durch  den

riechischen  Kaiser  Konstantin  Monomach  an  den  Sohn
Feiner  Tochter,  an  Wladimir  Monomach,  lenn  in  dem
Anerkennungsschreiben  des  griechischen  Patriarchen
Aufnahme,  mochte  auch  der  byzantinische  Kaiser  mehr
als  50  Jahre  früher  gestorben  sein,  bevor  sein  Enkel
den  großfürstlichen  Thron  von  Kiew  bestieg.  Für
Westeuropa  erfand  oder  ließ  der  ebenso  schlaue  als
rausame  Zar  noch  eine  besondere  Genealogie  der
skauer  Großfürsten  erfinden,  derzufolge  diese  von
niemand  Geringerem  als  dem  ersten  römischen  Imperator
  Uuustus  herstammten.  Augustus  habe  bei  der
Teilung  des  Reiches  seinen  Bruder  »Pruß«  an  den
Ufern  der  Weichsel  und  des  Niemen  eingesetzt,  und  das
„vierzehnte  Glied  seiner  Nachkommenschaft  sei  Rjurik
eesene  Wie  man  sieht,  hat  man  in  Moskau  durch
for  simple  Mittel  seinen  Machtansprüchen  in  jener
Zeit  die  entsprechende  historische  Grundlage  zu  geben
verstanden.  Iwan  III  und  sein  Enkel  Iwan  IV.  waren
  es  auch,  der  eine  manchmal,  der  andere  immer,  die
den  Titel  eines  -Selbstherrscherse  annahmen,  einen
Titel,  der  bekanntlich  auch  in  den  neuen  Staatsgrundgesetzen
  von  1906  keor  der  Konstitutione  sich  behauptet
  hat.  Kljutschewski  hat  allerdings  mit  Recht  bemerkt,
daß  dieser  Titel  ursprünglich  —  und  dies  gilt  namentlich
  von  Iwan  III.  —  nur  die  Bedeutung  der  Unabhängigkeit
  von  außen,  also  vor  allem  von  der  Goldenen
  Horde,  bedeutet  hat.

Den  Ansprüchen  der  Moskauer  Großfürsten
Iwans  III.  und  Wasiliis  auf  die  Eroberung  weiß-  und
kleinrussischer  Gebiete  von  Polen-Litauen  stand  zwar
nicht  ihre  eigene  hohe  Meinung  von  ihrer  Würde  und
ihren  historischen  Rechten,  wohl  aber  die  militärische
Inferiorität  der  moskauischen  Heere  gegenüber  den
polnisch-litauischen  im  Wege.  Ihr  Sohn  und  Enkel
Iwan  IV.,  der  furchtbare  Zare,  wie  ihn  sein  eigenes
Volk  benannt  hat,  wandte  nach  erlangter  Volljährigkeit
  zuerst  seine  Blicke  nach  dem  Osten.  Der  schon  unter
Heinen  Vorgängern  oft  unternommene  Versuch,  den

ittel-  und  Unterlauf  der  Wolga  und  den  Zugang
sum  Kaspischen  Meere  in  moskauische  Hände  zu  bemmen,

  gelang  ihm  in  den  Jahren  1552  bis  1556.
Die  auf  den  Trümmern  der  einst  so  gefürchteten  Goldenen
  Horde  entstandenen  Tatarenreiche  Kasan  und
Astrachan  wurden  besiegt  und  einverleibt.  Keine  natürliche
  Grenze  gebot  in  der  weiten  Ebene  dem  am
Oberlauf  der  Wolga  und  der  Oka  wohnenden  großrussischen
  Stamme  in  seinem  Drängen  stromabwärts
Halt.  Bis  zur  Mündung  der  Wolga  gab  es  kein
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        54

Hemmungdaserste  große  Hindernis  war  das  Kaspische
Meer.  Und  der  großrussische  Volksstamm,  der  sich
selbst  durch  Aufsaugung  der  einheimischen  finnischen
Urbevölterund.  im  Wolga-  Okabecken  und  darüber
hinaus  durch  die  Kiewer  und  Nowgoroder  Kolonisation
  gebildet  hatte,  hat  diesen  Sieg  über  die  Tatarenreiche
  im  Laufe  der  Jahrhunderte  auch  auszunutzen
und  seine  Herrschaft  auf  eine  sichere  Grundlage  zu
stellen  verstanden.  Nach  D.  Mendelejew,  der  die  Ergebnisse
  der  Volkszählung  von  1897  verarbeitete,  die
übrigens  die  einzige  genaue  Nationalitätenzählung  in
Rußland  war,  gab  es  im  Jahre  1897  in  den  auf  dem
Boden  der  ehemaligen  Zarate  Kasan  und  Astrachan
heute  bestehenden  Gonernements  Kasan,  Wjatka,
Perm,  Ufa,  Orenburg,  Saratow,  Samara,  Simbirsk
und  Astrachan  neben  5  800000  Abkömmlingen  finnischer,
  tatarischer  und  mongolischer  Rasse  bereits
13000000  Großrussen.  Die  Nachkommen  der  ehemals
  herrschenden  Rassen  waren  also  im  Laufe  der
Jahrhunderte  in  eine  hoffnungslose  Minderheit  gedrängt
  worden.  Noch  günstiger  stellte  sich  das  Verhältnis
  für  die  Großrussen  als  der  herrschenden  Nationalität
  im  russischen  Reiche,  wenn  man  die  Statistik
der  religiösen  Bekenntnisse  in  diesen  Gouvernements
heranzieht:  auf  15600000  Orthodoxe  kamen  nämlich
  3300  000  Bekenner  des  Islams  und  Heiden.  Da
die  106  000  Deutschen,  namentlich  seit  der  barbarischen
Verfolgung  auch  der  loyalsten  deutschen  Untertanen
Rußlands  durch  die  russische  Regierung  und  die  Majorität
  der  russischen  Gesetzgebungskörper,  kaum  ins
Gewicht  fallen,  ja  überhaupt  verschwinden  dürften,  die
450000  Kleinrussen  von  1897  sich  auch  schwerlich  der
Aufsaugung  durch  die  großrussische  Umgebung  entziehen
  werden,  kann  man  ruhig  sagen,  daß  die  ehemaligen
  tatarischen  Reiche  Kasan  und  Astrachan  heute
roßrussisches  und  orthodoxes  Gebiet  darstellen.  Durch
ie  Eroberung  dieser  Reiche  wurde  aber  auch  die  weitere
  Ausbreitung  des  großrussischen  Stammes  und  der
moskauischen  Herrschaft  nach  Asien  hin  angebahnt.
Der  Ural  war  für  die  wanderlustige  großrussische  Bevölkerung
  kein  genügendes  Hindernis,  wenn  er  nicht
vonseinen  Anrainern  verteidigt  wurde.  Reichegroßrufsische
  Kaufleute,  die  Stroganows,  waren  hier  die  ersten
Bahnbrecher,  der  Donkosak  Jermak  Timofejewitsch
der  Vollender.  Von  1571  bis  1582  hat  er  ganz  Westsibirien
  mit  einem  Häuflein  Waffengenossen  erobert
und  dem  Zaren  Iwan  IV.  als  =  Zartum  Sibirienu
  Füßen  gelegt.  So  wurde  Westsibirien  noch  im  16.
Hahrhumdkrrt  dem  moskauischen  Reiche  einverleibt.
Auch  dieser  Teil  des  großrussischen  Reiches  wurde
im  Laufe  der  Jahrhunderte  zu  einem  fast  rein  großrussischen
  und  orthodoxen  Siedlungsgebiete.  Nach
der  Zählung  von  1897  wohnten  dort  neben  3  400  000
Großrussen  nur  60000  Abkömmlinge  finnischer  und
252000  turkotatarischer  und  mongolischer  Stämme,
neben  3740000  Orthodoxen  (darunter  wohl  auch
die  160  000  Kleinrussen)  nur  159000  Bekenner  des
Islams  und  Heiden.  Mit  der  Erreichung  der  Nordküste
des  Kaspischen  Meeres  war  auch  eng  die  Ausbreitung
des  moskauischen  Reiches  an  der  Westküste  desselben
und  im  Kaukasus  verknüpft.  Die  erste  Etappe  auf
diesem  Wege  war  die  Erreichung  des  Flusses  Terek,
an  dessen  Mündung  ins  Kalische  Meer  1588  die
Stadt  Terek  begrünzet  wurde,  der  Hauptort  der  hier
ur  Verteidigung  des  moskauischen  Reiches  im  äußeraien
  Süden  sich  bildenden  Terek-Kosaken.
Nach  diesen  Erfolgen  im  Osten  ging  Iwan  IV.
daran,  seinem  Reiche  auch  den  Zugang  zum  Balti-I.

  Politik  und  Geschichte

schen  Meere  zu  erkämpfen.  Wie  im  Osten  gab  es  auch
hier  kaum  ein  geographisches  Hindernis.  Wie  das
Quellgebiet  der  Wolga,  lag  auch  das  Quellgebiet  der
westlichen  Dwina  und  das  Quellgebiet  des  Wolchowim
moskauischen  Reiche.  Auch  hier  galtes,  nur  dem  Flusse
entlang  zu  rücken,  um  zum  Rigaischen  und  zum  Finnischen
  Meerbusen  zu  kommen.  Da  der  Zugang  zum
letzteren  aber  vom  mächtigen  Schweden  beschützt  und
verteidigt  wurde,  so  wandtie  sich  der  russische  Zar
gegen  den  an  Menschen  und  Hilfsquellen  schwachen
livländischen  Zweig  des  Deutschen  Ordens,  um  ihm
Livland  zu  entreißen.  Enge  Handels=  und  Kulturbeziehungen
  hatten  das  »Große  Nowgorode  mit  dem
deutschen  Livland  verbunden.  Auch  in  moskauischer

eit  gingen  russisches  Getreide,  Talg  und  Holz  die

wina  hinunter  nach  Riga,  die  Dwina  aufwärts  aber
Salz,  Tuch,  Wein,  Seide,  Edelmetalle,  Eisen,  Kupfer
und  Waffen  für  die  moskauischen  Gedüersast,  Wenn
dabei  die  Nachbarn  streng  darauf  sahen,  daß  nicht  zuviel
  von  den  technischen  Errungenschaften  der  Kriegskunst
  ins  moskauische  Reich  durchgelassen  werde,  um
nicht  an  der  besseren  Rüstung  dieses  unruhigen  und
gefährlichen  Nachbarn  mitzuarbeiten,  ist  dies  begreiflich.
  Nicht  nach  der  westeuropäischen  Zivilisation  und
brem  geistigen  Inhalte  trug  man  aber  in  Moskau

erlangen,  sondern  nur  nach  ihren  materiellen  Errun
  enschoaften  auf  dem  Gebiete  der  Kriegführung,
höchstens  noch  nach  Mitteln  zur  Hebung  der  Metallschätze
  des  Reiches.  So  stürzte  sich  also  Iwan  IV.
1558  auf  das  schwache  Livland.  Die  Kriegführung
Iwans  haben  selbst  russische  Kriegshistoriker,  wie
Fürst  Golicyn,  als  eine  asiatischtatarische,  barbarische,
  reine  Verwüstung,  bar  selbst  der  Erwägungen
und  Handlungsweise  eines  Dschengis-Chan  und  Tamerlan
  -,  bezeichnet.  »Livland  zu  verwüsten  und  auszurauben,
  seine  Ansiedlungen  und  Bewohner  zu  vernichten,
  um  den  Orden  zur  Unterwerfung  zu  nötigen,
konnte  für  einen  asiatischen  Eroberer  passen,  sollte  aber
dem  Herrscher  eines  Landes  fremd  sein,  das  schon
hundert  Jahre  das  Tatarenjoch  abgeschüttelt  hatte  und
Annäherung  und  Beziehungen  zu  Westeuropa  suchte.
Eine  solche  Art  der  Kriegführung  widersprach  offen
sowohl  diesem  Veelo  als  auch  einem  anderen,  aber
Hauptziele,  der  roberung  Livlands  zum  Zwecke  seiner
  Vereinigung  mit  Rußland,  als  dessen  alter  Besitz
sowohl  Iwan  wie  sein  Vater,  Großvater  und  Ahnen
es  ansahen.=  Iwan  IV.erreichte  zwar  die  Vernichtung
der  livländischen  Freiheit,  die  Auflösung  des  Ordensstaates
  und  seine  Aufteilung  unter  Polen-Litauen,
Schweden  und  Dänemark,  aber  er  konnte  nichts  davon
  für  sein  Reich  behaupten.  Im  Gegenteile  in  dem
Kriege,  der  Livlands  wegen  mit  Polen  und  mit
Schweden  entbrannte,  wurde  das  moskauische  Reich
auf  anderthalb  Jahrhundert  vom  Baltischen  Meere
abgedrängt.  Unter  den  wuchtigen  Schlägen  des  Polenkönigs
  Stephan  Bäthory  brach  die  militärische
Macht  des  moskauischen  Zaren  zusammen,  und  aus
dem  Angreifer  wurde  der  Angegriffene.  Innere  Wirren
  nach  dem  Aussterben  der  Dynastie  aus  dem
Stamme  Kalitas  trugen  das  ihrige  dazu  bei,  daß  nicht
nur  Schweden  das  moskauische  Reich  von  Norden  her
bedrohte  und  ihm  Nowgorod  und  Pskow  zu  entreißen
suchte,  sondern  daß  sogar  die  Polen  unter  der  Führung
Sigismunds  III.  aus  dem  Hause  Wasa  sich  anschickten,
das  ganze  Reich  zu  erobern.  Auf  dem  Moskauer
Kremi  aber,  als  der  bezeichnendste  Ausdruck  der  neuen
Lage,  saß  eine  polnische  Besatzung.  Eine  auf  die  breiten
Volksmassen  sich  stützende  nationale  Bewegung,  an
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        Uebersberger:  Die  Grundzüge  der  russischen  Eroberungspolitik

deren  Spitze  Bojaren,  wie  Fürst  Skopin-Schusjskiz,
Dienstadlige,  wie  Fürst  Poscharskii,  Männer  aus  dem
Volke,  wie  der  Fleischer  Minin,  und  Vertreter  des
geistlichen  Standes,  wie  der  Mönch  Awramis  Palicyhn,
standen,  haben  allerdings  das  Urgste,  den  F#  des
Reiches,  abgewendet.  Sie  vertrieb  die  Polen  vom
Kreml,  sie  gab  dem  im  Parteienkampfe  sich  zerfleischenden
  Lande  eine  neue  Dynastie  und  damit  ein  einigendes
  Band.  Aber  die  Feinde  waren  zu  zahlreich  und
zu  mächtig,  als  daß  das  moskauische  Reich.  in  dem
materiellen  Wohlstand  seiner  Bewohner  schwer  getroffen,
  nicht  eine  starke  Einbuße  an  seinem  Gebiete  erleiden
  mußte.  Die  Fürstentümer  Smolensk,  Tschernigow
und  Sewerst  fielen  an  Polen,  Ingermanland  und
Karelien  an  Schweden.  Der  Weg  nach  Europa  war
verrammelt,  und  den  Polen  stand  der  Weg  in  das
Herz  des  Reiches,  Moskau,  offen.  Aber  eines  blieb
und  verdient  festgehalten  zu  werden:  der  feste  Wille
des  großrussischen  Stammes,  sein  Gebiet  vom  Feinde
zu  säubern.  Die  inneren  Verhältnisse  in  Polen  aber
waren  nicht  danach  angetan,  das  einmal  Gewonnene
festzuhalten.  So  kam  früher,  als  man  es  hätte  erwarten
  können,  eine  rückläufige  Bewegung.

Schon  der  zweite  Zar  aus  dem  Hause  Komanon,
Alexei,  machte  sich  die  wachsende  Anarchie  in  Polen
und  defssen  Bedrängnis  durch  Schweden  und  Türken
zunutze,  um  im  Frieden  von  Andrussow  (1667)  die
Dujeprgrenze  mit  Kiew  von  Polen  zu  erzwingen.
Mochte  auch  noch  nicht  die  ganze  -„  Ukraine  oder,  wie
man  es  in  Moskau  nannte,  Klein-Rußland,  sondern
nur  ein  sehr  kleiner  Teil  zu  Rußland  kommen,  diese
Gebiete  waren  durch  die  Unterwerfung  des  Kosakenhetmans
  Bogdaän  Chmelnizkij  für  Polen  verloren.
Der  soziale  und  religiöse  Antagonismus  zwischen  Polen
  und  Kosaken  arbeitete  für  Moskau,  wenn  auch  die
letzteren  durch  ihren  Anschluß  an  Moskau  »aus  dem
Regen  in  die  Traufe«  gerieten.  Das  Jahr  1667  ist
ein  Wendepunkt  im  Verhältnisse  Polens  zu  Moskau.
Im  Kampfe  der  beiden  Nivalen  senkte  sich  die  Wage
zugunsten  des  Moskowiters.  Polen  als  Gegner  war
endgllltig  erledigt;  die  Frage  stand  jetzt  nur  noch  so,
wann  und  in  welchem  Umfange  das  Polenreich  auch
formell  unter  die  Botmäßigkeit  der  verhaßten  und
verachteten  „Moskalen“  kommen  werde.  Weniger
glucklich  waren  die  Versuche  des  Zaren  Alexej,  sich
auch  den  Zugang  zum  Baltischen  Meere  zu  erkämpfen.
  Hier  blieb  die  Lösung  der  Aufgabe  seinem  groden
  Sohne  Peter  vorbehalten.

Mit  Peter  dem  Großen  beginnt  die  Zeit  der
mächtigen  Expansion  des  russischen  Reiches,  das  sich
im  Laufe  von  zwei  Jahrhunderten  über  einen  mächtigen
  Teil  Europas  und  Asiens  auszudehnen  verstanden
  hat.  Von  35  Regierungsjahren  Peters  des  Großen
hat  er  nur  ein  einziges,  das  Jahr  1724,  im  Frieden
zugebracht.  Unter  allen  34  übrigen  aber  kann  mannur
13  Friedensmonate  zusammenbringen  (Kljutschewsli).
Peter  hatte  auch  gegenüber  seinen  Vorgängern  und
Vorfahren  den  Vorteil  voraus,  daß  er  seine  Kriege
stets  mit  Bundesgenossen,  daß  er  Koalitionskriege
führen  konnte.  Peter  hat  Schweden  die  Küste  an  der
Südostseite  des  Baltischen  Meeres  entrissen  und  damit
  das  Fenster-,  die  Verbindung  mit  Westeuropa
geschaffen.  Die  Eroberung  der  Küsten  des  Schwarzen
Meeres  hat  er  durch  die  Eroberung  Asows  vorgezeichnet,
  wenn  auch  freilich  dieses  Ausfallstor  durch  den
unglücklichen  Pruther  Frieden  (1711)  wieder  verlorenging.
  Erst  Katharina  II.  gelang  es,  an  der  Nordküste
  des  Schwarzen  Meeres  festen  Fuß  zu  fassen  und

55

diese  bis  zum  Dujestr  in  russischen  Besitz  zu  bringen.
Durch  die  drei  Teilungen  Polens  hat  sie  auch  den
überwiegenden  Teil  des  polnischen  Reiches  Rußland
einverleibt,  wenn  es  ihr  auch  nicht  gelang,  dasselbe  im
seiner  Gesamtheit  r*  Teilung  mit  den  Nachbarn,
Osterreich  und  Preußen,  in  russischen  Besitz  zu  bringen.
  Vom  Regierungsantritt  Peters  des  Großen  bis
zum  Tode  Katharinas  II.  hat  sich  das  russische  Reich
um  nicht  weniger  als  65000  Quadratmeilen,  darunter
  16000  Quadratmeilen  im  europäischen  Rußland,
vergröher.  Dieser  Zuwachs  im  europäischen  Rußland
  erfolgte  auf  Kosten  der  Türkei  (4100  Quadratmeilen),
  Polens  (8700  Quadratmeilen)  und  Schwedens
  (3600  Quadratmeilen).  Nur  die  Erwerbungen  im
europäischen  Rußland  bildeten  also  ein  Gebiet,  das
rößer  ist,  als  Deutschland,  Österreich-Ungarn  und
Frantreich  zusammengenommen:.  Wie  General  Suchotin
  bemerkt#,  sind  von  Peter  dem  Großen  an  fast
alle  russischen  Kriege  Angriffskriege.  Von  1700  bis
zum  Ende  des  19.  Jahrhunderis  hat  Rußland  nur
zweimal  Verteidigungskriege  geführt,  1812  und  1854
bis  1856,  im  ganzen  also  3  Jahre.  War  es  im  Verlaufe
  des  18.  Jahrhunderts  gelungen,  die  Westgrenze,
die  1700  noch  450  Werst  von  Moskau  entfernt  war,  auf
mehr  als  1000  Werst  zu  verschieben,  war  es  gelungen,
das  Baltische  und  das  Schwarze  Meer  zu  erreichen
und  dort  beherrschenden  Fuß  zu  fassen,  so  ging  im  19.
Jahrhundert  die  Auedehnung.  nach  Klein-,  Mittelund
  Ostasien.  In  zahlreichen  Türkenkriegen  und  zwei
Kriegen  mit  Persien  wurde  der  Kaukasus  dem  russischen
  Reiche  einverleibt  und  die  Grenze  bis  an  das
fruchtbare  Aserbeidschan  und  mitten  durch  Armenien
gezogen.  Um  dieses  Gebiet  aber  auch  ganz  zu  gewinnen,
  bedurfte  es  allerdings  62  Kampfjahre  mit  seinen
  Bergvölkern.  Erst  im  Jahre  1864  war  dieser
Kampf  zugunsten  Rußlands  entschieden,  während
die  heutige  russsich-  perlische  Grenze  1828  durch  den
Frieden  von  Turkmentschaj,  die  russisch-türkische  vor
dem  Ausbruche  des  Weltkrieges  durch  den  Berliner
Vertrag  festgelegt  wurde.  Trotz  aller  Bemühungen
bildete  aber  die  russische  Bevölkerung  nur  im  nördlichen
  Kaukafus  (Großrussen  und  Kleinrussen)  die
Mehrheit,  während  sie  in  Transkaukasien  vorläufig
noch  zur  Rolle  einer  unbedeutenden  Minderheit  (eine
Viertelmillion  gegen  5  Millionen)  verurteilt  ist.
Von  1845  bis  1881  erfolgte  die  Eroberung  weiter
  Gebiete  Mittelasiens;  Turkestan,  Buchara,  Chokand,
  Chiwa  wurden  dem  russischen  Reiche  einverleibt,
  die  Grenze  bis  an  Nordostpersien,  Afghanistan,
China  vorgeschoben.  Nicht  weniger  als  3  100000
Quadratwerst  (mit  einer  Bevölkerung  von  7750000
Seelen  nach  der  Zählung  von  1897)  wurden  hier  in
Mittelasien  im  Verlaufe  einiger  Jahrzehnte  für  Rußland
  erobert.  Dabei  hat  man  zu  diesen  Eroberungen
von  1839  bis  1881  im  ganzen  nicht  mehr  als  60000
Mann  aufgeboten  und  davon  nur  5000  Tote  und
10000  Verwundete  zu  verzeichnen  gehabt.  Vollltündig
  kampflos  erfolgte  die  Ausdehnung  in  Ostasien
  bis  zum  Stillen  Ozean.  Der  Amur,  die  Beringstraße
  wurden  schon  unter  Peter  dem  Großen  erreicht,
  die  gegenwärtige  chinesisch-russische  Grenze  bis
zum  Baikalsee  schon  1727  festgelegt.  Erst  1904/05
hatte  Rußland  seinen  mühelos  erworbenen  ostasiatischen
  Besitz  gegen  Japan  zu  verteidigen  und  war  genötigt,
  einen  großen  Teil  der  Beute  herauszugeben.

1  Nach  Kuropatkin,  Aufgaben  der  rufsf.  Armer,  II.  S.  69.
2#  „  Der  Krieg  in  der  Geschichte  der  russischen  Welt.«
        <pb n="68" />
        56

Erst  die  nächste  Zukunft  wird  es  lehren,  ob  Rußland
imstande  sein  wird,  Ostsibirien  jenseits  des  Baikalsees
zu  behaupten,  oder  ob  der  Weltkrieg  Rußland  dazu
genötigt  hat,  hier  seinen  Besitz  in  zwar  noch  formell
verschleierter  Form  an  Japan  abzutreten.  Immerhin
aber  hat  der  Ausdehnungsdrang  Rußlands  in  den
zwei  Jahrhunderten  seit  1700  glänzende  Triumphe
gefeiert.  Die  Bevölkerung  Rußlands,  die  1724  nur  18
Millionen,  1762:  19,  1796:  29  +  7,  1815:  B0½  A
14½,  1851:  39  +  28,  1897:  65  +  64  Millionen
zählte,  ist  nunmehr  schon  auf  180  Millionen  gestiegen.
Dabei  bedeutet  die  erste  Ziffer  die  Bevölkerung  im
Bereiche  des  alten  Petrinischen  Rußlands,  so  daß  also
1897:  65  Millionen  auf  dem  Boden  des  alten  Petrinischen,
  64  Millionen  auf  dem  Boden  der  Neuerwerbungen
  lebten.  Nicht  mit  Unrecht  schwelgt  Kuropattin
  El  oben)  in  dem  Gedanken,  daß  Rußland  im
aufe  des  20.  Jahrhunderts  eine  Devöllerungszifser
von  400  Millionen  erreichen  und  seine  nächsten  Nach
barn  im  Westen,  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn,
durch  die  Wucht  seiner  Massen  erdrücken  werde.

Von  welchem  Ausdehnungsdrang  dieses  mächtige
Reich  beseelt  ist,  beweist  der  Umstand,  daß  im  Verlaufe
  der  letzten  zwei  Jahrhunderte  (1700  —1900)
Rußland  nur  71/  Friedensjahre  kannte.  In  den
übrigen  1281/8  Jahren  führte  es  33  äußere  und
zwei  innere  Kriege,  darunter  zur  Erweiterung  seiner
  Grenzen  nicht  weniger  als  22  Kriege  mit  101
Kampfjahren,  dagegen  nur  4  Defensivkriege  mit  4  ½
Kampfjahren!:.  Dieser  Ausdehnungsdrang  läßt  Rußland
  auch  nicht  mit  den  erreichten  Geinzen  sich  zufriedengeben.
  In  seinem  Vortrage  vor  dem  Zaren
bezeichnete  Kuropatkin  folgende  Teile  der  russischen
Grenzen  für  unbefriedigend:  die  Grenze  mit  Norwegen,
  weil  sie  Finnland  vom  Nordischen  Meere
trenne  und  die  ganze  Küste  Norwegen  überantworte.
Dieser  Zustand  sei  anormal.  eiter  die  deutschrussische
  Grenze  (1107  Werst).  Im  Falle  eines  siegreichen
  Krieges  mit  Deutschland  müsse  Rußland  die
Weichselgrenze  verlangen  und  sich  Ostpreußen  einverleiben.
  Die  Möglichkeit  eines  Sieges  schien  Kuropatkin
  schon  1900  gegeben,  da  Berlin  nur  300,  Wien
nur  320  Werst  von  der  deutsch--  bzw.  österreichischrussischen
  Grenze  entfernt  sei,  während  Petersburg
und  Moskau  800  und  1100  Werst  von  der  deutschrussischen,
  1350  und  1200  Werst  von  der  österreichisch-russischen
  entfernt  seien.  Der  Besitz  der  beiden
Weichselufer  und  der  Mündungen  der  Weichsel  und
des  Njemen  erschien  Kuropatkin  1900  schon  als  begehrenswerte
  Grenze,  nicht  weil  der  Ausdehnungsdrang
  Rußlands  dadurch  befriedigung  finden  würde,
sondern  weil  Rußland  dann  Deutschland  gegenüber
eine  drohende  Stellung  einnehmen  würde,  d.  ¾-weil
  der  Weg  für  eine  weitere  Eroberungspolitik
offen  stände.  Diese  offenen  Worte  erleiden  durch  die
Schlußfolgerung,  daß  es  weder  für  Deutschland  noch
für  Rußland  vorteilhaft  wäre,  einer  Abänderung  der
augenblicklichen  Grenzen  wegen  einen  Krieg  zu  führen,
  nicht  die  geringste  Abschwächung,  handelt  es
sich  doch  nicht  um  die  Ursachen  eines  Krieges,  sondern
  um  die  Ziele  eines  solchen.  Auch  die  österreichisch-
  russische  Grenze  befriedigte  Kuropatkin  nicht;
doch  hielt  er  die  Einverleibung  Galiziens,  die  Verschiebung
  der  Grenze  auf  die  Karpathen,  wegen  der
Revanchegedanken  Osterreich  =  Ungarns,  für  eine  Gefahr,
  für  ein  zweites  Elsaß-Lothringen.  Immerhin

1  Nach  Vortrag  des  Kriegsministers  vor  dem  Zaren  i.  J.  1900.

I.  Politik  und  Geschichte

aber  hat  er  deutlich  mit  diesem  Anspruche  die  Wünsche
weiter  russischer  Kreise  verdolmetscht.  Nur  mit  der
türkisch  -russischen  Grenze  in  Kleinasien  war  Kuro.
patkin  zufrieden,  nicht  weil  sie  die  russischen  Besitzun.
en  genülgend  schützt,  sondern  weil  sie  eine  vorteilhafte
usfallstcllung  zum  wichtigsten  Punkte  Kleinasiens
und  dem  einzigen  Hindernisse  auf  dem  Wege  nach
dem  Bosporus,  nach  Erzerum,  darbiete.  —  Gegenüber
Persien,  in  Mittelasien  und  Ostasien  begegnete  ein
Vorschieben  der  russischen  Grenze  keinerlei  Schwierigkeit,
  bis  der  russisch-japanische  Krieg  und  das  englisch
  ·  russische  übereinkommen  von  1907  gewisse
Schranken  setzte.  Und  mit  dem  englisch-russischen
Übereinkommen  verzichtete  Rußland  auch  auf  den  Zugang
  zum  Indischen  Ozean.  Danunauch  der  Weg  zum
eisfreien  Teile  des  Stillen  Ozeans  durch  den  Portsmouther
  Frieden  verrammelt  war,  blieb  nur  der  von
Kuropatkin  schon  1900  vorgezeichnete  nach  dem  ein-“

  zigen,  nach  einem  warmen  Meere  noch  mit  Gewalt

"  erstrebende  Zugang,  zum  Mittelländischen  Meere.
enn  Rußland  nicht  nur  am  Stillen  Ozean,  sondern
auch  am  Indischen  und  im  Mittelländischen  Meer  am
Bosporus  festen  Fuß  gefaßt  habe,  dann  sei  Rußland
nach  Kuropatkins  Worten  die  Beherrscherin  der  Welt
auch  auf  wirtschaftlichem  Gebiete.  Dieser  Drang  nach
Ausdehnung  in  der  Richtung  nach  dem  Mittelländischen
  Meere,  den  eine  durch  Deutschlands  Hilfe  verjüngte
  und  gestärkte  Türkei  für  eine  lange  Zukunft
voraussichtlich  in  Schranken  zu  halten  drohte,  war
auch  einer  der  stärksten  Beweggründe  für  den  Entschluß
  Rußlands  zum  Krieg  im  Sommer  1914.  Es
wäre  aber  ungerecht,  den  Ausdehnungsdrang  Rußlands
  nur  ehrgeizigen  Herrschern,  Staatsmännern
und  Militärs  zuschreiben  zu  wollen.

Dieser  Ausdehnungsdrang  ist  auch  zum  nicht  geringen
  Teile  begründet  im  Wandertriebe  und  Wesien
des  russischen  Volkes.  Ohne  Zutun  der  Moskauer
und  Petersburger  Regierung  wurden  ungeheure  Gebiete
  dem  Reiche  einverleibt.  Vielleicht  war  mitbestimmend
  das  Streben,  sich  dem  harten  Drucke  der
Regierung  an  einem  neuen  Orte  zu  entziehen  und
dort  auch  bessere  wirtschaftliche  Bedingungen  vorzufinden.
  Bis  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  galt  es
doch  als  Norm,  daß  die  territoriale  Ausbreitung  des
russischen  Reiches  ndgehr  proportional  zur  Entwicklung
  der  inneren  Freiheit  des  russischen  Volkes  stand,
sowie  daß  der  politische  Einfluß  der  arbeitenden  Klassen
  in  umgekehrt  proportionalem  Verhältnis  zur  wirtschaftlichen
  Produktivität  ihrer  Arbeit  stand.  Außere
Konflikte  haben  immer  wieder  die  Evolution  im  Innern
  verlangsamt  oder  unmöglich  gemacht.  Man  darf
vielleicht  auch  behaupten,  daß  der  Ausdehnungstrieb
des  russischen  Stammes  aus  Gründen  der  inneren  Politik
  von  oben  gefördert  wurde  und  äußere  Kriege  das
Auskunftsmittel  der  Regierenden  darstellten,  um  über
innere  Schwierigkeiten  hinwegzukommen.  Es  ist  z.  B.
unbestreitbar,  daß  sich  die  innere  Lage  im  Sommer
1914  als  äußerst  kritisch  darstellte,  und  niemand  Geringerer
  als  Miljukow  selbst  hat  zugestanden,  daß
Rußland  vor  einer  Revolution  stand.  Der  Krieg  war
also  ein  Ausweg  für  die  Regierung,  und  sie  hat,  wie
die  Stimmung  selbst  revolutionärer  Kreise  zeigt,  wieder
  nicht  umsonst  mit  dem  Eroberungsdrang  und  der
Wanderlust  breiter  russischer  Kreise  gerechnet.  Auch
dieser  Krieg  wurde  in  Rußland  populär,  zum  mindesten
  viel  populärer  als  dies  der  Krieg  gegen  Japan
je  gewesen  ist.  Die  Aussicht,  auf  hoher  Kultur  stehendes
  Ackerland  im  Westen  zu  gewinnen,  hat  eben
        <pb n="69" />
        Samassa:  Die  Probleme  des  Balkans

unleugbar  größere  Anziehungskraft  als  die  schönsten
Zukunftsträume  in  Ostasien.  Selbst  so  hervorragende
ührer  der  radikalsten  und  regierungsfeindlichsten
Parteien  wie  Georgij  Walentinowitsch  Plechanow,
einer  der  Mitbegründer  der  Marxistischen  Sozialdemokratie
  in  Rußland,  und  Fürst  Peter  Krapotkin,
der  Patriarch  der  Sozialisten-Revolutionäre,  fanden
es  für  notwendig,  ihre  Parteigenossen  in  Rußland
aufzufordern,  die  von  ihnen  früher  so  erbittert  bekämpfte
  Regierung  in  ihrem  Kampfe  gegen  Deutschland
  und  Osterreich-Ungarn  mit  allen  Mitteln  zu  unterstützen.
  Vauschaftliche  und  politische  Gründe  wurden
  von  beiden  bei  dieser  Aufforderung  ins  Treffen
geführt.  Allerdings  hat  die  Dumafraktion  der  sozialemokratischen
  Parteien  dieser  Aufforderung  nicht
vollständig  Rechnung  getragen.  Immerhin  aber  fanden
  sich  genügend  publizistische  Stimmen  auch  aus  diesem
  Lager,  die  den  imperialistischen  bürgerlichen  Parteien
  in  ihren  Annexionsplänen  auf  Kosten  der  beiden
Zentralmächte  und  der  Türkeiihre  Unterstützung  liehen.
Was  aber  diese  bürgerlichen  Parteien  betrifft,  so
muß  festgestellt  werden,  daß  im  wesentlichen  die  Rechte
und  Linke  in  ihren  Kriegszielen  vollständig  übereinstimmten.
  Während  die  Rechte  die  Annexion  Ost-  und
Westpreußens,  Posens,  Schlesiens,  Galiziens,  der
Bukowina,  Oberungarns,  die  Aufteilung  des  übrigen
Osterreich-Ungarns  und  der  Türkei  verlangte,  hat  der
linke  Block  diese  Eroberungslust  und  Beutegier  mit
dem  Mäntelchen  »der  Befreiung  der  Völker=  drapiert,
wobei  sich  natürlich  diese  befreiten  Völker  größtenteils

57

im  Verbande  Rußlands  mit  viel  geringeren  Rechten
und  Freiheiten  hätten  begnügen  müssen,  als  dies  in
ihrem  bisherigen  staatsrechtlichen  Verhältnisse  der  Fall
war.  Ein  Schulbeispiel  dieser  verlogenen  Uneigennültzigkeit
  sind  die  Kriegsziele,  die  Miljukow  im
Jahrbuch  des  „Retschj  für  1916  entwickelt.  Er
bringt  es  dabei  fertig,  von  Rußland  mit  Ausnahme
der  Meerengen  Überhaupt  nicht  zu  sprechen,  obwohl
es  ganz  deutlich  aus  der  Absteckung  der  Grenzen  ersichtlich
  ist,  daß  Rußland  der  Löwenanteil  an  Länderbeute
  aus  dem  Weltkriege  zufallen  soll.  An  diesen
Kriegszielen  hat  auch  die  Märzrevolution  von  1917
nichts  geändert.  Eine  eroberungslüsterne  Partei  steht
einer  aus  Rücksichten  der  Erhaltung  der  errungenen
Freiheit  gemäßigten  und  zum  Frieden  geneigten  gegenüber,
  und  es  steht  derzeitt  noch  immer  nicht  fest,
welche  von  beiden  den  Endsieg  davontragen  wird.

Literatur.  W.  Kljutschewfkij,  Russische  Geschichte
(4  Bde.,  russ.);  D.  Mendelejew,  Zur  Kenntnis  Rußland?
(Ausgabe  von  1907,  russ.);  A.  N.  Kuroparkin,  Aufgaben
der  russischen  Armee  (1910,  8  Bde.,  russ.);  N.  N.  Suchotin,
Der  Krieg  in  der  Geschichte  der  russischen  Weit  (1898,  rufl.)
J.  Strelbitsky,  Possessions  des  Turcs  sur  le  Continent
  Européen  (1879);  Jahrbuch  der  Zeitung  -Retschjfür
  1916  (1917,  russ.);  Karl  euthner,  Russischer  Volksimperialismus
  (Berl.  1915);  H.  Uebersberger,  Rußland
und  der  Panflawismus,  in  -Deutschland  und  der  Weltkriege-(2.
  Aufl.,  Leipz.  1917);  Derselbe,  Das  russische  Kriegsziel
(Sonderabdruck  aus  der  -Industrie-,  Wien  1910).

1  Anfang  Mai  1917.

Die  Probleme  des  Balkans
Von  Prof.  Dr.  Paul  Samassa  in  Klosterneuburg  bei  Wien

Der  Niedergang  der  türkischen  Herrschaft.
Mit  dem  Niedergang  der  türkischen  Macht  zu  Beginn
des  18.  Jahrhunderts  fängt  der  Balkan  an,  problematisch=
  zu  werden.  Wenn  die  Türkei  nicht  stark  genug
ist,  die  gemachten  Eroberungen  zu  behaupten,  so  fragt
es  sich,  was  und  wer  an  ihre  Stelle  treten  soll.  Die
gewissermaßen  naturrechtliche  Antwort  auf  diese  Frage
wäre:  die  von  den  Türken  beherrschten  und  unterdrückten
  Völker.  Diese  waren  aber  aus  eigener  Kraft
zu  schwach,  das  Joch  der  Türken  abzuschütteln,  wozu
noch  kommt,  daß  ihre  Wobnsige,  zeograpoich  nicht
scharf  abgegrenzt  sind  und  die  Völker  vielfach  untermischt
  wohnen,  selbst  die  Bestimmung  ihrer  Volks.
zugehörigkeit  mitunter  auf  Schwierigkeiten  stößt;  daraus
  ergibt  sich,  daß  ihre  Ansprüche  sich  vielfach  kreuzen.
Aber  nicht  nur  die  zur  Zeit  der  türkischen  Eroberung
auf  dem  Balkan  ansässig  gewesenen  Völker  machen
Anspruch  auf  das  türtische  Erbe;  auch  die  europäischen
  Großmächte  beanspruchen  es  zum  Teil,  zum  Teil
wollen  sie  mindestens  auf  die  Verteilung  Einfluß
nehmen.  Die  Rivalitäten,  die  sich  daraus  ergaben,
sind  der  Türkei  zugute  gekommen  und  haben  ihr  die
Herschaft  auf  dem  Balkan  verlängert.

Osterreich.  Von  den  europäischen  Großmächten
hatte  Osterreich  kraft  seiner  geographischen  Lage  als
Nachbar  der  Türkei  den  meisten  Anspruch,  die  Neuordnung
  der  Dinge  auf  dem  Balkan  im  Interesse
seiner  eigenen  Sicherheit  zu  beeinflussen.  Nachdem
es  zu  Beginn  des  18.  Jahrhunderts  Ungarn  zurückerobert,
  im  Passarowitzer  Frieden  (1719)  sogar  neue,
im  Belgrader  Frieden  freilich  wieder  preisgegebene

Gebiete  erworben  hat,  ist  seine  Stellung  gegentlder
der  Türkei  im  wesentlichen  defensiv,  d.  h.  es  will  geschützte
  Grenzen  haben.  Der  Bestand  einer  militärisch
  und  staatlich  nicht  zu  kräftigen  Türkei  ist  ihm
als  Nachbar  erwünscht;  kann  die  Türkei  ihren  Besitz
aber  nicht  behaupten,  dann  muß  OÖsterreich  darauf
sehen,  daß  es  nicht  einen  schlechten  Tausch  macht  und
einen  unruhigen  Nachbar  erhält,  der  nach  seinem
Besitz  trachtet.  Daneben  laufen  natürlich,  wie  es  bei
der  geographischen  Lage  selbstverständlich  ist,  ausgedehnte
  Handelsinteressen.

Rußland.  Das  Verhältnis  Rußlands  zur  Türkei
ist  viel  aggressiver.  Nachdem  es  das  Nordufer  des

chwarzen  Meeres  von  türkischem  Einfluß  befreit
hat,  will  es  den  Ausgang  nach  dem  Mittelmeer  in
seinen  Besitz  bringen;  die  wirtschaftlichen  Momente,
die  dafür  sprechen,  werden  mit  einem  myystisch  religiösen
  Gewand  umkleidet:  Rußland  soll  wieder  das
Kreuz  auf  der  Hagia  Sophia  aufpflanzen.  Der  Erwerb
  der  Meerengen  setzt  aber  die  Vertreibung  der
Türken  aus  Europa  überhaupt  voraus,  und  deshalb
muß  sich  Rußland  als  den  Befreier  der  Rajahvölker
aufspielen  und  seinen  wiederholt  gebrachten  Blutopfern
  entsprechend  den  bestimmenden  Einfluß  auf
die  staatliche  Neuordnung  auf  dem  Balkan  beiigen.
wobei  es  naturgemäß  mit  den  österreichischen  Ansprüchen
  zusammenstößt.

Die  anderen  Großmächte.  Für  Frankreich  ist
die  Türkei  lange  Zeit  der  Verbündete  in  seinem  Kampfe
gegen  die  Macht  des  Hauses  Habsburg,  wozn  sie  übrigens
  gelegentlich  auch  von  Friedrich  d.  Gr.  benutzt
wird;  im  übrigen  betrachtet  Frankreich  ebenso  wie
England  die  Türkei  im  wesentlichen  unter  dem  Gesichtspunkt
  seiner  afrikanischen  und  asiatischen  Inter-
        <pb n="70" />
        58

essen.  Italien  schließlich,  die  jüngste  und  schwächste
Großmacht  Europas,  erhebt  vor  allem  Ansprüche
auf  den  südlichen  Teil  des  adriatischen  Ostufers,  wodurch
  sein  Ziel,  aus  der  Adria  einen  italienischen  Binnensee
  zu  machen,  verwirklicht  werden  soll.

Friede  von  Bukarest,  Bulgarien,  Mazedonien.
Die  im  Bukarester  Frieden  unentschiedenen  Machtfragen
  auf  dem  Balkan  bilden  einen  wesentlichen  Teil
der  Ursachen  des  Weltkriegs,  der  sie  entweder  endgültig
entscheiden  oder  doch  um  ein  beträchtliches  Stück  ihrer
Lösung  näher  bringen  muß.  Bei  Ausbruch  des  Weltkrieges
  war  die  Türkei  bis  auf  Thrazien  aus  Europa
verdrängt,  d.  h.  es  besaß  in  Europa  etwa  genau  soviel,
  als  unbedingt  nötig  war,  um  die  Meerengen  verteidigen
  zu  können.  Daß  an  dieser  Abgrenzung,  die
während  des  Krieges  noch  eine  Verschiebung  zugunsten
Bulgariens  erfuhr  (vgl.  das  Textkärtchen  auf  S.  64),
etwas  geändert  werden  könnte,  ist  durchaus  unwahrscheinlich;
  der  Verzicht  der  Türkei  auf  ihren  übrigen
europäischen  Besitz,  der  eine  Folge  des  Balkankrieges
war,  ist  wohl  endgültig.  Die  politischen  Grenzen,  die
der  Friede  von  Bukarest  zwischen  den  Balkanstaaten
geschaffen  hatte,  entsprachen  aber  weder  den  ethnographischen
  Grenzen,  noch  schufen  sie  allseitige  Befriedigung
  unter  den  Beteiligten;  insbesondere  sah
sich  Bulgarien  der  Früchte  seiner  Anstrengungen
beraubt.  Es  fordert  als  notwendiges  Ergebnis  eines
siegreichen  Krieges  eine  Revision  des  Bukarester  Friedens;
  mit  diesem  Ziele  im  Auge  ist  es  in  den  Krieg
eingetreten.  Der  Anspruch,  um  den  es  in  erster  Linie
betrogen  worden  ist,  bezieht  sich  auf  Mazedonien.
Dieses  hat  in  den  letzten  Jahrzehnten  den  Mittelpunkt
der  Balkanprobleme  gebildet.  Die  Bevölkerung  Mazedoniens
  spricht  von  Hause  aus  einen  slawischen  Dialekt,
  der  zwischen  dem  Serbischen  und  Bulgarischen  in
der  Mitte  steht;  die  nationalen  Ansprüche  der  Staaten,
  die  Mazedonien  auf  Grund  der  Vollsgemeinschaft
begehrten,  stützten  sich  aber  im  wesentlichen  auf  die
kirchliche  Zugehörigkeit,  die  natürlich  das  Ergebnis
eifriger  Propaganda  war  hierbei  schnitten  die  Bulgaren
  am  erfolgreichsten  ab.  Der  Teil  von  Mazedonien,
der  im  Bukarester  Frieden  an  Serbien  fiel,  wird  an
Bulgarien  gelangen.  Ebenso  macht  Bulgarien  Anspruch
  auf  den  Piroter  Kreis,  der  eine  ursprünglich
bulgarische  Bevölkerung  besitzt,  fordert  aber  im  Interesse
  einer  sicheren  Grenzgemeinschaft  mit  Osterreich-Ungarn
  auch  das  untere  Morawatal  und  den  ursprünglich
  von  Rumänen  besiedelten  Negotiner  Kreis.
Daß  es  den  Teil  der  Dobrudscha,  der  ihm  im  Bukarester
  Frieden  von  Rumänien  entrissen  wurde,  zurückerhält,
  ist  wohl  selbstverständlich;  es  erhebt  aber  auch
auf  die  übrige  Dobrudscha  Anspruch,  die  ja  nie  ein
nationalrumänisches,  sondern  von  Bulgaren,  Türken
und  Tataren  bewohntes  Gebiet  war.  Die  Bevölkerung
Mazedoniens  wird  sich  ohne  Schwierigkeiten,  auch  soweit
  sie  nicht  dem  Exarchat  angeschlofssen  war,  bulgarisch
  machen  lassen,  und  dasselbe  wird  auch  von  den
übrigen  von  Serbien  zu  erwerbenden  Teilen  gelten.
Soweit  es  sich  um  türkische  Bewohner  handelt,  dürfte
sich  auch  dort  jener  Vorgan  vollzichen,  der  sich  schon
bei  der  Losreilung  der  christlichen  Balkanstaaten  abgespielt
  hat:  die  Türken  wandern  aus,  um  als  willkommene
  Muhadschirse  in  Kleinasien  angesiedelt  zu
werden,  wo  ja  Raum  genug  für  Millionen  neuer  Bewohner
  vorhanden  ist.  Zwischen  Bulgarien  und  der
Türkei  waren  vor  dem  Weltkriege  schon  Verhandlungen
  im  Gange,  um  diesen  Vorgang  zu  fördern  und
unter  Beihilfe  beider  Regierungen  in  eine  möglichst

I.  Politik  und  Geschichte

geordnete  Bahn  zu  leiten.  Werden  alle  diese  bulgarischen
  Ansprüche  durch  das  Ergebnis  des  Krieges  befriedigt,
  dann  geht  Bulgarien  als  die  unbestritten  stärkste
Bülanmach  aus  dem  Kriege  hervor,  die  auch  in  kürzester
  Zeit  ein  rein  bulgarischer  Nationalstaat  sein
wird.  Bulgarien  kommt  es  hierbei  sehr  zugute,  daß
es  ein  reiner  Bauernstaat  ist  und  eine  außerordentlich
hohe  Volksvermehrung  hat;  dadurch  wird  es  auch  in
der  Lage  sein,  die  zum  Teil  dünn  besiedelten  neuen
Gebiete,  die  es  erwirbt,  alsbald  aufzufüllen  und  dem
ganzen  Lande  einen  bulgarischen  Charakter  zu  geben-Man
  könnte  es  als  einen  Treppenwitz  der  Weltgeschichte
  ansehen,  daß  jenes  Groß-Bulgarien,  das
Rußland  im  Frieden  von  San  Stefano  schaffen  wollte,
woran  es  unter  anderm  auch  durch  den  Einspruch
Osterreichs  gehindert  wurde,  nun  mit  Hilfe  der  Mittelmächte
  gegen  den  Willen  Rußlands  entsteht.  Es  ergibt
  sich  allerdings  der  gewiß  große  Unterschied,  daß
jenes  von  Rußland  geplante  Groß-Bulgarien  nur  als
eine  Satrapie  Rußlands  auf  dem  Balkan  gedacht  war,
während  das  Bulgarien  der  Zukunft  lediglich  bulgarische
  Interessenpolitik  treiben  wird.  Anderseits  bleibt
freilich  die  Frage  offen,  ob  sich  ein  im  Jahre  1878  errichtetes
  Groß-Bulgarien  schließlich  nicht  doch  auch
von  der  russischen  Vormundschaft  befreit  hätte.
Bulgarien  und  Griechenland.  Schwer  zu  übersehen
  ist  zur  Zeit  noch,  wie  sich  in  Zukunft  das  Verhältnis
  des  vergrößerten  Bulgariens  zu  Griechenland
getalten  wird.  Im  Verlaufe  des  Balkankrieges  hat
ulgarien  auch  auf  das  untere  Wardartal  mit  Saloniki
  und  die  östlich  davon  gelegenen  Gebiete  von
Drama  und  Kawalla  Anspruch  erhoben.  Gebiete,  die
dann  im  Bukarester  Frieden  an  Griechenland  fielen.
Wichtiger  als  die  auch  hier  von  den  Bulgaren  geltend
emachten  nationalen  Ansprüche  sind  wohl  die  wirtchaftlichen
  Momente,  die  es  Bulgarien  schwer  machen
dürften,  einen  endgültigen  Verzicht  auszusprechen.
Mazedonien  hat  seinen  wirtschaftlichen  Schwerpunkt
in  Saloniki,  das  Üübrigens  seinem  ethnischen  Charakter
nach  weder  griechisch  noch  bulgarisch,  sondern  jüdisch
ist.  Daß  der  Verkehr  des  nördlichen  Mazedoniens
etwa  nach  dem  übrigens  erst  auszubauenden  bulgarischen
  Hafen  Dede  Agatsch  geleitet  werden  könnte,  ist
ganz  ausgeschlossen.  Serbien  hat  vor  dem  Kriege
eine  Lösung  in  der  Form  gesucht,  daß  es  einen  eigenen
Freihafen  in  Saloniki  von  Griechenland  erlangen
wollte.  Diese  Lösung,  die  sich  auf  Bulgarien  angewandt
  noch  erleichtern  würde,  wenn  die  Bahnlinie
nach  Saloniki  ein  internationales  Unternehmen  unter
vorwiegendem  Einfluß  der  Mittelmächte  bliebe,  was
sich  auch  unter  anderen  Gesichtspunkten  empfiehlt,  kam
so  lange  in  Betracht,  als  Griechenland  die  Neutralität
  aufrechterhalten  konnte,  ebenso  wie  an  einen  freiwilligen
  Tausch  dieses  strittigen  Gebietes  oder  von
Teilen  davon  gegen  Südalbanien  zu  denken  gewesen
wäre,  wobei  freilich  der  Vorteil  nicht  gerade  auf  seiten
Griechenlands  gelegen  hätte.  Der  inzwischen  erfoldgte,
wenn  auch  erzwungene  Eintritt  Griechenlands  in  die
Reihe  unserer  Feinde  macht  natürlich  auch  andere
Lösungen  möglich.
Rumänien.  Zuerst  als  unabhängiger  Staat  der
türkischen  Oberherrschaft  entzogen,  ist  Rumänien  auch
eographisch  dem  Balkan  kaum  zuzurechnen;  es  hat
nch  gegen  den  Titel  Balkanstaat  sche  gern  verwahrt.
Indes  ist  zu  beachten,  daß  es  in  einer  Beziehung  doch
sehr  eng  mit  den  Balkanproblemen  verbunden  war,
insofern  als  es  eifersüchtig  darllber  wachte,  Bulgarien
nicht  zu  stark,  keinesfalls  stärker  als  es  selbst  werden
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        Samassa:  Die  Probleme  des  Balkans

zu  lassen,  weil  es  in  diesem  Falle  für  seinen  Besitz
der  Dobrudscha,  der  ihm  den  Zugang  zum  Meere
sichert,  fürchten  mußte.  Das  war  der  Hauptgrund,
weshalb  es  in  den  Balkankrieg  eingriff  und  nach  dem
Bularester  Frieden  dessen  Ergebnisse  durch  ein  Bündnis
  mit  Serbien  und  Griechenland,  das  sich  gegen
Bulgarien  richtete,  zu  sichern  trachtete.  Nachdem  es
im  Peltkrie  e  zunächst  abgelehnt  hatte,  die  Gültigkeit
seiner  Verpflichtungen  gegenüber  den  Mittelmächten
anzuerkennen,  kam  es  durch  das  Eintreten  Bulgariens
in  das  Bündnis  mit  den  Mittelmächten  in  eine  immer
schwierigere  Lage.  Es  mußte  damit  rechnen,  daß  Bularien

  bei  einem  Siege  der  Mittelmächte  eine  solche
Vergrößerung  erführe,  die  es  ihm  an  Zahl  und  damit
doch  auch  militärisch  ebenbürtig,  wenn  nicht  überlegen
  machen,  und  dann  von  ihm  mindestens  das  im
Bukarester  Frieden  abgetretene  -Quadrilateral  zurückfordern
  würde.  Es  konnte  den  rumänischen  Staatsleitern
  auch  nicht  unbekannt  sein,  daß  gegen  keinen  der
Gegner  aus  dem  zweiten  Teil  des  Balkankrieges  ein
so  tiefwurzelnder  Haß  im  bulgarischen  Volke  zurückgeblieben
  war  wie  gegen  die  Rumänen,  die  sich,  ohne
einen  Tropfen  Blut  zu  vergießen,  einen  der  fruchtbarsten
  Landstriche  Bulgariens  angeeignet  hatten.  Bei
richtiger  Einschätzung  der  Kräfteverhältnisse  der  kriegführenden
  Mächtegruppen  hätte  sich  die  rumänsche
Politik  die  Sicherung  der  Neu-Dobrudscha  gegenüber
bulgarischen  Ansprüchen  wohl  durch  ein  möglichst  enges
Bundesverhältnis  mit  den  Mittelmächten  und  den
Erwerb  Beßarabiens  durch  den  Kampf  an  ihrer  Seite
sichern  müssen.  Der  Weg,  den  Rumänien  tatsächlich
gegangen  ist,  hat  zur  Besetzung  des  größten  Teiles  des
Landes  durch  die  Vierbundmächte  geführt,  und  zur
Zeit“  läßt  sich  das  schließliche  Schicksal  Rumäniens
noch  nicht  Übersehen.  Die  Wahrscheinlichkeit  spricht
immerhin  dafür,  daß  Rumänien  außer  durch  den
Verlust  der  Dobrudscha  an  Bulgarien  territorial  nicht
wesentlich  verkleinert  aus  dem  Kriege  hervorgehen
wird.  Die  Frage  des  freien  Zuganges  zum  Schwarzen
  Meere  wird  dann  allerdings  brennend  werden
und  das  demütigende  Gefühl  der  Niederlage  sich  weit
mehr  gegen  Bulgarien  als  gegen  die  Mittelmächte  kehren,
  die  man  als  die  stärkere  Mächtegruppe  anerkennen
wird,.  mit  der  man  sich  einrichten  muß.  Ob  die  Frage
des  Zuganges  zum  Meer  eine  Lösung  finden  kann,
die  bulgarische  Interessen  nicht  verletzt,  ist  heute  schwer
zu  beurteilen.  Aufgabe  der  Mittelmächte  wird  es  jedenfalls
  sein,  Rumänien  nach  der  verdienten  Züchtigung,
  die  es  erfahren,  wieder  der  Staatengruppe
zuzuführen,  der  es  auch  nach  seinen  wirtschaftlichen
Hntteresffen  angehören  muß;  man  wird  es  nicht  dazu
zwingen  dürfen,  ein  Vorposten  Rußlands  zu  sein.
Daraus  ergäbe  sich  aber  auch  die  Aufgabe,  den  Gegensatz
  zwischen  Bulgarien  und  Rumänien  möglichst
auszugleichen,  jedenfalls  aber  einen  isolierten  Zusammenstoß
  der  beiden  Staaten  jederzeit  zu  verhindern
bzw.  im  Keime  zu  ersticken.

Serbien,  Montenegro.  Seinen  Ausgangspunkt
hat  der  gegenwärtige  Krieg  von  den  gegen  Osterreich-Ungarn
  gerichteten  Ansprüchen  Serbiens  genommen;
die  Donaumonarchie  darf  es  woh  als  eines  ihrer  wichtigsten
  Kriegsziele  betrachten,  die  serbische  Frage  in  einer

eise  zu  lösen,  die  für  alle  Zeit  die  Möglichkeit  eines
Angriffs  durch  diesen  unruhigen  Nachbar  ausschaltet.
Das  serbische  Volk  besaß  vor  dem  Kriege  zwei  selbständige
  Staaten  sehr  ungleicher  Größe,  Serbien  und

—  —

1  Sommer  1917.

59

Montenegro;  beide  hatten  durch  den  Balkankrieg  er-Reduchen
  Landgewinn  erzielt,  vor  allem  aber  waren
ie  durch  die  Aufteilung  des  Sandschaks  Nachbarn  gewordenzihr
  Zusammenschluß  zu  einem  einzigen  Staate
—  durch  dynastische  Interessen  zunächst  noch  verhindert
  —  war  aber  doch  nur  eine  Frage  der  Zeit.  Betrachtet
  man  Serben  und  Kroaten  als  ein  Volk,  was
allerdings  nur  mit  gewissen  Vorbehallen  zulässig  ist,
so  wohnten  vor  dem  Weltkriege  immer  noch  mehr
Serbokroaten  unter  Habsburgs  Zepter  als  in  den
beiden  selbständigen  Königreichen  zusammengenommen.
  Die  serbische  Politik  ging  ganz  unverhüllt  auf
die  Eroberung  dieser  unter  österreichischer  und  ungarischer
  Herrschaft  stehenden  Gebiete  aus.  Schon  der
Balkanbund  richtete  seinerzeit  eine  seiner  Spitzen  gegen
die  Donaumonarchie;  die  ersten  Versuche  des  russischen
Botschafters  in  Konstantinopel,  Tscharykow,  gingen
darauf  aus,  die  Balkanstaaten  mit  der  Türkei  zu
einem  Bunde  gegen  Osterreich  zu  vereinigen,  führten
aber  begreifbachesweise  nicht  zum  Ziele.  Es  war  ein
für  Osterreich  ganz  unerwartet  günstiges  Ergebnis
des  Balkankrieges,  daß  dank  der  Brutalität,  mit  der
Rußland  auftrat,  ein  unheilbarer  Riß  in  das  Gefüge
des  Balkanbundes  kam,  den  wir  dann  im  Weltkkriege
nutzen  konnten.  Es  wurde  schon  darauf  hingewiesen,
daß  Neu-Serbien  undeerhebliche  Teile  von  Alt-Serbien
bei  für  uns  siegreichem  Ausgange  des  Krieges  an
Bulgarien  fallen  werden.  Eine  Frage  der  Zweckmäßigkeit
  wird  es  sein,  ob  man  Serbien  und  Montenegro
  in  verkleinertem  Zustande  wiederherstellt  oder
die  beiden  Staaten  ganz  verschwinden  läßt  und  den
nicht  an  Bulgarien  fallenden  Rest  der  Donaumonarchie
  einverleibt,  Es  kann  heute,  wo  eine  Entscheidung
  über  diese  Frage  noch  nicht  gefallen  ist,  nur
meine  Aufgabe  sein,  die  aus  jeder  dieser  Lösungen  sich
ergebenden  Probleme  darzustellen.  Die  Beseitigung
der  selbständigen  serbischen  Staaten  könnte  den  Serben
unter  dem  Gesichtspunkt  schmackhaft  gemacht  werden,
daß  sie  nun  doch  die  von  ihnen  erstrebte  Einigung
wenigstens  insofern  erlangen,  als  sie  nun  alle  unter
einem  Zepter  vereinigt  sind  und  dies  sie  wohl  für  die
nach  den  bestehenden  Machtverhältnissen  nicht  erreichbare
  Unabhängigkeit  entschädigen  könne.  Es  fragtsich
aber  nun  freilich,  ob  diese  Lösung  auch  vom  Standpunkt
  der  österreichisch-ungarischen  Interessen  erträglich
  erscheint.  Und  da  ist  darauf  hinzuweisen,  daß  die
Serbokroaten,  die  schon  vor  dem  Kriege  unter  habsburgischer
  Herrschaft  standen,  weder  in  sich  eine  geschlossene
  völkische  Masse  bildeten,  noch  auch  in  einem
klaren  und  einfachen  Verhältnisse  zu  der  Monarchie
standen,  was  schon  deren  verwickelter  Aufbau  nicht
uließ.  Serben  wohnten  in  Ungarn,  Serben  und

roaten  im  Königreich  Kroatien,  das  sich  Ungarn
gegenüber  einer  gewissen  Autonomie  erfreut,  die  aber
doch  für  mannigfache  Reibungen  Raum  läßt,  ebenso
auch  in  Bosnien  und  Dalmatien,  zwei  Ländern,  deren
staatsrechtliche  Stellung  noch  ungeklärt  erscheint.
Gerade  diese  Zersplitterung  hat  die  Beherrschung  sehr
erleichtert.  In  Bosnien  z.  B.  sind  die  orthodoxen
Serben  das  relativ  stärkste  Element,  sie  besitzen  aber
nicht  die  absolute  Mehrheit;  nach  ihnen  kommen  an
Zahl  die  Mohammedaner  und  die  katholischen  Kroaten,
die  aber  alle  die  gleiche  Sprache  sprechen.  Während
nun  die  Serben  fast  ausnahmslos  der  österreichischen
Herrschaft  äußerst  feindlich  gesinnt  waren,  hielten  die
Kroaten  seit  jeher  zur  Monarchie,  während  die  Mohammedaner
  seit  dem  Balkankrieg,  dessen  Ausgang
ihnen  die  letzte  Hoffnung  raubte,  je  wieder  unter  tür-
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        60

kische  Herrschaft  zurückzukehren,  aus  ihrer  früheren
mehr  passiven  Haltung  heraustraten  und  sich  derösterreichischen
  Herrschaft  aufrichtig  anschlossen.  Bezeichnend
  ist  übrigens,  daß  die  Zahl  der  mohammedanischen
  Rückwanderer  aus  Bosnien  immer  sehr  gering
war.  Daß  frisch  hinzu  annektierte  Serben  sich  etwa
als  staatstreues  Element  bewähren,  daß  sie,  denen
nach  so  hochfliegenden  Träumen  nun  ein  so  grausames
Erwachen  beschieden  ist,  sich  alsbald  mit  der  neuen
Lage  abfinden  sollten,  ist,  von  ihnen  weder  zu  erwarten
  noch  zu  verlangen.  Osterreich-Ungarn  würde  sich
also  nur  ins  eigene  Fleisch  schneiden,  wenn  es  die  Vereinigungspläne
  der  Serbokroaten  fördern  und  die
staatstreuen  Elemente,  die  es  in  ihrer  Verteilung  auf
die  verschiedenen  Länder  sehr  gut  als  Stütze  seiner
Herrschaft  benutzen  kann,  nun  der  Vergewaltigung
durch  die  dem  Staate  durchaus  feindlichen,  im  übrigen
aber  durch  größere  geistige  und  wirtschaftliche  Regsamkeilt
  den  Kroaten  und  Mohammeanern  durchaus  überlegenen
  Serben  ausliefern  wollte.  Ein  Gebiet,  dem
man  etwaigen  Neuerwerb  ohne  Schaden  anschließen
könnte,  gibt  es  in  ÖOsterreich  =  Ungarn  nicht.  Schlägt
man  beispielsweise  dem  Reichslande  Bosnien  auch
nur  ein  Gebiet,  das  von  einigen  hunderttausend  Serben
  bewohnt  ist,  zu,  so  gewinnen  die  Serben  im  Lande
schon  die  Mehrheit;  und  wenn  auch  die  Einführung
einer  Verfassung  und  parlamentarischer  Einrichtungen
  für  Bosnien  im  Jahre  1909  verfrüht  war,  so  wird
man  doch  nach  dem  Kriege  Formen  finden  müssen,
in  denen  man  die  Bevölkerung  zur  Verwaltung  heranzieht,
  ohne  Gefahr  zu  laufen,  daß  dies  zu  staatsfeindlichen
  Zwecken  mißbraucht  werde.  Das  ist  aber  natürlich
  in  dem  Augenblicke  ausgeschlossen,  wo  man
den  Serben  die  Mehrheit  im  Lande  verschafft,  und
die  staatstreuen  Kroaten  und  Mohammedaner  hätten
vor  allem  Grund,  sich  darüber  beschwert  zu  fühlen.
So  würde  auch  bei  einer  Annexion  der  verbleibenden
Reste  von  Serbien  und  Montenegro  wohl  nur  der
Ausweg  übrigbleiben,  diese  Länder  selbständig  und
zunächst  wohl  für  ziemlich  lange  Zeit  militärisch  zu
verwalten.  Das  mag  an  sich  kein  Unglück  sein;  aber
es  würde  die  wirtschaftliche  Erschließung  des  Gebietes
sehr  erschweren,  weil  diese  Militärverwaltung  doch  der
gemeinsamen  Regierung  verantwortlich  wäre,  in  die
wiederum  Osterreich  und  Ungarn  gleichermaßen  Einfluß
  zu  nehmen  berechtigt  sind.  Und  daß  dieses  verwickelte
  Verhältnis  mancherlei  Hemmungen  mit  sich
bringt,  hat  man  bei  der  Verwaltung  Bosniens  schon
zur  Genüge  erfahren.  Die  Hebung  der  Produktion
wird  nach  diesem  Kriege  aber  das  dringende  Bedürfnis
  wohl  aller  Staaten  sein,  die  an  ihm  beteiligt  waren,
und  nicht  zuletzt  Österreich-Ungarns.  —  Die  andere
mögliche  Lösung,  eines  der  beiden  oder  beide  Königreichein
  verkleinertem  Zustande  nach  dem  Krieg  wiederherzustellen,
  begegnet  dem  nicht  unberechtigten  Einwande,
  daß  ein  solches  Serbien  oder  Montenegro  zwar
dieersten  Jahre  nach  dem  Kriege  soerschöpft  sein  werde,
daß  es  nur  daran  denken  könne,  die  schweren  Schäden
des  Krieges  zu  heilen,  schließlich  aber  doch  der  Zeitpunkt
  eintreten  werde,  wo  der  politische  Ehrgeiz  wieder
auflebt,  um  so  mehr,  wenn  Rußland  wieder  ein  Interesse
  daran  gewinnt,  Serbien  als  Sturmbock  gegen
Österreich  zu  verwenden,  wie  es  dies  in  der  Vergangenheit
  getan  hat.  Es  fragt  sich  eben,  inwieweit  es  durch
vertraglich  festgelegte  Rechte  gelingen  kann,  ein  wiederbergestelltes
  Serbien  oder  Montenegro  in  seiner  Politik
  zu  beschränken  und  unschädlich  zu  erhalten;  freilich
  wird  kein  geschriebener  Buchstabe  von  den  Men-I.

  Politik  und  Geschichte

schen  unabhängig  machen,  die  ihn  zu  handhaben  berufen
  sind.  Ist  der  Weg,  auf  dem  dies  geschehen  soll,
zur  eert  auch  noch  nichtsichergestell.  so  kann  doch  als

iegsziel  bezeichnet  werden,  daß  das  ganze  Gebiet
der  ehemaligen  Königreiche  Serbien  und  Montenegro,
soweit  es  nicht  an  Bulgarien  kommt,  der  Interessensphäre
  Osterreich-Ungarns  anheimfällt,  das  hier  die
Verfügungen  zu  treffen  haben  wird,  die  es  zu  seiner
dauernden  Sicherung  für  nötig  hält.

Albanien.  Mit  dem  serbischen  Problem  steht  das
albanische  zunächst  in  territorialem  Zusammenhang.
Albanien,  die  ephemere  und  nur  allzu  problematsche
Schöpfung  des  Balkankrieges  und  hier  vor  allem  der
Bemühungen  Österreichs,  ist  durch  den  Weltkrieg  #  niemandes
  Sache«  geworden.  Der  Staat,  mit  dem  die
Donaumonarchie  bei  der  Errichtung  des  albanischen
Staates  als  eifers  üchtigen  Mitbewerber  rechnen  mußte:
Italien,  steht  in  der  gne  unserer  Feinde  und  kann

um  Aufgeben  seiner  Ansprüche  gezwungen  werden.
en  größeren  Teil  Albaniens  haben  die  Mittelmächte
als  Faustpfand  in  Besitz,  das  strategisch  wichtige  Valona
beherrscht  allerdings  Italien.  Daß  selbst  unter  den
sehr  viel  günstigeren  Verhältnissen  nach  Ausschaltung
der  italienischen  Mit-Patenschaft  die  Errichtung  eines
albanischen  Staates  auf  erhebliche  Schwierigkeiten
stoßen  würde,  hat  das  kurze  Leidensjahr  dieses  diplomatischen
  Retortenerzeugnisses  wohl  gezeigt.  Was
aber  damals  aus  der  Notwendigkeit  geboren  wurde,
im  Verlaufe  des  Balkankrieges  übrigens  auch  die  wichtige
  Aufgabe  erfüllte,  durch  die  Abdrängung  Serbiens
von  der  Adria  den  Zwiespalt  in  die  Reihe  der  verbündeten
  Balkanmächte  zu  tragen,  hat  heute  kaum  mehr
Daseinsberechtigung.  Den  nationalen  Anspruch  der
Albanier  auf  einen  eigenen  Staat  wird  man  um  so
weniger  ernst  zu  nehmen  brauchen,  als  die  Wünsche
der  Bevölkerung  wohl  mehr  auf  Beibehaltung  der  altgewohnten
  Gesetzlosigkeit  als  auf  die  Errichtung  eines
nationalen  Staates  abzielen.  Die  österreichische  Herrschaft
  könnte  übrigens  auch  ihre  nationalen  Bedürfnisse
  befriedigen,  da  Osterreich  ein  Interesse  daran  hätte,
ein  albanisches  Nationalgefühl  als  Gegenwirkung
gegen  das  umwohnende  Serbentum  zu  schaffen,  bzw.
den  heute  schon  vorhandenen  Haß  der  Albanier  gegen
die  Serben  in  ein  Bett  zu  leiten,  das  der  Erhaltung  eines
nationalen  Gleichgewichts  und  damit  der  österreichischen
  Herrschaft  dienlich  wäre.  Nach  Jahren  fürsorglicher
  Erziehung  mögen  hier  dann  auch  die  Voraussetzungen
  für  eine  Autonomie  gegeben  sein,  die  der
schltzenden  Hand  einer  Großmacht  aber  keineswegs
wird  entbehren  können.  Osterreichs  Interesse  an  Albanien
  ist  natürlich  in  erster  Linie  militärischer  Natur
und  knüpft  sich  an  dessen  Küste.  Rücksichten  auf  Italien
können  es  nach  einem  siegreichen  Kriege  nicht  mehr
hindern,  die  adriatische  Oftüste  bis  zur  Straße  von
Otranto  unter  seine  Herrschaft  zu  bringen  und  sich  dort
maritime  Stützpunkte  zu  schaffen,  die  ihm  den  freien
Ausgang  aus  der  Adria  sichern.  Hierfür  kommtaller
dings  in  erster  Linie  nach  der  geographischen  Lage
und  Küstengestaltung  das  jetzt  von  den  Italienern
besetzte  Valona  in  Betracht.
riechenland.  Hängt  in  der  im  vorigen  Abschnitt
behandelten  Frage  noch  vielerlei  im  ungewissen,  so
kann  man  über  die  künftige  Stellung  Griechenlands
zu  den  Mächtegruppen  wohl  schon  einigernmaßen  beründete
  Voraussagen  wagen.  Die  phantastischen
Pläne  eines  Venizelos  von  einem  Großgriechenland,
  das  eine  Erneuerung  des  byzantinischen  Reiches
  darstellen  soll,  werden  dann  wohl  endgültig
        <pb n="73" />
        Samassa:  Die  Probleme  des  Balkans

ausgeträumt  sein.  Angesichts  der  wirklichen  Machtverhältnisse
  konnten  sie  auch  nie  etwas  anderes  als  eine
Utopie  sein.  Daß  sich  die  Ententemächte  in  Griechenland
  durch  ihr  brutales  Vorgehen  die  Sympathien,
die  sie  dort  besaßen,  auf  die  Dauer  verscherzt  haben,
kann  man  wohl  annehmen.  Trotdem  wird  sich  die
griechische  Politik  doch  nur  nach  den  eigenen  Interessen
  und  den  realen  Machtverhältnissen  bestimmen.
Griechenland  ist  ein  Küsten-  und  Inselstaat,  und  seine
einträglichste  nationale  Industrie,  die  sich  in  den  letzten
Jahren  vor  dem  Kriege  ganzaußerordentlich  entwickelt
hat,  ist  die  Schiffahrt.  Die  Mächtegruppe,  die  die
See  beherrscht,  wird  daher  auf  seine  Ensschliegungen
immer  großen  Einfluß  besitzen.  Die  Anlehnung  an
die  kontinentalen  Nachbarn  kann  ihm  indes  eine  gewisse
  Widerstandsfähigkeit  gegenüber  ungebührlichen
Zumutungen  der  seebeherrschenden  Mächte  bieten,
weil  sie  eine  Aushungerung,  wie  sie  während  des
Weltkrieges  Griechenland  zur  Unterwerfung  unter  den
Ententewillen  zwang,  unmöglich  macht.  Die  wirtschaftlichen
  Interessen  Griechenlands  sind  zwischen  den
beiden  Mächtegruppen  geteilt,  weisen  aber  doch  Überwiegend
  auf  die  Mittelmächte  und  ihre  Verbündeten.
In  der  Volkswirtschaft  Griechenlands  spielt  das  Auslandsgriechentum
  eine  bedeutende  Rolle.  Bei  dem

roßen  Patriotismus  der  Griechen  kommen  die  im
Mzlande  erworbenen  Vermögen  griechischer  Staatsangehöriger
  dem  Vaterlande  vielfach  zugute,  wovon
in  Athen  öffentliche  Stiftungen,  aber  auch  viele  private
  Luxusbauten  auf  Schritt  und  Tritt  Kunde  geben.
Diese  Auslandgriechen  sind  aber  auf  eine  wohlwollende
  Haltung  der  Bevölkerung  der  Länder,  in  denen
sie  ihr  Geld  verdienen,  angewiesen.  Hier  kommt  in
erster  Linie  die  Türkei  in  Betracht,  daneben  aber  auch
in  sehr  erheblichem  Maße  das  zur  Zeit  unter  englischer
Herrschaft  stehende  Agypten.  Je  stärker  sich  also  die
Gruppe  der  Mittelmächte  im  Kriege  erwiesen  hat,  desto
wahrscheinlicher  ist  der  Ans  cbluß  Griechenland  an  sie;
vollständig  kann  er  freilich  nur  werden,  wenn  sie  sich
auch  zur  See  im  Mittelmeer  ein  übergewicht  zu  verschaffen
  versteht  und  Griechenland  in  dieser  Beziehung
einen  vollwertigen  Schutz  gegen  die  Übergriffe  der
Entente  gewähren  kann.

Der  Balkan  und  die  Großmächte  nach  dem
Kriege.  Eine  für  die  Mittelmächte  siegreiche  Beendigung
  des  Kieges  wird  zwischen  den  Balkanstaaten
voraussichtlich  Grenzen  schaffen,  die  als  endgültig  betrachtet
  werden  können.  Diese  Neuordnung  wird  den
Balkan  aber  auch  der  Beeinflussung  durch  die  Großmächte
  in  starkem  Maße  entziehen.  Znöchst  wird  eine
Wirkung  des  Sieges  der  Mittelmächte  und  ihrer  Verbündeten
  die  Ausschaltung  des  russischen  Einflusses
sein.  Von  den  beiden  Soldaten,  die  es  am  Balkan
hatte,  hat  sich  der  eine,  Bulgarien,  endgültig  der  russischen
  Bevormundung  entzogen  und  gedenkt  in  Zukunft
  ausschließlich  bulgarische  Politik  zu  machen,  wobei
  seine  eigenen  Interessen  es  auf  die  #tege  guter  Beziehungen
  zu  seinen  jetzigen  Verbündeten  hinweisen;
der  andere  Soldat  aber,  Serbien,  bleibt  jedenfalls  in
österreichischer  Verwahrungshaft  und  wird  auf  die
eine  oder  andere  Art  unschädlich  gemacht  werden.  Aber
auch  im  Verhältnisse  Osterreich  s  zum  Balkan  beginnt
eine  neue  Epoche  durch  eine  schärfere  Abgrenzung
seiner  politischen  Interessensphäre.  Graf  Andrässy,  der
kühnste  Staatsmann,  der  die  auswärtige  Politik  der
Donaumonarchie  etwa  seit  der  Feu  des  Fürsten
Schwarzenberg  geleitet  hat,  dachte  sich  Osterreich  als
die  Schutzmacht  des  gesamten  Balkans;  ein  Groß-61



bulgarien  hat  ebensowenig  in  seine  Pläne  gepaßt
wie  ein  Großserbien.  Heute  ist  Bulgarien  die  Vormacht
  des  Balkans,  Mazedonien  wird  ihm  fest  angeliedert,

  und  an  irgendeine  bevorzugte  Stellung  in

alonili  kann  Österreich  nicht  mehr  denken.  Dafür
hat  es  aber  seine  Herrschaft  im  nordwestlichen  Ballan
erweitert  und  befestigt  und  vor  allem  der  serbischen
Bedrohung  ein  für  allemal  ein  Ende  bereitet.  Es
hat  einen  gewissen  Reiz,  daß  Joseph  II.  im  Jahre  1782
in  einem  Briefe  an  Katharina  von  Rußland,  in  dem
ein  Bündnis  gegen  die  Türkei  vorbereitet  wird,  seine
Ansprüche  an  das  damals  türkische  Gebiet  geographisch
etwa  in  den  Grenzen  geltend  macht,  wie  sie  voraussichtlich
  im  Frieden  als  österreichisches  Einflußgebiet
festgelegt  werden  dürften.  Jenseits  dieses  Gediets
wird  Osterreich  aber  weder  politisch  noch  wirtschaftlich
irgendeine  Art  von  Sonderstellung  als  -Balkanmacht=
  einnehmen  können  und  wird  hier  durchaus  auf
engstes  Zusammengehen  mit  seinem  deutschen  Bundesgenossen
  angewiesen  sein.

Die  Stellung  des  Deutschen  Reiches  zum  Balkan
hat  sich  durch  den  Krieg  natürlich  ganz  wesentlich  verändert.
  Die  Zurückhaltung  des  Fürsten  Bismarck  gegenüber
  allen  orientalischen  Fragen  ist  in  bezug  auf
die  Türkei  schon  bald  nach  seinem  Rücktritt  aufgegeben
  worden;  bezüglich  des  Balkans  suchte  die  deutsche
Politik  aber  immer  noch  die  Hinterhand  zu  wahren.
Das  ist  heute,  nachdem  deutsche  Feldherren  Serbien
und  Rumänien  niedergeworfen  haben  und  mit  Bulgarien
  ein  Bündnis  geschlossen  worden  ist,  das  wohl
ebenso  wie  das  mit  der  Türkei  den  Krieg  überdauern
wird,  nicht  mehr  möglich.  Das  Verhältnis  des  Deutschen
  Reiches  zu  den  Balkanstaaten  wird  ebensowenig
wie  das  zur  Türkei  den  Charakter  eines  Protektorats
haben  können,  wie  dies  im  Verhältnis  mancher  Großmächte
  zu  diesen  Staaten  vor  dem  Kriege  der  Fall
war.  Deutschland  kann  nur  wünschen,  daß  sich  die
ihm  verbündeten  und  befreundeten  Staaten  gut  entwickeln
  und  aus  eigener  Kraft  möglichst  stark  sind.
Aber  da  es  selbst  als  der  Stärkste  im  Bunde  anerkannt
sein  wird,  so  dürfte  ihm  doch  bei  Reibungen,  die  zwischen
  Nachbarn  kaum  zu  vermeiden  sind,  besonders
wenn  sich  neue  Verhältnisse  erst  einleben  müssen,  die
Rolle  als  Vermittler  und  Schiedsrichter  naturgemäß
sufellen-  Die  in  diesem  Kriege  bewährte  Gemeinsameit
  der  politischen  Interessen  wird  Bulgarien  auf
der  Seite  der  Mittelmächte  und  der  Türkei  erhalten
und  die  hier  geschlossenen  Bande  werden  sich  nach  dem
Kriege  zweifellos  durch  solche  wirtschaftlicher  Natur
verstärken.

Verkehrsfragen.  Zu  den  Balkanproblemen  wird
man  auch  jene  Verkehrsfragen  rechnen  dürfen.  die
mit  Politik  und  Volkswirtschaft  in  engster  Beziehung
stehen,  fast  alle  Gegenstand  internationaler  Abmachungen
  gewesen  sind  und  durch  den  Weltkrieg
wohl  eine  Neuregelung  erfahren  dürften.  Die  wichtigste
  dieser  Fragen  ist  die  der  Meerengen.

Bosporus  und  Dardanellen.  Je  weiter  der
Krieg  fortschritt,  desto  mehr  schob  Rußland  die  Eroberung
  Konstantinopels  und  damit  die  Gewinnung  des
freien  Ausganges  nach  dem  Mittelmeer  in  den  Vordergrund.
  Der  militärische  und  volkswirtschaftliche  Schaen,

  der  ihm  durch  die  Schließung  der  Meerengen  erwuchs,
  war  für  jedermann  überaus  anschaulich.  Dieses
Ziel  wird  Rußland  bestimmt  nicht  erreichen.  Es  ist  auch
noch  von  einer  weiteren  Veränderung  bedroht,  und
das  ist  die  Entstehung  einer  wirklich  brauchbaren  türkischen
  Flotte,  die  der  Alleinherrschaft  Rußlands  im
        <pb n="74" />
        62

Schwarzen  Meere  ein  Ende  macht.  Gelingt  es  der
Türkei,  mit  deutscher  Hilfe  eine  Flotte  zu  schoffen,  so
ändert  dies  allerdings  auch  den  Charakter  des  Meerengenproblems.
  Die  Bestimmungen  des  Pariser  Friedens,
  die  durch  die  Londoner  Konferenz  (1871)  zwar
eine  Milderung  zugunsten  Rußlands  erfuhren,  während
  es  im  übrigen  bei  dem  Verbot  der  Durchfahrt
von  russischen  Kriegsschiffen  durch  die  Meerengen  verblieb,
  gingen  von  der  Befürchtung  aus,  daß  ein  Kriegsschiff,
  das  einmal  im  Bosporus  sei,  sich  auch  der  Hauptstadt
  der  Türkei  bemächtigen  könne,  die  ja  dann  wehrlos
  unter  seinen  Kanonen  läge.  Besitzt  die  Türkei
aber  eine,  wenn  auch  kleine  moderne  Flotte,  die  wirklich
  verwendungsfähig  ist,  so  haben  einzelne  russische
Krigsschiffe  ihre  Gefährlichkeit  verloren.  Es  ist  wohl
möglich,  daß  eine  Neuregelung  der  Meerengenfrage
als  Kompensationsobjekt  bei  den  Friedenslerhandlungen
  verwertet  werden  wird.

Die  Donau.  Eine  zweite  internationale  Verkehrsstraße,
  deren  Rechtsverhältnisse  seit  dem  Pariser  Frieden
  internationaler  Regelung  unterliegen,  ist  die  Donau
  von  Orsova  abwärts.  Auch  hier  dürfte  sich  eine
Neuregelung  in  dem  Sinne  vollziehen,  daß  die  Abmachungen,
  die  der  Erhaltung  des  Schiffahrtsweges
dienen,  wirksamer  gestaltet  werden.  Zweifellos  wird
die  Donau  als  großer  europäischer  Verkehrsweg  nach
dem  Kriege  sehr  gewinnen,  besonders  wenn  die  Kanalprojekte,
  die  eine  Verbindung  der  Donau  mit  Rhein,
Elbe  und  Oder  ins  Auge  fassen,  verwirklicht  werden.
Dann  werden  natürlich  auch  die  Meerengen  für  die
deutschen  Wirtschaftsinteressen  eine  gesteigerte  Bedeutung
  erhalten,  die  Umschlagplätze  an  der  unteren
Donau  einen  Teil  des  Warenverkehrs  aus  dem  näheren
  und  ferneren  Osten  in  den  binnenländischen  Verkehr
  der  Mittelmächte  überleiten.

Piräus.  Sucht  der  Warenverkehr  lange  Seefahrt
und  kurze  Eisenbahnfahrt,  so  ist  es  mit  dem  Personenund
  Postverkehr  umgekehrt.  Die  Vollendung  der
Bahn  von  Larissa  nach  Saloniki  dürfte  im  Zusammenhang
  mit  einem  eventuellen  politischen  Anschluß  Griechenlands
  an  den  mitteleuropäischen  Mächtebund  nach

I.  Politik  und  Geschichte

Friedensschluß  dem  Piräus  zu  ungeahnten  Entwicklungsmöglichkeiten
  verhelfen.  Er  könnte  in  Zukunft
für  die  deutschen  Dampferlinien,  die  den  Sueskanal
durchfahren,  dieselbe  Rolle  spielen  wie  heute  Genua
oder  Neapel.  Zu  der  bestehenden  Bahnverbindung
würde  sich  dann  wohl  als  kürzeste  Verbindung  mit
den  mitteleuropäischen  Zentren  eine  Verlängerung  der
im  Bau  befindlichen  Bahn,  die  Dalmatien  an  das
österreichische  Bahnnetz  anschließt,  über  Albanien  und
Epirus  gesellen.  Voraussichtlich  wird  der  Bahnbau
auf  dem  Balkan  gegenüber  der  Zeit  vor  dem  Kriege
insofern  eine  gründliche  Unggestaltung  erfahren,  als
er  ausschließlich  unter  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten
erfolgen  wird,  während  früher  jeder  Bahnbau  mehr
oder  weniger  eine  politische  Frage  war.  Militärischpolitische
  Gesichtspunkte  werden  freilich  auch  in  Zukunft
ihre  Geltung  behalten.  Während  das  wirtschaftliche
Moment  auf  die  möglichst  kurze  Verbindung  mit  dem
Meere  oder  der  schiffbaren  Wasserstraße  drängt,  sordert
  das  militärische  die  Sicherheit  der  Bahnlinie  und
die  kürzeste  Verbindung  zwischen  den  Werkstätten  des
Hinterlandes  und  der  Front.  Faßt  man  die  heute  verbündeten
  Staaten  als  eine  Verteidigungseinheit  auf,
so  wird  natürlich  die  Verbindung  Berlin-Wien-Konstantinopel
  stets  eine  außerordentliche  militärisch-politische
  Bedeutung  haben,  und  man  wird  sich  wohl  kaum
auf  die  einzige  Linie,  die  jetzt  für  diesen  Zweck  zur
Verfügung  steht,  beschränken.

Literatur.  Kl.  Nikolaides,  Mazedonien  (Berlin
1903);  G.  L.  Jaray,  L'Albanie  inconnue  (Par.  1913.;
Rich.  v.  Mach,  Briese  aus  dem  Balkankriege  1912—  13
(Berl.  1913);  Otto  v.  Gerstner,  Albanien  (Wien  1913);
H.  Uebersberger,  Die  Orientkrise  (im  »Handbuch  der  Politike,
  2.  Aufl.  1917);  Derselbe,  Rußland  und  der  Panflawismus
  sowie  Die  Rolle  Serbiens  und  Rußland  (in  =  Deutschland
und  der  Weltkrieg«,  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  O.  Frhr.  v.  Dungern,
  Rumänien  (Gotha  1916);  A.  Ischirkoff,  Bulgarien,
  Land  und  Leute  (Leipz.  1916);  S.  Goriainow,  Le
Bosphore  et  les  Dardanelles  (Par.  1910);  W.  Weiß-Bartenstein,
  Bulgarien,  Land,  Leute  und  Wirtschaft  zur
Zeit  des  Balkankrieges  (Leipz.  1913);  P.  Dehn,  Die  Völker
Südosteuropas  und  ihre  politischen  Probleme  (Frankf.  1900

Die  Türkei  im  Weltkriege
von  Professor  Dr.  Eugen  Oberhummer  in  Wien

Weltstellung  des  türkischen  Reiches.  Die  Bedeutung
  der  Türkei  im  Weltkriege  beruht  in  erster  Linie
auf  der  Weltlage  ihrer  Länder.  Man  kann  diese  kurz
bezeichnen  als  den  Schwerpunkt  der  Beziehungen
zwischen  den  drei  Erdteilen  der  östlichen  Halbkugel  in
der  Gegend  ihrer  größten  Annäherung,  historisch  als
den  Ausgangspunkt  der  herkömmlich  so  genannten
Weltgeschichte.  Seit  Jahrtausenden  durchkreuzen  sich
Rulturbeziehungen  und  politische  Machtfragen  längs
einer  Achse,  die  von  Südosteuropa  über  die  schmale
Verbindung  Afrikas  mit  Asien  hinweg  aus  der  Welt
des  Atlantischen  Ozeans  zum  Indischen  und  Stillen
Ozean  weist.  Der  Zusammenschluß  der  Länder  beiderseits
  jener  Achse  zu  einem  Herrschaftsgebiet  ist  den
Machthabern  alter  und  neuer  Zeit  als  ein  erstrebenswertes
  Ziel  erschienen.  über  die  Landenge  von  Sucz
hinweg  haben  die  Herrscher  Agyptens  nach  Asien,  das
assyrische  und  persische  Neich  nach  Afrika  gegriffen.
Anderseits  haben  die  schmalen  Meeresteile,  welche  die

Balkanhalbinsel  und  Kleinasien  nur  oberflächlich  tren.
nen,  nie  ein  wirkliches  Hindernis  des  Völkerverkehrs
und  politischer  Machtansprüche  von  der  einen  zur  anderen
  Seite  gebildet.  Die  indogermanischen  Völker
des  alten  Kleinasiens,  die  Phryger  und  später  die
Galater,  sind  über  die  Meerengen  eingedrungen;  nur
die  seefahrenden  Griechen  haben  vom  Meere  aus  in
breiter  Ausdehnung  die  Westküste  und  Teile  der  Nordund
  Südküste  besetzt,  ohne  tiefer  in  das  Innere  vorzudringen,
  und  dieses  Verhältnis  ist  im  wesentlichen
bis  heute  maßgebend  geblieben.  Die  homerische  Dichtung
  spiegelt  uns  den  ältesten  Kampf  zweier  Mächtegruppen
  um  die  entscheidende  Stellung  an  der  südlichen
  der  beiden  Meeresstraßen.  Darius  und  Xerxes
haben  von  Asien,  Alexander  der  Große  und  die  Kreuzfahrer
  (Friedrich  Barbarossa)  von  Europa  aus  ihre
Heereszüge  über  die  Meerengen  hinweggeführt,  die
Türken  wieder  in  umgekehrter  Richtung  ihren  Siegeszug
  nach  Europa  angetreten.

Den  gesamten  Länderkreis  beiderseits  der  Meerengen
  und  der  Landenge  von  Suez  in  einer  Hand
zu  vereinigen,  ist  zuerst  und  nur  für  kurze  Zeit  der
        <pb n="75" />
        Türkische  Staatsmänner  und  Heerführer.

Enver  Pascha.  Sald  Hallm  Pascha.
(Hofphot.  Mic.  Perscheld,  Berlin.)  eue  Phot.  Oes.,  Beriln-Stegiltz.  nach  C.  Fletzner,  Wien.)

Dschemal  pascha.

Talaat  Pascha.  Colmar  Freln.  v.  d.  Goltz.  (Hotphot.  E.  Bieber,  Berllu.)

Hihliographisches  Inbtitm  in  l.Cipzig.
        <pb n="76" />
        Bulgarische  Staatsmänner  und  Heerführer.

Nikolaus  Schekols.  Wassil  Radoslawokf.  (liofpnot.  H.  Kosel,  Wien.),

4  F

Bojadschijelt.

Kallin-  Neidenoll.  *3  Todoroft.
        <pb n="77" />
        Oberhummer:  Die  Türkei  im  Weltkriege

sieghaften  Tatkraft  Alexanders  gelungen.  Dauernder
war  ihre  Berbindung  mit  dem  römischen  Reich,  das
erst  durch  den  Anschluß  der  östlichen  Mittelmeerländer
  die  Weltherrschaft  im  Sinne  seiner  Zeit  erhalten
hat.  Auch  nach  dem  Zerfall  der  westlichen  Reichshälfte
hat  das  oströmische  Reich  die  politische  Verbindung
über  drei  Erdteile  hinweg  noch  aufrechterhalten,  bis
der  Ansturm  des  Islams  im  7.  Jahrhundert  den  südlichen
  Teil  davon  abschnitt  und  diesem  dauernd  den
Stempel  arabischer  Kultur  ausprägte.

Das  politische  Erbe  des  oströmischen  Reiches  hat
das  osmanische  Übernommen,  damit  zugleich  auch
viele  byzantinische  Überlieferungen,  die  in  türkischen
Einrichtungen  und  Gewohnheiten  bis  zur  Neuzeit  zu
verfolgen  sind.  Auf  der  Höhe  seiner  Macht  umfaßt
das  osmanische  Reich  den  ganzen  Länderkreis  um
das  östliche  Mittelmeer  von  der  Donau  bis  zum  Atlas,
  wie  das  byzantinische  zur  Zeit  Justinians.  Die
letzten  Jahrhunderte  haben  seinen  Besitzstand  stark
eingeschränkt.  Aber  der  Kern  seiner  Machtstellung,
und  zwar  in  weit  größerer  Ausdehnung  als  das  griechische
  Kaiserreich  zur  Zeit  der  Kreuzzüge,  ist  ihm  doch
geblieben.  Auf  dessen  Eroberung  zielte  das  Streben
der  beiden  ländersüchtigsten  und  machtgierigsten  Weltreiche,
  welche  die  Geschichte  kennt,  Englands  und  des
zarischen  Rußlands.

Rußland  hat  seit  seiner  Entwicklung  zur  Großmacht
  (vgl.  Uebersberger,  Grundzüge  der  russischen  Eroberungspolitik,
  S.  55  ff.)  unter  Peter  dem  Großen,
in  unverhüllter  Weise  hauptsächlich  seit  Katharina  II.,
die  Schlüsselstellung  an  den  Meerengen,  die  Ausgestaltung
  des  Schwarzen  Meeres  zu  einem  russischen
Binnensee  und  die  Verbindung  seiner  Dynastie  mit
dem  Glanz  der  einstigen  Faupchtadt  des  oströmischen
Reiches  unablässig  vor  Augen  gehabt  und  mit  allen
Mitteln  verfolgt.  Zweimal,  1854  und  1877,  glaubte
es,  diesem  Zelschon  nahe  zu  sein,  und  hielt  im  jetzigen
Krieg  die  Beute  für  sicher.  Nie  ist  das  Verlangen
nach  dem  Besitz  von  Konstantinopel  mit  so  schamloser
Offenheit  ausgesprochen  worden  wie  von  den  Vertretern
  der  eben  gestürzten  Zarenregierung  und  der
mit  künstlichen  Gewaltmitteln  gebildeten  Dumamehrheit.
  Daß  Rußland  den  Zeitpunkt  für  gekommen  erachtete,
  um  mit  Niederwerfung  Österreich-Ungarns
sein  heißerhofftes  Ziel  zu  erreichen,  war  der  unmittelbare
  Anlaß  zum  Weltkrieg.  Die  auffallende  Tatsache,
daß  seine  Verbündeten,  in  schroffem  Gegensatz  zu  der
im  Krimkrieg  verfolgten  Politik,  ihm  dieses  Ziel,  wohl
nicht  ohne  inneres  Widerstreben,  nunmehr  zugestehen
wollten,  erklärt  sich  aus  dem  Bedürfnis,  sich  Rußlands
  Hilfe  für  ihre  eigenen  Pläne,  Niederwerfung
Deutschlands  durch  England  und  Frankreich,  Vergrößerung
  Italiens  auf  Kosten  Osterreichs  und  Entschädigung
  aller  im  Orient,  zu  sichern.

England,  einst  der  stärkste  Rückhalt  der  Türkei
gegen  russische  Ansprüche,  hat  dabei,  wie  sich  erst  während
  des  Krieges  herausstellte,  den  Löwenanteil  im
Auge  gehabt.  Sein  Plan  ist  nichts  weniger  als  die
Schaffung  einer  breiten  englischen  Herrschaftszone
vom  Mittelmeer  bis  Indien.  Die  reichsten  und  fruchtbarsten
  Kulturländer  des  Altertums  und  die  Herrschaft
  über  die  wichtigste  Welthandelsstraße  sollten  ihm
dadurch  ohne  weiteres  in  den  Schoß  fallen.  Schon  seit
Jahrzehnten  hat  England  von  zwei  Seiten,  von  Agypten
  und  vom  Indischen  Ozean  aus,  auf  diesen  Plan  hingearbeitet
  und  die  Machtstellung  der  Türkeivon,  hier  aus
untergraben.  Die  Besetzung  Agyptens  1882  war  lange
Zeit,  besonders  dem  eifersüchtigen  Frankreich  gegen-63



über,  als  eine  vorübergehende  Maßregel  bezeichnet
und  die  spätere  Räumung  in  Aussicht  Fet  worden.
Tatsächlich  war  wohl  von  Anfang  an  der  Gedanke  an
eine  dauernde  Besitzergreifung  vorhanden  und  hat
mit  der  zunehmenden  Stärke  des  englischen  Einflusses
in  der  Verwaltung  immer  festere  Wurzeln  geschlagen.
Die  Hoheitsrechte  des  Sultans  wurden  schon  bei  der
Neuordnung  der  Verhältnisse  im  Sudan  1899  völlig
beiseite  gesetzt.  Das  Marokko-Abkommen  1904  schaltete
  die  Ansprüche  Frankreichs  aus  und  benahm  jeden
Zweifel  an  der  Absicht  Englands,  dauernd  in  Agypten
  zu  bleiben.  Die  schon  1875  erfolgte  übernahme
eines  großen  Teiles  der  Sueskanalaktien  sicherte  England
  neben  der  politischen  auch  die  finanzielle  Kontrolle
  des  Weges  nach  Indien.  Nach  Eintritt  der
Türkei  in  den  Krieg  hat  England  die  Maske  völlig
abgeworfen  und  Agypten  ebenso  wie  Cypern,  dessen
Verwaltung  es  1878  übernommen  hatte,  um  der
Türkei  ihren  asiatischen  Besitzstand  gegen  Rußland  zu
garantieren  (1),  zu  Bestandteilen  des  britischen  Reiches
erklärt  (Dezember  1914).

Die  Bedrohung  der  Türkei  durch  England  vom
Indischen  Ozean  aus  hat  sich  aus  unscheinbaren  Anfängen
  zu  einer  breiten  und  gesährlichen  Operationsbasis
  entwickelt.  Die  Besetzung  von  Aden  1839,  dann
von  Perim  und  anderen  Inseln  an  den  südlichen
Küsten  Arabiens  war  zunächst  nur  zur  Sicherung  des
Weges  nach  Indien  und  ohne  feindliche  Absicht  gegen
die  Türkei  gedacht;  sie  wurde  aber  zum  Ausgangspunkt
  für  das  englische  Einflußgebiet  in  Südarabien
und  im  Persischen  Golf.  Dieser  mit  demt  ganzen,  als
»Arabisches  Meer«  bezeichneten  Teil  des  Indischen
Ozeans  entwickelte  sich  mehr  und  mehr  zu  einem  Vorhof
  des  britisch-indischen  Reiches;  die  englischen  Besitzungen
  in  Arabien  wurden  der  indischen  Krone  unterstellt.
  Der  uralte  Kulturboden  am  Euphrat  und  Tigris
galt  als  ein  Vorland  von  Indien,  das  erst  wirtschaftlich,
  durch  die  englische  Flußschiffahrt  nach  Baghdad
und  Mosul,  dann  im  jetzigen  Krieg  auch  militärisch
und  politisch  erobert  werden  sollte.  Das  Vordringen
indischer  Truppen  den  Tigris  aufwärts  war  eine  der
ersten  Kampfhandlungen  seit  Eintritt  des  Kriegszustandes
  zwischen  England  und  der  Türkei  und  hat
vorläufig  zur  Besetzung  von  Baghdad  geführt.  Vorbereitet
  war  die  Irwoßoon  Mesopotamiens  durch  die
von  England  seit  1900  gewaltsam  durchgeführte=  Unabhängigkeilserklärung
  des  Scheichs  von  Koweit  an
der  Spitze  des  Persischen  Golfes,  wodurch  das  Ende
der  deussches  Baghdadbahn  in  englische  Hände  übergehen
  sollte.  Die  englischen  Umtriebe  gegen  den  Ausbau
  dieser  Bahn  hatten  insofern  Erfolg,  als  sich  die
Verzögerung  desselben  in  der  Tat  für  die  Verteidigungsstellung
  der  Türkei  in  Mesopotamien  als  äußerst
verhängnisvoll  erwiesen  hat.  Außerdem  war  durch
das  englische  Protektorat  über  Koweit  die  türkische
Provinz  el  Hasa  am  Persischen  Golf  vollständig  abgeschnitten
  und  der  türkischen  Herrschaftentzogen  worden
  (s.  unten,  S.  65).

Auch  im  Innern  von  Arabien  und  an  der  zum
türkischen  Reich  gehörigen  Westküste  waren  englischer
Einfluß  und  englisches  Gold  erfolgreich.  Hier  galt
es  vor  allem,  im  religiösen  Mittelpunkt  des  Islams,
den  heiligen  Städten  Mekka  und  Medina,  deren  Besitz
  für  den  Vorrang  der  Türkei  unter  den  mohammedanischen
  Ländern  und  die  Stellung  des  Sultans  als
Kalifen  von  wesentlicher  Bedeutung  ist,  die  türkische
Herrschaft  zu  verdrängen,  und  das  scheint  England
für  den  Augenblick  gelungen  zu  sein.  Sein  Streben
        <pb n="78" />
        64

geht  auf  die  Errichtung  eines  arabischen  Kalifats  und
wird  durch  die  bei  den  Arabern  von  jeher  bestehende
Abneigung  gegen  die  Türken  unterstützt.  Ob  freilich
ein  von  England  eingesetzter  Kalif  die  Anerkennung
und  das  Vertrauen  der  mohammedanischen  Gelt  finden
  würde,  ist  eine  andere  Frage.  Die  Tatsache,  daß
das  indische  Kaiserreich  allein  mehr  mohammedanische
Untertanen  (70  Millionen)  zählt  als  irgendein  anderer
Staat,  fällt  allerdings  dabei  schwer  ins  Gewicht.
Kann  England  seine  Herrschaft  über  Arabien  aufrechterhalten,
  so  ist  in  Verbindung  mit  der  britischen  Einflußsphäre
  im  südlichen  Persien,  der  Machtstellung  in
Afghanistan  und  der  Herrschaft  Über  Belutschistan,
der  Gürtel  von  Agypten  bis  Indien  geschlossen.

Um  auch  den  anderen  Verbündeten  ihren  Anteil
bei  der  Aufteilung  der  Türkei  zu  sichern,  sollte  Frankreich
  das  seit  Napoleons  III.  syrischem  Feldzug  1861
und  der  Gründung  französischer  Missionen,  Schulen
und  Erwerbsgesellschaften  als  Zukunftsbeute  betrachtete
  Syrien  erhalten,  Italien  im  südlichen,  Rußland
  im  nördlichen  Kleinasien  entschädigt  werden.
Das  westliche  Kleinasien  wollte  man  Griechenland  als
Preis  für  seinen  mit  allen  Mitteln  erstrebten  und
schließlich  erzwungenen  Anschluß  an  die  Verbündeten
überlassen.  Diese  von  allen  Seiten  dem  Bestand  des
türkischen  Reiches  drohenden  Gefahren  waren  der  türkischen
  Regierung  vollständig  klar,  als  siesich  entschloß,
dem  Gebot  der  Selbsterhaltung  folgend,  im  Anschluß
an  die  Mittelmächte  in  den  Weltkrieg  einzutreten.

Grenzen  und  Größe  des  Reiches.  Die  Türkei
als  Staat  ist  zu  keiner  Zeit  ein  einheitliches  geographisches
  Gebiet  von  natürlicher  Abgrenzung  gewesen;
die  politischen  Grenzen  sind  daher  fast  nach  jedem
Kriege  irgendwie  verschoben  worden  und  waren  gewissermaßen
  in  beständigem  Fluß.  Außerdem  waren
sie  nach  der  Seite  des  arabisch-afrikanischen  Wüstengürtels
  der  Natur  der  Sache  nach  immer  unbestimmt.
Alle  Flächenangaben  haben  daher  nur  einen  schwankenden
  und  roh  annähernden  Wert.  Im  gegenwärtigen
  Weltkrieg  sind  Üüberdies  erhebliche  Teile  türkischen

  Gebietes  von  Rußland  und  England  in  Asien,

dann  ganz  Agypten,  endlich  ein  Teil  der  Inseln  durch
Italien  besetzt.  Wie  sich  dort  die  Verhältnisse  gestalten
werden,  kann  erst  der  Friedensschluß  zeigen.  Wir
halten  uns  hier  nur  an  die  bei  Kriegsbeginn  zu  Recht
bestehenden  bzw.  seither  vertragsmäßig  festgelegten
Verhältnisse.

Die  Europäische  Türkei  ist  durch  den  Balkankrieg
  auf  einen  kleinen  Rest  ihres  ehemaligen  Bestandes
  beschränkt,  und  auch  dieser  hat  bis  in  die  jüngste
Zeit  mehrfach  geschwankt.  Nach  dem  siegreichen  Vordringen
  der  Bulgaren  im  Winter  1912/13  und  dem
Fall  von  Adrianopel  am  26.  März  1913  schien  der
Türkei  nur  ein  kleines  Stück  Vorland  von  Konstantinopel
  zu  verbleiben;  selbst  Teile  der  Marmaraküste
(Rodosto)  wurden  zeitweise  von  den  Bulgaren  beansprucht.
  Der  Londoner  Präliminarfriede  vom  Mai
1913  setzte  die  Linie  Enos-Midia  als  Grenze  fest,  die
jedoch  durch  diese  beiden  Städte,  Enos  an  der  Mündung
  der  Maritza  in  das  Agäische  Meer  und  Midia
am  Echwarzen  Meer,  nur  ungefähr  bezeichnet  wurde
und  tatsächlich  weiter  östlich  verlief.  Diese  Grenzlinie
ist  jedoch  nie  praktisch  wirksam  geworden,  da  inzwischen
der  Verlauf  des  zweiten  Balkankrieges  es  der  Türkei
ermöglichte,  einen  großen  Teil  des  von  Bulgarien  besetzten
  Gebietes,  besonders  das  Maritzatal  mit  der
großen  und  durch  nationale  Überlieferungen  geheiligten
  Stadt  Adrianopel,  wiederzugewinnen.  Der  Friede

I.  Politik  und  Geschichte

von  Bukarest  vom  10.  August  1913  ließ  die  türkischbulgarische
  Grenze  noch  offen.  Sie  wurde  erst  in
einem  besonderen  Frieden  beider  Staaten  zu  Konstantinopel
  im  September  1913  festgelegt  und  gab  der
Türkei  mit  einem  beträchtlichen  Grlände  westlich  von
Adrianopel  die  Herrschaft  über  einen  Teil  der  zum
Agäischen  Meere  führenden  Eisenbahn.  Dieser  für  Lulgarien
  kaum  erträgliche  Zustand  wurde  durch  ein  neues

renzabkommen  vom  25.  September  1915  beseitigt;  es
war  eine  Vorbedingung  für  den  Eintritt  Bulgariens
in  den  Weltkrieg  an  der  Seite  der  Mittelmächte.  Die
Grenze  folgt  nun  von  Adrianopel  aus  in  geringem
Abstand  der  Marigza,  so  daß  die  Bahnlinie  bis  Dede
Agatsch,  aber  auch  der  Bahnhof  von  Adrianopel  auf
bulgarischem  Boden  liegen.  Aus  der  ehemaligen

Die  bulgarisch-türkische  Grenzänderung  bet  Abrianopel
  25.  September  1915.

Bahnhofvorstadt  entwickelt  sich  nunmehr  ein  neues
bulgarisches  Adrianopel,  das  den  alten  bulgarischen
Namen  Odrin  führt,  während  die  alte  türkische  Stadt
amtlich  Edirneh  genannt,  wird.

Die  Fläche  des  nach  der  letzten  Grenzänderung
der  Türkei  in  Europa  verbliebenen  Gebietes  beträgt
rund  22000  aqkmi,  kommt  also  der  Fläche  von  Mähren
  oder  Steiermark  etwa  gleich.  Ganz  unklar  ist  noch
der  Anspruch  der  Türkei  auf  Inseln  des  Agäischen
Meeres.  Tatsächlich  ist  keine  derselben  derzeit  in  ihrem
Besitz.  Im  Frieden  von  Bukarest  1913  wurden  ihr
nur  die  unmittelbar  vor  der  Einfahrt  in  die  Dardanellen
  gelegenen  Inseln  Imbros  und  Tenedos  zuestanden,

  die  aber  augenblicklich  ebenso  wie  die  In-1
  an  der  Westküste  Kleinasiens  in  der  Macht  der
Feinde  sind.  Lesbos  und  Chios  sollten  an  Griechenland
  fallen,  das  damit  eine  bedrohliche  Stellung

1  Nach  einer  vom  Bersasser  durchgeführten  Berechnung.
        <pb n="79" />
        Oberhummer:  Die  Türkei  im  Weltkriege

unmittelbar  vor  der  Küste  Kleinasiens  erhalten  hätte.
Die  Türkei  hatte  in  die  Abtretung  noch  nicht  gewilligt,
  als  der  Weltkrieg  ausbrach.  Im  Süden  hielt
Italien  auch  nach  dem  Frieden  von  Lausanne  1912
unter  nichtigen  Vorwänden  den  sogenannten  Dodekannes
  (Lordachos  usw.;  Rhodos)  besetzt,  ohne  jedoch
das  Besitzrecht  der  Türkei  zu  bestreiten.  Diese  Inseln
blieben  daher  im  Balkankrieg  außer  Spiel,  sind  aber
nach  wie  vor  von  Italien  bcheor.  das  hier  festen  Fuß
#fassen  hofft.  Die  Insel  Cypern  endlich,  1878  von
gland  in  ähnlicher  Form,  d.  h.  unter  Wahrung  der
oheitsrechte  des  Sultans,  besetzt  wie  Bosnien  von
sterreich  --  Ungarn,  ist,  wie  oben  erwähnt,  im  Deber
  1914  ebenso  wie  Agypten  zur  englischen  Koie
  erklärt  worden.
Die  Grenze  der  Asiatischen  Türkei  ist  in  ihrem
anzen  Zuge  vom  Schwarzen  Meer  bis  zum  Persi-*
  Golf  festgelegt.  Die  türkisch-russische  Grenze  ist
ein  Ergebnis  des  Krieges  von  1877  und  auf  dem
Berliner  Kongreß  1878  vereinbart.  Gegen  Persien
ist  die  Grenze  mehrfach  unter  Mitwirkung  Englands
festgestellt  worden.  Ganz  unsicher  war  dagegen  von
jeher  die  Grenze  gegen  die  Syrisch  -Arabische  Wüste
sowie  der  am  t·  und  Ostrand  Arabiens  besetzten
Gebiete  gegen  das  Innere  der  Halbinsel.  Der  Machtbereich
  der  Pforte  reicht  hier  jeweils  nur  so  weit,  als
türkische  Militärposten  vorgeschoben  waren.  Die
unter  Abdul  Hamid  II.  erbaute  Hedschasbahn,  die
bedeutendste  Leistung  dieses  bei  aller  Einseitigkeit
weitblickenden  Herrschers,  sollte  hauptsächlich  dazu
dienen,  die  für  das  Ansehen  des  Kalifates  so  wichtigen
  Städte  Mekka  und  Medina  fester  mit  dem  Reiche
zu  verbinden;  doch  hatte  die  Bahn  vor  dem  Kriege
nur  das  nördlicher  gelegene  Medina  erreicht.  Selbst
auf  das  innere  Hochland  von  Arabien  (Nedschd),  wo
die  Emire  von  Hail  und  er  Riad  eine  selbständige
Macht  ausüben,  erstreckte  sich  der  Einfluß  der  Pforte,
dem  jedoch  vom  Persischen  Golf  her  der  englische  entgegenuarbeitete.
  Durch  die  Unabhängigkeitserklärung
des  Scheichs  von  Koweit  (Kueit)  unter  englischem  Protektorat
  war  ein  Keil  in  das  türkische  Gebiet  am  Persischen
  Golf  getrieben  und  die  erst  187  1  besetzte  Küstenprovinz
  el  Hasa  vom  Reiche  abgeschnitten.  Von  Aden
aus  gelang  es  England  in  diesem  Kriege,  die  immer
unzuverlässigen  Stämme  in  Jemen  und  besonders
den  einflußreichen  Scherif  von  Mekka  gegen  die  Türkei
aufzuhetzen,  so  daß  deren  Herrschaft  aus  dem  eigentlichen
  Arabien  derzeit  ganz  verdrängt  ist.
Geographisch  muß  auch  die  Sinaihalbinsel  als
ein  Teil  Arabiens  betrachtet  werden;  politisch  hat  sie
in  alter  wie  in  neuer  Zeit  ein  Anhängsel  Agyptens
ebildet.  Schon  die  Herrscher  des  Alten  Reiches  von
O#p#ten  haben  die  durch  ihre  Steinbrüche  und  Edelsteimminen
  wertvolle,  später  durch  die  biblische  Legende
und  das  christliche  Mönchswesen  berühmt  gewordene
Oalbinsel  unter  ihre  Herrschaft  zu  bringen  gesucht.
Mit  der  Begründung  der  neuen  staatlichen  Sonderstellung
  Agyptens  durch  Mohammed  Ali  und  Ismail
  Pascha  wurde  die  Frage  der  Zugehörigkeit  neuerdings
  aufgerollt  und  zugunsten  Agyptens  entschieden.
Als  Grenze  gilt  eine  von  el  Arisch  am  Mittelmeer
nach  der  Spitze  des  Golfes  von  Akaba  togene  gerade
  Linie.  Als  England  durch  das  Marokko-Abkommen
  1904  in  Agypten  freie  Hand  erhielt,  suchte
es  die  Spitze  des  Golfes  und  damit  den  Zugang  nach
Palästina  in  seine  Hand  zu  bekommen;  doch  blieb
dann  Alaba  in  türkischem  Besie  (1906).
Der  einst  so  ausgedehnte  afrikanische  Besitz  der
Der  Krieg  1914/17.  U.

65

Pforte  muß  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  als  verloren
  bezeichnet  werden.  Auf  die  letzte  unmittelbare
Provinz  Tripolis  mußte  die  Türkei  infolge  des  unlücklichen
  Krieges  mit  Italien  im  Frieden  von  Lauanne
  1912  verzichten.  Die  Annexion  Agyptens  durch
England  im  Dezember  1914  ist  zwar  eine  einseitige
Kriegshandlung  und  vor  Friedensschluß  nicht  rechtsverbindlich.
  Die  derzeitige  militärische  Lage  und  das
ungeheure  Interesse  Englands  am  Besitz  Agptens
läßt  jedoch  wenig  Hoffnung,  daß  es  der  Türkeigelingen
werde,  ihre  Hoheitsrechte  Über  Agypten  a  wahren.
Wir  mülsssen  daher  dieses  Land  bei  der  Gesamtübersicht
  des  Reiches  jetzt  außer  Betracht  lassen,  so  daß  nur
der  asiatische  Festgand  mit  dem  kleinen,  aber  wichtigen
Rest  der  europäischen  Türkei  in  Betracht  kommt.
Umfang  des  Gebietes  kann  aus  den  früher  (S.  64)  angeführten
  Gründen  nur  annähernd  mit  1780  O0OOqkmt

ziffert  werden,  wovon  440000  aqkm  auf  den  sehr
unsicheren  Besitz  in  Arabien  entfallen.

Das  Land  und  die  Bolkswirtschaft.  Wie  schon
hervorgehoben,  ist  das  Staatsgebiet  im  geographischen
Sinne  kein  einheitliches.  Der  nördliche  und  mächtigere
  Teil  gehört  der  großen  Faltengebirgszone  an,
die  von  Südeuropa  durch  West-  und  zircchafien  hindurchgieht.
  Das  eigentliche  Kernland  ist  Kleinasien
mit  Armenien,  ein  von  vorwiegend  westöstlich
streichenden  Gebirgszügen  umrahmtes  Hochland  von
etwa  1000  m  mittlerer  Meereshöhe,  nach  Westen  sich
allmählich  senkend  und  in  breiten,  fruchtbaren  Tälern
zum  Agäischen  Meere  geöffnet,  während  sich  nach  Osten
die  Gebirge  enger  aneinander  scharen  und,  zu  bedeutender
  Höhe  ansteigend,  hochgelegene  und  schwer  zuängliche

  Täler  (Erzerum  1900  m)  einschließen.  Der
leine  europäische  Anteil  ist  ein  niedriges  Tafelland
  von  geringem  wirtschaftlichen  Wert,  aber  als
Vorland  der  Hauststadt  Konstantinopel  von  großer
Bedeutung.  An  dieses  Faltenland  stößt  im  Goli  von
Alexandrette  (Iskenderun)  rechtwinklig  ein  Schollenland
  von  nordafrikanischem  Typus,  die  syrisch=  arabische
  Tafel.  Auch  hier  finden  wir  neben  der  tiefsten
Einsenkung  des  festen  Erdbodens  in  der  Jordanspalte
Totes  Meer:  —394  m)ein  Hochland  von  bedeutender
rhebung  (Jerusalem  fast  800  m,  Damaskus  700  m),
aber  von  wesentlich  einförmigerer  Gestaltung.  Auch
Mesopotamien  gehört  in  seiner  nördlichen  Hälfte  noch
dieser  Tafel  an;  der  untere  Teil  des  Euphrat-  und
Tigrislandes  ist  die  Ausfüllung  eines  Einbruches,  der
sich  weiter  im  Persischen  Golf  fortsetzt.  Jenseits  der
mesopotamischen  Niederung  hat  die  Türkei  noch  Anteil
  an  dem  gefalteten  Randgebirge  des  iranischen  Hochlandes.
  In  Arabien  gehört  ihr  ein  etwa  200  km  breiter
und  über  2000  km  langer  Streifen  an  der  Westküste
mit  demhoch  gehobenen  Rand  der  inneren  Wüstentafel.

Klima.  Mit  Ausnahme  dieses  bis  in  die  Tropen
hineinragenden  Streifens  liegt  das  ganze  Staatsgebiet
  in  der  gemäßigten  Zone,  weist  aber  sehr  große
klimatische  Unterschiede  auf.  Kleinasien  ist  den  drei
südeuropälschen  Halbinseln  zu  vergleichen  und  gehört
dem  Mittelmeerklima  an;  doch  find  im  Innern  die
Unterschiede  der  Jahreszeiten  scharf  ausgeprägt,  und
besonders  das  armenische  Hochland  hat  sehr  kalte  und
schneereiche  Winter.  Syrien  und  noch  mehr  Arabien
liegen  bereits  im  trockenen  Wüstengürtel.  Mesopotamien
  ist  eins  der  heißesten  Länder  der  Erde.

Bau  und  Klima  des  Landes  bedingen  die  wirtschaftlichen
  Möglichkeiten,  über  die  hier  nur  einiges

1  Das  Deulsche  Reich  3.  B.  hat  elnen  Umfang  von  540  000  dkm.
5
        <pb n="80" />
        66

angedeutet  werden  kann.  An  Mineralschätzen  ist  wenigstens
  das  Faltengebirgsland  keineswegs  arm;  ihre  Gewinnung
  wird  aber  nur  an  wenigen  Stellen  mit  modernen
  Mitteln  betrieben.  Leider  ist  das  wichtigste
Mineral,  die  Kohle,  nur  in  geringem  Maße  vertreten.
Die  Türkei  ist  ein  wesentlich  agrarisches  Land,  Ackerbau
und  Viehzucht  sind  die  Grundlage  ihres  Wirtschaftslebens.
  Da  eine  zuverkäisige  Statistik  fehlt,  sind  Über
deren  zweifellos  mögliche  Steigerung  nur  Schöhnne
gen  und  Vermutungen  zulässig.  Vielfach  herrschen
arüber  übertriebene  Vorstellungen.  Gewiß  ist  bis
jetzt  nur  der  kleinere  Teil  des  anbaufähigen  Landes
wirklich  bebaut.  Aber  die  Ausdehnung  des  unproduktiven
  Bodens  ist,  wie  in  den  Mittelmeerländern
überhaupt,  ungleich  größer  als  z.  B.  im  mitteleuropäischen
  Klima  mit  Regen  zu  allen  Jahreszeiten.  Der
Kulturboden  bildet  nicht  wie  dort  eine  zusammenhänende
  Fläche  mit  geschlossener  Pflanzendecke,  sondern
inselartige  Flecke,  zwischen  denen  sich  weite  Gebiete
der  Steppe  oder  unfruchtbaren  Felsbodens  ausdehnen.
  In  den  eigentlichen  Trockengebieten  (Syrien
und  Mesopotamien)  ist  der  Anbau  meist  nur  mit
künstlicher  Bewässerung  möguch,  Eine  solche  hat  für
das  untere  Euphrat-  und  Tigrisgebiet  der  englische
Wasserbautechniker  Willcocks  in  großem  Stile  geplant.
Doch  ist  auch  hier  die  Größe  der  zu  gewinnenden  Kulturfläche
  früher  weit  Üüberschätzt  worden.  Immerhin
beruht  auf  der  Fortentwicklung  der  Landwirtschaft
in  Verbindung  mit  besserer  Ausnutzung  der  Bodenschätze
  und  der  Gebirgswälder  Kleinasiens,  an  denen
bisher  nur  Raubbau  betrieben  wurde,  die  wirtschaftliche
  Zukunft  der  Türkei.  Sie  ist  und  bleibt  noch  auf
lange  hinaus  ein  agrarisches,  auf  Naturalwirtschaft
angewiesenes  Land.  Die  Industrie  ist  noch  sehr  wenig
entwickelt;  der  Außenhandel  besteht  daher  hauptsächlich
  aus  der  Ausfuhr  von  Rohstofsen  (Getreide,  Rohseide,
  Früchte,  bergmännische  Erzeugnisse)  und  der
Einfuhr  von  Fabrikaten,  Kolonialwaren  und  anderen
Nahrungsmitteln.  Durch  die  in  den  letzten  Jahrbnnten
  entstandenen  Eisenbahnen  —  die  Anatolische
n  und  die  noch  unvollendete  Baghdadbahn,  dann
die  Bahnlinien  des  westlichen  Kleinasiens  und  Syriens
—  ist  die  wirtschaftliche  Entwicklung  wesentlich  gefördert
  worden;  doch  reichen  die  vorhandenen  Strecken
noch  lange  nicht  aus,  um  alle  Teile  des  weiten  Gebietes
  dem  Welthandel  zu  erschließen.

Die  Bevölkerung.  Mie  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen
  steht  in  enger  Wechselbeziehung  die  Zahl
und  Dichte  der  Bevölkerung.  Als  ein  agrarisches
Land  mit  geringer  Industrie  hat  die  Türkei  nur  eine
wenig  dichte  Bevölkerung.  Weite  Strecken  sind  überdies
  fast  menschenleer  oder  ernähren  als  Weideland
nur  eine  spärliche,  nomadisierende  Bewohnerschaft.
Am  dichtesten  besiedelt  sind,  abgeseheen  von  den  Städten,
  einige  Bezirke  von  gartenähnlichem  Anbau,  so
in  einzelnen  Randgebieten  Kleinasiens  und  besonders
im  Libanon,  wo  schon  im  Altertum  (Phönizien!)  die
Dichte  der  Bevölkerung  zu  sorgfältiger  Ausnutzung
des  Bodens  (Terrassenanlagen)  nötigte.

Ist  schon  die  Ermittlung  des  Umfanges  der  Bodenfläche
  der  Türkei  bei  dem  Mangel  guter  topographischer
  Karten  und  der  Unbestimmtheit  der  Grenze
gegen  das  Wllstengebiet  eine  unsichere,  so  ruht  die

erechnung  der  Bevölkerung  und  ihrer  Dichte,  letztere
unsicher  nach  den  beiden  Faktoren  der  Bodenfläche
und  der  Volkszahl,  auf  einer  durchaus  schwankenden
Grundlage.  Volkszählungen  in  unserem  Sinne  hat
es  in  der  Türkei  niemals  gegeben.  Die  Rückständig-I.

  Politik  und  Geschichte

keit  der  Verwaltung  und  die  Vorurteile  der  mohammedanischen
  Bevölkerung  gegen  ein  Eindringen  in
die  für  jeden  Außenstehenden  unantastbaren  Pomilienverhältnisse,
  dazu  die  Furcht  vor  Besteuerung  und
Rekrutierung  standen  einem  solchen  Unternehmen
früher  hindernd  im  Weg.  Daß  Voltszählungen  aber
auch  im  Gebiet  des  Islams  mit  leidlicher  Genauigkeit
  auszuführen  sind,  zeigt  das  Beispiel  von  Indien,
Agypten,  Algerien,  Bosnien  und  Nußland.  In  der
Türkei  ist  man  jedoch  vorläufig  auf  die  meist  nur  die
erwachsene  männliche  Bevölkerung  berücksichtigenden
amtlichen  Angaben  und  im  übrigen  auf  Schätungen
angewiesen,  die  für  einzelne  Städte  und  Provinzen
höchstens  die  Abrundung  auf  Tausende  gestatten.
Selbst  für  die  Bevölkerung  von  Konstantinopel  schwanken
  die  Angaben  ganz  außerordentlich.  Nach  heute

ültiger  Schätzung  kann  man,  in  stark  abgerundeten
88  annehmen:

Europäische  Türkei,  einschließlich  der  asiatischen
Teile  von  Konstantinopel  (Skutari  usw.),  2  Millionen,
Kleinasien  10,  Armenien  und  Kurdistan  21/,  Syrien
8  ½,  Mesopotamien  2  Millionen,  Arabien  1  Million;
für  das  ganze  türkische  Reich  (ohne  Agypten)  21  Millionen.
  Die  hieraus  und  aus  der  Bodenfläche  (s.  oben,
S.  65)  sich  ergebende  mittlere  Dichte  von  12  auf  1  qkmi
wird  hauptsächlich  durch  die  weiten  Trockengebiete  in
Syrien  und  Arabien  herabgedrilkt.  Sie  schwankt  zwischen
  2.3  in  Arabien  und  161  im  Libanon"!

Neben  der  Zahl  der  Bewohner  ist  für  jeden  Staat
die  Art  ihrer  völkischen  Zusammensetzung  von

roßer  Bedeutung.  In  dieser  Beziehung  leidet  die

Ürkei  vor  allem  an  dem  Mangel  einer  einheitlichen,
das  ganze  Reich  beherrschenden  Nationalität,  wozu
noch  die  im  Orient  viel  stärker  als  bei  uns  wiegenden
religlösen  Gegensätze  kommen.  Das  herrschende  Volk,
die  Türken  oder  Osmanen  (Osmanly),  wie  sie  im
Lande  selbst  nach  dem  Gründer  des  Staates  mit  Vorliebe
  genannt  werden,  macht  noch  nicht  die  Hälfte  der
Gesamtbevölkerung  aus,  etwa  9—10  Millionen,  und
steht  zu  dieser  in  einem  ähnlichen  zahlenmäßigen  Verhältnis
  wie  die  Magyaren  zur  Gesamtheit  der  Bewohner
  Ungarns  mit  Kroatien.  Zum  richtigen  Verständnis
  ihrer  Stellung  im  Reich  ist  ein  kurzer  Rückblick
  auf  die  Entstehung  dieses  Volkstums  unerläßlich.

Die  Osmanen  gehören  sprachlich  der  unter  sich
eng  verwandten  Familie  der  Turkvölker,  eines  Zweiges
  des  großen  uralaltaischen  Sprachstammes,  an,
der  durch  ganz  Innerasien  bis  Sibirien  (Jakuten)
und  China  verbreitet  ist.  Insbesondere  ganz  Turkestan
  und  Ostturkestan  (Tarimbecken)  sowie  große
Teile  des  russischen  Reiches  sind  vorwiegend  von  Türlisch
  pprechenden  VBölkern  bewohnt.  Ihre  Gesamtzahl
beträgt  mindestens  30  Millionen,  davon  etwa  15
Millionen  im  russischen  Reich,  wo  sie  meist  als  =  Tatarene
  bezeichnet  werden.  Die  Urheimat  der  Turk.
völker  ist  in  der  Gegend  des  Altaigebirges  zu  suchen.
Im  Urzustande  und  zum  Teil  noch  heute  (Kirgisen,
Turkmenen  usw.)  nomadisierende  Hirten  und  Reiter,
haben  die  Turkvölker  frühzeitig  in  Mittelasien  die
herrschende  Stellung  errungen  und  von  dort  aus  ihre
Züge  nach  Westen  angetreten.  Der  ältere  Wanderzug
geht  aus  Turkestan  durch  das  jetzt  russische  Steppenebiet

  nördlich  vom  Kaspischen  und  Schwarzen  Meere.
Verr  setzt  die  Völkerwanderung  ein,  eingeleitet  durch

1  Die  Dichte  im  Deutschen  Reich  beträgt  120  auf  1  akm.

2  Nach  Philippson.
s  Nach  einer  Berechnung  des  Versfassers.
        <pb n="81" />
        Oberhummer:  Die  Türkei  im  Weltkriege

das  türkische  Volk  der  Hunnen,  denen  in  den  nächsten
Jahrhunderten  bald  andere  Völker  gleichen  Stammes
nachfolgen,  so  die  Avaren,  Petschenegen,  Chazaren,
Kumanen  und  die  Urbulgaren.  Seit  der  um  etwa
1000  n.  Chr.  vollzogenen  Annahme  des  Islams  durch
die  asiatischen  Turkvölker  eröffnet  sich  für  diese  ein
neuer  Weg  nach  Westen  durch  Persien  und  damit
die  für  das  spätere  Türkentum  bezeichnende  Verbindung
  mit  persischer  und  arabischer  Sprache  und  Kultur.
  Schon  seit  dem  9.  Jahrhundert  drang  aus  Turkestan
  immer  mehr  türkisches  Blut  in  das  Kalifenreich
und  selbst  nach  Agypten,  wo  wiederholt  türkische
Dynastien  zur  Herrschaft  kamen.  Mit  dem  Auftreten
Seldschuks,  eines  Reiterführers  aus  Turkestan,  gegen
1000  n.  Chr.  und  seiner  Nachfolger  wurden  die  Türken
zu  einem  politischen  Machtfaktor  im  Iran  und  im  Kalifenreich,
  seit  1071  auch  in  Kleinasien,  wo  auf  dem  Boden
  des  oströmischen  Reiches  der  Seldschukenstaat  von
Rum  (d.  h.  »Rom«)  oder  Ikonion  (Konia)  entstand.
Die  hier  eingewanderten  Türken  bildeten  nur  eine
Minderheit  gegenüber  der  ansässigen,  im  byzantinischen
  Griechentum  aufgegangenen  Bevölkerung.  Aber
diese,  und  zwar  hauptsächlich  die  Landbewohner,  traten
  infolge  des  byzantinischen  Steuerdruckes,  der
Mißstände  der  Verwaltung  und  des  Großgrundbesitzes
  niassenweise  zu  den  neuen  Herren  über,  nahmen
deren  Religion,  den  Islam.  und  allmählich  auch  die
türkische  Sprache  an.  So  ist  auf  dem  Boden  Kleinasiens
  ein  neues  türkisches  Volkstum  entstanden,  das
dem  Blute  nach  nur  wenig  Beziehungen  zu  den  türkischen
  Völkern  Innerasiens  hat  und  auf  der  Grundlage
  der  alten  Bevölkerung  des  Landes  ruht.  Die
Rasse  ist  seit  Jahrtausenden  trotz  vieler  Beimischungen
  im  wesentlichen  die  gleiche  geblieben  und  zeigt  in
der  äußeren  Erscheinung  der  osmanischen  Sultane
wie  der  führenden  Personlichkeiten  des  heutigen  türkischen
  Reiches  den  bekannten  orientalischen  Typus
des  länglichen,  von  schwarzem  Haar  und  Vollbart
umrahmten  Gesichtes  mit  stark  ausgeprägter  Nase,
der  den  denkbar  schärfsten  Gegensatz  zur  sogenannten
mongolischen  Rasse  bildet.  Es  ist  daher  ebenso  falsch
und  irreführend,  die  osmanischen  Türken  wegen  ihrer
sprachlichen  Verwandtschaft  mit  mongolischen  Völkern
auch  deren  Rasse  zuzurechnen,  wie  die  Magyaren  oder
Finnen,  die  diesen  Rassentypus,  wenn  sie  ihn  übergupt
  je  besessen,  durch  Vermischung  mit  europäischen
ölkern  längst  abgestreift  haben.  Allerdings  findet
man  in  Kleinasien,  jedoch  kaum  diesseits  des  Bosporus,
  bei  der  Landbevölkerung  auch  mongoloide  Typen
als  Nachkommen  eingewanderter  türkischer  und  mongolischer
  Stämme,  aber  stets  in  der  Minderzahl.  Die
asse  der  Bevölkerung  jedoch  hat  nur  Religion  und
Sprache  gewechselt  wie  ein  Kleid,  dagegen  die  Rassenmerkmale
  ihrer  Vorfahren  im  Lande  beibehalten.

Die  Türkisierung  Kleinasiens  im  13.  und  14.  Jahrhundert
  hatte  sich  unter  seldschukischen,  turkmenischen
und  mongolischen  Herrschern  längst  vollzogen,  ehe
die  Osmanen  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  die
Gewalt  über  die  ganze  Halbinsel  errangen.  Ihre
Herrschaft  konnte  sich  hier  auf  eine  Bevölkerung  von
überwiegend  gleicher  Sprache  und  Religion  stützen;  so
ist  Kleinasien  das  eigentliche  Kernland  des  türkischen
Reiches,  seine  Bauernbevölkerung  die  Quelle  der
türkischen  Volkskraft  geworden.

Der  von  Osman  1299  gegründete,  damals  noch
sehr  kleine  Staat,  ursprünglich  ein  seldschukisches
Lehen  an  der  Grenzmark  gegen  das  byzantinische
Reich,  hat  seine  Stoßkraft  zunächst  mehr  nach  der

67

europäischen  Seite  gerichtet  und  zum  Schaden  seiner
späteren  Entwicklung  seinen  Schwerpunkt  auf  der
Balkanhalbinsel  gesucht.  Von  Anfang  an  war  die
Herrschaft  über  die  Meerengen  als  das  beide  Flügel
des  Reiches  in  Europa  und  Asien  verbindende  Glied
mit  Konstantinopel  als  Mittelpunkt  ein  Hauptziel
osmanischer  Politik.  Es  hat  damit  wie  in  vielen  anderen
  Einrichtungen  der  Staatsverwaltung  und  des
öffentlichen  Lebens  nur  das  Erbe  des  oströmischen
Reiches  angetreten.  Aber  wie  dieses  sein  Griechentum
den  undringenden  slawischen  Völkern  wie  auch  den
illyrischen  Albanern  und  den  romanisierten  Walachen
egenüber  nicht  zur  Geltung  zu  bringen  vermochte,
60  hat  die  osmanische  Herlschafe  nicht  einmal  den
Versuch  gemacht,  sich  die  Völker  der  Balkanhalb-=insel
  zu  assimilieren.  Soweit  diese  den  Islam  angenommen
  haben,  wie  in  Bosnien,  Albanien,  Bularien
  (Pomaken),  auf  Kreta,  behielten  sie  doch  ihre
lawische,  albanische,  griechische  Sprache  bei  und  wurden
  von  den  Andersgläubigen  nur  ihrer  Religion
halber  als  „Türken  bezeichnet.  Wirkliche  Türken
haben  sich  nur  in  einzelnen  Teilen  der  Halbinsel,  so
in  Rumelien  (dem  alten  Thrazien),  im  östlichen  Bulgarien,
  in  Mazedonien  und  Thessalien,  zum  Teil  schon
in  vorosmanischer  Zeit,  angesiedelt.  Ihre  Zahl  war,
mit  Einschluß  von  Konstantinopel,  kaum  jemals
höher  als  2  Millionen,  gegenüber  einer  Gesamtbevölkerung
  von  15  —.16  Millionen.  Hierin  liegt  der  Hauptgrund
  für  den  Rückgang  der  türkischen  Herrschaft  in
Europa  seit  etwa  100  Jahren.  Sobald  die  einzelnen
Völker  zu  nationalem  Bewußtsein  erwachten  und  das
Reich  nicht  mehr  die  Kraft  hatte,  ihren  von  außen  her
unterstützten  Widerstand  mit  starker  Hand  niederzuhalten,
  mußte  sich  das  Schicksal  der  Europäischen

Türkei  schrittweise  vollziehen.
Auch  in  Asien  und  Afrika  hat  die  osmanische
Herrschaft  über  das  türkische  Volkstum  weit  hinausegriffen
  auf  Länder  arabischer  Zunge.  Trotz  der
Frccbheuign  Durchsetzung  des  Kalifenreiches  mit  türkischen
  Elementen  (s.  oben)  sind  diese  in  der  arabischen
Umgebung  stets  etwas  Fremdartiges  geblieben.  Türkisches
  Volkstum  ist  dort  nie  bodenständig  geworden
und  hat  sich  im  wesentlichen  auf  Beamte  und  Militär
beschränkt.  Die  seit  dem  7.  Jahrhundert  durch  den
Islam  arabisierte  Bevölkerung  dieser  Länder  und
vollends  die  eigentlichen  Araber  selbst  haben  sich  als
Träger  einer  alten  Kultur  und  erste  Vorkämpfer
der  Religion  Mohammeds  den  Türken  wie  auch  anderen
  mohammedanischen  Völkern  gegenüber  immer
als  vornehmer  gefühlt  und  sich  nur  ungern  der  osmanischen
  Herrschaft  gefügt,  der  gleichwohl  durch  die
emeinsame  Religion  der  Weg  geebnet  wurde.  So
ildet  die  ungefähr  mit  der  Grenze  des  Falten-  und
Tafellandes  zusammenfallende  Sprachgrenze  von
Türkisch  und  Arabisch  einen  Riß  in  der  Einheit  des
Reiches  und  sondert  im  Süden  ein  eigenartiges  Volkstum
  ab,  daß  zwar  kaum,  wie  die  Völker  der  Balkanhalbinsel,
  zu  selbständiger  Staatenbildung  befähigt,
aber  fremden  Einflüssen  leichter  zugänglich  und  politisch
  un  zuverlässig  ist,  wie  die  von  England  in  Arabien
  betriebene  Agitation  gezeigt  hat.  Die  Zahl  von
etwa  6  Millionen  Arabisch  sprechender  Bewohner  des
Reiches  fällt  daher  gegen  die  nur  um  die  Hälfte  zahlreichere
  türkische  Bevölkerung  stark  ins  Gewicht.  Solange
  Agypten  mit  jetzt  12  Millionen  Bewohnern  als
Teil  des  Reiches  gelten  konnte,  war  das  übergewicht
natlirlich  ganz  au  der  arabischen  Seite.  Immerhin
zeigen  die  Vorgänge  in  Tripolitanien,  daß  die  ara-5*
        <pb n="82" />
        68

bische  Bevölkerung  dieser  bis  1912  unmittelbaren
türlischen  Provinz  für  die  moslemische  Regierung
gegen  die  fremden  Eindringlinge  eintritt.  Selbst  in

gypten  wäre  das,  trotz  der  Abneigung  gegen  das
Tüurkentum,  der  Fall,  wenn  der  militärische  Druck
Englands  eine  freie  Bewegung  zuließe.

Auch  in  der  nördlichen  Falle#sgebitgs  one  sind  die
Türken  zwar  das  vorherrschende,  keineswegs  aber
das  alleinherrschende  Volk.  Hier  stehen  besonders
zwei  Völker  nach  Sprache,  Religion  und  überlieferungen
  zu  ihnen  in  einem  scharfen  Ge  ensatz,  die  Griechen
und  die  Armenier,  jedes  in  der  Pohr  von  etwa  1½
Million.  —  Die  Griechen  haben  seit  dem  Altertum
  die  Westküste  Kleinasiens,  allerdings  nicht  lückenlos,
  vollständig  aber  die  vorgelagerten  Fnieln,  stellenweise
  auch  den  Nord-  und  Südrand  der  Halbinsel
inne;  in  den  großen  Städten  sind  sie  relativ  am  stärksen
  in  Smyrna  (etwa  die  Hälfte),  absolut  in  Kontantinopel
  (etwa  200000)  vertreten.  In  neuerer
Zeit  macht  sich  ein  Vordringen  des  Griechentums
nach  dem  Innern  zu  bemerkbar.  Dort  gibt  es  (im
Osten)  auch  Nachkommen  der  byzantinisch-  riechischen
Bevölkerung,  die  nur  ihre  Religion  und  Schrift  beibehalten,
  ihre  Sprache  aber  verlernt  haben  und  die
Bibel  in  türkischer  Sprache  mit  griechischer  Schrift
lesen.  Im  ganzen  boben  sich  die  Griechen,  von  den
Inseln  abgesehen,  mit  der  türkischen  Herrschaft  ziemlich
  gut  abgefunden.  —  Ein  viel  weniger  zuverlässiges
Element  sind  dagegen  die  Armenier.  Aus  ihrer
geographisch  als  Armenien  bezeichneten  Heimat,  die
im  östlichen  Hochland  auf  russisches  und  persisches
Gebiet  hinübergreift,  haben  sie  sich  durch  Auswanderung
  schon  seit  dem  Mittelalter  nach  Westen  bis  weit
nach  Curopa  hinein  verbreitet  und  sind  heute  in  fast
allen  größeren  Städten  der  Türkei  (in  Konstantinopel
allein  etwa  180  000)  in  erheblicher  Zahl  zu  finden.
Dagegen  ist  ihr  Heimatland  jetzt  so  von  kurdischen,
türkischen  und  anderen  Volkselementen  durchsetzt,  daß
sie  dort  kaum  noch  irgendwo  eine  geschlossene  Mehrheit
  bilden.  Ein  Teil  der  nach  Westen  gewanderten
Armenier  ist  jetzt  türkisiert  und  spricht  ein  eigentüm.
lich  modifiziertes  Türkisch  mit  armenischer  Schrift.
Viele  davon  haben  es  zu  hervorragender  Stellung
im  Staatsleben,  besondens  in  der  Finanzwerwaltung.
gebracht.  Im  übrigen  hat  der  dem  Volke  eigene  Geschäftsgeist.
  gegen  den  selbst  der  griechische  und  jüdische
nicht  aufkommt,  es  bei  der  übrigen  Bevölkerung
ebenso  unbeliebt  gemacht  wie  die  Juden  in  Osteuropa
und  gab  in  Verbindung  mit  der  Aufhetzung  der  Armenier
  durch  russische  und  englische  Agenten  der  Reierung

  eine  Handhabe,  um  gegen  ihr  staatsgefähriches
  Treiben  mit  grausamen  Mitteln  einzuschreiten.
Das  blieb  natürlich  wieder  nicht  ohne  Rückwirkung
auf  die  Haltung  des  Volkes  und  macht  dieses  zum  fragwürdigsten
  Element  in  der  Bevölkerung  des  Reiches.

Die  mit  den  Armeniern  in  bitterer  Feindschaft  lebenden
  Kurden  in  den  Gebirgen  zwischen  Armenien,
Mesopotamien  und  Persien  stehen  zwar  nach  ihrer
Abstammung  und  ihrer  indo  ermanischen  (iranischen)
Sprache  den  Türken  fern,  S#rd  aber  als  eifrige  Mohammedaner
  der  türkischen  Herrschaft  ergeben,  soweit
das  ihr  stark  ausgeprägtes  Selbstgefühl  zuläßt.  Andere
zersplitterte  Volkselemente,  wie  die  als  Muhadschir  begeichmeten
  mohammedanischen  Auswanderer  aus  der

alkanhalbin  sel  und  Kaukasien  (Bosniaken,  Albaner,
Tscherkessen),  die  Lazen  im  äußersten  Nordosten,  Zigeuner
  usw.,  kommen  politisch  kaum  in  Betracht.

Die  Türkei  als  Bormacht  des  Islams.  Stärker

I.  Politik  und  Geschichte

als  durch  den  nationalen  Charakter  wird  die  eigenartige
  Stellung  des  türkischen  Staates  durch  die  herrschende
  Religion  bezeichnet.  Von  den  21  Millionen
Bewohnern  des  Reiches  bekennen  sich  etwa  16  Millionen
  zum  Islam.  Der  Rest  entfällt  auf  Christen  verschiedenster
  Konfession  und  Juden  (etwa  800000),
welch  letztere  vor  der  religiösen  Intoleranz  Europas
in  der  Türkei  eine  Zuftuch  fanden  (Spaniolen)  und
in  neuester  Zeit  mit  besonderem  Nachdruck  ihrem
Stammland  Palästina  zustreben  (Zionisten).  Der
Prozentsatz  der  christlichen  Bevölkerung,  auf  deren
bunte  Gliederung  hier  nicht  näher  eingegangen  werden
kann,  ist  durch  die  Loslösung  der  Balkanvölker  wesentlich
  herabgedrickt  worden.

Der  Islam  ist  von  den  Völkern  türkischen  Stammes
  schon  vor  dem  Jahre  1000  in  Turkestan  übernommen,
  dann  durch  die  Seldschuken  und  Osmanen
nach  Westen  getragen  worden.  Auch  im  russischen
Reich  sind  die  dort  meist  als  -Tataren=  bezeichneten
Turkvölker  die  Hauptträger  des  Islams,  dem  sich
weder  die  Mongolen  noch  die  finnisch-ugrischen
Völker  an  sschloffen  haben.  Der  osmanische  Staat
war  von  Anfang  an  auf  muslimischer  Grundlage
aufgebaut.  Nur  dadurch  war  es  ihm  möglich,  auch
die  ersten  und  älteren  Träger  der  Religion  Moham-=meds,
  die  Länder  arabischer  Zunge,  sh  untertan  zu
machen.  Das  geschah  durch  die  Eroberung  von  Syrien
  1516  und  Agypten  1517,  womit  zugleich  die
Herrschaft  über  die  heiligen  Stätten  des  Islams,
Mekka  und  Medina,  gewonnen  wurde.  Später  folgte
die  Besetzung  Mesopotamiens  mit  der  alten  Kalifenresidenz
  Baghdad  1534  und  des  Nordrandes  von
Afrika  (Algier  1519,  Tunis  1533,  Tripolis  1551).

Schon  mit  der  Eroberung  von  Konstantinopel  1453
war  der  türkische  Sultan  der  mächtigste  muslimische
Herrscher  geworden.  Mit  Agypten  und  Arabien  fielen
ihm  der  unbestrittene  Vorrang  und  der  Anspruch  auf
die  höchste  weltliche  Würde  unter  den  Gläubigen  zu.
Noch  1517  wurde  von  dem  in  Kaitro  neben  dem  ägyptischen
  Sultan  residierenden  Nachkommen  der  abbassidischen
  Kalifen  diese  Würde  förmlich  auf  den  Sultan
  zu  Konstantinopel  übertragen.

Kalif  bedeutet  Stellvertreter  des  Propheten  in  der
weltlichen  Leitung  der  Gemeinschaft  der  Gläubigen.
Eine  Entscheidung  in  Glaubenssachen  kommt  ihm
nicht  zu;  aber  er  führt  das  Schwert  des  Islams  und
hat  allein  das  Recht,  den  heiligen  Krieg  (vgl.  S.  71ff.)
zu  verkünden.  Seine  Stellung  ist  daher  in  keiner
Weise  mit  dem  Papsttum,  eher  mit  dem  des  römischen
Kaisers  im  Sinne  des  christlichen  Miltelalters  zu  vergleichen.
  Das  Kalifat  ist  für  die  Türkei  auch  heute
von  um  so  größerer  Bedeutung,  als  sie  gegenwärtig
der  einzige  mohammedanische  Staat  ist,  der  seine
volle  Unabhängigkeit  bewahrt  hat.  Ihre  Vormachtstellung
  ist  in  neuerer  Zeit  von  zwei  Seiten  gefährdet
worden,  zuerst  von  Rußland,  dessen  Streben  nach  Konstantinopel
  den  Staat  an  seiner  Wurzel  bedrohte,
neuestens  durch  England.  Dieses  hat  durch  den  Raub
Agyptens  und  im  jetzigen  Krieg  durch  sein  Vordrinen

  in  Arabien  und  Mesopotamien  den  Plan  enthung,
  nicht  nur  die  mächtigsten  arabischen  Länder
unter  seine  Herrschaft  zu  bringen,  sondern  auch  durch
Wiedererrichtung  eines  arabischen  Kalifates  einen
entscheidenden  Ensuß  auf  die  ganze  mohammedanische
  Welt  zu  gewinnen.  Ob  jedoch  ein  von  England
eingesetzter  Vasallenfürst  wie  der  jetzige  Sultane  von
Agypten  je  das  entsprechende  Ansehen  finden  wird,
ist  mehr  als  zweifelhaft,  um  so  mehr  als  die  hierzu
        <pb n="83" />
        Oberhummer:  Die  Türkei  im  Weltkriege

erforderliche  Übertragung  der  Würde  durch  den  letzten
rechtmäßigen  Inhaber  sicher  nicht  zu  erreichen  ist.

Neueste  politische  Entwicklung.  Bis  zu  Anfang
des  19.  Jahrhunderts  stand  die  Türkei  europäischen
Einrichtungen  und  Anschauungen  fremdartig  und
schroff  gegenüber.  Mit  den  Reformen  Sultan  Mahmuds
  II.  (1808—39;  Abschaffung  der  Janitscharen
1826,  Neorganisation  der  Armee  und  der  Beamten,
Annahme  europäischer  Kleidung  usw.)  beginnt  die
Annäherung  an  europäische  Verhältnisse  und  macht
unter  dem  Sultan  Abdul  Medschid  (1839—61)  durch
die  Anerkennung  der  Gleichberechtigung  aller  Untertanen
  (Hattihumajun  1856)  weitere  Fortschritte.  Unter
  der  schwachen  Regierung  des  Sultans  Abdul  Asis
(1861—76)  suchte  der  gebildete  Teil  des  Volkes  selbst
den  Anschluß  an  westeuropäische  Jdeen.  Die  jungtürkische
  Bewegung  betätigte  sich  zunächst  auf  literarischem
  Gebiet,  lenkte  aber  bald  in  das  politische  Fahrwasser
  ein.  Es  war  das  erste  Erwachen  des  Nationalis-=mus,
  der  an  die  Stelle  des  religiösen  Fanatismus  des
Alttürkentums  eine  der  nationalen  Entwicklung  anderer
  Völker  entsprechende  Richtung  setzte.  Zugleich
wurden  aber  von  den  Jungtürken  die  Freiheitsgedanken
  der  französischen  Revolution  begierig  aufgenommen
  und  gegen  das  absolutistische  Regierungssystem
verwertet.  Die  von  Abdul  Hamid  II.  1876  nach  seiner
Thronbesteigung  erlassene  Verfassung  war  die  erste
kurzlebige  Frucht  der  neuen  Ideen.  Sie  wurde  außer
Kraft  gesetzt,  noch  ehe  sie  ins  Leben  getreten  war.  Die
streng  persönliche,  auf  einem  ausgebildeten  Polizeisystem
  aufgebaute  Regierung  Abdul  Hamids  zwang
die  =  Vereinigung  für  Freihes  und  Fortschritt,  ihre
offene  Tätigkeit  in  das  Ausland,  hauptsächlich  nach
Genf  und  Paris,  zu  verlegen,  während  sie  im  Lande
selbst  nur  im  geheimen  fortwirkte,  aber  große  Teile
der  Armee  ergriff.  Den  vielfachen  Demütigungen,
denen  die  Türkei  seit  dem  russisch-türkischen  Krieg
1877/78  von  seiten  der  jetzigen  Ententemächte  ausgesetzt
  war,  steigerten  die  Erbitterung  der  Bevölkerung
  und  führten  endlich  1908  zu  der  von  Saloniki
aus,  hauptsächlich  durch  den  jetzigen  Großwesir  Talaat
und  den  jetzigen  Kriegsminister  Enver,  ins  Werk  gesetzten
  Revolution,  die  mit  der  Wiederherstellung  der
Verfassung  und  der  Absetzung  des  Sultans  1909
endete.  Die  Umwälzung  im  Innern  machte  noch
1908  die  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina
durch  Osterreich--Ungarn  und  die  Unabhängigkeitserklärung
  Bulgariens  notwendig,  da  ein  Übergreifen
der  nationalen  Bewegung  auf  diese  formell  immer
noch  zum  Reich  gehörigen,  aber  tatsächlich  längst  davon
  getrennten  und  selbständig  entwickelten  Länder
von  den  gefährlichsten  Folgen  begleitet  sein  konnte.
Die  in  nationaltürkischen  Kreisen  deshalb  entstandene,
von  außen  (England)  geschürte  Erregung  wurde  nach
wenigen  Monaten  in  freundschaftlichem  Einvernehmen
  beigelegt.

Noch  ehe  das  auf  neue  Grundlagen  gestellte  Staatswesen
  Zeit  hatte,  sich  innerlich  zu  festigen,  drohten
ihm  schwere  Gefahren  von  außen.  Italien  hatte
seit  der  Besetzung  von  Tunis  (1881)  durch  die  Franzosen
  sein  Auge  auf  Tripolis  geworfen,  das  nicht  wie
jenes  ein  lose  verbundener  Vasallenstaat,  sondern  eine
unmittelbare  Provinz  des  Reiches  war.  Die  seit  1904
stets  deutlicher  hervortretende  Machtstellung  Frankreichs
  in  Marokko  und  Englands  in  Agypten  ließ  in
Italien  den  Wunsch  immer  brennender  erscheinen,
sich  in  Tripolis  schadlos  zu  halten.  Unter  nichtigen
Vorwänden  wurde  im  September  1911  ein  brutales

69

Ultimatum  gestellt  und  nach  dessen  Ablehnung  sofort
der  Krieg  eröffnet.  Trotz  harter  Kämpfe  gegen  die
türkischen  Truppen  in  Tripolitanien  und  die  zur  Pforte
haltenden  Araberstämme  konnte  der  Ausgang  nicht
weifelhaft  sein,  da  England  den  Durchzug  türkischer

ruppen  durch  Agypten  verhinderte,  das  als  Vasallenstaat
  selbst  zur  Heeresfolge  verpflichtet  gewesen  wäre,
und  die  Türkei  lber  keine  der  italienischen  ebenbürtige
Flotte  verfügte.  Die  Lahmlegung  der  Marine  unter
Abdul  Hamid  II.  rächte  sich  nunmehr  schwer  und  verschaffte
  Italien  auch  freie  Hand  im  Archipel,  wo  es  die
jetzt  als  Dodekannes  zusammengefaßten  Inseln  vor  der
Südwestküste  Kleinosiend  mit  Rhodos  als  Hauptstützpunkt
  besetzte  und  noch  jetzt  besetzt  hält,  obwohl  im
Frieden  von  Lausanne  18.  Oktober  1912  ihre  Rückgabe
  an  die  Türkei  ausdrücklich  in  Aussicht  gestellt
wurde.  Der  Friede  war  hastig  zustande  gekommen
unter  dem  Eindruck  des  die  Türkei  noch  unmittelbarer
bedrohenden  Balkankrieges.

Anfang  Oktober  1912  wurde  die  Welt  durch  den
egen  die  Türkei  gerichteten  Bund  der  Balkanstaaten
ulgarien,  Serbien,  Montenegro  und  Griechenland

überrascht.  Wir  wissen  jetzt,  daß  der  Bund  Serbiens,
Bulgariens  und  Montenegros  schon  seit  März  1912
bestand,  aber  sorgfältig  geheimgehalten  wurde,  besonders
  gegen  die  Türkei  und  die  mitteleuropäischen
Mächte.  Dagegen  ist  zweifellos,  daß  Rußland  im
Einvernehmen  mit  England  und  Frankreich  dabei  die
Hand  im  Spiele  hatte  und  den  Bund  als  Sturmbock
gegen  die  Türkei  und  Osterreich-  Ungarn  benutzen
wollte.  Der  Angriff  war  diplomatisch  wie  militärisch
gut  vorbereitet  und  hatte  den  völligen  Zusammenruch
  der  Europäischen  Türkei  zur  Folge.  Er  traf  die
türkische  Regierung  völlig  unerwartet  und  geschwächt
durch  den  Krieg  mit  Italien,  während  sie  soch  nicht
Zeit  gehabt  hatte,  die  Neuorganisierung  der  unter
Abdul  Hamid  in  ihrer  Entwicklung  zurückgehaltenen
Armee  durchzuführen.  Die  jungtürkischen  Ideen  hatten
  auf  den  Geist  des  Heeres  vielfach  zersetzend  eingewirkt,
  wie  auch  sonst  die  neue  Regierung  nicht  überall
eine  glückliche  Hand  hatte  und  durch  Überspannung
des  osmanischen  Staatsgedankens  —  alle  Völker  und
Bekenntnisse  des  Reiches  sollten  im  OSsmanismus
aufgehen  —  auch  ihr  sonst  ergebene  Elemente  zum
Widerstand  reizte  (Aufstand  in  Albanien  1911).  Nach
dem  Fall  von  Adrianopel  März  1913  blieb  ihr  als
letzte  Zuflucht  die  zähe  verteidigte  Tschataldschalinie
zum  Schutze  der  Hauptstadt.  Der  Ausbruch  des  zweiten
  Balkankrieges  zwischen  den  Verbündeten  eelost
verbesserte  die  Stellung  der  Türkei  in  Europa  wieder
  durch  die  Rückeroberung  von  Adrianopel  (Juli
1913)  und  des  unteren  Maritzatales  (s.  oben,  S.  61).
Für  die  russische  Politik  war  der  zweite  Balkankrieg
ein  Strich  durch  die  Rechnung.  Ihr  unmittelbares
Angriffsziel  wurde  nun  Osterreich=  Ungarn,  wofür
Serbien  den  Helfershelfer  abgeben  mußte.  Die  Zerstückelung
  der  Monarchie  sollte  den  Weg  nach  Konstantinopel
  bahnen,  das  von  den  Westmächten  längst
preisgegeben  war.  Auch  Rußlands  Absichten  auf  das
nördliche  Kleinasien,  wo  es  die  Weiterführung  der
Anatolischen  Bahn  über  Angora  hinaus  verhindert
hate  um  den  türkischen  Musmarsch  gegen  die  Kauasusfront
  zu  erschweren,  waren  kein  Geheimnis,
ebensowenig  jene  Frankreichs  auf  Syrien,  die  Italiens
auf  das  südliche  Kleinasien  und  die  Englands  auf
Mesopotamien.  Letzteres  hatte,  um  den  Zugang  zum
Persischen  Golf  in  der  Hand  zu  haben,  seit  Jahren  dem
Ausbau  der  deutschen  Baghdadbahn  alle  erdenklichen
        <pb n="84" />
        70

Hindernisse  in  den  Weg  gelegt  und  1913  die  Anerkennung
  des  Protektorats  über  Koweit  (s.  oben,  S.  63  u.
65)  zuerzwingen  gewußt.  Schließlich  kam  am  15.  Juni
1914  eine  Vereinbarung  zwischen  Deutschland  und
England  über  die  Strecke  bis  Basra  zustande.  Doch
wenige  Wochen  danach  brach  der  Weltkrieg  aus.

Für  die  Türkei  konnte  es  von  Anfang  an  nicht
zweifelhaft  sein,  daß  eine  Niederlage  der  Mittelmächte
auch  ihr  Ende  bedeuten  würde.  Die  Absichten  der
Ententemächte  über  die  Aufteilung  ihres  Gebiets  sind
seither  mit  aller  Offenheit  ausgesprochen  worden.
Der  erste  Schritt  zur  Lösung  alter  Fesseln  und  des
besonders  von  Rußland  und  den  Westmächten  musgeübten
  Druckes  war  die  Aufhebung  der  Kapitula-=tionen
  durch  Rundschreiben  vom  9.  September  1914.
So  heißen  ursprünglich  nach  ihrer  Einteilung  in  -Kapitel
  die  seit  dem  16.  Jahrhundert  mit  europäischen
Mächten  Uetroffenen  Vereinbarungen  über  die  Rechte
fremder  Untertanen  in  der  Türkei,  den  Handel,  Verkehr
  usw.,  Vereinbarungen,  die,  anfangs  und  unter
anderen  Verhältnissen  nützlich  und  notwendig,  allmählich
  zu  einem  lähmenden  Hindernis  jeden  Aufschwunges
  und  zu  einer  demütigenden  Einschränkung
der  Staatshoheit  geworden  waren.  Hierher  gehörten
die  Komsulargerichtsbarkei  und  die  fremden  Postämter,
  ganzbesonders  aber  die  Steuerfreiheit,  die  nicht
nur  fremde  Untertanen,  sondern  auch  zahlreiche  Einheimische
  als  -Schutzgenossene  anderer  Mächte  beanspruchten
  und  dadurch  den  Staatseinnahmen  enorme
Summen  entzogen.  Noch  unerträglicher  war  die
Hemmung  der  ganzen  Zollpolitik  und  damit  einer
wesentlichen  Grundlage  der  Finanzwirtschaft.  Die
Türkei  konnte  keine  Einfuhrzölle  schaffen  oder  die  bestehenden
  erhöhen  ohne  Zustimmung  der  fremden
Mächte,  die  natürlich  nur  darauf  bedacht  waren,  ihren
eigenen  Waren  möglichst  niedrige  Zölle  zu  sichern.
Nach  langen  Verhandlungen,  wobei  besonders  England
  und  Rußland  Schwierigkeiten  machten,  gelang
es  der  Türkei  1907,  die  Zustimmung  zur  Erhöhung
des  seit  1861  bestehenden  allgemeinen  Zolltarifs  von
8  Proz.  auf  11  Proz.  zu  erhalten;  aber  England  knüpfte
fle  an  die  Bedingung,  daß  die  hierdurch  erzielten  Mehreinnahmen
  nicht  im  allgemeinen  Staatsinteresse,  sondern
  lediglich  für  Mazedonien  zu  verwenden  seien,
und  zwar  hauptsächlich  deshalb,  um  dadurch  die  in
Aussicht  genommene  Kilometergarantie  für  die  deutsche
  Bagh  adbahn  zu  verhindern!

Seit  dem  Pariser  Frieden  1856,  der  die  Türkei  zum
erstenmal  innerhalb  des  europäischen  Völkerrechts
stellte,  hatte  die  Pforte  wiederholt  versucht,  die  ebenso
ihre  Staatshoheit  untergrabenden  wie  ihre  Finanzwirtschaft
  lähmenden  Fesseln  der  Kapitulationen  aluschütteln,

  erreichte  aber  erst  1909  die  Zustimmung
sterreich-Ungarns  und  Bulgariens,  1912  auch  die
Italiens,  wäheend  Deutschland  entsprechend  seiner
unter  Kaiser  Wilhelm  II.  verfolgten  Politik  von  vornherein
  dieser  Absicht  freundlich  gegenüberstand.  So
war  die  formelle  Kündigung  der  Kapitulationen  am
9.  September  1914  der  erste  Schritt  zum  Anschluß  an
die  Mittelmächte  und  zu  dem  am  28.  Oktober  1914
erfolgten  Eintritt  der  Türkei  in  den  Weltkrieg.

Was  die  militärischen  Operationen  während  des
Krieges  (vgl.  Band  III)  anlangt,  so  wurde  der  gefährliche
  Vorstoß  Englands  und  Frankreichs  gegen  Konstantinopel
  durch  die  heldenmütige,  von  deutscher  Artillerie
  unterstützte  Verteidigung  der  Dardanellen
glänzend  abgeschlagen,  während  an  den  östlichen  Fronten
  (Kaukasus,  Mesopotamien,  Sinai)  die  türkischen

I.  Politik  und  Geschichte

Truppen  nach  anfänglichen  Erfolgen  vor  der  Übermacht
  zurückweichen  mußten.  Die  damaligen  Verluste
  in  Asien  waren  hauptsächlich  begründet  in  der
Konzentrierung  der  Armee  zum  Schugze  der  Hauptstadt,
  deren  Verlust  nicht  nur  für  die  Türkei,  sondern
auch  für  die  Mittelmächte  verhängnisvoll  geworden
wäre,  und  in  dem  Mangel  an  fertigen  Bahnen  zur
kaukasischen,  mesopotamischen  und  Sinaifront,  wodurch
  rechtzeitiger  Nachschub  an  die  gefährdeten  Stellen
unmöglich  wurde.  Die  letzte  Entscheidung  wird  auch
ger  von  dem  Endausgange  des  Krieges  abhängen.

m  übrigen  haben  die  Ereignisse  der  letzten  Jahre  das
türkische  Nationalgefühl  mächtig  gesteigert.  Die  früher
im  Verkehr  mit  Fremden  und  nichttürkischen  Inländern,
  selbst  im  eigenen  Verkehr  mit  den  diplomatischen
Missionen  im  Ausland  stark  in  den  Hintergrund  gedrängte
  türkische  Staatssprache  hat  eine  ganz  neue  Geltung
  gewonnen  und  erstreckt  sich  seit  dem  Sprachengesetz
  vom  Februar  1916  auch  auf  die  fremden  Handels-
  und  Erwerbsgesellschaften  sowie  auf  die  fremden
  Lehrkräfte  an  der  im  gleichen  Jahre  ins  Leben
getretenen  Universität  in  Konstantinopel.  Eine  Reihe
von  Vereinigungen  und  Zeitschriften  dienen  dem  nationalistischen
  Programm.  Eine  starke  Bewegung
tritt  für  die  Reinigung  der  Schriftsprache  von  dem
Ballast  perstcher  und  arabischer  Bestandteile  ein  und
predigt  die  Rückkehr  zu  den  überlieferungen  des  reinen
  Türkentums,  als  dessen  Verkörperung  ein  ideales
Turan  erscheint.  Man  bezeichnet  diese  Richtung  daher
  als  Turanismus,  und  insofern  sie  die  kulturelle
  Fühlung  mit  allen  Völkern  türkischer  Zunge  erstrebt,
  als  Pantürkismus.  Auch  Frauen  haben  sich
in  den  letzten  Jahren  vielfach  an  dieser  Bewegung
beteiligt.  Es  wird  Sache  einer  einsichtsvollen  Staatsleitung
  sein,  den  an  sich  voll  berechtigten  nationalen
Gedanken  nicht  zu  überspannen  und  besonders  das
Selbstgefühl  der  für  das  Reich  so  wichtigen  arabischen
Provinzen  zu  schonen.  Dann  wird  der  Friede  auch
für  das  türkische  Reich  eine  neue  Ara  des  Ausschwunges
  bringen.

Literatur.  Bezüglich  der  älteren  geographischen  und
historischen  Literatur  5ê5  auf  den  Artikel  =  Türkisches  Reichdes
  Konversationslexikons  verwiesen.  Seither  ist  eine  Flut
von  Tagesliteratur,  aber  auch  manches  umfangreichere,  gebaltwolle
  Dert  erschienen.  An  geographischen  Darstelungen,

  früher  meist  nach  den  drei  Erdteilen  zersplittert,
ist  zu  nennen:  E.  Banse,  Die  Türkel.  Eine  moderne  Geographie
  (Braunschw.  1915,  2.  Aufl.  1916);  A.  Philippon,

  Das  Türtische  Reich  (#eim.  1915;  kurze,  gediegene
bersicht);  P.  Krause,  Die  Türktei  (Leipz.  1916;  hauptsatn
  Staat  und  Kultur  behandelnd).  —  Für  die  Gechichte
  ist  das  neuere  Hauptwerk  N.  Jorga,  Geschichte
des  osmanischen  Reiches  (Gotha  1908  —12,  5  Bde.);  vgl.
dazu  K.  v.  Sax,  Geschichte  des  Machtverfalls  der  Türktei
(Wien  1908);  „Helmolts  Weltgeschichte-,  Bd.  2,  3,  4  Leipz.
1902,  1901,  1900;  Neubearbeitung  in  Vorbereitung).  Einzelschriften
  verschiedener  Verfasser  enthält  das  Sammelwert
von  H.  Grothe,  Länder  und  Völker  der  Türtei  (Leipz.
1915,  neue  Folge  1917).  Aus  der  von  E.  Jäckh  in  zwangloser
  Folge  herausgegebenen  „Deutschen  Orientbücherei-(Weim.
  1915  ff.)  seien  wervorgehoben,  A.  Bhilippfon  #r
oben);  M.  Blanckenkhorn,  Syrien  und  die  deutsche  Arbeit;
  B.  Norig,  Wie  Agypten  englisch  wurde;  C.  A.
Schäfer,  Die  Entwicklung  der  bwashehsn  :  W.
Lehmaun,  Die  Kapitulationen;  E.  R.  Prigge,  Der
Kampf  um  die  Dardanellen;  M.  Kaufmann,  Pera  und
Stambul;  Tekin  Alp,  Türtismus  und  Pantürkismus;
Halide  Edib  Hanum,  Das  neue  Turan;  Machmub
Mukhtar  Pascha,  Die  Welt  des  Islams;  Giese,  Die
Toleranz  des  Islams:  J.  Hell,  Der  Islam  und  die  abendländische
  Kultur.  —  Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse
  behandeln  H.  Grothe,  Türkisch  -Asien  und  seine
        <pb n="85" />
        Grothe:  Der  heilige  Krieg

Wirtschaftswerte  (Frankf.  1916)  und  die  von  demselben
rausgegebene  Sammlung  -  Das  Wirtschaftsleben  der
rkeie  (I,  Berl.  1916),  ferner  die  reichhaltige  Schrift  von
K.  Wiedenseld,  Die  deutsch-türtischen  Wirtschaftsbeziehungen
  (Münch.  1915)  sowie  die  von  L.  Cwikliüsti
herausgegebene  Sammlung  von  Vorträgen  (A.  Frankfurter,

71

R.  Friedrich,  A.  Musil,  E.  Oberhummer,  F.  Schaffer  u.  a.)
„Balkan  und  Naher  Orient=  (Wien  28  Eine  Übersicht
des  gesamten  Turtentums  und  der  staatlichen  Entwicklung
des  osmanischen  Reiches  versucht  E.  Oberhummer,  Die
Türken  und  das  osmänische  Reich  (Leipz.  1917;  mit  zahlreichen
  Literaturnachweisen).

Der  beilige  Krieg
von  Dr.  zur.  ot  phil.  Ouge  Grothe,  Privatdozent  in  Stuttgart

Wesen  und  historische  Eutwicklung  des  heiligen
  Krieges.  Eine  Skizze  über  den  Fheiligen  Kriege,
wie  er  im  Laufe  dieses  Wellkrieges  in  Erscheinung
trat,  verlangt  eine  Deutung  des  Begriffes  und  eine

eschichtliche  Übersicht  über  die  Formen,  wie  sich  dieser
zeilige  Krieg  im  Islam  geäußert  hat.  Nur  die  Geschichte
  lehrt  uns  Wesen,  Bedeutung  und  Wandlung
des  heiligen  Krieges  verstehen.  „Dschihad=  beii
„Anstrengung-,-Kampf-,  imreligiösen  Sinne  gefaßt,
also  Kampf  auf  dem  Pfade  Gottes,  d.  h.  Glaubenskampf.
  Irrig  ist  es,  wenn  christliche  Theologen  ihn  dahin
  deuten,  daß  sein  eigentliches  Ziel  die  Ausbreitung
der  islamischen  Religionsgemeinde  ist  und  immer  war,
also  in  Leugnung  sittlicher  Beweggründe  stets  nur  die
Erringung  eines  religiösen  Weltimperiums  im  Auge
hat  (Lepsius).  Der  Richtigkeit  näher  kommt  die  Auffassung
  von  Ortentalisten  wie  Snouck  Hurgronzjei,
die  im  „Dschihad=  nicht  einen  ununterbrochen  in
der  Seele  des  Mohammedaners  wirksamen  Kriegsgedanken
  auf  religiöser  Grundlage  sehen  will,  sondern
  ihm  bald  die  mittelalterliche  Form  der  gewalttätigen
  Glaubenspropaganda,  bald  solche  der  Abwehr
  von  Ungriffen  zuschreibt,  die  den  Besitzstand
des  Islams  und  der  im  Kalifat  vertretenen  politischen
Machtzus  ammenfalsung  stören  oder  ihm  entgegentreten.
  Mit  der  Absicht,  die  den  Panislamismusleitet,
  dessen  Tendenz  in  dem  Zusammenschluß  aller
Moslems  der  Welt  liegt  und  in  der  Ausdehnung
ihrer  Herrschaft  möglichst  auch  über  andere  Religionen
und  Völker  der  Erde  gipfelt,  hat  also  der  Dihhed
ebensowenig  engere  Berührungen,  wiesich  jede  Kriegshandlung
  eines  islamischen  Staates  als  heiliger
Kriege  ausprägt.  Wesentlich  ist  bei  der  Erklärung  des
Dschihadbegriffes,  der  an  sich  eine  Einrichtung  des
beiligen  Gesetzes  des  Islams,  der  schari'a  ist.  daß  seine
Formen  und  sein  Wesen  durch  die  Entwicklungen  politischer
  und  geistiger  Natur  beeinflußt  wurden,  die
sich  in  der  islamischen  Welt  ereignen  mußten.  So
wechselt  er  nach  der  Geistesart  der  theologischen  Auffassung,
  nach  Vorherrschen  der  strengen  oder  milden
Richtung,  wie  er  anderseits  auch  nach  der  jeweiligen
Zeitlage  andere  Gestalt  annimmt  und  angenommen
hat.  So  hat  seine  Art  in  den  verschiedenen  Epochen
Wandlungen  zur  Schärfe  oder  zur  Milde  durchgemacht,
hat  kein  Glaubenskrieg  mit  einem  zweiten  strenge
Parallelen,  und  wird  es  nötig,  die  Bedeutung  und
den  Begriff  des  Dschihad  aus  den  bisher  bekanntgewordenen
  Erscheinungsformen  gewissermaßen  herauszuschälen".
  Daher  auch  die  Verschiedenheit  der

1  In  „Nederland  en  de  lalame  (Leiden  1915).

à  Val.  Gallt,  Dschihad.  Der  heilige  Krieg  des  Islams  und
lem#e  Bedeutung  im  Welttriege  (Freiburg  i.  Br.  1915);  Martin
  Hartmann,  Deutschland  und  der  heilige  Krieg  (in  ?  Das
neue  Deutschland“,  Ortentnummer,  1915,  III.  30/33).

Auffassung  Über  die  Natur  und  den  Umfang  eines
geiligen  Krieges  unter  den  islamischen  wie  europäischen
taatsmännern  und  Gelehrten,  wie  nicht  zum  mindesten
  auch  unter  den  europäischen  Orientalisten.  Unter
den  letzteren  wirkte  zudem  verwirrend  ihre  Stellung
im  Weltkriege  auf  seiten  einer  der  Türkei  und  somit
Deutschland  freundlichen  bzw.  feindlichen  Partei.  Auch
die  Neutralen  konnten  sich  nicht  immer  von  einer  mehr
oder  minder  parteiischen  Haltung  und  Deutung  lösen.
So  hat  sich  der  genannte  niederländische  Orientalist
Snouck  Hurgronje-Leiden,  der  von  den  Gefahren
einer  islamischen  Bewegung  für  die  kolonialen  Besitzungen
  Hollands,  wie  sie  aus  der  Erklärung  des  heiligen
  KFrieges  hervorgehen  könnten,  unleugdar  beeinfengt
  war,  leider  nicht  gescheut,  Deutschland  geradezu
ahin  zu  verdächtigen,  daß  es  den  heiligen  Krieg  der
Gegenwart  künstlich  heraufbeschworen  habet.

Als  Mohammed  die  bescheidene  Zahl  seiner  Anhänger,
  wenig  kriegsgeübter  mekkanischer  Stadtkinder,
  zu  Beutezilgen  auf  die  Handelskarawanen  Medinas
  zu  entflammen  hatte,  fand  er  die  Wendung  dschihad
  --Anstrengung  auf  dem  Wege  A#ahs=Mit
  der  damaligen  Aufforderung  des  Propheten:-O
ihr  Gläubigen,  fürchtet  Allah  und  suchet  zu  ihm  zu
gelangen  und  strengt  euch  an  auf  seinem  Wege,
vielleicht  werdet  ihr  dadurch  glücklich!e  (Sure  5,  39)
entstand  die  erste  Formel  für  den  dschihad,  die  der
kleinen  jungen  Gemeinde  auferlegt  war,  deren  Kampf
gegen  Rassen.,  ja  teilweise  Blutsverwandte  ging.  Was
dieser  allererste  Ausspruch  an  Wunsch  und  Befehl  in
sich  birgt,  ist  die  Erweckung  einer  religiösen  Pflicht
und  das  Wesen  des  Kampfzieles,  das  sich  gegen  solche
richtet,  die  nicht  an  den  Propheten  glauben.  Und
weiter  rief  Mohammehd,  als  seine  Scharen  schon  stärker
  waren,  aber  gerade  darum  fanatische  Verfolgung
durch  die  Mekkaner  zu  erdulden  hatten,  die  der  Prophet
  im  Geiste  seinen  künftigen  Anhängern  zugesellte:
„Kämpft  auf  Allahs  Wege  gegen  die,  so  euch  bekämpfen,
  ohnejedoch  die  Feindseligkeiten  zu
eröffnen.“=  Und  im  Eifer  für  die  Aufrechterhaltung
seines  Ideals  von  Glaube  und  Kultus  und  um  die  um
seine  Fahne  Gescharten  nach  Fehlschlägen  der  Waffen
anzuspornen,  wird  Mohammed  bald  im  Tone  kriegslustiger,
  wenn  er  sagt:  Tötet  sie,  wo  ihr  sie  findet;
versagt  sie,  von  wosie  euch  verjagt  haben;  denn  schlimmer
  als  Totschlag  ist  Argernis  in  der  Religion.
Und  bekämpff  sie,  bis  kein  Argernis  mehr  besteht  und
ihr  Gottesdienst  nur  Allah  gilt.=  Noch  kommt  der
Gedanke  des  Verleidigungszweckes  zur  Geltung,
aber  die  Ziele  der  Bekehrung  zum  rechten  Glauben
  treten  schon  zutage.  Als  sch  mit  dem  Erfolg  die
Pläne  weiten  und  das  Hinaustragen  der  Glaubensherrschaft
  das  Stigma  abzugeben  hat,  heißt  es:=  Vorgeschrieben
  ist  euch  der  Kampf,  auch  wenn  er  euch
widerstrebt=  (Sure  2,  212).  Der  Lohn,  der  auch

1  „Helllge  orlog  made  in  Gerwany"  (in  ber  Zeitschrist  De
Gidse  vom  Januar  1915).
        <pb n="86" />
        72

ein  Gotteslohn  sein  soll,  hat  jetzt  zu  locken.  »Niemand
wird  die  Hölle  schmecken,  dessen  Fuß  im  großen  Kampfe
gewandelt-,  ruft  Mohammed,  und  verheißend  geht
es  aus  seinem  Munde:  »Wahrlich  kämpfen  soll  auf
Allahs  Weg,  wer  sein  Leben  verkaufen  will,  das  irdische
  um  das  jenseitige.  Wer  kämpft  auf  Allahs  Weg,
ob  er  getötet  wird  oder  siegt,  wir  werden  ihm  einen
großen  Lohn  geben.-Die  Erziehung  zum  Kampfe
ist  geglückt,  irdische  Vorteile  haben  sich  den  überirdischen
  Hoffnungen  zugesellt;  die  Ruhe  am  Herde  wird
zur  Wahrung  und  Mehrung  des  Gutes  auf  friedlichem
Wege  manchem  Moslem  zum  Bedürfnis.  Hinwiederum
drängen  Beute-  und  Machtlustige  vielfach  zum  Kampf.
So  sind  gewisse  Einschränkung  und  klare  und  kluge
Voraussicht  beim  Kampfe  geboten.  Mohammed  spricht
denn:  „Nicht  alle  Gläubigen  müssen  stets  zusammen
ausrücken,  wenn  nur  von  jedem  Verbande  ein  Teil
auszieht.a  Aber  wenn  die  Not  kommen  sollte,  die  den
Besitzstand  des  Islams  schmälern  würde,  gilt  als  großes
  Aufgebot:-Ziehet  aus,  Leichte  und  Echwerel  und
kämpfet  mit  Gut  und  Leben  auf  dem  Pfade  Allahs-(Sure
  9,  41).  Freilich  schon  unter  Mohammed  wurde
die  Pflicht  zum  Defen  sivkampfe  zu  der  für  den  Offen
  siv  krieg  ausgedehnt.  Die  9.  Sure  spricht  davon,
daß  die  Ungläubigen  Strenge  bei  den  Kämpfern
für  Allah  finden  nen,  und  Sure  47  sagt:  „Wenn
ihr  die  Ungläubigen  antrefft,  so  schlaget  ihre
Nacken,  bis  ihr  sie  zermalmet  habt.=  Natürlich
stützen  sich  die  Heeresfahrten  nicht  auf  Züge  ganzer
Volksmassen,  sondern  bald  auf  sich  bildende  reguläre
Truppen.  Die  Theologie  folgt  der  Politik.  Im  Fiqh
wird  der  Dschihadgedanke  in  Gestalt  eines  Angriffskampfes
  zwecks  Ausbreitung  des  Islams  zu  einem  System
  aufgebaut,  ohne  daß  man  die  alte  Fiktion  völlig
fallen  läßt.  Als  das  Reich  feststeht  und  auf  die  Höhe
seiner  Macht  gelangt,  seine  Grenzen  bis  Gibraltar
und  zum  Indus  ausgedehnt  hat,  gewinnt  der  Dschihad
  eine  gewisse  Begrenzung  dadurch,  daß  nur  das
Oberhaupt  ihn  erklären  darf.  Freilich  haben  sich
einzelne  nordafrikanische  Kleinsultane  und  Führer
heiliger  Orden  auch  das  Recht  der  Erklärung  des  heiligen
  Krieges  zuzeiten  angemaßt.  Auch  nach  einer
anderen  Rchtung  wurde  dem  Dschihad  noch  ein
Hemmschuh  angelegt,  um  ihn  nicht  zum  Spielplatz
von  Waghalsigkeiten  und  Übereilungen  zu  machen.
Aussichten  auf  Erfolg  und  Wahrscheinlichkeit
  des  Sieges  mußten  gegeben  sein,  wofür  Stellen
  des  Korans  zur  Beurteilung  herangezogen  wurden.
  Es  heißt  dort:  -Wenn  auf  eurer  Seite  100  Standhafte
  sind,  so  werden  sie  200  besiegen.  Denn  Allah
ist  mit  den  Standhaften.“  Eine  weitere  wohl  mehr
oder  minder  formale  Eindämmung  war,  daß  eine
Aufforderung,  den  Islam  anzunehmen,  an  die  Feinde
der  Erklärung  des  Dschihad  vorausgehen  soll.

Die  Theologie  schreibt  im  heiligen  Gesetz  für  den
Dschihad  vor,  daß  zunächst  der  Gläubige,  als  der  Gesamtheit
  der  Moslems  angehörig,  eine  Ersatz  pflicht
(fard  al-kifüse  nach  den  Quellen)  beim  Dschihad  üben
mußfürdie,  welche  als-Vertreter-des  Kampfes  zu  wirken
  haben  gemäß  Beruf,  Amt  und  Stellung,  also  z.  B.
als  Heerespflichtige,  oder  er  bindet  nur  so  viele,  als
in  den  einzelnen  Fällen  zur  Führung  des  Dschihad
notwendig  sind.  Zur  Individualpflicht  (fard  ain)
wird  aber  das  Eintreten  für  den  Dschihad;  jung  und
alt,  Verheiratete  und  Ledige,  Berittene  und  Unberittene,
  Mann  und  Frau  haben  sich  ihm  im  Maße  der
vom  Imam  gegebenen  Vorschriften  zu  opfern,  wenn
islamisches  Land  einen  Angriff  vom  Feinde  erfährt

I.  Politik  und  Geschichte

oder  von  diesem  besetzt  wird;  im  letzteren  Falle  brauchen
  die  Moslems  nicht  auf  den  Befehl  des  großen
Aufgebotes  zu  warten,  sondern  können  aus  eigenem
Antrieb  den  Kampf  jeder  Art  aufnehmen.  Hier  handelt
es  sich  also  um  eine  große  Massenerhebung.  eine  Form
des  Dschihad,  wie  g44  äußerst  selten  in  Ershechung
trat.  Aber  was  sich  als  immer  selbstverständlichere
Voraussetzung  beim  heiligen  Kriege  geltend  macht,
ist,  daß  der  Dschihad  den  Charakter  eines  Offensivkampfes
  gegen  Andersgläubige  hat  und  ihm  der
Zweck  beiwohnt,  sie  untertänig  zu  machen,  sie  als
neue  Gläubige  oder  doch  als  geduldete  unterjochte
Andersgläubige  dem  Reiche  des  Islams  einzuliedern.

  Und  der  eigenkliche  Schauplatz  des  Dschihar
  wird  Där  u'l-harb,  d.  h.  hattee  des
Krieges-.  Denn  die  islamische  Gesetzeslehre  gliedert
die  ganze  bewohnte  Erde  in  zwei  Gebiete,  in  =  där  u'lisläm.,
  d.  h.  die  -Wohnstätte  des  Islamse,  und  solche
des  Krieges!  So  gestaltet  sich  die  Bekämpfung  der
Un  Häubigen  in  ihrem  Lande  als  Wesen  des  Dschihad
im  Geiste  der  Zeiten,  da  von  der  Enge  Gibraltars  bis
nach  Indien  und  China  unter  den  Kalifen  von  Bagdad
  gefürchtet  und  gebietend  die  mohcmmcdanische
Welt  bestand.

Als  sich  das  von  Mohammed  begründete  Einheitsreich
  in  mohammedanische  Einzelstaaten  auflöste  und
namentlich  seit  1258  auch  ein  die  gesamte  Islamwelt
beherrschendes  Oberhaupt  durch  fast  zwei  Jahrhunderte
  nicht  mehr  gegeben  war,  erlosch  der  Dschihad.
Auch  Spaniens  Verlust  entfachte  rl7v“  nicht.  Die  einzelnen
  Seldschukenfultane  haben  sich  allerdings  in  Gefährdung
  ihres  Reiches  und  des  islamischen  Glaubens,
die  durch  die  Krauzzüge  Üler  sie  kam,  deutlich  als
Al  Mudschtahid  Ullahe,  d.  h.  »für  Allah  den
Dschihad  Führende.,  bekannt.  Als  mit  Selim  I.
die  türkischen  Sultane  das  Kalifenamt  Übernahmen,
begann  der  Dschihad  wieder  zu  erwachen.  Alle  rechtlichen
  Voraussetzungen  waren  wieder  gegeben,  denn
die  subjektive  Auffafung  der  Islamkämpfer,auf
Allahs  Wegene  zu  fechten,  entscheidet  für  sein  Wesen.
Nicht  alle  Gläubigen  braucht  es,  um  ihn  entstehen  zu
machen.  Nichtanerkenntnis  der  türkischen  Sultane  als
Kalifen  von  einzelnen  Teilen  der  Islamwelt  vermag
also  ihre  Berechtigung  nicht  zu  stören,  einen  heiligen
Krieg-e  zu  führen.  Beim  Eroberungstrieb  der  Türken
  über  die  Balkanhalbinsel  in  die  ungarische  Tiefebene
  hinein  zeigte  der  Dschihad  der  mitteleuropäischen
Christenheit  seige  größten  Schrecken  (Belagerungen
von  Wien  1529  und  1638).  Die  Kriege  der  Türkei
gegen  Rußland  im  19.  Jahrhundert  sind  auch  als

schihad  geführt  worden,  wenn  auchchristliche  Mächte
ihr  helfend  zur  Seite  standen  wie  im  Krimkrieg,  und
Sultan  Abdul  Hamid  hat  auch  1877/78  den  Dschihad
gegen  Rußland  erklären  lassen.  Mit  diesen  Aufrufen
zum  Dschihad  ist  freilich  niemals  eine  Aufforderung
zu  fanatischer  Bekämpfung  des  Christentums  durch
Grausamkeiten,  etwa  auch  im  Inlande  gegen  die  ungläubigen
  Untertanen,  verbunden  gewesen,  wenn
auch  vereinzelte  Fälle  der  Erregung  gegen  die  Rajas
sich  ereigneten.  Die  islamischen  Rechtsbücher  warnen
ausdrücklich  vor  Grausamkeiten  gegen  die  Feinde.

Der  heilige  Krieg  und  der  Weltkrieg.  Der  Fall,
daß  die  Existenz  des  auf  dem  islamischen  Bekenntmis
sich  aufbauenden  türkischen  Staates  bedroht  war,  trat
im  Weltkrieg  im  Oktober  1914  in  hohem  Grade  ein.
„Laßt  nie  ab  von  der  Festigkeit  und  Ausdauer  in
diesem  Ktiege  den  wir  gegen  Feinde  eröffnen,  die  unsere
  heilige  Religion  und  unser  teures  Vaterland  an-
        <pb n="87" />
        Grothe:  Der  heilige  Krieg

reisen  wollen.  Stürzt  euch  wie  Löwen  auf  den
Feind,  weil  ebenso  wie  unser  Reich  auch  das  Leben
und  die  künftige  Existenz  von  300  Millionen  Moslems,
die  ich  durch  das  heilige  Fetwa  zum  heiligen  Kriege
aufrufe,  von  eurem  Siege  abhängene,  so  lautete  der
Aufruf  des  Sultans  Mohammed  V.  in  diesem  Kampfe
an  Heer  und  Flotte.  Und  bei  der  Parlamentseröffnung
  äußerte  sich  der  Kalif  über  die  Beweggründe
zur  Verklindung  des  heiligen  Krieges  folgendermaßen:
„Da  die  Notwendigkeit,  mit  bewaffneter  Macht  die
Politik  der  Zerstörung  abzuwenden,  die  von  Rußland,
Frankreich  und  England  zu  allen  Zeiten  gegen  die
islamische  Welt  verfolgt  wurde,  den  Charakter  einer
religiösen  Verpflichtung  annahm,  habe  ich  in  Übereinstimmung
  mit  den  betreffenden  Fetwas  alle  Mohammedaner
  zum  heiligen  Kriege  aufgerufen.“

Unter  dem  Fetwa  versteht  man  das  Rechtsgutachten,
  das  durch  den  Scheich  ul-Islam,  das  geistliche
Oberhaupt  des  Islams,  zu  erlassen  ist,  um  den  Kampf
zu  einem  rechtmäßigen  zu  machen.  Das  Fetwa
stellt  sich  als  ein  in  Frage  und  Antwort  gehaltener,  somit
  jedermann  leicht  verständlicher  Spruch  heraus,
der  einer  Entscheidung  des  Kalisen  über  den  heiligen
Krieg  zugrunde  liegen  muß.

Die  Wirkungen  des  heiligen  Krieges,  insbesondere
  insoweit  sie  außerhalb  der  Territorien  des  osmanischen
  Reiches  liegen,  sind  von  deutscher,  wohl
auch  von  türkischer  Seite  überschätzt  worden.  Nur
beiden  13—14  Millionen  Mohammedanern  der  Türkei
und  ihrer  nächsten  Grenzgebiete  in  Apten,  Persien
und  Kaukasien  hat  die  gewünschte  Entfachung  der
Kampfbegeisterung  wirklich  stattgefunden.  Auch  die
Schiiten  haben  unbedenklich  mit  ihrem  in  Nedjef  residierenden
  obersten  Mudschtahid  den  heiligen  Krieg
gebilligt.  In  Indien  wurde  —  begreiflicherweise  unter
  englischem  Einfluß  —  die  in  Form  des  religiösen.
Gesetzesgutachtens  vorgelegte  Frage,  ob  sich  die  Pflichten
  des  Dschihad  für  Indien  ergeben,  durch  Mirsa
Ghulam  Ahmed  von  Kadian  verneint.  Das  gleiche
war  allerdings  schon  1870  von  verschiedenen  Seiten
geschehen.  Die  mohammedanische  Gesellschaft  Kalkuttas
  erklärte  Indien  als  »Dar  u'l  isläm-,  womit
die  Ungesetzmäßigkeit  des  Dschihad  in  diesem  Lande
festgelegt  war,  eine  Auffassung,  der  sich  auch  damals
die  Rechtslehrer  Mekkas  anschlossen.  Und  die  Gesetzeslehrer
  Vorderindiens  entschieden,  daß  in  einem  Lande,
wo  christliche  Schutzherrschaft  besteht,  die  Bedingungen
  eines  Dschihade  nicht  gegeben  seien.  Was
in  Russisch-Zentralasien  und  in  Indien  die  dortigen
Machthaber  an  Gärungen  zu  überwinden  hatten,  werden
  wir  wohl  erst  nach  dem  Kriege  erfahren.  In  Arabien
  und  Mesopotamien,  desgleichen  unter  den  Kurden
  der  iranischen  Grenzketten  ist  das  Aufflackern  der
Kampflust  natürlich  ebenso  den  Aussichten  auf  Beute
und  Machterweiterung  zuzuschreiben  gewesen.  Im
ägyptischen  Sudan,  in  der  Kyrenaika  und  in  Tripo-1

  Wledergabe  der  fünf  heillgen  Fetwas  und  anderer  wichtiger
  Kriegsurkunden  burch  Kampffmeyer  in  der  ?  Welt  des  Illams=
  III,  1.

73

litanien  hat  unbedingt  die  durch  die  Senusiorden  beeinflußte
  religiöse  Stimmung  einen  Anteil  an  der
Verjagung  der  Italiener  nach  den  wenigen  befestigten
Küstenplätzen  zur  Folge  gehabt.  In  Tunesien  und
vor  allem  in  Algerien  ist  die  Abhängigkeit  der  eingeborenen
  mohammedanischen  Bevölkerung  von  ihren
Herren  in  Handel,  Wandel  und  geistiger  Beschaffenheit
  schon  so  stark  geworden,  daß  religiöse  Gefühle,
deren  Außerung  empfindliche  Nachteile  mit  sich  führen
müssen,  hier  sicher  nur  bei  wenigen  zur  Entzündung

elangten.  In  Marokko  haben  die  Bewohner  des

ebirges  und  der  Hinterlandsoasen  den  französischen
Besatzungen  manchen  scharfen  Widerstand  geboten.
Was  jede  Wirkung  im  großen  unterbinden  mußte,
war  der  Mangel  an  Waffen  und  an  Organisatoren
für  eine  weitere  Kreise  erfassende  Erhebung.  Nur  in
Tripolitanien  haben  türkische  Offiziere  Ziel  und  Richtung
  der  Aufstandskämpfe  zu  lenken  vermocht,  zum
Teil  auch  in  Transkaukasien  in  den  ersten,  dort  für  die
Türken  glücklichen  Kriegsmonaten.  Der  Erfolg  des
heiligen  Krieges  liegt  so  im  wesentlichen  für  die  außer.
halb  der  Türkei  lebenden  Mohammedaner  in  der  Stärkung
  des  Bewußtseins  der  Zusammengehörigkeit  in
religiöser  und  geistiger  Beziehung,  die  nach  dem  Kriege
vorteilhaft  auszunutzen  Aufgabe  der  türkischen  Politiker
  sein  muß.

Sicherlich  hat  sich  die  heutige  Anschauung  religiöser
und  politischer  Kreise  im  Orient  von  der  alten  Auffas.-sung
  des  Dschihad  erheblich  gelöst.  Man  hat  versucht,
  von  dem  für  die  Gegenwart  nicht  zeitgemäßen.
durch  den  Koran  gegebenen  religiösen  Apparat  soviel
wie  möglich  über  Bord  zu  werfen  oder  ihn  doch  durch
Interpretation  zu  revidieren.  Es  sind  sogar  mohammedanische
  Stimmen  laut  geworden,  die  den  Ansturm
der  Türken  gegen  Mitteleuropa  im  16.  und  17.  Jahrhundert
  als  verfehlten  Eroberer=  und  Glaubenseifer
bezeichneten.  Der  Dchihad  erhielt  neuen  Inhalt  im
modernen  Sinne.  Seine  Beschränkung  auf  bestimmte
Feinde  ergab  sich  als  möglich.  Unter  entsprechender
Auslegung  der  alten  Quellen  des  Islams,  diesich  gegen
eine  Freundschaft  mit  Andersgläubigen  nicht  in  Schärfe
aussprechen,  sofern  sie  die  Religion  nicht  bekämpfen,
wurde  diese  Form  des  heiligen  Krieges  ausdrücklich  gebilligt.
  In  der  Fortwirkung  derislamischen  Ideen  vom
Dschihad  stellt  also  der  gegenwärtige  heilige  Krieg  einen
allemohammedanischen:  Pllsgenofsen  herausfordernden
  Kampf  um  Selbständigkeit,  Freiheit  und
Ehre  dar.  Charakteristisch  für  diese  Auffassung  sind
die  Auslassungen  des  islamischen  Theologen  Schaich
Salih  Ascharif  Attunusi  in  der  Schrift  -Die  Wahrheit
über  den  Glaubenskrieg=  (Berl.  1915).

Literatur.  Außer  den  im  Text  erwähnten  Schriften
Meien  enannt:  Hugo  Grothe,  Deutschland,  die  Türkei  und
er  Islam  (Leipz.  1914);  Heinr.  Becker,  Die  Türkei  und
der  Islam  (Stuttg.  1915);  Hub.  Grimme,  Islam  und
Welttrieg  (Münster  1915);  Rich.  Schäfer,  Der  deutsche
Krieg,  Ilam  und  Christentum  (Leipz.  1915);  Rud.  Tschudi,
Der  Islam  und  der  Krieg  (Hamb.  1915);  Eug.  Mittwoch,
Deutschland,  die  Türkei  und  der  Heilige  Krieg  (Heft  17  der
„  Kriegsschriften  des  Kaiser-Wilhelm-Dankes",  Berl.  1915).
        <pb n="88" />
        74

Der  mitteleuropäisch-ltürkische  Plock
von  Prof.  Dr.  Paul  Samassa  in  Klosterneuburg  bei  Wien

Wandlungen  der  deutschen  Außenpolitik.  Als
im  Jahre  1911  Italien  an  die  Türkei  den  Krieg  erklärte,
  um  sich  in  den  Besitz  von  Tripolis  zu  setzen,  kam
das  Deutsche  Reich  in  eine  schwierige  Lage;  mit  Italien
war  es  verbündet,  der  Türkei  galt  es  als  der  uneigennützige
  Beschützer  und  Freund.  Damals  gab  es  in
Deutschland  einzelne  politische  Schriftsteller,  die  empfahlen,
  das  Deutsche  Reich  möge  sich  vollkommen  auf
die  Seite  der  Türkei  stellen  und  das  Bündnis  mit
Italien  aufgeben,  das  sich  im  Ernstfalle  doch  nicht  bewähren
  würde.  Ob  eine  solche  Anderung  der  Politik,
für  welche  die  Ereignisse  des  Weltkrieges  eine  nachträgliche
  Rechtfertigung  zu  bieten  scheinen,  nüctzlich  gewesen
wäre,  mag  dahingestellt  bleiben.  Darin,  daß  damals
die  Balkanfrage  noch  nicht  die  Lösung  gefunden  hatte,
die  der  Balkankrieg  brachte,  hätte  aber  eine  große  Erschwerung
  gelegen,  die  Bundesgenoffenschaft  mit  der
Türkei  praktisch  zu  betätigen,  wenn  es  etwa  damals
schon  zu  einem  Zusammenstoß  der  Großmächte  gekommen
  wäre,  was  nicht  ausgeschlossen  war.  Allerdings
  war  die  europäische  Lage  gegenüber  der  Zeit,
wo  Bismarck  den  Dreibund  schloß,  schon  stark  verändert.
  Der  Anschluß  Italiens  an  die  Mittelmächte
beruhte  auf  der  Voraussetzung,  daß  England  die  Seeflanke
  Italiens  decken  würde.  Mit  dem  Auftreten  des
deutschenglischen  Gegensatzes  konnte  davon  nicht
mehr  die  Rede  sein.  Gaepern  spielte  die  Türkei  in
der  Außenpolitik  des  Deutschen  Reiches  eine  ganz  andere
  Rolle  als  zu  Zeiten  Bismarcks;  sie  galt  Deutschland
  als  ein  zukunftsreiches  Gebiet,  das  seiner  Ausfuhr
  und  wirtschaftlichen  Betätigung  unter  gleichen
Bedingungen  mit  den  anderen  Mächten  stets  offen
bleiben  müsse,  und  es  mußte  sich  einer  Zerstückelung
dieses  Staates,  an  der  es  sich  weder  beteiligen  konnte
noch  wollte,  widerseshen.  Die  türkische  Frage  schuf
denn  auch  einen  der  Gegensätze  zwischen  Deutschland
und  Rußland,  der  mit  zum  Ausbruche  des  Weltkrieges
beitrug.  Noch  Bismarck  schien  eine  Festsetzung  Rußlands
  in  Konstantinopel  erträglich  —  wobei  er  wohl
voraussetzte,  daß  England  dies  um  jeden  Preis  verhindern
  werde;  daß  unter  Wilhelm  II.  der  Weg  nach
Konstantinopel  nur  über  Berlin  gehen  könne,  war  den
russischen  Staatsmännern  nicht  zweifelhaft.  Im  Frühjahr
  1914hat  der  bekannte  Brief  Professor  Mitrofanoffs
an  den  Herausgeber  der  Preußischen  Jahrbüchere2
deutlich  gezeigt,  daß  die  russische  Intelligenz  in  dieser
Fragehinter  den  Anschauungen  ihrer  Regierung  stand.

Der  Bierbund  im  Weltkrieg.  Was  sich  in  der
Friedenszeit  langsam  vordereitete,  hat  der  Krieg  rasch
zur  Reife  gebracht.  Schon  im  Herbst  1914  schloß  sich
die  Türkei  den  Mittelmächten  an,  ein  Jahr  später  Bulgarien.
  In  beiden  Fällen  haben  glückliche  Umstände
diese  Entschlüsse  gefördert.  Daß  die  Türkei  selbständigen
  Bestand  nur  bei  einem  Siege  der  Mittelmächte
behaupten  konnte,  lag  allerdings  auf  der  Hand.  Daß
sich  diese  nicht  allzu  schwierige  Krienumnis  aber  in  tatkräftigen
  Entschluß  umsetzen  würde,  war  doch  in  erster
Linie  dem  Umstande  zu  danken,  daß  ein  Mann  von
der  Bedeutung  Envers  die  Macht  der  Regierung  in
Händen  hatte.  Der  Entschluß,  sich  nach  vier  Kriegsjahren
  neuerdings  in  einen  Krieg  zu  stürzen,  dessen
Dauer  kaum  zu  übersehen  war,  konnte  den  dafür  Verantwortlichen
  gewiß  nicht  leicht  fallen;  es  handelte  sich

1  Veröffentlicht  im  Junihest.

I.  Politik  und  Geschichte

dabei  freilich  um  Sein  oder  Nichtsein.  Für  den  Beitritt
  Bulgariens  war  seine  durch  den  Bukarester  Frieden
geschaffene  demütigende  Lage  bestimmend;  daß  es
aber  zu  dieser  gekommen  war,  lag  in  erster  Linie  an
der  brutalen  und  wenig  klugen  Politik  Rußlands  im
Balkankrieg.  Hätten  wir  einem  saturierten  Bulgarien
gegenübergestanden,  so  wäre  unsere  Lage  bedeutend
ungünstiger  gewesen;  Bulgarien  hätte  keinen  Grund
gehabt,  gic  uns  anzuschließen,  wäre  mit  Rücksicht  auf
wirtschaftliche  Interessen  aber  leicht  in  Abhängigkeit
von  der  Entente  geraten.

Bom  Kriegsbund  zum  Friedensbund.  Haben
glücktche  Umstände  in  solchem  Maße  an  dem  Zustandeommen

  des  Vierbundes  Anteil,  so  ist  die  Frage  natürlich
  berechtigt,  ob  er  auf  so  fester  Grundlage  der
Interessengemeinschaft  ruht,  daß  wir  mit  seinem  Fortbestehen
  auch  nach  dem  Kriege  rechnen  können.  Der
eplante  Zusammenschluß  unserer  Feinde  zwecks  wirtchaftlicher
  Bekämpfung  der  Mittelmächte  und  ihrer
Verbündeten  nach  dem  Kriege  würde  natürlich  auch
uns  zu  einer  festen  Gemeinschaft  zusammenschmieden.
Das  Fortbestehen  des  Ententebündnisses  im  Falle
eines  für  uns  günstigen  Ausganges  des  Krieges  ist
indes  wenig  wahrschelch.  und  dies  mag  bis  zueinem
gewissen  Grade  auch  für  jede  andere  Art  des  Kriegsausganges
  gelten.  Insbesondere  die  schwächeren  Teilnehmer
  des  Ententebündnisses,  wie  etwa  Italien  und
Rumenien,  werden  mit  den  durch  den  Krieg  geoffenbarten
  Machtverhältnissen  rechnen,  in  deren  Beurteilung
  sie  sich  zu  ihrem  Schaden  so  sehr  geirrt  haben.
Dies  könnte  im  Zusammenhang  mit  einer  Wiederbelebung
  des  russisch-englischen  und  einer  Verschärfung
des  amerikanisch-japanischen  Gegensatzes  dem  Deutschen
  Reiche  zwar  größere  politische  Bewegungsfreiheit
verschaffen,  aber  doch  keine  dauernden  Bürgschaften.
Solche  können  nur  auf  einem  festen  Ausbau  des  mitteleuropäisch-bulgarisch-türkischen
  Blocks  beruhen.

Das  Deutsche  Reich  und  Osterreich-  Ungarn.
Das  Verhältnis  des  Deutschen  Reiches  zu  Österreich-Ungarn
  beruhte  vor  dem  Kriege  formell  zwar  auf
einem  gegen  einen  russischen  Angriff  gerichteten  Defensivvertrag,
  tatsächlich  aber  doch  auf  einer  tausendjährigen
  politischen  und  kulturellen  Gemeinschaft,  der

egenüber  der  Kampf  um  die  Vormochtstellung  in

eutschland  nur  eine  Episode  bedeuten  konnte.
Deutsche  Reich  muß  an  seiner  vom  Bodensee  bis  Oberschlesien
  reichenden,  flir  eine  Verteidigung  sehr  ungünstigen
  Grenze  unbedingt  einen  zuverlässigen  Nachbar
haben.  Anderseits  ist  Osterreich  als  Nationalitätenstaat
  ein  besonders  leicht  verwundbares  politisches  Gebilde.
  das  die  Begehrlichkeit  seiner  Nachbarn  reizt.
Ein  Ausgleich  zwischen  Rußland  und  Osterreich  wäre
nach  diesem  Kriege  selbst  auf  Grund  völliger  vasallenmähiger
  Unterordnung  Österreichs  kaum  möglich,  so
daß  die  Verlockung  einer  Neuorientierung  an  die
Donaumonarchie  nach  dem  Kriege  kaum  herantreten
könnte.  Anderseits  hat  der  Krieg  naturgemäß  im
Sinne  einer  viel  engeren  Verflechtung  der  politischen
Interessen  des  Deutschen  Reiches  und  ÖOsterreich-Ungarns
  gewirkt,  als  dem  Wortlaute  des  Bündnisvertrages
  entspricht.  Das  praktische  Bedürfnis  hat  ferner
während  des  Krieges  zu  einer  innigen  Durchdringung
der  Heeresorganisationen  beider  Staaten  geführt,  und
das  gleiche  gilt  von  der  Volkswirtschaft.

Bulgarien.  Wenn  Bulgarien  aus  diesem  Kriege
als  stärkste  Balkanmacht  hervorgeht,  so  wird  ihm  dies
von  seiten  der  Balkanstaaten  und  Völker,  auf  deren
Kosten  es  geschah,  wohl  kaum  neidlos  zugestanden.
        <pb n="89" />
        Samassa:  Der  mitteleuropäisch-türkische  Block

werden.  Daß  es  hierbei,  schon  um  sich  der  notwendigen
  wirtschaftlichen  Entwicklung  seines  vergrößerten
  Gebietes  widmen  zu  können,  der  Garantie  seines
Besitzstandes  durch  seine  jetzigen  Verbündeten  bedarf,
liegt  auf  der  Hand.  Aber  denkbar  wäre  auch,  daß  die
gegnerische  Mächtegruppe  Bulgarien  dadurch  zu  sich
herüberzuziehen  sucht,  daß  es  ein  Gebietswwachs  auf
Kosten  seiner  jetzigen  Bundesgenossen,  etwa  der  Türkei,
  in  Aussicht  stellt.  Von  anderen  Momenten  ganz
abgesehen,  dürfte  sich  dann  besonders  eine  Erfahrung
des  Weltkrieges  Bulgarien  sehr  anschaulich  darstellen,
die  überlegenheit  der  kontinentalen  Verbindung  zwischen
  Bundesgenossen  über  die  maritime.  Jene  hat
sehr  viel  dazu  beigetragen,  daß  Bulgarien  im  Weltkriege
  immer  siegreich  war,  während  die  mit  der  Entente
verbündeten  Kleinstaaten  die  mangelnde  Hilfe  ihrer
großen  Bundesgenossen  zu  beklagen  hatten,  die  teilweise
gewiß  eine  Folge  der  geographischen  Bedingungen  war.

Türkei.  Was  schließlich  die  Türkei  betrifft,  so  hat
sie  im  Laufe  des  Krieges  zur  Genüge  erfahren,  was
ihre  Gegner  mit  ihr  vorhaben.  Das  geschickte  Gegeneinanderausspielen
  der  Gegensätze  zusschen  den  Großmächten
  konnte  ihr  wohl  das  Leben  verlängern,  schließlich
  aber  die  Bildung  einer  Koalition,  die  sich  über  ihre
Aufteilung  trotz  bestehender  Interessengegensätze  geeinigt
  hatte,  doch  nicht  verhindern.  Der  Husamminschluß
  mit  den  Mittelmächten  muß  der  Türlei  um  so
leichter  fallen,  als  diese  keinerlei  Begehr  nach  irgendeinem
  von  der  Türkei  beherrschten  Gebiet  haben.

Anschluß  von  Nachbaru.  Der  Anschluß  weiterer
Staaten  an  den  Vierbund,  der  politisch  den  Charalter
eines  festgefügten  Verteidigungsbündnisses  haben
würde,  ist  durchaus  nicht  ausgeschlossen.  In  Betracht
kommen  hierbei  die  an  die  Vierbundstaaten  anschliezenden
  Kleinstaaten.  Man  könnte  dagegen  einwenden,
daß  diese  Staaten  bestenfalls  eine  ehrliche  Neutralität
uns  gegenüber  beobachtet  haben,  in  einigen  Fällen
uns  aber  entschieden  feindlich  gesinnt  waren.  Da  sie
überdies  mit  ihrer  Neutralität  meist  sehr  gute  Geschäfte
gemacht  haben.  so  läge  auch  in  Zurundt  kein  Anlaß
vor,  davon  abzugehen.

Je  weiter  der  Krieg  indes  fortschritt,  in  desto  bedrängtere
  Lage  kamen  die  Neutralen,  und  die  Neigung.
sich  einer  Mächtegruppe  fest  anzuschließen,  dürfte  nach
dem  Kriege  ziemlich  gewachsen  sein.  Hierbei  wird  es
natürlich  vor  allem  auf  zwei  Dinge  ankommen,
erstens,  welche  Mächtegruppe  sich  als  stärker  erwiesen
hat,  und  zweitens,  welche  den  Neutralen  die  Ernährung
  und  Versorgung  mit  Rohstoffen  im  Kriegsfalle
besser  gewährleistet.  Dies  hängt  einerseits  von  der
wirtschaftlichen  Entwicklung,  anderseits  von  der  maritimen
  Machtentfaltung  des  Vierbundes  ab.

Wirtschaftliche  Bedentung  des  mittelenuropäischtürkischen
  Blocks.  Wenn  wir  die  wirtschaftliche  Bedeutung
  des  mitteleuropäisch-türkischen  Blocks  untersuchen,
  so  müssen  wir  die  Kriegs=  und  die  Friedenswirtschaft
  auseinanderhalten.  Ein  oft  gemachter
Einwand  gegen  das  --Berlin-Baghdad-Programmist,
  daß  der  Zusammenschluß  dieses  Gebietes  der  deutschen
  Ausfuhr  doch  nicht  den  Weltmarkt,  der  ihr  vor
dem  Kriege  offen  war,  ersetzen  könne,  woraus  dann
die  Schlußfolgerung  gezogen  wird,  man  müsse  die
Feinde  so  niederringen,  daß  ihre  Absichten,  den  deutschen
  Handel  vom  Weltmarkte  zu  verdrängen,  zuschanden
  werden.  Nehmen  wir  selbst  dieses  Ziel  als
erreicht  an,  so  wird  dadurch  doch  nicht  die  Möglichkeit
ausgeschlossen,  daß  sich  die  gleiche  Koalition,  wie  in
diesem  Kriege,  gegen  uns  noch  einmal  bildet,  wenn

75

irgendein  Umstand  ihr  besseren  Erfolg  verheißt.  Und
für  diesen  Fall  dürfen  wir  nicht,  wie  im  jetzigen  Krieg,
auf  jene  glücklichen  Zufälle  angewiesen  sein,  die  uns
diesmal  das  wirtschaftliche  Durchhalten  ermöglicht
haben.  Man  hat  in  den  ersten  Monaten  des  Krieges
auf  die  mangelnd-Vorsorge  in  bezug  auf  Vorräte  hinewiesen,
  und  besonders  Naumann  behandelt  dieses
hema  der  Vorratswirtschaft,  die  in  Zukunft
nötig  sein  werde,  eingehend.  Die  lange,  damals  von
niemand  vorausgesehene  Dauer  des  Krieges  hat  uns
aber  die  Kosten  einer  solchen  Vorratswirtschaft  immer
deutlicher  gemacht.  Sie  setzt  das  Brachliegen  von
Milliarden  voraus,  die  als  Arbeitskapital  nutzbar  zu
machen  nach  dem  Kriege  mehr  denn  je  nötig  sein  wird.
Diese  Vorratswirtschaft  kann  nur  vermieden  werden,
wenn  wir  entweder  in  einem  künftigen  Kriege  die
Sicherheit  haben,  die  See  zu  beherrschen,  was  indes
nach  den  Erfahrungen  dieses  Krieges,  die  die  Bedeutung
  der  U.Boot--Waffe  gerade  für  die  schwächere  Seemach!
  klar  erwiesen  haben,  wenig  wahrscheinlich  ist,
oder  wenn  wir  die  Erzeugung  des  verbündeten  Gebietes
  in  solchem  Maße  steigern,  daß  wir  nur  in  beug
  auf  wenige  Rohstoffe  gezwungen  sind,  größere
orräte  für  den  Kriegsfall  bereit  uhalten.
Wirtschaftliche  Ergänzung.  zeht  man  eine  Linie
vom  Nordkap  nach  dem  Golf  von  Fiume,  so  liegen
im  allgemeinen  westlich  davon  die  Länder  mit  Einfuhrbedarf,
  östlich  solche  mit  Ausfuhrüberschüssen  an
Nahrungsmitteln,  westlich  die  Länder  industrieller
Produktion,  östlich  die  Erzeuger  von  Rohstoffen.  Natürlich
  kann  sich  auch  ein  Land  der  Urproduktion  zu
einem  industriellen  entwickeln,  was  von  jedem  Lande
eines  gewissen  Kulturstandes  auch  angestrebt  wird,  da
der  Besitz  einer  eigenen  Industrie  seine  wirtschaftliche
  Unabhängigkeit  sehr  steigert.  Erfahrungsgemäß
braucht  es  aber  zur  Schaffung  einer  Industrielängerer
eiträume,  und  die  Industrien  erweisen  sich  am  aussichtsreichsten,
  die  sich  an  im  Lande  erzeugte  Rohstoffe
anschließen  und  deren  Verarbeitung  übernehmen.
Betrachten  wir  das  heutige  Gebiet  des  Vierbunds,  so
sehen  wir,  daß  die  erwähnte  Trennungslinie  in  Osterreich-Ungarn
  im  allgemeinen  der  Grenze  zwischen  den
beiden  Staaten  der  Monarchie  folgt,  wobei  allerdings
von  Osterreich  Galizien  und  die  Bukowina  in  die  Zone
der  Urproduktion  fallen.  Der  wirtschaftliche  Charakter
Kongreßpolens,  das  naturgemäß  dem  mitteleuropäischen
  Wirtschaftsgebiete  angeschlossen  werden  muß,  ist
nicht  ganz  klar.  Es  ist  sehr  dicht  bevölkert  und  hat
eine  stark  entwickelte  Industrie,  deren  Absatzgebiet  bis-7“
  ganz  Rußland  war.  Die  agrarische  Erzeugung
oll  nach  den  einen  Angaben  den  Bedarf  des  Landesbefriedigt,
  nach  anderen  soll  ein  Einfuhrüberschuß  bestanden
  haben.  Kurland  und  Litauen,  die  als  Erwerb  für
das  Deutsche  Reich  in  Frage  kommen,  sind  rein  agrarische
  und  dünn  besiedelte  Gebiete,  die  der  Nahrungsmittelversorgung
  Deutschlands  im  Falle  einer  Absperrung
  auf  jeden  Fall  zugute  kommen.  Anderseits  ist
natuͤrlich  nichtu  Übersehen,  daß  ein  Einbeziehen  Belgiens
  in  den  Wirtschaftsbund  ihm  ein  Land  mit  stark
passiver  Nahrungsmittelbilanz  hinzufügt.
Nahrungsmittel.  Sowohl  in  Ungarn  wie  am
ganzen  Balkan  und  in  der  Türkei  ist  die  Nahrungsmittelerzeugung
  noch  starker  Steigerung  fähig.  Die
Möglichkeiten  der  Türkei  sind,  wenn  man  nur  die  verfügbare
  Bodenfläche  in  Betracht  zieht,  sehr  groß;  abgesehen
  aber  davon,  daß  diese  Möglichkeiten  durchaus
nicht  Überschätzt  werden  dürfen  (vgl.  S.  66),  wird
außerdem  die  dünne  Besiedlung,  deren  Verdichtung
        <pb n="90" />
        76

naturgemäß  nur  das  Werk  von  Generationen  sein
kann,  der  Produktionssteigerung  ziemlich  enge  Grenzen
  ziehen.  Die  Vermehrung  der  Getreideerzeugung
über  den  eigenen  Bedarf  hinaus  erfordert  aber  eine
Anregung  durch  gesicherten  Absatz  zu  lohnenden  Preisen.
  Bezeichnend  hierfür  ist  z.  B.,  daß  sich  die  Erzeugung
  Ungarns  seit  einer  Reihe  von  Jahren  annähernd
  innerhalb  des  Bedarfs  des  mit  Osterreich
gemeinsamen  Zollgebietes  hält,  nicht  zuletzt  deshalb,
weil  ein  regelmäßiger  stärkerer  Ausfuhrüberschuß  die
Ausnutzung  der  Zölle  im  Preise  verhindern  würde.
Wichtig  ist  ferner,  daß  auch  schon  in  Friedenszeiten
der  Ausfuhrüberschuß  der  erzeugenden  Länder  nach
den  verbündeten  Ländern  mit  Einfuhrbedarf  geht,  weil
sich  die  Güterbewegung  während  eines  Krieges  nur
mit  Schwierigkeiten  neuen  Verkehrsstraßen  anpaßt.

Rohstoffe.  Von  den  industriellen  Rohstoffen  stehen
Baumwolle,  Schafwolle,  Metalle  und  Kautschuk  in
erster  Reihe.  Schon  vor  dem  Kriege  hat  sich  die  Textilindustrie
  lebhaft  um  die  Ausdehnung  des  Baum.
wollbaues  außerhalb  der  Vereinigten  Staaten  bemüht,
um  aus  der  Abhängigkeit  von  den  Vereinigten  Staaten
herauszukommen,  deren  Produktion  nicht  mehr  viel  gehoben
  werden  kann,  während  der  Eigenverbrauch  mit
der  Zunahme  der  dortigen  Bevölkerung  und  der  Entwicklung
  der  eigenen  Textilindustrie  beständig  zunimmt.
  Anbauversuche  in  Kleinaßeen  waren  sehr  erfolgreich,
  und  die  natürlichen  Bedingungen  für  den
Baumwollbau  sind  in  Mesopotamien,  wenn  erst  einmal
  Bewässerungsanlagen  hergestellt  sind,  durchaus
gegeben.  Sowohl  der  Balkan  wie  Kleinasien  verfügen
über  große,  zum  größten  Teil  aber  noch  nicht  erschlossene
  Erzreichtümer.  Die  Wollschafzucht  ist  in  der
Türkei  noch  sehr  steigerungsfähig,  und  mit  Ausnahme
rein  tropischer  Produkte,  die  ja  zum  Teil  nur  Genußmittel
  sind  und  daher  entbehrt  werden  können,  dürfte
Mesopotamien  die  meisten  Bodenerzeugnisse  liefern
können,  wobei  übrigens  selbst  in  bezug  auf  Kautschuk
keineswegs  das  letzte  Wort  gesprochen  ist.

Kapitalanlagen.  Eine  Steigerung  der  Erzeugung
  hat  natürlich  auch  die  Investition  von  Kapital

ur  Voraussetzung,  woran  industrielle  Länder  übersß-.

  Länder  der  Rohproduktion  Mangel  haben;  für
den  Vierbund  kommen  das  Deutsche  Reich  und  Österreich
  als  Geldgeber,  Ungarn,  Bulgarien  und  die  Türkei
  als  Geldnehmer  in  Betracht,  ein  Verhältnis,  das
schon  vor  dem  Kriege  bestand,  sich  nach  dem  Kriege
aber  in  verstärktem  Maße  herausbilden  wird.  Viele
Deutsche,  die  sich  vor  dem  Kriege  im  jetzt  feindlichen
oder  unfreundlich  neutralen  Ausland  wirtschaftlich
betätigt  und  dort  durch  den  Krieg  die  schwersten  materiellen
  Verluste  erlitten  haben,  werden  es  sich  selbst
für  den  Fall,  daß  sie  diese  teilweise  ersetzt  erhalten,
zweimal  überlegen,  ihre  Tätigkeit  dort  wieder  aufzunehmen;
  in  vielen  Fällen  werden  hierfür  überhaupt
die  Voraussttungen  fehlen.  Gerade  diese  Kräfte,  die
sich  als  deutsche  Auslandspioniere  schon  bewährt  haben,
  werden  sich  gerne  einem  Betätigungsfelde  zuwenden,
  das  ihnen  die  Sicherheit  gibt,  die  schlimmen
Erfahrungen  des  Weltkrieges  nicht  etwa  noch  einmal
machen  zu  mlssen.

Formen  des  wirtschaftlichen  Iusammenschlasses.
All  dies  drängt  dazu,  die  politische  Gemeinschaft  auch
durch  eine  wirtschaftliche  zu  ergänzen  ohne  Rücksicht
darauf,  ob  uns  deftr  guemmeeseleh  durch  das  Verhalten
  unsererjetzigen  Feinde  aufgezwungen  wird  oder
nicht.  In  der  Form  dieses  Zusänzmenschlufses  wird
man  aber  kein  gleichmäßiges  Schema  anwenden  kön-I.

  Politik  und  Geschichte

nen.  Sie  vermag  zwischen  Ländern  fortgeschrittener
wirtschaftlicher  Entwicklung,  wie  dem  Deutschen  Reich
und  ÖOsterreich-Ungarn,  viel  enger  zu  sein  als  zwischen
diesen  und  den  Balkanländern  sowie  der  Türkei,  die
noch  auf  einer  ursprünglicheren  Stufe  stehen.
Deutschland  und  Österreich-Ungarn.  Ein
wirtschaftlicher  Zusammenschluß  Deutschlands  mit
Osterreich--Ungarn  hat  eine  fast  siebzigjährige  Vorgeschichte.
  Anfangs  der  fünfziger  Jahre  des  vorigen
Jahrhunderts  suchte  Osterreich  den  Eintritt  in  den
preußisch-deutschen  Zollverein;  wie  dieser  Versuch
hauptsächlich  durch  politische  Momente  bestimmt  war,
so  wurde  er  von  Preußen  aus  Gründen,  die  auf  dem
leichen  Gebiete  lagen,  abgelehnt.  Der  österreichische
Landels-  und  spätere  Finanzminister  Baron  Bruck
schlug  einen  völligen  Zusammenschluß  mit  einer  allmählich
  abzubauenden  Zwischenzollinie  vor.  Auch
heute  hat  dieser  Gedanke  insbesondere  in  Osterreich
manche  Anhängerjzes  hatsich  freilich  herausgestellt,  daß
die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  letzten  halben  Jahrhunderts
  die  Durchführung  eines  solchen  Planes  keineswegs
  erleichtert  hat.  Während  in  Osterreich  ein  Teil
der  Industrie  fürchtet,  durch  den  Wettbewerb  der  unter
  günstigeren  Produktionsbedingungen  arbeitenden
rei  vdeutschen  Industrie  erdrückt  zu  werden,  glaubt  die
Großindustrie  des  Deuischen  Reiches,  daß  die  Gemeinsamkeit
  der  Handelspolitik  den  Ausfuhrinteressen  der
deutschen  Industrie,  für  die  Osterreich-Ungarn  ein  verhältnismäßig
  bescheidenes  Absatzgebiet  darstellt,  nicht
genügend  werde  Rechnung  tragen  können.  Ein  anderer
Plan,  der  vom  mitteleuropäischen  Wirtschaftsverband
und  zahlreichen  Volkswirtschaftlern  vertreten  wird,  geht
dahin,  daß  die  beiden  Wirtschaftsgebiete  sich  zolltarrfarische
  Zugeständnisse  machen  sollen,  die  nicht  unter
den  Begriff  der  Meistbegünstigung  fallen  (Präferenzsvstem),
  wogegen  vielfach  eingewendet  wird,  daß  dies
den  Abschluß  von  Handelsverträgen  mit  anderen  Staaten,
  auf  den  man  angewiesen  sein  werde,  erschweren
würde.  Großer  Wert  wird  insbesondere  von  österreichisch-ungarischer
  Seite  auf  Bestimmungen  über
den  gemeinsamen  Abschluß  von  Verträgen  mit  dritten
Staaten  und  auf  Vereinbarungen,  die  einen  rücksichtslosen
  Wettbewerb  der  Verbündeten  auf  dem  Balkan
und  in  der  Türkei  hintanhalten  sollen,  gelegt.  Ferner
sind  eine  Angleichung  auf  dem  Gebiete  des  Rechts,  was
für  die  kaufmännischen  Kreise  praktische  Bedeutung
hat,  und  eine  Ausgestaltung  des  Verkehrswesens,  insbesondere
  ein  Ausbau  der  Donaustraße  und  ihr  Anschluß
  an  das  mitteleuropäische  Wasserstraßennetz,  in
Aussicht  und  teilweise  auch  schon  in  Angriff  genommen.
Balkan  und  Türkei.  Auf  dem  Balkan  und  in
der  Türkei  werden  sich  die  beiden  Mittelmächte  in  die
Aufgaben  der  wirtschaftlichen  Erschließung  teilen
müssen,  wobei  Osterreich-Ungarn  durch  seine  geographische
  Lage,  Deutschland  durch  seine  größere  Finanzkraft
  und  industrielle  Entwicklung  begünstigt  ist.
Im  Orient  sind  wirtschaftliche  Fragen  stets  ein  Politikum
  gewesen.  Die  militärische  Stärke  jedes  Staates
hängt  von  seinen  wirtschaftlichen  Hilfsmitteln  und
dem  Stande  seiner  Finanzen  gewiß  nicht  ausschließlich,
  aber  doch  in  hohem  Maße  ab.  Die  Verteidigungsfähigkeit
  der  Türkei  fordert  auch,  wie  wir  in  diesem
Kriege  deutlich  sehen,  den  Ausbau  seines  Bahnnetzes.
Zur  Lösung  dieser  Aufgaben  ist  die  Türkei  aber  nur
mit  Unterstützung  der  Mittelmächte  befähigt.
Jnteressen=  und  Machtpolitik.  Die  Interessengemeinschaft
  ist  es,  die  den  Weiterbestand  des  Bundesverhältnisses,
  das  sich  im  Kriege  gebildet  hat,  auch  für
        <pb n="91" />
        Freiherr  von  Dungern:  Bulgarien

den  Frieden  verbürgt,  natürlich  unter  der  Voraussetzung,
  daß  die  Mittelmächte  siegreich  sind  und  dies
im  Friedensschlusse  auch  zum  Ausdruck  kommt.  Berufungen
  auf  Kulturgemeinschaft,  den  -Typus  des
mitteleuropäischen  Menschen  und  ähnliches  sollte
man  aus  Erörterungen  über  diesen  Gegenstand  besser
weglassen.  Denn  selbst  wenn  derartiges  wirklich  be-77



tehen  sollte,  woran  Zweifel  durchaus  begründet  sind,
o  spielt  es  im  politischen  Leben  gewiß  nicht  die  Rolle,
die  manche  seiner  Verkünder  ihm  zuschreiben.  Hier
herrschen  Macht=  und  Interessenfragen;  nur  die  Stärke
der  Mittelmächte  als  des  Kerns  eines  mitteleuropäischtürkischen
  Blocks  wird  zum  Anschluß  an  diesen  Bund
einladen  und  dessen  Bestand  sichern.

Vulgarien
von  Professor  Dr.  Otto  Freiherrun  von  Dungern  in  Graz

Das  Bolk  der  Bulgaren.  Die  Gesamtzahl  der
Bulgaren  wird  heute  auf  5—6  Millionen  geschätzt,
von  denen  bei  der  Zählung  im  Jär-  1910  nicht  ganz
3½  Millionen  auf  das  damalige  Bulgarien  entfielen.
Die  Gesamtbevölkerung  Bulgariens,  das  noch
fast  eine  halbe  Million  Türken  beherbergte,  betrug
1910:  4½  Millionen  und  hatte  seit  der  ersten  Zählung
  (1888)  um  1¼  Million  zugenommen.  Bulgaren
wohnen  ferner  in  Mazedonien,  im  östlichen  Teile  des
ehemaligen  Königreichs  Serbien  (Pirot,  Nisch),  in  Rumänien
  (Dobrudscha),  in  Südrußland.  Als  Sommerarbeiter
  (Gärtner)  gingen  die  Bulgaren  vor  dem  Kriege
Jahr  für  Jahr  zu  Zehntausenden  in  die  Nachbarländer,
bis  nach  Siebenbürgen  und  in  die  Bukowina.

Bor  dem  Weltkrieg  umfaßte  das  Gebiet  des  Königreichs
  113630  qkm;  davon  waren  26000  qkm  mit
etwa  780000  Einw.  durch  den  Balkankrieg  1913  neu
erworben;  7609  qkm  dagegen  mit  etwa  (1910)  281000
Einw.  altbulgarischen  Gebiets  in  der  Dobrudscha
waren  1913  an  Rumänien  abgetreten  worden.

Während  die  Bevölkerung  der  bulgarischen  Städte
und  der  Ebenen  stark  mit  türkischem,  rumänischem,
griechsschem  Blut  vermischt  ist,  hat  sich  das  Volk  in

en  Bergen,  wohin  es  seit  Jahrhunderten  vor  den
Gewaltakten  der  türkischen  Beamten  und  Einwanderer
zu  fliehen  gewohnt  war,  rein  erhalten.  Im  Rhodopegebirge
  und  bei  Plewna  gibt  es  mohammedanische
Bulgaren,  die  Pomaken,  am  Schwarzen  Meer  Nachkommen
  von  Kumanen,  Türkisch  sprechende  Christen;
  in  den  Bergen  in  der  Nähe  von  Sofia  leben  die
Schopen,  die  als  Nachkommen  der  Ureinwohner  des
Balkans  gelten.  Seit  dem  17.  Jahrhundert  gibt  es
in  Bulgarien  geschlossene  Kolonien  von  Rumänen,
besonders  um  Widin.  Zigeuner,  die  sich  zum  Islam
  bekennen,  sind  seit  dem  14.  Jahrhundert  eingewandert
  und  zu  mehr  als  100000  über  das  Land
verteilt.  Mazedonische  Rumänen  (Kutzowalachen,
Aromanen)  kommen  als  Wanderhirten  im  Sommer
  bis  nach  Altbulgarien.

Der  Bulgareiist  nüchterner,  geduldiger  und  sittlich
weit  mehr  gefestigt  als  der  Serbe,  anpassungsfähier

  und  ausdauernder  als  der  Rumäne.  An  schlauem

andelsgeist  sind  ihm  der  Grieche  und  Jude  überlegen;
  aber  er  ist  sparsam,  genügsam  und  politisch
zielbewußt,  opferfreudig,  wohkdisssplintert.  Die  bulgarische
  Verfassung  von  1879,  revidiert  1893  und
1911,  ist  sehr  demokratisch.  Eine  einzige  Kammer,
die  sich  zusammensetzt  aus  Vertretern  von  je  rund
20000  Einwohnern,  bildet  das  Parlament,  das  Sobranje.
  Verfassungsänderungen  erfolgen  durch  eine
eigens  gewählte  Versammlung  von  doppelt  soviel
Volksvertretern,  das  Große  Sobranje.  Die  Gesetzgebung
  versucht  in  schnellem  Ausbau  aus  westeuropäischen

  Mustern  das  Beste  zu  entlehnen.  Eine  stark
ausgeprögte  Selbstverwaltung  hindert  nicht,  daß  heute
schon  Bulgarien  mit  einem  großen  Stab  von  Regierungsbeamten
  belastet  ist.

Die  Kirche  ist  seit  1870  selbständig  —  autokephal
  —  und  seit  1872  vom  griechischen  Patiarchar
als  schismatisch  erklärt.  An  ihrer  Spitze  steht  der  von
bulgarischen  Bischöfen  und  Laienvertretern  gewählte
Exarchin  Konstantinopel.  Der  Glaube  istmit  dem  griechisch-orthodoxen
  gleich.  Die  erste  bulgarische  Schule
ist  1835  eröffnet  worden.  Im  Jahre  1856  waren  noch
fast  alle  Schulen  griechisch;  aber  1878  zählte  man  bereits
  1658  bulgarische  Lehranstalten.  Seitdem  ist  der
Volksschulunterricht  obligatorisch  geworden;  aber  bis
heute  fehlt  es  vielfach  an  Lehrern  und  Lehrmitteln.

Die  Sprache  der  Bulgaren  ist  ein  altslawischer,
dem  ältesten  Krchenslawißt  sehr  nahestehender  Dialekt,
  der  mehr  als  irgendeine  andere  slawische  Sprache
abgeschliefen  und  vereinfacht  ist.  Das  erste  gedruckte
bulgarische  Buch  in  diesem  neuen  Vulgärbulgarisch
ist  1806  erschienen.  Die  Grammatik  und  die  Rechtschreibung
  sind  heute  noch  unsicher,  die  Literatur  bis
heute  wenig  reich,  obwohl  es  den  Bulgaren  nicht  an

räftigen  literarischen  Talenten  fehlt.

Ackerbau,  Gewerbe,  Industrie.  Etwa  80
Prozent  der  Bevölkerung  leben  auf  dem  Lande.  Während
  in  türkischer  Zeit  die  Erzeugnisse  des  Ackerbaues
bei  primitivster  Wirtschaft  unzulänglich  waren,  ist  Bulgarien
  heute  durch  sorgfältigeren  Anbau  (Maschinenverwendung),
  Urbarmachung  von  unbebautem  Boden
und  Entwicklung  der  Verkehrsmittel  (Wege,  Bahnen,
Häfen,  See-  und  Donauschiffahrt)  ein  Ausfuhrland
  für  Agrarerzeugnisse  geworden  und  liefert
neben  Getreide  und  Mais  Vieh,  Eier,  Hülsenfrüchte,
Tabak  (Mazedonien),  Stoffe,  Häute,  Rosenöl.  Die
Bodenverteilung  ist  außerordentlich  günstig:  8
Proz.  ist  Staatsbesitz  (meist  Wälder),  25  Proz.  Gemeindebesitz,
  50  Proz.  in  den  Händen  von  Bauern  —
meist  mittlerer  (wenig  Kleinbesitzy  —  und  sehr  wenigen
Großgrundeigentümern.  Der  Restist  ungenuftzt.  Ackerbau
  und  Ausfuhrhandel  sind  sehr  entwicklungsfähig.
Das  alte  Kleingewerbe  in  den  Städten  ist  im
Niedergang;  die  Industrie  (unter  anderem  Kohle
und  Kupfer)  ist  in  den  ersten  Anfängen.

Aus  der  bulgarischen  Geschichte.  Das  gesamte
heutige  Bulgarien  und  Mazedonien  z  Ende  des  3.
bis.  Anfang  des  6.  Jahrhunderts  von  slawischen  ackerbauenden
  Hölkern-  mit  kommunistischen  Einrichtungen,
ohne  gemeinsame  staatliche  Leitung,  besetzt  und  besiedelt
  worden.  Seit  Ende  des  7.  Jahrhunderts  erfolgte
  eine  Überschichtung  dieser  Slawen  durch  turanische
  Reiter-  und  Hirtenvölker:  Tataren,  Ungarn,
Avaren,  Petschenegen,  Finnen,  Bulgaren,  die  unter
despotischen  Bojaren  standen.  Von  ihrer  Sprache
hat  sich  keine  Spur  erhalten;  dafür  aber  haben  sie
den  unterworfenen  Slawen,  in  denen  sie  bald  völlig
        <pb n="92" />
        78

aufgingen,  ihre  öffentlichen  Einrichtungen  gegeben.
Sie  schufen  schon  um  800  einen  bulgarischen  Einheitsstaat.
  Ihr  Fürst  Boris  (852—  884)  ließ  sich  864
taufen  und  führte  bei  seinem  Volk  das  Christentum
ein.  Unter  dem  Fürsten  Simeon  (893—927)  reichte
die  Bulgarenherrschaft  bis  zum  Agäischen  und  Adriatischen
  Meer,  bis  zur  Save  und  zu  den  Karpathen.
Der  Papst  bestätigte  *o  seinen  Titel  »Zar  und
Selbstherrscher  der  Bulgaren  und  Griechen.  Die
ältesten  Hauptstädte  waren  Presba  und  Tirnowo.
Im  Jahre  967  erlag  dieses  Reich  gleichzeitigen  Angriffen
  der  Russen  und  der  Griechen;  doch  trat  ein
neues  bulgarisches  Reich  mit  der  Hauptstadt  Ochrida
wenig  später  die  Erbschaft  an.  Der  Zar  Samuel  von
Ochrida  (976—  1014)  herrschte  wieder  von  Morea
bis  zur  Donau;  aber  schon  sein  Nachfolger  beschloß
diese  zweite  Dynastie  nach  einem  vernichtenden  Feldzug
  des  griechischen  Kaisers  Basil  II.,  des  -Bulgarentöterse.
  Ein  drittes  großes  bulgarisches  Zarentum
entstand  Ende  des  12.  Jahrhunderts  wiederum  in
Tirnowo  und  dehnte  sich  über  die  Walachei,  Serbien,
Albanien.  Mazedonien  und  Thrazien  aus.  Unter  dem
Zaren  Johann  Asen  II.  (1218—  41)  erreichte  die
bulgarische  Macht  ihren  Höhepunkt.  Aber  schon  1257
starben  auch  die  Aseniden  aus,  und  das  Reich  zerfiel.
Kleine  selbständige  bulgarische  Herrschaften  hielten
sich  in  Tirnowo  und  Widin  und  fielen  erst  1393  bzw.
1396  den  Türken  zum  Opfer.

Durch  die  türkische  Ferrschaft  und  Einwanderun
sind  alle  nationalen  Regungen  in  Bulgarien  erstickt
worden.  Gelegentliche  Aufstände  hatten  nur  noch  lokalen
  Widerstand  gegen  die  Bedrückungen  der  türkischen
  Beamten  zum  Ziele  und  wurden  stets  schnell
niedergeworfen.  Bulgarisch  blieben  nur  die  verarmten
  Bauern  und  die  unteren  Kreise  der  städtischen  Bevölkerung.
  Um  die  Trennung  zwischen  den  unterworfenen
  Bulgaren  und  den  herrschenden  Türken  zu
sichern,  ließ  die  Pforte  der  Bevölkerung  ihren  critlichen
  Glauben,  ihre  Priester  und  in  gewissem  Umfange
  auch  ihr  eigenes  Recht  und  ihre  Gemeindeverwaltung.
  So  arhielien  sich  die  bulgarische  Sprache
und  von  der  älteren  bulgarischen
stens  die  liturgischen  Werke.

Infolgedessen  konnte  sich  im  19.  Jahrhundert  eine
bulgarische  Unabhängigkeitsbewegung  entwickeln.
Bulgaren,  die  im  Ausland  (OÖsterreich.  Rumänien,
Rußland)  die  westländischen  Vorstellungen  von  Nationalität,
  Völkerfreiheit  und  Volksbildung  aufnahmen.
begannen  im  Lande  Schulen  zu  gründen,  in  denen
in  bulgarischer  Sprache  unterrichtet  wurde.  Diese
neue  Bewegung  wurde  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts
  dadurch  gekräftigt,  daß  die  Kriege  der  Türkei
die  türkische  Bevölkerung  in  Bulgarien  aufrieben,
während  die  Christen  vom  Militärdienst  befreit  blieben.
  Die  türkische  Herrschaft  sah  sich  mehr  als  zuvor
auf  das  Gewaltregiment  türkischer  Beamten  beschränkt.
Unerhörte  übergriffe  derselben  führten  schließlich
1877  zum  dewassneen  Einschreiten  Rußlands.  In
dem  Frieden  von  San  Stefano,  der  diesen  Krieg  beendigte,
  wurde  ein  Fürstentum  Bulgarien  geschaffen,
  das  von  der  Donau  bis  zum  Agäischen  Meer
reichte  und  ganz  Mazedonien  und  Ostserbien  umfaßte,
der  Pforte  aber  tributär  bleiben  sollte.  Der  Berliner
Kongreß  1878  beschnitt  das  Gebiet  des  neuen  Fürstentums
  allerdings  erheblich,  aber  der  erste  bulgarische
Fürst,  Alexander  von  Battenberg,  konnte  1885  wenigstens
  Ostrumelien  mit  seinem  Fürstentum  vereinigen.
Als  die  Serben  daraufhin  zum  Schutze  des  Gleichiteratur

  wenig-I.

  Politik  und  Geschichte

Hewichts  auf  dem  Balkan  Bulgarien  den  Krieg  erärten,
  wurde  die  Neutralität  Rumäniens  durch  eine
lleine  Gebietsabtretung  bei  Silistria  erkauft  und  Serbien
  besiegt.  Doch  verhinderte  eine  österreichische
Intervention  Bulgarien,  diesen  Sieg  durch  Landerwerb
  auszunutzen.

Da  Fürst  Alexander,  der  sich  den  planmäßigen
russischen  Bevormundungsversuchen  schon  vor  dem
serbischen  Kriege  unerai  entgegengesetzt  hatte,  infolge
  seiner  Volkstümlichkeit  als  siegreicher  Feldherr
dem  Zaren  unleidlich  geworden  war,  wurde  er  durch
eine  russische  Intrige  abgesetzt  und  außer  Landes  geschafft.
  Er  kehrte  zwar  schnell  zurück,  dankte  aber  kurz
darauf  ab.  Eine  streng  antirussische  Regentschaft  unter
dem  energischen  Stambuloff  folgte  und  berief  1887
den  Prinzen  Ferdinand  von  Koburg,  den  jetzigen  Zaren,
  auf  den  Thron.

Dem  Fürsten  Ferdinand  gelang  es  allmählich,  ohne
die  bulgarische  Selbständigkeit  aufzugeben,  wieder
leidliche  Beziehungen  zu  Rußland,  das  nach  wie  vor
zahlreiche  Parteigänger  im  Lande  behielt,  herzustellen
und  sein  Land  im  Inneren  kräftig  zu  entwickeln.

Die  Balkankriege  1912  —  1913.  Die  fortdauernde
  Unordnung  in  Mazedonien  infolge  der
zügellosen  Übergriffe  der  Beamten  Abdul  Hamids
gegen  die  christliche  Bevölkerung  und  der  revolutionären
  Abwehrbewegung  durch  christliche  Banden  veranlaßte
  im  Juni  1908  Rußland  und  Großbritannien,
sich  über  ein  Beruhigungsprogramm  zu  einigen,  das,
im  Notfall  mit  den  Wa  en,  auf  dem  türkischen  Balkan
  europäische  Ordnung  sicherstellen  sollte.  Die
Gefahr  eines  europäischen  Eingriffs,  die  dadurch
drohte,  bildete  einen  der  Gründe  für  das  Überraschende
Gelingen  der  jungtürkischen  Revolution  im  Jahre
1908.  Wie  es  für  Shrrreikunger  unmöglich  war,
sich  als  Herr  von  Bosnien  und  der  Herzegowina  der
neuen  demokratischen  Bewegung  in  Konstantinopel
mit  ihrer  Forderung  eines  gesamttürkischen  Parlaments
  unterzuordnen,  so  konnte  auch  Bulgarien
unter  den  neuen  Verhältnissen  die  Oberhoheit  des
Sultans  nicht  ertragen  und  erklärteseine  Unabhängigkeit.
  Das  Programm  der  jungtürkischen  Regierung
schien  auf  Gleichberechtigung  aller  Nationen  unter
moderner  staatlicher  Ordnung  hinzudeuten,  so  da
sich  die  mazedonischen  Bulgaren  erlöst  fühlten  un
die  bulgarische  Bildungsbewegung  alsbald,  von  Bulgarien
  gefördert,  mit  Schulen  und  literarischer  Proaganda

  in  Mazedonien  einsetzte.  Allein  bald  zeigte
2  daß  die  jungtürkische  Regierung  ganz  im  Gegenteil
  statt  einer  freien  Entwicklung  der  christlichen  Balkannationen
  vielmehr  ihre  schärfste  Unterwerfung
unter  eine  rein  türkische  Ordnung  zum  Ziel  hatte.
Dazu  gehörte  auch  die  Vorherrschaft  der  türkischen
Sprache  und  Schule.  Schon  im  Jahre  1909  begann
infolgedessen  der  alte  Kampf  der  Bulgaren  in  Mazedonien
  für  die  Unabhängigkeit  ihrer  Schule,  Kirche  und
Sprache  aufs  neue  und  faßte  nun  mehr  und  mehr
statt  der  früheren  Forderung  politischer  Autonomie
einen  staatlichen  Anschluß  an  Bulgarien  unter  Zertrümmerung
  des  türkischen  Reiches  ins  Auge.  Auch
Großbritannien  begann  jetzt  nach  derselben  Richtung
zu  arbeiten.  Aus  #nlab  der  furchtbaren  Christenverfolgung
  in  Mazedonien  im  Herbst  1903  war  in
England  durch  einen  gründlichen  Kenner  Mazedoniens
  das  Balkankomitee  gegründet  worden,  das  zunächst
  in  rein  philanthropischem  Interesse  eine  Unterstützung
  notleidender  mazedonischer  Christen  mit
Lebensmitteln  und  Kleidern  organisiert  hatte.  Die
        <pb n="93" />
        Freiherr  von  Dungern:  Bulgarien

fortdauernde  Verfolgung  der  mazedonischen  Bauern
führte  dazu,  daß  dieses  Komitee  dauernden  Bestand
und  politische  Färbung  bekam.  Immer  mehr  Mazedonier
  flohen  nach  Bulgarien  und  zogen  dort  die
Regierung  in  ihre  Nöte  hinein.  Nach  der  Enttäuschung,
die  das  Jungtürkentum  des  Jahres  1908  auch  den
englischen  Balkanfreunden  bereitet  hatte,  benutzte  der
Leiter  des  Komitees,  Noel  Buxton,  diese  Beziehungen
zu  Bulgarien,  um  an  der  Gründung  eines  Bundes
der  christlichen  Balkanstaaten  gegen  die  Türkei  zu
arbeiten.  Zunächst  deckten  sich  hierbei  die  englischen
und  die  russischen  Interessen  nicht.  Rumänien  wurde
von  beiden  Teilen  als  zur  Dreibundgruppe  gehöri
ausgeschlossen.  Aber  während  Buxton  und  die  durch
sein  Komitee  orientierte  liberale  englische  Regierung
in  dem  Ausschalten  des  Halbmonds  aus  Europa
das  Heil  sahen,  hoffte  Rußland  einen  Bund  der  Balkanstaaten
  einschließlich  der  Türkei  zustande  zubringen
und  seinem  Einfluß  anzugliedern.  Der  Kampf  Italiens
  gegen  die  Türkei  im  Tripolis-Krieg  steigerte  die
Erregung  der  Balkanchristen.  Die  jungtürkische  Regierung
  war  mittlerweile  in  Albanien  mit  immer
grausameren  Unterdrückungsmitteln  gegen  jede  Regung
  des  Nationalgeistes  vorgegangen.  Das  ließ
die  Üübrigen  Nichttürken  auf  dem  Balkan  Schlimmes
ahnen.  Deshalb  siegte  im  Jahre  1912  der  von  England
  geförderte  Plan;  ein  Geheimbund  zwischen  Bularien,
  Serbien  und  Montenegro  kam  zustande,  dem
ich  mit  Einschränkungen  Griechenland  anschloß.  Die
russische  Regierung,  deren  diplomatische  Hilfe  dieses
Werk  schließlich  vollendete,  brachte  in  den  bulgarischserbischen
  Vertrag  eine  scharfe  Spitze  gegen  Osterreich-Ungarn
  und  Rumänien.  Da  sich  die  bulgarische  Regierung
  aus  Furcht  vor  der  Russifikation  an  Osterreich-Ungarn
  angeschlossen  hatte,  zumal  als  im  Jahre
1908  die  Abhängigkeit  Serbiens  von  Rußland  zutage
  getreten  war,  sind  in  Osterreich-Ungarn,  als
der  Text  dieser  Verträge  im  Herbst  1913  in  Paris
veröffentlicht  wurde,  den  Bulgaren  Vorwürfe  gemacht
  worden.  Allein  die  gegen  Osterreich-Ungarn
und  Rumänien  gerichtete  Klausel  des  bulgarisch-serbischen
  Vertrags  war  so  unmöglich  und  abfurd,  und
die  Stimmung  in  Bulgarien  war  bei  Abschluß  des
Vertrags  so  ausschließlich  gegen  die  Türkei  gerichtet,
daß  jene  Klausel  offenbar  nur  dazu  gedient  hatte,
wohlwollendes  Verhalten  der  russischen  Regierung
bei  dem  bevorstehenden  Kriege  gegen  die  Türkei  zu
erkaufen  (vgl.  Band  I.  S.  15).

In  der  Tat  hatten  schon  vor  Abschluß  des  Vertrags
  in  größter,  ausgezeichnet  bewahrter  Heimlichkeit
  bei  allen  verbündeten  Balkanvölkern  militärische
Vorbereitungen  für  einen  Krieg  gegen  die  Türkei  beonnen.

  Die  vier  verbündeten  Staaten  wollten  diesen
  Krieg  allein,  ohne  Unterstützung  einer  Großmacht,
unternehmen.  Die  Neutralität  Rumäniens,  das  mit
der  Türkei  sehr  gut,  mit  Bulgarien  dagegen  schlecht
stand,  wußte  sich  die  bulgariche  Regierung  im  letzten
Moment  zu  sichern,  ohne  daß  sie  ein  bestimmtes  Versprechen
  von  territorialen  Kompensationen  nach  dem
Muster  des  Jahres  1885  abgab.  Die  Feindseligkeiten
begannen  noch  vor  Beendigung  des  italienisch-türkischen
  Krieges  im  November  1912.

In  Überraschend  schnellem  Siegeszug  drangen  die
bulgarischen  Truppen  bis  dicht  vor  Konstantinopel.
Eine  Vortruppe  des  bulgarischen  Heeres  kam  bis  an
den  Bosporus,  Jog  sich  aber  auf  das  bulgarische
Hauptheer  zurück,  das  vor  der  Hügelkette,  die  nach
Pschataldscha  genannt  wird,  haltmachte.  Weshalb

79

damals  der  bulgarische  Heerführer,  General  Dimitrijeff
  —  derselbe,  der  im  Weltkrieg  in  russische  Dienste
übergetreten  ist  —,  es  vermied,  in  das  von  Truppen
nahezu  entblößte  Konstantinopel  vorzudringen,  kann
vorläufig  nicht  aufgeklärt  werden.  Die  Volksmeinung
in  Bulgarien  beschuldigt  heute  den  General,  daß  er
damals  schon  in  russischem  Solde  gestanden  und  Bularien

  verraten  habe.  Rußland  hatte  natürlich  alles
#merref  Zc,  daß  nicht  der  Zar  Ferdinand  statt  des  russischen
  Zaren  das  Kreuz  an  Stelle  des  Halbmonds  auf
der  Hagia  Sophia,  der  Kirche  Konstantins,  wieder  aufrichtete.
  Jedenfalls  benutzten  die  Türken  die  Zeit,
um  die  Linien  von  Tschataldscha  zu  verstärken  und  genügende
  Verteidi  ungstruppen  aus  Kleinasien  heranzuziehen,
  während  die  bulgarische  Armee  durch  eine
schwere  Choleraepidemie  geschwäch  wurde.

Da  die  Serben  ihre  Stoßkraft  hauptsächlich  gegen
Albanien  und  das  nordwestliche  Mazedonien  gerichtet
hatten,  die  Griechen  mit  unerwarteter  Energie  gegen
Saloniki  vordrangen  und  die  Stadt  besetzten,  mußte
sich  also  die  bulgarische  Regierung  für  den  Erwerb
Mazedoniens,  das  Hauptziel  der  bulgarischen  Unternehmung,
  auf  ihren  Bündnisvertrag  mit  Serbien,  der
die  Aufteilung  der  territorialen  Beute  festgesetzt  hatte,
verlassen.  Immerhin  wurde  eine  kleine  bulgarische
Truppe  gegen  Saloniki  abgezweigt  und  traf  dort
einige  Tage  nach  der  Besetzung  durch  die  Griechen
ein.  Bulgarien  mußte  sich  damit  begnügen,  seine  Ansprüche
  auf  die  Haupt=  und  Hafenstadt  Mazedoniens
dadurch  zu  bekräftigen,  daß  es  neben  den  Griechen
Truppen  in  der  Stadt  stationierte.  Adrianopel  war
von  den  bulgarischen  Heeren  umgangen  worden  und
hielt  der  Belagerung  stand.

Unter  solchen  Verhältnissen  begannen  in  London
auf  Betreiben  der  Großmächte  schon  im  Dezember  1912
Friedensverhandlungen  der  Balkanstaaten  mit  der
Türkei.  Die  österreichisch-italienische,  von  Deutschland
unterstützte  Forderung,  daß  Albanien  von  den  serbischen
  und  montenegrinischen  Truppen  preisgegeben
und  zu  einem  selbständigen  Staat  gemacht  werde,
führte  zur  Einberufung  einer  Botschafterkonferenz,
die  in  London  parallel  mit  dem  Friedenskongreß  der
Balkanstaaten  tagte.  Der  Friedenskongreß  kam  aber

Unächst  zu  keinem  Ergebnis,  so  daß  Butdarien  im
Fedruar  1913  den  Kampf  von  neuem  begann  und
Adrianopel  eroberte,  woraufhin  am  30.  Mai  in  London
  ein  Präliminarfriede  zustande  kam,  in  dem  die
künftigen  Grenzen  zwischen  den  Serben  und  Bulgaren
einerseits,  der  Türkei  anderseits  festgesetzt  wurden,
nicht  aber  die  Abgrenzung  der  Gebiete  der  Balkanstaaten
  untereinander.  Als  Serbien  und  Montenegro
durch  die  Großmächte  gezwungen  wurden,  wenigstens
das  westliche  Albanien  preiszugeben,  verlangte  Serbien
  eine  Ausdehnung  seiner  Gebietszunahme  in  Mazedonien
  über  die  im  serdisch-bulgarischen  Bündnisvertrag
  im  Grundzug  festgelegte  Linie  hinaus.  Da
Bulgarien,  das  sich  durch  die  Griechen  der  Einverleibung
  von  Saloniki  beraubt  sah,  doch  im  Hinterland
dieser  Stadt  nicht  zurückweichen  wollte,  Griechenland
aber  auch  hier  eine  größere  Gebietszone  beanspruchte,
wurden  Serbien  und  Griechenland  zu  Bundesgenossen
gegen  Bulgarien.

nterdessen  hatte  Rumänien  seit  Dezember  1912  als
Lohn  für  seine  Neutralität  bei  der  bulgarischen  Regierung
  auf  die  Abtretung  der  Stadt  Silistria  und
auf  eine  Grenzberichtigung  in  der  Dobrudscha  gedrängt.
  Der  damalige  Leiter  der  bulgarischen  Politik,
  Daneff,  glaubte,  obwohl  mehrere  Großmächte,
        <pb n="94" />
        80

vor  allem  Hsterreich-  Ungarn,  zu  einem  friedlichen
Ausgleich  mit  Rumänien  rieten,  diesen  Forderungen
ausweichen  zu  können.  Der  Streitpunkt  wurdeschließlich
  einer  Botschafterkonferenz  in  Petersburg  unterworfen,
  die  den  Rumänen  Silistria  und  eine  kleine
Grenzberichtigung  zusprach.  Aber  der  Fall  war  damit
  nicht  erledigt,  da  die  Kommission  zur  endgültigen
Festseyung  der  Grenze  an  Ort  und  Stelle  zu  keiner
Einigkeit  kommen  konnte.

In  dieser  schwierigen  Lage,  auf  allen  Seiten  von
unzufriedenen  Nachbarn  bedroht,  wurde  Bulgarien
im  Juli  1913  —  vielleicht  nur  durch  ein  unglückliches
Mißverständnis  oder  durch  eine  übereilte  Hondlung
eines  Unterbefehlshabers  —  zum  offenen  Kampfe  mit
Serbien  und  Griechenland  getrieben.  Das  bulgarische
  Volk  und  die  bulgarischen  Heerführer  waren  stolz
darauf,  daß  sie  im  Krieg  mit  der  Türkei  die  größten
  Opfer  gebracht,  das  Schwerste  erreicht  und  sich
den  Serben  und  Griechen  an  Tapferkeit  überlegen
gezeigt  hatten.  Deshalb  vertrauten  sie  auch  in  dem
neuen  Krieg  gegen  die  Übermacht  auf  Erfolg.  Allein
die  Türkei  benutzte  die  Gelegenheit,  um  sofort  wieder
in  Thrazien  vorzudringen.  Da  Bulgarien  im  Vertrauen
  auf  den  Londoner  Präliminarfrieden  und  die
Hilfe  der  Großmächte  seine  Truppen  aus  Thrazien
jurückgezogen  und  nach  Mazedonien  gebracht  hatte,
onnten  die  türkischen  Heere  Adrianopel  wieder  besetzen
  und  sogar  bis  auf  altbulgarisches  Gebiet  vordringen.
  Der  russische  Zar,  der  in  dem  bulgarisch-serbischen
  Streit  hatte  vermitteln  wollen  und  empört
war,  daß  man  gegen  seinen  Willen  wieder  zu  den
Waffen  griff,  ermutigte  die  rumänische  Regierung,
ihre  Forderungen  gegen  Bulgarien  zu  verschärfen
und  mit  den  Waffen  zu  unterstützen.  Während  sich
der  Kampf  zwischen  den  bulgarischen  und  den  serbisch-Geechischen
  Truppen,  zunächst  nicht  zum  Vorteil  der

ulgaren,  hinzog,  drang  eine  larte  rumänische  Armee
in  Bulgarien  ein  und  besetzte  das  von  Truppen  völli
entblößte  Nordbulgarien  bis  dicht  vor  Sofia,  so  daß
Bulgarien  vom  neutralen  Ausland  abgeschnitten  war.
Diesen  Augenblick  benutzte  die  griechische  Propaganda,
um  die  Weit  mit  einer  Flut  von  Berichten  über
schauderhafte  Grausamkeiten  zu  Überschwemmen,  die
von  bulgarischen  Truppen  bei  ihrem  Rückzug  in
griechischen  Städten  und  Ortschaften  Südmazedoniens
angeblich  begangen  worden  wären.  Die  öffentliche
Meinung  in  der  ganzen  Welt  wandte  sich  deshalb
heftig  gegen  die  Bulgaren,  und  allgemein  wurde  es
als  eine  Erlösung  empfunden,  als  die  rumänischen
Staatsmänner  auf  der  Bukarester  Friedenskonferenz
August  1913  einen  Frieden  unter  den  christlichen  Balkanstaaten
  zustande  brachten.  Bulgarien  behielt  nur
einen  kleinen  Teil  seiner  mazedonischen  und  thrazischen
Eroberungen;  an  Rumänien  mußte  es  wertvolles
Grenzgebiet  in  der  bulgarischen  Dobrudscha  abtreten.
Osterreich-Ungarns  Verlangen,  daß  dieser  Frieden  zugunsten
  Bulgariens  revidiert  werde,  blieb  unbeachtet.

Bulgarien  im  Weltkriege.  Zu  Anfang  des  Weltkrieges
  herrschte  in  Bulgarien  noch  die  schwere  Depression,
  die  natlrlicherweise  durch  die  Verluste  und
die  Niederlage  im  zweiten  Balkankrieg  entstanden  war.

I.  Politik  und  Geschichte

Wohl  wurde  im  ganzen  Volk  der  bestehende  Zustand
als  ein  provisorischer  angesehen;  aber  die  Regierung
war  Üüberzeugt,  daß  erst  nach  gründticherinnerer  Kräftigung
  der  Kampf  mit  der  Übermacht  der  Feinde  wieder
  ausgenommen  werden  könne.

Am  größten  war  das  Mißtrauen  gegen  die  Pforte,
weil  man  das  Vorgehen  der  Türkei  bei  der  Wiedereinnahme
  von  Adrianopel  als  einen  Verrat  betrachtete.
Der  Gegensatz  gegen  Griechenland  schien  deshalb
unüberbrückbar,  weil  der  einzige  Hafen  am  Agäischen
Meer,  der  Bulgarien  im  Müsarester  Frieden  zuge-Prochen
  war,  Dede  Agatsch,  vorläufig  nur  auf  dem

ege  über  türkisches  Gebiet  mit  der  Bahn  erreicht
werden  konnte,  während  sich  der  viel  bessere  natürliche
  Hafen  für  den  bulgarisch  gewordenen  Teil  Mazedoniens,
  Kawalla,  in  der  Hand  der  Griechen  befand.
Gegen  Serbien  richtete  sich  unversöhnlicher  Haß,  weil
die  Serben  den  größten  Teil  des  mazedonischen  Gebietes
  bekommen  hatten,  für  dessen  Angliederung  an
Bulgarien  der  Krieg  gegen  die  Türkei  unternommen
worden  war.  Gegen  die  Rumänen  bestand  womöglich
noch  größerer  Haß,  weil  man  überzeugt  war,  daß  man
ohne  ihr  Eingreifen  der  übrigen  Gegner  Herr  geworden
  wäre.  Aber  mit  Rumänien  war  die  Regierung
entschlossen,  freundschaftliche  Beziehungen  aufrechtzuerhalten,
  um  auf  dem  Wege  durch  Rumänien  den
bulgarischen  Handel  zu  entwickeln.  Ende  Oktober  1914
wurde  durch  vertrauliche  Besprechung  eine  politische
übereinstimmung  mit  der  Türkei  hergestellt,  während
die  zunehmenden  Mißhandlungen  der  Mazedonier
durch  die  Serben  und  die  fortgesetzte  Flucht  von  Mazedoniern
  nach  Bulgarien  das  Verhältnis  zu  Serbien
und  damit  auch  zu  der  Entente  immer  gespannter
gestalteten.  Jedes  Mißtrauen  gegen  den  türkischen

tachbar  schwand,  als  sich  die  Türkei  durch  Vertrag
vom  25.  Sept.  1915  zu  Gebietsabtretungen  bereit
fand  (vgl.  das  Textkärtchen  auf  S.  64),  die  den  Bulgaren
  eine  leichtere  Verbindung  mit  ihrem  ägäischen
Hafen  Dede  Agatsch  gestatteten.  Auch  die  Beziehungen
zu  den  Griechen  wurden  günstig  beeinflußt  dadurch,
daß  sich  Griechenland  bei  dem  Einfall  der  Osterreicher
in  Serbien  im  Herbst  1914  nicht  in  seiner  Neutralität
beirren  ließ.  Dagegen  entstand  eine  immer  größere
Spannung  mit  Rumänien  und  mit  Rußland,  weil
Rumänien  bald  unerträgliche  Schwierigkeiten  für  die
Durchfuhr  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Bulgarien
machte  und  die  Unterstützung  Serbiens  durch  Rußland
  auf  dem  Donauwege  förderte.  Als  sich  Serbien
nicht  einmal  auf  russischen  Rat  zur  Abtretung  mazedonischer
  Gebietsteile  an  Bulgarien  bereit  fand,  schloß
sich  die  Regierung  des  Zaren  Ferdinand  während  der
Niederwersung  Serbiens  (im  Herbste  1915)  den  Zentralmächten
  am  12.  Oktober  offen  an.

Literatur.  „Annuaire  statistigue  du  Royaume  de
Bulgarice,  1912  (Sosia  1913);  »La  Bulgarie  contemporaine
  (Brüssel  1905);  C.  Jirekek,  Cestypo  Bulharsku
(Prag  1888);  H.  Klaeber,  Fürst  Alexander  von  Bulharien
  (Dresd.  1904):  A.  G.  Drandar,  Erdnement=Lolitiques
  en  Bulgarie  (Par.  1896);  C  Jireksek,  Das
Fürstentum  Bulgarien  (Wien  1891);  K.  Kaßner,  Bulgarien,
  Land  und  Leute  rinßv  1916);  Bulgarische  Bibliothek-,
  hrsg.  von  G.  Weigand  (das.  1910).
        <pb n="95" />
        Freiherr  von  Dungern:  Rumänien

Rumänien
von  Professor  Dr.  Otto  Frelherrn  von  Dungern  in  Graz

Das  Königreich  Rumänien  umfaßte  bei  Beginn  des
Weltkrieges  138962  qgkm,  wovon  7609  akm  in  der
Dobrudscha  erst  1913  erworben  waren.  Das  Land
zerfiel  dis  1859  in  zwei  getrennte  Fürstentumer:  Walachei
  und  Moldau.  Die  Dobrudscha,  zwischen  rechtem
  Donauufer  und  Schwarzem  Meer,  hat  im  Mittelalter
  vorübergehend  zur  Walachei  gehört,  später  zur
Türkei.  Die  Moldau  hat  den  größeren  Teil  ihres
ehemaligen  Gebietes  in  der  Zeit  von  1774  bis  1877
an  Österreich  und  Rußland  abtreten  müssen  (Bukowina
  bzw.  Beßarabien).

Im  Königreich  Rumänien  wurden  am  1.  Januar
1913  rund  7235000  Einw.  gezählt.  Dazu  kamen  etwa
300  000  in  der  neuen  Dobrudscha.  Von  diesen  Einwohnern
  waren  etwa  250000  Juden,  meist  in  der  Moldau.
  etwa  80—100000  österreich.-ungarische  Staatsangehörige,
  24000  Türken,  32000  Bulgaren,  Griechen,
  Albaner,  Serben.  Die  zahlreichen  Zigeuner  sind  in
Rumänien  stärker  assimiliert  als  in  anderen  Ländern.

Nur  die  Hauptstadt  Bukarest  hat  mehr  als  100000
Einwohner.  über  81  Proz.  der  Bevölkerung  leben
auf  dem  Lande.  68  Proz,  der  Bodenfläche  dienen  dem
Landbau,  meist  Weizen  und  Mais.  Die  Ausfuhr  setzte
sich  zu  mehr  als  80  Proz.  aus  Ackerfrüchten  zusammen.
  Ihr  Wert  betrug  1913:  532,2  Millionen  Mark
und  überstieg  seit  vielen  Jahren  den  Wert  der  Einfuhr,
  von  der  mehr  als  drei  Fünftel  1913  aus  Deutschland
  und  ÖOsterreich-Ungarn  kamen.  Die  Getreideausfuhr
  ging  zum  größten  Teil  nach  Belgien,  aber
für  den  deutschen  Markt.—  Die  Petroleumindustrie  in
Rumänien  ist  jung;  sie  zeichnete  sich  dadurch  aus,  daß
Produktion  und  Handel  nicht  kartelliert  waren.  Deutsches
  Kapital  war,  wie  auch  sonst  im  Lande,  stark  beteiligt.
  Die  Stqatsschuld  befand  sich  vor  dem  Weltkriege
  weit  überwiegend  in  deutschen  Händen.  Sie  betrug
  rechnungsmäßig  am  I.  April  1916:2,1  Milliarden
Frank,  wovon  über  400  Millionen  getilgt  waren.

Das  Bolk.  Bei  den  Rumänen  lassen  sah  stawische,
tatarische,  aber  auch  romanische  Züge  feststellen.
Sicherlich  sind  sie  ein  Mischvolk;  aber  es  hat  sich  bei
ihnen  eine  so  starke  nationale  Eigenart  ausgebildet,  daß
sie  sich  von  allen  anderen  Balkanbewohnern  deutlich
unterscheiden.  Im  Mittelalter  wurden  die  Rumänen
als  Wlachen  bezeichnet,  wie  sie  heute  noch  auf  dem
südlichen  Balkan  heißen.  Sie  tauchen  urkundlich  in
Mazedonien  schon  im  11.  Jahrhundert  auf,  nördlich
der  Donau  erst  im  13.  Jahrhundert.  Deshalb  läßt
sich  die  Frage,  ob  die  mazedonischen  Rumänen  im
Mittelalter  nach  dem  heutigen  Königreich  und  nach
Ungarn  eingewandert  sind  oder  ob  sich  umgekehrt  eine
alte  rumänische  Bevölkerung  während  der  Völkerwanderung
  in  die  unzugänglichen  Karpathen  gerettet
und  von  dort  später  über  den  Balkan  ausgebreitet
hat,  historisch  nicht  lösen.  Keinerlei  Volkstraditionen
ergänzen  die  geschichtliche  Lücke.  Die  Lehre  vom  römischen
  Ursprung  der  Rumänen  ist  jedenfalls  erst  im
17.  Jahrhundert  in  Rom  aufgekommen  und  hat  sich
durch  Zöglinge  der  päpstlichen  Schulen  für  siebenbürgisch-rumänische
  Geistliche  zuerst  in  Siebenbürgen
und  dann  von  dort  aus  nach  dem  heutigen  Rumänien
  verbreitet.  Diese  Theorie  fußt  einerseits  auf  der
Sprache  der  Rumänen,  die,  troß  zahlreicher  slawischer
  und  anderer  Lehnworte  und  Wendungen,  nach
Wortschatz,  Formenlehre  und  Satzbau  romanisch  ist,
anderseits  auf  der  historischen  Tatsache,  daß  im  2.

Der  Krieg  1914/17.  U.

81

Jahrhundert  n.  Chr.  die  Sitze  der  heutigen  Rumänen
durch  Rom  erobert  und  besiedelt  worden  sind.  Aber
die  historische  Kontinuität  zwischen  dieser  Besiedlung
und  dem  Auftreten  der  Rumänen  in  denselben  Gegenden
  1000  Jahre  später  ist  nicht  nachweisbar.

Die  Verbreitung  der  Rumänen  beschränkt  sich
nicht  auf  das  heutige  Königreich.  In  den  bulgarischen
Städten  und  Dörfern  am  südlichen  Donauufer  sind
sie  immer  noch  zahlreich.  Im  Nordostwinkel  des  ehemaligen
  Königreichs  Serbien,  um  Negotin,  bilden  sie
den  Hauptbestandteil  der  Bevölkerung.  In  Mazedonien
  und  hinüber  bis  nach  Thessalien  und  Albanien
(Epirus,  Valona)  wurden  sie  vor  den  Bulkankriegen
auf  eine  halbe  Million  geschätzt.  In  Dalmatien,  wo
sie  sich  noch  Ende  des  Mittelalters  in  den  Küstenstädten
deutlich  nachweisen  lassen,  sind  sie  in  der  slawischen
Bevöl'erung  aufgegangen.  Eine  kleine  rumänische
Bevölkerungsgruppe,  die  sich  in  Istrien  erhalten  hat,
verfällt  heute  zusehends  dem  gleichen  Schicksal.  Auch
die  rumänische  Bevölkerung  Geharabiens  ist  im  Rückang.

  Die  Schätzungen  für  die  Zahl  der  dortigen
Krumänen  schwanken;  sie  betrug  nach  der  einzigen
russischen  Nationalitätenzählung  (1897)  920  900.  In
der  einstmals  rein  rumänischen  Bukowina,  die  1774
von  Osterreich  besetzt  wurde,  bilden  sie  heute  neben
Ruthenen,  Juden,  Polen  und  Deutschen  etwas  mehr
als  ein  Drittel  der  Einwohnerschaft.  Erheblich  ninunt
das  Rumänentum  in  Ungarn  zu.  In  dem  Ende
des  17.  Jahrhunderts  gänzlich  entvölkerten  Banat
haben  sie  sich  schnell  ausgedehnt.  Auch  in  Siebenbürgen
  drängen  sie  mit  ihrem  Kinderreichtum  die
kinderarmen  Deutschen  zurück.  Dagegen  scheinen  sie
in  der  Marmarosch  seit  der  jüdischen  Einwanderung
stark  gefährdet.  Alles  in  allem  mag  es  heute  11.—12
Millionen  Rumänen  geben.  Sie  sind  also  zahlreicher
als  die  Magyaren.  Auf  Ungarn  entfallen,  je  nachdem
man  ungarische  oder  andere  Zählungen  zugrunde
legt,  3—4  Millionen,  nach  der  ungarischen  Zählung
von  1910:  2909030.

Die  Bolkswirtschaft.  Die  Entwicklung  der  rumänischen
  Volkswirtschaft  ist  gebunden  an  den  natürlichen
  Bodenertrag,  an  die  geographische  Lage  des
Landes  und  an  die  Produkinssorm,  die  bisher  abpängig
  geblieben  ist  von  der  geschichtlichen  Verfasungsgrundlage,
  der  Herrschaft  einer  kleinen  Schicht
von  Eroßgeundbesitern  über  ein  wirtschaftlich  abhängiges,
  kulturell  zurückgebliebenes  Bauerntum.

Landwirtschaft  und  Biehzucht.  Der  rumenische
Boden  ist  in  den  weiten  Ebenen  der  Walachei  wie  der
Moldau  ungemein  reich.  In  der  türkischen  Zeit  bildeten
  die  Fürstentümer  die  Kornkammer  der  Türkei.
Dabei  waren  damals  noch  viel  größere  Teile  der
Ebenen  als  heute  Weiden,  auf  denen  außer  Kleinvieh
Rinder,  Büffel  und  Pferde  gezogen  wurden.  Um  die
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  suchten  die  englischen
Importeure  das  rumänische  Getreide  für  den  englischen
  Bedarf  heranzuziehen.  Die  Wiederinstandsetzung
  des  Schiffahrtsweges  im  Donaudelta,  die
1856  auf  dem  Pariser  Kongreß  beschlossen  und  seitdem
durch  die  internationale  Galatzer  Donaukommission
glänzend  durchgeführt  wurde,  geschah  wesentlich  im

anteresse  Englands.  In  neuerer  Zeit  ist  der  rumänische
  Weizen,  der  auch  wegen  seiner  hervorragenden
Qualität  geschätzt  wird,  hauptsächlich  auf  demselben
Wege  für  den  deutschen  Bedarf  nach  Antwerpen  verschifft
  worden.  Da  seit  dem  Jahre  1882  die  Ausfuhr
des  rumänischen  Viehes  durch  Zoll-  und  Sperrmaßnahmen
  an  der  ungarischen  und  österreichischen

6
        <pb n="96" />
        82

Grenze  fast  ganz  verhindert  wurde,  richtete  die  rumänische
  Regierung  die  Landwirtschaft  planmäßig  auf
eine  immer  stärkere  Erzeugung  von  Getreide  ein.  Die
aunze  sehr  großzügig  durchgeführte  Ausgestaltung  der

erkehrswege  (  Heslvahmen  und  Straßen)  und  der
Ausfuhrhäfen  am  Schwarzen  Meere  dienten  hierzu.
Die  Viehzucht  ist  dadurch  zurückgedrängt  worden,
während  sich  die  Größe  der  mit  Getreide  und  Mais
bepflanzten  Bodenfläche  schnell  steigerte  und  auch  der
Bodenertrag  durch  intensivere  Bewirtschaftung  zunahm.
  Obwohl  die  Regierung  gerade  nach  dieser  letzten
  Richtung  seit  Jahren  vieles  getan  und  erreicht
kat.  insbesondere  durch  planmäßige  Aufklärung  der

auern,  ist  der  Bodenertrag  in  Rumänien  immer
noch  steigerungsfähig.
Auf  den  Vorberzen  der  Karpathen  wird  seit  alters
Wein  gezogen.  mänien  ist  eines  der  bedeutendten
  Weinbauländer  der  Welt.  Auch  die  Obstzucht
teht  in  hoher  Blllte.
Die  Karpathen  sind  trotz  zunehmender  Abholzun
meist  durch  deutsche  Gesellschaften,  immer  noch  bede
mit  ungeheuren  Eichen-,  Buchen-  und  Tannenwäldern.
Der  Mineralreichtum  des  Landes  wird  von  manchen
  Geologen  als  sehr  groß  bezeichnet.  Rumänien
und  die  Dobrudscha  sollen  mächtige,  aber  sehr  tief  liegende
  Lager  von  Kohle  aller  Qualitäten  besitzen.
uch  Eisen  soll  reichlich  vorhanden  sein.  Das  prachtvoll
  reine  rumänische  Steinsalz  wird  seit  alter  Zeit  in
bergmännischem  Betrieb  gebrochen,  zerkleinert  und  so
in  den  Verkehr  gebracht.  Das  Vorhandensein  von
Petroleum  in  den  Vorbergen  der  rumänischen
Karpathen  war  seit  langem  bekannt,  aber  eine  Ausnutzung
  im  großen  ist  erst  in  den  letzten  20  Jahren
möglich  geworden,  seitdem  die  Regierung  durch  gesetzliche
  W  ausländisches  Petroleum  fernhielt
und  für  das  eigene  Bevorzugungen  einführte.
Ein  einheitlich  organisierter  Arbeitsmarkt  beeht
  noch  nicht.  Die  Industrie  muß  die  Arbeiter,
ie  sie  braucht.  mühsam  an  sich  ziehen  und  heranbilden.
  Die  allgemeine  Bildungsgrundlage  (Volksschule)
  ist  trotz  gesetzlicher  Fürsorge  praktisch  mangerlhaft.
  Die  zahlreichen  staatlichen  Fachschulen  haben
hanz  üÜberwiegend  agrarische  und  kleingewerbliche

usbildung  zum  Ziele.  Der  Bauer  ist  nicht  so  fleißig
wie  der  bulgarische,  auch  minder  zugänglich  für  moderne
  Methoden.  Sein  Lebensstil  .  äußerst  primitiv;
  unglaubliche  Genügsamkeit  und  starker  Fatalismus
  hemmen  ihn.  Er  besitzt  infolge  der  zahlreichen
Landverteilungen  seit  dem  Jahre  1864  in  der  Regel
eigenes  Ackerland  und  Vieh,  aber  zu  wenig,  um  selbständig
  zu  wirtschaften.  Der  Großgrundbesitzer  gibt
ihm  Pachtland  dazu  und  beschäftigt  ihn  als  Arbeiter,
nutzt  ihn  aber  dabei  aus.  Der  Ernährungs-  und  Gesundheitszustand
  der  Bevölkerung  hat  Sah  infolgedessen
  trotz  kolossalen  zisfermäßigen  Aufschwungs
der  Gesamtvolkswirtschaft  eher  verschlechtert  als  verbessert.
  Die  neue  freiheitliche  Gesetzgebung  hat  ein
dichtes  Netz  von  Schnapswirtschaften  (durchweg  in
Händen  von  Juden)  aufkommen  lassen,  die  sehr  schädlich
  wirken.  Die  gewaltige  Steigerung  des  Volksreichtums
  konzentriert  sich  in  den  Händen  einer  relativ
  sehr  geringen  Zahl  von  Geldhändlern,  Kaufleuten
und  Großgrundbesitzern.  Diese  Kreise  betreiben  leidenschaftlich
  Parteipolitik,  mehr  mit  persönlichen  als
mit  sachlichen  Zielen.  In  der  vermögenslosen  Intelligenz
  finden  sie  dabei  eine  willige.  grundsatzlose
Klientel,  während  der  Bauer  politisch  stumpf  einigen
ihm  persönlich  bekannten  Beamten  oder  Großgrund.

I.  Politik  und  Geschichte

besitzern  blind  zu  folgen  pflegt.  Der  Einfluß  der
russenfreundlichen  Geistlichkeit  z4  geringer  als  in  Bul.
garien.  In  Ungarn  wird  die  rumänische  Intellienz,
  weil  sie  im  öffentlichen  Dienst  keine  Verwendung
nde,  zur  nationalistischen  Opposition  getrieben,
während  sie  in  der  Bukowina  und  in  Beßarabien  von
der  Regierung  herange  ogen  wird  und  mit  ihr  geht.
Die  Mazedorumänen  *  von  der  rumänischen  Regierung
  bis  zum  Balkankrieg  energisch  gefördert,  seitem
  aber  praktisch  aufgegeben  worden.  gerr  politische
  Beziehungen  zu  den  ungarischen  Rumänen  sind
von  der  dortigen  Opposition  stets  gesucht,  aber  im
Königreich  erst  seit  dem  Weltkrieg  rückhaltlos  von  der
Regierung  unterstützt  und  ermutigt  worden.
us  der  rumänischen  Geschichte.  Selbständige

Staaten  haben  nur  die  Rumänen  der  Moldau  und
der  Walachei  gebildet.  Aber  siebenbürgisch-rumänische
Adelsfamilien  waren  es,  die  um  1290  nach  der
Walachei  und  um  1350  nach  der  Moldau  vordrangen
und  in  diesen  beiden  Gegenden  selbständige  Fürstentümer
  gründeten,  die  sich  schnell  ausdehnten  und  auch
den  Türken  gegenüber  bis  in  das  17.  Jahrhundert
eine  leidliche  Unabhängigkeit  zu  wahren  wußten.
Diese  Moldauer  und  Walachen  waren  als  tapfere
Krieger  und  Reiter  berühmt.  Allem  Anschein  nach
war  im  17.  Jahrhundert  die  Einwohnerschaft  der  ganen
  Walachei  und  der  Moldau,  die  damals  bis  an  den

njestr  reichte,  ausschließlich  rumänisch.  Einer  der
rumänischen  Fürsten  jener  Zeit  hat  einmal  die  beiden
  Fürstentümer  unter  seiner  Herrschaft  vereinigt,
Michael  der  Tapfere,  der  sich  auch  zum  Herrn
Siebenbürgens  machte.  Aber  schon  nach  einem  Jahr
brach  dies  großrumänische  Reich  mit  seinem  Tode
zusammen.  Beiden  Ländern  fehlte  die  Einrichtun
einer  kräftigen  monarchischen  Gewalt,  so  daß  nur  selten
  unter  Horten  Herrscherpersönlichkeiten  die  Fürstentümer
  für  ihre  Nachbarstaaten  einen  ihrer  Größe.
entsprechenden  Machtsaktor  bedeutet  haben.

Im  17.  Jahrhundert  gelang  es  den  Türken,  ohne
Underung  des  lockeren  Abhängigkeitsverhältnisses  der
beiden  Fürstentlimer  (sie  zahlten  Tribut,  waren  aber
im  übrigen  freier  gestellt  als  irgendein  anderes  tür.
kisches  koberungsgebiet  auf  dem  Balkan),  die  Rumänen
  allmählich  bis  zu  rücksichtsloser  Ausnutzung
aller  ihrer  produktiven  Kräfte  z  unterwerfen.  Die
faktische  türkische  Gewalt  in  den  beiden  Fürstentümern
steigerte  sich  im  18.  Jahrhundert  dadurch,  daß  in  einzelnen
  rumänischen  Städten  die  Bevölkerung  vertrieben
  und  durch  türkische  Militärkolonien  ersetzt
wurde,  daß  der  Fürst  eine  türkische  Militärtruppe  bekam,
  daß  die  gesamten  Getreidellberschüsse  des  Landes
  dauernd  für  die  Türkei  beschlagnahmt  waren,  sowie
  schließlich  dadurch,  daß  der  Sultan  nach  Belieben
über  die  beiden  Fürstenthrone  verfügte.  Die  Pforte
machte  sich  die  Schwäche  der  Dynastien  zunutze  und
besetzte  die  Throne  in  schnellem  Wechsel  mit  Großgrundbesitzern,
  seit  dem  18.  Jahrhundert  mit  griechischen
  Kaufleuten  aus  dem  Fanar  (Fanarioten)  und
Abenteurern.  Die  Fürstentümer  wurden  ihnen  gegen
  einen  ständig  gesteigerten  Tribut  verpachtet  und
zur  Aussaugung  überliefert.  Diese  griechischen  Fürsten
  zogen  andere  Griechen  als  Beamte,  Priester.  Lehrer
  nach  sich  und  verschwägerten  sich  und  ihre  Ge.
nossen  mit  dem  rumänischen  Adel,  den  Bojaren.
Ihre  romanisierten  Nachkommen  bilden  heute  einen
der  Zahl  und  noch  mehr  dem  Besitz  nach  überragenden
  Teil  der  führenden  Großgrundherrenfamilien.
Griechen  sind  die  Maurokordato,  Kantakuzino,  Ro-
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        Freiherr  von  Dungern:  Rumänien

setti,  Maurojeni  usw.,  altrumänische  Aristokraten  die
Carp,  Filipescu,  Bibesco,  Sturdza,  Brancovanu,
Beldiman;  zur  emporgekommenen  Intelligenz  gehören
  die  Jonesau.  Marghiloman;  Bratianu  ist  bulgarischer
  Abstammung.  Formell  sind  alle  Adelsprivilegien
  verfassungsmäßig  heute  abgeschafft.

In  der  Zeit  der  schärfsten  Unterdrückung  durch
Türken  und  Griechen  erschienen  im  Osten  Beßarabiens
  die  Russen.  Ihre  Einmischung  in  die  rumänischen
  Verhältnisse  erwies  sich  seit  der  ersten  russischen
  Besetzung  des  Landes  1770  noch  verderblicher
für  die  rumänische  Selbständigkeit  als  die  türkische
Ausnußung.  1812—29  wurden  Beßarabien  und  das
Donaudelta  durch  Rußland  annektiert.  Kurz  vor  dem
Krimkriege  wurde  die  Absicht  der  Russen,  die  ganzen
Donaufürstentümer  zu  annektieren  und  zu  russifizieren
offenbar.  Die  Westmächte  kamen  den  Rumänen  zu
Hilfe;  Osterreich  griff  zu  einer  Schutzbesetzung,  und  im
Pariser  Frieden  1856  mußte  Rußland  einen  kleinen
  Teil  Beßarabiens  und  das  Donaudelta  zurückgeben;
  außerdem  wurde  bestimmt,  daß  die  Donauschiffahrt
  im  Delta  allen  Nationen  gleichmäßig  offenstehen
  und  daß  die  beiden  Fürstentümer  eine  autonome
Verfassung  bekommen  sollten.  Im  Jahre  1859  wurde
ein  Rumäne,  Cuza,  in  beiden  Fürstentümern  zum
Herrscher  gewählt.  Er  versuchte  einschneidende  Versassungs--
  und  Verwaltungsreformen  einzuführen,
mußte  aber  im  Jahre  1866  wegen  persönlicher  Untüchtigkeit
  einer  reformfreudigen  Opposition  im  Lande
weichen.  Prinz  Karl  von  Hohenzollern  wurde
nun  auf  Anregung  Napoleons  III.  zum  Fürsten  der
vereinigten  Donaufürstentümer  erkoren.  Unter  seiner
Regierung  hat  sich  die  Umwandlung  Rumäniens  zum
modernen  Staat  mit  allgemeiner  Schulbildung,  Straßen,
  Eisenbahnen,  Post.  Telegraph  und  Telephon,  mit
modernem  Heer  und  Marine,  moderner  Gesetzgebung,
Rechtspflege  und  Verwaltung,  großzügiger  Sen.
Industrie=  und  Staatsschuldenpolitik,  aber  auch  mit
westländischem  Parlamentarismus  und  Parteigetriebe
vollzogen  oder  doch  angebahnt.  Korruption  und  Protektion
  sind  nicht  verschwunden.

Die  Teilnahme  am  russisch-türkischen  Kriege  1877,
bei  dem  Fürst  Carol  durch  sein  Eingreifen  bei  Plewna
die  verzweifelte  Lage  des  russischen  Heeres  rettete,  verschaffte
  Rumänien  die  völlige  Unabhängigkeit  von  der
Türkei  und  in  der  Folge  (1881)  die  Anerkennung  als
Königreich.  Aber  der  rumänische  Teil  Beßarabiens
mußte  an  Rußland  abgetreten  und  die  verwahrloste
nördliche  Dobrudscha  dafür  in  den  Kauf  genommen
werden.  Hier  hat  sich  dann  Rumänien  in  Konstanza,
  das  durch  eine  gewaltige  Eisenbahnbrücke  über
die  Donau  an  das  rumänische  Bahnnet  angeschlossen
wurde,  einen  modernen  Seehafer  ersten  Ranges  geschaffen,
  dessen  Ausbau  1914  noch  im  Werk  war.

Die  neutrale  Haltung  Rumäniens  im  serbisch-bulgarischen
  Krieg  1885  brachte  Rumänien  eine  kleine
Gebietsabtretung  bei  Silistria  ein.  Das  Eingreifen
im  zweiten  Balkankrieg  1913  führte  im  Frieden  von
Bukarest  zur  Abtretung  von  Silistria,  Tutrakan
(Turtukaia)  und  der  reichen  südlichen  Dobrudscha  mit
Dobritsch  und  Baltschik  auf  Kosten  Bulgariens.

Rumänien  im  Wellkriege.  Unmittelbar  nach  der
Übergabe  des  österreichisch-ungarischen  Ultimatums
an  Serbien  Ende  Juli  1914  hat  in  Rumänien  eine
beftige  Bewegung,  in  erster  Linie  gegen  Ungarn  und
Osterreich,  aber  bald  auch  gegen  Deutschland  begonnen.
Sie  war,  wie  sich  schnell  herausstellte,  durch  französische
  Agenten  und  russisches  Gold  glänzend  vorbereitet.

88

Die  deutschen  Mächte  und  die  rumänischen  Deutschfreunde
  waren  nicht  gerüstet.  Ihnen  ist  es  erst  im
Laufe  des  Krieges  gelungen,  eine  Gegenbewegung  zu
organisieren,  die  aber  in  keinem  Zeitpunkt  den  stillen
und  den  leidenschaftlich  lauten  Freunden  der  Entente
in  Presse,  Parlament  und  Regierung  wie  hauptsächlich
  auch  am  Hofe  selbst  ernstlich  Abbruch  getan  hat.
Ihren  ersten  Erfolg  erzielten  die  rumänischen  Ententefreunde
  schon  Anfang  August  1914.  Eine  bis
dahin  völlig  geheim  gebliebene,  dem  Thronfolger  und
dem  Ministerrat  vorenthaltene,  auch  von  den  deutschen
Diplomaten  und  Staatsmännern  streng  geheim  behandelte,
  aber  30  Jahre  alte,  1918  noch  erneute
Schutz=  und  Trutzkonvention  des  Königs  Carol  und
des  jeweilig  verantwortlichen  rumänischen  Ministerpräsidenten
  mit  den  deutschen  und  österreichischen
Herrschern  und  Regierungen  wurde  von  30  leitenden
rumänischen  Staatsmännern,  die  der  König  als  Kronrat
  nach  Sinaia  berief,  mit  erdrückender  Mehrheit  als
unverbindlich  erklärt,  unter  dem  Vorgeben,  daß  Rußland
  Osterreich-Ungarn  und  Deutschland  nicht  zum
Kriege  provoziert  habe  und  deshalb  der  im  Vertrage
vorgesehene  Faul  der  Unterstltzungspflicht  nicht  gegeben
  sei.  König  Carol,  der  anderer  Auffassung  war
als  seine  rumänischen  Staatsmänner,  wurde  auf  das
heftigste  öffentlich  angegriffen.  Ende  September  1914
wurde  unter  dem  Eindrun  des  Marnerückzuges  sowie
  der  russischen  Fortschritte  in  Galizien  und  der
Bukowinga  ein  zweiter  Kronrat  verlangt,  der  über  den
König  hinweg  den  Krieg  gegen  Ungarn  beschließen
sollte.  Dem  Löni  gelang  es,  durch  persönliches  Verhandeln
  mit  den  Lorteif#zgrern  zu  erreichen,  daß  dieses
  Verlangen  im  letzten  Augenblicke  vertagt  und  der
Anfang  August  beschlossene  Fustand  einer  abwartenden
  bewaffneten  Bereitschaft  aufrechterhalten  wurde.
Aber  unier  der  Erregung  dieser  Verhandlungen  brach
der  Konig,  der  seit  langem  schwer  leidend  war.  zusammen.
  Am  10.  Oktober  *  er,  und  den  Thron
bestieg  der  damals  zwar  noch  ebenso  deutsch  gesinnte,
aber  willensschwache,  unsichere  und  wenig  geachtete
König  Ferdinand,  dessen  Gemahlin,  die  englische  Prinzessin
  Marie  von  Koburg,  die  intelligente  und  ehrgeizige
  Nichte  König  Eduards,  Tochter  einer  russischen
Großfärstin,  nunmehr  offen  für  die  Entente  eintrat,
von  dem  vorsichtig  zaudernden  gewissenlosen  Ministerpräsidenten
  Bratianu  im  geheimen  unterstützt.
Da  es  mit  den  militärischen  Vorbereitungen  im
Lande  schlecht  bestellt  war,  verzögerte  die  Regierung
ihren  Entschluß.  Im  März  1915  brachte  die  Unternehmung
  der  Engländer  und  Franzosen  gegen  die  Dardanellen
  die  ententefreundliche  Stimmung  beinahe
zum  Siege.  Angst  vor  Bulgarien  hielt  schließlich  das
Ministerium  zurück.  Innere  miililürische  und  wirtschaftliche
  Schwierigkeiten  verhinderten  auch  bei  dem
Eingreifen  Italiens  in  den  Krieg  das  rumänische
Ministerium  an  einer  Kriegserklärung.  Die  neutralitätsfreundliche
  Partei  bekam  sogar  infolge  großer
finanzieller  Vorteile,  die  dem  Lande  durch  die  Ausfuhr
  seiner  Agrarprodukte  zuflossen,  einige  Ausdehnung
  in  den  Kreisen  des  Handels  und  des  großen
Grundbesitzes.  Allein  die  Arbeit  der  Ententefreunde
nahm  ihren  Fortgang  und  wurde  schließlich  dadurch
ausschlaggebend,  daß  sie  allmählich  das  Offizierkorps
gewann,  welches  sich,  nicht  ohne  geschickte  persönliche
Beeinflussung  durch  die  Königin,  trotz  aller  Mißerfolge
der  Entente  mehr  und  mehr  von  dem  sicheren  Endsiege
  der  Entente  Überzeugen  ließ.  Unaufrichtige  Verhandlungen
  Bratianus  ließen  im  Juli  1915  einen

67
        <pb n="98" />
        84

Augenblick  die  Realisierung  einer  dauerhaften  Neutralitätsbasis
  für  die  Zentralmächte,  die  nur  ungehinderte
  Durchfuhr  ihrer  Materialien  nach  dem  neutralen
  Bulgarien  verlangten  und  dafür  weites  Entgegenkommen
  boten,  möglich  erscheinen.  Allein  wieder
überwog  bei  der  rumänischen  Regierung  die  eingebildete
  Aussicht  auf  größeren  Gewinn  durch  künftigen
  Anschluß  an  Rußland.  Der  verblüffende  Erfolg
  der  Deutschen  und  ÖOsterreicher  in  Serbien  brachte
in  Rumänien  eine  Ernüchterung,  und  das  Ministerium
  wankte.  Aber  aus  biöher  noch  nicht  öffentlich
geklärten  Ursachen  vermochie  sich  schließlich  der  rußlandfreundliche
  Ministerpräsident  Bratianu  zu  hallen,
ohne  sein  Ministerium  durch  Aufnahme  neutralitätsfreundlicher
  oder  deutschfreundlicher  Parteiführer  umagestalten.
  Von  da  ab  fanden  die  Verhandlungen

ratianus  mit  der  russischen  Regierung  immer  offener
statt,  und  der  Anschluß  des  rumänischen  Offizierkorps
an  das  russische  wurde  immer  deutlicher.  Als  im
Sommer  1916  den  Russen  die  Eroberung  von  Luzk,
Giernowiß  und  der  Bukowina  gelang,  benutzte  Rußland
  die  Gelegenheit,  um  den  rumänischen  Ministerfrandenten
  durch  die  Androhung  eines  gewaltamen
  Durchmarsches  russischer  Truppen  durch  die
Moldau  zur  Entscheidung  zu  zwingen.  die,  in  blindem
  Vertrauen  auf  ungeheuerliche  russische  Verheißungen
  territorialer  Vergrößerung,  gegen  die  Zentralmächte
  aussiel.

Aller  Erwartung  widersprechend,  dankte  König
Ferdinand,  der  ehemalige  deutsche  Offizier,  nicht  ab,
sondern  übernahm  den  Oberbefehl  und  identifizierte
sich  sogar  mit  der  Art  der  Kriegserklärung,  die  als
perfider  überfall  auf  die  schwachen  ungarischen  Grenzwachen
  in  den  Karpathenpässen  zustande  kam.  Den
vielen  tausend  reichs  deutschen  und  österreichisch-ungarischen
  Staatsangehörigen  in  Rumänien  wurde  die
Rückkehr  ohne  jede  Warnung  versperrt,  und  sie  wurden
  unter  vielen  Mißhandlungen  ciner  Internierung
in  rücksichtslosester  Form  unterworfen.

Trotzdem  brachte  es  die  rumänische  Eroberungsarmee,
  die  in  Siebenbürgen  eindrang,  nur  zu  einem
Augenblickserfolg.  Sobald  dort  deutsche  Truppen  erschienen
  und  den  Widerstand  aufnahmen,  gelang
es  unter  Leitung  des  Generals  v.  Falkenhayn  schnell,
Siebenbürgen  zu  säubern.

Bulgarien  war  von  den  Rumänen  im  Augenblick
ihrer  Kriegserklärung  an  ÖOsterreich-Ungarn  durch
Schießereien  an  der  Grenze  provoziert  worden  und
griff  wenige  Tage  nach  der  Kriegserklärung  Rumäniens
  in  den  Kampf  ein.  Unter  Leitung  des  Feld-I.

  Politik  und  Geschichte

marschalls  v.  Mackensen  wurde  von  bulgarischen  und
reichsdeutschen  Truppen  die  zur  Festung  ausgebaute
Stadt  Tutrakan  erobert,  Silistria  genommen  und  die
bulgarische  Grenze  in  schnellem  Forrücken  bis  zur
Linie  Tschernawoda—Konstanza  vorgeschoben-Während

  der  Zeit  zwischen  diesen  Erfolgen  und  der
schließlichen  Besetzung  der  ganzen  Walachei  und  Dobrudscha
  durch  die  verbündelen  Heere  der  Zentralmächte
  versuchten  nicht  nur  russische  Hilfstruppen,
sondern  auch  französische  Offiziere  die  Widerstandskraft
  der  rumänischen  Armee  zu  stärken.  Außerdem
aber  erschienen  im  Land  englische  Agenten,  die  im
Augenblick  des  Vorrückens  der  Verbündeten  einen
großen  Teil  des  im  Lande  aufgestapelten  Getreides
und  Maismehls  vernichteten  und  fast  die  gesamten
Petroleumquellen,  Tankanlagen  und  Raffinerien  zerstörten.
  Gleichzeitig  wurde  von  den  russischen  Truppenkörpern
  das  in  Polen  geübte  System  der  Zerstörung
  aller  Ortschaften  auf  ihrer  Rückzugslinie  nach
Möglichkeit  durchgeführt  und  die  rumänische  Bevölkerung
  zur  Flucht  nach  der  Moldau  und  Rußland
veranlaßt  oder  gezwungen.  Auch  ein  Teil  der  internierten
  deutschen  und  österreichisch=  ungarischen  ##
vilbevölkerung  wurde  verschleppt.  So  wurde  die
Moldau,  wo  allein  in  Erinnerung  an  die  Leiden  unter
  den  früheren  russischen  Durchzügen  und  Besetzungen
  das  Feindschaftsgefühl  gegen  Rußland  in  breiteren
  Schichten  fortlebte,  zum  Friedhof  jenes  vertriebenen
  Elends  und  zum  Schauplatz  der  Unordnung,
Gewalttätigkeit  und  Teuerung,  die  das  geschlagene
rumänisch-russische  Heer  dorthin  mitbrachte.

Der  rumänische  Bauer  aber,  der  niemals  politische
Partei  ergriffen,  sondern  sich  stumpf  den  Befehlen
seiner  Führer  gefügt  hatte,  nahm  die  deutschen  Sieger
  willig  auf.  Auch  die  Kreise  des  Handels  und  der
Gebildeten,  die  nicht  geflohen  waren,  fanden  sich  leicht
mit  der  deutschen  Besetzung  und  Verwaltung  ab,  die
sofort  mit  einer  Reorganisation  begann.

Literatur.  Annuarul  statistic  al  Romfniei,  (Bukarest,
  seit  1909);  Armata  romänä  in  timpul  ultimilor  40
de  anni,  1866—1906=  (das.  1906);  L.  Colescu,  Proresche

  economice  ale  Romfhniei  (das.  1907);  M.  Serban,
  Rumäniens  Agrarverhältnisse  (Berl.  1914);  C.  G.
Antonescu,  Die  rumänische  Handelspolitik  von  1875—
1910  (Leipz.  1915);  J.  F.  Neigebaur,  Die  Donaufürstentümer
  (Bresl.  1854);  E.  Fischer,  Die  Kulturarbeit
des  Deutschtums  in  Rumänien  (Hermannstadt  1911);  „Aus
dem  Leben  König  Carls  von  Rumänien=  (Stuttg.  1891—
1900,  4  Bde.);  N.  Jorga,  Geschichte  des  rumänischen
Volkes  im  Nahmen  seiner  Staatsbildungen  (Gotha  1905);
O.  Freiherr  von  Dungern,  Rumänien  (das.  19160).

Die  neufralen  Mächte  Europast
von  Professor  Dr.  Richard  Sternfeld  in  Berlin-Zehlendorf

Die  Schweiz.  Kein  neutraler  Staat  hat  unter  dem
Weltkrieg  so  schwer  zu  leiden  gehabt  wie  die  Eidgenossenschaft.
  Die  Gefahr,  selbst  in  den  Krieg  hineingezogen
  zu  werden,  die  dadurch  bedingten  großen  Ausgaben
  für  den  Grenzschutz,  die  wirtschaftliche  Bedrängnis,
  der  keine  Riesengewinne  gegenüberstehen,  die
Spaltung  und  Erhitzung  der  drei  Sprachengebiete  —
das  alles  machte  die  Stellung  der  Schweiz  sehr  schwie-1

  Abgeschlossen  Ende  Jum  1917.

rig.  Trotzdem  hat  ihre  Regierung  die  Neutralität
mit  peinlicher  Ehrlichkeit  gewahrt.

Daß  die  Stimmungen  der  Bürger  hierheftig  gegeneinander
  fluteten,  ist  begreiflich.  In  der  welschen
Schweiz  spricht  die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  und
Rasse  zu  stark  mit,  als  daß  die  Sympathien  nicht
ganz  auf  der  Seite  Frankreichs  stehen  sollten,  besonders
  wenn  eine  geworbene  Hetzpresse  die  Gemüter  geen

  Deutschland  aufreizte.  Nicht  so  schlimm  war  es  im
5i  sin,  weil  hier  irredentistische  Bestrebungen  wenig
Boden  finden.  Die  deutsche  Schweiz  hat  sich,
wenn  auch  mehr  oder  weniger  kühl  dem  Lebenskampf
des  Deutschen  Reiches  zusehend,  von  deutschfeindlichen
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        Sternfeld:  Die  neutralen  Mächte  Europas

Ausschreitungen,  wie  sie  1870  vorkamen,  fern  gehal.
ten.  Wackere  Männer,  wie  der  Züricher  Pfarrer  Bolliger,
  haben  sich  bemüht,  Verleumdungen,  wie  sie  gerade
  hier  durch  die  Schmähschrift  „  Jaccuse=  verbreitet
  wurden,  zu  bekämpfen.  Den  unfreundlichen  Worten
  Carl  Spittelers  stand  das  Bekenntnis  Ernst  Zahns
gegenüber.  Mein  Herz  schlägt  für  Deutschland.
chnöder  Undank,  wie  ihn  Hodler  und  Dalcroze  kundtaten,
  wurde  von  vielen  Schweizern  gemißbilligt.  Mit
ruhiger  Festigkeit  und  erfreulichem  geschichtlichem  Verständnis
  ist  Krofessor  Bächtold  in  Basel  für  Deutschland
  eingetreten.  Anderseits  sind  auch  wieder  eine
kalte  Ablehnung  deutscher  Gefühle  und  eine  Betonung
des  guten  Europäers=  gerade  in  den  gebildeten
deutschschweizerischen  Kreisen  nicht  selten.

Die  Presse  der  deutschen  Kantone  hat  nirgends
der  Deutschfeindlichkeit  Raum  gegeben,  wenn  auch  der
Grad  der  Freundlichkeit  verschieden  ist.  Die  =  Neue
Zürcher  Zeitunge  hat  den  kühl  neutralen  Standpunkt
mehr  gewahrt  als  der  wärmere  Berner  »Bunde  (der
die  überall  beachteten  Kriegsaufsätze  H.  Stegemanns
enthält),  das  -Berner  Tagblatt-,  die  -  Zürcher  Post-,
die  -Thurgauer  Zeitung-,  die  =  Basler  Nachrichten.
Auch  die  katholischen  Blätter,  wie  die  =  Neuen  Zürcher
Nachrichten-,  werden  durchaus  dem  deutschen  Empfinden
  gerecht.  Anderseits  gibt  es  auch  kein  deutsches
Blatt,  das  sich  etwa  gegen  die  Franzosen  so  gehässig
verhält,  wie  einige  Blätter  der  welschen  Schweizgegen
die  Deutschen.

Eine  »Neue  Helvetische  Gesellschafte  bemüht  sich,
die  drohende  Spaltung  der  Sprachgebiete  durch  Dämpfung
  der  Leidenschaften  und  den  Hinweis  auf  das
Eiigende  der  Schweizer  Heimatliebe  auszugleichen;
ihrer  mehr  romanisch  demokratischen  Richtung  ist  eine
neue  Deutschschweizerische  Gesellschafte  mit  festerem
Anschluß  an  das  deutsche  Gefühl  entgegengetreten.
Man  hört  aber  wohl  die  Besorgnis,  daß,  wenn  die
Schweiz  in  den  Krieg  hineingerissen  würde,  der  Staat
durch  die  Gegensätze  der  Sprachteile  in  seinen  Grundfesten
  erschüttert  werden  möchte.

Es  war  besonders  der  deutsche  Einmarsch  in  Belgien,
  der  die  Gemüter  erhitzte.  Man  fürchtete,  in
gleiche  Gefahr  zu  kommen,  wenn  die  Kriegslage  es
erforderte.  Es  darf  nicht  Übersehen  werden,  daß  viele
Schweizer  ganz  deutsch  empfinden,  aber  sich  durch  ihre
republikanische  Gesinnung  von  der  deutsch-monarchischen
  scheiden,  daß  auch  das  als  störend  empfundene
  Vordringen  des  deutschen  Handels  dazu  beietragen

  hat,  die  Deutschen,  besonders  die  Norddeutchen,
  weniger  beliebt  zu  machen,  zumal  der  Schweizer
seine  Vorurteile  selten  durch  Reisen  nach  Deutschland
zu  zerstreuen  pflegt.

Immer  haben  die  Schweizer  ihre  Neutralität  so
aufgefaßt,  daß  sie  stark  gerüstet  sein  müßten,  sie  gegen
jedermann  zu  verteidigen.  Darum  wurde  1914  sosort
  das  ganze  Heer  eingezogen:  Auszug.  Landwehr
und  Landsturm,  eine  gewaltige  wirtschaftliche  und

eldliche  Belastung  des  kleinen  Landes,  das  bald  eine

Eilliurde  Frank  dafür  aufgewendet  hat.  Dazu  kam
der  Rückgang  des  Fremdenbesuchs  und  mancher
Zweige  des  Gewerbfleißes.  Trotzdem  übt  die  Schweiz
noch  eine  schöne  Liebestätigkeit  aus:  Die  Heimschaffung
  von  Zivilpersonen,  den  Austausch  von
Kriegsgefangenen  und  Invaliden,  die  unentgeltliche
Kriegsvost,  Nachforschungen  nach  Vermißten  —  alles
das  hat  das  Land  freiwillig  auf  sich  genommen.

Unter  dem  Drucke  der  Westmächte  kam  im  November
  1915  eine  „Sociéte  Suisse  de  surveillauce  éco-85



nomique=  (8.  S.  S.)  zustande;  sie  sicherte  der  Schweiz
die  für  sie  notwendige  Einfuhr  von  Rohstoffen,  wogegen
  sie  sich  verpflichtete,  die  eingeführten  Artikel
nicht  an  die  Mittelmächte  weiterzugeben.  Doch  wurde
ein  „Kompensations-Bureau=  als  amtliches  Organ
eingerichtet;  denn  nach  §  XI,  3  der  S.  S.  S.  war  ausdrücklich
  eine  Verständigung  der  Entente  mit  der
Schweiz  über  Kompensationen  mit  den  Mittelmächten
vorbehalten.  Aber  bei  Beratungen  von  Schweizer
Abgesandten  darüber  in  Paris  August  1916  wurde
dieser  Grundsatz  von  der  Entente  verleugnet,  so  daß
die  „Neuen  Zürcher  Nachrichtene  sagten:  -Man  hat
unsere  Delegierten  heimgeschickt  wie  Vasallen,  denen
man  ihre  vollständige  Abhängigkeit  zu  spüren  geben
will«,  und  selbst  die  sranzofenfreundäce  „  Gazerte  de
Lausanne,  schreibt,  »daß  die  dem  §  XI  gegebene  Deutung
  auf  die  wirtschaftliche  Freiheit  der  Schweiz  eine
Beengung  ausübt,  die  den  Grundsätzen  des  Völkerrechts
  widersprichts.

Aber  auch  sonst  sind  die  wirtschaftlichen  Fragen
den  Westmächten  eine  Handhabe  ihrer  übelwollenden
Beaufsichtigung  geworden.  Besonders  die  französische
  Handelskammer  in  Genf  hat  unerträgliche  Zumutungen
  an  die  Schweizer  Kaufleute  gestellt,  z.  B.
das  Verbot,  Deutsche  oder  ÖOsterreicher  anzustellen.
Schlimmer  war,  daß  Schweizer  Firmen,  die  Waren
nach  Frankreich  schickten,  eine  beglaubigte  Erklärung
einreichen  sollten,  daß  sie  niemals  früher  Verbindungen
  mit  Firmen  der  Mittelmächte  gehabt  und  sich

ei  30000  Frank  Buße  verpflichteten,  in  zehn  Jahren
solche  nichteinzugehen!  Frankreich  verlangte,  daß  französische
  und  italienische  Zolldeamte  die  Ausfuhr  nach
Deutschland  überwachten.  Englandeerließ  Herbst  1915
ein  Ausfuhrverbot  von  Baumwollstoffen  und  Garnen,
  das  die  Schweizer  Textilindustrie  schädigte;  ja
es  verlangte  später  sogar,  die  Grenze  zu  den  Mittelmächten
  ganz  zu  schließen,  was  natürlich  abgelehnt
wurde.  Wohl  konnten  die-Basler  Nachrichten  am  10.
September  1916  schreiben:  „Die  welschen  Akteure
rasten  nicht,  bis  sie  die  offizielle  Schweiz  mit  Deutschland
  gründlich  auseinandergebracht  haben.=Die

  Postsperre  wurde  schonungslos  ausgeübt,  obwohl
  die  Kontrolle  und  Beschlagnahme  neutraler  Sendungen
  durch  fremde  Militärbehörden  dem  Weltpostvertrag
  widersprachen.  Der  Einspruch  des  Bundesrates
  hatte  keinen  Erfolg  Selbst  die  Schweizer  Justiz
zeigte  im  Prozeß  des  Neuendurger  Noten  Kreuzes,
daß  im  welschen  Teil  nicht  unparteiisch  Recht  gesprochen
  wurde.

Großes  Aufsehen  erregte  der  Prozeß  gegen  die  Obersten
  Egli  und  v.  Wattenwyl,  die  beschuldigt  wurden,
Berichte  der  Nachrichtenabteilung  des  Generalstabes
an  den  deutschen  Militärbevollmächtigten  geliefert  zu
haben;  da  sie  aber  dartun  konnten,  daß  sie  das  aus
dienstlichen  Gründen  getan  hatten,  so  wurden  sie  am
27.  Februar  1916  freigesprochen  und  nur  der  disziplinaren
  Rüge  überwiesen.  Der  Note  Wilsons  zugunsten
  des  Friedens  hat  sich  der  Schweizer  Bundesrat
am  22.  Dezember  1916  in  einer  unparteiisch  gehaltenen
  Antwort  angeschlossen.

Im  Juni  1917  brachte  ein  Zwischenfall  neue  Störungen.
  Der  Bundesrat  Hossmann  hatte  an  den  in
Petersburg  verhandelnden  Schweizer  Sozialisten
Grimm  durch  die  Schweizer  Gesandtschaft  ein  chiffriertes
  Telegramm  geschickt,  das  die  Bedingunge
Deutschlands  für  einen  Frieden  mit  Rußland  enthiel
Es  wurde  von  unbefugter  Seite  entziffert,  worauf
Hoffmann,  ein  sehr  fähiger  Staatsmann,  sofort  sein
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        86

Amt  niederlegte.  Heftige  Streitigkeiten  und  wüste
Ausschreitungen  des  ausgehetzten  Genfer  Pöbels  gegen
die  Konsulate  der  Mittelmächte  waren  die  Folgen.
(Auch  wurde  der  griechische  König  Konstantin  in  Lugano
  durch  den  Pöbel  beleidigt.)  An  Hoffmanns
Stelle  wurde  der  Genfer  Ador  am  26.  Juni  zum
Bundesrat  gewählt.

Die  drei  skandinavischen  Staaten.  So  stark  die
Traditionen  und  Interessen  Schwedens,  Norwegens
und  Dänemarks  im  Weltkriege  auseinandergehen,  so
eng  sind  sie  doch  wieder  aneinander  gebunden  und
auß,  inander  angewiesen.  Dänemark  konnte  nicht
deutschfreundlich  sein;  das  Jahr  1864  und  spätere
Emtäuschungen  sind  noch  nicht  vergessen;  anderseits
  ist  seine  Grenze  zu  gefährdet,  als  daß  es  sich  anders
  denn  neutral  berhalten  konnte.  Norwegen
neigte  von  jeher  zu  England;  seine  sehr  demokratische
Verfassung,  große  Gewinne  durch  seine  starke  Handelsflotte,
  manche  Reibungen  mit  Deutschland,  die
diese  Gewinne  zu  schmälern  drohten,  aber  auch  Gegensätze
  gegen  Schweden  seit  der  Abtrennung  1905  führten
  Norwegen  zu  einer  oft  nicht  unbedenklichen  Polittk.
  Schweden,  zur  Führung  der  skandinavischen
Mächte  in  der  Notlage  der  Zeit  berufen,  hat  diese
Stellung  sogleich  stark  und  unparteiisch  ergriffen,  wobei
  eine  Fülle  der  besten  Männer  den  König  unterstützten
  und  starke  deutschfreundliche  Neigungen  erfreulich
  zutage  traten.  Hier  zeigte  sich  (wie  ja  auch  in
Spanien,  Holland  und  der  Schweiz),  daß  die  übliche
Redensart  von  der  Unbeliebtheit  oder  gar  Verhaßtheit
Deutschlands  im  Ausland  töricht  ist,  wenn  man  die
Stimmen  wägt,  nicht  zählt.

I.  Schweden.  Der  Kriegsausbruch  traf  auf  eine
seit  dem  Zug  der  Bauern  zum  König  nach  Stockholm
(Februar  1914)  sich  geltend  machende  konservative
Strömung,  die  unter  dem  Ministerium  Hammarskiöld
durch  Verlängerung  der  Dienstzeit  und  Verstärkung
der  Flotte  eine  stärkere  Rüstung  anstrebte.  Am  18.
Dezember  kam  Gustav  V.  mit  Christian  X.  von  Dänemark
  und  Haakon  VII.  von  Norwegen  in  Malms  zusammen;
  eine  einheitliche  skandinavische  Neutralität
zum  Schutz  der  Grenzen  und  des  Handels  wurde  verabredet.
  Bald  begannen  die  Kiagen  über  die  englische
Handelssperre,  und  schwedische  Blätter  sprachen  es  aus,
daß  der  englische  Kaufmann  den  Krieg  benutzen  wolle,
um  den  neutralen  Handel  an  sich  zu  reißen  und  die
skandinavischen  Verbindungen  mit  Amerika  durch
britischen  Zwischenhandel  zu  ersetzen.  England  erbrach
dieschwedische  Post,  um  nach  Bannware  zu  schnüffeln;
englische  Unterhändler  verlangten  in  Stockholm  einen
Einfuhrtrust,  damit  über  Schweden  keine  Bannware
nach  Deutschland  gelange;  doch  wurden  am  31.  Oktober
  die  Verhandlungen  abgebrochen.  Im  Dezember
1915  wurde  der  englische  Durchgangsverkehr  nach
Rußland  von  Schweden,  der  einzigen  neutralen  Macht,
die  ihre  Ehre  gegen  britische  Tyrannei  wahrte,  gesperrt.
  Ausgezeichnete  Gelehrte,  wie  Kjellen  und
Steffen,  stellten  sich  auf  Deutschlands  Seite;  Sven
Hedin  war  ein  begeisterter  Künder  der  deutschen  Kulturüberlegenheit.
  Nur  der  Führer  der  Sozialdemokraten
  Branting,  der  über  mehr  als  ein  Drittel  der
Stimmen  im  Reichstag  verfügt,  neigte  sich  der  Entente
zu  und  stachelte  gegen  Deutschland  auf.

Das  Jahr  1916  brachte  am  9.  März  in  Kopenhagen
  und  am  19.  September  in  Christiania  weitere
Zusammenkünfte  der  skandinavischen  Ministerpräsidenten
  Hammarskiöld,  Knudsen  (Norwegen),  Zahle

L  Politik  und  Geschichte

(Dänemarl)  und  der  Minister  des  Auswärtigen  Wal.
lenberg,  Ihlen.  Skavenius.  Wallenberg,  dem  man
aus  seinen  Geschäftsverbindungen  Neigung  zu  den
Westmächten  zuschrieb,  wahrte  doch  in  seinen  Erklärungen
  die  Neutralität,  so,  als  sich  die  Entente  im
Augustbeschwerte,  daß  Schweden  die  Kogrunds-Rinne
am  Sund  bei  Falsterbo  mit  Minen  gefeerrt  habe.

Dann  aber  zog  die  Alandsfrage  bedrohlich
herauf.  Rußland  hatte  1856  versprochen,  die  Klandsinseln
  nicht  zu  befestigen.  Seit  Herbst  1915  begannen
  aber  gewisse  militärische  Vorkehrungen;  Februar
1916  wurde  eine  Brigade  dorthin  verlegt,  so  daß  hier
eine  russische  Basis  für  Seeangriffe  entstand.  Diese
Vorgänge  rüttelten  das  schwedische  Volk  auf;  man
fürchtete,  daß  Schweden  im  Kriegsfalle  Norrland  aufeben

  oder  von  seinen  nördlichen  Truppen  durch  die
ssen  abgeschnitten  werde.  Die  Alandsfrage  wurde
ein  Symbol  der  nationalen  Würde  Schwedens.  Die
Partei  der  Aktivisten  entstand,  die  einen  Krieg  an  der
Seite  Deutschlands  für  die  Freiheit  des  Staates  nicht
scheute.  Dazu  kam  die  Entrechtung  Finnlands  durch
Rußland,  gegen  das  man  keine  Stütze  mehran  England
hatte.  Der  Handelskrieg  wurde  schärfer;  auch  hier
regelte  eine  Gesellschaft  -Transito-(März  1916)  die
Einfuhr  aus  England:  nur  solche  Firmen  sollen  Waren
  erhalten,  die  sich  bei  Strafe  des  Zehnfachen  verpflichteten,
  die  Ware  nicht  auszuführen  und  die  Nachprüfung
  in  den  Handelsbüchern  zu  gestatten.  Doch
wahrt  sich  die  Regierung  durch  Gesetz  vom  17.  April
1916  gegen  Druck  u.  Handelsspionage  fremder  Mächte.

Der  Aufforderung  Wilsons,  sich  den  Vereinigten
Staaten  im  Abbruch  der  Beziehungen  zu  Deutschland
anzuschließen,  gab  kein  Neutraler  eine  so  würdig  abweisende
  Antwort  wie  König  Gustav.

Im  März  1917  erlitt  das  Ministerium  Hammarskjöld
  eine  Niederlage,  indem  die  Liberalen  und  Sozialisten
  statt  der  geforderten  Summe  von  80  nur  10
Millionen  zu  Küstunosaus  aben  bewilligten.  Der
König  berich  den  Professor  Swartz  an  die  Spitze  der
Regierung,  der  aber  in  der  Neutralität  den  Weg  seines
  Vorgängers  zu  gehen  ankündigte.  Durch  die  rusfische
  Revolution  und  das  Versprechen  der  Autonomie
Finnlands  hat  auch  der  Druck  auf  Schweden  nachelassen,

  doch  droht  nun  in  der  Alandsfrage  die  Ge-6
  Bzenglischer  Festsetzung.  Stockholm  ist  der  Ort  der
im  Frllhiahr  1917  begonnenen  Friedensvermittlung
der  internationalen  Sozialisten,  die  bisher  ohne  Erfolg
  verlief.

II.  Norwegen.  Obwohl  die  Neigungen  Norwegens
für  England  tief  eingewurzelt  sind,  gidt  es  doch  auch
dort  genug  Stimmen,  die  sich  gegen  den  britischen
Druck  empören.  Auch  hier  ist  es  eine  Anzahl  der
besten  Patrioten,  wie  Björn  Björnson,  Sigurd  Ibsen.
Knut  Hamsun,  Nils  Kjaer,  Harris-Aall,  Karl  Aas,
die,  in  hoher  Bewunderung  Deutschlands,  seiner  Kultur
  und  Kraft,  dem  Urteil  der  Mehrheit  ihrer  Landsleute
  trotzen  und  in  Zeitungen,  wie  -  Tidens  Tegnund
  -Dagbladet--,  mutig  für  ihre  Meinung  eintreten.
Auch  hier  fordern  die  Konservativen  die  erweiterte
Dienstzeit,  die  Liberalen  wollen  die  Erfahrungen  des
Krieges  abwarten;  die  Sozialisten  verlangen  Abrüstung,
  indem  sie  bezweifeln,  ob  die  größere  Rüstung
eines  kleinen  Landes  einen  Zweck  hat.  Vor  allem  aber
will  man  die  riesigen  Gewinne,  die  Norwegen  aus  dem
Kriege  zieht,  ungestört  einheimsen.  Man  läßt  sich  von
England,  dem  schon  im  Frieden  24  Prozent  des  norwegischen
  Handels  gehörten,  die  Beschlagnahme  der
Paketpost,  sobald  sie  Waren  deutschen  Ursprungs  ent-
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        Sternfeld:  Die  neutralen  Mächte  Europas

halten,  die  Handelsschnüffelei,  das  Anhalten  der
Mehlzufuhr  gefallen;  norwegische  Fischer  müssen
schwören,  daß  sie  kein  deutsches  Geräte,  Ol,  Salz,
Kohle  auf  ihren  Dampfern  haben.  Der  englische  Gesandte
  in  Christiania  ist  der  mächtigste  Mann  in  Norwegen;
  der  Fall  Casement  bewies  das.  Aber  auch
die  Bedrohung  durch  Rußland  gegen  das  aufblühende
Narwil  ist  *  schon  gingen  Gerüchte,  daß  Rußland
Finnmarken  kaufen  wolle.

Aber  das  alles  wird  aufgewogen  durch  den  Proftt,
den  Norwegen  in  diesem  Kriege  durch  seine  Reederei
und  Handesflotte  macht.  Schon  1915  brachten  die
Frachtaufträge  bei  ungeheuer  emporgeschnellten
Frachtsätzen  ½  Milliarde  Bruttogewinn,  das  Doppelte
  von  1913,  das  erste  Halbjahr  1916  schon  soviel
wie  das  ganze  Jahr  1915.  Fur  Ausbeutung  von
Bergwerken,  Herstellung  von  Holzmasse,  Webstoffen,

Lebensmitteln  bildeten  sich  50  neue  Gesellschaften  mit  s

35  Millionen  Kronen  Kapital;  dazu  kommen  Ankäufe
von  riesigen  Wäldern  in  Nordrußland.  Das  alles
bedeutete  eine  völlige  Wandlung  in  den  Vermögensverhältnissen
  und  eine  Umschichtung  der  Volksklassen,
die  diesem  demokratischen  Lande  nicht  gesund  sein  kann.
Daher  zeigen  sich  schon  Ausstände,  Jobberei,  brutaler
Egoismus,  Teuerung;  die  Festbesoldeten  sind  sehr
schlecht  gestellt,  die  Interessengegensätze  gespannt.

Als  die  deutschen  Tauchboole  den  Verkehr  im  Eismeer
  störten  und  einige  Gesellschaften  ihre  Fahrten
einstellten,  verbot  die  norwegische  Regierung  am
14.  Oktober  1916  den  bewaffneten  Tauchbooten  den
Aufenthalt  in  norwegischen  Gewässern,  erfüllte  also
das  britische  Gebot,  daß  diese  Tauchboote  außerhalb
  des  Völkerrechts  stehen  sollten.  Dadurch  wurde
die  Spannung  zwischen  Norwegen  und  Deutschland
stärker.  Die  deutsche  Regierung  hat  damals  und
wieder  im  April  1917  gegen  hetzende  und  unwahre
Nachrichten  norwegischer  Blätter,  wie  „Verdens
Gange,  Einspruch  erhoben.

III.  Dänemark.  Der  Weltkrieg  traf  hier  mit  einer
Parlamentsreform  zusammen;  zu  beiden  Kammern
sollte  nach  dem  allgemeinen  Wahlrecht,  das  auch  den
Frauen  gewährt  wurde,  gewählt  werden.  Das  sozialistische
  Ministerium  Zahle  bewahrte  nach  Kräften  die
Neutralität;  auch  hier  erklärten  sich  bedeutende  Stimmen,
  wie  Peter  Nansen,  Aage  Madelung,  Karin  Michaelis,
  für  die  deutsche  Kultur  und  der  tapfere  Karl
Larsen  selbst  für  den  preußischen  Militarismus.

Starke  Kämpfe  wurden  durch  die  Absicht  erregt,
den  dänischen  Besitz  in  Westindien  an  die  Vereinigten
Staaten  zu  verkaufen  erst  durch  eine  Volksabstimmung
(283.000  gegen  157000)  wurde  der  Verkauf  durchesetzt,

  und  April  1917  ist  er  um  25  Millionen  Dolar
  vollzogen  worden.

Im  August  1916  mußte  die  deutsche  Regierung
durch  die  =  Norddeutsche  Allgemeine  Zeitunge  gegen
die  dänische  Presse  Einspruch  erheben,  die  die  Erfolge
der  Entente,  die  deutschen  Verluste,  die  Zustände  der
Mittelmächte  durchaus  parteiisch  darzustellen  pflegt.

Auch  Dänemark  mußte  sich  englische  Aufsicht  über
seinen  Handel  gefallen  lassen,  wenn  es  Kohle  und
Baumwolle  erhalten  wollte;  im  März  1916  wurden
dem  Dampser  Frederick  VIII.«  400  Postsäcke  geraubt.
  Zwei  dänische  Oldampfer  wurden  in  Kirkwall
erst  freigegeben,  als  ihre  Firmen  erklärten,  kein  Ol
nach  Schweden  gehen  zu  lassen.

Bedeutsam  war  das  Schicksal  Islands  im  Welttrieg.
  Die  Insel  löste  sich  wirtschaftlich  fast  ganz  von
Dänemark  los.  Damit  keine  Wolle  durchkäme,  sollten

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alle  von  Island  ausgehenden  Schiffe  erst  in  England
  durchsucht  werden,  widrigenfalls  dieses  keine
Kohle  mehr  liefern  würde.  Am  24.  Juni  1916  unterwarf
  sich  Island,  indem  sich  die  Kapitäne  bei  hoher
Geldstrafe  durch  Unterschrift  verpflichteten,  einen  britischen
  Hafen  anzulaufen.  Was  nicht  nach  Dänemark
  oder  Amerika  geht,  kaufen  englische  Agenten  zu
Preisen,  die  fürs  ganze  Jahr  festgesetzt  werden.  Auch
die  Tätigkeit  der  Islandsischer  wird  von  England
scharf  bewacht,  und  besonders  die  schwedischen  Fischer
werden  gezwungen,  ihren  Fang  an  England  zu  blligem
  Preise  abzugeben,  wodurch  in  Schweden  Nahrungsnot
  entstanden  ist.

Die  Niederlande.  In  den  Niederlanden  sind  von
vornherein  die  Getensäte  wohl  am  schärfsten  aufeinandergestoßen:;
  r!|•  doch  kein  neutraler  Kleinstaat
o  nahe  dem  anfänglichen  Kriegsschauplatz  und  zugleich
  dem  Seekriegsgebiet,  so  daß  er  fürchten  mußte,
zu  Wasser  und  zu  Lande  in  Mitleidenschaft  gezogen
u  werden.  War  der  deutsche  =  Muff=  beim  holländischen
  Volke  unbeliebt  und  fürchteten  viele  das  Vordringen
  Deutschlands  zu  den  Rheinmündungen,  so
bestand  seit  dem  Burenkrieg  auch  eine  starke  Strömung
egen  England,  und  noch  zuletzt  (1907)  hatte  die
##.  der  Befestigungen  bei  Vlissingen  die  Gefahr
von  seiten  der  Westmächte  enthüllt.  Die  Stimmungen
  schwankten  heftig,  je  nachdem  die  englischen  Handelsübergriffe
  das  holländische  Selbstgefühl  verletzten
oder  dem  deutschen  Tauchbootkrieg  Hoße  holländische
Schiffe,  wie  die  -Tubantia-,  zum  Opfer  fielen.

Die  fortschrittlich  Liberalen  stehen  mehr  auf  Englands
  Seite;  die  gemäßiyt  Liberalen  hoffen  bei  dem
deutschen  Nachbar  einen  Anhalt  gegen  britische  Üübermacht
  zu  finden.  Alle  antirevolutionären  und  christlich-historischen
  Parteien  neigen  zu  Deutschland.  Die
Katholiken  sind  getrennt.  Die  belgischen  Vorfälle
wirkten  gegen  Deutschland,  aber  die  Freiheit  der
Kirche  sehen  sie  doch  besser  in  Deutschland  als  in
Frankreich  geschützt,  und  die  flämische  Politik  Deutschlands
  findet  vielfach  Anklang.  Auch  in  den  Niederlanden
  sind  es  die  politisch  am  besten  gebildeten  Männer,
  die  auf  deutscher  Seite  stehen,  wie  der  frühere
Minister  Van  Houten,  der  ehemalige  Ministerpräsident
  Kuyper  und  der  frühere  Kriegsminister  Collizu,
wie  die  Professoren  Verrijn-Stuart  in  Groningen,
Steiunch  und  Verfluys  in  Amsterdam,  Labberton
(ietzt  in  Gent),  Valckenier-Kips  in  Delft,  der  die  kommende
  Kulturperiode  der  germanischen  Rasse  unter
Führung  des  Deutschen  Reiches  zuweist,  und  besonders
  der  emeritierte  Groninger  Professor  Pror.  B.  H.
C.  K.  van  de  Wifk;  trefflich  aufklärend  haben  auch
gewirkt  für  Deutschland  der  Publizist  P.  A.  Valter
und  der  Arzt  van  Dieren.  Die  grosßzen  Zeitungen,
wie  der  „Nieuwe  Rotterdamsche  Courante,  der
„Standaard-,  der  „Maasbode-,  nehmen  eine  durchaus
  würdige  Haltung  ein;  eine  Ausnahme  macht  das
Heyblatt  Telegraak-,  dessen  Leiter  Schröder  wegen
Beschimpfung  der  Mittelmächte  endlich  gebührend  bestraft
  worden  ist.  Anderseits  tritt  das  Wochenblatt
„De  Toekomst=  tapfer  und  geschickt  für  die  deutsche
Sache  ein.

Früh  begannen  die  Belästigungen  der  Niederlande
durch  England.  Es  nahm  sich  heraus,  den  Handel

dollands  mit  seinen  eigenen  Kolonien  seiner  Beaufichtigung
  zu  unterwerfen,  ja,  englische  und  japanische
Kriegsschiffe  durchsuchten  die  Küstenschiffe  nach  deutschen
  Militärpflichtigen.  England  hielt  holländische
        <pb n="102" />
        88

Dampfer  mit  Getreide  der  Regierung  wochenlang  zurück;
  holländische  Schiffe  mußten  in  englischen  Häfen
englische  Kohlen  nehmen,  bekamen  sie  aber  nicht,
wenn  sie  ihr  Getreide  nicht  nach  England  lieferten.
Große  Empörung  erregte  seit  Sommer  1916  das  englische
  Vorgehen  gegen  das  nationale  Gewerbe  der
Fischerei,  wodurch  nicht  nur  Deutschland  der  Heringe
beraubt,  sondern  England  auch  mit  Wachtschiffen
versehen  werden  sollte.  Doch  wurde  im  September  1916
ein  Abkommen  über  die  Hochseefischerei  getroffen.
Der  Postraub  setzte  sich  über  die  Unverletzlichkeit  der
Post  hinweg.  aber  auch  Wertpapiere  wurden  konfisziert,
  die  holländisches  Eigentum  waren.

So  war  es  eine  Kette  völkerrechtswidriger  Handlungen,
  unter  denen  die  Niederlande  litten;  mit  Recht
konnte  Kuyper  sagen,  daß  die  englische  Praxis  jetzt
bestätige,  was  ihre  Theorie  schon  früher  verkündete,
die  Souveränität  einer  Großmacht  und  die  eines
Kleinstaates  sei  doch  nicht  von  gleicher  Art.

Die  N.  O.  T.  (s.  Bund  1,  S.  376)  hat  sich  weiter
eingebürgert.  Der  bedeutende  Minister  Treub  hat
sie  als  zweckmäßig  gelobt,  und  sie  war  es  auch,  aber
ihre  Schattenseiten  machten  sich  mittlerweile  stärker

eltend;  sie  wurde  für  die  Entente  immer  mehr  ein
Hetel,  gegen  die  Mittelmächte  mehr  durchzusetzen,
als  ohne  diese  Einrichtung  möglich  gewesen  wäre;
vor  allem  entwickelte  sie  sich  unter  englischem  Einfluß
zu  einer  Nebenregierung,  welche  viele  Maßregeln
traf  und  erzwang,  die  allein  vom  Staat  hätten  ausgehen

  dürfen.

Spauien.  Ein  merkwürdiger  Umschwung  vollog
  sich  im  Verlauf  des  Krieges  in  der  Stellung

paniens.  Beim  Beginn  schien  die  durch  die  große
Presse  vertretene  Offentlichkeit  ganz  auf  seiten  der
Westmächte  zu  sein;  nicht  nur  der  Sozialist  und  Republikaner
  Lerroux  eiferte  für  sofortigen  Anschluß  an
Frankreich,  sondern  auch  die  Liberalen  unter  Graf  Romanones,
  die  Demokraten  unter  Garcia  Prieto,  die
Reformisten  unter  Alvarez  waren  gewillt,  zur  Cntente
u  sioßen.  Da  machte  schon  am  7.  August  1914  die
Erklärung  der  Neutralität  durch  das  Ministerium
Dato  jenen  Wünschen  ein  Ende,  und  es  zeigte  sich,
daß  beim  spanischen  Volk  diese  Politik  immer  mehr
Anhangfand.  Starkenationale  Bestrebungen  machten
sich  geltend  und  drängten  in  entscheidender  Zeit  nach
Erfüllung.

Spanien  hatte  sich  seit  1904  an  die  Westmächte
angelehnt,  um  von  ihnen  Förderung  seiner  marokkanischen
  Interessen  zu  erlangen.  In  Cartagena  traf
1907  Eduard  VII.  mit  Rönig  Alfons  XIII.  zusammen;
der  Ministerpräsident  Maura  trat  für  den  Anschlußz
an  die  Westmächte  ein,  doch  gab  es  schon  eine
sterie  Strömung  gegen  England  unter  Lloret  und

e  Mella.  Im  Oktober  1913  vollzog  Romanones  in
Cartagena  den  Vertrag  mit  der  Cntente,  mußte  aber
sofort  dem  Ministerium  Dato  weichen.  Es  zeigte  sich
bald,  daß  König  Alfons  XIII.  trotz  seiner  englischen
Heirat  mit  ruhigem  Blick  und  tüchtiger  Einsicht  Spaniens
  Geschick  nicht  an  die  Westmächte  knüpfen  wollle.

Als  nun  1914  die  Wühlarbeit  der  Entente  einsetzte,
sah  sie  zu  ihrem  Erstaunen,  daß  Neigungen  für
Deutschland  immer  stärker  emportauchten,  und  zwar
sowohl  bei  den  Gebildeten  als  auch  im  Volke.  Mancherlei
  sprach  dabei  mit:  Konservative  und  religiöse  Stimmungen
  gegen  die  demokratische  und  atheistische  Propaganda,
  die  Enttäuschung  über  den  Mißerfolg  in
Marokko,  die  Verdrängung  aus  Tanger,  endlich  der

I.  Politik  und  Geschichte

englische  Besitz  Gibraltars,  der  doch  wie  eine  unheilbare
  Wunde  am  Körper  Spaniens  frißt.  In  den
Nroßen  Zeitungen  ABC  -Correo  espafiol,  in  der

dadrider  „Tribuna=  traten  die  „Germanofilosimmer
  enischiedener  hervor,  mehr  noch  im  -  Correo
Catalane,  dem  gelesensten  Blatt  von  Barcelona,  wo
am  7.  Februar  1915  eine  große  Kundgebung  für
Deutschland  erfolgte.  Mella  sagte  am  27.  Juli,  die
konservative  Partei  stände  mit  ihren  Neigungen  ganz
auf  der  Seite  der  Mittelmächte;  eine  Erklärung  von
11000  der  besten  Geister  Spaniens  erkannte  dankbar
die  großen  Kulturleistungen  Deutschlands  an.  Der
Groll  gegen  Frankreich,  der  Haß  gegen  England  traten
  schärfer  hervor.  (:Wenn  die  britische  Macht  zerbricht,
  geht  das  Morgenrot  für  400  Millionen  unterdrückter
  Völker  auf  stand  November  1914  im  Correo
espanol).  Lerroux  wurde  in  Irun  bei  seiner  Deutschenhetze
  gezüchtigt.  Romanones  mußte  verstummen.
Wie  schon  1914  viele  Franzosen,  so  klagte  1916  Lord
Northclisse  über  die  sehr  deutschfreundliche  Stimmung,
die  er  in  Spanien  getroffen.

Die  Neutralität  wurde  am  5.  November  1914  von
den  Cortes  gebilligt:  auf  sie  einigten  sich  allmählich
alle  Parteien;  160  Zeitungen  schlossen  sich  in  diesem
Sinne  zusammen;  selbst  Lerroux  wollte  nur  noch  die
moralische  Unterstützung  der  Entente.

Die  notwendige  Stärkung  der  militärischen  Macht
erforderte  1  Geldmittel;  doch  im  Mai  1915  erwies
  der  Mißerfolg  einer  Anleihe  die  wirtschaftliche
Schwäche  Spaniens.  Damals  schon  wäre  Dato  gefallen,
  wenn  der  König  ihn  nicht  gehalten  hätte.  Aber
im  Dezember  1915  mußte  er  ihn  doch  entlassen  und
Romanones  berufen,  der  sich  sofort  zur  Wahrung  der
Neutralität  verpflichtete.

Von  nun  an  traten  die  nationalen  Bestrebungen,
die  sich  auf  ein  marokkanisches  Kolonialland,  auf  eine
paniberische  Einheit,  auf  Erwerbung  von  Gibraltar
richteten,  wieder  zurück.  Zumal  seit  Portugal  März
1916  in  den  Krieg  getrieben  wurde,  mußte  Spanien
vorsichtig  sein,  blieb  es  doch  mit  seiner  Kohlenzufuhr
von  England  abhängig.  Aber  selbst  Maura  sprach  es
aus,  daß  Spanien  nur  zu  den  Westmächten  siehen
könne,  wenn  sie  ihre  Haltung  vollständig  ändern  würden.
  Vor  allem  sind  in  der  Tanger-Frage  alle  Parteien
  einig  und  verlangen  darin  Entgegenkommen.

Böses  Blut  haben  auch  in  Spanien  die  Verletzungen
  der  Neutralität  durch  England  gemacht.  Schon
am  26.  August  1914  wurde  der  deutsche  Hilfskreuzer
„Kaiser  Wilhelm  der  Große=  durch  den  englischen
Kreuzer  Highflyere  in  dem  spanischen  Hafen  Rio  de
Oro  zerstört;  der  deutsche  Dampfer  „  Mazedoniawurde
  Ende  Oktober  1914  in  Palmas  (Manarische
Inseln)  sestnehalten  auf  die  unwahre  Angabe  des
englüchen  Konsuls,  daß  er  Munition  an  Bord  habe.

Die  Ausfuhr  von  Obst  und  von  Korken  wurde
durch  die  englische  Blockide  empfindlich  getroffen,  die
Verbindung  mit  Marokko  einer  demütigenden  überwachung
  durch  Kriegsschiffe  der  Verbündeten  unterworfen,
  die  spanische  Post  gestört  und  geknebelt.

Den  Verlockungen  Wilsons  gegenüber  zeigte  Spanien
  eine  kühle  Selbständigkeit;  es  trat  hier,  wie
früher  nach  der  Versenkung  der  =  Lusitania=  (ogl.
Bd.  III,  lexikal.  Teil),  die  seit  der  Abreißung  Kubas
starke  Abneigung  Spaniens  gegen  die  Vereinigten
Staaten  zutage.  Am  31.  Dezember  1916  erklärle  die
spimische  Regierung,  daß  sie  ihr  Handeln  für  eine  aussichtsreichere
  Zeit  aufsparen  und  zunächst  alle  neutra
len  Länder  zu  einmütigem  Vorgehen  vereinigen  wolle.
        <pb n="103" />
        Franke:  Ostasien  im  Weltkriege

Seit  der  deutschen  Tauchbootsperre  im  Februar
1917  und  der  weiteren  Behinderung  der  Ausfuhr
sind  die  inneren  Schwierigkeiten  Spaniens  stärker  geworden;
  Romanones  hatte  im  März  1917  Arbeiterunruhen
  w  beschwichtigen.  Dann  mußte  er  abgehen,
da  seine  Politik  in  das  westmächtliche  Fahrwasser  geriet;
  der  liberale  Garcia  Prieto  wurde  sein  Nachfolger,
der  zwar  1912  als  auswärtiger  Minister  die  Verändigung

  mit  Frankreich  betrieben  hatte,  jetzt  aber

ie  Neutralität  zu  wahren  bemüht  war.  Auch  er
machte  im  Juni  1917  wieder  dem  Konservativen  Dato
Platz.  Es  hatten  sich  plötzlich  innere  Schwierigkeiten

ezeigt,  die  militärisch  und  partikularistisch  zugleich
95.  a  die  Offiziere  eines  katalonischen  Bezirks  Forerungen

  erhoben  und  in  Barcelona  sogar  ein  Sonder-Lorlament
  erstanden  ist.  Doch  ist  zu  boffen,  daß  der

önig  und  die  große  konservativ  -liberale  Mehrheit
des  Landes  unerschüttert  bleiben.  Reden,  wie  die  im
April  1917  von  dem  hervorragenden  karlistischen
Führer  Vazquez  de  Mella  in  Bilbao  und  von  dem
allverehrten  Antonio  Maura  in  Madrid  vor  einer
riesigen  Hörerschaft  gehaltenen,  zeigen,  daß  nicht  nur
die  Neutralität,  sondern  auch  die  Neigung  für  Deutschland
  und  der  Wunsch  nach  Befreiung  vom  Gibraltar-Joch
  in  Spanien  zahlreiche  Anhänger  zählen.

Da  die  paniberischen  Bestrebungen  im  Weltkrieg
stärker  geworden,  hat  sich  auch  der  Zusammenhang
Spaniens  mit  den  spanischen  Kolonien  Südamerikas

89

gesesiigt  so  kommt  es,  daß  die  bedeutendsten,  Chile  und
rgentinien,  trotz  der  Verlockungen  Wilsons,  an  der
Neutralitätfesthalten,  während  das  portugiesische  Brasilien
  die  Beziehungen  zu  Deutschland  abgebrochen  hat.

Literatur.  Allgemeines:  VB.  Valentin,  Entente  und
Neutralität  (Leipz.  1917);  Clapp,  Britisches  Seekregsrecht
  und  die  Neutralen  (Üübersetzt  von  E.  Zimmermann,
Berl.  1010h:  J.  Jastrow,  Völkerrecht  und  Wirtschaftskrieg
  (Bresl.  1917);  „Neutrale  Stimmen=  (eingeleitet  von
R.  Eucken,  Leipz.  1916);  H.  Floerke,  Dokumente  der  Freundaft
  (Münch.  1915).  —  Schweiz:  „Polit.  Jahrbuch  der

weiz.  Eidgen.“,  Jahresberichte  und  Beilagen  des  28.—

.  Bandes;  Stimmen  im  Sturm=  (Flugschriftensammlung);
  H.  Bächtold,  Die  nationalpolitische  Krisis  in  der
Schweiz  (Basel  1916);  A.  v.  Salis,  Die  Schweiz  im  Welttrieg
  (Leipz.  1915);  Paul  Wernle,  Gedanten  eines  Deutsch-Schweizers
  (Zürich  1915);  Jak.  Schaffner,  Die  Schweiz
im  Weltkrieg  (Stuttg.  1915).  —  Skandinavien:  F
Stieve,  Schwedische  Stimmen  zum  Weltkrieg  (Leipyz.
1916);  M.  A.  Schiff-Drost,  Der  nordische  Knoten  (Berl.
1915).  —  Niederlande:  Treub,  Oorlogstud  (Haarlem
1916);  Hollands  Not.  Der  Niederl.  übersee-Trust-  (Bern
1916);  F.  Tönnies,  Die  mederländ.  Ubersee-Truft-Gesellschaft
  (Jena  1916).  —  Spanien:  P.  Herre,  Spanien  und
der  Weltkrieg  (Münch.  1915);  L.  A.  del  Olmet,  Der  Sieg
Deutschlands  (das.  1916);  Ed.  Llorens,  Der  Krieg  und
das  Recht  (Hamb.  1916);  T.  Gast,  Deutschland  und  Südamerika
  (Stuttg.  1915).  —  Ugl.  auch  die  auf  die  Neutralen
bezüglichen  Sonderhefte  der  „Süddeutschen  Monatshefte-(Skandinavien,
  Januar  1918;  Schweiz,  Mai  1916;
Niederlande,  August  1916;  Spanien,  Juni  1917).

Ostasien  im  Wellkrieget
von  Professor  Dr.  Otto  Franke  in  Hamburg

Wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  die  letzten
Ursachen  des  Weltkrieges  in  den  drei  bekannten  Grundtatsachen
  zu  suchen  sind,  nämlich  in  dem  Revanchebedürfnis
  Frankreichs,  in  den  Herrschaftsbestrebungen
des  russischen  Panslawismus  hinsichtlich  des  Balkans
und  des  Orients,  deren  Erfolg  die  Beseitigung  der
deutschen  und  österreichischen  Bukunfismöglichkeiten
dort  zur  Voraussetzung  hatte,  und  in  dem  Entschlusse
Englands,  zugunsten  seiner  besonderen  Weltstellung
die  Flotte,  die  Kolonien  und  den  überseeischen  Handel
  Deutschlands  zu  vernichten,  so  erhellt  ohne  weiteres,
  daß  für  Ostasien  und  sein  Verhältnis  zum  Kriege
höchstens  die  letzte  der  drei  Tatsachen  wirksam  werden
  konnte,  und  auch  diese  nur  in  ganz  beschränktem
Umfange.  Wenn  die  Brandfackel  des  Krieges  gleich
nach  seinem  Ausbruche  auch  in  Ostasien  aufloderte,
so  halte  dies  lediglich  seinen  Grund  in  der  Art,  wie
England  den  Krieg  vorbereitet  hatte,  die  nur  durch
ein  außerordentliches  Schwächegefühl  der  »weltbeherrschenodene
  Macht  erklärt  werden  kann.  Deutscher  Einfluß
  und  deutscher  Handel  sollten  nach  den  englischen
Plänen  offenbar  an  jedem  Punkte  des  überseeischen
Auslandes  bis  auf  die  letzte  Spur  ausgetilgt  werden;
aber  allein  fühlte  sich  Britannien  trotz  aller  Ruhmredigkeit
  und  Prahlerei  für  diese  Aufgabe  bei  weitem
nicht  stark  genug.  Es  warb  seine  Trabanten  und  Büttel,
  wo  immer  es  sie  fand,  und  zahlte  oder  versprach
wenigstens  die  höchsten  Preise.  In  Ostasien  wurde
Japan  für  seine  Dienste  gewonnen,  und  dieser  Umstand
war  es,  der  den  fernen  Osten  sogleich  in  den  Krieg

1  Abgeschlossen  Anfang  Juni  1917.

betnzig,  Aus  dem  europäischen  Kriege  wurde  durch
nglands  Zettelungen  ein  wirklicher  Weltkrieg.

Deutschland  besaß  an  der  Küste  von  Schantung,
gegenüber  dem  japanischen  Port  Arthur.  das  rasch
emporgeblühte  Schutzgebiet  von  Kiautschou,  Eisenbahnen
  und  Bergwerksgerechtsame  in  Schantung,
eigene  nationale  Niederlassungen  in  den  Häfen  Tientsin
  und  Hankou  und  einen  zukunftsreichen  Handel
in  vielen  von  den  übrigen  Vertragshäfen.  Dieser
Besitz  schien  England  wichtig  genug,  um  ihn  dem
deutschen  Eigentümer  zu  entreißen  und  soweit  wie
möglich  an  sich  zu  bringen.  In  Deutschland,  wo  man
von  der  Art  und  dem  Umfange  der  englischen  Verschwörung
  zunächst  kaum  noch  die  rechte  Vorstellun
hatte,  bemühte  man  sich,  ebenso  wie  Afrika,  so  auc
Ostasien  aus  dem  Bereiche  der  kriegerischen  Unternehmungen
  auszuschließen,  es  durch  ein  besonderes
Übereinkommen  zu  neutralisieren.  China  kam  diesen
deutschen  Bestrebungen  auf  halbem  Wege  entgegen.
Etwa  eine  Woche  nach  Ausbruch  des  Krieges  wurde
dem  japanischen  Vertreter  in  Berlin  in  Aussicht  genenlt.
  daß  das  deutsche  Geschwader  in  Ostasien  den

efehl  erhalten  würde,  sich  feindseliger  Handlungen
in  den  dortigen  Gewässern  zu  enthalten,  sofern  England,
  Rußland  und  Frankreich  Gegenseitigkeit  verbürgten
  und  Japan  neutral  bliebe.  Um  die  nämliche
  Zeit  bemühte  sich  China  bei  den  fremden  Vertretungen
  in  Peking,  die  Zustimmung  der  kriegführenden
  Mächte  zur  Neutralisierung  der  chinesischen.
Küsten  und  Gewässer  zu  erlangen.  Frankreich  und
Rußland  scheinen  diesen  Bestrebungen  nicht  grundsätzlich
  abgeneigt  gewesen  zu  sein;  dagegen  mußten
England  und  Japan  bei  der  Art  ihrer  Pläne  und
Abmachungen  sie  selbstverständlich  unter  allen  Umständen
  vereiteln.
        <pb n="104" />
        90

Englands  Bearbeitung  der  ostastatischen  Sphäre
für  den  Kampf  mit  Deutschland  läßt  sich  zurückverfolgen
  bis  zum  Beginn  des  laufenden  Jahrhunderts,
wenn  auch  bis  zum  Jahre  1905  seine  Maßnahmen
nur  mittelbar  vorbereitende  sind.  Den  Kernpunkt
bildet  das  Bündnis  mit  Japan.  Im  Januar  1902
abgeschlossen,  richtet  es  zwar  zunächst  seine  Spitze

egen  Rußland,  darüber  zinaus  aber  auch  unzweifel-*
  schon  gegen  Deutschland.  Rußland  sollte  aus
zwei  Gründen  getroffen  werden,  einmal,  weil  es  durch
sein  weit  ausgreifendes  Vordringen  in  der  Mandschurei
  und  Korea  der  englischen  Vormacht  gefährlich
  schien,  und  dann,  weil  die  vor  Eduard  VII.  83
leitete  Einkreisung  Deutschlands  die  Notwendigkeit
ergab,  den  russischen  Tatendrang  nach  Westen  zurückrufen,
  damit  er  hier  gegen  die  deutsche  Stellung
a  Europa  und  im  türkischen  Orientk  verwendet  werden
  könnte.  Der  siegreiche  Krieg  Japans  von  1904,05
verwirklichte  den  ersten  Teil  dieses  Programms,  die
Zurückdrängung  Rußlands  aus  Korea  und  der  füdlichen
  Mandschurei.  Noch  ehe  zwischen  beiden  Kämpfern
  der  Friede  geschlossen  wurde,  ersetzten  England
und  Japan  im  Jahre  1905  ihren  seitherigen  Bündnisvertrag
  durch  einen  neuen,  der  die  japanischen  Interessen
  in  Korea  und  die  englischen  in  Indien,  Tibet
und  Afghanistan  vor  etwaigen  russischen  Abirrungen
und  Hecheeltungsgelsten  ichern  sollte.  Im  Jalre
1907  fand  indessen  zwischen  England  und  Rußland
die  große  asiatische  Auseinandersetzung  statt,  in  der
beide  ihre  Interessenkreise  gegeneinander  abgrenzten;
dadurch  wurde  die  russische  Macht  als  Glied  in  die
für  Deutschland  zu  schmiedende  Kette  eingefügt,  und
das  japanische  Bündnis  verlor  seine  russenfeindliche
Bedeutung.  Ebenso  wie  England  erhielt  auch  Japan
eine  anderweitige  Sicherheit  gegen  Rußland  durch
ein  um  die  nämliche  Zeit  im  Jahre  1907  mit  letzterem
abgeschlossenes  übereinkommen,  in  dem  beide  sich
ihren  Besitzstand  in  Ostasien  gegenseitig  verbürgten.
Dasselbe  geschah  mit  Frankreich  durch  einen  gleichzeitigen
  japanisch-französischen  Vertrag  entsprechenden
  nhhls  und  vorsichtigerweise  auch  mit  Amerika
in  einem  Abkommen  Japans  von  1908.  Daß  England
  bei  allen  diesen  Vereinbarungen  die  treibende
Kraft  war,  kann  im  Hinblick  auf  den  gemeinsamen
Zweck  keinem  Zweifel  unterliegen:  sie  sollten  sämtlich
dazu  dienen,  in  Ostasien  jede  Mißhelligkeit  zwischen
den  Gliedern  des  großen,  von  England  geschaffenen
Verbandes  gegen  das  Deutsche  Reich  auszuschließen
und  alle  Hände  zur  Vernichtung  dieses  Gegners  frei
zu  machen.  Offenbar  außerhalb  des  englischen  Programms
  fiel  dagegen  das  neue  Abkommen,  das  Japan
  anscheinend  selbständig  im  Jahre  1910  mit  Rußland
  schloß,  in  dem  durch  Geheimklauseln  Japan  freie
Verfügung  Über  Korea  und  Rußland  über  die  äußere,
d.  h.  nördliche  und  westliche  Mongolei  erhielt,  außerdem
  aber  beide  sich  ihren  Besitzstand  in  der  Mandschurei
  gegen  alle  Eingriffe  Drilter  gewährleisteten.
Ein  solcher  Dritter  war  zunächst  Amerika,  das  durch
seine  in  England  befürworteten  Neutralisierungspläne
  in  der  Mandschurei  zu  einer  gemeinsamen  Gefahr
  für  Rußland  und  Japan  wurde  und  so  —  ohne
sich  dessen  bewußt  zu  sein  —  die  Kreise  Englands  zu
stören  drohte.  Das  amtliche  England  unterließ  im
Interesse  der  großen  Sache  jede  Mißbilligung  dieses
ihm  sicherlich  nicht  erwünschten  Gertrages  und  erklärte
sogar  im  Sommer  1911,  daß  es  die  besonderen  Interessen
  Rußlands  und  Japans  in  der  Mongolei  und
Mandschurei—anerkennen  müsse.  Gleichzeitig  aber  hielt

I.  Politik  und  Geschichte

es  England  doch  für  gernten,  Vorsorge  dagegen  zu
treffen,  daß  es  durch  sein  Bundesverhälmie  in  den
immer  drohender  werdenden  Zusammenstoß  Japans
mit  Amerika  bmeingegogen  werden  könnte.  Zu  diesem
Zwecke  wurde  der  Bündnisvertrag  mit  Japan  von
1905  im  Jahre  1911  abermals  durch  einen  neuen  ersetzt,
  in  dem  England  seiner  Verpflichtungen  im  Falle
eines  japanischen  Krieges  gegen  Amerika  ledig  wurde.
Zum  Ausgleich  der  Wertminderung,  die  das  Bündnis
  hierdurch  für  Japan  erfuhr,  diente  ein  Geheimabkommen
  zwischen  dem  englischen  Minister  Grey  und
dem  sapansschen  Botschafter  in  London,  Kato,  über
das  zwar  Näheres  bisher  nicht  bekannt  geworden  ist,
dessen  Bestehen  aber  auf  Grund  der  späteren  Ereignisse
  nicht  mehr  bezweifelt  werden  kann.  In  diesem
Abkommen  wurde  Japan  offenbar  für  die  bevorstehende
  Aufteilung  des  deutschen  überseeischen  Besitzes
  der  Erwerb  des  Schutzgebietes  von  Kiautschou,
der  deutschen  Eisenbahnen  und  Bergwerksgerechtsame
in  Schantung  (obwohl  sie  Krwateigentum  waren),
vielleicht  auch  der  deutschen  Kolonien  in  Mikronesien
und,  innerhalb  bestimmter  Grenzen,  die  sonstige  Ausdehnung
  der  japanischen  Machtsohire  in  Nordchina
zugesichert.  Ob  diese  Abmachungen  überhaupt  auch
nur  zur  Kenntnis  der  beiderseitigen  Kabinette  gekommen
  sind,  scheint  sehr  zweifelhaft;  nach  dem,  was
über  die  anglo-belgisch-französischen  Vereinbarungen
jetzt  festgestellt  und  dokumentarisch  belegt  ist,  kann
man  Füstauihh  der  unterirdischen  Tätigkeit  einzelner
Mitglieder  der  englischen  Regierung  alles  für  möglich
  halten.

Hält  man  sich  diese  von  England  mit  Mühe  und
Geduld  zurechtgezimmerte  politische  Gruppierung  in
Ostasien  vor  Augen,  so  muß  es,  wie  vorhin  l  sag
wurde,  als  selbstwerständlich  erscheinen,  daß  die  Neutralisierungsbemühungen
  Deutschlands  und  Chinas  von
England  und  Japan  vereitelt  wurden.  Die  dem  japanischen
  Vertreter  in  Berlin  gegebene  Anregung
blieb  unbeantwortet;  ebenso  wurde  den  Wünschen  der
chinesischen  Regierung  keine  Beachtung  zuteil.  Am
4.  August  hatte  England  an  Deutschland  den  Krieg
erllärt,  und  bereits  am  7.erging  von  London  die  Aufforderung
  an  Japan,  seines  Amtes  zu  walten.  Nicht
ohne  scharfe  Kämpfe  innerhalb  der  Regierungstreile
sowohl,  wie  auch  später  im  Parlament  ist  es  dem  inzwischen
  zum  Minister  des  Außern  ernannten  Kato
und  dem  mit  ihm  verbundenen  Ministerpräsidenten
Okuma  gelungen,  das  Geheimabkommen  mit  England
  wirksam  zu  machen,  und  es  hat  eines  starken
englis  chen  Druckes  auf  das  seit  dem  japanisch-russischen
Friedensvertrage  von  1905  von  England  finanziell
völlig  abhängig  gewordene  Land  bedurft,  ehe  der
durchaus  nicht  volkstümliche  Krieg  gegen  Deutschland
beschlossen  werden  konnte.  Am  19.  August  1914  ließ
Japan  in  Berlin  ein  Ultimatum  überreichen,  das  die
sofortige  Entfernung  der  deutschen  Kriegeschisfe  aus
den  ostasiatischen  Gewässern#  und  »die  bedingungslose
  und  ohne  jede  Entschädigung  vorzunehmende
überlieferung  des  gesamten  Pachtgebietes  Kiautschon
an  die  japanischen  Behörden=  verlangte.  Inhalt  und
Form  dieses  Schriftstückes  waren  derartig,  daß  es  die
deutsche  Regierung  für  unter  ihrer  Würde  erachtete,
darauf  eine  Antwort  zu  geben,  vielmehr  dem,  japanischen
  Vertreter  seine  Pase  zustellte.  Noch  im  August
begann  der  japanische  Angriff  gegen  Tsingtau,  dem
sich  mehrere  englische  Kriegsschiffe  und  eine  englische

Truppenabteilung  aus  Hongkong  unter  dem  durch  die

anglo-belgischen  Militärabkommen  bekannt  gewor-
        <pb n="105" />
        Franke:  Ostasien  im  Weltkriege

denen  General  Barnardiston  anschlossen.  Auf  der
deutschen  Seite  kämuften  die  in  den  chinesischen  Gewässern
  befindlichen  österreichischen  Marinemannschaften
  mit,  nachdem  am  24.  August  von  Osterreich-Ungarn
  an  Japan  der  Krie  erklärt  war.  Erst  Ende
September  konnte  indessen  die  Einschließung  Tsingtaus
  von  der  Landseite  erfolgen,  und  auch  dann  nur
unter  Verletzung  der  chinesischen  Neutralität,  indem
japanische  Truppen  in  dem  chinesischen  Küstengebiete
von  Schantung  gelandet  wurden.  Die  Einsprüche  des
militärisch  wehrlosen  China  hiergegen  wurden  von
England  und  Japanebensowenig  beachtet  wie  die  75
die  Besetzung  der  deutschen  Eisenbahnlinie  nach  Tsinanfu
  und  der  in  ihrer  Nähe  gelegenen  deutschen  Bergwerke
  durch  die  Japaner,  ohwohl  beide,  wie  bemerg.
Privateigentum  waren  und  innerhalb  des  chinesischen
Staatsgebietes  lagen.  In  den  sämtlichen  vorhin  erwähnten
  Abkommen  ist  die  Wahrung  der  chinesischen
Selbständigkeit  und  Unverletzlichkeit  als  gemeinsamer
Hauptzweck  der  Vertragschließenden  angegeben;  das
at  aber  weder  England  noch  Japan  verhindert,  beide
griffe  bei  der  ersten  Veranlossung  als  nicht  vorhanden
  anzusehen,  und  ebensowenig  hat  Amerika.  gleichfalls
  ein  Teilnehmer  an  jenen  Unverletzlichkeitsverträgen,
  es  für  angezeigt  erachtet,  seine  Wertschätzung  von
Chinas  Selbständigkeit  an  den  Tag  zu  legen,  obwohl
noch  im  September  1914  eine  besondere  chinesische
Bitte  um  Unterstützung  nach  Washington  erging.
Amerika  war  entweder  durch  England  gebunden  oder
fühlte  sich  zu  schwach,  um  Japan  gegenüber  seine
eigenen  Interessen,  die  unzweifelhaft  schon  im  Hinblick
  auf  die  Philippinen  mit  bedroht  waren,  ernsthaft
zur  Geltung  zu  bringen.

Noch  während  der  Belagerung  von  Tsingtau,  im
Oktober,  besetzten  die  Japaner  kampflos  die  nicht  verteidigungsfähigen
  deutschen  Inselgruppen  der  Marianen,
  Karolinen  und  Marpallilseen  im  westlichen
Teile  des  Stillen  Ozeans.  Die  Erklärung,  daß  es  sich
dabei  »lediglich  um  eine  militärische  Maßnahme“,
nicht  um  eine  dauernde  Besetzung  handle,  mag  den
Zweck  verfolgt  haben,  die  aufsteigende  Beunruhigung
in  Australien  und  Amerika  zu  beschwichtigen.  Daß
England,  oder  wenigstens  Grey  und  sein  Anhang,  in
diesen  japanischen  Plan  von  vornherein  eingeweiht
waren,  läßt  sich  nach  dem  oben  Gesagten  annehmen;
jedenfalls  hat  weder  Australien  noch  Amerika  einen
Einspruch  gegen  das  Vorgehen  gewagt.  Am  7.  November
  fiel  Tsingtau  nach  heldenmütiger  Verteidigung;
die  englische  Repräsentantentruppe  unter  Barnardiston
  wurde  kurzerhand  abgeschoben,  und  Japan
trat  nunmehr  in  Schantung  mit  der  ganzen  Rücksichtslosigkeit
  auf,  die  ihm  von  dem  Bewußtsein  der
überlegenheit  über  das  hilflose  China  eingegeben
wurde.  Das  Militär  gebärdete  sich  in  den  Städten
an  der  Bahnlinie  und  selbst  in  der  Provinzialhauptstadt
  Tsinanfu  als  Herr  und  erregte  in  wachsendem
Maße  die  Erbitterung  der  Bevölkerung.

Hatte  man  in  England  bei  der  Anwerbung  Japans

emeint.  daß  sich  der  Bundesgenosse  nach  Lösung  seiner
Kufgabe,  d.  h.  der  Vernichtung  der  deutschen  Macht
und  der  Sicherung  der  ostasiatischen  Gewässer  für
den  englischen  Handel,  befriedigt  mit  seiner  Beute
zurückziehen  und  für  eine  etwaige  weitere  Berwendung
  auf  den  Kriegsschauplätzen  bereit  halten  würde,
so  mußte  die  fernere  Entwicklung  bitter  enttäuschen.
Daß  das  japanische  Vorgehen  gegen  Deutschland  eine
Vergeltung  sei  für  die  deutsche  Teilnahme  an  dem
Einspruch  gegen  den  Friedensvertrag  von  Shimo-91



noseki,  ist  eine  Legende,  die  von  England  zur  Berhüllung
  seiner  dunklen  Machenschaften  mit  großem
Eifer  verbreitet  worden  ist,  und  leider  wird  sie  in
Deutschland  —ein  betrübendes  Zeichen  der  Abhängigkeit
  politischer  Auffassungen  von  England  —  mit  einer
unbelehrbaren  Hartnäckigkeit  immer  wiederholt.  Der
Minister  Kato  selbst,  der  sich  am  5.  Septemder  1914
in  japanischen  Parlament  ausführlich  über  die  Veranlassung
  zu  dem  Kriege  gegen  Deutschland  ausgesprochen
  hat,  deutet  mit  keinem  Wort  auf  jenen  —  in
der  Zwischenzeit  übrigens  auch  völlig  entstellten  —
Einspruch  hin,  sondern  begründet  das  Verhalten  der
Regierung  einmal  mit  -dem  Ersuchen  Englands  um
japanischen  Beistande  auf  Grund  des  Bündnisvertrages
  und  dann  mit  der  seltsamen  Tatsache,  daß  die
machtvolle  Tätigkeit  Deutschlands  in  Ostasien  im  Widerspruch
  stehe  mit  den  Interessen  des  japanischen  Reichesc.
  Daß  der  Bündnisfall  für  Japan  nicht  gegeben
war,  wird  jeder  sofort  erkennen,  der  den  Wortlaut  des
Vertrages  von  1911  durchliest;  tatsächlich  ist  dies  auch
sogar  von  England  niemals  ernsthaft  behauptet  worden.
  Daß  dagegen  Deutschlands  #machtvolle  Tätigkeite
  denj  abischen  Inleresten  im  Wege  stand,  so  wie
sie  von  a,  Kato  und  anderen  Politikern  mit
panasiatischen  Vorstellungen  verstanden  werden,  entspricht
  der  Wahrheit.  Japan  soll  in  dieser  Ideenwelt
der  Beherrscher  des  ostasiatischen  Festlandes  und  des
Stillen  Ozeans  mit  allen  seinen  Inseln  werden,  daneben
  auch  noch  schützend  und  leitend  seine  Hand  über
die  von  Europa  geknechteten  Völker  Mittelasiens  halten.
  Einem  solchen  Ziele  steht  aber  nicht  bloß  Deutschland
  im  Wege,  sondern  jedes  abendländische  Volk,  das
in  Ostasien  Interessen  und  Einfluß  besitzt  oder
erringen  wagt,  allen  voran  England  und  Ameri
Die  Bedeutung  dieser  Tatsache  sollten  beide  noch  während
  des  Krieges  gründlich  kennenlernen.

Daß  Japan  micht  gesonnen  war,  lediglich  ein  ausführendes
  Organ  in  der  englischen  Politik  gegen
Deutschland  zu  sein  und  sich  mit  der  ihm  zugewiesenen
  Betahlung  für  abgefunden  zu  erklären,  zeigte  es
sehr  bald  nach  der  Eroberung  von  Tsingtau.  Bereits
im  Januar  1915  überreichte  der  japanische  Vertreter
in  Peking  eine  lange  Reihe  von  Forderungen,  deren
Gewährung  China  in  ein  ähnliches  Vasallenverhältnis
  zu  Japan  bringen  mußte,  wie  das  von  Korea
vor  neiner  Einverleibung  von  1910  war.  Die  Forderungen
  waren  in  fünf  Gruppen  geteilt:  1)  Zustimmung
  der  chinesischen  Regierung  zu  allen  Abmachungen,
  die  wischen  Deutschland  und  Japan  nachdem
Kriege  über  das  Besitztum  des  ersteren  in  Schantung
getroffen  werden;  Verpflichtung,  keinen  Teil  von

chantung  an  eine  dritte  Macht  abzutreten;  Genehmigung
  zum  Bau  einer  japanischen  Eisenbahn  daselbst.
  2)  Die  Überlassung  der  südlichen  Mandschurei
und  der  östlichen  Mongolei  in  ihrem  Südteile  als  eine
Art  Kolonialgebiet  an  Japan  unter  Beibehaltung
einer  ganz  unselbständigen  Scheinregierung  Chinas.
3)  Umwandlung  des  Betriebes  der  Kohlen-  und  Eisenwerke
  von  Han-yang,  Ta-zye  und  Ping  ·  hiang  (Han-De-Ping)
  am  mittleren  Yangtse  in  ein  gemeinsames
japanisch-chinesisches  Unternehmen.  4)  Verpflichtung
Chinas,  keinen  Hafen,  keine  Bucht  und  keine  Insel  an
eine  dritte  Macht  abzutreten.  5)  Anstellung  zahlreicher
japanischer  Ratgeber  bei  der  chinesischen  Regierung;
Gründung  japanischer  Missionsanstalten,  Schulen
und  Holpitäler  in  China;  Verwaltung  der  Polizei  an
wichtigen  Plätzen  gemeinsam  mit  Japan;  Verpflichtung
  zum  Bezug  von  Kriegsmunition  von  Japan;
        <pb n="106" />
        92

Verpflichtung,  in  der  Provinz  Fukien  (gegenüber  dem
japanischen  Formosa)  keine  Bergwerke,  Eisenbahnen,
Schiffswerften,  Hafenanlagen  mit  Hilfe  fremden  Kapitals
  zu  schaffen;  Zustimmung  zum  Bau  mehrerer
Eisenbahnlinien  in  den  Provinzen  südlich  vom  mittleren
  Yangtse  durch  Japan.

Mit  diesem  ungeheuerlichen  Programm  trat  Japan
mit  einem  Schlage  aus  den  Schranken  der  von  England
  mühevoll  ersonnenen  politischen  Raumverteilung
  heraus  und  drang  rücksichtslos  in  die  englischen,
amerikanischen  und  selbst  russischen  Interessengebiete
ein;  es  schien  entschlossen,  die  Bindung  der  europäischen
  Mächte  durch  den  Krieg  aufs  äußerste  auszunutzen.
  Die  Forderungen  müssen  für  England  wie
für  Amerika  eine  schmerzliche  überraschung  gewesen
sein;  aber  beide  wagten  im  Gefühl  ihrer  Ohnmacht
keinen  lauten  Widerspruch.  Amerika  beschränkte  sich
auf  eine  lahme  Anfrage  bei  Japan  nach  seinen  Absichten,
  und  ob  England,  wie  mehrfach  behauptet  ist,
ebenso  wie  Frankreich  und  Rußland  ihre  Haltung  von
der  weiteren  Beteiligung  Japans  an  dem  Kriege  in
Europa  abhängig  gemacht3haben,  ist  zur  Zeit  nicht  feststellbar.
  Ebenso  ist  nicht  nachzuweisen,  ob  und  inwieweit
  etwa  englische  Mahnungen  auf  Japans  Vertretung
  seiner  Ansprüche  eingewirkt  haben.  Unterschätzt
  werden  darf  hierbei  auch  nicht  der  Sturm  der
Entrüstung,  den  die  Forderungen  in  ganz  China
entfesselten.  Der  Präsident  Yuan  Schi-kai  hat  große
Mühe  gehabt,  dem  von  allen  Seiten  gegen  ihn  anstürmenden
  Drängen  nach  bewaffnetem  Widerstande
gegen  die  japanische  Vergewaltigung  standzuhalten
und  statt  dessen  ruhig  und  zäh  zu  verhandeln;  er
kannte  die  Unzulänglichkeit  der  Machtmittel  seines
Landes  und  wußte,  daß  ein  kriegerisches  Vorgehen
Chinas  den  japanischen  Bedrängern  nur  in  die  Hände
arbeiten  würde.  Es  gelang  ihm,  bei  Japan  eine  Ermäßigung
  seiner  Forderungen  insofern  durchzusetzen,
als  es  au  die  der  5.  Gruppe  mit  Ausnahme  der  Bestimmungen
  über  Fukien  und  die  Eisenbahnlinien
verzichtete.  Das  übrige  mußte  von  China  im  Mai
1915  zugestanden  werden.  Es  ist  dies  noch  immer
so  viel,  daß  schwere  Krisen  für  die  Zukunft  unausbleiblich
  erscheinen.  In  China,  wo  seit  Jahren  die
bald  heimliche,  bald  offene  Bedrohung  durch  Japan
eine  immer  allgemeiner  werdende  Erbitterung  hervorgerufen
  hat,  ist  jetzt  die  Erkenntnis  herangereift,  daß,
wenn  die  staatliche  Selbständigkeit  nicht  völlig  verlorengehen
  soll.  man  sich  auf  eine  frühere  oder  spätere
kriegerische  Auseinandersetzung  mit  dem  machtgierigen
  Nachbar  vorbereiten  muß.  Der  letzte  überfall
Japans  bewirkte,  daß  der  Norden  und  der  Süden  noch
einmal  einig  wurden.  Der  Widerstand  gegen  die  Regierung
  Yuan  Schi-kais  wurde  aufgegeben,  und  die
Provinzen  schlossen  sich  fester  gegen  den  gemeinsamen
Feind  zusammen.  Man  suchte  die  Zentralregierung
vor  allem  durch  Aufbringung  innerer  Anleihen  finanziell
  zu  stärken  und  bemühte  sich,  den  Japanern  einstweilen
  wirtschaftliche  Schwierigkeiten  zu  machen,  wo
immier  sich  eine  Möglichkeit  dazu  bot.  Des  weiteren
aber  erkannte  China.  daß  von  England  und  —  worauf
  es  wohl  am  meisten  gehofft  —  von  Amerika  Hilfe
nicht  zu  erwarten  sei,  daß  es  sich  für  die  Zukunft  vor
allem  auf  die  eigene  Kraft  verlassen  müsse,  und  daß,
wenn  ihm  überhaupt  noch  eine  Rettung  vor  seinen
japanischen,  englischen,  französischen  und  russischen
Berängern.  werden  soll,  der  Sieg  der  deutschen  Waffen
  dafür  die  erste  Voraussetzung  sei.  An  dieser  Erkenntnis
  hat  auch  der  von  Amerika  erpreßte  Abbruch

I.  Politik  und  Geschichte

der  diplomatischen  Beziehungen  zu  Deutschland,  wie
sich  unten  ergeben  wird,  nichts  Wesentliches  geändert.

Unter  den  dargelegten  Verhältnissen  kann  es  nicht
wundernehmen,  wenn  Japan  im  weiteren  Verlaufe
des  Krieges  den  englischen  Wünschen  nur  insoweit
willfährig  gewesen  ist,  als  es  seinen  eigenen  Inter.
essen  entsprach.  Sich  an  dem  von  England  ins  Werk
gesetzten  Kampfe  gegen  den  deutschen  Handel  in  Ostasien
  zu  beteiligen,  hat  es  zunächst  nicht  für  zweckmäßig
gehalten  es  hatte  kein  Interesse  daran,  die  deutschen

aufleute  von  den  chinesischen  und  japanischen  Märkten
  zu  verdrängen,  damit  die  englischen  ihren  Platz
einnehmen  könnten.  Die  wiederholten  Aufforderungen
  Englands  und  Frankreichs,  nach  dem  Vorbilde

eider  Regierungen  alle  Deutschen  auszuweisen  oder
gefangenzuseten  und  jeden  Handel  mit  Deutschen  in

hina  zu  verbieten,  hat  es  abgelehnt,  nur  ein  Verbot,
  deutsche  Waren  auf  japanischen  Schiffen  zu  ver.
frachten  sowie  mehrere  andere  Einschränkungen,  wie
Schließung  der  Deutsch-Asiatischen  Bank  u.  a.,  sind
schließlich  zugestanden  worden.  Daß  aber  Japan  jemals
  im  Einst  daran  gedacht  haben  oder  denken  sollte,
zur  Unterstützung  seiner  Verbündeten  Truppen  auf

ie  europäischen  Kriegsschauplätze  zu  entsenden,  ist
schon  aus  militärtechnischen  Gründen  im  höchsten
Maße  unwahrscheinlich;  es  ist  auch  unerfindlich,  welchem
  vernünftigen  politischen  Zwecke  ein  solches  Abenteuer
  hätte  dienen  sollen.

Hat  das  japanische  Bundesverhältnis  zu  England
somit  während  des  Krieges  seinen  inneren  Halt  verloren,
  so  ist  dafür  ein  engerer  Anschluß  Japans  an
Rußland  angebahnt  worden.  Dieser  Anschluß  hat
schon  in  dem  erwähnten  Abkommen  von  1910  seine
erste  Grundlage  erhalten  und  dient  dem  Zwecke,  die
ostasiatische  Länderbeute  ohne  Rücksicht  auf  England
und  Amerika  zu  teilen.  Eine  Reibungefläche  dürfte
dabei  allerdings  die  östliche  Mongolei  abgeben,  über
die  sich  Japan  in  der  zweiten  Gruppe  seiner  Forderungen
  weitgehende  Rechte  von  China  hat  zusprechen
lassen,  und  in  der  auch  starke  russische  Interessen  vorhanden
  sind,  zumal  die  Grenzen  zwischen  der  östlichen
und  der  äußeren  Mongolei  noch  als  durchaus  flüssig.
gelten  müssen.  Es  handelt  sich  hierbei  vor  allem  um
den  Bau  der  sehr  wichtigen  Eisenbahn  vom  Baikalsee
über  Urga  nach  Kalgan  mit  dem  Anschluß  an  die  Linie
  nach  Peking.  Noch  während  des  Krieges.  am  17.
September  1914,  soll  Rußland  mit  der  erst  von  ihm
im  Jahre  1912  geschaffenen  #  unabhängigen=  mongolischen
  „Regierung=  ein  dahin  zielendes  Abkommen
getroffen  haben,  und  im  Februar  1915  stellte  der  Minister
  Ssasonow  in  der  Duma  die  baldige  Mitteilung
von  »der  Unterzeichnung  des  dreifachen  russischchinesisch-mongolischen
  Vertrages  in  Aussicht.  Nach
Berichten  aus  Ostasien  soll  dieser  Vertrag  auch  im
Juni  1915  unterzeichnet  worden  sein,  indessen  für
das  frühere  russisch-mongolische  Abkommen  eine  Einschränkung
  insofern  gebracht  haben,  als  er  ausdrücklich
  erklärt,  daß  „die  äußere  Mongolei  ein  Teil  des
chinesischen  Lündergebietes  bleibte.

Wie  völlig  sich  das  Verhältnis  Englands  zu  Japan
durch  die  Haltung  des  letzteren  verschoben  hatte,  sollte
recht  bald  noch  deutlicher  werden.  Im  Oktober  1915
unternahm  England  ohne  Kenntnis  Japans,  uber
vermutlich  im  Einverständnis  mit  Amerika  den  Versuch.
  China  zum  Eintritt  in  den  Krieg  an  seiner  Seite
zu  überreden,  einmal  um  den  deutschen  Handel  wirksamer
  schädigen  zu  können,  und  dann  um  das  von
Japan  schwer  bedrängte  China  und  zugleich  die  stark
        <pb n="107" />
        Schäfer:  Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse  der  Vergangenheit

gefährdete  eigene  Stellung.  in  Sicherheit  zu  bringen.
uan  Schikai  lehnte  diese  Lockungen  ab;  Japan  aber,

das  die  Absicht  durchschaute,  nahm  eine  so  unzweideutige
  Haltung  an,  daß  England  erschrocken  zurückwich
  und  dem  Verbündeten  versicherte,  es  würde  in
Ostasien  keinen  neuen  Schritt  ohne  vorherige  Verständigung
  mit  ihm  unternehmen.  Eine  Probe  seines
Wohlverhaltens  konnte  es  fast  gleichzeitig  ablegen.
In  richtiger  Erkenntnis  der  Gefährlichkeit  der  republikanischen
  Komödie  hatte  der  Präsident  Yuan  Schikai
  die  Wiedereinführung  der  Monarchie  in  China
vorbereitet  und  war  dabei  sowohl  von  seinen  amerikanischen
  Ratgebern  wie  auch,  nach  den  Außerungen
der  wohl  abgerichteten  englischen  Presse  zu  schließen,
von  der  englischen  Vertretung  ermutigt  worden.  Plötzlich
  aber,  am  28.  Oktober  1915,  erschienen  der  japanische
  Geschäftsträger  als  Sprecher  und  in  seinem  Gefolge
  die  Gesandten  Englands  und  Rußlands  auf  dem
Ministerium  des  Auswärtigen  in  Peking  und  gaben
eine  Erklärung  ab,  in  der  die  chinesische  Regierung
den  Rat  erhielt,  die  Wiedereinführung  der  Monarchie
8  vertagen,  weil  der  Ausbruch  von  Unruhen  im

nde  zu  erwarten  sei  und  dadurch  die  Interessen  Japans
  und  der  anderen  in  China  interessierten  Mächte
bedroht  würden.  Japan  zeigte,  daß  es  in  der  Tat
Herr  in  Ostasien  war  und  daß  es  das  Schicksal  Chinas
  nach  seinem  Willen  zu  formen  entschlossen  war.
Die  Wiederherstellung  der  Monarchie  unterblieb  daraufhin,
  und  am  5.  Juni  1916  starb  Yuan  Schilkai,
ob  eines  natürlichen  Todes,  wird  vielleicht  die  Zukunft
  einmal  lehren.

In  wachsendem  Hader  der  Parteien,  durch  Unruhen
und  Aufstände  geschwächt,  unter  zunehmendem  Verfall
  der  zentralen  Regierungsgewalt  und  durch  ständige
  Geldnot,  eine  Folge  der  zerfahrenen  Verwaltung,
gehemmt  und  bedroht.  hat  das  unglückliche  Land  seitdem
  sein  Dasein  gefristet,  immer  in  Angst  vor  einem
neuen  japanischen  Zugriff  und  allein  gestützt  durch
die  Hoffnung  auf  ein  baldiges  Ende  des  Krieges,  das
dann  ein  neues  Gegengewicht  gegen  den  unbarmherzigen
  Bedränger  bringen  könnte.

Wider  Erwarten,  aber  nicht  als  Errettung,  sondern
als  neue  Vergewaltigung  hat  sich  dieses  Gegengewicht
noch  vor  dem  Kriegsende  eingestellt.  Unmittelbar
nachdem  im  Februar  1917  Amerika  die  Beziehungen

93

u  Deutschland  abgebrochen  hatte,  erging  von  dem
Präsidenken  Wilson  die  Aufforderung  an  China,  sich
diesem  Vorgehen  anzuschließen.  Ohne  Zögern  wurde
diese  Aufforderung  abgelehnt,  dann  aber  übte  Amerika,
  vermutlich  nach  Verabredung  mit  England,  durch
seine  Vertreter  und  Agenten  einen  derartigen  Druck
auf  die  willensschwache  Regierung  aus,  und  zwar
nicht  bloß  mit  Versprechungen  und  Drohungen,  sondern
  auch,  woran  heute  kein  Zweifel  mehr  sein  kann,
durch  Anwendung  höchst  lichtscheuer  Mittel,  daß  der
Abbruch  der  Beziehungen  zu  Deutschland  von  den  kopflos
  und  willenlos  gemachten  politischen  Machthabern
am  14.  März  beschlossen  wurde.  Furcht  vor  Japan
ist  die  treibende  Kraft  dabei  gewesen;  trotzdem  ist  schon
jetzt,  nach  Verlauf  von  wenigen  Wochen,  beider  überall
vorhandenen  Hinneigung  zu  Deutschland,  der  Widerspruch
  im  Lande  dermaßen  stark  geworden.  daß  die
weuere  Entwicklung  heute  noch  nicht  absehbarist,  zumal
sich  die  Stellung  Japans  zu  dem  Ganzen  bisher  noch
jeder  Beurteilung  entzieht.  Zu  Rußland  hat  Japan
sein  Verhältnis  durch  ein  neues  Abkommen  weiter  gefestigt,
  das  unter  dem  3.  Juli  1916  vereinbart  worden
  ist  und  beiden  Teilen  ihre  sterritorialen  Rechte
und  besonderen  Interessen  im  Fernen  Osten=  gegen
jeden  Eingriff  Dritter  gewährleistet,  dagegen  bleibt
die  Stellung  zu  Amerika  unausgeglichen,  zu  England
hat  sie  sich  verschärft.

Ohne  Rücksicht  auf  die  Folgen  haben  England  und
Amerika  einen  neuen  Feuerbrand  in  die  ostasiatische
Welt  geschleudert;  niemand  vermag  heute  zu  sagen,
wie  die  Flammen  einst  zu  löschen  sein  werden.

Literatur.  H.  Bächtold,  Die  geschichtlichen  Grundlagen
  des  Weltkrieges  (Zürich  1915);  H.  Hashagen,  England
  und  Japan  seit  Schimonoseki  (Essen  1915);  J.  Oncken,
Die  Vorgeschichte  des  Krieges  (in  .Deutschland  und  der  Weltkrieg-,
  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  O.  Frante,  Cstasien  und  der
Krieg  (in  -Das  Größere  Deutschlande,  1914,  Nr.  33);  Derselbe,
  Die  ostasiatische  Frage  (ebenda  1915,  Nr.  14);  Derselbe,
  Die  Großmächte  in  Ostasien  (in  -Deutschland  und  der
Weltimege,  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  Derselbe,  China  auf  dem
Rückwege  zur  Monarcheie  (7  Deutsche  Politik=  1916,  Heft  4);
H.  Mueller,  Der  russisch-japanische  Vertrag  vom  3.  Juli
1916  („Zeitschrift  für  Politike  1916,  Heft  1);  Derselbe,
Japan  und  der  Ferne  Osten  (7Das  neue  Deutschland  1917,
Heft  14);  O.  Franke,  Zur  Vorgeschichte  des  Abbruchs  der
deutsch-chinesischen  Beziehungen  (#Wertschaftsdienste,  hreg.
von  der  Zentralstelle  d.  Hamburg.  Kol.  Just.,  1917,  Nr.  21.)

Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse
  der  Vergangenheit
von  Professor  Dr.  Dietrich  Schäfer  in  Berlin-Steglitz

Häufiger  als  sonst  in  Kriegsläuften  hat  man  während
  des  gewaltigen  Kampfes,  in  dem  wir  nochmitteninne
  stehen,  an  frühere  Friedensverhandlungen  und
Friedensschlüsse  erinnert  und  erörtert,  ob  und  wie
weit  sie  gleichsam  als  Beispiele  oder  Vorbilder  möchten
  dienen  können.  Es  hat  das  zum  Teil  seinen
Grund  in  der  tiefen  Sehnsucht,  die  unser  friedliebendes,
  dem  Gedanken  an  Krog  in  weiten  Kreisen  entwöhntes
  Volk  erfüllt  nach  Rückkehr  in  die  gewohnte
Tätigkeit  und  Lebensführung,  nicht  weniger  aber  auch
in  dem  Mangel  an  Vertrauen  in  unsere  Reichsleiung.
  der  gerade  bei  den  *.  und  Urteilsfähigsten
der  Nation  tiefe  Wurzel  gefaßt  hat  (vgl.  Art.-Kriegszielbewegung-,
  S.  1ff.).  Dazu  kommt,  daß  die  Wehrfähigen

  unseres  Volkes  noch  niemals,  seitdem  es  einen
Staat  besitzt,  auch  nur  entfernt  in  solchem  Umfange
zur  Erfüllung  der  Wehrpflicht  herangezogen,  dem
Kriege  unmittelbar  dienstbar  gemacht  worden  sind,
wie  das  diesmal  notwendig  geworden  ist.  Noch  nie
wurden  Beschwerden,  Lasten  und  Schrecken  eines  Krieges
  von  einem  Volke  so  bis  in  seine  letzten  Glieder
und  in  allen  Fasern  gefühlt  wie  gegenwärtig.
Die  angestellten  Erwägungen  und  Vergleiche  haben
  sich  besonders  mit  zwei  uns  naheliegenden  Herängen
  der  Vergangenheit  beschäftigt,  mit  den  Frieensschlüssen
  Bismarcks  und  den  Verhandlungen,  die
dem  Befreiungskriege  folgten.  Daß  man  sich  dem
Meister  deutscher  Politik  zuwandte,  erklärt  sich  von
selbst;  wenn  man  auf  die  Befreiungskriege  zurückgriff,

1  Ugl.  s.  B.  Johannes  Haller,  Bismarcks  Friedensschlüsse
C.  Aufl.,  Münch.  1917).
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        94

so  geschah  es  in  dem  Bestreben,  an  Hergänge  zu  erinnern,
  die  man  nicht  als  vorbildlich  ansehen  kann.

Bismarcks  Politik.  und  zwar  nicht  nur  die
innere,  sondern  auch  die  äußere,  ist  bei  den  Mitlebenden
  auf  heftigen  und  anhaltenden  Widerstand  geseoßen
  Seine  Lösung  der  schleswig  holsteinischen

rage  hat  er  durchsetzen  müssen  so  gut  wie  gegen  jedermann
  in  Preußen  und  Deutschland,  die  Regierenden
  nicht  ausgeschlossen,  und  die  Auseinandersetzung
mit  ÖOsterreich  ist  nicht  weniger  gegen  die  öffentliche
deutsche  Meinung  vollzogen  worden.  Auch  später,  solange
  Bismarck  die  Reichsleitung  in  Händen  hielt,
haben  die  Anfechtungen  seiner  auswärtigen  Politik
nicht  aufgehört;  er  hat  mehr  als  einmal  im  Reichstag
  hart  um  sie  kämpfen  müssen.  Eigentümlich  aber
ist,  daß  gerade  diejenigen  Richtungen,  die  des  Reichsbegründers
  Politik  damals  und  auch  oft  noch  später
nicht  schlecht  genug  glaubten  machen  zu  können,  heute
deren  weise  Mäßigung  rühmen.  auf  14  hinweisen,  um
vor  weiter  ausgreifenden  Forderungen  zu  warnen.
Man  erlebt  es  übrigens  auch  sonst  oft  genug,  daß  verbissenste
  Bismarckgegner  den  Bekämpften  als  Schwuceugen
  anrufen,  wenn  sie  in  dem  überreichen  Arsenal
seine  Reden  und  sonstigen  Außerungen  eine  Waffe
glauben  efunden  zu  haben,  die  ihnen  für  Verteiigung

  hrer  Auffassung  dienlich  erscheint.  Man
denke  nur  an  Bismarcks  Auslassung  über  das  preu-Lische
  Wahlrecht.

Mit  besonderer  Vorliebe  ist  während  dieses  Krieges
auf  Bismarcks  Mäßigung  gegenüber  Osterreich  im
Jahre  1866  hingeniesen  worden;  sie  wird  als  vordildlich
  bezeichnet.  epen  die  Meinung  seines  Königs
und  hervorragender  Militärs  hat  der  Leiter  der  preu-Pßischen
  Politik  damals  von  jeder  Forderung  einer  Gebietsabtretung
  abgeraten  und  seine  Auffassung  durchgesetzt.
  Auch  gegenllber  den  süddeutschen  Regierungen
widerriet  er  mit  Erfolg  das  =  Abknabbern-.  Die  territorialen
  Verluste  Bayerns  und  Hessen-Darmistadts
verdienen  diese  Bezeichnung  nicht;  sie  blieben  weit

rück  hinter  dem,  was  an  entscheidender  Stelle  in
Frage  gekommen  war.  Daß  die  Abneigung  gegen
das  Abknabbern  aber  ihren  Ursprung  nicht  in  einem
Berzicht  auf  Eroberungsrechte  hatte,  ergibt  sich  aus
dem  Verschwinden  von  vier  oder,  da  man  Schleswig-Holstein
  einrechnen  muß,  fünf  norddeutschen  Staaten
von  der  Landkarte,  die,  mit  Ausnahme  von  Frankfurt
  a.  M.,  ihrem  Umfange  nach  sämtlich  zu  den  ansehnlicheren
  Bundesgliedern  gehörten.  Dazu  verdankte
  Sachsen  nur  dem  entschiedenen  Einspruch
Osterreichs  seinen  Fortbestand.  Für  Bismarcks  Entscheidungen
  waren  besonders  zwei  Erwägungen  maßgebend,
  einmal  die  Durchführbarkeit  gegenüber  der
Gefahr  einer  europäischen  Einmischung  und  dann  die
Rücksicht  auf  eine  zukünftige  Verbindung  gerade  mit
den  Staaten,  mit  denen  man  soeben  den  Degen  gekreuzt
  hatte.  Jene  hielt  davon  ab,  den  neuen  deutschen
  Bundesstaat  schon  jetzt  über  den  Süden  auszudehnen,
  diese,  Osterreich  und  den  süddeutschen  Gegnern
  durch  empfindliche  Gebietsverluste  das  Vergessen
zu  erschweren.

Es  erhebt  sich  die  Frage,  ob  jetzt  ähnliche  Verhältnisse
  vorliegen.  Wcderhooin  ist  es  behauptet  worden.
Man  hat  gesagt,  Deutschland  müsse  doch  in  Zukunft
wenigstens  einen  Bundesgenossen  haben,  es
könne  nicht  isoliert  seinen  Weg  gehen.

Die  Richtigkeit  einer  solchen  Erwägung  erscheint

I.  Politik  und  Geschichte

auf  den  ersten  Blick  einleuchtend;  bei  näherer  Überlegung
  begegnet  sie  aber  allerernstesten  Zweifeln.
Zunäcst  ist  Deutschland,  wie  sich  die  Dinge  gestaltet
aben,  nicht  ohne  Bundesgenossen.  Die  Mittelmächte
sind  mit  festen  Ketten  aneinander  geknüpft;  sie  haben
ein  starkes  gemeinsames  Interesse  gegen  die  „Randmächte.
  Die  Türkei,  Osterreich-Ungarn,  Bulgarien,
sie  alle  kümpfen  um  ihr  Dasein  so  gut  wie  wir.  Ein
Sieg  der  Verbündeten,  insbesondere  Rußlands  und
Englands,  wäre  der  Tod  des  osmanischen  Reiches;  sein
Untergang  stellt  eines  ihrer  Kriegssiete  dar  und  nicht
das  geringste.  Sie  haben  das  in  der  Antwortnote  (vgl.
S.  11  auf  Wilsons  Mitteilung  vom  19.  Dez.  1916
Uar  und  deutlich  ausgesprochen.  Von  den  Beutestücken
würde  Bulgarien  stwersch  irgend  etwas  zufallen;
es  könnte  froh  sein,  wenn  es  behielte,  was  man  ihm
1918  in  Bukarest  gelassen  hat.  Serben  und  Griechen,
Italiener  und  Franzosen  würden  sich  neben  Briten
und  Russen  in  den  Raub  teilen;  mit  der  Zusammenfassung
  des  bulgarischen  Volkstums,  des  ansehnlichten
  und  entwicklungsfähigsten  der  Balkanhalbinsel,
n  einem  Staatswesen,  das  auf  dem  Balkan  die  Vormacht
  darstellen  würde,  wäre  es  für  alle  Zeiten  vorbei.
Und  das  gleiche  ergäbe  sich  flir  Bulgarien  aus  der
Hernichtucg  der  Donaumonarchie,  die  nach  derselben
Note(vgl.  S.  171)  den  zweiten  Hauptpunkt  des  Entente-Programms
  bildet.  Sie  würde  Serbien  zur  ersten
Macht  des  Südostens  erheben,  dieherrschen  würde  von
Laibach  und  der  Drau  bis  vor  die  Tore  von  Saloniki.
Neben  ihm  würde  Rumänien,  schon  in  seiner  lebigen
Ausdehnung  Bulgarien  an  Einwohnerzahl  erheblich
überlegen,  zu  einem  erdrückenden  Übergewicht  über
den  Nachbarn  gelangen.  Ungarn,  Bulgariens  natürlicher
  Bundesgenosse,  zur  Zeit  Vertreter  der  gewich.
tigsten  Nationalität  des  gesamten  Donaugebiets,
würde  gleich  Bulgarien  selbst  auf  eine  der  unteren
Rangstufen  hinabgedrückt  werden.  Daß  OÖsterreich-Ungarn
  vor  dem  uim  zugedachten  Schicksal  nur  Rettung
  finden  kann  im  engsten  Anschluß  an  Deutschland,
versteht  sich  von  selbst.  Wahrlich,  die  Mittelmächte
sind  auf  Gedeih'  und  Verderb  miteinander  verbunden,
nicht  nur  für  jetzt,  sondern  noch  für  lange,  lange  Zeit.
Denn  es  sind  große,  weite  Ziele,  die  man,  beson.
ders  an  der  Newa  und  der  Themse,  sich  gesteckt  hat.
Rußland  will  Konstantinopel,  will  über  Bosporus
und  Dardanellen  ans  Mittelmeer,  England  aber
die  überlandverbindung  mit  Indien,  die  mit  der  Zeit
dem  Seeweg  den  Rang  ablaufen  möchte;  es  will  sie
nicht  unter  anderer  als  der  eigenen  Aufsicht  wissen.
Die  Verfügung  über  Mesopotamien  und  den  Euphrat
würde  Arabien  zu  einer  Insel  in  dem  gewaltigen
Meere  britischer  Herrschaft  und  zugleich  den  Kaiser
von  Indien  zur  Vormacht  des  Islams  machen,  was
allmählich  zur  Voraussetzung  der  Dauer  seiner  Würde
geworden  g.  Erreicht  werden  können  diese  Ziele  aber
nur  über  die  Trümmer  der  Mittelmächte.  Es  istfalsch,
wenn  man  aus  einzelnen  Außerungen  Bismarcks
heraushört,  Deutschland  habe  kein  erhebliches  Interesse
  daran,  Rußland  die  Dardanellen  zu  sperren.
Verkehren  mag  es  dort,  auch  hemmungslos,  aber
herrschen?  Das  wäre  das  Ende  nicht  nur  der  Türkei
und  selbständiger  *  sondern  auch  Osterreich--Ungarns
  und  Deutschlands.  Die  Wogen  russischer
  Macht  würden  über  sie  alle  zusammenschlagen.
Nun  wird  aber  gesagt,  Walfisch  und  Elefant  würden
  sich  nicht  immer  vertragen,  und  gewiß  ist  das
wahrscheinlich.  Sie  wären  ja  überhaupt  kaum  zusammengekommen,
  wenn  die  Leitung  der  deutschen
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        Schäfer:  Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse  der  Vergangenheit

Politik  in  den  letzten  dahtzehnten  der  englischen  gewachsen
  gewesen  wäre.  Es  ist  schwer  zu  sagen,  ob
Erfolg  oder  Mißerfolg  im  gegenwärtigen  Kriege  einen
etwaigen  Bruch  beschleunigen  würde.  Man  betritt  mit
solchen  Erwägungen  den  schwankenden  Boden  der  größeren
  oder  geringeren  Wahrscheinlichkeit,  bleibt  aber
n  den  Ergebnissen  weit  zurück  hinter  der  Sicherheit,
welche  die  nach  ihr  benunnte  Rechnung  zu  erreichen
vermag.  Gewiß  wird  ja  Vorderasien  bedenkliche  Reibungsflächen
  bieten,  auch  wenn  die  Türkei  die  gegenwärtige
  Prüfung  besteht.  Persien  ist  von  jeher  der
Schnittpunkt  britischer  und  russischer  Macht  in  Asien
gewesen  und  hat  diese  Bedeutung  durch  die  Abmachungen
  von  1907  und  das,  was  ihnen  gefolgt  ist,  nicht

verloren.  Schon  jetzt  auf  solchen  Konflikt  z  rechnen  h

und  auf  Grund  solcher  Rechnung  eine  Wahl  zu  treffen
zwischen  den  beiden  Mächten,  eine  von  ihnen  zu  schonen
  in  Rücksicht  auf  eine  spätere  Verständigung,  wäre
eine  Versündigung  an  der  Gegenwart,  wie  sie  schwerer
  kaum  b  anden  werden  könnte.  Jetzt  kann  es  sich
nur  darum  handeln,  beide  nach  Kräften  zu  schwächen
und  selbst  stark  zu  werden.  Sind  wir  stark,  so  sind
wir  auch  erwünschte  Bundesgenossen,  die  umworben
werden.  Es  gibt  in  Asien  noch  Raum  genug  für  Rusen
  und  Engländer,  wo  wir  sie  ohne  Gefährdung  unerer
  Daseinsbedingungen  dulden  können,  wenn  sie
das  gegenwärtig  verfolgte  Ziel  nicht  erreichen.  Bismarcks
  Schonung  gegenüber  Österreich  und
den  süddeutschen  Gegnern  Preußens  kann
niemals  Vorbild  unserer  Politik  gegenüber
Rußland  und  England  sein.

Der  Gedanke,  auf  Besserung  unserer  Beziehungen
5r  Frankreich  hinzuarbeiten,  ist  lange  und  mit

echt  ein  Leitstern  bester  deutscher  Politik  gewesen.
Jede  Erörterung,  ob  dieses  Streben  allenfalls  hätte
Erfolg  haben  können,  wenn  dieses  oder  jenes  getan
  oder  nicht  getan  worden  wäre,  ist  zur  Zeit
mücßig,  ein  deutsch-französisches  Zusammengehen  in
weitere  Ferne  gerückt  als  je  seit  1871.  Und  ob  es  mit
Italien  jetzt  wesentlich  anders  liegt?  Es  war  unser
Bundesgenosse,  und  dieses  Verhältnis  hatte  längere

eit  eine  tragfähige  Grundlage.  Es  verlor  sie,  als

England  anfing,  sich  gegen  Deutschland  zu  wenden;
da  boten  wir  nicht  mehr  genügend  Stütze  gegen
dessen  und  Frankreichs  Mittelmeerstellung.  3
ten  wir  uns  gegen  England,  zwingen  wir  es,  uns  zur
See  neben  sich  gelten  zu  lassen,  so  können  die  Dinge
auch  wieder  eine  andere  Wendung  nehmen.  Vertrauen
  auf  italienische  Bundesgenossenschaft  werden
wir  allerdings  kaum  jemals  wieder  gewinnen.  Beibeiden
  Staaten,  Frankreich  wie  Italien,  liegt  die  Sache
aber  insofern  anders  als  bei  Rußland  und  Großbritannien,
  als  sie  nicht  die  Möglichkeiten  fast  unbegrenzter
innerer  Machtsteigerung,  besitzen,  die  diesen  beiden
Riesenreichen  eigen  ist.  Sie  können  uns  nicht  so  leicht
ans  Leben  wie  deren  erdrückende  Übermacht,  wenn
es  uns  nicht  gelingen  sollte,  unseren  Machtbereich
ihnen  gegenüber  ganz  erheblich  zu  erweitern.

Daß  aus  Bismarcks  Verhalten  gegen  die  deutschen
Südstaaten  nicht  etwa  eine  Lehre  gezogen  werden
kann  für  die  Regelung  der  zukünftigen  Begiehm  en
zu  den  lleinen  feindlichen  Nachbarn  der  Mittelmächte,
ergibt  sich  von  selbst.  Für  Serbien,  Montenegro
und  Rumänien  mülssen  Österreich-Ungarn  und  Bulgarien
  die  ihnen  erträgliche  Stellung  finden,  in  Belgien
  die  Dinge  so  geordnet  werden,  daß  es  für  uns
keine  Gefahr  mehr  bedeuten  kann.  Das  läßt  sich  für

95

den  flämischen  Teil  seiner  Bevölkerung  auch  in  einer
Weise  erreichen,  die  ihn  mit  der  Zeit  fest  an  Deutschland
  kettet;  es  wäre  aber  falsch,  auf  diese  Aussicht  hin
schon  jetzt  Zugeständnisse  zu  machen,  die  unsere
Macht  über  das  Land  lockern.

Wie  wenig  Schonung  an  sich  gute  Beziehungen  verbürgt,
  zeigt  übrigens  der  Frankfurter  Frieden.
Bismarck  hat  von  Beginn  des  deutsch  französischen
Krieges  an  die  Wiedergewinnung  Elsaß-Lothringens
ins  Auge  gefaßt;  nur  krasse  Unwissenheit  konnte  in
diesen  Tagen  etwas  anderes  behaupten.  Er  entsprach
damit  des  deutschen  Volkes  und  eigenem  Gerechtigkeitsempfinden
  und  dem  Schutzbedürfnis  gegenüber  französischer
  Kriegs-  und  Eroberungslust.  #  den  Jahrunderten
  seiner  vollkommenen  Machtüberlegenheit
hat  das  Deutsche  Reich  nie  versucht,  seine  Grenze  westwärts
  vorzuschieben:  Frankreich  hat  damit  begonnen,
sobald  die  Lage  sich  zu  seinen  Gunsten  gewendet  hatte,
und  hat  seine  Versuche  durch  ein  halbes  Jahrtausend
und  länger  unentwegt  und  auch  erolgreich  *7-fortgesetzt.
  Dem  mußte  vorgebeugt  werden.  Es  gea
  aber  in  einer  Weise,  die  ein  besonnener,  für
Mäßigung  und  Gerechtigkeit  empfänglicher  Gegnererträglich
  gefunden  hätte.  Es  ist,  abgieehen  von  der  —
eben  aus  Schutzgründen  erfolgten  —  Einverleibung
der  Festung  Metz  mit  ihrem  Nachbargebiet,  nur  genommen
  worden,  was  deutschen  Stammes  und  deutscher
  Sprache  war,  obgleich  Stimmen  laut  wurden,
die  eine  Wiederherstellung  der  alten  Reichsgrenzen
sorderten.  Trotzdem  ist  der  Verlust  von  den  Franzoen
  und  ihren  zahlreichen  Freunden  fortgesetzt  als  Vertümmelung
  gebrandmarkt  worden  und  hat  nur  Geühle
  des  ees  und  der  Rache  ausgelöst.

Nicht  weniger  als  die  weise  Mäßigung,  die  vor  allem
  Dauer  ins  Auge  faßte,  sind  in  Bismarcks  Politik
seine  Bemlihungen  vorbildlich,  Ein  mischung  der
Neutralen  hintanzuhalten.  Er  hat  meisterlich
verstanden,  Kriege  vorzubereiten,  die  Lage
zu  schaffen,  in  der  sein  Staat  siemit  denkbar
geringster  Gefahr  auf  sich  nehmen  konnte.
Daß  er  Osterreich  zur  Vertretung  des  Londoner  Protokolls
  mit  hineinzuziehen  wußte  in  den  Krieg  gegen
Dänemark,  ist  eim  seiner  größten  politischen  Leistungen.
  Die  Beziehungen,  die  er  zu  Napoleon  III.  unterhielt,
  sicherten  ihn  gegen  französische  Einmischung;
das  vielgeschmähte  Entgegenkommen,  das  er  Rußland
während  des  polnischen  Aufstandes  von  1863  erwiesen
haite,  schützte  vor  der  Alexanders  II.,  hat  auch  in  den

eiden  folgenden  Kriegen  noch  Früchte  getragen.  So
endete  die  Londoner  Konferenz  für  die  beiden  deutschen
  Großmächte  mit  der  anerkannten  Freiheit,  ihre
überlegenheit  über  Dänemark  zur  vollen  Geltung  zu
bringen.  Allein  verinochte  England  trotz  vorhandener
starker  Neigung  ihnen  keinen  Einhalt  zu  tun.

Aus  dem  kurzen  Kriege  von  1866  hat  Bismarck  die
mögliche  und  zunächst  zufriedenstellende  Ernte  zur  rechten
  Zeit  unter  Dach  gebracht  und  dadurch  Paris  und
Petersburg  ausgeschaltet.  Während  der  Monate  vor
Paris  fühlte  er  sich  besonders  von  der  Sorge  bedrückt,
das  Hinausziehen  der  Entscheidung  mit  einer  Einmischung
  der  Neutralen  enden  zu  sehen.  Vor  allem
das  Entgegenkommen  gegen  Rußland  in  der  Schwarzen-Meer-Frage
  hat  die  Gefahr  beschworen.  Vergleicht
man  damit  die  Art,  wie  unsere  gegenwärtige  Reichsleitung
  die  Neigung  der  Vereinigten  Staaten  zur  Einmischung
  geradezu  groß  gezüchtet  hat,  bis  sie  sich
am  22.  Januar  1917  in  der  ungqualifizierbaren  Dar-
        <pb n="110" />
        96

legung  ihres  Präsidenten  über  die  Gestaltung  des  zukünftigen
  Friedens  (vgl.  S.  172  ff.)  entlud,  somuß  man
allerdings  sagen,  daß  in  dieser  Art,  auswärtige  Politik
utreiben,  von  Bismarckschem  Geist  kein  Hauch  mehr  zu
püren  ist.  Leider  hat  sich  das  deutsche  Volktrotz  der  Not
der  Zeit  nicht  dazu  aufgeschwungen,  einer  Gesinnung
Ausdruck  zu  geben,  wie  sie  am  30.  August  1870  eine
Berliner  Volksversammlung  unter  Leitung  des  Oberbürgermeisters
  Seydel  vertrat,  indem  sie  Verwahrung
einlegte  gegen  jeden  Versuch  fremder  Mächte,  unserem
Volke  die  Früchte  seiner  Siege  wieder  zu  entreißen.
Bismarck  hat  das  glücklich  verhindert.  Gewiß  kann
er  uns  als  Vorbild  dienen,  jetzt  und  für  alle  Zeiten;
aber  richtig  kann  es  nur  geschehen,  wenn  man  in  seinen
  Geist  eindringt,  nicht  sich  auf  Einzelheiten  in
Worten  oder  Handlungen  versteift.  Hätte  er  die  Aufgaben
  zu  lösen,  die  jetzt  gestellt  sind,  er  würde  nur
ein  Ziel  verfolgen:  Sicherung  möglichster  Macht.

Nächst  Bismarcks  Friedensschlüssen  ist  am  meisten
auf  den  Ausgang  des  Befreiungskrieges  verwiesen
  worden,  dort  von  pazifistischen  Gesinnungen
aus  anspornend  zur  Nachahmung.  hier  von  entgegengesetzten
  Anschauungen  her  mahnend  und  warnend.
„  Möge  die  Feder  nicht  wieder  —  wie  1813°14  —  verderben,
  was  das  Schwert  gut  gemacht  hate,  so  ist  mit
Keitem  Wunsche  oft  geseufzt  worden,  gerade  von

kännern  bester  vaterländischer  Gesinnung.  Blüchers
an  Friedrich  Wilhelm  III.  gerichtete  Worte  nach  der
Schlacht  von  Belle  Alliance  sind  ins  Gedächtnis  gerufen
  worden:Ichbitte  untertänigst,  die  Diplomatiker
anzuweisen,  daß  sie  nicht  wieder  das  verlieren,  was
der  Soldat  mit  seinem  Blute  errungen  hat.«  Wie
weit  die  Zweifel,  die  so  zum  Ausdruck  kommen,  berechtigt
  sind,  ist  hier  nicht  zu  untersuchen;  wohl  aber  ist  angezeigt,
  einige  Worte  zu  sagen  über  die  Lage  vor  hundert
  Jahren,  die  zum  Vergleich  herangezogen  wird.

Die  beiden  Pariser  Frieden  vom  30.  Mai  1814  und
20.  November  1815  werden  in  der  allgemeinen  Vorstellung
  meist  zusammengeworfen  mit  dem  Wiener
Kongreßs,  der  zwischen  ihnen  vom  November  1814  bis
in  den  Juni  1815  tagte.  Das  Ergebnis  entsprach
nicht  den  Erwartungen,  die  Preußen  nach  seinen
Leistungen  mit  Recht  hegen  durfte.  Gewiß  hatten
seine  Bewohner  Grund,  unzufrieden  zu  sein,  aber  die
Schuld  an  dem  erbilternden  Mißgeschick  lag  doch  vor
allem  in  den  übermächtigen  Verhältnissen,  die  der
kleine  Staat  trotz  seiner  kriegerischen  Kraft  nicht  zu
zwingen  vermochte.  Das  Interesse  der  drei  anderen
Großmächte  oder  ihrer  Herrscher  forderte  Rücksicht  auf
die  Bourbonen,  deren  wieder  aufgerichtete  Regierung
man  nicht  mit  größerer  Abtretung  älteren  französischen
  Besitzes  belasten  wollte;  Osterreichs  Abneigung,
wieder  am  Oberrhein  Stellung  zu  nehmen,  wirkte  in

leicher  Richtung.  So  wurde  Frankreich  im  ersten

ariser  Frieden  nur  auf  die  Grenzen  von  1792  zurückgeschoben,
  verlor  im  zweiten  an  Deutschland  auch
nur  noch  Landau,  Saarbrücken  und  Saarlouis,  an
Sesgien  (für  die  gegenwärtige  Lage  beachtenswert!)
die  Bezirke  von  AMchienburg  und  Philippeville.  So
gelang  es  nicht,  an  den  Vogesen,  wie  der  Dichter  singt,
»deutiches  Blut  vom  Höllenjoch  zu  lösen-,  was  1815
noch  erheblich  leichter  gewesen  wäre  als  zwei  Menschenalter
  später,  obgleich  auch  damals  geklagt  werden
konnte:  „Und  Elsaß,  Du  entdeutschte  Zucht,  höhnst
auch;  o  welche  Schmach!«

Preußens  eigentliche  Enttäuschungen  aber  verschuldete
  der  Wiener  Kongreß,  der  nicht  mehr  Über

I.  Politik  und  Geschichte

den  Frieden  zu  verhandeln,  sondern  das  durcheinander
  gewürfelte  Europa  neu  zu  ordnen  hatte.  In  der
Beurteilung  seiner  Ergebnisse  darf  nicht  vergessen
werden,  daß  außerordenilich  viel  fesigelege  war,  als
er  in  Tätigkeit  trat.  Festgelegt  war  der  Bestand  der
süddeutschen  Staaten  im  wesentlichen  in  ihrer  Rheinbundgestaltung,
  festgelegt  auch  die  Rückkehr  der  vertriebenen
  Fürsten  Norddeutschlands  und  die  Aufteilung
  des  Großherzogtums  Warschau  unter  Preußen
  und  Rußland.  Das  wiederhergestellte  Hannover
hatte  Englands  starke  Macht  hinter  sich.  So  blieb  nur
noch  über  Sachsens  Schicksal  und  über  die  endgültige
Verteilung  nordwestdeutscher  früherer  geistlicher  Besitztümer
  zu  entscheiden.  Wenn  Preußen  das  Oberquartier
  Geldern  nicht  zurückerhielt,  das  es  fast  ein
Jahrhundert  besessen  hatte,  und  sich  die  Lisière  de  la
Meuse  gefallen  lassen  mußte,  so  war  das  wiederum
ein  Untertiegen  gegenüber  Großbritannien,  das  den
Pufferstaat  der  Niederlande  nicht  stark  genug  glaubte
aufrichten  zu  können,  daher  zugleich  Welfen  und
Oranier  unter  seine  Fittiche  nahm.  In  den  Niederlanden
  hört  man  gelegentlich  sagen,  daß  ihnen  ei  gentlich
  auch  Kleve  hätte  zufallen  müssen,  wo  sie  einst  ihre
Besatzungen  gehabt  hätten.  So  sind  Preußens  Erwerbungen
  im  Westen  in  der  Hauptsache  auf  geistliches
  Gebiet  beschränkt  geblieben;  im  Osten  ist  ihm
Sachsen  nur  halb  zuteil  geworden.  Heute  haben  wir
kaum  Anlaß  zu  beklagen,  daß  Sachsen  von  der  Landkarte
  nicht  verschwunden  ist.  und  Preußens  Vorschieben
in  die  vorderste  Kampflinie  gegen  Frankreich  hat  sich
als  förderlich  für  Deutschland  erwiesen.  Sicher  haben
unsere  heutigen  Staatslenker  gegenüber  ihren  Vorgängern
  vor  hundert  Jahren  einen  unendlich  viel  günstieren

  Stand,  und  viel  schwerer  würde  die  Schuld  auf
ihr  Haupt  fallen,  wenn  ihre  Leistungen  denen  unserer
Feldherren  nicht  entsprächen.  Die  Mitlebenden  haben
Rechte,  gegen  solches  Ergebnis  Verwahrung  einzulegen.

Wiederholt  ist  während  des  Krieges  —  und  sogar
gleich  im  Anfange  —  von  einem  Hubertusburger
Frieden  die  Rede  gewesen.  Die  Weisheit,  die  der  Abgeordnete
  Scheidemann  auch  heute  noch  unaugsgesetzt
vorträgt,  läuft  so  ziemlich  auf  das  gleiche  hinaus,  nur
daß  sie  von  der  Neuordnung  Polens  am  5.  Nov.  1916
durchkreuzt  worden  ist.  Wer  derartiges  ernstlich  erstrebt,
  weiß  nicht,  daß  er  damit  Deutschlands  Untergang
  besiegelt,  oder  will  es  nicht  wissen.  Preußen
konnte  einen  Hubertusburger  Frieden  üÜberstehen.
Die  Koalition,  die  sich  gegen  Friedrich  den  Großen
zusammenfand,  war  keine  durch  sachliche  Gründe  geeinigte;
  sie  zersiel  noch  während  des  Krieges.  Von
Schlesien  hatte  der  König  im  Zusammenwirken  mit
Frankreich  vesi  ergriffen.  Im  Osten  hatte  er  Polen
zum  Nachbarn,  dessen  Schwäche  nicht  allein  die  Möglichkeit
  bot,  sondern  gegenüber  der  russischen  Ländergier
  geradezu  zwang,  Brandenburg  und  Preußen  zu
einem  einheitlichen  Staatswesen  zu  verschmelzen  und
das  alte  Ordensland  mit  Schlesien  und  Pommern  zu
einem  geschlossenen  Besitz  zu  verbinden.  Auch  so  noch
hing  Preußens  Schicksal  nach  Jena  an  einem  Faden.
Allein  die  maßlose  Herrschsucht  Napoleons  hat  dem
Staate  Gelegenheit  gegeben,  sich  wieder  zu  erheben.

Das  liegt  heute  alles  ganz  anders.  Aus  Preußen
ist  Deutschland  geworden,  eine  richtige  Mittelmacht,
wie  es  Preußen,  das  noch  1866,  von  Napoleons  Sympathien
  begleitet,  in  den  Kampf  gegen  Osterreich  ziehen
konnte,  nie  war.  An  einem  starken  Deutschland  hat
kein  Anlieger  außer  der  in  der  gleichen  Lage  befindlichen
        <pb n="111" />
        Schäfer:  Friedensverhandlungen  und  Friedensschlüsse  der  Vergangenheit

habsburgischen  Monarchie  einen  Gefallen.  Wie  unser
  Reich  nun  einmal  aus  den  Wandlungen  der  Geschichte
  hervorgegangen  ist,  liegt  es  allen  Nachbarn
im  Wege;  sie  fühlen  sich  von  ihm  ins  Unrecht  gesetzt
oder  geradezu,  trotz  alles  friedlichen  Gebarens,  bedroht.
  Es  hat  nicht  einmal  eine  reine  Nationalitätene,
  nach  keiner  Richtung  hin.  Und  zu  diesen  Nacharn
  gehören  die  kriegsmächtigsten  Staaten  der  Welt:
Rußland,  Frankreich,  Großbritannien.  Denn  auch
England  ist  Nachbar,  wie  sich  in  diesem  Kriege  herausstellt,
  sogar  der  gefährlichste  und  böseste.  Läge  es  nicht
unserer  Küste  gegenüber,  es  könnte  uns  nicht  so  vom
Seeverkehr  abschließen,  wie  es  das  in  diesem  Kriege
fertig  beingt.  auch  mit  seinen  Willkürmaßregeln  nicht.
Geht  der  Krieg  zu  Ende  ohne  irgendwelchen  Machtuwachs
  für  uns,  nur  mit  dem  „Bewußtsein,  einer
it  in  Wasfen  gegenüber  bestanden  r“m  haben-,  so
sind  wir  verloren,  so  erhaben  dieses  Bewußtsein  an
sich  sein  mag.  Die  Gegensätze,  die  uns  von  unseren
Feinden  trennen,  bleiben  bestehen.  Ihre  Kraft  wächst
von  innen  heraus  vermöge  der  ungeheuren  Erdräume
  und  der  Menschenmengen,  über  die  sie  verfü-*7
  während  die  unsere  dem  Stillstand  entgegengeht.
eutschlands  Bevölkerungszuwachs  hat  im  letzten
Jahrzehnt  in  bedenklichster  Weise  nachgelassen;  für
Innensiedlung  bietet  es  nur  noch  beschränkte  Möglichkeiten.
  Sollte  wirklich  unsere  gewerbliche  Tätigkeit
sich  weiter  heben,  unsere  städühe  Bevölkerung  sich
weiter  mehren,  so  würde  das  im  Kriegsfalle  nur  ein
Moment  der  Schwäche  sein.  Wir  würden  nicht  zum
zweiten  Male  mit  Erfolg  versuchen  können,  den  Krieg
von  Anfang  an  in  Feindesland  zu  tragen;  wir  haben
es  im  Osten  schon  diesmal  nicht  gekonnt.  Leicht  könnte
unser  industrieller  Westen  von  vornherein  sedes  belli
werden,  wie  sich  das  kriegerische  17.  Jahrhundert  ausdrückte,
  und  wir  wären  unfähig,  weiter  Krieg  zu  führen,
  müßten  uns  auf  Gnade  und  Ungnade  ergeben.
Denn  wir  haben  nicht  die  Wöglichteit,  wie  jetzt  Frankreich,
  im  Kriege  Kohle  und  Eisen  über  See  zu  beziehen.
  Das  Ernährungsproblem  wird  für  uns,  wenn
anders  wir  nicht  an  Bevölkerungszahl  abnehmen,  von
Jahr  zu  Jahr  schwieriger.  Dazu  der  Druck  der  unumgänglichen
  Steuern,  wenn  -jeder  seine  Lasten  traen
  solle!  Auch  das  wird  den  Gegnern  unendlich  viel
eichter,  besonders  Großbritannien  und  Rußland.  Wir
haben  keine  Goldproduktion  und  keinen  sich  immer
steigernden  Reichtum  an  Rohstoffen  und  Nahrungsmitteln.
  So  brauchten  die  Gegner  nur  einen  richtigen
Augenblickabzupassen,  um  uns  gefahrlos  niederzuwerfen.
  Was  sie  dann  mit  uns  anfangen  würden,  darüber
  haben  sie  uns  nicht  im  unklaren  gelassen.  Nein,
dieser  Krieg  darf  unter  keinen  Umständen  mit  einem
Hubertusburger  Frieden  enden,  sondern  nur  mit  Mehrungunserer
  Macht,  dieentweder  die  Gegner  von  einem
neuen  Versuche  abschreckt  oder  uns  gestattet,  einem
solchen  mit  fester  Zuversicht  wirksam  zu  begegnen.

Vielfach  wird  unter  Hinweis  auf  frühere  Hergänge
das  Verhältnis  von  Friedensverhandlungen
und  Friedensschluß  besprochen.  Es  handelt  sich
im  gegenwärtigen  Kriege  um  Koalitionen,  die  einander
  gegenüberstehen,  und  ähnliche  Fälle  kennt  die  Geschichte,
  die  ältere  wie  die  neuere,  nicht  wenige.  In  der
Kel  haben  sich  die  Verbündeten  auch,  wie  heute  die
in  der  Entente  geeinigten  Mächte,  verpflichtet,  keinen
Sonderfrieden  zu  schließen.  Derartige  Abmachungen
gsind  aber  im  allgemeinen  nicht  allzu  peinlich  beobach-97



tet  worden.  Jeder  Schüler  weiß  von  den  drei  Koalitionen,
  die  gegen  die  französische  Republik  und  dann
gegen  Napoleon  zusammentraten.  Ihre  Glieder  sind
zumeist  durch  die  kriegerischen  Ereignisse  abgesprengt
worden,  die  Friedensschlüsseeinzelnerfolgt.  Allerdings
haben  auch  nicht  alle  so  klare  Zusagen  gegeben,  wie  tt
jetzt  vorzuliegen  scheinen.  Aber  da  spricht  doch  die  Not
mit  oder  auch  rücksichtsloses  Verfolgen  des  eigenen
Vorteils.  In  dieser  Weise  haben  sich  die  Vereinigten
Staaten  in  die  große  Politik  eingeführt,  indem  sie
nach  dem  Unabhängigkeitsriege  allein  mit  England
abschlossen,  obgleich  dem  verbündeten  Frankreich  ein
#emeinsaner  Friedensschluß  versprochen  worden  war.
iner  der  abschließenden  Bevollmächligten  war  Benjamin
  Franklin  selbst!  Wie  England  Friedrich  den
Großen  im  Stiche  ließ,  ist  bekannt;  Treu  und  Glauben
  liegen  in  der  rs*  seiner  Ministerien  und  wechseln
  mit  ihnen.  Der  Siebenjährige  Krieg  ist  Überhaupt
  nicht  durch  einen  Frieden  zum  Abschluß  gekommen,
  ebensowenig  wie  der  Spanif  che  Erbfolgekrieg,
in  dem  sich  ja  auch  Koalitionen  gegenüberstanden.
Anders  allerdings  wieder  der  Krimkrieg!  Für  die
Fragen  der  Gegenwart  hat  ein  näheres  Eingehen  auf
diese  und  ähnliche  Hergänge  kaum  irgendein  Interesse;
  Analogien,  die  sich  etwa  feststellen  ließen,  sind
bedeutungslos,  kaum  mehr  als  Spielerei.

Die  Verhandlungen,  die  zu  Friedensschlüssen  geführt
  haben,  sind  der  Natur  der  Sache  nach  durchweg
bei  währendem  Kriege  begonnen  worden.  Besonders
bekannt  und  an  sich  ja  auch  bezeichnend  genug  sind
die  siebenjährigen  Verhandlungen,  deren  Schauplatz
Münster  und  Osnabrück  vor  dem  Westfälischen  Frieden
  waren.  Daß  während  solcher  Verhandlungen  die
Feindseligkeiten  ihren  Gang  gehen,  ist  durchaus  die
Regel,  liegt  in  der  Natur  der  Sache.  Nur  wenn
beide  Teile  in  einem  Waffenstillstand  ihren  Vorteil
zu  finden  glauben,  ist  es  anders,  allenfalls  auch,  was
Übrigens  so  ziemlich  auf  dasselbe  hinausläuft,  wenn
der  eine  Teil  im  sicheren  Besitz  kriegerischer  Überlegenheit
  zu  sein  glaubt,  wie  es  1864  während  der  Londoner
Konferenzen  mit  den  beiden  deutschen  Mächten  gegenüber
  Dänemark  der  Fall  war.  Daß  Einleitung  und
Führung  von  Verhandlungen,  ja  selbst  die  Absicht  oder
der  Wunsch,  solche  zu  beginnen,  auf  die  Kriegführung
Einfluß  gewinmen  können,  versteht  sich  aber  von  selbsi
und  kann,  je  nachdem,  in  hohem  Grade  verderblich
oder  auch  förderlich  sein.  Trübste  Erfahrungen  ersterer
  Art  wurden  deutscherseits  im  Schleswig-Holsteinischen
  Kriege  1848—50  gemacht,  während  Dänemark
  den  Vorteil  genoß.  ß  das  Richtige  geschehe,
ist  am  sichersten  verbürgt,  wenn  politische  und  militärische
  Führung  in  einer  Hand  liegen;  darin  lag  für
Napoleon,  Friedrich  den  Großen,  Gustav  —  ein
schwerwiegender  Vorteil.  Sonst  werden  Reibungen
kaum  je  völlig  ausbleiben,  da  Clausewig  recht  har.
wenn  er  den  Krieg  die  Fortführung  der  Politik  mit
anderen  Mitteln  nennt.  Ob  in  diesem  gewaltigsten
aller  Völkerkämpfe  bei  den  Gegnern,  bei  uns  und  unseren
  Bundesgenossen  jederzeit  das  Richtige  geschah,
wird  erst  die  Zukunft  endgültig  festeustellen  versuchen.
Seit  dem  1.  Febr.  1917rechnet  das  deutsche  Volk  darauf,
daß  die  Waffe,  die  nunmehr  zu  voller  Wirksamkeit  einesetzt

  wurde,  allein  und  ausschließlich  nach  militärichen
  Gesichtspunkten  Verwendung  finde,  ihr  Gebrauch
nicht  mehr  durch  politische  Erwägungen  gehemmt
werde,  vor  allem  nicht  durch  amerikanische  Versuche,
auf  die  Gestaltung  des  Friedens  Einfluß  zu  gewinnen.

Der  Krieg  10914/17.  U.

7
        <pb n="112" />
        II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Der  österreichisch  ·  italienische  Landkriegsschauplatz'

von  Professor  Dr.  Fritz  Machatschek  in  Prag

Im  Frühijahr  1915  glaubte  Italien  den  Augenblick
getommen.  an  seinen  ehemaligen  Bundes  enoffen  mit
er  Forderung  auf  Abtretung  bedeutender  Gebiete
bis  an  seine  rnatürlichen  Grenzen-,  worunter  nicht
weniger  als  die  gesamte  Südabdachung  der  österreichischen
  Alpen  und  die  wichtigsten  Küstenlandschaften  an
der  Adria  gemeint  waren,  heranzutreten  (vgl.  Bd.  I,
S.  65  ff.).  Da  die  von  der  Österreichisch-Ungarischen
Monarchie  angebotenen  Zugeständnisse  von  italienischer
  Seite  mit  der  Kriegserklärung  beantwortet  wur.
den,  sah  sich  die  Monarchie  dem  neuen  Feinde  gegenüber
uUnächst  gezwungen,  sich  auf  die  reine  Verteidigung
ängs  einer  zwar  schmalen,  aber  durch  rund  660  km
sich  erstreckenden  Zone  in  den  südlichen  Ostalpen  und
den  anschließenden  Karstgebieten  zu  beschränken.  Es
handelt  sich  also  um  einen  Gebirgskrieg,  für  dessen  Natur
  die  Auflösung  in  eine  große  *8  voneinander  fast
tnabhänziger  Teilaktionen  charakteristisch  ist,  und  in
dem  seowoh  die  großen  Züge  der  Oberflächengestaltung
und  die  dadurch  bedingten  Hauptkommunikationslinien
  als  auch  alle  Einzelheiten  der  physischen  Ausstattung
  des  Landes  von  maßgebendstem  Einfluß  für
alle  strategischen  und  taktischen  Maßnahmen  werden.
Ungefähr  im  Meridian  von  Verona  treten  die  bisher
  eng  aneinandergepreßten  Alpenketten  lockerer  auseinander
  und  schaffen  Raum  für  große  Längstalsluchten,
  die  eine  ausgezeichnete  Durchgängigkeit  des
Gebirges  in  der  Längsrichtung  bedingen.  Aus  der
nördlichen  Längstalfurche,  der  Inn,  Salzach,  Enns
und  Mur  folgen,  führen  nur  wenige  bequeme  Straßenpässe
  über  die  zentrale  Zone  des  Gebirges  in  die  füdliche
  Längsfurche  des  oberen  Etsch-,  Eisack-,  Rienzund
  Drautales.  Diese  sammelt  so  die  von  Norden
kommenden  Verkehrslinien  und  leitet  sie  weiter  nach
dem  Südrande  der  Alpen  und  ihrem  Rücklande,  der
oberitalienischen  Tiefebene.  Südlich  von  dieser  Linie
strahlen  die  bisher  vorwiegend  östlich  gerichteten  Ketten
auseinander;  eine  Kettenschar  zieht  in  den  Karawanken
  und  Steiner  Alpen  nach  OSO.,  eine  andere
schwenkt  in  den  Julischen  Alpen  nach  SO.  und  wird
jenseits  der  Idria  in  den  Höhen  des  Karstes  fortgeleste
  zwischen  beiden  Zonen  kommt  das  Längstal
r  Save  zur  Entwicklung.  Hochgelegene  Pässe  führen
  zwischen  den  Stöcken  der  Südtiroler  und  über
die  Ketten  der  Karnischen  und  Julischen  Alpen  nach

1  Lgl.  hierzu  die  Karte  Itallensch-Ssterrelchische  Grenzgebietes
  und  die  Karte  bei  S.  204.

Süden,  und  endlich  stürzen  die  Südalpen  an  einem.
unter  einspringenden  Winkeln  verlaufenden  Bruchrand
  gegen  die  Tiefebene  ab  und  verleihen  dadurch
den  südlichen  österreichischen  Alpenländern  den  Charakter
  einer  natl#trlichen  Festung  mit  der  steilen  Front
nach  Süden.  Wohl  ist  dabei  ein  gewisser  Unterschied
zwischen  Tirol  und  den  östlich  anschließenden  sogenannten
  innerösterreichischen  Ländern  wahrzunehmen:
  Indem  jenes  an  die  neutrale  Schweiz  angrenzt,
ist  seine  Westfront  von  allen  militärischen  Bewegunausgeschaltet;

  der  in  der  Gegend  des  unteren

en
Aichtales  am  weitesten  nach  Süden  vorspringende

bastionartige  Gebirgsrand  und  die  radiale  Anordnung
  des  Talnetzes  schaffen  in  Südtirol  für  die  Landesverteidigung
  wesentlich  andere  Verhältnisse,  als
sie  weiter  im  Olen  bestehen,  wo  geschlossene  Parallelketten
  bogenförmig  die  nach  Norden  vordringende
Ebene  abschließen.  Gemeinsam  aber  ist  dem  ganzen
Kriegsschauplatz  das  Folgende:  Während  sich  der  Vormarsch
  der  Heere  von  österreichischer  Seite  an  die
Frontlinie  durch  ein  an  Entwicklungsräumen  und  Bewegungslinien,
  Unterkunftsmöglichkeiten  und  Oilfsquellen
  armes  Hochgebirgsland  vollziehen  muß,  das.
weder  zum  Schauplatz  der  Tätigkeit  größerer  Heere,
noch  zum  Ausgangspunkt  der  Offensive  gut  geeignet
ist,  steht  der  gegnerischen  Seite  die  dicht  besiedelte,
reich  kultivierte  und  von  Verbindungslinien  engmaschig
  durchzogene  Tiefebene  als  Aufmarschraum
ur  Verfügung.  Anderseits  fällt  dem  Gegner  die
schierige  ufgabe  zu,  6„  en  eine  durch  eine  Kette
von  Stützpunkten  vorzilg  geschützte  Gebirgsmauer
anzustürmen,  die  auch  gegen  einen  numerisch  überlegenen
  Feind  mit  Erfolg  verteidigt  werden  kann  und,
wie  Beispiele  aus  der  Geschichte  lehren,  auch  verteidigt
  worden  ist.  Dabei  fällt  freilich  schwer  ins  Gewicht,
  daß  die  politische  Grenze  keineswegs  der  natürlichen
  Scheide  zwischen  diesen  beiden.  in  unmittelbare
Nachbarschaft  Frbrachten  gegensählichen  Gebieten
fotgt.  Nur  in  einem  kleinen  Stück,  am  rechten  Ufer

es  unteren  Isonzos,  reicht  das  österreichische  Gebiet  in
die  Ebene  hinein.  Im  übrigen  greift  das  Königreich
Italien  mehrfach  tief  ins  Gebirgsinnere  hinein  und
konntesich  den  Besitz  wichtiger  Zugangslinien  zu  diesem
sichern.  Der  heutige  Grenzverlauf  ist  eben  vorwiegend
das  Ergebnis  künstlicher  Festlegungen,  und  wenn  auch
in  früheren  Zeiten  öfters  von  öerreichsscher  Seite
versucht  wurde,  seinen  Besitz  bis  an  die  natürlichen
Grenzen  zu  erweitern,  so  blieb  als  Ergebnis  der  Kriege
von  1859  und  1866  der  strategische  Vorteil  doch  zumeist
  auf  Seite  des  südlichen  Vertragsteiles.  Daher
ist  namentlich  Südtirol  mehrfach  hinter  seinen  natürlichen
  Grenzen  zurückgeblieben,  nicht  aber  hat  Italien.
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        Machatschek:  Der  österreichischseine

  natürlichen  Grenzen  noch  nicht  erreicht.  Damit
und  mit  dem  Charakter  des  von  österreichischer  Seite
zunächst  notwendig  defensiv  geführten  Krieges  hängt
es  zusammen,  daß  die  politische  Grenze  nicht  mit  der
strategischen  Verteidigungslinie  sich  deckt,  sondern  daß
der  Verteidiger  sich  von  vornherein  gezwungen  sah,
Teile  seines  Gebiets  dem  Gegner  kampflos  zu  überlassen,
  um  ihn  erst  an  weiter  rückwärts  gelegenen
Stellungen  und  gestützt  auf  die  in  langen  Ichres  vorbereiteten
  Befestigungswerke  zu  erwarten.

r.  Geographische  Übersicht.

Die  den  österreichisch-italienischen  Kriegsschauplatz
bildenden  Gebirgsländer  zeichnen  sich  durch  sehr  komplizierte
  Zusammensetzung  und  außerordentliche
Mannigfaltigkeit  ihrer  Oberflächenformen  aus.  Kalke
und  Dolomite  mit  den  für  diese  Gesteine  charakteristischen
  Formen,  der  Auflüsung  n  scharfe  Zinnen  und
Türme,  der  Neigung  zur  Wandbildung  und  dem
mauerartigen  Abfall  der  obersten  Gehängepartien,
wechseln  mit  weichen  Schiefer=  und  mergeligen  Gesteinen,
  die  sanfte  und  einnng  wirkende  Formen  erzeugen.
  Vielfach  wurden  die  Kalke  und  Schiefer  von
Tiefengesteinen  granitischer  Art  durchbrochen,  oder  es
haben  sch
gebreitet.  Der  dadurch  bedingte  rasche  Wechsel  der
Formen  ist  für  die  Anlage  von  Verbindungen  und
Befestigungsanlagen  mitunter  von  einschneidender
Vedeutung.  Unter  den  Vorgängen,  die  die  heutigen
Umrisse  des  Gebirges  in  seinen  großen  Zügen  geschaffen
  haben,  gewinnen  neben  der  Faltung  erhöhte
Vedeutung  die  Bruchlinien,  an  denen  nicht  nur  einzelne
  Schollen  gegeneinander  verschoben,  sondern  auch
Krustenpartien  eingebrochen  sind,  so  daß  rings  umschlossene
  Beckenlandschaften  entstanden.  Auch  der
Steilabfall  des  Gebirges  gegen  die  Po-Ebene  ist  auf
derartige  sickzackfomige  Brüche  zurückzuführen.  Von
den  Einzelformen  sind  namentlich  die  zahlreichen  Talstufen
  und  Talengen,  die  mit  Becken  wechseln,  und
die  zumeist  von  Norden  her  sanfter  ansteigenden  Pässe
bisweilen  von  einschneidender  Wichtigkeit  für  militärische
  Operationen.

Auf  dem  bloßgelegten  Kalkboden  arbeitet  die
chemische  Verwitterung  durch  Lösung  des  Gesteins
und  schafft  die  sogenannten  Karstformen,  die  mit
der  karrig  zerfressenen  Gesteinsoberschicht,  der  Wasserarmut
  an  der  Oberfläche,  den  zahllosen  trichterförmigen
  Vertiefungen  oder  Dolinen,  verschwindenden
Flüssen  und  starken  Quellen  für  die  Küstenländer  der
Adria,  aber  auch  für  manche  Teile  der  Kalkalpen  so
charakteristisch  sind.

Durch  Querlinien,  die  das  Gebirge  senkrecht  zu  seinem
  Streichen  durchsetzen,  läßt  sich  dieses  in  mehrere
große  Hauptabschnitte  gliedern.  Der  erste  liegt  westlich
  vom  breiten  Etschtale,  das  die  wichtigste  Zugangsund
  Vormarschlinie  nach  Südtirol  von  Süden  *
darstellt,  obwohl  es  durch  die  leicht  zu  verteidigende,
aber  längst  wegsam  gemachte  Veroneser  Klause  unterhalb
  Ala  gegen  die  Ebene  abgesperrt  ist.  Im  Quellgebiet
  seiner  obersten  rechten  Seitentäler  erhebt  sich
als  der  nördlichste  Echpfeiler  dieses  Abschnittes  zwischen
  den  Paßlinien  des  Stilfser  Joches  und  des
Tonalepasses  die  Ortlergruppe,  die  mit  ihren  gewaltigen
  Höhen  (Ortler  8900  m),  ihrer  starken  Vergleischerung,
  und  ihrem  südlichen  Steilabsturz  gegen
das  obere  Adda-  und  Ogliogebiet  eine  außerordentlich
  wirksame  Schranke  gegen  Süden  darstellt.  Allseits
  von  Landschaftsformen  mit  südlichem  Gepräge

roße  Massen  von  Ergußsteinen  über  sie  na

99

umgeben  ist  die  Granitmasse  der  Adamello-  und
Presanellagruppe,  die  südlich  von  der  das  Ogliound
  Nocegebiet  verbindenden  Tonalelinie  zu  3560  m
Höhe  ansteigt  und  durch  ihren  Mangel  an  tieferen
Scharten  eine  ähnlich  scheidende  Wirkung  wie  die
Ortlergruppe  zwischen  der  Val  Camonica  im  Westen
und  der  Val  Rendena  im  Osten  ausübt.  Weiter  gegen
Süden  sinken  die  Höhen  unter  3000  m  herab  als
schwer  zugängliche  Gratgebirge,  die  sich  noch  weiter
südlich  zu  breiten,  stark  zerschnittenen  Plateauflächen  in
den  Brescianer  Alpen  erniedrigen  und  endlich  mit
Höhen  von  kaum  1000  m  gegen  die  Ebene  abbrechen.
Ostlich  von  diesen  klbengruppen  durchsetzt  eine
Linie  von  außerordentlicher  Bedeutung  das  Gebirge
in  nordnordöstlicher  Richtung.  Es  ist  die  sogenannte
Judikarienlinie,  an  der  die  alten  Schiefer  des  Adamellogebietes
  an  die  Kalke  des  sogenannten  Etschbuchtgebirges
  grenzen.  Dieser  Linie  folgt  vom
Idrosee  aufwärts  das  breite  Tal  der  Chiese,  aus  dem
ein  Talsattel  in  bloß  820  m  Höhe  zum  Arno  und  in
das  obere  Sarcatal  (Val  Rendena)  führt.  Von  diesem
leitet  in  gleicher  Richtung  ein  bequemer  Paß  in  ein
rechtes  Seitental  des  Nocetales  oder  Val  di  Non  (Nonsberg.
  Sulzeeryh  aus  dem  eine  leichte  Verbindung
dem  Ultental  besteht,  das  bei  Meran  in  das
obere  Etschtal  oder  den  Vintschgau  mündet;  von
bier  endlich  führt  die  Jaufenstraße  durch  das  Paseiertal
  an  die  Brennerlinie  nach  Bierzing.  Daher
bildet  Meran  einen  wichtigen  Knotenpunkt  im  Innern
  des  Gebirges.  Doch  ist  die  Eisenbahn  im  Vintschau
  bisder  nicht  über  Mals  hinausgeführt  worden,
o  daß  die  wichtige  Verbindung  über  das  Reschenscheideck
  nach  der  riberpa  und  Südwestdeutschland
  leider  noch  immer  des  Schiemenwess  entbehrt.
Unweit  von  Bozen  vereinigt  sich  das  Etschtal  mit
dererst  spät  wegsam  gewordenen  unteren  Eisackschlucht,
durch  die  Brennerstraße  und  bahn  nach  Süden  führen;
  moderne  Kunststraßen  in  die  Gebirge  im  Westen
und  Osten  haben  in  Bozen  ihren  Ausgangspunkt.  So
ist  dieses  von  alters  her  der  eigentliche  Schlüsselpunkt
für  Südtirol  gewesen  und  durch  seine  Lage  nahe  der
Sprachgrenze  dem  deutschen  Bewußtsein  besonders
teuer.  Über  die  Kalkwände  der  Mendelgruppe  führt
die  strategisch  hochbedeutsame  Mendelstraße  (1354  m)
in  das  untere  Nonsberg,  das  in  nordsüdlicher  Richtung
  abermals  eine  wichtige  Querfurche  parallel
zur  Judikarienlinie  und  zum  Etschtal  darstellt;  von
jener  scheidet  es  die  in  zwei  Züge  geteilte  wilde  Kalkpe
  der  Brenta  (3197  m).  Indem  das  Sarcatal

  sich  nach  Osten  wendet  und  bald  unterhalb  der
Einmündung  der  Molveno-Seefurche  nach  Süden
zum  Gardasee  zurückbiegt,  breite  Talungen  einerseits
über  Terlago,  anderseits  vom  Nordende  des  Gardasees
  zum  Etschtal  führen,  entsteht  ein  wahres  Gitterwerk
  von  Längs=  und  Quertälern,  so  daß  das  ganze
Etschbuchtgebirge  eine  außerordentlich  große  Durch-Längigteit
  besitzt.  Zugleich  münden  von  Osten  und
üdosten  her  in  das  Etschtal  nahe  beieinander  das
Avisiotal,  die  breite,  hoch  über  dem  Etschtal  abbrechende
  Furche  des  Suganatals  und  die  beiden
Lenotäler.  So  entstehen  im  Etschtal  zwei  wichtige
Talknotenpunkte,  Trient  und  Rofreit.  Ersteres
entwickelte  sich  aus  einem  deutschen  Bischofssitz  in
letzter  Zeit  zum  Mittelpunkt  des  welschen  Südtirols,
des  Trentino,  und  damit  zum  Mittelpunkt  der  irredentistischen
  Bestrebungen;  seine  geographische  Lage
aber  macht  es  auch  zum  Zentrum  des  österreichischen
Verteidigungsnetzes  von  Südtirol,  um  so  mehr,  als

77

italienische  Landkriegsschauplatz
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        100

dessen  wichtigste  Täler,  die  Gardasee-Furche,  das  Etschtal
  und  das  Suganatal,  nach  Süden  geschlossen  sind.
Eine  Verengung  des  Etschtales  trennt  den  Bereich
von  Trient  von  dem  weiten  Talkessel  um  Mori  und
Rofreit  (Rovereto),  wo  nahe  der  Einmündung  der
von  der  Eisenbahn  Mori-Riva  durchzogenen  Loppiofurche
  und  der  Lenotäler  abermals  ein  wichtißer  Stützpunkt
  der  inneren  Verteidigungswerke  gelegen  it.
Unterhalb  davon  begleitet  das  Etschtal  der  lange
Rücken  des  Monte  Baldo,  der  es  vom  Gardasee
trennt.  Er  nimmt  nach  Süden  rasch  an  Höhe  ab,
ebenso  wie  das  Gebirgsstück  zwischen  Garda-,  Idrosee
und  der  die  beiden  verbindenden  Val  di  Ledro.,  so
daß  sich  südlich  von  derselben  nur  mehr  ein  Bergland
bis  1900  m  Höhe  erhebt,  von  dem  steile,  enge  Täler
zum  Gardasee  hinabführen.

Ostlich  von  der  Etsch-Eisack-Linie  und  nördlich  vom
Suganatal  erheben  sich  die  Südtiroler  Dolomiten.
  An  Stelle  des  bisherigen  Kettencharakters
tritt  die  Auflösung  des  Gebirges  in  einzelne  Kalkund
  Dolomitstöcke;  enge,  tief  eingeschnittene  Täler
führen  durch  das  Bozener  Porphyrplateau  aufwärts
zu  weiten  Almflächen,  über  die  dann  die  isolierten
Stöcke  sich  erheben,  allseits  von  Tälern  und  bequem
gangbaren  Paßlinien  umgeben,  so  daß  eine  große
Durchgängiglen  des  ganzen  Gebirgsabschnittes  nach
allen  Richtungen  zustande  kommt.  Durch  die  nordsüdlich
  verlaufende  Tiefenlinie  des  Gader-Abtei-  und
des  Cordevoletales  zerfällt  er  in  zwei  landschaftlich
verschiedene  Teile.  Inr  westlichen  tritt  der  stockförmige
  Charakter  besonders  deutlich  hervor  in  den  Kalkund
  Dolomitgruppen  des  Latemars,  des  Rosengartens
und  Schlerns,  der  Sella  und  des  Langkofels,  der  Geislerspitzen,
  der  vergletscherten  Marmolata  (3360  m)
und  der  Palagruppe  (3190  m)  und  ganz  im  Süden  im
Granitstockder  Cimad'Asta.  Ostlich  von  der  genannten
Linie  bilden  die  Kalke  ein  etwa  3000  m  hohes  Tafelgebirge
  im  Quellgebiet  der  Boite,  Piave  und  Rienz,
das  aber  durch  tiefe  Täler  gleichfalls  in  einzelne
Stöcke,  M.  Cristallo,  Antelao,  Civetta,  Pelmo,  Sorapis.
  Tofana,  Drei  Zinnen  u.  a.,  zergliedert  ist.  Es
fehlt  also  dem  ganzen  Gebiet  eine  gegen  Süden  scharf
scheidende  Kette;  zwar  führen  mehrere  leichte  übergänge
  nach  Süden,  doch  liegen  die  schluchtartigen  Verdn
  en  vieler  Täler,  wie  der  Brenta,  dem  die  Eisenbahn

  Trient  -Treviso  folgt,  und  des  Cismone  bereits
in  Italien.  Die  Nordbegrenzung  des  ganzen  Abschnittes
  bildet  die  Eisack-Rienz-Drau-Furche.  Aus  dem
Talkessel  von  Brixen  führt  die  Talenge  der  Sachsenklemme
  über  Franzensfeste  längs  der  Brennerlinie
in  das  Becken  von  Sterzing.  Auch  das  Pustertal  wird
erst  weiter  aufwärts  breiter,  und  endlich  vollzieht  sich
auf  dem  Toblacher  Feld  in  1200  m  Höhe  der  unmerkliche
  übergang  in  das  Draugebiet,  so  daß  die
Bezeichnung  Pustertal  über  die  Wasserscheide  hinüberreist.
  Auf  dieser  liegt  Toblach,  wohin  alle  die  Straben
  aus  den  Dolomiten  zusammenlaufen.  Daher  hat
es  als  Tutrum  der  militärischen  Verteidigung  für
Südost-Tirol  und  das  angrenzende  Kärnten  ähnliche
Bedeutung  wie  Trient  für  den  Südwesten.

Das  Hochland  der  Dolomiten  bricht  gegen  Süden
an  der  breiten,  aber  gegen  Osten  schluchtartig  verengten
  Suganatalurcher  dem  oberen  Brentatal,  jäh
ab.  Nach  Osten  setzt  sich  diese  Linie  nach  dem  Becken
von  Belluno  fort,  das  die  Piave  der  Länge  nach
durchströmt,  von  der  eine  flache  Wasserscheide  in  das
Gebiet  des  Cismone,  eines  Brentazuflusses,  hinüberführt.
  Daher  sind  die  Hauptorte  dieses  Beckens,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Primolano,  Feltre.  Belluno  und  weiter  aufwärts
Pieve  di  Cadore,  als  Ausgangspunkte  des  italienischen
  Straßennetzes  in  das  Gebirge  und  Stützpunkte
der  militärischen  Aktionen  von  ähnlicher  Bedeutung
wie  die  der  Pustertallinie  für  die  Nordseite.  Südlich
vom  Suganatal  und  dem  Piavetal  erhebt  sich  das
Gebirgsland  nur  selten  über  2000  m.  Zwischen  Etsch
und  Astico  bilden  die  Lessinischen  Alpen  ein  von
steilrandigen,  tiefen  Schluchten  stark  aufgelöstes  Plateau,
  das  steil  und  unmittelbar  etwa  2000  m  hoch
gegen  Norden  zum  Suganatal  abbricht  und  mit  einer
niedrigen  Steilstufe  gegen  den  nach  Osten  immer
mehr  nordwärts  vordringenden  Gebirgsrand  abfällt.
Ihre  Fortsetzung,  die  Vicentinischen  Alpen,  bilden

wischen  dem  Durchbruchstal  der  Piave  und  der  Quersrche
  des  Lago  di  Santa  Croce  nur  mehr  einen
15  km  breiten,  verkarsteten  Rücken.

Durch  diesen  Verlauf  des  Gebirgsfußes  verlieren
die  Südalpen  gegen  Osten  immer  mehr  an  Breite
und  sind  zwischen  dem  Kreuzbergsattel  (1630  m),  der
das  Pustertal  durch  das  Sextental  mit  der  Piave
verbindet,  und  der  Eisenbahn=  und  Paßlinie  Villach-Pontafel-Fellatal
  in  den  Karnischen  Alpen  nur
mehr  auf  eine  einzige  Hauptlette  mit  südlich  vorelagerten

  niedrigeren  Parallelketten  beschränkt.  Mit
es  von  selten  über  2500  m,  die  nicht  Überall

ochgebirgscharakter  besitzen,  bildet  die  karnische
Hauptkette,  der  auch  die  Grenze  folgt,  durch  ihren  rein
westöstlichen  Verlauf  auf  100  km  Erstreckung  und
ihre  geringe  Gangbarkeit  eine  vorzügliche  Scheide
weniger  in  natürlicher  als  in  strategischer  Beziehung;
daher  sind  durch  ihre  südlichen  Vorlagen  in  den  Quelltälern
  der  Piave,  des  Tagliamento  und  der  Fella
von  italienischer  Seite  mehrere  Straßenzüge  bis  an
den  Südabfall  der  Hauptkette  herang'führ.e

Die  scharfe  Begrenzung  der  karnischen  Hauptkette

egen  Norden  bildet  das  vollkommen  geradlinig  ost-Feböstach
  streichende  Gailtal,  von  dem  sich  nördlich
bis  zur  Drau  die  gut  gangbaren  Gailtaler  Alpen
erheben.  Die  Fortsetzung  beider  Zonen  bildet  jenseits
der  tiefen  Querfurche  der  Gailitz  die  schroffe  Kalkkette
der  Karawanken.  Der  steile  Nordabsturz  ist  gegen
das  seenreiche  Klagen  furter  Becken  gerichtet,  zu
dem  sich  das  Drautal  unterhalb  von  Villach  weitet.
Als  ungefäte  rechteckiger  Raun  stellt  diese  größte  aller
ostalpinen  Beckenlandschaften  den  wichtigsten  Aufmarsch=
  und  Vorbereitungsraum  aller  aus  Innerösterreich
  gegen  Italien  gerichteten  Operationen  dar.
Von  Norden  her  münden  die  Tauernbahn  im  Westen,
die  aus  dem  Murtal  über  den  Neumarkter  Sattel  geführte
  Rudolfsbahn  im  Osten  ein  und  werden  einerseits
  durch  das  Gailitz--  und  Fellatal  gegen  Udine,
anderseits  unter  dem  Hauptkamm  der  Karawanken
als  Karawanken-=  und  Wocheiner  Bahn  in  das  Savegebiet
  weitergeleitet.  So  entstehen  hier,  in  der  Längsachse
  des  Beckens  untereinander  durch  die  Pustertallinie
  verbunden,  wei  Verkehrsknotenpunkte  von  größter
  Bedeutung,  Villach  am  Westende,  Klagen  furt
ungefähr  in  der  Mitte  des  Beckens  gelegen.  Die  westliche
  Linie  entsendet  überdies  von  Tarvis  einen  Zweig
über  den  Weißenfelser  Sattel  nach  Laibach  und  von
Tarvis  führt  auch  die  von  alters  her  berühmte  Paßstraße
  über  den  Predil  (1160  m)  nach  Süden,  so  daß
Tarvis  neben  Villach  einen  wichtigen  Stützpunkt  der
österreichischen  Verteidigungslinie  bedeutet.

Das  fächerförmige  Auseinanderstrahlen  der  südalpinen
  Ketten  beginnt  östlich  von  der  Querlinie
Villach-Pontafel.  Zwischen  Karawanken  und  Steiner
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        Machatschek:  Der  österreichisch-italienische  Landkriegsschauplatz

Alpen  einerseits,  die  Julischen  Alpen  anderseits
schiebt  sich  das  obere  Savegebiet  ein,  das  sich  nach  Vereinigung
  der  beiden  Quelltäler  zu  dem  offenen  Laibocher
  Becken  erweitert.  Die  Durchkreuzung  der
über  den  Karst  ans  Meer  führenden  Südbahnlinie
Wien  Triest  mit  der  erwähnten  Longitudinallinie
über  Aßling  nach  Tarvis  schafft  in  Laibach  ein  neuerliches
  wichtiges  Zentrum  der  Verkehrswege  und  Vormarschlinien
  gegen  Süden.

Das  letzte  Glied  der  Südalpen  bilden  zwischen  der
Fella,  der  oberen  Save,  der  Idria  und  Zayer  die
Julischen  Alpen,  in  denen  sich  nochmals  der  Charakter
  des  Kalkhochgebirges  zu  großartiger  Wildheit
entfaltet.  Das  tiefe  Tal  des  oberen  Isonzos  zerlegt
sie  in  zwei  Teile.  Im  westlichen  erreichen  nur  die
Gruppen  des  Mangart  (2674  m)  und  des  Monte
Canin  (2350  m)  Hochgebirgscharakter;  an  sie  schließt
sich  gegen  Süden  bald  niebrigeres  Mittelgebirge  an.
das  rasch  zum  Gebirgsrand  abfällt.  Der  östliche  Teil
gipfelt  im  gewaltigen  Triglav  mit  2856  m.  Nur
von  wenigen  Straßen,  darunter  der  Predilstraße,
durchzogen,  bedeuten  die  Julischen  Alpen  eine
außerordentlich  wirksame  Schranke  Innerösterreichs

egen  die  venezianische  Tiefebene,  wenn  auch  ihr
H#apteamm  weder  je  politische  noch  Völkergrenze
gewesen  ist.  Die  Querfurche  der  Idria  und  Zayer
dildet  auch  die  Grenze  zwischen  Alpen  und  Karst.
Die  Tiefenlinie  des  Wippach=  und  Rekatales  zerlegt
  diesen  in  zwei  Zonen.  Die  östliche,  auch  als
Binnenkarst  bezeichnet,  zerfällt  in  die  allseits  steil
abfallenden,  meist  dicht  bewaldeten  Plateaus  des
Ternowaner  und  Birnbaumer  Waldes  (etwa  1500  m)
und  des  Krainer  Schneebergs  (1700  m).  Weit  öder
noch  und  fast  völlig  waldlos  ist  der  westlich  vorgelagerte
  Küstenkarst,  der  zwischen  dem  unteren  Isonzo
und  Triest  eine  400—600  m  bohe  von  unzähligen
Dolinen  erkressene.  wasserlose  Kalktafel  darstellt,  die
steil  zur  Küste  abbricht.  Sie  wird  durchzogen  von  der
Eisenbahnlinie  Görz—Triest,  die  als  zweite  Verbindung
  Triests  mit  seinem  Hinterland  unter  der  Hauptkette
  der  Julischen  Alpen  und  durch  das  mittlere
Isonzo=  oder  Canaltal  bis  Görz  geführt  ist  und  hier
an  die  ältere  Linie  der  Südbahn  anschließt,  die  von
Triest  längs  der  Küste  und  über  Cormons  einen  der
wenigen  Einbruchswege  nach  Oberitalien  darstellt.
Daher  bildet  Görz;,  am  Rande  des  Karstplateaus

elegen  und  überdies  Ausgangspunkt  mehrerer  Straen

  in  dieses  hinein,  einen  wichtigen  Schlüsselpunkt.

Südlich  vom  Alpen=  und  Karstbogen  breitet  sich  die
Po-Ebene  aus,  ein  im  inneren  Teil  durch  keinerlei
Höhen  unterbrochenes,  unmerklich  gegen  die  Gebirgsränder
  ansteigendes  Tiefland,  dem  nur  am  Südausgang
  der  großen  Alpentäler  niedere  Hügelgruppen,
  vielfach  aus  alten  Endmoränen  oder  Schotterterrassen
  hervorgegangen,  vorgelagert  sind.  Ostlich  von
der  Etsch,  wo  die  als  Klärungsbecken  dienenden  Randseen
  fehlen,  tragen  die  aus  den  Alpen  kommenden
Flüsse  mehr  oder  weniger  den  Charakter  von  Torrenten,
  die  bei  den  plötzlich  eintretenden  Hochwässern  der
Frühjahrs-  und  Herbstmonatebedenkliche  Operationshindernisse
  darstellen,  während  bei  Niederwasser  die
oft  kllometerbreiten  Schotterbetten  bis  auf  einen  dünnen
  Wasserfaden  trocken  liegen.  Dieminimalen  Höhenunterschiede
  haben  der  Anlage  von  Kommunikationen
nirgends  Schwieriglkeiten  bereitet,  so  daß  die  Ebene
von  einem  engmaschigen  Eisenbahn-,  Kanal=  und

1  Cgl.  die  Karte  »Unteres  Isongogebiete.

101

Straßennet  durchzogen  ist.  Anderseits  aber  erschweren
  die  eigentümliche  Art  der  Bodenkultur,  sowohl  die
von  Bewässerungskanälen  wurchsogenen  Reiskulturen
als  die  in  Lauben  gezogenen  Weingärten,  die  durch
Rebengirlanden  verbundenen  Obst=  und  Maulbeerbaumreihen,
  die  der  Ebene  den  Charakter  eines  lichten
Waldes  verleihen,  endlich  die  zahlreichen  Hecken  und
Einfriedigungen  die  Bewegung  selbst  der  Fußtruppen
außerhalb  der  größeren  Wege  und  heben  die  übersicht
im  Terrain  fast  völlig  auf,  so  daß  allen  taktischen  Operationen
  bedeutende  Schwierigkeiten  gegenllberstehen.
In  der  Übergangszone  zwischen  Mittel-  und  Südeuropa
  gelegen,  tragen  Klima  und  Vegetation
der  südalpinen  und  Karstländer  je  nach  der  Höhenlage
  noch  mitteleuropäischen  oder  bereits  mediterranen
  Charakter.  Die  Sommer  sind  auch  noch  in
geößeren  Höhen  heiß  und  vorwiegend  trocken,  die
Linter  kurz  und  mild,  namentlich  in  den  breiten,
nach  Süden  geöffneten  Tälern,  wie  im  Etschtal,  in
der  Umgebung  des  Gardasees  und  um  Görz.  überall
fällt  der  Hauptanteil  der  Rieherschläge  in  die  übergangsjahreszeiten
  namentlich  in  den  Spätherbst.  woei
  die  absoluten  Niederschlagsmengen  meist  reichlich
sind  und  mit  Annäherung  an  die  Adria  zunehmen.
Daraus  ergibt  sich  in  den  höchsten  Gebirgsgruppen,
wie  der  Ortler-  und  Adamellogruppe,  eine  außerordentlich
  intensive  Vergletscherung  und  eine  lange
Dauer  der  Schneedecke  auch  schon  in  Höhen  von  etwa
2000  m.  Am  schroffsten  vollzieht  sich  der  übergang
nach  dem  milden  Süden  in  der  Karstregion,  wo  man
über  die  von  heftigen,  zur  Küste  hinabstürzenden
Nordwinden,  der  namentlich  im  Winter  gefürchteten
Bora,  heimgesuchten  Karstplateaus  unmittelbar
nach  der  schon  südliches  Gepräge  tragenden  Küste
hinabsteigt.  Langsamer  vollzieht  sich  der  übergang
weiter  im  Westen,  etwa  im  Etschtal.  Die  höheren
Teile  der  Südalpen  tragen,  namentlich  in  den  Dolomiten,
  noch  zumeist  ein  reiches  Nadelwaldkleid,  während
  die  die  Ebene  umsäumenden  italienischen  Voralpen
  wie  auch  die  Küstenkarstlandschaften  durch  #ytematische
  Waldverwüstung,  welche  die  gesteigerte  Abpülung
  unterstäft.  waldlos  und  Verheerungen  durch
Wildbäche  und  Murbrüche  ausgesetzt  sind.
Innationaler  Hinsicht  stellen  die  westlichen  Südalpen
  ein  überwiegend  italienisches,  die  östlichen  und
die  Karstländer  ein  zumeist  flawisches  Gebiet  dar,  in
dem  der  einst  italienische  Charakter  der  Städte  immer
mehr  verschwindet  und  sich  kleine  deutsche  Minderheiten
  entwickeln.  Die  deutsch=  romanische  Sprachgrenze
  verläuft  ungefähr  am  Hauptkamm  der  Ortlergruppe
  und  quer  über  die  Mendelgruppe,  lappt  im
tschtal  nach  Süden  bis  etwa  nach  Salurn  aus  und
eht  dann,  ohne  an  natürliche  Linien  gebunden  zu
ein,  durch  das  Dolomitenhochland,  bis  sie  östlich
vom  Kreuzbergpaß  ungefähr  dem  Hauptkamm  der
Karnischen  Alpen  folgt  und  weiter  gegen  Osten  bis
an  das  Drautal  durch  die  deutsch  slawische  Sprachrenze
  abgelöst  wird.  Südlich  von  dieser  Linie  haben
Sc  nur  im  Fersental  (am  Suganatal),  in  Lusern  und
auf  italienischem  Boden  in  einigen  Orten  der  Sette
und  Tredici  Communi  in  den  Lessiner  Alpen  und
im  Tischlwang  auf  der  Südseite  der  karnischen  Kette
noch  deutsche  Sprachinseln  erhalten.  Sowohl  im
obern  Nonsberg  als  namentlich  in  einzelnen  Dolomitentälern
  schaltet  sich  zwischen  das  deutsche  und  das
italienische  noch  das  aus  der  alten  keltoromanischen
Bevölkerunghervorgegangeneladinische  Volkstumein,
das  allerdings  westlich  von  der  Etsch  und  im  Fassatal
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        102

größtenteils  italienische  Sprache  und  Gesinnung  angenommen
  hat,  in  den  nach  dem  deutschen  Südtirol
  entwässerten  Tälern  der  Germanisierung  anheimfällt.
  Im  Görzischen  und  am  Ostende  der  karnischen
  Kette  greift  das  slawische  Element  sogar  über
die  Grenze  nach  dem  italienischen  Friaul  über,  dessen
Bevölkerung  im  übrigen  einen  von  der  Schriftsprache
stark  abweichenden  italienischen  Dialekt  spricht.  Der
politischen  Gesinnung  nach  sind  die  österreichischen
Italiener  der  großen  Städte,  welche  die  Zentren  der
trredentistischen  Propaganda  bedeuten,  wohl  zu  trennen
  von  der  meist  gut  österreichisch  fühlenden  Landbevölkerung,
  die  19  als  Tirolesi  in  einen  bewußten
Gegensatz  zur  Stadtbevölkerung  stellt  und  schon  aus
wirtschaftlichen  Gründen  dem  Anschluß  an  das
„Regno=  abgeneigt  ist.

Der  nalionale  Vensat  kommt  auch  mehrfach  im
wirtschaftlichen  Leben  zum  Ausdruck.  Die  Hauptbeschäftigung
  der  Bevölkerung  im  Gebirge  ist  die
Landwirischaft;  aber  kaum  20  Proz.  des  Bodens
sind  für  Acker-  und  Gartenland  GSgängüch.  wobei
die  sonnigen  breiten  Täler  große  Ernten  der  Wein-,
Obst.,  Ol-  und  Maulbeerbaumkultur  hervorbringen,
die  zumeist  von  der  italienischen  Bevölkerung  ausgehen
  Der  wichtigste  Erwerbszweig  bleibt  **  die

der  Form  der  Almwirtschaft  betriebene  Viehzucht,
wobei  die  der  italienischen  Landesteile,  was  rationelle
Bewirtschaftung  und  den  Zustand  der  Almen  betrifft,
weit  hinter  den  deutschen  Gebieten  zurückbleibt.  Während
  ferner  in  diesen  das  in  unregelmäßigen  Haufen
angeordnete  Dorf  vorherrscht,  tragen  die  italienischen
Siedlungen  auch  im  Gebirge  städtlschen  Charakter  mit
steinernen,  mehrstöckigen  Häusern,  die  sich  vorzüglich

u  Verteidigungszwecken  eignen.  Mit  der  vorherrschenden
  Armut  des  Bodens  und  der  Bevölkerun
steht  zu  beiden  Seiten  der  Grenze  das  dichte  Kommunikationsnetz
  in  einem  gewissen  begensat.  dessen  Ausbau
  aber  tumeist  nicht  wirtschaftlichen,  sondern  strategischen
  Beweggründen  zu  danken  ist.  Daher  find
auch  die  von  den  Eisenbahnlinien  weit  ntfernten  Orte
im  Gebirge  durch  vorzilgliche  Straßen  verbunden,  die
aber  zumeist  nahe  der  Grenze  abbrechen,  so  daß  diese
nur  auf  verhältnismäßig  wenigen  guten  Verkehrswegen
  überschritten  werden  kann.

II.  Politischer  und  strategischer  Grenzverlauft.

Im  äußersten  Westen  von  Südtirol  verläuft  die
politische  Grenze  in  der  Ortlergruppe  auf  einer  Strecke
von  über  50  km  durchwegs  in  der  Fienregion  in  Höhen
von  über  3000  m  und  ist  hier  nur  auf  beschwerlichen
und  vergletscherten  Scharten  überschreitbar,  die  für
größere  Truppenbewegungen  nicht  in  Betracht  kommen
  und  nur  das  Ziel  von  österreichischen,  mit  außerordentlicher
  Kühnheit  bis  auf  die  Südabdachung
durchgeführten  Patrouillenunternehmungen  gewesen
sind.  Um  so  größere  Bedeutung  haben  die  Tiefenlinien
  an  den  Grenzen  dieser  Gruppe.  Ihr  Westende
umgeht  die  Stilfser  Jochstraße,  die  an  Gomagoi  vorbei
  aus  dem  Trafoier  Tal  zur  Paßhöhe  (2758  m)  an
der  Grenze  Osterreichs,  Italiens  und  der  Schweiz
emporsteigt,  um  sich  sodann,  am  Wormser  Joch  vorbei,
  in  die  Valle  di  Braulio  herabzusenken.  Vor  bald
100  Jahren  zu  rein  strategischen  Bwecken  erbaut,  besitzt
  die  Straße  auch  heute  wieder  als  einziger  Zugang
in  den  oberen  Vintschgau  hervorragende  militärische

Die  hier  kurz  berührten  mllitärischen  Ereignisse  bezlehen
sich  auf  die  Zeit  von  Beginn  des  Krieges  bis  Mitte  Mai  1916.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Bedeutung,  und  ist  die  Paßhöhe  mehrmals  der  Schauplatz
  von  heftigen  Zusammenstößen  geworden,  die
aber  mit  der  endgültigen  Vertreibung  der  Italiener
vom  Joche  endeten.

Noch  größere  Bedeutung  kommt  der  gleichfalls
von  der  Grenze  Überquerten  Tonalefurche  (1884  m)
*  die  den  Hauptzugang  in  das  dichtbevölkerte  Sulzerg

  von  Südwesten  her  darstellt.  Wieder  hat  hier
der  von  Süden  her  angreifende  Teil  den  schwierigeren
  Anstieg  zu  überwinden,  und  bietet  die  Natur

em  Verteidiger  der  Nordseite  die  bessere  Position.
So  ist  die  von  italienischer  Seite  mehrfach  mit  größeren
  Kräften  versuchte  Forcierung  der  Paßhöhe  schon
an  den  österreichischen  Stellungen  auf  dieser  zusammengebrochen,
  und  das  gleiche  Ergebnis  hatten  die
Kämpfe  auf  der  zur  Tonalelinie  parallelen,  von  einem
Karrenwegbenutzten  Forcellina  di  Montozzo  (2617m)
zwischen  Val  Tozzo  und  Val  di  Monte.

Auch  in  der  Presanella=  und  Adamellogruppe  verläuft
  die  Reichsgrenze  durch  die  Gletscherregion,  die
aber  auch  hier  öfters  von  kämpfenden  Truppen  betreten
  wurde.  Ferner  folgt  die  Grenze  bis  zum  Monte
Listino  (2778  m)  einem  zwar  unvergletscherten,  aber
wild  zerrissenen  südlichen  Ausläufer  des  Adamellosockes
  wischen  der  Val  Camonica  und  der  menscheneeren
  Val  di  Daone,  einem  rechten  Seitental  der
oberen  Chiese.  Trotz  der  enormen  Schwierigkeiten
des  Terrains  ist  auch  dieses  Gratstück  mehrmals  der
Schauplatz  kleiner  Grenzkämpfe  gewesen-Am

  Monte  Listino  gabelt  sich  der  das  Oglio=  und
Wiesegebiet  trennende  Kamm.  Dem  östlichen  Zweig
h  ie  Reichsgrenze,  die  in  mehreren  begen

ässen  überschritten  werden  kann.  Knapp  oberhalb
des  Idrosces  quert  sie  das  breite  Chiesetal  und  damit
  das  südliche  Ende  der  Judikarienlinie.  Hier  liegt
somit  eine  der  wichtigsten  und  ungeschütztesten  Einbruchspforten
  nach  Südtirol,  in  welcher  der  Verteidiger

egen  den  von  Süden  vordringenden,  zahlenmäßig

berlegenen  Gegner  zunächst  keine  natürliche  Berletigungsstelling
  beziehen  kann.  Erst  bei  Roncone,
20  km  oberhalb  der  Grenze,  bietet  der  über  die  flache
Wasserscheide  zwischen  Chiese  und  Arno  in  beherrschender
  Lage  sich  erhebende  Monte  Gajola  (1141  m)
einen  natürlichen  Stützpunkt.  Daher  konnten  die  Italiener
  sofort  zu  Beginn  des  Krieges  in  breiter  Front
in  die  offenen  Giudicart  einfluten;  doch  ist  ihr  weiteres
Vordringen  schon  bei  Condino,  12km  unterhalb  Roncone,
  an  den  österreichischen  Vorstellungen  gescheilert.

Ostlich  vom  Idrosee  springt  Tirol  am  weitesten
nach  Südwesten  vor;  die  Grenze  verläuft  in  mehreren
Krümmungen  und  durchaus  künstlich  quer  durch  das
tark  zerschnittene  Mittelgebirge  des  Vestino  zwischen

dro=  und  Gardasee.  Obwohl  in  diesem  verhältnismäßig
  leichten  Terrain  eine  Überflutung  der  Grenze
von  Süden  her  leicht  möglich  ist,  scheint  es  bisher  zu
keinen  größeren  Zusammenstößen  gekommen  zu  sein.

Indem  nun  die  Grenze  nach  Norden  zurülckbiegt,
schlägt  sie  fast  den  ganzen  Gardasee  mit  Ausnahme
seines  oberen  Endes  mit  Riva  und  Torbole  zu  Italien.
  Gegenüber  letzterem  Ort  fällt  das  anfangs
breite  Ledrotal  mit  einer  400  m  hohen  Steilstufe,  die
von  der  Ponalestraße  in  großartiger  Anlage  überwunden
  wird,  zum  westlichen  Seeufer  ab.  Das  Seetal
aber  setzt  sich  nach  Nordnordosten  im  breiten  Sarcatal
  fort,  das  eine  ähnliche  Bedeutung  hat  wie  die
Judikarienlinie.  Diese  Verhältnisse  erklären  den  hohen
strategischen  Wert  der  Ponalestraße.  Verstärkt  wird

ieser  Schutz  des  Sarcatales  durch  den  über  das  ebene
        <pb n="123" />
        Machatschek:  Der  österreichisch-italienische  Landkriegsschauplatz

und  reich  kultivierte  Gelände  um  Riva  und  Arco
300  m  hoch  sich  erhebenden  Monte  Brione  und  die
Stufenmündung  des  Loppiotales  bei  Nago  östlich  von
der  Sarca.  Daher  bildet  die  Umgebung  von  Niva
einen  der  wichtigsten  Stütpunktein  der  Verteidigungslinie
  von  Südtirol,  der  seiner  Qufgabe  bisher  auch
vollkommen  gerecht  geworden  ist.  Denn  obwohl  die
Italiener  ohne  Schwierigkeit  aus  den  untersten  Judikarien
  in  das  obere  Ledrotal  eindringen  konnten,  ist
Riva  bloß  durch  Fliegerangriffe  gelegentlich  heimgesucht
  worden.

Vom  Gardasee  steigt  die  Grenze  über  den  kahlen
und  verkarsteten  Rücken  des  Monte  Baldo  zu  dessen
Nordgipfel,  den  von  den  Italienern  gleich  zu  Beginn
des  Krieges  besetzten  Altissimo  (2079  m),  an  und  folgt
dann  vorwiegend  der  Firstlinie  des  Rückens  bis  zu
dessen  Kulmination,  der  Cima  di  Val  Dritta  (2218  m),
um  unter  rechtem  Winkel  abbiegend  das  Etschtal  bei
Borghetto  zu  erreichen.  Da  sich  nun  die  natürliche
Sperre  desselben,  die  Veroneser  Klause,  18  km  unterhalb
  der  heutigen  Grenze,  seit  alters  her  in  venezianischen
  bzw.  italienischen  Händen  befindet,  konnte  der
Feind  ähnlich  wie  in  den  Judikarien  ungehindert  nach
Norden  vordringen,  Avio  und  Ala  besetzen,  bis  ihm  der

ategische  Grenzschutz  in  der  Umgebung  von  Mori

It  gebot.

Ahnliche  Verhältnisse  liegen  östlich  von  der  Etsch  in
den  zwar  plateauförmigen,  aber  durch  vorherrschend
N#W.—S.  verlaufende  Talzüge  stark  zerschnittenen
  Voralpen  vor,  die  dadurch  in  mehrere  natürliche
Abschnitte  zerfallen.  Über  den  westlichsten,  die  eigentlichen
  Lessiner  Alpen,  zieht  die  Grenze  in  mehrfachem
Zickzack,  aber  doch  zumeist  der  Wasserscheide  zwischen
den  nach  Nordwesten  und  den  nach  Sübdosten  gerichteten
  Etschzuflüssen  folgend,  in  vorwiegend  östlicher
Richtung,  quert  dann  das  nächste  Plateaustück  zwischen
  Val  Ronchi  und  Vallarsa,  endlich  in  vorwiegend
  nördlicher  Richtung  das  Plateau  von  Pasubio
wischen  den  beiden  Lenotälern  und  das  Astacher

lateau  zwischen  Val  Leno  und  Val  Astico.  In  diesem
anzen  Gebiet  sind  Tirol  und  Italien  durch  mehrere
Eichte  Verkehrswege  gegeneinander  geöffnet,  weilhin
beherrschende  Höhen  fehlen;  da  ferner  das  Etschtal
umterhalb  Mori  nicht  &amp;amp;  halten  war,  wurde  das  ganze
Grenzgebiet  von  den  Osterreichern  kampflos  gerdumt,
um  eine  weiter  nördlich  gelegene  Verteidigungsstellung
  zu  beziehen.  Diese  befindet  sich  auf  dem  westlichen
  Stück  des  Astacher  Plateaus,  das  gegen  Norden
zum  breiten  oberen  Suganatal  abfällt  und  über  das
ein  ganzes  System  strategisch  wichtiger  Straßen  gegeogen
  ist.  Die  eine  steigt  aus  dem  Etschtal  oberhalb  von
freit  in  großen  Windungen  auf  das  Plateau  von
Vielgereut  (Folgaria,  1168  m)  hinauf  und  führt
unter  der  Gruppe  der  Filadonna,  mehrere  Abzweingen
  bis  nahe  an  die  italienische  Grenze  entsen-2
  nach  Lafraun  (Lavarone,  1170  m),  von  wo
der  eine  Ast  in  das  Suganatal  hinabsteigt,  der  andere
über  das  Plateau  weiterführt,  einen  Ast  nach  Lusern
entsendet  und  endlich  jenseits  der  Grenze  in  die  Val
d'Assa  und  in  das  Gebiet  der  Seite  Communi  hinabelangt.
  Auf  diesen  Hochflächen  haben  sich  denn  auch
eit  Beginn  des  Krieges  die  heftigsten  Kämpfe  an
der  ganzen  Tiroler  Front  entwickelt,  und  zwar  auf
einem  für  den  Gebirgskrieg  verhältnismäßig  ausgedehnten
  Raum,  wobei  es  für  die  Verteidigung  unbünstig
  ins  Gewicht  fällt,  daß  die  italienischen  Stelngen
  die  österreichischen  Werke  um  100—200  m
berhöhen.  Eine  Niederringung  derselben  bei  Lafraun

103

und  Vielgereut  wäre  von  der  größten  Bedeutung,
da  dadurch  dem  Feind  der  Zugang  in  das  obere  Suganatal
  und  in  das  Etschtal  im  Rücken  der  Stellungen
  bei  Mori  und  damit  nach  Trient  offen  stünde.

Ostlich  von  Lusern  verläuft  die  Grenze  in  nördlicher
Richtung  über  das  Plateau  der  Sette  Communi,
durch  das  auf  italienischer  Seite  zahlreiche  Straßen
bis  nahe  an  die  Grenze  herangeführt  worden  sind,
biegt  an  der  Cima  Manderiolo  nach  Osten  um  und
folgt  dann  dem  Nordrand  des  Plateaus,  der  steil  und
nur  durch  Karrenwege  passierbar  zum  Suganatal  abfällt.
  Weiter  östlich  geht  dieser  Abfall  verloren,  die
Grenze  springt  nach  Süden  vor  und  erreicht  über
Almflächen  das  Brentatal  unterhalb  von  Tezze,  also
noch  oberhalb  seiner  schluchtartigen  Verengung  und
an  einer  für  den  südlichen  Teil  vorzüglich  vorgezeichneten
  Stelle.  Die  vor  einigen  Jahren  durch  diese
Enge  geführte  Eisenbahn  ist  nun  zu  einer  wichtigen
Ausmarschlinie  für  die  italienischen  Kräfte  geworden,
und  der  Besitz  der  Brentaklause  hatte  ihnen  das  Eindeingen
  in  das  Suganatal  bis  über  Roncegno  fie
ermöglicht,  während  anderseits  der  stark  befestigte
Straßenknoten  von  Primolano  am  Ausgang  der
Enge  einen  Ausfall  nach  Süden  verwehrt.

Auch  östlich  von  der  Brenta  verläuft  die  Grenze  infolge
  der  Abmachungen  von  1866  in  einer  für  Österreich

chst  ungünstigen  Weise,  indem  zwar  fast  der  ganze
auf  des  Vanoi,  eines  Zuflusses  des  Cismone,  und
dessen  Oberlauf  zu  Tirol  gehören,  Italien  aber  den
Winkel  zwischen  Brenta  und  Cismone  und  die  schüchtartige
  herengun  auch  dieser  Täler  besitzt,  die  sich
nach  dem  westlichen  Teil  des  Beckens  von  Belluno
öffnen.  Dieser  Umstand  und  das  Fehlen  ausgiebiger
Grenzbefestigungen  auf  österreichischer  Seite  #den
den  Italienern  das  Eindringen  auch  in  diese  Täler
ermöglicht.  Während  aber  das  Vanoital,  das  am
Granitstock  der  Cima  d'Asta  wurzelt,  strategisch  geringe
  Bedeutung  hat,  führt  durch  die  C  monleeng
in  der  Val  Schenere  und  die  Weitung  von  Primör
an  San  Martino  vorbei  und  über  den  breiten  Rolleaß
  (1984  m)  eine  prächtige  Kunststraße  in  das
leimser  Tal  des  Avisios  und  damit  in  das  Etschtal.
Da  somit  das  Primör  schon  außerhalb  des  österreichischen
  strategischen  Grenzgürtels  gelegen  ist,  geriet
  es  bald  nach  Beginn  des  Krieges  in  die  Hände
der  Italiener,  die  überdies  noch  weiter  westlich  über
den  Colbricon  nach  Norden  vordringen  konnten.
Um  so  wirksamer  aber  haben  sich  die  Befestigungen
oberhalb  von  Paneveggio  jenseits  des  Rollepasses,  im
obersten  Travignolotal,  also  bereits  im  Avesiogebiet
elegen,  erwiesen,  obwohl  sie  noch  von  einer  anderen
Geis  her  den  Zugang  zu  decken  haben.

Diese  Verhällnisse  erklären  sich  aus  dem  mit  dem
orographischen  Charakter  des  Dolomitenhochlandes
zusammenhängenden  Grenzverlauf,  der  unregelmäßig
von  einem  der  Dolomitstöcke  über  weiche  Rücken  und
breite  Pässe  oder  Täler  zum  anderen  hinüberspringt.
Hier  also  hat  Südtirol  ebenso  wie  im  unteren  Etschtal
  seine  natürliche  Grenze  noch  nicht  erreicht,  sondern
  überläßt  wichtige  Eintrittspforten  von  Süden
her  dem  Gegner.  Ostlich  von  der  Val  Schenere  springt
die  Grenze  auf  den  scharfen  Kamm  der  Vetie  di  Feltre
Über  und  folgt  diesem  in  östlicher  Richtung;  aber  indem
  sie  von  hier  gegen  Norden  aufbiegt  und  die
oberste  Val  Mio  zu  Italien  schlägt,  gestate  sie  auch
von  Osten  her  ein  Eindringen  in  das  Becken  von
Primör.  Als  gewaltige  Mauer  erhebt  sich  östlich  vom
oberen  Cismone  die  Palagruppe,  ein  scheinbar  wirk-
        <pb n="124" />
        104

samer  Grenzschutz  gegen  Osten,  auf  dem  die  Grenze
in  mehrfachem  Zickzack  verläuft.  Aber  am  Nordende
der  Gruppe  führt  über  breite  Almflächen  der  genau
in  der  Grenze  gelegene  Vallèspaß  (2032  m)  von
Forno  di  Canale  am  Cordevole  nach  Paneveggio,  und
wenig  weiter  nördlich  bietet  der  Paß  von  San  Pellerino
  (1910  m)  einen  ähnlich  bequemen  Übergang  von
Faleate  in  die  Val  di  San  Pleegrino  und  damit  gleichfalls
  in  das  Avisiogebiet.  Beide  Paßfurchen  werden
durch  die  Porphyrkette  der  Cima  di  Bochhe  getrennt,
die  sich  im  Lusiapaß  zu  208á  m  erniedrigt,  der  den  übergang
  von  Paneveggio  nach  Moẽna  im  Fassatal  vermittelt.
  Nördlich  von  der  Pellegrinolinie,  deren  Paßhöhe
  bereits  zu  Tirol  gehört,  erhebt  sich  die  mächtige
Kalkmasse  der  Marmolata,  die  gegen  Süden  mit
nahezu  unnahbaren  Wänden  abstürzt  und  sich  gegen
Südwesten  in  einen  felsigen  Porphyrkamm  von  etwa
2700  m  fortsetzt.  Die  Grenze  verläuft  vom  Pellegrinopaß
  fast  genau  nördlich  auf  den  Kulminationspunkt  der
Marmolata  zu,  um  dann  über  deren  Gletscherfläche
den  an  ihrem  Nordfuß  gelegenen  Fedajapaß  (2046  m)
zu  erreichen.  Die  österreichischen  Defenfivstellungen
am  Dosaccio  (1836  w)  oberhalb  von  Paneveggio  und
um  den  Lusiapaß  hatten  also  sowohl  den  von  Süden
5  über  den  Rollepaß  als  den  von  Osten  her  über
alles=  und  Pellegrinopaß  eindringenden  Italienern
den  Zugang  nach  Moèna  und  Predazzo  zu  wehren
und  haben  diese  schwierige  Aufgabe  bisher  auch  vollkommen
  erfüllt.  Mit  Umgehung  dieer  Stellungen
versuchten  die  Jtaliener  am  Nord-  und  Südfuß  der
Marmolata  einen  Durchbruch  in  das  Fassatal  zu  erwingen,
  woraus  sich  die  gei  gen.  aber  ergebnislosen
ämpfe  am  Ombrettapaß  (2700  m)  und  an  der
Vernelscharte  sowie  um  den  Fedajapaß  erklären.
Von  noch  größerer  Bedeutung  für  die  Verbindun
wischen  Cordevole=  und  Fassatal  z  weiter  nordlich
as  Pordoijoch  (2959  m),  namentlich  seit  dem  Ausbau
  dieses  mittleren  Teiles  der  berühmten  neuen
Dolomitenstraße.  Diese  gelangt,  nachdem  sich  in
Vigo  di  Fassa  die  Straßen  aus  dem  Avisiotal  und
die  von  Bozen  durch  das  Eggental  und  über  den
Karrerpaß  (1758  m)  führende  vereinigt  haben,  im
Fassatal  aufwärts  auf  das  Pordoijoch  und  am  oberten
  Cordevoletal  sanft  abwärts  über  Arraba  in  das
ochtal  von  Livinalongo  oder  Buchenstein,  von  da
Über  den  bequemen  Sakharegopaß  (2119  m)  in  das
Ampezzaner  Gebiet.  Kurz  unterhalb  des  Dorfes
Pieve  di  Livinalongo  ist  das  Cordevoletal  durch  eine
800  m  hohe  Talstufe  gesperrt,  und  erst  unterhalb
dieser  liegt  in  breitem  Tal  und  unweit  des  schönen
Alleghesees  der  große  Ort  Caprile,  von  wo  der  We
zum  Fedajapaß  abzweigt.  Die  Grenze  kümmert  si
auch  hier  nicht  um  die  in  unregelmäßigem  Zickzack
verlaufende  Wasserscheide,  sondern  geht  vom  Fedajaaß
  und  über  die  Forcella  di  Padon  in  nordöstlicher
ichtung  bis  knapp  vor  Buchenstein  und  folgt  dann
dem  engen  Cordevoletal  bis  kurz  vor  Caprile,  umüber
Selva  zum  Nuvolau  anzusteigen.  Der  Besitz  dieser
Enge  erleichtert  daher  den  Zugang  auf  die  Nordabdachung
  des  ganzen  Dolomitenhochlandes  über
die  Pässe  von  Pordoi,  Falzarego  und  Campolungo,
der  von  Arraba  aus  das  oberste  Gadertal  zugänglich
  macht,  und  für  alle  ist  Caprile  der  wichtige
  Ausgangspunkt.  Daher  bildet  für  die  Italiener
  die  rstürmung  der  österreichischen  Stellungen
  auf  und  nördlich  von  dem  beherrschenden
Col  di  Lanao  (2460  m)  östlich  über  Buchenstein  eines
der  erstrebenswertesten  Ziele,  das  zu  erreichen  sie

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

bisher  trod  allen  Anstrengungen  und  auch  nach  der
Besetzung  des  Gipfels  selbst  weiter  auszunutzen  nicht
imstande  waren.

Ostlich  vom  Cordevole  betreten  wir  das  Bereich  der
östlichen  Ampezzaner  und  Sextener  Dolomiten.  Quer
bindurch  führt  die  von  einem  uralten  Handelsweg  benutzte
  Furche  des  Ampezzotales,  welcher  Name,  wie
so  oft  in  den  Alpen,  auf  die  Täler  beider  Abdachung
  angewendet  wird.  Von  Norden  her  führt  aus

em  Pustertal  bei  Toblach  das  Höhlensteintal  der
oberen  Rienz  über  Landro  auf  die  flache  Talwasserscheidezwischen
  Schluderbachund  Peutelstein  (1544  m),
Überragt  von  den  Nordwänden  des  Monte  Cristallo.
Nach  Süden  fließt  die  Boite,  einer  der  Hauptquellflüsse
  der  Piave,  durch  ein  Engtal  in  das  von  den
über  3000  m  hohen  Stöcken  der  Tofana,  Croda  da
Lago,  des  Cristallo  und  Sorapis  umrahmte  Becken
von  Cortina.  Parallel  zu  dieser  Furche  verläuft
weiter  östlich  eine  andere;  sie  wird  gebildet  einerseits
von  der  Val  Popena  zwischen  Cristallo  und  dem
bloß  2325  m  hohen  Monte  Piano,  der  steil  gegen
Rienz  und  Popenatal  abbricht,  aber  flach  gegen  den
Sattel  von  Rimbianco  sich  abdacht,  über  den  die
Drei  Zinnen  aufragen,  anderseits  vom  Misurinasee
1796  m)  und  seinem  Ausfluß,  dem  Anziei,  gleichalls
  einem  Quellfluß  der  Piave.  Auch  im  Ampezganer
  Gebiet  verläuft  die  politische  Grenze  durchaus
Uünstlich.  Wohl  geht  sie  vom  Nuvolau  über  die  Gipfel
der  Croda  da  Lago  und  Rochhetta,  quert  aber  das
breite  Ampezzotal  7  km  unterhalb  von  Cortina,  während
  erst  15  km  weiter  abwärts  die  Stufenmündung
des  Tales  einen  natürlichen  Grenzpunkt  geboten
ztte;  dann  ersteigt  sie  den  Sorapis,  kreuzt  das  oberste
nzieital,  springt  nach  Westen  auf  den  Gipfel  des
Kohttallo  zurück  und  verläuft  nahe  südlich  von  Schluderbach
  und  nun  erst  der  Wasserscheide  folgend  über
die  Drei  Zinnen,  den  Paternkofel,  den  Elfer-  und
Zwbter#o  el  bis  zur  tiefen  Einsattelung  des  Kreuzrgs.
  Dieser  Verlauf  hat  es  den  Italienern  ermöglicht,
  ohne  Schwierigkeiten  von  ihrem  Hauptwaffen-#as
  Pieve  di  Cadore  aus  an  mehreren  Stellen  auf
iroler  Boden  vorzudringen.  An  der  Boite  aufwärts
konnten  sie  Cortina  besehen  und  bis  vor  Peutelstein,
vom  Misurinasee  über  den  Col  San  Angelo  in  das
obere  Val  Popena  gelangen;  von  der  Alpe  Rimbianco
  aus  versuchten  sie  die  österreichischen  Stellunen
  5  dem  Monte  Piano  im  Osten  zu  umgehen,  am
üdfuß  der  Drei  Zinnen  zum  Toblinger  Riedel  und
dem  Lavaredosattel  vorzudringen.  Gegen  alle  Versuche,
  auf  diesen  Wegen  das  Pustertal  zu  erreichen,
9t  sich  bisher  die  österreichische  Stellung  in  der  Val
opena  bassa  vor  Schluderbach  als  unüberwindliches
Bollwerk  erwiesen.

An  der  Grenze  zwischen  den  Dolomiten  und  den
Karnischen  Alpen  bildet  die  Kreuzbergfurche  eine
Querlinie  von  außerordentlicher  strategischer  Wichtigkeit.
  Italien  hat  denn  auch  frühzeitig  die  Bedeutung
  dieser  breiten  Einsattelung  als  des  kürzesten
Zugangs  zum  Pustertal  erkannt  und  eine  gute  Straße

is  zur  Grenze  auf  der  Paßhöhe  hinaufgeführt,  der
auf  österreichischer  Seite  nur  ein  schlechter  Fahrweg
von  Innichen  aus  gegenüberstand.  So  ist  der  Kreuzberg
  zu  einem  Brennpunkt  der  Grenzkämpfe  geworden,
  aber  obwohl  die  Italiener  die  Paßhöhe  gleich
zu  Beginn  des  Krieges  beseszen  konnten,  ist  ein  weiteres
  Vordringen  in  das  Sextental  bisher  an  den
österreichischen  Bergstellungen  zwischen  dem  Burgstall
  und  der  Pfannspitze  gescheitert.
        <pb n="125" />
        Machatschek:  Der  österreichisch-italienische  Landkriegsschauplatz

Auf  einer  Linie  von  über  40  km  sinkt  das  westlichste
  Stück  des  Hauptkammes  der  Karnischen  Alpen
nicht  unter  2000  m  herab  und  gahlreiche  scharfe  Kalkgipfel
  steigen  über  2500  m  an.  Dieser  Umstand,  der
mauerartige  Abfall  und  die  geringe  Wegsamkeit  der
italienischen  Abdachung  haben  in  diesem  Grenzabschnitt
  den  Osterreichern  eine  vorzügliche  Verteidigungsstellung
  gesichert.  Die  einzige  von  Natur  aus
schwache  Stelle  ist  hier  die  von  Norden  her  sanft  ansteigende,
  gegen  Stden  steil  abfallende  Einsattelung  des
Plöckenpasses  (1360  m),  der  aus  dem  oberen  Gailtal
in  die  Val  Grande  führt  und  in  dessen  genauer  Fortsetzung
  der  nur  970  m  hohe  Kötschacher  Sattel  eine
leichte  Verbindung  nach  Oberdrauburg  im  Pustertal
schafft.  Daher  ist  die  Umgebung  des  Pföckens  mit  den
ihn  beherrschenden  Höhen,  Kolinkofel,  Großer  und
Kleiner  Pal  und  Freikofel,  und  der  benachbarten
Wolayer-Scharte  (1997  m),  von  der  aus  eine  Umgehung
  des  Plöckens  möglich  ist,  der  Hchauplat  heftiger,
  aber  gerade  in  der  letzten  Zeit  für  die  Verteidiger
  erfolgreicher  Kämpfe  gewesen.

Ostlich  vom  Plöcken  verliert  die  karnische  Hauptkette
  ihren  Charakter  einer  scharfen  Grenzmauer,  die
Grenze  springt  von  der  Wasserscheide  nach  Süden
zurück  und  verläuft  durchaus  künstlich,  bis  sie  in  der
Schlucht  der  Pontebbana  Frischen  Pontafel  und
Pontebba  die  Eisenbahn  Villach-Udine  quert,  während
  östlich  davon  die  unmerkliche  Wasserscheide  zwischen
  Gailitz  und  Fella  auf  dem  breiten  Sattel  von
Saifnitz  (800  m)  liegt.  Südlich  von  dieser  Linie  bildet
der  wilde,  schwer  passierbare  Kalkstock  der  Julischen
Alpen  eine  mächtige  Schutzmauer  gegen  Westen.
Nur  an  ihrem  Nordende  bieten  sich  leichtere  Zupänge
nach  Osten,  indem  aus  dem  Dognatal,  einem  linken
Seitental  der  Fella,  der  Dognapaß  durch  das  Seiseratal
  nach  Saifnitz  führt,  parallel  dazu  weiter  südlich
  aus  dem  Raccolanatal  der  Neveasattel  in  das
Seetal  von  Raibl  und  damit  an  die  von  Tarvis  ausehende

  Predilstraße,  die  am  Nordende  des  Raibler
Eess  vorbei  auf  die  breite  Paßhöhe  (1160  m)  und
eil  abwärts  durch  das  Engtal  der  Koritenca  und
ie  Flitscher  Klause  zum  Isonzo  führt.  Durch  diese
Berhältnisse  erwuchsen  der  Verteidigung.  hier  besondere
  Schwierigkeiten,  um  so  mehr  als  der  Grenzverlauf
das  Tal  der  Dogna  und  Raccolana  gänzlich  zu  Italien
schlägt,  während  sie  weiter  südlich  dem  Oauptkamm
des  Monte  Canin  folgt  und  fast  das  gan  ½
gebiet  bei  Osterreich  läßt.  Daher  hat  sich  die  Verteidigung
  ähnlich  wie  1809  auf  Malborghet  und  am
Predil  zurückgezogen.  Die  von  italienischer  Seite  gemachten
  Versuche,  durch  das  Dogna=  und  Raccolanatal
  diese  Stellungen  zu  umgehen,  sind  gescheitert,  so
daß  trotz  mehrmaliger  Beschiehung  von  Malborghet
und  sogar  Tarvis  die  Saifnitzer  Höhe  ebenso  wie  der
Predil  von  Österreich  fest  behauptet  werden.
Auch  weiter  südlich  ist  die  Verteidigung  im  Isonzoebiet
  außerordentlich  schwierig.  Fesus  vom  breiten
Heonzolängsnal  zwischen  Flitsch  und  Tolmein  erheben
sich  die  nur  im  Matajur  (1640  m)  größere  Höhen  erreichenden
  Julischen  Voralpen,  durch  welche  die  Grenze
nahe  dem  Isonzo  verläuft  und  in  denen  aus  dem
obersten  Natisonetal  ein  leichter  Zugang  zum  Isonzo
möglich  ist.  Da  diese  Höhen  für  einen  dauernden
Grenzschutz  gegen  einen  starken  Gegner  ungeeignet
sind,  hat  Osterreich  diesen  Abschnitt  freiwillig  ge-105



räumt,  Karfreit  und  Flitsch  den  Italienern  überlassen
und  seine  Verteidigungsstellungen  an  der  Flitscher
Klause  am  eAlusgang  der  oberen  Isonzoschlucht  (Soka)
und  am  Nordrand  des  Wocheiner  Plateaus  bezogen.
um  das  Vordringen  über  den  Predil  und  über  die
schwierigen  Übergänge  von  Moistroka  und  Luknia  in
das  obere  Savegebiet  zu  verhindern.  Daraus  erklärt
sich  der  erbitterte  Charakter  der  Kämpfe  an  den  Gebängen
  des  Rombon  (2208  m),  des  Jawortschek  und
der  Golobara  Planina.  Weiter  südlich  bietet  das  Westende
  des  2245  m  hohen  Krnmassivs,  des  Eckpfeilers
des  vom  Triglav  nach  Südwesten  ziehenden  Kammes,
für  die  Beherrschung  des  Isonzotales  bei  Karfreit
günsiige  Verhältnisse.  Die  österreichischen  Stellungen
efinden  sich  hier  auf  den  Höhen  des  Krasi  Vrh  und
Potounik,  die  fast  1000  m  hoch  und  kaum  gangbar
und  verkarstet  zum  Isonzo  abstürzen,  weiter  südlich
zwischen  Karfreit  und  Tolmein  auf  dem  Südsporn
des  Krnmassivs  und  dessen  südlichen  Vorlagen,  dem
1487  m  hohen  Sleme  und  dem  1360  m  hohen  Merzli
Brh.  Alle  diese  Positionen  sind  unter  den  größten
Schwierigkeiten  erfolgreich  behauptet  worden.

Von  Tolmein  nach  Süden  bis  zur  Adria  ist  die
strategische  Situation  ungefähr  die  gläiche  Die
Karstplateaus  fallen  steil  zum  Isonzo  ab,  der  nun  in
einer  tiefen  Schlucht  die  nach  Südwesten  sich  senkende
Kalktafel  durchbricht,  ebenso  auch  zum  Wippachtal,
durch  das  sich  eine  breite  Pforte  nach  Osten  öffnet.
Obwohl  auch  hier  die  Grenze  westlich  vom  Isonzo,
nämlich  im  Tal  des  Judro,  verläuft,  so  war  doch  der
die  beiden  trennende  und  von  Gester  leichter  zu  ersteigende
  niedrige  Rücken  für  eine  Verteidigung  nicht
geschaffen;  daher  wurde  von  Osterreich  das  westlich
vom  Isonzo  gelegene  Land  preisgegeben,  ebenso  auch
sein  Anteil  an  der  Ebene  von  Friaul.  Die  Verteidigungslinie
  folgt  auch  hier  dem  Steilabfall  des  Karsts
und  erreicht  unterhalb  von  Tolmein  bei  dem  15
oberhalb  von  Görz  noch  am  rechten  Ufer  gelegenen
Plawa  den  Isonzo,  wo  die  Italiener  bisher!  vergeblich
  versucht  haben,  den  auf  einen  Talsporn  gestützten
  Brückenkopf  zu  erstürmen.  Endlich  ist  es  hier  der
Brückenkob  von  Görz,  die  Höhen  von  Podgora,
gegen  die  die  Italiener  Angriffe  von  unerhörter  Heftigkeit
  richteten,  in  richtiger  Würdigung  der  Bedeutung
  dieser  Stellung.

üdlich  vom  Wippachtale  fällt  der  Triester  Karst
mit  einer  200  m  hohen,  zerfransten  Steilstufe  gegen
das  Wippachtal  und  etwa  100  m  hoch  im  Plateau
von  Doberdo  egen  den  unteren  Isonzo  ab.  Auch
hier  waren  die  österreichischen  Stellungen  bis  hart  an
den  Rand  des  Abfalles  vorgeschoben,  so  am  Monte
San  Michele  (277  m)  gegenüber  von  Gradisca  und
weiter  südlich  oberhalb  von  Monfalcone.  Die  Erfolglosigkeit
  aller  unter  den  furchtbarsten  Verlusten  durchgeführten
  Angriffe  hat  bisher:  auch  jede  Unternehmung
  gegen  Triest  zu  Lande  unmöglich  gemacht,  obwohl
  die  Besetzung  der  Isonzomündung  durch  die
Italiener  die  Bucht  von  Triest  absperrt.  Dessen
voller  Besitz  ist  aber  nicht  nur  für  Osterreich  eine
Lebensnotwendigkeit,  er  ist  auch  von  größter  Bedeu.
tung  für  das  Deutsche  Reich.  Darum  bedarf  Triest
in  Zukunft  eines  besseren  Schutzes,  als  ihn  der  heutige
Grenzverlauf  bieten  kann.

1  Ugl.  die  Fußnote  auf  S.  102.
        <pb n="126" />
        106

Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz
von  Professor  Dr.  Alfred  Merz  in  Berlin
Val.  hierzu  die  Karte  #Ostsee-Lage

  und  wirtschaftliche  Bedentung.  Die  Nordkante
  Mitteleuropas  wird  von  zwei  Nebenmeeren  des
Atlantischen  Ozeans,  von  der  Nordsee  und  der  Ostsee,
umspült.  Die  Nordsee  (vgl.  Bd.  I,  S.  161  ff.)  ist
durch  die  britischen  Inselm  nur  zum  Teil  vom  offenen
Ozean  geschieden  und  steht  mit  ihm  durch  mehrere
breite  Pforten  in  Verbindung,  die  Ostsee  kann  nur
über  die  Nordsee  und  die  unnmt–ä:  um  die  Jütische
  Halbinsel  herum  vom  Weltmeer  her  erreicht
werden,  erstreckt  sich  aber  dafür  an  der  1  Skandinaviens
  tief  in  den  Leib  Nordeuropas  hinein.  Auf
diesem  geographischen  Gegensatz  beruht  zum  großen
Teile  der  Unterschied  ihrer  wirtschaftlichen  und  politischen
  Bedeutung  in  Vergangenheit  und  Gegenwart.

Die  Nordsee  ist  unmittelbar  den  Einwirkungen  des

leichmäßigen  ozeanischen  Klimas  ausgesetzt  und  von
6  alzreichem,  winterwarmem  atlantischem  Wasser  durchflutet.
  Sie  kennt  daher  eine  Erschwerung  der  Schifffahrt
  durch  Eis  nur  in  unbedeutendem  Maße.  Die
Ostsee  teilt  mit  dem  sie  umgebenden  Land  ein  kontinentaleres
  Klima  und  verdankt  dessen  Einwirkung
ihren  niedrigen  Salzgehalt.  Lange  Wintermonate
bindurh  sind  große  Teile  dieses  Meeres  völlig  vom

ise  gesperrt.  Lebhafte  Gezeitenströme  halten  die
Flußmündungen  der  Nordsee  offen;  die  von  Gezeiten
fast  unbeeinflußte  Küstenströmung  der  Ostsee  sucht
Buchten  und  Häfen  zu  schließen.  Günstiges  Klima
und  fruchtbarer  Boden  ermöglichen  im  Nordseegebiet
auch  dort  eine  hohe  Derdichtang  der  Bevölkerung,  wo
reiche  Mineralschätze  fehlen  (Belgien  250,  Niederlande
170  Einw.  auf  dem  Quadratkilometer),  und  nur  die
rauhen  Hochflächen  Schottlands  und  Norwegens  weisen
  eine  dünne  Bevölkerung  auf.  Die  Ofleerländer
haben  es  nirgends  zu  größerer  Bevölkerungsdichte
gebracht.  An  60  Bewohner  auf  dem  Quadrattkilometer
  findet  man  in  den  deutschen  Ostseeländern,  an
40  in  den  russischen  Ostseeprovinzen,  an  30  in  Südschweden,
  und  die  ungastlichen  Gebiete  beiderseits  des
Bottnischen  Meerbusens,  das  schwedische  Norrland  im
Westen  und  Finnland  im  Osten,  gehören  zu  den  am
dünnsten  besiedelten  Ländern  Europas,  obgleich  Norrland
  Über  riesige  Eisenerzlager  gebietet.  Nur  an  den
geographisch  besonders  begünstigten  Pforten  des  Meeres
  werden  höhere  Zahlen  erreicht,  so  in  Dänemark
über  70  auf  dem  Quadratkilometer,  in  einigen  kleineren
  Küstengebieten  sogar  noch  wesentlich  mehr  (z.  B.
auf  den  dänischen  Inseln  117,  im  schwedischen  Sundbezirk
  Malmöhus  95  auf  dem  Quadratkilometer).

Während  durch  die  Entschleierung  des  gesamten
Erdbildes  seit  dem  Entdeckungszeitalter  die  unvergleichlich
  günstigere  Weltlage  der  Nordsee  allmählich
zur  vollen  Geltung  gelangte  und  die  Fäden  des  Weltverkehrs
  sich  dort  immer  mehr  zu  dem  Hauptknoten
verknüpften,  trat  seitdem  die  Ostsee  von  dem  Vorrange,
  den  sie  in  den  vorhergehenden  Jahrhunderten
erreicht  hatte,  mehr  und  mehr  zurück.  Nicht,  daß  der
Verkehr  selbst  seit  ienen  Tagen  der  Hansabllite  abgenommen
  hätte  —  Feine  absolute  Größe  ist  auch  weiterdin
  gestiegen  —,  aber  seine  relative  Bedeutung  im

eltverlehr  ist  gesunken.  Führte  vordem  vom  westlichen
  Europa  einer  der  wichtigsten  Verlehrsstränge  der
europäischen  Kulturwelt  nach  den  Ostseeländern,  die
namentlich  durch  die  deutsche  Kolonisationstätigkeit
seit  dem  12.  Jahrhundert  immer  mehr  erschlossen  und

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

zu  den  wichtigsten  Nahrungsmittel-  und  Rohstofflieferanten
  jener  dichter  bevölkerten  und  gewerbereichen
Länder  geworden  waren,  so  begannen  sich  nunmehr
die  über  die  Ozeane  zu  den  neu  entdeckten  Kolonialländern
  gesponnenen  Verkehrsfäden  dauernd  zu  verstärken
  und  zu  verdichten,  und  der  Ostseeverkehr  sank
immer  mehr  zu  einem  Ausläufer  ozeanischer  Weltverkehrswege
  herab.

In  dieser  Entwickung  ist  in  der  zweiten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts  eine  bedeutsame  Wandlung  eingetreten.
  Neben  dem  Anteil  im  Weltverkehr,  der  den
Ostseeländern  vor  allem  die  Lebensmittel  und  Rohstoffe
  wärmerer  Klimate  zuführt  (Kaffee,  Tee,  Reis,
Südfrüchte,  Düngemittel,  Baumwolle,  Seide,  Kautschuk),
  und  neben  dem  Verkehr  mit  den  Nordseeländern,
  der  die  fehlende  Kohle  aus  England,  Halb-  und
Fertigfabrikate,  an  Lebensmitteln  besonders  Fische
herbeischafft  und  dafür  die  Erzeugnisse  der  Land-  und
Waldwirtschaft  und  Schwedens  Eisenerze  empfängt,
kt  sich  der  innere  Ostseehon  del  zu  immer  gröberrr

edeutung  erhoben.  Seine  Grundlage  bilden  die
wirtschaftlichen  —##  zwischen  den  an  Bevölkerungszehl
  und  Kultur  steigenden  Ostseeländerm  bei
nahbenachbarter  Lage  und  billigem  Transport  über
das  verhältnismäßig  kleine  Meer.  Hierbei  nimmt
Deutschland,  das  wirtschaftlich  am  weiteslen  vorgeschritten
  ist  und  sich  von  den  übrigen  am  stärksten  unterscheidet,
  den  ersten  Rang  ein.  Es  versorgt  sie  mit
den  Erzeugnissen  seiner  Industrie  und  empfängt  von
ihnen  ebenso  wie  die  Nordseeländer  Nahrungsmittel
und  Rohstoffe,  wobei  im  Verkehr  mit  Rußland  und
Dänemark  allerdings  auch  der  Landverkehr  eine  große
Rolle  spielt.  Dänemark  liefert  die  Produkte  —*  er
ausgezeichneten  Viehzucht;  Schweden  und  Finnland
führen  riesige  Massen  von  Holz,  Holzwaren  und  Papier
  aus;  Schweden  verschifft  daneben  in  ganzen  Flottillen
  seine  reinen  norrländischen  Eisenerze  und  Steine,
Finnland  auch  die  Erzeugnisse  seiner  Viehwirtschaft,
während  Rußland  namentlich  Felle,  Butter,  Eier,
Getreide,  Flachs  und  Holz  zur  Ausfuhr  bringt.  In
der  Aufnahme  aller  dieser  Truguisse  steht  England
neben  Deutschland  an  zweiter,  ja  bei  kwenerlfoge
weitaus  an  erster  Stelle.  Wie  groß  aber  der  absolute
Betrag  dieses  Verkehrs  ist,  geht  schon  daraus  hervor,
daß  selbst  in  Deutschland  ein  Drittel  des  gesamten
Haftenverlehre  auf  die  Ostsee  entfällt  und  vom  gesamten
  Außenhandel  des  riesigen  russischen  Reiches
ein  volles  Drittel  über  die  Ostseehäfen  geht.  Dabeie
ist  gerade  der  Warenaustausch  der  russischen  Gebiete
einer  ungeheuren  Steigerung  fähig,  beträgt  er  doch
dort  auf  den  Kopf  erst  35  Mark  gegen  200  Mark  in
Finnland  und  535  Mark  in  Dänemark.  Allerdings
war  es  bisher  Rußlands  Streben,  durch  eine  Hochzollschutzpolitik
  die  Versorgung  seiner  Bevölkerung  möglichst
  der  eigenen  Industrie  vorzubehalten,  und  auch
Schweden  suchte  auf  diesem  Wege  eine  Eisengroßindustrie
  zu  entwickeln.  Doch  setzen  beiden  Bestrebungen
die  natürlichen  Verhältnisse  gewisse  Schranken.

Gliederung  und  politische  Bedentung.  Ergibt
sich  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Ostsee  in  der
Hauptsache  aus  der  Lage,  so  kann  die  politische  Bedeutung
  nur  unter  Würdigung  ihrer  Gliederung  erfaßt
  werden.  Von  der  Nordsee,  die  wir  am  inneren
Ende  des  Skagerrak  begrenzen,  wo  an  der  nur  62  km
langen  Strecke  Skagens  Rev-Mollösund  Tiefen  und
Salzgehalt  rasch  abnehmen,  führt  das  Kattegat  zwischen
  der  Jütischen  und  Skandinavischen  Halbinsel  in
ansehnlicher  Breite  nach  Südosten  zur  Beltsee.  Wir
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        DIE  OSTSEE.

Mafittab  1:  7000000

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        Merz:  Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz

verstehen  darunter  das  durch  die  Einlagerung  der
dänischen  Inseln  bedinge  Gewirr  kleinerer  Wasserflächen
  und  schmälerer  Wasserstraßen,  das  vom  Kattegat
  zur  eigentlichen  Ostsee  hinüberführt.  Drei  für
die  Großschiffahrt  geeignete  Wasserwege  sind  hier
vorhanden.  Zwischen  dem  schwedischen  Schonen  und
dem  dänischen  Seeland  führt  der  Sund  in  die  Ostsee
hinein.  Er  ist  an  seiner  schmalsten  Stelle  noch  nicht
4  km  breit  und  an  der  Drogdenschwelle  nur  6,0  m
tief.  Als  kürzeste  und  am  leichtesten  zu  befahrende
natürliche  Verbindung  zur  Ostsee  kam  er  seit  Ende
des  13.  Jahrhunderts,  als  die  Schiffahrt  den  We
um  Skagen  zu  wagen  begann,  in  Aufschwung,  blie
bis  in  unser  Jahrhundert  die  meist  benunte  Fahrstraße
  und  bestimmte  damit  die  Maße  der  Ostseeschiffkehn.
  Zwischen  Samsö,  Fünen  und  Langeland  im
Westen,  Seeland  und  Laalandim  Osten  führen  Samsö-,
Großer  und  Langelands  Belt  in  längerer  und  stärker
ewundener  Route  vom  Norden  her  zur  Kieler  Bucht.
VomB  Nordwesten  mündet  hier  auch  der  Kleine  Belt,
der  sich  zwischen  der  Jütischen  Halbinsel  und  Alsen
einerseits,  Fünen  und  Aerbö  anderseits  hindurchwindet.
Der  Fehmarn-Belt  hwischen  dem  deutschen  Fehmarn
und  dem  dänischen  Laaland  führt  sie  von  da  gemeinsam
  hinüber  zur  Mecklenburger  Bucht  und  zur  Ostsee.
Nur  etwa  1  km  ist  der  Kleine  Belt,  noch  nicht  12  km
der  Langelands  Belt  an  seiner  schmalsten  Stelle  breit,
beide  aber  sind  in  der  Fahrrinne  nicht  weniger  als
14  mn  tief,  so  daß  sie  für  die  größten  Kriegsschiffe  befahrbar
  sind.  Alle  drei  Straßen  vermag  Dänemark
leicht  durch  Landbatterien,  Minen  und  Netze  zu  sperren.
  Am  Sund  teilt  es  seit  1658  diese  Macht  mit
Schweden,  an  den  Bellen  seit  1864  mit  Deutschland.
Die  beherrschende  Stellung  Dänemarks  an  den  Pforten
  der  Ostsee  wurde  für  das  Deutsche  Reich  mit  dem
Anwachsen  seiner  Seeinteressen  und  der  russischen  Ostseeflotte
  immer  nachteiliger-  da  es  seine  Geschwader  in
der  Nord=  und  Ostsee  nicht  nach  eigenem  Willen  verschieben
  und  vereinigen  konnte.  Darum  wurde  1887
bis  1895  der  99kmlange  und  für  die  größten  Seeschiffe
befahrbare  Kaiser-Wilhelm--Kanal  erbaut,  der
von  der  Unterelbe  bei  Brunsbüttel  nach  Holtenau  in
der  Kieler  Föhrde  führt,  nicht  nur  der  deutschen  Flotte
rasche  Verschiebungen  zwischen  beiden  Meeren  ermöglicht,
  sondern  auch  der  Ostseeschiffahrt  einen  wesentlich
verkürzten  Ausgang  zur  südlichen  Nordsee  und  zum
Kanal  eröffnet.  Sein  Verkehr  war  vor  Kriegsausbruch
  schon  auf  mehr  als  10  Mill.  Registertonnen  gestiegen
  und  hatte  sich  also  in  raschen  Schritten  dem
Sundverkehr  genähert.  begann  damit  der  Handel
von  neuem  den  Weg  über  den  Hals  der  Jütischen  Halbinsel
  vorzuziehen,  den  er  im  Mittelalter,  zur  Zeit  der
Küstenschiffahrt,  gebogen  war.  Bis  ins  12.  Jahrhundert
  war  er  über  die  Schlei  und  Schleswig  zur  Eider
und  später  von  der  Unterelbe  nach  Lübeck  gegangen
und  hatte  dieser  Stadt  ihre  länzende  Blüte  gebracht.
Auch  Schweden  hat  sich  im  Götakanalsystem,  das  von
Göteborg  am  Kattegat  über  Götaelf,  Wenern  und
Wettern  nach  Söderköping  an  der  Ostsee  führt,  eine
künstliche  Wasserverbindung  zwischen  beiden  Meeren
geschaffen.  Mit  nur  7.3  m  Breite  und  3  m  Tiefe  ist  sie
allerdings  bloß  für  die  Kleinschiffahrt  geeignet.  Ihre
außerordentliche  Länge  (402  km)  und  die  bedeutende
Seehöhe  des  Wettern  (88  m),  die  zur  Anlage  von  74
Schleusen  nbtigte.  läßt  an  einen  Ausbau  für  die  Großschiffahrt
  nicht  denken.  Für  den  Massenverkehr  kommt
daher  ein  solches  Kanalssstem  nicht  in  Betracht.  Vermochte
  doch  der  1900  mit  ähnlichen  Ausmaßen  er-107



öffnete,  aber  kurze  Elbe-Travekanal  den  Handel  nur
in  geringem  Maße  auf  Lübeck  zu  ziehen,  wie  es  im
15.  Jahrhundert,  zur  Zeit  des  Stückgutverkehrs,  der
Steckenitzkanal  vermochte,  der  damals  bereits  beide
Meere  über  die  Elbe  verband.  Sind  die  Pforten  zur
Nordsee  in  den  Händen  der  Anrainer,  so  sind  die  Ausänge
  zum  Weltmeer,  die  Tore  der  Nordsee,  in  der
acht  Englands,  das  dadurch  namentlich  auf  Dänemarkund
  Schwedenstarken  politischen  Druckaus  zuüben
vermag,  zumal  beide  Länder  auf  die  überseeische  Zufuhr
  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen  (Getreide,
Kohle,  Baumwolle  usw.)  angewiesen  sind.  Allerdings
die  Einfahrt  in  die  Ostsee  vermag  es  anderseits  bei  der
Enge  der  Pforten  ebensowenig  wie  eine  andere  Seemacht
  zu  forcieren,  und  so  besitzen  in  der  Ostsee  stets
die  Flotten  der  Ostseemächte  die  Seeherrschaft.

Die  eigentliche  Ostsee  dringt  von  der  Beltsee
her  anfangs  mit  zunehmender  Breite  ostwärts,  dann
nordwärts  in  den  Rumpf  Europas  ein  und  teilt  sich
in  59—600  nördl.  Br.  in  drei  schmälere  Glieder
von  verschiedener  Größe  und  Bedeutung.  Als  kleinstes
  Glied  stülpt  sich  zwischen  Kurland  und  Livland
der  Rigaische  Meerbusen  sackförmig  nach  Südosten
  aus.  Der  Großschisfahresweg  führt  in  28  km
Breite  zwischen  dem  Nordende  Kurlands  und  der
baltischen  Insel  Osel  vom  Westen  her  in  den  Busen
Hinein  Nur  für  flachgehende  Fahrzeuge  ist  der  Moonund
  befahrbar,  der  zwischen  den  baltischen  Inseln
und  der  estnischen  Küste  nach  Norden  zum  Finnischen
Meerbusen  führt.  Dieses  fingerartig  400  km  nach
Osten  gestreckte  größere  Glied  umspült  Finnland
im  Süden  und  engt  an  einer  im  Bau  der  Erdkruste
vorgezeichneten  natürlichen  Tiefenlinie  im  Verein  mit
den  großen  Wasserflächen  des  ##bog  und  Onegasees
  und  dem  Weißen  Meere  die  Landverbindung

wischen  Rußland  und  Finnland  auf  300  km  ein.
er  größte  Zweig,  der  Bottnische  Meerbusen,
wird  durch  die  stumpf  vorspringende  Halbinsel  von
Stockholm,  die  Mlandsimseln  und  die  finnischen  Schären
  vom  Zentralbecken  abgegliedert,  erstreckt  sich  in
dessen  Verlängerung  über  700  km  bis  fast  66°  nördl.
Br.  und  trennt  so  mit  dem  Westzipfel  des  Weißen
Meeres  die  Skandinovische  albinsel  in  den  unwirtlichen
  Breiten  des  Nordpolarkreises  bis  auf  einen  Isthmus
  von  350  km  Breite  von  Finnland  ab.  So  wird
Finnland  durch  das  Eindringen  der  Ostsee  zu  einem
natllrlich  abgegrenzien  selbständigen  Zwischenlande
zwischen  Rußland  und  der  Skandinovischen  Halbinsel,
as  zwar  infolge  seiner  politischen  Schwäche  seit  dem
12.  Jahrhundert  in  Abhängigkeit  von  seinem  westlichen
und  dann  von  seinem  östlichen  Nachbar  gestanden  hat,
dem  aber  nach  seiner  Natur  und  der  Eigenart  und
Kultur  seiner  Bevölkerung  ein  selbständiges  politisches
Dasein  gebührt.  Schweden  aber  ist,  ähnlich  wie
Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  in  der  Mitte  des
Erdteils,  hier  im  Norden  die  Mittelmacht,  die  Norwegen
  im  Westen  und  die  Ostseeländer  jenseits  des
Meeres  als  Randmächte  umgeben.  In  dieser  schwierigen
  politisch-geographischen  Lage,  die  es  in  der  Vergangenheit
  so  oft  in  Kriege  mit  gegnerischen  Koalitionen
  verwickelte.  wird  Schweden  nach  Westen  durch
ein  unwirtliches  Grenzgebiet,  im  Süden  und  Osten
um  größten  Teil  durtt  den  nassen  Graben  der  Ostnee
  und  ihrer  Glieder  Weschützt.  nachdem  es  allmählich
(1720—1815)  seine  Besitzungen  an  den  Gegengestaden
  verloren  hat,  durch  deren  Erwerb  es  im  17.  Jahrhundert
  Ostseegroßmacht  geworden  war.  Durch  den
Niedergang  Schwedens,  dessen  baltische  und  finnlän-
        <pb n="130" />
        108

dische  Gebiete  es  erwarb  (1720—1808).  ist  Rußland
ein  Jahrhundert  später  zur  Ostseegroßmacht  geworden
und  weist  seither  mit  den  gesamten  Ostgestaden  des
Meeres  den  größten  Lüstenbesig  unter  den  Ostseemächten
  auf.  Mit  der  Begründung  des  Deutschen
Reiches  und  dem  Erstarken  der  deutschen  Seemacht
wurde  die  politische  Auswirkung  dieser  Stellung  namentlich
  gegenüber  Schweden  geschwächt,  das  seine
lange  Ostgrenze  nur  durch  schwache  Kräfte  zu  caüen
vermag.  Im  gegenwärtigen  Kriege  hält  die  deutsche
Flotte  die  Eingangspforten  des  Meeres  verschlossen
und  übt  im  Hauptbecken  der  Ostsee  bis  zur  Abzweiung
  der  nördlichen  Glieder  unbestritten  die  Seeherrshast
  aus.  Die  nördlichen  Teile  aber  werden  von  der
russischen  Flotte  beherrscht,  so  daß  nur  gelegentlich
leichte  deutsche  Seestreitkräfte  in  sie  einzudringen  vermögen.
  Diese  Herrschaft  beruht  bei  der  Unterlegenheit
  der  Flotte  selbst  auf  geographischen  Gründen  und
auf  der  zweckmäßigen  Anlage  der  Flottenstützpunkte.
Die  langgestreckte  Form  des  Bottnischen  und  Finnischen
  Meerbusens  bedroht  den  Einmarsch  einer  feindlichen
  Flotte  in  Flanken  und  Rücken,  zumal  der  Finnische
  Busen  auf  beiden  Seiten  von  russischem  Gebiet
umgeben  und  beiderseits  der  Einfahrt  durch  Kriegshäfen
  geschützt,  der  Bottnische  Busen  durch  die  Werke
der  finnischen  Schären  und  der  im  Kriege  neu  befestigten
  Ulandsinseln  gir  wirksam  abgesperrt  ist.  Vor  dem
Rigaischen  Meerbusen  tun  die  Werke  von  Osel  gleiche
Dienste,  und  überall  vermögen  auf  seichten  Gründen
Minenfelder  helfend  einzugreifen.  Der  Hauptstützpunkt
  der  deutschen  Flotte  liegt  anderseits  an  550  Seemeilen
  von  den  Einfahrten  zum  Finnischen  und  Bottnischen
  Busen  entfernt  im  Südwestwinkel  des  Meeres.
Durch  die  vollkommene  Seeherrschaft  in  der  füdlichen
  Ostsee  ist  Deutschland  vor  einem  Angriff  auf  die
eigenen  Küsten  gesichert  und  vermag  über  die  Ostsee
den  regelmäßigen  Verkehr  mit  Dänemark  und  Skandinavien
  aufrechtzuerhalten.  Bon  sehr  großer  Bedeutung
  ist  auf  der  anderen  Seite  für  Rußland  die
Tatsache,  daß  es  im  Schugze  der  Rlandsinseln  über
den  Bottnischen  Busen  und  Skandinavien  einen  ziemlich
  sicheren  und  sehr  raschen,  im  Winter  allerdings
auf  den  meisten  Routen  unterbrochenen  Verkehr  mit
seinen  westlichen  Bundesgenossen  besitzt,  mit  denen  es
sonst  nur  über  das  Weiße  Meer  und  Sibirien  zu  verkehren
  vermöchte.  Alle  diese  erst  im  Kriege  leistungsfähiger
  gestalteten  und  stärker  belebten  Verkehrswege
strahlen  von  Petersburg  radial  über  Finnland  aus,
Überschreiten  an  den  Linien  Abo  (Raumo)-Stockholm,
  Mäntyluoto-Gefle,  Wasa-Sundsvall,  Gamla-Karleby-Luleä
  die  Ostsee,  die  außerdem  im  Norden
durch  eine  Bahn  umgangen  wird,  und  erreichen  bei
Göteborg,  Christiania,  Bergen,  Drontheim  und
Narvik  an  der  Westküste  Norwegens  von  neuem  das
Meer.  Die  wirtschaftlichen  Vorteile  dieser  Entwicklung
  beeinflussen  im  Verein  mit  englischem  Drucke
und  der  russischen  Seeherrschaft  in  steigendem  Maße
auch  die  politische  Stellung  Schwedens.  Hatte  es
vordem  in  Rußlands  Vorrücken  bis  weit  in  die
Skandinavische  Halbinsel  hinein,  wo  ihm  die  reichen
norrischen  Eisenerzlager  und  an  deratlantischen  Seite
eisfreie  Häfen  winkten,  eine  politische  Gefahr  erkannt,
hatte  es  später  in  der  Russifizierung  und  in  dem  gegen
seine  Grenzen  gerichteten  strategischen  Bahnnet  Finnlands
  eine  steigende  Bedrohung  gesehen  und  infolgedessen
  nach  dem  Krimkriege  ein  Befestigungsverbot
für  die  Rlandsinseln  erwirkt  und  später  den  Bahnanschluß
  an  das  russische  Netz  nördlich  vom  Bottni-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

schen  Busen  vermieden,  so  legte  es  nunmehr  nur
lauen  Widerspruch  gegen  die  Befestigung  dieser  Stockholm
  drohend  nahen  Inselgrupps  ein,  stellte  den  unterlassenen
  Bahnanschluß  her,  tat  alles,  die  neuen
Verkehrswege  zu  beleben  und  hofft  ungeahnte  Blüte
auch  nach  dem  Kriege  von  einem  großen  Verkehrs.
wege,  der  Schweden  auf  der  Linie  Göteborg-Kappelskär
  (nordöstlich  von  Stockholm)  sweren  und  durch
Dampffähren  Anschluß  an  Hull  in  England  und  Äbo
in  Finnland  erhalten  soll.  Dieser  Plan  (Transito-=Gesellschaft),
  der  Schweden  zu  dem  Durchgangsland
zwischen  West  und  Ost  machen  und  gu  leich  seiner  eigenen
  Industrie  einen  großen  Markt  in  Rußland  sichern
soll,  übersieht  aber,  daß  der  ausschlaggebende  Transport
  der  Massengüter  immer  den  Seeweg  bevorzugen
wird.  Gegenwärtig  wäre  jedenfalls  die  Unterbindung
dieses  Verkehrs  von  größter  Bedeutung.

Küsten  und  Häfen.  Die  südliche  Ostsee  wird  von
der  Barpspige  Jütlands  bis  ungefähr  zur  russischen
Grenze  von  Flachlandküsten  umrahmt,  die  aus  wenig
widerstandsfähigen  diluvialen  und  alluvialen  Schichten
  aufgebaut  sind;  nur  hier  und  da,  wie  auf  Rügen
und  Möen,  ragen  meist  wurzellose  Schollen  harter  älterer
  Gesteine  steil  aus  ihnen  empor.  Zwischen  vorpeschobenen
  höheren  diluvialen  Kernen  buchtet  sich
in  vier  großen  Bogen  das  Meer  in  das  Land  ein.
Zwischen  Vendsyssel  (136  m),  dem  inselartigen  Nordende
  Jütlands,  und  Dyrsland  (138  my  erstreckt  sich
die  flache  Aalborg-Bucht.  Von  Dyrsland  spannt
sich  halbkreisförmig  bis  Rügen  (161  m)  die  von  den
dänischen  Inseln  erfüllte  Jütische  Bucht.  Der  plumpe
Vorsprung  der  Halbinsel  Wagrien  (164  m)  mit  Fehmarn
  sondert  in  ihr  die  flache  Kieler  und  die  tiefer
eindringende  Mecklenburger  Bucht.  Zwischen  Vorund
  Hinterpommern  springt  die  Pommersche  Bucht
ein  und  dann  folgt  als  letzter  Bogen  die  Preußische
Bucht,  die  der  Vorsprung  des  Samlandes  (110  m)
in  die  rundliche  Danziger  und  in  die  flache  Memeler
Bucht  gerlcgt  Durch  eine  vorhistorische  Senkung
haben  diese  Gestade  eine  reiche  Ausgestaltung  erhalten.
an  deren  Ausgleichung  seither  das  Meer  mit  örtlich
wechselndem  Erfolge  arbeitet.

An  der  Küste  der  Jütischen  Halbinsel,  wo  die
durch  ein  stärkeres  Relief  ausgezeichnete  baltische  Endmoräne
  näher  ans  Meer  tritt,  hat  eine  beträchtliche
Senkung  die  tiefen  glazialen  Rinnen  auf  ihrer  Innenset-
  in  prachtvolle,  tief  eindringende  Meeresbuchten,

ie  dänischen  Fjorde  und  die  deutschen  Föhrden,  verwandelt.
  Bei  der  Kleinheit  der  Wasserflächen  und
dem  allseitigen  Schutz  gegen  stürmische  Winde  hat  das
Meer  sie  noch  nicht  5  lich  zu  verändern  vermocht.
So  ist  die  ganze  Halbinsel  zur  Ostsee  erschlossen.  Die
Fülle  der  Naturhäfen  hat  nicht  zur  Bllite  eines  einzigen
  großen  Handelsplatzes,  sondern  zur  Entfaltung
ahtreicher  kleinerer  Seeplätze  geführt,  die  sich  meist

Hintergrunde  der  nach  RT  benannten  Föhrden
erheben.  Im  mittleren,  sehr  fruchtbaren  und  dichtest
bevölkerten  Teile  Jütlands,  wo  echte  Föhrden  fehlen,
liegt  an  einer  gelappten  Bucht  Aarhus,  mit  60000
Einw.  die  zweitgrößte  Stadt  Dänemarks.  Die  nördlichste
  in  der  Reihe,  Aalborg  am  Limfjord,  der  Vendsyssel
  vom  Stamm  der  Halbinsel  trennt,  hat  es  auf
635000  Einw.  gebracht,  Randers  und  Horsens  an
Föhrden  nördlich  und  südlich  von  Aarhus  haben  je
25000  Einw.  erreicht.  Auf  deutschem  Boden  tritt
Fleusburg  in  reicher,  dicht  besiedelter  Landschaft  mit
60000  Einw.  und  bedeutender  Reederei  hervor.  Als
Flottenbasis  ist  besonders  die  Kieler  Föhrde  ge-
        <pb n="131" />
        Merz:  Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz

eignet,  da  von  dort  aus  bei  gleichmäßig  geringem  Abstande
  vom  Kleinen,  Langelands-  und  Fehmarnbelt
die  Einfahrt  in  alle  drei  Meeresstraßen  beherrscht
werden  kann  und  die  Einschnürung  der  Föhrde  bei
Friedrichsort  die  Verteidigung  gegen  feindliche  Angriffe
  erleichtert.  Als  Hauptkriegshafen  der  deutschen
Ostseeflotte,  wo  nunmehr  auch  der  Kaiser-Wilhelm-Kanal
  mündet,  und  mit  seinen  großartigen  Werften
hat  es  Kiel  in  raschem  Wachstum  bereits  auf  mehr
als  200  000  Einw.  gebracht.  Mitten  zwischen  Flensburg
  und  Kiel  liegt  40km  vonder  See  amoberen  Ende
des  untergetauchten  Laufes  der  Schlei  das  nur  für
kleinere  Schiffe  erreichbare  Schleswig  (20  000  Einw.).

Der  Typus  der  Boddenküste  beherrscht  die  dänischen
  Inseln  und  die  deutsche  Küste  von  Fehmarn  bis
zur  Mündung  der  Oder  im  Hintergrunde  der  Pommerschen
  Bucht.  Hier  ist  die  flachwellige  Grundmoränenlandschaft
  unter  das  Meer  gesunken,  wodurch
unregelmäßig  gegliederte  Küsten  und  Inseln  entstanden,
  mit  slachten  zerlappten  Buchten,  den  Bodden.
Etwa  von  der  Darßer  Schwelle  ab,  wo  im  größeren
Raum  der  freien  Ostsee  Zerstörung  und  Aufbau  durch
das  Meer  wirksamer  werden,  sind  viele  dieser  kleineren
Inseln  durch  Strandwälle  zu  größeren  Komplexen
(Rügen),  teilweise  auch  unter  Mitwirkung  von  Flüssen
(Usedom,  Wollin)  vereinigt  und  gelegentlich  an  das
Festland  angegliedert  worden  (Darß,  Zingst).  Die
infolge  der  Senkung  schlauchförmig  erweiterten  Flußmündungen
  (Breitling  der  Warnow)  werden  seewärts
durch  Strandwälle  abgesperrt,  die  nur  schmale  Ausgänge
  offen  lassen;  die  Strandsee-  und  Haffbildung
setzt  ein,  dünenbedeckter  Sandstrand  wechselt  mit  abbrechendem
  Kliff,  die  Küstenausgleichung  ist  in  vollem
Gange.  In  der  Beltsee  haben  mächtige  Ströme  der
Postglazialzeit  die  tiefen  Rinnen  der  heutigen  Großschiffahrtswege
  geschaffen,  die  diesem  Gebiete  seine
hohe  Bedeutung  geben.

Hier  ist  am  Hauptverkehrsweg,  am  Sund,  an
der  schmalsten  die  Schiffahrt  beherrschenden  Stelle,
wo  l#  leich  lebhafter  Verkehr  über  den  Sund  setzt,  auf
dän  schem  Boden  Helfinger  (14000),  auf  schwedischem
Helsingborg  (33000  Einw.)  entstanden.  Halben
Weges  erhebt  sich  die  schwedische  Feste  Landskrona.
An  inneren  Endeliegt  der  rasch  zur  Großstadt  emporblühende
  schwedische  Seehafen  und  Stapelplatz  Malmb,
dessen  Hafenverkehr  bereits  5  Mill.  Registertomnen  erreicht.
  Ihm  gegenüber  erwuchs  an  dem  schmalen
Sundezwischen  Seelandund  der  kleinen  InselAmager,
der  einen  natürlichen,  nunmehr  gut  ausgebauten  Hafen
  bot,  die  stark  befestigte  dänische  Hauptstadt  Kopenhagen
  zum  bedeutendsten  Hafen=  und  Stapelplatz
(Hafenverkehr  8  Mill.  Registertonnen)  und  zur  zweitgrötten
  Stadt  der  Ostsee,  die  463000  Einw.  zählt.

n  den  Belten  vermochte  bloß  der  Fährverkehr  einige
Orte  (Fredericia,  Nyborg,  Korsör)  zu  entwickeln;  sie
sind  aber  Kleinstädte  geblieben.

Die  Reihe  der  Hasenstädte  an  der  deutschen
Boddenküste  beginnt  mit  Lübeck  an  der  Trave,  die
im  Südwestzipfel  der  tief  eindringenden  Mecklenburger
  Bucht  mündet.  Hier  kommt  die  Ostseeküste  der
Elbe  am  nächsten,  und  darauf  beruhte  in  der  Zeit  der
mittelalterlichen  Küstenschissahrt  die  Blüte  der  Stadt.
Bei  ihrem  lleinen  Hinterlande  vermögen  heute  weder
der  Elbe-Travekanal  und  die  schönen  Hafenanlagen
noch  die  Vertiefung  (auf  8  m)  des  im  Unterlauf  boddenförmig
  erweiterten  Flusses  diesen  Glanz  zurückzubringen.
  Vor  kurzem  zur  Großstadt  geworden,  ist  es
immerhin  ein  sehr  bedeutender  Stapelplatz  und  be-109



wältigt  einen  Hafenverkehr  von  mehr  als  2  Mill.
Registertonnen.  Im  Sliüdostzipfel  der  Mecklenburger
Bucht,  am  offenen  Wismarer  Bodden,  liegt  das  kleine
Wismar  (24000  Einw.);  am  Unterlauf  der  zum  Breitling
  erweiterten  Warnow  erhebt  sich  als  Mecklenburgs
Haupthafen  Rostock,  das  65000  Einw.  zählt.  Infolge
des  lebhaften  Fährbetriebes,  den  sein  Vorhafen  Warnemünde
  von  der  ausgebaggerten  Breitlingmündung
aus  mit  Gjedser  unterhält,  übertrifft  es  um  mehr
als  1  Mill.  Registertonnen  den  Lübecker  Hafenverkehr.
An  Vorpommerns  Küste  liegen  zwei  still  gewordene
Häfen,  die  nur  lleinere  Schisfse  erreichen;  im  Sund
zwischen  Rügen  und  Festland  das  bedeutendere  Stralsund
  (34000  Einw.),  am  gleichnamigen  Bodden
Greifswald  (25000  Einw.).  Dagegen  hat  es  das  kleine
Saßnitz  auf  Rügen  durch  die  regelmäßige  Fahrt  großer
  Fährschiffe  nach  Trelleborg  in  Schweden,  die  sich
auf  einen  künstlichen  Hafen  stützt,  auf  über  2,5  Mill.
Registertonnen  Hafenverkehr  gebracht.  Nummehr
folgt  der  größte  deutsche  Ostseehafen,  Stettin.  Er
liegt  im  Hintergrunde  der  Pommerschen  Bucht  am
ersten  großen  Strom,  an  der  Oder,  deren  Einzugsebiet
  zum  frößten  Teile  dem  Deutschen  Reiche  ange-*
  das  oberschlesische  Industriegebiet  umfaßt  und
eit  kurzem  eine  leistungsfähige  Kanalverbindung
mit  Berlin  besitzt.  Durch  die  Inseln  Usedom  un
Wollin  ist  die  trichterförmige  Mündungsbucht  des
Stromes  zu  einem  Haff  abgeschlossen,  das  nur  drei
schmale  Wasserarme,  Peene,  Swine  und  Dievenow,
mit  der  See  verbinden.  Der  mittlere,  mit  dem  befestigten
  Vorhafen  Swinemünde,  ist  zum  Großschiffahrtsweg
  ausgebaut  und  führt  in  37  Seemeilen
Länge  und  7  m  Tiefe  nach  Stettin  hinauf,  das  große
Werften,  Industrie  und  viel  Reederei  betreibt  und
mit  seinen  Vorhäfen  5,7  Mill.  Registertonnen  Hafenverkehr
  erreicht.

Einen  dritten  Typus  zeigt  die  deutsche  Küste
östlich  von  der  Oder.  Ein  ausgedehnter  Seeraum
und  ein  Küstenverlauf,  der  stürmischen  westlichen
Winden  günstigen  Angriff  gestattet,  haben  die  Arbeit
des  Meeres  sehr  wirksam  gemacht.  Eine  glatte  Ausgleichküste
  mit  Strandseen  und  Haffen  und  schlechten,
nur  künstlich  offen  gehaltenen  Häfen  tritt  hier  dem
Seefahrer  entgegen.  Nicht  viele  Hafenstädte  vermochten
  hier  zu  entstehen,  zumal  auch  die  Mündung
von  drei  großen  Flüssen  (Oder,  Weichsel,  Pregel)  zur
Entwicklung  einiger  weniger  großer  Plätze  drängte.
Rund  120  km  liegen  hier  die  Hafenstädte  (über  20000
Einw.)  voneinander  entfernt,  während  an  der  Föhrdenküste
  ihr  Abstand  noch  nicht  40km,  an  der  Boddenküste
  55  km  beträgt.  Die  Fülle  kleiner  Buchten,  die
ehemals  Hinterpommerns  Gestade  begleitete,  ist  durch
dünenbesetzte  Strandwälle  in  eine  Kette  von  Strandseen
  verwandelt.  Nur  dauernde  Baggerung  hält  hier
die  Mündung  kleiner  Flüsse  für  Schiffe  geringen  Tiefhanges
  offen.  An  der  Persante  hat  Kolberg  (25  000

inw.),  an  der  Stolpe  der  Vorhafen  von  Stolp  (34000
Einw.)  einen  geringen  Verkehr.  Drei  gewaltige,  von
hohen  Dünen  gekrönte  Nehrungen  Fen  an  die  Landvorsprünge
  von  Pomerellen  und  des  stark  im  Abbruch
befindlichen  Samlandes  an.  Zwei  von  ihnen  schnüren
im  Hintergrunde  der  Danziger  und  Memeler  Bucht
seichte  Haffe  vom  Meere  ab.  In  65  km  Länge  verschließt
  die  Frische  Nehrung  östlich  vom  fruchtbaren
Delta  der  Weichsel  das  Frische  Haff,  das  der  Nogatarm
  der  Weichsel  und  der  Pregel  mit  Süßwasser  erfüllen.
  Ein  alter,  ausgebauter  und  auf  7,5  m  Tiefe
gebrachter  Arm  der  Weichsel,  die  eine  neue,  weiter  ost-
        <pb n="132" />
        110

wärts  gelegene  Mündung  erhielt,  muß  der  Großstadt
und  Festung  Danzu  (170000  Einw.)  als  Hafen  dienen.
  S#eerehr  leibt  nur  wenig  hinter  dem  Lübecks
zurück,  leidet  aber  unter  der  Verwahrlosung  des  Stromes
  auf  russischem  Gebiet.  Am  Pregel  erwuchs,  24
Seemeilen  vom  Meere,  das  stark  befestigte  Königsberg
zur  größten  deutschen  Ostseestadt  (250000  Einw.).
Ein  6,5  m  tiefer  Seekanal  führt  zur  Nehrung,  die  bei
dem  befestigten  Vorhafen  Pillau  durchschnitten  wird.
Wie  Danzig  leidet  es  unter  der  Nähe  der  russischen
Grenze  und  sein  Seeverkehr  hat  noch  nicht  1½  Mill.
Resistertonnen  zu  erreichen  vermocht.  Durch  die
95  km  lange  Kurische  Nehrung  wird  das  gleichnamige
Haff,  in  das  sich  die  Memel  ergießt,  von  der  Memeler
Bucht  abgesondert.  Die  schmale,  gleich  dem  Pillauer
Durchschnitt  durch  Molenbauten  und  Baggerung
liefgehaltene  ösfnung  am  Nordende  dient  dem  lebhaften
  Verkehr  von  Memel  (21000  Einw.)  als  Hafen.

Die  Basis  der  deutschen  Seestreitkräfte  der
Ostsee  liegt,  wie  diese  Übersicht  der  Küsten  zeigt,  aus
natürlichen  Gründen  im  Westen,  im  Föhrdengebiet,
das  leicht  zu  verteidigende,  treffliche  Naturhäfen  bietet,
  wo  ganze  Flotten  zu  ankern  vermögen,  das  inseiner
gesamten  Rusdehnung  durch  die  vorgelagerten  Inseln

eschützt  ist,  zwischen  denen  nur  die  schmalen  Wassertraßen
  der  Belte  hindurchführen,  und  wo  eine  rasche,
vom  Feinde  nicht  einzusehende  Verschiebung  zwischen
Nord=  und  Ostsee  möglich  ist.  Schon  die  Boddenküste
mit  ihren  flachen,  versandenden  Buchten  bietet  viel
ungünstigere  Bedingungen  und  noch  schlechter  sind  sie
an  der  Ausgleichküste,  wo  die  schmalen  Einfahrten  der
weit  voneinander  entfernten  Häsen  bei  Sturm  nur
schwer  zu  gewinnen  sind.  Trotz  unaufhörlicher  Verbesserungen
  besitzt  noch  kein  Hafen  östlich  von  Kiel  die
Tiefe,  um  ein  modernes  Schlachtschi  gelchwader  aufnehmen
  zu  können.  Nur  leichteren  Seestreitkräften
vermögen  diese  Häfen  als  Basis  zu  dienen.  Dies  bedeutet
  für  eine  deutsche  Flottenossensive  in  der  nördlichen
  Ostsee  ohne  den  Besig  russischer  Häfen  eine  große
Erschwerung.  Freilich  würde  sich  auch  ein  feindlicher
Angriff  auf  diese  östlichen  Küsten,  obwohl  sie  offen
daliegen,  wegen  ihres  glatten  Verlaufes  schwierig  getalten,
  zumal  starke  Landbefestigungen  die  Hafenstädte
chützen,  die  meist  schon  ihre  seeferne  Lage  vor  seindlichem
  Zerstörungsfeuer  schirmt.

Die  russischen  Ostseeküsten  in  Kurland  und
Livland,  wo  die  Ablagerungen  der  Eiszeit  wie  an
den  Südgestaden  in  großer  Mächtigkeit  das  anstehende
Gestein  bedecken,  zeigen  fast  dieselben  Formen  wie  die
hinterpommersche  Küste.  Glatte,  dünenbedeckte  Strandwälle
  haben  die  Mündungsbuchten  lleinerer  Flüsse
zu  Strandseen  abgeschlossen,  den  Unterlauf  anderer
meilenweit  verschleppt,  und  selbst  die  mächtige  Düna
öffnet  sich  n  künstlicher  Verbesserung  nur  mit  #km
Breite  zur  See.  Der  Rigaische  Meerbusen  bietet  in
diesem  Gebiete  der  Schiffahrt  eine  tief  eindringende
Wasserstraße,  und  die  freilich  fast  nur  zum  Holztransport
  benutzte  Düna  schließt  an  ihn  ein  großes  Hinterland
  an,  dem  wegen  der  größeren  Entfernung  des
Schwarzen  Meeres  auch  das  obere  Dujeprgebiet  und
infolge  der  Lage  der  politischen  Grenze  auch  ein  großer
Teil  des  Memelgebietes  angehört.  So  konnte  7  zm
oberhalb  der  Mündung  der  Düna  Riga  zum  ersten  Ostseehafen
  Rußlands  erwachsen,  der  fast  350  000  Einw.
zählt,  mit  seinem  befestigten  Vorhafen  Dünamünde
einen  Verkehr  von  4  Mill.  Reg.-Ton.  aufweist  und  über
ein  Drittel  der  russischen  Ausfuhr  bewältigt,  beide
Häfen  seit  Anfang  September  1917  in  deutschem  Be-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

sit.  Der  Wunsch  Rußlands,  einen  in  das  Hauptbecken
des  Meeres  vorgeschobenen  Kriegshafen  zu  besitzen,
hat  der  Entwicklung  Libaus  an  der  Westküste  Kurlands
mächtigen  Anstoß  gegeben.  An  der  glatten  Küste  frei
ins  Meer  hinausgebaut,  konnte  er  einer  überlegenen
feindlichen  Flotte  gegenüber  den  gewünschten  Fwek
nicht  erfüllen.  Seit  längerer  Zeit  wurde  er  nur  noch
als  Stützpunkt  leichterer  Streitkräfte  benutzt  und  bei
Hröffnung  der  Feindseligkeiten  gänzlich  aufgegeben.
Dagegen  ist  Libau  als  eisfreier  Platz  im  Handelsverkehr
  mehr  und  mehr  in  Aufschwung  gekommen,  da
Riga  4  Monate  vom  Eise  gesperrt  ist,  und  ist  bereits
zur  Großstadt  erblüht.  Als  Winterhafen  von  Niga  ist
weiter  nördlich  das  eisfreie  Windau  (20000  Einw.)  an
der  Mündung  des  gleichnamigen  Flusses  zu  nennen,
das  mit  Libau  und  ganz  Kurland  in  deutscher  Hand
ist.  Nurörtliche  Bedeutung  hat  Pernau  (25000  Einw.)
an  kleiner  Bucht  an  der  Ostseite  des  Busens  von  Riga.
Mit  den  baltischen  Inseln  und  der  Westküste  von
Estland  beginnen  die  Schärenküsten,  die  in  scharfem
  Ge  enan  zu  den  bisher  betrachteten  Typen  stehen.
  Während  diese  alle  im  Ablagerungsgebiet  der
eiszeitlichen  Gletscher  angelegt  sind,  wo  teils  die  Formen
  einer  von  später  Senkung  betroffenen  Moränenlandschaft,
  teils  die  in  den  weichen  Aufschüttungen
erfolgreiche  Arbeit  des  Meeres  die  Küstengestaltung
bestimmt,  gehören  fast  die  gesamten  übrigen  Ostseeküsten
  bis  nach  Schonen  im  Süden  Schwedens  dem
Abtragungsgebiete  des  diluvialen  Inlandeises  an,
wo  andere  Vorgänge  die  Ausbildung  der  Küsten  entscheidend
  beeinflußt  haben.  Hier  wurde  das  von  den
Gletschern  blank  gefegte,  zu  felsigen  Rundhöckern  und
schmalen,  meist  in  der  Richtung  der  Eisbewegung  gestreckten
  Rinnen  abgehobelte  Land  nicht  mehr  durch
eine  mächtige  Moränendecke  gänzlich  verhüllt,  wohl
aber  sank  es  unter  der  Nachwirkung  des  Eisdruckes
in  die  Tiefe,  und  breite  Lülstengebiete,  der  größte  Teil
Finnlands  und  die  mittelschwedische  Seensenke,  wurden
  von  weichen,  tonigen  Absätzen  des  Meeres  bedeckt,
bis  eine  heute  noch  andauernde  Hebung  die  gegenwärtigen
  Küstenumrisse  schuf.  Leicht  hat  gleichzeitig  die
Brandung  in  ihrem  Bereich  Rundhöcker  und  Rinnen
von  den  weichen  Meeresabsätzen  befreit,  so  daß  meist
die  felsigen  Abtragungsformen  der  Gletscher  die  Küstengestaltun
  der  nördlichen  Randländer  der  Ostsee.
ezeichnen.  Eine  endlose  Reihe  lleiner,  rinnen-  und
trichterförmiger  Buchten  gliedert  das  Gestade,  das  die
Inselschwärme  der  Schären  und  zahllose  felsige  Klippen
  und  Untiefen  begleiten.  Sie  sind  von  den  halb
und  ganz  unter  Waster  liegenden  Kuppen  der  Rund-*
  gebildet,  zwischen  denen  rinnenartige  Wassertraßen
  hindurchführen.  Nur  ortskundige  Führung
vermag  das  Schiff  durch  dieses  Insel-  und  Klippenband
  in  die  sicheren  Häfen  der  größeren  Buchten  dahinter
  zu  baingen.  Die  Schwierigkeit  der  Annäherung
und  die  Fülle  der  Stützpunkte,  die  Möglichkeit,  die  Geschwader
  im  Schutze  des  Inselschleiers  zu  verschieben,
der  gleichzeitig  die  innenliegenden  Häfen  vor  Beschiezung
  schützt,  erleichtert  in  hohem  Grade  die  Verteiigung,
  zumal  am  Eingang  des  Bottnischen  Busens,
wo  sich  beiderseits  der  Alandsinseln  die  Schären  zu  dem
unabsehbaren  Gewirr  des  Stockholmer  und  finnischen
Schärenhofes  verdichten.  Doch  im  Schutze  von  Buchten
  und  Inseln  und  dort,  wo  die  Lage  der  Küste  zu
den  herrschenden  Winden  die  Wucht  der  Brandung
schwächt,  treten  auch  die  Ablagerungen  des  einstigen
Meeres  in  flachen  Wiesenufern  an  das  Gestade  heran,
wie  besonders  an  der  finnischen  Seite  des  Bottnischen
        <pb n="133" />
        Merz:  Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz

Busens  jenseits  von  64°  nördl.  Br.,  aber  meist  umrahmen
  sie  nur  in  einiger  Entfernung  als  flachansteigende
  fruchtbare  Ebene  die  Küste,  während  endlose
Wälder  das  gebuckelte  Innere  des  Landes  bedecken.
Vielfach  begleiten  das  Ufer  weithin  gewaltige  Blockmeere
  als  Reste  ausgewaschener  Moränen  oder  von
der  Brandung  losgerissenen  Sesteins  Eine  wichtige
geologische  Linie  verleiht  einem  Teil  des  Gebietes  ein
besonderes  Gepräge:  Entlang  dem  Südufer  des  Finnischen
  Busens  erhebt  sich  mit  einem  Steilabfall  von  meist
etwa  50  m  Höhe  eine  Stufe  flach  nach  Süden  fallender
  silurischer  Schichten  über  dem  aus  uralten  archäischen
  Gesteinen  aufgebauten,  vom  Eise  bearbeiteten
baltischen  Schild.  In  Ingermanland  läßt  sie  einen
breiteren,  teilweise  noch  von  Geschiebelehm  und  Meeresabsätzen
  bedeckten  Küstensaum  frei,  in  Estland  tritt  sie
auf  längere  Strecken  mauerförmig  ans  Ufer  und  weiterhin
  setzt  sie  die  Felstafeln  der  baltischen  Inseln,
von  Gotland  und  Oland  zusammen.

Bei  der  Ungunst  der  Natur,  die  nur  eine  dünnere
Besiedkung  ermöglicht,  wächst  in  den  nördlichen  Gliedern
  der  Ostsee  trotz  der  Fülle  natürlicher  Häfen  rasch
der  Abstand  der  Hafenstädte,  während  ihre  Größe  sinkt.
Selbst  die  Seeplätze  von  nur  10000  Einw.  sind  am
Finnischen  Busen  etwa  135  km,  am  Bottnischen  sogar
  über  180  km  voneinander  entfernt.  Dies  bedeutet
  auch  für  die  Kriegsflotten  eine  Verminderung  der
mit  Schiffsbedarf  und  Werften  ausgestatteten  Stützpunkte,
  wenngleich  die  zahlreichen  Buchten  allentzalben
  Ankerplätze  bieten.  Auch  aus  diesem  Grunde

at  Rußland  in  dem  besonders  wichtigen  Finnischen
Busen  drei  Plätze  zu  großen  Kriegshäfen  ausgebaut.
An  der  Südseite  des  Busens  deckt  an  prächtiger,  tiefer
Bucht,  nur  70  km  von  der  Offnung  entfernt,  der  err
besestigte  Kriegshafen  Reval  (105.000  Einw.)  die  Einfahrt,
  deren  Vreite  hier  kaum  50  km  beträgt.  Große
Werften  dienen  der  Marine;  doch  ist  auch  der  Handel
sehr  lebhaft,  da  Reval  Hauptausfuhrhafen  von  Estland
  und  während  der  fünfmonatigen  Eissperre  von
Petersburg  auch  Winterhafen  der  Hauptstadt  ist.  In
den  1½  Monaten,  die  meist  auch  Reval  unter  Eis
liegt,  tritt  das  auf  eine  Landlunge  nach  Westen  vorgeschobene,
  nur  wenig  vom  Eise  bedrängte  Baltischport
  an  seine  Stelle.  Zu  dem  gleichen  Zwecke  wurde
auf  der  finmischen  Seite  die  gut  geschützte  große  Reede
von  Helsingfors  zu  einem  stark  befestigten  Kriegshafen
und  Werftbtafe  ausgestaltet.  Ihr  rasches  Emporblühen
  dankt  die  Stadt  aber  ihrer  Eigenschaft  als
auptstadt  Finnlands  und  ihrer  Lage  in  dem  klimatisch
  am  meisten  begünstigten,  recht  fruchtbaren  und
daher  dichter  bevölkerten  Südwesten  (30  Einw.  auf
1  akm)  des  Landes.  Während  der  Eismonate  geht
der  große  W’  2&amp;amp;3243  auf  Hangs  über,  das  auf
der  Spitze  einer  Halbinsel  am  Eingange  des  Busens
liegt  und  durch  Eisbrecher  stets  offengehalten  werden
kann.  Seine  trefflichen  Hafzneinrichtungen  wurden
bei  Kriegsausbruch  von  den  Russen  zerstört.  In  der
schlauchförmigen  Kronstädter  Bucht  am  inneren  Ende
des  Finnischen  Busens  wurde  auf  der  Insel  Kotlin
Rußlands  größter  und  stark  befestigter  Ostseekriegs.
hafen,  Kronstadt  (70000  Einw.),  mit  hohen  Kosten
zum  Schutze  von  Petersburg  angele  t,  das  selbst  mit
seinen  großen  Arsenalen  und  Wersten  den  Zwecken
des  Kriegshafens  dient.  Kronstadt  sperrt  völlig  die
Zufahrt  zur  Hauptstadt,  zu  der  ein  fast  80  km  lan-85
  8,5  m  tiefer  Seekanal  führt.  Freilich  wird  dieser
egshafen  fünf  Monate  (Dezember  bis  April)  vom
Eise  gesperrt.  Petersburg  ist  trotz  seiner  Lage  im  oft

111

Überschwemmten  ungesunden  Delta  der  Newa  und  der
Ode  und  Rauheit  der  umgebenden  Natur  zur  größten
Ostseestadt  erwachsen  (1,9  Mill.  Einw.)  und  ist  gegenwärtig
  der  dritte  Handelshafen  des  russischen  Reiches
(mit  Kronstadt  über  5  Mill.  Registertonnen  Hafenverkehr),
  da  eine  zielbewußte  Verkehrspolitik  ihm  ein
riesiges  Hinterland  angeschlossen  und  in  der  Stadt
einen  Verkehrsknoten  von  außerordentlicher  Bedeutung
  geschaffen  hat.  Ein  leistungsfähiges  Kanalsystem
verbindet  die  Stadt  mit  Wolga  und  Dwinaj  sechs
große  Bahnlinien  aus  dem  ganzen  Reich  laufen  hier
zusammen.  Durch  zwei  Stränge,  die  über  den  jungen
karelischen  Isthmus  zwischen  dem  Finnischen  Meerbusen
  und  dem  Ladogasee  laufen,  ist  hier  das  finnische
  Retz  an  das  russische  angeschlossen;  die  während
des  Krieges  in  fieberhafter  Eile  nach  dem  Weißen
Meere  und  nach  Alexandrowsk  an  der  Murmanküste
geführte  Bahn  sowie  die  neu  geplante  Linie  von  Archangelsk
  streben  gleichfalls  auf  Petersburg  .  So
wird  Petersburg  als  Knoten  fast  aller  Wege,  die  Rußland
  während  des  Krieges  mit  der  Außenwelt  verbinden,
  als  Hauptstadt  und  als  erste  Industriestadt
des  Reiches,  die  mehr  Kriegsmaterial  erzeugt  als  das
anze  Ubrige  Land,  zu  einem  Punkte  von  eminenter
trategischer  und  politischer  Bedeutung.  Denstrategisch
wichtigen  karelischen  Isthmus  sperrt  im  Norden  die
Festung  Wiborg  (50000  Einw.).  Im  Inneren  der
Wiborger  Bucht  in  gut  besiedelter  Umgebung  gelegen
und  durch  den  Saimakanal  mit  einem  beträchtlichen
Hinterlande  verbunden,  besitzt  sie  bedeutenden  Handel.
Sonst  ist  am  Finnischen  Busen  nur  Narwa  (20000
Einw.).  7  Seemeilen  oberhalb  der  Mündung  der  nur
von  kleineren  Schiffen  befahrbaren  Narowa,  zu  nennen,
deren  breite  Niederung  Estland  von  Ingermanland
trennt,  und  gegenülber  an  der  finnischen  Seite  vor  der
Mündung  des  Kymmene  der  ausgezeichnete  Hafen  von
Kotka,  der  eine  fehr  bedeutende  Holzausfuhr  besitzt.
In  der  Mitte  des  überaus  begünstigten,  von  dichtem
  Schärengewirr  umgebenen  Gü  tens  von  Finnland,
  schräg  #Eenüber  Stockholm,  hat  es  Abo  trotz
der  geringen  Tiefe  seines  Hafens  (4  m)  bei  sehr  bedeutendem
  Handel  auf  50000  Einw.  gebracht.  —
Klein  und  weit  abständig  sind  die  Oafenplätze  des
Bottnischen  Busens,  gewaltig  aber  die  Mengen  an
olz,  die  sie  zur  Ausfuhr  bringen,  und  sehr  bedeutend
ist  ihre  Verkehrsvermittlung  im  Kriege.  Abgesehen
von  den  zwei  großen  Flüssen,  die  am  Nordende  münden
  und  unwirtliche  Gebiete  durchströmen  (Kemi  und
der  Grenzfluß  Torneelf),  wird  hier  recht  regelmäßig
die  Größe  der  Stadt  durch  die  Größe  des  Flat  ebietes
bestimmt,  an  dessen  Mündung  sie  liegt.  So  sind  an
der  finnischen  Seite  die  drei  größten  Seestädte:  Björneborg
  mit  dem  guten,  vom  Eise  nur  wenig  behinderten
Vorhafen  Mantyluoto  im  Süden,  Nikolaistad  (Wasa)
in  der  Mitte  und  Uleäborg  im  Norden,  jede  mit  run
20000  Einwohnern,  an  die  drei  größten  Tselne
Kyro=  und  Luleelf)  geknüpft.  Die  beiden  erstgenannten
  besitzen  auch  noch  eine  ergiebigere,  dichter  besiedelte
Umgebung.  Auf  der  schwedischen  Seite,  wo  sich  besonders
  zahlreich  treffliche  natürliche  Häfen  bielen,
beben  sich  hervor:  Lulec,  der  Ausfuhrhafen  der  norrändischen
  Erze  im  Norden,  die  nicht  weil  voneinander
  entfernten  Häfen  Hernösand  und  Sundsvall
17000  Einw.)  in  der  Mitte  und  Söderhamn  und
esle  im  Süden,  letztere  bereits  am  Nordrande  der
mittelschwedischen  Senke  gelegen  und  mit  85000  Bewohnern
  die  einzige  Mittelstadt  des  ganzen  Gebietes.
Mitder  Seensenke,  die  Mittelschweden  in  breiter
        <pb n="134" />
        112

Zone  vom  Skagerrak  bis  zur  Ostsee  durchzieht,  setzen
dichtere  Bevölkerung  und  größere  Siedlungen  ein.
Der  Abstand  der  Hafenplätze  mit  10000  Einwohnern
beträgt  von  Stockholm  bis  zur  norwegischen  Grenze
90  km  im  Mittel  und  ist  im  Stockholmer  Gebiet  und
am  Sund  besonders  gering.  Der  östliche  um  Mälaren
  und  Hjelmaren  gelagerte  Teil  der  Senke,  den
im  Gebiete  des  Wenern  und  Wettern  eine  Schwelle
nach  Westen  begrenzt,  ist  die  größte  für  dichtere  Besiedlung
  geeignete  natürliche  Landschaft  Schwedens.
Hier  ist  naturgemäß  in  Stockholm  die  Hauptstadt
6350000  Einw.)  und  der  Kßte  Handelsplatz  des

andes  (Hafenverkehr  59  Mill.  Registertonnen)  in
fester  Lage  erwachsen.  Die  Stadt  liegt,  fast  ringsum
von  überfluteten  Rinnen  umgeben,  auf  dem  Isthmus,
der  den  vielgestaltigen  Mälarsee  von  der  schärenerfüllten,
  nur  unter  ortskundiger  Führung  befahrbaren
Bucht  trennt,  die  sich  in  die  Stockholmer  Halbinsel
von  Osten  her  trichterförmig  einschiebt.  Ein  Kriegshafen
  und  Befestigungen  *#  noch  weiter  für  die
Sicherheit  der  Stadt.  Dem  Verkehr  dienen  fünf  auf
dem  Isthmus  zusammenstrahlende  Bahnlinien  und
ein  modern  eingerichteter,  von  Schiffen  mit  8#m  Tiefgang
  erreichbarer  Hafen  4½  km  Kallingg  u  dem
auch  während  der  vier  Eismonate  eine  Fahrrinne
durch  Eisbrecher  offengehalten  wird.  Nach  vollendetem
  Ausbau  des  kurzen  Kanals,  der  den  Mälaren
mit  dem  von  Süden  fast  30  km  tief  eindringenden
Hällsfjord  verbindet,  wird  Stockholm  auch  auf  diesem
Wege  von  Seeschiffen  erreicht  werden  können.

Die  Küste  südlich  von  der  Stockholmer
Halbinsel,  die  annähernd  wieder  meridional  verläuft,
  ist  von  zahlreichen  meist  nordwestwärts  gerichteten

  fiordartigen  Buchten  gegliedert,  die  ein  Schären-Hrtel

  umsäumt.  Im  Hintergrunde  der  ersten,  der
rävik,  die  12  Seemeilen  tief  eingreift,  liegt  am  Abfluß
  des  Glansees  die  bedeutende  Handels=  und  Industriestadt
  Norrköping  (50  000  Einw.),  die,  gleich
Gefle  im  Norden,  die  Stockholmer  Halbinsel  im  Süden
flankiert  und  über  einen  gut  eingerichteten  Hafen  verfügt.
  Etwas  nördlich  liegt  Nyköping  mit  dem  eisfreien
  Vorhafen  Oxelösund,  der  bedeutende  Erzausfuhr
  besitzt;  an  dem  nächstfolgenden  Fjord  im  Süden
erhebt  sich  Söderköping,  wo  das  zur  Westküste  führende
  System  des  Götakanals  beginnt.  Weiter  im
Süden  dient  Westervik  als  überfahrtshafen  nach  Wisby
auf  Gotland.  Die  Bedeutung,  die  Wisby  in  hansischer
und  früherer  Zeit  als  Stapelplatz  des  Handels  hatte,
ist  heute  dahin;  der  seichte,  kleine  Molenhafen  genügt
der  Großschiffahrt  nicht.  Aber  Gotland  besttt  einige
zum  Ausbau  geeignete  natürliche  Buchten.  agegen
weisen  die  Küsten  des  langgestreckten  Oland  keine  Naturhäfen
  auf,  und  auch  die  schwedische  Küste  ist  in  dem
schmalen,  135  km  langen  Kalmarsund,  der  sie  mit  6m
geringster  Tiefe  von  dieser  Insel  trennt,  wesentlich
glatter  als  weiter  im  Norden.  Kalmar,  das  den  Sund
an  nur  6½  km  breiter  Stelle  sperrt,  mußte  seinen
winzigen  Hafen  durch  Molen  erweitern.  —  Durch  die
Angliederung  der  geologisch  anders  gebauten  und
mit  Geschiebelehm  stärker  bedeckten  Halbinsel  Schonen
an  den  Hauptkörper  Schwedens  wird  die  stumpfe
Hanöbucht  gebildet.  Während  Schonen  selbst  recht
glatte  Küsten  besitzt,  so  daß  sowohl  die  schwedischen
Sundhäfen  an  seiner  Westseite  wie  auch  der  Fährenhafen
  Tielleborg  und  dasetwas  größere  Pstad  an  der
Südkante  auf  Molenhäfen  angewiesen  sind,  hat  die
Nordseite  der  Hanöbucht  ein  reicher  gegliedertes  Gestade.
  Hier  liegt  hinter  einem  Kranze  schützender

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Inseln  an  prächtiger,  großer  Reede  der  befestigte
Kriegshafen  Karlskrona  (30000  Einw.),  Schwedens
Marinestützpunkt  in  der  südlichen  Ostsee,  doch  auch
für  den  Handel  nicht  ohne  Wichtigkeit.

Jenseits  des  Sundes,  an  der  estküste  Schwedens,
  haben  nur  zwei  Seestädte  Be  fiutung:  Halmstad
  (20000  Einw.)  an  der  Nordwestseite  Schonens,
wo  zwei  größtere  Buchten  durch  das  Streichen  der
Schichten  bedingt  werden,  und  die  Großstadt  Göteborg
  (170000  Einw.).  Sie  erwuchs  im  Schutze  eines

rößeren  Fiord-  und  Schärengebr#ets  an  der  Münung

  des  Götaelf,  des  größten  schwedischen  Flußsystems
  (48  500  okwm),  das  den  Westteil  der  Seensenke
mit  dem  Wenern  und  seinen  Zuflüssen  umfaßt.  Die
Stadt  hat  unter  allen  schwedischen  Häfen  die  kürzeste
Verbindung  nach  übersee  und  im  htalanalfystem
eine  leistungsfähige  Verbindung  durch  die  Seensenke
zur  Ostsee.  Der  Verkehr  seines  für  teisgehend-  Schiffe
zugänglichen  Hafens  hat  bereits  5,8  Mill.  Registertonnen
  erreicht.

Tiefenverhältnisse.  Die  Ostsee  stellt  samt  ihren
Vorhöfen  nur  eine  flache  überflutung  der  Kontinentaltafel
  dar,  aber  im  einzelnen  ist  die  Gestaltung  de
Bodenformen  sehr  mannigfaltig.  Tiefeingesenkte  Rinnen
  geben  dem  Kattegat  und  der  Beltsee  das  Gepräge;
eine  Gliederung  in  größere,  durch  Schwellen  getrennte
Becken  bezeichnen  die  Ostsee  und  den  Bottnischen  Busen.
Flach  taucht  in  der  Regel  die  Aufschüttumgsküste,  steiler
die  Abtragungsküste  unter  die  Fluten  unter.  Mit  28m
mittlerer  Tiefe  steigt  der  Kattegat  im  allgemeinen  nach
innen  zu  an,  zerfällt  aber  in  zwei  ungleiche  Teile.  Der
tiefere  licgt  zwischen  der  schwedischen  Küste  und  den
von  Bänken  umgebenen  Inseln  Läsö  und  Anholt  und
führt  die  Schiffahrt  dem  Sunde  zu.  Hier  senken  sich
einzelne  Rinnen  und  Löcher  bis  124  m  ein.  In  dem
recht  flachen  Teil  an  der  jütischen  Küste  trennt  die  tiefere
Läsörinne  die  gleichnamige  Insel  vom  Festlande.
Die  Beltsee  grenzt  als  höhere  Schwelle  (mittlere  Tiefe
14  m)  und  durch  die  Enge  ihrer  Gewässer  die  eigentliche
  Ostsee  nach  außen  ab.  81  m  Tiefe  erreichen
aber  die  schmalen,  flußähnlich  gewundenen  Rinnen
von  Sund  und  Bellten  in  einzelnen  Kolken.  Die  von
der  Kadettrinne  nur  bis  28  m  Tiefe  durchfurchte
Darßer  Schwelle  geleitet  von  der  Mecklenburger  Bucht,
die  Drogdenschwelle  (6,0  m)  vom  Sunde  zur  Ostsee
hinüber,  die  immerhin  71  m  mittlere  Tiefe  besitzt.
Zwischen  Schonen  und  Rügen  sinkt  die  Arkonamulde
auf  58  m  ab.  Die  glatte  dänische  Insel  Bornholm
(580  qkm),  an  die  sich  füdwestlich  die  Rönnebank  mit
dem  Adlergrund  (6  m)  anschließt,  trennt  sie  fast  ganz
von  der  teeseren  Bornholmer  Mulde  (105  m),  mit  der
sie  nur  zwischen  Schonen  und  Bornholm  eine  breitere
Verbindung  in  tiefer  Furche  besitzt.  Der  Plantagenetgrund
  (7  m)  westlich  von  Rügen,  die  breite  Oderbank
—  m)  in  der  Pommerschen  Bucht  und  die  große  Stolpeank

  (8m)  vor  derhinterpommerschen  Küste  erschweren
die  Schiffahrt  vor  den  deutschen  Gestaden.  Zwischen
Oland  im  Norden,  der  weit  ausgedehnten  Mittelbank
(9m)  und  der  Stolpebank  im  Süden  führen  nur
schmale  Verbindungen  zum  Hauptbecken  der  Ostsee
hinüber.  Dieses  zerfällt  durch  die  meridionale  Gotlandschwelle,
  zu  der  die  Hoborgbank  (12  m)  im  Süden,
die  Insel  Gotland  (3160  qkm,  77  m  hoch)  in  der
Mitte  und  die  Sandönbank  mit  der  Insel  Gotska
Sandß  im  Norden  gehört.  in  zwei  langgestreckte  Mulden.
  Die  östliche,  die  Baltische  Mulde,  erreicht  zwischen
Gotland  und  Kurland  249  m  und  sinkt  in  der  Danziger
  Bucht  nochmals  auf  111  m  ab.  Die  westliche
        <pb n="135" />
        Merz:  Das  Ostseegebiet  als  Kriegsschauplatz

beginnt  zwischen  Oland  und  Gotland  und  ist  im  Landsorter
  Tief  zwischen  Gotland  und  Hällsfjord  über  460  m
tief  eingesenkt.  Am  Nordende  der  Gotlandschwelle  vereinigen
  sich  beide  zu  einer  einzigen  Mulde,  die,  ostwärts
abbiegend,  mit  abnehmenden,  aber  recht  unregelmäßigen
  Tiefen  (größte  Tiefe  113  m,  mittlere  36  m)  den
Finnischen  Busen  erfüllt.  Nur  wenige  Meter  Tiefe  erreicht
  die  Kronstädter  Bucht.  Ein  selbständiges  Becken
von  47  m9größter  Tiefe  ist  dagegen  der  Busen  von  Riga.
Die  Schwelle  der  Alandsinseln  treunt  auch  den  Bottnischen
  Busen  vom  Hauptbecken,  doch  ist  in  der  Mandsee
  westlich  von  den  Inseln  das  298  m  messende  Rlandtief
  eingesenkt.  Die  durch  die  Schwelle  der  West=  und
Ostquarken  bezeichnete  Einengung  zwischen  Umek  und
Wasa  gliedert  die  kleinere  und  seichtere  Bottenwiek  im
Norden  von  der  tieferen  Bottensee  im  Süden  ab.  In
letzterer  werden  auf  beträchtlicher  Fläche  noch  80—
100m  undöstlich  von  Hernösand  auf  kleinem  Raum  sogar
  294  m  Tiefe  gemessen,  und  auch  in  ersterer  werden
an  mehreren  Stellen  über  100  m  (117  m)  erreicht.
Genügen  mithin  die  Tiefen  der  Ostsee  in  allen  ihren
Teilen  für  die  Großschiffahrt,  so  wird  doch  häufig  die
Annäherung  an  die  Küsten  im  Abtragungsgebiet
durch  Untiefen  und  Klippen,  im  Aufschüttungsgebiet
durch  allgemeine  Seichtheit  und  einzelne  Bänke  erschwert.
  Die  Bänke  bilden  ein  um  so  gefährlicheres  Hindernis,
  als  sie  sehr  häufig  mit  Steinpackungen,  den
Resten  ausgewaschener  Moränen,  gekrönt  sind.  Dadurch
  sind  besonders  die  Adlerbank,  Stolpebank,  Hoborgbank,
  die  Memeler  Bucht  und  die  kurländische  Küste
berüchtigt,  während  sonst  die  Geschiebe  über  den  Boden
  des  Meeres  nur  loser  in  den  weichen  Ablagerungen
verstreut  sind,  die  in  größeren  Tiefen  meist  toniger,
in  seichteren  Wässern  sandiger  Natur  sind.  Ruhestellung
  von  U.  Booten  wird  daher  weithin  nicht  nur
durch  zu  große  Tiefen,  sondern  auch  durch  die  Bodenbeschaffenheit
  erschwert.  Anderseits  wird  die  Schifffahrt
  durch  die  Anordnung  der  Bänke  nicht  nur  in
den  engen  Gewässern  der  Beltsee  und  sonstigen  Straßen,
  sondern  auch  auf  offener  See  wiederholt  in  enge
Durchfahrten  gezwungen.  Sovermag  eine  Flotte  von
Osten  her  in  die  Arkonamulde  nur  durch  zwei  schmale,
leicht  zu  sperrende  Fahrrinnen  vorzustoßen.  Für
solche  Seesperren  bilden  Minenketten  und  zfelder  bei
den  geringen  Tiefen  des  Meeres  ein  in  diesem  Kriege
vielverwendetes  Mittel.

Hydrographie.  Die  Eigenart  der  hydrographischen
  Verhältnisse  der  Ostsee  wird  bestimmt  durch  ihre
starke  Abschnürung  vom  Weltmeere,  die  große  Süß.-wasserzufuhr
  vom  Lande  und  die  Gliederung  in  größere,
  tiefe  Becken  und  engere,  seichte  Zwischenglieder.
Der  Salzgehalt  ist  daher  gering  und  nimmt  nach
innen  zu  rasch  ab,  besonders  in  den  seichten  Verbindungspforten
  zur  Nordsee.  Während  er  an  der  Obersläche
  am  inneren  Skagerrakende  noch  28  pro  Mille
beträgt,  weist  er  am  inneren  Ende  des  Kattegats  nur
mehr  18  pro  Mille,  in  der  Lübecker  Bucht  12—13  pro
Mille  und  bei  Rügen  bloß  8  pro  Mille  auf.  Weiterhin
  nimmt  er  sehr  langsam  ab,  bis  man  in  den  innersten
  Winkeln  des  Bottnischen  und  des  Finnischen  Meerbusens
  fast  süßes  Wasser  antrifft.  Dieses  salzarme
Oberwasser  wird  von  salzreicherem  Unterwasser  unterlagert,
  das  sich  durch  Einströmungen  aus  der
Nordsee  und  durch  die  Meeresstraßen  der  Beltsee  erneuert.
  Während  hier  und  allgemein  in  den  seichten
Gewässern  häufig  eine  bis  zum  Boden  durchgreifende
Mischung  erfolgt,  sind  die  beiden  Schichten  über
größeren  Tiefen  durch  eine  gut  ausgeprägte  Sprung-Der

  Krieg  1914/17.  II.

113

schicht  getrennt.  die  sich  auch  in  der  Temperatur  wiederfindet,
  da  die  an  der  Grenze  der  beiden  Wassermassen
rasch  zunehmende  Dichte  auf  die  Fortpflanzung  der
Erwärmung  und  Abkühlung  in  die  Tiefe,  die  vornehmlich
  durch  Bewegungsvorgänge  geschieht,  hemmend
  wirkt.  Von  der  Vornholmer  Mulde  bis  in  die
Außenhälfte  des  Finnischen  Meerbusens  ist  in  beiden
Schichten  noch  eine  Zweiteilung  erkennbar,  indem  sich
im  Oberwasser  infolge  der  sommerlichen  Erwärmung
eine  15—40  m  mächtige  Deckschicht  absondert,  und
das  Unterwasser  in  ein  Tiefenwasser  bis  etwa  70  m
Tiefe  mit  dem  Temperaturminimum  der  Wassersäule
und  in  ein  Bodenwasser  mit  recht  gleichmäßiger  Temperatur
  von  4°  und  Salzgehalt  von  9—10  pro  Mille
zerfällt.  Im  Kattegat  hat  das  Unterwasser  etwa  10
pro  Mille,  im  Arkonabecken  etwa  7  pro  Mille,  im
Bottnischen  Meerbusen  1—2  pro  Mille  höheren  Salzgehalt
  als  das  Oberwasser.  Die  Strömung  des  salzarmen
  Oberwassers  ist  auswärts  gegen  die  Nordsee
gerichtet  und  hält  sich  infolge  der  Einwirkung  durch
die  Erdrotation  an  die  schwedischen  Küsten,  die  daher
auch  gegenüber  den  deutschen  und  russischen  Gestaden,
wo  die  Bewegung  einwärts  geht,  durch  geringeren
Salzgehalt  und  niedrigere  Temperatur  gekennzeichnet
sind.  Im  Frühjahr  dehnt  sich  die  Abflußbewegung
fast  über  die  ganze  Breite  des  Finnischen  und  des  Bottnischen
  Meerbusens  aus.  Sonst  sind  Über  den  größeren
Becken  in  der  Regel  schwache  linksdrehende  Stromwirbel
  ausgebildet.  Die  resultierende  ein=  und  auswärts
  gerichtete  Bewegung  beträgt  in  den  breiteren
Gewässern  nur  wenige,  bis  etwa  10em  in  der  Sekunde,
der  wirkliche  Stromweg  infolge  der  starken  Einwirkung
der  wechselnden  Winde  aber  das  Doppelte  bis  Vierfache.
  Nur  in  den  engen  Straßen  der  Beltsee,  wo  die
Richtung  der  Wasserbewegung  in  erster  Linie  durch
den  Wind  bestimmt  wird  und  bei  einem  Umspringen
des  Windes  sehr  starke  Schwankungen  des  Salzgehaltes
  hervorrufen  kann,  wachsen  die  Strömungen  zu
für  die  Schiffahrt  gefährlicher  Stärke  an.  Der  Sund
ist  durch  die  zahllosen  Strandungen  berüchtigt.  In
der  Tiefe  ist  die  Bewegung  einwärts  gerichtet,  wobei
sie  in  den  größeren  Mulden  mehr  gleichmäßig,  in  der
Beltsee  mehr  stoßartig,  mit  den  günstigen  Winden  erfolgt.
  Die  Jahresschwankung  des  Salzgehaltes  und
ebenso  der  jährliche  Gang  des  Wasserstandes  sind  durch
die  meteorologischen  Verhältnisse,  namentlich  auch
durch  die  Süßwasserzufuhr  und  die  Windverhällnisse
vor  den  Eingangepforten  bestimmt.  Doch  sind  die
absoluten  Beträge,  die  für  den  Oberflächensalzgehalt
etwa  1pro  Mille,  für  den  Wasserstand  im  Süden  etwa
15  cm,  im  Norden  30  cm  betragen.  recht  gering,  der
Gang  im  einzelnen  ist  aber  sehr  verwickelt  und  noch
nicht  genügend  geklärt.  Ganz  im  Gegensatz  zum  Salzgehalt
  ist  die  Verteilung  der  Oberflächentemperatur
  eine  sehr  gleichmäßige,  die  zeitliche  Schwankung
  aber  sehr  groß.  Im  Juli  erreicht  selbst  an  der
Südküste  die  Temperatur  in  der  Regel  nirgends  200,
während  auch  in  den  nördlichsten  Teilen  noch  15°  beobachtet
  werden.  Bei  der  dann  herrschenden  raschen
Temperaturabnahme  mit  der  Tiefe  können  an  den
Küsten  bei  ablandigen  Winden  sehr  starke  Temperaturstürze
  im  Oberflächenwasser  eintreten.  Im  Winter
sinkt  an  den  Küsten  und  in  den  engen  Gewässern
die  Temperatur  allenthalben  unter  den  Gefrierpunkt,
auf  ofsener  Sec  aber  nur  im  Finnischen  und  im  Bottnischen
  Meerbusen,  während  die  südliche  Ostsee  2—36°
Wärme  behält.

Auf  der  kontinentalen  Lage,  dem  geringen  Salz-8
        <pb n="136" />
        114

gehalt  und  dem  Mangel  starker  Strömungen  und  Gezeiten
  beruht  die  starke  winterliche  Eisent  wicklung,
die  für  Seeverkehr  und  Strategie  von  ausschlaggebender
  Bedeutung  ist.  Die  Dauer  der  Vereisung
nimmt  im  allgemeinen  nach  den  inneren  Teilen  der
Ostsee  zu.  Während  sich  über  die  südliche  Ostsee  in
Jahrhunderten  nur  einige  Male  eine  Eisdecke  spannte,
weisen  der  Bottnische  und  der  Finnische  Busen  jedes
Jahr  eine  Eisdecke  auf.  Allenthalben  aber  sind  enge
Fahrwasser,  Flußmündungen,  seichte  Küstenbuchten
und  besonders  die  Haffe  durch  stärkere  Eisbesetzung
gekennzeichnet.  Im  einzelnen  spielt  die  Lage  der
Küste  zu  den  herrschenden  Winden  eine  wichtige  Rolle
für  die  rasche  Abtrift  oder  für  die  Berstopfung  durch
Eis.  Der  enge  Sund  weist  über  50  Eistage  im  Jahre
auf,  eine  Zahl,  die  ostwärts  erst  wieder  im  seichten
Greifswalder  Bodden  und  bei  Swinemünde  erreicht
wird.  Wesentlich  günstiger  sind  die  tiefen  Föhrden

estellt,  am  günstigsten  die  nahezu  eisfreie  Kieler
Körde.  die  auch  deshalb  zum  Hauptkriegshafen  besonders
  geeignet  ist,  am  schlechtesten  die  schmale,  seichte
und  tief  ins  Land  eindringende  Schlei  (35  Eistage).
Der  Kaiser-Wilhelm-Kanal  kann  während  des  Ganzen
Winters  vom  Verkehr  benutzt  werden.  Mehr  Eistage
als  die  Föhrden  haben  in  der  Regel  die  Bodden,  die

rößte  Zahl  findet  man  in  den  LKoffen  (Stettin  61,

illau  69,  Elbing  94,  Königsberg  113),  fast  frei  sind
die  äußersten  Küstenvorsprünge  (Rixthöft  5  Eistage).
Die  Segelschiffahrt  erleidet  dadurch  im  östlichen  Teil
der  deutschen  Ostseeküste  eine  erhebliche  Behinderung,
die  Damupfschiffahrt  kann  dagegen  durch  Eisbrecher
meist  im  Gange  gehalten  werden.  Nur  in  der  Eider,
im  Greifswalder  Bodden  und  im  Frischen  Haff  liegt
sie  einige  Zeit  (Königsberg  über  20,  Elbing  über  60
Tage)h  stille.  Auch  darum  haben  die  innenliegenden
großen  Handelshäfen  Vorhäfen  als  eisfreie  Winterhäfen
  gegründet  (Travemünde,  Warnemünde,  Swinemünde,
  Neufahrwasser,  Pillau),  und  diese  Winterhäfen
  spielen,  je  weiter  man  nach  Norden  fortschreitet,
eine  immer  größere  Rolle  und  lösen  sich  räumlich
immer  mehr  vom  Haupthafen  los,  um  eine  möglichst
lange  eisfreie  Stelle  zu  erreichen.  Die  Beispiele  von
Libau  und  Windau  für  Riga,  von  Reval  und  Baltischport
  für  St.  Petersburg,  von  Hangb  für  Helsingfors
  und  andere  haben  dies  gezeigt.  In  der  Mitte
des  Rigaischen  Meerbusens  erreicht  die  Eisdauer  schon
60  Tage,  an  den  Küsten  noch  mehr.  So  gibt  es  bei
Dünamünde  schon  75,  bei  Pernau  sogar  über  135
Eistage.  Anfang  Dezember  beginnt  im  Bottnischen
Busen  der  Eisansatz  am  Nordrand,  im  Finnischen
Busen  in  den  Buchten  von  St.  Petersburg,  Wiborg
und  Narwa.  Mit  fortschreitendem  Winter  rückt  die
Vereisung  dort  nach  Süden,  hier  nach  Westen  fort,
wobei  in  beiden  Gewässern  die  Mitte  viel  länger  eisfrei
  bleibt  und  auch  früher  wieder  eisfrei  wird  als  die
Ränder.  Die  Enteisung  nimmt  den  unngekehrten
Weg.  Die  Dauer  der  Vereisung  beträgt  im  äußeren
Teil  des  Finnischen  Meerbusens  1½  Monat  an  den
Rändern,  einen  halben  Monat  in  der  Mitte,  die  Kronstädter
  Bucht  ist  5  Monate  (bis  Anfang  Mai)  vom
Eise  gesperrt.  Noch  ungünstiger  liegen  die  Verhältnisse
  im  Bottnischen  Busen.  Beide  Meeresteile  können
im  Winter  zu  Fuß  und  zu  Wagen  gequert  werden.
Die  Handelsschiffahrt  liegt  dann  in  ihren  inneren  Teilen
  vollkommen  stille,  die  Tätigkeit  der  Kriegsflotten  ist
dortuausgeschaltet.  Dagegen  wäre  es  möglich,  Angriffe
über  das  Eis  hinüberzutragen,  so  wie  einst  Karl  X.
sein  Heer  über  die  vereisten  Gewässer  der  Beltsee  ge-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

führt  hat.  Südlich  vom  Finnischen  Meerbusen  besitzt
Schweden  entlang  seinen  gesamten  Küsten  allenthalben
  Häfen,  die  eisfrei  sind  oder  durch  Eisbrecher
offengehalten  werden  können.

Die  Gezeiten  der  Ostsee  sind  ganz  unbedeutend,
da  die  Abschnürung  von  der  Nordsee  zu  stark  und  die
Größe  des  Meeres  zu  gering  ist,  als  daß  eine  kräftige
Entwicklung  möglich  wäre.  Der  Springtidenhub,  der
bei  Skagens  Rev  noch  über  30  cm  beträgt,  sinkt  bereits
bei  Kopenhagen  fast  aus  die  Hälfte  herab,  weist  in  der
eigentlichen  Ostsee  bloß  wenige  Zentimeter  Höhe  aufund
erreicht  nur  im  innersten  Teile  des  Finnischen  Meerbusens
  wieder  den  Kopenhagener  Wert.  Den  Hauptanteil
  hat  eine  in  der  Ostsee  selbstentstehende,  nach  links
fortschreitende  Drehwelle  von  ganztägigem  Charakter.

Klima.  Die  Ostsee  dringt  weit  in  das  Festland  und
damit  in  Gebiete  ein,  die  bereits  ein  ausgesprochen
kontinentales  Klima  haben.  Wie  einerseits  dadurch
ihre  hydrographischen  Verhältnisse  beeinflußt  werden,
so  Übt  anderseits  ihre  Wassermasse  eine  tiefgreifende
Uimatische  Wirkung  aus,  so  daß  wir  von  einem  Ostseeklima
  sprechen  und  es  in  Gegensatz  zu  den  Klimagebieten
  der  umgebenden  Landflächen  setzen  können.
Die  Jahresschwankung  der  Temperatur  wird  durch
das  Meer  sehr  gemildert.  Über  der  südlichen  Ostsee
liegt  die  Januartemperatur  bei  0°,  nur  gegen  das  ostpreußisch-baltische
  Gestade  nimmt  sie  rasch  auf  —3
ab,  während  auf  der  offenen  See  dieser  Wert  erst  halbwegs
  zwischen  den  Nlandsinseln  und  den  Quarken
erreicht  wird.  Über  den  nördlichen  Meeresteilen,  die
sich  großenteils  mit  Eis  bedecken,  wodurch  die  mildernde
  Wirkung  der  Wassermasse  herabgesetzt  wird.
sinken  die  Temperaturen  tiefer.  Im  Rigaischen  Meerbusen
  beträgt  die  Januartemperatur  an  —50,  in  den
innersten  seichten  und  schmalen  Teilen  des  Finnischen
Meerbusens  —  80°  bis  —  9°  und  am  Nordende  des
Bottnischen  Meerbusens  sogar  —1  1°.  Aber  die  um.
gebenden  Landgebiete  sind,  abgesehen  von  der  füdlichen
  Ostsee  anseerhalt  Bornholms,  sehr  viel  kälter.
Das  Hauptbecken  der  Ostsee  hat  im  Januar  eine  positive
  Temperaturanomalie  von  12—138°%  Im  Frühjahr
  bleibt  das  Meer  kalt,  während  sich  das  Land  rasch
erwärmt.  Im  März  verschwinden  daher  die  Temperaturgegensäßze
  zwischen  der  Ostsee  und  ihrer  Umgebung
  fast  allsean  undim  Aprilistbereits  das  Land
wärmer.  Die  Unterschiede  werden  besonders  groß  in
den  nördlichen  Teilen,  die  noch  lange  von  Eis  bedeckt
bleiben.  Das  Frühjahr  ist  die  Zeit  der  häufigsten
Nebel  auf  offener  See,  da  die  warmen  Landwinde
über  dem  kühlen  Meere  ihren  Dampfgehalt  kondensieren
  müssen.  Über  20  Prozent  aller  Tage  haben  dann
im  Hauptbecken  des  Meeres  Nebel.  Der  Wärmeüberschuß
  des  Landes  bleibt  bis  zum  August  bestehen,  wo
ein  zweiter  Ausgleich  eintritt.  Im  Julibeträgt  die  Lufttemperatur
  an  den  Küsten  der  Ostsee  bis  zur  Breite
von  Stockholm  und  St.  Petersburg  ungefähr  176,
an  den  bottnischen  Küsten  etwa  15°,  auf  offener  See
findet  man  16°%  im  Süden  und  14°  im  Norden.  Die
Lufttemperatur  ist  mithin  im  Sommer  ebenso  wie
die  Wassertemperatur  gleichmäßig  verteilt.  Nur  die
beiden  nördlichen  Glieder  der  Ostsee  weisen  eine  positive
  Temperaturanomalie  bis  zu  5°%  auf,  die  aber
lleiner  als  die  des  umgebenden  Landes  ist.  Im  September
  ist  die  Luft  über  dem  Meer  bereits  wieder  etwas
  wärmer  als  über  dem  Lande  und  der  Unterschied
nimmt  bis  zum  Jahresende  zu.  Im  Herbstund  Winter
treten  häufig  Küstennebel  auf,  wenn  die  warme,
feuchte  Seelust  über  das  Land  hinstreicht.  Die  Ein-
        <pb n="137" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

gangspforten  der  Ostsee  haben  im  Winter  an  mehr
als  20  Prozent  aller  Tage  Nebel.

Die  in  Westeuropa  herrschenden  westlichen  Winde
finden  über  die  Ostsee  und  die  an  sie  anschließenden
Tiefländer  einen  bequemen  Weg  in  das  Festland  hinein.
  Westliche  Winde  sind  daher  im  ganzen  Ostseegebiet
  am  häufigsten.  Im  Winterhalbjahr  haben  sie
vorwiegend  südwestliche,  im  Sommerhalbjahr  westliche
  Richtung.  Da  sie  vom  Meere  kommen,  sind  sie
mild  und  feucht.  Die  in  der  südlichen  Ostsee  an  zweiter
  Stelle  stehenden  trockenen  östlichen  Winde  treten
besonders  im  Frühjahr  auf.  Häufig  wird  die  Ostsee
namentlich  im  Winterhalbjahr  von  barometrischen
Minima  gequert,  die  meistens  vom  Skagerrak  über
die  schwedische  Seensenke  zum  Finnischen  Meerbusen
und  zum  Weißen  Meere  ziehen.  Sie  sind  von  raschem
Witterungswechsel  und  oft  von  stürmischen  Winden
begleitet.  Die  ostpreußisch-baltischen  Gestade  haben
fast  doppelt  so  viele  Stürme  als  die  deutsche  Nordseeküste.
  Sie  treten  hier  besonders  im  Oktober  und  Dezember
  auf.  Sehr  viel  geringer  st  die  Zahl  der  Stürme
an  den  westlichen  deutschen  Ostseeküsten,  wo  sie  besonders
  auf  den  Januar  fallen.  Die  Richtung  der  star.
ken  Stürme  ist  ganzüberwiegend  südwestlich;  nie  kommen
  sie  aus  einem  östlichen  Quadranten.  Schwer  leiden
  häufig  die  deutschen  Ostseeküsten  unter  der  verheerenden
  Wirkungvon  Sturmflutenzjim  Finnischen  Meerbusen
  ist  namentlich  St.  Petersburg  von  ihnen  bedroht,
wo  die  von  der  Gewalt  westlicher  Stürme  aufgestaute
Newa  die  niedrigen  Stadtviertel  überschwemmt.

Die  Niederschlagshöhen  halten  sich  im  Ostseegebiet
  in  mäßigen  Grenzen.  Nur  vereinzelt  werden  an
den  Küsten  der  Beltsee  800  mm  im  Jahre  gemessen.
An  den  deutschen  Küsten  fallen  meist  500—700  mm,
weiter  im  Norden  noch  weniger,  an  den  Küsten  des
Boktnischen  Busens  etwa  400—500  mm.  über  dem
Meere  selbst  ist  der  Niederschlag  noch  etwas  —  vielleicht
  um  100  mm  —  geringer.  Die  trockenste  Jahres-115



zeit  ist  das  Frühjahr,  die  meisten  Niederschläge  fallen
im  Hochsommer  und  im  Herbste.  Nach  Norden  zu  fällt
ein  steigender  Teil  des  Niederschlages  als  Schnee.
Während  an  der  Südküste  Schwedens  der  Schnee  kaum
45  Tage  liegt,  bedeckt  er  am  Nordende  des  Bottnischen
Meerbusens  170  Tage  lang  den  Boden.

Literatur.  G.  Braun,  Das  Ostseegebiet  (Leipz.  1912);
„Beiträge  zur  Kenntnis  des  Ostseegebietes=  (2Zeitschr.  Ges.
f.  Erdt.«,  Berl.  1912);  C.  Ackermann,  Beiträge  zur
physijchen  Geographie  der  Ostsee  Hamb.  1683).  E.  F.  Piccard,
  Beiträge  zur  physischen  Geographie  des  Finnischen
Meerbusens  (Kiel  1906);  W.  Bartels,  Die  Gestalt  der
deutschen  Ostseeklste  (Stuttg.  1908);  F.  O.  Karstedt,  Die
südfinnischen  Schären  (#Mitt.  Geogr.  Ges.  Lübeck-,  23,  1908);
J.  Leiviskä,  Über  die  Küstenbildungen  des  Bottuischen
Meerbusens  (2Fennia=  XXIII,  Helsingfors  1905);  Derselbe,
Aber  die  Entstehung  der  Haupttypen  der  finnischen  Küsten
(ebenda  XXVII.  1909);  O.  Krümnel,  Die  deutschen  Meere
im  Rahmen  der  internationalen  Meeresforschung  (Berl.
1904);  J.  Gehrke,  Beiträge  zur  Hydrographie  des  Ostseebassins
  (Publ.  de  circ.  52,  Kopenhagen  1910);  J.  P.  Jacobsen,
  Beltrag  zur  Hydrographie  der  dänischen  Gewässer
(Kopenhagen  1913);  H.  Spethmann,  Studien  zur  Ozeanographie
  der  südwestlichen  Ostsee  (rIntern.  Rev.  d.  ges.  Hydrobiol.
  u.  Hydr.“,  Leipz.  1918);  „Finnländische  hydrographisch-biologische
  Untersuchungen  (Helsingsors  1907  f.);
P„Sshel-Landd  für  die  Ostsee,  I.  Teil  (Berl.  1906);
„Ostsee-Handbuch=  (3  Bde.,  Berl.  1915  ff.);  R.  Witting,
Tidvattmen  (Helsingfors  1911);  W.  Köppen,  Wind  und
Werter  in  den  Europärschen  Gewässern  (Berl.  1917);  D.
Schäfer,  Der  Kampf  um  die  Ostsee  (aHistor.  Zeitschr.-,
Bd.  83,  1899);  Ch.  Reuter,  Ostseehandel  und  Landwirt--schaft
  im  sechzehnten  und  siebzehnten  Jahrhundert  (Berl.
1912);  Derselde,  Handelswege  im  Ostseegebiet  in  alter  und
neuer  Zeit  (das.  1913);  E.  Wallroth,  Die  Grundlagen
des  Ostseehandels  und  seine  Zukunft  (das.  1917);  G.  Braun,
Der  Zährverkehr  zur  See  im  europäischen  Norden  (das.
1912);  W.  Vogel,  Deutschlands  Lage  zum  Meere  im
Wandel  der  Zeiten  (das.  1913);  Derselbe,  Deutschlands  Zurückdrängung
  von  der  See  (das.  1916);  D.  Schäfer,  Zur
Eröffnung  des  Nordostsee-Kanals  (*  Preuß.  Jahrb.-,  Bd.  80,
1895);  S.  Sario,  Die  Nordischen  Dardanellen  (Berl.  1917).

Das  Mittelmeergebiel  als  Kriegsschauplatz


von  Prosessor  Dr.  Alfred  Merz  in  Berlin
Bal-  hierzu  die  Karte  ##änder  des  Mittelmeeretz.

Lage  und  historische  Bedentung.  An  der  Westseite
  der  Alten  Welt,  im  Grenzgebiet  gemäßigter  und
subtropischer  Breiten,  dehnt  sich  wischen  30°%  und
47°  nördl.  Br.  das  Mittelmeer  mit  seinen  Gliedern
über  ein  Uchtel  des  Erdumfanges  aus.  Es  zerlegt  dadurch
  die  Ostfeste  in  die  drei  Erdteile  Europa.  Asien
und  Afrika.  Aber  diese  Trennung  greift  nicht  sehr  tief.
Leicht  finden  die  Schiffe  entlang  ganzer  Reihen  hoher
Inseln  und  Landvorsprünge  den  Weg  durch  das  im
Sommer  nur  leichtbewegte  Meer,  und  ein  lebhafter
friedlicher  und  kriegerischer  Verkehr  kann  sich  hier,  wie
es  seit  den  ältesten  Feen  geschehen  ist,  entwickeln.  Er
bringt  die  verschiedenartigen  Völker  und  Kulturen,  die
dieses  Meer  umrahmen,  in  nahe  Berührung,  wirkt
mächtig  fördernd  auf  die  geistige  Entwicklung  und  zeitigt
  eine  frühe  glänzende  Blüte  des  Seewesens.  Das
ittelmeer  schafft  in  seinen  Randländern  auch  verwandte
  Lebensbedingungen  für  den  Menschen.  Ahnliches
  Klima  und  ähnliche  Vegetation  verbinden  diese
Randländer  zu  einer  Einheit  besonderer  Art,  zum  Mittelmeergebiet.

  Das  wird  von  grundlegender  Bedeutung
  für  seine  geschichtliche  Entwicklung.  Der  Besitz
der  Seeherrschaft  erreicht  hier  höchsten  politischen  Wert.

In  den  östlichen  Randländern  des  Mittelmeeres
haben  sich  im  grauen  Altertum  die  Staatswesen  der
Babylonier  und  A#gypter  entwickelt,  fast  zwei  Jahrtausende
  vor  unserer  Zeitrechnung  auf  noch  größerem
  Raume  das  Reich  der  Assyrier.  Sie  alle  haben
zur  Zeit  ihrer  Blüte  große  Küstenstrecken  der  Levante,
besonders  die  syrischen  Gestade,  umfaßt,  sind  aber  Kontinentalstaaten
  geblieben,  die  nicht  weit  über  die  See
hinausgegriffen  haben.  Anders  die  Phönizier  an
der  syrischen  Küste,  die  im  letzten  Jahrtausend  v.  Chr.
das  ganze  Mittelmeer  mit  ihren  Handelsniederlassunen
  umspannten  und  auf  ihren  Fahrten  die  Kultur  des

rients  dem  Westen,  namentlich  auch  Griechenland,
übermittelten.  Die  seegewandten  Griechen  folgten
mit  Siedlungskolonien  im  östlichen  Mittelmeer  ihrem
Beispiele,  während  gleichzeitig  die  Perser  ein  neues
Kontinentalreich  errichteten,  das  den  ganzen  Orient
umfaßte.  Den  Vorstoß  Persiens  nach  Europa  haben
die  Griechen  in  schweren  Kämpfen  zu  Wasser  und  Land
und  in  glänzender  —  ihrer  Überlegenheit
zur  See  gebrochen.  Die  befruchtende  Wirkung  ihrer
Leistungen  in  Wissenschaft  und  Kunst  hat  Alexander

8°
        <pb n="138" />
        116

d.  Gr.  in  seinem  Weltreich,  das  er  auf  den  Trümmern
des  persischen  erbaute,  über  den  ganzen  Orient  ergossen.
  In  den  Diadochenstaaten  der  Ptolemäer,  Seleuciden
  und  Attaliden  hat  griechisches  Wesen  die  höchsten
  Triumphe  gefeiert  und  deren  Herrschersitze,  Alexandria,
  Antiochia  und  Pergamum,  waren  die  glanzvollsten
  Städte  der  Well.

Unterdessen  waren  auch  zwei  Staaten  des  westlichen
Mittelmeeres  zu  großer  politischer  Bedeutung  erwachsen,
  die  Seemacht  Karthago  und  die  Landmacht  Rom,
nachdem  einige  Jahrhunderte  die  etruskische  Seemacht
geblüht  hatte.  Der  zwischen  ihnen  entbrennende  Kampf
auf  Leben  und  Tod  endet  zugunsten  Roms,  als  es  auch
zur  Seemacht  wird  und  den  Feind  auf  dem  eigenen
Element  zu  bekämpfen  vermag.  Damit  hebt  die  stolzeste
  Periode  in  der  Geschichte  des  Mittelmeeres  an.
Die  junge,  straff  organisierte,  in  glücklicher  zentraler
Lage  erwachsene  Land=  und  Seemacht  vermag  in  überraschend
  kurzer  Zeit  sowohl  die  unkultivierten  Neuländer
  des  Westens  als  die  absterbenden  Staatsgebilde
des  hochkultivierten  Ostens  in  ihre  Hand  zu  belommen.
  Zu  Beginn  unserer  Beitrechnung  haben  die
Römer  nahezu  das  gesamte  Mittelmeergebiet  zu  einem
einzigen  Weltreich  vereinigt.  Weitere  Eroberungen
dehnen  ihr  Gebiet  bis  an  die  Ränder  der  bekannten
Welt  aus.  Die  politische  Einheit  der  Welt  im  Römerreich
  wird  für  die  fernste  Zukunft  von  unendlicher  Bedeutung;
  sie  bildet  die  Grundlage  für  die  Ausbreitung
hellenischen  Geistes  auch  nach  dem  Westen,  und  sie  bereitet
  den  Boden  für  das  Christentum.  In  den  Neuländern
des  Westens  legt  römische  Kolonisationstätigkeit  den
Grundstock  für  die  Entwicklung  der  lateinischen  Tochternationen.
  Der  politische,  wirtschaftliche  und  geistige
Schwerpunkt  der  Welt  liegt  r*rvr  im  Mittelmeere  selbst.

Nach  einem  halben  Jahrtausend  zerfällt  dieses  Weltreich
  in  ein  Weströmisches  und  Oströmisches  Reich  und
bald  darauf  erliegt  jenes  dem  germanischen  Ansturm.
In  dem  Kampfe  des  Oströmers  Justinian  gegen  Vandalen
  und  Ostgoten,  dem  es  nochmals  für  kurze  Zeit
gelingt,  einen  großen  Teil  des  Reiches  in  seiner  Hand
zu  vereinigen,  wird  die  Seeherrschaft  der  oströmischen
  Flotte  von  ausschlaggebender  Bedeutung.  Die
dauernde  politische  Spaltung  und  die  Trennung  der
abendländisch-römischen  von  der  morgenländischbyzantinischen
  oder  griechischen  Kirche  zerreißt  auch  die
mühevoll  errungene  geistige  Einheit.  Noch  ein  Jahrtausend
  nach  der  ersten  Teilung  vegetiert  das  oströmische
  oder  byzantinische  Reich  und  vermittelt  seine
eigenartig  fortentwickelte  Kultur  den  slawischen  Balkanvölkern
  und  den  Russen.

Aber  bereits  in  der  ersten  Hälfte  des  Mittelalters,
als  der  Schwerpunkt  des  Abendlandes  nach  dem  Norden
  rückt,  wird  das  germanische  Reich  der  Franken
Nachfolger  der  Weströmer  (Kaiserkrönung  Karls  d.  Gr.
in  Nom).  Fast  gleichzeitig  breitet  sich  das  Reich  der
arabischen  Kalifen  von  den  Ufern  des  Roten  Meeres
über  die  östlichen  und  südlichen  Randgebiete  des  Mittelmeeres
  aus,  und  dierasch  erworbene  Herrschaft  wird
durch  eine  mächtige  Flotte  gestützt.  Wie  einst  die  Griechen
  im  Osten,  so  gebieten  jetzt  die  Franken  im  Westen,
auf  französischem  Boden,  dem  Siegeslauf  des  Orients
halt,  und  auch  Byzanz  vermag  trotz  wiederholter  Belagerung
  der  Hauptstadt  durch  arabische  Flotten  seinen
  kleinasiatischen  Besitz  zu  behaupten.  Damaskus
und  später  Baghdad  werden  Sitz  des  Kalifats.  Hielt
in  römischer  Zeit  das  Mittelmeer  das  eine  Weltreich
zusammen,  dessen  Schwerpunkt  von  ihm  umspült
wurde,  so  trägt  es  jetzt  für  Jahrhunderte  den  Grenz-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

saum  der  größten  Reiche.  Wenn  diese  auch  ein  lebhafter,
  im  Wandel  der  Zeiten  bald  friedlicher,  bald  krieerischer
  Verkehr  verbindet,  noch  heute  trennt  diese  Linie
im  allgemeinen  die  christliche  Welt  von  derislamischen,
die  römisch  abendländische  von  der  griechisch-orientalischen.
  Die  geistige  Einheit  ist  nun  für  immer  zerstört,
  die  zukünftige  Velleellung  des  Mittelmeergebietes
  schwer  geschädigt.  Trotzdem  verbleibt  ihm  höchste
politische,  wirtschaftliche  und  geistige  Bedeutung.
Denn  es  ist  der  Schauplatz  der  Kämpfe  zwischen  Abendund
  Morgenland,  die  in  den  Kreuzzügen  ihren  Höhepunkt
  erreichen.  Es  vermittelt  in  steigendem  Maße
den  gerade  durch  die  Kreuzzüge  angeregten  Güteraustausch
  zwischen  Orient  und  Okzident,  und  durch  seine
Vermittlung  sowie  durch  die  geschickte  Benutzung  der
Kreuzzugbewegung  gelangen  Pisa,  besonders  aber
Venedig  und  Genua  zu  einzigartiger  Blüte.  Endlich
beherbergt  das  Mittelmeergebiet  die  heiligen  Stätten
der  großen  neuen  Religionen,  die  Sitze  des  Kalifen,
des  Patriarchen  von  Byzanz  und  vor  allem  des  Papstes
  in  Rom,  der  als  ebenbürtige  geistliche  Gewalt
neben  den  römisch  deutschen  Kaiser  tritt.  Die  Machtstellung
  der  Venezianer  und  Genuesen  beruhte  übrigens
  wie  die  der  Karthager  auf  der  Flotte  und  den
ahlreichen  Stützpunkten.  Sie  zeigt  in  verschärftem
aße  von  neuem,  wie  selbst  winzige  Staaten  durch
Seebeherrschung  zur  höchsten  politischen  Macht  gelangen
  können.
asch  sinkt  die  Bedeutung  des  Mittelmeergebietes
dahin  im  Beitalter  der  großen  Entdeckungen.
Das  Streben  nach  Anteil  an  den  großen  Handelsvorteilen
  von  Venedig  und  Genua  führt  die  Portugiesen,
  dann  auch  die  Spanier  dazu,  in  rascher  Entwicklung
  ihres  Seewesens  einen  Seeweg  nach  den
produktenreichen  Gestaden  Indiens  zu  suchen.  Jene
finden  ihn  unter  Bartholomäus  Diaz  und  Vasco  de
Gama  am  Ende  des  15.  Jahrhunderts  um  Afrika
herum;  fast  gleichzeitig  entdecken  die  Spanier  Europas
  Gegengestade  an  der  Westseite  des  Atlantischen
Ozeans.  Um  dieselbe  Zeit  vernichtet  das  vordringende
Türkenreich  die  letzten  Reste  von  Byzanz,  umspannt
bald  in  leichter  überwindung  der  arabischen  Teilstaaten
  den  ganzen  Osten  und  Süden  des  Mittelmeeres
und  erschwert  immer  mehr  den  Handel  nach  dem  fernen
  Orient.  So  werden  die  mühseligen  und  gefahrvollen
  Landwege  nach  Indien  immer  mehr  verlassen
und  dafür  der  billigere  und  bequemere  Seeweg  eingeschlagen.
  Die  Handelswege  des  Mittelmeeres  werden
  verlassen,  und  das  Mittelmeergebiet  wird  ein
Nandland  des  Weltverkehrs.  Die  für  die  neuen  Seewege
  nach  Amerika  und  Indien  am  günstigsten  gelegene
  Pyrenäenhalbinsel  mit  ihrem  halb  mittelmeerischen,
  halb  atlantischen  Chara##ler  wird  das  politische
Zentrum  der  Welt.  Italien  ist  heillos  zersplittert;  die
Blüte  von  Venedig  und  Genua  aber  sinkt  dahin.  Ihre
Lage  zu  den  neuen  Berlewe  ist  ungünstig.  und
das  in  mittelalterlichen  Formen  erstarrte  Seewesen
des  Mittelmeeres  vermag  mit  dem  atlantischen  nicht
mehr  in  Wettbewerb  zu  treten.  Immer  ungünstiger
wirdin  den  folgenden  Jahrhunderten  die  geographische
Stellung  des  Mittelmeeres,  denn  immer  mehrverschiebt
sich  mit  der  Aufhellung  des  Weltbildes  und  mit  der  gesteigerten
  Technik  des  Seewesens  der  Weltverkehr  aufdie
Ozeane  und  der  Schwerpunkt  Europas  nach  dem  maritimen
  Nordwesten.  Auf  Spanien  und  Portugal  folen
  Holland,  Frankreich  und  England  in  der  Seeherrchaft,
  während  gleichzeilig  die  Kultur  des  Mittelmeergebietes
  im  türkischen  Reiche  mehr  und  mehr  verfällt.
        <pb n="139" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

Das  moderne  Zeitalter,  das  unter  dem  Zeichen
  von  Kohle  und  Eisen  sleht,  schien  diesen  Zustand
besiegeln  zu  wollen.  Denn  in  den  Mittelmeerländern
sind  diese  wichtigsten  Rohstoffe  bloß  in  geringer  Menge
vorhanden.  Nur  am  Nordrande  des  Gebietes  haben
die  Wasserkräfte  der  Alpen  in  allerjüngster  Zeit  einen
gewissen  Ersatz  geboten.  So  wuchs  der  wirtschaftliche
Abstand  zwischen  den  rasch  aufblühenden  Wirtschaftsgebieten
  um  die  Nordsee  und  in  den  Vereinigten  Staalen
  sowie  dem  Mittelmeergebiet  immer  mehr.

Da  haben  eine  Reihe  von  wichtigen  Ereignissen,
die  fast  unabhängig  voneinander,  aber  nahezu  gleichzeitig
  eintraten,  die  Lage  des  Mittelmeergebietes  wie
mit  einem  Schlage  gänzlich  geändert:  Der  Durchstich
der  Landenge  von  Sues  hat  Ende  der  1860er  Jahre
den  bisher  in  dünnerem  Faden  um  Afrika  herum  nach
Süd=  und  Ostasien  eführten  Seeverkehr  in  das  Mittelmeer
  hineingelenkt  und  zu  einem  starken  Strange
verdichlet.  Die  Verdrängung  der  Segelschiffahrt  durch
den  Dampferverkehr  hat  gleichzeitig  das  Hindernis  beseitigt,
  welches  das  Rote  Meer  insolge  seiner  Naturverhältnisse
  bisher  einem  lebhafteren  Verkehr  bot.
In  denselben  Jahren  rang  sich  das  volkreichste  und
am  gentralsten  gelegene  Land  des  Mittelmeergebietes,
Italien,  zur  politischen  Einheit  durch.  Noch  Ende  der
1870er  Jahre  erlangten  die  Balkanstaaten  größere
Freiheit  und  haben  seither  ein  bei  uns  viel  zu  wenig  beachtetes
  rasches  Tempo  ihrer  äußeren  und  inneren  Entwicklung
  eingeschlagen.  Seit  den  1880er  Jahren  hat
Frankreich  unter  Ausnutzung  der  schwierigen  Situation,
  in  die  sich  England  durch  die  Besetzung  Agyplens
  eingelassen  hatte.  Schritt  für  Schritt  sein  Kolonialreich
  im  westlichen  Mittelmeer  ausgebaut  und  schließlich
  hier  durch  Vereinigung  von  ganz  Nordwestafrika
in  seiner  Hand  ein  überragendes  Macht-  und  Wirtschaftsgebiet
  geschaffen  (vgl.  Bd.  I,  S.  93  ff.).  Ferner
drängten  das  große  Bedürfnis  nach  Nahrungsmitteln
in  den  dicht  bevölkerten  Industriegebieten  Nordwesteuropas
  und  die  reiche  Fülle  der  füdrussischen  und
rumänischen  Getreideernten  zum  Ausgleich,  und  dieser
vollzog  sich  ebenfalls  zu  Wasser  durch  das  Mittelmeer=Phie
  hindurch.  Im  letzten  Jahrzehnt  hat  endlich  die

ürkei  mit  der  jungtürkischen  Bewegung  einen  Anlauf
  zu  neuem  Aufschwung  genommen.  Große  Resormen
  wurden  in  Angriff  genommen,  vor  allem  der
Bau  wichtiger  durchgehender  Bahnlinien.  Die  unter
deutscher  Leitung  schon  weit  geförderte  Anatolische  und
die  Baghdadbahn  sind  in  hohem  Maße  geeignet,  dem
türkischen  Reiche  neues  politisches  und  wirtschaftliches
Leben  einzuhauchen.

So  ist  das  Mittelmeer  fast  plötzlich  und  in  unvergleichlich
  größerem  Umfange,  als  man  um  die  Mitle
des  vorigen  Jahrhunderts  irgend  geahnt  hätte,  von
neuem  mitten  in  den  Weltverkehr  gerückt.  Aber  trotzdem
  sind  seine  antike  und  seine  moderne  Stellung  gänzlich
  verschiedem.  Im  römischen  Altertum  lagen  der
wirtschaftliche  und  der  Verkehrsmittelpunkt  im  Mittelmeergebiet
  selbst,  und  es  war  vereinigt  in  einem  Weltreich,
  das  hier  die  Wurzeln  seiner  Kraft  hatte;  heute
liegen  die  bedeutendsten  Zentren  der  Wirtschaft,  des
Verkehrs  und  der  politischen  Macht  außerhalb  des
Mittelmeergebietes,  so  daß  es  bloß  wieder  ein  Durchgangsgebiet
  des  Weltverkehrs  geworden  ist,  aber  unzweifelhaft
  das  wichtigste  der  Erde.  Diese  Entwicklung
hatte  eine  doppelte  Folge,  erstens  erleichterte  sie  auch
das  wirtschaftliche  Aufblühen  des  Gebietes  in  den
Grenzen,  die  der  Mangel  an  Kohle  und  Eisen  bedingt,
zweitens  lenkte  sie  die  politischen  Interessen  der  an

117

diesem  Verkehr  meist  beteiligten  Mächte  auf  das  Mittelmeer
  und  führte  zu  scharsen  politischen  Gegensätzen
zwischen  diesen,  zu  dem  Streben,  die  Kontrolle  des
äußzerst  wichtigen  Verkehrs  ganz  oder  teilweise  in  die
Hand  zu  bekommen.  Diese  Inkresfengegensätze  sind
für  die  politische  Geschichte  des  Mittelmeergebietes  im
letzten  Jahrhundert  immer  enischeidender  geworden,
wobei  die  eigentlichen  Mittelmeerstaaten  meist  eine
mehr  passive  Rolle  gespielt  haben.

Gliederung  und  Verkehrswege.  Durch  die  weit
nach  Süden  in  schlanker  Gestalt  vorspringende  Apenninische
  Halbinsel  mit  Sizilien  wird  das  Mittelmeer
in  ein  westliches  und  östliches  Becken  geschieden.  Die
145  km  breite  Straße  von  Tunis  zwischen  Sizilien
  und  Tunesien  und  die  nur  3  km  breite  Straße
von  Messina  zwischen  Italien  und  Sizilien  setzen  die
beiden  Teile  miteinander  in  Verbindung.  Hier  kann
der  ganze  durchgehende  Verkehr  überwacht  werden,  und
daher  ist  das  Gebiet  dieser  Meeresstraßen  von  größter
politischer  Bedeutung.  Hier  ist  auf  der  afrikanischen
Seite  die  Seeherrschaft  der  Karthager  und  der  Vandalen
  erwachsen,  und  beide  Staalen  waren,  ebensowie
später  die  Araber,  bestrebt,  auch  das  Gegengestade,
Sizilien,  in  ihre  Hand  zu  bekommen.  Hier  grisen  die
Römer  zuerst  nach  Afrika  hinüber  und  schufen  durch
die  Zerstörung  Karthagos  die  Grundlage  für  ihre
Weltherrschaft.  Auf  Sizilien  und  Unteritalien  haben
im  Mittelalter  die  Normannen  ihre  kurzblühende  Seeherrschaft
  gestützt.  Die  Itgliener  haben  versäumt,
neben  Sizilien  auch  Tunis  in  ihre  Hand  zu  bekommen.
Von  dort  aus  bewachen  die  Franzosen,  von  der  Insel
Malta  aus,  mit  ihrem  trefflichen.  stark  befestigten  Hafen,
  beherrschen  seit  1800  die  Engländer  den  Durchgang
  und  die  umliegenden  Küsten.

Das  westliche  Mittelmeerbecken,  das  die
afrikanischen  Atlasländer,  die  Pyrenäenhalbinsel,
Südfrankreich  und  Italien  umrahmen,  hatverhältnismäßig
  einfache,  nur  durch  kleinere  Buchten  gegliederte
Küstenlinien.  Durch  das  französische  Korsika  und  das
italienische  Sardinien  wird  es  in  zwei  Teile  zerlegt,
das  an  kleinen  Inseln  reichere  Turrhenische  Meer  im
Osten  und  das  Balearen-Meer  mit  den  gleichnamigen
spanischen  Inseln  im  Westen.  Auch  Sardinien,  Korsika
  und  Balearen  sind  mit  ihrer  zentralen  Lage  und
ihren  trefflichen  Häsen  wichtige  Stützpunkte  für  eine
Seeherrschaft  und  werden  daher  in  der  Geschichte  immer
  wieder  umkämpft.  Zwei  wichtige  Verkehrsstränge
empfängt  das  westliche  Becken  im  Norden.  Bei  dem
italienischen  Genua  gelangt  unter  Benutzung  des
Paßgebietes  zwischen  Alpen  und  Apenninen  der  eine
Strang  zum  Meere.  Er  setzt  sich  aus  zahlreichen  Fäden
  zusammen,  die  aus  der  dicht  besiedelten,  industriereichen
  Po-Ebene  und  über  die  Alpen  kommen.  Der
andere  Strang  erreicht  bei  dem  französischen  Marseille
  die  Küste.  Er  wird  aus  dem  Rhonegebiet  gespeist
und  steht  auch  mit  dem  atlantischen  Frankreich  durch
zahlreiche  tiefe,  von  Kanälen  und  Bahnen  benutzte
Pforten  in  Verbindung.  In  der  nur  14,6  km  breiten
  Straße  von  Gibraltar  hat  das  Westbecken
nur  eine  schmale,  leicht  zu  beherrschende  Pforte  zum
Atlantischen  Ozean.  Hier  kann  der  gesamte  atlantische
Verkehr  des  Mittelmeers  unterbunden,  das  Mittelmeergebiet
  gänzlich  vom  Ozean  abgesperrt  werden.
Die  prächtige  Bucht  von  Algeciras  und  der  dräuende
Fels  von  Gibraltar  bieten  hierfür  ideale  Stützpunkte.
Darum  istdiese  Stelle  von  einzigartigempolitischen  und
strategischen  Wert.  Seit  170  ist  sie  von  den  Engländern
besetzt  und  als  stark  befestigter  Kriegshafen  ausgebaut.
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        118

Viel  mannigfaltiger  gestaltet  ist  das  östliche  Mittelmeerbecken.
  Zwar  verläuft  die  südliche  und  östliche
  Küstenlinie,  wo  der  Einbruch  des  Meeres  an  die
einförmigelibysch-syrische  Wüstentafel  stößt,  sehr  glatt,
und  nur  die  Kleine  und  Große  Syrte  dringen  als
flache  Golfe  wenig  tief  in  den  Leib  Afrikas  ein,  um
so  reicher  aber  ist  die  Nordseite  des  Meeres  gegliedert.
Im  Nordwesten  springt  trichterförmig  das  Jonische
Meer  zwischen  Süditalien  und  dem  schmalen  Südteil
der  Balkanhalbinsel  ein,  sondert  dort  durch  den  Golf
von  Tarent  die  Halbinseln  Apulien  und  Kalabrien,
trennt  hier  den  Südteil  Griechenlands,  den  reichgegliederten
  Peloponnes  durch  die  langgestreckten  Golfe  von
Patras  und  Korinth  fast  völlig  vom  übrigen  Staate
und  dem  Stamme  der  Balkanhalbinsel.  Leicht  konnte
die  nur  5½  km  breite  Landbrücke  des  Isthmus  von
Korinth  von  einem  Seekanal  durchschnitten  werden,
der  über  den  Golf  von  Agina  das  Jonische  mit  dem
Agäischen  Meer  verbindet,  den  Peloponnes  zur  Insel
macht  und  einen  Seeweg  der  Alten  erneuert.  Vom
Nordende  des  Jonischen  Meeres  führt  die  kaum  76km
breite  Straße  von  Otranto  ins  Adriatische  Meer,
das  zwischen  Italien  und  dem  Rumpfe  der  Balkanhalbinsel
  800  km  tief,  fast  bis  an  den  Südrand  der
Alpen,  in  das  europäische  Festland  eindringt  und  dadurch
  zu  einer  der  wichtigsten  Meeresstraßen  für  Mitteleuropa
  wird,  dessen  Landwege  bei  Triest  und  Fiume
an  die  nördlichste  Adria  anschließen.  Die  kleine  Bucht
von  Brindisi  auf  der  italienischen,  noch  viel  mehr  die
große,  prächtige  Bai  von  Valona  auf  der  Balkanseite
der  Straße  von  Otranto  bieten  vorzügliche  Stützpunkte
  zur  Sperrung  des  adriatischen  Seeweges.

Eine  weitere  Reihe  von  Meeresbecken,  die  Südosteuropa
  von  Kleinasien  scheidet,  gliedert  sich  dem  östlichen
  Mittelmeere  nördlich  von  dem  Inselbogen  an,
der  vom  Südende  des  Peloponnes  nach  Kleinasien
hinüberzieht  und  durch  Kythera,  Kreta,  Karpathos
und  Rhodos  bezeichnet  wird.  Diese  Inselkette  begrenzt
nicht  nur  das  östliche  Hauptbecken  im  Norden,  sondern
weist  auch  einer  uralten  Schiffahrtslinie  den  Weg.
Daher  sind  ihre  Glieder  als  Stützpunkte  einer  Seeherrschaft
  von  Bedeutung.  Besonders  um  Kreta,  die
größte  der  Inseln,  und  um  Rhodos,  wo  unser  Seeweg
  die  Route  der  alten  Küstenfahrer  kreuzt,  wurde
oft  und  heiß  gekämpft.  Die  Reihe  der  erwähnten
Meeresbecken  wird  durch  das  TAgäische  Meer  eröffnet,
  an  dem  Griechenland  im  Westen,  Bulgarien  im
Norden  und  die  Türkei  im  Osten  Anteil  haben.  Von
den  teils  griechischen,  teils  türkischen  Inselschwärmen
der  Sporaden,  Zykladen  und  von  den  thrazischen
Inseln  ist  seine  Fläche  belebt,  reich  sind  seine  Küsten

egliedert.  Die  großen  und  wohlbesiedelten  Flußtäler

s  Hermus,  Cayster  und  Mäander  schließen  den  ganzen
  Westen  Kleinasiens,  Wardar,  Struma,  Mesta  und
Mariga  den  Stamm  der  Balkanhalbinsel  gegen  das
Agäische  Meer  auf,  und  auch  Griechenland  kehrt  ihm
seine  Vorderseite  zu.  So  verbindet  sich  dieses  Meer
mit  seinen  vorwiegend  von  Griechen  bewohnten  Randgebieten
  innerhalb  des  Mittelmeeres  zu  einer  besonderen
  kleineren  Einheit,  die  Philippson  treffend  als  Agäis
bezeichnet.  Auch  hierher  führt  von  Mitteleuropa  ein
bequemer,  mit  Schienen  ausgestatteter  Verkehrsweg.
über  die  Serbische  Morawa,  das  Amselfeld  und  den
Wardar  erreicht  er  bei  Saloniki  das  Meer,  das  zugleich
Endpunkt  der  von  der  Adria  kommenden  alten  Straße
(Via  Egnatia)  ist  und  daher  erhebliche  politische  Bedemung
  besitzt.

Im  Nordosten  stellt  das  Meerengengebiet  die

1I.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Verbindung  mit  dem  Schwarzen  Meere  her.  Es  beginnt
  mit  der  65  km  langen  Meeresstraße  der  Dardanellen,
  die  in  geringer  Breite  (schmalste  Stelle  1,33  km)
zwischen  der  langgestreckten  balkanischen  Halbinsel

allipoli  und  dem  kleinasiatischen  Festlande  zu  den
kleinen,  aber  tiefen  und  gut  gegliederten  Marmarameere
  führt.  Von  hier  leitet  der  stromartige,  fast
30  km  lange  Bosporusins  Schwarze  Meer.  Dieses
ist  nur  an  seiner  Nordseite  stärker  gegliedert,  wo  die
Fastinsel  Krim  die  seichte  Bucht  von  Odessa  im  Osten
umrahmt  und  das  sehr  seichte  Asowsche  Meer  fast
vollständig  abtrennt.  Wie  das  Adriatische  Meer  Mitteleuropa
  vom  Süden  erschließt,  so  eröffnet  die  eben
behandelte  Kette  von  Meeren  und  Meeresstraßen  für
Rumänien,  Südrußland,  Armenien  und  das  nördliche
  Kleinasien  den  Weg  ins  Mittelmeer.  Dieser  Seeweg
  kann  an  den  Dardanellen  und  am  Bosporus  gesperrt
  werden;  er  wird  aber  auch  durch  die  den  Dardanellen
  westlich  vorgelagerte  Insel  Imbros  beherrscht.
Die  Lage  des  alten  Byzanz,  das  seit  seiner  Erhebung
zur  römischen  Hauptstadt  durch  Konstantin  den  Namen
  Konstantinopel  trägt,  bezeichnet  die  Stelle,  wo“
dieser  Seeweg  von  dem  großen  historischen  Landweg
gekreuzt  wird,  der  von  Mitteleuropa  über  Kleinasien
nach  Mesopotamien,  Syrien,  Arabien  und  Agypten
zieht  und  heute  fast  ausnahmslos  Schienen  trägt.
Dadurch  beherrscht  Konstantinopel  einen  der  politisch
und  militärisch  bedeutsamsten  Punkte  des  Mittelmeergebietes.
  Ihm  verdankt  es  eine  seit  2½  Jahrtausenden
  fast  ununterbrochene  Blüte,  aber  auch  fast  unaufhörliche
  Kämpfe.  Seit  mehr  als  1½  Jahrtausenden
ist  es  der  Mittelpunkt  großer  Reiche,  seit  1453  befindet
es  sich  in  türkischen  Gänden.  Seit  Peters  des  Großen
Fieen  strebt  Rußland  nach  seinem  Besitz,  und  dieser

unsch  ist  nicht  nur  die  Quelle  früherer  Kriege  Rußlands
  gegen  die  Türkei,  sondern  auch  eine  der  Hauptursachen
  des  gegenwärtigen  Weltkrieges  (vgl.  S.  56)
geworden.  Denn  seine  Erfüllung  bedeutet  die  Vernichtung
  der  Türkei  und  die  Absperrung  des  einzigen,
von  England  nicht  beherrschten  Weges,  den  Mitteleuropa
  in  die  Welt  hinaus  besitzt.

Aus  dem  Osten  des  Mttelmeergebietes,  dem  Levantinischen
  Becken,  leiten  wichtige  Wege  des  See=  und
Landverkehrs  nach  dem  ferneren  Orient  hinüber.  Im
Südosten  führt  das  langgestreckte  Rote  Meer  zum
Indischen  Ozean.  Nur  eine  schmale  Landbrücke  zwischen
  Agypten  und  der  Sinaihalbinsel  trennt  es  vom
Mittelmeer,  ein  oft  benutzter  Weg  für  friedlichen  und
kriegerischen  Verkehr  und  die  Wanderung  ganzer  Völker,
  aber  ein  Hemmnis  des  durchgehenden  Schiffsverkehrs.
  Darum  wurde  hier  seit  dem  Altertum  wiederholt
  der  Bau  eines  Seekanals  in  Angriff  genommen
und  auch  mehrmals  zu  glücklichem  Abschluß  gebracht,
aber  der  Sand  der  Wüste  hat  ihn  immer  wieder  zugeschüttet.
  Seit  1869  verbindet  der  161  km  lange
und  11  m  tiefe  Sueskanal  von  neuem  beide  Meere.
Er  hat  in  wenigen  Jahren  die  Route  durch  das  Rote
Meerzu  einem  der  am  meisten  befahrenen  Schiffahrtswege
  gemacht.  In  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege
zaben  jährlich  rund  5000  Schiffe  von  20  Mill.  Nettoeg.-Ton.

  den  Kanal  passiert.  Als  nasser  Grabenliegt
er  vor  der  Festung  Agypten,  die  auf  allen  anderen
Seiten  Meere  und  Wüsten  schirmen.  Wer  Agypten
besitzt,  hat  auch  den  Kanal,  und  über  beide  herrscht
seit  25  Jahren  England.  —  Im  Nordosten  führen
in  der  Lücke  zwischen  den  Gebirgssystemen  des  Taurus
  und  Libanon  die  nordsyrischen  Pässe  nach
Mesopotamien.  Seit  uralten  Zeiten  erreicht  über  sie
        <pb n="141" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

einer  der  wichtigsten  Landwege  Vorderasiens  das
Meer,  unmitttelbar  vorher  gequert  von  dem  gleich
dedeutsamen  Weg,  der  Vorderasien  über  die  syrische
Landbrücke  mit  Arabien  und  Agypten  verbindet.
Heute  liegt  hier  im  Kreuzungspunkt  der  Baghdad-und
der  Mekkabahn  Aleppo.  Von  der  See  her  wird  dieses
wochwichtige  Gebiet  durch  die  Insel  Cypern  beherrscht.
Hier  war  die  von  Natur  gegebene  Stelle  für  die  Entwicklung
  eines  Handels-  und  Seefahrervolkes,  zumal
die  Wälder  des  Libanon  ausgezeichnetes  Schiffbauholz
  lieferten.  Darum  konnte  sich  auch  der  phönizische
Handel  zu  seiner  großartigen  Blüte  entwickeln,  darum
sind  die  Syrier  auch  weiterhin  tüchtige  Seefahrer  geblieben.
  Ihrer  foben  Bedeutung  wegen  sind  die  beiden
  Ausgangspforten  der  Levante  seit  den  ältesten
Zeiten  der  Geschichte  immer  wieder  heiß  umstritten
worden.  Sowohl  das  babylonische  wie  das  ägyplische
Reich,  Assyrien  und  Persien,  später  Alexander  und
Rom,  im  Mittelalter  Byzanz,  Araber  und  Türken
haben  um  den  Isthmus  von  Sues  und  um  die  Insel
Cypern  gekämpft,  und  alle  diese  Staaten  haben  wenigstens
  zeitweise  beide  Pforten  und  die  wichtige  Insel
besessen  und  damit  Vorderasien  fest  in  den  Händen
gehabt.  Heute  wird  Cypern  wie  Agypten  von  England
  beherrscht,  das  während  des  Rrieges  jenes  annektiert
  und  über  dieses  seine  Souveränität  ausgesprochen
  hat.

Diese  kurze  Darlegung  Frgt.  daß  das  Mittelmeer
nicht  nur  im  Verkehr  der  Mittelmeervölker  untereinander,
  sondern  im  gesamten  europäischen  Verkehr  eine
hervorragende  Rolle  spielt.  Ein  mächtiger,  von  Mittel.
und  Nordwesteuropa  kommender  Verkehr  tritt  durch
die  Straße  von  Gibraltar  ein  und  zieht  in  zahlreichen
Fäden  nach  den  wichtigsten  Mittelmeerhäfen,  die
Hauptader  aber  führt  nach  dem  Sueskanal  und  dem
ferneren  Orient.  Wichtige  mitteleuropäische  Wege
erreichen  bei  Genua,  Triest,  Fiume,  Saloniki  und
Konstantinopel  das  Mittelmeer,  ein  russisch-rumänischer
  Seeweg  kommt  aus  dem  Schwarzen  Meer  und
weist  vornehmlich  nach  der  Straße  von  Gibraltar,
französische  Schiffahrtsstraßen  führen  von  Marseille
vorwiegend  nach  den  französischen  Atlasländern,
aber  auch  nach  der  Levante  und  dem  Sueskanal.
Diesen  gesamten  Verkehr  vermag  England  zu  überwachen
  und  zu  sperren,  denn  es  besizt  Eingang  und
Ausgang:  Gibraltar,  den  Pfahl  im  Fleische  Spaniens,
und  den  Sueskanal,  den  Franzosen  nach  Plänen
deutscher  und  österreichischer  Ingenieure  auf  türkischem
  Boden  erbauten.  Es  beherrscht  mit  seiner
Flottenstation  auf  dem  rein  italienischen  Malta  die
Straße  von  Tunis,  mit  dem  den  Türken  abgenommenen
  Cypern  den  Seeanschluß  des  Bahnknotens
Aleppo  und  hat  sich  während  des  Krieges  durch  Besetzung
  von  Imbros  die  Kontrolle  über  die  Dardanellen
  gesichert.  Die  überragende  Seemacht  Englands
und  die  natürlichen  Verhältnisse  des  Mittelmeergebietes
  trugen  das  ihre  dazu  bei,  die  englische,  auf

tützpunkte  aufgebaute  Herrschaft  zuverstärken.  Denn
die  Mittelmeerstaaten  vermögen  nur  in  geringem
Maße  ihre  Bedürfnisse  selbst  zu  befriedigen.  Es  fehlen
den  meisten  von  ihnen  fast  gänzlich  Kohle  und  Eisen,
die  Grundlagen  der  Industrie  und  Kriegführung,
und  die  Eigenerzeugung  an  Nahrungsmitteln  genügt
namentlich  in  Italien  und  Griechenland,  den  beiden
ausgesprochensten  Mittelmeerländern,  lange  nicht  dem
Bedarf.  Diese  beiden  Staaten  werden  von  der  englischen
  Herrschaft  auch  deshalb  am  meisten  betroffen,
weil  sie  ausschließlich  von  den  Wassern  des  Mittel-119



meeres  umspült  werden  und  ihre  sehr  langgestreckten
Küsten  nur  schwer  gegen  Schiffskanonen  zu  schützen
vermögen.  Dazukommt  noch,  daß  die  großen  Hafenstädte
  des  Mittelmeers  nicht  wie  die  der  Nordsee
tief  drinnen  in  den  untergetauchten  Mündungen  der
großen  Ströme  liegen  und  dadurch  gegen  Seeangriffe
geschützt  sind.  Denn  die  Mittelmeerflüsse  schütten
allenthalben  Deltas  an,  und  deren  veränderliches
Schwemmland  ist  für  die  Anlage  von  Hafenstädten
wenig  geeignet.  Das  Schicksal  von  Hadria,  Aquileja
und  Ravenna  im  adriatischen  Schwemmland,  von
Ephesus  und  Milet  an  der  Westküste  Kleinasiens  gibt
von  dieser  Tatsache  warnende  Kunde.  So  liegen  fast
alle  großen  Seestädte  an  der  offenen  Küste  oder  nur
an  rundlichen,  zur  Abwehr  einer  feindlichen  Flotte
wenig  geeigneten  Buchten.  Ihre  Hafenanlagen  mußten
  mit  großen  Kosten  in  die  See  hinausgevaut  und
meist  durch  gewaltige  Wellenbrecher  vor  dem  Anprall
der  Wogen  behütet  werden.  Ein  feindlicher  Flottenangriff
  kann  hier  auch  die  schwersten  materiellen  Verluste
  bewirken.  Es  ist  ein  einzigartiger  Vorzug  von
Konstantinopel,  daß  es  durch  die  beiden  Meerengen
vollkommen  geschützt  ist.  Zwar  öffnen  sich  an  nicht
wenigen  Stellen  schöne  untergetauchte  Täler  zum-Meere,
  die  stärkerer  sedimentführender  Flüsse  entbehren
  und  daher  vor  Versandung  bewahrt  bleiben.  Sie
mußten  aber  für  die  Flottenstützpunkte  vorbehalten
bleiben,  da  diese  am  allerwenigsten  auf  natürlichen
Schutz  verzichten  können.  Das  ist  die  Lage  von  Cartagena.
  Toulon,  Spezia.  Tarent,  Brindisi,  Pola,
Sebenico,  Cattaro,  von  Malta,  Nikolajew  und  Sebastopol.
  Manche  dieser  Täler  wären  allerdings  auch
wegen  ihrer  schlechten  Verbindung  mit  dem  Hinterlande,
  wegen  ihrer  vorgeschobenen  Lage  und  bergigen
Ungebung  für  Handelshäfen  wenig  geeignet,  während
  die  beiden  letztgenannten  Umstände  für  einen
Kriegshafen  große  Vorteile  bieten.

Diese  Verhältnisse  wurden  von  der  Entente  benuzgzt,
um  einen  nachhaltigen  politischen  Druck  auf  die
Mittelmeerstaaten  auszuüben  und  namentlich  Italien
und  Griechenland  auf  ihrer  Seite  in  den  Krieg  zu
drängen.  Die  Vergewaltigung  des  kleinen  Griechenlands
  ist  bekannt;  das  größere  Italien  hätte  mehr
gegen  ein  solches  Verfahren  vermocht.  Aber  es  strebte
nach  der  Herrschaft  über  die  kleinere  Adria  unter  Verzicht
  auf  größere  Geltung  im  Mittelmeer.  Darum  besetzte
  es  schon  im  Jahre  1914  Valona  und  schloß  sich
dann  der  Entente  an.  So  waren  bald  nach  Kriegsausbruch
  die  meisten  Zugänge  der  Zentralmächte  zum
Mittelmeer  in  den  Händen  der  Entente  und  durch  das
Gallipoliunternehmen  hoffte  sie  die  Dardanellen  zu
forcieren,  Konstantinopel  zu  besetzen,  die  Verbindung
mit  Rußland  herzustellen  und  die  Einkreifung  zu
vollenden.  Als  dieser  Plan  trotz  Aufwendung  gewaltiger
  Seestreitkräfte  und  eines  großen  Landungsheeres
  an  der  glatten  Außenküste  der  ruhmvoll  verteidigten
  Halbinsel  Gallipoli  unter  den  schwersten
Verlusten  scheiterte,  mußte  wenigstens  die  Besetzung
von  Imbros  für  die  Verschließung  der  Dardanellen
sorgen.  Nach  der  Niederwerfung  von  Serbien,  das
den  Mittelmächten  den  Weg  nach  dem  Südosten  verlegte,
  stand  diesen  allerdings  die  Route  über  Saloniki
feei  Die  Besetzung  auch  dieses  wichtigen  Hafens

urch  die  Entente  schob  dem  einen  Riegel  vor.  So
haben  die  Mittelmächte  von  allen  den  großen  Wegen
ins  Mittelmeer  nur  den  über  Konstantinopel  in  ihrer
Hand.  Die  Unterseeboote  vermögen  allerdings  auch
durch  die  Straßen  von  Gibraltar  und  Otranto  sowie
        <pb n="142" />
        120

durch  die  Dardanellen  zu  fahren.  Sie  allein  vermögen
  die  Seeherrschaft  unserer  Feinde  im  Mittelmeer
zu  gefährden.  Sie  haben  an  der  Gallipolikatastrophe
durch  Versenkungen  einen  hervorragenden  Anteil  gehabt;
  sie  zwingen  das  Ententeheer  in  Saloniki,  das
auch  Serbien  retten  und  die  Verbindung  der  Mittelmächte
  mit  Konstantinopel  unterbrechen  sollte,  durch
Gefährdung  des  Nachschubes  zur  Tatenlosigkeit  und
beeinträchtigen  sehr  weitgehend  die  Versorgung  Italiens
  mit  Kohlen,  Rohstoffen  und  Getreide.  Dagegen
ist  eine  Besetzung  oder  dauernde  Störung  des  Sueskanals
  über  den  mehrere  tausend  Kilometer  langen
Landweg  und  die  Wüste  hinweg  nicht  gelungen.  Ihn
schützt  das  große  Heerlager  Agypten.  Anderseits  haben
  die  Italiener  das  so  nahe  gelegene  Triest  nicht  zu
nehmen  vermocht,  während  sie  selbst  vor  den  Kämpfern
  des  heiligen  Krieges  in  dem  neu  erworbenen
Tripolitanien  zurückweichen  mußten.

Küsten  und  Häfen.  Sehr  verschiedene  Küstentypen
umsäumen  das  Mittelmeer,  und  sehr  verschieden  sind
daher  auch  die  Eignung  für  Siedlung  und  Seeverkehr
  sowie  taktischer  Wert.  —  Spaniens  Küste
innerhalb  der  Straße  von  Gibraltar  ist  größtenteils
ungegliederte  Längsküste,  die  mit  den  großen  Hochflächen
  des  Inneren  nur  wenige  gute  Verbindungen
besitzt.  Ostlich  von  der  prächtigen,  aber  für  Spanien
durch  das  englische  Gibraltar  entwerteten  Bucht  von
Algeciras  verläuft  das  spanische  Südgestade  als  glatte
Steilküste,  die  einige  kleine  Abrasionsbuchten  und
Flußdeltas  nur  ganz  unbedeutend  gliedern.  An  einer
stumpf  einspringenden  Bucht  hat  sich  Malaga  infolge
der  südlichen  Fruchtbarkeit  und  guten  Besiedlung
seines  unmittelbaren  Hinterlandes  zur  größten  Seestadt
  der  Südküste  (130000  Einw.)  entwickelt.  Der
einfach  eingerichtete  Hafen  ist  im  Schwemmland  des
Guadalmedina  ausgehoben  und  gegen  die  See  durch
Molenbauten  erweitert.  Weiter  im  Osten,  wo  wiederholt
  Steil-  und  Flachküste  wechseln,  biegt  der  Golf  von
Almeria  in  das  Land  ein.  In  seinem  Hintergrund
lehnt  sich  an  eine  vereinzelte  Bergkette  die  gleichnamige
  Hafenstadt  an,  deren  recht  primitives  künst.
liches  Hafenbecken  der  Rio  de  Almeria  mit  Versandung
  bedroht.  Von  hier  ab,  von  Cabo  de  Gatabis  Cabo
de  la  Nao,  nimmt  die  Küste  nordöstliche  Richtung
und  häufig  wechselnde  Beschaffenheit  an.  Teils  findet
sich  Flachküste  mit  Dünenwällen,  Strandseen  und
kleinen  Flußdeltas,  teils  tritt  Steilküste  auf  mit  Abrasionsbuchten
  und  hohen  Kliffs,  namentlich  dort,
wo  die  südspanischen  Sierren  gegen  die  Küste  ausstreichen,
  wie  bei  Cabo  de  la  Nao  und  Cabo  de  Palos,  die
beide  als  Halbinseln  gegen  das  Meer  vorspringen.  An
dem  letztgenannten  Vörgebirge  bildet  ein  unter  das
Meer  getauchtes  Tälchen  den  einzigen  guten  Naturhafen
  des  mittelmeerischen  Spaniens,  Cartagena.  Er
wurde  schon  im  Altertum  für  Kriegszwecke  verwertet
und  ist  auch  heute  einer  der  ersten  Kriegshäfen  des
Königreiches.  Er  muß  zugleich  die  überreichen  Bodenerzeugnisse
  der  umliegenden  Huerta  von  Murcia  und
die  Förderung  des  benachbarten  Erzgebietes  von  La
Unioͤn  verfrachten  und  hat  es  daher  zur  Großstadtgröße
  gebracht  (100  000  Einw.).  Viel  geringere  Bedeutung
  hat  der  weiter  nördlich  davon  an  der
Schwemmlandsküste  ins  Meer  hinaus  gebaute  kleine
Hafen  von  Alicante.

Nördlich  von  Cabo  de  la  Nao  bildet  die  Ostküste  in
flach  geschwungenem  Bogen  den  Golf  von  Valencia.
Nur  im  Süden,  wo  die  ob  ihrer  Fruchtbarkeit  berühmte,
  reich  bewässerte  Huerta  von  Valencia  an  ihn

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

herantritt,  ist  er  von  Flachküste  umrahmt.  Hier  liegt
wenige  Kilometer  vom  Meere  am  Guadalaviar  die
Stadt  Valencia  (215000  Einw.).  Das  künstlich  aus.
gehobene  einzige  Becken  ihrer  Hafenvorstadt  lonnte
nur  durch  mehrere  Kilometer  weit  in  die  See  hinaus
gebaute  Molen  mit  einer  geschützten  Reede  versehen
und  einigermaßen  vor  Versandung  bewahrt  werden.
Nördlich  von  der  Huerta  von  Valencia  herrscht  steile
Längsküste,  die  nur  an  wenigen  Stellen  von  Flachküste
  abgelöst  wird,  z.  B.  im  Delta  des  Ebro,  dessen
sumpfiges  Schwemmland  für  den  Verkehr  gänzlich
wertlos  ist,  und  im  Delta  des  Llobregat.  Flachküste
findet  sich  auch,  wo  die  hinter  der  Küstenkette  verlaufende
  katalonische  Längsmulde  ans  Meer  tritt.  Dies
ist  im  Norden  am  Golf  von  Rosas  der  Fall,  wo  fernab
von  der  Küste  die  Festung  Gerona  am  Durchbruch.
des  Ter  den  Eingang  verteidigt,  und  im  Süden  bei
der  Seefeste  Tarragona,  die  nur  einen  kleinen  künstlichen
  Hafen  besitzt.  Ungefähr  halbwegs  zwischen
beiden  Punkten,  nördlich  vom  Llobregat,  der  einen
wichtigen  Verkehrsweg  nach  dem  Inneren  Kataloniens
bietet,  erhebt  sich  Spaniens  größte  Handels-  und  Industriestadt,
  Barcelona.  Die  Halbmillionenstadt  ist
der  Hauptort  eines  ansehnlichen  und  fruchtbaren,  auch
der  Bodenschätze  nicht  entbehrenden  Hinterlandes,
dessen  Kerngebiet  die  katalonische  Längsmulde  bildet.
und  das  die  Betriebsamkeit  des  katalonischen  Stammes
  zur  dichtestbesiedelten  Landschaft  Spaniens  werden
  ließ.  Auch  Barcelona  mußte  seine  Hafenbecken
an  glatter  Küste  erbauen  und  durch  Molenbauten
gegen  See  und  Versandung  schützen.  Dieser  überblick
  zeigt  klar,  wie  schmerzlich  Spanien,  dessen  fruchtbarste,
  industrie-=  und  volkreichste  Provinzen  am  Mittelmeer
  liegen,  die  Tatsache  enipfinden  muß,  daß  die
herrliche  Bucht  von  Algeciras  durch  das  englische
Gibraltar  entwertet  wird.

Die  französische  Mittelmeerküste  ist  von  geringer
  Länge  und  teilweise  auch  von  recht  ungünstiger
Beschaffenheit,  wird  aber  für  Frankreich  wegen  des
raschen  Anwachsens  seines  nordafrikanischen  Kolonialbesitzes
  von  immer  größerer  Bedeutung.  Die  ganze
Westhälfte  bis  einschließlich  des  Deltas  der  Rhone  ist
flache,  für  den  Verkehr  wenig  geeignete  Schwemmlandküste,
  mit  Dünenwällen  auf  der  Seeseite  und
großen  Strandseen  (Etangs)  auf  der  Landseite.  An
einzelne  feste  Punkte  oder  vorgeschobene  Flußmündungen
  legen  sich  die  Schwemmlandsbogen  an.  für
die  namentlich  die  Rhone  das  Material  liefert.  Narbonne,
  die  antike  Seestadt  Narbo  Martius,  liegt  10  km
von  der  Küste  entfernt  und  hat  seine  Bedeutung  seit
langem  ebenso  wie  Arles  im  Delta  der  Rhone  verloren.
  Nur  Cette,  das  sich  an  einen  harten  Kalkfelsen
schmiegt,  spielt  als  Seestadt  noch  eine  kleine  Rolle.
Ostlich  von  der  Rhone  herrscht  dagegen  Steilküste.
Hier  ist  das  Meer  gegen  das  Bergland  der  Provence
vorgedrungen,  teils  seine  Täler  überspülend,  teils
durch  die  Brandung  weichere  Partien  herausarbeitend.
So  entstanden  hier  eine  ganze  Reihe  rundlicher  Buchten
  verschiedenster  Größe,  von  denen  einige  durch  vorelagerte,

  teilweise  durch  Nehrungen  angeschlossene
Insein  einen  besseren  Schutz  besitzen.  Aber  meist  wird
die  Verbindung  mit  dem  Hinterland  durch  dessen  gebirgige
  Beschaßenheit  erschwert.  An  der  westlichsten
dieser  Buchten,  die  noch  nicht  unter  schlechter  Verbindung
  leidet,  ist  Marseille  erblüht.  Durch  die  Größze
seines  mit  dem  übrigen  Frankreich  wohlverbundenen,
fruchtbaren  und  stark  bevölkerten  Hinterlandes  und
die  afrikanischen  Beziehungen  ist  es  die  zweitgrößte
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        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

Stadt  (550000  Einw.)  und  —  beim  völligen  Fehlen
eines  Rivalen  an  der  französischen  Mittelmeerküste
—  der  erste  Hafen  Frankreichs  und  des  Mittelmeeres
(Hafenverkehr  etwa  16  Mill.  Ton.)  geworden.  An
die  kleine,  aber  treffliche  Bucht  des  alten  Hafens,  den
vor  mehr  als  2600  Jahren  die  Phönizier  mit  sche#rfem
Blick  für  ihre  Gründung  auserwählten,  schließt  sich
heute  eine  große  Reihe  künstlicher  Hafenbecken,  die
ein  fast  5  km  langer  Wellenbrecher  gegen  die  offene
See  schirmt.  Marseille,  das  selbst  Befestigungen  besitzt,
  wird  außerdem  von  dem  nahen,  an  einer  schönen
Naturbucht  gelegenen  Kriegshafen  Toulon  (105000
Einw.)  beschützt.  Weiter  östlich  treten  die  Alpen  hart
an  die  Küste  heran,  in  die  sich  nur  ganz  kleine  Buchten
  einkerben.  Hier,  an  der  französisch--italienischen
Riviera,  können  sich  keine  großen  Seestädte  entwickeln,
aber  der  Schutz  des  Gebirges  und  das  rasch  zu  großen
Tiefen  abstürzende  Meer  schaffen  in  herrlicher  Landschaft
  ein  wundervolles  Klima.  So  sind  hier  eine
Fülle  klimatischer  Kurorte  wie  San  Remo,  Mentone,
Monte  Carlo.  Nizza  entstanden,  welch  letzteres  sogar
zur  rasch  anwachsenden  Großstadt  (165  000  Einw.)

eworden  ist,  aber  nur  über  ein  kleines  künstliches
Hofenbecken  verfügt.  Die  benachbarte  kleine  Naturbucht
  von  Villefranche  ist  nicht  ausgebaut.

Italien  wendet  seine  Vorderseite  dem  Mittelmeer
  zu,  seine  Rückseite  der  Adria.  Aus  Mittelmeer
find  seine  Kößten  und  wichtigsten  Landschaften  angegliedert.
  Die  westlichen  zwei  Drittel  der  Po-Ebene,  des
industriereichsten,  dichtestbesiedelten  Teiles  Italiens,
sind  über  Pässe  von  470—780  m  Höhe  an  Genua
(270000  Einw.)  angeschlossen.  Durch  die  Alpenbahnen
  ist  es  zugleich  ein  wichtiger  Hafen  Mitteleuropas
  geworden.  Eine  prächtige,  aber  für  den  rasch
angewachsenen  Verkehr  viel  zu  enge,  durch  kostspielige
Hafenanlagen  ergänzte  Bucht,  an  die  auch  gegenwärtig
  wieder  neue  große  Hafenbecken  angeschlossen
werden,  nimmt  einen  Handel  auf,  der  nahezu  den  der
französischen  Rivalin  erreicht,  obgleich  das  westlicher
gelegene  Savona  trotz  seines  sehr  viel  lleineren  und
primitiveren  Hafens  einen  nicht  unbeträchtlichen  Teil
des  Handels  an  sich  zieht.  Der  Gebirgswall,  der
Genuas  Hinterland  von  der  Küste  trennt,  war  ihm
ein  wertvoller  Schutz  vor  den  politischen  Händeln
Italiens,  als  die  Kreuzzugbewegung  seine  erste  herrliche
  Blüte  und  seine  Seeherrschaft  zur  Entwicklung
brachte.  Wie  Marseille  durch  Toulon,  so  wird  das  von
zahlreichen  Forts  umgebene  Genua  noch  durch  den  am
Ostende  der  Riviera  an  trefflicher  Naturbucht  erbauten
Kriegshafen  Spezia  geschützt.  Auch  die  großen  mittelitalienischen
  Flußgebiete  des  Arnos  und  des  Tibers,
mit  fruchtbaren,  allerdings  nur  im  Norden  dichter  besiedelten
  Gefilden,  öffnen  sichzum  Mittelmeer.  Die  Küste
ist  allerdings  auf  dieser  ganzen  Strecke  außerordentlich
ungünstig;  flache,  sieberschwangere  Schwemmlandbogen,
  die  sich  an  landfestgewordene  hohe  Inseln,  vorspringende
  Bergzüge  oder  vorgeschobene  Flußmündungen
  anlehnen,  geben  ihr  das  Gepräge.  Die  kleinen
  künstlichen  Häfen  unterliegen  der:  ersandung.
Die  mittelalterliche  Handelsstadt  Pisa  am  Arno,  die
einstens  mit  Genua  und  Venedig  rivalisierte,  wurde
nicht  nur  durch  politische  Kämpfe,  sondern  noch  mehr
durch  den  Fluß  um  ihre  Blüte  gebracht;  sie  liegt  heute
mehr  als  10  km  vom  Meere.  Südlich  davon  erhebt
sich  die  moderne  Seestadt  Toskanas,  Livorno  (105000
Einw.),  durch  die  Nähe  von  Spezia  einigermaßen  gesichert.
  Aber  die  kleinen  Hafenbecken  und  die  durch
Wellenbrecher  geschützte  Reede  genügen  nur  bescheide-121



nen  Anforderungen.  Italiens  Hauptstadt,  Rom,  vermag
  sich  im  Tiberdelta  keinen  Seehafen  offen  zu  halten.
  Das  antike  Ostia  liegt  jetzt  6  km  landeinwärts.
Günstiger  gestaltet  sind  die  mittelmeerischen  Küsten
Süditaliens  und  Siziliens,  wenngleich  auf  beträchtliche
  Strecken  glatte,  unnahbare  Steilkliste  herrscht.
Allerdingsliegen  gerade  hier  trotz  üppigster  Fruchtbarkeit
  und  der  reichen  Schwefel=  und  Asphaltgruben  Siziliens
  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  sehr  danieder.
Erdbeben.  Malaria  und  ungesunde  Agrarverhältnisse
haben  eine  starke  Auswanderung  hervorgerufen  und
namentlich  das  Hinterland  des  Golfes  von  Tarent,  die
Basilicata,  stark  entvölkert.  Die  besten  natürlichen  Bedingungen
  gewährt  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen
  der  Golf  von  Neapel.  Er  ist  ziemlich  tief
in  das  Land  eingeschnitten,  durch  die  Inseln  Procida,
Ischia  und  Capri  noch  etwas  besser  geschützt.  von
einem  weiten,  durch  vulkanische  Bodenbedeckung
wunderbar  befruchteten  Hinterland  umgeben.  das
zum  Teil  mehr  als  1000  Menschen  auf  1  qkm  bewohnen
und  das  in  bequemer  Verbindung  mit  der  hafenlosen
römischen  Landschaft  steht.  Hier  erwuchs  an  herrlicher
Naturbucht  im  Altertum  Puteoli  und  der  römische
Kriegshafen  Misenum,  hier  entwickelte  sich  in  einem
Kreis  großer  Siedlungen  Neapel  mit  ¾  Mill.  Einw.
zur  größten  Stadt  Italiens.  Sein  Schiffsverkehr  ist
noch  größer  als  der  von  Genua,  der  Warenumschlag
allerdings  nur  ein  Drittel  so  groß.  Der  Passageverkehr
  gibt  dem  ebenfalls  durh  große  Wellenbrecher
beschirmten  Hafen  sein  Gepräge,  darum  ist  er  auch
lange  nicht  so  ausgebaut  wie  der  von  Genua.  Neapel
ist  selbst  Kriegshafen  und  wird  von  Süden  her  noch
durch  Castellamare  geschützt.  Doch  liegen  diese  Kriegshäfen
  offen  vor  dem  Feinde  da.  Der  südlich  unmittelbar
  anschließende  Golf  von  Salerno  mit  der  gleichnamigen,
  im  Mittelalter  berühmten  Stadt  sei  in
zweiter  Linie  genannt.  Die  drei  Großstädte  Siziliens.
  Palermo  (340000  Einw.),  an  einer  rundlichen
Bucht  der  Nordküste,  Catania  (210000  Einw.).  offen
im  Osten,  und  Messina  (125000  Einw.),  geschützter
an  der  Straße  von  Messina  gelegen,  halten  im  Handelsverkehr
  einander  ungefähr  das  Gleichgewicht.
Palermo  verdankt,  wie  Neapel,  viel  dem  Fremdenverkehr,
  Messina  der  Lage  an  der  Meerenge  und  Catania
  der  fruchtbaren  umgebung  des  Atna.  Der
Ausbau  dieser  Häfen,  die  sich  im  Altertum  an  ganz
kleine  Buchten  knüpften,  läst  viel  zu  wünschen  übrig.
Das  ankike  Syrakus  mit  einem  guten  Naturhafen
hat  nur  noch  geringere  Bedeutung.  Die  ionischen
Küsten  Süditaliens  und  Siziliens  werden  von  dem
an  schöner  Naturbucht  viel  zu  weit  nach  innen  gelegenen
  Kriegshafen  Tarent  nur  ungenügend  geschüßt,
wohl  aber  von  dem  englischen  Malta  beherrscht.

Die  adriatische  Mucseite  Italiens,  zu  der
nur  eine  schmale,  aber  dicht  bevölkerte  Zone  Mittelund
  Süditaliens  entwässert  und  wirtschaftsgeographisch
  auch  von  Oberitalien  nur  das  östliche  Drittel
hingezogen  wird,  beherbergt  von  den  13  Großstädten
Italiens  nur  drei,  und  auch  sie  stagnieren.  Die  Ursache
  liegt  nicht  nur  in  der  geringeren  Größe  des
Wirtschaftsgebietes,  in  der  dünnen  Besiedlung  der
Gegengestade  und  der  Ungunst  der  Küste,  die  im
Norden  im  Bereich  der  Alpenflüsse  veränderliches
Schwemmland  mit  rasch  anwachsenden  Deltas  und
seichten  Lagunen,  weiter  nach  Süden  eine  glatte,  hasenlose
  Längsküste  ist,  sondern  auch  in  der  füdöstlichen
Erstreckung  der  Adria,  die  bei  jedem  Verkehr  durch  die
Straße  von  Gibraltar  zu  sehr  großem  Umweg  zwingt,
        <pb n="144" />
        122

während  die  tyrrhenischen  Häfen  für  beide  Richtungen
gleichbegünstigt  sind.  So  treffen  wir  an  bedeutenderen
  Häfen  nur  Venedig  (160  000  Einw.)  im  Norden,
dessen  Lagune  durch  Ablenkung  der  Brenta  vor  Versaudung
  bewahrt  wurde,  während  die  übrigen  alten
Städte,  wie  erwähnt,  schon  längst  dem  Meere  entrückt
sind.  Alle  Baggerungen  und  Kunstbauten  vermögen
ihm  den  alten  Glanz  nicht  wiederzugeben,  der  seit
Entwicklung  des  atlantischen  Verkehrs  für  immer  verblaßt
  ist.  Doch  sein  Aufblühen  im  Mittelalter  förderte
die  Lagune,  denn  sie  bewahrte  die  Stadt  vor  den  politischen
  Wirren  des  Festlandes  und  der  Dünenwall
hinderte  den  Angriff  von  der  Seeseite.  So  ist  Venedig
auch  heute  Kriegshafen.  Mit  dem  fruchtbaren,  industriellen
  Venetien  als  Hinterland  und  als  vielbesuchte
Fremdenstadt  ist  es  außerdem  der  dritte  Handelshafen
des  Königreiches.  Auf  der  Höhe  von  Livorno  lehnt
sich  an  einen  der  Küste  angegliederten  Kalkfels  der
Kriegshafen  Ancona;  dagegen  weist  das  junge
Schwemmland  beiderseits  des  stumpf  vorspringenden
Monte  Gargano  keinen  größeren  Hafen  auf.  Erst
an  der  steil  abbrechenden  Kreidetafel  Apuliens  treffen
wir  wieder  größere  Häfen,  allerdings  an  glattem
Strande,  z.  B.  Bari  (105000  Einw.),  Barletta  und
Molfetta.  Der  einzige  natürliche,  aber  sehr  engräumige
  Hafen,  der  Kriegslafen  Brindisi,  an  der  Straße
von  Otranto,  wurde  bereits  (S.  118)  erwähnt.

Die  österreichisch-ungarische  Adriaküste
hat  nur  mit  den  Ablagerungen  des  Isonzos,  in  deren
Bereich  auch  die  Lagunen  von  Grado  liegen,  Anteil
an  dem  nordadriatischen  Schwemmland.  Während
sich  auf  der  italienischen  Seite  von  Rimini  bis  zur
apulischen  „Kreidetafel  eine  gehobene  Flachküste  anschließt,
  wird  die  österreichische  Seite  von  Duino  am
Nordende  des  Golfes  von  Triest  bis  zur  Südspitze
Dalmatiens  von  einer  gesunkenen  Steilküste  beherrscht.
Die  äußeren  Ketten  des  Karstes  sind  unter  das  Meer
getaucht  und  in  mehrere  Züge  langgestreckter  Inseln
aufgelöst,  zwischen  denen  sich  tiefe  Meereskanäle  erstrecken.
  Die  Gruppe  der  norddalmatinischen  Inseln,
die  den  Quarnero  erfüllt,  folgt  dem  Verlaufe  der  Küste,
die  süddalmatinischen  streben  in  flachem  Bogen  von
der  Küste  ab  und  ihre  äußersten  kleinen  Ausläufer
nähern  sich  dem  italienischen  Gestade.  Hinter  diesem
Inselschleier  steigt  auf  lange  Strecken  eine  unnahbare
Längsküste  zu  großen  Höhen  empor:  Hochkroatien
fällt  mit  dem  fast  1800  m  hohen  Velebitgebirge  unvermittelt
  zum  Quarnero,  Mitteldalmatien  sinkt  mit
der  ebenso  hohen  Mosor-  und  Biokovo  Planina  steil
zu  den  Kanälen  hinter  den  süddalmatinischen  Inseln
ab.  Nur  in  Norddalmatien  und  auf  der  Halbinsel
Istrien,  die  pultförmig  nach  Westen  abdacht,  legen
sich  niedrigere  Flächen  dem  hohen  Hinterlande  vor,  bae
an  der  Rückseite  des  Golfes  von  Triest  abermals  ans
Meer  tritt.  Ein  schmaler  sanfterer  Sandsteinstreifen
vor  den  steileren  Höhen  des  Kalkes  hat  hier  Raum
für  Triest  (230  000  Einw.)  gegeben,  und  ebenso  knüpft
sich  Fiume  an  eine  schmale,  durch  ein  Flüßchen  belebte
Sandsteinmulde,  dievon  der  Quarneroküste  geschnitten
wird.  Hier  wie  dort  bergen  sich  die  künstlichen  Becken
der  gut  ausgebauten  Häfen  hinter  mächtigen  Wellenbrechern.
  Durchneuegewaltigederartige  Bauten  wurde
die  ganze  Bucht  von  Muggia  in  den  Triester  Hafenbereich
  einbezogen.  An  das  schmale  niedere  Vorland
halten  sich  die  italienischen  Siedlungen,  ohne  es  aber
im  entferntesten  zu  füllen.  Schwalbennestern  gleich  kleben
  sie  an  der  Wasserkante,  Üüberall  nur  die  schwache
Minderheit  der  Landesbevölkerung,  in  Dalmatien  nur

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

2  Proz.  derselben,  worauf  Italien  seinen  Anspruch
baut,  daß  Land  und  Meer  sein  eigen  (mare  nostroz)
sein  müßten.  Das  wirtschaftlich  wertvollere  Vorland
ist  schmal,  das  8  verkarstete  Hinterland  steril,  die
Verbindungen  sind  schlecht  und  nicht  ausgebaut.  Es
gibt  keine  vurchgehende  Längsbahn,  und  zwischen
iume  und  der  Narenta  quert  auf  350  km  Luftlinie
kein  Schienenweg  das  Land.  Die  Bahnen  von  Triest
und  Fiume  müssen  angesichts  des  Meeres  Hunderte
von  Metern  emporsteigen,  die  schmalspurige  Narentabahn
  muß  das  schwierige  Durchbruchstal  dieses  Flusses
  benutzen  und  auf  der  Wasserscheide  noch  auf  fast
900  m  ansteigen.  Diesschafftnicht  nur  Nachteile  für  die
Landesverteidigung,  sondern  auch  für  die  Wirtschaft
der  Küstenländer.  Die  Bevölkerung  ist,  abgesehen
vom  Triester  Golf,  dünn,  die  Siedlungen  sind  klein.
Um  so  günstiger  liegen  die  Verhältnisse  für  die  Verteidigung
  zur  See.  Der  Inselschleier  ermöglicht  es.
die  Flotte  oder  Flottenteile  uneingesehen  vom  Feinde
entlang  der  Küste  zu  verschieben;  die  untergetauchten,
vielfach  durch  vorgelagerte  Inselchen  und  schmale  Eingänge
  geschützten  Täler  und  Gebirgsmulden  sind
treffliche  Kriegshäfen.  So  liegt  Pola  an  der  Südspitze
Istriens,  beschützt  dieses  niedrige  Land,  flankiert  in
gleicher  Weise  die  Einfahrt  nach  Triest  wie  nach  Fiume.
o  liegt  Bucari  im  Quarnero,  und  in  ähnlicher  Lage
schützt  Sebenico  Norddalmatien.  Einen  unvergleichlichen
  Kriegshafen  bildet  ganz  im  Süden  die  große,
aus  einem  System  untergetauchter  Längs=  und  Quertäler
  zusammengesetzte,  von  Franzosen  und  Montenegeinern
  mehrmals  vergeblich  angegriffene  Bucht  von
attaro,  allerdings  erst  zu  vollem  Wert  seit  Erstürmung
  des  montenegrinischen  Loveen  (1760  m)  erwachfen,
  der  sie  von  Südosten  beherrscht,  während  sie
von  Nordwesten  der  herzegowinische  Orjen  (1895  m)
flankiert.  Diese  Tatsachen  ermöglichen  die  rfolgreiche
Verteidigung  der  langgestreckten  Küste  gegen  einen  zur
See  weit  überlegenen  Gegner,  der,  17  genügende
Stützpunkte  auf  der  italienischen  Seite,  einen  außerordentlich
  langen  und  gefährlichen  Flankenmarsch  ausführen
  müßte,  um  die  wichtigen  Plätze  am  Nordende
zu  erreichen.  Er  hat  es  auch  gar  nicht  versucht,  und
Seeangriffe  auf  Triest  und  Fiume  sind  unterblieben,
nur  Lissa,  Ragusa  und  Cattaro  wurden  beschossen.  Dagegen
  hat  die  österreichisch-ungarische  Flotte  von  ihren
F#e#ichen,  ilber  die  ganze  Küste  verteilten  Stützpunkten
aus  wiederholte  Streifzüge  gegen  italienische  Küstenplätze
  von  Venedig  bis  Otranto  unternommen,  soar
  die  Kriegshäfen  mehrmals  beschossen  und  wiederor
  die  hart  am  Meere  entlang  geführte  Hauptbahnlinie
  Rimini-Brindisi  unterbrochen.  Auf  dem  Lande
steht  die  italienische  Front  trotz  zweijährigen  Kampfes
noch  ungefähr  am  selben  Platze,  nämlich  dort,  wo  an
der  Linie  Duino-Görz-Tolmein  mit  dem  Steilabfall
des  Karstes  die  eigentlichen  Schwierigkeiten  beginnen.
Montenegro  wird  durch  den  süddalmatinischen
Küstenstreifen  fast  ganz  vom  Meere  adgeschnitten  und
gbt  nur  zwischen  dem  österreichischen  Spizza  und  der
rinmünduug  einen  kleinen  Küstenanteil  mit  den
offenen  Reeden  von  Antivari  und  Dulcigno.  Sein
natürlicher  Ausgang  zum  Meere  führt  übrigens  nicht
über  österreichisches  Gebiet,  sondern  über  die  Niederung
  des  Skutarisee  nach  dem  albanischen  Dringolfe.
Das  im  Anschluß  an  die  Balkankriege  gegründete
Fürstentum  Albanien  umsäumt  endlich  das  letzte,
südlich  gerichtete  Stück  der  adriatischen  Ostküste  vom
Dringolfe  bis  zur  Straße  von  Otranto  und  die  ionische
Küste  bis  Korfu  und  umfaßt  das  zugehörige  Hinter-
        <pb n="145" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

land,  allerdings  ohne  diehydrographischen  und  ethnographischen
  Grenzen  überall  zu  erreichen.  Die  Küste
schneidet  hier  unter  spitzem  Winkel  die  dinarischen
Ketten,  deren  kliffumsäumte  Enden  Vorgebirge  bilden,
zwischen  denen  das  Meer  aus  den  Aufschüttungen
der  Flüsse  flache  Schwemmlandbogen  mit  Strandseen
  geformt  hat.  Außer  der  schönen  Bucht  von  Valona,
  deren  Hintergrund  ein  kräftigerer  Fluß  fehlt,
gibt  es  keinen  gulen  Hafen.  Die  Verbindung  mit  dem
weiteren  Hinterlande  ist  schlecht.  In  Nordalbanien
kann  das  enge,  tiefe  Durchbruchstal  des  Drin  nur
auf  kurze  Strecken  von  dem  unbequemen  Verkehrsweg
  benutzt  werden,  der  vom  Amselfeld  (Altserbien)
zum  Dringolf  zieht,  die  alte  Via  Egnatia  Südalbaniens,
  die  von  Durazzo  über  die  mazedonischen  Seen
und  Monastir  nach  Saloniki  zieht,  kann  zwar  das
Quertal  des  Skumbi  verfolgen,  muß  aber  dreimal
zu  großen  Paßhöhen  ansteigen.  Der  schweren  Zugänglichkeit
  von  See  aus  und  den  schlechten  Hinterlandsverbindungen
  danken  die  freiheitsliebenden,  tapferen
  Albaner  von  jeher  den  geringen  Einfluß  jeder
Fremdherrschaft,  aber  auch  ihre  kulturelle  Rückständigkeit.
  Wie  Montenegro  so  ist  auch  fast  Cam  Albanien
heute  von  Österreich-Ungarn  durch  Einmarsch  von
Norden  her  besetzt  und  die  Italiener  sind  bis  zur
Vojusa  zurückgedrängt,  halten  allerdings  auch  die
wichtige  Bucht  von  Valona.

Den  schmalen  Südteil  der  Balkanhalbinsel  nimmt
Griechenland  ein.  Durch  den  Krieg  mit  der  Türkei
  (1897)  hatte  es  seine  ionische  Grenze  über  Südepirus
  bis  nach  Korfu  vorgeschoben;  während  des  gegenwärtigen
  Krieges  hat  es  auch  Nordepirus  besetzt
und  ist  dadurch  wiederholt  in  Konflikt  mit  Italien  geraten,
  dem  es  ein  Mitbewerber  im  Mittelmeer  zu  werden
  droht.  Die  Balkankriege  haben  ihm  das  südliche
Mazedonien  und  damit  eine  Erweiterung  seines
ägäischen  Küstenbesitzes  bis  zur  Mündung  der  Mesta
gegenüber  der  Insel  Thasos  gebracht.  Dadurch  ist
es  Herr  des  wichtigen  Saloniki  geworden  (vgl.  S.  118;
175000  Einw.,  über  die  Hälfte  Spaniolen),  das  im
Hintergrunde  des  gleichnamigen  Golfes  in  fruchtbarer
  Umgebung,  aber  abseits  der  Anschwemmungen
des  Wardar  liegt  und  die  Wege  nach  der  Donau  und
zur  Adria  in  seiner  Hand  hält.  Griechenland  hat
damals  auch  die  reichgegliederte  Halbinsel  Chalkidile
und  die  Buchten  von  Orfani  und  Kawalla  erhalten;
letztere  ist  durch  die  Insel  Thasos  geschützt  und  neben
Saloniki  der  beste  Hafen  an  der  Nordküste  des  Agischen
  Meeres.  Alt-Griechenland  it  vorwiegend  von
Steilküsten  umrahmt;  ihre  reiche  Gliederung  ist  aus
dem  llassischen  Unterricht  geläufig.  Einbrüche  der
Erdkruste  haben  hervorragenden  Anteil  daran.  Sie
haben  die  nach  Kleinasien  hinüberstreichenden  Ketten
quer  abgeschnitten  und  dadurch  namentlich  auf  der
ägäischen  Seite  die  griechischen  Landschaften  überall
mit  dem  Meere  in  Beziehung  gesetzt,  während  die
ionische  Seite  dem  Streichen  der  dinarischen  Ketten
ungefähr  parallel  läuft  und  daher  gegen  die  See  viel
abgeschlossener  ist.  Allerdings  durchdringt  gerade
von  hier  aus  der  Golf  von  Patras  und  Korinth  fast
das  ganze  Land,  und  an  ihm  liegt  auch  die  zweite  Seestadt
  des  Landes,  Patras,  deren  künstlicher  Hafen
vorwiegend  Korinthen  verfrachtet.  Aber  im  Osten
lag  von  jeher  das  Schwergewicht  Griechenlands,  liegt
auch  heute  seine  Hauptstadt  Athen,  ungefähr  im  Mittelpunkt
  des  griechischen  Sprachgebietes,  das  die  Küsten
und  Inseln  der  Agäis  umfaßt,  und  an  jener  vielbenutzten
  Schiffahrtsstraße  des  Altertums,  die  unter  Be-123



nutzung  der  Sporaden  und  Zykladen  von  Vorderasien
kam  und  über  die  Golfe  von  Agina  und  Korinth  nach
Westen  zog,  da  der  Weg  um  das  stürmische  Südende
des  Peloponnes  tunlichst  vermieden  wurde.  Mit  seinem
  Hafen  Piräus,  der  eine  lleine,  aber  prächtige
Naturbucht  umrahmt,  zählt  die  Stadt  270000  Einw.
In  dem  gegenwärtigen  Kriege  hat  Griechenland
schwer  unter  der  Vergewaltigung  durch  die  Entente
u  leiden,  die  wichtige  Teile  griechischen  Bodens  besett
  und  die  Teilnahme  des  Landes  am  Kriege  erzwungen
  hat.  Denn  Griechenland  ist  durch  den  Mangel
an  Nahrungsmitteln,  Kohle  und  Eisen,  durch  seinen
Inselbesitz  und  die  reiche  Gliederung  des  Hauptlandes,
das  die  Mehrzahl  der  größeren  Siedlungen  samt  der
Hauptstadt  der  Drohung  feindlicher  Schiffskanonen
aussetzt,  gegenüber  Bedrückungen  durch  einen  seebeherrschenden
  Gegner  in  übler  Lage.  Den  Verkehr
mit  einem  Hauptteil  des  Landes,  dem  22000  qkm
großen  Peloponnes,  vermag  eine  übermächtige  feindliche
  Flotte  völlig  zu  verhindern.

Durch  die  Balkankriege  hat  auch  Bulgarien  einen
Ausgang  zum  Agäischen  Meer  erhalten,  der  die  Küste
zwischen  den  Mündungen  der  Mesta  und  Maritza
umfaßt,  wo  der  kurze  türkische  Küstenstreifen  bis  zur
Südspitze  von  Gallipoli  anschließt.  Der  bulgarische
Anteil  an  der  Agäis  ist  verhältnismäßig  schmal,  in
der  Nähe  der  Flüsse  durch  Anschwemmungen  wertlos
  und  auch  im  mittleren  Teil  glatt  und  hafenlos.
Dede  Agatsch,  das  entlang  der  Noriga  Eisenbahnanschluß
  an  die  Linie  Berlin-Konstantinopel  und
westlich  nach  Saloniki  besitzt,  hat  nur  eine  offene
Reede,  die  Bucht  von  Porto  Lagos  ist  sehr  seicht.
Ebenfalls  kurz,  doch  günstiger  ausgestaltet  ist  die
Küste  Bulgariens  am  Schwarzen  Meere;  denn  hier
dringt  beiderseits  des  Vorgebirges  Emine  Burun,
an  dem  die  Ketten  des  Balkans  vom  Meere  abgeschnitten
  werden,  die  See  in  die  Niederungen  und  Täler
des  Landes  ein  und  bildet  im  Süden  die  rundliche
Bucht  von  Burgas,  im  Norden  den  kleineren  Einschnitt
  von  Warna.  Zwar  leidet  auch  diese  Küste  unter
Versandung.  aber  die  Verbindung  mit  demdurch  Bahnen
  angeschlossenen  Hinterlande  ist  vorzüglich,  da  die
beiden  großen  bulgarischen  Landschaften,  Ostrumelien
und  Altbulgarien,  zum  Schwarzen  Meere  ausstreichen.
Die  wiederholte  Beschießung  der  gut  befestigten  Häfen
Burgas  und  Warna  durch  die  russische  Flotte  hatte
bisher  ebensowenig  Erfolg,  wie  das  mehrmalige  Bombardement
  der  ägäischen  Häten  durch  die  Engländer.

Rumäniens  Küste  umfaßt  das  sumpfige  Donaudelta
  und  die  Gestade  der  aus  festen  Gesteinen  aufebauten,

  höheren  Dobrudscha.  Im  zweiten  Balkanrieg
  hat  es  auf  Kosten  Bulgariens  seinen  Meeresanteil
  um  mehr  als  80  km  ausgedehnt.  Die  Küste
ist  allerdings  auch  heute  noch  im  Verhältnis  zur  Fläche
des  Landes  klein  und  außerdem  sehr  ungünstig  gestaltet,
  denn  die  an  ihr  entlang  wandernden  Donausedimente
  verschließen  alle  Zugänge  durch  langgezogene
  Strandwälle,  hinter  denen  große  Strandseen
angestaut  sind.  Das  befestigte  Konstanza,  der  einzige
Hafenplatz  von  Bedeutung,  verfügte  ursprünglich  bloß
über  eine  flache  Bucht  und  mußte  mit  großen  Kosten
ausgebaut  werden.  Seine  Bedeutung  beruht  auf  seiner
vorzüglichen  Verbindung  mit  dem  an  Getreide  und
Petroleum  reichen  walachischen  Hinterlande.  Sie
benutzt  eine  die  Dobrudscha  querende  Tiefenlinie,  die
schon  im  Altertum  zur  Anlage  der  Trajanswälle
Veranlassung  gab  und  heute  einen  Schienenweg  trägt.
Bei  Tschernawoda  erreicht  sie  die  Donau  und  über-
        <pb n="146" />
        124

schreitet  sie  auf  der  einzigen  Brücke,  die  diesen  Strom
unterhalb  von  Belgrad  quert.  Darum  wardieser  feldmäßig
  ausgebauten  Linie  auch  im  gegenwärtigen
Krieg  eine  bedeutsame  Rolle  zugedacht.  aber  rasch
brach  sich  die  russisch-rumänische  Verteidigung  an  dem
Ungestüm  der  Angreifer,  und  damit  fielen  auch  Konstanza
  und  die  ganze  Dobrudscha  in  die  Hände
Mackensens.

Rumäniens  Beziehung  zum  Meere  wird  dadurch
wesentlich  verbessert,  daß  es  in  der  durch  eine  internationale
  Kommission  wohl  regulierten  unteren
Donau  den  am  weitesten  stromaufwärts  befahrbaren
Strom  des  Mittelmeergebietes  besz.  Allerdings  wird
der  Wert  der  unteren  Donau  für  Rumänien  dadurch
wesentlich  herabgesetzt,  daß  die  Großmacht  Rußland
mit  dem  1878  Rumänien  entrissenen  Beßarabien
das  Nordufer  des  Stromes  bis  zur  Mündung  des
Pruth  beherrscht.  Etwas  oberhalb  dieser  Stelle  liegen
dort,  wo  beiderseits  der  Serethmündung  festes  Land
von  links  her  an  den  Strom  tritt,  die  einst  gegen  die
russische  Gefahr  stark  befestigten,  mit  trefflichen  Hafenund
  Speicheranlagen  ausgestatteten  rumänischen
Donauplätze:  Galatz,  der  Hafen  der  Moldau,  Bräila,
der  Hafen  der  Walachei.  Zwischen  beiden  Städten  und
weiter  an  der  ausgezeichneten  Verteidigungslinie  des
Sereth  entlang,  der  die  beiden  Landschaften  scheidet,
verläuft  seit  dem  Herbst  1916  die  Front.  Weiter  nach
Osten  folgt  sie  dem  steilen  Nordabfall  der  Dobrudscha.

egen  den  Donaustrom,  den  die  Befestigungen  von
dacin,  Isaccea  und  Tulcea  bewachen,  während  auf
der  russischen  Seite  Ismas  liegt.

Rußlands  Küsten  umrahmen  das  Schwarze
Meer  im  Norden.  Das  niedrige,  flache  Land  rings
um  die  Bucht  von  Odessa  und  am  Asowschen  Meer
ist  gesunken,  und  die  Unterläufe  der  zahlreichen  hier
mündenden  Flüsse  wurden  in  schlauchförmige,  meist
seichte  Buchten,  Limane,  verwandelt.  Nur  die  wasserreichsten
  Ströme  vermochten  ihre  Mündung  offen  zu
halten,  die  anderen  wurden  von  Nehrungen  geschlossen
  und  in  Salzseen  verwandelt.  Die  Limane  und
die  oft  weit  in  die  See  hinausgebauten,  bis  über
100  km  langen  Nehrungen  sind  die  vornehmlichsten
Kennzeichen  dieser  Küste.  Die  Hafenverhältnisse  sind
daher  nicht  besonders  günstig,  aber  der  Handelsverkehr
  ist  sehr  bedeutend,  da  von  hier  aus  die  reichen
Getreideernten  Südrußlands  sowie  Eisenerze  und
Kohlen  des  Dongebietes  verfrachtet  werden.  Die  Ausfuhr
  übertrifft  weitaus  die  Einfuhr.  Am  Nordwestende
  der  Bucht  von  Odessa  liegt  an  einer  flachen,  durch
kostspielige  Molenbauten  zum  Hafen  umgewandelten
Bai  vas  erst  1794  gegründete  Odessa  (620000  Einw.),
in  freilich  weitem  Abstande  von  Riga  die  zweite
Handelsstadt  des  russischen  Reiches,  die  auch  über
größere  industrielle  Unternehmungen  verfügt.  Ihr
egenüber  öffnet  sich  der  stark  befestigte  Liman  des
njepr,  der  den  schmalen,  aber  tiefen  Bugliman  mit
dem  Hauptkriegshafen  Rußlands  am  Schwarzen
Meer,  Nikolajew  (100000  Einw.),  aufnimmt.  JFast
50  Seemeilen  von  der  offenen  See  entfernt,  ist  Nikolajew
  selbst  gegen  Seeangriffe  geborgen  und  schützt
zugleich  das  offen  gelegene  Odessa.  Esistebenso  wie  die
rasch  wachsende  Handelsstadt  Cherson  am  Unterlauf
des  Dujepr  eine  Gründung  vom  Ende  des  18.  Jahrhunderts,
  hat  bedeutende  Werften  und  steht  in  der
Getreideausfuhr  Odessa  am  nächsten.  Das  ältere
Akkerman  am  seichten  Liman  des  Dnjestr  konnte  dieser
Entwicklung  nicht  folgen.  Im  Asowschen  Meere,  dessen
schmalen  Eingang  die  Festungswerke  der  Hafen-  und

4U—

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Fischereistadt  Kertsch  verteidigen,  liegen  eine  Reihe
mittlerer  Handelsplätze  (Mariupol,  Jeisk,  Berdjaust),
im  Nordostzipfel  die  größte,  Taganrog,  der  Vorhafen
von  Rostow  am  Unterlauf  des  Don  (170000  Einw.),
das  auch  Werften  und  sonstige  lebhafte  Industrie  besitzt.
  Nur  von  kleinen  Brandungsbuchten  zernagte
Steilküste  begleitet  dagegen  den  Abfall  des  1500  m
hohen  Jailagebirges  auf  der  Südostseite  der  Krim.
Hier  liegen  im  Schutz  des  Gebirges  Rußlands  klimatische
  Kurorte  (Jalta,  Livadia  u.  a.),  gegen  Osten  der
Handelshafen  Feodosia,  am  Südende  der  Halbinsel
Festung  und  Kriegshafen  Sebastopol,  nach  der  Lage
und  Schönheit  seiner  tief  eindringenden  Bucht  mit
Pola  vergleichbar.  Mit  einer  glatten  Steilküste  fällt
jenseits  der  Straße  von  Kertsch  und  der  Kubanmündung
  der  Kaukasus  zum  Meere  ab,  der  sich  im  Südosten
  angesichts  des  Meeres  zu  4000  m  hohen  gletscherbedeckten
  Höhen  erhebt.  Nur  im  Nordwesten  ist  die
kleine  Bucht  von  Noworossijsk  eingeschnitten  und  steht
durch  eine  von  der  Bahn  benutzten  Lücke  in  dem  noch.
niedrigen  Gebirge  mit  dem  Hinterlande  in  Verbindung.
  Aber  der  Hafen  ist  wegen  seiner  eisigen  winterlichen
  Fallwindeberüchtigt.  Am  Ostendedes  Schwarzen
Meeres  haben  in  dem  Dreieck  zwischen  Kaukasus  und
dem  Hochlande  von  Armenien  die  kleinen,  aber  wasserreichen
  Flüsse  eine  fruchtbare,  aber  fieberschwangere
Niederung  aufgeschüttet,  die  infolge  des  Gebirgsschutzes
  fast  subtropisches  Klima  genießt.  Die  befestigten
  Hauptorte  der  glatten  Küste  Suchum,  Poti
und  Batum  sind  aber  klein  geblieben.

Kein  Mittelmeerstaat  hat  einen  so  großen  Küstenbesitz
  wie  die  Türkei.  Ihr  gehört  mit  Kleinasien
die  ganze  Südküste  des  Schwarzen  Meeres,  eine  fast
ungegliederte  Längsküste,  die  bloß  durch  einige  Ueine
Küstenvorsprünge  und  die  vorgeschobenen  Deltas  des
Kisil  Irmak  und  Jeschil  Irmak  unterbrochen  ist.  Sie
steht  über  die  hohen,  bewaldeten  Küstenketten  hinweg,
die  von  den  Flüssen  in  engen  Schluchten  durchbrochen
werden,  mit  dem  Inneren  nur  in  sehr  schlechter  Verbindung.
  An  offener  Reede  erhebt  sich  im  östlichen
Drittel  der  wichtigste  Hafenplatz,  Trapezunt.  Zu
seinem  Hinterlande  gehören  Türkisch-Armenien  und
Nordwestpersien,  mit  denen  es  durch  wichtige  Karawanenstraßen
  (Erzerum-Täbris)  verknüpft  ist.  Viel
unbedeutender  sind  Riza,  Kerason,  Samsun  u.  a.
sowie  das  auf  einer  Halbinsel  in  der  Mitte  der  Küste
gelegene  Sinob  und  Benderegli  im  Westen,  in  dessen

dähe,  unmittelbar  am  Meere,  die  wichtigsten  Steinkohlengruben
  der  Türkei  sich  befinden.  So  schutztlos
diese  Küstenstädte  feindlichen  Flottenangriffen  ausgesetzt
  sind,  zumal  auch  der  Küste  entlang  ein  leistungs.
fähiger  Verkehrsweg  fehlt,  so  schwierig  wäre  anderseits
  ein  Vordringen  von  dieser  Küste  aus  gegen  das
Innere.  So  haben  denn  auch  die  Russen,  die  mit
ihrer  überlegenen  Flotte  trotz  der  kühnen,  gegen  Odessa,
Sebastopol,  Feodosia,  Noworossiisk  und  Batum  gerichteten
  Vorstöße  von  „Goebene  und  „Breslau=  die
Seeherrschaft  im  Schwarzen  Meer  erlangt  haben,  nur

elegentlich  einige  türkische  Seestädte  beschossen.  Den
Einmarsch  nach  Kleinasien  haben  sie  aber  zu  Lande
versucht,  wo  sie  auch  Trapezunt  und  Erzerum  in  ihre
Gewalt  zu  bringen,  aber  aus  dem  armenischen  Hochlande
  bisher  nicht  herauszutreten  vermochten.  —  Zwischen
  die  Nord=  und  Westküste  Kleinasiens  schaltet  sich
das  Meerengengebiet  mit  dem  tief  eingebrochenen
und  gut  gegliederten  Marmarameer  ein,  das  seit  den
Balkankriegen  auf  der  europäischen  Seite  nur  mehr
von  einem  kleinen  Reste  türkischen  Gebietes  —  dem
        <pb n="147" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

Wilajet  Adrianopel  östlich  von  der  Maritza  —  umgeben
  ist.  Zahlreiche  kleine  Seestädte  beleben  seine
Gestade,  darunter  am  Nordufer  des  Marmarameeres
Rodosto,  am  inneren  Dardanelleneingang  der  Kriegshafen
  Gallipoli,  am  Südufer  Mudania,  der  Hafen
von  Brussa,  Ismid  u.  a.  Am  Eingange  des  Bosporus
  vom  Marmarameere  her,  auf  der  Halbinsel,  die
auf  der  europäischen  Seite  durch  das  untergetauchte
Tal  des  Goldenen  Horns  abgegliedert  wird,  erhebt
sich  an  Stelle  des  alten  I#anz  die  Millionenstadt
Konstantinopel,  jenseits  des  Goldenen  Horns  von  den
Städten  Galata  und  Pera,  auf  der  asiatischen  Bosporusseite
  von  Skutari  umgeben,  in  großartiger,
schon  oben  (S.  118)  gewürdigter  Weltlage.  Die
Hauptstadt  der  Türkei  ist  auch  ihre  größte  Hondelsstadt.
  über  20000  Schiffe  von  fast  20  Millionen  Tonnen
  verkehren  jährlich  im  Goldenen  Horn,  der  trefflichen,
  von  den  heftigen  Strömungen  des  Bosporus
verschonten,  aber  leider  der  Handelsanlagen  fastvöllig
entbehrenden  Hafenbucht  Konstantinopels.  —  Wie
Griechenland  so  ist  auch  Kleinasien  zur  Agäis  geöffnet,
und  darauf  beruhen  die  seit  dem  Altertum  andauernden
  Beziehungen  der  beiden  Länder.  Zur  Westküste
Kleinasiens  steigt  man  von  den  Hochflächen  des
Inneren  bequem  herunter,  zu  ihr  wendensich  größere,
an  breite  Grabenbrüche  geknüpfte  Flüsse,  deren  fruchtbare
  Ebenen  eine  dichte,  mit  Landbau  und  Teppichknüpferei
  emsig  beschäftigte  Bevölkerung  beherbergen.
Als  Querküste  ist  sie  recht  reich  gegliedert  und  außerdem
  durch  vorgelagerte  Inseln  geschützt.  Im  Altertum
  blühten  hier  eine  ganze  Reihe  von  Städten.  Im
Norden  bewachten  Troja  und  später  Alexandria  Troas
die  Dardanelleneinfahrt,  im  Süden  beherrschten,  auf
weit  vorgeschobenen  Halbinseln,  Halikarnassos  und
Cnidos  die  lebhafte  Küstenschiffahrt,  die  damals  zwischen
  Küste  und  Inseln  hindurch  von  Syrien  nach
dem  Norden  ging;  darum  erwuchsen  auch  die  Hauptorte
  der  Inseln  (Mytilene,  Chios,  Samos,  Cos,
Rhodos)  an  ihrer  Innenseite,  darum  suchten  auch
die  Seestädte,  die  ihre  Entwicklung  den  großen  Flußebenen
  und  der  Beziehung  zum  weiteren  Hinterlande
verdankten,  tunlichst  Landvorsprünge  auf,  so  Cyme
und  Phocaea  im  Hermusgebiet  und  Miletus  im  Gebiet
  des  Mäander.  Trotzdem  ist  des  letzteren  Blüte
durch  die  Anschwemmungen  des  Flusses  ebenso  vernichtet
  worden  wie  die  des  weiter  einwärts  gelegenen
Ephesus  durch  die  Sedimente  des  Cayster.  Heute,
wo  die  Wege  der  Kleinschiffahrt  verlassen  sind,  die
Großschiffahrt  nur  weniger,  aber  um  so  besser  ausgerüsteter
  Stützpunkte  bedarf,  hat  allein  Smyrna
(275000  Einw.)  Bedeutung.  Es  liegt  im  innersten
Winkel  eines  prächtigen  Golfes,  den  die  Ablenkung
des  Hermus  bisher  vor  der  Zuschüttung  bewahrte  und
Sperrforts  vor  seindlichen  Flottenangriffen  schützen.
Die  Stellung  der  Stadt  wird  noch  dadurch  gestärkt,
daß  sie  der  Endpunkt  eines  Bahnnetzes  ist,  das  sie  mit
den  drei  großen  Flußebenen  und  mit  der  Anatolischen
Bahn  (bei  Afiun  Karahissar)  verbindet.  Smyrna
ist  so  die  zweite  Seestadt  des  türkischen  Reiches  geworden;
  sein  von  einem  mächtigen  Wellenbrecher  geschirmter
  Hafen  ist  klein  und  ungenügend  ausgebaut.  —  Die
Südküste  Kleinasiens  ist  wie  die  Nordküste  vorwiegend
  steile  Längsküste  mit  schmalem  Hinterlande
und  schlechter  Verbindung  nach  dem  Inneren,  aber
reich  an  Schlupfwinkeln  für  Seeräuber,  die  seit  dem
Altertum  hier  immer  wieder  ihr  Unwesen  trieben.
Doch  dringt  im  Westen  der  Golf  von  Adalia  mit  der
gleichnamigen  Seestadt  stumpf  ein,  im  Osten  bauen

125

Seihun  und  Dschihan  die  weite  Deltaebene  von
Adana  vor,  die  durch  die  cilicische  Pforte  Verbindung
mit  dem  Hinterlande  besitzt.  Sie  weist  ebenso  wie  die
Flußebenen  Westkleinasiens  lebhaften,  aber  noch  starker
  Ausdehnung  fähigen  Baumwollenbau  auf  und
wird  von  der  Baghdadbahngeschnitten,  die  von  Adana
eine  Seitenlinie  nach  dem  an  offener  Reede  erbauten
Hafenplatz  Mersina  entsendet.  —  In  scharfem  Winkel
biegt  die  Küste  nach  Süden  um,  den  Golf  von  Iskenderun
  (Alexandrette)  bildend.  Auch  die  syrische
Küste  ist  eine  Längsküste,  die  nur  kleine,  von  der
Wucht  der  Brandung  geschaffene  Kerben  unbedeutend
gliedern.  Vorgelagerte,  landfest  gewordene  Inselchen
  verbessern  hier  und  da  den  Schutz  dieser  winzigen
Buchten.  Steil  ist  die  Küste  in  den  zwei  nördlichen
Dritteln,  vollkommen  glatt,  sandig  und  flach  im  südlichen
  Drittel,  in  Palästina.  Bei  dieser  gleichmäßigen
Ungunst  der  Taturderhältnisse  hat  sich  im  Laufe  der
Geschichte  die  Lage  der  vom  Verkehr  bevorzugten  Hafenplätze
  häufig  verschoben,  da  nicht  die  Natur,  sondern
  die  politischen  und  Verkehrsverhältnisse  des  Hinterlandes
  den  Ausschlag  gaben.  Ein  schmaler  Küstenstreifen
  ist  namentlich  in  Mittelsyrien,  hinter  dem

er  Libanon  auf  mehr  als  3000  m  ansteigt  und  zahlreiche
  Flüßchen  zum  Meere  entsendet,  sehr  fruchtbar
und  äußerst  dicht  bevölkert.  Fruchtbar  ist  auch  der
der  Küste  parallel  ziehende  Syrische  Graben,  den
Jordan,  Nahr  el  Litani  und  Nahr  el  Asi  bewässern
und  namentlich  das  teilweise  durch  vulkanischen  Boden
  ausgezeichnete  übergangsgebiet  zur  Syrischen
Steppe  und  Wüste,  das  die  durch  die  Mekkabahn  verbundene
  Städtereihe  Haleb  (das  alte  Aleppo,  160000
Einw.),  Hama,  Homs  und  Damaskus  (200000  Einw.)
bezeichnet.  Syrien  erhält  aber  seine  Bedeutung  nicht
nur  durch  den  einer  starken  Erweiterung  fähigen
Landbau,  sondern  auch  durchdiewichtigen  Karawanenstraßen,
  die  von  hier  nach  Mesopotamien  führen.  Die
nördliche  sehr  kurze  Hauptstraße  quert  bei  Haleb  die
Mekkabahn  und  erreicht  durch  einen  der  nordsyrischen
Pässe  bei  Iskenderun,  das  lebhaften  Schiffsverkehr
besitzt,  das  Meer.  Diese  beiden  Plätze  haben  heute
die  Funktion  der  glänzenden  Seleucidenresidenz  Antiochia
  und  seines  Hafens  Seleucia.  Die  südliche
Hauptstraße  geht  über  Damaskus  nach  Baghdad  und
ist  bei  Beirut  (120000  Einw.)  durch  die  Bahn  ans
Meer  angeschlossen.  Das  reiche  mittelsyrische  Hinterland
  und  diese  wichtige  Verbindung  machen  Beirut
zur  dritten  Seestadt  der  Türkei.  Zwischen  ihm  und
Iskenderun  liegen  Ladikiie  als  Hafen  von  Hama  und
Tarabolus  als  Hafen  von  Homs,  das  Bahnanschluß
hierher  und  eine  Karawanenstraße  nach  Mesopotamien
besitzt.  Alle  diese  Seestädte  sind  gegen  Flottenangriffe
ungeschützt  und  werden  von  See  her  durch  das  englische
  Cypern  beherrscht.  Weiter  im  Süden  liegen  an
der  flachen  Bucht  des  Vorgebirges  Karmel  Akka  und
Haifa,  die  Hafenplätze  Nordpalästinas  und  des  fruchtbaren
  Hauran,  von  wo  ein  Karawanenweg  nach
Innerarabien  geht;  an  ganz  glatter  Küste  erheben
sich  Jaffa,  die  Hafenstadt  Jerusalems,  und  3  km  vom
Meere  die  südlichste,  Ghasa.  Die  syrischen  Häfen  entbehren
  wie  die  meisten  türkischen  Seestädte  fast  aller
Hafeneinrichtungen  und  können  bei  ungünstigen
Witterungsverhältnissen  manchmal  wochenlang  nicht
angelaufen  werden.  Selbst  Beirut  besitzt  nur  ein  einiges
  durch  Molen  geschütztes  Hafenbecken.  Eine  ganze

inzahl  von  ihnen  (z.  B.  Trapezunt,  Mersina,  Iskenderun,
  Jaffa)  wurde  durch  Kriegsschiffe  der  Entente
beschossen,  aber  Landungsberseche  gingen  stets  fehl.
        <pb n="148" />
        126

So  reich  gegliedert  die  europäischen,  so  plump  gestaltet
  sind  die  afrikanischen  Mittelmeerküsten.
Von  der  Sinaihalbinsel  bis  zur  Kleinen  Syrte,  auf
mehr  als  der  Hälfte  ihres  Verlaufes,  wird  sie  von  dem
glatten  nur  durch  wenige  flache  Buchten  gegliederten

lbbruch  der  Wüstentafel  gebildet.  Den  größeren,
aber  viel  weniger  wertvollen  westlichen  Teil  dieses
Gebietes,  Tripolitanien;  und  das  als  stumpfe
Halbinsel  vorspringende  Plateau  von  Barka  haben
die  Italiener  der  Türkei  1911/12  trotz  tapferer  Gegenwehr
  der  von  den  Eingeborenen  unterstützten  kleinen
  türkischen  Garnisonen  zu  entreißen  vermocht,  da
die  Türken  gerade  in  die  Balkankriege  verwickelt  waren,
  England  den  Durchzug  durch  Agypten  verweigerte
  und  die  See  von  der  italienischen  Flotte  beherrscht
  wurde.  Der  heilige  Krieg  aber  hat  die  Italiener
  wieder  bis  an  die  Küste  zurückgeworfen.  Dünen,
salzige  Strandseen,  Sebchas,  aber  auch  fruchtbare
Oasen,  die  eine  Reihe  antiker  Städte  zur  Blüte  brachten,
begleiten  die  Küste  von  Tripolitanien.  In  der  Gegenwart
  hat  nur  noch  die  Hauptstadt  Tripolis  Bedeutung.
  wo  Karawanenstraßen  von  Timbuktu  und  vom
Tschadsee  zusammenlaufen,  aber  ein  brauchbarer  Hafen
  fehlt.  Allerdings  haben  diese  Straßen  ebenso  wie
die  Karawanenwege  der  Atlasländer  seit  Erschließung
des  Sudans  von  der  Guineaküste  her  sehr  an  Bedeutung
  verloren.  Auch  von  der  antiken  Pentapolis  der
Cyrenaica  (Barka)  spielt  heute  nur  mehr  Ben  Ghasi,
das  alte  Berenice,  eine  kleine  Rolle,  bei  dem  die  Wege
von  der  Audschila-  und  Kufra-Oase  münden.  Bei
stürmischen  Nordwinden  kann  es  ebenso  wie  Tripolis
oft  wochenlang  nicht  angelaufen  werden.  —  Außerordentlich
  wertvoll  ist  der  östliche  Teil,  Agypten.
Rechtlich  steht  das  Nilland  unter  kürkischer  Souveränität.
  Während  des  Krieges  haben  die  Engländer,  die
schon  seit  1882  Herren  im  Lande  sind,  ihre  Oberhoheit
darüber  ausgesprochen  und  einen  ihnen  ergebenen
Sultan  eingesetzt.  Agypten  ist  für  England  als  die
Festung,  die  den  Sueskanal  schützt,  aber  auch  als  das
Land,  das  ihm  ein  Viertel  des  Rohstoffbehalfen  seines
wichtigsten  Erwerbszweiges,  der  Baumwollindustrie,
liefert,  von  kaum  hoch  genug  einzuschätzender  Bedeutung.
  Das  in  flachem  Bogen  vorgeschobene  fruchtbare
  Nildelta,  an  dessen  Wurzel  Kairo,  die  größte
Stadt  Afrikas  mit  fast  700  000  Einw.,  liegt,  wird  von
Strandseen  und  Nehrungen  umsäumt.  An  denbeiden
größten  Nilarmen  liegen  die  Hafenstädte  Damiette
und  Rosette,  Flußhäfen  wie  die  Seestädte  des  alten
Agyptens;  an  der  Mündung  des  Sueskanals  liegt
Port  Said.  Sie  alle  leiden  ebenso  wie  die  füdsyrischen
Häfen  unter  der  Versandung  durch  die  ostwärts  versetzten
  Sinkstoffe  des  Nils.  Davor  bewahrt  ist  nur
das  von  Alexander  dem  Großen  in  richtiger  Erkenntnis
  am  Westende  des  Deltas  gegründete  Alexandria.
Er  hat  die  Stelle  ausgesucht,  wo  eine  vorgelagerte
Insel  die  Anlage  geschützter  Hafenbecken  ermöglichte.
Ein  Damm  verband  sie  mit  dem  Festlande.  Das
Becken  an  seiner  Nordostseite  hatten  die  Alten,  das
an  der  Südwestseite  haben  neuerdings  die  Engländer
vorzüglich  ausgebaut  und  stark  befestigt.  Die  Stadt
ist  heute  wie  im  Altertum  einer  der  wichtigsten  Mittelmeerhäfen
  und  zählt  über  330000  Einw.  —  Die  Westhälfte
  der  nordafrikanischen  Küste.  die  Atlasländer,
ist  in  französischen  Händen,  Algerien  seit  der  ersten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  als  unmittelbare  Kolonie,
  Tunis  seit  1881,  Marokko  seit  1911  als  Protektorate.
  Da  aber  Frankreich  nicht  die  nötige  Kolonistenzahl
  zu  liefern  vermag,  so  wird  das  westliche  Drittel

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

des  Gebietes  vorwiegend  von  Spaniern,  das  östliche

rößtenteils  von  Italienern  besetzt,  trotz  des  Widertandes,
  den  die  Franzosen  dieser  Bewegung  entgegenstellen.
  Das  Gestade  streicht  von  der  Straße  von
Gibraltar  bis  Kap  Blanc  bei  Biserte  den  Ketten  des
Rif=  und  Tell--Atlas,  der  sich  bis  auf  2300  m  erhebt,
parallel  als  steile  Längsküste,  die  nur  von  rundlichen,
meist  in  weicheren  Gesteinen  ausgearbeiteten  Abrasionsbuchten
  gegliedert  wird  und  mit  dem  Hinterland
in  recht  ungünstiger  Verbindung  steht.  Viele  der
kleineren,  für  große  Schiffe  schwer  zugänglichen,  von
hoher  Gebirgsumwallung  umgebenen  Buchten  bildeten
  treffliche  Schlupfwinkel  für  Seeräuber,  die  diese
Küsten  bis  weit  in  das  19.  Jahrhunderthinein  berüchtigt
machten.  An  der  besonders  glatten,  vom  Hinterland
gänzlich  abgesperrten  marokkanischen  Küste  halten
  die  Spanier  einige  befestigte  Küstenpunkte,  die
sogenannten  Presidios,  besetzt,  ohne  einen  Einfluß
auf  die  Bewohner  des  dahinter  aufsteigenden  Rifatlas
ausüben  zu  können;  der  wichtigste  ist  das  befestigte,
seit  1580  in  spanischen  Händen  befindliche  Ceuta
durch  seine  Lage  an  der  Straße  von  Gibraltar.  Da
es  nur  über  eine  flache,  ungenügend  ausgebaute  Bucht
verfügt,  steht  es  Gibraltar  an  Wert  ganz  erheblich
nach.  In  Algerien  haben  sich  in  der  Gegenwart
die  wichtigsten  Hafenplätze  an  den  drei  Stellen  entwickelt,
  wo  sich  an  kleine  Buchten  fruchtbare  Küstenebenen
  anschließen  und  zugleich  die  wichtigsten  Karawanenwege
  aus  dem  Innern  münden.  Das  sind
im  Westen  die  Buchten  und  Küstenebenen  im  Mündungsgebiet
  des  Schelif,  wo  sich  das  beiestigte  Oran
(125000  Einw.)  und  Mostaganemerheben.  Beijenem
endet  die  westliche,  heute  bis  zum  Wüstenrande  mit
Schienen  versehene  Karawanenstraße  von  Timbuktu.
Das  ist  in  der  Mitte  die  kleine  Bucht  von  Algier  mit
der  Küstenebene  Metidscha,  wo  der  zweite,  wichtige
Oasen  berührende  Wüstenweg  von  Timbuktu  das
Meer  erreicht  und  Algier  (155.000  Einw.)  als  Hauptstadt
  eine  besondere  Blüte  und  sehr  lebhaften  Schiffsverkehr
  entwickelt  hat.  Das  sind  schließlich  im  Osten
die  Buchten  von  Böne  und  Khilihpeill  An  sie  sind
durch  Schienenstränge  die  Oase  Biskra  am  Rande  der
Wüste  und  weiterhin  durch  den  dritten  bedeutsamen
Karawanenweg  die  Oasen  Tugurt  und  Wargla  angeschlossen,
  von  wo  Ghadames  und  schließlich  der
untere  Niger  erreicht  wird.  Die  marokkanisch-algerischen
  Hafenplätze  sind  ebenso  wie  die  Seeplätze  von
Tripolitanien  und  Barka  der  Gewalt  winterlicher
Stürme  ausgesetzt;  doch  haben  die  Franzosen  viel  für
den  Ausbau  getan  und  die  künstlichen  Lofenbecken
durch  Wellenbrecher  geschützt.  Gegen  Seeangriffe
sind  sie  durch  ihre  Forts  und  den  Kriegshafen  Biserte,
nicht  aber  von  Natur  verteidigt.  —  Besondere  Bedentung
  hat  Tunis.  Denn  hier  streichen  die  Ketten  und
Täler  des  Atlas  zur  Kleinen  Syrte  aus,  so  daß  an
diese  Querküste  größere  Landschaften  gut  angeschlossen
  sind,  und  ferner  gibt  die  Lage  an  der  Straße  von
Tunis  erhöhte  wirtschaftliche  und  strategische  Bedeutung.
  Hier  haben  am  Golf  von  Tunis  seit  dem
Altertum  Utica  und  Carthago,  seit  dem  Mittelalter
Tunis,  alle  drei  bereits  phönizische  Gründungen,  in
wiederholtem  Glanze  geblüht.  In  der  Gegenwart  ist
die  letztgenannte  mit  200000  Einw.  zur  größten
Stadt  der  Atlasländer  erwachsen.  Die  kleinen  natürlichen
  Hafenbecken  von  Carthago  und  Utica  sind
heute  versandet;  aber  auch  Tunis  hat  nur  einen  bescheidenen
  Lagunenhafen,  zu  dem  von  der  fast  geschlossenen
  Nehrung  ein  Seekanal  führt.  Doch  ist  die
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        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

befestigte  Stadt  durch  ihre  Entfernung  von  der  See
gegen  Schiffskanonen  einigermaßen  gelichert.  In
neuester  Zeit  haben  die  Franzosen  weiter  nördlich,
an  der  Stelle  des  alten  phönizischen  Hippo  Diarrhytos,
  an  einem  prächtigen  Naturhafen  die  Seefeste
Biserte  angelegt,  in  der  dreifachen  Absicht,  Tunesien
gegen  italienische  Gelüste  zu  sichern,  neben  dem  englischen
  Malta  einen  Stützpunkt  zur  Beherrschung  der
Straße  von  Tunis  zu  gewinnen  und  ihren  offen
liegenden  algerischen  Küstenstädten  einen  Flankenschutz
  zu  gewähren.  Trotzdem  gelang  es  unseren
Kriegsschiffen  bei  Kriegsbeginn,  Philippeville  und
Böne  zu  beschießen.

Tiefenverhältnisse.  Das  Mittelmeer  verdankt  seine
Entstehung  einer  Reihe  jugendlicher,  tiefer  Einbrüche
der  Erdkruste.  Vulkanische  Erscheinungen,  Hebungen
und  Senkungen  an  den  Küsten  und  Erdbeben  zeigen
das  Fortdauern  der  Bewegungen  bis  in  die  Gegenwart
  an.  Dieser  Bildungsgeschichte  entsprechend  gliedert
  sich  das  Mittelmeer  in  eine  Reihe  kesselförmiger,
  steil  von  den  Küsten  absinkender  Bruchfelder,  in
die  des  öfteren  einzelne  Grabenbrüche  noch  tiefer  eingesenkt
  sind.  Meistens  fallen  die  Bruchränder  nahezu
oder  vollständig  mit  der  Küste  zusammen,  und  dann
werden  schon  in  greinger  Küstenentfernung  sehr  große
Tiefen  gelotet.  So  wurden  in  nur55ö  km  Ensernung
von  Algier  2750  m.  in  bloß  22  km  Abstand  von  Toulon
  2000  m  Tiefe  festgestellt.  Einzelnen  Gestaden  ist
dagegen  eine  seichte,  breitere  Schelffläche  vorgelagert,
so  der  Ostküste  Spaniens,  nanrentlich  dem  Golfe  von
Balencia,  ferner  dem  Golfe  von  Lion,  dem  Syrtengebiete
  und  dem  Delta  des  Nils,  der  ebenso  wie  Ebro
und  Rhone  das  Schelfgebiet  durch  seine  Aufschüttunen

  noch  erhöht  hat.  Im  übrigen  entspricht  die  Tiesengliederung
  des  Mittelmeeres  in  der  Hauptsache  der
horizontalen.  Durch  die  320  m,  an  der  schmalsten
Stelle  aber  über  700  m  tiefe  Straße  von  Gibraltar
gelangt  man  in  das  Alboranbecken,  den  mehr  als
1400  mtiefen  Vorhof  des  durch  die  Schwelle  der  vulkanischen
  Insel  Alboran  davon  abgegliederten  Balearenbeckens.
  Dieses  senkt  sich  zwischen  Menorca  und  Sardinien
  auf  3150  m  ab,  während  zwischen  den  Balearen
  und  der  spanischen  Küste  nur  Tiefen  bis  825  m  zu
finden  sind.  Tiefen  von  1900  m  führen  südlich  von
Sardinien  in  das  Tyrrhenische  Becken  mit  seinen  vulkanischen
  Inselgruppen  hinüber,  wogegen  die  Straße
von  Bonifacio  zwischen  Sardinien  und  Korsika  ganz
seicht  isi,  und  auch  zwischen  Korsika  und  Elba  nur
400—500  m  erreicht  werden.  Auf  3730  m  fällt  das
Tyrrhenische  Becken  in  der  Mitte  ab,  und  hart  drängen
  sich  die  großen  Tiefen  an  die  süditalienische  Küste,
während  vor  den  mittelitalienischen  Gestaden  etwas
seichteres  Wasser  liegt.  Auf  105  m  steigt  der  Meeresboden
  in  der  Straße  von  Messina,  auf  325  m  in  der
Straße  von  Tunis  an;  seichte  Bänke  nötigen  hier  die
Schiffe,  ihren  Weg  hart  nördlich  von  Biserte  zu  nehmen.
Auch  der  Eintritt  in  das  Jonische  Becken  erfolgt  durch
einen  Vorhof,  das  1630  m  tiefe  Beckerk  der  vulkanischen
  Insel  Pantelleria,  das  in  den  seichten  sizilianischtunesischen
  Schelf  eingebrochen  ist.  Erst  jenseits  der
Schwelle  von  Malta  beginnt  der  Steilabsturz  zum
ionischen  Meeresboden,  der  mit  4404  m  die  größte
Tiefe  des  Mittelmeeres  umschließt.  Tief  ist  der  Golf
von  Tarent,  seicht  der  von  den  Jonischen  Inseln  umürtete

  Golf  von  Korinth.  Eine  Schwelle  zwischen
Porka  und  Kreta  von  2165  m  Satteltiefe  führt  hinüber
  in  das  reicher  bewegte  Levantinische  Becken.  Eine
Reibe  von  Mulden  und  Schwellen,  deren  Anordnung

127

eine  deutliche  Beziehung  zur  Umrahmung  der  Agäis
und  zur  kleinasiatischen  Südküste  erkennen  läßt,  folgen
  hier  aufeinander.  Die  I#oßte  Tiefe  von  3865  m
wird  nahe  der  Küste  von  Rhodos  wie  im  Jonischen
Meere  an  der  Küste  des  Peloponnes  erreicht.  Geringere
  Tiefen  haben  die  syrischen  Gewässer,  wenngeich
  südlich  von  Cypern,  das  selbst  durch  die  1000  minie

  an  das  Festland  angeschlossen  ist,  2635  m
gelotet  wurden.

Flacher  sind  die  Nebenmeere,  am  seichtesten  die
Adria.  Mit  780  m  Tiefe  führt  die  Straße  von
Otranto  in  das  rundliche  Südbecken,  das  zu  1230  m  abgesunken
  ist.  Rasch  hebt  sich  der  Boden  zur  Pelagosaschwelle,
  um  nördlich  davon  in  der  guuergestellten
Pomorinne  nur  mehr  243  m  zu  erreichen.  Die  leicht
untergetauchte  und  gegen  die  illyrische  Seite  etwas
abgebogene  Fortsetzung  der  Po-Ebene  sehen  wir  in  der
nördlichen  Adria  vor  uns.  Eine  seichtere  Stufe  siellt
auch  das  kompliziert  gebaute  Agäische  Meer  dar.  Drei
Mulden  lassen  sich  hier  unterscheiden.  Die  südlichste
und  mit  2250  m  tiefste  lehnt  sich  nördlich  an  Kreta
an;  die  Mulde  von  Chios  nimmt  die  Mitte  ein,  und
als  schmaler  Graben  streckt  sich  nach  ONO.  in  den
Golf  von  Saros  die  nordsporadische  Mulde,  beide  nur
halb  so  tief  als  die  erstgenannte.  Ebenso  seicht  wie
schmal  sind  die  durch  Erchion  entstandenen  Meerengen,
nur  106  m  wurden  in  den  Dardanellen,  bloß  110  m
im  Bosporus  gefunden.  Das  zwischenliegende  Marmarameer
  ist  dagegen  auf  1360  meingebrochen.  Steil
fallen  die  unterseeischen  Böschungen  des  Schwarzen
Meeres  zu  seinem  ziemlich  ebenen  Boden  ab,  dessen
rößte  Tiefe  bei  2245  m  liegt.  Ganz  flach  ist  der  von
njepr  und  Donau  aufgehöhte  Schelf  der  Bucht  von
Odessa,  nur  wenig  untergetaucht  der  Boden  des  Asowschen
  Meeres,  der  nirgends  über  15  m  Tiefe  erreicht.

Von  großer  Bedeutung  sind  diese  Tiefenverhältnisse
für  die  gegenwärtig  wichtigsten  Waffen  der  Seekriegührung,

  *  Unterseeboote  und  Minen.  Die  großen
Tiefen  der  Straßen  von  Gibraltar,  Tunis  und  Otranto,
  bei  beiden  letzteren  auch  die  Breite,  setzen  unsere
Feinde  außerstande,  unseren  U-Booten  die  Einfahrt  in
das  Mittelmeer  zu  wehren.  Weder  Minen  noch  Netze
können  hier  erfolgreich  ausgelegt.  werden.  So  vermag
zwar  England  mit  seinen  Trutzburgen  von  Gibraltar
und  Malta  über  See  jeden  Verkehr  zu  sperren,  aber
den  Unterseebooten  sieht  es  sich  machtlos  gegenüber.
So  haben  sich  diese  im  Mittelmeer  zu  einer  immer

efährlicheren  Waffe  ausgestaltet,  und  ihre  hohe  Leitungsfähigkeit
  läßt  sie  auch  die  Schwierigkeit  überwinden,
  daß  sie  bei  den  auf  weite  Strecken  großen  Tiefen
  nur  selten  einen  Ruheplatz  am  Meeresbodenfinden,
läßt  die  Engländer  vergeblich  nach  Schlupfwinkeln
suchen.  Der  Gedanke,  das  schon  schwer  gefährdete  Salonikiunternehmen
  durch  möglichste  Verlegung  des  Nachschubes
  auf  die  Bahnen  zu  retten,  muß  an  deren  überlastung
  und  teilweise  geringen  Leistungsfähigkeit  schei.
tern.  Umgekehrt  ist  es  bei  der  geringen  Tiefe  möglich.
Bosporus  und  Dardanellen  für  U-Boote  erfolgreich
zu  sperren  und  dadurch  die  türkische  Hauptstadt  und
Flotte  gegen  feindliche  Angriffe  zu  schützen.  Der  steile
Absturz  der  meisten  Mittelmeerküsten  zu  großen  Tiefen
  bildet  ein  weiteres  Gefahrenmoment  für  die  ohnehin
  meist  offen  daliegenden  Mittelmeerhäfen.  Denn
dadurch  wird  es  in  den  meisten  Fällen  unmöglich,  die
Hafenstädte  durch  weitausgelegte  Minenfelder  vor
seindlichen  Schiffskanonen  zusichern.  Die  Beschießung
so  zahlreicher  Küstenstädte  während  des  Krieges  gibt
Zeugnis  dafür.  Nur  in  den  oben  angeführten  Gebie-
        <pb n="150" />
        128

ten,  wo  sich  ein  breiterer  Schelf  vor  die  Küste  legt,
kann  Minenschutz  erfolgreich  in  Wirksamkeit  treten.

Hydrographie.  Das  Mittelmeer  gehört  einemwarmen,
  sonnenreichen  und  niederschlagsarmen  Klima-=gebiete
  an,  das  ihm  nur  wenige  wasserreiche  Zuflüsse
zuführt.  Daher  sind  Temperatur  und  Salzgehalt
hoch,  und  beide  nehmen  den  Klimaverhältnissen  entsprechend
  nach  Südosten  zu.  Selbst  im  kältesten  Monate,
  im  Februar,  sinkt  über  den  großen  Tiefen  die
Temperatur  nirgends  unter  120°  herab,  schon  vor  den
Küsten  der  Atlasländer  werden  14—15°  und  im  Levantinischen
  Becken  sogar  17°  erreicht.  Auch  in  den
großen  Tiefen  herrschen  dann  ganz  ähnliche  Temperaturen,
  etwa  13—140,  weil  die  durch  die  Abkühlung
schwer  gewordenen  Oberflächenwasser  mit  der  Tiefe
in  Ausgleich  treten,  aber  zugleich  auch  durch  die
Schwelle  von  Gibraltar  das  Eindringen  der  sehr  kalten
  atlantischen  Tiefenwasser  verhindert  wird.  Nur
in  dem  in  eine  rauhere  Umgebung  eingebetteten
Schwarzen  Meer  finden  wir  selbst  über  tiefem  Wasser
Temperaturen  von  bloß  6—70°,  im  Marmarameere
8—  90.  Ganz  allgemein  kennzeichnen  sich  die  Schelfflächen
  durch  starke  winterliche  Abkühlung,  so  daß  dann
im  Golfe  von  Lion  die  Temperatur  auf  8—9o,  in  der
nördlichsten  Adria  auf  5—70,  in  der  Bucht  von  Odessa
an  0°  herabgeht.  In  den  Lagunen  von  Grado  und
im  Golfe  von  Saloniki  kommt  es  in  sehr  vereinzelten
Fällen,  in  der  Bucht  von  Odessa  ziemlich  regelmäßig
zur  Eisbildung,  doch  ist  hier  der  Verkehr  der  meisten
Häfen  durch  Eisbrecher  offen  zu  halten.  Auf  2—3
Monate  liegt  im  Asowschen  Meere  der  Verkehr  wegen
Vereisung  still.  Im  August,  im  wärmsten  Monat,
herrscht  auf  dem  größten  Teile  der  Oberfläche  eine  Temperatur
  von  24—250,  im  Levantinischen  Becken  findet
  man  noch  um  einige  Grade  mehr,  im  Schwarzen
und  Agäischen  Meere  um  1—20  weniger.  Die  kaum
veränderlichen  Tiefenschichten  sind  dann  durch  eine
scharf  ausgeprägte  Sprungschicht  in  15—30  m  Tiefe
von  der  hoch  angewärmten  Oberflächenschicht  getrennt.
Mancherlei  Abweichungen  ergeben  sich  in  Küstennähe
durch  ablandige  Winde,  die  kühleres  Wasser  emportreiben,
  und  durch  die  Einmündung  anders  temperierter
  Flüsse  und  Karstquellen  (Adria).

Der  Salzgehalt  steigt  von  36  pro  Mille  in  der
Straße  von  Gibraltar  und  37  pro  Mille  am  Rande  der
Atlasländer  auf  über  38  pro  Mille  im  Hauptteile  des
westlichen  Beckens,  hat  einen  ähnlichen  Wert  im  Jonischen
  Meere  und  überschreitet  39  pro  Mille  im  größten
Teile  des  Levantinischen  Beckens.  In  der  Tiefe  trifft
man  von  West  nach  Ost  fortschreitend  einen  geringen
Anstieg  von  38,4  auf  38.7  pro  Mille.  Die  Adria  weist
in  der  südlichen  Hochsee  einen  Salzgehalt  von  über  38
pro  Mille  und  zeitweise  von  fast  39  pro  Mille  auf,
gegen  Norden  sinkt  er  allmählich,  und  im  Golf  von  Venedig
  werden  mit  der  Wasserführung  der  Alpenflüsse
wechselnde  Werte  von  30—  37  pro  Mille  gefunden.
Im  Südosten  des  Agäischen  Meeres  ist  der  Salzgehalt
  ebenso  hoch  wie  im  Levantinischen  Becken,  aber
gegen  Nordwesten  nimmt  er  auf  weniger  als  37  pro
Mille  ab.  Sehr  viel  weniger,  etwa  21—22  pro  Mille,
hat  das  Marmarameer  als  übergang  zu  dem  Schwarzen
  Meere,  das  infolge  seines  kühleren  Klimas  und
namentlich  wegen  seines  außerordentlich  großen  Süßwasserzuflusses
  sehr  salzarm  ist,  an  der  Oberfläche  nur
wenig  über  18  pro  Mille  und  selbst  in  der  Tiefe  nur
22½  pro  Mille  besitzt.  In  der  Bucht  von  Odessa  und
vor  den  Donaumündungen  sinkt  der  Salzgehalt  auf
15—17  pro  Mille  und  noch  weniger  herab.  Das  stark

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

abgeschnürte,  seichte  Asowsche  Meer  ist  von  Brackwasser
  (etwa  1  pro  Mille)  erfüllt.  Ganz  allgemein  nimmt
dort,  wo  stärkere  Flüsse  minden,  der  Salzgehalt  von
der  offenen  See  gegen  die  Küsten  ab.

Die  sehr  erheblichen  Salzgehaltsunterschiede  rufen
starke  Unterschiede  in  der  Dichte  und  diese  wiederum
Strömungenhervor.  Dasschwere  salzreiche  Mittelmeerwasser
  strömt  in  der  Tiefe  der  Straße  von  Gibraltar
  in  den  Atlantischen  Ozean  ab,  dessen  leichteres
Wasser  fließt  an  der  Oberfläche  in  das  Mittelmeer
hinein  und  wird  durch  die  ablenkende  Kraft  der  Erdrotation
  an  die  nordafrikanische  Küste  gedrängt.  Dieser
atlantische  Strom  ist  im  Alboranbecken  an  seinem  winterwarmen,
  sommerkühlen,  überall  aber  an  seinem
salzarmen  Wasser  zu  erkennen  und  ebenso  wie  der
Tiefenstrom  bis  in  das  östliche  Mittelmeerbecken  zu
verfolgen,  wobei  er  allmählich  durch  Verdunstung  und
Mischung  salzreicher  wird  und  etwas  unter  die  Oberfläche
  taucht.  Ein  ähnlicher  Austausch  erfolgt  zwischen
Adriaund  Mittelmeer  und  —  wegen  der  großen  Dichtenunterschiede
  —  mit  besonderer  Lebhaftigkeit  zwischen
  dem  Schwarzen  Meer  und  dem  Mittelmeer.
Wird  der  auf  offener  See  kaum  wahrnehmbare  Strom
schon  in  der  Straße  von  Gibraltar  zu  lebhaftem  Fliesten
  veranlaßt,  so  gehl  der  Ausgleich  durch  das  Meerengengebiet
  teilweise  mit  flußartiger  Geschwindigkeit
und  unter  Wirbelbildung  vor  sich.  Auch  hier  ist
natürlich  der  Oberstrom  in  das  Mittelmeer  gerichtet.
Die  zyklonale,  besonders  im  Winter  kräftig  auseprägte

  Luftdruckverteilung  über  jedem  einzelnen
Mittelmeerbecken  und  die  durch  die  Süßwasserzufuhr
bedingte  Dichtenabnahme  gegen  die  Küsten  haben  zur
weiteren  Folge,  daß  jedes  dieser  Becken  ein  zyklonales,
  also  entgegen  dem  Sinne  des  Uhrzeigers  gerichtetes
  Stromsystem  aufweist,  das  zwar  nur  in
Küstennähe  stärker  fühlbar  wird,  aber  bedeutsame
Folgen  hat.  Sie  verursachen  nicht  nur  die  Verfrachtung
  des  salzärmeren  Wassers  des  Golfes  von  Venedig
  entlang  der  italienischen  Adriaküste  und  ebenso
die  Ausbreitung  weniger  salzigen  Wassers  an  der
Westseite  der  Agäis  und  des  Schwarzen  Meeres,  sondern
  sie  schleppen  auch  die  Sedimente  der  Flüsse  mit
sich  und  versanden  die  anschließenden  Küsten.  Darum
haben  Mittelmeerhäsen  nur  dann  Bestand  gehabt,
wenn  sie  unter  Berücksichtigung  dieser  Vorgänge  angelegt
  wurden,  wie  dies  z.  B.  bei  Alexandria  und
Marseille,  nicht  aber  bei  den  Häfen  westlich  von  der
Rhonemündung,  bei  Pisa,  Ostia  u.  a.,  der  Fall  war.
Nautisch  von  Wodeutung  sind  nur  die  starken  Strömungen
  in  den  Meeresstraßen,  gegen  die  kleine  Segler
und  andere  langsam  fahrende  Schisse  an  manchen
Stellen  nicht  aufzukommen  vermögen,  sowie  die  großen
  Dichtenunterschiede,  da  sie  die  Tragfähigkeit  und
Sinkgeschwindigkeit  der  U-Boote  erheblich  beeinflussen.

Die  Gezeiten  des  Mittelmeeres  sind  nur  schwach
entwickelt,  da  die  Verbindung  mit  dem  Weltmeer  nur
minimal  ist  und  die  Größe  des  Meeres  nicht  genügt,
um  starke  eigene  Gezeiten  zu  erzeugen.  Die  Erscheinungen
  bestehen  in  Schaukelbewegungen  der  einzelnen
Becken,  wobei  jeweils  der  Knoten  infolge  der  unregelmäßigen
  Gliederung  und  der  Wirkung  der  Erdrotation
keine  ideale  Linie  ist,  sondern  in  eine  mehr  oder  weniger
  gedrängte  Schar  von  Flutstundenlinien  aufgelöst
  erscheint,  die  links  herum  um  einen  Drehpunkt
kreisen,  wo  der  Tidenhub  Null  wird.  Die  Knotenlinie
des  westlichen  Mittelmeerbeckens  erstreckt  sich  —  sehr
asymmetrisch  —  von  Cabo  de  la  Nao  nach  SSO.  zur
algerischen  Küste,  die  des  östlichen  Beckens  von  Barka
        <pb n="151" />
        Merz:  Das  Mittelmeergebiet  als  Kriegsschauplatz

nach  Kreta.  Westlich  von  den  Knotenlinien  ist  die  Hasenzeit
  der  beiden  Becken  (in  mitteleurop.  Zeit)  3b  Zm,
östlich  davon  9d  3  m.  Wennalso  westlich  von  der  Straße
von  Tunis  Hochwasser  ist,  herrscht  östlich  davon  Niedrigwasser.
  Es  geht  daher  durch  diese  Straße  und  die
Meerenge  von  Messina  einelebhafte  Gezeitenströmung
und  her,  die  hier  zur  Sage  von  der  Szylla  und

arybdis  Veranlassung  gegeben  hat  und  in  beiden
Gebieten  infolge  der  Wirkung  der  Erdrotation  als
Drehwelle  in  Erscheinung  tritt.  Sehr  starler  Gezeitenstrom
  wird  auch  durch  die  Straße  von  Gibraltar  hin
und  zurück  bewegt,  da  die  Ozeantiden  viel  größer
als  die  Mittelmeertiden  sind.  Doch  ist  der  atlantische
  Einfluß  nur  im  Westbecken  des  Mittelmeeres
nachweisbar;  er  ist  hier  der  wichtigste  Faktor  und
macht  sich  als  Parallelverschiebung  der  Oberfläche
bemerkbar.  Die  (Spring-)  Tidenhübe  betragen  an  der
Straße  von  Gibraltar  1  m,  gehen  an  der  Knotenlinie
  des  Westbeckens  auf  wenige  Zentimeter  herab  und
erreichen  an  seiner  Ostseite  wieder  30—35  cm.  Auch
im  Ostbecken  hat  die  Knotenlinie  nur  einige  Zentimeter
  Hub,  die  syrische  Küste  dagegen  an  60  cm.  Die
seichte  Kleine  Syrte  und  der  flache  Golf  von  Korinth
schwingen  als  Buchten  des  östlichen  Beckens  miteinem
Hub,  der  sich  dort  bis  auf  220  cm,  hier  bis  auf  90  cm
erhebt.  Ahnliches  scheint  für  das  Agäische  Meer  zuzutreffen,
  dessen  Knotenlinie  an  der  Südumrahmung
liegt  und  dessen  Hub  an  der  Nordküste  30  cm  erreicht.
Auf  Gezeiten  und  Seiches  beruhen  auch  die  seit  dem
Altertum  berühmten  reißenden  Strömungen  des
Euripus.  Das  Schwarze  Meer  dürfte  um  eine  von
der  Krim  südwärts  ziehende  Knotenlinie  schwingen.
Die  Hubhöhen  betragen  nur  8—10  em.  Die  Adria
schwingt,  angeregt  vom  Jonischen  Meer,  um  einen
Drehpunkt  zwischen  Ancona  und  Zara.  An  den  Küsten
finden  sich  hier  Hubhöhen  von  nur  20  cm,  im  Südbecken
  sind  es  30  cm,  im  seichten  Nordende  aber  80  cm.
Die  Hafenzeit  ist  hier  9#  Sm,  dort  3h  Zm.  Neben
den  halbtägigen  Gezeiten  spielen  in  der  Adria  auch
die  ganztägigen,  auf  welche  die  Schwingungzeit  der
Adria  abgetönt  ist,  eine  erhebliche  Rolle.  Sie  haben
ihre  Knotenlinie  in  der  Straße  von  Otranto  und
nehmen  daher  nach  Norden  regelmäßig  zu.  In  der
Knotenlinie  der  halbtägigen  Gezeiten  überdecken  sie
diese,  so  daß  hier  Eintagstiden  zur  Ausbildung  gelangen.
  —  Die  geringe  Entwicklung  der  Mittelmeergezeiten
  ist  von  großer  Bedeutung  für  den  Minenkrieg,
da  die  Einstellung  der  Minen  mit  Rücksicht  auf  den
Tidenhub  erfolgen  muß.  So  beschränkt  also  das
Gebiet  der  Minenfelder  durchdas  Vorherrschen  großer
Tiefen  ist,  soviel  leichter  ist  das  Auslegen  und  soviel
wirksamer  das  Feld,  wo  flacher  Meeresboden  vorliegt.
Im  Hafenbau  herrscht  infolge  der  kleinen  Tiden  das
offene  Becken;  Docks  mit  Flutschleusen  fehlen.  Mit
ähnlichen  Beträgen  wie  durch  die  Gezeiten  wird  der
Wasserspiegel  durch  Seiches  beeinflußt.  In  den  dalmatinischen
  Kanälen  können  sie  Schwankungen  von
mehr  als  20  cm  bewirken.  Sehr  viel  größer  sind  die
Wirkungen  der  Sturmfluten.  In  Triest  stieg  bei
Sciroccosturm  der  Wasserspiegel  bis  2,8  m  über  die
niedrigste  beobachtete  Ebbe.

Klima.  Die  Eigenart  des  Mittelmeerklimas  ist  bedingt
  durch  das  Vorhandensein  des  reich  gegliederten,
tiefen  Meeres  und  die  Luftdruckverteilung  in  der
weiteren  Umgebung.  Im  Sommer  dehnt  sich  das
nordwärts  vorgerückte  Luftdruckmaximum  der  atlantischen
  Roßbreiten  über  Spanien  bis  in  das  westliche
Mittelmeerbecken  aus,  und  der  Druck  nimmt  von  hier

Der  Krieg  1014/17.  1.

129

gegen  das  Levantinische  Becken  anfangs  langsam,
nach  Osten  zu  immer  rascher  ab,  um  über  dem  hocherwärmten
  Iran  und  Nordwestindien  ein  tiefes  Minimum
  zu  erreichen.  Es  wird  daher  das  Mittelmeer
im  Sommer  vorwiegend  von  nordwestlichen  Winden
überweht,  die  nach  Osten  zu  immer  mehr  an  Stetigkeit
  gewinnen  und  im  Agäischen  Meere  in  nördliche
Nichtung  (Etesien  der  Alten)  übergehen.  Nur  die
Nordküste  der  Atlasländer  hat  vorwiegende  Ostwinde.
Diese  nordwestliche  Luftbewegung,  die  nur  selten  stürmische
  Stärkeerreicht,  hat  absteigende  Tendenzz,  die  sich
über  dem  in  eine  heißere  Umgebung  eingebetteten
Meere  verstärkt,  und  kommt  aus  kühleren  nördlichen
in  wärmere  südliche  Breiten.  Daher  ist  der  Sommer
des  Mittelmeergebietes  heiter  und  trocken,  und  je  weiter
man  nach  dem  Süden  fortschreitet,  um  so  dauerhafter
und  regenärmer  wird  diese  Trockenheit.  Sohat  Florenz
nur  einen  regenarmen  Monat  (Juli),  Rom  wie  Konstantinopel
  deren  zwei,  Neapel  drei  (Juni  bis  August),
Süditalien  und  Griechenland  haben  vier,  die  algerische
Küste  und  Malta  besitzen  bereits  fünf,  Tripolitanien
und  Palästina  sieben,  Alexandria  hat  fast  acht  solcher
Monate  (Ende  Märzbis  Mitte  November).  Und  während
  in  der  Po-Ebene  noch  24  Proz.  des  Niederschlaes
  im  Sommer  fallen,  sind  es  in  Süditalien  nur  11
roz.,  an  der  algerischen  Küste,  auf  Sizilien  und  Malta
und  an  der  Westküste  Kleinasiens  2—4  Proz.  Im  Levantinischen
  Becken  ist  der  Sommer  vollständig  trocken,
und  auch  im  Frühijahr  gibt  es  nur  sehr  selten  Regen.
Ganz  anders  liegen  die  Verhältnisse  im  Winter.
Dann  sind  die  umliegenden,  besonders  die  nördlichen
Randländer  stark  erkaltet,  während  das  tiefe  Meer
verhältnismäßig  warm  bleibt.  Es  entsteht  daher  über
ihm  ein  Gebiet  niedrigen  Luftdruckes.  das  nach  der
Gliederung  der  Hauptbecken  in  eine  Reihe  von  Teilmimina
  zerfällt  und  Veranlaffung  zur  Bildung  aufsasiener
  Luftbewegungen  gibt,  die  Regen  meist  in
orn  heftiger  Güsse  bringen.  Mit  dem  Fortschreiten
nach  dem  Süden  verschieben  sich  dabei  die  Niederschläge
  allmählich  vom  Herbst  auf  den  Winter.  So  hat
noch  Mittelitalien  die  Hauptregen  im  Herbst  (34  Proz.),
ausgesprochene  Winterniederschläge  dagegen  bereits
die  algerische  Küste  (41  Proz.),  Malta  (48  Proz.),
Griechenland  und  die  Westküste  Kleinasiens  (45  Proz.).
Entsprechend  diesen  Verhältnissen  ist  die  Höhe  der
jährlichen  RHegenmen  geüber  dem  Mittelmeer  gering
und  nimmt  von  den  Nordküsten,  wo  sie  fast  überall
über  500  mm  erreicht,  nach  Süden  und  namentlich
nach  Südosten  ab.  Von  der  Kleinen  Syrte  bis  Südpalästina
  werden  nur  an  einigen  Orten  250  mm  überschritten.
  Diese  Gebiete  sind  daher  von  fast  wüstenhafter
  Trockenheit.  Ferner  sind  die  Ostseiten  der  einzelnen
  Becken  regenreicher  als  die  Westseiten,  da  ihre
winterlichen  Teilmimina  von  einer  ntgegen  dem  Sinn
des  Uhrzeigers  gerichteten  Luftbewegung  umkreist
werden,  die  den  Ostseiten  häufiger  warme  und  feuchte
südliche  Winde  (Scirocco  der  Adria),  den  Westseiten
trockene  und  kalte  nördliche  Winde  bescheren.  Soistim
westlichen  Mittelmeerbecken  die  italienische  Seite,  in
der  Adria  die  illyrische,  im  Agäischen  Meere  die  kleinasiatische
  Seite  regenreicher.  G  sich  den  feuchten  südlichen
  Winden  außerdem  noch  Gebirge  entgegenstellen,
werden  teilweise  außerordentlich  große  Regenmengen
beobachtet.  So  fallen  in  der  steil  ansteigenden  Gebirgsumrahmung
  der  Bocche  di  Cattaro  bis  4600  mm,
das  sind  die  größten  in  Europa  gemessenen  Niederschlagsmengen,
  und  auch  der  übrige  Karstabfall  weist
meist  1000—1600  mm  auf.  An  der  Ostseite  des

9
        <pb n="152" />
        130

Schwarzen  Meeres  gehen  vor  dem  Steilabfall  des
Kaukasus  und  des  armenischen  Hochlandes  bis  2500
mm  (Batum)  nieder,  an  der  Nordküste  nur  400  mm.
Ebenso  knüpfen  sich  höhere  Niederschläge  an  die  seeseitigen
  Abhänge  des  Taurus,  Libanon,  Tellatlas  und
der  italtenischen  Riviera.

Die  Windbewegung  kann  im  Winter  nicht  selten
stürmisch  werden  und  das  Anlaufen  der  zahlreichen
ungenügend  geschützten  Reeden  und  flachen  Buchten
erschweren.  Die  Nordenden  der  Mittelmeerbecken,  die
Golfe  von  Lion  und  Genua,  die  nördliche  Adria  und
das  Schwarze  Meer  kreuzen  dann  häufiger  wandernde,
vonstürmischen  Winden  begleitete  Zyklonen.  Daneben
leiden  die  Nordgestade  im  Winter  infolge  der  sehr
raschen  Luftdruckzunahme  gegen  das  hohe,  kontinentale
  Hinterland  unter  kalten  Fallwinden,  die  in  einelnen

  Gebirgslücken  und  Pässen  orkanartige,  den

erkehr  gefährdende  Heftigkeit  annehmen  können.
Hierher  gehören  der  von  den  Cevennen  ins  Rhonetal
  herabfallende  Mistral,  die  Bora  von  Triest  und
Fiume,  die  eisigen  Nordstürme  von  Noworossijsk  am
Schwarzen  Meere  und  die  stürmischen  Fallwinde
des  Taurus.

Die  Luftwärme  ist  im  Mittelmeergebiet  während
des  Sommers  von  auffallender  Gleichmäßigkeit,  gemildert
  durch  die  frischen  nordwestlichen  und  nördlichen
  Winde.  So  ist  in  Malta  der  wärmste  Monat
der  August,  mit  95,19  nur  wenig  wärmer  als  der  Juli
von  Venedig  (24,6°0),  und  selbst  in  Tripolis  werden
nur  26,6,  a!.  Alexandria  26°  erreicht.  Am  wärmsten
  ist  wohl  der  Golf  von  Iskenderun  mit  28—29o0,
kühler  sind  die  Küsten  des  Schwarzen  Meeres

23—240).  Im  Winter  dagegen,  wo  *  die  von  der

lachsee  umgebenen  Nordgestade  eisige  Winde  herabfallen,
  die  südlicheren  Gebiele  aber  das  tiefe  Meer
warm  hält,  sind  die  Temperaturgegensätze  sehr  groß.
Im  Januar  verzeichnet  dann  Venedig  nur  2,5°0,  Neapel
aber  8,26,  Malta  (im  Februar)  11,90,  im  Südolten.
in  Alexandria  werden  sogar  14,1°  erreicht.  Von
wunderbarer  Milde  ist  allerdings  auch  im  Norden
der  Winter  dort,  wo  ein  hoher  Gebirgswall  den  Einbruch
  der  kalten  Winde  verhindert  und  das  tiefe  warme
Meerhartan  die  Küste  tritt,  wie  an  der  französisch  italienischen
  und  österreichischen  Riviera  (Jan.  8—90)
und  an  der  Südostküste  der  Krim  (Jalta—+  8,  5  Odessa
—3,  70).  Aus  demselben  Grunde,  aus  dem  die  Ostküsten
  der  Miltelmeerbecken  feuchter  sind,  sind  sie  im
Winter  auch  wärmer  als  die  Westküsten.  So  hat  im
Januar  Livorno  an  der  tyrrhenischen  Ostküste  7,/1,
Ancona  auf  gleicher  Breite  an  der  adriatischen  Westküste
  5,6  und  ihm  gegenüber  Lesina  an  der  Ostküste
  8,.  Patras  an  der  Ostseite  des  Jonischen
Meeres  hat  10,30,  Athen  auf  gleicher  Höhe  an  der
Westseite  des  Agäischen  Meeres  nur  8,60.  Burgas  an
der  Westküste  des  Schwarzen  Meeres  hat  dann  nur
0,8°,  Poti  an  seiner  Ostseite  aber  5,16.  Wie  an  allen
Meeren  ist  der  Herbst  von  ganz  besonderer  Wärme,
und  nie  m  die  Temperaturzunahme  nach  dem  Süden
stärker  als  in  dieser  Zeit.

Die  hohe  winterliche  Wärme  hat  zur  Folge,  daß

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

es  fast  nirgends  an  den  Küsten  des  Mittelmeeres  zur
Eisbildung  kommt  und  der  Verkehr  nur  im  Asowschen
Meere  zum  winterlichen  Stillstand  gelang:.  Schnee
fällt  allerdings  überall  gelegentlich  im  Mittelmeergebiet,
  aber  selbst  an  den  Gestaden  des  Nordens  bleibt
er  nur  selten  einige  Tage  liegen.  Die  Klarheit  der
Luft,  das  seltene  Auftreten  von  Nebeln,  das  Fehlen
des  Eises,  die  geringere  Gewalt  der  Stürme  haben
sich  zu  vielen  anderen  Gaben  der  Natur  gesellt,  den
bbttreichen  Landmarken  und  hohen  Inseln,  den  vielen
uchten  des  reich  gegliederten  Meeres,  zur  Kleinheit
der  Tiden  und  Schwäche  der  Strömungen,  so  daß
das  Mittelmeereinst  die  Wiege  der  Seeschiffahrt  wurde.
Dieselben  Vorzüge  machen  noch  heute  das  Mittelmeer
um  Felde  der  Kleinschiffahrt  im  Frieden,  zum  güngeen
  Kampfplatz  für  Unterseeboote  und  Minen  im
riege.

Literatur.  1)  Mittelmeer:  Th.  Fischer,  Mittelmeerbilder
  (2.  Aufl.,  Leipz.  1913);  A.  Phil  -  on,  Das  Mittelmeergebiet
  (3.  Aufl.,  das.  1914);  Th.  Fischer,  Studien  über
das  Klima  der  Mittelmeerländer  #  Pet.  Milt.-,  Erg.-Heft  58,
Gotha  1879);  J.  Hann,  Die  Verteilung  des  Luftdruckes
über  Mittel=  und  Südeuropa  (*  Pencks  Geogr.  Abh.-,  Bd.2,
Hest  2,  Wien  1887);  L.  Marini,  Carte  di  pressione  e  di
ventiperil  bacino  Mediterraneo  (vAnn.  idrogr.-,  Vol.9,
Genua  1914);  J.  Friedemann,  Bewölkung  und  Sonnenschein
  des  Mittelmeergebietes  (Leipz.,  Diss.  1913);  -Wind,
Strom=  und  Wasserremperatur  auf  den  wichtigsten  Dampferwegen
  des  Mittelmeeres=  (Beil.  z.  d.  »Ann.  d.  Hydr.“,
Berl.  1905);  G.  Schott,  Die  Gewässer  des  Mittelmeeres
(ebenda,  das.  1915);  Materiali  per  la  conoscenza  del
Mediterraneo=  I—IV  (Suppl.  zur  .  Rivinta  geogr.  Ital.«.
Porraz  1908—13);  A.  Merz,  Unsere  Kennmis  von  dem

ezeiten  des  Mutelmeeres  (2Zeitschr.  Ges.  f.  Erdkunde  zu
Berlin-,  1914);  R.  v.  Sterneck,  Hydrodynamische  Theorie
der  halbtägigen  Gezeiten  des  Mittelmeeres  (2Sitzber.  Wiener
  Akad.-,  Math.-nat.  Kl.,  Abt.  II#,  124.  Bd.,  1915);
„Mittelmeer=  Handbuch=  (6  Bde.  mlt  Beiheften,  Berl.
1915—17);  C.  Rathlof,  Die  welthistorische  Bedentung  der
Meere,  insbesondere  des  Mittelmeers  (Dorpat  1858);  E.
Gras  Wilczek,  Das  Mittelmeer,  seine  Stellung  in  der
Weltgeschichte  und  seine  historische  Rolle  im  Seewesen  Wien
1895);  P.  Herre,  Der  Kampf  um  die  Herrschaft  im  Mittelmeer
  (Leipz.  1909);  P.  Mohr,  Politische  Probleme  im  westlichen
  Mittelmeer  („Meereskunde,  8.  Jahrg.,  Berl.  1914,1:
A.  Merz,  Die  südeuropäischen  Staaten  und  unser  Krieg
(ebenda,  9.  Jahrg.,  das.  1915);  „Reisehanddücher  für  das
Mittelmeere  von  Meyer  und  Baedeker.  —  2)  Adria:  K.
Sieger,  Die  Adria  und  ihre  geographischen  Beziehungem
(„Vortr.  Ver.  z.  Verbreit.  naturw.  Kenntn.-,  Bd.  XII,
Wien  1901):  A.  Merz,  Die  Adria  (in  „Dalmatien  und  das
österreichische  Küstenlande,  Wien  1911);  F.  Viezzoli,
LAdriatico  (Parma  1001);  K.  v.  Sterneck,  Über  den
Einfluß  der  Erdrotalion  auf  die  halbtögigen  Gezeiten  der
Adria  (Sitzber.  Wiener  Akad.-,  Math.-nat.  Kl.,  Abt.  Da,
123.  Bd.,  1914);  Derselbe,  Zur  hydrodynamischen  Theorie
der  Adriagezeiten  (ebenda,  124.  Bd.,  1915);  A.  Defant,  Zur
Theorie  der  Gezeiten  im  Adriatischen  Meere  ((Ann.  d.  Hydr.-,
Berl.  1914);  N.  Krebs,  Die  Häfen  der  Adria  („Meereskundes,
  5.  Jahrg.,  Berl.  1911).  —  3)  Schwarzes  Meer:
W.  Spindler  und  F.  v.  Wrangell,  Materialien  zur
Hydrologie  des  Schwarzen  und  Asowschen  Meeres  (Beil.  zu
der  -Sapiski  po  lidhropoet  Bd.  20,  St.  Petersb.  1899)
W.  Wissemann,  Die  berstächenstrmungen  des  Schwarzen
  Meeres  ('Ann.  d.  Hydr.-,  Berl.  1906);  „Segelhandbuch:
für  das  Schwarze  Meer«  (mit  Beiheft,  Berl.  1906)07).
        <pb n="153" />
        v.  Diest-Grothe:  Die  türkischen  Kriegsschauplätze

Die  türtkischen  Kriegsschauplätze

A.  Die  Dardanellen
vou  Oberst  z.  D.  v.  Diest  in  Berlin-Wannsee

Bal.  hlerzu  die  Karte  Länder  des  Mittelmeeres«  bei  S.  116
sowie  die  Textkarte  auf  S.  182.

Allgemeines.  Die  Meerengen,  welche  das  Schwarze
Meer  mit  dem  Mittelmeer  vereinigen,  sind  ein  am
Ausgang  der  Tertiärzeit  gebildetes  und  unter  das
Meer  getauchtes  Erosionstal,  das  durch  ein  Devonebirge

  mit  vorgelagerten  Basaltfelsen  hindurchführt.

ie  gleichen  somit  anderen  natürlichen  oder  künstlichen
ozeanischen  Verbindungswegen,  wie  dem  Armelkanal,
dem  die  alte  Mündung  des  Rheins,  und  dem  Sueskanal,
  dem  das  früheste  Nildelta  geologisch  zugrunde
liegt.  Und  noch  heute  paßt  für  Bosporus  und
Dardanellen  der  Vergleich  mit  einem  Flußtal,  denn
beide  »fließen«,  getrieben  vom  Druck  der  großen  südrussischen,
  in  den  Pontus  mündenden  Ströme,  mit
einer  Stundenschnelle  an  den  engsten  Stellen,  der
erstere  bis  zu  10,  die  letzteren  bis  zu  8  km.  Der  Bosporus
  ist  30,  die  Dardanellen  sind  65  km  lang,  das
Becken  des  Marmarameers  (Propontis)  zwischen
ihnen  190  km.

Geographie.  Die  Dardanellen,  bei  den  Alten
Hellespontos,  benannt  nach  Prinzessin  Hellé,  die  auf
der  Flucht  vor  der  Stiefmutter  hier  von  ihrem  golbene
  Widder  fiel  und  ertrank,  gliedern  sich  in  drei
Teile:

I.  Die  äußeren  Dardanellen,  20  km  lang,
begannen  für  den  Schiffer  aus  dem  Archipelagos  mit
dem  zwischen  Kap  Sigeion  (asiatische  Seite)  und
Kap  Helles  (europäische)  5,5  km  breiten  Eingangstor.
  Es  ist  heute  gesperrt  durch  die  von  Sultan  Machmud
  IV.  auf  fchem  Gestade  1659  erbauten  Türkenschlösser
  Sed-ül-Bahr  (Burg  am  Meer)  und
Kum-Kale  (Sandschloß),  letzteres  auf  dem  Alluvium
des  homerischen  Skamandros  (heute  Menderes).  Die
europäische  Wand  ist  gebildet  vom  Südzipfel  der
Thrakischen  Chersonesos  (Halbinsel  Gallipoli),
  einer  gebirgigen,  wasserarmen  Landschaft,  steil
abfallend  zum  Meere,  zerrissen  durch  Quertäler  in

ahllose  Klippen  und  Felsen  aus  gelbem  Sandstein,

rüchig,  mit  Gestrüpp  bewachsen.  Die  Höhen  steigen
im  Altschi-Tepe  des  Beiramli-Daghbis  216  m.  Gegenüber
  erhebt  sich  die  asiatische  Seite  bei  Eren-köi  bis
337  m;  der  Abfall  des  Gebirges  aber  ist  sanfter,  einladend
  zu  Siedlung  und  Ackerbau.  Hier  wohnten  seit
Urzeiten  die  Völker,  welche  das  Meertor  bcherrschen
wollten.  4  km  vom  Sigeion  erhebt  sich  der  Berg  von

issarlik  (Jlion-Troia)  mit  seinen  Städten  aus  sieben

eitaltern  und  Ausgrabungsschichten,  15  km  oberhalb
ieht  man  südlich  von  Kap  Kefes  die  Ruinen  von
Dardanos,  die  im  Mittelalter  dem  Hellespont  den
Namen  gaben.  einst  Königssitz  des  Aneas.  Dazwischen
lagen  Manteion,  Phoiteion,  Ophrynion.  Hinter  Kefes
folgt  die  Bucht  von  Sari-Siglar,  und  mit  ihr  bilden
sich  die  äußeren  Dardanellen  zum  eigentlichen  Engpaß.

II.  Die  mittleren  Dardanellen,  6  km  lang,
anihrem  Zugang  dieschmalste  Stelle,  das  Heptastadion
der  Alten,  dessen  Bezeichnung  der  Breitevon  1830  m  —
7  Stadien  zu  190  m  genau  entspricht.  Hier  ragen  noch
heute  die  von  Machmud  II.,  dem  Eroberer,  schon  1462
errichteten  Burgen  von  Kilid--Bahr  (europäisch)  und
Kals  Sultaniék  (Tschanak-Kalessi,  asiatisch),
letzteres  „Töpferschloß,  benannt  nach  dem  dortigen
Städtchen,  dessen  keramische  Ware  noch  heute  einen

131
Ruf  hat.  Von  hier  bis  6  km  nördlich  davon  weitet

sich  der  Paß  nur  bis  zu  2200  m,  der  Entfernung  zwischen

  Kap  Nagara  bei  der  antiken  Stadt  Abydos
und  dem  Fort  Bogali  nahe  den  Ruinen  von  Siies.
Hier  ist  die  Stelle,  wo  Leander  zu  Hero  schwamm  und
wo  Xerxes  seine  Brücke  über  den  Hellespont  schlug,  die
kürzere  Strecke  des  Heptastadions  wegen  der  stärkeren
Strömung  vermeidend.  Weiter  innerhalb  der  mittleren
  Dardanellen  am  europäischen  Ufer  ist  zu  erwähnen
  die  kleine  Stadt  Maidos  (antik  Madytos)  und
2  km  nördlich  von  ihr  die  Bucht  von  Kilia,  als  Eingang
  zur  tiefsten  Quersenke  der  ganzen  Halbinsel,  über

ie  hinweg  mit  Steilfeuer  von  Nagara  her  in  Nichtung
Kaba--Tepe  (dicker  Hügel)  auf  das  freie  Meer  gewirkt
  werden  kann.  Von  hier  über  Maidos-Kritia
führt  nach  Süden  der  einzige  Fahrweg  auf  der  Halbinsel,
  fortgesetzt  als  feste  Straße  nordwärks  nach  Gallipoli-
  Bulair.  Nahe  dem  asiatischen  Ufer  läuft  eine
Chaussee  Nagara-Tschanak-Kum  Kale.

III.  Die  inneren  Dardanellen,  36  km  lang,
2,5—6  km  breit,  reichen  bis  zum  Beginn  des  Marmarameers
  bei  Gallipoli  (antik  Kallipolis;  30000
Einw.),  wo  zwei  natürliche  Buchten  einen  geräumigen,
tiefen  Doppelhafen  bilden.  Auf  dieser  Strecke  verbreitert
  sich  die  Halbinsel  bis  zu  20  km,  doch  bleibt  die
Art  des  Aufbaues  dieselbe;  höchster  Punkt  ist  der
Sarai-Tepe,  308  m.  Ahnlich  streckt  sich  das  asiatische
  Ufer  mit  Erhebung  bis  zu  375  m.  Hier  lag
am  Ausgang  in  die  Propontis  die  berühmte  Lampsakos,
  heute  das  unbedeutende  Lapsaki;  15  km  südlich
davon  fand  man  beim  Griechenstädichen  Bergas  die
Ruinen  von  Perkoté.

Berteidigung.  Die  leichte  Sperrungsmöglickkeit
der  Dardanellen  kennzeichnet  ihre  Bedeutung  im  Laufe
der  Geschichte  und  beruht  heute  auf  folgenden  Faktoren:
  Zunächst  ist  die  morphologische  Gestaltung
von  Wichtigkeit.  Abgesehen  von  Enge  und  Strömung

wingt  die  alluviale  Bildung  der  Einschnürungen  des
Passfae.  d.  h.  seine  Verlandunge,  angreifende  Schiffe
auf  der  entscheidenden  Strecke  der  mittleren  Dardanellen
  in  ein  derartig  schmales  Fahrwasser,  daß  sie
diese  nur  in  Kiellinie  durchfahren  können.  Die  Nagarastraße
  ist  die  einzige  Stelle,  wo  festes  Gestein
is  auf  400  m  an  beide  Ufer  herantritt.  Demnach
kann  eine  Flotte  des  Verteidigers  aufwärts  Nagaraden
  Angreifer  in  Frontlinieempfangen,  während  dieser
#er  aus  der  Kiellinie  aufmarschieren  und  dabei  auf
Entfaltung  seiner  Feuerkraft  verzichten  muß.  Zudem
bilden  auf  dem  Lande  die  obengenannten  Quertäler
natürliche,  der  Sicht  des  Angreifers  entzogene  Stellungen
  für  Steilfeuergeschütze.  —  Als  zweiter  wichtiger
Faktor  kommt  der  Unterseekrieg  in  Betracht.  Strömung
  und  Enge  sind  der  Minenlegung  günstig,  für
eindringende  Tauchboote  gefährlich.  Außerhalb  dagegen
  im  freien  Golf  von  Saros,  verborgen  in  den
chlupfwinkeln  der  vielgegliederten  Küste,  wirken  leicht
und  überraschend  Torpedozerstörer  und  Unterseeboote
des  Verteidigers  gegen  größte  Linienschiffe.  Einen
Beweis  dafür  liefern  die  Kriegshandlungen  des  Frühjahrs
  1915.  —  Die  wirksamste  Verteidigung  jedoch
bieten  die  bedeutenden  alten  und  neuen  Vesesti.
gungen.  Von  ihnen  (soweit  sie  aus  öffentlichen  Karten
  ersichtlich  sind)  gehören  die  meisten,  man  darf  sagen,
der  Geschichte  an  und  sind  für  den  heutigen  Angriffskrieg
  nicht  mehr  maßgebend.  Kaum  eine  der  jetzt  in
der  Verteidigung  wirksamen  Batteriestellungen  dürfte
genau  den  früheren  Angaben  entsprechen;  sie  werden
grundsätzlich  abseits  der  im  Gelände  markierten  Punkte

9t
        <pb n="154" />
        132

und  nicht  auf  den  alten  historischen  Plätzen  angelegt
sein.  Ebensowenig  lassen  sich  Zahl  und  Kaliber  der  Bestückung
  angeben.  Die  für  die  Sperrung  wichtigsten
Stellen,  in  deren  Nähe  auch  die  modernen  Batterien
liegen,  sind  folgende:

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

2)  Asiatisches  Ufer.  Hier  sind  zu  nennen:  die
mittelalterliche  Steinburg  Kum--Kalé  mit  westlicher
Seitenbatterie  Orchanik;  Kap  Kefes,  Fort  und  Batterie;
  Tschanak,  Festung  Sultaniê-hissar  mit  den

Flügelbatterien  von  Parké  und  Tchemeni;  2km  nörd-—



nach
Wv  Diest
.:.-..s"  ."«.  .  5r  Maßstab  1:  425000
—  '«.«..»--»·-  0  s-...----41---—.g—  2
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E#  Gurrs-  1  *—  —  *#-  ZAurzoxen  7507.  E—xl  —

r*  Hicn——
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  F  —
8.  2  F  -

DlE  DARDANELLEN

1)  Europäisches  Ufer.  An  der  Spitze  der  Halbiusel
  die  Batterien  Ertogrul,  Ak-tabia  sowie  Schloß
Sed-ül-Bahr;  2,5  km  weiter  aufwärts  die  Batterien
Tott  und  Hissarlik.  Am  Heptastadion  die  Batterien  von
Kilid-Bahr  (Meeresriegel),  Medjüdie,  Nomasié,  Baikra,
letztere  Aum  südwestlich,  Deirmen-burun  (Mühlenkap),
Tchameburun  (Tannenkap),  diese  beiden  nordwestlich.
Bei  Maidos  die  Batterien  Maidos  und  Kiamlé,  eine
Batterie  an  der  Kiliabucht,  Fort  Bogali  mit  zwei  Seitenbatterien.
  Schließlich  kommen  noch  die  Befestigungen
  von  Gallipoli  mit  hochgelegenem  Kastell  in  Frage.

lich  Fort  Medjidiẽ;  1  km  weiter  aufwärts  Fort  Köschburun,
  dahinter  zwei  Batterien  nach  der  Landseite  (l).
Dazu  kommt  noch  die  alte  Festung  Nagara  mit  einem
neuen  Erdwerk  und  zwei  Batterien.  —  Bei  Nagara
und  Tschanak  sind  beide  Ufer  mit  Kabel  verbunden.

3)  Ergänzend  hierzu  haben  wir  uns  heute,  wie  gesagt,
  eine  Fülle  von  neueren  Werken  zu  denken,
sowohl  am  Ufer  wie  landeinwärts,  teils  Veldbefest-.
gungen,  teils  provisorischer  und  permanenter  Art.
Auch  eine  Feldeisenbahn  soll  die  ganze  Halbinsel  in
der  Längsrichtung  durchziehen.
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        KALlKASUSFROX'TP.

Mu#tab  1:1000  000
#  "

r□—  E  #  □—  —.
Kilunetc#-—
  hytaimie  der  74#/#n#
Russgisclics  Reich
LTünrkisches  Reich

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e  von  Ureenwich
        <pb n="156" />
        <pb n="157" />
        v.  Diest-Grothe:  Die  türkischen  Kriegsschauplätze

4)  Schließlich  ist,  wenn  auch  abseits  der  Dardanellen
gelegen,  aber  mit  ihrer  Verteidigung  zusammenhängend,
  die  Linie  von  Bulair  zu  erwähnen,  welche
die  3  km  breite  Einschnürung  der  Halbinsel  nahe  ihrer
Wurzel,  15  km  nordöstlich  von  Gallipoli,  absperrt.
Erbaut  im  Krimkrieg  1853/54  von  französisch-englischen
  Ingenieuren,  mit  Front  nach  Nordosten,  wird
sie  von  der  Propontis  zum  Jenikli-Liman  am  Golf
von  Saros  über  165  m  Steigung  hinweggeführt.  Sie
bestand  aus  drei  Hauptfesten:  Viktoria,  Sulian,  Napoleon,
  deren  Namen  und  Front  nach  Nordosten  ihrem
damaligen  Zweck  entsprachen.  Mit  Umbau  im  Balkankriege
  1912  nach  neuzeitlichen  Erfordernissen  und
bester  Feuerwirkung  nach  allen  Fronten  sowie  volkstümlicher
  Umtaufe  der  Werke  in  Ai-Tabia  (Mond-Feste),
  Merkes-Tabia  (Mittel-Feste)  und  Jildis-Tabia
(Sternen-Feste)  haben  die  Türken  hier  eine  erstklassige
  Festung  geschaffen,  welche  anzugreifen  die  feindliche
  Streitmacht  nicht  Vewagtê  hat,  abgesehen  von
einer  erfolglosen  kurzen  Beschießung  durch  französische
Schiffe  am  3.  März  1915.

Kriegsgeschichte.  Efeu  der  Sage  und  Lorbeer  der
Geschichte  umwuchern  seit  Urzeit  die  Ufer  der  Dardanellen;
  die  Sonne  Homers  leuchtet  über  ihrem  Eingangstor.
  Am  Hellespont  ankerten  im  Troerkrieg  die
Schiffe  der  Achaier.  Neuere  Forschung  verlegt  diesen
Platz  nicht  an  das  Delta  des  Skamandros,  sondern
nach  außen  südwärts  in  den  Beshikgolf  (Besikabai)
und  betont,  die  Alten  hätten  »Meer  der  Heller  nicht
nur  die  Dardanellen  genannt,  sondern  die  ganze  nordöstliche
  Bucht  des  Archipelagos.  Strategisch  und  taktisch
  scheinen  die  Krlegshandlungen  der  Ilias  dies  zu
bestätigen.  Kerxes  und  Alexander  haben  die  Dardanellen
  überbrückt;  mit  Ketten  ließ  der  Perserkönig  ihre
widerspenstigen  Fluten  peitschen.  An  den  Ziegenflüssen
(Aigospotamoi,  Gebirgsbäche  südlich  von  Gallipoli)
wurde  der  Peloponnesische  Krieg  entschieden.  über
die  Dardanellen  hinweg  (1356)  eroberten  die  Osmanen
das  Hinterland  von  Byzanz  100  Jahre  früher,  ehe
sie  die  Hauptstadt  selbst  zu  Fall  brachten.  Herüber  und
hinüber  tobten  vom  15.—17.  Jahrh.  die  Kämpfe  zwischen
  Türken  und  Venezianern.  Aberdie  neuere  Kriegsgeschichte
  gibt  kaum  ein  Beispiel  nachhaltiger  =  Forcierung«.
  1770  drang  mitder  russischen  Flotte  Admiral
Elphinstone  bis  Kefes-burun  vor;  1807  durchfuhr  mit
englischem  Geschwader  überraschend  bei  Nacht  Admiral
  Duckworth  die  ganze  Meerenge,  erschien  vor  Konstantinopel,
  mußte  jedoch  bald  zurülck  und  etging  bei
der  zweiten  Durchfahrt  knapp  der  Vernichtung.  Seitdem
  hat  kein  feindliches  Schiff  den  -Meeresriegel  gesprengt,
  und  auch  heute  im  Weltkrieg  scheint  Moltkes
Wort  zu  Recht  zu  bestehen,  der  ihn  für  unbezwingbar
erklärte.  Den-Erfolg=  des  1/:  Jahr  währenden  englischen
  Ansturms  kennzeichnen  am  besten  die  Worte
einer  Londoner  Zeitung  („Daily  Mail=  vom  23.  Dez.
1915):2  Die  Regierung  erkennt  jetzt  die  unglaubliche
Dummheit  dieser  Expedition  .  wir  hatten  200000
Mann  Verluste  ohne  Ergebnis  —  —I#%

Imübrigen  haben  Kriegshandlungen  zwischen  1807
und  1914  an  den  Dardanellen  kaum  stattgefunden,
und  über  diplomatische  Kämpfe  um  die  Meerengenin
  dieser  Zeit  zwischen  den  beteiligten  Mächten  können
wir  hinweggehen.  Auch  alle  internationalen  Verträge
  sind,  gleich  denen  für  den  Sueskanal,  das  Papier
nicht  mehr  wert,  auf  dem  sie  geschrieben  wurden.  Die
wichtigsten  waren  seinerzeit  diejenigen  von  1809,  1841,
1856,  1871,  1878;  nach  ihnen  durfte  kein  fremdes
Kriegsschiff  die  Dardanellen  passieren,  ausgenommen

133

die  nichtarmierten  Schiffe  von  Rußlands  Freiwilligen-Flotte-,
  welche  die  Besatzung  nach  dem  „Fernen
Osten«  drachten,  und  die  -  Stationäre=  der  Botschafter
  am  Goldenen  Horn.

Karten  und  Literatur.  H.  Kiepert,  Generalkarte
der  Südost-Europäiüschen  Halbinsel,  1:1500000,  miu  Nebenkarte
  der  Dardanellen  in  1:300000  (Berlin);  Marmara-Meer
  und  Umgebung,  Bosporus,  Dardanellen,  1:150000
(Auxhaven);  Karte  der  Dardanellen,  1:  175  000,  zu  dem
Aufsatze  v.  Diests  -Die  Dardanellen  im  Weltlrieg-  (2Zeitschrift
  der  Ges.  für  Erdk.  zu  Berlin«,  Aprilheft  1916).  Als
erster  topographisch-militärischer  Bericht  behandelt  er  Kampfgelände,
  -formen,  -mittel  und  --handlungen  und  ergeht  sich
außerdem  in  ausführlicher  Weise  über  die  Rolle,  welche  die
Meerenge  im  Al#ertum  spielte.

B.  Die  vorderasiatischen  Kriegsschauplätze
von  Dr.  jur.  et  phil.  Hugo  Grothe,  Privatdozent  für
Geographie  in  Stuttgart
Vgl.  die  Karten  „Kaukasusfronte,  Länder  des  Mittelmeeresc
dei  S.  116,  »  Das  Bordringen  der  Engländer  im  Irakgebiete  bei

S.  208  und  die  Textkarte  Das  Kampfgebiet  auf  der  Sinaihalbiusel
  auf  S.  135.

Wie  eine  gigantische  natürliche,  gegen  Angriffe
wohl  geschützte  Festung  erheben  sich  Anatolien  und
Syrien  von  den  umgürtenden  Meeren  aus  zu  gewaltigen
  Hochländern.  Kleinasiens  Ausdehnung  in
der  Nord-Süd-Richtung  erreicht  zwischen  dem  lykischen
Anamur  und  dem  nordkleinasiatischen  Kap  Innsr.
Burün  unweit  Sinope  die  gewaltige  Entfernung  von
700  km.  Das  ist  keine  kleinere  Distanz  in  der  Luftlinie
  als  die  von  Kuxhaven  bis  Konstanz  am  Bodensee
  oder  die  von  Gent  in  Belgien  bis  Dresden.  Nur
wenige  und  schwierige  Wege  führen  in  das  Innere,
die  mit  Ausnahme  der  sacht  zur  Hochebene  ansteigenden
  westlichen  ionischen  Straßen  meist  über  hohe  Gebirgspässe
  laufen  und  denen  eine  Reihe  von  parallelen
  Gebirgszügen  entgegensteht,  die  sich  quer  zu  einer
etwa  versuchten  Einmarschrichtung  bewegen.  An  den
Küsten  sehen  wir  vom  Ausgang  der  Dardanellen  bis

um  Süd-  und  Osthang  des  lykischen  und  kilikischen
aurus,  also  an  dem  ganzen  Rande  des  kleinasiatischen
  Halbbogens,  eine  meist  unnahbare  Steilküste.
Die  größeren  Städte  und  Häfen  liegen  in  der  Tiefe
der  Buchten,  deren  Zugang  durch  Aufbau  von  Befestigungen
  auf  den  vorgelagerten  Inseln  leicht  gesperrt
  werden  kann.  Dies  gilt  vor  allem  für  Smyrna,
aber  auch  für  Adramyti,  Mendelia,  Giova,  Makri.
Ungeschützt  liegen  nur  die  pamphylische  Ebene  in  der
Tiefe  des  Golfs  von  Adalia  und  die  kilikische  im
Schwemmland  des  Seihün  und  Dschihän  wie  weiterhin
  der  Winkel  des  Golfs  von  Alexandrette.  Dafür
aber  stehen  hart  hinter  diesen  ebenen  Küstenstrichen
die  höchsten  Wälle  des  Taurus  mit  Höchsterhebungen
zu  3000  und  3500  m,  deren  enge  und  rauhe  Paßpfade
  gegen  größere  Heere  ohne  Aufgebot  bedeutender
  Kräfte  zu  verteidigen  sind.  An  ein  Hineintragen
der  Kämpfe  ins  Innere  Anatoliens,  also  auf  die  kleinasiatische
  Hochebene,  auf  Grund  einer  Landung  der
Angreifer  ist  kaum  zu  denken.  Ein  Vormarsch  in  das
unwegsame  und  dünn  bevölkerte  Hochplateau  könnte
nur  mit  Hilfe  zahlreicher,  auf  der  Einfallslinie  errichteter
  fester  militärischer  Stützpunkte  erreicht  werden.
Die  dazu  nötigen  starken  Eroberungsheere  aufzubieten,
  dürfte  kaum  ein  Gegner  so  leicht  imstande  sein.

Was  die  Küste  Syriens  betrifft,  das  als  Landbrücke
  für  die  östlich  zwischen  Kleinasien,  dem  Kernpunkte
  osmanischer  Macht  und  Bevölkerung,  und
        <pb n="158" />
        134

Agypten  sich  entwickelnden  Kämpfe  in  Betrachtkommt,
so  gewährt  auch  hier  eine  Steilküste  mit  unsicheren
Hähn  sowie  der  orographische  Aufbau  des  Hinterlandes
  bedeutenden  Schutz.  Das  parallel  der  Küste
sich  erstreckende  Nosariergebirge  verteidigt  die  Landschaften
  des  nordsyrischen  Hinterlandes  mit  Aleppo,
Hama  und  Homs;  die  breite  Mauer  des  Libanons
deckt  Cölesyrien  und  ein  weiterer  Riegel,  der  des
UAntilibanons.  die  Kulturoase  von  Damaskus.  Weiter
im  Süden  wird  Palästina  vor  einem  vom  Mittelmeer,
also  von  Halfa,  Jaffa  oder  Ghaza,  heranziehenden
Gegner  durch  den  Riß  des  Jordantals  und  den  steilwandigen
  Graben  des  Toten  Meeres  sowie  die  östlich
hinter  ihm  aufragenden  Terrainstufen  geschützt.  Die
den  türkischen  Aufmarsch  gegen  Agypten  fördernde
Melkabahn  ist  also  auf  ihrer  ganzen  nordsüdlichen
Linie  so  gut  wie  unberührbar.  überhaupt  kommt
den  Türken  für  den  Fall  der  Defensive  wie  Offensive
das  ziemlich  reiche  Bahnnetz  in  Syrien  außerordentlich
  zustatten,  dessen  Ausbau  nach  der  Sinaihalbinsel
zu  während  des  Krieges  betrieben  wurde.

Auch  die  Gestade  des  Schwarzen  Meeres  bieten
  mit  dem  schmalen  Vorgelände  ihrer  von  West
nach  Ost  streichenden  Küstenketten  keinen  rechten  Angriffspunkt
  für  größere  Kriegsunternehmungen.  Die
am  Schwarzen  Meere  sich  lagernden  Städte,  wie
Unieh,  Ordu,  Sinope,  Ineboli,  Eregli,  Tireboli,  Kerasund,
  Trapezunt,  bauen  sichs  äimtlich  amphitheatralisch
auf,  und  nur  Samsum  dehnt  sich  auf  breiter  ebener
Uferterrasse.  Nur  hier  und  da  sind  diese  Siedlungen
Ziele  für  Schießübungen  der  russischen  Schwarzmeerflotte
  #ewesen.  wie  an  den  Küsten  des  Mittelmeers
  die  Angriffe  einzelner  Kriegsschiffe  der  Entente
gegen  Ghaza  und  Jaffa,  Alexandrette  und  verschieene

  Plätze  der  westlichen  kleinasiatischen  Küste  nur
eitle  Machtbekundungen  blieben.

Aus  alledem  ist  ersichtlich,  daß  als  Kampfplatz  dieses
  Weltkrieges  weder  die  Küsten  Syriens  noch  Anatoliens
  in  Betracht  kommen.  Kriegerische  Ereignisse

rößeren  Umfanges  mußten  sich  also  in  den  Jahren

914—17  aus  von  der  Natur  vorgeschriebenen  Ursachen
  an  den  Berührungsflächen  abspielen,  welche
die  Türken  mit  ihren  Gegnern  haben:  im  Südwesten
auf  der  GSinoihalbiufel,  am  Sueskanal  und  in
Agypten;  im  Nordosten  im  armenischen  Hochlande
  auf  der  500  km  langen  Grenzlinie  von  der
Tschoruchmündung  zum  Ararat  und  später  in  Türkisch-
  Armenien  selbst,  ebenso  im  persischen  Aserbeidschan
  auf  einer  gleichausgedehnten  Front  von  Bojaid
  Über  Täbris  nach  dem  Südufer  des  Urmiasees.

erner  da,  wo  Englands  kriegerische  Tätigkeit  infolge
der  bisherigen  Vorherrschast  in  Indien  und  im  Perfischen
  Gols  mit  Erfolg  einzusetzen  vermochte,  nämlich
  im  Zweistromlande  an  der  Mündung  des
Schatt-el-Arab.  Oder  da,  wo  politische  Ziele  höchster
Art,  nämlich  die  Eroberung  onstamtinopelt=  durch
ruhmvolle  Strategie  der  Welt  bekundet  werden  sollten,
  das  ist  an  den  Dardanellen  (s.  S.  131  ff.).

I.  Die  Sinaihalbiusel.

Drei  Wege  stehen  den  Heeren  durch  die  Sinaihalbinsel
  offen,  die  sich  von  Syrien  gegen  Agypten
wenden  oder  in  umgekehrter  Richtung  ihr  Ziel  unen.
Der  südliche  führt  von  dem  am  nördlichen  Ende  des
Golfes  von  Alaͤba  gelegenen  Orte  gleichen  Namens
über  die  Hochebene  von  Tih  nach  Sues,  während  ein
zweiter  von  Tell  Refäh  an  der  syrischen  Küste  entlang
  nach  El  Kantära,  etwa  50  km  südlich  von  Port

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Said,  läuft.  Akäba,  von  der  nächstliegenden  Station
der  Mekkabahn  (östliche  Entfernung  70  km;  von
Ma'än  110  km)  leicht  erreichbar,  erweist  sich  als  besonders
  günstiger  Stützpunkt  für  militärische  Maßnahmen.
  Unter  hohen  Palmen  versteckt  liegen  die
schmutzigen  Araberhütten  Akäbas,  das  von  alters  her
den  Sammelpunkt  der  nach  Mekka  ziehenden  Karawanen
  bildet.  Schon  im  späteren  Mittelalter  beschützte
daher  ein  starkes  Schloß  diesen  wichtigen  Knotenpunkt;
heute  dehnen  sich  mehrere  Küstenbatterien  am  Strande
des  Golfes,  die  einige  englische  Landungsversuche  erfolgreic
  abgewiesen  haben.
aum  in  5  km  Entfernung  von  den  lesten  Palmen
  Akäbas  steigt  die  Straße  H.en  an.  Zwischen  Felsen
  und  Trümmern  erklettert  sie  in  langen  Serpentinen
  die  Hochebene  von  Tih.  Schwerbeladene  Kamele
brauchen  an  fünf  Stunden,  um  bedächtigen  Schrittes
u  dem  Plateau  zu  gelangen.  Der  erste  Halt  auf  demfelorn
  geschieht  bei  Bir  el  Kittär.  Hier  liegt  der  Ort
»El  Mefräk-,  d.  i.  die  Wegeteilunge.  Während  der
ägyptische  Pilgerweg  nach  Westen  abschwenkt,  verläuft
  nach  Nordnordwest  ein  beschwerlicher,  150  km
langer  Pfad  durch  die  ganze  östliche  Wüstensteppe  der
Halbinsel  bis  Bir  Birèn,  von  dem  in  drei  Tagesmärschen
  (8O  km)  Ghaza  zu  erreichen  ist.  In  trockenen
Vahren  sind  die  Brunnen  fast  versiegt,  so  daß  die
Fährlichkeiten  dieser  Strecke  recht  beträchtlich  sind.
Von  Bir  el  Kittär  aus  dehnt  sich  meilenweit  das
Hochland  fast  tischgleich.  Erst  gegen  Süden  zu,  von
der  Breite  an,  wo  sich  die  Rotemeerküsten  des  unteren
Sinaidreiecks  im  spitzen  Winkel  einander  zu  nähern
beginnen,  wächst  aus  der  Wüstenplatte  von  Et  Ti
ein  stattlicher  Gebirgsstock  von  Granit  und  Gu
gervor.  dessen  braungetönte  Felseneinsamkeit  und
dnis  nur  selten  durch  lebendige  Wasseradern  oder
eine  Baumgruppe,  wie  z.  B.  die  idyllische  Oase  Hirän,
unterbrochen  wird.  Der  Serbäl  (2060  m),  der  Dschebel
  Kathrin  (2606  m)  und  der  Dschebel  Musa,  d.  i.
„Mosesberg=  (2292  m),  an  dessen  Flanken  das  Sinaikloster
  sich  dehnt,  sind  die  höchsten  Erhebungen.  Der
Boden  ist  hart,  und  in  schnellem  Trab  können  Berittene
  die  Hauptstadt  der  Sinaihalbinsel,  Kaläat  en
Nachl  (d.  h.  -Dattelschloß),  erreichen.  Als  einzige
Bodensenkung  durchzieht  das  Tal  von  El  Arisch  die
ochebene  in  nordsüdlicher  Richtung.  In  ihm  zeigen
ich  unweit  en  Nachl  Gerste-  und  Maisfelder.  Obne
sawellel  hat  bei  ehemals  größerer  Sorgfalt  zur  Aufangung
  der  Niederschläge  und  bei  früher  stärkerer
Regenbenetzung  die  Sinaihalbinsel  einsteinen  reicheren
Anbau  aufzuweisen  gehabt.
Erst  bei  Meibeluk,  eine  kleine  Tagereise  vor  Sues,
geit  eine  Anderung  der  Landschaft  vor  sich.  An
telle  des  festen  Gesteins  tritt  Sand.  Der  geschilderte
Weg  von  Akäba  bis  Sues  ist  240  km  lang  und  kann
auch  von  einer  größeren  Truppenabteilung  in  fünf
bis  sechs  Tagen  zurückgelegt  werden.  Kaläat  en  Nachl
besitzt  zahlreiche  und  geräumige  Brunnenanlagen,  so
daß  Tausende  von  Menschen  und  Tieren  zu  gleicher
Zeit  dort  erquickt  werden  können,  wie  alljährlich  bei
den  Mekka-Karawanen.  Der  nördliche  Weg  von  der
syrischen  Grenze  nach  El  Kantära  ist  ein  wenig  kürer
  (220  km).  Der  erste  größere  Flecken  auf  der
tinaihalbinsel,  El  Arisch,  besitzt  ebenfalls  gute  und
ergiebige  Brunnen.  Dagegen  sind  die  weiteren  Oasen
auf  dem  Marsche  nach  Westen:  Bir  el  Mezär,  Bir  el
(Abd  und  Bir  el  Katjeh,  ziemlich  wasserarm,  so  daß
auf  dieser  sandigen  Strecke  die  Wasserversorgung  ausschließlich
  durch  mitgeführte  Vorräte  erfolgen  muß.
        <pb n="159" />
        v.  Diest-Grothe:  Die  türkischen  Kriegsschauplätze

Auch  El  Kantchra  hat  nur  wenige  Süßwasserbrunnen.
Eine  Rohrleitung  führt  unter  dem  Kanal  hinweg  von
dem  reichlich  mit  Süßwasser  versehenen  Westufer
hierher.  Obgleich  sich  dieser  nördliche  Weg  nahe  der
Küste  hinzieht,  vermögen  feindliche  Kriegsschiffe  einen
Truppenmarsch  nur  auf  einem  schmalen  Stück  westlich
  und  östlich  von  El  Arisch  zu  stören;  denn  noch
in  10  km  Entfernung  vom  Strande  beträgt  die
Meerestiefe  erst  5—10  Meter.  Zudem  erstrecken  sich
von  Bir  el  Mezäc  vor  der  Küste  (von  Bir  Gerarät

135

von  Bedeutung,  weil  er  in  zwei  Ausstrahlungen
nahe  den  Punkten  am  Sueskanal  ausmündet,  wo  sich
schmale  Landbrücken  als  Durchbruchsstellen  bieten.
Zu  einem  Durchstoß  kommen  vor  allem  die  zwischen
den  Seebecken  gelegenen  Landstreifen  in  Betracht,  so
die  von  El  Kantära  zwischen  El  Menzäle-  und  dem
Ballähsee  von  5  km  Breite,  ferner  die  zwischen
Ballähsee  und  Jsmailia  (10  km  breit),  dann  solche
zwischen  Timsähsee  und  den  beiden  Bitterseen  (13  km)
und  schließlich  die  Landbrücke  zwischen  diesen  letzteren

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bis  zum  Dörschen  Mahmadije  auf  80  km  hin  8—
10  km)  breite  Lagunen  mit  vorgelagerten  Sandbänken
  —  es  sind  die  Sebchät  Bardawil,  die  alten
Sirdonischen  Seen  —,  die  eine  Truppenlandung  und
eine  Beschießung  der  Karawanenstraße  durch  Kriegsschiffe
  völlig  unmöglich  machen.

Noch  ein  dritter  Weg  kommt,  wenn  auch  nicht  im
gleichen  Grade  wie  die  vorgenannten,  für  die  Angriffsbewegungen
  in  Betracht.  Diese  AUnmarschlinie,
180  km  lang,  zweigt  aus  dem  Wädi  el  Arisch  86  km
südlich  vom  gleichnamigen  Städtchen  in  südwestlicher
Richtung  ab  und  endet  in  Ismailia,  einem  etwa
10000  Einwohner  zählenden  Städtchen,  in  dem  die
Zentralverweltung  des  Sueskanals  ihren  Sitz  hat.

er  Wasserbestand  in  den  Brunnen  ist  ebenso  gering
wie  auf  nördlicheren  Weg  El  Arisch-Kantära.
Reste  römischer  Zisternenanlagen  zeigen,  daß  im  Altertum
  diese  mittlere  Wasserstraße  ziemlich  lebhaft  begangen
  wurde.  Dieser  mittlere  Weg  ist  gerade  darum

Das  Kampfgebiet  auf  der  Sinalhoalbinsel.

und  der  Kanalmündung  bei  Sues,  die  mit  15  km  die
breiteste  ist.

Die  Bevölkerung  der  eigentlichen  Sinaihalbinsel
  beträgt  schwerlich  mehr  als  10000  Seelen,  von
denen  kaum  ein  Zehntel  auf  nichtarabische  Elemente,
wie  griechische  nche  und  Kaufleute,  Kopien  und
n  rüche  Fellachen,  entfallen  dürfte.  Außer  El  Arisch
und  Kaläat  en  Nachl  gibt  es  nur  noch  eine  nennenswerte
  Siedlung,  das  am  Golf  von  Suoes  gelegene
Städtchen  Tör,  der  einzige  natürliche  Hafen  der
Halbinsel  mit  einigen  hundert  Einwohnern  und  ziemlich
  armseligem  Handelsverkehr.  Nur  zur  Zeit,  wenn
die  ägyptischen  Pilger  aus  Mekka  zurilckkehren  —  Tör

Quarantänestation  für  die  von  der  arabischen

ste  kommenden  Schiffe  —,  herrscht  Leben  und  Gedränge
  in  seinen  engen  und  gewundenen  Gassen.
Herr  der  schmalen  Oasen  und  Wülstensteppen  des
Sinajlandes  ist  der  Beduine,  und  zwar  der  Towära-,
wie  er  sich  in  bezug  auf  die  Halbinsel  nennt,  die
        <pb n="160" />
        136

im  arabischen  Munde  „Tör=  heißt.  Ein  ziemlich
armes  und  bescheidenes,  wegen  seiner  Zuverlässigkeit
und  Ehrlichkeit  in  besserem  Rufe  stehendes  Völkchen
als  das  der  ösllich  angrenzenden  syrisch  arabischen
und  ägyptischen  Gebiete,  stellen  diese  in  sechs  Stämme
sich  gliedernden  Towära  dar.  Sie  leben  vom  mageren
Ertrage  ihrer  Palmenpflanzungen  und  Felder  wie
vom  Verdienst  ihrer  Kameltransporte,  mit  denen  sie
vom  Niltal  und  Akäba  und  den  palästinensischen
Grenzstädten  einen  guten  Teil  des  Jahres  unterwegs
sind.  Das  den  Beduinen  trotz  aller  constigen  religiösen
  Gleichgültigkeit  imnewohnende  Gefühl,  in  Zeiten
der  Bedrängnis  des  Islams  der  Fahne  Mohammeds
Gefolgschaft  und  Hilfe  leisten  zu  müssen,  beseelt  ohne
Zweifel  auch  die  Towära  und  macht  sie,  was  bei  ihrer
großen  Kenntnis  der  Wege  und  Brunnen  hoch  zu
veranschlagen  ist,  zu  schätzbaren  Bundesgenossen  der
Türken.  Eine  militärische  Bedeutung  gewinnen
natürlich  die  Towära  der  Sinaihalbinsel  ebensowenig
wie  die  arabischen  Irregulären  Syriens  und  Mesopotamiens,
  die,  auf  Kamelen  oder  Pferden  beritten,
sich  dem  türkischen  Kriegszuge  anschließen.

Die  vor  Kriegsbeginn  markierte  Grenze  zwischen
Syrien  und  Agypten  war  eine  solche,  wie  sie  von
seiten  der  Lürken  nur  infolge  mehrfacher  englischer
Einschüchterungen  zugestanden  worden  war.  Noch
zehn  Jahre  nach  der  englischen  Okkupation  Agyptens
betrachteten  die  Türken  die  östlichen  Teile  der  Sinaihalbinsel
  als  ihnen  zugehörig.  Im  Jahre  1900
führte  die  türkische  Absicht,  von  der  Mekkapilgerbahn
aus  einen  Eisenbahnstrang  nach  Akäba  zu  führen,
um  im  Notfalle  türkische  Truppen  schnell  zum  Schutze
der  zwischen  der  Sinaihalbinsel  und  Arabien  einschneidenden
  Meerzunge  und  des  nordwestlichen
Weges  nach  Mekka  und  Medina  senden  zu  können,

ur  Drohung  Englands,  bei  Ausführung  dieses
laues  britische  Kriegsschiffe  durch  die  Dardanellen
nach  Konstantinopel  abgehen  zu  lassen.

Was  die  Türken  in  friedlichen  Zeiten  aus  Scheu#
vor  Englands  Macht  nicht  auszuführen  vermochten,
haben  sie  inmitten  dieses  Krieges  zum  größten  Teile
schon  vollbracht,  nämlich  die  Verbindung  des  südlichen
  Palästinas  mit  der  Sinagihalbinsel.  Die  Vorstöße
  der  Engländer  gegen  das  südliche  Falästina,  vor
allem  gegen  Ghaza,  haben  solche  nicht  hindern  können,
  indem  sie  dort  nur  den  nächsten  Umkreis  der
Meeresküste  unter  englische  Macht  stellten.  Die  schon
seit  längerem  vorgesehene  Bahnlinie  nach  der  ägyptischen
  Grenze  ist  im  Hinterlande  heute  schon  in  Betrieb.
  Von  Afuleh,  an  der  Bahnstrecke  Haifa--Derät
gelegen,  hatte  die  Türkei  in  eigener  Regie  schon  vor
dem  Kriege  eine  nach  Süden  laufende  Linie  in  Angriff
genommen  und  bis  Nablus  geführt.  Mitte  Januar
1915  bewilligte  die  Abgeordnetenkammer  die  erforderlichen
  Kredite  zum  schleunigen  Weiterbau.  Seit
Anfang  1916  sichert  diese  palästinensisch--ägyptische
Eisenbahnlinie,  den  Bahnstrang  Jassa-Jerusalem
bei  Nablus  berührend,  über  Damaskus  und  Aleppo
im  Anschluß  an  die  Baghdadbahn  eine  unmittelbare
Verbindung  mit  der  Reichshauptstadt.

II.  Armenien.

Armenien  kann  deutlich  als  geographische  Einheit
  erkannt  werden.  Es  erfüllt  teils  türkisches,  teils
russisches  und  persisches  Gebiet.  fällt  jedoch  zu  seinem

rößeren  Teile  (beinahe  zwei  Drittel)  auf  türkischen
oden.  Diese  Flächenstriche  waren  niemals  politisch
  als  ein  armenisches  Reich  zusammengefaßt.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Doch  angesichts  der  gleichmäßigen  morphologischen
Verhältnisse  wird  man  den  geschichtlich  begründeten
  Namen  Armenien  nicht  missen  wollen,  obschon
die  Armenier  heute  nicht  die  ausschließliche  Bevölkerungsschicht
  sind.  Sie  bilden  nur  in  wenigen  Verwaltungsbezirken
  (in  den  am  Wansee  gelegenen)  die
Mehrheit.  Die  Grenzen  Armeniens  geben  sich  nach
Osten  und  Westen  ziemlich  unbestimmt.  Das  Hochland
dacht  sich  nach  Kleinasien  allmählich  ab,  gegen  Kaukasien
  und  Iran  gestalten  sich  die  Abdachungen  höher.
Im  Norden  und  Süden  wird  Armenien  von  hohen,
zackenreichen  Randketten  umfaßt,  die  steil  zur  Küste
bzw.  zum  mesopotamischen  Tieflande  abfallen.  Im
geographischen  Sinne  erfährt  es  folgende  Umgren
ung:  westlich  bis  zu  der  Wasserscheide  zwischen  dem
Frak.fu  und  den  kleinasiatischen  Flüssen,  nördlich  bis
zu  den  pontischen  Küstenketten,  östlich  hinein  in  die
politisch  russische  Sphäre  bis  zum  Abfall  der  nordöstlichen
  armenischen  Berge  nach  dem  Rion  und  der  Kura
sowie  auf  persischem  Territorium  bis  zum  Bergpfeiler
des  Sähänd  wie  zum  Oststrand  des  Urmiasees  und
viertens  gen  Süden  bis  zu  den  nördlichen  Höhentügen
  der  obermesopotamischen  Steppe,  die  sich  in
er  Breite  von  Mardin  bewegen.  Eine  Hochlandschwelle
  in  1000  —  2000  m  Höhe  mit  mächtig  aufgesetzten
  Gebirgsrücken,  die  von  hohen,  eindrucksvoll
geformten  Vulkanbergen  überragt  werden  (Ararat
5156  m,  Alagöz  4095  m,  Bingöldagh,  d.  i.  der  Berg
der  -Tausend  Seen-,  südwestlich  von  Erzerum,  3300  m,
der  Sipandagh  bei  Wan  3910  m,  der  Sawelän  bei
Täbris  4812  m),  mit  breit  eingesenkten  Seebecken  (die
Seen  von  Wan,  Urmia  und  Göktschat  in  Höhenlagen
von  1666,  1330  und  1934  m)  und  vielen  scharf  ein
gegrabenen  Flußfurchen,  so  offenbart  sich  gleichartig
die  physikalische  Gestalt  dieses  armenischen  Landes.
Einzelne  Beckenlandschaften,  wie  die  von  Erzerum,
liegen  1900  m  ü.  M.,  beinahe  in  Rigihöhe.  Wie  der
Lauf  der  Längstalfurchen  der  Flüsse  deutlich  zeigt,
streichen  die  armenischen  Bergketten  sämtlich  von  W.
nach  O.  oder  von  WSW.  nach  ON.,  biegen  aber
gegen  Russisch-Armenien  zu  in  nordöstliche  Richtung
um.  Baumarme  und  kahle  Plateaustreifen,  bedeckt
von  düsteren  Laven,  aschgrauen  Tuffen  und  nichtvulkanischen
  Gesteinstrümmern,  oder  öde  Steppenstriche,
  in  fahles  Gelb  getaucht,  hier  und  da  unterbrochen
  von  mattgrünen  Ackerflächen,  braungetönte,
zerrissene  und  zerklüftete  Kalkstein=  und  Schieferketten,
rötliche  schneegeköne  Vulkandome,  Baugrün  schimmernde,
  von  Siedlungen  umzogene  Seenflächen  und
auf  den  Abdachungen  der  Gebirge  gaH  en  das  regenbringende
  Schwarze  Meer  wie  den  appisee  zu  leuchtende
  Waldlinien  von  immergrünen  Laub-  und  Nadelbäumen,
  zahlreiche  weiße  Fäden  ungestümer  Wildwasser
  in  geröllreichem  Bette,  das  sind  die  Farben
und  Töne  des  armenischen  Landschaftsbildes.  Eisig
kalte  Winter  und  glühend  heiße  Sommer  kennzeichnen
die  armenischen  Hochlaude.  Je  weiter  wir  ins  Innere
der  Hochfläche  rücken,  desto  größeren  Temperaturextremen
  begegnen  wir  (beobachtete  absolute  Maxima
bzw.  Minima  +  38°%  und  —  29°).  Der  Mangel  jeglicher
  schiffbarer  Flüsse  und  die  ungenügende  Zahl
gueer  Verkehrsstraßen  —  den  Bau  von  Eisenbahnen  in
ürkisch-Armenien  hat  Rußland  durch  sorgsame  politische
  Intrigen  hintanzuhalten  gewußt  —  erschweren
die  geeignete  Verwertung  der  wirtschaftlichen  Erzeugnisse
  von  einiger  Bedeutung,  wie  es  die  Beziehungen
der  einzelnen  Beckenlandschaften  zueinander,  die  zwischen
  hohen,  mühselig  zu  bewältigenden  Bergreihen
        <pb n="161" />
        v.  Diest-Grothe:  Die  türkischen  Kriegsschauplätze

eingesenkt  sind,  zu  keiner  Entwicklung  kommen  läßt.
Die  Erzeugnisse  Armeniens,  so  Obst  aus  den  Gärten
der  Fruchttäler,  Wolle  der  Viehzüchter,  Erze  der  Berge
(Silber,  Eisen,  Blei,  Kupfer,  Zinn  bei  Gümüschaneh
im  Pontus  wie  in  der  Gegend  von  Kharput  und  Diärbekr),
  Erträge  seiner  Thermen  von  Eisen,  Schwefel,
kohlensauren  Kalken  sind  daher,  was  Türkisch-  Armenien
  betrifft,  bislang  nur  in  geringer  Faht  ausgebeutet
  und  ausgeführt,  und  nur  das  einheimische  wohlentwickelte
  8  (Kupferschmiede)  hat  sich  die
Schätze  der  Berge  zunutze  gemacht.

Die  Grenzlinie  zwischen  der  Türkei  und  Rußland
erreicht  von  den  Küsten  des  Schwarzen  Meeres  bis
zum  Bergdom  des  Ararats  eine  ansehnliche  Länge,
und  zwar  reichlich  500  km  (Luftlinie  etwa  400  km).

Die  südwestlichen  Gebiete  des  heutigen  russischen
Transkaukasiens  mit  Batum,  Artwin,  Ardachän  und
Kars  wurden  erst  nach  dem  russisch-türkischen  Kriege
von  1878/79  dem  Zarenreiche  einverleibt,  nachdem
bereits  1829  durch  den  Frieden  von  Adrianopel  die
Landstriche  am  rechten  Ufer  des  Kur  mit  Achatsych
und  Tiflis  in  russischen  Besitz  übergegangen  waren.
Der  Verlauf  der  heutigen  Grenze  ist  ziemlich  verwickelt.
  Sie  beginnt  im  Westen  25  km  südlich  von
Batum,  den  Unterlauf  des  Tschoruch  den  Russen
überlassend.  Bis  wenige  Kilometer  südlich  vom  Zusammenflusse
  des  Ardanutsch-fu  und  des  Tschoruch
reicht  ein  Zipfel  türkischen  Gebietes  nordwärts,  doch
nur  so  weit,  daß  die  wichtige  Paßstraße,  die  sich  von
der  westlichen  kranskaukasischen  Hochebene  über  Ardachän
  am  rechten  Ufer  des  Ardanutsch-fu  und  des
Tschoruch  entlang  nach  Batum  bewegt,  vollkommen
auf  russischem  Boden  verlaufen  kann.  Ebenso  gehört
zu  Rußland  der  Bezirk  von  Olty,  den  von  Ardachän
her  eine  südlich  ausgreifende  Straße  bestreicht,  während
  das  Ortchen  Id  und  das  gleichnamige  Quellgebiet
  des  Olty-tschai  sowie  der  Auslauf  dieses  schäumenden
  Gebirgoflüßchens  in  den  Tschoruch  wieder
türkisches  Besitztum  sind.  Zwischen  dem  Dümlü-dagh
und  dem  parallel  zu  ihm  von  West  nach  Ost  streichenden
  Achry-dagh  befindet  sich  eine  breite  Längsrinne,
die  durch  den  Querriegel  des  Dewebojundagh  bei
Erzerum  getrennt  ist.  Nach  Westen  zieht  durch  diese
fruchtbare  Talstrecke  der  Frat=  fu.  nach  Osten  zum
Kaspischen  See  der  Araxes  (Aras-su).  Nur  ein  kurzes
  Stück  seines  Oberlaufes  ist  1878  den  Türken  verblieben.
  Bon  den  nördlichen  Quellen  des  Muradtschai
  bis  zum  Ararat  bilden  die  Kämme  des  Achrydagh
  auf  ziemlich  200  km  hin  die  Grenze,  einen  starren
  und  hohen  Wall  aufbauend,  der  nur  auf  zwei
schwierigen  Paßwegen  vom  Tal  des  Araxes  zu  dem
des  Murad“tschai  Überschritten  werden  kann.  Diese
Grenzabsteckung  bringt  es  mit  sich,  daß  die  natürliche,
verhältnismäßig  bequeme  Straße  von  Erzerum  nach
dem  nördlichen  Persien  auf  der  Strecke  Hassankaleh-Köprüköi-Karakilisseh-—
  Bajazid  noch  gänzlich  unter
türkischer  Herrschaft  steht.

Der  Straßen,  welche  die  einzelnen  Landschaften
auf  russischer  und  türkischer  Seite  miteinander  verbinden,
  sind  nur  wenige.  Mehr  Fußpfad  als  gangbare
  Straße  ist  der  Weg,  der  längs  steil  zum  Meere
abbrechender  hochragender  Hänge  den  Wanderer  von
Trapezunt  über  Rizeh  durch  die  lazischen  Gaue  nach
Batum  bringt.  Schwindelig  sind  die  Steige,  die  mit
dem  mittleren,  tief  in  das  Gebirge  eingerissenen  Tschoruch
  nach  Artwin  streben.  Ein  Seitenweg  führt  von
Tschoruch  in  östlicher  Richtung  durch  die  Schluchten
von  Chosor  in  den  Bezirk  von  Olty,  während  das

137

Städtchen  dieses  Namens  selbst  auf  einem  halsbrecherischen,
  aus  der  Türkei  von  Süden  herkommenden
Gebirgswege  erreicht  wird.

Die  Festung  Kars  (1740  w),  nach  jedem  russischtürkischen
  Kriege  neu  ausgebaut,  beherrscht  den  südlichen
  Teil  der  mittleren  transkaukasischen  Hochebene.
Wer,  von  Westen  vordringend,  ihr  Herr  ist,  gebietet
über  die  Bahnlinie,  die  nach  Alexandropol  und  Tiftis
führt,  und  somit  über  das  mittlere  Kurabecken.  Er
vermag  ebenso  bequem  das  Becken  von  Eriwan
(1000  m)  zu  meistern,  das,  am  mittleren  Araxes  gelegen,
  durch  eine  Zweigbahn  von  Alexandropol
(1530  m)  erreicht  wird  und  weiter  durch  den  Strang
Eriwan—Dschulfa  das  Verbindungsglied  mit  dem
unteren  Araxesgebiet  und  dem  nördlichen  Zugange
zur  persischen  Provinz  Aserbeidschan  bildet.

Die  wichtigste  aller  transkaukasischen  Routen,  die
ihre  Richtung  nach  Türkisch-Armenien  nehmen,  ist
diejenige,  die  von  Kars  südöstlich  in  das  obere  Tal
des  Araxes  strebt.  Noch  1914  ist  ihre  strategische  Bedeutung
  russischerseits  durch  eine  Bahn  erhöht  worden,
  die  bis  Sarykamysch,  einem  unweit  der  türkischen
Grenze  gelegenen  Orte,  führt.  Von  diesem  steigt  die
gut  ausgebaute  Chaussee  über  die  südlichen  Ausläufer
  des  mit  vereinzelten  Fichtenbeständen  bedeckten
Sohanly-dagh  (Paßhöhe  2420  m)  hinweg  und  gelangt
  in  ein  jäh  einfallendes,  von  mehreren  wilden
Flußadern  zerschnittenes  romantisches  Tal.  Sodald
man  sich  in  mehreren  Serpentinen  aus  diesem  Talriß
  zu  einem  Höhenrücken  emporgeschwungen  hat,
steht  man  auf  türkischer  Erde.  Was  sich  weiter  nach
Sudosten  auf  Köprtlköi  und  Hassankaleh  zu  bewegt,  ist
keine  rechte  Kunststraße  mehr,  sondern  ein  von  Tausenden
  von  Kamelhufen  ausgetretener  breiter  Karawanenpfad.
  Bald  steigt  er  über  kleine  Bodenwälle,
bald  überschreitet  er  auf  primitiven  Holzbrücken  kleine
Bachadern,  die  zur  Frühlingsschmelze  zu  tosenden.
und  gurgelnden  breiten  Wasserfurchen  anwachsen.

Aus  dieser  Schilderung  der  Grenz-,  Natur-  und
Verkehrsverhältnisse  ergibt  sich,  daß  nur  eine  eigeniliche
  große  Operationsstraße  für  bedeutende
Truppenmassen  bei  einem  Krieg  um  das  Grenzgebiet
in  Betracht  kommt,  nämlich  die  von  Kars  nach  Ererum.

  Alle  anderen  Verbindungslinien,  welche  ich
ängs  des  Meeres  oder  durch  die  Täler  des  Tschorn
und  des  Olty-tschai  oder  über  die  Pässe  des  Archydagh
  hinziehen,  wie  solche,  die  in  der  schmalen  Senke
wischen  Archy-dagh  und  Ararat  auf  der  Strecke  von

gdir  nach  Bajazid  laufen,  sind  von  derartiger  Beschaffenheit,
  daß  sich  lediglich  kleine  Truppenkolonnen
langsam  und  mühselig,  im  Winter  nur  durch  Eis  und
Schnee,  auf  ihnen  zu  entwickeln  vermögen.  Auf  dieser
Paßstraße  und  um  diese  sowie  auf  ihrer  im  Tale  des
westlichen  Euphrats  verlaufenden  Fortsegung  nach  Eringhian
  haben  sich  denn  auch  während  dieses  Krieges
sast  alle  größeren  Kampfhandlungen  abgespielt.

III.  Der  Persische  Golf  und  Mesopotamien.
Val.  auch  die  Nebenkarte  auf  der  Karte  -.  Länder  des  Mittelmeeres-,
  S.  116.

Das  Kampffeld  im  Südosten  ist  nicht  Mesopotamien
  allein,  sondern  zugleich  der  Persergolf.  Ob
seiner  Lage  als  Verbindungsglied  zwischen  den  äußersten,
  an  der  Südostflanke  sich  aufbauenden  Besitzungen
der  Türkei  und  der  mächtigen  englischen  Kronkolonie
Indien  sind  stille  Borpostengefechte  um  seinen  Besitz
bereits  geraume  Zeit  vor  dem  Weltkrieg  geliefert
worden.  Schon  1912  wurden  die  Türken  aus  der
        <pb n="162" />
        138

Provinz  El  Hasa  mit  Hilfe  der  Waffen  gedrängt,
die  England  arabischen  Kleinsultanen  lieferte,  und
1913  waren  die  Striche  von  Basra  und  Kueit  von
den  Engländern  als  eine  Interessenzone  gewonnen
worden,  die  selbst  von  den  Türken  anerkannt  wurde.
Ein  schlauchartiges,  830  km  langes  und  bis  340km
breites  Becken,  dessen  Zusammenschnürung  auf  45—
55  km  in  der  zum  Indischen  Ozean  führenden  Straße
von  Hormus  liegt.  gehört  der  Persergolf  physiographisch
  ur  afrikanisch-arabischen  Horizontalscholle,
deren  Nordrand  die  ostiranischen  Faltenketten  darstellen.
  Dort  am  Fuße  der  persischen  Steilküsten  hat
er  auch  seine  größten  Tiefen  (bis  150  m),  während
er  an  der  südlichen  Bruchlinie  bis  70  km  hinaus  noch
recht  seichte  Stellen  aufweist  (16—20  m).  Klimatisch
wenig  verlockend  sind  seine  Wasserfläche  und  ihr  Umkreis.
  Seeleuten  gilt  der  Golf  im  Sommer  als  eine
Hölle,  welche  die  Schrecken  der  Tropen  üÜberbietet.
Die  mittleren  Tagestemperaturen  des  Augustessteigen
auf  30°,  ja  nahe  den  sonneüberglühten  Bergwänden
der  persischen  Küste,  vor  allem  in  der  Bucht  von
Bender  Abbas,  auf  33°  C.  Das  absolute  Maximum
erreicht  47°  C.  An  seiner  Oberfläche  erwärmen  sich
die  Wasser  des  Persergolfes  zu  30—  850.  Ein  bleischwerer
  graugreller  Himmel  ohne  hagegen  sich  abeichnende
  Wolkendecke  lastet  von  Mai  bis  Oktober  Über
bieser  Gegend.  Ausgestorben  sind  in  dieser  Zeit  die
Gebiete  der  arabischen  Piratenküste  und  die  östlichen
Uferstriche  um  Lingeh  und  Bender  Abbas.  Die  Eingeborenen
  flüchten  dann  in  die  Berge  Persiens  und
auf  die  Hochtafel  Arabiens,  wo  statt  der  lähmenden,
auf  dem  Meere  herrschenden  Feuchtigkeit  (42  Krogent)
rößere  Trockenheit  die  Hitze  erträglicher  macht.  Güntigere
  Lebensbedingungen  bietet  der  Winter.  Sogar
Temperaturen  unter  Null  sind  für  Basra  festgestellt.
Die  mittleren  Temperaturen  des  Februar  sind  186,
ja  sie  sinken  in  der  Westecke  von  Kueit  bis  zu  den
Bahreininseln  auf  15°  C.  Bis  zu  diesen  trägt  der
Schatt  el-Arab  seine  kühleren  trüben  Wasser,  so  daß
die  Bänke  der  Wärme  und  Kloarheit  liebenden  Perlen
  an  der  Südküste  nicht  über  die  Bahreininseln
hinausrücken.  Südöstlich  läuft  die  Strömung  längs
der  arabischen  Küste,  um  vor  der  Straße  von  Hormus
umzubiegen  und  in  entgegengesetzter  Richtung  längs
der  persischen  Küste  abzudrehen.  Hoher  Salzgehalt  (bis
7  Prozent)  kennzeichnet  die  Wasser  des  Persergolfes.
Schmale,  mit  Reis  und  Getreide  bebaute  Küstensteifen
  breiten  sich  am  Nordufer  des  Persergolfes  vor
en  iranischen  Ketten  mit  ihren  im  Winter  schwer  zu
überwindenden  Hochpässen.  Der  Schwerpunkt  der
Handelswerte  lient  auf  persischer  Seite  in  der  Provinz
  Arabistan,  die  sich  an  den  unteren  Karun  mit
seinem  lebhaften  Hafenstädtchen  Mohammerah  lehnt.
Hier  im  Südwinkel  Persiens  gedeihen  Zuckerrohr  und
Baumwolle  und  finden  sich  zahlreiche  unterirdische
Petroleumhorizonte,  deren  Uusbeutung  sih  England
schon  vor  dem  Kriege  sicherte.  Wenn  der  Gesamtaußenhandel
  der  persischen  Küsten  50  Millionen  Mark  ausmacht,
  wachsen'  seine  Werte  am  arabischen  Litorale
dank  der  Perlenfischerei  und  der  Ernagfähigkeit  der
dortigen  Oasenregionen  auf  70—80  Millionen.  Übergaudt
  sind  die  Striche  am  Nordostrand  der  arabischen
ochtafel  mehr  bevölkert,  als  man  glaubt,  birgt  die
Stadt  Hofuf  doch  25—30000,  Kueit  an  40000,  die
Insel  Bahrein  an  100  000  Seelen  und  zeigen  selbst
die  Orte  der  stilleren  Piratenküste,  wie  Abu  Thabi
oder  Sur,  8—10000  Bewohner,  während  die  bekannten
  Häfen  der  persischen  Ostküste,  wie  Bender  Abbas,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

nicht  stärker  bevölkert  sind.  Araber  und  weniger  Perser
sind  die  vorwiegenden  Träger  des  Handelslebens;
Inder  und  Parsi  stehen  an  zweiter  Stelle.

Den  Hauptstock  des  Handels  liefert  aber  das  Westende
  des  Persischen  Golfes,  die  Striche  an  der  Mündung
  des  Schatt-el-Arab  und  ihr  mesopotamisches
Hinterland.  Der  Gesamtaußenhandel  dieser  Striche
ist  mit  ihrem  Segen  an  Datteln,  Getreide,  Baumwolle,
  Süßholz  und  seinem  Bedarf  an  europäischen
Gütern  auf  120—150  Millionen  zu  schätzen.  Auf
ungefähr  ¼  Milliarde  Mark  bezifferte  sich  also  bei
Kriegsbeginn  der  Gesamtaußenhandel  der  Küstenläuder
  des  Persermeeres,  eine  Summe,  die  uns  angesichts
der  Zahlen  dieses  Krieges  !*  erscheint.  Vor  dem
Oberhause  schätzte  der  Minister  des  Auswärtigen
Lord  Landsdowne  den  Seehandel  der  Länder  des
Persischen  Meeres  auf  3  Mill.  Pfund,  wovon  England
63  Proz.  mit  2⅛"  Millionen  beherrsche.  England,
heute  zu  70  Proz.  beim  Gesamthandelsumsaßz  des
Persergolfes  vertreten,  wollte  durchaus  hier  Alleinherrscher
  sein  und  sah  mit  wachsender  Eifersucht  die
deutsche  händlerische  Arbeit  sich  entwickeln,  die  nach
kehnjähriger  Tätigkeit  seit  Errichtung  der  arabischen

oute  der  HDamburg-Amerika-Linie  und  Niederlassung
einiger  Firmen  (Einführung  des  Exportes  von  Perlmutterschalen)
  etwa  7  Proz.  aller  Handelswerte  erobert
  hatte.  Der  Krieg  bot  die  beste  Gelegenheit,  den
Golf  von  allen  Nedenbuhlern  rein  zu  fegen.  Mesopotamien
  wurde  als  Kriegsziel  ins  Auge  gefaßt  (nach
Lord  Curzons  Ausspruch,  dies  Land  missse  eine  Kolonie
  Indiens  werden),  und  aus  Basra,  dem  zukunft.
reichen  Hafen  des  Zweistromlandes,  versucht  man,
ein  Alexandrien  oder  Hongkong  und  aus  Baghdad  ein
anderes  Kairo  zu  machen.  Zugleich  ergab  sich  die  Gelegenheit,
  unter  Nichtachtung  aller  Hobeiterechte  Persiens
  Arabistan  wirtschaftlich  zu  meistern,  wie  auf  der
Insel  Hendscham  im  Persergolf  nahe  der  engsten  Stelle
der  Straße  zum  Indischen  Meer  —zur  Wahrung  gegen
einen  künftigen  russischen  Vormarsch  zum  warmen
Meer  —  ein  neues  Aden  oder  Gibraltar  anzulegen.

Mesopotamien  gibt  sich  morphologisch  als  ein
breiter  Senkungszirkus  an  der  Außenseite  der  osttaurischen
  und  füdiranischen  Faltenbogen  und  stellt
die  Vermittlung  dar  zwischen  den  beiden  gegensätzlichen
  Charakteren  der  Oberflächengestalt  Vorderasiens,
dem  vorderasiatischen  Faltenland  und  der  vorderasiatischen
  Schollenregion.  Jüngere,  leicht  nach  Südosten
  geneigte  und  selten  gestörte  Erdschichten  (oberkretazeische,
  eozäne  und  miozäne)  haben  an  dem  geologischen
  Aufbau  Mesopotamiens  teil.  Auf  weite
Strecken  ist  im  Süden  dieser  Untergrund  mit  Sanden,
  Kiesen  und  fetter  Schwemmerde  überschüttet.  In
zwei  voneinander  merklich  sich  abhebende  Landschaften
gliedert  sich  Mesopotamien,  in  ein  oberes  und  ein  unteres.
  Konstruieren  wir  auf  Grund  der  natürlichen
Begrenzung  ein  Rechteck,  dessen  beide  lange  Seiten
von  der  syrisch-arabischen  Wüstentafel,  im  Nordosten
von  den  iranischen  Randkelten  gebildet  werden  und
dessen  beide  Schmalseiten  im  Nordwesten  die  Taurusberge
  und  im  Südosten  der  Persische  Golf  sind,  so  erhalten
  wir  je  nach  der  etwas  weiteren  oder  engeren

lbsteckung  300  —380000  qlm,  also  die  Oberfläche  des
Königreichs  Preußen  u.  das  Dreifache  von  Rumänien.

Der  Kriegsschauplatz  in  Mesopotamien  selbst
wird  bisher  —  nach  den  Kampfhandlungen  von  30
Monaten  —  nördlich  etwa  durch  den  34.  Breitengrad
  begrenzt,  Es  handelt  sich  also  im  wesentlichen
um  die  Gebiete,  die  wir  als  südliches  Mesopotamien,
        <pb n="163" />
        v.  Diest-Grothe:  Die  türkischen  Kriegsschauplätze

als  den  fetten  marschartigen  Boden  des  alten  Babyloniens
  begreifen.  Was  sich  an  den  Ufern  des  unteren
Euphrats  und  Tigris,  der  vereinigten  Bänder  der
gesamten  füdöstlichen  Türkei,  erstreckt,  ist  meist  tischleiches
  Alluvialland,  aus  dem  nur  die  „Tells-,  die
ohnschutthügel  alter  Siedlungen,  mit  20—30  m  Erhebung
  aufragen.  Baghdad  selbst,  in  der  Luftlinie  580
km  von  der  äußersten  Westzunge  des  Persischen  Golfes
entfernt,  liegt  40  m  über  dem  Niveau  dieses  Binnenmeeres,
  dessen  Beherrscher  leicht  zu  Bezwingern  aller
Küstenstriche  und  ihrer  ins  Hinterland  laufenden
Verkehrswege  werden.  Die  Kreidetafel  des  oberen
Mesopotamiens  ist  im  Süden  infolge  der  Ablagerungen
  jüngerer  und  jüngster  Erdperioden  kaum  kenntlich.
  Versandete  Kanäle  durchfurchen  die  braunschwarzen
  eintönigen  Steppenstriche,  die  im  Hochsommer
unter  den  Sonnengluten  in  breiten  Rissen  aufklaffen
und  sich  vom  April  ab  in  der  Nähe  der  Flüsse  und
Kanaladern  in  Sumpfgelände  verwandeln,  das  nur
mit  der  =  Kuffae,  dem  badewannenartigen  runden  erdpechverkitteten
  Schilfkorb,  stellenweise  zu  bezwingen
ist.  Acht  Zehntel  des  gesamten  unteren  Mesopotamiens
ist  Steppe,  von  dem  ein  guter  Teil  in  den  Zeiten  der
überschwemmungen  auch  als  dürftige  Schaf=  und
Kamelweide  ausschererl.  Oft  steigen  im  Frühjahr  die
Wasser  der  Ströme  über  Nacht  —  beim  Tigris  oft
in  wenigen  Stunden  um  2m  —,  waschen  breite  Uferzun
  ens  und  laufen  über  die  primitiven  Dämme,
die  Pflanzungen  erbarmungslosbegrabend.  Im  nordwestlichen
  Teil  des  Schwarzerdelandes  stehen  inmitten
der  Steppe  nur  einige  schmale  Gartenoasen  oder  ein
paar  Karawanserails  mit  einigen  benachbarten  Lehmwohnhäusern,
  und  zwar  da,  wo  sich  die  bedeutenderen
Verkehrswege  schneiden.  Die  Zahl  städtischer  Siedlunen
  ist  gering.  Größere  Menschen-  und  Häuseranhäugen
  sind  am  Euphrat  nur  Musseijib  an  der  Straße
von  Aleppo  her,  in  der  Nähe  des  alten  Babylons  Hilleh
und  am  Saume  der  Wüste  die  Orte  Nedschef  und  Kerbela.
  Am  Tigris  stehen  an  Städten  Kut-el--Amara,
ferner  das  eigentliche  Amara  und  Korna.  Galeriewaldungen
  von  Palmen  begleiten  —  am  Tigris  vom
alten  Opis  ab,  am  Euphrat  südostwärts  von  Ramadi
und  Feludscha—  das  bei  Hochwasser  öfters  einen  neuen
Lauf  sich  grabende  Bett  der  Ströme.  Basra  ist  eine
von  Kanälen  durchzogene,  von  stattlichen  Palmenhainen
  umgürtete,  weit  gebaute  Lagunenstadt.  Alle
übrigen  Namen,  die  auf  den  Karten  als  Siedlungen
erscheinen,  zeigen  nur  Heiligengräber,  an  oder  in
Baumoasen  versteckte  Märkte,  die  lediglich  an  einem
Tage  der  Woche  sich  bevölkern  und  kaum  ein  Dutzend
arabische  Lehmhütten  fassen.

Wo  sich  nährendes  Wasser  bietet,  da  entfalten  sich,
so  Menschenhand  im  Werke  ist,  üppige  Pflanzungen.
Die  Wärme  begünstigt  die  Entwicklung  üller  Gewächse
der  Subtropen.  Die  Juli.Isotherme  von  30°  C  beerrscht

  fast  das  ganze,  nach  dem  Roten  Meere  und  dem
dischen  Ozean  sich  erstreckende  südöstliche  Stück  von
Vorderasien.  Getreide,  Baumwolle,  Hirse  und  Reis
finden  beste  Bedingungen  des  Gedeihens.  Doch  der
Mangel  an  Menschen  und  das  Fehlen  an  Kulturtrieb
bei  den  halbnomadischen  Arabern  des  mittleren  und
bei  den  Sumpfbauern  des  südlichen  Mesopotamiens
lassen  solche  Gartenoasen  nicht  häufig  entstehen.  Nur
die  Pflanze,  die  am  wenigsten  der  bedarf,  der
Dattelbaum,  spendet  ihre  Früchte  reichlich  und  vielerorts.
  Oft  tritt  auf  weite  Strecken,  insbesondere  beim

139

unteren  Tigrislauf  zwischen  Kut-el-Amara  und
Korna,  die  graue  nackte  Steppe  hart  an  den  Strom
heran.  Vorsiutftanlche  Bewässerungsvorrichtungen,
über  Holzrollen  laufende  Schläuche,  dienen  dazu,  mit
erbarmenswert  großem  Aufwandan  Zeit  und  Kraft  die
Flußwasser  auf  die  höher  liegenden  schmalen  Ackerschollen
  zu  heben.  Das  Buckelrind,  aus  Indien  eingeführt,
schreitet  hinter  dem  Holzpfluge  oder  an  der  Leine,
die  jene  fragwürdigen  Schöpfeimer  hebt  und  senkt.

Allen  Verkehr  größeren  Stils  haben  im  unteren
Mesopotamien  die  Ströme  zu  bewältigen.  Schwerfällige,
  hochbeladene  Barken  mit  breiten  Segeln  bevölkern
  vor  allem  den  Unterlauf  des  langsamer  als
der  Tigris  dahinziehenden,  auch  von  der  Dampfsschifffahrt
  noch  nicht  erschlossenen  Euphrats.  Die  zahlreichen
  Schlickablagerungen,  die  vielfachen  Anderungen
  des  Flußufers,  die  infolge  großer  Überschwemmungen
  eintreten,  die  geringe  Tiefe  der  Fahrrinne,
die  Lagerung  von  Sinkstoffen  an  der  Mündung,  die
oft  ihre  Lage  ändern  —  die  flachsten  Stellen  auf  der
äußeren  Barre  haben  oft  nur  2  m  Wasser  —,  bereiten
dem  Schiffsverkehr  zahlreiche  Schwierigkeiten.  Der
Ankerplatz  vor  Basra,  15  km  von  der  Mündung  entfernt,
  liegt  auf  9—11  m  Wasser,  so  daß  Seeschiffe  bis
5000  und  6000  Tonnen,  wie  dies  durch  die  Hamburg-Amerika-Linie
  geschah.  bis  hierher  vorzudringen  vermögen.
  An  der  Mündung  ist  der  Schatt-el-Arab
ein  gewaltiger  Strom  von  1½  Seemeilen  Breite.
Nach  Baghdad  können  zur  trockenen  Jahreszeit,  in
welcher  der  Fluß  seinen  niedrigsten  Wasserstand  hat
September  bis  November),  nur  Boote  mit  0,0  m

iefgang  gelangen,  zuzeiten  des  Hochwassers  (Mai
bis  Juni)  solche  mit  1,8  m  sogar  bis  Samarra.  Durch
das  Gewirr  der  dickichtumzogenen  Kanäle,  die  sich  besonders
  am  unteren  Euphrat  von  Samarra  ab  zgeigen,
mit  Boot  oder  Kuffa  hindurchzukommen,  bedarf  es  des
hervorragenden  Ortssinnes  der  Eingeborenen.  Breitgetretene
  Karawanenpfade  mit  Ruhe-  und  Warenunterstandsstätten
  gibt  es  nur  im  mittleren  Mesopotamien
  im  Gebiet  zwischen  den  Strömen  auf  den
von  Baghdad  nach  Musseijib,  Kerbela  und  Nedschef
ausgehenden  Routen  und  auf  der  nordöstlich  nach
der  persischen  Orenze  sich  bewegenden  Straße.  Im
unteren  Mesopotamien  leisten  also  nur  die  Flußadern
der  planmäßigen  Bewegung  von  Truppen  Vorschub.
Brücken  gibt  es  im  ganzen  unteren  Mesopotamten
Über  den  Tigris  nur  zwei.  Eine  verbindet  die  westlichen
  und  östlichen  Stadtteile  Baghdads,  die  andere
dient  dem  starken  Pilgerverkehr,  der  nach  dem  5  km
oberhalb  von  Baghdad  gelegenen  Kazimen  strömt.
Und  beide  sind  rohe  Machwerkte,  dürftiges  Bretterwerk
über  verankerten  Schiffsrümpfen.  Den  Euphrat
überbrückende  Bauten  gleicher  Artstehen  bei  Feludscha,
wo  sich  der  Verkehr  nach  und  von  Syrien  auf  den
Straßen  von  Aleppo  und  Damaskus  ergießt,  ferner
bei  Hilleh  unweit  von  Babylon  und  bei  Hindieh  nahe
den  großen  Stauwerken,  an  denen  zuletzt  Willcocks
seine  Kunst  versuchte.

Ober=  und  Untermesopotamien  zählen  2½—3  Mill.
Einwohner,  von  denen  ein  Drittel  auf  das  babylonische
  Tiefland  fallen  dürfte.

Literatur.  H.  Grothe,  Die  Türken  und  ihre  Gegner
  (Frankf.  a.  M.  10915);  Derselbe,  Der  russisch-türkische
Kriegsschauplatz.  Armenien  und  Kaukasien  (Leipz.  1916);
A.  Frech,  Der  Kriegsschauplatz  in  Armenien  und  Mesopotamien
  (das.  1916).
        <pb n="164" />
        140

Der  rumänische  Kriegsschauplatz
von  Professor  Dr.  Karl  Kaßner  in  Berlin

Während  in  der  ersten  Hälfte  des  Krieges  bis  zum
übergang  des  Bewegungskrieges  in  den  Stellungskrieg
  auf  der  Ostfront  die  beiden  Enden  der  1600  km
langen  Karpathen  in  Ungarn  und  Serbien  betroffen
wurden,  waren  seit  Ende  August  1916,  als  Rumänien
  sich  endlich  unseren  Feinden  anschließen  zu  können
glaubte,  auch  die  mittleren  und  südlichen  Karpathen
und  das  Land  dahinter  das  Ziel  des  Angriffes  der
Mittelmächte.  Dieser  neue  Kriegsschauplatz  umfasßt
neben  einem  kleineren  Teile  von  Siebenbürgen  rund
zwei  Drittel  von  Rumänien.

Das  Königreich  Rumänien  besteht  im  wesentlichen
aus  fünf  verschiedenartigen  und  verschieden  großen
Gebieten:  dem  Gebirgs-oder  Karpathengürtel,  derihm
vorgelagerten  Hügelzone,  der  welligen  Moldau,  der
flachen  Walachei  und  der  hügeligen  Dobrudscha.  Nach
Nordost  über  Südost  bis  Südwest  bildet  es  gewissermaßen
  das  tiefere  Vorland  zu  dem  300—  500  m
höheren  Siebenbürgen,  das  durch  die  Karpathen  und
das  Bihargebirge  wie  von  einem  Ningwall  umgeben
ist.  Dieser  Wall  lenkte  die  von  Osten  heranziehenden
Völkerschwärme  des  frühen  Mittelalters  nach  der
Theißebene  und  nach  der  Balkanhalbinsel  hin.  So
war  Rumänien  jahrhundertelang  das  Durchzugsland
und  konnte  deshalb  erst  sehr  spät  zur  Bildung  eines
cigenen  Staates  gelangen.  Ein  Durchzugsland  kann
aber  niemals  selbständige  Politik  treiben;  es  wird
stets  am  besten  bei  der  Neutralität  gedeihen,  und  zwar
ganz  besonders,  wenn  es  von  mächtigen  feindlichen

lachbarn  begrenzt  wird,  so  für  beide  ein  Gegenstand
des  Begehrens  ist  und  diese  Eifersucht  der  Mächtigen
geschickt  auszunutzen  versteht.  Da  anderseits  Rumänien
  im  Süden  auf  langer  Grenze  in  Bulgarien
einen  Nachbar  hatte,  dem  es  selbst  kurz  vorher  übel
mitgespielt  hatie,  so  hätle  es  dessen  Rachegelüste  am
besten  dadurch  unterdrücken  müssen,  daß  es  sich  den
Mittelmächten  und  damit  auch  Bulgarien  verbündete.
Es  vertraute  aber  zu  sehr  dem  Schutz  der  Karpathen,
seinem  Heere  und  der  Entente,  und  zwar  ihr  vornehmlich
  wegen  der  ausgesprochensten  Vorliebe  seiner  dünnen
  Oberschicht  der  Bevölkerung,  der  Großgrundbesitzer,
  für  französisches  Wesen  im  Guten  und  Bösen.
Ein  guter  Mittelstand,  der  durch  Besitztum,  Bildung
und  politisches  Verständnis  dieser  Oberschicht  hätte
wirkungsvoll  entgegentreten  können,  istin  ausreichendem
  Maße  noch  nicht  vorhanden,  und  die  große,  fast
völlig  analphabetische  Unterschicht  wird  meist  in  der
ärgsten  Hörigkeit  gehalten  und  hat  nichts  zu  sagen.
Der  Krieg  wurde  überdies  gegen  Osterreich-Ungarn
in  der  von  Rußland  geförderten  Hoffnung  erklärt,
die  dortigen  rumänischen  Gebiete  einverleiben  zu  können;
  sie  umgeben  ringartig  das  Burzen-  und  Szeklerland,
  so  daß  die  neuen  Grenzen  einen  völkisch-einheitlichen
  Staat  wie  jetzt  nicht  mehr  umfassen  würden.  Dieses
  fremde  Element  rasch  unschädlich  zu  machen,  war
wohl  der  Grund  für  das  Eindringen  der  rumänischen
Heere  gerade  hier,  während  es  strategisch  wohl  richtiger
gewesen  wäre,  mit  der  Hauptheeresmasse  durch  den  Rotenturm=
  und  den  Vulkanpaß  in  das  von  Landsleuten
dicht  bewohnte  westliche  Siebenbürgen  einzufallen  und
so  die  feindlichen  Truppen  im  östlichen  zum  Rückzug  zu
zwingen.  Inwiefern  diese  Pässe  und  überhaupt  das

1  Ugl.  die  Nelieskarte  ?  Ungarisch-rumänisches  Grenzgebiete
und  die  Karte  bei  S.  222.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Grenzgelände  für  die  Kriegführung  von  Bedeutung
waren,  wird  eine  eingehendere  Schilderung  lehren.

Die  Karpathen  bilden  auf  fast  600  km  Länget
die  Grenze  Rumäniens  gegen  Ungarn,  aber  die  Grenzlinie
  selbst  verläuft  weder  auf  dem  Kamme,  noch  auf
der  Wasserscheide  und  ist  mithin  durchaus  nicht  natürlich.
  Das  schadet  hier  aber  kaum  etwas,  da  gerade
der  von  ihr  durchzogene  Streifen  nahezu  menschenleer,
  dafür  aber  vielfach  mit  Urwäldern  bestanden  ist.
Zwar  sieht  man  auf  genaueren  Karten  auf  beiden  Seiten
  der  Grenzen  zahlreiche  Eisenbahnen  die  Täler  entlangziehen,
  aber  sie  dienen  nicht  dem  Personenverkehr,
sondern  in  erster  Linie  dem  Holztransport;  mehrfach
haben  sie  noch  Drahtseilbahnen  als  Zubringer.  Der
Lolgreichtum  und  das  starke  Gefälle  der  wegen  ergiebiger:
  liederschläge  wasserreichen  Bäche  ließen  auf  beiden
Seiten  der  Grenze  eine  Unzahl  von  Sägemühlen  entstehen.
  Vom  Hektar  Gebirgswald  werden  etwa  300chm
handelsfähiges  Holz  gewonnen.  Während  oberhalb
von  1800  m  Wald  nicht  gedeiht,  finden  sich  bis  1000  m
herab  Nadelhölzer  und  Lann  bis  700  m  Buchen,  die
weiter  unten  von  der  Sommereiche  verdrängt  werden.
Von  den  21  Hundertteilen  Wald  der  gesamten  Landesfläche
  konmmt  der  größte  Teil  auf  das  Gebirge
und  das  anschließende  Hügelland.

Wenn  die  Grenze  nicht  immer  auf  dem  Kamme
verläuft.  so  liegt  das  zum  Teil  daran,  daß  es  keinen
einzelnen  Hauptkamm  gibt,  sondern  mehrere  Züge,
die  sich  schon  geologisch  voneinander  abheben,  zwar
meist  nebeneinander  hergehen,  aber  doch  von  den  in
den  Zwischentälern  entspringenden  Flüssen  durchbrochen
  werden.  Man  unterscheidet  die  von  Nordnordwest
  nach  Südsüdost  ziehenden  Ost=  oder  Siebenbürgischen
  Karpathen  von  der  Bukowina  bis  zum  Putnaquellgebiet
  und  die  westöstlich  verlaufenden  Süd-oder
Transsylvanischen:  Alpen;  in  beider  Scheitelpunkt
liegt  das  anders  geartete  Bodzaer  Gebirge.

Die  Siebenbürgischen  Karpathen  sind  an
ihrem  Nordwestende  an  der  Grenze  der  Bukowina
geologisch  weniger  einheitlich  gestaltet  als  am  Südostende,
  denn  dort  ziehen  drei  verschiedenartige  Gebirge
nebeneinander  her.  Ganz  in  Siebenbürgen  erhebt
sich  das  rauhe,  nebelreiche  Trachytgebirge  Hargida,
das  ausgedehnte,  dichte  Waldungen  auf  sanften  Bergformen
  trägt  und  so  gut  wie  menschenleer  ist.  Es  ist
vom  1200  m  hohen  Borgopaß  im  Nordwesten  bis  zu
den  großen  Altkrümmungen  200  km  lang  und  erreicht
  seine  größte  Höhe  im  Norden,  im  Pietros  oder
Kelemen  mit  2102  m,  während  es  in  der  Mitte,  in
dem  Hargita  genannten  Gipfel,  nur  1798  m  hoch  wird
und  im  Süden  unter  1100  m  herabgeht.  Keine  Eisenbahnen
  führen  hinüber,  wohl  aber  einige  gute  Chausseen.
  Auf  ihnen  mußten  unsere  Truppen  hinüber,
um  die  weichenden  Rumänen  im  eigentlichen  Grenzgebirae
  angreifen  zu  können.  Vorher  war  aber  noch

ie  Talbeckenreihe  zu  durchschreiten,  die  beide  Gebirge
trennt.  Im  nördlichen  Becken,  dem  Quellgebiet  der
Maros,  liegt  die  Stadt  Gyergyö  St.  Miklös  mit
7000  meist  magyarischen  Einwohnern,  im  mittleren
Becken,  dem  Quellgebiet  des  Alt,  die  ebenfalls  mayarische
  Stadt  E#llSzereda  (3000  Einw.)  und  im
üdlichen  das  fruchtbare  Szeklergebiet,  das  Komitat
Häromszek.  Den  Ostrand  des  nördlichen  und  mittleren.
Beckens  begrenzt  der  schon  an  der  oberen  Theiß  be-1

  Nicht  1171  km,  wie  viele,  selbst  amtliche  Bücher  angeben.
2  D.  h.  die  Alpen  jenselts  des  ?  Waldlandes,  wie  Siebenbürgen
  magyarisch  genannt  wird.
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        Ungarisch-rumãn

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—4Frontilule  Herbst  1917.
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        Kaßner:  Der  rumänische  Kriegsschauplatz

ginnende,  bis  über  50  km  breite  Glimmerschieferzug,
das  malerische  Gyergyögebirge,  das  aber  rasch
schmaler  wird  und  schon  an  der  Trotusquelle  endet;
seine  Gipfel  bleiben  meist  unter  1700  m  und  steigen
nur  im  steilen,  massigen  Ciahleu  auf  1910  m  an.
Das  Bistritzatal  bildet  hier  nicht  die  Ostgrenze,  sondern
hat  sich  nur  nahe  dem  Ostrande  des  Gebirges  mittiefer
Furche  eingeschnitten.  Die  breiteste  Entwicklung  der
drei  Gebirge  aber  zeigt  die  östlich  vorgelagerte,  stark
gefaltete  karpathische  Flyschsandsteinzone;  ihr  gehören
das  Csiker=  und  Vereczker-Gebirge  an,  von
denen  jenes  bis  zu  1640  m,  dieses  im  Laköc  bis  zu
1778  m  aufragt.  Aber  auch  die  bis  zum  Sereth  fast
heranreichenden  Vorberge  sind  vereinzelt  noch  bis  zu
1000  m  hoch  (z.  B.  im  schwer  umkämpften,  900  m
aus  der  Ebene  aufragenden  Odobosci).

über  diesen  Teil  der  Karpathen  führen  von  Siebenbürgen
  eine  Reihe  Pässe,  von  denen  aber  nur  einer
eine  Eisenbahn  trägt.  Der  nördlichste  Paß,  der  von
Tölgyes,  verbindet,  ebenso  wie  der  schwierigere  Bekäspaß,
  das  obere  Bistrigatal  mit  dem  Gyergyöbecken;
beide  Pässe  haben  aber  im  ganzen  mehr  örtliche  Bedeutung,
  obwohl  an  seinem  Ostende  das  stattliche
Piatra  (20000  Einw.)  liegt.  Ganz  anders  50  km
südlich  der  Gyimespaß,  der  an  der  Grenze  700  m
hoch  ist;  die  Fahrstraße  steigt  auf  ungarischer  Seite
dann  noch  bis  über  1200  m  an,  während  die  Eisenbahn,
  die  vom  der  Hauptlinie  am  Sereth  bei  Ajud
abzweigt  und  bei  Madefalva  in  die  ungarische  Ostgrenzbahn
  mündet,  die  Fahrstraße  im  Westen  nur
noch  eine  kurze  Strecke  begleitet,  um  auf  rascherem
Wege  mittels  Tunnels  das  Tal  von  Csik-Szereda  zu
erreichen.  Diese  Eisenbahn,  die  einzige  von  Siebenbürgen
  nach  der  Moldau,  folgt  zuse  ständig  dem
Trotusflusse  und  ist  nicht  nur  für  den  Durchfuhrverkehr
  und  den  Zugang  zum  sehr  besuchten  Bade
Slanic  bei  Okna  von  großer  Bedeutung,  sondern  auch
für  die  Beförderung  von  allerlei  Gütern,  namentlich
  von  verarbeitetem  Holz  (die  rohen  Baumstämme
führt  man  billiger  in  Flößen  hinab).  Auf  diese
Eisenbahnstrecke  mündet  unterhalb  von  Tirgul  Okna
von  Südwesten  her  die  sehr  wichtige  Ojtosstraße,  die
im  oberen  Ojtostale  bis  auf  865  m  ansteigt,  um
sich  dann  in  das  560  m  hohe  östliche  Becken  von
Haromszek  zu  senken.  Da  hier  auf  beiden  Seiten
der  Grenze  landwirtschaftliche  Erzeugnisse  gewonnen
werden,  so  liegt  ein  Bedürfnis  für  eine  Eisenbahn
nicht  vor,  und  für  die  sonstigen  Güter  (meist  Kleinwaren)
  genügt  der  Frachtwagen;  wohl  aber  hat  der
Paß  besondere  Bedeutung  für  den  Personenverkehr
von  der  Moldau  nach  dem  dichtbesiedelten  und  industriellen
  Burzenlande  mit  der  Hauptstadt  Kronstadt.
Das  nun  beginnende  Bereczker  Gebirgeist  ganz  unweg  ·
sam,  und  erst  75  km  weiter  trifft  man  den  hohen  Bodzapaß,
  wo  die  Sandsteinzone  nach  Südwesten  und  Westen
  umbiegt,  um  ganz  schmal  bei  dem  Vulkanpaß  zu
enden.  Auch  das  Bodzaer  Gebirge  mit  fast  2000  m
Höhe  ist  sehr  siedlungsarm,  und  die  wenigen  Pfade
liegen  sehr  hoch,  so  das  sie  für  größere  Truppenmassen
nicht  in  Betracht  kommen.  Ganz  außerordentlich
wichtig  sind  aber  zwei  unmittelbar  westlich  davon
gelegene  Pässe,  nämlich  der  Tömöser  oder  Predealpaß
  und  der  Törzburger  Paß.  Beide  führen  aus
dem  reichen  Kronstädter  Tale  in  die  Walachei,  jener
in  die  östliche,  namentlichzur  Landeshauptstadt,  dieser
in  die  westliche.  Der  Predealpaß,  der  mit  1050  m
noch  fast  200  m  niedriger  ist  als  der  Törzburger,
steigt  auf  der  Nordseite  rasch  an,  um  sich  in  Rumänien

141

langsam  zu  senken;  die  großartige  Umgebung  mit
dem  2508  m  hohen  Bucsecs  (Omu)  und  die  bequeme
Erreichbarkeit  von  Bukarest  und  Kronstadt  machen
ihn  zur  besuchtesten  Gegend  Rumäniens.  Verschiedene
Engen  ermöglichen  überdies  eine  vorzügliche  Verteidigung,
  und  nur  die  Umgehung  von  Südwesten  her
brachte  ihn  1916  ohne  große  Opfer  in  unsere  Hände.

Etwas  westlich  vom  Törzburger  Paß  beginnen
die  Transsylvanischen  Alpen,  die  im  wesentlichen
  ostwestlich  ziehen,  um  zuletzt  vor  dem  Temestale
nach  Süden  umzubiegen  sie  enden  jenseits  der  Donau
am  unteren  Timok.  Sie  bestehen  aus  zwei  Parallel-=ketten,
  deren  nördliche  höher  und  vorzugsweise  aus  kristallinischen
  Schiefergesteinen  aufgebaut  ist,  während
die  südliche,  in  ihrer  Osthälfte  mit  jener  durch  mehrere
  Querrücken  verbunden,  aus  Flyschsandsteinfalten
besteht.  Die  Grenze  verläuft  in  der  Osthälfte  auf  der
Nordkette,  dann  aber  auf  der  Südkette.  Jene  beginnt
mit  dem  mieist  mehr  als  2000  m  hohen  Fogaraser
Gebirge  (Negoi  2544  m),  das  steil  zu  der  400—500  m
hohen  Ebene  von  Fogaras  abfällt  und  dadurch  als
gewaltige  Mauer  erscheint.  Nur  schwierige  Saumpfade
  führen  in  großer  Höhe  hinüber.  Erst  am  fast
2000  m  tief  eingeschnittenen  Rotenturmpaß,  der  nur
350  m  Meereshöhe  hat,  kann  man  neben  dem  Altflusse
  beguem  zu  Wagen  und  mit  der  Eisenbahn  nach
Rumänien  hinein.  Er  ist  so  gut  zu  befestigen,  daß
nur  kühne  Umgehung  auf  gefahrvollen  Pfaden  ihn
entwertete  und  dem  urchzug.  unserer  Truppen  öffnete.
  Westlich  schließt  sich  das  Cibingebirge  (Steffleste
  2204  m)  an,  das  am  östlichen  Quellfluß  des  Jiu
oder  Zsil  endet  und  durch  einen  Querriegel  mit  dem
Mandragebirge,  dem  Westende  der  südlichen  Parallelkette
  (Ursu  2131  w),  verbunden  ist.  Der  Jiu
hat  hier  das  Gebirge  im  Szurdukpaß  durchbrochen,
der,  wenn  aucheng,  doch  den  Bahnbau  gestattete.  Auch
er  wurde  1916  durch  Umgehung  über  den  westlich
nahen,  aber  1624  m  hohen  Vulkanpaß  erschlossen.
Von  hier  wird  das  Gebirge  (Retiezatkekte)  zwar  niedriger,
  aber  trotzdem  nicht  wegsamer,  und  erst  bei  Orsova
  tann  man  es  längs  der  Donau  umgehen.

Das  Hügelland,  das  den  Karpathen  vorgelagert
ist,  steht  mit  ihnen  geologisch  in  soinnigem  Zusammenhange,
  daß  es  im  vorstehenden  schon  mitbehandelt
wurde.  Bemerkenswert  ist  aber  noch,  daß  die  größeren
  Ortschaften  am  Ausgang  der  Flußtäler  liegen,  so
Neamzu,  Piatra,  Fokschani,  Rimnicu-Sarat,  Buzeu,
Ploescht,  Pitescht  usw.,  daß  ferner  dementsprechend  die
Eisenbahn  geführt  ist,  wobei  noch  Steigungen  tunlichst
vermieden  wurden  —z.  B  folgt  die  Eisenbahn  Orsova-Bukarest—Fokschani
  nahezu  der  200-m-Linie  —,  und
daß  diese  Hügelzone  durch  Petroleum-=  und  Salzgewinnung
  wie  auch  durch  zahlreiche  Mineralquellen  und
Weingärten  wirtschaftlich  besonders  wertvoll  ist.

Die  Moldau.  Der  übergang  zur  Ebene  läßt  sich  in
der  Moldau  nur  in  ihren  südlichsten  Teile  erkennen,  da
sie  sonst  überall  stark  wellig  ist.  Hierdurch  wie  durch
die  tief  eingeschnittenen,  viel  Geröll  haltenden  und  oft
überschwemmungen  aufweisenden  Flußtäler  und
durch  den  lößhaltigen  Boden  ist  ihre  Wegsamkeit  stark
beeinträchtigt.  Dem  Verlauf  von  Sereth  und  Pruth
und  ihrer  Nebenflüsse  entspricht  die  Entwicklung  des
Straßen=  und  Eisenbahnnetzes,  die  sonst  befremdlich
erscheinen  würde,  so  wenn  man  z.  B.  feststellen  muß,
daß  es  zwischen  den  beiden  wichtigsten  Städten  des
Landes  Bukarest  und  Jassy  keine  unmittelbare  Linie

ibt,  denn  das  Querstück  bei  Tekuci  ist  später  einge-Hünr
  und  weist  nicht  nach  Bukarest.  Allerdings  har
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        142

auch  die  erste  Anlage  von  Eisenbahnen  durch  gewinnierige
  Ausländer  hier  sehr  bestimmend  mitgewirkt.
azu  kommt  noch  das  Bestreben,  die  landwirtschaftlichen
  Eczeugrife  der  Moldau  möglichst  rasch  dem
Wasserwege  der  Donau,  d.  h.  den  Häfen  Galatz  und
Braila,  zuzuführen.  Für  den  Aufmarsch  der  Truppen
an  der  wichugen  Verteidigungslinie  am  Sereth  steht
so  auf  der  128  km  langen  Strecke  von  Roman-Marasesti
  nicht  eine  einzige  Bahn  von  Osten  her  zur  Verfügung,
  und  selbst  an  guten  Landstraßen  gibt  es  dort
nur  die  eine  von  Vasluin  nach  Bacau,  die  überdies
so  starke  Krümmungen  aufweist,  daß  sie  statt  der  Luftlinie
  von  62  km  in  Wirklichkeit  84  km  (+  35  v.  H.)
lang  ist.  Die  Ursachen  sind  vor  allem  die  in  dem  an
sich  meist  schwachwelligen  Lande  tief  eingeschnittenen
Flußtäler,  deren  Ufer  nicht  selten  bis  zu  100  m  höher
liegen.  Reichliche  Regengüsse  im  Sommer  zerreißen
diese  Lößwände  und  legen  öfter  zähen  Tonschlick  bloß,
so  daß  der  Vormarsch  quer  zur  Richtung  der  zahlreichen
parallelen  Flüsse  und  Bäche  außerordentlich  mühsam
und  sehr  vom  Wetter  abhängig  ist.  Bei  Trockenheit
entwickelt  sich  ein  atemraubender  Staub,  und  im  Winter
  bringen  russische  Winde  grimme  Kälte.  Der  Sereth
schuf  sich  ein  breites  Gerölltal  und  legt  darin  von  der
Grenze  bis  zur  Donau  statt  313  km  in  zahllosen
Windungen  488  km  (+  42  v.  H.)  zurück.  Ebenso
weisen  sein  Nebenfluß  Barlad  und  der  Pruth  verkehrshinderliche
  Krüimmungen  auf.  Trotzdem  bietet  die
Moldau  der  Landwirtschaft  durch  fruchtbaren  Boden
ünstige  Bedingungen,  wenn  auch  der  kleinbauerliche
etrieb  noch  arg  rückständig  ist.  Der  Ausfuhrhafen
für  den  vornetiich  angebauten  Mais  und  Weizen
ist  die  Donaustadt  Galatz  (75000  Einw.)  am  sehr
fischreichen  Brateschsee,  dem  westlichsten  der  durch  die
Donauanschwemmungen  vom  Meere  abgeschnittenen
Limane.  Jenseits  des  nahen  Sereth  beginnt
die  Walachei,  die  östlich  vom  Alt  Große  (Muntenia)
  und  westlich  davon  Kleine  Walachei  (Oltenia)
  genannt  wird,  obwohl  beide  die  gleiche  Bodenbeschaffenheit
  besitzen.  Besser  trennt  eine  Linie  etwa
von  der  Timokmündung  über  Craiova,  Buzeu  nach
Fokschani,  die  großenteils  mit  Haupteisenbahnlinien
zusammenfällt,  das  Gebighspor  and  mit  über  200  m
Seehöhe  von  der  weiten  Niederung,  gleichzeitig  aber
auch  die  Gebiete  mit  mehr  und  weniger  als  500  mm
jährlicher  Niederschläge;  nur  die  Gegend  um  Bukarest
erhält  noch  über  600  mm.  Ahnlich,  nur  ein  wenig
nach  Südost  parallel  verschoben  verläuft  auch  die
Grenze  der  Wald=  und  Steppenzone.  Bis  zu  der
obigen  Linie  reicht  auch  ungefähr  vom  Gebtrgefaß
ab  jungtertiärer  Boden,  während  donauwärts  Lehm
und  Lößstarke  diluviale  Geröllschichten  hoch  Überdecken.
Infolge  sehr  tief  liegenden  Grundwassers,  das  für  den
Gebrauch  mühsam  heraufgehoben  werden  muß,  entsteht
  bei  Trockenheit  knietiefer  Staub,  der  stellen  weise
Dünen  bildet  und  durch  deren  Wanderung  das  Nutzland
  gefährdet  und  entwertet.  Bei  Regen  dagegen  bietet
zäher  Kot  den  Truppen  wie  den  Heerestransporten  die
schwersten  Hindernisse.  Dazu  kommt  noch  die  ungebändigte
  Kraft  der  bei  Regen  mit  großer  Gewalt  von
den  Gebirgen  herabströmenden  Flüsse,  die  sich  dabei
ein  zwei-  und  mehrfach  breiteres  Bett  gerissen  haben,
als  zu  gewöhnlichen  Zeiten  erforderlich  ist,  und  das
von  bis  zu  50  m  und  darüber  hohen  Steilrändern  einefaßt
  ist.  Eisenbahn  und  Straßen  erfordern  kostpielige
  Brücken;  so  ist  die  Eisenbahnbrücke  über  den
Alt  bei  Slatina  nicht  weniger  als  375  m  lang.  Hierdurch
  wie  auch  durch  die  sehr  dünne  Besiedlung  und

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

die  Verkehrsarmut  des  donaunahen  Geländes  ist  der
für  eine  Verteidigung  der  Donaugrenze  sehr  ungüntige
  Zustand  geschaffen  worden,  daß  alle  Zufahrtstrecken
  zur  Donau  von  der  einen,  noch  dazu  bis  zu
180  km  (Costesci-  Zimniza)  entfernten  Hauptlinie-Orsova-Bukarest
  abzweigen.  Deshalb  mußte  unser
Vorstoß  längs  des  Jin  bis  zu  dieser  Strecke  die  rumänische
  Armee  bei  Orsova  rettungslos  abschneiden
Jedes  Vorrücken  aber  längs  der  Hauptlinie  bis  zueiner
Anschlußbahn  brachte  die  feindliche  Truppe  an  deren
Donauendstation  in  schwere  Transportnöte,  denn  ein
Marsch  längs  der  Donau  ist  wegen  der  ausgedehnten
Sümpfe  und  Altwasser  sowie  etwas  weiter  landeinwärts
  wegen  der  tiefen  Flußtäler  sehr  mühsam  und
bei  dem  bequemen  Einsehen  der  Niederung  von  dem
bis  zu  225  m  hohen  bulgarischen  Donauufer  nicht  un.
bemerkt  auszuführen.  Wie  niedrig  das  rumänische,
den  Donauwasserspiegel  kaum  überhöhende  Ufer  überhaupt
  ist,  ersieht  man  daraus,  daß  dieser  Wasserspiegel
  selbst  bei  Orsova  nur  56  m  und  schon  bei  Widdin
nur  noch  30  m  über  dem  Meeresspiegel  liegt.  Der
größere  Teil  der  Waloachei  ist  außerordentlich  fruchtar
  und  führt  den  Donauschiffen  alljährlich  große
Mengen  Getreide  zu;  dagegen  ist  das  Gebiet  zwischen
Bularest,  Braila  und  Calarasi,  das  nur  von  der  Jalomiza
  und  dem  Calmatui  10—20  m  tief  eingekerbt
wurde,  sehr  wenig  ertragreich,  vielfach  sogar  Steppe
und  daher  ganz  swach  besiedelt.  Ein  10—20  km
breiter  Sumpsstreifen,  in  dem  sich  die  Donau  wiederholt
  verzweigt,  trennt  die  Große  Walachei  von  der
Dobrudscha.  Ihre  bisherige  politische  Abgrenzung
egen  Bulgarien  war  ganz  willkürlich  gezogen,  ohne
7ucksicht  auf  natürliche  oder  wirtschefelsche  Grenzen.
An  das  300—500#hohe  bulgarische  Waldland  Deli-Orman
  zwischen  Warna  und  Rustschuk  schließt  sich
mit  150—300  m  Höhe  nördlich  zunächst  ein  durch
Löß  sehr  ertragreiches  Getreideland  mit  der  Hauptstadt
  Dobritsch  an.  Unter  dem  Löß  trifft  man  bald
auf  wasserdurchlässigen  Kalk,  so  daß  die  Bäche  meist
nach  kurzem  Lauf  um  etwa  100  m  tief  versickern  und
an  küsten  --  und  donaunahen  Einschnitten  in  mächtigen
  Karstauellen  (z.  B.  in  Dewna  bei  Warna)  zutage
  treten.  Da  das  Wasser  100  m  und  mehr  heraufeholt
  werden  muß,  ist  das  Land  nicht  sehr  dicht  be-Redelt
  und  dem  Durchug  rößerer  Heeresmassen
nicht  besonders  günstig.  Auch  hier  wie  jenseits  der
Donau  wechseln  oft  unerträglicher  Staub  und  grundloser
  Klei,  große  Hitze  und  eisiger  Nordoststurm.  Dann
senkt  sich  das  Land  bis  etwas  nördlich  von  der  Bahn
Tschernawoda-Konstanza  auf  100—  130  m  Höhe;
auch  die  von  der  Bahn  benutzte  Karasufurche  von
nur  56  m  Höhe  bildet  keine  geologische  Grenze.  Erst
der  nördliche,  wieder  etwas  breiter  werdende  Teil  der
Dobrudscha  zeigt  anderes  Gepräge,  nämlich  ein  der
Höhe  von  456  m  nach  zwar  unbedeutendes,  aber  durch
seinen  inneren  Bau  (tsteil  gefaltete  paläozoische  Schichten
  mit  Granit  (bei  Matschin)],  überdeckt  von  horizontalen
  Kreide-  und  Juraschichten)  noch  etwas  rätselhaftes
  und  bei  der  flachen  Umgebun  ganz  stattliches
Gebirge.  Diese  Gegend  hat  im  egenseh  zu  dem  ganz
baumarmen  Süden  noch  ausgedehnte  Buchen-  und
Eichenwälder.  Landstraßen  durchkreuzen  vielfach  das
Land,  während  zwei  Eisenbahnlinien  einerseits  die
Stadt  Tultscha  (20000  Einwohner)  am  Anfang  des
Donaudeltas,  anderseits  Warna—-Dobritsch  mit  der
Hauptbahn  Tschernawoda-Konstanza  und  dadurchmit
dem  eigentlichen  Rumänien  verbinden;  beide  Linien
treffen  sich  aber,  wohl  wegen  eines  geringen  Höhen-
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Bliog#phischen  Instilut,  Leipnig.  —  Criechenland.

Zthkulsarien.  Albanien
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        Kaßner:  Der  mazedonische  Kriegsschauplatz

unterschiedes,  ungeschickterweise  nicht  an  derselben  Station,
  als  ob  ein  Durchga  overlehr  von  Nord  nach
Süd  nicht  erwartet  wird.  Nach  der  Donau  wie  nach
dem  Schwarzen  Meere  hin  fällt  das  Land  meist  steil
ab  und  bietet  deswegen  schlechte  Angriffs=  und  gute
Verteidigungsstellen;  Über  das  Donaugelände  führen
außer  der  Eisenbahnbrücke  von  Tschernawoda  nureinelne
  schmale  Straßen,  die  aber  von  dem  hohen  rechten
fer  leicht  unter  Feuer  genommen  werden  können.  Angriffe
  auf  die  Dobrudscha  werden  deshalb  in  neuzeitichen
  Kriegen  mit  Erfolg  nur  von  Süden  her  unternommen
  werden  können,  zumal  die  Donaufümpfe  die
RKückverbindung  sehr  erschweren.  Die  Bevölkerun
der  Dobrudscha  bilden  längs  der  Donau  hauptsächlich
Rumänen,  auf  einem  je  etwa  30  km  breiten  Streifen

143

u  beiden  Seiten  der  Bahn  Tschernawoda-Konstanza
Kureen  und  sonst  Bulgaren,  die  durchaus  in  der
Mehrzahl  sind,  auch  in  Tultscha.  Außerdem  sind  die
nach  1878  von  Odessa  her  eingewanderten  deutschen
Kolonisten  (etwa  8200)  zu  erwähnen.

Literatur.  P.  Lehmann,  Rumänien  (Länderkunde
  von  Europa-  II,  2.  Hälfte,  Leipz.  1893);  Th.  Fischer,
Rumänien  (Scobel,  -Geographisches  Handbuch  zu  Andrees
Handatlas“,  Leipz.  1909);  „KRumänien  1866—1906.  (hrög.
vom  Ministerium  für  Landwirtschaft  usw.,  Bukarest  1907);
R.  Bergner,  Rumänien  (Bresl.  1887);  E.  de  Martonne,
La  Valachle  (Par.  1902);  J.  Weiß,  Die  Dobrudscha
im  Altertum  (Sarajevo  1911);  A.  Philippson,  Europa
(2.  Aufl.,  Leipz.  1906);  H.  Frobenlus,  Ubriß  der  Militärgeographie
  Europas,  1.  Teil  (°Petermanns  Geographische
Mitteilungene,  Ergänzungsheft  184,  Gotha  1915).

Der  mazedonische  Kriegsschauplatz
von  Professor  Dr.  Karl  Kahner  in  Berlin

Val.  hierzu  die  Karte  2Die  Kämpfe  in  Majzedontene  und  die
Reliefkarte  2  Westliche  Balkanhalbinsele.

Als  mazedonischer  Kriegsschauplatz  soll  hier  dieganze
Gegend  längsder  Front  vom  Ugäischen  Meerebis  andie
Grenze  Albaniens,  also  bis  zum  westlichen  Ufergebirge
des  Ochridasees,  verstanden  werden.  Er  schließt  somtt
südlich  an  das  im  ersten  Band  (S.  171)  beschriebene
südserbische  Gebiet  an  und  deckt  ich  sogar  noch  zueinem
geringen  Teil  mit  ihm,  um  in  der  Darstellung  ein  zusammenhängendes
  Ganzes  nicht  zerreiten  zu  mücssen.

Bis  zum  Balkankriege  1912  war  das  Gebiet  nicht
nur  erdkundlich,  sondern  auch  politisch  einheitlich.
nämlich  ganz  türkisch.  Der  Verwaltung  nach  gehörte
der  Teil  östlich  von  der  Mesta  (Karafu)  zum  Wilajet
Adrianopel,  der  mittlere  bis  zum  Ostrowosee  zu  dem
von  Saloniki,  der  westliche  zu  dem  von  Monastir.
Durch  den  Bukarester  Frieden  fiel  jener  östliche  Teil
sowie  der  Nordosten  des  mittleren  Teiles  an  Bulgarien;
ein  etwa  75kmbreiter  Küstenstreifen,  dessen  Landgrenze
sich  westlich  bis  zum  Südende  des  Prespasees  fortsetzt,
wurde  ricchich  und  der  ganze  nördliche  Rest  serbisch.
Diese  Abgrenzungen  waren  ganzwillkürlichvorgenommen,
  und  zwar  gegen  Bulgarien  gerichtet;  wirtschaftlich
  sind  sie  überdies  völlig  unhaltbar,  da  sich  das  für
die  Hafenstädte  Saloniki,  Kawalla  usw.  notwendige
Hinterland  nur  zum  Teil  in  der  Hand  der  Besitzer  dieser
Städte,  der  Griechen,  befindet  und  die  nah=  Zollgrenzze
bei  Saloniki  den  Aus-  und  Durchfuhrhandel  empfindlich
  beschränkt.  Wirtschaftlich  hat  daher  Saloniki  seitdem
  sehr  gelitten.  Nicht  viel  besser  is  es  Kawalla  gegangen,
  da  sein  Tabakshinterland  durch  die  Grenze
an  der  Mesta  zum  Teil  an  Bulgarien  gefallen  ist.

Auch  die  Verkehrsverhältnisse  sind,  wie  noch  gezeigt
werden  soll,  durch  die  salsche  Aufteilung  Mazedoniens
verschlechtert  worden.

Die  ägäische  Küste  Bulgariens  hat  recht
merkliche  Gegensätze.  Denn  dem  Sumpfgebiet  des
Maritzadeltas  mit  der  Hafenstadt  Dede  Waf  ch  (6750
Einwohner)  folgt  nach  Westen  ein  nur  4  km  von  der
Küste  noch  600  m  hoher  Ausläufer  der  Rhodopeebirgszüge,

  der  die  sehr  fruchtbare  und  reich  besiedelte
oppelebene  von  Gjümürdschina  (31720  Einwohner)
und  TLanthi  (18  200  Einwohner)  teilweise  vom  Meere
abschließt.  Einen  Ausweg  bietet  allerdings  die  Bucht
von  Porto  Lagos;  aber  ihr  sumpfiges  Hinterland  und
ihre  offene  Reede  würden  hier  nur  mit  unverhältnismäßig

  hohen  Kosten  einen  Ausfuhrplatz  zu  schaffen
gestatten.  Auch  weiter  nach  Westen  bis  Kawalla  gibt
es  von  Dede  Agatsch  an  außer  dem  Dorfe  Makri  keine
nennenswerte  Siedlung.  Diese  Unwirtlichkeit  der
Küste  hat  auch  den  Vielverband  von  einem  größeren
Angriff,  abgesehen  von  der  gerschießung  von  Dede
Agatsch,  abgehallen,  obwohl  die  vorgelagerten  Inseln
Samothrakt  und  Thasos  einen  plötzlichen  Angriff  gut
vorbereiten  lassen.

Mazedonien.  Das  eben  genannte  Kawalla  gehört
schon  zum  griechischen  Mazedonien;  dieses  ist  ebenso
wie  das  bis  zum  Kriege  serbische  und  bulgarische  ein
Teil  des  früheren  Mazedoniens,  dessen  ungemein  verwickelte
  Oberflächenbeschaffenheit  oder  zerhackte  Topographie“
  (nach  Ostreich)  durch  ein  in  der  Oligozänzeit
gefaltetes  Land,  das  sopleich  zu  einer  Rumpffläche
abgetragen  wurde,  zu  erklären  ist.  Faltungen,.  Senkungen
  und  Hebungen  ließen  eine  ganze  Anzahl  von
kleineren  und  größeren  Becken  entstehen,  deren  jetzige
Talböden  sehr  verschiedene  Meereshöhen  aufweisen.
Weiter  ist  für  Mazedonien,  wie  übrigens  für  einen
großen  Teil  der  westlichen  Balkanhalbinsel,  bezeichnend,
  daß  es  zwar  große,  wasserreiche  Flüsse,  wie
Wardar,  Struma,  Mesta  usw.,  besitzt,  daß  aber  keiner
von  ihnen  wegen  des  starken  Gefälles  und  der  streckenweise
  schluchtenartigen  Enge  ihres  Tales  dem  Wasseroder
  an  seinem  Ufergelände  dem  Landverkehr  beguem
dienen  kann.  Nur  der  Wardar,  die  obere  und  mittlere
Struma  und  auf  eine  kurze  Strecke  die  untere  Mesta
werden  von  der  eingleisigen  Eisenbahn  begleitet,  die
aber  nicht  die  Erzeugnisse  dieser  Täler  ausführen,
sondern  nur  den  Durchfuhrverkehr  vermitteln  soll.
Wirtschaftlich  ist  das  natürlich  ein  ungünstiger  Zustand,
  dem  nur  durch  eine  Ausgestaltung  der  ufuhrwege
  und  durch  eine  Anderung  der  gegenwärtigen
Grenzen  abzuhelfen  ist.

Ostmazedouien.  Das  Gebiet  zwischen  Mesta  und
Struma  wird  in  der  Nordhälfte  vom  nordsüdlich  gerichteten
  Pirin  (El  Tepe  2681  m)  ausgefüllt,  einem
vielbesungenen,  an  den  Hängen  reich  bewaldeten  Gebirge
  aus  kristallinischen  Schiefern,  dessen  höchste
Teile  kahl  sind  und  neben  vielen  Seen  auch  Schneefelder
  tragen.  Südlich  schließen  sich  bis  zum  Meere
##n  eine  ganze  Reihe  mehr  westöstlich  reichender

etten  an,  die  bis  1900  m  aufragen;  so  der  Bunardagh
  (1870  m)),  der  sich  westlich  im  Beschikdagh  (1060
m)  fortsetzt,  aber  von  ihm  durch  die  im  Seresbecken
zum  Tachinosee  aufgestaute  und  hier  durchbrechende
Struma  getrennt  Die  Strumafurche  ist  das
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        144

wichtigste  Tal  Ostmazedoniens  —  hier  hat  sich  z.  B.
Seres  (30000  Einwohner)  durch  Baumwollhandel
sehr  entwickeln  können  —  und  hätte  eine  große  Zukunft
  für  Wirtschaft  und  Verkehr,  wenn  es  politisch
in  einer  Hand  wäre;  denn  auf  einem  großen  Teil  seiner
  Länge  und  in  seinen  Seitentälern  kann  Ackerbau
getrieben  werden,  und  die  Anlage  von  Straßen  und
Eisenbahnen  ist,  abgesehen  vom  Kreßna--Engpaß,  fast
nirgends  schwierig.  Dazu  bildet  es  den  natürlichen.
Weg  von  Sofia  und  Küstendil  zum  Meere.  Unterhalb
  der  Kreßnaschlucht  weitet  Sich  das  Tal  zum  Becken
von  Melnik,  einem  Städtchen  von  3300  griechischen
Einwohnern,  in  dichtbulgarischer  Landbevölkerung;
alle  wanderten  nach  den  Balkankriegen  bis  auf  365
aus.  Auf  der  anderen  Talseite  liegt  Petritsch  (6000
Einwohner)  am  Eingang  in  das  ebenfalls  fruchtbare
  Strumitzatal  mit  der  Stadt  Strumitza  (8100
Einwohner).  Dieses  ostwestliche  Tal  wird  im  Norden
vom  Malesch,  dem  hier  bis  1600  m  hohen  serbisch-bulgarischen
  Grenzgebirge,  und  im  Süden  von  der  Belassitza
  eingeschiossen.  Beide  Gebirge,  aus  kristallinischem
  Schiefer  und  Granit,  sind  ziemlich  bewaldet  (am
Nordhang  Buchen,  Linden,  eßbare  Kastanien,  an  der
Südseite  immergrüne  Eichen,  Buchsbaum)  und  wegen
ihrer  Steilheit  schwer  zu  Überschreiten;  sie  werden  daher
  vom  Verkehydimr  sten  im  Struma-Engpaß  von
Rupel  und  im  Westen  bei  Strumitza  in  einer  Senke
zum  Wardartale  von  nur  491  m  Höhe  umgangen.

Der  Südhan  der  Belassitza  fällt  steil  zu  dem  Talzug
  ab,  der  im  Osten  bei  dem  von  der  Struma  durchrn
  senen  Butkowosee  beginnt,  in  der  Mitte  zum  fischreichen
  Dojranseebecken  abfällt  und  im  Westen  am
Wardar  endet.  Im  Süden  davon  erhebt  sich  die
Kruscha  (bis  950  m),  die  eine  Fortsetzung  des  Beschikdagh
  ist.  Langsam  senken  sich  beide  südwärts  zu  der
Furche,  in  der  Schuttkegel  die  Bildung  des  Langasaund
  Beschiksees  veranlaßten.  Diese  Furche  beginnt
am  Golf  von  Rendina  oder  Orfani,  reicht  bis  in  die
Nähe  von  Saloniki  und  trennt  die  bis  1050  m  hohen
Gebirgszüge  der  erzreichen  Halbinsel  Chalkidike  von
der  Haupemasse  der  Balkanhalbinsel.

Die  Verkehrsverhältnisse  in  Ostmazedonien
sind  noch  sehr  wenig  entwickelt.  Abgesehen  von  jetzt  zu
Kriegszwecken  angelegten  fliegenden  Feldbahnen  und
der  neuen  Kleinbahn  im  Strumatal  von  Radomir  bis
Demirhissar  gibt  es  immer  noch  nur  die  eine  Eisenbahnlinie,
  die  von  der  Strecke  Konstantinopel-Adrianopel
  bei  Küleli-Burgas  abzweigt  und  über  Gjümürdschina,
  Kanthi,  Drama  und  Seres  nach  Salonili  geht.
Sie  hatte  eigentlich  nicht  den  Zweck,  die  von  ihr  durchogenen

  Landstriche  dem  Wirtschaftsverkehr  zuerschlieen,

  sondern  die  Hauptverwaltungsstädte  Adrianopel,
Seres  und  Saloniki  mit  dem  Sitz  der  Regierung,
Konstantinopel,  zu  verbinden.  Das  geht  auch  schon
daraus  hervor,  daß  sie,  abgesehen  von  der  Seitenbahn
nach  Dede  Agatsch,  nirgends  den  Anschluß  an  den  billigeren
  Seeverkehr  sucht  —  so  bleibt  sie  Kawalla  um
25  km  fern  —  und  auch  keine  Zubringer  aus  dem
Mesta=  und  Strumatal  hat.  Dazu  kommt  noch.  daß
sie  seit  dem  Bukarester  Frieden  1913  zum  Teil  Bulgarien,
  zum  anderen  Teil  Griechenland  gehört.  Endlich
  sind  gute  und  für  Heereszwecke  leistungsfähige
Landstraßen  nur  auf  einzelnen  Hauptverkehrslinien,
wie  im  Strumatal,  vorhanden,  während  die  übrigen
Straßen  wohl  leichtere  Lasten,  nicht  aber  schwere  und
auch  nicht  auf  lange  Zeit  aushalten;  Regenwetter
machtsie  schwer  befahrbar.  Die  Fruchtbarkeit  der  Täler
und  unteren  Hänge  sowie  das  gute  Klima  begünsti-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

gen  und  befriedigen  selbst  Massenansprüche  an  Verpflegungsbedürfnissen,
  wofern  erst  einmal  Friedens.
zeiten  regelmäßige  Feldbestellung  gestatten.

Westmazedonien.  Während  die  geologischen  Verhältnisse
  in  Ostmazedonien  noch  einfacher  und  leichter
  übersehbar  sind,  bieten  sie  westlich  vom  Wardar
ein  sehr  buntscheckiges  Bild,  und  jede  neue  Forschung
steigert  diesen  Eindruck  noch.  Daher  ist  es  verständlich,
  daß  die  Ansichten  über  die  Entstehung  der  Oberflächengestalt
  vielfach  noch  nicht  geklärt  sind.  Die
Hauptgegenden  Westmazedoniens  sind  das  Wardartal,
  die  Saloniki-Ebene  (Kampania),  die  pelagonische
Ebene  und  die  Dessaretischen  Seen.

Das  Wardartal  weist  unterhalb  von  üsküb
mehrere  Engen  auf,  die  dem  Verkehr  sehr  hinderlich
sind;  eine  gute  Straße  führt  nicht  hindurch,  und  die
Eisenbahn  konnte  auch  nur  eingleisig  gebaut  werden.
Das  sind  die  Enge  unterhalb  von  Weles  (Köprülü),
dann  das  Demir  kapu  oberhalb  von  Gradez  und  das
Tschingene  derbend  unterhalb  von  Gjewgjeli.  Dazwischen
  gibt  es  sehr  fruchtbare  Landschaften,  so  die  Tikwesch
#nannte  zwischen  den  beiden  ersterwähnten  Engenbei

degotin  und  lleinere  bei  Mirowze  und  Gjewygjeli.  Neben
  Getreide,  Gemüse  und  Obst  werden  hier  viel  Mohn
(zu  Ol)  und  Opium,  Wein  und  selbst  Baumwolleangebaut.
  Haupthandelsplätze  sind  neben  üsküb  noch  Weles
und  Kawadar  im  Tikwesch,  während  die  Fabriken  von
Gjewgjeli  den  Mittelpunkt  der  durch  Maulbeerbäume
ermöglichten  Seidenzucht  und  Seidenspinnerei  bilden.

Unterhalb  dieser  Stadt  durchströmt  der  Wardar
an  der  bisherigen  serbisch  =  griechischen  Grenze  seine
letzte  Enge  in  starken  Windungen  und  tritt  dann  in
die  Kampania  (1715  aqlm),  in  das  weite  Becken,
das  die  Anschwemmungen  des  Wardar,  der  Moglenitza
  und  der  Wistritza  (Indsche-Karasu)  von  drei
Seiten  her  aufgefüllt  haben,  so  daß  schließlich  nur  das
stark  versumpfte  Seebecken  von  Jenidsche  übrigblicb.
In  dieser  flachen  Gegend  wechseln  die  Flüsse  bei  Hochwasser
  oft  ihr  Bett,  besonders  die  Wistritza,  die  deshalb
die  »verrückte«  zubenannt  wird;  auch  der  Wardar  ist
recht  ungebärdig  und  hat  die  bis  1900  mehrbogige
Eisenbahnbrücke  dreimal  fortgerissen,  bis  sie  durch
eine  solche  mit  nur  einer  Offnung  ersetzt  wurde.  Nur
die  Ränder  und  Hänge  der  Ebene  sind  gut  bebaut;
der  übrige  Teil  liegt  im  heißen,  fieberbringenden  Sommer
  öde  da,  während  er  zum  Herbst  und  Winter  von
den  Viehherden  belebt  wird,  die  von  den  dann  unwirkllichen
  Gebirgen  herabziehen.  Die  Bahn  Saloniki-Monastir
  durchschneidet  den  östlichen  Teil,  folgt  dann
aber  dem  scharf  ausgesprochenen  Westrand,  an  dem
die  griechischen  Städte  Karaferia  oder  Werria  (16000
Einwohner)  und  Niausta  (6500  Einwohner)  malerisch
liegen,  während  das  mehr  bulgarisch-türkische  Wodena
  oder  Edessa  (15000  Einwohner)  prächtig  einer
100  m  hohen  Travertinterrasse  aufgesetzt  ist.  von  der
starke  Wasserfälle,  die  zum  Teil  Spinnereien  treiben,
in  das  üppige  Tal  hinabstürzen.

Den  Süden  der  Kampania  begrenzen  Ausläufer
des  Olymps,  den  Westen  der  Wermion  Oros  oder  Karatasch
  (1900  m),  den  Norden  und  Nordwesten  aber
mehrere  sehr  hohe  und  bewaldete  Gebirgszüge,  die
das  von  Bulgaren  und  Wlachen  bewohnte  fruchtbare
Nebental  Moglena  umranden.  Hier  werden  seit  langem
  erbitterte  Kämpfe  um  jede  Kuppe  ausgefochten,
und  nur  der  schnee-  und  sturmreiche  Winter  brachte  sie
zeitweise  zum  Ruhen.  Den  Ostpfeiler  bildet  ein  hufeisenförmiges,
  schroffes  Hochgebirge  mit  den  Kalkgip
feln  Dschena  (2092  m)  und  Dudiza  (2180  w).  Von
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———Prtronillule  Herbst  1917.
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        Kaßner:  Der  mazedonische  Kriegsschauplatz

hier  hält  sich  der  nach  Südwesten  streichende  waldreiche
  Kamm  in  meist  1400—1700  m  Höhe;  am  Nordhang
  wird  im  Bergwerk  Alschar  Antimon,  Realgar
und  Auripigment  gewonnen.  Keine  Fahrstraße  führt
nördlich  nach  der  Landschaft  Murichowo  an  der
Tscherna.  Den  Südwestpfeiler  bildet  der  dem  viel
niedrigeren,  hier  Nidschegebirge  genannten  Kamme
hoch  aufgesetzte,  die  ganze  Gegend  von  Saloniki  bis
Monastir  beherrschende  Kajmaktschaläm  (2525  m).
Nur  15  km  südlich  liegt  tief  eingebettet  der  Ostrowosee
in  528  m  Seehöhe,  der  starke  vieljährige  Schwankungen
  zeigt.  An  seinem  Nordende  führt  die  römische
Heerstraße  (Via  Egnatia)  von  Durazzo  und  Valona
über  Elbasan,  Ochrida,  Resen.  Monastir  und  Wodena
nach  Saloniki;  die  Eisenbahn  Monastir-Salonib  folgt
ihr  nur  streckenweise.

Westlich  vom  Ostrowosee  steigt  die  Straße  noch  um
130  m  bis  auf  965  m  an  und  senkt  sich  dann  in  das
Südende  der  pelagonischen  Ebene.  Diese  bildet
ein  nordsüdlich  gerichtetes  Rechteck  von  602c15  km
Größe  und  zeigt  geringe  Höhenunterschiede  (550—
650  m).  Ihr  diluvialer  Schottergrund  wird  stellenweise
  sumpfig,  besonders  in  der  Nähe  der  Tscherna,
welche  die  Ebene  nahezu  diagonal  durchfließt  und  bei
der  Südostecke  austritt.  Dieser  starke  Fluß  verfolgt
aber  nun  seine  bisherige  Richtung  von  Nordwest  nach
Südost  nicht  weiter,  sondern  #wenkt  in  tief  eingeschnittenem
  Tal  scharf  nach  Nordnordost;  er  trennt
so  das  Nidschegebirge  von  dem  den  Ostrand  der  Ebene
bildenden,  im  Norden  bis  1674  m  hohen  Seletschaebirge,

  dessen  Südende  auch  Kampfplatz  gewordeniist.
Kur  die  Randstreifen  der  Ebene  sind  gut  bebaut,  und
hier  liegen  auch  größere  Städte,  vor  allem  der  Hauptverkehrspunkt
  und  Handelsplatz  Monastir  oder  Bitolja
(60000  Einwohner),  das  durch  die  im  Bukarester
Frieden  festgelegte,  allzu  nahe  Grenze  wirtschaftlich
und  durch  den  Serbendruck  auch  völkisch  an  seiner
stark  bulgarischen  Bevölkerung  sehr  litt.  ferner  das
mehr  griechische  Florina  (15.000  Einwohner)  und  das
für  den  Handelsverkehr  zum  Wardartal  hin  wichtige
Prilep  (15—  20000  Einwohner).  Nordöstlich  von
ihm  bildet  die  Grenze  der  Ebene  das  Babunagebirge,
über  das  eine  gute  Straße  (b  8  1100  m  ansteigend)  nach
Weles,  und  um  das  südlich  herum  eine  ebensolche  im
Rajez=  und  Tschernatal  nach  der  Bahnstation  Gradsko
im  Wardartal  führt.

Der  Via  Egnatia,  die  hier  nicht  sehr  gepflegt  ist,
nach  Westen  folgend,  kommt  man  nach  Üüberschreiten
eines  1158  m  hohen  Sattels  zwischen  den  waldarmen
kristallinen  Gebirgen  Bigla  und  dem  2532  m  hohen
Peristeri  in  das  Gebiet  der  Dessaretischen  Seen,
d.  h.  zu  dem  je  ein  nordsüdlich  verlaufendes  Talbecken
ausfüllenden  Prespa-  und  Ochridasee,  wozu  südlich
noch  der  verlandende  Maliksee  bei  Koritza  gehört.  Der
Prespasee  besteht  jetzt  aus  zwei  Seen,  dem  großen  und
lleinen,  die  nur  durch  einen  flachen,  Überflutbaren
Sanddamm  geschieden  sind;  er  hat  insgesamt  etwa
300  qckm  Größe  und  50  m  Tiefe.  Seine  Oberfläche
(660  m  Seehöhe)  liegt  200  m  höher  als  diedes  280  ckm
großen  und  286  m  tiefen  Ochridasees,  von  dem  er  nur
durch  das  schmale  Kaltgedirge  Galitschitza  (2043  m)
getrennt  ist.  Da  dem  Ochridasee  kein  nennenswerler

145

größerer  Fluß  Wasser  zuführt,  während  ihm  doch  der
starke  Drin  bei  Struga  entströmt,  zapft  er,  wie  die
starke  Karstquelle  am  Kloster  Sweti  Naum  lehrt,  den
Prespasee  an.  Die  nächste  Umgebung  dieses  Sees
ist  etwas  flacher  als  die  des  Ochridasees,  und  deshalb
führt  auch  an  seinem  Westrand  eine  Straße  von  Resen
  nach  Koritza,  während  die  Steilufer  des  Ochrida-=sees
  nur  Saumpfade  gestatten.  Der  Verkehr  auf
den  fischreichen  Seen  wird  durch  urwüchsige,  schwerfällige,
  aber  recht  kippsichere  Ruderboote  vermittelt;
Motorbvote  stören  angeblich  den  Fischfang.  Unmittelbar
  am  Prespasee  liegt  kein  nennenswerter  Ort,  etwas
nördlich  in  ertragreicher  Obstgegend  die  Stadt  Resen,
die  Wiege  der  jungtürkischen  Revolution  von  1903.
Viel  belebter  ist  der  Ochridasee,  denn  er  weist  am  Nordufer
  die  altbulgarische  Patriarchatsstadt  Ochrida  und
das  Fischerstäditchen  Struga  auf,  am  Südende  Pogradez,
  das  den  Verkehr  mit  Ochrida,  Elbasan  und
Koritza  vermittelt.

Die  Kriegführung  auf  dem  ganzen  mazedonischen
  Schauplatz  wird  also  auf  der  Vierbundseite  stark
beeinflußt  durch  die  sehr  gebirgige  Oberfläche,  die
nur  wenige  schmale  Zufuhrwege  mit  noch  dazu  oft
starken  Steigungen  gestattet;  Munition,  Lebensmittel
und  sonstige  Bedürfnisse  müssen  auf  langen,  wenig
leistungsfähigen  Landstraßen  und  vereinzelten  Eisenbahnen
  heran-,  Verwundete,  Kranke,  Altmaterial  usw.
fortgeschafft  werden.  Wenn  dagegen  dem  Vielverband
  der  bequemere  Seeweg  und  viel  kürzere  Landstrecken
  zur  Verfügung  standen,  so  hat  doch  die=  U.
Boot-Seuche  gerade  den  Seeweg  so  erschwert,  daß
jetzt  viele  Kriegsgüter  den  durch  mehrfaches  Umladen
langwierigen  und  kostspieligen  Weg  durch  Italien
nach  Valona  und  dann  über  die  Via  Egnatia  nehmen
müssen,  während  undsee  Zufuhrstraßen  im  wesentlichen
  gesichert  sind.  Auch  das  Klima  ist  uns  günstiger
  als  den  Gegnern,  denn  obgleich  in  der  pelagonischen
  Ebene  mit  Sumpffieber  zu  rechnen  ist,  so  ist
doch  sonst  das  Wetter  recht  gesund,  wenn  auch  sehr
heiß  in  Sommer  und  rauh  im  Winter.  Auf  der  feindlichen
  Seite,  auf  der  die  Stadt  Saloniki  mit  ihrer  Umebung

  (Kampania)  für  die  Kriegfüheung  ganz  beonders
  wichtig  ist,  muß  man  im  Sommer  dort  und
an  vielen  anderen  Stellen  der  Front  und  der  Zufuhrwege
  mit  schwerer  Malaria,  Dysenterie,  Typhus  usw.
rechnen;  auch  werden  in  jener  Gegend  viele  wichtige
Lebensmittel  verderben  oder  wegen  dieser  Aussicht  den
Truppen  überhaupt  nicht  zugeführt  werden  können.
Im  Winter  verhindern  Schneefälle  und  Stürme
nahezu  jeden  Kampf.

Ugl.  A.  P##huipofen,  Europa  (Leipz.  1906);  „Meyers
Reisebücher-,  Balkanstaaten  (das.  1014);  N.  Krebs  und  Fr.
Braun,  Die  Kriegsschauplätze  auf  ber  Balkanhaldbinsel
(das.  1916);  H.  Frobenius,  Abreß  der  Militärgeographie
Europas,  I.  Teil:  Die  Halbinseln  des  Mittelmeeres  (7  Petermanns
  Mitteilungen-,  Ergänzungsheft  184,  Gotha  1915);
K.  Ostreich,  Mazedonien  (2Zeitschr.  d.  Ges.  f.  Erdt.  4
Berlin«,  1916,  S.  129—157,  mit  gutem  Literaturverzeichnis);
  W.  Kantscheff,  Makedonia  (bulgar.,  Sofia  1900).
Vor  dem  Buche  von  Gopdevic,  Mazedonien  und  Altserbien
  (Wien  1889),  ist  zu  warnen,  da  es  für  serbische  Zwecke
alles  entstellt  oder  erdichtet.  Entsprechendes  gilt  von  dem
Buche  des  Griechen  Nikolaldes.

Der  Krieg  1914/17.  II.

10
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        146

Die  Kolonialen  Kriegsschauplätze
von  Dr.  Oskar  Karstedt  in  Berlin-Steglitz
Vgl.  hierzu  die  Karte  Kolontale  Kriegsschauplätze“.

Die  deutschen  Kolonien  sind  vhne  Ausnahme  bereits
  kurz  nach  Kriegsausbruch  Gegenstand  des  An-Fiss
  seitens  der  verbündeten  Englinder  Franzosen,

elgier  und  Japaner  geworden.  Der  Angriff  hat  sie,
mit  Ausnahme  Kiautschous,  wenig  vorbereitet  gefunden.
  Für  die  tropischen  Kolonien  konnte  man  überaupt

  nicht  vermuten,  daß  jemals  ein  europäischer
eg  auf  sie  übertragen  werden  würde,  weil  in  ihnen
die  Herrschaft  der  dünnen  weißen  Oberschicht  über  die
große  Masse  der  Eingeborenen  nur  solange  aufrecht
zu  halten  und  denkbar  ist,  als  die  Eingeborenen  unter
dem  Eindruck  der  Solidarität  der  Weißen,  die  unabhängig
  von  ihrer  Nationalität  ist,  stehen.  Für  das
Gebiet  des  konventionellen  Kongobeckens,  zu  dem
ganz  Deutsch-Ostafrika  und  ein  großer  Teil  Kameruns
  gehört,  ist  die  Möglichkeit  der  Neutralisierung
ausdrücklich  durch  den  auf  Verlangen  der  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  aufgenommenen  Pararaphen
  11  der  Kongoakte  vom  Jahre  1885  9egeben.

n  betreff  Südwestafrikas  konnte  man  sich  llar  darüber
  sein,  daß  eine  erfolgreiche  Verteidigung  bei  der

eringen  geh  der  Schutztruppe  nur  dann  möglich
wenn  sie  sich  nur  über  eine  kürzere  *  erstrecken
würde.  Die  Schutzgebiete  in  der  Südsee  hatten  außerdem
  den  Nachteil,  daß  sie  sich,  in  Hunderte  von  Einzelinseln
  aufgelöst,  die  miteinander  in  der  Mehrzahl
nicht  einmal  in  schnelle  Verbindung  treten  konnten,
Über  ein  Gebiet  verstreuen,  daß  allein  von  Ost  nach
West  nahezu  5000  km  mißt.

Deutscherseits  konnte  eine  Offensive  in  den  meisten
Kolonien  aus  strategisch-militärischen  Gründen  nicht
aufgenommen  werden,  und  wo  das,  wie  z.  B.  in  Ostafrika
  und  Kamerun,  an  sich  vielleicht  möslch  gewesen
wäre,  hat  man  sie  unterlassen  aus  der  überzeugung
heraus,  daß  die  kolonialen  Kriegsereignisse  einmal
nur  von  untergeordneter  Bedeutung  im  Rahmen  des
Ganzen  sein  können,  zum  andern  aber,  weil  eine
deutsche  Regierung  die  Verantwortung  dafür  nicht
auf  sich  nehmen  wollte  und  konnte,  daß  sie  durch  Entfesselung
  der  Leidenschaften  der  Eingeborenen  das

esamte  Ansehen  der  weißen  Herrenrasse  auf  lange
geit  hinaus  schädigte  und  in  Frage  stellte.

Togo  befand  sich  in  strategisch  sehr  ungünstiger
Lage,  da  es,  sich  nur  schmal  ans  Meer  anlehnend,  im
Westen  an  englisches,  im  Norden  und  Osten  aber  an
französisches  Gebiet  grenzt.  An  der  breitesten  Stelle
legt  es  sich  nur  in  200  km,  an  der  Küste  nur  in
65  km  Breite  zwischen  die  beiden  gegnerischen  Nachbarkolonien
  Nigeria  und  Dahome,  die  beide  an  militärischen
  Machtmitteln  reich  sind.  Die  Verteidigung
gegen  den  gleichzeitig  mit  übermächtigen  Kräften  von
den  Seiten  einsetzenden  Gegner  mußte  sich  deshalb
auf  die  Deckung  der  Funkengroßstation  Kamina  160
km  nördlich  von  Lome  unweit  vom  Endpunkte  der
Bahn  Lome-Atakpame  beschränken,  die  als  Zwischenstation
  für  die  Strecke  Nauen  -  Kamerun-Südwestafrika
  von  Bedeutung  war.  An  Machtmitteln  standen
  deutscherseits  nur  560  Mann  schwarzer  Polizeisoldaten
  und  eine  kleine,  bei  der  Mobilmachung  entstandene,
  aus  den  300  Deutschen  des  Schutzgebiets
ausgewählte  Freiwilligenschar  zur  Verfügung.  Die
farbigen  Soldaten  haben  sich  überdies  sehr  unzuverlässig
  gezeigt.  Am  24.  August  ist  die  Kamtnastellung
nach  Zerstörung  der  Funkenanlage  gefallen.  Augen-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

scheinlich  haben  sich  die  im  nördlichen  Togo  ansässigen,
den  Deutschen  treu  ergebenen  mohammedanischen
Haussa  und  Fulbe  noch  längere  Zeit  selbständig  des.
englisch-französischen  Einfalls  erwehrt.
ünstiger  als  in  Togo  lagen  die  Verhälinisse  in
Kamerun,  dasschon  durch  seine  Größe  —790000qkm
gegen  87000  von  Togo—  dem  Gegnerein  viel  schwerer
u  Üüberwindendes  Oindernis  ist  als  eine  räumlich
leinere  Kolonie,  besonders,  wenn  die  klimatischen,
orographischen,  wirtschaftlichen  und  Verkehrsverhältnisse
  für  den  Angreifer  so  schwierig  liegen,  wie  das
in  dem  echt  tropischen  Kamerun  mit  seinen  Urwaldhindernissen,
  seiner  lechmäßi  hohen  Küstentemperatur
  und  seinen  an  der  Küste  bis  5000  mm  steigenden
  Nirverschlägen  der  Fall  ise  Dazu  kommt  als  weiterer
  für  den  ngreiser  ungünstiger  Umstand  der
änzliche  Mangel  an  Bahnen  oder  sonstigen  neuzeitichen
  Verkehrswegen  im  Innern  und  die  Tatsache,
daß,  abgesehen  von  einigen  unzuverlässigen  Küstenstämmen,
  die  eingeborene  Bevölkerung  überall  treu
zu  den  Deutschen  gehalten  hat,  daß  die  mohammedanische
  Bevölkerung  des  Innern  sogar  weitestgehende
Mithilfe  bei  der  Bekämpfung  von  Franzosen  und  Engländern
  leistete.  Diese  in  der  Natur  und  Bevölkerung,
des  angegriffenen  Landes  für  den  Angreifer  liegenden
  Nachteile  wurden  auch  nicht  durch  den  Vorteil
aufgewogen,  daß  das  Schuß  ebiet  auf  allen  Seiten.
mit  Ausnahme  der  füdwestlichen,  der  Meeresgrenze.
von  feindlichem  Besitz  umkagert  ist.  Jeder  neue  Anriffspunkt
  bedingte  wiederum  die  Schaffung  neuer
Eilwpenstraßen,  auf  denen  Proviant  für  Europäer
und  die  eingeborenen  Truppen,  jede  Patrone,  jedes
Medikament  mühsam  auf  den  Köpfen  der  eingeborenen
  Träger  herangeschafft  werden  mußte.  Das
Transportwesen  verlangt  eine  Trägerorganisation,
deren  Kopfzahl,  wenn  sie  ihren  Zweck  erfüllen  soll.
nicht  geringer,  eher  noch  größer  als  die  der  Feldtruppe
sein  muß.  Die  Deutschen  hatten  da,  wo  sie  sich  von
der  Hauptoperationsbasis  des  Gegners,  der  Küste,
zurückziehen  mußten,  die  eingeborene  Bevölkerung
großen  Teils  evakuiert  und  die  Engländer  und  Franzosen
  auf  die  Weise  gezwungen,  sich  ihre  Träger  von
weit  her  aus  ihren  eigenen  Kolonien  zu  holen.

Der  deutschen  Regierung  standen  bei  Kriegsausbruch
  an  regulären  Truppen  1550  schwarze  Soldaten
  mit  185  weißen  Offizieren  und  Unteroffizieren,
1200  schwarze  Polizeisoldaten  unter  80  Weißen  zur
Verfügung,  die  als  Stationstruppen  über  das  Riesengebiet
  der  Kolonie  zerstreut  waren.  In  Gemäßheit
des  Wehrgesetzes  wurde  wlrhin  auf  die  etwa  1200
deutschen  Zivilisten  zurückgegriffen.  Wieweit  sich  ferner
  die  eingeborene  Bevölkerung,  insbesondere  die
mohammedanische,  zum  Waffendienst  gestellt  hat,  ist
zahlenmäßig  nicht  bekannt.  Die  Truppe  hat  sich,  dank
ihrer  guten  militärischen  Erziehung.  in  allen  Lagen
als  ein  sehr  brauchbares  und  zuverlässiges  Abwehrmittel
  erwiesen.

Selbstverständlich  war  eine  solch  kleine  Schar  nicht
imstande,  dem  überlegenen  Gegner  an  allen  Stellen.
ein  Halt  zu  gebieten,  um  so  weniger,  als  der  Gegner
eine  große  Iche  europäischer  Truppen  zur  Verfüung

  hatte  und  mit  allen  Mitteln  der  modernen
Kriehführung  arbeitete,  während  sie  selbst,  abgeschnitten
  von  allen  Zufuhren,  mit  dem  vorhandenen  Material
  geizen  mußte.  Aber  der  offene  Krieg  ist  auch
nicht  #m  Stärke  farbiger  Truppen;  die  liegt  vielmehr
im  Buschkrieg,  wo  der  Gegner  alle  Kräfte  anstrengen
muß,  um  sich  nur  des  Widerstandes,  den  die  Natur
        <pb n="181" />
        Karstedt:  Die  kolonialen  Kriegsschauplätze

ihm  auf  Schritt  und  Triit  entgegengesetzt,  zuerwehren.
So  gelang  es  dem  Gegner,  gestützt  auf  seine  zahlenmäßige
  überlegenheit  zwar,  die  Deutschen  nach  monatelangen
  Kämpfen  aus  dem  offenen  Steppengebiet
zu  vertreiben.  Aber  das  große  Waldgebiet  des  südichen
  und  südwestlichen  Kameruns,  das  mit  seinen
Zehntausenden  von  Quadratkilometern  dem  Kenner
und  Verteidiger  ein  sicheres  Bollwerk  bietet,  wurde
dem  Angreifer  zum  Wall,  vor  dem  er  monatelang
lag,  ohne  weiter  vordringen  zu  können.  Ein  erfolgreiches
  Halten  der  .Waldfestung=  war  aber  aus
Waffen=  und  Munitionsmangel  nur  bis  zur  Jahreswende
  1915/16  möglich.  Als  der  zunehmende  Druck
die  um  Jaunde  stehende  Verteidigung  in  die  Gefahr
der  völligen  Einschließung  brachte,  trat  die  gesamte
deutsche  Truppe  in  den  ersten  Tagen  des  Januar  1916
auf  das  neutrale  spanische  Rio-Muni---Gebiet  über.

Im  Tsadseegebiet  hielt  sich  die  deutsche  Morastelzug
  bis  Februar  1916.

eutsch-Südwestafrika  ist  insofern  vielleicht
der  bequemste  koloniale  Kriegsschauplatz  für  den
europäischen  Gegner.  als  er  hier  verhältnismäßig  sehr
günstige  klimatische  Verhältnisse  vorsindet,  die  von
denen  seiner  Heimat  nicht  allzu  verschieden  sind,  und
als  auch  die  wirtschaftlichen  Momente  der  Kriegführung,
  wie  Berpflegung  usw.,  hier  nicht  entfernt  die
Schwierigkeiten  bieten  wie  auf  einem  tropischen
Kriegsschauplatz,  wo  schon  die  endemischen  Krankheiten,
  wie  Malaria,  Ruhr  usw.,  einen  ständigen,  mehr
oder  weniger  großen  Prozentsatz  der  landfremden  Angriffstruppen
  krank  und  verwendungsunfähig  machen.
Das  Gesagte  gilt  zwar  nur  für  die  Südafrikaner
unter  den  Angreifern,  aber  diese  stellten  dekanntlich
das  Hauptkontingent.

Das  835  100  aqkm  große  Schutzgebiet  ist  gegen  das
Meer  zu  vorzüglich  durch  den  mehrere  Tagereisen
breiten,  mit  Dünen  übersäten  Wüstengürtel  der  Namib
  geschützt,  den  nur  von  Swakopmund  und  Lüderithucht
  ausgehende,  in  der  Neuzeit  durch  Bahnen
ersetzte  große  Wege  durchbrechen.  Das  Innere  des
durchschnittlich  1100—1200  m  hohen  Landes  ist  gleich
dem  Küstengebiet  ne  trocken  mit  Ausnahme  des
tropischen  Nordens.  Im  Süden  (Großnamaland)d  ist
das  durchschnittliche  Niederschlagsmittel  nur  120  mm,
in  Damaraland  etwa  340  mm.  Dementsprechend  ist
der  Süden,  das  Namaland,  durch  fast  baumlose  Steppe,
das  Damaraland  durch  Busch=  und  Dornsteppe  mit
eingestreuten  Hainen  und  Baumparzellen  gekennzeichnet.
  Wirtschaftlich  bedeutet  das  sehr  geringe  Möglichleiten
  für  den  Ackerbau,  aber  gute  für  die  Biehzucht.
Durch  Schaffung  künstlicher  Stauanlagen  und  die  Erbohrung
  von  Wasser  waren  in  den  letzten  Jahren  die
wirtschaftlichen  Möglichkeiten  stark  verbessert  worden.

Die  weiße  Bevölkerung  belief  sich  1918  auf  14800,
darunter  12100  Deutsche,  d.  h.  etwa  1  Weißer  auf
57  akm.  An  Eingeborenen  lebten  im  Ansiedlungsgebiet
  etwa  63000  und  im  tropischen  Amboland
60000.  1918  zählte  man  1331  Farmer  im  Schutzgebiet
  bei  einer  Farmfläche  von  insgesamt  18,4  Millionen
  ha.  Die  Viehzucht,  die  allenthalben  eine  gewaltige
  Bedeutung  erlangt  hat,  wendet  sich  im  Damaraland
  mehr  dem  Großvieh,  im  Namaland  dem
Kleinvieh  (Ziegen  und  Schafe)  zu.  Voraussetzung
für  den  noch  in  den  Anfängen  befindlichen  Uckerbau
ist  die  künstliche  Bewässerung.  Jedenfalls  war  die
Kolonie  in  der  Lage,  Fleisch  und  Fleischnahrung  hinreichend
  auch  für  eine  wachsende  Ausfuhr  zu  erjeugen,
  während  Konserven,  Mehl,  Reis  usw.  in  Mil-147



lionenwerten  eingeführt  werden  mußten.  Ein  Abschneiden
  der  Zufuhr,  wie  es  mit  Kriegsbeginn  eintrat,
  mußte  die  Wehrfähigkeit  der  Kolonie  an  einer
ihrer  verwundbarsten  Stellen  treffen.

In  Friedenszeiten  besaß  Deutsch-Südwestafrika
eine  weiße  Schutztruppe  von  annähernd  2000  Mann,
tt  denen  noch  eine  weiße  Landespolizei  von  500

öpfen  trat.  Dazu  konnten  etwa  4—5000  Reservisten
  aus  der  Zivilbevölkerung  kommen.  Der  große
Raum,  der  einerseits  gegen  einen  Angriff  von  außen
einen  Schutz  von  um  so  höherer  Bedeutung  bietet,  als
es  sich  bei  der  aktiven  Truppe  sowohl  wie  bei  den
Reserven  zum  großen  Teil  um  Leute  handelt,  die  im
Busch  groß  geworden  sind,  die  den  Buschkrieg  aus
den  ingeborenenausständen  kennen  und  mit  dem
Land,  seinen  militärischen  Vorzügen  und  Gefahren
wohl  vertraut  sind,  führt  andererseits  den  Nachteil  mit
sich,  daß  die  Auftöfung  des  Kriegsschauplatzes  in
mehrere  einzelne  von  selbst  erfolgen  muß,  sobald  dem
Angriff  merhrere  Operationsbasen  zugrunde  lie  en.
Indem  der  Gegner  gleichzeitig  mit  einer  zehnfachen
Übermacht,  der  im  Gegensatz  zu  den  Angegriffenen
überdies  alle  Mittel  der  modernen  Kriegführung
ohne  Einschränkung  zur  Verfügung  standen,  vom
Süden  her  über  die  lange  Oranjegrenze  und  von  der
Sceseite  her  über  Lüderitzbucht  und  Swakopmund
als  Ausgangspunkte  der  Bahnen  konzentrisch  voring,

  wurden  die  in  der  Natur  des  Landes  für  den

erteidiger  liegenden  Vorteile  hinfällig.  Hatte  der
Gegner  auch  in  der  Frage  der  Wageerversorgung,  der
Nahrungsmittelzufuhr  usw.  edenfalls  die  größten
Schwierigkeiten  zu  überwinden,  so  war  seine  Versorgung
  mit  Kriegsmitteln  doch  gesichert;  die  Verteidiger
  der  Kolonie  aber  waren  auf  das  angewiesen,
was  das  Land  hervorbrachte.  Gingen  die  Hilfsmittel
des  Landes  zu  Ende,  dann  war  das  Schicksal  der
Kolonie  und  ihrer  Verteidiger  besiegelt.  Und  so  ist
Deutsch--Südwestafrika  mindestens  ebensosehr  durch
Hunger  und  Entbehrung  als  durch  die  Waffen  der
##dafeiranischen  Truppen  besiegt  worden.

Deutsch-Ostafrika  bietet  eine  Angriffömöglichkeit
  strenggenommen  nur  von  der  Seeseite  her.  Zwar
grenzt  es  im  Norden  allein  östlich  vom  Viktoriasee  mit
rund  900  km  an  Britisch.Ostafrika,  aber  die  Grenze
verläuft  hier  durch  ein  äußerst  ödes  und  wasserarmes
Steppen=  und  Baumsteppengebiet,  das  dem  Vordringen
  einer  auf  die  Mitnahme  und  Verpflegung  großer
Trigermengen  angewiesenen  Truppe  die  größten  Hindernisse
  in  den  Weg  legt.  Im  Westen  gebt,  abgesehen
von  dem  wegen  seiner  gesundheitlichen  Gefahren  eine
Schranke  darstellenden  Russissital,  der  00  km  lange
Tanganjikasee  einen  um  so  besseren  Schutz  gegen  Angeife
  von  der  Seite  des  belgischen  Kongos  her,  als

ransportmittel  auf  ihm  in  nur  halbwegs  genügender
  Verwendungsmöglichkeit  fehlen  und  die  dem  Kongo
zur  Verfügung  stehenden  schwarzen  Truppen  kaum
ohne  Gefchrdn  der  eigenen  Kolonie  gegen  eine
fremde  verwendet  werden  können.  Dasselbe  gilt  auch
von  Nr  Nordwestgrenze  Deutsch-Ostafrikas  gegen  das
englische  Uganda.  Die  Südwestgrenze  gegen  das  eng.
lische  Rhodesia  st  durch  das  Gebirgsland  von  Unjika
und  den  Nyassasee  ähnlich  gut  wie  die  Westgrenze  geschützt.
  Außerdem  gestattet  das  Klima  Deutsch-Ostafrikas,
  in  dem  Malaria,  Rückfallfieber  und  die  zum
großen  Teil  durch  die  schlechten  Wasserverhältnisse
bedingten  Krankheiten  des  Verdauungsorganismus,
wie  Ruhr,  Dysenterie  und  Ankylostomlasis,  fast
allenthalben  endemisch  sind,  die  Verwendung  weißer

10“
        <pb n="182" />
        148

Truppen  nur  in  einem  sehr  geringen  Umfang.  Praltisch
  ist  die  »Eroberung«  dieser  Kolonie,  die  mit
997000  qkm  fast  doppelt  so  groß  ist  wie  Deutschland,
ein  Kampf  gegen  die  klimatischen  Schwierigkeiten,  um
so  mehr,  wenn,  wie  England  es  getan  hat,  zunächst
fast  ausschließlich  weiße  südafrikanische  Truppen  verwandt
  wurden.  Nach  eigenen  Angaben  der  englischen
Berichterstatter  ist  das  Verhältnis  der  an  Krankheiten
gestorbenen  Angehörigen  des  südafrikanischen  Kontingents
  zu  den  im  Kampfe  Gefallenen  ungefähr  wie
6  zu  1.  Dazu  kommt,  daß  die  Verwendung  von  Reittieren
  in  dem  bei  weitem  größten  Teil  des  Landes
wegen  der  Tsetsefliege  unmöglich  ist.  Die  ersten  unleugbar
  großen  Erfolge  der  englischen  Offensive  im
Frühling  1916  konnten  allerdings  infolge  der  Verwendung
  berittener  Truppen  erkämpft  werden,  weil
im  nördlichen  Teil  der  Kolonie  zwischen  Kilimandscharo
und  Usambaragebirge  die  Tsetse  nicht  so  zahlreich  ist.
als  daß  die  Verwendung  von  Pferden  für  einen  rücksichtslosen
  Gegner  gänzlich  ausgeschlossen  wäre.  Als
aber  der  Angriff  weiter  nach  Süden,  in  das  eigentliche
  Tsetsegebiet  vorgetragen  werden  mußte,  waren
die  englischen  Reitertruppen  in  Kürze  mehr  oder  weniger
  wehrlos  gemacht,  weil  im  Laufe  weniger  Wochen
die  Tielfelrancheit  derart  unter  den  Pferdebeständen
aufgeräumt  hatte,  daß  ganze  Kontingente  aufgelöst
und  heimgesandt  werden  mußten.

Die  sofort  mit  Kriegsausbruch  einsetzende  Küstenblockade
  berührte  die  Kolonie,  soweit  sie  als  Verhinderin
  der  Nahrungsmittelzufuhr  in  Betracht  kam,
wenig.

Das  Land  bringt  sowohl  an  animalischer  als  auch
vegetabilischer  Nahrung  alles  hervor,  was  für  die
Eingeborenen  und  die  5300  Weißen  erforderlich  ist.
Neben  einer  Millionenausfuhr  an  Nahrungs-  und
Genußmitteln  stand  es  mit  einem  Viehbestand  von
etwa  4  Millionen  Stück  Großvieh  und  7  Millionen
Ziegen  und  Schafen  an  der  Spitze  aller  unserer  Kolonien.
  Die  Nahrungsmittelerzeugung  hatte  anderseits
  ihre  Höchstmöglichkeit  längst  nicht  erreicht,  da
allein  156  000  Eingeborene  als  Urbeiter  usw.  auf  den
für  die  Ausfuhr  arbeitenden  Gummi-,  Hanf=  und  anderen
  Plantagen,  bei  den  Bahnbauten  usw.,  also  für
die  Ernährung  nur  als  Verzehrer  in  Betracht  kamen.

Ebenso  ist  der  Gedanke,  die  eingeborene  Bevölkerung
  zur  Auflehnung  gegen  die  deutsche  Herrschaft
in  der  Weise  zu  benutzen,  wie  es  an  der  Rüste  Kameruns
  mit  Erfolg  geschehen  ist.  für  Ostafrika  kaum
durchführbar.  Aufstände  primitiver  Völker  sind  in
der  deutschen  Kolonialgeschichte  fast  immer  das  Ergebnis
  einer  falschen  oder  aber  einer  schwankenden
Eingeborenenpolitik  gewesen.  Deutsch--Ostafrika  aber
hat  sich  dank  der  Tätigkeit  vor  allem  des  Gouverneurs
v.  Rechenberg  seit  1906  einer  Stetigkeit  und  Folge.
richtigkeit  in  der  Eingeborenenpolitik  zu  erfreuen  gehabt,
  welche  die  Interessen  der  Eingeborenen  und  der
Weißen  so  eng  verknüpfie,  daß  sich  die  Folgen  davon
bis  in  die  entlegensten  Teile  der  Kolonie  äußerten.
Dazu  kam  die  straffe  Zusammenfassung  in  wirtschaftlicher
  und  politischer  Bhziehung  durch  den  Bau  der
1200  km  langen  Ostwestbahn  Daressalam-Tanganjika
  und  der  Bahnverbindung  des  reichen  Kiliman.
dscharogebiets  mit  der  Küste.  Besonders  begünstigt
wird  das  gute  Verhältnis  zwischen  Regierung  und
Eingeborenen  durch  die  starke  Heranziehung  des  arabischen
  Elements  (etwa  5000  Araber)  durch  die  Regierung
  zur  Mitarbeit  in  der  niederen  Verwaltung
und  durch  die  Toleranz,  die  dem  Islam  entgegen-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

gebracht  worden  ist,  dem  alle  Araber  und  neben  der

esamten  Küstenbevölkerung  die  Eingeborenen  des
Innern,  soweit  sie  sozial  durch  die  Araber  beeinflußt
sind,  angehören.  Die  freiwillige  Schaffung  einer  arabischen
  Hufstrue  nach  der  Mobilmachung  fiel  auf
um  so  günstigeren  Boden,  als  sich  England  durch  die
tatsächliche  Vernichtung  der  alten  in  Sansibar  herrschenden
  Maskatdynastie  der  Abusaiden  (1896)  und
der  im  selben  Jahr  erfolgten  Vertreibung  der  zweiten
großen  Familie  aus  Britisch-Ostafrika,  der  Mazrui,
große  Sympathien  in  Ostafrika  verscherzt  hat,  die  sich
Deutschland  um  so  leichter  zuwandten,  als  dieses  sowohl
  dem  achten  rechtmäßigen  Sultan  von  Sansibar,
Chalid  bin  Bargasch,  als  auch  dem  Haupt  der  Mazrui,
Mbaruk  bin  Raschid,  mit  seinem  Anhang  eine  Freistätte
  in  bzw.  bei  Daressalam  schuf.  In  den  Augen
der  Araber  und  der  ihnen  assimilierten  Negerbevölke.
rung  hat  Deutschland  dadurch  eine  überragende  politische
  Bewertung  und  Einschätzung  als  Freund  und
Beschützer  des  Arabertums  und  des  Islams  erlangt.

Das  Geschick,  das  bei  der  Behandlung  der  Ein

Heborenen  an  den  Tag  gelegt  worden  ist,  hat  sich  in

esonders  starkem  Maße  bei  der  Bildung  und  Ausbildung
  der  Schutz=  und  Polizeitruppe  gezeigt.  Beide
sind  teils  aus  landeingesessenen.  teils  aus  landfrem.
den  Eingeborenen  gebildete  und  von  deutschen  Offiieren
  und  Unteroffizieren  befehligte  Söldnertruppen.
Bene  hatten  eine  Friedensstärke  von  2500  Farbigen
und  276  Weißen,  diese  eine  solche  von  1840  Farbigen
und  65  Weißen.  Beide  Truppen  haben  sich  seit  ihrer
Entstehung  aus  der  Wissmanntruppe  (1889)  als  überaus
  wertvolles  militärisches  Werkzeug,  als  eine  wenn
auch  kleine,  so  doch  in  allen,  auch  den  schwierigsten
Lagen  zuverlässige  und  leistungsfähige  Macht  erwiceen.
  Durch  Zurückgreifen  auf  die  weißen  Reserven
(etwa  3000  Mann)  und  die  Benutzung  eines  gerade
im  Entstehen  begriffenen  farbigen  Reservesystems  ist
die  Schlagfähigkeit  der  Truppen  so  verstärkt  worden.
daß  sie  sich  mit  unerwartetem  Erfolg  aller  Angriffe
hat  erwehren  können.

Wenn  trot#  der  kräftigen  Abwehr  seit  dem  Frühling
1916  doch  der  größere  Teil  Deutsch-Ostafrikas  ein  Op
fer  der  kombinierten  englisch-belgischen  Offensive  geworden
  ist,  so  liegen  die  Gründe  dafür  einmal  in  den
beschränkten  Machtmitteln  der  Verteidigung  und  zum
andern  in  dem  entschlossenen  Willen  der  englischen
Regierung,  um  jeden  Preis  die  letzte  deutsche  Kolonie
als  Beute  in  die  Wagschale  werfen  zu  können.  Dazu
kam,  daß  nach  dem  Emtrit  Portugals  in  den  Krieg
der  feindliche  Gürtel  um  das  Schutzgebiet  vollständig
  geschlossen  wurde.  Immerhin  kann  die  Tatsache,
daß  sich  die  Kolonie  fast  ohne  Unterstützung  vom
Mutterland  trotz  absoluter  überlegenheit  der  Gegner
an  Zahl  und  Ausstattung  nun  bereits  drei  Jahre  hat
halten  können,  als  eine  Lehre  angesprochen  werden,
die  bei  dem  Wiederaufbau  der  deutschen  Kolonialmacht
  von  Einfluß  sein  muß.

In  der  ungünstigsten  Lage  befanden  sich  einem
feindlichen  Angriff  gegenüber  die  Südseekolonien
Deutsch--Neuguinea  und  Samoa.  über  ein  Gebiet
  von  Millionen  von  Quadratkilometern  zerstreut,
umfassen  die  353  Eilande  der  Marshallgruppe  nur
400  qkm,  die  800  Einzelinseln  der  Karolinen,  Palauinseln
  und  Marianen  2226  qkm,  der  gesamte  Bismarck-Archipel
  61000  ꝗkm  und  die  4  Inseln  der  Samoagruppe
  2572  qckm.  Nur  Kaiser-Wilhelms-Land
(Neuguinea)  siellt  mit  seinen  179000  akm  eine  grösiere
  geschlossene  Einheit  dar,  die  allerdings  nur  zu
        <pb n="183" />
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        —  .  4

Mochenzer#z  s9en  ashen  1
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-  KOLONYlM  E  KRIEGSSCHAUPLATIBE.

Togo.  Kamerun.
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        Karstedt:  Die  kolonialen  Kriegsschauplätze

einem  geringen  Teil  unter  Verwaltung  und  damit
unter  dem  Einfluß  europäischer  Kultur  steht.  Die
der  Verwaltung  in  Rabaul  auf  Neupommern  unterstehenden
  Inselgruppen  sind  von  der  Zentrale  zum
großen  Teil  so  weit  entfernt,  wie  etwa  Memel  von
Gibraltar.  Für  geregelte  häufigere  Verbindungen
bestand  in  diesem  Inselgewirr  noch  kein  Bedürfnis.
So  war  eine  Verteidigungs=  oder  auch  nur  Abwehrmöglichkeit
  nicht  gegeben,  um  so  weniger,  als  kampffähige
  Kriegsfahrzeuge  nicht  vorhanden  waren.  Als
Polizeitruppe  sind  über  das  ganze  Inselgebiet  900
eingeborene  Polizisten  unter  der  Führung  weniger
Weißer  zerstreut.  Nur  in  und  bei  Rabaul  2  er
stellvertretende  Gouverneur  mit  Hilfe  der  ihm  zur
Verfügung  stehenden  Polizisten  und  eingezogener
weißer  Reservisten  Widerstand  gegen  die  überlegene
australische  Invasionstruppe  geleistet,  ein  Versuch,  der
ebenso  Fenant  ist,  wie  er  von  Anfang  an  zur  Aussichtslosigkeit
  verurteilt  war.  Das  Inselgebiet  fiel
Japanern  und  Australiern  mit  der  Gefangennahme
der  Beamten,  die  dem  Angriff  gegenüber  gänzlich
machtlos  waren,  als  wehrlose  und  leichte  Beute  ohne
Schwertstreich  in  die  Hände.  —  Samoa,  wo  nicht
die  geringsten  Machtmittel  zur  Verfügung  standen,  ist
den  Australiern  ohne  jeden  Widerstand  zugefallen.
Kiautschou  nahm  seit  seiner  Inbesitznahme  insofern
  eine  besondere  Stellung  unter  allen  Kolonien
und  Schutzgebieten  ein,  als  es  bewußt  in  erster  Linie
als  militärischer  und  politischer  Stützpunkt  in  Ostasien
dienen,  nicht  aber  Wirtschaftskolonie  wie  die  übrigen
Schutzgebiete  sein  sollte.  Dazu  war  es  mit  seinen
552  qkun,  von  allem  anderen  abgesehen,  viel  zu  klein.
Dagegen  hatte  es  eine  große  Bedeutung  als  Eingangspforte
  für  das  reiche  channg  und  als  Ausgangspunkt
  der  dieses  erschließenden  deutschen  Schantungbahn.
  Der  Schiffsverkehr  in  Tsingtau,  der  an
50000  Einwohner  zählenden  Pachtkolonie,  belief  sich
in  den  letzten  Jahren  auf  über  1  Million  Nettoregistertonnen
  (1912:  1,201  Million)  und  stand  damit
etwa  auf  der  Höhe  des  Seeverkehrs  von  Emden.  Sein
Außenhandel  belief  sich  zuletzt  auf  152  Millionen
Mark.  Wichtiger  aber  war  vielleicht  noch  die  kulturpvolitische
  Bedeutung  Tsingtaus  in  Hinsicht  auf  die
Gewinnung  des  Chinesentums  für  Deutschland.  Im
Mittelpunkt  dieser  Bestrebungen  stand  die  Deutsch-Chinesische
  Hochschule,  die  zuletzt  an  400  Schüller
zählte  und  im  Begriff  war,  sich  zu  einer  modernen
deutsch-chinesischen  Universität  zu  entwickeln.  Die
Kulturerfolge,  die  das  unter  Leitung  des  Reichsmarineamts
  stehende  Kiautschou  mit  seiner  in  jeder
Beziehung  modernen  Verwaltung  bereits  erzielte,  und
die  mittelbaren  und  unmittelbaren  Wirkungen,  die
diese  Musterkolonie  zum  Vorteil  für  das  Deutschtum
auf  das  chinesische  Riesenreich  bereits  ausgeübt  hatte,
ließen  das  Größte  für  die  Zukunft  Deutschlands  in  Ostasien
  erwarten.  Weltpolitisch  aber  hatte  es  seine  größte
Bedeutung  als  Stützpunkt  und  Basis  für  die  überseeischen
  Machtmittel  des  Reiches.  An  einer  Stelle
gelegen.  die  einen  beguemen  Zugang  zu  derchinesischen
Ebene  bietet,  um  eine  Bucht  gelagert,  die  dem  Weltverkehr
  günstig  liegt  und  im  Gegensatz  zu  Tientsin
nicht  durch  Zufrieren  für  Monate  unbenutzbar  wird,
war  es  in  kurzer  Zeit  zu  einem  wertvollen  Marineplatz
  ausgebaut  worden,  dessen  Bedeutung  um  so
höher  einzuschätzen  war,  als  es  gegen  die  Landseite  im
Osten  und  Nordosten  durch  ein  bis  zu  1130  m  ansteigendes
  Gebirge  (Lauschan)  geschützt  ist.  Deutschland
  hatte  keine  Ausgaben  gescheut,  um  es  für  Er-149



füllung  seiner  politischen  und  militärischen  Aufgaben
auszustatten  (Etat  1914:  18,4  Millionen  bei  einem
Gesamtetat  für  die  Schutzgebiete  einschließlich  der
Schutzgebietsschuld  von  120.7  Millionen).

Die  sääniig  wachsende  verkehrspolitische,  wirtschaft.
liche  und  militärische  Bedeutung  Küautschous,  die
riesigen  hier  geleisteten  Kulturarbeiten  und  die  Anziehungskraft,
  die  in  diesen  Tatsachen  für  das  Unternehmertum
  lag,  haben  aus  dem  kleinen,  bei  der  Besetzung
  durch  Deutschland  1897  vorhanden  gewesenen
Ort  Tsingtau  eine  moderne  deutsche  Stadt  werden
lassen,  die  bei  Kriegsausbruch  außer  den  Heeresangehörigen
  und  Chinesen  etwa  2100  Europäer  insich
schloß.  Eine  vernünftige  Bodenpolitik  hatte  hier  die
so  häufig  in  Neuländern  unvermeidbar  erscheinende
Spekulation  ausgeschaltet,  und  der  Ort  war  im  Begriff,
  sich  in  Anlehmung  an  die  staatlichen  Werft=  und
anderen  Betriebe  zu  einem  ostasiatischen  Industriemittelpunkt
  auszuwachsen,  für  das  die  Kohlengruben
Schantungs  eine  gute  Grundlage  abgeben  konnten.
Die  ruhigen  und  gesicherten  Verhälimise  hatten  auch
den  Chinesen  Zutrauen  eingeflößt,  so  daß  die  Kolonie

ur  Zeit  der  chinesischen  Revolution  ein  sicherer  Zu-Aiuchkrort
  geworden  war.  Durch  planmäßige  Aufforstung
  waren  die  unter  der  Chinesenzeit  verwüsteten
Wälder  ihrer  großen  klimatischen  und  wirtschaftlichen
Bedeutung  zurückgegeben  worden,  und  als  Badeort
hatte  Tsingtau  eine  bedeutsame  Rolle  für  die  ganze
ostasiatische  Küste  erlangt.

Da  brach  der  Krieg  aus!  Hätte  er  sich  auf  die
europäischen  Nationen  beschränkt,  so  hätte  das  stark
gesicherte  Kiautschou  als  Flotten-  und  Nachrichienasis

  eine  wenn  auch  nicht  entscheidende,  so  doch
wesentlich  mitbestimmende  Rolle  gespielt.  Auf  2400
Mann  belief  sich  seine  Friedensbesatzung,  die  mit  der
Mobilmachung  um  einige  Tausend  Wehrpflichtige
und  Freiwillige  aus  dem  Schutzgebiet,  aus  China
und  dem  weiteren  Ostasien  verstärkt  wurde.  Als  sich
aber  Japan  den  europäischen  Gegnern  Deutschlands
zugesellte  und  unter  dem  Schutz  seiner  nahen  Operationsbasis
  die  Feindseligkeiten  mit  Verletzung  der
Neutralität  Chinas  auch  von  der  verwundbaren  Landseite
  her  gegen  die  Kolonie  unternahm,  da  war  ihr
Schicksal  entschieden.  Nach  tapferster  Gegenwehr  erlag
  sie  am  7.  November  1914  derjapanisch-englischen
Übermacht,  von  der  Pflichttreue  ihrer  Besatzung  bis
zum  letzten  gehalten!

Der  bisherige  Verlauf  des  Kolonialkrieges  hat  es
schlagend  bewiesen,  daß  kleine  tropische  Kolonien  einem
Gegner,  der  das  Meer  beherrscht  und  damit  die  Verbindungen
  zwischen  ihnen  und  dem  Mutterland  stören
und  unterbinden  kann,  mehr  oder  weniger  leicht  zur
Beute  werden  müssen,  selbst  wenn  ihr  wirtschaftlicher
Zustand  so  gefestigt  ist,  daß  sie,  wie  Togo,  imstande
wären,  ihre  Bevölkerung  unabhängig  von  der  gewohnten
  Nahrungsmittelzufuhr  auf  lange  Zeit  aus
eigener  Kraft  erhalten  zu  können.  Große  Kolonien,
wie  7  B.  Ostafrika,  waren,  da  ein  beträchtlicher  Teil
der  Eingeborenen  für  die  Nahrungsmittelerzeugung
wegen  der  Produktion  für  die  Ausfuhr  bestimmter
Industrierohstoffe  ausfiel,  gezwungen,  selbst  für  die
Eingeborenen  noch  große  Mengen  von  Nahrungsmitteln
  einzuführen  (Ostafrika  zuletzt  z.  B.  für  3,5
Millionen  Mark  Reis),  aber  die  wirtschaftliche  Umgruppierung
  ist  da,  wo  die  Verwaltung  Einfluß  auf
die  Bevölkerung  hat,  so  leicht,  daß  die  Abschneidung
der  Zufuhr  auf  die  Verteidigungsmöglichkeit  ohne
Einfluß  ist.
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Der  Winl,  der  in  dieser  Feststellung  liegt,  wird
zusammen  mit  der  notwendigen  Dienstbarmachung
aller  Kolonien  als  Flotten=  und  Nachrichtenbasen  in
der  Zukunft  der  deutschen  Weltpolitik  Wege  weisen,
die  den  deutschen  Kolonien  eine  noch  größere  Beden-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

tung  verleihen,  als  sie  bisher  schon  für  Deutschland
hatten.
Literatur.  Hans  Meyer,  Das  deutsche  Kolonialreich

  (Leipz.  1909—10,  2  Bde.);  „Deutsche  Kolonialzeitung-1914—17,
  herausgegeben  von  Oskar  Karstedt.

Doliumenle  zum  Kriegsverlauf

Aus  der  großen  Zahl  der  seit  dem  Kriegsausbruch
erfolgten  amtlichen  Verlautbarungen  und  Kundgebungen
  seien  im  Anschluß  an  den  Abschnitt  -Zum
Kriegsausbruch-,  Bd.  1.  S.  136,  wegen  ihrer  besonderen
  geschichtlichen  Bedeutung  solgende  wiedergegeben:


A.  Dokumente  zum  Anuterseebootkrieg.

Die  deutsch:  Ankündigung  der  Verschärfung  des  Unterseebootlrieges
  vom  1.  Februar  1915  an  v#ranlaßte  bie  englische  Admiralttät
  zum  Erlaß  einen  Geheimbefehls,  der  den  englischen
Handelsschifsen  den  Gebrauch  neutraler  Flaggen  vorschrieb
und  von  Deutschland  mit  solgender  Bekanntmachung  vom
4.  Februar  1915  beantwortet  wurde:

1)  Die  Gewässer  ringsum  um  Großbritannien  und
Irland  einschließlich  des  gesamten  Englischen
Kanals  werden  hiermit  als  Kriegsgebiet  erklärt.
Vom  18.  Februar  1915  an  wird  jedes  in  diesem
Rriegsgebiet  angetroffene  feindliche  Kauffahrteischiff
  zerstört  werden,  ohne  daß  es  immer  möglich
  sein  wird,  die  dabei  der  Besatzung  und  den
Passagieren  drohenden  Gesahren  abzuwenden.

2)  Auch  die  neutralen  Schisfe  laufen  im  Kriegsgebiet

  Gefahr,  da  es  angesichts  des  von  der  briltischen

  Regierung  am  81.  Januar  angeordneten

Mißbrauchs  neutraler  Flaggen  und  der  Zufälligkeiten

  des  Sertrieges  nicht  immer  vermieden

  werden  kann,  daß  die  auf  feindliche  Schiffe
berechneten  Angriffe  auch  neutrale  Schiffetreffen.

Die  Schiffahrt  nördlich  um  die  Shetlandinseln

in  dem  östlichen  Gebiete  der  Nordsee  und  in

einem  Streifen  von  mindestens  80  Seemeilen

Breite  entlang  der  niederländischen  Kücste  ist  nicht

gefährdet.

Zur  Erläuterung  dieser  Erklärung  wurde  den  verbündeten,

neutralen  und  seindlichen  Staaten  ul:#ch  zeitig  nachstehende  Denkschrift
  unterbreitet:

Denkschrift  der  Kaiserlich  dentschen  Regierung
über  Gegenmaßunuahmen  gegen  die  völkerrechtswidrigen
  Maßuahmen  Euglands  zur  Unterbindung
  des  neutralen  Seehandels  mit  Deutschland.

Seit  Beginn  des  gegenwärtigen  Krieges  führt
Großbritannien  gegen  Deutschland  den  Handelskrieg
in  einer  Weise,  die  allen  Völkerrechtsgrundsätzen
Hohn  spricht.  Wohl  hat  die  britische  Regierung  in
mehreren  Verordnungen  die  Londoner  Serekriegsrechtserklärung
  als  für  ihre  Seestreitkräfte  masgebend
bezeichnet,  in  Wirklichkeit  hat  sie  sich  aber  von  dieser
Erklärung  in  den  wesentlichsten  Punkten  losgesagt,
obwohl  ihre  eigenen  Bevollmächtigten  auf  der  Londoner
  Seekriegsrechtskonferenz  deren  Beschlüsse  als
geltendes  Völkerrecht  anerkannt  haben.

Die  britische  Regierung  hat  eine  Reihe  von  Gegensiänden
  auf  die  Liste  der  Konterbande  gesetzt,  die  nicht
oder  doch  nur  sehr  mittelbar  für  kriegerische  Zwecke

3)

verwendbar  sind  und  daher  nach  der  Londoner  Erklärung
  wie  nach  allgemein  anerkannten  Regeln  des
Völkerrechts  überhaupt  nicht  als  Konterbande  bezeichnet
  werden  dürfen.  Sie  hat  ferner  den  Umeerschird
wischen  absoluter  und  relativer  Konterbande  tatsächich
  beseitigt,  indem  sie  alle  für  Deutschland  bestimmten
  Gegenstände  relatwer  Konterbande,  ohne  Rücksicht
auf  den  Hafen,  in  dem  sie  ausgeluden  werden  sollen,
und  ohne  Rücksicht  auf  ihre  feindliche  oder  friedliche
Verwendung,.  der  Wegnahme  unterwirft.  Sie  scheut
sich  sogar  nicht,  die  Pariser  Seerechtsdeklaration
  zu  verletzen,  da  ihre  Seestreitkräfte  von  neutralen
  Schiffen  deutsches  Eigentum,  das  nicht  Konterbande
  war,  weggenommen  haben.  Über  ihre  eigenen
Verordnungen  zur  Londoner  Erklärung  hinausgehend,
  hat  sie  weiter  durch  ihre  Seestreitkräfte  zahl.
reiche  wehrfähige  Deutsche  von  neutralen  Schifsen
wegführen  lassen  und  sie  zu  Kriegsgefangenen  gemacht.
Endlich  hat  sie  die  ganze  Nordsce  zum  Kriegsschauplatz
  erklärt,  der  neutralen  Schiffahrt  die  Durchfahrt
durch  das  offene  Meer  zwischen  Schottland  und  Norwegen,
  wenn  nicht  unmöglich  genmacht,  so  doch  aufs
äußerste  erschwert  und  gefährdet,  so  daß  sie  gewissermaßen
  eine  Blockade  neutraler  Küsten  und  neutraler
Häfen  gegen  alles  Völkerrecht  eingeführt  hat.

Alle  diese  Maßnahmen  verfolgen  offensichtlich  den
Zweck,  durch  die  völkerrechtswidrige  Lahmlegung  des
legitimen  neutralen  Handels  nicht  nur  die  Kriegführung,
  sondern  auch  die  Volkswirtschaft  Deutschlands
zu  treffen  und  letzten  Endes  auf  dem  Wege  der
Aushungerung  das  ganze  deutsche  Volk  der  Vernichtung
  preiszugeben.  Die  neutralen  Mächte  haben
sich  den  Maßnahmen  der  britischen  Regierung  im  großen
  und  ganzen  gefügt.  Insbesondere  haben  sie  es  nicht
erreicht,  daß  die  von  ihren  Schiffen  völkerrechtswidrig
weggenommenen  deutschen  Personen  und  Güter  von
der  britischen  Regierung  herausgegeben  worden  sind.
Auch  haben  sie  sch  in  gewisser  Richtung  sogar  den
mit  der  Freiheit  der  Meere  unvereinbaren  englischen
Maßnahmen  angeschlossen,  indem  sie  offenbar  unter
dem  Druck  Englands  die  für  friedliche  Zwecke  bestimmte
  Durchfuhr  nach  Deutschland  auch  ihrerseits
durch  Ausfuhr=  und  Durchfuhrwerbote  verhinderten.

Insbesondere  hat  die  deutsche  Regierung  die  neutralen
  Mächte  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  sie
sich  die  Frage  vorlegen  müsse,  ob  sie  an  den  bisher
von  ihr  streng  beobachteten  Bestimmungen  der  Londoner
  Erklärung  noch  länger  festhalten  könne,  wenn
Großbritannien  das  von  ihm  eingeschlagene  Verfahren
  fortsetzen  und  die  neutralen  Mächte  alle
diese  Neutralitätsverletzungen  zuungunsten
Deutschlands  länger  hinnehmen  würden.  Großbritannien
  beruft  sich  für  seine  rechtswidrigen  Maßnahmen
  auf  die  Lebensinteressen,  die  für  das  britische
Reich  auf  dem  Spiele  stehen,  und  die  neutralen  Mächte
scheinen  sich  mit  theoretischen  Protesten  abzufinden,
also  tatsächlich  Lebensinteressen  von  Kriegführenden
als  hinreichende  Entschuldigung  für  jede  Art  von
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        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg  151

Kriegführung  geltenzu  lassen.  Solche  Lebensinteressen
muß  nunmehr  auch  Deutschland  für  sich  anrufen.
Es  sieht  sich  daher  zu  seinem  Bedauern  zu  militärischen
  Maßnahmen  gegen  England  gezwungen,  die
das  englische  Verfahren  vergelten  sollen.  Wie  England
  das  Gebiet  zwischen  Schottland  und  Norwegen
als  Kriegsschauplatz  bezeichnet  hat,  so  bezeichnet
Deutschland  die  Gewässer  rings  um  Großbritannien
und  Irland  mit  Einschluß  des  gesamten  Englischen
Kanals  als  Kriegsschauplatz  und  wird  mit  allen  zu
Gebote  stehenden  Kriegsmitleln  der  feindlichen  Schiffahrt
  daselbst  entgegentreten.

Zu  diesem  Zwecke  wird  es  vom  18.  Februar  1915
an  jedes  feindliche  Kauffahrteischiff,  das  sich  auf  den
Kriegsschauplatz  begibt,  zu  zerstören  suchen,  ohne  daß
es  immer  möglich  sein  wird,  die  dabei  den  Personen
und  Gütern  drohende  Gefahr  abzuwenden.  Die  Neutralen
  werden  daher  gewarnt,  solchen  Schiffen  weiterhin
  Mannschaften,  Passagiere  und  Waren  anzuvertrauen.
  Sodann  aber  werden  sie  darauf  aufmerksam
gemacht,  daß  es  sich  auch  für  ihre  eigenen  Schiffe
dringend  empfiehlt,  das  Einlaufen  in  dieses  Gebiet
zu  vermeiden;  denn  wenn  auch  die  deutschen  Seestreitkräfte
  Anweisung  haben,  Gewalttätigkeiten  gegen
neutrale  Schiffe,  soweit  sie  als  solche  erkennbar  sind,

u  unterlassen,  so  kann  es  doch  angesichts  des  von
dar  britischen  Regierung  angeordneten  Mißbrauchs
neutraler  Flaggen  und  der  Zufälligkeiten  des
Krieges  nicht  immer  verhütet  werden,  daß  auch  sie
einem  auf  feindliche  Schiffe  berechneten  Angriff  zum
Opfer  fallen.

Dabei  wird  ausdrücklich  bemerkt,  daß  die  Schiffahrt
nördlich  um  die  Shellandinseln,  in  dem  östlichen  Gebiete
  der  Nordsee  und  in  einem  Streifen  von  mindestens
  30  Seemeilen  Breite  entlang  der  niederländischen
  Küste  nicht  gefährdet  ist.  Die  deutsche  Regierung
  kündigt  diese  Maßnahmen  so  rechtzeitig  an,
daß  die  feindlichen  wie  die  neutralen  Schiffe  Zeit  behalten,
  ihre  Dispositionen  wegen  Anlaufens  der  im
Kriegsschauplatz  liegenden  Häfen  danach  einzurichten.
Sie  darf  erwarten,  daß  die  neutralen  Mächte  die
Lebensinteressen  Deutschlands  nicht  weniger  als  die
Englands  berücksichtigen  und  dazu  beitragen  werden,
ihre  Angehörigen  und  deren  Eigentum  vom  Kriegsschauplatz
  fernzuhalten.  Dies  darf  um  so  mehr  erwartet
  werden,  als  den  neutralen  Mächten  auch
daran  liegen  muß,  den  gegenwärtigen  verheerenden.
Krieg  sobald  als  möglich  beendet  zu  sehen.

Einspruchnote  der  Bereinigten  Staaten.
Überreicht  am  13.  Februar  1915.

Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  ist  durch
die  Bekanntmachung  des  deutschen  Admiralstabes
vom  4.  Februar  1915  darauf  aufmerksam  gemacht
worden,  daß  die  Gewässer  rings  um  Großbritannien
und  Irland  einschließlich  des  gesamten  Englischen
Nanals  als  Kriegsgebiet  anzusehen  seien,  daß  alle  in
diesen  Gewässern  nach  dem  18.  d.  Mts.  angetroffenen
Kauffahrteischiffe  zerstört  werden  sollen,  ohne  daß  es
immer  möglich  sein  werde,  die  Besatzungen  und  Passagiere
  zu  retten,  und  daß  auch  neutrale  Schiffe  in
diesem  Kriegsgebiete  Gefahr  laufen,  da  angesichts  des
Mißbrauches  neutraler  Flaggen,  der  am  31.  Januar
von  der  britischen  Regierung  angeordnet  worden  sein
soll,  und  angesichts  der  Zufälligkeiten  des  Seekrieges
es  nicht  immer  vermieden  werden  könne,  daß  die  auf
feindliche  Schiffe  berechneten  Angriffe  auch  neutrale
Schiffe  träfen.

Die  amerikanische  Regierung  erachtet  es  daher  als
ihre  Pflicht,  die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  in  aufrichtiger
  Hochschätzung  und  mit  den  freund  aftlichsten
  Gefühlen,  aber  doch  ganz  offen  und  ernstlich  auf
die  sehr  ernsten  Folgen  aufmerksam  zu  machen,  die
das  mit  der  Bekanntmachung  offenbar  beabsichtigte
Vorgehen  mogliherweise  herbeiführen  kann.  Die
amerikanische  Regierung  schätzt  diese  möglichen  Folgen
  mit  solcher  Besorgnis  ein,  daß  sie  es  unter  den
obwaltenden  Umständen  als  ihr  Recht,  ja  als  ihre
Pflicht  erachtet,  die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  zu
ersuchen,  vor  einem  tatsächlichen  Vorgehen  die  kritische
Lage  zu  erwägen,  die  in  den  Bezichunyen  der  Vereinigten
  Staaten  zu  Deutschland  entstehen  könnte,
falls  die  deutschen  Seestreitkräfte  in  Befolgung  der
durch  die  Bekanntmachung  des  Admiralstabes  angekündigten
  Maßnahmen  irgendein  Kauffahrteischiff  der
Vereinigten  Staaten  zerstörten  oder  den  Tod  eines
amerikanischen  Staatsangehörigen  verursachten.

Es  ist  selbstverständlich  nicht  nötig,  die  deutsche
Regierung  daran  zu  erinnern,  daß  einer  kriegführenden
  Nation  in  beug  auf  neutrale  Schiffe  auf  hoher
See  lediglich  das  Recht  der  Durchsuchung  zusteht,  es
sei  denn,  daß  eine  Blockadeerklärung  ergangen  ist  und
die  Blockade  effektiv  aufrechterhalten  wird.  Die  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  nimmt  an,  daß  eine
Blockade  im  vorliegenden  Falle  nicht  beabsichtigt  ist.
Eine  Erklärung  oder  Ausübung  des  Rechtes,  jedes
Schiff  anzugreifen  und  zu  zerstören,  das  ein  näher
umschriebenes  Gebiet  auf  offener  See  befährt,  ohne
erst  festgestellt  zu  haben,  ob  es  einer  kriegführenden
Nation  gehört  oder  ob  seine  Ladung  Konterbande  ist,
wäre  eine  Handlungsweise,  die  so  sehr  in  Widerspruch
mit  allen  früheren  Fällen  der  Seekriegführung  steht,
daß  die  amerikanische  Regierung  kaum  annehmen
kann,  daß  die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  im  vorliegenden
  Falle  sie  als  möglich  ins  Auge  faßt.  Der
Verdacht,  daß  feindliche  Schifse  zu  Unrecht  eine  neu.-trale
  Flagge  führen,  kann  nicht  eine  berechtigte  Vermutun
  17  en  dahingehend,  daß  alle  Schiffe,  die
ein  näher  umschriebenes  Gebiet  durchfahren,  solchem
Verdachte  unterliegen.  Gerade  um  solche  Fragen  aufzuklären,
  ist  nach  Ansicht  der  amerikanischen  Regierung
  das  Recht  der  Durchsuchung  anerkannt  worden.

Die  amerikanische  Mgierung  hat  von  der  Denkschrift
  der  Kaiserlich  deutschen  Regierung,  die  zugleich
mit  der  Bekanntmachung  des  Admiralstabes  ergangen
ist.  eingehend  Kenntnis  genommen.  Sie  benutzt  diese

elegenheit,  die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  mit
größter  Hochschätzung  darauf  aufmerksam  zu  machen,
daß  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  zu  einer
Kritik  wegen  nichtneutraler  Haltung,  der  sich  nach
Ansicht  der  deutschen  Regierung  die  Regierungen  gewisser
  anderer  neutraler  Staaten  ausgesetzt  haben,
keine  Veranlassung  gegeben  hat.  Die  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  bat  keinen  Maznahmen  zugestimmt
  oder  hat  es  bei  keiner  solchen  bewenden  lassen,
die  von  den  anderen  kriegführenden  Nationen  im
gegenwärtigen  Kriege  getroffen  worden  sind  und  die
auf  eine  Beschränkung  des  Handels  hinzielen.  Vielmehr
  hat  sie  in  allen  solchen  Fällen  eine  Haltung  eingenommen,
  die  ihr  das  Recht  gibt,  diese  Regierungen
in  der  richtigen  Weise  für  alle  eventuellen  Wirkungen
auf  die  amerikanische  Schiffahrt  verantwortlich  zu
machen,  welche  durch  die  bestehenden  Grundsähe  des
Völkerrechtes  nicht  gerechtfertigt  sind.

Daher  erachtet  sich  die  amerikanische  Regierung  im
vorliegenden  Falle  mit  gutem  Gewissen  auf  Grund
        <pb n="190" />
        152

anerkannter  Grundsätze  für  berechtigt,  die  in  der  Note
angedeutete  Haltung  einzunehmen.  Falls  die  Kommandanten
  deutscher  Kriegsschiffe  auf  Grund  der  Annahme,
  daß  die  Flagge  der  Vereinigten  Staaten  nicht
im  guten  Glauben  geführt  werde,  handeln  sollten  und
auf  hoher  See  ein  amerikanisches  Schiff  oder  das
Leben  amerikanischer  Staatsangehöriger  vernichten
sollten,  so  würde  die  Regierung  der  nigten
Staaten  in  dieser  Handlung  schwerlich  etwas  anderes
als  eine  unentschuldbare  Verletzung  neutraler  Rechte
erblicken  können,  die  kaum  in  Einklang  zu  bringen
sein  würde  mit  den  freundschaftlichen  Beziehungen,
die  jetzt  glücklicherweise  zwischen  den  beiden  Regierungen
  bestehen.

ollte  eine  solche  beklagenswerte  Lage  entstehen,
so  würde  sich  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten,
wie  die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  wohl  verstehen
wird,  genötigt  sehen,  die  Kaiserlich  deutsche  Negier
rung  für  solche  Handlungen  ihrer  Marinebehörden
streng  verantwortlich  zu  machen  und  alle  Schritte  zu
tun,  die  zum  Schutze  amerikanischen  Bodens  und
Eigentums  und  zur  Sicherung  des  vollen  Genusses
der  anerkannten  Rechte  auf  hoher  See  für  die  Amerikaner
  erforderlich  sind.

In  Anbetracht  dieser  Erwägungen,  die  die  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  mit  der  größten  Hochschätzung
  und  in  dem  ernstlichen  Bestreben  vorbringt,
irgendwelche  Mißverständnisse  zu  vermeiden  und  zu
verhindern,  daß  Umstände  entstehen,  die  sogar  einen
Schatten  auf  den  Verkehr  der  beiden  Regierungen
werfen  könnten,  spricht  die  amerikanische  Regierun
die  zuversichtliche  Hoffnung  und  Erwartung  aus,  das
die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  die  Versicherung
geben  kann  und  will,  daß  amerikanische  Staatsbürger
auf  ihren  Schiffen  anders  als  im  Wege  der  Durchsuchung
  durch  deutsche  Seestreitkräfte  selbst  in  dem  in
der  Bekanntmachung  des  deutschen  Admiralstabes
näherbezeichneten  Gebiete  nicht  belästigtwerden  sollen.
Zur  Information  der  Kaiserlichen  Regierung  wird
hinzu  6äz  daß  der  Regierung  Seiner  britannischen
Mojestät  bezüglich  des  unberechtigten  Gebrauchs  der
amerikanischen  Flagge  zum  Schutze  britischer  Schiffe
Vorstellungen  gemacht  worden  sind.

Die  Antwort  Deutschlands.
Überreicht  am  16.  Februar  1915.

Die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  hat  die  Mitteilung
  der  Vereinigten  Staaten  in  dem  Geiste  des  gleichen
  Wohlwollens  und  der  gleichen  Freundschaft  geprüft,
  von  welchem  ihre  Mitteilung  dilktiert  erscheint.
Die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  weiß  sich  mit  der
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  darin  eins,  daß
es  beide  Teile  in  hohem  Maße  erwünscht  ist,  Mißverständnisse
  zu  verhüten,  die  sich  aus  den  von  der
deutschen  Admiralität  angekündigten  Maßnahmen  ergeben
  könnten,  und  dem  Eintritt  von  Ereignissen  vorzubeugen,
  die  die  zwischen  beiden  Regierungen  bisher
in  so  glücklicher  Weise  bestehenden  freundschaftlichen
Beziehungen  zu  trüben  vermöchten.  Die  deutsche  Regierung
  glaubt,  für  diese  Versicherung  bei  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  um  so  mehr  auf  volles
Verständnis  rechnen  zu  dürfen,  als  das  von  der  deutschen
  Admiralität  angekündigte  Vorgehen,  wie  in  der
Note  vom  4.  Februar  eingehend  dargelegt  wurde,  in
keiner  Weise  gegen  den  legitimen  Handel  und  die  legitime
  Schiffahel  der  Neutralen  gerichtet  ist,  sondern
lediglich  eine  durch  Deutschlands  Lebensinteressen  erzwungene
  Gegenwehr  gegen  die  völkerrechtswidrige

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Seekriegführung  Englands  darstellt,  die  bisher  durch
keinerlei  Einspruch  der  Neutralen  auf  die  vor  Kriegsausbruch
  allgemein  anerkannte  Rechtsgrundlage  sich
hat  zurückführen  lassen.  Um  in  diesem  kardinalen
Punkte  jeden  Zweifel  auszuschließen,  erlaubt  sich  die
sucche  Regierung,  nochmals  die  Sachlage  festzutellen:


Deutschland  hat  bisher  die  geltenden  völkerrechtlichen
  Bestimmungen  auf  dem  Gebiete  des  Seekrieges
gewissenhaft  beobachtet,  insbesondere  hat  es  dem  gleich
zu  Beginn  des  Krieges  gemachten  Vorschlag  der  amerikanischen
  Regierung,  nunmehr  die  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  zu  ratifizieren,  unverzüglich  zugesemm
  und  deren  Inhalt  auch  ohne  solche  formelle

indung  unverändert  in  sein  Prisenrecht  übernommen.
  Die  deutsche  Regierung  hat  sich  an  diese  Bestimmungen
  gehalten,  auch  wo  sie  ihren  militärischen
Interessen  zuwiderliefen.  So  hat  sie  beispielsweise
bis  auf  den  heutigen  Tag  die  Lebensmittelzufuhr
von  Dänemark  nach  England  u  gelassen.  obwohl  sie
diese  Zufuhr  durch  ihre  Streitkräfte  sehr  wohl  hätteunterbinden
  können.  Im  Gegensat  hierzu  hat  England
  selbst  schwere  Verletzungen  des  Völkerrechts  michescheut,

  wenn  es  dadurch  den  friedlichen  Handel
Peusschiands  mit  dem  neutralen  Ausland  lähmen
konnte.  Auf  Einzelheiten  wird  die  deutsche  Regierung
hier  um  so  weniger  einzugehen  brauchen,  als  solche  in
der  ihr  zur  Kenntnis  mitgeteilten  amerikanischen  Note
an  die  kritsche  Regierung  vom  29.  Dezember  vorigen
Jahres  auf  Grund  fünfmonatiger  Erfahrungen  zutreffend,
  wenn  auch  nicht  erschöpfend,  dargelegt  sind.
Alle  diese  Übergriffe  sind  zugestandenermaßen  darauf
gerichtet,  Deutschland  von  aller  Zufuhr  abzuschneiden
  und  dadurch  die  friedliche  Zivilbevölkerung  dem
Hungertode  preiszugeben,  ein  jedem  Kriegsrecht  und
jeder  Menschlichkeit  widersprechendes  Verfahren.  Die
Neutralen  haben  die  völkerrechtswidrige  Unterbindung
  ihres  Handels  mit  Deutschland  nicht  zu  verhindern
  vermocht.  Die  amerikanische  Regierung  hat  zwar,
wie  Deutschland  gern  anerkennt,  gegen  das  englische
Verfahren  Protest  erhoben.  Trotz  dieses  Protestes
und  der  Krotsst  der  Übrigen  neutralen  Regierungen
hat  England  sich  von  dem  eingeschlagenen  Verfahren
nicht  abbringen  lassen.  So  ist  vor  kurzem  das  amerikanische
  Schiff  -Wilhelmina=  von  englischer  Seite
aufgebracht  worden,  obwohl  seine  Ladung  lediglich
für  die  deutsche  Zivilbevölkerung  bestimmt  war  und
nach  ausdrücklicher  Erklärung  der  deutschen  Regierung
nur  für  diesen  Zweck  verwendet  werden  sollte.  Dadurch
  ist  folgender  Zustand  geschaffen  worden:

Deutschland  ist  unter  stillschweigender  oder  protestierender
  Duldung  der  Neutralen  von  der  überseeischen
  Zufuhr  so  gut  wie  abgeschnitten,  und  zwar  nicht
nur  hinsichtlich  solcher  Waren,  die  absolute  Konterbande
  sind,  sondern  auch  hinsichtlich  solcher,  die  nach
dem  vor  dem  Kriegsausbruch  allgemein  anerkannten
Recht  nur  relative  Konterbande  oder  Überhaupt  keine
Konterbande  sind.  England  dagegen  wird  unter
Duldung  der  neutralen  Regierungen  nicht  nur  mit
solchen  Waren  versorgt,  die  keine  oder  nur  relative
Konterbande  sind,  von  England  aber  gegenüber
Deutschland  als  absolute  Konterbande  behandelt  werden,
  wie  Lebensmiittel,  industrielle  Rohstoffe  usw.,
sondern  sogar  mit  Waren,  die  stets  unzweifelhaft  als
absolute  Konterbande  gelten.  Die  deutsche  Regierung
glaubt  insbesondere  und  mit  größtem  Nachdruck  darauf
  hinweisen  zu  müssen,  daß  ein  auf  viele  Hunderte
von  Millionen  Mark  geschätzter  Waffenhandel
        <pb n="191" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

amerikanischer  Lieferanten  mit  Deutschlands
Feinden  besteht.  Die  deutsche  Regierung  gibt  sich
wohl  Rechenschaft  darüber,  daß  die  Ausübung  von
Rechten  und  die  Duldung  von  Unrecht  seitens  der
Neutralen  formell  in  deren  Belieben  steht  und  keinen
sormellen  Neutralitätsbruch  involviert.  Sie  hat  infolgedessen
  den  Vorwurf  des  formellen  Neutralitätsbruches
  nicht  erhoben.  Die  deutsche  Regierung  kann
aber  —  gerade  im  Interesse  der  vollen  Klarheit  in  den
Beziehungen  beider  Länder  —  nicht  umhin,  hervorzuheben,
  daß  sie  sich  mit  der  gesamten  öffentlichen
Meinung  Deutschlands  dadurch  schwer  benachteiligt
fühlt,  daß  die  Neutralen  in  Wahrung  ihrer  Rechte
auf  den  völkerrechtlich  legitimen  Handel  mit  Deutschland
  bisher  keine  oder  nur  unbedeutende  Erfolge  erzielt
  haben,  während  sie  von  ihrem  Recht.  Konterbandehandel
  mit  England  und  unseren  anderen  Feinden
zudulden,  zneingechränkien  Gebrauch  machen.  Wenn
es  das  formale  Recht  der  Neutralen  ist,  ihren  legitimen
  Handel  mit  Deutschland  nicht  zu  schützen,  ja
sogar  sich  von  England  zu  einer  bewußten  und  gewollten
  Einschränkung  des  Handels  bewegen  zu  lassen,
so  ist  es  auf  der  anderen  Seite  nicht  minder  ihr  gutes,
aber  leider  nichtangewendetes  Recht,  den  Konterbandehandel,
  insbesondere  den  Waffenhandel  mit  Deutschlands
  Feinden,  abzustellen.

Bei  dieser  Sachlage  sieht  die  deutsche  Regierung,
nach  sechs  Monaten  der  Geduld  und  des  Abwartens,
sich  genötigt,  die  mörderische  Art  der  Seekriegführung
Englands  mit  scharfen  Gegenmaßregeln  zu  erwidern.
Wenn  England  in  seinem  Kampf  gegen  Deutschland
den  Hunger  als  Bundesgenossen  anruft,  in  der  Absicht,
  ein  Kulturvolk  von  siebzig  Millionen  vor  die
Wahl  zwischen  elendem  Verkommen  oder  Unterwerfung
  unter  seinen  politischen  und  kommerziellen  Willen
  zu  stellen,  so  ist  heute  die  deutsche  Regierung  entschlossen,
  den  Handschuh  aufzunehmen  und  an  den
gleichen  Bundesgenossen  zu  appellieren.  Sie  vertraut
darauf,  daß  die  Neutralen,  die  bisher  sich  den  für  sie
nachteiligen  Folgen  des  englischen  Hungerkrieges  stillschweigend
  oder  protestierend  unterworfen  haben,
Deutschland  gegenüber  kein  geringeres  Maß  von
Duldsamleit  zeigen  werden,  und  zwar  auch  dann,
wenn  die  deutschen  Maßnahmen,  in  gleicher  Weise
wie  bisher  die  englischen,  neue  Formen  des  Seekrieges
darstellen.  Darüber  hinaus  ist  die  deutsche  Regierung
entschlossen,  die  Jasr  von  Kriegsmaterial  an  Englund
  und  seine  Verbündeten  mit  allen  ihr  zu  Gebote
  stehenden  Mitteln  zu  unterdrücken,  wobei
sie  als  selbstverständlich  annimmt,  daß  die  neutralen
Regierungen,  die  bisher  gegen  den  Waffenhandel  mit
Deutschlands  Feinden  nichts  unternommen  haben,
sich  einer  gewaltsamen  Unterdrückung  dieses  Handels
durch  Deutschland  nicht  zu  widersetzen  beabsichtigen.

Von  diesen  Gesichtspunkten  ausgehend,  hat  die
deutsche  Admiralität  die  von  ihr  näher  bezeichnete
Zone  als  Seekriegsgebiet  erklärt.  Sie  wird  dieses
Seekriegsgebiet,  soweit  wie  irgend  angängig,  durch
Minen  sperren  und  auch  die  feindlichen  Handelsschiffe
auf  jede  andere  Weise  zu  vernichten  suchen.  So  sehr
nun  auch  der  deutschen  Regierung  bei  jedem  Handeln
nach  diesen  zwingenden  Gesichtspunkten  jede  absichtliche
  Vernichtung  neutraler  Menschenleben  und  neutralen
  Eigentums  fernliegt,  so  will  sie  doch  auf  der
anderen  Seite  nicht  verkennen,  daß  durch  die  gegen
England  durchzuführenden  Aktionen  Gefahren  entstehen,
  die  unterschiedslos  jeden  Handel  innerhalb
des  Seekriegsgebietes  bedrohen.  Dies  gilt  ohne  wei-153



teres  vom  Minenkrieg,  der  auch  bei  strengster  Innehaltung
  dervölkerrechtlichen  Grenzen  jedes  dem  Minengebiet
  sich  nähernde  Schiff  gefährdet.

Zu  der  Hoffnung,  daß  die  Neutralen  sich  hiermit
ebenso  wie  mit  den  ihnen  durch  die  englischen  Maßnahmen
  bisher  zugefügten  schweren  Schädigungen
abfinden  werden,  glaudt  die  deutsche  Regierung  um
so  mehr  berechtigt  zu  sein,  als  sie  gewillt  ist,  zum  Schutze
der  neutralen  Schiffahrt  sogar  im  Seekriegsgebiet
alles  zu  tun,  was  mit  der  Durchführung  ihres  Zweckes
irgendwie  vereinbar  ist.  Sie  hat  den  ersten  Beweis
für  ihren  guten  Willen  geliefert,  indem  sie  die  von  ihr
beabsichtigten  Maßnahmen  mit  einer  Frist  von  nicht
weniger  als  viechehn  Tagen  ankündigte,  um  der  neutralen
  Schiffahrt  Gelegenheit  zu  geben,  sich  auf  die
Vermeidung  der  drohenden  Gefahr  einzurichten.  Letzteres
  geschieht  am  sichersten  durch  Fernbleiben  vom
Seekriegsgebiet.  Die  neutralen  Schiffe,  die  trotzdieser,
die  Ereschung  des  Kriegszweckes  gegenüber  England
schwer  beeinträchtigenden,  langfriligen  Ankündigung
sich  in  die  gesperrten  Gewässer  begeben,  tragen  senst
die  Verantwortung  für  etwaige  unglückliche  Zufälle.

Die  deutsche  Regierung  ihrerseits  lehnt
jede  Verantwortung  für  solche  Zufälle  und
deren  Folgen  ausdrücklich  ab.  Ferner  kündigt
die  deutsche  Regierung  lediglich  die  Vernichtung  der
feindlichen,  imnerhalb  des  Seekriegsgebietes  angetroffenen
  Handelsschiffe,  nicht  aber  die  Vernichtung
aller  Handelsschiffe,  wie  die  amerikanische  Regierung
irrtümlich  verstanden  zu  haben  scheint,  an.  Auch  diese
Beschränkung  die  die  deutsche  Regierung  sich  auferlegt,
  ist  eine  Beeinträchtigung  des  Kriegszweckes,  zumal
  da  bei  der  Auslegung  des  Begriffs  der  Konterbande,
  die  Englands  Regierung  gegenüber  Deutschland
  beliebt  hat,  und  die  demgemäß  die  deutsche  Regierung
  auch  gegen  England  anwenden  wird,  auch
neutralen  Schifer  gegenüber  die  Präsumption  dafür
sprechen  wird,  daß  sie  Konterbande  an  Bord  haben.
Auf  das  Recht,  das  Vorhandensein  von  Konterbande
in  der  Fracht  neutraler  Schiffe  festzustellen  und  gegebenenfalls
  aus  dieser  Feststellung  die  Konsequenzen
zu  ziehen,  ist  die  Kaiserliche  Regierung  natürlich  nicht
gewillt,  zu  verzichten.

Die  deutsche  Regierung  ist  schließlich  bereit,  mit
der  amerikanischen  Regierung  jede  Maßnahme  in
ernsthafte  Erwägung  zu  Koher  die  geeignet  sein
könnte,  die  legitime  Schpahc  der  Neutralen  im  Kriegsgebiet
  sicherzustellen.  Sie  kann  jedoch  nicht  Übersehen.
daß  alle  Bemühungen  in  dieser  Richtung  durch  zwei
Umstände  erheblich  erschwert  werden:

1)  durch  den  inzwischen  wohl  auch  für  die  amerikanische
  Regierung  außer  Zweifel  gestellten  Mißbrauch
  der  neutralen  Flagge  durch  dieenglischen
  Handelsschiffe;

2)  durch  den  bereits  erwähnten  Konterbandehandel,
  insbesondere  mit  Kriegsmaterial,  der
neutralen  Handelsschiffe.

Hinsichtlich  des  letzteren  Punktes  gibt  sich  die  deutsche
  Regierung  der  Hoffnung  hin,  daß  sich  die  amerikanische
  Regierung  bei  nochmaliger  Erwägung  zu
einem  dem  Heiste  wahrhafter  Neutralität  entsprechenden
  Eingreifen  veranlaßt  sehen  wird.

Was  den  ersten  Punkt  anlangt,  so  ist  der  deutscherseits
  der  amerikanischen  Regierung  bereits  mitgeteilte
Geheimbefehl  der  britischen  Admiralität,  der  den  englischen
  Handelsschiffen  die  Benutzung  neutraler  Flaggen
  anempfohlen  hat,  inzwischen  durch  eine  Mitteilung.
des  britischen  Auswärtigen  Amtes,  das  jenes  Ver-
        <pb n="192" />
        154

fahren  unter  Berufung  auf  inneres  englisches  Recht
als  völlig  einwandfrei  bezeichnet,  bestätigt  worden.
Die  englische  Handelsflotte  hat  den  ihr  erteilten  Rat
auch  sogleich  befolgt,  wieder  amerikanischen  Regierung
aus  den  Fällen  der  Dampfer  »Lusitania«  und  »Laertes«
  bekannt  sein  dürfte.

BWeiter  hat  die  britische  Regierung  die  englischen
Handelsschiffe  mit  Waffen  versehen  und  sie
angewiesen,  den  deutschen  Unterseebooten  gewaltsam
Widerstand  zu  leisten.  Unter  diesen  Umständen  ist  es
für  die  deutschen  Unterseeboole  sehr  schwierig,  die  neultralen
  Handelsschisse  als  solche  zu  erkennen;  deun
auch  eine  Untersuchung  wird  in  den  meisten  Fällen
nicht  erfolgen  können,  da  die  bei  einem  maskierten
englischen  Schiff  zu  erwartenden  Angriffe  das  Untersuchungskommando
  und  das  Boot  selbst  der  Gefahr
der  Vernichtung  aussetzen.  Die  britische  Regierung
wäre  hiernach  in  der  Lage,  die  deutschen  Maßnahmen
illusorisch  zu  machen,  wenn  ihre  Handelsflotte  bei  dem
Mißbrauch  neutraler  Flaggen  verharrt  und  die  neutralen
  Schiffe  nicht  anderweit  in  zweifelloser  Weise
gelrnnzeichnet  werden.  Deutschland  muß  aber  in  dem

dotstand,  in  den  es  rechtswidrig  versetzt  wird,  seine
Maßnahmen  unter  allen  Umständen  wirksam  machen,
um  dadurch  den  Gegner  zu  einer  dem  Völkerrecht  entsprechenden
  Führung  des  Seekrieges  zu  zwingen  und
so  die  Freiheit  der  Meere,  für  die  es  von  jeher  eingelreten
  ist  und  für  die  es  auch  heute  kämpft,  wiederberzustellen.

ie  deutsche  Regierung  hat  es  daher  begrüßt,  daß
die  anierikanische  Regierung  gegen  den  rechtswidrigen
Gebrauch  ihrer  Flagge  bei  der  britischen  Regierung
Vorstellungen  erhoben  hat,  und  Giot  der  Erwartung
Ausdruck,  daß  dieses  Torgehen  England  künftig  zur
Uchtung  der  amerikanischen  digß  e  veranlassen  wird.
In  dieser  Erwartung  sind  die  —  der  deutschen
  Untersceboote,  wie  bereits  in  der  Note  vom  4.
d.  Mis.  zum  Ausdruck  gebracht  wordenist,  angewiesen
worden,  Gewaltlätigkeiten  gegen  amerikanische  Handelsschiffe
  zu  unterlassen,  soweit  sie  als  solche  erkennbar
  sind.  Um  in  der  sichersten  Weise  allen  Folgen
einer  Verwechslung  —  allerdings  nicht  auch  der
Minengefahr  —  zu  begegnen,  empfiehlt  die  deutsche
Regierung  den  Vereinigten  Staaten,  ihre  mit  friedlicher
  Ladung  befrachteten,  den  englischen  Seekriegsschauplatz
  berührenden  Schiffe  durch  Konvoyierung
kenntlich  zu  machen.  Die  deutsche  Regierung  glaubt
dabei  voraussetzen  zu  dürfen,  daß  nur  solche  Schiffe
konvoyiert  werden,  die  keine  Waren  an  Bord  haben,
die  nach  der  von  England  gegenüber  Deutschland
angewendeten  Auslegung  als  Konterbande  zu  betrachten
  sind.  Über  die  Art  der  Durchführung  einer
solchen  Konvoyierung  ist  die  deulsche  Regierung  bereit,
  mit  der  amerikanischen  Regierung  alsbald  in  Verhandlungen
  einzutreten.  Sie  würde  es  aber  mit  besonderem
  Danke  anerkennen,  wenn  die  amerikanische
Regierung  ihren  Handelsschiffen  dringend  empfehlen
wollte,  inzwischen  bis  zur  Regelung  der  Flaggenfrage
den  englischen  Seekriegsschauplatz  zu  meiden.  Die
deutsche  Nehierung  gibl  sich  der  zuversichtlichen  Hoffnung
  hin,  daß  die  amerikanische  Regierung  den
schweren  Kampf,  den  Deutschland  um  sein  Dasein
führt,  in  seiner  ganzen  Bedeutung  würdigen  und
aus  den  vorstehenden  Aufklärungen  und  Zusagen  ein
volles  Verständnis  für  die  Beweggründe  und  Ziele  der
von  ihr  angekündigten  Masnahmen  gewinnen  werde.

Die  deutsche  Regierung  wiederholt,  daß  sie  in  der

bisher  peinlich  von  ihr  geübten  Rücksicht  auf  die  Neu-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

tralen  sich  nur  unter  dem  stärksten  Zwange  der  nationalen
  ellsterhaltung  zu  den  geplanten  Maßnahmen
  entschlossen  hat.  Sollte  es  der  amerikanischen
Regierung  vermöge  des  Gewichts,  das  sie  in  die
Wagschale  des  Geschickes  der  Völker  zu  legen  berechtigt
und  imstande  ist,  in  letzter  Stunde  noch  gelingen,  die
Gründe  zu  beseitigen,  die  der  deutschen  Regierung
jenes  Vorgehen  zur  gebielerischen  Pflicht  machen,
ollte  die  amerikanische  Regierung  insbesondere  einen
Weg  sinden,  die  Beachtung  der  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  auch  von  genen  der  mit  Deutschland
kriegführenden  Mächte  zu  erreichen  und  Deutschland
dadurch  die  legitime  Zufuhr  von  Lebensmitteln  und
industriellen  Rohstossen  zu  ermöglichen,  so  würde  die
deutsche  Regierung  hierin  ein  nicht  hoch  genug  anzuschlagendes
  Verdienst  um  die  humanere  Gestaltung  der
Kriegführung  anerkennen  und  aus  der  also  geschafsenen
  neuen  Sachlage  gern  die  Folgerungen  ziehen.

Erwiderung  der  Bereinigten  Staaten.
Überreicht  am  22.  Februar  1915.

In  der  an  die  deutsche  und  englische  Regierung  gerichteten
Note  versucht  die  amerikanische  Regierung  zwischen  Deutschland
und  England  zu  vermitteln,  um  eine  Einschränkung  des  Unterseebootkrieges
  zu  erzielen.  Die  Note  hatte  solgenden  Wortlaut:

Die  amerikanische  Negierung  gestattet  sich  im  Hinblick
  auf  den  Schriftvoeckse,  der  zwischen  ihr  und  den
Regierungen  Deutschlands  und  Großbritanniens  Über
den  Gebrauch  neutraler  Flaggen  durch  englische  Handelsschisse
  und  die  Kriegsgebietserklärung  der  deulschen
  Admiralität  slattgefunden  hat.  der  Hoffnung
Ausdruck  zu  geben,  daß  die  beiden  kriegführenden  Re-Lierun
  en  im  Wege  gegenseitiger  Zugeständnisse  eine

rundlage  für  eine  Verständigung  sinden  möchten,
deren  Ergebnis  darauf  abzielt,  neutrale,  dem  friedlichen
  Handel  obliegende  Schiffe  von  den  ernsten
Gefahren  zu  befreien,  denen  sie  bei  der  Durchfahrt
durch  die  die  Küsten  der  kriegführenden  Länder  berührenden
  Meere  unterworfen  sind.

Die  amerikanische  Regierung  bringt  ergebenst  in
Anregung,  daß  eine  Verständigung  auf  Grund  ähnlicher
  Bedingungen  wie  der  nachstehenden  erreicht
werden  möge.  Diese  Anregung  soll  in  keiner  Weise
als  ein  Vorschlag  der  amerikanischen  Regierung  gelten,
  denn  diese  ist  sich  naturgemäß  wohl  bewußt,  daß
es  ihr  nicht  zukommt,  Bedingungen  für  eine  Vereinbarung
  zwischen  Deutschland  und  Großbritannien
vorzuschlagen,  obwohl  die  vorliegende  Frage  sie  selbft
und  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  unmittelbar
und  in  weitgehendem  Maße  interessiert.  Sie  wagt
lediglich,  sich  die  Freiheit  zu  nehmen,  die  nach  ihrer
Überzeugung  einem  aufrichtigen  Freund  eingeräumt
werden  darf,  der  von  dem  Wunsche  Geteiter  wird,
keiner  der  beiden  beteiligten  Nationen  Ungelegenheiten
  zu  bereiten  und  möglicherweise  den  gemeinsamen
Interessen  der  Menschlichkeit  zu  dienen.  In  der  Hoffnung,
  daß  die  Ansichten  und  Anregungen  der  deutschen
  und  der  britischen  Regierung  über  eine  Frage,
die  für  die  ganze  Welt  von  hervorragendem  Interesse
  ist,  zutage  gefördert  werden,  wird  das  im  nachstehenden
  vorgezeichnete  Verfahren  angeboten:

Deutschland  und  Großbritannien  kommen  dahin
überein,

1)  daß  treibende  Minen  von  keiner  Seite  einzeln  in
den  Küstengewässern  oder  auf  hoher  See  ausgelegt
  werden,  daß  verankerte  Minen  von  keiner
Seite  auf  hoher  Sec,  es  sei  denn  ausschließlich
        <pb n="193" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

für  Berteidigungszwecke,  innerhalb  Kanonenschußweite
  von  einem  Hafen,  gelegt  werden,  und
daß  alle  Minen  den  Stempel  der  Regierung
tragen,  die  sie  ausgelegt,  und  so  konstruiert  sind,
daß  sie  unschädlich  werden,  nachdem  sie  sich  von
ihrer  Verankerung  losgerissen  haben;

2)  daß  Unterseeboote  von  keiner  der  beiden  Regierungen
  zum  Angriff  auf  Handelsschisse  irgendeiner
  Nationalität  Verwendung  finden  außer
zur  Durchführung  des  Rechtes  der  Anhaltung
und  Untersuchung;

3)  daß  die  Regierungen  beider  Länder  es  zur  Bedingung
  stellen,  daß  ihre  beiderseitigen  Handelsschiffe
  neutrale  Flaggen  als  Kriegslist  oder  zum
Zwecke  der  Unkenntlichmachung  nicht  benutzen.

Großbritannien  erklärt  sich  damit  einverstanden,
daß  Lebens.  und  Nahrungsmittel  nicht  auf  die  Liste
der  absoluten  Konterbande  gesetzt  werden,  und  daß
die  britischen  Behörden  Schiffoladungen  solcher  Waren
  weder  stören  noch  anhalten,  wenn  sie  an  Agenturen
  in  Deutschland  adressiert  sind,  die  von  den  Vereinigten
  Staaten  namhaft  gemacht  sind,  um  solche
Warenladungen  in  Empfang  zu  nehmen  und  an  konzessionierte
  deutsche  Wiederverkäufer  zur  ausschließlichen
  Weiterverteilung  an  die  Zivilbevölkerung  zu
verteilen.

Deutschland  erklärt  sich  damit  einverstanden,  daß
Lebens-  oder  Nahrungsmittel,  die  nach  Deutschland
aus  den  Vereinigten  Staaten  —  oder  je  nachdem  von
irgendeinem  anderen  neutralen  Lande  —  eingeführt
werden,  an  Agenturen  adressiert  werden,  die  von  der
amerikanischen  Regierung  namhaft  gemacht  werden;
daß  diesen  amerikanischen  Agenturen  die  volle  Verantwortung
  und  Aufsicht  bezüglich  des  Empfanges
und  der  Verteilung  dieser  Einfuhr  ohne  Einmischung
der  deutschen  Regierung  obliegen  soll;  sie  sollen  sie
ausschließlich  an  iedenerkäufe  verteilen,  denen  von
der  deutschen  Regierung  eine  Konzession  erteilt  ist,
die  ihnen  die  Berechtigung  gibt,  solche  Lebens-  und
Nahrungsmittel  in  Empfang  zu  nehmen  und  sie  ausschließlich
  an  die  Piollternhterung  zu  liefern;  sollten
die  Wiederverkäufer  die  Bedingungen  ihrer  Konzession
  irgendwie  überschreiten,  so  sollen  sie  des  Rechtes
verlustig  gehen,  Lebens-  und  Nahrungemttel  für  die
angegebenen  Zwecke  zu  erhalten,  und  daß  die  deutsche
Regierung  solche  Lebens-  und  Nahrungsmittel  nicht
für  Zwecke  irgendwelcher  Art  reauirieren  oder  veranlassen
  wird,  daß  sie  für  die  bewaffnete  Macht
Deutschlands  Verwendung  finden.

Indem  die  amerikanische  Regierung  die  im  vorstehenden
  skizzierte  Grundlage  für  eine  Verständigung
unterbreitet,  möchte  sie  nicht  so  verstanden  werden,
als  ob  sie  irgendein  Recht  der  Kriegführenden  oder
Neutralen,  das  durch  die  Grundsätze  des  Völkerrechts
sestgelegt  ist,  anerkennt  oder  verleugnet,  sie  würde  vielmehr
  die  Vereinbarung,  falls  sie  den  interessierten
Mächten  annehmbar  erscheint,  als  einen  modus  vivendi
  betrachten,  der  sich  mehr  auf  Zweckmäßigkeit
als  gesetzmässiges  Recht  gründet,  und  der  auch  die
Vereinigten  Staaten  in  seiner  gegenwärtigen  oder  in
einer  abgeänderten  Fassung  nicht  bindet,  ehe  er  von
der  amerikanischen  Regierung  angenommen  ist.

Antwortuote  der  deutschen  Regierung.
Uberreicht  am  28.  Februar  1915.
Die  Kaiserlich  deutsche  Regierung  hat  von  der  Anregung
  der  amerikanischen  Regierung,  für  die  Seekriegführung
  Deutschlands  und  Englands  gewisse

155

Grundsätze  zum  Schutze  der  neutralen  Schiffahrt  zu
vereinbaren,  mit  lebhaftem  Interesse  Kenntnis  genommen.
  Sie  erblickt  darin  einen  neuen  Beweis  für
die  von  deutscher  Seite  voll  erwiderten  freundschaftlichen
  Gefühle  der  amerikanischen  gegenüber  der  deutschen
  Regierung.

Auch  den  deutschen  Wünschen  entspricht  es,  daß  der
Seekrieg  nach  Regeln  geführt  wird,  die,  ohne  die  eine
oder  die  andere  kriegführende  Macht  in  ihren  Kriegsmitteln
  einseitig  zu  beschränken,  ebensowohl  den  Interessen
  der  Neutralen  wie  den  Geboten  der  Menschlichkeit
  Rechnung  tragen.  Demgemä)  ist  schon  in  der
deutschen  Note  vom  16.  d.  Mts.  darauf  hingedeutet
worden,  daß  die  Beachtung  der  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  durch  Deußschtands  Gegner  eine  neue
Lage  schaffen  würde,  aus  der  die  Folgerungen  zu
ziehen  die  deutsche  Regierung  gern  bereit  wäre.

Von  dieser  Auffassung  ausgehend,  hat  die  deutsche
Regierung  die  Anregung  der  amerikanischen  Regierung
  einer  aufmerksamen  Prüfung  unterzogen  und

laubt  darin  in  der  Tat  eine  geeignete  Grundlage

ür  die  praktische  Lösung  der  entstandenen  Fragen  zu
erkennen.  Zu  den  einzelnen  Punkten  der  amerikanischen
  Note  ars  sie  nachstehendes  bemerken:

1)  Was  die  Legung  von  Minen  betrifft,  so  würde
die  deutsche  Regierung  bereit  sein,  die  angeregte
Erklärung  über  die  Nichtanwendung  von  Treibminen
  und  die  Konstruktion  der  verankerten
Minen  abzugeben.  Ferner  ist  sie  mit  der  An
bringung  von  Regierungsstempeln  auf  den  ausulegenden

  Minen  einverstanden.  Dagegen  ercheint
  es  ihr  für  die  kriegs#hrenden  Mächte  nicht
angängig,  auf  eine  offensive  Verwendung  verankerter
  Minen  völlig  zu  verzichten.

2)  Die  deutsche  Regierung  würde  sich  verpflichten,
daß  ihre  Unterseeboote  gegen  Handelsschiffe  irgendwelcher
  Fiagge  nur  insoweit  Gewalt  anwenden
  werden,  als  dies  zur  Durchführung  des
Rechtes  der  Anhaltung  und  Untersuchung  erforderlich
  ist.  Ergibt  sich  die  feindliche  Nationalität
des  Schiffes  oder  das  Vorhandensein  von  Konterbande,
  so  würden  die  Unterseeboote  nach  den
allgemein  völkerrechtlichen  Negeln  verfahren.

3)  Wie  die  amerikanische  Note  vorsieht,  setzt  die  angegebene
  Beschränkung  in  der  Verwendung  der

linterseeboote  voraus,  daß  sich  die  feindlichen

Handelsschifse  des  Gebrauchs  der  neutralen
Flagge  und  anderer  neutraler  Abzeichen  enthalten.
  Dabei  dürfte  es  sich  von  selbst  verstehen,
daß  sie  auch  von  einer  Bewaffnung  sowie  von
der  Leistung  jedes  tätlichen  Widerstandes  absehen,
da  ein  solches  völkerrechtswidriges  Verhalten  ein
dem  Völkerrecht  entsprechendes  Vorgehen  der
Unterseeboote  unmöglich  macht.

4)  Die  von  der  amerikanischen  Regierung  angeregte
Regelung  der  legitimen  Lebensmittelzufuhr  nach
Deutschland  erscheint  im  allgemeinen  annehmbar;
  die  Regelung  würde  sich  selbstverständlich
auf  die  Seezufuhr  beschränken,  anderseits  aber
auch  die  indirekte  Zufuhr  über  neutrale  Häfen
umfassen.  Die  deutsche  Regierung  würde  daher
bereit  sein,  Erklärungen  der  in  der  amerikanischen
  Note  vorgesehenen  Art  abzugeben,  so  daß
die  ausschließliche  Verwendung  der  eingeführten
Lebensmittel  für  die  friedliche  Zivilbevölkerung
gewährleistet  sein  würde.  Daneben  muß  aber
die  deutsche  Regierung  Wert  darauf  legen,  daß
ihr  auch  die  Zufuhr  anderer,  der  friedlichen
        <pb n="194" />
        156

Volkswirtschaft  dienenden  Rohstoffe,  einschließlich
  der  Futtermittel,  ermöglicht  wird.  Zu  diesem
  Zwecke  hätten  die  feindlichen  Regierungen
die  in  der  Freiliste  der  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  erwähnten  Rohstoffe  frei  nach  Deutschland
  gelangen  zu  lassen  und  die  auf  der  Liste
der  relativen  Konterbande  stehenden  Stoffe  nach
den  gleichen  Grundsätzen  wie  die  Lebensmittel
zu  behandeln.

Die  deutsche  Regierung  gibt  sich  der  Hoffnung  hin,
daß  die  von  der  amerikanischen  Regierung  angebahnte
Verständigung  unter  Berücksichtigung  der  vorstehenden
  Bemerkungen  zustande  kommt,  und  daß  auf  diese
Weise  die  friedliche  neutrale  Schiffahrt  und  der  friedliche
  neutrale  Handel  unter  den  Rückwirkungen  des
Seekrieges  nicht  mehr  als  unbedingt  nötig  zu  leiden
haben  werden.  Solche  Rückwirkungen  würden  sich
übrigens  noch  wesentlich  verringern  lassen,  wenn  —
worauf  bereits  in  der  deutschen  Note  vom  16.  d.  Mts.
hingewiesen  worden  ist  —  Mittel  und  Wege  gefun.
den  werden  könnten,  um  die  Zufuhr  von  Kriegsmaterial
  aus  neutralen  nach  kriegführenden  Staaten  auf
Schiffen  irgendwelcher  Flagge  auszuschließen.

Ihre  definitive  Stellungnahme  muß  sich  die  deutsche
  Regierung  selbstverständlich  bis  zu  dem  Zeitpunkt
vorbehalten,  in  welchem  sie  auf  Grund  weiterer  Mitteilungen
  der  amerikanischen  Regierung  in  der  Lage
ist,  zu  übersehen,  welche  Verpflichtungen  die  brilische
Regierung  ihrerseits  zu  übernehmen  bereit  ist.

Obwohl  England  in  der  Note  vom  15.  März  1915  jede  Verständigung
  ablehnte,  wurde  in  Rücksicht  auf  die  Neutralen,  besonders
  die  Vereinigten  Staaten,  namentlich  seit  der  Torpedierung
der  vLusitania«  am  7.  Mai  der  Unterseeboottrieg  eingeschränkt.

Denkschrift  der  Kaiserlich  deutschen  Regierung
über  die  Behandlung  bewaffneter  Kauffahrteischiffe
  vom  8.  Februar  1916.

Der  Gegensatz  der  Meinungen  Deutschlands  und  Englands
über  die  Behandlung  bewaffneter  Kauffahrteischisse  veranlaßte
die  deutsche  Regierung  zu  einer  Darlegung  ihres  Standpunktes
in  nachstehender  Note:

1

1)  Schon  vor  Ausbruch  des  gegenwärtigen  Krieges
  hatte  die  britische  Regierung  englischen  Reedereien

elegenheit  gegeben,  ihre  Kauffahrteischiffe  mit  Geschützen
  zu  armieren.  Am  26.  März  1913  gab  der
damalige  Erste  Lord  der  Admiralität  Winston  Churchill
  im  britischen  Parlament  die  Erklärung  ab,  daß
die  Admiralität  die  Reedereien  aufgefordert  habe,  zum
Schutze  gegen  die  in  gewissen  Fällen  von  schnellen
Hilfskreuzern  anderer  Mächte  drohenden  Gefahren
eine  Anzahl  erstklassiger  Liniendampfer  zu  bewaffnen,
die  dadurch  aber  nicht  etwa  selbst  den  Charakter  von
Hilfskreuzern  annehmer  sollten.  Die  Regierung  wollte
den  Reedereien  dieser  Schiffe  dienotwendigen  Geschütze,
die  genügende  Munition  und  geeignetes  Personal  zur
Schulung  von  Bedienungsmannschaften  zur  Verfügung
  stellen.

2)  Die  englischen  Reedereien  sind  der  Aufforderung
der  Admiralität  bereitwillig  nachgekommen.  Sokonnte
der  Präsident  der  Royal  Mail  Steam  Packet  Company
  Sir  Owen  Phillipps  den  Aktionären  seiner  Gesellschaft
  bereits  im  Mai  1913  mitteilen,  daß  die  grö-#ßzeren
  Dampfer  der  Gesellschaft  mit  Geschützen  ausgerüstet
  seien;  ferner  veröffentlichte  im  Januar  1914
die  britische  Admiralität  eine  Liste,  wonach  29  Dampfer
  verschiedener  englischer  Linien  Heckgeschütze  führten.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

3)  In  der  Tat  stellten  bald  nach  Ausbruch  des  Krieges
  deutsche  Kreuzer  fest,  daß  englische  Liniendampfer
bewaffnet  waren.  Beispielsweise  trug  der  Dampfer
»La  Correntina-  der  Houlderlinie  in  Liverpool,  der
am  7.  Oktober  1914  von  dem  deutschen  Hilfskreuzer
*Kronprinz  Wilhelme  aufgebracht  wurde,  zwei  4,7=zöllige
  Heckgeschütze.  Auch  wurde  am  1.  Februar  1915
ein  deutsches  Unterseeboot  im  Kanal  durch  eine  englische
  Jacht  beschossen.

II.

1)  Was  den  völkerrechtlichen  Charakter  bewaffneter
Kauffahrteischiffe  betrifft,  so  b"t  die  britische  Regierung
  für  die  eigenen  Kauffahrteischiffe  den  Standpunkt
  eingenommen,  daß  solche  Schiffe  so  lange  den
Charakter  von  friedlichen  Handelsschiffen  behalten.
als  sie  die  Waffen  nur  zu  Verteidigungszwecken  führen.
  Demgemäß  hat  der  britische  Botschafter  in  Washington
  der  amerikanischen  Regierung  in  einem
Schreiben  von  25.  August  1914  die  weitestgehenden
Versicherungen  abgegeben,  daß  britische  Kauffahrteischiffe
  niemals  zu  Angriffszwecken,  sondern  nur  zur
Verteidigung  bewaffnet  werden,  daß  sie  infolgedessen
niemals  feuern,  es  sei  denn,  daß  zuerst  auf  sie  gefeuert
  wird.  Für  bewaffnete  Schiffe  anderer  Flaggen
hat  dagegen  die  britische  Regierung  den  Grundsatz
aufgestellt,  daß  sie  als  Kriegsschiffe  zu  behandeln  seien;
in  den  Prize  Court  Rules,  die  durch  die  Order  in
Council  vom  5.  August  1914  erlassen  worden  sind.  ist
unter  Nr.  1  der  Order  I  ausdrücklich  bestimmt:  „Ship
of  war  shall  include  armed  ship.=2)

  Die  deutsche  Regierung  hat  keinen  Zweifel,  daß
ein  Kauffahrteischiff  durch  die  Armierung  mit  Geschützen
  kriegsmäßigen  Charakter  erhält,  und  zwar
ohne  Unterschied,  ob  die  Geschütze  nur  der  Verteidigung
  oder  auch  dem  Angriff  dienen  sollen.  Sie  hält
jede  kriegerische  Betätigung  eines  feindlichen  Kauffahrteischiffes
  für  völkerrechtswidrig,  wenn  sie  auch  der
kautgegenstehender  Auffassung  dadurch  Rechnung
trägt,  daß  sie  die  Besatzung  eines  solchen  Schiffes  nicht
als  Piraten,  sondern  als  Kriegführende  behandelt.
In  einzelnen  ergibt  sich  ihr  Standpunkt  aus  der  im
Oktober  1914  der  amerikanischen  Regierung  und  inhaltlich
  auch  anderen  neutralen  Mächten  mitgeteilten
Aufzeichnung  über  die  Behandlung  bewaffneter  Kauffahrteischiffe
  in  neutralen  Häfen.

3)  Die  neutralen  Mächte  haben  sich  zum  Teil  der
britischen  Auffassung  angeschlossen  und  demgemäß
bewaffneten  Kauffahrteischisfen  der  kriegführenden
Mächte  den  Aufenthalt  in  ihren  Häfen  und  Reeden
ohne  die  Beschränkungen  gestattet,  die  sie  Kriegsschifsen
  durch  ihre  Neutralitätsbestimmungen  auferlegt
hatten.  Zum  Teil  haben  sie  aber  auch  den  entgegengesetzten
  Standpunkt  eingenommen  und  bewaffnete
Kauffahrteischiffe  Kriegführender  den  für  Kriegsschiffe
geltenden  Neutralitätsregeln  unterworfen.

III.

1)  Im  Laufe  des  Krieges  wurde  die  Bewaffnung
englischer  Kauffahrteischiffe  immer  allgemeiner  durchgeführt.
  Aus  den  Berichten  der  deutschen  Seestreitkräfte
wurden  zahlreiche  Fälle  bekannt,  in  denen  englische
Kauffahrteischiffe  nicht  nur  den  deutschen  Kriegsschiffen
  bewaffneten  Widerstand  entgegensetzten,  sondern
ihrerseits  ohne  weiteres  zum  Angriff  auf  sie  übergingen,
  wobei  sie  sich  häufig  auch  noch  falscher  Flagen

  bedienten.  Eine  Zusammenstellung  solcher  Fälle
findet  sich  in  einer  besonderen  Anlage,  die  nach  Lage
        <pb n="195" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

der  Sache  nur  einen  Teil  der  wirklich  erfolgten  Anriffe

  umfassen  kann.  Auch  geht  aus  der  Zusammenbellung
  hervor,  daß  sich  das  geschilderte  Verhalten
nicht  auf  englische  Kauffahrteischiffe  beschränkt,  vielmehr
  von  den  Kauffahrteischiffen  der  Verbündeten
Englands  nachgeahmt  wird.

2)  Die  Aufklärung  für  das  geschilderte  Vorgehen
der  bewaffneten  englischen  Kauffahrteischiffe  enthalten
die  geheimen  Anweisungen  der  britischen  Admiralität,
die  von  deutschen  Seestreitkräften  auf  weggenommenen
  Schiffen  gefunden  worden  sind  und  in  acht  Anlagen
  photographisch  wiedergegeben  werden.  Diese
Anweisungen  regeln  bis  ins  einzelne  den  artilleristischen
  Angriff  englischer  Kauffahrteischisse  auf  deutsche
Unterseeboote.  Sie  enthalten  genaue  Vorschriften  über
die  Aufnahme,  Behandlung,  Tätigkeit  und  Kontrolle
der  an  Bord  der  Kauffahrteischiffe  übernommenen
britischen  Geschützmannschaften,  die  zum  Beispiel  in
neutralen  Häfen  keine  Uniform  tragen  sollen,  also
offenbar  der  britischen  Kriegsmarine  angehören.  Vor
allem  aber  ergibt  sich  daraus,  daß  diese  bewaffneten
Schiffe  nicht  etwa  irgendeine  seekriegsrechtliche  Maß.
nahme  der  deutschen  Unterseeboote  abwarten,  sondern
diese  ohne  weiteres  angreifen  sollen.  In  dieser  Hinsicht
  sind  folgende  Vorschriften  besonders  lehrreich:

a)  Die  „Regeln  für  die  Benupung  und  die  sorgfältige
Instandhaltung  der  Bewaffnung  von  Kauffahrteischiffen,
  die  zu  Verteidigungs  zwecken  bewaffnet  sinde,
bestimmen  in  dem  Abschnitt  »Gefecht«:  „Es  ist  nicht
ratsam,  das  Feuer  auf  eine  gröbere  Eusfemun  als
800  Yards  zu  eröffnen,  es  sei  denn,  daß  der  Feind
das  Feuer  bereits  vorher  eröffnet  hat.  «  Grundsäzlich
hat  hiernach  das  Kauffahrteischiff  die  Aufgabe,  das
Feuer  zu  eröffnen,  ohne  Rücksicht  auf  die  Haltung  des
Unterseeboots.

b)  Die  =  Anweisungen,  betreffend  Unterseeboote,  herausgegeben
  *  Schiffe,  die  zu  Verteidigungszwecken  bewaffnet
  sind,  schreiben  vor:  »Wenn  bei  Tage  ein
Unterseeboot  ein  Schiff  offensichtlich  verfolgt,  und  wenn
dem  Kapitän  augenscheinlich  ist,  daß  es  feindliche  Absichten
  hat,  dann  soll  das  verfolgte  Schiff  zu  seiner
Verteidigung  das  Feuer  eröffnen,  auch  wenn  das
Unterseeboot  noch  keime  entschieden  feindliche  Haltung,
wie  zum  Beispiel  Abfeuern  eines  Geschlltzes  oder  eines
Torpedos,  begangen  hat.“  Auch  hiernach  genügt  also
das  bloße  Erscheinen  eines  Unterseeboots  im  Kielwasser
  des  Kauffahrteischiffes  als  Anlaß  für  einen  bewaffneten
  Angriff.

In  allen  diesen  Befehlen,  die  sich  nicht  etwa  nur
auf  die  Seekriegszone  um  England  beziehen,  sondern
in  ihrem  Geltungsbereich  unbeschränkt  sind  (auch  für
das  Mittelmeer),  wird  auf  die  Geheimhaltung  der
größte  Nachdruck  gelegt,  und  zwar  offenbar  deshalb,
damit  das  völkerrechtswidrige  und  mit  den  britischen
Zusicherungen  (s.  oben  II.  1)  in  vollem  Widerspruch
stehende  Vorgehen  der  Kauffahrteischisse  dem  Feinde
wie  den  Neutralen  verborgen  bleibe.

3)  Hiernach  ist  klargestellt,  daß  die  bewaffneten  englischen
  Kauffahrteischiffe  den  amtlichen  Auftrag  haben,
die  deutschen  Unterseeboote  überall,  wo  sie  in  ihre
Nähe  gelangen,  heimtückisch  zu  überfallen,  also  rücksichtslos
  gegen  sie  Krieg  zu  führen.  Da  die  Seekriegsregeln
  Englands  von  seinen  Verbündeten  ohne  weiteres
  übernommen  werden,  muß  der  Nachweis  auch
für  die  bewaffneten  Kauffahrteischiffe  der  anderen
feindlichen  Staaten  als  erbracht  gelten.

IV.

1)  Unter  den  vorstehend  dargelegten  Umständen
haben  feindliche  Kauffahrteischiffe,  die  mit  Geschützen

157

bewaffnet  sind,  kein  Recht  mehr  darauf,.  als  friedliche
Handelsschiffe  angesehen  zu  werden.  Die  deutschen
Seestreitkräfte  werden  daher  nach  einer  kurzen,  den
Interessen  der  Neutralen  Rechnung  tragenden  Frist
den  Befehl  erhalten,  solche  Schiffe  als  Kriegführende
zu  behandeln.

2)  Die  deulsche  Regierung  gibt  den  neutralen  Mächten
  von  dieser  Sachlage  Kenntnis,  damit  sie  ihre  Angehörigen
  warnen  können,  weiterhin  ihre  Person  oder
ihr  Vermögen  bewaffneten  Kauffahrteischiffen  der  mit
dem  Drusßhen  Reiche  im  Kriege  befindlichen  Mächte
anzuvertrauen.

Diesen  Darlegungen  schloß  sich  die  österreichisch-ungarische
Regierung  in  einer  Zirkularnote  an,  in  der  sie  erklärte,  dewassnete
  Handelsschiffe  als  Kriegführende  zu  behandeln.

Mitteilung  der  dentschen  Regierung  an  die  Bereinigten
  Staaten.

Überreicht  am  8.  März  1916.

Die  Kaiserliche  Regierung  legt  Wert  darauf,  die
bisherige  Entwicklung  noch  einmal  mit  aller  der
Offenheit  zu  präzisieren,  die  den  freundschaftlichen
Beziehungen  der  beiden  großen  Völker  und  dem  ehrlichen
  Wunsch  der  Kaiserlichen  Regierung,  diese  vor
allen  Trübungen  zu  bewahren,  entspricht.

Bei  Beginn  des  Krieges  hat  die  deutsche  Regierung
  auf  Vorschlag  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  sich  sofort  bereit  erklärt,  die  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  zu  ratifizieren.  Die  deutsche
Hrisenordnung  wurde  schon  vorher  auf  Grund  der
Bestimmungen  der  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  ohne  jede  Einschränkung  erlassen.  Dadurch
wurde  anerkannt,  daß  die  geltenden  Bestimmungen
des  Völkerrechts,  die  dem  legalen  Handel  der  Neutralen
  —  auch  mit  den  Kriegführenden  —  Freiheit
des  Meeres=  sicherten,  deutßcherlein  in  vollem  Um.
fange  berücksichtigt  werden  sollten.  England  hat  es
im  Gegensatz  hierzu  abgelehnt,  die  Londoner  Seekriegsrechtserklärung
  zu  ratifizieren,  und  begann  nach
Ausbruch  des  Krieges  den  legalen  Handel  der  neutralen
  Staaten  zu  beschränken,  um  dadurch  Deutschland
  zu  treffen.

Den  systematischen  Verschärfungen  der  Konterbandebestimmungen
  vom  5.  und  20.  August,  21.  September
  und  29.  Oktober  folgte  am  8.  November  1914
der  Erlaß  der  britischen  Admiralität,  daß  die  ganze
Nordsee  als  ein  Kriegsgebiet  anzusehen  sei,  in  welchem
  die  Handelschif  rt  jeder  Art  den  schwersten
Gefahren  durch  Minen  und  Kriegsschiffe  ausgesetztsei.
Der  Protest  der  neutralen  Staaten  hatte  keinen  Erfolg.
Schon  von  diesem  Zeitpunkt  an  gab  es  kaum  noch
Freiheit  des  neutralen  Handels  mit  Deutschland.
Im  Februar  1915  sah  Deutschland  sich  gezwungen,
Gegenmaßnahmen  zu  treffen,  die  das  völkerrechtswidrige
  Verfahren  der  Gegner  bekämpfen  sollten.  Es
wählte  für  seine  Gegenmaßnahmenneue  Kriegsmittel,
deren  Verwendung  im  Völkerrecht  überhaupt  noch
nicht  geregelt  war,  brach  damit  kein  geltendes  Recht.
sondern  trug  nur  der  Eigenart  der  neuen  Waffe
—  des  U--Bootes  —  Rechnung.  Der  Gebrauch  der
neuen  Waffe  mußte  die  Bewegungsfreiheit  der  Neutralen
  einschränken  und  bildete  eine  Gefahr,  der  durch
besondere  Warnung  begegnet  werden  sollte,  entsprechend
  der  vorausgegangenen  englischen  Warnung
vor  den  Gefahren  des  Kriegsgebietes  der  Nordsee.

Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  trat,  da  beide  kriegführende  Parteien  den
Anspruch  erhoben,  daß  ihr  Vorgehen  nur  Vergeltung
        <pb n="196" />
        158

der  Rechtsbrüche  der  Gegner  sei,  an  beide  kriegführenden
  Parteien  heran,  um  nochmals  zu  versuchen,  das
vor  dem  Kriege  anerkannte  Völkerrecht  wieder  zur
Geltung  zu  bringen.  Sie  forderte  einerseits  Deutschland
  auf,  den  Gebrauch  seiner  neuen  Waffe  den  Bestimmungen
  für  die  alten  Seekriegsmittel  anzupassen,
andererseits  England,  Lebensmittel  für  die  nichtkämpfende
  Bevölkerung  Deutschlands  zur  Verteilung
unter  amerikanischer  Kontrolle  passieren  zu  lassen.

Deutschland  erklärte  am  1.  März  191õ  seine  Bereitwilligkeit,
  während  England  am  15.  März  eine
Verständigung  auf  Grund  der  amerikanischen  Vorschläge
  ablehnte.  England  beseitigte  sogar  durch  seine
Order  vom  11.  März  1915  den  letzten  Rest  der  völkerrechtsmäßigen
  Freiheit  des  neutralen  Handels  mit
Deutschland  und  dessen  neutralen  Nachbarländern;
der  Zweck  war.  Deutschland  durch  Aushungerung  zu
bezwingen.  Trotzdem  entsprach  Deutschland  im  weiteren
  Verlauf  des  Krieges,  nachdem  bei  verschiedenen
Gelegenheiten  gegen  seinen  Wunsch  und  Willen  neutrale
  Bürger  ums  Leben  gekommen  waren,  in  der
praktischen  Verwendung  seiner  U-Bootswaffe  den
Wünschen  der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  in
so  entgegenkommender  Weise,  daß  die  Rechte  der  Neutralen
  auf  legalen  Handel  tatsächlich  deutscherseits
überall  unbeschränkt  waren.

Nunmehr  machte  England  dem  U-Boot  die  Aus-Übung
  des  den  Völkerrechtsbestimmungen  entsprechenden
  Handelskrieges  dadurch  unmöglich,  daß  es  nahezu
sämtliche  Handelsschiffe  bewaffnete  und  angriffsweisen
Gebrauch  der  Geschütze  anordnete.  Die  Photographien
der  englischen  Befehle  sind  den  neutralen  Regierungen
mit  der  Deukschrift  vom  8.  Februar  1916  zugestellt
worden.  Die  Befehle  widersprechen  direkt  den  Erklärungen
  desenglischen  Botschafters  in  Washington  vom
25.  August  1914.  Die  Kaiserlich  deutsche  Regierung
de  gehofft,  daß  dies  Tatsachenmaterial  die  neutralen

egierungen  auf  Grund  der  von  der  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  am  23.  Januar  d.  J.  gemachten
Entwaffnungsvorschlägeinstand  setzen  würde,  die  Ent.
waffnung  der  Handelsschiffe  durchzusetzen.  Tatsächlich
ist  aber  die  Bewaffnung  mit  Geschützen  von  unseren
Gegnern  mit  großer  Energie  weiter  betrieben  worden.

er  Grundsatz  der  amerikanischen  Regierung,  ihre
Bürger  von  feindlichen  Handelsschiffen  nicht  fernzuhalten,
  wurde  von  England  und  seinen  Alliierten
dazu  benutzt,  Handelsschiffe  für  den  Angriff  zu  bewaffnen.
  So  können  nämlich  gKauffahrsesschcfe  die
U--Boote  leicht  zerstören  und  sich  im  Falle  des  Mißlückens
  ihres  Angriffs  durch  die  Anwesenheit  amerikanischer
  Bürger  an  Bord  gesichert  glauben.

Der  Befehl  des  Waffengebrauchs  wurde  ergänzt
durch  die  Weisung  an  die  Führer  der  Handelsschiffe,
falsche  Flaggen  zu  führen  und  die  U-Boote  zu  rammen;
  die  Nachrichten  über  ausgezahlte  Prämien  und
Verleihung  von  Ehrenzeichen  an  erfolgreiche  Handelsschiffsführer
  zeigen  die  Wirkung  dieser  Befehle.
Diesem  englischen  Vorgehen  haben  sich  die  Verbündeten
  angeschlossen.

Jetzt  steht  Deutschland  vor  der  Tatsache:

a)  daß  eine  völkerrechtswidrige  Blockade  seit  einem
Jahr  den  neutralen  Handel  den  deutschen  Häfen
8  und  Deutschlands  Ausfuhr  unmöglich
macht,

b)  daß  völkerrechtswidrige  Verschärfungen  der  Konterbandebestimmungen

  seit  eineinhalb  Jahren
den  für  Deutschland  in  Frage  kommenden  Seeverkehr
  der  neutralen  Nachbarländer  verhindern,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

e)  daß  völkerrechtswidrige  Eingriffe  in  die  Post  jede
Verbindung  Deutschlands  mit  dem  Ausland  zu
verhindern  streben,

d)  daß  systematisch  gesteigerte  Vergewaltigung  der
Neutralen  nach  dem  Grundsatz  -Macht  über
Rechte  den  Verkehr  mit  Deutschland  Über  die
Landgrenzen  unterbindet,  um  die  Hungerblockade
  der  friedlichen  Bevölkerung  der  Zentralmächte
  zu  vervollständigen,

e)  daß  Deutsche,  die  von  unseren  Feinden  auf  See
angetroffen  werden,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob
Kämpfer  oder  Nichtkämpfer,  der  Freiheit  beranbt
werden,

H  daß  unsere  Gegner  ihre  Handelsschisse  für  den
Angriff  bewaffnet  und  dadurch  die  Verwendung
des  U-Bootes  nach  den  Grundsätzen  der  Londoner
  Deklaration  unmöglich  gemacht  haben
(siehe  deutsche  Denkschrift  vom  8.  Februar  1916).

Das  englische  Weißbuch  vom  5.  Januar  1918  über
die  Unterbindung  des  deutschen  Handels  rühmt,  daß
durch  diese  Maßnahme  Deutschlands  Ausfuhrhandel
fast  völlig  unterbunden,  seine  Einfuhr  vom  Belieben
Englands  abhängig  gemacht  ist.

Die  Kaiserliche  Regierung  darf  hoffen,  daß  gemäß
den  freundschaftlichen  Beziehungen,  die  in  einer
hundertjährigen  Vergangendeit  zwischen  den  beiden
Völkern  bestanden  haben,  der  hier  dargelegte  Standpunkt
  trotz  der  durch  das  Vorgehen  unserer  Feinde
erschwerten  Verständigung  zwischen  beiden  Bölkern
von  dem  Volk  der  Vereinigten  Staaten  gewürdigt
werden  wird.

Amerikanische  Note  an  Deutschland.
Überreicht  am  20.  April  1916.

Die  Versenkung  der  englischen  Dampfer  „Berwind  Balce,
P'Englishmane,  Manchester  Engineer#  und  »Cagle  Pointe,  desonders
  aber  der  2  Sussexe,  der  auch  amertkanische  Bürg  r  zum
Opser  stelen,  führte  zu  einem  Notenwechsel  zu  ischen  Deuischand
und  den  Bereinigten  Staaten,  in  dessen  Verlauf  eins  Spannung
  zwischen  beiden  Ländern  eintrat.  Auf  eine  diesbeiügliche
deulsche  Erklärung  vom  10.  April  1916  ging  folgende  Note  ein:

Durch  die  jetzt  im  Besitz  der  Negierung  der  Vereinigten
  Staaten  befindlichen  Nachrichten  wird  der
Tatbestand  im  Fall  der  =  Sussexe  vollkommen  festgestellt,
  und  für  die  Folgerungen,  die  die  Regierung
aus  diesen  Nachrichten  gezogen  hat,  findet  sie  eine
Sestätigung  in  Umständen,  die  in  der  Note  vom  10.
dieses  Monats  dargelegt  sind.  Am  24.  März  1916,
ungefähr  um  2  Uhr  50  Minuten  nachmittags,  wurde
der  unbewaffnete  Dampfer  =  Sussege  mit  325  oder
mehr  Passagieren  an  Bord,  unter  denen  eine  Anzahl
amerikanischer  Bürger  war,  auf  der  überfahrt  von
Folkestone  nach  Dieppe  torpediert.  Die  =  Sussexe  war
niemals  bewaffnet;  sie  war  ein  Schiff,  das,  wie  bekannt,
  regelmäßig  nur  zur  Beförderung  von  Passaieren

  Über  den  Englischen  Kanal  benutzt  wurdez  sie
sotgir  nicht  der  von  Truppentransport=  und  Proviantschiffen
  befahrenen  Route.  Ungefähr  80  Passagiere,
Nichtkombattanten  jeglichen  Alters  und  Geschlechts,
darunter  Bürger  der  Vereinigten  Staaten,  wurden
gelötet  oder  verwundet.

Eine  sorgfältige,  eingehende  und  gewissenhaft  unparteiische
  Untersuchung  durch  Ofsiziere  der  Flotte  und
der  Armee  der  Vereinigten  Staaten  hat  schlüssig  die
Tatsache  ergeben,  daß  die  =  Sussexe  ohne  Warnung
oder  Aufforderung  zur  übergabe  torpediert  wurde,
und  daß  der  Torpedo.  durch  den  sie  getrofsen  wurde,
deutscher  Herstellung  war.  Nach  Ansicht  der  Regie-
        <pb n="197" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

rung  der  Bereinigten  Staaten  machten  diese  Tatsachen
  von  Anfang  an  den  Schluß  unvermeidlich,  daß
der  Torpedo  von  einem  deutschen  Unterseeboot  abgefeuert
  war.  Sie  findet  jetzt  diese  Schlußfolgerung
durch  die  Ausführungen  in  der  Note  der  Kaiserlichen
Regierung  bekräftigt.  Eine  vollständige  Darlegung
des  Tatbestandes,  auf  den  die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  ihre  Schlußfolgerungen  gegründet
hat,  ist  beigefügt.

Nach  sorgfältiger  Prüfung  der  Note  der  Kaiserlichen
  Regierung  vom  10.  April  bedauert  die  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten,  sagen  zu  müssen,  daß
sie  aus  den  Darlegungen  und  orschtägen  dieser
Note  den  Eindruck  erhalten  hat,  daß  die  Kaiserliche
Regierung  verfehlte,  den  Ernst  der  Situation  zu
würdigen,  die  sich  nicht  nur  durch  den  Angriff  auf
die  =  Sussexe  ergeben  hat,  sondern  durch  die  ganze
Methode  und  den  Charakter  des  Unterseebootkrieges,
wie  sie  zutage  getreten  sind  infolge  der  während  eines
Zeitraums  von  mehr  als  12  Monaten  von  Befehlshabern
  der  deutschen  Unterseeboote  uneingeschränkt
gehandhabten  übung  unterschiedsloser  Zerstörung
von  Handelsschiffen  aller  Art,  Nationalität  und  Bestimmung.
  Wenn  die  Versenkung  der  -Sussex.  ein
vereinzelter  Fall  gewesen  wäre,  so  würde  das  der  Regierung
  der  Vereiniglten  Staaten  die  Loffnung  ermöglichen,
  daß  der  für  die  Tat  verantwortliche  Offizier
  seine  Befehle  eigenmächtig  Übertreten  oder  in
strafbarer  Fahrlässigkeit  die  vorgeschriebenen  Vorsichismaßregeln
  außer  acht  gelassen  habe,  und  daß
der  Gerechtigkeit  durch  seine  entsprechende  Bestrafung
in  Verbindung  mit  einer  förmlichen  Mißbilligung
seiner  Handlung  und  Bezahlung  einer  angemessenen
Entschädigung  durch  die  Kaiserliche  Regierung  Genüge
  Lelcheben  könnte.  Aber  obwohl  der  Angriff  auf
die  =  Sussexe  offenkundig  nicht  zu  verteidigen  war
und  einen  so  tragischen  Verlust  an  Menschenleben
verursachte,  daß  er  als  eines  der  schrecklichsten  Beispiele
  der  Unmenschlichkeit  des  Unterseebootkrieges,  wie
ihn  die  Kommandanten  der  deutschen  Schifteühren,
erscheint,  so  steht  er  unglücklicherweise  nicht  allein.

Im  Gegenteil,  die  Regierung  der  Vereinigten
Staaten  ist  durch  Ereignisse  der  neuesten  Zeit  zu  dem
Schluß  genötigt,  daß  es  nur  ein  Fall,  wenn  auch
einer  der  schwersten  und  betrübendsten  ist  für  die  vorbedachte
  Methode  und  den  Geist,  womit  unterschiedslos
  Handelsschiffe  aller  Art,  Nationalität  und  Bestimmung
  zerstört  werden,  und  die  um  so  unverkennbarer
  geworden  sind,  je  mehr  die  Tätigkeit  der  deutschen
  Unterseeboote  in  den  letzten  Monaten  an
Intensität  und  Ausdehnung  zunahm.

Die  Kaiserliche  Regierung  wird  sich  erinnern,  daß,
als  sie  im  Februar  1915  ihre  Absicht  ankündigte,  die
Gewässer  um  Großbritannien  und  Irland  als  Kriegsgebiet
  zu  behandeln,  alle  Handelsschiffe  in  feindlichem
Eigentum,  die  innerhalb  dieser  Gefahrzone  angekroffen
  werden  sollten,  zu  vernichten,  und  als  sie
an  alle  Schiffe,  sowohl  der  Neutralen  wie  der  Kriegführen
  den,  die  Warnung  ergehen  ließ,  die  so  verfentten
  Gewässer  zu  meiden  oder  sich  auf  eigene  Gefahr
dorthin  zu  begeben,  die  Regierung  der  Vereinigten
Staaten  eenstlich  protestiert  hat.  Sie  nahm  den
Standpunkt  ein,  daß  eine  solche  Politik  nicht  verfolgt
werden  könnte  ohne  beständige,  schwere  und  offenkundige
  Verletzungen  des  anerkannten  Völkerrechts,
besonders  wenn  Unterseeboote  als  ihre  Werkzeuge
Verwendung  finden  sollten,  insofern  als  die  Regeln
des  Völkerrechts,  Regeln,  beruhend  auf  den  Grund-159



sätzen  der  Menschlichkeit  und  zum  Schutz  des  Lebens.
der  Nichtkombattanten  auf  See  aufgestellt,  nach  der
Natur  der  Sache  durch  solche  Schiffe  nicht  beobachtet
werden  könnten.  Sie  gründete  ihren  Protest  darauf.
daß  Personen  neutraler  Nationalität  und  Schiffe
neutraler  Eigentümer  äußersten  und  unerträglichen
Gefahren  ausgesetzt  sein  würden  und  daß  unter  den
damals  obwaltenden  Umständen  die  Kaiserliche  Regierung
  keinen  rechtmäßigen  Anspruch  dafür  geltend
machen  konnte,  einen  Teil  der  bohen  See  zu  schließen.
Das  hier  in  Betracht  kommende  Völkerrecht,  auf  das
die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  ihren  Protest
stützte,  ist  nicht  neuen  Ursprungs  oder  gegründet  auf
rein  willkürliche,  durch  Vereinbarung  aufgestellte
Grundsätze.  Es  beruht  im  Gegenteil  auf  offenkundigen
  Grundsätzen  der  Menschlichkeit  und  ist  seit
langem  in  Geltung  mit  Billigung  und  durch  ausdrückliche
  Zustimmung  aller  zivilisierten  Nationen.

Die  Kaiserliche  Nepierung  bestand  trotzdem  darauf.
die  angekündigte  Politik  durchzuführen,  indem  sie  die
Hoffnung  ausdrückte,  daß  die  bestehenden  Gefahren,
jedenfalls  für  neutrale  Schiffe,  durch  die  Instruktion
auf  ein  Mindestmaß  beschränkt  würden,  die  sie  den
Kommandanten  ihrer  Unterseeboote  gegeben  hatte,
und  versicherte  der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten,
  daß  sie  jede  mögliche  Vorsichtsmaßregel  anwenden
  würde,  um  die  Rechte  der  Neutralen  zu  achten
und  die  Leben  der  Nichtkombattanten  zu  schützen.

In  Verfolg  dieser  Politik  des  Unterseebootkrieges
begen  den  Handel  seiner  Feinde,  die  so  angekündigt
und  trotz  des  feierlichen  Protestes  der  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  begonnen  wurde,  haben  die  Unterseebootskommandanten
  der  Kalserlichen  Regierung
ein  Verfahren  solcher  rücksichtslosen  zerstbrung  ge-Übt,
  diemehr  und  mehr  während  der  letzten  Monate
deutlich  werden  ließ,  daß  die  Kaiserliche  Regierung
keinen  Weg  gefunden  hat,  ihnen  solche  Beschränkung
aufzuerlegen,  wie  sie  gehofft  und  versprochen  hatte.
Immer  wieder  hat  die  Kaiserliche  Regierung  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  feierlich  versichert.
daß  zum  mindesten  Passagierschiffe  nicht  in  dieser
Weise  behandelt  werden  würden,  und  Feichwohl  hat
sie  wiederholt  zugelassen,  daß  ihre  Unterseebootskommandanten
  diese  Versicherungen  ohne  jede  Ahndung
  mißachteten.  Noch  im  Februar  dieses  Jahres
machte  sie  davon  Mitteilung,  daß  sie  alle  bewaffneten
Handelsschiffe  in  feindlichem  Eigentum  als  Teil  der
bewaffneten  Seestreitkräfte  ihrer  Gegner  betrachten
und  als  Kriegsschiffe  behandeln  werde,  indem  sie  sich
so,  wenigstens  implicite,  verpflichtete,  nicht  bewaffnete
  Schiffe  zu  warnen  und  das  Leben  ihrer  Passaiere

  und  Besatzungen  zu  gewährleisten;  aber  sogar
Hise  Beschränkung  haben  ihre  Unterseebootskommandanten
  unbekümmert  außer  acht  gelassen.

Neutrale  Schiffe,  sogar  neutrale  Schisse  auf  der
Fahrt  von  neutralem  nach  neutralem  Hafen.  sind
ebenso  wie  feindliche  Schiffe  in  ständig  wachsender
Zahl  zerstört  worden.  Manchmal  sind  die  angegrissenen
  Hendelsschiffe  gewarnt  und  zur  Übergabe
aufgefordert  worden.  bevor  sie  beschossen  oder  torpediert
  wurden;  manchmal  ist  ihren  Passagieren  und
Sesatzungen  die  dürftige  Sicherheit  zugebilligt  worden.
  daß  man  ihnen  erlaubte.  in  die  Boote  zu  gehen.
bevor  das  Schiff  versenkt  wurde.  Aber  wieder  und
wieder  wurde  keine  Warnung  gegeben,  nicht  einmal
den  Personen  an  Bord  eine  Rettung  in  die  Boote  gestattet.
  Große  Ozeandampfer,  wie  die  -Lusitaniaund
  „Arabic-,  und  reine  Passagierschiffe,  wie  die
        <pb n="198" />
        160

k  Sussex-,  sind  ohne  jede  Warnung  angegriffen  worden,
  oft  bevor  sie  gewahr  wurden,  daß  sie  sich  einem
bewaffneten  feindlichen  Schiff  gegenüberbefanden,
und  das  Leben  der  Nichtkombattanten,  Passagiere
und  Mannschaften,  wurde  unterschiedslos  und  in
einer  Weise  vernichtet,  die  die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  nur  als  leichtfertig  und  jeder  Berechtigung
  entbehrend  erachten  konnte.  Keinerlei
Grenze  wurde  in  der  Tat  der  weiteren  unterschiedslosen
  Zerstörung  von  Handelsschiffen  jeder  Art  und
Nationalität  außerhalb  der  Gewässer  gesetzt,  welche
die  Kaiserliche  Regierung  als  in  der  Kriegszone  gelegen
  zu  bezeichnen  beliebt  hat.  Die  Liste  der  Amerikaner,
  die  auf  so  angegriffenen  und  zerstörten  Schiffen
ihr  Leben  verloren  haben,  ist  von  Monat  zu  Monat
gewachsen,  bis  die  verhängnisvolle  Zahl  der  Opfer
in  die  Hunderte  gestiegen  ist.

Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hat  eine
sehr  geduldige  Haliun  eingenommen.  Auf  jeder
Stufe  dieser  Gchnmerzlichen  Erfahrung  von  Tragödie
über  Tragödie  war  sie  bestrebt,  durch  wohlüberlegte
Berücksichtigung  der  außergewöhnlichen  Umstände
eines  Krieges  ohne  Beispiel  96c  lenken  und  durch  Gefühle
  echtester  Freundschaft  für  Volk  und  Regierung
Deutschlands  leiten  zu  lassen.  Sie  hat  die  aufeinanderfolgenden
  Erklärungen  und  Versicherungen  der
Kaiserlichen  Regierung  als  selbstverständlich  in
voller  Aufrichtigkeit  und  gutem  Glauben  abgegeben
angenommen  und  hat  die  Hoffnung  nicht  aufgeben
wollen,  daß  es  der  Kaiserlichen  Regierung  möglich
sein  werde,  die  Handlungen  der  Befehlshaber  hrer
Seestreitkräfte  in  einer  Weise  zu  regeln  und  zu  überwachen,
  die  ihr  Verfahren  mit  den  anerkannten,  im
Völkerrecht  verkörperten  Grundsätzen  der  Menschlichkeit
  in  Einklang  bringen  werde.  Sie  hat  den  neuen
Verhältnissen,  sar  die  es  keine  Präzedenzfälle  gibt,
jedes  Zugeständnis  gemacht  und  war  willens,  zu
warten,  bis  die  Tatsachen  unmißverständlich  und  nur
einer  Auslegung  fähig  wurden.

Sie  ist  nun  einer  gerechten  Würdigung  ihrer  eigenen
  Rechte  schuldig,  der  Kaiserlichen  Regierung  zu  erklären,
  daß  dieser  Zeitpunkt  gekommen  ist.  Es  ist  ihr
zu  ihrem  Schmerze  klar  geworden,  daß  der  Standpunkt,
  den  sie  von  Anfang  an  einnahm,  unvermedidlich
richtig  ist,  nämlich,  daß  der  Gebrauch  von  Unterseebooten
  zur  Zerstörung  des  feindlichen  Handels  notwendigerweise,
  gerade  wegen  des  Charakters  der  verwendeten
  Schiffe,  unter  Angriffsmethoden,  die  ihre
Verwendung  naturgemäß  mit  sich  bringt.  gänzlich
unvereinbar  ist  mit  den  Grundsätzen  der  Menschlichkeit,
  den  seit  langem  bestehenden  und  unbestrittenen
Rechten  der  Neutralen  und  den  heiligen  Vorrechten
der  Nichtkombattanten.

Wenn  es  noch  die  Absicht  der  Kaiserlichen  Regierung
  ist,  unbarmherzig  und  unterschiedslos  weiter  gegen
  Hondelsschiffe  mit  Unterseebooten  Krieg  zu  führen,
ohne  Rücksicht  auf  das,  was  die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  als  die  heiligen  und  unbesireilbaren
Gesetze  des  internationalen  Rechts  und  die  allgemein
anerkannten  Gebote  der  Menschlichkeit  ansehen  muß,
so  wird  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
schließlich  zu  der  Folgerung  gezwungen,  daß  es  nur
einen  Weg  gibt,  den  sie  gehen  kann.  Sofern  die
Kaiserliche  Regierung  nicht  jetzt  unverzüglich  ein  Aufgeben
  ihrer  gegenwärtigen  Methoden  des  Unterseebootkrieges
  gegen  Passagier-  und  Frachtschiffe  erklären
und  bewirken  sollte,  kann  die  Regierung  der  BVereinigten
  Staaten  keine  andere  Wahl  haben,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

als  die  diplomatischen  Beziehungen  zur
deutschen  Regierung  ganz  zu  lösen.  Einen
solchen  Schritt  faßt  die  Regierung  der  Vereinigten
Staaten  mit  dem  größten  Widerstreben  ins  Auge,
sie  fühlt  sich  aber  verpflichtet,  ihn  im  Namen  der
Menschlichkeit  und  der  Rechte  neutraler  Nationen  zu
unternehmen

Die  Antwortnote  Deutschlands.
Überreicht  am  4.  Mai  1916.

Die  deutsche  Regierung  hat  das  ihr  von  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  in  Sachen  der  Sussexmitgeteilte
  Material  an  die  beteiligten  Marinestellen
zur  Prüfung  weitergegeben.  Auf  Grund  des  bisheri-*l
  Ergebnisses  dieser  Prüfung  verschließt  sie  sich  nicht

er  Möglichkeit,  daß  das  in  ihrer  Note  vom  10.  vorigen
  Monats  erwähnte,  von  einem  deutschen  Untersee

oot  torpedierte  Schiff  in  der  Tat  mit  der  =  Sussexidentisch
  ist.  Die  deutsche  Regierung  darf  sich  eine  weitere
  Mitteilung  hierüber  vorbehalten,  bis  einige  noch
ausstehende,  für  die  Beurteilung  des  Sachverhalts
ausschlaggebende  Feststellungen  erfolgt  sind.  Fallses
sich  erweisen  sollte,  daß  die  Annahme  des  Kommandanten,
  ein  Kriegsschiff  vor  sich  zu  haben,  irrig  war.
so  wird  die  deutsche  Regierung  die  sich  hieraus  ergebenden
  Folgerungen  ziehen.

Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hat  an  den
Fall  der  =  Sussex=  eine  Reihe  von  Behauptungen  geknüpft,
  die  in  dem  Satze  gipfeln,  daß  dieser  Fall  nur
ein  Beispiel  für  die  vorbedachte  Methode  unterschiedsloser
  Zerstörung  von  Schiffen  aller  Art,  Nationalität
  und  Bestimmung  durch  die  Befehlshaber  der  deutschen
  Unterseeboote  sei.  Die  deutsche  Regierung  muß
diese  Behauptung  mit  Entschiedenheit  zurückweisen.
Auf  eine  ins  einzelne  gehende  Zurückweisung  glaubtsie
indessen  im  gegenwärtigen  Stadium  der  Angelegenheit
  verzichten  zu  sollen,  zumal  da  die  amerikanische
Regierung  es  unterlassen  al  ihre  Behauptung  durch
konkrete  Angaben  zu  begründen.  Die  deutsche  Regierung
  begnügt  sich  mit  der  Feststellung,  daß  sie,  und
zwr  lediglich  mit  Rücksicht  auf  die  Interessen  der
Neutralen,  in  dem  Gebrauch  der  Unterseebootwaffe
sich  weitgehende  Beschränkungen  auferlegt  hat,  obwohl
  dies-Beschrankungen  notwendigerweise  auch  den
Feinden  Deutschlands  zugute  kommen  —  eine  Rücksicht,
  der  die  Neutralen  bei  England  und  seinen  Verbündeten
  nicht  begegnet  sind.

In  der  Tat  sind  die  deutschen  Seestreitkräfte  an.
gewiesen,  den  Unterseebootkrieg  nach  den  allgemeinen
vLölkerrechtlichen  Grundsätzen  über  die  Anhaltung,
Durchsuchung  und  Zerstörung  von  Handelsschiffen
*  führen,  mit  der  einzigen  Ausnahme  des  Handelsieges

  gegen  die  im  englischen  Kriegsgebict  betroffenen
  feindlichen  Frachtschiffe,  deretwegen  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  niemals,  auch  nicht
durch  die  Erklärung  vom  8.  Februar  dieses  Jahres,
eine  Zusicherung  gegeben  worden  ist.  Einen  Zweifel
daran,  daß  die  entsprechenden  Befehle  loyal  gegeben
worden  sind  und  loyal  ausgeführt  werden,  kann  die
deutsche  Regierung  niemandem  gestatten.  Irrtümer,
wie  sie  tatsächlich  vorgekommen  sind,  lassen  sich  bei
keiner  Art  der  Kriegführung  ganz  vermeiden  und  sind
in  dem  Seekrieg  gegen  einen  Feind,  der  sich  aller  erlaubten
  und  unerlaubten  Listen  bedient,  erklärlich.
Aber  auch  abgesehen  von  Irrtümern  birgt  der  Seekrieg
  genau  wie  der  Landkrieg  für  neutrale  Personen
und  Güter,  die  in  den  Bereich  der  Kämpfe  gelangen.
unvermeidliche  Gefahren  in  sich.  Selbst  in  Fällen,  in
        <pb n="199" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

denen  die  Kampfhandlung  fich  igug  in  den  Formen

  des  Kreuzerkrieges  abgepielt  at,  sind  wiederholt
  neutrale  Personen  und  Güter  zu  Schaden  gekommen.
  Auf  die  Minengefahr,  der  zahlreiche  Schhezum
Opfer  gefallen  sind,  hat  die  deuische  Regierung  wiederholt

  aufmerksam  gemacht.

Die  deutsche  Regierung  hat  der  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  mehrfach  Vorschläge  gemacht,  die
bestimmt  waren,  die  unvermeidlichen  Gefahren  des
Seekrieges  für  amerikanische  Reisende  und  Güter  auf
ein  Mindestmaß  zurückzuführen.  Leider  hat  die  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  nicht  geglaubt,  auf
diese  Vorschläge  eingehen  zu  sollen;  anderenfalls  würde
sie  dazu  beigetragen  haben,  einen  großen  Teil  der  Unfälle
  zu  verhindern,  von  denen  inzwischen  amerikanische
Licatsangeherige  betroffen  worden  sind.  Die  deutsche
Regierung  hält  auch  heute  noch  an  ihrem  Angebot
fest,  Vereinbarungen  in  dieser  Richtung  zu  treffen.

Entsprechend  den  wiederholt  von  ihr  abgegebenen
Erklärungen  kann  die  deutsche  Regierung  auf  den
Gebrauch  der  Unterseebootwaffe  auch  im  Handelskrieg
  nicht  verzichten.  Wenn  sie  sich  heute  in  der  Anpassung
  der  Methoden  des  Urterseebootkeieges  an  die
Inleressen  der  Neutralen  zu  einem  weiteren  Entgegenkommen
  entschließt,  so  sind  für  sie  Gründe  bestimmend,
die  sich  über  die  Bedeutung  der  vorliegenden  Streitfrage
  erheben.

ie  deutsche  Regierung  mißt  den  hohen  Geboten
der  Menschlichkeit  keine  geringere  Bedeutung  bei  als
die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten.  Sie  trägt
auch  voll  Rechmung  der  langen  gemeinwirtschaftlichen
Arbeit  der  beiden  Regierungen  an  einer  von  diesen
Geboten  geleiteten  Ausgestaltung  des  Völkerrechts,
deren  Ziel  stets  die  Beschränkung  des  Land=  und  Seekrieges
  auf  die  bewaffnete  Macht  der  Kriegführenden
und  die  tunlichste  Sicherung  der  Nichtkämpfenden  gegen
  die  Grausamkeiten  des  Krieges  gewesen  ist.

Für  sich  allein  würden  jedoch  diese  Gesichtspunkte,
so  bedeutsam  sie  sind,  für  die  deutsche  Regierung  bei
dem  gegenwärtigen  Stand  der  Dinge  nicht  den  Ausschlag
  geben  können.  Denn  gegenüber  dem  Appell  der
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  an  die  geheiligten
Grundsätze  der  Menschlichkeit  und  des  Völkerrechts
muß  die  deutsche  Regierung  erneut  und  mit  allem
Nachdruck  feststellen,  daß  es  nicht  die  deutsche,  sondern
die  britische  Regierung  gewesen  ist,  die  diesen  furchtbaren
  Krieg  unter  Mißachtung  aller  zwischen  den
Völkern  vereinbarten  Rechtsnormen  auf  Leben  und
Eigentum  der  Nichtkämpfer  ausgedehnt  hat,  und  zwar
ohne  jede  Rücksicht  auf  die  durch  diese  Art  der  Kriegführung
  schwer  geschädigten  Interessen  und  Rechte
der  Neutralen  und  Nichtkämpfenden.  In  der  bittersten
  Notwehr  gegen  die  rechtswidrige  Kriegführung
Englands,  im  Kampf  um  das  Dasein  des  deutschen
Volkes  hat  die  deutsche  Kriegführrung  zu  dem  harten,
aber  wirksamen  Mittel  des  Unterseebootkrieges  greisen
  müssen.  Bei  dieser  Sachlage  kann  die  deutsche  Regierung
  nur  erneut  ihr  Bedauern  darüber  aussprechen,
daß  die  humanitären  Gefühle  der  amerikanischen  Regierung,
  die  sich  mit  so  großer  Wärme  den  bedauernswerten
  Opfern  des  Unterseebootkrieges  zuwenden,  sich
nicht  mit  der  gleichen  Wärme  auch  auf  die  vielen  Millionen
  von  Frauen  und  Kindern  erstrecken,  die  nach
der  erklärten  Absicht  der  englischen  Regierung  in  den
Hunger  getrieben  werden  und  durch  ihre  Hungerqualen

  die  siegreichen  Armeen  der  Zentralmächte  zu
schimpflicher  Kapitulation  zwingen  sollen.

Die  deutsche  Regierung  und  mit  ihr  das  deutsche

Der  Krieg  1914/17.  U.

161

Volk  hat  für  dieses  ungleiche  Enpfinden  um  so  weniger
  Verständnis,  als  sie  zu  wiederholten  Malen  sich
ausdrücklich  bereit  erklärt  hat,  sich  mit  der  Anwendung
  der  Unterseebootwaffe  steeng  an  die  vor  dem
Krieg  anerkannten  völkerrechtlichen  Normen  zu  halten,
falls  England  sich  dazu  bereit  findet,  diese  Normen
gleichfalls  seiner  Kriegführung  zugrunde  zulegen.  Die
verschiedenen  Versuche  der  Regierung  der  Vereinigten
Staaten,  die  großbritannische  Regierung  hierzu  zu
bestimmen,  sind  an  der  strikten  Ablehnung  der  britischen
  Regierung  gescheitert.  England  hat  auch  weiterhin
  Völkerrechtsbruch  auf  Völkerrechtsbruch  gehäuft
und  in  der  Ver  awaltigung  der  Neutralen  jede  Grenze
üÜberschritten.  Seine  letzte  Maßnahme,  die  Erklärung
deutscher  Bunkerkohle  als  Bannware,  verbunden  mit
den  Bedingungen,  zu  denen  allein  englische  Bunkerkohle
  an  die  Neutralen  abgegeben  wird,  bedeutet  nichts
anderes  als  den  Versuch,  die  Tonnage  der  Neutralen
durch  unerhörte  Erprefsung  unmittelbar  in  den  Dienst
des  englischen  Wirtschaftskrieges  zu  zwingen.

Das  deutsche  Volk  weiß,  daß  es  in  der  Hand  der
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  liegt,  den  Krieg
im  Sinne  der  Menschlichkeit  und  des  Völkerrechts  auf
die  Streitkräfte  der  kämpfenden  Staaten  zu  beschränken.
  Die  amerikanische  Regierung  wäre  dieses  Erfolges
  sicher  gewesen,  wennsste  sich  entschlossen  hätte,
ihre  unbestreitbaren  Rechte  auf  die  Freiheit  der  Meere
England  gegenüber  nachdrücklich  geltend  zu  machen.
So  aber  steht  das  deutsche  Volk  unter  dem  Eindruck,
daß  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von
Deutschland  in  dessen  Existenzkampf  die  Beschränkung
  im  Gebrauch  einer  wirksamen  Waffe  verlangt,
und  daß  sie  die  Aufrechterhaltung  ihrer  Beziehungen
zu  Deutschland  von  der  Erfüllung  dieser  Forderung
abhängig  macht.  während  sie  sich  gegenüber  den  völkerrechtswidrigen
  Methoden  seiner  Feinde  mit  Protesten
begnügt.  Auch  ist  dem  deutschen  Volke  bekannt,  in  wie
weitem  Umfang  unsere  Feinde  aus  den  Vereinigten
Staaten  mit  Kriegsmitteln  aller  Art  versehen  werden.

Unter  diesen  Umständen  wird  es  verstanden  werden,
daß  die  Anrufung  des  Völkerrechts  und  der  Gefühle
der  Menschlichkeit  im  deutschen  Volke  nicht  den  vollen
Widerhall  finden  kann,  dessen  ein  solcher  Appell  hier
unter  anderen  Verhältnissen  stets  sicher  ist.  Wenn  die
deutsche  Regierung  sich  trotzdem  btu  einem  äußersten
Zugeständnis  entschließt,  so  "  für  sie  entscheidend
einmal  die  mehr  als  hundertjährige  Freunvschaft  zwischen
  den  beiden  großen  Völkern,  sodann  aber  der  Gedanke
  an  das  schwere  Verhängnis,  mit  dem  eine  Ausdehnung
  und  Verlängerung  dieses  grausamen  und
blunigen  Krieges  die  gesamte  zoolluferte  Menschheit

edroht.

Das  Bewußtsein  der  Stärke  dat  es  der  deutschen
Regierung  erlaubt,  zweimal  im  Laufe  der  letzten  Monate
  ihre  Bereitschaft  zu  einem  Deutschlands  Lebensinteressen
  sichernden  Frieden  offen  und  vor  aller  Welt

u  bekunden.  Sie  hat  damit  zum  Ausdruck  Ebracht

aß  es  nicht  an  ihr  liegt,  wenn  den  Völkern  Europas
der  Friede  noch  länger  vorenthalten  bleibt.  Mit  um
so  stärkerer  Berechtigung  darf  die  deutsche  Regierung
aussprechen,  daß  es  vor  der  Menschheit  und  der  Geschichte
  nicht  zu  verantworten  wäre,  nach  21monatiger
  Kriegsdauer  die  über  den  Unterseebootkrieg  entstandene
  Streitfrage  eine  den  Frieden  zwischen  dem
deutschen  und  dem  amerikanischen  Volle  ernstlich  bedrohende
  Wendung  nehmen  zu  lassen.

Einer  solchen  Entwicklung  will  die  deutsche  Regierung,
  soweit  es  an  ihr  liegt,  vorbeugen.  Sie  will

11
        <pb n="200" />
        162

gleichzeitig  ein  letztes  dazu  beitragen,  um  —  solange
der  Krieg  noch  dauert  —  die  Beschränkung  der  Kriegführung
  auf  die  kämpfenden  Streitkräfte  zu  ermöglichen,
  ein  Ziel,  das  die  Freiheit  der  Meere  einschließt
und  in  dem  sich  die  deutsche  Regierung  mit  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  auch  heute  noch  einig
glaubt.

Von  diesem  Gedanken  geleitet,  teilt  die  deutsche  Regierung
  der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  mit,
daß  Weisung  an  die  deutschen  Seestreitkräfte
ergangen  ist,  in  Beobachtung  der  allgemeinen  völkerrechtlichen
  Grundsätze  über  Anhaltung,  Durchsuchung
und  Zerstörung  von  Handelsschiffen  auch  innerhal
des  Seekriegsgebietes  Kauffahrteischiffe  nicht
ohne  Warnung  und  Rettung  der  Menschenleben
zu  versenken,  es  sei  denn,  daß  sie  fliehen  oder  Widerstand
  leisten.

In  dem  Daseinskampf,  den  Deutschland  zu  führen
gezwungen  ist,  kann  ihm  jedoch  von  den  Neutralen
nicht  zugemutet  werden,  6  mit  Rücksicht  auf  ihre
Interessen  im  Gebrauch  einer  wirksamen  Waffe  Beschränkungen
  aufzuerlegen,  wenn  seinen  Gegnern  gestattet
  bleibt,  ihrerseits  völkerrechtswidrige  Mittel  nach
Belieben  zur  Anwendungzn  bringen.  Ein  solches  Verlangen
  würde  mit  dem  Wesen  der  Neutralität  unvereinbar
  sein.  Die  deutsche  Regierung  ist  überzeugt,  daß
der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  eine  derartige
Zumutun  fernliegt:  dies  entnimmtsie  aus  der  wiedersolten
  Erklärung  der  amerikanischen  Regierung,  daß
ie  allen  Kriegführenden  gegenüber  die  verletzte  Freiheit
  der  Meere  wicderherbusftellen  entschlossen  sei.

Die  deutsche  Regierung  geht  demgemäß  von  der
Erwartung  aus,  daß  ihre  neue  Weisung  an  die  Seestreitkräste
  auch  in  den  Augen  der  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  jedes  Hindernis  für  die  Verwirklichung
  der  in  der  Note  vom  23.  Juli  1915  angebotenen
  Zusammenarbeit  zu  der  noch  während  des  Krieges
  zu  bewirkenden  Wiederherstellung  der  Freiheit  der

eere  aus  dem  Wege  räumt,  und  sie  zweifelt  nicht
daran,  daß  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
nunmehr  bei  der  großbritannischen  Regierung  die  alsbaldige
  Beobachtung  derjenigen  völkerrechtlichen  Normen
  mit  allem  Nachdruck  verlangen  und  durchsetzen
wird,  die  vor  dem  Kriege  allgemein  anerkannt  waren
und  die  insbesondere  in  den  Noten  der  amerikanischen
Regierung  an  die  britische  Regierung  vom  28.Dezember
  1914  und  vom  5.  November  1915  dar  elegt  sin.
Sollten  die  Schritte  der  Nepierung  der  Vereinigten
Staaten  nicht  zu  dem  gewollten  Erfolg  führen,  den
Gesetzen  der  Menschlichkeit  bei  allen  kriegführenden
Nationen  Geltung  zuverschaffen,  sowürdediedeutsche
  Regierung  4  ch  einer  neuen  Sachlagegegenübersehen,
  für  die  sie  sich  die  volle  Freiheit
  der  Entschliebungen  vorbehalten  muß.

Antwortnote  der  Bereinigten  Staaten.
Überreicht  am  10.  Mai  1916.

Die  Note  der  Kaiserlichen  Regierung  vom  4.  Mai
1916  ist  von  der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
sorgfältig  erwogen  worden.  Es  ist  besonders  an  ihr
beachtet  worden,  daß  sie  als  Absicht  der  Kaiserlichen
Regierung  kundgibt,  daß  sie  ein  letztes  dazu  beitragen
  will,  um  —  solange  der  Krieg  noch  dauert  —
die  Beschränkung  der  Kriegführung  auf  die  kämpfenden
  Streitkräfte  zu  ermöglichen«,  und  daß  die  Kaiserliche
  Regierung  entschlossen  ist,  allen  ihren  Seebefehlshabern
  die  Beschränkungen  nach  den  anerkannten
völkerrechtlichen  Grundsätzen  aufzuerlegen,  auf  denen

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  in  all  den
Monaten  bestanden  hat,  seit  die  Kaiserliche  Regierung
am  4.  Februar  1915  ihre  jetzt  glücklicherweise  aufgegebene
  Unterseepolitik  ankündigte.

Die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hat  sich
in  ihren  geduldigen  Bemühungen  um  einen  freundschaftlichen
  Ausgleich  der  aus  jener  Politik  erwachsenen
  kritischen  Fragen,  welche  die  guten  Beziehungen

wischen  den  beiden  Ländern  so  ernst  bedrohten,  besüänoig
  durch  Beweggründe  der  Freundschaft  leiten
und  zurülckhalten  lassen.  Die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  wird  sich  darauf  verlassen.  daß  die  jetzt
geänderte  Politik  der  Kaiserlichen  Regierung  hinfort
eine  gewissenhafte  Ausführung  finden  wird,  die  die
hauptsächliche  Gefahr  für  eine  Unterbrechung  der
uten,  zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und  Deutschand
  bestehenden  Beziehungen  beseitigen  wird.  Die
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  hält  für  notwendig,
  zu  erklären,  daß  sie  es  für  ausgemacht  ansieht,
daß  die  Kaiserliche  Regierung  nicht  beabsichtigt,  zu
verstehen  zu  geben,  daß  die  Aufrechterhaltung  der
neuangekündigten  Politik  in  irgendeiner  Weise  von
dem  Verlauf  oder  Ergebnis  diplomatischer  Verhandlungen
  zwischen  der  Regierung  der  Vereinigten
Staaten  und  irgendeiner  anderen  kriegführenden  Regierung
  abhänge,  obwohl  einige  Stellen  in  der  Note
der  Kaiserlichen  Regierung  vom  4.  d.  Mts.  einer  solchen
  Auslegung  fähig  sein  könnten.

Um  jedoch  die  Möglichkeit  eines  Mißverständnisses
zu  vermeiden,  teilt  die  Regierung  der  Vereinigten
Staaten  der  Kaiserlichen  Regierung  mit,  daß  sie  keinen
Augenblick  den  Gedanken  in  Betracht  ziehen,  geschweige
  denn  erörtern  kann,  daß  die  Achtung  der
Rechte  amerikanischer  Bürger  auf  der  hohen  See  von
seiten  der  deutschen  Marinebehörden  in  irgendeiner
Weise  oder  in  geringstem  Grad  von  dem  Verhaltrn  irgendeiner
  anderen  Regierung,  das  die  Rechte  der  Neutralen
  und  Nichtkämpfenden  berührt,  abhängig  gemacht
werden  sollte.  Die  Verantwortlichkeit  in  diesen  Dingen
  ist  getrennt,  nicht  gemeinsam,  absolut,  nicht  relativ.

Die  Einschränkungen,  die  sich  Deutschland  in  der  Verwendung
  seiner  Kampfmittel  zur  See  auferlegte,  ließ  die  deutsche
Regierung  Ende  Januar  1917  infolge  der  durch  die  Ablehnung
des  Friedensangebotes  verschärsten  Lage  fallen  und  führte  vom
1.  Februar  an  den  uneingeschränkten  U-Bootkrieg  durch,  den  sie
den  neutralen  Staaten  durch  nachstehende  Denkschrift  ankündigte.

Denkschrift  der  deutschen  Regierung  über  Verschärfung
  des  Unterseeboptkrieges  vom  31.  Januar
  .

VomLFebruarWUabwirdindennachstehendbes
zeichneten  Sperrgebieten  um  Großbritannien,  Frankreich
  und  Italien  herum  und  im  östlichen  Mittelmeer
jedem  Seeverkehr  ohne  weiteres  mit  allen  Waffen  entgegengetreten
  werden.  Solche  Sperrgebiete  sind:

a)  im  Norden  ein  Gebiet  um  England  und  Frankreich,
  das  begrenzt  wird  durch  eine  Linie  in  20
Seemeilen  Abstand  längs  der  holländischen  Küste
bis  Terschelling-Feuerschiff,  den  Längengrad  von
Terschelling-Feuerschiff  bis  Udsire,  eine  Linie
von  dort  über  den  Punkt  62  Grad  Nord  0
(Null)  Grad  Länge  nach  62  Grad  Nord  5  Grad
West,  weiter  zu  einem  Punkt  8  Seemeilen  südlich
  der  Südspitze  der  Färder,  von  dort  über  62
Grad  Nord  10  Grad  West  nach  61  Grad  Nord
15  Grad  West,  dann  57  Grad  Nord  20  Grad
West  bis  47  Grad  Nord  20  Grad  West,  weiter
nach  45  Grad  Nord  15  Grad  West,  dann  auf
        <pb n="201" />
        Dokumente  zum  Unterseebootkrieg

einem  Breitengrad  48  Grad  Nord  entlang  bis
20  Seemeilen  von  Kap  Finisterre  und  in  20  Seemeilen
  Abstand  entlang  der  spanischen  Nordküste
bis  zur  franzöfischen  Grenze;

b)  im  Süden  das  Mittelmeer;  der  neutralen  Schifffahrt
  bleibt  offen  das  Seegebiet  westlich  der  Linie
Pt.  de  l  Espiquette  bis  zu  38  Grad  20  Minuten
Nord  und  6  Grad  Ost  sonie  nördlich  und  westlich
  eines  6  Seemeilen  breiten  Streifens  längs
der  nordafrikanischen  Küste,  beginnend  auf  2
Grad  estlänge

Zur  Verbindung  dieses  Seegebietes  mit  Griechenland
  führt  ein  20  Seemeilen  breiter  Streifen
nördlich  bzw.  östlich  folgender  Linie:  38  Grad
Nord  und6  Grad  Ost  nach  38  Grad  Nord  und  10
Grad  Ost  nach  37  Grad  Nord  und  11  Grad  30
Minuten  Ost  nach  34  Grad  Nord  und  11  Grad
30  Minuten  Ost  nach  34  Grad  Nord  und  22  Grad
30  Minuten  Ost.

Vor  hier  führt  ein  20  Seemeilen  breiter  Streifen
  westlich  22  Grad  30  Minuten  Ostlänge  in  die
griechischen  Hoheitsgewässer.

Neutrale  Schiffe,  die  die  Sperrgebiete  befahren,  tun
dies  auf  eigene  Gefahr.  Wenn  auch  Vorsorge  getroffen
  ist,  daß  neutrale  Schiffe,  die  am  1.  Februar  auf
der  Fahrt  nach  Häfen  der  Sperrgebiete  sind,  während
einer  angemessenen  Frist  geschont  werden,  so  ist  doch
dringend  anzuraten,  daß  sie  mit  allen  verfügbaren
Mitteln  gewarnt  und  umgeleitet  werden.

Neutrale  Schiffe,  die  in  Häfen  der  Sperrgebiete  liegen,
  können  mit  gleicher  Sicherheit  die  Sperrgebiete
verlassen,  wenn  sie  vor  dem  5.  Februar  auslaufen
und  den  kürzesten  Weg  in  freies  Gebiet  nehmen.

Der  Verkehr  der  regelmäßigen  amerikanischen  Passagierdampfer
  kann  unbehelligt  weitergehen,  wenn

a)  Falmouth  als  Zielhafen  genommen  wird;

b)  auf  dem  Hin-  und  Rückwege  die  Scillys  sowie
ein  Punkt  50  Grad  Nord  20  Grad  Westangesteuert
wird.  Auf  diesem  Wege  werden  keine  deutschen
Minen  gelegt  werden;

e)  die  Dampfer  folgende  besondere,  in  den  amerikanischen
  Fäfen  ihnen  allein  gestattete  Abzeichen
führen:  Anstrich  des  Schiffsrumpfes  und  der
Aufbauten,  3  m  breite  Vertikalstreifen,  abwechselnd
  weiß  und  rot.  In  jedem  Mast  eine  große
weiß-  und  rotkarierte  Flagge.  am  Heck  amerikanische
  Nationalflagge.  Bei  Dunkelheit  müssen
Nationalflagge  und  Anstrich  der  Schiffe  nach
Möglichkeit  gut  erkennbar  und  die  Schiffe  durchweg
  hell  erleuchtet  sein;

d)  ein  Dampfer  wöchentlich  in  jeder  Richtung  geht,
dessen  Ankunft  in  Falmouth  Sonntags,  Abfahrt
aus  Falmouth  Mittwochs  erfolgt;

e)  Garantie  der  amerikanischen  epierung  gegeben
wird,  daß  diese  Dampfer  keine  Bannware  (nach
deutschen  Bannwarenlisten)  mit  sich  führen.

Karten,  in  welchen  die  Sperrgebiete  eingezeichnet
sind,  sind  in  je  zwei  Exemplaren  beigefügt.

Den  Regierungen  der  anderen  neutralen  Staaten
sind  entsprechende  Noten  übermittelt  worden.

An  demselben  Tage  wurde  der  amerikanischen  Regierung
gleichzeitig  mit  der  Denkschrift  folgende  Note  übermtttelt:

Deutsche  Note  an  die  Vereinigten  Staaten.

Ew.  Exzellenzt  haben  die  Güte  gehabt,  mir  unter
dem  22.  d.  Mts.  von  der  Botschaft  Mitteilung  zu  ma-1

  Der  amerikanische  Botschafter  in  Berlin.

163

chen,  die  der  Herr  Präsident  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  am  gleichen  Tage  an  den  amerikanischen
Senat  gerichtet  hat.  Die  Kaiserliche  Regierung  hat
von  dem  Inhalt  der  Botschaftt  mit  der  ernsten  Auf.
merksamkeit  Kenntnis  genommen,  die  den  von  hohem
Verantwortlichkeitsgefühle  getragenen  Darlegungen
des  Herrn  Präsidenten  zukommt.  Es  gereicht  mir  zu
großer  Genugtuung,  festzustellen,  daß  die  Richtlinien
dieser  bedeutsamen  Kundgebung  in  weitem  Umfange
mit  den  Grundsätzen  und  Wünschen  übereinstimmen,
zu  denen  sich  Deutschland  bekennt.  Hierzu  gehört  an
erster  Stelle  das  Recht  der  Selbstbestimmung  und  die
Gleichberechtigung  aller  Nationen;  in  Anerkennung
dieses  Prinzips  würde  Deutschland  es  aufrichtig  be-Früßen,

  wenn  Völker  wie  Irland  und  Indien,  die
ich  der  Segnungen  staatlicher  Unabhängigkeit  nicht  erfreuen,
  nunmehr  ihre  Freiheit  erlangten.  Bündnisse,
welche  die  Völker  in  den  Wettbewerb  um  die  Macht
hineintreiben,  lehnt  auch  das  deutsche  Volk  ab.  Dagegen
  ist  seine  friedliche  Mitarbeit  allen  Bemühungen
gesichert,  die  für  die  Verhütung  künftiger  Kriege  abzielen.
  Die  Freiheit  der  Meere  als  Vorbedingung  für
den  freien  Bestand  und  den  friedlichen  Verkehr  der
Völker  hat  ebenso  wie  die  offene  Tür  für  den  Handelsverkehr
  aller  Nationen  stets  zu  den  leitenden  Grundsätzen
  der  deutschen  Politik  gehört.  Um  so  tiefer
beklagt  es  die  Kaiserliche  Regierung,  daß  das  friedensfeindliche
  Berhalten  ihrer  Gegner  es  der  Welt  unmöglich
  macht,  schon  jetzt  die  Verwirklichung  dieser  erhabenen
  Ziele  in  Angriff  zu  nehmen.  Deutschland  und
seine  Verbündeten  waren  bereit,  alsbald  in  Friedensverhandlungen
  einzutreten,  und  hatten  als  Grundlage
  die  Sicherung  des  Daseins  der  Ehre  und  der
Entwicklungsfreiheit  ihrer  Völker  bezeichnet.  Ihre
Pläne  waren,  wie  sie  in  der  Note  vom  12.  Dezember
19162  ausdrücklich  betonten,  nicht  auf  die  Zerschmetterung
  oder  Vernichtung  der  Gegner  gerichtet  und
nach  ihrer  überzeugung  mit  den  Rechten  der  anderen
Nationen  wohl  vereinbar.

Was  insbesondere  Belgien  anlangt,  das  den  Gegenstand
  warmherziger  Sympathien  in  den  Vereinigten
Staaten  bildet,  so  hatte  der  Reichskanzler  wenige  Wochen
  vorher  erklärt,  daß  eine  Einverleibung  Belgiens
niemals  in  Deutschlands  Absichten  gelegen  hat.
Deutschland  wollte  in  dem  mit  Belgien  zu  schließenden
  Frieden  lediglich  Vorsorge  dafür  treffen,  daß  dieses
  Land,  mit  dem  die  Kaiserliche  Regierung  in  guten
  nachbarlichen  Verhältnissen  zu  leben  wünscht,  von
den  Gegnernnicht  zur  Förderung  feindlicher  Anschläge
ausgenutzt  werden  kann.  Solche  Vorsorge  ist  um  6
dringender  geboten,  als  die  feindlichen  Machthaber  in
wiederholten  Reden  und  namentlich  in  den  Beschlüssen
  der  Pariser  Wirtschaftskonferenz  unverhüllt  die
Absicht  ausgesprochen  haben,  Deutschland  auch  nach
Wiederherstellung  des  Friedens  nicht  als  gleichberech.
tigt  anzuerlennen.  sondern  vielmehr  systematisch  weiter
  zu  bekämpfen.  An  der  Eroberungssucht  der  Gegner,
  die  den  Frieden  diktieren  wollen,  ist  der  Friedensversuch
  der  vier  Verbündeten  gescheitert.  Unter  dem
Aushängeschild  des  Rationalitätenprinzips  haben  sie
als  Kriegsziel  enthüllt.  Deutschland,  Osterreich-Ungarn,
  die  Türkei  und  Bulgarien  zu  zerstückeln  und  zu
entehren.  Dem  Versöhnungswunsche  stellen  sie  ihren
Vernichtungswillen  entgegen.  Sie  wollen  den  Kampf
bis  aufs  äußerste.  So  ist  eine  hachlage  entstanden,
die  auch  Deutschland  zu  neuen  Entschlüssen  zwingt.

11°
        <pb n="202" />
        164

Seit  2½  Jahren  mißbraucht  England  seine  Flottenmacht
  zu  dem  frevelhaften  Versuche,  Deutschland  durch
Hunger  zur  Unterwerfung  zu  bringen.  In  brutaler

ißachtung  des  Völkerrechts  unterbindet  die  von  England
  geführte  Mächtegruppe  nicht  nur  den  legitimen
Handel  ihrer  Gegner,  durch  rücksichtslosen  Druck  nötigt
  sie  auch  die  neutralen  Staaten,  jeden  ihr  nicht  genehmen
  Handelsverkehr  aufzugeben  oder  den  Han
nach  ihren  willkürlichen  Vorschriften  einzuschränken.
Das  amerikanische  Volk  kennt  die  Bemühungen,  die
unternommen  worden  sind,  um  England  und  seine
Bundesgenossen  zur  Rückkehr  zum  Völkerrecht  und  zur
Uchtung  vor  dem  Eeset  der  Freiheit  der  Meere  zu  bewegen.
  Die  englische  Regierung  verharrt  bei  ihrem
Aushungerungskrieg,  der  zwar  die  Wehrkraft  des  Gegners
  nicht  trifft,  aber  Frauen  und  Kinder,  Kranke  und
Greise  zwingt,  um  des  Vaterlandes  willen  schmerzliche,
  die  Volkskraft  gefährdende  Entbehrungen  zu
erdulden.

So  häuft  britische  Herrschsucht  kalten  Herzens  die
Leiden  der  Welt,  unbekümmert  um  jedes  Gebot  der
Menschlichkeit,  unbekümmert  um  die  Proteste  der
schwer  geschädigten  Neutralen,  unbekümmert  selbst  um
die  stumme  Friedenssehnsucht  bei  den  Völkern  der
eigenen  Bundesgenossen.  Jeder  Tag,  den  das  furchtbare
  Ringen  andauert,  bringt  neue  Verwüstungen,
neue  Not  und  neuen  Tod.  Jeder  Tag,  um  den  der
Krieg  abgekürzt  wird,  erhält  auf  beiden  Seiten  Tausenden
  tapferer  Kämpfer  das  Leben  und  ist  eine  Wohltat
  für  die  gepeinigte  Menschheit.  Die  Kaiserliche  Reierung

  würde  es  vor  ihrem  eigenen  Gewissen,  vor

m  deutschen  Volke  und  vor  der  Geschichte  nicht  verantworten
  können,  wenn  sie  irgendein  Mittel  unversucht
  ließe,  das  Ende  des  Krieges  zu  beschleunigen.
Mit  dem  Herrn  Präfidenten  der  Vereinigten  Staaten
hatte  sie  gebeiit  dieses  Ziel  durch  Verzandlungen  zu
erreichen.  Nachdem  der  Bersuch  zur  Verständigung
von  ihren  Gegnern  mit  verschärfter  Kampfansage
beantwortet  worden  ist,  muß  die  Kaiserliche  Regierung,
wenn  sie  in  höherem  Sinne  der  Menschheit  dienen
und  sich  an  den  eigenen  Vollsgenossen  nicht  verfündigen
  will.  den  ihr  von  neuem  aufgedrungenen  Kampf
ums  Dasein  nunmehr  unter  voller  Einsehung  aller
Waffen  fortführen.  Sie  muß  daher  auch  die  Beschränkungen
  fallen  lassen,  die  sie  sich  bisher  in  der  Berwendung
  ihrer  Kampfmittel  zur  See  auferlegt  hat.
Im  Vertrauen  darauf,  daß  das  anterikanische  Volk
und  seine  Regierung  sich  den  Gründen  dieses  Entschlusses
  und  seiner  Notwendigkeit  nicht  verschließen
werden,  hofft  die  Kaiserliche  Regierung,  daß  die  Vereinigten
  Staaten  die  neue  Sachlage  von  der  hohen
Warte  der  Unparteilichkeit  würdigen  und  auch  an
ihrem  Teile  mithelsen  werden,  weiteres  Elend  und
vermeidbares  Opfer  an  Menschenleben  zu  verhüten.

Indem  ich  wegen  der  Einzelheiten  der  geplanten
Kriegsmaßnahmen  zur  See  auf  die  anliegende  Denkschrift!
  Behug  nehmen  darf,  darf  ich  gleichzeitig  der
Erwartung  Ausdruck  geben,  daß  die  amerikanische
Regierung  amierikanische  Schiffe  vor  dem  Einlaufen
in  die  in  der  Anlage  beschriebenen  Sperrgebiete  und
ihre  Staatsangehörigen  davor  warnen  wird,  den  mit
Häfen  des  Sperrgebiets  verkehrenden  Schiffen  Passagiere
  oder  Waren  anzuvertrauen.

gez.  Zimmermann.

1  Slehe  S.  162.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

B.  Das  Friedensangebot  des  Pierdundes  vom
12.  Dezembder  1916.

Die  bereits  im  Oktober  1916  von  der  Ssterreichisch-ungarischen

NRegierung  gegebene  Anregung  zu  einem  Friedensangebot  fand
ihren  Widerhall  in  folgendem  Briefe  Kaiser  Wilhelms  an  den
beutschen  Neichskanzler:

Neues  Palais,  81.  Oktober  1916.
Mein  lieber  Bethmann!  Unser  Gespräch  habe  ich
noch  nachher  gründlich  überdacht.  Es  ist  klar,  die  in
Kriegspsychose  befangenen,  von  Lug  und  Trug  im
Wahne  des  D  und  im  Haß  gehaltenen  Völker
unserer  Feinde  haben  keine  Männer,  die  imstande
wären,  die  den  moralischen  Mut  besäßen,  das  befreiende
  Wort  zu  sprechen.  Den  Vorschlag  zum  Frieden
u  machen  ist  eine  sittliche  Tat,  die  notwendig  ist,  um
ie  Welt  —  auch  die  Neutralen  —  von  dem  auf  allen
lastenden  Druck  zu  befreien.  Zu  einer  solchen  Tat
gehört  ein  Herrscher,  der  ein  Gewissen  hat  und  sich  Gott
verantwortlich  fühlt  und  ein  Herz  für  seine  und  die
feindlichen  Menschen,  der  unbekümmert  um  die  eventuellen
  absichtlichen  Mißdeutungen  seines  Schrittes
den  Willen  hat,  die  Welt  von  ihren  Leiden  zu  befreien.
Ich  habe  den  Mut  dazu.  Ich  will  es  auf  Gott  wagen.
Legen  Sie  mir  bald  die  Noten  vor  und  machen  Sie

alles  bereit.  gez.  Wilhelm  I.  B.

Wortlant  des  Friedensaugebotes  vom  12.  Dezember
  1916.

Der  furchtbarste  Krieg,  den  die  Geschichte  je  gesehen
hat,  wütet  seit  bald  zweieinhalb  Jahren  in  einem  grosien
  Teile  der  Welt.  Diese  Katastrophe,  die  das  Band
einer  gemeinsamen  tausendjährigen  Zivilisation  nicht
hat  aufhalten  können,  trifft  die  Menschheit  in  ihrer
wertvollsten  Errungenschaft.  Sie  droht  den  Hesstigen
und  materiellen  Fortschritt,  der  den  Stolz  Europas
zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  bildete,  in  Trümmer
  zu  legen.

Deutschland  und  seine  Verbündeten  Österreich-Ungarn,
  Bulgarien  und  die  Türkei  haben  in  diesem
Kampfe  ihre  unüberwindliche  Kraft  erwiesen.  Sie
haben  über  ihre  an  Zahl  und  Kriegsmaterial  überlegenen
  Gegner  gewaltige  Erfolge  errungen.  Unerschünert
  halten  gr  Linien  den  immer  wiederholten
Angriffen  der  Heere  ihrer  Feinde  stand.  Der  jüngste
Anßurm  auf  dem  Balkan  ist  schnell  und  siegreich
niedergeworfen  worden.  Die  letzten  Ereignisse  beweisen,
  daß  auch  eine  weitere  Fortdauer  des  Krieges
ihre  Widerstandskraft  nicht  zu  brechen  vermag,  daß
vielmehr  die  gesamte  Lage  zu  der  Erwartung  weiterer
Erfolge  berechtigt.

ur  Verteidigung  ihres  Daseins  und  ihrer  nationalen
  Entwicklungsfreiheit  wurden  die  vier  verbündeten
  Mächte  gezwungen,  zu  den  Waffen  zu  greifen.
Auch  die  Ruhmestaten  ihrer  Heere  haben  daran  nichts
geändert.  Stets  haben  sie  an  der  überzeugung  festehalten,
  daß  ihre  elgenen  Rechte  und  begründeten
nspruͤche  in  keinem  Widerspruch  zu  den  Rechten  der
anderen  Nationen  1½  Sie  gehen  nicht  darauf  aus,
den  Gegner  zu  zerschmettern  oder  fu  vernichten.

Getragen  von  dem  Bewußtsein  ihrer  meilitärischen
und  wirtschaftlichen  Kraft  und  bereit,  den  ihnen  aufezwungenen

  Kampf  nötigenfalls  his  zum  äußersten
seonnuseten.  zugleich  aber  von  dem  Wunsche  beseelt,
weiteres  Blutvergießen  zu  verhüten  und  den  Greueln
des  Krieges  ein  Ende  zu  machen,  schlagen  die  vier
verblündeten  Mächte  vor,  alsbald  in  Friedensverhandlungen
  einzutreten.  Die  Vorschläge,  die  sie  zu  diesen
        <pb n="203" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

Verhandlungen  mitbringen  werden  und  die  darauf
gerichtet  sind,  Dasein,  eher  und  Entwicklungsfreiheit
ihrer  Bölker  zu  sichern,  bilden  nach  ihrer  überzeugung
eine  geeignete  Grundlage  für  die  Herstellung  eines
dauerhaften  Friedens.

Wenn  trot  dieses  Anerbietens  zu  Frieden  und  Versöhnung
  der  Kampf  fortdauern  sollte,  so  sind  die  vier
verbündeten  Mächte  entschlossen,  ihn  bis  zum  siegreichen
  Ende  zu  führen.  Sie  lehnen  aber  feierlich  jede
Verantwortung  dafür  vor  der  Menschheit  und  der
Geschichte  ab.

Aufruf  Kaiser  Wilhelms  an  Heer  und  Flotte.

Dem  Heero  wurde  von  dem  Friedensangebot  am  12.  Dezember
1916  durch  folgende  kalserliche  Order  Kenntnis  gegeben:

Soldaten!  In  dem  Gefühl  des  Sieges,  den  Ihr
durch  Eure  Tapferkeit  errungen  habt,  haben  Ich  und
die  Herrscher  der  treuverbündeten  Staaten  dem  Feinde
ein  Friedensangebot  gemacht.

Ob  das  damit  verbundene  Ziel  erreicht  wird,  bleibt

ingestellt.
hr  habt  weiterhin  mit  Gottes  Hilfe  dem  Feinde
standzuhalten  und  ihn  zu  schlagen.

Großes  Hauptquartier.  Wilhelm  I.  R.

An  das  deutsche  Heer.

Vorstehende  Kundgebung  wurde  auch  an  die  Kaiserliche  Marine
  gerichtet  mit  dem  Zusag:

Diese  Order  richtet  sich  auch  an  Meine  Marine,  die
alle  ihre  Kräfte  treu  und  wirkungsvoll  eingesetzt  hat
in  dem  gemeinsamen  Kampfe.  Wilhelm  I.  R.

Die  dentsche  Note  an  den  Papst.

Am  gleichen  Tage  teilte  die  deutsche  Regierung  dem  Papft  durch
den  Gesandten  v.  Mühlberg  in  nachstehender,  an  den  Kardinal-Staatssekretär
  Gasparri  gerichteten  Note  das  Friedensangebot  mit:

Erhaltenem  Auftrage  gemäß  beehre  ich  mich,  Eurer
Eminenz  anbei  Abschrift  einer  Erklärung  zu  übersenden,
  welche  die  Kaiserliche  Regierung  heute  an  die
Negierungen  derjenigen  Staaten,  mit  denen  sich  das
Deutsche  Reich  im  Kriegszustande  befindet,  durch  Vermittlung
  der  mit  dem  Schutze  der  deutschen  Interessen
  in  jenen  Ländern  betrauten  Mächte  gelangen
läßt.  Die  K.  u.  K.  österreichisch-ungarische,  die  Kaiserlich
  ottomanische  und  die  Königlich  bulgarische  Reierung

  haben  ihre  Bereitwilligkeit  #m  intritte  in

—  in  gleicher  Weise  #um  Ausdrucke
  gebracht.  Die  Gründe,  die  Deutschland  und  seine
Verbündeten  zu  diesem  Schritte  bewogen  haben,  sind
offenkundig.  Seit  zweieinhalb  Jahren  verwüstet  der
Krieg  den  europäischen  Kontinent.  Unendliche  Kulturwerte
  sind  vernichtet;  weite  Flächen  mit  Blut  getränkt.
  Millionen  tapferer  Krieger  sind  im  Kampfe
gefallen,  Millionen  kehren  in  schwerem  Siechtum  in
die  Heimat  zurück.  Schmerz  und  Trauer  erfüllen
fast  jedes  Haus.  Nicht  bei  den  Kriegführenden  allein,
sondern  auch  bei  den  Neutralen  lasten  die  verheerenden
  Folgen  des  gewaltigen  Ringens  schwer  auf  den
Völkern.  Handel  und  Wandel,  mühsam  in  den  Jahren
des  Frieders  aufgebaut,  liegen  danieder.  Die  besten
Kräfte  der  Vollensind  der  Beschaffung  nutzbringender
Berte  entzogen.  Europa,  der  Ausbreitung  von  Religion
  und  Kultur,  der  Lösung  sozialer  Probleme  gewidmet,
  eine  Stätte  für  Wissenschaft  und  Kunst  und
für  jede  friedliche  Arbeit,  gleicht  einem  einzigen  Kriegslager,
  in  dem  die  Errungenschaften  und  die  Arbeiten
vieler  Jahrzehnte  der  Vernichtung  entgegengehen.

165

Deutschland  führt  einen  Verteidigungskrieg  gegen
die  Vernichtungsarbeit  seiner  Feinde.  Es  kämpft  für
die  reale  Sicherheit  seiner  Grenzen,  für  die  Freiheit
seines  Volkes,  für  dessen  Anspruch,  ungehemmt  und
gleichberechtigt  mit  allen  anderen  Staaten  seine  geisti-—F
  und  wirtschaftlichen  Kräfte  um  friedlichen  Wettewerb

  frei  g  entfalten.  Immer  offenkundiger  haben
unsere  Feinde  ihre  Eroberungspläne  enthüllt.  Aber
unerschüttert  stehen  die  ruhmreichen  Heere  der  Verbündeten
  schützend  vor  den  Grenzen  ihrer  Heimatländer,
  erfüllt  und  getragen  von  dem  Bewußtsein,
daß  es  dent  Gegner  niemals  gelingen  wird,  den  ehernen
  Wall  zu  durchbrechen.  Hinter  sich  wissen  die
Kampfreihen  das  gesamte  Volk,  in  hingebender  Vaterlandsliebe
  entschlossen,  seine  geistigen  und  wirtschaftlichen
  Güter,  seine  soziale  Organisation,  jeden  Zoll
des  heimatlichen  Bodens  bis  zum  letzten  zu  verteidien.

  Voller  Kraftgefühl,  aber  auch  voll  Verständnis
ür  Europas  düstere  Zukunft  bei  längerer  Dauer  des
Krieges  und  voll  Mitempfinden  für  das  namenlose
Elen  und  den  Jammer  der  menschlichen  Gemeinschaf:
  wiederholt  daher  das  Deutsche  Reich  im  Verein
mu  seinen  Bundesgenossen  in  feierlicher  Form  die
schon  vor  Jahresfrist  durch  den  Mund  des  Reichskanzlers
  ausgesprochene  Bereitwilligkeit,  der  Menschheit
  den  Frieden  wiederzugeben,  indem  es  an  die  Welt
die  Frage  stellt,  ob  sich  nicht  eine  Grundlage  der  Verständigung
  finden  läßt.

Seine  Heuigten  der  Papst  hat  vom  ersten  Tage
seines  Pontifikats  an  den  zahllosen  Opfern  des  Krieges
  seine  teilnehmende  Fürsorge  in  reichstem  Maße
angedeihen  lassen.  Schwere  Wunden  sind  durch  ihn
gelindert,  die  Geschicke  Tausender  von  der  Katastrophe
  Betroffener  erträglicher  gestaltet  worden.  Gemäß
dem  Geiste  seines  hohen  Amtes  hat  Seine  LHliglet
auch  jede  Gelegenheit  wahrgenommen,  im  Interesse
der  leidenden  Menschheit  auf  eine  Beendigung  des
blutigen  Ringens  fin  uwirken.  Die  Kaiserliche  Regierung
  glaubt  sich  aber  der  Hoffnung  hingeben  zu
dürfen,  daß  die  Initiative  der  vier  Mächte  einen  wollwollenden
  Widerhall  bei  Seiner  Heiligkeit  finden  wird
und  daß  ihr  Friedenswerk  auf  die  wertvolle  Unterstützung
  des  apostolischen  Stuhles  rechnen  darf.

Die  Note  der  Bereinigten  Staaten.

Am  21.  Dezember  1916  läßt  Wilson  durch  den  Geschäftsträger
Erem  dem  Staatssekretär  des  Kußern  Zimmermann  solgende
Note  üÜberreichen:

Euerer  Exzellenz  beehre  ich  mich  mitzuteilen,  daß
der  Präsident  der  Vereinigten  Staaten  mir  die  Weisung
  gab,  durch  Vermittlung  Euerer  Exzellenz  bei  der
Kaiserlich  deutschen  Regierung  ein  Verfahren  mit  Beka
  auf  den  gegenwärtigen  Krieg  in  Anregung  zu

ringen.  Deß  Präsidend  hofft,  daß  die  Kaiserlich
deutsche  Regierung  es  in  Erwägung  ziehen  werde
als  eine  Anregung,  die  in  freundschaftlichster  Gesinnung
  gemacht  ist,  und  zwar  nicht  nur  von  einem
Freunde,  sondern  zugleich  von  einem  Vertreter  einer
neutralen  Nation,  deren  Interessen  durch  den  Krieg
ernstlichst  in  Mitleidenschaft  gezogen  worden  sind  un
deren  Interesse  an  einer  baldigen  Beendigung  des
Krieges  sich  daraus  ergibt,  daß  sie  offenkundig  genötigt
  wäre,  Bestimmungen  über  den  bestmöglichen
Schugz  ihrer  Interessen  zu  treffen,  falls  der  Krieg
sortdauern  sollte.

Der  Präsident  hat  sich  schon  lange  mit  dem  Gedanken
  getragen,  einen  Vorschlag,  den  ich  die  Weisung
habe  zu  übermitteln,  zu  machen.  Er  macht  ihn  im
        <pb n="204" />
        166

gegenwärtigen  Augenblicke  nicht  ohne  eine  gewisse  Verlegenheit,
  weil  es  jetzt  den  Anschein  erwecken  könnte,
als  sei  er  angeregt  von  dem  Wunsche,  im  Zusammenhang
  mit  dem  jüngsten  Vorschlag  der  Zentralmächte
  eine  Rolle  zu  spielen.  Tatsächlich  ist  der  ursprüngliche
  Gedanke  des  Präsidenten  in  keiner  Weise
auf  diese  Schritte  zurückzuführen,  und  der  Präsident
hätte  mit  seinem  Vorschla  gewartet,  bis  diese  Vorschläige
  unabhängig  davon  beantwortet  worden  wären,
wenn  seine  Anregung  nicht  auch  die  Frage  des  Friedens
  beträfe,  die  am  besten  im  Nusammenhan  mit
den  anderen  dahinzielenden  Vorschlägen  erörtert
wird.  Der  Präsident  bittet  nur,  daß  seine  Anregung
allein  nach  ihrem  eigenen  Wert  und  so  beurteilt  werde,
als  wäre  sie  unter  anderen  Verhällnissen  gemacht
worden.

Der  Präsident  regt  an,  daß  baldigst  Gelegenheit
genommen  werde,  von  allen  jetzt  kriegführenden
  Staaten  ihre  Ansichten  über  die  Bedingungen
  zu  erfahren,  unter  denen  der  Krieg
zum  Abschluß  gebracht  werden  könnte,  un
Über  die  Vorkehrungen,  die  gegen  eine  Wiederholung
des  Krieges  oder  Entfachung  irgendeines  ähnlichen
Konfliktes  in  Zukunft  eine  zufriedenstellende  Bürgschaft
  leisten  könnten,  so  daß  sich  die  Möglichkeit  biete,  sie
offen  zu  vergleichen.  Dem  Präsidenten  ist  die  Wahl  der

ur  Erreichung  dieses  Zieles  geeigneten  Mittel  Heich

r  ist  gerne  bereit,  zur  Erreichung  dieses  Zweckes  in
jeder  annehmbaren  Weise  seinerseits  dienlich  zu  sein
oder  sogar  die  Initiative  A  ergreifen.  Er  wünscht
jedoch  nicht,  die  Art  und  Weise  und  die  Mittel  zu  bestimmen.
  Jeder  Weg  wird  ihm  genehm  sein,  wenn  nur
das  große  Ziel,  das  er  im  Auge  hat,  erreicht  wird.

Der  Präsident  nimmt  sich  die  Freiheit,  darauf  hinuweisen,

  daß  die  Ziele,  die  die  Staatsmänner  beider
jiegführender  Parteien  in  diesem  Kampfe  im  Auge
haben,  dem  Wesen  nach  die  gleichen  sind.  Sie  haben
sie  ja  in  allgemeinen  Worten  ihren  eigenen  Völkern
und  der  Welt  kundgegeben.  Beide  Parteien  wünschen
für  die  Zukunft  die  Rechte  und  Freiheiten  schwacher
Völker  und  kleiner  Staaten  ebenso  gegen  eine  Unterdrückung
  oder  Verneinung  gesichert  zu  sehen  wie  die
Rechte  und  Freiheiten  der  großen  und  mächtigen
Staaten,  die  jetzt  Kicg  führen.  Jeder  wünscht  sich
neben  allen  anderen  Nationen  und  Völkern  in  Zukunft
  gesichert  zu  sehen  gegen  eine  Wiederholung  eines
Krieges  wie  des  gegenwärtigen,  sowie  gegen  Angriffe
und  eigennützige  Störungen  jeder  Art.  Jeder  glaubt,
der  Bildung  weiterer  gegnerischer  Vereinigungen,  die
unter  wachsendem  Argwohn  ein  unsicheres  Gleichgewicht
  der  Mächte  herbeiführen  würde,  mit  Mißtrauen
entgegensehen  zu  sollen.  Aber  jeder  ist  bereit,  die
Bil  ung.  einer  Liga  von  Nationen  in  Erwägung  zu
ziehen,  die  den  Frieden  und  die  Gerechtigkert  in  der
ganzen  Welt  gewähreistet

Ehe  jedoch  dieser  letzte  Schritt  getan  werden  kann,
hält  jede  Partei  es  für  notwendig,  zunächst  die  mit
dem  egenwärtigen  Krieg  verknüpften  Fragen  unter
den  Bedingungen  zu  lösen,  die  Unabhängigkeit,  territoriale
  Integrität  sowie  politische  und  wirtschaftliche
Freiheit  der  am  Kriege  beteiligten  Nationen  sicherlich
gewährleisten.

Volk  und  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  haben
an  den  Maßnahmen,  die  in  Zukunft  den  Frieden  der
Welt  sicherstellen  sollen,  ein  ebenso  dringendes  unmittelbares
  Interesse  wie  die  jetzt  im  Kriege  befindlichen
  Regierungen;  ihr  Interesse  an  den  Maßnahmen,
  die  ergriffen  werden  sollen,  um  die  kleineren,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

schwächeren  Völker  der  Welt  vor  den  Gefahren  der
Zufügung  eines  Unrechtes  und  der  Vergewaltigung
zuschützen,  ist  ebenso  lebhaft  und  brennend  wie  das
irgendeines  anderen  Volkes  oder  einer  anderen  Reierung.

  Das  amerikanische  Volk  und  die  Regierung
ind  bereit,  ja,  sie  sehnen  sich  danach,  nach  Beendigung
  des  Krieges  bei  der  Erreichung  dieses  Zieles  mit
allem  ihnen  zu  Gebote  stehenden  Einfluß  und  Mitteln
mitzuwirken.  Aber  der  Krieg  muß  erst  beendet  sein.
Die  Vereinigten  Staaten  müssen  es  sich  versagen,  Bedingungen
  vorzuschlagen,  auf  Grund  deren  der  Krieg
beendigt  werden  soll.  Aber  der  Präsident  sieht  es
als  sein  Recht  und  seine  Pflicht  an,  das  Interesse  der
Bereinigten  Staaten  an  der  Beendigung  des  Krieges
darzutun,  damit  es  nicht  einst  zu  spät  ist,  die  grohen
Ziele,  die  sich  nach  Beendigung  des  Krieges  auftun,
zu  erreichen,  damit  nicht  die  Lage  der  neutralen  Staaten,
  die  jetzt  schon  äußerst  schwer  zu  ertragen  ist,  ganz
unerträglich  wird,  damit  vor  allem  nicht  die  Zivilisation
  einen  nicht  zu  rechtfertigenden,  nicht  wieder  gutzumachenden
  Schaden  erleidet.

Der  Präsident  fühlt  sich  daher  durchaus  gerechtfertigt,
  wenn  er  eine  alsbaldige  Gelegenheit  zum
Meinungsaustausch  über  die  Bedingungen  anregt,
die  schließlichen  Vereinbarungen  für  den  Weltfrieden
vorangehen  müssen,  die  jedermann  wünscht  und  bei
denen  die  neutralen  Staaten  ebenso  wie  die  kriegführenden
  bereit  sind,  in  vollverantwortlicher  Weise  mitzuwirken.


Wenn  der  Kampf  bis  zum  unabsehbaren  Ende
durch  langsame  Aufreibung  fortdauern  soll,  bis  die
eine  oder  die  andere  Gruppe  der  Kriegführenden  erschöpft
  ist,  wenn  Millionen  und  aber  Millionen  Menschenleben
  weiter  geopfert  werden  sollen,  bis  auf  der
einen  oder  anderen  Seite  nichts  mehr  zu  opfern  ist,  wenn
eine  Erbitterung  angefacht  werden  soll,  die  niemals
abkühlen  kann,  und  eine  Verzweiflungerzeugt  wird,  von
der  sich  niemand  erholen  kann,  dann  werden  die  Hosf
nungen  auf  den  Frieden  und  ein  freiwilliges  Zusammenarbeiten
  freier  Völker  null  und  nichtig.  Das  Leben
der  ganzen  Welt  ist  tief  in  Mitleidenschaft  gezogen.
Jeder  Teil  der  großen  Familie  der  Menschheit  hat  die
Last  und  den  Schrecken  dieses  noch  nie  dagewesenen
Waffenganges  gespürt.  Keine  Nation  in  der  zivilisierten
  Welt  kann  tatsächlich  als  außerhalb  seines  Einflusses
  seeend  oder  als  gegen  seine  störenden  Wirkungen
  6é  ichert  erachtet  werden.

Doch  die  konkreten  Ziele,  für  die  der  Kampf  geführt
wird,  sind  niemals  endgültig  festgestellt  worden.  Die
Führer  derverschiedenen  kriegführenden  Mächte  haben,
wie  gesagt,  diese  Ziele  in  allgemeinen  Wendungen
aufgestellt.  Aber  in  allgemeinen  Ausdrücken  gehalten
scheinen  sie  die  gleichen  auf  beiden  Seiten.  Bisher  haben
dieverantwortlichen  Wortführer  auf  beiden  Seiten  noch
kein  einziges  Mal  die  genauen  Ziele  angegeben,  die,
wenn  sie  erreicht  würden,  sie  und  ihre  Völker  so  zufriedenstellen
  würden,  daß  der  Krieg  nun  auch  wirklich  zu
Ende  gefochten  wäre.  Der  Welt  ist  es  überlassen,  zu
vermuten,  welche  endgültigen  Erlebnisse,  welcher  tatsächliche
  Austausch  von  Garantien,  welche  politischen
oder  territorialen  Veränderungen  oder  Verschiebunen,

  ja  selbst  welches  Stadium  des  militärischen  Erolges
  den  Krieg  zu  Ende  bringen  würde.
ielleicht  ist  der  Friede  näher,  als  wir  glauben.
Vielleicht  sind  die  Bedingungen,  auf  denen  die  beiden
kriegführenden  Parteien  es  für  nötig  halten  zu  bestehen,
  nicht  so  unvereinbar,  wie  manche  fürchten;  vielleicht
  könnte  ein  Meinungsaustausch  wenigstens  den
        <pb n="205" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

Weg  zu  einer  Konferenz  ebnen,  vielleicht  könnte  so
die  nächste  Zukunft  auf  ein  dauerndes  Einvernehmen
der  Nationen  hoffen  und  sich  ein  Zusammengehen  der
Nationen  alsbald  verwirklichen.

Der  Präsident  schlägt  keinen  Frieden  vor,  er  bietet
nicht  einmal  seine  Vermittlung  an.  Er  regt  nur  an,
daß  man  sondiere,  damit  die  neutralen  und  die  kriegführenden
  Staaten  erfahren,  wie  nahe  wohl  das  Ziel
des  Friedens  sein  mag,  nach  welchem  die  ganze
Menschheit  mit  heißem,  wachsendem  Begehren  sich
sehnt.  Der  Präsident  glaubt,  daß  der  Geist,  in  dem
er  spricht,  und  die  Ziele,  die  er  erstrebt,  von  allen  Beteiligten
  verstanden  werden.  Er  hofft  und  vertraut
auf  eine  Antwort,  die  ein  neues  Licht  in  die  Angelegenheiten
  der  Welt  bringen  wird.

In  gleichlautenden  Noten  wurden  Osterreich-Ungarn  und  die
seindlichen  Mächte  um  Bekanntgabe  ihrer  Ansichten  über  Friedensbedingungen
  ersucht,  worauf  die  Mittelmächte  am  26.  Dezember
lels  den  baldigen  Zusammentritt  von  Vertretern  der  kriegführenden
  Staaten  an  einem  neutralen  Orte  vorschlugen.

Die  Ablehnung  des  Friedensangebotes  durch  die
Entente-Staaten.

Dem  amerikanischen  Botschafter  in  Paris  Sharp  vom  französischen
  Ministerpräsidenten  Briand  am  80.  Dez.  1916  Überreicht.

Die  verbündeten  Regierungen  Belgiens,  Frankreichs,
  Großbritanniens,  Italiens,  Japans,  Montenegros,
  Portugals,  Rumäniens,  Nußlands  und  Serbiens,
  vereinigt  zur  Verteidigung  der  Freiheit  der
Völker  und  treu  der  eingegangenen  Verpflichtung,  nicht
vereinzelt  die  Waffen  niederzulegen,  haben  beschlossen,
gemeinsam  auf  die  angeblichen  Friedensvorschläge  zu
antworten,  die  ihnen  seitens  der  feindlichen  Regierungen
  durch  Vermittlung  der  Vereinigten  Staaten,
Spaniens,  der  Schweiz  und  der  Niederlande  übergeben
  worden  sind.

Vor  jeder  Antwort  legen  die  alliierten  Mächte  Gewicht
  darauf,  gegen  die  beiden  wesentlichen  Behauptungen
  der  Note  der  feindlichen  Staaten  lauten  Einspruch
  zu  erheben,  welche  auf  die  Allüerten  die  Verantwortung
  für  den  Krieg  abwälzen  will  und  die
den  Sieg  der  Zentralmächte  verkündete.  Die  Alliierten
können  diese  doppelt  unrichtige  Behauptung  nicht  zulassen,
  die  genügt,  jeden  Verhandlungsversuch  zur
Unfruchtbarkeit  zu  verurteilen.

Die  alliierten  Nationen  ertragen  seit  30  Monaten
einen  Krieg,  zu  dessen  Vermeidung  sie  alles  getan
haben,  sie  Poin  durch  Taten  ihre  Anhänglichkeit  an
den  Frieden  nachgewiesen.  Diese  Anhänglichkeit  ist
jetzt  ebenso  fest  wie  im  Jahre  1914;  nachdem  Deutschland
  seine  Verpflichtungen  verletzt  hat,  kann  der  von
ihm  gebrochene  Friede  nicht  auf  sein  Wort  gegründet
  werden.

Eine  Anregung  ohne  Bedingungen  für  Eröffnung
von  Verhandlungen  ist  kein  Friedensangebot.  Der
angebliche  Vorschlag,  der  jeden  greifbaren  Inhaltes
und  jeder  Genauigkeit  entbehrend  durch  die  Kaiserliche
Regierung  in  Umlauf  gesetzt  wurde,  erscheint  weniger
als  ein  Friedensangebot  denn  als  ein  Kriegsmanöver.
Er  beruht  auf  der  systematischen  Verkennung  des
Charakters  des  Streites  in  der  Vergangenheit,  in  der
Gegenwart  und  in  der  Zukunft.

Für  die  Vergangenheit  übersieht  die  deutsche
Note  die  Tatsachen,  die  Daten  und  die  Zahlen,  die
feststellen,  daß  der  Krieg  gewollt,  hervorgerufen  und
erklärt  worden  ist  durch  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn.
  Im  Haag  war  es  der  deutsche  Vertreter,

167

der  jeden  Vorschlag  der  Abrüstung  ablehnte;  im  Juli
1914  war  es  Osterreich  =  Ungarn,  das,  nachdem  es
an  Serbien  ein  beispielloses  Ultimatum  gerichtet
hatte,  diesem  den  Krieg  erklärte,  trotz  der  sofort  erlangten
  Genugtuung.  Die  Mittelmächte  haben  darauf
  alle  Versuche  zurückgewiesen,  die  von  der  Entente
  gemacht  wurden,  um  einem  örtlichen  Streit
eine  friedliche  Lösung  zu  verschaffen.  Das  Konferenzangebot
  Englands,  der  französische  Vorschlag  eines
internationalen  Ausschusses,  die  Bitte  des  Kaisers
von  Rußland  an  den  Deutschen  Kaiser  um  ein
Schiedsgericht,  das  zwischen  Nußland  und  Österreich-Ungarn
  am  Vorabend  des  Konfliktes  zustande  gekommene
  Einvernehmen  (entente)  —  alle  Anstrengungen
  sind  von  Deutschland  ohne  Antwort  oder
ohne  Folge  gelassen  worden.  Belgien  wurde  durch
ein  Reich  überfallen,  das  seine  Neutralität  gewährleistet
  hatte  und  das  sich  nicht  scheute,  selbst  zu  erklären,
  daß  Verträge  „Fetzen  Papiere  wären  und
daß  „Not  kein  Gebot=  kennt.

Für  die  Gegen  wart  stützt  sich  das  angebliche  Angebot
  Deutschlands  auf  eine  ausschließlich  europäische
„Kriegskarte-,  die  nur  den  äußeren  und  vorübergehenden
  Schein  der  Lage  und  nicht  die  wirkliche
Stärke  der  Gegner  ausdrückt.  Ein  Friede,  der  unter
solchen  Voraussetzungen  geschlossen  wird,  würde  einzig
den  Angreifern  zum  Vorteil  gereichen,  die  geglaubt
hatten,  ihr  Ziel  in  zwei  Monaten  erreichen  zu  können
und  nun  nach  zwei  Jahren  merken,  daß  sie  es  niemals
  erreichen  werden.

Für  die  Zukunft  verlangen  die  durch  die  Kriegserklärung
  Deutschlands  verursachten  Verwüstungen.
die  unzähligen  Attentate,  die  Deutschland  und  seine
Verbündeten  gegen  die  Kriegführenden  und  gegen
die  Neutralen  verübt  haben,  Sühne,  Wiedergutmachungen
  und  Bürgschaften  (sanctions,  reparations,
garanties).  Deutschland  weicht  listig  dem  einen  wie
dem  anderen  aus.

In  Wirklichkeit  ist  die  durch  die  Zentralmächte  gemachte
  Eröffnung  weiter  nichts  als  ein  wohlberechneter
  Versuch,  auf  die  Entwicklung  des  Krieges  einzuwirken
  und  zum  Schlusse  einen  deutschen  Frieden
aufzunötigen.  Sie  beabsichtigt,  die  öffentliche  Meinung
  in  den  alliierten  Ländern  zu  verwirren.  Diese
Meinung  n"v  aber  trotz  aller  Opfer,  denen  sie  zugestimmt,
  schon  mit  bewundernswerter  Festigkeit  geantwortet
  und  die  Hohlheit  der  feindlichen  Erklärung
ins  Licht  gestellt.  Sie  will  die  öffentliche  Meinung
Deutschlands  und  seiner  Verbündeten  stärken,  die  schon
schwer  geprüft  sind  durch  ihre  Verluste,  zermürbt
durch  die  wirtschaftliche  Not  und  zusammengebrochen
unter  der  äußersten  Anstrengung,  die  von  ihren  Völkern
  verlangt  wird.  Sie  sucht  die  öffentliche  Meinung
der  neutralen  Länder  zu  täuschen  und  einzuschüchtern,
die  sich  schon  seit  langem  über  die  ursprüngliche  Verantwortlichkeit
  ein  Urteil  gebildet  hat,  die  sich  über
die  gegenwärtige  Verantwortung  klar  ist  und  die  zu
hell  sieht,  um  die  Pläne  Deutschlands  zu  begünstigen,
indem  sie  die  Verleidigung  der  menschlichen  Freiheiten
preisgibt.  Sie  versucht  endlich,  vor  den  Augen  der
Welt  im  voraus  neue  Verbrechen  zu  rechtfertigen:
Unterseebootkrieg,  Deportationen,  Zwangsarbeit  und
gewaltsame  Aushebung  von  Staatsangehörigen  gegen
ihr  eigenes  Land,  Neutralitätsverletzung.

In  voller  Erkenntnis  der  Schwere,  aber  auch  der
Notwendigkeiten  der  Stunde  lehnen  es  diealliierten
  Regierungen,  die  unter  sich  eng  verbunden
und  in  voller  übereinstimmung  mit  ihren  Bölkern
        <pb n="206" />
        168

find,  ab,  sich  mit  einem  Vorschlage  ohne  Aufrichtigkeit
  und  ohne  Bedeutung  zu  befassen.

Sie  versichern  noch  einmal,  daß  ein  Friede  nicht
möglich  ist,  solange  nicht  Gewähr  besteht  für  die
Wiederherstellung  (reparation)  der  verletzten  Rechte
und  Freiheiten.  für  die  Anerkennung  des  Grundgesetzes
der  Nationalitäten  und  der  freien  Existenz  der  kleinen
Staaten,  solange  nicht  eine  Regelung  sicher  ist,  die

eeignet  ist.  egal  die  Ursachen  zu  beseitigen,  die
#  lange  die  Völker  bedroht  haben,  und  die  einzig
wirisamen  Bürgschaften  für  die  Sicherung  der  Welt
zu  geben.
ie  alliierten  Mächte  halten  darauf,  sum  Schluß
die  folgenden  Betrachtungen  anzustellen,  die  dieeigentümliche
  Lage  hervorheben  sollen,  in  der  sich  Belgien
nach  zweieinhalbjährigem  Kriege  befindet.  Kraft  der
durch  fünf  Grohmächie  Europas,  unter  denen  sich
auch  Deutschland  befand,  unterzeichneten  Verträge
erfreute  sich  Belgien  vor  dem  Kriege  einer  besonderen
Satzung,  die  sein  Gebiet  unverletzlich  machte  und  es
selbst  unter  die  Garantie  dieser  Mächte  stellte,  in
Sicherheit  vor  den  europäischen  Konflikten.  Gleichwohl
  hat  Belgien  in  Mißachtung  dieser  Verträge  den
ersten  Angriff  Deutschlands  über  sich  ergehen  lassen
müssen.  Deshalb  hält  es  die  belgische  Regierung  für
notwendig-  genau  den  Zweck  auseinanderzusetzen,
weshalb  Belgien  niemals  aufgehört  hat,  in  den  Kampf
an  der  Seite  der  Ententemächte  für  die  Sache  des
Rechts  und  der  Gerechtigkeit  einzutreten.

Belgien  hat  immer  peinlich  die  Pflichten  beobachtet,
die  ihm  seine  Neutralität  auferlegt.  Es  hat  zu  den
Waffen  gegriffen,  um  seine  Unabhängigkeit  und  seine
Neutralitäl  zu  verteidigen,  die  durch  Deutschland  verletzt
  worden  sind,  und  um  seinen  internationalen  Ver-Ppflichtungen
  treu  zu  bleiben.  Am  4.  August  hat  der
Reichskanzler  im  Reichstag  anerkannt,  dan-  dieser  Anriff

  ein  Unrecht  gegen  das  Völkerrecht  sei,  und  hat
66  im  Namen  Deutschlands  verpflichtet,  es  wieder
gutzumachen.

Seit  zweieinhalb  Jahren  hat  sich  diese  Ungerechtigkeit
  grausam  verschärft  durch  die  Keiegsmahnahmer
und  eine  Besetzung,  welche  die  Hilfsmittel  des  Landes
erschöpft,  seine  Industrien  zugrunde  gerichtet,  seine
Städte  und  Dörfer  zerstört  und  die  Niedermetzelunen,

  Me  Hinrichtungen  und  Einkerkerungen  gehäuft
taben.  Und  in  dem  Augenblick.  in  dem  Deutschland

3  Welt  von  Frieden  und  von  Menschlichkeit  spricht,

ührt  es  belgische  Bürger  zu  Tausenden  weg  und
bringt  sie  in  Sklaverei.

Belgien  hat  vor  dem  Krieg  nur  danach  gestrebt,
in  gutem  Einvernehmen  mit  allen  seinen  Nachbarn
zu  leben.  Sein  König  und  seine  Regierung  haben
nur  ein  Ziel:  die  Wiederherstellung  des  Friedens  und
des  Rechtes.  Aber  sie  wollen  nur  einen  Frieden
haben,  der  ihrem  Lande  berechtigte  Wiedergutmachunen

  (reparations),  Garantien  und  Sicherheiten  für  die
Hnrunf=  verbürgen  würde.

Aufrufe  Kaiser  Wilhelms.

Die  Ablehnung  beantwortete  Kaiser  Wilhelm  durch  folgenden
  Erlaß  an  Heer  und  Flotte:

An  Mein  Heer  und  Meine  Marine!

Im  Verein  mit  den  Mir  verbündeten  Herrschern
hatte  Ich  Unseren  Feinden  vorgeschlagen,  alsbald  in
Friedensverhandlungen  einzutreten.  *  Feinde  haben
  Meinen  Vorschlag  abgelehnt.  Ihr  Machthunger
will  Deutschlands  Vernichtung.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Der  Krieg  nimmt  seinen  Fortgang!

Vor  Gott  und  der  Menschheit  fällt  den  feindlichen
Regierungen  allein  die  schwere  Verastwortung  r
alle  weiteren  furchtbaren  Opfer  zu,  die  Mein  Wille
Euch  hat  ersparen  wollen.

In  der  gerechten  Emphrung  über  der  Feinde  anmaßenden
  Frevel,  in  dem  Willen,  unsere  heiligsten
Güter  zu  verteidigen  und  dem  Vaterlande  eine  glückliche
  Zukunft  zu  sichern,  werdet  Ihr  zu  Stahl
werden.

Unsere  Feinde  haben  die  von  Mir  angebotene  Berständigung
  nicht  gewollt.  Mit  Gottes  Hilfe  werden
unsere  Waffen  sie  dazu  zwingen.

Großes  Hauptauartier,  den  5.  Januar  1917.

Wilhelm  I.  R.

Diesem  folgte  am  12.  Januar  der  Aufruf:
An  das  deutsche  Volk!

Unsere  Feinde  haben  die  Maske  fallen  lassen.

Erst  haben  sie  mit  Hohn  und  heuchlerischen  Worten
von  Freiheitsliebe  und  Menschlichkeit  unser  ehrliches
Friedensangebot  Kgewiesen  In  #  Antwort
an  die  Vereinigten  Staaten  haben  sie  sich  jetzt  darüber
  hinaus  zu  einer  Eroberungssucht  bekannt,  deren
Schändlichkeit  durch  ihre  verleumderische  Begründung
noch  gesteigert  wird.

Ihr  Ziel  ist  die  Niederwerfung  Deutschlands,  die
Zerstückelung  der  mit  uns  verbündeten  Mächte  und
die  Knechtung  der  Freiheit  Europas  und  der  Meere
unter  dasselbe  Joch,  das  zähneknirschend  jetzt  Griechenland
  trägt.

Aber  was  sie  in  dreißig  Monaten  des  blutigsten
Kampfes  und  des  gewissenlosesten  Wictschasterriege
nicht  erreichen  konnten,  das  werden  sie  auch  in  aller
Zukunft  nicht  vollbringen.  Unsere  glorreichen  Siege
und  die  eherne  Willenskraft,  mit  der  unser  kämpfendes
  Volk  vor  dem  Feind  und  daheim  jedwede  Mühsal
und  Not  des  Krieges  getragen  hat,  bürgen  dafür,
daß  unser  geliebtes  Vaterland  auch  fernerhin  nichts

u  fürchten  hat.  Hellflammende  Entrüstung  und
zeut  er  Zorn  werden  jedes  deutschen  Mannes  und
Weibes  Kraft  verdoppeln,  gleichviel,  ob  siedem  Kampf,
der  Arbeit  oder  dem  opferbereiten  Dulden  geweiht  ist.

Der  Gott,  der  diesen  herrlichen  Geist  der  Freiheit
in  unseres  tapferen  Bolkes  Herz  gepflanzt  hat,  wird,
ums  und  unseren  treuen,  sturmerprobten  Verbündeten
  auch  den  vollen  Sieg  über  alle  feindliche  Machtgier
  und  Vernichtungswut  geben.

Wilhelm  I.  R.

Deutsche  und  österreichisch-ungarische  Antwortnote

vom  11.  Jannar  1917  an  die  Neutralen  auf  die

Ablehnung  des  A#ette  durch  die  feindlichen
taaten.

Die  deutsche  Note  lautete:

Die  Kaiserliche  Regierung  hat  durch  Vermittlung
der  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von  Ameriko,
der  Königlich  spanischen  Regierung  und  der  Regierung
der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  die  Antwort
ihrer  Gegner  auf  die  Note  vom  12.  Dezember  eralten,

  in  der  Deutschland  im  Einklang  mit  seinen
erbündeten  den  alsbaldigen  Eintritt  in  Friedensverhandlungen
  vorschlug.

Die  Gegner  lehnen  diesen  Vorschlag  mit  der  Beündung

  ab,  daß  es  ein  Vorschlag  ohne  Aufrichtigeit

  und  ohne  Bedeutung  sei.  Die  Form,  in  die  14
ihre  Mitteilung  kleiden,  Ss#czt  eine  Antwort  an  sie
aus.  Die  Kaiserliche  Regierung  legt  aber  Wert  dar-
        <pb n="207" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

auf,  den  Regierungen  der  neutralen  Mächte  ihre  Auffassung
  über  die  Sachlage  zu  kennzeichnen.

Die  Mittelmächte  haben  keinen  Anlaß,  erneut  auf
Auseinandersetzungen  über  den  Ursprung  des  Weltkrieges
  einzugehen.  Die  Geschichte  wird  urteilen,  wen
die  ungeheure  Schuld  an  dem  Kriege  trifft.  Ihr
Wahrspruch  wird  ebensowenig  über  die  Einkreisungspolitik
  Englands,  die  Revanchepolitik  Frankreichs,
das  Streben  Rußlands  nach  Konstantinopel  hinweggeben
  wie  über  die  Aufwiegelung  Serbiens,  den

ord  in  Sarajevo  und  die  Gesamtmobilmachung
Rußlands,  die  den  Krieg  *  Deutschland  bedeutete.

Deutschland  und  seine  Verbündeten,  die  zur  Verteidigung
  ihrer  Freiheit  und  ihres  Daseins  zu  den
Waffen  greifen  mußten,  betrachten  dieses  ihr  Kriegsiel
  als  erreicht.  Dagegen  haben  die  feindlichen

ächte  sich  immer  weiter  von  der  Berwirklichung
ihrer  Pläne  entfernt,  die  nach  den  Erklärungen  ihrer
verantwortlichen  Staatsmänner  unter  anderem  auf
die  Eroberung  Elsaß-Lothringens  und  mehrerer  preu-Pnischer
  Provinzen,  die  Erniedrigung  und  Verminderung
  der  österreichisch=  ungarischen  Monarchie,  die
Aufteilung  der  Türkei  und  die  Versttimmelung  Bulgariens
  gerichtet  sind.  Angesichts  solcher  Kriegsziele
  wirkt  das  Verlangen  nach  Sühne,  Wiedergutmachung
  und  Bürgschaft  im  Munde  der  Gegner  Üüberraschend.


Die  Gegner  bezeichnen  den  Friedensvorschlag  der
vier  verbündeten  Mächte  als  Kriegsmanöver.  Deutschland
  und  seine  Bundesgenossen  müssen  auf  das  nachdrücklichste
  Verwahrung  dagegen  einlegen,  daß  ihre
Beweggründe,  die  sie  offen  dargelegt  haben,  auf  diese
Weise  gefälscht  werden.  Ihre  überzeugung  war,  daß
ein  gerechter  und  für  alle  Kriegführenden  annehmbarer
  Friede  möglich  sei,  daß  er  durch  unmittelbaren
  mündlichen  Gedankenaustausch  herbeigeführt
werden  könne,  und  daß  deshalb  weiteres  Blutvergießen
  nicht  zu  verantworten  sei.  Die  ohne  Vorbehalt
  ausgesprochene  Bereitschaft,  beim  Eintritt  in
die  Verhandlungen  ihre  Friedensvorschläge  bekanntzugeben,
  widerlegt  jeden  Zweifel  an  ihrer  Aufrichtigkeit.
  Die  Gegner,  in  deren  Hand  es  lag,  das  Anebot

  auf  seinen  Gehalt  zu  prüfen,  haben  weder  die

rüfung  versucht  noch  Gegenvorschläge  gemacht.
Statt  dessen  erklären  sie  einen  Frieden  für  unmöglich,
solange  nicht  die  Wiederherstellung  der  verletzten
Rechte  und  Freiheiten,  die  Anerkennung  des  Grund-Lazes
  der  Nationalitäten  und  der  freien  Existenz  der
kleinen  Staaten  gewährleistet  sei.  Die  Aufrichtigkeit,

die  der  Gegner  dem  Vorschlag  der  vier  verbündeten

Mächte  abspricht,  wird  die  Welt  diesen  Foorderungen  B
es

nicht  zubilligen  Eönnen,  wenn  sie  sich  das  Geschick
trischen  Volkes,  die  Vernichtung  der  Freiheit  und
Unabhängigkeit  der  Burenrepubliken,  die  Unterwerfung
  Nordafrikas  durch  England,  Frankreich  und
Italien,  die  Unterdrückung  der  russischen  Fremdvölker
  und  schließlich  die  ohne  Vorgacg  in  der  Geschichte
  dastehende  VBergewaltigung  Griechenlands
vor  Augen  hält.

Auch  über  die  angeblichen  Bölkerrechtsverletzungen
der  vier  Verbündeten  sind  diejenigen  Mächte  nicht  befugt,
  Beschwerde  zu  führen,  die  von  Beginn  des
Krieges  an  das  Recht  mit  Füßen  getreten  und  die
Verträge,  auf  denen  es  beruht,  zerrissen  haben.  England
  sagte  sich  schon  in  den  ersten  Wochen  des  Krieges
von  der  Londoner  Deklaration  los,  deren  Inhalt
seine  eigenen  Delegierten  als  geltendes  Völkerrecht
anerkannt  hatten,  und  verletzte  im  weiteren  Verlauf

169

des  Krieges  auch  die  Pariser  Deklaration  aufs  schwerste,
so  daß  durch  seine  willkürlichen  Maßregeln  für  die
Kriegführung.  zur  See  der  Zustand  der  Rechtlosigkeit
  eintrat.  Der  Aushungerungskrieg  gegen  Deutschland
  und  der  in  Englands  Interesse  ausgeübte
Druck  auf  die  Neutralen  steht  mit  den  Regeln  des
Völkerrechts  nicht  minder  in  schreiendem  Widerspruch
als  mit  den  Geboten  der  Menschlichkeit.

Ebenso  völkerrechtswidrig  und  mit  den  Grundsätzen
  der  Zivilisation  unvereinbar  ist  die  Verwendung
  farbiger  Truppen  in  Europa  und  das  Hineintragen
  des  Keges  nach  Afrika,  das  unter  Bruch  bestehender
  Verträge  erfolgt  ist  und  das  Ansehen  der
weißen  Rasse  in  diesem  Weltteil  untergräbt.  Die
unmenschliche  Behandlung  der  Gefangenen  besonders
in  Afrika  und  in  Rußland,  die  Verschleppung  der

iwilbevölkerung  aus  Ostpreußen,  Elsaß-Lothringen,

alizien  und  der  Bukowina  sind  weitere  Beweise,
wie  die  Gegner  Recht  und  Kultur  achten.

Am  chluß  ihrer  Note  vom  30.  Dezember  verweisen
die  Gegner  auf  die  besondere  Lage  Belgiens  (s.  S.  168).
Die  Kaiserliche  Regierung  vermag  nicht  anzuerkennen,
daß  die  belgische  Regierung  immer  die  Pflichten  beachtet
  hat,  die  ihr  ihre  Neutralität  auferlegte.  Schon
vor  dem  Kriege  hat  Belgien  unter  der  Einwirkung
Englands  sich  militärisch  an  England  und  Frankreich
  angelehnt  und  damit  den  Geist  der  Verträge
selbst  verletzt,  die  seine  Unabhängigkeit  und  seine
Neutralität  sicherstellen  sollten.  Zweimal  hat  die
Kaiserliche  Regierung  der  belgischen  Regierung  erklärt,
  daß  sie  nicht  als  Feind  nach  Belgien  komme,
und  sie  gebeten,  dem  Lande  die  Schrecken  des  Krieges
u  ersparen.  Sie  hat  sich  für  diesen  Fall  erboten,

esitzstand  und  Unabhängigkeit  des  Königreichs  im
vollen  Umfange  zu  garantieren  und  allen  Schaden
-  ersetzen,  der  durch  den  Aurchzug  der  deutschen

ruppen  verursacht  werden  könne.  ist  bekannt,
daßdie  Wnigüch  großbritannische  Regierung  im  Jahre
1887  entschlossen  war,  sich  der  Inanspruchnahme
eines  Wegerechts  durch  Belgien  unter  diesen  Voraussetzungen
  nicht  zu  widersetzen.  Die  belgische  Regierun
  hat  das  wiederholte  Anerbieten  der  Kaiserichen
  Regierung  abgelehnt.  Auf  sie  und  diejenigen
Mähchte,  die  sie  zu  dieser  Laltung  verführt  haben,  fällt
die  Verantwortung  für  das  Schicksal,  das  Belgien
betroften  hat.  Die  Anschuldigungen  wegen  der  deutschen
  Kriegführung  in  Belgien  und  die  dort  im  Interesse
  der  militärischen  Sicherheit  getroffenen  Maßnahmen
  hat  die  Kaiserliche  Regierung  wiederholt  als
unwahr  zurückgewiesen.  Sie  legt  erneut  energische
erwahrung  gegen  diese  Verleumdungen  ein.
Deutschland  und  seine  Bundesgenossen  haben  einen
ehrlichen  Versuch  gemacht,  den  Krieg  zu  beendigen  und
eine  erstündigung  der  Kämpfenden  anzubahnen.
Die  Kaiserliche  Regierung  stellt  fest,  daß  es  lebigi4h
von  dem  Entschluß  ihrer  Gegner  abhing,  ob  der  Weg
um  Frieden  betreten  werden  sollte  oder  nicht.  Die
seindithen  Regierungen  haben  es  abgelehnt,  diesen
Weg  zu  gehen;  auf  sie  fällt  die  volle  Verantwortung
des  Blutvergießens.  Die  vier  verbündeten  Mächte
aber  werden  den  Kampf  in  ruhiger  Zuversicht  und  im
Vertrauen  auf  ihr  gutes  Recht  weiterführen,  bis  ein
Friede  erstritten  ist,  der  ihren  eigenen  Völkern  Ehre,
Dasein  und  Entwicklungsfreiheit  verbürgt,  allen
Staaten  des  europäischen  Kontinents  aber  die  Wohltat
  schenkt,  in  gegenseitiger  Achtung  und  Gleichberechtigung
  gemeinsam  an  der  Lösung  der  großen  Kulturprobleme
  zu  arbeiten.
        <pb n="208" />
        170

Die  Note  Osterreich-Ungarns  lautete:

Die  k.  und  k.  Regierung  hat  die  Ehre  gehabt,  am
5.  Januar  durch  die  gefällige  Vermittlung  der  Regierung
  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  die

intwort  der  mit  ihr  im  Kriegszustande  befindlichen
Staaten  auf  ihre  Note  vom  12.  Dezember  zu  erhalten,
mit  welcher  sie  sich  ebenso  wie  die  mit  ihr  verbündeten
Mächte  zur  Anbahnung  von  Friedensverhandlungen
bereit  erklärt  hatte.

Im  Einvernehmen  mit  den  Regierungen  der  verbündeten
  Mächte  hat  die  k.  und  k.  Regierung  es  nicht
unterlassen,  die  Antwort  der  feindlichen  Regierungen
einer  entsprechenden  Prüfung  zu  unterziehen,  welche
zu  folgendem  Ergebnis  geführt  hat:

Unter  dem  Vorwande,  daß  der  Vorschlag  der  vier
verbündeten  Mächte  ohne  Aufrichtigkeit  und  ohne
Bedeutung  sei,  lehnen  es  die  feindlichen  Regierungen
ab,  auf  diesen  Vorichlag.  einzugehen.  Durch  die
Form,  welche  sie  ihrer  Mitteilung  gegeben  haben,
machen  sie  eine  an  sie  gerichtete  Antwort  unmöglich.
Die  k.  und  k.  Regierung  legt  aber  Wert  darauf,  den
Regierungen  der  neutralen  Mächte  ihre  Auffassung
darzulegen.

ie  Antwort  der  feindlichen  Regierung  geht  der
Erwägung  der  Möglichkeiten  der  Beendigung  des
Krieges  aus  dem  Wege.  Sie  beschränkt  sich  darauf,
neuerlich  die  Vorgänge,  welche  zu  dem  Kriege  geführt
  haben,  die  vermeintliche  Stärke  ihrer  eigenen
mililärischen  Situation  und  die  angeblichen  Beweggründe
  des  Friedensvorschlages  zu  erörtern.

Die  k.  und  k.  Regierung  will  sich  dermalen  nicht
in  ein  neuerliches  orsgesecht  über  die  Vorgeschichte
des  Krieges  einlassen.  Nach  ihrer  überzeugung  ist
vor  den  Augen  der  ganzen  rechtlich  und  Ubchn-.
gen  urteilenden  Menschheit  bereits  hinreichend  und
unwiderleglich  dargetan,  auf  welcher  Seite  die  Schuld
an  dem  Ausbruch  des  Krieges  gelegen  ist.

Was  im  besonderen  das  österreichisch  =  ungarische
Ultimatum  an  Serbien  betrifft.  so  hat  die  Monarchie
in  den  Jahren,  welche  diesem  Schritt  vorausgingen,
hinlänglich  Beweise  ihrer  Langmut  gegenüber  den
sich  stets  steigernden  feindlichen  und  aggressiven  Absichten
  und  Umtrieben  Serbiens  an  den  Tag  Felegt.
bis  zu  dem  Moment,  wo  schließlich  die  ruchlose  Mordtat
  von  Sarajevo  eine  weitere  Nachsicht  ummöglich
gemacht  hat.

Luch  eine  Auseinandersetzung  über  die  Frage,  auf
welcher  Seite  die  militärische  Lage  stärker  sei,  erscheint
müßig  und  darf  getrost  dem  Urteile  der  gesamten
Offentlichkeit  überlassen  bleiben.  übrigens  enthält
eine  Vergleichung  der  Kriegsziele  der  beiden  Gruppen
  bereits  die  Entscheidung  dieser  Frage.  Während
nämlich  Osterreich-Ungarn  und  seine  Verbündeten
den  Krieg  von  Anfang  an  nicht  zum  Zwecke  von  Gebietseroberungen,
  sondern  als  Verteidigungskampf
unternommen  haben,  ist  bei  den  feindlichen  Staaten
das  Gegenteil  der  Fall.  Sie  gehen,  um  nur  einige
ihrer  Kriegsziele  zu  nennen,  auf  die  Niederwerfung
und  Beraubung  der  österreichisch-ungarischen  Monarchie,
  auf  die  Eroberung  von  Elsaß-Lothringen
sowie  auf  die  Uufteilung  der  Türkei  und  die  Vernichtung
  Bulgariens  aus.  Die  vier  verbündeten  Mächte
können  daher  bereits  derzeit  ihre  rein  defensiven
Kriegsziele  als  erreicht  betrachten,  während  die  Gegner
  sich  von  der  Verwirklichung  ihrer  Pläne  immer
weiter  enifernen.

Wenn  schließlich  die  feindlichen  Regierungen  den
Vorschlag  der  vier  verbündeten  Mächte  als  Kriegs-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

manöver  bezeichnen  und  ihn  als  unaufrichtig  und  bedeutungslos
  kennzeichnen,  so  ist  das  vor  Beginn  der
Friedensverhandlungen  und  insolange  daher  unsere
Friedensbedingungen  nicht  bekannt  sind,  lediglich  eine
ganz  willkürliche  Behauptung,  eine  subjektive  Annahme
  ohne  die  Möglichkeit  eines  Beweises.  Die  k.
und  k.  Regierung  und  die  Regierungen  der  mit  ihr
verbündeten  Mächte  haben  ihr  Angebot  der  Einleitung
  von  Friedensverhandlungen  in  aller  Aufrichtigkeit
  und  Loyalität  gemacht,  denn  sie  mußten  ja
auf  die  Möglichkeit  gefaßt  sein,  daß  der  ausdrücklich
ausgesprochene  Antrag,  beim  Eintritt  in  die  Verhandlungen
  ihre  Friedensbedingungen  bekanntzu.
geben,  angenommen  werde.  Die  Gegner  sind  es  vielmehr,
  welche,  ohne  ihrerseits  Gegenvorschläge  zu
machen,  es  abgelehnt  haben,  den  Inhalt  des  Vorschlages
  der  vier  verbündeten  Mächte  kennenzulernen.
Wenn  die  Gegner  vor  allem  die  Wiederherstellung
der  verletzten  Rechte  und  Freiheiten,  die  Anerkennung
des  Grundsatzes  der  Nationalität  und  der  freien  Existenz
  der  kleinen  Staaten  verlangen,  so  wird  es  genügen,
  auf  das  tragische  Geschick  des  irischen  und  des
finnischen  Volkes,  die  Vernichtung  der  Freiheit  und

nabhängigkeit  der  Burenrepublik,  die  Unterwerfung
Nordafrikas  durch  England,  Frankreich  und  Italien
und  schließlich  die  ohne  Beispiel  in  der  Geschichte  dastehende
  Vergewaltigung  Griechenlands  hinzuweisen.

Die  k.  und  k.  Regierung  stellt  fest,  daß  sie  und  die
Regierungen  der  mit  ihr  verbündeten  Mächte  sich  bereit
  erklärt  hatten,  durch  einen  mündlichen  Gedankenaustausch
  mit  den  feindlichen  Regierungen  den  Krie
zu  beenden,  und  daß  es  lediglich  von  dem  Entschicb
der  Gegner  abhing,  ob  der  Friede  angebahnt  werden
sollte  oder  nicht.  ###-  Gott  und  der  Menschheit  lehnen
sie  die  Verantwortung  für  den  Fortgang  des  Krieges  ab.

Osterreich-Ungarn  und  die  mit  ihm  verbündeten
Mächte  aber  werden  den  Kampf  in  ruhiger  Zuversicht
  und  im  Vertrauen  auf  ihr  gutes  Recht  weiterführen,
  bis  ein  Friede  erstritten  ist,  der  ihren  eigenen
Völkern  Dasein,  Ehre  und  Entwicklungsfreiheit  verbürgt
  und  allen  Staaten  Europas  ermöglicht,  in
voller  Gleichberechtigung  gemeinsam  an  der  Lösung
der  großen  Kulturaufgaben  zu  arbeiten.

Die  Antwort  der  Ententestaaten  auf  die  Friedensnote
  Wilsons!.

Überreicht  durch  den  französischen  Ministerpräsidenten  Briand
am  12.  Januar  10917.

Die  verbündeten  Regierungen  haben  die  Note,
welche  ihnen  am  19.  Dezember  1916  im  Namen  der
Regierung  der  Vereinigten  Staaten  übergeben  wurde,
erhalten.  Sie  haben  sie  mit  der  Sorgfalt  geprüft,
die  gleichzeitig  ihre  richtige  Empfindung  von  dem
Ernst  der  Stunde  und  ihre  aufrichtige  Freundschaft
für  das  amerikanische  Volk  gebot.  Im  allgemeinen
legen  sie  Gewicht  darauf,  zu  erklären,  daß  sie  den
hohen  Gesinnungen,  von  denen  die  amerikanische
Note  beseelt  ist,  den  Zoll  ihrer  Anerkennung  darbringen,
  daß  sie  sich  mit  allen  ihren  Wünschen  dem
Plane  der  Schaffung  einer  Liga  der  Nationen  anschließen,
  die  Frieden  und  Gerechtigkeit  in  der  Welt
sichern  soll,  und  alle  Vorteile  anerkennen,  die  die
Einrichtung  internationaler  Bestimmungen  zur  Hintanhaltung
  gewaltsamer  Streitfälle  zwischen  den  Nationen
  für  die  Sache  der  Menschheit  und  der  Zivilisation

1  Siehe  S.  165.
        <pb n="209" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

bringen  wird,  Bestimmungen,  die  die  erforderlichen
Maßregeln  (sanctions)  in  sich  schließen  müssen,  um  die
Ausführung  zu  gewährleisten  und  so  zu  verhindern,
daß  die  anscheinende  Sicherhett  dazu  diene,  neue  Angriffe
  zu  erleichtern.

Die  Erörterung  künftiger  Abmachungen,  die  einen
dauerhaften  Frieden  sichern  sollen,  hat  jedoch  zunächst
eine  befriedigende  Regelung  des  gegenwärtigen  Streites
  zur  Voraussetzung.  Die  Verbündeten  empfinden
ebenso  tief  wie  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten
  den  Wunsch,  möglichst  bald  diesen  Krieg  beendigt
zu  sehen,  für  den  die  Mittelmächte  verantwortlich  sind
und  der  der  Menschheit  grausame  Leiden  auferlegt.
Aber  sie  sind  der  Ansicht,  daß  es  unmöglich  ist,  bereits
heute  einen  Frieden  zu  erzielen,  der  ihnen  die  Wiedergutmachungen,
  Rückerstattungen  und  Bürgschaften
sichert,  auf  die  sie  ein  Recht  haben  infolge  des  Angriffes,
  für  den  die  Mittelmächte  die  Verantwortung
tragen  und  der  im  Ursprung  gerade  darauf  abzielte,
die  Sicherheit  Europas  zugrunde  zu  richten.

Die  verbündeten  Völker  hegen  die  Überzeugung,
daß  sie  nicht  für  selbstsüchtiges  Interesse,  sondern  zum
Schutze  der  Unabhängigkeit  der  Völker,  des  Rechts
der  Menschheit  kämpfen.  Die  Verbündeten  sind  sich
vollkommen  klar  über  die  Verluste  und  Leiden,  welche
der  Krieg  den  Neutralen  wie  den  Kriegführenden  zufügt,
  und  sie  beklagen  sie,  aber  sie  lehnen  die  Verantwortung
  dafür  ab,  da  sie  den  Krieg  in  keiner
Weise  gewollt  oder  hervorgerufen  haben  und  sich  bemühen,
  die  Schäden  zu  mildern,  soweit  dies  mit  den
unerbittlichen  Forderungen  der  Verteidigung  gegen
die  Gewalttätigkeit  und  die  Fallstricke  des  Feindes  vereinbar
  ist.  Mit  Genugtuung  nehmen  sie  zur  Kenntnis,
  daß  die  amerikanische  Mitteilung  in  keiner  Weise
ihrem  Ursprunge  nach  mit  derjenigen  der  Mittelmächte
zusammenhängt,  welche  am  18.  Dezember!  der  Reierung

  der  Vereinigten  Staaten  übergeben  wurde.
Sie  zweifeln  nicht  an  dem  Entschluß  der  amerikanischen
  Regierung,  selbst  den  blassen  Anschein  einer
auch  nur  moralischen  Unterstützung  des  verantwortlichen
  Urhebers  des  Krieges  zu  vermeiden.

Die  verbündeten  Regierungen  halten  es  für  ihre
Pflicht,  sich  in  der  freundschaftlichsten,  aber  klarsten
Weise  gegen  eine  Gleichstellung  auszusprechen,  die  auf
öffentlichen  Erklärungen  der  Mittelmächte  beruht  und
in  völligem  Widerspruch  zur  offenkundigen  Sachlage
steht  sowohl  bezüglich  der  Verantwortlichkeiten  in  der
Vergangenheit  wie  betreffs  der  Bürgschaften  für  die
Zukunft.  Präsident  Wilson  hat  durchihre  Erwähnung
gewiß  nicht  beabsichtigt,  sich  ihr  anzuschließen.  Eine
geschichtliche  Tatsache  steht  gegenwärtig  fest,  nämlich
der  Angriffswille  Deutschlands  und  Österreich.
  Ungarns,  um  ihre  Vorherrschaft  in  Europa
und  ihre  wirtschaftliche  Herrschaft  über  die  Welt  zu
sichern.  Deutschland  hat  durch  die  Kriegserklärung
und  die  sofortige  Verletzung  derbelgischen  und  luxemburgischen
  Unabhängigkeit,  durch  die  Art,  wie  es  den
Kampf  geführt  hat,  eine  systematische  Verachtung
aller  Grundsätze  der  Menschlichkeit  und  der  Rechte  der
kleinen  Staalen  gezeigt.  Je  mehr  der  Kampf  sich  entwickelte,
  wurde  die  Haltung  der  Mittelmächte  und
ihrer  Verbündeten  ein  ständiger  Hohn  auf  die  Menschlichkeit
  und  Zivilisation.

Ist  es  nötig,  an  die  Greuel  zu  erinnern,  die  den
Einfall  in  Belgien  und  Serbien  begleiteten,  die
schonungslose  Verwaltung  der  besetzten  Länder,  die

1  1916.

171

Niedermetzelung  von  Hunderttausenden  von  harmlosen
Armeniern,  die  Barbarei  gegen  die  Bevölkerung  von
Syrien,  die  Zeppelinangriffe  auf  die  offenen  Städte,
die  Zerstörung  von  Postdampfern  und  Handelsschiffen
  unter  neutraler  Flagge  durch  Unterseeboote,
die  grausame  Behandlung  der  Kriegsgefangenen,  die
Justizmorde  an  Miß  Cavell  und  Kapitän  Fryatt,  die
Verschleppung  der  Zivilbevölkerung  in  die  Sklaverei
usw.?  Die  Hinrichtung  von  Parwille  und  die  Reihe
von  Verbrechen,  die  ohne  Rücksicht  auf  die  allgemeine
Mißbilligung  begangen  wurden,  erklären  dem  Präsidenten
  Wilson  vollständig  die  Verwahrung  der  Verbündeten.
  Diese  sind  der  Meinung.  daß  die  Note,  die
den  Vereinigten  Staaten  als  Antwort  auf  die  deutsche
Note  überreicht  wurde,  die  von  der  amerikanischen
Regierung  gestellte  Frage  beantwortet,  und  nach  dem
eigenen  Ausdruck  der  letzteren  eine  öffentliche  Er-Lärung
  bezuglich  der  Bedingungen,  unter  denen  der
Krieg  beendet  werden  könnte,  darstellt.  Aber  Präsident
  Wilson  wünscht  noch  mehr;  er  wünscht,  daß  die
kriegführenden  Mächte  offen  die  Ziele  bekanntgeben,
die  19-  sich  bei  der  Fortführung  des  Krieges  setzen.

Die  Verbündeten  können  auf  diese  Forderung  ohne

Schwierigkeit  antworten.  Ihre  Kriegsziele  sind  wohl
bekannt.  Sie  haben  sie  mehrfach  in  den  Erklärungen
der  Oberhäupter  der  verschiedenen  Regierungen  dargelegt.
  Diese  Ziele  werden  in  den  Einzelheiten  mit
allen  Sühneleistungen  und  gerechtfertigten  Entschädigungen
  für  den  erlittenen  Schaden  erst  in  der
Stunde  der  Verhandlungen  auseinandergesetzt  werden.
Aber  die  zivilisierte  Welt  weiß,  daß  sie  alles  Notwendige
  einschließen,  in  erster  Linie  die  Wiederherstellung,
  Belgiens,  Serbiens  und  Montenegros,
  die  ihnen  geschuldeten  Entschädigungen,
  die  Räumung  der  besetzten  Gebiete
von  Frankreich,  Rußland  und  Rumänien  mit  den  gerechten
  Wiedergutmachungen,  des  Wiederaufbaues
Europas,  Bürgschaft  für  einen  dauerhaften  Zustand,
der  sowohl  auf  die  Achtung  der  Nationalität  und  die
Rechte  aller  kleinen  und  großen  Völker  gegründet
ist,  sowie  räumliche  Abkommen  und  internationale
Regelungen,  welche  geeignet  sind,  die  Land=  und  Seegrenzen
  gegen  ungerechtfertigte  Angriffe  zu  schützen,
die  Prüäsgabbe  der  Provinzen  und  Gebiete,
die  früher  den  Verbündeten  durch  Gewalt
ohneden  Willen  ihrer  Bevölkerung  entrissen
worden  sind,  die  Befreiung  der  Italiener,
Slawen,  Rumänen,Tschechen  und  Slowaken
von  der  Fremdherrschaft,  die  Befreiung  der  Bevölkerungen,
  die  der  blutigen  Tyrannei  der  Türken
unterworfen  sind,  und  die  Entfernung  des  osmanischen
  Reiches  aus  Europa,  weil  es  zweifellos  der
westlichen  Zivilisation  fremd  ist.  Die  Absichten  Seiner
Majestät  des  Kaisers  von  Rußland  bezüglich  Polens
sind  klar  und  durch  die  Proklamation  kundgegeben,
die  er  an  seine  Armeen  gerichtet  hat.

Wenn  die  Verbündeten  Europa  der  brutalen  Beierde
  des  preußischen  Militarismus  entreißen  wollen,
o  war  es  selbstverständlich  niemals  ihre  Absicht,  wie

man  vorgegeben  hat,  die  Vernichtung  der  deutschen
Völker  und  ihr  politisches  Verschwinden  anzustreben.
Was  sie  vor  allem  wollen,  ist  die  Sicherung  des
Friedens  auf  der  Grundlage  der  Freiheit  und  Gerechtigkeit,
  der  umverletzlichen  Treue,  die  die  Regie-Lunh
  der  Vereinigten  Staaten  stets  beseelt  hat.  Die
Verbündeten,  einig  in  der  Verfolgung  dieses  hohen
Zieles,  sind  jeder  einzeln  und  gemeinsam  entschlossen,
mit  ihrer  ganzen  Kraft  zu  handeln  und  alle  Opfer
        <pb n="210" />
        172

zu  bringen,  um  den  Streit  zu  einem  siegreichen  Ende
zu  führen,  von  welchem  ihrer  über  eugung  nach  nicht
nur  ihr  eigenes  Heil  und  ihre  Wohlfahrt,  sondern
die  Zukunft  der  Zivilisation  selbst  abhängen.

Die  Botschaft  Wilsons  an  den  amerikanischen  Senat
  über  die  Friedensfrage  am  22.  Jannar  1917.

Meine  Herren  vom  Senat!

Am  18.  Dezember  des  vorigen  Jahres  habe  ich  an
die  Regierungen  der  gegenwärtig  kriegführenden
Staaten  eine  gleichlautende  Note  gerichtet,  in  der  sie
ersucht  wurden,  die  Bedingungen,  unter  denen  sie
den  Friedensschluß  für  möglich  hielten,  genauer  festustellen,

  als  dies  bis  dahin  von  irgendeiner  kriegsührenden
  Gruppe  geschehen  war.  Ich  sprach  im  Namen
  der  Menschheit  und  der  Rechte  aller  neutralen
Staaten,  wie  unser  eigener  einer  ist,  deren  Lebensinteressen
  zum  größten  Teil  durch  den  Krieg  fortwährend
  gefährdet  sind.  Die  Mittelmächte  erwiderten
in  einer  Note,  die  einfach  besagte,  daß  sie  bereit  seien,
mit  ihren  Gegnern  .  einer  Konferenz  zusammenhutreten,
  um  die  Friedensvorschläge  zu  erörtern.  Die
Mächte  der  Entente  haben  viel  ausführlicher  geantwortet
  und,  wenn  auch  nur  in  allgemeinen  Umrissen,
so  doch  mit  genügenden  Bestimmungen,  um  einzelne
Fragen  einzubeziehen,  die  Vereinbarungen,  Bürgafßen
  und  Wiederherstellungen  (acts  of  reparation)
angegeben,  die  ihnen  als  die  unumgängliche  Bedingungeiner
  befriedigenden  Lösungeerschienen.  Wir  sind
dadurch  der  endgültigen  Erörterung  des  Friedens,
der  den  gegenwärtigen  Krieg  beenden  soll,  um  soviel
näher  gekommen;  wir  befinden  uns  um  soviel  näher
der  Erörterung  des  internationalen  Konzerts,  das
nachher  die  Welt  zur  Beobachtung  ihrer  Verpflichtunen
  anhalten  muß.  In  jeder  Erörterung  über  den
rieden,  der  diesen  Krieg  beenden  muß,  wird  es  als
weisellos  angenommen,  daß  diesem  Krieg  irgendein
estimmtes  Eimvernehmen  der  Mächte  (concert  of  powers)
  folgen  muß,  welches  es  wirklich  unmöglich
machen  wird,  daß  irgendeine  Katastrophe  wie  die  gegenwärtige
  jemals  wieder  über  uns  hereinbricht.  Jeder
  Menschenfreund,  jeder  vernünftig  denkende  Mann
muß  dies  als  ausgemacht  ansehen.  Ich  habe  diese
Gelegenheit,  mich  an  Sie  zu  wenden,  gesucht,  weil  ich
es  Ihnen  als  dem  mir  zur  endgllltigen  Feststellung
unserer  internationalen  Verpflichtungen  beigegebenen
Rat  schuldig  zu  sein  glaubte,  Ihnen  rückhaltlos  die
Gedanken  und  die  Absichten  zu  enthüllen,  welche  in
meinem  Geist  Gestalt  angenommen  haben  bezüglich
der  Verpflichtung  unserer  Regierung  in  kommenden
Tagen,  wenn  es  notwendigeln  wird,  die  Grundmauern
  des  Friedens  unter  den  Völkern  frisch  und
nach  einem  neuen  Plan  zu  legen.  Es  ist  undenkbar,
daß  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  bei  diesem
großen  Unternehmen  keine  Rolle  spielen  sollte.

Die  Teilnahme  an  solchem  Dienst  wird  die  Gelegenheit
  sein,  für  die  unser  Volk  sich  schon  durch  die  Prinzipien
  und  Zwecke  seiner  Politik  und  die  bewährte
(epproved)  Praxis  seiner  Regierung  seit  jeher  vorzubereiten
  gesucht  hat  seit  dem  Tage,  da  es  eine  neue  Nation
  begründete  in  der  hohen  und  ehrenwerten  Hoffnung,
  daß  diese  in  allem  ihrem  Sein  und  Tun  der
Menschheit  den  Weg  zur  Freiheit  zeigen  möge.  Unser
Volk  kann  in  Ehren  nicht  absehen  von  dem  Dienst,
zu  dem  es  nunmehr  im  Begriff  ist,  aufgerufen  zu
werden.  Es  wünscht  auch  nicht,  diesen  Dienst  zu  versagen.
  Aber  es  ist  sich  selbst  und  den  anderen  Nationen
der  Welt  schuldig,  die  Bedingungen  festzustellen,  unter

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

denen  es  sich  imstande  fühlen  wird,  Hilfe  zu  bringen.
Dieser  Dienst  besteht  in  nichts  weniger  als  in  folgendem:
  Sein  Gewicht  und  seine  Macht  sind  zu
dem  Gewichtundder  Macht  anderer  Nationen
hinzuzufügen,  um  Frieden  und  Recht  auf
der  ganzen  Welt  zu  sichern.  Solch  eine  Regelung
  kann  jetzt  nicht  mehr  lange  verschoben
werden.  Es  ist  an  uns,  daß,  bevor  es  dazu  kommt,
unsere  Regierung  freimütig  die  Bedingungen  formuliert,
  unter  denen  sie  sich  für  berechtigt  hielt,  von  unserem
  Volke  die  Zustimmung  zum  formellen  und  feierlichen
  Beitritt  zu  einer  Friedensliga  zu  verlangen.

Es  ist  mein  Zweck,  die  Feststellung  der  Bedingungen
  zu  versuchen.  Zuerst  muß  der  gegenwärtige  Krieg

eendet  werden.  Aber  wir  sind  es  der  Rücksicht  und
aufrichtigen  Rücksichtnahme  auf  die  öffentliche  Meimung
  schuldig,  zu  sagen,  daß  es,  insoweit  unsere  Teilnahme
  an  der  Verbürgung  des  künftigen  Friedens  in
Frage  kommt,  einen  großen  Unterschied  macht,  auf
welchem  Wege  und  unter  welchen  Bedingungen  dieser
Krieg  beendet  wird.  Die  Verträge  und  übereinkommen,
  die  ihn  beenden,  müssen  Bedingungen  verwirklichen,
  die  einen  Frieden  schaffen,  welcher  wert  ist,  verbürgt
  und  erhalten  zu  werden,  einen  Frieden,  der  den
Beifall  der  Menschheit  erlangen  wird,  nicht  nur  einen
Frieden,  der  den  einzelnen  Interessen  und  augenblicklichen
  Zwecken  der  beteiligten  Staaten  dienen  wird.
Wir  sollen  keine  Stimme  bei  der  Feststellung  dessen
haben,  was  diese  Bedingungen  sein  sollen.  Aber  wir
sollen  —  ich  bin  davon  überzeugt  —  eine  Stimme
haben  bei  der  Festsetzung,  ob  diese  Bedingungen  von
Bürgen  eines  allumfassenden  Bundes  bleibend  gemacht
werden  sollen  oder  nicht.  Unser  Urteil  über  dasjenige.
was  von  diesen  grundlegenden  und  wesentlichen  Bedingungen
  von  Beständigkeit  ist,  sollte  jetzt  und  nicht
nachher  ausgesprochen  werden,  wenn  es  zu  spät  sein
ollte.  Kein  auf  dem  Zusammenwirken  beruhender
riedensbund,  der  nicht  die  Völker  der  Neuen  Welt  in
sich  schließt,  kann  ausreichen,  um  die  Zukunft  vor  dem
Kriege  zu  sichern,  und  doch  gibt  es  nur  eine  Art  Frieden,
  desen  Verbürgung  die  Völker  von  Amerika  sich
zugelellen  könnten.
ie  Elemente  dieses  Friedens  müssen  Elemente
sein,  welche  das  Vertrauen  der  amerikanischen  Regierung
  verdienen  und  ihren  Prinzipien  Genüge  leisten,
Elemente,  welche  zu  dem  politischen  Ideal  und  den
praktischen  Überzeugungen  stimmen,  die  die  Völker
von  Amerika  sich  zu  eigen  gemacht  und  zu  verteidigen
unternommen  haben.  Ich  will  nicht  sagen,  daß  irgendeine
  amerikanische  Regierung  sich  irgendwelchen  Friedensbedingungen
  entgegenstellen  würde,  wenn  solche
beschlossen  sind,  und  gsc  umstoßen  sollte,  von  welcher
Art  sie  auch  immer  sein  mögen.  Ich  halte  es  lediglich
für  ausgemacht,  daß  bloße  Friedensvereinbarungen
zwischen  den  Kriegführenden  nicht  einmal  die  Kriegführenden
  seltst  befriedigen  würden.  Bloße  Vereinbarungen
  dürften  nicht  sichern.

Es  wird  unbedingt  nötig  sein,  daß  eine  Kraft  geschaffen
  wird,  die  imstande  ist,  die  Dauerhaftigkeit  der
Abmachungen  zu  verbürgen,  eine  Kraft,  weit  größer
als  diejenige  irgendeiner  der  iept  in  Mitleidenschaft
gesegenen  Nationen  oder  irgendeines  der  bisher  geildeten

  oder  geplanten  Bündnisse,  so  daß  keine  Nation
und  keine  wahrscheinliche  Vereinigung  von  Nationen
ihr  die  Stirn  bieten  oder  ihr  widerstehen  könnte.  Wenn
der  jetzt  zu  schließende  Friede  dauerhaft  sein  soll,  so
muß  es  ein  Friede  sein,  der  gesichert  erscheint  durch
eine  organisierte  größere  Kraft  der  Menschheit.  Bon
        <pb n="211" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

den  Bestimmungen  des  unmittelbaren  Friedens,  auf
den  man  sich  geeinigt  haben  wird,  wird  es  abhängen,
ob  es  ein  Friede  ist,  für  den  eine  solche  Bürgschaft  gesichert
  werden  kamnn.  Die  Frage,  von  der  für  die  Zukunft
  Friede  und  Glück  der  Welt  ganz  abhängen,  ist,
ob  der  gegenwärtige  Krieg  ein  Kampf  um  einen  gerechten
  und  sicheren  Frieden  oder  nur  für  ein  neues
Gleichgewicht  der  Kräfte  (balance  of  power)  ist.  Wenn
es  nur  ein  Kampf  für  ein  neues  Gleichgewicht  ist,  wer
will,  wer  kann  die  Beständigkeit  der  neuen  Vereinbarung
  verbürgen?  Nur  ein  ruhiges  Europa  kann  ein
dauerhaftes  Europa  sein.  Nicht  ein  Gleichgewicht.
sondern  eine  Gemeinsamkeit  der  Mächte  ist
notwendig.  Nicht  organisierte  Nebenbuhlerschaft,
sondern  organisierte  Gewinnfreudigkeit.

Glücklicherweise  haben  wir  über  diesen  Punkt  sehr
ausführliche  Versicherungen  erhalten.  Die  Erklärungen
  derbeiden  jetzt  gegeneinander  aufgebotenen  Völlergruppen
  stellen  in  nicht  mißzuverstehender  Weise  fest,
daß  es  nicht  in  ihrer  Absicht  liege,  ihre  Gegner  zu  vernichten.
  Aber  es  mag  vielleicht  nicht  allen  klar  sein,
was  diese  Erklärungen  mit  sich  bringen.  Die  Auffassung
  hierliber  mag  vielleicht  auch  nicht  dieselbe  auf
beiden  Seiten  des  Wassers  sein.  Ich  denke,  daß  es
dienlich  sein  möchte,  wenn  ich  auch  auseinanderzuseseen
versuche,  was  nach  unserer  Meinung  in  diesen  Versicherungen
  begriffen  ist.  Es  ist  darin  vor  allem  begriffen,
  daß  es  Friede  werden  muß  ohne  Sieg.  Es
möge  mir  gestattet  sein,  dies  auf  meine  eigene  Art
darzulegen,  und  es  möge  wohl  verstanden  werden,
daß  ich  keine  andere  Deutung  im  Sinn  hatte.  Ich
suche  lediglich  die  Wirklichkeit  ins  Auge  zu  fassen,  ohne
Heimlichkeiten,  die  nicht  am  Platze  wären.

Der  Sieg  würde  einen  Frieden  bedeuten,  der  dem
Unterliegenden  aufgezwungen  wird.  Daß  dem  Besiegten
  auferlegte  Gesetz  des  Siegers  würde  als  demütigende
  Härte  und  —  Opfer  angenommen
werden.  Es  wurde  einen  Stachel,  Rachsucht  und  bitteres
  Gedenken  hinterlassen,  auf  dem  das  Friedensangebot
  nicht  in  dauerhafter  Weise,  sondern  wie  auf
Flugsand  ruhen  würde.  Nur  ein  Friede  unter  Gleichen
kann  Dauer  haben,  nur  ein  Friede,  dessen  Grundprinzip
  die  Gleichheit  und  gemeinsame  Teilhaberschaft
an  dem  gemeinsamen  Nutzen  ist.  ist  die  richtige  Geistesverfassung.
  Die  richtige  Gesinnung  unter  den  Nationen
  ist  für  den  gemeinsamen  Frieden  ebenso  notwendig
  wie  die  gerechte  Lösung  der  streitigen  Gebietsfragen
  oder  der  Fragen  über  Rasse-  und  Stammestreue
  (racial  und  national  allegiance).

Die  Gleichheit  der  Nationen,  auf  die  der  Friede,
wenn  er  dauerhaft  sein  soll,  gegründe  sein  muß,  muß
die  Gleichheit  der  Rechte  sein.  Die  gegenseitigen  Bürgschaften
  dürfen  einen  Unterschied  zwischen  den  großen
und  den  lleinen,  den  mächtigen  und  den  schwachen  Völkern
  weder  ausdrücklich  anerkennen,  noch  stillschweigend
  in  sich  begreifen.  Das  Recht  muß  gegründet  sein
auf  die  gemeinsame  Kraft,  nicht  auf  die  individuelle
der  Nationen,  von  deren  Zusammenwirken  der  Friede
abhängen  wird.  Eine  Gleichheit  der  Gebiete  oder  der
Hilfsmittel  kann  es  natürlich  nicht  geben,  ebensowenig
irgendeine  andere  Artder  Gleichheit,  die  nicht  in  der  gewöhnlichen
  friedlichen  und  gesehmäßigen  Entwicklung
der  Völker  selbst  erworben  wurde.  Aber  niemand  verlangt
  oder  erwartet  irgend  etwas,  was  über  die  Gleichheit
  der  Rechte  hinausginge.  Die  Menschheit  hält  jetzt
Ausschau  nach  Freiheit  des  Lebens,  nicht  nach  dem
Gleichgewicht  der  Macht.

Und  etwas  Tieferes  kommt  in  Betracht  als  selbst

173

die  Gleichberechtigung  unter  den  organisierten  Völkern.
Kein  Friede  kann  dauern  oder  verdient  zu  dauern,  der
nicht  den  Grundsatz  anerkennt  und  annimmt,  daß  die
Regierungen  alle  ihre  gerechte  Macht  von  der  Zustimmung
  der  Regierten  ableiten  und  daß  es  nirgend
ein  Recht  gibt,  die  Völker  von  Machthaber  zu  Machtaber

  abzutreten,  als  wenn  sie  ihr  Eigentum  wären.

ch  halte  es  z.  B.,  wenn  ich  ein  einzelnes  Beispiel
wagen  soll,  für  ausgemacht,  daß  sich  die  Staatsmänner
  überall  darin  einig  sind,  daß  es  ein  einiges,  unabhängiges
  und  selbständiges  Polen  geben  sollte,  daß
weiter  die  unverletzliche  Sicherheit  des  Lebens,  des
Gottesdienstes  und  der  individuellen  und  sozialen
Entwicklung  allen  Völkern  gewährleistet  werden  seule,
die  bis  jetzt  unter  der  Macht  von  Regierungen  gelebt
haben,  die  einem  Glauben  und  einem  Zwecke  gewidmet
  sind,  der  ihrem  eigenen  feindlich  ist.  Wenn  ich
hiervon  spreche,  so  geschieht  dies  nicht,  weil  ich  wünsche,
ein  abstraktes  politisches  Prinzip  zu  bestimmen,  das
denen,  die  die  Freiheit  in  Amerika  aufzubauen  gesucht
  haben,  immer  sehr  teuer  war,  sondern  aus  denselben
  Gründen,  aus  denen  ich  von  anderen  Friedensbedingungen
  gesprochen  habe,  die  mir  in  klarer  Weise
Unerläßlich  scheinen,  und  weil  ich  aufrichtig  wünsche,
die  Wirklichkeiten  aufzudecken.

Irgendein  Friede,  der  diesen  Grundsatz  nicht  anerkennt
  und  annimmt,  wird  unvermeidlich  umgestoßen
werden.  Er  wird  nicht  auf  Neigungen  oder  überzeugungen
  der  Menschheit  fußen.  Das  Ferment  des  Geistes

anzer  Völker  wird  gegen  ihn  gewandt  in  beständigem

nkämpfen.  Die  ganze  Welt  wird  mit  diesen  sympathisieren.
  Die  Welt  kann  nur  dann  friedlich  sein,  wenn
ihr  Leben  auf  dauerhafter  Grundlage  beruht,  und
eine  dauerhafte  Grundlage  kann  nicht  vorhanden  sein.
wo  der  Wille  sich  auflehnt  und  wo  keine  Ruhe  des
Geistes  und  kein  Gefühl  der  Gerechtigkeit,  der  Frei-Fet
  und  des  Rechts  besteht.  Soweit  es  möglich  ist,
ollte  Überdies  jedes  große  Volk,  das  jetzt  nach  der
vollen  Entwicklung  seiner  Hilfsmittel  strebt,  eines
direkten  Ausganges  zu  den  groben  Heeresstraßen  der
See  versichert  sein.  Wo  dies  durch  Gebietsabtretungen
nicht  bewerkstelligt  werden  kann,  wird  es  sicherlich
durch  Neutralisierung  der  Zugangswege  unter  allgemeiner
  Garantie  erreicht  werden  können,  was  dann
an  und  für  sich  eine  Friedenssicherung  bedeuten  würde.
Keine  Nation  braucht  von  dem  Zugang  zu  den  offenen
  Wegen  des  Welthandels  ferngehalten  zu  werden.
Der  Seeweg  muß  gleichfalls  durch  gesetzliche  Bestimmungen
  wie  auch  tatsächlich  frei  sein.  Die  Freiheit
der  Meere  ist  die  conditio  sine  qua  non  für
den  Frieden,  die  Gleichheit  und  die  Zusammenarbeit.


Viele  derzeit  in  Geltung  stehende  Regeln  internationaler
  übung  werden  zweifelsohne  eincr  radikalen
Umarbeitung  unterworfen  werden  müssen,  um  die
Freiheit  der  Meere  tatsächlich  zu  gewährleisten  und
deren  gemeinsame  Benützbarkeit  für  die  Menschen
unter  allen  Umständen  zu  sichern.  Aber  der  Beweggrund
  zur  Einführung  derartiger  Anderungen  ist
überzeugend  und  zwingend.  Ohne  diese  Anderung
kann  es  kein  Vertrauen  und  keine  guten  Beziehungen
unter  den  Völkern  geben.  Der  ununterbrochene,  freie,
unbedrohte  Verkehr  von  Volk  zu  Volk  ist  ein  wesentlicher
  Teil  des  Friedens  und  des  Entwicklungsprogsies-
  Es  braucht  nicht  schwer  zu  sein,  die  Freiheit

er  Meere  zu  definieren  oder  sicherzustellen,  wenn  die
Regierungen  der  Welt  den  aufrichtigen  Willen  haben,
diesbezüglich  zu  einer  Verständigung  zu  gelangen.
        <pb n="212" />
        174

Dies  ist  das  Problem,  welches  mit  der  Begrenzung
der  maritimen  Rüstungen  und  der  Zusammenarbeit  der
Flotten  der  Welt,  um  die  Meere  sowohl  frei  als  gesichert
  zu  erhalten,  eng  verknüpft  ist.  Und  die  Frage
der  Begrenzung  der  maritimen  Rüstungen  wirft  auch
eine  größere  und  vielleicht  schwierigere  Frage  auf:  wie
die  Landarmeen  und  jedes  Programm  militärischer
Vorbereitung  eine  Beschränkung  erfahren  könnten.

So  schwierig  und  heikel  diese  Pragen  auch  sein  mögen,
  sie  müssen  mit  vollständiger  Unvoreingenommenheit
  betrachtet  und  im  Geiste  wirklichen  Entgegenkommensgelöst
  werden,  wenn  anders  der  Friede  eine  Besserung
  bringen  und  von  Dauer  sein  soll.  Ohne  Opfer
und  Konzessionen  ist  der  Friede  unmöglich.  Der  Geist
der  Ruhe  und  der  Sicherheit  wird  niemals  unter  den
Völkern  heimisch  werden,  wenn  große  schwerwiegende
Rüstungsmaßregeln  da  und  dort  auch  in  Zukunft
Platz  greifen  und  fortgesetzt  werden  sollten.  Die
Staatsmänner  der  Welt  müssen  für  den  Frieden
arbeiten,  und  die  Bölker  müssen  ihre  Politik  diesem
Gesichtspunkte  anpassen,  so  wie  sie  sich  bisher  auf  den
Krieg,  den  erbarmungslosen  Kampf  und  auf  den  Wettstreit
  vorbereitet  haben.  Die  Frage  der  Rüstungen,
einerlei  ob  zu  Wasser  oder  zu  Lande,  ist  jene  Frage,
die  am  einschneidendsten  und  unmittelbarsten  mit  dem
künftigen  Geschicke  der  Völker  und  des  Menschengeschlechts
  verknüpft  ist.

Ich  habe  über  diese  großen  Dinge  rückhaltlos  und
mit  der  größten  Deutlichkeit  gesprochen,  weil  mir  ein
solches  Vorgehen  notwendig  erschien,  wenn  anders  der
sehnliche  Wunsch  der  Welt  nach  Frieden  irgendwo
frei  zum  Worte  und  zum  Ausdruck  gelangen  sollte.
Ich  bin  vielleicht  der  einzige  Mensch  in  hoher  verantwortungsvoller
  Stellung  unter  allen  Völkern  der  Welt,
der  sich  frei  aussprechen  kann  und  nichts  zu  verschweigen
  braucht.  Ich  spreche  als  Privatmann  und  doch
natürlich  zugleich  auch  als  das  verantwortliche  Haupt

einer  großen  Regiern.  Ich  bin  überzeugt,  daß  ich  s
o

gesagt  habe,  was  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten
von  mir  erwartet.  Ich  darf  noch  hinzufügen,  daß  ich,
wie  ich  hoffe  und  glaube,  tatsächlich  für  die  Freisinnigen
  und  Freunde  der  Menschheit  und  jedes  freiheitlichen
  Programmes  in  jedem  Volle  spreche.  Gern  würde
ich  mich  dem  Glauben  hingeben,  daß  ich  auch  im  Sinne
der  stummen  Masse  der  Menschheit  allerorten  gesprochen
  habe,  die  noch  keine  Stelle  und  keine  Gelegenheit
  hatte,  ihre  wirklichen  Gefühle  über  das  Hinsterben
und  den  Ruin  zum  Ausdruck  zu  bringen,  von  denen
sie  die  Menschen  und  Stätten  heimgesucht  sieht,  die
ihren  Herzen  am  teuersten  sind.  Wenn  ich  der  Erwartung
  Ausdruck  gebe,  daß  sich  Volk  und  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  den  übrigen  zivilisierten  Völkern
der  Erde  zur  Sicherung  des  dauernden  Friedens  auf
Grund  der  von  mir  dargelegten  Bedingungen  anschließen
  werden,  so  spreche  ich  mit  um  so  größerer  Kühnheit
  und  mit  um  so  größerer  Zuvorsich'  als  es  für
jeden  Denkenden  klar  ist,  daß  in  einer  solchen  Zusage
kein  Abweichen,  weder  von  unseren  nationalen  überlieferungen,
  noch  unserer  nationalen  Politik,  sondern
vielmehr  die  Erfüllung  alles  dessen  liegt,  was  wir
verkündet  oder  wofür  wir  gekämpft  haben.

Ich  schlage  mithin  vor:  mögen  sich  die  Völker  einmüttig
  die  Lehre  des  Präsidenten  Monroe  als  Doktrin
der  Welt  zu  eigen  machen,  daß  kein  Volk  danach  streben
sollte,  seine  Regierungsform  auf  irgendein  anderes
Volk  zu  erstrecken,  und  daß  es  vielmehr  jedem  Volke
—  dem  kleinsten  sowohl  wie  dem  großen  und  mächtigen
  —  freistehen  sollte,  seine  Regierungsform  und

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

seinen  Entwicklungsgang  unbehindert,  unbedroht  und
unerschrocken  selbst  zu  bestimmen.  Ich  schlage  vor,  es
mögen  in  Zukunft  alle  Völker  es  unterlassen,  sich  in
Bündnisse  zu  verwickeln,  die  sie  in  einen  Wettbewerb
um  die  Macht  hineintreiben  und  in  ein  Netz  von  Intrigen
  eigennütziger  Nebenbuhlerschaft  verstricken  und
ihre  eigenen  Angelegenheiten  durch  Einflüsse  verwirren,
  die  von  außen  bineingetragen  werden.  In  dem
Konzert  der  Mächte  gibt  es  keine  verwickelten  Allianzen.
  Wenn  sich  alle  vereinigen,  um  in  demselben  Geist
und  zu  demselben  Zweck  zu  handeln.  wirken  alle  im
gemeinsamen  Interesse  und  genießen  Freiheit  und
eigenes  Leben  unter  gemeinsamem  Schutz.  Ich  schlage
den  Regierungen  unter  Zustimmung  der  Regierten
jene  Freiheit  der  Meere  vor,  die  in  den  internationalen
  Konferenzen  auch  andere  Vertreter  des  Volkes
der  Vereinigten  Staaten  mit  Beredsamkeit  als  überzeugte
  Anhänger  der  Freiheit  verfochten  haben,  und
eine  Beschränkung  der  Rüstungen,  die  aus  den  Heeren“
und  Flotten  lediglich  Werkzeuge  der  Ordnung,  nicht
aber  Werkzeuge  für  den  Angriff  oder  eigensüchtige
Greueltätigkeit  macht.

Dies  sind  amerikanische  Grundsätze  und  amerikanische
  Richtlinien.  Für  andere  können  wir  nicht  eintreten.
  Es  sind  die  Grundsätze  und  Richtlinien  vorausschauender
  Männer  und  Frauen  allerorten,  in
jedem  neuzeitlichen  Volk  und  jedem  aufzeklärten  Gemeinwesen.
  Es  sind  die  Grundsätze  der  Menschheit,  sie
müssen  zur  Geltung  gelangen.  ·

Erwiderung  der  feindlichen  Staaten  auf  das
deutsche  Friedensangebot.
(Aus  Parlamentsreden.)
Ministerpräsident  Briand  äußerte  sich  am  19.  Dezember  1916
lin  französischen  Senat  folgendermaßen:

Niemand  läßt  sich  durch  das  deutsche  Manövec  täuchen.
  Morgen  wird  die  vereinbarte  Antwort  den
Mittelmächten  zur  Kenntnis  bringen,  daß  es  unmöglich
  ist,  ihr  Friedensansuchen  anzunehmen.  Das  Friedensangebot
  ist  der  letzte  Bluff,  den  Deutschland  versuchen
  will.  Es  will  die  Schuld  abwälzen,  indem  es
den  Glauben  zu  erwecken  trachtet,  daß  der  Krieg  ihm
aufgezwungen  worden  sei.  Aber  der  Krieg  war  seit
40  Jahren  bei  den  Deutschen  beschlossen,  die  den  Sieg
sicher  zu  haben  glaubten.  Die  Stunde  ist  fortdauernd
ernst.  Unser  Land  ist  aber  über  andere  schwierige
Stunden  hinweggekommen.  Denken  Sie  an  die  Armee
  von  Verdun!  Es  ist  eine  Freude,  festzustellen.
daß  nach  zehnmonatigen  Anstrengungen  die  Franzosen
  den  Sieg  auf  ihre  Fahnen  schreiben  konnten.

Dieser  Krieg  ist  nicht  mit  anderen  zu  vergleichen,
er  hat  hanze  ationen  zum  Kampfe  gegeneinander
gebracht.  ir  sind  nicht  durchgedrungen.  Aber  ist

eutschland  in  Frankreich  durchgedrungen?  Die
deutschen  Heere  hatten  dort  Augendlickserfolge.  Wir
wissen,  daß  diese  Heere  eine  furchtbare  Macht  bilden.
Der  Sieg  kann  aber  nur  in  logischer  Folge  kommen.
Deutschland  hat  niemals  einen  entscheidenden  Erfolg
errungen,  da  es  ihn  nicht  am  Anfang  des  Krieges
hatte.  Es  darf  ihn  nicht  haben.  Es  konnte  auf  diesen
Sieg  im  Anfang  infolge  seiner  45jährigen  Vorbereitung
  hoffen.  Aber  seit  seinem  Mißerfolg  an  der
Marne  und  an  der  Yser  ist  es  der  endgültigen  Niederlage
  verfallen,  seitdem  die  Anstrengungen  der
Alliierlen  sich  verstärkten  und  sich  einordneten  in  die
gemeinsam  verabredeten  Unternehmungen  der  vier
alliierten  Großmächte.  Es  gab  dabei  unvermeidliche
        <pb n="213" />
        Die  Staatsoberhäupter  der  Entente.

Präsident  Raymond  Polncaré.  Könlg  Georg  V.

König  Viktor  Emanuel  III.  Zar  Nikolaus  II.

Bibllographlsches  Institut  in  Leipzig.
        <pb n="214" />
        Englische  Staatsmänner,  Heerführer  und  Admirale.

——-  i—i—t.

John  French.

—¼p-David

  Beauy.  John  Rushworth  Jelllcoe.
        <pb n="215" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

Schwierigkeiten.  Die  Regierung  bemüht  sich,  sie  zu
vermeiden.  Kann  man  an  dem  Ausgang  zweifeln?
Die  Deutschen  hatten  ihren  Sieg  durch  die  Offensive
von  Verdun  angekündigt.  Die  französisch-englische
Offensive  an  der  Somme  brachte  ihnen  eine  grausame
Enttäuschung.  Sie  zeigte  unseren  Soldaten,  daß  die
Stunde  der  Befreiung  unseres  Landes  sich  genähert
habe.  Italien  seinerseits  war  Gegenstand  eines  furchtbaren
  Angriffs.  Die  Russen  brachen  aber  auf  und
entlasteten  Italien.  Das  sind  einige  Beispiele  für  die
Zusammenarbeit  der  Alliierten.  Ich  für  meinen  Teil
habe  mich  bemüht,  dieses  Einvernehmen  enger  und
fruchtbringender  zu  gestalten.

Im  ersten  Augenblick  und  auf  die  einfache  Mitteilung
  der  Blätter  hin  gab  ich  in  der  Kammer  bekannt,
was  ich  über  den  Vorschlag.  den  ich  als  plumpes  Manöver
  ansehe,  denke.  Meine  Außerung  entspricht  den
Gefühlen  aller  Verbündeten.  Seither  sind  in  Italien
und  Rußland  kräftige  Worte  gesprochen  worden,  um
zu  zeigen,  daß  wir  uns  nicht  foppen  lassen.  Morgen
wird  die  vereinbarte  Antwort  erteilt  werden.  Sie
wird  in  klarer  Weise  bekanntgeben,  daß  der  Vorschlag
der  Mittelmächte  unmöglich  ernst  genommen  werden
kann.  Ich  gestatte  mir,  nachdrücklich  auf  den  wirklichen
  Charakter  der  Rede  Bethmann  Hollwegs
hinzuweisen.  ·

enn  Deutschland  in  einem  Augenblick,  wo  es
sämtliche  letzten  Reserven  seiner  Bevölkerung  aufbietet,
  die  Bevölkerung  von  Belgien  und  Polen  zwangsweise
  verschickt,  wenn  Deutschland  in  einem  Augenblick,
wo  es  im  Osten  Erfolge  hat,  die  Gewißheit  des  Sieges
  hätte,  würde  es  dann  einen  solchen  Vorschlag  gemacht
  haben?  Es  ist  eine  Falle,  ein  Manöver!
Deutschland  macht  jetzt  schwierige  Stunden  durch.  In
seiner  öffentlichen  Meinung  zeigt  sich  Schwanken  und
Wankelmut.

Da  erhebt  sich  Deutschland  vor  der  Welt  und  sagt:
nicht  ich  habe  diesen  Krieg  gewollt,  er  ist  mir  aufgenötigt
  worden.  Die  Antwort  auf  diese  Behauptung
ist  leicht  zu  erteilen.  Es  ist  nicht  mehr  notwendig,  zu

eigen,  daß  die  alliierten  Länder  sich  bis  zum  letzten

ugenblick  bemühten,  den  Frieden  aufrechtzuerhalten.
  Aber  der  Krieg  war  von  den  Mittelmächten  beschlossen
  worden.  Sie  stürzten  sich  in  ihn,  von  der
Gewßheit  getrieben,  daß  sie  siegen  werden.  Der  Reichskanzler
  wagte  sogar  zu  sagen,  daß  er  sich  um  einen
Fetzen  Papier  nicht  zu  kümmern  brauche.  Solche
Worte  werden  nicht  verschwinden  können.  Deutschland
  ist  es,  das  die  Verantwortung  für  diesen  Krieg
tragen  wird.  Wenn  es  sagt:  wir  Eand  siegreich,  wir
bieten  den  Frieden  an,  so  sagt  es  nicht  die  Wahrheit.
  Vor  allem  ist  es  nicht  siegreich.  Es  fühlt  auch
nicht  den  Sieg  kommen,  sonst  würde  es  ihn  der  Welt
aufnötigen.

Dieser  Schrei  nach  Frieden  ist  ein  Schrei  der
Schwäche  und  auch  eine  schlaue  Handlung.  Man  sucht
vergeblich  irgend  etwas  Bestimmtes  in  den  Umständen,
  unter  denen  dieser  Vorschlag  gemacht  worden
ist.  Auch  er  ist  noch  eine  Kriegshandlung.  Die  Neutralen
  haben  sich  darin  nicht  getäuscht.  Die  Verbün.
deten  sind  fest  entschlossen,  diesem  Manöver  die  einzige
  Antwort  zu  erteilen,  die  es  verdient.  Unser  Land
wurde  durch  dieses  Manöver  nicht  in  Verwirrung
gebracht.  Frankreich  hat  dieses  Mandver  als  Herausforderung
  angesehen.  Die  beste  Antwort,  die  darauf
zu  erteilen  war,  ist  der  gestrige  Sieg  von  Verdun.
Die  amtliche  Antwort  der  Alliierten  wird  unseres
Landes  würdig  sein.

175

Am  gleichen  Tage  führte  der  englische  Premierminister  Lloyd
George  im  Unterhause  folgendes  aus:

Ich  erscheine  vor  diesem  Hause  mit  der  furchtbarsten
  Verantwortung  auf  meinen  Schultern,  die  einem
Menschen  zugewiesen  werden  kann,  nämlich  als  der
erste  Ratgeber  der  Krone  in  diesem  riesenhaftesten
Kampfe,  in  den  jemals  ein  Land  verwickelt  war,  ein
Krieg,  von  dessen  Ergebnis  sein  Schicksal  abhängt.
Es  ist  der  größte  Krieg,  der  jemals  geführt  worden  ist,
der  schwerste,  den  jemals  irgendein  Land  hat  durchmachen
  müssen,  und  die  Dinge,  die  dabei  auf  dem
Spielestehen,  sind  die  höchsten,  die  jemals  einen  Kampf,
in  den  die  Menschheit  gestürzt  wurde,  charakterisierten.
Die  Verantwortung  der  neuen  Negierung  wurde
Hlbelifh  verschärft  durch  die  Erklärung  des  deutschen

eichskanzlers,  dessen  Rede  im  Reichstag  eine  Note
folgte,  die  uns  durch  die  Vereinigten  Staaten  ohne
Kommentar  übermittelt  wurde.  Die  Regierung  wird
die  Antwort  in  voller  übereinstimmung  mit  unseren
tapferen  Verbündeten  geben.  Natürlich  sind  bereits
Gedanken  ausgetauscht  worden,  nicht  über  die  Note,
da  diese  eben  erst  eingetroffen  ist,  sondern  über  die
Rede  des  deutschen  Reichskanzlers,  und  da  die  Note
tatsächlich  eine  Reproduktion  dieser  Rede  ist,  so  eigentlich
  auch  über  die  Note.  Ich  erkläre  mit  Genugtuung,
daß  wir  gesondert  und  unabhängig  voneinander  zu
denselben  Schlüssen  gekommen  sind,  und  auch,  daß
Frankreich  und  Rußland  zuerst  geantwortet  haben,
weil  sie  zweifellos  das  Recht  haben,  die  erste  Antwort
u  geben  auf  eine  derartige  Einladung.  Der  Feind
stepf  noch  auf  ihrem  Gebiet,  und  ihre  Opfer  sind  größer
  gewesen  als  die  unfrigen.  Diese  Antwortist  bereits
veröffentlicht,  und  im  Namen  der  Regierung  erkläreich,
diese  Antwort  durchaus  und  kräftig  zu  unterstützen.

Jeder  oder  jede  Gruppe  von  Menften  die  leichtfertig
  und  ohne  genügenden  Grund  einschreckliches  Blutbad
  wie  dieses  fortsetzen  wollte,  würde  ihr  Gewissen
mit  einem  Verbrechen  beflecken,  das  von  einem  Meere
nicht  abgewaschen  werden  könnte.  Aber  andererseits
ist  es  ebenso  wahr,  daß  ein  jeder  oder  jede  Gruppe
von  Menschen,  die  aus  einem  Gefühl  der  Erschöpfung
oder  der  Verzweiflung  heraus  den  Kampf  aufgäbe,
ohne  das  höchste  Ziel  verwirklicht  zu  haben,  wofür
wir  in  diesen  Kampf  gegangen  sind,  sich  der  schwersten
Feigheit  schuldig  machen  würde,  dieirgendein  Staatsmanngezeigt
  hätte.  Ich  könnte  dabei  geflügelte  Worte
zitieren,  die  Abraham  Lincoln  unter  ähnlichen  Umständen
  ausgesprochen  hat:  -Wir  haben  diesen  Krieg
für  ein  bestimmtes  Ziel,  und  zwar  für  ein  universelles
Ziel  unternommen,  und  dieser  Krieg  wird  endigen,
wenn  dieses  Ziel  mit  Gottes  Hilfe  erreicht  ist.«  Ich
hoffe,  daß  der  Krieg,  bevor  dieser  Augenblick  eintritt,
nicht  endigen  wird.  Sind  wir  imstande,  dieses  Ziel
zu  erreichen,  wenn  wir  die  Einladung  des  deutschen

eichskanzlers  annehmen?

Was  sind  die  Vorschläge?  Es  bestehen  keine
Vorschläge!  Wenn  wir  mit  Deutschland,  das  sich  selbst
als  Sieger  ausruft,  in  Unterhandlungen  eintreten.
ohne  irgend  etwas  über  diese  Vorschläge  zu  wissen,  die
es  die  Absicht  hat,  u  machen,  so  würden  wir  unsere
Köpfe  in  eine  Schlinge  stecken,  deren  Strick  Deutschland
  in  der  Hand  hält.  England  ist  nicht  ganz  ohne
Erfahrungen  in  derlei  Dingen.  Nicht  zum  erstenmal
  bekämpfen  wir  einen  großen  Militärdespotismus,
der  Europa  bedroht,  und  nicht  zum  erstenmal  werden
wir  einen  Militärdespotismus  zerknicken.  Es  war  stets
eine  beliebte  Gewohnheit  unter  den  größten  der  Despoten,
  sich  als  Hüter  des  Friedensengels  auszugeben,
        <pb n="216" />
        176

wenn  sie  glaubten,  dadurch  ihren  abscheulichen  Plänen
nützen  zu  können.  Auf  diese  Weise  pflegten  die  Despoten
  zu  erscheinen,  wenn  sie  es  nötig  fanden,  ihre
Erobeungen  auszugleichen  oder  die  Truppen  für
neue  Eroberungen  zu  organisieren  oder  an  zweiter
Stelle,  wenn  die  Untertanen  Zeichen  von  Erschöpfun
in  diesen  Kriegen  zu  erkennen  gaben.  Und  der  Aufruf
  zum  Frieden  geschah  dann  steis  im  Namen  der
Menschheit.  Man  forderte,  daß  dem  Blutbad  ein  Ende
gemacht  werde,  bevor  es  dem  Despoten  nach  seinen
eigenen  Aussagen  graute,  wofür  er  E  an  erster
Stelle  verantwortlich  zu  machen  ist.  So  griff  er  auch
unsere  Vorväter  an,  und  sie  sowie  ganz  Europa  bedauerten
  es  bitter,  als  die  Zeit  für  eine  Wiederbelebungseiner
  Streitmacht  zu  dem  vernichtendsten  Schlage
benutzt  wurde,  der  jemals  der  Freiheit  Europas  beigebracht
  wurde.  Derartige  Beispiele  bringen  uns  dazu,
diese  Note  mit  einer  sich  auf  Erinnerungen  stützenden
Unruhe  zu  betrachten.
Wir  meinen,  daß  wir,  4  wir  eine  solche  Einladung
hünstig  in  Erwägung  ziehen  können,  wissen  mücssen,
aß  Deutschland  bereit  ist,  den  einzigen  Bedingunen
  zuzustimmen,  unter  denen  Friede  in  Europa  erangt
  und  erhalten  werden  kann.  Diese  Bedingungen
sind  wiederholt  von  allen  führenden  Staatsmännern
der  Verbündeten  mitgeteilt  worden.  Auch  —N.
hat  sie  wiederholt  bekanntgegeben.  Es  ist  wichtig,  da
in  dieser  Sache,  die  Leben  und  Tod  für  Millionen  bedeutet,
  kein  Irrtum  entsteht.  Ich  will  diese  Bedingung
  noch  einmal  wiederholen.  Sie  sind  vollständige

iederherstellung  (restitution),  ferner  Genugtuung
(reparation)  und  wirksame  Garantien.  Hatder  deutsche
Kanzler  eine  einzige  Redewendung  gebraucht,  die  darauf
  hindeutet,  daß  er  bereit  ist,  solchen  Frieden
anzunehmen?  Der  wahre  Inhalt  und  der  Stil
der  Rede  bilden  die  Ablehnung  eines  Friedens
  auf  Grund  der  einzigen  Bedingungen,
auf  welchen  der  Friede  möglich  ist.

Der  Neichskonzler  ist  nicht  eimmal  überzeugt,  daß
Deutschland  die  Rechte  der  freien  Völker  verletzt  hat.
In  der  Note  sagt  er:  -Keinen  Augenblick  haben  sich
die  Zentralmächte  von  der  überzeugung  entfernt,  daß
ihre  Achtung  vor  den  Rechten  der  anderen  Nationen
sich  in  keiner  Weise  in  Widerspruch  zu  setzen  braucht
zu  ihren  eigenen  Rechten  und  eigenen  rechtmäßigen
Interessen.“  Jetzt,  wo  Deutschland  am  äußersten  angelangt
  ist.  wird  dies  entdeckt.  Aber  wo  blieb  diese

lchtung  vor  den  Rechten  anderer  Nationen  enüber
  Belgien  und  Serbien?  War  das  eine  Selbstverteidigung
  gegenüber  der  Betrohung  von  Belgien
durch  die  lberwältigende  Macht  der  Heere?  Ich  nehme

an,  daß  die  Deutschen  »aus  Furcht-  einen  Einfall  in  ß

Belgien  machten,  Städte  und  Dörfer  in  Belgien  verbrannten
  und  Tausende  von  Einwohnern,  alt  oder
jung,  dabei  ums  Leben  brachten.  Und  gerade  in  dem
Augenblick,  in  dem  diese  Note  aufgesetzt  wurde,  waren
  sie  im  Begriff,  die  Belgier  in  die  Sklaverei  zu  führen.
  Und  dabei  werden  in  der  Note  die  Worte  von
der  unerschütterlichen  überzeugung  von  den  Rechten
der  anderen  Nationen  gebraucht!

Stellen  derartige  Verbrechen  die  berechtigten  Interessen
  Deutschlands  dar?  Wir  müssen  wissen,  daß  es
nicht  der  richtige  Augenblick  für  den  Friedesn
ist,  wenn  Entschuldigungen  dieser  Art  gegenüber  den
handgreiflichen  Verbrechen  angeführt  werden,  zweieinhalb
  Jahre,  nachdem  unerschütterliche  Tatsachen
Bereint  haben,  was  eine  Garantie  bedeutet.  Ich  wünche
  in  aller  Feierlichkeit  eine  Garantie,  daß  derartige

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Ausflüchte  in  Zukunft  nicht  mehr  benutzt  werden  können,
  um  jeden  Friedensvertrag  umzustoßen,  den  man
mit  dem  preußischen  Militarismus  abschließen  will.
Diese  Note  und  die  Rede  beweisen,  daß  die  Deutschen
noch  nicht  das  Alphabet  von  den  Rechten  der  anderen
gelernt  haben.  Ohne  Wiederherstellungen  ist
der  Friede  unmöglich.  Sollen  diese  Verletzungen
der  Menschlichkeit  zu  Lande  und  zu  Wasser  ausgeglichen
  werden  durch  einige  fromme  Phrasen  Über  Menschlichkeit?
  Das  kann  man  nicht  zulassen.  Müssen  wir
freundschaftlich  die  Hand  derer  annehmen,  die  diese
Grausamkeiten  begingen,  ohne  daß  irgendwelche  Wiederherstellung
  bewerkstelligt  wird  und  ohne  daß
Deutschland  uns  zubilligt,  Schadenersatz  zu  verlangen
für  alle  zukünftige  Gewalt,  die  nach  dem  Kriege  betrieben
  wird?  Es  hat  uns  viel  gekostet,  und  wir  müssen
  nun  derartige  Forderungen  stellen,  um  nicht  eine
rchtbare  Erbschaft  unseren  Kindern  zu  hinterlassen.
ie  sehr  wir  auch  nach  dem  Frieden  verlangen  und
wie  tief  auch  unser  Abscheu  vor  dem  Kriege  ist,  diese
Note  und  diese  Rede  geben  uns  nicht  viel  Mut  und
Hoffnung  auf  einen  ehrenvollen  und  dauerhaften  Frieden.
  che  Hoffnung  können  wir  nach  dieser  Rede
hegen,  daß  die  einzige  Ursache  der  großen  Bitterkeit,
nämlich  der  anmascn  Geist  der  preußischen  militaristischen
  Kaste,  nicht  ebenso  vorherrscht  wie  zuvor,
nachdem  wir  den  Frieden  zusammengeflickt
baben  würden.  Die  Rede,  in  der  diese  Friedensvorchläge
  angegeben  werden,  pocht  auf  den  militärischen
reußischen  Triu  n.  Wir  müssen  durchhalten  und
as  e  auf  u  ele  gerichtet  halten,  fütr  die  wir
in  den  Krieg  gegangen  sind,  sonst  werden  die  großen
Opfer,  die  wir  gebracht  haben,  vergebens  sein.

Die  Zentralmächte  behaupten,  zur  Verteidigung
ihrer  Existenz  und  der  Freiheit  ihrer  nationalen
wicklung  gezwungen  worden  zu  sein,  die  Waffen  zu
ergreifen.  Diese  Phrasen  diskreditieren  diejenigen,
die  sie  niederschreiben.  Ihr  Zweck  ist,  die  deutsche  Nation
  zu  betrügen,  um  sie  für  die  Pläne  der  preußischen
militärischen  Kaste  gefügig  zu  machen.  Wer  hat  jemals
  gewünscht,  der  nationalen  Existenz  Deutschlands
oder  seiner  freien  nationalen  Entwicklung  ein  Ende

u  machen?  Wir  haben  die  Entwicklung  Deutschlands
eudig  begrüßt,  solange  sie  auf  den  Wegen  des  Friedens
  blieb.  Die  Alliierten  begannen  diesen  Krieg,  um
Europa  gegen  die  Angriffe  der  preußischen  Militärherrschaft
  zu  verteidigen,  und  heute,  wo  wir  ihn  beonnen
  haben,  müssen  wir  darauf  bestehen.  daß  das
nde  einzig  das  sein  kann,  daß  wir  mit  absoluter  Garantie
  gesichert  sind  gegen  die  Möglichkeit,  daß  diese
Kaste  je  wieder  den  Frieden  Europas  stört.  Als  Preuen
  in  die  Hände  dieser  Kaste  geriet,  war  seine  böse
Stunde  angebrochen.  Voll  Anmaßung  drohte  und
donnerte  es.  Es  veränderte  die  Grenzen  nach  seinem
Willen,  und  ein  schönes  Stück  Land  nach  dem  anderen
nahm  es  seinen  schwächeren  Nachbarn,  während  es
demonstrativ  den  Gürtel  mit  Angriffswasfsen  füllte
und  stets  auf  den  passenden  Augenblick  wartete,  diese
Waffen  zu  benutzen.  Stets  war  es  der  unangenehme,
störende  Nachbar  Europas.  Es  ist  schwer  für  diejenien,
  die  in  einem  Abstand  von  Tausenden  von  Meien
  wohnen,  zu  begreifen,  was  dies  für  diejenigen  bedeutet,
  die  in  der  Nähe  wohnen.  Selbst  hier  in  England
  unter  dem  Schutz  der  ausgedehnten  See,  die  zwischen
  uns  und  ihnen  liegt,  wissen  wir,  welch  ein  lästiges
Element  die  Preußen  waren  mit  ihren  fortdauernden
Flottendrohungen.
Aber  selbst  wir  sind  uns  kaum  bewußt,  was  es  für
        <pb n="217" />
        Das  Friedensangebot  des  Vierbundes  vom  12.  Dezember  1916

Frankreich  und  Rußland  bedeutet  hat,  jetzt,  wo
die  preußischen  militärischen  Leiter  Frankreich,  Rußland,
  Italien  und  uns  selbst  zu  diesem  Krieg  gezwungen
  haben.  Es  wäre  eine  grausame  Torheit,  wenn
man  nicht  den  Standpunkt  einnehmen  wollte,  daß  dieses
  Bluffen  zur  Beunruhigung  aller  friedlichen  Bürger
  in  den  Staaten  Europas  führt  und  als  Ungrif
gegen  das  Völkerrecht  behandelt  werden  muß.  Das

ort  allein,  das  Belgien  zum  Verderben  führte,  wird
Europa  nicht  länger  genügen.  Wir  alle  haben  an
dieses  Wort  geglaubt,  wir  alle  vertrauten  diesem  Worte,
und  doch  wurde  es  hinfällig  bei  dem  ersten  Anlaß,
und  Europa  wurde  in  einen  Hirbe  von  Blut  gestürzt.
Wir  werden  deshalb  warten,  bis  wir  hören,
welche  Bedingungenund  Garantien  die  deutsche
  ANeierung  anbietet,  und  zwar  bessere  und
sicherere  Bedingungen  als  die,  welche  sie  so  leichtfertig
  gebrochen  hat,  und  inzwischen  werden  wir  unser
Vertrauen  in  die  ungebrochene  Macht  unseres  Heeres
setzen,  und  zwar  lieder  als  in  ein  gebrochenes  Zutrauen.
  Im  Augenblick  glaube  ich  nicht,  daß  es  für
mich  ratsam  wäre,  dem  noch  etwas  binzuzufügen.
Die  Alliierten  werden  auf  diese  besondere  Einladung
dieser  Tage  eine  formelle  Antwort  geben.

Am  13.  Dezember  1918  gab  der  ttallenische  Minister  des
Außern  Sonnino  auf  eine  Anfrage  des  Abgeordneten  Baslini
vor  der  Deputiertenkammer  nachstehende  Erklärung  über  die
Aufsassung  der  Regterung  von  dem  Friedensangebot  der  Mittelmächte
  und  dessen  Bedeutung  für  die  Eröffnung  von  Friedensverhandlungen
  ab:

Es  ist  wahr,  daß  der  schweizerische  Gesandte  mir
eine  Note  der  deutschen  Regierung  und  der  drei  mit
ihr  verbündeten  Mächte  übergeben  hat,  die  besagt,
daß  Friedensverhandlungen  begonnen  werden  sollten.
Der  schweizerische  Gesandte  fügte  bei,  daß  er  diese  Vermittlung
  in  seiner  Eigenschaft  als  Vertreter  der  deutschen
  Interessen  übernommen  und  keineswegs  die  Absicht
  habe.  irgendwelche  Vermittlung  zu  unternehmen,
sondern  nur  zu  lbermitteln.  Ich  antwortete,  indem
ich  Akt  davon  nahm,  und  dankte.  Um  auf  das  in  der
Anfrage  Baslini  gestellte  Verlangen  zu  antworten,
erkläre  ich  schon  jetzt,  daß  in  der  Note  keine  einzige
genaue  Bezeichnung  der  Friedensbedingungen  enthalten
  ist,  auf  Grund  deren  mian  versuchen  wolle,  in  Friedensunterhandlungen
  einzutreten.  Im  übrigen  wurde
der  Text  der  Note  durch  die  Agenzia  Stefani=  in
übersetzung  wiedergegeben.

Hierauf  verlas  der  Minister  die  auf  die  Friedensbedingungen
bezugnehmenden  Worte  der  deutschen  Note  und  fuhr  dann  sort:

Das  ist  alles.  Im  übrigen  handelt  es  sich  um
Kriegsbetrachtungen.  Ich  ankwortete  dem  schweizerischen
  Gesandten,  daß  ich  natürlich  mich  zuerst  mit  meinen
  Kollegen  und  mit  den  verbündeten  Regierungen
verständigen  mülsse  hinsichtlich  der  Antwort  auf  diese
Note,  die  ebenfalls  zwischen  den  vier  feindlichen  Mächten
  vereinbart  worden  ist.  Ich  möchte  den  Abgeordneten,
  der  mich  interpelliert  hat,  sowie  die  anderen
Abgeordneten,  die  dies  ebenfalls  vorhaben  sollten,
darum  ersuchen,  diese  Debatte  nicht  in  die  Länge  zu
ziehen,  und  zwar  aus  folgenden  Gründen  nicht.  In
einer  so  heillen  Angelegenheit  ist  es  sehr  wichtig.  daß
die  Verbündeten  in  vollem  Einvernehmen  vorgehen,
nicht  allein  in  bezug  auf  Kern  und  Wesen  dessen,  was
mitzuteilen  sein  wird,  sondern  auch  hinsichtlich  der
Schattierungen  der  Form.  Das  wäre  nun  unmöglich,
  wenn  jeder  seine  besonderen  Eindrücke  von  vornherein
  bekanntgeben  wollte.

Der  Krieg  1914/17.  U.

177
Am  18.  Dezember  führte  Sonnino  aus:

Es  sind  keine  bestimmten  Vorschläge  vorhanden,
außer  dem  allgemeinen  Vorschlage,  die  Friedensverhandlungen
  zu  eröffnen.  Wenn  darüber  hinaus  Vorschläge
  gemacht  worden  wären,  dann  würden  wir  erwägen,
  was  dementsprechend  zu  tun  wäre.  Es  wäre
nicht  praktisch  und  auch  nicht  ernsthaft,  heute  darüber
Crörterungen  zu  pflegen.  übrigens  wird  kein  Verbündeter
  eine  Bedingung  in  Erwagung  ziehen  können,
die  ihm  in  einer  für  ihn  allein  bestimmten  Form  angeboten
  worden  wäre.  Im  öffentlichen  Interesse  und
auf  Grund  der  den  verbündeten  Regierungen  schul.
digen  Rücksichten  kann  ich  ihnen  nichts  mitteilen,  was
sich  auf  den  Inhalt  der  Note  bezieht,  die  wir  auf  diesen
  Schritt  der  vier  feindlichen  Mächte  erteilen  werden.
Die  Antwort  wird  veröffentlicht,  sobald  darüber  ein
Einvernehmen  getroffen  worden  ist.

Wir  alle  wünschen  sehnsüchtig  den  Frieden,  und
zwar  einen  dauerhaften  Frieden,  aber  wir  sehen  als
einen  dauerhaften  Frieden  eine  festgelegte  Regelung
an,  deren  Dauer  nicht  von  der  Festigzeit  der  Ketten
abhängt,  die  geschmiedet  sein  könnten,  um  sie  einem
oder  dem  anderen  Volke  anzulegen,  sondern  von  einem
gerechten  Gleichgewicht  zwischen  den  Staaten,  von  der
Achtung  des  Grundsatzes  der  Nationalitäten,  vom
Völkerrecht  und  den  Grundsätzen  der  Menschlichkeit  und
der  Zivilisation.  Wir  streben  in  keiner  Weise  nach  irgendeiner
  internationalen  Regelung  der  Unteriochung
oder  Vorherrsch  aft  oder  einer  Regelung,  die  eine  Vernichtung
  von  Völkern  oder  Nationen  bedingt.  Angesichts
  eines  ernsthaften  Vorschlages  für  bestimmte
Grundlagen  von  Verhandlungen,  die  den  oben  dargelegten
  Forderungen  der  Gerechtigkeit  und  Zivilisation
  Genüge  tun  könnten,  würde  sich  niemand  von
vornherein  weigern,  darüber  zu  verhandeln.  Aber
bis  jetzt  zeigt  auch  nichts  im  entferntesten,  daß  diese
Bedingungen  im  gegenwärtigen  Falle  sich  verwirklichen;
  es  sind  sogar  sehr  viele  Dinge  vorhanden,  die
auf  ein  Gegenteil  hinweisen.

Der  russische  Mintster  des  Außern  Pokrowstt  führte  am
16.  Dezemder  1916  in  der  Duma  über  die  Siellungnahme  der
russischen  Regierung  zu  dem  Friedensangebot  folgendes  aus:

Die  Friedensworte,  welche  von  einer  Partei  kommen,
  auf  die  die  ganze  Last  der  Verantwortung  für
den  von  ihr  entfachten  Weltbrand  zurückfällt,  der
seinesgleichen  in  den  Annalen  der  Geschichte  sucht,
waren  kuod  ihrer  Ungewöhnlichkeit  keine  lberraschung
für  die  Allierten.  Während  der  zweieinhalbjährigen
Kriegsdauer  hat  Deutschland  mehr  als  einmal  von
Frieden  gesprochen.  Es  sprach  davon  zu  seinen  Heeren
und  seiner  Bevölkerung,  jedesmal,  wenn  es  an  ein
militärisches  Unternehmen  ging,  das  eine  Entscheidung
  darstellen  sollte.  Nach  jedem  auf  eine  in  die
Augen  fallende  Wirkung  berechneten  militärischen  Erfolg
  suchte  es  einen  Sonderfrieden  an  zubahnen,  bald
nach  der  einen,  bald  nach  der  anderen  Seite.  Es  arbeitete
  in  diesem  Sinne  lebhaft  in  der  Presse  der  neutralen
  Länder.  Alle  diese  deutschen  Versuche  stießen
sich  an  dem  Widerstand  und  der  entschlossenen  Ruhe
der  alliierten  Mächte.  Nachdem  es  jetzt  eines  Besseren
über  die  Möglichkeit  belehrt  ist,  eine  Bresche  in  unsere
unerschütterliche  Allianz  zu  schlagen,  hat  Deutschland
den  offiziellen  Vorschlag  gemacht,  Friedensverhandlungen
  einguleiten.

m  diesen  Vorschlag  zu  würdigen,  muß  man  sowohl
  seinen  Inhalt  wie  die  Umstände  berücksichtigen,
unter  denen  er  gemacht  wird.  Im  wesentlichen  enthält

12
        <pb n="218" />
        178

der  deutsche  Vorschlag  keine  tatsächlichen  Angaben
über  das  Wesen  des  Friedens,  von  dem  die  Rede  ist.
Er  wiederholt  die  veraltete  Legende  von  dem  den
Mittelmächten  aufgedrungenen  Krieg.  Er  verzeichnet
  die  Sieghaftigkeit  der  österreichisch-deutschen  Heere
und  die  Unwiderstehlichkeit  ihrer  Verteidigung.  Dann
schlagen  die  Mittelmächte  die  Einleitung  von  Friedensverhandlungen
  vor  und  drücken  dabei  die  Überzeugung
  aus,  daß  die  von  ihnen  zu  machenden  Anerbieten
  Dasein.  Ehre  und  freie  Entwicklung  =  ihrer-Völker
  gewährleisten  und  die  Grundlage  eines  dauerhaften
  Friedens  bilden  werden.  (Der  französische  Text
der  aus  Kopenhagen  übermittelten  Depesche  ist  an  dieser
Stelle  verstümmelt.)  Das  ist  der  ganze  Inhalt  der
Mitteilung,  ausgenommen  die  Botschaft,  daß  der
Krieg  im  Palee  einer  Ablehnung  bis  zum  siegreichen
Ende  weitergeführt  und  auf  uns  und  unsere  Alliierten
die  Verantwortung  für  weiteres  Blutvergießen  abgewälzt
  werden  solle.

Unter  welchen  Umständen  wird  der  deutsche  Vorschlag
  gemacht?  Die  feindlichen  Heere  haben  Belgien,
Serbien,  Montenegro,  einen  Teil  Frankreichs,  Au.
lands  und  Rumäniens  verwüstet  und  besetzt.  Die
Deutschen  und  ÖOsterreicher  haben  soeben  die  scheinbare
Unabhängigkeit  eines  Teiles  von  Polen  verkündet  und
versuchen  damit,  die  Hand  auf  die  ganze  polnische  Nation
  zu  legen.  Wer  kann  also  aus  solchen  Verhältnissen
  bei  Beginn  der  Vorbesprechungen  des  Friedens
Vorteil  ziehen,  als  Deutschland?  Aber  die  Gründe
des  deusschen  Schrittes  werden  noch  klarer,  wenn  man
den  inneren  Zustand  bei  unseren  Feinden  in  Betracht
zieht.  Abgesehen  von  dem  ungesetzlichen  Versuch  der
Deutschen,  die  Bevöllerung  Russisch-Polens  zu  zwingen,
  die  Waffen  gegen  ihr  eigenes  Vaterland  zu  ergreifen.
  genügt  es,  den  allgemeinen  Arbeitszwang,

er  in  Deutschland  eingeführt  ist,  zu  erwähnen,  um
zu  verstehen,  wie  hart  die  Lage  der  Feinde  ist.  Zu
versuchen,  im  letzten  Augenblick  aus  ihren  augenblicklichen
  Gebietseroberungen  Vorteil  zu  ziehen,  ehe  sich
ihre  innere  Schwäche  offenbart  —  das  ist  der  wahre
Sinn  des  deutschen  Schrittes.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Im  Falle  des  Mißlingens  wird  der  Feind  die
Weigerung  der  Allüerten,  den  Frieden  anzunehmen,
im  Innern  dazu  ausnutzen,  die  sinkende  Moral  seiner
  Bevölkerung  wieder  zu  stärken.  Aber  es  besteht
noch  ein  anderer  Zweck  bei  dem  Schritte.  In  der  Unfähigkeit,
  den  wahren  Geist,  der  Rußland  beseelt,  zu
verstehen,  setzen  sich  unsere  Feinde  die  vergebliche
Hoffnung  in  den  Kopf,  daß  sich  bei  uns  so  zaghafte

eute  finden,  daß  sie  sich,  sei  es  nur  für  einen  Moment,
  durch  lügenhafte  Vorschläge  täuschen  lassen.
Das  wird  nicht  der  Fall  sein.  Der  Glaube  Rußlands
wird  nicht  wanken.  Im  Gegenteil,  um  so  enger  wird
sich  ganz  Rußland  um  seinen  ehrwürdigen  Herrscher
  scharen,  der  seit  Kriegsbeginn  erklärt  hat,  daß
er  nicht  Frieden  machen  werde,  bis  der  letzte  feindliche
  Soldat  unser  Land  verlassen  habe.  Mit  um
so  größerer  Energie  wird  die  russische  Regierung  nach
der  Erreichung  der  von  Ihnen  am  Tage  der  Wiederaufnahme
  ihrer  Arbeiten  verkündeten  Ziele  streben,
ganz  besonders  nach  der  allgemeinen  Mitarbeit,  die
das  einzige  Mittel  darstellt,  das  Ziel  zu  erreichen,
das  uns  allen  am  Herzen  liegt  —  die  Vernichtung
des  Feindes.

Die  russische  Regierung  weist  schon  den  Gedanken,
  jetzt  den  Kampf  zu  unterbrechen  und  dadurch
  Deutschland  zu  erlauben,  die  letzte  Möglichkeit,
die  sich  ihm  bietet,  Europa  seiner  Vorherrschaft  zu
unterwerfen,  auszunutzen,  mit  Entrüstung  ab.  Alle
die  unzähligen  gebrachten  Opfer  würden  umsonst
sein,  wenn  man  mit  dem  Feinde,  dessen  Kräfte  zwar
geschwächt,  aber  nicht  gebrochen  sind,  und  der  unter
  dem  Vorwand  eines  dauerhaften  Friedens  einen
üusschub  sucht,  einen  vorzeitigen  Frieden  schließen
würde.

In  diesem  unerschütterlichen  Entschluß  befindet  sich
Rußland  in  völliger  Übereinstimmung  mit  allen  tapferen
  Alliierten.  Wir  sind  alle  in  gleicher  Weise  von
der  vitalen  Notwendigkeit  durchdrungen,  den  Krieg
bis  zum  siegreichen  Ende  zu  führen,  und  wir  werden
uns  von  diesem  Wege  durch  kein  Manöver  des  Feindes
  abbringen  lassen.

Kriegskalender

Die  folgende  lbersichtstasel  enthält  als  Fortsetzung  des  Kriegskalenders
  im  1.  Band  des  vorliegenden  Werkes  die  wichtigeren,
mit  dem  Kriege  in  Verbindung  stehenden  Greignisse  des  Jahres
1916  in  zeitlicher  Neihenfolge  und  dient  als  Anhaltspunkt  für
die  Kriegsberichte  aus  dem  Großen  Hauptquartier  (S.  199  ff.).
Eine  ausführliche  Aufzählung  der  Ereignisse  zur  See  bringt  die
Abhandlung  über  den  Seekrieg  1915/16  (S.  239  fl.).

Jannar  1916.

1.  Niederlage  der  Russen  an  der  Strypa  und  bei
Toporoutz  (beßarabische  Front).

2.  Jaunde,  das  Zentrum  der  Verteidigung  Kameruns,
  fällt.

8.  Die  Türkei  führt  den  Gregorianischen  Kalener

  ein.

6.  Annahme  der  englischen  Wehrpflichtvorlage  im
Unterhaus  in  erster  Lesung.

Osterreichisch-ungarischer  Sieg  Über  die  Montenegriner
  bei  Mojkovac.

6.—7.  Russische  Massenangriffe  bei  Buczacz  (Ostgalizien)
  scheitern  unter  scheeren  Verlusten.

7.  Zusammenbruch  russischer  Vorstöße  bei  Toporoutz.


Erfolgreicher  deutscher  Luftangriff  auf  das  Lager
der  englisch-franz.  Orientarmee  bei  Saloniki.

Englische  Niederlage  bei  Scheikh  Saad  (Mesopotamien).


8.  Rückeroberung  des  Hirzsteines  durch  die  Deutschen
(vgl.  Kriegskalender,  Bd.  J,  21.  Dezember  1915).

Beginn  des  Isterriichisch  ungar.  Angriffes  gegen
Montenegro  im  Gebiet  der  Bochhe  di  Cattaro.

8./9.  Die  englisch  -französischen  Truppen  räumen
sämtliche  Stellungen  auf  Gallipoli.

9.  Das  englische  Schlachtschiff-Edward  VII.  sinkt
durch  eine  deutsche  Mine  in  der  Nordsee.

10.  Eroberung  des  Loveen  durch  die  österreichischungarische

  Gruppe  Trollmann.

Osterreichisch-ungarische  Truppen  besetzen  Berane.

11.  Neuerliche  Niederlage  der  Russen  bei  Toporouyg.
Besetzung  Korfus  durch  französische  Truppen.
Einleitung  einer  allgemeinen  russischen  Offensive
egen  das  türkische  Zentrum  im  Kaukasus.
".  Vorstoß  der  Armee  Sarkotic  auf  Cetinje.
        <pb n="219" />
        Kriegskalender

11.  Erfolhreicher  österreichisch-ungarischer  Luftangriff
auf  Rimini.

Sechste  Kriegstagung  des  deutschen  Reichstages.
12.  Russische  Niederlage  am  Arasfluß  (Kaukasus).
3.  Osterreichisch--ungarische  Truppen  besetzen  Cetinje.

Die  Türken  besetzen  Kermanschah  (Persien).

14.  Der  russische  Hauptangriff  bei  Toporoutz  scheitert
unter  schweren  Verlusten.
15.  Erster  „Balkanzuge  nach  Konstantinopel.

!.  Zusammenbruch  der  russischen  Offensive  in  Ostgalizien
  und  an  der  beßarabischen  Front  Toporoutz-Raranze
  (2  Neujahrsschlacht  1916-.).  Russische
  Verluste:  76000  Mann.

15.—  16.  Lebhafte  Kämpfe  am  Kirchenrücken  bei  Oflavija
  (Isonzo-Front).

.  Zurücknahme  der  türkischen  Front  am  Aras-Fluß.
17.  Beginn  der  Verhandlungen  mit  Montenegro

über  die  Waffenstreckung.  Einstellung  der  Feindseligkeiten.


Osterreichisch-ungarischer  Lustangriff  auf  Ancona.
Köprüköi  (Kaukasus-Front)  wird  von  den  Russen
besetzt;  Rückzug  der  Türken  auf  Erzerum.

18.  Deutscher  Luftangriff  auf  Tarnopol.
19.  Neue  vergebliche  Durchbruchsversuche  der  Russen
östlich  von  Czernowitz  und  Toporoutz.

Die  serbische  Regierung  wird  nach  Korfu  verlegt.
20.  Erweiterung  der  Landsturmpflicht  in  ÖOsterreich--Ungarn

  bis  zum  55.  Lebensjahr.
21.  Flucht  der  montenegrinischen  Königsfamilie  nach
Frankreich.

Niederlage  der  Engländer  an  der  Irakfront  bei
Korna  und  Menlahie.

22.  Die  Osterreicher  besetzen  Antivari  und  Dulcigno.
22./23.  Erfolgreicher  deutscher  Luftangriff  auf  Dover.
23.  Venzösicher  Luftangriff  auf  Mepß.

u  Besetzung  von  Skutari,  Niksic  und  Podgorica
durch  die  österreichisch-ungarischen  Truppen.

24.  Deutscher  Luftangriff  auf  Nanch  und  Baccarat.

24.—26.  Ober=  und  Unterhaus  nehmen  die  englische
Wehrpflichtvorlage  an.

25.  Unterzeichnung  der  Vereinbarungen  über  die
Waffenstreckung  des  montenegrinischen  Heeres.

.  Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  erobern
italienische  Stellungen  bei  Oslavija  (Isonzo).
28.  Die  Deutschen  erstürmen  französische  Stellungen

bei  Frise  (Somme).

gFranzöfischer  Luftangriff  auf  Freiburg  i.  Br.
Alessio  und  Giovanni  di  Medua  werden  von
österreichisch-ungarischen  Truppen  genommen.
Besetung  des  griechischen  Forts  Kara  Burun
vor  Saloniki  durch  die  Franzosen.

29.80.  Erfolgreicher  Angriff  deutscher  Luftschiffe  auf
a

80./31.  Erneuter  Luftangriff  auf  Paris.

31./1.  Februar.  Angriff  eines  deutschen  Luftschiffeschwaders
  auf  England.  Erfolgreiche  Beschieung
  von  Liverpool,  Birkenhead,  Nottingham,

Sheffield  und  Great  Barmouth.

Februar  1916.

2.  Rücktritt  des  russischen  Ministerpräsidenden  Goremykin;
  Nachfolger:  Stürmer.

Englische  Vorstöße  gegen  Kut  el  Amara  werden
von  den  Türken  erfolgreich  abgewiesen.

3.  Zurücknahme  der  italienischen  Front  am  Tolmeiner
  Brückenkopf  (Isonzo-Front).

Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  erreichen
den  Ischmi-Fluß  (Albanien).

179

7.  Amtliche  Meldung  vom  Ubertritt  der  deutschen
Kamerunkämpfer  auf  spanisches  Gebiet  (Spanisch-Neuguinea).


8.  Erstürmung  französischer  Stellungen  bei  Vimy
durch  die  Deutschen.

*  Denkschrift  der  deutschen  und  österreichisch-ungarischen
  Regierung  an  die  Neutralen  Über  die  Behandlung
  bewaffneter  Kauffahrteischiffe.

9.  Die  österreichisch  ungarischen  Truppen  besetzen
Tirana  in  Albanien.

10.  Der  Burengeneral  Smuts  ülbernimmt  den  Oberbefehl
  gegen  Deutsch-Ostafrika.

.  Das  englische  Wehrpflichtgesetz  tritt  in  Kraft.

10./11.  Zwei  englische  Kreuzer  werden  durch  deutsche
Torpedobootebei  einem  Seegefecht  an  der  Dogserbant
  vernichtet  (vgl.  „Der  Seekrieg  1915/16-,

249).

11.  Starker  französischer  Vorstoß  bei  Maison  de
Hamagne.

*  Die  Engländer  besetzen  das  griechische  Fort  Kum-Kale
  bei  Saloniki.

*  Lebhafte  Kämpfe  bei  Tarnopol.

Italien  verbietet  den  Handel  mit  Deutschland.

12.  Die  Deutschen  erobern  französische  Stellungen
bei  Sainte-Marie-à-Py.

*  Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Ravenna.

Schwere  Niederlage  der  Engländer  am  Salita-Lüger
  (deutsch  ostafrikanisch-engl.  Grenzgebiet).

Elbassan  wird  von  den  Bulgaren  besetßzt.

13.  Erfolgreicher  deutscher  Sturmangriff  *  die
französischen  Linien  bei  Tahure  und  Obersept.

Vorstoß  der  österreichisch-ungarischen  Truppen  bis
#um  Arzon  (Albanien).

14.  Englische  Stellungen  südwestlich  von  YDpern  werden
  durch  die  Deutschen  erobert.

Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Mailand.

16.  Die  englisch-französischen  Truppen  besetzen  die
Eisenbahn=  und  Telegraphenlinien  in  Thessalien.

Die  Russen  erstürmen  Erzerum.

17.  Zusammenbruch  englischer  Vorstöße  bei  Ypern.

*.  Der  Hafen  Kavaja  (Albanien)  wird  von  österreichisch-ungarischen
  pen  nenommen.

18.  Die  Russen  nehmen  Musch  (Armenien)  ein.

19.  Die  auf  österreichisch-ungarischer  Seite  kämpfenden
  Albaner  besetzen  Berat.  Beginn  der  Kämpfe
um  Durazzo.

*  Mit  der  Einnahme  der  befestigten  Station  Mora
gelangt  Kamerun  in  englischen  Besitz.

20.  Deutscher  Luftangriff  auf  die  englische  Ostküste.

21.  Die  Deutschen  erobern  französische  Stellungen
östlich  von  Souchez.

Osterreichisch-  ungarischer  Luftangriff  auf  italienische
  Stlitzpunkte  in  der  Lombardei.

*  Beginn  des  deutschen  Angriffs  gegen  Verdun.
Die  franz.  Stellungen  nördlich  von  Verdun  werden
  in  10km  Breite  und  3  km  Tiefe  durchbrochen.

22.  Deutsche  Erfolge  über  die  Franzosen  bei  Heidweiler
  (Elsaß).

23.  Eroberung  der  letzten  Außenstellungen  von  Durazzo
  durch  die  österreichisch-un  garischen  Truppen.

é!.  Admiral  v.  Pohl  stirbt  in  Berlin.

Portugal  beschlagnahmt  deutsche  und  österreichisch-ungarische
  Handelsschiffe.

24.  Vorstoß  der  Deutschen  auf  dem  rechten  Maasufer
nördlich  von  Verdun  bis  zum  Louvemont--Rücken
(10000  Gefangene).

7  Beschlagnahme  deutscher  Schiffe  in  Italien.

Die  Russen  nehmen  Ispir  (Kaukasus).

12°
        <pb n="220" />
        180

25.  Das  Panzerfort  Douaumont  nordöstlich  von  Verdun
  wird  durch  die  Deutschen  erstürmt.  Rückzug
der  Franzosen  in  der  Woevre-Ebene.

.  Lebhafte  Kämpfe  am  Monte  San  Miichele
(Isonzo).

Die  Nussen  erreichen  die  Straße  Trapezunt-Erzerum.



.  Eroberung  der  Befestigungslinien  von  Hardaumont
  bei  Verdun  durch  die  Deutschen  (5000  Gefangene).
  Starke  franz.  Gegenangriffe  scheitern.

Französischer  Luftangriff  au  Metz.

!.  Zusammenbruch  italienischer  Vorstöße  gegen  den

Monte  San  Michele.

Kuropatkin  wird  zum  Oberbefehlshaber  der  russischen
  Nordarmee  ernannt.

Die  Deutschen  stürmen  französische  Stellungen
bei  Navarin  in  der  Champagne.

.  Erfolgreiche  Abwehr  französischer  Angriffe  gegen
Fort  Douaumont.

Einnahme  von  Durazzo  durch  die  österreichischungarischen
  Truppen.

Die  Russen  besetzen  Kermanschah  (Persien).

28.  Die  Deutschen  erreichen  den  Fuß  der  Cötes  Lorraines.


29.  Deutsch-englisches  Seegefecht  in  der  Nordsee  (vgl.
„Der  Seekrieg  1915/16-,  S.  239).

März  1916.

1.  Deutsche  Unterseeboote  vernichten  drei  französische
Hilfskreuzer  bei  Le  Havre  und  einen  englischen
Bewachungsdampfer  in  der  Themsemündung.

2.  Die  Deutschen  stürmen  Dorf  Douaumont  und
benachbarte  Sefestigungen.

*  Englischer  Vorstoß  südlich  von  Dpern  gegen  die
„Bastion-Stellung.

3.  Zurückweisung  starker  französischer  Vorstöße  bei

orf  Douaumont  durch  die  Deutschen.

China  beschließt  die  Einführung  der  allgemeinen
Wehrpflicht.

Bitlis  (Armenien)  wird  von  den  Russen  erobert.

4.  Rückkehr  des  deutschen  Hilfskreuzers  „Möwenach
  mehrmonatiger  Kreuzfahrt  im  Atlantiischen
Ozean  (15  Schiffe  versenkt;  vgl.  »Der  Seekrieg
1915/16-,  S.  260).

5./6.  Deutscher  Luftangriff  auf  Hull  am  Humber.

6.  Vergebliche  Durchbruchsversuche  der  Engländer
bei  Es  Sinn  (Mesopotamien).

7.  Die  Deutschen  stürmen  Fresnes  (Woẽvre-Ebene).

Die  französischen  Stellungen  auf  dem  linken
Maasufer  bei  Bäthincourt  werden  in  6  km  Breite
und  3  km  Tiefe  von  den  Deutschen  durchbrochen.

*  Vorstoß  der  Engländer  im  Kilimandscharo-Gebiet.

8.  Die  Deutschen  erobern  Fort  und  Dorf  Vaux  sowie
  den  Rabenwald  nördlich  von  Verdun.

Schwere  Niederlage  der  Engländer  bei  Felahie
(Mesopotamien).

9.  Die  Franzosen  gewinnen  Fort  Vaux  zurück.

Die  Deutschen  erobern  den  Ablainwald  (Verdun).

Erfolgreicher  Angriff  deutscher  Seeflugzeuge  auf
russische  Schiffe  bei  Warna  (Schwarzes  Meer).

Kriegserklärung  Deutschlands  an  Portugal.

Die  gunsipsten  in  der  Türkei  wird  bis  zum  50.
Lebensjahr  verlängert.

10.  Erstürmung  französischer  Stellungen  bei  Reims
durch  die  Deutschen.

Heftiger  Kampf  bei  Taweta  (Britisch-Ostafrika).

12.  Deutsch-englische  Gefechte  am  Kilimandscharo.
13.  Beginn  der  fünften  italienischen  Isonzo-Offensive.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

14.  Die  Deutschen  erstürmen  die  Höhe  „Toter  Mannbei
  Verdun.
-Abbruch  der  politischen  Beziehungen  Osterreich-Ungarns
  zu  Portugal.
15.  Siebente  Kriegskagun  des  deutschen  Reichstages.
Schwere  Kämpfe  an  der  Podgora-Höhe  (Jsonzo).
"!  Rücktritt  des  Großadmirals  v.  Tirpitz;  Nachfolger:
Admiral  v.  Capelle.
16.  Eröffnung  der  russischen  Offensive  auf  der  Front
Dryswjiaty-See-Postawy  und  am  Narotsch-See.
Französische  Vorstöße  gegen  die  Höhe  „Toter
Manns  scheitern  unter  schweren  Verlusten.
Zusammendruch  der  italien.  Isonzo-Offensive.
-Der  französische  Kriegsminister  Gallien  tritt  zurück;
  Nachfolger:  General  Noques.
17.  Erfolgreicher  Vorstoß  der  österreichisch-ungarischen
Truppen  bei  Tolmein.
18.  Franz.  Luftangriffe  auf  Mülhausen  und  Metz.
Einverleibung  des  Nord-Epirus  in  Griechenland.
19.  Nbbafte  Kämpfe  bei  Fort  Douaumont  und  Dorf

aux.
Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  räumen
die  Brückenschanze  von  Uscieczko  am  Dnjestr.

*.  Deutscher  Flugzeugangriff  au  Dover,  Ramsgate
und  Deal.

Ispahan  wird  von  den  Russen  besetzt.

20.  Erstürmung  französischer  Stellungen  bei  Avocourt
  (Verdun)  durch  die  Deutschen.

-Ausdehnung  der  russischen  Offensive  auf  die  ganze
Nordfront.

Otcsterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Valona.

Seegefecht  zwischen  deutschen  und  englischen  Torpedobooten
  an  der  flandrischen  Küste.

21.  Höhepunkt  der  Schlacht  am  Narotsch-  See.

.  Pangani  (Deutsch  -Ostafrika)  wird  von  den  Engländern
  besetzt.

22.  Die  Deutschen  nehmen  französische  Befestigungen
bei  Haucourt  (Verdun).

Buan  Schi.kai  verzichtet  auf  die  chinesische  Kaiserwürde.
  Wiederherstellung  der  Republik.

22.—23.  Vergebliche  russische  Angriffe  bei  Jakobstadt
und  Widsy.

24.  Die  Zeichnungen  der  vierten  deutschen  Kriegsanleihe
  erreichen  die  Höhe  von  10  Milliarden  Mark.

*.  Bildung  der  Fraktion  der  sozialdemokratischen
Arbeitsgemeinschafte  im  deutschen  Reichstag.

Die  Deutschen  weisen  erneute  Massenangriffe  der
Russen  bei  Jakobstadt  und  Dünaburg  zurück.

25.  Ein  englischer  Fliegerangriff  auf  die  nordfriesische
  Küste  scheitert.

Die  Vierverbandsmächte  lehnen  den  Vorschlag  der
Vereinigten  Staaten,  die  Handelsschiffe  zu  entwaffnen,
  ab.

*  Bulgarien  beschließt  die  Einführung  des  Gregorianischen
  Kalenders.

26.  Niederlage  der  Russen  an  der  Düna.

.  Eroberung  russischer  Befestigungen  am  Narotsch-See
  durch  die  Deutschen.

*Die  österreichisch  ungarischen  Truppen  erobern
italienische  Stellungen  an  der  Podgora-Höhe.

27.  Deutscher  Luftangriff  auf  Saloniki.

Vergebliche  Massenangriffe  der  Russen  an  der
beßarabischen  Front.

28.  Die  französischen  Stellungen  bei  Malancourt
nordwestlich  von  Verdun  werden  in  2  km  Breite
durchbrochen.

".  Zusammenbruch  der  russischen  Offensive  an  der

dordfront.  Verluste  der  Russen:  140000  Mann.
        <pb n="221" />
        Deutsche  Helden.

Karl  Litzmann.  Otto  v.  Emmich.
(Hotphot.  H.  Noack,  Berflln.)  Cliofpnot.  A.  Möhlen,.  Hanovce.)

4

Altred  Mepyer-Waldeck.

Max  Immelmann.  Karl  v.  Müller.  (Eiofphot.  L.  Grevc.  Blankenbiu##gt  K.  Il.)

Bibliographisches  Institut  in  Leipziz.
        <pb n="222" />
        Osterreichisch-ungarische  Heerführer  I.

Artut  Arz  v.  Stautenburg.  Hermann  Koevels  v.  Koevelshaãza.
(Phot.  E.  Placher,  Hermannstadt.)

svetozar  Boroevie  v.  Bojna.

T  s  «  I
IcstlFrecheststpttanseksssltlm  Paul  Puhallo  v.  Brlog.
        <pb n="223" />
        Kriegskalender

29.  Erfolgreiche  Abwehr  eines  starken  französischen
Gegenstoßes  bei  Avocourt.
Osterreich.-ungar.  Erfolge  am  Görzer  Brückenkopf.
.  Rücktritt  des  russischen  Ministerpräsidenten  Poliwanow;
  Nachfolger:  General  Schuwajew.
30.  Malancourt  wird  von  den  Deutschen  erstürmt.
31.  Die  Anwendung  der  Londoner  Seerechtsdeklaration
  wird  durch  England  eingeschränkt:  Wegfall
  des  Artikels  19.
31./1.  April.  Starker  Angriff  deutscher  Luftschiffe  auf
London  und  die  englische  Südostküste.

April  1916.

1./2.  Erneuter  Luftangriff  auf  die  englische  Ostküste.

2.  Eroberung  franz.  Stellungen  am  Forgesbach  und
bei  Haucourt-Béthincourt  nordwestl.  von  Verdun.

Abschluß  der  österr.-ungar.  bulgarischen  Verhandlungen
  über  die  Abgrenzung  der  Verwaltungsgebiete
  auf  dem  Balkan.

2./3.  Deutsche  Luftschiffe  beschießen  die  Londoner
Docks,  die  militärischen  Anlagen  am  Tyne  und
Firth  of  Forth.

3.  Einnahme  französischer  Befestigungen  im  Caillette-Wald
  (Verdun).

é*  Lufttangriff  der  Osterreicher  auf  Ancona.

3.4.  Wiederholung  des  deutschen  Luftangriffs  auf
Ostengland.

4.  Rücktritt  des  italienischen  Kriegsministers  Zupelliz
Nachfolger:  General  Morone.

5.  Die  Deutschen  erstürmen  Haucourt.

*  General  Ewert  tritk  das  Kommando  der  russischen
Südwestfront  an  General  Brussilow  ab.

5.—6.  Türkischer  Sieg  über  die  Engländer  bei  Felahie
  (Mesopotamien).

Deutscher  Luftangriff  auf  Whitby,  Hull  und  Leeds.

6.  Die  Osterreicher  beseßen  italienische  Stellungen
am  Rauchkofel  (Südtirol).

*.  Der  Bundesrat  beschließt  die  Einführung  der
„deutschen  Sommerzeit“  (vom  1.  Mai  bis  30.
September).

7.  Die  Deutschen  erobern  franz.  Stellungen  auf  dem
„Termitenhügele  nordwestlich  von  Verdun.
éAbschluß  deutsch-rumänischer  Handelsverträge.
8.  Türkischer  Sieg  über  die  Russen  bei  Sutschbulak

Nordpersien).

9.  Béthincourt  wird  von  den  Deutschen  erobert.

Niederlage  der  englischen  Entsatzarmeebes  Felahie.

*  Lebhafte  Kämpfe  bei  Riva.

11.  Starke  franz.  Angriffe  am  Pfefferrücken  nördlich
von  Verdun  scheitern  unter  schweren  Verlusten.

13.  Zurückweisung  mehrerer  russischer  Durchbruchsversuche
  am  Narotsch-See  und  an  der  Strypa.

14.  Angriffe  der  Engländer  bei  St.  Eloi  scheitern.

-  dn  französischer  Vorstöße  gegen  die

öhe  -„Toter  Manne.

17.  Eroberung  französischer  Stellungen  hei  Haudromont
  und  Thiaumont.

Die  JItaliener  besetzen  den  Col  di  Lana  (Dolomiten).


Jilalienischer  Luftangriff  auf  Triest.

18.  Trapezunt  wird  von  den  Russen  besetzt.
19.  Lebhafte  Kämpfe  im  Dpern-Bogen.

*  Vergebliche  starke  Vorstöße  der  Franzosen  im
Caillette-Wald.

Generalfeldmarschall  Freiherr  v.  d.  Goltz  stirbt  im
Hauptauartier  der  türkischen  Irak-Armee.

Meldung  der  Einnahme  von  Kondoa  Irangi
(Deutsch-Ostafrika)  durch  die  Engländer.

181

19.  Die  Belgier  dringen  am  Kiwu-See  in  Deutsch-Ostafrika
  ein.

20.  Note  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  an
Deutschland  über  den  U-Bootkrieg;  Drohung
mit  Abbruch  der  Beziehungen  (vgl.  S.  158  ff.).

*  Erneuter  Fliegerangriff  der  Italiener  auf  Triest.

21.  Beginn  des  irischen  Aufstandes.

Einführung  der  „Sommerzeit=  in  Osterreich  und
Ungarn.

22.  Erfolgreicher  Angriff  eines  deutschen  Flugzeuggeschwaders
  auf  die  russische  Flugstation  Papenholm

  (Osel).

j.  Das  englische  Linienschiff  »Russel«  sinkt  im  Mittelmeer
  durch  eine  Mine.

Erneute  Niederlage  der  Engländer  bei  Felahie.
Türkischer  Sieg  über  die  Engländer  bei  Katia
(Sueskanal).

24.  Seegefecht  zwischen  deutschen  und  englischen  Torpedobooten
  an  der  flandrischen  Küste.

24./25.  Deutsche  Luftschiffe  greifen  London  und  die
militärischen  Anlagen  der  englischen  Ostküste  an.

25.  Die  Deutschen  erobern  französische  Stellungen  an
der  Höhe  542  bei  Celles  (Vogesen).

xLebhafte  Kämpfe  bei  La  Bassee.

Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  und  Marineluftschiffe
  gegen  die  englische  Ostküste.  Seegefecht  vor
Lowestoft.

Erfolgreiche  Abwehr  italienischer  Angriffe  bei
Selz  (Hochebene  von  Doberdo).

28.  Starke  französische  Angriffe  nördlich  von  Verdun
werden  von  den  Deutschen  siegreich  abgewiesen.

Eroberung  russischer  Stellungen  am  Narotsch-See
  (5600  Gefangene).

*  Übergabe  Kut  el  Amaras  an  die  Türken  (13000
Engländer  unter  General  Towushend  gefangen).

Mai  1916.

2.  Beendigung  des  Aufstandes  in  Dublin.

2./3.  Angriff  eines  deutschen  Luftschiffgeschwaders
auf  die  englische  Ostküste.

8.  Erfolgreicher  österreichisch-ungarischer  Luftangriff
auf  Raovenna.

4.  Lebhafte  Kämpfe  zwischen  Armentièeres  und  Arras.

*  ÖEsterreich.  Luftangriff  auf  Valona  und  Brindisi.

é!.  Antwort  Deutschlands  auf  die  Note  der  Vereinigten
  Staaten  von  Amerika  vom  20.  April  bez.
des  U-Bootkrieges  (vgl.  S.  160ff.).

7.  Die  Deutschen  nehmen  die  Höhe  304  (Verdun).

Der  österreichisch-ungarische  Flottenchef  Admiral
Haus  erhält  als  erster  die  von  Kaiser  Franz
Joseph  geschaffene  Würde  eines  Großadmirals.

General  Pétain  wird  zum  Oberbefehlshaber  des
französischen  Zentrums  ernannt.

8.  Zusammenbruch  französischer  Massenangriffe  geen

  die  Höhe  304.

.  Deulsch-engl.  See  Vorpostengefecht  vor  Ostende.

„Die  Belgier  besetzen  die  Hauptstadt  des  Nuandagebietes,
  Kigali  (Deutsch-Ostafrika).

8./9.  Die  Türken  erobern  russische  Stellungen  am
Kope-Berg  (Kaukasus-Front)  in  15  km  Breite.

"Vergeblicher  Vorstoß  der  Russen  bei  Garbunowka.

Zusammenbruch  italienischer  Angriffe  gegen  San
Martino  (Isonzo-Front).

10.  Deutscher  Luftangriff  auf  Dünkirchen.
11.  Erstürmung  der  englischen  Stellungen  bei  Hulluch

  durch  die  Deutschen.

Kafr  i  Schirin  (Persien)  wird  von  den  Russen  genommen.
        <pb n="224" />
        182

11.  Die  Belgier  besetzen  Nyanza  (Deutsch-Ostafrika).
15.  Ssterreichisch-ungarcche  Luftangriffe  auf  Valona
und  Sasena.
14.  Vormarsch  einer  englischen  Gruppe  gegen  das  Gebiet
  des  Sultans  von  Darfur.
15.  Seginn  der  österreichisch-ungarischen  Offensive  im
Südtirol.  Eroberung  der  ersten  italienischen
Stellung  auf  dem  Armenterra-Rücken.
15./16.  Starke  österr.  Luftangriffe  auf  Norditalien.
16.  Dieösterreichisch-ungarischen  Truppen  erobern  italienische
  Sellungen  auf  der  Hochfläche  von  Vielgereuth
  und  im  Terragnola--Abschnitt.
16.—17.  Französische  Massenangriffe  gegen  die  Höhe
304  werden  von  den  Deutschen  zurückgewiesen.
Die  Osterreicher  erstürmen  die  Zugna  Torta  füd-*“
  doen  Frdres  ckens  des  M  sch
17.  Besetzung  des  Grenzrückens  des  Maggio  zwischen
Astico=  und  Lenotal  durch  die  sterbchchel.
.  Das  englische  Unterhaus  nimmt  das  Wehrpflichtesetz
  über  die  Dienstpflicht  der  Verheirateten  zwi-*
  18  und  42  Jahren  in  dritter  Lesung  an.
18.  Zusammenbruch  italienischer  Massenangriffe  auf
dem  Armenterra-Rücken.  Die  Panzerwerke  Campomolon
  und  Toraro  werden  von  den  ssterreichisch-ungarischen
  Truppen  besetzt.
*  Deutscher  Luftangriff  auf  die  englisch-französischen
Lager  in  Nordgriechenland.
-  Fschiegun  von  El  Arisch  (Sinai-Front)  durch
britische  Kriegsschiffe.
19./20.  Deutscher  Luftangriff  auf  Südostengland.
*  Vorstoß  der  esterrecher  im  Suganatal  bis  Rono
  (Rundschein).  Einnahme  des  Sasso  Alto
6K  rmenterra-Rücken).
Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  militärische
  Anlagen  in  Norditalien.
20.  Eroberung  der  französischen  Stellungen  südlich
von  der  Höhe  -Toter  Ma  (sch  die  Deutschen.

ce

nn«  du
Die  Osterreicher  besetzen  die  erste  italienische  Stellung
  auf  der  Hochebene  von  Lafraun  und  dringen
vom  Col  Santo  bis  zum  Pasubio  vor.

Tuürkischer  Luftangrif  auf  Port  Said.

91.  Die  englischen  Stellungen  bei  Givenchy-en--Gohelle
  werden  von  den  Deutschen  genommen.

*  Starker  Luftangriff  der  Deutschen  auf  Dünkirchen.
Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  erreichen
die  Linie  Monte  Tormeno-Monte  Majo  (7700
Gefangene,  40  Geschürtze).

22.  Vorstoß  der  österreichisch  =  ungarischen  Truppen
im  Suganatal  bis  Burgen  (Borgo).  Einnahme
des  Monte  Verena.

Türkischer  Luftangriff  auf  Kairo.

Errichtung  des  deutschen  Kriegsernährungsamtes
(Präsident:  v.  Batocki-Friebe).

Sieg  des  Sultans  von  Darfur  über  die  Engländer
  bei  Fasher.

23.  Der  französische  Stützpunkt  Cumieres  nordwestlich
  von  Verdun  wird  von  den  Deutschen  erstürmt.


.  Eroberung  der  Höhenzüge  am  Suganatal  vom
Salubio  bis  Burgen  und  des  Lanzersori  Campo--longo
  (63  Geschütze)  durch  die  Osterreicher.

24.  Vergeblicher  Ansturm  der  Franzosen  gegen  die
deutschen  Stellungen  im  Caillette-Wald.

Osterreichischer  Lustangriff  auf  Bari  und  Latisana.

Die  Osterreicher  besetzen  Ohiela.

25.  Erfolgreicher  Vorstoß  der  Deutschen  südlich  vom
Fort  Douaumont.

Eroberung  des  Höhenrückens  von  Corno  di  Campo

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Berde  bis  Meata  und  des  Monte  Cimone  durch
die  Osterreicher.
25.  Einmarsch  englischer  Truppen  in  Deutsch-Ost.
afrika  zwischen  Tanganfika=  und  Njassasee.
25./26.  Starker  deutscher  Luftangriff  auf  die  russische
Flugstation  Papenholm  *
26.  Einnahme  des  Panzerwerkes  Casa  Ratti  durch  die
österreichisch-ungarischen  Truppen.
27.  Die  Osterreicher  erobern  das  italienische  Panzerwert
  Cornolo.
*  Deutsche  und  bulgarische  Truppen  besetzen  den
Rupel-Paß  an  der  Struma  (Mazedonien).

Die  Zeichnungen  der  vierten  österreichischen
Kriegsanleihe  ergeben  4,4  Milliarden  Kronen.
28.  Lorsio  der  Türken  gegen  den  Naumvon  Erzerum.
29.  Eroberung  der  franz.  Stellungen  zwischen  der  Südkuppe

  der  Höhe  -Toter  Mann«  und  Cumidres.
Einnahme  des  italienischen  Panzerwerkes  Punta
Corbin  durch  die  Osterreicher.
30.  Die  Bergfestungen  Asiago  und  Arstero  werden
von  österreichisch-ungarischen  Truppen  gestürmt.
Rückzug  der  Russen  bei  Mamachatum  TKürcich=Armenien)
  in  30  km  Breite  und  20  km  Tiefe.
*  Die  Engländerbesetzen  Neu-Langenburg  (Deutsch-Ostafrika).

81.  Starke  französische  Angriffe  gegen  die  Höhe
„Toter  Manne.
.Eroberung  italienischer  Höhenstellungen  östlich
von  Arsiero  durch  die  Österreicher.
*  Beginn  der  deutsch-englischen  Seeschlacht  vor  dem

Stagerrat.  Juni  1916.

1.  Die  Seeschlacht  vor  dem  Skagerrakendet  miteinem
vollständigen  Siege  der  Deutschen  (vgl.  „Der
Seetrieg  1915/16.,  S.  249ff.).

Eroberung  des  Caillette-Waldes  nordwestlich  von
Verdun  durch  die  Deutschen.

Vorstoß  der  Türken  bis  zu  den  Nairambergen
westlich  von  Erzerum.

2.  Der  Höhenzug  fädöstkic  von  Zillebeke  wird  durch
die  Deutschen  erobert.

Zusammenbruch  französischer  Massenangriffe  geen

  den  Caillette-Wald.

Eroberung  der  Panzerfeste  Vaux  und  der  Befestigungen
  von  Damloup  nordöstlichvon  Verdun
durch  die  Deutschen.

Einleitung  der  russischen  Offensive  an  der  beßarabischen
  und  wolhynischen  Front.

8.  bbaste  Kämpfe  südlich  vom  Posinatale  (Oberitalien).


3.—4.  Starke  Angriffe  der  Engländer  und  Franzosen
  bei  Dpern,  Damloup  und  am  Caillette-Wald
werden  von  den  Deutschen  urückgewieser.

4.  Beginn  der  russischen  Estenste  an  der  wolhynischbeßarabischen
  Front.  Schwere  Kämpfe  bei  Okna
Gltathiien)  und  Tarnopol.

.  Eroberung  italienischer  Höhenstellungen  östlich
vom  Asticotale  durch  die  österr.-ungar.  Truppen.

*  Die  Türken  nehmen  russische  Stellungen  am
Kope-Berg  (Kaukasus-Front)  in  14  km  Breite
und  8  km  Tiefe.

5.  Französische  Massenangriffe  6  en  den  Fuminrücken
  scheitern  unter  empfindlichen  Verlusten.

é*  Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Front
bei  Okna  (Ostgalizien).

u  Osterreich.  Luftangriffe  auf  Verona  und  Vicenza.

Türkischer  Vorstoß  bis  Aschkala  nordwestlich  von
Erzerum.
        <pb n="225" />
        Kriegskalender

6./6.  Der  Panzerkreuzer  »Ha  "mit  Lord  Kitchener
  an  Bord  gebt  banden  kney-Inseln  unter.

6.  Die  Deutschen  besetzen  Hoope  und  die  engischen
reite.

Hobenselungen  südlich  von  Dpern  in  3km
é.  Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Truppen
  auf  Luzk  und  an  den  Styr.
Der  Vierverband  verhängt  die  Blockade  über  die
riechischen  Küsten.
7.  England  sagt  sich  von  der  Londoner  Seerechtserklärung
  von  1909  los.
*  Luztk  wird  von  den  Russen  eingenommen.
Erffolgreicher  Vorstoß  der  österreichisch=  ungarischen
  Truppen  auf  der  Hochebene  von  Asiago.
Erstürmung  des  Monte  Lemerle.
“  Bergebliche  Massenangriffe  der  Franzosen  bei
Thiaumont  und  Fort  Vaux.
8.  Beginn  des  Angriffs  der  Osterreicher  auf  den  beestigten
  Raum  von  Primolani  (Oberitalien).
Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Venetien.
-  2##  Helgierbeseten  Usambara  (Deutsch-Ostafrika).
8.9.  Die  Türken  nehmen  Kafsr  i  Schirin  (Persien).
jDie  Deutschen  erobern  franz.  Stützpunkte  bei  Vaux.
9.  Russische  Massenangrifte  ei  Tarnopol  und  zwischen
  Okna  und  Dobronouy  (Ostgalizien).
Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Front
auf  das  Westufer  der  unteren  Strypa.

10.  Übergangsversuche  der  Russen  über  den  Styr  bei

Kolki  scheitern.
TDubno  wird  von  den  Russen  besetzt.
11.  Ein  russischer  Vorstoß  bei  Buczacz  wird  von  deutschen
  und  österreichischen  Truppen  zurückgewiesen.
u  Beginn  des  österreichisch-ungarischen  Rückzuges  in
der  Bukowina.
.  Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Venedig.
-  ge  Engländer  besetzen  Bismarckburg  Causcktafrika).

.  Rücktritt  des  italienischen  Ministeriums  Salandra.

11./12.  Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf
Mestre  und  Venedig

12.  Snyatin,  Zaleszczyki  und  Horodenka  werden  von
den  Russen  beseßt.

12./13.  Starke  englische  Angriffe  im  Dpern-Bogen.

Erbitterte  Kämpfe  im  Raum  von  Tarnopol.

13.  Eroberung  französischer  Stellungen  an  der  Thiaumont-Ferme
  nordöstlich  von  Verdun  durch  die
Deutschen.

*  Lebhafte  Kämpfe  nördlich  von  C  wi
*  Russische  Massenangriffe  nördücch  von  Barano-=witschi
  werden  von  den  Deutschen  zurückgewiesen.
1  Griechenland  beschließt  auf  Antrag  der  Vierverbandsmächte
  die  Herabsetzung  des  Heeres  auf
Friedensfuß.
14.  Zahlreiche  Versuche  der  Russen,  den  Stochodtyr-Abschnitt
  3u  Üüberschreiten,  werden  von  den
Deutschen  zurückgewiesen.

14.—17.  Tagung  der  Wirtschaftskonferenz  des  Vierverbandes
  in  Paris.  Beschluß  des  wirsschaftlichen
Boykotts  gegen  Deutschland  und  Osterreich  =  Ungarn
  nach  dem  Kriege.

15.  übergangsversuche  der  Engländer  Über  den  Euphrat
  zwischen  Korna  und  Nassrije  werden  von
den  Türken  abgewiesen.

OD  Versos  der  Türken  über  die  südpersische  Grenze
bei  Bane.

15/16.  Osterr.-ungar.  Luftangriff  auf  die  Prov.  Udine.

16.  Italienische  Massenangriffe  an  der  Isonzo-Front,
in  den  Dolomiten  und  bei  Asiago  scheitern  unter
schweren  Verlusten.

183

16.—17.  Lebhafte  Kämpfe  im  Thiaumont-Walde.

Erfolgreicher  Vorstoß  der  Heeresgruppe  Linsingen
im  Raum  Kowel-  adl

17.  Czernowitz  wird  von  den  Russen  genommen.

Vorstoß  österreichisch-ungarischer  Truppen  nördlich
  von  der  Lipa  (Wolhynien).

18.  Zurückweisung  der  russischen  Durchbruchsversuche

bei  Przewloka  (Ostgalizien;  14.—18.  Juni).

*.  Eroberung  italienischer  Stellungen  zwischen
Brenta=  und  Asticotal.

*  Generaloberst  v.  Moltke  stirbt  in  Berlin.

Oberleutnant  Immelmann  fällt  im  Luftkampf
an  der  deutschen  Westfront.

é  Bildung  des  italienischen  Kabinetts  Boselli.

.Ubergang  der  Russen  über  den  Serethin  der  Nord-Bukowina.



Lebhafte  Kämpfe  bei  Gruziatyn  (Wolhynien).

Russische  Massenangriffe  bei  Logischin  brechen  unter
  großen  Verlusten  zusammen.

*.  Die  Deutschen  durchbrechen  die  russische  Front
zwischen  der  Straße  Kowel-Luzk  und  der  Turija
und  erobern  Kisielin.

20.  Vorstoß  der  Heeresgruppe  Hindenburg  bei  Dünaburg

  und  Dubatowka.

ÜNber  den  Styr  vorgegangene  russische  Kräfte  werden

  bei  Grusiath  von  deutschen  Truppen  zurück-#eworsen.

  orstoß  der  Deutschen  nordwestlich  von
uzk  und  an  der  Turija.

*  Der  Brückenkopf  von  Feras  nördlich  von  Valona

wird  von  den  Italienern  geräumt.

.  Die  russischen  Stellungen  zwischen  Sokul  und  Liniewka

  werden  von  den  Deutschen  genommen.

Niederlage  der  Russen  bei  Przewlowka.

Die  Russen  nehmen  Radautz  (Bukowina).

*  Ultimatum  des  Vierverbandes  an  Griechenland
betreffs  Demobilisation  und  Neubildung  des  Ministeriums.
  Rücktritt  des  Ministeriums  Skuludis.
  Zaimis  übernimmt  den  Vorsitz  des  neuen
Kabinetts.

Niederlage  der  Russen  am  Paitak-Paß  (Südwestersien).



22.  Französische  Luftangriffe  auf  Karlsruhe,  Müllseim

  (Baden)  und  Trirr.
ebhafte  Kämpfe  bei  Radsiwillow  (Wolhynien).

Die  Türken  erobern  russische  Stellungen  südlich

vom  Tschoruch  (Kaukasus-Front).

Erste  Ausreise  des  Handels-Unterseebootes

Deutschlande  nach  Amerika.

*  Das  Ultimatum  des  Vierverbandes  wird  von  Griechenland
  angenommen.

28.  Eroberung  des  Panzerwerkes  Thiaumont,  des
Dorfes  Fleury  und  der  Höhe  -Kalte  Erde  nördlich
  von  Verdun  durch  die  Deutschen.

Vorstoß  der  Russen  in  der  Bukowina  bis  Kimpolung.


Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Venedig.
Eroberung  russischer  Stellungen  südlich  von
Trapezunk  burch  die  Türken.  lch  fra
24.  Beginn  der  Einleitung  der  englisch-französischen
Somme-Offensive  durch  Arti  erielamp
Zahlreiche  Angriffe  der  Franzosen  gegen  Fort
hiaumont  scheitern.
"*.  Die  russische  Offensive  in  der  Bukowina  kommt
in  der  Linie  Jakobeny-Kimpolung  zum  Stillstand.
25.  Niederlage  der  Franzosen  auf  dem  Höhenrücken
»Kalte  Erde-  **
Eroberung  russischer  Stellungen  bei  Sokul  durch
die  Deutschen.

r
        <pb n="226" />
        184

26.  Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Truppen
  zwischen  Brenta=  und  Asticotal.
Beginn  lebhafter  Kämpfe  an  der  englischen  und
dem  Nordteil  der  französischen  Front.

27.  Französische  Massenangriffe  gegen  die  Höhe  Kalte
Erde=  scheitern  unter  schweren  Verlusten.

*  Die  Deutschen  erobern  den  russischen  Stützpunkt
Liniewka  (Wolhynien)  und  die  anschließenden
Stellungen.

.  Zusammenbruch  starker  italienischer  Gegenstöße
zwischen  Etsch  und  Brenta.

Rückzug  der  Russen  bei  Sermil  in  Südpersien.

28.  Borstoh  der  Russen  bei  Kolomea  in  40  km
reite.

*  Starke  Angriffe  der  Italiener  auf  die  Hochfläche
von  Doberdo  werden  von  den  österreichisch-ungarischen
  Truppen  zurückgewiesen.

29.  Die  Russen  besetzen  Kolomea.

.  Einnahme  von  Kerenda  (Südpersien)  durch  die
Türken;  türkischer  Vorstoß  auf  Kermanschah.
Zusammenbruch  starker  französischer  Vorstöße
gegen  die  Höhe-Kalte  Erde=  und  das  Fort  Thiaumont.
  Französischer  Luftangriff  auf  Lille.

*  Die  Deutschen  nehmen  zussch  e  Stellungen  bei
Kolki  und  Sokul.

Niederlage  der  Russen  bei  Tlumacz  (Galizien).

*  Erfolgreiches  Seegefecht  zwischen  deutschen  Torpedobooten
  und  russischen  Kreuzern  bei  Häfringe.

Jull  1916.

1.  Beginn  der  englisch  ·  französischen  Offensive  im
Sommegebiet.  Zurücknahme  zweier  deutscher  Divisionen
  in  die  zweite  Linie  beiderseits  der  Somme.

Erfolgreiche  Abwehr  französischer  Massenangriffe

egen  die  Höhe  Kalte  Erde-«.

Deutsche  und  österreichische  Truppen  erobern  nordwestlich
  von  Tarnopol  russische  Stellungen  in
18  km  Breite  und  5  km  Tiefe.

Italienische  Massenangriffe  gegen  Selz  (Hochebene

von  Doberdo)  werden  von  den  österreichisch-ungarichen

  Truppen  abgewiesen.
ie  Türken  erobern  russische  Stellungen  am  oberen
  Tschoruch  (Kaukasus-Front)  in  12  km  Breite.

Die  Türken  besetzen  Kermanschah  (Persien).

.  Rückzug  der  Deutschen  nördlich  von  den  Livingstone-Bergen
  (Deutsch-Ostafrika).

2.  Zurücknahme  einer  deutschen  Division  südlich  von
der  Somme  auf  der  Front  Biaches  -Barleux  in
die  zweite  Stellung.

Eroberung  der  Hohen  Batterie  von  Damloupnordöstlich
  von  Verdun  durch  die  Deutschen.

.  Russische  Vorstöße  bei  Gorodtschtsche  und  Baranowitschi
  werden  erfolgreich  abgewiesen.

*  Der  von  England  gegen  die  Türkei  angefachte  Aufruhr
  in  Arabien  endet  mit  der  Neubesetzung  des
Emirats  von  Mekka  durch  den  Vizepräsidenten
des  türkischen  Senats  Scherif  Ali  Haidar.

3.  Starke  englisch-französische  Angriffe  zwischen
Ancre  und  Somme  gegen  die  Fronten  Thiepval-Mametz
  und  Barleux-Belloy  brechen  unter  schweren
  Verlusten  zusammen.

Vergebliche  Angriffe  der  Russen  bei  Smorgon,
Wischnew  und  am  Narotsch  -See.

Einnahme  der  russischen  Stellungen  bei  Tlumacz
(Ostgalizien)  in  20  km  Breite  und  10  km  Tiefe
dunch  die  Armee  Bothmer.

*  Italienische  Angriffe  im  Suganatal  und  bei  Monfalcone
  scheitern  unter  empfindlichen  Verlusten.

80.

II.  Kriegsgeographie

und  Kriegsgeschichte

3.  Abschluß  eines  russisch-japanischen  Bündnisvertrages
  zur  Wahrung  der  Intieressen  in  Ostasien.

4.  Lebhafte  Kämpfe  im  Raum  von  Thiaumont.

Die  Engländer  besetzen  La  Boiselle  (Somme).

Erfolgreiche  Abwehr  russischer  Vorstöße  bei  Baranowitschi
  und  im  Raum  von  Luzk.

*Vordringen  der  Russen  über  den  Styr  westlich
von  Kolki.

Vergebliche  Angriffe  der  Italiener  zwischen  Brenta
und  Etsch.

4./5.  Erfolgreicher  Vorstoß  leichter  deutscher  Seestreitkräfte
  gegen  die  englische  Ostküste.

5.  Die  Franzosen  besetzen  Estrées  und  Belloy-en-Santerre
  (Somme)h).

*  Hartnäckige  Kämpfe  an  der  Front  Labusy-Zirin
und  am  Styr-Knie.  Die  Russen  durchbrechen  die
österreichisch-ungarischen  Linien  westlich  von  Kolki.

Zurücknahme  der  Armee  Bothmer  in  den  Koropiec-Abschnitt.


é!.  Rückkehr  des  deutschen  U-Bootes  »D  35.  von
einer  erfolhreichen  Fahrt  nach  Spanien.

6.  Siegreiche  Abwehr  starker  franz.  Vorstöße  gegen  die
Höhe  -  Kalte  Erde=  und  den  Raum  südwestlich
vom  Fort  Vaux.

*  Starke  russische  Angriffe  am  Narotsch-Seescheitern.

.  Die  Deutschen  räumen  die  Winkelstellung  bei
Tschartoryst.

*  -Zurücknahme  der  deutschen  und  österreichisch-ungarischen
  Truppen  in  die  Stochodlinie  beiderseits

er  Bahn  Kowel-Rowno.

-  Johtreiche  italienische  Durchbruchsversuche  im

uganatal  scheitern.

Vorstoß  türkischer  Seestreitkräfte  gegen  die  kankasische
  Küste.

7.  Vergeblicher  Ansturm  der  Engländer  und  Franzosen
  gegen  die  Abschnitte  Ovillers—  Bazentin  le
Grand  und  Biaches-  Soyccourt  (Somme).

Die  Russen  besetzen  nach  hartem  Kampf  Gruziatyn.

.  Vorstoß  der  österreichisch-ungarischen  Truppen  an
der  oberen  Moldawa  (Bukowina).

Vergeblicher  Sturmangriff  sechs  italienischer  Divisionen
  südlich  vom  Suganatale  gegen  die  Front
Cima  Dieci-  Monte  Zebio.

.  Die  Engländer  beseten  Tanga  (Deutsch-Ostafrika).

xDie  Staaten  des  Vierverbandes  heben  die  Londoner
  Seerechtsdeklaration  von  1909  auf.

Lloyd  George  wird  britischer  Kriegsminister.

8.  Französische  Massenangriffe  gegen  den  Trönes-Wald
  (Sommegscheitern  unter  empfindlichen  Verlusten.
  Die  Franzosen  dringen  in  Hardccourt  ein.

Zusammenbruch  russischer  Massenangriffe  bei

orodischtsche  und  Zirin.

Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  erzwingen
den  Übergang  über  die  obere  Moldawa.

*  Einrichtung  eines  Zentralverpflegungsamtes  in
Frankreich  nach  dem  Muster  des  deutschen  Kriegsernährungsamtes.


9.  Heftige  Kämpfe  in  den  Abschnitten  bei  Ovillers,
Lardekourt  und  Biaches  (Somme).

.  Erfolgreiche  Abwehr  italienischer  Massenangriffe
südlich  vom  Suganatale.

Das  Handels-Unterseeboot  -Deutschlande  trifft
nach  siebzehntägiger  Fahrt  in  Baltimore  ein.

9./10.  Deutscher  Luftangriff  auf  Harwich  und  Dover.

10.  Zusammenbruch  englischer  Massenangriffe  an  der
Straße  Bapaume-Albert  u.  gegen  Contalmatson.

*  Starke  russ.  Vorstöße  bei  Hulewicze  und  beiderseits

  der  Bahn  Kowel-Rowno  werden  abgewiesen.
        <pb n="227" />
        Kriegskalender

11.  Empfinbliche  Schlappe  der  Franzosen  an  der  Front
Belloy  -Soyccourt  (Somme).

Die  Deutschen  schieben  ihre  Front  näher  an  die
Werke  von  Souville  und  Laufee  nordöstlich  von
Verdun  heran.

Italienische  Niederlage  am  Monte  Rasta  südlich
vom  Suganatale.

-  Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Ravenna.

.  Eimnahme  von  Mamachatum  westlich  von  Erzerum
  durch  die  Russen.

12.  Die  Engländer  besetzen  Contalmaison  (Somme).
Französische  Vorstöße  bei  Barleux  und  Estrées
werden  von  den  Deutschen  zurückgeschlagen.

13.  Heftige  Kämpfe  um  den  Abschnitt  Wald  von  Mametz-Longueval
  und  den  Wald  von  Trönes.
Vergebliche  Angriffe  der  Russen  bei  Buczacz  (Gal.).
Zurücknahme  der  österreichilch-ungarischen  Truppen

  auf  das  Westufer  der  oberen  Moldawa.

!*  Zusammenbruch  italienischer  Massenangriffe  zwischen
  Brenta  und  Etsch  gegen  die  Front  Cima

Dieci-Monte  Rasta.

Die  Engländer  gewinnen  Raum  im  Abschnitt

Pozieres-  Longueval,  besetzen  den  Trönes-Wald.

.Delatyn  (Galizien)  wird  von  den  Russen  besetzt.
.  Erfolgreiche  Abwehr  englischer  Angriffe  im  Abschnitt
  Ovillers  -Bazentin-le-Petit  (Somme).

Vergeblicher  Aufturm  der  Franzosen  gegen  Fleury
und  die  Höhe  -Kalte  Erdes.
jDie  Vereinigten  Staaten  erkennen  das  Handels-Unterseeboot

  -Deutschland=  trotz  Einspruch  Englands
  als  Handelsschiff  an.

16.  Schwere  Kämpfe  um  Opvillers  und  Biaches.
Starke  russische  Angriffe  bei  Riga  werden  von

den  Deutschen  zurückgewiesen.

-  Zurücknahme  er  deutschen  Truppen  hinter  die

ipa  im  Raum  von  Gochorow.

16./17.  Erfolgreicher  österr.  Luftangriff  auf  Treviso.
Die  Engländer  besetzen  Ovillers  und  La  Beiselle.
*.  Longueval  und  der  Wald  von  Delville  (14.  Juli

verloren)  werden  von  den  Deutschen  zurückerobert.

Niederlage  der  Russen  bei  Revanduz  (Persien).

18.  Starker  französischer  Angriff  gegen  die  Höhe
„  Kalte  Erde«.

!.  Zusammenbruch  russischer  Massenstürme  südlich
von  Riga.

.  Die  Türken  melden  eine  schwere  Niederlage  der
Italiener  in  Tripolis.

*  Erfolgreicher  Luftangriff  der  Deutschen  auf  den
russischen  Hafen  Reval.

18.—19.  Schwere  Kämpfe  um  Longueval  und  den
Wald  von  Delville.  Englische  Durchbruchsversuche
bei  Fromelles  scheitern  unter  starken  Verlusten.

20.  Ein  englisch-französischer  Hauptangriff  (17  Divisionen)
  beiderseits  der  Somme  gegen  die  Front
Pozieres-Vermandovillers  (40  km)  wird  von  den
Deutschen  im  allgemeinen  zurückgewiesen.  Zurücknahme
  einer  deutschen  Division  südlich  von
Hardecourt  in  die  zweite  Linie.

Die  deutsche  Linie  wird  bei  Werben  (Wolhynien)
in  die  Gegend  südwestlich  von  Berestetschko  zurückverlegt.


21.  Russische  Massenangriffe  an  der  Straße  Eckau-Kekkau
  südwestlich  von  Riga  scheitern  unter  schwersten
  Verlusten.

*  Revanduz  (Persien)  wird  von  den  Türken  besetzt.

Vorstoß  der  Engländer  gegen  die  deutsche  Mittellandbahn
  in  Deutsch-Ostafrika.  Rückzug  der  Deutschen
  über  den  Pangani--Fluß.

14.

185

22.  Erfolgloser  Angriff  englischer  Divisionen  an  der
Front  Thiepval-  Guillemont  (Sommie).

Französischer  Luftangriff  auf  Müllheim  i.  B.

*  Deutschland  verschärft  die  Bestimmungen  über
absolute  und  relative  Kriegskonterbande  als  Vergeliung
  für  die  Lossagung  des  Vierverbandes  von

er  Londoner  Seerechtserklärung.

-  Zurücknahme  der  österreichisch  ungarischen  Linien

ei  Tatarow  gegen  den  Karpathen-Hauptkamm.

*  Die  Italiener  werden  südlich  vom  Suganatal
unter  schwersten  Verlusten  von  den  österreichischungarischen
  Truppen  zurückgeworfen.

22.  23.  Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  gegen  die
Themse-Mündung.

23.  Erfolgreicher  Gegenangriff  der  Deutschen  bei  Lon-Uebal.



c  Kücaerit  des  russischen  Ministers  des  Außern  Ssasonow;
  Nachfolger:  Ministerpräsident  Stürmer.

Zahlreiche  Vorstöße  der  Jialiener  füdlich  vom  Sugonatal
  und  im  Raum  von  Paneveggio  scheitern.

*.  Amtliche  Bekanntmachung  über  den  Verkauf  der
dänisch=  westindischen  Inseln  St.  Thomas,  St.
Croix  und  St.  John  an  die  Vereinigten  Staaten.

24.  Zusammenbruch  englisch-  französischer  Anstürme
auf  der  Front  Pozieères-Maurepas  und  Estrées-Soyécourt
  (Somme).

Italienische  Niederlage  am  Monte  Zebio  südlich
vom  Suganatal.

95.  Die  Engländer  besetzen  Pozieres.

.  Deutscher  Luftangriff  auf  den  russischen  Flottenstützpunkt
  Mariehamn  (Nlandsinfeln).

Die  Deutschen  weisen  einen  Angriff  von  drei  russischen
  Divisionen  bei  Gorodischtsche  erfolgreich  ab.

Lebhafte  Kämpfe  bei  Radsiwillow  (Wolhynien).

Die  Russen  besetzten  Erzinghian  (Armenien).

26.  Vorstoß  österreichisch-ungarischer  Truppen  nördlich
  vom  Prislop-Sattel  (Karpathen).

ZItalienische  Vorstöße  bei  Paneveggio  scheitern
unter  schweren  Verlusten.

*  Protest  der  nordischen  Reiche  in  London  gegen  die

ossagung  des  Vierverbandes  von  der  Londoner
Seerechtserklärung.

27.  Die  Engländer  besete#  Longueval  und  den  Delville-Wald.


Durchbruchsversuche  mehrerer  russischer  Armeekorps
  bei  Gorodischtsche  und  bei  Ljachowitschi  an
der  Schtschara  werden  von  den  Deutschen  zurückewiesen.

  Vorstoß  der  Russen  westlich  von  Luzk.
ie  Russen  besetzen  Brody.

Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Otranto,
Bari  und  Molfetta.

27.—28.  Vergebliche  Massenangriffe  der  Engländer
bei  Pozieères.

28.  Hauptangriff  der  Russen  gegen  den  Raum  von
Kowel.  Zurücknahme  der  deutschen  Truppen  hinter
  den  oberen  Stochod.  Westlich  von  Luzk  wird
der  russische  Vorstoß  zum  Stehen  gebracht.

28./29.  Starker  deutscher  Luftangriff  auf  die  englische
Ostküste.

29.  Zurücknahme  der  deutschen  und  österreich.-ungar.
Truppen  aus  dem  Stochod--Bogen  bei  Sokul.

*  Russische  Durchbruchsversuche  bei  Kisielin  scheitern
unter  schweren  Verlusten.

.Die  Engländer  nehmen  Dodona  (Deutsch-Ostafrika)
  ein.

29.—30.  Schwere  Kämpfe  bei  Buczacz  und  Burkanow
(Ostgalizien).

60.  Deutscher  Luftangriff  auf  Ostengland.
        <pb n="228" />
        186

30.  Erfolgreiche  Abwehr  eines  englisch-französischen
Vorstoßes  von  sechs  Divisionen  zwischen  Pozieres
und  der  Somme.

Russische  Massenangriffe  an  der  Bahn  Kowel-Haryg.
  an  der  Lipa  Turya  und  im  Raum  von  Luzk.
31.  Der  Bundesrat  ermächigt  den  deutschen  Reichskanzler

  zur  Liquidation  britischer  Unternehmungen

  als  Vergeltungsmaßregel.

31./1I.  August.
und  Ostengland.

.  Zusammenbruch  der  russischen  Vorstöße  gegen  die
tochodfront  und  bei  Kisielin.

August  1916.

1.  Starke  französische  Kräfte  werden  auf  der  Front
Maurepas-Somme  abgewiesen.
.  Erfolgreiche  Vorstöße  der  Deutschen  bei  Thiaumont
  und  Souville.
Die  Engländer  erreichen  mehrere  Stationen  der
deutschen  Zentralbahn  in  Ostafrika.
.  Das  deutsche  Landeis  nterlevoot  Deutschlande
  tritt  von  Baltimore  die  Heimfahrt  an.
Italien  kündigt  den  deutsch-italienischen  Handelsvertrag
  von  1891.
2.  Einbruch  französischer  Truppen  in  die  deutsche
Front  Pfefferrücken  -  Fleury  (Verdun).
Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg  Übernimmt
den  Oberbefehl  über  die  Front  von  der  Ostseeküste
bis  westlich  von  Tarnopol.  Der  anschließende
Abschnitt  bis  zur  Bukowina  wird  dem  Kommando
des  Erzherzog-Thronfolgers  Karl  unterstellt.
uBeschießung  von  Molfetta  durch  österreichischungarische
  Seestreitkräfte.
"  Erechenland  zieht  seine  Truppen  aus  Saloniki
uril
as  italienische  Linienschiff  »Leonardo  da  Vinciwird
  in  Tarent  durch  eine  Hafenmine  vernichtet.
2./3.  Deutscher  Luftangriff  auf  London,  Harwich
und  Ostengland.
3.  Die  Franzosen  gewinnen  deutsche  Stellungen  bei
Thiaumont  und  besetzen  Fleury.
Engl.  Massenstürme  zwischen  Ancre  und  Somme.
*  Bestellung  des  Senators  Sthamer  zum  deutschen
Reichskommissar  für  Übergangswirtschaft.
r  Linrichtung  des  irischen  Pobtitero  Sir  Roger
asement  wegen  „Hochverrats.
4.  Fleury  und  die  anschließenden  Stellungen  werden
von  den  Deutschen  zurlickerobert.
é!.  Hartnäckige  Kämpfe  im  Sereth-  und  Graberka-Abschnitt
  südlich  von  Brody.
.  Erfolgreiche  Abwehr  italienischer  Vorstöße  an  der
Hochfläche  von  Doberdo.
.  Errichtung  eines  Kriegswucheramts  in  Berlin.
.  Die  Franzosen  besetzen  nach  hartem  Kampf  Fleury
und  das  Werk  Thiaumont.
übergang  der  Russen  über  den  Sereth  nordwestlich
  von  Zalocze.
Italienische  Niederlage  im  Raume  von  Paneveg-0
  (Tiroler  Ostfront).
Die  Türken  erobern  russische  Bergstellungen  im
Naume  von  Bitlis  (Armenien).

5.—6.  Schwere  Kämpfe  bei  Delatyn  (Karpathen).
6.  Starker  Angriff  der  Italiener  gegen  den  Görzer
Brückenkopf  und  die  Hochebene  von  Doberdo.

7.  Lebhafte  Kämpfe  im  Raume  Thiepval-Pozieres-Ovillers.


Gegenangriff  der  Armee  Bothmer  südlich  von

Zalocze.

9

eutscher  Luftangriff  gegen  London  -  Die

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

7.  Zurücknahme  österreichisch-  ungarischer  Truppen
aus  der  Linie  Aumach.-Vuthug-  (Ostgalizien).

*  Türkischer  Vorstoß  gegen  Hmedan  (Versien).
8.  Abweisung  englisch-franz.  Angriffe  auf  der  Front
Foureaux-Wald—-Somme  durch  die  Deutschen.

.  Erneuter  Durchbruchsversuch  der  Russen  auf  Kowel.
  Siegreiche  Abwehr  der  feindlichen  Angriffe
im  Stochodbogen  und  westlich  von  Laze

Osterreicher  räumen  den  Görzer  Brückenkopf

und  die  Stadt  Görz.  Monte  San  Michele  und
Monte  Sabotino  gelangen  in  den  Besitz  der
Italiener.
*.  Musch  und  Bitlis  (Armenien)  werden  von  den
Türken  zurückerobert.
8./9.  Deutscher  Luftangriff  auf  Ostengland.
9.  Französische  Massenangriffe  zwischen  Ancre  und
Somme  scheitern  unter  empfindlichen  Verlusten.
Vergeblicher  Ansturm  der  Russen  am  Stochod.
.  Deutscher  Luftangriff  auf  die  russischen  Flugshatiener
  Arensburg  und  Lebora  (Osel).
x.  Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Truppen
  auf  der  Hochfläche  von  Doberdo.
Die  österreich.-ungar.  Truppen  weisen  italienische
Massenstürme  gegen  den  Abschnitt  von  Plava  ab.
.  Englische  Niederlage  bei  Katia  (Sueskanal).
9./10.  Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Venedig.
10.  Geländegewinn  der  Russen  bei  Horodyszcze  südlich
  von  Zalocze  (Otgalzien)
Die  Russen  belepen  tanislau  und  Delatyn.
General  Kuropatkin,  Oberbefehlshaber  der  russischen
  Nordfront,  wird  Generalgouverneur  von
Turkestan.  Nachfolger:  General  Rußki.
Einnahme  der  österreichisch-ungarischen  Stellunen
  zwischen  der  Wippach  und  dem  Monte  Cosich
urch  die  Italiener.
*  Die  Türken  besetzen  Hamadan  (Persien).
10./11  Erneuter  österreich.  Luftangriff  auf  Venedig.
11.  Erbitterte  Kämpfe  um  das  Werk  Thiaumont.
.  Zurücknahme  der  deutschen  und  österreichisch-unarischen
  Front  südlich  von  Baloche-OD
  Im  Gebiet  des  Capu  (Bukowina)  werden  die
Russen  von  deutschen  und  österreichischen  Truppen
turuche  lagen.

General  Sarrail  erhält  den  Oberbefehl  über  die
englisch-französische  Orientarmee  bei  Saloniki.
12.  Einheitlicher  Vorstoß  der  Engländer  und  Franzosen

  auf  der  Front  Thiepval  -  Somme.

.  Die  Russen  besetzen  Nadwôrna  (Galizien).

"4  Ubweisung  italienischer  Durchbruchsversuche  östlich
  von  Görz.

13.  Erbitterte  Kämpfe  im  Abschnitt  Thiepval-Pozieres.


Deutscher  Luftangriff  auf  die  russische  Flugstation
Papenholm  (Osel).
*  Die  Russen  besetzen  Mariampol  (Ostgalizien).
.  Die  Österreicher  weisen  Angriffe  der  Italiener
egen  den  Abschnitt  Lokvica-Wippach  ab.

14.  Massenangriffe  und  Geländegewinn  der  Engländer

  bei  Pozieres.

Russische  Durchbruchsversuche  bei  Zborow,  Brzeaung
  und  Horozanka  scheitern.

IJtalienischer  Luftangriff  auf  Triest.

15.  Siegreiche  Abwehr  italienischer  Anstürme  gegen

den  Raum  östlich  von  Görz.

-  ie  Engländer  besetzen  Bagamoyo  (Deutsch-Ostafrika).


16.  Englisch-franz.  Vorstoß  gegen  die  Abschnitte  Pozieres-Foureaux-Wald

  und  Guillemont-Somme.
        <pb n="229" />
        Kriegskalender

16./17.  Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Venedig

  und  Udine.

17.  Einbruch  der  englisch-französischen  Truppen  in

die  deutschen  Stellungen  bei  Martinpuich  und

Hardecourt  (Somme).  Schwere  Kämpfe  zwischen

Guillemont  und  der  Somme.

Abweisung  eines  französischen  Vorstoßes  gegen

die  Front  Fort  Thiaumont  -Chapitre-Wald.

Die  Bulgaren  nehmen  Florina  (Mazedonien).

.  Starker  Angriff  der  Engländer  und  Franzosen
gegen  die  Front  Ovillers-Cléry.  Zurücknahme
der  deutschen  Truppen  zwischen  Guillemont  und
Maurepas.

Schwere  Kämpfe  um  Fleury.
Eestürmung  der  Magurahöhe  (Karpathen)  durch
deutsche  un  österreichtsch-ungarische  Truppen.

19.  Die  Franzosen  besetzen  Fleury.

Die  Serben  werden  von  den  beherrschenden  Höhen

Dyemaat  Jeri  und  Meterie  Jepesi  nördlich  vom

trowo-  See  geworfen.  Die  Bulgaren  besetzen

Demirhissar.

Deutsch-englisches  Seegefecht  an  der  britischen  Ostküste

  (vgl.  »  Der  Seekrieg  1915/16-,  S.  246).

20.  Geländegewinn  der  Franzosen  zwischen  Guillemont

  und  Maurepas.

Bulgarische  Erfolge  südlich  von  Florina.

21.  Schwere  Kämpfe  um  Guillemont.

*  -Zurücknahme  der  deutschen  Linien  im  Abschnitt
iepval-  Pozières.

Sieg  der  Bulgaren  über  französisch-englische

Kräfte  an  der  Struma.

22.  Die  Bulgaren  besetzen  Kastoria  (Mazedonien).

Biherlage  der  Serben  an  der  Tscheganskalanina.


Die  Russen  werden  im  Abschnitt  von  Ognott
Armenien)  unter  schweren  Verlusten  von  den
ürken  zurückgeworfen.

28.  Verlust  deutscher  Stellungen  bei  Thiepval.

.  Erneuter  Ansturm  der  Franzosen  im  Abschnitt

Thiaumont-Fleury-Chapitre-Wald.

.  Dasdeutsche  Handels-Unterseeboot  „Deutschland
kehrt  von  der  ersten  Fahrt  nach  Amerika  zurück.

24.  Vorstoß  der  Engländer  und  Franzosen  auf  der

Front  Thiepval-Somme.  Die  Engländer  gewinnen

  dusche  Stellungen  bei  Ovillers  und  im  Abschnitt

  Longueval—-Delville-Wald.  Maurepas
wird  von  den  Franzosen  besetzt.

24./25.  Deutscher  Luftangriff  2  5  London  und  die

englische  Südostküste.

95.  Einzug  der  Bulgaren  in  Kawalla.  Bulgarischer

Vorstoß  gegen  Korica  (Mazedonien).

27.  Vergedliche  englisch-französische  Durchbruchsversuche

  nördlich  von  der  Somme.

Kriegserklärung  Italiens  an  Deutschland.

Rumänien  erklärt  Österreich-Ungarn  den  Krieg.

"*  Einbruch  der  Rumänen  in  Siebenbürgen  bei

Kronstadt  und  am  Rotenturmpaß.

Die  Franzos  en  werden  von  den  Bulgaren  zwischen

Seres  und  dem  Agkischen  Meer  hinter  die  Struma
urückgeworfen.

28.  Deutschland  erklärt  Rumänien  den  Krieg.
Siieg  des  türkischen  linken  Flügels  an  der  Kaukasusfront

  Über  die  Russen  (5000  Gefangene).

29.  Zurücknahme  deutscher  Linien  bei  Martinpuich

(Sommehz).

Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg  wird  zum

Chef  des  Generalstabes,  General  Ludendorff  zum

Ersten  Generalquartiermeister  ernannt.

187

29.  Prinz  Leopold  von  Bayern  erhält  den  Oberbefehl
über  diebisherige  Front  des  Generalfeldmarschalls
v.  Hindenburg.
Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Truppen
  von  der  siebenbürgischen  Grenze.
Die  Rumänen  besetzen  Kronstadt  und  Petroseny.
Abweisung  rumänischer  Angriffe  bei  Orsova.
80.  Kriegserklärung  der  Türkei  an  Rumänien.
*  Die  Österreicher  räumen  Hermannstadt.
81.  Französischer  Vorstoß  gegen  die  Front  Barleux-Soyscourt.

Lebhafte  Kämpfe  bei  Luzk.
Russischer  Angriff  zwischen  Zlota  Lipa  und  Dnjestr.
Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Linien
westlich  von  Lorofansa.
Entwaffnung  der  königstreuen  griechischen  Truppen
  in  Saloniki  durch  die  Franzosen.

September  1916.

1.  Zusammenbruch  russischer  Angriffe  bei  Korytnica
südwestlich  von  Luzk.

·Abweisung  eines  italienischen  Vorstoßes  auf  den
Kleinen  Pal.

é!  Zurücknahme  der  österreichisch-ungarischen  Truppen
  bei  Orsova.

Kriegserklärung  Bulgariens  an  Rumänien.

Tod  des  bulgarischen  Generalstabschefs  Schostoff.

Vergeblicher  Vorstoß  der  Italiener  über  die  Vojusa
  östlich  von  Valona.

é!.  Militärrevolte  in  Saloniki;  die  Franzosen  nehmen
die  griechische  Garnison  esangen.

2.  Franz.  Massenangriffe  bei  Maurepas  scheitern.

D  3  und  bulgarische  Kräfte  überschreiten  die
Dobrum  cha-Grenze  zwischen  Donau  und  Schwareer.



-  Beiezun  von  Piräus  durch  französische  Truppen.

2./3.  8  Luftangriff  auf  London  und  Ostengland.


8.  v  Franzosen  besetzen  nach  einem  Angriff  an  der
Somme  in  30  km  Breite  Guillemont  und  Le
de  Zurücknahme  der  deutschen  Linien  bei

inchy.

Erbitterte  Kämpfe  bei  Luzk  und  Brzezany.

Deutscher  Luftangriff  bei  Konstenze.  Hartnäckiger
  Kampf  in  den  Abschnitten  Le  Forest-Somme
und  Barleux-Chilly.  Chilly  und  Soyscourt  werden
  von  den  Franzosen  genommen.

Lsebhafter  Kampf  im  Rufreddo-Gebiet  (Südtirol).

Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Venedig
und  Grado.

*.  Deutsche  und  bulgarische  Truppen  erstürmen  die
Vorstellungen  der  Festung  Tutrakan.  Einnahme
von  Dobritsch,  Baltschik  und  Kaliakra  (Dobrudscha)
  durch  die  Bulgaren.

*  Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  werfen  die
Iaaliener  über  die  Vojusa  nördlich  von  Valona

urück.
4  Erneuter  Luftangriff  auf  Konstanza.
.  Die  Rumänen  besetzen  Orsova.
*.  Daressalam  wird  von  den  Engländern  genommen.
5.  Ansturm  von  28nglisch-franz.  Divisionen  beiderseits
  der  Somme.  Die  Franzosen  besetzen  Cléry.
Zurücknahme  österreichisch-ungarischer  Truppen
wischen  Zlota  Lipa  und  Dnzjestr.
6.  Vergebliche  Angriffe  der  Engländer  bei  Ginchy.
Vermandovillers  wird  von  den  Franzosen  besetzt.
Geländegewinn  der  Franzosen  nördlich  von  der
Feste  Souville.
        <pb n="230" />
        188

6.  Erfolareiche  Abwehr  starker  russischer  Angriffe
bei  Zielona  und  Kirlibaba  (Karpathenfront).
·Tutral  an  wird  von  deulschen  u.  bulgarischen  Truppen

  erstürmt  (28000  Gefangene;  100  Geschüge).
6.  7.  Deutscher  Luftangriff  auf  die  russische  Flugstation
  Nund  (Rigaer  Meerbusen).
Fran  zösischer  Vorstoß  bei  Berny  (Somme).
Ducchbruchsversuch  der  Russen  gegen  Halicz.
Deutscher  Luftangriff  auf  russische  Seestreitkräfte
in  Konstanza.
.  Niederlage  der  Rumänen  nördlich  von  Dobritsch.
8.  Die  deutschen  Truppen  weisen  russische  Anstürme
wischen  Zlota  Lipa  und  Dujestr  erfolgreich  ab.
"  Zarücnadne  der  österreichisch-ungarischen  Kräfte
bei  Petroseny  (Südungarn).

Der  österreich.-ungar.  Armeeführer  Generaloberst
v.  Pflanzer-Baltin  tritt  vom  Kommando  zurück.
9.  Englischer  Durchbruchsversuch  zwischen  Thiepval.
und  Combles.  Die  Deutschen  verlieren  Ginchy.
Geländegewinn  der  Russen  bei  Schipoth  (Karpatbenfront).


Silistria  wird  von  deutschen  und  bulgarischen
Truppen  erobert.

Enalische  Niederlage  bei  Massinich  (Jrakfront).
10.  Erbitterter  Kampf  um  Berny  (Somme).

.  Erfolgreiche  Abwebritalienischer  Borstöße  zwischen
Etsch=  und  Astico--Tal.

11./12.  Osterreichisch  ungarische  Luftangriffe  auf  Ancona
  und  Falconaria.

12.  Erneuter  Ansturm  der  Engländer  und  Franzosen
geen  die  Front  Combles-  Somme.

*  Die  Franzosen  besetzen  Bouchavesnes  und  gewinnen
  die  Straße  Péronne-Bouchavesnes  (Somme).

usammenbruch  eines  russ.  Ansturms  gegen  den
bschnitt  Smotrec-Goldene  Bistritza  (Karpathen).

*  Überführung  des  4.  griechischen  Armeekorps  nach
Deutschland  auf  eignen  Wunsch  infolge  Bedrängung
  durch  die  Franzosen.

12./13.  Osterreichisch-ungarische  Luftangriffe  auf  Benedig
  und  Cervignano.
13.  Lebhafte  Kämpfe  an  der  Front  Ginchy-Somme.
Geländegewinn  der  Franzosen  #  Combles.
*  Englische  Schlappe  bei  Nassirien  (Mesopotamien).
13.—14.  Hartnäckiger  Kampf  am  Smotrer,  Capu  und
an  der  Baba  Ludowa  (Bukowina).

Starke  österreichisch-ungarische  Luftangriffe  auf
Valona  und  Grado.

14.  Vergeblicher  Durchbruchsversuch  der  Franzosen
im  Abschnitt  Rancourt-Somme.

*Sieg  der  deutsch-bulgarischen  Truppen  über  die
Rumänen  zwischen  Oltina-See  und  Cara  Omer
Dobrudscha).

*  Italienische  Massenangriffe  gegen  die  Karstfront

wischen  der  Wippach  und  dem  Meere.

Vorsto  der  Rumänen  in  Siebenbürgen  über  den
t

Serbisch-englischer  Vorstoß  östlich  von  Florina.

15.  Angriff  von  20  englisch-franz.  Divisionen  gegen
die  Front  zwischen  Ancre  und  Somme.  Die  Engländer
  besetzen  Courcelette,  Martinpuich  u.  Flers.

Zurücknahme  der  österreichisch--ungarischen  Front
bis  östlich  von  San  Grado  di  Merua  (Karstfront).

Die  deutschen  und  bulgarischen  Truppen  besetzen
Mangalia  (Dobrudscha).

16.  Angriff  der  Russen  westlich  von  Luzk  (Durchbruchsversuch
  auf  Wladimir  Wolynst  zu).

-  Söwere  Kämpfe  im  Abschnitt  Lokvica-Doberdo-II.

  Kriegsgeographie

4.

und  Kriegsgeschichte

16./17.  Vergebliche  russische  Borstöße  am  Sereth,  an
der  Strypa  und  gegen  die  Karpatbenfront.

17.  Erbitterte  Schlacht  auf  der  Front  Thiepval-Vermandovillers

  (45  kmm).

Aufgabe  deuticher  Stellungen  südlich  von  der

Somme  zwischen  Barleux  und  Vermandovillers.

Schwerer  Kampf  an  der  Zlota  Lipa.

Zusammenbruch  der  italienischen  Offensive  gegen

die  Karstfront.

Die  deutichen  und  bulgarischen  Truppen  erreichen

die  Linie  Rasova-Copadin-Tuzla  (Dobrudscha).

*  Die  Franzosen  erobern  Florina  zurück.
!Fort  Tabora  (Deutsch-Ostafrika)  wird  von  den
Engländern  besetzt.

17.—18.  Deutscher  Erfolg  über  die  Russen  an  der
Narajowka.

18.  Deutsche  und  österreichisch-ungarische  Kräfte  erstürmen
  den  russischen  Brückenkopf  nördlich  von
Farcch  (Stochod).

Osterreichisch-ungarische  Truppen  weisen  russischrumänische
  Angriffe  in  der  südlichen  Bukowina  ab.

Sieg  deutscher  Truppen  über  die  Rumänen  bei
Hötzing  (Hatszeg).

19.  Deutsche  und  österreichisch-ungarische  Truppen
erobern  Petroseny  und  den  Szurdukpaß  zurück.

Lebhafte  Kämpfe  im  Becken  von  Florina.

19.—20.  Russische  Niederlage  an  der  Baba  Ludowa
und  am  Smotrec  (Karpathen).

20.  Räumung  deutscher  Stellungen  im  Abschnitt
Rancourt-Bouchavesnes.

*  Russische  Anstürme  im  Abschnitt  Pustomp#-Naurr
  (westlich  von  Luzl)  scheitern  unter  empndlichen
  Verlusten.

21.  Niederlage  der  Rumänen  südlich  von  Topraisar
(Dobrudschal

22.  Die  Franzosen  werden  im  Abschnitt  Combles-Rancourt
  erfolgreich  abgewiesen.

-  Vergeöliche  Vorstöße  der  Rumänen  bei  Hermanntadt.


Räückeroberung  des  Vulkanpasses  durch  österreichisch-ungarische
  Truppen.

23.  Die  Osterreicher  weisen  russische  Massenangriffe
zwischen  Sereth  und  Strypa  nördlich  von  Zborom
erfolgreich  ab.

*  Der  Gipfel  des  Monte  Cimone  nördlich  von  Arfiero
wird  von  den  Österreichern  gesprengt.

23./24.  Deutscher  Luftangriff  auf  London  und  Wittelengland.


24.  Englisch-französischer  Massensturm  zwischen  Ancre
und  Somme.

1*  Deutscher  Luftangriff  auf  Bukarest.
.Rumiänische  Vorstöße  zwischen  dem  Szurduk-=  und
Vulkanpaß  werden  abgewiesen.

25.  Einheitlicher  Durchbruchsversuch  der  Engländer
und  Franzosen  nördlich  von  der  Somme.  Die
feindlichen  Truppen  besetzen  Lesbœufs,  Morval
und  Rancourt.

*  Zurücknahme  der  österreichisch-ungar.  Truppen
aus  der  Kammlinie  Szurdukpaß  -Vulkanpaß.
25./26.  Deutscher  Luftangriff  auf  Portsmouth  und

Mittelengland.

26.  Die  Engländer  besetzen  Combles,  Guendecourt
und  Thiepval.

*  Erneuter  Angriff  deutscher  Luftschiffe  auf  Bukarest.
*  Niederlage  der  Serben  im  Abschnitt  Florina-Kajmakcalan
  (Mazedonien).

27.  Geländegewinn  der  Franzosen  bei  Rancourt  und

Bouchavesnes.
        <pb n="231" />
        27.

v8.

29.

Kriegskalender

Erfolgreicher  Gegenstoß  deutscher  Truppen  bei
Korytnica  (Wolhynien).

Beginn  der  Schlacht  bei  Hermannstadt.

Achte  Kriegstagung  des  deutschen  Reichstages.
Rückzug  der  Rumänen  bei  Hermannstadt  gegen
das  Grenzgebirge.

Oberst  Luloff  wird  Generalstabschef  der  bulgarischen
  Armee.

Erfolgreiche  Abwehr  der  englischen  Vorstöße  im
Abschnitt  Rancourt-Courcelette.
Entlastungsstoß  der  rumänischen  2.  und  4.  Armee
im  Görgeny-Gebirge.

Die  österreichisch-ungarische  Donauflottille  greift
den  rumänischen  Hafen  Corabia  mit  Erfolg  an.
Abschluß  deutsch-schweizer.  Wirtschaftsverträge.

29.—30.  Niederlage  der  Rumänen  bei  Hermannstadt

und  am  Rotenturmpaß.

30.  Osterreichisch  -ungarische  Truppen  weisen  Durchbruchsversuche

  der  Russen  an  der  Bahn  Brody-Lemberg
  und  im  Graberka-Abschnitt  ab.
Deutscher  Luftangriff  auf  Bukarest.

Erfolge  der  englisch-französischen  Truppen  bei
Kajmakcalan  (Mazedonien).

Oktober  1916.

u  Großkampftag  nördlich  von  der  Somme.  Zusammenbruch

  eines  englisch  -französischen  Angriffes
im  Abschnitt  Thiepval-  Rancourt.

übergang  starker  rumänischer  Kräfte  über  die  Donau
  bei  Rahova  südlich  von  Bukarest.

1./2.  Deutscher  Luftangriff  auf  London  und  den

2.

Humber.

Lebhafter  Kampf  bei  Le  Sars  und  an  der  Straße
Sailly-Rancourt.

Vergeblicher  Gegenstoß  der  Rumänen  aus  der
Linie  Copadin  -  Topraisar  -Tuzla.

2.—3.  Ein  allgemeiner  Angriff  der  Russen  zwischen

r

B.

Swiniuchy  und  Zaturzywestlich  von  Luzt  scheitert.
Die  Russen  werden  nach  einem  Vorstoß  bis  zur
Lysenia-Höhe  an  der  Zlota  Lipa  unter  empfindlichen
  Verlusten  zurückgeworfen.
Zurücknahme  deutscher  und  österreichisch-ungarischer
  Truppen  bei  Fogaras  vor  Überlegenem  Anriff
  der  Rumänen.
iederlage  der  Russen  bei  Swiniuchy  und  Kisielin.
Rückzug  der  bei  Rahova  über  die  Donau  voredrungenen
  rumänischen  Abteilungen.
umänischer  Vorstoß  im  Görgeny-Tal.
urücknahme  der  deutschen  und  bulgarischen
ruppen  zwischen  Prespa-See  und  Nidze  Planina
(Mazedonien).

4.  Schwere  Kämpfe  bei  Le  Sars.  Geländegewinn

2

Ot

der  Franzosen  zwischen  Frégicourt  und  Rancourt.

Die  Rumänen  gehen  im  Hötzinger  Gebirge  auf

die  Grenzhöhen  zurück.

Rückzug  der  2.  rumänischen  Armee  im  Alt-Tale
binter  die  Sinca.

Die  auf  Seite  der  Türken  kämpfenden  Bachtiaren
vertreiben  die  Russen  aus  Ispahan  (Persien).

.Abweisung  eines  starken  französischen  Angriffs

im  Abschnitt  Morval-Bouchavesnes.
Vergebliche  Anstürme  der  Russen  an  der  Zlota
a.

ip
Sieg  der  Armee  Vallenhann  über  die  Rumänen
bei  Reps  und  Krihalma.  Eroberung  des  Sinca-Abschnitts.


Geländegewinn  der  Osterreicher  bei  Libanfalva
(Görgeny-Abschnitt).

189

6.  Dersolgung  der  Rumänen  durch  den  Geisterwald.

Einnahme  des  Grenzberges  Silgen  südlich  von
Hötzing.

Starke  italienische  Angriffe  an  der  Fleimstal-Front
  werden  abgewiesen.

Vorstoß  der  Armee  Sarrail  an  der  Bahn  Monastir
  -  Florina  und  im  Tscherna-Bogen.

7.  Großkampftag  zwischen  Ancre  und  Somme.  Ge-8.

  Abweisung

ländegewinn  der  englisch-französischen  Truppen
bei  Le  Sars,  Lesbeeufs  und  im  Abschnitt  Morval—-
  St.  Pierre  Vast-Wald.
Kronstadt  wird  von  deutschen  und  österreichischungarischen
  Truppen  zurückerobert.
Die  Armee  Falkenhayn  erzwingt  in  der  Schlachtvon
Kronstadt  (7.—9."Okt.)  den  Austritt  aus  dem  Geisterwald
  in  das  Alt-Tal  und  das  Burzenland.  Rückug
  der  rumän.  Armeen  gegen  das  Grenzgebirge.
ie  Zeichnungen  der  5.  deutschen  Kriegsanleihe
erreichen  die  Höhe  von  10,651  Milliarden  Mark.
eines  englisch-französischen  Durchbruchsversuchs
  nördlich  von  der  Somme.
Geländegewinn  der  Osterreicher  an  der  Baba  Ludowa
  (Karpathen).
Das  deutsche  Unterseeboot  »D  53.  trifft  in  Newport
  (Vereinigte  Staaten  von  Amerika)  ein.
Erbitterter  Kampf  im  Abschnitt  Cardinal-Col
Dose  (Fassaner  Alpen).
Niederlage  der  Rumänen  bei  Marienburg  (Földavi).
  Einnahme  von  Törzburg.

8.9.  Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Valona.

□—J

Die  Deutschen  besetzen  die  Donauinsel  nördlich
von  Spistov.

Übergang  der  Serben  über  die  Tscherna  östlich
von  Kenali.

9.  Beginn  des  Handelskrieges  deutscher  Unterseeboote

an  der  nordamerikanischen  Küste.

Einleitung  der  achten  italienischen  Isonzo-Offensive.
  Allgemeiner  Angriff  zwischen  San  Grado
di  Merua  und  dem  Doberdo-See.

Deutsche  und  österr.-ungar.  Truppen  erkämpfen
den  Austritt  aus  dem  Hargitta-  und  Barotergebirge.
  Geländegewinn  westlich  vom  Vulkanpaß.

10.  Englisch-französischer  Vorstoß  im  Abschnitt  Morval—-

  Bouchavesnes.  Einbruch  der  Franzosen  in
die  deutsche  Front  bei  Sailly  u.  Vermandovillers.
Eroberung  österreichisch  ·  ungarischer  Linien  bei
Nova  Vas  durch  die  Italiener.

Die  Belgier  besetzen  die  Mittellandbahn  (Deutsch-Ostafrika)
  vom  Tanganjika-See  bis  Tabora.

10./11.  Hartnäckiger  Kampf  im  Tscherna-Bogen  und

am  Wardar.

11.  Lebhafter  Kampf  um  Ablaincourt  (Somme).

Ultimatum  des  Vierverbandes  an  Griechenland,
überlassung  der  Flotte  und  der  Bahn  Piräus--Larissa
  betreffend.

Die  2.  rumänische  Armee  wird  südlich  von  Kronstadt
  in  die  Grenzstellungen  zurückgeworfen.
Abwehr  eines  italienischen  Durchbruchsversuchs
nördlich  von  der  Wippach.

Die  Italiener  gewinnen  Nova  Vas.

12.  Großkampftag  zwischen  Ancre  und  Somme.  Der

englisch-französische  Hauptangriff  auf  der  Front
Courcelette-St.  Pierre  Vast.Wald  und  bei  Sailly
scheitert  unter  erheblichen  Verlusten.

!.  Zurückgewinnung  des  Gyergyo=  und  Mazeks-Beckens

  in  Siebenbürgen.
In  Österreich  und  Ungarn  werden  Ernährungsämter
  nach  deutschem  Muster  errichtet.
        <pb n="232" />
        190

13.  Zusammenbruch  feindlicher  Vorstöße  zwischen

orval  und  Bouchavesnes.

Franzöfsischer  Luftangriff  auf  badische  und  württembergische
  Orte  (Vernichtung  von  neun  feindlichen
  Flugzeugen).

¼  Erfolglose  Beendigung  der  ital.  Isonzo-Offensive.

14.  Die  Franzosen  besetzen  Ablaincourt  und  deutsche
Stellungen  östlich  von  Belloy-en-Santerre.

Vorstoß  der  Engländer  nördlich  von  Thiepval.

*  Der  Smotrer  (Karpathen)  wird  von  deutschen  und
österreichisch-ungarischen  Truppen  zurückerobert.

*  Hartnäckiger  Kampf  am  Vulkanpaß.

15.  Geländegewinn  der  Osterreicher  östlich  von  Kirlibaba
  (Bukowina).

.  Bildung  einer  provisorischen  Regierung  (Venizelos)
  in  Saloniki.

15.—16.  Erfolgreiche  Abwehr  russischer  Durchbruchsversuche
  im  Abschnitt  Zubilno-Saturzy  und  an
der  Narajowka.

Vergebliche  Durchbruchsversuche  der  Serben  im
Tscherna-Abschnitt.

16.  Dieenglisch-französischen  Truppen  besetzen  Piräus
und  Teile  von  Athen.

17.  Englisch-französische  Angriffe  in  den  Abschnitten
Le  Sars-Guendecourt  und  Lesbeeufs-Rancourt
werden  von  den  Deutschen  erfolgreich  abgewiesen.

Die  Franzosen  besetzen  Sailly.

18.  Großkampftag  nördlich  von  der  Somme.  Ein  englischer
  Durchbruchsversuch  zwischen  Le  Sars  und
Guendecourt  wird  vereitelt.

*  Geländegewinn  der  Engländer  nördlich  von  Eaucourt
  [Abbaye-Gueudecourt.  Die  Franzosen  besetzen
  deutsche  Stellungen  im  Abschnitt  Biaches-La
  Maisonnette.

*.  Schwere  Kämpfe  im  Pasubio-Gebiet.

19.  Die  Deutschen  erobern  russische  Stellungen  bei
Swistelniki  an  der  Narajowka.

é".  Zurücknahme  der  bulgarischen  Truppen  bei  Brod
im  Tscherna-Bogen.

W.  Einbruch  deutscher  und  bulgarischer  Truppen  in
die  rumänische  Hauptstellung  auf  der  Front  Rasova-Tuzla
  (Dobrudscha).

21.  Zurücknahme  der  deutschen  Truppen  im  Raume
Lrandcourt—#8  (Sommeh).  Harte  Kämpfe  bei

ailly.

Ermordung  des  österreichisch=  ungarischen  Ministerpräsidenten
  Stürgkh.

Eröffnung  der  ersten  flämischen  Universität  in
Gent  unter  deutscher  Schutzherrschaft.

22.  Starker  Angriff  der  Engländer  und  Franzosen
auf  der  Front  Le  Sars-Lesbeeufs  -Rancourt.

Geländegewinn  der  Franzosen  bei  Chaulnes.

Die  Russen  werden  auf  das  Ostufer  der  Narajowka
  zurückgeworfen.

*  Der  Predealpaß  wird  von  deutschen  und  österreichisch-ungarischen
  Truppen  erstürmt.

-  Lcherlag=  der  Rumänen  im  Abschnitt  Rasovaa.



*  Die  Rumänen  verlieren  Topraisar  und  Copadin.

Vorstoß  auf  Tschernawoda.

28.  Grehen#chflag  nördlich  von  der  Somme.  Niederlage
  der  Feinde  im  Abschnitt  Eaucourt  IAbbave-Rancourt.


*  Konstanza  wird  von  den  Bulgaren  genommen.

.  Einnahme  von  Predeal  durch  deutsche  und  österreichische
  Truppen.

*  Durchbruch  durch  die  rumänische  Front  am  Südausgang
  des  Rotenturmpasses.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

23.  Deutscher  Luftangriff  auf  Bukarest.

Die  Bulgaren  besesen  Medgidia  und  Rasova.

24.  Vorstoß  der  Franzosen  im  Raum  von  Douaumont.

Die  Deutschen  verlieren  Fort  und  Dorf  Douaumont
  sowie  Stellungen  bei  Haudromont.

D  Die  puschen  und  Österreicher  erstürmen  den  Bulanpa


25.  Eroberung  von  Tschernawoda  durch  die  Bulgaren.

Geländegewinn  der  Armee  Falkenhayn  im  Totrus-Oituz--Tal
  und  gegen  Campolung.

26.  Abweisung  starker  franzöfischer  Angriffe  gegen
Fort  Vaux.

Die  Bulgarenbesetzen  Harsova(  Nord-Dobrudscha).

26./27.  Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  durch  den
Kanal  bis  zur  Linie  Folkestone  -  Boulogne.

27.  Die  Deutschen  weisen  starke  englische  und  französische
  Sturmangriffe  bei  Guendecourt-Lesbeeufs-Morval
  erfolgreich  ab.

.  Zusammenbruch  eines  französischen  Vorstoßes
aus  dem  Thiaumont-=  und  Fumin-Wald.

Rückzug  der  Rumänen  im  Partzuga-Tal  südlich
von  Kronstadt.

1Finanzminister  v.  Koerber  wird  zum  österreichischen
  Ministerpräsidenten  ernannt.

28.  Einbruch  der  Franzosen  in  die  deutschen  Stellungen
  bei  Lesbaufs.

*  Hauptmann  Boelcke  fällt  im  Luftkampf  an  der
deutschen  Westfront.

29.  Der  frühere  Generalquartiermeister  v.  Stein  wird
#m  preußischen  Kiegeminiser  ernannt.

-  Ter  Geländegewinn  der  Franzosen  bei  Lesœufs.



La  Malsonette  und  anschließende  französische  Stellungen
  werden  von  den  Deutschen  erstürmt.

Deutsche  und  türkische  Truppen  gewinnen  Gelände
am  Ostufer  der  Narajowka.

.  Einnahme  rumänischer  Höhenstellungen  südöstlich
vom  Rotenturmpaß.

80.  Starke  Gegenstöße  der  Rumänen  bei  Orsova  und
Campolung  scheitern  unter  schweren  Verlusten.

Niederlage  der  serbischen  und  französischen  Truppen
  im  Tscherna--Abschnitt.

81.  Erfolgreiche  Abwehr  eines  ltrten  englischen  Vorstoßes
  aus  der  Linie  Gueudecourt-Lesbeeufs.

November  1916.

1.  Bordringen  der  Franzosen  bei  Morval  und  am
St.  Pierre  Vast.  Wald.

Die  Deutschen  räumen  die  Feste  Vaux.

*  Beginn  der  neunten  italienischen  Isonzo-Offensive.
  Die  Italiener  besetzen  Lokvica  und  Gelände
am  Tivoli  und  San  Marco.

Die  Deutschen  erobern  russische  Stellungen  am
Stochod  bei  Witoniez.

1./2.  Leichte  deutsche  Streitkräfte  stoßen  gegen  den
Kanal  vor.

2.  Zusammenbruch  russischer  Massenstürme  an  der

Narajowka.

Vergeblicher  Ansturm  der  Italiener  an  der  Wippach
  und  gegen  die  Karsthochfläche.
Generalleutnant  Groener  wird  zum  Leiter  des
deutschen  Kriegsamts  ernannt.

.Russische  Hilfstruppen  übernehmen  Teile  der  Dobrudscha=
  und  siebenbürgischen  Ostfront.
Vorstoß  der  Russen  im  Toelgyes-Abschnitt  (nördliches
  Siebenbürgen).

Osterreichisch-ungarische  Truppen  erobern  die  Mabucet-Stellung
  südlich  vom  Predealpaß.

#  —  r  r□—N
        <pb n="233" />
        Kriegskalender

4.  Ein  italienischer  Vorstoß  bei  Jamiano  (Karstfront)
  bricht  unter  schweren  Verlusten  zusammen.

Lebhafte  Kämpfe  am  Szurdukpaß.

5.  Großlampftag  nördlich  von  der  Somme.  Vorstoß
der  Engländer  und  Franzosen  auf  der  Front  Le
Sars-Bouchavesnes.  Verlust  deutscher  Stellunen

  am  St.  Pierre  Vast-Wald.

-  Fe#en  wird  von  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn
  zum  selbständigen  Staat  mit  erblicher
Monarchie  und  konstitutioneller  Verfassung  erkllärt.
  Galizien  wird  das  Recht  der  Selbstverwaltung
  verliehen.

é!  Zurücknahme  der  rumänischen  Truppen  südöstlich
vom  Rotenturmpaß.

6.  Die  Russen  besetzen  österreichisch-ungarische  Stellungen
  im  Toelgyes-Abschnitt.

Erfolgreicher  Vorstoß  der  verbündeten  Truppen
im  Raum  von  Spini  südlich  vom  Rotenturmpaß.

7.  Französischer  Geländegewinn  bei  Ablaincourt

Somme).  ·

.  Erbitterte  Kämpfe  am  Bodza-Paß  und  im  Toel-##nnibschnit



eendigung  der  erfolglosen  neunten  italienischen

Isonzo-Offensive.

8.  Starke  Angriffe  der  Russen  im  Giergsso-Gebirge
Die  deutschen  und  österreichisch-ungarischen  Truppen

  überschreiten  den  Baiesti-Abschnitt  südöstlich

vom  Rotenturmpaß  und  erobern  Sardoin.

9.  Lebhafter  Kampf  beiderseits  von  Sailly  (Somme).

*  Eroberung  russischer  Siellungen  bei  Skrobowa.

Erfolgreicher  Gegenstoß  der  österreichisch=  ungarischen
  Truppen  im  Gyergyo-Gebirge.

.  Starke  rumänische  Vorstöße  im  Predeal-Abschnitt
werden  abgewiesen.

Aufruf  der  Mittelmächte  zur  Bildung  eines  polnischen
  Heeres.

10.  Die  Engländer  besetzen  deutsche  Stellungen  bei

Courcelette  (Somme).

Französischer  Luftangriff  auf  Industrieanlagen
im  Saargebiet.

Einbruch  deutscher  Truppen  in  die  russische  Hauptstellung
  an  der  Narajowka.  Starke  Gegenstöße
der  Russen  werden  abgewiesen.

Erstürmung  rumänischer  Stellungen  im  Vorstoß

egen  Sinaia.

*  Angriffe  der  Serben  und  Franzosen  im  Ostteil
der  Ebene  von  Monastir  und  an  der  Tscherna.

Wiederwahl  Wilsons  zum  Präsidenten  der  Vereinigten
  Staaten  von  Amerika.

-  Auslieferung  der  griechischen  Flotte  an  die  Ententeächte



10./11.  Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  in  den  Finnischen
  Meerbusen  bis  Baltischport.
11.  Vergebliche  Gegenstöße  der  Rumänen  nördlich
vom  Oituz-Tale.
Eroberung  rumänischer  Linien  beiderseits  des
oberen  Alt.
12.  Lebbafte  Kämpfe  südlich  von  Monastir.
12./  18.  Osterreichisch-ungar.  Luftangriff  auf  Padua.
13.  Großkampftag  nördlich  von  der  Somme.  Die
Engländer  erobern  durch  Angriff  beiderseits  der
Ancre  Beaumont-Hamel,  St.  Pierre-Divion  und
die  Anschlußstellungen.
Rückzug  der  Russen  im  Gyergyo-Gebirge  gegen
die  Grenze.
*  Lustangriff  der  Osterreicher  auf  Ravenna.
Vorstoß  der  serbisch-französischen  Truppen  gegen
Monastir.

191

18.  Türkischer  Luftangriff  auf  Kairo.

-Die  königstreuen  griechischen  Truppen  werden
aus  Thessalien  zurickgezogen.

14.  Erneuter  Angriff  der  Engländer  an  der  Ancre
und  im  Abschnitt  Le  Sars-Gueudecourt.

Die  Engländer  besetzen  Beaucourt.

*  Deutscher  Luftangriff  auf  Bukarest.

!  Zurücknahme  der  bulgarischen  Truppen  im

scherna-Bogen.

14./15.  Erbitterte  Kämpfe  am  St.  Pierre  Vast-Wald.

15.  Geländegewinn  der  Deutschen  am  St.  Pierre
Vast-Wald.

é!.  Zusammenbruch  starker  russischer  Vorstöße  östlich
vom  Putna-Tal  (siebenbürgische  Ostfront).

Rückzug  der  Rumänen  im  oberen  Alt-Tal  gegen
Radacinesti.

*Französisch-russische  Kräfte  erreichen  die  Vira
nördlich  von  Kenali  (Mazedonien).

Generalleutnant  Höppner  wird  zum  kommandierenden
  General  der  Luftstreitkräfte  ernannt.

16.  Schwerer  Kampf  östlich  vom  Putna  ·  Tale.

*  Westlich  vom  Predeal-Paß  brechen  deutsche  und
österreichisch-ungarische  Truppen  in  die  rumänische
  Front  ein.  Rückzug  der  Rumänen  im  Gebiet
  des  Jin.

16.—18.  Durchbruchsschlacht  von  Targu  Jin.

17.  Die  verbündeten  Truppen  erreichen  die  Linie
Candesti-Namaesti.  Vergeblicher  Durchbruchsversuch
  der  Rumänen  nördlich  von  Campolung.

*  Lebhafte  Kämpfe  um  die  Höhen  bei  Monastir.

18.  Durchbruchsversuche  der  Engländer  beiderseits
der  Ancre.  Zurücknahme  der  deutschen  Front  bei
Serre  und  im  Abschnitt  Grandcourt-Courcelette.

.  Die  Armee  Falkenhayn  erkämpft  in  der  Durchbruchsschlacht
  bei  Targu  Jin  den  Austritt  in  die
walachische  Ebene.  Einbruch  in  die  rumänische
Front  zwischen  Jiu  und  Gilurt.  Die  Deutschen
erreichen  die  Bahnlinie  Orsova-Craiova.

.  Deutsche  und  österreichisch-ungarische  Truppen  erreichen
  die  Linie  Calimanesti—-  Suici  südlich  vom
Rotenturmpaß.

Monastir  wird  von  den  Serben  besetzt.  Zurücknahme
  der  deutsch-bulgarischen  Front  auf  die
Höhenstellungen  nördlich  von  Monastir.

19.  Vorstoß  der  Deutschen  am  Jiu  gegen  den  Raum
von  Craiova.

21.  Craiova  wird  von  deutschen  Truppen  erobert.

*  Starke  Gegenstöße  der  Rumänen  nördlich  von
Campolung.

.Tod  Kaiser  Franz  Josephs  I.  von  Osterreich  in
Schönbrunn.

Vorstoß  des  türkischen  rechten  Flügels  der  Kaukasus-Armee
  im  Raum  von  Musch.

23.  Die  Armee  Falkenhayn  durchbricht  die  westrumänische
  Front  an  der  Donau.  Einnahme  von  Orsova
  und  Turn  Severin.

Hartnäckige  Kämpfe  bei  Ramnie  Valcea  (Alt).

é!  Übergang  der  deutschen  Donau-Armee  über  die
Donau  bei  Spistov.

23./24.  Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  gegen  die
Themse-Mündung.

24.  Die  über  Craiova  vordringenden  Kräfte  der
Armee  Falkenhayn  überschreiten  den  unteren  Alt.

*  Der  russische  Verkehrsminister  Trepow  wird  zum
Ministerpräsidenten  ernannt.  "

Rücktritt  des  deutschen  Staatssekretärs  des  Rußern
v.  Jagow;  Nachfolger:  Unterstaatssekretär  Zimmermann.
        <pb n="234" />
        192  II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

25.  Die  Deutschen  nehmen  Ramnie  Valcea  im  Alt-Tal.
.  Der  russische  Generalstabschef  der  Armee  Alexejeff
  wird  durch  General  Gurko  ersetzt.  Ernennung
Neratows  zum  russischen  Minister  des  Außern.

Lebhafter  Kampf  bei  Curtea  des  Arges.
Vormarsch  der  deutschen  Donau-Armee  von  Zimnicea
  gegen  Alexandria  und  Giurgiu.

26.  Niederlage  der  Reste  der  1.  rumänischen  Armee

südöstlich  von  Turn  Severin.
Die  beiderseits  des  Alt  vordringenden  Truppen
werfen  die  Rumänen  hinter  den  Topolog-Abschnitt
  zurück.  Ostlich  von  Tigveni  wird  die  rumänische
  Front  durchbrochen.

.  Einnahme  von  Alexandria  südwestlich  von  Bukarest
  durch  die  Deutschen.  übergang  der  Donau-Armee
  über  die  untere  Vedea.

Erbitterter  Kampf  um  die  Höhen  von  Paralovo
(Mazedonien).

Das  französische  Linienschiff  »Suffren«  wird
nordwestlich  von  Lissabon  durch  ein  deutsches
U--Boot  vernichtet.

26./27.  Vorstoß  deutscher  Seestreitkräfte  gegen  die
englische  Ostküste.

27.  Beginn  einer  russischen  Entlastungsoffensive  in
den  Karpathen  und  an  der  siebenbürg.  Ostfront.
Die  Deutschen  besetzen  Curtea  des  Arges.

Die  Alt-Linie  gelangt  in  deutschen  Besitz.
Die  deutsche  Donau-Armee  erobert  Giurgiu  und
erreicht  die  Linie  Giurgiu-Draganesti.

Niederlage  der  Armee  Sarrail  auf  der  Front
Trnova-Makovo  und  nordwestlich  von  Monastir.

27./28.  Deutscher  Luftangriff  auf  Mittelengland.

29.  Starke  Angriffe  der  Russen  in  den  Karpathen
und  an  der  siebenbürgischen  Ostfront  werden  erfolgreich
  abgewiesen.

Die  Deutschen  erobern  Pitescht  und  Campolung.

Ernennung  des  Admirals  Beatty  zum  Oberbefehlshaber
  der  brilischen  Flotte.  Admiral  Jellicoe
  wird  erster  Seelord  der  Admiralität.

30.  Erfolgreiche  Abwehr  russischer  Angriffe  an  der
Füota  Lipa  durch  türkische  Truppen.
insturm  der  Russen  in  den  Karpathen  vom  Jablonica-Paß
  bis  zum  Uz-  und  Oituz-Tal.
Vereinigung  der  Armee  Falkenhayn  mit  der
Heeresgruppe  Mackensen.

*.  Deutscher  Vormarsch  Über  Campolung  u.  Pitescht.

Die  deutsche  Donau-Armee  erkämpft  den  übergang
  über  die  Neajlow-Niederung  und  nähert  sich
dem  unteren  Arges.

Dezember  1916.

1.  Russische  Entlastungsstöße  an  der  Baba  Ludowa,
bei  Dorna  Watra  im  Trotus=  und  Oituz-Tal
scheitern  unter  schweren  Verlusten.

Die  Front  der  1.  rumänischen  Armee  wird  am

Arges  südöstlich  von  Pitescht  von  deutschen  und

österreichisch-ungarischen  Truppen  durchbrochen
*  Gefangene).

2.  Abweisung  russischer  Durchbruchsversuche  in  den
Waldkarpathen  am  Smotrec  und  an  der  Baba
Ludowa.

é  Übergang  der  deutschen  und  österreichisch  =  ungarischen
  Truppen  über  den  Arges  unterhalb  Gaesti.

Eine  südwestlich  von  Bukarest  über  den  Arges
und  Neajlow  vorgedrungene  rumänische  Gruppe
wird  über  den  Neajlow-Abschnitt  zurückgeschlagen.

2.  Vergebliche  serbisch  ·  französische  Angriffe  nordwestlich
  von  Monastir.

Teilweise  Besetzung  Athens  durch  englisch-französische

  Truppen.

-Der  deutsche  Reichstag  nimmt  das  Gesetz  über
die  allgemeine  Zivildienstpflicht  an.

8.  Russische  Angriffe  am  Dryswiaty-  See  werden
von  den  Deutschen  erfolgreich  abgewiesen.

*  Sieg  der  verbündeten  Truppen  in  der  Schlacht  am
am  Arges  (1.—3.  Dezember).  Deutsche  und  österreichisch-ungarische
  Kräfte  überschreiten  den  Arges
westlich  von  Bukarest  und  erreichen  Titu.  Niederlage
  der  Rumänen  bei  Draganesti.  Einnahme
von  Targoviste.

4.  Vergeblicher  Vorstoß  der  Engländer  an  der  Straße
Albert-  Warlencourt.

Starke  russische  Angriffe  im  Putna-,  Trotus=  und
Uz-Tal  brechen  zusammen.

Rückzug  der  Rumänen  hinter  die  Linie  Bukarest-Targoviste-Pietrosita.


Die  deutsche  Donau-Armee  erreicht  den  Arges  südwestlich
  von  Bukarest.  Abwehr  starker  russischrumänischer
  Gegenstöße  in  der  Donauniederung.

5.  Starker  Vorstoß  der  Russen  im  Trotus-Tal  und

am  Tartarenpaß.  Zurücknahme  deutscher  Truppen

  im  Trotus-Tal.

Die  9.  deutsche  Armee  erreicht  die  Linie  Bukarest-Ploescht-Campina.

  Einnahme  von  Sinaia.

Niederlage  derin  der  südwestl.  Walachei  abgeschnittenen
  rumän.  Kräfte  am  Alt  (8000  Gefangene).

*  Rücktritt  des  endlischen  Premierministers  Asquith.

5./6.  Vorstoß  der  deutschen  Donau-Armee  über  den
unteren  Arges  gegen  Bukarest.

6.  Die  Deutschen  stürmen  die  Höhe  304  (Verdun).

*.  Rückzug  der  Rumänen  gegen  den  Raum  Buzau-Harsova.


.  Einnahme  von  Bukarest,  Ploescht  und  Campina

9100  Gefangene).

Lebhafte  Kämpfe  an  der  Tscherna  (Mazedonien).

Lloyd  George  wird  britischer  Ministerpräsident.

7.  Die  Rumänen  am  Predeal=  und  am  Altschany-Paß
  werden  geschlagen  (10000  Gefangene)

Verhängung  der  Blockade  Über  Griechenland  durch
Frankreich  und  England.

8.  Erfolgreiche  Abwehr  russischer  Angriffe  zwischen
Kirlibaba  und  der  Bistritza.

*  Sieg  der  9.  Armee  über  die  Rumänen  nordöstlich
  von  Sinaia.  Die  Donau-Armee  dringt  nordöstlich
  von  Bukarest  vor.

*  Bulgarische  Kräfte  überschreiten  die  Donau  bei
Tutrakan  und  besetzen  Oltenitza.  Rückzug  der
Russen  vom  linken  Donauufer  zwischen  Tutrakan
und  Tschernawoda.

9.  Übergang  der  Bulgaren  Über  die  Donaubei  Tschernawoda.
  Einnahme  von  Calarasi.

Allgemeiner  Rückzug  der  rumänischen  Hauptkräfte
östlich  von  der  Linie  Bukarest—-Ploescht.

.  Zusammenbruch  eines  starken  Entlastungsstoßes
ver  Sarrail-Armee  bei  Monastir  und  im  Icherügogen.



10.  Erneute  Vorstöße  der  Russen  am  Tartarenpaß,

im  Bistritza-Abschnitt  und  im  Trotus-Talscheitern.
*lUberschreitung  der  Jalomitza  bei  Receanu  nordöstlich
  von  Bukarest  durch  die  9.  Armee.
Niederlage  serbisch-französischer  Truppen  auf  der
Front  Dobromir—  Makovo  (Wagenonien)

*  Lebhafter  Kampf  am  Westflügel  der  Dobrudscha=  10./11.  Untergang  des  ital.  Linienschisses  „Regina

Front.

Margherita-  durch  Minen  im  Mittelmeer.
        <pb n="235" />
        Kriegsberichte:  Die  Frühjahrskämpfe  1916

11.  Einnahme  von  Urziceni  und  Mizil  (Rumänien).

12.  Lebhafte  Kämpfe  im  Gyergyo-Gebirge.

*  Niederlage  der  Rumänen  an  der  Jalomitza.  Die
Donau--Armee  überschreitet  den  Jalomitza-Abschnitt.


Vorstoß  der  deutschen  und  österreichischen  Truppen
  gegen  den  Raum  von  Buzau.
Friedensangebot  der  Mittelmächte.

General  Nivelle  wird  zum  Oberbefehlshaber  der

französischen  Nord=  und  Ostfront  ernannt.  Ernennung

  des  Generals  Joffre  zum  fachmännischen

Berater  der  französischen  Regierung.

Rücktritt  des  österreichisch  =  ungarischen  Ministeriums

  Koerber.

Die  Große  Walachei  südlich  von  der  Linie  Bukarest-Tschernawoda

  und  dem  Jalomitza-Abschnitt

gelangt  in  deutschen  Besitz.

lbweisung  starker  französischer  Gegenstöße  an  der
Höhe  304  und  am  Pfefferrücken.

Die  rumänische  Gebirgsfront  in  der  Großen  Walachei

  wird  von  der  9.  Armee  durchbrochen.

Eroberung  von  Buzau.

übergang  der  Bulgaren  über  die  Donaubei  Fetesti.

Angriff  der  Franzosen  auf  10  km  Breite  im

Raum  von  Douaumont.

r  Jurücknahme  der  deutschen  Truppen  in  die  Linie

lou-Rücken  -  Louvemont-Bezonvaux.  Die

Franzosen  besetzen  Vacherauville,  Louvemont  und

das  Werk  Hardaumont.

Die  9.  Armee  erreicht  die  Linie  Buzau-Rimnie-Sarat

  und  überschreitet  die  Calmatui-Niederung.

Einsetzen  der  Offensive  gegen  die  Russen  in  der  Linie

Tschovrlu-Topal  (Dobrudscha).  Die  Verbündeten

erreichen  die  Linie  Cogealac—  Cartal—Harsova.

Die  Franzosen  nehmen  Bezonvaux  und  die  anschließenden

  Stellungen  nordöstlich  von  Verdun.

.  Der  Buzau-Abschnitt  wird  von  deutschen  und

österreichisch-  ungarischen  Truppen  Überschritten.

General  der  Infanterie  v.  Fabeck,  Armeeführer  an

der  deutschen  Westfront,  stirbt  in  Partenkirchen.

Vorstoß  der  deutschen  und  bulgarischen  Truppen

über  die  Linie  Babadag  -Pecineaga  (Nord-Dobrudscha).



18.  Geländegewinn  der  Franzosen  nördlich  von  Haudraumont.


19.  Die  Friedensnote  Wilsons  wird  den  Ententemächten
  überreicht.

20  Lebhafter  Kampf  nördlich  von  Arras.
Hartnäckiger  Ansturm  der  Russen  im  Mestecanesci-Abschnitt
  (Karpathen).

20.  Bildung  des  österreichisch=  ungarischen  Ministeriums
  Clam-Martinitz.

20.  Lebhafte  Kämpfe  bei  Paralova  (Mazedonien).

13.

14.

16.

16.

17.

193

21.  Die  Note,  in  der  Wilson  die  Bekanntgabe  der  Ansichten
  über  Friedensbedingungen  anregt,  wird
den  Mittelmächten  übergeben.

22.  Eroberung  von  Tulcea  (Dobrudscha)  durch  die
deutsch-bulgarische  Dobrudscha-Armee.

é.  Rücktritt  des  österr.-ungar.  Ministers  des  ÄAußern
Burian  v.  Rajecz;  Nachfolger:  Graf  Czernin.
22.23.  Erfolgreicher  Vorstoß  österreichisch=  ungarischer

  Seestreitkräfte  in  die  Straße  von  Otranto.

23.  Geländegewinn  der  Russen  nördlich  vom  Uz-Tal.

24.  Die  Bulgarenerobern  Isaccea  (Nord-Dobrudscha).

Angriff  auf  den  Brückenkopf  Matschin.

Einnahme  von  Filipesti  und  der  anschließenden

rumänisch-russ.  Stellungen  südwestlich  von  Bräila

durch  die  Dobrudscha-Armee  (5500  Gefangene).

Die  9.  Armee  durchbricht  nach  fünftägigem  Kampf

die  russisch-rumänische  Front  im  Naum  von

Rimnic-Sarat  in  17  km  Breite.

Antwortnote  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarus

  auf  Wilsons  Anregung  (vgl.  21.  Dezember):

  Vorschlag  baldigen  Zusammentritts  von

Vertretern  der  Kiegfühlenden  Staaten.

Vollständiger  Sieg  der  verbündeten  Truppen  über

die  Rumänen  bei  Rimnic-Sarat  (10  300  Gefangene).

  Eroberung  von  Rimnic-Sarat.

Das  französische  Linienschiff-Gaulois=  wird  im

Mittelmeer  durch  ein  deutsches  U-Boot  versenkt.

Eroberung  französischer  Stellungen  an  der  Höhe

304  und  dem  Südhang  der  Höhe  -Toter  Manndurch

  die  Deutschen.

.  Erfolgreicher  Vorstoß  der  deutschen  und  österr.

ungar.  Truppen  an  der  siebenbürgischen  Ostfront.

Zurücknahme  der  rumänischen  Kräfte  im  Zabala-,
karnja=  u.  Putna-Tal.  Einnahme  von  Dumitresti.

Die  verbündeten  Truppen  erreichen  die  Linie

Vizir—  Sutesti-Slobozia  —Plaginesti.

Die  deutschen  und  österreichisch-ungarischen  Truppen
  gewinnen  rumänische  Stellungen  im  Grenzgebiet
  der  Karpathen.  Eroberung  der  Höhe  Solhmtan
  durch  die  Deutschen.

Einbruch  in  die  rumänischen  Gebirgsstellungen

nördlich  von  Rimnic-Sarat.

Vorstoß  der  Donau-Armee  gegen  die  befestigte

Linie  Gurgueti-Cincea  südwestlich  von  Bräila.

.  Die  Entenlestaaten  lehnen  das  Friedensangebot

der  Mittelmächte  ab.

Kaiser  Karl  I.  von  ÖOsterreich  wird  in  Budapest  zum

König  von  Ungarn  gekrönt.

Die  Rumänen  verlieren  Herestrau  und  Ungureni

westlich  von  Fokschani.

*-Die  9.  Armee  dringt  südlich  von  Fokschani  vor.

i  Blickng  der  Rumänen  in  den  Brückenkopf  von

räila.

25.

26.

27.

26.

29.

81.

Kriegsberichte  aus  dem  Großen
Hauptquartier  19161

Im  März'.
Veröffentlicht  am  8.  April  1916.
Jede  Würdigung  der  kriegerischen  Entwicklung  muß
von  der  Grundtatsache  ausgehen,  daß  der  Krieg,  soweit
  das  Deutsche  Reich  in  Betracht  kommt,  von  dem

1  Bgl.  die  Borbemerkung  in  Band  1,  S.  186.
2  Behandelt  die  Frühtahrskämpfe  des  Jahres  1916.
Der  Krieg  1914/17.  U.

schmalen  Streifen  an  der  Südwestecke  abgesehen,  der
unter  dem  Feuer  der  Geschüte  Belforts  liegt,  im
wesentlichen  auf  feindlichem  Gebiet  geführt  wird.  Die
größeren  Landstrecken  unseres  Vaterlandes,  über  die
vorübergehend  alle  Schrecken  des  Krieges  hingebraust
sind,  liegen  in  der  äußersten  Nordostecke  des  Reiches
und  abseits  des  hroben  Stromes  friedlichen  Reiseverkehrs.
  Sie  sind  deshalb  der  weitaus  überwiegenden
  Mehrzahl  auch  des  reisenden  Teils  unseres  Volkes
  so  gut  wie  unbekannt  geblieben.  Zudem  sind
es  Gebiete  rein  landwirtschaftlichen  Charakters  und

13
        <pb n="236" />
        194

darum  entfernt  nicht  so  verletzlich  als  die  industriellen
  Bezirke.  So  schmerzlich  daher  auch  die  Wunden
waren,  welche  die  Russenzeit  den  preußischen  Ost.
provinzen  geschlagen  hat,  und  so  warm  und  werktätig
  das  Mitgefühl  für  die  betroffenen  Gaue  sich  in
ganz  Deutschland  geregt  hat  —  was  es  eigentlich  bedeutet,
  den  Krieg,  diesen  Krieg  im  eigenen  Lande  zu
haben,  das  ist  der  überwältigenden  Mehrheit  der
Daheimgebliebenen  doch  nicht  annähernd  zum  Bewußtsein
  gekommen.

Hätten  die  deutschen  Heere  nichts  anderes
geleistet  als  dies:  Schulter  an  Schulter  mit
unseren  heldenmütigen  Verbündeten  gegen
  den  Ansturm  der  vier  größten  Militärstaaten
  der  Welt  den  Krieg  von  der  heimatlichen
  Scholle  zu  verdrängen  und  dauernd
sernzuhalten  —  schon  das  wäre  eine  unvergleichliche
  Großtat  gewesen  und  ein  Hohn
für  alle  auf  die  Logik  der  Zahl  an  Menschen,
Munition  und  Geldmitteln  gestützten  Berechnungen
  unserer  Feinde.

Unsere  Feinde  haben  sich  in  den  Wahn  gewiegt:
nun  endlich  seien  unsere  Kräfte  erschöpft:  wir  müßten
und  würden  uns  von  Stund  an  notgedrungen  auf
den  Versuch  beschränken,  einem  allgemeinen  Ansturm
der  2einheitlichen  Fronte  unserer  Belagerer  in  der
erkämpften  Linie  Widerstand  zu  bieten.  Diesen  Ansturm
  hatten  sie  für  das  Frühjahr  1916  mit
allen  den  ihnen  zu  Gebote  stehenden,  von  ihnen  selbst
immer  wieder  als  unerschöpflich  bezeichneten  Machtmitteln
  vorbereitet.  Siehatten  ihn  laut  undsiegeszuversichtlich
  ihren  Völkern  und  aller  Welt  angekündigt.
  Die  deutschen  Heere  sind  ihnen  zuvorgekommen
und  haben  ihre  sorglich  durchgearbeitelen  Pläne  über
den  Haufen  gerannt.

Das  ist  die  weltgeschichtliche  Tragweite  der
Kämpfe,  welche  mit  dem  unvergänglich  bedeutungsvollen
  21.  Februar  eingesetzt  haben  und  die  in
den  letzten  Märztagen  so  weit  fortgeschritten  sind,
daß  es  möglich  ist,  ihren  Verlauf  und  ihre  Ergebnisse
in  großen  Zügen  zu  übersehen.

Obwohl  diese  Kämpfe  sich  auf  allen  Fronten
abgespielt  haben,  bilden  sie  doch  eine  zusammenhängende
  Einheit.  Obwohl  sie,  von  deutscher
Seite  aus  betrachtet,  sich  teilweise  als  Angriffs.,  teilweise
  als  Verteidigungsschlachten  darstellen,  liegt
ihnen  doch  ein  einheitlicher  Wesenszug  zugrunde,  der
sich  mit  dem  Satze  kennzeichnen  läßt:  an  Stelle
der  geplanten  Frühjahrsoffensive  der  Verbündeten
  ist  eine  deutsche  Frühjahrsoffensive
  in  die  Erscheinung  getreten.  Die  Anstürme
  der  Russen  und  Italiener  stellen  sich  nur  taktisch
als  Offensiv-,  strategisch  aber  als  Defensivhandlungen,
wenn  schon  als  solche  allergrößten  Stils,  dar.  Das
findet  schon  in  dem  Ausdruck  -Entlastungsoffensive.
einen  etwas  verblümten  und  beschönigenden,  aber  unmißverständlichen
  Ausdruck.  Eine  Entlastungsoffensive
  ist  eine  Offensivhandlung  mit  Defensivzweck.

J.

Es  ist  nur  natürlich,  wenn  sich  die  angespannte  Aufmerksamkeit
  des  Erdballs  auf  die  große  Kampfhand.
lung  vereinigte,  welche  die  Deutschen  seit  dem  21.  Febr.
zunächst  auf  dem  östlichen,  dann  auch  auf  dem  westlichen
  Maasufer  eingeleitet  hatten.  Diese  Kämpfe
lassen  sich  in  drei  große  Gruppen  gliedern:

1  Vgl.  die  Karte  »  Verdung  bei  S.  197.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Zunächst  erfolgte  der  wesentlich  nordsüdlich  gerich.
tete  Vorstoß  aus  der  Linie  Consenvoye-Azannes  auf
die  Linie  Champ-Neuville-Douaumont.  Eine  zweite
Angriffshandlung  richtete  sich  von  Etain,  also  von
Nordosten,  aus  auf  die  Höhen  der  Cötes  Lorraines
in  allgemeiner  Richtung  auf  die  nordöstliche  Kante
des  Fortgürtels.  Im  Anschluß  an  diese  beiden  innerlich
  zusammenhängenden  Angriffsgruppen  entwickelte
sich  dann  vom  6.  März  an  eine  dritte  Reihe  von
Kämpfen,  die  auf  der  Linie  Forges-Regnicville  über
die  Maas  hinübergriffen  und  sich  den  Nordrand  der
Befestigungsanlagen  des  westlichen  Maasufers  zum
Ziele  nahmen.

Der  jähe  und  anscheinend  nicht  völlig  erwartete
Vorstoß  gegen  die  nördlichen  und  nordöstlichen  Befestigungsgruppen
  des  Festungsgürtels  um  Verdun
hatte  im  ersten  Anlauf  bis  an  den  eigentlichen  Forlgürtel
  herangeführt  und  ein  wichtiges  Glied  dieses
Gürtels,  das  Fort  Douaumont,  und  dann,  nach
dem  harten  Ringen  mehrerer  Tage,  das  noch  weit
stärkere,  befestigte  und  mit  Hartnäckigkeit  verteidigte
Dorf  Douaumont  nebst  den  anschließenden  Feldwerken
  in  unsere  Hand  gebracht.  Dieser  Erfolg  rief
eine  seiner  Bedeutung  entsprechende  sehr  beträchtliche
Gegenanstrengung  des  Feindes  hervor.  Indessen
blieben  die  Versuche  der  Franzosen,  uns  die  erkämpfte
Linie  wieder  zu  entreißen,  erfolglos.  Statt  dessen
gelang  es  uns  am  8.  März,  einen  wichtigen  Stützpunkt
  für  die  linke  Flanke  zu  gewinnen,  indem  das
Dorf  Bauxgenommen  und  biszur  Straßengabel
im  Westen  des  Ortes  befestigt  wurde.  Der  Angriff
stieß  auch  bis  in  das  gleichnamige  Fort  durch,  doch
konnten  nur  die  nördlich  des  Forts  angelegten  Befestigungen
  dauernd  gehalten  werden.  Seitdem  beschränkten
  wir  uns  östlich  der  Maas  auf  die  Festhaltung
  und  den  Ausbau  der  gewonnenen  Linie  vom
Südrande  des  Forts  Douaumont  durch  den  Ablainwald
  und  weiter  am  Südhang  des  Pfefferrückens  entlang
  bis  zu  den  in  unseren  Besitz  gelangten  Dörfern
Vacherauville  und  Champ  an  der  Maas.

Links  anschließend  haben  die  aus  der  Woeèvre-Ebene
  andringenden  Truppen  der  Nordostgruppe
trotz  schwersten  Artilleriefeuers,  das  von  den  Höhen
der  Cötes  herab  ihr  Vordringen  zu  hemmen  suchte,
am  7.  März  die  Franzosen  aus  Fresnes  herausgeworfen,
  am  9.  März  nach  dem  Feuillawald  und
die  Weinbergshöhe  251  nördlich  Damloup  genommen
  und  halten  nunt  den  Fuß  der  Cötes  bis
Champlon,  nordöstlich  Combres,  fest  in  Händen.

Der  Angriff  aus  nördlicher  und  nordöstlicher  Nichtung
  war  sonach  mit  Beginn  des  zweiten  Märzdrittels
zunächst  zum  Stehen  gekommen.  Der  Feind  hat  auf
der  Kampflinie  beiderseits  der  Maas  in  klarer  Erkenntnis
  des  Ernstes  seiner  Lage  ganz  außerordentlich
  starke  Kräfte  hereingeworfen.  Im  Kampf  ist  das
Vorhandensein  von  28½  französischen  Divisionen
festgestellt  worden,  während  mit  großer  Bestimmtheit
noch  der  Einsatz  von  4  weiteren  Divisionen  ermittelt
werden  konnte.  Insgesamt  stehen  also  hier  die  Kräfte
von  rund  16  französischen  Armeekorps  im  Kampf.

Während  so  die  Schlacht  auf  dem  östlichen  Maasufer
  zu  den  Formen  und  Kampfmitteln  des  Festungskrieges
  überleitete,  gingen  wir  seit  dem  6.  März  auch
auf  dem  westlichen  Maasufer  zum  Angriff
über,  und  hier  ist  ein  schrittweises,  aber  ununterbrochenes
  Vorwärtsdringen  im  Gange.  Nachdem  der

1  Ansang  April  1916.
        <pb n="237" />
        Deutsche  Heerführer  III.

—

Prinz  Leopold  v.  Bayern.  (Prot.  H.  Hottmann,  München.)

7  F

Hermann  v.  Francols.  Hermann  v.  Bichborn.
(Kotophet,  Beriln.)  (Holphet.  Volgl,  Homburg  v.  d.  E.)

Remus  v.  Woyrsch.

Bibllographisches  Insiliut  in  Lelpzig.
        <pb n="238" />
        Deutsche  Heerführer  IV.

Karl  v.  Einem,  gen.  v.  Rothmaler.

4

Ewald  v.  Lochow.  Friedrich  v.  Scholtz.
(Hofphot.  E.  Bieber,  Berita.)  (Phot.  J.  B.  Colins,  Prankfurt  a.  M)

————

Mar  v.  Gallwitz.
        <pb n="239" />
        Kriegsberichte:  Die  Frühjahrskämpfe  1916  195

Maasübergang  und  die  Einnahme  der  Dörfer  Russen,  bemüht,  die  Maaskämpfer  durch  energische

Forges  und  Regnikéville  gelungen  war,  wurde  Gegenstöße  t  unterstützen.  Ohne  jeden  Erfolg.
am  6.  März  die  Höhe  265  füdöstlich  Forges  ge-  or  der  deutschen  Ostfront  waren  schon  seit
stürmt.  Dann  warfen  sich  unsere  Truppen  mit  einer  dem  10.  März  Truppenverschiebungen  erkannt  wor-Rechtsschwenkung
  in  die  zusammenhängenden,  hart-  den,  welche  das  Bevorstehen  großer  Angriffe  an  mehnäckig
  verteidigten  Dickichte  des  Cumieres=  und  reren  Punkten  ankündigten.  Vom  13.  März  ab  legte
Rabenwaldes  hinein.  Beide  wurden  bis  zum  10.  sich  starkes  Artilleriefeuer  auf  einen  großen  Abschnitt
März  gesäubert  und  gegen  stürmisch  anrennende  unserer  Verteidigungslinien  und  steigerte  sich  stellen-Gegenangriffe
  gehalten.  Schon  4  Tage  später  wurde  weise  bis  zum  Trommeelfeuer.  Es  ließ  sich  erkennen,
die  ganze,  den  Wäldern  westlich  vorgelagerte  -Mort  daß  der  Feind  durch  seine  Drahthindernisse  nächt-Homme-Stellung=
  genommen  und  trotz  wüten=  licherweile  Gassen  geschnitten  hatte,  und  daß  während
der  Rückeroberungsversuche  behauptet.  des  Artilleriefeuers  bereitgestellte  Reserven  in  die
Und  nun  griff  unser  Angriff  noch  weiter  westlich  Front  einrückten.  Am  18.  begannen  die  Angriffet.
um  jene  zusammenhängende  Gruppe  fester  Stellun=  Sieben  größere  Einbruchstellen  hatte  der
gen  herum,  welche  die  Dörfer  Béthincourt,  Ma-  Feind  sich  zum  Ziele  seiner  Vorstöße  gesetzt?.  In  dem
ancourt  und  Haucourt  zu  Stützpunkten  und  Abschnitt  südlich  Dünaburg  begann  die  feindliche
hinter  ihrer  Mitte  die  Höhe  304  zum  Rückhalt  hat.  Offensivtätigkeit.  Die  Gegend  zwischen  Narotsch-Aus
  dem  Gehölz  von  Malancourt  drangen  unsere  und  Wischniew-See,  dann  weiter  nördlich  die  Ge-Truppen
  in  den  südlich  vorgelagerten  Wald  von  gend  von  Postawy  und  endlich  ein  Streifen  nörd-Avocourt
  ein  und  brachten  ihn  am  20.  März  fest  in  lich  Widsy  wurden  von  den  Russen  vom  18.  bis  22.
ihre  Hand.  Am  22.  wurden  die  nach  Malancourt  täglich  mit  großer  Erbitterung  angegriffen.  Aber
und  Haucourt  vorspringenden  Bergnasen  hinzu=  nur  an  einer  Stelle,  beim  Vorwerk  Stachowze  südgenommen,
  und  am  31.  März  wurde  auch  das  Dorf  lich  des  Narotsch-Sees,  kames  zu  einer  unbedeutenden
Malancourt  selber  erstürmt.  So  verengerte  sich  hier  Rückverlegung  unserer  Front  in  eine  neue  Stellung,
von  Tag  zu  Tag  der  dem  Feinde  noch  gebliebene  Raum.  die  dann  ohne  Wanken  gehalten  wurde.  An  allen
In  diesen  schweren  Kämpfen  gingen  die  dem  Feinde  anderen  Punkten  scheiterte  ein  russischer  Ansturm
noch  verbliebenen  Dörfer  Cumieères,  Marre  und  Bras  nach  dem  anderen  unter  furchtbaren  Verlusten  für

in  Fiammen  auf.  Aber  auch  die  Stadt  Verdun,  die  den  Angreifer.

seit  Beginn  der  Operationen  unter  unserem  Feuer  Aber  auch  nahe  Dünaburg  selbst  stieß  der  Feind
liegt,  steht  in  Brand.  vor  und  an  drei  weiteren  Stellen  in  dem  Abschnitt
II.  zwischen  Dünaburg  und  Riga  bei  Jakobstadt  und

..  .  .  weiter  düngabwärts  bei  Friedrichstadt-Lennewaden,
Die  Kämpfe  an  der  Maas  stehen  im  Mittelpunkte  endlich  in  der  Gegend  Kekkau  und  Olai.  Auch  hier
der  gesamten  kriegerischen  Operationen  seit  dem  histo-  mit  gleichem  blutigen  Mißlingen.

rischen  21.  Februar.  Alle  anderen  Kämpfebildenihnen  Nach  dem  völligen  Scheitern  der  Angriffe  des  18.
gegenäbeer  teils  Begleit-,  teils  Folgeerscheinungen.  bis  22.  März  führte  der  Feind  frische  Truppen  heran
An  der  gesamten  Westfront  machte  sich  vor  und  und  begann  am  24.  und  25.  nach  neuer  und  langer
mit  dem  Einsetzen  unserer  Offensive  an  der  Maas  rtillerievorbereitung  eine  weitere  Reihe  von  Anfüne,
  9e  un  g;  t  esech  ç4  4  .  Keit.  #een  be  stürmen  auf  allen  füher  brrannten  Punkten.  Sie
aux-Bois-Stellung  nordwellic  Reims  zu  ver-  ais  rorher  aunen  solgennen  pril  Kager  vom  ut
zeichnen,  welcher  wichtige  Artilleriebeobachtungspunkte  vom  26.  zum  27.  konnten  wir  sogar  an  zwei  Stellen
und  in  einer  Breite  von  1400  m  auf  600—800  m  südlich  des  Narotsch-  Sees  und  ##bach  Widsy,  zum
Tiefe  auch  die  feindlichen  Infanteriestellungen  in  un.  Gegenangriff  übergehen  und  den  Feind  aus  einigen
sere  Hand  brachte.  In  der  Champagne  versuchten  die  für  uns  unbequemen  Punkten  seiner  ursprünglichen
Hranzofen  edielam  27.  Febrvar  1  entrifsene  *  a-  Front  entfernen.  Seitdem  ist  die  russische  Offensive
aber  ihren  hartnäht  en  Bemühungen  büeb  derlerr;  eingestellt  #  eine  Woaregel.  die  miit  der  Nücsicht
*  igen  n  9  »  auf  das  eingetretene  Tauwetter  recht  kümmerlich  befolg
  versagt.  ensowenig  gelang  es  freilich  uns,  gründet  wird.  In  Wahrheit  ist  die  große  Entlastungsrsem
  1.  Kbrur  von  den  Franzofen  genommenen  handlung  des  östlichen  Verbündeten  völlig  ergebnisin’ise
  Su#n  54  St  ezen  Vesstrr  ont  aund  unter  beispiellosen  Verlusten  zusammenlobten
  Artillerie,  und  Grabenkämpfe  von  wechselnder  ¾  "  IV.
Stärke  und  Dauer.  ...  .  »
Als  bedeutsamste  Folgeerscheinung  der  Kämpfe  an  Vergegenwärtigen  wir  uns  nun  nochin  aller  Kurze,
der  Maas  verdient  aber  hervorgehoben  zu  werden,  daß  auch  die  italienischen  Angriffe  an  der  zähen
daß  von  Armentières  bis  Arras  und  im  letzten  Drittel  Kraft  unserer  Bundesgenossen  gerschenl  sind,  und
des  März  auch  weiter  südlich  bis  zur  Somme  die  daß  auch  hier  die  Entlastungsoffensive  sich  in  eine
französischen  Truppen  durch  Engländer  abgelöst  wor-  Defensive  verwandelt  hat,  bei  welcher  die  Italiener
den  sind.  Eine  besondere  Regsamkeit  haben  diese  Er-  sehr  erhebliche  Verluste  an  Blut  und  Gelände  erlitten
satzt  «  -  —»-·  haben;  daß  um  Saloniki  300000  Mann  Ententettruppen
  indessen  nicht  entfaltet.  Die  Engländer  ..  ..  .  .
haben  auch  nicht  den  leisesten  Versuch  gemacht,  auch  truppen  festliegen,  ohne  bisher  einen  ernsilichen  Vorsrersei
  angriffsweise  ihre  hartringenden  französi-  kns  gegen  isger  aherung  zewaen  Palona
en  B  2  ;  2
erdündeten  zu  entlasten.  susfront  der  anfangs  erfolgreiche  Vormarsch'  zum
III.
1  J  –  2  «
Um  so  eifriger  haben  sich  dafür  die  beiden  anderen  3  .b  u5
undesgenossen  der  Franzosen,  die  Italiener  und  von  Erzerum  durch  die  Russen  am  16.  Fedruar.

13“
        <pb n="240" />
        196

Stocken  gebracht  werden  konnte,  so  muß  die  Kriegslage
  am  Schluß  des  bedeutungsschweren  März  als
hocherfreulich  bezeichnet  werden.

Die  Schlacht  vor  Verdunt.
Veröffentlicht  am  24.,  26.  und  27.  Oktober  1916.
1

Die  Vorgeschichte  der  Schlacht  von  Verdun  ist
in  großen  Zügen  die  folgende:  Um  die  Wende  vom
August  zum  September  1914  wurde  die  mittlere
Heeresgruppe  der  Franzosen,  bestehend  aus  etwa  zehn
Armeekorps,  zwischen  Reims  und  Verdun  zurückgeworfen.
  Am  10.  September  nahm  die  Armee
des  Kronprinzen  diebefestigte  Feldstellungsüdwestlich
  Verdun  und  eröffnete  die  Beschieshung  der
Forts  mit  schwerer  Artillerie.  Am  21.  September
überschritt  der  Angriff  gegen  die  Sperrfortslinie
südlich  Verdun  siegreich  den  Westrand  des  vorgeschobenen
  Höhenzuges  der  Cötes  Lorraines.  Ausfälle
  wurden  zurückgewiesen.  Am  23.  September
wurde  die  Einschlieszung  Verduns  auf  der  Nord.  und
Nordostfront  durch  die  Armee  des  Kronprinzen  vollendet.
  Am  25.  September  wurde  das  Sperrfort
Camp  des  Romains  genommen,  dadurch  ein
Einschnitt  in  die  Maaslinie  bewerkstelligt  und  so  die
Verbindung  zwischen  Verdun  und  Toul  ein  für  allemal
  zerrissen.

Diese  schwere  Schädigung  der  strategischen  Gesamtlage
  wieder  auszubessern  und  die  Verbindung  zwischen
den  beiden  festen  Plätzen  wiederherzustellen,  war  das
Ziel  einer  Reihe  sehr  schwerer,  heftiger  Vorstöße,
welche  die  Franzosen  noch  während  der  letzten  Monate
  des  Jahres  1914  und  während  der  ersten  Hälfte
des  Jahres  1915  an  verschiedenen  Stellen  unternahmen.
  Diese  Wiederherstellungsversuche  richteten  sich
vor  allen  Dingen  gegen  den  rechten  Schenkel  des
stumpfen  Dreiecks,  mit  welchem  unsere  Stellung  in
der  Woevre-Evene  tief  in  die  französische  Fortlinie
hineinstößt.  Die  hier  angesetzten  Angriffe  sind  als
die  Combres-Kämpfe  allgemein  bekannt.  Ihren
Gipfelpunkt  erreichten  sie  in  den  Monaten  März
und  April  und  in  den  Monaten  Juni  und  Juli
1915.  Aber  auch  gegen  die  stumpfe  Spitze  des  Dreiecks
  sind  bei  St.  1#t  und  bei  Apremont  mehrfach
scharfe  und  langdauernde  Angriffe  gerichtet  worden.
Auch  im  Norden  und  Nordwesten  von  Verdun  ist  die
Tätigkeit  der  Franzosen  stellenweise  sehr  rege  gewesen.
Seit  der  Mitte  des  Jahres  1915  indessen  sind  ihre
Angriffe  bei  Verdun  im  wesentlichen  zum  Stillstand
  gekommen.  Die  immer  wieder  mit  stärkstem
Kräfteeinsatz  wiederholten  Vorstöße  der  Franzosen
aus  den  Jahren  1914  und  1915  haben  also  weder
ihr  lokales  taktisches  noch  ihr  großes  strategisches  Ziel
erreicht.  Sie  haben  weder  unsere  Front  an  irgendeiner
  Stelle  zu  erschüttern  vermocht,  noch  ist  es  ihnen
gelungen,  Kräste  von  unserer  Ostfront  abzuziehen,
wie  unser  Durchbruch  in  Galizien  und  die  anschließhende
  siegreiche  Offensive  bewies.

II.

Die  Bedeutung  und  die  Eigenart  der  Kämpfe  um
Verdun  ist  unmittelbar  edingt  durch  diestrategische
Lageder  Festung.  Das  großangelegte  System  von
befestigten  Stützpunkten,  welches  Frankreich  zur  Sicherung
  seiner  Ost-  und  Nordostfront  vor  seine  Haupt-1

  Vgl.  hierzu  die  Karte  =  Verdunc.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

stadt  gela  ert  hat,  zieht  sich  von  Belfort  über  Epimal
und  Toul  nach  Verdun,  mit  der  Front  nach  Nordosten.
  Bei  Verdun  biegt  es  nach  Westen  um  und
zieht  sich  über  die  Hauptstützpunkte  Reims  und  Laon
bis  zu  den  Sicherungen  des  Oise-Tales  bei  la  Fere.
Die  letzteren  beiden  Stützpunkte  sind  in  unseren  Händen,
  im  übrigen  ziehen  sich  unsere  Schützengräben
im  flachen  Bogen  um  diese  Sperrlinie  herum,  die  sie
nur  bei  St.  Mihiel  durchbrochen  haben.  Verdun  bildet
  den  nordöstlichen  Eckpfeiler  dieses  ganzen
Verteidigungssystems.

Aber  in  dieser  wichtigen  Bedeutung  Verduns  für
die  Verteidigung  Frankreichs  liegt  nicht  die
alleinige,  ja  nicht  einmal  die  hauptsächlichste  Bedeuung
  des  Platzes.  Zu  einer  noch  wesentlich  wichtigeren
  Rolle  mußte  Verdun  in  dem  Augenblick  berufen
sein,  wo  unsere  Feinde  es  unternahmen,  von  der  Verteidigung
  zum  Angriff  überzugehen.  Denn  in  diesem
Augenblick  wurde  Verdun  das  eigentliche  Ausfalltor
  Frankreichs  gegen  Deutschland.  Der  Vorstoß,
  welchen  die  Franzosen  immer  wieder  vergedlich
versucht  hatten,  um  den  zurückgebogenen  Teil  unserer
Westfront  zu  durchstoßen  und  damit  in  den  Rücken
unserer  in  Belgien  und  Nordfrankreich  kämpfenden
Truppen  zu  gelangen,  sollte  von  Verdun  aus  erneuert
werden.  Von  dieser  Stelle  aus  hätte  er  neben  der
strategischen  Bedrohung  des  nördlichen  und  des
Mittelstücks  unserer  Westfront  zugleich  die  wirtschaftlich
  höchst  bedeutungsvolle  Nebenwirkung  gehabt,  daß
er  schon  in  seinem  Beginne  die  Aussicht  bot,  die  wertvollen
  Kohlen-  und  Erzgebiete  von  Briey  zurückzuerobern,
  deren  Verust  für  die  Franzosen  seinerzeit
  ebenso  peinlich  gewesen  war,  wie  ihre  Wicderewinnung

  im  höchsten  Grade  erwünscht  sein  mußte.
In  weiteren  Verlauf  hätte  dann  der  Vorstoß  von
Verdun  aus  die  Festung  Metz  getroffen,  deren
Überrennung  zugleich  die  Möglichkeit  bot.  die  durch
sie  gedeckten  deutsch-lothringischen  Stahlindustrie--Gebiete
  und  damit  vitase  Teile  unserer  deutschen  Kriegsindustrie
  zu  entreißen.

Für  die  Erreichung  dieses  strategisch  wie  kriegswirtschaftlich
  gleich  bedeutungsvollen  Zieles  bot  die
Festung  Verdun  eine  ganz  einzigartig  günstige
Operationsbasis.  Zunächst  sicherte  Verdun
mit  seinem  breiten  Fortgürtel,  der  noch  dazu  durch
einen  weit  vorgeschobenen  Kranz  von  vorzüglich  gelegenen
  und  ausgebauten  Feldbefestigungen  erweitert
worden  war,  die  Übergänge  der  wichtigsten  von  Paris
nach  —.  führenden  Straßen  und  Eisenbahnen  und
diente  also  als  Brückenkopf  für  die  Maaslinie.
Für  die  östlich  der  Maas  zum  Vorstoß  nach  Nordosten
  bereitzustellenden  Truppenmassen  bot  der  Befestigungsring
  von  Verdun  in  der  Ausdehnung,  wie
er  bis  zum  Februar  1916  bestand,  ein  vortreffliches
Aufmarschgelände  mit  einem  vorzüglich  ausgestalteten
  Straßen=  und  Eisenbahnnetz,  einer  Menge
geräumiger  Kasernen,  Lebensmittellager,  kurz  mit
allen  denjenigen  Anlagen,  welche  meiner  Operations.
basis  größten  Stils  gehören.  Mit  einem  Worte:
Verdun  war  das  Ausfalltor  Frankreichs
gegen  Mitteldeutschland.

Dieses  Ausfalltor  zu  schließen,  war  uns  bis  zum
Frühjahr  1916  unmöglich  gewesen.  Der  Zweifrontenkrieg
  hatte  wesentliche  Teile  unserer  Streitkräfte  auf
dem  russischen  und  auf  dem  Balkankriegsschauplatz
gefesselt  gehalten.  Erst  als  diese  Kräfte  durch  den  zeitweiligen
  Abschluß  des  russischen  und  des  Balkanfeldzuges
  freigeworden  waren,  konnte  an  die  Nieder-
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        Kriegsberichte:  Die  Schlacht  vor  Verdun

kämpfung  Verduns  herangegangen  werden  mit  dem
strategischen  Ziele:  die  Ausfallpforte  Frankreichs
  zunächst  einmal  von  deutscher  Seite
aus  zu  verrammeln  und  im  weiteren  Verlaufe
  der  Kriegshandlungen  sie  nach  Frankreich
  zu  einzustoßen.

III.

Die  Vorbereitungen  für  eine  so  gewaltige  Unternehmung
  nahmen  naturgemäß  einen  längeren
Zeitraum  in  Anspruch.  Sie  wurden  dadurch  wesentlich
erschwert,  daß  sie  während  der  ungünstigsten  Zeit  des
Jahres,  in  den  strengsten  Wintermonaten,  zu  bewirken
  waren,  und  daß  uns  für  ihre  Durchführung  nur
drei  größere  Anmarschstraßen  zu  Gebote  standen,
welche  natürlich  bei  der  starken  Fnanspruchnahme
und  der  Ungunst  der  Witterung  alsbald  in  den  denkbar
  schlechtesten  Zustand  gerieten  und  ständiger,  hin--gebender
  Ausbesserungsarbeit  bedurften.  Nach  Abschluß
  der  Vorarbeiten  war  der  Beginn  des  Angriffs
auf  den  12.  Februar  in  Aussicht  genommen.  Die
Witterung  war  indessen  in  dieser  Fa  derartig  ungünstig,
  daß  der  Angriff  von  Tag  zu  Tag  hinausgeschoben
  wurde,  bis  am  21.  endlich  die  Witterungslage,
  obwohl  noch  immer  recht  fragwürdig,  den  Beginn
  der  Kampfhandlungen  gestattete.  Diese
wurden  durch  eine  lebhafte  Feuertätigkeit  auf  der  ganzen
  Westfront  eingeleitet.  Während  der  Feind  alleseine
Offensiven  durch  ein  mehrtägiges  Trommelfeuer  zueröffnen
  pflegte,  das  an  der  Somme  sogar  sieben  Tage
lang  unsere  Stellung  mit  einem  Eisenorkan  überschüttete,
  begnügten  wir  uns  mit  einer  24stündigen  Beschießung,
  dienurin  denletzten  Stunden  sich  zum  Trommelfeuer
  steigerte.  Am  Nachmittag  des  21.  Februars  erfolgte
  auf  der  ganzen  in  Aussicht  genommenen  Offensiofront
  von  der  Maas  nördlich  Consenvoye  bis
in  die  Gegend  von  Azannes  der  Angriff,  der  uns
noch  am  selben  Abend  in  den  Besitz  der  gesamten
feindlichen  Stellungen  erster  Linie  brachte.

So  konnte  der  eigentliche  Angriff  am  folgenden
Tage  schon  von  der  vorderen  feindlichen  Linie  aus  erfolgen.
  Der  22.  Februar  brachte  uns  in  den  Besitz
des  stark  ausgebauten  Dorfes  Haumont,  des  größten
  Teiles  des  Caures-Waldes  und  des  Herbebois.
  Am  293.  erreichte  unser  Angriff  bereits  die  Linie
Samogneux-Beaumont-Gremilly.  Am  24.
stieß  der  Angriff  weit  üÜber  die  befohlenen  Endziele
vor  und  brachte  uns  wiederum  namhaften  Geländegewinn.
  Der  25.  Februar  wurde  von  entscheidender
  Bedeutung.  Die  allgemeine  Linie,  welche
wir  erreichten,  wird  durch  die  Dörfer  Louvement
und  Bezonvaug  gekennzeichnet.  Über  diese  Linie
hinaus  stieß  unser  Angriff  in  der  Mitte  bis  zur  Panzerseste
  Douaumont  durch,  welche  von  zwei  Kompanien
  des  Infanterieregiments  24  genommen  wurde,
während  unser  ##nlaus  vor  dem  aufs  stärkste  befestigten
  und  mit  betonierten  Unterständen  und  Zugangsstollen
  unterbauten  Dorfe  Douaumont  zum
Stehen  kam.  Nach  mehrtägigen  heftigen  Kämpfen
wurde  am  2.  März  auch  Dorf  Douaumont  genommen.
  Auf  dem  linken  Flager  erreichte  der  Angriff
der  nördlichen  Gruppe  am  8.  März  das  Dorf  Vaux
und  die  südlich  gelegene  Panzerfeste:  dieser  Gewinn
konnte  allerdings  noch  nicht  dauernd  gehalten  werden.

Während  die  oben  besprochene  Gruppe  von  Angriffshandlungen
  von  der  Linie  Consenvoye-Azannes
  aus  die  Linie  Champ-Douaumont  gewann,
richtete  sich  eine  weitere  selbständige  Angriffshand-197



lung  von  Etain,  also  von  Nordosten  her,  auf  die
Höhe  der  Cötes  Lorraines  inallgemeiner  Richtung
auf  die  nordöstliche  Kante  des  Fortgürtels.  Der  aus
der  Wosvre-Ebene  andringenden  Nordostgruppeschlug
von  den  Höhen  der  Cötes  herab  ein  heftiges  Artilleriefeuer
  entgegen  und  suchte  ihr  Vordringen  zu  hemmen.
Trotzdem  gelang  es  ihr,  am  7.  März  die  Franzosen
aus  Fresnes  herauszuwerfen  und  am  9.  März  den
Feuilla-Wald  und  die  Weinbergshöhe  251
nordöstlich  Damloup  4  nehmen.  Seitdem  hält  sie
den  Fuß  der  Cötes  bis  Eparges  fest  in  Händen  und
hat  ihren  Besitz  ein  Vierteljahr  später  noch  durch  die
Eroberung  von  Damloup  erweitern  können.

IV.

Der  erste  geofte  Vorstoß  der  Deutschen  war  sonach
  bis  unmittelbar  an  den  inneren  Fortgürtel  der
Festung  durchgedrungen  und  hatte  die  allgemeine
Linie  Champ-Douaumont-Feuilla-Wald-Blanzee-Combres
  erreicht.  Dieser  große  Erfolg
  rief  eine  seiner  Bedeutung  entsprechende  sehr  erhebliche
  Gegenanstrengung  des  Feindes  hervor.
Etwa  seit  dem  26.  Februar  begann  diese  sich  geltend
zu  machen.  Während  aber  unser  Angriff  sich  bis  dahin
auf  das  Ostufer  der  Maas  beschränkt  hatte,  nahm
die  feindliche  Gegenwirkung  von  vornherein  ihren
Ausgangspunkt  von  beiden  Maasufern  und  machte
sich  ganz  besonders  in  Gestalt  einer  Artillerieflankierung
  von  dem  bisher  nicht  in  Mitleidenschaft  gezogenen
  linken  Maasufer  aus  geltend.  Wollten  wir  die
Errungenschaften  auf  dem  rechten  Maasufer  behaupten,
  so  ergab  sich  die  Notwendigkeit,  unseren  Angriff
auch  auf  das  westliche  Maasufer  hinüberzutragen.
Demnach  beschränkten  wir  uns  östlich  der  Maas  für
die  nächste  Zeit  auf  die  Festhaltung  und  den  Ausbau
der  gewonnenen  Linie,  und  so  nahm  hier  der  Kampf
zunächst  wieder  die  alte  Form  des  Stellungskrieges
  an.  Auf  dem  linken  Maasufer  dagegen  haben
wir  während  der  nächsten  Monate  bis  gegen  Ende  Mai
unseren  Angriff  in  zähem  Vorwärtsdringen  schrittweise,
  doch  ununterbrochen  vorwärts  getragen.  Im
nachfolgenden  sollen  zunächst  die  Kämpfe  des  linken
Maonsers  im  Zusammenhang  betrachtet  werden.
Das  Gelände  stellt  hier  eine  von  den  Argonnen
her  sich  langsam  zum  Maastale  absenkende  Hochfläche
dar,  deren  Erhebungen  zum  Teil  von  weiten  Wäldern
  bedeckt,  zum  Teil  völlig  kahl  und  wasserlos  sind.
In  den  flachen  Senkungen  sind  eine  Anzahl  Dörfer
mit  im  wesentlichen  soliden  Steinhäusern  eingebettet.
Die  Wälder,  die  Höhen,  die  Dörfer  boten  der  Verteidigung
  Stützpunkte,  die  mit  allen  Mitteln  verstärkt
worden  waren  und  immer  noch  weiter  verstärkt  wurden.
  Der  Kampf  um  diese  Punkte  bildet  den  eigentlichen
  Inhalt  des  mörderischen  Ringens,  das  sich  hier
fast  ohne  Unterbrechung  in  den  Monaten  März,  April
und  Mai  abspielte.  Ihre  Wegnahme  durch  die  Angreifer
  bringt  indessen  in  die  Kampfhandlung  zwar
gewisse  Voshnine,  aber  doch  keine  sehr  deutlich  sich
abhebende  Gliederung,  da  jeder  Geländegewinn  die
Franzosen  zu  sofortigen  wütenden  Gegenangriffen
veranlaßte,  so  daß  Erfolg  und  Verlust  hin  und  her
schwankten.  Mit  diesem  Vorbehalt  seien  im  nachstehenden
  die  Hauptmomente  unseres  Fortschreitens
hervorgehoben.
Imnächst  gelang  am  6.  März  der  Maasüberang
  und  die  Einnahme  der  Dörfer  Forges  und
egniécville.  Dann  warfen  sich  unsere  Truppen
mit  einer  Rechtsschwenkung  in  die  zusammenhängen-
        <pb n="244" />
        198

den,  hartnäckig  verteidigten  Dickichte  des  Cumieresund
  Rabenwaldes  hinein.  Beide  wurden  bis  zum
10.  März  gesäubert  und  gegen  stürmisch  anrennende
Gegenangriffe  gehalten.  Schon  vier  Tage  später
wurde  die  ganze,  den  Wäldern  westlich  vorgelagerte
»Mort  Homme-Stellunge!  genommen  und
oß  wütender  Rückeroberungsversuche  behauptet.
Und  nun  griff  unser  Vordringen  noch  weiter  westlich
um  jene  zusammenhängende  Gruppe  fester  Stellungen
  herum,  welche  die  Dörfer  Béthincourt,  Malancourt
  und  Haucourt  zu  Stützpunkten  und
hinter  ihrer  Mitte  die  Höhe  304  zum  Rückhalt  hatien.
  Aus  dem  Gehölz  von  Malancourt,  das  schon
seit  Herbst  1914  in  unserer  Hand  war,  drangen  unsere
  Truppen  in  den  südlich  vorgelagerten  Wald  von
Avocourt  ein  und  brachten  ihn  am  20.  März  fest
in  ihre  Hand.

Durch  die  Erstürmung  dieses  Waldes  war  die  vielberufene
  Sackstellung-  emtanden.  indem  zwischen
dessen  Ostspitze  und  dem  Nordwestzipfel  der  Toten
Mann  Stellung  noch  ein  weit  in  die  deutschen  Stellungen
  vorspringendes  Geländestück  in  den  Händen
des  Feindes  geblieben  war.  Am  30.  März  fiel  der  westliche
  Stütpunkt,  das  Dorf  Malancourt,  in  unsere
Hände.  Am  5.  April  nahmen  wir  das  einen  südöstlichen
  Ausläufer  von  Malancourt  bildende  Dorf
Haucourt  und  am  9.  auch  den  rechten  Flügelstützpunkt,
  das  Dorf  Béthincourt.  Am  gleichen  Tage
brachte  ein  Angriff  bei  der  „-Mort  Homme-Stellungauch
  die  südöstliche  Kuppe  des  auf  der  französischen
Karte  als  „Mort  Hommee  bezeichneten  Höhenrückens
in  unsere  Hände.

Auch  während  des  ganzen  Monats  Mai  nahm  das
wechselvolle  Ringen  auf  dem  linken  Maasufer  ohne
Ermatten  seinen  Fortgang.  Die  Ausräumung  der
„  Sackstellunge  wurde  in  schrittweisem,  durch  kleinere
Rückschläge  nur  vorübergehend  unterbrochenem  Vordringen
  zu  Ende  geführt.  Den  Mittelpunkt  des  furchtbaren
  Ningens  in  diesem  Monat  bildete  die  berühmte
Höhe  304.  Abschnittsweise  wurden  zunächst  ihre
nördlichen,  dann  ihre  westlichen,  zuletzt  am  21.  Mai
ihre  östlichen  Ausläufer  gestürmt.  Ostlich  des  -  Toten
Mannese  ist  am  23.  Mai  die  Trümmerstätte,  die  einstmals
  das  Dorf  Cumieres  war,  gestürmt  worden.
Die  an  diesem  Tage  noch  gescheiterte  Eroberung  der
Caurettes-Höhe  und  des  ganzen  Geländes  von  der
Südkuppe  des-Toten  Mannes  bis  zur  Südspitze  von
Cumieres  konnte  bis  Ende  Mai  erzwungen  werden.

Mit  der  Eroberung  der  Linie  Wald  von  Avocourt-304-—Toter
  Mann-Cumirkres  hatunser
Fortschreiten  auf  dem  linken  Maasufer  zunächst  sein
Ende  erreicht.

V.

Auf  dem  Ostufer  waren  nach  Erreichung  der  allgemeinen
  Linie  Vacherauville—-Douaumont  die
Operationen  zu  einem  längeren  Stillstande  gekommen.
Dabei  mußten  wir  uns  gleichwohl  darüber  klar  sein,
daß  wir  den  Besitz  von  Douaumont  dauernd  nur  würden
  behaupten  können,  wenn  es  uns  gelänge,  das
Fort  Vaux,  das  wir  nach  dem  ersten  Anlaufe  wieder
  halten  aufgeben  müssen  2,  fest  in  unsere  Hand  zu
bekommen  und  auch  darüber  hinaus  unsere  gesamte
Linie  noch  weiter  Egen  Südwesten  und  Süden  vorzutragen.
  Gegen  Ende  März  gingen  wir  also  auch
hier  wieder  zum  Angriff  über,  der  uns  am  27.  das
Werk  Hardaumont  und  in  den  nächsten  Wochen

1  „=  Toter  Mann-Stellung.“=  —  2  Am  p.  März.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

bis  Mitte  April  kleinere  Geländegewinne  brachte.  Am
17.  April  führte  dieser  Gefechtsabschnitt  zur  Einnahme
  einer  Bergnase,  welche  südlich  des  Forts
Douaumont  sich  hinzieht  und  durch  ihre  überhöhende
Lage  unseren  Stellungen  westlich  und  nordwestlich
des  Forts  sehr  unbequem  gewesen  war.  Nun  trat
rechts  des  Flusses  wiederum  eine  Ruhepause  von
einem  Monat  ein.

Das  energische  und  erfolgreiche  Fortschreiten  unserer
  Angriffe  auf  dem  westlichen  Ufer  bewog  die  Franzosen
  zu  einem  verzweifelten  Versuche,  den  Schwerpunkt
  der  Kämpfe  wiederum  auf  das  rechte  Maas.
ufer  hinüberzureißen.  Vom  17.  Mai  ab  setzte  schweres
Artilleriefeuer  auf  das  Fort  Douaumont  ein,  an
dessen  Wiedergewinnung  die  Franzosen  ihre  beste
Kraft  setzten.  Es  folgte  in  den  nächsten  Tagen  ein
schwerer  und  erfolgreicher  Angriff  auf  das  Fort.  der
am  23.  Mai  zur  völligen  Vergasung  des  Forts  führte
und  bis  in  die  westlichen  Fortgraben  und  auf  die
Nordwestspitze  des  Forts  gelangte.  Aber  schon  setzte
unser  Gegenangriff  ein.  Am  24.  und  25.  Mai  erlitten
die  Franzosen  eine  schwere  Niederlage.  Unser
Angriff  gewann  uns  die  ganze  verlorengegangene
Linie  zurück  und  stieß  sogar  noch  weit  über  sie  hinaus
nach  Süden  vor.  Am  1.  Juni  wurde  der  Caillette-Wald
  gestürmt,  am  2.  fiel  das  Fort  Baux  in
unsere  Hano.  Nur  in  den  Hohlräumen  konnte  sic
der  Feind  noch  bis  zum  7.  Junik  halten.

Eine  weitere  große  Gruppe  von  Angriffskämpfen
  setzte  bereits  am  8.  Juni  ein.  Sie  brachte  uns
einen  erheblichen  Bodengewinnsidlichdes  Forts
Douaumont.  Die  Hauptpunkte,  welche  dabei
in  unsere  Hand  fielen,  sind  das  Thiaumont-Weri
und  das  für  die  Gesamtlage  allerdings  nicht  bedeutungsvolle
  Dorf  Fleury,  welche  samt  den  zwischenliegenden
  Befestigungsanlagen  auf  dem  Bergrücken
»Kalte  Erde-  am  23.  Juni  genommen  wurden.
Gegen  diesen  Geländegewinn  auf  dem  Ostufer  richtete
der  Feind  seitdem  eine  große  Reiheheftigster  Gegen.
angriffe  bei  Tag  und  Nacht,  die  den  Beginn  der
Somme-Ofsensive  Üüberdauerten.  Im  Verlaufe  dieser
Kämpfeist  das  Dorf  Fleury  wieder  aufgegeben  worden.

Die  russische  Märzosfensve  1916  .
Verbffentlicht  am  9.  Juni  1916.

Die  Winterruhe  des  Stellungskrieges  an  der  deutschen
  Ostfront  wurde  am  16.  März  jäh  und  plötzlich
unterbrochen.  Zu  dem  von  unserer  Heeresleitung  erwarteten
  Zeitpunkt  und  mit  gleichfalls  erwarteter
Kraftanstrengung  setzte  die  russische  Offensive
ein,  in  ihrem  Eintritt  seit  langem  kenntlich,  in  ihrer
Endwirkung  vorauszusehen  und  erwünscht.

Die  ersten  sicheren  Anzeichen  des  bald  bevorstehenden
  Angriffes  wurden  Ende  Februar  bemerkbar.  Gefangene
  sprachen  von  der  Absicht  eines  großen  Angrisses
  auf  »Wilna«.  Die  Ruhe  in  den  russischen
Gräben  machte  einer  lebhaften  Tatigteit  Platz;  Truppenverschiebungen
  an  und  hinter  der  Front  ließen
auch  bald  die  beabsichtigten  Einbruchsstellen  erkennen.

Man  mag  diese  Offensive  als  -Entlastungsoffensive“
  für  die  französische  Verdun-Front  bewerten  oder
als  selbständige  strategische  Handlung  beurteilen.
zwei  Tatsachen  stehen  unverrückbar  fest:  das  große
Endziel  der  russischen  Heeresleilung  und  die  uner-1

  Nach  anderen  Darstellungen  bis  zum  6.  Juni.
2  Vgl.  die  Karte  2  Die  russische  Offensive  Dünaburg—Narotsch-See
  März  1916-°(  bet  S.  206.
        <pb n="245" />
        Kriegsberichte:  Die  russische  Märzoffensive  1916

schütterliche  Zuversicht  der  deutschen  Führung  im
Festhakten  der  eisernen  Mauer  im  Osten.

Alle  Versuche  des  Gegners,  nach  dem  Fehlschlagen
seiner  Hoffnungen  das  ursprünglich  beabsichtigte  Ausmaß
  zu  verkleinern,  können  nicht  standhalten  vor  der
Beweiskraft  der  feindlichen  Heeresbefehle  zur
Einleitung  des  Angriffes,  dessen  Endzweck  die  Vertreibung
  der  deutschen  Heere  aus  dem  besetzten  Gebiek  war:

„Truppen  der  Westfront!  ...  Seine  Moajestät  und  die
Heimat  erwarten  von  euch  jetzt  eine  neue  Heldentat:  Die
Vertreibung  des  Krindes  aus  den  Grenzen  des  Reiches
  ..  .«  (Besehl  des  Höchstkommandierenden  der  Westfront
  vom  4./17.  3.  16,  Nr.  54.)

Ferner:

„Der  Führer  der  Armee  hat  mir  während  seines  Besuches
  der  Truppen  der  mir  unterstellten  Korps  befohlen,
allen  Truppen  seinen  Gruß  zu  übermitteln.  Gleichzeitig
sprach  er  die  Hoffnung  aus,  daß  alle  heldenmütigen  Truppen
  ...  ihre  Pflicht  bis  zum  äußersten  erfüllen  und  den
Find  besiegen  werden.  Ich  bin  froh,  diese  gnädigen

orte  unseres  Führers  bekanntzugeben  und  kann  meinerseits
  nur  bestätigen,  daß  die  glorreichen  Traditionen  der

Korps  die  volle  Gewißheit  bieten,  daß  in  der  eingetretenen

entscheidenden  Stunde  des  Kampfes  mit  einem  starken

Feind  alle  Offiziere  und  Mannschaften  beweisen  werden,

daß  sie  treue  Söhne  unserer  teueren  Heimat  sind  und

lieber  sierben,  als  unser  russisches  Land  beschämen  werden.
  Mit  Gott  für  Zar  und  Rußtkand!"  (Befehl  an  die

Truppen  des  Generals  Balujew  vom  3./16.  3.  16.)

Also  eine  allgemeine  Ossensive  mit  dem  Ziel:  Befreiung
  der  besetzten  Gebiete.

Im  Einklang  mit  der  Aufgabe  standen  die  Mittel
  der  Vorbereitung.  Alle  Maßnahmen  für  den
entscheidenden  Angriff  waren  bis  in  Einzelheiten  seit
langer  Zeit  durchdacht  und  vorbereitet.  Allerdings
mutet  es  den  deutschen  Soldaten  sonderbar  an,  wenn
ein  Befehl  Selbstverständlichkeiten  verlangt:

„Die  Infanterie  hat  die  Gewehre,  Maschinengewehre,
Bomben=  und  Minenwerfer  instand  zu  setzen,  die  Artillerie
  die  Geschütze  und  das  gesamte  Material.“

Nur  ein  Glied  fehlte  in  der  Kette  der  russischen  Vorbereitungen,
  das  Glied,  seit  Tannenberg  und  der
Winterschlacht  in  Masuren  endgültig  herausgerissen
aus  der  russischen  Armee:  der  Siegerwille  und  das
Siegesbewußtsein  der  Truppe.

och  einmal  versuchte  die  russische  Heeresleitung

die  Herbeiführung  der  Entscheidung.  Der
Armeebefehl  des  Generals  Ewert,  Höchstkommandierenden
  der  Westfront,  läßt  darüber  gar  keinen
Zweifel.  Klar  und  deutlich  wird  als  -Durchbruchsziele
  Wilna  und  die  Bahnlinie  Wilna-Dünaburg
bezeichnet.  Kerntruppen  werden  gegen  die  Einbruchsstellen
  bereitgestellt.  Zu  einheitlicher  Handlung  werden
  überlegene  Kräfte  angesetzt.  Gleichzeitig  sollen
die  Einbruchsstellen  durch  das  Gewicht  einer  einheitlichen
  erdrückenden  Masse  durchstoßen  werden.  Eingehend
  werden  Truppen  und  Stäbe  über  ihre  Aufgaben
  unterwiesen.

Der  Offensivplan  war  groß  und  einfach  gedacht:
  Eine  Zange  mit  rechtem  Flügel  etwa  in  Gegend
Jakobstadt,  mit  linkem  an  der  Beresina.  Unwiderstehlicher
  Durchbruch  in  der  Mitte  beiderseits  des
Narotsch-Sees.  Aufrollen  der  deutschen  Front  nach
Nordwesten  und  Südwesten.

Die  Stellen,  die  als  Durchbruchspunkte  den
Hebel  zur  Aufrollung  der  deutschen  Front  bilden  sollten,
  waren  die  Front  zwischen  Wischnjew-  und  Narotsch-See
  sowie  die  Gegend  Postawy-Wileity.

Gegen  die  Durchbruchsfront  zwischen  Beresina  und
Disna  waren  bis  Mitte  März  sehr  starke  Kräfte  her-199



angeführt  und  zum  Angriff  bereitgestellt.  Zwei  Armeekorps
  schoben  sich  näher  nach  Norden  an  Smorgon
heran.  Gegen  die  Seenenge  wurde  eine  starke  Stoßgruppe
  unter  General  Balujew  angesetzt  (5.,  36.,  sibirisches
  Korps  und  eine  Uralkosaken  -Division).  Zum
Durchbruch  im  ungefähren  Abschnitt  Moscheiki-Wileity
  war  eine  Armeeabteilung  unter  General
Pleschkow  bestimmt  (1.,  1.  sibirisches,  27.  Korps  und
7.  Kavalleriekorps).  So  schien  ein  planmäßiger,  einheitlicher
  ungrif  gegen  die  Durchbruchsstellen  gee
währleistet.  Nach  französischem  Muster  fehlte  es  also
nicht  an  Kavalleriemassen,  die  nach  gelungenem
Durchbruch  sofort  das  Gebiet  unserer  rückwärtigen
Verbindungen  überschwemmen  und  Verwirrung  hinter
  die  deutsche  Front  tragen  sollten.  Ihrer  harrte
auch  der  ehrenvolle  Befehl  rastloser  Verfolgung  der
fliehenden  deutschen  Heere.  Es  kam  aber  nur  ein  Teil
der  Kosakenhorden  zur  Verwendung:  nicht  zu  rühm.
licher  Verfolgung,  sondern  in  der  schmachvollen  Aufgabe,
  die  Sturmtruppen  mit  der  Nagaika  zum  Vorgehen
  zu  peitschen.

Der  16.  und  17.  März  brachte  volle  Klarheit  über
die  russischen  Absichten.  Die  Durchbruchsstellen  bei
Postawy  und  südlich  des  Narotsch-Sees  wurden  mit
starkem  Artilleriefeuer  belegt,  das  sich  allmählich  erheblich
  steigerte.  Auf  die  Front  der  beiden  Stoßgruppen
  waren  angeblich  800—1000  Geschütze,  darunter
  schwerste  Kaliber,  verteilt.  Ungeheure  Munilionsmassen
  waren  bereitgelegt.  Die  deutschen  Stellungen
  sollten  eingeebnet  werden.  Während  nun  die
Klauen  der  -Zange=  zwar  drohten,  aber  nicht  zum
Zupacken  kamen,  ergoß  sich  die  Dage  der  Angriffsinfanterie
  in  fast  unversiegbarem  Strom  gegen  die
Durchbruchsstellen.  Bereits  der  18.  März  zeigt  einen

ewissen  Höhepunkt  des  Angriffs  beider  Stoßgruppen.
9.  drei  Armeekorps  drückten  gleichzeitig  und  im  operativen
  Zusammenarbeiten  gegen  die  Front  Postawy-Wileity
  und  gegen  die  Seenenge.  Hier  wurde  später
noch  ein  viertes  Korps  eingesetzt.

Nach  ausgiebigem  Artilleriefeuer  tritt  am  18.  März
die  russische  25.  Division  aus  Linie  Iwanki-Spiaglia
  zum  Angriff  in  Richtung  Baltaguzy  an.  Der
vom  Westufer  des  Wischnjew-Sees  durch  unsere
schwere  Artillerie  wirksam  flankierte  Angriff  bricht
zusammen.  Die  abgeschlagene  Division  läßt  3000

ote  auf  dem  angrifssseln  und  rettet  nur  Trümmer.
Von  ihrem  Regiment  98  kehrten  etwa  100,  von  einem
anderen  Regiment  etwa  150  Leute  zurück.  Weiter
östlich  greift  gleichzeitig  zweimal  die  7.  Division,  westlich
  am  Nachmittag  die  10.  Division  an.  Trotz  stärkster
  Feuervorbereitung  scheitern  alle  diese  Angriffe,
wie  auch  die  von  etwa  zwet  Divisionen  im  nördlichen
Abschnitt  Moscheiki-Wileity  unterschwersten  Verlusten.
  Ohne  den  geringsten  Erfolg  an  irgendeiner
Stelle  verbluten  die  Angriffstruppen.  Das  Regiment
  38  der  10.  Division  verliert  an  diesem  Tage
1600  Mann.

Ein  erschütterndes  und  erhebendes  Bild  zugleich!
Drüben  die  in  tiefem  Schlamm  und  Morast  sich  heranwälzenden
  Massen,  getrieben  durch  Knutenhiebe  und
Rückenfeuer.  Hier  die  eiserne  Mauer  der  Hindenburg-Armee.
  Fest,  starr  in  Stahl  und  Erz.  Fester  noch
in  dem  Willen  jedes  einzelnen:  auszuhalten  selbst
gegen  erdrückende  Ubermacht.

Den  19.  März  benutzt  der  Gegner,  seine  zusammengeschmolzenen
  Massen  aufzufüllen.  Am  20.  März
versucht  er  den  Durchbruch  mit  neuer  Kraft.
Während  ein  Angriff  gegen  Baltaguzy  gänzlich
        <pb n="246" />
        200

mißglückt,  unternimmt  der  Feind  auch  im  nördlichen
  Abschnitt  unerhörte  Anstrengungen.  Das
ganze  1.  sibirische  Korps,  die  22.  Division  und  Teile
der  59.  Division  werden  unbarmherzig  viermal  und
jedesmal  in  vier  bis  fünf  dichten  Wellen  vorgeworfen.
Scheinangriffe  der  10.  sibirischen  Division  bei  Lotwa
beabsichtigen  die  deutsche  Führung  abzulenken.  verfeeien
  aber  ihren  Zweck.  Unter  Ledhs  für  russische

erhältnisse  ungeheuren  Berlusten  flutet  der  zerschmetterte
  Angriff  der  Stoßgruppe  Pleschkow  in  Fine  alten
Stellungen  zurück.
Der  21.  Märzbringtden  Höhepunkt  der  Schlacht
am  Narotsch-See.  Die  Krisis  des  Angriffs  ist  hereingebrochen.
  Jener  Augenblick,  da  die  Wagschale  schwebt
und  unentschlossen  schwankt  zwischen  Sieg  oder  erlahmender
  Kraft  des  Angreifers,  zwischen  Durchhalten
oder  Nachlassen  der  Kräfte  des  Verteidigers.  Das
Höchstmaß  der  beiderseitigen  Anstrengungen  is  auf
das  äußerste  angespannt.  In  der  Seenenge  tobt  der
Kampf  mit  unverminderter  Heftigkeit  um  Baltaguzy.
Die  russische  25.  Division  wird  abgeschlagen  und  in
ihrer  Gesechtstätigkeit  völlig  erschüttert.  Aber  der
10.  Division  gelingt  es  bei  Blizniki,  in  das  Gelände
  unserer  Beobachtungsstellen  und  in  Teile  der
vorderen  Stellungen  einzudringen.  Hier  geraten  die
russischen  Regimenter  in  furchtbare  Verwirrung.  Offi-*
  sind  nicht  zur  Stelle  oder  haben  die  Gewalt  über
ie  Truppe  verloren.  Hier  wollen  Kompanien  weiterstoßen,
  dort  wollen  andere  zurückweichen,  wieder
andere  setzen  sich  fest,  zufrieden  mit  dem  Erreichten,
wo  sie  gerade  sind.  Ein  erbitterter  Kampf  tobt  um
Vorwerk  Stachowze.
Gleichzeitig  drücken  und  wälzen  sich  dicke  Massen
dreier  Divisionen  im  Abschnitt  Moscheiki-Wileity

eran,  gestützt  und  vorwärtsgeschoben  durch  bestiges

rtilleriefeuer.  An  wenigen  Stellen  gelangen  sie  bis
an  oder  in  vordere  Teile  unserer  Gräben.  Kräftige
Gegenangrifte  werfen  die  Eingedrungenen  sogleich
wieder  hinaus.  7  Offiziere,  800  Mann  bleiben  gefangen
  in  unserer  Hand.  Unter  außergewöhnlichen
Verlusten  flüchtet  der  Angreifer.  Die  22.  Division
rettet  nur  Trümmer  aus  dem  Feuerbereich.

Nördlich  Wileity  mißglückt  in  ähnlicher  Weise  ein
Angriff  der  59.  Division.  Hier  im  nördlichen  Abschnitt
  zingen  die  furchtbaren  Verluste  den  Gegner
am  22.  März  zur  Ruhe  und  Erholungspause.  In
der  Seenenge  hat  der  kleine  Teilerfolg  bei  Blizniki
den  Mut  belebt  und  die  Zuversicht  gehoben.  Hier
also  scheint  der  Sieg  erreichbar.  Nach  stundenlanger
Artillerievorbereitung  am  22.  März  greifen  nachmittags
  etwa  vier  Divisionen  erneut  an.  Zwei  Angriffe
werden  angesetzt.  Zweimal  in  je  vier  dichten  Wellen
brechen  die  russischen  Massen  vor.  Zweimal  Faschellen
diese  Versuche  restlos  unter  schwersten  Verlusten.
Allein  die  8.  sibirische  Schübendivifion  verliert  an
Gefangenen  2000  Mann.  Mit  äußerster  Heftigkeit
wültet  das  Artilleriefeuer  in  der  Nacht  zum  23.  März
weiter.  In  den  Morgenstunden  bricht  die  verstärkte
8.  sibirische  Schützendivision  noch  zweimal  zum  Anriff

  vor.  Die  Angriffe  scheiterten  ebenso  wie  die
solgenden  Vorstöße  am  Abend.

#  unerschütterlicher  Ruhe  halten  die  Truppen  der
10.  Armee.  Heute  in  Eis  und  Schnee  frierend  und
erstarrt,  morgen  im  Tauwetter  durchnäßt,  im  tiefen
Schlamm  und  Brei  der  ausgeweichten,  durch  das
heftige  russische  Feuer  abgedeckten  Gräben.  Musterhafte
  Arbeit  leistet  die  Artillerie,  Feldartillerie  und
schwere.  Die  Armee  Eichhorn,  der  Sturmbock

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

egen  Kowno.,  der  eiserne  Besen,  der  die  Tenne  reinegte
  wischen  Njemen  und  dem  Seengebiet  südlich
Dünaburg,  ist  jetzt  der  Prellbock-,  der  Wall,  aus
dem  russische  übermächtige  Hammerschläge  hier  und
dort  zwar  einen  Steinsplitter  abschlagen,  aber  nicht
eine  einzige  Fuge  lockern  können.

ECvenso  unerschiltterlich  wie  die  Front  der  10.  Armee
erweist  sich  ihr  linker  Flagel  und  die  anschließende
Armeeabteilung  Scholtz.  Zwarwurde  der  Nordflügel
  der  Armee  Eichhorn  von  der  vollen  Wucht  der
russischen  Offensive  nur  zum  Teil  gefaßt,  aber  auch
diese  Kämpfe  zeigen  Höchstleistungen  auf  eiden  Seiten.

Das  Gelände  des  ehemaligen  Dorfes  Wileity  war
u  einem  mehrere  hundert  Meter  vor  der  Hauptstelung
  liegenden  Stützpunkt  ausgebaut.  Von  hier  aus
ließ  sich  die  eigene  Front  und  die  der  rechten  Nachbargruwde
  weithin  flankieren.  Die  Beseitigung  dieses

tützpunktes  war  Vorbedingung  zur  Durchführung
  des  Angriffs.  Dichtes  Waldgelände  in  etwa
1000  m  Entfernung,  gestattete  gedeckte  Versammlung
und  Annäherung.  So  entbrennen  heftige  Kämpfe  um
diesen  Stützpunke  Am  18.  März  vormittags  beginnt
der  Angriff  gegen  Wileity  und  dehnt  sich  bald  weiter
nach  Norden  aus.  Die  den  Wald  verlassende  Infanterie
kommt  sofort  in  heftiges  Artillerie=  und  Maschinenewehrfeuer

  und  flutet  bald  in  die  Deckung  des  Wales
  zurück.  Weiter  nördlich  kommt  der  Angriff  gar
nicht  zur  Entwicklung.  Gefangene  der  dort  angesetzten
  Regimenter  85  und  88  sagten  später  aus,  die
Infanterie  hätte  Befehl  erhalten,  den  Stützpunkt  unbedinet
  zu  nehmen.  Zweimal  stürmten  sie  vergeblich.
Aber  die  Deutschen  hielten  unerschütterlich  stand.  Das
deutsche  Artilleriefeuer  von  unauffindbaren  Battericn
hatte  ihnen  ungeheure  Verluste  zugefügt.

Am  Abend  des  19.  März  versucht  der  Russe  nochmals
  den  Angriff.  Ohne  Feuervorbereitung  will  er
sich  des  Stützpunktes  durch  Handstreich  bemächtigen.
Fast  unsichtbar  in  Schneemänteln  schleichen  im  Dunkel
der  Nacht  Abteilungen  an  die  Hindernisse  heran.
Kreisförmig  soll  die  Stellung  umschlossen  und  überraschend
  angegriffen  werden.  Im  blendenden  Licht
deutscher  Scheinwerfer  und  Leuchtkugeln  setzt  rasendes
  Maschinengewehrfeuer  ein.  Bald  nach  Mitternacht
  retten  sich  kümmerliche  Reste  der  russischen  Infanterie.
  Der  Verteidiger  des  Stützpunktes  hat  vier
Verwundete  als  Verlust  zu  melden.  Noch  einmal  versucht
  der  Feind  sein  Glück.  Am  Morgen  des  22.  März
brechen  starke  Kräfte  aus  dem  Walde  vor.  Eine  Welle
folgt  der  anderen.  In  kurzer  Zeit  feuern  wohl  2000

ttzen.  Unsere  Artillerie  leidet  zunächst  unter  ungünstiger
  Beobachtung.  Sie  vermag  den  Angeif
nicht  aufzuhalten.  Der  Russe  drückt  trotz  größter  Verluste
  auf  etwa  300  m  vor.  Dann  klärt  das  Wetter
sich  auf.  Unser  Artilleriefeuer  setzt  ein,  und  um  11
Uhr  vormittags  ist  der  Angriff  abgeschmettert.
Hunderte  von  Toten  liegen  vor  der  Stellung;  Hunderte
  Verwundeter  kriechen  zurück  oder  jammern  vor
den  Hindernissen;  Hunderte  werden  später  von  russischen
  Krankenträgern  geholt.  Der  menschliche  Verteidiger
  erlaubt  dem  feindlichen  Sanitätspersonal  ungestörte
  Arbeit  und  die  Bestattung  der  Gefallenen.

Weiter  nördlich  fanden  um  diese  Zeit  nur  kleinere
  Kämpfe  um  vorgeschobene  Postierungen  statt.
In  einem  etwa  800  —1500  m  vor  den  Stellungen
liegenden  Hochwald  wurden  unsere  Posten  und  Feldwachen
  von  starken  Kräften  angegriffen  und  erhielten
zur  Vermeidung  unnötiger  Verluste  den  Befehl,  auf
die  Hauptstellungen  zurückzugehen.  Eine  dieser  Feld-
        <pb n="247" />
        Kriegsberichte:  Die  russische  Märzoffensive  1916;  Aprilkämpfe  1916  201

wachen  wurde  jedoch  vom  Gegner  völlig  eingeschlossen.
  Ihr  schneidiger  Führer  wehrte  sich  eine  Nacht
und  den  folgenden  Tag  gegen  erdrückende  übermacht.
Dann  gelang  es  ihm,  sich  bei  Dunkelheit  mit  Hilfe
unserer  Artillerie  an  der  Spitze  seiner  Ueinen  Schar
fast  ohne  Verluste  und  sogar  unter  Mitnahme  einiger
russischer  Gefangener  nach  rückwärts  durchzuschlagen.
Gefangene  sagten  aus,  daß  die  Russen  bei  diesen  Gefechten
  um  die  Feldwachen  etwa  zwei  Bataillone  verloren

  hätten.

Vor  der  unerschütterten  Front  der  Armee  Eichhorn
hielt  der  erschöpfte  Angreifer  am  24.  und  25.  März
verhältnismäßig  Ruhe  und  sammelte  Kraft  zu  neuer
Anstrengung.  -

Im  Abschnitt  südlich  des  Dryswjaty-Sees,  am
Flügel  der  Armeeabteilung  Scholtz,  war  es  inzwischen
auch  zu  lebhaften  und  heftigen  Kampfhandlungen  gekommen.
  Nachdem  der  Gegner  an  mehreren  Stellen
Ausfallgassen  in  seine  Drahthindernisse  gelegt  hatte,
begann  er  am  Morgen  des  19.  März  den  erwarteten
Angriff.  In  sechs  bis  acht  mächtigen  Wellen  wälzten
sich  die  russischen  Massen  heran.  Uber  die  im  Feuer
zusammenbrechende  Welle  türmte  sich  sofort  eine  neue
Angriffswoge.  Der  Wind,  der  diese  Flut  anschwellen
ließ,  war  das  russische  Feuer  in  den  Rücken  der  eigenen
  Infanterie.

Alle  Unstrengungen  und  Opfer  sind  verpebück.
Nur  an  zwei  Stellen  halten  die  Russen  bei  Tagesanbruch
  des  20.  März  geräumte  deutsche  Feldwachstellungen.
  Schon  setzt  der  Gegenangriff  ein.  Ein
Landwehrregiment  nimmt  im  kühnen  Gegenstoß  seine
verlorenen  Grabenstücke  wieder;  eine  Kavalleriebriade

  stürmt  mit  dem  Karabiner  und  nimmt  den  überebenden
  Teil  der  eingedrungenen  Russen  —  1  Offi=*
  und  120  Mann  —  geiangen.  Vor  der  Front
iegen  —  gezählt  —  über  1000  Leichen.  Weitere  russische
  An  us  bis  22.  März  scheitern  in  gleicher  Weise.
In  der  Nacht  zum  23.  März  rennt  der  Gegner  viermal
  verzweifelt  an.  Zweimal  gelangt  er  an  die  Hindernisse,
  jedesmal  muß  er  unter  verheerenden  Verlusten
  weichen.  Die  genannte  Kavalleriebrigade  allein
zählt  930  Leichen  vor  ihrer  Stellung.  Über  Berge
von  Toten  und  Verwundeten  hinweg  stürmt  der
Russe  am  25.  März  bald  nach  Mitternacht  noch  einmal.
  Jetzt  soll  es  gelingen.  Der  Befehl  fordert  den
Durchbruch,  ganz  gleich  unter  welchen  Opfern.  Kosaken
  hinter  der  Front  bearbeiten  die  Infanterie  mit
der  Peitsche.  Nach  nutzlosem  Ansturmn  fluten  die  Reste
der  Regimenter  zurück.  Dann  herrscht  Ruhe,  und  der
Feind  hat  ee  seine  Verluste  der  Tage  vom
19.  bis  25.  März  festzustellen.  Sie  betragen  mindestens
  8200  Mann.

Weiter  nördlich  im  Gelände  der  Bahn  Wilna-Dünaburg
  und  der  Straße  Kowno-Dünabur
setzt  in  derselben  Zeit  eine  gleich  heftige  und  glesc
erfolglose  Offensive  ein.  Ohne  Artillerievorbereitung
  will  der  Feind  in  der  Nacht  zum  22.  März
die  dortige  Front  überrumpeln.  Man  läßt  ihn  herankommen
  bis  an  und  in  die  Hindernisse;  dann  schlägt
ihm  vernichtendes  Feuer  entgegen.  Die  fliehende  russische
  Infanterie  findet  in  der  Dunkelheit  und  Verwirrung
  die  Lindernisgassen  nicht  und  drängt  sich  wie
eine  Shafterde  in  dicken  Haufen  zusammen.  Maschinengewehre
  verrichten  unbarmherzig  ihre  fürchterliche
  Arbeit.  Am  Lawkessabach  bleiben  600  Tote.  Nun
greift  die  russische  Artillerie  ein  und  bereitet  einen

neuen  Angriff  vor.  6  Regimenter  von  drei  verschiedenen
  Divisionen  stürmen  und  werden  aufgerieben.

Der  23.  März  bringt  eine  Steigerung  desruf.
sischen  Artilleriefeuers.  11400  Schuß  werden

ezählt,  darunter  etwa  275  schwerster  Kaliber.  Umsaie
  Die  Infanterie  kommt  nur  auf  400  m  heran
und  muß  bewegungslos  liegen  bleiben.  Ein  erneuter
überraschungsangrf  schlägt  baͤnzich  fehl  und  kostet
wieder  Hunderte  von  Toten.  Wie  zur  Rache  antwortet
  der  Russe  mit  einem  im  Osten  bisher  unerhörten
  Trommelfeuer  —  aber  es  erfolgt  kein  Angriff
mehr.  Vom  26.  März  ab  herrscht  Ruhe  beiderseits
des  Dryswjaty-Sees.

Gegen  die  Einbruchsstellen  in  der  Front  der  Armee
Eichhorn  setzt  die  russische  Führung  am  26.  März
noch  einmal  gleichzeitig  mit  aller  Kraft  den  Hebel  an.
Nach  heftigem  Artilleriefeuer  drücken  auf  der  Frontlinie
  Spiaglia-Südrand  des  Narotsch-Sees
vier  Divisionen  vor.  Der  unter  furchtbaren  Verlusten
abgeschlagene  Angriff  wird  am  Nachmittag  erneuert.
Unter  Zurücklassung  von  3000  Toten  weicht  schließlich
  der  Gegner  in  seine  alten  Stellungen  zurück.  Auch
südlich  Wileity  scheitern  methrfache  Angriffe.

Der  27.  März  läßt  für  den  Verteidiger  einen
schönen  Erfolg  heranreifen.  Es  gelingt,  durch  kräftige
  Vorstöße  dem  Feinde  größere  Teile  des  uns  am
21.  März  entrissenen  Geländestreifens  wieder  abzunehmen.
  1300  Mann  mit  15  Offizieren  bleiben  in
unserer  Hand.  Heftige  russische  Gegenstöße,  die  sich
auch  am  folgenden  Tage  wiederholen,  bleiben  erfolglos.
  Fünf  starke  Angriffe  scheitern  unter  großen  Verlusten.
  Gleiche  Mißerfolge  erleiden  Massenangriffe
der  45.  Division  und  2.  sibirischen  Schützendivision
südöstlich  Muljarsche.

Der  30.  März  bringt  das  Ende  der  russischen
Offensive.  Sie  ist  erstickt  in  „Blut  und  Sumpfe.

Von  etwa  14  Divisionen,  die  die  Hauptlast  des
Kampfes  zu  tragen  hatten,  sind  etwa  2  Divisionen
vernichtet,  8  Divisionen  haben  wohl  die  Hälfte  ihres
Bestandes  verloren.  Die  blutigen  Verluste  in  der
Vei  vom  18.  bis  30.  März  im  Angriffsraum  zwischen

eresina  und  Disna  sind  auf  weit  über  100000
Mann  zu  schätzen.  Mit  ungeheuren  Opfern  konnten
die  Russen  keine  Fuge  lockern  in  der  nindenburgwand.

Ein  kleines  Steinchen  bröckelten  sie  heraus  —  dort
bei  Blizniki  am  Narotsch-See.  Dieses  Steinchen  haben
wir  ersetzt  und  wieder  eingefügt.  Wir  haben  noch
eine  Mauer  davor  gebaut  —  am  28.  April.  Die  Arbeit
  brachte  reichen  Lohn:  5  Geschütze,  10  Minenwerfer,
  28  Maschinengewehre,  5600  Gefangene  mit
56  Offizieren.  Damit  ist  für  uns  die  russische  Märzoffensive
  1916  beendet.

Im  April!.
Beröffentlicht  am  13.  Mal  1916.

I.

Eine  Darstellung,  welche  es  unternimmt,  die  kriegerischen
  Ereignisse  zusammenzufassen,  welche  sich  wahrend
  eines  bestimmten  Kalenderabschnittes,  also  etwa
innerhalb  eines  Monats,  abgespielt  haben,  trägt
eine  Gefahr  in  sich:  sie  ist  dem  Mißverständnis  ausgesetzt,
  als  stelle,  was  rein  zahlenmäßig  durch  den
Monatsbeginn  und  -schluß  abgegrenzt  ist,  auch  innerlich
  ein  in  sich  abgeschlossenes  Ganzes  dar,  während

1  Kurze  Übersicht  der  Kämpfe  vor  Verdun,  im  Osten,  Westen
und  im  Orient.
        <pb n="248" />
        202

eo  sich  in  der  Tat  doch  überall  nur  um  ein  in  ununterbrochenem
  Flusse  besindliches  Werden  handelt.
Um  dieses  Mißverständnis  auszuschließen,  sei  hier
ein  für  allemal  erklärt,  daß  Versuche  wie  der  gegenwärtige
  in  keiner  Weise  dazu  bestimmt  noch  geeignet
sind,  die  dargestellte  Entwicklung  als  ein  auch  inhalllich
  geschlossenes  Ganzes  zu  erfassen.

Das  gilt  in  besonderem  Maße  für  die  Kämpfe,
welche  sich  im  Monat  April  abgespielt  haben.  War
es  damals  im  März  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade
möglich,  ein  Bild  zu  geben,  dessen  zeitlicher  Rahmen
eine  auch  inhaltlich  verhältnismäßig  abgerundete
Entwicklung  umschloß,  so  ist  es  um  die  Walpurgismonatswende
  völlig  unmöglich,  die  kriegerischen  Gesamtvorgänge
  anders  denn  in  einer  lediglich  zeitlich,
also  völlig  äußerlich  begrenzten  Zusammenfassung
darzustellen.

Diese  Vorbemerkung  hat  insbesondere  für  diejenige
Gruppe  von  Kämpfen  Geltung,  welche  auch  heute  noch
im  Mittelpunkte  des  Anteils  der  ganzen  Weltsteht:  für
die  Kämpfe  um  Verduni.  Bei  ihrer  Darstellung
konnte  schon  der  Ablauf  des  Monats  März  nur  eine
Gelegenheitsbedeutung  haben;  für  den  Berlauf  des
Monats  April  gilt  das  genau  im  gleichen  Maße.  Seit
nunmehr  zwei  und  einem  viertel  Monat  wütet
bier  eine  riesige  Schlacht,  die  ohne  Beispiel  in  der
Weltgeschichte  ist,  Tag  und  Nacht  mit  nur  vorübergehend
  geminderter  Heftigkeit  fort.  Ihr  Ende  ist  auch
heute  noch  nicht  abzusehen.

Für  die  Nordostgruppe  der  Angriffsarmee,  welche
in  den  vorausgegangenen  Wochen  siegreich  aus  der
Woevre  bis  zum  Steilhang  der  Cötes  Lorraines  vorgedrungen
  war,  bedeutete  der  April  einen  völligen
Stillstand  der  Operationen.  Die  Nordgruppe  dagegen,
  vom  Dorfe  Vaux  bis  zur  Maas,  vermochte  in
zähem,  wechselvollem  Ringen  ihre  Stellung  beträchtlich
  zu  verbessern.

Am  Abend  des  2.  Aprils  brachte  ein  Angriff  beiderseits
  des  Forts  Douaumont  Geländegewinne  im
Caillettewalde  und  bis  halbwegs  zur  Ferme
Thiaumont.  An  letzterer  Stelle  wurde  am  17.
April  noch  ein  weiterer  gewichtiger  Fortschritt  erzielt:
die  französische  Stellung  auf  der  Bergnase  nördlich
der  Ferme,  welche  schon  seit  dem  Beginn  der  Kämpfe
um  Fort  und  Dorf  Douaumont  eine  schwere  Bedrohung
  für  unser  Vorgehen  und  für  das  Festhalten
des  Erkämpften  gewesen  war,  wurde  durch  einen
kräftigen  Angriff  aus  dem  Ablainwalde  heraus  erobert.
  Weiter  westlich  wurde  der  Ablainwald  bis
an  den  Weg  Bras-Douaumontgesäubert,  anschließend
wurde  der  Feind  von  der  Höhe  des  Pfefferrückens  in
die  Mulde  östlich  Vacherauville  geworfen.  Alle  diese
Errungenschaften  wurden  einem  zähen  Widerstande
der  Franzosen  abgetrotzt  und  mustten  alsbald  gegen
wütende  Gegenangriffe  gehalten  werden.

Bährend  so  auf  dem  östlichen  Maasufer  im  ganzen
Monat  April  in  beständigem  schwerem  Ringen  schon
ganz  erhebliche  Verbesserungen  unserer  Stellung  erzielt
  werden  konnten,  haben  die  Operationen  auf  dem
Wesiuser  im  Verlaufe  von  heftigen,  mit  wechselndem
Erfolge  hin  und  her  wogenden  Kämpfen  unseren
Waffen  hochbedeutsame  Fortschritte  gebracht.  Nach
der  Erstürmung  des  Waldes  von  Avocourtt  war
zwischen  dessen  Ostspitze  und  der  Höhe  265  südöstlich
Béthincourt  (Nordwestzipfel  der  Toten  Mann-Stellung)
  noch  ein  weit  in  diedeutschen  Stellungen  vorsprin-1

  Vgl.  die  Karte  »  Verdun«  bei  S.  197.  —  2  Am  20.  März.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

gendes  Geländestück,  die  vielberufene  Sackstellung-,
in  Händen  des  Feindes  geblieben.  Von  dieser  wurde
ihm  nun  während  des  April  in  rastlosem  Vordringen
ein  Stück  nach  dem  anderen  entrissen.  Nachdem  schon
am  30.  März  der  westliche  Stützpunkt,  das  Dorf
Malancourt,  in  unsere  Hände  gefallen  war,  verlor
  der  Feind  am  1.  Mril  seine  Linien  nordöstlich
dieses  Dorfes  und  zwei  Tage  später  seine  sämtlichen
Stellungen  nördlich  des  Forgesbaches,  ausschließlich
des  Dorfes  Béthincourt.  Am  5.  April  fiel  das
einen  südöstlichen  Ausläufer  von  Malancourt  bildende
  Dorf  Haucourt,  und  am  9.  auch  der  rechte
Flügelstützpunkt,  das  Dorf  Béthincourt,  seldst.
Am  10.  stürmten  wir  noch  die  Werke  »Elsaß«  und
l  Lothringene  südwestlich  Béthincourt  und  hielten  damit
  die  ganze  erste  französische  Stellung  von  Haucourt
  bis  zur  Höhe  265  in  Händen.  Schon  am  Tage
vorher  hatte  ein  Ungriff  an  der  Mort  Homme-Stellung
  auch  die  südöstliche  Kuppe  des  auf  der  französischen
  Karte  als-Mort  Hommez  bezeichneten  doppelgipfligen
  Höhenrückens  in  unsere  Hände  gebracht
und  damit  dem  französischen  Preßgezänk  über  die
Frage,  ob  wir  oder  die  Franzosen  den  Mort  Homm#e
besäßen,  ein  Ende  bereitet.  Ferner  fiel  ein  Stützpunkt
nördlich  des  Dorfes  Cumieres  in  unsere  Hand.

Alle  gewonnenen  Geländestücke  mußten  gegen  heftige
  Gegenangriffe  gehalten  und  im  stärksten  feindlichen
  Feuer  ausgebaut  werden.  Am  22.  April  setzte
die  Westgruppe  zu  einem  neuen  Stoß  an  und  warf
den  Feind  auch  vom  Westabhang  der  Höhe  295
(Toter  Mann),  auf  dem  er  sich  disher  noch  hatte  halten
  können,  bis  zum  Bachabschnitt  südlich  Cumières
zurück.  Dafür  gelang  es  dem  Feind  am  23.,  im  Verlauf
  heftiger  Gegenangriffe,  einige  Grabenstücke  am
Ostabhang  der  Höhe  295  zurück  ugewinnen.  die  ihm
aber  am  25.  wenigstens  teilweise  wieder  entrissen  werden
  konnten.  Auch  während  der  letzten  Apriltage  hat
der  Feind  seine  Gegenangriffe  an  dieser  Sielle  Hbeftig
erneuert,  allerdings  ohne  wesentlichen  Erfolg.

Zusammenfassend  ist  über  den  Stand  der
Kämpfe  bei  Verdun  folgendes  zu  sagen:  Der
deutsche  Angriff  auf  das  Festungsgebiet  um  Verdun
hat  die  Franzosen  gezwungen,  ganz  außerordentliche
Kräfte  zur  Verteidigung  heranzuziehen,  insbesondere
auch  sebr  bedeutende  Artilleriemassen.  In  vorderster
Linie  sind  bisher  auf  der  engen  Frontbreite  von  wenig
mehr  als  40  km  über  40  Divisionen  eingesetzt  worden.
  Die  Kräfte  allein,  die  hier  mit  unserer  Kampffront
  in  unmittelbare  Berührung  getreten  sind,  betragen
  also  mehr  als  20  Armeekorps.  In  Reserve
sind  noch  weitere  Divisionen  zu  vermuten.  Daß
angesichts  einer  solch  massenhaften  Zusammenziehung
von  Verteidigungsmitteln  eine  Verlangsamung  unseres
  Vordringens  mit  Notwendigkeit  eintreten  mußte,
liegt  auf  der  Hand.  Die  französische  Heeresleitung
und  Presse  gefallen  sich  noch  fortdauernd  darin,  von
einer  deutschen  Schlappe  bei  Verdun  zu  reden  und
zu  funken.  Die  deutsche  Offentlichkeit  kennt  seit  Beginn
  des  gegenwärtigen  Krieges  wie  aus  der  Geschichte
der  früheren  diese  krampfhaften  Versuche  der  Franzosen,
  ihre  Niederlagen  in  Siege  umzudichten.  Unsere
Erfolge  in  den  ersten  Maitagen:  dürften  genügend
sein,  um  selbst  einen  zum  krampfhaftesten  Selbstbetrug
entschlossenen  Optimismus  zu  erschüttern  und  der
Welt  den  Beweis  zu  liefern,  daß  unsere  Angriffskraft
so  wenig  erschüttert  ist  wie  unser  Angriffswille.

1  Vgl.  S.  208  ff.
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        Kriegsberichte:  Die  Kämpfe  im  April,  Mai  und  Juni  1916

II.

Im  Vergleich  zu  den  Kämpfen  beiderseits  der
Maas  treten  die  kriegerischen  Ereignisse  in  allen  Abschnitten
  der  Westfront  in  den  Hintergrund.  Dennoch
  herrscht  auf  großen  Teilen  der  Front  alles
andere  als  Ruhe,  vielmehr  eine  ingrimmige  ununterbrochene
  Kampftätigkeit,  wenn  auch  mit
örtlich  begrenzten  Zielen.  Hervorzuheben  ist,  daß  es
in  der  Umgegend  von  YDpern  zu  heftigeren  Kämpfen
mit  den  Engländern  gekommen  ist.  Die  Eloi-Stellunge,
  welche  durch  einen  Überraschenden  Angrifft
  in  den  Besitz  der  Briten  geraten  war,  wurde
ihnen  am  6.  April  wieder  entrissen  und  gegen  alle
Gegenangriffe  behauptet.  Am  24.  April  gab  auch
die  englische  Flotte  einmal  wieder  ein  Lebenszeichen:
sie  unternahm  es,  sich  vor  der  flandrischen  Küste  zu
betätigen,  um  Minen  und  Sperren  zu  legen.  Aber
dieser  Versuch  wurde  beim  Auslaufen  unserer  Flotte
rasch  ausgegeben,  und  unsere  Torpedo-  und  Vorpostenboote
  säuberten  die  Küste.  Im  übrigen  beschränkten
  die  Engländer  ihre  Tätigkeit  längs  der
ganzen  von  ihnen  jetztgehaltenen  Frontauf  Artillerieämpfe,
  Sprengtätigkeit  und  Patrouillenunternehmungen.
  Irgend  etwas  Ernstliches  zur  Entlastun
ihrer  hart  ringenden  Verbündeten  haben  sie  auch
neuerdings  nicht  unternommen.

Aus  der  Tätigkeit  der  Übrigen  Abschnitte  der  Westfront
  ist  noch  hervorzuheben,  daß  ein  deutscher
Vorstoß  nördlich  Celles  (bei  Badonviller,  ungefähr
15  km  jenseits  der  deutschen  Grenze  auf  der  Höhe
von  Straßburg)  zwei  französische  Linien  in  unseren
Besitz  brachte,  während  es  anderseits  den  Franzosen
  Felang.  ein  vorspringendes  Waldstück  der  ihnen
im  März  entrissenen  Ville-aux-Bois-  Stellung
(nordwestlich  Reims)  zurückzugewinnen.

III.

Während  der  März  die  große  russische  Entlastungsoffensive

  und  auch  sehr  energische  italienische  Anriffsversuche

  gebracht  hatte,  haben  im  April  nur  die
8  talie  ner  ernstliche  Unternehmungen  versucht.  Und
zwar  ist  hier  hervorzuheben,  daß  ihr  Druck  gegen  die
Isonzofront  nachgelassen  hat,  während  sie  auf  der
ganzen  Tiroler  Front  eine  erhöhte  Tätigkeit  entwickelt
  haben.  Indessen  sind  auch  hier  wirklich  merkliche
  Verschiebungen  der  Linien  nicht  erzielt  worden.

war  mußte  die  österreichische  Stellung  am  Col  di

ana  infolgeeiner  seit  Monaten  vorbereiteten  Sprengung
  geräumt  werden.  Aber  trotz  größter  Anstrengung
  ist  es  den  Italienern  auch  hier  nicht  gelungen,
weitere  Fortschritte  zu  machen.  Anderseits  wurden
sie  im  Suganatal  aus  dem  Ort  Marter  und  mehreren
  hintereinander  liegenden,  gut  zausgebauten
Stellungen  bis  zum  Westrande  von  Roncegno  zurückgeworfen.


Die  Russen  dagegen  blieben  nach  dem  Zusammenbruch
  ihrer  Märzoffensive  vor  der  ganzen  Front
unserer  eigenen  wie  der  südlich  anschließenden  österreichisch
  ungarischen  Armeen  fast  völlig  ruhig.  r
westlich  Dünaburg  und  südlich  des  Narotsch-Sees
unternahmen  sie  örtlich  beschränkte,  übrigens  völlig
erfolglose  Vorstöße.

Dagegen  ist  es  uns  gelungen,  selbst  den  belanglosen
Geländegewinn,  den  die  Russen  als  einzigen  Erfolg
ihrer  mit  stärkstem  Kräfteeinsatz  und  ungeheuren
Blutopfern  unternommenen  Entlastungsoffensive  in

1  Am  27.  Mürz.

203

Händen  behalten  hatten,  zurückzuerobern.  Es  ist  noch
in  frischer  Erinnerung,  daß  wir  am  28.  April  den
bei  den  Märzangriffen  verlorenen  Teil  unserer  ehemaligen
  Stellung  südlich  des  Narotsch-  Sees,  den
die  Russen  aufs  Hürge  ausgebaut  hatten,  in  einem
wuchtigen  Angriff  zurückerobert  haben.  Selbst  die
erste  Linie  der  ursprünglichen  russischen  Ausgangsstellung
  ist  in  unserem  Besitz.  Die  Beute  an  Gefangenen
  und  Kriegsmaterial  ist  großt.

IV

Das  Saloniki-Unternehmen  der  Entente  ist
noch  immer  nicht  über  die  Besitzergreifung  einer  völlig
  wehrlosen  neutralen  Hafenstadt  und  die  dauernde
schwere  Kränkung  und  Vergewaltigung  eines  neutralen
  Landes  hinausgelangt.  Das  bunte  Truppenemisch,

  das  sich  auf  griechischem  Boden  angesiedelt
*r#  gab  bisher  keine  merklichen  Zeichen  kriegerischen
etätigungsdranges.

Einen  einzigen  Fortschritt  haben  unsere  Feinde  zu
verzeichnen.  Mit  starker  zahlenmäßiger  Üüberlegenheit
  haben  die  Russen  unsere  türkischen  Verbündeten
in  Armenien  angegriffen.  In  der  Flanke  von  der
See  her  durch  russische  Landungstruppen  gefaßt,
haben  die  Türken  nach  tapferer  Gegenwehr  dem  Feinde
Trapezunt  überlassen  müssen'.  Einem  weiteren
Vordringen  der  Russen  in  Armenien  haben  sie  indessen
  Eimhalt  gebieten  können.

Eine  reiche  Ertschshigung  für  diesen,  unleugbar
empfindlichen  Verlust  haben  die  Osmanen  in  Mesopotamien
  erkämpft.  Die  seit  rund  fünf  Monaten
in  Kut  el  Amara#“b  eingeschlossene  Armee  des  Generals
  Townushend  hat  sich,  da  alle  Entsatzversuche  (auch
nach  einem  Wechsel  in  der  Person  des  Oberbefehlshabers
  der  Entsatzarmee)  fehlschlugen,  am  29.4  den
Belagerern  ergeben  müssen.  Es  ist  überflüssig,  die  ungeheure
  Tragweite  dieser  glänzenden  Waffentat  noch
näher  zu  beleuchten.  Verzeichnen  wir  noch  ein  siegreiches
  Gefecht  östlich  des  Sueskanals  vom  26.
April,  bei  dem  die  Türken  englischer  Kavallerie  starke
Verluste  zufügten,  so  ist  festzustellen,  daß  die  Lage
unserer  türkischen  Verbündeten,  im  ganzen  genommen,
  einen  entscheidenden  Aufschwung  genommen  hat.

Der  Krieg  zu  Lande  in  den  Monaten  Mai  und  Juni.
Veröffentlicht  am  6.  Juli  1916.

Indiesen  beiden  Monaten  hat  die  allgemeine  Kriegslage
  in  beständiger  Steigerung  eine  derartige  Verschärfung
  erfahren,  daß  die  Wende  vom  Juni  zum
Juli  weniger  als  je  zu  einem  nsammenfaf  enden  Rückblick
  geeignet  erscheinen  möchte.  Trotzdem  soll  der
Versuch  eines  solchen  in  den  nachstehenden  Zeilen
unternommen  werden.  Es  ist  ja  nicht  das  erstemal,
das  uns  ein  vollkommener  Umschwung  der  Lage  zu
wiseren  Ungunsten  lange  vor  dem  Einsetzen  der  Ereignisse,
  die  ihn  herbeiführen  sollten,  von  der  gesamten
  Presse  unserer  Gegner  angekündigt  worden  ist.

J.

Werfen  wir  zunächst  einen  flüchtigen  Blick  auf  jene
Schauplätze  des  weitverzweigten  Kriegsgeschehens,  die
in  einerverhältnismäßigen  Ruhe  zu  verharren  scheinen.

Wenn  die  Vorgänge  auf  dem  Balkan  zur  Zeit  einen
der  Brennpunkte  des  fieberhaften  Anteils,  man  kann

1Bal.  S.  201.  —  ½  Am  18.  April.  —  25  Ugl.  hierzu  die  Karte
»Das  Vordringen  der  Engländer  im  Jrakgebiet.  —  4  Nach  anderen
  amtlichen  Berichten  am  28.  April.
        <pb n="252" />
        204

jagen  der  ganzen  Welt,  darstellen,  so  hat  das  weniger
in  militärischen  Vorgängen  seinen  Grund  als  in  politischen.
  Zwar  scheint  der  Abtransport  der  neu  zusammengestellten
  serbischen  Armeereste  nach  Saloniki
beendigt  zu  sein,  aber  zu  ernstlichen  Basagmmeenstßen
ist  es  auf  der  mazedonischen  Front  noch  immer  nicht
gekommen.  Immerhin  ist  eine  Veränderung  der  Lage
dadurch  eingetreten,  daß  die  Bulgaren  am  26.  Mai
sich  in  den  Besitz  des  Rupelpasses  gesetzt  und  eine
taktisch  günstigere  Stellung  vorwärts  dieses  Passes
ausgebaut  habent.  Diese  Vorgängehaben  der  Entente
den  Vorwand  zu  einer  schroffen  Verschärfung  der  Bedrückung
  hergeben  müssen,  welche  seit  Monaten  auf
dem  Griechenvolke  lastet.  Griechenland  ist  durch  seine

eographische  Lage  und  seine  Armut  an  natürlichen
Oilfsquellen  jedem  Zugriff  eines  Stärkeren  ausgesetzt.
Die  beispiellose  Brutalität,  mit  der  die  Entente  diese
Swamgolage  des  Hellenentums  ausgenutzt  hat,  um
ich  in  die  innersten  Angelegenheiten  des  wehrlosen
Landes  einzuzwängen  und  Monarchie  und  Volk  zu
willenlosen  Spielzeugen  ihrer  Ziele  zu  pressen,  steht
in  seltsamem  Gegensatz  zu  der  Erstarrung  jedes  militärischen
  Betätigungsdranges,  die  nun  schon  seit  mehr
denn  einem  halben  Jahre  das  mit  so  viel  Geschäftigkeit
  und  Lärm  zusammengebrachte  Ententeheer  an
die  unmittelbare  Umgegend  des  zwangsweise  besetzten
neutralen  Saloniki  fesselt.

Auchuauf  den  vorderasiatischen  Kriegsschauplätzen
  scheint  die  in  früheren  Abschnitten  unserer
Betrachtung  so  lebhaft  gesteigerte  Regsamkeit  unserer
Feinde  nachgelassen  zu  haben.  Der  Fall  Kut  el  Amaras##
  hat  weder  den  Engländern  noch  den  Russen
Anlaß  gegeben,  in  durchgeführten  Unternehmungen
größeren  Stils  für  den  bedeutungsvollen  Erfolg  der
türkischen  Waffen  einen  Ausgleich  zu  schaffen.  Die
Angriffe  der  Russen  in  Gegend  Kafr  i  Schirin  sind
zum  Stehen  gebracht.  ein  lange  vorbereiteter  Angriff
russischer  Kräfte  hat  am  3.  und  4.  Juni  mit  einer
entscheidenden  Niederlage  der  Angreifer  geendet.  In
Armenien  vollends  ist  das  vor  nicht  allzulanger  Zeits
noch  so  energische  und  sieggekrönte  Vordringen  russischer
  Streitkräfte  zunächst  zum  Stehen  gekommen,
und  dann  haben  die  Türken  auf  der  ganzen  Front
die  Russen  zurückgedrängt.  Sie  stehen  mit  stärkeren
Kräften  bereit,  den  Vormarsch  nach  Nordpersien  fortzusetzen.
  —  Ebensowenig  haben  sich  die  Italiener
entschließen  können,  die  Enge  ihrer  Umstellung  bei
Valona  durch  den  geringsten  Vorstoß  auszuweiten.

II.

Von  den  entfernteren  Kriegsschauplätzen  hat  sich
sonach  die  kriegerische  Regsamkeit  unserer  Gegner  immer
  mehr  binweggezogen,  um,  den  Pariser  Beschlüssen“
  entsprechend,  die  -  Einheit  der  Fronte  nachhaltiger
auf  den  inneren  Ring  konzentrieren  zu  können.  Hier
versucht  der  Feind,  die  Mittelmächte  —  unter  Zuhilfenahme
  einer  rücksichtslosen  Anspannung  der  nach  der
Auffassung  aller  unparteiischen  Beurteiler  völkerrechtswidrigen
  Mitblockade  der  Neutralen  —  immer
enger  zu  umschließen  und  sich  in  Ruhe  auf  eine  gemeinsame
  große  Offensive  vorzubereiten.  Aber  dazu  haben
die  Mittelmächte  ihren  Feinden  nicht  Zeit  gelassen.

Einer  der  beiden  Borstöße  der  Mittelmächte
ist  bereits  seit  geraumer  Zeit  im  Gange:  der  Angriff
gegen  die  französischen  Stellungen  auf  beiden

1  Vgl.  die  Karte  Griechisch-bulgarische  Grenzgebiete  bei  S.  148.
2  Am  29.  April:  nach  andern  amtlichen  Berichten  am  28.  April.
2  Februar  bis  April  —  4  12.—  28.  März.

1I.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Maasufern  um  Verduni.  Er  hat  einen  machtvollen,
  alle  seindlichen  Gegenanstrengungen  Schrin
für  Schritt  niederwuchtenden  Fortgang  genommen.  Da
dies  gewaltige  Schauspiel  der  Schlacht  an  der  Maas,
für  beide  Kämpfer  gleich  ehrenvoll,  dauernd  die  hinerissene

  Teilnahme  der  Welt  in  Atem  hält,  brauchen
bier  nur  die  großen  Grundlinien  nachgezogen  zu  werden.
  Die  Einzelheiten  sind  ja  in  frischer  Erinnerung.

Das  wechselvolle  Ringen  auf  dem  linken  Maasufer
  nahm  während  des  ganzen  Maimonats  ohne
Ermatten  seinen  Fortgang.  Es  galt,  die  nach  der
Einnahme  des  Waldes  von  Avocourt  zwischen  diesem
und  dem  „Toten  Mann  entstandene  -Sackstellungauszuräumen.
  Dieses  Ziel  ist  in  schrittweisen,  durch
kleinere  Rückschläge  nur  vorübergehend  gehemmten
Vorarbeiten  ohne  Rast  erreicht  worden.  Abschnittweise
  wurden  die  nördlichen,  die  westlichen,  zuletzt  am
21.  Mai  die  östlichen  Ausläufer  der  Höhe  304  gestarmt.
  Ostlich  des  -Toten  Mannes=  ist  am  23.  Mai

ie  Trümmerstätte,  die  einstmals  das  Dorf  Cumieres
war,  gestlrmt  worden.  Die  an  diesem  Tage  noch
gescheiterte  Eroberung  der  Guretteshöh  und  des.
ganzen  Geländes  von  der  Südkuppe  des  Toten.
annes-  bis  zur  Südspitze  von  Cumidres  konnte  bis
Ende  Mai  erzwungen  werden.  Auch  in  diesem  Abschnitt
  brachte  der  Gum  häufige  und  gleichermaßen
erfolglose  Gegenstöße.

Seit  der  Maimitte  versuchten  die  Franzosen  mit  verzweifelter
  Anstrengung  den  Schwerpunkt  der  Maaskeimpfe
  auf  das  rechte  Ufer  hinüberzureißen.  Nach
einer  riesigen  Artillerievorbereitung  holten  sie  zu.
einem  wuchtigen  Schlage  gegen  Fort  Douaumont
aus.  Es  gelang  ihnen,  am  22.  Mai  bis  an  die  Kehle
des  Forts  vorzustoßen.  Da  setzte  der  Gegenangriff
ein;  schon  der  24.  Mai  brachte  den  Franzosen  eine
schwere  Niederlage.  In  glänzendemt,  fortgesetztem
Angriff  eroberten  die  Deutschen  die  ihnen  entrissenen
Stellungen  zurück,  drangen  weit  über  sie  hinaus,
brachten  am  1.  Juni  den  gunzen  Caillettewald  in  ihre
Hand.  In  den  folgenden  Tagen  wurde  Dorf  Damloup
  und  endlich  auch  das  Fort  Baux  erstürmtund
  fest  in  unsere  Hand  gebracht.  Seine  tapfere  Besatzung,
  die  sich  in  den  unteren  Gewölben  gehalten
*“  mußte  am  7.  Juni  kapitulieren.  Am  8.  Junietzte
  ein  neuer  Vorstoß  ein,  der  zunächst  ein  starkes
feindliches  Feldwerk  der  Feste  Baux,  dann  in  ständigem
  Fortschreiten  die  Stellungen  westlich  und  südlich

er  Thiaumontferme  und  endlich  am  23.  Juni  das
Panzerwerk  Thiaumont  selbst  und  den  größten
Teil  des  Dorfes  Fleury  in  unsere  Hand  brachte,
den  Zentralpunkt  und  den  linken  Flügelpunkt  der
zweiten  fran  zösischen  Hauptstellung.  Alle  diese  Errungenschaften
  mußten  und  konnten  gegen  wütendefranzösische
  Gegenangriffe  gehalten  werden,  zuletzt
noch  am  26.  und  27.  Juni  gegen  einen  Stoß  größten
Masstabes  auf  der  ganzen  Frontbreite  des  Abschnines
Thiaumont-Fleury.  Die  Kämpfe  dieser  zwei  Tagerechnen
  zu  den  schwersten  und  für  die  Franzosen  verlustreichsten
  des  ghanzen  Krieges.  Unerbittlich  nimmt
hier  der  Zermürbungsprozeß  an  Frankreichs  Heeren
seinen  Fortgang.

III

Während  so  unser  westlicher  Gegner  sich  im  Laufe
der  letzten  zwei  Monate  eines  zwar  schon  seit  langem
wirksamen,  aber  sich  von  Tag  zu  Tag  noch  verstärkenden
  Druckes  zu  erwehren  hatte,  holte  unser  ältester

1  Ugl.  S.  197  f.  und  die  Karte  „Verdune  del  S.  197.
        <pb n="253" />
        <pb n="254" />
        DIE  0STERREICHHNSCHE  OFFENSTE
IM  SCDTIROLER  CRENZCEBIET

Mni  1916.
Mazstab  1:250  000
—  4  EE
lometer  6

—  —————ä—ä-———  I  —
—  —  —  4  n  2  1I7  ,..,--:
Fixnmcevslslk

s.
III-«

.  .--k
-------Ilisk



ist«-.-.,-1-s«
        <pb n="255" />
        228

3—

NTEI

—
        <pb n="256" />
        <pb n="257" />
        Kriegsberichte:  Mai=  und  Junikämpfe  1916;  russische  Sommeroffensive  1916  205

Verbündeter,  Osterreich=  Ungarn,  zu  einem
machtvollen  Schlage  gegen  Italien  aus.  Genau
  Mitte  Mai  gestattete  das  Wetter  endlich  den  sorgfältig
  vorbereiteten  und  vom  Feinde  länst  erkannten
Vorstoß.  Es  gelang  den  k.  u.  k.  Truppen,  die  Italiener
nicht  nur  aus  dem  größten  Teil  der  von  ihnen  bei
Kriegsbeginn  genommenen  Bezirke  Südtirols  wieder
hinauszuwerfen,  sondern  auch  die  italienische  Grenze
in  breiter  Front  zu  Überschreiten  und  den  Angriff  fast
bis  zum  Südrande  der  Gebirgswälle  vorzutragen,
welche  den  Ebenen  Norditaliens  vorgelagert  sindt.
Bis  zum  25.  Juni  machte  der  österreichisch-ungarische
  Angriff  zwischen  Etsch  und  Brenta  stetige
Fortschritte,  die  Zahlen  an  Gefangenen  und  erbeuteten
Geschützen,  Maschinengewehren  und  anderen  Beutestücken
  mehrten  sich  in  gleichem  Maße.  An  diesen
Erfolgen  konnte  auch  die  Tatsache  nichts  ändern,  daß
am  26.  mit  Rücksicht  auf  die  militärische  Gesamtlage
ur  Wahrung  der  vollen  Freiheit  des  strategischen
Handelns  ein  Teil  des  eroberten  Gebietes  wieder  aufegeben
  und,  unbemerkt  vom  Gegner,  die  Angriffs-Hront
  verkürzt  wurde.

IV.

Die  verzweifelten  Hilferufe  des  schwerbedrängten
Frankreichs  und  Italiens  hatten  inwwischen  wenigstens
bei  dem  einen  der  beiden  abwartenden  mächtigen  Verbündeten
  Gehör  gefunden.  Es  war  das  durch  zwei
Monate  anscheinend  in  Erstarrung  verfunkene  Rußland,
  welches  sich  von  den  furchtbaren  Verlusten  an
Ländergebiet,  Mannschaften  und  Kriegsmaterial,  die
das  Jahr  1915  und  zuletzt  noch  die  Offensive  im
März  1916  gebracht  hatte,  mit  Unterstützung  der
halben  Welt  inzwischen  bis  zu  einem  gewissen  Grad
erholt  hatte  und  ein  kräftiges  Zeichen  neuerwachten
Lebens  gab.

Schon  in  der  zweiten  Hälfte  des  Mais  waren  an
der  ganzen  Ostfront  unserer  Verbündeten  bedeutsame
Veränderungen  erkannt  worden,  die  auf  Angriffsabsichten
  schließen  ließen.  Am  4.  Juni  begann  nach
einer  den  bisherigen  Einsatz  weit  Übersteigenden  Artillerievorbereitung
  an  sieben  Stellen  gleichzeitig  auf
einer  Frontbreite  von  mehr  als  800  km  die  russische
  Offen  sives.

Die  Riesenschlacht,  die  mun  entbrannte,  hat  der
Sache  der  Mittelmächte  einen  Kückschlag  gebracht  und
den  Italienern  die  dringend  benötigte,  heiß  erflehte
Entlastung  für  den  Augenblick  zuteil  werden  lassen.
Sie  hat  den  Russen  am  rechten  Flügel  ihrer  Offensive
  bei  Luzk  einen  mäßigen  (und  schwerlich  dauernd
haltbaren)  Rückgewinn  an  früher  verlorenem  russischen
  Boden  eingetragen,  am  linken  russischen  Flügel
unseren  Verbündeten  den  größten  Teil  der  Bukowina
  mitsamt  der  vielumstrittenen  Hauptstadt  zu
entreißen  vermocht.

iermit  ist  die  Bedeutung  und  der  Erfolg  des
russischen  Vorstoßes  des  Monats  Juni  erschöpft.  Das
in  der  Presse  offen  verkündete  Ziel  der  gewaltigen
russischen  Anstrengungen,  der  Durchstoß  bis  Lemberg,
die  Rückgewinnung  Galiziens  oder  gar  das  Eindringen
  in  Ungarn,  hat  nicht  erreicht  werden  können.

V.
In  einer  Gelassenheit,  welche  der  Welt  immer  neues
Erstaunen  abnötigt,  hat  England  bis  gegen  Ende

1  Bgl.  hierzu  die  Karte  »Die  österretchische  Offenstve  im  Südttroler
  Grensgebiete.

2  Bgl.  die  Karte  2  Die  russische  Ofsenstve  in  Wolhynien  und
Cali#en  Juni-Juli  19166  del  S.  206.

Juni  den  übermenschlichen  Opfern  und  Anstrengungen
  seiner  Verbündeten  mit  gekreuzten  Armen  zugeseben-.
  Es  hat  die  Hilferufe  Frankreichs  und  Itaiens
  lediglich  mit  herablassenden  Beifallsbezeigungen
  für  die  heroischen  Anstrengungen  dieser  tloereprüften
  Nationen  beantwortet.  Erst  seit  dem  20.
Funi  steigerte  sich  die  Gefechtstätigleit  auf  der  gesamten
  englischen  und  auf  dem  südlich  anschließenden
Teil  der  französischen  Front.  Seit  dem  24.  begann
eine  sich  oft  dis  zum  Trommelfeuer  steigernde  Artilleriebeschießung
  unserer  Front  und  des  rückwärts
gelegenen  Geländes.

Bis  zum  Monatsende  kam  es  in  den  Feuerpausen
der  Artillerie  nur  zu  Patrouillenkämpfen.  Erst  am
1.  Juli  hat  der  große  Angriff,  auf  den  wir  und  die
Entente  lange  gewartet  haben,  nördlich  der  Somme
begonnen.  An  verschiedenen  anderen  Stellen  der
englischen  Front  sind  vorher  im  Mai  und  Juni  wir
die  Angreifer  gewesen.

Im  Mai  gelang  es  uns,  im  Artois  kleinere  Ab.
schnitte  der  englischen  Stellungen  in  unsere  Hand  zu
bekommen.  Im  Ypernbogen  wurden  am  2.  Juni
die  Doppelhöhe  60  sfüdöstlich  Dpern  mit  anschließenden
  Gräben,  und  am  6.  Juni  die  Stellungen  bei
Lo#“  e,  zusammen  3  km  Frontbreite,  erstürmt.  Ein

eil  der  neuerkämpften  Stellungen  ging  allerdings
am  13.  Juni  wieder  verloren,  während  alle  späteren,
teilweise  durch  Gasverwendung  unterstützten  Angriffe
abgewiesen  werden  konnten.

VI.

Versuchen  wir  den  rückschauenden  üÜberblick  über
das  Fortschreiten  des  Landkrieges  in  den  Monaten
Mai  und  Juni  zusammenzufassen,  so  ergibt  sich:

Vier  große  Handlungen  und  im  Gange.  Der
deutsche  Vorstoß  bei  Verdun  schreitet  langsam,  doch
unerbittlich,  Frankreichs  Heere  zermürbend,  mit  steigendem
  Erfolg  vorwärts.  Österreichs  Angriff  in
Südtirol  hat  nach  stlirmischem  Anfangsgelingen  eine
Hemmung  erfahren  durch  die  Gesamtkriegslage.  Die
russische  Offensive  hat  zwar  ebenfalls  mit  namhaften
Siegen  eingesetzt,  ist  aber  dann  zum  Stehen  und  hier
und  dort  bereits  zu  rüdlläußger  niwicklung  gebracht
worden.  Die  vierte  große  Angriffswelle,  deren  Aufbranden
  sich  seit  einiger  Zeit  immer  deutlicher  angekündigt
  hatte,  braust  nun  heran  —  und  wieder  einmal
  erhoffen  unsere  Feinde  den  entscheidenden  Umschwung
  des  Kriegsglücks.  Englands  lange  gesparte
Heeresmacht  tritt  auf  den  Plani,

Die  russische  Sommeroffensive  1916".
Beröffentlicht  8.,  9.,  18.  und  14.  September  1916.

J.
Der  Kampf  um  Kowel.

Nach  der  Märzoffensives  gegen  die  unerschütterliche
Mauer  der  Hindenburgarmee  tastete  die  russische  Heeresleitung
  die  Front  weiter  nach  Süden  ab  und  fand
in  Wolhynien  jeneverhältnismäßig  schwache  Stelle,
die  zum  strategischen  Durchbruch  geeignet  schien.

Anfang  Juni  durchbrachen  nach  starker  Artillerievorbereitung
  russische  Angriffe  die  österreichischen
Stellungen  westlich  Olyka.  Durch  energisches  Nachstoßen
  auf  und  über  Luzk,  dessen  Brückenkopf  gegen

1  CGgl.  S.  213ff.

2  Val.  hierzu  die  Karte  :  Die  ruffische  Ofsenstve  in  Wolhynien
und  Galizien  Juni-Jult  19164.

2  Col.  S  198  fl.
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        206

überlegenen  Angriff  nicht  gehalten  werden  konnte,
gelang  es  dem  Feinde,  den  Südflügel  und  die  Mitte
der  k.  u.  k.  4.  Armee  über  den  Styr  zu  drängen,
während  der  Nordflügel,  aufgenommen  durch  zunächst
geringe  deutsche  Verstärkungen,  dem  Gegner  das
Nachdrängen  über  Sierna  und  Styr  zu  verwehren
vermochte.  Etwa  gegen  Ende  der  1.  Jusswocke  folgte
der  Feind  in  westlicher  und  südwestlicher  Richtung
nur  zögernd  und  schrittweise  nach.  Seine  Sorge
galt  dem  österreichischen  Nordflügel  und  den  hier  eingesetzten
  deutschen  Kräften,  gegen  die  er  nunmehr  mit
seinen  Hauptkräften  nach  Nordwesten  in  Richtung
Kowel  einschwenkte.  Der  wohl  unerwartete  Widerstand
  dieses  durch  deutsche  Verbände  verstärkten,
unter  deutscher  Führung  zusammengefaßten  Flügels
veranlaßte  ihn  zur  Vorsicht  und  Neugruppierung
seiner  Kräfte.  Selbst  ein  General  Brussilow  lernte
wohl  ahnen,  daß  Massenangriffe  allein  gegen  deutsche
Truppen  keine  Siege  erzwingen.  General  von  Linsingen,
  der  Sieger  in  blutigen  Karpathenkämpfen,

ebot  mit  den  über  Kowel  herangeführten  deutschen
Verstärkungen  dem  russischen  Ansturm  das  erste  Halt.

Mitte  Juni  verlief  die  Front  unserer  nach  dem
linken  Flügel  hin  durch  deutsche  Kräfte  verstärkten
Verbündeten  in  der  allgemeinen  Linie:  Plaszowka=Abschnitt
  von  Tarnawka  bis  zur  Einmündung  in
den  Styr  —  die  Styr-Linie  bis  Gegend  Lipa  —  das
südliche  Lipa-Ufer  bis  Zboryszow  —  dann  nach  Norden
  biegend  über  Gorochow-Swiniuchy  auf  Witoniez—Stochod-Abschnitt
  bis  etwa  nördlich  Liniewka  —
die  Styr-Linie  Sokul-Kolki,  hier  nach  Norden  umbiegend.
  Nachdem  deutsche  Kräfte  auch  südlich  Kowel
  eingesetzt  waren,  begann  am  16.  Juni  der  erste
Gegenstoß  in  drei  Gruppen:  im  Westen  ungefähr
aus  der  Linie  Gorochow-Lokaszy,  von  Nordwest
mit  dem  rechten  Flügel  längs  der  Turija  und  von
Norden.  Bis  zum  13.  Juni  führte  dieser  Gegenangrif
  bereits  einige  Kilometer  vorwärts.

Nach  dem  Eintreffen  weiterer  deutscher  Verstärkungen
  wurde  am  23.  Juni  enzweiter  Gegenstoß
eingeleitet,  der  südwestlich  Luzk  unter  deutscher  Führung
  nach  Nordosten  weiter  ein  gutes  Stück  vordrang.

Ein  dritter  Gegenstoß  wurde  wenige  Tage  später
  (30.  Juni)  nach  Bildung  einer  neu  zusammengesetzten
  Stoßgruppe  (unter  deutscher  Führung)  eingeleitet.
  Strömender  Regen  rauschte  am  Vormittag
des  30.  Juni  hernieder  und  verwandelte  die  wolhynischen
  Wege  in  grundlosen  Morast.  Stundenlang
war  für  die  Artilleriewirkung  jede  Fernsicht  ausgeschaltet.
  Trotz  aller  Schwierigkeiten  aber  wird  die  beherrschende
  Höhe  südlich  Gubin  gestürmt.  Auch  eine
links  anschließende  k.  u.  k.  Infanterie-Truppen-Division
  macht  gute  Fortschritte  und  dringt  in  tapferem
Angriff  vor,  wobei  sie  mehrere  Gegenangriffe  kaltblütig
  abweist.  Weiter  nördlich  stürmen  deutsche  und
österreichische  Verbände  das  Dorf  Zubilno  und  eine
Höhe  östlich  von  Trysten.  Der  folgende  Tag  (1.  Juli)
trägt  den  Angriff  weiter  vor.  Auf  18  km  Breite  sind
die  russischen  Stellungen  eingebrochen.  Bis
5  km  Breite  ist  Gelände  nach  Osten  gewonnen.  über
mehrfache  Linien  russischer  Gräben,  hier  durch  dichtes,
  versumpftes  Waldgelände,  dort  über  freie  Niederungen,
  trotz  zahlreicher  Gegenangriffe  russischer  Infanterie,
  ohne  Rücksicht  auf  mehrfache  Attacken  der
Transamur  Reiterdivision  und  einer  zusammengesetzten
  Kavalleriedivision,  wird  am  Abend  des  2.  Juli  das
Höhengelände  um  Michailowka-Gubin  erreicht.

In  der  Nacht  zum  3.  Juli  beginnt  der  Russe  mit

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

dem  Gegenstoß:  starke  Infanterieangriffe  und  nächtliche
  Kavallerieattacken  leiten  zwei  zäh  durchgeführte
Massenangriffe  ein.  Unter  außergewöhnlich  schweren
Verlusten  wird  der  Gegner  restlos  abgeschlagen.  Auch
die  inzwischen  verstärkte  Nordgruppe  hatte  den  Angriff
  vorgetragen.  In  der  Nacht  zum  3.  Juli  räumt
der  Feind  fluchtartig  unter  schweren  Verlusten  eine
von  ihm  besetzte  Brückenkopfstellung  auf  dem  nördlichen
  Stochodufer  an  der  Straße  Kowel—-Luzk.  Der
verhältnismäßig  geringe  Raumgewinn  dieser  drei
Gegenangriffe  Üüberraschte  die  Führung  nicht.  Es
war  vorauszusehen,  daß  unter  den  vorliegenden  Verhältnissen
  der  örtliche  Erfolg  dieser  Gegenstöße  wohl
beschränkt  bleiben  würde.  Sie  fielen  in  eine  Periode
gegenseitigen  Kräfteausgleiches  bei  uns  und  unserem
Gegner.  Immerhin  wurden  durch  diese  Gegenstöße
unsere  seit  5.  Juni  gemachte  Beute  auf  etwa  100  Maschinengewehre,
  128  Offiziere  und  über  19900  Mann
erhöht.  Die  große  Bedeutung  dieser  unter  deutscher
Führung  sofort  eingeleiteten  dreimaligen  Gegenstöße
ist  aber  nicht  nach  diesen  Zahlen  oder  dem  erzielten
Raumgewinn  zu  bemessen.  Ihr  Wert  liegt  in  ihrer
rein  militärischen,  psychologischen  und  moralischen
Bedeutung:

General  von  Linsingen  nimmt  dem  bisher  unablässig
  vordrückenden  Angreifer  die  Freiheit  des  Handelns,
  zwingt  ihn  zu  Erwägungen  und  Umgruppierungen,
  fesselt  Kräfte,  die  an  anderer,  politisch  für
Rußland  wichtigen  Stelle  eingesetzt  werden  sollten  und
veranlaßt  die  russische  Führung  zu  Verschiebungen
ihrer  Reserven  dorthin,  wo  sie  den  deutschen  Angriff
befürchtet!  Hinfort  bemüht  sich  die  russische  Heeresleitung
  durch  unablässigen  Antransport  weiterer
starker  Kräfte,  das  verlorene  militärische  übergewicht
wieder  zu  erreichen.

Neu  herangeführte  Kräfte  gestatten  dem  Gegner
die  Einleitung  eines  starken  Angriffs  gegen  den  linken
  Flügel  österreichischer  Truppen  im  Styr-Bogen.
Die  hier  stehenden  Verbände  weichen  unter  dem  gegen
die  Orte  Gruziatyn  und  Kostiuchnowka  angesetzten
Angriff  nach  Westen  aus  und  werden  hinter  den
Stochod  zurückgenommen.  In  diesen  Kämpfen  zeichnete
  sich  besonders  die  polnische  Legion  aus,  die  in
tapferem  Gegenstoß  dem  Feinde  wichtiges  Höhengelände
  entriß.  Einige  Tage  später  drückt  der  Feind
südwestlich  Luzk  eine  in  der  Gegend  westlich  von  Gubin
  eingesetzte  k.  u.  k.  Division  zurück.  Zur  Ausgleichung
  der  dadurch  geschaffenen  Lage  wird  die  hier
kämpfende  Gruppe  aus  den  eroberten  Stellungen  ein
Stückzurückgenommen,  ebenso  die  südlich  anschließende
Gruppe.  Den  weiten  Halbbogen  um  Luzk  halten  kräftige
  deutsche  Truppen,  österreichisch-ungarische  Verbände
  und  tapfere  polnische  Legionäre.  Der  vermeintliche
  Siegeslauf  ist  zu  Ende,  ein  neuer  Angriff  muß
eingeleitet  werden.  Dazu  aber  bedarf  dic  russische
Führung  frischer  ausgeruhter  Kräfte.  Sie  jögert
nicht,  holt  diese  Kräfte  von  allen  verfügbaren  Fronten
  zusammen,  läßt  andere  politisch  wie  strategisch
bedeutsame  Ziele  in  den  Hintergrund  treten  und  richtet
  das  Höchstmaß  der  Kraftentfaltung  auf  Kowel.
Während  im  Norden  gegen  Baranowitschi.  im
Süden  gegen  Lemberg  der  strategische  Durchbruch
  angestrebt  wird,  wird  der  auf  Kowel  einfach
  rücksichtslos  befohlen!  In  Richtung  und  über
Kowel  soll  General  Brussilow  den  Keil  eintreiben,
der  die  verbündeten  Heere  auseinandersprengt,  die
Flanken  freilegt  zur  Aufrollung  und  die  weitere  Siegesbahn
  öffnet  nach  Westen.
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        Kriegsberichte:  Die  russische  Sommeroffensive  1916

Mitte  Juli  sind  der  ganzen  russischen  Armee  bereits
die  Tage  bekannt,  an  denen  Kowel  entscheidend  anzureifen
  ist.  Der  erste  Angriffstag  ist  für  den  28.
Fali,  ein  etwa  nötiger  zweiter  Zeitpunkt  auf  den
7.  August  festgelegt.  Am  12.  August  —  spätestens  —
muß  Kowel  in  russischer  Hand  sein  —  »um  jeden  Preis-.
Die  russische  Heeresleitung  hat  sich  —  wohl  aus  gewissen,
  in  ihren  Umrissen  erkennbaren  Gründen  —
auf  die  angegebenen  Zeitpunkte  zur  Erzwingung  des
strategischen  Durchbruches  auf  Kowel  festgelegt.

Zwar  rüttelt  nun  die  russische  Führungmächtigund
mit  grimmiger  Wut  an  der  eisernen  Schranke,  die
General  von  Linsingen  zwischen  Luzk  und  Kowel  geschlossen
  hält.  Bald  an  dieser,  bald  an  jener  Stelle
drückt  der  Russe  gegen  unsere  Front.  Ohne  Erfolg.

Alle  verfügbaren  Kräfte  rafft  der  Feind  zusammen.
Unsere  Flieger  beobachten  die  Massentransporte  auf
den  nach  Luzk  und  Kowel  führenden  Bahnen.  Sie
begnügen  sich  nicht  mit  der  Beobachtung  und  Meldung.
  Häufig  stürzen  sie  sich  auf  wenige  100  Meter
hinab  und  überfallen  die  Transporte  sowie  marschierende
  Kolonnen  durch  Bomben  und  wohlgezieltes
Maschinengewehrfeuer.

Zu  Beginn  der  3.  Juliwoche  lassen  sich  die  Vorboten
  des  ersten  allgemeinen  Angriffs  auf  Kowel
bereits  deutlich  erkennen.  Gegen  unsere  Front  Liniow
Zubilno-Tessten  und  nördlich  davon  werden  Divisionen
  über  Divisionen  angehäuft;  bis  zum  27.  Juli
abends  sind  hier  im  wesentlichen  das  russische  23.,
39.,  1.  und  2.  Gardekorps  und  3  Gardekavalleriedivisionen
  versammelt.

Seit  den  Septemberschlachten  1915  um  Wilna
waren  die  russischen  Gardekorps  nicht  mehr  im  Feuer
gewesen.  In  langer  Ruhezeit  waren  sie  mit  gut  durchgebildelem
  Ersatz  neu  aufgefüllt,  mit  bestem  Material
ausgerüstet  und  wieder  die  russische  Elitetruppe  geworden,
  deren  Ansturm  Kowel  unbedingt  erliegen
würde.  In  den  beiden  Gardekorps  standen  der  russischen
  Führung  etwa  16  Infanterieregimenter  zu
4  Bataillonen,  im  ganzen  also  an  64  ausgeruhte,  seit
3¾/  Jahren  vom  Kriege  unberührte  Verbände  zur  Verfügung
  —  mit  etwa  70000  Mann  Infanterie  für
die  vorderste  Linie,  mit  etwa  100000  Mann,  wenn
man  den  Erat  einrechnet.

Am  28.  Juli  setzt  nach  heftiger  Artillerievorbereitung
  der  allgemeine  Angriff  der  russischen  8.  Armee
(Luzk)  einschließlich  der  Garde  unter  Besobrasow  ein.
Dem  starken  Druck  gegen  den  rechten  Flügel  der  anegriffenen

  Front  geben  österreichische  Berdände  nach.

in  weiter  nördlich  mit  rücksichtslosem  Schneid  angesetzter
  und  durchgeführter  Gegenstoß  eines  deutschen
Landwehrregiments  wirft  den  Feind  zurück  und  stellt
die  Gefechtslage  wieder  her.  Landwehrbataillonen  gelingt
  es  auch,  vier  öslerreichische  Geschütze  und  einige
Munitionswagen  von  dem  Gegner  zurückzuerobern.
Der  rechte  Flügel  wird  durch  das  prachtvolle  Vorgehen
  eines  deutschen  Rekrutenbataillons  und  einer
Garde-Kavalleriebrigade  kräftig  unterstützt.  Weiter
nördlich  greifen  in  zwischen  8  russische  Divisionen  ein
einziges  verstärktes  deutsches  Armeekorps  an.  Während
  der  rechte  Flügel  alle  Angriffe  abschlägt  und
Kisielin  hält,  muß  der  linke  unter  dem  Druck  überlegener
  Kräfte  des  2.  Gardekorps  hinter  den  Stochodlauf
  westlich  Trysten  zurückgenommen  werden.
Der  Angreifer  drängt  nach.

Der  folgende  Tag  bringt  die  Fortsetzung  der  heißen
Känipfe,  die  sich  allmählich  über  die  ganze  Front  der
Heeresgruppe  Linsingen  ausdehnen.  Im  südlichen

207

Abschnitt  werden  starte  russische  Angriffe  südöstlich
Swiniuchy  abgeschlagen;  in  dem  Waldgelände  wogen
erbitterte  Longeransgenzen  unentschieden  hin  und
her;  weiter  nördlich  wirft  ein  deutscher  Gegenangriff
den  in  österreichische  Stellungen  eingebrochenen  Feind
mit  großen  Verlusten  hinaus.  Der  russischen  Garde
gelingt  es,  ihren  Teilerfolg  vom  Tage  zuvor  weiter
auszudehnen  und  im  Angriff  durch  den  Wald  westlich
  von  Trysten  über  den  Stochod  vorzustoßen.  Ein
Gegenangriff  wirft  den  Feind  hier  zurlck.  Der  heiße
Brennpunkt  der  Kämpfe  aber  entwickelt  sich  im  Gelände
  von  Kisielin.  Am  Nachmittag  zerschellte  unter
äußerst  schweren  Verlusten  der  erste  gegen  Kisielin
vorgetragene  Angriff.  Brussilows  Methode,  unbarmherziges
  Vorpeitschen  dichter  Massen,  kam  hier  zur  vollen
  Entfaltung.  In  drei  dichten  Angriffswellen  mit
folgenden  Gruppenkolonnen,  mit  nachdrückenden  weiteren
  20  Angriffswellen  soll  Kisielin  genommen  werden.
  Die  23  Wellen  und  die  Gruppenkolonnen  werden
  als  nutzlos  hingeopfert  und  zerstäuben  in  blutige
Einzelhaufen.  Der  gleichseitig  von  Südosten  angesetzte
  Angriff  bricht  schon  im  Sperrfeuer  zusammen.
Ein  4  Uhr  nachmittags  erneuter  Ansturm  wird  wie
der  erste  blutig  und  restlos  abgeschlagen.  Auch  am
30.  Juli  brechen  alle  Angriffe  vor  den  Hindernissen
nieder.  Drei  am  nächsten  Tage  mit  aller  Wucht  unternommene
  Anstürme  gegen  das  im  Geländevon  Kisielin
auf  beherrschender  Höhe  liegende  Vorwerk  Leonowka
erleiden  das  Schicksal  der  vorhergegangenen.

Inzwischen  hat  sich  der  allgemeine  Angriff  längs
der  ganzen  Stochodlinie  nach  Norden  ausgedehnt.
Von  Süden,  Südosten  und  Osten  drückt  der  Russe
gegen  die  Front  und  sucht  die  schwache  Stelle  zum

urchbruch  nach  Kowel.  Südlich  Janowka  gelingt
den  Russen  ein  Einbruch.  Die  hier  dünne  Verteidigungslinie
  wird  in  der  Nacht  zurückverlegt.  Das  am
Stochod  östlich  von  Kowel  stehende  österreichische
Korps  weist  in  schweren  Kämpfen  alle  Angriffe  unter
größten  Verlusten  für  den  Gegner  ab.  Nur  nördlich
von  Zaretsche  dringt  der  Russe  auf  das  linke  Ufer.
Truppen  einer  bayerischen  Division  treiben  andere
über  den  Fluß  vorgestoßene  feindliche  Bataillonc  in
wildem  Gegenstoß  zurück.

Der  dritte  Tag  des  allgemeinen  Angriffs  auf  Kowel
  bricht  an  (30.  Juli).  Die  aufgehende  Sonne  leuchtet
  über  den  Tag,  an  dem  der  Befreier  Ospreußens
zum  Oberbefehlshaber  über  die  gesamte  deutsch-österreichische
  Front  vom  Rigaischen  Meerbusen  bis  Wolhynien
  ausersehen  wurde.  Generalfeldmarschall  von
Hindenburg  tritt  dem  General  Brussilow  gegenüber.
Brussilow  Rot  sich  auf  den  Druck  der  in  Bewegung
gesetzten,  durch  unerschöpfliches  Menschenmaterial  aufzufüllenden
  Masse.  Der  Feldmarschall  vertraut  dem
unerschütterlichen  Siegeswillen  eines  seit  zwei  Jahren
gegen  zahlenmäßige  übermacht  kämpfenden  Heeres,
das  zusammen  mit  dem  ganzen  Volk  unbeirrt  durchalle
Wechselfälle  des  Krieges  an  seinen  Feldherrn  glaubt.

Die  beiden  folgenden  Tage  (31.  Juli  und  1.  August)
bringen  den  Abschluß  des  ersten  allgemeinen  Anriffs

  gegen  den  Stochod.  Der  erste  Akt  der
Schlacht  von  Kowel  endet  für  den  Gegner  mit  einem
großen  Schuldkonto:  geringer  Raumgewinn,  vereinzelte,
  in  keinem  steatesisch  verwertbaren  Zusammenhang
  stehende  örtliche  Erfolge  —  bezahlt  mit  selbst  für
Brussilows  Führung  unerhörten  Blutopfern.  Nicht
ein  einziger  entscheidender  Schritt  vorwärts  auf  dem
Wege  nach  Kowell  Auch  die  Versuche  an  den  letzten
  Angriffstagen,  den  Schwerpunkt  mehr  nach  Nor-
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        208

den  gegen  den  Stochodlauf  östlich  Kowel  zu  verlegen,
blieben  ohne  Erfolg.  Neue  Truppen  waren  herangeschleppt,
  die  Gardekorps  nach  Osten  an  den  Stochod
verschoben  worden.  Erbitterte,  unerhört  heftige  Angriffe
  besonders  im  Gelände  bei  Smolary  brachen  unter
  furchtbaren  Verlusten  zusammen.  Am  1.  August
wollte  der  Gegner  bei  Kisielin  noch  einmal  den
Durchbruch  erzwingen.  Zu  sechs  Angriffen  wurde  die
Truppe  schonungslos  vorgetrieben,  in  sechs  Angriffen
brach  sie  blutend  zusammen.  Nördlich  der  Bahn  aber
herrschte  am  1.  August  teilweise  eine  unheimliche  Ruhe.
Die  russische  Infanterie  hat  dort  anscheinend  dem  Angriffobesehl
  den  Gehorsam  verweigert.

Am  2.  August  griff  der  Feind  im  allgemeinen  nicht
an.  Auch  am  3.  August  herrschte  im  wesentlichen  die
Ruhe  der  Erschöpfung.  Nurin  der  Nacht  zum  2.  August
hatte  der  Feind  einen  kräftigen  Vorstoß  gegen  das
Gelände  südlich  von  Rudta  Mirynska  unternommen.
der  völlig  mißglückte.  Fluchtartig  wichen  die  Russen

urück  und  ließen  in  diesem  kaum  2  km  breiten  Streifen
  800  (gezählte)  Tote  liegen.  Ihre  Gesamtzahl
mag  in  dem  teilweise  durch  hohes  Getreide  unübersichtlichen
  Gelände  erheblich  höher  gewesen  sein.  Von
wwei  Bataillonen  des  russischen  8.  Schützenregiments
ehrten  162  Mann,  vom  ganzen  7.  Schützenregiment
nur  2  Kompanien  zurück.  Aber  den  Führer  des  I.  kurkestanischen
  Armeekorps  packte  am  3.  August  ein  unbezähmbarer
  Ehrgeiz,  Kowel  mit  seinen  Truppen
allein  zu  nehmen.  Er  setzte  seine  Kräfte  zu  einem
starken  Angriff  an,  brach  bei  Rudka  Mirynska  in
die  dortigen  österreichischen  Gräben  ein  und  begann
sich  in  einer  Brückenkopfstellung  zu  befestigen.  Preu-Phische
  und  bayerische  Truppen  schritten  von  Westen
und  Norden  zu  einem  frisch  durchgeführten  Gegenangriff
  und  jagten,  unterstützt  durch  ein  sich  ausgezeichnet
  schlagendes  Polen-Bataillon,  die  Turkestanen
über  den  Fluß  zurück.  Die  vorübergehend  verlorene
Stellung  war  sofort  wiedergewonnen.

Trübes  regnerisches  Wetter  verzögert  den  Beginn
des  zweiten  Ansturms  auf  das  befohlene  Operationsziel
  um  einen  Tag.  Am  8.  August  aber  leitet
heftiges  Trommelfeuer  den  zweiten  Akt  des  heißen
Ringens  um  Kowel  ein.  Am  Vormittag  gegen  11
Uhr  stürmt  der  Feind  nach  starker  Artillerievorbereitung
  wieder  gegen  Vorwerk  Leonowka  bei  Kisielin.
In  sechs  Wellen,  wieder  mit  nachfolgenden  Gruppenkolonnen,
  wälzt  sich  die  Sturmflut  heran.  Die  vorderen
Wellen  werden  von  Offizieren  geführt,  die  hinteren
Wellen  durch  Offiziere  uit  geshwungenen  Peitschen
getrieben.  Weiter  südlich  hatten  sich  gleichzeitig  hef.
lige  Angriffe  gegen  die  dort  mit  deutschen  Truppen  vermischten
  k.  u.  k.  Verbändeentwickelt.  überlegener  Feind
drückte  nordwestlich  Liniow  österreichische  Stellungen
ein,  wurde  aber  durch  sofortigen  Gegenstoß  deutscher
Truppen  in  seine  Ausgangsstellungen  zurückgeworfen.

Auch  auf  dem  linken  Flügel  unserer  Front  entbrennen
  neue  und  heiße  Kämpfe.  Das  1.  Gardekorps
setzt  hier  nach  kurzer  Ruhe  seine  beiden  Divisionen  zu
wütenden  Sturmangriffen  ein.  Am  Stochod  westlich
Janowka  dringt  die  Gardeinsanterie  am  Spätnachmittag
  des  8.  Augustes  in  einen  längeren  Grabenabschnitt.
Bis  in  die  Nacht  hinein  wogt  der  erbitterte  Handranatenkampf.

  Nach  Mitternacht  herrscht  Ruhe.  Der
erteidiger  hat  die  Gräben  wiedergewonnen.

Auf  dem  äußersten  Nordflügel  —  im  Gelände
von  Smolary  —  setzt  die  russische  Führung  das  1.
sibirische  Armeekorps  ein.  Hier  entspinnen  sich  erbitterte
  Kämpfe  vom  8.  bis  10.  August,  besonders  um

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

die  Sanddünen  von  Zaretsche.  Zwischen  8  Uhr
abends  und  4  Uhr  vormittags  zum  9.  August  stürmen
die  Sibirier  mit  Teilen  der  77.  Division  nicht  weniger
  als  sechsmal.  Ungeheuerliche  Blutopfer  lassen
einen  bescheidenen  örtlichen  Erfolg  gewinnen:  einige
Sanddünen  auf  dem  linken  Stochodufer  bei  Zaretsche.
So  endet  mit  dem  10.  Ungust  der  zweite  allgemeine
Angriff  auf  Kowel.  Brussilows  Führung  kennzeichnet
  sich  durch  eine  fast  an  Grausamkeit  streifende
Kaltherzigkeit  im  Opfern  seiner  Menschenmassen  zur
Erzwingung  seiner  strategischen  Pläne.  In  zwei  groß
angelegten  gewaltigen  Sturmangriffen  von  mehrtä-Leger
  Dauer  sinken  die  Sturmtruppen  mit  ungeheuren
Verlusten  zusammen.  Das  strategische  Ziel  bleibt  unerreicht;
  hier  und  dort  ein  geringer  örtlicher  Erfolg.

Weiter  tobten  die  Kämpfe  um  die  Dünen  bei  Zaretsche,
  wo  die  angreifenden  Truppen  des  1.  sidirischen
Armeekorps  der  77.  und  78.  Division  vom  28.  Juli  bis
Mitte  August  etwa  30000  Mann  eingebüßt  haben
mögen.  Aussagen  von  Gefangenen  sind  vorsichtig  zu
bewerten.  Immerhin  darf  aus  ihnen  und  aus  unseren
  eigenen  Wahrnehmungen  miteiner  gewissen  Wahrscheinlichkeit
  geschlossen  werden,  daß  die  russische  Führung
  ihren  bralegischen  Mißerfolg  in  der  Schlacht
um  Kowel  bisher  mit  einem  blutigen  Verlust  von
mehr  als  100000  Mann  bezahlt  hat.  Am  12.  August
sollte  Kowel  in  russischer  Fand  sein  —  »um  jeden
Preise.  Ein  erschreckend  fober  Preis  war  gezahlt.
Aber  Kowel  blieb  in  unserer  Hand.

II.
Aus  den  Kämpfen  um  Baranowitschi“.

Anfang  Juni  hatte  die  russische  Heeresleitung  das
Gewicht  ihrer  Menschenmassen  in  Bewegung  gesetzt  zu
der  einheitlich  geplanten,  groß  angelegten  Eszen  sive
mit  den  strategischen  (  Baranowitschi-Kowel-Lemberg.
  Während  der  Gang  der  Ereignisse
  den  operativen  Schwerpunkt  über  die  Gegend
von  Luzk  zunächst  auf  den  Durchbruchspunkt  Kowel
verlegte,  ohne  das  politisch  wichtige  Ziel  Lemberg
aus  dem  Auge  zu  lassen,  entwickelten  sich  auch  an
der  Schtschara=  und  Serwetsch-Front  erbitterte
Kämpfe,  deren  nächstes  Ziel  der  wichtige  Eisenbahnknotenpunkt
  Baranowitschi  war.  Die  zunächst  fortschreitende
  Offensive  über  Luzk  schlug  nach  dem  Einsetzen
  stärkerer  deutscher  Kräfteein  langsameres  Tempo
an  und  kam  dann  zum  Stillstand.  Um  diesen  Zeitpunkt
  mag  vielleicht  für  die  russische  Heeresleitung  das
ursprüngliche  Ziel  Baranowitschi  einem  weiter  gelegenen
  Ziel  gewichen  sein:  —  etwa  dem  Gedanken
eines  stategischen  Durchbruchs  über  Baranowitschi  in
Richtung  Brest  Litowst  gegen  den  Rücken  der  Heeresgruppe
  von  Linsingen.  Unter  dieser  oder  einer
ähnlichen  Annahme  wäre  die  maßlose  Erbitterung  der
russischen  Angriffe  am  Schtschara=  und  Serwetsch-Ufer,
wäre  der  Einsa  so  ungeheurer  Opfer  gegen  Baranowitschi
  leichter  erklärlich.  Brandenburger,  posener  und
schlesische  Truppen  sowie  öerreichssch  ungarüche  Verbände
  halten  unter  Generaloberst  von  Woyrsch  die
Wacht  an  Schtschara  und  Serwetsch.  Die  Stellungen
folgen  im  allgemeinen  dem  Laufe  des  Oginski-Kanals.
erreichen  beim  Wygonowskoje-See  die  Schtscharo,
durchqueren  das  Gelände  östlich  Baranowitschi-Gorodischtsche
  und  ziehen  sich  dann  auf  dem  linken  Serwetschufer
  nach  Norden  hin.

Etwa  Mitte  Junisetzte  hier  die  russische  Führung

1  Ugl.  die  Karte  bei  S.  200.
        <pb n="265" />
        Kriegoberichte:  Die  russische  Sommeroffensive  1916

den  ersten  großen  Angriff  im  strategischen  ZusamHmenhang
  mit  den  Operationen  im  Gelände  Luzk-Kowel
  an.

Am  13.  Juni  bricht  das  Unwetter  los.  Starkes
Artilleriefeuer  setzt  ein  gegen  unsere  Stellungen  im
Gelände  von  Stolkowitscht  und  dehnt  sich  bald  in  nördlicher
  Richtung  auf  die  österreichisch--ungarischen  Gräben
  aus.  Bald  liegt  der  ganze  Abschnitt  Sagorje  (östlich
  Stolowitschi)  -  Skrobowa  (östlich  Gorodischtsche)
unter  heftigem  Artilleriefeuer.  Auf  unsere  Gräben
westlich  Wlassy  allein  wirft  der  Gegner  12000  Schuß.
Nach  etwa  zwölfstündiger  Artillerievorbereitung  bricht
der  Angreifer  gegen  Abend  in  mehreren  Wellen  über
die  Linie  Kraschin  -Woikowitschi  vor.  Siebenmal
  treibt  er  seine  Sturmwellen  gegen  die  teilweise
erheblich  beschädigten  Gräben  vergeblich  an.  Weder
das  zwölfstündige  Trommelfeuer,  noch  siebenmaliger
Angriff,  noch  seine  Begleitung  durch  belgische  Panzerautomobile
  erschüttern  das  Selbstwertrauen  des  Verteidigers.
  Aus  den  zerschossenen  Gräben  werden  die
sieben  Sturmangriffe  restlos  abgeschlagen.  Der  deutschen
  Artillerie  und  den  westlich  des  Koldytschewo-Sees
  stehenden  österreichisch  -ungarischen  Batterien
gebührt  die  Anerkennung  entscheidender  Mitwirkung
bei  der  Abwehr  der  Angriffe.  In  die  unter  schwersten
  Verlusten  zurückflutenden  Grenadiere  der  1.  und
2.  Grenadierdivision  feuert  die  russische  Artillerie  ihr
Strasgericht.  Die  Einnahme  von  Baran  owitschi
ist  mißglückt.  Im  Wochengrauen  versucht  der  Russe
sein  Glück  noch  einmal.  Sein  Vorgehen  beiderseits  der
Bahn  Kraschin-Baranowitschi  sowie  bei  Wygoda  und
Zirin  gegen  die  Stellungen  unserer  Verbündeten  bleibt
erfolglos.  Der  völlige  Zusammenbruchdes  Grenadierkorps
  hatte  seine  eindrucksvolle  Wirkung  auf  die  russische
  Führung  wohl  nicht  verfehlt.  Jedenfalls  wurde
ein  für  den  14.  Juni  geplanter  nochmaliger  Massenangriff
  durch  Gegenbefehl  zunächst  aufgehoben.
Einige  Tage  verhältnismäßiger  Ruhe  traten  ein.

Der  Russe  traf  Vorbereitungen  zum  zweiten  Lro
sten  Angriff  und  gruppierte  seine  Kräfte  um.  Bald
wurden  seine  Absichten  erkennbar:  zwei  starke  Stoßgruppen
  sollen  über  Skrobowa  unsere  Verbündeten
und  über  Linie  Darowo-Labufy  die  schlesische  Landwehr
  durchbrechen  mit  dem  allgemeinen  Angriffsziel
Baranowitschi.  Außer  dem  aufgefüllten  Grenadierkorps
  verfügt  die  russische  Führung  noch  über  das
35.,  10.,  3.  kaukasische,  3.  sibirische  Korps,  die  81.  Infanteriedivision
  und  die  11.  sibirische  Schützendivision.
Mit  heftigem  Feuer  gegen  die  Gräben  nördlich  des  Koldytschewo-Sees
  u.  gegen  den  Abschnitt  des  Landwehrkorps
  wird  am  2.  Juli  um  4Uhrvormittags  der  zweite
große  Angriff  auf  Baranowitschi  eingeleitet.

Ums  Uhr  vormittags  liegen  diese  Stellungen  unter
Trommelfeuer.  Gegen  die  Front  Saoßje-Kartichewo
  hageln  sogar  Geschosse  von  28  cm  Kaliber.
Zahlreiche  Brückenstege  hat  der  Feind  während  der
Nacht  über  Schtschara  und  Serwetsch  geschlagen;  auch
gegen  die  an  den  rechten  Flügel  des  Landwehrkorps
anschbeenenden  Stellungen  z  ein  Überfallartiger  Angriff
  über  den  dortigen  Flußabschnitt  vorbereitet.

In  der  Morgendämmerung  des  3.  Julis  beginnt
der  Hauptangriff  gegen  die  Front  des  Landwehrkorps
  und  die  österreichischen  Stellungen  nördlich  des
Koldytschewo-Sees.  Die  Tage  vom  3.  bis  9.  Juli  bilden
  eine  Kampfwoche  von  unerhörter  Heftigkeit  in
heisem  und  blutigem  Ringen  der  zweiten  Schlacht
von  Baranowitschi.  Angriffe  des  Grenadierkorps
und  der  81.  Division  brechen  im  ruhigen  Feuer  der  auf

Der  Krieg  1914/17.  I.

209

ihren  zerschossenen  Gräben  stehenden  schlesischen  Landwehr
  blutig  zusammen.  Schnelle  und  rücksichtslos  geführte
  Gegenangriffe  werfen  den  hier  und  dort  durch
die  zerstörten  Hindernisse  eingedrungenen  Gegner
hinaus.  In  einem  solchen  Gegenstoß  bei  Darowo
nehmen  die  schlesischen  Landwehrleute  9  Offiziere  und
700  Mann  gefangen.  Am  folgenden  Tage  werden
drei  in  starker  Tiefengliederung  angesetzte  Angriffe
bereits  im  Sperrfeuer  abgewiesen.  Weiter  nördlich
war  es  dem  Angreifer  gelungen,  bei  Skrobowa  und
Kartschewo  in  die  durch  das  Trommelseuer  schwerster
  Kaliber  eingeebneten  Stellungen  unserer  Verbündeten
  zu  süpen.  Deutsche  Reserven  entrissen  in  kühnem
  Gegenstoß  dem  Angreifer  die  Stellungen  bei
Kartschewound  machtenhierbei  1600  Gefangene.  Ein
Gegenangriff  auf  dem  linken  Flügel  bei  Skrobowablieb
  ohne  Erfolg.

Der  5.  Juli  brachte  erneute  starke  und  dichte  Massenangriffe
  auf  der  Front  zwischen  Labusy  und  Zirin.
  Wieder  schlägt  die  Landwehr,  schlagen  tapfere
Posener  und  Brandenburger  alle  Sturmangriffe  ab.
Nur  bei  Darowo  bricht  der  Gegener  ein  und  wird
nochmals  hinausgeworfen.  Deutsche  Reserven  haben
inzwischen  die  österreichischen  Verbände  verstärkt  und
weisen  in  gemeinsamen  Kampf  die  gegen  Mittag  mit
erneuter  Wut  einsetzenden  Angriffe  zurück.  Die  folgenden
  Tage  zeigen  ein  dauerndes  An-  und  Abschwellen
  erbitterter  Kampfhandlungen  der  zweiten  Schlacht
von  Baranowitschi.  Vorübergehende  örtliche  Erfolge
werden  dem  Gegner  durch  frischen  Gegenstoß  und  blutigen
  Handgranatenkampf  sogleich  entrissen.  Nur  in
den  zerschossenen  Gräben  bei  Skrobowa  vermag  sich
der  Kasse  zu  halten.  "

Einen  Höhepunkt  der  Kampfe  zeigt  der  8.
Juli.  Um  3  Uhr  vormittags  greift  eine  sibirische
Schützendivision  bei  Darowo  Überfallartig  an.  Die
dreimaligen,  ohne  besondere  Artillerievorbereitung
vorgetriedenen  Angriffe  brechen  zusammen.  Das
während  der  Angriffe  auf  unsere  Stellungen  abgeebene

  Feuer  mit  etwa  7400  Schuß,  darunter  2000
chwerer  Kaliber,  erzielt  3  Verwundete.  Gleichzeitig
stürmt  die  2.  Grenadierdivision  in  dichten  Angriffswellen
  wiederholt  nördlich  Darowo.  Von  2  Uhr  vormittags
  ab  zersplittern  zahlreiche  tiefgegliederte  Angriffe
  zwischen  Wygoda  und  Zirin  gegen  unsere  seit

wei  Tagen  unter  hefligstem  Artilleriefeuer  in  zerschossenen
  Gräben,  hinter  zerstörten  Hindernissen  stehen.
den  Truppen.  In  die  zurückslutenden  Massen  des
Angreifers  feuert  unsere  Artillerie.  Die  11.  sibirische
Schügzendivision  läßt  etwa  70  Prozent  ihres  Bestandes
  im  Angriffsfelde  liegen.  Am  y9.  Juli  flauen  die
Kämpfe  ab.  Die  zweite  Schlacht  von  Baranowitschi
  neigt  sich  dem  Ende  zu.  Geringen  Geländegewinn
  bei  Skrobowa  als  einzigen  Erfolg  bezahlte
der  mit  mehr  als  doppelter  Übermacht  angreifende
Feind  mit  unermeßlichen  Verlusten.  Die  schlesische
Landwehr,  Posener  und  Brandenburger  halten  mit
den  Verbündeten  die  Schtschara=  und  Serwetsch-Stellungen
  und  Baranowitschi.

m  14.  Juli  wird  ein  Gegenangriff  auf  die  von
den  Russen  gehaltenen  Gräben  bei  Skrobowa  angesetzt.
  Von  5  Uhr  nachmittags  ab  arbeiten  sich  brandenburgische
  Reserveregimenter  in  schwerem  Kampf
heran.  Dem  linken  Flügel  gelingt  es,  in  die  früher
österreichischen  Stellungen  einzubrechen  und  sich  dort
festzusetzen.  Dabei  werden  11  Offiziere,  1500  Russen
gefangen  und  13  Maschinengewehre  erbeutet.  Z

Die  starken  Verluste  in  der  zweiten  Schlacht  bei

11
        <pb n="266" />
        210

Baranowitschi  zwangen  den  Angreifer  in  den  kommenden
  Tagen  zur  Ruhe,  zur  Auffüllung  seiner  zusammengeschossenen
  Divisionen  und  zur  Neugruppierung
  seiner  Kräfte.  Die  Armeeabteilun  oyrsch
benutzte  diese  Ruhepause  zum  Ausbau  der  Stellungen
und  zur  Anlage  starker  Riegelstellungen  in  Erwartung
  des  erneuten  Angriffs.

Am  25.  Juli  entbrennt  der  Kampf  aufs  neue.
Wieder  versucht  der  Russe  den  Durchbruch  an  jener
schmalen  Stelle,  die  ihm  den  bescheidenen  Erfolg  am
3.  Juli  gebracht  hatte.  Ein  Artilleriefeuer  von  unerhörter
  Lefügieit  hämmert  gegen  die  in  den  früheren
Kämpfen  stark  mitgenommenen  Stellungen.  Das
russische  35.  Korps  mit  der  55.  und  67.  Division  sowie
die  52.  Division  des  3.  kaukasischen  Korps  stoßen  auf
einer  Front  von  nur  3  km  Breite  vor.  Anscheinend
sicher  ihres  Erfolges,  stürmen  sie  in  dichten,  tiefgegliederten
  Wellen  heran.  Alle  Verschwendung  aber  an
Eisen=  und  Menschenmassen  bleibt  wirkungslos  gegenüber
  der  Zähigkeit  der  Brandenburger.  Artillerie,
Handgranate  und  Bajonett  verrichten  fürchterliche
Arbeit  und  in  den  späteren  Abendstunden  bedeckten
Tausende  von  russischen  Leichen  das  Angriffsfeld,  von
dem  der  Feind  auch  nicht  einen  Fuß  breit  gewann.
Der  schweren  Anstrengung  folgte  beim  Feinde  am  26.
Juli  die  Ruhe  der  Ercchlastung  Nur  südlich  Baranowitschi
  griff  er  in  den  Abendstunden  nach  kurzer  heftiger
  Artillerievorbereitung  eine  Landwehrdivision  an.
Das  Feuer  von  17  russischen  Batterien  ergoß  sich  über
diesen  schmalen  Abschnitt.  Die  hier  zum  Stoß  anesetzten

  sibirischen  Truppen  wurden  nach  kurzem,  aber
harem  Kampf  unter  schwersten  Verlusten  abgewiesen.

Mit  einer  auch  beim  Feinde  anzuerkennenden  Tapferkeit
  und  Hartnäckigkeit  wurde  am  27.  Juli  am  Skrobowabach
  nochmals  ein  gut  vorbereiteter  und  kraftvoll
  angesetzter  Stoß  geführt.  Das  sich  um  die  Mitlagszeit
  zum  Trommelfeuer  seeigernde  Artilleriefeuer
sollte  der  8  Uhr  30  Minuten  abends  zum  erstenmal
vorbrechenden  russischen  Infanterie  den  Weg  durch
die  Mauer  der  Brandenburger  bahnen.  Der  Feind
fand  sie  in  unveränderter  Festigkeit  und  Ruhe.  Auch
die  starken,  bis  6  Uhr  30  Minuten  vormittags  dreimal
wiederholten  Angriffe  wurden  restlos  abgeschlagen.
Am  29.  Juli  erlosch  mit  abnehmender  Angriffskraft
die  dritte  Schlacht  von  Baranowitschi.  #n  treuer
Waffenbrüderschaft  kämpften  Brandenburger  und
Schlesier  mit  den  verbündeten  Truppen  in  drei  außerordentlich
  blutigen  Schlachten.

Kein  Schritt  vorwärts  gegen  den  Durchbruchspunkt
Baranowitschi.  Einige  hundert  Meter  Schützengraben
  bei  Skrobowa:  —  diesen  strategischen  und  taktischen
  M  Herfolg  erkaufte  und  bezahlte  der  Feind  mit
etwa  40000  Toten,  60000  Verwundeten,  mit  fast
5500  Gefangenen  und  mit  dem  Verlust  von  28  Maschinengewehren.
  So  endete  für  die  russische  Führung
die  dreimalige  Durchbruchsschlacht  von  Baranowitschi.

Aus  den  Kämpfen  der  diüuschen  Karpathentruppen
(1916)1.

Veröffentlicht  am  1.  und  2.  Dezember.

J.
Nach  dem  russischen  Durchbruch  bei  Czernowitz
gingen  die  am  Pruth  und  südlich  kämpfenden  österreichisch-ungarischen
  Heeresteile  durch  die  Bukowina

1  Juli  bis  September.  —  Bgl.  die  Karte  bei  S.  206.
2  177/18.  Juni  1916.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

in  westsüdwestlicher  Richtung  gegen  die  Karpathenlinie
  und  bis  auf  den  Grenzgebirgskamm  zurück.  In
die  weite  Bukowina-Niederung  ergossen  sich  die  Massen
  des  nachdrängenden  Verfolgers.

Aus  der  Bukowina  führen  über  die  Karpathen  in
die  ungarische  Ebene  nur  wenige  größere  Straßen:
im  Norden  Straße  und  Bahnlinie  Kolomea-Delatyn--Körösmezö
  über  den  Tartaren-Paß;  im  Süden
Straße  Kimpolung  Felsö-Visso.  Sie  folgt  dem  Tal
der  Goldenen  Bistritz  und  erreicht  Über  die  Wasserscheide
  des  Prislop-Passes  das  Vissotall  Beide  Stra
hen  münden  in  das  Endziel  Marmarosch-Sziget.  Nur
am  Tartaren-Paß  führt  die  Bahnlinie  über  die  Karpathenkämme
  hinweg  aus  der  Bukowina  nach  Ungarn.
Im  übrigen  hat  Ungarn  sich  gegen  die  Bukowina
wie  gegen  Feindesland  durch  den  Gebirgswall  abgeschlossen
  und  seine  Eisenbahnen  nur  bis  in  die
Nähe  der  Grenzlinie  ausgebaut.

Der  zurückgehenden  k.  u.  k.  7.  Armee  fiel  die  Aufabe

  zu,  den  Karpathenkamm  gegen  einen  russischen
rchbruch  mit  aller  Kraft  zu  halten  und  die  reiche
ungarische  Tiefebene  vor  einem  russischen  Einfall  zu
bewahren.  Der  wichtige,  etwa  120  km  breite  Frontabschnititmußte
  zunächst  mit  verhältnismäßig  geringen
Kräften  gegen  den  andringenden  Verfolger  verteidigt.
werden.  Ende  Juli  stand  die  k.  u.  k.  7.  Armee  zur
Sperrung  der  genannten  Straßen  mit  den  Hauptkräften
  in  den  von  Natur  starken  Höhenstellungen  bei
Dorna  Watra  undin  Linie  Tatarka-Cap  (nördlich
  Kirlibaba),  mit  schwächeren  Teilen  am  Copilas
und  mit  dem  linken  Flügel  beim  Tartaren-Paß.
Gegen  diese  auf  breiter  Gebirgsfront  verteilten  Kräfte
drückte  der  Angreifer  unablässig  vor.  Die  Lage  wurde
kritisch  und  machte  Ende  Juli  den  Einsatz  deutscher
  Kräfte  zum  Schus  der  ungarischen  Tiefebene
erforderlich.  Das  deutsche  Karpathenkorpsunter
  Generalleutnant  von  Conta  wurde  dem  Verbande
  der  k.  u.  k.  7.  Armee  zugeteilt  und  bis  Ende
Juli  über  Marmarosch-Sziget  an  der  Straße  Leordina-Felsö-Wisso
  versammelt.

Die  kritische  Lage  des  linken  Armeeflügels  bedingte
schnelles  und  zielbewußtes  Handeln.  Gegen  den  Tartaren-Paß
  schob  der  Angreifer  starke  Kräfte  vor.  Ein
etwaiger  russischer  Durchbruch  konnte  hier  die  Aufrollung
  der  Karpathenfront  durch  einen  Vorstoß  über
Körösmezö  und  eine  Bedrohung  des  Südflügels  der
Lemberg  deckenden  österreichisch  ungarischen  Front
ermöglichen.  Zur  schnellen  Entlastung  des  bedrängten
  linken  Armeeflügels  46  General  von  Conta
den  überraschenden  Offensivstoß  des  Karpathenkorps
  innordöstlicher  Richtungüber  Linie  Popadia-Copilas
  gegen  und  bis  in  das  Höhengelände  Jablonica-
  Zabie.  Der  Angriff  sollte  durch  Bedrohung
des  linken  Flügels  zener  russischen  Kräfte  östlich  des
Tartaren-Passes  die  Verteidigung  der  wichtigen  Straße
stützen  und  vielleicht  Truppen  von  dort  ab=  und  gegen
das  angreifende  Karpathenkorps  ziehen.

Am  Mittag  des  1.  Augustes  übernahm  General  von
Conta  auch  den  Befehl  über  die  in  seinem  Frontabschnitt
  eingesetzten  österreichisch-ungarischen  Truppen.
Der  allgemeine  Angriff  gegen  die  auf  der  Baba
Ludowa  und  ihren  südwestlichen  und  nordöstlichen
Ausläufern  stehenden  russischen  Kräfte  wurde  für
den  3.  August  befohlen.  Inzwischen  arbeitete  sich  die
rechte  Flügelgruppe  über  die  Popadia  und  im  Popadiniec-Tal
  gegen  den  Südosthang  der  Baba  Ludowa
vor,  während  die  linke  Stoßgruppe  mit  starkem  rechten
  Flügel  den  Angriff  vom  Copilas  üllber  die  Hala
        <pb n="267" />
        Kriegsberichte:  Karpathenkämpfe  1916

Lukawiec  (1506  m)  gegen  die  Ludowa  (1466  m)  durchführen
  sollte.  Ohne  jede  Artillerievorbereitung  wurde
am  3.  August  die  Höhe  1367  (hart  südwestlich  Jawornik)
  gestürmt  und  der  dort  stehende  rechte  russische
Flügel  geworfen.  Am  Nachmittag  begann  in  Gegenwart
  des  Ersperzoß.  Thronfolgers  ein  kurzes  Wirkungsschießen
  der  Artillerie.  Um  3  Uhr  nachmittags
brachen  deutsche  Jägerbataillone  zum  Sturmangriff
vor.  Eine  Viertelstunde  später  war  die  ganze  böhen!
stellung  der  Baba  Ludowa  (1568)—Hala  Mihailewa
(1610)-—Hala  Lukawiec  (1443)  in  unserer  Hand.  Hinter
  dem  eiligst  zurückhehenden  Feinde  wurde  die  Verfolgung
  eingeleitet.  Unsere  unermüdlichen  Truppen
blieben  dem  Gegner  hart  an  der  Klinge.  Zwischen  9
und  10  Uhr  abends  war  der  linke  russische  Flügel
von  der  rechten  Gruppe  gestürmt,  die  Ludowahöhe
von  der  linken  Gruppe  genommen.  Mehrere  Geschütze
  und  Maschinengewehre  sowie  über  550  Russen
fielen  in  die  Hände  des  Angreifers.
Da  die  für  den  folgenden  Tag  befohlenen  Anriffsziele
  (Höhen  von  Stoupny  1274,  südwestlich
Fablonnen  und  Gelände  etwa  2  km  östlich  der  Ludowa)
  im  wesentlichen  schon  am  Vorabend  erreicht
waren,  so  konnte  sofort  der  weitere  Angriff  mit  rechtem
  Flügel  gegen  die  Höhen  Dereskowata  (hart  südwestlich
  Jablonica),  mit  linkem  Flügel  gegen  die  Höhen
Skupowa  (1583  wm)  eingeleitet  werden.  Am  6.  Auust
  stürmte  die  rechte  Gruppe  die  Derestkowataöhen
  und  den  nordwestlich  verlaufenden  Bergrücken
  (1083  m),  während  die  linke  Gruppe  nach  fest
wirksamer  Artillerievorbereitung  aus  dem  Czeredocz=Tal
  am  Spätnachmittag  zum  Sturm  antrat  und  den
Angriff  bis  zur  Höhe  Latr  1196  (Söstlich  Skupowa)
durchführte.  Unter  schweren  Verlusten  räumte  der
Verteidiger  seine  starken  Stellungen  und  zog  sich  in
die  allgemeine  Linie  Joblonica-  Fabie  zurück.  Das
Karpathenkorps  stand  am  8.  August  auf  den  Höhen
hart  nordwestlich  Jablonica.  In  wenigen  Tagen  hatten
  die  Truppen  in  raschem  Angriff  den  befohlenen
Vorstoß  durchgeführt.  Von  einem  weiteren  Vorgehen
wurde  Abstand  genommen.  Der  Gefechtszweck  war
taktisch  erreicht,  vor  allem  aber  mußte  der  hart  mitgenommenen
  Truppe  jetzt  Ruhe  gegönnt  und  der  Nachschub
  an  Munition  und  Verpflegung  sichergestellt  werden.
  Während  den  Russen  drei  brauchbare  Straßen
als  rückwärtige  Verbindungslinien  gegen  ihre  Front
Zabie-Jablonica  zur  Versügung  standen,  war  das
angreifende  Karpathenkorps  zunächst  auf  eine  einzige
  Verbindung  (über  den  Watonarka-Paß)  angewiesen.
  Diese  Straße,  nur  an  einzelnen  Stellen  mit
einem  Knüppeldamm  gut  ausgebaut,  war  von  den
zurückgehenden  österreichisch-  ungarischen  Truppen
indlich  zerstört  worden.  Über  diesen  zerstörten
üppeldamm,  in  Morast  und  Sumpf,  mußte  dem
vorwärtsdringenden  Karpathenkorps  Munition  und
Verpflegung  nachgeführt  werden.  Die  Schwierigkeit
des  Nachschubes  veranlaßte  die  Führung,  zunächst
mit  dem  Karpathenkorps  über  die  erreichte  Linie  nicht
weiter  hinauszugehen.  Das  Eintreffen  neuer  russischer
  Kräfte  in  Gegend  Zabie  und  ein  russischer  Vorstoß
  gegen  die  links  anschließende  k.  u.  k.  Brigade
konnte  zudem  unserem  linken  Flügel  bei  weiterem
Vorgehen  gefährlich  werden.  Da  der  Gefechtszweck
duraues  erfüllt  war,  beschloß  General  von  Conta,  zunächst
  die  Vereinigung  mit  einem  neuen  ihm  unterstellten
  deutschen  Verbande  abzuwarten.  Neue  deutsche
  Truppen  waren  inzwischen  hinter  dem  rechten
Flügel  des  Karpathenkorps  versammelt  worden.

211

Starke  russische  Kräfte  östlich  der  Kirlibaba-Talstraße
veranlaßten  den  Einsatz  dieser  Truppen  zunächst  an
und  beiderseits  dieser  Straße  in  Richtung  auf  Seletin,
mit  einer  Seitenabteilung  über  Sarata  auf  Ploska.
Die  Gruppe  vermochte  gegen  starke  russische  Überlegenheit
  in  heißen  Känpsen  gegen  die  beherrschenden
Höhenstellungen  östlich  der  Talstraße  sowie  gegen  die
starken  Bergstellungen  des  Cap,  der  Magura  und
Stara  Obczyna  nur  langsam  Boden  zu  gewinnen.
Nach  einer  Umgruppierung  wurde  deshalb  die  Gruppe
um  Angriff  mit  starkem  linken  Flügel  und  mit  ihren

auptkräften  westlich  der  Talstraße  gegen  die  Magura
  und  Stara  Obczyna  eingesetzt.

Nach  äußerst  schwerem  und  erbittertem  Kampf
stürmte  am  17.  August  das  1.  Grenadierregiment
mit  Teilen  des  Grenadierregiments  Nr.  3  die  starke,
zäh  verteidigte  Stellung  des  Südteiles  der  Stara
Obczyna,  unterstützt  von  einem  Honvedregiment.
Am  folgenden  Tage  wurde  von  den  Anschlußtruppen
  zwischen  10,30  und  11,30  Uhr  vormittags  die
ganze  Magurastellung  in  glänzendem  Sturmangriff
  genommen,  während  der  linke  Flügel  in
Gegend  Stara  Wipczyna  einen  starken  russischen
Gegenangriff  aus  nördlicher  Richtung  abschlug.  Die
folgenden  Tage  brachten  heftige  und  verlustreiche
Kämpfe  um  die  Stara  Wipczyna,  deren  starke
Stellungen  in  erbittertem  Nahkampf  am  Spätnachmittag
  des  22.  Augustes  gestürmt  und  genommen
wurden.  Da  ein  weiterer  Angriff  gegen  den  überlegenen
  Feind  zunächst  keine  Aussicht  auf  Erfolg  bot,
befestigte  man  die  genommenen  Stellungen.

Die  Lage  des  Karpathenkorps  war  jetzt  eine  so
eigenartige,  wie  sie  eben  nur  die  Verhältnisse  des  Gebirgskrieges
  hervorrufen  können:  Die  linke  Gruppe
nach  siegreichem  Vorwärtsstürmen  in  Gegend  nordwestlich
  Jablonica,  mit  rechtem  Flügel  am  Czeremosztal,
  mit  linkem  Flügel  in  kritischer  Lage  gegen
eine  Bedrohung  aus  Richtung  Zabie,  da  die  anschließenden
  k.  u.  k.  Verbände  gegen  überlegenen  Feind
nicht  vorwärts  gekommen  waren.  Die  rechte  Gruppe
nach  harten  und  schweren  Kämpfen  in  einer  Stelung
  Cap-Maguro  Stara  Wipczyna.  Zwischen  beiden
  Gruppen  ein  leerer  Naum  von  etwa  25  kun  Breite.
Generalleutnant  von  Conta  entschloß  sich  deshalb,  zur
Schließung  dieser  Lücke  seine  Front  zu  verkürzen
und  dadurch  Truppen  freizumachen  als  Reserven  in
Gestalt  einer  beweglichen  Offensiotruppe.

Während  die  rechte  Gruppe  Anfang  September
wiederholt  starke  russische  Angriffe  gegen  ihre  Stellungen
  abschlug,  wurde  die  nördliche  Gruppe  zunächst
  in  die  allgemeine  Linie  Ludowa  (1327  m).
Jawornik  und  nördlich  zurückgenommen:  Die  vorgeschobene
  Stellung  hatte  ihren  Zweck  erreicht  und
hätte  jetzt  nach  der  neuen  Lage  nur  Gefahren  für  die
inneren  Flügel  der  beiden  Gruppen  hervorgerufen.
Ohne  Kampf  gingen  die  tapferen  Jägerbataillone  zurück,
  während  schwache  Nachhuten  den  nachfolgenden
Gegner  aufhielten.

I

Auf  dem  linken  Flügel  der  k.  u.  k.  7.  Armee  war
inzwischen  das  beherrschende  Höhengelände  von  Polonia
  Koczmieska  -Kukul  in  Feindeshand  gefallen.
Der  Besitz  dieser  Höhenzüge  konnte  das  Eindringen
des  Gegners  in  das  Tal  der  Lasczyna  vorbereiten
und  bedeutete  eine  starke  Gefährdung  des  wichtigen
Ortes  Körösmezö  im  Tal  der  Schwarzen  Theiß.
Luch  der  strategisch  wichtige  Tartaren-Paß  war  nicht

14*
        <pb n="268" />
        212

mehr  fest  in  der  Hand  unserer  Verbündeten.  So
war  die  Lage  auf  diesem  Flügel  besonders  kritisch  geworden.
  Zur  Unterstützung  wurden  zu  Beginn  der
letzten  Augustwoche  stärkere  deutsche  Kräfte  über  Körösmez5
  herangeführt.  Südöstlich  Körösmezö  stand
ein  österreichisch-ungarisches  Korps  seit  Tagen  in
schwerem  Kampf  gegen  überlegenen  Feind.  Die  deutschen
  Truppen  erhielten  deshalb  den  Befehl,  das  k.  u.  k.
Korps  im  Angriff  gegen  die  Linie  Kowerla-Koczmieska-Kuk
  zu  unterstützen.  Bis  zum  Abend  des  29.
Augustes  waren  alle  Angriffsvorbereitungen  durchgeführt.
  Am  folgenden  Tage  traten  nach  kurzer  Arlillerievorbereitung
  gegen  die  Höhen  Polonia  Koczmieska
  und  Kuk  (1540  m)  die  Hauptkräfte  der  Deutschen
  zum  Sturm  an.  Bereits  gegen  6  Uhr  vormittags
war  der  Höhenkamm  der  Koczmieska  erreicht.  Die
Hänge  des  Kuk  wurden  fast  ohne  jede  Artillerievorbereitung
  in  kühnem  Handstreich  gestürmt  und
genommen.  Nachmittags  wurden  heftige  Gegenangriffe
  unter  erfolgreicher  Mitwirkung  von  österreichisch-=
  ungarischen  Gebirgsbatterien  restlos  abgeschlagen.
  In  einem  sehr  stark  ausgebauten  Stützpunkt
am  Hange  des  Kuk  (1297  m)  leistete  der  Verteidiger
besonders  zähen  Widerstand.  In  umfassendem  Angriff
  wurde  dieses  etwa  1400  m  breite  Russennest
am  folgenden  Tage  gestürmt.  Einige  Offiziere,  Über
800  Mann  fielen  mit  7  Maschinengewehren  und  Hunderttausenden
  von  Patronen  in  die  Hände  des  Angreifers.
  Nach  mehreren  vergeblichen  Gegenangriffen
aus  Richtung  Klewa  gab  der  Feind  seine  Absichten
zur  Wiedereroberung  der  verlorenen  Stellungen  zunächst
  auf.  Weiter  nördlich  wurde  zu  Beginn  des
Monats  September  die  Lage  noch  kritischer.

Starke  russische  Angriffe  gegen  die  hier  kämpfenden
  k.  u.  k.  Truppen  hatten  die  beherrschenden  Höhen
der  Douha  (nordwestlich  des  Tartaren-Passes)  in
Feindeshand  fallen  lassen.  Am  Mittag  des  8.  Septembers
  hatte  der  Gegner  den  Abschnitt  Prutczyk,
(Prutek.)  Tal-Douha  (18378  m)  genommen.  Zwar
wurden  die  Nordwestausläufer  des  Douharückens  von
den  Verbündeten  noch  gehalten;  indessen  war  die
Stellung  von  zwei  Seiten  bereits  umfaßt  und  die  Zurücknahme
  dicses  Frontabschnittes  erforderlich.  Um
die  Lage  wiederherzustellen  und  den  Gegner  am  weiteren
  Vordringen  nördlich  des  Tartaren-Passes  auf
Körösmezs  zu  verhindern,  wurde  eine  Stoßgruppe
gebildet  mit  dem  Austrag,  zunächst  die  am  Nachmittag
  des  3.  Septembers  ebenfalls  vom  Feinde  eroberten
Stellungen  im  Gelände  zwischen  Tartaren-Paß  und
Prutektal  wiederzunehmen.

Anm  4.  September  wurde  der  Angriff  eingeleitet.
  In  heißen  Kämpfen  gelang  es,  die  Stellungen
im  Südabschnitt  mit  unseren  nur  geringen  Kräften
im  Sturm  zu  erobern.  Besonders  schwierig  gestaltete
sich  die  Gefechtslage  auf  dem  Flügel  der  Gruppe,  die
im  Angriff  gegen  die  Hänge  der  Wizna-Preluka  nur
mühsam  Boden  gewann.  Hier  war  es  dem  kühnen
Verhalten  des  Führers  einer  Maschinengewehrkompanie
  zu  verdanken,  daß  ein  russischer  Durchbruch
mißllang.  Dieser  Offizier  sammelte  zurückweichende
28  faßte  sie  fest  unter  seinem  Kommando  zusammen
und  schlug,  von  allen  Seiten  bereits  vom  Feinde
aumzingelt,  durch  schneidigen  Gegenangriff  die  Russen
urück,  bis  durch  Unterstützung  heraneilender  k.  u.  k.
Truppen  die  Lage  wiederhergestellt  wurde.

Etwa  Mitte  September,  nach  schweren  und  blutigen
Kämpfen  um  die  Stellungen  in  Linie  Cap-Stara
Wipczyna,  die  mehrfach  ihren  Besitzer  wechselten

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

und  schließlich  gegen  den  überiegenen  Angreifer  nicht
pt  halten  waren,  wurden  die  dort  fechtenden  Teile
es  Karpathenkorps  und  der  ihm  unterstellten  k.  u.  k.
Verbände  in  neue  Stellungen  zurückgenommen.  Der
Frontabschnitt  führte  nun  vom  Cap  zunächst  in  westlicher
  Richtung  über  den  Cimbroslawa-Rücken,  dann
westlich  gleichlaufend  zur  Grenzlinie  über  den  Coman
und  Rotund  nach  dem  Stefulec-Rücken.  Der  Druck
des  überlegenen  Feindes  richtete  sich  nun  zunächst
gegen  die  Capstellung  mit  einem  am  12.  September
  eingeleiteten  starlen  Angriff.  Der  Tag  endete
nach  heißem  Kampf  mit  der  restlosen  Behauptung
der  ganzen  Stellung  gegenüber  einer  einheitlich  geplanten
  und  mit  mindestens  fünf  Divisionen  durch
eführten  russischen  Offensive,  die  dem  Feind  die
chwersten  Verluste  brachte.  Ohne  Zweifel  hatte  hier
der  Gegner  unter  Anspannung  feiner  ganzen  Kraft
einen  Durchbruch  gegen  die  Kirlibaba-Straße  und
den  Prislop-Paß  beabsichtigt.  Trommelfeuer  gegen
die  Stellungen  braver  Honvedtruppen  auf  dem  Cap
leitete  am  folgenden  Tage  einen  neuen  Angriff  ein.
Nach  mehrfachem  abgeschlagenen  Ansturm  gelang  dem
Gegner  am  späteren  Nachmittag  der  Einbruch  an
mehreren  Stellen.  Da  alle  Gegenangriffe  erfolglos
blieben,  mußte  schließlich  auch  der  rechte  Flügel  der
westlich  anschließenden  deutschen  Truppen  nachgeben
und  seine  Stellung  auf  dem  D'Ormului  (zwischen
Cap  und  Cimbroslawa)  zunächst  ausgeben.  Die  ganze
Capstellung  war  verloren,  falls  es  nicht  gelang,  den
D'Ormului-Rücken  wiederzugewinnen.  Unterstützt
durch  ein  bayerisches  Bataillon,  nahmen  ostpreußis
Regimenter  in  rücksichtslosem  Gegenangriff  ihre  alten
Stellungen  auf  dem  D'Ormului  wieder.

Auch  gegen  den  linken  Flügel  des  Karpathenkorps
drückte  der  Angreifer  mit  überlegenen  Kräften  vor.
Nach  schwerem  Kampf  am  16.  September  um  die
Höhenstellung  auf  dem  Stefulec-Rücken  gelang  es
am  folgenden  Tage  dem  Feinde,  unter  dem  Schutz
des  dichten  Gebirgsnebels,  der  alle  Höhenzüge  mit
undurchdringlichem  Schleier  einhüllte,  hart  nordöstlich
  des  Stefulec  in  unsere  Stellungen  einzudringen.
Unter  schweren  Gefechten  wurde  dieser  Abschnitt
zurüsgenommen  Die  folgenden  Tage  zeigten

en  Höhepunkt  der  Krisis.  Der  Feind  nützte  die  inzwischen
  herangeführten  erheblichen  Verstärkungen
aus  und  drückte  mit  Üüberlegenen  Massenangriffen
grgen  die  beabsichtigten  Einbruchsstellen  Tatarkaap

  und  Ludowa.  Am  20.  September  tobt  heißer
Kampf  um  die  Ludowahöhe  (1466  m).  In  dichten
Wellen  vorgetriebene  Massenstöße  brechen  dicht  vor
den  Linien  der  dort  zähen  Widerstand  leistenden  Jäger
  zusammen.  Ohne  jede  Rücksicht  auf  Verluste
Kreirt  der  Gegner  immer  von  neuem  an.  Bis  zum
lbend  gelingt  es  unter  Einsatz  aller  noch  verfügbaren
Reserven,  die  verzweifelten  Durchbruchsversuche  zu
vereiteln.  Auch  der  aus  dem  Probinatal  7  Uhr  abends
angesetzte  siebente  Angriff  mit  der  Absicht,  unseren
Flügel  nördlich  Stara  Klauzura-Lukawiec  zu  umfassen,
  scheitert  völlig.

Dieser  Tag  hat  dem  Gegner  eine  ganz  erhebliche
Einbuße  seiner  Gefechtskraft  eingebracht.  Gleichwohl
erneuerte  der  Feind  am  nächsten  Tage  seine  Massenangriffe
  gegen  die  Ludowa-Front  und  weiter  nördlich
gegen  Staiki  (nördlich  Jawornik).  Vor  außerordentlich
  schwerem,  wiederholtem  Angriff  mußte  schließlich
die  Kuppe  1586  Baba  Ludowa  geräumt  werden.
Die  Einbruchsstelle  wurde  sofort  abgeriegelt.

Unter  wechselnden  Erfolgen  wurden  nun  in  den
        <pb n="269" />
        Kriegsberichte:  Karpathenkämpfe  1916;  Sommeschlacht

folgenden  Tagen  die  Kämpfe  fortgesetzt.  Wütende
Angriffe  gegen  die  Kahle  Kuppe“  am  Mihailewa-Rücken
  und  gegen  den  Frontabschnitt  bei  Stara
Klauzura-Lukawiec,  desgleichen  gegen  die  Ludowa
  (1327  m)  scheiterten  für  den  Feind  unter
schwersten  blutigen  Verlusten.  Gegen  die  vom  Feinde
genommenen  Teile  unserer  Linie  wurde  am  29.  September
  ohne  jede  Artillerievorbereitung  ein  überraschender
  Gegenangriff  von  der  Hala-Mihailewa
nach  Norden  und  vom  Ludowka-Rücken  nach  Süden
angesetzt  und  mit  vollem  Erfolge  durchgeführt.  Der
eworfene  Gegner  ließ  über  530  Mann  und  8  Mascoinengewehrs
  in  den  Händen  des  Angreifers.

Mitte  September  hatte  die  taktische  Lage  des  von
überlegenem  Feinde  dauernd  angegriffenen  Karpathenkorps
  einige  Umgrupierungen  veranlaßt.  Am
18.  September  feieffen  in  der  Mittagsstunde  starke
russische  Kräfte  gleichzeitig  den  linken  Flügel  des  Karpathenkorps
  auf  der-Namenlosen  Kuppe,  zwischen
Stajki  und  Smotrec  und  das  Nachbarkorps  auf  dem
Smotrec  an.  Beide  Höhen  gingen  verloren,  die
Angriffsstelle  wurde  aber  sofort  abgeriegelt  und  ein
Gegenangriff  eingeleitet,  zu  dem  beide  Korps  Reserven
  heranschoben.  Am  20.  September  griffen  die
Deutschen  die  Russen  an.  Während  aber  der  russische
Angriff  südlich  der  -Namenlosen  Kuppe=  verlustreich
scheiterte,  stürmte  der  deutsche  linke  Flügel  den  Smotrec,
  warf  den  hartnäckigen  Widerstand  leistenden
Feind  aus  seinen  Stellungen  und  schlug  mehrere
Gegenangriffe  ab.  Leider  war  am  folgenden  Tage
die  unbefestigte,  durch  kein  Hindernis  gesicherte  Stellung
  gegen  erneute  Angriffe  auf  die  Dauer  nicht  zu
halten.  Der  heißumstrittene  Bergrücken  fiel  noch
einmal  für  einige  Tage  in  Feindeshand.  Zur  gleichen
Zeit  waren  auf  der  ganzen  Front  des  Karpathenkorps
schwere  Kämpfe  im  Gange.  Die  Cimbroslawastellung
  wurde  wiederholt  mit  starken  Kräften  angeriffen.

  Aber  hier  wie  in  der  Piriestellung  (Rücken
harl  nördlich  des  Rotund)  brachen  die  Angriffe  vor
den  Hindernissen  blutig  zusammen.  Erst  nach  sechsmaligem
  Masseneinsag  gelangen  vereinzelte  Einbrüche,
  die  in  wildem  Nahkampf  mit  Handgranate
und  blanker  Waffe  wieder  ausgeglichen  wurden.  Ein
letzter  und  siebenter  Angriff  scheiterte  völlig.

In  der  folgenden  Zeit  bis  elwa  Mitte  Oktober
kennzeichnen  sich  als  die  Brennpunkte  der  Karpathenkämpfe
  erbitterte,  wechselvolle  Gefechte  um  den  Smotrec,
  um  die  „Namenlose  Kuppe-,  um  den  von
bayerischen  Tru#  en  erstürmten  Coman  (südöstlich
des  Rotund).  Sie  endeten  mit  der  Eroberung  der
wichtigen  beherrschenden  Höhen.  Deutsche  Jägerbataillone
  aus  allen  Teilen  des  Vaterlandes,  Regimenter,
  die  bereits  in  Frankreich  unvergänglichen
Lorbeer  um  die  Feldzeichen  winden  durften,  halten
jetzt  in  stark  ausgebauten  Winterstellungen  zusammen
mit  braven  österreichisch-ungarischen  Kameraden  die

Karpathengrenze.

Die  Schlacht  an  der  Somme  in  den  Monaten  Juli
bis  November!.

Veröffentlicht  am  22.,  24.,  25.  August,  28.,  29.  und  30.
Dezember  1916.

J.
Als  nach  dem  ersten  stürmischen  Anprall  der  deutschen
  Heere  unsere  Fronnt  im  Westen  aus  strategischen

1  Bgl.  hierzu  die  Karte  Somme  -Nisnes.

213

Gründen  an  die  Aisne  zurückverlegt  war,  entstand
in  den  Herbstmonaten  1914  jene  Linie,  die,  bei  Noyon
in  den  bekannten  scharfen  Winkel  umbiegend,  sich  bis
um  Meere  erstreckt.  Indem  sie  sich  von  Punkt  zu
HPuntt  verknorpelte,  ging  der  Bewegungskrieg  allmählich
  in  die  Form  des  Stellungskrieges  über.  Beide
Gegner  bauten  ihre  Stellung  aus-,  verwandelten
sie  in  ein  genau  den  örtlichen  Verhältnissen  angepaßtes,
  kunstvolles,  nach  der  Tiefe  gegliedertes  System
von  Schützengräben  mit  vorgelegten  Drahthindernissen,
  nach  rückwärts  mit  den  erforderlichen  Verbindungs.
  und  Annäherungsgräben.

Der  Abschnitt,  welchen  unsere  Gegner  für  ihre
neuen  und  gewaltigen  Anstrengungen  auserwählt
hatien,  ist  in  der  Luftlinie  etwa  40  knm  breitz  er  erstreckt
sich  in  der  Pikardie  zwischen  den  Dörfern  Gommécourt,
  westnordwestlich  von  Bapaume  und  Vermandovillers,
  fsüdwestlich  von  Péronne.  Die  beiden
genannten  Städte  bildeten  das  Angriffsziel.

Das  Gelände  ist  eine  teilweise  leicht,  keilweisekräftig
  gewellte  Ebene,  fruchtbar  und  gut  angebaut,  mit
vielen  wohlhabenden  Dörfern  und  wenigen  kleinen
Waldparzellen  durchsetzt.  Zwei  Wasserläufe  bilden
starke  Einschnitte.  Zunächst  der  Sommefluß.  Er
läuft  in  kanalisiertem  Zustande  durch  eine  versumpfte
Niederung  von  Silden  her  bis  an  die  Stadt  Peronne
heran,  dann  mit  starken  Windungen  in  hauptsächlich
prstlicher  Richtung.  Zwischen  den  Dörfern  Curlu
und  Eclusier  unterbrechen  seine  Windungen  mit  den
von  ihnen  umschlossenen  Sumpfwiesen  auf  eine  Breite
von  4  km  senkrecht  das  beiderseitige  Grabensystem,
an  dessen  Stelle  hier  nur  Drahthindernisse  vorhanden
  waren.

Einen  ähnlichen,  allerdings  nicht  ganz  so  bedeutungsvollen
  Einschnitt  bildet  der  Ancre-Bach,  welcher
von  Nordosten  nach  Südwesten  durch  die  Stadt  Albert
hindurch  der  Somme  zuströmt,  die  er  hinter  der  feindlichen
  Front  westlich  Corbie  erreicht.  Seine  Niederung
  durchschneidet  zwischen  den  Dörfern  Thiepval
und  Hamel  die  Hies  etwas  nach  Südwesten  zurückgebogenen
  beiderseitigen  Ausgangsstellungen.

So  gliedert  sich  das  Gebiet  der  Sommeschlacht
in  drei  Abschnitte:den  Nordabschnitt  von  Gommécourt
  bis  Hamel,  den  mittleren  Abschnitt  von  Thiepval
  bis  Curlu  und  den  Südabschnitt  vom  Südrand
von  Frise  bis  Vermandovillers,  der  alten  Hauptstadt
der  Viromanduer.  Die  Dörfer  und  Waldstücke  des
Schlachtfeldes  wurden  zu  Stütz=  und  Brennpunkten
des  gewaltigen  Ringens.

Die  feindliche  Stellung  war  1½  Jahr  lang  ganz
von  Franzosen  besetzt  gewesen,  bis  die  Engländer
einen  Teil  übernahmen.  Der  Punkt,  an  welchem  sich
die  englische  und  die  französische  Front  berührten,
liegt  auf  einer  Stelle,  welche  man  etwa  findet,  wenn
man  eine  gerade  Linie  vom  Nordrande  von  Combles
nach  dem  Südrande  von  Carnoy  zieht.

II.

Der  Angriff  auf  eine  derartige  befestigte  Feldstellung
  bedarf  erheblicher  Vorbereitungen.  Anzeichen
wurden  von  unseren  Truppen  schon  etwa  Mitte  Mai
beobachtet.  Von  Ende  Mai  an  wurde  erhöhte  Erkundungstätigkeit
  angeordnet,  der  n-r  der

Feind  sehr  wachsam  war.  Verschiedene  Patrouillenunternehmungen
  mißglückten  daher.  ei  anderen,
erfolgreichen  Aufklärungsversuchen  wurden  Gefangene
  eingebracht,  wobei  man  feststellen  konnte,  daß
der  Gegner  seine  Grabenbesatzungen  zusammenschob
        <pb n="270" />
        214

und  verstärkte.  Unsere  Flieger  erlannten  hinter  der
feindlichen  Front  erhöhte  Tätigkeit,  eine  Menge  neuer
Feldbahnen  und  Unterkunftsanlagen.  Das  alles  gestattete
  aber  noch  keinen  sicheren  Schluß  auf  Stärke
und  Umfang  des  bevorstehenden  Angriffs.  Denn
der  Feind  entfaltete  zugleich  auch  auf  der  übrigen
Front  eine  lebhafte  Tätigkeit,  um  seine  Absichten  zu
verschleiern.  Volle  Klarheit  kann  erst  der  tatsächlich
einsetzende  Angriff  liefern.

Das  erste  bestimmte  Anzeichen  der  feindlichen  Absichten
  war  das  Einsetzen  einer  starken  Artillerievorbereitung,
  welche  vom  22.  Juni  ab  sich  zu
immer  größerer  Heftigkeit  steigerte.  Es  wurde  nun
erkennbar,  daß  der  Feind  auf  schmalem  Raum  sehr
viele  Geschütze,  darunter  auch  schwere  Schiffsgeschütze,
angehäuft  hatte.  Der  taktische  Zweck  einer  solchen
Beschießung  ist,  die  ausgebauten  Stellungen,  insbesondere
  die  deckenden  Unterstände  und  Stützpunkte
sowie  die  vorgelagerten  Drahineruse  endlich  auch
die  Ruhestellungen  hinter  der  Front  und  die  Annäherungswege,
  so  vollständig  wie  möglich  zu  zerstören
und  die  Widerstandskraft  der  Verteidiger  gründlich
zu  erschüttern.  Dieses  Wirkungsfeuer  wurde  dadurch
unterstützt,  daß  der  Feind  auch  vielfach  Gasgranaten
verwandte  und  in  den  Pausen  seines  Sperrfeuers  bei
geeigneter  Luftströmung  Gas  über  unsere  Stellung
hinstreichen  ließ.  Den  Verteidigern,  deren  Nerven
durch  das  vieltägige  Tronnnelfeuer  ohnehin  einer
starken  Belastungsprobe  ausgesetzt  waren,  brachte  das
den  weiteren  Nachteil,  daß  sie  während  des  erschöpfenden
  Wartens  auf  den  ungrif  auch  noch  beständig
die  Gasmaske  tragen  mußten.  Vom  25.  bis  30.  Juni
steigerte  sich  die  Beschießung  zu  einem  ununterbrochenen
  Trommelfeuer.  Es  richtete  sich  gegen  die
ersten  und  zweiten  Stellungen  und  die  Artilleriestellungen
  sowie  gegen  die  Sommebrücken.  Nach  diesem
siebentägigen  Trommelfeuer  hatten  die  Gräben  der
gesamten  Angriffsfront  stark  gelitten.

II

Am  1.  Juli  morgens  5  Uhr  schwoll  auf  der  ganzen
  Front  von  Gommccourt  bis  Vermandovillers,
  am  meisten  aber  unmittelbar  nördlich  und
südlich  der  Somme  das  Trommelfeuer  zu  unerhörter
Heftigkeit  an.  Verderbendrohend  wälzten  sich  Gaswolken
  ihm  nach.  Von  9  Uhr  an  ward  es  deutlich,
daß  der  Sturm  unmittelbar  bevorstand:  das  Feuer
prasselte  hauptsächlich  auf  die  vorderen  Gräben.  Um
10  Uhr  30  Minuten  verlegte  der  Feind  es  auf  unsere
zweite  Stellung,  und  gleich  darauf  erfolgte  auf  der
ganzen  Linie  der  allgemeine  Sturm.

In  einem  Teil  der  berannten  Stellungen  fielen
dem  Feind  Gefangene  anheim;  zerschossene  Maschinengewehre
  und  eingebaute  Geschütze  älterer  Art
wurden  seine  leichte  Beute  —  diese  selbstverständlich
im  letzten  Augenblick  von  den  Verteidigern  gesprengt.
Das  Feuer  der  französischen  Artillerie  wurde  durch
Flieger  gelenkt,  welche  aus  geringer  Höhe  Bomben
auf  unsere  Schützengräben  warfen.  Unsere  Divisionen
  auf  dem  rechten  Flügel  des  Südabschnittes  hatten
am  Abend  des  ersten  Schlachttages  einen  starken  Ausfall
  an  Artillerie.

Trotzdem  bedeutete  für  die  Angreifer  der  erste
Kampftag  eine  Enttäuschung.  Aus  allen  Gefangenenaussagen
  geht  hervor,  daß  Engländer  wie  Franzosen
des  •4hn  laubens  gewesen  waren,  der  siebentägige
Eisenhagel  müsse  die  Widerstandskraft  der  Verteidigung
  bis  auf  den  letzten  Rest  zertrümmert  haben.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Sie  waren  auf  einen  Shaziergeng  gefaßt  gewesen
und  fanden  trotzigen,  hartnäckigen  Widerstand,  muß.-ten
  sehen,  wie  der  vernichtet  geglaubte  Feind  schwere
blutige  Berluste  in  ihre  Reihen  riß.  Unsterblich  wird
der  Ruhm  der  Männer  bleiben,  die  nach  solcher  Tage
Höllengraus  noch  unverzagt  dem  Feind  die  Stirn
boten,  seine  Pläne  gleich  im  Beginn  zerschlagen  haben.
In  der  Dankbarkeit  des  Volkes  leben  die  ihrem  Posten
bis  zum  Tod  Getreuen  fort,  denen  der  einstürzende
Graben  das  Ehrengrab  geworden  ist.

An  diesem  ersten  Tage  des  großen  Angriffs
haben  die  deutschen  Truppen  den  nördlichen  Abschnitt
  bis  zur  großen  Straße  Albert-Bapaume
  in  seinem  ganzen  Umfange  gehalten.
Südlich  der  Straße  gelang  es  den  Engländern,  an
vielen  Stellen  in  unsere  vordersten  Gräben  einzudrinen,

  während  die  Franzosen  gar  bis  zu  den  äußersten
Rändern  der  Dörfer  Hardecourt  und  Curlu  vorstießen
  und  während  der  folgenden  Nacht  letzteres
Dorf  ganz  in  ihren  Besitz  brachten.  In  dem  Abschnitt
südlich  der  Somme  fielen  den  Franzosen  unsere  vordersten
  Stellungen  in  der  ganzen  Breite  des  Abschnittes
zwischen  Somme  und  der  Römerstraße  in  die  Hand.
und  auch  der  Ortschaften  Dompierre,  Becquincourt,
Bussus  und  Fay  konnte  sich  der  Feind  bemächtigen.
Wie  wenig  aber  der  Gewinn  des  Tages  den  Hoffmungen
  der  Engländer  entsprach,  geht  am  deutlichten
  daraus  hervor,  daß  nach  einem  Angriffsbefehl,
er  sich  bei  einem  gefangenen  Engländer  gefunden
hat,  schon  am  ersten  Tage  die  Linie  Puisieux-Miraumont-Martinpuich
  erreicht  werden  sollte,  eine  Linie,
die  heutel,  nach  sieben  Wochen,  an  keinem  Punkt  ein
feindlicher  Soldat  —  es  sei  denn  als  Gefangener  —
betreten  hat.

Während  der  Nacht  vom  1.  zum  2.  Juli  wurde
auf  deutscher  Seite  die  Artillerie  soweit  angängig
verstärkt.  Viele  außer  Gefecht  gesetzte  Geschütze  holte
die  hingebende  Arbeit  ihrer  Bedienungsmannschaften
noch  im  Laufe  der  Nacht  aus  den  verlassenen  Batteriestellungen
  zurück.  Auch  gelang  es  ohne  Kämpfe
und  ohne  nennenswerten  Verlust,  Infanterieverstärkungen
  in  die  gehaltene  Zwischenstellung  einzubringen.

IV.

Der  zweite  Tag  brachte  auf  der  ganzen  Front
die  Fortsetzung  der  erbitterten  Angriffe.  Nördlich  der
Somme  war  den  Gegnern  kein  stärkerer  Erfolg  beschieden,
  nur  wieder  hohe  blutige  Verluste.  Sühdlich
des  Flusses  indessen  gelang  es  uns  zwar,  Estrées
Eyen  wütende  #ngrfe  zu  halten,  aber  die  Dörfer

uscourt,  Herbékcourt,  Assevillers  fielen  in
die  Hand  des  Feindes.  In  der  Nacht  vom  2.  zum
3.  Juli  sah  sich  die  rechte  Flügeldivision  des  hier  fechtenden
  Armeekorps  genötigt,  in  die  Linie  Biaches-Barleux
  zurückzugehen.

Die  weiteren  Ereignisse  südlich  der  Somme  vom
3.  bis  14.  Juli.  Hier  war  am  Abend  des  3.  Juli
die  Lage  die,  daß  unsere  vordere  Linie  sich  von  Biaches
  über  die  dem  Feinde  zugewandten  Dorfränder
von  Barleux,  Setlont  und  Estrées  nach  Soyécourt
  zog.  Durch  die  Loslösung  der  rechten  Flügeldivision
  vom  Feinde  war  vor  ihrer  Front  ein  Zwischenraum
  entstanden,  in  den  der  Feind  nur  zögernd
vorrückte.  Der  3.  Juli  blieb  ohne  Infanterieangriffe.
doch  lagen  unsere  neuen  Stellungen  beständig  unter
schwerstem  Artilleriefeuer.  Mitten  zwischen  beiden

1  22.  August  1916.
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        Kriegsberichte:

Fronten  lag  völlig  verlassen  das  Dorf  Flaucourt.  Es
wurde  erst  in  der  Nacht  vom  3.  zum  4.  vom  Feinde
besetzt.  Inzwischen  waren  hinter  dem  Südabschnitt
erhebliche  Verstärkungen  an  Artillerie  und  Infanterie
  eingetroffen;  die  erstere  nahm  die  neuen  feindlichen
Stellungen  unter  scharfes  Feuer,  die  letztere  brachte
den  erschöpften  und  zurückgezogenen  Truppen  der
vordersten  Linie  die  wohlverdiente  Ablösung.  Durch
Offizierpatrouillen  stellten  wir  fest,  daß  der  Feind
sich  an  den  äußeren  Rändern  von  Flaucourt  und
Assevillers  eingrub.  Am  Abend  dieses  Tages  begannen
  weitere  feindliche  Vorstöße  auf  der  Linie
Belloy—Estrées-Soyéêcourt.  Der  Feind  nahm
Belloy  und  stieß  weiter  nach  Süden  vor,  wurde  aber
durch  Gegenangriff  wieder  in  das  Dorf  hineingeworfen
  und  auf  die  Straße  Barleux-Berny  zurückgedrückt,
  welche  noch  heuten  den  Verlauf  unserer  vorderen
  Stellungen  bezeichnet.  Vergebens  brach  der
Feind  zwischen  Estrees  und  Soyccourt  nach  Deniécourt
  vor  und  herein,  unsere  Reserven  warfen  ihn
wieder  hinaus.  Am  äußersten  rechten  Flügel  des
Südabschnittes,  am  Somme-Ufer,  drückte  der  Feind
eine  weit  vorgeschobene  Kompanie  auf  das  rechte
Somme  Ufer  zurück,  die  Weichenden  sprengten  hinter
sich  die  Sommebrücke  bei  Halle  in  die  Lust.  Im
übrigen  hielt  der  rechte  Flügel  bei  Biaches.  Noch  in
der  Nacht  vom  4.  zum  5.  Juli  scheiterte  ein  feindlicher
Angriff  auf  Biaches  in  unserem  Sperrfeuer.

Inzwischen  waren  weitere  Verstärkungen  eingetroffen.
  In  heftigen  Kämpfen  um  den  Besitz  von  Belloy
und  Estrées  blieb  ersterer  Ort  schließlich  in  der  Hand
des  Feindes.

So  hatte  sich  in  den  Kämpfen  der  ersten  fünf  Julitage
  für  den  Südabschnitt  eine  neue,  rechts  stark  zurückgebogene
  Frontlinie  gebildet.  Sie  verlief  nunmehr
  in  ihrem  Nordteil  nördlich  der  Somme  von
Hem  über  die  Monacu-  Ferme  am  Südrande  von
Clery  und  Halle  entlang  bis  nach  Sainte  Radeponde
der  Vorstadt  von  Peronne,  ging  dann  bei  Biaches
auf  das  linke  Somme-Ufer  über,  umschloß  Biaches
einschließlich  der  Ferme  La  Maisonette  und  Barleux,
von  hier  aus  folgte  sie  der  Straße  Barleux-Berny
bis  zur  Römerstraße,  schwang  sich  an  dieser  entlang
in  weitem  Bogen  um  Belloy  herum,  dann  wieder
nördlich,  so  daß  das  gane  Dorf  Estres  nebst  seinem
Gürtel  von  etwa  1  km  Breite  noch  in  unserer  Hand
war,  und  traf  etwa  1  km  südlich  der  Römerstraße
wieder  auf  unsere  unerschütterten  alten  Stellungen.

Die  nächsten  Tage  wurden  damit  verbracht,  die
nunmehr  festgelegten  Stellungen  auszubauen  und
die  Verhältnisse  neu  zu  ordnen.  Erst  am  9.  Juli  beann

  eine  Reihe  von  Einzelangriffen.  An  diesem
Lag  konnte  nach  kurzem  Trommelfeuer  der  Feind
Biaches,  La  Maisonnette  und  Barleux  nehmen.
  Barleux  wurde  aber  sofort  durch  zwei  Kompanien
  der  mecklenburgischen  Grenadiere  wieder  erobert,
  und  eingetroffene  Verstärkungen  holten  am  10.
auch  La  Maisonnette  zurück.

Der  11.  Juli  brachte  auf  dem  gesamten  Abschnitt
südlich  der  Somme  einen  neuen  großen  Angriff  der
Franzosen,  der  indessen  abgeschlagen  wurde,  ebenso
wie  ein  fernerer  Angriff  auf  Barleux.

Am  15.  gelang  es,  Biaches  zurückzuerobern,
während  am  16.  die  Maisonnette-Ferme  verlorenging
  und  bis  heute  noch  in  den  Händen  des  Feindes
blieb.  Der  nördlich  der  Ferme  gelegene  Wald  fiel

1  Ende  August  1916.

Sommeschlacht  215

ebenfalls  am  16.  an  den  Feind,  er  wurde  aber  bald
wiedergenommen.  Am  16.  waren  heftige  Angriffe
geoen  iaches,  am  17.  solche  gegen  Biaches  und  den

aisonnette-Wald  zu  bestehen.  Dann  trat  am  18.
und  19.  im  Südabschnitt  verhältnismäßige  Ruhe  ein.

V.

Während  dies  sich  im  Südabschnitt  abspielte,  hatten
im  mittleren  Abschnitt,  Sois  chen  Somme  und
Anere,  ebenfalls  heftige  Kämpfe  stattgefunden.  Wir
hatten  gesehen,  daß  es  hier  den  Engländern  in  den
nördlichen  zwei  Dritteln  des  Abschnittes  am  ersten
Tag  lediglich  gelungen  war,  in  die  vorderste  deutsche
Stellung  einzudringen  und  bis  zum  Rande  der  Dörfer
  Mametz  und  Montauban  vorzudringen.
Gleichzeiti  ½“.  die  Franzosen  bis  an  den  Westrand
  von  Larderourk  vorstoßen  und  südlich  noch  das
Dorf  Curlu  nehmen  können.  Ein  geringer  Erfol
in  Anbetracht  dessen,  daß  auch  hier  eine  womögli
noch  stärkere  Artillerievorbereitung  vorausgegangen
war  bei  beispiellosem  Einsatz  schwerer  und  schwerster
Geschütze.  Von  nun  an  wurde  in  diesem  Adschnitt
fast  ohne  jede  Unterbrechung  gekämpft.  Der  Feind
war  fortgesetzt  in  der  Lage,  die  gleichen  ungeheuren
Massen  von  Geschützen  aller  Kaliber,  ferner  Minenfeuer
  und  Gasangriffe  wirken  zu  lassen  und  seiner
Feuertätigkeit  durch  eine  Überzahl  von  Flugzeugen
die  Richtung  zu  geben.  Auch  setzte  er  bei  seinen  Infanterieangriffen
  starke,  völlig  frische  Truppenmassen
mit  einer  rücksichtslosen  Menschenvergeudung  ein,
wie  wir  sie  bisher  nur  vom  östlichen  Kriegsschauplatz
kannten.  Jedoch  auch  hier  für  ihn  dieselbe  überraschung:
  Nicht  zertrümmert  hatte  die  Artillerie  die
Verteidiger,  sondern  nur  hart  gehämmert.  Schrittweise,
  unter  furchtbaren  Verlusten,  drängte  die  vielfache
  Übermacht  sich  wohl  bis  zum  20.  Juli  vorwärts,
nach  diesem  Tage  aber  hatsietrotz  grimmigster  Kämpfe
nur  noch  an  einer  einzigen  Stelle  einen  unbedeutenden
  Gewinn  erzielt.

Die  langsamen  Geländefortschritte  des  Feindes
lassen  sich  im  einzelnen  in  einer  Überschauenden  Darstellung
  nicht  verfolgen.  Ihre  Hauptabschnitte  werden
  bezeichnet  durch  die  Dörfer  und  Waldstriche,  welche
das  Kampfgelände  beherrschen.

Die  Kämpfe  im  mittleren  Abschnitt  zwischen
dem  1.  und  20.  Juli  gliedern  sich  deutlich  in  den  franösischen

  und  englischen  Anteil.  Die  Grenze  der  beien

  Frontabschnitte  liegt  in  ihrem  allgemeinen  Verlauf
  etwa  1  km  südlich  der  Straße  Mametz-Montauban—Guillemont.
  Den  beherrschenden  Platz  in  diesem
Abschnitt  nimmt  das  Dorf  Hardécourt  ein.  Es
wurde  nach  erbitterten  Kämpfen  am  3.  Juli  von  den
Franzosen  erreicht  und  vom  8.  Juli  ab  behauptet.

Besonders  schwierig  gestaltete  sich  die  Lage  der  deutschen
  Truppen  in  dem  Sübdteil  des  französischen  Nordabschnittes.
  Den  gegenüber  dem  südlichen  Somme-Ufer
  gelegenen  —  hatten  wir  bekanntlich  gleich

u  Anfang  geräumt.  Von  hier  aus  war  es  dem

einde  möglich,  nun  unseren  linken  Flügel  nördlich
der  Somme  unter  Artillerieflankierung  zu  nehmen.
Aus  diesem  Grunde  wurde  das  Dorf  Hem  alsbald
unhaltbar  und  mußte  samt  den  nördlich  vorgelagerten
  Höhen  schon  am  5.  Juli  aufgegeben  werden.  Im
übrigen  hielt  hingebungsvolle  Ausdauer  der  dort  zur
Ablösung  herangezogenen  schlesischen  Truppen  den
nördlichen  Somme-Rand  und  die  Linie  Monacu-Fermebis
  etwa  zur  Mitte  zwischen  den  Dörfern  Hardécourt
  und  Maurepas  im  wesentlichen  unerschüttert  fest.
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        216

Was  unsere  Kämpfer  gerade  hier  unter  dem  von  neuem
Tag  und  Nacht  auf  sie  niederrasenden  Artilleriefeuer
auszuhalten  hatten,  spottet  jeder  Beschreibung.

uch  imenglischen  Abschnittsetzten  die  Kämpfe
immer  wieder  Tag  und  Nacht  ein.  Größere  Angriffe
auf  breiterer  Front  haben  am  10.  und  14.  Juli  halt
gefunden.  Bis  zum  6.  Juli  schoben  die  Engländer
ihre  vorderste  Linie  bis  an  den  Südrand  von  Longueval
  einschließlich  des  Waldes  von  Bernafay
vor.  Wütende  Kämpfe  entspannen  sich  um  den  Besitzdes
  Trêneswäldchens,  das  19mal  vom  Feinde
Jenommen  und  18mal  wieder  verloren  wurde,  bis  er
es  seit  dem  großen  Angriff  vom  14.  Juli  wirklich
seinen  Besitz  nennen  konnte.  Gegen  Nordwesten  dehnten
  sich  die  Engländer  schrittweise  aus,  indem  sie  den
heftig  umstrittenen  Mametzwald  und  das  Dorf  Contalmaison
  um  den  10.  behaupteten.  Der  für  den
14.  Juli,  zu  Ehren  des  französischen  Nationalfeiertages,
  vorausgeschene  Angri  beschränkte  sich  auf
den  englischen  Abschnitt  und  blieb  hier  nicht  ohne  Erfolg
  für  den  Feind,  der  Bazentin-le-Petit  und
le-Grand  sowie  den  größten  Teil  von  Ovillers
einnahm.  Gegen  die  Mitte  des  Monats  hatten  sich
die  Engländer  bis  zur  Linie  Südrand  von  Pozières,
Foureaux-Wald,  Longueval,  Delville-Wald,  Westrand
  von  Guillemont  vorgearbeitet.  Am  17.  fiel  auch
der  Rest  der  Dörfer  Ovillers  und  La  Beisselle  in  ihre
Hand.  Damitt  aber  ist  das  Vordringen  der  Engländer
  im  wesentlichen  abgeschlossen  geblieben.

VI.

Unverzüglich,  nachdem  am  1.  Juli  die  feindliche
Absicht  einer  großen  entscheidenden  Gesamtoffensive
beiderseits  der  Somme  einwandfrei  erkannt  war,  wurden
  zur  Unterstützung  und  Ablösung  der  Divisionen,
welche  den  ersten  Anprall  des  Feindes  abgefangen
hatten,  Verstärkungen  an  Infanterie  und  Artillerie
herangezogen.  Aber  das  Einsetzen  dieser  Verstärkungen
  zwischen  die  bisherigen  Grabenbesatzungen  und
der  Aufmarsch  der  heraneilenden  Artillerie  wurde
dadurch  bedeutend  erschwert,  daß  beides  mitten  im
tobenden  Gefecht  und  unter  der  Einwirkung  des  rastlos
  wütenden  feindlichen  Artilleriefeuers  erfolgen
mußte,  welches  nicht  nur  die  Kanypflinien,  sondern
auch  das  gesamte  Hintergelände  absuchte  und  auf  eine
Tiefe  von  mehreren  Kilometern  Tag  und  Nacht  mit
Eisen  Überschüttete.  Auch  mußten  die  neuen  Verteidigungslinien
  verstärkt,  die  Artilleriestellungen  für
die  Massen  namentlich  an  schwerem  Geschütz,  welche
nach  und  nach  in  das  Gefecht  eingriffen,  erst  im  Feuer

eschaffen  werden.  Hier  gab  namentlich  die  wackere
rmierungstruppe  wieder  einmal  Beweise  wahrhaft
überwältigender  Hingebung.

Etwa  um  die  Mitte  des  Monats  war  die  neue  Verteidigungsgruppe
  so  weit  eingerichtet,  daß  ihre  Einwirkung
  auf  den  Gesamtverlauf  der  feindlichen  Offensivesich
  entscheidend  geltend  zu  machen  begann.  Schon
die  Ergebnisse,  welche  der  Feind  am  14.  im  mittleren
Abschnitt  erzielen  konnte,  standen  nicht  im  entferntesten
im  Verhältnis  zu  seinem  Einsatz.  Auch  ließ  sich  mit
steigender  Deutlichkeit  erkennen,  daß  der  Feind  auf
seine  erste  und  eigentliche  Absicht,  den  großen  strategischen
  Durchbruch,  immer  mehr  zu  verzichten
  gezwungen  war.  Die  Hauptrichtung  seiner
  Angriffe  zielte  nämlich  nicht  mehr  gegen  das
Mittelstück  der  Geländezone;  der  ganze  Abschnitt
  von  Guillemont  bis  Maisonnette  blieb  von
jedem  stärkeren  Druck  in  östlicher  Richtung  frei.  Statt

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

dessen  lassen  sich  zwei  gänzlich  auseinanderklaffende
Angriffsrichtungen  unterscheiden:  Die  Engländer
drücken  scharf  nördlich  auf  den  Abschnitt  Thiepval-Longueval,
  die  Franzosen  in  südöstlicher  Richtung
auf  die  Front  Barleux-Soyscourt.  Diese  exzentrischen
  Angriffsstöße  bedeuten  den  Bersuch,  die  Verteidigungslinie,
  deren  Durchreißung  in  senkrechter
Richtung  mißlungen  ist,  nurnehr  parallel  zu  ihrem
Berlauf  zurückzudrängen,  zaufzurollene.  Aber  auch
dieser  Versuch  ist  bei  seinen  immer  wiederholten  Erneuerungen
  unter  den  schrecklichsten  Verlusten  der
Feinde  zusammengebrochen.

Zunächst  allerdings  rafften  Engländer  und  Franosen

  noch  einmal  alle  ihre  Kräfte  zusammen.  Auf

r  ganzen  Strecke  von  Pozières  bis  Vermandovillers
  ging  die  Artillerie  nochmal  ans  Werk.  Auf  der
40  kmlangen  Front  stürmte  am  20.  Juli  der
Feind:  17  Divisionen,  200000  Mann  rannten  an,
sollten  den  Erfolg  erzwingen.  Schauerlich  gelichtet
mußten  seine  Reihen  fast  überall  zurück.  Nur  westlich
von  Hardcourt  drückten  die  Franzosen  eine  unserer
Divisionen  in  einer  Breite  von  3  km  um  800  m  aus
dem  ersten  Graben  in  den  Gweuten  am  Westrande  von
Maurepas  zurück.  Die  Engländer  hatten  nicht  den

eringsten  Erfolg  gehabt.  Und  doch  hatten  gerade
ie  große,  ausschchesende  Hoffnungen  auf  die  Unternehmung
  dieses  Tages  gesetzt;  sicher,  nunmehr  endlich
  durchzubrechen,  hatten  sie  sogar  Kavallerie  in
großen  Massen  hinter  ihrer  Front  bereitgestellt,  um
nachzustoßen.  Ein  Teil  dieser  unglückseligen  Reiterscharen
  wurde  zur  Attacke  angesetzt  und  natürlich  von
unserer  Infanterie  wehrlos  zusammengeschossen.

Die  Engländer  haben  in  ihrem  Heeresbericht  die
Tatsache  eines  großen  gemeinschaftlichen  Angriffes
Überhaupt  vollständig  verschweigen  mülssen,  die  Prün.
zosen  haben  ihre  unbedeutenden  Erfolge  phantastisch
aufgeputzt,  um  sich  über  ihre  furchtbare  Enttäuschung
in  ihrer  Art  zu  trösten.

Von  nun  an  haben  die  Feinde  in  Abständen  von
wenigen  Tagen  immer  aufs  neue  versucht,  mit  Aufgebot
  ihrer  ganzen  Angriffskraft  unsere  jetzt  fest  ausgebauten
  Linien  zu  erschüttern.  Am  22.,  24.,  27.,
vor  allem  am  30.  Juli  setzten  jedesmal  auf  größeren
  Frontabschnitten  nachverschwenderischer  Artillerievorbereitung
  wütende  Infanteriestürme
ein,  deren  Gesamterfolg  indessen  gleich  Null  gewesen
ist.  Lediglich  die  Trümmerstätte  des  Dorfes  Pozres
  fiel  um  den  25.  in  die  Hände  der  Engländer.

ies  ist  der  einzige  Fortschritt,  welchen  der  Feind
auf  seiner  ganzen  Front  im  Laufe  des  letzten  Julidrittels
  trotz  mehrerer  Massenanstürme  und  vieler
Tag  und  Nacht  weiter  tobender  Einzelangriffe  hat
erzielen  können!

Auchdieinzwischen  abgelaufenen  dreiersten  Augustwochen
  haben  keine  wesentliche  Veränderung  der  taktischen
  Lage,  sondern  nur  kleine  Frontverschiebungen

ebracht.  Den  Gegnern  ist  es  bei  fortgesegten  äußerben
  Anstrengungen  und  büutigsten  erlusten  nicht
gelungen,  noch  nennenswerte  Erfolge  zu  erzielen.

Einer  besonderen  Hervorhebung  bedürfen  indessen
die  hartnäckigen  Kämpfe,  deren  Ziel  der  Foureaux-Wald
  und  das  Dorf  Longueval  am  östlichen  anschließenden
  Delville-Wald  waren.  An  diesen  beiden
Punkten  haben  die  Engländer  seit  Mitte  des  Monats
zu  immer  wieder  neuen  verzweifelten  Angriffen  angesetzt,
  in  deren  Verlauf  die  genannten  Stützpunkte
mehrfach  den  Besitzer  wechselten.  Der  Heldenmut,  mit
dem  hier  unsere  tapferen  Magdeburger,  Altenburger,
        <pb n="275" />
        Kriegsberichte:  Sommeschlacht

Unhaltiner,  Torgauer  und  später  die  ruhmgekrönten
Regimenter  der  Brandenburger  und  Sachsen  dem
wahnwitzigen  Anprall  vielfacher  Überlegenheit  und
dem  Tag  und  Nacht  nicht  aussetzenden  Hagel  schwerer
und  schwerster  Geschosse  Trotz  geboten  haben,  kann
hier  nur  mit  höchster  Bewunderung  genannt  werden.

VII.

Ein  Vergleich  der  Schlacht  an  der  Somme
und  der  Kämpfe  bei  Verdun  drängt  sich  auf.

Bei  Verdun  sind  wir  die  Angreifer,  in  der  Pikardie
befinden  wir  uns  in  der  Abwehr.  Aber  die  Verteidiung

  Verduns,  auf  deren  Hartnäckigkeit  die  Franzosen
62ê  stolz  sind  und  von  der  sie  in  aller  Welt  so  viel  Wesens
  zu  machen  verstehen,  stützt  sich  auf  den  wuchtigen
Rückhalt  der  stärksten  Festung  Frankreichs,  ihren  doppelten
  Fortgürtel  und  ein  kunstvoll  ausgebautes  Verbindungsnet
  von  Feldbefestigungen.  Schon  das  Angriffsgelände
  an  sich  bietet  durch  sein  starkes  Ansteigen
und  die  tiefen  Einschnitte,  die  es  durchziehen,  die
überragenden  Kuppen,  die  es  schützen,  dem  Angreifer
ungleich  viel  höhere  Schwierigkeiten  als  die  leicht  gewellte
  Ebene  der  Pikardie.  Unseren  Kämpfern  an  der
Somme  stand  nur  ein  schmaler  Gürtel  von  Schützengräben
  zur  Verfügung,  deren  vorderste  Linie,  als  sie
dem  Erdboden  gleichgemacht  war,  von  der  ungeheuren
seindlichen  Übermacht  nach  siebentägigem  Trommel-=euer
  im  ersten  Anlauf  stellenweise  überrannt  und
damit  für  die  Verteidigung  vielfach  ausgeschaltet
werden  konnte.

Was  aber  das  Stärkeverhältnis  anlangt,  so  ist  es
bekannt,  daß  bei  Verdun  die  Franzosen  uns  in  einer
überlegenheit  gegenüberstanden,  die  an  Infanteriesich
zu  unserer  Stärke  wie  2:  1  verhält.  Dabei  waren
wir  dort  in  der  Rolle  der  Angreifer!  An  der  Somme
aber  stellt  sich  das  Zahlenverhältnis  jedenfalls  noch
weit  ungünstiger  für  uns.  Und  trotzdem  ist  der  Geländegewinn
  unserer  Feinde  im  ersten  Monat  ihrer
Offensive  noch  nicht  halb  so  groß  als  der  unfrige  im
ersten  Monat  vor  Verdun!  (Übrigens  mag  darauf
gngewielen  werden,  daß  der  Geländegewinn,  den  die

ranzosen  erzielen  konnten,  fast  doppelt  so  groß  ist
als  der  der  Engländer,  während  die  Verluste  der
ersteren  etwa  halb  so  groß  sind  als  die  der  letzteren.)

Die  Schlacht  an  der  Somme  stellt  selbst  gegen  die
Kämpfe  bei  Verdun  noch  eine  Steigerung  des  Einsatzes
  an  Menschen  und  Munition  dar.  Sie  bildet
den  6höhepunk  der  Kraftentfaltung  unserer  Feinde
und  der  ganzen  bisherigen  Kriegsgeschichte.  Zum
erstenmal  hat  das  bisher  listig  geschonte  englische
Ler-  gewaltige  Verluste  erlitten.  An  den  nutzlosen

pfern  trägt  aber  auch  diesmal  wieder  Frankreich
weitaus  den  größten  Anteil.  Ein  weiter  blühender
Landstrich  Frankreichs  ist  durch  die  Julikämpfe  in
eine  grausige  Trümmerwülste  verwandelt.

VIII

Nach  erheblichen  Anfangserfolgen  an  Geländegewinn
  und  Beute  war  die  große  Somme-Offensive
der  Engländer  und  Franzosen  um  die  Mitte  des  Julis
zum  Stehen  gebracht  worden  und  hatte  während  des
letzten  Drittels  dieses  Monats  keine  nennenswerten
Fortschritte  mehr  erzielen  können.  Auch  der  gewaltige
Ansturm  auf  unsere  ganze  Front,  welcher  am  30.  Juli
eingesetzt  hatte,  und  dessen  Nachwehen  sich  noch  bis
zum  1.  August  bemerkbar  machten,  hatte  den  Feinden
  keine  anderen  Ergebnisse  als  die  am  25.  den  Engländern
  geglückte  Eroberung  der  Trümmerstätte  des

217

Dorfes  Pozières  gebracht.  Der  weitere  Verlauf  der
Sommeschlacht  seit  Anfang  August  bietet  der  rück.
schauenden  Betrachtung  den  Anblick  eines  ununterbrochenen,
  ungeheuren  Ringens.  Während  dieser  gesamten
  Zeit  hat  die  Kampftätigkeit  bis  Ende  Novem.
ber  nicht  einen  Augenblick  nachgelassen.  Ganz  deutlich
heben  sich  indessen  aus  dem  geschlossenen  Gesamtbilde
solche  Gruppen  von  Kämpfen  hervor,  die  sich  als  besondere
  Kraftanstrengungen  unserer  Gegner  kennzeichnen,
  und  aus  ihrer  Mitte  treten  einzelne  Tage
noch  besonders  als  Großkampftage  hervor.  Unter
diesen  größeren  Anstrengungen  unserer  Feinde  lassen
sich  solche  unterscheiden,  die  den  Gesamtangriff  auf
der  ganzen  Front  oder  auf  sehr  großen  Frontabschnitten
  bringen,  und  solche,  in  denen  der  Feind  seine
ganze  Kraft  auf  die  Eroberung  einzelner  ihm  wichtig
erscheinender  Geländeabschnitte  oder  Stützpunkte,  wie
Dörfer  oder  Waldstücke,  zusammenrafft.  Das  Ergebnis
  derartiger  größerer  nstrengungen  sind  in
vielen  Fällen  Geländefortschritte  des  Feindes  gewesen,
welche  ihm  in  ihrer  Gesamtheit  eine  unter  furchtbaren
  Opfern  erkämpfte  und  nur  sehr  allmähliche  Zurüctdrängung
  unserer  vordersten  Linie  ermöglicht
haben.  Auch  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  jeder
derartge  Fortschritt  uns  Verluste  an  Mannschaften
und  gelegentlich  auch  an  Material  zufügte.  Überblickt
man  indessen  am  Schluß  des  fünften  Monats  der
Schlacht  ihr  Gesamtergebnis,  so  darf  einleitend  bereits
ausgesprochen  werden,  daß  die  Errungenschaften  unserer
  Feinde  außer  jedem  Verhältnis  zu  dem  ungeheuren
  Aufgebot  an  Menschenleben  und  Kriegsmaterial
  sehen.  das  jene  an  die  Erreichung  von  Zielen
gesetzt  haben,  von  denen  sie  höchstens  einen  Bruchteil
haben  verwirklichen  können.

Diese  Kennzeichnung  trifft  in  ganz  besonderem
Maße  auf  den  ersten  Abschnitt  des  hier  zubetrachtenden
  Zeitraumes,  auf  den  Monat  August,  zu.
Betrachten  wir  die  Lage,  wie  sie  zu  Anfang  August
bestand,  so  ist  daran  7  erinnern,  daß  es  dem  Feinde
während  des  ersten  Monats  seiner  Anstrengungen
gelungen  war,  in  dem  Abschnitt  Ancre  und  Somme
einen  Geländegewinn  zu  erkämpfen,  welcher  an  der
uns  zugewandten  Seite  eine  stumpfwinklige  Einbuchtung
  darstellt,  deren  Spitze  bei  Delville-Wald
liegt.  Im  Abschnitt  südlich  der  Somme  stellte  der
feindliche  Geländegewinn  ein  unregelmäßiges  Viereck
dar,  dessen  Flächeninhalt  ungefähr  der  doppelte  des
Nordabschnittes  war.  Den  Inhalt  des  Augustes  nun
bilden  dauernde  heftige  Angriffe  unserer  Feinde  von
der  Gesamtheit  der  bislang  erkämpften  Fronten  aus.
Zugroßen  einheitlichen  Angriffen  schwoll  diese  Kampftätigkeit
  vor  allen  Dingen  in  der  Woche  des  13.  bis
18.  Augustes  an,  sernerin  den  Tagen  nach  dem  24.  August
  und  endlich  am  31.  August.  Das  Ergebnis  dieser
größtenteils  mit  ungeheurer  Erbitterung  und  beständighin
  undher  schwankendem  Glück  geführten  Kämpfe
ist  gering.  Am  2.  August  verloren  wir  die  Monacu-Ferme,
  am  12.  ein  Waldstück  bei  Hem,  am  17.  und
18.  einzelne  Grabenstücke  in  dem  Abschnitt  von  Martinpuich
  bis  Maurepas,  und  im  letzten  Drittel  des
Monats  gingen  noch  weiterhin  einige  Gräben  an  den
Hauptangriffsstellen  bei  Maurepas  und  Martinpuich
verloren.  Im  ganzen  aber  kann  man  sagen,  daß  der
Monat  Angust  die  feindliche  Offensive  ins
Stocken  gebracht  hat,  trotz  beständiger,  abwechselnd
auf  der  Gesamtfront  und  an  einzelnen  Frontabschnitten
  mit  größter  Wildheit  fortwütender  Kämpfe.

Wenn  wir  in  diesem  Zusammenhange  uns  daran
        <pb n="276" />
        218

erinnern,  daß  die  große  russische  Offensive,  die  sogenannte
  Brussilow-Offensive,  welche  im  Beginn  des
Junis  eingesetzt  hatte,  ebenfalls  nach  kurzem,  allerdings
  beträchtlichem  Erfolge  im  Laufe  der  Monate
Juli  und  August  sich  völlig  festgerannt  hatte,  wenn
wir  ferner  erwägen,  daß  am  27.  August  Rumänien
veranlaßt  worden  ist,  in  den  Krieg  einzutreten,  so
können  wir  nicht  umhin,  einen  Zusammenhang  festzustellen
  zwischen  dem  Auftauchen  eines  neuen  Kämpfers
  in  den  Reihen  der  Entente  und  einer  Erscheinung,
welche  der  Septem  ber  brachte:  nämlich  dem  Wiederaufflammen
  der  Somme-Offensive.

IX.

Betrachten  wir  die  Gestaltung  der  feindlichen  Front
im  Somme-Abschnitt  zu  Beginn  des  Septembers,  so
läßt  sich  feststellen,  daß  diese  im  Südabschnitt  keine
nennenswerte  Verschiebung  erfahren  hatte.  Aber
auch  im  Nordabschnitt  stößt  die  Frontlinie  noch
immer  im  wesentlichen  in  der  Form  eines  stumpfen
Dreiecks  in  unsere  Stellung  hinein,  so  daß  der  allgemeine
  Druck,  den  der  Feind  während  des  Augustmonats
  ohne  einheitlichen  strategischen  Plan  auf  beide
Schenkel  des  Dreiecks  wie  auch  auf  seine  Spitze  ausgeübt
  hatte.  keine  wesentliche  Beränderung  der  Besitzverhältnisse
  im  umstrittenen  Abschnitt  gebracht  hatte.
Während  also  bisher  die  feindlichen  Anstrengungen
ohne  erkennbaren  strategischen  Grundgedanken  dem
etwas  plumpen  Versuch  gedient  hatten,  durch  das
übergewicht  der  Zahl  und  des  Materials  unsere  unerschütterlichen
  Fronten  allmählich  zu  zermürben,
lassen  die  nun  beginnenden  Kämpfe  ganz  deutlich
einen  bestimmten  Grundgedanken  erkennen.  Wir  besitzen
  überdies  Befehle  der  franzöfischen  Heeresleitung,
welche  das  ausdrücklich  bestätigen.  Dieser  Grundedanke

  ist  der:  an  Stelle  des  Abnutzungsampfes
  wieder  den  strategischen  Durchbruch
treten  zu  lassen.

Bei  Beginn  der  Sommeschlacht  schwebten  den  beiden
  gegen  uns  kämpfenden  Heeren  als  nächstes  Ziel
ihres  Durchbruchs  wohl  die  zwei  wirtschaftlichen
Mittelpunkte  des  Hinterlandes  unserer  Ausgangsstellung,
  die  Städte  Bapaume  und  Péronne,  vor,
ersteres  als  Ziel  der  Engländer,  letzteres  als  das  der
Franzosen.  Obwohl  die  Franzosen  an  ihr  Ziel  Péronne
  bereits  im  Juli  bis  auf  weniger  denn  einen
Kilometer  herangekommen  waren,  war  es  ihnen  doch
während  des  Augustes  nicht  gelungen,  sich  der  Stadt
noch  weiter  zu  nähern.  Aus  dem  Gesamtverlauf  der
Kämpfe  des  Monats  September  nun  ergibt  sich  mit
Deutlichkeit,  daß  die  Franzosen  die  Hauptrichtung
ihres  Angriffes  und  sein  erstes  Ziel  verändert
haben.  Der  genannte  französische  Befehl  verzeichnet
als  französisches  Angriffsziel  für  den  September  das
Dorf  Bertincourt,  während  die  Anstrengungen  der
Engländer  vor  wie  nach  auf  Bapaume  zielen.  Mit
einem  Worte:  auch  die  Franzosen  verlegen  im  Monat
  September  den  Schwerpunkt  ihrer  Anstrengungen
  in  den  Nordabschnitt.  Sie  wählen  sich
eine  Richtung,  die  mit  derjenigen  der  Engländer  im
wesentlichen  zusammenfällt,  so  daß  die  Schnittpunkte
der  Angriffslinien  in  der  Verlängerung  der  ursprünglichen
  Dreieckspitze  liegen.  Indem  aber  gleichzeitig
auch  die  Kämpfe  im  Südabschnitt  mit  unverminderter
  Heftigkeit  fortdauern,  entstehen  zwei
im  wesentlichen  getrennte  Schlachten.  Es  sei
hier  zunächst  die  allgemeine  Entwicklung  der  Südschlacht
  im  September  und  Oktober  betrachtet.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

In  dem  nunmehr  zu  betrachtenden  Zeitabschnin
scheint  die  Eroberung  der  Stadt  Peronne  nicht  mehr
im  Mittelpunkte  der  Bestrebungen  der  Franzosen  zu
stehen.  Die  Angriffe  im  Bezirk  der  Südschlacht  wenden
  ihre  Hauptwucht  aus  dem  Abschnitt  von  Péronne
nach  Südosten.  Die  Römerstraße,  welche  wie  mit  dem
Lineal  gezogen  die  französische  Landkarte  von  Amiens
bis  Vermand  durchquert,  bildet  die  Nordgrenze  der
nunmehr  sich  im  Abschnitt  der  Südschlacht  entspinnenden
  Kämpfe.  Während  bis  zum  1.  September  die
Franzosen  südlich  der  Römerstraße  kaum  nennenswert
  über  ihre  Ausgangsstellung  binauspekommen
waren,  beginnen  sie  nun  mit  Macht  auf  unsere  Front
südlich  der  Römerstraße  zu  drücken,  mit  dem  offenbaren
  strategischen  Ziel,  die  Kampffront  der
Sommeschlacht  nach  Süden  zu  erweitern.  An
dieser  Stelle  dehnt  sich  die  Schlacht,  welche  bis  dahin
bei  Vermandovillers  ihren  Südpunkt  erreicht  hatte,
von  dort  bis  südlich  Chilly  aus  und  erhält  in  dem
Städtchen  Chaulnes  ein  neues  örtliches  Angriffsziel.

Zunächst  stürmten  die  Franzosen  am  5.  September
auf  der  20  km  weiten  Front  von  Barleux  bis  Chilly
an  und  gewannen  das  in  unserer  Ausgangeseel.
lung  liegende  Dorf  Chilly  und  im  weiteren  Verlaufe
  ihrer  Angriffe  am  7.  September  das  Dorf  Vermandovillers.
  Am  17.  September  eroberten  sie
im  Verlauf  eines  gewaltigen  Gesamtangriffes  die
Dörfer  Berny  und  Deniccourt.  In  der  Folgezeit
nahmen  die  Kämpfe  der  Südschlacht  eine  mildere
Form  an,  bis  zu  ihrem  Wiederaufleben  am  10.  Oktoder.
  An  diesem  Tage  machten  die  Franzosen  nach
mehrtägiger  Artillerievorbereitung  wiederum  einen
Fortschritt,  welcher  die  Höfe  Genermont  und  Bovent
umfaßte.  Im  Abschnitt  zwischen  Génermont  und
Chaulnes  tobten  seitdem  heftige  Kämpfe,  deren
Mittelpunkt  das  Dorf  Ablaincourt  und  die  benachbarten
  Waldstücke  bilden.  Zur  Zeit!  befindet  sich  das
leßtgenannte  Dorf  im  Besitze  der  Franzosen.  Das
feindliche  Vordringen  hat  in  Richtung  auf  das  Städtchen
  Chaulnes  Fortschritte  gemacht.

Während  die  Gefechtshandlungen  der  Südschlacht
sich  bis  zum  10.  Oktober  nur  in  ihrem  Südabschnitt
südlich  der  Römerstraße  abspielten,  hat  im  letzten
Drittel  des  Oktobers  eine  Gruppe  von  Kämpfen  stattgefunden,
  deren  Mittelpunkt  die  bereits  seit  16.  Juli
im  Besitze  der  Franzosen  befindliche  Maisonnette-Ferme
  und  die  sie  mit  Biaches  verbindenden  Gräben
  bildeten.  Am  18.  Oktober  nahmen  die  Franzosen
einen  Teil  unserer  Stellungen  zwischen  Maisonnette
und  Biaches.  Am  21.  wurde  ein  Gegenstoß  angesetzt,
  der  einen  Teil  der  verlorenen  Gräben  zurückgewann.
  Am  29.  Oktober  brachte  ein  neuer  Angriff
uns  nicht  nur  den  Rest  der  verlorenen  Stellungen,
sondern  darüber  hinaus  die  Wiedereroberung  der
Maisonnette-Ferme.

Der  November  brachte  die  Südschlacht  zunahezu
  vollständigem  Stillstand.  Einzig  eine  Gruppe
örtlicher  Kämpfe  ist  hervorzuheben,  die  sich  um  den
Besitz  des  Dorfes  Pressoire  und  des  südlich  davon  gelegenen
  Waldes  drehten.  Beides  ging  am  7.  November
an  den  Feind  verloren,  wir  versuchten  in  hin  und  her
wogenden  Kämpfen  vergebens,  Dorfund  Wald  wieder
in  unseren  Besitz  zu  bringen.  Im  üÜbrigen  beschränkte
sich  die  Gefechtstätigkeit  im  Südabschnitt  während  des
ganzen  Novembers  auf  Artilleriegefechte  von  wechselnder
  Stärke  und  auf  Patrouillenkämpfe.

1  Ende  Dezember  1916.
        <pb n="277" />
        Kriegsberichte:  Sommeschlacht

X.

Im  Nordabschnitt  zwischen  Somme  und
Ancre  flammte  schon  in  den  ersten  Septembertagen
die  Schlacht  zu  einem  wütenden  Brand  empor.  Dieser
  ergriff  die  ganze,  annähernd  30  km  breite  Front
von  Beaumont  nordwestlich  Thiepval  bis  zur  Somme.
In  immer  wiederholten  Anstürmen  versuchten  die
Engländer,  die  Front  der  Schlacht  an  ihrer  Nordecke
  zu  verbreitern.  Aber  obwohl  wir  vorübergehend
bei  der  Mouquet-Ferme  östlich  Thiepval  Boden  verloren,
  gelang  es  uns  doch,  die  alten  Stellungen  zu
halten  oder  durch  Gegenstoß  zurückzugewinnen.  Besonders
  heftig  tobte  der  Kampf  nach  einer  bisher  nie
erhörten  artilleristischen  Vorbereitung  im  Abschnitt
von  Ginchy  bis  zur  Somme.  Mit  zähem  Ingrimm
behaupteten  unsere  Truppen  die  völligeingeebnete  erste
Stellung  und  mußten  Schritt  für  Schritt  bis  in  die
zweite  Verteidigungslinie  zurückgedrängt
werden,  wo  sie  dem  Stoß  Halt  zu  gebieten  vermochten.
  Dabei  sind  die  Dörfer  Guillemont  und  Le
Forest  in  der  Hand  des  Feindes  geblieben.  Am  4.
September  setzten  die  Franzosen  ihre  Angriffe  zwischen
Le  Forest  und  der  Somme  fort  und  entrissen  uns  am
5.  das  heißumstrittene  Dorf  Cléry.  Auch  am  7.  September
  dauerte  der  Kautpf  auf  der  ganzen  Front  fort,
und  die  Franzosen  holten  sich  bei  Ginchy  in  immer
wiederholtem  Ansturm  blutige  Köpfe.  Der  8.  September
  brachte  ein  vorübergehendes  Nachlassen,  während
  der  9.  durch  erfolglose  Teilangriffe  der  Engländer
  am  Foureauxwalde  ausgefüllt  wurde.  Am  10.
grisfen  die  Engländer  auf  15  km  breiter  Front  bei
Thiepval  und  Combles  an,  aber  wiederum  wurden
sie  im  wesentlichen  abgewiesen.  In  den  fortdauernden
  Kämpfen  am  11.  und  12.  fiel  das  Dorf  Ginchy
in  die  Hand  des  Feindes.  So  hatte  diese  erste  große
Septemberschlacht  den  Feinden  Fortschritte  auch  im
Nordabschnitt  gebracht.  Am  12.  September  entbrannte
  der  Kampf  aufs  neue  zwischen  Combles
und  der  Somme.  Nach  dem  Fall  von  Clery  waren
die  Verteidiger  in  die  sogenannte  Marrières-Stellung
zurückgegangen.  Diese  wurde  nach  stärkster  Artillerievorbereilung
  am  12.  September  von  den  Franzosen
überrannt.  Der  Feind  stieß  bis  Bouchavesnes
durch,  nahm  das  Dorf  in  raschem  Anlauf  bis  zum
Ostrand  und  trieb  so  einen  Keil  in  die  deutschen  Stellungen
  nach  Osten  hinein.  Diesen  Keil  verbreiterte
er  am  14.  durch  die  Erstürmung  des  Gehöfts  Le
Priez  westlich  von  Rancourt.

So  war  das  Städichen  Combles  von  Süden  her
bereits  fast  vollständig  umschlossen.  Auch  nördlich  des
Ortes  gewannen  die  ##n  länder  in  den  Kämpfen  der
nächsten  Tage  Boden.  Nach  höchster  Feuersteigerun
geisen  sie  im  Abschnitt  von  der  Ancre  bis  ölich

ombles  an  und  warfen  die  Verteidiger  durch  die
Dörfer  Courcelette,  Martinpuich  und  Flers
zurück,  so  daß  nunmehr  die  Höhenstellung,  welche
die  Engländer  als  Angriffsziel  für  den  ersten  Tag
der  Offensive  vorgesehen  hatten,  nach  zwei  und
einem  halben  Monat  endlich  erreicht  war.  Combles
mit  den  benachbarten  Gräben  war  nun  von  allen
Seiten  umschlossen.  Dennoch  konnte  die  Stadt  noch
einige  Tage  gehalten  werden,  allerdings  unter  schweren
  Opfern  der  tapferen  Verteidiger,  welche  ihren  Stützpunkt
  in  den  verpesteten  Katakomben  gefunden  hatten,
die  sich  unter  dem  Orte  hinziehen.  Drei  rheinische
Regimenter  boten  hier  in  heldenmütigem  Widerstand
den  Angreifern  Trog,  obwohl  das  konzentrische  Feuer

219

der  schwersten  feindlichen  Kaliber  sie  Tag  und  Nacht
mit  einem  Stahlorkan  überschüttete.  Ohne  ein  Grabenstück
  zu  verlieren,  hielten  sie  die  Stellung  bis  zu  ihrer
Ablösung  am  20.  September  fest  in  der  Hand.  In
den  folgenden  Tagen  flaute  die  Nordschlacht  sichtlich
ab,  ohne  daß  die  örtlichen  Teilkämpfe  deshalb  an  Erbitterung
  verloren  hätten.  Der  Gegner  holte  zu
einem  Hauptschlage  aus.  Nach  dauernder  Steigerung
  des  Artilleriefeuers  griffen  am  22.  September
die  Engländer  bei  Courcelette  an,  während  die  Franosen
  gegen  die  Linie  Combles-Rancourt  vorstießen.
in  diesem  und  dem  folgenden  Tage  mißlangen  alle
feindlichen  Anläufe.  Am  25.  September  aber  trat
die  englisch-französische  Infanterie  nach  furchtbarer
weitägiger  Artillerieschlacht  zu  einem  einheitlichen
lngriff  allergrößten  Stils  an.  Dieser  schlug
sehl  imn  Nordwestabschnitt  von  der  Ancre  bis  zu  dem
Kloster  Eaucourt-L'Abbaye  undebensosüdlich  zwischen
Bouchavesnes  und  der  Somme,  und  zwar  unter
schwersten  feindlichen  Berlusten.  Im  Zentrum  des
Massenangrift  aber  von  Eaucourt-L'Abbaye  bis
nördlich  Bouchavesnes  hatte  der  Feind  Erfolg.  Er
stieß  bis  zur  Linie  Gueudecourt-Kancourt  vor
undgewanndiesebeiden  Dörfer,  das  ganze  Zwischengelände
  mit  Lesbreufs  und  Morval  und  das  endlich
  vollkommen  unhaltbar  gewordene  Städtchen
Combles.  Dieses  letztere  war  24  Stunden  lang
unter  Gasfeuer  gelegt  worden.  Die  Verteidiger  haben
sich  zum  größten  Teil  zu  den  deutschen  Truppen
durchschlagen  können.

Dieser  25.  September  bedeutet  in  der  Geschichte
der  Sommeschlacht  einen  Wendepunkt.  Brachte
er  auf  der  einen  Seite  dem  Feinde  bei  einem  Höchsteinsatze
  von  Munition  und  rücksichtsloser  Opferung
seines  Menschenmaterials  einen  in  dieser  Stärke  seit
dem  Beginn  der  Offensive  nicht  mehr  dagewesenen
Erfolg,  so  strahlte  doch  schon  an  diesem  Tage  die  erstarkte
  Widerstandskraft  unserer  Truppen  in  hellstem
Lichte.  Der  Feind,  der  sich  am  Abend  dieses  großen
Siegestages  sicherlich  dem  Glauben  hingab,  der  Durchbruch
  sei  nun  so  gut  wie  gelungen,  erfuhr  in  den
nächsten  Tagen  eine  schwere  Enttäuschung.  Wohl  gelang
  ihm  am  26.  September  ein  weiterer  heißtegehrter
  und  seit  langem  mit  allen  Mitteln  angestrebter
Erfolg.  Die  Ecke  bei  Thiepval  hatte  bisher  dank
dem  ausgezeichneten  Ausbau,  welchen  eine  württembergische
  Reservedivision  der  dortigen  Stelung  hate
angedeihen  lassen,  und  dank  dem  hartnäckigen  Widerstand
  der  tapferen  Schwaben  gehalten  werden  können,
einer  Üüberflutung  mit  feindlichen  Geschossen  und  den
immer  wieder  erfolgenden  Anstürmen  zum  Trotz.
Am  26.  September  ging  sie  verloren,  und  auch  östlich
  anschließend  machten  die  Engländer  Fortschriite
bei  Courcelette  Im  übrigen  aber  gelang  es,  die  heftigen
  Angriffe,  welche  der  Feind  auf  der  ganzen  Front
des  gestrigen  Ansturmes  zwischen  Lesbreufs  und
Bouchavesnes  vortrug,  zu  blutigem  Scheitern  zu
bringen.  Auch  in  den  beiden  nächsten  Tagen  rannte
der  Feind  sich  in  vergeblichem  Ansturm  gegen  die  von
uns  bezogenen  rückwärtigen  Stellungen  immer  wieder
  den  Schädel  ein,  und  auch  die  stärkeren  Angriffe,
welche  nach  einem  vorübergehenden  Abflauen  vom
28.  September  in  den  letzten  Septembertagen  angesetzt
  wurden  und  wiederum  teils  auf  die  ##iepoalecke,
  teils  auf  das  Zentrum  der  Nordschlacht  zielten,
konnten  entweder  im  Nahkampf  abgeschlagen  werden
  oder  aber  sie  erstickten  bereits  in  unserem  Sperrfeuer.
        <pb n="278" />
        220

XI.

Das  Wirksamwerden  unserer  artilleristischen
  Verteidigung  bezeichnet  die  große  Wendung
  in  der  Entwicklung  der  Sommeschlacht.
Nach  dem  Tiefpunkt,  den  der  25.  September  für  uns
bedeutet,  kommt  unser  Anstieg  um  so  bedeutungsvoller

ur  Geltung.  Beim  Wiederbeginn  der  feindlichen
Ofensioe  um  die  Wende  vom  August  zum  September
befand  der  Feind  sich  mwesig  sorgsam  angesammelter
  ungeheurer  Massen  von  ampsmittenl  Die  Oranisation
  unserer  Verteidigung  hatte  mit  der  fortghauernden
  Steigerung  der  feindlichen  Angriffskraft
nicht  gleichen  Schritt  halten  können.  Erst  gegen  Ende
September  war  es  gelungen,  unseren  artilleristischen
Rückhalt  so  weit  zu  kräftigen  und  auszubauen,  daß
eine  planmäßige  Niederkämpfung  der  gesamten  feindlichen
  Streitkräfte  und  insbesondere  ein  Ineinanderreifen
  und  Zusammenwirken  der  Artillerie  aller  Ab-#önte
  zur  Niederhaltung  feindlicher  Angisfsgelüte
eingerichtet  werden  konnte.  Es  ist  das  Kennzeichen
der  Kämpfe  des  Oktobermonats,  daß  nunmehr
auch  die  heftigsten  feindlichen  Angriffe  unter
ungeheuren  Menschenverlusten  fast  ohne  jeden  Erfolg
an  der  erstarkten  Front  unserer  Sommekämpfer  abprallen.
  Und  dabei  haben  die  feindlichen  Anstürme
im  Oktober  keineswegs  nachgelassen.  Ihre  artilleristische
  Vorbereitung  hat  sich  womöglich  noch  gesteigert,
  und  der  rücksichtslose  Einsatz  gewaltiger  Truppenmassen,
  die  vielfach  in  geschlossenen  Verbänden  wider
unsere  Feuerlinie  geworfen  werden,  bekundek  die  wilde
Entschlossenheit  unserer  Feinde,  um  jeden  Preis  die
Sommeschlacht  zu  dem  gewollten  Ziele  zu  bringen.

Für  die  allgemeine  Lage  während  des  Oktobers
ist  kennzeichnend,  daß  zunächst  die  Versuche,  die  Gesamtfront
  der  Schlacht  an  ihrem  nördlichen  Flügel
zwischen  Gommscourt  und  Thiepval  zu  verbreitern,
fortdauern,  wenn  auch  erfolglos.  Dage  en  hat  der
Feind  seine  Versuche,  Péronne  zu  e  cen,  bishert
nicht  wieder  ausgenommen,  und  im  Abschnitt  von
Bouchavesnes  herrscht  verhältnismäßige  Ruhe.  Der
Schwerpunkt  der  französischen  Angriffsabsichten
liegt  während  des  Oktobers  bei  dem  Dorfe  Sailly-Saillisel.
  Südlich  dieses  Dorfes  zieht  sich  der  St.
Pierre-Baast-Wald,  der  in  eine  Festung  umgewandelt
  ist.  Hier  war  nach  dem  Verlust  von  Bouchavesnes
  am  12.  September  das  feindliche  Vordringen
durch  die  Kräfte  derselben  jungen  Reservedivisionen,
welche  jenen  Schlag  empfangen  hatten,  zum  Stehen
gebracht  worden.  Seitdem  hat  der  Wald  allen  feindlichen

  Anstürmen  getrotzt.  Da  weder  hier  noch  weiter

südlich  an  ein  Durchkommen  zu  denken  war,  so  hat
der  Franzose  die  ganze  Kraft  seiner  Anstrengungen
auf  die  nördlich  dieses  Waldes  gelegene  Ortschaft
Sailly  geworfen.  Aber  obwohl  er  diese  im  wesentlichen
  in  seine  Hand  gebracht  hat,  ist  es  ihm  bisher
nicht  gelungen,  den  Durchbruch  zu  erzwingen.
Gleich  heftig  stießen  während  des  Oktobers  die  Engländer
  in  immer  wiederholten  Anläufen  vor,  deren
Hauptkraft  gleichfalls  in  nordöstlicher  Richtung  auf
Bapaume  zu  den  Durchbruch  zu  erzwingen  suchte.
Im  Abschnitt  der  Engländer  wie  der  Franzosen  hat  fast
jeder  Tag  bis  zum  23.  die  schwersten  Angriffe  gebracht.
Aber  auch  unsere  Truppen  haben  sich  im  letzten  Monat
  auf  die  erfolgreiche  Abwehr  der  feindlichen  Angriffe
  nicht  mehr  beschränkt,  sondern  sind  in  sehr  vielen
  Fällen  zur  aktiven  Führung  Übergegangen  und

1  Bis  Ende  Dezember  1916.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

haben  dem  Feinde  öfter  in  schneidigem  Gegenangriff
die  kaum  gewonnenen  Errungenschaften  wieder  zu
entreißen  vermocht.

Als  Großkampftage  ragen  aus  der  Masse  der
feindlichen  Anstürme  der  1.,  der  7.,  der  18.,  der  18.
und  der  23.  Oktober  hervor.  Die  Zeiträume.  inner.
halb  deren  sich  die  ganz  großen  feindlichen  Anstrenungen

  folgten,  waren  also  noch  kürzer  geworden  als
n  den  früheren  Monaten.  Während  aber  im  September
  jeder  derartige  große  Durchbruchsversuch  dem
Feinde  erhebliche  Fortschritte  und  auch  Beute  an  Gefangenen
  und  Material  gebracht  hatte,  sind  im  Oktober
  alle,  auch  die  gewaltigsten  Anstrengungen  des
Feindes  an  der  uoferssohem  ingabe  unserer  nunmehr
selbst  an  die  ungeheuerlichste  Artillerievorbereitung
gewöhnten  Infanterie  und  der  erstarkten  Artillerieunterstltzung
  mit  allerschwersten  Verlusten  für  den
Feind  geicheitert.  Die  unbedeutenden  Fortschritte,  die
der  feindliche  Masseneinsatz  an  Mannschaft  und  Munition
  hier  und  dort  erzielen  konnte,  stehen  außer  jedem
Verhältnis  zu  seinen  Opfern.  Am  23.  Oktober  hatte
der  Feind  noch  einmal  größte  #etemfaltung  ein.
gesetzt,  ohne  etwas  anderes  als  Verluste  von  bisher
unerhörter  döse  7  erzielen.  Seitdem  hat  die  letzte
Oktoberwoche  eutlich  erkennbares  Nachlassen  der
feindlichen  Anstrengungen  gebracht.  Wo  Angriffsabsichten
  bemerkbar  wurden,  gelang  es  in  den  meisten
Fällen  schon  unserer  Artillerie,  sie  im  Keim  zu  ersticken.
  Wo  sie  zur  Durchführung  kamen,  wurden  sie
verlustreich  abgewiesen.

XII.

Am  5.  November  indessen  raffte  der  Feind  die
ganze  Feuerkraft  seiner  Artillerie  und  sehr  bedeutende
infanteristische  Kräfte  zu  einem  neuen  gewalligen
Vorstoß  gegen  die  Front  der  Armee  Below  zusam.
men.  Auf  einer  20  km  breiten  Front  zwischen  Le
Sars  und  Bouchavesnes  griffen  Engländer  wie
Franzosen  mit  größter  Heftigkeit  an.  Doch  der  Vorstoß
  scheiterte  unter  größten  blutigen  Verlusten.  Bon
nun  an  setzte  wieder  ein  Abschnitt  starker  örtlicher
Kämpfe  ein,  die  sich  noch  an  zwei  Stellen  zu  einer  größeren
  Kraftanstrengung  verdichteten.  Die  Franzosen
wandten  vor  wie  nach  ihre  gesamte  Kraftanstrengung
an  den  Plan,  nördlich  des  in  seiner  Gesamtheit  doch
als  uneinnehmbar  erkannten  St.  Pierre-Vaast-Waldes,
  bei  Sailluund  bei  Saillisel,  durchzubofen.
  Als  einziger  Vorteil  blieb  den  Feinden  das

indringen  in  den  Nordteil  des  St.  Pierre-Vaast-Waldes.
  In  den  beiden  Dörfern  entspannen
  sich  endlose  und  ohne  Unterlaß  hin  und  her  woende

  Kämpfe,  die  bis  zum  12.  November  beide  Dör.
er  bis  auf  den  Ostrand  von  Saillisel  in  die  Hände
der  Franzosen  brachten.  Am  14.  scheiterte  ein  um.
fasfender  Angriff  der  Franzosen  auf  den  St.  Pierreaast-Wald,
  am  15.  wurde  im  Handstreich  das  Dorf
Saillisel  zurückerobert,  und  am  Nachmittag  nach  größter
  Artillerievorbereitung  der  von  den  Franzosen  besetzte
  Nordwestrand  des  St.  Pierre-Baast-Waldes
  wieder  88  äubert.  Von  nun  an  beschränkte
sich  die  Tätigkeit  der  Franzosen  auf  bedeutungs-  und
erfolglose  Vorstöße  in  der  gleichen  Gegend.

Dagegen  halten  um  die  Novembermitte  die  Eng.
länder  einen  Erfolg  an  der  Ancre.  Von  Beginn
des  Novembers  hatten  sie  begonnen,  unter  Einsatz
von  Munition  schwersten  Kalibers  durch  andauerndes
Wirkungsschießen  einen  großen  Angriff  vorzubereiten.
Am  13.  November  begünstigte  starker  Nebel  den
        <pb n="279" />
        Kriegsberichte:  Sommeschlacht;  Dobrudscha-Feldzug

längst  geplanten  Borstoß,  der  sich  nun  in  überraschenbem
  Vorbrechen  von  acht  bis  neun  englischen
Divisionen  beiderseits  der  Ancre  auswirkte.  An
je  einer  Stelle  nördlich  und  südlich  der  Ancre  stieß  der
Angriff  durch  und  vermochte  die  zwischen  den  beiden
Durchbruchsstellen  bei  St.  Pierre-Divion  tapfer
kämpfenden  Truppen  in  Flanke  und  Rücken  zu  fassen.
An  diesem  Tage  blieb  das  letztgenannte  Dorf  und
das  nördlich  der  Ancre  gelegene  Dorf  Beaumont,  am
folgenden  das  hart  nördlich  des  Baches  liegende  Beaucourt
  in  der  Hand  der  Engländer.  Am  18.  November
  verdichtete  sich  die  Angriffstätigkeit  der  Engländer
zu  einem  neuen  ausgesprochenen  Durchbruchsversuch.
In  der  Frühe  steigerte  sich  das  Artilleriefeuer  zu  gewaltiger
  Heftigkeit.  Hinter  der  feindlichen  Frontzeigte
sich  Kavallerie  bereitgestellt,  auch  die  englischen  Grabenautos
  tauchten  wieder  auf,  und  auf  der  Front  von
Serre  bis  Eaucourt-L'Abbaye  griffen  fünf  bis  sechs
Divisionen  an.  Während  der  Angriff  nördlich  der
Ancre  blutig  zusammenbrach,  erzielte  der  Feind  südlich
des  Baches  von  Grandcourt  bis  Courcelette  einige
Vorteile  selbst  in  einen  Teil  des  erstgenannten  Dorfes
drang  ein  Teil  der  Engländer  ein,  wurde  aber  in
einem  Gegenstoß  herausgeworfen.  Im  übrigen  schlug
der  Angriff  so  vollkommen  fehl,  daß  die  Engländer
es  für  angezeigt  gehalten  haben,  diesen  ganzen  Durchbruchsversuch,
  an  dessen  furchtbarer  Ernsthaftigkeit
nicht  der  leiseste  Zweifel  ist,  in  ihren  Heeresberichten
völlig  zu  unterschlagen.

Das  war  aber  auch  vorläufig  der  letzte  Großkampftag
  der  Sommeschlacht.  Unbedeutende  und  völlig  ergebnislose
  örtliche  Vorstöße  und  planlose  Artillerietäligkeit
  kennzeichnen  den  Rest  des  Novembers  und
auch  die  erste  Dezemberhälfte.

Ver  Vobrudscha-Feldzug!.
Veröffentlicht  Mitte  Dezember  1916.
J.

Der  Vormarsch.

Rumäniens  Kriegserklärung  sollte  Rußland  das
Tor  nach  Konstantinopel  öffnen.  Dem  langwierigen,
durch  Freigebigkeit  erleichterten  Druck  hatte  die  morsche
  Schranke  rumänischer  Neutralität  endlich  nachgegeben.
  Aus  der  südwärts  gerichteten  Füllhorngestalt
  der  Dobrudscha  sollten  sth  ungehindert  durch
den  Wasserlauf  der  Donau,  die  rumänischen,  russischen,
serbischen  Divisionen  auf  das  bulgarische  Küstenland
ergießen.  Im  Süden  erwartete  man  von  dem  weisen
Zauderer  Sarrail  nunmehr  die  Früchte  seiner  nimmermüden
  Vorbereitungen.  Das  leichte  Gewinnspiel  des
zweiten  Balkankrieges  sollte  seine  Wiederholung  fin.
den,  und  Rumänien  fühlte  sich  seines  Erfolges  und
der  Kraft  seiner  Verbündeten  so  sicher,  daß  es  sich  mit
seiner  Hauptmacht  zunächst  der  siebenbürgischen  Beute
zu  bemächtigen  suchte.  Einer  aus  4  rumänischen,
1  russischen  und  1  serbischen  Division  gebildeten  wohlausgerüsteten
  Armee  siel  die  Aufgabe  zu.  Bulgarien
von  der  Dobrudscha  aus  anzufallen.  Weitere  Divisionen
  sollten  aus  Rußland  und  je  nach  Lage  aus
Siebenbürgen  in  Bälde  nachgeschoben  werden.

Am  27.  August,  abends  10  Uhr,  erklärte  Numänien
  Österreich-Ungarn  den  Krieg.  Am
folgenden  Tage  übernahm  Generalfeldmarschall  v.
Mackensen  den  Oberbefehl  über  die  deutschen,  bulgarischen,
  österreichisch-ungarischen  und  vomanischen

1  UL  JL.  die  Karte  »  Der  rumänische  Feldzug  im  Herbst  1916“.

221

Truppen  an  der  Donau  und  an  der  Dobrudschagrenze.
  Die  verbündeten  Heeresleitungen  hatten  längst
mit  dem  Eingreifen  Rumäniens  gerechnet  und  ihre
Vorbereitungen  getroffen.  Gleichwohl  lastete  die  Verantwortung
  einer  schweren  Aufgabe  auf  der  Führung
der  neugebildeten  Heeresgruppe.  An  Zahl  weit  unterlegenen
  eigenen  Verbänden  stand  ein  Gegner  gegenüüber,
  der  sich  sorgsam  vorbereitet  und  ausgestattet  hatte
und  sich  dabei  51n  Lehrgeldeinbuße  die  Erfahrungen
zweier  Kriegsjahre  nutzbar  machen  konnte.  Aber  auch
von  Rußland  waren  große  Kraftanstrengungen  zu
erwarten.  Nur  Überlegenheit  der  Führung  und  restloser
  Opfermut  der  Truppe  vermochten  das  Miß.
verhältnis  an  äußeren  Machtmitteln  auszugleichen.

Die  zunächst  zur  Verfügung  stehenden  Verbände
mußten  auf  die  700  km  lange  Front  sorgsam  verteilt
werden.  In  äußerster  Sparsamkeit  war  jeder  Mann
an  seinen  richtigen  Platz  zu  stellen,  in  bedachter  Voraussicht
  jede  besonders  1  Stelle  in  genügender
  Stärke  zu  sichern.  Größte  Bedeutung  kam  der
Aufklärung  über  den  Feind  zu.  Unsere  Flieger  wachten
  über  der  Donau,  meldeten  den  Aufmarsch  des
Gegners,  bereitgestellte  Kähne,  die  Schanzarbeiten,
den  Wasserstand.  Nachrichten  aus  anderen  Quellen
vervollständigten  das  Bild.  Es  ließ  die  Absicht  unserer
  Führung,  durch  rasches,  entschlossenes  Handeln
die  Pläne  des  Gegners  über  den  Haufen  zu  werfen,
aussichtsreich  erscheinen.

Das  Hauptziel  war,  im  Aufmarsch  befindliche  feindliche
  Teilkräfte  auf  sich  zu  ziehen,  zu  schlagen  und
dadurch  deren  Ansammlung  zu  verhindern.  Da  die
vorhandenen  Truppen  nicht  ausreichten,  um  an  der

anzen  Dobrudschagrenze  offensiv  vorzugehen,  beorke
  man  sich  darauf,  auf  dem  rechten  Flügel
nach  der  Wegnahme  von  Dobritsch  zunächst  defensiv  zu
bleiben,  um  mit  geringer  Zahl  in  fester  Stellung  den
erwarteten  russischen  Vorstoß  an  der  Meeresküste  abzu.
wehren.  Der  linke  Flügel  hatte  zunächst  die  befestigten
  feindlichen  Brückenköpfe  an  der  Donau,  Tutrakan
und  Silistria,  die  Ausfallpforten  der  rumänischen
Offensive,  in  seine  Gewalt  zu  bringen.  Gelang  das
kühne  Unterfangen,  so  standen  in  einer  erheblich  verkürzten
  Front  die  alsdann  freigewordenen  Verbände
in  der  Flanke  der  feindlichen  Hauptkräste,  die  unterdessen
  bei  Dobritsch  in  die  Kämpfe  mit  unserer  Defensivfront
  verwickelt  waren.

Der  Plan  glückte  rascher,  als  man  erwarten  konnte.
Der  Beper  hatte  offenbar  nicht  mit  einer  Offensive
von  Bulgarien  aus  gerechnet  und  sich  mit  seinen  Vorbereitungen
  Zeit  gelassen.  Am  1.  September  trat
zwischen  Bulgarien  und  Rumänien  der  Kriegs.
zustand  ein.  Am  gleichen  Tage  erging  an  die  3.
bulgarische  Armee  der  Befehl:  Um  12  Uhr  nachts
gehen  sämtliche  Grenzposten  auf  feindliches  Gebiet
über  und  werfen  die  Grenzwachen  möglichst  weit  zurück.
  Der  Vorstoß  hat,  um  die  Gefangenenzahl  zu
erhöhen,  überraschend  zu  erfolgen.  Am  2.  September
  waren  die  seindlichen  Vortruppen
auf  der  ganzen  Front  zurückgeworfen.  Die
eigenen  Verluste  waren  bei  zumeist  schwachem  Widerstand
  des  Gegners  gering,  die  der  Rumänen  erheblich.

Heftiger  waren  die  Kämpfe  an  der  Küste,  wo  bulgarische
  Kavallerie  ein  rumänisches  Regiment  vernichtend
  schlug.  Prompt,  wie  befohlen,  wird  die  alte
Bulgarenstadt  Dobritsch,  der  Haupthandelsplatz  der
südlichen  Dobrudscha,  am  4.  September  eingen  ommen.
  In  den  nördlich  vorgelagerten  Höhen  graben
sich  alsdann  die  Truppen  unsercs  rechten  Flügels  ein.
        <pb n="280" />
        222

Eine  bulgarische  Brigade  hat  sich  hier  in  den  folgenden
  Tagen  der  heftigsten  Angriffe  überlegener  seindlicher
  Kolonnen  zu  erwehren.  Zum  ersten  Male  stoßen
dabei  Bulgaren  mit  russischen  Regimentern  zusammen.

In  den  ersten  Septembertagen  traf  bereits  das  erste
Regiment  der  türkischen  Divisionen  ein,  die  Generalissimus
  Enver  Pascha  in  waffenbrüderlicher  Bereitschaft
  sofort  nach  Rumäniens  Kriegserklärung  zur
Verfügung  gestellt  hatte.

In  raschem  Vormarsch  hatten  unterdessen  deutsche
und  bulgarische  Kräfte  die  Donaufestung  Tutrakan
so  fest  umklammert,  daß  bereits  am  5.  September
der  Generalsturm  angesetzt  werden  konnte.  Am
Abend  dieses  Tages  war  mit  den  Forts  2—9  die
Hauptstellung  genommen.  Obwohl  die  an  die  Donau
anlehnende  deutsche  Abteilung  im  offenen  Gelände
vom  Fluß  her  schwer  unter  feindlichem  Feuer  zu  leiden
  hatte,  hatte  sie  entschlossen  jede  Wankelmütigkeit
des  Gegners  ausgenutzt,  durch  schnelles  Heranarbeiten
  an  seine  Stellungen  sein  Selbstvertrauen  erschüttert
  und  während  seines  jeweiligen  Zurückweichens
eiligst  die  Artillerie  nachgezogen.  41  Bataillone,  20
Batterien  und  6  Eskadronen  hatten  diesem  ungestümen
  Ansturm  der  an  Zahl  unterlegenen  deutschen
und  bulgarischen  Bataillone  nicht  standzuhalten  vermocht.
  Bevor  die  rumänische  Heeresleitung  zur  Besinnung
  kam,  war  ihr  der  mit  allen  modernen  Befestigungsmitteln
  ausgestattete  Brückenkopf  Tutrakan
entglitten.  Am  Abend  des  6.  Septembers  rückten  deutsche
  Kompanien  in  die  Festung  ein.  Eine  schwere,
blutige  Niederlage  des  Feindes  war  mit  ganz  geringen
eigenen  Verlusten  erfochten.  Zwei  rumänische  Divisionen
  fielen  unverwundet  in  unsere  Hände,  ein  erheblicher
  Teil  der  rumänischen  Offensivarmee  war  vernichtet.
  Unter  den  28.000  Gefangenen  befanden  sich
400  Offiziere,  darunter  3  Brigadegenerale.  Von  den
100  teilweise  schweren  Geschützen  halte  allein  ein  deutsches
  Bataillon  15  mit  stürmender  Hand  genommen.

Die  Führung  stand  in  den  folgenden  Tagen  vor
einer  schweren  Entscheidung.  Bei  Dobritsch  verstärkten
sich  die  feindlichen  Angriffe.  Der  rumänischen  und
russischen  gesellte  sich  eine  serbische  Division  hinzu.
Ein  Mißerfolg  auf  dem  rechten  Flügel  brachte  den  gesamten
  Offensivplan  in  Gefahr.  Die  Heeresgruppe
war  zu  schwach,  um  den  Defensivlinien  bei  Dobritsch
genügente  Stärke  zu  verleihen  und  gleichzeitig  für  eine

inschließung  des  weiter  donauwärts  gelegenen  befestigten
  Brückenkopfes  Silistria  eine  ausreichende
Truppenzahl  freizubekommen.  Aber  auch  hier  durchhieben
  die  Beherztheit  des  Entschlusses  und  der  Führung,
  der  Wagemut  der  Truppen  den  Knoten.  Es
wird  den  in  rastloser  Verfolgung  nachgedrungenen
Verbänden  ein  Handstreich  auf  Silistria  befohlen.
Ohne  ernsten  Widerstand  ergibt  sich  die  überrumpelte
Festung.  Bereits  am  9.  September  reitet  eine  deutsche
  Offizierspatrouille  in  die  Stadt  ein.  Wiederum
werden  zahlreiche  Geschütze  und  viele  Kriegsgerätschaften
  erbeutet.

Mit  der  Wegnahme  von  Silistria  ist  die  Donau  als
Berbündete  gewonnen.  Den  linken  Flügel  schützt  der
breite  Strom  mit  seinen  sumpfigen  Nebengewässern.
Derrumänische  Plan,  von  Tutrakan  und  Silistria
aus  gleichzeitig  mit  dem  russischen  Vorstoß  nach
Warna  in  Mittelbulgarien  einzufallen,  ist
unterbunden.  Der  weitere  Vormarsch  kann  sich,
seitwärts  ungehindert,  in  frontaler  Richtung  der  Eisen-1

  Ugl.  Schilderung  und  Kärtchen  auf  S.  225  ff.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

bahnlinie  Konstanza-Tschernawoda  zuwenden.
Zwei  bis  drei  rumänische  Brigaden,  die  später  bei
Rahova  über  eine  rasch  geschlagene  Pontonbrücke  am
bulgarischen  Donauufer  Fuß  faßten,  waren  durch
rasche,  umsichtige  Maßnahmen  bereits  von  allen  Seiten
  umschlossen,  als  eiligste  Flucht  sie  unter  schweren
Verlusten  dem  drohenden  Verhängnis  entzog.

In  dem  sich  verengernden  Schlauch  der  Dobrudschafteppe
  standen  die  verstärkten  feindlichen  Divisionen
  in  immer  dichteren  Reihen  gegenüber.  Trotzdem
wurden  Angriff  und  Verfolgung  ebneeinen  Tag  Rube
fortgesetzt.  Bereits  fünf  Tage  nach  der  Einnahme  von
Silistria  hatte  der  deutsche  linke  Flügel  den  Donauabschnitt
  25  km  südlich  von  Tschernawoda  erreicht.
Die  Front  zog  sich  von  hier  genau  südwärts  und  bog
nördlich  Dobritsch  nach  Osten  um.  Die  feindliche  Armee
  war  somit  in  den  rechten  Winkel  unserer  Linie  eingekeilt.
  Das  lockerte  ihre  Widerstandskraft.  Vollends
zermürbt  aber  wurden  die  des  Feuers  ungewohnten
rumänischen  Truppen  durch  den  unablässigen  eeisernen
Druck  der  Verfolgung.  Auch  die  Beschaffenheit  des
Bodens,  die  dem  Nachschub  die  größten  Schwierigkeiten
  bereitete,  vermochte  die  angespannteste  Verfolgung
  nicht  aufzuhalten.  Besondersempfindlich  war
der  Mangel  an  Wasser,  das  in  Tanks  und  Wagen
durch  mit  Büffeln  und  Ochsen  bespannte  Kolonnen
aus  dem  Ointerlande  nach  vorne  gefahren  werden
mußte.  Dem  langsamer  folgenden  Gros  gingen  daher
Vorhuten  voraus,  die  die  Fühlung  mit  dem  Feinde
behielten  und  ihm  die  Möglichkeit  nahmen,  sich  in
günstigen  Geländefalten  festzusetzen.

Der  am  weitesten  vorgedrungene  deutsche  linke  Flügel
  zog  Mitte  September  schwere  feindliche  Angrifse
auf  sich.  Ein  ostpreußisches  Regiment,  das  in  Eilmärschen
  von  täglich  50  —60  km  nachgezogen  war,
stieß  hinter  Silistria  zu  dem  Detachement  von  H.,  das
an  der  Einnahme  von  Tutrakan  ruhmreichen  Anteil
hatte.  Das  deutsche  Detachement  wurde  zusammen
mit  dem  eingetroffenen  Regiment  und  einigen  bulgarischen
  Bataillonen  zu  der  Brigade  B.  erweitert,  der
auch  weiterhin  entscheidungsvolle  Aufgaben  zufielen.
Ihrem  ungestümen  Vormarsch  auf  Tschernawoda
  wollten  die  Rumänen  bei  Lipnita  mit  starken
Kräften  Halt  gebieten.  Die  Brigade  mußte  hier  in
unübersichtlichem,  bergigem  Gelände  eine  unwegsame
buschige  Enge  durchschreiten.  Eine  Infanterievorhut.
verstärkt  durch  deuische  Ulanen  und  eine  Kanonenbatterie,
  schob  sich  vor,  um  dem  Gros  den  Engpaß  zu
sichern.  Der  Vorstoß  gelang.  In  leichten  Gefechten
wurde  die  Nachhut  des  Feindes  zurückgeworfen  und
das  Dorf  Curu  Orman  bei  anbrechender  Dunkelheit
genommen.  Das  Ulanenregiment  hatte  Schützenketten
entwickelt  und  sich  am  Dorfrand  im  Anschluß  an  die
Infanterielinie  festgesetzt.  Das  helle  Licht  des  Vollmondes
  verlockte  dazu,  den  errungenen  Erfolg  weiter
auszunutzen.  Unter  Führung  des  Prinzen  Friedrich
Wilhelm  von  Hessen  brachen  einige  Züge  gegen  die
Maisfelder  vor,  in  denen  der  Feind  sich  versteckt  eingegraben
  hatte.  Sie  bekamen  hefliges  Feuer,  hatten
aber  geringe  Verluste.  Mit  leuchtendem  Heldenmut
rief  der  Prinz  erneut  zum  Stürmen.  Er  überrannte
mit  seinen  Getreuen  die  vorderste  feindliche  Stellung,
stieß  aber  dann  auf  einen  zweiten  Graben,  vor  dem
er  mit  seinen  Leuten  den  Heldentod  fand.  Es  gelang
dem  Gegner  im  Laufe  der  Nacht,  die  kritische  Lage,
in  die  er  durch  den  kühnen  Vorstoß  des  Prinzen  von
Hessen  geraten  war,  durch  einen  Flankenangriff  sich
zu  erleichtern.  Das  nachrückende  Gros  der  Brizade
        <pb n="281" />
        <pb n="282" />
        DER  REMAXISCIIE  FELDAIG
im  Herbst  1016.
Mubstab  1  2000  000  J.  HM.  „  LA#tlomelen

Kümpte  in  der  Dobrudsche:  Srinkrer  v7%  e  7  /77  /7
-—W——.————  ——————————n—nien

—  .  .  EEEIIIEäää—
Slcllungen  dcAumaonen  te.  sMiwen  um  fs.  J  —E—

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        Kriegsberichte:  Dobrudscha-Feldzug

B.  sicherte  jedoch  am  folgenden  Tage  den  vollen  Besitz
der  von  der  Vorhut  gewonnenen  Stellungen.

Auch  hier  war  durch  überraschendes,  tatkräftiges
Zugreifen  die  Selbstsicherheit  des  Gegners  erschüttert
worden.  Seine  Massen  fluteten  zurück,  und  unsere
Vorhut  blieb  ihnen  so  aufsässig  an  der  Klinge,  daß
er  erst  wieder  vor  seiner  vorbereiteten,  befestigten  Stellung
  südlich  Rasova  zum  Stehen  kam.  Die  bogenförmige
  Umfassung  der  feindlichen  Kräfte  ermöglichte
es  dem  nördlich  vorgedrungenen  deutschen  Flügel,  den
vor  der  bulgarischen  Nachbardivision  zurückweichenden
  Kolonnen  wirkungsvoll  in  die  Flanke  zu  schießen.
Fast  täglich  boten  sich  unserer  regsamen  Artillerie
dankbare  Ziele  vor  der  Front  und  seitwärts.  Die
Feuerüberfälle  wirkten  auf  die  noch  kriegsschwachen
Nerven  der  rumänischen  Soldaten  meist  so  verwirrend,
  daß  ihre  Verbände  jeden  Zusammenhang  verloren.
  Am  15.  September  stieß  die  Brigade  B.  auf  die
feindliche  Hauptstellung  südlich  Rasova.  Auf
Wochen  gewaltiger  Marschleistungen  und  täglicher
Verfolgungsgefechte  folgte  ein  bewegter  Stellungskampf,
  indem  zunächst  erbitterte  Angriffe  verstärkter
rumänischer  Kräfte  abzuwehren  waren.  Bei  einem
wuchtigen  Schlag  unmittelbar  vor  der  rumänischen
Hauptstellung  waren  dem  Überstürzt  fliehenden  Feind
von  deutschen  Bataillonen  noch  6  Geschütze  und  8  gefüllte
  Munitionswagen  abgenommen  worden.

In  tapferen,  zähen  Gegenstößen  hatte  unterdessen
das  bulgarische  Detachement  nördlich  Dobritsch  die
Angriffskraft  des  Gegners  aufgerieben.  Er  sahsich  auf
der  ganzen  Front  der  3.  bulgarischen  Armee  in  die
Verteidigung  gedrängt  und  durch  die  Umfassung  seiner
  westlichen  Flanke  durch  die  deutschen  Truppen  auf
seinem  Rückwege  bedroht.  Die  Lage  war  strategisch
für  ihn  so  ungünstig  geworden,  daß  er  sich  nur  durch
einen  eiligen  Rückzug  der  Vernichtung  entziehen  konnte.
Am  Abend  des  15.  Septemberstrifft  beim  Heeresgruppenkommando
  die  Meldung  ein,  daß  der  Feind  auf
der  ganzen  Front  zurückweicht.  Hartnäckigste  Versolgung
  wird  befohlen.  Der  Feind  leistet  nur  vereinzelt
  ernsteren  Widerstand.  In  stärkster  Anspannung
aller  Kräfte  werden  täglich  große  Geländeabschnitte
gewonnen.  Neu  eingesetzte  rumänische  Brigaden  werden
  in  den  rückwärtigen  Strom  mit  hineingerissen.
Das  Gelände  ist  flach,  kahl,  baumlos.  Zuweilen  bilden
  sich  Mulden  und  niedere  Höhen.  Diese  Erhebunen

  bieten  einen  meilenweiten  Blick  über  das  Gelände.
Die  Artilleristen  halten  reiche  Ernte.  Das  Vorgelände
ist  bewegt  von  den  dichten  Schwärmen  zurückflutender
Infanterie.  Rumänische  Regimenter,  die  aus  den  Karpalhen
  eintrafen,  und  neue  russische  Verstärkungen  fingen
  an  der  vorbereiteten  Hauptstellung  vor  Copadin-Topraif
  ar  die  Verfolgung  auf.  Es  bedurfte  zunächst
  sorgsamer  Vorbereitungen,  um  diese  Festungslinie
  zu  überwinden.

II.
Der  Durchbruch.

Erst  die  spätere  Geschichtschreibung  wird  ein  getreues
  Bild  der  Nachschubschwierigkeiten  zeichnen  können,
  mit  denen  eine  größere  Armee  in  diesem  unentwickelten
  Lande  zu  kämpfen  hatte.  Der  vorübergehende
Stillstand  unseres  Vormarsches  hatte  den  hoffnungsbereiten
  Geger  zu  dem  frohen  Glauben  verleitet,  daß
sich  unsere  Truppen  nicht  die  Kraft  zumaßen,  die  befestigte
  Eisenbahnlinie  Konstanza-Tschernawodo
  in  ihre  Hand  zu  bekommen.  Die  rumänischen
  und  russischen  Divisionen  hatten  sich  von  ihrem

223

Schrecken  erholt  und  unternahmen  mit  Verstärkungen
in  ständig  wiederholten  Angrissen  den  Versuch,  ihrerseits
  die  Offensive  wieder  aufzunehmen.  Sie  wurden
an  allen  Stellen  unserer  schnell  befestigten  Front  mit
schweren  Verlusten  immer  wieder  abgewiesen.  Die
Schwächung,  die  sie  sich  auf  diese  Weise  selbst  bereiteten,
  konnte  unserer  Führung  nur  erwünscht  sein.

Die  Vorbereitungen  für  den  geplanten  Durchbruch
  wurden  in  gewohnter  Sorgfalt  getroffen.  Vor
dem  Stützpunkt  Copadin  wurden  bewährte  bulgarische
  Regimenter,  gegenüber  dem  starken  Bollwerk
Topraisar  eine  neu  eingetroffene  deutsche  Division
zusammen  mit  der  Brigade  B.  eingesetzt.  Land=  und
Seeflieger  überwachten  in  unermüdlichem  Pflichteifer
den  feindlichen  Aufmarsch,  sie  störten  durch  fast  täg.
liche  Bombenwürfe  und  Maschinengewehrfeuer  den
Truppen=  und  Materialienverkehr  über  die  Brücke  bei
Tschernawoda,  die  Truppenausladungen  im  Hafen
von  Konstanza  und  griffen  mit  guten  Erfolgen  die
Biwaks  und  Munitionslager  an.  Die  Nachricht  von
dem  stellenweisen  Ausbruch  der  Cholera  in  feindlichen
Quartieren  gab  zu  vorbeugenden  Maßnahmen  Anlaß.
  Deutsche  Unterseeboote  hielten  sich  bereit,  unsere
rechte  Flanke  von  See  aus  zu  decken.

In  mehrlinigen,  weit  ausgedehnten,  schon  in  Friedenszeiten
  mit  allen  Befestigungsmitteln  ausgebauten
Hiellungen  stand  ein  an  Zahl  erheblicher  Feind  gegen.
über.  Auf  einer  Front  von  etwa  70  km  waren  vier
voll  aufgefüllte  rumänische,  zwei  russische,  eine  serbische
  Division,  ferner  eine  russische  Kavalleriedivision
und  eine  rumänische  Kavalleriebrigade  teils  vorne,
teils  in  Reserve  in  gefechtsbereiter  Verteidigung.  Eine
weitere  russische  Schützendivision  und  ein  weiteres
russisches  Armeekorps  trafen  kurz  vor  dem  Durchbruchstag
  im  Kampfgebiet  ein.  Ernste,  harte  Tage
standen  bevor.  In  der  Anlage  und  genauesten  Vorbereitung
  war  alles  Erdenkliche  geschehen.

Am  Morgen  des  19.Oktobers  wirbelten  im  klaren
Herbstlicht  auf  der  ganzen  Front  die  schweren  Eisenschlägel
  zum  Sturm.  Der  Feind  war  zunächst  aus
seinen  teilweise  erst  in  letzter  Zeit  mit  Draht  umsponnenen
  Vorstellungen  zu  werfen.  Der  Angriffsbefehl
forderte  den  Bormarsch  auf  der  ganzen  Linie.  Von
einer  kleinen  Anhöhe,  die  einen  weiten  überblick  über
die  Ebene  gewährte,  leitete  Generalfeldmarschall  von
Mackensen  mit  seinem  Generalstabschef,  General  Tappen,
  die  Kampfhandlung.  Auf  dem  rechten  Flügel
führte  die  bulgarische  Kavallerie  ihre  Aufgabe  schneidig
  durch.  Auch  auf  der  übrigen  bulgarischen  Front
arbeitete  sich  die  Infanterie  todesmutig  an  die  feindlichen
  Gräben  heran.  Die  türkischen  Divisionen,  denen
Russen  gegenüberstanden,  stürmten  noch  am  ersten
Tage  die  seindlichen  Stellungen,  machten  1500  Gefangene
  und  erbeuteten  zwei  Geschütze  sowie  mehrere
Maschinengewehre.

Die  schwerste  Aufgabe  fiel  einer  deutschen  Division
  zu,  die  Gegen  Topraisar  angesegt  war.  Die
rumänischen  Stellungen  waren  vor  dem  Dorfe,  teilweise
  tief  einzementiert,  wie  ein  Spinnennetz  ausgebreitet
  und  mit  starken  Kräften  besetzt.  Das  konzentrische
  schwere  Artilleriefeuer,  das  auf  den  Gräben  und
Zugangswegen  lag,  konnte  nakurgemäß  nur  gegen
einen  Teil  der  weitverzweigten  Anlagen  wirken.  Der
Infanterieangriff  hatte  vor  der  feindlichen  Stellung
kilometerweit  flachen,  steppenartigen  Boden  zu  überwinden.
  Es  war  somit  dem  Teil  der  feindlichen  Verteidigungswerke,
  der  von  unserer  Artillerie  nicht  gefaßt
war,  ein  leichtes,  sich  der  ungedeckt  nähernden  Schützen
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        224

zu  erwehren.  Zweieinhalb  Tage  hat  ein  pommersches
  Reserveregiment  hier  dem  Feuerhagel  des  verschanzten
  Gegners  getrotzt  und  ihm  mit  zähester  Verbissenheit
  im  schrittweisen  Vorrücken  die  Vorstellung
und  dann  die  Hauptbefestigungen  entrissen.  Der  gefeierte
  Sturm  bei  St.  Privat  det  hier  seine  Auferstehung
  gefunden.  Das  Gelände  war  hier  bei  Topraisar
  freilich  noch  ungünstiger  als  dort,  die  Verteidigungskraft
  des  Feindes  durch  die  neuzeitliche  Technik
verstärkt.  Nachts  arbeiten  sich  die  Kompanien  an
die  Hindernisse  heran.  Sie  versuchen,  Sturmgassen
in  die  Drahtverhaue  zu  schneiden.  Der  Gegner  bemerkt
  die  Unmöherung  und  streut  die  Feuergarben
über  den  Boden  hin.  Von  den  24  Mann  einer  vorgeschobenen
  Offizierspatrouille  bleiben  drei  Mann
übrig.  Es  sind  Stunden  höchster  Nervenanspannung.
Der  Tag  bricht  an.  Die  vordersten  Schützen  krallen
sich  regungslos  in  der  schwarzen  Erdefest.  Das  Feuer
flutet  über  sie  hinweg.  Sie  können  nicht  vorwärts,
nicht  rückwärts.  An  Munitionsnachschub  und  Nahrung
  ist  nicht  zu  denken.  Aber  dem  Feind  steckt  ihre
sprungbereite  Nähe  lähmend  in  den  Gliedern.

Am  dritten  Vormittag  wird  das  Dorf  von  den
Nachbarregimentern  im  Osten  umfaßt.  Zwei  Kompanien
  sind  schon  am  östlichen  Dorfrand.  Da  bricht
die  feindliche  Mauer  zusammen.  Nun  springen  die
Pommern  aus,  durchschneiden  den  Draht  und  nehmen
die  Verfolgung  auf.

Unsere  Artillerie  fährt  vor.  Dünne  deutsche  Schütgenketten
  treiben  den  geschlagenen  Feind  vor  sich  her,

er  in  etwa  20  Linien,  dicht  wie  ein  Ameisenhaufen,
kopflos  vor  ihnen  flüchtet,  Artillerie  und  Bagage
zwischen  den  Reihen.  Seine  Verluste  sind  in  dem
Üdersichtlichen  Gelände  überaus  schwer.  Was  nicht
mitkommt,  wird  im  Stich  gelassen.  Plötzlich  stockt  das
sliehende  Heer.  Am  Horizont  taucht  russische  Kavallerie
  auf.  Sie  haut  auf  die  Ausreißer  ein  und  will.
sie  zurücktreiben.  Aber  die  Kugeln  unserer  Musketiere
  haben  mehr  Gewalt  über  ihre  Seelen  als  die
Kosakenpeitschen.  Nach  einem  kurzen,  hilflosen  Zaudern
  geraten  die  Massen  wieder  in  Fluß,  und  die
feindliche  Kavallerie  kneift  mit  ihnen  aus.

Unter  den  3300  Gefangenen  der  ersten  beiden  Tage
waren  3000  Russen.  Die  Rumänen  ließen  sich  lieber
auf  der  Flucht  aus  nächster  Nähe  erschießen,  als  daß
sie  sich  ergaben.  Man  hatte  ihnen  erzählt,  daß  sie  in
der  Gefangenschaft  grausam  umkämen.  Auffällig  ist
ferner,  daß  sich  unter  den  Gefangenen  nur  zwei  Eff
ziere  befanden.  Es  werden  durch  diese  Tatsache  die
Uussaten  ihrer  Soldaten  bestätigt,  daß  sich  die  vor
dem  Krieg  so  ruhmredigen  Offiziere  während  des
Kampfes  bescheiden  im  Hintergrund  hielten  und  die
Kompanien  durch  Feldwebel  oder  Unteroffiziere  befehligen
  ließen.  Doch  als  es  nach  rückwärts  ging,  waren
sie  die  Vordersten.

III.
Berfolguug.

Nachdem  die  feindliche  Dobrudscha-Armee  bei  Topraisar
  den  letzten  sicheren  Halt  verloren  hatte,  wurde
sie  die  leichte  Beute  ihrer  Verfolger.  Der  Sieg  war
erfochten.  Die  weitere  Aufgabe  war,  ihn  zur  Vernichtung
  des  Feindes  auszunutzen.  Die  äußerste
Kraftanstrengung  wurde  gefordert,  um  in  der  augenblicklichen
  Machtüberlegenheit  den  moralisch  erschütterten,
  erheblich  geschwächten  Gegner  lange  in  der
Hand  zu  behalten,  ihm  weitere  Verluste  zuzufügen
und  sich  indessen  die  neue  Linie,  die  angestrebt  wurde,

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

zu  sichern.  Man  konnte  auch  in  diesen  Tagen  beobach.
ten,  daß  die  Rumänen,  die  sich  bei  Topraisar  durchaus
  tapfer  geichlagen  hatten,  die  Nerven  verlieren  und
zum  Spielball  fremden  Willens  werden,  sobald  sie
von  dem  ihnen  zugewiesenen  Platze  losgelbst  sind.

Am  Nachmittag  des  21.  Septembers,  als  die  Versolgung
  begann,  ging  ein  schweres  Ungewitter  auf
das  Kampfgelände  nieder.  Die  Elemente  wetteiferten
mit  den  Feuerkräften  der  Menschen.  Die  Donnerschläge
  mengten  sich  mit  dem  Lärm  der  Geschütze.
Obwohl  der  Wetterunscchlag  besonders  der  Artillerie
das  Nachstoßen  erschwerte,  blieb  man  dem  Feind  in
froher  Siegesstimmung  auf  den  Fersen.  Über  den
weithin  schimmernden  Häusern  von  Konstanza  flatterte
eine  schwarze  Rauchfahne  im  Wind.  Bei  den  Gefechten
  mit  der  feindlichen  Tasphut  war  ein  Oltank  in
Brandgeraten.  Von  Seeaus  legten  7  russische  Kriegsschiffe
  schweres  Geschütz  auf  den  Küstenstrich,  ohne
eine  Wirkung  zu  erzielen.  In  der  Ferne  wogten  die
feindlichen  Linien  davon.  Es  war  besonders  in  der
Nacht  äußerst  schwierig,  sich  in  dem  eintönigen  Gelände
  zurechtzufinden,  in  dem  kein  Baum,  kein  Brunnen,
  kein  Gehöft  einen  Anhaltspunkt  für  die  Orientierung
  gab.  Die  spärlichen  Dörfer  liegen  zumeist  in
Mulden  versteckt.  Die  einzigen  Merkzeichen  sind  die
Tumulis.  Man  nimmt  daher  vielfach  an,  daß  diese
kleinen  Erderhebungen,  denen  man  öfters  am  Wege
begegnet,  von  den  Römern  als  Wegweiser  und  Signalstationen
  angelegt  wurden.  Auch  die  überreste  der
Trajanswälle,  die  unsere  Truppen  in  diesen  Tagen
  durchschritten,  legen  Zeugnis  ab  von  der  altrömischen
  Kriegskunst  und  ihren  gewaltigen  Maßen.
Mehrfach  hintereinander  sind  in  massigen  Erdbauten
Verteidigungswerke  angelegt,  deren  jedes  aus  zwei
Wällen  und  einem  tiefen  Graben  besteht.  Sie  find
durch  flankierende  Gräben  und  Riegelstellungen  auch
als  Einzelbollwerke  verwendbar.

An  den  verwachsenen  Böschungen  entlang  zieht  sich
die  Eisenbahnlinie  Konstanza-Tschernawoda,
die  Lebensader  Rumäniens,  die  die  reichen  Erträgnisse
  des  Binnenlandes  dem  Meere  und  damit  dem
Weltmarkte  zuführte.  Während  des  Krieges  war  sie
als  einer  der  wenigen  Verbindungswege  zu  dem  verbündeten
  Rußland  für  Rumänien  von  größter  mili
tärischer  Bedeutung.  Sie  war  bis  zuletzt  auch  die  Basis
  der  feindlichen  Dobrudscha-Armee  gewesen.  Un.
sere  Flieger  hatten  öfter  beobachtet,  daß  der  Verkehr
über  die  Brücke  bei  Tschernawoda  eine  viertelstündige
Zugfolge  aufwies.  In  größter  Hast  jagten  nunmehr
mit  schrillen  Pfiffen  die  letzten  Züge  über  die  Strecke,
und  es  hat  die  pommerschen  Musketiere  schwer  geärgert,
  daß  ihnen  der  letzte,  mit  drei  Lokomotiven
bespannte  Zug  in  weiter  Entfernung  entwischte,  bevor
  die  Artillerie  heran  war.  Viel  entkam  mit  ihm
nicht;  denn  die  Nebengeleise  an  der  ganzen  Linie  standen
  noch  mit  Wagen  und  Lokomotiven  gedrängt  voll.

Es  blieb  dem  Feind  auf  seinem  überstürzten  Rückzug
  keine  Zeit,  Konstanza  in  den  vorbereiteten  Stellungen
  zu  verteidigen.  Er  war  zufrieden,  wenn  er
sich  selbst  in  Sicherheit  bringen  konnte.  So  fiel  als
erste  wertvolle  Frucht  der  Durchbruchskämpfe
vom  19.  bis  21.  Oktober  zwei  Tage  später  die  rumänische
  Hafenstadt  ohne  ernsten  Widerstand  in  die
Hände  der  verfolgenden  Truppen.  Am  Mittag  des
23.  Oktobers  rückten  deutsche  und  bulgarische  Infanterie
  zusammen  mit  bulgarischer  Kavallerie  in  die
Stadtein.  Die  vor  dem  Hafenliegende  russische  Flotte
gab  Volldampf  und  ging  mit  der  unabgelieferten
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        Kriegsberichte:  Dobrudscha-Feldzug;  Eroberung  von  Tutrakan

Ware  ihrer  Transportdampfer  gen  Nordosten  hinter
den  Wasserrücken  in  Deckung.  Unbeschädigt  fielen
die  reichen  und  kostbaren  Vorräte  dieses  riesenhaften
Warenstapelplatzes  in  die  Hände  des  Siegers.

Kurze  Zeit  nach  der  Einnahme  von  Konstanza
fällt  auch  Medgidia,  die  bedeutendste  Handelsstadt
  an  der  Bahnlinie,  in  die  Hände  der  nachdrängenden
  Verfolger.  In  Eilmärschen  wird  der  Brückenkopf
Tschernawoda  umstellt.  Wieder  wird  ein  Handstreich

ewagt,  um  ihn  möglichst  rasch  und  verlustlos  in  Beitz
  zu  bekommen.  An  demselben  Tage,  an  dem  der
Oberbefehlshaber  dem  bulgarischen  General  des  linken
  Flügels  Weisung  erteille,  -dem  weichenden  Gegner
  dichtauf  und  unverzüglich  folgend,  ist  in  Rasova
und  Tschernawoda  einzudringen  ich  erwarte,  daß  Rasova
  und  Tschernawoda  heute  abend  genommen  sinde,
traf  bei  ihm  die  Nachricht  ein,  daß  der  Befehl  aus-Eführrt
  sei.  In  Tschernawoda  waren  einige  rumänische

ataillone,  die  ahnungslos  in  ihre  Kaserne  marschierten,
  mit  den  einrückenden  Bulgaren  zusammengestoßen.
  Es  folgte  ein  zweistündiger  Straßenkampf,
bei  dem  die  Rumänen  größtenteils  aufgerieben  wurden.
  700  Mann  wurden  gefangengenommen.  Der
Versuch  des  Feindes,  die  Donaubrücke  zu  sprengen,
mißglückte.  Die  Bogen,  die  über  den  Strom  selbst

führen,  sind  nicht  zum  Einsturz  gebracht.  Auf  der

westlichen  und  mittleren  Strecke  dieser  längsten  Brücke
der  Welt  ist  über  einem  See  und  einem  Moenwasser
der  Donau  ein  Stück  eingerissen.  Mit  dem  Fall  von
Tichernawoda  ist  die  gesamte  Bahnlinie  im  Besitz  der
verbündeten  Truppen.  Unverzüglich  wurde  der  Vormarsch
  fortgesetzt  und  die  Front  weiter  nordwärts
geschoben,  um  den  heiß  erstrittenen  wertvollen  Besitz
gegen  feindliche  Gegenmaßnahmen  zu  sichern.

Der  Generalfeldmarschall  leitete  mit  seinem  Generalstabschef
  in  vorderer  Linie  die  Verfolgungsgefechte.
Er  hatte  als  alter  Reitergeneral  die  Genugtuung,  die
deutsche  und  bulgarische  Kavallerie  wiederholt  mit
größter  Wirkung  einsetzen  zu  können.  Die  Zahl  der
Gefangenen,  die  Beute  wuchs  täglich.  Zwei  sibirische
Schützendivisionen,  die  eben  eintrafen,  wurden  in  das
Verhängnis  mit  hineingerissen.  Als  gelehrige  Schüler
  ihrer  russischen  Rückzugsmeister  sieckten  die  Rumänen
  im  eigenen  Lande  alles,  was  ihnen  in  den  Weg
kam,  in  Brand,  jedes  Wohnhaus,  jeden  Strohschober.
Nur  der  Eile  ihres  Besuches  hatten  es  die  Dörfer  zu
verdanken,  daß  sie  größtenteils  verschont  blieben.

Bei  dem  Vorgehen  durch  die  kniehohen  Stoppeln
abgeernteter  Maisfelder  sielen  nur  vereinzelte  Schüsse.
Zuweilen  stieß  man  jedoch  in  Mulden  auf  neueingesetzte
  rumänische  oder  russische  Verbände.  Es  genügte
dann  meist  ein  krästiger  Hurraru#,  ihnen  eine  stramme
Kehrtwendung  beizubringen.  Die  russischen  Divisionen
  bestanden  aus  halbwüchsigen  Jungens,  die  zum
erstenmal  ins  Feuer  kamen.  Für  unsere  Bataillone,
die  fast  täglich  die  Frontrichtung  wechselten,  um  einzelne
  Teile  der  feindlichen  Kräfte  abzuschneiden,  bildete
  in  dem  gleichförmigen  Gelände  am  Tage  die
Rauchwolke,  in  der  Nacht  der  Feuerschein  des  brennenden
  Tanks  von  Konstanza  den  Kompaß.

Die  geschlagenen  Divisionen  der  Russen  und  Serben
flohen  auf  Tulcea,  die  der  Rumänen  auf  Härsova  und
Bräila  zu,  wo  erhebliche  Verstärkungen  erwartet  wurden.
  Bulgarisch-deutsche  Kavallerie-  und  Infanterieabteilungen
  stießen  in  den  Norden  der  Dobrudscha
nach,  um  den  Feind  so  lange  zu  beschäftigen,  bis  in
ihrem  Rücken  die  vorläufig  erstrebte  Linie,  der  nach
ungehinderter  Wahl  alle  Vorteile  des  Geländes  nutz-Der

  Krieg  1914/17.  U.

225

bar  gemacht  wurden,  durch  Feldbefestigungen  gesichert
war.  Erst  dann  wurden  die  Vorhuten  in  diese  Stellungen
  zurückbefohlen.  Der  Feind  fühlte  überaus
vorsichtig  nach.  Und  wenn  er  wieder  eines  der  freiewordenen
  Dörfer  besetzt  hatte,  war  er  in  der  glückichen
  Lage,  in  seinem  amtlichen  Heeresbericht  von
seinem  siegreichen  Vorrücken  in  der  Dobrudscha  und
der  Eroberung  neuer  Ortschaften  erzählen  zu  können.
In  der  nördlichen  Dobrudscha  erlebten  die  deutschen
Truppen,  an  deren  Bedürfnislosigkeit  größte  Anforderungen
  gestellt  worden  waren,  eine  freudige  überraschung.
  In  sauberen,  im  Grünen  gebetteten  Dörfern,
  die  von  der  Umgebung  merklich  abstachen,  trat
ihnen,  wie  ein  Traumbild,  ein  Stück  Heimat  entgegen.
Der  Fleiß,  die  Ordnungsliebe,  der  Sinn  für  Reinlichkeit
  und  Behaglichkeit  ist  das  unverwüstliche  deutsche
Blutvermächtnis  dieser  Kolonisten,  die  fremde  Regierungen
  besonders  gern  dahin  riefen,  wo  es  galt,  von
Natur  schwierigen,  aber  bei  Tüchtigkeit  lohnenden
Boden  urbar  z  machen.  Anfang  der  1870er  Jahre
hatte  die  Türkei  deutschen  Bauern,  denen  in  Beßarabien
  der  Ackerbesitz  schon  etwas  eng  wurde,  hier
kostenlos  Land  angeboten.  Im  Laufe  der  Jahre  sind
alsdann  in  der  Dobrudscha  etwa  14  wohlhabende  deutsche
  Dörfer  entstanden  mit  wohnlichen,  geweitten  Häuern,
  gepflegten  Stallungen,  mit  Zier=  und  Gemüsegärten,
  einer  schmucken  Kirche  und  wohlausgerichteten
Baumalleen  in  der  Dorfstraße.  Die  wehrfähigen  deutschen
  Ansiedler  sind  in  die  rumänische  Armee  eingereiht
worden.  Ein  Teil  von  ihnen  wurde  in  den  Dobrudschakämpfen
  gefangengenommen.  Ihr  Ordnungssinn
  zeigte  sich  auch  hierbei.  Sie  stellten  sich,  als  sie
gesammelt  wurden,  sogleich  nach  Dörfern  getrennt  auf.
In  zweimonatigen  angestrengtesten  Kämpfen  ist  mit
dem  bsten  Teil  der  Dobrudscha  die  erstrebte  wichtige
  Bahnlinie  Konstanza-Tschernawoda  mit  ihren
reichen  Vorratskammern  in  den  Besitz  der  verbündeten
  Truppen  gelangt.  Die  Beute  des  Feldzuges  umfaßt
zur  Zeit!  an  Gefangenen  513  Offiziere,  37600  Mann,
170  Geschütze,  davon  38  schwere,  170  Maschinengewehre,
  große  Mengen  Materials  und  ungeheuer
wertvolle  Vorräte  aller  Art.  Auch  für  das  wirtschaftliche
  Durchhalten  des  Vierbundes  ist  somit  der  hier
erfochtene  militärische  Sieg  von  größter  Bedeutung.
Derrumänische-russische  Offen  sivplan  gegen
Bulgarien  ist  im  Keim  erstickt  worden.  Auch  hier
bewährte  sich  das  alte  Gesetz,  daß  die  beste  Verteidigung
  der  Hieb  sei.  Der  Weg  nach  Konstantinopel  ist
weiter  als  je.  Dabei  hatten  die  Rumänen  für  ihren
Aufmarsch  und  Nachschub  ein  weit  kürzeres  und
leistungsfähigeres  Bahnnetz  zur  Verfügung.  Sie  hatten
  den  Vorteil  der  inneren  Linie  und  konnten  ihre
Truppen  je  nach  Bedarf  in  Siebenbürgen  oder  in  der
Dobrudscha  einsetzen.  Sie  haben  sie  aber  in  ständiger
nervöser  Unsicherheit  mißbraucht.  Das  taktische  Geschick
  unserer  Heeresleitung  und  Truppenführung  hat
es  erreicht,  daß  die  rumänischen  Divisionen,  die  das
Üübergewicht  schaffen  sollten,  in  Zeitpunkten  der  Entscheidung
  jeweils  auf  der  Eisenbahn  saßen.

Die  GEroberung  von  Tutrakan.
Veröfsentlicht  am  14.  Oktober  1916.

Nach  den  um  die  Wende  August--September  vorliegenden
  Nachrichten  waren  in  der  Dobrudscha  und
in  dem  wichtigen  Donaubrückenkopf  Tutrakan
zunächstnur  verhältnismäßig  schwachefeindliche  Kräfte

1  Mitte  Dezember  1916.

15
        <pb n="288" />
        226

versammelt.  Sie  überraschend  anzugreifen,  versprach
einen  schönen  Erfolg.  Dem  linken  Flügel  der  bulgrischen
  Armee  fiel  die  Aufgabe  zu,  die  ersten  starken

chläge  gegen  den  neuen  Feind  zu  führen;  abgesehen
davon,  daß  bei  Tutrakan  die  feindlichen  Kräfte  am
schnellsten  zu  treffen  waren,  mußten  die  Rumänen
durch  Wegnahme  dieses  Brückenkopfes  gezwungen
werden,  mindestens  bis  Silistria  zurückzugehen.  Wie
die  späteren  Ereignissen  zeigen,  trafen  aber  die  ersten
Schläge  so  gut,  daß  auch  dieser  wichtige  Platz  kampflos
  geräumt  werden  mußte.

Demgemäß  war  von  dem  Oberbefehlshaber  der
verbündeten  deutsch-bulgarischen  Truppen  in  Nord-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Mahle-Sijahlar9gemeldet,  während  Abteilung  H.,  die.
wie  befohlen,  am  2.  die  Grenze  Überschritten  hatte,  sich
mit  der  mittleren  Gruppe  östlich  Türk  Smil  befand.
Im  Laufe  des  3.  und  4.  Septembers  schoben  sich  die
bulgarischen  Hauptkräfte  näher  an  den  Brückenkopf
heran;  das  Dorf  Dajdir  wurde  im  Sturm  genommen.
Da  der  linke  Flüzei  der  Abteilung  H.  nördlich  der
Straße  Rustschuk-  Tutrakan  in  böllig  offenem  Gelände
  unter  starkem  Artillerie=  und  Maschinengewehrfeuer
  vom  jenseitigen  Donauufer  und  von  Kanonenbooten
  auf  der  Donau  aus  zu  leiden  hatte,  war  das
Vorwärtskommen  auch  für  die  mittlere  deutsche  Gruppe
schwierig.  Dennoch  gelang  es  ihr,  am  4.  September
Höhe  131,  westlich  Staro-—

  M  I##l

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TIVXXAXA

einges  6.  X.  Sbends  S

selo,  zu  nehmen  und  an
ihrem  Westhange  ihre  Artillerie
  in  Stellung  zu  bringen-
  So  waren  die  Vorbeingungen
  für  den  cigentlichen
  Angriff  auf  die
innere  Fortlinie  für  den
5.  September  gegeben.  In
diese  wurde  die  erste  Bresche
durch  die  bulgarische  Brigade
  auf  dem  rechten  Flügel
eschlagen.  Fort  VIII  westich
  Antimovo  fiel  durch
Sturm  in  die  Hand  der  tapferen
  Bulgaren,  es  folgten
an  demselben  Tage  die  Werke
V,  VI  und  VII.  Vor  der
Abteilung  H.  waren  in  der
Nacht  vom  4.  zum  5.  September
  die  feindlichen  Vorposten
  auf  die  stark  befestigte
Höhenstellung  östlich  der
Straße  Sijahlar-Tutrakan
zurückgegangen.  Ein  deutsches
  Bataillon  besetzte  entschlossen
  den  Ostrand  von
Staroselo,  und  bald  darauf
hatten  auch  die  bulgarischen
Truppen  rechts  und  links
Gelände  gewonnen.  Am  5.
September  vormittags  eröffnete
  die  deutsche  Artille-A#d



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Die  Eroberung  von  Tutrakan.

bulgarien,  Generalfeldmarschall  v.  Mackensen,  die
Versammlung  der  bulgarischen  Armee  befohlen
worden,  so  rechtzeitig,  daß  bereits  für  den  2.  September
  früh  der  Vormarsch  starker  Kräfte  aus  dem
Raum  westlich  Karaac  in  die  Linie  Kasimlar-Ahmatlar-Belica-Mese
  Mahle  angeordnet  werden  konnte.
Diese  Teile  hatten  die  Aufgabe,  die  Süd=  und  Südwestfront
  der  Festung  anzugreifen,  während  deutsche
Truppen,  die  Abteilung  des  Majors  Frhr.  v.  H.“,  vertärkt
  durch  mehrere  Bataillone  bulgarischen  Landturms,
  den  äußersten  linken  Flügel  bildete.  Die
Mitte  unter  dem  Befehl  des  Abteilungsführers  bildeten
  die  deutschen  Kräfte,  denen  sich  rechts  und  links
zwei  Gruppen  unter  bulgarischer  Führung  anreihten.
Auf  dem  rechten  Flügel  sicherten  Ulanen  und  deutsche
Artillerie  den  Raum  zwischen  Abteilung  H.  und  der
benachbarten  bulgarischen  Division.  Diese  wurde  am
3.  September  morgens  in  der  Linie  Denicler-Mese

1  val.  S.  221  ff.  —  Ugl.  S.  222.

rie  das  Feuer  auf  Werk  II

(Höhe  109)  und  die  Stellungen
  nördlich  und  südlich  dieses  Werkes.  Bis  zum
Mittag  hatte  sich  deutsche  Infanterie  bereits  bis  auf
400  Meter  an  Fort  II  herangearbeitet,  und  5  Uhr
30  Minuten  nachmittags  war  es  in  der  Hand  der
Deutschen.  Fünf  Panzergeschütze  wurden  hier  mit
stürmender  Hand  genommen,  wovon  eines  auf  den
fliehenden  Feind  verwendet  werden  konnte.

Mit  41  Bataillonen,  20  Batterien  und  6  Eskadrons
hatte  der  Feind  geglaubt,  die  für  ihn  so  wichtige
Brückenkopfstellung  halten  zu  können,  dazu  in  mehreren
  hintereinander  liegenden,  besonders  stark  mit
allen  technischen  Mitteln  ausgebauten  Infanteriestellungen,
  die  mit  6—7  m  breiten  Drahthindernissen,
  Wolfsgruben  usw.  versehen  waren.  Am  Abend
des  5.  Septembers  waren  die  Forts  II—IX,  die  Hauptstellung,
  genommen.  Für  den  folgenden  Tag  war
geplant,  mit  dem  linken  Flügel  über  Höhe  62  vorgehend,
  die  Division  zum  Angriff  gegen  die  letzte
Stellung  der  Rumänen  vorzuführen.  Abteilung  H.
erhielt  den  Befehl,  die  nördlichsten  Werke  0  und  1  zu
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        Kriegsberichte:  Eroberung  von  Tutrakan;

nehmen.  Die  Abteilung,  die  bis  zum  5.  Sept.  abends
die  Front  nach  Nordosten  hatte,  nahm  nun  die  Front
nach  Norden  und  setzte  am  nächsten  Tage  vormittags
aus  Linie  Höhe  62-Werk  II  ernent  den  Angriff  an.
1  Uhr  nachm.  hatte  sie  die  Stellungen  nördlich  Werk  II
in  unwiderstehlichem  Ansturm  genommen,  eine  Panzerbatterte
  und  eine  lange  Kanonenbatterie  auf  dem
Rücken,  der  sich  von  Tutrakan  nach  Südwesten  zieht,  erobert.
  Ein  letzter  verzweiflungsvoller  Stoß  des  Feindes,
  der  bei  Höhe  62  durchzubrechen  versuchte,  wurde
abgewiesen.  Inzwischen  hatten  auch  die  Bulgaren
im  Südosten  und  Osten  der  Stadt  den  eisernen  Ring
geschlossen.  8  Uhr

227

Alpenkorps  eine  besondere  Gruppe  in  Gegend  Szelistye
  bereit,  während  die  rechte  Kolonne  in  aller  Stille
und  vom  Feind  unbemerkt  am  22.  September  aus
dem  Gelände  von  Zsinna  (35  km  westlich  Hermannstadt)
  den  Vormarsch  in  das  Gebirge  antrat.

über  die  Bergrücken  des  D.  Captan  (1165  m),  Guga
Mr.  (1399  m)  und  Varful  Strimba  (1831  m)  erreichte
die  Vorhut  am  Abend  des  folgenden  Tages  das  Gelände
  des  Cindrel  (2245  m),  ohne  auf  feindlichen
Wiheerstand  zu  stoßben.  Nach  anstrengendem  vierzehnstadigem
  arsch  auf  steilen,  mit  Felstreppen  durchetzten,
  im  Hochwald  mit  Unterholz  überwucherten

Kämpfe  vom  Rotenturmpaß  bis  Titu

abends  rückten  als  #  S  —.  —.
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rüstungsstücke.  bermannstadt  und  die  Kämpfe  um  den  Rotenturmpa.
Die  Gperationen  des  Alpenkorps  vom  Rotenturm-  und  durch  Windbrüche  gesperrten  Saumpfaden  gepaß
  bis  Titu.  langte  das  Alpenkorps  —  vom  Streflesti  (2244  m)  nach
Verd  28.  und  27.  Jannar  1917.  Osten  eindrehend  —  spãt  in  der  Nacht  zum  25.  Sep.
sentllcht  am  28.v2  1  J  tember  bis  in  das  Gelände  des  Negovan  (2136  m)

Die  Sperrung  des  Rotenturmpasses.

Am  19.  September  übernahm  General  der  Infanterie
  v.  Falkenhayn  den  Oberbefehl  über  die
9.  Armee  und  leitete  nach  den  Weisungen  der  obersten
Heeresleitung  die  Maßnahmen  zur  Umfassungsschlacht
  bei  Hermannstadt  ein.

Am  26.  September  sollte  der  starke  rechte  Armeeflügel
  in  Anlehnung  an  das  Gebirge  südlich  Orlat  den
an  den  Nordhängen  der  Berge  stehenden  Gegner  aufrollen;
  die  Front  sollte  beiderseits  über  Hermannstadt
angreifen.  Der  linle  Armeeflügel  hatte,  unter  Behauptung
  seiner  Stellung  auf  dem  rechten  Alt-Ufer  östlich
  Oermannstadt,  Kräfte  über  den  Fluß  vorzutreiben,
die  nach  Vorstoß  in  südlicher  Richtung  nach  Westen
eindrehen  und  dem  feindlichen  rechten  Flügel  ein  Ausweichen
  in  das  Fogaraser  Gebirge  verwehren  sollten.

Der  Alpenkorps--Division  fiel  die  schwere  Aufgabe

u,  durch  Vorgehen  gegen  den  Rotenturmpaß
ie  einzige  Rückzugsstraße  abzuschneiden,  außerdem
mit  Teilen  den  rechten  Armeeflügel  im  Angriff  zu
unterstützen  und  ein  Entkommen  des  Gegners  in  südwestlicher
  Richtung  zu  verhindern.  Hierzu  stellte  das

und  schob  Vortruppen  gegen  die  im  einspringenden
Grenzwinkel  liegende  „Schutzhütte  (1736  m)  vor.
Über  die  Linie  Varful  Mare(2063m)-Preiba  (1745m)
entfaltete  sich  am  folgenden  Abend  die  Marschkolonne
zum  Vorgehen  gegen  den  Rotenturmpaß  unter  Sicherung
  der  rechten  Flanke  gegen  von  Süden  über  das
Gelände  Pisku  Vataful  -  Mont  Rob  zu  erwartenden
Angriff.  Da  am  folgenden  Tage  die  vom  linken
Armeeflügel  vorgetriebenen  Kräfte  die  Gegend  westlich
  und  südlich  Szarata  erreichten,  war  die  strategische
Einkesselung  der  rumänischen  „Alt-Gruppe-(General
  Manolescu)  vollzogen.

Gegen  die  Paßstrecke  Caineni  -Bahnbrücke  nördlich
  dieses  Ortes  wurde  das  von  Keinz  Heinrich  von
Bayern  geführte  Bataillon  des  bayerischen  Leib-Infanterieregiments
  vorgeschoben.  Ein  weiteres  Bataillon
  stieß  gegen  die  rumänische  Paßgrenze  vor,  während
  eine  Kompanie  dieses  Bataillons  Über  den  Prejba
gegen  den  Nordeingang  des  Passes  marschierte.  Das
gegen  den  südlichen  Pabausgang  entsandte  Bataillon
hatte  bereits  6  Uhr  nachmittags  sein  Ziel  erreicht
und  die  dortige  Bahnstrecke  durch  Sprengung  unterbrochen.
  Der  Roteturmpaß  war  nunmehr  von

157
        <pb n="290" />
        228

Süden  abgesperrt.  Eine  bereits  von  Norden  in  den
Paß  eingebogene  rumänische  Kolonne  fand  den  We
nach  Süden  verlegt,  den  Ausgang  nach  Nordosten  au
Szarata  gesperrt.  Sie  machte  in  Unordnung  kehrt
und  eilte  im  Galopp  wieder  nach  Norden  zurück.  Damit
  begann  die  Panik  in  den  Bewegungen  der  feindlichen
  Kolonnen  und  Trains.  Die  am  26.  September
durchgeführte  Sperrung  des  Passes  hatte  in  den  nächsten
  Tagen  ernste  Kämpfe  zur  Folge.  Inletzter  Stunde
hatte  der  Gegner  die  ihm  drohende  Gefahr  erkannt
und  versuchte  nun  durch  Vorstoß#  stärkerer  Kräfte  gegen
das  Alpenkorps  das  Unheil  abzuwenden:  Er  raffte
von  allen  Seiten  noch  verfügbare  Kräfte  zusammen
und  begann  eine  Reihe  verzweifelter  Gegenangriffe.
Von  Süden  her  griffen  am  27.  September  nachmittags
  einige  Kompanien  unsere  auf  Mont  Murgas
(1763  m)  stehende  Sicherungskompanie  an,  wurden
aber  im  wirksamen  Feuer  österreichischer  Gebirgsgeschütze
  abgeschlagen.  Südlich  Caineni  wurden  Entsatztruppen
  ausgeladen,  die  über  Caineni  sowie  aus
dem  Passe  selbst  zum  Angriff  vorgingen.  Auch  rumänische
  Artillerie  griff  in  den  Kampf  ein.  Stärkere
Kräfte  stießen  am  28.  September  von  Caineni  nach
Nordwesten  und  Südwesten  gegen  unsere  Stellungen
vor.  Wiederholte,  auch  in  der  Nacht  zum  29.  September
  fortgesetzte  Angriffsversuche  zur  Offnung  des
esperrten  Pefa  es  blieben  erfolglos.  Auch  von  Norden
2  bemühte  sich  der  umklammerte  Feind  verzweifelt,
gegen  die  Flanke  des  Alpenkorps  vorzustoßen.  Die  von
Szelistye  berangezogene  Gruppe  wehrte  durch  ihr  Vorgehen
  über  den  Valare-Oncesc  (1714  m)—Gyhan  diese
Gefahr  ab:  Vergeblich  versuchte  der  von  Norden  gegen
das  Gebirge  geworfene  Feind  sich  durch  die  schwachen
Abteilungen  des  Alpenkorps  den  Weg  nach  Süden  zu
bahnen.  Am  28.  Sept.  wurde  in  wiederholten  Sturmangriffen
  und  im  blutigen  Handgemenge  derhartnäckigen
  Widerstand  leistende  Feind  auf  der  ganzen  Front
der  bis  in  das  Gelände  N.  Talmacs  vorstoßenden  9.  Armee
  auf  den  Nordeingang  des  Passes  zurückgeworfen.
Unbeschreiblich  wurde  die  Panik  der  in  den  Paß
hineingedrückten  und  in  seinem  Eingangsich  stauenden
Massen.  Kolonnen,  Geschütze  und  Munitionswagen
stießen  im  verheerenden  Infanterie-  und  Maschinengewehrfeuer
  des  Alpenkorps  auf  eine  in  der  Gegend
des  Kaiserbrunnens  quer  über  die  Paßstraße  gezogene
Sperre.  Auf  den  Knäuel  der  sich  hier  im  Feuer  anhäufenden
  Massen  drückten  die  zurückilutenden  Truppen
  von  Norden.  Von  Stunde  zu  Stunde  wurde  der
Druck  des  Angriffs  von  Norden  und  die  Panik  im  Passe
stärker  fühlbar.  Östlich  der  Bahnlinie  flüchteten  Teile
des  geschlagenen  Heeres  in  das  Fogaraser  Gebirge.
Die  am  26.  September  eingeleitete  Umfassungsschlacht
  war  am  60.  September  mit  der  Vernichtung
starker  Teile  der  1.  rumänischen  Armee  beendet.
über  40  Bataillone  und  16  Feldbatterien  wurden  zersprengt
  oder  flüchteten  in  Auflösung  in  das  Gebirge
nach  Sitdosten.  Der  kühne  Gebirgsmarsch  des  Alpenkorps
  und  die  Sperrung  des  Rotenturmpasses  ohne
Rücksicht  auf  dauernde  feindliche  Gegenangriffe  von
Süden,  Osten  und  Norden  ermöglichte  die  Verwirklichung
  des  Vernichtungsgedankens,  den  die  oberste
Heeresleitung  ihren  Weisungen  an  die  Armeeführer
zugrunde  gelegt  hatte.

II.

Die  Kämpfe  um  den  Rotenturmpaß.

In  den  letzten  Tagen  der  Schlacht  bei  Hermannstadt
leitete  der  Feind  zur  Entlastung  der  umklammerten

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

1.  Armee  einen  Offensivstoß  seiner  2.  und  Nordarmee
  aus  dem  Fogaraser  Gebirge  und  nordöstlich
  ein.  Während  im  Görgeny-Gebirge  der  Angriff
  abgeschlagen  wurde,  mußte  auf  dem  Südflügel
eine  österreichisch  =  ungarische  Kavalleriedivision  dem
Druck  nachgeben.  General  v.  Falkenhayn  entschloß
sich  sofort  zu  neuem  Angriff.  Unmittelbar  aus  der
Umfassungs=  und  Angriffsoperation  bei  Hermannstadt
  wurden  die  Hauptkräfte  der  9.  Armee  in  nordöstlicher
  Richtung  abgedreht  und  zum  Vorstoß  gegen
den  verfolgenden  linken  Flügel  der  rumänischen  2.
Armee  auf  die  von  Hermannstadt  nach  Fogaras  und
Schäßburg  (Szegesvar)  führenden  Straßen  angesetzt.

Dem  Alpenkorps  fiel  die  Aufgabe  zu,  mit  den  in  der
Verfolgung  auf  den  Rotenturmpaß  begriffenen  und
dem  Korps  nun  unterstellten  Teilen  der  9.  Armee
beiderseits  des  Passes  bis  auf  den  Gebirgskamm  vorzustoßen
  und  die  Sicherung  nach  Süden  in  allgemeiner
Linie  Streflesti-Westhang  des  Sur  zu  übernehmen.

Während  des  herrlichen  Kampf=  und  Siegeszuges
der  Armee  Falkenhayn  durch  den  Geisterwald  nach
Kronstadt  rang  das  Alpenkorps  in  erbitterten  Gefechten
  um  die  Peilen  Höhen  östlich  und  westlich  des
Passes.  Zwei  Brennpunkte  hoben  sich  in  den  nun
folgenden  Tagen  schwerer  Kämpfe  hervor:  Westlich
des  Passes  die  Höhenstellungen  in  Linie  Mont
Murgas  (1763m)—D.  Vadului  (1531  w.),  östlich
des  Alt  die  Angriffe  zur  Gewinnung  des  Gebirgskammes
  westlich  des  Sur.

Am  1.  Oktober  erneuerte  der  Feind  seine  bis  dahin
  verseblichen  Angriffe  gegen  die  Linie  Caineni-Mont
  Rob,  während  auf  den  von  Süden  heranführenden
  Bahn-  und  Straßenlinien  neue  Kräfte  im
Anmarsch  waren  und  auch  im  Rücken  unserer  Stellungen
  versprengte  Abbeilungen  sich  nach  Süden
durchzuschlagen  versuchten.  So  griff  in  der  Nacht
vom  2.  zum  3.  Oktober  ein  feindliches  Bataillon
mit  Teilen  einer  Kolonne  aus  den  Waldungen  nördlich
  des  Vadului  unsere  Sicherungsabteilung  plötzlich
  im  Rücken  an.  Nach  heftigem  Kampf  und  unter
Verlust  von  100  Gefangenen  entkam  ein  Teil  dieses
Bataillons  (vom  rumänischen  Infanterieregiment  49)
nach  Süden.  An  demselben  Tage  wurden  vereinzelte
Ungriffe  gegen  den  Mont  Murgas  und  Vorstöße  stärkerer
  Kräfte  gegen  den  Vadului  abgeschlagen,  nachdem
hier  der  Gegner  unsere  Sicherungslinie  bereits  durchbrochen
  hatte.  Ein  am  5.  Oktober  angesetzter  eigener
Gegenangriff  am  Murgas  und  Vaduluistieß  auf  Überlegenen
  Feind,  brachte  auf  dem  rechten  Flügel  aber
einigen  Geländegewinn.  Der7.Oktoberbrachte  einen
erfreulichen  Fortschritt:  etwa  2  feindliche  Bataillone
grissen  vom  Nachmittag  bis  in  die  Nacht  wiederholt

wei  am  Vadului  stehende  bayerische  Kompanien  an.
kach  hartem  Kampf  mußte  sich  unter  starken  Verlusten
der  Feind  in  das  Caineni-Bach-Tal  zurückziehen,
während  gleichzeitig  vom  Passe  aus  rumänische  Abteilungen
  vom  Osthang  des  Vadului  vertrieben  wurden.

r  Gewinnung  der  Sicherungslinie  östlich  des
Passes  war  eine  Gruppe  über  die  Linie  rumänische
Paßgrenze-Varful  Bouluid1166  m)  angesetzt  worden,
unterstützt  durch  eine  Stoßgruppe  aus  Gegend  Also-Sebes
  (6  km  südöstlich  N.  Talmacz).  Starke  feindliche
  Kräfte  mit  zahlreichen  Maschinengewehren,  Gebirgs=
  und  schwerer  Artillerie  hatten  sich  auf  dem
Kamm  des  Fogaraser  Gebirges  zwischen  Sur  und
Altfluß  eingegraben.  Kälte  und  heftige  Schneestürme
erschwerten  den  Anstieg  und  den  Vorstoß.  Die  am
10.  Oktober  planmäßig  angesetzten  Angriffe  gegen
        <pb n="291" />
        Kriegsberichte:  Kämpfe  vom  Rotenturmpaß  bis  Titu

Höhe  1824  (6  km  westlich  des  Sur)  kamen  im  umfassenden
  Feuer  des  Verteidigers  zunächst  zum  Stehen.
Inzwischen  war  die  9.  Armee  durch  den  Geisterwald
und  über  Kronstadt  vorgestoßen,  hatte  die  2.  rumänische
  Armee  völlig  geschlagen  (9.  Oktober)
und  in  das  Gebirge  zurückgeworfen.  Auch  die  rumänische
  Nordarmee  wich  in  östlicher  Richtung  aus.
Zur  Offnung  der  in  Feindesland  führenden  Paßstraßen
  befahl  General  v.  Falkenhayn  den  allgemeinen
Vormarsch  über  die  Linie  Cämpulung-  Sinaia  und
durch  das  Bodzatal.  Das  Alpenkorps  erhielt  die  Weisung,
  die  Rotenturm-  Paßstraße  zu  öffnen  und  zunächt
  nach  Gegend  Curtea  de  Arges  vorzugehen.
Für  diese  Operation  wurde  aus  dem  Alpenkorps  und
zwei  inzwischen  herangeführten  k.  u.  k.  Gebirgsbrigaden
  die  Gruppe  Krafft  v.  Delmensingen  gebildet.
  Aus  den  Kämpfen  zur  Gewinnung  halicher
Sicherungsabschnitte  mußte  nun  zum  Angriff  mit
weitem  Ziel  angetreten  werden.

Der  stark  befestigte  und  hartnäckig  verteidigte  Paß
war  nur  durch  ausholende  und  wiederholte  Umfassungsbewegungen
  über  die  Gebirgszüge  zu  öffnen.
Generalleutnant  Krafft  v.  Delmensingen  entschloß
sich,  den  Hauptdruck  auf  das  Gelände  östlich  des  Passes
  zu  legen.  Ein  Vorstoß  aus  dem  Fogaraser  Gebirge
  sollte  zunächst  die  starke  Mormontastellung  umfassen
  und  später  Hand  legen  auf  die  nach  Curtea  de
Arges  führende  Straße.  Da  aus  taktischen  Erwägungen
  der  Hauptangriff  auf  dem  westlichen  Altufer  nicht
in  Frage  kam,  aus  dem  Fogaraser  Gebirge  aber  keine
einzige  fahrbare  Straße  für  den  Nachschub  zur  Verfügung
  stand,  wurde  als  erstes  und  nächstes  Operationsziel
  die  Gewinnung  der  wichtigen  Straßenabschnitte
  Caineni-Golotreni  und  Caineni--Salatruc
  betrachtet.  Als  linke  Stoßgruppe  wurde
eine  Gebirgsbrigade  (k.  u.  k.  2.)  über  den  Moscovpaß
in  Richtung  Mont  Frunt  angesetzt.  Sie  trat  unmittelbar
  nach  starken  Märschen,  die  teilweise  innerhalb
  30  Stunden  63  km  vorwärts  geführt  hatten,  aus
Gegend  Felek  (am  Alt  südöstlich  Hermannstadt)  den
Anstieg  zur  Moscovscharte  an  und  nahm  am  frühen
Morgen  des  17.  Oktobers  den  Paß  sowie  die  Höhe
2313  westlich  des  Passes  im  Sturmangriff.  Auf  dem
rechten  Flügel  hatte  inzwischen  die  andere  Gebirgsbrigede
  (k.  u.  k.  10.)  um  Vorgehen  Über  den  Mont  Rob
in  Richtung  Golotreni  (an  der  Lotr-Mündung)  am
16.  Oktober  die  Pietroasa  genommen,  während  die
Besetzung  des  Veveritarlickens  erst  am  Abend  gelang.
Nach  erbitterten  Kämpfen  und  heftigen  Gegenangriffen
  starker  Teile  der  aufgefüllten  rumänischen  13.
Infanteriedivision  mußte  die  gewonnene  Linie  zunächst
  wieder  aufgegeben  werden.

Zwischen  den  beiden  Flügelgruppen  kämpfte  die
Alpendivision  frontal  vom  Altfluß  bis  zum  Sur  und

ewann  langsam  Boden,  da  starker  Schneefall  im
Gogarafer  Gebirge  die  Bewegungen  erheblich  verzögerte.
  Die  linke  Flügelgruppe  setzte  ihren  Vorstoß
nach  Süden  fort  und  erreichte  am  Abend  des  18.  Oktobers
  Gegend  Salatruc  und  nordöstlich  —  da  bereitete
  ein  Wettersturz  am  20.  Oktober  dem  Vorgehen
ein  Ende.  Die  Temperatur  sank  rasch  auf  15  Grad
Kälte.  Ein  rasender  Sturm  trieb  dichte  Schneemassen
über  die  Höhen  und  bedeckte  in  wenigen  Stunden  die
einzige  Nachschubstraße  der  linken  Gruppe  im  Moscovpaß
  mit  einer  1½  m  hohen  Schneedecke.  Der
bisher  für  Tragtiere  brauchbare  Saumpfad  wurde
ungangbar.  In  Eile  mußten  aus  Ersatzformationen
Trägerkolonnen  gebildet  werden.  In  mühevoller

229

Arbeit  mußte  Munition  und  Berpflegung  durch  den
verschneiten  Paß  und  über  den  Mont  Frunt  nachgeführt
  werden.  In  dieser  kritischen  Lage  wurde  die
linke  Flügelgruppe  zur  Verkürzung  der  Wefährdeten
rückwärtigen  Verbindungslinie  auf  den  Mont  Frunt
und  später,  da  auch  diese  Stellung  nicht  mehr  zu  verpflegen
  war,  auf  die  Poiana  Lunga  zurückgenommen.

In  der  Front  trat  inzwischen  ein  Umschwung
der  taktischen  Lage  ein:  Der  Feind  begann  unter
dem  Druck  des  bisherigen  Vorgehens  unserer  linken
Gruppe  seine  Stellungen  östlich  des  Alt  und  am
Osthange  des  Vadului  zu  räumen.  Unsere
Truppen  blieben  dem  stets  erneuten  und  heftigen
Widerstand  leistenden  Gegner  hart  an  der  Klinge,
während  auf  dem  rechten  Füügzel  die  Veveritastellung
wiedergenommen  wurde.  OÖstlich  des  Passes  wurde
der  Angriff  gegen  die  beherrschende  stark  ausgebaute
Mormontastellung  als  Schlüsseltunt  der  hinter
ihr  liegenden  befestigten  Höhenlinie  Bumbuesti-Zanoaga
  eingeleitet  und  durchgeführt.  Nach  wechselvollen
  heftigen  Kämpfen  ging  am  28.  Oktober  der
Feind  mit  etwa  10  Kompanien  aus  den  bewaldeten
Schluchten  südöstlich  des  Mormontarückens  zum  Geenangriff

  vor.  Dichter  Nebel  begünstigte  seinen

orstoß  bis  auf  etwa  30  m  an  unsere  Stellungen.
In  dem  dann  plötzlich  einsetzenden  Maschinengewehrund
  Handgranatenfeuer  flutete  er  in  Panik  und  unter
  Zurücklassung  von  350  Toten  zurück.  Ein  von
dem  angegriffenen,  kaum  noch  300  Mann  starken
Jägerbataillon  sofort  angesetzter  Ghchenangeif  brachte
die  ganze  feindliche  Front  zum  Wanken.  Nachbargruppen
  schlossen  sich  an.  In  prachtvollem  Draufgehen
  wurde  noch  am  Abend  die  ganze  Linie  Zanoaga-Mormontagenommen.
  Mit  drei  eroberten

aschinengewehren  fielen  15  Offiziere  und  über  400
Mann  in  die  Hand  des  nur  geringe  Verluste  erleidenden
  Angreiferb.

Der  bisherige,  nur  in  großen  und  fllchtigen  Umrissen
  gezeichnete  Verlauf  der  Kämpfe  des  Alpenkorps
zeigt  wohl  die  besonderen  Eigenarten  dieser  Operationen:
  In  unzusammenhängenden  Gruppen
leistete  auf  stark  befestigten  Bergstellungen  der  Verteidiger
  heftigen  Widerstand.  Der  eigentliche,  bis  zu
500  m  breite  Paß  mit  steilen  Felswänden,  häufig
nur  Raum  lassend  für  das  Flußbett,  während  Bahnund
  Straßenzug  in  den  Felsen  gesprengt  ist,  wurde
ebenfalls  erbittert  vom  Gegner  gehalten.  Der  frontale
  Angriff  in  der  Tasstraße  gewann  nur  langsam
und  schrittweise  Boden.  Die  AUngriffe  gegen  die  Höhenstellungen
  erforderten  weit  ausholende  Umfassungsbewegungen.
  Oft  konnte  eine  solche  Gruppenstellung
nur  nach  vorheriger  Erstürmung  weiter  südlich  &amp;amp;
legener  Stellungen  und  durch  Bedrohung  im  Rücken
wirksam  angefaßt  werden.  Erst  die  gefährdete  Rückzugslinie
  veranlaßte  die  Verteidigungsgruppe  zur

äumung  ihrer  Bergstellung.  Soergaben  die  Kämpfe
gewissermaßen  ein  schachbrettförmiges  Operationsild,

  über  dessen  Angriffsfelder  der  Vorstoß  hier  frontal,
  dort  in  der  Diagonale,  an  anderer  Stelle  wieder
  von  rückwärts  geführt  werden  mußte.  Die  Vorbereitung
  und  Durchführung  derartiger  Angriffe  im
winterlichen  Hochgebirge  und  in  Anlehnung  an  unzureichende,
  über  verschneite  Saumpfade  geleitete
Nachschublinien  erfordert  naturgemäß  erhebliche  Zeit.
So  sehen  wir  bisher  und  in  der  Folge  die  Gruppe
Krafft  über  einen  Monat  hindurch  in  heftigen  Einzelangriffen
  und  im  unermüdlichen  schrittweisen  Vorarbeiten
  zur  Offnung  der  Paßstraße  und  zur  Gewin-
        <pb n="292" />
        230

nung  des  Ausganges  in  Richtung  Rämnic-Valcea
und  der  Seitenverbindung  nach  Curtea  de  Arges.
Die  Tage  vom  6.  bis  8.  November  brachten  heiße
Kämpfe,  besonders  auf  dem  östlichen  Altufer  in
allgemeiner  Linie  Mont  Sate-Perisani  und  füdwestlich.
  Bis  zum  letzten  Augenblick  des  Sturmangriffes
  setzte  sich  der  Gegner  hartnäckig  zur  Wehr.
Südöstlich  Perisani  mußte  am  7.  November  eine  rumänische
  Konmpanie  bis  auf  zwei  Mann  im  Handgemenge
  niedergemacht  werden.  Vor  der  Front  einer
einzigen  Kompanie  wurden  89  Tote  gezählt.  In
Einrechnung  der  blutigen  Verluste  mögen  allein  die
Einzelgefechte  des  6.  Novembers  dem  Gegner  1600
Mann  gekostet  haben.  An  diesem  Tage  hatte  eine
Brigade  durch  kühnen  Flankenstoß  vom  Mont  Sate
das  Becken  von  Perisank  östlich  des  Alt  geöffnet.
Am  9.  November  wurde  mit  der  Einnahme  der
Mont  Cozia-Stellung  auf  dem  östlichen  Altufer  die
schlimmste  und  hwirigste  Stelle  der  Paßstraße  überwunden.
  Nach  Verstärkung  der  Gruppe  Krafft  durch
eine  neue  Division  wurde  auf  dem  Westufer  über  den
Lotr-Abschnitt  um  den  18.  November  das  Gelände
Varful  Planestilor-Mont  Sida,  auf  dem  Ostufer  die
allgemeine  Linie:  Höhe  nordöstlich  Calimanesti  und
das  Gelände  beiderseits  Straße  Calimanesti-Unghureni
  sowie  die  Ghituhöhe  (1632)  erreicht.  Nach  dem
erfolglosen  Versuch  durch  Einsatz  der  rumänischen
7.  Infanteriedivision  dem  vorstoßenden  Alpenkorps
nochmals  Halt  zu  gebieten,  wich  der  Gegner  am  24.
November  auf  der  ganzen  Front.  Am  folgenden
Tage  nahm  der  rechte  Flügel  des  Alpenkorps  Rämnic-Valcea,
  während  die  neu  herangeführte  Division
  dem  Feinde  die  noch  gehaltene  Topolog-=Stellung
  in  kühnem  Sturmangriff  mit  offen  auffahrenden
  Batterien  entriß.  Am  27.  November  war
der  Gebirgsausgang  des  Rotenturmpasses  geöffnet.

III.
Die  Kämpfe  bis  Titu.

Am  27.  November  war  die  allgemeine  Lage  etwa
folgendeie

  Donau-Armee  der  Heeresgruppe  Mackensen
  hatte  den  Vedea-Abschnitt  nach  Nordosten  überschritten
  und  ging  mit  linkem  Flügel  von  Alexandria
gegen  Draganesti  vor.  Ein  Kavalleriekorps  (Schmettow)
  war  über  Rosiori  de  Vede  vorgestoßen  und
kämpfte  mit  Teilen  etwa  20  km  sübdbstlich  Slatina.
Vor  einer  aus  nordwestlicher  Richtung  gegen  den
unteren  Alt  vorgehenden  Gruppe  (Kühne)  räumte
der  Gegner  seine  Uferstellungen.  Die  Gruppe  Krafft
hatte  mit  rechtem  Flügel  den  Topolog-Abschnitt  südöstlich
  Rämnic-Valcea,  mit  linkem  Flügel  Curtea  de
Arges  erreicht.  Vor  den  Hauptkräften  der  mit  rechtem
Flügel  nördlich  Cämpulung  stehenden  9.  Arme  ließ
der  feindliche  Widerstand  fühlbar  nach.

Das  Alpenkorps  setzte  die  Verfolgung  des  schrittweise
  zurückweichenden  Feindes  über  Gegend  hart  südlich
  Pitescht  und  über  den  Arges--Abschnitt  Pitescht—
Davidesti  fort.  Die  Stadt  Pitescht  wurde  am  Vormittag
  des  29.  Novembers  durch  den  Magistrat  übergeben.
Bedeutende  Vorräte  an  Benzin  und  Ol  sowie  180
Cisenbahnwagen  wurden  hier  erbeutet.  Als  nächsies
  Ziel  der  Verfolgung  wurde  Linie  Ratesti  (am  Arges,
  23  km  südbstlich  Pitescht)  -  Manesti  (38  km  südöstlich
  Cimpulung  am  Dämbovitzafluß)  angewiesen.
Am  30.  November  abends  war  die  Alpenkorps-Division
  im  Waldgelände  bei  Davidesti  zur  Ruhe  übergegangen
  —  wie  sich  später  herausstellte  —  mitten

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

zwischen  mehreren  rumänischen  Regimentern.  In
der  Morgendämmerung  wurde  der  überraschte  Feind
angegriffen  und  zersprengt.  Er  ließ  Über  800  Gefangene,
  14  Geschütze  und  100  Munitionswagen,
darunter  etwa  30  mit  21  cm-Granaten  beladene,  in
der  Hand  des  bayerischen  Leib-Infanterieregiments.

Vor  der  ganzen  Front  der  Gruppe  Krafft  leistete
der  durch  schwere  Artillerie  unterstützte  Feind  kräftigen
  Widerstand.  Am  30.  November  trat  die  9.  Armee
  aus  dem  Verbande  der  Heeresfron  Erzherzog
Joseph  zur  Heeresgruppe  Mackensen  über.  Die  Donau-Armee
  war  mit  linkem  Flügel  auf  Mihalesti
gegen  den  Argesvorgestoßen,  während  das  Kavallerieorps

  Schmettow  in  Gegend  Baciu  kämpfte  und
der  linke  Flügel  der  Gruppe  Kühne  über  die  Straße
Pitescht-Giurgiu  auf  Selaru  (54  km  südöstlich
Pitescht)  vorging.  Die  nördlich  Cämpulung  kämpfende
Gruppe  der  9.  Armee  hatte  feindliche  Nachhuten  über
Cämpulung  zurückgedrängt  undleitete  die  weitere  Verfolgung
  gegen  Linie  Targoviste-Valea  Lunga
(18  km  nordöstlich  Targoviste)  ein.

Einem  am  1.  Dezember  bis  Ratesti  durchstoßenden
bayerischen  Regiment  der  Gruppe  Krafft  fielen  zwei  in
einem  Kraftwagen  heranfahrende  Generalstabsoffiziere
  der  8.  rumänischen  Division  in  die  Hände.  Ein
diesen  Offizieren  abgenommener  Armeebefehl  (Operationsbefehle
  Nr.  562  und  563  für  1.  Dezember  1916)
besagte  unter  anderem:

»Die  erste  Armee  hat  die  Ausgabe,  in  den  Stellungen
zu  kämpfen,  welche  sie  einnimmt  und  sich  z  halten  um
jeden  Preis.  Weiter  hat  die  Armee  die  Aufgade,  alle
Kräfte  des  Feindes  an  der  Front  aufzuhalten  und  alle
Angriffe,  die  versucht  werden,  zurückzuweisen...  Von
der  heutigen  Aktion  hängt  alles  ab,  das  ganze  Schicksal
unseres  Volkes.  Ich  bitte  alle  Offiziere  und  Truppen,
auf  ihren  Posten  zu  sterben...  Ich  rufe  allen  in  Erinnerung,
  daß  es  gegen  Feiglinge  kein  Mitleid  gibt.  Die
Kommandanten  der  Armeekorps,  Divisionen  und  detachierten
  Abteilungen  werden  summarisch  vorgehen.  Ohne
Rücksicht  auf  den  Rang  werden  alle  sofort  hingerichtet.
Rettet  euer  schönes  Vaterland  von  den  Horden  der  Barbaren.
  Offiiere  und  Truppen  der  1.  Armeel  Gott  möge
euch  gnädig  sein.  Vorwärts  mit  Gott,  für  Land  und  König!

Kommandant  der  1.  operierenden  Armee:
General  Stratilescu.
Ein  Schlaglicht  fällt  auf  diesen  Appell  an  die
Tapferkeit  durch  Nr.  4  des  Befehls  Nr.  562:
„Jeder  Truppenkörper,  der  sich  in  erster  Limie  befinder,
hat  Polizeiposien  aus  der  Bataillonsreserve  in  Stärle
von  guten  Soldaten  unter  Führung  eines  Offiziers
aufzustellen,  damit  sie  zurückgehende  und  feige  Elemente,
die  ihre  Kameraden  während  des  Kampfss  verlassen,  zurücktreiben
  können  ...  Gleichzeitig  wird  den  Truppen
bekanntgegeben,  daß  Befehl  erlassen  wurde,  nach  welchem
die  Maschinengewehre  und  Kanonen  auf  Fliehende  gerichtet
  werden.=Aus
  den  Befehlen  wurde  weiter  bestätigt,  daß  eine
neu  gebildete  Stoßgruppe  zum  Angriff  gegen  die
deutsch-bulgarische  Donau-Armee  vorging  und  daß
vor  der  Front  der  Gruppe  Krafft  vier  Divisionen
standen.  Die  neue,  durch  den  erbeuteten  Armeebefehl
bestätigte  operative  Lage  bedingte  neues  und  schnelles
Handeln.  General  v.  Falkenhayn  entschloß  sich  sofork,
  nunmehr  gegen  beide  Armeen  vorzugehen.  Die
Gruppe  wurde  in  der  Mitte  auseinandergefaltet,  ihr
linker  Flügel  dem  vor  Gruppe  Krafft  siehenden  Feinde
in  den  Rücken  geführt,  während  der  rechte  Flügel  gegen
  den  Rücken  des  die  Donau-Armee  angreisensen

egners  angesetzt  wurde.  Aus  dieser  neuen  Lage
entwickelte  sich  vom  1.  bis  3.  Dezember  die  Schlacht
am  Arges.
        <pb n="293" />
        Kriegsberichte:  Kämpfe  vom  Rotenturmpaß  bis  Titu;  Einbruch  in  die  Walachei  231

Der  Einbruch  in  die  Walacheit.
Veröffentlicht  am  3.  Februar  1917.

Die  Operationen  der  Gruppe  Kühne  von  Petroseny
  auf  Slatina.

Nach  dem  Siegeszug  der  9.  Armee  von  Hermannstadt
  durch  den  Geisterwald  bis  über  Kronstadt  lag
wohl  der  Gedanke  nahe,  nunmehr  auf  kürzester  Linie
nach  Süden  in  Richtung  Bukarest  sowie  vom  Rotenturmpaß
  im  Alttal  vorzustoßen  und  damit  das
ganze  Gebiet  der  Kleinen  Walachei  abzutrennen.  Die
rumänische  Heeresleitung  hatte  sich  mit  ihrer  Kräfteverteilung
  auf  diesen  voraussichtlichen  Plan  vorbereitet.
  Aber  das  „Unvorhergesehene  geschah.  Statt
des  sofortigen  Angriffs  starker  Kräfte  von  Norden
auf  Bukarest  setzte  ein  unerwarteter  Durchbruch  an
entfernter  Stelle,  im  Bulkangebirge,  ein.

Unter  der  Verschleierung  einer  bisher  am  Vulkan=
  und  Szurdukpaß  operierenden  Gruppe  (Kneußl)
wurde  der  überraschende  Vorstoß  starker  Angriffskräfte
(Gruppe  Kühne)  vorbereitet.  In  Petroseny  hatte  der
Oberbefehlshaber  der  9.  Armee  mit  Generalleutnant
Kühne  alle  Maßnahmen  zur  Durchführung  erwogen:

Eine  beiderseits  der  Szurduk-Paßstraße  vorbrechende
  Offen  sive  sollte  zunächst  im  Gelände  von
Tärgu-Jiu  die  Gebirgsausgänge  öffnen  und  offenhalten.
  Unmittelbar  darauf  sollte  das  selbständige  Kavalleriekorps
  Schmettow  nach  Süden  in  das  rumänische
  Hügelland  vorgehen,  um  später  den  Vormarsch
der  Gruppe  Kühne  in  allgemein  füdöstlicher  Richtung
auf  der  rechten  Flanke  zu  begleiten.  Für  den  11.  November
  war  die  Fortsetzung  des  Angriffs  der  ganzen
9.  Armee  etwa  in  folgender  Weise  gedacht:

Auf  dem  linken  Donau-Ufer  hatte  die  gegen  die
rumänische-Orsova-Gruppes  kämpfende  Gruppe  des
k.  u.  k.  Oberst  von  Szivo  längs  des  Stromes  nach
Ostenvorzugehen.  Die  Gruppe  Kühne  sollte  die  Offen.
sive  in  Richtung  Tärgu-Jiu  beginnen,  während
die  Gruppe  des  Generals  Krafft  von  Delmensingen  mit
starkem  rechten  Flügel  den  Angriff  auf  Rämnic-Valcea-Curtea
  de  Arges  weiterführte.  Ostlich
anschließend  sollten  Angriffsgruppen  den  Vorstoß  nach
Süden  auf  Cämpulung  und  Sinaie  fortsetzen.

Während  die  von  der  Gruppe  Kneußl  Ende  Oktober
  genommenen  Stellungen  am  Vulkan=  und  Szurdukpaß
  in  allgemeiner  Lmie:  Nordhang  D.  Seniuleului-Pienia
  und  östlich  gegen  wiederholte  heftige
Angriffe  gehalten  wurden,  arbeiteten  Stäbe  und  Truppen
  in  Anspannung  aller  Kräfte  an  der  schnellen  Verbesserung
  der  aus  dem  Becken  von  Petroseny  -Kimpulunyag
  über  den  Gebirgskamm  führenden  Verbindungen.
  In  mühsamer  Arbeit  wurde  der  Anstieg
in  die  Pässe  vorbereitet.  Besonders  schwierig  gestalteten
  sich  die  Verhältnisse  im  Bulkanpaß.  Auf  den
schlüpfrigen,  mit  glatten  Felsstufen  durchschnittenen,
häufig  mit  15  —  25  Grad  ansteigenden  Lehmstrecken
hatte  sich  die  Bewegung  von  Geschütz  und  Fahrzeugen
selbst  bei  einer  Bespannung  mit  12  Pferden  als  undurchführbar
  erwiesen.  Drahtseilwinden  und  andere
technische  Hilfsmittel  mußten  herangezogen  werden.
Bis  zum  10.  November  waren  die  Angriffsvorberei--tungen
  beendet.

FHar  taktischen  Einleitung  der  Offensive  nahmen
Teile  der  Gruppe  Kühne  zunächst  die  östlich  der  Szurduk-Papßstraße
  liegende

uncel-Stellung  und  eine

1  Vgl.  die  Karte  »  Der  rumänische  Feldzug  im  Herbst  1916.
bei  S.  222.

südlich  anschließende  befestigte  Kuppe  (Urina  Boului),
  während  starke  feindliche  Angriffe  gegen  das  Gelände
  der  Gruha  Mare,  westlich  der  Vulkan-Paßstraße,
abgewiesen  wurden.

Am  11.  November  brach  für  die  rumänische  Heeresleitung
  überraschend  der  Angriff  der  Gruppe  Kühne
planmäßig  aus  dem  Vulkangebirge  vor.  Auf  beiden
  Flügeln  war  eine  Division  angesetzt:  zwischen
Vulkan=  und  Szurduk-Paßstraße  in  zwei  Gruppen
mit  Ziel  D.  Lefului-Südhang  Plesa,  östlich  der
Szurduk-Paßstraße  gegen  den  Posta  ia-Rücken.  Unter
  den  Augen  des  nördlich  Bumbesti  beobachtenden
Oberbefehlshabers  der  9.  Armee  wurde  in  kraftvoll
durchgeführtem  Stoß  der  Angriff  aus  der  genommenen
  Linie  Lesului-Schela-Postaia  fortgesetzt.  Der
Widerstand  ständig  ausgebauter  Stützpunkte  und  einzelner
  Panzerwerke  mußte  durch  schweres  Artilleriefeuer
  gebrochen  werden.  Am  13.  November  wurde
von  der  westlichen  Gruppe  die  Gegend  von  Valari
zenommen.  Ein  württembergisches  Gebirgsbataillon
schlug  hier  wiederholte  starke  Gegenangriffe  ab  und
hielt  den  Ort  fest  in  der  Hand.  Vor  dem  zunehmenden
  Druck  des  ngeis  gab  der  Feind  in  langsamem
Hurügehennach  üdosten  seine  Stellungen  auf.  Die

ortsetzung  des  Angriffs  gegen  den  auf  den  Höhen
südlich  und  Fnsuch  Vr--Fin  sich  wieder  festsetzenden
  Verteidiger  wurde  eingeleitet.

Die  rumänische  Heeresleitung  hatte  inzwischen  versucht,
  durch  Abtransport  stärkerer  Kräfte  nach  Gegend
Tärgu.Jin  das  Schlachtenglück  zu  wenden,  den  strategisch
  wichtigen  Punkt  zu  halten  und  durch  eine  Flankenstellung
  östlich  des  Ortes  dem  Angreifer  den  Weg
in  das  Gilorttal  zu  sperren.  Die  Lage  war  aber  nicht
mehr  zu  retten.  Im  umfassenden  Angriff  gegen  die
Linie  Valeni  (an  der  Jiu-Talstraße)-Seasa  (südöstlich
  Tärgu-Jiu)  wurde  der  sich  besonders  gegen  die
linke  Stoßgruppe  zähe  schlagende  und  auf  dem  östlichen
  Gilortufer  verschanzende  Feind  am  17.  November
  zum  weiteren  Rückzug  nach  Südosten  gezwungen.
Die  Schlacht  bei  Tärgu-Jiu  öffnete  das  wichtige,  aus
dem  Vulkangebirge  nach  Süden  und  Südosten  führende
  Wegenetz  und  bildete  den  Schlüssel  zu  der  weiteren
  strategischen  Offensive  gegen  den  Altfluß,  mit
dessen  überwindung  das  Schicksal  des  rumänischen
Heeres  besiegelt  wurde.  In  etwa  20  km  breiter  Front,
mit  dem  rechten  Flügel  über  Filias  -  Craiova,  mit
dem  linken  Flügel  über  Carbunesti  im  Amaradi-Tal,
trat  die  Gruppe  Kühne  den  Vormarsch  gegen  den  Alt
an.  Als  Flankensicherung  gegen  die  vom  rechten  Flügel
  des  Alpenkorps  angegriffene  rumänische  Gruppe
wurde  eine  Division  im  Alttal  und  über  die  Cerna  in
Richtung  Dragasani  angesetzt.

Während  dieser  Zeit  wehrte  sich  im  Kampf  um  ihre
Wassenehre  die  rumänische  Orsova-Gruppe
(Teile  der  durch  Maschinengewehre  und  Artillerie  verstärkten
  Regimenter  1,  17  und  31)  gegen  den  Druck
einer  vom  k.  u.  k.  Oberst  Szivo  geführten,  durch  deutsche
  Radfahrer  verstärkten,  gemischten  Brigade  im  Gelände
  zwischen  Orsova  und  Turn--Severin.  Zur
Unterstützung  der  in  dauernden  heftigen  Gefechten
stehenden  Gruppe  Szivo  und  zur  Erledigung  des  unsere
  rückwärtigen  Verbindungen  belästigenden  Feindes
wurde  von  der  Gruppe  Kühne  ein  verstärktes  Bataillon
längs  der  Bahnlinie  auf  Turn-Severin  abgezweigt.
Mit  dem  Mut  der  Verzweiflung  wendete  sich  der  Feind
auch  gegen  diese  schwache,  seinen  Rücken  angreifende
Abteilung,  die  nach  Wegnahme  von  Turn-Severin
in  kritischer  Lage  alle  Angrisse  des  weit  überlegenen
        <pb n="294" />
        232

Feindes  abwehrte.  In  dauernder  Abwehr  und  Geenstößen

  zog  sich  die  Orsova-Gruppe  langsam  nach
Südosten  zurück  und  streckte  erst  -n  en  Ende  der
ersten  Dezemberwoche  auf  dem  west  gßhen  Altufer  in
Gegend  südlich  Caracal  die  Waffen.

Das  Kavalleriekorps  Schmettow  hatte  nach
Offnung  der  Gebirgsausgänge  bei  Tärgu-Jiu  am
17.  November  den  Vormarsch  über  Condulesti  und
Cetatea  in  allgemein  südöstlicher  Richtung  angetreten.
Die  rechte  Kolonne  (6.  Kavalleriedivision)  erzwan
sich  im  Gefecht  den  übergang  über  den  Timans.Bach
bei  Vladoi  südwestlich  Tärgu-Jiu  zum  Vorgehen  auf
Condulesti,  während  der  linken  Division  (7.  Kavalleriedivision)
  im  Zusammenwirken  mit  dem  Angriffsflügel
der  Gruppe  Kühne  der  Durchstoß  auf  Cetatea
gelungen  war.  Nach  kurzem  Vorstoß  gegen  einige
noch  im  Höhengelände  zwischen  Motr-  und  Jiutal
umherirrende  Abteilungen  wurde  die  allgemeine  Richtung
  Filias-Craiovo  eingeschlagen.  Ungünstige
Wegeverhältnisse  bedingten  zunächst  einen  engeren
seitlichen  Anschluß  an  die  mit  dem  rechten  Flügel
auf  der  Hauptstraße  Filias  -  Craiova  marschierende
Gruppe  Kühne.  Am  21.  November  vormittags  erreichte
  die  Aufklärungseskadron  des  Rittmeisters
v.  Borke  die  Stadt  Craiova,  nahm  dort  mehrere
Offiziere  und  fast  200  Mann  gefangen  und  erbeutete
6  Maschinengewehre.  Etwa  gleichzeitig  besetzte  auch
die  rechte  41.  Division  der  Gruppe  nühe  die  Stadt.
Die  Division  hatte  den  bei  Tärgu-Jin  geschlagenen,
bei  Filias  nochmals  angegriffenen  Feind  nicht  zum
Halten  kommen  lassen  und  auf  Craiova  scharf  verfolgt.
  Die  nördlichen  Kolonnen  der  Gruppe  Kühne
erreichten  an  diesem  Tage  die  Gegend  westlich  der
Straße  Craiova-Oteteliseu.

Die  nächste  gemeinsame  Aufgabe  für  die  Gruppe
Kühne  und  das  Korps  Schmettow  war  nun  die
Säuberung  des  westlichen  Altufers  vom  Feinde
und  die  Erzwingung  des  Überganges  über  diesen
strategisch  bedeulsanen  Abschnitt.  Die  letzte  strategische
  Verteidigungslinie  gegen  einen  von  den  Karpathen
  oder  längs  der  Donau  vorgehenden  Angreifer
  bildet  westlich  der  Hauptstadt  der  Altfluß  mit  seinen
  steilen  felsigen  Uferstellungen,  die  nach  Auffassung
des  rumänischen  Generalstabes  in  Gegend  Slatina
als  unangreifbar  galt.  Im  Norden  hatte  die  Gruppe
Krafft  den  Alt  bereits  hinter  sich  und  drängte  unaufhaltsam
  im  Vorgehen  auf  Rämnic-Valcea-Curtea
  de  Arges  die  eindliche  Heeresgruppe  nach
Südosten  auf  Pitestt.  drohte  auch  von  Westen
der  starken  Flußstellung  das  gleiche  Schicksal.  Dem
hier  geschlagenen  Verteidiger  blieb  nur  der  Rückzug
in  nordöstlicher  Richtung  offen.  Die  Rückzugslinien
von  Pitesti  und  vom  Ostufer  des  unteren  Alt  treffen
sich  hinter  dem  Arges  zwischen  Bukarest  und  Titu.
Dort  mußte  sich  das  Schicksal  des  zwischen  zwei  unerbittlich
  vordrückenden  Stoßgruppen  eingekeilten.
von  Cämpulung  stark  bedrohten,  vom  linken  Flügel
der  bei  Svistov  übergegangenen  Donau-Armee  angegriffenen
  Heeres  erfüllen.

General  v.  Falkenhayn  befahl  die  Weiterführung
der  Operationen  für  Gruppe  Krafft  auf  Pitescht,  für
Gruppe  Kühne  gegen  den  Alt--Abschnitt  Slatina-Dragasani.
  Korps  Schmettow  sollte  zunächst  die
Brücken  im  Abschnitt  Caracal-Slatina  nehmen.  Das
Kavalleriekorps  erreichte  am  23.  November  den  befohlenen
  Abschnitt.  Caracal  und  die  nur  leicht  beschädigte
  Altbrücke  wurden  genommen,  der  zurückgehende
  Feind  verfolgt  und  der  Brückenkopf  bei  Stoeden

  Brückenkopf  von  Stoenesti

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

nesti  östlich  Caracal  für  die  nachfolgende  Marschkolonne
  der  Gruppe  Kühne  offengehalten.  Mit  den
Hauptkräften  wendete  sich  das  Kavalleriekorps  nach
Norden  zur  Unterstützung  einer  bei  Slatina  in  schwe,
rem  Kampf  stehenden  Infanteriedivision.  Der  über
die  Cerna  vorgegangene  linke  Flügel  der  Gruppe
Kühne  folgte  nöch  kurzem  Gefecht  dem  weichenden
Gegner  auf  dem  Nordufer  des  Pesteana-Baches  in
Richtung  Dragasani  und  setzte  sich  auf  dem  Westufer
und  auf  einigen  Inseln  des  Alt  fest.

In  starken  und  mit  schwerer  Artillerie  verteidigten
Stellungen  bei  Slatina  leistete  der  Gegner  heftigen
Widerstand.  Mehrfache  übergangsversuche  beiderseits
Slatina  blieben  zunächst  ohne  Erfolg.  Generalleutnant
  Kühne  entschloß  sich  deshalb,  durch  einen  über

gegen  die  Slatinastellung
  gerichteten  Vorstoß  die  Entscheidung  herbeizuführen.
  Während  Korps  Schmettow  von  Caracal
über  den  Bede-  Abschnitt  bei  Rosiori  de  Vede  und
nördlich  vorging,  stießen  starke  Kräfte  der  Gruppe
Kühne  über  Stoenesti  auf  dem  linken  Altufer  nach
Norden  vor.  Unter  ihrem  Druck  räumte  der  Feind
am  Vormittag  des  27.  Novembers  1916  seine  Stellungen
  bei  Slatina  und  ging  nach  Nordosten  zurück.
  Der  Alt-Abschnitt  Caracal-Dragasani
wurde  von  der  Gruppe  Kühne  überschritten.

Die  rumänische  Heeresleitung  mußte  sich  in  das
Unabwendbare  fügen.

Verfolgungskämpfe  vor  Lukarest!.
Veröffentlicht  am  9.  Dezember  1916.

Es  war  der  rumänischen  Heeresleitung  nicht  gelungen,
  die  geschlagenen  Verbände,  die  aus  den  Transsylvanischen
  Alpen,  der  walachischen  Ebene,  von  der
Donau  auf  Bukarest  zufluteten,  an  einem  der  westlich
  vorgelagerten  Flußabschnitte  in  einheitlicher,  wid
  tundsföhiger  Verteidigungsfront  aufzubauen.

ie  Donau-Armee,  die  in  kräftigen  Schlägen
den  Feind  von  Stellung  zu  Stellung  zurückwarf  und
bereits  am  29.  November  mit  einzelnen  Teilen  den
Arges  erreichte,  hatte  sich  wie  ein  Keil  auf  die  Festung
  vorgeschoben  und  damit  die  vorgelagerten  Flußabschnitte
  ihrer  Kiderstandsfähigkei  beraubt  Siehat.
bevor  der  Feind  zur  Besinnung  kam,  ihm  die  Beweungsfreiheit
  entrissen,  die  Hauptstadt  Überraschend
chnell  dem  seelischen  Druck  unmittelbarer  Bedrohung
unterworfen.  Ihr  freischwebender  linker  Flügel  hatte
sich  freilich  während  der  folgenden  Tage  noch  starker
feindlicher  Verbände  zu  erwehren,  die  vor  der  Armee
des  Generals  v.  Falkenhayn  auf  Bukarest  zurückwichen
und  dem  Nordflügel  der  Donau-Armee  Ferbei  in
die  Flanke  und  in  den  Rücken  gerieten.  Die  Hoffnung
  des  Feindes,  hierbei  die  Donau--Armee  von
Norden  nach  Süden  aufrollen  zu  können,  scheiterte
jedoch  an  der  Tapferkeit  der  am  linken  Flügel  ausharrenden
  deutschen  Regimenter.  Die  vor  dem  Arges
aufgebaute  Mauer  kam  nicht  ins  Wanken.

Am  26.  November  hielt  sich  der  Feind  noch  am
Alt-  Abschnitt.  Er  verteidigte  zäh  den  Durchgang
bei  Slatina;  aber  eine  Division,  die  flußabwärts
den  Alt  überschritten  hatte  und  nordwärts  vorstieß,
nötigte  ihn,  den  Flußlauf  preiszugeben.  Es  entwickelten
  sich  alsdann  östlich  Slatina  heftige  Reiterkämpfe.
  Aufklärende  deutsche  Kavallerie  warf  stärkere
  feindliche  Infanterie  und  Artillerie  zurück.  Eine

1  Vgl.  die  Karte  »  Der  rumänische  Feldzug  im  Herbst  19154
bei  S.  222.
        <pb n="295" />
        Kriegsberichte:  Walachei;  Bukarest;  Braͤila

Attacke  dreier  rumänischer  Eskadrons  brach  im  Feuer
eines  Dragonerregiments  zusammen.  Am  27.  November
  trat  die  Kavallerie  des  Generals  v.  Falkenhayn
  östlich  Rosiori  de  Vede  mit  der  Kavallerie  des
Generalfeldmarschalls  v.  Mackensen  in  Verbindung.
Die  Infanteriekörper  der  beiden  Armeen  waren  aber
noch  etwa  80  km  voneinander  getrennt.  Die  Donau-
  Armee  stand  am  29.  November  in  nordöstlicher
  Richtung  mit  der  Front  gegen  den  Arges
etwa  25  km  von  der  Bukarester  Fortlinie#entfernt.  Dr
linker  Flügel  hatte  nach  harten  Kämpfen  bei  Prunaru-Naipu-Balania
  entlang  der  Straße  Alexandria-Bukarest
  den  Neaglow-Abschnitt  erzwungen  und  bereitete
  sich  zum  Angriff  auf  die  Arges-Linie  vor.
Falkenhayns  Divisionen,  die  nach  überwindung  des
Altflusses  in  Eilmärschen  in  Ostrichtung  gegen  Bukarest
  vorrückten,  kämpften  sich  an  diesem  Tage  an
die  Bahnlinie  heran,  die  von  Rosiori  de  Vede  nordwärts
  führt.  Den  noch  erheblichen  Zwischenraum
zwischen  ihrer  Front  und  dem  linken  Flügel  der  Donau-Armee
  sicherte  Kavallerie.  Sie  trieb  den  nördlich
  Alexandria  flüchtenden  Feind  vor  sich  her  und
machte  täglich  Gefangene,  darunter  serbische  Freiwillige,
  die  in  russischen  Uniformen  steckten.  Geschütze
und  Maschinengewehre  fielen  in  ihre  Hände.

In  dem  rechten  Winkel  zwischen  der  Nordfront  der
Kavallerie  und  der  Ostfront  der  Infanterie  des  Generals
  v.  Falkenhayn  hatten  sich  unterdessen  die  aus
drei  Himmelsrichtungen  zurückweichenden  feindlichen
Verbände  zu  solchen  Massen  zusammengeballt,  daß
die  dünnen  Kavallerielinien  ihnen  stellenweise  ausweichen
  mußten,  und  der  Feind  sich  südwärts  in  den

wischenraum  zwischen  der  siebenbürgischen  und  der

onau-Armee  vorschieben  konnte.  Es  war  zunächst
ein  willenloses  Vortasten  durcheinander  geworfener,
von  mehreren  Seiten  bedrängter  feindlicher  Didvisionen.
  Die  rumänische  Heeresleitung  hatte  unterdessen
aus  in  der  Dobrudscha  durch  Russen  abgelösten  rumänischen
  Kräften  nordwestlich  Bukarest  eine  Stoßgruppe
  gebildet  und  sie  gegen  den  linken  Flügel
der  Donau-Armee  angesegzt.  Sie  solltesich  zwischen
die  beiden,  wie  man  vermutete,  noch  nicht  vereinten
Armeen  zwängen  und  alsdann  die  Donau-Armee  im
Rücken  fassen.  Es  war  der  letzte  Trumpf,  den  die  Führung
  des  Feindes  in  der  Hand  hatte.  Der  Armeebeseht.
  mit  dem  General  Stratilescu  die  Stoßgruppe
zum  Angriff  vorschickte,  gibt  in  seinen  Schlußsätzen
dieser  verzweifelten  Anschauung  Ausdruck:

»Von  der  heute  beginnenden  Akion  hängt  das  Schicksal
  unseres  Stammes  ab.  Ich  verlange  von  allen  Offlzieren
  und  Truppen,  auf  ihren  Plätzen  zu  sterben  im  Angriff
  oder  im  Gegenangriff  gegen  den  Feind,  der  unsere
Stellungen  nehmen  will.  Es  ist  jedem  in  Erinnerung
zu  bringen,  daß  c  ohne  Gnade  gegen  Feiglinge  einschreiten
  werde;  sie  sind  durch  die  Korps=  und  bie  Divisionskommandanten
  auf  der  Stelle  zu  richten.  Befreit  das
Land  von  den  grausamen  Barbaren,  Offiziere  und  Leute,
und  Gott  wird  euch  lohnen  #

Gegen  den  linken  Flügel  der  Donau-Armee  setzten
nunmehr  Vorstöße  aus  Nordost,  aus  dem  Norden
und  aus  dem  Westen  ein.  Er  mußte  sich  im  Halbbkreise
umbiegen,  um  sich  der  Angriffe  aus  den  drei  Richtungen
  zu  erwehren.  —  Deutsche  Truppen  haben  hier

egen  einen  Übermächtigen,  erbittert  kämpfenden  Feind
a0-  denhaft  gefochten.  Die  tapferen,  bis  in  den  Tod
getreuen  Regimenter  des  linken  Armeeflügels  formierten
  sich  zu  einem  Eckpfeiler,  der  nicht  von  der  Stelle
wich  und  den  feindlichen  Willen  zerbrach.  Ihrem  unerschrockenen
  Ausharren  und  ihrer  glänzenden  Gegen-233



wehr  ist  es  zu  danken,  daß  die  Donau-Armee  ohne
Geländeverlust  ihre  vor  Bukaresterreichten  Linien  halten
  konnte.  Die  feindlichen  Jossen  die  sich  zwischen
ihrem  Rücken  und  der  Front  der  siebenbürgischen  Armee
  vorschoben,  wurden  von  Kavallerie,  von  einer  zur
Verfügung  gehaltenen  türkischen  Division  und  einer
von  Rosiori  de  Vede  herbeigeeilten  bayerischen  Division
  aufgefangen  und  trotz  ihres  Übergewichtes  in  energischen
  Gegenstößen  zurückgeworfen.  Ihre  überreste
verflüchtiglen  sich  im  Schutze  der  Nacht.  Rumänische
Kräfte,  die  südlich  Bukarest  angriffen,  erlitten  gleichfalls
  eine  Niederlage.  Der  leßie  Trumpf  hatte  versagt.

Unter  Gefechten  konnte  in  den  folgenden  Tagen  der
Vormarsch  fortgesetzt  werden.  Der  Sieg  am  Arges,
der  Schulter  an  Schulter  von  der  Donau-Armee  und
der  Armee  des  Generals  v.  Falkenhayn  erfochten
wurde,  brach  die  feindliche  Widerstandskraft  völlig.
Neben  ungeheuren  blutigen  Verlusten  wurden  dem
Feinde  etwa  19  000  Gefangene  abgenommen  und  zahlreiche
  Geschütze  und  anderes  Material  erbeutet.  Der
Donau-Armee  allein  fielen  am  3.  und  4.  Dezember
39  Geschütze  und  über  5000  Gefangene  in  die  Hände.
Kavallerie  und  Flieger  unterbrachen  Bahnlinien  im
Rücken  des  rumänischen  Heeres.  In  zehn  Tagen  ist
eine  vernichtende  Katastrophe  über  das  rumänische
Heer  hereingebrochen.

In  der  Dobrudscha  haben  sich  fünf  russische
Divisionen  in  einer  Entlastungsoffensive  vor
den  stark  befestigten  Linien  unserer  dortigen  verbündeten
  Truppen  blutige  Köpfe  geholt.  Ihre  acht  Angriffe
  sind  völlig  abgeschlagen.  Feindliche  Regimen.
ter,  die  sich  nachts  auf  Sturmnähe  herangeschlichen
hatten,  wurden  im  Gegenangriff  zurückgejagt.  Fünf
englische  Panzerautomobile  Helen  dem  Feuer  unserer
Artillerie  zum  Opfer.  Die  überlebenden  Insassen,
wei  englische  Offiziere,  wurden  gesangengenommen.

uch  der  moderne  Trajanswall,  d.  h.  Graben,  hat  der
slawischen  Flut  widerstanden.

Der  Vormarsch  der  Donau  Armer  von  Hukaarest
auf  Prüllat.
Veröffentlicht  am  15.  und  16.  Februar  1917.

J.
Die  Berfolgungskämpfe  östlich  Bukarest.

Am  6.  Dezember  war  die  Festung  Bukarest
besetzt  worden.  Der  Heeresgruppe  v.  Mackensen
war  als  Ergebnis  großzügig  entworfener  und  ener-Hicch
  durchgeführter  Operationen  eine  kostbare  Frucht
n  den  Schoß  gefallen,  aber  das  erstrebte  strategische
Ziel  war  damit  noch  nicht  erreicht.  Mit  klingendem
Spiel  zogen  die  Regimenter  in  raschem  Marsch  durch
die  festlich  gestimmten  Straßen  der  Hauptstadt  —  hinaus
  in  die  walachische  Ebene.  Die  inneren  Flügel
der  beiden  Armeen  hatten  am  6.  Dezember  Bukarest
durchstreift,  ohne  daß  es  zu  Straßengefechten  kam.
Sie  nahmen  ohne  Verweilen  die  Verfolgung  des  fliehenden
  Gegners  auf.  Am  Nachmitta  beaselden  Taes
  hatten  Truppen  des  Generals  v.  Falkenhayn  den
eften  Widerstand  des  verschanzten  Gegners  westlich
Ploescht  gebrochen  und  diesen  wichtigen  Eisenbahnknotenpunkt
  gestürmt.  Es  wurde  ein  rascher  Vorstoß
auf  Buzeu  befohlen.  Der  Sack,  den  die  zwischen  Bukarest
  und  dem  Sereth  ausgebreitete  walachische  Ebene
bildet,  sollte  gewissermaßen  durch  Druck  vom  Gebirge

1  Ugl.  die  Karte  »  Der  rumänische  Feldzug  im  Herbst  1916.
bei  S.  222.
        <pb n="296" />
        234

her  ausgepreßt  werden.  Der  Donau-Armee  fiel  die
mühsame  Aufgabe  zu,  mit  der  auf  Buzẽu-  Rimnic-Särat
  vordringenden  9.  Armee  in  einer  weit  ausholenden
  Linksschwenkung  Schritt  zu  halten.  Da  an  den
größeren  Abschnitten  mit  heftigem  Widerstand  zu  rechnen
  war,  war  die  Leitung  der  Heeresgruppe  darauf
bedacht,  durch  ein  kräftiges  Vorschieben  des  linken
Flügels  die  befestigten  Linien  der  Ebene  ihres  Wertes
  zu  verauben.  Die  Schachzüge  des  gestaffelten  Vorgehens
  sind  völlig  planmäßig  gegl  t.  und  sie  haben
ihre  Wirkung  auch  auf  die  Dobrudscha-Front  ausgeübt.
  Am  5.  Januar  1917,  einen  Monat  nach  der
Einnahme  von  Bukarest,  war  der  Sereth  erreicht
und  die  Donau  von  Giurgiu  bis  Bräila,  also  auf
einer  Strecke  von  etwa  260  km,  dem  Feinde  entrissen.

Die  Verteidigungskraft  des  Feindes  war  zunächst
gering.  Die  rumänischen  und  russischen  Verbände
hatten  vor  Bukarest  in  den  schweren  Schlachten  am
Arges  so  vernichtende  Schläge  erhalten,  daß  sie  sich
eiligst  nach  rückwärts  zogen.  Aber  ein  anderer  Feind
stemmte  sich  dem  Vormarsch  entgegen:  der  durch  Regen
  versumpfte,  auch  auf  den  wenigen  Wegen  grundlose
  Boden,  der  selbst  unsere  an  Schwierigkeiten  gewohnten
  Balkandivisionen  vor  außergewöhnliche
Aufgaben  stellte.  Der  Wille  der  Führung  und  das
Pflichtgefühl  der  Truppen  bis  zum  letzten  Kolonnenfahrer
  arbeiteten  sich  aber  unverdrossen  durch  den
knietiefen  Schmutz  und  die  sonstigen  Hindernisse  hindurch.
  Und  unmittelbar  hinter  der  fechtenden  Truppe
arbeiteten  die  Eisenbahner  an  der  Sicherung  des
Nachschubs.  In  aufopfernder  Hingabe  brachten  die
Pioniere  das  Kunststück  fertig,  die  Brücken,  die  über
die  vielen  zum  Teil  tief  eingeschnittenen  Wasserläuse
führten  und  die  fast  alle  zerstört  waren,  so  rasch  wiederherzustellen,
  daß  die  Verfolgung  keine  Unterbrechung
  erlitt.  Auch  damit  hatte  der  Gegner  nicht  gerechnet,
  daß  es  in  diesem  Gelände  möglich  sei,  schwere
Artillerie  nachzuziehen.

Die  in  starker  Auflösung  zurückgehenden  rumänischen
  Kräfte  und  dass  eblsc  Bukarest  geschlagene  russische
  Korps  hatten  wohl  die  Absicht,  an  der  Jalomiga
  zu  verschnaufen  und  sich  neu  zu  kräftigen.  Zwischen
  diesem  Fluß  und  dem  Buzeu  hatte  der  Russe
starke  Kavalleriemassen  versammelt,  um  die  gehetzten
Divifionen  wenigstens  eine  Zeitlang  der  lästigen  Verfolger
  zu  erwehren.  Weiter  rückwärts  vor  der  Linie
Bräila-Rimnic-Särat  sollte  alsdann  in  vorbereiteten
  Stellungen  der  Vormarsch  auf  den  Sereth
mit  starken  Kräften  endgültig  zum  Stehen  gebracht  werden.
  Einige  Zeit  früher  hatte  man  offenbar  noch  damit
  gerechnet,  dem  Siegeszug  unserer  Armeen  schon
an  der  Jalomitza  ein  Ende  zu  bereiten.  Da  zu  einer
widerstandsfähigen  Verteidigung  dieses  wichtigen  Abschnittes
  die  überreste  der  geschlagenen  Verbände  nicht
ausreichten,  hatte  die  russische  Heeresleitung  den  schweren
  Entschluß  gefaßt,  Verstärkungen  aus  der  Dobrudscha
  herüberzuziehen  und  damit  den  Besitz  der  nördlichen
  Dobrudscha  aufs  Spiel  zu  setzen.  Der  Widerstand
  an  der  Jalomitza  war  aber  von  vornherein  aussichtslos,
  da  er  durch  die  auf  Buzeu  vordringenden
Teile  der  9.  Armee  der  Seitenstütze  beraubt  war.  Bereits
  am  10.  Dezember  erschien  die  Kavallerie  der
Donau-Armee  an  der  Jalomitza  bei  Copuz  und  stieß
in  der  Richtung  auf  Reviga  durch.  Bulgarische  Kräfte,
die  zwischen  Silistria  und  Tschernawodaüber
die  Donau  setzten,  bedrängten  den  linken  Flügel  des
Feindes.  Ohne  sich  einen  Tag  Ruhe  zu  gönnen,.  setzte
die  Heeresgruppe  die  Verfolgung  in  nordöstlicher

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Richtung  fort,  mit  der  Absicht,  mit  vorgeschobenem
starken  linken  Flügel  und  Staffelung  nach  rechts  stärkere
  Widerstandsversuche  in  der  Ebene  vom  Gebirge
her  zu  umfassen.  Auf  der  freiwerdenden  Donau  wurden
  an  mehreren  Stellen  Fähren  und  Brücken  gebaut.
Es  wurde  dadurch  eine  festere  Verbindung  zwischen
den  beiden  Armeen  in  der  Walachei  und  der  in  der  Dobrudscha
  kämpfenden  bulgarischen  Armee  hergestellt.
Nachdem  am  15.  Dezember  der  Buzeu--überang
  beiderseits  der  Stadt  erkämpft  war,  setzte  der
Seic  seinen  Rückzug  in  zwei  Hauptgruppen  fort,
mit  einer  Kolonne,  dem  Rest  der  rumänischen  Armee
und  einer  russischen  Division,  in  der  Richtung  auf
Rimnic-Särat,  mit  der  anderen  —  in  der  Hauptsache
russischen  Kräften  —  in  der  Richtung  auf  Bräila.
Es  war  damit  zu  rechnen,  daß  der  Russe  in  dem  bei
Bräila  ausgebauten  Brückenkopf  hartnäckigen  Widerstand
  leisten  werde,  da  mit  dem  Schicksal  von  Bräila
das  der  russischen  Dobrudscha-Armee  eng  verknünpft
war.  Dieselben  Erwägungen  veranlaßten  die  Leitung
der  Heeresgruppe,  die  neu  eingesetzte  Offensive  in  der
Dobrudscha  mit  größter  Tatkraft  durchzuführen,  durch
hortnächgie  Bedrängung  der  ruffischen  Kräfte  diese
über  die  Donau  zu  werfen  und  Bräila  durch  Umfassung
  im  Rücken  seiner  Widerstandskraft  zu  berauben.

II.
Der  Durchbruch  bei  Filipesti  und  die  Einnahme
von  Bräila.

Der  Donau-Armee  des  Generals  v.  Kosch  fiel
die  Aufgabe  zu,  den  Brülckenkopf  von  Bröila  von  der
walachischen  Ebene  aus  in  Besitz  zu  nehmen.  Sie
befand  sich  am  17.  Dezember  ebenso  wie  die  links
anschließende  Armee  des  Generals  v.  Falkenhayn
vor  stark  ausgebauten  feindlichen  Stellungen,  die
sich  zwischen  Rimnic-Särat-Buzen  entlang  der  Linie
Zvita-Balaceanu—-Galbenu-Visani-Filipesti-Gherbiseni-FiliuLacuregt
  hingezogen.  In  Eile  wurde

er  Angriff  auf  diese  Hauptstellung  des  Feindes
vorbereitet,  unter  den  schwierigsten  Bedingungen
wurden  Munition  und  Geräte  herangeschafft.  Den
von  dem  monatelangen  ununterbrochenen  Vormarsch
stark  ermüdeten  Truppen  wurde  eine  Rast  von
wenigen  Tagen  gegönnt.  Sie  wurde  dazu  benutzt,
die  zum  Duschbuch  eeigneten  Abschnitte  zu  erkunden
  und  den  Feind  durch  Feuerüberfälle  über  die
Absichten  zu  täuschen.  Die  Sturmtruppen  arbeiteten
  sich  an  die  Gräben  des  Feindes  heran,  der  auf
der  ganzen  Front  mit  starken  Abteilungen  vortastete
und  auch  Kampfflieger  einsetzte.

Für  den  Angriff  auf  die  vom  Feinde  mit  frischen
Kräften  und  schwerer  Artillerie  erheblich  verstärkte
mehrlinige  Verteidigungsstellung  wurde  vor  der
Front  der  Donau-Armee  Filipesti  als  Durchbruchspunkt
  bestimmt.  Hier  an  der  Eisenbahnlinie
kämpften  in  der  Hauptsache  deutsche  Truppen,  während
  bulgarischen  und  türkischen  Divisionen  nach  der
Donau  zu  der  Flankenschutz  der  Armee  zufiel.  Vier
russische  Infanterie-  und  zwei  Kavalleriedivisionen
standen  den  Truppen  der  Donau-Armee  in  sorgsam
ausgebauten  Stellungen  gegenüber.  Der  Vorstoß
der  Heeresgruppe  erfolgte  wiederum  wellenförmig.
Die  9.  Armee  erstürmte  am  22.  Dezember  die  Vorstellungen
  des  Gegners  westlich  der  Bahn  Buzèu-Rimnic-Särat.
  Die  Donau-Armeee  hielt  zunächst
mit  dem  Angriff  noch  zurück.  Wenn  der  vorgeschobene
linke  Flügel  der  Heeresgruppe  über  Rimnic-Särat
vorkam,  wurde  die  Rückzugslinie  der  südlich  Bräila
        <pb n="297" />
        Kriegsberichte:  Bukarest;  Bräila;  Somme  und  Siebenbürgen

siehenden  feindlichen  Kräfte  bedroht  und  ihr  Widerstand
  aussichtslos.  Als  dann  nach  schweren  hin  und
her  wogenden  Kämpfen  im  Gebirge  der  Gegner  auf
seinem  rechten  Flügel  zurückzuweichen  begann,  ging
die  Donau-Armee  am  ersten  Weihnachtstag  gegen  die
ihr  gegenüberliegenden  verschanzten  Stellungen  beiderseits
  der  Bahn  Buzéu-Bréila  vor.  Besonders
schwer  war  der  Kampf  um  den  Stützpunkt  bei  der
Kirche  von  Filipesti  und  der  Höhe  55.  Beide  wurden
von  Bayern  gestürmt.  Im  Verbande  der  deutschen
Truppen  kämpfte  auch  das  österreichisch-ungarische
Detachement  Szivo,  das  seinerzeit  die  bei  Orsova  abeschnittenen
  Abteilungen  des  Feindes  entlang  der
onau  verfolgt,  aufgerieben  oder  gefangengenommen
und  ihnen  reiche  Beute  abgenommen  hatte.  Die
Gegenstöße  des  Feindes  von  Bagdad:  her  wurden
abgewiesen.  Die  türkische  Artillerie  zwang  ein  Panzerauto
  auf  der  Straße  von  Vizir  zur  Umkehr.  Am
folgenden  Tage  wurde  der  Geländegewinn  ausgenutzt
und  der  Feind  in  erbitterten  Gefechten  aus  den  rückwärtigen
  Stellungen  geworfen.  Die  Türken  haben
bei  Vizir  die  schweren  Kämpfe  mit  den  Russen  ruhmreich
  bestanden,  und  die  bulgarischen  Sturmtruppen
bewährten  ihre  zähe  Tapferkeit  in  dem  Ringen  um
Mocani,  wo  sie  mit  Feuerwellen  überschüttet  wurden.
Starker  Nebel  erschwerte  während  der  nächsten  Tage
die  Operationen.  Offensivstöße  des  Gezners  kamen
in  dem  Flanken-  und  Rückenfeuer  der  Nachbargruppen
  nicht  zur  Durchführung.  Am  28.  Dezember  war
die  Heeresgruppe  in  einpettlicher  Front  aufgerückt.
  Es  wurde  nunmehr  sofort  die  Verfolgun
wieder  ausgenommen.  Sie  stieß  auf  eine  neue  star
Hauptstellung  mit  mehreren  Reihen  Drahthindernissen,
  die  sich  von  Dedulesti  über  die  Eisenbahn  nach
Berlesti  zog.  Es  mußte  daher  zunächst  die  schwere
Artillerie  umgruppiert  und  die  neue  Stellung  erkundet
  werden.  Noch  bevor  es  zum  Sturm  kam,  lockerte
sich  durch  das  Vorkommen  der  9.  Armee  die  Verteidigungerraf
  des  an  der  Bahn  nach  Bräila  verschanzten
gners.  Ergeriet  in  Gefahr,  seitlich  umfaßt  zu  werden,
und  wich  zurück.  Die  Donau-Armee  blieb  ihm  in  scharfer
  Verfolgung  auf  den  Fersen.  Die  Nachhutkämpfe
waren  erbittert.  Einige  Dörfer,  in  denen  der  Feind
sich  festsetzen  wollte,  wurden  im  Sturm  genommen.
Die  Vermutung,  daß  der  Russe  im  Brückenkopf
von  Bräila  erneuten  starken  Widerstand  leisten  würde,
bestätigte  sich.  Ein  sofortiger  Sturmangriff  auf  diese
neuen  Hindernisse  konnte  nicht  ins  Auge  gefaßt  werden,
  da  die  Nachführung  der  für  einen  Erfolg  erforderlichen
  Artillerie  und  Munition  in  dem  schwierigen
Gelände  Vorbereitungen  erforderte.  Es  durfte  aber
anderseits  dem  Feinde  nicht  eine  so  lange  Frist  gewährt
  werden,  den  um  Breila  gezogenen  Gürtel  von
Feldbefestigungen  zu  verstärken.  Da  brachte  das  Vordringen
  der  Bulgaren  östlich  der  Donau  die  Stadt  in
wenigen  Tagen  zu  Fall.  Die  Dobrudscha-Armee  hatte
Befehl,  die  angestrengteste  Verfolgung  bis  in  den  Nordwestzipfel
  dieses  Landes  fortzusetzen  und  von  Mäcin
aus  Bräüla  anzugreifen,  insbesondere  auch  die  Straßen
  nördlich  dieser  Stadt  und  damit  das  Rückzugsgelände
  der  Russen  unter  ihr  Feuer  zu  bekommen.
Noch  am  31.  Dezember  donnerte  zahlreiches  Geschütz
  aller  Kaliber  aus  der  dicht  besetzten  Brückenkopfstellung,
  deren  Erkundung  durch  unsichtiges  Wetter
erschwert  war.  Am  3.  Januar  hatten  sich  die  Sturmtruppen
  der  Donau-Armee  an  die  feindlichen  Linien

1  Dorf  sübdwestlich  von  Viztr.

235

herangearbeitet.  Die  rege  Gefechtstätigkeit  kam,  durch
die  helle  Nacht  begünstigt,  nicht  mehr  zur  Ruhe.  Der
4.  Januar  brachte  die  Entscheidung.  Eine  deutsche
Division  durchbrach  bei  Roman  die  feindlichen  Stellungen,
  die  daraufhin  nach  der  Donau  zu  aufgerollt
wurden.  Der  Feind,  der  sich  zunächst  noch  verzweifelt
wehrte,  aber  dem  Sturm  erlag,  erlitt  überaus  blutige
Verluste  und  eine  große  Einbuße  von  Gefangenen.
Es  zeigte  sich  bei  der  Verfolgung,  daß  die  Gräben
für  den  Stellungskrieg  ausgebaut  und  mit  zahlreichen
Unterständen  versehen  waren.  Die  schwere  Niederlage
ließ  eine  weitere  Verteidigung  der  Donaustadt  Bräila,
die  am  selben  Tage  auch  von  Mäcin  her  gestürmt
wurde,  aussichtslos  erscheinen.  Die  geschlagenen,
aufgelösten  russischen  Kolonnen  fluteten  seit
dem  Morgengrauen  des  5.  Januar  auf  der  ganzen
Front  vorderrücksichtslos  nachdringenden  Kavallerie
der  Donau-Armee  zurück,  die  in  der  Mittagsstunde
in  Bräila  einritt.  Die  Bevölkerung  der  Stadt  war
nicht  geflüchtet,  aber  alle  Fabriken  waren  systematisch
gerstürt.  Am  gleichen  Tage  erreichte  der  linke  Flügel
er  Donau-Armee  den  Sereth.

Sommr  und  Siebenbürgent!.
Veröffentlicht  am  3.  und  4.  November  1916.

1

Die  ungeheuerliche  Ausdehnung  des  Weltkrieges
hat  alle  den  Kämpfen  der  Vergangenheit  entnommenen
  Maßstäbe  für  den  Umfang  wie  für  die  Bedeutung
  der  einzelnen  Kampfhandlung  entwertet.
In  früheren  Kriegen  gab  es  Schlachten,  die  im  Zeitraum
  von  ein  paar  Stunden  und  auf  Fronten  von
wenigen  Kilometern  über  das  Schicksal  nicht  nur
eines  Krieges,  sondern  großer  Völker.  ja  ganzer  Erdteile
  auf  Leuner:  hinaus  entschieden,  die  also
wirklich  die  Bezeichnung  Entscheidungsschlacht
verdienten.  Der  Gegenwartskrieg  hat  eine  Unzahl
von  Schlachten  Hebra  t,  die  als  eine  einheitliche,  ununterbrochene
  Kampfhandlung  sich  durch  lange  Monate
  bingogen  und  hinziehen,  ohne  daß  ihr  Ausgang
über  den  Umfang  eben  dieser  einzelnen  Kampshandlung
  hinaus  eine  entscheidende  Bedeutung  besäße.

Diese  Kennzeichnung  trifft  anscheinend  auch  für  die
Sommeschlacht  zu.  Von  den  Angreifern  freilich
war  sie  zweifellos  als  Entscheidungsschlacht
allergrößten  Stils  gedacht  und  angelegt.  Sie
sollte  nach  der  Absicht  unserer  Feinde  der  strategischen
Gesamtlage  nicht  nur  an  der  Westfront,  sondern  auf
der  Gesamtheit  der  Kriegsschauplätze  dreier  Erdteile
den  rettenden  Umschwung  bringen.  Im  Rahmen  der
eingeleiteten  Gesamtoffensive  der  Entente  sollte  sie  die
Mittelmächte  unwiderruflich  in  die  strategische  Defensive
  drängen.  Mehr  noch:  ihr  Ziel  war  die  endliche
Durchbrechung  unserer  so  oft  berannten  und  immer
unerschütterlich  gebliebenen  Westfront.  War  dieses
Ziel  erst  erreicht,  so  mußte  nach  der  Rechnung  der
Feinde  unsere  Westfront,  einmal  durchbrochen,  völlig

usammenbrechen.  Unsere  Heere  mußten  in  Hast  und

nordnung  zurückfluten,  mußten  mit  jedem  Schritt
rückwärts  einen  Meter  der  im  jähen  Vorwärlssturm
des  Kriegsbeginns  eroberten  Feindeserde  räumen
und  damit  die  wertvollen  und  für  die  vielberufene
„Kriegskarte=  so  bedeutungsvollen  „Faustpfänderaufgeben.
  Vielleicht  würden  wir  versuchen,  uns  zu-1

  Ugl.  die  Karten  »Somme  —  Ui##ne  bei  S.  214  und  2Der
rumänische  Feldzug  im  Herbst  19166  bei  S.  222.
        <pb n="298" />
        236

nächst  noch  einmal  auf  Feindeserde  mit  verkürzter
Front  zu  einem  neuen  Widerstand  zu  stellen.  Wahrscheinlicher
  aber:  wir  würden  in  einem  jähen  Zurückfluten
  bis  mindestens  zur  Grenzmark  unserer  Heimat
gedrängt  werden.

Daß  dies  der  strategische  Sinn  der  Sommeschlacht
  war,  dürfen  wir  als  unzweifelhaft  erwiesen
ansehen.  Die  Gesamtkriegslage  zwang  unsere  Feinde,
einen  solchen  Sieg  im  Westen  mit  allen  Mitteln  anzustreben.
  Ihre  Vorbereitungen  waren  so  riesenmäßig
  wie  die  Aufgabe.  Bei  allen  ihren  früheren
Durchbruchversuchen  hatten  unsere  westlichen  Gegner
trotz  schon  damals  ungeheuren  Einsatzes  an  Menschen
und  Kriegsmaterial  recht  trübe  Erfahrungen  machen
müssen.  Diesmal  hatten  sie  sich  noch  weit  besser  vorgesehen.
  Der  ungeheure  Umfang  ihrer  Vorbereitungen
  beweist  am  klarsten,  daß  es  ihnen  darum  zu  tun
war,  diesmal  um  jeden  Preis  die  Entscheidung  im
Westen  herbeizuführen.  Insbesondere  ist  hier  auf  die
Tatsache  zu  verweisen,  daß  Engländer  wie  Franzosen
riesige  Kavalleriemassen  bereitgestellt  hatten,  um  nach
erzicltem  Durchbruch  sofort  die  Verfolgung  einzuleiten,
so  den  taktischen  Sieg  strategisch  auszuwerten  und  zu
einer  vernichtenden  Niederlage  für  unsere  ganze  Westfront
  zu  gestalten.

Heutein:,  nach  einem  Riesenkampfe  von  vier  Monaten,
  welcher  an  Zurüstung,  Dauer  und  Ingrimm
alles  jemals  von  Menschen  bisher  Geleistete  und
Erlebte  um  ein  Erhebliches  Übertrifft:  Was  ist  der
Erfolg?  Zwar  ist  die  Schlacht  noch  keineswegs  abgeschlossen.
  Im  Gegenteil  kann  es  nicht  zweiselhaft
sein,  daß  unsere  Feinde  ihre  Anstrengungen  fortzusetzen,
  noch  zu  steigern  gedenken.  Dennoch  gibt
es  einen  Umstand,  der  zu  einem  vergleichenden  Rückblick
  auf  das  von  unferen  Feinden  Erstrebte  und
Erreichte  geradezu  herausfordert.  Dieser  Umstand
ist  die  Tatsache,  daß  während  des  Monats  Oktober
die  feindliche  Offen  sive  trotz  wütender  Anstürme
nur  noch  Teilerfolge  erzielt  hat,  im  ganzen  aber  seit
der  Riesenschlacht  vom  25.  bis  27.  September  zum
zweiten  Male  ins  Stocken  geraten  ist.

Die  gewaltige  Anstrengung  dieses  letzten,  verhältnismäßig
  erfolgreichen  Großkampfes  hat  den  Feinden
ihren  letzten  nennenswerten  Geländegewinn  gebracht.
Nach  Hinzurechnung  der  keineswegs  bedeutungsvollen
Fortschritte  des  Oktobers  ergibt  sich  ein  im  wesentlichen
  unverändertes  Gesamtbild  des  feindlichen  Erfolges.
  Er  besteht  in  einer  Errungenschaft  von
etwa  300  qkm  eines  Geländes,  das  keinerlei  Ortschaft
von  Bedeutung  einschließt,  keinen  strategischen  Stützpunkt.
  Nicht  einmal  der  Besitz  der  beiden  Kleinstädte,
deren  Name  früheren  deutschen  Siegen  einen  gewissen
Klangverdankt,  der  Städtchen  Péronne  und  Bapaume,
ist  den  Feinden  vergönnt  worden.  Von  den  entfernteren
  Zielen  St.-Quentin  und  Cambrai  ganz  zu  geschweigen.
  Ihr  Besitz  hätte  zwar  auch  noch  entfernt
nicht  eine  Entscheidung  bedeutet.  Immerhin  würde
er  das  allernächste  Ziel  der  Feinde,  die  Zurückdrängung
unserer  Front  über  eine  ernsthaft  in  Betracht  kommende
  Strecke  feindlichen  Landes,  in  erreichbare  Höhe
gerückt  haben.  Nichts  von  all  dem  ist  erreicht.  Das
Gesamtergebnis  ist  eine  auf  Karten  etwa  vom  Maßstabe
  selbst  unserer  größten  Atlanten  kaum  erkennbare
Einbuchtung  unserer  unerschütterlichen  Front.

Wenn  wir  uns  fragen,  mit  welchen  Opfern  der
Feind  diesen  Erfolg  hat  erkaufen  müssen,  so  sind  wir

1  Anfang  November  1916.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

naturgemäß  auf  Schätzungen  angewiesen.  Wir  wissen,
  daß  die  Engländer  ihre  eingesetzten  Divisionen
erst  herausziehen,  wenn  sie  etwa  4000  Mann  eingebüßt
  haben.  Da  die  Engländer  unter  doppelter  bzw.
dreifacher  Anrechnung  derjenigen  Divisionen,  die
zwei=  bzw.  dreimal  eingesetzt  wurden,  an  der  Somme
rund  100  Divisionseinheiten  eingesetzt  haben,  so  kommen
  wir  zu  einer  Verlustziffer  von  400000  Mann
allein  für  die  Engländer.  Daß  diese  Schätzungsmethode
  zutrifft,  ergibt  sich  aus  dem  Umstande,  daß  die
Engländer  selber  in  ihren  Verlustlisten  bis  Ende
September  einen  Gesamtverlust  von  372000  Mann
zugegeben  aben.  Bei  der  Annahme,  daß  die  Frangesen
  ihre  Divisionen  schon  nach  Verlust  von  3000

ann  herausziehen,  kommen  wir  für  sie  auf  einen
Verlust  von  180000  Mann.  So  kommen  wir  zu  einer
feindlichen  Gesamtverlustziffer  von  rund  600000.
Mann,  d.  h.  2000  Mann  auf  den  Quadratkilometer
war  zurückerkämpften,  aber  in  eine  grauenvolle

üste  verwandelten  französischen  Bodens!

Die  Erkenntnis,  daß  diese  Opfer  zu  den  bisher  erreichten
  Ergebnissen  in  einem  schreienden  Mißverhältnis
  stehen,  im  unsere  Feinde  schon  seit  geraumer  Zeit
veranlaßt,  ihre  Anfangsabsichten  in  der  Offentlichkeit

u  verleugnen  und  dafür  ein  wesentlich  bescheideneres

ndziel  unterzuschieben.  Als  solches  wird  neuerdings
die  doppelte  Absicht  hingestellt:  einmal  auf  unserer
Westfront  soviel  Kräfte  zu  binden,  daß  es  unmöglich
  sein  würde,  die  uns  vorlbergehend  scheinbar
entrissene  Anzriffstraft  unserer  Gesamtkriegführung
wiederum  voll  einzusetzen  und  gegen  den  neuen  Feind
zu  wenden,  den  man  uns  inzwischen  auf  den  Hals.
gehetzthat.  Zum  mindesten  aber  durch  die  Zusammenballung
  der  gesamten  Angriffsmacht  zweier  großer
Völker  und  den  Einsatz  der  Waffen-  und  Munitionsindustrie
  des  Erdballs  den  hier  gebundenen  Bruchteil
  unserer  Kräfte  völlig  aufzureiben  und.
damit  den  Zusammenbruch  unserer  Widerstandskraft
herbeizuführen.

II.

Der  Verlauf  der  Sommeschlacht  läßt  sich  in  vier
große  Abschnitte  einteilen,  die  im  wesentlichen  mit
en  Kalendermonaten  ihrer  Dauer  zusammenfallen:
Der  Juli  brachte  den  ersten  Unsturm.  Obwobl
wir  diesen  erwartet  hatien,  darf  doch  zugestanden
werden,  daß  die  Stärke  und  Dauoer  seiner  artilleri-Hüschen
  Vorbereitung  unsere  Erwartungen  um  ei
ielfaches  übertroffen  hat.  Nur  der  beispiellosen  Hingabe
  und  Aufopferung  unserer  Truppen  ist  es  zu
gerdanken,  daß  es  gelang,  den  ersten  wuchtigen  Durchbruchsversuch
  aufzuhalten.  Schon  in  der  zweiten
Julihälfte  sah  der  Feind  sich  gezwungen,  seine  ursprüngliche
  Durchbruchsabsicht  aufzugeben  und  an
Stelle  des  Durchstoßes  in  nordöstlicher  Richtung.  also
in  die  Spitze  des  von  ihm  im  ersten  Anlauf  erkämpf
ten  Geländedreiecks  hinein,  die  bescheidenere  Taktik  des
Aufrollens  durch  auseinanderstrebenden  Doppeldruck
  auf  die  Schenkel  des  Dreiecks  zu  setzen.
Als  auch  diese  neue  Taktik  bis  Ende  Juli  nicht  zum
Erfolge  geführt  hatte,  ging  der  Feind  während  des
Monats  August  zu  einer  ziemlich  planlosen  Taktik
des  allgemeinen  Drucks  auf  die  Gesamtfront
über.  Sie  brachte  ihm  trotz  immer  wiederholter  höchster
  Kraftanstrengung  nur  unwesentliche  Teilerfolge.
Damals  drängte  sich  unseren  Feinden  die  Notwendigkeit
  auf,  dem  allgemeinen  Sinken  der  Siegeshoffnung
  durch  eine  bedeutsame  Neugestaltung  der  Dinge
        <pb n="299" />
        Kriegsberichte:  Somme  und  Siebenbürgen

entgegenzuwirlen.  Durch  kräftigen  Druck  gelang  es,
den  neuen  Feind,  Rumänien,  auf  den  Plan  zu
bringen.  Eine  Reihe  von  schwerwiegenden  Kriegsratssitzungen
  fand  statt.  Für  den  Fortgang  der
Sommeschlacht  wurden  ihre  Beschlüsse  von  einschneidender
  Bedeutung.  Die  deutsche  Führung  hat  diese
Beschlüsse  und  ihre  Auswirkung  voll  erkannt  und
auch  ihrerseits  zum  Ausgangspunkt  wichtiger  und
heilsamer  Entschließungen  gemacht.  Von  dem  Septemberkriegsrat
  unserer  Feinde  datiert  die  wiederum
völlig  veränderte  Taktik,  welche  in  der  Folge  eingeschlagen
  wurde,  und  die  während  des  Septembers
auch  zu  einer  unleugbaren  Steigerung  des  feindlichen
Vordrängens  und  zu  verhältnismäßig  bedeutenden
Erfolgen  geführt  hat.  In  drei  großen  Anläufen,
vom  3.  bis  7.  September,  vom  12.  bis  17.  September
und  mit  stärkster  Anspannung  und  entsprechend  bedeutsamem
  Erfolge  am  25.  bis  27.  September,  versuchte
  der  Feind,  seine  neue  Absicht  zu  verwirklichen.
Man  muß  anerkennen,  daß  diese  neue  Taktik  nichts
anderes  bedeutet,  als  entschlossene,  nur  den  veränderten
  Umständen  entsprechend  etwas  abgewandelte
Wiederaufnahme  der  kühnen  Anfangsabsicht:  des
strategischen  Durchbruchs,  der  nun  wiederum  die
Richtung  auf  die  Spitze  des  erkämpften  Dreiecks  bekam.
  Da  diese  Spitze  nördlich  der  Somme,  im  Abschnitt
  zwischen  Somme  und  Anere,  lag,  so  brachte
der  neue  Plan  des  Septemberbeginns  die  endgülltige
Spaltung  der  Sommeschlacht  in  zwei  im  wesentlichen
getrennte  Schlachten.

Die  Südschlacht,  im  Abschnitt  Biaches  bis
Vermandovillers,  zeigte  nach  einem  großen
Durchbruchsversuch  auf  der  Gesamtfront  von  Mitte
September  an  ein  allmähliches  Nachlassen  der  Gesamtstärke.
  Trotzdem  hat  der  Feind  auch  in  der  Südschlacht
  —  zwar  nicht  auf  Grund  eines  großen  operativen
  Gedankens,  wohl  aber  durch  eine  Reihe  kraftvoller
  Einzelstöße  —  einen  immerhin  erkennbaren
Geländegewinn  erzielt,  insbesondere  in  den  Abschnitten
  zwischen  Berny  und  Chaulnes,  also  an  der
Südecke  des  Dreiecks.  Von  einem  weiteren  Ausbau
dieser  Erfolge  hat  er,  jedenfalls  infolge  der  bereits
erlittenen  Verluste,  Abstand  nehmen  müssen.  Dafür
verlegten  unsere  Feinde  die  Wucht  ihrer  gemeinsamen
Angriffe  ganz  unverkennbar  in  den  Nordabschnitt
zwischen  Somme  und  Anere,  und  hier  ist  es  ihnen
gelungen,  das  erkämpfte  Dreieck  nicht  unerheblich  zu
erweitern.  Den  Höhepunkt  ihrer  Anspannung  und
ihres  Erfolges  bedeutet  die  Schlacht  des  25.  bis  27.
September,  welche  den  Feinden  die  Ortschaften
Gueudecourt  und  Rancourt  und  das  gesamte
zwischen  ihnen  liegende  Gelände,  eingeschlossen  die
größere  Ortschaft  Combles,  eintrug.  Das  Ziel
ihrer  unerhörten  Anstrengung  aber,  den  strategischen
  Durchbruch  an  der  Spitze  des  Dreiecks,  haben
sie  auch  in  dem  unvorstellbar  gewaltigen  und  mörderischen
  Ringen  des  Septembers  nicht  erreicht.  Das
beweist  ein  Blick  auf  die  Karte  der  Lage  zu  Ende  September:
  Das  Dreieck,  welches  zu  Beginn  des  September
  mit  der  Spitze  bei  Longueval  im  wesentlichen
im  Sinne  der  Hauptangriffsrichtung  lag  und  so
die  feindliche  Anfangsabsicht  des  strategischen  Durchbruchs
  wenigstens  in  der  Anlage  verkörperte,  hat  sich
nach  der  gescheiterten  Wiederaufnahme  dieser  Anfangsabsicht
  im  Laufe  des  Septembers  zu  einem  flachen  *
gen  verwandelt.  Das  feindliche  da  konnte  also  nur
in  den  Schenkeln  des  Dreiecks  in  stärkerem  Maße  er-237



reicht  werden.  Gerade  da,  wohin  die  Gesamtrichtung
des  Angriffs  FKelte,  nämlich  an  der  Spitze,  ist  der
Feind  nicht  nennenswert  vorwärts  gekommen.

Der  vierte  Abschnitt,  der  im  wesentlichen  mit
dem  Oktobermonat  zusammenfällt,  hat  eine  ununterbrochene
  Fortsetzung  der  feindlichen  Angriffs.
tätigkeit  auf  der  ganzen  Front  gebracht.  Auch  in
diesem  Zeitraum  ballte  der  Feind  seine  Kräfte  in
Zwischenräumen  von  7*  nur  etwa  fünf  Tagen  zu
gewaltigen  Angriffshandlungen,  Großkampftagen,
  zusammen,  ohne  daß  in  den  Pausen  der
feindliche  Ansturm  völlig  ausgesetzt  hätte.  Aber  diese

esamte,  ununterbrochene  und  höchst  gesteigerte  Anpannung
  hat  dem  Feinde  im  Oktober  nur  örtliche,
auf  Karten  kleineren  Maßstabes  überhaupt  unerkennbare
  Fortschritte  gebracht.  Der  Ausbau  der  deutschen
Widerstandskraft  hat  nämlich  seit  dem  kritischen  25.
September  derartige  Fortschritte  gemacht,  daß  wir
heute  dem  Feinde  in  einer  Stärke  gegenüberstehen,
welche  seine  zahlenmäßige  ÜMberlegenheit  zum  mindesten
  durch  den  höheren  Kampfwert  unserer  Truppen
aller  beteiligten  Waffengattungen  ausgleicht.  Dieser
Stand  der  Dinge  zu  Ende  Oktober  beweist  unwiderleglich,
  daß  es  der  verbündeten  Heeresmacht  Englands
und  Frankreichs  nicht  1  en  ist,  den  an  der  Somme
gebundenen  Bruchteil  der  deutschen  Streitkräfte  zu
zerreiben  und  damit  unsere  Westfront  zu  erschüttern.

Die  zweite  dieser  bescheidener  gewordenen  Fragenan
das  Schicksal  war:  wird  es  gelingen,  so  viel  feindliche
Kräfte  zu  binden,  daß  Deutschland  wenigstens  außerstande
  ist,  seinen  tapferen  Bundesgenossen  im  Südosten
  Europas  genügend  Hilfskräfte  zur  Verfügung
zu  stellen,  um  sie  zur  Abwehr  oder  gar  zur  Niederwingung

  des  neuen  Balkangegners  instand  zu  setzen?
om  Eintritt  dieses  neuen  Verbündeten  hatte  sich  die
Entente  eine  entsprechende  Wendung  der  Lage  auf  der
gesamten  Ost=  und  Südostfront  versprochen.  Hatte
sie  uns  bisher  an  beiden  Fronten  unerschütterlich  gefunden,
  so  glaubte  sie  mit  ümmntheit  annehmen
zu  dürfen,  daß  das  bisherige  Gleichgewicht  der  Kräfte
an  der  Ostfront  durch  Hinzutritt  Rumäniens  endgültig
  zu  ihren  Gunsten  verschoben  werden  würde,
während  die  Wiederaufnahme  der  Sommeooffensive
es  uns  unmöglich  machen  sollte,  diese  Verschiebung
auszugleichen.  Was  im  Westen  bisher  mißlungen
war,  sollte  nun  im  Osten  glücken.

Wir  haben  die  Westfront  unerschlltterlich  gehalten
  und  trotzdem  genügend  Kräfte  freimachen  können,
um  nicht  nur  den  russischen  Massenansturm
zum  Stehen  zu  bringen,  sondern  auch  dem  neuen
Feind  seinen  tückisch  errafften  Gewinn  aus  dem  Rachen
z  reißen  und  die  Bulgaren  bei  Rückeroberung

es  räuberisch  ihnen  abgepreßten  Landes  am  Donaudelta
  zu  unterstützen.  Schon  sind  die  Eingangspforten
  zum  Herzen  Rumäniens,  die  Balkanpässe,  in  unserer
  Hand.  Der  Plan  unserer  Feinde,  mit  Rumäniens
  Hilfe  unsere  Verbündeten  im  Südosten  einen
nach  dem  anderen  zu  vernichten,  unsere  Verbindungen
  mit  Konstantinopel  zu  durchreißen,
die  Osmanenhauptstadt  in  ihre  Hände  zu  bringen  und
damit  die  schmerzlich  entbehrte  Einheit  unserer  Einkreisung
  herzustellen,  ist  gesch  eitert.

Auf  die  zweite  Schicksalsfrage  der  Entente  lautet
unsere  bisherige  Antwort:  die  eroberte  Dobrudscha,
  das  befreite  Siebenbürgen.

1  Vgll.  S.  228  ff.
        <pb n="300" />
        238
Der  Seekrieg  1915/16

von  Konteradmiral  Foß  in  Berlin

A.  Seekriegskalender.
1915.

5.  August.  Ein  österreichisch-ungarisches  Tauchboot
versenkt  bel  Pelagosa  das  italienische  Tauchboot  „Nereide.

6.  August.  Das  italienische  Luftschiff  =  Citta  di  Jest«  wirb
kurz  nach  Mitternacht  beim  Versuche,  den  Kriegshafen  von
Pola  anzugreifen,  herabgeschofsen  und  die  Besatzung  gefangen.

8.  August.  Der  britische  Hilfskreuzer  »The  Ramseywird
  südöstlich  von  den  Orkney-Inseln  durch  den  beutschen
Hilfskreuzer  -Meteor=  versenkt;  überlebende  der  Besatzung
werden  gefangengenommen.

Ein  deutsches  U-Boot  versenkt  vor  dem  Vestfjord  den
britischen  Hilfskreuzer  -India-.

Ein  feindliches  U-Boot  versenkt  das  tlürkische  Linienschiff
„Haireddin  Barbarossae  im  Bosporus.

9.  August.  Ein  feindliches  Tauchboot  wird  vor  Bulair
durch  ein  türkisches  Wasserslugzeug  vernichtet.

10.  August.  Angrif  deutscher  Marineluftschiffe  auf  London,
  Harwich  und  den  Humber.

Durch  vier  feindliche  Kreuzer  eingeschlossen,  versenkt  der
Kommandant  den  Meteore,  nachdem  die  Besatzung  geborgen
  ist,  die  nach  Deutschland  zurückgelangt.  Die  Geretteten
des  -Ramsey,  werden  entlassen.

Ein  britischer  älterer  Kleiner  Kreuzer  wird  westlich  von
den  Hebriden  durch  -U  27.  versenkt.

Ein  italienisches  Tauchboot  geht  durch  eine  Mine  im
Golf  von  Triest  verloren.

Die  von  den  Italienern  besetzte  Insel  Pelagosa  wird
durch  österreichisch-ungarische  Flugzeuge  bombardiert.

11.  August.  Beschießung  der  italienischen  Osttüste  von
Sena  bis  Molfetta  durch  österreichisch-ungarische  Torpedoboote.


Der  britische  Zerstörer  »Lynx«  geht  in  der  Nordsee  durch
eine  Mine  verloren.

12.  August.  Das  österreichisch  =  ungarische  Tauchboot
»U  12  wird  in  der  nördlichen  Adria  versenkt.

Fliegerangriff  auf  Dover.

18.  August.  Fliegerangriff  auf  Papenholm.

15.  August.  Österreichischer  Luftangriff  auf  die  Küstensorts
  von  Venebig.

16.  August.  Ein  russischer  Hilfsdampfer  wird  im  Finnischen
  Meerbusen  durch  ein  deutsches  U-Boot  versenkt.

Ein  deutsches  U-Boot  beschießt  eine  Benzolfahrik  bei
Harrington  an  der  englischen  Westküste.

17.  August.  Deutsche  Torpedoboote  vernichten  bei  Horns
Rif  einen  britischen  Kleinen  Kreuzer  und  einen  Zerstörer.

Die  Insel  Pelagosa  wird  von  österreichisch  =  ungarischen
Torpedobooten  und  Fliegern  beschossen.

17./18.  August.  Luftangriff  auf  London.

19.  August.  Das  britische  Tauchboot  E  13.  wird
durch  ein  deutsches  Torpedoboot  südlich  vom  Sund  zerstört.

21.  August.  Seegefecht  im  Rigaischen  Meerbusen.  Ein
russischer  Zerstörer,  zwei  Kanonenboote  werden  vernichtet
und  drei  deutsche  Torpedoboote  durch  Minen  beschädigt.

23.  August.  Gefecht  an  der  slandrischen  Küste  zwischen
40  britischen  Schiffen  und  deutschen  Küstenbatterien.

24.  August.  Landungsversuch  feindlicher  Schiffe  bei
Folscha  (Türkei)  abgewiesen.

27.  August.  Landungsversuch  feindlicher  Schiffe  auf
der  Insel  Nilistra  bei  Smyrna  abgewiesen.

3.  September.  Ein  türkisches  Wachtschiff  vernichtet
ein  feindliches  U-Boot  im  Marmarameer.

4.  September.  Das  britische  U-Boot  -E7=  wird  in
den  Dardanellen  versenkt.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

5.  September.  Deutscher  Fliegerangriff  auf  Konstanza.

6.  September.  Der  Verlust  des  deutschen  Tauchbootes
  -U  27.  wird  bekanntgegeben.

6.|7.  September.  Luftschiffangriff  auf  den  Rund-Rigaer
Meerbusen.

9.  September.  Luftangriff  auf  London,  Norwich  und
Middlesbrough.

10.  September.  Luftangriff  auf  Baltisch-Port.

12.  September.  Erfolgloser  Angriff  russischer  Flieger
auf  einen  deutschen  Kreuzer  vor  Windau;  ein  deutscher  Angriff
  auf  russische  Seestreitkräfte  ist  erfolgreich.

13.  September.  JItalienischer  Luftangriff  gegen  Triest.

16.  September.  Russischer  Fliegerangriff  auf  Tuzla.

19.  September.  Türkischer  Fliegerangriff  auf  den  Hasen
  Kefalo  (Imbros).

20.  September.  Der  englische  Dampfer=  Patagoniawird
  vor  Odessa  von  türkischen  Schiffen  versenkt.  Z„

27..  September.  Ein  feindliches  Torpedoboot  wird
bei  Kerevizdere  von  den  Türkten  versenkt.

Das  italienische  Linienschiff  -Benedetto  Brin=  wird  durch
innere  Exploslon  zerstört.

28.  September.  Landungsversuch  seindlicher  Schiffe
im  Golf  von  Tschenderli  (Türkei).

29.  September.  Ein  Landungsversuch  seindlicher  Schiffe
bei  Smyrna  wirb  abgewiesen.

1.2.  Oktober.  Luftangriff  auf  Ost-England  (ein  Luftschiff
  verloren).

2.  Oktober.  Zwei  britische  Monitore  werden  durch
Fliegerangriffe  bei  La  Panne  beschädigt.

6.  Oktober.  Ein  russisches  Torpeboboot  wird  durch
eine  Küstenbatterie  bei  Raggasem  (Rigaer  Meerbusen)  schwer
beschädigt.

7.  Oktober.  Der  britische  Minensucher  -Genista“  wird
an  der  Westküste  Irlands  durch  ein  deutsches  U-Boot  versenkt.

13.  Oktober.  Italienischer  Luftangriff  gegen  Triest.

14.  Oktober.  Lustangriff  auf  London  und  Inswich.

Türkische  Kriegsschiffe  versenken  vor  Sebastopol  die  russischen
  Dampfer  »Cadia«  und  .Ahestrone.

23.  Oktober.  Der  deutsche  Panzertreuzer  -Prinz  Adalberte
  wird  durch  ein  seindliches  U-Boot  bei  Libau  versenkt.

24.  25.  Oktober.  Österreichisch-ungarische  Flieger  beschießen
  Venedig.

28.  Oktober.  Verlust  des  britischen  Panzerkreuzers
r„  Argyll  durch  Strandung  an  der  Nordostküste  Schottlands.

29.  Oktober.  Schwere  Beschädigung  des  russischen
Linienschifs  =  Panteleimon=  durch  ein  deutsches  U-Boot  im
Schwarzen  Meer.

31.  Oktober.  Das  französtsche  U-Boot  -Turquoisee
wird  in  den  Dardanellen  von  den  Türken  genommen.

5.  November.  Ein  Führerboot  einer  russischen  Minensuchabteilung
  wird  im  Finnischen  Meerbusen  durch  ein  deutsches
  U-Boot  versenkt.

6.  November.  Die  britisch-ägyptischen  Kanonenboote
„  Prince  Abbas-  und  „Abdul  Menem=  werben  im  Hafen
von  Sollum  durch  ein  deutsches  U-Boot  vernichtet.

7.  November.  Der  deutsche  Kleine  Kreuzer  =  Undinewird
  zwischen  Trelleborg  und  Saßnitz  durch  ein  britisches
U-Boot  versenkt.

9.  November.  Ein  deutsches  U-Boot  versenkt  nördlich
  von  Dünkirchen  ein  französisches  Torpedoboot.

10.  November.  Der  britische  Zerstörer  =  Louis=  strandet
  bei  den  Dardanellen  und  geht  verloren.

18.  November.  Ö  sterreichisch  =  ungarischer  Luftangriff
auf  Venedig.

19.  November.  Westende  wird  durch  britische  Monitore
  beschossen.

27.t28.  November.  Luftangriff  auf  Ost-England  (zwei
Luftschifse  verloren).
        <pb n="301" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16  239

5.  Dezember.  Der  österreichisch-ungarische  Zerstörer
„Warasdiner  vernichtet  das  französische  U-Boot  Fresnele,
der  Kleine  Kreuzer  =  Novara=  mehrere  Dampf=  und  Segelschisse
  bei  San  Giovanni  di  Medua.

10.  Dezember.  Osterreichisch  =  ungarischer  Luftangriff
auf  Ancona.

17.  Dezember.  Der  deutsche  Kleine  Kreuzer  „Bremenund
  ein  deutsches  Torpedoboot  werden  in  der  östlichen  Ostsee
  von  einem  britischen  U-Boot  versenkt.

20.  Dezember.  Beginn  der  Räumung  Gallipolis  durch
die  englisch-französische  Expeditionsarmee.

B.  Dezember.  Ein  englischer  Landungsversuch  bei
Akaba  wird  abgewiesen.

29.  Dezember.  Der  ökslerreichisch  =  ungarische  Kleine
Kreuzer  „Helgoland-  und  Torpedoboote  vernichten  an  der
albanischen  Küste  das  französische  U-Boot  „Monge.  Die
österreichisch  =  ungarischen  Zerstörer  »Lila«  und  Triglavgehen
  durch  Minen  verloren.

90.  Dezember.  Der  britische  Panzerkreuzer  Natalwird
  durch  innere  Explosion  vernichtet.

1916.

6.  Januar.  Das  britische  U-Boot  »E  17.  geht  durch
Strandung  bei  Texel  verloren.

9.  Januar.  Gänzliche  Räumung  von  Gallipoli  durch
die  Engländer  und  Franzosen.

Das  britische  Linienschiff  „King  Edwarb  VII.=  wird  durch
eine  Mine  vernichtet.

11.  Januar.  OÖsterreich.-ungar.  Lustangriff  auf  Rimini.

15.  Januar.  Der  deutsche  Hilfskreuzer  Mbwe,  kreuzt
vor  den  Kanarischen  Inseln.

17.  Januar.  Oseerreich.-ungar.  Luftangriff  auf  Ancona.

19.  Januar.  Das  britische  U-Boot  „H  6.  strandet
bei  Schiermonnikoog  und  wird  durch  holländische  Schiffe
nach  Nieuwediep  gebracht.

22./23.  Januar.  Erfolgreicher  Luftangriff  auf  Dover.

25.  Jannar.  Luftangrif  österreichisch-ungarischer  Flieger
  auf  Durazzo.

31.  Januar.  Der  durch  den  deutschen  Hilfskreuzer
„Möwe=  aufgebrachte  englische  Dampfer  „Appam=  kommt
in  Norfolk  (Nordamerika)  an.

31.  Januar  zum  1.  Februar.  Luftangriff  auf  Liverpool,
  Birtenhead,  Manchester,  Nottingham,  Sheffield,  auf
Great  Yarmouth  und  den  Humber;  der  britische  Kleine
Kreuzer  „Carolinee  wird  so  schwer  beschädigt,  daß  er  sinkt,
mehrere  Zerstörer  werden  ernstlich  verletzt.

Ein  deutsches  U-Boot  versenkt  einen  britischen  Wachtdampfer,
  einen  belgischen  und  drei  englische  bewaffnete  Fischdampfer
  in  der  Themse.

1.2.  Februar.  ÖOsterreichisch-ungarische  Lustangriffe  auf
Durazzo  und  Valona.

VBerlust  des  deutschen  Marineluftschiffes  „I.  194.  Der
englische  Fischdampfer  King  Stephen=  weigert  sich,  die  Besatzung
  an  Bord  zu  nehmen,  die  infolgedessen  ertrinkt.

8.  Februar.  Der  französische  Panzerkreuzer  „Amiral
Charner=  wird  durch  ein  deutsches  U-Boot  an  der  syrischen
Küste  versenkt.

9.  Februar.  Deutscher  Luftangriff  auf  Ramsgate.

11.  Februar.  Der  britische  Wachtkreuzer  »Arabis«
und  ein  anderer  Dampfer  werden  auf  der  Doggerbank  durch
deutsche  Torpedoboote  versenkt.

12.  Februar.  Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf
Ravenna,  Codigoro  und  Cavanello.

14.  Februar.  Der  britische  Kleine  Kreuzer  „Arethusa
sinkt  an  der  Ostküste  Englands  durch  eine  Mine.

20.  Februar.  Deutscher  Lustangriff  auf  Furnes  (südlich
von  La  Panne),  Deal  und  Lowestoft.

26.  Februar.  Der  französische  Hilfsdampfer  =  La  Provencee

  wird  auf  der  Fahrt  nach  Salonikt  burch  ein  deutsches
U-Boot  versenkt;  von  1800  an  Bord  befindlichen  Soldaten
werden  700  gerettet.

26./27.  Februar.  Zwei  französische  Hilfsdampfer  werben
  vor  Le  Havre  und  ein  bewafssneter  britischer  Wachtdampfer
  in  der  Themsemündung  durch  ein  U-Boot  versenkt.

29.  Februar.  Der  deutsche  Hilfskreuzer  =  Greif“  wird
in  der  nördlichen  Nordsee  von  mehreren  britischen  angegriffen.
  Er  versenkt  den  einen,  »Alcantara«,  und  wird  von
der  eigenen  Besatzung  gesprengt,  die  in  englische  Gefangenschaft
  gerät.

4.  März.  Der  deutsche  Hilfskreuzer  „Möwe=  läuft
nach  mehrmonatiger  Kreuzfahrt  in  einem  deutschen  Hafen
mit  Gefangenen  sowie  Goldbarren  im  Werte  von  1  Million
  Mark  ein.

5.66.  März.  Deutscher  Luftangriff  auf  Hull.

9.  März.  Deutscher  Luftangriff  auf  ein  russisches  Geschwader
  bei  Warna.  Das  russische  Torpedoboot  -Leitenant
Puschtschm  sinkt  süblich  von  Warna  durch  eine  Mine.

10.  März.  Der  britische  Zerstörer  -Coquettee  und  das
Torpedoboot  »Nr.  11.  gehen  an  der  Ostküste  Englands  durch
Minen  verloren,  ebenso  der  Hilfskreuzer  Fauvettes“.

15.  März.  Großadmiral  v.  Tirpitz  tritt  zurück;  Nachfolger:
  Admiral  v.  Capelle.

18.  März.  Ein  österreichisch-ungarisches  U-Boot  versenkt
  vor  Durazzo  den  französischen  Zerstörer  -Renaudine.

Das  österreichisch-ungarische  Hospitalschiff=  Elettra=  wird
von  einem  feindlichen  UBoot  schwer  beschädigt.

19.  März.  Deutscher  Fliegerangriff  auf  Dover,  Ramsgate
  und  Deal.

20.  März.  Gefecht  deutscher  und  britischer  Torpedofahrzeuge
  an  der  flandrischen  Küste.

Ein  deutsches  U-Boot  versenkt  an  der  Grenze  des  Eismeeres
  den  russischen  Dampfer  Nowaja  Slaboda“.

Mißlungener  Lustangriff  britischer  Flugzeuge  auf  die
nordfriesische  Küste.  Zwei  deutsche  bewaffnete  Fischdampfer
und  ein  Torpedoboot  gehen  verloren,  britischerseits  der  Zerstörer
  „Mebusa=  und  drei  Flugzeuge.

29.  März.  „Östeerreichisch  =  ungarischer  Luftangriff  auf
Balona.

1.  April.  In  der  Nacht  zum  1.  April  Lustangriff  auf
London  und  Sühdostkiüste  Englands.  „L  15.  geht  verloren.

1./2.  April.  Luftangriff  auf  die  britische  Ostrüste,  besonders
  auf  das  Südufer  des  Teesflusses,  Middlesbrough  und
Sunderland.

2.3.  April.  Luftangriff  auf  Nordost  =  England,  Leith,
Newcastle  und  den  Tyne.

Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Ancona.

3./4.  April.  Deutscher  Luftangriff  auf  Great  Yarmouth.

5.|6.  April.  Luftangriff  auf  Whitby  und  Leeds.

8.  April.  Luftangriff  auf  die  russische  Flugstation  Papenholm
  auf  Ösel.

22.  April.  Wiederholter  Luftangriff  auf  die  russische
Flugstation  Papenholm.

24.  April.  Zahlreiche  britische  leichte  Seestreitkräfte
werden  an  der  flandrischen  Küste  durch  deutsche  Torpedoboote
  zurückgedrängt.

24.25.  April.  Luftangriff  auf  Inbustrieanlagen  und
britische  Vorpostenschiffe  an  der  englischen  Oslüste.

25.  April.  Beschießung  von  Yarmouth  und  Lowestoft
durch  deutsche  Kreuzer  und  Zerstörer.  Ein  britischer  Zerstörer
  und  zwei  Vorpostenschiffe  werden  versenkt,  darunter
King  Stephen=  (vgl.  1.2.  Februar).

Angriff  beutscher  Marineflieger  auf  Dünkirchen.

Vorpostengefechte  an  der  slandrischen  Küste.  Ein  britischer
Zerstörer  wird  schwer  beschädigt,  ein  Hilfsdampfer  versenkt.

Das  britische  U  -Boot  -E  22.  wird  im  südlichen  Teile
der  Nordsee  versenkt.
        <pb n="302" />
        240

26.  27.  April.  Ein  britisches  Wachtschiff  wird  auf  der
Doggerbank  durch  deutsche  Torpedoboote  versenkt,  ein  bewafineter
  Fischdampfer  als  Prise  eingebracht.

Das  russische  Linienschif  »Slawa«  wird  im  Rigaer  Meerbusen
  von  deutschen  Fliegern  erfolgreich  angegriffen.

Dao  deutsche  U-Boot  »U  C5.  wird  an  der  Ostküste  Englands
  verienkt  und  die  Besatzung  gefangengenommen.

28.  April.  Das  britische  Linienschiff  „Russele  sinkt  im
Mittelmeer  durch  Mine.

30.  April.  An  der  flandrischen  Küste  wird  ein  britisches
Flugzeug  durch  ein  deutsches  Torpedoboot  abgeschossen.

2.83.  Mai.  Luftangriff  auf  den  mittleren  und  nördlichen
Teil  der  englischen  Osttüste.  Middlesbrough,  Stockton,  Sunderland,
  Hartlepool,  die  Küstenbatterien  des  Teesflusses  und
britische  Kriegsschiffe  werden  vor  dem  Firth  of  Forth  beschossen.
  »L  20.  wird  auf  der  Rückfahrt  nach  Stavanger
verschlagen  und  geht  verloren;  die  Besatzung  wird  gerettet.

Marineflugzeuge  bombardieren  eine  englische  Küstenbatterie
  bei  Sandwich,  südlich  von  der  Themsemündung,  und
eine  Flugstation  westlich  von  Deal.

Angriff  deutscher  Flugzeuge  auf  das  russische  Linienschiff
„Slawa=  und  ein  U-Boot  im  Moonsund.

Erfolgloser  russischer  Luftangriff  auf  die  deutsche  Küstenstarion
  Pissen.

Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Ravenna.

Südlich  von  der  Po-Mündung  erfolgloses  Feuergefecht
zwischen  österr.-ungarischen  und  italien.  Torpedofahrzeugen.

4.  Mai.  »L7«  wird  in  der  Nordsee  burch  britische  Seestreitkräfte
  vernichtet.

Österreichisch  =  ungarischer  Lustangriff  auf  Valona  und
Brindisi  sowie  den  italienischen  Panzerkreuzer  „Marco  Poloc.

5.  Mai.  Das  britische  U-Boot  E  31.  wird  westlich
von  Horns  Riff  durch  deutsche  Schiffe  versenkt.  (Von  der
britischen  Admiralität  bestritten.)

6.  Mai.  Ein  deutsches  Torpedoboot  erbentet  ein  britisches
  Flugzeug  an  der  slandrischen  Küste.

8.  Mai.  Gefecht  zwischen  deutschen  und  britischen  Torvedofahrzeugen
  an  der  flandrischen  Küste.  Ein  britischer
Zerstörer  wird  schwer  beschädigt.

13.  Mai.  Osterreichisch-ungarischer  Flugzengangriff  auf
Valona  und  die  Insel  Saseno.

13./14.  Mai.  Der  britische  Monitor  M  30-.  wird  bei
der  Insel  Keusten  durch  türkisches  Artilleriefeuer  vernichtet.

16.  Mai.  Gefecht  an  der  Küste  von  Flandern  zwischen
deutschen  Torpedobooten  und  britischen  Zerstörern.

15./16.  Mai.  Luftangriff  auf  Venedig,  Mestre,  Cormone,
  Cividale,  Udine,  Per  La  Carnia  und  Treviso.

17.  oder  18.  Mai.  Ein  britisches  und  ein  französisches
Torpedoboot  gehen  an  der  afrikanischen  Küste  durch  Minen
verloren.

19.  Mai.  Deutscher  Luftangriff  auf  feinbliche  Schiffe,
Dünkirchen,  St.  Pol,  Dixmuiden,  Poperinghe,  Amiens,
Chälons  und  Suippes.

Osterreichisch-ungarischer  Lustangriff  auf  San  Giorgio  di
Nogaro  und  Grado.

19./20.  Mai.  Luftangriff  auf  Dover,  Deal,  Ramsgate,
Broadstairs  und  Margate.

23.  Mai.  Ein  österreichisch-ungarisches  U-Boot  beschießt
die  Hochöfen  von  Porto  Ferraio  auf  Elba  und  versenkt  den
italienischen  Dampfer  =  Washingtone.

24.  Mai.  Osterreichisch-ungarischer  Luftangriff  auf  Latisana
  und  Bari.

25./26.  Mai.  Luftangriff  auf  die  russische  Fliegerstation
Papenholm  auf  Osel.

31.  Mai.  Ein  britischer  Zerstörer  wird  vor  dem  Humber
durch  ein  deutsches  U-Boot  versenkt.

Osterreichisch  =  ungarischer  Luftangriff  auf  San  Giorgio
di  Nogaro.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

31.  Mai  und  1.  Juni.  Vor  dem  Skagerrak  schlägt  die
deutsche  Flotte  die  britische.  Beide  kehren  am  1.  Juni  nach
ihren  Stützpunkten  zurück.  Sehr  schwere  britische  Verluste.
Vgl.  »Der  Seekrieg  1915/164,  S.  219ff.

5.|6.  Juni.  Westlich  von  den  Orkney-Inseln  sinkt  der  britische
  Panzerkrenzer  Hampfshiree  durch  eine  Mine.  Mit  der
Besatzung  ertrinken  Lord  Küchener  und  sein  Stab  auf  der
Fahrt  nach  Rußland.

13./14.  Juni.  Seegesecht  zwischen  dem  deutschen,  einen
Konvoi  deckenden  Dampfer  =  Herrmanne  und  russischen  Zerstörern
  bei  der  Insel  Häfringe  zwischen  Gotland  und  der
schwedischen  Küste.  Das  deutsche  Hilfsschiff  wird  bei  Norrköping
  von  den  russischen  Zerstörern  in  Brand  geschoffen
und  von  der  Besatzung  gesprengt.

Das  französische  Luftschiff  T.  geht  bei  Sardinien  durch
Brand  verloren.

16.  Juni.  Gefsecht  20  Seemeilen  östlich  von  Sulina  zwischen
  bulgarischen  Torpedobooten  und  russischen  Dampfern.

19.  Juni.  Der  deutsche  Dampfer  »Ems«  wird  von  einem
britischen  U-Boot  in  den  schwedischen  Hoheitsgewässern  versenkt,
  der  ebenfalls  bedrohte  deutsche  Dampser  =  Doris-  von
einem  schwedischen  Torpedoboot  beschützt.

21.  Juni.  Das  deutsche  Tauchboot  U  35-  trifft  im
Hasen  von  Cartagena  mit  Arzneimitteln  für  die  deutschen
Internierten  in  Spanien  ein.

25.  Juni.  Der  italienische  Hilfskreuzer  „Città  di  Messina=
  und  der  französische  Zerstörer  -Fourche-  werden  burch
ein  österreichisch-ungarisches  U-Boot  in  der  Straße  von
Otranto  versenkt.

30.  Juni.  Seegefecht  zwischen  deutschen  Torpebobooten
und  russischen  Seestreitträften;  darunter  einem  Panzerkreuzer
  und  einem  geschützten  Kreuzer  zwischen  Häfringe  und
Landsort.

2.  Juli.  Ein  Konvoi  deutscher  Dampfer  wird  süclich
von  Oland  von  feindlichen  U-Booten  ohne  Warnung  angegriffen;
  die  Geleitdampfer  verjagen  die  Angreifer,  und
der  Konvoi  gelangt  unbeschädigt  nach  Swinemünde.

3.  Juli.  Das  russische  Linienschiff  »Slawa«  und  Torpedoboote
  beschießen  die  kurländische  Küste;  Küstenbatterien
antworten  und  deutsche  Flieger  greifen  die  Schiffe  an.
wvSlawa=  wird  getroffen.

4.  Juli.  Das  deutsche  Tauchboot  =  U  35-  kehrt  aus  Spanien
  nach  Versenkung  des  französischen  Dampfers  Héraulte
zurück.

4.  Juli.  Ein  deutsches  U-Boot  versenkt  in  der  süblichen
  Nordsee  einen  britischen  U-Bootzerstörer.

10.  Juli.  Das  deutsche  U-Handelsschiff  =  Deutschlandlandet
  in  Baltimore  mit  einer  Ladung  Farbstoffe.

Fünf  britische  bewaffnete  Hilfsschiffe  werden  im  Mittelmeer
  durch  den  österreichisch-ungarischen  Kleinen  Kreuzer
„Novara  versenkt.

11.  Juli.  Deutsche  Marineflieger  beschießen  Harwich
sowie  Dover  und  Calais.

Ein  russisches  U-Boot  kapert  in  schwedischen  Gewässerm
die  deutschen  Dampfer  Worms-=  und  Lissabon-.

Englisch-französischer  Einspruch  in  Washington  gegen  die
Anerkennung  der  »Deutschland«  als  Handelsschiff.

12.  Juli.  -U-Deutschlande  wird  von  den  Vereinigten
Staaten  als  Handelsschiff  anertannt.

U-Boot-Erfolge  im  Juni:  61  Dampfer  und  Segler  mit
101.000  t.

Ein  deutsches  U-Boot  beschießt  die  englische  Küste  bei
Seaham  Harbour.

14.  Juli.  Ein  italienischer  Zerstörer  wird  in  der  Straße
von  Otranto  zerstört.

Versenkung  eines  britischen  Hilfskreuzers  in  der  Nordsee.

14./15.  Juli.  Osterreichisch-ungarische  Torpedoboote  vernichten
  ein  italienisches  und  ein  U-Boot  ohne  Flagge.
        <pb n="303" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

18.  Juli.  Angriff  deutscher  Flieger  auf  seindliche  Kreuzer,
  Zerstörer,  U-Boote  und  soustige  militärische  Anlagen
im  Kriegshafen  von  Reval.

19.  Juli.  Ein  russisches  U-Boot  beschießt  innerhalb
des  schwedischen  Hoheitsgebiets  süblich  von  Ratan  im  Bottnischen
  Meerdusen  den  deutschen  Dampfer  -Elbe“  mit  Torpedos.


22.  Juli.  Gefecht  des  türkischen  Kleinen  Kreuzers  »Midilli
  südlich  von  Sebastopol  mit  starken  russischen  Seestreitkräften.


32.23.  Juli.  Vorstoß  deutscher  Torpedoboote  bis  an
die  Themsemündung;  Artilleriegefecht  mit  mehreren  Zerstörern
  und  Kleinen  Kreuzern  der  „AuroraKlasse.

Gefecht  zwischen  deutschen  U-Booten  und  den  britischen
Wachtdampfern  Nelly  Nuttene,  »Onward«  und  2Evaan
  der  schottischen  Külste.  ,

24.  Juli.  Das  deutsche  Handels  =  U-Boot  „Bremenist
  in  Neuvork  angelangt.

25.  Juli.  Erfolgreicher  Angriff  deutscher  Marineflieger
auf  die  russische  Flugstation  Zerel  (Osel);  Flugzeughallen
und  bereitstehende  Flugzeuge  werden  getroffen.

Flugangriff  gegen  Mariehamn,  den  Hauptstützpunkt  der
russischen  und  britischen  U-Boote  auf  den  Klandsinseln.

28.  Juli.  Erfolgreicher  Luftangriff  auf  die  russische
Flugstation  Lebara  (Osel).

Osterreichischer  Luftangriff  auf  Otranto,  Mola,  Bari,
Grevinazzo  und  Molfetto.

27.  /28.  Juli.  Die  mittlere  und  nördliche  englische  Küste
wird  von  deutschen  Luftschiffen  angegriffen.

1.  August.  Sadani  wird  von  den  Engländern  besetzt.

2.  August.  Das  italiemsche  Großkampfschiff  =  Leonardo
da  Vinci=  wird  im  Hafen  von  Tarent  durch  Explosion  zerstört.

9.  August.  Gefecht  zwischen  russischen  leichten  Schiffen
und  deutschen  Strandbatterien  an  der  Nordspitze  Kurlands.

13.  August.  Der  brirische  Zerstörer  -Lassooe  wird  durch
U-Boot  versenkt.

19.  August.  Die  britischen  Kreuzer  »  Nottingham«  und
„Falmouth-=  sowie  der  Zerstörer  „Mohawk=  werden  von
deutschen  U-Booten  versenkt,  ein  Großkampfschiff  wird  schwer
beschädigt;  das  deutsche  Linienschiff  -Westfalen-  wird  durch
Torpedo  beschädigt.

24.  August.  Der  britische  Hilfskreuzer  =  Duke  of  Albanywird
  versenkt.

27.  August.  2U-Deuischland=  kehrt  von  seiner  ersten
Amerikafahrt  zurück.

7.  September.  Kilwa  Kisstwani  und  Kilwa  Kiwindji
(Ostafrika)  werden  von  den  Engländern  besetzt.

29.  September.  Ostrreichisch-ungarische  Donanflottillen
  greifen  den  Donauhafen  Corabia  an.

2.  Oktober.  Oserreichisch-ungarische  Monitore  zersebren
  eine  rumänische  Pontonbrücke  Über  die  Donau  südlich
von  Bukarest.

Der  französische  Hilfskreuzer  „Rigele  wird  im  Mittelmeer
  versenkt.

4.  Oktober.  Der  französtsche  Hilfskreuzer  »Gallia«
und  der  englische  Truppentransportdampfer  Franconiawerden
  im  Mittelmeer  versenkt.

8.  Oktober.  Deutsche  U-Boote  kreuzen  vor  der  Ostküste
  Amerikas.

16.  Oktober.  Gesecht  zwischen  italienischen  und  britischen
Kriegsschiffen,  die  sich  gegenseitig  für  Osterreicher  halten.

20.  Oktober.  Das  russische  Großkampfschiff  „Impera--tritza
  Maria=  wird  bei  Sebastopol  durch  Explosson  vernichtet.

22.  Oktober.  Erfolgloser  britischer  Fliegerangriff  gegen
die  Ostfriesischen  Inseln.

26./27.  Oktober.  Borstoß  deutscher  Torpedoboote  bis
Folkestone  -  Bonlogne.  Elf  Vorpostenboote  und  zwei  Zerstörer
  werden  versenkt.

Der  Krieg  1914/17.  II.

241

28.  Oktober.  U  53=  kehrt  von  seiner  Amerikasahr
zurück.

1.  November.  Vorstoß  deutscher  leichter  Seestreitkräfte
gegen  den  Kanal.  .

4.  November.  Bei  Bovbjerg  (Jütland)  strandet  das
deutsche  Tauchboot  =  U  20,  und  wird  gesprengt.

10./11.  November.  Vorstoß  deutscher  Torpedoboote
gegen  Balltisch-Port.

14.  November.  Ein  französischer  Zerstörer  der  Arc#
oder  ?Sape-Klasse  wird  im  Kanal  versenkt.

15.  November.  Der  britische  Kreuzer  =  Newcastlee  geht
in  der  Nordsee  durch  eine  Mine  verloren.

23./24.  November.  GBorstoß  deutscher  Torpedoboote
gegen  die  Themsemündung.

26.  November.  Das  französische  Linienschiff  -Suffrenwird
  westlich  von  Lissabon  versenkt.

3.  Dezember.  Deutsche  U-Boote  versenken  bei  Funchal
  (Madeira)  den  französischen  Hilfsdampfer  --Kanguroound
  das  Kanonenboot  -Surprisec.

10.  Dezember.  „U-Deutschlande  von  seiner  zweiten
Amerikareise  zurück.

22.23.  Dezember.  Österreichisch-ungarische  Torpedoboote
  haben  ein  Gefecht  mit  italienischen  Zerstörern  in  der
Otrantostraße.

27.  Dezember.  Das  französische  Länienschiff=  Gaulois=(12730
  )  wird  im  #gäischen  Meer  von  einem  deutschen
U-Boot  versentt.

B.  Schilberung  der  Kampshandlungen.
I.  Allgemeines.

Noch  fehlt  uns  die  Kenntnis  von  den  strategischen
Absichten  der  verbündeten  und  feindlichen  Oberleitungen,
  und  es  ist  deshalb  auch  nicht  möglich,  zu
erkennen,  ob  diese  oder  der  Zufall  zu  den  Zusammentößen
  der  Seestreitkräfte  geführt  haben.  Bei  dieser

ückenhaftigkeit  unseres  Wissens  ist  es  zunächst  nicht
möglich.  -Geschichte  zu  schreiben.  Wir  müssen  und
egenwärtig  damit  begnügen,  die  veröffentlichten  Gechehnisse
  nach  Kriegsschauplätzen  und  der  Zeitfolge
entsprechend  darzustellen.

Die  britische  Flotte  hatte  sich  auch  im  zweiten  Jahre
des  Weltkriegs  zunächst  damit  begnügt,  die  Mittelmächte
  vom  Weltverkehr  abzusperren.  Das  wurde
ihr  durch  die  geographische  Lage  derart  erleichtert,
daß  sie  dieser  Aufgabe  auch  dann  hätte  gerecht  werden
können,  wenn  das  Stärkeverhältnis  zwischen  ihr  und
der  deutschen  Wehrmacht  zur  See  umgekehrt  gewesen
wäre,  als  es  tatsächlich  der  Fall  war.  Bei  ihrer
erdrückenden  Übermacht  aber  war  es  ein  Kinderspiel,
und  sie  konnte  ihre  Ziele  erreichen,  ohne  etwas  Wertvolles
  dabei  einzuseczen.  Hätte  sich  der  deutsche  Machtbereich
  bis  Calais  oder  Le  Havre  erstreckt,  so  wäre
die  Absperrung  schon  schwieriger  gewesen,  und  einem
Lande  wie  Frankreich  gegenüber  wäre  sie  nur  zu  lösen
gewesen.  wenn  wirkliche  Kriegsschiffe  dazu  Verwenung

  fanden.

Der  dauernde  Verzicht  auf  die  Niederkämpfung  der
deutschen  Flotte  würde  zur  Folge  gehabt  haben,  daß
sich  das  gegenseitige  Stärkeverhältnis  am  Ende  des
Krieges  nicht  wesentlich  verschoben  hätte.  Einem
prößerrn  Bestande  an  Schlachtschiffen  auf  Seite  Engands

  hätte  auf  deutscher  ein  größerer  an  Tauchbooten

und  Luftschiffen  die  Wage  gehalten,  und  gerade  diese

waren  es  bei  den  vorliegenden  Verhältnissen,  durch

deren  Verwendung  es  möglich  erschien,  das  englische

Volk  kriegsmüde  zu  machen,  vorausgesetzt,  daß  von

ihnen  rücksichtslos  Gebrauch  gemacht  worden  wäre.
16
        <pb n="304" />
        242

Daß  dies  nicht  geschah,  erklärt  sich  aus  politischen
Rücksichten.  Als  im  Februar  1915  die  Aufnahme  des
Unterseekriegs  deutscherseits  feierlich  angekündigt  war,
antwortete  die  britische  Regierung  mit  Gegenmaßregeln,
  die  sich  als  überaus  wirksam  erwiesen.  Sie
bewaffnete  ihre  Kauffahrer  mit  Geschützen  und  erließ
  geheime  Anweisungen,  die  das  Personal  darüber
  belehrten,  wie  die  Verwendung  der  Geschütze  am
sichersten  zur  Vernichtung  der  deutschen  Tauchboote
führen  müsse.  Geheim  waren  die  Instruktionen,  weil
die  Bewaffnung  friedlicher  Handelsschiffe  in  schroffem
Widerspruch  zum  Völkerrecht  stand.  Sie  lassen  auch
erkennen,  daß  die  an  Bord  gegebenen  Geschüctze  nicht
nur  zur  Verteidigung  bestimmt  waren,  sondern  auch
zum  Angriffe  dienen  sollten.  Hand  in  Hand  damit
ging  der  planmäßige  Mißbrauch  neutraler  Flaggen
und  sonstiger  Abzeichen,  durch  die  sich  die  Schiffe  neutraler
  Länder  als  solche  kenntlich  zu  machen  suchten.

Darauf  konnte  nur  mit  Gegenmaßregeln  geantwortet
  werden,  die  geeignet  waren,  die  von  den  deutschen
  Tauchbooten  bisher  befolgte  Taktik  zu  verschärfen.
  Lediglich  Schuld  der  fseindlichen  Regierungen  war
es,  wenn  von  nun  an  mehr  Menschenleben  gesährdet
wurden  oder  verlorengingen.  Es  blieb  der  deutschen
Regierung  nur  übrig,  ein  Kriegsgebiet  um  die  großbritannischen,
  französischen  und  italienischen  Küsten
festzusetzen,  innerhalb  dessen  jedes  Schiff,  gleichgültig
welcher  Nation  es  angehören  mochte,  der  Versenkung
preisgegeben  war.  Das  war  die  Art  der  Führung
des  Unterseekriegs,  wie  sie  der  britische  Admiral  Sir
Percy  Scott  hatte  kommen  sehen  und  die  er  verteidigt
hatte.  Am  5.  Juni  1914  hatte  er  in  den  -Times.
einen  Artikel  veröffentlicht,  in  dem  er  für  den  Ausbau
der  Tauchboote  eintrat,  die  geeignet  seien,  dem  Seekriege
  ein  neues  Gesicht  aufzuprägen.  England  müsse
damit  rechnen,  daß  sein  dereinstiger  Gegner  die  Meere
um  die  britischen  Inseln  als  Kriegsgebiet  erklären  und
für  die  Schiffahrt  sperren  werde;  er  könne  dann  jedes
Schiff  torpedieren,  das  sich  dort  sehen  lasse.  Er
schrieb:  =  Finden  sie  (die  U.  Boote)  die  Handelsdampfer,
so  sind  diese  verurteilt,  und  sie  geben  keinen  Pardon.
Sie  können  nicht  an  Bord  der  feindlichen  Schiffe
gehen  und  sie  wie  in  alten  Zeiten  als  gute  Prisen  fortfübren.
  Sie  warten  nur,  bis  sie  sinken,  und  kehren
heim,  ohne  zu  wissen,  wieviel  menschliche  Wesen  sie
auf  den  Grund  der  See  geschickt  haben.#  Ein  anderer
Admiral  bekämpfte  diese  Ansicht,  weil  eine  so  barbarische
  Kriegführung  undenkbar  sei.  Darauf  erwiderte
Sir  Percy  am  10.  Juni  in  den  »Times«:  „Barbarisch
sei  schließlich  jeder  Krieg,  sein  Zweck  sei  aber,  den
Gegner  zu  vernichten;  deshalb  müsse  man  ihn  an
seiner  verwundbarsten  Stelle  angreifen.  Die  Englands
  sei  seine  über  See  erfolgende  Versorgung  mit
Lebensmitteln;  greife  dessen  Gegner  also  auf  die  von
ihm  gemutmaßte  Weise  hier  an,  so  sei  das  ein  durchaus
  einwandfreies  Mittel.“  Als  Lord  Sydenham  das
bestritt,  entgegnete  Scott  am  15.  Juni  1914,  er  habe
von  einem  ausländischen  Seeoffizier  einen  seinen  veröffentlichten
  Auslassungen  beistimmenden  Brief  erhalten,
  und  fuhr  dann  port.  „Nach  meiner  Meinung
dürfte  eine  solche  Sperre  ganz  in  der  Ordnung  sein.
Ist  sie  einmal  erklärt,  so  werden  britische  und  neutrale
  Handelsschiffe,  die  sie  mißachten  und  die  Sperre
zu  brechen  suchen,  gut  tun,  sich  nicht  auf  die  friedliebenden
  Versicherungen  Lord  Sydenhams  zu  verlassen,
  und  wenn  sie  bei  dem  Versuche  versenkt  werden,
so  kann  man  das  nicht  als  einen  Rückfall  in  Wildheit
und  Piraterie  in  ihren  schwärzesten  Farben  bezeichnen.

gistertonnen,  —  6  P

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Kein  Brite,  Franzose,  Russe  oder  Italiener,  keiner
der  Neutralen  hat  dagegen  Einspruch  erhoben,  als  die
britische  Regierung  110  Millionen  Menschen  dem
Hungertode  preisgeben  wollte.  Der  bekannte  britische
Admiral  Fisher  hat  einmal  gesagt:  Das  Wesen  des
Krieges  ist  Gewalt,  Mäßigung  im  Kriege  Dummheit.
Schlag  zuerst  zu,  wenn  du  kannst;  triff  hart  und  triff,
wo  du  kannst.=  Bei  Beginn  des  Krieges  gegen  die
französische  Republik  (1793)  erhielten  die  britischen
Admirale  den  lakonischen  Befehl:  -Sink,  burn  and
destroy.  (Versenke,  verbrenne  und  zerstöre.)

Die  deutschen  Tauchboote  hatten  den  Krieg  gegen
den  feindlichen  Seehandel  nicht  so  geführt,  wie  0q
Sir  Percy  Scott  ihn  gedacht  hatte,  obgleich  die  Engländer
  so  weit  gegangen  sind,  echte  Neutralee  zu  entern
  und  zu  zwingen,  aktive  britische  Marinemannschaften
  an  Bord  zu  nehmen,  die  während  der  Fabhrt
auftauchende  deutsche  U.  Boote  abschießen  sollten.  Es
wären  der  Gründe  die  Hülle  und  Fülle  vorhanden  gewesen,
  die  es  durchaus  gerechtfertigt  haben  würden,
wenn  der  U-Krieg  nach  dem  Vorschlag  von  Scott  geführt
  worden  wäre.  Nichts  von  dem  ist  geschehen;  die
Deutschen  haben  menschlich  schön,  aber  militärisch
töricht  gehandelt,  es  deshalb  mit  schweren  Opfern
büßen  müssen  und  sind  doch  nicht  dem  Vorwurf  der
Barbarei  und  Piraterie  entgangen.  Mit  diesem  letz
teren  Ausdruck  wurde  von  seiten  der  Entente  grober
Unfug  getrieben.  Unter  „Pirate  versteht  man  einen
Seer  er,  der  sich  auf  Kosten  der  von  ihm  Angefallenen
  bereichert.  Kein  Mann  der  deutschen  Flotte
ist  durch  im  Kriege  gemachte  Beute  um  einen  Pfennig
reicher  geworden.  Dagegen  haben  britische  Seeoffiziere
  in  der  ersten  Periode  des  Krieges  durch  Prisengelder
  Vermögen  erworben.  Die  Ansichten  Scotts
decken  sich  übrigens  mit  denen  des  Feldmarschalls
v.  Hindenburg,  der  ebenfalls  vor  falscher  Sentimentalität
  warnte,  weil  sie  geeignet  sei,  den  Krieg  langwieriger
  zu  gestalten  und  dem  eignen  Lande  größere
Blutopfer  aufzuerlegen.  Wenn  auch  der  U  -Krieg  —
leider  —  nicht  so  geführt  wurde,  wie  Scott  ihn  sich  vorstellte,
  so  waren  seine  Wirkungen  für  die  Schiffahrt
doch  recht  fühlbar.  Das  zeigte  am  besten  das  Emporschnellen
  der  Frachten  und  Versicherungsprämien  in
England.  Vor  dem  Kriege  betrug  die  Fracht  für  die
Tonne  Fleisch  oder  Getreide  von  Argentinien  nach
Liverpool  12½  Schilling.  Im  April  1915  wurden
200  Schilling  vergeblich  geboten.  Am  1.  November
1915  waren  550  enhlische  auffahrer  mit  1200000  Reroz.

  des  ursprünglichen  Bestandes,
versenkt,  40  französische  mit  110000  Tonnen,  —
9  Proz.,  bis  1.  Dezember  1915:  734  feindliche  —  davon
  624  englische  mit  1230000  Tonnen  —  mit  mindestens
  1447628  Tonnen  vernichtet,  davon  568  durch
U-Boote,  98  durch  Minen,  73  durch  sonstige  mit  dem
Kriege  in  Verbindung  stehende  Ereignisse.  Der  britische
  Landwirtschaftsminister  Lord  Selbourne  äußerte
sich  damals  dahin,  daß  er  den  Zeitpunkt  kommen
sehe,  in  dem  die  deutschen  U-Boote  der  britischen
Schiffahrt  den  Todesstoß  geben  würden.  In  dieser
Zeit  großer  Bedrängnis  geif  die  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  zugunsten  der  Entente  helfend  ein,
und  diesmal  mit  offener  Drohung,  und  erreichte  Anfang
  Mai  1916  die  bedingte  Einstellung  des  U-Kriegs.
Es  sollten  nur  noch  Schiffe  versenkt  werden,  wenn
dadurch  das  Leben  der  an  Bord  befindlichen  Personen
nicht  gefährdet  würde,  und  nach  vorheriger  Prüfung
der  Schiffspapiere.

Die  Kriegsschiffsverluste  der  Flotten  der  En.
        <pb n="305" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

tente  betrugen  imersten  Kriegsjahrenach  zuverlässigen
Angaben  mindestens:

England  Frankreich  Rußland  Italien  Japan
Linienschiffe  38  1  1  —  —
Panzerkreuzer  6  1  2  —
Kleine  Kreuzer  6  —  1  —  —
Hilfskreuzer  18  3  2  3  —
Tauchboote.  11  8  1  l  —
Handelsschiffe.  400  80  20  ¾  7

über  die  Verluste  durch  den  Handelskrieg  gibt  Admiral
  Bridge  für  die  Zeit  vom  4.  August  1914  bis
23.  März  1916  in  den  -Times=  folgendes  Material:
A.  Enugland  379  Dampfer  zu  1320  171  Brutto-Registertonnen

Frankreich  41  -  *  189  865  -
Belgien  10  -  »20861  "
Nußland  27  -  "  42226  2
Italien  .  21  -  -170271  -
Japan  .  3  -  :  19207  -

481  Dampfer  zu  1621  661  Brutto-Negistertonnen

B.  England  31  Segelschiffe  zu  19  119  Brutto-Registertonnen
Frankreich  12  -  *  18323  -
Rußland.  8  "  „  746#  2
Italien  6  3373  -

57  Segelschiffe  zu  48278  Brutto-Registertonnen

C.  Außerdem  12  verlorengegangene  Dampfer,  für  die  der  Tonnengehalt
  sehlt.  Wir  nehmen  ihn  an  auf  15000  Brutto-Registertonnen.


D.  Fischerelfahrzeuge  (237  englische,  7  französische,  2  belgische)

mit  durchschnittlich  250  Ton.  =  61500  Ton.

Neutrale  Dampfer  und  Segler:

Norwegen  39  Schiffe  mit  95  732  Brutto-Registerton.
Dänemark  18  „  *  2322734  -
Schweden  33.  „  42584

Holland  22  „  *  73786  s
Vereinigte  Staaten  6  =  16013  -
Griechenland  .  11  22383  -
Spanien  4  -  897  -
Serbien.  1  Schisf  758  -
Portugali...  1  „  621  -

Zusammen:  293218  Brutto-Registerton.

.  .  1621  661  Tonnen
R.  48278  -
C.  15000  «
D.  61  500  -
E.  293218  -J

Zusammen:  2039657  Tonnen
Schiffsraum,  der  infolge  des  Krieges  bis  zum  23.  März  1916
dausgefallen  ist.
Das  -Taschenbuch  der  Kriegsflottene  von  Weyer
macht  über  die  Verluste  bis  Mai  1916  folgende  Angaben;
  es  wurden  versenkt  durch:

„klmdenn  .  17  Schiffe  mit  73895  Ton.
ↄKarlsruhe·  .  "  "  ·  „"  „"  17  -  76  600  „
'Ddresbden  „  S5  2160080  =
„  eipitaass  38  -„  .  1211,9  =
„Königeberrrrrrr  1  Schiffll  6800  =
Gilskreuzer  Kaiser  Wilhelm  d.  Gr.a  2  Schiff:  =  10  45

„  Kronprinz  Wilhelml  13  553650  -

-  »Prinz  Eitel  Friedriche  10  -  30040  -

-  »Mõöwen......  15  „  57746  =
Imganzen  alse  durch  beutsche  Kreuzer  88  Schisse  mit  337445  Ton.
Davon  waren  engliss  70  „  ..  293181  =

fronzösis.  10  „  35  105=russis
  2  45837  -
belgiss.  1  Schiff  =  4322  -

Dann  folgen  621  Handelsschiffe  mit  zusammen  1769  294  Ton.
350  Fischerfahrzeuge  -  51200  -

Im  ganzen  find  vernichtet  .  .  1054  Schiffe  mit  2  156  029  Ton.

1  In  der  angezogenen  Zusammenstellung  der  »  Timer«  mit
unter  den  neutralen  Staaten  aufgeführt!

243

Davon  waren  englisch.  .  .  3847  Schisse  mit  1  758  501  Ton.
frangösiss.  94  .  19480  -
russissch  sS1  .  72091
italienisss.  30  76772  =
belgisse.  18  24679  -
japaniscss.  5  5  31597.

Eine  sehr  große  Rolle  haben  die  Tauchboote  gespielt;
  auf  sie  sind  hauptsächlich  die  Verluste  der  feindlichen
  Handelsflotten  und  ein  recht  bedeutender  der
Kriegsflotten  zurückzuführen.

Diese  Verluste  setzen  sich,  soweit  nur  eigentliche
Kriegsschiffe  in  Frage  kommen,  aus  folgenden  Klassen

usammen:  britische:  3  Großkampfschiffe,  9  Liniencchiff-.
  6  Schlachtkreuzer,  14  Panzerkreuzer,  12  geschützte
  Kreuzer,  47  Zerstörer  und  Torpedoboote,  25
Tauchboote,  18  gepanzerte  (Monitore)  und  ungepanzerte
  Kanonenboote  von  zusammen  573096  Tonnen;
französische:  1  (bzw.  2)  Linienschiffe,  2  Panzerkreuzer.
1  Kanonenboot,  13  Torpedofahrzeuge,  9  Tauchboote
und  8  andere  Schifse;  italienische:  1  Linienschiff,  2
Panzerkreuzer,  5  Todrpedofahrzeuge,  4  Tauchboote,  3
andere  Schiffe;  russische:  1  Panzerkreuzer,  1  Kleiner
Kreuzer,  3  Kanonenboote,  4  Zerstörer,  2  Tauchboote,
7  andere  Schiffe;  japanische:  1  Kleiner  Kreuzer,  2
Torpedofahrzeuge,  2  Minensucher.  Die  Verluste  der
Verbündeten  Englands  belaufen  sich  zusammen  auf
76  930  t.  Zu  denen  Großbritanniens  kommen  noch
viele  der  Kauffahrtei  entnommene  Hilfsdampfer;
nachweisbar  sind  48  von  sehr  verschiedener  Größe,
vom  17000  Brutto-Registertonnen  fassenden  Schnelldampfer
  bis  herab  zum  150  t  großen  Fischdampfer.

Die  Verluste  der  feindlichen  Landeleschhfabrt  berechnet
  der  deutsche  Admiralstab  bis  zum  30.  Juni
1916  auf  1303  Schiffe  von  2574205  Brutto-Registertonnen,
  wobei  die  in  den  Häfen  der  Mittelmächte  bei
Kriegsbeginn  beschlagnahmten  nicht  mitgerechnetsind.

Im  ersten  Kriegsjahr  sind  20  nachweisbare  Verletzungen
  des  Völkerrechts  durch  feindliche  Kauffahrer
(Schießen  auf  deutsche  U.Boote;  Versuche,  sie  zu  rammen)
  vorgekommen.  Im  zweiten  stieg  diese  Zahl  auf
38,  so  daß  im  ganzen  58mal  die  Regeln  des  Völkerrechts
  verleut  worden  sind.

Die  deulschen  Tauchboote  hatten  aus  politischen
Rücksichten  den  Krieg  gegen  den  feindlichen  Seehandel
nach  den  für  Kreuzer  gültigen  Grundsätzen  zu  führen.
Sie  mußten  also  bei  den  Schiffen,  die  sie  anhielten,
auftauchen,  sie  untersuchen  und  durften  sie  erst  versenken,
  wenn  sie  als  Feinde  oder  mit  Bannware  beladene
  Neutrale  festgestellt  waren  und  das  Leben  und
die  Gesundheit  der  an  Bord  befindlichen  Personen  nicht
gefährde.  wurden.  Dieses  Vorgehen  war  mit  großen

efahren  für  sie  verbunden;  denn  die  Engländer  und
Franzosen  hatten  ihren  Kapitänen  befohlen,  erscheinende
  Tauchboote  niederzurennen  und  von  der  Bewaffnung
  auch  angriffsweise  Gebrauch  zu  machen,  von
der  gesagt  wurde,  daß  sie  nur  »zur  Verteidigunge  bestimmt
  sei.  Durch  den  Mißbrauch  neutraler  Abzeichen
und  Flaggen  wurden  den  Tauchbooten  Fallen  gestellt.
Man  versuchte  auch,  Geschütze  und  ihre  Bedienungs.
mannschaften  auf  echtee  Neutrale  zu  bringen,  um  auftauchende
  U-Boote  zu  vernichten.  Das  war  die  übertragung
  des  Freischützenkriegs  auss  Wasser,  dem  eine  Reihe
von  deutschen  U.  Booten  auch  zum  Opfer  gefallen  ist.
Damit  wurde  die  Tätigkeit  der  Tauchboote  zu  einer  besonders
  gefährlichen,  und  nur  durch  die  Energie,  das
außergewöhnliche  technische  Können  der  Kommandanten
  und  tadelloses  Material  konnten  unter  diesen
erschwerenden  Umständen  überhaupt  Erfolge  erreicht

16•
        <pb n="306" />
        244

werden.  Es  ist  erstaunlich,  daß  es  einem  deutschen
U  Boot  vom  2.—10.  August  1916  möglich  gewesen
ist,  7  englische  und  3  französische  Segler,  3  englische
und  2  französische  Dampfer  zu  versenken.  Im  übrigen
siehe  den  Seekriegskalender,  S.  238  ff.

Von  den  Kriegsschiffen  des  Bierverbandes  ist  das
Völkerrecht  fünfmal  verietzt  worden  —  der  Fall  Kaiser
Wilhelm  der  Große«,  »Dresden«,  »Albatros«,  »U  27«
bzw.  =  Baralong-  (für  den  die  britische  Regierung  die
volle  Verantwortung  Übernommen  hat)  und  King
Stephen:,  für  den  sogar  der  Bischof  von  London
eintrat.  Unzählig  sind  aber  die  Fälle,  in  denen  britische
  Kriegsschisfe  gegen  Kauffahrer  der  Mittelmächte
und  der  Neutralen  das  Völkerrecht  verletzt  haben.

Das  Gesamtergebnis  des  bisherigen!  Krieges  war,
daß  die  britische  Flotte  schwere  Berluste  an  Kriegsschiffen,
  Menschen  und  Seegeltung  erlitt.  Das  muß
um  so  höher  bewertet  werden,  als  die  Gesamtstärke  der
den  Mittelmächien  bei  Kriegsbeginn  gegenüberstehenden
  fertigen  und  im  Bau  begriffenen  Schiffe  —  abgesehen
  von  Hilfskreuzern,  Torpedofahrzeugen,  Tauchbooten
  und  sonstigen  bewassaeten  Dampfern  —  443
mit  5428000  t  betrug.  Von  Hilfsdampfern  hatte
England  allein  mehr  als  2000  im  Dienst.  Die  Zahl
der  größeren  Schiffe  der  Mittelmächte  betrug  dagegen
156  von  1651000  t.  Einem  3½mal  so  starken  Feinde
gegenüber  haben  die  Mittelmächte  einen  dreimal  so
großen  Verlust  beigebracht,  als  sie  selbst  erlitten.

Die  portugiesische  Regierung  beschlagnahmte  am
23.  Februar  1916  —  offenbar  unter  dem  Druck  der
britischen  —  die  in  den  Häfen  ihres  Landes  und  ihrer
Kolonien  liegenden  deutschen  Handelsdampfer,  worauf
  Deutschland  der  portugiesischen  Regierung  den
Krieg  erklarte.

II.  Der  Seekrieg  in  den  nordwestlichen  Merren.

Am  7.  August  1915  versenkte  ein  deutsches  U.Boot
den  britischen  Hilfskren  zer  India-  (7900  t)  vor  dem
Vestfjord  nördlich  von  Bodö.  Ein  Teil  der  Besatzung
wurde  gerettet  und  in  Norwegen  interniert.

Der  kleine  Hilfskreuzer  -Meteor-,  der  in  Deutschland
  ausgerüstet  worden  war,  vernichtete  am  8.  August
südöstlich  von  den  Orkney-Inseln  den  britischen  Hilfskreuzer
  The  Ramsey  (1473  t)  nach  kurzem  Gefecht;
40  Personen  konnten  gerettet  werden.  Bereits  am
10.  wurde  das  deutsche  Schiff,  das  sich  unfern  Horns
Riff  befand,  von  vier  britischen  Kreuzern  umstellt.  Da
ein  Entkommen  ausgeschlossen  war,  ließ  der  Kommandant
  die  Gefangenen,  deren  Herzen  durch  die  gute
Behandlung  gewonnen  waren,  auf  einen  neutralen
Segler  bringen,  während  er  die  Besatzung  des  -Meteor=
  auf  einen  zweiten  schickte.  Der  deutsche  Hilfs.
kreuzer  wurde  durch  Sprengung  versenkt;  nach  abenteuerlicher
  Fahrt  gelangten  die  deutschen  Seeleute
wieder  in  einen  heimischen  Hafen.

Amg.  August  bombardierten  fünf  Marineluftschiffe
britische  in  der  Themse  liegende  Nriegsschiffe,  die  Do
von  London,  Harwich  und  die  User  des  Humbers.
Einer  der  Luftkreuzer  wurde  zwar  beschädigt,  erreichte
aber  doch  noch  Ostende.

Diese  Luftangriffe  wiederholten  sich  am  12.  und
18.  August,  am  8.,  9.  und  14.  September,  am  13.  Oktober,
  am  22.  und  23.  Januar  1916  (an  welchen  Tagen
aber  nicht  Zeppeline,  sondern  Wasserflugzeuge  gegen
Dover  und  das  westlich  davon  gelegene  Hougham  vorstießen
  und  am  26.  La  Panne  bombardierten),  am

1  Bis  Dezember  1916.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

1.  Februar,  in  den  Nächten  zum  6.  März,  zum  2.,
3.,  4.,  6.  und  25.  April  1916.  Der  am  12.  August
unternommene  Flug,  von  dem  die  Luftschiffe  unbeschädigt
  heimkehrten,  richtete  sich  auf  Harwich.  Die  im
September  unternommenen  Angriffe  hatten  wieder
die  Docks  und  die  westliche  City  von  London.  militärische
  Anlagen  und  Fabriken  in  Norwich,  Middlesbrough
  und  die  englische  Ostküste  zum  Ziel,  der  Angriff
  am  13.  Oktober  die  City  und  Ipswich,  die  am
1.  Februar  die  Westküste  Englands,  Birkenhead,  die
Mersey-Mündung.  Manchester,  Nottingham,  Sheffield
  und  das  an  der  Ostküste  gelegene  Great  Yarmouth.
Auf  dem  Humber  wurde  der  dort  liegende  ganz  neue
Kleine  Kreuzer  -Carline=  (10  400  t)  versenkt.  Der
Verlust  wirdenglischerseits  bestritten.  Der  am  6.  März
unternommene  Vorstoß  traf  die  Stadt  Hull,  der  in
der  Nacht  zum  1.  April  unternommene  wiederum  London
  und  den  Humber,  während  die  Anfang  April  anesetzten
  Angriffe  die  Ostküste,  Anlagen  am  Tees-Flusse.
iddlesbrough,  Sunderland,  die  Docks  von  London,
Great  Barmonth,  Whitdy,  eine  Batterie  bei  Hull,  Fabriken
  bei  Leeds  und  Dünkirchen  schädigten.  Deutsche
Flieger  vergalten  die  Beschießung  der  flandrischen
Küstenstädte  durch  Bombardements  von  Dover,  Deal,
Ramsgate  am  9.  und  20.  Februar  sowie  am  19.  Mätz.

Im  allgemeinen  waren  die  deutschen  Luftschiffe
und  Flieger  trotz  des  heftigen  Abwehrfeuers  unbeschädigt
  heimgekehrt.  Doch  fehlte  es  auch  nicht  an  Opfern.
So  war  am  2.  Februar  das  Luftschiff  »L  19.  auf  der
Heimfahrt  über  holländisches  Gebiet  geraten,  von  dort
aus  beschossen  und  zum  Niedergehen  auf  die  Nordsee
gezwungen  worden.  Es  wurde  in  Seenot  von  dem
englischen  Fischdampfer  „King  Stephen=  gesichtet.  Die
Deutschen  baten  um  Aufnahme  und  Rettung  aus
Todesnot.  Der  Schiffer  lehnte  ab  und  dampfte  fort.
Dadurch  sind  die  etwa  30  Insassen  des  Luftkreuzers
umgelommen,  Während  dieser  Vorfall  in  Deutschland
  erklärliche  Entrüstung  hervorrief,  wurde  er  in
England  allgemein  gebilligt,  so  namentlich  auch  von
dem  Bischof  von  London.  King  Stephen=  ist  später
bei  dem  Vorstoß  deutscher  Kreuzer  gegen  die  Ostküste
am  25.  April  versenkt  worden.

Bei  den  Luftangrissen  Anfang  April  gingen  das
Luftschiff-=  L  15  und-L20,.  verloren.  Ersteres  mußte
auf  der  Themse  niedergehen  und  wurde  vernichtet,  die
Besatzung  gefangen.  Letteres  wurde  durch  Sturm
nach  Norwegen  verschlagen  und  ist  bei  Stavanger
durch  norwegische  Truppen  vernichtet  worden,  während
  die  Besatzung  interniert  wurde.  „L7.  wurde
um  dieselbe  Zeit  von  britischen  Kriegsschiffen,  die  es
in  der  Nordsee  angegriffen  hatte,  abgeschossen.

Am  10.  August  wurde  der  britische  erstörer  P„Lynx-(1913,
  950  t,  drei  10,2  cm-Schnelladekanonen,  zwei
53  cm-Doppeltorpedorohre)  in  der  Nordsee  das  Opfer
einer  Mine.  Am  gleichen  Tage  versenkte  das  deutsche
Tauchboot  „U  274¾  westlich  von  den  Hebriden  einen
britischen  Kleinen  Kreuzer  älterer  Art.  Am  15.  bohrte
ein  U.  Boot  einen  britischen  Truppentransportdampfer
  bei  den  Scilly--Inseln  in  den  Grund;  ungefähr

ie  Hälfte  der  Besatzung  soll  gerettet  worden  sein.  Am
gleichen  Tage  beschoß  ein  großer  englischer  Passagierampfer

  ein  deutsches  Tauchboot,  das  keine  Miene
gemacht  hatte,  ihn  anzugreifen.  Das  nannte  die  britische
  Regierung  .Gewaenung  zur  Verteidigunge.

Die  deutschen  D-Boote  beschränkten  sich  übrigens
keineswegs  darauf,  den  Feind  auf  dem  Wasser  zu  schädigen;
  auch  die  Küste  wurde  von  ihnen  angegriffen,
soweit  ihre  leichten  Geschütze  das  erlaubten.
        <pb n="307" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

Am  17.  Augustabends  gelanges  fünf  deutschen  Torpedobooten,
  eine  von  einem  britischen  Kleinen  Kreuzer
  geführte  Zerstörerflottille  unweit  Horns  Riff  Uberraschend
  mit  Torpedos  anzugreifen.  Der  Kleine  Kreuzer
  und  einer  der  Zerstörer  wurden  versenkt.

Den  10000.-Tonnendampfer  -Arabic=  torpedierte
am  19.  ein  U-Boot;  fast  alle  Passagiere  konnten  geborgen
  werden.

m  gleichen  Tage  hatte  U  27.  den  mit  Maultieren
  beladenen  Dampfer  Nicosian  angehalten,
die  Besatzung  veranlaßt,  das  Schiff  zu  verlassen  und
schickte  sich  darauf  an,  das  Schiff  durch  Artillerie  zu
versenken,  als  überraschend  der  britische  Hilfskreuzer
»Baralong«  auftauchte,  das  D.-Boot  unter  Feuer
nahm  und  versenkte.  Die  Baralonge  führte  beim
Andampfen  die  amerikanische  Flagge  und  amerikanische
  Abzeichen.  Während  das  U  Boot  langsam  versank,
  suchten  sich  die  elf  an  Deck  befindlichen  Leute,
darunter  auch  der  Kommandant,  durch  Schwimmen
auf  die  dicht  dabei  liegenden  Dampfer  zu  retten.  Der
Kommandant  der  -Baralonge,  Wc  Bride,  ließ  alle
durch  Gewehrfeuer  töten.  Auf  Reklamationen  der
deutschen  Regierung  hieß  die  britische  dieses  unmensch-=liche
  Verhalten  des  Kapitän  Mc  Bride  gut.

An  der  von  der  deutschen  Marine  besetzten  und
mit.  Batterien  versehenen  flandrischen  Küste  kam  es
vielfach  zu  Gefechten.  Am  23.  August  wurde  vor
Fecbrühge  ein  deutsches  Wachtboot  nach  tapferer

egenwehr  durch  zwei  britische  Zerstörer  vernichtet.
Ein  bald  darauf  erscheinendes,  40  Einheiten  umfassendes
  britisches  Geschwader  von  Monitoren  und  Zerstörern
  zog  sich  unter  dem  Feuer  der  Küstenbatterien
wieder  zurück.

Am  925.  September  beschossen  5  große  und  25  kleine
britische  Ktcgsschiffe  Zeebrügge,  Westende  und  Middelkerke;
  nachdem  eines  von  ihnen  versenkt  war,  zwei
andere  Treffer  --halten  hatten,  zog  sich  der  Verband
zurück.  Solche  Vorstöße  wiederholten  sich  am  20.,
28.  und  29.  Dezember,  am  16.  und  27.  Januar  1916
sowie  im  Mai  1916  die  britischen  Geschosse  zerstörten
hauptsächlich  Häuser  der  verbündeten  Belgier.  Auch
eine  größere  Anzahl  friedlicher  Landesbewohner  wurde
getötet  oder  verwundet.

Die  deutschen  U-Boote  entfalteten  nach  wie  vor  eine
rege  Tätigkeit;  am  9.  November  wurden  der  französische
  Zerstörer  „Branlebas=  (1905,  336  t,  27  Knoten,
  eine  6.5  cm.,  sechs  4,7  cm-  Schnelladekanonen,
zwei  45  cm-Torpedodoppelrohre),  ein  weiteres  französisches
  Torpedoboot  und  der  britische  Hilfskreuzer
»Irene«  (543  t)  nördlich  von  Dünkirchen  durchsie  versenkt.
  Am  31.  Januar  und  1.  Februar  1916  vernichteten
  deutsche  U-Boote  vor  der  Themse  fünf  britische
Wachtdampfer.  Der  U  Krieg  hatte  England  schwer
geschädigt,  selbst  die  verwerflichsten  Abwehrmittel  hatten
  versagt.  Weit  nach  Norden  hatten  die  U.  Boote
ihre  Fahrten  ausgedehnt,  bis  zur  Grenze  des  ewigen
Eises.  Am  9.  März  wurde  dort  der  russische  Dampfer
„  Nowoje  Sloboda=  versenkt.  Am  11.  wurde  der  französische
  Postdampfer  Louisiana  bei  Le  Havre  versenkt.
  Durch  Anheuern  von  stellungslosen  amerikanischen
  Bummlern  als-Schutzengel  suchten  die  Westmächte
  ihre  Schiffe  gegen  die  Angriffe  zu  schützen.
Man  wußte,  daß  der  ##ien  der  Veilichgten  Staaten
  bereit  war,  in  ihrem  Interesse  einzugreifen,  sobald
  sich  nur  eine  Gelegenheit  bot.  Die  schwere  Beschädigung
  des  französischen  Postdampfers  =  Sussexe
durch  einen  Torpedo  am  25.  März  gab  Wilson  den
gewünschten  Vorwand  zu  neuem  drohenden  Eingriff.

245

Seine  kurz  vor  Ostern  in  Berlin  Überreichte  Note
sagte,  es  sei  für  ihn  kein  Zweifel,  daß  die  =  Sussexe
von  einem  deutschen  U.  Boot  torpediert  worden  sei;
das  bewiesen  die  an  Bord  gefundenen  Bestandteile
eines  Torpedos,  der  als  deutscher  kenntlich  sei.  Die
deutsche  Regierung  sei  ihren  früheren  Versprechungen
betreffs  Führung  des  U  Kriegs  nicht  nachgekommen.
Und  wieder  gab  die  deutsche  Regierung  nach.  Die  am
15.  März  1916erfolgte  Verabschiedung  des  Großadmirals
  v.  Tirpitzsteht  hiermit  inengstem  Zusammenhange.

Aber  nicht  nur  durch  die  Torpedos  der  deutschen
U-Boote,  sondern  auch  durch  die  von  ihnen  ausgelegten
  Minen  hatten  die  feindlichen  Kriegs--  und  Handelsflotten
  schwere  Verluste.  Am  13.  Februar  ging  der
britische  Kleine  Kreuzer  -Arelhusa  (1913,  3600  t,
29  Knoten,  zwei  15,2  cm-,  sechs  10,2  cmSchnellladekanonen,
  zwei  53  cm-Doppeltorpedorohre)  verloren,
  am  22.  vor  der  Themse  der  Zerstörer  „Hind-(760t,
  27  Knoten,  zwei  10,2  cm.,  zwei  7,6  cm-Schnellladekauonen,
  zwei  53  —23  am
10.—12.  März  an  der  englischen  Ostküste  der  Zerstörer
»Coquette-  (1903,  315  t,  29,2  Knoten,  eine  7,6  cm-,
fünf  5,7  cm-Schnelladekanonen,  zwei  45  cm-Torpedorohre),
  das  Torpedoboot  =  Nr.  11.·  und  der  Hilfskreuzer=
  Fauvette  (2644  t).

Am  17.  Juni  ist  der  britische  Zerstörer  „Eden-(1904,
  550  t,  24  Knoten,  vier  7,6  cm  -Schnelladekanonen,
  zwei  45  cm-Torpedorohre)  im  Kanal  infolge
eines  Zusammenstoßes  gesunken.  31  Mann  der  70
Köpfe  starken  Besatzung  wurden  gerettet.

Ende  Juni  und  im  Laufe  des  Julis  wurden  holländische
  Fischerfahrzeuge  durch  britische  Dampfer  aufgebracht;
  am  19.  Juli  waren  es  170,  aber  es  wurde
damit  weiter  fortgefahren,  was  natürlich  in  Holland
schwere  Verstimmnung  auslöste.

Am  11.  Juli  erfolgte  ein  Fliegerangriff  auf  Harwich,
  Dover  und  Calais,  von  Flandern  ausgehend.

In  der  Nacht  zum  298.  stießen  deutsche  Torpedoboote
  bis  nahe  an  die  Themsemündung  vor,  ohne
zunächst  etwas  vom  Feinde  zu  sehen.  Noch  vor  Tagwerden
  erschienen  aber  mehrerebritische  Kleine  Kreuzer
der  Aurora-Klasse  mit  einer  Anzahl  von  Zerstörern.
Es  entspann  sich  ein  kurzes  Feuergefecht.  Während  die
deutschen  Boote  unbeschädigt  blieben,  wurden  mehrere
Treffer  gegen  die  britischen  Schiffe  beobachtet.

Am  24.  wurde  an  der  flandrischen  Kühte  ein  britischer
  Doppeldecker  von  einem  deutschen  Flugzeug  abgeschossen;
  ein  deutsches  Torpedoboot  barg  Flugzeug
und  Besatzung  nach  Zeebrügge.

Nach  einer  holländischen,  wahrscheinlich  von  England
  aus  beeinflußten  Meldung  sollen  fünf  Seemeilen
südwestlich  vom  Maasfeuerschiff  am  27.  drei  britische
Linienschiffe.  zwei  Zerstörer  und  zwei  Flugzeuge  gesehen
  worden  sein.  Es  wären  die  ersten  großen  britischen
  Schiffe,  die  es  wagten,  sich  nach  der  großen
Seeschlacht  wieder  auf  See  zu  zeigen.  Die  Nachricht
dürfte  mit  Vorsicht  aufzufassen  sein.

Am  27.  Oktober  strandete  der  britische  Panzerkreuzer
  =  Argyll=  (1904,  11000  t,  22,4  Knoten,  vier
19  cm-,  sechs  15,2  cm-,  zwanzig  4,7  cm--Schnelladekanonen,
  zwei  45  cm-Torpedorohre)  an  der  Ostküste
Schottlands  und  wurde  am  29.  aufgegeben.

Am  4.  November  brachte  ein  holländischer  Reerungsdampfer

  das  in  Seenot  befindliche  deutsche

auchboot  -U  8.  in  einen  holländischen  Hafen,  wo
die  Besatzung  interniert  wurde.  »

Vom  12.  Dezember  an  kreuzte  ein  großes  deutsches
Geschwader  längere  Zeit  in  der  Nordseezam  19.  standes
        <pb n="308" />
        246

im  Skagerrak.  Es  hatte  auf  seiner  Fahrt  keine  feindlichen
  Seestreikkräfte  gesehen,  dagegen  52  Handelsdampfer
  untersucht  und  einen  von  ihnen,  der  mit
Bannware  beladen  war,  aufgebracht.

Am  30.  Dezember  ging  vor  einem  englischen  Hafen
der  britische  Panzerkreuzer-Natal  durch  innere  Explosion
  verloren.

III.  Nördliche  Merrr.

In  der  Nacht  vom  5.  zum  6.  Juni  sank  westlich  von
den  Orkney-Inseln  bei  stürmischem  Wetter  der  britische
Panzerkreuzer  „Hampshire  (1903,  11000  t,  23,5
Knoten,  vier  19  cm.,  sechs  15,2  cm.,  20  leichte  Schnellladekanonen,
  zwei  45  cm-Torpedorohre)  wahrscheinlich
  durch  eine  Mine.  Nur  sechs  Leute  der  655  Köpfe
starken  Besatzung  konnten  sich  retten.  An  Bord  befand
  sich  der  britische  Kriegsminister  Lord  Kitchener
mit  einem  etwa  300  Personen  umfassenden  Stabe.

Am  1.  August  griffen  mehrere  Luftschiffgeschwader
London  und  die  östlichen  Grafschaften  erfolgreich  an.
Trotz  starker  Abwehr  seitens  der  Kriegsschiffe  traten
keine  Verluste  auf  deutscher  Seite  ein.

Das  Handels-U-Boot-Deutschlande  trat  von  Baltimore
  die  Rückreise  an  und  traf  am  17.  August  auf
der  Weser  ein.

In  der  Nacht  zum  3.  August  fand  ein  Luftangriff

egen  London,  Harwich,  Nosoll  statt,  wobei  deutscherseit
  keine  Verluste  eintraten.  London  litt  schwer.  —
Von  den  in  portugiesischen  Häfen  beschlagnahmten
72  deutschen  Dampfern  waren  32  so  weit  wiederhergestellt,
  daß  sie  verwendet  werden  konnten.

Dann  erfolgte  am  9.  August  ein  Lustangriff  gegen
die  englische  Ostküste  von  Northumberland  bis  Norfolk,
  die  Eisenwerke  und  Benzolfabriken  bei  Middlebrough,
  die  Lafenanlagen  von  Hull  und  Hartlepool,
die  Werstanda  en  am  Tyne,  den  Industriebezirk  von
Whitdy,  den  Hafen  von  King's  Lynn.  Es  wurde
große  Wirkung  beobachtet  und  durch  spätere  Berichte
von  Neutralen  bestätigt.  Trotz  starker  Abwehr  traten
keine  Verluste  ein.

An  der  flandrischen  Küste  erschienen  britische  Monitore
  und  Zerstörer.  Deutsche  Flieger  geiften  sie  an;
es  wurden  mehrere  Treffer  beobachtet.  tscherseits
waren  keine  Verluste  zu  verzeichnen.

Am  13.  August  wurde  ein  britischer  Zerstörer  8
Scemeilen  westlich  vom  Maasfeuerschiff  durch  eine
Mine  versenkt.

Der  15.  August  brachte  ein  Gefecht  zwischen  zwei
britischen  Monitoren  und  deutschen  Strandbatterien
bei  Westende,  in  das  auch  englische  Flieger  eingriffen.

Nach  deutschen  und  englischen  Zeitungsberichten
sind  am  19.  August  deutsche  und  britische  große  Schiffe
in  der  Nordsee  gewesen.  Esgelang  den  Tauchbooten
beider  Parteien,  an  die  feindlichen  Geschwader  heranzukommen
  und  Torpedoschüsse  abzugeben.  An  der
englischen  Ostküste  fielen  diesen  die  britischen  Kleinen
Kreuzer  „Nottingham.  (1913,  3530  t,  26,3  Knoten,
neun  15,2  cm-Schnelladekanonen,  400  Mann  Besatzung),-Falmouth
  (1910,  5300  t,  27  Knoten,  acht
15,2  cm-Schnelladekanonen,  380  Mann  Besatzung)
und  der  Zerstörer-Mohawk.  (1904,  900t,  B5  Knoten,
fünf  7,6m-Schnelladekanonen.  70  Mann  Besatzung)
zum  Opfer;  ein  Großkampfschiff  wurdeschwer  beschädigt.
  Das  britische  Tauchboot  „E  23.  (1915,  730/825t,
16/10  Knoten,  zwei  7,6  cm-Schnelladekanonen,  vier
53  cm-Doppeltorpedorohre,  30  Mann  Besatzung)
torpedierte  das  deutsche  Großkampfschiff-Westfalene.
Die  Beschädigung  des  letzteren  war  jedoch  leicht.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Am  25.  August  erfolgte  ein  Luftangriff  auf  Lon  ·
don,  der  am  23.  September  wiederholt  wurde.  Auch
Varmouth,  Harwich  und  die  südlichen  Grafschaften
wurden  heimgesucht.  Trotz  starker  Abwehr  waren
keine  deutschen  Verluste  zu  melden.

Am  10.  und  15.  September  beschossen  britische
Monitore  Westende  und  die  deutschen  Strandbatterien
an  der  flandrischen  Küste.  Als  am  17.  wiederum  feindliche
  Schiffe  erschienen,  wurden  diese  von  Fliegern  angegriffen,
  die  einen  Volltresser  auf  ein  Mutterschiff
erzielten.  Von  diesem  ausgestiegene  britische  Flieger

riffen  ein.  Einer  von  ihnen  wurde  gezwungen,  auf
hollindischem  Gebiet  niederzugehen,  wo  er  interniert
wurde.  Das  wiederholte  sich  am  18.  Auch  das  Mutterschiff
  wurde  wieder  getroffen,  ein  weiterer  Flieger  zum
Landen  auf  holländischem  Gebiet  gezwungen.  Am
19.  wurde  ein  britischer  Zerstörer  getroffen.  Am  24.
fand  ein  ähnliches  Gefecht  statt.  Am  21.Oktober  griffen
deutsche  Flieger  wieder  an  und  erzielten  einen  Treffer

egen  einen  8  Am  23.  erfolgte  ein  britischer
Ilegeranorn  f  von  8  Flugzeugen,  der  mit  einem  Verlust
  eines  der  Angreifer  abgeschlagen  wurde.

In  der  Nordsee  wurden  mehrfach  mit  Bannware
beladene  neutrale  Handelsdampfer  nach  deutschen
Stützpunkten  aufgebracht.  Auf  dem  am  23.  September
gekaperten  holländischen  Dampfer  =  Prins  Hendrikwurde
  eine  größere  Zahl  aus  deutschen  Gefangenlagern
  entronnener  und  in  Holland  interniert  gewesener
  Russen,  Franzosen  und  Briten  sowie  Kuriere
mit  ihren  Briefschaften  festgenommen.  Der  darauf
entlassene  Dampfer  wurde  von  britischen  Fliegern  angegriffen
  und  auch  getroffen;  das  ihn  geleitende  deutsche
  Torpedoboot  blieb  unbeschädigt.

Am  24.  September  wurde  der  holländische  Dampfer
»Batavier  IV«  nach  Zeebrügge  geleitet.  Am  28.
wurden  weitere  nach  England  unterwegs  befindliche
Dampfer  in  der  südlichen  Nordsee  aufgebracht.

In  der  Nacht  zum  24.  September  erfolgte  ein  Luftangriff
  auf  London,  den  Humber,  Nottingham,  Sheffield;
  große  Brände  wurden  beobachtet.  Zwei  Luftschisse
  gingen  verloren.  Ein  Luftangriff  in  der  Nacht

um  26.  September  richtete  sich  gegen  Portsmouth,
ie  Themsemündung,  York,  Leeds,  Derby;  deutscherseits
  keine  Verluste.  Dagegen  kostete  ein  Luftangriff
in  der  Nacht  zum  2.  Oktober  ein  weiteres  Laftschmt

Am  19.  Oktlober  wurde  der  Kleine  Kreuzer  -München=
  (1904,  3250  t,  23,5  Knoten,  zehn  10,8  cm-Schnelladekanonen,
  zwei  45  cm-Torpedorohre,  303
Mann  Besatzung)  torpediert,  aber  nur  ganz  leicht  beschädigt.


Am  22.Oktoberbombardierte  ein  deutscher  Marineflieger
  den  Bahnhof  und  Hafen  von  Sheerneß;  ein
britischer  Fliegerangriff  gegen  die  Ostfriesischen  Inseln
  scheiterte.  Am  23.  warf  ein  deutscher  Flieger  drei
Bomben  auf  Margate.

In  der  Nacht  zum  27.Oktober  stießen  aus  der  Deutschen
  Bucht  der  Nordsee  kommende  deutsche  Zerstörer,
unter  Befehl  des  Kommodore  Michelsen  in  den  Kanal
bis  zur  Linie  Folkestone-Boulogne  vor.  Sie  vernichteten
  mindestens  11  Wachidampfer,  2—3  Zerstörer
und  den  Postdampfer  »Queen«  —  letzteren,  nachdem
der  Besatzung  Zeit  zum  Verlassen  des  Schiffes  gegeben
  worden  war.  Weitere  Zerstörer  und  Wachtampfer

  wurden  beschädigt.

In  der  Nacht  zum  2.  November  stießen  deutsche
leichte  Kräfte  von  Zeebrügge  aus  gegen  die  Route
Holland-England  vor.  Mehrere  Dampfer  wurden
angehalten,  zwei  von  ihnen  nach  Zeebrügge  geschicktl.
        <pb n="309" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

Plötzlich  erschienen  4  britische  Kleine  Kreuzer,  so  daß
ein  dritter,  mit  zwei  Mann  Prisenmannschaft  besetzter
Dampfer  in  Gefahr  schwebte,  wiedergenommen  zu
werden.  Deshalb  versenkte  ihn  die  Prisenbesatzung,
die  gefangen  wurde.  Es  kam  dann  zwischen  den  deutschen
  Booten  und  britischen  Schiffen  zu  einem  Gefecht,
aus  dem  die  deutschen  unbeschädigt  nach  Zeebrügge
zurückgelangten.  Am  15.  wurde  der  britische  Kreuzer
  „Newcastle=  (1909,  4900  t,  26.3  Knoten,  zwei
15,2  cm-,  zehn  10,2  cm-Schnelladekanonen,  zwei
45  cm-Torpedorohre,  373  Mann  Besatzung)  in  der
Nordsee  durch  eine  Mine  so  schwer  beschädigt,  daß  er
vor  dem  Firth  of  Forth  sank.  Der  Verlust  durch  die
Explosion  betrug  27  Tote  und  45  Verwundete.

In  der  Nacht  zum  24.  stießen  leichte  deutsche  Kräfte
gegen  die  Themsemündung  vor.  Ein  Vorpostendampfer
  wurde  dort  versenkt,  das  befestigte  Ramsgate
  beschossen.

Die  Ergebnisse  eines  Luftangriffs  gegen  England  in
der  Nacht  zum  24.  mußten  mit  dem  Verlust  zweier  Luftschiffe
  erkauft  werden.  Am  selben  Tage  unternahmen
britische  Flieger  einen  Luftangriff  gegen  Zeebrügge.

Am  10.  Dezember  kehrte  das  Handels.  U.  Voot
Deutschlande  von  seiner  zweiten  Amerikareise  zurück.

IV.  Halkan  und  südliche  Meere.

Am  2.  August  flog  im  Hafen  von  Tarent  durch
innere  Explosion  das  italienische  Großkampfschiff-Leonardo
  da  Vinci=  (1911,  22400  t,  22  Knoten,  dreizehn
30,5  cm.,  achtzehn  120m-Schnelladekanonen,  20leichte
Geschütze,  drei  45  cm-Torpedorohre,  944  Mann  Besazungd
  in  die  Luft.  Die  eine  Wache  war  beurlaubt,
die  andere  ist  größtenteils  umgekommen.

Am  21.  Oktober  wurde  berichtet,  daß  bei  Messina
britische  Kreuzer  und  Zerstörer  des  Nachts  italienische
gesichtet  hätten.  Da  jedes  der  beiden  Geschwader  das
andere  für  ein  österreichisch-  ungarisches  hielt,  so  sei
es  zu  einem  Gefecht  gekommen.  Ein  schwer  beschädigter
  britischer  Kreuzer  sei  nach  Malta  gebracht  und
auch  italienische  Schiffe  seien  getroffen  worden.  In
Korfu  Ende  Oktober  eingetroffene  britische  Zerstörer
und  angetriebene  Schiffstritmmer  gaben  zu  erneuten
Gerüchten  über  ein  weiteres  Gefecht  zwischen  italienischen
  und  britischen  Schiffen  in  der  Süd-Adria  Veranlassung,
  das  zur  Zeit  der  überführung  italienischer
Truppen  nach  Epirus  stattgefunden  haben  soll.

Dieösterreichisch-ungarische  Flotteentwickelte  hauptsächlich
  eine  sehr  rege  Fliegertätigkeit.  Hierbei  spielte
der  Schiffsleutnant  Banfield  eine  ähnliche  Rolle  wie
die  deutschen  Fliegeroffiziere  Boelcke  und  Immelmann.
Die  Tätigkeit  der  österreichisch-ungarischen  Donauflottille
  wird  weiter  unten  kurz  gestreift.  —  In  der  Nacht
zum  23.  Dezember  befanden  sich  vier  österreichischungarische
  Torpedoboote  auf  einer  Streife  in  der
Otrantostraße.  Als  zwei  italienische  Wachtschiffe  versenkt
  worden  waren,  versuchten  sechs  viel  stärkere  italienische
  Zerstörer,  ihnen  den  Rückweg  zu  verlegen.  Bei
dem  Durchbruch  wurde  ein  italienischer  Zerstörer  in
Brand  geschofsen  und  blieb  liegen.  Drei  andere  wurden
  auf  kleine  Entfernung  häufig  getroffen  undergriffen
  die  Flucht.  Unter  diesen  befand  sich  der  Vertreter
eines  neuen,  noch  nicht  bekannten,  besonders  großen
Typs.  Von  den  Torpedobooten  erhielt  das  eine  zwei
Treffer  in  den  Schornstein,  ein  zweites  einen  Schuß  in
den  Aufbau;;  Verlust:  ein  Toter,  keine  Verwundeten.

Die  Küsten  der  Türkei  wurden  häufig  beunruhigt.
Am  2.  August  bewarsen  vier  britische  Küreger  Nazareth
  und  Carmel  mit  Bomben.

247

Ein  am  17.  August  in  die  nördlichen  und  südlichen
Buchten  der  Insel  Smyr  eingedrungenes  Geschwader
von  8  Schiffen  setzte  aus  einem  Transportdampfer  und
einem  Segelschiff  300  Mann  an  Land.  Herbeigeeilte
türkische  Truppen  zwangen  sie,  sich  schleunigst  wieder
mit  einem  Verlust  von  50  Mann  einzuschissen.  Am
selben  Tage  wurde  im  Golf  von  Alexandrette  ein  britisches
  Kriegsschiff  durch  Artillerie  versenkt.  Der  Kommandant,
  4  Offiziere,  13  Mann  wurden  gefangengenommen.
  Am  24.  beschoß  ein  britischer  Monitor
die  Küste  bei  Fotscha.  Am  26.  August  griffen  österreichisch-
  ungarische  Flieger  im  Jonischen  Meer  eine
Gruppe  feindlicher  Schiffe  an  und  versenkten  eines
von  ihnen.  Am  7.  September  wurde  Smyrna  von
einem  britischen  Monitor  und  einem  Transportdampfer
  beschossen.  Das  Feuer  wurde  erwidert,  der
Monitor  wich  brennend  seewärts;  das  Transportschiff
  dampfte,  nachdem  es  wwei  Treffer  erhalten  hatte,
in  Richtung  Samos  ab.  Am  17.  September  stiegen
zwei  britische  Flieger  von  zwei  Mutterschiffen  auf  und
griffen  Gaza  und  Bin  en  Seban  (Palästina)  an.  Am
28.  wurden  Truppen  von  einem  Zerstörer  im  Golf
von  Tschenderli  gelandet.  Sie  wurden  an  Bord  zurückgetrieben.
  Ebenso  erging  es  einer  größeren  Anzahl,
die  am  29.  ein  6  Schiffe  starkes  Geschwader  im  Golf
von  Keulek  landete.  Ein  französischer  Landungsversuch
  im  Golfe  von  Akaba  am  3.  Dezember  scheiterte.

Am  18.  und  20.  August  griffen  türkische  Flieger
russische  Kriegsschiffe  im  Schwarzen  Meer  an.

Am  27.  August  erklärte  Rumänien  an  Osterreich-Ungarn,
  Italien  an  Deutschland  den  Krieg.  Beim
Vordringen  der  deutsch-bulgarischen  Armee  in  der
Dobrudscha  wirkten  deutsche  Marineflieger  und  ein
Marineluftschiff  mit,  auf  dem  Schwarzen  Meer  ein
deutsches  U-Boot.  Die  Russen  hatten  das  Schwarze
Meer  derart  mit  Minen  verseucht,  daß  es  immer
schwieriger  wurde,  dasselbe  zu  befahren.  Am  5.  und
7.  September  belegten  deursche  Flieger  Konstanza  und
dortliegende  russische  Kriegsschiffe,  Luftschiffe  Bukarest
und  Ploescht  mit  Bomben.  Die  rumänische  Regierung
ließ  als  Abwehrmaßregel  internierte  Angehörige  der
Mittelmächte  in  den  gefährdet  erscheinenden  Bezirken
unterbringen.

Zwei  russische  Dampfer  und  ein  Segler  sind  in  dieser
Zeit  an  verschiedenen  Stellen  des  Schwarzen  Meeres
von  deutschen  U.Booten  versenkt  worden.  Am  9.  September
  beschoß  ein  deutsches  U.Boot  Stadt  und  Hafen
von  Mangalia  (Dobrudscha).  Am  11.  September  erfolgte
  ein  Luftangriff  auf  Konstanza  und  dort  ankernde
Kriegsschiffe;  es  wurden  Treffer  beobachtet.  Deutsche
Flieger  bombardierten  am  16.  September  Eisenbahnanlagen
  und  Truppen  in  der  nördlichen  Dobrudscha.
Zwei  russische  Zerstörer  beschossen  am  27.  September
Mangalia  und  Maglenika.  Eine  österreichisch-ungarische
  Bootsflottille  griff  am  19.  September  den  rumänischen
  Donauhafen  Corabia  an,  vernichtete  den
Bahnhof  und  mehrere  russische  bewaffnete  Dampfer,
Minenfahrzeuge  sowie  Schlepper  und  führte  neun  festgthalltene
  österreichisch-ungarische  Schlepper  mit  fort.

urch  die  Zerstörung  einer  Pontonbrücke  schnitten
österreichisch-ungarische  Monstore  am  2.0ktober  einer
starken,  über  die  Donau  in  die  Dobrudscha  eingedrungenen
  rumänischen  Infanteriedivision  den  Rückweg
ab;  diese  wurde  infolgedessen  aufgerieben.  Russische
Schiffe  beschossen  Mangalia,  britische  Orfano-Agäis.
Das  russische  Eintenschiff  k’  Rostislav  (1896,  10800t,
5,6  Knoten,  vier  25.,4  cm-,  acht  15  cm-Schnelladekanonen,
  12  leichte  Geschütze,  641  Mann  Besatzung)
        <pb n="310" />
        248

wurde  am  4.  Oktober  durch  Fliegerbomben  in  Konstanza
  ernstlich  beschädigt.  Andere  deutsche  Flieger
bombardierten  die  Forts  von  Bukarest  und  unterbrachen
  die  Eifenbahn  Tschernawoda-Konstanza.
Der  griechische  Dampfer  =  Angelicie  mit  300  Freiwilligen
  für  die  Venizelos-Armee  sank  7  Seemeilen
östlich  vom  Piräus  am  28.  Oktober  durch  eine  Mine.
Die  österreichisch-ungarische  Donauflottille  hat  auch
weiter  eine  rege  Tätigkeit  entfaltet,  mehrfach  beladene
Schleppzüge  aufgebracht  und  am  14.  November  7
Schlepper  gekapert.  Beim  üÜberschreiten  der  Donau
durch  Teile  der  Armee  Mackensen  haben  die  Kriegsfahrzeuge
  der  Doppelmonarchie  sehr  gute  Dienste  getan.

V.  Die  Cauchboote.

Von  deutschen  U--Booten  wurden  in  den  nördlichen
Meeren  gute  Erfolge  erzielt.  Am  2.  August  wurden
in  der  Nordsee  zahlreiche  Fischdampfer  versenkt.  Am
11.  August  wurden  östlich  vom  Firth  of  Forth  3  bewaffnete
  englische  Fischdampfer  von  einem  deutschen
Tauchboot  mit  Artillerie  angegriffen  und  versenkt  und
16  Mann  ihrer  Besapungen  mitgenommen.

Am  24.  August  wurde  der  britische  Hilfskreuzer
*„  Duke  of  Albany=  (?)  in  der  Nordsee  versenkt;  der
Kommandant  und  23  Mann  von  der  Besatzung  ertranken,
  87  Mann  wurden  gerettet.

Am  24.  August  ging  in  der  Nähe  der  Scilly-Inseln
das  Tauchboot  -U41.  unter  Umständen  verloren,  die
an  den  Baralong-Fall  erinnern.  Ein  von  ihm  angehaltener,
  die  amerikanische  Flagge  führender  Dampfer,
der  ein  Boot  zu  Wasser  #lasen.  hatte,  versenlte  es
mit  plötzlich  einsetzendem  Geschützfeuer,  als  es  sich  ihm
näherte  Es  gelang  dem  Leutnant  zur  See  Crompton
und  dem  Steuermann  Godau  aus  dem  versinkenden
Boot  frei  zu  kommen  und  in  ein  auf  dem  Wasser
treibendes  Boot  zu  gelangen.  Nachdem  der  Dampfer
vergeblich  versucht  hatte,  dasselbe  zu  rammen,  wurden
beide  in  schwer  verwundetem  Zustande  an  Bord  genommen
  und  dort  sowie  später  an  Land  aufs  unmenschlichste
  behandelt.

Ander  Finnmarkenküste  erschienen  Ende  September
deutsche  Tauchboote  und  behinderten  den  regen  Verkehr
der  Dampfer,  die  Kriegszeug  nach  Archangelsk  brachten.
  Anfang  Oktober  wurden  dort  r*r  norwegische
und  zwei  englische  Dampfer  versenkt,  bis  11.  Ollober
deren  34.  Am  22.  Oktober  wurden  die  Funkstation
Sipnawalok  und  in  deren  Nähe  befindliche  russische
Zerstörer  beschossen,  einer  der  letzteren  sowie  ein  Fischdampfer
  vernichtet.  Am  23.  wurde  der  bewafsfnete
Wachtdampfer  -Kolgooef=  versenkt.  Im  Eismeer  versenkten
  deutsche  U.  Boote  zahlreiche  feindliche  Transportschiffe;
  die  Ladung  des  einen  der  versenkten  Dampfer
  hatte  einen  Wert  von  23  Millionen  Mark.  Zu  diesen
Verlusten  kamen  noch  die  durch  eine  Riesenexplosion
verursachten,  wodurch  in  Archangelsk  sieben  große
Dampfer  von  27000  t  und  sonstige  ungeheure  Werte
vernichtet  wurden.  Am  23.  Oktober  traf  der  an  der
Murmanküste  aufgebrachte  Dampfer  =  Suchan=  in
Deutschland  ein,  der,  ursprünglich  der  Hapag  gehörig
und  früher  =  Speziac  benannt,  bei  Kriegsausbruch  in
Wladiwostok  beichlagnahmt  worden  war.  Das  an
Bord  befindliche  Kreegge  hatte  einen  Wert  von  über
20  Mill.  Mk.  Am  8.Oktober  lief  das  deutsche  U-Boot
»D  53«  mit  Depeschen  in  dem  amerikanischen  Hafen
Newport  News  ein,  den  es  nach  zwei  Stunden  wieder
verließ.  Unmittelbar  darauf  erfolgte  eine  Reihe  von
Angriffen  auf  nach  Europa  bestimmte  Dampfer  an
der  Ostküste  der  Vereinigten  Staaten.  Vier  englische

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

und  zwei  neutrale  Dampfer  wurden  versenkt.  Ende
Oktober  traf-U  53.  wieder  in  Deutschland  ein.

Am  4.  November  strandete  bei  Bovbjerg  (Westküste
Jütlands)  das  Tauchboot  -U  20.  Da  es  nicht  flotn
zu  machen  war,  wurde  es  am  5.  gesprengt.

Im  Kanal  wurden  am  14.  ein  französischer  Zersüänn
  von  etwa  230t,  am  26.  das  französische  Linienchiff

  „  Suffren=  (1899,  12780  t,  18  Knoten,  vier  30.5
om-,  zehn  16/  cm-,  acht  10  cm--Schnelladekanonen,
22  leichte  Geschütze,  zwei  45  cm-Torpedorohre)  mit
seiner  ganzen  Besatzung  (655  Mann)  50  Seemeilen
westlich  von  Lissabon  versenkt.  Am  8.  Dezember  versenkten
  deutsche  U-Boote  vor  Funchal  (Madeira)  das
fean  ösische  Kanonenbaot  =  Surprise=  (1895,  627  t),
as  Huföich  „Kanguroo.,  den  englischen  Dampfer
»Dacia«  sowie  vier  kleinere  Schiffe.

Die  bei  den  Ententemächten  infolge  des  Unterseehandelskriegs
  eingetretene  Frachtraumnot  zwang  die
englische  Regierung,  im  Interesse  der  Versorgung  des
Landes  einen  Teil  der  für  die  Marine  beschlagnahmten
  schnellen  Kauffahrer  frei  zu  geben.  Die
neutrale  Schiffahrt  wurde  dadurch  in  den  Dienst  der
Entente  gezwungen,  daß  sie  nur  Kohlen  erhielten,
wenn  siesich  verpflichteten,  Fahrten  für  diese  zu  machen.
In  England,  Frankreich  und  Italien  herrschte  große
Sorge  vor  einer  Verschärfung  des  Ul.Kriegs  angesichtes
der  riesigen  Verluste  der  Handelsflotten.

Ahnlich  erslgreict  waren  die  deutschen  U-Boole
auch  in  den  südlichen  Meeren  an  der  Arbeit.  Am  7.
Oktober  wurde  der  italienische  Kreuzer  „Libia  (1912,
3800t,  22  Knoten,  zwei  15,2  cm-,  acht  12  cm.  Schnellladekanonen,
  14leichte  Geschütze,  zwei  45  cm-Torpedorohre,
  314  Mann  Besatzung)  durch  ein  deutsches
U.  Boot  schwer  beschädigt.  An  Truppentransportdampfern
  wurde  eine  ganze  Reihe  versenkt,  so  am  4.
Oktober  „Franconia-(18  150  Brutto-Registertonnen,
leer),  11.  Oktober  „Crosshill-  (5000  t,  mit  Pferden
und  starker  Begleitmannschaft),  12.  Oktober  =  Sebeck-(4600
  t,  tief  beladen),  die  letzteren  beiden  nach  Saloniki
  unterwegs.  Über  die  Menschenverluste  bei  der
Bersenkung  franösischer  Transportschiffe  meldete  der
„  Temps:  „Amiral  Hamelin=  55,  -Calvados=  740,
?  Provence=  1059,  „Ville  de  Rouen=  3,  „Gallia-1050
  Mann.  Es  wird  da  auch  erwähnt,  daß  kurz
nach  der  Versenkung  des  englischen  Transportdampfers
  -Caledonia-  ein  britischer,  von  elf  Zerstörern  geleiteter
  Hilfskreuzer,  dessen  Namenicht  genannt  werden
dürfe,  vernichtet  worden  sei.  Ein  deutsches  U-Boot
beschoß  am  16.  Oktober  Fabriken  und  Bahnanlagen
bei  Catanzaro  (Kalabrien).

Immer  wieder  trat  den  U-Booten  Widerstand  entgegen;
  so  meldete  ein  Kommandant,  daß  sein  Boot
13mal,  meist  von  englischen  Dampfern  beschossen  worden
  sei,  die  ein  oder  mehrere  7,5  cm-Schnelladekanonen
führten.  Am  4.  Dezember  wurde  der  von  Salonik
unterwegs  befindliche  fran  zösische  Dampfer-Algeriabei
  Malta  versenkt;  1  Offizier,  6  Mann  gerieten  in
Gefangenschaft.  Das  am  gleichen  Tage  vernichtete
englische  Transportschiff  „Caledonia=  (9227  t)  hatte
das  U-  Boot  gerammt  und  ihm  das  Periskop  verbogen.
  Nachdem  das  Boot  den  Schaden  unter  Wasser
beseitigt  hatte,  tauchte  es  wieder  auf.  Inzwischen  war
der  Dampfer  nach  45  Minuten  gesunken  und  die  an
Bord  Befindlichen  in  10  Booten  untergebracht,  die
sich  unter  Segel  befanden.  Der  Kommandant  des
U.  Boots  holte  sich  den  Freischützenkapitän,  einen  englischen
  General  und  einen  anderen  Offizier  aus  den
Booten  und  nahm  sie  als  Gefangene  mit.
        <pb n="311" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

Bis  zum  23.  Dezember  1916  hatten  an  Linienschiffen
  und  Kreuzern,  abgesehen  von  Torpedofahr-Fugen.
  U-Booten,  Hilfsschiffen  u.  dgl.  m.,  verloren

ngland  123  Schiffe  von  563200  t.  Frankreich  29
Schiffe  von  53  900,  Italien  20  Schiffe  von  63600,
Rußland  16  Einheiten  von  54800,  Japan  4  Schiffe
von  9100  t.

Anfang  Januar  ging  das  britische  Tauchboot
„:E  17,.  verloren,  das  auf  der  Flucht  vor  deutschen
Torpedobooten  an  der  holländischen  Küste  festkam.
32  Mann  der  Besatzung  wurden  durch  den  holländischen
  Kreuzer  =  Noordbrabant.  gerettet.  —  Auf  der
Doggerbank  wurde  in  der  Nacht  zum  27.  ein  größeres
Wachtschiff  in  den  Grund  gebohrt  und  1  Fischdampfer
als  Prise  aufgebracht.  Unter  den  versenkten  Schiffen
befand  sich  auch  der  berüchtigte  -King  Stephen,  der
die  Besatzung  des  Luftschiffs  „L  19,  erbarmungslos
8  ertrinlen  lassen.  Im  südlichen  Teil  der  Nordee
  wurde  das  britische  Tauchboot  »E  22.  vernichtet,
ein  britischer  Kleiner  Kreuzer  der  »Arethusa«  -Klasse
durch  ein  U-Boot  beschädigt.  Das  deutsche  Tauchboot
'UCö-  wurde  an  der  Ostküste  Englands  versenkt,  die
Besatzung  gefangengenommen.  Am  31.  Mai  wurde
vor  dem  Humber  ein  großer  britischer  Zerstörer  von
einem  deutschen  U-Boote  versenkt.

Am  4.  Juni  versenkte  ein  deutsches  U-  Boot  einen
britischen  Minensucher  in  der  Nordsee;  ebendaselbst
wurden  bis  zum  6.  die  englischen  Fischdampfer  „Queen
Bee-,  „Annie  Anderson-,  -Popeday-,  -Watchful-,
„Nancy  Humane,  -Cirrel  Bessie:  und  „Newark
Castlee  vernichtet.  Dieses  Schicksal  teilte  in  der  südlichen
  Nordsee  ein  britischer  U.Bootzerstörer,  während
  ein  Minensucher  nur  beschädigt  wurde.

Am  9.  Juni  wurden  abermals  acht  englische  Fischdampfer
  an  der  Ostküste  Englands  versenkt.  Es  wird
das  hier  angeführt,  weil  diese  Fahrzeuge  Wachtdienst
für  die  britische  Flotte  ausüben.

Am  19.  wurden  drei  bewaffnete  britische  Wachtdampfer
  in  der  Nordsee  durch  U-Boote  versenkt.

Am  23.  Juni  sichteten  deutsche  U-Boote  die  britischen
  Wachtdampfer  =  Nelly  Nuttene,  =  Onwarde  und
»Eva  ·  an  der  schottischen  Ostküste.  Es  kam  zum  Gefecht,
  in  dem  alle  drei  vernichtet  wurden;  nur  von
dem  erstgenannten  sind  11  Mann  durch  einen  holländischen
  Vegger  geborgen  worden.

Am  20.  Juli  erzielte  ein  deutsches  U.Boot  bei
Scapa  Flow  (Orkneys)  zwei  Torpedotreffer  gegen
ein  britisches  Großkampfschiff.  Die  britische  Admiralität
  leugnete  die  Tatsache  und  behauptet,  ein  Kleiner
Kreuzer  sei  erfolglos  angegrifsen  worden.  Diese  Ableugnung
  verdient  keine  Beachtung,  da  alle  britischen
Behörden  in  derartigen  Fällen  lügen.

Auch  die  übrigen  deutschen  Seestreitkräfte  waren
nicht  müßig.

Am  9.  Kanuar  1916  geriet  das  britische  Linienschiff
  -  King  Edward  VII.  (1903,  17  800t,  19  Knoten,
vier  30.5  cm-,  vier  23,4  cm-,  zehn  15.2  cm.,  24  leichte
Schnelladekanonen,  vier  45  cm.Torpedorohre)  an  der
Nordostküste  Schottlands  auf  eine  von  dem  neuen
deutschen  Hilfskreuzer=  Möwe,  gelegte  Mine  und  ging
verloren.  Am  19.  folgte  der  Verlust  des  britischen
U-Bootes  H  6.  durch  Strandung  bei  Schiermonikoog.
  In  der  Nacht  zum  11.  Februar  traf  eine  deutsche
Torpedobootsabteilung  auf  der  Doggerbank  mehrere
britische  ganz  neue  Minensucher.  .  Arabis=  und  ein
anderer  Minensucher  wurden  versenkt,  3  Offiziere,
20  Mann  der  -  Arabis=  gefangen;  4  weitere  starben

249

auf  der  Heimfahrt.  Am  20.  März  griff  ein  britisches
Kreuzergeschwader,  eine  Zerstörerslottille  und  2  Flugeugmutterschiffe
  die  Westküste  Schleswigs  an.  Ein
*  törer  wurde  beschädigt.  Deutsche  Torpedoboote,

von  denen  eines  nicht  heimkehrte,  brachen  zur  Verfolgung

  vor.  Der  britische  Zerstörer  »Medusa«  und
2  deutsche  bewaffnete  Fischdampfer  wurden  versenkt.
Am  25.  April  führte  ein  Angriff  deutscher  Luftschiffe
und  Seestreitkräfte  auf  die  englische  Ostküste  zu  großen
Erfolgen.  Docks,  Hafenanlagen,  wichtige  Inkustüier
punkte,  Bahnanlagen,  Befestigungen  bei  den  Städten
Great  Yarmouth,  Lowestoft,  Cambridge,  Norwich,
Lincoln,  Winterton,  Ipswich  und  Harwich  wurden
beschossen.  Ein  britischer  Kleiner  Kreuzer  geriet  in
Brand,  1  Zerstörer  und  2  Wachtdampfer  wurden  versenkt.
  Das  britische  Tauchboot  „E  31.·  wurde  am
5.  Mai  von  deutschen  Kriegsschiffen  durch  Artillerie
bei  Horns  Riff  vernichtet  (von  der  britischen  Admiralität
  geleugnet).  In  der  Nacht  zum  3.  Mai  erfolgte
ein  Luftangriff  auf  den  mittleren  und  nördlichen  Teil
der  englischen  und  schottischen  Ostküste:  Middlesbrough,
  Stockton,  Sunderland,  Hartlepool,  Anlagen
am  Teesflusse,  britische  Kriegsschiffe  und  Werstanlagen
  im  Firth  of  Forth  wurden  ausgiebig  mit  Bomben
  belegt.

VI.  Die  Freschlacht  vor  dem  Skagerrak  vom
31.  Mai  bis  1.  Juni  1916.

Der  Chef  der  deutschen  Hochseeflotte,  Vizeadmiral
Scheer,  haite  erfahren,  daß  eine  große  Flotte  bei  Norwegen
  stehe,  und  sich  entschlossen.  sie  anzugreifen.  Am
31.  Mai  morgens  3  Uhr  verließ  Vizeadmiral  Hipper

Go######  K

mit  der  Aufklärungsflotte  —Schlachtkreuzern,
5  Kleinen  Kreuzern,  40  Torpedobooten  —  die  Jade.
Nach  knapp  einer  Stunde  folgte  das  deutsche  Gros  mit
16  Großkampfschiffen,  6  älteren  Linienschiffen  und
3  älteren  Kreuzern.  Beide  Verbände  nahmen  einen
nordnordwestlichen  Kurs.  Um  4½  Uhr  nachmittags
befand  sich  die  deutsche  Aufklärungsflotte  90  Seemeilen
  westlich  von  Hanstholmen,  die  Kleinen  Kreuzer
  einige  Meilen  als  Spitze  vorgeschoben  (vgl.  Fig.  1).
Das  Wetter  war  klar  und  schön  bei  leichtem  nord-
        <pb n="312" />
        250

westlichem  Winde.  Die  Hauptmacht  folgte  etwa  30
Seemeilen  rückwärts.  Um  diese  Zeit  sichtete  der  linke
Flügel  der  Spitze  voraus  zuerst  Flieger  und  4  feindliche
  Kleine  Kreuzer,  die  sich  bald  auf  8  vermehrten
und  mehrere  Flottillen  großer  Zerstörer  im  Gefolge
hatten.  Auf  die  Meldung  erfolgte  der  Befehl  »angreifen-.
  Die  Briten  hatten  auf  nordwestlichen  Kurs
gedreht  und  stoben  mit  großer  Fahrt  davon;  ihnen
nach  die  Deutschen.  Um  5  Uhr  20  Min.  tauchten  in
westlicher  Richtung  zwei  östlich  fahrende  Kolonnen
großer  Schiffe  mit  einem  Geleit  vieler  Kleiner  Kreuzer
und  Zerstörer  auf  (Fig.  2).  Es  waren  die  6  Schlachtkreuzer
  Queen  Mary-,  Princeß  Royale,  -Lion-,
„Tiger,-Indefatigablee  und  -New  Zealand  -.  Diese

420

J.  &amp;amp;

l  ###e##
Fema#sche  Streiflwäfte  Elgene  Smeu#te
Saoce-  —  Uanchrurer

##Gas:"##n#
D  Quren  Eirabæh  Diviaton  Iondoboots  Nottillen
2  Iomæeloboois  Hotullen  .——

Ve#  2.

bildeten  Kiellinie  und  nahmen  Kurs  Südost.  Damit
wurde  klar,  daß  die  deutsche  der  britischen  Aufklärungsflotte
  gegenüberstand,  mit  der  sie  sich  bereits  am  24.
Januar  1915  gemessen  hatte.  Admiral  Hipper  rief
seine  Kleinen  Kreuzer  zurück,  dampfte  auf  die  feindliche
Linie  zu  und  legte  sich  zu  laufendem  Gefecht  auf  13km
östlich  von  derselben.  Um  5  Uhr  49  Min.  feuerte  das
deutsche  Flaggschiff  den  ersten  Schuß  —  die  größte
Seeschlacht  aller  Zeiten  hatte  begonnen.

Auf  deutscher  Seite  fochten  fünf  große  Schiffe  mit
einem  Breilseitgewicht  von  15  974  kg  gegen  sechs  grö-Fere
  britische  mit  einem  Breitseitgewicht  von  24856  kg;
mit  anderen  Worten:  die  britische  Artillerie  verhielt
sich  zur  deutschen  wie  1,56:1.  Vor  der  britischen
Linie  und  in  ihrem  Feuerlee  standen  13  Kleine  Kreuzer
und  40  Zerstörer  neuester  Art.  Trot  dieser  beträchtlichen
  gahlenmäsiigen  überlegenheit  auf  britischer  Seite
erwies  sich  die  Wirkung  des  deutschen  Feuers  als
wirkungsvoller.  Bereits  nach  15  Minuten  flog  die
„Indefatigable  in  die  Luft.  Diese  willkommene  Entlastung
  wurde  jedoch  dadurch  mehr  als  ausgeglichen,
daß  um  6  Uhr  25  Min.  fünf  schnelle  Großkampfschiffe

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

der  -Queen  Elisabeth=  Klasse,  die  aus  nordwestlicher
Richtung  herangekommen  waren  und  sich  den  vom
Admiral  Beatty  geführten  Schlachtkreuzern  anehängt
  hatten.  in  das  Gefecht  eingriffen.  Damit  vertt
  ich  die  britische  artilleristische  überlegenheit  auf
das  Vierfache;  und  es  konnte  kein  Zweifel  sein,  daß
in  dem  Kampfe,  den  deutscherseits  sechzehn  30,5  cmund
  achtunddreißig  28  cm-Schnelladekononen  gegen
40  britische  38  cm.,  zweinnddreißig  384,3  cm-  und
sechzehn  30.5  cm  Schnelladekanonen  zu  führen  hatten,
  das  Endergebnis  zugunsten  der  Briten  ausfallen
  müsse.
Um  sich  Luft  zu  machen,  setzt  Admiral  Hipper  die
Torpedoboote  zum  Angriff  an.  Um  6  Uhr  20

I.
k
Feindliche  Streitkf.  Ei#ene  Streis###e
—  #####  —  LUe###s#
—  E—
..—n—  πν

I.  Esdenschurz)
IIdobcom’-##

Fie.  k.

Min  brechen  diese,  geleitet  von  den  Kleinen  Kreuzern.
schräg  von  vorn  gegen  die  britische  Linie  vor.  Beatty
wirft  ihnen  seine  Ferstörer  zur  Abwehr  ntgeger-Zwischen
  beiden  Linien  kommt  es  zu  erbittertem  Nahkampf.
  Zwei  deutsche  Boote  sinken.  Die  Besatzungen
werden  von  denen  der  anderen  gerettet.  Auf  britischer
  Seite  werden  vier  Boote  außer  Gefecht  gesetzt;
zwei  von  ihnen  verschwinden  in  den  Wellen;  -Nestorund
  =  Nomad=  treiben  als  Wracks  auf  dem  Wasser
und  werden  später,  nachdem  ihre  Besatzungen  von
deutschen  Booten  geborgen  sind,  von  den  deutschen
Großkampfschiffen  in  den  Grund  gebohrt.  Um  diese  Zeit
übertönteineungeheure  Explosion  den  Schlachtenlärm.
Der  Riesenkreuzer  „Queen  Mary  ist  in  die  Luft  geflogen.
  Eine  abermalige,  aber  nicht  ausreichende  Entlastung.
  Diese  bringenerst  dieheranschäumenden  deutschen
  Großkampsschiffe,  die  seit  der  ersten  Meldung  von
dem  Zusammenstoß  der  beiderseitigen  Aufklärer  mit
böchster  Fahrt  zu  Hilfe  eilen  (Fig.  8).  Als  diese  näher
kommen,  schwenken  die  britischen  Schiffe  geschwaderweise
  auf  nördlichen  Kurs,  voran  die  Schlachtkreuzer,
dahinter  die  fünf  =  Queen  Beße-Schiffe.  Die  deutschen

?7  Erpaob
        <pb n="313" />
        Deutsche  Marine.

Maximilian  Ciraf  v.  Spee.  Franz  v.  Hlpper.
(Drolphot.  F.  Urbanns,  Klcl.)  (Hofphet.  F.  Urbahns,  Kilel.)

Henning  v.  roltzendoe#ft.  Relnhold  Scheer.  (llofphot.  F.  Urbahns,  Klel.)

Bibliographlsches  Institut  in  Leipæix.
        <pb n="314" />
        Deutsche  Staatsmänner  II.

Artur  Zimmermann.  Hermann  v.  Stein.

*  —

Wilhelm  Croener.

Otto  v.  Schjerning.  Adolf  Tortilowicz  v.  Balockl-Friebe.
(Hotphet.  E.  Sandan,  Berlin.)
        <pb n="315" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

Schlachtkreuzer  haben  sich  an  die  Spitze  des  deulschen
Gros  gesetzt;  die  Kleinen  Kreuzer  und  Torpedoboote
nun  im  Feuerlee.  Der  gerte  Abschnitt  der  Schlacht
ist  vorüber.  Die  Südküste  Norwegens  ist  in  Sicht.

Unter  voller  Ausnutzungihrer  großen  Geschwindigkeit
  rauschen  Beattys  übriggebliebene  vier  Schlachtkreuzer
  davon  und  gelangen  bald  außer  Feuerbereich.
Sie  haben  offenbar  schwer  gelitten  und  von  da  an
keinen  weiteren  Anteil  an  der  Schlacht  genommen.
In  heißem  Feuergefecht  ringen  die  fünf  deutschen
Schlachtkreuzer  gegen  die  mächtigen,  schwer  gepanzerten
  und  bestückten  Großkampfschiffe.  Nur  die  Spitze
des  deutschen  Gros  kann  auf  große  Entfernung  ihre
Kreuzer  unterstützen.  Aber  die  Wirkung  der  deutschen
  Artillerie  muß  wohl  em#pfindlich  sein;  denn  die
Briten  suchen  sie  durch  Abstaffeln  &amp;amp;  mindern.  Außerdem
  nutzen  sie  ihre  überlegene  Geschwindigkeit  von
25  Knoten  dazu  aus,  um  allmählich  östlich  zu  schwenken
  und  damit  schließlich  den  T.Strich  über  die  von
der  deutschen  Flotte  gebildete  Linie  zu  ziehen  (vyl.
Bd.  I.  S.  292,  Spalte  1).  Diese  wehrt  den  Versuch
durch  rechtzeitiges  Rechtsschwenken  ab.

Der  Wind  hat  sich  inzwischen  auf  Südwest  gezogen,
der  Himmel  sich  bewölkt;  es  beginnt  dunstig  zu  werden.
Auf  östlichem  Kurse  dampfen  beide  Linien  nebeneinander
  her,  die  beiderseitigen  Spitzen  in  gleicher  Höhe.

Die  bisher  bei  Beatty  gewesenen  Kleinen  Kreuzer  und
Zerstörer  stoßen  um  7  Uhr  45  Min.  gegen  die  deutschen
Panzerkreuzer  vor.  Die  leichten  deutschen  Streitkräfte
werfen  sich  ihnen  entgegen,  und  die  Schlachtkreuzer  weichen
  den  abgefeuerten  Torpedos  durch  „Abwendenaus.
  Nachdem  diebritischen  Zerstörer  wieder  nach  Norden
  abgebogen  sind  undsich  die  deutschen  Torpedoboote
bei  ihren  Kleinen  Kreuzern  sammeln,  stoßen  diese  nach
Osten  vor,  um  aufzuklären.  In  8  km  Abstand  sichten
sie  zunächst  den  britischen  Kleinen  Kreuzer  -Chester-(1915,
  5500  t,  25,5  Knoten,  acht  15.2  cm-,  vier  4,  vem-Schnelladekanonen,
  zwei  58  cm-Torpedorohre),  der
schwer  unterihrem  Feuer  leidet.  Südlich  vom  -Chestererscheinen
  dann  mehrere  Großkampfschisse,  und  als
auch  nördlich  solche  aus  dem  Dunste  auftauchen,  wenden
  die  deutschen  Kleinen  Kreuzer  und  Torpedoboote
auf  westlichen  Kurs.  Schweres  feindliches  Feuer  folgt
ihnen.  .  Wiesbaden.  bleibt  infolge  eines  in  die  Maschinen
  schlagenden  Treffers  liegen.  Teile  der  deutschen
  Flottillen  brechen  inzwischen  durch  die  im  Osten
lagernde  Dunstschicht  und  sehen  sich  vor  einer  langen
Linie  von  etwa  24  großen  Schiffen,  die  auf  nordwestlichem
  Kurse  liegt  und  deren  Spitze  soeben  auf
Südostschwenkt.  Diebritischen  Schlachtkreuzer  sind  verschwunden;
  offenbar  sind  sie  nicht  mehr  gefechtsfähig.
Um  7  Uhr  20  Min.  isteins  der  schnellen  britischen  Croß
kampsschiffe  mit  schwerer  Schlagseite  aus  der  Linie  gegangen
  und  langsam  nördlich  gesteuert.  Die  deutschen
Kleinen  Kreuzer  und  Torpedoboote  suchen  =  Wiesbadene
  in  Schlepp  zu  nehmen;  schweres  feindliches
Feuer  läßt  den  Versuch  scheitern.  Statt  dessen  bricht
jetzt  ein  Geschwader  von  fünf  britischen  Konerkreuhern
gegen  den  Kreuzer  vor.  Der  deutsche  Flottenchef,  der

ereits  Bewegungen  zu  seiner  Deckung  eingeleitet  hatte,
sieht  sich  durch  höhere  Rücksichten  gezwungen.  ihn  seinem
  Schicksal  zu  überlassen.  Er  wußte  nunmehr
aus  den  Meldungen  der  leichten  Schiffe,  daß  im  Nordosten
  die  semdlsche  Hauptmacht  stehe.  Gegen  sie  geht
er  nunmehr  zum  Angriffe  vor  (Fig.  4).  Die  deutsche
Linie  hält  auf  die  Dunstwand  im  Osten  zu.  Der  Ansturm
  der  gegen  das  britische  Gros  angesetzten  Torpedoboote
  stößt  auf  britische  Zerstörerflottillen.  In

251

dem  dadurch  herbeigeführten  Nahgefecht  sinken  zwei
britische  Dfkärer.  iner  von  ihnen  trägt  das  Zeichen
»O  4%.  Der  sie  geleitende  Kreuzer  und  zwei  weitere
Ferlürer  werden  schwer  beschädigt.  Die  deutschen
lachtkreuzer  führen  auch  jetzt  wieder  die  Linie.
Daher  sichten  sie  auch  zuerst  die  aus  dem  Dunste  auftauchende
  feindliche  Schlachtlinie,  mit  der  sich  ein
heftiges  Feuergefecht  entspinnt.
Der  in  Richtung  auf  -Wiesbaden=  angesetzte  Aniff
  der  fünf  Panzerkreuzer,  Kleinen  Kreuzer  und  Zertörer
  trifft  bei  dem  unsichtig  gewordenen  Wetter  und
im  Pulverdampf  versehentlich  die  deutsche  Spitze.  Der
Kleine  Kreuzer  „Birmingham=  sinkt  in  dem  Feuer
der  deutschen  Großkampfschiffe;  ein  zweiter  dreht
schwer  beschädigt  nach  Osten  ab.  Die  Zerstörer  folgen

Fig.  4.

dorthin.  „Defence  und  -Black  Prince=  werden  nach
mehreren  Explosionen  bewegungslos  und  versinken.
»Warrior«  erreicht  zwar  noch  die  britische  Linie,  mußz
dort  jedoch  aufgegeben  werden  und  geht  unter.

Der  ganze  vordere  Teil  der  deulschen  Linie  steht
in  schwerem  Kampfe  mit  dem  britischen  Gros;  nur  die
Schlußschiffe  beschießen  die  nochvorhandenen  4  Schiffe
der  „Queen  Elizabeth“-Klasse.  Auf  dem  nördlichen
Ende  der  jetzt  südlich  steuernden  britischen  Schlachtlinie
  dampfen  die  8  Schlachtkreuzer  Invincible,
„eInflexible:  und  „Indomitablee;  die  südliche  Spitze
führen  die  drei  ganz  neuen  Großkampfschiffe  der
„Royal  Sovereign-Klasse.  Das  Feuer  der  Briten  ist
ausgezeichnet  gerichtet.  Die  vonihren  Kurz=  und  Weitschafeer
  aufgeworfenen  Wassersäulen  und  Sprengwolken
  hüllen  die  deutschen  Schlachtschiffe  eitwen
völlig  ein.  Aber  deren  Artillerie  bleibt  die  Antwort
nicht  schuldig.  Namentlich  zwischen  8  Uhr  20  Min.
und  8  Uhr  30  Min.  lassen  zahlreiche  Detonationen
und  Stichflammen  erkennen,  daß  sie  Unheil  in  die
feindlichen  Schiffe  getragen  hat.  Ein  zweites  Schiff
der  „Queen  Elizabethe-Klasse  —  Warspite=  —  fällt
        <pb n="316" />
        252

aus;  esfliegt,  vom  Konig  beschofsen,  unter  ähnlichen
Erscheinungen  wie  »Queen  Mary«  bei  Beginn  der
Schlachtin  die  Luft.  Der  Schlachtkreuzer  =  Invincible.
der  an  der  Vernichtung  des  Geschwaders  des  Grafen
Spee  mitwirkte,  teilt  das  Schicksal  eines  anderen  Gefährten
  jener  Schlacht,  des  Panzerkreuzers  -Defence-:
auch  über  ihm  Hlagen  die  Wogen  zusammen.  Ein
Schiff  der  Iron  Duke=  -Klasse  läuft  ganz  unmotiviert
einen  Kreis;  offenbar  ist  seine  Steuereinrichtung  beschädigt;
  seine  Türme  schweigen.

Das  Flaggschiff  des  Admirals  Hipper,  der  Schlachtkreuzer
  -Lützow-,  hat  15  Treffer  aus  grobem  Geschütz
erhalten;  zuletzt  ist  seine  Funksprucheinrichtung  unbrauchbar
  geworden.  Deshalb  läßt  Admiral  Hipper
sich  durch  ein  Torpedoboot  an  Bord  eines  anderen
Schiffes  bringen.  Die  treffliche  Schulung  der  Flotte

N

J##

G.

Feiadliche  Streitkwälte
————————5
D  2mincibles

Groas  intensdiisfe  /

d  Iorpedohoota  PFlott  imn

Fig.  8.

läßt  diesen  Flaggenwechsel  ohne  jeden  Zwischenfall
für  die  Leitung  vorübergehen.

Es  hat  angefangen,  zu  regnen.  Einzelne  deutsche
Flottillen  sind  abermals  gegen  die  britische  Hauptmacht
  angesetzt  worden,  die  sich  inzwischen  allmählich
zwischen  das  Schlachtfeld  und  Helgoland  geschoben  hat
(Fig.  5).  Eine  Reihe  von  Detonationen  läßt  erkennen.
daß  ebenso  viele  Torpedos  getroffen  haben  müssen.
Auch  ein  britischer  Zerstörer  wird  von  ihnen  vernichtet.
Regen,  Kohlenqualm  und  Pulverdampf  beschränken
die  Weitsicht;  es  beginnt  zu  dunkeln.  Nochmals  setzt
der  Flottenchef  die  Schlachtkreuzer,  Kleinen  Kreuzer
und  Torpedoboote  kurz  nach  9  Uhr  zur  Attacke  an.
Ein  Geschoßsturm  schlägt  ihnen  entgegen.  6000  m
vom  Feinde  entfernt,  brechen  die  Boote  zwischen  und
vor  den  Schiffen  zum  Angriffe  vor.  Nur  ein  Boot
kehrt  von  dem  Vorstoße  nicht  zurück;  die  anderen
sammeln  bei  ihren  Führern.

Nach  diesem  Ausfalle  schweigt  das  Feuer  wiederum
  für  einige  Zeit.  Eine  neue  Welle  deutscher  Torpedoboote
  durchbricht  die  Dunstschicht  mit  Richtung

2——  ——
Iomnpedoboots  Flotct  :

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

auf  den  Feind  —  ein  Luftstoß:  der  Gegner  ist  verschwunden!
  nur  in  Nordnordost  sind  noch  einzelne
Kleine  Kreuzer  und  Zerstörer  erkennbar.  Auch  die
deutschen  Linienschiffe,  die  mit  südlichem  und  südwestlichem
  Kurse  folgen,  können  ihn  in  der  Richtung
nirgends  mehr  sichten,  in  der  er  zuletzt  gesehen  wurde.
Man  nimmt  an,  daß  er  vor  dem  Torpedoangriffe
abgedreht  hat.

n  der  letzten  Stunde  hatte  der  Feind  verloren:
*  Warspite,=  Invincible-„Defence",Black  Prince-.
’  Warrior-,  „Birmingham=  und  mindestens  2  Zerstörer.
  Das  Schiff  der  „Iron  Duke--Klasse,  das
den  unmotivierten  Kreis  lief,  das  Großkampfschif
„Marlboroughe,  2  Kleine  Kreuzer  und  mehrere  Zerstörer
  sind  schwer  beschädigt  worden.  Auf  deutscher
Seite  gingen  verloren  der  Kleine  Kreuzer  =  Wiesbaden-,
  der  mit  wehenden  Toppflaggen  und  feuernd,
bis  die  Wogen  über  den  Geschützen  zusammenschlugen,
versank,  und  2  Torpedoboote.  Der  Schlachtkrenzer
„Lützow“  wurde  kampfunfähig.

Um  10½  Uhr  werden  in  südlicher  Richtung  4
britische  Großkampfschiffe  gesehen.  Die  deutschen
Schlachtkreuzer  eröffnen  gegen  fie  ein  kräftiges  Feuer.
Als  zwei  deutsche  Geschwader  von  Linienschiffen  eingreifen,
  verschwinden  sie  im  Dunkel  der  Nacht.

Einige  ältere  deutsche  Kreuzer  wechseln  noch  Schüsse
mit  britischen;  dann  schweigt  auch  dieses  Feuerdie
  Tagschlacht  ist  been  det.

Ein  Teil  der  deutschen  Kreuzer  und  Torpedoboote
wird  auf  die  Suche  nach  dem  verschwundenen  Feinde
abgesandt.  Alle  können  nicht  dazu  Verwendung  finden,
  denn  der  andere  Teil  muß  für  die  Abwehr  der
bt  erwartenden  feindlichen  Torpedoangriffe  zurückehalten

  werden.

Die  deutsche  Flotte  nimmt  Kurs  auf  Helgoland.
Hatte  der  Gegner  noch  Kampfkrast,  so  mußte  erwartet
werden,  ihn  in  dieser  Richtung  zu  finden,  da  nach
einem  unbestreitbar  richtigen  strategischen  Grundsatz
immer  angenommen  werden  soll,  daß  der  Feind  das
Richtige  tun  wird.  Die  feindliche  Flotte  war  zuleßt
in  dieser  Richtung  gesehen  worden.  Waren  feindliche
leichte  Streitkräfte  der  deutschen  Flotte  auf  dem  einzigen
  Wege,  den  sie  nehmen  konnte,  vorangeeilt,  so
konnten  se  unsere  Schiffe  mit  Gegenkurs  angreifen,
dem  günstigsten,  den  es  für  den  Torpedoangriff  gibt.
Nebliges  und  unsichtiges  Wetter  erhöhte  die  Aussichten
  für  solche  Anfälle.

Kurz  nach  Mitternacht  stoßen  -Elbinge  und  -Hamburge
  auf  einen  britischen  Kleinen  Kreuzer  der  Arethusa--Klasse
  (1918,  3600t,  29  Knoten,  zwei  15,2  em-,
sechs  10,2  cm-Schnelladekanonen,  vier  53  cm-Torpedorohre),
  der  schwer  beschädigt  das  Weite  sucht.
Nach  einer  halben  Stunde  kommt  es  zwischen  älteren
deutschen  Kleinen  Kreuzern  und  überlegenen  britischen
  Streitkräften  zum  Gefecht.  Am  1.  Juni  um
etwa  1½  Uhr  beleuchtet  das  deutsche  Schlußschiff
einen  britischen  Kreuzer  der  -Aurora--Klasse  (1913.
3560  t.  29  Knoten,  zwei  1566  cm.,  sechs  10,2  cm.
Schnelladekanonen,  vier  53  cm-Torpedorohre).  Drei
andere  ähnliche  befinden  sich  bei  ihm.  Auf  800  m
werden  sie  beleuchtet  und  beschossen.  Sie  antworten,
und  Frauenlobe  erhält  viele  Treffer  ins  Hinterschiff,
so  daß  dieses  in  Brand  gerät.  Dann  trifft  sie  ein  Torpedo.
  Die  Lichtmaschinen  versagen,  Scheinwerfer  und
Innenbeleuchtung  verlöschen.  Die  Maschinen  bleiben
stehen.  Das  Schiff  neigt  sich  schwer  nach  der  wunden
linken  Seite.  Die  anderen  deutschen  Kleinen  Kreuzer
sind  im  Dunkel  voraus  verschwunden.  Die  Artillerie
        <pb n="317" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

der  Frauenlobe  feuerl  noch,  als  die  Geschützführer
bereits  im  Wasser  stehen.  Als  der  Kreuzer  kentert,
ertönen  drei  Hurras  auf  den  Kaiser.

Zwischen  1  und  3  Uhr  erfolgt  eine  große  Anzahl
von  Angrisfen  zahlreicher  Zerstörer  gegen  das  erste
Geschwader.  Immer  aufs  neue  fallen  Schusse  tasten
die  Strahlen  der  Scheinwerfer  suchend  über  die  jetzt
aufgeregten  Wellen.  Das  vorderste  deutsche  Linien=*5
  »Westfalen«  schießt  allein  sechs  Zerstörer  ab;
ein  siebenter  wird  von  einem  anderen  Überrannt.  Am
nächsten  Morgen  findet  man  den  Mast  mit  der  Kriegsstagge
  am  Bug  dieses  Schiffes,  an  dem  er  hängengeblieben
  war.  Zum  Teil  werden  die  angreifenden
Boote  binnen  Sekunden  vernichtet.  Sieben  andere
drehen  schwer  beschädigt  nach  Nordwest.

Um  2¼  Uhr  taucht  links  von  der  deutschen  Linie  ein
Panzerkreuzer  der  Cressye-Klasse  in  einem  Abstande
von  etwa  1  km  auf.  30  Sekunden  später  steht  er  im
Glut  und  Flammen  bis  in  die  Mastspitzen  hinauf
und  fliegt  nach  vier  Minuten  in  die  Luft.  Die  rückwärts
  stehenden  deutschen  Schisfe  müssen  nach  rechts
drehen,  um  nicht  von  den  stürzenden  Trümmern  getroffen
  zu  werden.  Einmal  hatten  seine  schweren
Türme  feuern  können;  die  Salve  lag  zu  weit.

Ungefähr  eine  Stunde  später  erschemmt  auf  derselben
Seite  ein  größeres  brennendes  Schiff.  Eine  abgefeuerte
  Rakete  läßt  einen  Kleinen  Kreuzer  erkennen,
der  gegen  den  Wind  fährt,  um  die  in  seinem  Achterschiff
  fressende  Glut  bekämpfen  zu  können.  Nachdem
einige  Schüsse  gegen  ihn  abgegeben.  zeigt  eine  zweite
Rakete,  daß  die  Wellen  sein  Oberdeck  an  der  einen
Seite  bereits  überspülen.  Man  überläßt  den  Verlorenen
  seinem  Schicksal.

Zahllose  Torpedolaufbahnen  durchfurchen  das
Wasser  um  die  deutschen  Schiffe.  »Pillau«  wird  achtmal
  anlanciert  und  keinmal  getroffen.  Dagegen  erhält
  „Rostocke  einen  Treffer,  bleibt  aber  schwimmen.
Der  Kleine  Kreuzer  =  Elbinge  stößt,  als  er  abdreht,
um  einem  Torpedo  auszuweichen,  mit  einem  deutschen
  Großkampfschiff  zusammen  und  wird  schwer  beschädigt.
  Nachdem  die  Besatzung  von  deutschen  Torpedobooten
  aufgenommen  ist,  muß  die  Elbing  aufgegeben
  werden.

In  dem  Durcheinander  sucht  man  durch  Erkennungssignale
  festzustellen,  ob  man  es  mit  Freund  oder
Feind  zu  tun  hat.  Ein  älterer  deutscher  Kreuzer  beantwortet
  den  Anruf  eines  britischen  Zerstörers  mit
demselben  Signal;  und  von  da  ab  bleibt  der  Brite
längere  Zeit  bei  ihm.  Die  angeschossenen  britischen
Zerstörer  brennen  wie  Fackeln,  wahrscheinlich  weil  sie
mit  flüssigen  Heizmitteln  fuhren  und  diese  durch  die
krepierenden  Granaten  entflammt  wurden.  Wie  große
Leuchtbojen  liegen  sie  zu  beiden  Seiten  der  Marschstraße
  der  Flotte.  Hier  finden  -  Tipperary=  (1914,
1900  t,  31  Knoten,  sechs  10,2  cm-Schnelladekanonen,
sechs  53  cm-Torpedorohre)  und  -Turbulente  (1915,
1000  t,  33  Knoten,  drei  10,2  cm-Schnelladekanonen,
zwei  53  cm-Doppeltorpedorohre)  ihr  Ende;  ihre  Besatzungen
  werden  gefangen.

Der  Feind  hat  den  Weg  durch  Streuminen  verseucht;
ein  deutsches  Torpedoboot  geht  durch  sie  verloren.

Noch  ist  -Lützow#  bei  den  anderen,  aber  er  liegt  tief
im  Wasser.  Als  im  Morgengrauen  feindliche  Zerstörer
nahen,  wird  seine  Besatzung  von  Torpedobooten  geborgen,
  und  diese  greifen,  das  Deck  mit  den  Lützowgästen
gefüll.  an.  Die  britischen  Zerstörer.  ja  selbst  ein  Kleiner

euzer,  drehen  ab.  Möglicherweise  glauben  sie,  daß
die  an  Deck  stehenden  Leute  gerettete  Hansleute  sind.

253

Es  beginnt  zu  dämmern.  Fast  scheint  die  durch
Torpedoangriffe  drohende  Gefahr  vorüber  —  da  steigt
mit  ohrenbetäubendem  Krachen  ein  ungeheurer  Sprudel
  neben  der  -Pommerne  auf;  und  wenige  Sekunden
später  haben  sich  die  Wogen  über  dem  alten  Schiffe
geschlossen.  Als  es  heller  wird,  spähen  die  Augen  nach
feindlichen  Schiffen  aus;  nichts  ist  von  ihnen  zu  sehen.
Nur  die  von  den  Zeppelinen  am  Morgen  aufgenommene
  Luftaufklärung  meldet,  daß  etwa  90  Seemeilen
nördlich  von  Terschelling  eine  Flottei  von  12  britischen
  Linienschiffen  nordöstlich  dampfe.  Doch  wenige
  Minuten  später  kommt  die  ergänzende  Meldung,
  daß  diese  Flotte  linksum  gewendet  habe  und
mit  großer  Fahrt  nach  Nordwesten  sieure.  Sie  ist
nicht  zu  erreichen.  Ein  erscheinendes  britisches  U
Boot  wird  versenkt.

Später  melden  Luftschiffe,  daß  ein  Teil  der  britischen
„Grand  Fleet“  in  der  Jammerbucht,  die  Reste  der
Aufklärungsflotte  weit  nordwestlich  vom  Kampsplatze
halbwegs  nach  England  stehe.

Während  die  britischen  leichten  Streitkräfte  die
Deutschen  finden,  angreifen  und  schädigen  konnten,
waren  die  deutschen  Torpedoboote  bei  ihrer  Suche
nach  feindlichen  großen  Schiffen  erfolglos.  Nirgends
konnten  sie  mit  Eynenn  Fühlung  gewinnen,  obgleich  sie
auf  dem  Schlachtfelde,  westlich  und  nordwestlich  suchten.
  Nur  eine  Anzahl  von  Seeleuten  der  versenkten  britischen
  Schiffe  wurden  aufgelesen  und  zu  Gefangenen
gemacht.  Diese  vergebliche  Jagd  erklärt  sich  damit,
daß  —  während  den  Deutschen  nur  eine  einzige  Straße
zur  Verfügung  stand  —  für  die  Briten  deren  mehrere
in  Frage  kommen  konnten.  Sie  hatten  einen  Weg  ins
Skagerrak  frei,  wo  sie  in  norwegischen  und  schwedischen
  Häfsen  Schutz  vor  Verfolgern  gefunden  hätten.
Nach  Norden  standen  an  der  norwegischen  Westküste
mit  ihren  Schären  und  Ankerplätzen  ähnlich  Unterschlupfe
  *  Verfügung.  Nach  Nordnordwest  öffnete
sich  die  Nordsee  nach  dem  Atlantischen  Ozean  in  einer
Ausdehnung  von  200  Seemeilen,  und  in  westlicher
Richtung  lag  die  Ostküste  des  vereinigten  Königreichs
mit  ihren  Inseln  und  Stützpunkten,  die  während  der
letzten  22  Monate  das  Asyl  der  britischen  Flotte  gebildet
  hatten.  Die  Tatsache,  daß  die  britische  Flotte
ungefähr  zur  selben  Zeit  in  Scapa  Flow  —  Orkney-Inseln
  —  einlief,  wie  die  deutsche  in  die  100  Seemeilen
  nähere  Jade,  läßt  erkennen,  daß  Admiral
Jellicoe  es  sehr  eilig  gehabt  haben  muß,  nach  Hause
zu  gelangen.

Die  Engländer  behaupten,  daß  die  britische  Hauptflotte
  nicht  gelitten  habe,  daß  sie  die  deutsche  gestellte
habe,  und  diese  ihr  durch  schleunige  Flucht  nach  der
deutschen  Küste  entkommen  sei.  Aus  den  vorstehenden
Schilderungen  ergibt  sich,  daß  die  britische  Hauptmacht
  während  des  letzten  Abschnitts  der  Schlacht  südlich
  von  der  deutschen,  zwischen  ihr  und  Helgoland  gestanden
  hat.  Die  britische  Flotte  war  auch  schneller
als  die  deutsche,  deren  Marschgeschwindigkeit  sich  nach
der  Schnelligkeit  der  bei  ihr  befindlichen  alten  Linienschiffe
  richten  mußte,  die  auf  die  Dauer  höchstens  15
Knoten  zu  laufen  imstande  waren.  Hätte  der  ganz
unzweifelhaft  tapfere  britische  Admiral  Jellicoe,  der
wußte,  daß  er  am  Morgen  des  1.  Juni  mit  dem  Ein-1

  Nach  einer  Auslegung,  deren  Berechtigung  zur  Zeit  nicht  nachgeprüft
  werden  kann,  soll  die  Flotte  nicht  aus  Linienschiffen,  sondern
  aus  Transportdampfern  bestanden  haben,  die  Truppen  für
Icliland  an  Bord  hatten.  ##uch  Lord  Kitcheners  Name  wird  damit
  in  Verdindung  gebracht.
        <pb n="318" />
        254

treffen  einer  intakten  Flotte  von  12  Linienschiffen
auf  der  Linie  Borkum  -Esbierg  rechnen  durfte,  die
überzeugung  gehabt,  daß  seine  eigene,  aus  den  Großkampfschiffen
  gebildete  Flotte  am  Tage  nach  der
Schlacht  noch  kämpfen  könne,  so  würde  er  sicherlich
seinen  Kurs  auf  Helgoland  gesetzt  haben.  Daß  er  das
nicht  tat,  ist  der  Beweis,  daß  seine  Flotte  so  gelitten
hatte,  daß  sie  nicht  daran  denken  konnte,  sich  am  1.  Juni
nochmals  zu  schlagen.  Nach  den  deutscherseits  gemachten
  Beobachtungen  wissen  wir,  daß  viele  seiner  Schiffe
Torpedotreffer  gehabt  haben  müssen;  sie  haben  auch
durch  Geschützfeuer  ernstlich  gelitten.  -Marlboroughwar
  kampfunfähig,  wahrscheinlich  aber  bereits  gesunken.
  Ein  Schiff  der  -Iron  Duke--Klasse  wurde  von
einem  deutschen  U-Boot  in  schwer  beschädigtem  !
stande  auf  die  engis  che  Küste  zusteuernd  gesehen.  Verloren
  hat  die  britische  Hauptmacht  außerdem  die
Panzerkreuzer  „Defence-,  „Warrior-,  -Euryalusund
  -Black  Prince“  und  einen  der  -Cressy“-Klasse,
den  Schlachtkreuzer  „Invincible-,  2  Kleine  Kreuzer  und
ein  halbes  Dutzend  Zerstörer;  die  Aufklärungsflotte:
ä  Warspite“,  „Queen  Marye,  Princeß  Royale,
„Indefatigablee  und  ebenfalls  ein  halbes  Dutzend
Zerstörer.  *  anderen  Schiffe  befanden  sich  sicher
in  einem  Zustande,  daß  von  ihnen  als  von  einem
Trümmerhaufen  gesprochen  werden  kann.  Es  soll
aber  nicht  gesagt  sein,  daß  damit  die  britischen  Verluste
  erschöpft  wären.  Und  zu  diesen  Schiffsverlusten
kommen  schwere  blutige  Menschenverlufr.  zwischen
eingegangene  Zeitungsnachrichten  besagen,  daß  von
den  in  der  Schlacht  Verwundeten  600  gestorben  seien.
Da  die  Zahl  der  deutschen  Verwundeten  wesentlich  5
ringer  ist,  so  darf  angenommen  werden,  daß  auch  die
der  englischen  Gefallenen  entsprechend  höher  sein  wird.
Wozu  hätte  die  britische  Admiralität  sonst  unmittelbar
  nach  der  Schlacht  angeordnet,  daß  die  britischen
Kriegsschiffe  im  Atlantischen  Ozean  und  Mittelmeer
sofort  zurückzukehren  hätten  und  die  anderen  in  Übersee
  die  Hälfte  ihrer  Besatzungen  nach  England  senden
sollten?  Doch  ohne  Zweifel,  um  die  Lücken  des  Personals
  aufzufüllen.

Die  Schiffsverluste  auf  englischer  Seite  betragen:

Tonnen  Mann

Großkampfschiff  =  Marlboronge  29000  950
-  Warspite......  .  28500  1000
Schlachtkreuzer  „Queen  Mary  80000  1400
-  „  Princeß  Rowpalll  90000  990

-  „Indefatigablee  19050  780

-  P„Invincibbe  20  300  780
Panzerkreuzer  ?  Deseneske  14  800  850
-  »Black  Prinee  13  750  700

-  "Warriiroror  18750  1

-  der  »Cressya-Klasi·  ·.  .  .  12200  1
Kleiner  Kreuzer  Birminghaud  5530  400
i.....  8600  400

5  Herstörerführer,  darunter  „Tipperarg#.  1900  160
U  ..  128900  160

1  ..  1900  160

7  „.  1900  160

7  .  1900  160

8  Zerstörer,  darunter  „Turbulent  1000  100
P„Nestore  1000  100
Nomoaob  1000  100
Acastie  950  100
„Share  910  100

i  Fortuner  950  100

»Arbent·  ·.  ..  920  100

—  950  100

2  Tauchboote  (je  1000  Tonnen,  30  Mann).  2000  60

Zusammen:  238  720

Außerdem  ganz  ausgebrannt:  2  Euryaluse  (12200)  1

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Die  deutschen  Schiffsverluste  betragen:

Tonnen  Man

Linienschiff  dommen  13200  743
Schlachtkreuzer  Lüto  28000  1
Kleiner  Kreuzer  ?  Wiesbabdben  4900  400
-  "  „Nostoccccck  4900  1

-  »Elbinge.  ..  ..  ...  4900  1

„  Frauenlohnn  2700  237

5  Torpedoboote  (je  knapp  600  Tonnen)  2900  201
Zusammen:  61  500  1624

1  Besatzung  gerettet.  —  2  Besazungen  teilweise  gerettet

über  die  Personalverluste  liegen  nur  seitens  des
deutschen  Admiralstabs  zuverlässige  Angaben  vor.
Nach  diesen  beträgt  die  geh  der  Gefallenen  und  mit
den  gesunkenen  Schiffen  Gebliebenen  2414  Tote.  Nach
vorstehenden  Angaben  dürften  etwa  1624  Tote  auf
die  gesunkenen  Schiffe,  auf  die  anderen  Schiffe  790
Mann  kommen,  zu  denen  noch  449  Verwundetehinzuzurechnen
  sind.

In  bezug  auf  die  britischen  Verluste  sind  wir  auf
Berechnungen  angewiesen.  Es  ist  anzunehmen,  daß
von  den  gesunkenen  Schiffen  nur  einzelne  Menschen
mit  dem  Leben  davongekommen  sind.  Den  deutschen
Torpedobooten  gelang  es,  177  britische  Seeleute  zu
retten,  die  natürlich  zu  Gefangenen  gemacht  wurden.
Auf  den  gesunkenen  Schiffen  befanden  sich  —  ab.

esehen  von  „Warrior=  und  -Euryaluse,  deren  Befatzuugen
  Zeit  gehabt  haben  mögen,  sich  in  Sicherheit
zu  bringen  —  nachobiger  Liste9910  Mann,  von  denen
177  gefangen  wurden.  Es  steht  fest,  daß  die  deutschen
Granaten  den  feindlichen  Panzer  häufiger  durchschlaen

  haben  als  umgekehrt.  Die  Sprengkraft  der  deutchen
  Granaten  ist  auch  wesentlich  größer  gewesen  als
die  der  britischen,  weil  ein  größerer  Teil  mit  brisanten
Ladungen  versehen  ist.  Wir  haben  auch  in  Zeitungsberichten
  gelesen,  daß  von  den  in  England  gelandeten
Verwundeten  600  gestorben  sind.  Das  sind  natürlich
nicht  alle  Verwundete,  sondern  ein  großer  Teil  wird
mit  dem  Leben  davongekommen  sein.  Deshalb  darf
angenommen  werden,  daß  die  Zahl  der  Verwundeten
1000  überschreitet.  Nehmen  wir  an,  daß  das  Verhältnis
  der  Gefallenen  ein  ähnliches  ist  gegenüber  den  entsprechenden
  deutschen  Verlusten,  so  wird  deren  Anzahl
mit  1600  nicht  zu  hoch  eingeschätzt  sein.  Das  ergäbe:

Ertrunkene  und  Gesangene  .  9910  Mann
Gefallen  1600  e
VBVerwunde  1000.

Zusammen:  12510  Mann

Das  würde  mit  der  Schätung  übereinstimmen,  welche
die  deutsche  Flotte  gemacht  hat:  der  britische  Verlust
sei  etwa  viermal  so  groß  wie  der  deutsche.

Ob  englischerseits  Hrategische  Absichten  zur  Schlacht
geführt  haben  wissen  wir  nicht.  Noch  ist  es  nicht
möglich,-Geschichte  zu  schreiben.  Möglicherweise  hat
französischer  Druck  die  bisherige  Zurückhaltung  der
britischen  Flottenleitung  überwunden.  Wäre  Jellicoes
»Grand  Fleet=  erfolgreich  gewesen,  hätte  sie  die  deutsche
  vernichtet  oder  ihre  Kampfkraft  wesentlich  geschwächt,
  dann  mag  ein  Vordringen  in  die  Ostsee.
eine  Landung  in  Jütland  ins  Auge  gefaßt  gewesen
sein.  Vielleicht  hat  man  auch  von  einem  derartigen
Vorgehen  gehofft,  daß  die  deutschfeindlichen  Kreise  in
Dänemark  die  Lage  dann  dazu  ausnutzen  würden,
dieses  Land  auf  die  Seite  des  Vierverbandes  zu  ziehen.
Sollten  solche  Pläne  tatsächlich  vorhanden  gewesen
sein,  so  sind  sie  durch  das  Ergebnis  der  Schlacht  zum
Scheitern  gebracht  worden.
        <pb n="319" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

Der  offenbar  durch  das  britische  Auswärtige  Amt
für  die  Offentlichkeit  zurechtgestutzte  Bericht  Jellicoes
über  die  Schlacht  spricht  von  schweren  deutschen  Verlusten.
  Was  er  in  dieser  Hinsicht  mitteilt,  entspricht
in  keiner  Weise  den  Tatsachen.  Es  kann  sich  dabei
nicht  um  2  Irrtümer  handeln,  sondern  es  ist  wissentlich
  gelogen,  um  die  eigene  Bevölkerung,  die  der
Verbündeken  und  Neutralen  irrezuführen,  die  Niederlage
  in  einen  Sieg  umzulügen.  Ubrigens  pflegt  man
nach  einem  »Siege«  nicht  Führer  abzusetzen,  wie  es
die  britische  Regierung  mit  dreien  der  beteiligten
Admirale  getan  hat,  darunter  den  Führer  der  Aufklärungsflotte,
  Vizeadmiral  Beatty.

Es  haben  in  der  Schlacht  16  wesentlich  größere
britische  Großkampfschiffe  gesen  ebenso  viele  deutsche,
9  größere  und  schnellere  britische  Schlachtkreuzer  gegen
5  deutsche,  6  britische  Panzerkreuzer  gegen  ebenso  viele
deutsche  veraltete  Linienschiffe,  die  kleiner  und  sehr
viel  langsamer  waren,  20  ganz  neue  britische  Kleine
Kreuzer  gegen  5  neue  und  3alte  deutsche  gefochten.  An
Torpedofahrzeugen  standen  140  britische  von  1000  bis
1900  t  gegen  40  deutsche,  die  durchschnittlich  600  t
maßen.

An  schweren  Geschützen  standen  sich  gegenüber:

deutscherseits
138  30,,  em  mit  58820  Ug  Geschoßgewicht
84  2  e.  25200  -  -
7900  kr
britischerseits
60  88,1  cm  mit  53  100  k  Geschoßgewicht
160  84,,  „  .,  90720  =  -
180  3035  50  115  --  -
Tos  %5  us

Damit  war  die  schwere  britische  Artillerie  der  deutschen
um  das  2,fache  überlegen.

Noch  stärker  war  verhältnismäßig  die  mittlere
britische  Artillerie  der  deutschen  gegenüber:  von  deutschen
  standen  84:  17  cm-,  304;:  15  cm-  und  90:  10,5
em-,  englischerseits  22:  19  cm-,  341:  15,2  em-,  674:
10,2  em  ·  Schnelladekanonen  im  Feuer.

Daß  die  deutsche  Flotte  gegen  eine  so  bedeutende
berlegenheit  siegreich  bleiben  konnte,  bewirkte  eine
ganze  Reihe  von  Umständen.  Zunächst  war  die  taktische
  Führung  auf  deutscher  Seite  besser.  Admiral
Scheer  wurde  von  seinen  Admiralen  und  Kommandanten
  in  geradezu  mustergültiger  Weise  unterstützt.
Die  gesamten  Besatzungen  waren  von  einem  Geiste
durchglüht,  wie  man  ihn  besser  nicht  denken  kann.
Eine  zielbewußte  kriegsmäßige  Schulung,  die  allen
denkbaren  Vorkommnmissen  Rechnung  trug,  hatte  in
langjähriger  Arbeit  das  Personal  so  ausgebildet,  daß
alle  im  Material  schlummernden  Kräfte  herausgeholt
wurden.  Das  Material  selbst,  besonders  die  Artillerie,
war  hervorragend.  Geschlütze,  Lafeiten,  Geschosse  und
B#der.  haben  gearbeitet,  wie  man  erwartet  hatte.

ie  Schiffe,  mit  allen  ihren  Einrichtungen,  besonders
der  Unterwasserschutz  und  der  Panzer,  bewährten  sich
glänzend.  Ein  Schiff  hatte  3500  t  Wasser  im  Raum
und  blieb  auf  seiner  Station;  man  wußte,  daß  es
9000  t  tragen  könne,  ohne  zu  sinken.  Panzerplatten,
die  28  cm-Granaten  abweisen  sollten,  haben  34  cm-Geschosse
  abgehalten.  Ein  schweres  britisches  Geschoß
traf  einen  Kommandoturm;  die  in  ihm  Befindlichen
glaubten,  eines  der  eigenen  in  der  Nähe  stehenden

eschütze  habe  gefeuert.

Das  von  der  deutschen  Flotte  Erreichte  darf  um  so
höher  eingeschätzt  werden,  als  es  einem  Gegner  abgerungen
  wurde,  dessen  Mut  und  technisches  Können

255

mit  Recht  sehr  hoch  bewertet  werden.  Die  britischen
Seeleute  haben  glänzend  gefochten,  und  vortrefflich
war  auch  das  ihnen  zur  Verfügung  stehende  Material.
Nur  die  Geschütze  standen  nicht  au  der  Höhe.  Die  bei
Beginn  der  Schlacht  dicht  beisammen  liegenden  Salven
ließen  nach  einigen  Stunden  zu  wünschen  übrig.  Offenbar
  waren  die  Kanonen  der  Gewaltprobe  nicht  gewachsen,
  der  sie  hier  unterworfen  worden  waren.

Die  großen  Brände  auf  den  britischen  großen
Schiffen  und  Zerstörern  erklären  sich  mit  dem  flüssigen
Heizmaterial,  das  die  Briten  benutzen.  Es  wurde
durch  die  Granaten  entzündet  und  trug  die  Glut  Über
das  ganze  Schiff.

Im  übrigen  hatte  das  Parlament  nie  mit  den  Mitteln
  für  die  Flotte  gegeizt  und  der  Regierung  höchstens
den  Vorwurf  gemacht,  daß  sie  nicht  genug  fordere.

Aber  bei  aller  Anerkennung  für  die  britische  Marine
darf  doch  gesagt  werden,  daß  auf  deutscher  Seite
immer  noch  nach  allen  diesen  Richtungen  hin  ein  gewisses
  Plus  blieb,  das  die  Wagschale  des  Sieges  sich
*7  unseren  Gunsten  senken  ließ.  Hätte  ein  freundliches

eschick  gewollt,  daß  die  Schlacht  nur  drei  Stunden
früher  begann,  so  hätte  Admiral  Scheer  wahrscheinlich
die  nötige  Zeit  gehabt,  um  das  Erreichte  zu  einem  so
entscheidenden  Siege  auszubauen,  wie  das  111  Jahre
früher  Trafalgar  für  die  britische  Weltherrschaft  und
seine  Sermochtstellung  geworden  war.  Vorläufig  bestand
  der  Wert  des  deutschen  Erfolgs  hauptsächlich
darin,  daß  der  Glaube  der  Welt  an  die  Unbesiegbarkeit
  der  britischen  Flotte  schwer  erschüttert  wurde.

Man  hat  englischerseits  die  Unverfrorenheit  gehabt,
von  der  Schlacht  als  einem  zweiten  Trafalgar  zu
sprechen.  Wollten  wir  darauf  eingehen,  so  könnte
das  nur  in  dem  Sinne  sein,  daß  am  31.  Mai  1916
die  Briten  die  Rolle  übernommen  haben,  die  1805
die  Franzosen  und  Spanier  spielten.

Die  Absperrung  der  Mittelmächte  blieb  unbeein.
fünt,  denn  sie  wird  durch  die  geographische  Lage

erart  begünstigt,  daß,  wenn  die  Briten  in  Deutschland
säßen  und  die  Russen  in  England,  selbst  die  lesteren
bei  einigermaßen  vernünftigem  Verhalten  imstande
sein  müßten,  die  Briten  vom  Weltverkehr  abzuschließen.

Nach  der  Schlacht  sind  folgende  Häfen  für  die
Schiffahrt  gesperrt  worden:  YBarmouth,  Newoastle,
Hull.  Überall  wurde  an  der  Ausbesserung  der  Schiffe

earbeitet.  An  der  Nordostecke  Schottlands  und  bei  den
Ertneys  wurden  neun  Minenfelder  ausgelegt.  Auch
in  der  Irischen  See  wurden  mehrere  Häfen  gesperrt.

VI.  Gnsee.

Über  die  Ereignisse  in  der  Ostsee  flossen  die  Nachrichten
  spärlich;  die  Kriegsereignisse  dort  sind  nicht
derart  klargestellt,  daß  es  möhlich  wäre,  sie  sachlich  zu
schildern.  Unverkennbar  hat  die  Seekriegführung  mit
der  des  Heeres  in  Beziehungen  gestanden;  in  welchen
ist  noch  nicht  zu  sagen.

Die  Beobachtung  derrussischen  Seestreitkräfte  wurde
fortgesetzt  und  hat  nicht  unerhebliche  Opfer  gekostet.
Windau  und  Libau  haben  scheinbar  als  Stützpunkte
Verwendung  gefunden.  Gegen  die  feindlichen  Schiffe
und  Fahrzeuge,  Werften  und  sonstige  militärische  Einrichtungen
  wurden  verschiedentlich  Vorstöße  und  Luftangriffe
  unternommen.  Wiederholt  wurden  auch  Verluste
  und  Beschädigungen  russischer  Kriegsschiffe  gemeldet;
  doch  fehlte  es  auch  nicht  an  sehr  viel  schwereren
  deutschen.  Der  Schutz  des  deutschen  Seehandels
        <pb n="320" />
        256

wurde  zuletzt  durch  die  Bildung  von  -Geleiten  «  (  stonvoise)
  angestrebt,  die  von  bewaffneten  Hilfsdampfern
und  Torpedobooten  begleitet  wurden.  Von  besonderer
Wichtigkeit  war  dabei  der  Schutz  der  zwischen  dem  im
höchsten  nordöstlichen  Zipfel  des  Bottnischen  Meerbusens
  liegenden  schwedischen  Hafen  Luleck  und  deutschen
  Häfen  fahrenden  Erzdampfer,  deren  Weg  durch
diesen  langen  und  schmalen  Meeresarm  führt.

Wir  werden  in  Unkenntnis  der  leitenden  Gedanken
der  beiderseitigen  Oberleitungen  hier  noch  mehr  als
anderswo  darauf  angewiesen  sein,  die  Ereignisse  der
Zeitfolge  entsprechend  niederzulegen,  und  darauf  verzichten
  müssen,  sie  einer  Besprechung  zu  unterziehen.

Bei  einem  am  8.  August  1915  unternommenen
Vorstoß  eines  deutschen  Geschwaders  in  den  Meerbusen
  von  Riga  wurden  einige  Schiffe  durch  Minen
beschädigt,  zwei  Minensucher  versenkt.  Am  10  stieß
eine  Flottenabteilung  gegen  die  Mlandsinseln  vor.
Russische  Streitkräfte  wurden  verjagt  und  eine  Batterie
  auf  der  Insel  Utoe  niedergekämpft.  Der  andere
Verband  vertrieb  am  Eingange  des  Rigaischen  Meerbusens
  russische  Zerstörer.  Borstöße  russischer  (britischer?)
  V.  Boote  mißlangen.  Am  16.  wurde  an  der
Beseitigung  von  Minen  und  Nepsperren  gearbeitet,
und  es  kam  dabei  zu  Scharmützeln  „wischen  den  leichten
  Fahrzeugen  beider  Parteien.  Ein  russischer  Zerstörer
  wurde  dabei  versenkt,  andere  und  ein  größeres
Schiff  wurden  beschädigt.  Ein  deutsches  Torpedoboot
sank  durch  Minen,  ein  zweites  mußte  auf  den  Strand

esetzt  werden,  um  es  vor  dem  Sinken  zu  bewahren.
Von  wurden  zwei  russische  Kanonenboote  in  den
Grund  gebohrt,  die  anderen  Streitkräfte  in  den  Moonsund
  zurückgedrängt.  Nachdemsich  die  deutschen  Schiffe
aus  unbekannten  Gründen  vom  Eingange  des  Rigaischen
  Meerbusens  zurückgezogen  hatten,  beschossen
zwei  Kleine  Kreuzer  mililärische  Anlagen  auf  Dagö.

Am  19.  August  wurde  innerhalb  des  dänischen
Kobeitsgebiets  as  beim  Durchfahren  der  südlichen

lÜndung  des  Sundes  gestrandete  britische  Tauchboot
  „E  13.  durch  deutsche  Torpedoboote  beschossen
und  kampfunfähig  gemacht.  Es  wurde  dann  mit  dänischer
  Hilfe  abg-  racht  und  in  Kopenhagen  mit  dem
Überlebenden  Teil  seiner  Besatzung  interniert.  Der
Kommandant  entwich  nach  einigen  Wochen  unter
Bruch  des  von  ihm  gegebenen  Ehrenworts  und  gelangte
  nach  England.

Im  September  wurden  mehrere  Luftangriffe  gemeldet.
  Am  10.  September  wurden  der  am  Finnischen
Meerbusen  gelegene  Flottenstützpunkt  Baltisch-Port
durch  einen  Zeppelin,  am  #  össische=  Füugsen  mutterschiffe,
  Torpedo-  und  Tauchboote,  die  Werften  und
Werkstätten  in  Riga-Dünamünde,  am  26.  russische
Krecgsschiffe  im  Rigaischen  Meerbusen  durch  Flieger
bombardiert.  Im  nächsten  Jahret  erfolgten  am  8.,
22.,  25.  und  26.  April  Luftangriffe  auf  die  russische
Fliegerstation  Papenholm  (Osel),  am  25.  und  30.
auf  das  Linienschiff  »Slawa«  im  Rigaischen  Meerbusen
  und  Moonsund,  während  ein  russischer  auf  die
deutsche  Küstenstation  Pissen  erfolglos  war.  Am  28.
Juni  kam  es  8  einem  Fliegerkampf  am  westlichen
Eingange  des  Rigaischen  Meerbusens,  und  als  das
Linienschiff=  Slawae  im  Verein  mit  einigen  Zerstörern
eine  Küstenbatterie  an  der  kurländischen  Küste  beschoß,
stieß  ein  Flieger  gegen  die  Schiffe  vor,  der  auf  der
»Slawa«  einen  Mter  erzielte.  Am  18.  Juli  griffen
deutsche  Marineflieger  feindliche  Kreuzer,  Zerstörer

101.

II.  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

und  Tauchboote  an,  die  im  Hafen  von  Reval  lagen.
Auch  militärische  Werkstätten  wurden  mit  Bomben
belegt.  Es  wurden  zahlreiche  Treffer  beobachtet  uno
auf  der  Werft  starke  Brände  entfacht.

Ernstlichen  Schaden  richteten  die  seindlichen  Tauchboote
  an.  Am  3.  Oktober  wurde  bei  Arkona  ein  deutscher
  Handelsdampfer  ohne  Warnung  von  einem
britischen  Tauchboot  beschossen,  am  12.  protestierte
Schweden  gegen  die  am  vorhergehenden  Tage  erfolgte
Torpedierung  eines  deutschen  Dampfers  innerhald
der  Drei-Meilen-Grenze  des  Königreichs  durch  ein
britisches  U.Boot.  Am  19.  Juni  1916  wurde  der
deutsche  Dampfer  =  Ems.  (390  t)  innerhalb  des  schwedischen
  Hoheitsgebiets  von  einem  britischen  D.-Boote
versenkt,  und  der  11.  Juli  brachte  einen  besonders
krassen  Fall  der  Nichtachtung  der  schwedischen  Neutralitätsgcenze.
  Eine  russische  Rotte  von  Zerstörern
kaperte  die  deutschen  Dampfer  -Worms=  und  „Lissabon-.
  Selbst  der  an  Bord  befindliche  schwedische
Lotse  wurde  nach  Rußland  abgeführt.  Am  folgenden
Tage  wiederholle  sich  der  Fall:  ein  U.  Boot  —  diesmal
ein  britisches  —  beschoß  den  deutschen  Dampfer  =  Anne
Liesee  innerhalb  der  schwedischen  Gewässer;  am  19.
schoß  dann  ebenfalls  ein  russisches  U.  Boot  gegen  den
deutschen  Dampfer#=  Elbe-  südlich  von  Ratan,  weniger
als  drei  Meilen  von  der  schwedischen  Küste  entfernt,
Torpedos  ab.

Die  in  die  Ostsee  eingedrungenen  britischen  U.Boote
hatten  bis  zum  11.  November  1915:13  deutsche  Dampfer
  von  zusmmen  60000  t  versenkt.  Zwischen  1.  und
15.  November  1915  wurde  in  der  Ostsee  der  deutsche
Dampfer  -Suomie,  1016  t,  abgeschossen.

Am  23.  Oktober  wurde  der  deutsche  Panzerkreuzer
„Prinz  Adalberte  bei  Libau  auf  der  Heimreise  von
einer  Kreuzfahrt  durch  ein  britisches  Tauchboot  versenkt.
  Das  Schiff  selbst  hatte  zwar  einen  sehr  geringen
Wert;  bedauerlich  aber  war,  daß  der  weitaus  größte
Teil  der  braven  Besatzung  ertrank.

Am  5.  November  versenkte  ein  deutsches  Tauchboot
das  Führerschiff  einer  russischen  Minensuchabteilung.
Am  7.  wurde  der  deutsche  Kleine  Kreuzer  -.  Undinewischen
  Trelleborg  und  Saßnitz  das  Opfer  eines

ritischen  U.  Boots.  Am  17.  Dezember  griff  ein  britisches
  U.  Booteine  deutsche  Aufklärertruppe,  destehend
aus  dem  Kleinen  Kreuzer  „Bremen=  und  zwei  Zerstörern,
  an.  Einer  derletzteren  war  durch  einen  Torpedo
getroffen  und  befand  sich  im  Sinken.  Der  Kreuzer
hatte  seine  Boote  heruntergelassen,  um  die  im  Wasser
treibende  Besatzung  zu  retten,  als  er  selbst  einen  Torpedo
  erhielt.  Er  versank  nach  kurzer  Zeit,  aber  obwohl
der  zweite  Zerstörer  ebenfalls  zum  Ziele  genommen
wurde  und  dem  auf  ihn  lancierten  Torpedo  ausweichen
  mußte,  gelang  es  ihm  doch,  einen  erheblichen
Teil  der  Besatzungen  zu  bergen.

In  der  Nacht  zum  14.  Juni  wurde  ein  von  mehreren
  bewaffneten  Hilfsdampfern  gesichertes  deutsches
Geleit  südöstlich  von  den  Stockholmer  Schären  durch
vier  russische  Zerstörer  anggeisfen.  Der  Hilfsdampfer
  „Herrmann=  wurde  in  Brand  geschossen  und  von
der  Besatzung  gesprengt.  Ein  gicher  Teil  derselben
konnte  sich  retten.

Am  30.  Juni  kam  es  zwischen  Häfringe  und  Landsort
  zu  einem  Gefecht  zuscher  deutschen  Torpedobooten
und  russischen  Streitkkräften,  unter  denen  sich  auch
ein  Panzer-  und  ein  geschützter  Kreuzer  befand.  Am
2.  Juli  sah  sich  eine  deutsche  Handelsflotte  südlich  von
Oland  von  seindlichen  U-Booten  bedroht.  Nachdem
diese  ohne  Warnung  mehrere  Torpedos  erfolglos
        <pb n="321" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16

verfeuert  hatten,  gelang  es  den  geleitenden  Hilfsdampfern,
  die  Angreifer  zu  verscheuchen.

Am  27.  wurde  die  russische  Flugstation  Lebara  auf
Osel  durch  Flieger  angegriffen.  Es  wurden  Treffer  in
den  Hallen  festgestellt,  die  Brände  zur  Folge  hatten.

VIII.  Die  österreichisch-  ungarische  Klotte.

Lange  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges,  1911,  erschien
in  Italien  eine  von  dem  Linienschiffskapitän  Eugenio
Bollati  di  St.  Pierre  verfaßte  Broschüre,  in  welcher  der
Verfasser  den  »Tag  der  Vergeltung  für  Lissa«  herbeisehnte
  und  für  den  Fall  eines  Krieges  mit  der  Donaumonarchie
  einer  energischen  Offensive  gegen  die  Osterreicher
  das  Wort  redete.  Als  dann  Ende  Mai  1915
dieser  Krieg  da  war,  sollte  es  nun  mit  einem  Male  an
den  Vorbedingungen  für  eine  solche  Offensive  fehlen.
Einen  Monat  nach  der  Kriegserklärung  veröffentlichte
  der  italienische  Admiralstab  eine  Kundgebun
in  der  gesagt  wurde,  daß  die  österreichisch-ungarische
Flotte  eine  derartige  strategische  Überlegenheit  besitze,
daß  ihr  die  Initiative  überlassen  werden  müsse«.  Als
Kriegsschauplatztonnte  für  die  österreichisch-ungarische
Flotte  nur  die  Adria  in  Frage  kommen  —  abgesehen
von  den  Tauchbooten,  denen  ja  die  Welt  offensteht.
In  der  Adria  konnte  sie  die  eignen  Küsten  schützen,
die  italienische  Ostküste  beumruhigen  und  schädigen,
die  Operationen  der  Armee  unterstützen,  die  des  feindlichen
  Heeres  stören,  die  italienische  Flotte  von  der
Adria  zu  vertreiben  und  die  Schiffahrt  in  diesem
Meeresteil  zu  unterbinden  suchen.  Solange  die  italienische
  Hochseeflotte  aber  nicht  willens  war,  sich  zum
Kampfe  zu  stellen,  wäre  es  töricht  gewesen,  wenn  die
der  Donaumonarchie  ihre  Großkampfschiffe  den  von
feindlichen  U.-Booten  drohenden  Gefahren  hätte  aussetzen
  wollen.  über  die  Straße  von  Otranto  hinaus
vorzustoßen,  war  bedenklich,  da  die  Rückzugslinie  nicht
gesichert  war,  sondern  von  der  italienischen  Ostküste
her  bedrohterschien.  Dagegen  war  die  Gestaltung  der
dalmatinischen  Küste  für  den  Kleinkrieg  zur  See  überaus
  günstig.  Und  das  ist  von  den  österreichisch-ungarischen
  Kreuzern  und  Torpedofahrzeugen  gut  ausenutzt

  worden.  Ebenso  erfolgversprechend  war  die
Verwendung  der  Wasserflugzeuge.  Die  Ausnutzung
der  Tauchboote  litt  unter  den  gelennzeichneten  politischen
  Rücksichten.

Das  zweite  Kriegsjahr  war  besonders  reich  an  Luftangriffen
  auf  beiden  Seiten.  Am  6.  August  näherte  sich
das  italienische  Luftschiff  -Città  di  Jesie  dem  Kriegshafen
  von  Pola;  es  wurde  vernichtet,  ehe  es  Schaden
anrichten  konnte.  Am  15.  bombardierte  ein  österreichisch-=
  ungarischer  Flieger  die  Befestigungen  von  Venedig.
  Die  Insel  Pelagosa  war  mehrfach  von  Schiffen
  und  Flugzeugen  angegriffen  und  dabei  offenbar  so
großer  Schaden  angerichtet  worden.  daß  die  Italiener
die  Insel  räumten.  Am  18.  November  fand  abermals
ein  Luftangriff  auf  Venedig  statt,  am  19.  auf  Verona,
Bicenza  und  Udine,  am  9.  Januar  1916  auf  Ancona.
Am  25.  Januar  unternahmen  fünf.,  am  27.  zwei,  am
1.  Februar  drei  Wasserflugzeuge  Angriffe  auf  Durazzo
  und  das  in  der  Nähe  aufgeschlagene  Zeltlager
italienischer  Truppen.  Am  2.  war  Valona  das  Ziel
dreier  Marineflieger.  Hierbeierhielt  einer  einen  Treffer
in  den  Motor,  so  daß  er  wässern  mußte.  Der  Führer
der  Gruppe  ließ  sich  neben  dem  beschädigten  Flugzeuge
  nieder,  machte  es  unbrauchbar  und  entkam  mit
der  an  Bord  genommenen  Besatzung  den  verfolgenden
  Zerstörern  nach  dem  220  km  entfernten  Cattaro.
Am  29.  März  erfolgte  ein  Luftangriff  auf  Valona,

Der  Krieg  1914/17.  U.

257

am  2.  April  auf  Ancona,  am  3.  Mai  auf  Ravenna,
am  4.  auf  Valona  und  Brindisi;  auf  dem  Heimwege
wurde  der  Panzerkreuzer  -Marco  Polo=  durch  einen
heimkehrenden  Flieger  mit  Maschinengewehrfeuer  —
Bomben  waren  nicht  mehr  vorhanden  —  angegriffen;
am  13.  Valona,  am  16.  Venedig,  Mestre,  Cormone,
Cividale,  Udine,  Per  La  Carbia  und  Treviso,  am  19.
San  Giorgio  di  Nogaro  angegriffen;  der  15.  Juli
brachte  einen  italienischen  Luftangriff  auf  das  nördliche
  Inselgebiet  der  Monarchie.

An  zweiter  Stelle  stehen  Kämpfe  und  Unternehmungen
  von  Tauchbooten.  Am  5.  August  vernichtete
ein  österreichisch-ungarisches  U-Boot  bei  Pelagosa  das
italienische  Tauchboot  „Nereide-(1913,  320  t,  16
Knoten,  zwei  45  cm  -  Torpedorohre).  Ein  anderes
italienisches  Tauchboot  geriet  am  10.  im  Golf  von
Triest  auf  eine  Mine  und  ging  unter.  Das  österreichisch-ungarische
  Tauchboot  U  12=  wurde  am  11.  in
der  nördlichen  Adria  von  einem  italienischen,  »D  8.
am  12.  von  einem  französischen  vernichtet.  Ein  österreichisch-ungarisches
  Tauchboot  versenkte  am  11.  September
  in  der  Straße  von  Otranto  einen  großen  britischen
  Transportdampfer,  ein  anderes  am  8.  November
  an  der  Südspitze  Sardiniens  den  italienischen
Dampfer  -Ancona.,  der  zu  fliehen  versuchte.  Am
18.  März  wurde  das  österreichisch-ungarische  Hospitalschiff
  „Electrac  durch  ein  feindliches  U.  Boot  schwer
beschädigt.  Am  23.  Mai  fiel  der  italienische  Dampfer
„  Washington“  (2819  t)  einem  U.Boot  zum  Opfer,
das  vorher  die  Hochöfen  von  Porto  Ferrajo  beschossen
batie.  Am  25.  Juni  wurden  der  italienische  Hilfsreuzer
  „  Citta  di  Messinae  (3495  t)  und  der  französische
  Zerstörer  „Fourchee  (1911,  770  t,  33  Knoten.
zwei  10  cm-,  vier  6,5  cm-Schnelladekanonen,  zwei  45
cem-Doppeltorpedorohre)  in  der  Straße  von  Otranto,
am  14.  Juli  ein  italienischer  Zerstörer  durch  ein  Tauchboot
  vernichtet.

An  sonstigen  Ereignissen  sind  noch  folgende  erwähnenswert:
  österreichisch=  ungarische  Kriegsschiffe  beschossen
  am  11.  August  1915  die  Insel  Pelagosa  und
verschiedene  Küstenstädte  nördlich  von  Brindisi.  Am
27.  September  wurde  das  italienische  Linienschiff  -Benedetto
  Brin=  (1901,  13  400  t,  20,5  Knoten,  vier  30,5
crm-,  vier  20,3  cm-,  zwölf  15  cm,  22  leichte  Schnellladekanonen,
  vier  45  cm-Torpedorohre)  infolge  einer
Innenexplosion  für  immer  unbrauchbar.  Am  3.  November
  versenkte  ein  U-Boot  den  italienischen  Hilfskreuzer
  Firenze-(2780  t)  und  am  23.  eine  österreichisch-ungarische
  Aufklärungsgruppe  zwischen  Durazzo
  und  Brindisi  zwei  italienische  Dampfer,  von
denen  der  eine  bewaffnet  war  und  Marinemannschaften
  an  Bord  hatte.  Am  5.  Dezember  sank  vor  Valona
  der  italienische  Zerstörer  „Intrepidos  (1913,
690  t.  30  Knoten,  eine  12  cm-,  vier  7,6  cm-Schnellladekanonen,
  zwei  45  cm--Doppeltorpedorohre)  durch
eine  Mine.  Ebendaselbst  wurde  der  Hilfskreuzer  =  Re
Umberto.  (2952  t)  durch  ein  U-Boot  vernichtet.  Bei
San  Giovanni  di  Medua  vernichtete  der  Kleine  Kreuzer
  »Novara«  und  einige  Torpedoboote  nach  Niederkämpfung
  montenegrinischer  Küstenbatterien  12  seindliche

  Dampfer  und  Segler,  die  Kriegsvorräte  landeten.

Nordwestlich  davon  versenkte  der  österreichisch-  ungarische
  Zerstörer  -Warasdiner=  das  französische  Tauchboot=
  Fresnel.  (1908,  550  t,  12,5  Knoten,  6/75]  Torpedorohre),
  das  gegen  die  -Novarae  zum  Angriffe
schreiten  wollte.  Der  Kommandant,  ein  Offizier,  20
Mann  wurden  gefangen.  Die  Zerstörer  »Lika«  und
„Triglave  gingen  vor  Durazzo  durch  Minen  verloren.

17
        <pb n="322" />
        258

Nachdem  am  10.  Januar  der  Lovcen  unter  Mitwirkung
  der  österreichisch-ungarischen  Flotte  erstürmt,
Cetinje  am  13.,  Antivari  und  Dulcigno  am  22.  von
den  Osterreichern  besetzt  worden  waren,  bot  das  als
Hauptstützpunkt  der  Flotte  benutzte  Cattaro  erst  die
auf  die  Dauer  unentbehrliche  Sicherheit.  Von  dem
Berge  aus  waren  vorher  die  Stadt,  deren  Forts  und
die  in  dem  weiten  Fjord  liegenden  Schiffe  immer  wieder
  aus  schwerem  Geschütz  beschossen  worden.  Diese
Gefahren  waren  nunmehr  endgültig  beseitigt.  In  der
Adria  sank  um  diese  Zeit  ein  ilalienischer  Dampfer,
der  Lebensmittel  und  425  aus  Amerika  kommende
montenegrinische  Wehrpflichtige  an  Bord  hatte,  durch
eine  Mine.  Es  sollen  dabei  nur  zwei  Mann  umgekommen
  sein.  Am  3.  Februar  beschossen  österreichisch=
  ungarische  Kreuzer  und  Torpedoboote  Ortona
und  San  Voto.  Eins  der  österreichisch  =  ungarischen
U.Boote  brachte  den  von  den  Italienern  beschlagnahmten
  Dampfer-König  Albert=  vom  Norddeutschen
  Lloyd  als  Prise  ein.  Am  18.  März  wurde  der
französische  Zerstörer  -Renaudin=  (1914,  850  t,  33
Knoten,  zwei  10  cm.,  vier  6,5  cm-Schnelladekanonen,

wei  45  cm  -Doppeltorpedorohre)  durch  ein  Tauchoot

  in  den  Grund  gebohrt.  Am  18.  April  kam  es  füdlich
  von  der  Po-Mündung  z  einem  Gefecht  zwischen
österreichisch-ungarischen  und  italienischen  Zerstörern,
Über  das  nähere  Angaben  fehlen.  Am  13.  Junizeigten
sich  drei  italienische  Zerstörer  vor  Parenza.

Der  27.  Juli  brachte  einen  österreichisch-ungarischen
Luftangriff  auf  Bahnhöfe,  militärische  Einrichtungen
und  Fabriken  in  Otranto,  Mola,  Bari,  Grevinazzo
und  Molfetto.

IX  Pie  Greignisse  im  Griem  und  Mittelmeer.

Am  31.  Juli  hatten  deutsche  Tauchboote  im  Mittelmeer
  ihre  Tätigkeit  gegen  die  feindliche  Kriegs-  und
Handelsschiffahrt  ausgenommen.

Die  griechische  Insel  Mytilene  war  von  den  Engländern
  besetzt  worden.  Es  begann  damit  die  Vergewaltigung
  des  kleinen  Könggreichs  durch  die  für  die

echte  der  kleinen  Nationen  kämpfenden  Mächte=  des
Vierverbandes.  Nicht  nur  als  militärischer  Stützpunkt
kam  die  Insel  während  des  Krieges  in  Frage,  sondern
auch  als  Faustpfand  gegenüber  russischen  Forderungen
betreffs  Konstantinopels  und  der  Meerengen.

Um  eine  Landung  großer  Truppenmassen  in  der
Suvlabucht  zu  verschleiern,  wurden  die  türkischen
Stellungen  auf  der  Gallipoli-Halbinsel  heftig  angegriffen.
  Am  Abend  des  6.  Augustes  begann  die  Ausschiffung
  von  75000  Mann  in  der  Suplabucht,  deren
Vormarsch  durch  schleunigst  herangezogene  türkische
Truppen  aufgehalten  wurde.  Der  auf  die  Gestade
des  Marmarameers  angesetzte  britische  Angriff  bezweckte,
  die  auf  der  Halbinsel  befindlichen  türkischen
Streitkräfte  von  Konstantinopel  abzuschneiden.  Der
Flotte  sollte  damit  die  Aufgabe  erleichtert  werden,  die
Dardanellenstellung  zu  durchbrechen.  Diese  Absicht
scheiterte  aber.

Am  8.  versenkte  ein  britisches  Tauchboot,  dem  es
gelungen  war,  die  Dardanellen  in  Unterwasserfahrt
zu  passieren,  das  im  Bosporus  liegende  Linienschiff
„Hajreddin  Barbarossa  (1891.  10060t,  früher  -Kurfürst
  Friedrich  Wilhelm.).  Ein  großer  Teil  der  Besatzung
  konnte  gerettet  werden.

Die  an  der  Suvlabucht  gelandeten  britischen  Truppen
  setzten  in  den  nächsten  Tagen  ihre  Angriffe  fort,
die  aber  unter  sehr  schweren  Verlusten  abgewiesen
wurden.  Gleichzeitig  fanden  weiter  südlich  unaus-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

gesehie  Vorstöße  statt,  um  dort  türkische  Truppen  zu
inden.  Besonders  hartnäckig  waren  die  am  16.,  21.
und  28.,  bis  es  am  29.  den  zum  Gegenstoß  angesetzten
Osmanen  gelang,  den  Engländern  und  Franzosen
alle  mit  überaus  großen  Opfern  errungenen  Vorteile
wieder  zu  entreißen.  Dann  flaute  der  Kampf  bis
Ende  September  ab;  am  25.  September  unternommene
  französische  und  englische  Angriffe  scheiterten
abermals.  Nordöstlich  von  Sed-ül.  Bahr  wurde  ein
britischer  Zerstörer  durch  Artillerie  versenkt.  Die  fort.
dauernden  Mißerfolge  der  Westmächte  ließen  nunmebr
die  Hoffnung  auf  einen  endgültigen  Erfolg  schwinden.
Am  3.  Oktober  wurde  1½  brilchche  Truppendivision
eingeschifft  und  nach  Saloniki  übergeführt.  Damit  be-—F
  die  Liquidation  des  Dardanellenunternehmens.

ie  bisherigen  britischen  Verluste  wurden  im  Unterhause
  als  1609  Offiziere,  23670  Mann  tot,  2969  Offi.
ziere,  72222  Mann  verwundet,  337  Offiziere  12114
Mann  Svermißt-  (Pesangen)  angegeben.  Bom  25.
April  bis  11.  Dezember  seien  außerdem  96  682  Mann
in  Krankenhäuser  aufgenommer  worden.  Zwar
dauerten  vorläufg  die  Kämpfe  noch  an;  aber  gleichzeitig
  wurde  die  Räumung  der  Halbinsel  vorbereitet.
Es  geschah  das  in  so  durchdachter  Weise,  daß  es  schließlich
  gelungen  ist,  sie  unter  sehr  geschickter  Benutzung
der  Witterung  mit  verhältnismäßig  geringen  Verlusten
  durchzuführen.  Am  10.  November  strandete  bei
Anaforta  der  britische  Zerstörer  „Louis=  (1913.  980t,
29  Knoten,  drei  10,2  cm-Schnelladekanonen,  vier
53  cm-Torpedorohre).  Infolge  der  Zurückziehung
eigener  Geschütze  und  dank  der  eingetroffenen  österreichisch-ungarischen
  schweren  Artillerie  gewannen  die
Türken  vom  26.  November  an  auch  artilleristisch  die
Oberhand.  Am  9.  Januar  beendeten  Engländer  und
Franzosen  die  Näumung  der  Halbinsel,  die  um  Neujahr
  begonnen  hatte.  Die  Anaforta-Gruppe  schiffte
ich  in  der  Nacht  vom  19./20.  Dezember  ein;  ihr  folgte
in  der  Nacht  zum  9.  Januar  die  Sed-ül-Bahr-Gruppe.
Wenn  auch  die  Materialverluste  in  Anbetracht  der
aufgehäuften  Mengen  gering  genannt  werden  dürfen,
so  waren  doch  die  Vorräte,  die  den  Türken  in  die
Hände  fielen,  an  sich  recht  bedeulend.

Zwar  war  damit  der  direkte  Angriff  auf  die  Dardanellen
  aufgegeben;  aber  auch  später  beunruhigten
fortdauernd  feindliche  Kriegsschiffe  und  von  Tenedos
aufgestiegene  Flieger  die  Stellung  durch  Bombardements.
  So  beschossen  vom  18.  bis  22.  Februar  britische
  Kreuzer  und  Zerstörer  die  Küste  bei  Sed-ül.  Bahr
und  Teke-Burun,  wichen  aber  stets  zurück.  sobald  sich
die  türkische  Artillerie  auf  sie  eingeschossen  hatte.  Vom
22.  bis  24.  war  das  anatolische  Ufer  zum  Ziel  genommen.
  Am  6.  wurde  dieselbe  Gegend  von  einem
Kreuzer  und  einem  Monitor  bombardiert.  Am  13.
Mai  erfolgte  ein  türkischer  Luftangriff  auf  Imbros
und  die  in  der  Bucht  ankernden  Schiffe  und  Prahme.

Es  wurde  schon  erwähnt,  daß  es  mehrfach  feind
lichen  U-Booten  gelungen  ist,  die  Dardanellen  zu  pafsieren,
  indem  sie  die  Strecke  unter  Wasser  zurücklegten.
Sie  wurden  im  Marmarameer  und  Bosporus  Überaus
  unbequem,  indem  sie  nicht  nur  den  Verkehr  erschwerten,
  sondern  auch  zeitweise  die  Hauptstadt  beschossen.
  Am  9.  August  wurde  eines  von  ihnen  im
Marmarameer  durch  ein  Flugzeug  vernichtet;  ein  anderes
  britisches  versuchte  am  31.  im  Golf  von  Ismid
zu  landen,  um  die  Anatolische  Bahn  zu  unterbrechen.
Der  Versuch  scheiterte.  Am  3.  September  versenkte  ein
türkisches  Wachtboot  im  Marmarameer  ein  britisches
U.  Boot.  Als  das  französische  Tauchboot  „Turquoise:=
        <pb n="323" />
        Foß:  Der  Seekrieg  1915/16  259

(1908.  450  t)  die  Dardanellen  durchfuhr,  wurde  ihm
das  Periskop  weggeschossen.  Infolgedessen  strandete
es,  wurde  von  den  Türken  genommen,  die  Besatzung

efangen.  Nachdem  es  in  Konstantinopel  instand  ge-2
  war.  ist  es  der  türkischen  Flotte  eingereiht  worden.
  Das  britische  U-  Boot  -E  20.  (1914,  825  t,  16
Knoten,  zwei  7,6  cm-Schnelladekanonen,  vier  53  cm-Torpedorohre)
  wurde  in  den  Dardanellen  versenkt;
damit  waren  bisher  in  dieser  Gegend  sechs  britische
und  vier  französische  Tauchboote  vernichtet  oder  genommen
  worden.  Am  3.  Dezember  versenkte  ein
britisches  U.  Boot  im  Golf  von  Ismid  den  türkischen
Zerstörer  =  Yar  Hissar=  (1908.  305  t,  28  Knoten,  eine
6,5  cm-,  sechs  4,7  cm-Schnelladekanonen,  zwei  45  cm-Torpedorohre).


Auch  gegen  Smyrna  gingen  feindliche  Schiffe  vor.
Auch  unbefestigte  Städte  und  Dörfer  wurden  mehrfach
  ohne  jeden  militärisch  erkennbaren  Grund  bombardiert.
  Daran  beteiligte  sich  auch  der  russische  Kreuzer
  -.  Askolde.  Am  1.  Dezember  wurden  an  der  Nordwestküste
  Kleinasiens  zwei  türkische  Kanonenboote
durch  Artillerie  versenkt.  Ein  feindliches  Wachtschiff,
das  am  25.  April  westlich  von  Kouche  bei  Smyrna  erschien,
  zog  sich  zurück,  als  es  einen  Treffer  erhalten
hatte.  Am  13.  Mai  erschien  ein  Monitor  bei  Keusten
(Insel  vor  Smyrna)  und  beschoß  die  Werke.  Er  ging
zurück,  als  ihm  Schornstein  und  Signalmast  zertrümmert
  waren.  In  der  Nacht  zum  14.  Mai  näherte  sich
der  britische  Monitor  „M  30.  (1915,  etwa  500  4,  eine
23,4  cm-,  eine  15,2  cm-Schnelladekanone)  der  Nordwestküste
  der  Insel  Keusten  und  wurde  durch  Artillerie
  vernichtet.  Auch  Landungen  wurden  veranstaltet.
So  warf  am  24.  Juni  eine  feindliche  Schiffsgruppe
100  .  Banditen  —  wie  der  türkische  Bericht  sie  bezeichnet
  —  am  Nordufer  des  Tuzladere  bei  Ayradjik
an  Land.  Aufgestiegene  Flieger  zwangen  die  Schiffe,
die  hohe  See  auf  Machen.  m  27.  Juli  beschossen
zwei  feindliche  Säüife,  unterstützt  durch  Flieger,  verschiedene
  Punkte  der  Küste.  Als  die  Küstenartillerie
ihr  Feuer  eröffnete,  zogen  sie  sich  zurück.

Im  türkischen  Süden  hatten  sich  die  Engländer  des
am  Persischen  Meerbusen  gelegenen  Hafens  von  Bender
  Buchir  bemächtigt,  gaben  ihn  aber  Anfang  Oktober
  wieder  auf,  da  7  die  kriegerischen  Bewohner
fortdauernd  feindlich  zeigten.

Aml4.  August  1915  versenkte  ein  deutsches  U-Boot
bei  der  Insel  Kos  den  britischen  Truppentransportdampfer
  Royal  Edward=  (11117  t).  Von  1500  an
Bord  befindlichen  Soldaten  gelang  es,  600  zu  retten.
  Am  2.  September  wurde  das  britische  Truppentransportschiff
  „Southland-(2081  t),  am  10.  der
französische  Hilfsdampfer  -Indiange  im  Agäischen
Meere  versenkt.  Vom  15.  bis  30.  September  haben

deutsche  U.  Boote  im  östlichen  Mittelmeer  über  ein

Dutzend.  von  da  ab  bis  zum  10.  Oktober  weitere  zehn
7  Dampfer  in  den  Grund  gebohrt.  Am  5.  Novremr
  wurde  der  britische  Hilfskreuzer  »Tara«  (6322  t)
im  östlichen  Mittelmeer  durch  ein  deulsches  U-  Boot
vernichtet.  Aber  auch  mit  dem  Geschütz  traten  die  U-Boote
  ins  Gefecht;  am  6.  November  vernichtete  eines
von  ihnen  im  Hafen  von  Solum  dieägyptischen  Kanonenboote
  =  Prince  Abbas=  (450  t)  und  Abd  ul
Meneme  (300  t),  ältere  Fahrzeuge.  Seit  Beginn  des
Saloniki-Unternehmens  waren  bis  Ende  1915  versenkt
  worden:  der  britische  Hiülfskreuzer  Ramazane
(3447t)  mit  500  Mann  indischer  Truppen  und  Kriegsmaterial,
  der  britische  Transportdampfer  Transylvaniae
  (14000  t)  mit  Truppen  und  Kriegsbedarf,

der  französische  Transportdampfer=  Amiral  Hamelin-=(5051
  t)  mit  der  ersten  Abteilung  französischer  Feldartillerie,
  Munitionswagen,  360  Pferden,  der  brilische
  Transportdampfer-Marquette  (7050  t)  mit  1000
weiszen  Soldaten,  500  Maultieren,  Munition.  Krankenpflegern;
  der  britische  Hilfskreuzer  »Tara«  (1862
t),  der  französische  Transportdampfer  -Calvados:
(6000  t)  mit  800  Mann  Kolonialtruppen,  davon  53
gerettet,  die  britischen  Transportschiffe  „Moorina-(5000t)
  mit  Truppen  und  500  Pferden,  Californiaund
  außerdem  weitere  24  Schiffe  von  69656  Raumtonnen;
  somit  für  Oktober  und  November  220000
Gewichtstonnen  oder  300000  Raumtonnen.  Eine  andere
  Zusammenstellung  gibt  an  als  englische  Verluste:
einen  Hilfskreuzer  (1862  t),  fünf  Transportschiffe
(37500  t)  mit  Truppen,  Pferden  und  Kriegsbedarf,
18  Transportdampfer  (68567  t)  mit  Kriegsbedarf,
ein  Motorleichter  (X  30.),  13  andere  Dampfer
(44839t);  französische  Verluste:  zwei  Transportschiffe
(11051  t)  mit  Truppen  und  Kriegsbedarf,  sechs  Transportdampfer
  (22  135t)  mit  Kriegsbedarf,  fünf  andere
Dampfer  (9384  t);  japanische  Verluste:  ein  Transportschiff
  (5118  t);  russische  Verluste:  zwei  Damopfer
(5412t);  norwegische  Verluste:  ein  Dampfer  (35212);
zusammen:  147483  Gewichtstonnen  oder  ungefahr
200000  Raumtonnen.

Ein  deutsches  Tauchboot  versenkte  am  12.  Februar
an  der  syrischen  Küste  den  französischen  Panzerkreuzer
„Amiral  Charner.  (1893,  4800  t),  ein  altes  Schiff,
und  am  1.  März  im  Mittelmeer  das  französische
Transportschiff  -La  Provencec;  von  den  an  Bord
befindlichen  1800  Soldaten  sollen  700  gerettet  worden
sein.  Auch  Minen  streuten  die  U.Boote  aus.  Deutschen
  Minen  fielen  am  22.  April  das  britische  Linienschiff
  „Russele  (1901,  14200  t.  19/4  Knoten,  vier
30,5  cm-,  zwölf  15,2cm-,  14leichte  Schnelladekanonen,
vier  45  cm-Torpedorohre)  zum  Opfer  und  am  17.
oder  18.  an  der  afrikanischen  Nordküste  ein  britischer
und  ein  französischer  Zerstörer.

Von  sonstigen  Ereignissen  seien  folgende  erwähnt:
Am  20.  August  1915  erklärte  Italien  an  die  Türkei
den  Krieg  und  am  25,  die  Blockade  über  die  Küsten
Kleinasiens  und  Syriens.  Dem  folgte  am  14.  September
  seitens  Frankreichs  die  Blockadeerklärung  über  die
türk.  Küsten  am  Agäischen  und  Mittelländischen  Meere.

Am  11.  September  erschienen  deutsche  U-Boote  im
Schwarzen  Meer.  Am  13.  Oktober  waren  türlische
Kriegsschiffe  ins  Schwarze  Meer  vorgestoßen  und
versenkten  vor  Sebastopol  zwei  russische  Dampfer.

Die  negativen  Erfolge  des  Vierverbandes  gaben  der
bulgarischen  Regierung  den  Mut,  sich  auf  die  Seite
der  Mittelmächte  zu  stellen.  Am  14.  Oktober  erklärte
sich  Bulgarien  infolge  serbischer  Einfälle  in  sein  Gebiet
  als  im  Kriegszustande  mit  Serbien  befindlich.  Die
Antwort  Frankreichs  und  Englands  bestand  darin,
daß  Kriegsschiffe  beider  Nationen  am  21.  unbefestigte
Orte  —  wie  Dede  Agatsch  und  Lagos  —  an  der  bulgarischen
  Mittelmeerküste  bombardierten.  Am  1.  Februar
  1916  griffen  deutsche  Luftschiffe  im  Hafen  von
Saloniki  ankernde  feindliche  Schiffe  und  die  an  Land
errichteten  Lager  an.  Noch  am  4.  gaben  große  Brände
davon  Kunde,  daß  der  Angriff  erfolgreich  gewesen  war;
dagegen  wurde  dort  am  6.  Mai  ein  Luftschiff  vernichtet.
  Am  9.  März  belegten  deutsche  Flieger  bei  Kaliakra,
  nördlich  von  Warna,  eine  aus  einem  Linienschiff,
  fünf  Zerstörern  und  mehreren  Troßdampfern
bestehende  Abteilung  mit  Bomben.  Ein  Zerstörer
wurde  getroffen.  Ein  anderer,-Leitenant  Puschtschin-177
        <pb n="324" />
        260

(1906,  356  t,  26  Knoten,  eine  7,5  cm-,  fünf  4,7  cm-Schnelladekanonen,
  zwei  Doppeltorpedorohre),  geriet
auf  eine  Mine  und  sank.  Nordöstlich  von  Batum  vernichtete
  ein  U.  Boot  ein  etwa  12000  t  großes  Transportschiff,
  das  Soldaten  und  Kriegsbedarf  führte,
und  am  31.  einen  1500-Tonnendampfer  sowie  ein
Segelschiff.  Die  deutschen  U-Boote  beschossen  auch
nehrfach  erfolgreich  Küstenbatterien  nördlich  von  Poti.
Andere  türkische  Kriegsschiffe  bombardierten  russische
Stellungen  an  der  kaukasischen  Grenze  und  vernichteten
  einen  russischen,  mit  Munition  beladenen  Dampfer.
  Am  3./4.  April  vernichtete  -Midilli=  einen  großen
  Segler,  der  Kriegsmaterial  an  Bord  hatte.

Am  16.  Juni  wurde  ein  russisches  Truppentransportschiff,
  das  der  Hilfsdampfer  „Teuia-  geleitete,  20
Seemeilen  östlich  von  Sulina  durch  zwei  bulgarische
Torpedoboote  angegriffen.  Als  »Xenia«  von  einem
Torpedo  beschädigt  worden  war,  flüchteten  beide
Schiffe  nach  Odessa.

Am  21.  Juni  erschien  im  spanischen  Hafen  von
Cartagena  das  deutsche  Tauchboot  -U  354,  um  ein
Handschreiben  des  deutschen  Kaisers  an  den  König  von
Spanien  zu  überbringen,  in  dem  für  die  Aufnahme
gedankt  wurde,  welche  die  deutschen  Kamerunsoldaten
  gefunden  hatten.  Für  letztere  wurden  Arzneimittel
  gelandet.  Das  Boot  verließ  um  3  Uhr  des
nächsten  Morgens  den  Hafen,  brach  die  von  herbeigeeilten
  feindlichen  Kriegsschiffen  gebildete  Blockade
und  kehrte  glücklich  zu  seinem  Stützpunkte  zurück,  nachdem
  es  unterwegs  den  französischen  Dampfer  »Heraulte
  (2299  t)  versenkt  hatte.

Am  22.  Juli  sah  der  auf  einer  Kreuzfahrt  ins
Schwarze  Meer  begriffene  Kreuzer  Midillie,  als  er
sich  füdlich  von  Sebastopol  befand,  daß  weit  überlegene
  Streitkräfte  im  Begriffe  standen,  ihm  den  Rückweg
  abzuschneiden.  Er  mußte  sich  durchschlagen  und
bestand  dabei  einen  vierstündigen  Kampf  mit  einem
russischen  Großkampfschiff  der  „Kaiserin  Maries=Klasse
  (1914,  23.400  t,  21  Knoten,  zwölf  30,5  cm-,
zwanzig  13  cm--,  16  leichte  Schnelladekanonen,  vier
45  cm-Torpedorohre),  ehe  es  ihm  gelang,  nach  dem
Bosporus  zu  gelangen.

X.  Der  Kreuzer-  und  Handelskrieg.

über  den  durch  die  Tauchboote  geführten  Handelskrieg
  ist  bereits  (S.  248  f.)  berichtet  worden.  Zu  den
im  Laufe  des  Krieges  vernichteten  Schiffen  gehörte
auch  der  englische  Dampfer  -Cottingham,  der  eine
der  für  die  Versenkung  deutscher  U-Boote  ausgesetzten
  Prämien  beansprucht  hatte.  Tatsächlich  war  das
fragliche  Boot  aber  nur  beschädigt  worden.

Der  englische  Passagierdampfer  =  Appam=  (77814,),
dessen  Ankunft  in  Plymouth  erwartet  wurde,  lief  statt
dessen  in  Old  Point  Comfort  (Nordamerika)  ein.  An
Bord  befanden  sich  425  Personen,  von  denen  132
von  den  englischen  Dampfern  -Corbridge=  (3687  2),
„Author=  (3496  t).  „Tradere  (3608  t),  „Ariadne-(3035
  t),  „Dromonby=  (3617  t),  Fairingford=(31.16t)
  und  Clan  Mactavish=  (58164)  stammten,  die
alle  durch  den  deutschen  Hilfskreuzer  »Möwe«  versenkt
  worden  waren.  Die  Prisenmannschaft  bestand
aus  12  Matrosen  unter  Befehl  des  Leutnants  z.  S.  d.  R.
Berg  und  20  deutschen  Zivilisten,  die  auf  den  Schiffen
aus  der  Kriegsgefangenschaft  befreit  worden  waren.
Aus  Madrid  wurde  gemeldet,  daß  in  Santa  Cruz-II.

  Kriegsgeographie  und  Kriegsgeschichte

Teneriffa  der  englische  Dampfer  -Westburn=  (33001)
unter  deutscher  Flagge  eingelaufen  sei,  um  Schäden
auszubessern.  Die  Prisenmannschaft  bestand  aus
sieben  Mann,  die  206  Engländer  und  Belgier  zu  bewachen
  hatten.  Diese  stammten  von  den  Dampfein
»Horace«  (3335t),  -Clan  Mactavish-,  „Cambridge-.
„Flamenco=  (4540  t),  dem  Segelischiff  =  Edinburgh-(1473
  t)  und  dem  belgischen  Dampfer  „Luxemburg-(4382
  t).  Auch  11  Spanier  waren  darunter.  Am
23.  Februar  wurde  die-Westburn-,  nachdem  die  Gefangenen
  an  Land  entlassen  waren,  außerhalb  des
Hafens  in  Sicht  britischer  Kreuzer  versenkt.

Der  Hilfskreuzer  -Möwel,  der  so  überraschend  im
Atlantischen  Ozean  aufgetaucht  war,  kehrte  nach  mehrmonatiger
  erfolgreicher  Kreuzfahrt  am  4.  März  in
einen  deutschen  Hafen  zurüch  Als  Gefangene  bejanden
  sich  an  Bord:  vier  britische  Offiziere,  29  Seesoldaten
  und  Matrosen  sowie  166  Mann  von  feindlichen
Dampferbesatzungen,  darunter  108  Indier.  Als
Beute  brachte  er  Goldbarren  im  Wert  von  einer  Million
  Mark  mit.  Außer  den  genannten  Schiffen  hatte
die  „Möwes  noch  die  Danwfer  „Saxon  Prince-(3471
  t)  und  -Maronie  (3109  t),  im  ganzen  demnach
  15  Schiffe  von  56653  t  aufgebracht.  Von  diesen
  hatte  „Clan  Mactavish  Widerstand  durch  Geschützfeuer
  geleistet,  der  schnell  gebrochen  wurde.

Die  -Möwee  hatte  außerdem  an  der  Nordostküste
Schottlands  Streuminen  gelegt,  deren  eine  dem  Linienschiff
  King  Edward  VII  (1903,  17  800  t.  19  Knoten,
  vier  30,5  cm-,  vier  23,4  cm-,  zehn  15,2  cm-,  24
leichte  Schnelladekanonen,  vier  45  cm-Torpedorohre)
am  9.  Januar  1916  verbängnisvoll  wurde.

Ein  anderer  deutscher  Hilfskreuzer,  -Greif“,  war
weniger  vom  Glück  begünstigt.  Er  wurde  am  29.  Februar
  1916in  der  nördlichen  Nordsee  zunächst  von  dem
15000tgroßen  britischen  Hilfskreuzer  =  Alcantara-  gestellt.
  Es  gelang  ihm  zwar,  denselben  zu  versenken;  a
inzwischen  waren  mehrere  andere  Schiffe  herangekommen,
  so  daß  jede  Aussicht  auf  Entkommen  schwand.
Der  Kreuzer  wurde  deshalb  gesprengt  —  nach  englischen
  Berichten  durch  Geschützfeuer  versenkt  —,  150
Mann  der  Sesatzung  fielen  in  Kriegsgefangenschaft.

Auch  deutsche  Torpedoboote  nahmen  in  den  heimischen
  Gewässern  den  Handelskrieg  erfolgreich  auf.  Am
23.  Juni  wurde  in  der  südlichen  Nrtee  der  Dampfer
  .  Brusselse  aufgebracht  und  nach  Zeebrügge  geleitet.
  An  Bord  befanden  sich  viele  belgische  Arbeiter
und  24  entsprungene  russische  Gefangene,  die  nach
London  wollten,  um  in  England  Munition  anzufertigen.
  Die  Ladung  bestand  in  Stiefeln,  Leder  und
390  t  Lebensmitteln.

Am  5.  Juli  wurden  die  englischen  Dampfer  »Lestrise
  und  =  Jarvo  Abbey-,  mit  Lebensmitteln  nach
England  unterwegs,  nach  Zeebrügge  aufgebracht.  Am
27.  Juli  wurden  zwei  englische  Dampfer  in  der  Ostsee
  gekapert.  Der  von  einem  deutschen  Hilfskreuzer  angehaltene
  englische  Dampfer  =  Eskimos  leistete  Widerstand
  und  konnte  erst  nach  einem  Gefecht  in  Besitz  genommen
  werden.  Am  gleichen  Tage  passierten  —  nach
dänischen  Meldungen  —  um  3  Uhr  50  Min.  nachmittags
  zwei  große  englische  Dampfer  Mölle  in  südlicher
Richtung,  geleitet  von  drei  deutschen  Torpedobvoten.
Einer  der  Dampfer  schien  ein  Passagierschiff  zu  sein.

Beitere  Erfolge  im  Handelskriege  s.  Seekriegs.
kalender  (S.  238  ff.).
        <pb n="325" />
        III.  Technik  und  Kriegführung

Das  Etappenwesen
von  Hauptmann  a.  D.  Oesele  in  Würzburg
Hierzu  Tafel  ?Etappenwesene  mit  Erläuterungen.

Zu  allen  Zeiten  war  man  sich  in  der  Kriegführung
  der  einschneidenden  Bedeutung  einer  sorgfältig
durchgeführten  Heeresversorgung  bewußt.  Man  war
daher  auch  von  jeher  darauf  bedacht.  die  Verbindung
des  Heeres  mit  der  Heimat  zu  sichern,  die  Ersatz
bietet  für  alles,  was  im  Felde  gebraucht  wird.  Bei
der  heutigen  Art  der  Kriegführung  ist  diese  rückwärtige
  Verbindung  zur  unerläßlichen  Notwendigkeit  geworden.
  Vor  allem  stehen  Millionenheere  im  Felde,
und  zwar  nicht  auf  einem  Kriegsschauplatz,  sondern
auf  mehreren  zugleich.  Das  allein  bringt  schon  eine
erhebliche  Erschwerung  der  Heeresversorgung  mitsich.
Dazu  kommt,  daß  sich  die  Kriegführung  auf  allen
Gebieten  die  neuesten  Errungenschaften  der  Technik
zunutze  macht  und  dadurch  weitere  ungeheure  Anforderungen
  an  den  Materialersatz  stellt.  Unter  diesen
Berhältnissen  kann  nur  das  heimatliche  Hinterland  in
seiner  ganzen  Ausdehnung  die  Basis  des  Feldheeres
bilden,  aus  der  es  seine  Existenzmittel  zieht.

Im  folgenden  sollen  nun  die  Einrichtungen  kurz
besprochen  werden,  die  diese  so  wichtige  Verbindung
des  Heeres  mit  der  Heimat  ermöglichen,  d.  i.  die
Etappe  und  ihre  Tätigkeit.  Zum  richtigen  Verständnis
  der  Aufgaben  des  Etappendienstes  und  der
ganzen  Arbeit  im  Rücken  des  Heeres  ist  es  notwendig.
  vorher  kurz  den  Zweck  der  Etappe,  nämlich
die  Heeresversorgung  und  ihre  verschiedenen  Gebiete,
  zu  behandeln.  Die  beigegebene  schematische
Darstellung  des  Etappenwesens  soll  den  Lauf  der
Heeresversorgung  und  die  Einrichtungen  der  Etappe
im  Bilde  erläutern.

Die  Heeresversorgung.

Die  Heeresmassen  müssen  mit  allem  versorgt
werden,  was  ihrer  Lebens-  und  Kampffähigkeit
gehört.  Diese  Versorgung  kann  zum  Teil  und  in
günstigen  Fällen  durch  Ausnutzung  des  Kriegsschauplatzes
  erfolgen.  Aber  die  Mittel  des  Kriegsschauplatzes
  reichen  bei  weitem  nicht  zur  Deckung  aller
Heeresbedürfnisse  aus.  So  ist  die  Verpflegung  aus
dem  Lande  selbst  bei  rasch  fortschreitenden  Operationen
nur  dann  möglich,  wenn  das  Land  nicht  schon  vom
Feinde  ausgesogen  ist;  in  der  Hauptsache  ist  man  auch
hier  auf  den  Nachschub  angewiesen.  Beim  Stellungskrieg
  oder  wenn  sonst  größere  Truppenmassen  sich
längere  Zeit  gegenüberstehen,  kann  die  Versorgung
mit  Lebensmitteln  nur  durch  Nachführung  geschehen.
Der  Ersatß  der  verschossenen  Munition,  die  Auffüllung

der  eingetretenen  Verluste  und  die  Ergänzung  des
Kriegsmaterials  muß  unter  allen  Umständen  durch
Zufuhr  aus  der  Heimat  erfolgen.  Wirklich  schlagfertig
  ist  ein  Heer  somit  nur  dann,  wenn  es  alle  Bedürfnisse,
  von  Mann  und  Pferd  getragen  oder  auf
Fahrzeugen  verladen,  mit  sich  führt  und  die  erforderliche
  Ergänzung  durch  wohlgeordneten  Nachschub
aus  dem  eigenen  Lande  zugeführt  erhält.

Das  Feldheer  muß  aber,  wenn  es  zu  den  von  ihm
verlangten  Leistungen  fähig  sein  soll,  auch  von  allem
befreit  werden,  was  seine  Schlagfertigkeit  beeinträchtigt.
  Das  erfordert  die  Ableilung  alles  Hinderlichen
  von  der  kämpfenden  Truppe  nach  rückwärts
und  den  Abschub  nach  der  Heimat  zu  und  in  die
Heimat.  Hierbei  handelt  es  sich  in  erster  Linie  um
das  Freimachen  der  Kampflinie  von  Verwundeten
und  um  ihr  Wegbringen  nach  rückwärts  gelegenen
Gebieten  und  ins  Heimatgebiet.  Dann  kommt  weiter
  in  Betracht  der  Abtransport  alles  überflüssigen
Personals  und  Materials,  namentlich  der  Kriegsgefangenen
  und  des  erbeuten  Kriegsmaterials.

Die  Deckung  aller  dieser  Bedürfnisse  der
Truppen  und  deren  Entlastung  von  allem
Störenden  nennt  man  die  Heeresversorgung
Sie  ist  eine  der  wichtigsten,  aber  auch  eine  der  schwierigsten
  Aufgaben  der  Führung,wird  von  der  obersten
Heeresleitung  geleitet  und  überwacht  und  von  den
Armeeoberkommandos  unter  eigener  Verantwortung
selbständig  für  die  verschiedenen  Armeen  durchgeführt.
Sie  umfaßt  verschiedene  sich  gegenseitig  ergänzende
  und  unterstützende  Gebiete.  In  erster  Linie
dienen  ihr  das  Munitions-,  Verpflegungs=  und  Sanitätswesen,
  also  der  Ersatz  von  Munition  und
Waffen,  die  Sicherstellung  der  Verpflegung  und  der
Sanitätsdienst  im  Felde.  Dazu  kommen  noch  der  Nachschub
  von  Mannschaften  und  Pferden,  der  Ersatz  von
Kraftwagen,  Luftfahrzeugen  und  Betriebsstoffen  hierfür,
  die  Ergänzung  der  Bekleidung,  Ausrüstung,  des
Feldgerätes,  der  Sanitäts-  und  Veterinärmittel  sowie
  die  Zurückführung  der  Gefangenen  und  der  Kriegsbeute.
  Für  diesen  umfangreichen  Nachschub  und  Abschub
  sind  außer  den  zahlreichen  Kolonnen  und
Trains  leistungsfähige  Eisenbahnen  und  sichere  Nachrichtenverbindungen
  unerläßlich.  Deshalb  gehören
zur  Heeresversorgung  auch  das  Eisenbahnwesen,  die
Feldtelegraphie  und  der  Feldpostdienst.

Die  Munition  spielt  im  Kriege  eine  ganz  besonders
wichtige  Rolle.  Sie  ist  eine  der  hauptsächlichsten  Voraussetzungen
  für  die  Kampfkraft  der  Truppe.  Die
Munitionsversorgung  hat  daher  den  Vorrang
vor  allen  anderen  Zweigen  der  Heeresversorgung.
Die  gewaltige  Leistungsfähigkeit  der  neuzeitlichen
        <pb n="326" />
        262

Feuerwaffen  (Mehrladegewehre,  Maschinengewehre
und  Schnellfeuergeschütze)  und  die  ungeheuren  Anforderungen
  der  derzeitigen  Gefechtsführung  (vor  allem
das  Streben  nach  Feuerüberlegenheit  sowie  nach  örtlicher
  und  zeitlicher  Bülammenfassung  der  Wirkung,
nach  entscheidender  Feuerwirkung)  steigern  den  Munitionsverbrauch
  ins  Riesenhafte  Bei  der  Größe  der
Heere  und  bei  der  langen  Dauer  der  Kampfhandlungen
  sind  somit  ganz  ungeheure  Munitionsmengen
erforderlich.  Der  für  den  ersten  Bedarf  notwendige
Munitionsvorrat  wird  von  der  Truppe  selbst  mitgeführt.
  Die  Ergänzung  dieser  Truppenausrüstung
geschieht  durch  die  aus  der  Heimat  zugeführte  Munilion.
  Hierzu  müssen  ausreichende  Munitionsmengen
zunächst  in  der  Heimat  unter  Heranziehung  aller
Hilfsquellen  und  Hilfskräfte  angefertigt  und  bereit  gehalten
  und  dann  rechtzeitig  und  sicher  in  das  Operationsgebiel
  nachgeführt  werden.  Zur  Munitionsversorgung
  gehören  also  nicht  nur  die  Herstellung  und
Bereitstellung  der  Munition  in  der  Heimat,  sondern
auch  ihr  unausgesetzter,  geordneter  Nachschub.  Sie
verlangt  eine  wohldurchdachte  und  gut  arbeitende
Organisation  unter  tatkräftiger,  zielbewußter  Leitung
und  eine  überlegte  Ausnutzung  der  zur  Verfügung
stehenden  Nachschubmittel.

Von  der  Verpflegung  hängen  das  Wohlergehen  der
Truppe  und  damit  ihre  Leistungsfähigkeit  ab.  Auch
hier  stellen  die  große  Zahl  und  Stärke  der  Armeen
ganz  gewaltige  Anforderungen  an  das  Verpflegungswesen.
  Für  die  Eernährung  dient  als  oberster
  rundsah  daß  die  Hilfsmittel  des  Kriegsschan.
platzes  nach  Möglichkeit  ausgenutzt  werden.  Deshalb
ist  die  günstigste  Art  der  Heroslegung  die  durch  die
Quartierwirte.  In  armen  Gegenden,  bei  Operationen
größerer  Truppenkörper  und  bei  engem  Zusammengehen
  der  Truppen  ist  jedoch  die  Quartierverpflegung
nicht  möglich.  Hier  sind  dann  Ankäufe  und  Beitreibungen
  die  Mittel,  um  die  Vorräte  und  Bestände  des
Kriegsschauplatzes  zu  verwenden.  Im  Feindesland
sind  Beitreibungen  die  ausgiebigste  Art,  vom  Lande
uleben.  Sie  werden  daher  von  der  Truppe  und  den

erwaltungsbehörden,  wo  nur  irgend  möglich,  in
weitem  Umfang  vorgenommen.  Aber  der  große  Verpflegungsbedarf
  der  Riesenheere  kann  durch  die  Mittel
  des  Kriegsschauplatzes  allein  nicht  gedeckt  werden.
Selbst  das  reichste  Land  ist  nicht  imstande,  die  Verpflegungsmittel
  für  sosche  Massen  an  Ort  und  Stelle
aufzubringen,  und  die  Vorräte  der  betroffenen  Gebiete
  sind  sogar  bei  siegreichem  Vorgehen  bald  erschöpft.
  Die  Beitreibungen  können  deshalb  nur  als
höchst  willkommene  Beihilfen  für  die  Verpflegung  gelten.
  In  der  Hauptsache  müssen  die  Lebensmittel  dem
Heere  von  rückwärts  zugefuhrt  werden.  Für  diesen
Verpflegungsnachschub  werden  nicht  nur  die  Vorräte
der  heimatlichen,  sondern  auch  der  besetzten  Gebiete
herangezogen,  so  daß  dadurch  ein  großer  Teil  der
Kriegslasten  vom  Heimatland  abgewälzt  wird.  Diese
nachgeführten  Verpflegungsbestände  müssen  einen
langen  Weg  zurücklegen,  bis  sie  aus  den  rückwärtigen
Ersatzquellen  zur  Truppe  gelangen,  und  es  bedarf
auch  hier  des  Ineinandergreifens  zahlreicher  Stellen
und  Hilfsmittel,  damit  das  ganze  Nachschubwesen
richtig  arbeitet.  An  der  Spitze  des  gesamten  Verpflegungswesens
  des  Feldheeres  steht  der  Generalintendant,
  der  die  leitenden  Gesichtspunkte  für  die  ganze
Veriflegung  gibt  und  für  den  Nachschub  im  großen
sorgt.  Die  Verpflegung  einer  Armee  leitet  der  Armeeintendant
  nach  den  Agordnungen  des  Armeeober-III.

  Technik  und  Kriegführung

befehshabers.  Er  verfügt  zu  ihrer  Sicherstellung  über
die  im  Bereiche  seiner  Armee  vorgefundenen  oder
dorthin  nachgeschobenen  Bestände  und  über  die  in  der
Heimat  für  seine  Armee  angesammelten  Vorräte,  zu
ihrer  Durchführung  über  die  Intendanten  der  Truppenverbände
  und  Behörden  seiner  Armee.

Der  Sanitätsdienstin  Feldeistauf  die  Schlagfertigkeit
  des  Heeres  von  weittragendem  Einfluß.
Denn  er  besteht  nicht  nur  in  der  ersten  Hilfe  für  die
Verwundeten  und  Kranken  auf  dem  Schlachtfelde  und
in  der  weiteren  Fürsorge  für  sie,  sondern  umfaßt  auch
das  Freimachen  des  Kriegsschauplatzes  von  Verwundeten
  und  Kranken  und  nicht  zuletzt  die  allgemeine
Gesundheitspflege  des  Heeres.  Diese  wichtigen  Aufgaben
  verlangen  es,  daß  vor  allem  die  ärztliche  Hilfe
rasch  und  unmittelvar  hinter  der  Gefechtslinie  einseszk.
Dann  mühssen  die  Verwundeten  und  Kranken  in  das
weiter  rückwärts  gelegene  Gebiel  abgeschoben,  dort
verteill,  untergebracht,  ärztlich  behandelt  und  verpflegt
werden.  Und  endlich  müssen  die  Transportfähigen
unter  ihnen  nach  Möglichkeit  zur  Pflege  in  die  Heimat
wurückgefübrt  werden.  Diese  Krankenfürsorge  erforert,

  neben  der  Ausstattung  der  Truppen  und  Behörden
  mit  hinreichendem  Sanitätspersonal  und  material
  sowie  den  nötigen  Einrichtungen,  ein  gut  organisiertes
  Transportwesen.  Die  Gesundheiohfürkohg.
erstreckt  sich  in  erster  Linie  auf  die  Berhütung  und
Bekämpfung  ansteckender  Krankheiten  und  Seuchen,
dann  aber  auch  auf  alle  anderen  für  die  Gesundheit
des  Heeres  notwendigen  hygienischen  Maßnahmen.
Auch  hierfür  sind  besondere  Einrichtungen  und  Hilfsmittel
  unerläßlich.  Eine  besonders  wichlige  Rolle  spiell
aber  im  Sanitätsdienst  neben  dem  Ersatz  des  Personals
  der  gesicherte  Nachschub  an  Sanitätsmineln
aus  der  Heimat,  ohne  die  weder  eine  geordnete  Behandlung
  der  Verwundeten  und  Kranken  noch  eine
sechgemöß  Gesundheitspflege  möglich  ist.  Die  Leitung
des  ganzen  Sanitätsdienstes  beim  Feldheer  liegt  in
der  Hand  des  Chefs  des  Feldsanitätswesens.  Bei  jeder
Armee  leitet  den  Sanitätsdienst  der  Armeearzt,  dem
hierzu  die  Korps=  und  Divisionsärzte  sowie  das  Sanitätspersonal
  der  Truppen  und  Behörden  der  Armee
unterstehen.  —  Vgl.  dazu  den  Aufsatz  -Einrichtung
und  Aufgaben  der  Feldlazarette-,  Bd.  I.  S.  308#  f.

Die  Notwendigkeit  des  Mannschafts=  und
Pferdeersatzes  sowie  der  Ergänzung  der
Kriegsausrüstung  und  des  Kriegsmaterials
liegt  auf  der  Hand.  Die  Auffüllung  der  bei  den  kämpfenden
  Truppen  durch  Verluste  und  Krankheiten  entstandenen
  Abgänge  macht  die  unausgesetzte  Heranbildung
  und  Bereithaltung  ausreichender  Mannschaftsbestände
  bei  den  Ersahirurdenteilen  in  der  Heimat
und  deren  rechtzeitige  Nachführung  auf  den  Kriegsschauplatz
  nötig.  Das  gleiche  gilt  für  den  Ersatz  der
Pferde  und  sonstiger  tierischer  Hilfskräfte,  soweit  dieser
  nicht  durch  die  Ausnutzung  des  Kriegsschauplatzes
gedeckt  werden  kann.  Bei  der  Materialergänzung
handelt  es  sich  ebenfalls  um  Anfertigung  und  Bereitstellung
  der  notwendigen  Vorräte  an  Bekleidung,  Ausrüstung
  und  Kriegsgerät  aller  Art  in  der  Heimat  und
um  die  bedarfsmäßige  Zuführung  an  die  Front.
Unbrauchbar  gewordenes  Kriegsmaterial  muß  zur
Wiederherstellung  aus  der  Kampflinie  nach  rückwärts
  weggeschaff.  werden.  Dabei  kommt  es  darauf
an,  ob  ein  Abtransport  in  das  Heimatgebiet  notwendig
  ist  oder  ob  die  Ausbesserungen  in  den  im  Bedarfsfall
  eigens  errichteten  Werkstätten  hinter  der  Gefechtsfront
  vorgenommen  werden  können.  Auch  auf  die-
        <pb n="327" />
        <pb n="328" />
        Schematische  Darstellung  —  —

der  Etappeneinrichtungen  und  der  Heeresversorgung.
einer  Armee  9

Etappenorf
4.

—.  E

dtt“ztt)7

*
—#  E

IL.
Siappenort

2
—
        <pb n="329" />
        Wesell.

vom  El.  Anfangso#t  d.  I.  A.K.

–  —
–
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—.  ".

—

rwe  #  e
411  *  .

—  *

Erläuterungen:

□——  Heimatgebiet
]Etappengebiet
Operationsgebiet
C5  Gebiet  eines  Generalgouvernements

(wegen  Platzmangels  nur  verkdrzt  angedeutel)
–Keid#sgrenze

Die  Elnrichtungen  in  den  Etappenanfangsorten,  der  Sammelstatlon,
  dem  Etappenhauptort  und  in  den  Etasppenorten  slehe  Tezxt.

Uber  die  Heeresversorgung  siehe  dle  Rückseite.
        <pb n="330" />
        Etappenwesen.
Erläuterung  des  Laufes  der  Heeresversorgung  (Nach-  und  Abschub).

Manttion.  Die  Munition  gelangt  aus  den  Ersatzdquellen
  des  Heimatgebietes  (siehe  Text  „Etappenanfangnorte“,
  S.  264)  durch  Munitionszüge  (1)  und  Monillonsschille

  (2)  in  das  Etappengebiet.  Diese  Züge

und  Schiffe  werden  soweit  wie  möglich  vorgeführt  und
aus  ihnen  die  Munitionskolonnen  der  Etappe,  das
Hauptmunitionsdepot  am  Etappenhauptort  und  die
Munitionsdepots  der  Etappenorte,  unter  Umständen
auch  die  Munitionskolonnen  der  Truppe  unmittelbar
gefüllt.  Die  Etappenmunitionskolonnen  (3)  und  die
Munitionskraftwagenkolonnen  (4)  bringen  die  Munition
  in  die  Monitionsdepots  der  Etappenorte  und  an
die  Munitionsausgabestellen  (5);  unter  Umständen
werden  hierzu  auch  Feldbahnen  benutzi  (6).  Bei  den
vordersten  Depots  und  den  Ausgabestellen  empfangen
die  Monitlonskolonnen  der  Armeekorps.

Verpflegung.  Die  Verpflegungsvorräte  gelangen
durch  Verpflegungsrüge  (7)  und  Verpfiegungsschifle
(8)  aus  den  Ersatzmagazinen  und  Ersatzviehdepots
der  Heimat  zum  Proviantdepot  der  Sammelstation  und
von  da  in  das  Etappengebiet  zur  Füllung  der  Etappenmagazine
  in  den  Etappenorten  und  der  Etappenausgabestellen
  (9)  sowie  zur  Versorgung  der  Etappenbäckereien
  und  Etappenviehdepots.  Soweit  die  Ver.
pflegung  nicht  unmittelbar  durch  Eisenbahnzüge  oder
Schifle  an  diese  Bedarfsorte  gebracht  werden  kann,
wird  das  durch  die  Etappenfuhrpark-  und  Magazinfuhrparkkolonnen
  (10)  besorgt;  nötigenfalls  bringen
Etappenkraftwagenkolonnen  (11)  die  Verpflegung
weit  in  das  Operationsgebiet  hinein.  Bei  den  vordersten
  Etappenmagazinen  und  den  Etappenausgabe--stellen
  empfangen  die  Verpfiegungskolonnen  der
Armeekorpe.

Motorbetriebsstoffe  gehen  von  den  heimatlichen
Fabriken  mit  Eisenbahn  in  das  Tanklager  des  Etappenkraftwagenparks
  am  Etappenhauptort  und  von
hier  mit  Lastkraftwagen  zu  den  Tankstellen  bei  den
vordersten  Etappenmagnzinen  und  Empfangsstellen,
wo  die  Feldluftschifferabteilungen,  Flieger  und  Kraftwagen
  ihren  Bedarf  decken.  —  Wasserstoffgas  wird
ebenlalls  mit  Bahn  in  den  Etappenkraftwagenpark
nachgeführt  und  von  hier  an  die  Bedarfsstelle  vorgelührt.


Flugreuge  und  Flugreugersatzteile  kommen  aus
den  Flugreug-  und  Motorenfabriken  und  den  Fliegerersatzabteilungen
  im  Heimatgebiet  in  den  Etappenflugreugpark
  am  Etappenbauptort  und  gelangen  von
hier  aus  mit  Kraftwagen  —  Flugreuge  auch  auf  dem
Luftweg  —  zu  den  Fliegerabteilungen.

Beklelidung,  Ausrüstung  und  Feldgerit  (mit  Ausnahme
  der  Sanitäts-  und  Veterinürmittel)  gehen  von
den  Kriegsbekleidungsämtern  und  Traindepots  an

den  Etappenapfangsorten  mit  Eisenbahntranspon
zum  Güterdepot  der  Sammelstation,  werden  mit  Bahn
in  das  Etappengebiet  gebracht  und  soweit  wie  möglich
  vorgeführt.  Nötigenfalls  erfolgt  Lagerung  in  den
Etappenmagazinen  der  Etappenorte.  Die  Vorfübrong
  zur  Truppe  geschicht  durch  Fahrzeuge  der
Etappe  oder  der  Truppe.

Sanitäts-  und  Veterinärmittel  gehen  von  den  Sanitätsdepots
  der  stellvertretenden  Generalkommandos
#brw.  vom  Hauptsanitätsdepot  des  Kriegsministeriums
zur  Sanitäts-  und  Veterinärabteilung  des  Güterdepots
der  Sammelstation  und  von  da  aus  in  das  Etappensanitätsdepot
  am  Etappenhauptort.  Von  hier  aus
wird  das  Sanitäts-  usw.  Gerit  den  Feld-,  Kriegs-,
Etappen-  und  Seuchenlazaretten  durch  Sanitätskraftwagen
  (12)  und  Trainkolonne  (13)  zugeführt  und
auch  an  die  Züge  und  Schifle  für  Krankentransporte
abgegeben.  Die  Trnppe  ergänzt  ihre  Bestände  aus
den  Vorräten  der  Sanitätskompanien,  diese  aus  den
Beständen  der  nächsten  Feldlazarette.

Mannschaften  und  Pferde.  Ergänzungsmannschaften
  werden  vom  Etappenanfangsort  aus  mit  Bahntransport
  in  das  Etappengebiet  befbrdert  und  erreieben
  ihren  Truppenteil  mittels  Eisenbahn  und  Fumarsch.
  Ersatzpferde  werden  gleichfalls  von  den
Ersatztroppenteilen  nachgesendet,  sofern  der  Bedarf
nicht  durch  beigetriebene  und  Beutepferde  gedeckt
werden  kann.

Verwundete  und  Kranke.  Die  Verwundeten  werden
  von  den  Verbandsplätzen  in  die  Feldlazarette  (11)
überführt,  die  nach  Bedarf  in  Kriegslazarette  (15)
umgewandelt  werden.  Von  hier  aus  erfolgt  die  Rückbeförderung
  der  transportfähigen  Verwundeten  mit
Krankenkraftwagen,  Hilfs-  oder  Behelfskrankenkraftwagen
  (16)  sowie  durch  Kolonnen  und  sonstige  Fuhrwerke
  (17)  ins  Etappergebiet  und  von  da  durch  La-Zzarett-,
  Bilfslazarett-  und  Krankenzüge  (18)  sowie
chiffe  (19)  in  die  Lazarette  des  Heimatgebietes  (20);
Seuchenverdächtige  und  kranke  werden  den  Senchenlazaretten
  im  Etappengebiet  (21)  meist  mit  eigenen
  Kraftwagen  (22)  zugeführt.

Feldpost.  Die  ins  Feld  gehenden  Sendungen  werden
  auf  die  Sammelstellen  im  Heimatgebiet  und  von
da  nach  dem  Leitpunkt  an  der  beimatlichen  Grenze
(23)  zur  Weiterbeförderung  an  die  Feldpostanstalten
im  Etappen-  und  Operationsgebiet  geleitet.  Die  vom
Feld  kommenden  Sendungen  geben  an  eigene  Postverteilungsstellen
  an  der  Heimatgrenze  uod  werden
von  da  den  Bestimmungsorten  zugeführt.  Die  Besorderung
  der  Feldpost  erfolgt  mit  Eisenbahn,  Postkraftwagen
  (24)  und  Postfuhrwerken  (25).
        <pb n="331" />
        Oefele:  Das  Etappenwesen

sem  Gebiet  der  Heeresversorgung  verlangen  die  Anforderung
  des  Bedarfes  und  die  Regelung  des  Ersatzes
ein  geordnetes  Zusammenarbeiten  der  Truppen  an
der  Front  und  der  Ersatzquellen  in  der  Heimat  mit
Hilfe  zuverlässiger  Verbindungen.

Für  die  geordnete  Zurückführung  der  Gefangenen
  ist  es  notwendig,  daß  sie  nach  der  Einbringung
  zuerst  an  besonderen  Sammelstellen  hinter
der  Front  zu  Transporten  vereinigt,  dann  in  das  Heimatgebiet
  zurückbefördert  und  dort  den  Gefangenenlagern
  zugeführt  werden.  Dies  ist  nur  durch  entsprechende
  Ausnutzung  der  rückwärtigen  Verbindungen
möglich.  Das  erbeutete  Kriegsmaterial  muß
zunächst  ebenfalls  an  den  Beutesammesstellen  gesammelt
  und  hier  gesichtet  werden.  Dabei  handelt  es  sich
um  Ausscheidung,  welche  Beutestücke  ohne  weiteres
den  eigenen  Truppen  zur  Verwendung  zugewiesen
werden  können,  welche  zur  Vornahme  kleinerer  Veränderungen
  den  Reparaturwerkstätten  hinter  der  Front
zugeführt  und  welche  zu  anderweitiger  Verwertung
oder  als  unbrauchbar  in  die  Heimat  zurückgeschafft
werden  müssen.  Auch  diese  Abtransporte  machen  ihre
Eingliederung  in  die  ganze  Organisation  des  Abschubes
  und  die  Heranziehung  der  verschiedensten
Transportmittel  zur  Notwendigkeit.

Das  Eisenbohnwesen  befaßt  sich  mit  dem  gesamten
  Eisenbahndienst  und  mit  der  Ausnutzung
der  Wasserstraßen,  und  zwar  nicht  nur  für  die  operativen
  Zwecke  des  Feldheeres,  sondern  auch  für  die
Aufgaben  der  Heeresversorgung.  Die  Eisenbahnen
sind  für  die  moderne  Kriegführung  unentbehrlich.  Sie
allein  ermöglichen  einerseits  die  für  die  Operationen
notwendigen,  schnellen  und  oft  recht  umfangreichen
Truppenverschiebungen  von  einem  Kriegsschauplatz
zum  andern,  von  dem  einen  Teil  der  Front  zu  einem
anderen;  anderseits  können  auch  nur  mit  ihrer  Hilfe
die  zahlreichen  und  fortlaufenden  Transporte  für  die
gewaltigen  Nachschübe  an  Truppen,  Verpflegung  und
Material  nach  allen  Fronten  und  für  die  nicht  minder
  großen  Abschübe,  namentlich  an  Verwundeten
und  Gefangenen,  von  den  verschiedenen  Kriegsschauplätzen
  bewältigt  werden.  Die  Durchführung  aller
dieser  Transporte  erfordert  umsichtiges  und  enges  Zusammenarbeiten
  der  zur  Mitwirkung  berufenen  Militär-
  und  Zivilbehörden,  namentlich  der  in  den  einzelnen
  Betriebsgebieten  für  die  militärischen  Anordnungen
  eingesetzten  Linienkommandanturen  und  der
den  Betrieb  führenden  Zivil=  oder  Militär-Eisenbahndirektionen.
  Dabei  sind  die  Eisenbahnstrecken
im  Heimatgebiet  im  Friedensbetrieb  belassen,  müssen
aber  den  militärischen  Anforderungen  Folge  leisten.
Die  auf  den  Kriegsschauplätzen  oder  in  deren  Nähe

elegenen  Eisenbahnen  dagegen  befinden  sich  im
iegsbetrieb,  d.  h.  für  ihren  Betrieb  sind  ausschließlich
  militärische  Zwecke  maßgebend.  Bei  manchen  dieser
  letzteren  Bahnstrecken,  vor  allem  bei  den  in  Besitz
genommenen  fremdländischen  und  den  für  Kriegswercks
  neu  angelegten,  wird  auch  der  Betrieb  durch
ag  Militär  geführt;  sie  werden  als  im  Militärbetrieb
befindlich  bezeichnet.  Die  glatte  Durchführung  der
Kriegstransporte  macht  auch  einen  zuverlässigen
Schutz  der  Bahnstrecken  gegen  Zerstörungsversuche
notwendig,  der  zwar  Sache  der  hierzu  eigens  bestimmten
  Militärbehörden  und  Truppen  ist,  von  den  Linienkommandanturen
  aber  herbeigeführt  wird.  Den
gelamten  Eisenbahndienst  für  Kriegszwecke  leitet  der
Chef  des  Feldeisenbahnwesens  im  Großen  Hauptquartier;
  er  gibt  seine  Anweisungen  durch  die  Linienkomwerk

  befördert  werden,  und  durch

263

mandanturen.  (Weiteres  siehe  in  dem  Aussatz  -Die
Eisenbahnen  im  Kriege,  S.  294  f.)  Die  schiffbaren
Wasserstraßen  werden  zur  Entlastung  und  Ergänzung
der  Eisenbahnen  für  Kriegstransporte,  vorzugsweise
von  Massengütern,  nutzbar  gemacht.  Sie  sind  für  ihre
Ausnutzung  in  die  Organisation  des  Feldeisenbahnwesens
  eingegliedert.  Die  Linienkommandanturen
sind  also  auch  für  sie  die  Organe  des  Chefs  des  Feldeisenbahnwesens
  indem  sie  den  einschlägigen  Strombauverwaltungen
  und  Schiffsunternehmern  die  militärischen
  Anforderungen  übermitteln  und  ihre  Ausführung,
  in  gleicher  Weise  wie  den  Eisenbahnverwaltungen
  gegenüber,  überwachen.

Die  Eubtelegraphie  umfaßt  das  ganze  Teleraphen-

  und  Fernsprechwesen  sowie  den  Funkenverehr
  auf  dem  Kriegsschauplatz  und  die  Sicherstellung
des  telegraphischen  Zusammenhanges  des  Feldheeres
mit  der  Heimat.  Der  zuverlässige  elektrische  Nachrichtenverkehr
  auf  dem  Kriegsschauplatz  —  gleichviel  ob
mit  oder  ohne  Draht  —  zwingt  zur  Bereithaltung
und  zum  Nachschub  des  nötigen  Leitungs=  und  Stationsmaterials
  für  die  Fernsprech=  und  Funkerformationen,
  damit  diese  die  erforderlichen  Leitungen
jeder  Zeit  nach  Bedarf  legen  und  betreiben  können.
Die  telegraphische  und  telephonische  Verbindung  der
im  Kampfe  stehenden  Streitkräfte  mit  dem  Heimatland
  verlangt  vor  allem  den  Anschluß  der  Leitungen
der  Feldtelegraphie  an  diejenigen  der  rückwärtigen
Staatstelegraphie.  Weiterer  Ausbauder  rückwärtigen
Linien  und  stete  Aufrechterhaltung  des  Anschlusses
mit  dem  Staatstelegraphennetz  sind  hier  die  Hauptaufgaben.
  Dabei  wird  das  Telegraphennetz  besetzter
feindlicher  Gebiete  in  gleicher  Weise  für  den  Nachrichtenverkehr
  ausgenutzt  wie  das  staatliche  Telegraphennetz
  des  Heimatlandes.  Gerade  dieser  Verkehr  im
Rücken  des  Heeres  ist  unerläßlich  für  den  geordneten
Nachschub  aller  Bedürfnisse  und  für  den  Abschuv.
Das  ganze  Telegraphenwesen  wird  von  dem  Chef
der  Seldieegarhi  geleitet.

Der  Feldpostdienst  schließt  die  Herstellung  und
Erhaltung  der  Postverbindungen  für  den  Dienst=  und
Privatverkehr  zwischen  den  Kriegsschauplätzen  und
dem  Heimatgebiet  in  sich.  Bei  seinem  Betrieb  arbeiten
die  heimischen  und  die  Feldpostbehörden  Hand  in  Hand.
Die  oberste  Leitung  des  Feldpostwesensauf  den  Kriegsschauplätzen
  liegt  in  den  Händen  des  Feldoberpostmeisters.
  Ihm  sind  die  Armeepostdirektoren  unterstellt.
Diese  sorgen  für  die  Verbindung  ihrer  Armee  mit  der
Heimat  durch  Einrichtung  von  Feldpostlinien,  auf
denen  die  Feldpostsendungen  von  der  Heimat  und  nach
der  Heimat  durch  Eisenbahn,  Harftwagen  oder  Fuhrrrichtung

  von
Feldpoststationen,  bei  denen  die  von  der  Heimat  kommenden
  Sendungen  verarbeitet  und  von  den  Truppen
  empfangen  und  die  für  die  Heimat  bestimmten
Sendungen  gesammelt  und  nach  rückwärts  weitergeleitet
  werden.  Die  in  der  Heimat  aufgelieserte  Feldpost
  wird  von  den  heimischen  Postanstalten  auf  die
im  Heimatgebiet  errichteten  Postsammelstellen  geleitet
und  von  diesen  den  an  der  heimatlichen  Grenze  für
die  verschiedenen  Armeen  eingerichteten  Leitpunkten
zur  Weiterbeförderung  an  die  Feldpostanstalten  zugeführt;
  bei  den  Leitpunkten  beginnt  das  Arbeitsgebiet
der  Festpostbehörden.

Die  Etappe.

Die  Durchführung  der  ziemlich  weitverzweigten
  Heeresversorgung  erfolgt  mit
        <pb n="332" />
        264

Hilfe  der  Etappe  Zu  diesem  Zweck  liegt  hinter
dem  Operationsgebiet  das  Etappengebiet,  das
sich  nach  rückwärts  bis  zur  Reichsgrenze  oder,  wenn
besetztes  feindliches  Gebiet  zwischen  dem  Kriegsschauplatz
  und  der  Heimat  in  gesonderte  Verwaltung  genommen
  ist,  bis  zur  Grenze  dieses  Generalgouvernements
  erstreckt.  Zur  Verbindung  des  Feldheeres  mit
dem  Heimatgebiet  sind  den  einzelnen  Armeen  bestimmte
  Verkehrswege  —  Eisenbahnen,  schiffbare  Wasserstraßen,
  Landstraßen  —  als  Etappenlinien  zuewiesen,

  an  denen  einzelne  Orte,  Bahnhöfe  und  Hän

  für  die  Zwecke  der  Etappe  besonders  eingerichtet
sind.  Die  von  dieser  Etappenlinie  zu  den  einzelnen
Armeekorps  usw.  abzweigenden  Verbindungen  sind
die  Etappenstraßen,  die  in  die  Marschstraßen
des  Operationsgebietes  übergehen.  An  den  Etappenlinien
  und  -straßen  liegen  zur  Regelung  und  Sicherung
  des  Verkehrs  sowie  zur  Sicherung  und  Ausnutzung
  des  Etappengebietes  und  zur  Unterbringung
der  Etappeneinrichtungen  die  Etappenorte.  In
diesen  sind  für  die  verschiedenen  Gebiete  der  Heeresversorgung
  zahlreiche  Etappenbehörden  tätig.

Die  Tatigteit  in  der  Etappe,  der  Etappendienst,
wird  bei  jeder  Armee  durch  eine  Etappeninspektion
geleitet,  an  deren  Spitze  ein  General  steht.  Diesem
ist  ein  Stab  beigegeben,  in  dem  sich  außer  General-=stabsoffizier
  und  Adjutant  noch  einzelne,  für  bestimmte
Zweige  der  Heeresversorgung  besonders  verantwortliche
  Persönlichkeiten  befinden.  So  trifft  der  Etappenintendant
  die  Maßnahmen  für  die  Verpflegung  der
Armee  und  der  Etappe  nach  den  Anweisungen  des
Armeeintendanten.  Die  Etappenmunitionsverwaltung
  regelt  die  Munitionsversorgung.  Der  Etappenarztsorgt
  für  dieärztliche  Behandlung,  Unterbringung,
Pflege,  Ernährung  und  Zurückführung  der  Berwundeten
  und  Kranken  des  Feldheeres  sowie  für  eine  ständige
  Krankenpflege  im  Etappengebiet;  ihm  ist  ein  beratender
  Hygieniker  beigegeben,  der  zur  Seuchenverhüng
  und  -bekämpfung  in  der  Regel  im  Etappengebiet
  Verwendung  findet,  im  Bedarfsfall  aber  auch
ins  Operationsgebiet  herangezogen  wird.

Die  Etappe  dient  also  der  Heeresversorgung  durch
Zuführung  von  Streitkräften  und  Heeresbedüruf  en,
durch  Ausnutzung  der  Hilfsmittel  des  Kriegsschauplatzes
  sowie  durch  übernahme  und  Ableitung  von
allem,  was  die  Armee  in  ihrer  Verwendungsfähigleit
behindern  kann.  Zu  diesem  Zwecke  stellt  sie  vor  allem
die  Heeresbedürfnisse  sicher  durch  Ausnutzung  der
Mittel  des  Etappengebieles,  besonders  wenn  dieses
im  Feindesland  liegt,  durch  Anforderung  bei  den
heimischen  Behörden,  durch  Ansammeln  der  Vorräte
im  Etappengebiet  und  durch  ihr  VBorschieben  nach  Bedarf;
  hierdei  werden  Borräte  auch  über  das  augenblickliche
  Bedürfnis  der  Armee  hinaus  angesammelt.
um  so  auch  bei  unerwartetem,  außergewöhnlichem  Bedarf
  den  Anforderungen  der  Truppen  entsprechen  zu
können.  Dann  übernimmt  sie  alles,  was  das  Feldheer
  abgibt,  und  befördert  es  zurück;  dabei  spielt  die
Fürsorge  für  die  Verwundeten  und  Kranken  eine  besondere
  Rolle.  Weiter  fällt  ihr  die  Beförderung,  Unterbringung,
  Verpflegung  und  überwachung  der  vom
Feldheer  kommenden  und  zum  Feldheer  gehenden  Personen
  und  Pferde  sowie  die  Verwaltung  der  durch
das  Etappengebiet  gehenden  Kriegsbedürfnisse  zu.
Und  schließlich  gehört  noch  zu  ihren  Aufgaben  die  Regelung
  des  Verkehrs  und  des  Nachrichtenwesens  auf
den  Etappenverbindungen  und  innerhalb  des  Etappengebietes,
  einschließlich  Unterhaltung,  Wiederher-III.

  Technik  und  Kriegführung

stellung  und  Neubau  von  Verkehrswegen  und  Nachrichtenverbindungen,
  sowie  die  militärische  und  polizeiliche
  Sicherung  des  Etappengebietes,  namentlich
der  Etappenverbindungen.

Zur  Erfüllung  aller  dieser  verschiedenartigen  Aufgaben
  ist  der  Etappendienst  bis  ins  kleinste  organisiert
und  der  geregelte  Lauf  der  Heeresversorgung
zwischen  Heimat=  und  Operationsgebiet  durch  die

Etappen-Eiurichtungen

auf  folgende  Weise  sichergestellt:

Im  Heimatgebier  liegen  die  Etappen-Anfangsorte.
  Von  hier  aus  gehen  die  Transporte  zur  Armee,
  und  durch  sie  gelangt  das  von  der  Armee  Zurückfließende
  an  die  Bestimmungsorte  in  der  Heimat.
Jedes  Armeekorps  hat  seinen  eigenen  Etappenanfangsort.
  Dieser  befindet  sich  am  Sitz  des  stellvertretenden
  Generalkommandos  und  dient  dem  Ersatz.  der
dem  Armeekorps  aus  seinem  Friedensbezirk  zuzuführen
  ist.  Quellen  für  den  Ersatz  von  Mannschaften,
Pferden,  Bekleidung,  Ausrüstung,  Sanitäts-  und  Veterinärmittel
  sind  die  Ersatztruppenteile,  Kriegsbekleidungsämter,
  Traindepots  und  heimatlichen  Sanitätsdepots
  sowie  die  einschlägige  Industrie.  Als  weitere
Ersatzquellen  kommen  in  Betracht  für  den  Munitionsund
  Waffennachschub  die  Artillerie=  und  Traindepots
  sowie  die  technischen  Institute,  Waffen-  und
Munitionsfabriken,  für  die  Verpflegung  die  Ersatz
magazine,  Ersatzviehdepots,  immobilen  Proviantäm.
ter  sodie  Konservenfabriken,  für  die  Ergänzung  von
Kraftwagen,  Motorbetriebstoffen  und  Wasserstoffgas
  die  Kraftwagendepots.  Tanklager  und  einschläigen

  Fabriken,  für  das  Gerät  für  Luftschiffer  und

lieger  die  Luftschiffer-und  Flieger-Ersatzabteilungen.
Luftschiffwerften  und  Flugzeugfabriken.  Für  die  Gestellung
  und  Lieferung  des  Ersatzes  sind  nicht  nur  die
militärischen  Anstalten  und  Fabriken  tätig,  in  diesen
vaterländischen  Dienst  sind  vielmehr  die  geiamte  Industrie
  des  Heimatlandes,  der  ganze  Handel,  das  Gewerbe
  und  Handwerk  gestellt.  rch  Schaffung  einer
großzügigen  Organisation  unter  Leitung  des  hierzu
eigens  errichteten  Kriegsamtes  ist  die  Ausnutzung
aller  Hilfsmittel  und  kräfte  der  Heimat  gewährleistet.

Auf  einer  eigenen  Sammelstation  im  Heimotgebiet
  werden  die  für  die  Armee  bestimmten  Vorräte
  aus  den  heimatlichen  Ersatzquellen  gesammelt.
für  die  Vorführung  bereit  gehalten  und  nach  Bedarf
nach  vorne  weiterbefördert.  Hier  wird  auch  umgekehrt
alles  von  der  Front  Zurückkommende  verteilt  und
den  Friedenskorpsbezirken  zugeführt.  Die  Sammelstation
  bildet  demnach  den  Anfang  der  Etappenlinie
und  ist  ein  mit  den  Etappenanfangsorten  durch  gute
Verkehrslinien  (Eisenbahnen,  Wasserstraßen)  verbundener
  Verkehrsknotenpunkt.  Hierist  zur  Ansammlung
der  Verpflegungsvorräte  ein  Proviantdepot  errichtet,
dessen  Füllung  teils  durch  unmittelbare  Einlieferung.
teils  durch  Zuführung  aus  den  Ersatzmagazinen  und
Ersatzviehdepots  erfolgt.  Außerdem  werden  hier  auch
ganze  Eisenbahnzüge  und  Schiffe,  die  mit  Verpflegungsvorräten
  von  den  heimatlichen  Ersatzquellen  zur
Sammelstation  abgeschickt  sind,  beladen  bereit  gehalten;
  diese  sowie  weitere  aus  den  Vorräten  des  Proviantdepots
  der  Sammelstation  beladene  Verpfle.
gungszüge  und  -schiffe  werden  dann  auf  Weisung
des  Armeeintendanten  in  das  Etappengebiet  vorgeführt.
  Die  Munition  ist  in  eigenen,  aus  den  Beständen
  der  heimatlichen  Artilleriedepots  beladenen  Munitionszügen
  und  sschiffen  bereilgestellt.  Zur  Unter-
        <pb n="333" />
        Defele:  Das  Etappenwesen

bringung  und  Weiterbeförderung  aller  aus  der  Heimat
  ankommenden  und  dahin  abzugebenden  Frachtstücke,
  einschließlich  der  Sanitäts=  und  Veterinärausrüstung,
  ist  ein  Güterdepot  aingerichter.  dem  eine  besondere,
  zur  Verfügung  des  Etappenarztes  stehende
Sanitätsabteilung  angegliedert  ist;  letztere  wird  aus
den  bei  den  stellvertretenden  Generalkommandos  befindlichen
  Sanitätsdepots  und  diese  wiederum  aus  dem
dem  Kriegsministerium  unterstellten  Hauptsanitätsdepot
  ergänzt.  Im  Armeebekleidungsdepot  werden  die
aus  den  Kriegsbekleidungsämtern  und  Traindepots
angesammelten  Bekleidungs=  und  Ausrüstungsstücke
bereit  gehalten.  Die  übrigen  Armeebedürfnisse,  wie
Motorenbetriebsstoffe,  Wasserstoffgas,  Flugzeuge,
Flugzeugersatzteile,  gehen  von  den  heimatlichen  Ersatzauellen
  unmittelbar  ins  Etappengebiet.

Für  unvorhergesehenen  Bedarf  an  erpflegung,  der
durch  die  Zufuhr  aus  dem  Proviantdepot  der  Sammelstation
  nicht  gedeckt  werden  lann,  sind  in  der  Heimat
  weitere  Verpflegungs-,  Mehl-  und  Haferzüge  als
bewegliche  Verpflegung  reserve  bereitgestellt.
über  diese  verfügt  jedoch  nicht  der  Armeeintendant,
sondern  der  Generalintendant  des  Feldheeres,  der  den
Ausgleich  bei  den  einzelnen  Armeen  regelt  und  daher
dem  Armeeintendanten  auf  Antrag  die  nötigen  Vorräte
  aus  dieser  Reserve  zur  Verfügung  stellt.

Im  Etappengebiet  liegt  als  Endpunkt  der  Etappenlinie
  der  Etappenhauptort.  Als  solcher  wird  ein
für  die  Verbindung  sowohl  mit  der  Heimat  wie  mit
der  Armee  günstig  gelegener  größerer  Ort  gewählt,
der  als  Sitz  der  Etappeninspektion,  zahlreicher  Etappenbehörden
  und  -einrichtungen  den  Mittelpunkt  für
den  Dienst  in  der  Etappe  bildet.  Von  hier  aus  führen
  die  Etappenstraßen  zu  den  einzelnen  Armcekorps
auf  das  Operationsgebiet.  Der  Etappenhauptort  arbeitet
  in  umgekehrtem  Sinn  wie  die  Sammelstation:
der  von  rückwärts  kommende  Ersatz  wird  hier  auf
die  Armeekorps  verteilt  und  diesen  nachgeschoben,  die
von  vorne  kommenden  Transporte  werden  hier  gesammelt
  und  nach  rückwärts  abgeschoben.  Hierzu  sind
Magazine  und  Depots  für  die  verschiedenen,  von  der
Sammelstation  und  den  anderen  heimatlichen  Ersatzquellen
  eintreffenden  Heeresbedürfnisse  errichtet,  und
werden  alle  Eisenbahn-,  Schiffahrts--  und  Straßenverbindungen
  nach  Möglichkeit  ausgenutzt.  Die  Munitionszüge
  und  -schiffe  werden  hier  durch  die  Etappenmunitionsverwaltung
  übernommen,  um  je  nach
Bedarf  entweder  zur  Entladung  weiter  vorgeführt
oder  beladen  bereit  gehalten  oder  in  das  eigens  angelegte
  Hauptmunitionsdepot  entladen  zu  werden.  Ein
Etappenmagazin  ist  mit  Berpflegungsvorräten  des
Landes  sowie  mit  den  durch  die  Verpflegungszüge  und
schiffe  aus  der  Heimat  herangeführten  Verpflegungsmitteln
  gefüllt  und  dient  dem  Etappenintendanten
zum  Verpflegungsnachschub  zhierzu  werden  auch  ganze
beladene  Eisenbahnzüge  bzw.  Schiffe  zu  weiterer  Vorführung
  und  Füllung  von  weiteren  Magazinen  bereit
  gehalten,  über  die  ebenfalls  der  Etappenintendant
nach  Bedarf  verfügt.  Zur  Versorgung  der  Armee  mit
Schlachtvieh  ist  ein  Etappenviehdepot  errichtet,  dessen
Ergänzung  aus  dem  Lande  und  durch  Nachschub  erfolgt.
  Eine  Etappenbäckerei  unterstützt  die  Tätigkeit  der
Feldbäckereien  und  versorgt  die  Etappentruppen  und
transporte  mit  Brot;  die  zu  ihr  gehörige  Schlächtereiabteilung
  pflegt  das  der  Armee  nachtttreibende  Vieh
und  schlachtet  es  nach  Bedarf  unter  Umständen  auch
für  die  Truppen  der  Armee.  In  dem  dem  Etappenarzt
  unterstehenden  Etappensanitätsdepot  sind  große

265

Vorräte  aller  Verband=  und  Arzneimittel,  ärztlicherund
  wirtschaftlicher  Geräte,  Lazarettwäsche  und  Krankenkleidung,
  Hilfsmittel  zum  Herrichten  von  Krankentransportmitteln
  usw.  aufgespeichert;  von  hier
aus  werden  alle  Feld-  und  Etappenlazarette  sowie
auch  die  Krankentransportabteilungen  mit  Sanitätsund
  Wirtschaftsgerät  versehen,  die  Vestande  des  Etappensanitätsdepots
  werden  unausgesetzt  durch  Zufuhr
aus  der  Sammelstation  ergänzt.  Ein  Etappenlazarett
  nimmt  außer  den  Kranken  der  Etappentruppen
und  "transporte  auch  Verwundete  aus  dem  Operationsgebiet
  auf,  die  in  den  vorderen  Lazaretten  keinen
Platz  mehr  finden  können.  Ein  Etappenfernsprechdepot
  sorgt  für  Vorrat  und  Nachschub  an  Stationsund
  Leitungsmaterial  für  die  Fernsprechformationen.
Ein  Etappenkraftwagenpark  hält  Kraftfahrpersonal
und  material  sowie  ein  Lager  von  Betriebsstoffen
(Tanklager),  ein  Etappenflugzeugpark  Fliegerpersonal,
  Flugzeuge  und  Ersatzteile  hierzu  bereit;  beide  führen
  auch  Instandsetzungsarbeiten  aus.  Ein  Etappenpferdedepot
  nimmt  die  von  der  Armee  abgeschobenen.
kranken  und  überzähligen  Pferde  auf  und  sammelt
brauchbare  Pferde  durch  Ankauf,  Beitreibung,  Beutepferde
  und  Nachschub  aus  der  Heimat.  Ein  Postpferde-
  und  Postwagendepot  dient  zur  Besetzung  der
Feldpostanstalten  mit  Pferden  und  Wagen  und  zur
Qufnahmedienstunfähig  gewordener  Bostpferde  Eine
Gefangenen-  und  eine  Beutesammelstelle  vervollständigen
  die  zahlreichen  Einrichtungen  eines  Etappenhauptortes,
  für  deren  geordneten  Betrieb  neben  guten
Verkehrsverbindungen  namentlich  Eisenbahnen,  auch
ausreichende  Bahnanlagen  und  große  entsprechende
Räumlichkeiten  vorhanden  sein  müssen.

Auf  der  Etappenlinie  liegt  zwischen  Sammelstation.
und  Etappenhauptort  die  übergangsstation,  so
bezeichnet,  weil  auf  ihr  der  Eisenbahnbetrieb  in  den
Kriegsbetrieb  übergeht.  Sie  bildet  somit  die  Abgrenzun
  zwischen  den  in  Kriegsbetrieb  erklärten  und  den
im  Fliedensbetriee  verbliebenen  Eisenbahnen;  hier
finden  die  beim  Kriegsbetrieb  entstandenen  Betriebsunregelmäßigkeiten
  ihre  Grenze  und  Ausgleichung.
Hieraus  ergibt  sich,  daß  die  Sammelstation  dauernd
festgelegt  bleibt,  während  der  Etappenhauptort,  den
Operationen  folgend,  weiter  vorgeschoben  wird.  Bei
weiterem  Vorwärtsschreiten  der  Operationen  wird  das
der  Heimat  renze  zunächst  liegende  besetzte  feindliche
Gebiet  zwischen  Sammel-  und  übergangsstation  einem
Generalgouverneur  zur  Verwaltung  unterstellt  und
durch  besondere  militärische  Maßnahmen  gesichert.

An  den  Etappenstraßen  liegen  die  Etappenorte.
Sie  sind  wesentlich  kleiner  als  der  Etappenhauptort
und  haben  gegeneinander  abgegrenzte  Bezirke.  Ihre
Lage  und  Zahl  richten  sich  ganz  nach  den  Bedürfnissen
der  Versorgung  und  den  Verhältnissen  des  Landes.
An  ihrer  Spitze  stehen  als  Kommandobehörden  die
Etappenkommandanturen,  die  innerhalb  ihres
Bereiches  im  kleinen  dieselben  Aufgaben  zu  erfüllen
haben  wie  die  Etappe  als  Organisation  der  Heeresversorgung
  im  großen.  Deshalb  sind  an  den  Etappenorten
  gleichfalls  zahlreiche  Magazine,  Depots  usw.
eingerichtet,  die  der  unmittelbaren  Versorgung  der
Truppen  dienen.  Vor  allem  sind  nach  Bedarf  Munitionsdepots
  errichtet,  in  welche  die  vorgeführten  Munitionszüge
  entladen  werden  und  aus  denen  die  Munitionskolonnen
  der  Armeekorps  ihre  Bestände  ergänzen,
  sofern  nicht  im  Operationsgebiet  dicht  hinter
der  Armee  eigene  Munitionsausgabestellen  angelegt
sind.  Für  die  Versorgung  mit  Verpflegung  sind  auch
        <pb n="334" />
        266

hier  Etappenmagazine  eingerichtet,  oder  es  sind  eigene
Etappenausgabestellen  errichtet,  aus  denen  die  Verpflegungskolonnen
  der  Armeekorps  empfangen.  Bei
den  vordersten  Etappenmagazinen  werden  durch  den
Etappenkraftwagenpark  Tankstellen  bereit  gehalten,
aus  denen  die  Betriebsstoffe  durch  die  Truppen  nach
Bedarfentnommen  werdenkönnen.  Etappenbäckereien
und  Hilfsbäckereien  unterstützen  auch  hier  die  Feldbäckereien
  und  führen  im  Bedarfsfall  den  Truppen
Brot  zu.  Zum  gleichen  Zweck  wie  im  Etappenhauptort
bestehen  auch  an  den  Etappenorten  Etappenlazarette;
ihnen  sind  zur  Unterbringung  von  Verwundeten  und
Kranken,  deren  Wiederherstellung  zur  Dienstfähigkeit
in  kurzer  Zeit  zu  erwarten  ist,  besondere  Leichtkrankenabteilungen
  angeschlossen.  Außerdem  sind  auch
eigene  Kriegslazarette  zur  Aufnahme  der  von  vorne
kommenden  Verwundeten  und  Kranken  errichtet  und
werden  die  beweglichen  Feldlazarette  durch  übernahme
der  nicht  transportfähigen  Verwundeten  sowie  durch
Ablösung  des  Feldlazarettpersonals  und  materials
durch  Etappenpersonal  und  -material  in  solche  stehende
Kriegslazarette  umgewandelt.  Beim  Auftreten  von
Seuchen  werden  abseits  der  Verkehrsstraßen  besondere
  Seuchenlazarette  angelegt.  An  den  Bahnhöfen
und  Häfen  sowie  an  sonst  geeigneten  Orten  sind  Verband-,
  Erfrischungs-  und  Krankensammelstellen  eingerichtet.
  In  allen  diesen  Lazaretten  und  Einrichtungen
  des  Etappengebietes  ist  männliches  und  weibsches
  Personal  der  freiwilligen  Krankenpflege  tätig.
Aus  Mannschaften,  die  nicht  mehr  krank,  aber  für  den
Felddienst  doch  noch  nicht  brauchbar  sind,  werden  Genesungsabteilungen
  gebildet,  die  unter  militärischem
Befehl  und  ärztlicher  Aussicht  zu  leichteren  Diensten
im  Rücken  der  Armee  verwendet  werden.  Werkstätten
  sind  zur  Ausbesserung  und  Instandsetzung  von
Bekleidung,  Ausrüstung  und  Kriegsmaterial  errichtet;
Etappenpferdedepots,  Gefangenen-  und  Beutesammelstellen
  sind  auch  hier  angelegt.  Feldpoststationen
dienen  zur  Postabfertigung  und  zur  Aufrechterhaltung
  der  Postverbindungen  zwischen  dem  Feldheer
und  der  Heimat.

Der  Bereich  der  vordersten  Etappenkommandanturen
  reicht  bis  an  das  Operationsgebiet
heran.  Dieses  ist  zwar  zur  Schaffung  klarer  Verhältnisse
  bezüglich  Ausnutzung  und  Sicherung  des
Landes  gegen  das  Etappengebiet  genau  abgegrenzt;
trotzdem  sind  aber  die  vordersten  Etapbenmaßazinedepots
  und  ausgabestellen,  bei  denen  die  Kolonnen
der  Armeekerps  empfangen,  zu  deren  Entlastung
ohne  Rücksicht  auf  die  Etappengrenzen  so  weit  in  das
Operationsgebiet  hinein  vorgetrieben,  wie  es  die  Leistungsfähigkeit
  der  Etappen-Transportmittel  nur
irgendwie  zuläßt.  Ist  z.  B.  ein  stärkerer  Munitionsverbrauch
  vorausfusehen  oder  ist  der  Weg,  den  die
Korps-Munitionskolonnen  zu  den  vordersten  Munitionsdepots
  zurückzulegen  haben,  zu  groß,  so  wird  die
Munition  aus  diesen  epots  durch  Transportmittel
der  Etappe  an  eigene  Munitionsausgabestellen
vorgeführt,  die  von  der  Etappe  möglichst  dicht  hinter
der  Armee  eingerichtet,  dauernd  nachgefüllt  und  im
weiteren  Verlauf  der  Operationen  entweder  zu  Etappenmunitionsdepots
  umgewandelt  oder  wieder  aufgelöst
  werden.  Auch  für  die  Versorgung  mit  Verpflegung
  werden  im  Bewegungskrieg,  wenn  die  Punkte,

is  zu  denen  die  leeren  Verpflegungskolonnen  der
Korps  zurückgeschickt  werden  können,  einem  dauernden
  Wechsel  unterworfen  sind,  an  diese  Punkte  nach
Bedarf  Vorräte  vorgeschoben  und  so  eigene  Etap-III.

  Technik  und  Kriegführung

penausgabestellen  errichtet,  die  dann  nach  Aufbrauch
  der  Vorräte  wieder  eingehen  oder  in  Etappenmagazine
  ungewandelt  werden.

ur  Beförderung  des  Nach-  und  Abschubes  werden

  als
en  a  Etappen-Transportmittel

alle  verfügbaren  und  geeigneten  Hilfsmittel  ausge
nutzt.

n  der  Hauptsache  wird  der  Transport  durch  die
Eisenbahnen  bewirkt.  Deshalb  ist  ihr  Betrieb  bis
möglichst  hahe  an  die  Front  vorgeführt  und  das  vorhandene
  Bahnnetz  durch  Anlage  neuer  Bahnstrecken
nach  Tunlichkeit  noch  erweitert.  Dies  gilt  besonders
für  den  Stellungskrieg,  wo  hinter  den  Stellungen  die
Eisenbahnlinien  nach  Kräften  ausgebaut  sind.  Dabei
  werden  die  Eisenbahnen  für  alle  Transportzwecke
herangezogen.  Bei  den  Nachschubtransporten  handelt
  es  at  um  die  Beförderung  von  Truppen  mit
ihrem  Zubehör  sowie  von  Kriegsbedürfnissen  aller
Art,  wie  lebendes  Bieh  und  andere  Verpflegungsmittel,
  Munition  und  Sprengstoffe,  Bekleidung  und
Ausrüstung,  Waffen  und  Geräte,  Luftfahrzeuge,  Betriebsstoffe,
  Postsendungen  usw.  Die  Abschubtransporte
  sind  vor  allem  Kranken=  und  Kriegsgefangenentransporte
  sowie  Transporte  von  Beutematerial
aller  Art.

Bei  den  dem  Truppenersatz  dienenden  Transporten
werden  Mannschaften,  Pferde,  Geschütze,  Fahrzeuge
und  sonstiges  Kriegsgerät  in  besonderen  Militärzügen
befördert.  Zum  Verpflegungsnachschub  werden  meist
ganze  Bieh-,  Verpflegungs-,  Mehl-=  und  Haferzüge
zusammengestellt.  Auch  für  den  Munitionsnachschub
und  Geräteersatz  sind  anze  Munitionszüge  und  besondere
  Züge  für  den  Geräte-  und  Sprengmunitionsersa
  gebildet.  Der  Gas=  und  Benzinnachshub  erfolgt
auf  der  Bahn  in  eigenen  Tankwagen.

Der  überführung  der  Verwundeten  und  Kranken
in  die  Heimat,  welche  durch  die  dem  Etappenarzt  unterstehende
  Krankentransportabteilung  besorgt  wird,
dienen  legene  Lazarett-,  Hilfslazarett-,  Vereinslazarett-
  und  Krankenzüge.  Lazarettzüge  sind  vorbereitete
und  mit  allen  Einrichtungen  sowie  ständigem  Arzteund
  Pflegepersonal  versehene,  fahrbare  Lazarette  der
Heeresverwaltung  und  dienen  zum  Transport  nur
solcher  Kranker,  die  liegen  müssen.  Hilfslazarettzüge
dienen  dem  gleichen  Zweck  und  sind  in  ähnlicher  Weise
ausgestattet;  sie  waren  jedoch  eigentlich  nur  für  vorübergebende
  Benutzung  gebildet  und  sind  erst  im  Laufe
des  Krieges  zu  ständigen  Formationen  umgewandelt
worden.  Dasselbe  gilt  von  Lazarettzügen  der  freiwilligen
  Krankenpflege,  den  sogenannten  Vereinslazarettzü#gen;
  diese  sind  zwar  nach  den  für  die  Lazareitzüge
  geltenden  Bestimmungen  der  Heeresverwaltung,
  abernicht  von  dieser  selbst,  sondern  von  Stiftern

itterorden,  Vereinen  vom  Roten  Kreuz,  Provinzen,

tädten,  einzelnen  Personen  usw.)  eingerichtet  und
dem  Heere  zur  Verfügung  gestellt.  Krankenzüge  dagegen
  dienen  in  der  Regel  nur  zur  Beförderung  von

ranken,  die  sitzend  fahren  können;  sie  werden  nach
Bedarf  aus  gewöhnlichen  gedeckten  Eisenbahnwagen
aller  Art  ohne  besondere  Vorbereitung  zusammengestellt;
  doch  werden  in  dringenden  Fällen  auch  in
diesen  Zügen  liegende  Kranke  mitbefördert.  Für  den
Rücktransport  der  Gefangenen  und  der  Kriegsbeute
werden  gleichfalls  besondere  Gefangenen=  und  Beutezüge
  zusammengestellt.

8  Ergänzung  bes  Eisenbahnnetzes  werden  Feldbahnen
  gelegt.  Sie  haben  die  Bedürfnisse  der  Armee
        <pb n="335" />
        Defele:  Das  Etappenwesen

von  den  Endpunkten  der  Eisenbahn  weiter  vorzuschieben.
  Neben  Munition,  Proviant  und  anderen  Vorräten
  werden  mit  der  Feldbahn  bei  Bedarf  auch  Mannschaften
  befördert.  Zum  Verwundetentransport  sind
die  Feldbahnwagen  mit  besonderen  Gerüsten  zum
Einfügen  der  Krankentragen  ausgestattet.

Eine  weitere  Erleichterung  der  Haführ  und  des  Abschubes
  bieten  die  als  Roll=  oder  Drahtseilbahnen  angelegten
  Förderbahnen.  Ihre  Verwendung  beschränkt
  sich  natürlich  nur  auf  den  Stellungs-  und
Festungskrieg.  Hier  aber  können  sie  bei  der  Beförderung
  von  Munition,  Verpflegung  und  sonstigem
Material  gute  Dienste  leisten  und  auch  zum  Verwundetentransport
  ausgenutzt  werden.  In  manchen  Fällen,
  namentlich  im  Gebirge,  ermöglichen  Drahtseilbahnen
  überhaupt  erst  den  Nachschub.

Sind  schiffbare  Wasserstraßen  vorhanden,  so
werden  auch  diese  herangezogen.  Dabei  kann  es  sich
natürlich  nur  um  die  Beförderung  von  solchen  Massengütern
  handeln,  deren  Eintreffen  am  Zielpunkt
nicht  an  kurz  bemessene  Fristen  gebunden  ist,  und  die
durch  den  Wassertransport  nicht  leiden.  Als  solche
kommen  für  den  Nachschub  Verpflegungsmittel,  Munition
  und  Waffen,  Bekleidungs=  und  Ausrüstungsstücke,
  Feldgerät  und  unter  Umständen  auch  Belagerungsmaterial,
  für  den  Abschub  das  vom  Feldheer
zurückzuführende  unbrauchbare  Material  und  Kriegsbeute
  in  Betracht.  Auch  hier  sind  für  den  Munitions-=und
  Verpflegungstransport  ganze  Schiffe  als  Munitions-
  und  Verpflegungsschiffe  eingerichtet.  Truppen
  werden  auf  Wasserstraßen  nur  unter  besonderen
Verhältnissen,  Pferde  und  lebendes  Vieh  nur  ausnahmsweise
  befördert.  Dagegen  findet  der  Rücktransport
  von  Verwundeten  und  Kranken  in  besonders
eingerichteten  Schiffen  statt.  Hierzu  gibt  es  eigene
Lazarett-,  Hilfslazarett=  und  Krankenschiffe,  die  den
gleichen  Zwecken  dienen  wie  die  Lazarett-,  Hilfslazarett-
  und  Krankenzüge  und  ähnlich  ausgestattet  sind.

Von  den  Endpunkten  der  Eisenbahnen  und  Wasserstraßen,
  d.  h.  von  den  Punkten,  wo  der  sichere
Eisenbahnbetrieb  oder  die  Schiffahrt  endet,  erfolgt
der  Transport  auf  Landstraßen  durch  Pferdeund
  Kraftwagenkolonnen.

Die  Kraftwagenkolonnen  spielen  dabei  eine
besonders  wichtige  Rolle.  Sie  können  trotz  ihrer  gro-#ien
  Ladefähigkeit  weite  Entfernungen  rasch  zurücklegen
  und  sind  durch  ihre  hohe  geistungssähigten  den
Pferdekolonnen  bedeutend  üÜberlegen.  Essind  deshalb
zum  Nachschub  von  Verpflegung,  Munition  und  Ausrüstung,
  zum  Herbeischaffen  von  Kriegsgerät  aller
Art,  von  Rohstoffen  usw.,  zum  Abschub  von  Kriegsbeute,
  Material  usf.  eigene  Kraftwagenkolonnen  gebildet,
  die  je  nach  den  Anforderungen,  die  an  die  Beweglichkeit
  und  das  Fassungsvermögen  der  einzelnen
  Kolonnen  gestellt  werden,  aus  schweren  oder
leichten  Typen  von  Lastkraftwagen  zusammengestellt
sind.  Für  den  Verwundetentransport  sind  besondere
Sanitätskraftwagenkolonnen  gebildet.  —  Vgl.  den
Aufsatz-Kraftwagen  und  Kraftwagenzüge-,  Bd.  J,
S.  279ff.

Der  Landtransport  innerhalb  des  Etappengebietes
  geschieht  durch  die  Etappenkolonnen.  Hierbei
  dienen  die  Etappenfuhrpark.  und  Verpflegungskraftwagenkolonnen
  zur  Nachführung  von  Lebensmitteln
  zur  Armee,  die  Magazinfuhrparkkolonnen  zur
Füllung  und  Verlegung  der  Magazine.  Den  Transport
  der  Munition  besorgen  die  Etappenmunitionskolonnen
  und  Munitionskraftwagenkolonnen;  im

267

Bedarfsfall  werden  hierzu  auch  die  Etappenfuhrparkkolonnen
  verwendet.  Die  Verpflegungs-=  und  Munitionskraftwagenkolonnen
  werden  hauptsächlich  bei
unerwartet  eintretendem  Bedarf  und  durch  möglichst
  weites  Vorziehen  ins  Operationsgebiet  auskat

  Diese  Überlegenheit  können  sie  besonders  bei

en  schwierigen  Verhältnissen  eines  raschen  Vormarsches
  oder  einer  Verfolgung  in  bester  Weise  zur
Geltung  bringen.

Der  Nachschub  im  Operationsgebiet  ist  nicht  mehr
Sache  der  Etappe,  sondern  erfolgt  durch  die  Kolonnen
  der  Korps  und  Truppenfahrzeuge.  Die
Verpflegungsmittel  gelangen  durch  die  Proviant=  und
Fuhrparkkolonnen  der  Armeekorps  aus  den  Etappenmagazinen
  und  ausgabestellen  zu  den  im  Operationsgebiet
  für  die  Divisionen  errichteten  Feldmagazinen
und  Ausgabestellen,  bei  denen  dann  die  Truppen  ihren
Bedarf  durch  ihre  Lebensmittel-  und  Futterwagen  in
Empfang  nehmen.  Diese  Verpflegungskolonnen  der
Armeekorps  und  die  Verpflegungsfahrzeuge  der  Truppen
  sind  mit  Pferden  bespannt,  sofern  nicht  wegen  des
Geländes,  wie  im  Gebirgskrieg.  Tragtiere  verwendet
  werden  müssen.  Im  Stellungskrieg  wird  die
Verpflegung  vielfach  durch  die  Etappe  mit  Eisenbahn
oder  Kraftwagen  bis  an  die  Truppe  zur  unmittelbaren
  Umladung  auf  deren  Verpflegungsfahrzeuge  vorgebracht,
  so  daß  dadurch  Etappen=  und  Korpsverpflegungskolonnen
  für  andere  Arbeiten  frei  sind.  Die
Munition  wird  bei  den  Etappenmunitionsdepots  und
ausgabestellen  durch  die  Infanterie-  und  Artilleriemunitionskolonnen
  der  Armeekorps  empfangen,  aus
denen  wiederum  die  Ergänzung  der  Patronen=  und
Munitionswagen  der  schuenden  Truppen  erfolgt.
Auch  diese  Kolonnen  und  Fahrzeuge  sind  mit  Pferden
  bespannt  oder  unter  Umständen  durch  Tragtiere
ersetzt.  Auch  die  Munitionskraftwagenkolonnen  der
Etappe  fahren,  namentlich  bei  den  schweren  Kalibern,
häufig  bis  an  die  Geschütze  selbst  heran  und  führen
diesen  ihre  Munition  ohne  Umladung  zu.  Den  Kavalleriedivisionen
  stehen  zum  Nachschub  besondere  Kavalleriekraftwagenkolonnen
  zur  Verfügung,  weil  nur
diese  der  Kavallerie  folgen  können.

Die  Rückbeförderung  der  transportfähigen  Verwundeten
  ins  Etappengebiet  auf  den  Landwegen  geschieht
  gleichfalls  durch  die  Krankentransportabteilung
  mit  Hilfe  von  Sanitätskraftwagenkolonnen,
  anderen  Kolonnen  und  sonstigen  Fahrzeugen
jeder  Art.  Die  Sanitätskraftwagenkolonnen  bestehen
aus  besonders  gebauten  Sanitätskraftwagen,  aus
du  fs-  und  Behelfskrankenkraftwagen.  Erstere  sind  zum

eil  offen  gehalten,  zum  Teil  als  halbgeschlossene  und
auch  als  ganzgeschlossene  Kastenwagen  gebaut.  Automobilomnibusse
  und-aussichtswagen  sind  zum  Transport
  von  Schwer=  und  Leichtverwundeten  als  Hilfs.
krankenwagen  eingerichtet,  leichte  Lastkraftwagen  werden
  als  Behelfökrankenwagen  verwendet.  Außerdem
werden,  namentlich  nach  großen  Gefechten,  auch  alle
anderen  Kraftwagen,  gleichviel  welcher  Bauart,  herangezogen.
  Von  den  Kolonnen  werden  bei  Bedarf  vor
allem  die  dem  Munitions-  und  Verpflegungsnachschub
dienenden  Etappenkraftwagenkolonnen  und  die  Kavalleriekraftwagenkolonnen
  dem  Verwundetentransport
  nutzbar  gemacht;  auch  die  Etappenfuhrparkkolonnen
  und  sonstige  zurückgehende,  entleerte  Kolonnen
  der  Etappe  können  hierzu  verwendet  werden.
Endlich  werden  im  Bedarfsfall  alle  verfügbaren  und
geeigneten  Fahrzeuge  und  Fuhrwerke  für  den  Krankentransport
  hergerichtet  und  benugt.
        <pb n="336" />
        268

Der  glatte  Verlauf  des  ganzen  Nach·  und  Abschubes
ist  nur  möglich  durch  entsprechenden
Schutz  des  Etappengebietes.

Insbesondere  bedürfen  die  Etappenorte  mit  ihren
Einrichtungen  und  die  in  Anspruch  genommenen  Verkehrsverbindungen
  einer  örtlichen  Sicherung  gegenüber
  feindlichen  Truppen  oder  feindlich  gesinnter  Bevölkerung.
  Schon  das  einfache  Durchbrechen  einer
Straße  und  das  Aufheben  der  dort  befindlichen  Niederlagen
  durch  feindliche  Abteilungen  kann  Unordnung
  aller  Art  und  schlimmere  Folgen  für  die  Versorgung
  mit  sich  bringen.  In  noch  viel  höherem
Grade  gilt  dies  von  der  Störung  des  Bahnbetriebes,
die  bei  mangelhafter  Sicherung  leicht  und  sogar  auf
längere  Zeit  wirksam  herbeigeführt  werden  kann.

Der  Schutz  des  Etappengebietes  wird  zwar  im  allgemeinen
  durch  die  Operationen  und  kämpfenden

ruppen  selbst  erreicht.  Die  besondere  örtliche  Sicherung
  des  Etappengebietes  und  der  Etappenverbindungen
  ist  aber  Sache  eigener  Etappentruppen
  und  erfordert  besondere  Schutzmaßnahmen.
  Die  Etappentruppen  sind  den  Etappenkommandanturen
  nach  Bedarf  zugewiesen  und  werden
von  diesen  zu  Wach-  und  sonstigen  Sicherheitsdiensten
verwendet.  Wichtige  Punkte  Ssind  unter  Umständen
durch  Feldbefestigungen  verstärkt  und  mit  ständigen
Abteilungen  besetzt.  An  Bahnhöfen.  Brücken.  Unterführungen,
  Tunnels  und  sonstigen  Kunstbauten  sind
Sicherheitswachen  und  -posten  aufgestellt  und  entsprechende
  Vorkehrungen  gegen  feindliche  Anschläge  sowie
  gegen  Unternehmungen  aus  der  Luft  getroffen.
Streifzüge  leicht  beweglicher  Truppenabteilungen  dienen
  dazu,  Unbotmäßigkeiten  der  Bevölkerung  und
die  Bildung  feindlicher  Freischaren  zu  verhindern.
Ein  reger  Mutkouillendienst  trägt  zur  weiteren  Sicherung
  des  Etappengebietes  bei.  Alle  Nachrichtenmittel
und  alle  Organe,  die  das  Nachrichtenwesen  zu  fördern
vermögen,  sind  zur  Erreichung  eines  zuverlässigen
Nachrichtendienstes  ausgenutzt;  dabei  ist  besonders
für  sichere  Verbindung  der  benachbarten  Etappenorte,
der  stehenden  Wachen  und,  wenn  irgend  möglich,  auch
der  herumstreifenden  Abteilungen  gesorgt.  Vor  allem
wird  der  Nachrichtenverkehr  innerhalb  der  Bevölkerung
  streng  überwacht.  Beifeindlicher  Haltung  der  Bevölkerung
  sind  besondere  Maßnahmen  gegen  Widersetzlichkeiten
  und  überraschungen  getroffen.

Die  Sicherung  der  Etappenlinien  weiter
rückwärts,  in  den  unter  besondere  Verwaltung  genommenen
  feindlichen  Gebieten  und  im  Heimatgebiet,
ist  Sache  der  Generalgouvernements  und  der  stellvertretenden
  Generalkommandos  und  erfolgt  in  ähnlicher
  Weise  wie  im  Etappengebiet.  —  Der  sichere

Berlauf  der  Heeresversorgung

stellt  an  die  Etappe  gewaltige  Anforderungen,  weil
die  Operationen  durch  die  Rücksicht  auf  die  Ver-III.

  Technik  und  Kriegführung

sorgung  niemals  gehemmt  oder  gar  unmöglich  gemacht
  werden  dürfen.  Deshalb  erfordert  er  vor  allem
eine  vorausschauende  Regelung,  dann  aber  auch  große
Anpassungsfähigkeit  an  die  wechselnden  Verhältnisse
des  Krieges.  Denn  die  ganze  Heeresversorgung  geht
im  raschen  Bewegungskrieg  anders  vor  sich  als  beim
langwierigen  Stellungskrieg,  im  Krieg  auf  dem  g
gangbaren  Flachland  anders  als  im  schwierigen  Gebirgskrieg;
  sie  ist  beim  Vormarsch  anders  als  in  der
Schlacht,  während  ruhigerer  Kampfzeiten  andexs  als
vor  der  Entscheidung.  In  jedem  Fall  aber  handelt
es  sich  für  die  Etappe  darum,  den  Nach=  und  Abschub
in  der  zweckmäßigsten  Weise  sicherzustellen.

Schon  während  der  Versammlung  muß  dafür  gesorgt
  werden,  daß  gleich  bei  Beginn  der  Operationen
ein  regelmäßiger  und  selbsttätiger  Lauf  des  Nachschubes
  einsetzen  kann.  Während  der  Operationen  bilden
die  Etappen-  und  Kraftwagenkolonnen  das  Bindegieh
  zwischen  Eisenbahn  und  Korpskolonnen;  die

raftwagenkolonnen  dienen  hierbei  zu  weitgehender
Entlastung  der  Pferdekolonnen.  Dies  gilt  besonders
beim  Vormarsch.  Bei  längerem  Vormarsch  ist  es  aber
notwendig,  daß  vor  allem  der  Eisenbahnbetrieb  der
Armee  ununterbrochen  folgt.  damit  in  der  geregelten
Zufuhr  aus  der  Heimat  keine  Schwierigkeiten  entstehen.
  Bei  bevorstehender  Entscheidung  ist  die  rechtzeitige
  Heranführung  reichlicher  Munitionsvorräte  die
wichtigste  Aufgabe,  denn  dann  ist  Munition  wichtiger
als  Verpflegung.  Deshalb  werden  alle  verfügbaren
Kolonnen  dem  Munitionsnachschub  dienstbar  gemacht.
Während  der  Kämpfe  geht  die  Munitionszufuhr  unausgesetzt
  weiter.  Dabei  darf  aber  auch  die  Versorng
  mit  Lebensmitteln  keine  Stockung  erleiden;  die
ranken-  und  Verwundetenfürsorge  kommt  dazu,  und
die  Versorgung  der  Kriegsgefangenen  ist  ins  Auge
zu  fassen.  Nach  der  Schlacht  hat  wiederum  der  Munitionsnachschub
  den  Vorrang  vor  allen  Transporten.
  Bei  der  Verfolgung  nach  siegreicher  Schlacht
kommt  zum  erhöhten  Munitionsnachschub  noch  der
Abtransport  zahlreicher  Verwundeter  und  Gefangener
  sowie  der  Kriegsbeute;  dann  wird  aber  auch
der  beschleunigte  Nachschub  alles  Sonstigen  nötig,
und  dazu  bedarf  es  in  erster  Linie  schneller  Weiterführung
  des  Eisenbahnbetriebes.  Beim  Kampf  um
Festungen  und  im  Stellungskrieg  handelt  es  sich  nicht
nur  um  die  Zuführung  des  gesamten  Verpflegungebedarfes,
  sondern  auch  um  den  Transport  von  schwerem
  Geschütz,  sonstigen  Belagerungsmitteln  und  großen
  Munitionsmengen.  Dies  erfordert  den  Ausdan
der  Eisenbahnen  für  den  Betrieb  mit  schweren  Zügen,
die  Anlage  von  Feld-  und  Förderbahnen  und  die
Verbesserung  der  Landstraßen,  namentlich  für  den
Lastenverkehr.  Dafür  ist  aber  der  ganze  übrige  Nachund
  Abschubtransportdienst  wesentlich  erleichtert,
weil  die  Magazine,  Depots,  Lazarette  usw.  zu  ständigen
  Anlagen  eingerichtet  sind.

Das  Sionierwesen
von  Hauptmann  a.  D.  Oefele  in  Würzburg
Hierzu  Tafeln  ?  Pionierwesen  I  und  1I4.
Allgemeines.
Der  Krieg  stellt  die  Truppen  aller  Waffen  vor  Aufaben,
  die  sie  nur  mit  Hilfe  von  Pionierarbeiten  zu
ewältigen  vermögen.  Die  Ausführung  solcher  Arbeiten

  kann  notwendig  werden  nicht  allein  im  Kampf
bei  Angriff  und  Verteidigung,  sondern  auch  bei  Märschen
  und  während  der  Ruhe,  nicht  nur  in  den  stabilen
  Verhältnissen  des  Festungs-  und  Stellungskampfes,
  sondern  auch  beim  Bewegungskrieg  und  in  der
offenen  Feldschlacht,  ganz  vorne  am  Temde  ebenso
wie  im  Rücken  der  fechtenden  Truppen,  bei  der  Tätigkeit
  am  Tag  in  gleicher  Weise  wie  bei  Unternehmun-
        <pb n="337" />
        Pionierwesen  I.

—

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Abgebrannte  Brücke  bel  Kowno.

*#“  ———  -  ..
zis-·.k  *  "  .  *  #  .  .

4.  Schwlmmender  Brückensteg  dber  dle  Nethe.

—h.

9

—  —

6.  bersetzen  von  Maschlnengewehren  mit
Fahrzeugen  auf  Fähre  aus  Pontons  neuer  Art.

aus  Kavallerle-Brückengernt.

—  —

r  ũiberschwemmte

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ke  aus  Behell  materlal  übe

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s  Gebiel.
        <pb n="338" />
        Pionierwesen  II.

-  —  —  E&amp;amp;"(

1.  Gesprengte-  Eisenbaoh  ndrüc  ke  bei  Tauroggen.

Dontonbrücke  üher  die  Witija.  **21  «  4.  Leuchtraketen.

Gesprengter  Bahnhots  -Wasserturm.

6.  Vom  Flugzeug  abgewortene  Schieinwerser  in  Tätigkeit.
Fallschirm-leuchthombe.
        <pb n="339" />
        Oefele:  Das  Pionierwesen

gen  in  der  Nacht  —  kurz  in  allen  Lagen  und  bei  allen
Gelegenheiten.  Immer  und  überall  haben  diese  Arbeiten
  den  Zweck,  den  eigenen  Truppen  das  Herankommen
  an  den  Feind  zu  ermöglichen,  dem  Gegner
aber  die  Annäherung  zu  erschweren  und  zu  verwehren
und  ihm  nach  Möglichkeit  Schaden  zuzufügen.

Die  vorkommenden  Pionierarbeiten.

Ein  kurzer  überblick  über  die  hauptsächlichsten  im
Kriege  vorkommenden  Arbeiten  zeigt  die  Notwendigleit
  und  Möglichkeit  ihrer  Ausführung,  gibt  gleichzeitig
  aber  auch  ein  Bild  von  ihrer  Vielseitigkeit.

Schon  bei  den  Eisenbahntransporten  können  Pionierarbeiten
  erforderlich  werden,  wenn  in  Notfällen,
wie  z.  B.  bei  Betriebsstockungen,  Unfällen  oder  Störungen
  des  Betriebes  in  der  Nähe  des  Feindes,  Truppenzüge
  auf  freier  Strecke  entladen  werden  müssen.
  Hier  gilt  es,  Notrampen  zu  bauen  und  das  Ausladen
  von  Pferden  und  Fahrzeugen  rasch  und  doch
geordnet  durchzuführen.

Dann  kommen  die  Wegearbeiten.  Für  die  Ausführung
  großer  Heeresbewegungen,  für  den  Vormarsch
  und  den  Rückzug,  beim  Kampf  um  befestigte
Feldstellungen  und  Festungen  sowie  im  Etappengebiet
ist  die  Erhaltung  des  bestehenden  Wegenetzes  von  besonderer
  Bedeutung.  Unter  dem  Verkehr  der  schweren
Fahrzeuge  der  Artillerie,  der  unendlich  vielen  Fahrzeuge
  der  Bagagen,  Kolonnen  und  Trains,  der  Kraftwagen
  und  Armeelastzüge  geraten  selbst  die  besten
Straßen  rasch  in  unbrauchbaren  Zustand;  sie  müssen
daher  beauffichtigt  und  rechseiig  instand  gesetzt  werden.
  Weniger  fest  ausgebaute  Wege  müssen  verstärkt
und  verbreitert,  Naturwege  gebessert  und  unterhalten
werden.  Für  bestimmte  Gesechtszwecke,  wie  für  den
Vormarsch  zum  Gefecht  und  im  Rücken  von  Stellungen,
  können  Ergänzungen  des  Wegenetzes  notwendig
sein;  hier  handelt  es  sich  meist  darum,  Kolonnenwege
durch  Benutzung  von  Waldschneusen  oder  Wirtschaftswegen
  oder  für  den  Marsch  auerfeldein  herzurichten.
Bewegungen  im  Gebirge,  in  Weich=  und  Sumpfland,
durch  Wälder,  im  Winter  bei  Eis  und  Schnee  erfordern
  wieder  besondere  Arbeiten.

Mit  Wegebau  und  Sbesserung  gehen  Hand  in  Hand
die  etwa  erforderliche  Verstärkung  und  Wiederherstellung
  der  vorhandenen  Brücken  im  Zuge
der  Wege  und  Marschrichtungslinien.  Hierzu  kommt
noch  die  Herstellung  neuer  Brücken  über  Wasserläufe,
  wenn  die  Instandsetzung  zerstörter  Brücken  zu
zeitraubend  ist,  die  Fortführung  der  Kriegshandlung
auf  dem  jenseitigen  Ufer  aber  den  übergang  erfordert.
Dabei  handelt  es  sich  beim  Uferwechsel  sern  von  feindlicher
  Einwirkung  um  eine  rein  technische  Täligkeit.

Anders  liegt  die  Sache  beim  überwinden  von
Flußläufen  und  anderen  Gewässern  angesichts  des
Feindes.  Solche  Übergänge  sind  nicht  bloße  Pionierarbeiten,
  sondern  taktische  Handlungen,  bei  denen  nur
das  innigste  Zusammenwirken  aller  Waffen  den  Erfolg
  verbürgt.  Für  das  Verfahren  sind  hier  verschiedene
  Gesichtspunkte  maßgebend,  je  nachdem  dabei
übergänge  im  Vormarsch  oder  im  Rückmarsch  in  Frage
stehen.  Das  Gelingen  des  technischen  Teiles  der  Unternehmung
  bildet  aber  immer  die  Grundlage  für  ihre
Gesamtausführung;  es  muß  einem  kampfbereiten
Feind  gegenüber  durch  Waffengewalt  erzwungen  werden,
  wenn  der  Erfolg  nicht  durch  einen  überraschenden
übergang  herbeigeführt  werden  kann.  Im  Vormarsch
erfolgt  der  Uferwechsel  durch  übersetzen  mit  darauf  folgendem
  Brückenschlag  oder  für  kleinere  Abteilungen

269

durch  Ubersetzen  allein.  Dabei  handelt  es  sich  um  Verwendung
  des  Kriegsbrückengerätes  und  um  denetwaigen
  Ersatz  der  Kriegsbrücke  nach  beendetem  übergang
der  Truppen  durch  eine  Behelfsbrücke.  Auch  Maßnahmen
  gegen  feindliche  Jerstbrungsversuche,  wie  treibende
  Minen.  Flöße,  Brander,  können  nötig  werden.
Bei  kleineren  Unternehmungen  kommen,  wenn  es  an
Gerät  mangelt,  statt  einer  festen  Brücke  fliegende
Brücken  und  Zugsähren  zur  Verwendung;  bei  kleineren
  Gewässern  können  auch  tragbare  Schnellbrücken
ausgenutzt  werden.  Im  Rückzuge  kommtfür  die  Masse
der  Truppen  lediglich  der  übergang  auf  Brücken  in
Betracht.  Nur  die  bis  zuletzt  am  Feinde  gebliebenen
Teile,  welche  die  Brücke  nicht  mehr  benutzen  können,
werden  durch  Übersetzen  oder  mit  Schnellbrücken  geborgen.
  Hier  müssen  die  Brücken  besonders  stark  gebaut
  und  zu  schnellem  Rückbau,  zum  Abfahren  oder
zur  Zerstörung  vorbereitet  sein.

Auch  bei  der  Berteidigung  von  Flußlinien
sind  Pionierarbeiten  unentbehrlich.  Hier  müssen  vorhandene
  übergänge  über  den  Fluß  gesperrt,  zerstört
oder  zur  Zerstörung  vorbereitet,  Furten  ungangbar
gemacht  werden.  Die  Flußfahrzeuge  müssen  geborgen
oder  vernichtet.  Holzflöße,  beschwerte  Kähne,  schwimmende
  Minen,  Brander  zur  Störung  eines  feindlichen
Brückenschlages  bereitgestellt  werden.  Die  überwachung
  der  Flußstrecke,  insbesondere  der  Stellen,  die
einen  Uferwechsel  des  Feindes  begünstigen-.  erfordert
die  Verwendung  von  Scheinwerfern,  Leuchtpistolen
und  von  Wachtbooten.  Baumverhaue  und  im  Wasser
gespannte  Drähte  erschweren  dem  Gegner  das  Landen.
  Für  die  Möglichkeit  schneller  Heranführung
oder  Verschiebung  von  Truppen  muß  durch  Vervollständigung
  des  Wegenetzes  Sorge  getragen  werden.

Die  Arbeiten  für  die  Ruhe  erstrecken  sich  auf  Biwak-
  und  Lagereinrichtungen,  wenn  die  Gelegenheit
  zur  Unterbringung  der  Lruppen  in  Ortschaften
  fehlt.  Die  Biwakeinrichtungen  beschränken  sich
bei  vorübergehendem  Aufenthalt  auf  die  einfachsten
Anlagen  zum  Schutz  gegen  Witterung,  zum  Abkochen
und  zum  Verrichten  der  Notdurft.  Bei  längerem  Verweilen
  und  mangelnder  Ortsunterkunft  werden  Lager
  errichtet,  deren  Bauten  der  Lage  und  Jahreszeit
angepaßt  und  nach  Möglichkeit  immer  zweckentsprechender
  und  wohnlicher  ausgestaltet  werden.

Besondere  Pionierarbeiten  erfordert  das  Unterbrechen
  von  Verkehrslinien.  Man  unterschei.
det  dabei  bei  Eisenbahnen,  Land-  und  Wasserstraßen
zwischen  Zerstörungen,  die  den  Verkehr  auf  möglichst
lange  Zeit,  Wochen  oder  Monate,  verhindern,  und
Sperrungen,  die  den  Verkehr  nur  auf  Stunden  oder
Tagebehindern.  Auch  bei  den  Telegraphen=  und  Fernsprechanlagen
  wird  ein  Unterschied  gemacht  zwischen
gründlichen  Zerstörungen  auf  die  Länge  eines  oder
mehrerer  Tagemärsche  einschließlich  der  Stationen  und
leichteren  Unterbrechungen  der  Leitung  meist  an  meh.
reren  Stellen.  Die  weittragenden  Folgen  von  Zerstörungen
  haben  beim  deutschen  Heer  zu  der  Bestimmung
  geführt,  daß  solche  nur  auf  Anordnung  der
obersten  Heeresleitung,  des  Oberbefehlshabers  einer
Armee  oder  eines  selbständigen  kommandierenden
Generals  erfolgen  dürfen;  Sperrungen  und  leichtere
Unterbrechungen  dagegen  können  auch  von  unteren
Befehlshabern  selbständig  auf  ihre  eigene  Verantwortung
  hin  veranlaßt  werden.  Bei  den  Zerstörungsarbeiten
  handelt  es  sich  entweder  um  Sprengungen
oder  um  Zerstörungen  durch  Abbrennen  odermit  Werkzeugen.
  Sperrungen  erfolgen  auf  den  Eisenbahnen
        <pb n="340" />
        270

durch  Gleisunterbrechungen,  Beschädigungen  auf
Bahnhöfen  und  Unbrauchbarmachen  von  Betriebsmitteln,
  auf  Wasserstraßen  durch  Unterbrechung  des
Betriebes,  auf  Landstraßen  durch  Errichtung  von
Wegesperren.  Die  leichteren  Unterbrechungen  der  Telegraphenlinien
  werden  gewöhnlich  auf  freier  Strecke
vorgenommen.  An  Eisenbahn=  und  Telegraphenlinien
  können  die  Unterbrechungen  aber  auch  versteckt
angebracht  werden.

Die  weitaus  größte  und  wichtigste  Pionierarbeit
muß  bei  der  Verteidigung  und  im  Angriff  geleistet
werden.  Hier  gilt  es  Mnädhft.  durch  Feldbefestigungen
  die  nötigen  Kampfanlagen,  Deckungen  und
Geländeverstärkungen  herzustellen  und  zu  verbessern
sowie  die  ständigen  Befestigungsbauten  durch
Wiederherstellungs=  und  Ergänzungsarbeiten  in  widerstandslähigem
  Zustand  zu  erhalten  und  auszubauen.
  Dann  mlissen  aber  auch  während  des  Kampfes
  selbst  Arbeiten  ausgeführt  werden;  dabei  handelt
es  sich  nicht  nur  um  die  Ermöglichung  und  Erleichterung
  des  Kampfverfahrens,  sondern  auch  um  die
Bereitstellung  und  Bedienung  der  pioniertechnischen
  Kampf-  und  sonstigen  Hilfsmittel.

In  der  Verteidigung  sind  die  Feldstellungen
anzulegen  und  nach  Bedarf  einzurichten  und  zu  befestigen,
  je  nachdem  sie  zähe  verteidigt  werden  müssen
  oder  in  ihnen  nur  vorübergehend  Widerstand  geleistet
  werden  soll.  Das  bedingt  zahlreiche  Arbeiten
vor,  in  und  hinter  der  Stellung.  Das  Vorgelände
muß  zur  Steigerung  der  eigenen  und  Herabminderung
  der  feindlichen  Waffenwirkung  eingerichtet  werden.
  Die  Stellung  selbst  muß  ausgebaut  und  mit
Hindernissen  versehen  werden.  In  der  Stellung  und
nach  vorgeschobenen  Beobachtungspunkten  bedarf  es
sicherer  Nachrichtenverbindungen,  vor  allem  geschützter
  Fernsprechleitungen.  Innerhalb  der  Stellung  und
hinter  ihr  sind  Wegsamkeit  und  Verbindung  nach  rückwärts
  zu  verbessern.  Für  die  nächtlichen  Unterneh-=mungen
  müsssen  die  verschiedenen  Mittel  zur  Beleuchtung
  des  Vorgeländes,  für  die  hartnäckige  Verteidigung
  Kampfmittel  zum  Nahkampf  bereitgestellt  und
eingebaut  werden.  Während  des  Kampfes  um  solche
befestigte  Feldstellungen  sind  die  eingetretenen  Mängel
  der  Befestigungen  zu  beseitigen  und  Ergänzunen

  der  Verteidigungsanlagen  vorzunehmen,  Beeuchtungsgeräte
  zu  handhaben,  Handgranaten  anzuferügen,
  Minen-  und  Flammenwerferzu  bedienen.  Die

estungsverteidigung  verlangt  schon  bei  der  Armierung
  in  den  Haupt-  und  Vorstellungen  die  gleichen
feldmäßigen  Arbeiten,  aber  mit  festeren  Eindeckungen.
Im  Kampf  um  Festungen  sind  im  Zwischenfelde  der
Werke  alle  vorgenannteh  feldmäßigen  Wiederherstellungsarbeiten
  unter  dem  schweren  Artilleriefeuer  des
Angreifers  auszuführen,  in  den  Werken  selbst  die  durch
Geschosse  verursachten  Beschädigungen  auszubessern.
Die  Minenangriffe  des  Angreifers  unter  der  Erde
zwingen  zum  Ausbau  von  Verteidigungsminengängen,
  um  das  Vorgehen  des  Gegners  abzuschneiden
  oder  seine  Stellungen  einzuwerfen;  die  Minen
müssen  bedient,  ihre  Zündleitungen  gelegt  und  unter
Umständen  wiederhergestellt  werden.  Die  bis  aufs
äußerste  durchgeführte  Verkeidigung  führt  in  noch
ausgedehnterem  Maße  zur  Verwendung  von  Handgranaten,
  von  Wurfminen  und  von  geschleuderten
flüssigen  Brennstosfen.  Das  gleiche  gilt  für  den  Kampf
um  besonders  widerstandsfähige  und  nachhaltig  verleidigte
  Feldstellungen,  dessen  Formen  denen  des
Kampfes  um  Festungen  ähnlich  sind.

III.  Technik  und  Kriegführung

Im  Angriff  kann  es  schon  beim  Begegnungsgesecht
  und  gegenüber  einem  zur  Verteidigung  in  unefestigter
  Stellung  entwickelten  Feind  norwendig  werden,
  gewonnene  Stützpunkte  oder  Geländeabschnitte
ungesäumt  zur  Verteidigung  einzurichten,  um  sie  vorläufig
  festzuhalten.  Beim  Angriff  auf  befestigte  Feldstellungen
  und  Festungen  aber  kann  bei  der  gesteigerten
  Widerstandekraft  des  Verteidigers  nur  mit  Hilfe
von  Pionierangriffsarbeiten  die  Truppe  kampfkräftig
an  den  Feind  gebrachl,  dieser  aus  geschaffenen  Deckungen
  durch  Feuer  und  Nahkampfmittel  erschüttert  und
schließlich  durch  den  Sturm  niedergerungen  werden.
Beim  Angriff  auf  befestigte  Feldstellungen  entstehen
diese  Angriffsarbeiten  immer  unter  der  unmittelbaren
Einwirkung  des  Feindes,  oft  in  seinem  Feuer.  Sie
bestehen  daher  zunächst  in  einfachen  Deckungen,  die
nach  dem  Gefechtszweck  und  der  Dauer  der  Benutzung
vertieft,  verbreitert  und  bei  langdauernden  Kämpfen
tu  starken  Stellungen  ausgebaut  werden.  Hier  sind
ann  dieselben  Arbeiten  notwendig  wie  bei  den  Ver.
teidigungsstellungen.  Dazu  kommen  noch  Wegearbeiten,
  Überbrückungen  und  Beseitigungen  von  Annäherungshindernissen,
  die  den  Truppen  das  Vorkommen
  in  die  Feuerstellungen  ermöglichen  bzw.  erleichtern.
  Gegen  starke,  kräftig  verteidigte  Stellungen  kann
es  notwendig  werden,  mehrfach  Feuerstellungen  auszuheben,
  um  sich  an  die  feindliche  Stellung  heranzuarbeiten.
  Dabei  sind  rückwärtige  Verbindungen  aus
der  vorderen  Linie  herzustellen.  Vor  dem  Sturm
müssen  die  Hindernisse  vor  der  feindlichen  Stellung
erstört  oder  wenigstens  zahlreiche  Sturmgassen  gesche
  en,  für  den  Sturm  Schnellbrücken  zum  überwinden
  der  Hindernisse  sowie  sonstiges  Sturmgerät  und
Handgranaten  bereitgestellt  werden.  Beim  Sturm
selbst  muß  das  Sturmgerät  bedient,  nach  dem  Einbruch
  in  die  feindliche  Stellung  diese  umgehend  für
die  eigene  Verteidigung  umgeändert  werden.  Gegenüber
  Feldstellungen,  die  mit  allen  Mitteln  der  Befestigung
  verstärkt  sind,  nähert  sich  das  Angriffeverfahren
  dem  des  Angriffes  auf  Festungen.  Hier  kann
beim  Vorgehen  von  Stellung  zu  Stellung  ein  allmähliches
  schrittweises  Heranarbeiten  nötig  werden  durch
Vortreiben  von  Laufgräben  in  der  Erde  oder  mittels
  Gängen  unter  der  Erde  und  Aussprengen  von
Deckungen  durch  Minen.  Dabei  sind  so  raschwiemöglich
  gedeckte  Verbindungen  nach  der  neuen  Stellung
herzustellen,  dann  die  Stellungen  und  Verbindungsgräben
  auszubauen  und  die  Laufgräben  zu  unterhalten.
  Besondere  Arbeiten  erfordert  aber  die  Vorbereitung
  und  Durchführung  des  Sturmes,  der  oft  nur
nach  einem  mit  allen  Mitteln  geführten  Nahkampf
möglich  ist.  Es  müssen  deshalb  auch  hierbei  vor  allem
die  verschiedenen  Nahkampfmittel,  wie  Minenwerfer,
Flammenwerfer,  Handgranaten,  bedient  und  die  Hindernisse
  vor  den  feindlichen  Stellungen  durchbrochen
werden.  Das  Vortreiben  von  Minengängen  führt  zu
einem  zähen  Ringen  um  jeden  Fußbreit  Boden  unter
der  Erde,  zum  Minenkampf.  Die  Grabenstreichen
der  Befestigungswerke,  ihre  Nahkampfpanzer.  Flankierungsanlagen,
  äußeren  Grabenwände  müssen  gesprengt,
  Gegenminen  vernichtet  und  die  Hindernisse
vor  und  in  den  Gräben  beseitigt  werden.  Vor  dem
Sturm  müssen  die  Sturmtruppen  an  Nachbildungen
der  Hindernisse  für  ihr  Vorgehen  und  Zusammenwirken
  eingeübt  werden.  Beim  Sturm  ist  der  Weg  zu
bahnen,  nach  dem  Sturm  das  genommene  Werk  sogleich
  zur  eigenen  Benutzung  gegen  Rückstöße  des  Verteidigers
  einzurichten.
        <pb n="341" />
        Defele:  Das  Pionierwesen

Die  ansführenden  Truppen.

Diese  zahlreichen  und  nmiannigfaltigen  Pionieraufgaben
  werden  nicht,  wie  vielfach  irrtümlich  angenommen
  wird,  alle  von  den  Pionieren  allein  ausgeführt.
Im  Gegenteil,  an  der  Durchführung  des  vielgestaltigen
  Pionierdienstes  sind  alle  Waffen  beteiligt,  jede
in  dem  Maße,  wie  esdie  Bewältigung  der  ihr  im  Kriege
zufallenden  Aufgaben  erfordert.

Die  hauptsächlichsten  dieser  AUufgaben  für  alle
Waffen  sind:

Einfache  Wegebesserungen,

überwinden  von  Wasserläufen  mit  einfachen  Behelfsmitteln,



übersetzen  mittels  Booten  und  Fähren,

Ausladen  auf  freier  Strecke  und  Notrampenbau,

Biwak=  und  Lagereinrichtungen.

Außer  diesen  von  allen  Waffen  ohne  Unterschied
in  gleicher  Weise  geforderten  Arbeiten  fallen  den  einzelnen
  Waffengattungen  noch  folgende,  für  ihre  Tätigkeit
  einschlägigen  besonderen  Arbeiten  zu:

Die  Infanterie  muß  Straßen  und  Eisenbahnen
sperren,  Telegraphen=  und  Fernsprechleitungen  unterbrechen,
  Betriebsstörungen  auf  Bahnhöfen  vornehmen
  können;  sie  muß  die  für  ihre  Zwecke  erforderlichen
  Feldbefestigungen  selbst  ausführen  und  natürliche
  wie  künstliche  Hindernisse  überwinden  können.

Der  Kavallerie  fällt  das  Üüberwinden  von  Wasserläufen
  mit  Kavallerie-Brückengerät  und  schwimmenden
  Pferden  zu;  sie  hat  außerdem  auch  Zerstörungen
und  Sperrungen  einschließlich  Sprengungen  sowie
einfache  Feldbefestigungen  auszuführen.

Maschinengewehr--Abteilungen  müssen  Wasserläufe
  mit  schwimmenden  Pferden  überwinden  können
  und  ihre  Feldbsfestigungen  selbst  anlegen.

Die  Feldartillerie  hat  gleichfalls  für  ihre  Feldbefestigung
  selbst  zu  sorgen;  reitende  Artillerie  muß
außerdem  Wasserläufe  mit  schwimmenden  Pferden
überwinden  können.

Die  Fußartillerie  muß  die  für  sie  nötigen  Geländeverstärkungen
  herstellen.

Den  Verkehrstruppen  fallen  Anlage  und  Unterbrechung
  der  Verkehrslinien  zu.

Alle  diese  Arbeiten  müssen  die  Truppen  selbständig
  und  ohne  Unterstützung  durch  Pioniere  ausführen.
  Dementsprechend  erfolgt  auch  die  Ausbildung
dieser  Truppen  im  Pionierdienst.  Die  Ausbildung
in  Arbeiten,  die  von  jedem  Mann  gefordert  werden
müssen,  geht  Hand  in  Hand  mit  der  allgemeinen
Dienstausbildung.  Für  Arbeiten,  die  in  der  Regel
nur  einzelnen  Trupps  zufallen,  sind  bei  den  Regimentern
  usw.  eigene  Pionierabteilungen  ausgebildet,
die  außerdem  auch  zur  Anleitung  benutzt  werden,
wenn  die  ganze  Truppe  zu  technischen  Arbeiten  herangezogen
  werden  muß.

Die  Pioniere  müssen  jeder  Aufgabe  des  Pionierdienstes
  gewachsen  sein;  ihr  Bestes  vermögen  sie  aber
nur  zu  leisten,  wenn  sie  ihrer  Eigenart  entsprechend
verwendet  werden.  Sie  werden  daher  hauptsächlich
zu  schwierigen  pioniertechnischen  Arbeiten  herangeogen,

  bei  denen  sie  sich  infolge  ihrer  technischen
Sonderausbildung  besonders  bewähren  können.

Die  Aufgaben  der  Pioniere  im  Kriege  sind
gewaltig;  ihre  ausgedehnte  Tätigkeit  erstreckt  sich  auf
alle  Gebiete.  Beim  Wegebau  fallen  ihnen  alle  Arbeiten
  zu,  die  von  den  anderen  Waffen  nicht  bewältigt
  werden  können;  so  ist  z.  B.  die  Anlage  von  Kolonnenwegen
  über  Bäschiank  nur  unter  Heranziehung

271

von  Pionieren  ausführbar.  Das  gleiche  gilt  für  die
Brückenbesserungen  und  -neubauten;  Behelfsbrücken
für  den  geordneten  Übergang  des  Feldheeres  ohne
21  cm-Mörser  und  schwere  Brücken  für  schwere  Belagerungsgeschütze,
  Belastung  durch  Menschengedränge
  und  Armeelastziülge  können  nur  durch  Pioniere
  hergestellt  werden.  Bei  Flußübergängen  mit
Hilfe  der  Brückentrains  sind  alle  technischen  Vorbereitungen,
  das  übersetzen  und  der  Brückenschlag  ausschließlich
  Sache  der  Pioniere;  sie  müssen  auch  die
etwa  notwendige  Verstärkung  der  Kriegsbrücke  zu  einer
schweren  Kolonnenbrücke  oder  ihren  Ersatz  durch  eine
Behelfsbrücke  vornehmen,  im  Rückzug  das  Kriegsbrückengerät,
  soweit  möglich,  bergen.  Bei  Lagereinrichtungen
  werden  sie,  namentlich  im  Kampf  um  Festungen
  und  im  Stellungskrieg,  zur  sachkundigen
Einleitung  der  Arbeiten,  unter  Umständen  auch  zu
ihrer  Ausführung  bis  zum  Eintreffen  von  Arbeitern,
herangezogen.  Unterbrechungen  von  Verkehrslinien.
soweit  es  sich  dabei  um  Sprengungen  handelt,  fallen
außer  den  Eisenbahntruppen  und  der  Kavallerie  nur
noch  den  Pionieren  zu.  Auch  die  sonst  nötigen
Sprengungen,  wie  bei  Zerstörungen  im  Rückzug,  bei
Vernichtung  feindlicher  Kampfmittel  und  Vorräte,
beim  Aussprengen  von  Fels  oder  gefrorenem  Boden,
kurz  bei  allen  Gelegenheiten,  in  denen  Zerstörungen
vorgenommen  werden  müssen,  sind  spezielle  Arbeiten
der  Pioniere.  Hierzu  gehören  auch  die  Sprengungen,
die  in  der  Verteidigung  und  im  Angriff  notwendig
sind.  Da  konimen  z.  B.  bei  der  vorbereiteten  Verteidiung

  das  Niederlegen  von  Häusern  und  Mauern  zur
Preinnachung  des  Schußfeldes,  das  teilweise  Zerstören
von  Gehöften  und  Ortschaften  bei  ihrer  Umgestaltung
u  Stützpunkten,  beim  Kampf  um  Festungswerie

as  Legen  von  Breschen,  das  Einwerfen  von  Kampfhohlräumen,
  das  Beseitigen  stärkster  Hindernisse,  beim
Minenkampf  unter  der  Erde  das  Legen  und  Zünden
der  Sprengladungen  vor.  Dazu  kommt  nochdie  Sorge
für  die  sonstigen  Sprengmittel,  die  im  Kampfe  verwendet
  werden,  nämlich  das  Einrichten  von  Landminen
  oder  ganzer  Minenfelder  als  Hindernisse  bzw.
zur  Verstärkung  derselben,  der  Ersatz  der  Handgranaten
  durch  behelfsmäßige  Sprengladungen,  das
Schleudern  von  Wurfminen  und  flüssigen  Brennstoffen
  und  dergleichen  mehr.  Außer  diesem  umfangreichen
  Sprengdienst  entfallen  bei  der  Befestigung  und  im
Kamupfe  noch  zahlreiche  andere  Sonderaufgaben  auf
die  Pioniere.  So  werden  sie  bei  der  Einrichtung  von
Verteidigungsstellungen  zu  Erkundungen,  Absteckunen,

  Anweisung  der  Arbeiten,  Verstärkung  natürlicher
Hindernisse,  Herstellung  künstlicher  Hindernisse,  Bau
von  Masken,  Scheinanlagen,  Beobachtungsständen,
Ausbau  von  Stützpunkten,  Verbreiterung  von
Wegeengen,  Herstellung  neuer  Wege  usw.  herangezogen
  und  haben  sonst  schwierige  oder  schnell  zu  erledigende
  Arbeiten  zu  leisten;  auch  müssen  sie  die  Beitreibungen
  von  Werkzeug  und  Baustoffen  ausführen
und  die  Sammelstellen  für  diese  Bestände  anlegen  und
verwalten.  Im  Kampf  selbst  sind  dann  Pionierabteilungen
  in  vorderer  Linie,  um  Wiederherstellungsarbeiten
  auszuführen  und  die  Beleuchtungs=  und  Nahkampfmittel
  zu  bedienen.  Im  Angriff  haben  sie  die
Infanterie  bei  den  Erkundungen,  beim  Heranarbeiten
  an  die  feindliche  Stellung,  beim  Wegräumen  der
Hindernisse  und  beim  Sturm  zu  unterstützen.  Auch
hier  ist  ihr  Platz  da,  wo  schwierige  technische  Arbeiten
rasch  und  zuverlässig  auszuführen  sind;  dahin  gehören
  z.  B.  Anlage  von  Kolonnenwegen  durch  schwer
        <pb n="342" />
        272

gungbares  Gelände,  Bereitstellen  und  Bedienen  von
Schnellbrücken,  Anfertigung  von  Handgranaten  und
schließzlich  Mitarbeit  im  Nahkampf.  Der  Sturm  findet
die  Pioniere  an  der  Spitze,  um  die  Hindernisse  zu  beseitigen,
  ihre  Wiederherstellung  zu  verhindern,  den
Sturmtruppen  den  Sturm  zu  erleichtern  und  ihnen
nach  demselben  beim  Umbau  der  feindlichen  Stellungen
  behilflich  zu  sein.

Je  nachdem  die  Pioniere  zum  Feldpionierdienst
oder  zu  Pionieraufgaben  im  Kampf  um  Festungen  verwendet
  werden  müssen,  werden  Feld--oder  Festungspioniertruppen
  herangezogen.  Die  Pioniere  ge#
aber  keine  Arbeitstruppe,  sondern  eine  Kampftruppe,
die  gerade  bei  den  schwierigsten  Gelegenheiten  auch
Schulter  an  Schulter  mit  der  Infanterie  muß  fechten
können.  Deshalb  erhalten  sie  neben  der  pioniertechnischen
  Ausbildung  auch  eine  solche  in  allen  Zweigen
des  Infanteriedienstes,  vor  allem  für  das  Gefecht.

Werkzeug,  Gerät  und  Baustoffe.

Die  Aufgaben  des  Pionierdienstes  bestehen  in  der
Durchführung  von  Bau-  und  Wiederherstellungsoder
  Beseitigungs=  und  Zerstörungsaufträgen.  Dabei
  müssen  Erd-  und  Holzarbeiten  vorgenommen,
Sprengmittel  verwendet.  Beleuchtungsmittel  benutzt
und  Brückentrains  ausgenutzt  werden.  Hierzu  sind
die  Truppen  mit  entsprechendem  Werkzeug  und  Gerät
ausgerüstet;  die  sonst  benötigten  Materialien,  Baustofse
  und  Transportmittel  müssen  beigeschafft  werden.

Zur  Erd-  und  Holzarbeit  sind  die  Truppen  aller
Waffengattungen  mit  Schanzzeug  ausgerüstet,  das
zum  Teil  tragbar  ist,  zum  Teil  auf  Wagen  mitgeführt
  wird.  Infanterie,  Maschinengewehrtruppen,
Kavallerie  und  Pioniere  haben  tragbares  Schanzzeug
bei  der  marschierenden  und  kämpfenden  Truppe  un
führen  Schanzzeug  in  der  Gefechtsdagage  und  großen
Bagage  mit.  Bei  den  Batterien  der  Feld-  und  schweren
Artillerie  sowie  bei  den  Munitionskolonnen  ist  das
Schanzzeug  auf  den  Fahrzeugen  verladen;  außerdem
wird  solches  noch  in  den  Pionier-Belagerungstrains
nachgeführt.  Das  Schanzzeug  für  die  Erdarbeit  besteht
  aus  kleinen  und  großen  Spaten,  Hacken  und
Beilpicken,  das  für  die  Holurbert  aus  Beilen,  Axten,
Land-  und  Schrotsägen  sowie  Drahtscheren.  Mit
kleinen  Spaten  und  Beilpicken  sind  nur  die  Infanterie,
  Maschinengewehrtruppen  und  Kavallerie  ausgerüstet;
  diese  Werkzeuge  werden  stets  von  den  Mannschaften
  oder  Pferden  getragen,  bloß  bei  der  Kavallerie
in  der  großen  Bagage  mitgeführt.  Mit  dem  übrigen
Schanzzeug  sind  sämtliche  Truppen  ausgerüstet.  Beile
werden  von  der  Infanterie,  den  Maschinengewehrtruppen,
  der  Kavallerie  und  den  Pionieren  teils  getragen,
  teils  auf  den  Wagen  der  Bagagen  gefahren;
alles  sonstige  Schanzzeug  befindet  sich  bei  allen  Truppen
  auf  den  Fahrzeugen.  Nur  die  Pioniere  führen
auch  große  Spaten,  Hacken,  Axte  und  Drahtscheren,
die  Kavallerie  Schrotsägen  als  tragbares  Schanzzeug
mit.  Die  Ausrüstung  mit  Schanzzeug  ist  so  bemessen,
  daß  jede  Truppe  imstande  ist,  mit  demselben  die
ihr  zufallenden  Ausgaben  auszuführen.

Zum  Bau  von  Notrampen  sind  die  Truppenzüge
mit  ausreichendem  Notrampengerät  ausgestattet,
das  aus  langen  und  kurzen  Balken,  Brettafeln  und
Klammern  besteht.  Beim  Ausladen  auf  freier  Strecke
wird  dieses  Gerät  an  Ort  und  Stelle  durch  Behelfsmittel,
  wie  Pfähle  und  Keile  usw.,  ergänzt;  im  Notfall
  können  auch  Teile  des  Feldgerätes,  z.  B.  Beilpicken,
  Kreuzhacken,  Lagerpfähle,  verwendet  werden.

III.  Technik  und  Kriegführung

Für  Biwaks  sind  die  Truppen  mit  kragbarer
Zeltausrüstung  versehen,  die  bei  guter  Jahreszeit
auch  für  längeren  Aufenthalt  ausreicht.  Zur  Herstellung
  der  Kocheinrichtungen,  Brunnen,  Schöpfund
  Tränkstellen  sowie  der  Aborte  sind  Stangen
Bretter,  Strauchwerk,  Strob  usw.  notwendig.  Lagerbauten,
  namentlich  Lagerhütten,  erfordern  viel  Baustoffe,
  vor  allem  Holz,  Dachpappe,  Fenster  u.  dgl.

Zur  Bezeichnung  von  Rolonnenwegen  in  der  Nacht
werden  weißes  Richtband  oder  Laternen  verwendet,
von  den  Pionier-Belagerungstrains  wird  hierzu
Leuchtfarbe  mitgeführt.  Das  Herrichten  von  Kolonnenwegen
  und  das  Bessern  vorhandener  Wege  erfordert
  die  Beschaffung  besonderer  Baustoffe,  wie
Strauchwerk.  Stroh.  Knüppelholz.  Breiter,  Bohlen,
Stangen,  Steine,  Kies.  Mauerschutt.  Sand  u.  dgl.
Zum  Bau  von  Bebelfsbrücken,  zum  Verstärken  vorhandener
  und  zum  Wiederherstellen  zerstörter  Brücken
sind  Behelfsgerät  und  Baumaterial  notwendig;
dabei  handelt  es  sich  um  Holz  für  die  Unterstützungsbauten
  oder  um  Schiffsgefäße  oder  sonstige  Schwimmkörper
  als  schwimmende  Unterstützungen,  um  Bretter,
Stangen,  Knüppel,  Balken  für  den  Oberbau,  um
Draht,  Leinen,  Bandeisen,  Klammern,  Nägel  zur
Verbindung  der  einzelnen  Brückenteile  sowie  um  das
Werkzeug  zu  diesen  Arbeiten.  Zum  üÜbersetzen  über
Gewässer  ohne  Verwendung  des  Kriegsbrückengerätes
werden  vorgefundene  Schiffsfahrzeuge  oder  Flöße
und  Fähren,  die  aus  Behelfsmitteln  hergestellt  sind,
verwendet.  Für  Befestigungsarbeiten  sind,  soweit  es
sich  nicht  um  ausschließliche  Schanzarbeit  handelt,
neben  besonderem  Handwerkszeug  Holz.  Eisen.
Draht,  Sandsäcke,  Schienen,  Taue,  Tonnen,  Kisten.
Körbe,  Strauchwerk,  Wellblech,  Beleuchtungsmittel,
Alarmglocken  u.  dgl.  nötig.  Alle  diese  Hilfsmittel  und
Baustoffe  müssen  in  Gehöften  und  Ortschaften,  auf
Bahnhöfen,  Holz-  und  Jmmerplähen=  aus  Sägemühlen,
  Schmieden,  Werkstätten,  Eisenhandlungen,
auf  Gewässern,  in  Werften,  Brauereien  usw.  beigetrieben
  oder  aus  der  Heimat  nachgeschoben  werden.

Zum  Überwinden  von  Flußläufen.,  sowohl  durch
übersetzen  wie  durch  Brückenschlag,  dient  das  Kriegs.
brückengerät.  Mit  solchem  sind  die  Kavallerieregimenter
  und  Brückentrains  ausgerüstet.

Das  Kavallerie-Brückengerät  besteht  aus
stählernen  Halbbooten,  von  denen  zwei  zu  einem  Ganzboot
  verbunden  werden  können,  und  den  dazugehörigen
  Brückentafeln,  Ankern,  Uferpfählen,  Rudern,
Staken  und  Leinen.  Da  die  Ausstattung  der  Regimenter
  mit  Brückengerät  naturgemäß  sehr  gering  n.
können  von  der  Kavallerie  nur  kurze  Brücken  gebaut
werden.  Sie  läßt  daher  in  der  Regel  die  Pferde
schwimmen  und  setzt  die  Mannschaften  und  das  Gepäck
  in  den  Booten,  die  Wagen  auf  Fähren,  die  mit
Hilfe  von  Booten  gebaut  werden,  über.  Wenn  sich
das  Schwimmen  der  Pferde  wegen  der  Jahreszeit  und
Witterung  oder  wegen  sumpfiger  Ufer  verbietet,  wenn
viele  Fahrzeuge  überzusetzen  sind,  oder  wenn  eine
Lücke  in  einer  gesprengten  Brücke  geschlossen  werden
soll,  sind  aber  Brücken  notwendig.  Es  können  dann
mit  dem  Kavalleriegerät  gebaut  werden  kurze,  etwa
½—1  m  breite  Brückenstege  für  einzelne  Leute  zu
Fuß,  Laufbrücken  von  etwa  2  m  Breite  für  Infanterie
in  Reihen,  abgesessene  Reiter  zu  einem  mit  Abstand
und  leere,  durch  Mannschaften  gezogene  Fahrzeuge
sowie  verstärkte,  3  m  breite  Laufbrücken,  die  den  übergang
  von  abgesessenen  Reitern  zu  einem  dicht  auf
geschlossen,  von  Infanterie  in  lockerer  Marschkolonne
        <pb n="343" />
        Oefele:  Das  Pionierwesen

ohne  Tritt  und  von  Feldgeschützen  und  Truppenfahrzeugen
  mit  voneinander  getrennten  Protzen,  Geschützen
  und  Hinterwagen  und  mit  größerem  Abstand
  zwischen  den  einzelnen  Fahrzeugen  gestatten.
Durch  Heranziehung  des  Brückengerätes  mehrerer
Kavallerieregimenter  kann  die  Leistungsfähigkeit
sowohl  im  Brückenbau  wie  im  übersetzen  mittels  einzelner
  Boote  und  Fähren  gesteigert  werden.

Das  Pionier-Brückengerät  wird  in  den  Divisions=
  und  Korps-Brückentrains  mitgeführt,  die
zum  Teil  mit  Gerät  neuer  Art,  zum  Teil  mit  Gerät
alter  Art  ausgerüstet  sind.  Jenes  hat  Einzelpontons,
  dieses  zweiteilige  Pontons,  die  am  Gebrauchsort
durch  schnelle  Handgriffe  zu  einem  einzigen  Wasserfahrzeug
  zusammengesetzt  werden;  zu  beiden  gehören
noch  das  Fahrgerät  (Ruder,  Staken,  Anker  mit
Tauen)  sowie  das  Plamte  Gerät  für  den  Oberbau
der  Brücke  (Balken,  Bretter,  Tauzeug).  Das  Brückengerät
  ist  so  leicht  und  beweglich,  daß  die  Brückentrains
  allen  Truppen,  selbst  der  Kavallerie,  fast
überallhin  sogar  im  Trabe  folgen  und  dabei  Pioniere
aufgesessen  mitführen  können.  Sie  sind  daher  vielseitig
  und  vor  allem  auch  im  Gefecht  verwendbar;  sie
können  rasch  vorgezogen  werden  und  Abteilungen
überraschend  über  den  Wasserlauf  werfen;  sie  können
das  knapp  bemessene  Kavalleriegerät  im  Bedarfsfall
ergänzen  und  vermögen  auf  dem  Schlachtfeld  an
unvermutet  vorgefundene  Wasserhindernisse  schnell
Brückengerät  heranzuführen  und  dadurch  in  kürzester
Zeit  Wege  nach  vor-  und  rückwärts,  vornehmlich  für
die  Artillerie.  zu  bahnen.  Während  in  anderen  Heeren
für  große  Kriegsbrücken  ein  schweres  Brückengerät
und  außerdem  ein  leichteres,  vielfach  ganz  anders
gebautes  Gerät  vorhanden  ist,  haben  wir  trotz  des

nterschiedes  zwischen  alter  und  neuer  Art  bei  der
Feldarmee  doch  ein  im  großen  und  ganzen  einheitliches
  Gerät.  Die  Pontons,  Einzel=  wie  zweiteilige
Pontons,  sind  gleich  brauchbar  als  Wasserfahrzeuge
beim  Übersetzen  wie  als  Teile  von  Fähren  und  als
Unterstützungen  von  Brülcken;  Fahr=  und  Oberbaugerät
  sind  ebenfalls  leich.  An  Brücken  können  mit

em  Pioniergerät  selbstverständlich  in  gleicher  Weise
wie  mit  dem  Kavalleriegerät  Brückenstege  und  Laufbrücken,
  jedoch  in  größerer  Länge,  gebaut  werden;
das  Pioniergerät  alter  wie  neuer  Art  dient  aber  vornehmlich
  zum  Bau  von  Kolonnenbrücken  für  den
eordneten  Übergang  des  Feldheeres  ohne  21  cmörser
  und  von  schweren  Kolonnenbrücken  für  schwere
Helagerungege  hüce  Menschengedränge  und  Armeelastzüge.
  Die  Brückentrains  eines  Armeekorps,  d.  h.
1  Korps-=  und  2  Divisions-Brückentrains,  vermögen
mit  dem  Gerät  alter  wie  neuer  Art  eine  Kolonnenbrücke
  gewöhnlicher  Bauart  in  einer  Länge  von  rund
200  m  herzustellen;  1  Divisions-Brückentrain  allein
kann  35—40  m  Brückenlänge  einer  solchen  Brücke
bauen.  Bei  gemeinsamer  Verwendung  einer  noch
größeren  Anzahl  von  Brückentrains  können  ganz  gewaltige
  Brückenlängen  erreicht  werden.

u  Sprengungen  werden,  wenn  irgend  möglich,
brisante  Sprengstoffe  verwendet,  denn  sie  leisten  die
schnellste  und  wirksamste,  oft  auch  die  einzig  mögliche
Lerstbrung;  fie  wirken  gegen  alle  Baustoffe,  während

ulver  nur  gegen  Mauerwerk  und  Erde  Wirkung
hat.  Die  benötigten  Sprengmittel  werden  von
den  Pionieren,  Eisenbahntruppen  und  der  Kavallerie
mitgeführt  oder  beigetrieben.

Die  Pioniere  haben  auf  ihren  Gerätewagen
neben  dem  Gerät  für  andere  Pionierarbeiten  auch

Der  Krieg  1914/17.  II.

273

Sprengstoffe  und  Sprenggerät.  Diese  Ausrüstung
an  Spreng=  und  Zündmitteln  besteht  aus  Sprengmunition,
  Sprengkapseln  und  Zündschnur.  Die
Sprengmunition  ist  in  feste  Formen  gepreßt,  gegen
mechanische  Einwirkungen  und  Frost  unempfindlich
und  in  Wasser  nicht  löslich,  brennt  bei  offener  Flamme
nur  heftig  ab  und  kann  allein  durch  eine  Stichflamme,
wie  sie  Knallauecksilber  erzeugt,  zur  Detonation  gebracht
  werden  sie  ist  daher  für  Verwendung  im  Feide
besonders  geeignet  und  kann  auch  gänzlich  ungefährlich
  auf  den  Wagen  mitgeführt  werden.  Die  zur  Herbeiführung
  der  Detonation  verwendeten  Sprengkapseln
  sind  kleine,  an  einem  Ende  verschlossene  Metallröhrchen,
  die  eine  Füllung  Knallsatz  enthalten.  Sie
sind,  um  jede  Gefährdung  auszuschließen,  sorgfältig
verpackt  und  von  der  Sprengmunition  räumlich  getrennt
  auf  den  Gerätefahrzeugen  verladen.  Die  Entzündung
  erfolgt  entweder  durch  Zündschnur  oder  auf
elektrischem  Wege  durch  Inbrandsetzen  eines  vermittelnden
  Zündsatzes.  Die  Guttaperchazündschnur  ist
so  beschaffen,  daß  sie  nach  dem  Anzünden  derart
weiter  glimmt,  daß  in  jeder  Sekunde  1  cm  abbrennt.
Die  durch  Benutzung  der  Zündschnur  bewirkte  sogenannte
  Leitfeuerzündung  wird  jedoch  hauptsächlich
von  der  Kavallerie  angewendet.  Für  die  Pioniere
bildet  die  elektrische  Zündung  die  Regel,  weil  sie
die  Möglichkeit  der  Feuerzündung  und  größere  Gewähr
  des  Gelingens  bietet;  Leitfenergundund  wird
bei  wichtigen  Sprengungen  als  Reservezündung  gebraucht.
  Dabei  wird  außer  der  Zeitzündschnur  im
Bedarfsfall  auch  eine  fast  momentan  durchschlagende
Schnellzündschnur  verwendet.  Während  Zündschnur
mitgeführt  wird,  ist  für  elektrische  Zündungen  im  Felderät
  nichts  vorgesehen;  die  hierzu  nötigen  Batterien
önnen  jedoch  bei  der  heutigen  Verbreitung  der  Elektrizität
  unschwer  überall  vorgefunden  werden.  Glühzünder
  zur  elektrischen  Zündung  werden  mitgeführt.
Da  die  mitgeführte  Sprengmunition  naturgemäß
beschränkt,  der  Verbrauch  aber  oft  recht  bedeutend
und  der  Eraoß  aus  Nachschüben  und  Depots  nicht
immer  ganz  sicher  ist,  müssen  auch  andere  Sprengstoffe
  beigetrieben  und  verwendet  werden;  hierzu  find
die  in  der  Industrie,  z.  B.  in  Bergwerken,  verwendeten
  Sicherheitssprengstoffe  am  geeignetsten;
sie  sind  im  allgemeinen  ebenso  ungefährlich  wie  die
Sprengmunition,  während  andere  Sprengstoffe  mit
äußerster  Vorsicht  behandelt  werden  müssen.

Die  Kavallerie  führt  als  Sprengausrüstung  auf
ihren  Brückenwagen  Sprengpatronen.  Sprengpatronenzünder
  und  Sprengkapseln  mit.  Die  Sprengpatronen
  sind  wasserdicht  verlötete  Zinkblechbüchsen
mit  je  1  kg  Sprengmunition,  von  denen  mehrere
nach  Bedarf  zu  einer  Ladung  vereinigt  werden;  ihre
Aufbewahrung  ist  unter  gewöhnlichen  Verhältnissen
ungefährlich.  Die  Sprengkapseln  dagegen  müssen
sowohl  beim  Transport  wie  bei  der  Verwendung
sehr  vorsichtig  behandelt  werden;  sie  werden  beim  Gebrauch
  in  einen  in  der  Sprengpatrone  befindlichen
Zündkanal  eingeführt.  Der  Sprengpatronenzünder
besteht  aus  einer  Guttapercha-Zeitzündschnur
von  1  oder  2  m  Länge,  deren  Brennzeit  rund  100
bzw.  200  Sekunden  beträgt.

Zu  Zerstörungsarbeiten  ohne  Anwendung  von
Sprengmitteln  ist  eigenes  Zerstörungswerkzeug
vorhanden.  So  befinden  sich  beim  Feldgerät  der
Pioniere  Axte,  Sägen,  Brechstangen,  Meißel,  Eisensägen
  und  feilen,  Hämmer,  Schraubenschlüssel,  Zangen
  u.  dgl.  Die  Kavallerie  führt  für  Zerstörun-18
        <pb n="344" />
        274

gen  an  Telegraphenleitungen  Seilrollen  und  Drahtggen.
  für  solche  an  Eisenbahnen  und  Kunstbauten

rechstangen,  Geißfüße,  Schlaghammer,  Schrotmeibhel
  und  Schraubenschlüssel  bei  sich.

An  Beleuchtungsmitteln  werden  Scheinwerfer.
  Leuchtpistolen,  Fackeln,  Laternen  und  Lampen
mitgeführt.  Das  von  besonderen  Formationen  der
Pioniere  bediente  Scheinwerfer  l  rät  ist  entweder
schwer  oder  leicht  oder  tragbar.  Das  schwere,  fahrbare
  Gerät,  im  allgemeinen  an  die  Wege  gebunden,
wird  hauptsächlich  im  Festungs-  und  Stellungskrieg
verwendet;  das  leichte  Gerät,  gleichfalls  fahrbar,  in
Bauart  und  Beweglichkeit  aber  dem  Feldgeschütz  ähnlich,
  ist  vornehmlich  für  den  Feldkrieg  bestimmt.
Tragbare  Scheinwerfer,  die  zu  mehreren  auf  einem
besonderen  Wagen  mitgeführt  werden,  finden  im
Feldkrieg  und  im  Kampf  um  Festungen  Verwendung.
  Die  Scheinwerfer  dienen  zur  Unterstützung
  der  Aufklärungs-  und  Erkundigungstätigkeit,

  zur  Beleuchtung  von  Zielen,  die  durch  Feuer  #

bekämpft  werden  sollen,  zum  Anleuchten  von  Richtungspunkten,
  zum  Blenden  des  Gegners  und  zum
Signalisieren.  Leuchtpistolen  werden  von  den
Pionieren  auf  den  Gerätewagen  mitgeführt;  sie  dienen
  zur  Beleuchtung  des  näheren  Vorfeldes  und  ermöglichen
  die  Abgabe  gezielten  Feuers  innerhalb  der
Leuchtgrenzen.  Sie  sind  Faustfeuerwaffen,  aus  denen
Leuchtpatronen  abgefeuert  werden.  Dem  gleichen
Zwecke  dienen  Leuchtraketen,  -geschosse  und
bomben,  die  entweder  aus  Gewehren  oder  Geschützen
  abgeschossen  oder  aus  Luftfahrzeugen  abgekaifer
  werden.  Dauerbrand  fackeln  und  Leuchtfackeln
  gehören  ebenfalls  zum  Geräte  der  Pionierkompanien;
  jene  sind  in  erster
Linie  zur  Beleuchtung  bei  nächtlichen
  Arbeiten  bestimmt,  diese  dienen
  zur  Beleuchtung  der  vor  der
Stellung  gelegenen  Hindernisse.
Bei  den  Pionier-Belagerungstrains
  befinden  sich  Laufgrabenlaternen
  und  Leucht  gaslampen:
jene  gehören  zur  Beleuchtung  der  Annäherungswege,
  Verbindungsgräben  und  Infanteriestellungen,
deese  zur  Erleuchtung  von  Arbeitsplätzen,  Pionierparks
  u.  dgl.  Endlich  müssen  noch  die  elektrischen
Beleuchtungsmittel  erwähnt  werden,  von  den
roßen  elektrischen  Beleuchtungsanlagen  und  eigenen
Vereuchtungswagen  bis  herab  zu  den  einfachen,  aber
überall  brauchbaren  Taschenlampen.

Ausführung  der  Arbeiten.

Die  Einleitung  und  Ausführung  von  Pionierarbeiten
  erfordern  Geit  Deshalb  müssen  frühzeitig  die
Erkundungen  angeordnet  und  Herr2r-

  W.
*  ·□]
—  8

Fig.  1

*  E—  —  ...—
.  .
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2  mze
ule

Fis.  2.  Feste  Seltenrampe  aus  Notrampen-"

III.  Technik  und  Kriegführung

aber  sichere  Arbeit.  Notrampen  aus  dem  Notrampengerät
  werden  entweder  lose  an  die  Wagen
angelegt  oder  feststehend  hergerichtet.  Lose  Rampen
können  als  Seiten-  oder  Kopframpen  gebaut  werden;
  jene  sind  die  Regel.  Für  gewöhnlich  verwendet
man  zum  Ausladen  von  Pferden  und  Fahrzeugen
schmale,  lose  Seitenrampen  (Terbfig  1);  für  lange
und  schwere  Fahrzeuge  werden  zwei  solche  Rampen
dicht  nebeneinander  zu  einer  breiten

Rampe  vereinigt.  Die  Anlage  von  -

losen  Kopframpen  ist  nur  dann  praktisch,
  wenn  eine  größere  Anzahl
hintereinander  stehender  Wagen  ab.
gebordete  Kopfwände  hat.  Feste
Rampen  werden  nur  als  Seiten-—

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—*i  —.  JIoXN  M.  “  EIBLIXI  .  o  s«.:.  x...'..  ..  ..o...g

7
.  Lose  Seltenrampe  aus  Notrampenmatertal.

rampen  gebaut;  Rampe  und  Wagen  müssen  beim
Ausladen  durch  eine  Brücke  verbunden  werden  (Textfig.
  2).  An  Stelle  des  Notrampengerätes  können  zu
festen  Rampen  auch  Behelfsmittel  verwendet  werden;
so  kann  man  solche  Rampen  aus  Schienen  und  Schwellen
  oder  aus  Schwellen  und  Erde  herstellen  (Textfig.  3).
Beim  Herrichten  von  Kolonnenwegen  wird  der
Weg  geebnet,
Gräben  werden
ausgefüllt.

—
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*  WV  .SN½

materlal.

weiche  Stellen  belegt,  Hecken.  Zäune  und  Mauern
durchbrochen;  Furten  sind  durch  Stangen  oder  Leinen
  abzugrenzen;  Eisdecken  müssen  mit  Stroh  usw.
überlegt  und  mit  Sand  bestreut  werden.  Zum  überschreiten
  von  Weichlandmüssen  Bretterstege  angefertigt
  werden,  zu  denen  auch  das  Gerät  der  Brückentrains
  benutzt  werden  kann;  bei  nicht  zu  weichem
Untergrunde  können  auch  einfache  Brettafeln,  mit
Stoff  bespannte  Tür=  oder  Torflügel,  auch  Rollbahnen
aus  Läuferstoffen  oder  Drahtgeflechten  u.  dgl.  veranziehung

  oder  Beschaffung  von
Schanzzeug,  Gerät,  Baustoffen  und
Beförderungsmitteln  in  die  Wege  geleitet
  werden.  Die  Pionieroffiziere

tlitzen;  die  Pionierkompanien  oder  züge  werden  mögsäsg
  geschlossen  verwendet  und  nach  Bedarf  durch
Abteilungen  anderer  Waffen  unterstützt.  Die  Truppen
  aller  Waffen  müssen  aber  auch  unerwarteten  technischen
  Aufgaben  ohne  Zuteilung  von  Pionieren  gewachsen
  sein.  Verständnis  und  Einwirkung  der  Osiziere
  sind  dabei  von  ausschlaggebender  Bedeutung.
Das  Ausladen  auf  freier  Strecke  erfordert  raschen
Entschluß,  der  Bau  von  Notrampen  gewandte,  dabei

*  die  Truppen  bei  der  Auoführung  zu  unter-Fig.

  3.  Feste  Seitenrampe  aus  Schwellen
5D2“2  und  Erde.

wendet  werden.  Beim  Durchschreiten  von  Wäldern
mit  dichtem  Unterholz  muß  durch  Umschlagen,  Besei.
tigen  und  Aufräumen  der  Weg  gebahnt,  für  Artille.
rie  müssen  unter  Umständen  Wege  ausgeholzt  werden.
  Bei  der  Ausbesserung  vorhandener  Wege
handelt  es  sich  darum,  für  den  Wasserabfluß  zu  sorgen,
  aufgeweichte  Strecken  zu  trocknen,  tiefe  Geleise
und  Löcher  in  der  Straßendecke  zu  beseitigen,  steile
        <pb n="345" />
        Oefele:  Das  Pionierwesen

Wege  mit  Rosten  zu  versehen,  bei  Glatteis  zu  betreuen
  oder  durch  Hacken  rauh  zu  machen.  Unter
mständen  müssen  Schienenwege  durch  Eindeckung
des  Gleises  mit  Bohlen  und  Schwellen  als  Marschstraße
  für  alle  Waffen  gangbar  gemacht  werden.
Bei  der  Verstärkung  von  Brücken  sind  die
Unterstützungen  zu  vermehren,  die  Streckbalken  zu
ergänzen,  der  Belag  zu  verstärken.  Bei  zerstörten
Holzbrücken  sind  unter  Umständen  die  Pfahljoche

wiederherzustellen;  beizerstörten  steinernen  Bogen
oder  eisernen  Stützen  kleinerer  Brücken  müssen  hölzerne
  Pfahljoche  oder  Böcke  als  Ersatz  gebaul'werden.

Bei  der  Herstellung  neuer  Brücken  mit  Behelfsmitteln
  kommt  je  nach  Breite  und  Tragfähigkeit
  der  Bau  von  Stegen  und  Schnellbrücken,  von

275

an  sichersten  eingerammte  Pfahljoche#aus  starken  Holzpfählen,
  bei  festem  und  ebenem  Untergrund  auch  Böcke
verwendet.  Das  Einrammen  erfolgt  miltels  schwerer
Hämmer,  Schlägel  oder  eigens  hergestellter  Handrammen
  von  Gerüsten,  Wagen  oder  Kähnen  aus.
Die  Böcke  werden  entweder  aus  freier  Hand,  oder
mittels  eines  Kahnes  oder  einer  Einbaufähre,  oder,
wenn  Kähne  u.  dgl.  nicht  zur  Hand  sind,  mit  Gleitbalken
  oder  mit  Hebeln  aufgestellt.  Bei  schwimmenden
  Unterstützungen  werden  Boote  und  Kähne  wie
bei  Brückenstegen  zugerichtet,  Tonnen  und  Fälsser
durch  Bretter  und  Stangen  zu  tragfähigen  Flößen
verbunden;  in  schwachströmendem  Wasser  können
auch  Flöße  aus  Balken  angewendet  werden.  Die
Verankerung  gegen  den  Stromdruck  muß  besonders
fest  sein  und  bei  längeren  Brücken  noch
durch  eine  Verankerung  gegen  Wind  ergänzt
  werden.  Streckbalken  und  Belag  für
en  Oberbau  müssen  hinreichend  stark  und
durch  Rödelbalken  (die  die  Brückenbahn

Fig.  4.  Brückensteg  auf  Tonnen.

Laufbrücken,  Kolonnenbrücken  und  schweren  Kolonnenbrücken
  in  Betracht.  Stege  können  mit  stehenden
oder  schwimmenden  Unterstützungen  gebaut  werden.
Als  stehende  Unterstützungen  dienen  untergefahrene
Wagen  oder  Protzen,  Böcke,  eingeschlagene  Pfähle,
Pfahlioche,  starke  Kisten,  Möbel,  Fässer  und  Unterstützungen
  aus  Bretter-  und  Bohlenstapeln.  Als
schwimmende  Unterstützungen  können  Nachen,
Kähne,  Boote  ohne  weiteres  benutzt  werden;  auch
Fässer  und  Tonnen  sind  brauchbar  (Textfig.  4).  An
Stelle  von  Tonnen  sind  auch  wasserdichte  Säcke
oder  Schwimmkörper  aus  Zeltbahnen  oder  kleinen
Kisten  mit  Zeltbahnen  umbunden  verwendbar;
auch  Floßbalkenstege  (Textfig.  5  u.  Tafel  J,  Fig.  H
können  hergestellt  werden.  Alle  schwimmenden
Unterstützungen  müssen  verankert  oder  mit  Leinen,
  Tauen,  Draht  an  den  Ufern  befestigt  werden.
Als  Oberbau  sind  zunächt  Streckbalken  auf  die
Unterstützungen  zu  legen,  und  dann  ist  aus  Brettern,
Fensterläden,  schmalen  Türen,  Knüppeln,  zur  Not  aus
starlem  Neist  der  Belag  herzustellen  und  durch  Nägel
oder  durch  Aufbinden  zu  befestigen.  Möglichst  leicht
gebaute  Brückenstege,  die  getragen  oder  rasch  über  das
Wasser  geschoben  werden,  sog.  Schnellbrücken,  be-Fie.

  5.  Floßbalkensteg.

stehen  aus  tragenden  Schwimmkörpern  (kleinen  Fässern,
  Doppelbündeln  von  Zeltbahnen,  wasserdichten
Blechgesäßen,  Futtersäcken,  Wagenplanen  usw.),  die
durch  Bretter,  Stangen  oder  kurze  Leitern  miteinander
verbunden  werden;  diese  Querverbindungen  tragen
dann  die  einfache  Laufbahn  aus  Brettern,  dicht  liegenden
  Stangen.  Leitern  mit  aufgenagelten  Bretichen
u.  dgl.  Laufbrücken  sind  bedeutend  tragfähiger  als
Brückenstege.  Bei  stehenden  Unterstützungen  sind  die
Landstöße  fester  gebaut.  Als  Unterstützungen  werden

beiderseits  begrenzen  und  den  Belag  festhalten)
  oder  Nagelung  gut  festgelegt  sein;
ein  Geländer  aus  Stangen  oder  Leinen
wird  an  Pfählen  oder  Geländestangen  befestigt.  Der
Bau  größerer  Brücken,  wie  Kolonnen=  und  schwerer
  Kolonnenbrücken  (Tafel  I,  Fig.  2,  3  u.  5;  Tafel  II,
Fig.  1),  erfordert  besondere  technische  Arbeiten,  die
nur  von  den  Pionieren  ausgeführt  und  hier  nicht
näher  erörtert  werden  können.

Fig.  ö.  Fähre  aus  vorgefundenen  Kähnen.

Beim  übersetzen  ohne  Brückengerät  können
vorgefundene  Kähne,  Nachen,  Boote  und  vorhandene
fliegende  Brücken,  Gier-  und  Zugfähren  von  Patrouillen
  undkleineren  Abteilungen  ohne  Umänderung
benutzt  werden;  auch  größere  Abteilungen,  Pferde,
Maschinengewehre,  Gehüt  und  Fahrzeuge  können
Prahme,  Fähren  und  fliegende  Brücken  nach  Erprobung
  ihrer  Tragfähigkeit  ohne  weiteres  benutzen;
einzelne  Flußfahrzeuge  werden  durch  überschnüren
von  Balken  und  Brettern  zu  einer  Fähre  zusammengebaut
  (Textfig.  6).  Für  Pferde  und  Fahrzeuge  müssen
Landebrücken  gebaut  oder  wenigstens  mitgeührte
Brettafeln  als  lose  Rampen  angelegt  werden.  Als  Behelfsmittel
  beim  überlegzen  ist  die  Zeltausrüstung  geeignet.
  Bekleidung  und  Ausrüstung  werden  mit  Stroh,
Schilf.  Rohr  usw.  in  die  Zeltbahn  gebunden  und  von
den  Mannschaften  schwimmend  nachgezogen.  Mehrere
solche  Bündel  vereinigt  bilden  sogar  ein  tragfähiges
Floß  (Textfig.  7  u.  8).  Auch  Futtersäcke,  mit  Stroh
gefüllt,  vermögen  Leute  zu  tragen;  ebenso  lassen  sich
aus  Backtrögen,  Tonnen,  mit  Zeltbahnen  umschlagenen
  Kisten,  mit  Stroh  gefüllten  Wagenplanen,  ja
selbst  aus  mehreren  aufeinander  gebundenen  oder
genagelten  Türen  oder  zusammengebundenen  Balken
tragfähige  Flöße  (Textfig.-9)  für  einzelne  Leute  bauen.
Für  röhens  Abteilungen,  Pferde  und  Fahrzeuge  werden
  gähren  und  Landebrücken  aus  Tonnenflößen

18“
        <pb n="346" />
        276

(Textfig.  10)  oder  Balkenflößen  gebaut.  Fuhrwerke
können  durch  seitliches  Anschnüren  von  Tonnen  in
leichten  Rahmen  auch  ohne  Herstellung  einer  Fähre
übergesetzt  werden  (Textfig.  11).

Beim  Uferwechsel  mit  Hilfe  des  Kavallerie-Brückengerätes
  wird  das  Übersetzen  am  schnellsten
  und  einfachsten  durch  Verwendung  einzelner
Boote  bewerkstelligt;  dabei
  kann  ein  Ganzboot
zehn  Infanteristen  oder
acht  Kavalleristen  mit
Sattel,  Gepäck  und  Ausrüstung
  tragen.  Zum
übersetzen  von

Fahrzeugen
wird  aus  zwei
Ganzbooten  und
den  entsprechenden
  Brückentafeln
  eine  Fähre

Ein=  und  Ausladen
  notwendigen
  Landebrücken  werden  ebenfalls  aus  Brückentafeln
gebildet.  Beim  Brückenbau  müssen  die  Boote  entweder
  an  den  Ufern  oder  im  Wasser  gut  verankert
werden.  Bei  Brückenstegen,  die  nur  bei  schwachem
Strom  ausführbar  sind,  dienen  einzeln  eingebaute
Halbboote  als  Unterstützungen;  die  Brückenbahn  besteht
  aus  einer  Reihe  von  Brückentafeln.  Bei  Laufbrücken

werden  abwechselnd

Halb=  und
Ganzboote
verwendet;
als  Brükkenbahn.


Fig.7.  Floßaus  Zeltbahnbündeln.

Fig.  8.  Floß  aus  Doppelbündeln.
Bautafeln

nebeneinandergelegt  und  durch  einen  Unterzug  miteinander
  verbunden.  Bei  verstärkten  Laufbrücken
sind  die  Unterstützungen  durchweg  Ganzboote,  und  die
Brückenbahn  besteht  aus  drei  Reihen  Brückentafeln.
Beim  übergang  mit  schwimmenden  Pferden
schwimmen  die  Pferde  entweder  neben  dem  Fahrzeug
her  und  werden  dabei  von  den  im  Fahrzeug  sitzenden
ferdehaltern

  an  der

Trense  gehalten,


während

das  Gepäck
der  Pferde
im  Fahrzeug
  übergesetzt
  wird,
oder  man
läßt  die
Pferde,  von  den  Mannschaften  geleitet,  neben  einem
Brückensteg  schwimmen  und  das  Gepäck  von  den
Mannschaften  auf  das  jenseitige  Ufer  tragen.  Die
Pferde  können  aber  auch  ohne  übersetzmittel  frei
den  Flußlauf  durchschwimmen;  die  blanken  Pferde
werden  dabei  von  den  entkleideten  Reitern  ins
Wasser  geritten,  durchschwimmen  mit  dem  nebenher

Fig.  9.  Floß  aus  Backtrögen.

ebaut  (Tafel  L.
*  7);  die  zum

III.  Technik  und  Kriegführung

schwimmenden  Reiter  das  Wasser  und  werden  am  jenseitigen
  User  wieder  aus  dem  Wasser  herausgeritten;
Röcke,  Stiefel,  Sättel,  Waffen  und  Gepäck  werden  auf
Schwimmkörpern  übergesetzt.

Beim  Flußübergang  mit  Hilfe  des  Pionier-Brückengerätes
  erfolgt  das  übersetzen  in  den
Pontons  oder  mittels  Fähren,  die  aus  solchen  zusammengesetzt
  sind.  Ein  Einzelponton  des  Gerätes
neuer  Art  faßt  18  Mann  mit  Ausrüstung  oder  einen
Maschinengewehrzug  mit  freigemachten  Gewehren;
ein  zweiteiliges  Ponton  des  Gerätes  alter  Art  faßt  20

Fig.  10.  Fähre  aus  Tonneuflößen.

Mannodergleichfalls  einen  Maschinengewehrzug.  Die
Fähren  werden  entweder  aus  zwei  Einzelpontons
oder  aus  zwei  zweiteiligen  Pontons  mit  dem  dazuehörigen

  Teil  des  Oberbaugerätes  hergestellt  (Tafel  l.
*  6);  eine  solche  Fähre,  gleichviel  ob  neuer  oder
alter  Art,  faßt  60  feldmarschmäßig  ausgerüstete  Infanteristen
  oder  sechs  bis  sieben  Werde  mit  Reitern
oder  ein  Maschinengewehr  mit  Bespannung  und
Schützen  oder  ein  Feldgeschütz  mit  drei  Pferden  und
Bedienung  oder  ein  anderes  #egsfahr  eug  mit  so
diel  Pferden,  wie  Platz  haben.  Das  Vrüchengeral.
kann  aber  auch  zu  noch  größeren  Fähren  aus  mehre-Schwimmbar

  gemachter  Wagen.

Fig.  11.

ren  Pontons  verwendet  werden,  die  au  übergespannten
  Tauen  als  Zugfähren  durch  Menschenkraft,  als
Gierfähren  durch  die  Kraft  des  Stromes  oder  als
fliegende  Brücken  an  einem  langen  verankerten  Tau
ebenfalls  durch  die  Arbeit  des  Stromes  von  Ufer  zu
Ufer  bewegt  werden;  derartige  Fähren  sind  aber  für
überraschendes  übersetzen  nicht  verwendbar,  sie  dienen
mehr  als  Ersatz  für  geschlossene  Brücken  bei  Mangel
an  Gerät.  Beim  Bau  von  Kriegsbrücken  (Tafel

Fig.  2)  werden  die  als  Unterstützungen  dienenden  Pontons
  nach  der  geforderten  Tragfähigkeit  der  Brücke
enger  oder  weiter  aneinandergestellt;  auf  diese  Weise
        <pb n="347" />
        Defele:  Das  Pionierwesen

mülssen  z.  B.  bei  Brücken  für  schwere  Fahrzeuge  und
Lastzüge  zur  Erhöhung  der  Tragfähigkeit  die  Spannungen
  verkürzt  werden.  Die  eingedornten  Streckbalken
  werden  noch  durch  Verschnüren  mit  Leinen
befestigt,  die  Belagbretter  durch  angeschnürte  Rödelbalken
  festgehalten.  Die  Brückenbahn  hat  eine  nutzbare
Breite  von  etwa  3  m.  Die  Verankerung  der  Pontons
erfolgt  durch  die  Anker;  um  aber  die  Brücke
Leher  Schwankungen  zu  sichern,  ist  auch  eine
erankerung  nach  unterstrom  gegen  den  Wind
notwendig.  Die  Brücken  bedürfen  sorgfältiger
  Befestigung  am  Lande  durch  den  Landgungsarbeiten

  ist  bereits  eingehendin
uffatz  Stellungskrieg  und  Nahkampfmittele
  (Bd.  1,  S.  273ff.)  besprochen.

Die  Arbeiten  der  ständigen  Befestigung
  werden  in  dem  Aufsatz  betungen
und  Festungskriege  (S.  286  ff.)  behandelt.

Im  Biwakwerden  mitdertragbaren  Zeltausrüstung
  kleine  Zelte  für  drei  Mann
und  größere  Zelte  für  Züge,  Halbzüge  und
Korporalschaften  aufgeschlagen
  die  je  nach  dem  Wetter
n  verschiedener  Form  gebaut
werden  können  (Textfig.  12
bis  14).  Geräumigere  Helt
stellt  man  mit  den  Zeltbahnen
unter  Zuhilfenahme  von  Stangen
  und  Brettern  her  (Textsigur
  15).  Als  Kocheinrichtunen

  werden  Kochgräben  und
ochlöcher  angelegt,  die  auch

m  Warmhalten  oder  Wiederanwärmen  der  in  den
Heldeüchen  gekochten  Speisen  dienen  können.  Der
Wasserversorgung  wird  besondere  Aufmerksamkeit
  geschenkt.  Brunnen,  Schöpf=  und  Tränkstellen
werden  genau  als  Trink-,  Koch-,  Tränk-  und  Wasch-Fig.

  16—18.  Bau  einer  Lagerhütte;
Deckung  mit  Stroh  und  Reisig.

277

wasserstellen  bezeichnet;  unbrauchbares  Wasser  wird
kenntlich  gemacht.  An  den  Trink=  und  Kochwasserstellen
  müssen  Vorehrungen  getroffen  sein,  daß  das
Wasser  stets  klar  bleibt.  Wo  das  Tränken  weder  in
offenem  Wasser  noch  mit  Eimern  möglich  ist,  müssen

«  ⁊
2E  2  —

Fis.  15.  Größeres  Zelt.

Tröge  aufgestellt  werden.  Aborte  werden  möglichst
windabwärts  vom  Biwakplatz  angelegt  und  mit  leichten
  Wänden  von  Strauchwerk  umgeben;  bei  längerer

  Benutzung  wird  der  Unrat  täglich  mit  Erde  oder

Asche  und,  wenn  möglich,  mit  Chlorkalk  überdeckt.
In  Lagern  werden  allseitig  geschlossene  Lagerhütten
  gebaut,  deren  Holzgerüst  mit  Stroh,  Schilf  oder
Strauchwerk  bekleidet  wird  (Textfig.  16—18).  Auch
Bretterhütten  werden  hergestellt,  die  mit  Dachpappe,
Zeltbahnen  oder  anderen  wasserdichten  Stoffen  bedeckt
  und  mit  Fenstern  versehen  sind.  Winterlagerhütten
  werden  zum  Schutz  gegen  Kälte  in  die  Erde  versenkt
  (Textfig.  19)  und  mit  Feuerungsanlage  (eisernen

Ofen  oder  Herden  aus  Ziegelsteinen)  versehen;  durch

stärkere  Erddecke  auf  tragfähigen  Hölzern  wird  Schutz
gegen  Sprengstücke  erreicht.  Für  Feldküchen  werden
Schutzdächer,  für  Pferde  gedeckte  Pferdestände  oder
wenigstens  Windschirme  gebaut.

Sind  Sprengungen  auszuführen,  so  richtet  sich
die  Größe  der  Ladungen  nach  den  Abmessungen  des
Bauwerkes,  seiner  Widerstandsfähigkeit  und  nach  der
verfügbaren  Zeit.  Je  flüchtiger  die  Ladung  angebracht
werden  muß,  um  so  stärker  muß  sie  sein;  sie  wird  nach
        <pb n="348" />
        278

bestimmten  Formeln  errechnet.  Zur  Zerstörung  hölzerner
  Brücken  genügt  meist  die  Sprengung  einer
oder  mehrerer  Pfahljoche.  Bei  kleinen  eisernen
Brücken  müssen  sämtliche  Träger  gesprengt  werden,
wenn  der  Fahroerktahr  unterbrochen  werden  soll;  bei
größeren  eisernen  Brücken  erreicht  man  eine  nachhaltige
  Störung  schon  durch  Sprengen  eines  Hauptträgers
  (Tafel  II,  Fig.  1).  Steinerne  Brücken

T
*

—

Fig.  19.  In  die  Erde  versenkte  Winterlagerh#tte.

werden  durch  Sprengen  der  Brückenpfeiler  oder  der
Brückenbogen  zerstört.  Pfeilersprengungen  sind  nur
möglich,  wenn  sich  in  den  Pfeilern  vorbereilete
Minenanlagen  mit  Minenkammern  befinden  (Textfig.
  20  u.  21);  diese  müssen  also  zuerst  gefunden  und
dann  mit  den  nötigen  Ladungen  versehen  werden.
Eisenbetonbrücken  sind  sehr  widerstandsfähig  gegen
Sprengungen;  diese  erfordern  daher  besondere  fachtechnische
  Kenntnisse.  Bei  Tunnels  sind  Zerstörungen
  im  Inneren  besonders  wirksam;  auch  Sprenung
  der  Eingänge  oder  der  Geleise  erfüllt  den
weck.  Eisenbahnschienen  werden  an  den  Stößen
(Textfig.  22)  gesprengt;  auf  Bahnhöfen  sprengt  man,
wenn  nötig,  Weichen  und  Gleiskreuzungen
  (Textfig.  23  und
24).  Eisenbahnlokomotiven  u.
-wagen  können  durch  Spren-W—



Fig.  20  u.  21.  Minenanlagen  in  steinernen  Brückenpfellern.
a  Ladungsrohre  nicht  begehbar  (Ladung  muß  herabgelassen  werden);  d  begebbarer

  Stollen;  #  Minenkammer.

gung  einer  Achsbuchse  zerstört  werden.  Eisdecken
werden  am  einfachsten  ebenfalls  durch  Sprengung

eöffnel.  Bei  der  Zerstörung  von  Telegraphen-  und
Feraprechanlagen  werden  bei  Bedarf  Telegraphen-=stangen
  und  unterirdische  Leitungen  gesprengt.  Geschützrohre
  werden  am  schnellsten  und  sichersten  zerstört
  durch  eine  in  das  Rohrinnere  geschobene  Sprengladung,
  können  aber  auch  durch  Auflegen  der  Ladung

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III.  Technik  und  Kriegführung

auf  den  vorderen  oder  hinteren  Teil  des  Rohres  zertrümmert
  werden.

Eine  besondere  Art  der  Sprengungen  bilden  die
Minen,  die  im  Kampf  um  Festungen  und  vor
Feldstellungen  nicht  nur  zur  Verstärkung  der  Hindernisse,
  sondern  auch  beim  Kampf  unter  der  Erde  zur
Anwendung  gebracht  werden.  über  sie  ist  ebenso  wie
über  die  Verwendung  von  Sprengstoffen  als  Burfeschosse

  (Handgranaten,  Minenwerfer  usw.)  das
F-  in  dem  erwähnten  Aufsatz  Stellungskrieg
und  Nahkampfmittel=  (Bd.  1.  S.  275ff.)  gesagt.

Bei  Zerstörungen  durch  Feuer  (Tafel  I,  Nig.  1)
werden  Brennstoffe  aller  Art  (Stroh,
Hobelspäne,  trockenes  Reisig,  Kohlen
#—.  u.  dgl.)  angehäuft  und  mit  Petroleum,

1½  Teer,  Benzin  oder  Spiritus  getränkt;  der

4  Erfolg  ist  aber  namentlich  bei  Regen  und
Harthölzern  unsicher,  auch  dauert  das  Abbrennen

  immer  lange.  Deshalb  sind.  wenn  Sprengmittel
  nicht  zur  Verfügung  stehen,  Zerstörungen  mit
Werkzeugen  vorzuziehen.  Solche  kommen  jedoch
nur  bei  hölzernen  und  Kettenbrücken  und  bei  Telegraphenanlagen
  in  Betracht.  Bei  hölzernen  Brücken
werden  Belag  und  Streckbalken  entfernt  und  die  Unterstützungen
  umgelegt;  bei  chaussierten  Holzbrücken
mußauch  die  Straßendecke  beseitigt  werden.  Bei  Schiff-22.

  Anbringung  einer  Sprengpatrone  zur
Schlenensprengung.

brücken  müssen  die  Schiffe  ausgefahren,  Balken  und
Bretier  beseitigt  oder  verbrannt,  Schiffsgefäße  durchlöchert
  und  versenkt  werden;  bei  Ketten-  und  Hängebrücken
  können  die  tragenden  Ketten  und  Drahtseile
abgesägt  und  abgefeilt  werden.  Bei  Telegraphenanlugen
  werden  die  Drähte  der  oberirdischen  Leitungen
  zerschnitten;  durchgefeilt  oder  durchschlagen,  die
Stangen  abgehauen,  zerschnitten  oder  verbrannt;
unterirdische  Leitungen  werden  gleichfalls
  durchschnitten;  die  Apparate  und
Batterien  auf  den  Stationen  werden  zerschlagen,
  die  Zimmerleitungen  zerschnitten
  und  abgerissen.

Zum  Sperren  von  Eisenbahnen
werden  die  Gleise  auf  freier  Strecke  in  scharfen

  Krümmungen,  Einschnitten,  auf  Dämmen
  usw.  an  mehreren  Stellen  hintereinr
  ander  durch  Werkzeuge  oder  Sprengung

beseitigt.  Andere  Gleisunterbrechungen
können  durch  Lösen  der  Verbindung  der
Schienen  untereinander  und  mit  den
Schwellen  herbeigeführt  werden.  Durch
geringfügige  Gleisbeschädigungen,  wie
Seitwärtswuchten  eines  Schienenpaares,
Lösen  der  Befestigungsmittel  an  den  Schienen  u.  dgl.,
durch  Verschütten  des  Gleises  und  durch  Hindernisse
(schwere  Steinblöcke,  Baumstämme,  umgeworfene
Wagen)  können  empfindliche  Betriebsstörungen  hervorgerufen
  werden.  Als  Beschädigungen  auf  Bahnhöfen
  kommen  hauptsächlich  in  Betracht  das  Unbrauchbarmachen
  von  Weichen  und  Gleiskreuzungen
durch  Lösen  der  Herz=  und  Kreuzungsstücke,  das  Zer-
        <pb n="349" />
        Polster:  Hand-  und  Faustfeuerwaffen

stören  der  Wasserversorgungsanlagen  durch  Sprengen
  der  Wasserbehälter  (Tasel  II,  Fig.  3)  und  Zertrümmern
  der  Pumpen  sowie  das  Zerstören  der  Weichen-
  und  Signalstellwerke  durch  Zerschneiden  der
Drahtzugverbindungen,  Zerschlagen  der  Gestänge,
Zerschneiden  elektrischer  Leitungen  usw.
Wegesperren  werden  an  Brücken,  Dämmen,
Hohlwegen,  Dorfstraßen  und  sonstigen  Engwegen
durch  Verhaue,  Barrikaden  aus  Steinen,  Holzstämmen,
  ineinandergefahrenen  Wagen  u.  dgl.,  an  Straßzen
  auch  durch  leichtere  Ferstbrungen  an  Kunstbauten
angelegt.  Für  Fuhrwerke,  namentlich  für  Kraftfahrzeuge,
  bilden  die  aufgerissene  Fahrbahn,  Quergräben,
aufgeschüttete  Querwälle,  quer  über  die  Straße  gespannte
  Drähte  sehr  wirksame  Sperren;  auch  große
Steine,  Anstauung  von  Wasserläufen,  die  den  We

ren.  Waldwege  werden  durch  gefällte  Bäume,  die
durch  Drahtverflechtung  und  selbsttätige  Minen  verstärkt
  werden,  gesperrt.  Furten  macht  man  durch  festgepflöckte
  Eggen,  Breiter  mit  Nägeln  und  Drahtnetze
unter  Wasser  auf  einige  Zeit  unbenutzbar.
Leichtere  Unterbrechungen  an  Telegraphenleitungen
  bestehen  vorzugsweise  im  Trennen
der  Leitung  auf  freier  Strecke  an  mehreren  Stellen.
Hierbei  werden  die  Drähte  zerschnitten.  Versteckte  Fehler
  werden  durch  Anbringen  einer  Erdableitung,  durch
Verbinden  aller  an  einem  Gestänge  befindlichen  Leitungsdrähte
  oder  durch  Unterbrechung  des  metallischen
  Zusammenhanges  der  Leitung  angebracht.
Von  den  Beleuchtungsmitteln  werden  die
Scheinwerfer  (Tafel  II.  Fig.  7)  an  beherrschenden  und
flankierenden  Geländepunkten  hinter  oder  in  der  Stellung
  aufgestellt.  Durch  paarweises  Einsetzen  kann  die
beleuchtete  Fläche  verbreitert  oder  die  Helligkeit  er-Vöb-
  werden.  Das  Leuchten  erfolgt  Überfallartig;  die
euchtpausen,  die  durch  Abblenden  des  Lichtes  entstehen,
  erschweren  zugleich  dem  Gegner  das  Beschießen
der  Scheinwerfer.  Blendwirkung  des  Gegners  wird
schon  durch  Anleuchten  erreicht  und  durch  schnell  hin
und  her  pendelndes  Licht  oder  raschen  Wechsel  von
Licht  und  Dunkelheit  verstärkt.  Die  Wirksamkeit  des

——
...—————

unter  Wasser  setzen  und  versumpfen,  sind  Marschsper-279



Scheinwerferlichtes  hängt  von  Gelände  und  Witterung
  ab.  Unter  günstigen  Verhältnissen  beträgt  die
Leuchtweite  des  tragbaren  Gerätes  etwa  1200  m.  die
desleichten  etwa  2  km  und  die  des  schweren  etwa  3kmi
größere  Scheinwerfer  haben  natürlich  erheblich  größere
  Leuchtweite.  Das  Signalisieren  mit  Scheinwerfern
  ist  unter  günstigen  Verhältnissen  bis  auf  100  km
möglich.  Die  Leuchtpistolen  werden  von  besonders
ausgebildeten  Schüpen  im  Hochanschlag  abgefeuert;
die  Leuchtpatrone  reicht  bis  etwa  200  m  und  erhellt
einen  Umkreis  von  rund  100  m  auf  8—10  Sekunden.
Zu  längerer  Beleuchtung  seuert  man  mehrere  Leuchtbp



.  I-UU



I.  1

Fig.  23  u.  24.  Anbringen  von  Sprengpatronen  an

Weichen  und  Kreuzungen.

pistolen  nacheinander  ab  (Tafel  II,  Fig.  4).  Leuchtgeschosse
  und  -bomben  sind  meist  Fallschirmraketen,
bei  denen  das  Licht  in  Form  eines  Kegels  nach  unten
eworfen  wird  (Tafel  II,  Fig.  5  u.  6).  Ihre  Lichttärlen
  sind  erheblich  größer  als  die  der  Leuchtpatronen;
  auch  ihr  Abbrennen  dauert  bedeutend  länger.
Die  elektrische  Beleuchtung  findet  namentlich  im  Festungs=
  und  Stellungskrieg  Anwendung,  und  zwar
nicht  nur  in  den  rückwärtigen  Gebieten,  sondern  auch
in  den  vorderen  Stellungen.  Große  Beleuchtungszentralen
  liefern  hier  in  weitverzweigten  Leitungen
das  Licht  oft  sogar  bis  vor  in  die  Kampflinie.

Hand-  und  Jaufslfeuerwassen
von  Hauptmann  Polster  in  Wandlitz-See  (Mark)
Hierzu  Tafeln  Hand=  und  Faustfeuerwaffen  I—VI##.

Trotz  aller  gewaltigen  Mörser,  Haubitzen  und
langen  Kanonen  ist  und  bleibt  die  Infanterie  die
Hauptwafsse  im  Feld=  wie  Festungskrieg.  Ihr  technisches
  Kampfmittel  ist  das  Gewehr,  dessen  Leistungsfähigkeit
  sich  die  heutigen  taktischen  Formen  des  Gefechts
  anzupassen  haben.

Grundlegende  Begriffe  für  die  technische  Fortbildung
  und  Weiterentwicklung  der  Handfeuerwaffen
legten  die  Kriege  1866  und  1870/71.  In  jenem  standen
  sich  gegenüber  ein  schwerfälliger  Vorderlader
(Österreich)  aus  dichten  Kolonnen  mit  einer  Feuergeschwindigkeit
  von  1½  Schuß  in  der  Minute  und  der
neue  Hinterlader  Preußens  (Zündnadelgewehr)  aus
dünmen  Schützenlinien  mit  seiner  unvergleichlich  höheren
  Feuerkraft  (bis  8  Schuß  in  der  Minute).  Der
Krieg  1870/71  erwies  wiederum  die  überlegenheit
des  kleineren  Kalibers.  Dem  französischen  11  mm-Chassepot-Gewehr

  war  das  deutsche  13,6  mm-Kaliber
(Zündnadelgewehr)  schießtechnisch  kaum  gewachsen;
auf  einer  Schußweite  von  700  —1200  m  war  der
deutsche  Infanterist  wehrlos  den  Geschossen  des  weitertragenden
  Kleinkalibers  ausgesetzt.

Auf  Grund  dieser  Erfahrungssätze  der  beiden  Kriege,
verbunden  mit  einschneidenden  Fortschritten  auf  dem
Gebiete  des  Treibmittels  sowie  der  Geschoßkonstruktion,
  hat  die  Waffentechnik  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte
  Gewehre  geschaffen,  die  heute  in  ihren  verschiedenartigen
  Systemen  mit  zäher  Ausdauer  um  die
Feuerüberlegenheit  streiten.

Die  Anforderungen,  die  man  an  ein  neuzeilliches
Armeegewehn  stellt.  sind:  1)  Große  ballistische  Leistung,
d.  h.  hohe  Treffwahrscheinlichleit,  gute  Treffähigkeit,
Schußgenauigkeit,  große  Schußweite,  gute  Geschoßwirkung,
  2)  große  Feuergeschwindigkeit,  3)  leichte
Handhabung  der  Waffe  in  allen  Anschlagstellungen.
4)  Einfachheit  und  Dauerhaftigkeit,  5)  unveränderliche
  Schwerpunktslage,  6)  ausreichende  Länge  zum
Gebrauch  als  Stoßwaffe  mit  aufgepflanztem  Seiten-
        <pb n="350" />
        280

gewehr,  7)  leichte  Herstellung  in  Massen.  Für  den
arabiner,  die  Waffe  der  Kavallerie  und  einiger
Spezialtruppen,  gelten  im  allgemeinen  dieselben
forderungen.  Nur  bedingt  die  notwendige  geri
Länge  des  Laufes  eine  schwächere  balllstische  Leistung.
Die  Hauptteile  des  Gewehres  find  Lauf,  Vifiereinrichtung,
  Verschluß.,  Mehrladevorrichtung  und  Schaft.
Der  Lauf  hat  den  Zweck,  dem  Geschoß  die  Richtung
  und  die  nötige  Drehung  zur  Erhaltung  seiner
Stabilität  zu  geben.  in  Herstellungsmaterial  ist
bester  Stahl  mit  den  Eigenschaften  zäh,  fest  bei  ausiebiger
  Dehnung.  Durch  Zusatz  von  Nickel,  Kobalt,
olfram,  Chrom  u.  a.  ist  der  heutige  Gewehrstahl  von
außerordentlicher  Güte  (Festigkeit  7—  8000  kalqem,
Elastizitätsgrenze  —5000  kg'ocm,  Dehnung  18—25
Proz.).  Der  Stahlstab  wird  geschmirdel.  ewalzt,  gebohrt,
  gezogen,  abgedreht  und  gerichtet.  *  Fertigseellung
  des  Laufes  in  der  Massenherstellung  sind  beim
schen  Armeegewehr  1/98  67  verschiedenartige  Bearbeitungen
  notwendig  (geschmiedeter  Laufstab  2500
,  fertiger  Lauf  1286  g).  Entsprechend  dem  nach  der
dung  zu  abnehmenden  Gasdruck  nimmt  auch  die
Wandstärke  des  Laufes  ab.  Zwecks
besserer  Einlagerung  in  den  Schaft
ist  der  Lauf  mit  mehreren  Absätzen
versehen,  die  auch  beim  Heißwerden
  demselben  eine  weitergehende
Rusbehnung  gestatten.  heoretisch
  müßte  der  Lauf  so  lang  sein,
daß  die  treibende  Kraft  an  der
Mündung  gleich  Null  ist,  um  die
Gesamtmasse  der  Pulvergase  auszunutzen.
  Aus  Gründen  der  Handlichkeit
  muß  jedoch  diese  Forderung
fallen  gelassen  werden.  Im  allgemeinen  beträgt  die
Länge  eines  Infanteriegewehrlaufes  700—800  mm.
die  eines  Karabiners  430—490  mm.  Die  Bohrung
des  Laufes,  die  „Seelee,  besteht  aus  dem  glatten
Patronenlager  und  dem  zylindrisch  gehaltenen  "
zogenen  Teil.  Das  Patronenlager  paßt  sich  den  Abmessungen
  der  Patronenhülse  an.  Der  gezogene
Teil  faßt  eine  Anzahl  von  Lüger  (Textfig.  1),  die
dem  Geschoß  eine  gesicherte  Führung  geben  sollen.
Die  Drehung  der  Züge  oder  der  Drall“  (rechts  und
links)  ist  mit  Ausnahme  vom  italienischen  Armeeewehr,
  das  Progressivdrall  (zunehmenden  Drallwinel)
  besitzt,  bonstant.  Die  Drehung  der  Züge  wird  in
Winkeln  oder  Längen  ausgedrückt:  Drallwinkel  ist  der
Winkel,  den  die  Führungskante  eines  Feldes  mit  einer
in  der  Seelenwand  gedachten,  der  Seelenachse  gleich.
laufenden  Linie  bildet.  Die  Drallänge  ist  die  Länge,
welche  angibt,  wie  lang  der  gezogene  Teil  sein  müßte,
wenn  die  Züge  in  ihm  gerade  eine  volle  Umdrehung
emacht  hätten.  Die  Stärke  des  Dralls  ist  meist  erahrungsgemäß
  festgestellt,  wie  überhaupt  die  Drallverhältnisse
  noch  wenig  geklärt  sind.  Aus  Gründen
einer  bequemen  Herstellung  werden  meist  vier  Züge
geschnitten,  seltener  3,  5,  6  und  7.  Die  Tiefe  der  Züge
beträgt  0,1—0,2  mmr,  ihre  Breite  2,3—4,5  mm.  Die
Art  der  Züge  bei  verschiedenen  Militärgewehren  geht
aus  den  Textfiguren  2—4  hervor.  Welches  als  das
beste  Zugsystem  angesprochen  werden  kann,  läßt  sich
nicht  sagen.  Deutschland  bevorzugt  den  rechtwinkligen
Zug  mit  oben  abgerundeten  Ecken.  Gemessen  wird
die  Seelenweite  des  Laufes  oder  das  Kaliber  zwischen
wwe  gegenüberliegenden  Feldern;  es  schwankt  zwichen
  6  und  8  mm.  Einige  Kaliberstufen  sind  aus  der
Tabelle  auf  S.  284  zu  ersehen.  Um  dem  Geschoß  den

Fig-  1.  Laufquer--schnitt.


a  Zug,  d  Feld.

ere  teil  verbunden.  Einigen  Waffen  ist

III.  Technik  und  Kriegführung

Eintritt  in  den  gezogenen  Teil  zu  erleichtern  und  den
Kückstoß  beruhzönbelerrn.  sind  der  gezogene  Teil  und
das  Patronenlager  durch  einen  —
zur
Laufmaterials  umd  zu  ihrer  leichteren  Handhabung
ein  Laufmantel  oder  ein  Handschug  ausgelegt.
Die  Bisiereinrichtung,  aus  Bisier  und  Korn
t  I.  Fig.  1—6)  bestehend,  gibt  dem  Lauf  einen
ehöhun  für  bestimmte  Schußweiten.  Um
die  Fehler  des  Schützen  einzuengen,  find  lange  Bifierlinien
  vorzuziehen  (600—700  mm).  Man  unterscheidet
  Rahmen-,  Treppen-,  Rahmen--Treppen-,
Kurven-,  Quadranten-  und  Fernrohrvisiere.
tere  find  militärischerseits  erst  während  des  Krieges
auf  beiden  Seiten  in  die  Erscheinung  getreten.  Auf
englischen  Gewehren  angebrachte  Zielfernrohre  amerikanischen
  Ursprungs  find  etwa  18cmlang,  habensechsfache
  Vergröß  und  etwa  7  cm  Augenabstand:
als  en  vient  en  auf  Glasplatte  eingeritztes
Kreuz.  Fernerhin  ist  eine  Horizontallinie  eingeritzt,
die  auf  1000  Yards  die  Mannshöhe  von  1.758  m  angibt.
  Die  Skala  geht  bis  3000  Yards.  Anforderunen
  an  ein  Visier  sind:  Einfachheit  im  Einstellen  und
eies  Gesichtsfeld.

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Fis.  2  Onterreich.  Fis.  2.  Danemark.  Fe.  4.  Nußland.
Fi.  2—4.  gugprofile.

Der  Berschluß,  auch  kurz  das  Schloß  genannt,
bildet  den  rückwärtigen  Abschluß  der  Seele,  dient
als  Stoßboden,  besorgt  das  Spannen,  Abfeuern  und
wirft  die  abgeschossene  Patronenhülse  heraus.  Fast
allgemein  ist  der  Zylinderdrehverschluß  in  Anwendung
  (eine  in  einer  Hülse  bewegliche  Kammer,  in
deren  Bohrung  Schlagbolzen  mit  Feder  eingelagert
find),  der  durch  Seitwärts=  und  Rückwärtsbewegung
betätigt  wird.  Vereinzelte  Staaten  führen  den  Geradezugverschluß
  (Tafel  1,  Fig.  7),  einen  Verschlußzylinder,
  der  sich  schraubenartig  durch  Rückbewegung
des  Kammergriffs  in  einem  anderen  Hohlzylinder  bewegt.
  Hierdurch  ist  zwar  der  Ladegriff  vereinfacht,
aber  es  sind  auch  hiermit  einige  Nachteile  mit  in  Kauf

enommen,  wie  ungünstige  Hebelverhältnisse  beim
ern  derabgeschossenen  Patronenhülse,  Vorkommen
von  selbstlätigem  Offnen  des  Verschlusses  usw.  Von
besonderer  Bedeutung  beim  Verschluß  ist  die  Verriegelung,
  seine  saugende  Festlegung,  um  den  Stoß
der  Pulvergase  auszuhalten  und  den  rückwärtigen
gasdichten  Abschluß  der  Waffe  zu  gewährleisten.  Es
geschieht  dies  in  der  Weise  (Tafel  VI,  Fig.  1),  daß
durch  eine  Drehbewegung  des  Verschlußsystems  Warzen
  am  Verschlußzylinder  in  Ausschnitte  der  Kammerhülse
  gelegt  werden.  Günstig  ist  die  Warzenanordnung
  möglichst  weit  vorn,  und  zwar  je  eine  auf  jeder
Seite,  wodurch  die  Treffähigkeit  der  Waffe  ganz
bedeutend  erhöht  wird.  Eine  gute  und  feste  Verriegelung
  ist  die  Vorbedingung  für  eine  Gleichmäßigkeit
  der  Schußleistung.  Sämtliche  neuzeitlichen  Verschlußeinrichtungen
  sind  Selbstspanner,  d.  h.  durch
Vor=  oder  Rückwärtsbewegung  des  Schlosses  erfolgt
die  Spannung  des  Verschlusses  bei  möglichst  geringer
Kraftentfaltung  seitens  des  Schützen.
        <pb n="351" />
        und  Faustfeuerwaffen  I.

5.  Vlslerfernrohr  des  norckamerikanischen  Sprineileelo  „Gewechrs  M  o3
und  des  englischen  Gewchets  N.  9.

1.Rahmenvlsier.
Cewehr  M/88.

–––.ee

—  –—.  ..  ....

—  —  —KF  erz.
s  Damit-st--
  -.

H.jammerte-gewehtM.-«"98(Dcmschland).
Oberanstcht  der  Wofte.  geschlossen.

*%

——N2———————’

9.  iInfanterlegewehr  M  98  (Deutschland).
Vertikaler  Längsschaltt  der  Wafte,  mit  geospannlem  Schloß.

.*

—

10  Österreichisches  Repetier-Pewehr
  M,  95.
Verschlug  geoöffaet.

11.  Französischer  Karabiner  M.92,  System  Mannlicher.  ..
»WOCHENSCHR-tmsedlscldscktespsvtlts  4.  Kursenvisler.  Geschr  M.98  (beutschland).

Bibllographisches  Insiltut  in  Leipzig.
        <pb n="352" />
        5  und  6.  Rusbsisches  Dreiliniengewehr
91,  mit  aufgesetziem  Patronenrahmen
zum  Laden.

Hand-  und  Faustfeuerwaffen  ll.

--  —
—  —  —  —LLIIIIII—  —  —
«  2

—2—

–“  :  –  5§ré  ¾
SS——  ————  J....——N—

4.  Lebel-Cewehr  M  86,93  (Frankreich).
Verschluß  geöftnet.  Palronenhülse  noch  ulcht  ausge  worfen.
Zubringer  mu  der  leizten  Patrone  gesenkt.  Schlagbolren
Kkespunni.

!nmn—

3.  Türk.  Infantericgewehr  M  93.
Vertikualer  l-áAngoschnitt  der  W.  I#
Imn  gespanntum  Schileel.

——
—n  .«.

—

S.  Englischeés  dewelw.,  Syrftem
e-  MNettord.
E  —  —  e  sß  nllhon  un!  uhgelecuet.

1  und  2.  Patronen  mit  Rundkaopfund
  Spitzgeschof.

a  Zündhütenen.  d  Ambos,  c  Pulverladung.

  u  Oeschogmantel,  e  Blelkern.

„  .——  —
        <pb n="353" />
        Hand-  und  Faustfeuerwaffen  III.

—  –  –—..e  —–  —

2.  tallentsches  Gewehr  M.91,  System  Mannlicher.
Verschlus  geschlussen,  Schlagkder  gespanni.

l.  Schraubenvisier
des  Ro6  -  Gewehrs
(Kanada).

1.

l

l

-3.ltalicnlschesscowelikMA,syst-Imdicniciliclson
Verschluß  geöffnel  und  guespanm.  Volles  Magazin.
4  .
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4.BelgisclseslassatetlegcwhthöQ

.  tscniltslauasacdamset-wuschsicut-Minutenschtoxcunuketälltemblas-sind
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        <pb n="354" />
        1—5.  Mauscr-  Selhstladegewenr  02  mit  langem  Rücklaul.
1.  Oheransicht  der  W’aftfe,  Verschlufs  enlelegellt  und  Keöltnct.

2.  Scitcnandicht  iter  Walle  mu  geötffnetem  Schlot.

uss

1

6.  Mauser-  Selbstlader  M.OS  mit  Verriegelung  durch
Stützklappen.
Oesomtansicht  der  Walte,  mit  angestecktem  Eialismagasin.
        <pb n="355" />
        Hand-  und  Faustfeuerwaffen  V.

*

2.  9mm  -Selbstladeplstole  Campoa

  Abzut  e  Brücke

b  Vesschlusstücke  1#  Schlagbakzon-  Giro  (Spanlen).
c  Schitliten  teder  Verschlu  Iin  Linterster  Stellung.

d  Federstunge  I  &amp;amp;  Abrugstolfen  r  —  -

—  8.  Parabellum  -Selbstladepistole
  (Pistole  M/08).
Verschlull  Iin  ntersier
Stellung.

3.  9mm-Dreyse-Selbstlade-«

  pistole.  ,»
.III-Muhmen-Wirkens-tilgen;
·  Endstellung.  "

sittsame-Idslctteldtgcls

  7.  Parabellum  ·  Selbst-—

  ladepisiole  (Pletole  M.08).
e  Paronenzubringer  Schußberelit.
t  Vlaler

6.  7.  min  ·  Mauser-Selbstladepfstolc.
Verschlufl  oflen.

1  Süft
ßb.  Abzugstollenhebel
c.  d  Sicherung  mit  Feder  e

W*  s—  4“

z4  .1-"««.sk-«
(  Juss.
—————-
        <pb n="356" />
        —  ——  —  —.

Hand-  und  Faustfeuerwaffen  VI.

5.  Magazin  des

15.  Borchardt-Selbstlade-



kanadlschen  Gewelws.  J.  Kanadisches  Gewek.  Verschluß  geöltnct.

,  its-F
-I--,»’

»Hm-END

—

10.  Mauser-Selbsllader  M06/O8  mit  Verrlegelung  durch  Stützklappen.
Oberansicht  der  Watte,  geschlossen  und  verriegelt,  Deckel  abrenommen-.

Entrlegelt.

Verschluhbflegel.  u  Verriegelungswse#rzen,  b  Drchrzsapfen,  ti.  c.  Nasen.  di,  de  Ausnehmungen  für  die  Nasen  des  Verschlug
riegels.  K  Kammer.

14.  Mauser-Selbstladepistole  MJ/96  mit  Anuschlagrolben.  Kammerw#en.

—  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

—.  —  —

2  und  3.  Rand-  und  Rlllen-Patranenhülsen.


S.——n——.—..—  —s

P  13.  Verschluß  des  Manmlicher-Seibstladegewehrs.
Verriegell.  A  Verschlußriegel,  a  Zapflen.

B  Schräge  Flächen,  K  Kammer.

##  Kammer  nasein
oben  berumgewoeten.

42  é6.  zurückgetrichene  Kammer.

6—8.  Selbstladegewelu  mit  angebohrtem  Laul.
A  Lauföffnung  P  Kammeruris"
Ansatzkohr  □#  u.  H  Kammer--C
  Anusatz  Warzen
D  Gaskammer  N  Vorhellfeler

s——.—————
————-*i

  .

1.Wat:enwttiekeluag.Gesteh-NR
        <pb n="357" />
        Polster:  Hand=  und  Faustfeuerwaffen

Das  neuzeitliche  Armeegewehr  ist  heute  ein  Mehrlader,
  eine  Waffe,  wobei  der  Mann  nicht  nach  jedem
Schuß  zur  Patronentasche  zu  greifen  hat.  Die  Mehrladevorrichtungen
  lassen  zwei  Gruppen  unterscheiden,
  und  zwar  1)  das  Mannlicher-System  (Osterreich:
  Tafel  J,  Fig.  10;  Terifgg.  5)  mit  Einlagerung
des  Patronenpakets  in  seiner  Rahmenumsschließung.
Nach  Verfeuern  aller  Patronen  fällt  der  Rahmen  leer
selbsttätig  nach  unten  heraus;  2)  Magazine  mit  loser
Einlagerung  (Textfig.  6—  9)  der  Patronen,  wobei
letztere  beim  Einladen  vom  Ladestreifen  abgestreift
werden,  oder  aber  der  Ladestreifen  mit  eingebracht
wird  und  nach  völligem  Eindrücken  in  den  Laderaum
nach  unten  herausfällt.  Vorteile  des  ersten  Systems:
Das  Laden  erfolgt  leicht  und  sicher,  die  Entleerung  des
Magazins  rasch  ohne  Mitwirkung  des  Verschlusses;

Fig.  9.
Fig.  ö.  Patronen  in  einer  Reihe  in  Lackung  eingelagert  (Mannlicher).
  —  Fig.  6.  Patronen  in  zwei  Rethen,  lose  eingelagert
(Mauser).  —  Fig.  7  u.  8.  Trommelmagazin  des  griechischen
Infanterlegewehrs.  —  Fig.  9.  Magazin  Krag-Jörgensen.
Fi  .  5—9.  Mehrlabevorrichtungen.

Fig.  6.

Nachteile:  Der  Kasten  ist  unten  offen  (Verschmutzung),
der  Patronenrahmen  bedeutet  eine  Gewichtsvermehrung,
  das  Auffüllen  des  Magazins  ist  umständlich.
Vorteile  des  zweiten  Systems:  Der  Kasten  Kunten

eschlossen,  der  Ladestreifen  ist  leichter,  das  Magazin
ann  jederzeit  nachgefüllt  werden;  Nachteile:  Entleerung
  des  Magazins  nur  mit  Hilfe  des  Verschlusses
möglich  (außer  beim  Gewehr  Krag-Jörgensen).  Eine
Ausnahme  bildet  die  Mehrladevorrichtung  des  französischen
  Lebel-Gewehrs  (Tafel  II,  Fig.  4),  das  noch
das  veraltete  Röhrenmaggzin  besitzt.

Der  Schaftsollder  Wasse  eineleichte  einfache  Handhabung,
  einen  bequemen  Anschlag  gewähren  und  vermittels
  des  Beschlages  sämtliche  Gewehrteile  verbinden.
  Man  gebraucht  geteilte  und  ungeteilte  Schäfte.
Als  Material  kommt  sorgfältig  getrocknetes  Nußbaumholz
  zur  Anwendung.

Die  Länge  einer  Infanteriewaffe  schwankt  zwischen
1,10  und  1,5##m  ohne  Seitengewehr,  ihr  Gewicht  zwischen
  3,5  und  4,8  kg.  Eine  weitere  Gewichisherabsetzung
  ist  im  Interesse  des  empfindlicher  werdenden
Rückstoßes  nicht  annehmbar.

Die  Munition  der  Handfeuerwaffeist  die  Messingpatrone
  in  ihrer  handlichen  Flaschenform;  ihre  Teile
(Tafel  II,  Fig.  1  u.  2)  sind  die  Messinghülse  mit  Zünd-281



vorrichtung,  die  Pulverladung  und  das  Geschoß.  Man
unterscheidet  Rand-  und  Rillenpatronen  (Tafel  VI,
Fig.  2  u.  3).  Erstere  gestatten  ein  bequemeres  Ausziehen,
  eine  festere  Einlagerung  in  dem  Lauf,  letztere
dagegen  eine  günstige  Einlagerung  im  Paket,  Ladetreifen
  usw.  Die  Pulverladung  besteht  aus  Blättchen-,

äpfchen-,  Faden-  oder  Körnerpulver  im  Gewicht  von
2—3,2  g.  Der  Grundbestandteil  ist  Schießwolle,  nitrierte
  Baumwolle,  deren  Beschaffung  jetzt  in  der
Hriegszet  auf  unserer  Seite  ganz  besonders  erschwert
ist.  Die  Bevorzugung  der  Baumwolle  für  die  Pulverbereitung
  hat  ihren  Grund  darin,  daß  sie  bei  ihrer
Reinheit  für  die  Unveränderlichkeit,  die  Stabilität  des
fertigen  Produktes,  die  meiste  Garantie  gewährt.  Jetzt
in  der  Kriegszeit  ist  Ersatz  für  diesen  Paupibestauelteil
  der  Pulverfabrikation  in  anderen  Zellulosepräparaten
  gefunden,  z.  B.  Holzzellulose
u.  a.,  die  eine  genügende  Stabilisierung
und  Beständigkeit  des  Materials  ergeben
  haben.

Träger  der  zerstörenden  Kraft  ist  das
bescho.  ein  Rundkopf--  oder  Spitzgeschoß
(Tafel  II,  Fig.  1  u.  2;  Textfig.  10).  Als
Material  hierzu  verwendet  man  einen
Hartbleikern.  (Legierung  von  Blei  und
Antimon),  umgeben  von  einem  Stahlmantel
  (Schutz  vor  Deformation)  oder
reines  Kupfer  (Frankreich).  Anforderungen,
  denen  die  Gewehrmunition  entsprechen
  soll,  sind  folgende:  1)  Geringes
Gewicht,  2)  geringe  Länge,  3)  hohe  ballistische
  Leistung.  Als  Hauptvertreter
der  heutigen  Geschoßsysteme  seien  das
deutsche  Fohaescho  und  das  französische
  Geschoß  mit  verjüngtem  Geschoßhinterteil
  —  zur  besseren  überwindun
des  Luftwiderstandes  —  erwähnt.  Einen  Vergleich
zwischen  beiden  Systemen  und  dem  älteren  Rundkopfgeschoß
  gibt  nachfolgende  Tabelle:

Fig.  10.  Das
Spitgeschoß
Frankreichs,
7Balle  De.

Rundkopf=  Soit=—
  gescheß  (  1  mWm:
Deutschland  1  Deutschland)  Frankreich
Kallber  mn.  7,2  7,0  8,0
Geschoß-  14,7  10,0  12,5
Ladungs-  Gewicht  g  2,  as  8,2  2.
Patronen-  27.6  23,75  27,6
Geschoßldnge  mm.  81.2  28,0  39n
Querbichte  g/qem  ..  20,0  20,4  25,#
Anfangsgeschwindigkeit
misens  640  900  740
Mündungsarbeit  mg  307  413  356
Zahl  der  Patronen  auf
1x8..  .  141  169  145

Dieüberlegenheit  des  französischen  Systems  (günstigere
  überwindung  des  Luftwiderstandes)  in  der  Tresssähigkeit
  zeigt  sich  erst  auf  Entfernungen  über  1600  m.

Wschcsse  für  Sonderzwecke  zum  Durchdringen  leichter
  Panzerungen  (Textfig.  11—13),  Ballongeschosse
u.  a.  sind  in  verschiedener  Fertigung  vorhanden,  haben
jedoch  wenig  Bedeutung  erlangt.  Lurch  die  im  Jahre
1868  abgeschlossene  Pirsbülrger  Deklaration  und
späterhin  durch  die  Haager  Abkommen  ist  die  Verwendung
  von  Geschossen,  bei  deren  Aufbau  eine  Zersplitterung
  im  getroffenen  Körper  beabsichtigt  ist
(Dumdungeschosse),  z.  B.  Mantelgeschosse  mit  Loch,
eingeschnittenem  Mantel,  mit  freiliegendem  Bleikern,
Teilmantelgeschosse  usw.,  auf  seiten  einer  kriegführenden
  Macht  untersagt.  Leider  sind  auch  diese  Arten
        <pb n="358" />
        282

von  Geschossen  sowie  auch  solche  mit  Explosivstoffen
gefüllt  auf  gegnerischer  Seite  vielfach  in  die  Erscheinung
getreten  (ganz  besonders  aufenglischer  und  russischer).
Das  anerkannt  vollkommenste  Gewehr  aller  kriegführenden
  Staaten  ist  das  deutsche  Infanterieewehr
  M98  (Tafell,  Fig.  Z  u.  9).  Esisteine  Mauser-Konstrurtion
  mit  unten  geschlossener  Mehrladeeinrichtung,
  bei  welcher  die  Patronen  (5)  nach  Abstreifung
eines  spangenförmigen  Ladestreifens  in  zwei  Reihen
lose  nebeneinanderliegen.  Der  Verschluß  ist  ein  Zylinderdrehverschluß
  mit  Selbstspannung  und  symmetrischer
  Warzenverriegelung.  Zur  Vermehrung  der
Sicherheit  bei  zu  hoher  Inanspruchnahme  des  Gewehrs
ist  an  der  Kammer  eine  dritte,  sogenannte  Sicherheitswarze
  angebracht,  die  auch  einen  Schutz  gegen  zurückströmende
  Gase  erzielt.  Der  Lauf  vom  7%  mm-Kaliber
ist  mit  vier  Zügen  versehen;  zur  besseren  Oandhabung
des  Gewehrs  dient  ein  Handschutz.  Das  jur  Verwendung
  gelangte  Visier  (Tafel  I.  Fig.  4)  hat  seitlich  je  eine
kurvenartig  gekrümmte  Backe  (Kurvenvisier)  und  eine
Einteilung  von  400  bis  2000  m,  steigend  um  je  50  m.
Die  Sicherung  der  Waffe
erfolgt  in  gespanntem  Zustande
  durch  Festlegung  der
Schlagvorrichtung.  Der
Schaft  mit  Pistolengriff  ist
einteilig.  Als  Beiwasse
dient  ein  Seitengewehr  von

1.—

dig.  18.

—

Fia.  12.

Fig.  11.
Fig.  11.  Borchardt-Patrone.  #  Stahldorn,  d  Bleiumhüllung  mit
Stahlmantel,  streist  sich  beim  Auftressen  ab.  —  Fig.  12.  Krnka-Hebler-"eschoß.
  G  Geichoßlern,  M  Stahlmantel,  L  Luftkanal
mit  Stahlfutter  R,  8  Spiegel.  —  Fig.  13.  Roths  Rillengeschoß

mit  Querschnitt.

Fig.  11—  13.  Sondergeschosse.

gerader  Klinge  mit  zwei  Hohlkehlen  und  zweischneidiger
  Spitze.  Der  Aufsteckzapfen  für  das  Seitengewehr
ist  an  der  Wasse  unabhängig  vom  Lauf  besestant  und
erhöht  hierdurch  ihre  Tessgenauigtert  Das  Gewicht
des  Gewehrs  beträgt  4,1  kg,  mit  Stoßwaffe  4,58  kg,
die  Länge  ohne  Seitengewehr  1,25  m.  mit  Seitengewehr
  1,„77  m.  Für  die  Güte  der  Waffe  zeugt  die
atsache,  daß  dem  gleichen  Typ  angehören  die  Armeegewehre
  von  Mexiko  (M.O2),  Türkei  (M/03),  Brasilien
(M/04),  China  (M/06),  Paraguay  (M/O7),  von  denen
letzteres  dem  deutschen  Armeegewehr  M98  vollkommen
  gleich  ist,  während  die  anderen  kleine  Abweichungen
  in  bezug  auf  den  Lauf  und  die  Visiereinrichtung
aufweisen.  Ein  weiteres  Modell,  das  sich  jedoch  nur
bei  den  hinter  der  Front  tätigen  Formationen  befindet,
  ist  das  Gewehr  M/88,  gleichfalls  eine  Mauser-Konstruktion
  mit  einer  Mannlicher-Mehrlade-Einrichtung.
  Der  Karabiner  entspricht  im  wesentlichen
dem  Aufbau  des  Infanteriegewehrs.  Infolge  seines
verkürzten  Laufes  ist  seine  Anfangsgeschwindigkeit
geringer  (835  misec  gegen  900  m'sec).  Eine  Auf-Ppflanzvorrichtung
  ist  gleichfalls  vorhanden.

Das  Gewehr  M95Osterreich-Ungarns  (Tafell,
Fig.  10)  ist  ein  Mittelschaftsmagazin  vom  8  mm-Kaliber
  für  fünf  Patronen,  die  in  einen  Rahmen  eingetaden
  werden.  Der  Verschluß  ist  ein  Geradezugolbenverschluß
  mit  senkrechter,  unmittelbar  hinter
dem  Patronenboden  in  Wirkung  tretender  Warzen-III.

  Technik  und  Kriegführung

verriegelung.  Das  Gewehr  besitzt  vier  Züge.  Das
Rahmenvisier  mit  Schieber,  dem  des  deutschen  M88
ähnlich,  reicht  von  300—2600  Schritt.  Der  Schaft
besitzt  gleichfalls  Pistolengriff.  Als  Seitengewehr  dient
ein  kurzer  Dolch  mit  an  der  Spitze  zweischneidiger
Klinge,  welcher  über  eine  Warze  an  der  linken  Seite  des
Oberringes  geschoben  wird.  Im  Gegensatz  zu  einem
älteren  M/90,  das  einige  Abweichungen  in  bezug  auf
den  Verschluß  und  die  Visieranordnung  aufweist,  ist
das  M95  von  verhältnismäßig  geringem  Gewicht,

nämlich  3,5  kg  gegen  4,46  kg.  Das  Leiche  Gewehr
mit  einem  Seitengewehr  rumänischen  Typs  führt  die

bulgarische  Armee.

Das  türkische  Armeegewehr  M/93  (Tafel  II,
Fig.  3)  stellte  die  erstmalige  Anwendung  des  bekannten
  neuen  Mauser-Mehrladetyps  dar.  Das  7,65  mm-Kaliber
  gleicht  dem  spanischen  Gewehr  sowie  auch  dem
deutschen  M/98  mit  einigen  Abweichungen,  wie  federndem
  Schloßhalter,  Magazinabsteller,  welcher  in  der
rechten  Seite  des  Hülsenausschnitts  angeordnet  ist.  Ist
das  Magazin  mit  fünf  Patronen  gefüllt,  so  kann  durch
die  Vorwärtsstellung  des  durch  eine  Feder  gehaltenen
Abstellers  das  Magazin  außer  Tätigkeit  gesetzt  werden.
  Ein  neues  M.03  zeigt  dieselbe  Konstruktion  wie
das  deutsche  M/98.  Das  Seitengewehr  gleicht  dem
deutschen  Muster.  Die  Gesamtlänge  der  Waffe  beträgt
  ohne  bzw.  mit  Seitengewehr  1.24  bzw.  1,7e  m.
ihr  Gewicht  ohne  Seitengewehr  4.2  kg.

Die  Handfeuerwaffen  der  Gegner.  Zunächst  tritt
Frankreich  mit  seinem  ältesten  Gewehr  aller  Staaten
in  den  Vordergrund.  Allgemein  war  man  der  Ansicht,
  daß  Frankreich  in  den  letzten  Jahren  vor  dem
Kriege  zu  einer  Umbewaffnung  seiner  Armee  schreiten
würde,  doch  nahm  man  davon  Abstand  angesichts  der
schon  damals  gespannten  politischen  Lage;  auch  war
die  Frage  der  Einführung  eines  geeigneten  Selbstladegewehrs
  noch  nicht  genügend  geklärt.  So  blieb  es  bei
der  Bewaffnung  mit  dem  alten  Lebel-Gewehr  M.86.
das  mit  geringen  Abänderungen  im  Jahre  1893  zum
Gewehr  M/86/93  (Tafel  II,  Fig.  4)  gestempelt  wurde.
Für  die  damalige  Zeit  war  die  Wse  hervorragend,
entspricht  jedoch  den  heutigen  Anforderungen  an  ein
Armeegewehr  ganz  und  gar  nicht.  Das  8  mm-Kaliber
  ist  ein  Mehrlader  mit  Röhren-oder  Vorderschaftsmagazin,
  wobei  die  Patronen  (8)  einzeln  in  das  unter
dem  Lauf  befindliche  Magazin  geschoben  werden.  Im
Eifer  des  Gefechts  ist  das  Gewehr  demnach  nur  als
Einzellader  zu  gebrauchen.  Weitere  Nachteile  sind
veränderliche  Schwerpunktslage  der  Waffe  nach  jedem
Schuß,  schwieriges  und  zeitraubendes  Füllen  des
Magazins,  mangelhafte  Erhaltung  der  Patronen  bei
längerem  Verbleiben  im  Magazin  u.  a.  Gleichfalls
wenig  vorteilhaft  ist  die  Sicherung  der  Waffe,  die  im
Abspannen  besteht  und  öfters  versagt.  In  Erkenntnis
der  Nachteile  eines  Röhrenmagazins  hat  Frankreich
einen  Teil  seiner  neuen  Gewehre  im  Kriege  mit  Mittelschaftsmagazinen
  ausgerüstet,  wie  sie  bereits  beim
Lebel-  und  Mousqueton-Karabiner  (Tafel  1,  Fig.  11)
in  Anwendung  gebracht  sind.  Der  Lauf  des  Gewehrs
ist  mit  vier  Zügen  versehen  und  besitzt  Linksdrall.  Der
Verschluß  ist  ein  Kolbendrehverschluß  mit  zentraler
Warzenverriegelung.  Als  Visier  dient  bis  800  m  ein
Treppen.,  von  900—2000  bzw.  2400  m  ein  Nahmenvisier
  mit  Schieber.  Der  Schaft  ist  zweiteilig.  Das
Stichbajonett  ist  mit  vier  Hohlkehlen  versehen.  Das
Gewicht  der  Waffe  beträgt  4,2  kg,  seine  Länge  ohne
bzw.  mit  Stichbajonett  1,30  bzw.  1,82  m.  Der  Unterschied
  zwischen  dem  Lebel-  und  dem  Mousaueton-
        <pb n="359" />
        Polster:  Hand=  und  Faustfeuerwaffen  283

Karabiner  besteht  darin,  daß  legierer  mit  einer  Auf-Pflanzvorrichtung
  versehen  ist.  Beide  Karabiner  verschießen
  die  übliche  Gewehrmunition  als  Paketlader.

Das  russische  Dreiliniengewehr,  System  Mosfin-Nagant
  M/91  (Tafel  II,  Fig.  5  u.  6),  ist  vom  7.69  mm-Laufkaliber
  (7,62  mm  =  3  Linien);  man  unterscheidet
das  Infanteriegewehr  sowie  das  Dragoner=  und  Kosakengewehr.
  Beide  weichen  voneinander  durch  unbedeutenden
  Längenunterschied  der  Läufe  ab,  ihre  ballistischen
  Leistungen  sind  fast  dieselben.  Der  Lauf,  mit
Handschutz  versehen,  besitzt  im  Inneren  vier  scharfkantige
  Züge.  Als  Visier  gebraucht  man  ein  Treppen-Rahmenvisier;
  es  reicht  von  400  —  3200  Schritt  (zu
71  cm).  Der  Zylinderdrehverschluß  wird  in  seinen
Einzelteilen  durch  eine  Verbindungsleiste  zusammengehalten.
  Die  Sicherung  der  Waffe  erfolgt  durch  Zurückziehen
  und  Eintsdrechen  des  Schlößchens.  In  der
Hulse  befindet  sich  eine  Vorrichtung,  die  es  verhindert,
daß  bei  Hemmungen  zwei  Patronen  Übereinander  geladen
  werden.  Vielfach  findet  man  das  russische  Gewehr
  in  Verbindung  mit  einer  Drahtschere  (Tafel  II,
Fig.  7),  die  in  zwei  Ausfertigungen  bekannt  ist.  Anebracht

  wird  diese  Schere  kurz  vor  der  Mündung;
ie  wirkt  so,  daß  man  den  durchzuschneidenden  Draht
in  den  sichtbaren  Ausschnitt  legt  und  an  sich  heranzieht.
Das  Bajonett  ist  mittels  einer  Vorrichtung  dauernd
rechtsseitig  am  Lauf  befestigt.  Das  Gewicht  der  Waffe
beträgt  4.1  kg.  ihre  Länge  ohne  bzw.  mit  Bajonett
1,0  bzw.  1,13  m.  Der  Karabiner,  gleichfalls  M/91,
ist  eiwa  10  cm  kürzer  als  das  Duanteriegewehr  und
gleicht  sonst  demselben  fast  vollkommen.  Seine  Visiereinteilung
  reicht  von  200  —1400  Schritt.

England  führt  für  Infanterie  und  Kavallerie  eine
Einheitswaffe,  ein  7,7  mm-Gewehr  M/O03  (Tafel  II,
Fig.  8)  mit  Miteelschaftemagasin
für  zehn  Patronen,  deren  Magazinkasten
  von  unten  ansteckbar  gebelten
(Lee.  Konstruktion)  ist.  Der  Lauf
besitzt  fünf  Züge  und  Linksdrall.
Links  am  Gewehr  befindet  sich  ein
Schieber,  der  zum  Adbstellen  des
Magazins  und  zur  Verwendung  der
Wasfe  als  Einzellader  dient.  Eine
in  diesem  Schieber  ausgebohrte
scharfschneidige  Offnung  ist  als
Schneidevorrichtung  (Textfig.  14)
für  Geschosse  mit  Aluminiumspitzkern
  vorgesehen,  welche  die  bekannte
verwerfliche  Dumdumwirkung  auslösen.
  Das  Bogenvisier  gestattet
Entsernungseinstellungen  von  200
bis  2000  Yards.  Bei  mangelhaften
  Schußleistungen  oder  seitlichem
Wind  kann  die  Visierkimme  seitlich
verschoben  werden.  Eine  zweite  seitliche
  Visiereinrichtung  dient  zum
Unschlag  auf  weite  Entfernungen.
Der  Schaft  wird  zweiteilig  angefertigt  und  besitzt  einen
Pistolengriff.  Das  aufpflanzbare  Seltenpewehr  ist
zweischneidig.  Gewicht  der  Waffe  ist  8,8  kg,  ihre  Länge
ohne  bzw.  mit  Seitengewehr  1,12  m  bzw.  1,/2  m.

Das  kanadische  Gewehr  (Tafel  VI,  Fig.  4  u.  5),
gleichfalls  ein  7,7  mm--Kaliber  M'10  mit  Pistolenschäftung,
  ist  ein  Paketlader  (fünf  Patronen)  für  Mittelschaftsmagazin.
  Wie  beim  englischen  System  ist  der
Magazinkasten  abnehmbar.  Ganz  aus  den  Formen
eines  Armeevisiers  ausfallend  ist  sein  Schraubenvisier
(Tafel  III,  Fig.  1)  mit  überdachtem  Korn  und  einer

Fig.  14.  Vorrichtung
  am  englischen
  Gewehr
zum  Abbrechen
der  Geschobspit#ze.
a  Alumimumspitze
des  Kernes,  b  Bleikern,
  e  Nickelmantel,
d  Metallriegel  mit
ausgehöhltem  Ansatz
  um  Anbohren
des  Geschoßmantels.

Einteilung  bis  1200m.  Das  Gewehr  hat  sich  im  Kriege
nicht  bewährt;  neuerdings  ist  eine  Umbewaffnung  der
kanadischen  Armee  mit  englischen  Gewehren  im  Gange.

Dem  österreichischen  Gewehr  äußerst  ähnlich  gehalten
  ist  das  italienische  Gewehr  M  91  (Tafel  III,  Fig.
2  u.  3):  Mannlicher-Typ,  6,5  mm-Kaliber  mit  einem
Mittelschaftsmagazin  für  sechs  Patronen.  In  den
Lauf  sind  vier  He  mit  sich  verstärkendem  Rechtsdrall
  eingeschnitten.  Bemerkenswerte  Einzelheiten
sind  ein  Zylinderdrehverschluß,  ein  Quadrantenvisier
mit  einer  Einteilung  von  600—  2000  m.  Bei  einer
Gesamtlänge  von  1,28  m  ohne  Seitengewehr  wiegt
die  Waffe  3,8  kg.  Der  Karabiner  M91  ist  mit  einem
Seitengewehr  ständig  verbunden;  dieses  lagert  gewöhnlich
  in  einer  Ausnehmung  des  Vorderschaftes.

Das  belgische  Gewehr  M/89  (Tafel  III,  Fig.  4),
7,  as  mm-Kaliber,  ähnelt  dem  deutschen  Gewehr  M/88.
Es  ist  eine  deutsche  Mauser-Konstruktion.  Besonders
Eut  bereits  die  Streifenladung  in  die  Augen.  Die

atronen  im  Mittelschaftsmagazin  lagern  lose  übereinander.
  Sonstige  Merkmale  find  ein  Zylinderdrehverschluß
  mit  bereits  festem  Verschlußkopf,  zwei  Visiereinrichtungen,
  und  zwar  von  100—400  m  ein  Treppen-,
  von  500—2000  m  ein  Rahmenvisier.  Gewicht
der  Waffe  ist  4,0  kg,  Gesamtlänge  ohne  Seitengewehr
1.27  m,  mit  Seitengewehr  1,51  m.  Dieselbe  Gewehrkonstruktion
  haben  auch  zwei  Karabiner,  die  mit  und
ohne  Aufpflanzvorrichtung  versehen  sind.

Serbien  ist  gleichfalls  mit  einem  Mauser-Typ
ausgerülstet.  Es  führt  ein  7mm-Mittelschaftsmagazingewehr
  M99  und  99/07  für  fünf  Patronen,  die  durch
einen  abstreifbaren  Ladestreifen  eingeladen  werden.
(Das  greiche  Gewehr  führt  die  spanische  Armee.)

In  Montenegro  ist  das  bereits  behandelte  russische
  Gewehr  in  Anwendung.

Rumäniens  Infanteriebewaffnung  besteht  aus
einem  6,5  mm.  Mannlicher-Gewehr  M/93.  Sonst
bietet  die  Ausführung  der  Wasse  nichts  Neues.

Auch  das  portugiesische  Gewehr  1I/04  von
6,5  mm  -Kaliber  bietet  keine  besonderen  Merkmale.  Es
ist  eine  Mauser-Konstruktion  mit  einigen  Schloßänderungen,
  die  von  dem  Hauptmann  Vergueiro  stammen.

Japans,s  mm-Infanteriewaffe  M/97  bildet  eine

usammenstellung  von  verschiedenen  europäischen

ystemen,  insbesondere  derer  von  Mannlicher  und
Mauser.  Es  ist  ein  Mittelschaftsmagazin  für  fünf
Patronen  in  Ladestreifen.  Nach  Abgabe  des  letzten
Schusses  bleibt  das  Magazin  offen.  Ein  neueres  japanisches
  System  (Tafel  III,  Fig.  5  u.  6)  führt  Üüber
dem  Schloß  einen  Stauddeckel;  alle  Teile  des  Schlosses
werden  ausschließlich  durch  Federn  und  Nuten  zusammengehalten,
  wobei  das  Schloß  nach  Herausnahme
in  seine  einzelnen  Teile  zerfällt.  Das  Seitengewehr
ist  verhältnismäßig  lang.  Gesamtgewicht  der  Waffe
ist  ohne  Seitengewehr  3,6  kg,  Länge  ohne  bzw.  mit
Seitengewehr  1.29  bzw.  1.66  m.  Weitere  Einzelheiten
sowie  Fergueche  bietet  die  Tabelle  auf  S.  284.

Ob  auf  Grund  der  Erfahrungen  im  Weltkrieg  der
Mehrlader  beibehalten  wird  oder  alsdann  die  Zeit
gekommen  sein  wird,  ein  Selbstladegewehr  einzuführen-
  muß  späterer  Entscheidung  vorbehalten  bleien.

  Ein  Selbstladegewehr  ist  eine  Waffe,  bei  welcher
der  nach  jedem  Schuß  bisher  unliebsam  empfundene
Rückstoß  (Mehrladegewehre)  in  eine  Arbeitsleistung
umgewandelt  wird,  die  das  selbsttätige  Offnen  des
Verschlusses,  Auswerfen  der  abgeschossenen  Patronenülse,
  Einführen  einer  neuen  Patrone,  Schließen  des
erschlusses  und  gleichzeitiges  Spannen  desselben  be-
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arbeit

III.  Technik

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Anfangs-  Münder

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Anzahl

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und  Kriegführung

werkstelligt,  so  daß  sich  die  Tätigkeit  des  Schützen  nur  auf
das  Sielen  und  Abdrücken  jedes  Schusses  erstreckt.  Der
Unterschied  zwischen  Selbstladegewehr  und  Maschinengewehr
  liegt  also  dann  nur  noch  darin,  daß  bei  ersterem
jeder  Schuß  vom  Schützen  ausgelöst  werden  muß,  während
  beim  Maschinengewehr  eine  Reihe  von  Schüssen  freigegeben
  wird.  Selbstladegewehre  sind  bisher  in  allen
taaten  in  Versuch  gewesen;  in  Mexiko  wurde  ein  solches
bereits  vor  einer  Reihe  von  Jahren  eingeführt,  auch  ist
es  zur  Zeit  auf  allen  Kriegsschauplätzen  vorzufinden.
orteile  eines  Selbstladers  sind:  Größere  Feuergeschwindigkeit;
  Erträglichkeit  eines  längeren  Schnellfeuers
durch  Wegfall  der  Ladebewegung;  Aufhebung  des  Rückstoßes;
  größere  Ruhe  des  Schützen,  daher  besseres  Zielen
möglich;  ein  Doppelladen  im  Eifer  des  Gefechts  ist  ausgeschlossen;
  bessere  Ausnußung  der  Deckung  (Kopf=  und
Armbewegung);  Möglichkeit  einer  durch  Fortfall  des
Rückstoßes  vorzunehmenden  erhöhten  Mündungsarbeit
(Auftreffenergie)  zum  Durchschlagen  von  leichten  Panzerdeckungen
  u.  a.  Nachteile:  Nicht  so  einfacher  Mechanismus,
  Oemmungen  daher  häufiger;  Möglichkeit  einer  Munitionsverschwendung;
  blindes  Laden  wird  durch  Begfall
  des  Rückstoßes  nicht  so  leicht  bemerkbar;  vermehrte
Herstellungskosten  u.  a.

Welche  Anforderungen  an  ein  Selbstladegewehr  zu
stellen  sind,  geht  aus  den  verschiedenen  Ausschreibungen
einzelner  Heeresstaaten  am  deutlichsten  hervor,  und  zwar
r  wie  folgt:

elgien:  Kaliber  nicht  unter  6,5  mm  bei  mindestens
gleichen  dallistischen  Leistungen  auf  den  Hauptgefechts-Wnlfernunger
  wie  beim  jeyzigen  Insanteriegewehr.  Gewicht
  mit  Seitengewehr  nicht  über  4,5  kg.  Magazin  für
mindestens  fünf  Patronen.  Visierstellung  bis  2000  w.
Verwendung  als  Einzel-,  Mehr-  und  Magazinlader,  möglichst
  auch  Waffe  für  die  Kavallerie.  Hand-  und  automatische
  Sicherung.

England:  Kaliber  zwischen  6,86  und  7,11  mm.  Gewicht
  nicht  über  4,8  kg.  Magazin  für  mindestens  fünf
Patronen.  Randlose  Patronenhülse.  Verwendung  als
Einzel-,  Mehr=  und  Magazinlader.  Sichtbares  Zeichen
bei  Magazinleere.  Unmöglichkeit  des  Abfeuerns  vor  völliger
  Verriegelung  des  Verschlusses.

Frankreich:  Kaliber  nicht  unter  6,5mm.  Gewicht  mit
leerem  Magazin  und  ohne  Seitengewehr  nicht  über  4.  kg.
Magazin  für  fünf  und  mehr  Patronen.  Feuergeschwindigkeit
  mindestens  20  Schuß  in  der  Minute.  Schußleistungen
mindestens  die  gleichen  des  jetzigen  Armeegewehrs.  Verwendung
  als  Einzel-,  Mehr-  und  Magazinlader.

Ahnlich  sind  auch  die  gestellten  Forderungen  von  Rußland,
  den  Niederlanden,  den  Vereinigten  Staaten  und
anderen  Ländern  gehalten.

Die  bisher  bekannten  Selbstladegewehre  lassen  sich  in
solgende  Gruppen  zusammenfassen:

1)  Gasdrucklader  mit  vorwärtsgleitendem  Lauf  (Mannlicher,

  Hastron).

2)  Gasdrucklader  mit  Betätigung  des  Verschlusses  durch
Einwirkung  von  Patronenboden  oder  Zündhütchen
(Mannlicher,  Krnka,  Roth).

8)  Hasdrudklader  mit  aufgesetzter  Gaskammer  (Colt.

retz).

4)  Gasdrucklader  mit  kurz  vor  der  Mündung  angebohrtem
  Lauf  (Mannlicher,  Ceĩ,  Berthier,  Mondragon,
Amerigo  de  Rigotti  u.  a.).

5)  Gasdrucklader  mit  langem  Rücklauf  von  Verschluß
und  Lauf  (Mauser,  Saurer,  Frommer,  Kiellmann,
Madsen  u.  a.).

6)  Gasdrucklader  mit  kurzem  Rücklauf  des  Laufes  und
weiterm  Alleinrücklauf  des  Verschlusses  (Mauser  u.  a.).
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        elbstladepistolen).

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Polster:  Hand=  und  Faustfeuerwaffen

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285

Sämtliche  Gewehre  sind  verriegelt,  unverriegelte
Selbstladeverschlüsse  haben  sich  bei  dem  vorherrschenden
  hohen  Gasdruck  in  der  Waffe  als  vollkommen
unzuverlässig  erwiesen  und  eignen  sich  zur  Zeit  nur
für  Faustfeuerwaffen  (Mündungsarbeit  beim  Infanteriegewehr
  M/98  413  mkg,  bei  der  deutschen  Pistole
M/O8  39  mkg).  Die  zu  1)  bis  3)  erwähnten  Gasdrucklader
  sind  wenig  entwicklungsfähig  gewesen.  Größere
Bedeutung  dagegen  erlangen  die  übrigen  Systeme.

Selbstladegewehre  mit  einer  Querdurchbohrung
des  Laufes  kurz  vor  der  Mündung  sind  von  einfacher
Konstruktion,  wobei  die  Gasdruckselbstladevorrichtung
mit  geringen  Kosten  bei  der  Umänderung  jedes  Mehrladers
  zum  Gasdrucklader  Verwendung  finden  kann.
Die  Wirkungsweise  einer  solchen  Waffe  (Tafel  VI,
Fig.6—Oiist  kurz  folgende:  Durch  Eintritt  von  Treibgan
  beim  Schuß  in  ein  Ansatzrohr  A  (B)  und  alsdann
  in  eine  Kammer  D  wird  der  Verschlußhebel  F
herumgeworfen,  entriegelt  (Warzen  G  und  H)  und
zurückgetrieben.  Das  Vorgleiten  des  Verschlusses  geht
durch  eine  vorher  gespannte  Vorholfeder  N  vor  sich.
In  dieser  Art  ist  auch  das  mexikanische  Mondragon-Gewehr
  gehalten,  das  den  hierfür  geeigneteren  Geradzugverschluß
  aufweist  (Kaliber  7mm,  Gewicht  4,12  kg,
Anzahl  der  Patronen  im  Magazin  10,  Geschoßgewicht
11,2  g.  Anfangsgeschwindigkeit  710  msec).

Bei  Selbstladegewehren  mit  langem  Rücklauf
(Tafel  IV,  Fig.  1—5)  gehen  Lauf  und  Verschluß  fest
verbunden  und  verriegelt  bis  an  das  Ende  der  rückwärtigen
  Bahn  zurück.  Hier  folgt  eine  Trennung  von
Lauf  und  Verschluß,  der  Lauf  gleitet  vor,  die  leere
Patronenhülse  wird  herausgeworfen;  alsdann  schnellt
der  Verschluß  vor  und  schiebt  hierbei  eine  neue  Patrone
  in  den  Lauf.  Weit  größere  Bedeutung  haben  die
Selbstladegewehre  mit  verkürztem  Rücklauf  (Tafel  IV.
Fig.  6;  Tafel  VI,  Fig.  10—13)  gefunden.  Hierbei
gleiten  Lauf  und  Verschluß  verbunden  nur  eine  kurze

trecke  zurlck  (Entriegelun  organg  „worauf  der
Lauf  durch  eine  gespannte  Feder  wieder  vorgedrückt
wird,  der  Verschluß  allein  weiter  zurückgleitet  und
die  fernere  Schußbereitschaft  des  Gewehrs  herbeiführt.
Der  Vorteil  dieses  Systems  besteht  in  der  verkürzten
Schloßeinrichtung  (Augenabstand),  einer  schnelleren
Feuerabgabe  infolge  der  verkürzten  Bewegungen  u.  a.
Zum  Schießen  mit  LGu  tpatronen  als  Vorbereitung  für
das  gefechtsmäßige  Schießen  werden  zur  Selbstbetätigung
  des  Verschlusses  Rückstoßverstärker  (Tafel  VI,
Fig.  9)  zwecks  Drosselung  der  Gase,  ähnlich  wie  beim
Maschinengewehr,  aufgesetzt.  Einzelheiten  von  bekannten
  Selbstladegewehren  ergeben  die  Abbildungen.

Kausiseuerwaffen.

Die  einhändig  betätigte  Handfeuerwaffe,  der  alte
„  Fäustlinge,  hat  in  dem  jetzigen  Kriege  eine  ghanzbesondere
  Bedeutung  und  Verbreitung  gewonnen.  Nicht
nur  die  Kavallerie  ist  mit  demselben  ausgerüstet,  sondern
  auch  zahlreiche  andere  Truppengattungen  führen
ihn  zur  Nahkampfverteidigung.  In  ihrer  technischen
Ausführung  hat  die  Selbstladepistole  heute  den
alten  Trommelrevolver  vollkommen  verdrängt;  letzterer
  dürfte  sich  nur  bei  älteren  Jahrgängen,  zum  Teil
auch  in  Japan  und  einigen  kleinen  Heeresstaaten,  noch
vorfinden.  Anforderungen  an  eine  geeignete  Armee-Faustfeuerwaffe
  sind:  1)  Einfachheit  in  ihrer  Konstruktion;
  2)  Übersichtlichkeit  über  den  Ladezustand  der

affe  (gespannt,  gesichert,  Patrone  im  Lauf.  Patronen
verschossen  usw.);  3)  ausreichende  Treffwirkung,  große
Zerstörungsarbeit  und  eine  gewisse  Schußweite.
        <pb n="362" />
        286

Die  alten  Armeerevolver  mit  ihren  einfach  betätigten
  Trommelmagazinen  seien  hier  außer  Acht  gelassen
und  nur  dem  neuen  Selbstladetyp  Aufmerksamkeit

eschenkt.  Man  unterscheidet  Selbstladepistolen  1)  mit
Heststehendem  Lauf  und  gefedertem  unverriegeltem
Berschluß,  2)  mit  bew  lchen  Lauf  und  verriegeltem
Verschluß.  Der  Vers  co#tei  beierstgenanntem  System
reßt  sich  allein  durch  Federkraft  gegen  die  hintere
läche  des  Laufes.  Die  Schwere  des  Verschlußstückes
ist  gewöhnlich  so  gehalten,  daß  das  Geschoß  den  Lauf
mit  Sicherheit  verlassen  hat,  bevor  es  durch  den  Druck
der  nach  hinten  wirkenden  Gase  die  Rückwärtsbewegun
meßbar  angetreten  hat.  Angestrebt  und  erreicht  (4
anderseits  gleichzeitig,  daß  die  Waffe  nicht  eher  abgesenert
  werden  kann,  bevor  die  Lasbichte  Berbinung
  zwischen  Verschlußstück  und  Lauf  hergestellt  ist.
Dieser  Klasse  von  Pistolen  gehört  die  Meb  ahl  an,
wie  Browning,  Pieper,  Clement,  Dreyse,  Mauser,
Walther,  Campo-Giro  u.  a.  (Tafel  V,  Fig.  1—5).

Die  Selbstladepistolen  mit  beweglichem  Lauf  und
verriegeltem  Verschluß  lassen  Lauf  und  Verschluß  zunächst
  ein  Stück  zurückgehen,  worauf  die  Trennung
und  die  gleichzeitige  Entriegelung  erfolgt.  Vertreter
dieser  Selbstladepistolen  sind  die  Systeme  Mauser
A/02,  Parabellum,  Bergmann,  Mannlicher  u.  a.
(Tafel  V,  Fig.  6—8;  Tafel  VI,  Fig.  14).

Die  Kriegswaffen  sind  im  Kaliber  von  7,65  mm
an  aufwärts  gehalten.  Als  Geschoß  verwendet  man
kurze  Nickelstahlmanielgeschosse,  meistens  in  der  bekannten
  Browning-Abmessung.  Zur  Erhöhung  der
Aufhaltekraft  werden  beim  deutschen  System  MO8  die
Geschoßspitzen  etwas  abgeflacht.  Trotz  Vollmantel,
wodurch  eine  Zersplitterung  des  Geschosses  im  Körper
  kaum  denkdar  ist,  wurde  dieses  Geschoß  von  gegnerischer
  Seite  als  sogenanntes  Dumdumgeschoß  angesehen.
  Demgegenüber  wird  durch  einen  Erlaß  des
Generalquartiermeisters  (24.  September  1914)  bekanntgegeben:
  »Das  abgeplattete  Vollmantelgeschoß

III.  Technik  und  Kriegführung

der  vorschriftsmäßigen  Armeepistole  ist  nicht  als
Dumdumgeschoß  anzusehen.

Von  der  großen  Anzahl  der  Pistolenarten  seien
hier  zwei  Modelle  aufgeführt,  die  Browning-Selbstladepistole
  und  die  deutsche  Armeepistole  M08.

Die  Wirkungsweise  der  Browning  (Tafel  V.  Fig.  1)
ist  kurz  solgende:  Durch  Druck  auf  den  Abzug  a  wird
der  Schlagbolzen  frei  und  entzündet  die  Patrone.  Die
Pulvergase  schieben  jetzt  Verschlußstück  b  sowie  Schlü#-ten
  c,  die  miteinander  verdunden  sind.  zurück.  Hierbei
  werden  Federstange  d  und  Schlagbolzen  e  gleichfalls
  zurückgenommen.  Bei  dieser  Bewegung  wird  die
zugleich  als  Verschlußfeder  dienende  Schlagbolzenfeder
  f  gespannt.  Beim  Vorlauf  wird  nun  eine  neue
Patrone  in  den  Laderaum  geschoben;  die  Nase  des  Abzugstollens
  g  tritt  in  die  Spannrast,  und  durch  einen
Hebel  wird  die  Schlagbolzenfeder  gespannt  gedalten.

Die  deutsche  Armeepistole  M.O8  (Tafel  V,  Fig.  7
u.  8)  wirkt  folgendermaben  Nach  Auslösung  der
Pulvergase  werden  Lauf  und  Verschluß  vollkommen
verriegelt  so  weit  zurückgetrieben,  bis  die  Gelenkknöpfe
durch  kurvenartig  ausgearbeitete  Seitenschilde  knieelenkartig

  hochschnellen.  Der  Lauf  geht  dann  nach
Enniegelang  wieder  vor,  während  das  Kniegelenk
noch  weiter  zurückschnellt.  Das  letztere  streckt  sich  alsdann,
  wobei  das  Neuladen  einer  Patrone  vor  sich
geht  und  die  Waffe  wieder  schußfertig  gemacht  wird.
Vorläuferin  dieser  dewährten  Armeepistole  ist  die
Borchardt-Pistole  (Tafel  VI,  Fig.  15).

Im  Interesse  einer  weiteren  günstigen  Entwicklung
der  Selbstlade-Faustfeuerwaffe  ist  der  Wunsch  einer
Einheitsmunition  für  die  verschiedenartigen  Modelle,
besonders  für  Kriegszwecke,  von  hoher  Bedeutung.
Bemerkenswert  ist,  daß  dieselbe  Munition,  wie  sie  von
der  Armeepistole  M/O8  verfeuert  wird,  auch  von  der
neuen  Walther-Pistole  (Tafel  V,  Fig.  4)  benutzt  werden
  kann.  Eine  Anzahl  kriegsbrauchbarer  Selbstladepistolen
  verzeichnet  die  Tabelle  auf  S.  285.

Festungen  und  Jestungskrieg
von  Hauptmann  a.  D.  Oefele  in  Würzburg

Der  Verlauf  der  Festungskämpfe  im  Weltkrieg  hat
in  Laienkreisen  fast  allgemein  zu  der  Ansicht  geführt,
daß  durch  die  unerwartet  gesteigerte  Zerstörungskraft
der  Artillerie  Festungen  überflüssig  geworden  seien
oder  doch  zum  wenigsten  an  Bedeutung  erheblich  verloren
  hätten;  der  schnelle  Fall  der  belgischen,  französischen
  und  russischen  Festungen  bestätige  das  zur  Genüge.
  Vielfach  hat  man  aus  diesen  Vorkommnissen
den  weiteren  Schluß  gezogen,  daß  Festungen  nicht
nur  nuyplos,  sondern  sogar  schädlich  für  die  Kriegführung
  seien.  Diese  angesichts  der  Tatsachen  wohl  begreiflichen
  Folgerungen  sind  nicht  zutreffend,  weil  sie
nur  auf  den  äußeren  Erscheinungen  und  nicht  auf
den  inneren  Ursachen  aufgebaut  sind.

Der  Wert  einer  Festung  darf  nicht  nach  dem  sichtbaren
  Erfolg  oder  Mißerfolg  beurteilt  werden,  sondern
  ist  durch  den  Zweck  begründet,  dem  sie  dient.
Die  Aufgaben  einer  Festung  sind  nicht  unbeschränkt.
Im  Gegenteil.  Festungen  haben,  wie  jeder  Teil  des
Heereskörpers,  ganz  bestimmte  Aufgaben  zu  erfüllen,
die  sehr  voneinander  verschieden  sind.  Erfüllen  sie
diese  Aufgaben,  so  sind  sie  nicht  wertlos,  sondern  von

Nutzen,  wenn  dies  auch  nach  den  äußeren  Erscheinun-**
  augenblicklich  nicht  zutage  tritt.  Eine  Festung

nn  ihre  Aufgaben  auch  nur  eine  bestimmte  Zeit  erfüllen.
  Denn  jede  Festung  hat  nur  eine  beschränkte
Lebensdauer  und  kann  bezwungen  werden.  Es  ist
dies  nur  eine  Frage  der  Zeit  und  der  aufgewendeten
Mittel.  Die  lberraschend  schnelle  überwindung  durch
das  Feuer  der  schweren  Artillerie  berechtigt  daherebensowenig
  wie  die  nach  langer,  zäher  Verteidigung  durch
Hunger  veranlaßte  Kapitulation  ohne  weiteres  zu
einer  verminderten  Bewertung  der  gefallenen  Festung.

Die  Festungen  müssen  aber,  wenn  sie  ihre  Aufgaben
  erfüllen  sollen,  zweckmäßig  gebaut  und  genügend
ausgebaut  sein  sowie  richtig  verwendet  und  tatkräftig
verteidigt  werden.  Hierzu  ist  es  vor  allem  notwendig,
daß  die  fortifikatorische  Verteidigungsstärke  einer  Festung
  in  technischer  und  taktischer  Beziehung  den  artilleristischen
  und  pioniertechnischen  Angriffsmitteln  gewachsen
  ist,  sonst  muß  allerdings  die  ungm  mehr
oder  minder  kurzer  Zeit  zu  Fall  kommen.  Der  Einfluß
  der  Festungen  und  ihr  Nutzen  für  die  Kriegshandlung
  hängen  jedoch  ausschließlich  von  dem  Gebrauch
ab,  den  die  Führer  von  ihnen  zu  machen  verstehen.
Freilich  ist  es  auch  hierbei  Voraussetzung,  daß  ihre
Lage,  ihr  Bau  und  ihr  innerer  Wert  die  zweckmäßige
        <pb n="363" />
        Oefele:  Festungen  und  Festungskrieg

Ausnutzung  zulassen.  Schädlich  können  Festungen
aber  nur  durch  ihre  falsche  Verwendung  werden.

Zur  Klärung  der  Anschauungen  sollen  im  folgenden
nun  vor  allem  die  Bedeutung  der  Festungen  und  ihre
Entwicklung  kurz  vor  Augen  geführt  werden.  Dann
soll  der  Festungsbau  der  Gegenwart  erörtert  und  dabei
  gestreift  werden,  welche  Folgerungen  aus  den  Erfahrungen
  des  jetzigen  Krieges  gezogen  werden  müssen.
  Und  endlich  soll  der  Kampf  um  Festungen  selbst,
die  Verteidigung  und  der  Angriff,  in  kurzen  Zügen
behandelt  werden.

Die  Bedentung  der  Festungen.

Der  ursprüngliche  Zweck  der  Festungen  war  die
Sicherung  des  Ortsbesitzes.  Militärisch  oder  politisch
wichtige  Orte  mußten  durch  widerstandsfähige  Befestiungen

  vor  feindlicher  Wegnahme  geschützt  werden.

ald  trat  zu  dieser  Aufgabe  auch  noch  eine  operative
Ausnutzung.  Die  Verbesserung  der  Verbindungen,
die  Eisenbahnen,  die  industrielle  Entwicklung  und  das
Anwachsen  der  Heere  ließen  aber  die  reine  Ortssicherung
  mit  der  Zeit  ganz  in  den  Hintergrund  treten.
Heute  werden  die  Festungen  nur  für  operative  Zwecke
ausgenutzt  und  erlangen  erst  im  Zusammenhang  mit
dem  Operationsheere  ihre  rechte  Bedeutung.

Dabeihaben  die  Festungen  vom  strategischen  Standpunkt
  aus  sowohl  passiven  wie  aktiven  Wert.  Die  passive
  Wirkung  zeigt  sich  dadurch,  daß  schon  ihr  Vorhandensein
  einschränkend  und  lähmend  auf  den  Aufmarsch
und  die  Bewegungen  des  Gegners  wirkt.  Die  aktive
trategische  Bedeutung  der  Festungen  liegt  darin,  daß

ch  die  eigenen  Heeresoperationen  auf  g6  stützen.

Die  Rollen,  welche  die  Festungen  im  Rahmen  der
Operationen  zu  spielen  haben,  sind  verschieden.  Bei  Beginn
  des  Krieges,  in  der  Periode  der  Mobilmachung
und  des  Aufmarsches,  dienen  die  Festungen  als  Stützpunkte
  für  den  Grenzschutz  und  gestatten  infolge  ihres
großen  Wirkungsbereiches  eine  Einschränkung  der  Zahl

er  Grenzschutztruppen.  Dann  sollen  sie  die  Mobilmachung
  und  den  Aufmarsch  des  eigenen  Heeres
decken  und  ein  überraschendes  Vorgehen  des  Gegners
verhindern  (französische  Befestigungslinie  an  der
deutschen  Grenze,  befestigte  Narewlinie,  Warschauer
Festungsdreieck).  Während  der  Operationen  müssen
sie  den  Vormarsch  des  Gegners  aufhalten  und  verzögern;
  dabei  besteht  ihre  Hauptaufgabe  darin,  möglichst
  viele  Kräfte  des  Feindes  zu  fesseln  und  dessen
eigentlichem  Operationsheer  zu  entziehen  (Lüttich,
Namur,  Antwerpen,  Przemysl,  Lemberg  usw.).  Anderseits
  ermöglichen  oft  sie  allein  die  Versammlung
größerer  Truppenkörper  und  deren  Vorstoß  gegen
den  Feind  (Paris,  Warschau,  Nowogeorgijewst),  oder
sie  bilden  Flügelstützdunkte  und  Flankensicherungen
(Krakau,  Bobr=  und  Narewbefestigungen).  Bei  der
ungeheuren  Ausdehnung  der  heutigen  Schlachtfronten
  ist  es  möglich,  sie  unmittelbar  in  die  Schlachtlinie
selbst  zu  ziehen  (französische  Sperrfortslinie):  in  der
Mitte  gelegen,  sind  sie  gewaltige  Stützpunkte  (Verdun,
  Iwangorod),  auf  den  Flügeln  gewähren  sie  wirksamen
  Flankenschutz;  auch  in  diesem  Fall  bieten  die
Festungen  die  Möglichkeit,  Kräfte  zu  Angriffen  größeren
  Stils  oder  zu  Vorstößen  und  Gegenstößen  bereitzustellen.
  Beim  Rückzug  können  sie  die  Verfolgung
  verzögern  oder  ganz  aufhalten  und  dadurch  dem
geschlagenen  Feind,  der  sich  in  ihren  Bereich  zurückgezogen
  hat,  den  erwünschten  Schutz  vor  der  Vernichtungbieten
  (Belfort  den  Franzosen,  Kowno  u.  Grodno
der  Njemenarmee  Rennenkampfs).  Einem  geschlage-287



nen  Heer  aber  können  sie  infolge  ihrer  großen  Aniehungskraft
  auch  zur  direkten  Gefahr  werden,  wenn
ae  die  Einschließung  und  Wegnahme  herbeiführen.

Feldarmee  und  Festungen  sind  somit  zu  gemeinsamem
  Handeln  berufen.  Dabei  bietet  die  Festung
eine  ganz  entscheidende  Hilfe,  wenn  die  Führung  ihre
reichen  Kräfte  richtig  auszunutzen  weiß.  Sie  kann
aber  auch  zu  einem  verhängnisvollen  Hemmnis  für
die  Kriegshandlung  werden,  wenn  die  Führung  ihrem
Einfluß  unterliegt.

An  dieser  Bedeutung  der  Festungen  ändert  die
Tatsache  nichts,  daß  eine  ganze  Anzahl  starker  Festunen

  von  uns  in  kurzer  Zeit  genommen  wurde.  Sie
ganteen  alle  ihre  Bedeutung:  g  waren  aber  nicht  entsprechend
  ausgebaut  und  wurden  nicht  entsprechend
verteidigt,  so  daß  sie  weder  den  neuen,  allerdings  unerwartet
  zur  Anwendung  gebrachten  Angriffsmitteln
noch  dem  kräftig  durchgeführten  Angriff  selbst  standhalten
  konnten.  Auch  fehlte  teilweise  der  Zusammenhang
  der  Festungen  mit  der  Feldarmee.  So  waren
die  meisten  Festungen  und  Sperrforts  im  Westen,  die
ohne  Schwertstreich  aufgegeben  wurden  oder  nach
kurzer  Belagerung  gefallen  waren,  aus  dem  Zusammenhang
  mit  der  Feldarmee  gelöst.  Überdies  darf
man  auc  ihre  rasche  Wegnahme  zum  Teil  der  Heerespsychose
  zur  Last  legen.  Welche  Rolle  dagegen  eine
Festung  spielen  kann,  die  im  engen  Anschluß  an  die
Feldarmee  kämpft,  zeigt  deutlich  Verdun.

Die  Festungen  haben  also  nichts  von  ihrer  Bedeutung
  verloren  und  werden  auch  weiter  als  wichtiges
operatives  Glied  dieselben  Rollen  spielen.  die  ihnen
bisher  zugewiesen  waren  und  noch  sind.  Die  Lehre,
die  aus  den  Erfahrungen  des  Krieges  gezogen  werden
muß.  ist  jedoch  die,  daß  man  die  Befestigungen  nicht
veralten  lassen  darf.  Da  die  derzeitigen  Befestigunen

  den  neuen  Angriffsmitteln  nicht  mehr  erfolgreich
iderstand  zu  leisten  imstande  sind,  wird  es  wohl  notwendig
  werden,  die  Formen  des  Festungsbaues  einer
einschneidenden  Anderung  zu  unterziehen.  Dann
werden  die  Festungen  auch  in  Zukunft  in  der  Hand
eines  Feldherrn,  der  sie  anzuwenden  versteht,  immer
ein  Mittel  zum  Zwecke,  zum  Siege,  bilden.

Die  Entwicklung  der  Festungen.

In  dem  unaufhörlichen  Kampf  zwischen  Angriff
und  Verteidigung  hat  jede  Verbesserung  der  Angriffsmittel
  immer  wieder  eine  Steigerung  der  Deckungsmittel
  hervorgebracht.  Und  wenn  es  dann  der  Technik
  nach  langem  Bemühen  gelungen  war,  einen  entsprechenden
  Schutz  hervorzubringen,  so  setzte  der  Angriff
  wieder  neue  Mittel  ein,  um  diese  Deckungen  zu
zerstören.  So  hatte  bald  der  Angriff,  bald  die  Verteidigung
  die  Überlegenheit.  Noch  niemals  aber  ist  es
einer  dieser  Kampfarten  gelungen,  ihr  übergewicht
auf  die  Dauer  zu  behaupten.  Das  zeigt  deutlich  die
Entwicklung  der  Festungen.

Vor  Einführung  der  Feuerwaffen,  die  ganze  Zeit  des
Altertums  und  Mittelalters  hindurch,  bestand  die  Befestigung
  eines  Ortes  aus  hohen,  starken  Stein-  und
Ziegelmauern,  die  den  Platz  als  Hindernis  und  zugleich
  als  Kampfstellung  umgaben.  Vorliegende  Gräen

  verhinderten  oder  erschwerten  die  Benutzung  von
Mauerbrechern  und  Angriffstürmen.  Diese  einfachen
Befestigungen  verschwanden,  als  die  Geschütze  erfunden
  wurden  und  eine  immer  größere  Wirkung  erhielten.
Gleich  mit  der  Einführung  der  ersten  Pulvergeschütze
mußte  die  bisherige  Mauerbefestigung  umgestaltet  und
verstärkt  werden.  Später  wurde  dann  die  Mauer
        <pb n="364" />
        288

durch  einen  widerstandsfähigen  Erdwall  ersetzt  und
die  Glacis  Geldbrustweh  mit  gedecktem  Weg  jenseits
  des  gut  flankierten  Grabens  angelegt.

Die  Einführung  der  gezogenen  Geschütze  um  das
Jahr  1860  und  die  nebenher  gehende  Ausbildung  des
Wurffeuers  aus  schweren  gezogenen  Mörsern  brachten
  mit  den  größeren  Schußweiten  und  der  besseren
Treffsicherheit  auch  erhöhte  Wirkung  gegen  das  bisher
übliche  Mauerwerk.  Diese  Neuerungen  in  der  Waffentechnik
  hatten  zunächst  zur  Schaffung  der  Gürtel-III.

  Technik  und  Kriegführung

Elr-  der  Brisanzgeschosse,  die  weitere  Ausbildung
es  schweren  Mörserfeuers,  das  Auftreten  der  schweren
  Artillerie  des  Feldheeres  und  die  Ensebahate
Massenverwendung  der  Angriffsartillerie  die  Wirumg
der  mittleren  und  schweren  Artillerie  gegen  alle
Festungsziele  derart  gesteigert  worden,  daß  die  Widerstands



ü  #

keit  der  Festungsbauten  nur  durch  weitebrauch
  von  Beton  und  Panzer  gewährleitet

  werden  konnte  und  daß  ferner  durch

prechende

nordnung  und  Gruppierung  der  einzelnen  Bauten

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Fig.  1.  Die  Festung  Antwerpen.

befestigung  geführt,  deren  einzelne  Werke  den  Charakter
  kleiner  Festungen  besaßen  und  von  Gräben  mit
inneren  Grabenstreichen  umgeben  waren  freiliegendes,
  dem  Angriffsfelde  zugewendetes  Mauerwerk  war
dabei  möglichst  vermieden  oder  wenigstens  eingedeckt.
Nach  weiteren  Fortschritten  auf  dem  Gebiete  des  Waffenwesens
  hat  man  dann  Anfang  der  1880er  Jahre  in
Deutschland  und  Frankreich  damit  begonnen,  die  Zwischenräume
  der  Forts  durch  Anlage  von  Anschlußund
  Zwischenbatterien,  von  bombensicheren  Unterkunfts=
  und  Munitionsräumen  sowie  durch  Einschieben
  von  kleinen  Nahkampfstützpunkten  auszubauen
und  dabei  da  und  dort  in  einzelnen  Werken  Panzerkasematien
  und  türme  für  die  Artillerie  einzubauen.

Gegen  Ende  der  1880er  Jahre  war  durch  die  Einneue

  Formen  im  Festungsbau  geschaffen  werden
mußten.  Dabei  waren  zwei  voneinander  verschiedene
Wege  eingeschlagen  worden.  Bei  dem  einen  System
wurde  die  bisherige  Ausstattung  der  Fortsgürtellinie
mit  Einheitswerken,  d.  h.  mit  Werken,  die  gleichzeitig
für  den  Artillerie-Fernkampf  wie  für  die  Infanterie-Nahverteidigung
  angelegt  sind,  beibehalten  und  diese
Werke  durch  Panzerung  widerstandsfähig  auspebann.
Solche  Panzereinheitsforts  hatten  z.  B.  die  belgischen
Magassestungen  Lüttich  und  Namur,  und  sie  sind  in
OÖsterreich=  Ungarn,  Frankreich  ,  Italien  und  in  der
Schweiz  bei  den  Gebirgs-  und  Serrbeestigungen  in
den  Alpen  sowie  in  der  niederländischen  Landesbefestigung
  angewendet.  Bei  dem  andern  System  wurde
die  durch  den  Ausbau  der  Fortszwischenräume  bereits
        <pb n="365" />
        Oefele:  Festungen  und  Festungskrieg

angebahnte,  gänzliche  Trennung  der  Fern=  und  Nahverteidigung
  durch  Anlage  von  Balterien  und  Infanterie-
  Nahkampfstützpunkten  durchgeführt.  Diese
Umwandlung  konnte  aber  der  großen  Kosten  wegen
nur  allmählich  erfolgen.  Deshalb  hatten  Deutschland,
Österreich-Ungarn,  Frankreich,  Rußland  und  Italien
unächst  die  vorhandenen  Bauten  ohne  wesentliche
ränderung  der  Formen  nur  verstärkt  und  waren
erst  bei  Neuanlagen  zum  neuen  System  Üübergegangen.
Dasistder  Grund,  warum  in  dem  Festungssystem  aller
Länder  bei  Beginn  des  Krieges  neben  der  Panzerbefestigung
  auch  noch  ältere  Anlagen  vorhanden  waren.
Deutschland  hat  sich  grundsänlich  der  zerstreuten  Befestigung,
  den  sogenannten  Befestigungsgruppen,  zugewendet
  und  daber  die  Panzerung,  abgesehen  von  wenigen
  Ausnahmen,  nur  in  Batterien  angewendet.  Osterreich
  und  Frankreich  haben  das  gleiche  System  angenommen,
  gleichzeitig  aber  in  den  Werken  die  Fern-  und
Nahkampfpanzervermehrt,  Frankreich  besonders  in  den
Sperrforts.  Nur  Rußland  hat  noch  lange  die  Einheitsforts
  beibehalten  und  jegliche  Panzerung  abgelehnt;
erst  der  ostasiatische  Krieg  veranlaßte  auch  hier  Neuerungen,
  doch  ließ  die  Kürze  der  Zeit  bis  zum  Ausbruch
des  gegenwärtigen  Krieges  keine  praktischen  Folgen  zu.
Die  gewaltigen  Fortschritte  der  Waffentechnik,  die
zu  der  unerwarteten  Vervollkommnung  der  schweren
Geschütze  auf  deutscher  Seite  und  zu  Urer  ungeahnt
wirkungsvollen  Verwendung  gleich  zu  Beginn  des
Krieges  führten,  haben  dem  Angriff  im  Festungskrieg
wieder  das  Übergewicht  verliehen.  In  dem  Kampf  zwischen
  Artillerie  und  Fortifikation  ist  diese  zur  Zeit  unterlegen,
  denn  selbst  die  derzeitigen  Panzerbauten  vermögen
  der  deutschen  schweren  Artillerie  nicht  mehr  Widerstand
  zu  leisten.  Deshalb  geht  das  weitere  Bestreben
im  Festungsbau  dahin,  neue  Mittel  und  Wege  zu
sinden,  um  auch  den  neuesten  Geschützen  und  “*
schossen  mit  Erfolg  begegnen  zu  können.  Wie  dieses
Ziel  zu  erreichen  ist,  wird  die  Zukunft  lehren.  Es  ist
aber  nicht  zu  bezweifeln,  daß  die  Kriegsstechmir  die  die
Waffe  geschmiedel  hat,  unter  allen  Umständen  auch
wieder  die  Schutzmittel  dagegen  schaffen  wird,  denn
in  dem  dauernden  Wettkampf  zwischen  Waffe  und
Deckung  überholt  immer  wieder  eins  das  andere,  und
für  die  Lechnik  gibt  es  kein  ghatr  Freilich,  soviel  steht
fest.  die  Stärke  der  neuen  Befestigungen  liegt  nicht
nur  in  ihrer  passiven  Widerstandskraft,  sondern  vor
allem  in  ihrer  taltischen  Veranlagung.  Bei  ihrer  Anlage
  und  Durchführung  muß  dccher  sekortvorständlich
mit  manchen  alten  überlieferungen  gebrochen  werden.
An  Stelle  der  Festungen  werden  fortinkatorisch  vorbereitete
  Kampffelder  und  Kampfräume  treten,  in
denen  je  nach  Geländebeschaffenheit  und  Zweck  sich  gegenseitig
  kräftig  unterstützende  Einzelbefestigungen
nach  rein  taktischen  Gesichtspunkten  angeordnet  sind.

Die  Befestigungsbauten.

Die  Befestigungsanlagen  einer  Festung  der  Gegenwart
  bestehen  aus  den  vorgeschobenen  Werken  und
den  Zwischenfeldbefestigungen  (Textfig.  1).

Die  Befestigungswerke  sind  bei  den  Festungen,
bei  denen  die  räumliche  Trennung  der  Artillerie  von
der  Infanterie  durchgeführt  ist,  entweder  als  Batterien
oder  als  Nahkampfstützpunkte  gebaut,  je  nachdem  sie
entweder  nur  der  artilleristischen  Fernwirkung  oder
nur  dem  infanteristischen  Nahkampf  dienen.  W—  den
Festungen  mit  Einheitswerken  und  bei  den  Sperrbefestigungen
  sind  die  Werke  sowohl  für  die  Fern.  wie
auch  für  die  Nahverteidigung  eingerichtet.

Der  Krieg  1914/17.  14.

289

Größe,  Form  und  Bauart  dieser  Werke  sind  sehr
verschieden  und  richten  sich  ausschließlich  nach  dem
Zweck.  Sie  sind  so  flach  und  unsichtbar  ins  Gelände
gelegt,  daß  sie  darin  möglichst  verschwinden,  die  eigenen
Kampfmittel  aber  doch  zur  Wirkung  kommen  lassen.
Die  größtmögliche  Widerstandsfähigleit  gegen  die
feindliche  Feuerwirkung  ist  durch  ausgiebige  Verwendung
  von  Eisenbeton  und  Panzer  sowie  durch  zweckmäßige
  Vereinigung  dieser  beiden  Baustoffe,  die  weitestgehende
  Sicherheit  gegen  den  Sturm,  die  sogenannte
Sturmfreiheit,  durch  entsprechende  Hindernisse  erreicht.

Die  Panzerung  dient  zum  Schutz  der  Geschütze

und  der  Beobachtungsstellen.  Die  weittragenden
Flachbahngeschütze  befinden  sich  meist  einzeln  oder  zu
zweit  in  Panzertürmen.  Diese  sind  in  einen  mit  Beton
  ausgemauerten  Schacht  eingebaut,  dessen  Deckel
die  flach  gewölbte  Panzerkuppel  budet.  Gefeuert  wird
aus  Scharten  am  unteren  Rand  der  Kuppel  (Textfig.
2  u.  3).  Die  Panzertürme  sind  entweder  dreh-  oder
Krbbar,  teilweise  sogar  dreh-  und  hebbar  eingerichtet.

ei  den  drehbaren  Türmen  (Textfig.  2)  steht  die  Panzerkuppel
  als  Dach  eines  aus  Schmiedeeisen  gebauten

Fig.  A.  Hebbarer  Panzerturm.
Gehäuses  auf  einer  meist  elektrisch  betriebenen  Drehscheibe,
  oder  sie  gleicht  dem  Hut  eines  Pilzes  und  dreht
sich  auf  einer  sog.  Pivotsäule  (vgl.  Textfig.  5).  Die
hebbaren  Türme  (Textfig.  3)  werden  durch  eine  einfache,
  gleichfalls  elektrisch  betätigte  Hebeleinrichtung
zur  Feuerabgabe  gehoben  und  dann  wieder  versenkt.
Es  gibt  aber  auch  feststehende  Panzerstände,  bei  denen
der  Panzer  in  die  Bekondecke  oder  -wand  des  Kampfraumes
  eingemauert  ist.  Die  Nahverteidigungsgeschütze
  sind  in  ähnlichen,  nur  kleineren  Panzerhohlräumen
  untergebracht.  Sieilseuergeschügesstehen  nicht
unter  Panzer,  sondern  sind  tief  und  verdeckt  in  dem
ausbetonierten  Schacht  ausgestellt.  Die  gepanzerten
Beobachtungsständ=  sind  ebenfalls  entweder  8  eingemauerte
  Betonkasematten  mit  gepanzerter  Vorderwand
  und  Decke  oder  fest  vermauerte  Panzertürm-19
        <pb n="366" />
        290

chen,  oder  sie  sind  als  drehbare  Panzertürmchen  eingerichtet
  und  ähnlich  konstruiert  wie  die  Türme  für
die  leichten  Schnellfeuerkanonen  (val.  Textfig.  4).
Die  zur  Beleuchtung  des  Vorgeländes  notwendigen
Scheinwerfer  sind  in  hebbare  Panzertürmnchen  eingebaut,
  die  mit  einer  entsprechenden  Offnung  für
den  Scheinwerfer  versehen  sind.

Die  Sturmfreiheit  wird  bei  Gebirgsbefestigungen
durch  die  Ausnutzung  natürlicher  Hindernisse,  wie
steiler  pänge.  und  Felswände,  begünstigt,  im  übrigen
durch  flankierte,  in  Fels  gearbeitete  Gräben  erreicht.
Bei  den  anderen  ständigen  Befestigungsanlagen  handelt
  es  sich  fast  ausschließlich  um  künstlich  angelegte

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III.  Technik  und  Kriegführung

mit  ihren  Geschützmündungen  etwas  über  den  gewachsenen
  Boden  erheben.  Die  Batterie  ist  mit  einem
starken  Drahthindernis  umgeben  und  unter  Umständen
  durch  eine  Infanteriekampfstellung  zur  Seldbstverteidigung
  befähigt.  Diese  Panzerbatterien,  im  Gelände
  verdeckt  angelegt  und  der  Sicht  des  Gegners
gänzlich  entzogen,  bucken  das  Rückgrat  der  einzelnen
Befestigungsgruppen.  Lahl  und  Geschützkaliber  rich
ten  sich  ganz  nach  den  Verbältnissen.

Außer  diesen  Panzerdatterien  gehören  zu  einer
solchen  Befestigungsgruppe  noch  die  Nahkampfstützpunkte,
  die  ausschließlich  für  den  Infanteriekampf
eingerichtet  sind.  Sie  haben  neben  den  notwendigen
gepanzerten  Beobachtungs=  und  Wachtürmen  sowie
Scheinwerfern  nur  Panzer  für  die  Sturmabwehr-Helchüte
  und  maschinengewehre.  Im  Innern  der

efestigungsgruppe  befinden  sich  unterirdische,  bombensichere
  Kasernements  für  die  Besatzung,  Munitions=
  und  Vorratsräume.  Unterirdische,  bombensichere
  Günge  verbinden  die  einzelnen  Anlagen.  Die
ganze  Gruppe  ist  außerdem  noch  mit  einem  gememsamen
  Graben  und  Hindernis  umgeben,  hinter  dem
sich  Infanteriestellungen  mit  einzelnen  Infantericstützpunkten
  befinden.  Häufig  liegt  auch  im  Inneren
der  Anlage  ein  größeres  Infanteriewerk  als  letzter
Rückhalt  für  die  Nahverteidigung.

Einheitswerke,  die  alle  Elemente  der

Fern=  und  Nahverteidigung  in  einem  geschlos.

9  senen  Werk  vereinigen,  haben  Panzer  sowohl
für  die  Fernkampfgeschütze  als  auch  für  die
lleichten  Nahlampfschnellfeuerkanonen  und  die
Maschinengewehre  sowie  gepanzerte  Beobach-—



k

s.

.[nr  *

Fig.  4.  Fort  von  Lüttich  in  Grundriß  (A)  und  Durchschnitt  (P).

a  Hebbarer  Panzer  für  schwere  Geschüte  (Kampsgeschütze),  d  Panzer  für  Nahverteldigungsgeschütze,  o  Panzerbeobachtungsstände,
4  äußere  Spigrabenwehr,  e  Kehlgrabenwehr,  t  Kehlkaserne,  Raum  für  Artilleriebedeckung  und  Munition,  h  Drahthiudernts
im  Hauptgraben,  eiserne  Gitter  im  Hauptgraben,  k  Drahthindernis  auf  dem  Glacis.

Hindernisse.  Alle  Werke  sind  von  einem  tiefen,  auf  der
seindwärts  gelegenen  Seite  meist  mit  Mauerwerk  bekleideten
  Hauptgraben  umgeben,  dessen  Längsbestreichung
  aus  besonders  hierfür  angelegten  Räumen,
den  Grabenstreichen  oder  Grabenwehren,  erfolgt.  Auf
der  Grabensohle  und  an  den  Grabenböschungen  sind
Drahthindernisse  und  Gitter  angebracht,  die  das  Überwinden
  des  Grabens  erschweren.  Verschiedentlich  kann
auch  der  Graben  unter  Wasser  gesetzt  werden.  Jenseits
dieses  Hauptgrabens  schließt  sich  meist  ein  mit  gedecktem
  Weg  versehenes  Glacis  an,  auf  dem  wiederum
frontal  bestrichene  Drahthindernisse  in  einem  oder
mehreren  Streifen  angelegt  sind.  So  kann  ein  Werk
also  mit  mehreren,  gut  verdeckten  Hindernisringen
umgeben  sein  (vgl.  auch  hierzu  Textfig.  4).

In  den  Panzerbatterien  sind  im  allgemeinen
vier  bis  sechs  Geschütze  zusammengefaßt.  Die  Geschütze
  stehen  unter  Panzer,  und  zwar  meist  in  Panzertürmen;
  die  Beobachtungsstellen  sind  ebenfalls  gepanzert.
  Eine  solche  Batterie  ist  ein  vollkommen  selbständiges
  Werk,  das  nicht  nur  die  Geschütze  und  die
Munition,  sondern  auch  die  Unterkunftsräume  für  die
Bedienung,  Lazarettstube,  Küche  usw.  enthält.  Sie
stellt  einen  großen  Betonklotz  dar,  der  tief  in  den  Boden
  versenkt  ist,  so  daß  sich  nur  die  Panzerkuppeln

tungs-  und  Beleuchtungsanlagen.  Die  Infanierie
feuert  hinter  einem  Wall  hervor,  unter  dem  eine  Betongalerie
  als  Aufenthallsort  für  die  in  Bereitschaft
gehaltene  Infanterie  eingerichtet  ist;  meist  ist  auch
noch  die  Infanteriestellung  selbst  mit  Beton  über
wölbt.  Im  Inneren  des  Werkes  befinden  sich  bombensichere
  Hohlräume  für  die  Besatzung,  Munition  usw.
Das  ganze  Werk  ist  von  einem  tiefen,  gut  bestrichenen
Graben  mit  Betonmauer  und  starken  Gittern  sowie
von  weiteren  Hindernissen  umgeben  (Textfig.  4).
Sperrforts,  gleichfalls  Einheitswerke,  sind  je
nach  ihrer  Aufgabe  von  verschiedener  Größe  und  von
verschiedenem  Grundriß.  Oft  kaum  dem  Auge  sichtbar,
  heben  sie  sich  wie  gepanzerte  Maulwurfshügel
vom  Erdboden  ab  (Textfig.  5).  Aus  einem  massiven
Betonunterbau,  der  von  einem  starken,  mit  Drahthindernissen
  geschützten  Außenwall  umgeben  ist.  ragen
die  Panzerkuppeln  hervor.  Im  Innern  des  Baucs
befinden  sich  die  Unterkunftsräume  für  die  Besatzung.
die  je  nach  der  Größe  des  Forts  300—  600  Mann
stark  ist,  sowie  die  Munitionsräume,  Geschoßaufzüge
und  die  Maschinerie  für  die  Panzertürme.  Der  Beton.
bau  ist  auch  hier  vom  Außenwall  durch  einen  tief
eingeschnittenen  und  von  Mauerwerk  bekleideten  Graben
  getrennt,  der  aus  den  Scharten  der  Grabenwehr
        <pb n="367" />
        Oefele:  Festungen  und  Festungskrieg

durch  Maschinen=  und  Kleingewehrfeuer  bestrichen
werden  kann.

Die  Zwischenfeldbefestigungen  sind  geschickt
angelegte  und  gut  ausgebaute,  mit  Hindernissen  versehene
  Infanteseestellungen  im  Gelände  zwischen  den
Befestigungsgruppen  und  Werken.  Diese  Zwischenstellungen
  ind  notwendig,  weil  die  Hauptmasse  der
Verleidigungstruppen  nicht  in  den  räumlich  beschränkten
  Werken,  sondern  dazwischen,  davor  und  dahinter
  verwendet  werden  muß.  Aber  nicht  bei  allen
Festungen  sind  die  Vorwerke  durch  Zwischenfeldbefestigungen
  gestützt,  sondern  es  ist  dann  der  Schwernunfte
  der  Verteidigung  in  die  Forts  selbst  gelegt.
Hier  braucht  der  Mnreh  seine  Kampfmittel  nur  zur
Bekämpfung  der  Forts  einzusetzen  und  kann  die  Verteidigungslinie
  leichter  durchbrechen.  Die  Erfahrung

eigt  auch,  daß  der  Hauptkampf  nicht  in  der  Linie  der
erke  mit  ihren  genau  festgelegten  Zielen,  sondern
in  der  Zwischenstellung  statifindet.

Diese  Zwischenfeldbefestigungen  sind  zunächst  im
Frieden  hergestellte,  bombensichere  Beton-Infanterieunterstände,
  Munitionsmagazine,  Beobachtungsstände,
  unter  Umständen  auch  Batteriebauten,  die
das  im  Frieden  schon  vorbereitete  Gerippe  der
Zwischenstellung  bilden.  Sie  sind  an  solchen  beionders
  wichtigen  Punkten  erbaut,  die  für  Infanteriestützunkte
  und  Zwischenbatterien  ausersehen  sind.
Die  Infanteriestellungen  selbst  sind  erst  bei  der  Armierung
  der  Festung,  d.  h.  bei  ihrer  überführung
vom  Friedens=  in  den  Kriegszustand,  nach  der  Beschaffenheit
  des  Geländes  und  den  Verhältnissen  angelegt,
  ausgehoben  und  ausgebaut.  Auch  neue  Zwischenbakterien
  sind  entstanden.  die  zwar  keinen  Panzerschutz
  haben,  aber  durch  geschickte  Lage  dem  Gegner
möglichst  lange  verborgen  bleiben.

Die  sämtlichen  Befestigungsanlagen  sind  untereinander
  und  nach  rückwärts  durch  ein  ausgedehntes
Straßen=  und  Eisenbahnnetz  verbunden,  das  für  die
Armierung  der  Festung  und  für  Truppenverschiebungen
  von  weitestgehender  Bedeutung  ist.  Besondere
Sorgfalt  ist  auch  dem  Nachrichten-  und  Beobachtungsdienst
  zugewendet.  Ein  weitverzweigles  Fernsprechnetz
  verbindet  alle  Teile  der  Festung  miteinander  und
mit  den  vorgesetzten  Stellen.  Funkentelegraphische
und  optische  Stationen,  Brieftaubenstationen,  Luftschiffer=
  und  Fliegerabteilungen  sowie  Beobachtungs-.
warten  dienen  der  Beobachtung  und  dem  Verkehr.

Auch  bei  den  Befestigungsanlagen  der  Zukunft
tönnen  wir  die  ständigen  Bauten  nicht  entbehren.
Der  Schützengraben  kann  die  ständigen  Befestigungen
recht  wohl  ergänzen.  wenn  die  Zeit  es  fordert;  ersetzen
kann  er  sie  aber  nie,  denn  Feldstellungen  erfordern
zu  viel  Verteidigungskräfte.  Die  Befestigungen  haben
aber  künftig  den  gleichen  Zweck  wie  jetzt,  durch  Umgestaltung
  des  Geländes  dem  Verteidiger  ein  derartiges
  Übergewicht  über  den  Angreifer  zu  verleihen.
daß  der  erstere  befähigt  ist,  einem  zahlenmäßig  weit
überlegenen  Gegner  gegenüberzutreten.  Dabei  müssen
die  Befestigungen  durch  ihre  passive  Stärke  lleinsten
Truppenkörpern  ermöglichen,  großen  Kräften  erfolgreich
  Widerstand  zu  leisten  und  so  die  Fekdarmee  zu
unterstügen.  Dies  ist  aber  nur  zu  erreichen.  wenn
Taktik  und  Technik  in  großzügiger  Friedensarbeit  zusammenwirken,
  also  nur  durch  ständige  Befestigungen,
die  im  Frieden  schon  nach  taktischen  Gesichtspunkten
in  weitblickender  Weise  angelegt  und  in  technischer
Hinsicht  in  gediegener  Arbeit  im  Frieden  auch  ausgeführt
  sind.  Nach  den  neuesten  Kriegserfahrungen

291

ist  man  jetzt  tatsächlich  auch  imstande,  ständige  Befestigungen
  entstehen  zu  lassen,  die  selbst  noch  kräftigere
Angriffsmittel  als  die  heute  gelannten  nicht  zuscheuen
brauchen.

Der  Kampf  um  Festungen.

Verteidigung.  Da  die  Festungen  aus  geldlichen
  Gründen  und  aus  Rücksichten  auf  die  Bevölkerung
  nicht  schon  im  Frieden  in  kriegsfertigem  Zustand
gehalten  werden  bnnen,  erfolgt  ihre  überführung
vom  Friedens=  auf  den  Kriegsstand  erst  bei  der  Mobilmachung.
  Diese  Armierung  erfordert  um  so  mehr
Arbeit,  je  weniger  die  Festung  im  Frieden  ausgebaut
ist.  Bei  der  Armierung  entwickelt  sich  in  der  Festung
eine  gewaltige  Arbeitstätigkeit,  die  unter  Leitung  des
Festungsgouverneurs  von  den  hierzu  bestimmten  Armierungstruppen
  ausgeführt  wird.

Da  wird  vor  allem  das  Zwischengelände  ausgebaut
  sowie  das  Vorgelände  vor  den  Werken  und
Zwischenstellungen  freigem#acht  und  als  Schußfeld  für
das  in  Betracht  kommende  Artillerie=  und  Infanterie
feuer  eingerichtet.  Die  Berkehrswege  und  mittel  werden
  ausgebaut  und  erweitert,  hauptsächlich  durch  An-Fig.

  S.  Sperrkort  mit  drehbaren  Panzertürmen  auf
Pivotfssule.

lage  von  eigenen  Gürtel-  und  Radialbahnen  und  von
neuen  Ver  indungswegen-  Die  Einrichtungen  des
Nachrichten=  und  Beobachtungsdienstes,  die  schon  int
Frieden  eingehend  vorbereitet  sind,  werden  sorgfältig
ergänzt  und  vervollständige.  Dazu  kommt  noch  die
ökonomische  und  sanitäre  Armierung,  welche  die  Ordnung
  der  wirtschaftlichen  und  gesundheitlichen  Ver-Pältnisse,
  die  Vervollständigung  der  ökonomischen  und
sanitären  Einrichtungen,  die  Vorsorge  für  die  Zivilbevölkerung,
  die  Regelung  des  Polizei=  und  Feuerlöschwesens
  usw.  betrifft.

Dann  müssen  die  Geschütze  der  sogenannten  ersten
Geschützaufstellung  an  ihre  Plätze  gebracht  werden,
von  denen  sich  nur  die  unter  Panzer  stehenden  im
Frieden  bereits  an  Ort  und  Stelle  befinden.  Nur
dieser  Teil  der  verfügbaren  Geschütze  wird  schon  bei
der  Armierung  aufgestellt.  Der  andere  Teil  wird  als
sogenannte  Geschützreserve  zunächst  zurückbehalten
und  erst  eingesetzt,  wenn  die  Angriffsrichtung  des
Feindes  mit  Sicherheit  erkannt  ist.

Endlich,  aber  nicht  in  letzter  Linie,  umfaßt  die  Armierung
  die  Verwendung  und  Verteilung  der  Kriegs
besatzung.  Von  dieseristein  Teil,  nämlich  die  aus  allen
Waffen  zusammengesetzte  Hauptreserve,  dazubestimmt.
die  ganze  Verteidigung  durch  größere  Unternehmungen
  und  Ausfälle  gegen  den  Feind  offensiv  zu  führen.
Ler  andere  Teil  wird  als  Woschnittsbesahungverwendet
  und  dient  in  den  verschiedenen  Festungsabschnitten
zur  Besetzung  der  Verteidigungsanlagen,  zur  Bedienung
  der  Kampfmittel  und  zum  Vorpostendienst;  auch
innerhalb  jeder  Abschnitisbesatzung  ist  eine  ebenfalls
aus  allen  Truppengattungen  bestehende  Abschnitts-19°
        <pb n="368" />
        292

reserve  ausgeschieden,  so  daß  auch  hier  eine  Truppe
zu  einer  aktiven,  mit  angriffsweisem  Verfahren  gepaarten
  Verteidigung  zur  Verfügung  steht.

Nach  einer  bestimmten,  im  Frieden  planmäßig  voreschriebenen

  Zeit  ist  die  Armierung  beendet  und  die
gestung  bereit,  dem  feindlichen  Angriff  zu  widerstehen.
Erfolgt  nun  der  Angriff,  so  entwickelt  sich  zunächst
der  Artilleriekampf,  zu  dem  jeder  der  beiden  Gegner
eine  überlegene  Zahl  an  Geschützen  in  Tätigkeit  zu
bringen  sucht.  Jetzt  setzt  der  Verteidiger  seine  Geschützreserve
  ein.  Je  eher  diese  in  Tätigkeit  kommen
kann,  desto  eher  kann  die  feindliche  Angriffsartillerie
niedergekämpft  werden.  Deshalb  ist  die  Geschützreserve
  beweglich,  damit  sie  rechtzeitig  und  möglichst
rasch  herangeführt  werden  kann.  Hierbei  kommen  die
Armierungseisenbahnen  zur  Geltung  und  wird  auch
der  mechanische  Zug  durch  Kraftwagen  verwendet.
Die  Hauptreserve  versucht  durch  größere  Unternehmungen
  gegen  den  Feind  weit  außerhalb  des  eigentlichen
  Festungsbereiches  den  Angreifer  daran  zu  hindern,
  seine  Artillerie  in  Stellung  zu  bringen.

Während  des  Geschützkampfes  arbeitet  sich  die  Infanterie
  des  Angreifers  zum  Nahangriff  heran.  Dieses
Vorgeien,  das  von  dem  Ausgang  des  Feuerkampfes
der  Artillerie  abhängt,  verhindert  der  Verteidiger  zunächst
  durch  Artilleriefeuer  und  Gegenstöße=  st  der
Angreifer  zu  einem  langwierigen  ngeiffsverfahren.
und  zum  Minenangriff  unter  der  Erde  geswun  en,
so  muß  auch  der  Verteidiger  zur  Minenarbeit  greifen,
um  durch  Gegenminen  und  Sprengungen  das  unterirdische
  Vorgehen  des  Gegners  unmöglich  zu  machen.

Angriff.  Der  Angriff  auf  eine  Festung  erfolgt
nicht  gleichzeitig  von  allen  Seiten;  dazu  reichen  die
Mittel  des  Angreifers  nicht  aus.  Dieser  greit  vielmehr
  nur  den  Abschnitt  der  Festung  an,  dessen  Berennung
  ihm  nach  den  Verhältnissen  und  der  Lage
die  meiste  Aussicht  auf  Erfolg  verspricht.  Gegen  diesen
  Abschnitt  werden  die  Hauptkräfte  der  verfügbaren
Kampfmittel  eingesetzt,  während  die  anderen  Fronten
  nur  beschäftigt  werden.

Der  Angreifer  trachtet  von  Anfang  an,  möglichst
rasch  und  möglichst  nahe  an  die  Verteidigungslinie
der  Festung  heranzukommen  und  seine  Angriffsartillerie
  in  Stellung  zu  bringen.  Das  führt  zunächst  zu
Kämpfen  im  weiteren  Vorfelde  der  Festung,  durch
die  der  Verteidiger  auf  seine  eigentliche  Verteidigungslinie
  zurückgedrängt  werden  muß.  Das  Heranbringen
und  Instellunggehen  der  Angriffsartillerie  Gent  infolge
  der  vervollkommneten  Beweglichkeit  der  Geschütze
wesentlich  rascher  vor  sich  als  früher.  Selbst  die  schwersten,
  für  den  Festungskrieg  nötigen  Geschütze  sind  jetzt
ständig  beim  Feldheer  vorhanden  und  werden  durch
Kraftzug  fortbewegt.  Radgürtel  ermöglichen  das  Fahren
  außerhalb  der  gebahnten  Wege  und  das  Schießen
auf  weichem  Boden  ohne  vorbereitete  Bettung.

Durch  die  Angriffsartillerie,  die  aus  schweren  und
schwersten  Steilfeuergeschützen  zur  Wirkung  gegen
die  widerstandsfähigen  Ziele  und  aus  weittragenden

III.  Technik  und  Kriegführung

Flachbahngeschützen  zur  Bekämpfung  der  beweglichen
Artillerie  des  Verteidigers  besteht,  müssen  zunächst
die  Werke  und  Panzerbatterien  des  Verteidigers  zum
Schweigen  gebracht  und  zerstört  werden,  so  daß  deren
Besatzung  keinen  Widerstand  mehr  leisten  kann;  dann
wird  die  Beschießung  auf  die  Zwischenstellungen  überpelenkt
  und  die  ganze  Angriffsfront  mit  Feuer  zugeeckt.

  Die  deutsche  schwere  Artillerie  hat  gezeigt,  daß
sie  vermöge  der  gesteigerten  Wirkungsfähsceln  ihrer
Geschütze  und  Geschosse  die  Widerstandsfähigkeit  vollwertiger
  Befestigungsanlagen  zu  brechen  und  selbst
Werke  bester  ständiger  Bauart  aus  der  Ferne  zu  zerstören
  und  sturmreif  zu  machen  vermag.

Während  dieses  Artilleriefernkampfes  muß  die  Infanterie
  des  Angreifers  an  den  Gegner  herankommen.
Bei  der  vernichtenden  Wirkung  der  Angriffsartillerie
kann  die  vorstürmende  Infanterie  unter  günstigen
Verhältnissen  überraschend  schnell  vorwärts  kommen
und  sich  ohne  schwere  Verluste  der  gegnerischen  Stellung
  bemächtigen.  Vielfach  wird  aber  doch  ein  Vorgeben
  von  Stellung  zu  Stellung  notwendig  sein.  Daäist

  es  vielleicht  Aze  nochmöglich,  die  neue  Stellung
  in  einem  Zuge  und  mit  gleichzeitig  vorgehenden
Schützenlinien  zu  erreichen.  Später  aber  wird  ein
allmähliches  Heranarbeiten  an  den  Feind  auf  Sturmentfernung,
  entweder  sprungweise  mit  kleineren  Abteilungen
  oder  schrittweise  durch  Bortreiben  von  Laufgräben
  in  der  Erde  oder  schließlich  mit  Gängen  unter

er  Erde  und  Aussprengen  von  Deckungen  durch  Minen,
  nötig  sein.  Dieses  ganze  Vorwärtsarbeiten  der
Infanterie  wird  durch  Feuer  von  Artillerie,  Maschinengewehren
  und  benachbarter  Infanterie  wirksam
unterstützt.  Feindliche  Einwirkungen  auf  diese  Angriffsarbeiten,
  wie  Feuer,  Ausfälle  usw.,  müssen  durch
überlegenes  Feuer  niedergehalten  werden.

Vor  dem  Sturm  mühssen  die  Hindernisse  vor  den
feindlichen  Werken  und  Stellungen  beseitigt  oder  wenigstens
  durch  Sturmgassen  gangbar  gemacht  werden.
Ist  dies  nicht  bereits  durch  das  Feuer  der  Angriffsartillerie
  geschehen,  so  wird  es  durch  Sprengungen  besorgt.
  Hierzu  werden  Minengänge  unter  der  Erde
gegen  die  feindlichen  Werke  und  Stellungen  vorgetrieben
  und  die  Flankierungsanlagen,  Grabenböschungen
  und  Hindernisse  in  die  Luft  gesprengt.

Zum  Sturm  selbst  sind  die  Sturmkolonnen  in  der
Sturmstellung  und  den  erweiterten  Laufgräben  versammelt.
  Mit  Pionieren  an  der  Spitze,  die  etwa  noch
nicht  zerstörte  Hindernisse  beseitigen  und  noch  besetzte
Flankierungsanlagen  usw.  mit  Handgranaten  und
Stinkbomben  bewerfen,  wird  zu  genau  festgesetzter
ger  vorgebrochen.  Mit  Hilfe  von  Klettergerät  und

aufbrücken  geht  es  über  Graben  und  Wall  oder  durch
Breschen  und  über  Stein=  und  Schutthaufen  hinweg
stürmend  hinein  ins  Werk,  während  gleichzeitig  auch
der  Sturm  auf  die  Zwischenstellungen  erfolgt.  Während
  des  Sturmes  halten  sich  die  Reserven  in  den
vordersten  Laufgräben  bereit,  um  einem  etwaigen
feindlichen  Gegenstoß  entgegentreten  zu  können.

Uniformen
Hlerzu  Tafeln  Feldunisormen  I  u.  I#  mit  Enklärungsblatt.
Die  Uniformen.  in  dem  Sinne  gleichförmiger  Bekleidungen

  der  Militärpersonen  und  gewisser  Klassen  von
Zivilbeamten,  kamen  im  17.  Jahrhundert  auf,  und

zwar  zugleich  mit  der  Einrichtung  der  stehenden  Heere.
Aber  im  weiteren  Sinne  läßt  sich  die  Entstehung  besonderer
  Bekleidungsstücke  für  Krieger  bis  in  die  Uranfänge
  der  Menschheit  zurückverfolgen.  Die  Kriegsbemalung
  der  Indianer  stellt  ein  Mittel  dar,  die
Krieger  vor  anderen  Personen  auszuzeichnen,  und
        <pb n="369" />
        Felduniformen  feindlicher  Heere.

(Dbie  Zusammenstcllung  der  Talclu  erfolgte  unter  Aulehbnung  an  die  Uunttafchu  der  vorschledenen  Unisormwerko  dos
Vorlager  M#ritz  Ruhl  in  Leipeiy.)

Tafel  I.  Tafel  II.
Frunkreick.  Itallen.
1.  Divisions-Genern.  1.  Gencralmojor.
2.  Generulstabsoflizier.  2.  Infanterist.
3.  Infanterieoffizier.  3.  Oberleutnant  der  Infunteric.
2.  Tofanterist.  4.  Alpino  (Alpenjäzzer).
5.  Zunve.  5.  Bersaglieri-Korporal.
6.  Turko  (Tirailleur  algérien).  6.  Leutvant  der  Cuvalleggeri.
7.  Feldartillerist.  7.  Soldat  der  Lancieri.
S.  Infanterist  in  Ilielm  und  Muntcl.  8.  Sergennt  (Zugführer)  der  Feldartillerie.
9.  Alpenjüger.  9.  Gebirgsartillerist.
Kuvallericoslzier.  .  Sappeur-Soldat.
11.  Diagoner.  11.  Soldat  der  Drugoni.
12.  Jöger  zu  Plerde.  12.  Arzt  mit  Inufemnnnsrang.
Rumänien.
13.  Infanterist  (Sommeranzug).
England.  14.  Offizier  der  Fustruppen.
13.  Infunterist.  15.  Generul.
11.  Kavallerist.  16.  Offizier  der  reitenden  Truppen.
15.  Sergeant.  17.  Infunterist  (Winternnzug).
16.  Berittener  Infuntericoffizier  in  Mantel.  1.  Kavullerist  (Winteranzug).
17.  Oläzier  vom  Armieestube.  1
18.  Infanterieoftizier.  Serbien.
19.  llochländer.  19.  Amtillerist  I.  Aufgebot.
20.  Berittener  Oflizier  der  schottischen  Regimenter.  20.  Ariillerist  II.  Aufgebot.
21.  Indisches  Führerkorps  Unfunterist:.  21.  Kavallerist  II.  Auslgebot.
22.  Bombay-Lanzenreiter,  abgesensen.  22.  Infanterie-Korporul  I.  Aufgebaot.
23.  Bengal-Infanterist.  23.  Gencral.
24.  Sepoy  (Mudras-Infanterist).  24.  Intanterist  II.  Aufgcbot.
Montenegro.
25.  Soldat.
Rusland.  26.  Leutnam  in  Mantel.
27.  Wehrmn  der  Reserve.
25.  General.  „
26.  Garde-Infantericof6zier.  28.  Soldat  dor  Eskorte.
27.  Kundschufter-Unteroffirier  (Garde).  Inpan.
26.  Garde-Infanterist.  29.  Infanterist.
29.  Infanterieoffizier  in  Muntel.  30.  Insantericsergeant.
30  u.  31.  Infantorist.  31.  Rittmeister  der  Linienkavalleriec.
32.  Don-Kosak.  32.  Kavaullerist.
33.  Kuban-Kosnk.  33.  Feldwebelleutnant  der  Artillerio.
31.  Feldartillerist.  44.  Kanonier  der  Küslenartillerie.
35.  Unteroftizier  der  Grenzwache.  35.  Pioniersergeant.
36.  Kuvallerist.  36.  Trainwachtmeister.
        <pb n="370" />
        Feldunift

Bibliographisches
        <pb n="371" />
        1

nstitut  in  L

eipzig.
        <pb n="372" />
        <pb n="373" />
        <pb n="374" />
        —  —  —  ——  ––  —  —  —  —  —  ——  —

Felduni

Bibliographisches
        <pb n="375" />
        »rmen  II.

Institut  in  Leipzig.
        <pb n="376" />
        <pb n="377" />
        Uniformen

zwar  zu  einem  doppelten  Zweck:  sie  zu  schmücken
und  sie  dem  Feinde  schrecklicher  erscheinen  zu
lassen.  Derartige  Sitten  finden  wir  bei  zahlreichen
Völkern  niederster  Kulturstufe.  Möglicherweise  ist
die  Schreckbemalung  zuerst  unabsichtlich  entstanden,
als  die  nackten  Krieger  durch  das  Dickicht  schlichen,
wobei  sich  Schmutzstreisen  auf  der  Haut  bildeten.  Blätter
  anklebten  usw.;  als  die  Betroffenen  dann  merkten,
daß  sie  den  Feinden  einen  besonders  furchterweckenden
Eindruck  machten,  wiederholten  sie  wohl  absichtlich  das
Entstehen  so  schreckerregender  Wildheitsmerkmale.

Später  und  beim  Aufsteigen  zu  höheren  Kulturstufen
  wird  die  Aussonderung  der  Krieger  zum  Zwecke
der  Schreckerregung  bald  geschwurden  sein.  Aber
um  so  mehr  Nachdruck  wurde  auf  Abzeichen  gelegt,
die  als  Schmuck  gelten  können.  Die  Krieger  stellten
allezeit  den  stolzesten,  selbstbewußtesten  Teil  eines  Volkes
  dar,  und  sie  verlangten,  daß  siesich,  als  diejenigen,
die  ihr  Leben  mutig  im  Kampf  einzusetzen  hatten,
irgendwie  von  der  Allgemeinheit  abhöben.

Endlich  entwickelten  sich  unterscheidende  Kennzeichen
der  Kriegerkleidung  dadurch,  daß  Teile  davon  als
Berteidigungswaffe  ausgebildet  wurden.  So
sezen  sich  die  Krieger  Metallhelme  auf,  bekleideten
ich  mit  Schuppen-,  Ring-,  Ketten-  oder  Schienenpanzern,
  zogen  derbe  Lederkoller  an  usw.

Immerhin  waren  bis  hierher  die  Kennzeichen  der
Krieger  auf  Teile  der  Kleidung  oder  Ausrüstung
beschränkt.  Auch  wechselte  die  Einheitlichkeit  selbst  in
bezug  auf  Waffen  sehr.  Hatte  eine  römische  Legion
derselben  Waffengattung  wahrscheinlich  in  seinen  Gliedern
  einen  verhältnismäßig  gleichförmigen  Anblick
gewähr,  so  bot  sicherlich  ein  Hähnlein  deutscher  Lands.

echte  ein  buntes,  ungleichartiges  und  wirres  Bild,
trugen  doch  die  Landsknechte  die  Waffenstücke  auf  und
über  ihren  recht  verschiedenen  Kleidern,  waren  auch
mit  sehr  ungleichen  Kopfbedeckungen  versehen  und  beschränkten
  sich  zur  Ausschmückung  auf  angesteckte  Federn,
  umgebundene  Schärpen  usw.

Im  Dreißigjährigen  Kriege  trug  anfangs  der  angeworbene
  Mann  seine  gewöhnliche  Kleidung,  die  er
mitbrachte,  auch  unter  den  Wassen.  Aber  wenn  mit
der  längeren  Dauer  des  Krieges  diese  Kleidung  immer
abgerissener  wurde,  ohne  daß  dem  einzelnen  ein  Ersatz
  möglich  war.  fingen  die  Befehlshaber  notgedrungen
  an,  selbst  für  neue  Kleidung  ihrer  Leute  zu  sorgen,
  machten  große  Abschlüsse  auf  Tuchlieserungen
usw.  Sie  bekleideten  dann  eine  ganze  Anzahl  von
Kriegern  aus  demselben  Tuchballen,  und  so  entstand
für  die  Ungehörigen  einer  solchen  Truppe  eine  Kleidung,
  die  mindestens  durch.  gleiche  Farbe  ausgezeichnet
  war.  Geschah  eine  derartige  Uniformierunguerst

  unbeabsichtigt,  weil  eben  ein  Tuchballen  zur
Herstellung  zahlreicher  Kleidungsstücke  ausreichte,  so
erkannten  doch  die  Heerführer  sicherlich  bald  den  Vorteil
  solcher  Einheitskleider,  die  ein  bequemes  Mittel
boten,  die  Angehörigen  verschiedener  Truppenteile
leicht  zu  unterscheiden.  Bald  sah  man  häufig  ganze
Regimenter  in  gleichfarbiges  Tuch  gekleidet,  und  wir
stoßen  schon  damals  auf  Benennungen  wie  blaues
Regiment,  gelbes  Regiment-  usw.  Abgesehen  davon
  hatten  die  Fürsten  ihr  Gefolge  und  die  Städte
ihre  Söldner  schon  seit  dem  Mittelalter  in  ihre  Wappenfarben
  gekleidet.  Unter  Ludwig  EIV.  entwickelte
sich  daraus  die  höfische  „Livree=  der  Haustruppen,
die  bald  auf  die  allgemein  den  Haustruppen  entstammenden
  Garden,  schließlich  auch  auf  die  Feldtruppen
übertragen  wurde.  Dieser  französische  Brauch  wurde

293

dann  bei  den  Übrigen  Mächten  nachgeahmt,  so  daß
die  Gleichkleidung  im  Heere  um  1690  in  Europa  fast
allgemein  eingeführt  erscheint.  Auch  die  anfängliche
Willkür  in  den  Varben  wich  bald  einem  gewissen  System:
  in  Frankreich  trägt  die  einheimische  Infanterie
raue  (später  weiße)  Röcke,  während  die  deutschen
öldner  blaue,  schweizerische  Soldtruppen  und  irläudische
  Regimenter  rote  Röcke  haben  und  die  österreichischen
  Truppen  eine  weißgraue  Rockfarbe  aufweisen.
Um  1700  ist  die  preußische  Infanterie  schon  allgemein
durch  blaue,  die  englische  durch  rote  Röcke  gekenneichnet.
  Als  unterscheidendes  Abzeichen  dient  das
*  futter,  das  in  anderer  Farbe  gehalten  ist  und  an
den  Armelumschlägen,  den  Brustaufschlägen  und  den
aufgehalten  Schößen  sichtbar  wird.  Weitere  Unterscheidungsmerkzeichen
  wurden  Zahl,  Art,  Farbe  und
Sitz  der  Knöpfe,  ferner  auch  die  ausgenähten  Knopflöcher,
  aus  denen  sich  allmählich  die  Litzen  entwickelten,
  u.  a.  m.
Ohne  den  Entwicklungsgang  der  Uniformierung
weiter  bis  zum  Ende  des  19.  Jahrhunderts  zu  verfolen,

  kann  man  allgemein  sagen,  daß  die  militärische

niform  jederzeit  auf  Farbenpracht  und  Buntheit
hindrängte.  Mit  Recht  sprach  man  vom  bunten  Tuchund
  von  zweierlei  Tuche-,  und  sicherlich  hat  früher,
als  sich  das  Heer  durch  freie  Anwerbung  ergänzte,
bei  so  manchem  jungen  Burschen  die  Sehnsucht  nach
der  strahlenden,  bunten  Uniform  den  Ausschlag  ge.
geben,  wenn  ihm  der  Werber  lockend  nahte.

Der  Drang,  den  Uniformen  der  eigenen  Truppen
ein  möglichst  hervorstechendes,  glänzendes  Gepräge
zu  geben,  führte  oftmals  zu  Sonderbarkeiten,  die  uns
heute  recht  lächerlich  erscheinen.  Dazu  gehören  die  ungeheuren
  Kopfbedeckungen  preußischer  Krieger  in  den
Freiheitskriegen,  meterhohe  Bärenmützen,  überenge
Lederhosen,  die  nur  in  angefeuchtetem  Zustande  übergezogen
  werden  kounten,  ebenso  enge  Gamaschen  (von
denen  der  noch  heute  nicht  verschwundene  Ausdruck
°  Gamaschendienste  herrührt),  den  Hals  einschnürende,
die  Atmung  beengende  hohe  und  steife  Kragen  u.  a.  m.

Aber  die  Uniform  sollte  die  Krieger  nicht  nur
schmücken  und  von  den  übrigen  Volksangehörigen  abheben,
  auch  nicht  bloß  ein  Mittel  bilden,  die  Glieder
verschiedener  Truppentcile  des  eigenen  Heeres  zu  unterscheiden,
  sondern  bis  zu  einem  gewissen  Gradestrebte
man  danach,  die  Truppen  verschiedener  Staaten  durch
sie  kenntlich  zu  machen,  um  im  Fall  eines  Krieges
Freund  vom  Feind  unterscheiden  zu  können  und  Ver
wechselungen  zu  verhüten.  So  bildete  sich  als  charalteristisch
  für  die  preußische  und  die  österreichische
Infanterie  Dunkelblau  als  Grundfarbe  aus,  für
Rußland  Grün  für  England  wurden  rote  Röcke  kenn.
zeichnend,  für  Frankreich  rote  Hosen  usw.

Aber  der  aufsteigenden  Linie  in  bezug  auf  die  Buntheit
  und  Verschiedenfarbigkeit  der  militärischen  Uniform
  mußte  naturgemäß  eine  absteigende  Linie  folgen,
sobald  die  Einführung  der  rauchschwachen  Pulver  ein
klares,  ungetrübtes  Schlachtfeld  geschaffen  und  die
weite  Sichtbarkeit  in  einem  früher  nicht  für  möglich

ehaltenem  Grade  erhöht  hatte.  Nun  bildeten  grellforbige
  Uniformstücke,  blitzende  Knöpfe,  blinkende
Helmspitzen  usw.  auf  einmal  verräterische  und  schädliche
  Kennzeichnungen  der  Anwesenheit  und  des  Standortes
  von  Truppen.  Was  man  in  der  Natur  als
„Mimikrye,  als  Anpassung  von  Lebewesen  an  die
Farben  der  von  ihnen  bewohnten  Umwelt,  bezeichnet,
suchte  man  jetzt  allmählich  künstlich  für  die  Soldaten
zu  schaffen.  Das  geschah  zuerst  bei  den  Kolonialtrup-
        <pb n="378" />
        294

pen,  die  vielfach  in  Ländern  wirken,  wo  eine  weite  und
klare  Sicht  durch  das  Klima  fast  zur  Regel  wird.  Die
Engländer  kleideten  indische  und  die  in  Afrika  gegen
die  Buren  kämpfenden  Soldaten  in  braungrünes
Khaki.  Bald  nach  Beginn  des  20.  Jahrhunderts
setzten  die  Bestrebungen,  die  Uniformierung  unauffällig
  zu  gestalten  und  ihre  Farbe  dem  Gelände  möglichst
  anzupassen,  mit  Nachdruckein,  wenngleich  manche
widerstrebende  Strömungen  nur  allmählich  überwunden
  werden  konnten  und  beispielsweise  die  Franzosen
sich  erst  während  des  Weltkrieges  von  der  geliebten
roten  Hose  zu  trennen  vermochten.

Jetzt  sind  die  Truppen  fast  aller  größeren  Mächte
unaufsällig  uniformiert,  wenigstens  was  die  im  Kriege
gebrauchte  Felduniform  angeht.  Die  Grundfarbe
ist  grau  oder  grüngrau,  bei  anderen  blaugrau  oder
braungelb;  auch  ausgesprochen  blaue  Firbung  kommt
vor.  Kragen  und  Armelaufschläge  unterscheiden  sich

III.  Technik  und  Kriegführung

meistens  nicht  mehr  vom  Grundtuch  des  Rockes;  auch
die  farbige  Paspelierung  verschwindet,  ebenso  breite
farbige  Hosenstreifen  usw.  Die  Helmbeschläge  sind
mattiert  oder  grau  überlackt,  oder  die  blanken  Teile
sind  zum  mindesten  durch  den  Helmüberzug  verdeckt.
An  die  Stelle  der  blanken  Knöpfe  sind  graue,  unauffällige
  getreten,  oder  sie  werden,  wie  bei  den  Feldblusen,
  überhaupt  verdeckt  getragen.  Esgehört  dies  schon
mit  zu  einem  anderen  Streben  der  modernen  Uniformierung,
  die  Dienstkleidung  möglichst  bequem  zu
machen.  Deshalbsind  die  engen  Stehkragen  verschwunden
  und  durch  weite  Umlegekragen  ersetzt;  der  enge
Uniformrock  wird  zur  weiten  Bluse  und  erhält  zablreiche
  Taschen.  Das  Lederzeug  hat  oft  Naturfarbe,
das  Seitengewehr  ist  brüniert  —  kurz  dem  Mann
wird  gleichzeitig  die  Putzarbeit  sehr  erleichtert.

Die  beiden  Bunttafeln  bringen  Typen  von  Heeresangehörigen
  unserer  wichtigsten  Feinde.

Die  Eisenbahnen  im  Welkkriege

von  Generalleutnant  z.  D.  Freiherrn  von  Steinaecker

Die  Felddienstordnung  für  das  deutsche  Heer  umschreibt
  in  Punkt  522  die  militärische  Bedeutung  der
Eisenbahnen  für  den  Krieg  mit  den  Worten:  -Die
Eisenbahnen  haben  für  die  gesamte  Kriegführungentscheidende
  Bedeutung.  Sie  sind  von
größter  Wichtigkeit  für  die  Mobilmachung,
den  Aufmarsch  und  für  die  Erhaltung  der
Schlagfertigkeitdes  Heeres.  Sie  ermöglichen
Verschiebungen  von  Heeresteilen  während
der  Operationen.=  Vorkommnisse  im  Kriege
1870/71  hatten  die  Unvollkommenheiten  des  deutschen
Eisenbahnnetzes  nicht  weniger  als  Fehlgriffe  im  Betrieb
  erkennen  lassen.  In  diesen  beiden  Richtungen
bewegten  sich  daher  in  der  nun  folgenden  Friedenszeit
  die  durch  gemeinsame  Arbeit  der  Militär=  und
Zivileisenbahn  =  Behörden  angestrebten  Verbesserungen.
  Der  nach  dem  Kriege  infolge  des  wirtschaftlichen
Aufschwunges  des  neuen  Deutschen  Reiches  sehr  umfangreich
  einsetzende  Ausbau  der  Eisenbahnverbindungen
  wurde  von  der  Landesverteidigung  dahin
beeinflußt,  daß  durch  ihn  die  Zahl  der  großen  durchgehenden
  Verbindungen,  zunächst  der  politischen  Lage
entsprechend  aus  dem  Reiche  nach  der  Westgrenze,  als
dem  Aufmarschgebiet  im  Falle  eines  neuen  Krieges,
vermehrt  wurde.  Außerdem  aber  wurden  für  Gegenden,
  die  flür  das  Wirtschaftsleben  einstweilen  keine
neuen  Bahnverbindungen  verlangten,  für  die  aber
die  militärische  Transportbewegung  Erschließung
durch  Schienenwege  erforderte,  neue  Verbindungen,
und  zwar  aus  Mitteln  des  Reiches.  geschaffen,  strategische
  Bahnen,  auf  die  erst  im  Mobilmachungsfalle
ein  voller  Verkehr  gelegt  werden  sollte.  Man  sieht  so
in  den  1870er  Jahren  die  Zahl  der  das  Reichsgebiet
von  Osten  nach  Westen  durchquerenden  Bahnen  sich
wesentlich  vermehren:immer  mehr  große,  voneinander
unabhängige  Transportwege  entstehen,  die  sich  an  der
Westgrenze  stark  verzweigen,  um  die  Ausladungen
verteilen,  also  die  Züge  mit  möglichst  schneller  Zugfolge
  anbringen  zu  können.  Umfangreiche  Militärrampenanlagen
  vbegünstigen  die  schnelle  Entladung.
Grundsätzlich  wurden  ferner  alle  Linien,  die  für  die
Aufmarschbewegung  in  Frage  kamen,  zweigleisig

ausgebaut,  um  die  Leerzüge  in  der  nämlich  schnellen
Zugfolge  nach  vorn,  wie  die  Vollzüge  zurückführen
zu  können.  Zur  Entladung  auf  freier  Strecke  war  die
Ausstattung  aller  Zügemit  Notrampen-Materiak  vorgesehen.
  Mit  Beginn  der  1880er  Jahre  trat  eine  Anderung
  in  der  politischen  Lage  ein,  die  auf  die  Landesverteidigung
  und  damit  auf  die  Gestaltung  des  Ausbaues
  der  Eisenbahnen  nicht  ohne  durchgreifenden  Einfluß
  blieb.  Die  Annäherung  Rußlands  an  Frankreich
zwang  die  oberste  Heeresleitung,  von  nun  an  mit
einem  Kriege  auf  zwei  Fronten  zu  rechnen;  es  mußte
also  das  Eisenbahnnetz  für  einen  ebenso  schnellen  und
glatten  Aufmarsch  an  der  Ost=  wie  an  der  Westfront
ausgebaut  werden.  Das  Deutsche  Reich  stand  voraussichtlich
  in  einem  nächsten  Kriege  militärisch  zwei
räumlich  getrennten,  zahlenmäßig  überlegenen  Gegnern
  auf  der  einneren  Linie  gegenüber.  Diese  Lage
hatte  Vorteile,  solange  Raum  und  Zeit  von  den  Gegnern
  zu  ihrer  Ausnutzung  belassen  wurden.  Die  Vorteile
  bestanden  darin,  daß  man  gegen  einen  Gegner,
und  zwar  den  zunächst  erreichbaren,  als  den  geführlichsten
  (Frankreich)  überlegene  Kräste  versammeln
und  sich  mit  diesen  wuchtig  und  möglichst  überraschend
auf  ihn  zu  werfen,  ihn  entscheidend  zu  schlagen  versuchen
  konnte,  während  man  zunächst  dem  zweilen
Gegner  (Rußland)  gegenüber  in  der  Verteidigung
verblieb,  ihn  bei  einem  Vormarsch  nur  nach  Möglichkeit
  aufhielt.  Gelang  der  Schlag  gegen  den  ersten
Gegner,  dann  ließ  man  mit  der  Hauptkraft  von  ihm
ab,  verschob  die  freigewordenen  Kräfte  an  die  Front
vor  den  zweiten  Gegner  und  suchte  ihm  dasselbe  Los
wie  dem  ersten  zu  bereiten.  Die  Aussicht  des  Gelingens
  eines  solchen  kühnen,  große  Urteils-  und  Entschlußkraft
  fordernden  Planes  stieg  mit  der  Schnelligkeit,
  mit  der  man  seine  erste  Versammlung  zu  bewerkstelligen
  und  nach  Erledigung  des  ersten  Gegners  zum
Angriff  gegen  den  zweiten  seine  Kräfte  auf  den  neuen
Kriegsschauplatz  zuschieben  vermochte.  Letzteres  konnte
bei  der  Entfernung  der  russischen  von  der  französischen
  Grenze  nur  mit  den  Eisenbahnen  geschehen.  Es
wurde  daher  für  den  Ausbau  des  deutschen  Eisenbahnnetzes
  auch  im  Osten  Richtlinie:  Vervielfältigung
seiner  Verzweigung,  Vergrößerung  der  Auslademöglichkeiten
  sowie  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit  der
großen  durchgehenden  Transportwege  durch  Verbes-
        <pb n="379" />
        Freiherr  von  Steinaecker:  Die  Eisenbahnen  im  Weltkriege

serungen  in  den  Bahnhofs-  und  Blockierungsanlagen,
Vermchrungvon  Gleisen  und  Weichen,  vor  allem  auch
des  zum  Truppentransport  geeigneten  rollenden
Materials  (Vergrößerung  der  Zugkräfte  und  der
Tragfähigkeit  der  Wagen),  um  auf  möglichst  vielen
gleich  leistungsfähigen  Schienenwegen  gleichzeitig  die
dedeutenden,  im  Westen  frei  werdenden  Korps  schnell
einladen  und  nach  dem  Osten  zum  Abtransport  bringen
  zu  können.

Auch  dem  Ausbau  der  deutschen  Flotte,  der  Ende
des  vorigen  Jahrhunderts  einsetzte,  mußte  der  der
Bahnen  dadurch  Rechnung  tragen,  daß  die  Verbindung
  der  Kriegshäfen  nicht  nur  mit  den  Kohlenrevieren,
  sondern  auch  mit  allen  Teilen  des  Reiches
vervollkommnet  wurde,  da  die  Seestreitkräfte  ihre  Ergänzungsmannschaften
  aus  dem  ganzen  Reich  heranziehen
  mußten.  Für  die  Kohlen-  und  Materialversorgung
  konnte  eine  nur  sehr  unerhebliche  Entlastung
durch  die  Wasserstraßen,  deren  Ausbau  aus  geldlichen
und  wirtschaftlichen  Gründen  im  Deutschen  Reiche
leider  noch  weit  zurück  war,  statifinden.

Eine  Wiederholung  der  Fehler,  die  bei  Betrieb  der
Eisenbahnen  im  Kriege  1870/71  —  Annahme  von
mehr  Gütern,  als  entladen  werden  konnten,  um  nur
auf  einen  Fehler,  als  den  folgenschwersten,  hinzuweisen
  —  meist  aus  Unkenntnis  des  Wesens  dieses
neuen  Kriegsmittels  gemacht  worden  waren,  vermied
man  durch  Schaffung  von  Linienkommandanturen,
die  ein  inniges  Friedensarbeitsverhältnis  zwischen  dem
die  Inanspruchnahme  der  Vahnen  im  Kriege,  aber
auch  im  Frieden  (Rekruten-,  Remonte-,  Manöver-,
Reservistentransporte)  bestimmenden  Generalstab  und
den  betriebsleitenden  Stellen  der  Eisenbahnverwaltungen
  schufen,  und  suchte  so  Erfahrungen  zu  sammeln.
  Letzteres  ermöglichten  besonders  die  alljährlich
  wiederkehrenden  Abtransporte  nach  den  großen
Herbstübungen,  die  völlig  kriegsmäßig  auf  dem
übungsfelde  selbst  vereinbart  und  durchgeführt  werden
  mußten  unter  der  Erschwerung,  daß  der  Friedensfahrplan
  für  Personen=  und  Eilgutbeförderung
daneben  in  Kraft  bleiben  mußte.

Der  Ausbau  des  deutschen  Eisenbahnnetzes,  so  wie
ihn  die  Landesverteidigung  angestrebt  hatte,  war  noch
nicht  vollendet,  als  die  Mobilmachung  1914  ausgesprochen
  wurde.  Begonnene  Ausführungen  wurden
im  allgemeinen  weiter  gefördert,  Anlagen,  für  die  erst
die  Vorarbeiten  begonnen  hatien,  z.  B.  für  die  einer
Vollbahn  auf  dem  rechten  Moselufer,  wurden  zurückgestellt.
  Die  Anlagen  von  zweiten,  dritten  und  vierten
  Gleisen  mußten  im  allgemeinen  während  des
Krieges,  zumal  in  der  ersten  Zeit,  unterbleiben.  Denn
solche  Bauten  sind  ohne  beträchtliche,  zeitweise  Anderungen
  des  Betriebes  auf  den  umzubauenden  Strecken
nicht  ausführbar;  es  muß  dabei  vielfach  der  eingleisige
  Betrieb  eingeführt  werden.  Dies  war  aber
unzulässig,  da  der  Militärfahrplan  auf  zweigleisigem
Betrieb  beruhte.

Wenn  auch  die  militärische  Transportbewegung  auf
das  peinlichste  und  eingehendste,  soweit  es  im  Frieden
möglich  ist,  vorbereitet  war,  stellte  doch  die  Mobilmachung
  die  deutschen  Eisenbahnen  vor  eine  gewaltige
  Aufgabe,  die  die  größte  Umsicht  und  Anspannung
von  allen  Stellen  verlangte,  sollte  sie  gelöst  werden.
Schon  einige  Stunden  nach  Ausspruch  der  Mobilmachung
  begann  der  Abtransport  der  zur  Verstärkung
  des  Grenzschutzes  aus  dem  Innern  des  Reiches
nach  Ost  und  West  vorausgehenden  Truppen,  meist
Kavallerie  mit  Artillerie  und  technischen  Truppen,

295

sowie  der  Rücktransport  gewisser  Güter  (z  B.  Gestüte)
aus  den  einem  feindlichen  Einfall  ausgesetzten  Grenzebieten,

  während  der  Friedensfahrplan  noch  galt.

ieser  selbst  aber  war  schwer  aufrechtzuerhalten.  Die
unerwartet  eingetretene  Mobilmachung  traf  die  Bäder
  und  Sommerfrischen  überfüllt;  aus  ihnen  und
aus  dem  Auslande  strömte  alles  nach  der  Heimat  zurück.
  Die  Güterwagen  waren  durch  Heranschaffung
von  Material  für  die  Industrie  in  Hochkonjunktur
und  durch  den  flott  gehenden  Handel  sehr  in  Anspruch
genommen.  Während  der  Bewältigung  dieses  ganz
gewaltigen,  plötzlich  eintretenden  außergewöhnlichen
Verkehrs  mußten  nun  Wagen,  Maschinen  und  Personal
  zusammengezogen  und  neu  verteilt  werden,
um  den  am  dritten  Mobilmachungstage  in  Kraft
tretenden  Militärfahrplan  durchführen  zu  können.
Die  Güterwagen  mußten  schleunist  entladen,  die  für
Mannschafts-,  Verwundeten=  und  Pferdetransporte
notwendigen  Wagen  nach  den  Werkstätten  zur  Ausrüstung
  geführt  werden.  Gleichzeitig  begann  aber
auch  schon  die  Beförderung  der  Rekruten  und  Ergänzungsmannschaften
  aus  dem  ganzen  Lande  nach
den  Mobilmachungsorten,  die  Mobilmachungsbewegung,
  eine  von  Jahr  zu  Jahr  mit  Zunahme
der  Bevölkerung  und  bei  der  Freizügigkeit  umfangreicher
  und  verwickelter  werdende  Bewegung,  bei  der
jede  Hemmung  besonders  folgenschwer  sein  mußte,  da
sie  die  planmäßige  Mobilmachung  der  Truppe  und
damit  den  fahrplanmäßig  festgelegten  Abtransport
in  Frage  stellte.  Daß  diese  Bewegung  besonders  verwickelt
  war,  daher  besonders  große  Anforderungen
an  den  Betrieb  stellte,  folgt  daraus,  daß  die  Transporte
  in  den  verschiedensten  Richtungen  gleichzeitig
liefen.  Garde  und  Marine  ergänzen  sich  aus  dem
ganzen  Königreich  Preußen  bzw.  dem  ganzen  Reichsebiet;
  sehr  viele  Truppenteile  liegen  aus  den  verchiedensten
  Gründen,  Grenzschutz-,  Unterbringungsrücksichten
  u.  dgl.,  weit  von  ihren  Ergänzungsbezirken.
  Die  dichtbevölkerten  Mittelpunkte  der  Industrie
müssen  beim  Ersatz  für  aus  schwach  bevölkerten  Gegenden
  sich  ergänzende  Truppenteile  aushelfen,  die  pferdezüchtenden
  Gaue  ihre  Pferde  vielfach  über  weite
Strecken,  z.  B.  von  Heistein  bis  Baden,  zur  Ergänzung
  der  berittenen  Waffen  fahren  lassen.  Dazwischen
müssen  ebenso  dringlich  befördert  werden:  die  Gegenstände
  zur  Armierung  der  Festungen,  die  Vorräte  zur
Füllung  der  Magazine,  das  Schlachtvieh  für  die  Konservenfabriken
  der  Heeresverwaltung,  die  Kohlentransporte
  für  die  Marine  und  für  die  Waffen=  und
Schießbedarfsfabriken.  Erschwerend  kommt  dazu,  daß
die  Transporte  auf  allen  Strecken  auch  nachts  laufen,
was  die  allgemeine  Einrichtung  von  Nachtdienst  notwendig
  macht.  Gleichzeitig  ist  nun  aber  noch  zur  Erhaltung
  des  Wirtschaftslebens  die  Aufrechthaltung
des  Zivilverkehrs  —  Post,  Güter  und  Personen  —
notwendig.  Er  wurde  planmäßig  auf  die  Lokalzüge
verwiesen,  die  auf  allen  Strecken  im  Militärfahrplan
bis  zum  Beginn  der  Aufmarschbewegung,  von  da  ab
nur  auf  den  von  ihr  nicht  in  Anspruch  genommenen
Strecken  laufen  und  für  die  Bewegung  kleinerer  Militärtransporte
  bestimmt  sind.

Der  Übergang  vom  Friedens-  zum  Militärfahrplan
  und  die  ganze  Mobilmachungsbewegung
verlief  völlig  planmäßig,  auch  in  den  Grenzgebieten.
Der  Grenzschutz  erwies  sich  als  wirksam,  alle  Anschläge
gegen  die  Bahnen  wurden  vereitelt.  Auch  im  Inland
wardie  Bahnbewachungso  aufmerksam,  daß  den  feindlichen
  Agenten  keine  Störung  des  Betriebes  gelang.
        <pb n="380" />
        296

Die  Aufmarschbewegung,  also  die  Beförderung
  der  mobil  gemachten  Truppen  an  die  Grenzen,
  konnte  sich  daher  völlig  planmäßig  der  Mobilmachungsbewegung
  anschließen.  Man  durfte  ihrem
Ablauf  mit  doppeltem  Vertrauen  entgegensehen,  da
sie,  ihrer  Eigenart  entsprechend,  nicht  die  hohen  Anforderungen
  an  das  Personal  und  die  Betriebsleistung
der  Bähnen  wie  die  Mobilmachung  stellte.  Sie  besteht
  darin,  daß  die  Transporte  vom  Beginn  bis  zum
vollen  Ablauf  im  großen  und  ganzen  in  derselben
Richtung  fahren.  Die  Starrheit  des  Militärfahrplans
in  Verbindung  mit  der  geringen  Fahrgeschwindigkeit
(40  km  die  Stunde),  die  völlige  Fräbaltung  eines
täglichen  beträchtlichen  Zeitabschnitts  (Intervalls)  von
Zügen  erleichtern  die  planmäßige  Durchführung  und
den  Ausgleich  von  Sibrungen.  Da  neben  pünktlicher
Einladung  auf  schneller  Entladung  und  prompter
Zurückführung  der  Leerzüge  die  planmäßige  Durchführung
  des  ganzen  Aufmarsches  beruht,  so  wurden  in
das  Aufmarschgebiet  Offiziere  und  Beamte  der  Militäreisenbahn-Behörden
  zeitig  vorausgeschickt,  um  dort
nötigenfalls  bei  Betriebsstörungen  helfend  einzugreifen,
  zumal  auch,  wenn  durch  den  Feind  eine  Rückverlegung
  der  Ausladungen  notwendig  werden  sollte.
Jede  Berzögerung  in  der  Entladung  schob  auch  den
Zeitpunkt  zum  Antreten  des  Vormarsches  hinaus,  kam
also  dem  Gegner,  den  man  doch  hier  im  Westen  mit
einer  überzahl  überraschend  angreifen  wollte,  zugute.
Kam  man  hier  im  Westen  zu  spät,  so  entstand  die
Gefahr,  daß  im  Osten  eine  Entscheidung  früher  vom
Gegner  erkämpft  war,  als  man  dort  erscheinen  konnte.

Auch  der  Aufmarsch  verlief  planmäßig  und  vom
Feinde  ungestört.  Mitte  August  1914  standen  sieben
Armeen,  jede  zu  mehreren  Armeekorps,  im  Westen
zwischen  Aachen  und  Mülhausen  i.  E.,  eine  im  Osten
in  Ostpreußen  mit  allen  Trains  und  gefüllten  Kolonnen
  verwendungsbereit,  die  Festungen  hatten  ihre
Besatzungen,  die  Magazine  waren  gefüllt,  die  Postkurse
  waren  eingerichtet.  Die  deutsche  Heeresleitung
hatte  sich  im  Westen  die  Vorhand  für  ihre  Operationen,
  wie  geplant,  bewahrt.

über  Verlzuf  von  Mobilmachung  u.  Auf  marsch
unserer  Gegner,  soweit  die  Eisenbahnen  in  Frage
kamen,  sind  bis  jetzt  wenig  Einzelheiten  bekannigeworden.
  In  Frankreich  und  Belgien  scheinen  beide  Bewegungen
  zunächst  planmäßig  verlaufen  zu  sein;  nur
gegen  Beendigung  der  Aufmarschbewegungen  mußten
  die  Bahnen  in  Frankreich  im  Grenzgebiet  zu  umfangreichen
  Verschiebungen  nach  der  belgischen  Front
in  Anspruch  genommen  werden,  da  der  Vormarsch
der  Deutschen  durch  Belgien  infolge  des  frühzeitigen
Falles  der  Maasfestungen  schneller,  als  vom  Feinde
gedacht,  erfolgte.  Nur  einen  Teil  des  rollenden  Materials
  der  belgischen  Bahnen  gelang  es,  nach  Frankreich
  abzuführen.  England  sandte  zum  Ausgleich  sehr
bald  eine  große  Zahl  von  Wagen  nach  dem  Festland.
In  Rußland  hatte  die  militärische  Transportbewegung
  lange  vor  der  öffentlichen  Verkündung  der  Mobilmachung
  begonnen.  Schon  Ende  Juni  setzte  der
Abtransport  sibirischer  Truppen  nach  Polen  ein.

Was  die  Vorbereitung  und  Technik  der  Transportbewegung
  betrifft,  so  war  sie  in  allen  Ländern
dem  deutschen  Vorbild  gefolgt.

Auch  in  Österreich=  Ungarn  verliefen  die  Mobil.
machung  und  der  Aufmarsch  planmäßig.  Die  Donaumonarchie
  hatte  zunächst  nur  einen  Teil  des  Heeres
  —  sechs  Armeekorps  —  auf  Kriegsfuß  gesetzt,  da
man  dachte,  es  mit  Serbien  allein  zu  tun  zu  bekom-III.

  Technik  und  Kriegführung

men.  Die  Wendung,  die  die  russische  Politik  nahm,
zwang  zur  Mobilmachung  auch  der  übrigen  Streitkräfte.
  Den  Eisenbahnen  erwuchs  dadurch  cine  besonders
  schwere,  weil  unvorhergesehene  Aufgabe,  da
sie  gleichzeitig  mit  der  Mobilmachungsbewegung  für
einen  Teil  des  Heeres  eine  umfangreiche  überführung
  von  zunächst  gegen  Serbien  aufgestellten  Heeresteilen
  an  die  rusisch  Front  bewältigen  mußten-Von
  empfindlichen  Störungen  hierbei  ist  nichts  bekanntgeworden.


Im  Deutschen  Reiche  konnte,  nachdem  die  Aufmarschbewegung
  kaum  abgelaufen  war,  am  23.  August
1914  schon  chnellzugsverkehr  für  Zivilpersonen
in  beschränktem  Maße  wieder  aufgenommen  werden.
Wenn  auch  der  Militärfahrplan  erst  am  2.  November
  1914  aufgehoben  wurde,  so  waren  bis  Ende  September
  doch  schon  die  Reisegelegenheiten  im  Deutschen
Reiche  dermaßen  verbessert,  daß  sich  das  wirtschaftliche
  Leben  wieder  von  dem  durch  die  Mobilmachung
ihm  plötzlich  zugefügten  Schlage  allmählich  zu  erholen
begann.  Eine  zum  21.  Oktober  1914  nach  Berlin  berusene
  Fahrplankonferenz  hatte  dies  vollendet.
Eswurdeaufihr  neben  Vermehrung  der  Reisemöglichkeiten
  für  die  Zeit  bis  zur  Außerkraftsetzung  des  Militärfahrplans
  ein  neuer  Friedens-Winterfahrplan  vereinbart,
  der  zwar  kein  völliges  Wiederaufleben  des
Fahrplanes  vom  vergangenen  Winter,  jedoch  Fahrleistungen
  brachte,  die  bis  75  vom  Hundert  des  vorhergegangenen
  Friedenswinters  betrugen.  Die  Neugestaltung
  des  Fahrplanes  wurde  beherrscht  durch  die

nforderungen  der  Heeresverwaltung.  Die  Heranführung
  des  mit  der  sehr  bald  erfolgenden  Vermehrung
des  Aufgebots  auch  vermehrten  Nachschubs,  die  Zurückführung
  der  Verwundeten  und  Kranken,  der  Beute
an  Gefangenen  und  Materialien  legte  zunächst  noch
Beschränkungen  im  bürgerlichen  Verkehr,  zumal  im
Personenverkehr,  besonders  in  den  Grenzgebieten  auf,
hier  zumal  um  Ausspähungen,  die  hartnäckig  und  gewandt
  versucht  wurden,  zu  verhindern.  Es  trat  ferner
  mit  zunehmender  Kriegsdauer  und  der  dadurch
benötigten  Umstellung  der  Industrie  für  Zwecke  der
Landesverteidigung  ihre  jedem  anderen  Güterverkehr
im  Inlande  vorgehende  Versorgung  mit  Kohlen  und
Rohstoffen  sowie  die  vertragsmäßig  übernommene
Versorgung  von  neutralen  Staaten  mit  Kohlen  als
Austauschware  in  den  Vordergrund.  Der  ganze  Fahrplan
  war  um  so  vorsichtiger  zu  gestalten,  da  eine
Bereitstellung  von  umfangreichem  rollendem  Material
  jederzeit  möglich  bleiben  mußte.  Die  Entwicklung
  der  militärischen  Gesamtlage  rückte  die  Notwendigkeit
  einer  Verschiebung  starker  Kräfte,  einer
gleichzeitigen  Inanspruchnahme  möglichst  vieler
Kroßer,  durchgehender  Transportstraßen,  die  jeden
Augenblick  eintreten  konnte,  immer  näher.  Diese  Verhältnisse
  blieben  zunächst  bestehen;  neue  Anforderungen
  traten  erst  wieder  mit  der  Ausdehnung  der  Operationen
  auf  die  Balkanhalbinsel  und  Rumänien  ein.
Dies  verursachte  eine  wesentliche  Vermehrung  der
Transportstrecken  und  eine  Verschiebung  des  ganzen
Verkehrs  durch  die  gleichzeitige  Kriegserklärung  Italiens
  an  das  Deutsche  Reich,  wodurch  der  Warenaustauschverkehr
  mit  diesem  Lande  aufhörte.

Da  sich  dem  Ablauf  der  Aufmarschbewegung  der
Einmarsch  in  Belgien  und  Frankreich  sofort  anschloß,
begann  nunmehr  mit  dem  ersten  Schritt  in  Feindesland
  auch  die  Tätigkeit  der  Militäreisenbahn-Truppen
  und-Behörden  im  Westen.  Im  Osten
nahmen  einstweilen  noch  die  Räumung  und  Unfahr-
        <pb n="381" />
        Freiherr  von  Steinaecker:  Die  Eisenbahnen  im  Weltkriege

barmachung  der  dem  langsam  vordringenden  Feinde
im  eigenen  Lande  überlassenen  Bahnstrecken  diese
Truppen  in  Anspruch.  Der  Betrieb  auf  den  Schienenwegen
  in  den  besetzten  Gebieten  wurde  durch  die  Verschiedenheit
  der  in  unseren  Besitz  geratenen  Strecken
des  feindlichen  Bahnnetzes  wesentlich  beeinflußt,  im
Westen  ein  engverzweigtes,  meist  zweigleisiges,  reich
entwickeltes,  zur  Bewältigung  jeder  Art  von  Verlehr
  besonders  geeignetes  Bahnsystem  von  gleicher
Spurweite  wie  die  heimischen  Bahnen;  im  Osten  ein
weitmaschiges  Netz  mit  wenig  Querverbindungen,
wobei  es  sich  mit  Ausnahme  der  Strecken  Kalisch-Warschau
  und  Thorn-Warschau  meist  um  eingleisige
und  breitspurige  Bahnen  handelte.  Dies  machte  im
Osten  einen  durchgehenden  Verkehr  ohne  Umladen
und  Umsteigen  auc  der  Mehrzahl  der  Strecken  zunächst
  unmöglich;  daher  war  ein  schnelles  Nachführen
der  grbsn  in  den  Rücken  der  Armee  bei
deren  Vormarsch  sehr  erschwert.

Das  Überschreiten  der  Grenze  des  Reiches  im  Westen
drachte  den  Eisenbahntruppen,  die  hinter  den  fechtenden
Truppen  bereitger  telltwaren,  sofort  die  anstrengendsten
Arbeiten  zur  Wiederherstellung  und  Wiederinbetriebnahme
  der  vom  abziehenden  Gegner
  Gründlichst  zerstörten  Bahnen.  Doppelt
schnell  mußte  dies  erreicht  werden,  um  den  unaufhaltsan
  sich  vorwärts  bewegenden  Armeen  mitden  Spitzen
der  Schienenwege  auf  den  Fersen  bleiben  zu  können.
Alle  Stellwerke,  Weichen,  Signal=  und  Fernsprecheinrichtungen,
  Wassertürme,  Bahnhofseinrichtungen
waren  betriehsunfähtg  gemoacht.  inen  Üüberblick  hierüber
  verschaffte  sofort  die  Erkundung,  die  von  mit  den
Spitzen  der  Heere  vorgegangenen  Offizieren  der  Eisenbahntruppe
  vorgenommen  und  zunächstbis  in  die  Linie
Hasselt-Löwen-Namur-Marlote  vorgetrieben  wurde.
Man  bekommt  einen  Begriff  vom  Umfange  der  Zerstörungen,
  wenn  man  erfährt,  daß  die  Schn  Herbesthal-Verviers
  an  27tellen  Beschädigungen  aufwies.
An  die  mit  der  Mobilmachung  aufgestellte,  in  Aachen
ihrer  Verwendung  harrende  Militäreisenbahndirektion
  mußte  gemeldet  werden,  daß,  abgesehen  von  belangloseren
  Verstbrungen  durch  Aufreißen  von  Gleisen.
  Sperrung  durch  umgeworseur  Maschinen,  13
Brücken  gesprengt  und  ein  Tunnel  durch  mehrere  mit
Volldampf  ineinandergefahrene  Maschinen  gesperrt
waren.  Es  ergab  sich  rer  überraschenderweise  mit
Eröffnung  des  Betriebes,  daß  sich  die  Gleisanlagen
der  belgischen  Bahnen  zum  großen  Teil  für  deutsche
Begriffe  in  recht  vernachlässigtem  Zustande  befanden,
  daß  die  Schienen  schadhaft  und  schlecht  gelegt
waren;  häufig  brachen  ferner  die  Weichen  unter  der
Last  der  Lokomotiven.  Ahnlich  sah  es  auf  den  franfösischen
  Bahnen  in  betreff  der  Zerstörungen  aus.  Es
erwuchs  hieraus  eine  so  gewaltige  Last  sich  drängender
  Arbeiten,  daß  die  Eisenbahntruppen,  Betriebs-  und
Baukompanien  fast  übermenschliches  leisten  mußten,
um  den  vordringenden  Armeen  den  Nachschub  zu
sichern.  Es  bedurfte  daneben  größter  Umsicht  von
seiten  der  Etappeninspektionen  und  des  Betriebes,  um
den  Bedürfnissen  der  Armeen  gerecht  zu  werden.
Militärzüge  von  100  Achsen  mußten,  um  durch  Belieferung
  mit  Proviant  und  Munition  die  ununterbrochen
  unter  heftigen  Kämpfen  vorrückenden  Heere
schlagfertig  zu  erhalten,  vielfach  mit  kürzester  Zugfolge,
  oft  von  ¼  Stunde,  über  eine  Bahn  geleitet
werden,  auf  der  notdürftig  ein  Gleis  freigemacht
war  und  auf  deren  Bahnhöfen  nur  ein  Unteroffizier
mit  einigen  Leuten  den  Betrieb  übernommen  hatte.

297

Von  dem  in  der  Etappenordnung  vorgesehenen  Normalzustand,
  daß  jeder  Armee  ein  Schienenweg  ausschließlich
  zur  Verbindung  mit  der  Heimat  zugewiesen
wurde,  war  man  weit  entsernt.  Aufvorschriftsmäßige
Sicherung  des  Betriebs  wurde  vielfach  verzichtet.
Nach  einer  Veröffentlichung  aus  dem  Großen  Hauptnartier
  hatte  z.  B.  noch  keine  deutsche  Maschine

üttich  nach  Westen  hin  überschritten,  als  schon  der
erste  Zug  mit  deutschen  Truppen,  die  den  bei  Brüssel
Kämpfenden  Unterstützung  bringen  und  bis  Löwen
vorfahren  sollten,  in  den  Bahnhof  einlief;  die  vorliegende
  Strecke  war  gerade  eben  eingleisig  in  Ordnung
ebracht,  das  Betriebspersonal  fehlte  ganz,  die  Fernprech=
  und  Telegraphenverbindung  zwischen  den  Stationen
  war  noch  nicht  wiederhergestellt.  Trotzdem
fuhr  Zug  auf  Zug  auf  Löwen  vor,  das  Leermaterial
kehrte  auf  demselben  Wege  zurück.  Obwohl  aus  den
Häusern  auf  die  Züge  geschossen  und  fortgesetzt  kur.
terlistige  Anschläge  gegen  die  Bahn  von  der  verhetzten
  Bevölkerung  aus  (führtwurden,  wurdedie  Truppe
rechtzeitig  durch  die  Bahn  an  denpeind  herangebracht.
Dank  der  Aufopferung  der  durch  Kolonnen  von  Zivilarbeitern
  allmählich  verstärkten  Baukompanien
ging  es,  sowie  es  das  Vordringen  der  Heere  verlangte,
mit  der  Herstellung  und  Inbetriebnahme  der  Bahnen
vorwärts.  Am  1.  September  verlegte  die  Militäreisenbahndirektion
  in  Aachen  ihren  St  nach  Brüssel,  Ende
Oktober  wurde  sie  schon  als  Eisenbahndirektion  1
nach  Lille  vorgeschoben;  sie  wurde  ersetzt  durch  mobile
Eisenbahn-Linienkommandanturen  in  Lüttich  und
Brüssel.  Eine  Eisenbahndirektion  2  wurde  ferner  für
den  südlichen  Teil  der  belgischen  und  nordfranzösischen
Bahnen  am  20.  August  in  Ulflingen  eingesetzt,  die
am  25.  August  nach  Lidramont,  am  4.  September
nach  Sedan  vorrückte.  In  Luxemburg  wirkte  von  nun
an  eine  Linienkommandantur.  Zwischen  Direktion
1  und  2  wurde  mit  Exweiterung  des  Betriebes  sehr
bald  Direktion  3  in  Charleroi  errichtet.  Mit  dem  1.
Juli  1915  wurde  durch  die  Schaffung  einer  General-Militärdirektion
  Brüssel  die  Einheitlichkeit  in
Betrieb  und  Verwaltung  sämtlicher  Eisenbahnen  im
besetzten  Gebiet  West  gewährleistet.  Die  heimischen
Militär-Eisenbahnbehörden,  die  Eisenbahnabteilung
des  stellvertretenden  Großen  Generalstabs  und  immobile
  Linienkommandanturen,  regeln  nun  unter
Mitwirkung  der  Etappeninspektionen  durch  Vermittlung
  des  Chefs  des  Feldeisenbahnwesens  West  den
Übergang  von  dem  Betrieb  der  heimischen  zu  dem  der
besetzten  Bahnen  sowie  die  militärische  Jnanspruchnahme
  der  Heimatstrecken.

Vielseilig  entwickelten  sich  die  Anforderungen  an
die  Bahnen  im  besetzten  Gebiet  West,  auf  die  nun  auch
ein  Militärfahrplan  übertragen  wurde.  Um  die  mit
dem  deutschen  Einmarsch  still  gelegten  großen  Industen
  wieder  in  Gang  zu  bringen,  soweit  dies  der
ich  bald  fühlbar  machende  Mangel  an  Rohstoffen
erlaubte,  vor  allem  aber,  um  die  Kohlenförderung
wieder  aufnehmen  zu  können,  mußte  sehr  rasch  die
Benutzung  der  Bahnen  durch  Bewohner  des  besetzten
Landes,  zwecks  Versorgung  der  Arbeitsstätten,  ermöglicht
  werden.  Mit  Ausnahme  der  Fabrikanlagen  in
Flandern  haben  in  Belgien  die  Unternehmungen  ihre
Arbeiter  meist  so  weit  von  dem  Arbeitsort  wohnen.
daß  diese  alltäglich  durch  besondere  Züge  hin  und  her
gefahren  werden  müssen.  Diese  Züge  und  solche  zur

ohlen--  und  Erzbeföorderung.  wurden  zunächst  in  den
Fahrplan  aufgenommen.  Dann  wurde  weiter  den
Bedürfnissen  des  Wirtschaftslebens  dadurch  Rechnung
        <pb n="382" />
        298

getragen,  daß  ein  bürgerlicher  Verlehr  an  den  militärischen
  angeschlossen  wurde.  Am  1.  Februar  1915
liefen  schon  neben  den  für  den  Privatverkehr  freigegebenen
  Lokalzügen  täglich  Schnellzüge  von  der
Heimat  über  Brüssel  bis  Antwerpen  und  Ostende  und
zurück.  Sehr  hoch  wurden  die  Fahrpreise  für  die  Zivilbevölkerung
  gestellt,  um  nicht  unbedingt  notwendige
  Reisen  zu  verhindern,  schon  zum  Sparen  von
rollendem  Material,  dann  aber  im  Interesse  der  Vermeidung
  von  Ausspähungen.

In  ihren  Einrichtungen  bildeten  sich,  den  sich  mehrenden
  Bedürfnissen  und  Anforderungen  entsprechend,
die  Eisenbahndirektionen  weiter.  Am  10.  März  1916
wurden  Militär-Eisenbahnverkehrsämter  bei  ihnen
eingerichtet,  die  ihre  volle  Bedeutung  dadurch  erhielten,
  daß  am  15.  Mai  1916  die  Etappen-Güter=  und
Paketämter  aufgehoben  und  der  diesen  bislang  zuesallene

  Privatgutverkehr  für  das  Heer  jenen  mit  der
Hauptausgabe  der  überwachung  des  Nachschubver.
kehrs  zum  Feldheer  in  eisenbahnverkehrstechnischer
Hunicht  zugewiesen  wurde.  Es  gelangte  damit  die

estaltung  der  Militärverwaltung  nach  heimatlichem
Muster  zum  Abschluß,  da  schon  vorher  Verkehrs-  und
Betriebsämter  eingerichtet  worden  waren.

Die  Erfahrungen,  die  man  bei  der  Inbetriebnahme
  der  Eisenbahnen  im  Westen  gemacht  hatte,
wurden  bei  dem  Einmarsch  in  Rußland  verwertet.
Wie  die  Franzosen  und  Belgier,  so  hatten  auch  die
Russen  und  später  auch  Serben  und  Rumänen  die
Bahnen  bei  ihrem  Rückzug  gründlich  und  noch  rücksichtsloser
  #ls  ihre  Verbündeten  zerstört.  Bahnhöfe
und  Werkstätten  fanden  die  vorrückenden  Deutschen
nur  noch  als  rauchende  Trümmerhaufen,  alles  Personal
  und  Material  war  zurückgeführt  worden.  Umlegen
  der  Gleise  auf  Normalspur  mußte  mit  Wiedergeelng
  der  Betriebseinrichtungen  hier  Hand  in

and  gehen,  also  eine  Vergrößerung  und  Erschwerung
der  Arbeit  gegen  den  Westen.  So  wurden  auf  diesem
Kriegsschauplatz  an  die  Eisenbahntruppen  nicht  wenier

  gewaltige  Anforderungen  gestellt,  die  um  so
chneller  bewältigt  werden  mußten,  als  man  für  den
Nachschub  bei  dem  schlechten  Zustand  der  Straßen
viel  mehr  als  im  Westen  auf  Benutzung  der  Bahnen
angewiesen  war.  Die  Arbeiten  waren  aber  besonders
schwierig  und  erforderten  längere  Zeit  als  dort,  da,
abgesehen  von  Holz  für  Bahnschwellen  und  geringer,
in  den  größeren  Städten  noch  entdeckter  Betriebs.
materialien,  alle  zur  Wiederherstellung  erforderlichen
Gegenstände  aus  der  Heimat  herangefahren  werden
mußten.  Auch  in  Polen  lag  die  Industrie  still  und
war  zunächst  gar  nicht  in  der  Lage,  etwas  hiervon
zu  liefern.  Das  Personal  wurde  aus  den  östlichen
preußischen  Direktionsbezirken  entnommen.  da  sich
unter  diesem  viele  Polnisch  sprechende  Personen  befanden.
  Es  kann  daher  nicht  verwundern,  daß  im
Deutschen  Reich  mit  längerer  Dauer  des  Krieges  an
einen  Ersatz  des  Fahr=  und  Abfertigungspersonals
durch  Frauen  gedacht  werden  mußte,  waren  doch  schon
in  zweilen  Kriegsjahre  etwa  150000  Eisenbahnbeamte
aus  dem  heimischen  Betrieb  herausgezogen  worden.
Die  ganze  Art  der  Kriegführung,  die  hier  kein  so
unaufhaltsames  Vordringen  der  Deutschen.  wie  im
Westen,  auch  das  zeitweise  Wiederaufgeben  in  Besitz
genommener  Strecken  mit  sich  brachte  (dieselbe  Hand
mußte  oft  wieder  zerstören,  was  sie  eben  wiederherestellt),
  beeinflußte  auch  den  Zeitpunkt  der  Aufstelung
  der  Militär  =  Eisenbahnbehörden.  Die  den  Betricb
  leitende  Militär-Generaldirektion  War-III.

  Technik  und  Kriegführung

schau  trat  erst  Ende  September  1915  in  Wirksamkeit.
Von  Anfang  August  1914  bis  Mitte  Januar  1915
wurden  die  Bahnen  durch  die  Eisenbahndirektion
Kattowitz  verwaltet.  An  ihre  Stelle  trat  um  diese  Zeit
die  Linienkommandantur  Lodz,  deren  Geschäfte  auf
eine  mit  der  Einnahme  Warschaus  neuerrichtete  Militär
  ·  Eisenbahndirektion  4  in  Warschau  übergingen.
Gleichzeitig  wurden  die  Militär-Eisenbahndirektonen
  5  in  Wilna,  6  in  Brest  Litowsk  und  8  in  Schaulen
  errichtet.  Linienkommandanturen  gibt  es  im  Osten
nicht  mehr.  Nach  Besetzung  Serbiens  wurde  Militär.
Eisenbahndirektion  7  in  Nisch  errichtet.

Die  innere  Organisation  der  Behörden  ist  im  Osten
dieselbe  wie  im  Westen.  Die  Aufgaben,  welche  die
Bahnen  hier  zu  lösen  hatien,  glichen  ebenfalls  denen
im  Westen.  Es  mußte  also  auch  hier  außer  der  Versorgung
  und  Bedienung  des  Heeres  —  die  in  erster  Linie
standen  —  das  wirtschaftliche  Leben  wieder  aufgerichtet
  werden.  Auch  hier  in  Polen  gab  es  eine  stark  entwickelte
  Industrie,  die  wieder  zum  Aufleben  zu  bringen
im  Interesse  des  Eroberers  lag.  Wenn  sich  diesen
Bestrebungen  gegenüber  die  Bevölkerung  hier  nicht
so  ablehnend  und  geradezu  feindlich  verhielt  wie  im
Belgien  und  Frankreich,  so  dauerte  es  doch  länger  als
im  Westen,  bis  ein  geregelter  Zivilverkehr  einsetzen
konnte.  Am  5.  August  1915  wurde  Warschau  erobert,
aber  erst  am  1.  September  fuhr  der  erste  Schnellz
Berlin-Warschau  ohne  Wagenwechsel  durch,  der
seit  dem  1.  Januar  1916  bis  Brest  Litowst  durchgeführt
  wird.  Auch  hier  wird  der  bürgerliche  Verkehr
nach  denselben  Gesichtspunkten  geleitet  wie  im  Westen.

Etwas  Großes  hatten  die  Eisenbahnen  geleistet.
»Von  Lille  bis  Brest  Litowsk  ein  einheitlicher  Betrieb,
  einheitliche  Zeit,  ein  Wille,  ein  Befehl  und,
was  nicht  zu  übersehen,  ein  Umsteigen.  Von  Nordfrankreich
  über  Belgien,  Deutschland,  Polen  bis  nach
Weiß-Rußland  hinein  und  Wagenwechsel  nur  in
Berlin;  auch  dies  ist  einer  der  vielen  Posten,  der
nicht  in  der  Rechnung  unserer  Feinde  bei  Beginn  des
Krieges  gestanden  war.:  Die  Verwaltung  der  feindlichen
  Bahnen  im  österreichischen  Besetzungsgebiet
geschah  nach  denselben  Grundsätzen.

Kaum  einen  Monat  nach  Beginn  des  Einmarsches
im  Westen  trat  zum  erstenmal  an  die  Eisenbahnen
die  Aufgabe  einer  schnellen  überführung  bedeutender
Truppenmassen  über  weite  Strecken  heran.  Anfang
September  1914  wurde  der  russische  Andrang  gegen
unsere  schwach  besetzte  Ostfront  so  bedrohlich,  daß  die
obere  Heeresleitung,  noch  ehe  der  Gegner  im  Westen
völlig  niedergekämpft  war,  nicht  unerhebliche  Kräfte
dem  westlichen  Kriegsschauplatz  zugunsten  des  östlichen
  entnehmen  mußte.  Gleichzeitig  aber  fand  infolgedessen
  auf  ersterem  eine  sehr  umfangreiche  Verschiebung
  von  Kräften  statt.  Beide  Bewegungen,  die
von  Westen  nach  Osten  sowie  hinter  der  Westfront  von
Süden  nach  Norden,  gelangen.  Hierdurch  vermochte
man  den  russischen  Ansturm  zunächst  abzuwehren.
Diese  grobe  Verschiebung  blieb  nicht  die  einzige.  Es
folgte  im  Winter  1914/15  eine  neue  in  derselben  Richtung
  zwecks  Versammlung  zum  Angriff,  der  zu  dem
Siege  an  den  Masurischen  Seen,  dann  eine  im  April
1915  zu  der  Versammlung,  die  zum  Durchbruch  durch
die  rassisce  Front  bei  Gorlice-Tarnow  führte.  Auch
eine  Querverschiebung  im  Osten  nach  der  Schlacht
von  Tannenberg  von  Ostpreußen  nach  Oberschlesien
—  von  Norden  nach  Süden  —  muß  hier  erwähnt
werden.  Eine  Massenbewegung  in  umgekehrter  Richtungvon
  Osten  nach  Westensand  im  Frühjahr  1916  zur
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        Freiherr  von  Steinaecker:  Die  Eisenbahnen  im  Weltkriege

Vorbereitung  des  Angriffs  auf  Verdun  statt.  Verschiebungen
  auf  den  einzelnen  Kriegsschauplätzen  blieben
  keine  Seltenheiten,  denn  um  den  Durchbruchsversuchen
  der  Gegner  wirksam  zu  begegnen.  mußten  bei
den  großen  feindlichen  Offensiven  schnell  starke  Truppenabteilungen
  von  den  verschiedensten  Seiten  hinter
die  bedrohten  Abschnitte  geschafft  werden,  so  in  Flandern,
  im  Artois,  in  der  Champagne,  in  Lothringen.
Auch  sand  mehrfach  ein  Austausch  von  Divisionen
des  Westens  und  Ostens  sowie  überführung  von
Truppenteilen  in  Ruheslellungen  statt.  Sehr  umfangreiche
  Transporibewegungen  machte  später  die  Versammlung
  zum  Einmarsch  in  Serbien  sowie  zum  rumänischen
  Feldzug  nötig.  Alle  diese  oft  unvermutet
und  in  kürzester  Frist  von  den  Eisenbahnen  zu  bewältigenden
  Transporte  verliefen  ohne  Störungen.
Dies  wurde  auch  bei  den  verschiedensten  Gelegenheiten
vom  obersten  Kriegsherrn  vor  Heer  und  Vol-  anerkannt.
  Die  Bahnen  erwiesen  sich  als  ein  nie  versagendes
  Hilfsmittel  der  Führung,  wodurch  es  dieser
  ermöglicht  wurde,  stets  an  den  entscheidenden
Punkten  stärker  zu  sein  als  der  Feind.  Die  Oberste
Hecresleitung  verdoppelte  so  durch  die  Fähigkeit  des
schnellen  Herüberwerfens  starker  Kräfte  von  einem
Kriegsschauplatz  auf  den  anderen  ihre  Stärken.  Hierdurch
  konnte  es  gelingen,  das  ungünstige  Zahlenverhältnis,
  in  das  wir  immer  mehr  zum  Gegner  gerieten,
m  etwas  auszugleichen.

Bei  der  fortgesetzt  sehr  starken  Inanspruchnahme
der  Eisenbahnen  mußten  das  Material  und  der
Oberbau  der  Strecken  in  erheblichem  Umfange  abgenutzt
  werden  und  daher,  hauptsächlich  veranlaßt
durch  den  hohen  und  wegen  Mangels  an  Arbeitskräften
  nicht  schnell  zu  beseitigenden  Reparaturstand
an  Wagen  und  Lokomotiven,  die  Leistungen  der  Bahnen
  allmählich  abnehmen.  Da  im  Kriege  die  Bedürfnisse
  und  Ansprüche  der  Heeresleitung  allen  anderen
vorgehen,  so  machte  sich  dies  zunächst  und  hauptsächlich
  für  den  Heimatsverkehr  fühlbar.  Am  stärksien
  war  dies  in  dem  Winter  1916.  der  mit  seinem
langen,  strengen  Frost  und  großen  Schneefällen  den
Eisenbahnen  eine  besonders  starke  Kraftprobe  auferlegte.
  Es  trat  auch  zum  Teil  infolge  der  Knappheit
  an  Schmierölen  eine  überaus  empfindliche  Erhöhung
  des  Reparaturstandes  an  Maschinen  ein,
hauptsächlich  aber  stockten  die  Leistungen  der  Bahnen
in  unvorhergesehenem  Maße  infolge  der  durch  das
Wetter  verursachten  Verminderung  der  Leistung  der
Rangierbahnhöfe  und  infolge  der  Ecschwerung  der
Ab-  und  Zufuhr  der  Güter.  Diese  Schwierigkeiten
wurden  noch  erhöht  durch  die  Zunahme  der  Bedürfnisse
  der  Armee  ('Hindenburg-  Programmo),  durch
die  immer  sich  steigernde  Abgabe  von  Personal  und
die  im  ganzen  Lande  eingetrelene  Verminderung  der
Arbeitskräfte  sowie  durch  die  Zunahme  der  zu  bedienenden
  Strecken  nach  dem  Einmarsch  in  Serbien
und  Rumänien.  Es  setzte  dann  ein  ungewöhnlich
starker  Güterverkehr  in  diesem  Winter  ein,  weil  nirgends
  mehr  größere  Warenbestände  vorhanden  waren
und  deshalb  für  die  Beförderung  der  überall  schnell
gebrauchten  Güter  sogar  der  billigere  Wasserweg,  solange
  er  überhaupt  zur  Verfügung  stand,  nicht  entlastend
  wirken  konnte.  Dieser  Schwierigkeiten,  die  sich
im  Heimatsverkehr  durch  Verminderung  der  Züge,
längere  Fahrzeiten,  aber  auch  durch  Verspätungen
sowie  durch  zeitweise  notwendig  werdende  Sperre  der
Hüterbeförderung.  bei  dem  Heere  durch  die  Notwendigkeit
  der  Beschränkung  der  Beurlaubungen  bemerkbar

299

machten,  wurde  man  dadurch  allmählich  Herr,  daß
das  ganze  heimatliche  Gebiet  in  große  Verkehrsabschnitte
  —  Ost-West-Mitte  —  eingeteilt  und
diese  einer  besonderen  Leitung  unterstellt,  ferner  aber
der  Privatpersonen=  und  der  Güterverkehr  nach  Möglichkeit
  eingeschränkt  wurden.

Bei  der  Bedeutung  der  Erhaltung  des  Wirtschaftslebens
  der  Heimat  in  diesem  Kriege,  der  nun  über
drei  volle  Jahre  des  deutschen  Volkes  ganze  Kraft  in
Anspruch  nimmt,  für  die  Armee  ist  die  Leistung  der
Eisenbahnen  hierfür  von  ausschlaggebender  Bedeutung
  geworden.  Es  soll  nicht  verschwiegen  werden,
daß  unser  Wirtschaftsleben  schwere  Schädigungen  erlitten
  hat;  allein  ebensowenig  darf  verschwiegen  werden,
  daß  das  Wirtschaftsleben,  nicht  zum  wenigsten
dank  der  Tätigkeit  der  Eisenbahnen,  durch  eine  nicht
hoch  genug  zu  bewertende  Anpassung  an  die  durch
den  Krieg  gaschaffenen  neuen  Bedingungen  in  seiner
Gesamtheit  gegenüber  anfänglichen  Stockungen  einen
derartigen  Aufschwung  genommen  hat,  daß  die  geldlichen
  Ergebnisse  von  Jahr  zu  Jahr  günstiger  wurden
und  jetzt  denen  der  letzten  Jahre  des  Friedensverkehrs
nicht  nur  nicht  nachstehen,  sondern  sie  zum  Teil  sogar
überflügelt  haben.  Das  beweisen  die  Abschlüsse  der  letzten
  vier  Kalenderjahre.  Die  Einnahmen  der  deutschen
Staatsbahnen  betrugen  im  Friedensjahr  1913  im
Personenverkehr  991.  im  Güterverkehr  2227,  zusammen
  6281  Millionen  Mark.  Die  entsprechenden  Zahlen
stellten  sich  für  1914  (fünf  Monate  Krieg)  auf  847,
1956.  2803;  für  1915  auf  741,  2086,  2827;  für  1916
auf  875,  2333,  3208  Millionen  Mark.  Für  die  ersten
Monate  des  Jahres  1917  liegen  Zahlen  vor,  die  ein
steigendes  Wachsen  des  Verkehrs  erkennen  lassen.

Die  Benutzung  der  Eisenbahnen  mit  Vollbetrieb
endigt  nicht  unmittelbar  hinter  der  Kampffront.  Die
erfahrungsmäßig  schwere  Aufgabe,  die  an  die  Endpunkte
  herangebrachten  Bedürfnisse  rechtzeitig  bis  zu
den  Verbrauchsstellen  zu  bringen,  wird  den  Bahnen
durch  Kolonnen  aller  Art  abgenommen.  Sie  werden
hierbei  durch  die  von  den  Endbahnhöfen  sich  nach  vorne
vorschiebenden  Feldbahnen  (von  den  Eisenbahntruppen
  betriebene  Schmalspurbahnen  mit  Pferdeoder
  Lokomotivbetrieb)  unterstützt.  Im  Osten.  für
den  die  Feldbahnen  bei  schlechtem  Zustand  der  Wege
eine  größere  Bedeutung  als  im  Westen  gewannen.
wurden  sie  vielfach  zu  Schmalspurbahnen  ausgebaut
und  deren  Betrieb  dann  den  Eisenbahnverwaltungen
unterstellt.  Ein  Schmalspurbahnnetz  von  700  km
ist  auf  diese  Weise  im  besetzten  Osten  aus  Feldbahnen
entstanden  und  einem  besonderen  Eisenbahnbetriebsamt
  unterstellt  worden.  Der  Stellungskrieg  ermöglichte
  es  sogar,  vielfach  bis  zu  den  weittragenden
feuernden  Batterien  die  Munition  auf  diesem  Wege
vorzuführen.  Daß  dies  auch  der  Gegner  tat,  ergaben
die  Aufnahmen  unserer  Flieger;  auch  wurde  vielfach
  durch  sie  festgestellt,  daß  der  Feind  Geschütze  und
Maschinengewehre  auf  oder  in  Eisenbahnwagen,  auch
in  gepanzerten,  anbrachte,  die  hierdurch  befähigt  wurden,
  auf  dem  Feldbahnnetz  oder  auf  Anschlüssen  von
normalspurigen  Bahnen  überraschend  an  den  verschiedensten
  Punkten  aufzutreten  und  sich  schnell  der
feindlichen  Gegenwirkung  zu  entziehen.  Es  wurde  dies
während  der  Kämpfe  um  Verdun  und  neuerdings
an  der  englischen  Front  mehrfch  festgestellt.

Die  Ausführungen  über  die  Eisenbahnen  im  Kriege
erfordern  der  Vollständigkeit  halber  noch  einen  Hinweis,
  inwiefern  der  Krieg  auch  die  Straßen=  und
Kleinbahnen  in  Mitleidenschaft  gezogen  hat.  Auch
        <pb n="384" />
        300

sie  hat  er  vor  neue,  bisher  nicht  gekannte  Aufgaben
gestellt.  Bei  der  Mobilmachung  stockte  plötzlich  die
Zufuhr  der  Lebensmittel  für  die  Städte  durch  die
Staatsbahnen,  ebenso  der  Arbeiterverkehr.  Hier

riffen  die  obengenannten  Bahnen  mit  Erfolg  helgen-
  ein,  so  daß  sich  die  Lebensmittelzufuhr  wenigstens
  notdürftig  vollzog,  bis  von  der  zweiten  Mobilmachungswoche
  ab  bestimmte  Züge  des  Militärfahrplans
  für  diese  Zufuhr  freigemacht  werden  konnten.
Dies  gelang,  obwohl  der  Betrieb  durch  die  Einziehung
von  Frrsonket  sehr  erschwert  wurde  und  obwohl  aus
Rücksichten  der  Landesverteidigung  vielfach  von  den
Staatsbahnen  gleichzeitig  benutzte  Brücken  usw.  für
jeden  anderen  als  militärischen  Verkehr  gesperrt  werden
  mußten.  Dies  traf  besonders  die  Straßenbahnen

III.  Technik  und  Kriegführung

der  Großstädte  am  Rhein  und  die  der  Festungen  an
roßen  Wasserläufen.  Allein  überall  wurde  der  Berehr,
  wenngleich  mit  Einschränkungen,  aufrechterhalten,
  auch  von  diesen  Bahnen  die  weitere  ungestörte
Entfaltung  des  Wirtschaftslebens  unterstützt.

Das  Deutsche  Reich  ist  daher  mit  vollem  Recht  stolz
auf  die  Leistungen  seiner  Eisenbahnen.  Ihre  zweckentsprechende
  Anlage  und  Verwendung  haben  dem
deutschen  Volke  im  Felde  und  in  der  Heimat  eine  wert.
volle,  nicht  hoch  genug  einzuschätzende  Unterstütung
im  Kampfe  um  sein  Dasein  geliehen.  Die  Geschichte  des
Weltkrieges  wird  den  Männern,  die  die  Eisenbahnen
trotz  aller  Schwierigkeiten  auf  ihrer  Leistungsfähigkeit
  erhalten  haben,  und  denen,  die  sie  meisterhaft  zu.
benutzen  verstanden,  ihre  Anerkennungnicht  versagen.

Kriegschirurgie
von  Dr.  Haehner,  Stabsarzt  im  Kriegsministerium  in  Berlin
Hierzu  Taseln  2  Kriegschlrurgie  I  u.  ll#.

Der  großen  Bedeutung,  die  neben  der  bestaus.
gebildeten  Technik  im  heutigen  Kriege  den  Menschenmassen,
  dem  möglichst  schnellen  Ersatz  der  Verluste
zukommt,  entsprechen  die  hohen  Anforderungen,  die
an  die  Kunst  der  Kriegschirurgen  gestellt  werden  müssen,
  um  die  Verwundungen  nicht  nur  möglichstschnell,
sondern  auch  in  möglichst  großer  Zahl  wieder  zu
heilen.  Solchen  Aufgaben  gegenübergestellt,  waren
bei  Kriegsbeginn  die  deutschen  Chirurgen  nicht  im
Zweifel,  daß  eine  Reihe  von  Fragen  der  Verletzungschirurgie,
  der  Behandlung  der  Wundkomplikationen
noch  ungeklärt  vor  ihnen  lag.  Das  Riesenmaterial
der  Krie  erleßten  hat  denn  auch  gezeigt,  daß  die  Erebnisse

  der  bisher  üblichen  Behandlung  vielfach  nicht
befrievigend  waren.  Auf  Grund  der  mehrjährigen
Beobachtungen  und  Erfahrungen  mußte  die  Kriegschirurgie
  bei  einer  ganzen  Anzahl  von  Verletzungen
umlernen  und  neue  Behandlungswege  einschlagen.
Bei  der  Durchführung  ihrer  Aufgabe  kamen  ihr  die  in
hervorragender  Weise  stetig  ausgebildeten  Methoden
der  Wissenschaft  und  Technik  im  weitesten  Maße  zu
Hilfe.  Die  Grundbedingung  für  jeden  Erfolg  eines
chirurgischen  Eingriffs  ist,  daß  den  Verwundeten
möglichst  bald  auch  die  notwendige  sachgemäße  Hilfe
zuteil  wird;  deshalb  verfügen  im  Felde  auch  die  am
weitesten  vorgeschobenen  Sanitätsformalionen  (Sanitätskompanien,
  Feldlazarette)  über  speziell  in  der
Chirurgie  ausgebildete  Arzte.  Wenn  auch  diesen  Formationen
  gemäß  der  Art  ihrer  Verwendung  nicht  alle
technischen  Hilf-mittel  der  modernen  Chirurgie  zu
Gebote  sein  können,  so  find  doch  die  stehenden  Lazarette
  (Kriegslazarette)  bis  ins  kleinste  damit  ausgestattet.
  Des  weiteren  ist  dafür  Sorge  getragen,  daß
für  zweifelhaste  Fälle,  für  schwierigere  Operationen
der  bewährte  Rat  von  Chirurgen  von  Ruf,  der  Hochschulprofessoren,
  Leiter  großer  Krankenhäuser  usw.,
die  sich  als  beratende  Chirurgen  bei  jedem  Armeekorps
  befinden,  jederzeit  eingeholt  werden  kann.  Auf
ärztlichen  Zusammenkünften  im  Felde  und  auf  den
beiden  großen  Kriegschirurgenkongressen  haben  die
ausgetauschten  Erfahrungen  Veranlassung  zur  Klärung
  mancher  strittigen  Behandlungsfrage  gegeben.

Mit  in  erster  Linie  wurde  betroffen  die  Wundbehandlung
  im  allgemeinen.  Nachdem  der  englische

  Chirurg  Lister  sein  Verfahren  der  antiseptis
  en  Zundbehandlung-  debz  der  Belämfung.
der  so  gefürchteten  Infektion  der  Wunden  durch  ihre
Desinfektion,  veröffentlicht  hatte,  war  einer  der  großen
Meister  der  Kriegschirurgie,  v.  Bergmann,  der  erste,
der  dies  Verfahren  im  Kriege,  dem  russisch-türkischen.
erprobte.  Doch  konnte  er  es  trotz  aller  Hilfsmittel
und  eines  geschulten  Personals  nicht  streng  durchführen.
  Erst  als  er  jedes  aktive  Vorgehen  unterließ,
sich  nur  auf  die  Bedeckung  der  Wunden  und  eine  absolute
  Ruhigstellung  der  verletzten  Glieder  beschrünkte.
erreichte  er  die  berühmt  gewordenen  Ergebnisse,  vorallem
  in  der  Behandlung  der  Kniegelenkschüsse.  Damit
  war  das  Prinzip  der  Aseptik,  d.  h.  der  möglichsten
  Keimfreihaltung  der  Wunden  im  Kriege,  gefunden,
  und  zwar  in  der  einfachen  Form  eines  keimfreien
Verbandes  aufdie  absolut  unberührtgelassene  Wunde.
Große  Triumphe  feierte  die  Aseptik  in  der  Zeit  der
kleinkalibrigen  Mantelgeschosse,  und  da  erregten  die
größte  Überraschung  die  Beobachtungen  im  Burenkriege,
  wo  90  Prozent  der  durch  Mantelgeschosse  verursachten
  Wunden  der  Gliedmaßen  ohne  Eiterung
heilten.  Die  Folge  war  die  Einführung  eines  antiseptischen
  oder  sterilen  Einheitsverbandes  in  allen  Armeen.
  Diese  Verbandpäckchen,  von  denen  jeder
Angehörige  des  deutschen  Heeres  zwei  mit  sich  führt,
haben  sich  auch  in  diesem  Kriege  glänzend  bewährt.
Das  Anlegen  des  ersten  Verbandes  geschieht  bei  der
einfachen  Handhabung  auch  von  Laien  durchweg  geschickt
  und  zweckentsprechend.

Während  damals  v.  Bergmann  die  durch  Kleinkaliber-(Infanterie-)
  Geschosse  verursachten  Wunden
als  von  vornherein  (primär)  nicht  insiziert  ansah,
steht  jetzt  fest,  daß  alle  frischen  Schußwunden  Infek.
ltionskeime  enthalten,  schon  durch  die  mitgerissenen
Teile  der  Kleidung  und  Haut.  Trotzbem  gelingt
eine  reaktionslose  Heilung  dann,  wenn  primär  nur
wenig  Keime  eindringen  und  ein  weiteres  Eindrin
verhindert  wird.  In  diesem  praktischen  Sinne
also  die  Kleinkalibergeschoßwunden  als  nicht  infiziert
anzusehen.  Ganz  anders  liegen  dagegen  die  VBerhältnisse
  bei  weit  ossenen  Schußwunden,  wie  sie  die
Nahgeschosse  der  Infanterie,  Aufschläger,  Querschläer,

  die  reichliche  Verwendung  von  Dumdumgeschosen
  und  Artilleriegeschosse  verursachen.  Der  ausgedehnte
  Stellungskrieg  hat  bei  den  vielfach  auf  sehr
geringe  Entfernung  gegenüberliegenden  Schützengräben
  viel  mehr  als  früher  Nahschüsse  gezeitigt,  die
        <pb n="385" />
        2.  Otlene  Wundbehandlung.

I.  Kraukensaäle  zur  offenen  Wundhehandlung.

9.  Steckschuf  im  Wirbelkanal
(Röntgenaufnahme).

7.  Drahtschiene  zur  Behandlung  von
Klelerbrüchen.

4.  Steckschuß  im  Schädel  (Köntgenaufnahme).

Kriegs-Chirurgie  l.

a  Künsulche  1löhensonne.  S.  Fixationsschiene  bel  Kielerbrüchen  mit  6.  Klelerbruch  mit  Verschtebung  des  5.  Splltterentflernung  aus  dem  Auge  durch  Rlesenkrößerem
  Knochendefekt.  Bruchteils.  magnet.
        <pb n="386" />
        1  und  2.  Provisorische  Schlenenverbände  bel  Glledmabenverletzungen.


3.  Knochenschuß  mit  starker  Zeruümmerung  6.  Diswaltionsklammem  zur  Knochenbruchbehandlung
(Ronigenaufnahme).  (Röntgennufnahme).

Kriegs-Chirurgie  ll.

9.  Zerrelßung  durch  Dumdom-Geschotg  1.  Schrapnell-Steckschuß  mit
«  .  (Köntgensulnahme).  Splltterbruch  des  Knachens
J  "  s«  .  44  -  ;  (såatkcasulathast.

—  7.  Knochenbruchschuß  ohne  we.
s8eniliche  Verschlebung
1  (TSchlenung  durch  den  unverieinen
Knochen:  Poüntgenanme).

——  —

5.  Strerkverband  mit.  Gekenzüken.  S.  Plliegerplell.
        <pb n="387" />
        Haehner:  Kriegschirurgie

nicht  nur  durch  Infanteriegeschosse,  sondern  auch  durch
Handgranaten  und  das  ganze  Arsenal  der  Schützenrabengeschütze

  bedingt  sind  und  mit  einer  starken
Ferschmußzung  der  Wunden  einhergehen.  Dadurch
ist  die  Anzahl  primär  infizierter  Wunden  jetzt  außerordentlich
  groß,  und  nicht  mehr  der  erste  Verband,
wie  es  früher  hieß,  sondern  vornehmlich  die  primäre
Infektion  entscheidet  über  das  Schicksal.  Die  englischen
und  französischen  Kriegschtrurgen  sind  wieder  zu  ausgedehnter
  Anwendung  von  infektionsbekämpfenden
Flüssigkeiten  übergegangen,  während  die  deutschen
Chirurgen  den  Kampf  gegen  die  Wundinfektion  im
allgemeinen  wesentlich,  statt  mit  der  chemischen,  mit
der  physikalischen  Antiseptik  führen;  dabei  hat  sich
schon  allein  die  vollständige  Ruhigstellung  der  verletzten
  Gewebe  als  ein  mächtiges  Unterstützungemittel
erwiesen,  das  bei  Knochen=  und  Gelenkschüssen  von
der  größten  Bedeutung  ist.  Sehr  günstige  Erfolge
bei  eiternden  Wunden  hat  man  unter  anderem  mit
der  offenen  Wundbehandlung,  die  jetzt  bei
Kriegsverletzungen  vielfach  in  Anwendung  gekommen
ist,  erzielt.  Fig.  1  auf  Tafel  I  zeigt  einen  derartigen
„Krankensaal.  Die  Wunden  werden  hierbei  ohne
jeden  Verband  gelassen  (Tafel  J,  Fig.  2);  das  Hauptprinzip
  dieser  Behandlung  beruht  auf  dem  Einfluß
eines  ständig  bewegten,  austrocknenden  Luftstromes,
zu  dem  die  heilende  Kraft  der  Sonnenstrahlen  hinzutritt.
  Es  wurde  so  z.  B.  eine  auffallend  schnelle  Besserung
  der  Erfrierungswunden  beobachtet,  die  selbst
bei  kalter  Witterung  ohne  Bedeckung  der  freien  Luft
ausgesetzt  waren.  Die  bekannte  Heilkraft  der  intensiven
  Sonnenstrahlung  im  Hochgebirge  wurde  durch
die  elektrisch  Wreugte  künstliche  Höhensonne=  (Tafel  J,
Fig.  3)  in  die  Ebene  mit  ihren  selleneren  und  weniger
intensiven  Sonnentagen  verpflanzt,  und  auch  sie  findet
  mit  gutem  Erfolg  in  immer  steigendem  Maße  bei
der  Behandlung  der  Kriegsverletzungen  Verwendung.

Diese  allgemeinen  Grundsätze  der  Kriegschirurgie
geiten  wie  beim  Land=  so  auch  beim  Seekrieg.  Lediglich
  der  Unterschied  der  Wunden  an  Bord,  die  in  der
Regel  von  Minen  und  schweren  Geschützen  herrühren,
kann  einen  Unterschied  imchirurgischen  Handeln  gegenüber
  den  Kriegswunden  im  Felde  bedingen.

Die  riesige  Ausdehnung  der  jetzigen  Schlachtfelder.
der  weitreichende  Geschoßhagel  der  modernen  Handfeuerwaffen,
  Maschinengewehre,  schweren  Geschütze
bringen  es  mit  sich,  daß  manchem  Verwundeten  ärztliche
  Hilfe  erst  spät  zuteil  werden  kann.  Dadurch  erklärt
  es  sich,  daß  zwei  der  schlimmsten  und  heimtückischsten
  Wundinfektionen,  Wundstarrkrampf  (Tetanus)
und  Gasbrand,  so  viele  Opfer  gefordert  haben.

Der  Tetanus  tritt  vor  allem  bei  ausgedehnten,
mit  Zerreißungen  in  der  Tiefe  einhergehenden  Wunden
  (Granatwunden)  auf,  die  durch  Erde  und  Kleiderfetzen
  verunreinigt  sind.  Er  ist  auf  den  verschiedensten
Kriegsschauplätzen  jetzt  wieder  häufig  beobachtet  worden
  und  hängt  anscheinend  mit  der  Bodenbeschaffenbeit
  innig  zusammen.  Erst  nach  dem  Kriege  wird  die
Feststellung  möglich  sein,  welche  Gegenden  sich  dabei
am  gefährlichsten  gezeigt  haben.  Bei  dem  Tetanus
haben  wir  im  Wundstarrkrampfserum  ein,  vor  allem
bei  frahzeig  r  Anwendung,  gut  wirkendes  Heilmittel
in  der  Hand,  das  jetzt  vorbeugend  gleich  nach  den
Verletzungen  eingespritzt  wird.  Für  die  zweite,  äußerst
gefährliche  Wundinfektionskrankheit,  den  Gasbrand,
fehlt  ein  entsprechendes  Mittel.  Die  Gasgangrän,
wie  diese  Krankheit  auch  genannt  wird,  ist  verursacht
durch  in  der  Wunde  gasbildende  Bakterien  und  trägt

301

daher  ihren  Namen;  mit  dem  Gaskampf,  dieser  Errungenschaft
  des  jetzigen  Krieges,  hat  sie  nicht  das
eringste  zu  tun.  In  der  Hauptsache  sind  es  die
unden  der  Gliedmaßen,  bei  denen  diese  Infektion
auftritt,  und  zwar  meist  bei  stark  zerrissenen  Wunden,
besonders  also  Granatverletzungen.  Es  gleicht  dies
Verhalten  durchaus  dem  des  Tetanus,  mit  dem  die
Gasgangrän  auch  noch  die  Abhängigkeit  von  der
Bodenbeschaffenheit  teilt.  Die  Infektion  zeigt  ein  auf.
fallend  rasches  Fortschreiten  mit  schon  bald  einsetzenden
  schweren  septischen  Erscheinungen.  Im  Röntgenbild
  können  Gasblasen  im  Gewebe  schon  frühzeitig
nachgewiesen  werden  und  somit  auf  die  drohende  Entstehung
  der  Krankheit  hinweisen.  Große  Einschnitte,
in  vielen  Fällen  die  Abtrennung)  des  verletzten  Gliedes,
  find  meist  erforderlich,  um  das  Leben  zu  retten.

Die  Verschiedenheit  der  Anschauungen  in  der  allgemeinen
  Wundbehandlung  spiegelt  sich  auch  in  der
speziellen  Behandlung  der  einzelnen  Verletzungen.
Es  ist  dies  begründet  in  der  Verschiedenartigkeit  der
Verhältnisse,  unter  denen  die  einzelnen  Chirurgen
zu  arbeiten
haben.  Die
vorderste  Linie
  verlangt
ein  anderes

Vorgehen
als  die  rückwärtigen
  Lazarette,
  und
auch  unter
den  Feldlazaretten
  ist  insofern
  keine
Einheitlichkeit
  möglich,
als  je  nach  der  Gefechtslage  das  eine  oft  seinen  Standort
  wechselt,  das  andere  mehr  den  Charakter  eines
stehenden  Lazaretts  angenommen  hat.  Zwischen  dem
seßleren  und  den  Heimatlazaretten  besteht  wieder  insofern
  ein  Unterschied,  als  diesen  naturgemäß  ein  weit
geringeres  Material  an  frischen  Verletzungen,  aber
eine  viel  ausgedehntere  Behandlung  der  Verletzungsfolgen
  zufällt.  Dies  tritt  vor  allem  klar  zutage  bei
den  Schädelschußverletzungen  und  den  Knochenverletzungen
  der  Gliedmaßen.

In  der  Hauptsache  unterscheidet  man  Weichteil.  und
Knochen=  und  Hirnschüsse  des  Schädels.  Die  letzteren
werden  in  drei  Hauptgruppen  eingeteilt:  Tangential-,
  Durch=  und  Steckschüsse.  Die  Tangentialschüsse
(Textfig.  1),  die  den  größten  Teil  der  den  Verbandplatz
  erreichenden  Schädelverletzungen  bilden,  bedingen
  eine  mehr  rinnenförmige  Verletzung  der  Schädelweichteile,
  des  knöchernen  Schädelgerüstes  und  unter
Umständen  der  Hirnoberfläche.  Doch  kann  bei  ihnen
das  Gehirn  auch  in  erheblichem  Umfange  durch  die
eingedrungenen  Knochensplitter  geschädigt  sein.  Als-Durchschüsse,
  die  häufig  den  sofortigen  Tod  zur  Folge
haben,  werden  solche  angesehen,  bei  denen  das  Geschoß
  durch  die  ganze  Hirnmasse  hindurchgegangen
und  eine  Ein=  und  Ausschußöffnung.,  die  bei  einer
Entfernung  von  1800  —  2000  m  lochartige  Defekte
bilden,  festzustellen  ist.  Bei  den  Steckschüssen  ist  dagegen
nureine  Einschußöffnungvorhanden;das  Geschoß  sleckt
im  Schädel  (Tafel  1,  Fig.  4),  da  es  infolge  der  großen
Entfernung  seine  Durchschlagstraft  verloren  hat.  Die
Größe  der  Verletzung  ist  überhaupt  stets  abhängig
von  der  Entfernung,  aus  der  das  Geschoß  auftrifft.

Fig.  1.  Tangentialschuß  des  Schädels.
        <pb n="388" />
        302

Je  weiter  diese,  um  so  geringer  ist  die  Splitterung
des  Knochens.  Bei  Schüssen  aus  nächster  Nähe  wird
der  Schädel  mit  den  Weichteilen  in  viele  Teile  zerrissen,
das  Gehirn  zermalmt.  Für  einen  günstigen  Ausgang
der  Schädelschüsse  ist  der  möglichst  schnelle,  dabei  natstrlich
  auch  immer  möglichst  schonende  Transport  zum
nächsten  Lazarett  in  geeignetechirurgische  Behandlung
von  größter  Wichtigkeit.  Da  der  Blutverlust  mit  eine
der  Haupttodesursachen  beischweren  Hirnverletzungen
ist,  gilt  es  seiner  baldigst  Herr  zu  werden,  daneben
auch,  um  eine  ausgedehntere  Zerstörung  der  empfindlichen
  Hirnmasse  durch  die  Blutung  nach  Kräften  zu
verhindern.  Bei  der  Behandlung  spielen  die  Verhütung
  und  die  Bekämpfung  der  Wundinfektion  eine
außerordentlich  große  Rolle.  Und  hier  trennen  sich  die
Wege  in  der  Buffaslung  Über  die  Art  des  Vorgehens,
da  eine  Einigung  darüber,  ob  nicht  jede  Schußwunde
des  Gehirns  von  vornherein  als  infiziert  anzusehen
sei,  noch  nicht  erzielt  ist.  Eine  wie  ausschlaggebende
Rolle  aber  die  Infektion  spielt,  erhellt  schon  daraus,
daß  in  einer  großen  Zahl  von  Verwundungen  nicht
die  selbst  schwere  Hirnverletzung,  sondern  die  hinzutretende,
  auf  infektiöser  Grundlage  beruhende  Hirnhaulentzündung
  als  die  eigentliche  Todesursache  bezeichnet
  werden  muß.  Oft  erst  nach  mehreren  Wochen
Lhen  die  Verwundeten  an  der  schweren  Folge  der

berlehung.  der  schleichenden  Hirnhautentzündung,  zugrunde.
  Da  die  Infektion  diese  schlechten  Ergebnisse
zeitigte,  so  war  der  Schluß  gerechtfertigt,  daß  sich  die
Ausgänge  durch  Verhütung  der  Insihtion  bessern
ließen,  und  darauf  war  nun  das  Bestreben  der  Chirurgen
  gerichtet.  Weil  erfahrungsgemäß  der  Tangentialschuß
  am  meisten  zur  Infektion  neigt,  wird  besonders
  für  diesen  ein  möglichst  frühzeitiges  chirurgisches
Vorgehen  gefordert.  Aber  auch  die  überzeugung,  daß
einemöglichstendgültige  Versorgung  der  übrigen  Schädelschüsse
  sofort  nach  der  Verwundung  geschehen  soll,
bricht  sich  immer  mehr  Bahn,  da  die  9!  I  der  Geheilten
  bei  der  bisher  üblichen  konservativen  oder  offenen
Wundbehandlung  außerordentlich  gering  war  und
die  große  Sterblichkeitsziffer  der  nicht  sofort  operierten
  Fälle,  die  überall  gellagten  Spätfolgen  und  Spätgefahren
  an  den  Ernst  der  Verletzung  mahnen.  Die
zweckentsprechendste,  aber  leider  nicht  in  jedem  Falle
mögliche  Methode  ist  die  mechanische  Entsernung  der
eingedrungenen  Fremdkörper  und  der  vollkommen
zertrümmerten  Hirnmassen.  Doch  gehen  in  der  Beurteilung
  der  Frage,  wie  weit  der  operative  Eingriff
zu  geschehen  habe,  die  Meinungen  zur  Zeit  noch  auseinander.
  Denn  während  ein  Teil  der  Chirurgen
auf  dem  Standpunkt  steht,  daß  die  Schädelschüsse  mit
Hirnverletzung  ein  recht  trauriges  Kapitel  der  Kriegschirurgie
  bilden,  sind  andere  wiederum  der  Ansicht,
daß  gerade  bei  diesen  die  Kriegschirurgie  ihre  Triumphe
  feiere.  Jedenfalls  bilden  sie  eines  der  interessantesten
  Gebiete  der  Kriegschirurgie.  Erwähnt  mag
hierbei  werden,  daß  der  Träger  des  Nobelpreises  1915,
Bäräny,  bei  seinem  Material  gute  Erfolge  mit  dem
vollständigen  Verschluß  der  Kopfwunden  durch  Naht
nach  vorangegangener  gründlicher  Reinigung  von
Fremdkörpern  erzielt  hat.  Allgemeine  Nachahmung
hat  das  Verfahren  noch  nicht  gefunden.  Sobald  wie
möglich  findet  eine  Nöntgenaufnahme  der  Kopfwunden
  slalt.  um  die  Eutfernung  aller  Splitter  anzustreben.
  Doch  können  hierbei  kleine  Splitter,  deren  schädigende
  Wirkungen  auf  den  Gesamtzustand  sich  zum
Teil  erst  lange  nachher  bemerkbar  machen,  zuweilen
nicht  gleich  zur  Darstellung  gelangen.  Ihre  operative

III.  Technik  und  Kriegführung

Entfernung  ist  dann  nicht  sofort  möglich,  da  sich  das
Suchen  nach  solchen  in  der  Hirnmasse  verbietet.

Anders  liegen  die  Verhältnisse  der  Behandlung  der
Schußverletzungen  in  den  Heimatlazaretten.  Mit  der
Zunahme  der  Operationen  im  Fesde  sinkt  die  Zahl
der  primären  operativen  Eingriffe  in  der  Heimat.
Dafür  werden  um  so  mehr  Spätfolgen  beobachtet,  die
hier  das  therapeutische  Handeln  bestimmen.  Selbst
bei  günstigem  Heilverlauf  der  Wunden  ist  noch  lange.
in  vielen  Fällen  natürlich  je  nach  der  Zerstörung  wichtiger
  Hirnteile  auch  dauernd,  mit  solchen  Spätfolgen
zu  rechnen.  Besonders  gefürchtet  sind  die  Späteiterungen
  des  Gehirns,  die  oft  erst  nach  Wochen  auftreten
und  meist  eine  lebenbedrohende  Gefahr  bedeuten.
Eingehende  und  lange  Beobachtung  auf  den  Nervenstationen
  der  Heimatlazarette,  die  zu  einem  äußerit
erfolgreichen  Zusammenarbeiten  mit  den  Chirurgen

eführt  hat,  läßt  oft  als  Grund  viel  geklagter  Beshwerden
  und  auch  eines  abnormen  psychischen  Verhaltens
  eine  derartige  Späteiterung  feststellen.  Leider
steht  weitaus  der  überwiegenden  Mehrzahl  dieser  infektiösen
  Spätfolgen  das  Heimatlazarett  machtlos  ge.
genüber,  weil  es  sich  in  der  Regel  nicht  um  abgegrenzte
  Abszesse,  sondern  im  Grunde  meist  um  schleichende
  eiterige  Entzündungen  handelt.

Eine  weitere  häufig  beobachtete  Folge  der  Kopfverletzungen
  ist  die  Epilepsie,  die  verhältnismäßig  früh
nach  der  Verletzung  einsetzen  kann  und  meist  durch
Druck  der  das  Gehirn  bedeckenden  Narbenmassen  oder
Geschoß--  oder  Knochensplitterchen  verursacht  wird
und  nur  durch  Operation  zum  Teil  zu  beseitigen  ist.
Eine  völlige  Heilung  wird  nur  selten  erzielt.  Die
Deckung  des  durch  die  “  -  oder  operative
  Erweiterung  verursachten  Defektes  im  knöchernen
  Schädeldach  ist  Aufgabe  der  Heimatlazarette  und
wird  nach  den  verschiedensten  Methoden  vorgenommen,
  im  allgemeinen  derart,  daß  eine  dünne  Knochen.
scheibe  mit  der  Knochenhaut  oder  eine  Metallplatte
in  den  Defekt  eingesetzt  wird.

Nicht  operativ  angreifbare  Spätfolgen  sind  die  durch
die  Bersttrung  der  Hirnmasse  hervorgerufenen  Verstandesmängel,
  Lähmungen.  Taubheit  und  ein-  oder
doppelseitige  Erblindung.  Außer  der  auf  diese  Weise
erfolgten  indirekten  Blindheit  ist  bei  Verwundungen
des  Gesichts  mit  der  direkten  durch  Zerstörung  eines
oder  beider  Augen  zu  rechnen.  Die  solcher  Art  entstandene
  Erblindung  bedingt  sehr  häufig  eine  vollständige
  operative  Entfernung  des  verletzten  Auges,
weil  eine  im  Anschluß  an  die  Verletzung  oft  auftretende
  Entzündung  auf  das  andere  gesunde  Auge  überreifen

  und  somit  eine  totale  Erblindung  hervorrufen
ann.  Kosmectisch  ergibt  die  Entfernung  des  verunstalteten
  Auges  und  seine  Ersetzung  durch  ein  künftliches
  dank  der  hervorragenden  Technik  in  der  Anfertigung
  künstlicher  Augen  meistens  ein  weit  besseres
Resultat  als  seine  Erhaltung.  Zur  Entfernung  kleiner
Geschoßsplitter  aus  dem  Auge,  unter  anderem  auch
aus  dem  Gehirn,  bedient  man  sich  mit  guten  Ergebnissen
  eines  Riesenmagneten  (Tafel  J,  Fig.  5).  Das
Verfahren  ist  jedoch  insofern  nicht  ganz  unbedenklich.
als  unter  Umständen  auch  versucht  werden  kann.
Splitter  zu  entfernen,  die  schadlos  der  Einheilung
überlassen  werden  könnten.

Einer  besonderen  fachärztlichen  Behandlung  bedürfen
  unter  den  Essichtsverletzungen  die  Kieferschußwunden,
  die  im  jetzigen  Kriege  bei  den  Kämpfen
  in  Schützengräben  erschreckend  häufig  sind.  Sie
stellen  durch  den  damit  verbundenen  Bruch  des  Kie-
        <pb n="389" />
        Haehner:  Kriegschirurgie

fers  (Tafel  I.  Fig.  6)  stets  eine  schwere  Verletzung  dar;
entsetzlich  sind  in  der  Hinsicht  oft  die  Verstünimelungen
des  Gesichts  durch  Artilleriesprengstücke.  Das  Zurücksinken
  des  Zungengrundes,  die  Anschwellung  des  Kehldeckels
  bedingen  eine  dauernde  Erstickungsgefahr,  die
Schwellung  der  Zunge  macht  die  Nahrungszufuhr
sehr  schwierig.  Die  Behandlung  im  Felde  besteht  in
vorläufiger  Schienung  der  Bruchstücke  des  Kiefers;
möglichst  frühzeitig  werden  die  Verletzten  zu  den
großen  fachärztlichen  Kieferstationen  zurückgeschafft.
Die  ganze  Kunst  der  Ersatzbehandlung  ist  aufgeboten
worden.  um  nach  Vorbereitung  durch  gute  Röntgenaufnahmen
  durch  Drahtverbände  (Tafel  I,  Fig.  7),
Knochennaht  und  Fixationsschiene  (Tafel  I,  Fig.  8)
das  Auseinanderweichen  der  Kieferbruchstücke  zu  beheben
  und  wieder  eine  regelrechte  Kaufläche  zu  schaffen.
  Dabei  werden  am  meisten  die  nach  einem  Abdruck
  des  verletzten  Kiefers  gearbeiteten  Schienen  aus
erhärtendem  Metall  geschätzt.  Vielfach  erfolgt  auch
hier  bei  weitklaffenden  Bruchstlcken  des  Kiefers  und
der  damit  bedingten  Unmöglichkeit  einer  freiwilligen
Zusammenheilung  der  Bruchstücke  die  überbrückung
des  Defektes  durch  Einpflanzung  einer  aus  dem  Schienbein
  entnommenen  Knochenspange.  Die  Kieferschußbehandlung
  hat  auf  diese  Weise  hervorragende  Ergebnisse
  erzielt.

Ein  sehr  dankbares  Feld  der  Tätigkeit  hat  die  Chirurgie
  in  der  Besserung  und  Beseitigung  der  furchtbaren
  Gesichtsverstümmelungen  nach  Kieferverletzunen

  gefunden  und  hier  durch  die  in  vorzüglicher
eise  entwickelte  Narbenplastik  äußerst  segensreich
wirken  können,  indem  sie  den  beklagenswerten  Opfern
solcher  Berwundungen  die  Wege  zur  menschlichen  Gesellschaft
  wieder  geisfnet  hat.

Die  Halsverletzungen  wirken  durch  die  Mitverletzung
  der  zu  beiden  Seiten  des  Halses  verlaufenden

roßen  Blutgefäße  und  Nerven  vielfach  sofort  tödlich.
96  sind  jedoch,  und  zwar  durchaus  nicht  so  selten,  wie
man  annehmen  möchte,  Durchschießungen  des  Halses
beobachtet  worden,  die  außer  einem  kleinen  Ein=  und
Ausschuß  keinerlei  sonstige  Erscheinungen  aufwiesen.
Als  schwere  Verletzungen,  wenn  sie  nicht  gleich  tödlich
  sind,  müssen  in  der  Regel  die  Verletzungen  des
Halsmarks  bei  Wirbelsäulenschüssen  bezeichnet
  werden,  weil  mit  ihnen,  je  nach  dem  Grade  der
Mitbeteiligung  des  Marks,  eine  mehr  oder  minder
ausgedehnte  Lähmung  sämtlicher  Nerven  der  oberen
und  unteren  Körperhälfte  verbunden  ist.

Die  Verwundungen  des  Kehlkopfes  und  der
Luftröhre  können,  wenigstens  bei  Schüssen  aus
nicht  zu  naher  Entfernung,  verhältnismäßig  günstig
sein  wegen  der  Kleinheit  der  Wunden;  bei  denen  der
hinter  der  Luftröhre  liegenden  Speiseröhre  besteht
stets  in  erhöhtem  Grade  die  Gefahr  einer  Infektion
der  Wunde.  Das  Wesentlichein  der  kriegschirurgischeg
Behandlung  der  Speiseröhre  ist  deren  frühzeitige
Ausschaltung  durch  Anlegung  einer  Magenfistel.
Eine  besondere  Eigentümlichkeit  weisen  die  Verwundungen
  der  Luftröhre  insofern  auf,  als  man  beiihnen,
ebenso  wie  bei  den  Brustschüssen,  ein  Eindringen  von
Luft  in  die  die  Wunde  umgebenden  Weichteile  feststellen
  kann,  was  in  den  meisten  Fällen  harmlos  ist,
aber  für  die  Verwundeten  recht  quälend  sein  kann.

Bei  den  Brustschüssen  ist  zu  unterscheiden  zwischen
  Verletzungen  der  Lunge  und  des  Herzens.  Die
Behandlung  der  Lungenschüsse  in  den  ersten  Tagen
nach  der  Verletzung  entscheidet  vielfach  das  Schicksal
des  Verwundeten;  etwa  25  Prozent  sterben  auf  dem

303

Schlachtfeld  an  ihren  Wunden.  Die  Kleinkaliber-(Infanterie.)
  Geschosse  durchschlagen  vielfach  glatt  die
Lungen;  derartige  Verwundungen  machen  zum  Teil
von  Anfang  an  klinisch  einen  äußerst  günstigen  Eindruck.
  Schon  am  ersten  oder  zweiten  Tage  laufen  die
Verwundeten  herum  und  glauben  nicht  an  die  Schwere
der  Verletzung,  weil  sie  fast  gar  keine  Schmerzen  und
nur  ganz  wenig  Blut=  im  Auswurf  haben.  Derartige
  Päsh  rechtfertigen  die  Lehre  von  der  Gutartigkeit
  der  Lungenschüsse  durch  das  moderne  Infanteriegeschoß,
  deren  Lungenschädigungen  innerhalb  weniger
Tage  geheilt  sein  können.  Im  Gegensatz  dazu  sind
die  Verletzungen  durch  Artilleriegeschoß  oft  hoffnungslos.
  Die  ausgedehnten  Zerreißungen  und  starken
Blutungen  in  die  Luftwege  oder  den  Brustfellraum
haben  allermeist  den  Tod  innerhalb  der  ersten  zwei  Tage
zur  Folge.  Doch  sind  gerade  die  schweren  Lungen
schüsse  auch  oft  ein  sehr  dankbares  Objekt  für  die  Behandlung
  in  den  Sanitätsformationen  der  vorderen
Linie.  Böllige  Körperruhe  sowie  Hebung  und  Stärkung
  der  Herztätigkeit  und  der  allgemeinen  Kräfte
sind  Haupterfordernis.  Diese  Tage  der  völligen  Ruhe
wirken  bei  einer  großen  Anzahl  Verwundeter  direkt
lebensrettend.  Bedrohliche  Komplikationen  können
dann  eintreten,  wenn  sich  der  Bluterguß  im  Brustfellraum
  infiziert  und  es  dadurch  zu  einer  Vereiterung
des  Ergusses  kommt,  was  häufig  nach  Schrapnellverletzungen
  beobachtet  wird.  Dann  kommt  nur  operatives
  Knngrerfen“  in  Frage.  Neben  diesen  Schußverletzungen
  der  Lunge  sind  auch  deren  Stichverletzungen
zu  erwähnen,  bei  denen  in  der  Regel  mit  einer  abwartenden
  Behandlung,  d.  h.  in  der  Hauptsache  mit
Ruhe,  gute  Erfolge  erzielt  werden.

Außer  der  Lunge  ist  bei  Brustverletzungen  das
Herz  gefährdet.  In  den  meisten  Fällen  werden  die
Herzschüsse  und  wohl  auch  die  größeren  Stichverletzungen
  sofort  tödlich  wirken.  Aus  der  eigentlichen
Herzwunde  dringt  das  Blut  in  den  das  Herz  umgebenden
  Ferkbeute  und  führt  dadurch  unter  Umständen
zueiner  Eigentamponade  der  Herzmuskelwunde,  die  zu
erheblichen  Störungen  der  Herztätigkeit  und  eventuell
zum  Tode  führt.  Die  Kühnheit  der  Chirurgen  ist  nicht
davor  zurückgeschreckt,  Operationen  am  Herzen  vorzunehmen.
  Schon  in  Friedenszeilen  wurde  hin  und
wieder  über  die  Naht  der  Wunde  eines  schlagenden
Herzens  und  deren  guten  Erfolg  berichtet.  Im  Kriege
ist  natürlich  zu  derartigen  Eingriffen  weit  öfter  Gelegenheit
  gewesen,  da  auch  ärztliche  Hilfe  viel  eher
zur  Stelle  war.  Und  so  ist  schon  eine  ganze  Reihe
von  Herzverletzten  beobachtet  worden,  die  durch  Naht
des  aus  dem  Herzbeutel  vorgezogenen  schlagenden
Herzens  geheilt  wurden.  Dazu  bedarf  es  natürlich
einer  ganz  besonders  feinen  Technik  und  schnellen
Handelns.  Dieser  wohlausgebildeten  Technik  ist  es
denn  auch  unter  anderem  gelungen,  sogar  eine  Schrapnellkugel,
  die,  wie  röntgenologisch  festgestellt  wurde,
in  der  Herzkammer  frei  beweglich  umherwirbelte,  operativ
  mit  bestem  Erfolge  zu  beseitigen.

Nicht  jede  Verwundung  des  Brustkorbes,  selbst
wenn  Ein=  und  Ausschuß  vorhanden  sind,  geht  mit
einer  Verletzung  der  Lungen  oder  des  Herzens,  überhaupt
  der  vom  Brustkorb  eingeschlossenen  Teile,  einher.
Es  sind  dies  die  nicht  so  sehr  seltenen  Fälle,  wo  das
Geschoß  beim  Eindringen  auf  eine  Rippe  auftrifft,
auf  dieser  um  den  Brustkorb  herumläuft,  um  aus  den
Weichteilen  des  Rückens  wieder  auszutreten.  Das
Fehlen  jeglicher  Symptome,  wie  Blutauswurf,  Hustenreiz,
  Atemnot,  weist  auf  die  Eigenart  solcher  Ver-
        <pb n="390" />
        304

letzungen  hin,  die  dann  natürlich  in  der  Regel  als
leichte  anzusprechen  sind.

Große  Wandlungen  haben  in  diesem  Kriege  die
Anschauungen  über  die  bei  Bauchverwundungen,
sowohl  bei  Schuß=  wie  bei  Stichverwundungen,  einzuschlagende
  Behandlung  erfahren.  Unter  den  Begriff
  der  Bauchschüsse  fallen  nicht  die  Bauchdeckenschüsse,
  die  nur  als  Weichteilschüsse  zu  gelten  haben.
Vielmehr  zählen  dazu  nur  die  Verwundungen,  bei
denen  nach  Lage  des  Ein-  und  des  Ausschusses  oder
nach  den  klinischen  Erscheinungen  einer  Darmverletzung
  die  Beteiligung  der  Bauchhöhle  sicher  ist.

Neben  den  Verletzungen  des  Magen-Darmkanals
kommen,  innerhalb  des  Bauchfellraums  liegend,  die
der  Leber,  Milz  und  der  Blasenkuppe,  außerhalb  dieses
  Raumes  die  der  Nieren  in  Betracht.  Außer  den  genannten
  gibt  es  auch  Schußverletzungen,  die  Ein=  und
Ausschuß  zeigen,  aber  ohne  Verletzung  eines  Organs
der  Bauchhöhle  einhergehen.  Das  therapeutische  Vandeln
  bei  den  Bauchverwundungen  war  in  den  früheren
Kriegen  beeinflußt  durch  die  Furcht  vor  der  Infektion.
Man  scheute  sich  vor  operativen  Eingriffen,  weil  man
befürchtete,  die  vielleicht  an  dem  Sitze  der  Verwundung
  sich  abkapselnde  infektiöse  Eiterung  durch  eine
Operation  zu  stören,  über  die  Bauchhöhle  auszusäen
und  dadurch  eine  allgemeine  Bauchfellentzündung
hervorzurufen.  Gestützt  wurde  dieser  Glaube  an  die
Richtigkeit  einer  Behandlung,  die  jedes  aktive  Vorgehen
  unterließ,  durch  die  Beobachtung,  daß  in  dem
Bauchfell  ein  zwar  empfindlicher,  aber  auch  mächtiger
  Schuß  dem  Organismus  gegeben  ist,  der  vor
allem  die  Fähigkeit  besitzt,  durch  Verklebungen  eine
eventuelle  Eiterung  wie  in  einer  Kapsel  zu  verschließen.
Durch  die  auf  der  Grundlage  der  Aseptik  aufgebaute
kühne  Art  des  chirurgischen  Borgehens  auch  bei  nicht
aseptischen  Wunden  wurden  hinsichtlich  der  Behandlung
  von  Bauchverletzungen  neue  Regeln  ausgelstell.
Und  so  ist  man  im  Gegensatz  zu  der  früheren  konservativen
  Behandlung  derartiger  V.rletzungen  in  diesem
  Kriege  wohl  allgemein  zu  dem  aktiven  Vorgehen
übergegangen,  vorausgesetzt  natürlich,  daß  die  örtlichen
  Verhältnisse  solche  Eingriffe  rechtfertigen.  Unzweifelhaft
  sind  dieser  Anschauung,  bei  den  Bauchwunden
  möglichst  frühzeitig  zu  operieren,  große  Erjolge
  beschieden  gewesen,  und  es  ist  als  ein  großer,
segensreicher  Fortschritt  der  modernen  Kriegschirurgie
zu  bezeichnen,  daß  sie  von  dem  früheren  Dogma,  derartige
  Verwundungen  als  ein  noli  me  tangere  anzusehen,
  abgegangen  ist.  Die  Vorherbestimmung  des
Ausgangs  der  Bauchschüsse,  wenn  sie  mit  Verletzungen
  der  Bauchorgane  einhergehen,  ist  mehr  oder  minder
  immer  etwas  zweifelhaft  und  im  weitesten  Maße
abhängig  von  dem  Ausbleiben  oder  Eintreten  einer
Bauchfellentzündung.  Die  beste  Prognose  bieten  mit
die  Schüsse  der  Oberbauchgegend  mit  Leberverletzung,
sobald  es  gelingt,  der  Leberblutung,  der  ein  großer
Teil  der  Verwundeten  erliegt,  Herr  zu  werden.  Die
Gefahr  ist  jedoch  damit  für  den  Verwundeten  keineswegs
  endgültig  vorüber,  da  als  Spätfolge  Lebernekrose
  und  eiterung  auftreten  können.  Die  Magendarm
  und  Blasenverletzungen  sind  hinsichtlich
ihrer  Schwere  in  hohem  Maße  von  dem  Füllungsgrad
  dieser  Organe  abhängig.  Besonders  die  Schüsse,
die  die  gefüllte  Blase  treffen,  haben  eine  furchtbare
Sprengwirkung.  Der  Nachweis  des  Geschosses  in  der
Blase  vei  gutartigeren  Verwundungen  und  seine  Entfernung
  geschehen  mit  Hilfe  eines  Spiegelkatheters;
voch  ist  auch  von  selbst  erfolgende  Entleerung  des  Ge-III.

  Technik  und  Kriegführung

schosses  aus  der  Harnblase  beim  Harnlassen  beobachtet
worden.  Entleerte  Darmschlingen  vermögen  dem  Geschoß
  auszuweichen,  und  auf  diese  Weise  kommen  dann
die  obenerwähnten  Verletzungen  des  Bauches  zustande,
  die  keine  Schädigung  des  Bauchinhaltes  bei  bestehendem
  Ein=  und  Ausschuß  aufweisen.  Verletzunen

  des  Mastdarmes  führen,  wenn  sie  innerhalb  des

auchfells  erfolgen,  wohl  meist  zu  rasch  tödlich  endender
  Bauchfellentzündung;  eine  üble  Beigabe  ist  die
dabei  häufig  auftretende  starke  Blutung.  Um  so  mehr
wird  deshalb  auch  bei  Mastdarmverletzungen  frühzeitiges
  operatives  Vorgehen  gefordert.  Schußwunden
  der  Nieren  und  der  Milz,  von  denen  vor  allem
die  der  letzteren  schwere  innere  Blutungen  verursachen,
  werden  vernäht,  wenn  sie  mehr  oder  weniger
geringfügig  und  glatt  sind,  bei  ausgedehnter  Zertrümmerung
  des  betroffenen  Organes  bedingen  sie
dessen  operative  Entfernung.  Es  ist  natürlich,  daß
für  alle  Operationen,  die  an  den  Bauchorgaonen  vorgenommen
  werden,  abgesehen  von  dem  Zustande  des
Verletzten  und  der  Schwere  der  Berwundung,  als
Grundbedingung  des  Erfolgs  die  Forderung  besteht.
nur  dort  zu  operieren,  wo  die  äußeren  Berhältnisse
ein  sachgemäßes  Arbeiten  ermöglichen,  d.  h.  wo  dir
erforderliche  spezialchirurgische  Hilfe  zu  Gebote  steht
und  gleichzeitig  der  Operationsraum  dementspr
eingerichtet  ist.  Daß  vor  allem  die  Erfüllung  der  letzteren
  Forderung  sehr  oft  auf  Schwierigkeiten  stößt,
ist  ohne  weiteres  einleuchtend,  aber  in  hervorragender
Weise  ist  in  vielen,  selbst  vorderen  Sanitätsforma-=tionen
  dieser  Forderung  durch  fast  ingeniös  zu  neunende
  Improvisationen  Rechnung  getragen  worden.
Und  so  konnte  auch  die  weitere  Bedingung,  die  seitene
der  Mehrzahl  der  Kriegschirurgen  an  ein  operativen
Vorgehen  bei  Bauchverletzungen  geknüpft  wurde,  nur
dann  die  Operation  vorzunehmen,  wenn  der  Verwundete
  innerhalb  der  ersten  12  Stunden  nach  der
Verletzung  in  chirurgische  Behandlung  käme,  erfüllt
werden.  Gegenüber  den  Verletzungen  der  großen
Gefäße  der  Bauchhöhle  ist  jede  Therapie  in  der
Regel  machtlos,  da  sie  binnen  kurzer  Zeit  zum  Tode
durch  innere  Verblutung  führen.

Zu  den  Verletzungen  des  Rumpfes  gehören  auch  die
der  Wirbelsäule,  von  denen  die  der  Halswirbelsäule
weiter  oben  (S.  303)  erwähnt  worden  sind.  Neben  den
einfachen  Erschütterungen  des  Rückenmarks,  die  ohne
eigentliche  Verletzung  zu  vollkommenen,  aber  vorübergehenden
  Lähmungen  der  Gliedmaßen  führen,  werden
  Zerstörungen  des  Rückenmarks  durch  Kompression
infolge  Blutung,  Wirbelbrüche  und  glatte  Durch
trennung  beobachtet.  Die  meisten  Wirbelsäulenschüsse
(Tafel  I,  Fig.  9:  Steckschuß  im  Wirbelkanal)  mit  Schä-Digung
  des  Rückenmarks  sind  sehr  schwere  und  traurige
  Verletzungen,  die  ein  qualvolles,  meist  einige
tage-,  oft  aber  auch  wochenlanges  Krankenlager  verbärsachen.
  Die  ausgedehnten  Lähmungen  beider  Beine,
der  Blase  und  des  Mastdarms  bei  Verletzungen  des
Brustmarks  gehen  glücklicherweise  oft  mit  vollständier

  Gefühllosigkeit  einher,  oft  aber  auch  verursachen
ie  ziehende  Schmerzen  stärkster  Art,  die  kaum  zu  belämpfen
  sind.  Der  Tod  wird  durch  die  Verletzung  des
Brust=  oder  Lendenmarks  nur  selten  herbeigeführt;
erst  die  durch  die  Lähmungen  dedingten  Komplikationen
  geben  diesen  für  die  Verwundeten  erlösenden  Aushang-
  Als  operativer  Eingriff  wird  für  gewisse  Fälle
die  Eröffnung  des  knöchernen  Wirbelkanals  en#pfohlen,
  um  unter  Umständen  druckentlastend  (bei  Blutungen,
  Quetschungen)  zu  wirten,  mehr  aber  aus
        <pb n="391" />
        Haehner:  Kriegschirurgie

dem  Gedanlen  heraus,  kein  Mittel  unversucht  zu  lassen.
  als  in  der  Hoffnung,  dadurch  wirkliche  Heilerfolge
  zu  erzielen.

Zahllos  sind  die  Fälle  der  Schußverletzungen
der  Gliedmaßen  und  Gelenke.  Von  den  einfachen
  Weichteilschüssen  ohne  jede  Knochenverletzung
abgesehen,  sind  alle  Arten  der  Knochenverletzung  vom
glatten  Durchschuß  bis  zum  Knochenbruch  mit  ausgedehntester
  Zersplitterung  und  vollständiger  Abrei-Rung
  der  Glieder  beobachtet.  Außer  den  Schädelverletzungen
  gibt  es  wohl  kaum  ein  chirurgisches  Gebiet.
das  in  solchem  Maße  auf  das  Röntgenbild  angewiesen
  ist  und  auch  von  ihm  Gebrauch  macht,  wie  das
der  Verwundungen  der  Gliedmaßen.  Und  für  keines
ist  das  Röntgenbild  auch  von  solch  ausschlaggebender
Bedeutung  für  die  einzuschlagende  Therapie  wie  für
dieses  Gebiet.  Es  braucht  dabei  nur  daran  erinnert
zu  werden,  daß  ohne  das  Röntgenbild  die  Beurteilung
  unmöglich  ist.  ob  durch  den  angelegten  Verband
die  zu  einer  guten  Heilung  erforderliche  Stellung  der
Bruchenden  gewährleistet  ist  und  damit  ein  gutes
funktionelles  Ergebnis  erwartet  werden  kann.

Die  Hilfeleistung  der  vordersten  Sanitätsformationen
  kann  bei  diesen  Verletzungen  bezüglich  der
Bruchbehandlung  nur  in  provisorischer  Schienung
(Tafel  II,  Fig.  1  und  2)  bestehen,  da  die  Röntgenkontrolle
  dort  nicht  vorhanden  ist  und  derartige  Verletzunden
  stets  einer  längeren  Behandlung  in  stehenden
Lazaretten  bedürfen.  Die  erste  Tätigkeit  beschränkt
sich  außer  dieser  Schienung  auf  die  notwendige  Wundversorgung,
  unter  anderem  Amputationen  vollständig
zerschmetterter  Glieder  und  vor  allem  Stillung  der
vielfach  gefahrdrohenden  Blutungen  aus  den  grozhen
  Gefäßen  durch  deren  Unterbindung  oder  Naht.
In  der  Hauptsache  kommt  es  darauf  an,  die  Verwundeten
  trausportfähig  zu  machen.  In  der  Regel  werden
  es  die  Heimatlazarette  sein,  welche  die  weitere
Versorgung  und  Behandlung  übernehmen.

Die  Lochschüsse,  gewöhnlich  bei  großer  Schußentfernung,
  bestehen  meist  in  einer  einfachen,  mehr
oder  weniger  glatten  Durchlöcherung  des  Knochens,
wobei  vielfach  von  dem  Schußkanal  weite  Einrisse
in  den  Knochenschaft  ausgeben.  Verschiebung  der
Knochenstücke  kommt  dabei  kaum  vor.  Anders  dagegen
bei  den  eigentlichen  Schußbrüchen,  die  eine  vollständige
  Durchtrennung  des  Knochenschaftes  mit  zum  Teil
ausgedehnter  Splitterung  (Tafel  II.  Fig.  3)  zur  Folge
haben,  wie  sie  besonders  bei  Nahschüssen  auftritt.
Granatverletzungen  führen  ebenfalls  in  der  Regel  zu
starker  Splitterung  des  Knochens  und  ausgedehnter
Zerreißung  der  Muskulatur.  Häufig  sind  gewaltige
Weichteildefekte  mit  weiter  Freilegung  des  verletzten
Knochens  auch  direkte  Abschüsse  von  Gliedmaßen  sind
beobachtet.  Bei  Schrapnellschüssen  bleibt  wegen  ihrer
geringen  Durchschlagskraft  vielfach  das  Geschoß  stecken
und  zertrümmert  den  Knochen  mehr  oder  weniger
stark  (Tafel  II,  Fig.  4).  Steckengebliebene  Geschosse
aus  Kleinkaliber  sind  meist  deformiert  und  können
dadurch  unter  Umständen  zu  Verwechslungen  mit
Dumdumgeschossen  Veranlassung  geben.

Durch  den  Muskelzug  tritt  bei  den  Kontinuitätstrennungen
  der  Knochen  eine  verschieden  starke  Verschiebung
  der  Bruchenden,  sei  es  seitlich,  sei  es  in
der  Länge,  ein,  wodurch  eine  Verkürzung  des  betreffenden
  Gliedes  verursacht  wird.  Diese  Verkürzung
zu  beheben,  ist  die  Aufgabe  der  endgültigen  Behandlung
  in  den  Heimatlazaretten.  Bewirkt  wird  dies
durch  die  Streckverbände  der  verschiedensten  Art,

Der  Krieg  1914|/17.  U.

305

denen  allen  das  Prinzip  gemeinsam  ist,  mittels  Zuges
durch  Gewichtsbelastung  die  Bruchenden  derart  ein.
ander  zu  nähern,  daß  nicht  nur  die  infolgedessen  beste
und  schnellste  Heilung  erzielt,  sondern  auch  die  entstandene
  Verkürzung  restlos  behoben  wird.  Die  seitliche
  Verkürzung  sucht  man  dabei  durch  entsprechenden
Zu9  und  Gegenzug  zu  bekämpfen  Kale#  II,  Fig.  5).
eider  ist  dies  Ideal  jeder  Bruchbehandlung  in  manchen
  Fällen  unerreichbar.  Je  nach  dem  Grade  der
Längsverschiebung  istdas  am  Zugverband  angehängte
Gewicht  verschieden  groß.  Zur  Behebung  großer  Verkürzungen
  ist,  da  die  gewöhnlichen  Heftpflasterzugverbände
  nicht  genügend  wirkten,  schon  zu  Friedenszeiten
  unter  anderem  die  Durchnagelung  des  unteren
Bruchendes  angewandt  worden,  mit  der  infolge  der
Möglichkeit  größerer  Gewichtsbelastung  gute  Erfolge
erzielt  werden.  Für  die  bochgradigen.  durch  die  Durchschießungen
  verursuchten  Verschiebungen  ist  sie  bei
den  Kriegsverletzungen  jetzt  wieder  sehr  empfohlen
worden.  Operativ  wird  der  bereits  mit  Verkürzung
geheilte  Knochen  wieder  verlängert,
indem  an  einer  gesunden  Stelle  des
Oberschenkelschaftes  (auch  bei  Unterschenkelbrüchen)
  eine  treppenförmige
Durchmeißelung
  (Textfig.  2
u.  3  schematisch)  —  —
vorseenommmeen  4
wird  und  diege-  —.
bildeten  Trep-  —:  -
penstücke  auf-  –  %
einandergesetzt  –
werden.  Zur““
Vermeidung
der  seitlichen
Verschiebung
und  zum  Festhalten
  der  gewünschten
  Verlängerung
  wird  eine  zu  einem  Ring  geschlossene  Kette
um  die  beiden  Knochenspangen  gelegt.  Als  weiteres
Mittel  zur  Verlängerung  dienen  ferner  sogenannte
Distraktionsklammern  (Tafel  II,  Fig.  6).  Bei
diesen  Verbänden  wird  der  Zug  durch  die  zu  beiden
Seiten  des  gebrochenen  Gliedes  ober=  und  unterhalb
der  Bruchstelle  eingegipsten  Klammern  durch  einfaches
Drehen  von  in  Hülsen  laufenden  Gewindestäben  bewirkt.
  Doch  sind  vor  allem  der  ersten  Art  der  Behandlung
  bestimmte  Grenzen  gezogen.  Unterarm-  und
Unterschenkelbrüche  mit  Verletzung  nur  eines  Knochens
schienen  sich  oft  in  sich  selbst  durch  den  gesunden  zweiten
(Tafel  II.  Fig.  7).  Die  Gefahr  des  Zusammenwachsens
beider  Knochen,  die  beim  Unterarm  zur  Unmöglichkeit
der  Drehbewegungen  der  Hand  führt,  liegt  aber  nahe.
Von  großer  Bedeutung  ist  bei  den  Knochenschüssen
die  Frage  der  Infektion.  Schußbrüche  sind  stets  komplizierte
  Brüche,  d.  h.  solche,  die  mit  Weichteilwunden
einhergehen.  Die  Zahl  der  Infektionen  derartiger
Wunden  ist  im  Kriege  eine  erschreckend  hohe;  vor  allem
sind  Granat=  und  Nahschüsse  mit  starker  Weichteilzerreißung
  fast  ausnahmslos  infiziert.  Dadurch  ist
die  Behandlung  insofern  vorgeschrieben,  als  neben
einer  guten  Stellung  der  Bruchenden  auch  für  die
Weichteilwunden  zu  sorgen  ist.  Zu  diesem  Zwecke
wird  entweder  in  dem  bei  den  frischen  Schußbrüchen
meist  angewandten  Gipsverband  eine  freie  Stelle,
„  Fenstere,  gelassen,  oder  man  verbindet  die  ober-  und
unterhalb  der  Wunde  angelegten  Teile  des  Gipsver-20



——————

·
„#
r-P
r
·
ri

%%

Fig.  2  und  3.  Operativer  Ausgleich
von  Gliedverkürzungen  eschematisch).
        <pb n="392" />
        306

bandes  durch  Eisendrahtbügel,  wodurch  ein  bequenies
Versorgen  der  Wunden  ermöglicht  wird.  Dabei  wirkt
die  absolute  Ruhigstellung  der  gebrochenen  Glieder
durch  den  Gipsverband  zur  Bekämpfung  der  Infektion
  und  der  Verhütung  ihrer  weiteren  Ausdehnung
schon  ungemein  segensreich.  In  gleicher  Weise  ist
dies  der  Gan  bei  den  Gelenken,  die  der  Gefahr  einer
Infektion,  auch  wenn  das  Gelenk  nicht  selbst  getroffen
ist,  sehr  augese  t  sind.  Denn  durch  einen  den  Knochenschaft
  in  der  Nähe  eines  Gelenkes  treffenden  Schuß
werden  Spalten  bis  in  die  Gelenkhöhle  hinein  gebildet,
von  denen  aus  die  Infektionskeime  von  der  Wunde
in  das  Gelenk  eindringen.  Derartige  Gelenkinfektionen
  und  Eiterungen  gind  durchweg  als  schwer  anusehen
  und  erfordern  strengchirurgische  Behandlung.
er  Ausgang  ist  recht  häusig  wenig  erfreulich,  da  es
meist  zu  Versteifungen  der  Gelenke  kommt,  falls  nicht
weitergehende  Operationen,  Ausschneidung  des  Gelenkes
  oder  auch  Amputationen,  notwendig  werden.
Eine  oft  recht  mühsame,  viel  Zeit  in  Anspruch  nehmende
  und  den  besten  Willen  des  Verletzten  zur  tätien
  Mithilfe  erfordernde  Behandlung  gebührt  den
Folgen  derartiger  Knochenverletzungen.  Gnfolge  der
unbedingten  Ruhelagerung  der  verletzten  Gliedmaßen
tritt  ein  oft  hochgradiger  Schwund  der  Muskeln  ein;
die  in  den  Verband  eingegipsten  Gelenke  zeigen  eine
mehr  oder  minder  große  Steifigkeit,  und  ihre  Funktionsherstellung
  ist  vielfach  äußerst  schmerzhaft,  weswegen
  die  Gelenke  von  den  Kranken  oft  über  Gebühr
und  zum  Schaden  der  Gebrauchsfähtgten  geschont
werden.  In  der  Beseitigung  dieser  Nachfolgen  hat
sich  die  Verbindung  der  modernen  Chirurgie  und
der  Orthopädie  be.  der  mechanischen  Chirurgie  mit
glänzendem  Erfolge  bewährt.  Die  in  Friedenszeiten
Pemachten  Erfahrungen,  dievielfachen  Verbesserungen
in  der  Behandlung  der  Extremitätenverletzungen
kommen  jetzt  den  Kriegsverletzten  zugute.  Die  unblutigen
  mechanischen  Behandlungsmethoden  besiehen
besonders  in  der  Anwendung  von  verschiedenen  Verbänden,
  Apparaten  und  der  sogenannten  funktionellen
Therapie.  Als  wichtige  Hilfsmittel  dieser  modernen
unblutigen  (mechanischen)  Chirurgie  dienen  die  mannigfachen
  Arten  der  Mechamotherapie  (der  logenann.
ten  Heilgymnastik),  Massage,  Bäder  und  Elektrizität.
Besondere,  mit  solchen  Apparaten  ausgestattete  Säle
sind  in  den  großen  Reservelazaretten  und  Krankenhäusern
  oder  speziellen  Zanderinstituten  —sobenannt
nach  dem  Schweden  Zander,  der  sich  um  den  Ausbau
und  die  Einführung  der  Apparate  äußerst  verdient
gemacht  hat  —  eingerichtet.  Da  jedoch  diese  passiven
Bewegungsübungen  nicht  ausreichen  würden,  müssen
sie  durch  aktives  Mitarbeiten  der  Verwundeten,  am
zweckmäßigsten  in  ihren  Berufen,  soweit  dies  angängig
ist,  unterstützt  werden,  sei  es  nun,  daß  die  Verwundeten
  zur  Gartenarbeit  oder  in  den  bei  vielen  Lazaretten
eingerichteten  Werkstätten  mit  herangezogen  werden.
Sind  infolge  der  ausgedehnten  Fertkmmerum
der  Knochen,  bei  der  jede  weitere  schonende  Behandlung
  aussichtslos  erscheint  und  zudem  die  in  der  Regel
damit  verbundene  starke  Eiterung  die  Kräfte  des  Herzens
  immer  mehr  schwächt,  Amputationen  der  Gliedmaßen
  notwendig  gewesen,  so  erfolgt  deren  Ersatz
durch  künstliche  Glieder,  in  deren  Herstellung  es  die
moderne  Technik  zu  hervorragenden  Leistungen  gebracht
  hat.  Oftmals  ist  ein  solches  künstliches  Glied
für  die  Arbeitsfähigkeit  von  weitaus  größerem  Wert
als  das  erhalten  gebliebene,  aber  verkrüppelte  und  dadurch
  unbrauchbare  natürliche.

III.  Technik  und  Kriegführung

Bei  den  Verletzungen  der  Nerven  und  Gefäße  hat
die  im  Frieden  bereits  ausgebildetechirurgische  Technik
der  Naht  dieser  Gebilde  nun  ebenfalls  reiche  Früchte
getragen.  Das  ist  von  besonderer  Wichtigkeit,  da  nach

urchschüssen  der  Nerven  die  von  diesen  versorgten
Teile  gelähmt  sind,  weil  die  Nervenleitung  zu  ihnen
unterbrochenist.  Durch  Wiedervereinigung  der  Nervenstümpfe
  mittels  der  Naht  und  durch  eine,  allerdings
viel  Geduld  erfordernde,  elektrische  Nachbehandlung
können  diese  Lähmungen  mitunter  gänzlich  behoben
werden.  Die  gleiche  Wichtigkeit  kommt  auch  der  Gefäßnaht
  zu,  wenn  man  bedenkt.  daß  durch  das  Aufhören
der  Blutzufuhr,  wie  es  die  einfache  Unterbindung  der
Gefäße  zur  Folge  hat,  die  abhängigen  Teile  der  Ernährung
  beraubt  und  dadurch  brandig  werden  können.

Fis.  4—17.  Dumdumgeschofse.

Verwundungen,  die  zum  ersten  Male  in  diesem
Kriege  beobachtet  wurden,  sind  durch  die  Fliegerpfeile
  (Tafel  II,  Fig.  8)  bedingt.  Beim  Herabfallen
aus  großer  Höhe  haben  sie  eine  enorme  Durchschlagskraft
  und  (in  allerdings  nur  wenig  zahlreichen  Fällen)
recht  schwere  Verletzungen  hervorgerufen.

Besonders  grauenhafte  Verwundungenverursachen
die  von  den  Engländern  in  Gebrauch  genommenen
Dumdungeschosse  (Textfig.  4—17),  deren  Anwendung
  im  Kriege  jeder  Völkerrechtsregel  ins  Gesicht
  schlägt.  Durch  beim  Auftreffen  explosionsartige
Wirkung  des  Geschosses,  das  auf  die  mannigfachste
Art  seines  harten  Mantels  beraubt  ist  und  dadurch  den
weichen  Bleikern  zum  Herausschleudern  bringt,  werden
  die  zum  Teil  entsetzlichen  Zerreißungen  (Tafel  II.
Fig.  9)  im  Körper  verursacht.  Die  Franzosen  sind  in
dieser  Hinsicht  die  geichrigen  Schüler  ihrer  ahumanen:
Verbündeten,  und  auch  in  der  russischen  Armee  sind
Hohlgeschosse  aus  Blei  ohne  Mantel  im  Gebrauch,
die  den  Dumdumverletzungen  ähnliche  Wunden  verursachen.
  Es  können  jedoch  auch  Vollmantelgeschosse,
wenn  sie  aus  der  Nähe  oder  als  Querschläger  oder
Mantelreißer  auftreffen,  Verwundungen  hervorrufen,
wie  sie  die  Dumdunnggeschosse  erzeugen.  Die  Feststellung,
  wesche  Art  von  Geschossen  verwendet  worden
ist,  lediglich  nach  dem  Aussehen  der  Wunde,  hat  also
stets  mit  Vorsicht  zu  geschehen.
        <pb n="393" />
        Hetsch:  Seuchenbekämpfung

Den  Fortschritten  der  modernen  Kriegschirurgie,
über  die  hier  nur  ein  knapper  überblick  gegeben  ist,
ihrem  immer  weiteren  Ausbau  auf  Grund  der  mehrjährigen
  Erfahrungen  und  Beobachtungen,  für  die
ein  so  großes  Material  zur  Verfügung  stand  wie  nie
uvor,  der  Nutzbarmachung  dertechnischen  Errungenchaften
  in  weitestem  Maße  ist  es  denn  auch  gelungen,
einen  hohen  Prozentsatz  der  Verwundeten  wieder  ge-307



heilt  hinausziehen  zu  lassen  —  einen  Prozentsatz  so
hoch,  wie  man  ihn  vordem  nicht  für  möglich  gehalten
hätte  und  wie  er  in  keiner  anderen  Armee  auch  nur
annähernd  erreicht  worden  ist.  So  war  es  möglich,
immer  wieder  kampferprobte  Krieger  ins  Feld  zu
schicken  und  den  gewaltigen  Menschenbedarf,  den  dieser
  Krieg  erforderte,  zu  decken.  Ein  unvergängliches
Ruhmesblatt  der  deutschen  Kriegschirurgie!

Seuchenbektämpfung

von  Professor  Dr.  H.  Hetsch.  Oberstabsarzt  im  Kriegsministerium
  in  Berlin
Die  Erfahrung  aller  Jahrhunderte  hat  gelehrt,  daß
Seuchen  in  den  kriegführenden  Heeren  und  in  der
Bevölkerung  der  von  ihnen  besetzten  Gebiete  besonders
günstige  Bedingungen  für  ihre  epidemische  Ausbreitun
  sinden.  Den  Errungenschaften  der  ärztlichen
Forschung  ist  es  zu  danken,  daß  wir  heute  den  verheerenden
  Wirkungen  der  Seuchen  nicht  mehr  machtlos
  gegenüberstehen,  sondern  die  hohen  Verluste  an
Menschenleben  und  Gefechtskraft,  die  in  den  früheren
Kriegen  den  Armeen  durch  übertrahbare  Krankheiten
zugefügt  wurden  und  welche  die  Verluste  durch  die
feindlichen  Wasffen  um  ein  Mehrfaches  übertrafen,
vermeiden  können.  Die  Grundsätze,  nach  denen  bei
Seuchenausbrüchen  verfahren  wird,  seien  im  folgenden
  in  ihren  wesentlichsten  Zügen  kurz  besprochen.
Es  soll  dabei  von  der  Aufzählung  derjenigen,  in  ihrer
Wirksamkeit  keineswegs  zu  unterschätzenden  Maßnahmen
  abgesehen  werden,  die  schon  in  seuchefreien  Zeiten
  zu  treffen  sind,  um  die  Ausbreitung  von  Krankheitserregern
  zu  verhüten  und  die  Truppen  gegen
diese  widerstandsfähig  zu  erhalten.
Die  Grundlage  der  modernen  Seuchenbekämpfung
ist  die  genaue  Kenntnis  der  Infektionserreger,  ihrer
erbreitung  im  Körper  und  in  der  Außenwelt,  sowie
die  möglichst  sichere  und  schnelle  Feststellung  nicht
nur  der  Kranken,  sondern  aller  Personen,  westee  die
Krankheitskeime  weiter  zu  verbreiten  imstande  sind.
Eine  schnelle  Eindämmung  der  Seuchen  gelingt  in
der  Regel  nur  dann,  wenn  der  Ansteckungsstoff  noch
keine  weitere  Berbreitung  gefunden  hat.  Es  kommt
also  ganz  besonders  darauf  an,  daß  die  ersten  Fälle
der  Krankheit  frühzeitig  erkannt  werden.  Dazu
Lhhrt  daß  schon  von  allen  seuchen  verdächtigen
rkrankungen  dem  Arzt  und  von  diesem  den  Sanitätsbehörden
  Meldung  erstattet  wird,  damit  die  nötigen
Ermittlungen  und  Untersuchungen  unverzühglich  ausgeführt
  werden  können.  Die  sichere  Feststellung,  ob
es  sich  in  der  Tat  um  eine  Übertragbare  Krankheit
handelt.  kann  nur  durch  die  bakteriologische  oder  miroskopische
  Untersuchung  erbracht  werden.  Der  Arzt
muß  wissen.  welche  Ausscheidungen  oder  Körperflüssigkeiten
  die  Erreger  der  mutmaßlich  vorliegenden
Krankheit  enthalten,  und  danach  geeignetes  Untersuchungsmaterial
  auf  dem  schnellsten  Wege  und  in
zweckmäßiger  Form  und  Verpackung  an  die  nächstgelegen-
  bakteriologische  Untersuchungsstelle  einsenen.
  Die  weiteren  Ermiltlungen,  die  sich  auf  die  bisherige
  Ausbreitung  der  Infektion  und  besonders  auch
auf  die  Ansteckungsquellen  und  die  übertragungswege
zu  erstrecken  haben,  werden  zweckmäßig  an  Ort  und
Stelle  durch  einen  Arzt  (Hygieniker)  geleitet,  der  auf

Grund  besonderer  Ausbildung  in  der  Beurteilung  der
epidemiologisch  wichtigen  Fragen  erfahren  ist.

Die  Maßnahmen,  die  zur  Abgrenzung  des  Seuchenherdes
  geeignet  sind,  dürfen  aber  nicht  hinauseschoben

  werden,  bis  jene  Ermittlungen  abgeschlossen
ind  und  das  Ergebnis  der  bakteriologischen  Untersuchung
  bekanntgegeben  ist.  Sie  sind  vielmehr  schon
auf  den  begründeten  Verdacht  hin  sogleich  zu  treffen
und  erst  aufzuheben,  wenn  es  feststeht,  daß  der  Verdacht
unbegründet  war.  In  erster  Linie  haben  diese  Maßnahmen
  in  der  Absonderung  aller  Kranken
und  Krankheitsverdächtigen  zu  bestehen.  Unter
  Krankheitsverdächtigen=  sind  dabei  diejenigen
Personen  zu  verstehen,  deren  Krankheitserscheinungen
noch  nicht  so  deutlich  ausgeprägt  sind,  daß  sie  als
seuchenkrank  mit  Sicherheit  anzusprechen  wären,  bei
denen  aber  in  Rücksicht  auf  die  in  ihrer  Umgebung
vorgekommenen  ernsteren  Erkrankungsfälle  mit  mehr
oder  minder  copen  Wahrscheinlichkeit  angemnommen
werden  kann,  daß  sie  die  Erreger  der  Infektion  aufenommen
  haben.  Die  weitere  Beobachtung  der
anken  und  die  bakteriologische  Untersuchung  ihrer
Ausscheidungen  werden  dann  bald  zur  Entscheidung
führen.  Die  Kranken  und  die  Krankheitsverdächtigen
sind  getrennt  voneinander  in  Lazaretten  oder  besonderen
  Krankenstuben  unterzubringen  und  erhalten
besonderes  Pflegepersonal,  das  über  den  Zweck  der
Absonderung  und  die  Übertragungsgefahr  gingeend
unterrichtet  sein  muß.  Wenn  bei  einem  der  Verdächtigene
  durch  die  weiteren  Untersuchungen  festgestellt
  ist,  daß  er  tatsächlich  seuchenkrank  ist,  so  wird  er
unverzüglich  zur  Gruppe  der  Kranken=  Übergeführt,
damit  er  nicht  unter  Umständen  zur  Ansteckungsquelle
  für  solche  Verdächtige  wird,  bei  denen  sich  der
Verdacht  nachher  nicht  bestäligt.

Außer  den  Kranken  und  Krankheitsverdächtigen
muß  nun  aber  noch  einer  weiteren  Gruppe  von  Personen
  besondere  Aufmerksamkeit  geschenkt  werden,  den
Ansteckungsverdächtigen.  Das  sind  Leute,  die
zu  den  Erkrankten  in  nahen  Beziehungen  gestanden
haben,  Stubenkameraden  von  ihnen  waren,  unmittelbar
  neben  ihnen  schliefen  usw.  Sie  weisen  noch  keinerlei
  Krankheitserscheinungen  auf,  #önnen  also  auch
nicht  als  krankheitsverdächtige  gelten,  aber  wegen  des
engen  Zusammenlebens  muß  die  Annahme  gerechtfertigt
  erscheinen,  daß  sie  schon  mit  dem  Ansteckungstoff
  vor  der  Absonderung  ihrer  kranken  Kameraden
in  Berührung  kamen,  und  daß  nur  die  Zeit  noch  nicht
abgelaufen  ist,  die  bei  allen  übertragbaren  Krankheiten
von  der  Aufnahme  der  Infektionserreger  bis  zum
Ausbruch  erkennbarer  Krankheitserscheinungen  verstreicht.
  Diese  Entwicklungszeit  (Inkubationsdauer)
ist  je  nach  der  Eigenart  der  Erreger  bei  den  einzelnen
übertragbaren  Krankheiten  eine  gleichbleibende  oder
wenigstens  nur  in  verhältnismäßig  engen  Grenzen

20•
        <pb n="394" />
        308

schwankende  Größe.  Die  Ansteckungsverdächtigen
sind  ebenfalls  abzusondern  —  natürlich  wiederum
streng  getrennt  von  den  Kranken  und  den  Krankheitsverdächtigen
  —,  und  zwar  so  lange,  bis  die  regelrechte
  Entwicklungsdauer  der  betreffenden  Infektionskrankheit
  nach  dem  Auftreten  des  letzten  Erkrankungsfalles
  verstrichen  ist  und  bis  man  auch  sonst  die
überzeugung  gewonnen  hat,  daß  sie  gesundheitlich
einwandfrei  sind.  Man  muß  im  Auge  behalten,  daß
der  Zweck  der  Absonderung  dieser  Leute  nur  der  ist,
die  Verbreitung  der  Krankheitserreger,  die  etwa  von
den  schon  Insizierten  ausgeschieden  werden,  zu  verhüten.
  Es  wäre  also  verkehrt,  z.  B.  bei  einer  Genickstarre=
  oder  Diphtherieepidemie  die  Ansteckungsverdächtigen,
  die  doch  keinerlei  Krankheitserscheinungen
zeigen,  streng  im  Zimmer  zu  halten.  Dadurch  würde,
namentlich  bei  enger  Belegung,  die  Ausbreitung  der
Seuche  nur  gefördert  werden,  wenn  sich  wirklich  Infizierte
  unter  jenen  Leuten  befinden.  Man  lasse  die
Ansteckungsverdächtigen  also  ruhig  an  die  freie  Luft,
wo  erfahrungsgemäß  die  Gefahr  einer  Verschleppung
der  Infektionserreger  viel  geringer  ist  als  in  engen
Stuben,  beschäftige  sie  in  zweckmäßiger  Weise,  lasse
sie  —  getrennt  von  den  unverdächtigen  Teilen  der
Truppe  —  Dienst  tun,  stelle  sie  aber  unter  besonders
sorgfältige  ärztliche  #pobachtung.  Durch  wiederholte
Belehrung  über  den  Grund  der  Absonderung  und  die
Notwendigkeit  der  sofortigen  Bekanntgabe  etwaiger
Krankheitserscheinungen,  durch  häusige  Gesundheitsbesichtigungen
  und  Temperaturmessungen  wird  man
Infizierte  bald  herausfinden  und  der  Seuchenstation
überweisen  können.  Planmäßige  bakteriologische  Untersuchungen
  sind  bei  der  Kontrolle  der  Ansteckungsverdächtigen
  von  besonderem  Wert,  um  schnell  ein
Urteil  über  den  schon  erreichten  Grad  der  Seuchenverbreitung
  zu  gewinnen.  Wir  wissen,  daß  bei  einer

anzen  Reihe  von  Infektionskrankheiten,  z.  B.  bei

yphus,  Rupr,  Genickstarre,  Diphtherie,  der  Anstecungsstoff
  sehr  oft  durch  gesunde  Keimträger  (Bazillenträger,
  Kokkenträger)  weitergetragen  wird,  d.  h.
durch  Personen,  welche  die  spezifischen  Seuchenerreger
aufgenommen  haben,  die  aber  infolge  besonderer
Widerstandskraft  nicht  erkranken.  Solche  Keimträger
  möflichst  frühzeitig  und  vollzählig  zu
ermitteln  und  sie  dann  durch  Absonderung  und
Behandlung  als  Quellen  für  weitere  Infektionen  auszuschalten,
  ist  eine  wichtige  und  erfolgreiche  Aufgabe
der  bakteriologischen  Untersuchungsstellen.

Was  hat  nun  mit  den  ermittelten  und  abgesonderten
  Kranken  und  Keimträgern  zu  geschehen?  Mitpeinlichster
  Gewissenhaftigkeit  muß  dafür  gesorgt  werden,
  daß  die  von  ihnen  ausgeschiedenen  Krankheitserreger
  sogleich  unschädlich  beseitigt
werden.  Bei  den  Kranken,  die  sich  in  Lazarettbehandlung
  befinden,  läßt  sich  das  unschwer  erreichen.  Alle
Entleerungen  des  Kranken,  seine  Wäsche  und  Kleidung,
die  mit  solchen  in  Berührung  gekommen  sein  kann,
und  etwa  bei  ihm  gebrauchte  Verbandstoffe  müssen
sogleich  desinfiziert  werden,  und  zwar  regelmäßig
und  nicht  nur  so  lange,  wie  der  Kranke  wirklich  krank
ist,  sondern  bis  er  in  bakteriologischem  Sinne  neneen
ist,  d.  h.  bis  mehrfache  bakteriologische  Untersuchungen
  zweifelsfrei  ergeben  haben,  daß  er  Krankheitserreger
  nicht  mehr  ausscheidet.  Wir  wissen,  daß  bei
vielen  Infektionskrankheiten  die  Erreger  noch  längere

eit  nach  Ablauf  der  Krankheitserscheinungen  im

örper  fortwuchern  können.  So  werden  z.  B.  bei
etwa  4—5  Prozent  aller  Typhusfälle  die  Typhus-III.

  Technik  und  Kriegführung

bazillen  noch  wochen=  oder  monatelang  in  den  Darmentleerungen
  oder  im  Harn  in  großen  Mengen  und  in
infektionstüchtigem  Zustande  von  den  Eencsenen  aus.
geschieden,  obwohl  diese  völlig  gesund  erscheinen  und
keinerlei  Beschwerden  mehr  haben.  Ebenso  findet  nach
dem  Ablauf  von  Diphtherie  oder  Genickstarre  häufig
noch  lange  Zeit  eine  Ausscheidung  der  Krankheitserreger
  mit  dem  Nasenrachensekret  statt.  Bei  manchen
anderen  Seuchen  liegen  die  Verhältnisse  ähnlich.  Man
würde  sofort  neue,  gefährliche  Infektionsquellen
schaffen,  wenn  man  solche  =  Dauerausscheidere  vorzeitig
  aus  der  Absonderung  entließe.  Der  fortlaufenden
  Desinfektione  am  Krankenbett,  von  der  bisher
die  Rede  war,  steht  die  Schlußdesinfektion  gegenüber,
  die  nach  der  bakteriologischen  Genesung
des  Kranken  oder  nach  seiner  Verlegung  oder  nach
seinem  Tode  vorzunehmen  ist  und  sich  auf  alle  von
ihm  benutzten  Geräte  und  Gebrauchsgegenstände  und
auf  das  ganze  Krankenzimmer  zu  erstrecken  hat.  Der
Umfang  der  Desinfektionsmaßnahmen  und  die  anzuwendenden
  Verfahren  sind  bei  den  einzelnen  Seuchen
  verschieden.  Sie  richten  sich  nicht  nur  nach  den
Wegen,  auf  denen  der  Ansteckungsstoff  den  Körper
verläßt,  sondern  besonders  auch  nach  der  Widerstandsfähigkeit,
  welche  die  betreffenden  Infektionserreger  den
Desmfektionsmitteln  gegenüber  aufweisen.  Der  Ruhrerreger
  z.  B.  findet  sich  nur  in  den  Darmentleerungen
und  wird  demgemäß  bei  der  nötigen  Vorsicht  im  Krankenzimmer
  nicht  weiter  verbreitet,  während  die  Erreger
  der  Tuberkulose,  der  Genickstarre,  der  Diphtherie
  usw.  mit  ftngsähigen  Sekrettröpfchen,  die  beim
Husten,  Niesen  und  Sprechen  entleert  werden,  auch
in  der  weiteren  Umgebung  des  Kranken  verstreut  werden.
  Der  Choleraerreger  und  der  Typhusbazillus
sind  durch  alle  Desinfektionsmittel  leichter  und  schneller
zu  vernichten  als  z.  B.  der  Diphtheriebazillus  und
der  Tuberkelbazillus.  Besonders  hohe  Anforderungen
sind  an  die  Desinfektionsverfahren  beim  Milzbrand
zu  stellen,  weil  der  Milzbrandbazillus  außerordentlich
widerstandsfähige  Dauerformen  bildet.

Sehr  viel  schwieriger  als  bei  den  in  Lazarettbehandlung
  befindlichen  Kranken  und  Genesenen  ist  natürlich
  bei  den  Dauerausscheidern  und  den  durch  die
bakteriologische  Untersuchung  ermittelten  gesunden
Keimträgern  die  Forderung  zu  erreichen,  daß  alle  auseschiedenen

  Krankheitserreger  durch  wirksame  Desinfektionsmaßnahmen
  vernichtet  werden.  Hier  bleibt
wegen  der  oft  recht  langen  Dauer  dieses  Zustandes
und  der  Unmöglichkeit  einer  dauernden  Absonderung
nichts  anderes  übrig,  als  die  betreffenden  Personen
über  die  Gefahren  eindringlich  und  wiederholt  ärztlich
zu  belehren,  die  sie  für  ihre  Umgebung  bilden,  ihnen
eingehende  Verhaltungsmaßregeln  zu  geben  und
deren  Durchführung  zu  überwachen.  Vor  allem
müssen  sie  aber  von  Beschäftigungen  ferngehalten
werden,  durch  die  sie  für  die  Allgemeinheit  zur  Infektionsqguelle
  werden.  Man  darf  z.  B.  Typhusbazillenträger
  nicht  in  Nahrungsmittelbetrieben  beschäftigen
  oder  Lehrer,  die  Diphtheriebazillen  ausscheiden,
  Unterricht  in  der  Schule  erteilen  lassen.  Man
muß  sich  darüber  klar  sein,  daß  trotz  alledem  Infeltionsstoff
  in  einem  gewissen  Umfange  von  solchen
Personen  ausgestreut  wird.  Noch  viel  wichtiger  und
unvermeidbarer  ist  aber  die  Verbreitung  von  Krank!
heitserregern  durch  unerkannt  gebliebene  Leichtkranke
und  Keimträger.  Bei  allen  Infektionskrankheiten
gibt  es  leichteste  Fälle,  die  typische  Erscheinungen  nicht
zur  Folge  haben  und  das  Allgemeinbefinden  des  In-
        <pb n="395" />
        Hetsch:  Seuchenbekämpfung

fizierten  so  wenig  beeinflussen,  daß  dieser  sich  nicht
krank  meldet.  Auch  wissen  wir,  daß  schon  während
der  Inkubationsdauer  der  Krankheit,  also  vor  dem
Auftreten  ernsterer  Beschwerden,  sehr  oft  die  Infektionserreger
  in  großen  Mengen  aus  dem  erkrankten
Körper  ausgeschieden  werden.  Bei  den  bakteriologischen
  Umgebungsuntersuchungen  wird  es  troß  aller
Mühe  und  Sorgfalt  auch  wohl  nur  in  seltenen  Faner
gelingen.  die  Keimträger  restlos  aufzufinden,  bevor
ie  mit  ihren  Sekreten  und  Exkreten  Krankheitskeime
in  ihrer  Umgebung  abgesetzt  haben.  Da  die  Ausscheidung
  häufig  nur  zeit=  und  schubweise  erfolgt,  geben
auch  mehrfache  negative  Untersuchungsergebnissekeine
sichere  Gewähr  dafür,  daß  die  betreffende  Person  wirklich
  frei  von  Infektionserregern  ist.  Aus  alledem  geht
hervor,  daß  wir  in  der  Umgebung  eines  Seuchenherdes
  mit  einer  gewissen  Verstreuung  des  Infektionsstoffes
  von  vornherein  rechnen  müssen,  besonders
dann,  wenn  die  ersten  Krankheitsfälle  nicht  rechtzeitig
festgestellt  wurdeen  und  es  demnach  nicht  möglich  war,
die  Seuche  im  Keime  zu  ersticken.

Diese  Tatsache  erschwert  zwar  die  Seuchenbekämpfung,
  macht  sie  aber  keineswegs  aussichtslos.  Wenn
nur  das  Auftreten  verdächtiger  Fälle  in  Epidemiezeiten
  rechtzeitig  bekannt  wird  und  in  der  nächsten  Umgebung
  dieser  Fälle  sogleich  die  nötigen  Maßnahmen
getroffen  werden,  dann  lassen  sich  ernstere  Gefahren
in  der  Regel  leicht  verhüten.  Man  soll  aber  die  unerkannt
  bleibenden  Seuchenträger  nicht  unterschätzen.
Manche  Arzte  halten  die  Bedeutung,  die  heute  den
Keimträgern  beigemessen  wird,  für  übertrieben  und
machen  in  Anlehnung  an  die  früher  herrschenden  Anschauungen
  für  die  Verbreitung  und  den  Ablauf  der
Epidemien  mehr  die  klimatischen  und  jahreszeitlichen
Verhältnisse,  die  Bodenbeschaffenheit,  den  Grundwasserstand
  usw.  verantwortlich.  Diese  Anschauungen
sind  falsch.  Es  ist  sehr  wohl  möglich,  daß  Krankheitserreger
  durch  Wasser,  Boden,  Luft,  Nahrungsmittel
usw.  mittelbar  übertragen  werden,  aber  die  Quelle
der  Infektion  ist  auch  hier  schließlich  immer  wieder
der  kranke  oder  wenigstens  infizierte  Mensch,  durch
dessen  Ausscheidungen  eben  die  Infektionserreger
auch  in  der  unbelebten  Natur  verbreitet  werden.  Daß
durch  äußerlich  völlig  gesunde  Keimträger  Epidemien
verursacht  werden  können,  daß  also  die  Krankheitserreger
  in  ihnen  nicht  etwa  in  einer  harmlosen  Form
fortwuchern,  dafür  sind  durch  exakte  epidemiologische
Forschungen  untrügliche  Beweise  in  großer  Zahl  erbracht
  worden.

Es  kommt  also  bei  der  Bekämpfung  aller  Seuchen
sehr  wesentlich  auch  darauf  an,  daß  man  genau  die
Wege  kennt,  auf  denen  die  in  der  Umgebung  der
Kranken  und  Keimträger  verstreuten  Krankgeiiseckeger
weiterverbreitet  werden.  Gegen  die  Gefahren,  die  den
Gesunden  von  dieser  Seite  drohen,  müssen  rechtzeitig
pvorbeugende  Maßnahmen  allgemeinhygienischer
  Art  getroffen  werden,  welche  die  Absonderung
  der  Kranken  und  die  Desinfektion  der  von  ihnen
direkt  abgeschiedenen  Ansteckungsstoffe  unbedingt  zu
ergänzen  haben.  Die  Infektionswege  und  Infektionsquellen
  sind  bei  den  einzelnen  Seuchen  äußerst  verschieden,
  ebenso  die  Art  und  Weise  und  die  Schnelligkeit,
  mit  der  die  Epidemien  weiter  um  sich  greifen.
Manche  Seuchen  werden  nur  oder  fast  ausschließlich
durch  unmittelbare  übertragung  von  Person  zu
Person  übertragen  (z.  B.  Genickstarre,  Diphtherie
usw.),  bei  anderen  aber  spielen  neben  dieser  sogenannten-Kontaktinfektion-
  Übertragungen  durch  ge-309



meinsame  Infektion  squellen  eine  besondere.
epidemiologisch  äußerst  wichtige  Rolle.  So  wissen
wir,  daß  der  Typhus,  der  meist  auch  durch  Kontakt
verbreitet  wird,  sehr  oft  durch  infiziertes  Brunnenwasser,
  durch  Milch  und  andere  Nahrungsmittel  übertragen
  wird.  Wenn  dies  der  Fall  ist,  so  wird  die  Zahl
der  Neuerkrankungen  nicht,  wie  bei  der  Kontaktübertragung,
  allmählich  und  in  unregelmäßigen,  längeren
Zeitabschnitten  zunehmen,  sondern  es  kommt  ganz
plötzlich  zu  Massenerkrankungen  je  nach  der  Menschenmenge,
  die  zu  der  gemeinsamen  Infektionsquelle  in
Beziehung  stand.  Beispiele  hierfür  bieten  die  Typhusepidemien,
  die  auf  die  Milch  verseuchter  Sammelmolkereien
  zurüczuführen  sind,  und  auch  Choleraepidemien,
  die  durch  die  Infektion  zentraler  Wasserversorgungsanlagen
  verursacht  wurden  (z.  B.  die
große  Hamburges  Wasserleitungsepidemie  von  1892
mit  bis  zu  1000  üglichen  Neuerkrankungen).

Gegen  die  Kontaktinfektionen,  die  von  unbelannten
Infizierten  aus  drohen,  kann  nur  die  Fürsorge  für
weitgehende  Reinlichkeit  schützen,  denn  beiihnen
findet  die  übertragung  meist  unmittelbar  durch  die  mit
den  Ausleerungen  beschmutzten  Finger  statt,  seltener
durch  beschmutzte  Wäsche  u.  dgl.  Bei  den  infektiösen
Darmkrankheiten  (Typhus,  Paratyphus,  Ruhr,  Cholera)
  ist  die  laufende  Desinfektion  und  un  schädliche
Beseitigung  der  Entleerungen  die  wichtigste
Forderung.  Auch  im  Kriege  läßt  sich  diese  Naßnahme
durchführen  durch  Anlage  zweckmäßiger  Latrinengruben
  und  deren  häufige  Desinfektion  mit  Chlorkalk
  oder  Kalkmilch  und  durch  ein  strenges  Verbot,
an  anderen  Stellen  die  Notdurft  zu  verrichten.  Den
Leuten  muß  ferner  befohlen  und  Gelegenheit  geboten
  werden,  daß  sie  sich  vor  dem  Verlassen  der  Latrine
  und  vor  dem  Essen  die  Hände  mit  Wasser  und
Seife  waschen.  Wo  die  Seifenwaschung  auf  Schwierigkeiten
  stößt,  z.  B.  auf  dem  Marsche  und  in  Schützenräben,

  ist  auf  das  Abreiben  der  Hände  mit  Brennpiritus
  oder  festgemachtem  Alkohol  (Festalkohol)  hinzuwirken.
  Wiederholte  Belehrungen  der  Truppen  über
die  Gefahren  der  Unreinlichkeit,  dauernde  überwachung
durch  die  Truppenärzte  und  nötigenfalls  strenge  Bestrafungen
  bei  Nichtbefolgung  der  gegebenen  Vorschriften
  verbürgen,  wie  die  Erfahrungen  des  jetzigen
Krieges  gezeigt  haben,  auch  unter  schwierigen  gebegen
Umständen  eine  erfolgreiche  Durchführung  dieser  unerläßlichen
  hygienischen  Maßnahmen.

Außer  der  Unschädlichmachung  der  Abfallstoffe  muß
in  Epidemiezeiten  der  Sorge  für  eine  einwandfreie
  Wasserversorgung  besondere  Aufmerksamkeit
  gewidmet  werden.  Das  Wasser  ist  sehr  häufig  die
Vermittlungsquelleder  Typhusinfektion,  wenn  Brunnen
  ·  oder  Bachwasser  durch  Darmabgänge  oder  Harn
von  Typhuskranken  oder  Typhusbazillenträgern  verseucht
  wird.  Das  Verbot,  ungekochtes  Bosser  zum
Trinken  oder  Reinigen  der  Geschirre  usw.  zu  benutzen
und  in  verdächtigen  Flußläufen  zu  baden,  muß  den
Leuten  immer  wieder  eingeschärft  und  seine  Befolgung
ständig  kontrolliert  werden.  Natürlich  ist  für  die  Bereitstellung
  genügender  Mengen  guten  Trink=  und
Gebrauchswassers,  auch  möglichst  von  Teeaufgüssen
an  bequem  Überall  erreichbaren  Stellen  Sorge  zu
tragen.  Ebenso  ist  zu  verhüten,  daß  Nahrungs.
mittel  zu  einer  die  Truppe  gemeinsam  gefährdenden
Infektionsquelle  werden.  Besonders  Milch  und  Gemüse
  oder  Früchte,  die  nicht  gekocht  werden,  können
leicht  Typhusepidemien  verbreiten.  Hier  sind  die
Dauerausscheider  und  Bazillenträger  besonders  ge-
        <pb n="396" />
        310

fährlich.  Die  Verwendung  von  Personen,  die  Typhus,
Paratyphus  oder  Ruhr  überstanden  haben,  in  Küchen
und  Nahrungsmittelbetrieben  ist  nie  ratsam.  Wenn
irgend  möglich,  soll  das  gesamte  Küchenpersonal  durch
wiederholte  bakteriologische  Untersuchung  ihrer  Ausscheidungen
  daraufhin  untersucht  werden,  ob  sich  nicht
Bazillenträger  unter  ihm  befinden.

ei  den  Infektionen,  bei  denen  die  Atmungswege
die  Eintrittspforte  der  Erreger  bilden,  ist  der  persönliche
  Schutz  viel  schwieriger  durchzuführen  als  bei
den  erwähnten  Darmkrankheiten.  Der  Ansteckungsstoff
  haftet  hier  an  den  seinsten  Sekrettröpfchen,  die
von  den  Kranken  beim  Husten,  Niesen  und  Sprechen
verbreitet  werden  und  sich  längere  Zeit  in  der  Luft
schwebend  erhalten.  Zu  diesen  Krankheiten  gehören
Tuberkulose,  Diphtherie,  Genickstarre,  Influenza,
Lungenpest  und  nach  der  allgemeinen  Erfahrung  auch
die  sogenannten  akuten  Exantheme,  wie  Masern,
Scharlach  und  Pocken,  deren  Erreger  wir  noch  nicht
kennen.  Wo  der  Ansteckungsstoff  gegen  Eintrocknung
sehr  widerstandsfähig  ist,  was  glücklicherweise  nur  bei
Tuberkulose  und  Milzbrand  der  Fall  ist,  kommt  neben
der  „Tröpfcheninfektione  auch  die  -Stäubcheninfektione
  in  Betracht,  d.  h.  die  Verbreitung  durch  Verstäubung
  eingetrockneten  Auswurfs.  Daneben  spielen  jedoch
  auch  bei  diesen  Krankheiten  übertragungen  durch
die  mit  dem  Infektionsstoff  verunreinigten  Hände
eine  sehr  wichtige  Rolle.  Beim  gehäuften  Auftreten
von  Krankheiten,  deren  Erreger  durch  den  Nasen-Rachenschleim
  verbreitet  werden,  also  namentlich  bei
Diphtherie-  und  Genickstarreepidemien,  sind  regelmäßige
  Gurgelungen  der  gesamten  Mannschaft  mit
desinfizierenden  Flüssigkeiten  unter  Aufsicht  von
Sanitätsunteroffizieren  vorzunehmen.  Für  häufige
Ausgabe  frischer  Taschentücher  ist  zu  sorgen.  In  den
Truppenunterkünften  sind  überall  Spucknäpfe  mit
Desinfektionsmitteln  und  ebenso  Kübel  mit  Kresollösung
  aufzustellen  zur  Aufnahme  gebrauchter  Taschentücher.


Wesentlich  andere  Gesichtspunkte  sind  bei  der  Bekämpfung
  der  durch  blutsaugende  Insekten
übertragbaren  Krankheiten  zu  berücksichtigen.  Wir
wissen,  daß  bei  Malaria  und  Gelbfieber  die  Infektionserreger
  von  bestimmten  Mückenarten  aus  dem  Blute
der  Kranken  aufgenommen  und  nach  einer  meist
komplizierten  Entwicklung  in  diesen  -Zwischenwirtendurch
  Stich  auf  die  Gesunden  übertragen  werden.
In  ähnlicher  Weise  erfolgt  die  Verbreitung  des  Fleckfiebers
  und  des  Rückfallsiebers  durch  Läuse.  Wo  die
Zwischenwirte  fehlen  oder  durch  das  Klima  oder  die
Jahreszeit  die  für  die  Weiterentwicklung  der  Erreger
im  Zwischenwirt  nötigen  höheren  Temperaturen  nicht

eboten  werden,  bedeuten  die  Kranken  keinerlei  Geahr
  für  ihre  Umgebung,  weil  eine  direkte  übertragung
nicht  stattfindet.  Bei  diesen  Krankheiten  ist  demnach
der  Kampf  gegen  die  übertragenden  Insekten  die
wichtigste  Forderung.  Die  Erfahrungen  beim  Fleckfieber
  haben  gelehrt,  daß  man  allein  durch  diesen  Kampf
die  Epidemien  schnell  und  sicher  unterdrücken  kann
(Näheres  s.  Art.-Gesundheitsdienst  im  Kriege-,  Bd.  1,
S.  303).  Es  wird  ger  durch  Vernichtung  aller  Läuse
verhütet,  daß  der  Infektionsstoff  durch  sie  aus  den
Kranken  ausgenommen  und  weitergetragen  werden
kann.  Nun  ist  aber  die  Belämpfung  von  fliegenden
Insekten  im  Vergleich  zur  Beseitigung  der  Läuse  unendlich
  viel  schwerer,  und  eine  völlige  Vernichtung  ist
wohl  überhaupt  unerreichbar.  Da  bleibt  dann  nur
der  Weg  übrig,  daß  den  Mülcken  die  Gelegenheit  ge-III.

  Technik  und  Kriegführung

nommen  wird,  sich  an  den  Kranken  zu  infizieren.  Bei
der  Malaria,  der  wichtigsten  der  durch  Mücken  übertragenen
  Krankheiten,  gelingt  dies  in  durchaus  zufriedenstellender
  Weise,  wenn  alleinfizierten  Menschen
durch  sorgsame  und  wiederholte  Untersuchung  des
Blutes,  in  dem  die  Erreger  kreisen,  ausfindig  gemacht,
mückensicher  abgesondert  und  einer  planmäßigen  energischen
  Chininbehandlung  unterworfen  werden.  Auch
die  Bekämpfung  anderen  Ungeziefers  muß  in  Seuchenzeiten
  oft  energisch  betrieben  werden.  Wissen  wir
doch  z.  B.,  daß  die  Pestorzillen  durch  Flöhe  übertragen
werden  können.  Die  Fliegen  spielen  bei  der  Verbreitung
  der  Ruhr  zweifellos  eine  große  Rolle,  indem  sie
von  den  Entleerungen  die  Ruhrbazillen  aufnehmen
und  weitertragen,  besonders  wohl  Nahrungsmittel
auf  diese  Weise  infizierend.  Auch  andere  Krankheitskeime
  können  sie  natürlich  gelegentlich  verschleppen.

Zu  erwähnen  wären  nun  noch  kurz  die  von  kranken
  Tieren  ausgehenden  Infektionen.  Bei
Milzbrand  und  Rotz,  die  eigentlich  Tierkrankheiten
sind  und  nur  verhältnismäßig  selten  auf  den  Menschen
  übertragen  werden,  kommt  es  bei  diesem  kaum

u  einer  seuchenartigen  Ausbreitung.  Strenge  Absonderungs-
  und  Desinfektionsmaßnahmen  genügen
hier,  um  beim  Auftreten  einzelner  Erkrankungsfälle
die  Verbreitungsgefahr  abzuwenden.  Massenerkrankungen
  bei  Menschen  treten  nicht  selten  nach  dem  Genuß
  des  Fleisches  von  Tieren  auf,  diemit  Paratyphusbazillen
  infiziert  waren  und  bei  denen  häufig  gewisse
Krankheitserscheinungen  zur  Notschlachtung  Veranlassung
  gaben.  Gegen  solche  Vorkommnisse  vermag
nur  eine  sorgsame  tierärztliche  Untersuchung  des
Schlachtviehs  und  die  amtliche  Fleischbeschau  zusurzen.
  Bei  der  Verbreitung  der  Pest  spielen  die  Ratten
eine  wichtige  Rolle,  von  denen  aus  die  Pestbazillen
entweder  durch  die  Nattenflöhe  oder  aber  durch  den
Kot  und  den  Harn  der  kranken  Tiere  auf  den  Menschen
übertragen  werden.  Beim  Maltafieber  ist  es  die  Milch
kranker  Ziegen,  die,  in  ungekochtem  Zustand  genossen,
den  Infektionsstoff  dem  Menschen  zuführt.

Die  Bekämpfungsmaßnahmen  s#n.  wie  aus  den
hier  angeführten  Beispielen  wohl  zur  Genüge  hervorgebe.
  bei  den  einzelnen  Seuchen  durchaus  verschieden.

ie  bezwecken  aber  überall  die  möglichst  frühzeitige
und  volsständige  Auffindung  der  Infektionsquellen
und  —  unter  Berücksichtigung  der  jeweiligen  Ausscheidungswege
  —  die  sichere  Vernichtung  des  Ansteckungsstoffes.
  Die  mehr  schützenden  allgemeinhygienischen
  Maßbregeln  sind  gewiß  im  Kampfe  gegen
die  übertragbaren  Krankheiten  unentbehrlich  und  in
ihren  Wirkungen  sehr  segensreich;  ihre  herrlichen,
auch  im  jetzigen  Kriege  für  die  Gesunderhaltung  des
Heeres  und  der  heimischen  Bevölkerung  so  außerordentlich
  bedeutungsvollen  Erfolge  verdankt  die  moderne
  Seuchenbekämpfung  jedoch  dem  unmittelbaren
Angriff  gegen  die  Seuchenerreger,  für  den  uns  Robert
Koch  die  richtigen  Wege  wies.  Bei  allen  übertragbaren
  Krankheiten  ist,  wie  schon  erwähnt,  in  erster
Linie  der  infizierte  Mensch  der  Träger  des  Infektionsstoffes
  und  somit  die  unmittelbare  Quelle  für  weitere
Infektionen,  während  sich  die  Krankheitserreger  in  der
Außenwelt,  in  der  Luft,  im  Wasser,  im  Boden  und
an  unbelebten  Objekten,  fast  nie  lange  Zeit  halten,  geschweige
  denn  stark  vermehren.

Wesentlich  unterstützend  wirken  gegen  die  Weiterverbreitung
  von  Infektionskrankheiten  unter  besonderen
Umständen  die  Schutzimpfungen,  die  darauf  abzielen,
  den  geimpften  Personen  künstlich  gegen  die  Krank-
        <pb n="397" />
        Hetsch:  Seuchenbekämpfung

heitserreger  eine  Immunität  zu  verleihen,  wie  sie
durch  das  natürliche  überstehen  der  Krankheit  erzielt
wird.  Die  künstliche  Immunisierung  läßt  sich  entweder
  durch  Einspritzung  eines  an  Tieren  gewonnenen
  Schutzserums  erreichen  (passive  Immunisierung)
oder  durch  Einverleibung  von  Aufsschwemmungen
der  abgetöteten  oder  abgeschwächten  Infektionserreger
  (aktive  Immunisierung).  Beide  Immunisierungsarten
  geben  aber  im  allgemeinen  einen  verhältnismäßig
  kurz  währenden  Schutz,  der  bei  der  passiven
Immunisierung  nur  2—3  Wochen,  bei  der  aktiven
im  allgemeinen  ½—1  Jahr  dauert.  Bei  der  passiven
Immunisierung  tritt  der  Schutz  sogleich  nach  der
Serumeinspritzung  ein,  bei  der  aktiven  Immunisierung
vergehen  dagegen  mehrere  Wochen,  bis  der  volle  Impfschutz
  erreicht  wird.  Aus  diesen  Gründen  eignen  sich
die  meisten  Schußimpfungsverfahren  nicht  zur  all-.
gemeinen  Anwendung,  sondern  kommen  nur  unter
bestimmten  Verhältnissen  in  Betracht:  der  Schutz  durch
Serum  hauptsächlich  bei  Ärzten,  Krankenpflegern  und
besonders  gefährdeten  Personen  aus  der  näheren
Umgebung  der  Kranken,  die  aktive  Immunisierung
dagegen,  wenn  es  sich  darum  handelt,  bestimmte  Menschengruppen,
  die  einer  Infektionsgefahr  für  längere
Zeit  ausgesetzt  werden  mücssen,  gegen  diese  zu  schützen.
Allgemein  und  dauernd  eingeführt  ist  unter  den  aktiven
  Schutzimpfungsverfahren  nur  die  Pockenschutzimpfung,
  deren  vollgültige  Wirksamkeit  auf4—S  Jahre
zu  veranschlagen  ist.  über  die  Ausführung  der  Typhus-,
  Cholera=  und  Tetanusschutzimpfung  und  ihre
Leistungen  im  Kriege  ist  bereits  in  dem  Aufsatz-Ge-311



sundheitsdienst  im  Kriege  (Bd.  I,  S.  303)  gesprochen
worden.  Auch  bei  der  Bekämpfung  der  Ruhr  und
der  Pest  können  die  spezifischen  Schutzimpfungen  ausezeichnete
  Dienste  leisten,  und  zwar  das  aktive  Versaßten
  ebenso  wie  das  passive.  Beim  Flecksieber  wird
neuerdings  eine  aktive  Immunisierung  für  Arzte,
Pfleger  und  Desinfektoren  empfohlen,  die  sich  dem
Umgang  mit  verlausten  Kranken  oder  deren  Sachen
nicht  entziehen  können.  Es  wird  hier  das  Blutserum
von  Fleckfieberkranken  eingespritzt,  in  dem  die  Krankheitserreger
  durch  Erhitzung  sicher  abgetötet  sind.
Unter  den  passiven  Immunisierungsverfahren  ist  noch
die  Diphtherieschutzimpfung  besonders  erwähnenswert.
  Die  einmalige  Einspritzung  einer  geringen
Menge  Diyhtherieserum  schützt  in  zuverlässiger  Weise
diejenigen  Personen,  die  mit  Diphlherielrachen  oder
bazillenträgern  in  näherer  Berührung  leben,  vor  der
Erkrankung.  In  verseuchten  Truppenteilen  usw.  hören
die  Neuerkrankungen  oftmit  einem  Schlage  auf,  wenn
die  gesamte  Umgebung  der  Kranken  auf  diese  Weise
immunisiert  wird.  Trotz  der  unbestreitbaren  Erfolge
darf  man  sich  aber  bei  keiner  einzigen  Infektionskrankheit
  —  auch  bei  den  Pocken  nicht  —  auf  die
Schutzimpfung  allein  verlassen.  Sie  unterstützt  und
erleichtert  dort,  wo  sie  anwendbar  ist,  die  Seuchenbekämpfung
  sehr  wesentlich,  kann  aber  niemals  die
möglichst  schnelle  und  vollkommene  Ermittlung  und
Absonderung  aller  Kranken  und  Infizierten,  die  planmäßige
  Vernichtung  der  von  ihnen  ausgeschiedenen
Infektionserreger  und  die  sonstigen  bewährten  allgemeinhygienischen
  Maßnahmen  entbehrlich  machen.
        <pb n="398" />
        IV.  Kultur  und  Geistesleben

Fbilosophie  und  Krieg
von  Professor  Dr.  Ernst  Bergmann  in  Leipzig

Allgemeines.  Es  gibt  vielleicht  kein  zweites  Wissensgebiet,
  das  durch  den  nun  schon  so  lange  andauernden
  Weltkrieg  soschwer  beeinträchtigt  worden  ist
wie  die  Philosophie.  Ist  doch  die  Philosophie  der
Gradmesserdder  Wissenschaftlichkeit,  des  Kulturgebarens
eines  Volkes  oder  Zeitalters  überhaupt.  Das  philosophische
  Interesse  steigt  und  fällt  mit  dem  Interesse
an  theoretischen  Dingen.  Liegt  dieses  darnieder,  stellt
es  sich  allzusehr  aufs  Praktische,  ja  Technische  ein,  so
fehlt  jene  Atmosphäre  der  Hochgeltung  rein  geistiger
Werte,  in  der  allein  die  alte  Königin  der  Wissenschaft
sich  wohl  fühlt  und  fruchtbar  gedeihen  kann.  Noch  zu
Beginn  des  Krieges  ward  manche  philosophisch-kontemplative
  Stimme  vernommen,  die  das  beispiellose
Novum,  das  in  unseren  geistig-sittlichen  Horizont  hereingebrochen
  war,  mit  dem  subtilen  Rüstzeug  ideoloischer

  Denkweise  bewältigen  zu  können  vermeinte.

iese  Versuche  sind,  je  länger  der  Krieg  andauert,
mehr  und  mehr  eingestellt  worden.  Die  gewaltige
Wirklichkeit,  die  uns  umgibt,  duldet  kein  abstraktspekulatives
  Gehaben  und  scheint  uns  alle  zu  Real.
politikern  machen  zu  wollen.  Dazu  kommt,  daß  eine
ganze  Reihe  nicht  unbedeutender  Köpfe  während  dieser
Kriegsjahre  aus  der  philosophischen  Gemeinde  Deutschlands
  ausgeschieden  sind,  reife  Denker,  wie  Windelband
  und  Külpe,  junge,  vielversprechende  Talente,
wie  Last,  Hammacher  und  eger:  die  ihr  der
Wissenschaft  bestimmtes  Streben  dem  Vaterland  opfern
mußten,  das  heute  keine  anderen  Götter  duldet  neben
sich.  Sie  alle  hatten  leidenschaftlich,  teils  vom  ethischen,
teils  vom  kulturphilosophischen  Standpunkt,  Stellung
genommen  zum  Geschehen  der  Zeit,  um  zu  erkennen,
daß  ihre  im  Trommelfeuer  stehende  Hörerschaft  Ohr
und  Sinn  verloren  hatte  für  eine  Geisteshaltung,  die
vollste  Ruhe  des  Gemüts  und  das  erhabene  Schweigen
  des  Akademosgartens  erfordert.  Eine  gewisse  Unlust
  ist  übriggeblieben,  ein  Unbehagen,  die  beiden  so
heterogenen,  ja  einander  negierenden  Begriffe-Kriegund
  „Philosophies  noch  ferner  in  einen  wilsenschafte
lichen  Zusammenhang  zu  bringen  und  in  solchem  zu
behandeln.  Gleichwohl  ist  dieser  Zusammenhang  vorhanden
  und  verlangt  sein  Recht,  so  verschiedenartig
er  sich  auf  dem  Boden  der  einzelnen  Teilgebiete  der
Philosophie  auch  gestalten  mag.

Erkenntnistheorie  und  Logik.  Für  die  sogenannten
  strengen  philosophischen  Disziplinen  ist  freilich
  die  Kulturerscheinung  einer  kriegerischen  Verwicklung
  unter  den  Völkern  a.  gut  wie  belanglos.  Logik
und  Erkenntnistheorie  stehen  so  fern  dem  wirklichen

Leben,  haben  eine  so  ausschließlich  theoretische  Abzweckung,
  sind  so  sehr  Angelegenheit  einer  Menschheit
an  sich,  daß  selbst  der  ewaltigste  Sturm  äußeren  Geschehens
  ohne  jeden  Einfluß  bleibt  auf  die  Art,  wie
diese  beiden  Wissenschaften  ihre  Probleme  stellen  und
lösen.  Aber  freilich  nicht  auf  die  Tätigkeit  des  Logikers
  und  Erkenntniskritikers  und  den  Wert,  der
dieser  Tätigkeit  im  Bereich  der  sozialen  Gemeinschaft
beigemessen  wird.  Denn  die  mühsame  Arbeit,  die  hier
eleistet  wird,  muß  vom  Standpunkt  des  praktischen
ebens  als  Luxusarbeit,  wenn  nicht  als  Spiel  oder
Vergeudung  von  Zeit  und  Kräften  gelten,  dies  um
so  mehr,  wenn  wie  heute  die  Nation  gezwungenist,  den
Gesichtspunkt  ökonomischer  Haushaltung  mit  ihrem
Kräftemaß  über  alles  andere  zu  stellen.  Und  der  geringe
  buchhändlerische  Erfolg  erkenntnistheoretischer
Literatur  bei  ohnehin  erschwerter  Bücherherstellung
beweist  denn  auch  zur  Genüge  die  heute  herrschende
Uninteressiertheit  des  öffentlichen  Lebens  an  der  in
Friedenszeiten  so  hoch  bewerteten  rein  theoretischen
Erkenntnisarbeit.  Mancher  unbefangene  Betrachter
ist  geneigt,  diese  Wandlung  der  Dinge  zu  begrüßen
und  die  durch  die  Zeitereignisse  nötig  gewordene  Beeinträchtigung
  der  breiten  Tintenarbeit  der  Erkenntnistheoretiker
  als  eine  Errungenschaft  zu  buchen.
Sicherlich  ist  von  unseren  Philosophen  vor  dem  Krieg
gar  zu  viel  und  gar  zu  ausschließlich  auf  erkenntnisritischem
  Gebiet  gearbeitet  worden,  und  die  gewiß
unentbehrliche  und  notwendige  Voruntersuchung  der
subjektiven  Erkenntnisfähigkeit  des  menschlichen  Besens
  hat  gar  zu  sehr  als  die  alleinige  und  eigentliche
Aufgabe  er  Philosophie  gegolten.  Wie  in  der  Kunst,
der  Lyrik  und  Malerei,  ein  bis  zur  Ausartung  zugespitzter
  Formalismus  und  Technizismut  alle  Richtung
aufs  Ding  unterdrückte,  um  in  der  Form,  der  Methode,
der  Außerungsweise  des  Individual-Ichs  den  eigentlichen
  Wert  und  Sinn  künstlerischen  Schaffens  zu
erblicken,  so  war  auch  der  Philosoph,  einem  allgemeinen
  Zug  der  Zeit  folgend,  Lanz  beim  methodologischen
Geschäft,  ganz  bei  der  Subjektsbetrachtung  Heleneblieben,
  ohne  an  die  eigentliche  Aufgabe  der  Philosophte,
  die  Ergründung  der  Weltzusammenhänge,
heranzutreten.  Das  menschliche  Bewußtsein  war  eben
seine  =  Welta  und  zugleich  das  Lroße  Rätsel  und  Geheimnis,
  das  alles  Denken  und  Kunstschaffen  zu  durchdringen
  suchte,  nicht  mehr  die  Welt  da  draußen,  sondern
  das  Ich,  seine  besondere  Struktur,  seine  Gefärbeheit,
  sein  örrchungswinkel  Manche  tiefe  Erkenntnis
des  menschlichen  Wesens  hat  uns  dieser  hochgetriebene
moderne  Subjektivismus  in  Kunst,  Dichtung  und
Philosophie  der  letzten  Friedensjahrzehnte  gebracht.
Vielfach  aber  war  diese  Ich-Kultur  entartet  in  eine
        <pb n="399" />
        Bergmann:  Philosophie  und  Krieg

unfruchtbare  und  abstoßende  Selbstbespiegelung  des

ebärenden  Kunst-Ichs,  und  auf  philosophischem  Ge-4
  gewahrten  wir  als  Gradmesser  der  Verirrung  der
Zeit  eine  ungerechtfertigte  überschätzung  des  rein  kritischen
  Vorhabens,  das  die  Philosophie  unter  dem  Vorgeben,
  sie  zur  strengen  Wissenschaft  zu  erheben,  abzog
von  ihren  eigentlichen  noch  ungelösten  Aufgaben  und
sie  zu  einer  bloßen  Ancilla  der  Naturwissenschaften  erniedrigte,
  so  wie  sie  im  Mittelalter  eine  Ancilla  der
Theologie  gewesen  war.  Metaphysik  zu  treiben,  die
Philosophie  als  Weltanschauungslehre  zu  behandeln,

alt  bei  den  strengsten  Kantianern  als  Anachronismus.
Lurch  den  Krieg  dürfte  dieser  schrankenlose  Intellekmalismus
  und  Logismus  auf  philosophischem  Gebiet
eine  nicht  unerhebliche  Abschwächung  erfahren  haben.
die  für  die  Folgezeiten  den  Ansporn  zu  neuen  Taten
in  sich  birgt.  Ein  neues  Philosophengeschlecht  dürfte

eranwachsen  aus  der  von  der  Somme  zurückkehrenden
Fran  Deutschlands,  ein  Geschlecht,  das  den  Bios
ebenso  hoch  achtet  wie  den  Logos,  weil  es  ihn  durch
Jahre  hindurch  tiglich  erobern  mußte.  Die  Philosophie
  ehemaliger  Sommekämpfer,  die  im  dritten  und
vierten  Jahrzehnt  des  20.  Jahrhunderts  geschrieben
werden  wird,  wird  anders  aussehen  als  die  hochentwickelte
  Kantik  der  abgelaufenen  Dezennien.  Kant
wird  wie  so  vieles  andere  geschichtlich  werden,  ohne
seine  überragende  Bedeutung  für  das  deutsche  Geistesleben
  zu  verlieren.

Metaphysik  und  Weltanschauunglehre:
Weit  unmittelbarer  schon  ist  der  Philosoph  als  Weltanschauungslehrer
  mit  seiner  Problemstellung  in  das
äußere  Geschehen  der  Zeit  verwickelt.  Der  Nichtpositivist
  oder  Nicht-Nur-Positivist,  der  an  der  Grenze  der
erfahrbaren  Wirklichkeit  nicht  zögernd  und  unschlüssig
stehenbteit  sondern  auf  der  Grundlage  der  durch

ie  Einzelwissenschaften  erarbeiteten  Erfahrungstatsachen
  einen  Blick  zu  tun  wagt  in  das  Dunkel,  das
dort  beginnt,  kann  nicht  gleichgültig  bleiben,  wenn  er
sieht,  wie  die  Menschheit  kämpft  und  leidet,  kämpfen
und  leiden  muß,  und  wie  es  für  sie  kein  Entrinnen
u  geben  scheint  aus  diesem  Kämpfen=  und  Leiden-Kseen.
  Kämpft  und  leidet  doch  die  ganze  Natur,
alles  Lebende  in  Tier-  und  Pflanzenreich!  Und  dieses
Lebende  ist  die  Welt  selbst.  Kampf  und  Leiden  scheinen
hinabzureichen  bis  auf  ihren  Grund,  um  sich  unterhalb
  der  Schwelle  von  Leben  und  Bewußtsein  nur  in
anderer  Form  fortzusetzen.  Niemals  seit  dem  Dreißigjährigen
  Krieg  war  das  Schicksal  der  Menschheit  so
sehr  angetan,  dem  Metaphysiker  die  Frage  nahezulegen,
  ob  auf  dem  Grunde  der  Welt  wirklich  der  Geist
und  die  Liebe  wohne,  wie  die  Religionen  lehren,  oder
nicht  vielmehr  jenes  dumpfe,  blinde,  alogische,  finstere
und  furchtbare  Willenswesen,  wie  es  der  Pessimismus
Schopenhauers  mit  all  den  grauenerregenden  Entsetzlichkeiten
  seines  ruhelosen,  ewig-gualvollen  Strebens
geschildert  hat.

In  einem  Lazarett,  so  erzählt  ein  französischer  Arzt,
sah  ich  einen  Sommekämpfer,  der  beide  Arme  und
Beine  bis  auf  einpaar  Stummel,  dazu  den  Unterkiefer
und  das  Augenlicht  verloren  hatte.  Ein  Klumpen
Fleisch,  ein  Stück  Darmkanal,  den  die  Kunst  ehrgeiziger
  Arzte  am  Leben  erhalten,  und  dem  kein  Gott
mehr  gab,  zu  sagen,  was  er  leide.  Durch  den  Nervus
acusticus,  den  einzigen  Strang,  durch  den  dieser  Unglückliche
  mit  Welt  und  Menschheit  noch  verbunden
war,  vernahm  er  aus  dem  Munde  einer  unbarmherzigen
  Schwester,  die  ihm  vorlas,  eine  Predigt  über
das  Thema:  Gott  sei  die  Liebe.  —  Wenn  Gott  wirk-313



lich  die  Liebe  ist,  können  die  Vertreter  der  pessimistischalogistischen
  Weltansicht  Schopenhauers  einwenden.
und  dazu  die  Macht  und  die  Weisheit,  wie  die  alten
Religionen  lehren,  warum  läßt  er  dann  die  Menschheit
  leiden  und  sich  zerfleischen  bis  zur  Selbstvernichtung,
  wo  keine  Besserung  mehr  möglich  ist  und  der
Gesichtspunkt  der  Erziehung  des  Menschengeschlechts
nach  einem  göttlichen  Heilsplan  sein  Gewicht  verliert?
»Gott«  oder  das  Weltwesen  ist,  so  erklären  die  Anhänger
  dieser  Lehre;  aber  es  ist  nicht  die  Liebe,  nicht
die  zweckvoll  handelnde  Intelligenz,  sondern  jenes
dunkle  und  geheime  Ur,  dessen  unheilvolles,  schulderfülltes
  Wesen  der  Drang  ins  Dasein  bedeutet  und
an  dessen  Stirn  auf  späten  Stufen  seiner  Entwicklung
Bewußtsein  und  Intellekt  nur  aus  dem  Grundehervorlubrechen
  scheinen,  damit  es  sich  der  entsetzenerregenen
  Irrationalität  und  Alogik  seines  Wesens  leidend
bewußt  werde.  Wäre  die  Vernunft,  der  Nous,  der
Logos  das  herrschende  Weltprinzip,  wie  die  Hegelianer
und  Optimisten  glauben,  Kulturerscheinungen  wie  der
gegenwärtige  Weltkrieg  lägen  nicht  im  Bereich  der
möglichen  Dinge.  Was  in  uns  allen  —  und  also  auch,
nur  in  anderer  Form,  auf  dem  Grunde  der  Welt  —
herrscht,  ist  nicht  Geist  und  Vernunft,  sondern  Affekt
und  Leidenschaft,  Haß  und  Liebe,  Daseinsgier  und
Machthunger,  beängstigende  Außerungen  jenes  urhaftblinden,
  friedlosen  Strebens  und  Drängens  zum  Sein,
das  sich  im  Weltfortschritt  zerspaltet  in  zahllose  Lebenskeime
  und  Individualwillen,  die  einander  —  einzeln
oder  im  Gemeinschaftskampf  ganzer  Volkseinheiten  —
auszulöschen  bestrebt  sind,  indem  sie  einander  die  beherrschte
  Materie  zu  entreißen  suchen.  So  hat  die
Menschheit  in  sich  selbst  Ersatz  gefunden  für  ihre  mehr
und  mehr  verschwindenden  Feinde  im  Tier=  und  Baillenreich.
  Und  der  höchste  Gedanke,  unter  dem  wir
Heurigen  das  Dasein  werten,  der  nationale,  der  vaterländische,
  wäre  —  philosophisch  betrachtet  —  nichts  als
eine  Krankheits-  und  Zerfallserscheinung,  durch  die  der
Wille,  andelangt  auf  der  höchsten  Stufe  seiner  Objektivation,
  der  Menschheit,  sich  selbst  wieder  verneint.
So  etwa  jene  modernen  Alogisten  und  Irrationalisten
  in  der  Metaphysik,  deren  es  mehr  gibt,  als
man  ahnt,  und  zu  denen  neben  Schopenhauer  und
seinen  Anhängern  vor  allem  der  heute  so  gern  gehörte
Dichter  Strindberg  (Ein  Traumspiel-),  aber  auch
der  Metaphysiker  Nietzsche  mit  seiner  Lehre  von  der
ewigen  Wiederkunft  aller  Dinge  und  von  Ausländern
Spencer  mit  seiner  französischen  Anhängerschaft
(Guyau)  gehört.  All  diese  Hoffnungslosen,  die  mit
jeder  Evolution  die  endliche  Dissolution  naturnotwendig
  verknüpft  sehen,  könnten  im  gegenwärtigen
Weltkrieg  einen  schlagenderen  Beweis  für  die  Richtigkeit
ihrer  Welt=  und  Lebensinterpretation  erblicken,  als
sie  jemals  auf  rein  theoretischem  Wege  zu  erbringen  in
der  Lage  gewesen  wären.  Allein  Pöllosophie  ist  letzten
Endes  Charakter-  und  Gemütssache,  zum  mindesten,
was  die  Wahl  des  metaphysischen  Standpunktes  anlangt.
  Das  politisch  nochjunge,  zukunftsfreudige  und
von  Ngtur  gläubige  und  optimistische  Volk  der  Deutschen
  hat  jenen  düsteren  Betrachtungen  der  -Müden
und  Heiligen«,  der  Resignations=  und  Erlösungsphilosophen
  nur  vorüber  ehe  sein  Ohr  geliehen,
und  es  erscheint  in  viesen  #  ammenhang  bemerkenswert,
  daß  —  von  vereinzelten  Stimmen  abgesehen  —
gerade  die  berufensten  philosophischen  Interpreten  des
modernen  deutschen  Volksgedankens  seit  dem  4.  August
  1914  in  entgegengesetztem,  in  idealistisch-optimistischem
  Sinn  und  Geist  Stellung  genommen  haben
        <pb n="400" />
        314

zu  den  durch  den  europäischen  Krieg  aufgeworfenen
Weltanschauungsfragen.  Ich  verweise,  was  diese
Denkrichtung  anlangt,  auf  meine  im  Frühjahr  1915
zu  dem  Thema  Philosophie  und  Krieg«  getanen
Außerungen!.  Schon  in  den  letzten  Friedensjahren,
vor  allem  aber  während  des  Krieges  hat  sich  gezeigt,
daß  der  altidealistische  Geist  der  von  starken  Glaubensmotiven
  getragenen  deutschen  Philosophie  und  germanischen
  Gedankenwelt  überhaupt  zwar  durch  gewisse,
  im  Anschluß  an  die  Entwicklung  der  Naturwissenschaften
  emporgekommene  materialistische  und  positivistische
  Richtungen  zeitweise  verdeckt  werden  konnte,
daß  aber  eine  so  ehrwürdige  Tradition  niemals  völlig
aus  dem  Volksgemüt  verschwinden  kann.

Indes,  man  mag  über  diese  Dinge  denken,  wie  man
will,  soviel  steht  fest,  daß  das  metaphysische  Denken,
daß  die  Philosophie  als  Weltanschauungslehre  nicht
unbeeinflußt  aus  dem  Kampf  der  Zeit  hervorgehen
kann.  Das  Nachdenken  über  das  eigentliche  Wesen
der  Welt  hat  einen  neuen  Impuls  erhalten,  wie  ihn
die  Geschichte  der  Menschheit  seit  Jahrhunderten  ihrer
Entwicklung  nicht  gekannt  hat.  Wenn  ruhigere  Zeiten
  zurückkehren  und  die  philosophische  Konteniplation
  wieder  Raum  gewinnt,  wird  das  Gewicht  dieser
Erscheinung  erst  voll  auf  dem  Geist  des  Betrachters
ruhen,  der  heute  noch  mit  Zittern  und  Beben  dem  Ablauf
  der  ungeheuren  Menschheitstragödie  folgt.

Ethik  und  Kulturphilosophie.  Das  gleiche

ilt  vom  Ethiker  und  Soziologen,  nur  mit  dem
Interschied,  daß  hier  der  Krieg  als  Kulturphänomen
ersten  Ranges  unmittelbar  zum  Gegenstand  philosophischen
  Nachdenkens  wird.  Woher  kam  die  Menschheit
  und  wohin  schreitet  sie?  Dies  die  beiden  Kardinalfragen
  jeder  geschichtsphilosophischen  Betrachtung.
Die  erstere,  früher  von  den  Religionen  als  die  wichtigere
  behandelt  und  selbst  noch  von  Fichte  in  theologisch--mystischem
  Sinne  gelöst,  wenn  er  die  paradiesische
  Idee  eines  Normalvolkes  der  Urzeit  aufstellt,
kann  heute  als  durch  die  Wissenschaft  längst  endgültig
geklärt  und  beantwortet  gelten.  Die  Philosophie,  die
bescheiden  zurücktritt,  wenn,  wie  hier,  der  menschliche
Forschergeist  wirklich  einmal  endgültig  feststehende
Tatsachen  aufdeckt,  beschränkt  sich  dorauP  die  Entwicklung
  des  Menschengeschlechts  von  dem  Augenblick  an,
da  es  die  Schwelle  der  Tierheit  überschritten,  mit  der
ihr  eigenen,  die  verborgenen  Zusammenhänge  ans
Licht  ziehenden  Betrachtungsweise  zu  begleiten,  und
wendet  sich  mit  um  so  größerer  Energie  der  zweiten,  in
tiefem  Dunkel  liegenden  Frage  zu  nach  dem  Ziel  und
Endpunkt  des  Menschheitsweges.  Denn  hierüber  vermag
  keine  noch  so  exakte  Biologie  und  Paläontologie,
ja  keine  Wissenschaft  der  Welt  Aufschluß  zu  geben.
Die  alten  Schemata  der  Religionen  malten  das  „Reich
Gottes-  als  idealen  Zielpunkt  aller  Menschheitsentwicklung
  an  den  Horizont  der  Geschichte,  und  noch
bei  einem  Denker  wie  Fichte  spielt  diese  Idee  eine  metaphorische
  Rolle,  während  doch  gerade  der  deutsche
Idealismus  es  war,  in  dessen  Atmosphäre  der  Gedanke
  einer  veredelten,  dereinst  auf  Erden  lebenden
Humanität  seinen  geschichtlichen  Ursprung  hats.  So
verschieden  das  Bild  der  Zukunftshumanität  auch  ausgesehen
  haben  mag,  je  nachdem  es  von  Kant  oder
Fichte,  von  Herder  oder  den  Weimarer  Hellenisten,

1  „  Pbilosophlie  und  Kriege  in  ?  Der  Kampf  des  deutschen
Geistes  im  Weltkriege,  Dokumente  des  deutschen  Geisteslebens
aus  der  Kriegszeit  (Gotha  1915,  S.  73  ff.).

2  Vagl.  E.  Bergmann,  Deutsche  Führer  zur  Humanität
(Leipz.  1915).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

von  Hölderlin  oder  Nietzsche  —  auch  der  Traum  vom
„übermenschen=  bildet  ein  organisches  Glied  in  der
Kette  des  deutschen  Kulturidealismus  —  entworfen
und  gezeichnet  wurde,  in  einem  Punkt  sind  sich  diese
Gläubigen  und  Seher  alle  einig,  nämlich  in  der  unerschütterlichen
  Zuversicht,  daß  die  Entwicklung  der
Menschheit  aufwärts  gehe  und  dem  hohen  Endziel
eines  idealen  Zustandes  mit  innerer  Folgerichtigkeit
entgegenstrebe.  Sie  alle  sahen  mit  Fichte  die  goldenen
  Zinnen  eines  fernen  Heliopolis  der  Menschheit
  in  der  Abendröte  ihres  kosmopolitischen  Jahrhunderts
  leuchten:,  und  nur  der  eine  Schopenhauer.
der  Pessimist,  der  weder  auf  moralischem  noch  auf
intellektuellem  Gebiet  der  Menschheit  einen  Aufstieg
oder  auch  nur  eine  Entwicklung  zugestehen  will,  dudet
hier  eine  Ausnahme.

Wie  nun  sieht  sich  der  moderne  Betrachter,  der  die
langen,  inhaltsreichen  Jahre  1914—17  mit  durch.
lebt,  zu  diesen  Fragen  gestellt?  Kann  er  nach  allem
Erlebten  noch  glauben,  daß  der  Herdersche  Gottmensch,
daß  jene  glückliche,  durch  Vernunftkunst  und  wissenschaft
  befreite  Menschheit  dereinst  auf  Erden  wandeln
wird  und  wohnen?  Wieder  scheiden  sich  hier  die
Geister.  Hat  der  Krieg,  so  meint  der  Skeptiker,  nicht  auf
Jahrhunderte  hinaus  alles  Gemeinschaftsstreben  der
Menschheit  vernichtet!  Geht  die  Menschheit  nicht  kulturell
  wie  physisch  einem  Abgrund  entgegen!  Der
Krieg  war  zunächst  in  der  Hauptsache  ein  europälischer.
Erst  im  dritten  Jahre  begann  er,  sich  zum  Weltkrieg
auszuwachsen.  Ein  Abflauen  von  "rr  und  Kriegspsychose
  ist  trotz  aller  Friedenssehnsucht  der  Völker
nirgends  in  der  Welt  zu  spüren.  Und  selbst  wenn
eines  Tages  der  Frieden  da  ist,  wird  nicht  ein  zweiter,
ein  dritter  Weltkrieg  folgen?  Einige  der  modernsten
Sozialphilosophen  hofften  vor  dem  Krieg  auf  einen
allmählichen  Ausgleich  des  Rassen--  und  Sprachenunterschieds
  unter  den  Völkern  als  des  eigentlichen
Kriegsgrundes  und  zeichneten  uns  die  Menschheit  des
3.  und  4.  Jahrtausends  als  ein  längst  homogen  geewordenes

  Völkergemisch,  das  in  einem  einzigen
Staatskörper  unter  einem  einzigen  Regierungsoberhaupt
  mit  einem  einzigen  Ziel  und  Streden,  der  Beiter-
  und  Höherbildung  der  planetarischen  Menschheit,
  lebt#.  Wer  vermag  heute  noch  an  solche  Möglichkeiten
  zu  glauben?  Die  Menschheit,  die  heute,  in
einem  furchtbaren  Wahnsinn  befangen,  sich  selbst
zerfleischt,  scheint  für  ewige  Zeiten  unfähi.  die  Rolle
eines  Führers,  Erziehers,  Bildners  ihrer  selbst  in
die  Hand  zu  nehmen,  die  ein  Fichte  oder  Nietzsche  ihr
zugewiesen.

Wer  möchte  leugnen,  daß  solche  Zweifel  berechtigt
sind!  Schon  die  Tatsache  muß  zu  denken  geben,  daß  all
diese  Fragestellungen  eines  kulturphilosophischen  Betrachters,
  die  noch  zu  Beginn  des  Krieges  lebhaftes
Interesse  erweckten,  heute  so  gut  wie  gänzlich  aus  der
öffentlichen  Diskussion  verschwunden  sinds.  Diese  ist
vielmehr  heute  in  allen  Ländern  erfüllt  von  den  nüchternsten
  Daseinsinteressen,  Lebensmittelrationierung,
Steuer-,  Anleihen=  und  Verkehrspolitik.  Das  geistige
Leben  der  Menschheit  scheint  unterbrochen,  scheint  stillzustehen
  und  umzukehren,  und  aller  theoretische  Idea-1

  Ugl.  das  Vorwort  zu  der  Schrift  von  E.  Bergmann,
Fichte,  der  Erzieher  zum  Deutschtum  (Leipz.  1915).

2  Vgl.  C.  Bergmann,  Die  Grundlagen  der  deutschen
Bildung  (Leipz.  1916,  S.  28)  und  Die  Weltmisston  der  deutschen
  Bildung  (das.  1915).

s  Vgl.  das  oben  angeführte  Sammelwerk  ?Der  Kampf  des
deutschen  Geistes  im  Weltkriege,  S.  78fff.
        <pb n="401" />
        Weitzel:  Kultur  und  Charakker  der  Kriegführenden

lismus  verblaßt  vor  der  einen  großen  Sorge  um
Erhaltung  im  Kampf  ums  physische  Dasein.

Auch  hier  steht  eine  optimistische  Meinung  der  skepltischen
  gegenüber.  Hat  nicht  der  Krieg  ein  neues
Heldentumgezeitigt,  wie  es  die  Geschichte  vordem  nicht
gekannt!  Ist  nicht  ein  neuer  Typus  Mensch  erstanden
im  Sommekämpfer,  der,  ausgerüstet  mit  Gasmasske,
Stahlhelm  und  Handgranate,  halb  in  die  Erde  gescharrt,
  ohne  Schlaf  und  Nahrung  74  Stunden  im
Trommelfeuer  ausharrt!  Was  sind  die  Helden  der
Antike,  Achill  und  Herkules,  Hegen  diesen  einen
Sommekämpfer!  Was  sind  die  Thermopylen  gegen
das  Dörschen  Bouchavesnes!  Ein  übermenschentyp
hat  sich  in  den  Schlammgräben  der  Pikardie  entwickelt,
  wie  ihn  die  A#antafse  keines  Nietzsche  geschaut.
Der  Krieg,  der  =  Vater  aller  Dinge,  hat  ihn  gebildet

315

und  damit  vielleicht  dem  Menschheitsfortschritt  einen
neuen  Weg  geöffnet.  Niemand  kann  sagen,  wohin
die  nächsten  Monate  und  Jahre  die  Menschheit  führen
werden.  Aber  wenn  sich  erst  einmal  die  Schächte
und  Stollen  am  Ancrebach  öffnen  und  diese  Heldenjünglinge
  zurückgeben,  wenn  sie  herniedersteigen  aus
den  Wolken,  herauf  aus  dem  Ozean,  um  wieder  mit
uns  auf  Erden  zu  leben,  wird  es  nicht  dieser  Generation
  beschieden  sein,  einer  neuen  höheren  Menschheit
die  Krone  des  Lebens  zu  reichen,  die  jenem  Traumbilde
  gleicht,  von  dem  der  Dichter  singt:

»Schbner  als  die  Menschen  waren,
Stärker  grüßt  mich  ein  Geschlecht,

Helden  sind  es  und  Barbaren,
Fröhlich,  sieghaft  und  gerecht.=Kullur

  und  GCharakter  der  Kriegfübrenden

von  Gymnasialoberlehrer  Dr.  Karl  Weitzel  in  Leipzig

Die  geistige  Einheit  unseres  Volkes  hatte  bereits
im  Zeitalter  Schillers,  Goethes  und  Kanks  ihre  unserem
  Wesen  entsprechende  Gestaltung  gefunden  und
war  der  Nährboden  zu  den  Taten  der  Freiheitskriege
und  schließlich  zur  nationalen  Augsgestaltung  eines
deutschen  Staatswesens  geworden.  Trog  der  innerlichen
  Vielgestaltigkeit  deutscher  Kultur  hat  sie  im
Weltkrieg  von  neuem  ihre  Feuerprobe  bestanden.
Nicht  aber  gilt  dies  von  der  sogenannten  europäischen
Kultur,  unter  welchem  Begriff  wir  nur  allzuoft  die
Außerungen  und  Bestrebungen  der  europäischen  Völker
  zusammenfaßten.  Der  Krieg  hat  vielmehr  in  Kultur
  und  Charakter  derselben  scharfe  Gegensätze  gezeigt
und  bewiesen,  daß  auch  das  Christentum  oder  die  moderne
  internationale  Wissenschaft  hier  kein  wirklich
einheitliches  Kulturbild  geschaffen  haben.

Zunächst  sei  der  Hauptgegensatz  hervorgehoben.
Den  Weg  weist  uns  das  Kaiserwort:  =  Kultur  haben
bedeutet  tiefstes  Gewissen  und  höchste  Moral  besitzen.
Moral  und  Gewissen  haben  meine  Deutschen.=  Grundlage
  aller  Kultur  ist  uns  die  Sittlichkeit,  das  sittlich  Gute,
und  nur  mit  dieser  Betonung  desethischen  Moments
sind  wir  nach  unserer  Auffassung  imstande,  der  Aufabe

  der  Kultur,  nämlich  Streben  nach  Vollkommeneit

  und  Vollendung  des  Menschheitsfortschritts,  gerecht
  zu  werden.  Der  Begriff  des  Guten  schließt  in
sich  den  Begriff  der  Wahrhaftigkeit  und  Gerechtigkeit.
Dieser  trennt  die  Kriegführenden  in  zwei  Lager.
Während  unsere  Feinde  von  Anfang  an  als  Eroberungsmächte
  auftraten,  kleine  Staaten  vergewaltigten
und  noch  heute  am  liebsten  unsere  staatliche  und  kulturelle
  Selbständigkeit  vernichteten,  ist  unser  Ideal  das
Nebeneinander  freier  Staaten,  die  Freiheit  und  Gleichberechtigung
  aller  auf  den  Meeren,  der  Schuß  der
Schwachen,  das  Zusammenarbeiten  mit  allen  anderen
zur  Förderung  der  Kultur.

VDie  Westmächte.
Frankreich.  Schon  die  ersten  Wochen  des  Krieges
eigten  deutlich,  daß  es  mit  der  alten  Ritterlichkeit  der
Fränzosen  längst  vorbei  war.  Eine  ganze  Generation
hatte  rastlos  daran  gearbeitet,  den  Gedanken  der  Revanche
  in  allen  Kreisen  zu  pflegen  und  allmählich  zu

wilder  Leidenschaft  anzufachen.  Diese  systematische  Verhetzung,
  die  es  außerdem  verstand,  die  Vorstellung  zu
erwecken,  als  sei  alles  Deutsche  geistlos,  unkultiviert
und  fühle  sich  trotzdem  gleichberechtigt  mit  französischer
Kultur,  führte  bei  Beginn  des  Krieges  zu  maßlosen
Ausbrüchen  des  Hasses;  in  der  empörenden  Behandlung.
  wehrloser  Deutscher  in  Paris  und  anderen
Städten  begann  sich  jester  Tiefstand  der  Kultur  zu
äußern,  der  in  Völkerrechtsbrüchen,  in  Roheiten  gegen
deutsche  Verwundete,  in  schändlicher  Behandlung  der
Gefangenen  und  in  Unmenschlichkeit  der  Kriegführung
seine  Ergänzung  fand.  Dabei  zeigte  sich  von  französischer
  Seile  eine  völlige  Verständnislosigkeit  deutschen
Wesens  und  deutscher  Kultur:  Barbar=  und  „bochesind
  noch  heute  die  gangbarsten  Bezeichnungen  für
einen  Deutschen.  Der  Franzose  ist  aber  nach  seiner
Ansicht  allein  im  Vollbesitz  aller  Kultur  und  Zivilisation.
  Uns  allen  jedenfalls  hat  der  Krieg  die  Erlennmis
  gebracht,  daß  an  dieser  Kultur  vieles  Phrase
und  Außerlichkeit  ist.

Ein  wichtiger  Bestandteil  derselben  ist  die  Presse,
deren  Macht  und  Einfluß  von  jeher  gerade  in  Frankreich
sehr  stark  war.  Sie  charakterisiert  sich  durch  zweckbewußte
  lügnerische  Verleumdung  und  ist  in  der  Erfindung
  von  Greueltaten  deutscher  Soldaten  und  der
systematischen  Bearbeitung  und  Verhetzung  der  Neutralen
  groß.  Und  wie  andere,  so  belügt  der  Franzose
sich  selbst.  Hartnäckig  hält  der  französische  Geist  fast
ausnahmslos  an  seinen  Illusionen  fest,  und  während
des  Krieges  steht  für  ihn  Deutschland  stets  unmittelbar
  vor  der  Vernichtung  und  Revolution.  Schein  und
innere  Unwahrhaftigkeit  führen  auch  hier  die  Herrschaft,
  und  eine  Massensuggestion  hält  dieses  Gebäude
von  Ansichten  aufrecht,  die  den  realen  Tatsachen  so

anz  widersprechen  und  der  Ausfluß  einer  uns  unvertändlichen
  Kriegspsychose  sind.

Die  Erklärung  für  diesen  Tiefstand  wahrer  Kultur
liegt  darin,  daß  Frankreich  ein  niedergehendes  Land
ist,  dessen  Lebenskraft  allmählich  versiegt.  Am  deutlichsten
  spricht  hier  der  stete  Rückgang  seiner  Bevölkerungszunahme.
  Dieses  Niedergangs  ist  sich  ein  großer
Teil  der  Franzosen  bewußt,  und  es  klingt  aus  seinen
Aufterungen  der  Lüge  und  Roheit  ein  gut  Teil  ohnmächtige
  Wutgegen  das  lebenskräftige,  junge  Nachbarvolk,
  das  auch  in  diesem  letzten  Augenblick  verheißungsvoller
  geschichtlicher  Entwicklung,  wo  ein  ganzes  Gefolge
  von  Mächten  zu  Frankreich  stand,  in  das  Herz
        <pb n="402" />
        816

des  Vaterlandes  einzudringen  vermochte.  Doch  dürfen
  wir  nicht  verkennen,  daß  aus  seinem  Kampfe  trotz
alledem  eine  heroische  Energie  und  der  feste  Wille
sprechen,  keinesfalls  auf  seine  Großmachtstellung  zu
verzichten.  Hatte  Frankreich  das  schon  vor  dem  Kriege
durch  das  Opfer  der  dreijährigen  Dienstzeit  und  durch
seine  systematische  militärische  Jugendvorbereitung
(auf  amtlichem  Wege  und  durch  massenhafte  Gründung
  der  von  der  Regierung  unterstützten  Sociétes
de  préparation  militaire)  bekundet,  so  haben  wir  im
Kriege  selbst  in  ihm  einen  ebenbürtigen  Gegner  gefunden;
  Staat  und  Kultur  der  Franzosen  zeigten
einen  Lebenswillen,  der  anerkannt  werden  muß.

Während  die  Kriegsliteratur  auf  deutscher  Seite
von  Odbiektivität  und  Streben  nach  Selbsterkenntnis
  beherrscht  wird,  bewegen  sich  die  Kriegsschriften
in  Frankreich  in  den  ausgetretenen  Bahnen  des
Deutschenhasfses.  Typisch  ist  das  vom  Comité  catholique
  de  propagation  française  à  T’étranger  herausegebene

  Werl  La  guerre  allemande  et  le  cathoicismec,
  das  eine  Anklageschrift  gegen  Deutschland
sein  will.  In  maßloser  Polemik  und  unter  dünkelhafter
  Selbstverherrlichung  reihen  sich  hier  Unwahrheiten
  und  Vorurteile  in  einer  uns  unverständlichen
Weise  aneinander.

Auch  im  Wirtschaftsleben  hat  der  Krieg  gezeigt,
daß  französische  Kultur  mit  der  deutschen  nicht  Schritt
zu  halten  vermag.  Schon  vor  dem  Kriege  nannte
man  Frankreich  das  „Rentnervolk-  oder  den  =  Weltbankiere,
  d.  h.  das  Volk,  welches  im  Besitz  großen
Kapitals  die  Welt  gegen  gute  Verzinsung  mit  Geld
versorgt  und  selbst  im  behaglichen  Genuß  seiner  Er-%
  leben  kann.  Der  Pievanch  uef  zuliebe  wurde
das  französische  Kapital  in  immer  größeren  Summen
an  Rußland  ausgeliehen  (bis  30  Milliarden),  so  daß
es  jetzt  zu  einem  großen  Teil  auf  dem  schwankenden
Grunde  des  russischen  Staatswesens  ruht.  Mag  nun
auch  die  Berechnung  des  Abgeordneten  Brizon,  der
im  September  1916  in  der  Kammer  den  Verlust  an
schaffendem  Volksvermögen  für  Frankreich  durch  die
deutsche  Besetzung  der  nördlichen  Departements  sowie
  durch  die  Menschenverluste  seit  Kriegsbeginn  auf
320  Milliarden  angab,  nur  ungesähr  das  Richtige
treffen,  so  zeigt  doch  eine  Gegenüberstellung  der  deutschen
  und  französischen  Sparkassen  im  Kriege  sowie
der  beiderseitigen  Kriegsanleihen  die  größere  Kraft
Deutschlands.  Schließlich  kam  Frankreich  ohne  ein
in  vieler  Hinsicht  so  verhängnisvolles  Moratorium
nicht  aus,  und  man  mußte  zugeben,  daß  der  französischen
  Volkswirtschaft  die  Organisation  fehle,  während
  die  deutschen  Darlehnskassen  die  angestrebte  Belebung
  der  gesamten  Volkswirtschaft  in  Deutschland
erreicht  hätten.

Belgien.  Für  Belgien  war  zunächst  bezeichnend
der  wilde  Franktireurkrieg,  den  das  von  seiner  Regierung
  irregeleitete  Volk  gegen  die  Deutschen  führte.
Verhetzung,  jahrelange  französische  Propaganda,
hauptsächlich  aber  Unkenntnis  der  Deutschen  undihres
Staatswesens  sowie  der  wallonische  Volkscharakter
trugen  einen  großen  Teil  der  Schuld,  ohne  daß  jedoch
der  in  den  belgischen  Greueln  zutage  tretende  Tiefstand
  der  Kultur,  besonders  der  unteren  Schichten,  zu
beschönigen  wäre.  Vor  allem  hat  der  Krieg  gezeigt,
was  für  eine  künstliche  Schöpfung  dieser  vielsprachige
Staat  ist,  der  der  Londoner  Konferenz  von  1831  sein
Dasein  verdankt.  Der  Gegensatz  zwischen  den  germanischen
  Flamen  und  den  romanischen  Wallonen  (zu
diesen  sind  auch  die  ihre  germanische  Abkunft  verleug-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

nenden  Franskiljons=  zu  rechnen)  ist  von  neuem  aufelebt,
  und  Bethmann  Hollweg  beleuchtete  den  deutchen
  Standpunkt  in  seiner  Rede  vom  5.  April  1916
mit  den  Worten:  „Deutschland  kann  den  flämischen
Stamm  nicht  wieder  der  Verwelschung  preisgeben.
Es  muß  ihm  eine  seinen  Anlagen  entsprechende  Entwicklung
  auf  der  Grundlage  seiner  niederländischen
Sprache  und  Eigenart  sichern.“  Die  deutsche  Kulturarbeit
  hat  edenfalls  in  Belgien  während  des  Krieges
verheißungsvolle  Anfänge  gemacht.  Der  offene  und
heimliche  Piderstand.  den  die  deutschen  Bestrebungen
besonders  bei  der  Großstadtbevölkerung  fanden,  hat
mit  der  Zeit  sehr  nachgelassen,  und  will  man,  vom
Franktireurkrieg  abgesehen,  das  Wesen  der  Belgier  bezeichnen,
  wie  es  sich  im  Kriege  offenbart  hat,  so  wird.
es  am  schärfsten  beleuchtet  durch  das  Wort  des  verstorbenen
  Generalgouverneurs  v.  Bissing,  der  wiederholt
  sprach  von  der  -Kindlichkeit  des  belgischen  Volkscharakters
  im  guten  und  im  bösen  Sinnet-.
England  hatte  sich  bei  Beginn  des  Krieges  der
Hoffnung  hingegeben,  diesen  ohne  Einsatz  seiner  vollen
  Macht  lediglich  durch  die  Blockierung  Deutschlands
beenden  zu  können.  Wider  Erwarten  mußte  es  seine
anze  Kraft  für  den  Kampf  zu  Lande  einsetzen,  und
ier  zeigte  sich  zunächst  das  große  organisatorische  Geschick
  des  Engländers.  Das  englische  Hilfsheer  wurde
zu  einem  dem  unfrigen  ebenbürtigen  Millionenheere
umgestaltet,  die  technischen  und  militärischen  Errungenschaften
  der  Deutschen  wurden  nachgeahmt,  ausgestaltet
  und  waren  diesen  Eeitweilig  sogar  überlegen;
er  Luftabwehrdienst  in  England  selbst  wurde  mit
Erfolg  vervollkommnet.  Damit  verbinden  sich  die  angeborene
  Zähigkeit  des  Engländers,  die  Energie  und
das  Zielbewußtsein,  mit  denen  er  seinen  Zweck  unter
Aufbietung  aller  Mittel  verfolgt,  ohne  sich  von  dem
einmal  eingeschlagenen  Weg  abbringen  zu  lassen.
In  politischer  Hinsicht  schließlich  zeigt  der  englische
Volkscharakter  ein  großes  Maß  von  Einheitlichkeit
undgeschlossener  politischer  Denkart,  während  die  partikularen
  Honderbestrebungen  unseres  Volkes  noch
heute  viel  schwerer  einen  Gesamtwillen  und  gemeinsamen
  politischen  Geist  der  Nation  zustande  bringen.
Das  Gefühl,  daß  die  Engländer  unsere  germanischen
  Blutsverwandten  seien,  war  bei  uns  —  zu  unserem
  Unheil  —  vor  dem  Kriege  besonders  rege.  Allerdings
  besteht  ihr  Kern  aus  Angelsachsen;  aber  die
verschiedenen  Ablagerungen  von  Völkern,  vor  allem
die  Vermengung  mit  den  keltischen  Ureinwohnern,
ferner  mit  den  Resten  der  Römer  und  mit  den  Normannen,
  die  durch  jahrhundertelange  Vermischung
mit  der  galloromanischen  Bevölkerung  Frankreichs
ihr  germanisches  Gepräge  eingebüßt  hatten,  haben
bor  einen  Typus  nmiit  wesentlich  normannischem  Einchlag
  erzeugt.  Schärfer  als  je  sind  die  unserem  Wesen
  so  ganz  entgegengesetzten  Züge  des  Engländers
im  Kriege  hervorgetreten.  Vor  allem  ist  er  nackter
Realist.  Der  Satz  des  englischen  Philosophen  Jeremy
Bentham:  „Jeder  tue,  was  ihm  selbst  nützlich  ist.  gilt
noch  heute  als  unbedingte  Richtschnur.  Das  erklärt  die
Heucheleien  englischer  Minister  in  ihren  Kriegsreden;
das  rechtfertigt  aber  auch  anderen  Nationen  gegenüber
den  schnödesten  Egoismus,  dessen  Grundsatßz  ist.  alle
Völker  gegeneinander  auszuspielen  und  kleinere  Staaten
  in  den  Dienst  der  englischen  Politik  zu  zwingen

1  Bedeutsam  für  Kultur  und  Charakter  der  Flamen  sind  die
aus  ihren  Kreisen  hervorgegangenen  Kriegsschristen.  Räberes
s.  Fromme,  JDeutsche  Rundschaus,  Dezember  1915,  4145ff.
        <pb n="403" />
        Weitzel:  Kultur  und  Charakter  der  Kriegführenden

oder  in  für  sie  vernichtende  Kriege  zu  verwickeln.  Krieg
ist  für  den  Engländer  Geschäft,  erledigt  mit  List,  Lüge
und  Geld.  Letzteres  gilt  als  absoluter  Wertmesser.
Höberer  Sold  beiert  den  Patriotismus,  besondere
Leistungen  (z.  B.  Rammen  von  Unterseebooten)  werden
  bezahlt;  also  Geld  oder  höchstens  Auffassung  des
Kampfes  als  Sport  statt  freudiger  Hingabe  an  das
Vaterland!  Ein  schwerer  Nachteilin  dieser  Moral  war,
daß  die  englische  Arbeiterschaft  schon  im  ersten  Kriegsjahre
  wiederholt  die  Lage  des  Landes  ausnutzte,  um
durch  Ausstände  Lohnerhöhungen  zu  erlangen.  Denn
für  den  englischen  Arbeiter  ist  der  Krieg  ein  geschäftliches
  Großunternehmen  gewisser  Kapitalklassen,  welches
  ihm  selbst  nur  Opfer  auferlegt.  Er  nützt  also  die
Konjunktur  aus.  Die  Streikstatistik  des  ersten  Kriegejahres
  zeigt  daher  in  Deutschland  10  700  Streikende,
in  England  345000.  Ein  weiterer  Grund  zu  dieser
Haltung  der  englischen  Arbeiter!  liegt  in  der  maßlosen
  Eitelkeit  des  Engländers,  in  der  dünkelhaften
Selbstverständlichkeit,  mit  der  er  sich  als  den  berufenen
  Träger  der  Weltherrschaft  und  der  Zivilisation
ansieht.  Es  erscheint  ihm  ausgeschlossen,  daß  je  ein
anderes  Volk  das  britische  Weltreich  gefährden  könne.
Ergänzt  wird  dies  dadurch,  daß  er  nicht  das  geringste
Verständnis  für  Macht  und  Kultur  anderer  Völker
hat,  die  seiner  Ansicht  nach  vielmehr  nur  dazu  da  sind,
sich  von  England  leiten  zu  lassen.  So  zeigte  sich  England
  auch  unfähig,  unser  Nationalgefühl,  unsere  Organisationskraft
  und  unsere  Parteiverhältnisse  richtig
einzuschätzen.
ie  Gewalt  der  Tatsachen  aber  zwang  den  Engländer
  zum  Umlernen:  Die  allgemeine  Woehrpslicht
wurde  zum  Gesetz  erhoben.  Gewiß  müssen  die  hier
zutage  tretende  Zähigkeit  und  Willenskraft  anerkannt
werden,  doch  ist  das,  was  uns  im  Laufe  eines  Jahrhunderts
  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist,  bei  den
Engländern  heute  noch  etwas  Unorganisches.  Man
hat  ferner  auf  die  seelische  Ungleichwertigkeit  der  beiden
Heere  hingewiesen:  Dort  verbissene  Zähigkeit,  hier  die
Glut  der  Begeisterung  und  der  mit  nerenn  Wesen
und  unserer  geschichtlichen  Entwicklung  unlöslich  verknüpfte
  Gedanke  selbstloser  Hingabe  an  das  Ganze  bis
um  Tode  fürs  Vaterland  als  der  höchsten  Ehre  des
annes.  Dazu  kommt,  daß  die  Wehrpflicht  in  England
  ein  Bruch  mit  dem  bisherigen  englischen  Freiheitsbegriff
  ist,  der  die  Bewegungsfreiheit  des  Bürgers
möglichst  wenig  durch  die  Ansprüche  des  Staates  eingeschränkt
  wissen  will,  und  deshalb  einen  lästigen  Zwang
darstellt.  Das  Wesen  des  Engländers  widerstrebt  also
der  Einordnung  des  einzelnen  in  ein  größeres  Ganzet?.
Jedenfalls  ist  offenbar  geworden,  daß  diese  auf  dem
Individualismus  beruhende  Gesellschaftsverfassung
nicht  imstande  ist,  alle  Kräfte  der  Nation  zu  gesteigertem
  Kampfe  zusammenzufassen.  Dies  kann  nur  die
restlos  organisierte  und  disziplinierte  Gesellschaft.  Diesen
  fortgeschrittenen  Typus  aber  vertritt  Deutschland.
Dem  heißblütig-fanatischen  Franzosen  gegenüber
verleugnet  sich  der  Engländer  ebenfalls  nicht,  und
seine  geistige  Berfassung  zeigt  in  vielen  Stücken  dasselbe
  Bild.  Doch  die  kühle  Sachlichkeit  des  Englän-1

  Vgl.  Lensch,  Die  Weltstellung  Englands  und  die  Galtung
der  englischen  Arbeiterklasse  (2  Preußische  Jahrbüchere  164,  1916,
Heft  II.  S.  237  ff.).

2  Lal.  Treitschke,  Politik  I.  S.  157:  mEs  ist  der  falsche
Freiheitsbegriff,  welcher  nicht  die  Freiheit  im  Staate,  sondern
vom  Staate  sucht.=2

  Ual.  J.  B.  M.  Breslauer,  Der  englische  Buchhandel  auf
dem  Kriegspfad  (?  Sübdeutsche  Monatshefte,  Januar  1916).

317

ders  befähigt  ihn  auch  zu  objektivem  Urteil;  eim  Werk
wie  die  .  German  Culture-  (Untertitel:  The  Contribution
  of  the  Germans  to  Knowledge,  Literature,
  Art,  and  Lifer,  der  Anteil  der  Deutschen  an
Wissenschaft,  Literatur  und  Kunstim  Leben  der  Menschbeit-
  herausgegeben  von  schottischen  und  englischen

elehrten,  konnte  niemals  in  Frankreich  entstehen.
Das  Buch,  das  in  Frankreich  stark  verstimmte,  versucht
  in  jeder  Hinsicht,  unserem  Volke  gerecht  zu  werden.
  Leider  ist  dies  eine  Einzelerscheinung.  Die  Bildung
  der  breiten  Massen  steht  in  beiden  Ländern  auf
einer  Stufe,  die  wir  als  national  beschränkt  bezeichnen
  müssen.

Derlschrankenlose  Egoismus  des  Engländers  zeigt
sich  in  einem  brutalen  Machthunger  und  Herrschaftswillen;
  er  zeigt  sich  aber  auch  darin,  daß  farbige  Hilfsvölker
  aus  allen  Teilen  der  Kolonien  für  England
bluten  müssen.

Die  finanzielle  und  wirtschaftliche  Fundierung
  Englands  hat  sich  im  Kriege  nicht  als  so  trefflich
erwiesen,  wie  die  britische  Regierung  annahm.  Trotz
seines  Riesenvermögens  kam  England  zu  keiner  Festigung
  seiner  Kriegsfinanzen.  Es  behalf  sich  in  erster

inie  mit  Schatzwechseln  und  sonstigen  kurzfristigen
Papieren,  von  denen  es  schon  zahllose  im  Umlauf  hat,
und  borgt  in  Amerika;  anderseits  geht  dem  Lande  als
Bezahlung  für  amerikanische  Munitionslieferungen
ein  grosßer  Teil  seines  Goldbestandes  verloren.  Daher
  ist  seine  Vahlungeb  anz  stark  passiv  gewordent
der  Kurs  des  Pfund-  terling-Wechsels  in  Neuyork  ist
ansehnlich  gefallen,  und  Londons  Bankmonopol  ist
durchbrochen.  Doch  wird  die  Zähigkeit  und  kaufmännische
  Verschlagenheit  des  Engländers  manchen  Nachteil
  auszugleichen  wissen,  und  nach  wie  vor  führt  er
den  Kampf  gegen  den  deutschen  Konkurrenten  mit  allen
Mitteln.  Dem  dienen  die  gegen  neutrale  Kaufleute
angewandten  schwarzen  Listen«  ebenso  wie  die  zur
Bekämpfung  des  Exports  der  Mittelmächte  gegründete
Handelsvereinigung  (#United  Anti-German  Trad-Leaàgue).



Am  klarsten  jedoch  haben  sich  der  Charakter  des
Engländers  und  der  Geist  seiner  Kultur  erwiesen  in
dem  immer  neuen  Bruch  des  Bölkerrechts.  Nie
ist  Benthams  erwähnter  Satz  in  größeremn  Maße  auf
das  Völkerleben  übertragen  worden.  Einige  wenige
Beispiele  seien  angeführt:  Mißbrauch  der  Abzeichen
des  Genfer  Abkommens,  Verwendung  verbotener  Geschosse,
  Flaggenmißbrauch,  Ermordung  von  Unterseebootsmannschaften
  (Baralong-Fall),  Bewaffnung
von  Handelsschiffen,  Verletzung  neutralen  Gebiete.
Auch  die  Bestimmung  des  §  11  der  Kongoakte  von
1884/85,  daß  ein  Krieg  im  Interesse  der  Rassegemeinschaft
  nicht  auf  fremde  Erdteile  übertragen  werden
sollte,  ist  von  England  nicht  eingehalten  worden,  und

erade  England  bet  sich  bemüht,  in  den  deutschen  Koonien
  das  Ansehen  der  Deutschen  durch  systematisch
entwürdigende  Behandlung  derselben  bei  den  Eingebornen
  möglichst  herabzusetzen.

Deutschland.

Der  Krieg  hat  zunächst  erwiesen,  daß  die  Stellung
des  Deutshen  zum  Staate  eine  ganz  andere  ist
als  die  der  romanischen  Völker  oder  gar  Englands.
»Der  einzelne  nichts,  der  Staat  alles!e  Das  ist  der
Satz,  den  der  Krieg  zum  Leitsatz  unseres  Lebens  gemacht
  hat,  und  zwar  —  und  dies  ist  das  von  unseren
Feinden  kaum  ganz  Verstandene  —  als  Ergebnis
        <pb n="404" />
        318

einer  Unterordnung  der  Interessen  und  Persönlichkeit
des  einzelnen  unter  das  große  Ganze.  Wir  sind  also
nicht  bevormundet,  unfrei,  wie  unsere  Feinde  denken,
sondern  wir  widmen  uns,  fußend  auf  dem  Kantschen
  Pflichtbegriff.  dem  Staate  in  freier  Hingabe,
  wahren  dabei  unsere  innere  geistige  Freiheit,
opfern  ihm  aber  ebenso  freudig  unser  Leben.  Unlöslich
  ist  dieser  kategorische  Imperativ  Kants  mit  der
historischen  Entwicklung  unseres  Volkes  verbunden,
mit  der  Erhebung  von  1813,  mit  der  Einführung
der  allgemeinen  Wehrpflicht  und  in  diesem  Kriege
mit  der  Einrichtung  des  vaterländischen  Hilfsdienstes.
Diese  unsere  Fähigkeit  zur  Hingabe  des  Ich  an  einen
höheren  Zweck  ist  schließlich  der  Grund  zu  jener  Einigkeit,
  Opferfreudigkeit  und  Geschlossenheit,  die  unsere
Nation  seit  den  Augusttagen  1914  bewies;  sie  weckte
eine  Fülle  ungeahnter  Kräfte  und  Eigenschaften,  und
klarer  als  je  sehen  wir  in  unserem  Volke  den  Beweis
dafür,  daß  erst  höhere  Sittlichkeit  höhere  kulturelle
Leistungen  schafft.

Betrachten  wir  zunächst  den  Geist  unseres
öffentlichen  Lebens  im  Kriege!  Es  steht  unter
dem  Zeichen  freudiger  Mitwirkung  des  einzelnen,  sei
es  vor  oder  hinter  der  Front;  hierbei  kommt  uns  zustatten,
  daß  unser  Volk  seit  den  Zeiten  des  ehrbaren
mittelalterlichen  Bürgers  ein  wirkliches  Arbeitsvolk
ist,  das  sich  auf  engem  Gebiet  und  mit  sparsamem
Wirtschaften  seine  Lebenswerte  und  Güter  schaffen
mußte,  die  z.  B.  der  Engländer  draußen  in  der  Welt
in  günstiger  gelegenen  Bonen  leichter  und  reichlicher
erntete.  Die  geistige,  moralische  und  körperliche  Schulung
  aber,  die  aus  Schulpflicht  und  Wehrpflicht  flossen,
  schufen  unserem  Volke  den  Geist  der  Ordnung
und  Disziplin,  dessen  Offenbarung  im  Weltkriege
selbst  Ausländer  bewundernd  begrüßten.  Ein  besonderes
  Verdienst  gebührt  hier  der  deutschen  Presse,
die  sich  durch  Einheitlichkeit  der  Gesinnung,  durch
Unterordnung  aller  kleinlichen  Interessen  und  durch
großzügige,  verständnisvolle  Auffassung  der  Zeit  auszeichnete
  und  redlich  dazu  beitrug,  die  in  der  Heimat
nötige  Geduld  und  Disziplin  zu  stärken  und  zu  fördern.
  Nur  auf  solchen  Grundlagen  konnten  wir  das
erreichen,  was  unseren  Feinden  ein  Geheimnis  geblieben
  ist,  die  systematische  Zusammenfassung
  der  aufs  höchste  gesteigerten  Einzelkräfte
  zur  großen  Gesamtleistung.  Diese  unsere
  Besonderheit  ist  also  nicht  eine  neue  Eigenschaft,
sondern,  wie  Naumann  in  seiner  Schrift  es  treffend
ausdrückt,  eine  methodische,  anerzogene  Steigerung
des  Könnens-;  wir  haben  besser  als  andere  Bölker  gelernt,
  »unsere  Arbeit  nach  gemeinsamem  Plane  und
gemeinsamem  Rhythmus  zu  vollziehen.

Während  vor  dem  Kriege  die  deutsche  Arbeiterschaft
  fast  vollständig  der  sozialdemokratischen  Partei
angehörte,  hat  der  Krieg  uns  der  Einheit  des  nationalen
  Denkens  und  Wollens  näher  gebracht.  Das
Staatsbewußtsein  erwies  sich  im  großen  und  ganzen
dem  internationalen  Gedanken  überlegen,  und  das
Empfinden,  daß  dieser  Krieg  ein  uns  ungerecht  aufgezwungener
  sei.  sowie  die  zwingende  Gewalt  des  seelischen
  Erlebnisses  führten  den  Sozialdemokraten  dazu,
seine  Parteiüberzeugungen  in  den  Dienst  des  Vaterlandes
  zu  stellen.

Von  neuem  hat  auch  der  monarchische  Gedanke
seine  Kraft  bewiesen.  Sein  tiefstes  Geheimnis  deutete
Bismarck  einst  an:  Die  deutschen  Fürsten  haben  die

1  „  Mitteleuropaet  (Berl.  1915),  S.  106.

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Gewohnheit,  ihre  Heere  in  den  Krieg  zu  führen  oder
zu  begleiten,  und  infolgedessen  auch  das  Bedürfnis,
auf  dem  Schlachtfeld  und  im  Lazarett  dem  Krieger
in  das  brechende  Auge  sehen  zu  können,  ohne  sich  sagen
  zu  müssen:  Diesen  Krieg  hätte  ich  mit  Ehren  vermeiden
  könnene.  Das  Gefühl  der  Gemeinschaft  mit
ihrem  Volke  und  das  Bewußtsein  der  Verantwortung
erheben  unsere  Fürsten  über  englische  Minister  oder
französische  Präsidenten.

Unüberwindlich  zeigte  sich  deutsche  Art  in  der  Durchbildung
  des  deutschen  Soldaten  zur  Einzelintellienz.

  Militärische  Erziehung  und  hoher  Bildungshan
  unseres  Volkes  sind  daran  in  gleicher  Weise  beteiligt;
  sie  befähigen  den  gut  durck  ebildeten  deutschen
  Soldaten  in  der  Stunde  der  Entscheidung  zu
eigener  Initiative.  Der  Charakter  des  deutschen  Soldaten
  weist  folgende  hervorstechende  Züge  auf:  gutmütig,
  begeistert,  voll  unerschütterlicher  Zuversicht
und  ruhiger  Entschlossenheit,  selbstverleugnend,  nie
ohne  Humor,  weichem  und  religiösem  Empfinden  zugänglich,
  dabei  stets  ein  tiefes  Bildungsstreben  und
das  Bedürfnis,  in  geistiger  Beschäftigung  einen  Ausgleich
  und  Ruhepunkt  zu  suchen  gegen  die  Fülle  äußeren
  Erlebens.  Alle  Enpfindungen  aber  legt  der  deutsche
  Soldat  noch  heute  im  Liede  nieder.  Es  ist  der
unzertrennliche  Begleiter  seiner  Erlebnisse  und  Stimmungen,
  und  es  begesstert  ihn  zu  hehrer  Tat.

Der  Krieg,  der  Sieg  deutscher  Waffen,  ist  nicht
minder  ein  Sieg  deutscher  Wissenschaft.  Die
Durchsetzung  aller  Lebensgebiete  bei  uns  mit  den  Er-Keonissen
  wissenschaftlicher  Arbeit  und  die  geistige

ifferenzierung  des  deutschen  Charakters  haben  sich
glänzend  bewährt  und  auf  allen  Gebieten,  obgleich
wir  von  der  Zufuhr  fremdländischer  Rohstoffe  abgeschnitten
  sind,  dem  Feinde  den  Erfolg  aus  der  Hand
gerungen,  Neben  den  Leistungen  der  Medizin  hanelt

  es  sich  besonders  um  die  der  Chemie.  Vor  allem
ermöglichte  die  deutsche  Wissenschaft  unsere  Unabhängigkeit
  von  ausländischen  Munitionsstoffen;  der
Chilesalpeter  wird  nach  einem  von  Haber  erfundenen
Verfahren  aus  dem  Steickstoff  der  Luft  gewonnen;  für
das  zur  Stahlerzeugung  wichtige  Ferromangan  ist
ein  gleichwertiger  Ersatz  erfunden  worden;  für  Baumwolle
  gelang  es,  aus  dem  Bestand  unserer  Wälder
einen  Zellstoff  herzustellen,  der  billiger  und  geeigneter
ist  zur  Pulverfabrikation;  ebenso  wird  der  Kampfer.
der  zuletzt  synthetisch  unter  Verwendung  amerikanischen
  Terpentinöls  hergestellt  wurde,  jetzt  zu  billigerem
  Preise  künstlich  erzeugt.

Andere  Kulturleistungentreten  dieser  Bewäbrung
  deutscher  Wissenschaft  zur  Seite:  der  Verkehr
des  Handels-Unterseebootes  =  Deutschland,  die  Vollendung
  der  deutschen  Bahnbauten  in  der  Türkteit,
die  Wiedereröffnung  der  Universität  Gent  als  flämischer
  Hochschule  und  die  Neuerrichtung  einer  Universität
  und  technischen  Hochschule  in  Warschau,  die
im  Verein  mit  den  Verbündeten  geordnete  Denkmalund
  Kunstpflege  in  den  besetzten  Gebieten  (Kriegstagung
  für  Denkmalpflege  in  Brüssel  im  August
1915).  Schließlich  sei  an  dieser  Stelle  der  deutschen
  Gefangenenlager  gedacht;  die  Reinlichkeit  und
Ordnung,  die  humane  Behandlung  und  das  mensch-1

  Vgl.  R.  Hennig,  Die  deutschen  Bahnbauten  in  der  Tüxkei
  (Leipz.  1915).

2  Eine  Zusammenstellung  neuer  Kulturunternehmungen  wötrend
  des  Krieges  innerhalb  der  deutschen  Einzelstaaten  sowie  in
den  besetzten  Gebleten  gibt  W.  Goet,  Deutschlands  geistiges
Leben  im  Weltkrieg  (Gotha  1916),  S.  22—80.
        <pb n="405" />
        Weitzel:  Kultur  und  Charakter  der  Kriegführenden

liche  Verständnis,  das  hier  obwaltet  und  für
geistige  Unterhaltung  der  Gefangenen  durch  Bibliotheken,
  für  ihre  religiösen  Bedürfnisse  durch  Anlage
eigener  Bethäuser  sorgt,  alles  sind  Dokumente  deutscher
  Kultur.

Unser  geistiges  Leben  hat  im  Weltkriege  nichts
von  seiner  Regsamkeit  und  seinem  Reichtum  eingebüßt.
Das  wissenschaftliche  Leben  an  den  deutschen  Hochschulen
  geht  seine  Bahnen  weiter;  eine  reichhaltige
akademische  Kriegsliteratur,  unter  der  die  Sammelschriften,
  die  von  den  einzelnen  Universitäten  als
Grüße  an  ihre  im  Felde  stehenden  Studenten  versandt
werden,  einen  besonderen  Platz  einnehmen,  beweist
das  tiefe  Bemühen,  unsere  Zeit  zu  verstehen.  Aber
auch  deutsches  Wesen  und  deutsche  Kultur  durchforschten
  wir  in  ehrlicher  Selbstbesinnung  und  Selbstlrüti,
obgleich  sich  Staat  und  Gesellschaft  bei  uns  keineswegs
  unfähig  gezeigt  hatten;  wir  wollten  Wahres  und
Falsches,  Echtes  und  Unechtes  scheiden  und  daraus
den  Boden  gewinnen  zu  einer  Erneuerung  deutschen
Lebens  nach  dem  Kriege,  wahriich  das  -Zeichen  einer
schöpferischen  Kraft,  die  sich  in  allen  ihren  Möglichkeiten
  prüft  und  sich  die  höchsten  Ziele  für  die  Zukunft
  steckt!.  Neue  Zeitungen  und  Zeitschriften  entstanden
  sowohl  im  Reiche  selbst  als  auch  in  den  eroberten
  Gebieten.  Die  massenhaft  abgehaltenen  Vorträge
  und  Kurse  zum  Verständnis  des  Krieges  sowie
  der  Eifer  der  verschiedensten  Kreise,  sich  türkische
oder  bulgarische  Sprachkenntnisse  anzueignen,  beweisen
  unseren  t-  Drang  nach  geistiger

Nutzbarmachung  der  Zeit.  Die  vor  allem  in  den
ersten  Kriegsmonaten  sehr  umfangreiche  Kriegsdichtung
  zeugt  davon,  wie  die  Wendung  der  Geschicke  unserem
  Volke  zum  Erlebnis  geworden  ist  und  das  Nationalbewußtsein
  mit  einer  an  den  Geist  der  Freieitskriege

  erinnernden  Kraft  alle  Schichten  durchrömt.

  Bezeichnend  für  unsere  Kultur  und  unseren

Üdungswert  ist,  daß  gerade  aus  dem  Arbeiterstande
  eine  Reihe  von  Dichtern  hervorging,  die  mit
tiefem  sittlichen  Ernst  eigenes  Erleben  Unstlerisch  zu
sormen  wußtens?.

Der  -Geist  von  1914-,  wie  man  ihn  kurz  genannt
hat,  jene  Einigkeit,  Opferfreudigkeit  und  Begeisterung
der  ersten  Kriegsmonate,  begann  im  Laufe  der  Zeit
allerdings  zu  schwinden  und  zeitweise  sogar  einer  starken
  Verdrossenheit  Platz  zu  machen.  Die  Gründe  lagen
  nicht  nur  in  der  ungeahnt  langen  Dauer  des  Krieges
  und  den  schweren  Opfern,  die  er  forderte,  sondern
vor  allem  in  derübermäßigen  Verteuerung  der  gesamten
  Lebenshaltung,  in  den  Schwierigkeiten  der  Nahrungsmittelversorgung.
  in  dem  daraus  hervorgehenden
  wirtschaftlichen  Kleinkrieg  und  in  dem  überall  zuaase
  tretenden,  von  der  Regierung  mit  wenig  Erfolg
bekämpften  Kriegswucher.  Inr  Gegensatz  zu  den  großen
  Erfolgen  unserer  militärischen  gas#kation  wies
die  der  Nahrungsmittelversorgung  schwere  Mängel
auf,  und  manche  ungeeignete  Maßnahme  trug  Erbitterung
  in  alle  Volkskreise;  doch  erwiesen  sich  die  -Imponderabilien-,
  die  unwägbaren  Kräfte,  in  unserem
Volk  als  stark  genug,  um  den  Siegeswillen  und  den
Willen  zum  Durchhalten  nicht  schwinden  zu  lassen.

Die  gesunden  Grundlagen  der  deutschen  Volks-1

  Bgl.  W.  Goet  a.  a.  O.,  S.  46.  Daselbst  finden  sich  auch
eine  ausführlichere  Würdigung  und  eine  Stattstik  der  deutschen
Kriegeliteratur  (S.  43,  49).

2  Val.  A.  Mello,  Die  Kriegslyrik  der  deutschen  Arbeiter
(Grenzbotene  1916,  Nr.  20,  S.  217  f.).

319

wirtschaftt  haben  sich  im  Kriege  glänzend  offenbart.
Es  gelang  unserem  Reiche,  das  bis  dahin  mitten  in
der  Weltwirtschaft  gestanden  hatte,  sich  mit  wunderbarer
  Elastizität  aus  dieser  loszulösen  und  sich  zu
einem  neuen  Gebilde  umzuschalten.  Unsere  Anpaslungsfährhten
  und  Organisationskraft  aber  ermöglichte
  die  Umbildung  aller  Arten  von  Industriezweien

  zur  Sicherstellung  der  Bedürfnisse  des  Heeres.

in  ähnliches  Bild  in  der  Landwirtschaft:  Trotz  steigenden
  Leutemangels  regelmäßige  Bestellung  der
Felder,  das  größte  Verdienst  der  deutschen  Frauen.
In  finanzieller  Hinsicht  kamen  wir  ohne  Moratorium
aus,  und  die  Kriegsanleihen  führen  regelmäßig  dem
Staate  die  nötigen  Milliarden  zu;  denn  fast  alles,
was  wir  an  finanziellen  Kräften  zazen.  bleibt  im  Inland,
  so  daß  unsere  Kriegswirtschaft  auf  dem  Kreislaufe
  des  Geldes  beruht.  Die  eingezahlte  Anleihe
strömt  als  Bezahlung  für  Heereslieferung  allmählich
wieder  in  die  Volkswirtschaft  zurück,  so  daß  dem
Staate  stets  wieder  neue  Mittel  zur  Verfügung  gestellt
werden  können.

Ansere  Hundesgenossen.

Osterreich-Ungarn  ist  kein  Nationalstaat  (d.  h.  ein
Staat,  in  dem  sich  die  Begriffe  Nation  und  Staat
nahezu  decken),  sondern  —  wie  Rußland  und  die
Türkei  —  ein  Völkerschaftsstaat  (d.  h.  ein  Staat,
in  dem  nicht  eine  einzelne  Nation  die  überwiegende
Mehrheit  der  Bevölkerung  ausmacht),  in  dem  Deutsche,
  Tschechen,  Magyaren,  Polen,  Ruthenen,  Slowenen,
  Slowaken,  Rumänen,  Italiener,  Kroaten  und
Serben  gleichberechtigt  nebeneinanderwohnen.  Dabei
  bilden  die  Deutschen  die  relative,  freilich  schwache
Mehrheit,  kein  anderes  Volk  ist  stärker  als  sie.  Sie
tellen  das  Band  dar,  das  alle  zusammenhält,  da  sie

as  einzige  Volk  der  Monarchie  sind,  das  in  allen
Kronländern  nennenswert  vertreten  ist.  So  ungün-2
  dies  für  ihre  politische  Zusammenfassung  ist,  so
ehr  wird  dadurch  die  deutsche  Sprache  begünstigt
als  allgemeines  Verständigungsmittel  aller  Kreise,  ja
der  nichtdeutschen  Völker  untereinander.  Der  Streit
der  Nationalitäten,  besonders  der  Kampf  der  Nichtdeutschen
  gegen  die  Deutschen,  gab  Osterreich  vor  dem
Kriege  sein  Gepräge  und  lähmte  seine  Kraft.  In  der
ganzen  Welt  zog  man  daher  sehr  ungünstige  Schlüsse
betreffs  der  Bestandesfestigkeit  dieses  Reiches;  ja  unsere
  Feinde  sagten  den  völligen  Zerfall  Osterreichs
voraus  und  ließen  sich  dadurch  zweifellos  mit  zu  ihren
kriegerischen  Entschlüssen  bestimmen.

Schon  der  August  des  Jahres  1914  bewies  aber,
daß  die  bisherigen  inneren  Kämpfe  nicht  schlechtweg
Zeichen  des  Verfalls  gewesen  waren;  er  bewies  die
Gesundheit  des  Staatskörpers  und  zeigte,  daß
seine  Teile  doch  noch  die  Fähigkeit  zu  einheitlichem
Zusammenwirken  besaßen.  So  wurde  der  Krieg,  der
zum  erstenmal  ein  Volkskrieg  für  Osterreich  ist,  da
hier  zum  erstenmal  die  Massen  ins  Feld  zogen,  gerade
  für  dieses  Land  ein  Erlebnis.  Auch  die  Kriegsdichtung
  spiegelte  diesen  Sieg  des  gesamtstaatlichen
Gedankens  wider.  Neben  soldatischer  Begeisterung
(Zuckermanns  Osterreichisches  Reiterlied),  neben
dem  Ausdruck  des  Einigkeitsgefühls  mit  den  Verbündeten
  begrüßten  Dichter  wie  Herman  Kienzl  und  Richard
  Schaukal  Osterreichs  Wiedergeburt  mit  begeisterten
  Worten.

1  Vgl.  D.  Trietsch,  Deutschland.  Tatsachen  und  Ziffern
(Mönch.  1916).
        <pb n="406" />
        320

In  diesem  Siege  der  Einheit  offenbarte  sich  vor
allem  die  Macht  des  geschichtlich  Gewordenen,  die  in
der  Stunde  der  Not  den  Zerfall  verhinderte;  letzten
Endes  bewährten  sich  hier  aber  auch  die  Reste  des  vielgeschmähten
  Zentralismus.  Als  ein  weiteres  starkes
Bindeglied  der  auseinanderstrebenden  Teile  erwies
sich  das  Deutschtum,  welches  der  Kultur  des  Landes
doch  immer  das  Merkmal  gegeben  hatte  und  sich  rühmen
  darf,  stets  das  Gesamtinteresse  des  Reiches  vertreten
  zu  haben.  Schließlich  bewahrheitete  sich  auch
Bismarcks  Prophezeiung:  Steigt  Kaiser  Franz  Joseph
  aufs  Pferd,  so  folgen  ihm  seine  Völker  nach!:  Das
dynastische  Gefühl  des  Osterreichers,  die  durch  Jahrhunderte
  hindurch  ihm  eingepflanzte  Anhänglichkeit
an  das  Haus  Habsburg,  wurde  ein  mächtiger  Faktor,
die  heterogenen  Elemente  zum  gemeinsamen  Kampfe
zu  verbinden.  Gerade  dieses  Moment  war  vom  Auslande
  zu  gering  eingeschätzt  worden,  und  es  mußte  die
Erkenntnis  gewinnen,  daß  in  ÖOsterreich  die  Krone  im
Verein  mit  den  auf  die  staatliche  Existenz  angewiesenen
nationalen,  wirtschaftlichen  und  sozialen  Kräften  aller
Nationalitäten  der  stärkste  politische  Faktor  ist.

In  militärischer  und  wirtschaftlicher  Hinsicht
  zeigte  sich  Osterreich  im  allgemeinen  seinen  Auf.-gaben
  gewachsen.  Anfängliche  Mängel,  die  besonders
in  der  militärischen  Organisation  hervortraten,  wurden
  beseitigt,  und  man  lehnte  sich  dabei  fast  stets  an
deutsche  Einrichtungen  und  Maßnahmen  an,  die  zum
Beispiel  auch  in  der  Aufbringung  der  Kriegskosten,
in  der  Rohstoffversorgung  und  in  der  Befriedigung
des  Heeresbedarfs  als  Vorbild  dienten.  Große  Schwierigkeiten
  machte  die  Sicherung  einer  ausreichenden
Ernährung  der  Bevölkerung.  zumal  Galizien  und  die
Bukowina,  zwei  vor  allem  Fleisch  und  Eier  erzeugende
Gebiete.  lange  vom  Feinde  besetzt  und  teilweise  verwüstet
  waren;  erst  sehr  spät  entschloß  man  sich  zu  einer
strafferen  Ernährungspolitik.  Trotz  der  Mängel  der
inneren  Verwaltungsorganisation  und  trotz  der  zahllosen
  politischen  GOemmungen,  die  der  wirtschaftlichen
Entfaltung  in  Osterreich-Ungarn  immer  wieder  in  den
Weg  treten,  erwies  sich  die  Volkswirtschaft  stärker,  als
man  vor  dem  Kriege  geglaubt  hatte.  Die  Kriegsanleihen
  hatten  einen  ähnlichen  Erfolg  wie  in  Deutschland;
  die  Industrie  zeigte  sich  auch  hier  den  steigenden
Anforderungen  gewachsen,  und  wenn  auch  bei  Beginn
  des  Krieges  ein  Moratorium  erlassen  werden
mußte,  gelang  es,  dieses  im  Laufe  des  ersten  Jahres
allmählich  abzubauen  und  bald  normale  Zahlungsverhältnisse
  wiederherzustellen.

Nun  deutete  aber  schon  der  Verrat  tschechischer  Truppenteile
  in  den  ersten  Abschnitten  des  Krieges  an,  daß
der  Zusammenschluß  Osterreichs  nicht  gleichbedeutend
war  mit  einer  inneren  geistigen  Einheit  und  daß  sich
die  Nationen  nicht  innerlich  gefunden  hatten.  Die
Not  hatte  sie  zusammengeführt,  innerlich  aber  waren
sie  sich  fremd  geblieben,  und  der  in  der  Dynastie  verkörperte
  Reichsgedanke  war  wohl  in  der  Stunde  der
Gefahr  lebendig  geworden,  hatte  sich  dann  aber  nicht
als  dauerndes  Gemeingut  erwiesen.  Der  Tod  Kaiser
Franz  Josephs  leitete  eine  Zeit  neuer  innerer  Unruhe
  ein,  vor  der  Hermann  Bahrs  Wort  vom  vösterreichischen
  Wundere  nicht  mehr  bestehen  konnte.

Die  Frage  der  Sonderstellung  Galiziens  (vgl.
den  Beitrag  von  Seeliger,  Galizien  und  das  polnische
  Problem,  S.  26  ff.)  war  es,  durch  die  das  Problem
des  innerstaatlichen  Aufbaues  der  Monarchie  aufgerollt
  und  die  der  äußere  Anlaß  wurde,  daß  Zwietracht
  und  Partikularismus  trotz  dem  Kriege  von

IV.  Kultur  und  Geistesleben

neuem  im  Innern  ihr  Haupt  erhoben.  Die  Schwierigkeiten
  lagen  einerseits  in  der  Frage,  ob  ein  Machtspruch
  der  Krone  oder  der  verfassungsmäßige  Weg
die  Regelung  bringen  sollte,  anderseits  darin,  daß
man  sich  über  die  wirtschaftliche  Seite  dieser  Sonderstellung
  nicht  einigen  konnte;  ja  ein  Teil  der  Polen
biett  überhaupt  die  geplante  Lösung  im  Sinne  einer

loßen  Sonderstellung  im  Rahmen  der  Monarchie
nicht  für  ausreichend.

Die  galizische  Frage  brachte  ganz  von  selbst  das
Nationalitätenproblem  in  Fluß,  das  jetzt  aber
nicht  Deulsche  und  Tschechen  allein,  sondern  die  Gesamtheit
  der  Nation  berührte.  Die  Schärfe  der  Gegensätze
  erhellt  schon  aus  den  Forderungen  der  Deutschen
und  Tschechen.  Jene  verlangen  den  Einheitsstaat;  sie
sind  der  Ansicht,  daß  nur  die  Führung  durch  das
Deutschtum,  die  Sicherung  seiner  Stellung  und  die
Vereinheitlichung  des  Staates,  deren  Symbol  die
deutsche  Staatssprache  ist.  diesem  wirkliche  Leistungsfähigkeit
  verbürgt.  Die  Tschechen  fordern  den  föderalistischen
  Staat  und  die  Errichtung  eines  Königreichs
  Böhmen,  bestehend  aus  den  Kronländern  Böhmen,
  Mähren  und  Schlesien  und  regiert  von  einem
gekrönten  böhmischen  König  im  Verein  mit  dem  Generallandtag.
  Auch  der  Ruf  nach  der  demokratischen
Republik  wurde  aus  ihren  Reihen  laut.  Jedenfalls
unterstützen  die  Slawen  Osterreichs  den  Wunsch  der
Entente,  den  österreichischen  Staat  zu  zerreißen  und
in  ein  Bündel  selbständiger  Nationalstaaten  aufzulösen.
  Dabei  wird  —  ebenfalls  nach  der  Losung  der
Entente  —  die  sogenannte  Freiheit  der  Völker  in  den
Vordergrund  geschoben,  indem  man  das  Recht  der
Selbstbestimmung  ohne  weiteres  dem  Rechte  auf  staatliche
  Selbständigkeit  gleichsetzt.

Die  Gegensätze,  welche  die  Regierung  des  neuen  Kaisers
  und  vor  allem  auch  die  Tätigkeit  des  seit  Kriegsbeginn
  zum  erstenmal  wiederberufenen  Reichsrates
lähmten,  führten  von  selbst  zu  dem  Versuch  umfassender
  staatlich-nationaler  und  wirtschaftlich-sozialer
  Reformen,  welche  der  Weg
8  einem  neuen  Österreich  werden  und  die  dauernden

rundlagen  eines  gesunden  Staatslebens  und  einer
einheitlichen  Kraftentfaltung  der  Monarchie  nach
außen  gewährleisten  sollten.  Die  Hauptpunkte  der
beabsichtigten  Neuordnung  wurden  Sprachenrecht
und  Staatsrecht,  nationale  Abgrenzung  in  Böhmen,
Regelung  der  Sonderstellung  Galiziens,  Schaffung
eines  dauernd  arbeitsfähigen  Reichsrats,  eine  die
Schule  dem  Einfluß  der  National-  und  Parteibestrebungen
  entziehende  Verstaatlichung.  Dabei  erwies
sich  aber  der  Widerstand  der  Tschechen  als  besonders
stark,  und  nachdem  man  sich  vergeblich  bemüht  hatte,
diesen  unter  anderem  durch  Umbildung  des  Ministeriums
  und  Aufnahme  von  Vertretern  der  verschiedenen
  Nationalitäten  in  das  Kabinett  zu  brechen.  versuchte
  Kaiser  Karl  die  widerstrebenden  Elemente  durch
Milde  und  Hochherzigkeit  für  den  Staatsgedanken  zu
gewinnen.  Durch  einen  Amnestieerlaß  hob  er  in  Gnaden
  alle  Strafen  auf,  die  ween  Hochverrats  und
Majestätsbeleidigung,  wegen  Aufstands  und  Aufruhrs
  verhängt  worden  waren,  gab  die  Bestraften  der
Freiheit  zurück  und  ließ  alle  wegen  dieser  Vergehen
schwebenden  Prozesse  niederschlagen.  Die  Zukunft
wird  lehren,  ob  dieses  Mittel  zum  Ziele  führt.  Jedenfalls
  war  diese  gefährliche  Nachgiebigkeit  wohl  der
einzige  Weg,  die  einheitliche  Stimmung  der  Völker,
die  durch  die  lange  Kriegszeit  auf  eine  schwere  Probe
gestellt  wurde,  aufrechtzuerhalten.
        <pb n="407" />
        Weitzel:  Kultur  und  Charakter  der  Kriegführenden

Dooalledem  steht  zu  hoffen,  daß  früher  oder  später
  die  Wege  zu  einem  neuen  Osterreich  gefunden  werden,
  daß  das  Reich  den  Ruf  der  Indolenz,  Programmlosigkeit
  und  verpaßten  Gelegenheiten,  wie  man  es
nüchtern  charakterisiert  hat,  zunichte  macht  und  daß
sich  der  Krieg  auch  hier  als  Schöpfer  und  Erhalter
staatlichen  Lebens  erweise.  Freilich  nur  aus  Kampf
heraus  wird  hier  neues  Leben  geboren  werden.

Voraussetzung  des  Völkerfriedens  und  des  staatlichen
  Gedeihens  aber  ist  neben  der  Demokratisierung
der  Verfassung  eine  nationale  Autonomie,  die
den  Nationalitäten  Bewegungsfreiheit  und  Rechte  in
wohlerwogener  gegenseitiger  Abwägung  gewährt  ferner
  die  Führung  des  Völkerbundes  durch  das  zahlenmäßig
  und  kulturell  stärkste  Volk,  die  Deutschen,  als
primus  inter  pares,  als  erstes  unter  gleichberechtigten,
sowie  die  Herrschaft  der  deutschen  Sprache,  die  allein
den  nötigen  inneren  Zusammenhalt  gewährleisten
kann.  Eine  weitere  Voraussetzung  ist,  daß  das  Bewußtsein,
  ein  Teil  des  mit  deutsch  gearteter  Kultur
erfüllten  Mitteleuropas  zu  sein,  mehr  und  mehr  alle
Teile  der  Monarchi:  durchdringt.  Die  Idee,  daß
OÖsterreich-Ungarn  als  Vertreter  und  Förderer  dieser
Kultur  dazu  bestimmt  ist.  ein  Bollwerk  gegen  den  angriffslustigen
  Osten  zu  sein,  muß  ein  weiteres  Binde.
glied  der  Völkergemeinschaft  werden.  Auf  solchen
Grundlagen  wird  Osterreich  befähigt  sein,  seiner  europäischen
  Aufgabe  gerecht  zu  werden,  nämlich  im  Verein
  mit  Deutschland  Kultur  nach  dem  Orient  zu  tragen
  und  zwischen  dem  Morgen-  und  dem  Abendlande
wirtschaftlich  sowohl  wie  geistig  zu  vermitteln.

Türkei.  Die  Türkei,  die  vor  dem  Kriege  als  unter
der  Vormundschaft  Europas  stehend  angesehen  wurde
und  unseren  Feinden  als  unerschöpfliche  Quelle  ihrer
Machtvergrößerung  galt,  hat  bewiesen,  daß  größere
Kräfte  in  ihr  ruhen,  als  man  annahm.  Die  jungtürkische
  Reformbewegung  war  das  bedeutsamste
Kennzeichen  eines  erwachenden  Nationalismus  gewesen.
  Zur  Zeit  des  Balkankriegs,  der  im  allgemeinen
mit  Teilnahmlosigkeit  und  Unlust  verfolgt  wurde,
war  der  einheitliche  Geist  einer  in  ihren  Tiefen  erregten
  Nation  noch  nicht  erwacht.  Inzwischen  setzten
deutsche  Organisatoren  rastlos  ihre  Tätigkeit  fort.  Da
kam  der  Weltkrieg.  Die  Türkei,  die  in  Deutschland
den  uneigennützigen  Freund  und  Förderer  erkannt
hatte,  trat  auf  unsere  Seite,  und  der  Sultan  proklamierte
  den  „Dschihad  den  heiligen  Krieg  (val.  S.
71ff.).  Die  alten  Tugenden  des  türkischen  Soldaten,
Tapferkeit,  Zähigkeit,  Bedürfnislosigkeit,  bewährten
sich  glänzend,  besonders  an  den  Dardanellen  und  in
Rumänien.  Trogt  unserer  organisatorischen  Verdienste
aber  blieb  das  Letzte  und  Größte  doch  das  Sigentum
des  Volkes  selbst  und  seiner  Führer,  der  Entschluß,  im
richtigen  Augenblicke  das  Ganze  einzusetzen  zu  einem
Kampfe  auf  Leben  und  Tod.  Und  in  dem  MWillen,
sich  seine  Selbständigkeit  und  Handlungsfreiheit  unter
den  Mächten  an  unserer  Seite  zu  erkämpfen,  hat  sich
das  Türkenvolk  trotz  seiner  innerlichen,  an  öslerreichische
  Verhältnisse  erinnernden  Verschiedenheiten  von
gleichem  Willen  und  Gedanken  beseelt  gezeigt.

Die  Türkei  schloß  im  Verlauf  des  Krieges  mit  uns
Verträge  auf  der  Grundlage  völliger  Gleichberechtigung
  beider  Teile.  Die  verhaßten  Kapitulationen,  die
den  Europäern  einst  Steuerfreiheit  gaben  und  Zollerhöhungen
  von  der  Zustimmung  der  Vertragsmächte
  —  natürlich  nur  gegen  wirtschaftliche  oder
politische  Konzessionen  —  abhängig  machten,  sind  beseitigt,
  und  für  deutsche  Kulturarbeit  hat  sich  ein  rei-Der

  Krieg  19014/17.  II.“

321

ches  Feld  der  Betätigung  aufgetan.  Verharrt  doch  der
Kern  des  Volkes,  der  anatolische  Bauer,  noch  auf  bescheidener
  Kulturstufe,  so  daß  sich  hier  der  Volksbildung
nach  deutschem  Muster  ein  reiches  Arbeitsgebiet  erschließt.
  Rastlose  Förderung  des  Ackerbaues  wird  dem
zum  Agrarstaat  geschaffenen  Lande  neue  Einnahmen
erschließen  und  das  Finanzsystem  gesunden  Grundlagen
  zuführen;  die  industrielle  Ausbeute  der  Bodenerzeugnisse
  (besonders  Petroleum  und  Mineralien)
wird  damit  Hand  in  Hand  gehen,  und  neue  Bahnbauten
  werden  ebenfalls  die  Einnahmen  steigern,
den  politischen  Zusammenhalt  des  Reiches  fördern
und  die  Verwaltung  vereinheitlichen.

Bulgarien.  Die  Bulgaren  haben  sich  als  ein  Volk
tarker  Individualität  erwiesen,  als  ein  Volk  von  urprünglicher
  Kraft,  Zucht  und  gesunden  Lebensformen,

als  das  Balkanvolk,  welches  seine  geistige  und  politische
  Selbständigkeit  am  besten  zu  wahren  verstand.
Rumänien  dagegen  steht  kulturell  heute  ganz  unter
französischem  Einfluß,  den  Gesellschaft  und  öffentliches
Leben  nirgends  verleugnen.  Auch  die  Moral  hat  sich
dem  untergeordnet  und  eine  politische  Korruption  hervorgerufen,
  die  sich  ausländischer  Bestechung  nur
allzu  zugänglich  erwies.  Ahnlich  ist  Serbien  politisch
  und  geistig  ganz  von  Rußland  abhängig.  Seine
zügellose  Kroßsebu  Propaganda  grub  dem  Staate
und  allen  großserbischen  Plänen  das  Grab.  Die  geistige
  Selbständigkeit  der  Bulgaren  beruht  zu  einem
großen  Teile  auf  dem  trefflichen  Bildungswesen,  das
ystematisch  von  einer  guten  Volksschule  aus  ausge.
baut  wurde.  Auf  dieser  Grundlage  ist  der  rasche  politische
  und  kulturelle  Aufstieg  in  der  zweiten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  erklärlich.  Er  beweist  auch,
welche  geistige  Kraft  und  Elastizität  dieses  Volk  besitzt.
  In  klarer  Erkenntnis  seiner  Lage  und  Ziele,
auf  dem  Boden  der  Tatsachen  stehend  und  nicht  von
blindem  Haß  geleitet,  in  klarer  Erkenntnis  schließlich,
daß  sein  ehemaliger  Verbündeter  Rußland  ihm  nur
Abhängigkeit  gebracht  hätte,  während  wir  Gleichberechtigung
  bringen,  so  hat  dieses  jugendfrische,  aufstrebende
  Voll  den  Anschluß  an  den  germanischen
Kulturkreis  gesucht.  Sein  zielbewußtes  Ringen  nach
nationaler  Vreinigun  aller  bulgarischen  Bewohner
des  Balkans  in  einem  Staatswesen  wird  von  Erfolg
gekrönt  sein,  und  der  bulgarische  Soldat,  dessen  Angriffslust,
  Bedürfnislosigkeit  und  Ausdauer  so  manchen
  Erfolg  davontrugen,  wird  mit  uns  als  Sieger
heimkehren  zu  gemeinsamer  Kulturarbeit.

Bußland,  Italien,  Japan.

Rußland.  Zur  rechten  Würdigung  russischer
Kultur  und  russischen  Charakters  ist  zu  bedenken,
  daß  das  russische  Volk  kein  reines  Slawenvolk
ist,  sondern  jahrhundertelang  von  asiatischen  Völkerschaften
  überschwemmt  wurde  und  daher  als  halbmongolisch
  bezeichnet  werden  muß.  Westeuropäische
Kultur  aber  ist  noch  heute  dem  Russen  nichts  Wesensverwandtes
  geworden,  sondern  etwas  Außerliches  geblieben,
  ganz  abgesehen  davon,  daß  nur  die  oberen
Kreise  an  ihr  teilhaben.

Ein  Grundzug  der  russischen  Entwicklung  ist,  daß
Fragen  innerer  Kultur  stets  zurücktreten  musßtten
pinter  Eroberungoplänen:  auch  der  Beginn  des  Weltrieges

  erwies,  daß  Eroberungssucht  das  stärkste
Motiv  für  Rußlands  Handeln  war.  Angeblich  aber
sind  seine  Beweggründe  edel,  und  es  erfüllt  eine  ihm
von  Gott  gegebene  Mission;  es  wird  als  das  von  Gott
auserwählte  Volk  die  Slawen  unter  seiner  Führung

21
        <pb n="408" />
        322

einen  und  die  östliche  christliche  Kirche  mit  dem  Mittelpunkt
  in  Konstantinopel  wiederherstellen;  damit  dient
es  aber  der  Menschheit  und  der  Zivilisation.  Jedenfalls
  zeigt  diese  russische  Anschauung  eine  der  ganzen
russischen  Kultur  charakteristische  enge  Verbindung  der
staatlichen  und  kirchlichen  Ziele.

Es  ist  schwer,  von  einer  rufsischen  Kultur  im  geistigen
  Sinne  zu  sprechen,  denn  das  Volk,  auf  dem  sie
ruhen  müßte,  ist  ungebildet  und  das  Opfer  geistiger
Ertötung  durch  den  Zarismus.  Hervorstechende  Charakterzüge
  sind  vor  allem  Phlegma  und  Fähigkeit
zum  Dulden  und  Ertragen;  es  fehlen  Pflicht=  und
Ehrgefühl,  Organisationskraft,  Trieb  zum  Schaffen
und  Sinn  für  alles,  was  uns  vorwärts  treibt:  Bewährung
  sittlicher  Tüchtigkeit,  Wetteifer  der  Geister,
Heldentum.  Ordnung  und  Disziplin.  So  hat  sich  auch
der  russische  Soldat  gezeigt.  Er  isttapfer;  Niederlagen
drücken  ihn  bei  seiner  geistigen  Unbeweglichkeit  nicht;
er  ist  ein  furchtbarer  Gegner,  solange  es  auf  Massenwirkung
  ankommt:  doch  versagt  er.  wenn  er  führerlos
  ist  und  seine  Einzelintelligenz  beansprucht  wird.

Das  Wichtigste  aber  wurdeder  systematisch  geschürte
Deutschenhaß,  der  diesen  Krieg  geradezu  volkstümlich
  gemacht  hat  und  immer  wieder  den  Willen

um  Kampf  und  zum  Durchhalten  aufpeitschte.  Deutschenhaß
  und  asiatische  Barbarei  offenbarten  sich  schon
vor  Beginn  des  Kampfes  in  der  Zerstörung  des  deutschen
  Botschaftsgebäudes  und  der  Ermordung  eines
Mitglieds  der  Botschaft,  ferner  in  der  Behandlung
der  deutschen  Konsuln,  die  monatelang  in  verseuchten
Gefängnissen  unter  schmählicher  Verpflegung  wie
Verbrecher  herumgeschleppt  wurden!.  Das  Grauenhafteste
  aber  waren  die  Verwüstungen  und  Greuel  in
Ostpreußen;  Zerstörungswut  und  fanatischer  Haß
gegen  das  germanische  Herrenvolk,  gegen  seine  Ordnung
  und  seinen  Wohlstand  sowie  die  ungezügelten
Instinkte  der  in  den  Niederungen  des  Lebens  heimischen
  Menschenmassen  brachen  sich  hier  Bahn.  Es
war,  als  ob  diese  Rache  nehmen  wollten  an  einer  Kultur,
  die  ihnen  verhaßt  ist,  weil  sie  keinen  Anteil  an  ihr
haben.  24  Städte,  600  Dörfer  und  300  Güter  wurden
  zerstört.  34000  Gebäude  ausgeplündert,  11800
Personen  verschleppt.  Und  wie  Gesetzgebung  und
Verwaltung  wetteiferten,  die  im  Völkerrecht  niedergelegten
  Güter  der  Kulturwelt  zu  vernichten  und  damit
ihrem  ungehemmten  Haß  freien  Lauf  zu  lassen,  das
beweisen  die  gegen  die  feindlichen  Ausländer  erlassenen
  Kriegsgesetze.

Für  die  innere  Entwicklung  Rußlands  wurde  am
bedeutsamsten  die  im  März  1917  beginnende  Umwälzung,
  die  das  Ende  des  Zarismus  herbeiführte  und
die  Demokratie  ans  Ruder  brachte.  Abgesehen  davon,
daß  diese  sehr  bald  ihren  Mangel  an  staatserhaltender
  Kraft  bewies,  gewähren  ihre  geistigen  Außerungen
ein  ähnliches  Bild  wie  früher.  Die  Aufrufe  des  Arbeiter=
  und  Soldatenrats,  des  wichtigsten  demokratischen
Organs,  zeigen  eine  völlige  Unkenntnis  der  deutschen
Verhältnisse,  malen  nach  wie  vor  das  Schreckbild  des
deutschen  Imperialismus  an  die  Wand  und  nehmen
an,  die  Bauern  und  Arbeiter  Deutschlands  und  Österreichs
  könnten  mit  Leichtigkeit  zur  Revolution  aufgestachelt
  werden.  Jedoch  förderte  der  Sieg  der  russischen
  Revolution  die  Bestrebungen  der  internatio-1

  Vgl.  Die  Denkschrift  der  deutschen  Regierung  (Beilage  zur
Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitunge  19135).

2  Vgl.  H.  Klibanski,  Rußlands  Kriegsgesetze  gegen  die  semdlichen
  Ausländer  (Bresl.  1916).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

nalen  Sozialdemokratie,  die  Führung  in  der  Politik
der  mitteleuropäischen  Staaten  und  die  Entscheidung
über  das  Ende  des  Krieges  in  ihre  Hand  zu  bringen
(Stockholmer  Konferenz).

Die  Volkswirtschaft  Rußlands  schließlich  zeigt
im  Kriege  ein  weiteres  Fortschreiten  der  ungeheuren
Verschuldung  des  Staates  im  Ausland;  neben  Franlreich
  ist  England  jetzt  der  Hauptgläubiger.  Die  Hauptstütze
  seiner  Finanzen  aber,  der  gewaltige  und  früber
im  Ausland  abgesetzte  überschuß  seiner  agrarischen
Erzeugnisse,  liegt  brach,  da  das  Reich  von  uns  abgeschlossen
  ist.  Hatten  daher  vor  dem  Kriegegute  Ernten
einen  wirtschaftlichen  Aufschwung  gebracht,  so  sieht  die
Zukunft  des  im  Umlauf  seiner  wirtschaftlichen  Kräfte
tief  gestörten  Landes  in  dieser  Hinsicht  trostlos  aus.

Italien.  Schon  vor  dem  Kriege  hat  man  immer
wieder  auf  den  an  Rußland  erinnernden  Tiefstand
der  Volksbildung  in  Italien  hingewiesen  (etwa  50
Proz.  Analphabeten),  auf  den  Umfang  der  Beamtenbestechung,
  auf  die  übliche  übervorteilung  der  Fremden,
  Dinge,  die  besonders  in  Süditalien,  dem  Lande
der  Verbrechergesellschaften  (Camorra,  Maffia),  hervortreten.
  Tusse  sittliche  Minderwertigkeit  des  Volkes
hat  sich  im  Kriege  nicht  verleugnet;  der  Treubruch
an  den  Bundesgenossen  bewies  denselben  moralischen
Tiefstand  und  zeigte,  durch  welche  Kluft  deutsches
Empfinden  von  italienischem  getrennt  ist.

Vorbereitet  war  der  Krieg  durch  die  Propaganda
der  Irredentisten  (vgl.  Rohmeder,  Irredenta,  S.  34ff.,
sowie  Müller,  Italien.  Bd.  L,  S.  69).  Diese  verlangten
die  »Erlösung«,  d.  h.  Einverleibung  derjenigen  österreichischen
  Gebiete  in  den  italienischen  Staat,  die  von
Italienern  bewohnt  wurden.  obendrein  noch  deutschen
und  flowenischen  Boden  auf  Grund  geographischer
Verhältnisse.  Als  geschlossene  Partei  der  Kriegshetzer
gelang  es  ihnen,  das  leicht  zu  beeinflussende  Volk  und
die  ganz  dem  Schein  ergebene  Menge  zu  gewinnen.
Die  von  Ruhmsucht  geblendeten  Leiter  des  Volkes
glaubten,  wenn  auch  als  Vasallen  Englands,  gegen
das  bedrängte  Osterreich  leichtes  Spiel  zu  haben.  Obgleich
  die  Neutralität  Italiens  für  seine  wirtschaftliche
  Entwicklung  einen  unschätzbaren  Gewinn  bot.
ließ  sich  das  Land  durch  seine  Staatsmänner  Sonnino
und  Salandra  (dieser  sprach  das  berüchtigte  Wortvom
sacro  egoismo)  und  durch  die  von  England  und  Frank:-reich
  bezahlte  und  geschickt  geleitete  Presse  in  den  Krieg
hineinziehen.  Weite  Gebiete  hätte  man  von  Osterreich
ohne  Schwertstreich  gewinnen  können;  trotzdem  ließ
sich  Italien  durch  seine  Unersättlichleit  verleiten,  alle
die  Ansätze  zu  einer  verheißungsvollen  Entwicklung
des  Landes,  die  in  den  letzten  Jahren  gemacht  worden
  waren,  wieder  aufs  Spiel  zu  setzen.  Der  Krieg
selbst  aber  bewies  die  Unfähigkeit  der  Italiener  in  der
Organisation.  Es  fehlte  an  Lazaretten  und  Arzten  sowie
  an  Kohlenvorräten;  die  wirtschaftliche  Rüstung
war  nicht  gesichert,  und  finanziell  geriet  das  Land
immer  mehr  in  Englands  Abhängigkeit.  Ein  übertriebener
  Heroenkultus,  als  dessen  Werkzeug  besonders
  der  Dichter  Gabriele  d  Annunzio  auftrat,  ersetzie
wirkliche  Taten  und  Siege;  blendende  Rhetorik  täuschte
das  Volk,  die  Kriegsberichte  zeichneten  sich  durch  geringe
  Wahrheitsliebe  aus.  Alles  in  allem  ein  unlösbarer
  Widerspruch  zwischen  Wollen  und  Können.

Japan.  Auch  bei  Japan  dürfen  wir  nicht  nur  den
Maßstab  deutschen  Empfindens  anlegen.  Wir  sehen
in  dem  Raubzug  gegen  Kiautschou  zunächst  schnöden
Undank;  sind  wir  doch  nicht  nur  im  Militärwesen,
sondern  auch  in  der  Medizin,  in  der  Rechtswissen-
        <pb n="409" />
        Schäfer:  Der  Krieg  in  der  Auffassung  unserer  Gegner

schaft,  im  Polizeiwesen,  in  der  allgemeinen  Bildung
für  dieses  Land  Lehrer  und  Vorbild  gewesen.  Wir
müssen  aber  bedenken,  daß  die  japanische  Politik  von
jeher  einseitig  auf  maßlosen  Imperialismus  hinauslief,
  der  von  jeder  Sentimentalität  frei  war  und  daher
  auch  das  geistige  Band  mit  Deutschland  ohne  Bedenken
  opferte.  Dieser  kühle  Geschäftssinn  findet  darin
seine  Ergänzung,  daß  es  keinen  Nationalhaß  gegen
uns  gibt,  sondern  unsere  Leistungen  sogar  vielfach
Anerkennung  fanden.  Die  Gefangenen  wurden  gut
behandelt,  deutsches  Eigentum  wurde  geschont,  deutsche
Vidilersonen  durften  ihrer  Beschäftigung  nachgehen.
Und  doch  wird  Japan  diese  einseitige  machtpolitische
Orientierung  seines  Verhaltens  mit  großer  Einbuße
an  geistigen  und  materiellen  Werten  bezahlen.  Denn
es  ist  auf  fortwährende  geistige  Befruchtung  durch  die
westlichen  Länder  angewiesen,  da  dem  Lande  eben  der
schöpferische  Geist  und  die  schöpferische  Kraft  fehlen;
es  ist  nur  Nachahmer.  nicht  Erfinder,  und  die  Beherrschung
  der  in  Korea  und  Formosa  erworbenen  Gebiete
  kKemder  Rasse  hat  diesen  Mangel  an  kultureller
Kraft  klar  bewiesen.

Literatur.  Deutschland  und  der  Weltkrieg-,  herausgegeben
  von  O.  Hintze,  F.  Meinecke  u.  a.  (2.  Aufl.,  Leipz.
1917,  2  Bde.);  E.  Behrens,  Das  kriegerische  Frankreich

323

(Münch.  1915,;  A.  Lien,  Das  Märchen  von  der  französischen
  Kultur  (Berl.  1915);  K.  Nötzel,  Der  französische  und
der  deutsche  Geist  (Jena  1916);  W.  Dibelius,  England
und  wir  (Hamb.  1914);  A.  Hofmeister,  England  und  das
Völkerrecht  im  Weltkriege  (Berl.  1916);  E.  Meyer,  England
  (Stuttg.  1915);  Graf  E.  zu  Reventlow,  Herucheleien
  englischer  Minister  in  ihren  Kriegsreden  (Berl.  1916);
A.  Fendrich,  Der  Krieg  und  die  Sozialdemokratie  (Stuttg.
1915):  W.  Götz,  Deutschlands  geistiges  Leben  im  Weltkrieg
(Gotha  1916,:  K.  Hönn,  Der  Kampf  des  deutschen  Geistes
im  Weltkriege.  Dokumente  des  deutschen  Geisteslebens  aus
der  Kriegszeit  (das.  1916);  F.  Körner,  Die  inneren  Werte
des  deutschen  Soldaten  (Münch.  1916);  G.  Roethe,  Von
deutscher  Art  und  Kultur  (Berl.  1915);  D.  Schäfer,  Von
deutscher  Art  (Leipz.  1916);  K.  Weitzel,  Der  deutsche
Staatsgedanke  (Berl.  1916);  R.  Charmatz,  Osterrech-Ungarns
  Erwachen  (Stuttg.  1915);  F.  Endres,  Die  Türkei
(Münch.  1916);  N.  Tschudi,  Der  Istam  und  der  Krieg
(Hamb.  1915);  -Bulgarien,  was  es  ist  und  was  es  wird-(hrsg.
  vom  Kgl.  Bulgarischen  Konsulat  in  Berlin,  das.  1915);
K.  Nötzel,  Das  heutige  Rußland  (7:Deutsche  Rundschau,
April  u.  Mai  1915);  A.  Ripke,  Der  Koloß  auf  tönernen
Füßen  (Münch.  1916);  H.  Geiler,  Japans  Presse  und
öffentliche  Meinung  während  des  Weltkrieges  (°  Grenzboten-7411915|.
  1,  367  f.;  Riegelsberger,  Japan  und  Deutschland
  (Heidelb.  1914).  Fortlaufende  eingehende  Besprechungen
ausländischer  Kriegsliteratur  gidt  E.  Daniels  in  den  Preußischen
  Jahrbücherne.

Der  Krieg  in  der  Auffassung  unserer

Gegner
von  Professor  Dr.  Dietrich  Schäfer  in  Berlin-Steglitz

Man  nennt  den  gegenwärtigen  Krieg  den  Weltkrieg.
  Und  wahrlich  nicht  ohne  Grund!  Denn  die
Losaamte  Menschheit  ist  in  ihn  verwickelt.  Nun  die

ereinigten  Staaten,  China  und  südamerikanische
Staaten  noch  eingriffen,  bleibt  nur  ein  Zehntel  unbeteiligt,
  153  Millionen  von  1670.  Unberührt,  kann
man  ruhig  sagen,  ist  kein  Sterblicher  von  ihm.  Der
Erdenbewohner  lernt  es  bis  zum  letzten  fühlen,  was
Weltpolitik  bedeutet,  wie  sie  durch  die  Fortschritte  der
Technik  und  die  Erleichterung  des  Verkehrs  im  letzten
  halben  oder  ganzen  Jahrhundert  nicht  nur  möglich,
  sondern  unvermeidlich,  unumgänglich  geworden
ist.  Es  zeigen  sich  ihm  auch  die  Kehrseiten  der  vielepriesenen

  -Zivilisatione.  Nie  haben  frühere  Gechlechter
  etwas  Ahnliches  erlebt;  nie  wäre  Ahnliches
auch  nur  entfernt  möglich  gewesen.

Wie  der  Krieg  einen  beispiellosen  Umfang  angenommen
  hat,  so  wird  er  auch  mit  einem  beispiellosen
Aufwand  von  Kraft  jeder  Art  geführt.  Es  stehen  weit
mehr  Millionen  im  Felde  als  je  zuvor  in  irgendeinem
Kriege  Hunderttausende.  Und  die  Zahl  der  Kämpfer
ist  nicht  nur  größer,  weil  die  Einwohnerzahl  der  kriegführenden
  Staaten  größer  ist,  sondern  jeder  einzelne
von  ihnen  stellt  fast  ausnahmslos  ein  Aufgebot,  das,
nach  dem  Prozentsatz  der  Bevölkerung  gerechnet,  alles
hinter  sich  zurückläßt,  was  jemals  früher,  auch  bei
höchster  Anstrengung,  von  Staaten  und  Völkern  geleistet
  wurde.  Die  Befreiungskriege,  1866  oder  1870
und  erst  die  levee  en  masse  sind  völlig  in  Schatten  gestellt.
  Und  entsprechend  steht  es  mit  dem  Verbrauch
an  Kriegsbedarf  aller  Art.  Die  modernen  Verkehrsmöglichkeiten
  gestatten  die  Ernährung  von  Massenheeren
  in  einem  Umfange,  der  früher  unerreichbar  gewesen
  wäre,  und  die  staunenswert  entwickelte  Technik

liefert  Kriegsbedarf  in  einer  Fülle,  die  es  tatsächlich
gestattet,  den  umkämpften  Boden  zu  überschütten.

Der  ungeheuren  materiellen  Wucht,  mit  der  von
beiden  Seiten  gekämpft  wird,  entspricht  die  seelische
Erregung,  in  der  die  Völker  einander  gegenüberstehen.
Wenn  aber  auf  dem  militärtechnischen  Echiereine  überlegenheit
  eher  bei  den  Mittelmächten  als  beiihren  Gegnern
  gefunden  werden  kann,  so  ist  unverkennbar,  daß
wilde  Leidenschaft  weit  mehr  bei  den  Genossen  der
Entente  aufflammte.  Es  ist  eine  allbekannte  Erscheinung,
  daß  in  Kriegszeiten  Zorn  und  Haß  sich  in  heftigen,
  vielfach  unverantwortlichen  Außerungen  und
Handlungen  Luft  machen;  aber  eine  solche  Fülle  von
Ausbrüchen  blinder  Wut,  von  Tobsuchtsanfällen  in
Wort  und  Tat,  von  wüstem,  unflätigem  Geschimpf,
von  gemeinster,  verlogenster  Verleumdungssucht,  von
Bosheit  und  Niedertracht,  wie  dieser  Krieg  sie  bei
unseren  Gegnern  gezeitigt  hat,  zeugte  doch  noch  keiner
seiner  so  zahlreichsr  Vorgänger.  Auch  da  hat  die  Gegenwart,
  um  mit  unseren  sport=  und  wettverbohrten
Inselfeinden  zu  reden,  einen  Rekord  erreicht.  übrigens
auch  in  diesem  Falle  im  engsten  Zusammenhange  mit
moderner  Verkehrstechnik,  denn  ohne  die  Stellung,  die
der  Presse  durch  diese  Technik  zugewachsen  ist,  wären
eine  so  allgemeine  und  so  erfolgreiche  Verbreitung  von
Lügen,  eine  solche  Stimmungsmache  nicht  möglich  gewesen.
  Der  Unterliegende  regt  sich  ja  immer  mehr
auf  als  der  Sieger;  aber  nur  zu  einem  sehr  geringen
Teil  kann  man  diese  Ausschreitungen  auf  die  erlittenen
  Niederlagen  zurückführen.

über  Ursachen  und  Anlaß  dieses  Krieges  ist  in  Eingangsartikeln
  des  ersten  Bandes  die  Rede  gewesen.
Unsere  Gegner  haben  den  Krieg  gewollt;  wir  können
mit  gutem  Gewissen  sagen,  daß  wir  nicht  schuldig  sind,
es  müßte  denn  das  natürliche  Wachstum  eines  Volles
als  Schuld  angesehen  werden.  So  mühssen  denn  die
Gegner  nach  Scheingründen  suchen;  sie  sind  zu  Ver-217
        <pb n="410" />
        324

dächtigungen  geradezu  gezwungen,  wenn  sie  ihr  Tun
rechtfertigen  wollen.  Eine  der  gebräuchlichsten  ist  der
Vorwurf  des  Militarismus,  der  gegen  die  Deutschen
und  ihr  Reich  erhoben  wird.

Er  zielt  in  doppelter  Richtung,  zunächst  äußerlich
auf  die  Kriege,  die  wir  führen  mußten,  um  zu  einem
Reiche  zu  gelangen,  und  dann  auf  die  seitdem  durch
Preußens  Vorbild  allgemein  gewordene  deutsche
Wehrverfassung.  Man  schweigt  davon,  daß  auch  England
  und  Rußland,  Frankreich  und  Italien  im  Laufe
des  letzten  Jahrhunderls,  und  gar  erst  in  früheren
Zeiten,  Kriege  geführt  haben,  ihre  Reiche  aufzurichten,
zahlreicher  und  langwieriger  als  wir  und  mit  weniger
  guten  Gründen.  Denn  für  uns  galt  es,  unserem
Volke  den  lange  entbehrten  Staat  zu  erstreiten.  Hätte
sich  Frankreich,  und  zwar  sein  gesamtes  Volk,  nicht
allein  sein  Kaiser,  diesem  berechtigten  Verlangen  nicht
brutal  in  den  Weg  gestellt,  es  könnte  noch  heute  Elsaß-Lothringen
  besitzen  trotz  seiner  fast  ausschließlich
deutschen  Berorsch)).  Französische  Rach-  und
Ruhmsucht  zwangen  dann  Deutschland,  gerüstet  zu
bleiben.  Die  gegenüber  den  preußischen  Verhältnissen
erheblich  herabgesetzte  Wehrpflicht  des  neuen  Reiches
mußte  1888  wieder  auf  den  alten  Stand  gebracht  werden,
  weil  die  Verbindung  gallischen  Ehrgeizes  mit  russischer
  Machtgier  drohte.

Sie  ist  aber  nicht  zu  solcher  Anspannung  der  Volkskräfte
  getrieben  worden,  wie  das  in  Frankreich  und
dann  auch  in  Rußland  geschah.  Wie  oft  haben  doch
in  den  letzten  Jahren  vordem  Kriege  französische  Blätter,
  ja  Mitglieder  der  Regierüng  darauf  hingewiesen,
wie  sehr  Rußlands  Streitmacht  der  deutschen  überlegen
  sei,  wie  der  Zarenstaat  ein  größeres  stehendes
Heer  besitze  als  der  ganze  Dreibund  zusammen!  Wie
haben  sie  das  benutzt,  um  die  Hoffnungen  auf  den
glücklichen  Ausgang  eines  Krieges  zu  beleben,  zum
Angriff  zu  hetzen!  Und  Frankreich  und  Rußland  liegen
  doch  nicht  wie  Deutschland  in  der  Mitte  Europas,
in  Grenznachbarschaft  mit  den  gewaltigsten  Militär--mächten
  der  Welt.  England  machte  unentwegt  seinen
  Zwei-,  ja  Dreiflottenstandard  geltend,  sah  es  als
sein  unbestreitbares  Recht  an,  zu  rüsten,  um  allen  Möglichkeiten
  gewachsen  zu  bleiben;  Deutschland  wollte  es,
abgesehen  von  Stimmen  einzelner,  ein  ähnliches
Recht  nicht  zugestehen.  Wenn  Deutschland  rüstete,
war  das  ein  Beweis  seiner  Angriffspläne;  wenn  die
Mächte  der  Entente  das  gleiche  taten,  geschah  es  nur
zur  Abwehr,  obgleich  ihre  vereinigten  Kriegsheere,
und  gar  ihre  Seestreitkräfte,  doppelt  so  stark  waren
als  die  der  Mittelmächte.  Als  man  geschlagen  wurde,
hieß  es  erst  recht,  Deutschland  habe  den  Krieg  von  langer
  Hand  vorbereitet,  wie  Lloyd  George  es  am  24.
Jund  1915  ausdrückte:  Deutschland  verfertigte  und
kaufte  heimlich  ungeheure  Vorräte  von  Kriegsmaterial,
  um  seine  Nachbarn  im  Schlaf  zu  überfallen  und
zu  ermorden.“  Militarismus  wurde  ein  bequemes
Schlagwort,  Deutschlands  Macht  niederzuhalten.
?*  Der  Triumph  des  preußischen  Militarismus  ist  die
Vernichtung  aller  Freiheite  erklärte  am  15.  Februar
1915  Viviani,  der  Ministerpräsident  des  militär.
belasteten  Frankreichs.

Es  wurde  dieses  Schlagwort  aber  auch  noch  in  anderer
  Absicht  gebraucht.  Deutschlands  Wehrverfassung
  war  preußischen  Ursprungs,  geschaffen  durch
Preußens  Königsmacht,  nicht  zu  trennen  von  der  Institution
  des  starken  Königtums,  auch  nur  mit  der  Zeit
zu  lösen  von  preußischer  Adelstradition.  Das  wurde
in  Deutschland  selbst  in  weiten  Kreisen  mißliebig  emp-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

funden  und  hatte  zu  manchen  und  scharfen  Reidungen
  geführt;  noch  gegen  Ende  1913  trat  das  anläßlich
der  t“t3  Hergänge  deutlich  zutage.  Das  Schlagwort
  Militarismus  konnte  daher  wohl  benutzt  werden,
  einen  Keil  zwischen  Regierung  und  Volk  zu  treiben,
  wird  fortgesetzt  so  benutzt.  Die  deutsche  Offentlichkeit
  trägt  keine  geringe  Mitschuld  daran,  daß  diese
Vorstellung  im  Auslande  aufkam  und  sich  verbreitete.
Daß  unsere  Wehrverfassung  tatsächlich  mit  unserem
Volke  innerlich  und  äußerlich  verwachsen  ist,  wie  der
Krieg  sofort  erwies,  und  wie  im  Herbst  des  Jahres
1914  weit  über  3000  Lehrer  deutscher  Hochschulen  der
Welt  bekundeten,  war  dem  Auslande  verborgen  geblieben.
  im  Inlandein  den  Tagesstreitigkeiten  der  Par.
teien  oft  vergessen  oder  absichtlich  verkannt  wordent.
Aus  einer  ähnlichen  Unkenntnis  deutscher  Verhältnisse
  erklärt  sich  auch,  wenigstens  zum  guten  Teil,  der
Versuch  unserer  Feinde,  als  Erlöser  unterdrückter
Deutscher  aufzutreten,  nicht  nur,  indem  man  ihnen
eine  freiere  Verfassung  verschaffe  und  sie  von  absoluter
  Regierungsgewalt  erlöse,  sondern  auch  indem
man  die  Nichtpreußen,  besonders  die  Süddeutschen
und  die  Annektierten  von  1866,  der  Vergewaltigung
durch  Preußen  und  seine  Hohenzollern  entziehe.  Man
schreckte  dabei  vor  giftigen  Verleumdungen  und  schmutzigen
  Beschimpfungen  unseres  Kaisers  nicht  zurück,
desselben  Mannes,  der  doch  mehr  als  einmal  gerade
von  Ausländern,  und  nicht  von  den  geringsten,  als  Verkörperung
  von  Herrschertugenden  gepriesen  worden
war,  der  auch  selbst  stets  das  Erdenkliche  getan  hatte,
sich  dem  Auslande  von  der  besten  Seite  zu  zeigen.
In  gutem  Glauben  tröstete  im  September  1914  eine
englische  Familie  eine  befreundete  deutsche,  daß  man
allabendlich  für  sie  bete,  Gott  möge  Deutschland  davon
  befreien,  von  solchem  Herrscher  ferner  auf  die
Schlachtbank  geschleppt  zu  werden.  Daß  sich  Hannoveraner
  und  Hessen,  Schleswig-Holsteiner.  Nassauer
und  Frankfurter  danach  sehnten,  den  Fängen  des
preußischen  Adlers  wieder  entrissen  zu  werden,  galt  in
weiten  Kreisen  Frankreichs  und  Englands  als  ausgemacht,
  und  nicht  weniger,  daß  sich  die  Bayern  sehnten,
  je  eher,  desto  lieber,  wieder  vom  Deutschen  Reiche
ulbs4  zu  werden.  Man  rechnete  auf  freudigen  Empsan,
  wenn  man  nur  an  und  über  den  Rhein  kommen
würde;  amtlich  und  nichtamtlich  wurde  das  verkündet.

Wenn  hier  eine  gewisse  Anknüpfung  an  gegebene
Verhältnisse  möglich  war,  so  fehlte  es  daran  ganz  und
gar  bei  anderen  Beschuldigungen,  so  vor  allem  bei
den  angeblichen  deutschen  Weltunterjochungsplänen.
  Geibels  bekannte  Verse  vom  deutschen
Wesen,  an  dem  die  Welt  noch  einmal  genesen  soll,  aus
dem  Zusammenhang  gerissene,  mißverstandene  oder
mißdeutete  Wendungen  von  Heinrich  v.  Treitschke,
Nietzsche,  Bernhardi  suchte  man  in  diesem  Sinne  auszunutzen,
  offenbarte  aber  damit  nur  Bosheit  der  Gesinnung.
  Denn  wenn  von  Welteroberung  und  Welt.
unterjochung  die  Rede  sein  sollte,  so  mußten  doch
wahrlich  Russen  und  Briten  zunächst  an  sich  selber
denken.  Das  britische  Weltreich  umfaßt  30372246
akm,  über  ein  Fünftel  der  Erdoberfläche,  mit  nahezu
426  Millionen  Menschen  (mehr  als  ein  Viertel  der
vorhandenen),  das  russische  22360  096  qkm  (fast  ein
Sechstel  der  Erdoberfläche)  mit  über  176  Millionen
Bewohnern.  Auch  die  französische  Republik  herrscht

1  Über  das  wahre  Wesen  des  Militarismus  vgl.  den  Beitrag
in  Vd.  I,  S.  331  ff.
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        Schäfer:  Der  Krieg  in  der  Auffassung  unserer  Gegner

über  11  114216  qkm  und  96  Millionen  Untertanen,
die  drei  Mächte  also  zusammen  über  44  Prozent  der
Erde  und  über  42  Prozent  ihrer  Bewohner.  Dem
gegenüber  beläuft  sich  der  gesamte  Besitz  des  Deutschen
  Reiches  auf  3  493781  qokm  Bodenfläche  mit
77  Millionen  Vewohnern.

Man  mufß  sich  dabei  vergegenwärtigen,  daß  jene,
besonders  England  und  Frankreich,  ihren  ungeheuren
Besitz  zum  großen  Teil  erst  im  letzten  Menschenalter
zusammengebracht  haben.  Der  französische  Ministerpräsident
  Waldeck-Rousseau  rühmte  im  Januar  1902,
daß  die  Republik  einen  Kolonialbesitz  von  800000
akm  übernommen  haboe,  jetzt  aber  über  einen  solchen
von  10  Millionen  qkm  versüge.  Nicht  weniger  Boden
hat  England,  das  sich  um  die  Zeit  des  deutsch-französischen
  Krieges  kolonial  als  gesättigt  vorkam,  neu
erworben,  ungefähr  ein  Drittel  seines  gegenwärtigen
Besitzes!  Was  bedeuten  dem  gegenüber  Deutschlands
junge  Kolonien,  noch  nicht  3  Millionen  akm?  Auch
von  Rußlands  Neuerwerbungen  in  Asien  werden  sie
an  Umfang  und  Einwohnerzahl  übertroffen.  Aber
seitdem  Deutschland  anfing,  auch  Kolonialmacht  zu
werden,  wurde  englischer  Grundsatz:  -Schlecht  oder
gut,  brauchbar  oder  nicht,  man  muß  zugreifen,  damit
der  Fremde  es  nicht  nimmt.=Englands

  Ministerpräsident  Balfour  hat  1905  davon
  gesprochen,  daß  sich  von  Korea  bis  Marokko  über
drei  Weltteile  hin  eine  Reihe  von  Staaten  erstrecke,
die  Schwierigkeiten  zwischen  den  zivilisierten  Mächten
verursachen  könnten;  er  bezeichnete  sie  als  politische
Depressionsgebiete,  die  unvermeidlich  ein  Einströmen
von  außen  her  veranlassen-.  Ein  solches  Einströmen
in  den  machtleeren  Raum  hatte  sich  bis  zum  Ausbruch
  des  Krieges  in  dem  kurzen  Zeitraum  von  neun
Jahren  in  allen  in  Frage  kommenden  Gebieten  vollzogen,
  an  keiner  Stelle  zugunsten  Deutschlands.  In
Korea  selbst,  in  der  Mandschurei  und  der  Mongolei,
in  Tibet,  Persien  und  Arabien.  in  Agypten,  Tripolis
und  Marokko  hat  überall  fremde  Macht  Fuß  gefaßt,
englische,  russische,  französische,  japanische,  italienische,
nirgends  deutsche.  Wäre  bei  unseren  Gegnern  auch
nur  die  leiseste  Spur  von  Wahrheitsliebe  zu  finden,  sie
würden  dessen  gedenken  und  zurückscheuen  vor  so  verlogener
  Verleumdung.  Noch  während  des  Krieges  hat
Rußland  in  der  Mongolei  weiter  um  sich  Eegrifen,
England  und  Rußland  in  Persien.  Mit  der  Einnahme
von  Baghdad  beginnt  England  alsbald  ein  neues  Untertanengebiet
  „Mesopotamiene  zu  organisieren  und
ähnlich  im  Hedschas.  Wenn  aber  Deutschland  und
Osterreich-Ungarn  Polens  Befreiung  von  russischer
Herrschaft  zu  ordnen  suchen,  begehen  sie  unerhörten
Völkerrechtsbruch.  Man  zwingt  das  seit  zwei  Jahrhunderten
  geknechtete  Portugal  in  den  Krieg  hinein,
mißhandelt  Griechenland  unter  den  fadenscheinigsten
Vorwänden,  üÜbt  schandhafte  Bestechung  an  allen
Ecken  und  Enden,  schreibt  aber  -Be  reiung  der  Völker,
Befreiung  Europas"  auf  seine  Fahne  und  beschuldigt
Deutschland,  das  seit  der  Begründung  des  Reiches
peinlich  bemüht  gewesen  ist,  die  Rechte  fremder  Völker

u  achten,  es  intrigiere  seit  langem  in  Agypten,  in
ndien,  in  Südafrika.  Deutschland  und  OÖsterreich-Ungarn

  mögen  machen,  was  sie  wollen,

  sie  sind  die  Unterdrücker  der  Völker.

Die  Donaumonarchie  ist  nächst  Rußland  der  bunteste
  Nationalitätenstaat  Europas.  Jedermann  weiß,
wie  sie  das  geworden  ist,  nicht  durch  Eroberung,  wie
die  Zarengewalt  ihren  ungeheuren  Länderbesitz  rest-325



los  zusammengebracht  hat,  sondern  mit  mäßigen
Ausnahmen  durch  die  Erbrechte  einer  Dynastie,  wie
einst  England  und  Schottland  vereinigt  wurden.  Daß
der  innere  Zusammenhang  des  Habsburgerstaates
größer  ist,  als  man  in  der  jüngsten  Vergangenheit
anzunehmen  geneigt  war,  hat  der  Krieg  klar  erwiesen.
Wer  sich  über  die  Buntheit  der  Völkermischung  aufregt,
  der  möge  einen  Blick  auf  eine  Völkerkarte  werfen,
  und  er  wird  erkennen,  daß  das  eine  Eigenart
von  ganz  Osteuropa  ist.  Osteuropa  beginnt  aber  an
der  Oder,  dem  Böhmer  Wald  und  der  Adria.

Aber  Deutschland!  Sein  leitender  Staat  hat  an  der
Aufteilung  Polens  teilgenommen,  hat  1864  im  Norden
  Dänen,  als  Führer  Deutschlands  1871  im  Südwesten
  Franzosen  unter  seine  Herrschaft  gebracht!

Daß  Preußen  durch  russischen  Machthunger  gezwungen
  wurde,  polnisches  Gebiet  einzuverleiben,  daß
es  nicht  mehr  „genommen  hat,  als  notwendig  war,
sein  deutsches  Stammland,  dem  es  den  Namen  verdankt,
  vor  Rußland  zu  schützen,  daß  es  von  den  drei
Teilungsmächten  den  weitaus  kleinsten  Teil,  nur  ein
Zwölftel  des  Ganzen,  erhielt,  kann  jeder  wissen,  der  es
wissen  will,  auch  daß  sich  die  preußischen  Polen  unter
ihrer  Staatsleitung  weitaus  am  meisten  entwickelt,
ihre  wirtschaftliche  Lage  sehr  viel  mehr  gebessert  haben,
als  ihnen  das  insbesondere  in  Rußland  gestattet
worden  ist.  Es  hilft  aber  nicht:  Der  Jude  wird  ver.
brannt!  Dänen  gibtes  in  Nordschleswig  ganze  140000;
sie  haben,  solange  die  Geschichte  zu  berichten  weiß,
mit  ihren  Deutsch  sprechenden  schleswig-  holsteinischen
Landsleuten  stets  unter  der  gleichen  Herrschaft  gelebt
und  werden  in  ihrem  Dänentumnicht  beeinträchtigt,  soweit
  die  deutsche  Staatsangehörigkeit  nicht  die  Zweisprachigkeit
  erfordert.  In  Elsaß-Lothringen  machen
die  Französisch  Sprechenden  ein  Zehntel  aus,  bewoh.
nen,  auch  noch  durchmischt,  einen  schmalen  Grenzstreifen!
  Alles  in  allem  gibt  es  unter  den  66  Millionen
  Reichsdeutschen  noch  nicht  4  Millionen  Sprachfremde,
  während  allein  in  Europa  mehr  als  16  Millionen
  Deutsche  außerhalb  der  Reichsgrenzen  wohnen!
Kann  da  von  einem  Unterjocher-  und  Unterdrückervolk
  die  Rede  sein?  Geschichtliche  Entwicklung  hat  gerade
  unserem  Volke  übel  mitgespielt,  mehr  als  irgendeinem
  anderen  in  Europa  mit  Ausnahme  des  polnischen.
  Wie  stehtes  aber  in  diesen  Dingen  mit  denen,  die
mit  Steinen  werfen?  Siesitzen  wahrlich  im  Glashause.

Die  Elsaß-Lothringer,  die  seit  1871  wieder  unter
Deutschland  gehören,  sind  fast  200  Jahre  französische
  Untertanen  gewesen.  Ein  volles  Jahrhundert
haben  sie  gebraucht,  sich  einigermaßen  einzugewöhnen;
schon  wer  -„Wahrheit  und  Dichtung-  liest,  fühlt  das
heraus.  Um  ihre  angestammte  deutsche  Sprache  und
Bildung  haben  sie  oft  bangen  und  kämpfen  müssen.
Und  was  hat  Frankreich  mit  dem  italienischen  Nizza
gemacht,  das  es  sich  1860  zulegte?  Seine  Sprache
wurde  ausgemerzt,  soweit  das  nur  eben  möglich  war.
So  ist  es  mit  dem  Flämischen  in  der  Umgegend  von
Dünkirchen  geschehen,  nur  daß  immer  neue  Zuwanderung
  die  Erreichung  des  Endziels  hier  besonders  erschwert.
  In  Europa  verfügt  Frankreich  dank  seiner
Geschichte,  seiner  frühen  staatlichen  Zentralisation,
Über  ein  national  gut  geschlossenes  Gebiet,  wie  es  ein
mitteleuropäischer  Staat  nicht  soleicht,  in  seinem  Osten
überhaupt  nicht,  erreichen  kann.  Wie  steht  es  aber  mit
Algier  und  Marokko,  mit  Tongking  und  Anam,  vom
Senegal  dem  Sudan  und  von  Madagaskar  gar  nicht
zu  reden?  Haben  sich  ihre  Bewohner  alle  freiwillig
unter  Frankreichs  Joch  gebeugt?  Hat  es  nie  einen
        <pb n="412" />
        326

Abd  el  Kader  gegeben?  Hat  Deutschland  auch  nur
entfernt  ähnliche  Kämpfe  geführt,  seine  Herrschaft  aufzurichten,
  wie  es  in  diesen  Ländern  erforderlich  gewesen
  und  zum  Teil  noch  ist?

Und  England?"  Man  versteht  nicht,  woher  seine
Staatsmänner  die  Schamlosigkeit  nehmen,  von  deutscher
  Völkerunterdrückung  zu  reden,  während  sich  Irland
  inmitten  des  Krieges  in  offenem  Aufruhr  gegen  die
verhaßte  britische  Herrschaft  erhebt.  Ist  denn  die  Geschichte
  dieser  so  herrlich  gelegenen  und  von  der  Natur
so  reich  ausgestatteten  Inseletwas  anderes  als  eine  ununterbrochene
  schwere  Anklage  gegen  die  unerbittliche
Härte.  Selbstsucht  und  Skrupellosigkeit  des  englischen
Herrscherwillens?  Ist  etwa  Schottland  immer  freudig
  und  freiwillig  englischer  Führung  gefolgt?  Und
jenseits  der  Meere?  Ist  denn  das  ungeheure,  das  beispiellose
  britische  Kolonialreich  durch  etwas  anderes  zusammengebracht
  worden  als  durch  Krieg,  Krieg  und
wiederum  Krieg?  Ist  seine  Geschichte  nicht  eine  unendliche
  Kette  von  Gewalt,  Tücke  und  Hinterlist,  von
Vernichtung  in  jeder  Form,  in  allen  Weltteilen,  gegen
alle  Rassen,  von  Nordamerikas  Rothäuten  bis  zu  den
Konzentrationslagern  für  Frauen  und  Kinder  der
Buren?  Die  mit  solcher  Schuld  beladen  sind,  wagen
es,  andere  als  Unterdrücker  anzuklagen!  Das  bibelfeste
  England  sollte  sich  erinnern,  daß  es  die  Splitter
in  des  Bruders  Auge  sieht,  während  es  des  Balkens
im  eigenen  nicht  gewahr  wird.  Im  britischen  Riesenreiche
  macht  die  Bevölkerung  englischer  Abstammung
nur  den  siebenten  Teil  der  Gesamtheit  aus!

Und  ähnlich  liegt  es  in  Rußland.  Dort  sind  nach
der  ersten  und  einzigen  Nationalitätenzählung  (1897)
von  128  Millionen  Bewohnern  56  Millionen  Großrussen,
  43,75  Prozent,  alle  übrigen  Fremdvölker.  Wie
sie  dem  Moskowiterreich  ein  ·  und  angegliedert  wurden,
braucht  nicht  wiederholt  zu  werden  (vgl.  S.  62ff.).  Nie
und  nirgends  ist  es  anders  geschehen  als  durch  Gewalt.
  Deutschland  ist  von  den  größeren  europäischen
Staaten  der  einzige,  der  von  seinem  mittelalterlichen
Bestande  eingebüßt  hat,  erheblich  eingebüßt;  alle  anderen
  sind  gewachsen,  zum  Teil  auf  das  Vielfache.
Was  war  denn  Rußland  vor  600  Jahren  oder  die
Macht  des  französischen  Königtums  vor  Philipp  II.
August  und  die  Englands,  ehe  es  seine  Hand  nach
Wales  und  Irland  ausstreckte?  Das  neue  Deutsche
Reich  hat  den  Gebietsverlust  des  alten  hingenommen,
ohne  seiner  amtlich  auch  nur  zu  gedenken,  und  wird
ihn  ferner  tragen.  Es  hat  nicht  begehrt  und  wird
ferner  nicht  begehren  nach  den  ehemaligen  österreichischen
  Bundesländern,  obgleich  sie  durch  Jahrhunderte
Träger  seiner  Kaiserwürde  waren,  auch  nicht  nach
der  Eidgenossenschaft  und  den  Niederlanden;  es  achtet
die  Verträge,  die  diese  Glieder  vom  Reiche  trennten.
Wenn  es  jetzt  seine  Hand  nach  Belgien  ausstreckt  und
hoffentlich  fest  zugreift,  so  geschieht  das  nicht  aus  irgendwelcher
  Eroberungssucht  sondern  allein  und  ausschließlich,
  um  dieses  Land  nicht  mehr  unseren  Feinden
  als  Einfallspforte  offen  zu  lassen,  als  welche  sie
es  oft  benutzt  haben  und  in  diesem  Kriege  wiederum
benutzt  hätten,  wenn  wir  inen  nicht  zuvorgekommen
wären.  Volle  Selbständigkeit  oder  Neutralität  dieses
Landes  kann  es  in  Zukunft  nicht  mehr  geben;  es  steht
entweder  zu  unserer  oder  der  Westmächte,  insbesondere
  Englands,  Verfügung.  Gelegentlich  wird  als
Unterjochung  und  Unterdrückung  auch  hervorgehoben,
daß  Angehörige  deutscher  Mittel-  und  Kleinstaaten
1866  haben  Preußen  werden,  ganz  Deutschland  sich

IV.  Kultur  und  Geistesleben

preußischer  Leitung  hat  anvertrauen  müssen.  Daß
solche  Behauptungen  entweder  auf  nackter  Bosheit  oder
stupider  Unwissenheit  beruhen,  bedarf  keines  Beweises.

Von  Zweck  und  Grund  dieser  ebenso  widersinnigen
wie  verlogenen  Verleumdungen  gilt  eigentlich  dasselbe;
  denn  sieliegen  klar  zutage.  Die  solange  ohnmächtige.
  fast  schrankenlos  der  Ausbeutung  und  Ausnupung
  offenstehende  Mitte  Europas  hat  sich  endlich
siaatlich  zusammengeschlossen.  Ihre  Bewohner  haben
dann  zeigen  können,  was  sie  in  friedlicher  Arbeit  zu
leisten  vermochten,  und  zwar  nicht  mehr  wie  bisher
in  fremdem  Dienst  und  zu  fremdem  Besten,  sondern

u  eigener  Hebung  und  Förderung.  Aus  den  Lohn-J—
  deren  Fleiß  und  Begabung  man  verwerten
konnte,  wurden  Mitbewerber,  die  auch  ihren  =  Platz
an  der  Sonne=  begehrten,  oft  recht  erfolgreiche.  Wir
beengten  Englands  Alleingeltung  in  Handel  und
Weltverkehr;  wir  hinderten  Nußland,  über  die  Trümmer
  der  Türkei  und  Osterreich-Ungarns  hinweg  den
esamten  Osten  des  Erdteils  in  ein  Konglomerat  von

asallenstaaten  umzuwandeln;  wir  wurden  zu  stark
für  die  Befriedigung  französischer  Revanchegelüste
aus  eigener  Kraft.  Für  das  Volk  der  Dichter  und

Denker  hatte  man  herablassendes  Wohlwollen  gehabt:
der  deutsche  Staat  mußte  zum  böswilligen  Störenfried
gestempelt  werden.  Tadelloses  Wohlverhalten  hat  ihn
davor  nicht  bewahren  können.

Ganz  besonders  betrübend  vom  Standpunkt  all.
gemeiner  menschlicher  Kultur,  nein  einfach  ekelerregend
ist  aber  das  allerseits  geübte,  eifrige  Bemühen,  Herrsch-,
Hab-  und  Rachsucht  unter  salbungsvollen  ethischen
und  religiösen  Redewendungen  zu  verbergen.  Die
Engländer  haben  dafür  die  besondere  Bezeichnung
des  cant,  und  sie  sind  ja  auch  zweifellos  Meister  in  der
Übung  dieser  Kunst,  die  unsere  Dichtung  im  Reineke
Vos  gekennzeichnet  hat.  Der  Durchschnittsengländer
ist  auch  überzeugt,  und  insofern  nicht  scheinheiliger
Bosheit  zu  bezichtigen,  daß  der  Welt  kein  größeres
Glück  widerfahren  kann,  als  von  der  Themse  aus
regiert  zu  werden.  Der  liebe  Gott  hat  es  einmal  so
gewollt,  daß  England  die  -Last  der  Herrschaft:  auf
sich  nehme;  es  hat  das  ja  nicht  gewollt,  aber  es  muß
sie  geduldig  tragen  zum  Besten  der  sonst  führerlosen
Menschheit.  Zu  solcher  Rolle  fühlen  sich  auch  die
Franzosen  berufen,  die  ja  längst  ran  der  Spitze  der
Zivilisatione  marschieren.  Und  auch  der  Russe  will
die  Völker,  die  er  unterwirft,  nur  beglücken;  wohin
  er  kommt,  bringt  er  den  Jungbrunnen  aller  Kultur,
  die  recht  russische-.  Wir  Deutschen  ahnen  ja  gar
nicht,  wie  gut  man  es  mit  uns  meint,  wie  man  uns
nur  befreien  will  von  der  entsetzlichen  Despotenherrschaft,
  unter  der  wir  leben,  von  der  Gefahr,  unser  Blut
vergießen  zu  müssen  in  ihrem  Dienst;  wir  hatten  es
früher  ja  so  viel  besser,  als  wir  das  mit  einer  gewissen
Auswahl  tun  durften  für  fremde  Interessen.  Was
wollen  wir  uns  überhaupt  damit  plagen,  mitzureden
bei  der  Verfügung  über  die  Welt?  üÜberlassen  wir  das
lieber  anderen,  die  dazu  besser  vorbereitet  und  berufen
sind!  Denken  und  dichten  wir!  Wenn  wir  uns  solch
wohlgemeintem  Rat  nicht  fügen  wollen,  dann  allerdings,
  dann  muß  schon  Gewalt  helfen;  die  Folgen
haben  wir  zu  tragen  und  zu  verantworten.

Diese  Folgen  aber  denkt  man  so  zu  gestalten,  daß
uns  die  Lust,  unsere  Stellung  in  der  Gelt  selbst  bestimmen
  zu  wollen,  auf  immer  vergehen  soll.  Die
Staaten  der  europäischen  Mitte  sollen  für  alle  Zeiten
unschädlich  gemacht  werden.
        <pb n="413" />
        Schäfer:  Der  Krieg  in  der  Auffassung  unserer  Gegner

Die  Zahl  der  feindlichen  Kriegszielschriften
und  Kriegszieläußerungen  ist  unendlich  viel  größer  als
die  der  deutschen,  auch  als  die,  welche  insgesamt  von
den  Mittelmächten  ausgegangen  sind.  In  Deutschland
war  es  bis  spät  in  den  November  1916  untersagt,  sich
über  Kriegsziele  irgendwie  öffentlich  zu  äußern  (vgl.
den  Beitrag,  Kriegszielbewegung,  S.  1  ff.),  während
die  Gegner  den  ihrigen  keinerlei  Schranken  setzten.
So  hat  man  sich  dort  in  der  Presse  und  in  sonstigen
Kundgebungen  aller  Art,  von  einzelnen  und  von  Gesellschaften,
  nach  allen  Richtungen  hin  über  das  ausesprochen,

  was  man  durch  den  Krieg  zu  erreichen
soft.  Es  würde  viel  zu  weit  führen,  die  Außerungen
einzeln  zu  verfolgen;  eine  Zusammenfassung  muß  genügen.
  Die  Gliederung  ergibt  sich  von  selbst.
ei  den  Franzosen  steht  natürlich  die  Rückeroberung
  Elsaß-Lothringens  an  erster  Stelle;  man  ist  es
seiner  Ehre  schuldig,  diesen  brutalen  übergriff  der  Gewalt
  wieder  gutzumachen.  Man  scheut  aber  nicht  zurück
  vor  eigenen  größeren  übergriffen;  die  alten  Gallier-Gedanken
  tauchen  wieder  auf.  Man  ist  ja  auch
nicht  sicher,  wenn  Deutschland  nicht  dauernd  zur  Ohnmacht
  verdammt  wird!  Also  muß  Frankreichs  Grenze
nicht  nur  im  Elsaß  vorgerückt  werden  an  den  Rhein.
Doch  hat  man  eine  gewisse  Scheu,  Belgien  und  die
Niederlande  und  durch  sie  doch  auch  das  hinter  ihnen
stehende  England  zu  brüskieren;  man  erinnert  sich,
daß  das  Königreich  der  Niederlande  von  Wiener
Kongreßgnaden  England  seine  Entstehung  verdankt.
So  begnügt  man  ch  mit  dem  linksrheinischen  Lande
bis  in  die  Gegend  von  Bonn;  Nachen.  Köln,  Düsseldorf
  mögen  an  Belgien  fallen,  die  weiter  abwärts
gelegenen  Gegenden  an  die  Niederlande,  die  dafür
aber  Seeflandern  und  den  vorspringenden  Teil  von
Limburg  an  Belgien  obzurtten  haben.

Das  Ubrigbleibende  Deutschland  ist  noch  viel  zu
stark,  um  ungefährlich  zu  sein;  keinesfalls  darf  es  also
geeinigt,  keinesfalls  Preußen  eine  überlegene  Vormacht
dleiben.  Man  will  ja  gerade  das  Deutschtum  retten
vor  Preußen  im  Sinne  Talleyrands:=  Die  Deutschen
hängen  an  alten,  heiligen  Gewohnheiten;  die  heiligste
ist,  zahlreichen  Fürsten  zu  gehorchene.  So  wird  also
Hannover  wiederhergestellt;  Bayern,  Sachsen,  Württemberg,
  Baden,  Hessen  werden  alle  oder  auch  teilweise
  vergrößert,  Preußen  so  beschnitten,  daß  es  einen
Vorsprung  nicht  mehr  besitzt.  Natürlich  überläßt
man  auch  guten  Freunden  ein  Stück  der  Beute.  Also
Dänemark  möge  die  Herzogtümer  ganz  oder  zum
Teil  wieder  nehmen,  Rußland  die  ehemals  polnischen
Gebiete  sich  angliedern,  Ostpreußen  und  Schlesien
dazu.  Auch  England  darf  herübergreifen.  Es  nimmt
Helgoland  zurückund  erhältein  Protektorat  über  Hamburg
  und  Bremen  mit  dem  Küstenland;  der  Nordostseekanal
  wird  internationale  Meeresstraße.  Man
wünscht  auch,  Deutschland  wehrlos  zu  machen;  eine
Armee  soll  es  nicht  mehr  halten,  nur  noch  eine  Polizeitruppe.
  An  ÖOsterreich-Ungarn  mögen  sich  im  Norden
  die  Russen  durch  Galizien  schadlos  halten;  im
Süden  mögen  Italiener,  Serben,  Rumänen  nehmen,
was  ihre  nationalen  Ansprüche  befriedigt.  Der  Rest
wird  zum  größeren  Teil  ein  Königreich  Böhmen  bilden,
  zu  zwei  kleineren  Teilen  die  zukünftigen  Staaten
Osterreich  und  Ungarn,  getrennt  natürrlich.

Trot  der  ungeerran  Kolonialerwerbungen,  die
Frankreich  in  den  lezien  Jahrzehnten  unter  Dach
bringen  konnte,  wird  doch  auch  draußen  in  der  Welt
Gewinn  begehrt.  Neu-Kamerun  will  es  natürlich
zurlickhaben,  auch  sonst  noch  dieses  oder  jenes  von

327

deutschem  Afrika-Besitz.  Man  will  aber  auch  bei  der
Liquidierung  der  Türlei  nicht  leer  ausgehen.  Kreuzzugserinnerungen
  werden  wieder  lebendig.  Syrien
und  Palästina  müssen  französisch  werden;  auch  den
mittleren  Euphrat  muß  man  beherrschen;  England
mag  das  Mündungsgebiet,  Rußland  sich  Türkisch-Armenien
  unterordnen.  über  Konstantinopel  und  die
Meerengen  gehen  die  Meinungen  auseinander;  nicht
alle  wollen  ae  einfach  Rußland  überlassen.
Englands  Gedanken  richten  sich  naturgemäß  zunächst
  über  See.  Schon  im  Februar  1915  hat  6ch
die  mit  gutem  Grunde  berühmte  Royal  Geographical
Society,  deren  deutsche  Gäste,  soweit  sie  von  der  australischen
  Reisemit  nach  England  zurückkehrten,  dort  kriegsefangen
  zurückgehalten  wurden,  eingehend  mit  dieser
grage  beschäftigt.  Die  Kolonien  müssen  Deutschland
alle  abgenommen  werden;  neue  soll  es  nicht  erhalten.
Es  bedarf  ihrer  nicht.  Japan,  Frankreich,  England
mögen  sie  unter  sich  verteilen.  England  soll  sich  die
Linie  Kap-Kairo  sichern.  Bei  der  Aufteilung  der  Türkei
  soll  England  natürlich  nicht  leer  ausgehen.  Mesopotamien,
  Arabien,  ein  Teil  von  Syrien  müssen  ihm
zufallen;  in  Agypten  muß  an  die  Stelle  der  türkischen
Oberhoheit  anerkannt  die  britische  treten,  in  Südpersien
  Englands  Herrschaft  aufgerichtet  werden.  So
wird  der  Indische  Ozean  ein  britisches  Binnenmeer.
Andere  Kreise  betonen  natürlich  vor  allem  Belgien,
nach  Lord  Kitcheners  Auffassung:  =  Die  Grenze  des
englischen  Reiches  in  Europa  ist  nicht  die  Straße  von
Calais,  sondern  die  Maaslinie.:  Belgien  muß  nicht
nur  wiederhergestellt,  sondern  vergrößert  werden,  ein
Begehren,  das  auch  aus  den  Kreisen  der  belgischen  Exregierung
  in  Le  Havre  herübertönt.  Mit  dem  Königreich
  der  Niederlande  wird  dabei  ziemlich  umgesprungen;
  seine  Grenzen  werden  auch  bespischerseits  unverfroren
  verschoben  und  beschnitten.  Mit  der  Aufteilung
Deutschlands  beschäftigen  sich  unsere  Vettern  auf  der
anderen  Seite  der  Nordsee  nicht  so  angelegentlich  wie
Franzosen  und  Russen.  Es  scheint,  als  sei  ein  Gefühl
zurüssgeblieben  dafür,  daß  eine  Zerlegung  Deutschands,
  Osterreich-Ungarns  und  des  Balkans  in  eine
französische,  russische  und  italienische  Interessensphäre
doch  nicht  so  zweifellos  zum  Vorteil  Englands  sei.
Um  so  nachdrücklicher  drängt  die  Inselmacht  auf
dauernde  wirtschaftliche  und  besonders  maritime
Schwächung  des  gefährlichen  Mitbewerbers.
Einenennenswerte  deutsche  Kriegsflotte  darfes  in  Zukunft
  nicht  mehr  geben,  auch  Handelsfahrzeuge  möglichst
  wenig.  Mit  Frankreich  ist  man  einverstanden,
daß  Deutschlands  wirtschaftliches  Leben  durch  schwere
Kriegsentschädigung  wenn  irgend  möglich  tödlich  getroffen
  werden  muß.  Um  die  100  Milliarden  herumbewegen
  sich  die  Forderungen,  die  aufgestellt  werden.  Hin
und  her  ist  beraten  worden,  wie  man  Deutschland  für
alle  Zukunft  vom  Weltverkehr  ausschließen  könne.
In  betreff  Belgiens  tritt  doch  zutage,  daß  die  Interessen
  nicht  ganz  einig  gehen.  Französischerseits  wird
an  einen  Zoll-  und  Militärverband  mit  diesem  Lande
edacht,  in  das  auch  die  Niederlande  einzuschließen
eien,  an  einen  -Gallischen  Bund-.  In  diesem  Zusammenhange
  wird  auch  von  einer  Vergrößerung  der
Niederlande  durch  Ostfriesland  geredet.  Das  sind
Träume,  die  man  in  England  nicht  würdigt.  Dagegen
sind  dort  geradezu  wahnwitzige  Gedanken  gegen  die
deutsche  Induftrie  ausgesprochen  worden;  ihre  rheinisch-westfälischen
  Werte  sollen  ein  fach  zerstört  werden.
Auch  haben  sich  gerade  Engländer  in  wüsten  Phantasien
  über  Kriegserfolge  ergangen.  Hat  doch  der
        <pb n="414" />
        328

frühere  Gouverneur  von  Indien  Lord  Curzon  von
bengalischen  Reitern  im  Park  von  Sanssouci  geredet.
Daß  die  russischen  Stimmen  hinter  denen  der  Genossen
  nicht  zurlickbleiben,  versteht  sich  von  selbst.
Hier  handelt  es  sich  zunächst  um  Konstantinopel  und  die
Meerengen  in  ihrem  vollen  Besitz  würde  ja  Rußland
ugleich  Herr  des  Balkans  und  Kieinasiens  sein,  eine
Falge.  die  doch  auch  bei  den  Verbündeten  nicht  ganz
eresen  wird.  Da  zunächst  Osterreich-Ungarn  im
Wege  steht,  muß  es  zerschlagen  werden.  Serben  und
Montenegriner,  Rumänen,  Tschechen  und  Italiener
mögen  ihr  Teil  nehmen:  Galizien,  nach  des  Ministerpräsidenten
  Goremykins  Wort  die  letzte  Blüte,  die
an  der  lebensvollen  Krone  des  Zaren  gefehlt  hat.,
sowie  die  Bukowina  gebören  Rußland,  das  auch  alle
preußischen  Polen  unter  seine  Obhut  nimmt,  Ostpreußen
  natürlich  wiederum  eingeschlossen  und  Schlesien
über  seinen  polnischen  Bevölkerungsanteil  hinaus.
In  der  Duma  kleidete  das  Ssasonow  selbst  im  Fedruar
  1916  in  die  Worte:  „Rußland  hat  die  Vereinigung
  der  zerstückelten  Teile  Polens  auf  seine  Fahne
geschrieben.=  Vom  übrigen  Deutschland  nehmen  Franosen,
  Belgier  und  Dänen,  was  ihnen  gefällt  und  geührt,
  und  der  Rest  wird  in  mittlere  Staaten  zerlegt,
wie  es  die  Franzosen  planen.  Das  historische  Seminar
der  Berliner  Universität  bewahrt  eine  Schulwandkarte
von  Deutschland,  die  einer  ostpreußischen  Dorsschule
ehörte,  und  in  die  beim  Russeneinfall  ein  Offizier  die
lem  vorschwebenden  zukünftigen  Grenzen  einzeichnete.
Er  läßt  Rußland  bis  zur  Oder  reichen;  das  Küstenland
von  dort  bis  zur  niederländischen  Grenzeist  =  Englische
Kolonie=  zalles  Land  links  vom  Rhein  gehört  zu  Frankreich;
  die  Schweiz  wird  über  alles  Osterreichische  im
Süden  der  Donau  ausgedehnt;  an  diesem  Flusse  beginnt
  nordwärts  Böhmen;  der  Rest  des  Deutschen
Reiches  ist  Klein-Deutschlande.  Was  hier  als  Phantasie
  eines  Soldaten  bezeichnet  werden  könnte,  ist  auch
wiederholt  von  ernster  zu  nehmenden,  hochstehenden,
ja  verantwortlichen  Leuten  vorgetragen  worden.
Wie  sich  der  Urheber  des  Krieges,  Serbien,  und
sein  Stammesbruder  Montenegro  ihre  Beziehungen
zu  Osterreich-Ungarn  dachten,  wird  an  andrer  Stelle
genügend  dargelegt.  Später  sind  noch  Italien,  Portugal
  und  Rumänien  in  die  Reihen  unserer  Gegner
eingetreten.  Italien  und  Rumänien  haben  geglaubt,
ihre  Vertragspflichten  hintansetzen  zu  sollen,  um  ihren
nationalen  Ehrgeiz  zu  befriedigen,  obgleich  weder  die
Rumänen  Ungarns,  noch.  ihrer  großen  Mehrzahl
nach,  die  Italiener  Österreichs  wünschten,  sich  befreien
zu  lassen.  Besonders  die  Italiener  haben  ihr  Verhalten,
  phrasenfreudig  und  phrasenkundig  wie  sie  sind,
in  der  widerwärtigsten  Weise  zu  beschönigen  versucht,
zumal  ihren  Bruch  mit  dem  Deutschen  Reiche.  Ihnen
blieb  es  vorbehalten,  von  der  beiligen  Selbstsucht
(sacro  egoiesmo)  zu  reden.  Ihre  Ansprüche  an  Osterreich
  machten  nicht  einmal  halt  an  der  Nationalitätenrenze
  (Italia  libera  al  Pyrenaol);  geographisches  Gechwätz
  wurde  zum  patriotischen  zu  Hilfe  genommen.
Sie  erhoffen  vom  Kriege  aber  nicht  nur  Hinausschieben
  ihrer  Nordgrenze,  sondern  auch  die  Herrschaft
über  die  Adria  und  eine  verstärkte  Stellung  am  Agäischen
  Meer  über  den  Dodekannesos  hinaus,  Anteil
an  Anatolien.  Sie  geraten  damit  in  scharfen  Gegensatz
  zu  Griechenland  und  überdies  zu  Serbien,  das
am  Adriatischen  Meere  Fuß  fassen  möchte,  Bosnien
und  Dalmatien  als  sein  Erbe  ansieht.  In  ihren  Karikaturen
  haben  sich  die  Italiener  besonders  durch
Schmutz  und  Roheit  ausgezeichnet.

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Daß  es  sich  bei  all  diesen  Forderungen  und  Plänen
unserer  Gegner  nicht  bloß  um  Außerungen  einzelner
Verantwortlicher  oder  Unverantwortlicher,  sondern
um  Regierungsprogramme  handelt,  beweist  klar
und  deutlich  die  am  12.  Januar  1917bekanntgewordene
Antwort  unserer  Gegner  auf  den  Vermittlungsvorschlag
  des  Präsidenten  der  Vereinigten  Staaten  vom
19.  Dezember  1916.  Nach  Wiederholung  der  erlogenen
Beschuldigungen  vom  Angriff  der  Mittelmächte,  von
ihrer  „systematischen  Verachtung  der  Grundsätze  der
Menschlichkeit  und  der  Rechte  der  kleinen  Staatene,
von  den  von  ihnen  verübten  -  Greueln=  trägt  sie  die,
wie  sie  selbst  sagt,  =  wohlbekannten  Kriegsziele  vor.
Daß  Ersatz  alles  erlittenen  Schadens,  Wiederherstellung
  von  Belgien,  Serbien  und  Montenegro,  Näumung
  der  besetzten  Teile  von  Frankreich,  Rußland  und
Rumänien  verlangt  wird,  neugt  zwar  von  bölliger
Verkennung  der  Kriegslage,  kann  aber  sonst  nicht  weiter
  wundernehmen.  Trotz  der  Mißerfolge  im  europäischen
  Kriege  beharrt  man  jedoch  darauf,  die  Mittelmächte
  zu  vernichten;  denn  nichts  anderes  ist  es,  wenn
die  Zurückgabe  der  Provinzen  und  Gebiete,  die  ehemals
  (autrefois)  den  Alliierten  durch  Gewalt  oder  gegen
  den  Willen  der  Bevölkerung  entrissen  worden  sind,

ie  Befreiung  der  Italiener,  Slawen,  Rumänen.
Tschechen  und  Slowaken  von  der  Fremdhberrschaft.
die  Befreiung  der  Bevölkerungen,  welche  der  blutigen
Tyrannei  der  Türken  unterworfen  sind,  und  die  Entfernung
  des  osmanischen  Reiches  aus  Europa  verlangt
werden.  Was  bleibt  von  der  Türkei  übrig.  wenn  man
sie  aus  Europa  hinauswirft  und  in  Asien  Armenier
und  Griechen,  Syrer  und  Araber  ihrer  Herrschaft  entieht?
  Was  wird  aus  Osterreich  und  Ungarn,  wenn
taliener.  Slawen  und  Rumänen,  die  weit  über  die
Hälfte  der  Bevölkerung  ausmachen.-befreite  werden?
Deutschland  soll  zurückgeben,  was  es  „ehemals  den  Allüierten
  durch  Gewalt  oder  gegen  den  Willen  der  Bevölferung
  (par  la  force  ou  contre  le  vou  des  populations)
  entriß-.  Was  ist  das?  Es  hat  nur  einem
der  Alliierten,  Frankreich,  Gebiet  durch  Gewalt  abgenommen.
  Warum  fordert  man  nicht  einfach  Rückgabe
  von  Ellaß-Kothrinchen!  Weil  man  offenbar
mehr  will.  Was  ist,  nach  der  Auffassung  der  Allüeerten,
  nicht  alles  gegen  den  Willen  der  Bevölkerung  an
Preußen  bzw.  Deutschland  angeschlossen  worden?
Nicht  nur  Polin  und  Dänen,  sondern  auch  Hannove-=raner
  und  Hessen,  Schleswig-Holsteiner,  Nassauer
und  Frankfurter,  ja  auch  Sachsen  und  Bayern,  überhaupt
  die  Süddeutschen,  vor  100  Jahren  auch  einmal
Rheinländer.  Und  dabei  betont  die  Note  noch  feierlich,
  daß  sie  »die  Vernichtung  der  deutschen  Völler
(Mehrzahl:  des  peuples  allemands!)  und  ihr  politisches
  Verschwinden  nicht  anstrebe-,  sondern  nur  =  Europa
  der  brutalen  Begierde  des  preußischen  Militarismus
  entreißen,  den  Frieden  auf  der  Grundlage  der
Freihxit  und  Gerechtigkeit,  der  unverletzlichen  Treue
sichern  wolle-,  versäumt  auch  nicht,  hinzuzufügen,  daß
»die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten  von  dieser
Treue  stets  beseelt  war-.  Wer  lacht  da?  Wo  bleiden
Reineke  Vos  und  Tartuffe?  Daß  man  unentwegt  die
Geschichte  auf  den  Kopf  stellt,  bewies  am  7.  März  noch
wieder  die  Nationalkundgebung  in  der  Sorbonne,  in  der
der  Kammerpräsident  Deschanel  erklärte  nach  der  einen
Version,  daß  die  Deutschen  sich  29.,  nach  der  anderen
gar  mehr  als  200mal  auf  Frankreich  gestürzt  hätten!

Auch  Amerika  hat  sich  unseren  Feinden  angeschlossen.
  Uüber  seine  Sympathien  konnten  von  Kriegs-
        <pb n="415" />
        Schäfer:  Der  Krieg  in  der  Auffassung  unserer  Gegner

beginn  an  Zweifel  nicht  bestehen.  Man  hat  die  Blutsverwandtschaft
  von  John  Bull  und  Bruder  Jonathan
betont.  Sie  mag  einen  gewissen  Einfluß  üben  trotz
des  starken  Einschlags  deutscher  und  irischer  Bewohnerschaft
  in  der  Union;  entscheidend  ist  sie  gewiß  nicht.
Die  materiellen  Interessen  bestimmen  die  Politik  des
Kapitols,  haben  das  ununterbrochen  getan  von  der
Unabhängigkeitserklärung  an  bis  auf  den  heutigen
Tag.  Wie  lange  ist  doch  das  allgemeine  Urteil  über
Amerika  in  die  Irre  gegangen!  Seine  materiellen
Interessen  drängen  auf  nglands  Seite,  zunächst  weil
die  Lage  im  Stillen  Ozeane  die  beiden  Mächte  aneinander
  kettet,  dann  aber  auch,  weil  sich  die  ungeügelte
amerikanische  Erwerbsgier  den  Vorteil  der  Kriegsbedarfslieferungen
  nicht  entgehen  lassen  wollte.  Je
mehr  man  diesem  Gewinn  nachjagte,  desto  fester  wurde
man  mit  dem  Kriegsausgang  verstrickt.  Die  Bevorzugung
  der  Entente  wurde  daher  immer  offenkundiger.
  Daß  man  seine  parteiische  Haltung  mit  allen
möglichen  schönen  Redensarten:  Menschlichkeit,  Gerechtigkeit,
  Völkerglück,  Schutz  der  Kleinen  und  Schwachen
  verbrämte,  dazu  brauchte  man  nicht  einmal  das
Vorbild  der  Entente;  darauf  hat  sich  der  Dankee  von
jeher  mindestens  cbenoßut,  ja  besser  als  der  Jingo
verstanden.  In  seiner  Masse  glaubt  er  auch  an  diesen
cant,  genau  so  wie  der  Brite.  Daher  kann  Wilson
sich  den  ungeheuerlichsten  Blödsinn  leisten,  der  je  im
Dienste  der  Politr  verklndet  wurde.  Man  hat  keinen
Streit  mit  dem  deutschen  Bolkee,  für  dieses  hat  man
nur  ein  Gefühl  der  Sympathie  und  der  Freundschaft:
Wir  sind  aufrichtige  Freunde  des  deutschen  Volkes.
Seine  Regierung  hat  aber  den  Krieg  nicht  mit
vorheriger  Kenntnis  oder  Billigung  des  Volkes  geführt.
  Sie  hat  ihn  beschlossen,  wie  in  alten  ungllücklichen
  Zeiten  Kriege  beschlossen  wurden,  als  die  Völker
  von  ihren  Regierenden  nirgends  befragt  wurden,
Kriege  hervorgerufen  und  geführt  wurden  im  Interesse
  von  Dynastien,  oder  von  kleinen  Gruppen  Ehrgeiger,
  die  gewohnt  waren,  ihre  Mitbürger  als  Pfäner

  und  Werkzeuge  zu  benutzen.“  Aus  solcher  Lage
muß  man  das  deutsche  Volk  befreien,  von  der  preußischen
  Autokratie-,  von  den  Snatürlichen  Feinden
der  Freiheite  usw.  Ein  Volk,  dessen  berufenen  Vertretern
  man  derartigen  Unsinn  wirkungsvoll  vortragen
kann,  haben  wir  uns  vor  dem  Kriege  von  deusschen
Universitätslehrern  als  Vorbild  der  Kultur  anpreisen
lassen,  haben  damals  und  noch  während  des  Krieges
erleben  müssen,  daß  seine  Staatsmänner  und  Gelchrten
  angefeiert  wurden!  Die  Schamröte  steigt  einem
ins  Ucsccht.  daß  derartiges  möglich  war.

Die  Vereinigten  Staaten  führen  keinen  Krieg  gegen
das  deutsche  Volk.  So  sagen  sie.  Sie  wollen  es  nur
von  seiner  autokratischen  Herrschaft  befreien.  Sie
haben  auch  nicht,  wie  unsere  Nachbarn,  ein  unmittelbares
  Interesse  daran,  Deutschland  zu  zerschlagen.
Aber  sie  wissen  gut,  daß  auf  die  Dauer  Deutschland
ein  gefährlicherer  Mitbewerber  im  Welthandel  ist  als
England,  vor  allem  in  Südamerika  und  Ostasien.
Die  Zeit  ist  gekommen,  wo  sie  sich  anschicken,  der  Monroe-Doktrin
  die  Form  voller  Verfügung  über  den  Erdteil
  zu  geben.  Sie  fordern  das  als  Leine  natürliche
Entwicklung.  Sie  wollen  nicht  über  Süd-  und  Mittelamerika
  herrschen,  beileibe  nicht;  aber  sie  finden  es
gegeben,  daß  sich  die  Bewohner  derselben  Hemisphäre
ge  neiti  ssüen  und  fördern.  Daß  solche  Förderung
8  eine  Leitung  und  Ausbeutung  der  lateinischen
Republiken  durch  die  übermächtige  angelsächsische  hinausläuft,
  sagt  man  nicht,  weiß  es  aber  genau.  Das

329

eschieht  alles  im  Dienste  menschlichen  Fortschritts;
ollte  aber  je  eine  mitteleuropäische  Staatenvereinigung
  unter  der  Führung  Deutschlands  und  Osterreich-Ungarns
  zusammentreten,  so  ist  das  eine  Versündigung
  an  der  Menschheit  und  an  der  Freiheit  der
kleinen  Staaten  und  Völker.  Es  wird  auch  schon  angedeute.
  daß  amerikanischer  Handel  in  steigendem

kaße  in  den  weniger  entwickelten  Ländern  der  Alten
Welt  vordringt  und  daß  seine  ungehinderte  Weiterentfaltung
  eine  Segnung  der  Kultur  sei.  Der  -edle-Wilson,
  der  völkerbeglückende  Yankee!

Wie  sich  der  Professor-Präsident  die  politischen  Gedankengänge
  der  Ententemächte  angeeignet  hat,  nur
noch  in  vergröberter  Form,  nach  amerikanischem  Geschmack,
  gleichsam  auf  den  Mann  dressiert,  so  versteht
es  sich  von  selbst,  daß  sich  ein  Volk,  welches  mit  solchen
Vorspiegelungen  geleitet  werden  kann,  auch  willig
alle  die  Verleumdungen  zu  eigen  macht,  die  von  unseren
  Feinden  so  gewandt  wie  gewissenlos  verbreiter
werden.  Den  ersten  Anstoß  dazu  hat  unser  Einmarsch
  in  Belgien  gegeben,  den  unser  Reichskanzler
voreilig  und  unbedacht  als  ein  Unrecht  bezeichnet
hatte.  Daß  er  in  der  Erregung  von  Verträgen  als  von
Fetzen  Papier  sprach,  ist  ihm  auch  immer  wieder  vorgehalten
  worden.  Die  Zucht=  und  Zügellosigkeil  des

elgischen  Bolkes,  das  wenig  gewöhnt  ist,  sich  fester
Ordnung  zu  fügen,  hat  unsere  Truppen  zu  scharfer
Abwehr  gezwungen;  unvermeidliche  Härten  wurden
dann  durch  maßlose  Übertreibungen  und  haßerfüllte
Erfindungen  in  unerhörte  Barbareien  umgewandelt,
und  einmal  begonnen  hat  die  Verleumdung  nicht
mehr  Halt  gefunden.  In  ihr  erkennt  man  die  Engländer
  aller  Zeiten  als  Meister,  ob  man  nun  ihre  Anklagen
  und  Beschwerden  aus  dem  Mittelalter  oder  ihre
abulgaxischen“,  armenischene  oder  =  Kongo-Greuelins
  Auge  faßt.  Dient  all  das  doch  dem  Zweck!

Es  bleibt  für  deutsche  Denkweise  unverständlich,
daß  sich  der  britische  Botschafter  Lord  Bryce,  Verfasser
eines  verständigen  Buches  über  unser  eiliges  Römisches
  Reich  ,  Ritter  unseres  Ordens  Pour  le  merite,
zum  Leiter  in  diesem  Verleumdungsfeldzuge  aufwerfen
  konnten.  Es  gibt  nichts  so  Grausames,  Widerwärtiges,
  Gemeines,  Niederträchtiges,  Unmenschliches,
  keine  Greuel  der  wildesten  Vorzeit,  die  unseren
deutschen  Soldaten  nicht  angedichtet  worden  wären,
den  Söhnen  des  zweifellos  gestttetsten  und  gebildetsten
Volkes  der  Welt,  das  in  seiner  Masse  unendlich  überlegen
  ist  den  Nationen,  die  durch  London  und  Paris
ihr  Gepräge  erhalten.

Diesen  sinnlosen  Beschuldigungen  ist  bei  allen  gegnerischen
  Mächten  ausnahmslos  der  amtliche  Stempel
  aufgedrückt  worden;  die  verantwortlichen  Staatenlenker
  selber  haben  sie  sich  mit  vollem  Bewußtsein
und  in  voller  Absicht  zu  eigen  gemacht.  Sie  haben
von  einem  -System  der  Morde  und  Kollektivplünderung
  gesprochen-,  von  der  -Barbarei  des  Despotismus.,
  der  „unverschämten  Vorherrschaft  der  Kriegerkastee,
  der  sie  das  alles  besonders  in  die  Schuhe  schoben,
  haben  natürlich  auch  die  Hunnen  wieder  hervoreholt,

  obgleich  geschichtskundige  Leute  ihnen  hätten
sagen  können,  daß  man  von  deren  besonderen  Untaten
  blutwenig  weiß.  Als  der  U-Boot-Handelskrieg
lästig  wurde,  kannte  das  wütende  Schimpfen  gar  keine
Grenzen  mehr.  Lord  Churchill  sprach  am  15.  Fe-1

  „Roport  of  tfbe  comittee  on  alleged  German  ontrages
appolntod  by  Hl  Britannie  Majcnty'’“  Government  and  presented
  over  by  tho  Rt.  Hon.  Vut.  Uryce,  O.  M.“  (Lonb.  1915).
        <pb n="416" />
        330

bruar  1915  von  offenbarem  Mord  und  Seeraub;  Lord
Asquith  erklärte  am  20.  Mai:  -Der  Feind  sinkt  von
Stufe  zu  Stufe  zu  grenzenloser  Schmach  herunter.=Ein
  besonderes  Kapitel  bildete  die  Beschädigung  von
Baudenkmälern,  wie  die  Kriegführung  sie  mit  sich
brachte  infolge  der  Überfallversuche  seindlicher  Bevölkerung,
  wie  in  Löwen,  oder  der  gegnerischen  Benutzung
von  Monumentalbauten  zu  Angriffs=  oder  Verteidigungszwecken,
  wie  in  Reims  und  an  anderen  Orten.
An  das  lange  Schuldregister,  das  man  Engländern
wie  Franzosen  aus  früheren  Kriegen  vorhalten  könnte,
wurde  natürlich  nicht  gedacht.

Die  unablässigen  Beschuldigungen  gaben  eine  erwünschte
  Grundlage  für  den  Schwall  von  Phrasen,
mit  denen  man  fortgesetzt  die  öffentliche  Meinung  aufpeitschte.
  Nur  um  das  eigene  Heim  vor  Mord  und
Schande  zu  schützen,  stehe  man  in  Waffen,  den  Kindern
  und  der  Menschheit  das  geistige  Erbe  zu  sichern,
dessen  Verkörperung  und  Wächter  man  sei.  In  den
höchsten  Tönen  redete  man  von  Menschlichkeit  und
Gerechtigkeit,  von  Gottesfurcht  und  Gesittung.  Man
»rettete  die  Sache  der  Zivilisation  und  des  Rechtsund
  rief  »den  unbesiegbaren  Geist  der  Menschheitals
  Verbündeten  auf.  Und  das  taten  dieselben  Völker,
  die  Baralong-Mörder  in  Schutz  nahmen,  die  Nettoyeurs
  bestellten,  die  Verwundeten  hinzuschlachten,
die  deutsche  Gefangene,  zivile  und  militärische,  unsäglichen
  Mißhandlungen  unterwarfen,  die  Fardige
auf  Weiße  hetzten,  die  sich  auf  dem  Gebiet,  das  zeitweise
  oder,  wie  Teile  Ostpreußens  und  Galiziens,
längere  Zeit  in  ihre  Gewalt  kam,  die  wildesten  Ausschreitungen
  erlaubten,  Hunderte  und  Tausende  von
Menschen  fortschleppten,  auch  von  den  eigenen  Unter-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

tanen  nicht  nur  Hunderttausende,  sondern  Millionen
unter  völliger  Vernichtung  ihrer  Heimstätten  gewaltsam
  hinweg  und  zum  großen  Teil  in  den  sicheren
Tod  führten,  deren  Presse  in  Gedichten  auffordern
konnte,  den  teuflischen  Deutschen  die  Zungen  abzuschneiden
  und  die  Augen  auszureißen!  Wer  vor  diesem
  Kriege  gesagt  hätte,  daß  das  alles  möglich  sei.
würde  sich  der  Gefahr  ausgesetzt  haben,  für  geistes.
krank  erklärt  zu  werden.  Damit  auch  die  Komit  nicht
fehle,  sprach  Ssasonow  am  8.  Februar  1915  die  biedermännischen
  Worte:?  Der  Feind  greift  auf  alle  Mittel
zurück,  selbst  auf  das  der  Verfälschung  der  Bahrdeit.=Dieses

  ganze  Verfahren  ins  rechte  Licht  zu  rücken.
muß  daran  erinnert  werden,  daß  von  den  1670  Millionen
  Bewohnern  der  Erde  1356,  also  mehr  als  vier
Fünftel,  gegen  insgesamt  156  Milliounen  Gegner  unter
Waffen  stehen.  Die  Vernichtung,  die  sie  wollen,  mag
ihnen  nicht  unerreichbar  erscheinen.

Die  Literatur  ist  naturgemäß  außerordentlich  zerstreut,
wie  die  Kußerungen  in  Reden,  in  der  Presse,  in  Denk=  umd
Flugschriften  gefallen  sind.  Eine  Zusammenstellung  hat
Joh.  Neumann  im  Auftrage  der  Auskunftsstelle  Veremigter
  Verbände  versucht:  Die  Zerschmetterung  Teutsch
lands.  Die  Kriegsziele  unserer  Feinde  im  Spiegel  ihrer
eigenen  Außerungen  (Berl.  1915).  Zahlreiche  Belege  finden
sich  in  der  -Chronik  des  Deutschen  Krieges-,  bis  jetzt  10
Bände  und  ein  Ergänzungsband  (Die  belgischen  Gesandtschaftsberichte
  aus  den  Jahren  1905—1914)  bis  30.  November
  1915  Münch.  1915  ff.).  Eine  der  ausschweifendsten
franuzösischen  Kriegsschriften  ist  Onéfime  Reclus,  L'Allemugne
  en  morceaux.  Paix  draconienne  (Par.  1915.
deutsch  von  Paul  Brönnle:  Die  Zerstückelung  Deurschlands.
Drakonische  Friedensbedingungen.  Mit  Geleit=  und  Schlußwort
  von  Paul  Liman,  Leipz.  1915).  Bgl.  auch  H.  Frobenius,
  Kriegs  ziele  und  Friedensziele  (Berl.  1916).

Die  Presse  unserer  Gegner

von  Dr.  Hermann  Diez,  Direktor  von  Wolffs  Telegr.  Büro,
Berlin

Die  Bedeutung  der  feindlichen  Presse  für  den  Weltkrieg
  wird  am  besten  dadurch  gekennzeichnet,  daß  man
diesen  geradezu  den  -Krieg  der  Presser  hat  nennen
wollen,  daß  man  die  englische  Politik  der  Abkehr
von  Deutschland  und  des  Anschlusses  an  Frankreich
und  Rußland  zu  einem  erheblichen  Teil  auf  die  gemeinsamen
  Bemühungen  einer  Tageszeitung,  eines
Wochenblattes  und  einer  Monatsschrift,  nämlich  der
„Times",  bes  -Spectator-  und  der  National  Review.
zurückgeführt  hat  und  daß  man  seit  dem  Anfang  des
20.  Jahrhunderts  von  einem  Presse-Dreiverbandspricht,
  den  die  „Times  mit  dem  Pariser  „Matinund
  der  Petersburger  =  Nowoje  Wremja«  geschlossen
hätten.  Die  Verbandsverträge  und  ihre  finanziellen
Einzelheiten  sind  niemals  bekanntgeworden.  Aber  Tatsache
  ist  nicht  nur  die  konzentrische  Betätigung  eines
maßlosen  Deutschenhasses  durch  diese  führenden  Organe
  der  Dreiverbandsländer,  sondern  auch  das  Bestehen
  geschäftlicher  Vereinbarungen  zur  Unterstützung
der  aus  dem  Geiste  Eduards  VII.  geborenen  Einkreisungspolitik.


Die  englische  Presse.  Das  geschickteste  und  gefährlichste
  Werkzeug  dieser  Politik  war  und  ist  der  von  dem
dankbaren  König  unter  dem  Ministerium  Balfour-Chamberlain
  zum  Lord  Northceliffe  erhobene  Zeitungsmagnat
  A.  C.  Harmsworth  (Northcliffe-Presse).

Durch  die  Veröffentlichung  der  in  dem  besetzten  Brüfsel
  aufgefundenen  diplomatischen  Aktenstücke  ist  bekanntgeworden,
  daß  der  früher  in  Paris  tätig  gewesene
  belgische  Gesandte  in  London,  Graf  Lalaing,  unter
  dem  24.  Mai  1907  an  seine  Regierung  berichtet  hat:

Eine  gewisse  Kategorie  der  Presse,  hier  unter  dem
Namen  #gelbe  Presse“  bekannt,  trägt  zum  großen  Teil
für  die  feindselige  Stimmung  zwischen  den  beiden  Nationen

ie  Verantwortung.  Was  kann  man  denn  auch  von

einem  Journalisten  wie  Herrn  Harmsworth,  heute  Lord
Northclijje,  Herausgeber  der  Daily  Mail-,  des  „  Daily
Mirror-,  des  „Daily  Graphic-,  bes  =  Daily  Express“,
der  -Evening  News,  und  der  „  Weekly  Dispa#cherwarten,
  der  in  einem  Interview  für  den  „Matin.  sagt:
„Ja,  wir  verabscheuen  die  Deutschen  und  das  von  Her
zen..  Ich  werde  nicht  zugeben,  daß  meine  Zeitung  auch
nur  das  geringste  druckt,  was  Frankreich  verl  könnte.
aber  ich  möchte  nicht,  daß  sie  irgend  etwas  aufnimmt,  was
den  Deutschen  angenehm  sein  könntec.

Unter  den  hier  aufgezählten  Blättern  sind  allerdings
auch  die  der  Pearson-Gruppe  angeführt,  zu  der
zunächst  der--DailyExpressc,  die-St.James  Gazette.
der  „  Standard-  und  der  bald  mit  der  -St.  James  Gazette
  verschmolzene  =  Evening  Standard=  gehörten.
Aber  die  fortschreitende  äußere  Bertrustung  undinnere
Vereinheitlichung  rechtfertigen  das  Urteil  des  belgischen
  Diplomaten  durchaus.  Der  Zeitpunkt,  zu  dem
sich  Lord  Northeliffe  durch  Unterwerfung  der  -  Times.
sozusagen  zum  Alleinherscher  des  englischen  Zeitungswesens
  gemacht  hat,  ist  nicht  genau  festzustellen;  jedenfalls
  aber  war  schon  im  Jahre  1908  ein  maßgeben-
        <pb n="417" />
        Diez:  Die  Presse  unserer  Gegner

der  Einfluß  zu  verspüren,  und  seitdem  ist  dieser
Einfluß  ausschließlich  und  unumschränkt  geworden.
Wenn  es  schon  lange  eine  Schwäche  der  liberalen  Regierung
  war,  daß  sie  dem  ungeheuren  Machtfaltor
der  konservativen  und  unionistischen  Presse  in  ihren
eigenen  Organen  nichts  auch  nur  annähernd  Gleichwertiges
  gegenüberzustellen  hatte,  so  ist  dieses  Mißverhältnis
  durch  die  mit  dem  Namen  Harmsworth
verbundene  Entwicklung  noch  viel  krasser  geworden,
und  bald  genug  mußte  sich  die  Regierung  der
Tyrannei  dieser  Presse  beugen.  Die  Einführung  der
Wehrpflicht  ist  im  Grunde  das  Werk  Lord  Northcrliffes
undseiner  Presse.  Das  sogenannte  Koalitionskabinett,
das  durch  die  Aufnahme  einer  Anzahl  hervorragender
  Unionisten  in  das  liberale  Ministerium  hergestellt
wurde,  genügte  dieser  Tyrannei  nicht  lange;  unerbittlich
  wurde  jeder  Staatsmann  weggedrängt,  bei
dem  man  irgendeine  Neigung  zum  Verständigungsfrieden
  argwöhnte.  So  fielen  Haldane,  Asquith  und
schließlich  auch  Lord  Grey.  Auch  die  Kriegführung
selbst  wurde  aufs  schärfste  kontrolliert,  Kitchener  gelegentlich
  wegen  angeblicher  Lässigkeit  in  der  Munitionsbeschaffung
  auße  schärfste  angegriffen,  und  die
Churchill,  Jellicoe  und  French  sind  ebenso  Opfer  der
Northeliffe-Presse  geworden  wie  der  schon  um  seines
deutschen  Namens  willen  „unmögliche-Prinz  Battenberg.
  Heute  kann  man  sagen,  daß  Lloyd  George  und
Lord  Northcliffe  unter  Ausschluß  jedes  anderen  Einflusses
  das  britische  Weltreich  regieren  und  daß  auch
jener  sein  Amt  nur  führen  kann,  solange  er  diesem
gefällt  und  genügt,  bis  eben  die  Alleinherrschaft  dieser
Presse  von  unten  her,  d.  h.  vom  Volke,  gebrochen  wird.
Das  schon  erwähnte  Mißverhältnis  zwischen  der
konservativ-unionistischen  und  der  liberalen  Presse
wird  durch  folgende  Angaben  veranschaulicht:  Ihr
einziges  Penny-Morgenblatt,  die  Tribune,  hat  die
liberale  Partei  überhaupt  nur  ganz  kurze  Zeit  zu  erhalten
  vermocht.  Die  „Daily  News,  ein  Halbpennyblatt,
  das  ehemalige  Organ  Gladstones  und  während
des  Burenkriegs  durch  seine  Burenfreundlichkeit  bekannt.
  mußte  sich  im  Jahre  1912  mit  dem  =  Morning
Leader«  verschmelzen.  Liberal  sind  ferner  -Daily
Chronicle:  und  die  Abendblätter  -  Westminuster
Gazette=  und  -Star-  (neuerdings  mit  dem  Echoverschmolzen).
  Damit  ist  die  Reihe  der  Londoner  liberalen
  Blätter  schon  erschöpft,  während  auf  der  Gegenseite
  außer  den  obenerwähnten  Blättern  noch  der
ursprünglich  liberale,  aber  seit  1886  unionistische
»Daily  Telegraph-,  der  „Globe  and  Traveller-,  die
„Morning  Poste,  die  „Pall  Mall  Gazette-  stehen.
Vollends  bedeutungslos  ist  die  Arbeiterpresse;  der
»Daily  Citizen-,  im  Jahre  1912  gegründet,  ursprünglich
  in  London  und  Manchester  erscheinend,
zuletzt  nur  noch  in  Manchester,  hat  im  Juni  1915,
leich  einem  früheren  Unternehmen  dieser  Art,  sein
rscheinen  einstellen  müssen.  So  gibt  es  in  London
überhaupt  keine  sozialdemokratische  Tageszeitung.
Der  „Labour  Leader=  ist  ein  Wochenblatt.  Einige
Stützen  hatte  allerdings  die  Regierung  noch  in  der
Prodinzpresse,  so  §  B.  im  -Manchester  Guardiane,
in  der  „Liverpool  Daily  Post-  usw.  und  insbesondere
in  Schottland  und  Irland,  aber  daß  sie  in  England
selbst  und  vollends  in  der  Hauptstadt  so  unzureichend
vertreten  war,  mußte  sich  bei  jeder  ernsteren  Krise
als  verhängnisvoll  erweisen.  Schließlich  war  ja
auch  die  schlechte  Ausstattung  mit  Preßorganen  nur
ein  Ausfluß  der  finanziellen  Schwäche  der  Partei.
Im  übrigen  ist  allerdings  festzustellen,  daß  der

331

Krieg  und  seine  seelischen  Strömungen  den  Unter.
schied  in  der  politischen  Stellung  und  insbesondere
in  der  Stimmung,  gegenüber  Deutschland  ziemlich
verwischt  haben.  Ein  erheblicher  Teil  der  englischen
Presse  steht  ja  noch  nicht  auf  dem  Standpunkt,  der
auch  die  niedrigste,  gehässigste  und  schamloseste  Hetze
egen  Deutschland  und  die  verlogenste  Verleumdung
fur  salonfähig  hält,  wie  das  die  -Daily  Mail.,  der
iDaily  Mirror-,  der  „Daily  Express«  usw.  tun.
Aber  ein  gewisses  Bestreben,  auch  Deutschland  gegenüber
  anständig  im  Ton  und  einigermaßen  gerecht
und  sachlich  zu  bleiben,  zeigt  sich  doch  höchstens  noch
in  der  „Westminster  Gazettes,  im  „Manchester
Guardian,  in  -Daily  News-  und  -DailyCbhroniclee,
die  aber  insbesondere  seit  der  Versenkung  der  Lusitaniar
  ebenfalls  schroff  deutschfeindlich  geworden  sind.
Alle  übrigen  betreiben  die  Aufpeitschung  der  Volksleidenschaft
  gegen  Deutschland  mit  den  niedrigsten
Mitteln.  Das  gilt  erst  recht  von  den  sogenannten
Society-Blättern,  dieimmereinenbesonders  fragwürdigen
  Typus  dargestellt  haben,  aber  auch  von  den
Revuen,  die  jetzt  alle  mehr  oder  weniger  auf  den
Standpunkt  der  „Saturday  Review:  getreten  sind,
die  sich  schon  im  Jahre  1897  zu  dem  »ceterum  censeo,
  Germaniam  esse  delendame  bekannt  hatte.
Als  Vertreter  der  niederträchtigsten  Deutschlandhetze
  mag  noch  die  Wochenschrift  „John  Bull.  des
berüchtigten  Abenteurers  und  Schwindlers  Horatio
Bottomley  erwähnt  sein,  die  es  im  Laufe  des  Krieges
zu  einer  Auflage  von  1200000  gebracht  haben  soll
und  die  zur  Genüge  dadurch  gekennzeichnet  wird,  daß
sie  nach  dem  Einmarsch  des  englischen  Heeres  in
Berlin  die  Aufknüpfung  aller  Deutschen  an  Laternenpfählen
  forderte.  Auf  dieses  Niveau  ist  der  größte
Teil  der  einst  so  stolzen  englischen  Presse  gesunken.
Der  Einfluß  des  Krieges  auf  die  wirtschaftliche
Lagederenglischen  Zeitungen  war  entsprechend
dem  prahlerisch  verkündeten  #businessas  usual  in  den
wei  ersten  Jahren  des  Krieges  sicherlich  nicht  ungün-*
  Das  englische  Zeitungswesen  ist  schon  lange  auf
die  Anzeigeneinnahmen  gestellt,  und  die  Kriegsinserate,
namentlich  die  Werbeaufrufe,  nahmen  bald  einen  riesigen
  Umfang  an,  dem  ein  Ausfall  kaum  gegenüberstand.
  Dazu  kam  ein  mächtiges  Anschwellen  der  Auf.
lagen,  entsprechend  dem  leidenschaftlichen  Nachrichtenbedürfnis
  insbesondere  bei  den  Morgenblättern,  die
ihren  Schwerpunkt  von  jeher  in  einem  reich  ausestalteten
  Nachrichtenteil  gehabt  haben.  So  soll  die
uflage  der  »Times«,  die  vor  dem  Krieg  170  000  betragen
  haben  soll  (nachdem  sie  im  Lars-  der  vorangegangenen
  Jahrzehnte  erheblich  gesunken  gewesen),
im  Kriege  auf  250000  gestiegen  sein;  die  der  „  Daily
Mailbetrug  im  Sommer  1915:1200000,  ist  jetzt  angeblich
  niedriger;  während  sich  die  von  „Daily  News
and  Leader:  von  300  —500000  vor  dem  Kriege
auf  800000  gesteigert  haben  soll,  was  vielleicht  doch
darauf  schließen  läßt,  daß  die  Harmsworth-Presse  den
Bogen  überspannt  hat.  Auf  eine  im  ganzen  doch  nicht
allzu  günstige  Lage  der  Zeitungen  läßt  schließen,  daß
die  Londoner  Blätter  auf  die  entfernteren  Kriegsschauplätze
  je  nur  einen  gemeinsamen  Korrespondenten  entsandt
  haben.  Im  dritten  Kriegswinter  hat  der  Unterseebootkrieg
  die  englischen  Blätter  zu  einer  wesentlichen
  Einsthrünkung.  ihres  Umfanges  und  zu  einer
Erhöhung  ihrer  Preise  gezwungen.
Von  Anderungen,  die  der  Krieg  im  englischen  Zeitungswesen
  gebracht  hat,  ist  insbesondere  noch  der
nach  dem  Aussterben  der  Familie  Reuter  erfolgte
        <pb n="418" />
        332

Verlauf  des  Reuterschen  Büros  an  eine  Kapitalistengruppe
  zu  erwähnen,  der  Sir  Leander  Starr  Jameson
(belannt  und  gelennzeichnet  durch  den  berüchtigten
Jameson-Raid)  angehört  und  die  gänzlich  unter  dem
Einfluß  der  Regierung  zu  stehen  scheint.  Die  Aktien
sind  über  den  Nennwert  bezahlt  worden,  obwohl  das
Büro  in  Kriegszeiten  keine  Dividenden  ausgeschüttet
hatte,  ein  Beweis,  daß  die  Regierung  großen  Wert
auf  die  publizistische  Macht  des  Büros  legt.  Der
„Standarde,  der  zu  Anfang  des  Krieges  die  nach  London
  ausgeführte  -Independance  Belge-  gedruckt
hatte,  ist  eingegangen.  Die  -Pall  Mall  Gazette  ist
von  dem  radikalen  Parlamentsmitglied  Dalziel,  dem
Besitzer  des  Sonntagsblattes  Reynold's  Newspaper-,
  dem  bisherigen  Besitzer  Lord  Astor  abgekauft
und  in  ein  Organ  für  Lloyd  George  umgewandelt
worden.  Der  Herausgeber  des  Economist-,  Francis
  Hirst,  der  wegen  feiner  Friedensliebe  aus  seiner
Stellung  verdrängt  worden  war,  hat  eine  Zeitschrift
»Common  sense-  gegründet,  die  nicht  ins  Ausland
versandt  werden  darf.  Ein  anderes  neues  Wochenblatt
  ist  Zundey  Pictorial-,  für  das  Winston  Churchill
  schreibt.  Der  Verleger  ist  Lord  Rothermere,  ein
jüngerer  Bruder  des  Lords  Northcliffe.

Die  französische  Presse.  Dassjenige  französische
Blatt,  das  den  traurigen  Ruhm  für  sich  in  Anspruch
nehmen  kann,  das  meiste  zur  Entfesselung  des  Weltkrieges
  beigetragen  zu  haben,  ist  der-Matin-.  Auch  in
seiner  journalistischen  Aufmachung,  in  der  Art  seines
Nachrichtendienstes  und  in  seiner  redaktionellen  Behandlung
  der  Dinge  siellt  er  in  Frankreich  den  Pressetypus
  dar,  der,  ursprünglich  aus  Amerika  gekommen,
in  der  englischen  Harmsworth-Presse  seine  europäische
Ausgestaltung  erfahren  hat,  und  der  -Matin  hat  von
dieser  auch  den  giftigen  Haß  gegen  Deutschland  und  die

ielbewußte  Vorbereitung  des  Krieges  übernommen.
ese  Entwicklung  des  im  Jahre  1884  gegründeten,
von  Stephan  Lauzanne,  dem  Neffen  des  bekannten
i„Times--Berichterstatters  Blowitz,  geleiteten  radikalen
Blattes  datiert  aus  dem  Anfang  des  20.  Jahrhunderts,
rägte  sich  aber  erst  in  voller  Schärfe  aus,  als  mit  der
ahl  Poincarés  zum  Präsidenten  der  Republik  der
Sieg  der  von  ihm  in  Gemeinschaft  mit  den  Delcassé,
Barthou  und  Briand  vertretenen  Politik  der  Wiedererweckung
  des  Revanchegedankens  entschieden  war.  Da
diese  Wiedererweckung  unmittelbar  auf  die  Entente
Cordiale  mit  England  zurückzuführen  ist,  ergibt  sich
bier  ein  voller  Parallelismus  zwischen  dem  Feldgugm
der  Presse  und  dem  der  Diplomatie.  Die  Leserzahl  des
„Matin=  soll  vor  dem  Kriege  800000  —  850000  betragen
  haben,  dann  bei  Ausbruch  des  Krieges  nach
nicht  völlig  verbürgten  Meldungen  auf  300000  gesunken,
  im  Laufe  des  Krieges  jedoch  wieder  sehr  stark
gestiegen  sein  bis  zu  einer  Höchstauflage  von  1  700000.

a  die  festen  Abonnements  in  Paris,  wie  übrigens
auch  in  London,  eine  verhältniemäßig  kleine  Rolle
gegenüberdem  Straßenverkauf  spielen,  kommen  selbstverständlich
  sehr  starke  Schwankungen  vor,  genauere
Angaben  von  bleibender  Richtigkeit  sind  nicht  möglich.
Als  Gegenfüßlerin  des  -Matin  läßt  sich  oder  ließ  sich
vor  Ausbruch  des  Krieges  die  im  Jahre  1904  von
Jean  Jaurks  gegründete  „Humanité=  bezeichnen.
Sie  war  ebenso  friedlich  wie  jener  kriegerisch  und  versocht
  mit  begeisterter  Hingabe  die  sozialistischen  Ideen
der  Annäherung  der  Völker  im  Interesse  des  Weltfriedens.
  Sie  soll  vor  dem  Kriege  eine  Auflage  von
etwa  115000  Bezieher  gehabt  haben.  Als  Jauris
jedoch  am  2.  August  1914  ermordet  wurde,  zweifellos

IV.  Kultur  und  Geistesleben

nicht  ohne  Wissen  der  Regierung,  die  in  ihm  den  einzigen
  ernsthaften  Gegner  des  Krieges  fürchtete,  ging
die  Bedeutung  und  Verbreitung  es  jetzt  von  Compere-Morel
  geleiteten  Blattes  stark  zurück,  und  die
Auflage  soll,  obwohl  das  Blatt  heute  noch  die  soenannten

  geeinigten  Sozialisten,  d.  h.  die  sozialistiche
  Majorität,  vertritt,  auf  etwa  65,000  gesunken  sein.
Ein  Blatt,  bei  dem  sich  die  Erlebnisse  des  Weltkrieges
sogar  in  einer  Namensänderung  widerspiegeln,  ist
das  des  früheren  Antimilitaristen  Gustave  Hervé;  die
von  ihm  seit  1906  herasgegebene  „  Guerre  Sociale:,
ein  Blatt  des  radikalsten  Sozialismus  von  völlig
anarchistischer  Färbung,  das  unermühlich  die  Verweigerung
  des  Heeresdienstes  predigte  und  den  Militarismus
  in  der  schärfsten  Sprache  bekämpfte,  erscheint  seit
dem  1.Januar  1916  unter  dem  Namen  »La  Victoiree,
treibt  aktivsten  Patriotismus  und  soll  es  glücklich  zu
einer  Auflage  von  100  000  gebracht  haben.  Auch  das
Organ  Clémenceaus,  des  ewigen  Ministerstürzers,  hat
im  Laufe  des  Krieges  seinen  Namen,  nicht  aber  seine
Richtung  geändert.  Im  Mai  1913  unter  dem  Namen
»L'Homme  Libre“  gegründet,  wurde  es  im  September
  1914  wegen  seiner  an  den  Sanitätszuständen  im
Heere  geübten  scharfen  Kritik  verboken,  um  kurzdarauf
als  „T'Homme  enchainé=  („Der  Mann  in  Ketten:)
wiederaufzuleben.  Auch  jetzt  bekämpft  das  Blatt  alle
Mißstände  im  Heer  und  in  der  Heeresverwaltung,  insbesondere
  aber  die  Militärdiktatur,  und  gibt  zugleich
der  alten  Gegnerschaft  und  Rivalität  seines  Leiters
gegenüber  Poincaré  dadurch  Ausdruck,  daß  es  emsig

en  vermeintlichen  Staatsstreichgelüsten  des  Präsidenten
  nachspürt.  Zur  Opposition  von  links  gehören  ferner
„La  Bataille  (früher  =  La  Bataille  Syndicalister),
das  Blatt  der  revolutionären  Sozialdemokratie,  das
im  übrigen  in  seiner  Polemik  gegen  Deutschland  einen
verhältnismäßig  ruhigen  und  anständigen  Ton  wahn.
undals  Kriegsgründung  Le  Bonnet  ronge  ein  Blatt
von  sehr  niedrigem  Rang  mit  einziger  Ausnahme  der
Militärkritik,  das  nebenbei  in  fortwährendem  Kampfe
mit  der  orleanistischen  »Action  Française=  liegt  und
dessen  Herausgeber  Daudet  (den  Sohn  von  Alphonse
Daudet)  und  Maurras  der  Urheberschaft  an  der  Ermorhung
  Jaures“  bezichtigt  hat.  In  der  Deutschfeindlichkeit
  kennen  beide  Blätter  kein  Maß  und  Ziel;
das  royalistische  Blatt  übertrifft  aber  seinen  Rivalen
in  der  Gemeinheit  und  Niederträchtigkeit  der  Ausdrucksweise
  erheblich.  Im  Laufe  des  Krieges  aus  einer
Zeitschrift  in  eine  Tageszeitung  umgewandelt  hat  sich
das  ebenfalls  oppositionelle-Guvre,  das  es  als  seine
Aufgabe  bezeichnet,  alles  zu  sagen.  was  die  anderen
nicht  sagen.  und  andauernd  scharf  gegen  die  Unfädigkeit
  und  Lässigkeit  der  Regierung,  die  Gewinnsucht  der
Heereslieferanten  und  die  Drückeberger  zu  Felde  zieht.
Das  Blatt,  an  dessen  Spitze  Gustave  Tery  steht.  wird
denn  auch  jeden  Augenblick  verboten.  Schließlich  sei
als  Kriegsgründung  noch  vLa  France  de  demain:,
das  Organ  der  Wetterlé  und  Konsorten,  also  der  elsässischen
  Verräter  und  Flüchtlinge,  erwähnt.

Im  übrigen  steht  das  französische  Zeitungswesen
zum  Unterschied  vom  englischen,  das  sich  nur  im  militärischen
  Nachrichtenwesen  eine  allerdings  sehr  weit.
gehende  Zurückhaltung  auferlegen  muß  (auch  die  eingangs
  erwähnten  belgischen  Dokumente  haben  nicht
veröffentlicht  werden  dürfen),  unter  strenger  Zenfur.
welche  die  äußere  Aufrechterhaltung  der  union  saerée«
  wesentlich  erleichtert.  Wie  sich  von  selbst  versteht.
sind  auch  diejenigen  Blätter,  dieim  Frieden  nicht  besonders
  deutschfeindlich  waren,  wie  der  von  Jean  Dupuy
        <pb n="419" />
        Diez:  Die  Presse  unserer  Gegner

geleitete  »Petit  Parisien-,  das  in  einer  Auflage  von
1½  Million  erscheinende  Blatt  der  kleinen  Leute,  nunmehr
  eingeschwenkt;  im  allgemeinen  läßt  sich  aber  sagen,
  daß  sich  die  Blätter  der  Rechten,  wie  der  „-Eclaire,
noch  eines  leidlich  anständigen  Tons  befleißigen.  Das
gilt  auch  von  dem  vornehm  akademischen  Journal
des  Debats,  nicht  aber  vom  -Figaro-,  vom  :Gaulois--
  und  erst  recht  nicht  vom  „Tempse.  Die  Auflage
des  Echode  Paris-,  dessen  Leitartikel  Maurice  Barres
schreibt,  der  Nachfolger  Dérouledes  als  Leiter  der
Patriotenliga,  soll  im  Krieg  von  150000  auf  600000
gestiegen  sem.  Es  steht  dem  -Matine  am  nächsten.
Barrés  aber  kann  lberhaupt  als  klassische  Verkörperung
  des  französischen  Geistes  im  Weltkriege  gelten.
Vas  die  französische  Presse  von  jeher  von  der  englischen
  wie  auch  von  der  deutschen  unterschieden  hat,
das  starke  Hervortreten  der  Persönlichkeiten  der  Leiter
wie  der  Kervorragenderen  Mitarbeiter,  wie  es  durch
die  von  Napoleon  herrührende  pressefeindliche  Vorschrift
  der  Unterzeichnung  der  Artikel  bedingt  wird,
macht  sich  begreiflicherweise  auch  in  den  besonderen
Verhällnissen  der  Kriegszeit  geltend.  Der  einzelne
Poliliker,  der  einen  Ruf  zu  verlieren  oder  zu  behaupten
  hat,  und  dem  die  Bergangenheit  ebenso  vor  Augen
steht  wie  die  Zukunft,  unterliegt  eher  noch  gewissen
Hemmungen  als  der  namenlose  Wortführer  der  von
der  Kriegspsychose  beherrschten  sogenannten  öffentlichen
  Meinung.  So  findet  man,  wenn  man  von  den
berufsmößigen  Deutschenfressernund  Deuuschenhehern
absieht,  in  den  politischen  und  militärischen  Artikeln
der  führenden  französischen  Blätter  noch  etwas  mehr
Sachlichkeit  und  Zurückhaltung  als  in  den  gleichartien
  anonymen  Auslassungen  der  englischen  Presse.
Dafür  lassen  sich  allerdings  die  Illustratoren  und
die  Karikaturenzeichner  um  so  schrankenloser  gehen,
  ohne  freilich  dasjenige  Maß  von  Gemeinheit  zu
erreichen,  das  von  den  italienischen  Witzblättern  schon
zu  einer  Zeit  geleistet  worden  ist,  wo  Italien  noch
der  Verbündete  der  Mittelmächte  war.  Dabei  spielt
vielleicht  auch  mit,  daß  die  ernsteren  Politiker  mit  den
wirklichen  Ursachen  des  Krieges  immerhin  vertrauter
gewesen  sind  als  die  Künstler  und  Gelehrten,  welch
letztere  an  geifernden  Wutausbrüchen  gegen  die  barbarischen
  bochese  sich  zeitweise  nicht  gemug  tun  konnten.
  Neuerdings  beginnen  die  Blätter  übrigens  dieses
  Schimpfwortes  anscheinend  überdrüssig  zu  werden.
Die  kossisce  Presse.  Es  liegt  in  der  Natur  der
Sache,  daß  die  russische  Presse  als  Ganzes  in  dem
Chor  des  Dreiverbandes  eine  verhältnismäßig  bescheidene
  Stimme  Heführt  hat,  wenn  auch  das  Gebiet  der
äußeren  Politik  ihr  noch  in  höherem  Maße  freigegeben
war  als  das  der  inneren.  Von  einer  wirklichen  Blüte
des  Zeätungswessens  konnte  in  Rußland  nie  die  Rede
sein.  Eine  Ausnahme  bildet  jedoch  gerade  das  Blatt,
das  als  Organ  der  nationalistischen  Strömungen  in
den  letzten  Jahrzehnten  eine  immer  größere,  aber  auch
immer  häßlichere  Rolle  gespielt  und  insbesondere  in
der  zielbewußten  Zusammenarbeit  mit  der  englischen
und  französischen  Presse  Erhebliches  geleistet  hat,  die
„Nowoje  Wremja=  (7  Neue  Zeit«).  So  wenig  wie
der  .„  Matine  ist  sie  jemals  ein  angesehenes  Blatt  gewesen;
  man  hat  es  ein  #niederträchtiges  Pasquill  mit
unanständigem  Inseratenteile  und  seinen  Gründer
und  Leiter  (1876—1913),  Alexis  Suworin,  den  Valer
  der  Lüge  genannt.  Aber  dieser  war  ein  Journalist
  ersten  Ranges  und  hat  sein  Blatt  zu  einer  politischen
  Großmacht  zuerheben  verstanden.  Auchsolange
das  amtliche  Rußland  die  freundlichen  Beziehungen

333

zu  Deutschland  noch  zu  pflegen  schien,  wie  Ssasonow
zur  Zeit  der  Potsdamer  Begegnung,  um  derentwillen
er  von  der  Nowose  Wremja=  grimmig  angefallen
wurde,  kamen  in  diesem  Blatte,  so  oft  man  es  auch  ver.
leugnen  wollte,  die  tatsächliche  Stimmung  Rußlands
und  die  eigentlich  herrschende  Strömung  zu  unverhülltem
  Ausdruck.  Die  Angaben  über  seine  Auflage
schwanken  zwischen  30000  und  150000.  Im  Jahre
1916  wurde  einer  der  Redakteure  des  Blattes.  ein  Bruder
  des  früheren  Ministerpräsidenten  Stolypin,  in
einen  überaus  häßlichen  Bestechungsprozeß  verwickelt.
Der  in  einer  Auflage  von  60—  70000  erscheinende
„Bjetsch-„das  Sprachrohr  Miljukows,  ist  entsprechend
der  Haltung  der  Kadettenpartei  im  Kriege  ganz  deutschfeindlich
  geworden,  ist  jedoch  im  übrigen  ein  verhältnismäßig
  gut  redigiertes  und  ernsthaftes  Blatt.

Im  Gegensatz  zu  der  -Nowoje  Wremja=  war  bie
vier  Jahre  später  entstandene  .  Birschewijsa  Wjedomosti=
  (7  Börsenzeitung  )  liberal,  juden-  und  deutschfreundlich.
  Es  war  aber  bezeichnend,  daß  gerade  dieses
Blatt  unmittelbar  vor  dem  Krieg  die  von  dem  =  Russkoje
  Slowo=  abgelehnten  Kriegsbetzartikel  des  seitdem
soschimpflich  gestürzten  Kriegsministers  Suchomlinow
veröffentlichte,  insbesondere  den  berüchtigten  vom
Juni  1914,  in  welchem  erklärt  wurde,  Rußland  sei
fertig  zum  Kriege  und  erwarte,  daß  Frankreich  ebenfalls
  fertig  sei.  Im  Laufe  des  Krieges  sind  nun  gerade
die  liberalen  Elemente  die  lautesten  und  giftigsten
Vertreter  des  Deutschenhafses  geworden.  während  die
Blätter  der  Rechten,  denen  einigermaßen  bange  ist
vor  den  demokratischen  Ideen  des  Westens,  im  allgemeinen
  mehr  Zurückhaltung  üben,  weshalb  sie  der
Neigung  zum  Sonderfrieden  beschuldigt  werden.  Eine
Ausnahme  macht  der  fortschrittliche  »Djen«,  den  die
„Nowoje  Wremja=  schon  vor  dem  Kriege  mit  dem
deutschen  Namen  „Tage  zu  brandmarken  liebte.  Der
alten  deutschen  -Petersburger  Zeitunge  hat  der  Krieg
natürlich  das  Lebenslicht  ausgeblasen.  Jetzt  ist  das
älteste  Blatt  Rußlands  die  1756  gegründete  -Moskowskija
  Wjedemosti=  („Moskauer  Zeitunge),  das
einstige  Organ  des  berühmten  Planflawisten  Katkow.
Sie  gilt  als  Professorenblatt  und  war  bis  zum  Ausbruch
  des  Krieges  maßvoll  und  sachlich,  ist  aber  jetzt
ebenfalls  gehässig  und  hetzerisch  geworden,  während  die
schon  erwähnte  „  Russkoze  Slowo=  („Kussisches  Volk.),
mit  250—300000  Lesern  das  verbreitetste  Blatt
Moskaus  und  Rußlands,  im  allgemeinen  einen  anständigen
  Ton  anschlägt.  Dagegen  ist  bezeichnenderweise
  der  „Russkij  Invalid-,  das  auf  Staatskosten
herausgegebene  Offizierblatt,  mit  seinen  fortgesetzten
Meldungen  von  deutschen  Greueln  eines  der  ärmlichsten
  und  verlogensten  Blätter  Rußlands.

Die  Revolution  vom  März  1917  hat  mit  der  gänzlichen
  Aufhebung  der  Zensur  zunächst  einen  Zustand
völliger  Wirrnis  geschaffen,  dessen  Weiterentwicklung
abgewartet  werden  muß.  Unmittelbar  vorher  hatte
noch  das  im  Dezember  1916  gegründete  Organ  Protopopows,
  .  Russkaja  Wolja-(2  Russischer  Wille-),  erhebliche
  Bedeutung  gewonnen.  Von  den  Revolutionsorganen
  vertritt  „Prawdae  („Wahrheit-)  die  radikale
  friedensfreundliche  Richtung,  während  „Uache
Dielo  für  die  Fortsetzung  des  Krieges  eintritt.

Die  italienische  Presse.  Die  Erweiterung  des  Dreiverbandes
  der  Presse  zum  Vierverband  ist  seit  Jahren
und  Jahrzehnten  insbesondere  durch  zwei  italienische
Blätter,  den  römischen  „Messaggero“  und  den  Mailänder-Secolo-,
  vorbereitet  worden.  Beiden  hat  man
seit  langem  nachgesagt,  daß  sie  im  Solde  des  franzö-
        <pb n="420" />
        334

sischen  Botschafters  Barrere  stünden.  In  einer  Auseinandersetzung
  mit  dem  .  Resto  del  Carlino=  in  Bologna
  hat  der  -Secolo,  diese  Beschuldigung  zurückgewiesen
  mit  dem  Anerbieten,  seine  Bücher  offenzulegen,
wenn  die  Gegenpartei  ebenfalls  dazu  bereit  seia  und
es  mag  dahingestellt  bleiben,  ob  in  mehr  oder  weniger
plumper  Weise  Bestechungsgelder  bezahlt  worden  8
oder  ob  eine  andere  Art  von  Beziehungen  die  beiden
ausgesprochenen  Freimaurerorgane  veranlaßt  hat,  der
Loslösung  Italiens  vom  Dreibund  und  seinem  Anschluß
  an  den  Dreiverband  beharrlich  und  planmäßig
vorzuarbeiten.  Jedenfalls  haben  sowohl  der  -Messaggero-,
  das  in  einer  Auflage  von  150—170000erscheinende
  Lokal-  und  Skandalblatt  der  breiten  Massen
Roms  —  er  wird  im  Volksmund  wohl  auch  -Menxognero-,
  der  Lügner,  genannt  —,  alsder  1866  von  dem
bekannten  Musikverleger  Sonzogno  gegründete  »Secolo-,
  das  Organ  des  unteren  Mittelstandes  in  Mailand,
  dessen  Auflage  übrigens  im  Laufe  des  Krieges
von  100000  auf  etwa  50000  zurückgegangen  sein  soll,
erheblich  zu  dem  letzten  Endes  von  der  Piazza,  d.  h.  den
Politikern  der  Straße,  herbeigeführten  Umschwung  der
italienischen  Politik  beigetragen.  JImübrigen  waren  die
mächtigsten  Faktoren  dieseslimschwungsdas-Giornale
Ttalia-  das  1901  gegründete,  beim  Eintritt  Italiens
in  den  Krieg  angeblich  zu  einer  Auflagenhöhe  von
200000  gediehene  und  in  den  gebildeten  Kreisen  Roms
weitverbreitete  Blatt  des  Ministers  des  Auswärtigen
Sidney  Sonnino  und  Sprachrohr  der  gegenwärtigen
Regierung,  sodann  aber  und  vor  allem  das  eigentliche
Organ  der  italienischen  Nationalisten  und  des  auf
rücksichtslose  Expansion  gerichteten  sacro  egoismoc,
die  »  Idea  Nazionaler.  Die  im  Oktober  1914  erfolgte
Umwandlung  dieser  ehemaligen  Wochenschrift  in  eine
Tageszeitung  ist  das  hervorstechendste  äußere  Merkmal
  des  Geistes,  der  in  der  italienischen  Presse  zum
Durchbruch  und  zur  fast  ausschließlichen  Herrschaft
gelangt  ist.  Das  Blatt  gehört  der  Verlagsgesellschaft
:  I.  Italiana-,  die  bei  feiner  Umwandlung  in  eine
Tageszeitung  über  1  Million  Lire  verfügte.  An
der  Spitze  des  Verwaltungsrates  stand  zunächst  eine
der  hervorragendsten  Persönlichkeiten  der  italienischen
Industrie,  insbesondere  der  am  Krieg  interessierten
Schwerindustrie,  der  Ingenieur  Dante  Ferraris.
Er  hat  jedoch  seine  Stellung  beider  Verlagsgesellschaft
niedergelegt,  und  zwar  weil  er  die  Angriffe  des  Blattes
auf  die  Banca  Commerciale  nicht  verhindern  konnte.
Kurz  darauf  soll  das  Stammkapital  um  1,2  Million
Lire  erhöht  worden  sein.  über  die  Auflage  des  Blattes
liegen  keine  sicheren  Angaben  vor,  es  ist  aber  vor
allem  in  der  Universitätswelt  weit  verbreitet  und  wird
daneben  auch  in  Handels-  und  Industriekreisen  viel
gelesen.  Die  Kriegsbegeisterung  der  »  Idea  Nazionaleist
  älter  als  ihre  Feindschaft  gegen  die  Mittelmächte;
jetzt  aber  ist  diese  Feindschaft  aufs  schärfste  ausgeprägt,
und  sie  scheut  keine  Verkeumdungen  und  Verheßzungen,
wenn  auch  gewisse  Vorzüge  und  Leistungen  der  deutschen
  Organisation  anerkannt  werden.  Auch  das  größte
und  hervorragendste  Mailänder  Blatt,  der=  Corriere
della  Sera«  (gegründet  1883),  hat  mit  seiner  Pflege
des  Irredentismus  und  mit  seinem  Protest  gegen
Deutschlands  angebliche  Weltherrschaftsgelüste,  insbesondere
  auch  als  Blatt  des  Erzhetzers  -Gabriele  d'Annunzio"
  sofort  nach  dem  Ausbruch  des  Weltkrieges
die  entscheidende  Wendung  einleiten  helfen.  Eine  Anzahl
  anderer  maßgebender  Blätter  hat  wenigstens
Schritt  für  Schritt  die  Politik  der  Regierung  mitgemacht,
  so  die  römische  Tribuna,  gegründet  1882,  das

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Organ  aller  Regierungen,  von  Depretis  bis  Giolitti,
  jeßt  von  dem  englischen  Botschafter  Rennel  Rodd
maßgeblich  beeinflußt;  vom  „Giornale  d’Italia:  (
oben)  stark  zurückgedrängt,  kann  die-Tribuna=  immer
noch  als  Organ  der  Großbanken  und  der  Großindustrie
  bezeichnet  werden.  Maßvoll  in  seiner  Haltung
gegenüber  Deutschland  ist  neben  dem  vatikanamtlichen
„Osservatore  Romano  auch  das  nichtamtliche  klerikale
  Blatt  Roms,  der  ,  Corriere  d'ltalia-.  Gegrün.
det  vor  etwa  zehn  Jahren,  als  Papst  Pius  X.  den
Katholiken  die  Beteiligung  am  politischen  Leben  freigegeben
  hatte,  unterstützt  er  warmherzig  die  Friedenspolitik
  des  Papstes.  Weiter  sind  als  Blätter  von  gemäßigter
  Haltung  zu  nennen  die  »Stampa«  in  Turin.
deren  Direktor  Frassati  von  Giolitti  zum  Senatorge
macht  wurde,  und  die,  wie  Giolitti  selbst,  den  Eintrin
Italiens  in  den  Krieg  so  lange  wie  möglich  bekämpfte;
ferner  der  =  Mattino=  in  Neapel  und  das  Organ  der
offiziellen  Sozialdemokraten,  der  früher  in  Rom,  seit
einigen  Jahren  in  Mailand  erscheinende  »Avantin,
der  seiner  antimilitaristischen  und  neutralistischen  Haltung
  treu  geblieden  ist.  Dafür  ist  ihm  in  dem  von
seinem  früheren  Leiter  Mussolino  herausgegebenen,
ebenfalls  in  Mailand  erscheinenden  Konkurrenzblatt
»Popolo  TItalia,  dem  Blatt  der  Reformsozialisten.
ein  wütender  Gegner  erwachsen,  der  zugleich  in  der  Beschimpfung
  der  Mittelmächte  das  Ungeheuerlichsteleistet.

Die  Presse  der  übrigen  feindlichen  Länder.  Was
die  Presse  der  übrigen  uns  feindlichen  Länder  andelangt,
  so  ist  die  japanische  natürlich  von  dem  Krieg
kaum  berührt  worden.  Die  =  Deutsche  Japanpost“.
das  einzige  deutsche  Blatt  des  Landes,  mußte  gleich
nach  dem  Ultimatum  sein  Erscheinen  einstellen.  In
der  japanischen  Presse  selbst  hatte  der  englische  Einfluß
von  jeher  stark  überwogen;  so  machte  sich  auch  in  der
Stellung  zum  Krieg  kein  erheblicher  Unterschied  zwischen
  den  Regierungsblättern  und  denen  der  Opposition
  geltend,  zumal  im  Laufe  des  Krieges  mit  dem
Rücktritt  des  greisen  Qkuma  in  dem  Grafen  Terautichi
  die  Militärpartei  an  die  Regierung  gelangte.
Eigentliche  Feindseligkeit  gegen  Deutschland  trat  nur
vereinzelt  zutage,  und  gelegentlich  wurden  sogar  Auße
rungen  der  Bewunderung  und  einer  gewissen  dank
baren  Erinnerung  an  frühere  Wohltaten  laut.  Die
Meinungsverschiedenheiten  über  den  Krieg  erstreckten
sich  jedoch  in  der  Hauptsache  auf  die  Frage  der  Entsendung
  von  Truppen  auf  den  europäischen  Kriegsschauplat
  und  die  des  Verhältnisses  zu  Rußland  und
zu  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.

In  schärfstem  Gegensatz  zu  der  japanischen  Presse
wurden  natürlich  die  der  kleinen  europäischen  Länder
durch  die  Kriegsereignisse  in  allerstärkste  Mitleidenschaft
  gezogen.  In  Belgien  stellien  nach  der  Einnahme
  von  Lüttich  und  nach  der  Besetzung  von  Brüssel
  sämtliche  alten  Blätter  ihr  Erscheinen  ein.  Von
der  Brüsseler  Presse  siedelten  mit  der  Regierung  einzelne
  nach  Antwerpen  und  Ostende  über,  so  die  weitverbreitete
  „Independance  belge«  die  stets  für  die
französische  Regierung  gearbeitet  hatte,  und  der  sozialistische
  Peuple#  Mit  ihnen  betrieb  die  Antwerpener
„Metropole“  und  die  in  Gent  erscheinende  Flandre
liberaler  die  Schürung  des  glühendsten  Hasses  gegen
Deutschland.  Nach  dem  Falle  Antwerpens  hörten
auch  diese  Blätter  zu  erscheinen  auf,  nur  der  =  Ami
de  I'Ordre  in  Namur  und  der  -Bien  Public  in
Gent  sowie  einige  flämische  Blätter  in  Gent,  Antwerpen
  und  Brüssel  beugten  sich  der  deutschen  Zenfur.
Dagegen  tat  sich  nunmehr  die  belgische  Flüchtlings.
        <pb n="421" />
        Dehn:  Englische  Kampfmethoden

presse  auf.  In  Le  Havre,  dem  Regierungssitz,  -Le
XXe  Sies#cle.,  in  Holland  -  L'Echo  belges  und  in
England  die  -Indépendance  belge  und  die  -Metropole-;
  an  der  PMer  erschien  »  Le  Standard-.  Von  den
im  besetzten  Belgien  erscheinenden  Blättern  leisten  die
flämischen,  wie  die  =  Gazet  van  Brüssel-,  bemerkenswerte
  Arbeit  im  Sinne  der  flämischen  Kusturbestrebungen,
  denen  durch  die  deutsche  Besetzung  günstige
Aussichten  eröffnet  werden.  Von  den  in  fronföslcher
Sprache  erscheinenden  Blättern  hat  -  La  Belgiqne.
in  Brüssel  die  größte  Bedeutung,  dann  folgen  »Le
Bruxzellois-  und  „Le  Bien  Public=  in  Gent.  Sie
wahren  im  allgemeinen  den  Burgfrieden  und  lassen
keine  politische  Tendenz  erkennen.

War  Belgien  vor  dem  Kriege  ein  Zeitungsland
ersten  Ranges,  wenigstens  was  die  Zahl  der  Blätter
anbelangt,  so  hat  auch  Rumänien  ein  verhältnismäßig
  stark  entwickeltes  Zeitungswesen  gehabt,  das
allerdings  im  Range  noch  erheblich  unter  dem  belgischen
  stand.  Organe  der  liberalen  Regierung  Bratianus
  waren=  Vittorul=  ((Die  Zukunfte)  und  -L'Indeépendance
  Roumaine;  schwankend  wie  die  Regierungspolitik
  war  auch  das  bedeutendste  Blatt  Rumäniens,
  .  Universule,  mit  seinen  75—78000  Lesern.
Vor  dem  Kriege  farblos,  hat  es  im  Laufe  des  Krieges
seine  Haltung  mindestens  drei=  bis  viermal  gewechselt.

Kriegspolitik  und  Anschluß  an  den  Bierverband  vertraten
  seit  Ausbruch  des  Krieges  unverhüllt  das  berüchtigte
  Blatt  Konstantin  Milles,  „Adeverul--  (Die
Wahrheit-;  etwa  60000  Leser)  mit  dem  etwas  maßvolleren
  Morgenblatt  „Dimineate,  ferner  Take  Joneskus
  Leiborgan  =  La  Roumanie-,  die  Epoca=  des
ehemaligen  Kriegsministers  Filipescu  und  das  Russenblatt-Gazetaz.
  Auf  der  entgegengesetzten  Seite  standen
  außer  dem  seit  1879  bestehenden  =  Bukarester  Tagblatte
  und  dem  rumänischen  „Lloyd-  (1883)  die
1914  von  deutscher  Seite  begründete  „Ziua“  (Tag.)
und  die  ebenfalls  auf  die  Seite  der  Mittelmächte  getretene
  „Seara:  („Abende),  in  bedingter  Weise  die
Blätter  der  Parteien  Marghilomans,-Steagul=  (Die
Fahne-)  und  „Politique,  und  die  -Moldava  Peter
Carps.  Nachdem  sich  Rumänien  auf  die  Seite  der
Entente  gestellt  hatte,  stellten  zunächst  die  deutschen  und
deutschfreundlichen  Blätter  ihr  Erscheinen  ein.  Nach
dem  Fall  von  Bukarest  erschien  dann  wieder  das  =  Bukarester
  Tagblatt«,  eine  Zeitlang  als  einziges.

Noch  vollständiger  als  die  rumüänische  ist  die  serbische
  Presse  vom  Kriege  hinweggesegt  worden.
Bald  nach  seinem  Ausbruch  siedelten  die  amtlichen
„Sobske  Worine  sowie  die  halbamtlichen  Blätter

335

ISamouprava-  und  --Odjeke  mit  der  Kegierung  nach
Nisch  über,  um  mit  dessen  Einnahme  ganz  zu  verschwinden.
  An  der  verhängnisvollen  Rolle,  die  Serbien
  als  das  =  Zündholze  des  Weltkrieges  gespielt  hat,
kommt  der  serbischen  Presse  ohne  Unterschied  der
Parteirichtung  ein  erheblicher  Anteil  zu.  .  Samenprava-,
  das  Hauptorgan  des  radikalen  Ministeriums
Paschitf  „stand,  als  der  Krieg  ausbrach,  in  peinlich
lebhaftem  Kampf  mit  dem  seit  vielen  Jahren  im  großserbischen
  Sinne  wirkenden  Verschwörerblatt  Piemonte,
  dem  Organ  der  Militärpartei.  Beide  Parteien
  stritten  sich  um  die  Ehre,  die  Balkankriege  glücklich
  geleitet  zu  haben,  und  der  dadurch  hervorgerufene
Gegensatz  dauerte  noch  fort,  als  die  Regierung  nach
Nisch,  das  Hauptquartier  nach  Kragujewatsch  verlegt
worden  war.  Noch  hetzerischer  und  OÖsterreich  feindlicher
  als  „Piemont=  war  die  Politike  der  Brüder
Ribnikav.  Das  Blatt  der  Jungradikalen,  »Odjek«,
wurde  halbamtlich  erst  mit  dem  Eintritt  der  jungradikalen
  Führer  Dawidowitsch  und  Draskowitsch  in
das  Koalitionskabinett  Paschitsch.  Die  Liberalen  und
ihre  Blätter  blieben  immer  in  der  Opposition  gegen
das  Ministerium  Paschitsch.

Was  die  Presse  unseres  neuesten  Feindes,  der  Vereinigten
  Staaten  von  Amerika,  anbelangt,  so
ist  an  dieser  Stelle  lediglich  zu  erwähnen,  daß  die
Blätter  W.  R.  Hearsts,  der  -New  Tork  Americanz.
der  »New  Tork  Evening  Journal-,  der  -Boston
American-,  der  „Chicago  Examiner-,  der-Chicago
American-,  der  „San  Francisco  Examiner,  und  der
„Los  Angeles  Examiner-,  bie  in  den  ersten  Kriegsjahren
  einen  wirklich  neutralen  und  daher  deutschfreundlichen
  Standpunkt  eingenommen  hatten  und
denen  deswegen  die  Benutzung  der  nglischen  Kabel  !
sperrt  worden  war,  schon  mit  dem  Abbruch  der  diplomatischen
  Beziehungen  im  Februar  1917  eine  volle
Schwenkung  vollzogen  und  daß  auch  die  deutsche
Presse  nicht  mehr  gegen  den  Strom  zu  schwimmen
wagte.  So  behaupteten  die  eigentlichen  Hetzblätter.  wie
„New  Vork  Herald-,-New  Vork  Times-  und  New
Tork  World.,  die  schon  seit  langem  auch  in  engster
Fühlung  mit  der  englischen  und  französischen  Presse
standen,  das  Feld  unbestritten,  und  als  Lord  Nortbheliffe
  im  Frühjahr  1917  daran  ging,  seine  Presse-rl#unisation
  nach  Amerika  zu  verpflanzen,  fand  er  den

oden  aufs  trefflichste  vorbereitet.  Er  stattet  damit
nur  eine  alte  Schuld  ab,  denn  in  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika,  welche  die  niedrigst  stehende
Presse  der  Welt  haben,  ist  der  Gedanke  der  Daily
Mail-  geboren  worden.

Englische  Kampfmetlhoden
von  Paul  Dehn  in  Zehlendorf  bei  Berlin

Größeren  Erfolg  als  mit  seiner  gefürchteten  Flotte
und  mit  seinem  erstaunlich  verstärkten  Heer  erzielte
England  mit  gewissen  ihm  überlieferten  Kampfmethoden,
  mit  der  Vergewaltigung  der  Neutralen  und  ihres
Schiffahrtsverkehrs  durch  Beseitigung  des  Seekriegsrechts,
  mit  Brief-  und  Depeschenraub,  Ausspäherei
und  schwarzer  Liste,  mit  Treuhandgesellschaften  zur
Knebelung  des  neutralen  Handels,  mit  der  Diplomatie
  des  Geldes  und  mit  seinem  Pressefeldzug  gegen
Deutschland.

Die  Beseitigung  des  Seekriegsrechts.  Anfangs
hatte  England  das  Londoner  Seekriegsrechtsabkom.
men  von  1909  (vgl.  Bd.  I,  S.  367)  mit  Vorbehalten
anerkannt,  baute  es  aber  allmählich  ab  und  hob  es
Mitte  1916  ganz  auf,  um  sein  altes  Kanonenrecht
wieder  in  Kraft  zu  setzen.  Anstatt  -Britannia,  rule
the  waves«  müsse  man  sagen,  so  meinte  ein  nordamerikanisches
  Witzwort:  -Britannia  waives  the
rules=  (England  setzt  die  geltenden  Regeln  beiseite).

England  gedachte  die  Mittelmächte  durch  Absperrung
  aller  überseeischen  Zufuhren  auszuhungern
oder  zu  erschöpfen  und  zum  Frieden  zu  zwingen.
Es  vergewaltigte  dabei  die  Rechte  der  Neutralen
        <pb n="422" />
        336

und  nötigte  Deutschland  zur  Abwehr,  zum  Unterseebootkrieg.


Schon  bald  nach  Kriegsausbruch  schuf  sich  England,
  wie  Minister  Runciman  am  10.  Januar  1917
im  Unterhause  zugestand.  die  längste  Bannwarenliste,
die  die  Welt  je  gesehen  hat-.  Nach  Aufhebung  der
Unterscheidung  zwischen  bedingter  und  unbedingter
Bannware  beschlagnahmte  England  nach  altem
Brauch  auf  neutralen  Schiffen  alle  Güter  für  neutrale
  Häfen,  sobald  englische  Willkür  den  Verdacht
hegte,  daß  sie  für  Feindesland  bestimmt  sein  könnten.

England  vermochte  nicht  eine  formelle  Blockade
über  die  deutschen  Küsten  zu  verhängen.  Um  den
Deutschen  alle  Zufuhren  abzuschneiden,  erklärte  es  am
3.  November  1914  die  ganze  Nordsee  als  Kriegsgebiet
und  sperrte  sie  durch  seine  papierene  Hochseeblockade
derart,  daß  auch  Holland  und  die  skandinavischen
Staaten  vom  freien  Seeverkehr  abgeschnitten  und  genötigt
  werden  konnten,  ihre  Handelsdampfer  englische
Häfen  anlaufen  zu  lassen,  nachdem  die  englischen
Kriegsfahrzeuge  wegen  der  deutschen  Unterseebootgefahr
  angewiesen  worden  waren,  die  neutralen
Schisse  nicht  auf  hoher  See  zu  durchsuchen.  In  den
englischen  Häfen  war  die  Untersuchung  von  Schiff
und  Ladung  so  umständlich  und  peinlich  wie  möglich.
Jedes  Schi  mußte  seine  Ladung  löschen.  Nach  dem
englischen  Weißbuch  von  Neujahr  1916  prüfte  man
jedes  Stück  im  Lichte  all  der  Nachrichten,  die  aus  den
verschiedenen  der  Regierung  zu  Gebote  stehenden
Quellen  (durch  Handelsausspäherei  oft  sehr  unsauberer
  Art)  gewonnen  wurden  und  deren  Anzahl  jetzt
nach  1½jähriger  Kriegsdauer  sehr  beträchtlich  ist.
Hunderte  von  neutralen  Schien  mit  Lebensmitteln,
Rohstoffen  und  verderblichen  Waren  für  Holland  und
Slandinavien  wurden  monatelang  in  englischen  Häfen
  zurückgehalten  und  umständlich  untersucht.  Bannware
  war  nach  englischer  Auffassung  jede  Ware,  deren
Weiterausfuhr  die  neutralen  Staaten  nicht  verboten
hatten.  Wurden  die  beanstandeten  Ladungen  freigegeben
  und  waren  sie  dem  englischen  Markt  erwünscht,
  so  suchte  man  sie  unter  Hinweis  auf  die  Kosten
der  Wiedereinladung  billig  anzukaufen  oder  ließ  sie
enteignen.  Nordamerikanische  Beschwerden  darüber
beschied  England  ablehnend.  Am  7.  Januar  1915
verwies  Grey  auf  die  rnationale  Sicherheite,  mit  der
jeder  übergriff  entschuldigt  wurde,  und  auf  die  angeblichen
  =  Abweichungen  der  Gegner  von  den  Regeln  der
Lesliiung  und  Menschlichkeite.  Nach  Einsetzen  des
Unterseebootkrieges  von  1917  gab  England  neutrale
Schiffe,  die  es  angehalten  hatte,  nur  frei,  wenn  sie
sich  zu  neutralitätswidrigen,  gefährlichen  Fahrten  in
englischen  Diensten  verpflichteten.

ngland  veranlaßte  die  nordamerikanische  Union
nach  ihrer  Kriegserklärung,  die  Lebensmittelausfuhr
nach  den  neutralen  Staaten  Europas  (Holland,  Spanien,
  Schweiz,  Schweden,  Norwegen,  Dänemark)  vom
15.  Juli  1917  anzuverbieten.  Nur  wenn  sich  diesevertragsmäßig
  verpflichteten,  keinerlei  Waren,  besonders
keine  Lebensmittel,  auch  nicht  eigene  Landeserzeugnisse,
wie  Vieh  und  Fleisch,  nach  Deutschland  auszuführen,
nur  dann  sollte  das  Ausfuhrverbot  abgeschwächt  und
ihnen,  soweit  nach  Versorgung  der  Verbündeten  Vorräte
  übrigblieben,  der  eigene  Bedarf  in  knapper  Zumessung
  unter  Aussicht  von  Beamten  der  Vereinigten
Staaten  geliefert  werden.  Die  bereits  abgeschlossenen
Kornankäufe  der  Neutralen  in  Neuyorkwurden  zurückgehalten.
  Vergeblich  verwahrten  sich  die  Neutralen
gegen  diese  Erweiterung  des  englischen  Aushunge-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

rungskrieges.  Von  Deutschland  erhielten  sie  Kohlen,
Arzneien  und  andere  unentbehrliche  Zufuhren  und
konnten  auf  den  Güteraustausch  mit  Deutschland,  auf
jede  Ausfuhr  nach  Deutschland  unmöglich  verzichten.
Indessen  verlangte  man  in  Washington,  die  Neutralen
sollten  alles,  was  sie  vom  Auslande  benötigten,  ausschließlich
  aus  den  Verbandsländern  beziehen,  obwohl
England  Kohlen  nur  ungenügend  und  nur  zu  übermäßig
  hohen  Preisen,  Arzneien  usw.  garnicht  zuführen
konnte.  Durch  solche  Vergewaltigung,  durch  Preisgabe
ihrer  handelspolitischen  Neutralität,  durch  Knebelung
ihrer  Selbständigkeit  sollten  die  neutralen  Staaten  an
der  Seite  des  Verbandes  in  den  Krieg  hineingezwunen

  werden.  Solange  die  Vereinigten  Staaten  von

merika  neutral  waren,  beanspruchte  Präsident  Wil.
son  für  sie  freien  Handel  mit  allen  Regierungen,  auch
freie  Massenausfuhr  von  Kriegsbedarf  als  ein  Recht
der  Neutralen,  verleugnete  dieses  Recht  aber  ohne
Scheu,  als  er  den  Krieg  gegen  Deutschland  erklörte,
angeblich  um  Amerikas  neutrale  Handelsrechte  zu
wahren  im  Namen  von  Demokratie  und  Menschlichkeit
  und  zum  Schutz  der  kleinen  Staaten,  die  es  in
Wirklichkeit  gröblich  vergewaltigte.  Auch  die  Schiffe
sollten  ihnen  entzogen  werden.

Englands  üÜbergriffe  zur  See  schädigten  mehr  den
neutralen  als  den  feindlichen  Handel.  Wie  die  schwei.

erische  Schrift  „Englands  Kriegführung  gegen  die
eutralene  (Zürich  1917)  darlegt,  suchte  England
den  Krieg  tunlichst  durch  die  Neutralen  führen  zu
lassen  und  auf  sie  einen  Teil  der  Kriegslasten  abzuwälzen.
  England  dresfan  seine  Handelsschiffe  und
veranlaßte  sie  durch  Geheimerlaß  zur  Führung  neutraler,
  also  falscher  Flaggen,  verweigerte  neutralen
  Dampfern  die  Schlffsccohe.  oder  gab  sie  nur  dann.
wenn  sie  mit  Ladung  einliefen  oder  sich  verpflichteten.
ein  Drittel  ihres  Frachtraums  dem  englischen  Verkehr
vorzubehalten  und  keinen  feindlichen  Hasen  anzulaufen;
  es  erklärte  im  April  1916  deutsche  Schiffskohle
als  Bannware  und  ließ  sie  auf  neutralen  Schiffen  beschlagnahmen,
  um  diese  Schiffe  in  seinen  Dienst  zu
zwingen  und  seine  Gewaltherrschaft  über  die  Neutralen
  noch  zu  verschärfen.

Nach  dem  Londoner  Seekriegsrechtsabkommen
durften  auf  neutralen  Schiffen  nur  feind'iche  Wehr.
pflichtige,  die  bereits  in  die  feindliche  Streitmacht
eingereiht  waren,  gefangengenommen  werden.  England
  beeilte  sich  nach  Kriegsbeginn,  die  neutralen
Schiffe  peinlich  zu  untersuchen  und  alle  männlichen
Deutschen,  auch  Greise,  zu  Kriegsgefangenen  zu
machen.  Dadurch  hielt  es  viele  Tausende,  vielleicht
Hunderttausende,  von  dem  Eintritt  in  das  deutsche
Heer  zurück.  England  übertrug  den  Krieg  auch  auf
feindliches  Privateigentum  in  seinem  Bereich,  ließ
deutsche  Geschäftshäuser  in  England  auflösen  und  in
seinen  wie  in  den  besetzten  deutschen  Kolonien  zum
Teil  zerstören.

Am  20.  September  1914  hatte  England  versicherm
lassen:  »Die  Freiheit  der  Meere  für  friedlichen  Handel
  ist  ein  feststehender  und  allgemein  anerkannter
Grundsatz.=  Nach  der  Durchlöcherung  des  Londoner
Seekriegsrechtsabkommens  und  nach  der  äußersten
Vergewaltigung  der  Neutralen  war  Grey  keck  genug,
am  14.  November  1915  im  Unterhause  zu  erklären,  daß
England  seine  Oberseeherrschaft  als  Vertrauensamt
betrachte  und  nur  im  Interesse  der  Freiheit  benutze
—  im  Interesse  der  englischen  Freiheit.

Zur  Entschuldigung  Englands  meinten  gemäßigte
Engländer,  das  Völkerrecht  sei  etwas  Lebendiges,  der
        <pb n="423" />
        Dehn:  Englische  Kampfmethoden

Entwicklung  unterworfen  und  mülssse  je  nach  den  Bedürfnissen
  des  Handelskrieges  verändert  werden.  Wie
weit  diese  Entwicklung  gekommen  war,  erhellte  ein
Ausspruch  Frenchs  von  Mitte  1916:7  Im  Kriege  kennen
  wir  Engländer  kein  Völkerrecht.#

Das  hatten  die  Neutralen  erfahren  und  konnten
es  bestätigen.  Von  ihrem  rechtmäßigen  Handel  war
nur  ein  Schimmer  übriggeblieben.  Höhnisch  klang
die  Behauptung  des  Handelsministers  Runciman  im
Unterhause  am  10.  Januar  1917,  »daß  niemals  Neutrale
  besser  behandelt  wurden  als  während  dieses  Krieges
  von  unserer  Seite.  Dagegen  hatte  der  Londoner
„Economist=  vom  I1.  Auguse  1915  gestanden:  Tatsache
  ist,  daß  die  Neutralen,  deren  Interesse  durch  unsere
  Blockade  beeinträchtigt  wird,  unzweifelhaft  der
sesten  Ansicht  sind,  wir  mißbrauchten  unsere  Macht.
Die  Lehre,  die  sie  jetzt  empfangen,  wird  von  ihnen
sicherlich  nicht  vergessen  werden,  auch  nicht  von  unseren
  gegenwärtigen  Verbündeten,  wenn  sie  in  künftigen
  Jahren  auf  die  Ereignisse  von  1914/15  zurücckblicken.:
  Diese  Besorgnis  hatte  das  Svenska  Dagblad=
  Nr.  66  vom  20.  Juni  1915  in  Stockholm  mit
dem  Satze  bekräftigt,  das  Faustrecht,  das  England
nunmehr  auf  dem  Meere  ausübe,  trage  Englands  Fall
in  sich,  wenn  die  neutralen  Staaten  Englands  Willkür,
  womit  es  Recht  und  Unrecht  auf  dem  Meere  allein
zu  bestimmen  fordere,  hinzunehmen  sich  weigerten,  so
verteidigten  sie  nicht  nur  ihr  eigenes  Recht,  sondern
auch  Englands  zukünftige  Sicherheit,  die  davon  abhänge,
  daß  das  Seerecht  nicht  nur  ein  leeres  Wort  sei.

Brief=  und  Depeschenranb.  Obwohl  das  Haager
Abkommen  von  1907  (vgl.  Bd.  I,  S.  370)  die  amtlichen
  und  privaten  Briefpostsendungen  der  Neutralen
wie  der  Kriegführenden  für  unverletzlich  erklärt  hatte,
ließ  die  englische  Regierung,  nachdem  sie  anfangs  die
Unverletzlichkeit  der  heribsent  anerkannt  hatte,  auf
neutralen  Schiffen  alle  deutschen  Zeitungen,  Kreuzbänder
  und  Bücher  für  übersee  beschlagnahmen  und
seit  Frühjahr  1915  auch  die  Briefsäcke  der  neutralen
Staaten  in  Europa  und  übersee.  Die  französische
Regierung  folgte  diesem  vorghen  Bis  Ende  1916
hatte  England  über  53000  Briefpostsäcke,  von  neutralen
  Ländern  nach  Deutschland  oder  von  Deutschland
  nach  neutralen  Ländern  bestimmt,  weggenommen,
  darunter  auch  Scheck-,  Wechsel-  und  Geldsendungen,
  besonders  die  aus  Deutschland  versandten
Wertpapiere,  die  zumeist  bei  der  Durchsuchung  verschwanden.
  Außerdem  hielt  England  neutrale  Handelsdepeschen
  in  Massen  zurück,  angeblich  weil  sie  englischen
  Interessen  schädlich  seien,  ohne  die  gezahlten
Gebühren  zurückzuerstatten.  In  Chicago  erklärte  die
Fabrikanten-  und  Händlervereinigung  am  21.  Vupst
1915,  dadurch  im  Handel  mit  Rußland  um  100  Mi
lionen  Dollar  geschädigt  worden  zu  sein,  da  von  50
Kabeldepeschen  nur  fünf  übermittelt  wurden,  und  verlangte
  ein  unmittelbares  Kabel  mit  Rußland.  Aus
Brasilien  kamen  ähnliche  Klagen,  vor  allem  aber  aus
den  neutralen  Ländern  Europas.

Anfangs  hielt  es  England  nicht  für  nötig,  sein
Verfahren  zu  rechtfertigen.  Erst  auf  wiederholte  Vorstellungen
  der  Neutralen  antwortete  es  mit  den  gewohnten
  Rechtsverdrehungen.  Am  13.  Oktober  1915
und  am  6.  Januar  1916  meinte  aurh  im  Unterhause,
  England  lasse  die  Briefposten  auf  offener  See
unberührt,  sei  aber  berechtigt,  sie  auf  Schiffen  innerhalb
  seiner  Landesgewässer  zu  untersuchen.  Eine
solche  Unterscheidung  macht  das  Haager  Abkommen
nicht;  es  würde  dadurch  auch  durchlöchert  werden,

Der  Krieg  1914/17.  U.

337

zumal  England  die  neutralen  Schiffe  zum  Anlaufen
seiner  Häfen  zwang.

Eine  englische  Denkschrift,  auch  im  Namen  Frankreichs
  veröffentlicht,  vom  April  1916  behauptete,  das
Haager  Abkommen  von  1907  beschränke  keineswegs
das  Recht  der  Kriegführenden,  Waren  zu  durchsuchen
und  r.r  beschlagnahmen,  die  in  Hüllen,  Umschlägen
und  Briefen  in  den  Postsäcken  versteckt  seien,  und  beanspruchte
  auch  fernerhin  dieses  Recht  mit  der  leeren
Vertröstung,  sich  auf  dem  Meere  (also  nicht  auch  während
  des  Zwangsaufenthalts  der  neutralen  Schiffe  in
englischen  Häfen)  der  Beschlagnahme  von  Briefen  zu
enthalten.

Nur  infolge  lauter  Klagen  ihrer  Angehörigen  über
die  schweren  Schädigungen  durch  den  englischen  Briefraub
  ließ  sich  erst  am  24.  Mai  1916  die  Union  zu
einer  Verwahrung  gegen  das  rechtswidrige  Verfahren
der  englischen  und  französischen  Regierung  herbei,
stellte  entgegen  englischen  Angaben  fest,  daß  Deutschland
  der  neutralen  Post  keine  Schwierigkeiten  bereite,
und  kennzeichnete  den  englischen  Briefraub  als  unerhört
  und  böswillig,  wollte  ihn  nicht  dulden,  ließ  es
aber  bei  diesem  Protest  bewenden.

Nur  die  schwedische  Regierung  schritt,  als  ihre  Vorstellungen
  erfolglos  blieben,  zu  Vergeltungsmaßregeln
und  verfügte  Ende  1915  die  Zurückhaltung  der  englischrussischen
  Postwaketdurchfuhr.  Darin  erblickte  England,
  das  fremde  otreche  fortwährend  verletzte,
einen  Eingriff  in  die  seinigen.  Mitte  1916gab  Schweden
  60000  zurückgehaltene  Postpakete  wieder  frei,  erhielt
  aber  von  England  nur  ungenügende  Zusicherungent.
  Alles  blieb  beim  alten.

Arger  als  je  zuvor  betrieb  England  den  Brief=  und
Depeschenraub  und  verband  damit  Absichten  unlauteren
  Wettbewerbs,  um  den  deutschen  und  mit  ihm  den
neutralen  Handel  zu  schädigen,  womöglich  zu  unterbinden
  und  das  ganze  überseegeschäft  in  Baumwolle,
Kaffee  usw.  in  englische  Hände  zu  bringen.  Zu  diesem
  Zweck  waren  in  London  Vermittlungsstellen  eingerichtetr
  worden,  im  Anschluß  an  das  Auswärtige

mt  eine  umfangreiche  Abteilung  für  den  Außenhandel,
  die  sich  nach  der  Mitteilung  des  Ministers
Lord  Robert  Cecil  vom  27.  März  1916  auch  mit  der
Aufstellung  der  schwarzen  Liste  für  den  Wiederaufbau
  nach  dem  Kriege  befaßte,  und  ferner  ein  kaufmännischer
  Nachrichtenausschuß  mit  der  Aufgabe,  die
weggenommenen  Briefe,  Depeschen  und  Zeitungen
nach  politischen,  militärischen,  nicht  zuletzt  nach  wirtschaftlichen
  Nachrichten  zu  durchspüren.  Auch  in  dem
Hafen  Kirkwall,  den  die  neutralen  Schiffe  anlaufen
mußten,  bestand  ein  solches  Amt  mit  300  Angestellten.
Alle  Mitteilungen  über  geschäftliche  Beziehungen,
Nachfrage  und  Angebot,  Abschlüsse  und  Kreise,  alle
Geheimnisse  des  Geschäftsverkehrs  der  Deutschen  und
Neutralen  mit  Üübersee  wurden  dort  ausgezogen,  gesichtet,
  geordnet,  vervielfältigt  und  den  englischen
Handelskammern  und  Großhändlern  zur  Ausnutzung
übermittelt.  Auch  amerikanische  Interessenten  wie
das  Bankhaus  Morgan  erhielten  durch  diese  planmäßige
  Ausspäherei  im  großen  manchen  Wink.  Business
  as  usual!

Die  schworzen  Listen.  Unter  Mißachtung  der
Haager  Landkriegsordnung  von  1907  verletzte  England
  die  neutralen  Hoheitsrechte  wie  die  Privatrechte
Neutraler,  als  es  Anfang  1916  allen  Bewohnern  des
Reiches,  auch  den  dort  ansässigen  Neutralen,  jeden

1  Näheres  in  dem  schwedischen  Blaubuch  von  Mitte  August  1916.
22
        <pb n="424" />
        338

Handel  mit  feindlichen  Angehörigen  untersagte.  Um
dieses  Handelsverbot  auch  in  neutralen  Ländern  durchusetzen,
  ließ  England  auf  Grund  der  Ausspäherei
seiner  Vertreter  und  mit  Hilfe  des  Briefs=  und  Depeschenraubes
  eine  schwarze  Liste  neutraler  Geschäftshäuser
  in  neutralen  Ländern  aufstellen,  mit  denen
keinerlei  Handelsverkehr  unterhalten  werden  durfte.
Verstießen  Neutrale  gegen  dieses  Verbot,  so  wurden
sie  ebenfalls  auf  die  schwarze  Liste  nesetz.  Durch  diesen
  Kettenverruf  verhinderte  England  neutrale  Geschäfte,
  mit  ihren  eigenen  Landsleuten  zu  verkehren,
und  griff  störend  und  schädigend  in  die  Handelsfrei-#2
  neutraler  Angehöriger  in  neutralen  Staaten  ein.

uweilen  behandelte  England  sie  wie  seine  Untertanen
und  ließ  ihnen  Befehle  zugehen.  So  durften  auf  Verlangen
  des  englischen  Konsuls  in  Norwegen  schwedischen
  Dampfern,  weil  sie  auf  der  schwarzen  Liste  standen,
  weder  Lebensmittel,  noch  Trinkwasser,  noch
Schlepper,  noch  Aushilfe  geliefert  werden.  Proteste
wurden  nicht  beachtet.

Nicht  weniger  als  3000  Geschäfte  und  Gesellschaften
  standen  auf  der  schwarzen  Liste  Englands  vom
8.  August  1916  mit  12  Nachträgen  bis  3.  Mai  1917,
auf  der  Hauptliste  138  in  Holland  und  Kolonien,  29
in  Dänemark,  93  in  Schweden,  95  in  Norwegen,  196
in  Spanien,  165  in  Portugal  und  Kolonien,  61  in
Griechenland,  90  in  Marokko,  86  in  der  nordamerikanischen
  Union  und  468  im  Übrigen  Amerika  usw.,
darunter  Schiffahrtsgesellschaften,  Banken  und  Zeitungen.
  Frankreich,  Italien  und  Rußland  ahmten
die  schwarze  Liste  Englands  nach.

Neben  der  öffentlichen  schwarzen  hielt  England,
um  die  Neutralen  zu  hintergehen,  noch  eine  geheime

raue  Liste  mit  einer  noch  größeren  Zahl  von  Gescthafeshäusern.
  deren  Verkehr  als  unerwünscht  bezeichnet
  wurde,  ferner  eine  weiße  Liste  mit  empfohlenen
  Geschäftshäusern,  beide  mit  fortlaufenden  Nachträgen.

entrüstet  klagten  die  geschädigten  Kreise,  auch  in
der  nordamertkanischen  Union,  über  die  englische  Handelsächtung
  und  verlangten  Vergeltungsmaßregeln.
Leicht  hätte  die  Unionsregierung  die  Beseitigung  der
schwarzen  Liste  erzwingen  können,  versagte  aber  unter
  dem  Druck  ihrer  Hochfinanz,  die  mit  England  zusammenarbeitete
  und  sogar  die  schwarze  Liste  verbreiten
  ließ,  um  Hand  sond  mit  England  den
deutschen  Amerikahandel  an  sich  zu  bringen.  In  Argentinien,
  Brasilien  und  Chile  wurden  Abwehrmaßregeln
  gegen  die  schwarze  Liste  beschlossen,  doch  nicht
ausgeführt.

Mit  seiner  schwarzen  Liste  gedachte  England  den
Handelskrieg  gegen  Deutschland  nach  dem  Kriege  in
die  Wege  zu  leiten.

Deutschland  untersagte  den  Handelsverkehr  nur
mit  solchen  neutralen  Geschäftshäusern,  die  dem
Feinde  Kriegsbedarf  lieferten,  um  ihnen  den  Bezug
von  Rohstoffen  und  Maschinen  dafür  zu  entziehen.

Die  Knebelung  des  neutralen  Handels.  Durchsuchung
  und  Beschlagnahme  genügten  den  Engländern
  nicht,  auch  nicht  die  Aus-  und  Durchfuhrverbote,
zu  denen  sich  die  europäischen  Neutralen  hatten  nötigen
  lassen.  Die  englische  Handelspolitik  ging  weiter
und  übertrug  ihre  auf  Brief=  und  Depeschenraub  beruhende
  Ausspäherei  in  die  neutralen  Staaten  selbst
durch  Ereichtung  einer  Art  von  Treuhandgesellschaften
  nach  dem  Vorschlage  des  Deutsch-Engländers
Oppenheimer  (1900—10  englischer  Generalkonsul  in
Frankfurt  a.  M.)  unter  Heranziehung  von  Landes-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

interessenten  mit  der  Aufgabe,  die  Ein-,  Aus-  und
Durchfuhr  der  neutralen  Länder  unter  englische  überwachung
  zu  bringen,  um  jeden  Güteraustausch  mit
den  Mittelmächten,  vor  allem  jede  Weiterausfuhr  zu
ihnen,  zu  verhindern.

Seil  Ende  1914  entstanden  für  Holland  die-Nederlandsche
  Overzee  Trust  Maatschappije  im  Haag
(N.  0.  T.),  kurzweg  Not  genannt,  für  die  Schweiz
die  -Sociéèéte  Snisse  de  Surveillance  Economique-(8.
  S.  S.),  für  Schweden  die  Aktiengesellschaft  „Transito-,
  für  Dänemark  das  =  Grosserer-Sozietete  Komitee
  in  Kopenhagen  und  für  die  Union  die  -  American
  Oversea's  Corporation.  in  Neuyork.

Das  Vorbild  dieser  Gesellschaften,  die  holländische
N.  O.  T.,  arbeitet  mit  einem  Kapital  von  2,4  Mill-Gulden,
  verfügt  Über  1000  Angestellte  in  15  für  seinen
  Betrieb  eingerichteten  Häusern  des  Haag  und  erhob
  sich  zu  einer  Nebenregierung  in  Handel  und  Wandel
  durch  den  von  der  Staatsverwaltung  stillschweigend
und  von  dem  Handel  vertragsmäßig  anerkannten  Anspruch
  auf  vollständige  Herrschaft  über  Außenhandel
und  Schiffahrt  Hollands.  Die  N.  O.  T.  erstrebte  und  erlangte
  die  ausschließliche  Vermittlung  der  überseeischen
Wareneinfuhr  Hollands,  da  alle  Einfuhr,  soweit  sie
nicht  unmittelbar  für  die  N.  O.  T.  bestimmt  war,  von
England  als  verdächtig  beschlagnahmt  wurde.  Somit
waren  andere  Bezugsquellen  für  Holland  nahezu
ausgeschlossen.  Die  N.  O.  T.  ließ  Hollands  Schiffsund
  Hafenverkehr  peinlich  überwachen,  bestimmte  für
Reeder,  Kaufleute  und  Fabrikanten  die  Geschäftsbedingungen
  und  beschränlkte  sogar  den  Güteraustausch
wichen  Holland  und  dessen  Kolonien.  Einfuhrwaren

urften  nur  an  solche  Geschäftshäuser  und  Fabriken
geliefert  werden,  die  den  Aufsichtspersonen  der  N.  O.  T.,
650  an  der  Zahl,  unbeschränkte  Einsicht  in  ihren  Betrieb,
  in  ihre  Bücher  und  Lagerhäuser  eingeräumt
betten.  Verschärft  wurde  die  Aufsicht  durch  Mitwirung
  des  englischen  Gesandten,  der  englischen  Konfuln,
jasogar  staatlicher  Behörden,  ferner  besonderer  Späher
und  Lockspitzel  und  des  in  englischem  Solde  stehenden
„Tel  u,  der  die  englische  Ausspäherei  auf  das

ehässigste  betrieb.  Zuwiderhandlungen  wurden  mit
bohen  eldstrafen  bedroht,  Kaufleute  und  Fabrikanten,
die  sich  nicht  der  N.  O.  T.  unterwarfen  oder  gar  mit
Deutschland  verkehrten,  in  Verruf  erklärt.  Vor  unsauberen
  Mitteln,  vor  Bestechungen  und  Erpressungen
scheuten  die  Sendlinge  und  Späher  der  N.  O.  T.  nicht
zurück.  Die  N.O.  T.  soll  vorläufig  bis  Ende  1919  bestehen
  bleiben,  um  Englands  Handelsherrschaft  über
Holland  auch  nach  dem  Kriege  aufrechtzuerhalten.

Ahnlich  arbeiteten,  wenn  auch  von  der  Staatsgewalt
und  durch  den  Widerstand  der  Kaufleute  mehr  beengt,
die  englischen  Treuhandgesellschaften  in  den  anderen
neutralen  Staaten  und  waren  wie  die  N.  O.  T.  vor
allem  darauf  bedacht,  die  Zufuhren  an  Lebensmitteln
  und  Rohstoffen  aus  Üübersee  auf  Grund  älterer.
oft  irriger  Statistiken  so  zu  beschneiden,  daß  nur  der
Eigenbedarf  der  bedrückten  Länder  so  knapp  wie  möglich
  gedeckt  wurde.

Ein  englisches  Weißbuch  von  Neujahr  1917  bestätigte,
  daß  alle  Güterfrachten  nach  neutralen  Ländern,
die  an  Deutschland  grenzen,  sorgsam  untersucht  würden,
  um  die  Güter,  die  für  den  Feind  bestimmt  seien,
zu  entdecken,  daß  in  den  neutralen  Ländern  auf  Grund
von  Abkommen  mit  kaufmänmischen  Körperschaften
strenge  Bürgschaften  von  den  Einfuhrhändlern  verlangt,
  der  Handel  mit  diesen  neutralen  Ländern  möglacst
  eingeschränkt  und  versucht  werde,  begrenzie
        <pb n="425" />
        Dehn:  Englische  Kampfmethoden

Mengen  für  die  Einfuhr  nach  den  neutralen  Ländern
sestzusetzen,  damit  diese  nur  so  viel  erhalten,  wie  sie
für  ihren  Bedarf  benötigen,  um  den  Mittelmächten
üÜNberseeische  Waren  in  keiner  Form  zukommen  lassen
zu  können.  Als  die  schwedische  Regierung  im  März
1916  alle  Handelsbeschränkungen  ohne  ihre  Zustimmungbestrafen
  wollte,  verbot  England  die  holländische
Ausfuhr  nach  Schweden,  soweit  sie  nicht  unter  Aufsicht
  der  N.  O.  T.  stand.  Am  25.  September  1915  untersagte
  England  für  ganz  China  der  internationalen
Handelswelt  die  Lisern  irgendwelcher  Waren  an
den  Vierbund,  ohne  sich  um  Chinas  Neutralität  und
Lohelterechte  zu  kümmern.

über  die  N.  O.  T.  schrieb  die  =  Norddeutsche  Allgemeine
  Zeitung=  am  21.  Dezember  1916halbamtlich:
»Eine  Organisatiom,  die  sich  einerseits  des  holländischen
amtlichen  Verwaltungsapparats  nach  Belieben  bedienen
  darf  und  anderseits  unter  Kontrolle  des  englischen
  Spionagedienstes  steht  und  demselben  Material
  liefert,  kann  als  neutral  und  privat  nicht  mehr
ang  fehen  werden.=ie

  Neutralen  ließen  sich  nur  zu  viel  gefallen.
War  die  Duldung  solcher  Gesellschaften,  die  unter
fremdem  Druck  sich  größere  Eingriffse  in  das  Erwerbsleben
  erlaubten  als  staatliche  Stellen,  vereinbar  mit
den  Hoheitsrechten  der  betreffenden  Neutralen,  mit
ehrlicher  Neutralität?

Die  Diplomatie  des  Geldes.  In  den  Kämpfen
Englands  gegen  Napoleon  I.  äußerte  Lord  Castlereagh,
  damals  wiederholt  Kriegsminister:  »Die  Kanonen
  Englands  bestehen  in  seinem  Kapital.=  Während
  des  Krimkrieges  schrieb  der  Prinzgemahl  Albert
von  England  an  seinen  Bruder,  Herzog  Ernst  II.
von  Sachsen-Koburg-Gotha:=  Doch  wird  der  vollste
Beutel  im  langen  Kampfe  siegen.=Bei

  Beginn  des  gegenwärtigen  Krieges  versicherte
Lloyd  George,  daß  die  silbernen  Kugeln  den  endültigen

  Sieg  sichern-,  und  fügte  am  21.  April  1915
binzur  »Es  ist  die  letzte  Milliarde,  die  den  Krieg  entscheiden
  wird.  Die  erste  wird  Deutschland  ebensogut
aufbringen  wie  England,  nicht  aber  die  letzte;  England
  werde  bis  zum  letzten  Penny  kämpfen.  In  seiner
Vorbereitung  auf  den  großen  Krieg  gegen  Deutschland
  betrieb  England  die  Politik  der  ofsenen  Hand
und  gab  verschwenderisch  unter  mancherlei  Formen,
wo  es  möglich  schien,  Staaten  und  Völker  für  seine
Zwecke  zu  gewinnen.  Eduard  VII.  hatte  Frankreich
  durch  politische  Zusagen  unter  Benutzung  gewisser
  Beziehungen  zwischen  der  Londoner  und  Pariser
  Hochfinanz  gewonnen.  Frankreichs  Bündnis
mit  Rußland  war  durch  Anleihen  und  sonstige  Geldanlagen
  in  Rußland  in  Höhe  von  annähernd  15  Milliarden
  Mark  gekittet  worden.  Im  Kriege  sollte  der
Dreiverband  geldlich  noch  fester  verankert  werden.

In  der  Vierverbands-Kriegsgesellschaft  m.  b.  H.
bewährte  sich  England  als  der  Geschäftsführer  und
Johlmeister-  Nach  dem  Londoner  -Statiste  vom  12.

ai  1917  hatte  England  seit  Kriegsbeginn  bis  5.  Mai
1917  Kriegsvorschüsse  in  Höhe  von  21  Milliarden
Mark  gezahlt,  davon  an  Verbandsgenossen  17,0  und
an  die  Selbstverwaltungskolonien  3,2  Milliarden
Mark,  zu  einem  erheblichen  Teil  nicht  bar,  sondern  im
Gestalt  von  Kriegsbedarf  mit  entsprechenden  Preisaufschlägen.
  Im  Mai  1917  führte  Bonar  Law  die
auf  160  Millionen  Mark  erhöhten  täglichen  Kriegsausgaben
  Englands  auf  die  unerwartet  großen  Vorschüsse
  an  die  Verbandsgenossen  und  Selbstverwaltungskolonien
  zurück.  Weitaus  der  größte  Anteil  ent.

339

fiel  auf  Rußland.  Der  engiische  Botschafter  in  Petersburg
  äußerte  darüber  nach  der  „Semschtschinavom
  24.  August  1916:  »Ich  schweige  von  der  Zahl
der  Millionen  Pfund  Sterling,  die  wir  Ihrer  Regierung
  zur  Verfügung  gestellt  haben.  aber  ich  kann  ruhig
sagen,  daß,  wenn  das  russische  Volk  diese  Zahl  erfährt,
es  die  Loyalität  und  Freigebigkeit  seines  Bundesenossen
  wird  anerkennen  müssen.=  (Frankreichs  Vorsnne
  an  die  verbündeten  und  befreundetenn  Staaten
  beliefen  sich  bis  August  1917  auf  4,8  Milliarden
Mark.)  Minister  Ssasonow  wurde  von  russischen  Blättern
  ein  englischer  Gehilfe  genannt.  Hervorragende
Mitglieder  der  Kadettenpartei  ließen  sich  für  englische
Interessen  bageistern.  ach  dem  Umsturz  in  Petersburg
  vom  März  1917  erhielten  die  englischen  Vertreter
  daselbst  unbeschränkten  Kredit  und  sollen  nach
der  finnischen  Zeitung  »  Twoes«  vom  Mai  1917  mindestens
  40  Millionen  Mark  verausgabt  haben,  um
die  Leiter  der  vorläufigen  Petersburger  Regierung
von  dem  Abschluß  eines  Sonderfriedens  abzuhalten
und  für  die  Fortführung  des  Krieges  zu  gewinnen.
Das  gelang.  Der  Arbeiter=  und  Soldatenrat  verleugnete
  seine  friedlichen  Ziele.  Diktator  Kerensti,  damals
  Kriegsminister,  zeigte  sich  als  Stütze  Englands,
bereiste  die  Front,  feuerte  die  Truppen  an  und  schickte
sie  Ende  Juni  1917  und  später  in  blutige  Angriffsschlachten,
  angeblich  um  den  Frieden  zu  erkän'pfen,  in
Wirklichkeit  für  Englands  Kriegsziele.  Ein  groher
englischer  =  Aufklärungsfeldzug=  sollte  durch  Massenverbreitung
  von  Schriften  mit  Bildern  und  Gleichnissen
  nach  russischem  Geschmack  die  Bauern,  Arbeiter
und  Soldaten  vollends  gegen  Deutschland  aufreizen!
Nachdrücklich  und  geldkräftig  wurden  Englands  Bemühungen
  von  den  Abgesandten  der  Union  unterstützt,
  die  damit  drohten,  die  zugesagte  Milliardenanleihe
  zu  verweigern,  falls  der  Krieg  nicht  mit  aller
Kraft  fortgeführt  würde.
Schon  jahrelang  hatte  englisches  Gold  reichlich
vorgearbeitet.  Nach  Kriegsausbruch  betrieb  England
seine  unerschöpfliche  Bestechungs-  und  Erpressungskunst
  in  Verbindung  mit  ausgedehnter  Ausspäherei
überall  da,  wo  es  Hilfe  oder  Vorleile  zu  erlangen  hoffte.
Die  Höhe  der  Geheimgelder  der  englischen  Regierung
  schwankt  je  nach  Bedarf.  Nach  den  Parlamentsberichten
  waren  sie  1916/17  mit  10  Mill.  Mark  angesetzt.
  Die  wirklichen  Ausgaben  stellten  sich  weit  höher.
Rechenschaft  wurde  darüber  nicht  gegeben.  (In  Frankreich
  waren  an  geheimen  Verfügungsgeldern  5,8  Mill.
Mark  für  1916  ausgeworfen  worden.)
Italien  ließ  sich  durch  Verheißungen  von  Landuwachs,
  ferner  durch  englische  Bedrohung  der  unentehrlichen
  Seezufuhren  an  Getreide  und  Kohlen  zum
Treubruch  verleiten,  doch  erst  nachdem  englisches  und

anzösisches  Gold  mit  Hilse  des  französisch-italienichen
  Freimaurertums  die  öffentliche  Meinung  durch
Beeinflussung  der  Presse  gewonnen  und  die  Kriegsstimmung
  durch  tostlbielig  Straßenkundgebungen
erregt  hatte.  Nach  Kriegsbeginn  neigten  die  großen
vordem  bündnistreuen  Blätter  mehr  und  mehr  zu
England  und  Frankreich,  und  die  römische-Vittoriafragte:-Herrscht
  vielleicht  die  Pfund  ·  Sterling  ·  Kranlheit?«
  Nachweislich  spendele  Frankreich  20  Millionen
  Mark.  Doch  waren  die  Gelder,  die  aus  Frankreich
  und  England  für  die  Einspannung  Italiens
einliefen,  um  ein  Mehrfaches  höher.

Mitte  1915  hatte  sich  das  englische  Ministerium
einen  größeren  Betrag  bewilligen  lassen,  um  englische
Ziele  auf  dem  Balkan  zu  fördern.  Griechenland,

227
        <pb n="426" />
        340

Bulgarien  und  Rumänien  sollten  an  die  Seite  des
Bierverbandes  gebracht  werden.  —  In  Griechenland
  erwarb  die  englische  Politik  zwar  einen  ergebenen
  Freund,  kam  aber  mit  Venizelos  erst  nach  langer
Blockade  und  hartem  Druck  zum  zZiele,  als  französische
Truppen  Mitte  Juni  1917  in  Athen  einrückten  und  in
englischem  Auftrage  die  Absetzung  des  Königs  Konstantin
  erzwangen.  Vordem  hatte  man  jedem  ier,
der  sich  vom  König  Konstantin  lossagte,  1000  Pfd.
Sterl.  verheißen.  —  Dagegen  blieben  in  Bulgarien
Englands  Bemühungen  erfolglos.  Nach  der  halbamtlichen
  „Narodni  Prava“  vom  November  1915
erhielten  busgarische  Abgeordnete  und  Politiker  in
Form  von  Wchüßen  auf  Shheingetreinegeschäfte
annähernd  20  Mill.  Mark,  versuchten  es  mit  Umtrieben,
  wurden  aber  vor  Gericht  gestellt  und  Ende  1916
wegen  Bestechung  verurteilt.  ihrem  Oktoberheft
von  1915  beklagte  die  „Candid  Quarterly  Reviewals
  oschwersten  Fehlschlag,,  daß  es  nicht  gelungen
sei,  „Bulgarien  zu  kaufen-.

Mit  Rumänien  glückte  der  Handel.  Einflußreiche
Politiker  wurden  durch  englisches  Gold  bekehrt.  Nach
den  „Timese  vom  28.  Januar  1916  vereinbarte  die
englische  Regierung  mit  der  rumänischen  für  die  Beteiligung
  am  Kriege  eine  Anleihe  von  100  Mill.  Mark.

erner  erwarbsie  durch  Vertrag  vom  20.  Januar  1916
von  dem  rumänischen  Hauptausschuß  für  den  Getreideverkauf,
  vertreten  durch  den  damaligen  Ackerbauminister,
  Weizen  für  200  Mill.  Mark  und  zahlte  diesen
Betrag  bei  der  Unterzeichnung  des  Vertrages,  ohne
das  Getreide  erhalten  zu  haben,  ohne  Aussicht,  es
jemals  beziehen  zu  können.  Unter  ähnlichen  Bedingungen
  hatte  England  für  1914  große  Mengen  Benzin
  in  Rumänien  angekauft.

Portu  gal.  schon  lange  in  Schuldknechtschaft  und
Abhängigkeit  von  England,  wurde  in  den  Krieg  ge-Bzoen
  weil  England  die  dort  befindlichen  deutschen

ampfer  benötigte.  Es  bot  dafür,  wie  der  portugiesische
  Finanzminister  Costa  am  10.  August  1916  mitteilte,
  60  Mill.  Mark  oder  ein  entsprechendes  Leihgeld,
dazu  den  dortigen  Machthabern  bedeutende  Geldbeihilfen,
  insbesondere  eine  Anleihe,  um  den  Krieg  in
modernster  Art  zu  beginnen.  Der  englische  Schotminister
  Mc.  Kenna  bestätigte  im  Unterhaus  am  30.
November  1916  diese  Angaben  mit  dem  Bemerken,  essei
richtig,  daß  die  englische  Regierung  der  portugiesischen
finanzielle  Unterstützung  gewähre,  aber  es  liege  nicht
im  öffentlichen  Interesse,  jetzt  Mitteilungen  über  die
Form  und  den  Betrag  zu  machen.

Um  die  Freundschaft  der  nordamerikanischen
Union  hatte  England  schon  seit  dem  Burenkriege
geworben  und  mit  den  leitenden  Kreisen  in  Washington,
  da  sie  ein  Bündnis  ablehnten,  Schiedsgerichts.
verträge  abgeschlossen.  Bald  nach  Kriegsausbruch

og  England  die  nordamerikanische  Hochfinanz  in
eine  Kreise  durch  Massenbestellungen  von  Kriegsbedarf
  und  durch  Aufnahme  von  Anleihen.  Mitihren
Lieferungen  an  Kriegsbedarf  (Sprengstoffen  und
Waffen  im  Werte  von  über  4  Milliarden  Mark  bis
Ende  1916)  machten  die  nordamerikanischen  Großinteressenten
  the  greatest  business  of  the  worlde
und  sollen  einschließlich  der  Ausfuhr  an  Lebensmitteln
  und  Rohstoffen  sowie  der  englisch-französischen
Anleihen  bei  einem  Umsatz  von  16  Milliarden  Mark
beispiellose  Gewinne  erzielt  haben.  So  entstand  zwischen
  London  und  Neuyork  eine  finanzielle  Interessengemeinschaft
  mit  einer  Art  von  Gegenseitigkeit.
Die  nordamerikanische  Hochfinanz  hatte  dem  Vier-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

verband  unter  Englands  Führung  große  Kredite  eingeräumt
  auf  Grund  des  sicher  erwarteten  und  fest  g.
gesagten  Sieges.  Nach  Angabe  des  Schatzamitssekretärs
  Baldwin  im  Unterhause  am  11.  Juni  1917  be.
lief  sich  bis  dahin  der  Gesamtbetrag  der  englischen
Anleihen  in  der  Union  ohne  die  Privatverbindlichkeiten
  auf  etwa  8  Milliarden  Mark.  Frankreich  schuldete
  der  Union  Anfang  1917  rund  2,7  Milliarden
Mark,  Kanada  1,2,  Italien  0,1  Milliarde  Mark.  Nach
ihrem  Eintritt  in  den  Krieg  bewilligte  die  Union  weitere
  große  Vorschüsse  und  Anleihen  und  gedachte,  sie
bis  Mitte  1918  auf  insgesamt  29  Milliarden  Mark  zu
erhöhen.  Wollte  die  Neuyorker  Hochfinanz  ihr  Kapital
  nicht  opfern,  sagte  Feldmarschall  von  Hindenburg,
so  blieb  ihr  nichts  Übrig,  als  dem  schwankenden  Unternehmen
  mit  ihrem  gesamten  Vermögen  beizuspringen.
In  der  Union  beherrscht  die  Hochfinanz  mit  *8
pitalsmacht  die  leitenden  Kreise  und  durch  die  Sensationspresse
  die  öffentliche  Meinung.  Dem  Präsidenten
Wilson  fiel  die  Aufgabe  zu,  die  eigentliche  Kriegsursache.
das  Interesse  der  Hochfinanz,  nach  englischem  Vorbilde
  und  mit  englischen  Wortwendungen  wie  Weltfriede,
  Völkerfreiheit,  Menschlichkeit  usw.  zu  maskieren
durch  Vorschiebung  von  Idealen  mit  einem  Zwangsfriedensbunde,
  der  sich,  sollte  er  jemals  verwirklicht
werden,  auf  Heer  und  Flotte  stützen  müßte,  um  jeden
Krieg  zu  verbieten,  andere  Völker  zu  ewiger  Ruhe  zu
verurteilen  und  widerstrebende  niederzuschlagen.

Auf  die  mittel-  und  südamerikanischen
Staaten  konnte  England  einen  starken  Druck  üben
es  hatte  ihnen  in  Anleihen  und  sonstigen  Kapitalanlagen,
  besonders  in  Eisenbahnen,  nach  Londoner
Börsenberichten  bis  Oktober  1916  rund  36  Milliarden
Mark  zugewendet.  Im  Laufe  des  Krieges  verkaufte
England  einen  erheblichen  Teil  der  mittel-  und  füdamerikanischen
  Schuldverschreibungen  an  Unions.
angehörige,  die  zwar  ihr  Interesse  voranstellten,  aber
doch  zu  England  hielten.

Das  Werben  um  die  Seele  der  Nenutralen.
Nach  Kriegsausbruch  überschwemmten  die  englischen
Vertreter  die  neutralen  Staaten  in  Europa  und  in
Übersee,  anfangs  täglich,  mit  englischen  Siegesmeldungen,
  später  mit  Massen  deutschfeindlicher  Flugblätter.
  Unter  Mitwirkung  der  Minister  Asquith,
Balfour  u.  a.  entstanden  in  London  Gesellschaften.
um  Geldmittel  für  die  schriftstellerische  Verteidigung
der  englischen  Sache  im  In-  und  Auslande  zu  sammeln
  und  nach  ihrem  Aufruf  von  Mitte  Februar  1915
angemessene  Literatur  nach  den  neutralen  Ländern

u  senden.  Eine  dieser  Gesellschaften,  die  National
atriotic  Organisation,  hatte  nach  dem  »Daily  Telegraph=
  vom  22.  Febr.  1916  durch  die  englischen  Ver  ·
treter  nahezu  250000  Druckschriften  in  verschiedenen
Sprachen  in  Europa,  Amerika,  China,  Abessinien,  Island,
  Peru,  Java,  Mexiko,  Persien.  Haiti  und  Hawai
verbreitet.  Diese  Schriften  wimmelten  von  Schmähun-En
  und  Verleumdungen  gegen  das  deutsche  Heer  und
olk.  Die  englische  Regierung  eröffnete  sogenannte
Greuelfeldzüge,  dichtete  darin  den  Deutschen  die  ärgsten
  Untaten  an  und  ließ  ihr  Blaubuch  vom  Frühjahr
1915  mit  dem  ungeheuerlichen  Bericht  des  Bryce-Ausschusses
  (vgl.  S.  329)  über  vermeintliche  Untaten
deutscher  Soldaten  in  Belgien,  über  ihr  angedlch
planmäßiges  Morden,  Plündern,  Abschlachten,  Schänden
  usw.  auf  Grund  der  Aussagen  von  zweifelhaften
Zeugen  ohne  Namen  in  die  europäischen  Sprachen
Ülbersetzen  und  in  allen  Ländern,  auch  in  Ameriko,
Asien  und  Afrika  zu  Millionen  verteilen,  sogar  unter
        <pb n="427" />
        Dehn:  Englische  Kampfmethoden  341

die  Schwarzen  Afrikas,  um  Deutschland  womöglich
bei  aller  Welt  in  Verruf  zu  bringen.

Außer  entstellten  Kriegs--  und  Siegesnachrichten
führte  die  englische  Regierung  auch  Flugblätter  und
Flugschriften  gegen  Deutschland  aus  und  ließ  sie  den
Buchhändlern  und  Zeitungsverkäufern  in  den  neutralen
  Staaten  in  erstaunlichen  Massen,  zuweilen
wöchentlich  zu  unentgeltlicher  Verteilung  übermitteln.
Millionen  solcher  Flugblätter  wurden  von  London
aus  an  hervorragende  Leute  in  der  nordamerikanischen
  Union  gesandt.  Nach  dem  Stockholmer  „Dagblad-
  vom  24.  Juni  1916  opferte  England  dafür  jede
Woche  große  Geldbeträge.  Die  unsauberen  Zerrbilder
des  Holländers  Raemaekers  wurden  in  Heftform  als
Postkarten  unter  dem  Titel=  Zeichnungen  eines  Neutralene
  in  aller  Welt  zu  vielen  Tausenden  verbreitet,
auf  Empfehlung  Asquiths  durch  die  Peninsular  and
Oriental  Steam  Navigation  Co.  auch  in  Ostasien.

Die  englischen  Vertreter  in  den  neutralen  Staaten
unterstützten  mit  beträchtlichen  Mitteln  die  Bildung
offener  und  geheimer  Vereinigungen  zur
Bearbeitung  der  öffentlichen  Meinung  zugunsten  des
Vierverbandes  in  Versammlungen  und  durch  die
Presse,  auch  durch  Straßenkundgebungen,  wie  sie  in
Rom,  Mailand,  Athen,  Bukarest,  Lissabon  usw.  stattfanden.
  Außerdem  ließen  sie  englische,  französische
und  belgische  Wanderredner  derufen,  die  in  italienischen,
  rumänischen,  schweizerischen,  holländischen
und  anderen  Städten  Vorträge  hielten  und  darin  die
alten  Greuelmären  neu  auftischten.  Dazu  organisierten
  sie  mit  Hilfe  hochbezahlter  zweifelhafter  Leute
beiderlei  Geschlechts,  zuweilen  unter  Heranziehung  ansässiger
  Journalisten,  in  den  neutralen  Staaten,  aber
auch  in  Italien  und  besonders  in  Rußland  zur  Vorbereitung
  des  Umsturzes  von  1917  einen  geheimen,
umfangreichen  Ausspäherdienst  mit  der  auufgabedie
  deutschfeindlichen  Kreise,  je  nach  Bedarf  mit  Geld,
zu  unterstützen,  die  deutschfreundlichen  und  sonst
verdächtigen  Politiker  zu  ermitteln,  zu  Überwachen,
womöglich  auszuhorchen,  Depeschen  und  Briefe  verschwinden
  zu  lassen,  in  den  Wirtshäusern  deutsche
oder  deutschfreundliche  Gespräche  zu  belauschen,  militärische
  Nachrichten  zu  beschaffen  usw.  Einige  dieser
Leute  wurden  Aufang  1916  von  der  Schweiz  ausgewiesen.
  Englische  Späher  waren  selbst  in  Nordamerika
  tätig.  In  den  neutralen  Ländern  bearbeiteten
  sie  zuweilen  sogar  die  ländliche  Bevölkerung  für
den  Vierverband.

Um  die  neutral  gebliebenen  Staaten  an  seiner
Seite  schließlich  in  den  Krieg  hineinzudrängen,  suchte
England  bei  ihnen  Unzufriedenheit  und  Kriegsstim
mung  zu  erwecken  auf  Grund  von  Knappheit  und
Teuerung,  wie  siein  jedem  europäischen  Lande  hervortraten,
  doch  nicht,  wie  die  englischen  Sendlinge  versicherten,
  durch  Deutschlands  Schuld,  sondern  hauptsächlich
  durch  Englands  Seetyrannei,  die  fast  alle  Zufuhren
  behinderte  und  die  meisten  wegnahm.  Mitte
Mai  1917  kam  es  in  der  Schweiz,  in  Genf,  Lausanne
  usw.,  zu  deutschfeindlichen  Ausschreitungen.  In
Spanien,  besonders  in  Barcelona,  veranstalteten
englische  und  französische  Agenten  mit  Hilfe  der  Sozialrevolutionäre
  Mitte  Juni  1917  Arbeiterausstände
und  Strahenlundgebungen,  Anfang  Juli  in  Holland,
  hauptsächlich  in  Amsterdam.  In  Schweden
wirkten  neben  den  Handelskreisen,  die  an  dem  englisch-russischen
  Durchgangsverkehr  gut  verdienten,
demokratische  und  sozialistische  Abgeordnete  und  Zeitungen
  für  England  und  Genossen.  Dem  schwedischen

  Sozialistenführer  Branting,  einem  Kostgänger
Englands,  sagten  deutsche  Genossen  nach,  daß  er  auch
zu  Pariser  Kreisen,  die  mit  der  Fundierung  gewisser
Presseerzeugnisse  vertraut  sind-,  und  zu  der  französischen
  Regierung  Beziehungen  unterhieltet.

Mit  Erfolg  arbeitete  das  englische  Gold  während
des  Krieges  im  Hedschas  bei  der  Aufwiegelung  der
Araber  und  des  Scherifs  von  Mekka,  auf  der  Sinaihalbinsel
  bei  den  Beduinenhäuptlingen,  am  Persischen
  Meerbusen,  ferner  in  Amerika,  namentlich  in
Brasilien  und  in  mittel-  und  südamerikanischen  Republiken,
  die  aus  ihrer  Neutralität  heraustraten,  in
der  Negerrepublik  Liberia,  nicht  zuletzt  in  China,
endlich  in  Siam.

Was  bezweckte  England  mit  seinen  Werbungen,
Bestechungen,  Verheißungen,  Drohungen,  Erpressungen?
  Die  neutralen  Staaten  und  Völter  sollten
an  seine  Unüberwindlichkeit,  an  seinen  unzweifelhaften
  Endsieg  glauben  und  ihm  durch  Eintritt  in  den
Krieg  dazu  helfen.  Der  -Demoralisator  des  großen
Weltkriegese  hatte  nicht  vergebens  gearbeitet,  fast
alle  Völker  in  seine  Dienste  gestellt  und  hoffte  auf
Sieg  und  Gewinn.

Der  Pressefeldzug"'.  Für  die  englische  Politik  war
die  Tagespresse  mit  ihrer  organisatorischen  Kraft,  auf
die  Massen  zu  wirken  und  ein  gemeinsames  Handeln
hervorzurufen,  schon  vordem  ein  beliebtes  Kampfmittel
  gewesen,  um  Deutschland  allerwärts  zu  verdächtigen,
  als  sei  es  ländergierig,  bedrohe  die  kleinen  Staaten
  Europas,  strebe  nach  der  Vorherrschaft  in  Europa,
nach  der  Oberseeherrschaft,  nach  der  Weltherrschaft,
als  betreibe  es  überall  Ränke,  um  England  zu  überfallen
  und  die  englische  Flotte  zu  zerstören.  Nach
Kriegsausbruch  setzte  der  englische  Pressefeldzug  mit
verschärften  Mitteln  ein.

Gleichzeitig  mit  der  Kriegserklärung  ließ  die  englische
  Regierung  die  deutschen  Kabelverbindungen  zerstören
  und  so  Deutschland  von  übersee  wie  übersee
von  Deutschland  abschneiden,  verbot  anfangs  die  Weiterverbreitung
  der  amtlichen  deutschen  Kriegsberichte
durch  das  Reutersche  Büro  und  ließ  sie  später  meist
nur  entstellt  und  verstümmelt  durch.  Um  ihre  Zenfur
unbehindert  walten  lassen  zu  können,  untersagte  die
englische  Regierung  die  Einfuhr  deutscher  und  unbequemer
  neutraler  Heitungen  und  ließ  sogar  ankommende
  Reisende  daraufhin  peinlich  untersuchen.  Ferner
beschränkte  sie  die  Ausfuhr  englischer  Zeitungen  nummerweise
  und  verbot  einigen  Zeitungen  die  Ausfuhr
allgemein,  so  im  September  1916  dem  -  Labour  Leuder-
  angeblich  weil  er  von  den  Deutschen  zum  Schaden
  Englandsaus  enutzt  werde,  und  Ende  April  1917
dem  Londoner  Wochenblatt  „Natione,  weil  es  die
Überlegenheit  der  Deutschen  an  der  Somme  bewundert,
  die  Unterseebootgefahr  gekennzeichnet  und  die
Regierung  wegen  ihrer  Untätigkeit  verspottet  hatte.
Anderseits  ließ  die  englische  Regierung  besondere  für
das  Ausland  bestimmte  Ausgaben  englischer  gal
tungen,  ja  sogar  gefälschte  Ausgaben  deutscher  Zeitungen
  veranstalten  und  ausführen,  um  die  Neutralen
zu  verwirren.  In  der  Absicht,  Friedenskundgebungen
in  England  vor  dem  Auslande  zu  unterdrücken.  verbot
  die  englische  Regierung  Ende  April  1917  die  Aus-1

  „  Korrespondenzbkatt  der  Generalkommisston  der  Gewerkschaften
  Deutschlandse  vom  2.  September  1915.

2  Vgl.  auch  den  Abschnitt  über  die  englische  Presse  in  dem
Beitrag  von  Diez,  Die  Presse  unserer  Gegner,  S.  330  ff.,  ferner
P.  Dehn,  England  und  die  Presse  (Hamb.  1915).
        <pb n="428" />
        342

hr  aller  Veröffentlichungen  friedensfreundlicher

ereinigungen,  wie  der  Union  of  Democratic  control,
  insbesondere  der  Schriftsteller  Norman  Angell,
C.  P.  Buxton,  A.  L.  Dickensen,  E.  D.  Morel,  Arthur
Ponsonby,  Bertrand  Russell,  Philip  Snowden,  C.  N.
Trevelyan.

Obwohl  der  Londoner  Nachrichtendienst  eifrig  und
nicht  erfolglos  tätig  war,  forderte  in  der  Pall  Mall
Gazette:  vom  10.  Januar  1917  der  Herausgeber
der  -English  Review,.  bie  Schaffung  eines  Bierverbandspressestabes,
  um  die  öffentliche  Meinung  einheitlicher
  zu  bearbeiten.  Auch  die  Herstellung  einer
einheitlichen  Zensur  7  gleichem  Zweck  wurde  erwogen.
  Mitte  1917  begründete  die  englische  Regierung
  in  Rußland  einen  eigenen  Pressedienst  für  die
Verbündeten.

Indem  englischen  Pressefeldzug  erhielt  das  Reutersche
  Drahtnachrichtengeschäft  die  Führung  und  üÜberschwemmte
  die  Presse  aller  Länder  tagtäglich  mit
seinen  entstellten,  falschen  und  verleumderischen  Meldungen.
  Abhängig  von  ihm  waren  die  amtlichen
oder  halbamtlichen  Depeschenämter  der  meisten  anderen
  Staaten,  die  -Agence  Havase  in  Paris,  die
„Agenzia  Stefani=  in  Rom  usw.,  bis  zum  Kriegsausbruch
  auch  das  Wolsssche  Büro  in  Berlin  für  überseeische
  Nachrichten.

Die  ersten  Meldungen  üben  immer  den  stärksten
Eindruck.  Reuter  und  Venossen  waren  mitihrem  grosten
  Vorsprung  nach  Kriegsausbruch  überall  die  Ersten
am  Platze,  brandmarkten  Deutschland  als  Anstifter
des  Krises,  als  Verwüster  Belgiens,  den  deutschen
Kaiser  als  neuen  Herodes,  Nero  und  Kain,  den  preußischen
  Militarismus  als  Bedroher  aller  Völkerfreieit

  usw.  Nach  Britisch=  Südafrika  meldete  Reuter,

eutschland  plane  dort  einen  Überfall  von  Deutsch-Südwestafrika
  her.  Die  anderen  Selbstverwaltungskolonien
  wurden  für  den  Krieg  durch  die  Nachricht
geistert,  England  sei  mit  seinen  Verbündeten  durch
»den  heimlic  vorbereiteten  Krieg  der  wilden  raubgierigen
  Deutschen  überfallen  worden.

Nur  zu  wirksam  waren  die  Machenschaften  des  englischen
  Pressefeldzuges  egen  den  deutsch-amerikanischen
  Nachrichtnserkhrt  Schon  vor  dem  Kriege
hatte  sich  der  englische  Pressedienst  mit  Reuter  an  der
Spitze  bemüht,  durch  bösartig  gefärbte,  oftin  London
verfertigte  Nachrichten  nach  beiden  Seiten  hin  Verstimmungen,
  Mißverständnisse  und  Argernisse  hervorzurufen.
  Nach  Kriegsausbruch  konnte  dieses  üble  Geschäft
ungezügelt  sortgesetzt  werden,  da  England  den  unmittelbaren
  Nachrichtenverkehr  zwischen  Deutschland  und
der  Union  abgeschnitten  hatte.  Es  ließ,  wie  erwähnt,
alle  für  Amerika  bestimmten  deutschen  Zeitungen,  Bücher
  und  Briefe  auf  neutralen  Dampfern  wegnehmen
und  alle  Drahtnachrichten  zwischen  Deutschland  und
Amerika,  besonders  Pressemeldungen,  anhalten,  peinlich
  durchforschen  und  nach  Willkür  unterdrücken  oder
in  abgeinderterhaffungweitergeben.  Laut,  doch  vergeblich
  klagten  darüber  die  amerikanischen  Interessenten,
  Zeitungen  und  Berichterstattern.  Hunderte  von
Drahtmeldungen  amerikanischer  Berichterstatter  von
Deutschland  nach  Amerika  wurden  in  London  unterdrückt,
  verstümmelt  oder  gefälscht,  um  die  Wahrheit
zu  verhüllen,  den  Charakter  des  Gennero  zu  verleumden
  und  die  öffentliche  Meinung  Amerikas  für  England
  zu  gewinnen?,  um  die  nordamerikanische  Union

1  Vgl.  P.  Dehn,  Englantd  und  die  Presse  (Hamb.  1915),  S.  112ff.
2  „Ereninz  Poste  in  Neuyorf  vom  20.  Oktober  1914.

IV.  Kultur  und  Geistesleben

gegen  Deutschland  auphureiten  und  in  die  Gefolgschaft
englischer  Politik  herabzudrücken.
itte  August  1916  ersuchten  die  Berliner  Bericht.

erstatter  amerikanischer  Zeitungen  den  damaligen
Unionsbotschafter  Gerard  in  Berlin,  eine  Verwah.
rung  gegen  Anhalten  und  Verstümmeln  ihrer  Presseberichte
  durch  die  englische  Zensur  der  Unionsregierung
  zuübermitteln.  Gerard  wollteindessen  diese  d  "
wahrung  nicht  befürworten,  solange  die  Depeschen  der
amerikanischen  Berichterstatter  aus  Deutschland  zensiert
  werden,  stellte  demnach  die  fälschende  englische

ensur  mit  der  ehrlichen  deutschen  auf  die  gleiche

tufe.  Die  Bedingung  des  Botschafters  war  schon
aus  militärischen  Gründen  wegen  der  englischen  Ausspäherei
  unerfüllbar.

is  zur  Kriegserklärung  der  Union  schürte  Reuter

das  Feuer  durch  gehässige  Meldungen  nach  Neuyork
über  Deutschland  und  nach  Amsterdam-Berlin  üÜber
Amerika.  So  berichtete  er  noch  vor  der  Kriegserklärung
  nach  Amerika,  die  Entzündungen  der  Brände  gewisser
  nordamerikanischer  Fabriken  seien  auf  Anstiften
der  deutschen  Regierung  erfolgt,  in  ganz  Deutschland
ertönten  Haßgesänge  gegen  Amerika  und  dergleichen
mehr.  Nach  der  diegeer  ärung  der  Union  empfahlen
die  „Times.  Ende  April  1917,  Amerika  durch  entsprechende
  Kriegsberichterstattung  »aufzurütteln«,  da
der  Durchschnittsamerikaner  noch  nicht  zu  vollem  Verständnis
  der  schwiersgen  Kriegslage  gekommen  sei.

In  London  verhinderte  man  jede  Aufklärung,  vereitelte
  deutsche  Versuche,  Über  neutrale  Länder  mit
Amerika  zu  verkehren,  und  erreichte  das  vorgesteckie
Ziel.  Nach  der  Sehauptung  des  amerikanischen  Generalkonsuls
  Gaffney  in  München  wäre  ohne  Reuter
der  Bruch  zwischen  Deutschland  und  der  nordamerikanischen
  Union  nicht  erfolgt  und  auch  manche  andere
gegen  Deutschland  gerichtete  Kriegserklärung  unterblieben.
  England  bereitet,  wie  er  auf  Grund  seiner
Erfahrungen  versicherte,  in  Reuters  Küche  das  Gift
für  die  öffentliche  Meinung  aller  Völkerc.

Haß  und  Verachtung  gegen  Deutschland  suchte  Reuter
  mit  Hilfe  der  Londoner  Sensationspressehauptsächlich
  durch  Schilderungen  angeblicher  deutscher  Greuel
zu  erwecken  und  mittels  der  europäischen  und  überseeischen
  Kress-  in  die  weitesten  Kreise  aller  Länder  zu
tragen.  Wochenlang  glaubte  man  Überall  an  das,
was  von  London  aus  gedrahtet  und  in  Tausenden  von
Zeitungen,  in  Millionen  von  Nummern  gedruckt  und
als  neueste  Sensation  in  Massen  vertrieben  wurde,
an  die  deutschen  Greuel  und  Niederlagen  wie  am  die
englischen  Siege.  Die  deutschen  Berichte  und  Berichtigungen
  kamen  zu  spät,  wurden  von  den  meisten  Zeitungen
  nur  versteckt  oder  gar  nicht  gedruckt  und  blieben
  unbeachtet.

»Im  Kriege  muß  die  Regierung  die  Pöbelinstinkte
des  Abscheus  vor  dem  Feinde  wachhalten,  »muß  sie
in  den  neutralen  Ländern  einen  wirksamen  Nachrichtendienst
  einrichten,  auch  falsche  Nachrichten  verbreiten
und  den  Gegner  bei  der  ganzen  gesitteten  Welt  in
Mißkredit  bringens.#  Danach  handelte  die  englische
Regierung  und  arbeitete  hauptsächlich  mit  Greuelmären.


Mit  erstaunlicher  Einbildungskraft  erfand  man  in
London  Untaten  der  deutschen  Hunnen  und  Bestien,

1  Toulmin  im  „Journal  of  the  Royal  Economie  Soeletyvom
  April  1915.

2#  Oberst  Roß  nach  der  Schrift  J.  Bruce  Glaster,  Militarism.
  Published  by  cthe  Independent  Labour  Party  Cond.
1915;  Labour  and  War  Pamphlets.  Nr.  2).
        <pb n="429" />
        Dehn:  Englische  Kampfmethoden

wie  sie  Kinder  verstümmelten  und  ähnliche  Schändlichkeiten
  begingen.  Die  übelsten  Schauergeschichten
wurden  massenhaft  verbreitet,  vielfach  mit  eigens  hererichteten

  Bildern  verzerrt,  häufig  auch  mit  Hilfe  von
Eichtbindtweatern  durch  gestellte  Vorgänge  veranschaulicht.
  Englische  Untaten,  der  Baralong-Fall  und  die
Ermordung  der  Mannschaft  von  »L  17.,  suchte  der
Londoner  Nachrichtendienst  zu  unterdrücken.  Für  die
öffentliche  Meinung  in  der  nordamerikanischen  Union
erdichteten  Reuter  und  Genossen  besonders  geeignete
Greuel,  Vergewaltigungen  amerikanischer  Frauen  in
Deutschland,  belgischer  Kinder  und  Geistlicher  u.  dgl.
Bis  in  fernste  Länder  drahtete  Reuter  solche  Greuelmären.
  „Seit  Kriegsausbruch  verging  kein  Tage,
schrieb  die  „Cronica  von  Peru  am  17.  Oktober  1916,
»ohne  daß  das  englische  Kabel  die  Truppen  der  Mittelmächte
  einer  neuen  Grausamkeit  beschuldigte.  Man
meldete  uns,  daß  die  Deutschen  die  Flüsse  und  Brunnen
  an  der  französischen  Grenze  vergiftet  hätten,  Kinder
  verstümmelten  und  Gebäude  und  ganze  Städte
nur  aus  Vernichtungswutzerstörten,  an  Verwundeten
und  Frauen  jede  erdenkliche  Grausamkeit  verübten,
ihre  Gefangenen  verhungern  ließen  und  bei  ihren  verwundeten
  Gefangenen  Amputationen  vornahmen,
nur  um  sie  zu  verstümmeln  usw.=Als

  die  Bevölkerung  in  England  und  den  Kolonien
so  aufgereizt  worden  war,  daß  sie  im  Oktober  1914
und  im  Mai  1915  die  ansässigen  Deutschen  beraubte
und  plünderte,  schrieb  die  Londoner  „Morning  Posteam
  13.  Mai  1915:„  Der  Mob  hat  im  Grunde  genommen
  recht,  er  Übte  eine  rauhe  Justiz.«  Reuters  Berichte
  brachten  es  zu  Ausschreitungen  gegen  die  Deutschen
  Mitte  April  1917  selbst  in  Brasilien  und  Argentinien.


Noch  am  4.  Mai  1917  erklärte  der  englische  Minister
Lord  Cecil  im  Unterhause  die  angeblich  deutschen
Zeitungen  entnommene  Nachricht,  daß  die  deutsche
Regierung  Fett  aus  Soldatenleichen  ziehen  lasse,  nicht
für  unglaubwürdig.  Er  habe  die  Verbreitung  dieser
Tatsache  durch  die  üblichen  Kanäle  zugelassen!  So
vergiftete  das  amtliche  England  die  öffentliche  Meinung
  der  von  ihm  kulturell  abhängigen  Völker.

In  vielen  Ländern  ist  das  Hauptorgan  der  öffentlichen
  Meinung,  die  Tagespresfle  käuflich,  und  die
englische  Regierung  geizte  nicht.  Einige  Angaben  darüber
  brachten  unbestechliche  Zeitungen  neutraler  Länder
  an  die  Offentlichkeit.  Mitte  1915  wurden  unter
anderen  der  „Standaard,  im  Haag,  der  „Nieuwe
Rotterdamsche  Courant-,  das  „Svenska  Morgenblad-
  in  Stockholm  und  der  =  Correo  Espagnole  in
Madrid  durch  Vermittler  der  englischen  Regierung
ersucht,  englische  Berichte  über  deutsche  Greuel  gegen
beliebig  hohe  Gebühren  abzudrucken,  lehnten  aber  ab.
Anders  dachten  und  handelten  Hunderte,  vielleicht
Tausende  neutraler  Zeitungen.  In  englischem  Sold
standen  mit  dem  Amsterdamer  „Telegraaf“  an  der
Spitze  viele  Zeitungen  der  neutralen  Staaten  und  verbreiteten,
  oft  täglich  in  mehreren  Spalten,  was  ihnen
von  London  an  Falschmeldungen  übermittelt  wurde.
Das  „Stockholm  Telegrambyraue.  wurde  besonders
von  der  Französischen  Aufklärungsstelle  für  neutrale
Ländere  reichlich  mit  Geldmitteln  bedacht,  versorgte
die  schwedischen  Provinzzeitungen  mit  englischen
Falschmeldungen  unentgeltlich  und  versandte  deutschfeindliche
  Flugschriften  in  Massen  ebenfalls  unentgeltlich.
  Nach  einer  Mitteilung  des  Pariser  -  Radical.
von  Mitte  April  1916  erhielt  der  französische  Gesandte
Blondel  in  Bukarest  14  Millionen  Mark,  um  das  Ge-313



wissen  der  rumänischen  Presse  zu  beschwichtigen.  In
Amerika  und  Ostasien  verfügte  dieenglische  Regierung
über  zahlreiche  Zeitungen.

Als  die  englische  Regierung  dem  Hearstschen  internationalen
  Nachrichtendienst  die  Benutzung  der
Posten  und  Kabel  verbot,  weil  er  wahre  Nachrichten
nicht  unterdrücken,  zurechtstutzen  und  verdrehen  sowie
falsche  Nachrichten  nicht  ausstreuen  wollte,  schrieb  der
»New  Vork  American  am  15.Oktober  1916:2  Großbritannien
  braucht  Anleihen,  und  deshalb  ist  es  nötig,
sowohl  in  Großbritannien  als  in  Amerika  den  Glauben
  zu  erwecken,  Deutschland  stehe  schon  vor  dem  Zusammenbruch.
  Um  diesen  Zweck  zu  erreichen,  hat  die
britische  Regierung  Millionen  von  Dollar  ausgegeben

ur  Unterhaltung  eigener  Pressestellen  und  zur  Bestecung
  von  Zeitungen  und  anderen  Organen,  wie
auch  von  Politikern  und  Rednern  in  Holland,  Dänemark,
  Schweden,  der  Schweiz,  Italien,  Spanien,  Rumänien,
  Griechenland  und  ganz  besonders  zu  unserer
bitteren  Scham  in  Amerika.“=  Dasselbe  Blatt  bezifferte
am  19.  Februar  1917  Englands  gesamte  Aufwenungen
  für  seine  Arbeit  in  neutralen  Ländern  auf
76  Millionen  Dollar!  Lord  Northceliffe  selbst,  der
Londoner  Zeitungsfürst,  rühmte  sich  schon  im  April
1900  gegenüber  dem  amerikanischen  Berichterstatter
O'Mahong,  wie  dieser  Anfang  1916  in  dem  India--napolis
  Star«  berichtete,  an  der  Spitze  eines  Verbandes
  zu  stehen,  der  achtzehn  wichtige  amerikanische  Zeitungen
  in  den  größten  Städten  überwacht.  Dieser
Verdand  schien  nach  Kriegsausbruch  außerordentlich
angewachsen  zu  sein.  Ein  Antrag  des  Abgeordneten
Moores  vom  20.  Februar  1917,  zu  untersuchen,  ob
wirklich  25  amerikanische  Zeitungen  mit  englischem
Gelde  unterstützt  wurden,  fand  im  Repräsentantenhause
  zu  Washington  keinen  Anklang.  Nachdem  Lord
Northeliffe  während  des  Krieges  in  der  Schweiz  und
Spanien  gewesen  war,  um  Preßorgane  für  England
zu  gewinnen,  wurde  er  im  Juni  1917  nach  Amerika
gesandt  als  Leiter  der  englischen  Kriegsvertretung
(.British  War  Missione),  die  dort  an  der  Vereinheitlichung
  der  Kriegführung  arbeitet.  Hauptsächlich  sollte
er  die  Preßbeziehungen  zwischen  England  und  den
Vereinigten  Staaten  noch  inniger  pestalten  und  die
öffentliche  Meinung  Amerikas  Über  den  Krieg  aufklären.
  Er  gründete  unter  anderem  einen  neuen  Presseklub
  mit  400  Abteilungen  in  Amerikat.  Mit  Bezug
darauf,  daß  Lloyd  George  hauptsächlich  durch  das
Drängen  der  Northcliffepresse  leitender  Minister,  ja
Diktator  Englands  wurde,  äußerte  Lord  Ribbesdale
am  20.  Juni  1917  im  Oberhause  Föuiisch,  das  Land
scheine  eine  Regierung  zu  besitzen,  die  sich  von  einem
Zeitungsbesitzer  am  Gängelband  führen  lasse.

Der  englische  Pressefeldzug  mit  seinen  Verleumdungen
  und  Verdächtigungen,  wie  er  seit  Jahrzehnten
gegen  Deutschland  geführt  wurde,  bewirkte  eine  Vergistung
  der  öffentlichen  Meinung  und  verschuldete
wesentlich  den  Krieg.  Eine  Bestätigung  dafür  fand
sich  in  der  Londoner  „Daily  Newse  vom  10.  Dezember
1914  mit  dem  Satze,  daß  #die  verlogene  Jingopresse
Englands,  die  ein  großer  Teil  der  Schuld  an  diesjem
entsetzlichen  Kriege  trifft,  vom  Sturm  der  öffentlichen
Entrüstung  Hinweggese  t  werden  möge  4.  Leider  wird
Bismarcks  Lieblingsgedanke  aus  dem  Taber  1870
nach  einem  internationalen  Gericht  für  die  Zeitungs-1

  Gegen  Northelisse  und  seine  Presse  erscheint  seit  März  1917
in  Zürich  eine  Zeitschrift  in  englischer  Sprache  »The  Uroat
Antl-Northeliffe  Matle.
        <pb n="430" />
        344

schreiber,  Abgeordneten,  Senatoren  und  Minister,  die
zum  Kriege  gehetzt  haben,  vorläufig  unerfüllt  bleiben.
Was  war  der  Zweck  des  englischen  Kressefeldguges
Deutschland  als  ein  geächtetes  und  verächtliches  Reich
hinzustellen,  die  neutralen  Staaten  aus  ihrer  Neutralität
  sozusagen  moralisch  herauszulocken  und  sie  in  den
Krieg  gegen  Deutschland  hineinzuzwingen  mit  der
Versicherung,  Deutschland,  schon  halb  verhungert,
müsse  erliegen,  das  unüberwindliche  England  dagegen
als  Werkzeug  der  Vorsehung  ,  als  -Führer  der
Menschheitin  Zwaibsfaton  und  Kultur,  in  seinem  heiligen
  Kriege  für  Christentum,  Völkerfreiheit  und  Weltfrieden«
  unbedingt  den  Sieg  erringen  über  den  „Abschaume,
  =  Pestherd:  und  „Feind  des  ganzen  Menschengeschlechtsc,
  über  das  Höllenreich  des  preußischen
Antichristse  (Ausdrücke  Londoner  Blätter).
Indessen  begann  man  allmählich  den  englischen

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Peessefeldzug  u  durchschauen,  wenn  auch  vielfach  nur
zeitweilig.  die  nordamerikanische  Union  noch
neutral  war,  am  25.  Oktober  1916  nach  der  englischen
Ministerkrisis,  äußerte  die  englandfreundliche  »New
TVork  Tribunee,  der  englische  Betrug  sei  enthüllt,  die
englische  Lüge  zusammengebrochen.  In  den  feindlichen
  Ländern  ließ  sich  die  frohe  Kriegs=  und  Siegesstimmung
  nicht  meht  aufrechterhalten.  Enttänschung,
Unzufriedenheit,  Angstgefühl  infolge  schleichender
Gerüchte  griffen  um  sich  Selbst  die  Wahrheit  fand
keinen  Glauben  mehr.  Das  öffentliche  Vertrauen
war  erschüttert.

Die  englischen  Kampfmethoden  hatten  bedenkliche,
nicht  zu  unterschätzende  Erfolge,  gewannen  oder  erzwangen
  neue  Bundesgenossen  für  den  Krieg  gegen
Deutschland,  waren  aber  nicht  imstande,  zum  Ziele,  zur
Niederschmetterung  des  verhaßten  Gegners,  zu  führen.

Der  Krieg  und  die  Frauen
von  Privatdozent  Dr.  Arnold  Ruge  in  Heidelberg

Eins  von  den  vielen,  tief  im  ganzen  wurzelnden
Problemen,  die  der  Krieg  zur  Lösung  aufdrängt,  ist
die  Frauenfrager.

Politisch  oberflächlicher  Betrachtung  wird  diese
„Frage  als  weit  hergeholt  erscheinen.  Sie  erkennt
wohl,  daß  der  Krieg  mit  Gewaltin  das  einzelne  Frauenleben
  eingreift,  den  der  Gatten,  Söhne  und  Brüder
Beraubten,  den  Verschleppten  und  Vergewaltigten  unendliches
  Weh  bringt,  aber  sie  sieht  nicht,  daß  sich  die
Stellung  der  =  Frauen.  im  Staatskörper  zum  Wohl
oder  zum  Fluche  des  Ganzen  zu  verschieben  droht;  es
ist  ihr  entgangen,  daß  die  -Frauenfrages  schon  in  der
Friedenszeit  eine  so  bedeutende  Eigenrolle  spielte,  daß
von  der  angekündigten  »radilalen«  Lösung  eine  Erschütterung
  der  nationalen  Grundpfeiler  zu  fürchten
war.  Sie  vermag  nicht  zu  überschauen,  daß  von  der
richtigen  Beantwortung  der-Frauenfrage.  nicht  etwa.
nur  nebensächliche  Zukunftsentscheidungen  kultureller
und  innerpolitischer  Natur,  sondern  im  etzten  Grunde
auch  sämtliche  Fragen  der  Außenpotitik  abhängig
sind,  wenn  man  unter  Politik  die  Kunst  versteht,  ein
als  lebendigen  Wert  empfundenes  Ganzes  stark  zu
machen  und  zu  erhalten.

1.  Die  =  Frauenfrage  vor  dem  Kriege.

Der  Ursprung  der  sich  aus  dem  Ganzen  ablösenden
„Frauenfrages  ist  wie  der  jeder  großen  Bewegung
durchaus  nicht  etwa  künstlicher  Art.  Er  ist  darin  begründet,
  daß  die  Entwicklung  der  allgemeinen  Verhältnisse
  dem  weiblichen  Geschlechte  nicht  mehr  das  Minimum
  der  Befriedigung  eines  zu  Recht  bestehenden
Anspruches  auf  Glück  und  Entfaltung  der  ureigensten
Kräfte  verbürgen  konnte.  Eine-Frauenfrage-  konnte
nur  entstehen,  nachdem  das  Gleichgewicht  unter  den
Geschlechtern  erschüttert  war,  d.  h.  der  vielleicht  in
der  Natur  der  Dingt  liegenden  ungünstigen  Gestaltung
der  quantitativen  Verhältnisse  gegenlber  das  Gegengewicht
  fehlte,  um  das  Gleichmaß  auf  irgendeine

Beise  wiederherzustellen.  Es  ist  ganz  falsch,  den
Grund  von  -Bewegungen.  lediglich  in  wirtschaftlichen
Umständen  zu  erblicken.  Das  Wirtschaftliche  ist  stets
erst  die  Folge  tiefer  liegender  Ursachen.  Die  Fundamentaltatsachen
  der  Geschichte  lassen  sich  niemals  mit

„nationalökonomischene  Erwägungen  erklären.  Die
letzten  Anlässe  ernsthafter  Veränderungen  im  Gesamtbilde
  der  einzelnen  Völker  liegen  stets  entweder  in  der
elementaren  Wirkung  äußerer  Mächte  oder  in  der  Abwandlung
  vorherrschender  Weltanschauungen.
Sucht  man  daher  nach  dem  Ursprung  der-Frauenfragee,
  so  muß  man  die  ganzen  Verhältnisse  ins  Auge
fassen,  aus  denen  sie  mit  scheinbarer  Notwendigkeit
geboren  worden  ist.  Dazu  gehört  vor  allen  Dingen,
daß  man  sich  völlig  klar  darüber  ist,  was  unter
„Frauenfrage.  zu  verstehen  ist.  =  Fragen=  der  Politik,
  die  sich  mit  der  Stellung  des  weiblichen  Geschlechtes
  beschäftigen,  hat  es  zu  allen  Zeiten  der  Völlergeschichte
  gegeben.  Solche  -Fragen,  sind  durch  Sitte
und  Gesetz  mit  Rücksicht  auf  die  geheiligten  Einrichtungen
  in  Zeiten  gesunder  Entwicklung  so  beantwortet
worden,  daß  das  Ganze  davon  eine  Förderung  hatte.
Seit  undenklichen  Zeiten  ist  dabei  dem  Umstande
Rechnung  getragen  worden,  daß  ein  Teil  des  weiblichen
  Geschlechtes  nicht  zur  Erfüllung  seiner  eigentlichen,
  mit  dem  Leben  der  Nation  zugleich  aufs  engste
verbundenen  Lebensaufgaben  in  der  Ehe  gelangen
kann.  Diesem  Umstande  gegenüber  war  darauf  zu
achten,  daß  die  Ursachen  nicht  verstärkt  würden,  die
diesen  individuellen  Notstand  hervorriefen,  daß  die  Folgen
  dieses  Notstandes  nach  Möglichkeit  ausgeglichen
würden  und  ihm  damit  die  Kraft  genommen  wurde,
zu  einer  Erschütterung  des  Ganzen  beizutragen.  Es
ist  nun  aber  so  gekommen,  daß  sich  eine  zweifellos  vorhandene
  Not  zu  einer  drohenden  Gefahr  für  die  Gesamtheit
  auswuchs,  mit  der  fertig  zu  werden  immer
schwerer  wurde.  Erst  als  dies  eintrat,  entstand  eine
eigentliche  Frauenfrage:.  Das  brauchte  keineswegs
zur  Folge  zu  haben,  daß  sich  die  „Frauen=  bzw.  das
weibliche  Geschlecht  emanzipierten.  Tatsächlich  aber
ist  die  „Frauenfrage=  die  Frage  der  „emayibaton
der  Frauen=  geworden,  weil  die  herrschenden  Anschauungen
  es  gestatteten,  nicht  etwa  nur  den  Männern,
sondern  allen  staatlichen  Einrichtungen  Kampf  anzusagen
  und  ihnen  auf  das  persönliche  Wohl  gerichtete
  Forderungen  entgegenzuhalten.  Das  konnte  nur
geschehen,  als  das  Ganze  die  Kraft  verloren  hatte,
mit  allen  Angelegenheiten  des  Lebens  fertig  zu  werden.
  Diese  Kraftlosigkeit  des  Ganzen,  die  schwindende
Empfindung  für  das  Wohl  der  übergeordneten  Gesamtheit,
  hat  ihren  tiefinnersten  Grund  in  der  Ber-
        <pb n="431" />
        Ruge:  Der  Krieg  und  die  Frauen

achtung  alles  dessen,  was  sich  aus  einer  langsamen
Entwicklung  herauswachsend  an  Sitte,  Haltung  nach
innen  und  außen  gebildet  hatte.

Diese  Erschütterung  der  Grundfesten  ist  eingetreten,
als  Deutschland  in  überschnellem  Tempo  vom  Agrarstaat
  zum  Industriestaat  überging.  Es  ist  die  wesentlichste,
  aber  auch  die  verhängnisvollste  Wandlung,  die
Deutschland  überhaupt,  vornehmlich  seit  1870  —71,
erfahren  hat.  Es  !z7#  ein  zweiter,  nicht  minder  gefährlicher-Fortschritte
  hinzugetreten:  Deutschland  hat  den
weiteren  Schritt  vom  Werte  schaffenden  Industriestaat
  zum  Werte  umsetzenden  Handelsstaat  gewagt.
Weltindustrie  und  Welthandel  haben  sich  vereinigt,
um  die  Selbständigkeit  zu  erstreben,  die  der  Agrarstaat
schon  allein  durch  seine  Existenz  besessen  hatte.  Dieser
Fortschritt-  ist  nicht  etwa  so  vor  sich  gegangen,  daß
der  Industriestaat  den  Agrarstaat  ergänzte  und
zu  größerer  Vollendung,  zur  Erschließung  aller  vorandenen

  schöpferischen  Kräfte  brachte,  uondern  die
dee  des  Industriestaates  setzte  sich  der  des  Agrartaates
  feindlich  entgegen,  und  es  war  niemand  da,
er  diese  Feindschaft  in  einer  höheren  Form  ausgeglichen
  hätte.  Das  gleiche  feindselige  Verhältnis
machte  sich  bald  bemerkbar  in  dem  Gegensatz  vom  Industrie-
  und  Handelsstaat.  Agrarstaat  und  Industriestaat
  sind  dem  Handelsstaat  gegenüber  zweifellos  höhere
  Formen  der  Gemeinschaft.  da  sie  prod  uktive
Kräfte  zeitigen;  die  größte  Gefahr  für  ein  Volk  liegt
in  der  Entwicklung  zum  Welthandelsstaat,  zum  Zwischenhändler,
  zum  Weltwarenhausbesitzer,  zum  Weltverfrachter;
  England  hat  diese  Entwicklung,  von  Anfang
  an  auf  ganz  anderen  Bedingungen  aufgebaut,
urchgemacht.

In  dem  schnellen  Fortgang  vom  Agrarstaat  zum
Industriestaat  und  von  da  zum  Handelsstaat  ist  das
bedrohlichste  Wagnis  der  Einseitigkeit,  der  unharmonischen
  Auslösung  der  Kräfte,  des  eigentlichen
Selbstaufgebens,  des  Uberganges  von  der  Produktivität
  der  Masse  zur  Produktionslosigkeit,  von  der  Herrschaft
  der  Werte,  der  Qualitäten,  zur  Anarchie  der
Werte  und  zur  Tyrannei  kleiner  Gruppen  verborgen.
Es  ist  die  Bahn  von  der  Werterschaffung,  Wertsteigerung
  und  Wertvertiefung  beiallen  einzelnen  Menschen

r  völligen  Entwertung  auch  der  Wertträger.  Es
ist  zugleich  der  Weg  von  der  Urwüchsigkeit  der  Weltanschauung
  zur  Weltanschauungslosigkeit,  von  der
mit  fester  Bürgschaft  und  deshalb  mit  Persönlichkeitswertungen
  begleiteten  Leistung  zur  bürgschaftslosen
Hergabe  und  Unterbringung  von  Waren  fremder
Probarktivitch;  es  ist  —  um  nur  eine  Etappe  dieses

eges  sinnfällig  vor  Augen  zu  stellen  —  der  Weg
vom  Bauer  zum  Handwerker  und  von  dort  zum
Händler,  zum  Krämer,  zum  Warenhausbesitzer,  der
mit  Sachen  und  Menschen,  mit  Gebrauchsgegenständen,
  Werken  der  Kunst  und  des  Kultus  marktet,  um
dort  Geld  zu  verdienen,  wo  andere  schufen.  Während
  der  Bauer  noch  alles  unter  dem  Gesichtspunkte
der  produktiven  Kraft  erblickt  und  der  Erschaffer  von
Industriewerten  zäh  an  den  Bedingungen  einer  gulen
Leistung  festhält,  erscheint  dem  Warenhausmenschen
alles  nur  nach  Maßgabe  des  äußeren  Wertes,  gegen
dessen  Ursprung  und  Verhältnis  zu  anderen  Werten
er  sich  völlig  gleichgültig  verhält.  Der  Mensch  der
Scholle  steht  naturgemäß  dem  Werdenden  und  Gedeihenden
  staunend  gegenüber;  er  empfindet  stark
die  schöpferische  Kraft  einer  übergeordneten  Macht  als
etwas  in  sein  Leben  Eingreifendes;  der  produktive
Handwerker  wertet  die  persönliche  Tugend,  die  zur

345

Erschaffung  des  gewollten  Zweckes  führt,  der  Händler
dagegen  haftet  an  den  Marktpreisen.  Die  unharmonische
  Entwicklung  vom  Agrarstaat  zu  den  Anfängen
  des  Händlerstaates  ist  keineswegs  etwa  eine
notwendige,  sondern  es  ist  eine  gewollte,  eine  verschuldete,
  aus  dem  Mangel  an  Willen  zur  Einheit
entsprungene;  es  ist  eine  unnatürliche,  sich  gegen  die
ursprüngliche  Kraft  und  den  gesunden  Instinkt,  den
auf  Ganzheit  gerichteten  Willen  wendende;  sie  ist  begründet
  in  der  bewußten  und  planvollen  Vernichtung
er  reinen  Empfindung  für  die  eigentlichen  Aufgaben,
  Grenzen  und  Lebensbedingungen  der  Völker
und  der  Menschheit.  Wem  das  nicht  deutlich  vor
Augen  steht,  hat  keine  Vorstellung  von  den  treibenden
  Momenten  der  Welt-  und  der  Völkergeschichte.
Der  Ursprung  der  -Emanzipation=  zunächst  der
ledigen  Mitglieder  des  weiblichen  Geschlechts  liegt
bei  solgerichtiger  Fortsetzung  dieser  Grundrichtung  in
der  Verbreitung  der  Anschauung,  daß  der  einzelne
„Mensch=  für  sich  allein  die  Bedingungen  größtmöglichen
  Erwerbes  und  äußerster  Luststeigerung  t  erringen
  das  Recht  habe.  Nachdem  sich  dies  die  Männer
  angemaßt  und  sich  unter  Vorantritt  der  traditionellen
  Führer  aus  dem  gesamten  Pflichtenkreise
»emanzipiert«  hatten,  war  nicht  nur  das  Scheinrecht,
daß  die  Frauen  das  gleiche  taten,  geschaffen,  sondern
sogar  die  absolute  Notwendigkeit  dazu;  das  Verständnis
  für  die  Fragen  des  weiblichen  Geschlechtes,  die
nur  als  solche  des  Familienlebens  gelöst  werden
konnten,  war  geschwunden.  Da  der  Gedanke  abhanden
gekommen  war,  jedes  Mitglied  des  Volles  nur  als
einen  Träger  der  Volksidee  zu  betrachten,  wurde  auch
das  Weib  als  Einzelindividuum,  teils  als  Erwerbselement,
  teils  als  Gegenstand  der  Lust  gewertet,  und
es  kam  darauf  an,  es  nach  beiden  Seiten  hin  den  Einzelzwecken
  der  Männer  dienstbar  zu  machen.  Damit
hängt  das  wachsende  Unverständnis  für  die  Werte
innig  zusammen,  die  durch  die  Frauen  deutlich  repräsentiert
  werden.  Fanden  beispielsweise  früher  viele
unverheiratete  Frauen  eine  befriedigende  und  geachtete
  Unterkunft  in  hilfsbedürftigen  Familien,  standen
sie  hoch  in  Ehren  als  Wohltäterinnen  und  Krankenpflegerinnen,
  so  wurden  sie  je##  auch  hier  nur  noch
als  konkurrierende  Elemente  betrachtet  oder  ihrer  Erwerbsuntüchtigkeit
  wegen  von  oben  herab  angesehen.
Infolge  dieser  gegen  vergangene  Zeiten  ganz  veränderten
  Lage  ist  die  „Frau=  dazu  gedrängt  worden,
ihr  Schicksal  selbständig  in  die  Hand  zu  nehmen.
Dies  hat  nun  ungeheure  Gefahren  mitsich  gebracht:
Die  -Frauenbewegunge  ging  nicht  aus  sittlichen,  sondern
  aus  äußerlichen  gemeinschaftsfeindlichen  Deweg.
gründen  hervor.  Sie  kämpfte  für  einen  Teil  des  weiblichen
  Geschlechtes,  aber  nicht  im  Sinne  der  ralten
Zeit-,  sondern  im  Geiste  einer  =  Neuorientierung.
ie  Frauenbewegunge,  die  Bewegung  der  Ledigen,
anstatt  eine  Reaktion  zu  sein,  den  Zustand  der  Sittlichkeit
  wiederherzustellen,  den  Familiengesichtspunkt
wieder  als  den  einzig  berechtigten  klar  vor  Augen  zu
rücken,  ist  eine  Bewegung  geworden,  den  Verselbstän.
digungsprozeß  zu  fördern.  Die  Frau  soll  dem  Manne
gegenüber  selbständige  werden,  sie  kämpft  nicht,  um
ihren  durch  Geschlecht,  Religion  und  überlieferung  geheiligten,
  mit  dem  Wohle  des  Ganzen  unabänderlich
verbundenen  Pflichtenkreis  zurückzuerobern  und  den
Egoismus  der  Männer  zu  brechen,  sondern  sie  streitet
um  Rechte,  die  ihr  angeblich  als  -Mensch-  zustehen.
Dieses  Programm  der  Frauenbewegung  stehtsen  mehr
als  20  Jahren  vollkommen  fest  und  ist  mit  Zähigkeit
        <pb n="432" />
        846

und  nicht  zu  leugnender  Zielbewußtheit  durchgeführt
worden;  es  ist  mit  Klugheit  in  allen  Erwerbsständen,
vor  allen  Dingen  aber  im  Bildungswesen  und  den
darauf  gegründeten  Berufen  zur  Geltung  gebracht
worden.  Der  Beginn  des  Weltkrieges  ist  der
Zeitpunkt  eween,  wo  die  deutsche  Frauenbewegung
  im  Bunde  mit  den  organisierten
Frauen  aller  Länder  den  nachdrücklichsten
Vorstoß  gegen  die  bestehenden  Gemeinschaftsformen
  zu  unternehmen  entschlossen
war,  um  kirchliches,  kommunales  und  staatliches  Wahlrecht
  zu  erlangen,  damit  den  Prozeß  der  =  Atomisierung-
  der  Gesellschaft  zu  vollenden,  zugleich  aber  auch
das  Bestehen  staatlicher  Verbände  in  Frage  zu  stellen.
Man  muß  zur  Rechtfertigung  der  deutschen
Frauen  dabeifolgendes  scharf  unterstreichen:  Erstens
war,  wie  schon  bemerkt,  an  dem  herrschenden  Zustande
die  Männerwelt  schuld,  denen  die  Machtausübung
oblag;  zweitens  ist  die  Frauenbewegung  nicht  etwa
eine  HVewegung  verheirateter  Frauen,  sondern,  wie
erwähnt,  überwiegend  eine  solche  der  ledigen;  drittens
  trug  die  Frauenbewegung  von  Ansang  an
durchaus  das  Gepräge  einer  dem  schwerfälligeren  deutschen
  Volke  künstlich  aufgepfropften  Sache,  da  sie  vorzugsweise
  von  jüdischen  Frauen  gefördert  wurde,  die
naturgemäß  den  engsten  Anschluß  an  inter-  und
antinationale  Strömungen  suchten,  ein  Sstan  der
im  wesentlichen  bis  zum  gegenwärtigen  Zeitpunkt  besteht.
  Diese  Momente  geben  der  Hoffnung  Raum,
daß  eine  durch  den  Krieg  geförderte  kraftvoll  einsetzende
deutsche  Frauenregsamkeit,  ein  festes  Auftreten  der
elgentlichen  vaterländischen  Frauenvereine,  ein  enersscher
  Anschluß  an  die  die  Not  empfindenden  Männer
em  Zerfall  Einhalt  tun  und  die  Werte  wieder  in
Ansehen  bringen  können,  auf  die  uns  der  Krieg  zurückgeworfen
  bol
Um  die  Lage  richtig  zu  beurteilen,  müssen  noch  einige
von  den  verschiedensten  Seiten  her  (von  Historikern,
Hygienikern,  Rasseforschern,  Philosophen)  oftmals  betonte
  Tatsachen  in  Erinnerung  gebracht  werden,  die  es
ganz  zweifellos  erscheinen  lassen,  daß  durch  die  Frauenewegung
  der  Notzustand,  aus  dem  heraus  eine
Frauenfrage  Überhaupt  entstehen  konnte,  vergrößert
worden  ist.  Die  -Frauenbewegung=  und  das  völlige
Versagen  der  verantwortlichen  Männer  haben  es  dahin
  gebracht,  daß  den  Mädchen  nicht  nur  alle  Berufsarten
  geöffnet  worden  sind,  sondern  daß  es  zur  Gewohnheit
  wurde,  die  Mädchen  schon  im  jugendlichen,
am  meisten  gefährdeten  Alkter  dem  Haus  zu  entfremden
  und  zum  Erwerb  vorbereiten  zu  lassen.  Es  ist
nun  eine  sich  immer  wieder  bestätigende  Beobachtung,
daß  durch  die  selbständige  Erwerbstätigkeit  die  Frau
die  Grundeigenschaften  einer  tüchtigen  Mutter
und  Gattin  überschnell  verliert,  nämlich  die  Selbstlosigkeit
  und  die  Fähigkeit  williger  Unterordnung  unter
die  Gebote  des  Familienlebens,  daß  zweitens  die  physische
  Kraft,  gesunde  Kinder  hervorzubringen,  bei
dem  Verbrauch  der  Frauen  in  den  Erwerbsbetrieben
aller  Art  rasend  abnimmt,  daß  drittens  die  gesunden
Männer  instinktiv  diesen  Mangel  an  Eigenschaften  für
die  Ehe  empfinden  und  deshalb  die  Ehe  mit  solchen
Mädchen  scheuen,  daß  endlich  durch  die  starke  Konkurrenz
  im  Erwerb  die  wirtschaftlichen  Bedingungen
der  Ehebildung  fast  abhanden  gekommen  sind.  Auch
ist  kein  Zweifel  darüber,  daß  infolge  des  Hinsinkens
aller  durch  eine  feste  Sitte  errichteten  Schranken  die
außereheliche  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  viel
größere  Möglichkeit  und  Duldung  findet  als  zu  Zei-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

ten,  wo  die  Sitte  die  Frau  im  Hause  hielt  und  auf
der  Unsittlichkeit  der  Makel  der  Gesellschaft  ruhte.  Ein
Umstand  aber  zeigt  die  ganze  Größe  der  Gefahr:  Durch
den  Verbrauch  des  weiblichen  Körpers  und  der  weiblichen
  Seele  im  Erwerbsbetrieb  einerseits  und  ander.
seits  durch  die  Steigerung  und  Legitimation  der  Unsittlichkeit
  für  beide  Geschlechter  ist  die  Hervorbringung
  eines  kräftigen  männlichen  Geschlechtes
  völlig  in  Frage  gestellt.  Das  überwiegen
  weiblicher  Geburten  gegenülber  den  männlichen
ist  ein  betrübliches  Ergebnis;  das  männliche  Geschlecht
bedarf,  wie  von  vielen  Hygienikern  nachgewiesen  ist,
weit  mehr  dersor  küngeb  Miegeuend  vor  gero  Dingen
der  natürlichen  Ernährung  als  das  weibliche,  ein  Bedürfnis,
  das  zu  erfüllen  unter  den  obwaltenden  Umständen
  völlig  ausgeschlossen  ist.  Nicht  nur  diesem
Ergebnis  der  Verminderung  des  männlichen  Geschlechtes
  sah  man  in  Deutschland  zu  Beginn  des  Weltkrieges
  entgegen,  sondern  wir  befanden  uns,  als  alles
über  uns  herfiel,  uns  zu  vernichten,  vor  einem  Abgrund,
  der  durch  den  schnell  zunehmenden=  Geburtenrückgang=
  scharf  bezeichnet  war.  Es  könnte  noch  an
viele  Einzelerscheinungen  der  angedeuteten  Entwicklungen
  erinnert  werden,  die  dem  oberflächlichen  Politiker
  unbedeutend  erscheinen,  aber  näher  betrachtet  den
Lebensnervunseres  Volkes  treffen,  so  beispielsweise  die
das  Wachstum  der  Nation  aufs  schwerste  bedrohende
„  iienstbotennote  und  anderes  mehr.

An  Gegenströmungengegen  die  Frauenbewegunghat
  es  keineswegs  glsehs.  nur  konnten  sich  dieselben
infolge  des  herrschenden  Materialismus,  des  fortschreitenden
  Feminismus  bei  den  Männern  und  dem
damitverbundenen  Versagen  der  Parteileitungen  keine
Geltung  und  keine  Macht  verschaffen.  So  haben  sich
die  auf  den  alten  Anschauungen  vom  Pflichtenkreise
der  Frau  beruhenden  großen  Organisationen  der
»vaterländischen  Frauenvereinee  und  viele  mit  den
christlichen  Kirchen  in  engster  Verbindung  arbeitende
Vereine  in  rastlosem  Kampfe  weiter  behauptet,  obwohl
sie  nicht  mehr  die  alte  Anziehungskraft  ausüben  konnten.
  Der=  Deutsche  Bund  gegen  die  Frauenemanzipation
  eine  Organisation  von  Männern  und  Frauen,
hat  mit  richtiger  Erkenntnis  der  Sachlage  zuerst  das
wachsende  „Bildungsbedürfnis=  der  =  Frauene  und
dann  vor  allen  Dingen  die  politischen  Ziele  der
„  Frauenbewegung=  angegriffen.  Um  diesen  Bestrebungen
  wieder  das  gebührende  Ansehen  zu  verschaffen,
bedurfte  es  eines  sichtbaren  Zeichens,  daß  die  anpestrebte
  Entwicklung  zu  einer  Katastrophe  hinführe:

es  Weltkrieges.

2.  Die  durch  den  Krieg  geschaffene  Lage.

Der  Einfluß  des  Krieges  auf  bestehende  Verhältnisse
  mußte  bei  längerer  Dauer  in  jeder  Beziehung
ein  ganz  anderer  sein,  als  wenn  es  sich  darum  gehandet
  hätte,  einen  kurzen,  die  Nation  aufrüttelnden

ampf  zu  Ende  zu  bringen.  Alle  Teile  und  mehrere
Generationen  des  Volkes  sind  von  ihm  auf  das  allerschwerste
  betroffen;  er  hat  auch  gerade  an  das  weibliche
  Geschlecht  Ansprüche  gestellt,  die  in  ihren  letzten
Folgerungen  kaum  mehr  zu  lbersehen  sind  und  ernste
Bedenken  bei  denen  hervorbringen,  die  sich  über  die
Zukunft  Gedanken  machen.

Die  ersten  Wirkungen  waren  zweifellos  durchaus
befreiender  Natur.  Ein  Strom  der  Behessterung  Lur
eine  große  gemeinsame,  den  Menschen  aus  engen  Ber-Hältusssen
  krrausrehende  Sache  durchflutete  alle  Teile

er  Bevölkerung.  Die  Mutter,  die  Söhne  ins  Feld
        <pb n="433" />
        Ruge:  Der  Krieg  und  die  Frauen

schicken  konnte,  siieg.gewaltig  im  Ansehen  die  Gattin,
die  für  kurze  Zeit  an  die  Stelle  ihres  Mannes  trat,
fühlte  durch  die  erhöhte  Pflichterfüllung  ihre  Kräfte
ungeheuer  gesteigert.  Die  Mädchen,  die  in  die  Hilfsorganisation
  des  -Roten  Kreuzes=  eingestellt  wurden,
um  unmittelbar  am  Kriege  teilzunehmen,  sahen  etwas
von  überflüssiger  Vergangenheit  hinsinken  und  empfanden
  sich  als  unentbehrliche  Glieder  des  gemeinsamen,
  in  Not  geratenen  Vaterlandes.  Zu  Hunderttausenden
  drängten  sich  Frauen,  die  bis  dahin  untätig
gewesen,  sich  aus  edler  überlieferung  von  einem  Seele
und  Körper  vernichtenden  „Erwerbsgeschäft  ohne
Liebe«  abhalten  ließen,  in  Tätigkeiten  und  Berufe  hinein,
  wo  Aufbietung  aller  Kräfte  und  zugleich  ein  großes
  Maß  mütterlicher  und  schwesterlicher  Anteilnahme
  erfordert  wurden.  Die  im  Frieden  gefährdete
Stellung  der  sich  der  Wohlfahrt  widmenden  Frauen
schien  sich  von  neuem  zu  heben.  Die  Mütterlichkeit
  der  Nation  wurde  neben  der  entschlossenen
Männlichkeit  eine  unentbehrliche  Waffe.

Wer  die  ersten  Kriegsmonate  in  deutlicher  Erinnerung
  hat,  wird  diesen  Zeg  als  einen  ganz  wesentlichen
  empfunden  haben.  Die  Sorge  der  Frauen  trat
Überall  ein;  sie  sorgten  für  t  im  Felde  stehenden
Söhne,  Gatten  und  Brüder;  sie  sorgten  in  erhöhtem
Maße  für  die  im  Lande  gebliebenen  Kinder  sie  sorgten
für  die  Armen  und  diejenigen,  die  sich  nur  langsam
zurechtfinden  konnten;  Strickstrumpf  und  Flicheug
wurden  plöglich  wieder  zur  beherrschenden  Mode.
Die  großen  Opfer  der  Kriegsorganisationen,  die  Weitherzigkeit,
  mit  der  die  Ereper  Überall  verabschiedet,
empfangen,  verpflegt  und  behütet  wurden,  das  ins
Land  zurückflutende  Elend  an  verwundeten  und  gebrochenen
  Kriegern  steigerten  von  Tag  zu  Tag  das
Maß  von  sorglicher  -Mütterlichkeit.  Die  Einschränkungen
  im  Haushalte,  die  unleugbaren  Fehler  in  der
verspäteten  und  ziellosen  Mobilisierung  der  wirtschaftlichen
  Kräfte,  der  zu  furchtbarer  Blüte  getriebene  Wucher
  spannten  alle  edlen  Kräfte  der  helfenden  Frau
auf  das  äußerste  an  und  zeigten,  wieviel  verborgene
Kraft  in  ihr  geschlummert  hatte.  Noch  war  sie  überall
diejenige,  die  aus  freiem  Entschluß  zu  dem  Heere  hinter
  derprom  hinzukam,  noch  zwang  sie  keine  Not,  noch
galt  es,  die  vorhandenen  Dinge  richtig  zu  überschauen
  und  einzuteilen,  =  Frauentugenden=  mobil  zu
machen.  Noch  war  die  Nation  nicht  arm  an  Männern,
  da  der  Hauptbestand  der  mobilen  Truppen  und
der  Reserven  aus  Deutschlands  Jugend  bestand,  die
zwar  untererschwerten  Umständen  versorgt  sein  wollte,
aber  doch  noch  nicht  so  Er  in  den  inneren  Lebensbetrieb
  der  Nation  eingereiht  war,  daß  mit  ihrer  Heraus
  ichung  derIrgan  mus  gefährdet  gewesen  wäre.
Noch  war  Arbeiterüberfluß  vorhanden,  noch  war  der
eiserne  Bestand  in  keiner  Weise  angetastet.  Es  galt
für  die  Frau,  Lücken  zu  füllen,  aber  das,  was  von
ihr  im  wesentlichen  verlangt  wurde,  war  gesteigerte
Mütterlichkeit,  Frauentugend,  Frauenkraft,  Mitverantwortlichkeit
  für  Familie  und  Beruf  des  Mannes,
  kurzum  -Mobilisierung  der  weiblichen  Kräfte  der
Natione.

Natürlich  hat  sich  auch  unter  den  Frauen  die  große
Spaltung  gezeigt  die  bei  den  Männern  so  unverwischdar
  in  die  Augen  getreten  ist  und  als  eine  eherne
Tatsache  den  Krieg  und  alle  kommenden  Zeiten  bestimmen
  wird.  Wie  sich  die  Männer  in  solche  schieden,
  die  in  heller  Begeisterung  für  die  gemeinsame
Sache  alles,  sich  selbst,  freiwillig  hingaben,  und  solche.
welche  die  günstige  =  Konstellation  auszunutzen,  in

847

Kriegsgesellschaften  hineinzukommen  und  darin  sich
ounabkömmliche  zu  machen  wußten,  so  war  es  auch
mit  den  Frauen:  die  einen  erfüllte  tiefste  Sehnsucht
zu  helfen  und  Liebe  zu  spenden,  die  anderen  begrüßten
die  Möglichkeit  -lockendere  und  rlohnender-Beschäftigung.
  Es  fragt  sich  aber  bei  allen  Bewegungendes
  Lebens  nicht  nur,  welche  Strömungen  vorhanden
  sind,  sondern  welche  sich  Ansehen  und  damit  die
Oberhand  zu  erringen  vermögen,  und  da  ist  es  zweifellos,
  daß  dies  im  Anfang  des  Krieges  die  edle  Strömung
  gewesen  ist.  Die  erste  Zeit  des  Krieges  hat  die
kühnsten  Aussichten  auf  eine  Wiedergeburt  und  eine
Hebung  des  weiblichen  Geschlechtes  in  dem  einzigen
Sinn  eröffnet,  in  dem  eine  gesunde  und  kräftige  Nation
  eine  Hebung  des  einen  Teiles  zum  Besten  aller
anderen  ohne  Niederlegung  natürlicher  und  göttlicher
Schranken  anstreben  kann.  Es  schien  die  Zeit  mit
Riesenschritten  zurückzukommen,  wo  einerseits  das
Ansehen  der  Mutter  und  Gattin  dauernd  gefesti
war,  anderseits  sich  Berufe  als  Krankenpflegerin,  a
Fürsorgerin,  als  Helferin  in  hauswirtschaftlichen  Betrieben
  erschlossen,  die,  richtig  ausgebaut,  der  Forderung
  zu  genützen  geeignet  gewesen  wären,  den  Mädchen
  in  der  Zeit  von  der  Schule  bis  zur  Ehe  eine  würdige
  weibliche  Ausbildung  und  Erwerbsmöglichkeit
  zu  erschließen,  die  sich  unter  dem  Schutze  des
Elternhauses  und  unter  der  AUchtung  der  Offentlichkeit
vollzog.  Zudem  hätte  ein  nicht  zu  langer,  wenn  auch
blutiger  Feldzug  das  Heimatbedürfnis  der  männlichen
  Jugend  gesteigert,  und  aus  ihm  wäre  von  selbst
der  Wille  zum  Houss  undzur  se  gelommen,  andessen
Mangel  die  Nation  vor  dem  Kriege  schwer  erkrankt
war.  Die  ungeheuren  Gefahren  einer  dem  Geburtenrückgange
  entgegentreibenden  Nation  wären  klar  ins
Bewußtsein  getreten.  Der  Wille  zu  kraftvoller  Entfaltung
  männlicher  und  nationaler  Instinkte  hätte
klug  benußt  werden  können,  um  das  drohende  Verhängnis
  eines  möglichen  Überfalles  von  allen  Seiten
  vor  Augen  zu  Helen,  wie  er  sich  in  diesem  Kriege
als  wirklich  erwiesen  hat.
Eine  ganz  andere  Wendung  ist  eingetreten.  Die
allgemeine  Wehrpflicht  ist  bis  auf  den  letzten  Mann
ausgedehnt  worden,  die  Hilfsdienstpflicht  ist  hinzugetreten;
  sie  hat  alles,  was  an  Männern  überhaupt
vorhanden  ist,  unmittelbaren  Kri  swecem  dienstbar
gemacht.  Das  innere  Leben  der  Nation  ist  den  Männern
  über  60  Jahren  und  der  Arbeit  der  Frauen
anvertraut.  Die  Frau  besorgt  die  Geschäfte  des  Mannes
  schon  aus  ewohehe.  nicht  mehr  als  seine  Vertreterin;
  Tausende  sind  in  die  Lage  versetzt  worden,
sie  dauernd  zu  übernehmen.  Das  Staatsinteresse
lockt  Mädchen  und  Frauen  aus  den  Häusern  und  stellt
sie  in  ungezählten  Mengen  in  Betriebe  ein,  die  jeden
Funken  von  weiblichem  Menschentum  ertöten  müssen.
Nicht  auf  die=  Mütterlichkeite  ueß  rechnet  das  Vaterland
  in  gegenwärtiger  Stunde,  sondern  auf  die  physischen
  Käse,  Maschinen  r-  bedienen,  landwirtschaftliche
  Arbeiten  zu  leisten,  Eisenbahnen  zu  überwachen,
den  strengen  Dienst  zu  tun,  der  sonst  nur  der  härteren
und  geregelteren  Natur  der  Männer  anvertraut  werden
  durfte.  Die  Schranken  zwischen  Mann  und  Weib
erscheinen  von  Staats  wegen  niedergelegt.  Das
sind  Wandlungen,  die,  sich  seldst  überlassen,  n  ur  zum
Untergange  der  Nation  führen  können,  die  allein  durch
entschlossenen  Willen,  durch  zielbewußte  Arbeit  zum
Segen  geführt  werden  mögen.  Die  Tatsachen  an  sich
sind  jedoch  nicht  genügend,  um  die  Lage  der  Frauen
richtig  zu  verstehen,  man  muß  auch  die  Mittel  ins
        <pb n="434" />
        348

Auge  fassen,  mit  denen  diese  geschaffen  und  aufrechterhalten
  wird.

Legten  im  Anfang  des  Krieges  die  von  selbst  kommenden
  Verhältnisse  den  »Frauen«  natürliche  Lasten
auf,  trieb  sie  damals  der  Wille  zu  helfen  und  die
Scham  des  Nichtstuns  unwiderstehlich  auf  einen  Platz,
auf  dem  sie  etwas  leisten  konnten,  und  stand  damals
die  Mütterlichkeit  in  hohem  Ansehen,  so  drängen  sie
jetzt  dieeigene  Not,  der  unmittelbar  winkende  Gewinn
  und  endlich  die  Aussicht,  sich  irgendwo  in  Erwerbsbetrieben
  unter  Verzicht  auf  ihre  natürliche  Lebensaufgabe
  auch  für  kommende  Zeiten  fest  zusetzen.
Dies  ist  keineswegs  verwunderlich,  da  die  Hoffnung
auf  baldige  normale  Zeiten  und  auf  die  Rückkehr  eines
kräftigen  männlichen  Geschlechtes  schwindet,  das  im
Bunde  mit  den  zu  Hause  ausharrenden  Frauen  die
Heimat  neu  bauen,  für  Glück  und  wahres  menschliches
Dasein  am  häuslichen  Herde  sorgen  werde.  —  Das
ist  im  Augenblick  die  veränderte  Lage  des  Frauengeschlechts,
  die  sich  allerdings  in  jeder  Stunde  wandeln

ann.  Die  Frauen  treiben  Erwerb,  sie  halten  die  von
den  Männern  verlassenen  Stellen  inne,  sie  verdienen
ohne  Begeisterung  Geld,  während  Deutschlands  Männer
  um  kargen  Sold  den  schweren  Dienst  mit  der  Waffe
tun.  Der  ausgesprochene  Wille,  einer  dadurch  angebahnten
  Entwicklung  Einhalt  zu  gebieten,  ist  nicht  zu
verspüren.  Nicht  nur  die  zur  Aufrechterhaltung  des
nationalen  Lebens  unbedingt  notwendigen  Berufe
der  Männer  sind  von  Frauen  überströmt,  ohne  die
ausgesprochene  Absicht,  sie  bald  wieder  aufzugeben,
sondern  es  werden  ausdrücklich  zur  staatsmännischen
Ertüchtigung  der  männlichen  Jugend  geschaffene  Betriebe
  jetzt  zu  Vorbereitungsstätten  für  junge
Mädchen,  um  den  an  Leib  und  Seele  aus  langem
Kriege  geschädigt  in  die  Heimat  Zurückkehrenden  die
Aussichten  zu  verkümmern:  Deutschlands  Universitäten
  sind  Erwerbsvorbereitungsstätten  für  junge
Mädchen  geworden.

3.  Die  Einstellung  der  Frauenfrage  in  die
Rechnung  der  Zukunft.

Die  durch  den  Krieg  geschaffene  Lage  des  weiblichen
Geschlechtes  wird  in  ganz  verschiedener  Weise  in  die
Rechnung  der  Zukunft  eingestellt,  als  ein  Zustand  der
»Not«  oder  als  ein  Zustand  des  Fortschrittes  anesehen.

  Das  Schrifttum  gerade  über  diese  Frage  der

egenwart  ist  außerordentlich  angeschwollen,  und  die
Versuche  in  bezug  auf  die  zu  schaffenden  neuen  Verhältnisse
  sind  überaus  zahlreich.  Das  ist  vor  allen
Dingen  darin  begründet,  daß  erstens  die  agitierenden
Frauen  ungestört  ihre  Wünsche  vorbringen  können,
während  die  Männer  im  Felde  stehen,  zweitens  das
Gegengewicht  der  im  Haus  beschäftigten  Frau  nicht  in
die  Wagschale  fallen  kann,  weil  sich  diese  naturgemäß
nicht  an  dem  Kampfeder  Meinungen  beteiligt,  drittens
die  -Frauenfrage  eine  Angelegenheit  ist,  die  nur
weitsehenden  Politikern  und  vom  Staatsgefühl  durchdrungenen
  Männern  als  überaus  wichtig  erscheint.
Immerhin  ist  die  Zahl  der  Stimmen,  die  aus  den
Kreisen  der  an  das  Haus  gebundenen  Frauen  und
aus  denen  besorgter  Männer  kommen,  auch  nicht  so

anz  llein.  Jede  Entscheidung  in  dieser  Angelegenheit
gängt  davon  ab,  welche  Vorstellung  man  sich  von  den
Aufgaben  und  unveräußerlichen  Rechten  eines  Volkes
macht.  Bei  der  Beantwortung  der  Frauenfragestoßen
  die  Weltanschauungen  auf  das  allerhärteste
aufeinander.

Die  schon  im  Frieden  auf  die  =  Verselbständigung-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

der  Individuen  gerichteten  „Bewegungen=  müssen  in
dem  augenblicklich  vorhandenen  Bustände  einen  erfreulichen,
  für  alle  Zeit  festzuhaltenden  Fortschrittauf
  der  Bahn  erblicken,  den  Menschen  von  der  Tradition
  zu  abefreien-.  Die  Vereinzelung  der  Menschen,
nicht  die  Aufeinanderbezlglichkeit  oder  die  Gebundenheit
  an  eine  übergeordnete  Form  ist  das  Thema  und
das  Ziel  aller  modernen  -Emanzipationen.  Sie
streben  keineswegs  danach,  Selbständigkeit  und  Erwerb
  des  nicht  zur  Ehe  gelangenden  Mädchens  nur
innerhalb  der  Grenzen  zu  fördern,  die  durch  den  höheren
  Wert  der  -Familie=  geboten  sind,  sondern  sie
stehen  grundsätzlich  auf  dem  Standpunkte,  daß  es  nur
„Menschen  gibt,  die  durch  kein  übergeordnetes  Ideal
miteinander  verbunden  sind,  und  daß  für  diese  -Menschen=
  —  ob  weiblich  oder  männlich  —  die  größtmögliche
  Freiheit  der  Betätigung  als  Ziel  einer  fortlaufenden
  Entwicklung  zu  erstreben  sei.  Es  kommt
jetzt  alles  darauf  an  —  unter  Vorschiebung  von  allgemeinen
  Gründen  —  die  Ungebundenheit  durch
überkommene  Sitte  zu  einem  sanktionierten  Rechtszustand
  zu  machen.  Es  gilt  die  Gleichheit  im  Erwerb,
in  der  politischen  Tätigkeit  und  in  allen  anderen  Dingen
  unter  Aufgabe  bisher  heiliger  Güter  nach  Maßgabe
  des  im  Kriege  erreichten  Zustandes  zu  erlangen;
es  gilt,  für  die  „Frauenemanzipatione  insbesondere,
den  Kampf  gegen  die  Herrschaft  des  Mannes,  des
männlichen  Staates,  der  monarchisch  eingerichteten
Ehe  eiligst  bis  zu  einem  Punkte  durchzuführen,  der
neue  Aussichten  eröffnet,  noch  bevor  sich  die  durch
den  Krieg  gebundenen  Männer  dessen  wirksam  erwehren
  können.  Das  ist  die  Grundrichtung,  welche  die
Kriegsunternehmungen  der  Frauenrechtlerinnen,  festorganisiert
  im  Bunde  deutscher  Frauenvereine,  seit
Beginn  des  Weltkrieges  ganz  systematisch  verfolgen.
Aus  keinem  anderen  Grunde  als  aus  Kampfeszwecken
für  das  angegebene  Ziel  haben  sich  die  -  organisiertene
Frauen  reinlich  von  den  vaterländischene  und  ereliiösen:

  Frauenvereinigungen  geschieden.  Das  ist  geschehen
  durch  Schaffung  des  -Nationalen  Frauendienstes
  ;  die  Organisation  als  solche  war  notwendig,
um  in  und  nach  dem  Kriege  die  Rechnung  vorlegen  zu
können:  Die  »Frauen«  haben  im  Kriege  dieselben
Leistungen  vollführt  wie  die  Männer;  folglich  erwarten
  sie  als  Lohn  dafür  nach  dem  Kriege  die  volle
»Gleichberechtigung«  auf  allen  Gebieten.  Unter  diesem
Zeichen  der  völligen  Atomisierung  der  Gesellschaft
stehen  die  Erörterungen  über  das  Frauendienstjahr.,
die  -=  Beteiligung  der  Frauen  in  der  Gemeinde,  der
Kommune  und  dem  Staate-,  die  -Zulassung  der
Frauen  zu  den  staatlichen  Amtern,  die  =  Aufrechterhaltung
  und  Umbildung  der  Universitätene,  die
e  Aufhebung  des  Zölibates  der  Lehrerinnene.  In
dieser  Form  spielt  die  „Frauenbewegunge  bereits  in
den  Verfassungsausschuß  und  in  die  Programme
sämtlicher  politischer  Parteien  hinein.

Den  Versuchen,  dieser  Entwicklung  Halt  zu  gebieten,
  fehlt  es  meistens  an  agitatorischer  Kraft;  sie  können
  sich  nicht  in  rein  wirtschaftlichen  Berechnungen
bewegen,  sie  müssen  viel  tiefer  schürfen  und  sich  an
die  edlen  Instinkte  der  Menschen  zu  einer  Zeit  richten,
wo  man  gewöhnt  ist,  ausschließlich  materialistisch  zu
denken.  Dazu  kommt,  daß  sich  die  zerklüftete,  künftlich
  aufrecht  erhaltene  Parteipolitik  Deutschlands  alle
großen  aus  dem  Weltkriege  heranwachsenden  Ideen
fern  zu  halten  scheint.  Ein  Gefühl  der  Unsicherheit  diesen
  Ideen  gegenüber  veranlaßt  die  Parteiführer,  die
„Frauenbewegunge  zu  umwerben  in  der  Hoffnung,
        <pb n="435" />
        Ruge:  Der  Krieg  und  die  Frauen

dort  ein  neues  Heer  von  Stimmabgebenden  anwerben
  zu  können.  In  keiner  der  bestehenden  Parteien
ist  mit  der  Frauenbewegung  deutlich  abgerechnet,  weil
die  großen,  die  Einzelpartei  üÜberragenden  Gesichtspunkte
  noch  nicht  von  durchschlagender  Kraft  geworden
  sind.  Hier  bleibt  das  Feld  der  Betätigung  den
berufenen,  über  den  Parteien  stehenden  Leitern  und
Vertretern  des  Staatsinteresses  vollkommen  frei.

Die  Schlagwörter,  die  heute  zum  Sturme  gegen
alle  Überlieferung  aufrufen  und  alles  das  mit  sich  zu
reißen  drohen,  worauf  wirklicher,  ruhiger  Fortschritt
beruht,  sind  im  Grunde  die  gleichen,  die  zur  Zeit  der
französischen  Revolution  für  die  Masse  derer  gemünzt
waren,  die  ohne  jede  weltanschauliche  Hemmung  von
Extrem  zu  Extrem  eilen,  mit  denen  sich  überhaupt
nicht  über  Werte  sprechen  läßt,  die  über  den  materiellen
  Werten  gelegen  sind.  Die  durch  den  Krieg
geförderten  und  immer  wieder  vorgeschobenen  Forderungen
  der  radikalen  „Frauenbewegung-  sind  rein
materialistischen  Ursprunges.  Sie  fußen  ethisch  auf
einer  gefährlichen,  dem  deutschen  Idealismus  und
der  christlichen  Lehre  völlig  fremden  Lohnmoral,
philosophisch  auf  einem  durchaus  negativen  Intellektualismus
  und  einem  gegen  die  sichtbaren  Unterschiede
  blinden  Individualismus,  religiös  auf  vollständigem
  Nihilismus,  politisch  folgeri  "l  auf  einer
Lrundsätzlichen  Abneigung  gegen  den  Begriff  des
Staates,  kulturell  auf  einem  geschichtsfremden  Internationalismus.
  Über  allen  Zweifel  aufklärend
in  bezug  auf  das  Wesen  der  Frauenbewegung  und
auf  ihre  Einstellung  in  die  Rechnung  der  Kukiysst  ist
ihre  enge  Verbindung  mit  der  internationalen  Sozialdemokratie
  und  den  Harteien  des  äußersten  Fortschrittes.
  In  den  politischen  Bewegungen  der  Gegenwart
feiern  die  vier  großen  internationalen  Bünde  nost  täglich
  Feste  der  engsten  Verbrüderung,  =  Sozialdemokratier,
  „Fortschritte,  „JJudentum  und  „Frauenbewegung-.


Von  her  aus  ist  auch  der  Zusammenhang  der
„*  Frauenfrage  und  ihrer  möglichen  Lösungen  mit
der  äußeren  Politik  des  Deutschen  Reiches  auf  das
einfachste  zu  Üüberschauen:  Der  Pazifismus,  das  Evangelium
  von  der  möglichen  „Verständigung-,  eine
durchaus  feministische  Theorie,  die  folgerichtig  im
Lager  jener  internationalen  Verbände  vertreten  werden
  muß  und  ausnahmslos  zur  Wirtschaftspolitik
führt,  bezeichnet  scharf  den  Gegensatz  zu  den  ausgesprochen
  nationalen  Gruppen,  die  demgegenüber
die  Machtpolitik  betonen  müssen.  Machtbehauplung
  und  -erweiterung  haben  nur  einen  Sinn,  wenn
das  physische  und  seelische  Leben  eines  Volkes  als  der
Quell  der  schöpferischen  Kraft  geschützt  und  gesichert
werden  sollen.  Nur  der  Politiker  kann  sich  für  eine  kräftige
  Außenpolitik  mit  innerer  Berechtigung  einsetzen,
für  den  die  Familie  das  letzte  Hentrum  aller  politischen
Bestrebungen  ist,  der  jede  „Bewegunge  mit  heiligem

orne  bekämpf,,  die  sich  gegen  gesunde  natürliche  und
ittliche  Familienbildung  richten  tönnte.  Der  Machtpolitiker
  erweist  sich  deshalb  in  gegenwärtiger  Stunde,
wo  im  Bunde  mit  internationalen  Gewalten  gerade
die  Folgen  des  Krieges  gefördert  werden,  die  nach
der  n  ösung  der  Gemeinschaftsbildung,  der  Sitte
und  der  Autorität  hinstreben,  als  seiner  Aufgabe  nicht
gewachsen,  dersich  der  =  Frauenfrage-  gegenüber  gleichgültig
  verhält.  Die  Möglichkeiten  solcher  Folgen  liegen
in  dem  natürlichen  Verlauf  der  Dinge.  Eine  Erweiterung
  unseres  Machtbesitzes  und  ein  Anspruch  auf
Welt-  und  Seegeltung  bestehen  nur  zu  Recht,  wenn

349
damit  der  Entwickung.  die  am  Unfang  des  Krieges
sich  durchzusetzen  den  Anschein  nahm,  bie  Bahn

gemacht  wird,  der  Entwicklung  zur  Mütterlichkeit
des  weiblichen,  zum  staatlichen  Verantwortlichkeitsbewußtsein
  des  männlichen  Teiles,  zur  Achung,  Liebe
und  Sehnsucht  nach  den  verlorengegangenen  Grundbedingungen
  gesunden  Daseins  aller  Teile  der  Nation.
Diese  Entwicklung  kann  nach  dem  bisherigen  Verlauf
  des  Krieges  nicht  mehr  von  selbst  kommen.  Dem
widerstreitet  der  Fortgang  nach  der  anderen  Seite  hin,
nachdem  fast  das  ganze  weibliche  Geschlecht  in  die  erwerblichen
  Berufe  eingeordnet  und  seinem  eigentlichen
Lebenszwecke  entfremdet  worden  ist.  Die  radikale
Umkehr  zu  einer  wahrhaft  menschlichen  Lösung  der
„Frauenfrage.  kann  nur  durch  Entschließung  politisch
Überragender  Persönlichkeiten  geschehen,  genau  so  wie
die  schwere  militärische  Lage  nur  durch  einen  überragenden
  Geist  gerettet  werden  konnte.  Wir  sind  von
allen  Seiten,  uicht  nur  von  äußeren,  sondern  auch  von
inneren  Feinden  furchtbar  umstellt.  Da  muß  es
gelten,  vor  Riesenopfern  nicht  zurückzuscheuen  und
auch  nicht  vor  den  Legionen  herbeiziehender  Phrasen
und  Gemütsduseleien.  Da  wird  es  heißen  müssen,
den  börsianischen  Skrupellosigkeiten  einer  rein  materialistisch
  denkenden  Gesellschaftsgruppe  ruhig,  aber
kräftig  entgegenzutreten  und  mächtig  zu  appellieren
an  die  gesunden  Empfindungen  des  im  Kampfe  und
in  Entbehrungen  gestählten  Volkes  deutscher  Männer
und  deutscher  Frauen.  Alle  Hoffnungen  der  Zukunft,
in  der  alle  außen-  und  innerpolitischen  Bestrebungen
fest  verankert  sein  müssen,  beruhen  darauf,  daß  die
alten  Autoritäten,  die  das  Einzelleben  überstrahlenden
  Ideale  und  fest  bindenden  Formen  wieder  auferichtet
  werden,  daß  ihnen  Ansehen,  Geltung  und
acht  zuteil  werde.  Die  Aufrichtung  solcher  Autoritäten
  wird  die  unnatürliche  Spaltung  von  selbst  untergehen
  lassen,  die  zwischen  dem  männlichen  und
weiblichen  Geschlecht  eingetreten  ist,  sie  zum  Kampfe
gegeneinander  und  gegen  das  übergreifende  Ganze
verleitete,  sie  dem  Satan  des  Geldes  und  des  Erwerbes
  statt  dem  wahren  Glücke  nachzueilen  verlockte.
Der  Krieg  selbst  kann  dazu  helfen,  indem  er  das
Heimatgefühl  steigert,  den  kämpfenden  Mann  und
die  opferbringende  Frau  an  die  Werte  erinnert,  für
die  das  Leben  einzusetzen  sich  überhautt  erst  verlohnt,
die  für  den  Staat  verantwortlichen  Elemente  zwingt,
in  der  Not  des  Außeren  an  den  Reichtum  der  deutschen
  Innerlichkeit  zu  mahnen.  Aber  der  Krich  allein
kann  die  Zukunftnicht  retten,  das  müssen  entschlossene,
mit  Führertalent  ausgerüstete  Männer  tun.  Eskommt
auch  bei  der  durch  den  Krieg  von  neuem  gestellten
„Frauenfrage“  vor  allen  Dingen  auf  die  Folgerungen
  an,  die  man  aus  den  Ereignissen  zieht;  deren
sind  verschiedene  möglich.  Die  Ents  heidung  ¾zl  letzthin
eine  Machtfrage,  und  das  ist  ihr  eigentllmlich,  daß  sie
klar  und  deutlich  vor  Augen  stellt,  daß  alle  Ansprüche
und  Wünsche  der  Menschen  im  tiefsten  Grunde  auf
Weltanschauung  zurückzuführen  sind.  Es  fragt
sich  bei  ihnen,  welche  Werte  Anerkennung
finden  und  welche  dagegen  verblassen  müssen.
Literatur.  Die  Hauptorgane  der  -Frauenbewegunge,
  in  denen  die  gesamte  Literatur,  soweit  sie  den  Standpunkt
  der  Emanzipation--  einnimmt,  sachlich,  die  Außerungen
  der  anderen  Seite  wenigstens  der  Hauptsache  nach
immerhin  polemisch  besprochen  werden,  sind  die  Zeitschrift
„Die  Frau=  (Leipzig)  und  das  „Jahrbuch  der  Frauenbewegung-
  (#hr#nd  bes  Bundes  deutscher  Frauenvereine;
Berlin  und  Leipzig).  —  Die  der  »Frauenbewegung«  entgegengesetzte
  Richtung  istin  allen  eigentlichen  Frauenzeitungen
        <pb n="436" />
        350

mehr  oder  weniger  ausgesprochen  vertreten,  zum  scharfen
und  bewußten  Ausdruck  kommt  sie  im  „Monatsblatt  des
deutschen  Bundes  gegen  die  Frauenemanzipation=  (Berlin)
und  in  der  neugegründeten  Zeitschrist  „Wege  und  ziele-(Potsdam).
  —  ter  den  zahllosen  Einsellchriften
eben  die  nachfolgenden  einen  ff  von  der  Fülle  der
#  an  das  Wort  -Frauenbewegung=  anknüpf  Pro-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

bleme:  L.  Langemann,  Auf  falschem  Wege  (Berl.  1913);
L.  J.  Taylor,  Die  Natur  des  es  (Stuttg.  1913);
A.  Ruge,  Die  Mobilmachung  der  deutschen  Frauentkräfte
für  den  Krieg  (Berl.  1915);  N.  Scellenderg.  Mutter
ne
uttg.  );  F.  Sigismun  enbewegung
taat  (Berl.  W.  "

Deutsche  Organisation  im  Kriege
von  W.  Barmeisterin  Elberfelb,  Mitgl.  b.  preuß.  Abgd.-Hauses

Als  im  Jahre  1914  der  große  Krieg  über  uns  kam,
fand  er  das  Deutsche  Reich  in  wirtschaftlicher  Hinsicht
wenig  vorbereitet.  Man  hatte  in  den  Kreisen  der
Reichsleitung  nicht  fürchten  zu  müssen  geglaubt,  daß
Deutschland  im  Kriegsfall  von  allen  ubelselicchen  Verbindungen
  abgeschnitten  werden  könnte,  und  hatte
aus  diesem  Grunde  versäumt,  der  Rohstoff=  und
Nahrungsmittelfrage  schon  vor  dem  Kriege  die
notwendige  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.  Die  von
außen  an  die  Reichsregierung  herangetragenen  Bestrebungen
  auf  Schaffung  eines  wirtschaftlichen  Generalstabs
  und  einer  wirtschaftlichen  Kriegsvorbereitung,
  an  denen  auch  der  Wirtschaftliche  Ausschuß  beteiligt
  gewesen  war,  hatten  noch  nicht  zu  irgendeinem
faßbaren  Ergebnis  geführt.

An  jenem  4.  August  1914,  als  England  wider  Erwarten
  der  Reichsregierung  dem  Deutschen  Reiche
den  Krieg  erklärte,  wurde  Deutschland  vor  gewaltige
neuartige  Probleme  gestellt.  Der  Glaube  an  die  Unlösbarkeit
  dieser  Probleme  dürfte  für  die  britische
Regierung  ein  stark  mitbestimmender  Beweggrund

ewesen  sein,  als  sie  den  Kampf  gegen  das  Deutsche
Keich  wagte.  Und  in  der  Tat  hatte  dieser  Glaube  viel
für  sich.  Echon  der  Blick  auf  die  Sprengstofffrage,
auf  die  Fähigkeit  der  englischen  Kriegsflotte,  die  deutsche
  Salpelerzufuhr  zu  verhindern,  konnte  zu  ihm  verleiten.
  In  Deutschland  mußte  von  vornherein  mit
einem  fast  vollständigen  Stillstand  der  Einfuhr  solcher
  Rohstoffe  und  Waren  gerechnet  werden,  die  bis
dahin  allgemein,  insonderheit  von  England,  als
Kriegsbannware  bezeichnet  worden  waren.  Darülber
hinaus  aber  war  es  kein  übertriebener  Pessimismus,
wenn  eine  Ausdehnung  der  englischen  Seesperre  auf
den  gesamten  deutschen  überseeischen  Außenhandel,
also  auch  auf  die  für  die  Zivilbevölkerung  bestimmte
Nahrungsmitteleinfuhr  in  die  Kriegsrechnung  eingestelt
  wurde.  Daß  England  schließlich  auch  Wege  finen

  und  gehen  würde,  um  eine  Umleitung  des  deutschen
  Außenhandels  über  die  an  Deutschland  grenzenden
  neutralen  Staaten  zu  unterbinden,  war  ebenso
vorauszusehen.  Da  sich  die  großen  Nachbarstaaten
im  Osten  und  Westen  des  Reiches  im  Krieg  mit
Deutschland  befanden,  deren  Handelsbeziehungen  zu
uns  über  die  Landesgrenze  also  ebenfalls  eingestellt
waren,  bedeutete  der  Eintritt  Englands  in  den  Krieg
für  Deutschland  die  wahrscheinliche  Herstellung  eines
Zustandes,  der  den  deutschen  Außenhandelsverkehr
im  wesentlichen  auf  Osterreich-Ungarn,  Skandinavien,

olland,  die  Schweiz,  Italien,  Bulgarien,  Rumänien,

riechenland  und  die  Türkei  beschränkte,  und  zwar
wiederum  nur  auf  die  eigenen  Erzeugungsüberschüsse
dieser  Länder.  Dieser  Zustand  ist  inzwischen  von
England  im  wesentlichen  hergestellt  worden,
wobei  Italien  und  Rumänien  mit  ihren  Erzeugungsüberschüssen

  infolge  Kriegserklärung  und  Griechenland
  seit  Sperrung  der  griechisch-bulgarischen  Verbindung
  durch  das  Saloniki-Unternehmen  ausgefallen
sind.  Darüber  hinaus  hat  Englands  zielbewußte  Politik
  auch  noch  durch  Beschränkung  der  Überseeischen  Zufaren
  an  die  in  Irage  kommenden  neutralen  Staaten
eren  Erzeugungsüberschüsse  herabzusetzen  gewußtt.
Nehkof=  und  Nahrungsmittelproblem.  Das
Deutsche  Reich,  das  im  Jahre  1913  eingeführt  hatte
für  5,26  Milliarden  Mark  an  Rohstoffen,  für  1,55
Milliarde  an  halbsertigen  Waren,  für  1.79  Milliarde
an  fertigen  Waren,  für  3,06  Milliarden  an  Nahrungsund
  Genußmitteln  und  für  2,,0  Milliarden  Mark  an
lebenden  Tieren,  hatte  also  mit  dem  Ausfall  des  weitaus
  größten  Teiles  dieser  gewaltigen  Zufuhren  zu
rechnen.  Es  war  für  die  Kriegführung  und  für  die
Bedürfnisse  der  Zivilbevölkerung  angewiesen  auf  die
eigene  Erzeugung,  auf  die  im  Lande  befindlichen  Vorräte,
  die  verhältnismäßig  gering,  auf  die  Vorräte  der
besetzten  Gebiete,  die  verhältnismäßg  groß  waren,  auf
die  Erzeupungsmögiich  eiten  in  den  besetzten  Gebieten
und  endlich  auf  nicht  sehr  große  Zufuhren  aus  den
verbündeten  und  benachbarten  neutralen  Ländern.
Damit  waren  die  beiden  großen  Probleme  gegeben,
deren  Lösung  der  deutschen  Krisßsorganisatio.  oblag,
  das  Rohstoff=  und  das  Nahrungsmittelproblem.
  Beide  Probleme  erschienen  nicht  unlösbar,  wenn
es  sich  um  einen  Krieg  von  kurzer  Dauer  handelte,
weil  dann  die  vorhandenen  Vorräte  einen  starken
Sicherheitsfaktor  abgaben.  Sie  gestalteten  sich  aber
n  Riesenaufgaben  schwierigster  Art,  wenn  der  Krieg
ange  andauerte,  zumal  sie  beide  durch  den  starken
Verbrauch  der  gewaltigen  Heeresmassen  scharf  beeinflußt
  werden  mußten.

Rofstofffrage  erschien  besonders  schwierig
auf  dem  Gebiet  der  Erze  und  der  Faserstoffe.  An
Eisenerzen  hatte  Deutschland  1913  etwa  14  Millionen
  Tonnen  eingeführt,  davon  3,6  Millionen  Tonnen
aus  Frankreich,  3,08  Millionen  aus  Spanien  und
489  000  Tonnen  aus  Rußland.  Da  aber  Deutschland
selbst  große  Eisenerzlager  besitzt,  der  deutsch-schwedische
Verlehr  in  Erzen  (1913:  4,56  Millionen  Tonnen)  von
Englandnicht  abgel  chnitten  werden  konnte  und  Frankrechs
  größtes  Erzfördergebiet  (Briey)  in  deutsche
Hand  fiel,  so  bot  dies  Frage  keine  allzu  oßen  Schwierigkeiten.
  Bedeutsamer  erschien  die  Kupferfrage.
Zwar  hatte  Deutschland  vor  dem  Kriege  nicht  viel
mehr  Kupfererze  und  kupferhaltiges  Gestein  eingeführt
(27,6  Millionen  Tonnen),  als  es  ausführte  (25,2  Millionen
  Tonnen).  Aber  die  Kriegsindustrie  bedurfte
groer  Mengen  an  Kupfer,  daß  die  Vorratsfrage

iesem  Metalle  von  vornherein  als  sehr  bedeutsam
angesehen  werden  mußte.

1  Ugl.  die  Beiträge  „  Weltwirtschaft  und  Wirtschaftskrieg“,
Bb.  I.  S.  376  ff.;  „  Englische  Kampfmethodene,  Bi.  II.  S.  835fff.;
iDie  neutralen  Mächte  Europase,  Dd.  UI.  C.  86ff.
        <pb n="437" />
        Bacmeister:  Deutsche  Organisation  im  Kriege

Wichtig  waren  ferner  die  Manganerze  (deutsche
Einfuhr  1913:  680000  Tonnen,  Ausfuhr  nur  9295
Tonnen),  Schwefelkies  und  Schwefelerze  (Einfuhr
1026000  Tonnen,  Ausfuhr  28214  Tonnen),  Wolframerze
  (Einfuhr  4803  Tonnen),  Zinkerze,  die  bei
einer  Einfuhr  von  313000  Tonnen  nur  eine  Ausfuhr
  von  45000  Tonnen  aufwiesen.  Der  Krieg
brachte  ein  stark  vermehrtes  Bedürfnis  nach  all  den
Metallen,  die  sich  in  ihrer  Erzeugung  auf  die  genannten
  Erze  stützen.  Hier  also  mußte  die  deutsche  Kriegsorganisation
  einsetzen,  die  vorhandenen  Vorräte  und
Elzeugungemöglichkeiten  zu  erfassen  suchen.

l#s  nicht  minder  wichtig  trat  gleichzeitig  in  den
Vordergrund  die  Frage  der  textilen  Rohstoffe,
in  erster  Linie  Baumwolle  und  Wolle  sowie  der  Er-Frugnifte
  aus  diesen  Rohstoffen.  Betrug  doch  1913

ie  Einfuhr  an  Baumwolle  4779.45  Tonnen  im
Werte  von  607  Millionen  Mark,  die  von  Wolle  etwa
190000  Tonnen  im  Werte  von  etwa  400  Millionen
Mark.  Für  die  Bedürfnisse  der  Zivilbevölkerung
durfte  allerdings  auf  lange  *  mit  der  Möglichkeit
gerechnet  werden,  auf  die  vorhandenen  Vorräte  (vom

ohstoff  bis  zum  Detailhandel)  zurückgreifen  zu  können.
  Darüber  hinaus  mußte  aber  der  gewaltige
Heeresbedarf  sichergestellt  werden,  der  sich  natürlich
nicht  nur  auf  Bekleidung,  sondern  auf  zahllose,  von
der  Textilindustrie  hergestellte  Erzeugnisse  erstreckte.
Daß  die  Vorratsfrage  auch  auf  diesem  Gebiete  gelöst
werden  konnte  tro#  der  über  Erwarten  langen  Dauer
des  Krieges,  ist  nicht  zum  kleinen  Teil  den  Heldentaten
  der  deutschen  Armee  zu  danken,  die  gewaltige
Mengen  in  den  besetzten  Gebieten  lagernder  textiler
Rohstosse  und  Halbfabrikate  zur  Verfügung  der  deutschen
  Kriegsorganisation  stellten.

Daß  neben  den  genannten  wichtigsten  Rohstoffen
noch  zahllose  andere  genannt  werden  müßten,  wenn
der  Zustand  der  wirtschaftlichen  Einengung,  in  den
Deutschland  durch  die  Absperrung  geriet,  vollständig
g#etennzeichnet  werden  sollte,  liegt  auf  der  Hand.

lber  schon  das  Gesagte  deutet  den  Umfang  der  Aufgaben
  an,  vor  die  sich  die  deutsche  Organisation  in
der  Rohstofffrage  gestellt  sah.

Das  Nahrungsmittelproblem  enthielt  nicht
minder  große  Schwierigkeiten.  Zwar  hatte  das  Reich
1913  an  Roggen  sogar  mehr  ausgeführt  (934000
Tonnen)  als  eingeführt  (352000  Tonnen).  Aber  diese
Mehrausfuhr  wurde  in  den  Schatten  gestellt  durch
die  Mehreinfuhr  an  Weizen,  die  etwa  2  Millionen
Tonnen  betrug.  Dazu  kamen  aber  noch  die  gewaltigen
  Einfuhren  an  Gerste  (38087000  Tonnen),  Hafer
(505.000  Tonnen),  Mais  (918000  Tonnen),  Reis
(163000  Tonnen),  Erbsen  (147000  Tonnen)  usw.
Eine  Ausfuhr  von  Bedeutung  hatte  in  allen  diesen
Nahrungsmitteln  nicht  bestanden.  Auch  auf  seine
große  Kartoffelerzeugung  hatte  das  Reich  keinen  Ausfuhrüberschuß
  aufbauen  können.  Mit  der  Absperrung
  entsielen  ferner  die  größten  Teile  der  gewaltien

  Fetteinführungen  (Schweineschmalz  107000,

alg  27000,  Oleomargarin  26500,  Butter  54000,
Sesam  116000,  Raps  und  Rübsen  153000,  Palmkerne
  235000,  Kopra  196  000  Tonnen  usw.)  und  die
sehr  stattliche  Einfuhr  an  Fleisch  und  lebenden  Tieren
  sowie  an  Eiern.

Es  kam  hinzu,  daß  Deutschland  einer  riesigen  Einfuhr
  von  Kraftfuttermitteln  für  seine  Viehwirtschaft
bedurft  hatte.  Nach  Hoescht  hatten  wir  im  Jahre

1  „Die  wirtschaftlichen  Fragen  der  Zeite  (Berl.  1916).

351

1913  nachstehende,  ausschließlich  für  die  Viehernährung
  bestimmte  Mengen  hereingenommen:
1)  Eiweißarme  Körnerfrüchte  (Futter-  Tonnen  Mark

gerste,  Mais,  Dari)l  3099  583  zu  466  631  1,200
Eiweißreiche  Körnerfrüchte,  rund  J0000  „  10000000.
9  Eiwoißreiche  und  teilweise  settreiche

Futtermittel  (Malzkeime,  Reisabsälle,

  Kleie,  Olkuchen  usw)
H  Futtermittel  aus  #ngeführten  Futterrohstossen,

  von  denen  20  —  17

der  Masse  und  etwa  die  Hälfte  des

Wertes  auf  Futtermittel  fällt  (Leinsaat,

  Mohn,  Rübsen,  Palmkerne,

Kopra,  Baumwollensamen,  Sojabohnen,

  Erdnüsse  usw.)  rund.  1000000  261  996000

Zusammen:  7418272  zu  995  578000
Das  Fehlen  des  weitaus  größten  Teiles  dieser  gewaltigen
  Einfuhren  mußte  entweder  zu  einer  starken
Einschränkung  der  deutschen  Viehwirtschaft,  dadurch
u  einer  Vermehrung  der  Düngemittel--,  Fett=  und
leischnot  oder  zu  einer  erheblichen  Verfütterung  der
sonst  für  menschliche  Ernährung  benutzten  pflanzlichen
Stoffe  führen.  Ohne  eine  starke  Verbrauchsbeschränkung
  war  also  das  Nahrungsmittelproblem
in  Deutschland  auch  dann  nicht  zu  lösen,  wenn  es  der
deutschen  Landwirtschaft  gelang,  ihre  Erzeugung  noch
lber  den  Friedensstand  hinaus  zu  steigern.

Die  Organisation  der  Rohstofffrage.  Die  deutsche
Kriegsorganisation  der  Rohstofffrage  kann  als  vollständig
  gelungen  bezeichnet  werden  trotz  vieler  Fehlgriffe,
  welche  die  überleitung  der  freien  Wirtschaft  in
den  durch  die  Organisation  bedingten  bureaukratischen
Betrieb  mit  sich  Hebracht  hat.  Es  ist  heute  noch  nicht
die  Zeit,  endgültig  darüber  zu  urteilen,  wessen  Verdienst
  das  frühzeitige  Aufgreifen  des  Problems  und
damit  die  rechtzeitige  Erfafsung  der  Vorräte  und  Erseugungsmöglichkeiten
  durch  das  Reich  gewesen  ist.
lber  die  damit  zusammenhängenden  Vorgänge  liegt
bisher  nur  die  Schilderun  alter  Rathenaus
vor,  der  sicher  in  klarer  Erkenntnis  des  Problems
an  der  Autorschaft  der  Grundidee  beteiligt  sein  dürfte.
In  zahlreichen  Kriegs-Aktiengesellschaflen  auf  gemeinnütziger
  Grundlage,  die  aus  den  Arbeiten  der
Kriegs.  Rohstoff=  Abteilung  hervorgegangen
sind,  ist  die  Rohstofforganisation  bis  zum  Jahre  1917
bis  ins  einzelne  gegliedert  und  ausgearbeitet,  für
Metalle  wie  für  Erze,  für  Faserstoffe  wie  für  Textilwaren,
  für  Kohlen  wie  für  Leder  und  Ole.

Den  von  Reichs  wegen  gegründeten  Organisationen
trat  der  Kriegsausschuß  der  deutschen  Industrie
  mit  großem  Erfolg  hilfreich  zur  Seite.  In  ihm
een  sich  die  großen  wirtschaftlichen  Verbände,  die
ich  bis  dahin  vielfach  als  Gegner  gegenübergestanden
hatten,  zu  fruchtbarster  Arbeit  zusehemen.

Wenn  es  dieser  weitverzweigten  Organisation  gelungen
  ist,  die  Rohstoffbedürfnisse  der  Industrie  im
Kriege  zu  befriedigen,  so  war  das  doch  nur  möglich,
weilssch  das  deutsche  Wirtschaftsleben  schon  vor  dem
Kriege  auf  eine  gewaltige  eigene  Erzeugungskraft
stüten  konnte  und  weil  es  ihr  gelungen  ist,  sich  selbst

urch  eigene  Organisationskraft  den  veränderten  Umständen
  anzupassen.  In  Europa  füheend  oder  mit
führend  auf  dem  Gebiete  der  Kohlenförderung,  der
Eisenerzgewinnung,  der  Bleierzgewinnung,  der  Zinkerzgewinnung,
  der  Kupfererzgewinnung  und  der  Roheisenerzeugung
  sowie  der  Hestelung  chemischer  Ereugnisse
  hat  die  deutsche  Industrie  es  zugleich  vertanden,
  die  vorhandenen  Rohstoffvorräte  zu  strecken
oder  fehlende  Stoffe  zu  ersetzen.  Es  sei  erinnert  an

2348689  253951000
        <pb n="438" />
        352

die  Stickstofffrage.  Ohne  die  Zufuhr  des  Chilesalpeters
  hätte  das  Reich  den  Krieg  längst  verloren,  wenn
nicht  die  Habersche  Erfindung  der  Gewinnung  von
Stickstoff  aus  der  Luft  und  ihre  fabrikmäßige  Ausnutzung
  im  größten  Stil  der  Kriegführung  die  fehlenden
  riesigen  Salpetermengen  ersetzt  hätten.  Und  daß
die  Herstellung  von  künstlichem  Kautschuk  durch  die
deutsche  chemische  Industrie  ein  früher  als  unlösbar
erscheinendes  Problem  gelöst  hat,  entband  die  Kriegführung
  ebenfalls  von  Schwierigkeiten,  die  erst  später
in  ihrem  ganzen  Umfange  erkannt  werden  dürften.

Von  den  durch  die  deutsche  Industrieorganisation
#ur  Verwertung  gebrachten  Ersatzstoffen  hat  besondere

edeutung  das  Papiergarn  erlangt,  das  für  eine
große  Reihe  von  Erzeugnissen  die  pflanzlichen  und
tierischen  Faserstoffe  ersetzt  hat.  Daneben  haben  die
Nachprodukte  aus  der  Kohle  für  die  Herstellung  von
Sprengstoffen  eine  ganz  hervorragende  Rolle  gespielt.
Der  deutschen  chemischen  Industrie  ist  es  gelungen,
aus  den  ihr  zur  Verfügung  stehenden  Rohstoffen  die
riesigen  Schwefelsäuremengen  zu  gewinnen,  deren  die
Kriegsindustrie  bedurfte  (vgl.  Bd.  I.  S.  295  ff.).

Neben  den  organisatorischen  Kräften  der  deutschen
Industrie  haben  die  in  den  mannigfachsten  Formen
thesaurierten  Vorräte  des  Landes  geholfen,  die  zentralisierte
  Opgpanisation  zum  Ziele  gelangen  zu  lassen.
Indem  das  Reich  auf  die  Metallvorräte  nicht  nur  der
Industrie  selbst,  sondern  auch  des  privaten  Besitzes
zurückgriff,  konnte  es  der  Kriegsindustrie  durch  die  in
Frage  kommenden  gemeinnützigen  Gesellschaften  stets
das  notwendigste  Maß  von  Rohstoffen  bereit  halten.
Es  hat  also  bei  der  Organisierung  des  Rohstoffproblems
  eine  große  Reihe  von  Faktoren  zusammenwirken
müssen,  um  eine  Frage  ¾l  lösen,  deren  Schwierigkeiten
  zuerst  fast  untbersth  ar  erschienen,  und  trotz  aller
Mißgriffe  und  bureaukratischer  Schwerfälligkeiten,
die  dieser  Teil  der  deutschen  Kriegsorganisation  hervorgebracht
  hat,  wird  er  doch  ein  Ruhmesblatt  der
deutschen  Geschichte  bleiben.

Die  Organisation  der  Nahrungsmittelfrage.
Die  einheitliche  Organisation  in  der  Nahrungsmittelfrage
  ist  erst  allmählich  emporgewachsen.  Sie  hat  von
Anfang  an  mehr  unter  Fehlgriffen  gelitten  als  die
der  Rohstofffrage,  vielleicht  weil  das  Problem  noch
schwieriger  war  als  dieses.  Es  handelte  sich  in  erster
Linie  um  zwei  große  Aufgaben:

1)  Beschaffung  aller  erreichbaren  Vorräte  an  Lebensmitteln

  (Vorratsfrage)  und
2)  Verteilung  der  Vorräte  an  die  Bevölkerung  (Rationierung).


Die  erste  Aufgabe  sonderte  sich  in  zwei  Teile,  welche
die  Förderung  der  einheimischen  Erzeugung  einerseits,
  die  Beschaffung  von  Lebensmutteln  aus  dem
Auslande  anderseits  umfaßten.  Es  wird  vielfach
bezweifelt,  daß  der  Vorratsfrage  von  vornherein  die
notwendige  Aufmerksamkeit  zugewendet  worden  ist.
Große  volkswirtschaftliche  Kreise  neigen  der  Ansicht
zu,  daß  das  Reich  unter  dem  Druck  der  Arbeitergewerkschaften
  und  sonstiger  Konsumentenkreise  eine
Höchstpreispolitik  betrieben  hat,  die  zwar  zunächst
den  Verbrauchern  billigen  Einkauf  zu  scher#  schien,
die  aber,  weil  sie  den  durch  den  Krieg  entstandenen
Verhältnissen  nicht  gerecht  wurde,  ungeeignet  war,
die  Erzeugung  zu  fördern  und  Nahrungsmittel  in
Mmöglichst  rosen  Umfang  an  die  Verbraucher  zu
bringen.  Die  Kritik  der  allmählich  durchgeführten
Zentralisation  fast  aller  wichtigen  Lebensmittel  wird
sich  allerdings  stets  gegenwärtig  zu  halten  haben,  daß

tIV.  Kultur  und  Geistesleben

jede  Höchstpreispolitik  von  Schwierigkeiten  mannigfachster
  Art  umgeben  ist.  Fast  nie  läßt  sich  die  volkswirtschaftliche
  Wirkung  einer  Höchstpreisfestsetzung  im
voraus  mit  Sicherheit  berechnen.  Ebenso  häufig,  wie
sich  die  mit  Höchstpreis  bedachte  Ware  einen  neuen
Verwertungsweg  sucht  (Schleichhandel,  Verarbeitung
usw.),  um  dem  Höchstpreis  zu  entgehen,  wird  der
Höchstpreis  auch  in  seiner  Weiterwirkung  auf  eine  Einschränkung
  der  Erzeugung  hinführen.  Auch  ein  durchebildetes,

  möglichst  alle  Bodenerzeugnisseumfassendes
Hochstreig'ysten  kann  kaum  zu  wirklich  befriedigenden
  Ergebnissen  führen,  weil  seine  Wirkung  auf  die
Erzeugung  von  viel  zu  viel  Faktoren  abhängig.  ist,
als  daß  sie  im  voraus  errechnet  werden  könnte.  Diese
volkswirtschaftlichen  Tatsachen,  die  auf  uralten  Naturgesetzen
  beruhen,  sind  es  auch  gewesen,  die  eine  das
ganze  Höchstpreissystem,  als  in  die  Irre  führend,  verwerfende
  volkswirtschaftliche  Richtung  haben  in  den
Vordergrund  treten  lassen,  an  deren  Spitze  sich
Schiele-Naumburg  und  Generallandschaftsdirektor
Kapp  gestellt  haben.  Sie  will  nicht  den  Höchstpreis,
sondern  den  Marktpreis  regieren  lassen  in  der  über-#ugung;
  daß  er  besser  noch  als  jede  Rationierung

en  Verbrauch  genau  im  Verhältnis  der  vorhandenen
Waren  beschränken  werde.  Der  Preis  —  sagt  diese
Richtung  —  ist  der  S#eschickteste  Warenverteiler;  er
wird  automatisch  die  Waren  dorthin  leiten,  wo  sie  am
dringendsten  gebraucht  werden,  während  die  bureaufralische
  Verteilung,  weil  kein  geschäftliches  Privatinteresse
  dahintersteht,  niemals  die  Verteilungsschwierigkeiten
  Lanz  zu  überwinden  vermag  und  zugleich
zu  einer  Verärgerung  der  Erzeuger  führt.

Es  soll  hier  nicht  entschieden  werden,  ob  der  Weg,
den  das  Reich  gegangen  ist,  also  der  Weg  der  fortschreitenden
  Zentralisierung,  grundsätzlich  richtig  oder
falsch  war.  Sicher  ist,  daß  die  Absichten,  die  ihm  zugrunde
  lagen  und  die  eine  sozial  gerechte  Verteilung
der  Waren  in  den  Vordergrund  rückten,  viel  zur  Beruhigung
  der  minderbemittelten  Kreise  des  Volkes
beigetragen  haben,  und  wenn  auf  diesem  Wege  scchließlich
  trotz  aller  Fehler  das  Ziel  des  Durchhaltens  mit
Nahrungsmitteln  erreicht  wird,  so  mag  also  immerhin
  der  ihm  zugrunde  liegende  soziale  Gedanke  sein
Gutes  gewirkt  haben.

Die  Zentralisierung  begann  mit  dem  Brotgetreide,
  also  mit  Beschlagnahme  der  Vorräte  und
Rationierung  auf  die  Bevölkerung  mit  Hilfe  der  Brotkarte.
  Es  wird  allgemein  anerkannt,  daß  dieser  Teil
der  deutschen  Nahrungsmittelorganisation,  der  früher
in  den  Händen  der  von  Reich,  Bundesstaaten  und
Kommunen  gegründeten  gemeinnüzigen  Kriegsgetreidegesellschaft,
  später  in  denen  der  Reichsgetreidestelle
  lag,  als  gelungen  zu  bezeichnen  ist.  Das  Rückrat

  der  deutschen  Volksernährung  ist  durch  ihn  gechert
  worden.  Allmählich  sind  dann  fast  alle  wichtigen
  Nahrungsmittel  in  mehr  oder  minder  straffer
Form  in  die  Zentralisation  einbezogen  worden.  Es
entstanden  die  Reichskartoffelstelle,  deren  Erfolge  allerdings,
  nicht  mit  Unrecht,  stark  bemängelt  worden  sind,
die  Trockenkartofelverwertungs.  m.  b.  H.,  die
Reichsstelle  für  Versorgung  mit  Vieh  und  Fleisch
Fn],  stelle),  die  in  Verbindung  mit  den  Viehandelsverbänden

  die  organisierte  Belieferung  der
ommunen  mit  Fleisch  übernahm,  die  Reichsstelle
ür  Speisefette,  der  Kriegsausschuß  für  Fette  und
le,  der  auch  die  Verwertung  der  wild  wachsenden
Olfrüchte  übernahm,  die  Reichszuckerstelle  mit  einer
ganzen  Reihe  abgezweigter,  die  Zuckerfragen  behan-
        <pb n="439" />
        Bacmeister:  Deutsche  Organisation  im  Kriege

delnden  Gesellschaften.  Andere  Reichsstellen  übernahmen
  die  Zentralisierung  von  Gemüle  und  Obst  sowie
der  Erzeugnisse  daraus.  Die  Hülsenfrüchte  wurden
in  der  Reichshülsenfruchtstelle  zentralisiert;  es  kamen
eine  Gricstzentrale,  eine  Graupenzentrale,  ein  Reichskommissar
  für  Fischversorgung,  eine  Kriegsgesellschaft
für  Teichsischverwertung,  eine  Kriegsnährmittelgesellschaft,
  ein  Kriegsausschuß  für  Kaffee  und  Tee,  eine
Kriegsgesellschaft  für  Kaffee  =  Ersatz  u.  a.  m.
Daneben  entstanden  die  großen  Organisationen
zur  Zentralisierung  der  Futtermittel,  die  Reichsfuttermittelstelle,
  die  Reichsgerstengesellschaft,  die  Gesellschaft
  für  Milchkraftfutter,  die  Hafer  Einkaufsgesellschaft
  m.  b.  H.,  die  Kriegsstroh=  und  Torf-G.  m.  b.  H.
Alle  diese  Gesellschaften  und  Stellen  erhielten  durch
Bundesratsverordnungen  weitgehende  Befugnisse  für
den  Einkauf  und  die  Beschlagnahme  der  ihnen  unterstellten
  Waren,  so  daß  schließlich  ein  Monopol  in  allen
Erzeugnissen  entstand,  während  der  Handel  gewissermaßen
  nur  noch  Agentendienste  zu  übernehmen  hatte.
Die  Frage  der  Beschaffung  von  Nahrungsmitteln
aus  dem  Ausland  wurde  der  Zentral-Einkaufsgesellschaft
  m.  b.  H.  (Z.  E.G.)  übertragen.  Hervoregangen
  aus  der  großen  Einkaufsorganisation  der
Hanbeg  Amerikanischen  Paketfahrt-Aktiengesellschaft.
  ist  diese  Gesellschaft,  oft  unschuldigerweise,  manchmal
  durch  eigene  Schuld,  der  Gegenstand  vieler  Angriffe
  gewesen.  Es  muß  anerkannt  werden,  daß  der
grundlegende  Gedanke  des  zentralen  Einkaufs  im  Ausland
  gesund  ist,  da  auf  diesem  Wege  Preistreibereien
und  zugleich  einer  nicht  nolwendigen  Entwertung  der
deutschen  Valuta  vorgebeugt  wurde.  Soweit  das  neutrale
  Ausland  die  nach  Deutschland  hereinzulassenden
Warenmengen  kontingentiert  und  die  Z.  E.  G.  nachweisen
  kann,  daß  es  ihr  gelungen  ist,  die  Kontingentsmengen
  in  vollem  Umfange  zu  übernehmen,  darf  die
Gesellschaft  mit  Recht  sagen,  daß  der  freie  Handel  nicht
mehr  Waren  hereinschaffen  könne  als  der  Zentraleinkauf.
  Die  vielen  in  der  Offentlichkeit  verbreiteten
Beispiele,  daß  der  Z.  E.  G.  Waren  entgangen  seien,
die  der  Privathandel  schon  an  der  Hand  hatte,  beweisen
  von  vornherein  nichts,  da  es  sich  ausschließlich
um  die  Gesamtmenge  des  Hereingebrachten  handelt.
  Eine  noch  ungeklärte  Frage  aber  ist,  ob  die
3.  E.  G.  auch  solche  Auslandswaren,  die  von  den  betreffenden
  Staaten  nicht  kontingentiert  waren,  stets  im
vollen  Umfang,  der  mölich  war,  hereingebracht  hat
oder  ob  nicht  manchmal  Rücksichten  auf  die  Valuta
stärker  mitgespielt  haben.  als  das  im  Interesse  der  Versorgung
  Deutschlands  mit  Lebensmitteln  wünschenswert
  gewesen  wäre.  Unklar  erscheint  auch,  warum  die
Z.  E.  G.  den  Schmuggelhandel  an  den  Grenzen  mit
aller  Energie  unterbindet.  Die  Ansicht,  daß  die  durch
den  Schmuggel  einem  neutralen  Staat  entzogenen
Waren  dem  dortigen  Markt  fehlen  und  somit  spater
an  dem  Ausfuhrkontingent  doch  abgezogen  werden.
also  der  deutschen  Gesamtheit  entgehen  müßten,  kann
nicht  durchschlagend  sein,  da  die  neutralen  Staalen
ja  auch  an  die  feindlichen  Länder  liefern  und  somit  ein
jeweils  entsprechender  Teil  der  nach  Deutschland  geschmuggelten
  Waren  auch  den  für  die  Feinde  bestimmten
  Kontingenten  abgezogen  werden  würde,  wobei
sich  also  immerhin  ein  Plus  für  Deutschland  ergäbe.
Die  Organisation  der  Z.  E.  G.  wird  vielfach  falsch
beurteilt.  Man  macht  sie  ungerechtfertigterweise  auch
für  Fehler  und  Mißgriffe  verantwortlich,  die  zu  Lasten
anderer  Kriegsgesellschaften  gehen.  Die  Z.  E.  G.  hat
lediglich  die  Aufgabe  der  Hereinschaffung  von  Aus-Der
  Krieg  1914  17.  II.

353

landswaren,  die  der  Zentralisierung  unterliegen.  Sie
liefert  die  beschafften  Waren  dann  an  die  in  Frage
kommenden  Reichsstellen  ab,  die  ihrerseits  für  die
Verteilung  zu  sorgen  haben.  Alle  in  Verteilungsfragen
  gemachten  Fehler  sind  also  nicht  auf  das  Konto
der  Z.  E.  G.  zu  buchen.

Um  Einheitlichkeit  in  die  umfangreiche  Ernährungsorganisation
  des  Reiches  zu  bringen,  wurde  am  29
Mai  1916  als  leitende  Zentralinstanz  das  Kriegsernährungsamt
  gegründet.  Präsdent  desfelben
wurde  v.  BVatocki.  In  Preußen  wurde  im  Frühijahr
1917,  um  eine  energische  Durchführung  der  vom
Kriegsernährungsamt  weiter  durchgebildeten  Zentralisierung
  zu  sichern,  ein  mit  äußerst  weitreichen  den
Befugnissen  ausgestatleter  Ernährungskommissar
  bestellt  und  für  diesen  Posten  in  dem  zweifellos
durch  seine  Leistungen  in  der  Getreidcorganisation
bewährten  und  besonders  energischen  Unterstaatssekretär
  Michaelis  aus  dem  preußischen  Finanzministerium
  eine  Kraft  von  ungewöhnlichen  Fähigkeiten
gefunden.  Durch  seine  Ernennung  zum  Reichskanzler
wurde  dieser  allerdings  im  Juli  1917  dem  Amt  des
Ernährungskommissars  entzogen.  Unter  ihm  hat  sich
die  Durchführung  der  Zentralisation  mehr  dem  Wege
zugeneigt,  der  von  einer  Reihe  von  Volkswirten  längst
empfohlen  worden  war  und  der  das  Ziel  dadurch  zu
erreichen  sucht,  daß  die  Warenbeschaffung  von  unten
herauf,  in  den  einzelnen  Gemeinden  organisiert  wird.
Von  der  gleichen  Seite  ist  stets  angeraten  worden,  die
Warenverteilung  dann  auch  folgerichtig  in  der  allemeinen

  Massenspeisung  enden  zu  lassen.  Die  bisherigen
  Versuchem  t  Massenspeisungen  (Kriegskuchen),
die  ohne  staatlichen  Zwang  von  den  Gemeinden  organisiert
  worden  sind,  haben  sich  im  großen  und  ganzen
  bewährt.

Es  ist  klar,  daß  die  Zentralisierung  fast  aller
Lebensmittel  und  die  damit  verbundene  Warenverteilung
  durch  die  Gemeinden  eine  Umorganisierung
des  ganzen  Warenverkehrs  mit  sich  bringen  mußten
und  daß  an  die  Gemeinden  große,  ungewohnte  Aufaben

  herangetreten  sind.  Fast  alle  größeren  Städte
gaden  volkswirtschaftlich  vorgebildete  höhere  Beamte
neu  einstellen  müssen,  um  diesen  Aufgaben  gerecht
#  werden.  Bezugskartensysteme  der  verschiedensten

lrt  wurden  eingeführt.  Dabei  sind  Schwierigkeiten
überwunden  worden,  von  deren  Größe  man  sich  vorher
  kaum  eine  Vorstellung  hätte  machen  können.  Es
muß  in  hohem  Maße  anerkannt  werden.  wie  willig
und  verständnisvoll  das  deutsche  Volk  die  keineswegs
geringen  Unannehmlichkeiten  auf  sich  genommen  hat,
die  mit  diesem  kommunistischen  System  der  Warenverteilung
  unvermeidlich  verbunden  sind.

Es  ist  erfreulich,  daß  mit  den  Schwierigkeiken,
welche  die  Warenverteilung  verursachte,  mit  den  häufigen
  Stockungen,  die  in  dem  bureaukratischen  Betrieb
unterliefen,  mit  dem  starken  Anwachsen  des  Schleichhandels
  die  Erkenntnis  für  die  Bedeutung  der  Erzeugungsförderung
  schnell  in  weiteste  Kreise  getragen
  worden  ist.  Das  preußische  Landwirtschaftsministerium
  hat,  unbeirrt  durch  Angriffe,  die  Frage
der  Erzeugung  von  vornherein  in  den  Vordergrund
gestellt.  Aber  auch  das  Reich  hat  sich  ihrer  Bedeutung
  auf  die  Dauer  nicht  verschlossen.  Das  neu  gegründete
  Kriegsamt  und  die  Kriegswirtsch  afts.
ämter  widmeten  einen  großen  Teil  ihrer  Tätigkeit
der  Produktionsförderung  mit  Hilfe  militärischer
Mittel.  Es  entstand  die  Landwirtschaftliche  Betriebsstelle
  für  Kriegswirtschaft,  und  im

23
        <pb n="440" />
        354

Frühjahr  1917  wurde  auch  der  Wildgemüseverwertung
  durch  die  Reichsbehörden  große  Aufmerksamkeit
  zugewendet.

Der  deutschen  Landwirtschaft  verbleibt  der  Ruhm,
daß  sie  organisalorische  Einengungen,  die  bäufig
lästig  wirkten  und  tief  in  den  altgewohnten  Betrie
eingriffen,  zugleich  fast  immer  in  schroffem  Widerspruch
  zu  dem  konservativen  Charakter  jeder  bäuerlichen
  Bevölkerung  standen,  mit  Verständnis  zu  ertragen
  und  bei  größtem  Mangel  an  menschlichen  wie
tierischen  Betriebskräften  ihre  Erzeugung  auf  der
Höhe  zu  halten  wußte.  Zu  Hilfe  gekommen  sind  ihr
der  deutsche  Monopolbesitz  an  Kali  und  die  Erfindung
  des  künstlichen  Stickstoffes,  die  zwar  infolge  des
riesigen  Stickstoffvedarfs  der  Kriegsindustrie  erst  allmähldch
  ihre  segensreichen  Wirkungen  auch  auf  die
Landwirtschaft  hat  ausdehnen  können.

Es  ist  nicht  möglich,  in  einer  kurzen  Abhandlung
ein  annähernd  vollständiges  Bild  der  deutschen  Kriegsorganisation
  zu  geben.  Biele  wichtige  Dinge  können
nicht  einmal  flüchtig  erwähnt  werden.  Aus  dem  Gesagten
  geht  aber  schon  hervor,  welche  Riesenaufgaben
der  deutsche  Organisationsgeist  während  des  großen
Krieges  zu  überwinden  gehabt  hat.  Wer  heute  durch
die  deutschen  Lande  reist,  wer  die  wie  im  tiefsten  Frieden
  liegenden  Felder  und  Fluren  in  ihrer  geordneten
Bestellung  überblickt,  kurz  darauf  gewaltige  industrielle
  Betriebe  schaut,  die  während  des  Krieges  in
wenigen  Monaten  emporgewachsen  sind,  der  ahnt  eiwas
  von  der  unermeßlichen  Arbeit  und  Organisations-=kraft,
  die  hinter  allen  diesen  Dingen  wirksam  gewesen
ist,  und  wird,  wenn  er  ein  Deutscherist,  mit  stolzem  Gefühl
  der  Größe  seines  Vaterlandes  innewerden,  wenn
er  dem  Aus  and  angehört,  sich  willig  oder  widerwillig
der  Bewunderung  anschließen  müssen,  welche  die  Well
unverhohlen  der  Tatsache  bekundet,  daß  deutsche  Organisation
  das  Reich  eineschon  dreilährige  Absperrung
von  den  Märkten  der  Erde  ertragen  ließ  und  während
dieser  Zeit  noch  die  Mittel  fand,  die  größten  Heere

IV.  Kultur  und  Geistesleben

aufzustellen,  die  je  ein  Bolk  aufgestellt  hat,  und  sie
auszurüsten  mit  der  vollendetsten  kriegstechnischen
Rüstung  in  einem  die  technischen  Kräfte  und  Stoffe
ungeahnt  in  Anspruch  nehmenden  Krieg.

Literatur.  Dentschrift  über  wirrschaftliche  Maßnab--men
  aus  Anlaß  des  Kmeges  mit  zehn  Nachträgen,  Reichstagsdrucksachen
  der  13.  Legislaturperiode  Nr.  29,  44.  73,
74,  107,  147,  162,  225,  403,  483,  650  —  Zusammenstellung
der  Anordnungen,  die  der  Bundesrat  aufs  Grund  des  83
des  Gesetzes  über  die  Ermächngung  des  Bundesrats  zu
wirtschaftuchen  Maßnahmen  usw.  vom  4.  August  1914  erlassen
  hat  (Reichstagsdrucksachen  der  14.  Legielaturreriode
Nr.  27,  30,  43,  40,  72,  78,  86,  106,  122,  116,  164.
196,  220,  256,  283,  402,  443,  514,  633,  659,  7k,  754,
801);  Ernährung  im  Kriege“,  im  Frühjahr  1915  herausgegeben
  vom  preußischen  Ministerium  des  Innern:  Ernährung
  und  Teuerung=  (Ausgabe  der  vorstehenden  Schrift
für  Frühjahr  1916);  „Statunsches  Jahrbuch  für  das.
Deutsche  Reich-,  herausgegeben  vom  Kaiserlichen  Starisnschen
  Amt,  36.  Jahrgang  1915  (Berl.);  Zentral-Erkaufsgesellschaft
  m.  b.  H.  Berlin,  Geschäftsübersicht:  Stand
vom  1.  April  1917;  „Deutschlands  Robstoffveriorgung--Vortrag,
  gthalten  von  Walter  Rathenau  in  der  Deutschen
  Gesellichaft  1914  (Berl.  1914);  Die  wirtschaftlechen
Kräfte  Deutschlands  im  Kriege-,  herausgegeben  von  der
Dresdner  Bank,  Berlin  (jährl.,  seit  1016);  Karl  Helfferich,
  Deutschlands  Volkowohlstand  1888  —1913  (Berl.
1913);  Felix  Hoesch,  Die  wirtschaftlichen  Fragen  der  Zeit
(Berl.  1916);=  Wirtschafts=  und  Verkehrofragen  im  Kriege,
Vortrag  im  Jndustrie-Klub  Düsseldorf,  gehalten  am  20.
Jannar  1915  von  Handelskammeriyndilus.  Hirsch,  M.  d.
R.  u.  d.  A.  (Essen-Ruhr  1915);  Karl  Beyme,  Acht  Kriegsbetrachtungen
  vom  Jahre  1914  bis  1915  über  die  deutsche
Volksernährung  mit  mehreren  als  Handschrift  gedrucken
vertraulichen  Nachträgen  (Selbstwerlag  des  Verfassers,  Hamburg
  214);  Karl  Nuese,  Die  Sicherung  unserer  Ernährung,
eine  Frage  der  Landesverteidigung  (Anfang  Dezember
1916  vertraulich  ale  Handschrift  gedruckt);  Georg  Wilhelm
Schiele,  Wirkung  der  Höchswreise,  ein  Kapitel  aus  der
4  Revolutonsze#t  (Sonderdruck  der  »Tat-.
Fedruarheft  1916,  Jena);  -Die  nationalen  Kreise  und  der
Reichskanzler,  Denkechrift  von  Generallandsc  aftsdurckter
Wolfgang  Kapp  (Grühjahr  1916,  als  vertrauliche  Handschr.
  ft  gedruck,).

Deuitsche  Erziehung
von  Johannes  Tews,  Geschäftsführer  der  Gesellschaft  für
Volksbildung  u  Berlin

Deutscher  Zukunftsglaube  und  deutsche
Erziehung.  Crziehung  und  Unterricht  gründen  sich
auf  den  Glauben  der  Erzieher  an  die  Zukunft,  auf
den  Willen,  in  den  zu  Erziehenden  weiterzuleben
und  höher  zu  steigen.  Dus  deutsche  Volk  will  weiterbestehen;
  es  glaubt  an  seine  Zukunft  und
belämpft  in  seinen  Feinden  nicht  den  anders  sprechenden,
  anders  empfindenden  Mitmenuschen,  den  es  gern
gewähren  lassen  würde,  sondern  den  die  deutsche  Eigenart
  verneinenden,  mißgünstigen  und  neidischen  oder
im  Wahne  wellum  pannender  Eroberungsgelüste
kämpsenden  Zerstörer  seiner  friedlichen  Arbeit.  Ja,
wir  sind  uns  des  Wertes  unseres  deutschen  Wesens
und  unserer  deutschen  Bildungsgüter  während  des
Krieges  stärker  bewußt  geworden.  und  wenn  wir  aus
dieser  blutigen  Prüfung  siegreich  hervorgehen.  so
werden  die  aus  dem  Schlachtengraus  Heimkehrenden
stärker  noch  als  wir  anderen  eine  erhöhte  Pflege  und
Entwicklung  alles  dessen  verlangen,  was  uns  graß  und
stark  gemacht  hat,  alles  uns  Eigenen,  alles  Deutschen.

Hieraus  ergeben  und  hierein  beschränken  sich  auch
die  Hoffnungen  auf  eine  neue  Erziehung  und  Volksbildung.
  Neu  im  eigentlichen  Sinne  werden  weder
die  Ziele  noch  die  Mittel  sein:  Kein  Umlernen,  sondern
  nur  ein  Hinzulernen.  Unser  Erziehungswesen,
  im  besonderen  unser  Schulwesen,  ist  in  den
Grundlagen  gesund.  Im  Inneren  hielten  sich
bisher  die  Rücksichten  auf  das  Einzelwesen  und  die
allgemeinen  Zwecke  der  Erziehung  in  Lehre  und  Zucht
das  Gleichgewicht.  Lehrstoffe  und  Erziehungsmittel
aber  sind  zum  Teil  stark  verbesserungs-  und  ersatz
bedürftig,  und  der  Aufbau  des  Schulwesens,  die  Gliederung
  und  der  gegenseitige  Anschluß  der  einzelnen
Bildungsanstalten  des  Staates  aneinander,  harren
überhaupt  erst  der  Inangriffnahme.  Insbesondere
aber  sind  wir  in  den  Bildungs-  und  Erziehungseinrichtungen,
  durch  die  der  freie  Genuß  der  Bildunes.
güter  den  Erwach'enen  allgemein  zugänglich  gemacht
werden  soll,  über  die  Anfänge  kaum  hinweggekommen.

Die  deutsche  Erziehung  hat  sich  bewährt.
Wenn  unser  Volk  heute  in  so  herrlich  r  Weise  zum
Vaterlande  steht,  wenn  Hunderttausende  nicht  nur
dem  Gebotder  Pflicht  gehorchend  hinausziehen.
sondern  auch  freiwillig,  nur  dem  eigensten  Wollen
        <pb n="441" />
        Tews:  Deutsche  Erziehung

folgend,  so  dürfen  die  Erzieher  des  Volkes  darin  die
Er  ate  langjähriger  Arbeil  erblicken.  Die  Begeisterung,
die  durch  die  Tagesereignisse  geweckt  wird,  ist  ohne
einen  tieferen  Untergrund  nur  ein  schnell  verflackerndes
  Strohfeuer.  Wenn  es  uns  heute  heiß  und  kühn
en’gegenloht  und  auch  im  vierten  Kriegsjahr  noch
Großes  und  Gutes  überall  hervorbricht:  am  deutschen
Herd  und  auf  den  deutschen  Schulbänken  haben  wir
diese  Feuerkräfte  erzeugt.

Aber  nicht  nur  der  Wille  zum  Vaterland  ist  durch
gesteigerte  Doltsbildung  geklärt  und  gekräftigt  worden,
  sie  erhöhte  auch  die  Leistungsfähigkeit  in
Arbeit  und  Kampf.  Nicht  wenig  von  dem,  was
die  überlegenheit  des  deutschen  Heeres  und  Volkes
ausmacht,  ist  das  Ergebnis  unserer  Erziehung.  Nicht
ihre  alleinige  Schöpfung!  Die  Erziehung  eines  Volkes
ist  niemals  das  Werk  ger  Schule  allein,  aber  ohne
die  Schule  ist  keine  Volkserziehung  möglich.

Die  Kriege  der  Gegenwart  sind  mehr  als  alle
blutigen  Schauspiele  früherer  Zeiten  ein  Ringen
von  wirklichen  Kräften  geworden.  Das  -Kriegs.
glück.  mitt  zurück;  die  Kampfkraft  ist  an  die  erste
Stelle  gerückt.  Es  messen  sich  die  körperlichen  und  geistigen,
  vor  allem  aber  auch  die  sinlichen  Kräfte.  Auf  Entschlossenheit,
  Ausdauer,  Gewissenhaftigkeit.  Pünktlichkeit,
  Gehorsam,  Aufopferungsfähigkeit  der  Führer  und
Mannen  ist  fast  alles  Erreichte  zurückzuführen!  Was
sind  alle  Waffen  und  Kriegsmittel,  wenn  die,  welche
sie  handhaben,  sie  nicht  bis  zum  Außersten  ausnutzen!
Mit  der  fortschreitenden  Vervollkommnung  der  Wafsen
  und  Kriegsmittel  ist  die  Bedeutung  der  Kämpfenden
  immer  größer  geworden.  Wie  in  einer  Fabrik
mit  leistungsfähigen  Maschinen  ein  Mann  nicht  mehr
mit  zwei,  sondern  mit  Hunderten  von  Armen  arbeitet
und,  wenn  er  seiner  Aufgabe  nicht  gewachsen  ist,
Hunderte  von  toten  Armien  nichts  schaffen,  so  tritt
auch  im  gegenwärtigen  Kriege  die  Kraft  des  einzelnen
  vervielfacht  in  Wirksamkeit.  Nie  war  es  mehr
der  Mensch,  der  kämpfte,  als  heute,  und  so  wächst
das  Geistizje  und  Sitt  iche,  wachsen  die  inneren  Kräfte
mit  jedem  Fortschritt  der  Technik  immer  mehr  über
ihre  einstige  Bedeutung  hinaus.  Der  Mensch  wird
zum  Welterbauer  und  Weltvernichter,  zum  Bezwinger
und  Schöpfer,  jeder  einzelne  zu  einer  Vielheit  und
einer  Summe  von  Kräften.  Der  heutige  Krieg  wird
trop  der  Millionenhee#r##  weniger  als  früher  durch  die
Zahl  der  Kämpfenden  entschieden.  Wäre  das  der  Fall,
unsere  Trappen  ständen  weder  in  Nordfrankreich
noch  in  Rußland,  Serbien  und  Rumänien.  Der  neutige
  Krieg  ist  auch  kein  bloßer  Krieg  der  Waffen,  sondern
  ein  Krieg  aller  menschlichen  Kräfte.  Was  unsere
Waffentechnik,  die  kriegerische  Ausbildung,  die  Technik
überhaupt,  die  soziale  Fürsorge  und  vor  allem  die  gesamte
  Erziehung  geschaffen  haben,  das  steht  im  Felde,
die  Kraft  des  einzelnen  vervielsachend.  So  war  dieser
Krieg  mehr  als  jeder  frühere  in  gewissem  Sinne  bereits
  entschieden,  ehe  er  begann.  Was  vor  dem  Kriege
geschehen  war,  ist  für  den  Gang  der  Dingeentscheidender,
  als  was  im  Kriege  selbst  geschieht.  Weder  die
Bewaffnung  und  Ausrüstung,  noch  die  Ausbildung
und  Schu  ung  der  Truppen  lassen  sich  im  Kriege  selbst
noch  wesentlich  verbessern,  noch  weniger  aber  alle
die  inneren  Voraussetzungen  hoher  Leistungsfähigleit:
  Körperliche,  geistige  und  sittliche  Erziehung.
Füralle,  die  an  unserem  Volke  bildend  un
erziehend  gearbeitet  haben,  ist  der  Krie
darum  eine  Prüfung;:  es  wird  der  Bestand  aus
genommen,  und  wo  wenig  oder  nichts  ist,  vermag

355

keine  Kunst  und  kein  Ausstatlungsgeschick  etwas  hinzuzaubern.


Aber  Schule  und  Heer  stehen  wieder  auf
den  Schultern  anderer.  Das  Volksleben  ist
ein  Ganzes.  Die  Schule  baut  auf  dem  Untergrund
des  Hauses,  dieses  auf  den  Grundlagen  des  ganzen
Volkstums,  und  was  so,  aus  tausend  und  aber  tausend
  Quellen  fließend,  zu  tatenbereiter  Kraft  erwächst,
das  vermag  eine  Heeresverwaltung  wie  die  deutsche
zu  einem  Werkzeug  der  Landesverteidigung  auszuprägen,
  wie  es  zum  zweiten  Male  nicht  vorhanden  ist.

Die  Siegeunserer  Waffen  sindauch  Schul.
und  Erziehungssiege,  die  bewundernswerten
Leistungen  unseres  Volkes  auch  ihre  Leistungen.  Mil
allem,  was  gut  und  groß  in  unserem  Volksleben  ist.
was  vorwärts  drängt  und  aufwärts  führt,  verdunden.
ist  die  Schule  in  der  großen  Bildungs-  und  Erziel  ungswerkstatt
  das  wichtigste,  das  unentbehrlichste  Werkzeug.
  und  alles,  was  den  Beweis  erbringt,  daß  unser
Schaffen  von  Erfolg  ist,  sind  Lorbeer=  und  Eichenkränze
  auch  für  die  Schule.

an  kann,  wenn  man  das  setige  Ningen  genau
verfolgt,  in  dem  Schritt  der  Bataillone  Überall  auch
die  leichteren  Tritte  der  Schule  wahrnehmen,  in  der
Todesverachtung  unserer  Krieger  die  Wertung  höherer
  Güter,  in  der  Manneszucht  die  gefesugte  Schulzucht,
  in  der  geistigen  Beweglichkeit  und  Sicherheit
auch  des  einfachen  Kriegers  die  Frucht  unseres  vornehmlich
  auf  Entfaltung  des  Geistes  gerichteten  Unterrichts.
  Aber  in  alledem  tritt  auch  die  erziehende  und
bildende  Wirkung  unseres  ganzen  Volkslebens,  z.  B.
die  Wirkung  unserer  hochwertigen  wirtschaftlichen  Arbeit,
  hervor.  Zur  Bedienung  Kruppscher  Kanonen,  zu
all  den  Kriegsarbeiten,  die  technische  Geschicklichkeit
verlangen,  erzieht  unser  Großgewerbe  mehr  als  die
einfache  Handardeit.  Wir  haben  von  alledem  mehr
in  die  Wagschale  zu  werfen  als  unsere  Gegner.

Auch  was  unser  Heimheer  leistet,  sind  Früchte
einer  alle  edleren  Kräfte  entwickelnden  Volkserziehung.
Wir  sehen  heute  Frauen  und  Greise  den  Pflug  führen,
die  noch  nie  oder  seit  langen  Jahren  nicht  mehr  einen
Pflugsterz  in  der  Hand  gehabt  haben.  Der  Reniner
sitzt  wieder  im  Kontor,  die  Kaufmannsgattin  an  der
Kusse  oder  im  Verkaufsraum.  Man  arbeilet  gern,  die
einen.  um  dem  Gatten  und  Sohne  und  sich  selbst  den
Besitz  zu  wahren,  die  anderen,  um  die  über  alles  gehenden
  vaterländischen  Pflichten  zu  erfüllen.  Es  mag  bei
den  Zurückgebliebenen  oft  nicht  weniger  Heldentum  sein
als  bei  den  Hinausgezogenen.  Auch  das  wuchs  nich!
von  selbst;  auch  hier  sieht  das  schärfer  blickende  Auge
überall  Erziehungsmühen  und  Erziehungsfrüchte.

Die  Eigenart  deutscher  Volkserziehung
und  Volksbildung.  Deutsches  Wesen  und  deutsche
Erziehung,  von  unseren  Ahnen  Ererbles  und  von
uns  selbst  Erworbenes,  haben  sich  bewährt.  Noch  nie
wurde  ein  Voll  so  geschmäht  und  verleumdet  als  das
unserige.  Wir  haben  still  gehalten  und  getan,  was.
Ehre,  Pflicht  und  Herz  uns  geboten.  Und  jennt  schon
erhebt  sich  aus  dem  Dunst  von  Lüge  und  Verleumdung
  eine  stille  Bewunderung  unseres  Wesens  und
unserer  Leistungen,  auch  an  Stellen,  wo  man  uns
nicht  tief  genug  herabziehen  konnte.

Heute  dürfen  sich  die  deutschen  Erzieher  freudig
sagen.  duß  sie  auf  dem  rechten  Wege  sind.  Hat  sich  das
deutsche  Volk  in  diesem  Kriege  in  seiner  Üübergroßen
Mehrheit  alsein  Volk  der  Ordnung,  der  Pflichttreue  bis
in  den  Tod,  der  stillen,  harten  Arbeit  bewährt,  so  war
das  ureigenster  Besitz  von  alters  her,  aber  geläutert,

23“
        <pb n="442" />
        356

verklärt  und  gestärtt  durch  Erziehung  in  Haus,  Schule,
Werkstatt  und  Heer.  Und  auf  diesem  Wege  muß  unsere
  Erziehung  weiterschreiten.  »In  Züchten  frei.«
Die  demokratischene  Völker,  die  in  ihrer  staatlichen
Entwicklung  uns  so  unendlich  weit  voraus  zu  sein
glauben,  verstehen  unseren  Freiheitsbegriff,  der  mit
Ordnung  und  Pflichterfüllung  untrennbar  verbunden
ist,  nicht.  Sie  schelten  uns  unfrei,  wollen  uns  zaus
dem  Banne  des  Militarismus  erlösene  und  sind  doch
in  vielem  so  viel  unfreier  als  wir  selbst.  In  Deutschland
  mehr  als  irgendwo  hat  die  große  Erlösung  der
Massen  begonnen,  die  große  Erlösung,  die  innerlich
und  äußerlich  nicht  dur  Verfassung  und  Gesetz  allein
bewirkt  werden  kann,  sondern  letzten  Endes  nur  durch
Bildung  und  Erziehung  der  Massen,  durch  geistige
Emporhebung,  so  daß  die  großen  Unterschiede  zwischen
  oben  und  unten,  zwischen  Besitz  und  Besitzlosigkeitverschwinden
  und  die  oft  geträumte  und  in  freiene
Staaten  häufig  am  wenigsten  vorhandene  Volkseinheit
  entsteht.

Unsere  Auffassung  vom  Staate  und  vom  an
menleben  überhaupt  ist  ernster  als  die  anderer  Völker,
ebenso  oder  noch  mehr  auf  gleichestrenge  Pflichterfüllung
  als  auf  gleiches  Recht  gestellt.  Und  in
diesem  Sinne,  wenn  auch  bisher  nicht  mit  ausreichenden
  Mitteln  und  ausreichendem  Erfolge,  hat  auch  unsere
  Schule  die  Jugend  erzogen.  In  jahrhundertelanger
  Arbeit  hat  sie  in  die  Massen  hineingetragen,
was  den  Menschen  erst  zum  Menschen  macht,  die  unvergänglichen
  geistigen  Besitztümer  der  Menschheit  in
der  besonderen  Ausprägung  unseres  eigenen  Volkstums.
  Wie  wenig  oder  wie  viel  davon  geistiger  Besitz
auch  über  die  Schule  hinaus  geworden  und  geblieben
ist,  läßt  sich  schwer  in  bestimmten  Maßen  festlegen,
umfaßt  jedenfalls  aber  mehr  als  in  irgendeinem  der
mit  uns  im  Kriege  befindlichen  Völker.  Bis  wir  aber
an  jenes  schöne  Heel  gelangt  sind,  welches  in  H#as
angeblich  erreicht  war,  daß  unser  ganzes  Volk  seine
Dichter  und  Denker  versteht,  die  Schöpfungen  seiner
Künstler  genießt  und  bewundert,  ist  allerdings  noch
ein  weiter  Weg.  Aber  eines  ist  Tatsache:  un  ser  ganzes
  Volk  liest,  und  ein  großer  Teil  der  Lesenden
verlangt  ernste,  gute  Bücher,  will  teilhaben  an
dem  Besten  unseres  Schrifttums.

In  den  Unterständen,  auf  die  der  Eisenhagel  der
feindlichen  Geschosse  niedersaust,  in  den  Nuhestellungen
  hinter  der  Front  und  auf  den  Schmerzenslagern
der  Lazarette  ist  das  Buch  des  deutschen  Kriegers  bester
Kamerad,  der  ihn  auf  Stunden  und  Tage  seine  Umgebung
  vergessen  läßt  und  ihn  mit  Heimat  und  Freunden
  und  mit  allem,  was  deutsche  Geistesarbeit  geschaffen
  hat,  in  Verbindung  hält.  Gewaltige  Kräfte
strömen  dem  deutschen  Heere  aus  den  Vermächtnissen
unserer  Dichter  und  Denker,  unserer  Volkslehrer  und
Schriftsteller  zu.  Hunderttausende  unserer  kämpfenden
Volksgenossen  sitzen  mit  den  geistig  Schaffenden  zu
Tische.  Daß  das  möglich  ist  und  Wirklichkeit  wurde,
verdanken  wir  der  Arbeit  unserer  Volksschule.  Nur
wenige  sandte  sie  ganz  ohne  jede  Fähigkeit,  Anteil  zu
nehmen  an  den  Geistesschätzen  des  deutschen  Volkes,
ins  Leben  und  in  den  Kampf  hinaus.  Unsere  Heerführer
  wissen  es  und  haben  es  oft  bezeugt,  daß  durch
die  deutsche  Volksbildung  und  Volkserziehung,  durch
Kräfte  des  Geistes  und  des  Willens  die  Minderzahl
der  unseren  unüberwindlich  geworden  ist.

Schulpflege  und  Schularbeit  während  der
Kriegszeit.  Unser  Schulhaus  steht  auch  in  den
Kriegsstürmen  gesichert  da.  Die  Geschichtschreibung

IV.  Kultur  und  Geistesleben

künftiger  Tage  wird  diese  Tatsache  vielleicht  als  eine
der  kennzeichnendsten  für  die  innere  Kraft  der  deut.-schen
  Staaten  bezeichnen.  Während  das  Deutsche
Reich  Milliarden  über  Milliarden  für  seinen  Schutz
gegen  eine  Welt  von  Feinden  aufbringen  mußte,
waren  seine  einzelnen  staatlichen  Glieder,  die  Bundesstaaten,
  doch  in  der  Lage,  die  nötigen  Mittel
zur  Verfügung  zu  stellen,  um  die  Jugend  in  ge
wohnter  Weise  zu  versorgen.  Ja,  es  war  möglich,
auch  mitten  im  Kriege  noch  neue  Schulklassen  zu  errichten,
  neue  Bildungskörper  zu  schaffen.  Wurden
doch  zur  Errichtung  neuer  Schulstellen  im  preußischen
Staatshaushalt  1915:948000,  1916:  952000,  191
893000  Mark,  d.  h.  fast  dieselbe  Summe  wie  in  den
Friedensjahren  vorher,  verlangt  und  zur  Verfügung
gestellt.  Und  wenn  der  Kampf  der  Völker  weitergebt,
wird  auch  die  Erziehungsarbeit  weitergehen.  Kein
Stein  vom  Schulhause  darf  verfallen,  kein  Kind,  obwohl
  über  50000  der  Lehrenden  im  Felde  stehen,  ohne
Unterricht  und  Zucht  bleiben.  Ist  das  Vaterland
wieder  gesichert,  dann  wird  man  sich  hoffentlich  auch
an  den  Stellen,  wo  die  großen  Linien  für  die  zukünftige
  Staatsentwicklung  gezogen  werden,  dessen  erinnern,
  was  Deutschlands  Schule  war  und  ist.  was  sie
geleistet  hat  und  was  sie  leisten  könnte,  wenn  man
alle  ihre  Kräfte  freimachte,  wenn  sie  auch  in  alledem,
  was  noch  veraltet  und  rückständig,  was  noch  zu
klein  und  zu  eng  ist,  auf  die  volle  Höhe  der  Gegenwart
  gehoben  würde.

Aber  wie  wirkt  der  Krieg  selbstauf  das  innere
  Leben  unseres  Volkes  und  auf  die  Jugend?


Der  Krieg  ist  ein  Erzieher.  Sicher!  Er  ist  ein  Er.

ieher  derjenigen,  die  in  Kampf  und  Arbeit  dem
chicksal  ins  Auge  blicken.  Wen  er  mit  seinen  Eisenkrallen
  packt  und  nicht  zerdrückt,  der  wird  hart  im
Willen  und  in  der  Pflichterfüllung  und  ernst,  still  und
fromm  im  Gemüte.  Die  Kriegszöglinge,  die  Kriegszucht
  ertragen  können,  werden  Menschen,  die  um  so
mehr  können,  je  mehr  von  ihnen  verlangt  wird.

Alles  das  betrifft  zunächst  nicht  die  Jugend.  Sie
führt  keinen  Krieg.  Jedoch  auch  sie  steht  nicht  neben
dem  Kriege,  sondern  mitten  darin.  Auch  sie  wird
im  Innersten  erfaßt.  Bis  zu  den  Abeschützen  hinunter
  begreift  sie,  wenn  nicht  verstandesmäßig,  so
doch  mit  sicherem  Gefühle,  was  unsere  Tage  bedeuten.
Zu  den  kämpfenden  Vätern  wandern  die  Gedanken,
schickt  die  oft  noch  recht  ungelenke  Hand  Briefe  mu
rührenden  Beteuerungen  der  Liebe  und  dem  Versprechen,
  gut  und  brav  zu  sein.  Das  Vorbild  der
arbeitenden  und  sorgenden  Mutter  weckt  die  Tatkran
die  Lehren  und  Anweisungen  der  Schule  lenken  den
unsicheren  Sinn  auf  das,  was  der  Tag  verlangt,  auch
an  Arbeit  für  das  eigene  Laus  und  die  Gesamtheit.  und
auf  das,  was  über  den  Tag  hinausliegt  und  erst  die
Kraft  gibt,  in  allem  Wechsel  der  Dinge  seinen  ruhigen
Sinn  zu  behaupten  und  seine  Pflicht  zu  tun.  Unser
Jungvolk  wächst  seiner  Aufgabe,  der  Bäter  wert  zu
werden  und,  wenn  es  sein  muß,  zu  kämpfen,  entgegen.
Und  mag  ietzt  für  die  Schulentlassenen  in  der  Gestalt
allzu  reichlichen  Verdienstes  auch  ein  böser  Feind
lauern,  es  sind  nicht  mehr  als  sonst,  die  heute  dadurch
verkommen  und  verderben.

Neugestaltungenimdeutschen  Erziehungswesen
  nach  dem  Kriege.  Während  die  Gewitter
noch  über  unseren  Häuptern  toben,  regt  sich  überall
neues  Leben,  neues  Hoffen,  eröffnen  sich  neue  Wege
zu  Fortschritt  und  Schaffen  im  gesamten  öfsentlichen
        <pb n="443" />
        Tews:  Deutsche  Erziehung

Bildungswesen.  Dem  Soldaten  folgt  das  Buch  in
den  Shüfengrahen,  die  darstellende  Kunst,  der  belehrende
  Vortrag,  das  Lichtbild,  das  Dichterwort  und
Gesang  und  Musik  in  die  Etappe  und  vor  allem  in
das  Lazarett;  auch  der  Krieger  lebt  nicht  mehr  vom
Brot  allein.  Ir.  der  Krieg  gründet  Schulen,  schafft
Fortschritteim  Volkserziehungswesen,  die  dem  Frieden
unmöglich  schienen.  Die  deutsche  Verwaltung  hat  in
Belgien  die  von  der  belgischen  Gesetzgebung  eschlossene
  Schulpflicht  eingeführt  und  den  Flamen  die  lange
vergeblich  geforderte  Hochschule  gegeben.  Auch  in
Polen  hat  die  Verwaltung  in  weitem  Umfange  begonnen,
  den  unterbrochenen  Unterricht  wieder  einzurichten
  und  zu  erweitern  und  ihr  Werk  durch  Eröffnung
  der  allerdings  einstweilen  wieder  geschlossenen
wobischen  Hochschule  in  Warschau  gekrönt.  Alles  das

nd  Wechsel  auf  Ausbau  und  Weiterentwicklung  des
Bildungswesens  in  der  Heimat.

In  einer  Hinsicht  bedarf  unsere  deutsche  Erziehung
eines  wesentlichen  Ausbaues,  auf  dem  Gebiet  der
körperlichen  Erziehung.  Die  Losung  unserer
Erziehung  darf  gewiß  nicht  heißen:  Erziehung  für
den  Krieg!  Denn  Krieg  dem  Kriege!e  wird  die  Losung
  der  Staatskunst  in  der  Zukunft  sein.  Trotzdem
werden  wohl  alle  Völker  ihre  Erziehung  so  gestalten,
daß  im  entscheidenden  Falle  die  gesamte  männliche
Bevölkerung  in  dem  in  Frage  kommenden  Alter  zur
Waffe  greifen  kann.  Denn  in  der  Stärke  aller  liegt
die  sicherste  Gewähr  für  den  Frieden.

Erziehung  zur  Entwicklung  aller  Kräfte  und  Anlagen
  des  Geisles  und  des  Körpers,  das  wird  in  dem
vor  uns  liegenden  Zeitraume  noch  mehr  als  bisher
das  Richt=  und  Leitwort  aller  Schul=  und  Erziehungsarbeit
  werden.

Noch  eine  zweite  große  Um-  und  Neugestaltung
steht  dem  deutschen  Schulwesen  zweifellos  bevor.  Unsere
  Bolkskraft  ist  zu  der  größten  Leistung,  welche  die
Weltgeschichte  kennt,  zusammengefaßt  worden.  Vom
untersten  bis  zum  höchsten  Beamten,  vom  kleinsten
Büdner  bis  zum  größten  Grundherrn,  vom  ärmsten
Fabrikarbeiter  bis  zum  reichsten  Werkbesitzer,  alle  tragen
  dasselbe  graue  Kleid  der  Pflicht  und  kämpfen  gemeinsam
  vor  dem  Feinde.  Aber  die  Kinder  dieser
Kämpfer  werden  vom  ersten  Schultage  ab  getrennt
unterrichtet.  In  dieser  Beziehung  sind  wir  in  siebzig
Jahren  kaum  einen  Schritt  weiter  gekommen.

Es  ist  zu  erwarten,  daß  das  Wort  -Freie  Bahn
für  alle  Tüchtigene,  von  dem  fünften  Reichskanzler
für  das  gesamte  Schaffen  des  deutschen  Volkes  verheißen,
  für  das  Jungvolk  zuerst  und  vor  allem  gelten
wird,  daß  die  Lehren  des  Schützengrabens  wie  bei
der  Bewertung  der  einzelnen  Volksschichten  so  auch
für  die  Schulbank  nicht  vergessen  werden.  Für  den
Aufstieg  aller  Befähigten  und  aller  Starkwilligen
müssen  neue  und  gröszere  Möglichkeiten  geschaffen  werden.
  Alte  Widerstände,  die  sich  dagegen  stemmten,
sind  gebrochen  oder  abgeschwächt.

Die  eine  große  Schule  kommt,  sie  wird  kommen.
  Wir  brauchen  alle  Köpfe,  alle  Hände,  um
Verlorenes  wieder  zu  erwerben  und  Neues  aufzubauen.
Wir  dürfen  kein  junges  Leben  unentwickelt  lassen.
Wir  müssen  von  jedem  das  Höchste  verlangen,  was
er  zu  leisten  vermag.  Darauf  gründet  sich  die  Forderung
  der  deutschen  Einheitsschule.

Die  Einheitsschule  ist  gewiß  nicht  das  Ganze  einer
Bolksbildung,  die  diese  Ergebnisse  sicherstellt.  Sie  ist
ein  äußerer  Ausbau,  aber  eben  darum  die  Voraussetzung
  aller  inneren  Umgestaltungen.  Die  Einheits-357



schule  ist  die  große  Bildungsstraße,  die  vom  letzten
Dorfe  in  jede  Fach=  und  Hochschule  führt.

Im  Schoße  unseres  Volkstums  schlummert  eine
unendliche  Kraft.  Was  hat  dieser  Krieg  für  eine  Fülle
von  Menschen,  die  das  Höchste  nicht  nur  wollen,  sondern
  auch  können,  hervorgebracht!  Wenn  alle  Sperren
und  Schranken,  die  scholastischer  Wahnsinn,  sozialer
Eigennuy  und  politischer  Engsinn  aufgerichtet  haben
und  immer  von  neuem  aufrichten  wollen,  beseitigt
werden  und  unsere  große  Schule  ein  einziger  geistiger
Ringplatz  wird,  auf  dem  sich  jeder  mit  seinen  ihm  von
der  Natur  verliehenen  Kräften  zur  Geltung  zu  bringen
vermag,  dann  darf  Deutschland  seiner  Zukunft,  möge
sie  Krieg  oder  Frieden,  Kan#pf  oder  Arbeit,  Schaffen
oder  Zerstören  bringen,  ruhig  entgegensehen.

Die  Schule  nach  dem  Kriege  wird  mehr  als  je  die
Feuerprobe  zu  bestehen  haben.  Die  Anforderungen
werden  stiigen,  und  trotzdem  wird  es  sich  darum  handeln,
  allen  denjenigen  jungen  Volksgenossen,  die  durch
den  Krieg  aus  der  Schulstube,  aus  den  Hörsälen,  aus
der  praktischen  Einführungsschule  in  den  erwerbenden
Beruf,  aus  den  Werkstätten  und  Handlungshäusern
herausgerissen  worden  sind,  eine  Gelegenheit  zur  Vollendung
  ihrer  Ausdildung  zu  geben,  die  sie  Zeit  und
Mittel  sparen  läßt.  Mittel  wie  Zeit  werden  beschränkt
sein.  Die  jungen  Kräfte  müssen  bald  in  die  schaffende
Arbeit  eintreten  nnen.  Man  wird  mit  den  hergebrachten
  Jahren  und  Monaten  der  Ausbildungnicht
immer,  vielleicht  überhaupt  nicht  rechnen  dürfen,  wird
nicht  auf  der  Erledigung  bestimmt  festgelegter  Lehrgänge
  ohne  weiteres  bestehen  dürfen.  Wir  werden  die
einen  früher,  die  anderen  später  mit  dem  Reifescheinentlassen
  müssen.  Den  Voranecilenden  werden  wir
nicht  wie  bisher  in  Reih'  und  Glied  zurückhalten  dür.
fen,  weil  wir  die  junge,  nach  Lebensarbeit  verlangende
Kraft  gebrauchen.  Vielleicht  wird  auch  hier  aus  der
Not  der  Zeit  eine  neue  Ordnung  auf  der  Schulbank
geboren,  die  nicht  jedem  dasselbe,  aber  jedem
das  Seine  gibt.

Sicherung  der  deutschen  Hauserziehung.
Aber  die  Schulerziehung  ist  nur  ein  Teil  der  Jugenderziehung.
  Ihr  zweiter,  gleich  wichtiger  Pfeiler  steht
im  Hause,  in  der  Familie.  Das  deutsche  Haus  in
wirtschaftlicher  wie  geistiger  Beziehung  zu  sichern,  jedem
  tüchtigen  Volksgenossen  die  Möglichkeit  zu  geben,
seine  junge  Brut  zu  nähren  und  zu  pflegen,  das  ist
die  große  soziale  Aufgabe  der  Zukunft.  Und  wir  sind
mitten  in  dieser  Arbeit.  Was  der  Verfasser  dieser
Zeilen  seit  mehr  als  zwanzig  Jahren,  zuerst  ohne
nennenswerten  Erfolg,  gefordert  hat,  die  Zahlung
von  Erziehungsbeihilfen  an  alle  Familien,  die
unter  einem  gewissen  Einkommen  bleiben,  wird  schon
jetzt  mit  einer  gewissen  Selbstverständlichkeit  als  das
hervorragendste  Mittel  bezeichnet,  den  Zuwachs  junger
  Kraft  zu  erhöhen  und  alle  Aufwachsenden  zu
vollwertigen  Gliedern  des  Volks=  und  Staatskörpers
zu  entwickeln.  Mancherlei  Maßnahmen,  den  Geburtenrückgang
  zu  bekämpfen,  Wöchnerinnenbeihilfen,
Stillprämien,  Kinderzulagen  für  Beamte,  liegen  auf
diesem  Wege.  Ob  freilich  der  Zweck,  den  man  dabei
zunächst  im  Auge  hat,  durch  diese  Maßnahmen  erreicht
wird,  steht  dahin.  Reichtum  und  Kind,  Wohlhabenheit
  und  Volksvermehrung  scheinen  Gegensätze  zu
sein;  Kind  und  Armut  dagegen  wohnen  eng  beieinander,
  und  alle  Völker,  deren  breite  Schichten  in  Armut
  und  Dürftigkeit  leben,  haben  eine  über  den
Durchschnitt  weit  hinausgehende  Vermehrung.  Den
Rückgang  in  der  Volksvermehrungbei  uns  in  Deutsch-
        <pb n="444" />
        858

land  hat  erst  der  wachsende  Wohlstand  gebracht.  Aber
durch  den  Ausbau  unseres  Lohn=  und  Besoldungswesens
  nach  dem  Familienstande  der  Arbeitenden
wird  viel  junges  Leben  zu  größerer  Kraft  und  größerer
  Leistungsfähigkeit  gelangen.  Die  brutale  Not
vernichtet,  wenn  nicht  das  Leben,  so  doch  die  volle
Entfaltung  der  Kräfte  im  jugendlichsten  Alter,  und
die  Begünstigung  des  familienlos  Lebenden  durch  die
heutigen  Wirtschaftsverhältnisse  drückt  die  Lebenshaltung
  der  Familie  und  damit  die  Entwicklungsmöglichkeit
  des  jungen  Lebens  immer  tiefer  herab.

Ceism  e  Volkspflege.  Beider  Jugenderziehung
darf  die  Fentliche  Erziehung  nicht  stehenbleiben;  sie
muß  auch  für  die  Erziehung  der  Erwachsenen,
für  die  geistige  Volkspflege  Einrichtungen  schaffen.
Bisher  ist  hierfür  wenig  geschehen.  Und  doch  ist  dieser
Teil  der  Volkserziehung  etwa  der  Ernte  und  dem
Verzehr  der  Ernte  auf  dem  vaterländischen  Boden
gleichzusetzen.  Alle  Jugendbildung  ist  gewiß  nicht
nur  Vorbereitung  fürs  Leben,  sondern  zu  einem  guten
Teil  Steigerung  des  eigenwertigen  Jugendlebens,  Er.
böhung  des  Jugendglücks,  sollte  es  wenigstens  sein.
Aber  ihre  Ergebnisse  erlangen  doch  erst  greifbaren
Wert  durch  Ausnutzung  im  Leben  der  Erwachsenen.
Ein  deutsches  Volk,  dem  seine  besten  Schriftsteller
  fremd  bleiben,  dem  seine  Musiker  nicht
we#igstens  in  ihren  Hauptwerken  vertraut  sind,  das
die  Werke  seiner  Maler  und  Bildhauer  nicht  kennt,  die
Herrlichkeiten  seines  Landes,  die  Mannigfaltigkeit  des
deutschen  Volkskörpers,  den  Reichtum  deutschen
Wissens  und  deutscher  Techniknicht  zur  Verschönerung,
  Erweiterung  und  Vertiefung
seines  Lebens  benutzt,  ein  deutsches  Volk  also,
dem  hierzu  nicht  vielfache,  leicht  erreichbare  Gelegenheit
  gegeben  ist,  hat  in  der  Schule  das  meiste
umsonst  gelernt,  stand  in  schönen  Jugendtagen
an  der  Schwelle  höheren  geistigen  Lebens,  ohne  daß
viele  seiner  Glieder  diese  Schwelle  überschreiten.

Wie  tief  steht  doch  noch  im  allgemeinen  unsere  geistige
  Volkspflege!  Auch  hier  muß  gebaut  werden.  All
unsere  Sorge  um  die  Jagenderhlehung,  all  unsere

IV.  Kultur  und  Geistesleben

wirtschaftliche,  politische  und  soziale  Arbeit  sind  vergeblich,
  wenn  wir  das  große  Haus  nicht  schaffen,
in  dem  deutsches  Bildungsgut  von  jedermann
  erworben  und  genossen  werden  kann,
die  große  weltliche  Volkskirche,  die  geistiges  Brot  auch
dem  Armsten  und  Letzten,  dem  geistig  am  dürftigsten
Ausgestatteten  bietet.  Erst  wenn  wir  dieses  Haus
haben  und  Tausende  von  geistigen  Arbeitern  darin
fröhlich  schaffen  können.  erst  dann  ist  der  Traum  so
vieler  edler  Geister  erfüllt,  die  unserem  Volke  den  zu
*’  zu  allen  Bildungsglütern  eröffnen  und  jeden

olksgenossen  zum  Mitkei  Ger  unseres  geistigen  Nibelungenhortes
  machen  wollten.

Erziehung  zum  Deutschtum  und  Deutschsein.
  Einmütiger  als  je  verlangt  man  heute  in  deutschen
  Schulen  auch  eine  deutsche  Erziehung,  Erzichung
  zu  bewußtem,  entschiedenem  Deutschtum.  Unsere
  Jugend  soll  deutsch  empfinden,  sich  ihrer  Eigenart
  und  ihres  Eigenwertes  bewußt  werden.  Nie  darf
wieder  die  heiße  Liebe  zum  Vaterlande  hinter  sentimentalen
  Träumereien  von  internationaler  Verbrü.
derung  zurücktreten.  Die  Wahrheit:  „Willst  du  den
Frieden,  halt"  dich  kriegsbereit!  muß  dem  jungen
Volke  zu  Fleisch  und  Blut  werden.  Diesen  tapseren
Sinn.  sich  zu  behaupten,  gegen  wen  es  auch  sei.  den
die  Jugend  aus  den  Ereignissen  des  Krieges  obnehin
schon  gewinnt,  muß  auch  die  Schule  mit  allen  Mitteln
pflegen.  Wir  brauchen  ein  tapferes  Geschlecht,  das  sich
den  Frieden  und  den  Platz  für  Arbeit  und  Leben  zu
sichern  weiß,  überall  bereit  zu  einträchtiger  gemein
samer  Arbeit  mit  anderen  Völkern,  aber  auch  darauf
bedacht,  daß  wir  nicht  als  die  Träumer  und  Idealisten
von  einer  hartgesottenen  Gesellschaft,  die  den  heiligen
Egoismus=  auch  bei  den  idealsten  Angelegenheiken
vertritt,  übers  Ohr  gehauen  werden.

Aus  der  Erziehung  zum  Deutschtum  entspringt  von
selbst  jenes  tiese  Gefühl,  das  auch  in  Kampf  und  Tod
nicht  versagt;  dann  erzeugt  sie  aber  vor  allem  cuch
die  Kraft,  im  Alltag,  in  Mühe  und  Arbeit,  wie  in  den
Tagen  der  Not  das  zu  leisten,  was  das  Vaterland
braucht.

Die  militärische  Jugenderziehung
von  Prof.  Brohmer,  Oberleutnant  d.  Res.,  zu  Freiburg  i.  Br.

In  einer  gleichmäßigen,  innerlich  vereinten  Pflege
von  Geist  und  Leib  waren  jene  Systeme  begründet,
die  an  der  Schwelle  des  19.  Jahrhunderts  als  schwaches
  Morgenrot  die  aufgehende  Sonne  der  deutschen
Turnerschaft  verkündeten.  Wenn  der  Enste  eigentliche
deutsche  Turnlehrer,  Johann  Christoph  Guts  Muths,
im  Jahre  1793  die  vollendete  Menschenbildung  als
Zweck  der  Leibesübungen  hinstellt.  so  ist  dies  wohl  zu
beachten  in  einer  Zeit,  wo  das  deutsche  Turnen  in  jenem
Sinne,  unterstützt  durch  die  Kriegserfahrungen,  nach
Gesinnung  und  Inhalt  als  die  beste  Grundlage  einer
volkstümlichen,  militärischen  Jugenderziehung  vom
Kriegsministerium  anerkannt  wird.  An  der  Quele.
dieses  Empfindungsstromes  formte  Friedrich  Ludwig
Jahn  den  Begriff  des  deutschen  Volkstums,  in  demzugleich
  die  sittlichen  Kräfte  der  Vaterlandsverteidigung
als  einer  ethischen  Wehrschulung  enthalten  waren.
Sein  in  größter  Vielseitigkeil  ausgebautes,  technisches
Lehrgebäude  des  deutschen  Turnens  folgle  aus  sittlichen

  Forderungen  als  vaterländische  Pflicht  von  gro
ßem  moralischem  Werte.  In  dieser  nie  mehr  erreichlen
harmonischen  Durchwirkung  von  geistigem  Leben  mit
einer  sehr  abwechslungsreichen,  physischen  Betätigung
liegen  die  mannigfachen  Möglichkeiten  neuzeilliche
Anwendungen  auf  dem  Gebiete  einer  gründlichen
Wehrerziehung.

In  der  Tal  ist  die  Entwicklung  der  nmiilitärischen
Vorbereitung  unserer  Jugend  seit  ihrem  Bestehen
(August  1914),  an  der  Hand  der  amtlichen  Verlau:
barungen  beurteilt,  einen  Weg  gegangen,  auf  dem
von  Vorschrift  zu  Vorschrift  die  Bedeutung  des  Tur
neus  und  seines  Geistes  immer  mehr  gewürdigt  wurde.
Man  mußte  zu  dieser  Erkenninis  einmal  kommen
durch  die  700000  Turner,  die  vor  dem  Feinde  täglick
ihre  Uberlegenheitt  an  Stoß=  und  Entsch'ußkraft  und
an  unerhörlem  Zusammenraffen  der  Willenskrafte

eigen  konnten.  Weiterhin  trat  gerade  bei  der  Kriegslugendwehr
  die  Tatsache  oft  in  die  Erscheinung.  daß
einer  zu  starken  Betonung  militärischer  Formen  kein
menschlicher  und  soldatischer  Bildungswertinnewohmt.
Zwargründen  sich  die  im  August  1914  vom  preußischer
        <pb n="445" />
        Broßmer:  Die  militärische  Jugenderziehung

Kriegsministerium  herausgegebenen  Richtlinien  für
die  militärische  Vorbildung=  bei  strenger  Abweisun
jeder  Ausbildung  mit  der  Waffe  in  erster  Linie  au
die  sittlichen  Erfordernisse  einer  gehegten  Vaterlandsliebe
  und  auf  die  Erweckung  des  Mutee  und  der  Entschlossenheit.
  Dann  erst  tritt  eine  Reihe  von  33  Punkten
  vorwiegend  militärischer  Fertigkeiten  hinzu.  Aber
der  Grundsatßz  der  Freiwilligkeit  läßt  eine  folgerichtige
Erziehung  zur  Ausdauer  und  eine  Stählung  des  jugendlichen
  Willens  nicht  zu.  Hier  fehlten  von  Anfang
an  die  eisernen  Erziehungsmiltel  und  die  Möglich'eit
einer  Erfassung  der  trägen  oder  unzuverlässigen  Elemente.
  Unter  diesen  rein  päd  a#gogischen  Gesichtspunk.
ten  muß  ein  gut  Teil  der  Enttäuschung,  die  durch  das
Fernbleiben  der  größeren  Anzahl  der  Jugendlichen
erzeugt  wurde,  begriffen  werden.  Diesem  übelstande
halfen  die  Schulleitungen  einer  Anzahl  städtischer  Handels
  und  Gewerbeschulen  (z.  B.  Danzig  und  Bonn)dadurch
  ab,  daß  sie  die  Schüler  über  16  Rahre  zwangen,
an  der  zum  Pflichtunterricht  erhobenen  militärischen
Jugenderziehung  teilzunehmen.  Die  Schuljzucht  wird
während  der  Übungszeit  auf  die  Führer  übertragen.
Immerhin  blieb  die  Erfüllung  der  Richtlinien  als
einziger  offizieller  Vorschrift  wegen  ihrer  knappen
Form  und  des  zu  wenig  scharf  begrenzten  Inhalts
eine  Aufgabe,  die  nur  durch  großes  erzieherisches  Geschick
  und  militärisches  Können  zu  bewältigen  gewesen
wäre.  Aus  diesem  Grunde  gab  das  Kriegsministerium
im  Oktober  1915  einen  ausführlichen  Schriftsatz  unter
  dem  Titel:  „Erläuterungen  und  Ergänzungen
heraus,  der  einen  pädagogisch  wertvollen,  abwechslungereichen
  behrhang  mit  starkem  volkstümlichen
Einschlag  darstellt.  Die  Ausbildungsgebiete  dieses
übungsplanes  lassen  sich  in  zwei  Haupkgruppenteilen.
Auf  der  einen  Seite  die  turnerischen  Übungen,  vielgestallig
  in  ihrer  Art  an  Geräten  und  im  Gelände,
die  nun  nach  behördlicher  Ansicht  die  Hälfte  der  verfügbaren
  Zeit  einnehmen  sollten:  Die  Schule  bietet
in  ihrem  Turnunterricht  eine  bewährte  Grundlageie.
Daraus  ergibt  sich  die  notwendige  zukünftige  Forderung
  einer  besseren  Bewertung  der  Leibesübungen
(Turnen  und  Sport)  bei  Platzordnung  und  Abgangsprüfung.
  Damit  war  von  amtlicher  Seite  der  deutschen
  Turnerschaft  jene  Stellung  im  Rahmen  der
Ingenderziehung  gegeben,  die  ihr  durch  ein  jahrhundertlanges
  Walten  und  Wirken  im  Zeichen  des  deutschen
  Geistes  gebührt.  Nun  mußte  überall  die  Mit.
hilfe  der  Turnvereine  gesordert  werden.  die  anfangs
in  voller  Verkennung  des  erstrebten  Ziels  von  den  die
Organisation  der  Jugendwehr  durchführenden  Verwaltungsstellen
  teilweise  zurückgewiesen  worden  waren.
  Auf  der  anderen  Seite  wurden  die  wichtigen
Ziele  einer  Sinnesschärfung  nach  den  alterprobten
Methoden  des  Pfadsinderprogramms  verlangt,  das
dem  technichen  übungsinhalte  nach  schon  von  Friedrich
Ludwig  Jahn  gefordert  wurde.  Auch  diese  Vorschrift
setzt  durch  den  Grundsatz  gründlichster  Einzelauchildung
  eine  zahlreiche,  gutgeschulte  Fuhrerschaft  voraus.
Um  ein  gewisses  Gleichmaß  der  allgemeinen  Auffajsung
  unter  praktischer  Durchführung  zu  erzeugen,
hat  das  Kriegsmimiterium  im  März  1916  in  Berlin
cinen  Belehrungskurfus  abgehalten,  der  von  Vertreternller
  Stände  und  Verbände  beschicktwar.  Auch  im
engeren  Rahmen  der  einzelnen  Landesteile  geben  oft
veranitaltele  Führerkurse  die  einzige  wirkungsvolle
Möglichkeit,  weitere  Kreise  in  das  Wesen  der  milität

  Erläuterungen  und  Ergünzungen,  S.  8.

359

rischen  Jugenderziehung  einzuführen.  Dabei  ist  darauf
  hin  zuweisen,  daß  bei  den  Führerkursen  das  pädagogische
  Moment  in  erster  Linie  berücksichtigt  werden
muß.  Dieser  Auffassung  hat  das  preußische  Kriegsministerium
  dadurch  Ausdruck  verliehen,  daß  es  im  März
1917  aus  jedem  Armeekorpsbereich  zwei  Ofsiziere  zu
einem  Kurfus  nach  Berlin  berufen  hat.  Sie  sollen  dann
durch  praktische  Führerkurse  in  ihrem  Bezirk  selbst  wieder
  Unterführer  heranbilden.  Wie  die  schon  älteren
Erfahrungen  im  Auslande  deutlich  zeigen,  ist  bei  der

anzen  Frage  die  Mitarbeit  der  Lehrerschaft  aller

rade  unbedingt  erforderlich.  Der  Volksschullehrer
insbesondere  muß  den  ethischen  Kern  dieser  nationalen
Aufgabe  in  die  breiten  Massen  der  Volks=  und  Fortbildungsschüler
  hineintragen,  damit  ihr  Gewissen  in
dem  Augenblick  schon  geschärft  ist,  in  dem  die  leibliche
Pflicht  zu  beginnen  hat.  Die  Lehrer  wären  die  berufensten
  Träger  der  Turn-  und  Schießausbildung  auf
dem  flachen  Lande  ungefähr  in  der  in  Frankreich  und
in  der  Schweiz  üblichen  Weise.  Nur  müßte  für  diese
ehrenamtliche  sreiwillige  Arbeit  eine  gewisse  dienstliche
Entlastung  gewährt  werden.  Sonst  ist  eine  überlastung
  nicht  zu  vermeiden,  die  heute  viele  von  einer
Betätigung  an  dieser  staatsbürgerlichen  Arbeit  abhält.
Der  körperlichen  Bildung  zur  Seite  trete  die  geistige
Jugendwehr,  die  als  Erkenntnis  ein  kraftvolles
Deutschtum  und  eine  pflichttreue,  gotlesfürchtige  Persönlichkeit
  zu  fordern  hat.  So  muß  die  militänsche
Jugendersiehung  aufgefaßt  werden  —  ganz  im  Sinne
Friedrich  Ludwig  Iohne.

Der  turnerische  Bestand  des  Ausbildungsganges
wurde  dann  als  Niederschlag  der  Kriegserfahrungen
im  Nahkampf  durch  eine  weilere  kriegsministerielle
Drucklegung,  die  -Anleitung  zum  Stabfechten-,  die
eine  Vorbildung  für  das  Gewehrfechten  des  Heeres
mit  einfachen  Mitteln  sein  soll,  bereichert.  überall  nur
Vorarbeiten,  dem  heiteren  Spiel,  dem  Turnen  und  dem
Sport  geschickt  entnommen,  konzentrisch  auf  das  eine
Ziel  der  allgemeinen  Durchbildung  des  Körpers  und
einer  erhöhten  Gewandtheit  von  Glied  und  Auge  gerichtet.
  Die  Aufnuhme  von  Spielen  als  grundlegende
Faktoren  zur  s—n—x“sFx  der  Wehrkraft  sind  alte  Forderungen
  des  Zentralausschusses  für  Volks=  und
Jugendspiele,  der  in  nun  mehr  als  25jähriger  Tätigkeit
  von  früher  Zeit  ab  Volkskraft  und  Wehrkraft  in
einen  engen  Zusammenhang  gebracht  hat.  Durch  die
Verbreitung  des  Volks-  und  Jugendspiels  im  Sinne
Emil  von  Schenkendorffs  wird  der  Sierblichteit  der
Jugendlichen,  die  im  Schulalter  einen  sehr  erf  eulich
tiefen  Stand  hat,  aber  im  Alter  von  15—20  Jühren
stark  zunimmt,  gesteuert.  Es  wäre  eine  dankbare  Dienstaufgabe
  der  Militärärzte  in  den  Friedensjahren,  den
Wehrzustand  der  landsturmpflichtigen  Jugend  von  17
bis  20  Jahren  auf  dem  Wege  ärztlicher  Statistik  zu  überwachen.
  Damit  wäre  ein  wissenschaftliches,  messendes
Moment  von  großer  volkswirtschaftlicher  Bedeutung
den  Elementen  der  Wehrerziehung  hinzugefügt.

Turnerische  und  sportliche  Leistungszahlen  im  Bereiche
  der  unilitärischen  Jugenderziehung  sind  zum
ersien  Mule  im  Herbst  1916  durch  die  Veranstaltung
der  Weltämpfe  im  Wehrturnen  bekanntgeworden.
Leider  stellen  diese  Zahlenreihen  kein  zuverlässiges
Durchschnittsmaterial  der  körperlichen  Wehrstufe  un.
serer  landsturmpflichtigen  Jugend  dar,  weil  eine  elwas
kurze  Vorübungszeit  bei  zu  hohen  Anforderungen
und  bei  dem  großen  Mangel  an  übungsstätten  nur
die  dur  ##geegelte  Leibesübungen  vorgeb.ldeten  Schuler
  der  höheren  Lehranstallen  und  die  Zöglinge  der
        <pb n="446" />
        360

Turn-  und  Sportvereine  zu  einem  aussichtsreichen
Wettbewerb  kommen  ließ.  Sollen  solche  Veranstaltungen
  der  von  Haus  aus  mit  Steifheit  und  Ungelenkigkeit
  behafteten  Jugend  der  ländlichen  Bezirke  zugute
  kommen,  so  muß  für  diese  Jungmannschaft  eine
leichtere  Stufe  gebildet  werden,  den  weniger  günstigen
  Vorbedingungen  ihrer  körperlichen  Schulung
entsprechend.  Dort  müßte  zuerst  eine  gewisse  Beweglichkeit
  durch  die  eifrige  Pflege  des  Turn-  und  Jugendspiels
  geschaffen  werden,  in  der  Form,.  wie  sie  von  dem
Zentralausschuß  für  Volks-  und  Jugendspiele  schon
immer  erstrebt  worden  ist.  Damit  hängt  besonders
für  das  Land  die  von  dem  gleichen  Verbande  so  sehr
gehegte  Sieblag  und  Gerätefrage  eng  zusammen.
Die  militärische  Jugenderziehung  hat  dieses  Problem
als  eine  Sorge  der  Kommunen  oder  wohltätiger  Stiftungen
  in  den  Vordergrund  gestellt.  Die  im  Februar
1917  bekanntgewordenen  Bestimmungen  für  die  auf
den  Sommer  dieses  Jahres  festgesetzten  Wettkämpfe
im  Wehrturnen  sprechen  die  Erwartung  aus,  daß  sich
bei  wesentlich  leichteren  Anforderungen  alle  Jungmannen
  an  den  weiteren  Ausscheidungskämpfen  beteiligen
  würden.  Indessen  waren  auch  diese  Bestimmungen
  in  manchen  Teilen  (Hindernislauf  !)  zu  schwer
gewählt,  so  daß  einer  größeren  Anzahl  von  Jungmannen
  die  sichere  Aussicht  auf  die  eiserne  Preismünze
  verlorenging.  Der  Hinweis,  daß  den  vorbereitenden
  Übungen  zu  den  Wettkämpfen  im  Wehrturnen
die  Hälfte  der  verfügbaren  Zeit  zuzuweisen  ist,  muß
so  gedeutet  werden,  daß  neben  der  turnerisch-sportlichen
  Körperausbildung  bei  der  militärischen  Jugenderziehung
  auch  eine  Reihe  von  soldatischen  Fähigkeiten,
  wie  klare  Auskunft  und  Meldung  (Befehlsübermittlung
  im  Trommelfeuer!),  scharfes  Sehen.  Geländebeurteilung
  u.  a.  ni.  in  Betracht  gezogen  werden
müssen.  Die  vor  einer  großen  Offentlichkeit  abgewickelten
  Wettkämpfe  im  Wehrturnen  haben  die  Augen  vieler
  unserer  Mitbürger  von  der  stillen  mühevollen
Kleinarbeit  im  Gelände  abgelenkt  und  einer  einseitigen
  Beurteilung  der  Ziele  einer  vernunftgemäßen
militärischen  Jugenderziehung  Raum  gegeben.  War
am  Anfang  das  Turnen  fast  ganz  beiseite  geschoben,
so  darf  jetzt  der  zweite  —  auch  schon  von  Friedrich  Ludwig
  Jahn  geforderte  —  Teil  der  Erwerbung  #militärischer
  Werte«  nicht  übersehen  werden.

Und  derselbe  Mann,  dessen  Persönlichkeit  unter  der
Bezeichnung  des  -Turnvaters"  viel  zu  eng  gefaßt
ist,  zählte  die  Schießlunst,  neben  dem  Turnplatz  ausgeübt.
  zu  einer  der  notwendigsten  Leibesübungen.

as  Schießen  mit  der  Armbrust  und  dem  Bogen  waren
  bei  den  Rittern  des  14.  Jahrhunderts  vielgeübte
Dinge  persönlicher  Kraftäußerungen,  die  erstam  Ende
des  16.  Jahrhunderts  durch  die  allgemeine  Einführung
  der  Feuerwaffen  zurückgedrängt  wurden.  Mit
Guts  Muths  und  Jahn  zogen  die  Schießübungen
als  ein  wehrhaft  machender  Teil  ihrer  turngewaltigen
  Bestrebungen  in  den  Kreis  der  Jugenderziehung
wieder  ein.  Insbesondere  ging  ein  Lieblingsgedanke
Jahns  dahin,  das  volkstümliche  Schießen  zu  einer  vaterländischen
  Wehrübung  und  zu  einem  wichtigen
Bestandteil  der  Volksfeste  zu  machen.  Die  militärischen
Außerungen  der  Heeresverwaltung  gingen  im  Laufe
des  19.  Jahrhunderts  auf  eine  glatte  Ablehnung  des
Jugendschießens  hinaus.  Bei  der  Gründung  der  Juendkompanien

  im  August  1914  ist  vom  preußischen
riegsministerium  derselbe  Standpunkt  einer  Ausschaltung
  der  Waffe  vertreten  worden.  Ein  Fortschritt
in  dieser  Richtung  ist  während  des  Krieges  insofern  ge-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

macht  worden,  als  es  dem  deutschen  Schützenbund  und
dem  deutschen  Wehrmannsbund  gestattet  wurde,  im
Rahmen  ihrer  Vereine  landsturmpflichtige  Jugendliche
  im  Schießdienst  auszubilden.  Viele  Tausende  von
Jungmannen  haben  sich  auf  diese  Art  für  eine  durch
Kriegsverhältnisse  nur  kurz  bemessene  Ausbildungszeit
  vorzüglich  vorbereitet.  Wir  müssen  auf  die  entsprechenden
  Einrichtungen  des  Auslandes  sehr  aufmerksam
  sein,  wenn  wir  z.  B.  hören,  daß  in  Frankreich
  bisher  jährlich  14  Millionen  Franken  von  der
Regierung  für  die  Schiestausbildung  der  Zivilbevöl-=kerung
  ausgegeben  worden  sind.  Wenn  man  mit  der
schulpflichtigen  und  fortbildungsschulpflichtigen  Jugend
  nicht  so  weit  zu  gehen  braucht  wie  in  der  Schweiz.
wo  schon  die  Knaben  mit  einem  kleineren  Modell
scharf  schießen,  so  wäre  doch  gerade  für  diese  frühere
Altersstufe  das  üben  mit  der  Armbrust  oder  dem
Bogen  eine  lohnende  Stärkung  des  Armes  und  des
Auges.  Das  Armbrust=  und  Bogenschießen  könnte  in
der  anziehenden  Form  von  Wettbewerben  mit  Vorteil
in  den  Ausbildungsplan  der  Pfadfinder-,  Turn=  und
Wehrkraftvereine  aufgenommen  werden.  Sehschärfe
und  Treffsicherheit  würden  auf  diesem  Wege  als  Vorübung
  der  militärischen  Schießausbildung  bedeutend
gehoben  werden  können.

Während  in  den  Ausbildungsgrundsäten  der  militärischen
  Jugenderziehung  der  anfangs  stark  gärende
Most  allmählich  zu  klarem  Wein  geworden  ist.  konnten
  auf  dem  Gebiet  der  späteren  Organisationsmög.
lichkeiten  die  vielen  Meinungen  noch  nicht  zusammengesaßt
  werden.  Aus  einem  Erlaß  des  preußischen

iegsministeriums  vom  29.  Dez.  1916  ist  zu  erseben.
daß  sich  die  Heeresverwaltung  mit  den  Vertretern
der  deutschen  Turnerschaft  dahin  geeinigt  hat.  daß
ihre  Jugendabteilungen  zum  Zwecke  der  militärischen
Vorbereitung  den  Vertrauensmännern  unterstellt  werden
  nnen.  Bei  bestimmten  Verpflichtungen  cin
Rahmen  des  technischen  Betriebs  der  Jugendwehrerziehung,
  die  sich  nur  auf  die  Dauer  des  Kriegszustandes
  beziehen,  genießen  diese  Wehrabteilungen  eine
Reihe  von  Vergünstigungen  der  Jugendkompanien,
wie  die  Erlaubnis  zum  Tragen  der  Mütze  und  der
Armbinde,  Postgeshrenfrechen,  der  Führer.  Ausstellung
  von  Dienstleistungszeugnissen  für  Führer
und  Jungmannen  und,  was  wohl  am  zugkräftigsten
wirken  wird,  Berücksichtigung  von  Wünschen  der
Führer  und  Jungmannen  auf  Einstellung  in  einem
Truppenteil  der  Waffe,  für  die  sie  ausgehoben  sind.
Unter  denselben  Bedingungen  können  auch  bereits
bestehende  Jugendabteilungen  der  übrigen  Verbände
als  in  sich  geschlossene  Abteilungen  den  Organisationen
  zur  militärischen  Vorbildung  beitreten.  In
der  Tat  haben  sich  auf  diesem  Wege  Teile  der  konfessionellen,
  der  Sportvereine  und  einzelne  Schulen
in  den  Dienst  einer  Heeresvorschule  gestell4  indessen
alles  nur  für  die  Zeit  des  Krieges.  Eine  endgültige
Entscheidung,  ob  die  Schule,  die  Vereine  oder  das  Heer
selbst  allein  die  zukünftigen  Träger  wehrhafter  Jugendpflege
  werden  sollen,  wird  wohl  erst  aus  der  allseutt
erhofften  gesetzlichen  Regelung  beim  Eintritt  des  Friedens
  hervorgehen  können.  Aber  in  Krieg  und  Frieden
wird  die  militärische  Jugendvorbereitung  als  ein  Teil
des  gesamten  Erziehungssystems  unseres  Volkes  beider
Wertung  der  kommenden  Geschlechter  ihre  Bedeutung
erhalten,  gestützt  auf  den  Spruch,  der  sich  auf  dem  Siegesdenkmal
  in  Leipzig  findet:

„  Enkel  mögen  kraftvoll  walten.
schwer  Errungenes  zu  erhalten.
        <pb n="447" />
        Schian-Streit:  Der  Krieg  und  die  christlichen  Missionen

Literatur.  L.  Aschoff,  Die  Bebeutung  des  deutschen
  Turnens  CLeipz.  1916);  Broßmer,  Die  Jungschützenbewegung
  im  Auslande  (2„In  Körver  und  Geiste,  25.
Jahrg.,  Heft  20);  Derselbe,  Die  Wehrerziehung  in  Frankreich
  („Preuß.  Jahrbüchere,  Bd.  165,  Heft  1);  Corsep,

Die  Erziehung  unseres  Armeenachwuchses  (Erfurt  1915);  Fritz

R.  Gasch,  Jahrbuch  der  deutschen  Turnkunst  1917  (Eeh.
1917);  F.  Habbel,  Baterländische  Jugendpflege  (Regensb.

361

1916);  F.  L.  Jahn,  Deutsches  Volkstum  (Leipzig,  Meyers.
Voltsbücher);  „Richtlinien,  Erläuterungen  und  Eraänzungen,
  Anleitung  zum  Stabfechten,  Belehrungskurfus-,
Frrausgehedee  vom  preuß.  Kriegsministerium  (Berl.  1916);

uhn,  Die  militärische  Jugenderziehung  t  Bayr  uth  1916,;
«  W  inther,  Körperbildung  als  Kunst  und  Pflicht  München
  1916);  v.  Hößlin,  Zwei  Jahre  militärische  Jugenderziehung
  (das.  1916).  «

Der  Krieg  und  die  chrifklichen  Missionent

I.  Die  evangelische  Mission
von  Professor  Dr.  Martin  Schlan  in  Gießen

Keine  andere  religiöse  Arbeit  ist  durch  den  Krieg
so  hart  mitgenommen  worden  wie  die  Heidenmission.
Die  von  Deutschland  ausgehende  evangelische  Missionsarbeit
  hatte  in  den  letzten  Jahrzehnten  an  Ausdehnung
  gewonnen  und  wachsende  Erfolge  melden
können.  25  Missionsgesellschaften  verschiedener  deutscher
  evangelischer  Kirchengemeinschaften  (einschließlich
  der  Freikirchen)  mit  über  1200  männlichen  und
über  200  weiblichen  europäischen  Missionsarbeitern
waren  am  Werk;  die  Zahl  der  auf  ihren  Stationen
arbeitenden  eingeborenen  ordinierten  Geistlichen  belief
  sich  auf  mehr  als  250;  1912  konnten  sie  insgesamt
mehr  als  33000  im  Missionsgebiet  erfolgte  Taufen
von  Nichtchristen  zählen  zreichlich  60  000  Taufbewerber
standen  im  Unterricht.  Allein  die  Rheinische  Mission
zählte  etwa  200000-Christen  im  Missionsgebiet,  die
Brüdergemeine  aufihren  verschiedenen  Arbeitsfeldern
etwa  100000  und  die  Goßnersche  Mission  in  Indien
ebensoviel.  Auch  die  Zahlen  der  in  den  Missionsschulen
unterrichteten  Schüler  war  stark  im  Zunehmen;  bei
der  Baseler  Mission  betrug  sie  etwa  50000,  bei  der
Rheinischen  kaum  weniger;  aber  auch  die  Brüderemeine,

  Berlin  I  und  die  Leipziger  Mission  wiesen
tattliche  Zahlen  von  mehreren  Zehntausenden  auf.
rn  der  Heimat  war  in  der  -Deutschen  evangelischen
Missionshilfe  ein  Organ  geschaffen,  das  für  die  gesamte
  deutsche  Missionsarbeit  Interesse  wecken,  Mittel
  sammeln  und  Kräfte  mobil  machen  sollte.  Gerade
schien  es  nun  auch  so  weit  zu  sein,  daß  die  zahllosen
einzeln  arbeitenden  evangelischen  Missionsgesellschaften
  der  mannigfaltigen  Völker  und  Kirchen  untereinander
  Fühlung  gewannen  und  einigermaßen  zur
Verständigung  gelangten;  die  Edinburger  Wellmissionskonferenz
  1910,  die  Abgeordnete  fast  aller  dieser
Gesellschaften  vereinigt  hatte,  war  glücklich  gelungen.

All  diese  zukunftsfrohe,  weitverzweigte  Arbeit  ist
nun  schwersten  Erschütterungen  ausgesetzt.  Zunächst
erriß  der  Krieg  jegliche  internationale  Gemeinsamkeit.
Um  August  1914  boten  englische  Missionskreise  den
deutschen  Gesellschaften  pekuniäre  Unterstützung  für
die  Kriegstei  an;  die  beiden  Berliner  Gesellschaften
lehnten  das  Ungebot  ab  und  empfahlen  die  Zuwendung
  der  Mittel  an  die  Pariser  protestantische  Missionsgesellschaft.
  Die  Berliner  Mission  (Berlin  I)  veranstaltete
  sogar  am  21.  September  1914  eine  eigene
Kundgebung  gegen  England.  Den  Anlaß  bot  die
Tatjache,  daß  infolge  der  Haltung  Englands  die  Ausschallung
  des  Kolonialgebiets  aus  dem  Krieg  unmöglich
  war  und  somit  auch  die  Missionsgegenden  in  ihn
hineingezogen  wurden.

1  Abgeschlossen  Ende  Juli  1917.

Dadurch  ist  nun  auch  die  Missionsarbeit  selbst  vielfach
  hart  etrofen  worden.  Tatsächlich  blieb  nur  in
wenigen  Gebieten  (Amerika,  China  außer  den  deutschen
  und  englischen  Kolonien.  Grönland  und  Hollindisch-Indien)
  die  deutsche  Mission  unberührt.  Reichlich
  ein  Drittel  aller  deutschen  evangelischen  Missionsarbeiter
  (593  von  1637)  wirkte  bei  Kriegsausbruch  in
englischen  Kolonien,  ein  weiterer  erheblicher  Teil  in
den  besonders  schwer  geschädigten  deutschen  Schutzgebieten;
  ebenso  arbeiten  in  letzteren  englische  Missionare.
  Die  Lage  der  Missionen  ist  in  den  einzelnen
Ländern  je  nach  den  besonderen  Bedingungen  verschieden.
  Von  den  deutschen  Missionen  in  deutschen
Schutzgebieten  arbeiteten  die  in  Deutsch-Ost.
afrika  ruhig  weiter,  solange  sich  die  Kclonie  gegen
den  Einbruch  feindlicher  Truppen  schützen  konnte.
Als  große  Teile  des  Landes  dem  Feind  überlassen
werden  mußten,  verfuhr  dieser  mit  den  deutschen  Missionen
  nicht  gleichmäßig.  Im  Nordosten  konnte  ein
Teil  der  Miskonsorbeiter  auf  den  Stationen  bleiben
und,  wenn  auch  unter  Beschränkungen,  die  Arbeit  fortsetzen.
  Dagegen  führten  die  Belgier  im  Nordwesten
die  Missionare  mit  ihren  Familien  in  Gefangenschaft;
sie  mußten  die  höchst  beschwerliche  Reise  durch  den
Kongostaat  machen  und  wurden  dann  nach  Europa
verbracht.  Die  deutsche  Regierung  forderte  ihre  Auslieferung
  und  gab  dieser  Forderung  Sommer  1917
durch  Vergeltungsmaßregeln  Nachdruck.  Am  härtesten
  litt  die  deutsche  Mission  im  Njassagebiet;  die
Stationen  wurden  in  Militärlager  verwandelt,  die
Missionare  in  Gefangenenlager  verbracht.  Englische
Missionsgesellschaften  beigen  Neigung-  in  die  verwaisten
  Stationen  einzuziehen.  Die  in  Deutsch-Ostafrika
  wirkenden  englischen  Missionare  konnten  anfangs
  mit  geringen  Einschränkungen  weiterarbeiten;
dann  sind  sie  interniert  gewesen,  bis  die  Belgier  Anfang
  1916  dieses  Gebiet  besetzten.  —  In  Kamerun
haben  die  Engländer  die  Tätigkeit  der  Baseler  und
der  deutschen  Baptistenmission  fast  völlig  aufgehoben;
nur  je  ein  Missionar  dieser  beiden  Gesellschaften  konnte,
weil  nicht  Reichsdeutscher,  weiterarbeiten;  die  Missionsleute
  einschließlich  der  Frauen  wurden  schandbar
behandelt,  gefangengesetzt,  dann  nach  England  verbracht;
  Frauen  und  ordinierte  Missionare  sind  dort
später  freigelassen  worden.  Die  Stationen  wurden
der  Plünderung  preisgegeben.  Die  Gemeinden  sind
jetzt  dort  größtenteils  eingeborenen  Helfern  überlassen.
—  In  Togo  liegen  die  Dinge  nach  neueren  Nachrichten
  nicht  ganz  so  schlimm,  wie  man  anfangs  annahm.
  Die  Baseler  Missionare  mußten  weichen;  von
den  Bremern  konnte  ein  Teil  bleiben;  eingeborene
Prediger  traten  in  stärkerem  Maße  in  die  Arbeit  ein.
—  In  Deutsch-Südwestafrikoa  konnte  die  Arbeit
auf  einer  Anzahl  nicht  im  Kampfgebiet  gelegener
Stationen  fortgeführt  werden;  die  Stationen  im  Süden
  dagegen  sind  schwer  mitgenommen  worden.  Die
Missionare  kamen  zum  Teil  in  englische  Gefangen-
        <pb n="448" />
        362

schaft;  nach  Beendigung  des  Kriegszustandes  ließ  man
sie  aber  auf  ihre  Arbeitsfelder  zurückkehren.  Auf  einer
Station  (Rehoboth)  haben  die  früher  treu  zur  deutschen
  Regierung  haltenden,  im  Krieg  aufsässig  gewordenen
  Bastards  die  Missionshäuser  ausgeraubt.
Die  Barmer  Mission  konnte  hier  während  der  Kriegszeit
  4000  Taufen  vollziehen.  —  In  Tsingtau  haben
die  Missionsarbeiter  zum  Teil  in  den  deutschen  Reihen
  Waffendienst  geleistet;  diese  sind  jetzt  in  japanischer
Gefangenschaft.  Ein  Missionar  des  Allgemeinen  evangelisch
  proteslantischen  Missionsvereins,  der  zugleich

farrer  der  dortigen  deutichen  Gemeinde  ist,  hat  nach
dem  Fall  Tsingtaus  dort  bleiben  und  die  Schularbeit,
soweit  die  Gebäude  imstande  geblieben  waren,  wieder
  aufnehmen  können.  An  den  evangelischen  Krankenhäusern
  hat  die  Beschießung  schweren  Schaden  anerichtet;

  in  beschränktem  Maße  wird  auch  die  Ho-Fonaltätkgtein
  aufrechterhalten.  Die  Berliner  Mission
arbeilet  ebenfalls  weiter.  —  Aus  den  deutschen  Kolonien
  in  der  Südsee  meldeten  anfäng'iche  Nachrichten,
daß  fast  alle  deutschen  Missionare  haben  an  Ort  und
Stelle  bleiben  dürfen  und  in  ihrer  Arbeit  nur  geringen
Beschränkungen  unterlagen.  Später  haben  die  Se.
paner  die  Arbeit  erheblich  beschränkt,  auch  Missionare
entfernt.  In  Deutsch-Neuguinea  arbeiten  die  Missionare
  anscheinend  fast  ohne  Störung.  Die  Rheinische
  Mission  scheint  sogar  gerade  jetzt  dort  einen  erfreulichen
  Aufschwung  zu  erleben.

Für  eine  ruhige  Fortführung  der  deutschen  Arbeit
in  den  vom  Krieg  nicht  bedrohten  englischen  Kolonien
  hatten  Missionskenner  die  günstigsten  Hoffnunen

  gehegt;  sie  sind  durch  die  Ereignisse  gründlich  und
chmerzlich  enttäuscht  worden.  üÜber  die  Lage  in  der
Südafrikanischen  Unionlauteten  die  Nachrichten
anfangs  widersprechend;  später  zeigte  sich,  daß,  von
gewissen  Einschränlungen  abgesehen,  die  deutschen
Missionen  weiterarbeiten  durften;  doch  scheint  die  Leitung
  der  Schulen  den  Missionen  entzogen  zu  werden.
Aus  Britisch-Ostafrika  sind  die  deutschen  Missionare
  mit  ihren  Familien  nach  Indien  verbracht  worden;
  dort  sind  sie  interniert  worden.  An  der  Goldküste
  hat  das  Verfahren  der  Engländer  Schwankungen
  durchgemacht;  schließlich  hat  man  die  reichsdeutschen
  Missionsleute  nach  England  gebracht  und  dort
einen  Teil  freigegeben.  Dagegen  kann  die  Baseler
Mission  ohne  allzu  große  Sibeungen  weiterarbeiten.
Rücksichtslos  scheint  die  englische  Regierung  in  Indien
  verfahren  zu  sein.  Anfangs  beließ  man  dort
die  Missionsarbeiter  auf  ihren  Stationen,  stellte  sie
nur  unter  Aufsicht.  Im  Winter  191.4/15  aber  sind
die  im  wehrpflichtigen  Alter  stehenden  Missionare
meist  gefangengesetzt  worden.  Die  übrigen  Missionsleute
  scheinen  zunächst  meist  unbehelligt  geblieben  zu
sein;  teilweise  scheinen  auch  die  Familien  bald  interniert
  worden  zu  sein.  Von  welchen  Grundsätzen  sich
die  englische  Regierung  bei  diesen  Maßregeln  hat  leiten
  lassen,  ist  nicht  deutlich  erkennbar;  es  sind  eine
ganze  Reihe  verschiedener  deuticher  Missionsgesellschaften
  beleiligt,  deren  Stationen  nicht  gleichmaßig
behandelt  worden  zu  sein  scheinen;  auch  stammen  die
Nachrichten  aus  verschiedenen  Zeiten.  also  vielleicht
auch  aus  verschiedenen  Phasen  des  englischen  Vorgehens.
  Im  Laufe  des  Jahres  1915  sind  dann  auch
alle  nicht  wehrpflichtigen  deutschen  Musionsangehörigen,
  einschließlich  der  Frauen  und  Kinder,  interniert
worden.  Während  die  im  wehrpflichtigen  Alter  (sogar
  bis  zu  55  Jahren!)  stehenden  nichtordinierten
Missionsarbeiter  in  Gefangenschaft  verblieben,  wur-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

den  die  anderen  später  nach  mehrfachem  Hin  und  Her
nach  Europa  zurückgeschickt,  wo  sie  1916  ankamen.
Die  Baseler  Missionare,  soweit  sie  Schweizer  waren,
durften  ihre  Arbeit  fortsetzen;  ihre  Zuhl  ist  gering.
Die  Arbeit  der  Leipsiger  Mission  im  Tamulenland
ist  in  die  Hände  einer  schwedischen  Missionsgesellschaft
übergegangen.  Die  Arbeit  der  Herrnhuter  in  Labrador
  hat  man  bestehen  lessen.  Aus  Hongkong
wurden  alle  deutichen  Missionsleute  entfernt,  ebenso
aus  Vorneo  zwei  Baseler  Missionare.

Merkwürdigerweise  ist  die  Lage  der  deutschen  Missionen
  in  Japan,  das  doch  auch  mit  Deutschland  im
Kriege  liegt,  bedeutend  besser  als  in  den  mieisten  Kolonien
  des  christlichen  Englands,  das  stets  an  der  Spitze
des  Missionswerksmarschierte.  Der  Allgemeine  evangelisch-protestantische
  Missionsverein  durfte  seine  Arbeit
  genau  wie  im  Frieden  fortführen,  einschließlich
des  deutschen  Sprachunterrichts;  es  wurde  sogar  berichtet,
  daß  die  Regierung  die  Weiterarbeit  wünsche.
Im  Laufe  des  Jahres  Uplß  ist  aber  die  Bewegungsfreiheit
  der  deutschen  Missionare  sehr  eingeengt  worden.
  Die  japanischen  Pastoren  im  Dienst  der  deutschen
  Mission  arbeiten  mit  Erfolg  weiter.

Am  schwersten  von  allen  deutschen  Missionsgesell.
schaften  ist  die  Baseter  betroffen,  die  ihre  Stationen
unter  anderm  in  Indien,  Togo,  Kamerun  und  an
der  Goldküste  hat.  Sie  berechnete  im  März  1915,  daß
von  ihren  Stationen  als  Zivi  gefangene  entfernt  waren
  272  Personen  (Indien  152,  Kamerun  77.  Goldküste
  43).  Freigegeben  waren  von  den  nach  England
verbrachten  62;  interniert  blieben  214;  später  erfolgten
  weitere  Freigebungen.  Soweit  diese  Gesellschaft
Missionsarbeiter  schweizerischer  Nationalität  hat.
durfte  sie  ihre  Arbeit  meist  fortsetzen.  1916  forderte
aber  die  englische  Regierung,  daß  auch  aus  der  Leitung
  der  Gesellschaft  alle  Personen  entfernt  werden
sollten,  die  nicht  geborene  Schweizer  sind,  und  zwar
auch  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege.  Das  n  sie  zwur
abgelehnt,  aber  sie  hat,  um  ihre  Arbeit  in  Indien  und
auf  der  Goldküste  zu  retten,  diese  Zweige  an  einen  in
Bern  nur  aus  Schweizern  gebildeten  Missionsausschuß
  abgetreten,  während  sie  selbst  sich  einstweilen
auf  China  beschränken  wird.

Für  die  Missionsarbeit  in  türkischem  Gebiet  säll
schwer  ins  Gewicht,  daß  die  Türkei  im  Dezember  1914
die  fremden  Schulen  und  Hospitäler  der  Staatsaufssicht
unterstellt  sowie  die  religiöse  Belehrung  der  in  ihnen
aufgenommenen  Andersgläubigen  verboten  hat;  Neugründungen
  wurden  nur  für  Orte  mit  stärkerer  fremder
  Bevölkerung  zugelassen.  Diese  Maßnahmen  deuict
ein  genauer  Kenner  Palästinas  (Dalmang)  so,  daß  sie
jede  fortschreitende  fremde  religiöse  Tätigkeit  noch
Kräften  unterbinden  sollen.

Auch  die  Missionsarbeit  in  der  Heimat  ist  durch
den  Krieg  höchst  ungünstig  beeinflußt,  vielfach  fan
lahmgelegt  worden.  Da  die  Zöglinge  der  Messions
seminare  meist  im  wehrpflichtigen  Aller  tanden  muß
ten  sie  alsbald  zu  den  Wuffen  einrücken;  die  Missions
seminare  wurden  ganz  oder  teilweise  geschlossen.  Auch
die  in  der  Heimat  weilenden  Missionare.  für  die  binsichtlich
  der  Wehrpflicht  keinerlei  Ausnahmebestm.
mung  besieht,  tragen  die  Waffen  oder  stehen  un  Lazareltdienst.
  Die  Missionsgaben.  auf  welche  die  Anstalten
angewiesen  sind,  sanken  bedeutend;  im  August  1911
hatte  z.  B.  die  Baseler  Mission  einen  Aussall  von  4.
Proz.,  in  den  beiden  folgenden  Monaten  nur  nou
einen  solchen  von  16  Proz.  Die  meisten  Missions
gesellschaften  haben,  weil  die  Berichte  aus  den  Mt
        <pb n="449" />
        Schian-Streit:  Der  Krieg  und  die  christlichen  Missionen

sionsgebieten  nicht  vorlagen,  keine  endgilltige  Ubersicht
über  das  Verhältmis  von  Einnahmen  und  Ausgaben
in  diesen  Jahren  aufstellen  können;  mit  sehr  erheblichen
  F'hibeträgen  müssen  aber  sast  alle  rechnen.
Aus  der  Ve  minderung  der  Einnahmen  ergab  sich  die
Notwendigkeit,  die  Zahl  der  he  mischen  Angestellten
nach  Möglichkeit  zu  verringern;  die  Theologen  übernahmen
  zum  Teil  pfarramtliche  Tätigkeit.  Die  Missionshäuser
  wurden  vielfach  Lazoretteo  er  Erholungsheime.
  Die  Ve.  bindung  zwischen  Heimatanstalt  und
Missionsstationen  ist  bei  fast  allen  Gesellschaften  nahezu
  abgeschnitten.  Die  6.  Herrnhuter  Missionswoche
konnie  vom  11.—  15.  Oktober  1915  mit  287  auswärtigen
  Besuchern  lagen;  fast  alle  deutschen  Missionsgesellschaflen
  und  Mussionskonferenzen  waren  vertreien
  Mährend  des  Krieges  konnte  ein  Osterreichischer
  Hauptverein  für  evungelische  Heidenmissionneu
  g.g.  ündet  werden.

Erwähnung  verdient,  daß  die  Missionsgesellschaften
  ihre  internationalen  Beziehungen  nach  Kräften  in
den  Dienst  der  Verbreitung  der  H.  orhe  im  Auslande,
  der  Bemühungen  um  den  Gefangenenaustausch
und  der  Gesangenenfürsorge  gestellt  haben.  Die  1913
gegründete  =  Deutsche  Evangelische  Missionshilser  hat
ihre  Tänigkeit  im  Krieg  fortgesetzt  und  bei  diesen  Vermittlungsdiensten
  Hilfe  leisten  können.  Im  Herbst
191  5haben  sich  auch  Vertreter  der  evangelischen  Mussionen
  an  einer  dem  Reichskanzler  üb#rreichten  Eingabe
beteiligt,  die  den  Sorgen  und  Wünschen  in  der  Frage
des  Schicksa's  der  Armenier  in  der  Türkei  Ausdruck
gab.  Der  Reichskunzler  erwiderte.  er  werde  alles,  was
in  seiner  Macht  stehe,  iun,  um  diesen  Wünschen  Rechnung
  zu  tragen.

In  der  Össentlichkeit  ist  unter  der  Einwirkung  des
Krieges  alsbald  die  Fraue  erörtert  worden,  ob  sich
nicht  die  künftige  deutsche  Missionsarbeit  mehr  als  bisher
  oder  ganz  auf  deutsche  Gebiele  konzentrieren  oder
sich  doch  aus  englischem  Gebiel  zurückziehen  solle  (z.  B.
in  den  „Münchner  Neuesten  Nachrichten-,  1914,  Nr.
489).  Dabei  wurde  vor  allem  darauf  hingewiesen,
daß  die  Mittel,  die  durch  die  Mission  bisher  englischen
Kolonien  zugute  gekommen  waren,  besser  deutschen
Schutzgebieten  zuzuführen  seien.  Wahrscheinlich  ist
auch,  deß  die  deutschen  Missionare  in  englischem  Gebiet
  nach  Friedensschluß,  wenn  überhaupt,  so  nur
unter  groszen  Hemmungen  ihre  Arbeit  werden  aufnehmen
  können.  Eine  stärkere  Kon  zentrierung  auf
die  deutschen  Gebiete  wäre  zu  begrüszen;  doch  ist  zu
erwägen,  daß  jahr  zehntelange  mühsame  und  verlust.
reiche  Arbeit,  die  das  Vertrauen  der  Bevölkerung  allmählich
  gewonnen  hat,  unmöglich  allein  aus  polilischen
  Gründen  aufgegeben  werden  kann.

Die  Schilderung  hat  sich  auf  die  deutschen  Missionen
  beschränkt,  unter  Einbe  f#ehung  der  zu  einem  gulen
  Teile  #leichfalls  mit  Deutschen  besetzten  Baseler
Mission.  Sie  hat  nur  das  Schicksal  der  Arbeit  in  den
Gebieten  der  kriegführenden  Lander  berücksichtigt.  Zur
C  gänzung  mumn  fest  lestellt  werden,  daß  die  deulschen
Missionen  in  den  Kolonien  neutraler  Länder  wie  in
anderen  bisher  vom  Rrieg  nicht  beiroffenen  Gebieten
ihren  Gung  we  ter  gehen.  Nich  einer  Bereihnung
von  Anfang  1917  standen  noch  eiwa  1000  deutsche
Missionare  auf  ihren  Plätzen.  Ebenso  ist  die  Mission
  neutraler  Länder  (abgesehen  von  der  Baseler)
in  der  Hauptsache  ungehemmt  neblieben;  und  die  englischen
  und  ame.  ikanischen  Gesellschaften  konnten  ihre
Arbeil  fast  ginz  (Deulsch-Ostafrila)  ohne  Störung
jortietzen;  das  Missionsleben  Nordamerikas  hat  sogar

363

einen  beträchtlichen  Ausschwung  erlebt.  Gesellschaften
  dieser  Länder  schicken  sich  an,  in  die  deutsche  Arbeil
  einzurücken.

Literatur.  J.  Richter,  Die  Mission  in  dem  gegenwärtigen
Welikrieg  (Berl.n-Lichterfelde  1915);  Derselbe,  Der  deutsche
Krieg  und  die  deutsche  evangelische  MissionGlitersloh  1915);
A.  W.  Schreiber,  Die  Wirkungen  des  Weltkrieges  auf  die
deutschen  Missionsgesellschaften  (Leipz.  1015);  W.  Studemund,
  Der  Weltkrieg  und  die  deutsche  evangelische  Mission
  Schwerin  i.  M.  1915);  C.  Mirbt,  Das  Auslanddeutschtum
  und  die  christlichen  Missionen  in  dem  gegenwärtigen
  Weltirieg  (?Internalionale  Monatschrift-,  9.  Jahrg.,
Hest  9);  (Die  deutsch  =  evangelische  Heidenmission  während
des  Krieges=  (in  der  -Chronik  der  chr.  stichen  Welt-,  1915,
Nr.  22);  A.  Gsell,  Die  Baseler  Mission  im  Weltkrieg  (in
„Deulsch-Evangelisch-,  1915,  Heft  5);  C.  J.  Boskamp,
Aus  dem  belagerten  Tsingiau  (Berl.  1915);  W.  Stark,
Das  Martyrium  der  evangelischen  Missionare  in  Kamerun
1914  (Berlin-Steglitz  1915);  A.  W.  Schreiber,  Kameruner
  Kriegserlevnisse  in  deutscher  und  enal.scher  Beleuchtung
  (Giünersloh  1916);  G.  Dalman,  Christentum  und
Mission  in  Paläsuna  und  ihre  Lage  im  Kriege  iuum  1#  PaO
lasimajahrbuch  des  deutschen  evangelschen  Instituts  für
Altertumswissenschaft  des  Heiligen  Landes-,  11.  Jahrg.,
Berl.  1915,  S.  118  ff.);  J.  Würz,  Menschengedan  en  und
Gottesgedanken  über  die  Mission  im  Welttriege  Gürersloh
1915);  A.  Hauck,  Evangelische  Mission  und  deutsches  Christen:
  um  das.  1916);  L.  J.  Frohnmeher,  Die  Stellung
der  britischen  Regierung  zur  Mision  in  Indien  kdas.  1916/;
F.  Kammerer,  Die  deutsche  Mussion  im  Weltkrieg  Stuttg.
1916);  R.  Grundemann,  Unser  heimatliches  Missionswesen.
  Anhang:  Der  Krieg  und  die  Mission  (Leipz.  1916);
C.  Mirbt,  Die  evangelische  Mission  Deutschlands  unter
dem  Druck  des  gegenwärtigen  Weltkrieges  Berlen  Steglitz
1917);  „Jahrbuch  der  vereinigten  deutschen  Missionskonferenzen
  1917.,  herausgegeben  von  J.  Richter  und  E.
Strümpfel  (Berl.  1917);  J.  Witte,  Das  Kriegsschicksal
der  deutsch  =  evangelischen  Mission  (2  Die  chrifiliche  Welt-,
1917,  Spalte  443  ff.  und  467  ff.);  serner  die  Berichte  aller
Missionggesellschaften.

II.  Die  katholischen  Missionen
von  Robert  Streit.  O.  M.  1.

Welches  ist  die  Lage  der  katholischen  Missionen?
Werfen  wir  zunächst  einen  Blick  auf  die  deutschen
Kolonien.

Die  katholische  Mission  hatte  vor  dem  Ausbruche
des  Krieges  in  den  deutschen  Kolonialgebieten  1250
europäische  Missionare,  2250  eingeborene  Missionshelfer,
  170000  Neuchristen,  60  000  Katechumenen
und  35000  Jahrestaufen,  dazu  an  2000  Schulen
mit  115000  Schülern.  Diesen  erblühenden  Missionsfrühling
  hat  der  koloniale  Raubzug  unserer  Feinde
mit  ruuher  Hand  gebrochen.

Die  Kolome  Togo  war  schon  Ende  August  1914
in  seindlichen  Besitz  gekommen.  Den  Westen  nahm
der  Engländer,  den  Osten  der  Franzose.  Die  Steyler
Mi  sionegesellschaft  mußtte  an  erster  Stelle  die  Wirkungen
  des  Weltkrieges  verspüren.  Verschiedene  Missionsftationen
  wurden  beschädigt.  In  Tsewie  muszten
  die  PP.  Klasst  und  Bode  nach  Lome  wandern;
die  Eugländer  nahmen  das  Silber  der  Mission  weg;
in  einer  Schule  zerichlugen  mohammedanische  Soldaten
  Kruzisix  und  Heili  zenbilder.  In  Pa'ime  wur.
den  sämlliche  Deutsche  auf  der  Station  interniert,  und
selbst  der  Zutritt  zur  Kapelle  war  verbolen,  bis  die
Negerfrauen  an  einem  Sonntagmorgen  den  Glockenturm
  erstürmten,  worauf  ein  Pater  auf  der  Verand.
zelebrieren  durfte.  Die  l'P.  Wolf  und  Miinch  von
Anecho  wurden  als  Gefangene  nach  Duihome  de
schlept.  L.  Theisen  von  Kpandu,  der  den  deutsohen
Bezirksamtmunn  vor  dem  überfall  gercttet  hatle  und
        <pb n="450" />
        364

von  den  räuberischen  Fetischleuten  als  deutschfreundlich
  denunziert  worden  war,  wurde  dann  über  Lome
nach  England  gebracht,  von  wo  er  im  Februar  in  die
Heimat  zurückkehren  durfte.  Im  allgemeinen  milderte
  sich  später  in  dem  von  Enpland  besetzten  Westen
die  Härte  der  Behandlung,  dank  der  Verwendung  des
Gouverneurs  Clifford  von  der  Goldküste,  eines  Iren.
Viel  mehr  gehemmt  ist  die  Missionstätigkeit  im  östlichen,
  von  den  Franzosen  besetzten  Gebiete.  Hier  sind
die  Missionsschulen  geschlossen,  die  Missionare  in
ihrem  Unterrichte  auf  die  Katechese  beschränkt,  und  der
Krankenbesuch  ist  an  eine  besondere  behördliche  Erlaubnis
  gebunden.

Ungleich  schlimmer  hausten  die  Franzosen  in  Kamerun.
  Ende  September  fiel  Duala  den  Verbündeten
  in  die  Hände.  Die  Hauptstation  der  Pallottinermission
  wurde  von  den  Franzosen  in  Beschlag
genommen,  die  Kathedrale  in  einen  Pferdestall  verwandelt,
  der  Rest  der  Missionsgebäude  ausgeplündert.
  Auf  der  Missionsstation  Edea  wurden  alle  Türen
  und  Schlösser  erbrochen,  alles  durchstöbert  und
ausgeraubt.  In  der.  Kirche  hausten  die  Unholde
bestialisch.  Der  Materialschaden  für  Edea  beläuft  sich
allein  auf  80000  Mark.  Brutal  war  auch  die  Behandlung
  des  Missionspersonals,  das  schließlich  nach
Fernando  Po  überführt  wurde.  Ahnliche  Auftritte
spielten  sich  auch  auf  den  Übrigen  Missionsstationen
ab  Engelberg,  Victoria,  Marienberg,  Einsiedeln,
Kridi,  Batanga,  Illasson,  Dschang).  Von  den  14
Hauptstationen  der  Pallottiner  blieben  nur  3  unversehrt;
  120  von  den  204  Missionsschulen  sind  geschlossen,
  20000  Katholiken  ohne  Priester,  116  eingeborene
Gehilfen  ohne  Leitung  und  Unterhalt.  —  Nicht  viel
besser  erging  es  den  beiden  neuen  Kamerunmissionen
der  Sittarder  Priester  vom  Heiligen  Herzen  und  der
VBäter  vom  Heiligen  Geist  im  Norden  und  Süden  Kameruns.
  Auch  hier  wurden  die  Missionare  gefangengenommen
  und  in  das  Gefängnis  von  Lagos  (Britisch-Nigeria)
  abgeführt.

Außerst  spärlich  sind  die  Nachrichten  über  das  Schicksal
  der  katholischen  Mission  in  Deutsch-Südwestafrika.
  Soweit  möglich,  versuchten  hier  die  Missionspatres
  auf  ihren  Stationen  auszuharren.  Wieweit
  ihnen  dies  nach  der  Besetzung  des  Landes  durch
die  Engländer  noch  gestattet  wurde,  darüber  fehlen

jede  Nachrichten.  Besonders  ungewiß  erscheint  das  i

Los  der  im  hohen  Nordosten  gelegenen  Okavango-Mission.
  Im  Süden,  den  die  Oblaten  des  heiligen
  Franz  missionieren,  wurden  die  Missionare
als  Kriegsgefangene  nach  dem  Konzentrationslager
in  Pietermaritzburg  (Natal)  gebracht.

Günstiger  ist  die  Missionslage  in  Deutsch-Ostafrika.
  Die  Benediktiner  von  St.  Ottilien
im  Vikariat  Daressalam  und  in  der  Präfektur  Lindie
bemühen  sich,  den  Missionsbetrieb  aufrechtzuerhalten.
  Die  Werkstätten  sind  allerdings  geschlossen,  da
die  Missionsbrüder  einberufen  wurden.  Alle  Bauten
und  sonstigen  größeren  Arbeiten  mußten  eingestellt
werden,  und  einige  Schulen  wurden  geschlossen.  —
Ahnlich  ist  die  Lage  der  Missionen  der  Bäter  vom
Heiligen  Geiste  in  den  Vikariaten  Bagamoyo  und
Kilimandscharo.  Die  Missionstätigkeit  konnte,  wenn
auch  in  beschränktem  Maße,  fortgeführt  werden.  —
Auch  die  Missionen  der  Weißen  Väter  in  den  Vikariaten
  Südnyanza,  Unjanjembe,  Tanganjika  und
Kiwu  hatten  bis  jetzt  wenig  unter  den  Kriegsereignissen
  zu  leiden.

Viel  menschlicher  als  in  den  afrikanischen  Kolonien

IV.  Kultur  und  Geistesleben

gestaltete  sich  das  Schicksal  der  Missionare  und  Missionen
  in  der  deutschen  Südsee.  Die  Steyler  Mission
  auf  Kaiser-Wilhelms--Land  darf  nach  wie
vor  unbehelligt  ihren  Aufgaben  nachgehen.  Nur  der
wirtschaftliche  Betrieb  ist  in  Mitleidenschaft  gezogen.
da  die  meisten  einheimischen  Arbeiter  ausrissen.  Auch
mußten  sämtliche  Internate  geschlossen  und  die  Kinder
entlassen  werden.  —  Große  materielle  Not  ist  in  der
Mission  der  Hiltruper  Missionare  vom  Heiligen  Herzen
auf  Neupommern  eingetreten.  Das  große  Missionssägewerk
  in  Torin  steht  still,  und  die  kurz  vor
Kriegsausbruch  ausgelaufenen  Kopraladungen  der
Mission  wurden  von  englischen  Kriegsschissen  beschlagnahmt.—
  Auf  den  Nordsalomonen  und  auf  Samoa
  befindet  sich  die  Mission  der  Maristen  von  Meppen
  in  gleicher  materieller  Notlage.  Die  Ende  Auguit
geschlossenen  Schulen  wurden  später  wieder  geöffnet.
—  Auch  auf  den  Marshallinseln  mußte  die  Hiltruper
  Mission  schweren  Herzens  ihre  Internatsschulen
  schließen,  da  die  Mittel  zum  Unterhalt  ausgingen;
doch  blieb  das  Missionspersonal  von  den  Japanern
unbehelligt.  —  Desgleichen  benahmen  sich  die  Japaner
  auf  den  Karolinen  gegen  die  Kapuzinermissionare
  sehr  korrekt.

Schwere  Tage  bereitete  der  Krieg  der  Steyler  Mission
  in  Deutsc-China.  Bei  der  Mobilmachung
eilten  die  deutschen  Missionare  herbei,  um  ihre  Dienste
anzubieten,  doch  behielten  die  meisten  auf  Anweisung
des  Gouverneurs  ihre  Missionsposten.  Im  ganzen
waren  86  katholische  Missionare  (10  Steyler  aus  Südschantung,
  6  Franziskaner  aus  Nordschantung,  4
Benediktiner  aus  Korea  und  16  Franziskanerinnen)
bei  der  Verteidigung  Tsingtaus  im  Dienste  des  Vaterlandes
  tätig.  Die  anfangs  schwer  geschädigte  Mission
der  Steyler  Patres  in  Tsingtau  und  Kiautschou  hat
aber  wieder  volle  Bewegungsfreiheit  erhalten.

So  ist  das  Bild  von  der  Lage  der  katbolischen  Mis.
sionen  in  den  deutschen  Kolonien  ein  recht  verschiedenartiges.
  Am  meisten  haben  jene  Missionen  zu  leiden,
die  in  französischen  Besetzungsgebieten  liegen,  wie
Kamerun  und  Ost-Togo.  Die  französische  Brutalität
gegen  alles  Heilige  und  Deutsche  ohne  Gegenstück
geblieben.  Glimpflicher  verfuhr  der  Engländer.  Nach
rücksichtsloser  Härte  im  Anfang  scheint  ihm  später  die
ruhige  Besonnenheit  wiedergekommen  zu  sein.  So
in  West-Togo  und  Deutsch-Südwestafrika.  Ungleich
nobler  als  beide  benahm  sich  aber  der  Japaner.  Er
achtete  im  ganzen  Freiheit  und  Eigentum.  Am  günstigsten
  gestaltete  sich  noch  die  Lage  der  Mission  in
Ostafrika.  In  allen  Missionsgebieten  aber  ist  großer
materieller  Schaden  und  Schaden  ideeller  Natur  entstanden;
  der  Einfluß  des  Krieges  auf  Geist  und  Gemüt
  der  Eingeborenen  ist  in  seinen  schädlichen  Folgen
noch  gar  nicht  abzusehen.

In  den  englischen  Kolonien  an  der  afrikanischen
  Westküste,  in  Benin  und  Nigeria,  wurden  zahlreiche
  Patres  interniert,  ebenso  in  Südafrika,  wo  die
deutschen  Missionare  in  Pietermaritzburg  gefangengesett
  wurden;  die  deutschen  Patres  Britisch-Ostafrikas

rachte  man  als  Kriegsgefangene  in  das  indische  Lager
Ahmednagar,  die  Missionare  von  Assuan  nach  Alexandrien.
  Die  anfänglich  allenthalben  geübte  Härte
wurde  später  getnildert;  doch  bleiben  diese  deutschen
Missionskräfte  mehr  oder  weniger  für  den  Missions.
betrieb  lahmgelegt.  —  In  Brilisch-Indien  schien  die
englische  Kolonialbehörde  anfangs  recht  milde  vorzuchen.
  Doch  folgten  bald  sehr  strenge  Maßregeln.
lus  der  deutschen  Jesuitenmission  von  Bombay  wur-
        <pb n="451" />
        Schian:  Der  Krieg  und  der  Vatikan

den  22  Mitglieder  als  Kriegsgefangene  in  das  Konzentrationslager
  von  Ahmednagar  gebracht.  13  andere
  in  das  von  Khandale.  Gleich  den  Jesuiten  wurden
  auch  die  deutschen  Salvatorianer  in  Assam  als
Kriegsgefangene  erklärt.  Auf  Ceylon  wurden  17
deutsche  Oblaten  als  Kriegsgefangene  in  Degatalanja
von  der  Außenwelt  gänzlich  abgesperrt  und  mußten
hier  ein  Jahr  unter  den  glühenden  Sonnenstrahlen  in
den  Eisenblechbaracken  schmachten;zerst  Juni1915  wurden
  sie  nach  Australien  geschafft  und  1916  nach  Amerika
  entlassen.  In  den  übrigen  englischen  Kolonialgebieten
  scheinen  Belästigungen  unterblieben  zu  sein.

Einen  schweren  Schlag  erlitten  die  französischen
katholischen  Missionen  in  den  französischen  Kolonien.
  Der  Mobilisationsbefehl  riß  tiefe  Lücken  in
die  Reihen  der  Missionare.  Überall  stehen  die  Missionsgemeinden
  verwaist,  die  Neuchristen  sind  sich
selbst  überlassen,  die  Schulen  geschlossen.  In  allen
französischen  Missionen  finden  wir  dasselbe  traurige
Bild.  Um  so  größer  ist  aber  der  Schaden  der  katholischen
  Missionen,  als  französische  Missionare  in
überwiegender  Anzahl  auch  in  den  übrigen  Missionsgebieten
  tätig  waren.  Aus  der  Ugandamission  der
Weißen  Väter  wurden  46  französische  Missionare
ihrem  Arbeitsfelde  entrissen,  aus  Abessinien  und  aus
den  Missionen  am  Nildelta  43,  aus  dem  der  Pariser
Missionsgesellschaft  anvertrauten  Japan  60,  aus  Korea
  im  nördlichen  Vikariat  Söul  14  Patres,  in  der
Südmission  Taiku  der  apostolische  Vikar  selbst  mit  den
meisten  seiner  Missionare.  Das  chinesische  Arbeitsfeld
büßte  nicht  weniger  als  300  Mitssionspriester  ein,  Siam
und  Malakka  25,  die  Erzdiözese  Pondichery  14  Missionare.
  Geradezu  verhängnisvoll  wurde  der  Weltkrieg
aber  der  katholischen  Mission  im  Orient,  wo  164  französische
  Missionare  an  einem  Tage  das  Missionsfeld
verließen.  Um  so  unbegreiflicher  ist  es,  wie  die  Mehrzahl
  der  einberufenen  Missionsleute  mit  hellem  Jubel
ihre  Missionen  verlassen  konnten,  um  unter  die  französischen
  Fahnen  zu  eilen.

Noch  unheilvoller  und  nachhalliger  sind  aber  die
Wunden,  die  der  Weltkrieg  dem  heimatlichen  Mis.
sionsleden  geschlagen  hat.  Geradejene  Länder,  welche
die  Hauptlasten  der  Missionspflicht  an  Berufen  und
an  materieller  Unterstützung  bisher  trugen,  sehen  wir
in  den  Kampf  verwickelt.  Die  zahlreichen  katholischen

365

Missionshäuser  in  Deutschland  sind  in  Lazarette  umewandelt.
  Die  studierende  Jungmannschaft  und  die
zrüder  sind  zu  den  Waffen  einberufen,  die  übrigen

Missionskräfte  stehen  meist  im  Dienste  des  Roten

Kreuzes  und  der  Malteser.  Auch  die  katholische  Mission

  hat  ihre  Blutsteuer  entrichten  müssen.  Am  1.  Januar

  1917  standen  im  Dienste  des  Vaterlandes  4129

Missionsleute  (623  Patres,  1757  Alumnen,  1749

Brüder).  Gefallen  waren  361,  verwundet  613,  vermißt

  oder  gefangen  134.  Mit  dem  Eisernen  Kreuze

ausgezeichnet  wurden  463  Mitglieder  (andere  Auszeichnungen
  366).  In  30  Missionshäusern  wurden
bisher  etwa  35  444  Verwundete  gepflegt.  Freudigen

Herzens  erfüllt  die  katholische  Mission  ihre  Pflicht  am

deutschen  Vaterlande,  wo  sich  in  dem  letzten  Jahrzehnt

  ein  so  kräftiges  heimatliches  Missionsleben  entwickeln
  konnte.  Die  Anzahl  der  Missionsberufe  hatte
sich  zusehends  vermehrt,  die  Missionsvereine  zur  materiellen
  Unterstützung  warenlebenskräftig  organisiert,
der  Missionsgedanke  war  volkstümlich  geworden.

Auf  alle  diese  Bestrebungen  hat  sich  der  Krieg  wie  ein

Frost  gelegt.  Was  wird  uns  die  Zukunft  bringen?

Das  eine  ist  gewiß:  Geht  Deutschland  siegreich  aus

dem  blutigen  Völkerringen  hervor  —  und  das  hoffen

und  erflehen  wir  —,  dann  wird  es  vor  neuen,  großen
kolonialen  Aufgaben  und  mithin  vor  neuen,  großen

Missionsaufgaben  stehen;  dann  wird  die  Missionsfrage

  eine  der  brennendsten  Fragen  des  Tages  sein.

Literatur.  Hüttche,  S.  V.  D.,  Katholische  Missionsstimmen
  aus  den  neutralen  Ländern  (2Zeitschr.  f.  Missions-=wissenschaft-,
  V,  261/268)  und  Katholische  Missionsstimmen
aus  den  kriegführenden  Ländern  (ebenda  V,  177/190,;
Schmidlin,  Diechriftliche  Weltmission  im  Weltkriege2.  Aufl.,
M.-Gladbach  1917);  Derselbe,  Die  Missionen  im  gegenwärtigen
  Weltkrieg  (vierteljährliche  Rundschauen  in  „Zeitschr.  f.
Missionswissenschaft-);  Schwager,  S.  V.D.,  Weltkrieg  und
Weltmission  (in  =  Theologie  und  Glaubee,  VII,  37/42);  Derselbe,
  Bemerkungen  zum  Missionsartikel  des  französischen
Buches  -La  Guerre  allemande  et  le  Catholicisme
(ebenda  VII,  579/582);  Weber,  Erzabt,  O.  S.  B.,  Der
Krieg  und  die  Mission  /2Zeitschr.  f.  Missionswissenschafte,  V,
1/9);  Derselbe,  Am  Scheidewege.  Nationalpolitische  Bedeutung
  der  Mission  lin  -Hochland-,  XII,  10•27);  -Weltkrieg
  und  Welimissione  (in  -Katholische  Missionen-,  43,
25°29;  145/148:  241.244).  Ausführliches  Literaturverzeichnis
  von  Rob.  Streit,  O.  M.  I.,  in  #2Zeitschr.  f.  Missions
wissenschafte  (Jahrg.  IV—VII).

Der  Krieg  und  der  Vatillan!

von  Professor  Dr.  Martin  Schian  in  Gießen

Papst  Pius  X.  mußte,  neunundsiebzigjährig,  noch
den  Ausbruch  des  Weltkrieges  erleben;  es  ist  wohl
möglich,  daß  dieses  Ereignis  seinen  Tod  (20.  August
1914)  beschleunigt  hat.  Das  Konklave,  in  dem  trotz
des  Krieges  nur  acht  Kardinäle  fehlten,  wählte  zu
seinem  Nachfolger  einen  früheren  Mitarbeiter  Rampollas.
  Giacomo  della  Chiese,  der  als  Benedikt  XV.
den  päpstlichen  Stuhl  bestieg.  Zu  seinem  Staatssekretär
  berief  der  neue  Papst  den  diplomatisch  erfahrenen
  Kardinal  Gasparri,  früher  Professor  des  Kirchenrechts
  am  Katholischen  Institut  in  Paris.  Es
ergab  sich  von  selbst,  daß  die  Tätigkeit  des  neuen
Papstes,  soweit  sie  der  weiteren  Offentlichkeit  bekannt
wurde,  zum  allergrößten  Teil  durch  den  Krieg  be-1

  Abgeschlossen  Mitte  Jull  1917.

stimmt  wurde.  Schon  seine  erste  Kundgebung  (8.  September
  1914)  war  eine  Ermahnung  zum  Frieden.
  Die  Enzyklika,  mit  der  er  feierlich  den  Pontifikat
  antrat  (1.  November  1914),  erörterte  den  gesamten
  Zustand  der  Kirche,  wandte  sich  auch  scharf
gegen  den  Modernismus  und  erneuerte  den  Ausdruck
  des  Bedauerns  darüber,  daß  der  Papst  infolge
der  Aufhebung  des  Kirchenstaats  des  zur  völligen
Freiheit  nötigen  Rückhalts  entbehre;  sie  beschäftigte
sich  aber  auch  mit  dem  Krieg  und  seinen  moralischen
Ursachen;  dabei  betonte  sie,  es  sei  Pflicht  des  Papstes,
die  Herrscher  zu  ersuchen,  Streitigkeiten  anders  als
mit  den  Wafsfen  zu  erledigen.  Weiter  wandte  sich
Benedikt  XV.  vertraulich  an  die  Regierungen  der
kriegführenden  Länder  mit  der  Bitte,  wenigstens  am
Weihnachtstage  1914  die  Waffen  ruhen  zu  lassen;
damit  solle  cinerseits  Christo,  dem  Friedefürsten,  eine
Huldigung  gebracht,  anderseits  der  Menschlichkeit
gegen  die  Familien  der  Kämpfenden  genügt  werden.
        <pb n="452" />
        366

Der  Vorschlag,  dem  die  Mittelmächte  freundlich  gegenüberstanden.
  scheiterte  an  der  Ablehnung  durch  RNußland
  und  Frankreich.  Erfolgreicher  war  die  Vermittlung
  des  Papstes  in  Sachen  des  Austausches  dienstuntauglich
  gewordener  Gefangener;  ein  solcher  kam
nach  lungen  und  schwierigen  Verhandlungen  zustande
und  wird  in  gewissen  Zwischenräumen  fortgesetzt.  Für
die  Maiandachten  1915  verfaßte  Benedikt  XV.  selbst
ein  Gebet  um  den  Frieden  und  versah  es  mit  Ablässen;
  der  kirchlichen  Benutzung  des  Gebets  erwuchsen
  in  Frankreich  Schwierigkeiten;  zugelassen  wurde
sie  dort  nur  mit  einem  die  französische  Meinung
sicherstellenden  Zusatz.  Am  Jahrestage  des  Kriegsausbruchs
  wurde  eine  vom  28.  Juli  1915  datierte
Anrede  des  Papstes  an  die  kriegführenden  Völker  und
ihre  Führer  bekannt,  welche  die  schweren  Verwüstungen
des  Krieges  beklagte  und  den  Wunsch  aussprach,  die
Parteien  möchten  gutwillig  einen  direkten  oder  indiretten
  Meinungsaustausch  beginnen,  um  zu  einem
Ende  des  schrecklichen  Kampfes  zu  kommen.  Gesegnet
  sei,  wer  zuerst  den  Olzweig  erhebt  und  dem
Feinde  die  Hand  und  vernünftige  Friedensbedin--gungen
  bietet.“  Auch  dieser  Aufruf  ist  ergebnislos
verhallt.  Endlich  hat  Benedikt  XV.  im  Konsistorium
vom  6.  Dez.  1915  seine  Stimme  zugunsten  eines  gerechten,
  dauerhaften  und  nicht  für  einen  Teil  der
kriegführenden  Völker  allein  Nutzen  bringenden  Frieden
  erhoben.

Nach  diesen  Bemühungen  um  den  Frieden  mußkte
es  auffallen,  daß  das  Friedensangebot  der  Mittelmächte
  vom  12.  Dezemder  1916  in  Rom  kein  Echo
fand.  Das  Deutsche  Reich  hat  von  diesem  Akt  dem
Vatikan  amtliche  Mineilung  gemacht;  die  Note  schloß
mit  der  Bemerkung,  die  kaiserliche  Regierung  glaube
sich  der  Hoffnung  hingeben  zu  dürfen,  daß  die  Initiative
  der  Mittelmächte  einen  wohlwollenden  Widerhall
  bei  Seiner  Heiligkeit  finden  werde  und  daß  ihr
Friedenswerk  auf  die  wertvolle  Unterstützung  des
Apostolischen  Stuhles  rechnen  dürfe.  Die  österreichisch
  ungarische  Regierung  ging  noch  weiter  mit  der
Erklärung,  sie  wäre  dem  Apostolischen  Stuhl  zu  Dank
verpflichtet,  wenn  er  die  Initative  ergreifen  und  dadurch
  dem  Friedenswerk  die  mächtige  Stütze  seines
boben  AUnsehens  leihen  würde.  Eine  Antwort  des

apstes  auf  diese  Noten  ist  nicht  bekannt,  von  Friedensbemühungen
  Benedikts  nichts  mehr  berichtet
worden.

Der  obengenannte  Aufruf  vom  28.  Juli  1915
hatte  von  einer  Abwägung  der  Rechte  und  gerechten
Forderungen  der  Völker  und  von  der  Wiederherstellung
  des  -Reichs  des  Rechts=  gesprochen.  Natürlich
ist  in  diese  Worte  viel  hineingedentet  worden.  Daß
der  Papst  dabei  gegen  eine  der  kriegführenden  Parteien
  habe  Stellung  nehmen  wollen,  ist  unwahrscheinlich;
  er  hat  sich  ohne  jede  Frage  gemüht,  in  seinen  offiziellen
  Akten  Neutralität  zu  wahren.  Von  diesem
Standpunkt  aus  hat  er  ein  deutliches  Eingreifen  in
die  gerade  durch  den  Krieg  hervorgerufenen  Streitfragen
  vermieden.  Manche  haben  in  einigen  Wendungen
  einer  beim  geheimen  Konsistorium  am  22.  Januar
  1915  gehaltenen  Ansprache  eine  Mißbilligung
des  Verhaltens  des  belgischen  Kardinals  Mercier  (s.
Die  christlichen  Kirchen  im  Weltkrieg,  Bd.  I,  S.  329)
erblicken  wollen;  doch  ist  diese  Auffassung  keineswegs
sicher.  Gelegentliche  Außerungen  des  Papstes  gaben
zu  Anzweiflungen  seiner  Neutralität  oder  doch  zu
lebhaften  Erörterungen  über  ihre  Durchführung  Anlaß.
  Ein  deutsch-amerikanischer  Journalist,  v.  Wie-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

gand,  wurde  Ostermontag  1915  vom  Papst  in  Audien
empfangen  und  veröffentlichte  dann  in  der  Ne##
Vork  World=  als  dessen  Osterbotschaft  an  das  amerikanische
  Volk  die  M##hnung.  unablässig  und  uneigennützig
  für  den  Frieden  zu  arbeilen;  der  Papit  setze
seine  ganze  Hoffnung  für  einen  baldigen  Frieden  auf
das  amerikanische  Volk.  Stärker  noch  erregten  Mit.
teilungen  über  eine  Unterredung  Benedikts  XV.  mit
dem  französischen  Journalisten  Latapie  im  Frühsommer
  1915  die  öffentliche  Meinung.  vor  allem  die
des  Vierverbande;,  weil  sie  die  Greuelpropaganda  zu
entlräften  geeignet  schienen.  Der  Erzuischof  von  Paris
  gab  diesen  Empfindungen  Ausdruck;  er  wurde
aber  durch  ein  päpstliches  Schreiben  vom  11.  Juli
bedeutet,  daß  Latapie  weder  die  Gedanken  noch  die
Worte  des  Papstes  wiedergegeden  hibe.  Auch  sonst
wurden  Worte  und  Handlungen  Benedikts  X  V.  nach
allen  Seiten  untersucht,  gedeutet  und  beurteilt.  Das
oben  geschilderte  Verho#lten  gegenüder  dem  Friedensangebot
  der  Mittelmächte  mußte  selbstverständlech  in
deren  Mitte  die  Prae  nach  den  Beweggründen  wachrufen,
  und  es  war  kein  Wunder,  duß  dabei  die  neutrale
  Haltung  in  Zweifel  gezogen  wurde.  Auch  die
Tatsachen,  daß  Benedikt  XV.  am  4.  Dezember  1916
7  italienische  und  3  französische  Kardinäle  ernannte,
aber  keinem  einzigen  den  Mittelmächten  angehörenden
Bischof  die  gleiche  Würde  verlieh,  sowie  daß  er  mitten
im  Krieg  nach  dem  Tode  des  Nuntius  Frühwirth  den
Italiener  Aversa  und  nach  dessen  raschem  Abscheiden
  wieder  einen  Italiener  als  Nuntius  nach  Minchen
  entsandte,  wurden  unter  diesem  Gesichtspunkt
viel  beachtet.  Das  gleiche  gilt  von  einem  anderen
Geschehnis:  Der  päpstliche  Erzkämmerer  Präl.,1  Rudols
  v.  Gerlach  wurde  vom  Lanst  im  Januar  1917,
wahrscheinlich  infolge  des  Auftretens  von  Kardinälen
der  Ententemächte,  auf  unbestimmte  Zeit  in  seine
Heimat  beurlaubt;  damit  ist  der  letzte  Deutsche  aus
dem  Vatikan  gegangen.  Die  Lage  des  Vankans  ist
zweifellos  schwierig.  Länder  mit  einem  starken  Anteil
oder  auch  mit  ganz  überwiegender  katholischer  Bevölkerung
  stehen  egeneinander;  ihre  katholischen  Fudrer
  befehden  sich  aufs  erbitlertste;  eine  unneutrale
Haltung  des  Papstes  könnte  bei  der  Leidenschaftlichken
des  durch  den  Krieg  gesteigerten  Nationalbewußtsems
geradezu  die  Gefahr  eines  Schismus  heraufbeschwören.
  Anderseits  bringt  auch  die  Neutralität  Schwierigkeiten
  mit  sich.  Nicht  bloß  daß  ein  wirksames  Eingreifen
  selbst  in  so  krassen  Fällen,  wie  ihn  die  französische
  Schmähschrift  „La  guerre  allemande  et  le
Catholicisme=  (Paris  1915)  darstellt.  fast  unmöglich
  wird,  die  katholische  Bevölkerung  versteht  es  auch
großenteils  einfach  nicht,  daß  das  Oberhaupt  ibrer
Kirche  neutral  ist.  Wenn  nach  der  Auffassung  des
Vierverbandes  der  Krieg  ein  Krieg  für  das  Recht
ist,  so  scheint  ihr  der  Anspruch  auf  die  Zustimmung
des  Papstes  als  Hüters  des  Rechts  durchaus  selbstverständlich.
  So  begreift  es  sich,  daß  nach  dem  Friedensaufruf
  vom  Juli  1915  der  „Temps-  meldete.  in
Italien  sehe  man  in  dem  Aufruf  eine  ungeheure  Ungerechtigkeit
  gegenüber  dem  Vierverbund.  Die  internationale
  Stellung  des  Vati'ans  führt  in  dieser  Hin.
sicht  ganz  von  selbst  zu  Folgen,  die  das  durch  die
Kriegserregung  stark  national  beeinflußte  religiöse
Empfinden  des  katholischen  Christen  manchmal  schwer
zu  fassen  vermag.

Die  Tatsache,  daß  der  Vatikan  als  internationale
Macht  während  des  Krieges  einen  nicht  unerheblichen
politisch  wirksamen  Einfluß  zu  Üben  vermag,  hat.
        <pb n="453" />
        Schian:  Der  Krieg  und  der  Vatikan

während  so  seine  religiös-kirchliche  Stellung  von
mannigfachen  Schwierigleiten  bedroht  war,  seine
politische  Stellung  gefestigt.  Daß  Frankreich
unter  der  Hand  eine  Wiederaufnahme  der  diplomatischen
  Beziehungen  zum  päpstlichen  Stuhl  versucht
hat,  ist  mit  Bestimmtheit  berichtet  worden;  zustande
gekommen  ist  sie  nicht.  Aber  England  hat  nunmehr
eine  diplomatische  Vertretung  beim  Vatikan  eingerichtet;
  der  Katholik  Sir  Henry  Howard  übernahm  sie.
Die  englische  Regierung  scheint  sie  nur  für  die  Dauer
des  Krieges  bestehen  lassen  zu  wollen;  doch  ist  dieser
Punkt  wohl  mit  Rücksicht  auf  die  Zustimmung  des
Papstes  nicht  zu  völliger  Klärung  gekommen.  Der
Hohe  Rat  der  vereinigten  evangelischen  Kirchen  Englands
  hat  gegen  die  Neuerung  erfolglos  Einspruch  erhoben.
  Ferner  hat  die  Regierung  der  Niederlande
mit  Zustimmung  der  Kammermehrheit  (32  gegen  10
Stimmen  bei  einer  Stimmenthattung)  im  Sommer
1915  einen  zeitweiligen  und  besonderen  Gesandten
beim  Vatikan  in  der  Person  des  Katholiken  Regout
ernannt.  Sehr  wichtig  ist  die  Neuregelung  des  Verhältnisses
  zwischen  dem  Vatikan  und  der  Türkei.
Diese  hat  das  Protektorat  Frankreichs  über  die  katholischen
  Christen  im  Orient  endgültig  aufgehoben.
Da  infolgedessen  die  Verhandlungen  zwischen  der
Pforte  und  dem  päpstlichen  Stuhl  nicht  mehr  durch
die  Vermittlung  Frankreichs  gehen  können,  ist  eine
unmitteldare  gegenseitige  Vertretung  eingerichtet.  Die
Türkei  errichtet  eine  eigene  Gesandtschaft  beim  Vatikan,
  und  der  Papst  hat  in  der  Person  des  Bischofs
Dolci  einen  apostolischen  Delegaten  nach  Konstantinopel
  geschickt.  Serbien,  das  im  Zusammenhang
mit  den  durch  die  Balkankriege  erreichten  Gebietserweiterungen
  den  Absch'uß  eines  Konkordats  mit
dem  Vatikan  (Juni  1914)  für  richtig  gehalten  hatte,
ernannte  einen  Gesandten  beim  päpstlichen  Stuhl.
Das  Fürstentum  Monaco  tat  Ende  1915  das
gleiche.  Sogar  Japan  soll  nach  Zeitungsmeldungen
beabsichtigen,  einen  diplomatischen  Vertreter  beim
Vatikan  zu  ernennen.

Durch  den  Krieg  ist  die  weltpolitische  Stellung  des
Papsttums  aber  auch  in  anderer  Hinsicht  berührt  worden.
  Das  Eingreifen  Italiens  machte  auch  Rom
zum  Kriegsgebiet.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  Benedikt
  XV.,  von  dem  Wunsch  nach  Beschränkung  der
Ausdehnung  des  Krieges  ganz  abgesehen,  schon  um
der  ihm  selbst  drohenden  Schwierigkeiten  willen  das
Fortbestehen  der  italienischen  Neutralität  gewünscht
hat;  er  soll  auch  zur  Vermittlung  zwischen  Osterreich-Ungarn
  und  Italien  die  Hand  gereicht  und  behufs
Erzielung  von  Zugeständnissen  an  Italien  in  Wien  eingewirkt
  haben.  Das  Scheitern  dieser  Versuche  brachte
ihn  dann  in  eine  nicht  leichte  Lage.  Die  Vertreier
Preußens,  Bayerns  und  Osterreich  =  Ungarns  sahen
sich  genötigt.  ihren  Wohnsitz  von  Rom  fort  in  die
Schweiz  in  die  Nähe  der  italienischen  Grenze  zu  verlegen.
  Die  italienische  Regierung  versprach  zwar  die
unbehinderte  Beförderung  der  vatikanischen  Briefschaften;
  einige  Schriftstücke  wurden  trotzdem  nicht
in  regelmäßiger  Weise  befördert.  Die  hieraus  entstehenden
  Unzuträglichkeiten  hat  der  Papst  im  Konsi--storium
  vom  6.  Dez.  1915  scharf  betont.  Die  Tatsache,
daß  gewisse,  beim  Heiligen  Stuhl  akkreditierte  Botschafter
  oder  Gesandte  gezwungen  wurden,  abzureisen.
un  ihre  persönliche  Würde  und  die  Rechte  ihres  Amtes
zu  wahren,  bedeute  für  den  Heiligen  Stuhl  eine  Verringerung
  seines  eigenen  und  angeborenen  Rechtes,
ein  Versagen  der  notwendigen  Garantien  und  die  Ent-367



ziehung  des  gewöhnlichen  und  bequemsten  Mittels  für
den  Verkehr  mit  den  auswirtigen  Regierungen.  Die
italienische  Regierung  bestritt  offiziös,  daß  die  fraglichen
  Gesandten  zur  Abreise  genötigt  gewesen  seien;
doch  wurde  festgestellt,  daß  ihnen  der  diplomatisch
unentbehrliche  Chiffreverkehr  unterbunden  worden
war.  An  diese  Lage  knüpfte  sich  eine  ziemlich  weitreichende
  Erbrterung  über  die  Notwendigkeit  dauernder
  Abhilfe;  in  katholischen  Blättern  Deutschlands
wurde  die  römische  Frage-  lebhaft  besprochen.  Abgeordneter
  Spahn  nannte  20.  August  1915  im  Reichslag
  die  durch  den  Krieg  geschaffene  Lage  des  Papstes
unha##tbar;  sie  zwinge  dazu,  auf  eine  internationaie
Regclung  bedacht  zu  sein,  die  den  Rechten,  der  Würde
und  den  Aufgaben  des  Papsttums  gerecht  werde.  Katholische
  Zeitungen,  aber  auch  Schriften  von  Katholiken,
  wie  J.  Bachem,  und  von  ähnlich  Denkenden,  wie
Wehberg  (s.  Literatur),  forderlen  die  Wiederherstellung
der  Freiheit  und  Unabhängigkeit  des  Papstes  geradem
als  Friedensziel.  Ein  in  ähnlicher  Richtung  gehender
Aufsatz  des  Freiherrn  v.  Zedlitz  und  Neukirch  (13.  Mai
1915,  also  vor  Italiens  Eintreten  in  den  Krieg)  hatte
das  Verbot  der  Post-,  in  der  er  erschienen  war,  für
einige  Zeit  zur  Folge;  den  nach  der  italienischen  Kriegserklärung
  zahlreicher  werdenden  Erörterungen  dieser
Frage  ist  kein  Verbot  entgegengesetzt  worden.  Damit
soll  aber  sicherlich  die  endgultige  Stellungnahme  der
Reichsregierung  nicht  festgelegt  sein.  Nicht  einmal  die
Außerung  des  Ministerpräsidenten  Grafen  Hertling
in  der  Sitzung  des  Finanzausschusses  der  bayrischen
Kammer  vom  6.  Oktober  1915  über  die  Notwendigkeit,
  daß  die  jetzigen  anormalen  Zustände  (in  der  Lage
des  Papstes)  beseitigt  würden  (München-Augsburger
Abendzeitung-,  Nr.  278),  schließt  solche  Festlegung  in
irgendeiner  Richtung  ein.  Im  Laufe  des  Jahres  1916
ing  die  Erörterung  in  katholischen  Kreisen  weiter.
Iancher  unwahrscheinlicher  wurde,  daß  Benedikt  XV.
um  der  Lösung  der  römischen  Frage  willen  irgendwie
  in  Gegensag  zur  italienischen  Regierung  zu  treten
wünsche;  immer  wahrscheinlicher,  dent  er  eine  gewisse,
henn  nicht  einschneidende  Korrektur  des  die  Lage  des
apstes  regeiden  italienischen  Garantiegesetzes  vom
italienischen  Volk  selbst  erwartet.  In  welcher  Rich
tung  diese  Korrektur  gehen  würde,  das  läßt  sich  einigermaßen
  aus  Veröffentlichungen  des  Jahres  1916
mutmaßen,  die  wie  die  Aufsätze  Claars  und  Ehrles
nicht  ohne  Beziehung  zu  eingeweihten  Kreisen  geschrieben
  zu  sein  scheinen;  Ehrle  denkt  an  eine  Ausdehnung
der  bisher  nur  auf  die  Person  des  Papstes  erstreckien
Exkerritorialität  auf  ein  kleines  Gebiet,  das  den  Vatikan,
  St.  Peter  und  die  vatikanischen  Gärten  mit  einer
kleinen  Abrundung  umfaßt.  während  andere  es  etwas
anders  bestimmen.  Solche  Regelung,  zumal  bei  möglichster
  Beschränkung  des  Terriloriums,  unterliegt  von
allen  Lösungen  den  geringsten  Schwierigkeiten.  Ob
nicht  aber  dochauchirgendwelcheinternationale  Garantien
  erstrebt  werden,  bleibe  dahingestellt.  Von  hohem
Interesse  ist  die  von  den  Neuen  Zürcher  Nachrichten
gebrachte  und  Bestreitungen  gegenüber  nachdrücklich
aufrechterhaltene  Meldung,  nach  der  sich  Italien  bei
seinem  Eintritt  in  den  Krieg  die  volle  Unantastbarkeit
der  von  ihm  geschaffenen  Regelung  der  bage  des  Vatikans
  bei  seinen  Verbündeten  ausgemachthabe.  Die  Richtigkeit
  dieser  Nachricht  wurde  aber  energisch  bestritten.
Endlich  sei  erwähnt,  daß  der  Vatikan  auch  pekuniär
infolge  des  durch  den  Krieg  verursachten  Ausbleibens
des  Peterspfennigs  aus  manchen  Geb.eten  in  eine
wenig  erfreuliche  Lage  gekommen  ist.  Sehr  reichlich
        <pb n="454" />
        368

!ldv  aber  gerade  auch  in  dieser  Zeit  Deutschland  beigesteuert.


Literatur.  Von  katholischen  Verfassern:  G.  Pfeilschifter,
  Religion  und  Religionen  im  Weltkrieg  (Freiburg
1915);  H.  Schrörs,  Der  Krieg  und  der  Katholizismus
(2.  Aufl.,  Kempten  1915);  J.  Bachem,  Der  Krieg  und
das  Papsttum  (M.-Gladbach  1915);  K.  Hilgenreiner,
Die  röm.sche  Frage  nach  dem  Weltkriege  (Prag  1915);  R.
v.  Nostiz-Nieneck,  Der  Papst  in  Feindesgewalt  (in
„Stimmen  der  Zeit“,  1914/15,  S.  405—419);  „Die  internationale
  Lage  des  Papstes“  (in  „Pemusblätter-,  1915,
Heft  31);  A.  J.  Rosenberg,  Papst  Benedikt  X  V.  und  der
Krieg  (in  »Der  deutsche  Katholizismus  im  Weltkriege,
Paderborn  1915);  Einiges  auch  in  G.  Pfeilschifter,
Deutsche  Kultur,  Katholtzismus  und  Weltkrieg  (Freiburg
1915);  J.  Lulves,  Die  Stellung  des  Papsttums  im  Weltkriege
  (Stuttg.  u.  Berl.  1916);  M.  Claar,  Jtalien,  der  päpst-IV.

  Kultur  und  Geistesleben

liche  Stuhl  und  die  Lösung  der  römischen  Frage  (2Zeitschr.
Politik-,  1916,  Heft  3/4);  P.  Ehrle,  Benedikt  X  V.  und
ie  Lösung  der  römischen  Frage  (vStimmen  der  Zeit-,  1916,
Sept.);  K.  Bachem.  Ein  neuer  Kirchenstaat  und  sein  Umjang
  („Kolnische  Volkszeitung-,  1916,  Nr.  752  u.  756);:  K.
Hoeber,  Der  Papst  und  die  römische  Frage  Köln  1916,;
»Der  Vatikane,  Sonderheft  der  „Süddeutschen  Monatsbefte-(März
  1917).  In  katholischem  Sinn:  H.  Wehberg,  Das
Papsttum  und  der  Weltfriede  (M.-Gladbach  1915).  —  Von
evangelischen  Verfassern:  O.  Röse,  Die  Kurie  und  der  Weltkrieg
  (°Schlesische  Zeitung,  1915,  Nr.  298  u.  301),  und
*  Münchner  Neueste  Nachrichten  -,  1915,  Nr.  216,  218,  220,
222,  223,225;  W.  Köhler,  Papsttum  und  Krieg  (in  -Chriftliche
  Welt,  1915,  Nr.  29,  30);  -Chronik  der  chres#lichen
Welt=  (Tübingen  1914  f.).  —  Ungenannter  Verfasser:  Spec.
tator  novus,  Die  römische  Frage  (2  Frankfurter  Zeitunge
1915,  Nr.  302,  3.  Morgenblatt).

Die  National-  und  Kriegslieder  der
Deutschen

von  Professor  Adolf  Bartels  in  Weimar

Im  Jahre  1871  veröffentlichte  Karl  Simrock  -Lieder
  vom  deutschen  Vaterland  aus  alter  und  neuer
Zeite  und  gab  damit  die  erste  einigermaßen  vollständige
  Sammlung  unserer  vaterländischen  Dichtung.
Von  ihr  ausgehend  hat  der  Verfasser  dieses  Beitrags
im  Weltkrieg  ein  zweibändiges  deutschvölkisches  Dichterbuch
  =  Volk  und  Vaterlande  geschaffen,  das  sich  die
Aufgabe  setzt,  die  ganze  deutsche  Geschichte  durch  die
berufenen  Stimmen  aus  der  Zeit  selber  zu  kennzeichnen
  und  sie  so  den  Leser  unmittelbar  miterleben  zu
lassen.  Und  wunderbar:  dabei  stellt  sich  heraus,  daß
wir  Deutschen  in  der  Tat  unsere  ganze  deutsche  Geschichte
  in  deutschen  Gedichten  haben,  daß  keiner  Zeit
der  Dichter,  der  ihre  Größe  oder  ihre  Not  erkannte.
gefehlt  hat,  daß  deutsches  Wesen  immer  viel  stärker
nach  Ausdruck  rang,  als  man  es  bisher  gewußthat,  daß
das  deutsche  Gewissen  in  deutschen  Dichtern  immer  da
war  und  die  deutsche  Geschichte  nur  deswegen  vielfachso
trostlos  erscheint,  weil  man  auf  die  Stimme  der  Berufenen
  nicht  gehört  hat.  Selbstverständlich  hat  nicht  alle
vaterländische  Dichtung  die  Form  des  Liedes  gewonnen,
  aber  wir  sind  auch  an  National-  und  Kriegsliedern
  viel  reicher,  als  die  meisten  Deutschen  wissen,
und  brauchen  uns  bei  nationalen  Festlichkeiten  keineswegs
  auf  Heil  dir  im  Siegerkranze,  .  Deutschland,
Deutschland  über  alles=  und  elwa  noch  die  -Wacht
am  Rhein=  zu  beschränken.

Der  älteste  nationale  Sänger  der  Deutschen  ist
Walther  von  der  Vogelweide,  und  man  hat  sein
bvekanntes  Lied  =  Ir  sult  sprechen  willekomene  denn
wohl  auch  -Deutschland  über  alles  überschrieben.
Er  preist  die  deutschen  Frauen,  dann  aber  auch  die
deutschen  Männer  und  vor  allem  deutsche  Zucht  und
Sitte,  und  nur  der  Umstand,  daß  der  fahrende  Sänger
  in  ihm  zu  persönlich  spricht,  hat  wohl  verhindert,
daß  es  im  Volk  gesungenes  Lied  geworden  ist.  Zum
Singen  eigneten  sich  auch  die  zahlreichen  nationalen
und  politischen  Spruchgedichte  nicht,  die  Walther
und  nach  ihm  andere  Minnesänger  schufen,  und
ebensowenig  konnte  die  nationale  Satire  einer  späteren
  Zeit,  die  Sebastian  Brants  zum  Beispiel.  vertont
werden;  dafür  hatten  wir  aber  zahlreiche  geschichtliche
Ereignisse  feiernde  Volkslieder  und  dann  auch  Landsknechtlieder,
  die  überall  erklangen  und  wenigstens

vielsach  Stammes--  und  Standesstolz,  auch  kriegerische
Stimmung  aufwiesen.  Man  kennt  die  Lieder  der
Schweizer  und  der  Dithmarschen  und  von  den  Lands.
knechtliedern  doch  wenigstens  das  ganz  unmittelbare
auf  die  Schlacht  bei  Pavia.  Volks=  und  auch  Soldatenlied
  setzen  sich  bekanntlich  durch  das  Reformations-Aestalter
  und  alle  späteren  Perioden  der  deutschen  Gechichte
  fort,  und  wir  werden  noch  auf  manches  stoßen,
das  nationale  Geltung  gewonnen  hat.  —  Auch  ein
Nationallied,  ja,  vielleicht  das  eigentliche  deutsche  Nationallied,
  das  stärkste  von  allen,  ist  Martin  Luthers
»Ein'  feste  Burg  ist  unser  Gott«,  das  nicht  bloß
evangelisches  Gottvertrauen,  sondern  auch  den  stolzen
kriegerischen  Geist  des  Deutschtums  hat  und  denn  auch
in  allen  großen  Zeiten  und  Augenblicken  deutscher
Geschichte,  so  auch  inn  gegenwärtigen  Weltkrieg,  immer
wieder  erschollen  ist.  Das  Reformationszeitalter
bringt  dann  auch  schon  kräftige  Mahnlieder  an  die
Deutschen,  wie  Johann  Walthers  -Wach  auf.
wach  auf,  du  deutsches  Land,  du  hast  genug  geschlafene
  und  Bartholom  äus  Ringwalds  Lied  der
Kriegsleute  wider  den  Erbfeind  (aus  der  =  Lauteren
Wahrheit.),  das  sich  wider  die  Türken  richtet.  Im
Jahre  1618,  also  dem  Jahre  des  Beginns  des  Dreißigjährigen
  Krieges,  gab  Johannes  Doman  aus  Oesnabrück,
  Hansischer  Generalsyndikus,  sein  großes  Lied
von  der  Hanse-,  das  zwar  viel  zu  lang  ist,  um  gesungen
  zu  werden,  aber  an  kräftigen  volkstümlichen
Stellen  keinen  Mangel  hat  und  gesunden  politischen
Sinn  verrät.  Aus  der  gewaltigen  Entwicklung  des
evangelischen  Kirchenliedes,  die  man  heute  auch  nicht
mehr  hinreichend  kennt,  sind  wenigstens  noch  zwei
Lieder  als  deutsche  Nationallieder  anzusprechen:  Michael
  Altenburgs  Verzage  nicht,  o  Häuflein  kleinund
  Martin  Rinkarts  »Mun  danket  alle  Gott“.
dies  letztere  ursprünglich  ein  Tischgebet,  aber  mit  selner
  Bitte  um  ein  immer  fröhlich  Herz  und  steten  Frieden
  so  recht  aus  deutscher  Seele  heraus.  Mit  ihm  sind
wir  mitten  im  Dreißigjährigen  Kriege.

Man  hat  diesen  mit  Recht  immer  als  den  denischen
Zusammenbruch  angesehen,  und  doch  ist,  da  kann
auch  kein  Zweifel  sein,  das  neue,  das  bewußte  Deutschtum
  aus  ihm  geboren  worden.  Er  ist  vor  allem  reich
an  mächtigen  Kriegsliedern,  und  zwar  sowohl  volkstümlicher
  wie  gelehrter  Herkunft.  Das  katholische
Fürst-Michael-Lied  ((Beschütz  mit  deiner  starken  Hand
die  Kirche  und  das  Vaterland.)  ist,  im  Anschluß  an
einen  lateinischen  Hymnus,  in  ihm  erklungen,  und
        <pb n="455" />
        Bartels:  Die  National=  und  Kriegslieder  der  Deutschen

Johann  Michael  Moscherosch  hat  -Ein'  feste
Burg  ist  unser  Gott=  zu  einem  reinen  Soldatenliede
(:Gott  ist  der  Christen  Lulf  und  Macht  und  feste  Zitadelle-)
  umgedichtet.  Sie  sind  alle  große  Patrioten
und  kriegerische  Geister,  die  Dichter  der  neuen  Art,
Georg  Rodolf  Weckherlin  (Frisch  auf,  ihr  tapferen
  Soldaten-),  Julius  Wilhelm  Zincgref
(:  Drum  gehet  tapfer  an.  ihr  meine  Kriegsgenossene),
Martin  Opitz  („Aus,  auf,  wer  deutsche  Freiheit
liebet.)  —  und  bald  geht  es  denn  auch  gegen  den
fremden,  den  Alamode-Geist  an,  der  sich  in  Deutschland
  einnistet  und  deutsches  Wesen  zu  zerstören  droht.
Das  Volkslied  besingt  inzwischen  die  Schlacht  bei
Leipzig  (1631)  und  Gustav  Adolfs  Tod  bei  Lützen
(wie  übrigens  auch  der  Kunstdichter  Paul  Fleming)
und  widmet  dem  -Wallenstein,  der  eisernen  Rut«,
ein  Valetliedlein.  Philipp  von  Zesen  hat  dann
schon  wieder  einen  Preis  des  Deutschtums,  Aufmunterunge
  (2  Edle  Deutsche,  ihr  habet  empfangen
treffliche  Gaben  und  himmlischen  Preis-)  gedichtet,
und  einer  der  jüngeren  Schlesier,  Hans  Aßmann
von  Abschat,  sindet  in  seinem  Eisenhütel-  („Nun
ist  es  Zeit  zu  wachen,  eh'Deutschlands  Freiheit  stirbte)
so  packende  Worte  gegen  die  Raublust  Ludwigs  XIV.
und  seiner  Franzosen,  daß  man  sein  Gedicht  mit  wenigen
  Veränderungen  noch  heute  singen  könnte.  Man
vergleiche  es  mit  dem  spielerischen,  übrigens  auch  in
Deutschland  zum  Volkslied  gewordenen  -Marlborough
s'en  va-t-en  guerre,  um  den  Unterschied  zwischen
echtem  Deutschtum  und  windigem  Franzosentum  zu
erkennen.  Auch  aus  Johann  Christian  Günthers
grostem  Gedicht  auf  den  Passarowitzer  Frieden  schlägt
dentsche  Gesinnung  mächtig  empor,  und  das  Lied  von
Prinz  Eugenius,  dem  edlen  Ritter-,  in  dem  Prinz
Ludwig  von  Baden  seinen  Soldaten  das  -Halt't  euch
brav,  ihr  deutschen  Brüder=  zuruft,  klingt  durch  alle
solgenden  Jahrhunderte  hindurch.

Aber  das  alte  Reich  zerfällt  mehr  und  mehr,  und
aus  seinem  Zerfall  ringt  sich  Preußen  empor.  Sein
Friedrich  wird  etwas  wie  ein  Nationalheld,  und  dir
deutsche  Dichtung  schlingt  ihren  Keandum  sein  Haupt,
obgleich  er  vonihr  nichts  wissen  will.  Wir  schätzen  heute
die  Dichtung  der  Gleim,  E.  v.  Kleist,  Ramler  nicht
mehr  so  hoch,  wie  es  beispielsweise  noch  Goethe  tat;
aber  es  ist  doch  kein  Zweifel,  ein  starker  neuer  Geist
ist  in  ihr,  wie  auch  in  den  Volksliedern  des  Siebenjährigen
  Krieges,  von  denen  =  Als  die  Preußen  marschierten
  vor  Prag=  am  bekanntesten  ist.  Niemand
kann  verkennen,  daß  der  alte  Gleim  in  den  Kriegsliedern
  eines  preußischen  Grenadiers  doch  sehr  oft
gute  Schlachtschilderungen  gibt,  und  gewisse  drastische
Wendungen  seiner  Dichtung  verdienen  ebenso  zu
dauern  wie  der  volkstümliche  Spruch  von  dem  Großen
Friedrich,  der  nur  auf  die  Hosen  zu  klopfen  braucht.
Mehr  Deutschgefühl  als  bei  den  preußischen  Dichtern
findet  man  beispielsweise  bei  Johann  Peter  Uz
und  Johann  Friedrich  von  Cronegl,  und  Klopstock
  wird  dann  der  erste  Koße  nationale  Dichter  der
Deutschen.  Gewiß,  als  Nationallied  von  ihm  gesungen
  worden  ist  höchstens  -Ich  bin  ein  deutsches
Mädchen,  aber  welchen  Schatz  nationaler  Gesinnung
und  —Erkenntnis  stellen  seine  patriotischen  Oden  dar!
»Mein  Vaterlande  von  1768  ist  in  mancher  Hinsicht
überhaupt  nicht  übertroffen  worden.  Und  nach  Klopstock
  setzt  der  nationale  Sang  nun  in  vollsten  Tönen
ein:  Claudius'-Weiheliede  (?  Stimmt  an  mit  hellem,
hohem  Klang«)  und  -Rheinweinlied  („Bekränzt  mit
Laub  den  lieben  vollen  Becher-),  Bürgers=  Feldjäger-Der

  Krieg  1914/17.  11.

369

liede  (:Mit  Hörnerschall  und  Lustgesang-),  Maler
Müllers  =  Soldatenabschiede  („Heute  scheid  ich,  heute
wandr  ich-)  erklingen  dis  auf  diesen  Tag.  Freilich,
während  wir  uns  urit  Claudius  -zur  Ahnentugend
weihn-,  schallt  es  in  England:  Rule,  Britannia,  rule
the  waves.  —  das  Lied  entstammt  dem  Maskenspiel
„Alfrede  von  James  Thomson  und  David  Mallet
(1740)  —  und  mußte  so  schallen,  da  die  englische
Politik  längst  zielbewußt  geworden  war.

Unser  klassisches  Zeitalter  mit  seinen  Höhen  Goethe
und  Schiller  gilt  als  in  nationaler  Hinsicht  schwach-,
da  man  damals  in  Deutschland  einem  allgemeinen
Humanismus  und  Kosmopolitismus  gehuldigt  habe.
Die  Anschauung  ist  jedoch  nicht  ganz  richtig;  Goethe
z.  B.  ist  in  weit  höherem  Grade  ausgesprochen  nationaler
  Dichter,  als  man  gemeinhin  annimmt.  Oder
entspricht  die  Stellung,  die  er  in  den  -  Venetianischen
Epigrammen=  zur  französischen  Revolution  nimmt,
nicht  durchaus  deutschem  Wesen,  ist  der  Schluß  von
„Hermann  und  Dorotheae  nicht  durchaus  in  gutem
deutschen  Bürgergeiste  gehalten?  Und  es  findet  sich
auch  bei  Goethe  ein  Lied,  das  sehr  wohl  deutsches
Nationallied  sein  könnte,  das  So  rissen  wir  uns
rings  herum  von  fremden  Banden  los-in  =  Des  Epimenides
  Erwachen-,  das  der  besten  Lyrik  der  Befreiungskriege
  an  Energie  nichts  nachgibt.  Schillers
„Reiterliede  aus  dem  „Wallenstein-:  -Wohlauf,
Kameraden,  aufs  Pferd,  aufs  Pferde  ist  dann  sicherlich
  eines  der  am  meisten  gesungenen  deutschen  Soldatenlieder
  und  wird  nie  veralten,  da  eben  auch  der
Geist  deutscher  Jugend  darin  ist.  Wir  haben  von
Schiller,  der  freilich  an  eine  nationale  Zukunft  der
Deutschen  nicht  recht  glauben  konnte,  seit  dem  Jahre
1800  auch  noch  eine  Reihe  wichtiger  Gedichte  nationalen
  Gehalts  („Die  deutsche  Muse-,  -Die  Antiken
zu  Paris-,  »Der  Antritt  des  neuen  Jahrhunderts,
„Dem  Erbprinzen  von  Weimare),  die  allerdings  nicht
liedmäßig  sind,  aber  ihrer  Gedanken  wegen  noch  heute
unveraltet  erscheinen.  —Von  den  Dichtern  um  Schiller
und  Goethe  ist  doch  auch  eine  größere  Anzahl  Nationallieder
  geschaffen  worden;  wenigstens  die  Studenten
  singen  heute  noch  Karl  Gottlob  Cramers
„Kriegsliede  von  1791  (Feinde  ringsum.)  und
Johann  Gottfried  Christian  Nonnes  Lied  zur
Feier  des  18.  Oktobers  1814  („Flamme  empore#);  die
Schuljugend  kennt  noch  Friedrich  Leopold  von
Stolbergs  Sohn,  da  hast  du  meinen  Speer«  und
»Mein  Arm  wird  stark  und  groß  mein  Mute,  und
wenigstens  den  Literaturkennern  sind  Schmidt  von
Lübecks  schöne  Lieder  =  Von  allen  Ländern  in  der
Welt-  und  »Vom  alten  deutschen  Meer  umflossene  bis
heute  nicht  verklungen.  Auch  die  beiden  bekanntesten
sogenannten  deutschen  National-,  richtiger  Fürstenhymnen
  entstammen  der  klassischen  Zeit,  Lorenz
Leopold  Haschkas-Gotterhalte  Franz,  den  Krisere
vom  Jahre  1797  und  Heinrich  Harries'  Heil  dir
im  Siegerkranze,  das  bekanntlich  in  Nachahmung  von
Henry  Careys  -  Cod  save  the  king.  (1743)  auf  den
geisteskranken  Christian  VII.  von  Dänemark,  seinen
Landesherrn,  von  Harries  geschrieben  und  dann  1793
von  B.  G.  Schumacher  auf  Friedrich  Wilhelm  II.
preußisch  umgedichtet  wurde.  Es  wäre  natürlich  verlorene
  Liebesmüh“,  die  beiden  Fürstenhymnen  durch
dichterisch  Wertvolleres  ersetzen  zu  wollen;  ihren  Zweck
erfüllen  sie.  —  Übersehen  soll  man  dann  auch  nicht  die
nationale  Wichtigkeit  mancher  Volkslieder  dieser  Zeit,
wie  O  Straßburg  #

Aber  daß  in  der  Zeit  der  Freiheitskriege  weit

24
        <pb n="456" />
        370

Mächtigeres  auflommt,  empfindet  jedermann;  in  gewissem
  Betracht  war  das  Sturmlied  der  französischen
Revolution  „Allons,  enfants  de  la  patrie-  auch  für
die  Deutschen  erschollen.  Ernst  Moritz  Arndts
P  Vaterlandsliede  von  1812:  „Der  Gott.  der  Eisen
wachsen  ließ,  kann  man  die  deutsche  Marseillaise  nennen,
  und  sie  ist  dichterisch  noch  höher  zu  stellen  als  die
französische;  denn  der  heilige  Grimm  in  ihr  kommt
tiefer  heraus,  und  es  ist  neben  diesem  auch  echte
Frömmigkeit  in  ihr.  Was  Ernst  Moritz  Arndt  als
nationaler  Dichter  überhaupt  bedeutet,  kann  hier  nicht
ründlicher  auseinandergesetzt  werden.  Nationalieder
  von  ihm  sind  noch  »Was  ist  des  Deutschen
Vaterland-,  das,  einst  viel  gesungen,  seit  der  Errichtung
  des  Deutschen  Reiches  aber  verklungen  ist,  das
Bundeslied  =  Sind  wir  vereint  zur  guten  Stunde-,
durch  die  Feierlichkeit  seines  Tones  auch  einzig,  und  das
leider  nicht  genug  bekannte  =  Und  brauset  der  Sturmwind
  des  Krieges  heran,  das  sehr  wohl  auch  in  den
Beginn  des  gegenwärtigen  Krieges  gepaßt  hätte.
Die  Zahl  der  Kriegs-  und  Heldenlieder  Arndts  —
man  denke  nur  an  das  auf  die  Schlacht  bei  Leipzig
(„Wo  kommst  du  her  in  dem  roten  Kleid?)  und  das
Blücherlied  (.Was  blasen  die  Trompeten?-)  —  ist
dann  sehr  groß.  Wohl  kein  anderes  Volk  hat  einen  so
mächtigen  nationalen  Sänger.  Und  kein  anderes  Volk
hat  wohl  einen  vaterländischen  Liederfrühling,  wie
wir  ihn  in  der  Zeit  der  Befreiungskriege  aufzuweisen
haben.  Da  erschallen,  um  nur  die  bekanntesten  Lieder
zu  nennen,  H.  Claurens  »Der  König  rief.  und  alle,
alle  kamen,  Friedrich  de  la  Motte  Fouqués
„Frisch  auf  zum  fröhlichen  Jagene,  Friedrich  A.
Langes-Es  heult  der  Sturm,  es  braust  das  Meer-,
Friedrich  Gottlob  Wetzels  =  Nun  mit  Gott!  Es
ist  beschlossen-,  Gustav  Adolf  Salchows-Heraus,
heraus  die  Klingen,  die  Lieder  Maxvon  Schenkendorfs,
  von  denen  =  Auf  Scharnhorsts  Tod=  (Indem
wilden  Kriegestanze)  und  „Freiheit,  die  ich  meine:
die  bekanntesten  geworden  sind,  Albert  Methfessels
Hinaus  in  die  Fernee,  Paul  Wigands  Keunt
ihr  das  Land,  so  wunderschön-,  Theodor  Körners
»Bundeslied  vor  der  Schlacht=  (*Ahnungsgrauend,
todesmutige),  -Lützows  wilde  Jagd«  (Was  glänzt
dort  vom  Walde  im  Sonnenschein"),-Männer  und
Buben«  ¶  Das  Volk  steht  auf,  der  Sturm  bricht  lose),
„Du  Schwert  an  meiner  Linken-,  Karl  Wilhelm
Göttlings  Stehe  fest,  o  Vaterland-,  Karlinkels
»Wo  Mut  und  Kraft  in  deutscher  Seele  flammene,
alles  noch  heute  unvergessene  Lieder.  Dazu  klingt
auch  noch  das  Volkslied,  das  in  Ernst  und  Humor
(„Der  Krähwinkler  Landsturm!)  reiche  Töne  findet.
Und  an  die  Freiheitskriegdichtung  schließt  sich  gleich
die  burschenschaftliche  Dichtung,  der  wir  unter  anderen
Hans  Ferdinand  Maßmanns  schönes,  schlichtes
„Ich  hab'  mich  ergeben«.  das  Lieblingenalionallied
unserer  Jungen,  und  August  von  Binzers  ergreifendes

  »Wir  hatten  gebauete  verdanken.  Gestalten  3

wie  Ludwig  Uhland,  den  man  der  Bedeutung
nach  mit  Recht  dem  Béranger  der  Franzosen  verglichen
  hat,  obgleich  er  ganz  anders.  eben  echt  deutsch
ist,  und  dessen  »Ich  hatt“  einen  Kameraden=  (das
mit  seltsamer  Umrankung  sogar  wieder  ein  Lieblings.
lied  des  Weltkrieges  geworden  ist)  allein  ganze  lyrische
Bände  aufwiegt,  und  Friedrich  Rückert,  dessen
„Alter  Barbarossa“  in  den  Tagen  der  Sehnsucht  nach
dem  neuen  Reiche  immer  wieder  neu  erklungen  ist,
ragen  weit  über  ihre  Zeit  hinaus,  und  auch  Joseph
von  Eichendorff,  dessen  -Wer  hat  dich,  du  schöner

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Wald-  man  ein  Nationallied  nennen  kann,  Franz
Grillparzer,  Wilhelm  Müller  (2  Auf  Arconas
Berge-),  Karl  Immermann,  August  Graf
Platen,  Annettevon  Droste-Hülshoffsind  nicht
ohne  starke  vaterländische  Töne.  Dem  Alter  nach  gehört
  zu  ihnen  Bernhard  Wilhelm  Thiersch,  der
Dichter  des  loyalen  Preußenliedes  -Ich  bin  ein
Preuße-.  Neben  dem  Preußenlied  wären  als  partikularistische
  Volkshymnen  von  einigem  Wert  etwa  noch
Siegfried  August  Mahlmanns  Gott  segne
Sachsenland-  und  Michael  Oechsners  -Gott  mit
dir,  du  Land  der  Bayern,  zu  stellen.

Es  kam  darauf  die  Zeit,  wo  durch  die  sogenannte
»politische  Poesie=  die  Loyalität  in  Deutschland  arg
ins  Schwanken  kam.  Doch  ist  der  älteste  der  politischen
  Dichter,  August  Heinrich  Hoffmann  von
Fallersleben,  unzweifelhaft  vor  allem  nationaler
Sänger  und  denn  auch  der  Sänger  unserer  Nationaloder
  Volkshymne  „Deutschland,  Deutschland  über
alles  geworden.  Man  hat  gegen  sie  jetzt  allerlei  Bedenken,
  mag  das  bedingende  wenne  nicht  mehr  und
nennt  sie  überhaupt  zu  prosaisch;  es  ist  nicht  zu  leugnen,
  daß  Hoffmann  selder  packendere  Lieder  (-Zwi.
schen  Frankreich  und  dem  Böhmerwald-,-Treue  Liebe
bis  zum  Grabe-,  »Wie  könnt  ich  dein  vergessen)  geschrieben
  hat  und  daß  ein  fortreißenderes  Nationallied
denkbar  wäre,  aber  mit  der  alten  Haydnschen  Melodie
wird  =  Deutschland,  Deutschland  über  alles«  doch  alle
Versuche,  es  zu  stürzen.  überdauern.  Das  Lied  (am
26.  August  1841  gedichtet)  entstammt  einer  Zeit,  die
zahlreiche  Nationallieder  wachrief.  »als«,  wie  Ernst
Moritz  Arndt  sagt,  Thiers  die  Welschen  aufgerüttelt
hatter:  auch  Nikolaus  Beckers  „Rheinlied  (Sie
sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien  deutschen  Rhein),
Max  Schneckenburgers  -Wicht  am  Roein-(Es
  braust  ein  Ruf  wie  Donnerhall),  Georg  Herweghs
  »Rheinweinlied«  (2Wo  solch  ein  Feuer  noch
gedeihte)  entstanden  damols  und  wenige  Jahre  später
auch  Matthäus  Friedrich  Chemnitz'-Schleswig-Holstein
  mreerumschlungen,  das,  solange  Schleswig-Holstein
  unter  dänischer  Vergewaltigung  schmachitete.
eins  der  meist  gesungenen  deutschen  Nationallieder
war.  Nimmt  man  zu  diesen  Liedern  noch  Willibald
Alexis'  „Friedericus  Rex,  unser  König  und  Herr.,
Karl  Simrocks  =  An  den  Rhein,  an  den  Rhein,  zieb
nicht  an  den  Rheine,  Paul  Achatius  Pfizers  -Meiner
Heimat  Berge  dunkeln",  Johann  Nepomul  Vogls
Gegrüßt,  du  Land  der  Treuec.  Wilhelm  Hauffs
I  Morgenrot-  und  Steh'ich  in  finstrer  Mitternachte.
Julius  Mosens  »Zu  Mantua  in  Bandene  und
P„  Von  Wunden  ganz  bedecket=  ((Der  Trompeter  an  der
Katzbach-),  Robert  Reinicks  »Viel  tausend  Stern'
am  Himmel  stehn=  („Auf  der  Wacht.),  Franz  Kuglers
  =  An  der  Saale  hellem  Strande-,  Franz  von
Dingelstedts  Ich  kenne  einen  deutschen  Strom-,
so  erkennt  man  den  großen  Reichtum  der  vormärzlichen
eit  an  vaterländischer  Dichtung,  es  war  eben  die
Zeit  der  Sehnsucht.  Die  spöttische  und  zum  Teil,
namentlich  1848,  wilde  politische  Dichtung  verschwindet
dagegen.  übrigens  hat  uns  Georg  Herwegh  außer
seinem  schon  genannten  „Rheinweinliede  und  dem
schönen  „Reiterliede  („Die  bange  Nacht  ist  nun
herume)  das  beste  deutsche  Flottengedicht  (.Erwach“,
mein  Volk  mit  neuen  Sinnen.),  das  noch  heute  ganz
zeitgemäß  ist,  gegeben,  und  Ferdinand  Freiligrathschricb
  das  beste  Gedicht  der  ganzen  Kriegspoesie
von  1870/71:  „Die  Trompete  von  Gravelotte:  (°  Sie
haben  Tod  und  Verderben  gespien).
        <pb n="457" />
        Bartels:  Die  National=  und  Kriegslieder  der  Deutschen

Der  Reichsherold,  der  der  Begründung  des  neuen
Reiches  voranschreitende  deutsche  Sänger,  ist  Emanuel
  Geibel;  aber  etwas,  was  man  ein  Nationallied
  nennen  könnte,  hat  er  trotz  des  Reichtums  seiner
vaterländischen  Dichtung  nicht  verfaßt.  Immerhin
seien  das  „Türmerlied  von  1840  („Wachet  auf.  ruft
euch  die  Stimme),  das  -  Lied  des  Alten  im  Bart«
(  Durch  tiefe  Nacht  ein  Brausen  ziehte),  =  Am  3.  September
  1870.  (»Nun  laßt  die  Glockene)  als  liedmäßig
  genannt.  Ziemlich  volkstümlich  ist  ein  Lied
von  Julius  Sturm,  Mein  Vaterland-  („Dem
Land,  wo  meine  Wiege  stand-),  geworden,  der  mit
Karl  Gerok  einer  der  eifrigsten  Sänger  von  1870
war.  Dem  großen  Schmerz  um  das  Scheitern  des
Kampfes  für  Schleswig-Holstein  1851  haben  Theodor
  Storm  und  Klaus  Groth  ergreifenden  Ausdruck
  gegeben,  aber  nicht  eigentlich  liedmäßig.  Liedmäßig
  ist  dagegen  des  weniger  bekannten  Johann
Peter  Willatzen  einst  viel  gesungenes  -Es  war  auf
Jütlands  Auen«.  Ganz  volssmätt  und  humorvoll
sind  zwei  Lieder  von  1870.-König  Pühen  saß  ganz
heiterr  von  Wolrad  Kreusler  und  -Was  kraucht
denn  dort  im  Busch  herum  von  Gotthelf  Hoffmann-Kutschke.
  An  der  Kriegsdichtung  von  1870
haben  sich  überhaupt  so  ziemlich  alle  deutschen  Dichter,
die  zwischen  1815  und  1850  geboren  sind,  beteiligt,  und
sie  ist,  wie  die  große  Sammlung  -Lieder  zu  Schutz  und
Trutz  (herausg.  v.  Franz  Lipperheide,  Berl.  1870/71)
zeigt,  immerhin  ziemlich  reich  und  vielseitig.  Auch  das
Volkslied  wacht  1870  wieder  auf.  Zum  Monaltiede
haben  es  freilich  wenig  Dichter  gebracht,  weder  Theodor
  Fontane,  der  Märker,  der  die  ganze  Entwicklung
von  1864  mit  packenden  Gedichten  begleitet  hat,  no
Wilhelm  Jordan.  noch  Hermann  Lingg  oder
einer  der  jüngeren  Münchener.  Manche  vielgesungenen
  Lieder  entstammen  aber  doch  der  Zeit  von  1850  bis
1870,  so  des  Schulmanns  Karl  Theodor  Schneider
  „Von  des  Rheines  Strand,  wo  die  Rebe  blühte,
so  Peter  Cornelius'  Weimars  Volksliede  (Von
der  Wartburg  Zinnen  niedere),  so  Julius  Ottos
d.  J.Treues  deutsches  Herze  ('Ich  kenn  ein'’n  hellen
Edelstein«),  so  Joseph  Viktor  Scheffels  „  Alt  Heidelberg-,
  so  Ludwig  Coelestin  Bauers?O  Deutschland
  hoch  in  Ehren-,  gegenwärtig  wohl  das  meist.
gesungene  Lied,  dem  man  auch  eine  Zukunft  zugestehen
wird,  da  es  vom  Geiste  des  Treuzusammenstehens  getragen
  ist.  Nach  der  Gründung  des  Reiches  schrieb
Ludwig  Eichrodt  seinen  vielgesungenen  „Reichschoral#
  („Allmacht,  die  furchtbar,  die  gnadenvoll  über
uns  schaltet“)  und  Julius  Wolff  sein  „Reichsliede
(Herrlich  auferstanden  bist  du,  Deutsches  Reiche)  —
es  sind  die  verbreitetsten  Reichslieder  geblieben.

Eine  neue  Entwicklung  unserer  vaterländischen
Dichtung  setzt  mit  dem  nerreicher  Nobert  Hamerling
  und  mit  Felix  Dahn  ein;  es  gilt  nun
vor  allem,  das  gefährdete  Deutschtum  in  sterreich
zu  schlitzen  und  die  deutsche  Fahne  auf  der  Welt  hoch
zu  halten.  Allzu  viele  Nationallieder  verdanken  wir
dieser  neuen  Entwicklung  aber  nicht,  da  sie  nur  be.-stimmte
  Kreise,  die  sogenannten  aalldeutschene  und
„deutschvölkischen  -,  tiefer  packt.  Von  Hamerling  wird
wohl  =  Das  deutsche  Lied  in  Osterreich=  (Am  Donaustrand,
  vom  grünen  Hang«)  gesungen,  von  Dahn  kaum
etwas,  obwohl  seine  vaterländische  Dichtung  sehr  umfangreich
  ist.  Martin  Greif  hat  uns  ein  sehr  schönes
Lied  =  An  Deutlschland=  (Sei  gegrüßt,  du  Heldenwiegee)
  gegeben,  aber  es  fehlt  ihm  wohl  noch  die  Me-371



lodie,  die  es  durch  die  deutschen  Lande  trüge.  Von
Rudolf  Baumbach  singen  wir  das  -Bin  durch
die  Alpen  gezogen-,  das  bis  zu  einem  bestimmten
Grade  als  Nationallied  gelten  kann;  Liliencron
uut  etwas  Liedmäßiges  in  „Hundert  Jahre  sind  es
alde  gegeben;  von  Wildenbruch  ist  das  Thürin-F
  Lied  =  Dunkles  Tal  zu  meinen  Füßen«  ziemlich
ekannt,  in  den  genannten  deutschvölkischen  Kreisen
wird  Georg  von  Nohrscheidts  -Ob  drohend  die
Wolken  auch  hangen=  viel  gesungen,  ferner  auch  Lieder
  von  Liebermannvon  Sonnenberg,  »Vaterland,
  höre  deiner  Söhne  Schwören=  und  -Gewitterschwüle
  ringsumher=  (im  Anschluß  an  Bismarcks  Wort
»Wir  Deutschen  fürchten  nichts  als  Gott.).  Eine-Zeitlang
  war  es  Mode,  Flottenlieder  zu  dichten;  es.
war  auch  einmal  ein  Preis  für  das  beste  Flottenlied
ausgeschrieben;  keines  aber  hat  die  Verbreitung  erlangt
  wie  Robert  Linderers  operettenmäßiges
„  Stolz  weht  die  Flagge  Schwarzweißrote,  das  frei.ch.
für  uns  nun  dadurch  geweiht  ist,  daß  deutsche  Seesoldaten
  mit  ihm  in  den  Tod  gegangen  sind.  Leidliche-Verbreitung
  hat  noch  das  Flottenlied  von  Reinhold
Fuchs,  „Hurra,  ihr  blauen  Jungen-,  erlangt.  Viel
gesungen  wurde  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunerts
  Des  Königs  Grenadiere=  von  H.  Wilken.
Über  die  Geltung,  die  die  ungeheuer  reiche  deutsche
Weltkriegslyrik  erlangen  wird,  ist  heute  noch  schwer
etwas  zu  sagen.  Daß  sie  sich  von  der  größtenteils
rhetorischen  und  gehässigen.  Kunstaichtung.  der  Franzosen
  und  Engländer  —  es  genügt,  die  in  Deutschland
wohlbekannten  Namen  Eduard  Rostand  und  Rudyard
Kipling  zu  nennen  —  und  auch  von  dem  immer
noch  landsknechtmäßigen  fremden  Soldatenliede  (das
Tipperary-Lied!)  vorteilhaft  unterscheidet,  daß  sie
es  zu  anschaulicher  Gestaltung  und  auch  zu  hohen
Gedanken  bringt,  unterliegt  keinem  Zweifel.  Vieles
erstrebt  die  Liedmäßigkeit;  aber  es  ist  doch  sicher,  daß
nur  weniges  wirklich  gesungen  wird.  In  die  während
des  Krieges  aufgekonnnenen  patriotischen  Anhänge  an
die  Kirchengesangbücher  sind  wohl  außer  dem  alten
(schlecht  verdentschten)  niederländischen  Dankgebet  nur
zwei  neue  Lieder  gedrungen:  Otto  Crusius'  ?  Die
heilige  Not«  (-Sie  brach  herein,  die  beilige  Note),  die
nach  -Es  geht  bei  gedämpfter  Trommel  Klunge  gesungen
  wird,  und  Richard  Dehmels  „Gebet  ans
Volk=  („Dank  dem  Schicksal,  Volk  in  Waffen-).  Dann
ist  noch  das  humoristische  O  Nikolaus=  von  Wilhelm
Platz  volkstümlich  geworden  (nach  der  Melodie:
„O  Tanunebaume)  und  etwa  noch  das  „Deutche  Matrosenliede
  von  Hermann  Lönst--Heute  wollen  wir
ein  Liedlein  singens).  Komponiert  sind  auch  Graf
Hülsen-Haeselers  Nun,  deutsche  Schmiede,  hämmert-,
  Rudolf  Alexgander  Schröders  »Heilig
Vaterland  in  Gefahren=  und  Rudolf  G.  Bindings
»Der  heilige  Reiter«  („Ich  zieh'  in  einen  heiligen
Kriege);  gesungen  werden  sie  wohl  noch  nicht.  Man
wird  abwarten  müssen,  was  sich  durchsetzt.

Literatur.  Max  Jähns,  Der  Vaterlandsgedanke  und
die  deutsche  Dichtung  (Berl.  1896);  Rich.  Weißenfels,  Deutsche
  Kriegel.eder  und  vaterländische  Dichtung  Gölting.  1915);
Walter  Brecht,  Deutsche  Kriegolieder  sonst  und  jenzt  (Berl.
1915);  Einleitung  zu  Adolf  Bartels,  Volk  und  Vaterland
(Halle  1917,  2  Bde.).  —  Sammiungen:  Karl  Simkock,
Lieder  vom  deutschen  Vaterland  aus  alter  und  neuer.  Zeit
(Frankf.  a.  M.  1871);  Bartels  (s.  oben);  Friedr.  u.  Oppeln-Bronikowski,
  Deutsche  Kriegs=  u.  Soldatenliedher
(Münch.  1911);  Karl  Berger,  Frecheit  (LeipJ.  1913)  Kark
Quenzel,  Des  Vaterlandes  Hochgesang  (das.  191.).

24*
        <pb n="458" />
        372

Die  deutsche  LTilerakur  während  des

Krieges
von  Professor  Adols  Bartels  in  Weimar

Allgemeines.  Professor  Festers  Satz-Der  Weltkrieg
  bestimmt  auch  den  Charakter  der  Weltliteratur-(vgl.-Kriegs'iteratur-,
  S.  879)  hat  natürlich  auch  für
die  schöne  Literatur,  die  Dichtung,  Geltung,  insofern
als  kein  Schaffender  von  Kreeg  und  Kriegsumständen
ganz  unbeeinflußt  bleibt  und  die  Werke,  welches  Charakters
  sie  im  übeigen  sein  mögen.  davon  Spuren
tragen.  Jedoch  ist  das  dichterische  Schaffen,  als  mit
der  angeborenen  Natur  und  dem  Talent  des  Dichters

egeben,  von  äußeren  Umständen  nicht  durchaus  abängig
  und  die  Entwicklung  der  Poesie  nicht  bloß
Zeitentwicklung,  so  daß  denn  Kriege  nicht  immer  stark
auf  sie  einwirken.  Hat  der  Siebenjährige  Krieg  nach
Goethes  Feststellung  den  Sturm  und  Drang  sowie
weiterhin  den  Aufschwung  zur  Klassik  mit  heraufgeführt.
  so  haben  anderseits  die  Befreiungskriege  und
der  Krieg  von  1870/71  nur  vorüÜlbergehend  Awirt.
indem  durch  die  ersteren  die  Entwillung  der  Romantik
  weder  gehemmt  noch  gefördert  und  durch  den  letzteren
  das  Epigonentum  der  Münchener  usw.  keineswegs
  aus  der  Welt  geschafft  worden  ist.  So  darf  man
auch  von  dem  gegenwärtigen  Kriege,  so  sehr  er  die
früheren  an  Gewalt  und  Ausdehnung  übertrifft.  bestimmte
  Wirkungen  auf  unsere  Dichtung  mit  Sicherheit
  nicht  erwarten.  Man  hatte  zu  Anfang  des  Kriees

  in  Deutschland  die  starke  Empfindung,  daß  unsere
iterarischen.  Verhältnisse  zum  Teil  unter  dem  Einflusse
  fremden  Geistes,  ungesund  geworden  seien,
und  predigte  für  Theater  und  Dichtung  Rückkehr  zu
gesundem  Volkstum.  Daß  diese  aber  nach  drei  Jahren
  schon  erfolgt  sei,  wird  man  doch  nicht  behaupten
  dürfen,  ob  auch  eine  umfangreiche  Keiegsichtung
entstanden  ist.  Der  Umschwung  auf  dem  Gebiete  der
Dichtung  ist  nie  ganz  plötzlich;  selbst  revolutionäre
Bewegungen,  wie  sie  allerdings  vorkommen,  heben  die
Überlieferung  nicht  auf,  zumal  immer  mehrere  Generationen
  am  Werke  sind,  und  das  ist  gut  so.  Daher
wollen  wir  es  denn  auch  dankbar  begrüßen,  daß  jetzt
während  der  Kriegszeit  trotz  der  großen  Erschwerung
des  buchhändlerischen  Betriebes  die  Werke  älterer,  schon
verstorbener  Dichter  zum  erstenmal  oder  neu  in  ihrer
Gesamtheit  hervortreten  und  auch  andere,  noch  lebende
durch  Gesamtausgaben  voll  zu  ihrem  Rechte  kommen.
Ich  denke  bei  den  ersteren  vornehmlich  an  Erust  von
Wildenbruch  (1845—1909)  und  Detlev  von  Liliencron
  (1844—1909),  die  uns  beide  in  dieser
Kriegszeit  noch  viel  geben  können,  mehr  vielleicht  als
ihre  jüngeren  Zeitgenossen,  und  bei  den  letzteren  vor
allem  an  Timm  Kröger  (geb.  1841),  dessen  eben  erschienene
  gesammelte  =  Novellen=  (mit  der  Jahreszahl
1914)  deutlich  gezeigt  haben,  daß  dieser  Dichter  ein
bedeutender  =  Humoriste  und  so  etwas  wie  der  berufene
Nachfolsser  oder  Ergänzer  Wilhelm  Raabes  ist.

Die  Zahl  der  unmittelbar  vor  dem  Kriege  und
während  des  Krieges  verstorbenen  deutschen
Dichter  und  Dichterinnen  ist  verhältnismäßig
groß.  Außer  solchen,  deren  Schaffen  abgeschlossen,  ja
schon  überwunden  war,  sind  auch  manche  dahingegan.
gen,  von  denen  wir  noch  etwas  erwarten  durften,  so
daß  das  Gesamtbild  unserer  Literatur  nun  mannigfach
  verändert  erscheint.  In  den  Jahren  1912—17
haben  uns  verlassen:  Karl  Frenzel  (1827—1914),
trotz  mancher  Schwächen  einer  der  feinsten  Köpfe  Verlins,
  auch  als  Dichter  nicht  ohne  Verdienst,  Paul

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Heyse  (1830—1914),  neben  Geibel  einst  das  Haupt
der  Münchener  Schule,  in  der  letzten  Zeit  seines  Lebens
sehr  zurückgetreten,  aber  als  Novellist  doch  wohl  auch
jetzt  noch  nicht  ohne  Zukunft,  Marie  von  Ebner-Eschenbach
  (1830  —1916),  die  ihren  Ruhm  als  der
grösten  deutschen  Erzählerin  bis  zuletzt  bewahrt  hat,
elix  Dahn  (1834—1912).  dem  das  Verdienst,  die
alte  Germanenwelt  für  die  Poesie  erobert  zu  haben,
bleiben  wird,  Wilhelmine  von  Hillern  (1836—
1916),  hinter  deren  Sensationalität  ein  starkes  Talent
Leche,  Heinrich  Steinhausen  (1836—1917),  der
erfasser  der  =  Irmela#  und  Bekämpfer  Georg  Ebers,
der  österreichische  Lyriker  und  Novellist  Stephan
Milowtovon  Millenkovich,  1836—1915),  der  badische
Heimaterzähler  Heinrich  Hansjalob  (1837—1916).
Johannes  Trojan  (1838—1915),  der  frühere
Redakteur  des  Kladderadatsch-e,  Johann  Hinrich
Fehrs,  der  geschäzte  holsteinische  (plattdeutsche)  Erzähler,
  Carmen  Sylova,  die  Königin  Elisabeth  von
Rumänien  (1843—1916),  die  so  glücklich  war,  den
Verrat  Numäniens  an  seinen  alten  Verbündeten  nicht
mehr  zuerleben,  Berthavon  Suttner  1843—1914),
die  so  lange  »Die  Waffen  nieder!  predigte  und  deren
lette  Schrift  =  Die  Barbarisierung  der  Luft«  hieß,
Theodor  Hermann  Pantenius  (1843—1915),
der  langjährige  Herausgeber  des  -Daheim-,  dessen
Romane  und  Erzählungen  das  Leben  seiner  kurländi.
schen  Heimat  darstellen,  Ferdinand  Krüger  (1843
bis  1915),  der  plattdeutsche  Romane  aus  dem  Leben
seiner  westfälischen  Heimat  schrieb,  die  aus  Danzig  gedürtige
  Erzählerin  Johanna  Niemann  (1844—
1917),  die  manche  Probleme  des  Frauenlebens  angepackt
  hat,  der  Dramatiker  Karl  Weiser  (1848—1913),
der  die  so  heiß  erstrebte  Aufführung  seiner  =  Jesus-=Tetralogie
  nicht  erlebt  hat,  der  Humorist  Hermann
Oser  (1849—1912),  die  badische  Heimaterzählerin
Hermine  Villinger  (1849—1917),  Oskar  Blumenthal
  (1852—1917),  dessen  letztes  Lustspiel,  vom
Jahre  1915,  -Die  große  Pause=  heißt,  Gustav  Falke
(1853—1916),  der  seine  Stellung  als  Lyriker  neben
Liliencron  und  Dehmel  trotz  schwächeren  Talents  mit
Glück  behauptet  hat,  übrigens  auch  als  Erzähler  etwas
  bedeutet,  die  moderne  Erzählerin  Dora  8  uncker
(1855—1916),  Siegfried  Lipiner  (1856—1913),
der  die  mit  seinem  -Entfesselten  Prometheus=  einst
erregten  Hoffnungen  nicht  erfüllt  hatte,  Joseph  Ruederer
  (1861—  1915),  der  die  moderne  -Groteskepflegte,
  Wilhelm  Arminius  (eigentlich  Schulge,
1861—1917),  der  Geschichtsromane  schrieb.  Lilly
Braun,  geborene  v.  Kreischmann,  verwitwete  v.  Gizycki
  (1865—1916),  die  erst  spät  unter  die  Verfasserinnen
  moderner  Romane  gegangen  war,  der  Lyriker
und  Romandichter  Albert  Geiger  (1866—1915).
der  Lyriker  und  Ibsen-übersetzer  Christian  Morgenstern
  (1871—1914),  der  feine  Erzahler  Friedrich
  Luch  (1873—1913),  die  Lyriker  Karl  Engelhard
  (1874—1914)  und  Georg  Busse-Palma
1876—1915),  der  Asthet  Alfred  Walter  von
eymel  (1878—1914),  die  österreichischen  Erzähler
Hans  von  Hoffensthal  (1877—19140  und  Ernst
Hladny  (1833—1916).

Dazu  kommen  noch  die  im  Kriege  Gefallenen:
Hermann  Löns  (1866—1914),  dessen  Heldentod
dem  großen  Natur.  und  Tierschilderer  den  Ruhm
brachte,  den  er  bei  seinem  Leben  hatte  entbehren
müssen,  Martin  Richard  Kabisch  (1868  —1914),
Schulmann  und  Verfasser  des  gehaltvollen  Romans
»Gottes  Heimkehr,  die  Geschichte  eines  Glaubense,
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        Bartels:  Die  deutsche  Literatur  während  des  Krieges

August  Seemann  (1872—1916),  einer  der  besten
neueren  plattdeutschen  Lyriker,  Gorch  Fock  (eigentlich
  Hans  Kinau,  1880—  1916),  hoch=  und  plattdeutscher
  Erzähler  von  der  Wasserkante,  Fritz  Rassow
(1882—1916).  Verfasser  stark  ästhetizistischer  Romane,
Walter  Heymann  (1882—1915),  aus  Ostpreußen
gebürtiger  Lyriker,  Kuno  van  der  Schalk  (l885—
915)  und  Reinhard  Sorge  (1882—  1916),  junge
Dramatiker.  Man  sieht,  die  Liste  ist  lang,  und  manche
schmerzlich  empfundene  Lücke  ist  zweifellos  geblieben.
Kriegslyrik.  Unmittelbar  dem  Kriege  entsprang
gleich  von  seinem  Beginn  an  eine  ganzgewaltige  Kriegslyrik,
  zu  der  auch  manche  von  den  inzwischen  verstorbenen
  und  gefallenen  Dichtern  beigesteuert  haben.  Schon
im  ersten  Kriegsjahre  soll  die  Zahl  von  etwa  zwei
Millionen  Gedichten  erreicht  worden  sein,  und  wenn
auch  selbstverstündlich  von  diesen  Millionen  der  größte
Teil  wertlos  ist,  es  kann  doch  keinem  Zweifel  mehr
unterliegen,  daß  sich  die  Kriegslyrik  von  1914—1917
achtunggebietend  neben  die  der  Befreiungskriege  und
die  von  1870/71  gestellt  hat.  Ganz  modern  gerichtete
Geister  haben  sogar  geurteilt,  die  neue  Kriegslyrik
übertreffe  alle  ältere;  aber  wenigstens,  was  die  der
Befreiungskriege  anlangt,  ist  das  wohl  stark  übertrieben:
  Einen  Ernst  Moritz  Arndt  haben  wir  jetzt  nicht
und  wohl  auch  keinen  Theodor  Körner  und  keinen
Max  von  Schenkendorf.  Aber  es  haben  fast  alle  namhaften
  deutschen  Dichter  Kriegsgedichte  geschaffen,  und
nach  und  nach  sind  auch  manche  neue  ältere  wie  jüngere
  Talente  mit  besonderem  Talent  für  das  Kriegsgedicht
  erkennbar  geworden.  Der  älteste  Kriegsdichter
  von  1914  ist  wabrscheinlich  Johannes  Trojan
(s.  oben).  Ihm  reiht  sich  Viktor  luthgen  (geb.
1844)  an,  der  (mit  Klara  Blüthgen,  geb.  Eysell  ·  Kilburger)
  die  Kriegsdichtungen  =  Hinter  der  Fronte  veröffentlicht
  hat.  Eine  eigene  Kriegsliedersammlung  hat
auch  Hans  von  Wolzogen  Heb  1848)  in  „Vom
Krieg  zum  Frieden=  gegeben.  Von  den  in  den  fünfziger
  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  geborenen
bekannteren  deutschen  Dichtern  sind  dann  als  Kriegslyriker
  hervorgetreten:  Richard  von  Kralik,  der
österreichische  katholische  Dichter  (geb.  1852,=  Schwarzelb
  und  Schwarzweißrot-,  mit  Franz  Eichert),  Gu-—8*
  Falke  (s.  oben),  dessen  hinterlassene  Gedichtammlung
  -  Das  Leben  lebt=  fast  nur  völlische  und
Kriegslyrik  enthält,  Fritz  Bley  (geb.  1853),  Isolde
Kurz  (geb.  1853,  =  Schwert  aus  der  Scheide),  Joseph
  von  Lauff  (geb.  1855,  =  Singendes  Schwert.),
Ludwig  Ganghofer  (geb.  1855,  -Eiserne  Zither),
Heinrich  Vierordt  (geb.  1855),  Karl  Ernst
Knodt  (geb.  1856,  -Bausteine  zum  neuen  Deutschland-,
  mit  Paul  Ernst  Köhler),  Ferdinand  Avenarius
  (geb.  1856),  Hermann  Wette  (geb.  1857,
»Westfülische  Kriegsgedichte--,  plattdeutsch).  Erst  bekannt
  geworden  sind  durch  ihre  Kriegsdichtung  Otto
Haendler,  Landgerichtsrat  a.  D.  zu  Koblenz  (geb.
1851,-Weltkriegslieder).  Kurt  von  Rohrscheidt,
Geh.  Regierungsrat  zu  Merseburgegeb.  1857,,  Deutschland,
  Deutschlande)  u.  Otto  Crusius,  Präsident  der
bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften  (geb.  1857,
»Die  heilige  Not-).  Eine  ungemein  eifrige  dichterische
Tätigkeit  hat  während  des  Kleges  Mar  .  wer  (geb.
1861)  entfaltet  und  unbedingt  die  kriegerische  Stimmung
  weiterer  Kreise  gefestigt.  Zwei  wertvolle  Kriegsgedichte
  gab  auch  Gerhart  Hauptmannt  geb.  1862)
—  und  man  vergab  ihm  sein  unglückseliges  WVestpeelvon
  1913.  Der  vielleicht  am  stärksten  wirkende  Kriegsdichter
  ist,  den  meisten  Deutschen  unerwartet,  Richard

373

Dehmel  (geb.  1868)  heworden.  der  auch  mit  ins  Feld
zog;  seine  (nicht  allzu  zahlreichen)  iekgsgedichte
(#Vaueesseine  Gottesstimme)  sind  von  kühnem
Wurf  und  großer  Gedankenkraft.  Eigene  Kriegsedichtsammlungen

  gaben  ferner  Cäsar  Flaischlen
7  1864,-Kopfoben  auf.),  Friedrich  Lienhard
(geb.  1865,=  Heldentum  und  Liebe-),  Paul  Warncke,

edakteur  des-Kladderadatsch-  (e#“  1866,=  Sturm.)
Artur  von  Wallpach,  der  Tiroler  (geb.  1866,
»Wir  brechen  durch  den  Tod«),  Ottomar  Enking
(geb.  1867,  „Vaterländische  Gedichtes),  Gustav
Schüler  (geb.  1868,  -Wider  die  Welt  ins  Feld«
u.  a.),  Rudolf  Presber  (geb.  1868,  =  Der  Tag  der
Deutschen=  u.  a.),  Karl  Wagenfeld,  der  westfälische
  plaitdeutsche  Dichter  (geb.  1869,-Krieg-,  -Weltbrand),
  Laurenz  Kiesgen  (geb.  1869,  =  Deutsche
Lieder-),  Rudolf  Herzog  (geb.  1869,  „Ritter,  Tod
und  Teufel-,  =  Von  Stürmen,  Sterben,  Auferstehne),
Dietrich  Vorwerk,  evangelischer  Geistlicher  (geb.
1870,-Heiliger  Krieg-Trutz  Tode),  Bruder  Willram
  (Anton  Müller,  katholischer  Geistlicher,  geb.  1870,
„Das  blutige  Jahr«,  Der  heilige  Kampf-).  Einzelne
bemerkenswerte  Kriegsgedichte  gaben  wir  unter  anderen
  noch  von  Dermann  Stehrgeb.  1864),  Ricarda
Huch  *—  1864).  Ludwig  Thoma  (geb.  1867),
Max  Bittrich  (geb.  1867),  Rudolf  G.  Binding
(geb.  1867).  Das  einzige  allgemein  bekanntgewordene
  humoristische  Gedicht  (»O  Nikolaus,  o  Nikolaus-)
gab  der  hessische  Ingenieur  Wilhelm  Platz  (geb.
1866);  den  Volkston  traf  am  glücklichsten  Hermann
Löns  (s.  oben),  den  der  Krieg  so  früh  hinwegnahm.  —
Von  den  in  den  siebziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts
  geborenen  Kriegsdichtern  seien  als  Herauseber

  von  Sammlungen  genannt:  Ernst  Wachler
6  eb.  1871,-Krregsbeute),  Karl  Busse  (geb.  1872,
»  dutsche  ariegalieder  manuel  von  Bodman
(geb.  1874,  „Mein  Vaterlande),  Börries  Freiherr
  von  Münchhausen  (geb.  1874,,Die  Standarte.),
  Richard  Schaukal  (geb.  1874,  -Kriegslieder
  aus  Osterreiche,  „Eherne  Sonette“-),  Wilhelm
Lennemann  (geb.  1875,  -Eiserne  Heit-  Albert
Sergel(geb.  1876,-Eiserne  Saate),  Rudolf  Alexander
  Schroeder  (geb.  1878,-Heilig  Vaterlande),
Hermann  Claudius  (geb.  1878,  „Hörst  du  nicht
den  Eisenschritte,  auch  Plattdeutsches  enthaltend),
Bruno  Tanzmann  (geb.  1878),  Karl  Robert
Schmidt  (geb.  1879),  Reinhold  Braun  (geb.
1879),  Gorch  Fock  (Hans  Kinau,  s.  oben,  Plattdeutsche
  Kriegsgedichte-).  Franz  Evers  (geb.  1871),
Hermann  Anders  Krüger  gebe  1871),  Franz
Karl  Ginskey  (geb.  1871),  P.  Ansgar  Pöllmann
  (geb.  1871).  Hanns  Heinz  Ewers  (geb.
1871),  Martin  Boelitz  (geb.  1874),  Emil  üllenberg
  (geb.  1874),  Richard  Dohse  (plattdeutscher
Lyriker,  geb.  1875),  Hermann  Hesse  (geb.  1877),
Ewald  Gerhard  Seeliger  (geb.  18°7),  Karl
Röttger  (geb.  1877),  Hans  Watzlik  (geb.  1879)
befinden  sich  mit  einzelnen  Gedichten  in  den  meisten
Kriegsgedichtsammlungen.  Das  Eigentümlichste  in
der  Kriegslyrik  haben  nach  dem  Urteil  moderner  Kritiker
  die  Jüngsten,  die  nach  1880  Geborenen,  geleistet.
Wir  nennen:  Ilse  Franke  (geb.  1881,  Deutsche
Treue=  u.  a.),  Joseph  Winckler  (geb.  1881,  -Mitten
  im  Weltkriege),  Will  Vesper  (geb.  1882,  »  Vom
großen  Krieg.),  Alfons  Petzold  Geb.  1882,-Kriege,
»Voll,  mein  Volke  u.  a.),  Franz  Lüdtke  (geb.  1882,
„  Das  deutsche  Jahre),  Andrea  Frahm  (geb.  1884,
»Zeitgedichte«),  Hans  Reisiger  (geb.  1884,-Toten-
        <pb n="460" />
        374

seier),  Ina  Seidel  (geb.  1885,=  Neben  der  Trommel
  her-).  Albrecht  Schaeffer  (geb.  1885,  „Des
Michael  Schwertlos  vaterländische  Gedichte-),  Karl
Bröger  (geb.  1886,  -Aus  meiner  Kriegszeite),  Wilhelm
  Müller-Rüdersdorf  (geb.  1886,  Die  Zeit
der  großen  Erntes),  Walter  Flex(geb.  1887,-Sonne
und  Schild.),  Lans  Friedrich  Blunck  (geb.  1888,
„Sturm  über  Lande).  Heinrich  Lersch  (geb.  1889,
„Herz,  aufglühe  dein  Blut-),  Karl  von  Eisenstein
(„Lieder  im  Kampf-).  Im  besonderen  haben  Joseph
Winckler,  Albrecht  Schaeffer  und  die  Arbeiterdichter
Alfons  Petzold,  Karl  Bröger  und  Heinrich  Lersch.  zu
denen  man  noch  Bruno  Tanzmann  (s.  oben)  und
Max  Barthel  stellen  kann,  hohes  Lob  gefunden.
Eine  Gruppe  für  sich  bilden  dann  Dichter  wie  Alfred
  Kerrtgeb.  1867),  Leo  Sternberg((geb.  1876),
Julius  Bab  (geb.  1880),  Alfred  Richard  Meyer
(geb.  1882)  und  Ernst  Lissauer  (geb.  1882),  dessen
„Haßgesang  gegen  England-  roßes  Aufsehen  erregte.
Auch  die  Gefallenen  Walter  Heymann  (s.  oben)  und
Hugo  Zuckermann  (1881—1914,.  „Reiterliede)
gehören  zu  dieser  Gruppe.  —  Ein  abschließendes  Urleil
  über  die  Kriegslyrik  soll  man  sich  bis  nach  dem
Kriege  vorbehalten.  Kein  Zweifel,  sie  ist  mächtig,  sie
hat  auch  neue  Töne,  eine  neue  Art  des  Schauens  und
Darstellens  und  wird  der  Poesie  des  Krieges  und
seinen  Schrecken  gerecht.  Ob  es  freilich  ein  Lob  ist,
wenn  man  von  ihr  gerühmt  hat.  daß  das  tiefere  Gefühl
  auf  die  allgemein  menschlichen,  sozusagen  unmilitärischen
  Erscheinungen  des  Krieges  beschränkt
bleibe,  sei  dahingestellt  —  das  tiefste  Gefühl.  das  ein
so  ungeheurer,  uns  frevelhaft  aufgezwungener  Krie
auszulösen  hat,  dürfte  ja  wohl  das  völkische  sein,  un
das  war  bei  der  Dichtung  der  Befreéiungkriege  allerdings
  viel  stärker  als  jetzt,  wo  die  deutschen  Dichter
auch  an  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  nur  selten
gedacht  haben.

Soustige  Kriegsliteratur.  Neben  der  Kriegslyrik
will  die  ubrige,  auf  den  Krieg  bezligliche  literarische
Produktion  nicht  allzuviel  besagen:  jer  ist  auch  meist
schriftstellerischer,  feuilletonistischer  Natur  oder  Unterhaltungsliteratur
  für  den  Tag.  Schon  vor  dem
Kriege  hatten  wir  eine  Art  Kriegszukunft=  und  nebenbei
  rtechnische  Literatur,  die  kommende  Dinge  zu
gestalten  versuchte.  Es  seien  August  Niemanns
(geb.  1839)  Noman-Weltkrieg=  (1904),  Ferdinand
Grautoffs  (geb.  1871)  -Seestern  1906.  (1905),  der
zwanzig  Auflagen  und  eine  Volksausgabe  erlebte,  und
Ewald  Gerhard  Seeligers  (s.  oben)  Schrecken
der  Völker-(1908)  erwähnt,  Werke,  deren  Phantasien
nur  freilich  durch  den  Krieg  größtenteils  ad  absurdum
geführt  worden  sind.  Schilderungen  von  Flottenkämpfen
  verdanken  wir  unter  anderen  dem  Grafen
Haus  Nikolaus  Ernst  von  Bernstorff  (1856—
1915,  „Deutschlands  Flotte  im  Kampf-),  und  den
Fliegerroman  hat  wohl  Emil  Sandtogeb.  1864)  mit
·  Cavete.  (1907)  und  -Im  Ather-  begründet.  Ihm
sind  dann  Martin  Atlas  (geb.  1878,=  Titan«),  Emil
Frank  (geb.  1880,  =  Im  Ringen  um  das  Luftmeer-),
Leonhard  Adelt  (geb.  1881,  „  Der  Flieger-),  Albert
  von  Trentini  (geb.  1878.  „  Unser  Geist-),
zuletzt  sogar  der  berühmte  Rudolf  Hans  Bartsch
(geb.  1873,  =  Der  Flieger-)  und  noch  manche  andere
gefolgt.  —  Selbstverständlich  sind  dann  während  des
Krieges  auch  manche  deutsche  Dichter  als  Berichterstatter
  ins  Feld  gegangen  und  haben  regelrechte
Kriegsberichte  geliefert;  es  seien  genannt:  Ludwig
Ganghofer  (l.  oben,  „Reise  zur  deulschen  Fronte,

IV.  Kultur  und  Geistesleben

„Die  stählerne  Mauer-,  -  Die  Front  im  Osten«,  »Deir
russische  Niederbruch-),  Ernst  von  Wolzogen  (geb.
1855,  =  Landsturm  im  Feuer-),  Fedor  von  Zobel.
titz  (geb.  1857,  -Kriegsfahrten  eines  Johanniters.),
Artur  Brausewetter  (geb.  1864,=  Meine  Fahrten
an  die  West=  und  an  die  Ostfronte),  Paul  Oskar##
Höcker  (geb.  1865,  =  An  der  Spitze  meiner  Kom
pagnie),  Otto  von  Gottbergetgeb.  1867,=  Als  Udjutant
  durch  Frankreich  und  Belgiene,-Kreuzerfahrten
und  U--Boots-Taten-,  Die  Helden  von  Tsingtauz),
Hans  Eschelbach  (geb.  1868,  Dichterfahrten  zu
unsern  Feldgrauene),  Walter  Bloem  (geb.  1868,
Vormarsch-).  Ferdinand  Grautoff  (s.  oben,
„Eine  Fahrt  an  die  Westfront-,  Auf  unserer  Flotte
in  der  Ostsee-),  Paul  Grabein  (geb.  1869,  „Im
Auto  durch  Feindesland),  Wilhelm  Hegeler  (ged.
1870.  „Bei  unsern  Blaujacken  und  Feldgrauen,  flandrische
  Erlebnisse),  Erust  Wachler  (s.  oben,  .  Der
Durchbruch  von  Brzeziny«),  Franz  Karl  Ginskey
  (s.  oben,  An  der  Front  in  Tirol-),  Karl  Rosner
  (geb.  1873,-Der  graue  Ritter-,  =  Vor  dem  Drahtverhaue),
  Wilhelm  Schmidtbonn  (geb.  1876,
„Menschen  und  Städte  im  Kriege-,  -Krieg  in  Serbien-),
  Karl  Hans  Strobl  (geb.  1877,  -Zwischen
Weichsel  und  Karpathen«,  »Krieg  im  Alpenrot-).  Wilhelm
  Konrad  Gomol!  (geb.  1877,  -Im  Kampife
gegen  Rußland  und  Serbien-),  Bernhard  Kellermann
  (geb.  1879,  =  Der  Krieg  im  Westen«,  Der
Krieg  im  Argonnenwald-),  Alfons  Paquet  (ged.
1881,  =  Nach  Ostene),  Arthur  Babillotte  (1887
bis  1917.,  Kriegsskizzen  aus  dem  Elsaße),  Anton
Fendrich  (2  Ini  Auto  an  der  Front-,  »An  Borde,
„Gegen  Frankreich  und  Albion«).  Kriegsbücher.
haben  wir  außerdem  von  Wilhelm  Fischer-Graz
(geb.  1846,  -Kriegsbuch-),  Adam  Müller--Guttenbrunn
  (geb.  1852,  -Kriegstagebuch  eines  Daheimgebliebenene),
  Hans  Fraungrubertgeb.  1863,
»Aus  dem  Weltkriege),  Heinz  Tovote  (geb.  1864,
»Aus  einer  deutschen  Festung  im  Kriege-),  Hermann
  Stegemanntgeb.  1870,-Geschichte  des  Kriees«),

  Helene  Christaller  (geb.  1872,  =  Wir  dabeim.),
  R.  H.  Bartsch  (s.  oben.  =  Das  deutsche  Volk
in  schwerer  Zeite),  OLelene  Voigt-Diederichs  (geb.
1875,  -Wir  in  der  Heimat-),  Hermann  Kurz-Deidt
  (geb.  1880,  Vogesenwacht,  Erlebnisse  und
Schilderungen  eines  Neutralen-),  Emil  Ludwig
(geb.  1881,  =  Die  Fahrten  der  Emden  und  Ayesha-,
»Die  Fahrten  der  Goeben  und  Breslau-,-Der  Kampf
auf  dem  Balkan-).  Kurt  Küchler  (geb.  1883,-Die
deutsche  Flotteim  Weltkrieg,=  Allerhand  Kriegsvolk.).
—  Sehr  rasch  pflegen  natürlich  Kriegserlebnisse  und
Kriegsstimmungen  in  Roman  und  Erzählung  überzugehen,
  und  so  ist  denn  die  Zahl  der  Kriegsromane
und  Kriegserzählungen  auch  bereits  sehr  groß.
Der  älteste  deutsche  Dichter,  der  Kriegsromane  geschaffen
  hat,  dürfte  Richard  Voß  (gev.  1851)  min
Der  heilige  Haß  (1915)  und  „Brutus,  auch  du-(gegen
  Italien)  sein.  Charlotte  Niese  (geb.  1854)
gab  die  Erzählungen  -Barbarentöchter:  und  „Von
denen,  die  daheim  geblieben  sinde,  Ada  von  Gersdorf
  (geb.  1854)  den  Roman  -Der  Krieg  als  Exzieher-,
  Fedor  von  Zobeltitz  (s.  oben)  die  Jugenderzählungen=
  Heinz  Stirlings  Abenteuer  als  Kriegsfreiwilliger
  und  -Kap  Trafalgar-,  Walter  Schulte
vom  Brühl  (geb.  1868)  den  Roman  -Der  Weltbürger=
  u.  a.,  Fritz  Skowronnek  (geb.  1858)  =  Der
Mann  von  Eisen-,  einen  Roman  aus  Ostpreußens
Schreckenstagen,  Karl  Bleibtreu  (geb.  1859)  die
        <pb n="461" />
        Bartels:  Die  deutsche  Literatur  während  des  Krieges

Kriegsnovellen  -  Die  Entscheidungsschlacht-,  Gabriele
  Reuter  (geb.  1859)  den  Roman  „Ins  neue
Land-,  Wilhelm  Arminius  (s.  oben)  die  Jugenderzählung-Der
  Russenschreck=  Georgvon  Ompteda
(geb.  1863)  schrieb  einen  Roman  »Der  Hof  in  Flandern«,
  Rudolf  Stra  "6  (geb.  1864)  schilderte  in  -Das
deutsche  Wunder  die  Entstehung  des  Krieges  und  die
Enttäuschung  eines  der  fremden  Hasser,  die  ihn  heraufgeführt,
  Artur  Brausewetter  (s.  oben)  veröffentlichte
  den  Roman-Wer  die  Heimat  liebt  wiedu-,
Helene  Raff  (geb.  1865)  die  Erzählungen  =  Das
junge  Geschlecht-,  Ernst  Zahn  (geb.  1867)  die  Erzählungen
  =  Einmal  muß  wieder  Friede  werden-,  Rudolf
  Heubner  (geb.  1867)  die  Novellen  Sankt
Michaels  Heervolk-,  Auguste  Supper  (geb.  1867)
die  Erzählungen  -  Vom  jungen  Krieg:,  Otto  von
Gottberg  (s.  oben)  den  Roman  Die  Spionine,
Wolf  Graf  Baudissin  (Freiherr  v.  Schlicht,  geb.
1867)  den  humoristisch-patriotischen  Noman  -.  Weit
vom  Schuß-;  Olga  Wohlbrück  (geb.  1867)  gab  die
beiden  Romane  -Barbaren“  und  -Der  große  Rachen“,
Max  Geißler  (geb.  1868)  gleichfalls  zwei,  -Nach
Rußland  wollen  wir  reiten=  und  -Die  Wacht  in  Polene.
  Edith  Gräfin  Salburg  (geb.  1868)  schrieb
den  Roman  Vater  und  Vaterland-,  Meta  Schoepp
(geb.  1868)  .  Blockade-,  Nanny  Lambrecht  (geb.
1868)  die  drei  Romane  „Die  eiserne  Freude,  Die
Fahne  der  Wallonen  und  -Die  letzte  Schlacht=  sowie
  die  Novellen  »Die  Höllee,  Kurt  Aram  (Hans
Fischer,  geb.  1869)  den  Roman=  Die  Männer  im  Feuerofen-,
  Alfred  Funke  (geb.  1869)  den  RNoman-Im
Banne  des  deutschen  Adlers-,  Johannes  Jegerlehner
  (geb.  1871)  die  Erzählung  =  Grenzwacht  der
Schweizer-,  Nathanael  Jünger  (Joh.  Rump.  geb.
18710  die  beiden  Romane  Revanche=  und  -Die  lieben
Vettern«,  Karl  Busse  (s.  oben)  mit  andern  die  Novellen
  »Feuerschein«,  Helene  Christaller  (s.  oben)
die  Novellen  und  Skizzen  =  Aus  ernster  Zeit,  der  plattdeutsche
  Erzähler  Fritz  Lau  (geb.  1872)  „Helden  to
Hus=  und--In  Luv  un  Lee“,  Karl  Rosner  (s.oben)
gab  einen  Roman  -Der  deutsche  Traum-,  Wilhelm
Frick-  Schussen  (geb.  1874)  die  Kregeerzählungen
»Im  großen  Jahr-,  Helene  von  Mühlau  (geb.
1874)  den  Roman  Der  Kriegsfreiwilliges,  Klara
Hofer  (Höffner,  geb.  1875)  die  Erzählung  Das
Schwert  im  Osten-,  Ewald  Gerhard  Seeliger
(s.  oben)  den  Roman  =  Der  gelbe  Seediebe,  Lisbeth
Dill  (v.  Drigalski,  geb.  1877)  die  Erzählungen  =  Der
Tag  in  Nancy-,  Emil  Lucka  (geb.  1877)  die  Kriegsanekooten-
  Das  brennende  Jahr«,  Paul  Linde  (geb.
1877)  den  Roman  „Der  russische  Sumpf“,  Peter
Dörfler  (geb.  1878)  die  Erzählung  =  Der  Wellkrieg
im  schwäbischen  Himmelreich“,  Kurt  Münzer  (geb.
1879)  die  Romane  Der  graue  Tod«  und  Menschen
von  gesterne,  Robert  Heymann  (geb.  1879)  Das
flammende  Lande  und  -Gesegnete  Waffen«,  Hermann
  Kesser  (geb.  1880)  „Unteroffizier  Hartmanne,
Friedrich  Freksa  (geb.  1882)  den  Roman-Gottes
Wiederkehr,  Kurt  Küchler  (s.  oben)  die  Novellen
„Feuertaufe  und  die  Erzählung  =  Dieletzten  Tage  von
Tsingtau-,  Adolf  Köster  (geb.  1888)  die  Novellen
*  Brennendes  Blute,  Paul  Burg  (Schaumburg,

eb.  1884)  die  Romane  -Fliegerleutnant  Bärenprung=
  und  „Die  Geschichte  der  Lena  Kalinska  sowie
die  Bilder  „Alles  um  Frieden-,  Arthur  Babillotte
  (s.  oben)  die  Romane  =  André  Picards  Bekehrunge,
  -Zwischen  den  Feinden=  und  „Neubaut,
Hans  Friedrich  Blunck  (s.  oben)  die  Romane

375

„Der  Ritt  gegen  Morgen-  und  „Totentanze,  Thea
von  Harbou  (geb.  1888)  den  Roman  „Der  unsterbliche
  Acker  „,  Eilhard  Erich  Pauls  (geb.  1890)  den
Roman  -Der  Püter  Israels-.  Das  ist  immer  erst  ein
Teil  der  durch  den  Krieg  angeregten  erzählenden  Literatur,
  und  was  von  ihr  dauernde  Bedeutung  hat,
muß  sich  erst  herausstellen.  In  den  sogenannten  Feldbüchern.
  war  sehr  oft  auch  Schund.  Auch  historische
RNomane,  wie  Karl  Bleibtreus  (s.  oben)  „Bismarck-,
Max  D  ##  (geb.  1862)  -Der  deutsche  Morgen-,
Thomas  Manns  (geb.  1875)  Buch-Friedrich  und
die  große  Koalitione,  selbst  Werner  Janssens
Nibelungenroman  -  Das  Buch  der  Treue=  sind  aller
Wahrscheinlichkeit  nach  durch  den  Krieg  angeregt.  Am
wenigsten  hat  er  wohl  auf  das  Drama  eingewirkt:
Volksstücke  und  Kriegsoperetten,  wie  die  in  Berlin
häufi  gegebenen  *Immer  feste  drusst  und  Die
Culass  anone-,  kommen  natürlich  für  die  Literatur
nicht  in  Betracht.  So  mögen  hier  nur  Paul  Ernsts
(geb.  1866)  Schauspiel-Preustengeist-,  Karl  Schönherrs
  (geb.  1867)  Drama  -Volk  in  Not«,  Rend
Schickeles  (geb.  1883)  elsässisches,  nicht  eben  deutsch
empfundenes  Schauspiel  „Hans  im  Schnakenlochund
  das  plattdeutsche  Schauspiel  „Twee  Feldgraues
von  Gustav  Stille  (geb.  1845)  genannt  werden.

Die  Literaturentwicklung  während  des  Krieges.
Eine  wirklich  umwälzende  Bewegung  hat  der  Krieg  in
unserer  Literatur  bisher  nicht  hervorgebracht.  und  sie
ist,  wie  schon  gesagt,  auch  schwerlich  noch  zu  erwarten.
Zwar  hat  man  namentlich  zu  Anfang  des  Krieges  so
getan,  als  ob  er  dem  Fremdgeist  in  unserer  Dichtung
und  zugleich  auch  dem  sogenannien  Asthetismus  ein
Ende  bereiten  werde,  und  eine  Periode  der  Sachlich
keit  und  —  Männlichkeit  angekündigt.  Heute  glaubt
wohl  niemand  mehr  daran.  Betrachten  wir  die  Produktion
  während  des  Krieges  im  allgemeinen,  nicht  im
Himblick  auf  den  Krieg,  so  sehen  wir  noch  so  ziemlich
alle  alten,  uns  längst  vertrauten  Richtungen  vertreten,
  und  wenngleich,  übrigens  auch  schon  aus  der  Zeit
vor  dem  Kriege  her,  etwas  Neues,  der  sogenannte
Expressionismus,  um  Geltung  ringt,  man  darf  doch
vielleicht  auf  die  gegenwärtige  Lage  einfach  das  bekannte
  Wort  -»Das  Gute  ist  nicht  neu,  und  das  Neue
ist  nicht  gut«  in  Anwendung  bringen.  Es  sind  auch
nicht  allzu  viele  neue  Talente  emporgekommen  und
von  den  alten  Größen  nur  wenige  zurückgetreten.  Das
letztere  ist  mit  Karl  Spitteler  (geb.  1845),  der  vor
dem  Kriege  vielfach  als  der  bedeutendste  zeitgenössische
  deutsche  Dichter  betrachtet  wurde,  der  Fall,  aber
nicht,  weil  man  über  seine  Dichtung  anderer  Meinung
geworden  wäre,  sondern  weil  er  sich  gleich  zu  Anfang
des  Krieges  seiner  deutschen  Herkunft  unwürdig  erwiesen
  hat.  Daß  Timm  Kröger  (s.  oben)  nach  dem
Erscheinen  seiner  gesammelten  =  Novellen=  sein  Recht
erlungt  hat,  ward  schon  bemerkt.  Neu  waren  in  dieser
  Gesamtausgabe  unter  anderem  zwei  große  Erzählungen,
  =  Daniel  Dark=  und  -Dem  unbekannten
Gott-,  die  sich  mit  dem  religiösen  Problem  beschäftigen
  und  zugleich  die  gunze  Stimmungsgewalt  des
DTichters  offenbaren.  —  Eine  stärkere  Geltung,  wie  sie
Timm  RKröger  nun  gewonnen  hat,  wünschte  man  auch
dem  steirischen  Dichter  Wilhelm  Fischer  (s.  oben),
von  dem  eigentlich  nur  der  Roman  -Die  Freude  am
Licht-  weiteren  Kreisen  bekanntgeworden  ist.  Er  hat
zuletzt  den  Noman  Die  Fahrten  der  Liebesgöttin
(1914)  geschrieben.  Auch  Isolde  Kurg  (s.  oben)  genießzt
  bei  dem  breiteren  Publikum  noch  lange  nicht
die  Anerkennung,  die  sie,  die  stärkste  Renaissance=
        <pb n="462" />
        376

Novellistin,  verdient.  Sie  hat  uns  in  den  letzten  Jahren
  die  Erzählungen  „Kora=  und  „Wandertage  in
Hellas  gegeben.  Mit  ihr  sei  gleich  Helene  Böhlau
(geb.  1859)  genannt,  deren  neuester  Noman  Der
gewürzige  Hund«  die  Geschichte  der  Charlotte  Stieglitz
nach  dem  Weimar  Goethes  versetzt.  Schade,  daß  ihre
starke  Natur  nur  selten  rein  zum  Durchbruch  kommt.
Am  meisten  in  den  Vordergrund  ist  von  allen  unseren
dichtenden  Frauen  neuerdings  Ricarda  Huch  ((s.
oben)  getreten,  und  zwar  durch  ihren  Roman  -Der
große  Krieg,  der  die  ganze  Geschichte  des  Dreißigjährigen
  Krieges  in  zahrreichen  chronikartig  gehaltenen,
  aber  meist  plastischen  Bildern  vorführt.  —  Von
der  ehemaligen  sogenannten  -Moderne  ist  nicht  viel
Rühmliches  mehr  zu  sagen.  Hermann  Sudermann
(geb.  1857)  schreibt  noch  immer  seine  Dramen,  manche
jetzt  auch  mit  historischem  Hintergrunde,  aber  es  ist
nicht  zu  leugnen,  daß  er  sehr  manieriert  geworden  ist.
Sein  letztes  aufgeführtes  Stück  ist  die  Tragikomödie
»Die  gut  geschnittene  Ecke.  Ludwig  Fuldas  (geb.
1862)  letzte  Stücke,-Die  Rückkehr  zur  Natur-,-Abendsonne-,-Der
  Lebensschüler.  Die  verlorene  Tochter-,
sind  sehr  still  vorübergegangen.  Von  Gerhart
Hauptmann  (s.  oben)  Hlen  dem  in  einem  bestimmten
  Zwiespalt  steckengebliebenen  „Bogen  des  Odysseuse
  nichts  mehr  hervorgetreten.  Sein  Bruder  Karl
Hauptmann  Geb  1858)  hat  während  der  Kriegszeit
  „Krieg,  ein  Tedeume,  =  Aus  dem  großen  Kriege,
dramatische  Szenene,  die  Soneite  »Dort,  wo  im
Sumpf  die  Hürde  steckt,  die  burleske  Tragödie  -Tobias
  Buntschuhe  und  die  Komödie  -Rebhühner=  geschrieben;
  seit  er  vom  Naturalismus  losgekommen,
experimentiert  er.  Von  der  alten  Zolaschule  ist  nur
Max  Kretzer  (geb.  1854)  lebendig  geblieben;  manche
auch  seiner  neuesten  Romane  sind  noch  recht  gut
lesbar,  und  jetzt  in  der  Kriegezet  hat  er  nicht  nur
Kriegsgedichte,  sondern  auch  -Berliner  Kriegsdenkwürdigkeiten
  herausgegeben.  —  Zu  der  der  Zolaschen
  entgegengesetzten  Maupassantschen  Richtung
pflegt  man  auch  den  Grafen  Eduard  Keyserling
(geb.  1855)  zu  rechnen;  er  ist  aber  ein  Eigener  und
wird  sich  erhalten.  Seine  letzten  Werke  sind  der  Roman
  -Abendliche  Häuser-  und  die  Erzählung  =  Am
Südhang-.  Georg  Freiherr  von  Ompteda  (s.
oben),  einst  übersetzer  Maupassants  und  ernster  Darsteller
  des  Lebens  der  adligen  Kreise,  ist  ganz  Unterhalter
  geworden,  allerdings  nicht  gewöhnlicher,  wie
auch  noch  sein  Roman  Der  Hof  in  Flandern  (1916)
zeigt.  Der  schon  erwähnte  Rudolf  Stratz  ist  nie
mehr  als  Unterhalter  gewesen,  auch  Rudolf  1
(s.  oben)  nicht,  aber  dieser  hat  doch  meist  Gehalt,  und
so  ist  auch  das  nationale  Verdienst  seines  letzten  Romans
  =  Das  große  Heimweh.,  der  uns  die  Deutschen
Nordamerikas  vorführt,  nicht  zu  verkennen.  Merkwürdig
  erscheint  es,  daß  sich  ein  von  Haus  aus  so  begabter
  Lebensdarsteller  wie  Wilhelm  Hegeler  ((.
oben)  so  völlig  verloren  hat.  Auch  von  Felix  Hollaender
  (geb.  1867),  dem  Verfasser  des  -Weges  des
Thomas  Truck.  ist  nicht  viel  übriggeblieben.

Im  Gegensatz  zur  einstigen  Moderne  hat  sich  die
so  viel  geschmähte  und  verhöhnte  Heimatkunste  recht
kräftig  erhalten  und  manchen  erfreulichen  jüngeren
Zuwachs  bekommen.  Es  ist  sehr  viel  bemerkt  worden,
daß  sich  Timm  Kröger  in  der  Einleitung  zu  seinen
  gesammelten  Novellen  rückhaltlos  zu  ihr  bekannt
hat.  Hermann  Löns,  der  Heidedichter,  der,  wie
schon  berichtet,  nach  seinem  Heldentode  zu  großem
Rufe  gelangt  ist,  gehört  ihr  ja  wohl  auch  an  und

IV.  Kultur  und  Geistesleben

eigt,  was  einem  Ueinen  Stück  Erde  und  ihrem  Mensoen
  .,  Tier=  und  Pflanzenleben  abzugewinnen  ist.
Noch  ist  der  Südhannoveraner  Heinrich  Sohnrey
(geb.  1859)  rüstig  am  Werke,  und  der  Hamburger
Wilhelm  Poeck  (geb.  1866)  hat  sein  Reich  nach  der
Seite  des  Humors  (»  Die  gestohlene  Fregatte«,  »Fsint
und  Genossen-)  immer  mehr  erweitert.  Diedrich
Speckmann  (geb.  1872),  der  Schilderer  des  Lebens
der  Lüneburger  Heide,  der  sich  mit  seinen  Romanen
durchaus  auf  der  Höhe  halten  konnte,  hat  neuerdings
in  Gustadp  Kohne  (geb.  1871)  einen  begabten  E.
nossen  (°Erhart  Rutenberge)  erhalten.  Seine  Darstellung
  des  Bremer  Lebens  baut  Wilhelm  Scharrelmann
  (geb.  1875)  immer  mehr  aus  (-Geschichten
aus  der  Pickbalge),  und  jüngere  Hamburger  sind
außer  Gorch  Fock  (s.  oben,  „Seefahrt  ist  not.)
Emil  Kullberg  (geb.  1877),  der  sich  freilich  nicht
auf  seine  Heimat  beschränkt,  und  Hermann  Krieger
(Familie  Hahnekampe).  Von  den  jüngeren  Schles.
wig-Holsteinern  sind  Wilhelm  Lobsien  (geb.  1872,
„  Der  Halligpastor-)  und  der  schon  genannie  Fritz
Lau  erwähnenswert.  Die  Pommern  haben  in  Wilhelm
  Krauel  (geb.  1876)  einen  guten  Heimatdichter
  erhalten  (Von  der  andern  Art-,  -  Das  Erbe  der
Väter-),  die  Brandenburger  in  Wilhelm  Koyde
(geb.  1878),  der  in  „Wilhelm  Drömers  Siegesgang-(1913)
  einen  unserer  besten  Bauernromane  geschaffen
und  sich  nun  auch  mit  der  =  Wittenbergisch  Nachtigallan
  Luther  und  der  Reformation  versucht  hat.  —  Von
den  Frauen  kann  man  natürlich  Klara  Biebig
(geb.  1860)  nicht  ohne  weiteres  auf  die  Heimatkunst
festlegen,  obgleich  sie  immer  wieder  einmal  auf  den
Boden  der  grinusschen  Eifel  zurückgekehrt  ist;  sie  ist
vielleicht  von  allen  deutschen  Dichtern  und  Dichterinnen
  das  Talent,  das  am  entschiedensten  in  der  Richtung
Zolas  gegangen  ist.  Auch  ihr  letzter,  Berliner  Roman
  -Eine  Hand  voll  Erde.  tut  dies  noch.  Nicht  genug
  geschätzt  wird  bisher  die  Hessin  Lotte  Gubalke
(geb.  1856),  deren  Heimatsgeschichten  fast  alle  auch
wichtige  Lebensprobleme  haben.  Nanny  Lambrecht
und  Helene  Voigt-Diederichs,  die  auch  hierher
gehören,  wurden  mit  ihren  letzten  Werken  bereits  erwähnt.
  —  Einen  großen  Aufschwung  hat  die  Heimatkunst
  in  neuester  Zeit  in  Süddeutschland  genommen
und  dabei  manche  Eigenschaften  entwickelt,  die  die
ältere  norddeutsche  noch  nicht  aufwies.  An  die  Spitze
kann  man  hier  den  in  Koblenz  geborenen,  aber  im
Elsaß  heinusch  gewordenen  Hermann  Stegemann
  (s.  oben)  stellen,  der  zur  Zeit  auch  als  Kriegs.
beurteiler  des  Berner  „Bund=  großes  Ansehen  genießt.
  Seine  Romane  spielen  fast  alle  im  Elsaß,  und
namentlich  der  mit  einer  Schilderung  der  Schlacht  bei
Wörth  einsetzende,  unmittelbar  vor  dem  Kriege  erschienene
  »Die  Krafft  von  Illzach=  kann  auf  großzügige
  Gestaltung  Anspruch  erheben.  —  Im  Frankenlande
  ist  langsam  Hans  Raithel  (geb.  1864)  emporgekommen,
  dessen  Erzählungen  (-Herrle  und  Hannilee,
  =  Annamaige,  -Schusterhans  )  eine  Note  echten
Humors  haben.  In  Schwaben  schaffen  Auguste
Supper  (s.  oben,  -Der  Herrensohne),  Wilhelm
Frick  (s.  oben),  Ludwig  Finckh  (geb.  1876),  dessen
letzter  RKoman=  Der  Bodenseher=  ein  echter  Reutlinger
Heimatroman  ist,  —  auch  Hermann  Hesse  (s.  oben)
hat  sich  keineswegs  vom  Heimatboden  gelöst.  Bayerischer
  Schwabe  ist  Peter  Dörfler  (s.  oden),  der
vor  einigen  Jahren  mit  dem  Buch  -Als  Mutter  noch
lebte-  begann  und  rasch  zu  Ansehen  gelangt  ist.  Zu
den  Jung-Elsässern  gehört  der  bereits  verstorbene
        <pb n="463" />
        Bartels:  Die  deutsche  Literatur  während  des  Krieges

Arthur  Babillotte  (s.  oben);  Anton  Fendrich,
  dessen  =  Emil  Himmelheber=  etwas  verspricht,  ist
Badener.  —  Auch  in  OÖsterreich  herrscht  ganz  frisches
Leben  auf  diesem  besonderen  Literaturgebiete.  Wer
hätte  gedacht,  daß  in  Adam  Müller-Guttenbrunn
  (s.  oben),  der  zunächst  ganz  im  Banne  des
modernen  Theaters  stand  und  Augiers  -Haus  Fourchambault=
  fortsetzte,  der  Banater  Schwabe  noch  so
mächtig  herauskommen  würde?  Neben  ihm  mögen
hier  nur  Hans  Fraungruber  (s.  oben),  der  Verfasser
  der  Ausseer  Geschichten-,  Rudolf  Greinztgeb.
1866),  der  mit  der  (etwas  erotistischene)  Gertrud
Sonnweber=  einen  Erfolg  hatte,  Hans  Schrott-Fiechtl,
  der  Tiroler  (geb.  1867),  und  von  Frauen
Susi  Wallner  (geb.  1868)  u.  Henriette  Schrott
(geb.  1877)  genannt  sein.  Karl  Schönherrts.  oben),
dessen  „Weibsteufel  (1915)  während  der  Kriegszeit
vielfach  verboten  wurde,  gehört  natürlich  auch  hierher.
—  Die  Schweizer  Dichter  sind  und  bleiben  fast  alle
Heimatdichter.  Neben  Ernst  Zahn  (s.  oben),  der  um
1910  den  größten  Ruf  von  ihnen  hatte  und  noch  jetzt
rüstig  forkarbeitet,  sind  in  den  letzten  Jahren  Heinrich
  Federer  (geb.  1866),  der,  katholischem  Milien
entwachsen,  auch  starke  kulturhistorische  Begabung  hat
und  gelegentlich  nach  Italien  hinüberschweift,  Johannes
  Jegerlehner  (s.  oben)  und  der  Bauerndichter
  Alfred  Huggenberger  getreten,  der  auch
ein  guter  Lyriker  ist.—  Über  die  Berühmtheiten  unter
unseren  meist  von  der  Heimatkunst  beeinflußten  Unterhaltungstalenten
  soll  hier  nur  ganz  kurz  gesprochen
werden.  Max  Dreyer  hat,  wie  schon  erwähnt,  zuletzt
  einen  guten  Roman  aus  der  Zeit  nach  den  Freibeitskriegen,
  Der  deutsche  Morgen,  geschrieben.  Der
letzte  Teil  von  Otto  Ernsts  (geb.  1862)  autobiographischem
  Roman,  -Asmus  Semper,  der  Manne,
ist  dichterisch  schwach  und  menschlich  wenig  sympathisch;
  Gustap  Frenssen  (geb.  1863)  hat  fr  seinen
unglaublich  taktlosen  Versuch,  Bismarck  episch  zu  einer
Art  Reineke  Fuchs  unugestalten.  den  verdienten
Lohn  erhalten  und  das  Werk  schleunigst  zurückgezogen.
Die  fleißige  Tätigkeit  Ottomar  Enkings  (s.  oben),
von  dem  uns  die  Kriegszeit  fünf  Romane  brachte,  ist
unzweifelhaft  schätzenswert.  Auch  Franz  Adam
Beyerlein  (geb.  1871)  und  Paul  Keller  (geb.  1873)
haben  in  ihrer  letzten  Entwicklung  noch  beachtenswerte

erke  gegeben.—  Einen  unzweifelhaften  Aufschwung
hat  im  letzten  Jahrzehnt  wieder  der  Geschichtsroman
genommen.  Paul  Schreckenbach  (geb.  1866)  ist
gewiß  kein  Großer,  aber  man  liest  alle  seine  Werke,  die
meist  auf  dem  ihm  vertrauten  thüringisch-sächsischen
Boden  spielen,  mit  wahrem  Vergnügen.  Rühmenswert
  sind  auch  Hanns  von  Zobeltitz  (geb.  1853)
mit  „Der  Alte  auf  Topper=  (1915)  und  Fedor
Sommer  (geb.  1864)  mit  =  Das  Waldgeschrei".  Weniger
  sorgfältig  als  diese  arbeitet  Johannes  Dose
(geb.  1860),  der  zuletzt  einen  Düppel-=  und  einen
Luther--Roman  geschrieden  hat,  ebenso  Walter
Bloem  (geb.  1868),  der  einen  Romanzyklus  von
1870  (°Das  eiserne  Jahr-,  -  Voll  wider  Volk-,  -Die
Schmiede  der  Zukunft  )  herausgegeben  hat;  erist  nicht
ohne  sensationelle  Elemente.  Verdienten  Beifall  fand
der  Roman  aus  den  Freiheitskriegen  =  Die  Flammenzeichen
  rauchen=  von  Paul  Grabein  (s.  oben).  —
Hohe  Kunst  sind  bis  zu  einem  bestimmten  Grade  sicherlich
  die  Romane  von  Enrica  Baronin  Handel-Mazzetti
  (geb.  1871),  deren  leßter  großer  (2  Stephana
  Schwertnere)  sehr  verschiedenartige  Beurteilung
  gefunden  hat;  ganz  ohne  Manier  sind  sie  aber

377

nicht.  Solche  findet  sich  auch  in  Julius  Havemanns
  (geb.  1866)  Freihätskriegroman  -Der  Ruf
des  Lebens-.  Ihm  kann  man  dann  noch  die  Friedrich.
der-  Große-Romane  von  Paul  Schulze--Berghoff
  (geb.  1873)  und  auch  Wilhelm  Schäfers(geb.
1868)  .  Der  Lebenstag  eines  Menschenfreundes.
(Pestalozzi,  1915)  anschließen.—  Großes  Aufsehen  hat
unmittelbar  vor  dem  Krieg  ein  hinterlassener  Frauenroman,
  Agnes  Günthers  (1863—1911).-Die  Heilige
  und  ihr  Narr«,  erregt.  Das  Urteil  über  ihn  steht
noch  nicht  fest.  Gehalt  kann  man  ihm  jedenfalls  nicht.
absprechen,  aber  auf  neuer  Bahn  geht  er  nach  des  Verfassers
  Ansicht  nicht.  Daß  Marie  Diers  (geb.  1867),
Agnes  Härder  (geb.  1864),  Marie  Burmester-(geb.
  1870),  Helene  Christaller  (s.  oben),  Lisbeth
  Dill  (s.  oben)  gute  Unterhaltungsschriftstellerinnen
  sind  und  öfter  auchin  höherem  Sinne  wertvolle
Werke  schreiben,  sei  hier  kurz  bemerkt.  In  unserer  Unterhaltungsliteratur
  steckt  immer  noch  viel  Gesundes.

Der  große  Erfolg  der  Kriegszeit  war  Gustav
Meyrinks  (eigentlich  Meyer,  geb.  1868)  =  Der  Golem“,
  und  mit  ihm  kommen  wir  denn  zu  der  neuen
Moderne,  die  im  großen  ganzen  nicht  sehr  erfreulich
ist.  Man  hat  die  neuen  Richtungen  der  Literaturentwicklung
  mit  den  Schlagworten  Asthetismus  und
Erotismus  bezeichnet,  und  zweifellos  ist  es  richtig,  daß
die  Loslösung  vom  Leben,  die  Üübertreibung  des  Formalen
  in  der  modernen  Dichtung  unverkennbar  und
daß  ferner  eine  übersteigerung  des  erotisch-sinnlichen
Elements  vorhanden  war.  Als  drittes  Schlagwort
könnte  man  dann  vielleicht  noch  Exotismus  wählen;
das  Exotische  jeder  Art,  auch  wo  es  sich,  wie  beim-Golem,
  in  unserem  deutschen  Leben  nur  eingesprengt
fand,  zog  das  neue  Geschlecht  stark  an.  Endlich  könnte
man  vielleicht  noch  das  Schlagwort  „Perversismushinzufügen;
  die  Verkehrung  aller  Dingeins  Anormaleoder
  Abnorme  war  eine  oft  geübte  Liebhaberei  deutscher
  Dichter  geworden.  Zweifellos  gehört  die  Doppelgängergeschichte
  Meyrinks  und  ferner  sein  neuetes
  Werk  Das  grüne  Gesicht“,  das  den  Ahasvertoff
  behandelt  und  schon  roher  ist,  auch  der  perversen

ichtung  an.  Als  ihren  Begründer  hat  man  vielfach
Hanns  Heinz  Ewers  (s.  oben)hingestellt,  den  Verfasser
  der  „Teufelsjäger  (1909),  der  von  E.  T.  U.
Hoffmann  ausgegangen  sein  soll,  aber  doch  zuletzt  nicht
allzuviel  mit  dem  alten  Romantiker  gemein  hat.  Karl
Hans  Strobl  (s.  oben,  „Eleagabal  Kuperus«),
Hans  Hyan  (geb.  1868),  Hermann  Eßwein
(geb.  1877)  sind  weitere  Vertreter  dieser  Richtung,
und  in  manchem  Betracht  kann  man  auch  Jakob
Wassermann  (geb.  1873)  zu  ihr  stellen  (man  vergleiche
  den  Helden  in  -Die  Masken  Erwin  Reinerse,
den  Carovius  im  „Gänsemännchene!),  der  freilich  in
ihr  nicht  aufgeht.  Als  Hauptvertreter  des  Erotismus.
ist  Heinrich  Mann  (geb.  1871)  zu  bezeichnen,  dessen
während  des  Krieges  neu  erschienene  „Jagd  nach
Liebe=  vielfach  Unwillen  hervorgerusen  hat.  Sein
Bruder  Thomas  Manntgeb.  1875)  ist  weniger  Erotist,
  ist  scharfblickender  Gesellschaftsschilderer,  der  sich
aber,  wie  sein  -Tod  in  Venedig=  und  sein  -Friedrich
und  die  große  Koalition=  zeigen,  überschätzt.  Nur  Unterhalter
  (mit  unangenehmen  Einschlägen)  ist  immer
Georg  Engel  (geb.  1866)  gewesen,  und  Georg
Hirschfeld  (geb.  1873),  der  seit  1912  neun  Romane
geschrieben  hat,  ist  jetzt  auch  nicht  mehr,  ebenso  trotz
der  ihm  nachgerühmten  -Innerlichkeit:e  Karl  Rosner
  (s.  oben).  Georg  Hermann  (Borchardt,  geb.
1871)  möchte  wohl  ein  Humorist  heißen,  aber  sem
        <pb n="464" />
        378

Humor  ist  für  uns  Deutsche  —  man  erinnere  sich  nur
des  -Kubinke  —  sehr  wenig  erfreulich,  und  auch  für
seinen  Ernst  (2  Jettchen  Geberte  usw.)  haben  wir
wenig  übrig.  Bernhard  Kellermann  (s.  oben),
der  eben  vor  dem  Kriege  mit  dem  gewissermaßen  exotischen
  Zukunftsroman  -Der  Tunnel  einen  großen
Erfolg  errang,  hatte  bereits  eine  stark  ästhetizistische
Periode  hinter  sich,  und  Kurt  Münzer  (s.  oben),
dessen  »Weg  nach  Zion  ein  sehr  starkes  Stück  darstellt,
  ist  mit  seinem  letzten  Werke,  =  Der  Ladenprinze,
ganz  im  Banne  des  Erotismus.  Der  stärkste  von  allen
diesen  Dichtern  bleibt  zuletzt  doch  Jakob  Wassermann,
weil  er  der  ernsteste  ist  und  auch  uns  Deutschen  zu
denken  gibt.  Man  wird  nach  dem  Kriege  über  alle
diese  Erscheinungen  sehr  viel  zu  sagen  haben.  Dann
wird  auch  der  so  rasch  zu  hohem  Rufe  gelangte  Steirer
  Rudolf  Hans  Bartsch  (s.  oben),  der,  wie  die
1914  erschienene  Geschichte  von  -  Hannele  und  ihren
Liebhaberne  und  Frau  Utta  und  der  Jägere  zeigen,
aus  dem  Banne  des  Erotismus  nicht  herauskommt,
seinen  Urteilsspruch  bekommen.  Sein-Buch  der  Andacht«
  Er.,  ein  Christusroman,  ist  von  der  Kritik
mit  Recht  durchweg  abgelehnt  worden.  Bartsch  ist,
wie  auch  der  Weg  zu  Christus,  zeigt,  so  etwas  wie  der
österreichische  Frenssen,  ein  noch  größerer  Stimmungskünstler
  als  dieser,  aber  auch  noch  weicher  und  konfuser.
Von  seinen  Landsleuten  seien  außer  dem  schon  öfter
genannten,  alles  machenden  Karl  Hans  Strobl
noch  die  Brüder  Hans  Hart  (Hans  von  Molo,  geb.
1878)  und  Walther  von  Molo  (geb.  1880),  dieser
Verfasser  eines  vierbändigen  Schillerromans.  Albert
Trentini  (s.  oben).  Emil  Lucka  (s.  oben),  Erwin
Guido  Kolbenheyer  (geb.  1878),  der  Verfasser
des  Spinoza-Romans  „Amor  Dei-  und  neuerdings
eines  Paracelfus--Romans,  und  Max  Brod  (geb.
1884),  der  Verfasser  von  „Tycho  Brahes  Weg  zu
Gotte,  aber  auch  böser  erotistischer  Erzählungen,  erwähnt.
  Eine  Gruppe  von  Jungschweizern:  Paul
Ilg  (geb.  1875),  Jakob  Schaffner  (geb.  1875),
Hermann  Kesser  (geb.  1880)  und  Felix  Möschlin
  (geb.  1882)  ist  zum  Teil  gleichfalls  stark  erotistisch,
  wenn  man  bei  Schaffner  auch  gleich  Gesundes
und  bei  Kesser  bereits  die  Abwendung  bemerkt.  Außer
ihnen  wären  etwa  noch  Hermann  Kurz-Deidt
(l.  oben)  und  Albert  Steffen  (geb.  1884),  vielleicht
auch  Robert  Walser,  zu  nennen.  Dem  Exotismus
  haben  sich  im  besonderen  Max  Dauthendey
(geb.  1868),  der  sehr  viel  Ostasiatisches  geschrieben
hat,  Alsons  Paquet  (s.  oben)  und  von  den  Jüngsten
  Willy  Seidel  (geb.  1887)  ergeben.  Diese  *½
tung  ist  natürlich  nicht  ohne  weiteres  ungesund.
über  die  Entwicklung  des  deutschen  Dramas  in  der
neuesten  Zeit  ist  wenig  zu  sagen.  An  den  Neuklassizismus,
  den  einst  Paul  Ernst  (s.  oben),  Wilhelm
von  Scholz  (geb.  1874)  und  der  verstorbene  Samuel
  Lublinski  (1868—1910)  heraufführen  wollten,
  glaubt  wohl  niemand  mehr;  der  Asthetismus
Eduard  Stuckens  lp  b.  1865)  und  Hugo  von
Hofmannsthals  (geb.  1874)  hat  schwerlich  noch
eine  Zukunft,  und  eine  bevorstehende  bedeutendere
Entwicklung  Herbert  Eulenbergs  (geb.  1876),
der  zuletzt  das  Schauspiel  „Zeitwende:  schrieb,  oder
Wilhelm  Schmidtbonns  (s.  oben)  oder  Ernst
Hardts  (geb.  1876),  der,  wie  übrigens  bis  zu  einem
gewissen  Grade  auch  Hofmannsthal,  zu  den  Pervertisten
  gehört,  dürfte  kaum  zu  erwarten  sein.  Das  bedeutendste
  spezisisch  -dramatische  Talent  unserer  Zeit
ist  Otto  Erler  (geb.  1873),  der  Verfasser  des  =  Zar

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Peter-  und  des  Struensee=  (oder,  wie  er  eigentlich
heißt,  des  -  Engels  aus  Engellande).  Daneben  ist
nach  seinem  -Katte  noch  von  Hermann  Burte
(Strübe)  etwas  zu  erwarten  und  auch  von  Dietrich
Eckart  (geb.  1868).  Auf  der  Bühne  durchzusetzen
sind  noch  die  schon  verstorbenen  Emil  Gött  (1864—
1908),  Emil  Rosenow  (1871—1904)  und  Fritz
Stavenhagen  (1876—  1906).  Friedrich  Lienhard
  (s.  oben),  den  man  jetzt  als  deutschvölkischen
Dichter  preist,  obgleich  er  ganz  im  klassischen  Humanismus
  wurzelt,  bedeutet  für  die  Entwicklung  des
Dramas  nichts,  Eberhard  König  (geb.  1871),  der
mit  der  epischen  Dichtung  „Hermoders  Ritt=  und  den
Legenden  Von  dieser  und  jener  Welt«  jüngst  gute
Erfolge  haite,  jedenfalls  etwas,  ob  aber  so  viel,  wie
seine  Kreunde  glauben,  ist  auch  noch  zweifelhaft.  Die
Erfolgleute  unter  den  Jüngsten  sind  die  Osterreicher
Anton  Wildgans  (geb.  1881,=  Armut-,  iebe.)
und  Hans  Müäller--  Frü#  n  (geb.  1882,  -Könige.).
Auf  die  Bühne  gelangt  sind  auch  Franz  Dülberg
(geb.  1878.  -Karinta  von  Orrelandene)  und  Thaddäus
  Rittner  (geb.  1873).  Emil  Ludwig  (s.  oden)
ist  durch  seine  Prosawerke  „Bismarck-  und  -RKichard
Wagner  oder  die  Entzauberten=  bekannter  geworden
als  durch  seine  Dramen,  auch  Hans  Kyser  (#Ged.  1882)
mehr  durch  seinen  Kampf  gegen  die  Schillerstiftung
als  durch  „Titus  und  die  Jüdine  und  -Charlotte
Stieglitzt.  Reinhard  Sorge.  eine  Hoffnung  bestimmter
  Kreise,  ist.  wie  erwähnt,  gefallen.  Vielleicht
wird  Hans  Johst,  der  unter  anderem  die  Bauernkomödie
  =  Stroh-  geschrieben,  die  neue  Hoffnung.  —
über  Frank  Wedekind  (geb.  1864),  den  Tragikomiker,
  der  sich  zuletzt  sogar  an  Bismarck  wagie,
braucht  hier  nur  gesagt  zu  werden,  daß  er  nochimmer
eine  Sensation  ist.  Möglicherweise  werden  auch  Hermann
  Essig  (geb.  1878)  und  Georg  Kaiser  (geb.
1878),  die  die  nötigen  Verbindungen  wohl  schon
haben,  Sensationen.  Karl  Sternheim,  der  einen
Komödienzyklus  =  Aus  dem  bürgerlichen  Heldenlebene
durchführt  und  zuletzt  Klingers  -Leidendes  Weibe  um  ·
dichtete,  ist  schon  eine.  Neben  diesen  Talenten  haben
Otto  Hinnerk  (Hinrichsen.  geb.  1870),  Paul  Apel
(geb.  1872),  Leonhard  Schrickel  (geb.  1876),  obwohl
  sie  Erfolge  gehabt  haben,  natürlich  geringere
Aussichten.  Die  Alteren,  Artur  Schnitler  (geb.
1862),  Ludwig  Thoma  (s.oben)  usw.,  sind  zu  einer
Art  Einakterkultus  gelangt;  Haupwertreter  des  üblichen
  Lustspiels  sind  jetzt  Karl  Rößler  (geb.  18641,,
Felix  Salten  (eigentlich  Salzmann,  geb.  1867).
Naoul  Auernheeimer  (gei-  1876)  usw.

Die  Größe  unserer  Lyrik  ist  nun  unbestritten  Richard
  Dehmel  (s.  oben),  dessen  letzte  Sammlung
„Schöne  wilde  Welt.  zwar  noch  nicht  allzuviel  Aufmerksamkeit
  gefunden  hat.  dessen  Kriegsgedichte  aber
ihre  Aufgabe  erfüllt  haben.  Die  reinen  Astheten
Stefan  George  (geb.  1868)  und  Rainer  Maria
Nilke  (geb.  1875),  dessen  -Aufzeichnungen  des  Malte
Laurids  Brigger  auch  nicht  eben  in  gesunde  Regionen
führen,  sind  während  des  Krieges  sehr  zurückgetreten.
Dagegen  ist  Richard  Schaukal  (s.  oben)  durch  seine
Kriegsdichtung  unzweifelhaft  vorwärtsgekommen.
Für  Talente  wie  Karl  Busse  (s.  oben)  und  Hugo
Salus  (geb.  1866)  kann  man,  nachdem  sie  jetnzt  eine
beträchtliche  Entwicklung  hinter  sich  haben,  doch  wohl
immer  noch  keine  andere  Bezeichnung  als  die  der
Neueklektiker  finden.  Eine  ziemlich  reiche  Ausbildung
hat  die  fromme  Lyrik  durch  Karl  Ernst  Knodt
(s.  oben),  Otto  Frommel  (geb.  1871).  Gustav
        <pb n="465" />
        Fester:  Kriegsliteratur

Schüler  (s.  oben)  und  Therese  Köstlin  (geb.  1877)
erfahren.  Auch  Artur  von  Wallpach,  der  Tiroler
(s.  oben),  ist  in  seiner  Art  ein  frommer  Dichter,  wenn
er  auch  dem  alten  Germanentum  und  nicht  dem  Christentum
  zuneigt.  Franz  Karl  Ginskey  (s.  oben),
ein  anderer  sympathischer  österreichischer  Lyriker,  hat
sich  neuerdings  dem  Geschichtsroman  zugewandt.
Der  Meister  der  Ballade  ist  Börries  von  Münchhausen
  (s.  oben)  geblieben,  überhaupt  eine  in  manchem
  Betracht  fesselnde  Erscheinung,  da  er  auch  seine
Weltanschauung  hat.  Mit  ihm  mögen  Lulu  von
Strauß  und  Torney  (geb.  1873),  die  gleichfalls
Balladen  und  dann  bäuerliche  und  geschichtliche  Erzählungen
  verfaßt  hat,  und  als  ausgesprochen  aristokratische
  Dichterin  Erika  von  Watzdorf-Bachoff
geeo.  1878),  die  Verfasserin  sehr  feiner  Lyrik  und  des

omans  =  Maria  und  YDvonnee,  genannt  sein.  Rudolf
  Alexander  Schroeder  (s.  oben)  ist  Asthet,
aber  kein  künstlicher.  Aus  dem  Kreise  Ottos  zur
Linde  (geb.  1873),  des  Reformators  der  Lyrik  und
der  Verssprache,  hat  sich  Karl  Röttger  (s.  oben)  zu
allgemeinerer  Geltung  emporgearbeitet.  Auch  Will
Vesper  (s.  oben),  vor  allem  als  fleißiger  Anthologist
bekannt,  besitzt  diesejetzt.  Von  den  Jüngstensschließtsich
hier  etwa  Heinrich  Zerkaulen  (geb.  1892)  an.  —
Die  allerjüngsten  Lyriker  bezeichnet  man  im  allgemeinen
  als  Expressionisten,  obgleich  schon  die  Symbolisten
von  Dehmel  an,  die  sich  dem  Impressionismus  oder
doch  dem  Naturalismus  entgegenstellten,  solche  sind.
Freilich  wollen  die  Neuesten  nun  nicht  mehr  das  Symbol
  für  die  Sache,  sondern  die  Sache  selbst.  Dieselbe
Zeit,  die  die  tupfende  Sprache  des  Impressionismus
schuf«.  sagt  ein  Theoretiker,  -hat  daran  mitgeholfen.
die  geschlossene,  gedrängte,  konzentrierte  Sprache  zu
bilden,  die  nicht  den  Eindruck,  sondern  die  Sache  selbst
schildert,  aber  so  energisch,  so  intensiv,  daß  sie  suggestiver,
  dichterischer  wirkt  als  die  phantastischen  Schnörkel
  früherer  Jahre.“  Ein  anderer  Theoretiker  meint:
„  Nur  die  Ekstase  des  Gefühls,  nur  die  Rückwirkung
auf  die  eigene  seelische  Schwungkraft  schafft  das  neue
Kunstwerk-,  während  ein  dritter  der  neuen  Dichtkunst
die  Aufgabe  zuweist,-die  Wirklichkeit  vom  Umriß  ihrer

379

Erscheinung  zu  befreien,  sie  zu  überwinden,  nicht  mit
ihren  eigenen  Mitteln,  nicht  indem  wir  ihr  entfliehen,
sondern,  sie  um  so  brünstiger  umsassend,  durch  des
Geistes  Bohrkraft,  Beweglichkeit,  Klärungssehnsucht,
durch  des  Gefühls  Intensität  und  Explosivkraft  besiegen
  und  beherrschene.  Esmußhier  genügzeen,  die  allmählich
  aus  dem  Dunkel  auftauchenden  Namen,  die  der
schon  verstorbenen  Georg  Heym  und  Ernst  Stadler,
  die  der  Theodor  Däubler,  Leo  Sternberg,
Ernst  Lissauer,  Franz  Werfel,  Klabund  (Alfred
  Henschke),  Albrecht  Schaeffer,  Johannes
R.Becher,  Oskar  Wöhrle,  Max  Jungnickel  zu
nennen  —  auch  die  genannten  Arbeiterdichter  gehören
zum  Teil  hierher,  ebenso  Erzähler  wie  Kasimir  Edschmidt,
  Nobert  Walser.  Franz  Kafka,  Dramatiker
  wie  Walter  Hasenclever  und  Max  Pulover.
Was  bei  diesen  Jüngsten  wirklich  gelebte  Kunst,  was
Aufspielerei,  was  echtes  Können,  wasgeschickte  Rechenkunst
  und  vertuschte  Unfähigkeit  ist,  läßt  sich  so  leicht
nicht  entscheiden.  Aber  wir  werden  nach  dem  Kriege
an  sie  heran  müssen.  Daß  sie  uns  Deutschen  geben
werden,  was  wir  brauchen,  ist  nicht  anzunehmen;  einstweilen
  sieht  man  nur  eine  neue  Periode  der  Experimentier=
  und  Sensationskunst,  dieleider  im  ganzen  verflossenen
  Menschenalter  stark  vorgeherrscht  hat.  Aber
vielleicht  geht  etwa  von  Otto  Erler,  Hermann  Burte,
dem  schon  verstorbenen  Osterreicher  Ernst  Hladny,  Hans
Friedrich  Blunck  usw.  eine  neue  völkische  Dichtung  aus.
Literatur.  Adolf  Bartels,  Die  deutsche  Dichtung
der  Gegenwart  (9.  Aufl.,  Leipz.  1918);  Walther  Brecht,
Deutsche  Kriegslieder  sonst  und  jetzt  (Berl.  1915);  Julius
  Bab,  Die  Kriegslyrik  von  heute  (2Literarisches  Echo-,
1914—15);  Franz  Blei,  über  Wedekind,  Sternheim  und
das  Theater  (Leipz.  1915);  =  Vom  jüngsten  Tag«  (Almanach,
2.  Aufl.,  das.  1917).  —  Die  wichtigsten  Kriegsgedichtsammlungen
  sind:  Adolf  Bartels,  Volk  und  Vaterland
(Halle  a.  S.  1917;  von  Walther  von  der  Vogelweide  bis
zur  Gegenwart);  Julius  Bab,  Der  deutsche  Krieg  im  deutschen
  Gedicht  (Verl.  1914  f.);  Karl  Quenzel,  Des  Vaterlandes
  Hochgesang  (Leipz.  1914);  S.  Wieser,  Schildgesang
(Münch.  1914;  vornehmüch  tatholische  Dichter):  Deutsche
Kriegsklänge,  ausgewählt  von  Johann  Albrecht  Herzog
  zu  Mecklenburg=  (Leipz.  1915  ff.);  Alfred  Biese,
Poesie  des  Krieges  (Berl.  1915;  neue  Folge,  das.  1915).

Kriegsliteraturt
von  Professor  Dr.  Michard  Fester  in  Halle

Der  Weltkrieg  bestimmt  auch  den  Charakter  der
Weltliteratur.  Wie  die  Industrie  der  kriegführenden
Mächte  und  der  Neutralen  mehr  und  mehr  für  den
Krieg  eingespannt  wurde,  so  sind  fast  alle  Erzeugnisse
des  Buchhandels  seit  August  1914  als  Kriegsliteratur
zu  bewerten.  Seldbst  Whzenschaft  und  Kunst  machen
davon  keine  Ausnahme.  Handliche,  wohlfeile  Klassikerausgaben
  gehen  als  geistige  Nahrung  an  die  Fronten.
Kunsthistorische  Bücher  sollen  beweisen,  daß  es  nicht
an  der  Verständnislosigkeit  der  Kriegführenden  liegt,
wenn  Denkmälerin  derKriegszone  untergehen.  Wissen,
das  sonst  als  Menschheitsgut  galt,  wird  an  der  Grenze
als  Bannware  zurückgehalten,  wenn  es  dem  Feinde
irgendwie  dienen  könnte.  Dem  Gedanken  an  den
Krieg  kann  kein  Autor  entfliehen.  Er  durchdringt  jede
Zeile,  die  heute  geschrieben  wird,  was  auch  das  Thema
sein  mag.  Die  religiöse  oder  die  ästhetische  Weltslucht

1  Abgeschlossen  1.  Juni  1917.

früherer  Kriegszeiten  wäre  heute  unmöglich.  Isolierte
Weltwinkel  gibt  es  nicht  mehr.  Goethe  konnte  sich  in
Gedanken  in  den  Orient  flüchten.  Der  moderne  Künstler
  nimmt  am  Kriege  teil,  indem  er  mit  seinen  Schöpfungen
  zugleich  für  die  Kultur  seines  Volles  im  neutralen
  Ausland  Reklame  macht.  Die  friedliche  Kulturpropaganda
  der  jünfsten  Vergangenheit  ist  eine  krieerische

  geworden.  Nichts  wird  mehr  rein  um  seiner
n  willen  getrieben.  Auch  geistige  Eroberungen
zählen  nur  noch  als  Eroberungen  der  engeren  Lebensgemeinschaft,
  der  sie  entstammen.  Das  Gefühl,  daß
es  sich  um  Leben  oder  Sterben  der  Völler  handelt,
ist  allen  Literaturerzeugnissen  mehr  oder  minder  gemeinsam.
  Es  erklärt  die  freiwillige  Unterordnung
unter  Propagandazwecke  und  die  Kriegspsychose,  die
ehrliche  Leidenschaft  und  die  bewußte  Gemeinheit,
das  Ringen  nach  Wahrheit  und  den  Gasangriff  er
stickender  Lügen.

Jede  Charakteristik  der  Kriegsliteratur  hat  daher
von  den  Gemeinsamkeiten  auszugehen,  die  in  der  Weltkultur
  der  Cpoche  von  1914  wurzeln.  Der  Propagandacharakter
  ist  ebensowenig  wie  die  Reklame  oder
        <pb n="466" />
        380

der  Bluff  eine  Neuschöpfung  des  Weltkriegs.  Den
Rohstoff,  die  Technik  und  die  Mache  hat  die  vorausgegangene
  Periode  des  Weltfriedens  der  Gegenwart
geliefert.  Nur  die  ungeheure  Einseitigkeit  der  Verwertung
  unterscheidet  den  Augenblick  von  der  jüngsten
Vergangenheit.  Sie  erleichtert  den  überblick,  den  der
Mangel  vergleichender  Statistiken  der  geistigen  Produktion
  sonst  erschweren  würde.  Wissenschaftliche  Zählung
  und  Sichtung  werden  jedoch  erst  möglich  sein,
wenn  sich  das  in  Deutschland  Gesammelte  mit  allen
Sammlungen  des  Auslandes  zusammenzählen  und
vergleichen  läßt.  Vollständigkeit  aller  deutschen  Druckerzeugnisse
  erstrebt  die  Deutsche  Bücherei  in  Leipzig.
annähernde  Vollständigkeit  der  gesamten  Kriegsliteratur
  sucht  die  Kgl.  Bibliothek  in  Berlin  zu  erreichen.
Als  repräsentativ  seien  außerdem  genannt  die  Kriegssammlungen
  der  Münchener  Hof=  und  Staatsbibkiothek,
  der  Stadtbibliothek  und  der  Institutssammlungen
des  Kolonialinstituts  in  Hamburg,  der  Universitätsbibliothek
  in  Jena  u.  des  Historischen  Seminars  in  Halle.

Den  Reigen  der  Propagandaliteratur  eröffneten
die  Buntbücher  (s.  Bd.  III,  lexikalischer  Teil),  die
nicht  wie  früher  nur  den  Parlamenten  vorgelegt  wurden,
  sondern  auch  in  Volksausgaben  erschienen.  Von
den  Mächien  des  Vierbundes  und  des  Zehnverbandes
baben  die  Türkei  und  Bulgarien,  Japan,  Montenegro,
Portugal  und  Rumänien  auf  die  Veröffentlichung
diplomatischer  Aktenstücke  verzichtet,  während  der  Handelstrieg
  die  Vereinigten  Staaten  und  von  den  Neutralen
  Argentinien,  Holland,  Norwegen,  Schweden
und  die  Schweiz  ebenfalls  veranlaßt  hat,  an  das  Urteil
  ihrer  Untertanen  und  der  Welt  zu  appellieren.
Nach  einer  zum  erstenmal  in  den  letzten  Balkankriegen
ausgebildeten  Technik  haben  Deutschland,  Österreich-Ungarn,
  die  Türkei,  Frankreich,  England  und  Belgien
ihren  Feinden  in  ausführlichen  Beweisaufnahmen
Verletzung  der  Kriegsregeln  und  der  Gesetze  der
Menschlichkeit  vorgeworfen,  England  im  Rahmen  der
seinem  Parlamente  regelmäßig  zugehenden  „Miscellaneous-,
  die  anderen  Mächte  in  besonderen  Buntbüchern,
  die  in  Widerlegungen  und  Gegenangriffen
mehrfach  eine  Fortsetzung  gefunden  haben.  Auf  dieser
urkundlichen  Basis  baut  sich  ein  Teil  der  Kriegsliteratur
  auf,  zunächst  die  zahlreichen  Neuausgaben
und  Übersetzungen,  an  denen  sich  von  den  Mächten
Deutschland.  England  und  Frankreich  und  von  den
politischen  Parteien  die  Sozialdemokratiet  beteiligt
haben,  sodann  die  kritischen  Bearbeitungen
und  Zusammenfassungem  undendlich  die  Darstellungen
  der  Kriegsursachen,  deren  Objektivitat
  jedoch,  soweit  sie  überhaupt  erstrebt  wurde,
durch  den  gewaltigen  Einsag#  des  Krieges  und  die  stete
Rücksicht  auf  die  eigenen  Verbündeten  gehemmt  werden
  mußte.  Die  den  Augenblick  beherrschende  Frage
nach  der  Schuld  an  dem  Weltbrande  drückt  der  größeren
  Hälfte  dieser  Vorgeschichten  den  Propagandastempel
  auf,  der  in  den  nicht  im  Buchhandel  erschienenen
  in  alle  Sprachen  übersetzten  Pamphleten  der
kriegführenden  Mächte  zum  Selbstzweck  geworden  ist.

1  Bernstein,  Dokumente  zum  Weltkrieg  (Berl.,  selt  1915,
bis  sert  16  Hefte).

2  Beer,  Regenbogenbuch  (Bern  1915);  2  European  war,  collected
  documents  relating  to  the  outbreak  of  tbe  Europenn
ware  (Lon?.  1915);  Riemeyer  und  Strupp,  Die  völkerrechtlichen
  Urkunden  des  Weltkriegs  I  (Münch.  u.  Leipz.  1916);
Fester,  Die  polit.  Urkunden  des  Weltkreges  (in  Vorbereitung);
Piloto,  Das  Friedensungebot  der  Mittelmächte  (Tüb.  1917);
Thomsen,  Die  englische  und  die  deutsche  Seesperre  (Berl.  1917).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Hieran  reiht  sich  die  ungeheure  Kulturpropaganda,
  worin  sich  schon  vor  dem  Kriege  unsere
Feinde  in  der  Alten  und  Neuen  Welt  ausgezeichnet
haben.  Das  Eigenlob,  das  in  der  Form  eines  durch
Selbstkritik  immerhin  noch  gezügelten  Nationalstolzes
im  internationalen  Verkehr  schon  im  Frieden  Rcklamezwecken
  gedient  hatte,  hat  in  England,  Frankreich,
Italien  und  den  Vereinigten  Staaten  die  Form  der
Überlegenheit  über  die  deussche  Barbareiangenommen,
die  sich  wie  der  Glaube  an  die  überlegenheit  der  Zahlen
  nicht  durch  die  quantitativ  und  qualitativ  schwache
deutsche  Kulturliteratur,  sondern  nur  durch  die
deutschen  Waffen  zerschlagen  ließ.  Was  in  Deutschland
auf  diesem  Gebiete  an  Wertvollem  und  Bleibendem
entstanden  ist,  knüpft  an  die  Selbsteinkehr  der  geistigen
  Führer  der  Nation  an,  um  alle  inneren  schlummernden
  Kräfte  für  die  größte  Entscheidung  unserer
Geschichte  zu  wecken;  doch  fehlt  es  auch  da  nicht  an
ideologischen  Verstiegenheiten.  Der  Einsatz  unserer
Feinde  läßt  dagegen  mit  wenigen  Ausnahmen  trotz
der  englischen  Wucht  und  der  französischen  Leidenschaft
die  Innerlichkeit  vermissen.  Sogar  ihre  religiöse
Kriegsliteratur  verirrt  sich  in  Lästerungen,  in
Frankreich  in  dem  Manifest  der  Katholiken,  in  England
in  einer  apokalyptischen  Literatur,  die  den  Kaiser  mit
dem  großen  Tier  und  Deutschlands  Daseinskampf  mit
der  Schlachtbei  Armageddonin  Zusammenhangbringt.

Als  Angreifer  haben  unsere  Gegner  ihre  Kriegsziele
  schon  in  den  friedlichen  Jahren  der  Einkreisung
offen  erörtert.  Die  Aufteilung  der  Türkei.  die  Zertrümmerungs#sterreich-Ungarns
  und  die  Schwächung
des  Deutschen  Reiches  sind  aus  der  Losung  einzelner
Politiker  der  Entente  das  Feldgeschrei  des  ganzen
Zehnverbandes  geworden,  das  die  Negierungen  eher
steigerten  als  dämpften.  In  Deutschland  und  Österreich-Ungarn
  hat  dagegen  das  militärische  Verbot  der
öffentlichen  Erörterung  der  Kriegsziele  bis  zum  Herbst
1916  unter  Ausschluß  des  Buchhandels  eine  geheime
Literatur  zur  Folge  gehabt,  die  seit  Freigabe  der
Kriegsziele  erst  teilweise  der  breiteren  Offentlichkeit  bekanntgeworden
  ist.  Auch  ihre  Besprechung  muß  einer
späteren  Zeit  vorbehalten  werden,  da  die  mit  den
Kriegszielen  zusammenhängenden  Angriffe  auf  die
Politik  Bethmann  Hollwegs  erst  durch  seine  Abwehr
in  den  Gesichtskreis  der  Nation  getreten  sind  und
einen  relativ  sehr  kleinen  Leserkreis  gefunden  haben.
Um  so  reicher  konnte  sich,  in  der  Hauptsache  von  der
Zenfur  unbehelligt,  die  Literatur  über  die  politische
und  wirtschaftliche  Ausgestaltung  Mitteleuropas
entwickeln.  Ihr  entspricht  im  Lager  der  Gegner  die  Erörterung
  einer  den  Wirtschaftskrieg  fortsetzenden  Handelspolitik,
  die  sich  jedoch  wegen  der  auseinanderstrebenden
  Interessen  der  Entente  weder  an  Zahl  noch
an  Bedeutung  mit  derselben  vergleichen  läßt.

Hinter  den  genannten  Gruppen  tritt  die  Geschichte
des  Krieges  weniger  an  Zahl  der  Erscheinungen
als  an  zeitgeschichtlichem  Quellenwert  naturgemäß
stark  zurück.  Die  Frontberichte  und  die  offiziellen
Zusammenfassungen  abgeschlossener  Operationen  sind
bis  jetzt  erst  hier  und  da  durch  halboffizielle  Darstel.
lungen  ergänzt  worden.  Die  Kriegsberichterstatter
müssen  sich  auf  Stimmungsberichte  beschränken.  und
auch  die  Kriegsteilnehmer  liefern  in  ihren  Erzählungen
  und  Briefen  in  der  Regel  nur  Farben  zu  einem
Bilde,  dessen  Umrisse  noch  nicht  festgestellt  sind.  Neben
  wertvollen  Urkunden  für  den  soldatischen  Geist  begegnen
  uns  gerade  auf  diesem  Gebiet  zahlreiche  Erscheinungen,
  die  den  literarischen  Zusammenhang  mit  der
        <pb n="467" />
        Fester:  Kriegsliteratur

internationalen  Sherlock-  Holmes-Epidemie  der  Friedenszeit
  nicht  verleugnen  können.  Die  Literatur  über
den  Krieg  als  Berftbrer  wurde  schon  im  Eingange
gestreist.  Den  Krieg  als  Gestalter  zeigen  die  geographischen
  Entdeckungsreisen  nach  okkupierten  Geieten,

  Beiträge  zur  Völkerkunde  und  populärwissenschaftliche
  Bemühungen,  die  Erkenntnis  fremden
Volkstums  zu  einem  nutzbringenden  Gemeingut  des
eigenen  Volkes  zu  machen,  was  dann  wieder  zu  der
Gruppe  über  die  Kriegsziele  hinüberleitet.

Die  sogenannte  Neuorientierung  der  Völker,
die  noch  weiter  in  die  Zukunft  weist  als  die  Kriegsziele,
hat  wegen  des  Burgfriedens  in  den  kriegführenden
Ländern  noch  keinen  der  inneren  Bewegung  entsprechenden
  literarischen  Ausdruck  gefunden.  Soweit  sich
diese  Gruppe  bisher  überschauen  läßt,  sucht  nur  in
Deutschland  die  Literatur  mit  Parlament  und  Presse

leichen  Schritt  zu  halten,  während  anderwärts  noch
aum  Anläufe  gemacht  worden  sind,  oder  gar  die  inneren
  Wandlungen  und  Revolutionen,  wie  in  Rußland,
  sich  fast  ganz  ohne  literarische  Vorboten  zu  vollziehen
  scheinen.

Die  abseits  stehende  Gruppe  der  Exulanten  und
der  Fremdvölker  der  kriegführenden  Mächte  wird
der  späteren  Zusammenfassung  ähnliche  Schwierigkeiten
  machen  wie  im  Augenblicke  dem  bibliothekarischen
Sammler.  Soweit  Berlin,  Paris  oder  London  als
Erscheinungsorte  genannt  sind,  zählen  ihre  Schriften
auch  unter  die  Propagandaliteratur  der  betreffenden
Staaten.  Im  übrigen  ist  die  Schweiz  der  Treffpunkt
der  Exulanten  aus  allen  Teilen  der  Welt,  mögen  sie
ihre  Hoffnungen  auf  den  Vierbund  oder  den  Zehnverband
  setzen;  doch  reicht  der  Propagandaeinfluß
der  feindlichen  Lager  auch  über  die  Schweizer  Grenze
hinüber,  so  zwar,  daß  er  sich  in  Lausanne  und  Bern
vielfach  kreuzt.

Die  im  folgenden  gegebenen  übersichten  über  die
Kriegsliteratur  der  einzelnen  Länder  halten  sich  an
die  Anlage  der  vorstehenden  allgemeinen  Kennzeichnung.
  Die  Auswahl  der  Büchertitel  ist  repräsentativ,
hat  aber  natürlich  bei  dem  augenblicklichen  Stand  der
Sammilungen  noch  nicht  den  abschließenden  Charakter
durchgearbeiteter  Literaturgebiete.

A.  Mierbund.
Deutschland  und  Österreich-Ungarn.

Die  deutsche  Literatur  unseres  Verbündeten  läßt  sich
von  der  reichsdeutschen  nicht  treunen,  weil  der  Erscheinungsort
  für  die  Nationalität  des  Verfassers  nicht
maßgebend  ist  und  der  österreichische  Buchhandel  einer
Bibliographie  entbehrt.  Hinrichs  verzeichnete  bis  zu
seinem  Eingehen,  Ende  1915,  die  deutsche  Kriegsliteratur
  von  Kriegsbeginn  in  5  Heften.  Seitdem
ist  man  auf  das  Buchhändlerbörsenblatt  und  die  sehr
vom  Zufall  abhängigen  und  zersplitterten  übersichten
in  Zeitschriften  angewiesen.  Die  Auslandsliteratur
wird  besonders  berücksichtigt  im  -Historischen  Jahrbuch
  der  Görresgesellschafte  sowie  im  Weltwirtschaftlichen
  Archiv-;  häufige  Besprechungen  derselben  finden
sich  in  den  „Preußischen  Jahrbüchernz.  Während
viele  Fachzeitschriften  eingingen,  widmeten  sich  ältere
allgemeine  und  politische  Zeitschriften,  wie  die  =  Süddeutschen
  Monatshefte,  Der  Panther«,  Die  Hilfe-,
„Das  neue  Deutschland,  »Das  größere  Deutschland-,
die  =  Sozialistischen  Monatshefte“  und  die  jetzt  auch
in  deutscher  Sprache  erscheinende  ungarische  Zeitschrift
»Das  junge  Europa-,  ausschließlich  den  Kriegspro-381



blemen  und  stellten  sich  an  die  Seite  der  neuentstandenen
  wie  der  Deutschen  Politik-,  der  seit  April  1917
erscheinenden  Monatsschrift  „Deutschlands  Erneuerung-,
  der  -Polnischen  Blätter-,  der  Wirtschaftsgeikung
  der  Zentralmächte,  des  -  Neuen  Ostlandse,
er  vom  Vorstand  deutscher  Förderer  der  ukrainischen
Fräheitsbestrebungen  herausgegebenen  -Osteuropäi-=schen
  Zukunfte  und  der  Halbmonatschrift  für  das  politische,
  wirtschaftliche  und  geistige  Leben  im  gesamten
Osten  „Der  neue  Orient“.  Für  größere  Aussätze
bildeten  sich  Sammlungen,  deren  Hefte  in  zwangloser
Folge  erschienen,  wie  Kriegsschriften  des  Kaiser-Wilhelm-Dank-;
  Jäckh,  Der  große  Krieg;  Derselbe,
Deutsche  Orient-Bücherei;  Rohrbach,  Die  russische
Gefahr;  „Deutsche  Kriegsschriften:  (Bonn);  Schütnrabenbüccher
  (Berl.  1917  ff.);  -Weltkultur  und
eltpolitik=  mit  einer  deutschen  und  österreichischen
Folge;  Kriegswirtschaftliche  Zeitfragen;  „Zeitspiegele;
  Hettner,  Die  Kriegsschauplätze;  Sammlungen
von  Professorenreden  aus  Berlin,  Halle,  Hamburg,
Münster,  Tübingen;  -Zwischen  Krieg  und  Frieden-Leipz.,
  Hirzel);  Flugschriften  für  Osterreich-Ungarns
rwachene;  Vereinsschriften  der  deutschen  weltwirtschaftlichen
  Gesellschaft«;  =  Flugschriften  der  Zentralstelle
  für  deutsch-türkische  Wirtschaftssorgen-;  =  Länder
  und  Völker  der  Türkei,  Schriften  des  Deutschen
Vorderasien-Komitees.  Unter  den  folgenden  Titeln
vermißte  Schriften  sind  in  einem  dieser  Sammelwerke
enthalten,  die  in  Dietrichs  „Bibliographie  der  deutschen
Zeitschriftenliteratur-ausgenommen  werden  sollten,
schon  um  einen  Begriff  von  der  Fruchtbarkeit  einiger
Propagandaschriftsteller,  wie  Jäckh,  Rohrdach  und
Naumann,  zu  geben.  —  Buntbücher  (s.  Bd.  III).

Vorgeschichte.  Außer  der  Bd.  I,  S.  135,  angeführten
Literatur:  Paul  Herre,  Weltpolitik  und  Weltkatastrophe
1890—1915  (Berl.  1916);  Graf  Julius  Andrässy,  Wer
hat  den  Krieg  verbrochen?  (Leipz.  1915);  J.  Haller,  Der
Ursprung  des  Weltkriegs  (Tübing.  1915);  E.  Müller-Meiningen,
  Diplomatie  und  Weltkrieg,  I  (Berl.  1917);
F.  Luckwaldt,  Die  Vorgeschichte  des  Krieges  (Danzig
1915);  Oskar  Müller,  Irrung  und  Abfall  Italiens  (Leipz.
1915);  W.  Doerkes-Boppard,  Das  Ende  des  Dreibundes
  (Berl.  1916.  Bülowianer);  Severus,  Zehn  Monate
italienischer  Neutralität  (Gotha  1915;  Pseudonym  für  einen
deutsch-österreichischen  guten  Kenner  ber  römischen  Verhältnisse);
  Ottokar  Weder,  Osterreich  und  England  (Warnsdorf
  1915);  Alexander  Redlich,  Der  Gegensatz  zwischen
Osterreich=  Ungarn  und  Rußland  (Stuttg.  u.  Berl.  1915);
Karl  Mehrmann,  Der  diplomatische  Kreg  in  Vorderasien
(Dresd.  1916);  H.  Spies,  Deutschlands  Feind!  England
und  die  Vorgeschichte  des  Welttrieges  (Berl.  1915);  Alfred
Hettner,  Englands  Weltherrschaft  und  der  Krieg  (Leipz.
u.  Berl.  1915);  Graf  Reventlow,  Der  Vamnpir  des  Festlandes
  (Berl.  1916);  Eduard  Meyer,  England  (Stuttg.  u.
Berl.  1915);  Felix  Salomon,  Der  brutsche  Imperialismus
  (Leipz.  u.  Berl.  1916);  Gaston  v.  Mallmann,  Englands
  Schuld  am  Weltkriege  (Berl.  1915);  Heinrich  Pohl,
England  und  die  Londoner  Deklaration  (das.  1915);  Ed.
Meyer,  Nordamerika  und  Deutschland  (das.  1915);  Derselbe,
  Der  amerikanische  Kongreß  und  der  Welttrieg  (das.
1917);  D.  Schäfer,  Die  Vereinigten  Staaten  als  Weltmacht
  (das.  1917);  S.  Hellmann,  Deutschland  und  Amerika
  (Münch.  u.  Leipz.  1917);  Richard  Graßhoff,  Belgieno
Schuld,  zugleich  eine  Antwort  an  Professor  Waxweiler  ;  Berl.
1915;  vgl.  Belgien,  S.  385);  Kurt  Grelling,  Anti-'’aocuse
  (Zürich  1916):  Th.  Schiemann,  Em  Verleumder
(Berl.  1915);  Max  Beer,  Greys  Konferenzvorschlag  (Bern
1916);  Herman  Frobenius,  Schwenern  der  Schcrcksalsstunde
  (Berl.  1915);  Propagandaschriften  der  Nachrichtensielle
  für  den  Orient.

üüber  Propaganda:  A.  Haas,  Die  Propaganda  im  Ausland
  (Weimar  1910);  K.  Bücher,  Unsere  Sache  und  die
        <pb n="468" />
        382

Tagespresse  (Tübing.  1916);  Derselbe,  Die  deutsche  Tagespreise
  und  die  Kritik  (das.  1917);  G.  Stoffers,  Die  Presse
und  der  Kr.eg  (Düsseld.  1915);  A.  Meister,  Die  deutsche
Presse  im  Kriege  und  später  (Münster#i.  W.  1916);  A.  Jung,
Die  7.  Grohmacht  im  Kriege  (Berl.  1916);  P.  D.  Fischer,
Der  internanonale  Nachrichtenverhr  und  der  Krieg  (Leipz.
1915);  G.  v.  Pacher,  Die  Dreiverbandspresse  (das.  1915);
W.  Bauer,  Der  Krieg  und  die  öffentliche  Meinung  (Tübing.
1915,;  Cincinnatus,  Der  Krieg  der  Worte#mttg.  1916).

Kulturliteratur:  -Flugschmiten  des  Kulturbundes  deutscher
  Gelehrter  und  Künstler  und  des  Weltbundes  der  Wahrheitsfreundes
  (W.  Marten,  über  deutsche  Barbaren  und
englische  Kulturdokumente,  die  Lüge  im  Solde  Englands,
Berl.  1915);  O.  v.  Baenigk,  Deutschlands  künftiger  Ruf
im  Ausland  (Greifsw.  1915);  K.  Hönn,  Der  Kampf  des
deutschen  Geistes  im  Weltkrieg  Gotha  1915);  W.  Goetz,
Deutschlands  geistiges  Leben  im  Weltkrieg  (das.  1916).

Selbsteinkehr  (val.  unten,  Neuorientierung):  Fürst  Bülow,
  Deutsche  Poluik  (Berl.  1916);  D.  Schäfer,  Von
deutscher  Art  (s.  Bd.  I,  S.  1  ff.);  F.  Meinecke,  Die  deutsche
Erhebung  von  1914  (Stuttg.  u.  Berl.  1915);  P.  Rohrbach,
Welepolitisches  Wanderbuch  1897—  1915  (Königstein  u.
Leipzig  1016);  K.  A.  v.  Müller,  über  die  Stellung
Deutschlands  in  der  Welt  (Münch.  1916);  E.  Marcks,
Vom  Erbe  Bismarcks  (Leipz.  1916);  H.  Delbrück,  Bismarcks
  Erbe  (Berl.  u.  Wien  1915);  R.  Borchardt,  Der
Krieg  und  die  deutsche  Selbsteinkehr  (Heidelb.  1915);  L.
Fulda,  Deutsche  Kultur  und  Ausländerei  (Leipz.  1916);
W.  Sombart,  Händler  und  Helden  (Münch.  u.  Leipz.  1915);,
Claß,  Weimar  und  Potedam  (Berl.  1917);  A.  Matthaei,
  Militarismus  und  Poteodamerei  (Danzig  1915);
D.  Schäfer,  Deutsche  Kultur  und  ihre  Aufgaben  (Berl.
1916);  F.  W.  Foerster  (der  Münchener  Pazifist),  Die  beutsche
Jugend  und  der  Weltkrieg  (Leipz.  1910).  Sodann  sind  nicht
zu  vergessen  als  schönste  Dokumente  deutscher  Art:  »Du  mein
Deutschland,  Heimatbilder  deutscher  Künstler,  deutsche  Gedichte«,
  mit  Gelertwort  von  Hans  Thoma  (Berl.  1915);  Die
schöne  Heimat,  Bilderaus  Deutschland  (Königstein  i.  T.  1915).

Neligiöse  Propaganda:  -Der  deutsche  Krieg  und  der
Katholizumus,  Abwehr  französischer  Angriffe  (herausgegeben
  von  deutschen  Katholten,  Berl.  1915);  Pfeilschifter,
  Deutsche  Kultur,  Katholizismus  und  Welkkrieg,
eine  Abwehr  des  Buches  La  guerre  allemande  et  le
catholicome  (Freib.  i.  B.  1916).

Kriegsziele:  K.  Stavenhagen,  Die  Kriegsziele  des
Großrurfentums  (Charlottenb.  19161;  P.  Nohrbach,  Woher
  tam  der  Krieg?  Wohin  führt  er?  (Weim.  1916);  Derselbe,
  Rußland  und  wir  (Stutig.  1915);  F.  W.  v.  Bissing,
Die  Kriegsz.ele  unserer  Feinde  (Dresd.  u.  Leipz.  1916);
H.  Michaelsen,  Deutsche  Kriegögielkundgebungen  (Berl.=Lichterfelde
  1916);  W.  Weisbach,  Kriegsziele  und  deutscher
  Idealiemus  Berl.  1915);  =  Flugschriften  des  Unabhängigen
  Ausschusses  für  einen  deutschen  Frieden=  von  D.  Schäfer
  u.  a.  (darunter  -Zur  Lages  und  -Nochmals  zur  Lage,
Berl.  1916  u.  1917);  -Durch  deutschen  Sieg  zum  deutschen
Frieden=  (das.  1917);  Reden  des  Nationalaueschusses  (von
Harnack,  Kahl  u.  a.);  -Gedanken  und  Wünsche  zur  Gestaltung
  des  Fr.edens-,  hrsg.  von  der  Auskunfsstelle  vereinigter
Verbände  i  Beil.  1917);  Trietsch,  Kriensziele  gegen  England
  (das.  1015):  Th.  Scheidemann,  Es  lebe  der  Frieden
(das.  1916):  K.  Haenisch,  Wo  steht  der  Hauptfeind?  (das.
1915);  L.  Brentano,  Das  ganze  deutsche  Volk,  unser
Schlachtruf  und  Kriegsziel  (Münch.  o.  J.);=  Vom  Kriegsgrund
  zum  Kr  egsziele  (Stuttg.  u.  Berl.  1916);  E.  Brandenburg,
  Deutschlands  Kmegsziele  (Leipz.  1917);  Oberstleutnant
  Frobenius,  Kricgsziele  und  Friedensziele  (Berl.
1917);  C.  Gurlitt,  De  Zmunft  Belgiens  (das.  1917);
E.  Zitelmann,  Das  Schicksal  Belgiens  beim  Friedensschluß
  3.  Aufl.,  Münch.  u.  Le.pz.  1917);  A.  Meister,  Unser
belgisches  Kr.egsziel  iMünsier  i.  W.  1917);  „Kriegs=  und
Friedensziele=  (Weimar  1917,  bis  jetzt  4  Hefte,  von  Rohrbach,
  v.  B.  ssing,  Karstedt,  Bacmeister);  J.  F.  Lehmann,
Deutschlands  Zutunft  bei  einem  guten  und  bei  einem  schlechten
  Frieden  Münch.  1917);  A.  Lanick,  Klarheit  über  die
Kriegsziele  (Heidelb.  1917);  H.  Triepel,  Die  Freiheit  der
Meere  und  der  künftige  Friedensschluß  Berl.  1917);  J.
Neumann=  Frohnau,  Die  Freiheit  der  Meere  (das.  1917).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Mitteleuropa  und  Handelspolitik:  H.  Mühlestein,
Deutschlands  Sendung,  ein  neuer  mittelenropdischer  Bölkerbund
  (Weim.  1914);  K.  Mehrmann,  Grohdeutschland
(Dresd.  1915);  Derselde,  Das  neue  Gleichgewecht  der  Staaten
  (das.  o.  J.);  F.  Naumann,  Mitieleuropa  (Berl.
1915);  E.  Jäckh,  Das  größere  Mitteleuropa  (Weim.  19161;
F.  Naumann,  Bulgar:en  und  Mitteleuropa  (Berl.  1916)
H.  Herkner,  Die  wirtschaftliche  Annäherung  zwischen  dem
Deutschen  Reiche  und  seinen  Verbünderen  (Münch.  u.  Leipz.
1916);  R.  v.  Battaglia,  Em  Zoll=  und  Wirrschaftsdündnis
  zwischen  Osterreich-Ungarn  und  Deutschland  (Wien  u.
Lewz.  1917);  J.  Wolf,  Em  deutsch-österreich=  ungarischer
Jollverband  (Leipz.  1915);  K.  Kautsky,  Die  vereinigten
Straaten  Mitteleuropas  (Stuttg.  1916);  C.  Irresberger,
Das  deutsch-österreichisch-ungarische  Wirtschafts=  und  Zollbündnis
  (Berl.  1916);  Graf  J.  Andrassy,  Interessen-Solidarität
  des  Deutschtums  und  Ungartums  (Münch.,  Berl.
u.  Leipz.  1916);  Geza  Lucacs,  Die  deutsch-önerreichischungarischen
  Handelsbeziehungen  (Götring.  1916);  E.  Palyi,
Das  mitteleuropäische  Weltreichdündn.8,  gesehen  von  einem
Nicht-Deutschen  (Münch.  u.  Lewz.  1916);  Luß  Korod:,  Die
deutsch-magyarische  Freundschaft  (Berl.  1916);  K.  v.  Winterstetten,
  Berlin-Bagdad,  neue  Ziele  mitteleurop#lischer
Politik  (Münch.  1916);  K.  A.  Schäfer,  Die  Entwicklung
der  Bagdadbahnpolitik  (Weim.  1916);  K.  Diehl;  Deurshland
  als  geschlossener  Handelsstaat  im  Weltkriege  (Stuttg.
u.  Berl.  1916);  H.  Schumacher,  Meistbegünsugung  und
Zollunterscheidung  Münch.  u.  Leipz.  1916);  Dertelbe,  Antwerpen,
  seine  Weltstellung  und  Bedemng  fur  das  deutsche
Wirtschaftsleden  (das.  1916);  H.  Levy,  englische  Gefahr
  für  die  weltwirtschaftliche  Zukunft  des  Deutschen  Reiches
(Berl.  1916);  R.  Junge,.  Das  Problem  der  Europärtsierung
orrentalischer  Herrschaft  (Weim.  1915):  A.  Dix,  Bulgariene
wirtschaftliche  Zu.  unfst  (Leipz.  1916);  H.  Grothe,  Türiich-Asien
  und  seine  Wirtschaftswerte  (Frantf.  a.  M.  19106,;
Leon  Schulm  ann,R  Zur  türtischen  Agrarfrage  (Weim.
1910);  M.  Blankenhorn,  Syrien  und  die  deutsche  Arbeit
  (das.  1916);  Franz  Stuhlmann,  Der  Kampf  um
Arabien  zwischen  der  Türkei  und  England  (Hamb.,  Braunschweig
  u.  Berl.  1916);  A.  Ruppin,  Syrien  als  Wutschaftsgebiet
  (Berl.  1917);  E.  Zimmermann,  Kann  uns
Mesopotamien  eigene  Kolonien  ersetzen  7  (das.  1917);  Derselbe,
  Die  Bedeutung  Afrikas  für  die  deutsche  Weltpolirsk
(das.  1917);  O.  Kasdorf,  Der  Wirtschaftskampf  um  Südamerita
  (das.  1916);  B.  Harms,  Deutschlands  Anteil  am
Welthandel  und  Welltschiffahrt  (Stuttg.,  Berl.  u.  Leipz.  1916:
L.  Brentano,  lver  den  Wahnsinn  der  Handelsfeindschaf.
(Münch.  1916);  W.  H.  Edwards,  Englische  Expansion
und  deutsche  Durchdringung  als  Fakroren  im  Welihande!
(Jena  1916);  W.  Vogel,  Deutschlands  Zurückdrängung
von  der  See  (Berl.  1916);  H.  Smidt,  Japan  im  Weltkriege
  und  das  Chinaoproblem  (Bremen  1915);  O.  Karstedt,
Deutschlands  koloniale  Not  (Berl.  1917).

Neuorientierung:  F.  Thimme,  Vom  inneren  Frieden
des  deutschen  W  (Leipʒ.  1916);  H.  Preuß,  Tas
deutsche  Voll  und  die  Polilik  (Jena  1916);  F.  Stier-Somlo,
  Grund=  und  Zuktunftsfragen  deutscher  Politil
(Bonn  1917);  W.  Nathenau,  Von  kommenden  Dingen
(Berl.  1917);  K.  Böhme,  Landwirtschaft  und  nanonalliberale
  Partei  (das.  1916);  -Sozialdemokratie  und  nationale
Verleidigunge,  hrsg.  vom  Parteivorstand  der  sozialdemokratischen
  Partei  Deutschlands  Bern  1916);  P.  Lensch,  Die
deutsche  Sozialdemotratie  und  der  Weltkrieg  (Berl.  1915);
W.  Zimmermann,  Der  Krieg  und  die  deutsche  Arbeiterschaft
  (Jena  1915),  K.  Haenisch,  Die  deutsche  Sozialdemokratie
  in  und  nach  dem  Welttriege  (Berl.  1916);  E.
David,  Die  Sozialdemokratie  im  Weltkriege  (das.  1915);  W.
Heine,  Die  politische  Zukunft  Deutschlands  und  die  Sozialdemotratie
  (Stuttg.  1915);  F.  Thimme  und  C.  Legien,
Die  Arbeiterschaft  im  neuen  Deuschland  (Leipz.  1915,;
»Ein  Wort  an  die  unten  und  oben,  von  einem  deutschen  Sozialdemokraten-
  (A.  Fendrich,  Stuttg.  1916):  H.  Heinemann,
  Die  sozialistischen  Errungenschaften  der  Kriegszen
(Chemnitz  o.  J.);  W.  Heine,  Zu  Deunchlands  Erneuerung
(Jena  1916);  K.  Haenisch,  Deutsche  Sozialdemokraten
und  sozialdemokratische  Deutsche  (Chemnig  o.  J.);  K.  Kenner,
  Österreichs  Erneuerung  1—II  (Wien  1916—17);  A.
        <pb n="469" />
        Fester:  Kriegsliteratur

Singer,  Vom  heutigen  Deuisch-Olterreiß  (Münch.  o.  J.);
Munin,  Osterreich  nach  dem  Kriege  (Jena  1915);  W.  v.
Wannisch,  Osterreich-Ungarn  nach  dem  Kriege  (Stutig.
1917);  O.  Freiherr  v.  Dungern,  Ballanprobleme  (Münch.
1917);  Labor  und  Löwe,  Wirtschaftliche  Demobilisanon
(Berl.  1916).

Kriegsgeschichte:  „Zwölf  Monate  Kriegsverlauf  in  amtlichen
  Berichten=  (Berl.  1915  ff.);  „Kriegsberichte  aus  dem
Großen  Hauptquartier#  (Stutig.  u.  Berl.  1915  ff.);  »Der
Krieg  in  den  deutschen  Schutzgebieten-,  hrsg.  vom  Reichskolontalamt
  (Berl.  1915  f.);  E.  Seeger,  Die  Kampfplätze
in  West,  Ost  und  Süd,  alphabetisches  Ortsverzeichnis  der
triegerischen  Begebenheiten  (Stuttg.  u.  Berl.  1915  ff.);  „ÖOsterreichisch-ungarische
  Kriegsberichte#  (Beihefte  zu  Streffleurs
„  Militärblatte,  Wien  1915  ff.);  »Die  Schlacht  an  der  Marne-(Berl.
  1916):  Ostar  Prinzvon  Preußen,  Die  Winterschlacht
  in  der  Champagne  (Olbdenb.  1915);  „Die  Champagne-Herbstschlacht-(Münch.
  u.  Leipz.  1916);  „Die  Kämpfe
um  die  Feste  Vauxe  (o.  O.  1916);  -Bei  Süd=  und  Bugarmee
  1915-,  Kriegsberichte  von  Offizieren  des  A.  O.  K.
Linsingen  (Stuttg.  1917);  Die  Niederwerfung  Rumäniens-(Berl.
  1917);  Scheibe,  Die  Seeschlacht  vor  dem  Skagerrak
  (das.  1916);  Kalau  vom  Hofe,  Die  kämpfenden
Flotten  (das.  1916);  S.  Toeche-Mittler,  Das  zwelte  Jahr
im  Kampf  zur  See  (das.  1916);  K.  Hollweg,  Die  Aufgaben
  der  deutschen  Rotte  im  Weltkricg  (das.  1916);  „Jahrbuch
  des  Norddeutschen  Aoyd-(Brem.  1915/16);  2Der  Krieg
und  die  Seeschiffahrt=  (das.  1916);  S.  Toeche-Mittler,
2½  Jahre  Verluste  unserer  Feinde  zur  See  (Berl.  1917);
A.  Veltzt,  Unter  Habsburgs  Banner  (das.  1916);  außerdem
  viele  Chroniken  des  Kriegsverlaufs  und  als  einzige  Gesamtdarstellung
  von  bleibendem  Wert  H.  Stegemann
#militärischer  Mitarbeiter  des  Berner  Bundes),  Geschichte
des  Kriegs  1  (Stuttg.  u.  Berl.  1917).  —  -Bilderatlas  zum
Welttrieg=  (Münch.  1915,  bis  jetzt  2  Bde.).

Berichterstatter:  Ganghofer,  Kellermann,  Prigge  („Kampf
um  die  Dardanellen,  Weimar  1916),  Moraht,  Vogel  u.  a.
(vgl.  auch  Schweden,  Schweiz,  S.  386).  —  Feldbriefe:
„Briefe  aus  dem  Felde  1914/15,  hrsg.  vom  Märkischen
Museum  in  Berlin  (Oldenb.  1916);  H.  Nielsen,  Nordschleswigische
  Soldatenbriefe  aus  dem  Welttrieg  (Jena  1916);
Leutn.  G.  v.  Rohden  (Tüb.  1916);  Hauptmann  Bölckes
Feldberichtes  (Gotha  1916).  —  Berichte  von  Mitkämpern:

  Unsere  Seehelden=  (Berl.  1915  ff.;  I.  Graf  v.  Spee,
II.  O.  Weddigen);  H.  v.  Mücke,  Ayesha-Emden  (das.  1915);
Graf  Dohna-Schlodien,  S.  M.  S.-Möwe-  (Gotha  1916);,
Derselbe,  Der  Möwe  zweite  Fahrt  (das.  1917);  Freiherr
v.  Spiegel,  Kriegstagebuch  ?1|  207.  (Berl.  1916);  M.
Immelmann,  Meine  Kampfflüge  (das.  o.  J.);  C.  Mönckeberg,
  Unter  Linsingen  in  den  Karpathen  (Stuttg.  1917)1  H.
Wrobel,  Acht  Kriegsmonate  in  der  asiarischen  Türkei  (das.
1917);  =  Als  Orbonnanzoffizier  in  Belglen,  Frankreich  und
Serbien=  (Münch.  1916);  J.  Weis,  Mit  einer  bayerischen
Division  durch  Rumänien  (Diessen  1917);  die  Zeichnungen
von  A.  Reich,  -Unser  deutsches  Alpenkorps--  und  -Mit  meinem
  Korps  durch  Serbien=  (Berl.  1916):  Ernst  Vollbehr,
Kriegsbilder-Tagebuch  und  Bei  der  Heeresgruppe  Kronprinz
(Münch.  1915,  1917);  P.  König,  Die  Fahrt  der-Deutschland--(Berl.
  1916);  viele  Tagebücher  (bei  Mittler  in  Berlin
u.  a.  O.).  —  Biographien:  E.  Bassermann,  Tirpitz
(Berl.  1916);  Bernhard  v.  Hindenburg,  Paul  v.  Hindenburg
  (das.  1915);  O.  Krack,  Generalfeldmarschall
v.  Bülow  (das.  1916);  Thoring,  Die  Mutter  des  Feldmarschalls
  v.  Mackensen  (das.  1916/;  L.  v.  Pastor,  Conrad
  v.  Hötzendorf  (Wien  u.  Freib.  1916);  Derselbe,  Vittor
Dankl  (Freib.  i.  B.  1916).

Kriegsschauplätze  (s.  auch  die  Literaturangaben  zu  den
Beiträgen  in  Bd.  I.  S.  148—171,  und  Bd.  II,  S.  98—150):
H.  Fischer,  Kriegsgeogravphie  (Leipz.  1916);  Hettners
Sammlung  (s.  oben);  A.  Penck,  Politisch  =  geographische
Lehren  des  Krieges  (Berl.  1915);  O.  Schulze,  Die  wichtigsten
  Kanalhäfen  (das.  1915):  A.  Penck,  Die  österreichische
  Alpengrenze  (Stuttg.  19161:  St.  Rudnyckyi,  Der
östliche  Kriegsschauplatz  (Jena  1915);  J.  Walther,  Zum
Kampf  in  der  Wüste  am  Sinai  und  Nil  (Leipz.  1916).

Kriegstechnik  (s.  auch  Bd.  I.  S.  235  ff.,  273—284):  K.  F.
Endres,  Das  Kriegsbuch  (Münch.  u.  Leipz.  o.  J.);  G.  M.

383

Neureuther,  Das  Unterseeboot  (Münch.  1915);  H.  Lüdersdorff,
  Die  Kunst  des  Kriegsflugs  (Berl.  u.  Leipz.
1916):  R.  Hennig,  Die  drahtlose  Telegraphie  während
des  Krieges  (Berl.  1916).

Orgonisation:  E.  v.  Woinowich  und  A.  Veltzé,  Aus
der  Werkstatt  des  Krieges,  ein  Rundbleck  über  die  organisatorische
  und  soziale  Kriegsarbeit  1914/15  in  Osterreich-Ungarn
(Wien  1915);  M.  Rubner,  Deutschlands  Volksernährung
im  Kriege  (Leipz.  1916);  K.  Th.  v.  Eheberg,  Die  Kricgsfinanzen
  (das.  1916);  W.  Rathenau,  Deutschlands  Rohstoffversorgung
  (Berl.  1916;  val.  auch  Bd.  I,  S.  382—408,
und  Bd.  II,  S.  350  fl.,  388  ff.).

Kriegsgefangene:  Engelbert  Krebs,  Die  Behandlung
der  Kriegsgefangenen  in  Deutschland  (Freib.  i.  B.  1917);
„Die  Kriegsgefangenenlager  im  Bezirk  des  4.  Armeekorps-(Halle
  1916).  —  Abbildungen:  Backhaus,  Die  Kriegsgefangenen
  in  Deutschland  (Siegen,  Leipz.  u.  Berl.  1916);
»Unsere  Feinde,  Charakterköpfe  aus  Kriegsgefangenenlagern-(Stuttg.
  1916);  Kriegsgefangene,  hundert  Steinzeichnungen
von  Hermann  Struck,  mit  Begleitworten  von  Prof.  Dr.
F.  v.  Luschan  (Berl.  1916).  —  Lagerzeitungen  (s.  Kriegszeitungen,
  Bd.  III,  lexikalischer  Teil).

Okkupierte  Gebiete  und  Kriegszonen:  Erhard,  Aus
Städten  und  Schlössern  Nordfrankreichs  (Bapaume  1916);
„Zwischen  Arras  und  Peronne=  (Bapaume  u.  Münch.
1916);  -An  der  Somme=  (das.  1917);  »Vom  westlichsten
Teil  der  Westfronte,  herausg.  von  der  52.  Iuf.-Division
(Herborn  1917);  Mit  Schleswig-Holsteinern  an  der  Westfront=
  (Münch.  1917);  Französische  Kunste,  herausg.  von
einem  deutschen  Reservekorps  (Bapaume  1917);  O.  Grautoff,
  Kunstwerwaltung  in  Frr  und  Deutschland  (Bern
1915);  Lille  in  deutscher  Hande,  herausg.  von  der  »Liller
Kriegszeitung  (Lille  1915);  E.  Lüthgen,  Belgische  Baudenkmäler
  (Leipz.  1916);  R.  Graul,  Alt-Flandern  (Dachau
1915);  W.  Stein,  Im  Lande  des  weißen  Adlers  (Leipz.
1916);  Struck  und  Eulenberg,  Slizzen  aus  Litauen
(Berl.  1916);  P.  Rohrbach,  Das  Baltenbuch  (Dachau
1916))  Dasschöne  Kurland=  (Münch.  1916/:  O.  Grautoffs,
Ostsee  und  Ostland  1  (Berl.-Charlottenb.  1916);  W  Weibel,
  Rußland  1  (Münch.  1916);  A.  v.  Gutiry,  Galizien
(Leipz.  u.  Münch.  1916);  F.  Teutsch,  Die  Siebenbürger
Sachsen  (Leipz.  1916);  O.  Freiherr  v.  Dungern,  Rumänien
  (Gotha  1916);  Reisinger,  Griechenland  (Leipz.
1916);  L.  Planiscig,  Dentmale  der  Kunst  in  den  südlichen
Kriegsgebieten  (W.en  1915);  A.  Veltzé,  Aus  dem  Kricgsland
  Ofterrech-Ungarn  I.  Vom  Isonzo  zum  Balkan  (Münch.
1917);  F.  K.  Endres,  Die  Türkeii  das.  1916);  W.  Ph.  Schulz,
Welt  des  Islams  I.  Länder  und  Menschen  (das.  1917).

Krieg  als  Zerstörer:  Russisches  Zerstörungswerk  in  Polen“
  (Berl.  1916);  „Ostpreußische  Kriegshefte  (das.  1916ff.);
M.  Bierfreund,  Meine  Erlebnisse  als  Gouverneur  von
Insterburg  während  des  Russeneinfalls  (Würzb.  1916);  R.
Müller,  Drei  Wochen  russischer  Gouverneur  (Gumbinnen
o.  E.  Schmidt-Lötzen,  Von  Masuren  nach  Sibirien
(Schwerin  1916);  P.  Kannengießer,  Leidensfahrten  verschleppter
  Elsaß-Loehringer  (Straßb.  1916);  „Der  Franktireurkrieg
  in  Belgien,  Geständnesse  der  belgischen  Presse
(Stuttg.  u.  Berl.  1915);  P.  Rohrbach,  Massenverhetzung
und  Volkskrieg  in  Belgien  (Berl.  1916);  C.  Clemen,  Die
deutschen  Greuel  in  Belgien  und  Nordfrankreich  nach  dem
offiziellen  englischen  Bericht  (Bielef.  u.  Leipz.  1916);  Die
Beschießung  der  Kathedrale  von  Reims“  (herausg.  vom
Kriegsmmesterium,  Berl.  1915).

Bulgarien.
A.  Ischirkov,  Lesconfins  cdocidentauxdesterres  Bulgares
  (Lausanne  1916);  Derselbe,  Bulgarien,  Land  und  Leute
(Leipz.  1917,  2  Bde.);  s.  auch  die  Literaturangaben  auf  S.  80.

Türkei.

Außer  den  alten  Zeitungen  „Tanin“.  „Ikdam-  usw.
erscheint  seit  dem  Sommer  1915  .  Hilal-  in  französischer
Sprache.  Zeitschriften:  „Türk  Jordu=  (luerarische
Halbmonatsschrift);-Donanma  (Flottenzeitschrift);  Iktisaliat
  Medschmuasy“  (Wirtschaftszeitung):;  „  Kuragös=(Wiptblatt);
  »Harb  Medschmuasy=  (Aullustrierte  Kriegszeitung,
  seit  Mai  1916/:  „Haude=  (türkIsch-deutsche  humoristisch-satirische
  Wochenschrift).  —  Jahrbuch  des  türkischen
        <pb n="470" />
        384

Flottenvereins  und  1916.—  La  vérité  sur  la  question
Frienne,  publié  par  le  commandant  de  la  IVWe  armee
  (Stambul  19160).  Bgl.  auch  die  Literaturangaben  auf
S.  70,  133  und  139.

B.  Dehnverband.
England  und  Dominions.

Ein  guter  Führer  ist  Lange-Berry,  Books  on
the  great  war,  an  annotated  bibliography  of  literature
  issued  during  the  European  conflict  I—IV
(Lond.  1915—16;  bis  Juli  1916);  er  verzeichnet  auch
die  nichtenglische  Kriegsliteratur  und  gibt  so  einen  Begriff
  des  in  England  Bekannten.  Der  angelsächsische,
auch  Amerika  umfassende  Charakter  der  englischen  Literatur
  erhellt  schon  aus  den  häufigen  gemeinsamen
Esscheinungsorten  London  und  Neuyork.

Wie  in  Deutschland  sind  zu  den  alten  Zeitschriften,
unter  denen  „  National  Review  und  „Nation=  führen,
  neue  erstanden,  wie  „The  new  statesman-.  Den
deulschen  Sammlungen  entsprechen  die  »Oxford
Pamphlets--  und  -Papers  for  war  time“.

Vorgeschichte  und  Sinn  des  Krieges:  Whywe  are
at  war,  br  members  of  the  Oxford  faculty  of  modern
history--(Oxsord  1914);  E.  J.  Dillon,  A  scrap  of  pa
(Lond.  1914);  J.  W.  Heablam,  The  history  of  twelve
days  (das.  1915);  Percy  Fitzpatrick,  The  origin,  causes
and  the  object  of  the  war  (das.  1915);  Holland  Rose,
The  origins  Cambridge  1915);  Derselde,  The  development
  ofthe  European  nations  1870—1914  (Lond.  1916);
Derselbe,  Nationality  as  a  factor  in  modern  history  (daf.
1916);  Gilben  Murray,  The  foreign  policy  of  E.  Grey
1900—1915  (Orford  1915);  E.  J.  Dillon,  From  the  triple
to  the  quadruple  alliance  (Lond.  1915);  G.  W.  Prothero,
  German  policy  before  the  war  (das.  1916);  J.  A.
Cramb,  Germany  and  England  (das.  1914);  S.  W.
Allen,  German)y.  and  Europe  (das.  1915);  Ramsay  Muir,
Britain'’s  case  against  Germany  (Manchester  1914);
E.  J.  Dillon,  Ourselves  and  Germany  (mit  einer  Vorrede
  des  australischen  Ministers  Hughes,  Lond.  1916);  Demetrius
  C.  Boulger,  England's  arch-enemy  (das.  1914);
G.  H.  Perris,  Germany  and  the  German  Emperor
(das.  1914);  W.  Wile,  The  German-American  plot
(das.  1915);  Denis  Garstin,  Friendly  Russia  (das.  1915);
R.  W.  Seton-Watson,  Roumania  and  the  great  war
(das.  1915);  Derselbe,  Tho  Balkans,  Italy  and  the  Adriatic
  (das.  1915);  Noel  Buxton  und  Charles  Roden  Buxton,
  The  war  and  the  Balkans  (das.  1915);  Crawsurd
Price,  L.ight  on  the  Balkan  darknese  (das.  1915);  F.
S.  Burnell,  Australia  versus  Germany  (das.  1915);
Cassamally  Jairagbhoy,  India  and  the  war  (Bombay
1914);  Lord  Cromer,  Folitical  and  literary  essays,
Zih  gerien  (Lond.  1916);  Derselbe,  Abbas  II.  (das.  1916);
A.  Brome-Weigall,  A  bistory  of  events  in  Egypt
krom  1708—1914  (Edinb.  u.  Lond.  1915);  Philip  Gibs,
The  soul  of  the  war  (Lond.  1916);  „Sir  Edward  Grey-(das.
  1915);  Harold  Spender,  Herbert  Henry  Asquith
(das.  191.50);  Maccallum  Scott,  Winston  Churcbill  (das.
1015);  Herbert  du  Parcqd,  David  Lioyd  Geoege  (das.  1915).

Kulturliteratur:  Viele  Broschüren  und  Monographien
über  Treitschte,  Nietzsche  und  General  v.  Bernhardi  als  einzige
  Repräsentanten  des  Deutschtums:  serner  Thomas  F.  A.
Smith,  The  soul  of  Germany,  a  twelve  vears'  study
of  ihe  people  from  within  1902—1914  (Lond.  191.0);
Charles  Tower,  Changing  Germany  (das.  1915);  Rovertson
  Murray,  Kultur  and  the  German  Blunder
(Lond.  o.  J.);  Ernest  Belsort  Bax,  Germun  culturec,  Past
and  Present  (das.  1915);  G.  K.  Chesterton,  The  Bar-Darism
  of  Berlin  (das.  10141);  Th.  A.  Cook,  Kniser,
Krupp  and  Kultur  (das.  1915);  W.  P.  Paterson,  German
  culture  (das.  1915);  J.  J.  Chapman,  Deutschland
  über  Alles  (Neuyork  u.  Lond.  1914):  J.  M.  Robertson,
  War  and  civilisation  (Lond.  1915).

Selbsteinkehr:  Humphry  Ward,  Englands  effort  (Lond.
1916);  M.  D.  Petre,  Rellectionsuofa  Non-Combatantk  das.
1915);  Will  Irwin,  Men,  woman  and  war  (das.  1916).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

Neligiöse  apokalyptische)  Literatur:  Nur  als  Gruppebemertenswert;
  Einzeltitel  finden  sich  bei  Lange-Berry  (s.  oben#7.

Kriegsziele:  Norman  Angel,  Prussianism  and  its
destruction  (Lond.  1914,;  F.  Harrison,  The  German
Peril  (daj.  19155;  J.  A.  Cramb,  Origin  and  destinx
of  Imperial  Britaln  (bas.  1915);  W.  Eveleigh.  South
West  Afrika  (das.  1915);  Annie  Besant,  The  kurure  ol
Voung  India  (Madras  1915).

Handelspelitif:  The  war  on  German  trade,  bintsfor
  a  plan  of  campaign-  (mit  Einleitung  von  Sidner
Whitman;  Londb.  191411  „The  Standard-,  How  to  cal
ture  German  tracke  (Lond.,  Neuyork  u.  Toronto  1911.;
Perchy  u.  Archibald  Hurd,  The  new  empire  parinership.
Defence,  Commerce,  Policy  (Lond.  1915).

Neuorientierung:  R.  W.  Seton-Watson,  The  war
and  democracy  (Lond.  1915);  A.  W.  Humphrey,  International
  socialinm  and  tbe  war  (das.  1915).

Geschichte  des  Krieges  (s.  auch  Buntblcher,  Bd.  III):  Die
gleichen  Kategorien  wie  in  Deutschland;  Ausschecdung  des
Wertvolleren  ist  vorläufig  unmöglich.  In  dem  Sherlock-Holmes-Kapitel
  bilden  eine  Spezialität  die  Erinnerungen  vonenglischen
  Spionen  und  Erzieherinnen  in  deutschen  und  ösfterreichischen
  fürstlichen  Häusern,  die  den  in  England  sehr  deliebten
  Hofklatsch  mit  angedlichen  Enthüllungen  über  die  deulschösterreichische
  Kriegsverschwörung  zu  verbinden  wissen.

Frankreich.

Außer  dem  --  Catalogue  mensuel  de  la  librairie
française  (Paris,  Jordell)  verzeichnen  Spezialnummern
  des  ZBulletin  mensuel  die  in  Frankreich  und
der  französischen  Schweiz  erschienene  Kriegsliteratur.
„Le  Musée  de  la  guerre,  revue  genérale  de  tout  ce
qui  a  été  publié  et  édité  sur  la  guerre:,  seit  Februar
1916  erscheinend,  ist  ein  Sammelorgan  für  Mauer-=anschläge,
  Postkarten.  Briefmarken.  8  blätter  usw.
Die  Zahl  der  Zeitschriften  hat  sich  anscheinend  nicht
wesentlich  vermehrt.  „Revne  des  Deux  Mondes«,  die
von  Lavisse  geleitete  »Revue  de  Paris,  „Revue  politique
  et  parlementaire-  usw.  sind  wie  die  entsprechenden
  Organe  in  anderen  Ländern  ganz  auf  den
Krieg  eingestellt.  Die  „Pages  Thistoire:  (Paris,
Berger-Levrault)  sammeln  in  verschiedenen  Serien
alles  offizielle  Material,  Buntbücher,  Communiquss
officiels,  Kundgebungen  der  Parlamente,  Körperschaften,
  aber  auch  Zeitungsstimmen,  Soldatenlieder.
Kriegschroniken  und  längere  Abhandlungen  aller  Urt,
während  in  den  60  Centimes-Heften  der  auch  von
Belgiern  benutzten  -Pages  actuelles  (Paris,  Bloud
et  Gay)  die  französische  Kriegspsychose  vorzugsweise
zu  Worte  kommt.  Auch  in  der  monographischen  Literatur
  überwiegt  der  hysterische  Charakter,  der  sich
durch  seinen  femininen  Einschlag  von  der  bornierten
Gehässigkeit  englischer  Boxerpropaganda  stärker  unterscheidet
  als  der  Poilu  von  dem  Tommy  der  französisch-englischen
  Front.

Kriegsursprung:  P.  Albin,  D'Agadir  à  Sarajero
1911—1914  (Par.  1915);  A.  Gauvain,  Les  origines  de
la  guerre  Européenne  (das.  1915);  Dves  Guyot,  Les
causes  et  les  conséquences  de  la  guerre  (das.  1915);
J.  L.  de  Lanessan,  Les  empires  germaniques  et  la
politique  de  la  force  (das.  1915);  P.  Saintyves,  Les
responsabilités  de  IAllemagne  dans  la  guerre  de  1914
(das.  1914);  E.  Dandet,  Les  auteurs  de  la  guerre  de
1914  I.  Bismarck  (das.  1916);  -J’accusel,  par  un  Allemand.
  (das.  1915);  A.  Pingaud,  LItalie  depuis  1870
(das.  1914);  E.  Denis  (mit  Cheradame,  ein  im  Prozeß
Kramarsch  vielgenannter  Hauptagitator  gegen  den  Bestand
Osterreich-Ungarns),  La  guerre,  causes  imm  édintes  es
lointuines  (das.  o.  J.);  E.  Dürkheim  und  E.  Denis,  Qui
a  vonlu  la  guerre  (das.  1915);  E.  Denis,  La  grande
Serbie  (das.  1915);  S.  Gargas,  La  question  Boaniadque
(das.  1914):  P.  Bertrand,  LAutriche  a  voulu  la  grande
guerre  (das.  1916);  Ch.  Baillod,  Pourquoi  Fallemagne
        <pb n="471" />
        Fester:  Kriegsliteratur

de  vait  sairo  la  guerre  (bas.  1915);  P.  Pilant,  Leprn
allemand,  pourquol  PAllemagne  a  voulu  la  guerre
(das.  o.  J.);  G.  Blondel,  La  doctrine  pangermaniste,
la  guerre  Européenne  (tas.  1915);  Ch.  Andler,  Collection
  de  doocuments  sur  le  pangermanisme  I.  Le  pan-Kermanisme
  cçontinental  sous  Guillaume  II  de  1888—
1914,  II.  Le  pangermanisme  colonial  (das.  1915—16);  J.
Aulneau,  Lurguie  Kaerr  (das.  1015)  M.  orschiller,
  L'Europe  devant  Constantinople  (daf.  1910).

Kulturliteratur  (s.  auch  Buntbücher,  Bd.  III):  P.  Loti,
La  hyene  enragéee  (Par.  1916);  G.  Langlols,  L'Alleagsne
  Barbare  (bas.  1915);  „e  lre  rouge  des  atrocités
  allemandes  (das.  o.  J.);  E.  Daudet,  L'#áme  franaise

  et  PT#éme  allemande,  lettres  de  soldats  (das.  o.  J.);

.  Leroux,  France  et  TAllemagne,  les  deux  culiures
(bas.  1915);  T.  de  Wyzewa,  La  nouvelle  Allemagne.
Derrière  ie  front  „Boche=  (baf.  1915—16);  Petit  und
Leudet,  Les  allemands  et  la  science  (mit  Vorrede  von
P.  Deschanel;  das.  1916);  G.  Lenotre,  Prussiens  d'’hier
t  de  toujourn  (das.  1916);  A.  Chuquet,  De  Frédério
4  Guillaume  II  (das.  1915);  J.  Grand-Carteret,  Kalser,
  Kronprins  et  Comp.  (Karikaturensammlung;  das.
1916);  Ch.  Andler,  Les  es  de  guerre  et  la  dootrine
  de  Pétat-major  allemand  (das.  1915);  J.  Bedier,
Les  erimes  allemands  d'après  des  témoignages  allemands
  (das.  1915).

Selbsteinkehr:  Comte  de  Fels,  Limpérialisme  frunęais
  (Par.  1916);  J.  Bertourieux,  vérité  (Genf
1916);  Derselbe,  La  Victoire  (das.  1917);  M.  Capy,
Une  voix  de  femme  dans  la  melée  (bas.  1916).

Neligion  und  Krieg:  A.  Baudrillart,  La  guerre
allemande  et  le  catholicisme  (dazu  Abum  I—II,  Illu-Ktationen
  im  Stil  des  Livre  rouge;  Par.  1915);  „L'Allemagne
  et  les  alliés  devant  la  conscience  chrétienne,
publications  du  comité  catholique  de  propagande  fran-Laise
  4  Détranger=  (das.  1915);  Imbart  de  La  Tour,
T'opinion  catholique  et  la  guerre  („Pages  actnelles-26;
  das.  1915).

Kriegsziele  und  Handelspolitik:  Lieutenant  Tolonel  K.
de  D.,  Le  partage  de  IAllemagne  (Par.  1915);  Les
Prädictions  sur  Ia  fin  de  PAllemagne,  réunies  par
D’Arman-“  (das.  o.  J.);  H.  Lorin,  La  paix  que  nous
voudrons  (das.  1915);  A.  Auland,  La  paix  future
d'après  la  révolution  frangaise  et  Kant  (baf.  1915);
ChKradame,  La  guerre  européenne  et  la  paix  monstruense
  que  vondrait  l'  Allemagne  (das.  1915);  A.  Richter,
  La  guerre  actuelle  et  I’Europe  de  demain.  Ce
2%%  sr#  la  palx  de  demain  (das.  1915);  L.  Polier,

forces  de  France  d’hier  et  de  demain  (Lausanne
Lar.  1915);  B.  Cambon,  Notre  avenir  (Par.  1916);
L#bbé  Getterlé,  Ce  qu’était  I'Alsace-Lorraine  et  oe
zwells“  ser#  (das.  o.  J.);  F.  Engerand,  Les  frontières
rraines  et  la  force  allemande  (das.  1916);  M.  Leroy,
LAlsace-Lorraine,  porte  de  Françe,  porte  d'Allemagne
(das.  o.  J.);  E.  Driault,  La  république  et  le  Rhin
(das.  1916);  G.  Bielmont,  L'’intéret  de  la  France  et
PTintégrité  de  Autriche-  Hongrie  (das.  1915);  Nabra
Montran,  La  Syrie  de  demain  (bas.  1616)  G.  Demorgny,
  (iI§7  „zueso  Persane  et  la  guerre  (da
G.  Jéze,  La  Te#ton  intégrale  des  dommnges  causés
par  les  faits  de  guerre  (das.  1915);  H.  Hauser,  Les
méthodes  allemandes  d’expansion  économique  (dbas.
5;  bes  Guyot,  La  province  Rhénane  et  la  Westphalie
  (das.  1915);  P.  de  Mirecourt,  Lecommerce  françuis
  aux  mains  des  allemands  (das.  o.  J.);  „Conférence
purlamentaire  Iinternationale  ducommerce  (das.  1916).

Neuorientierung:  Ch.  Rappaport,  Jenn  Jaurées
(Par.  1915).

Kriegsgeschichte  (s.  auch  Buntbücher,  Bd.  III):  Communiqués
  ofticiels  in  „-Pages  d’histoire#.  Die  künstlerisch  hervorragenden,
  vom  französischen  Kriegsministerium  herausgegebenen
  „Documents  de  la  section  photographique  de
Tarme  (Par.  o.  J.,  20  Lieferungen);  „La  concentration
allemande:  (bas.  1914);  Spezialkataloge  des  Verlags  von
Berger-Levrault,  des  französischen  Mittler;  Albin,  Tous
les  journeaux  du  front  (das.  1916,  Verzeichnis  der  Kriegs-=zeitungen).
  Sichtung  der  Kategorien  ist  vorläufig  unmöglich.

Der  Krieg  191017.  1I.

l.  1916);  9

385

Belgien.

Die  Literatur  teilt  das  Schicksal  des  Landes.  Während
  dieflämische,  soweit  sie  nichtim  Generalgouvernement
  oder  in  Berlin  unter  den  Propagandaschriften
der  Gesellschaft  zur  Pflege  der  deutsch-flämischen  Beziehungen
  erscheint,  nach  Holland  ausgewandert  ist.
wird  die  wallonische  im  Exil  in  Frankreich,  der
Schweiz,  England  und  auch  in  Holland  gedruckt,  um
von  dort  eingeschmuggelt  zu  werden.  Brüssel  als  Erscheinungsort
  ist  in  diesen  Fällen  Fiktion.  Im  -Bulletin
  mensuel  (s.  oben,  S.  384,  Frankreich)  ist  daher
nur  ein  Teil  verzeichnet,  ÜUbersetzungen  ins  Englische
wohl  sämtlich  bei  Lange-Berry  (s.  oben,  S.  384).  Die
von  der  Regierung  in  Le  Havre  unabhängige,  in  Genf
erschienene  Wochenschrift  „La  Belgique  indeépendante=
  ist  wieder  eingegangen.  In  ihr  und  den  Zeitungen
  muß  man  die  belgischen  Kriegsziele  aufsuchen.
In  der  Literatur  herrschen  die  Anklagen  gegen  die
deutsche  Politik  und  Kriegführung  vor.

Die  folgende  Auswahl  veranschaulicht  schon  in  den
Titeln  die  Richtung:

„a  Neutralitée  de  la  Belique  Edition  offlcielle  du
honverperment.  Belge-(Par.  u.  Nancy  1915;  s.  auch  Buntücher,

  Bd.  III);  Baron  Beyens,  L'Allemagne  avant  la
guerre,  les  Causes  et  les  responsabilinés  (Brüss.  u.  Par.
1915);  A.  de  Bassompierre,  La  nuit  du  2  au  3  aoct
1914  au  ministere  des  affaires  étrangères  de  Belgique
(Poitiers  1916);  E.  Waxweiler,  La  Belgique  neutre
et  loyale  (Par.  u.  Lansanne  1915);  Considérations  sur
Tavenir  de  la  neutralité  Belge  (Laufanne  1916);  P.
Nothomb,  La  barrieère  belge  (Par.  1916);  Derselbe,
Les  barbares  en  Belgique  (das.  1915);  P.  van  Houtte,
Le  crime  de  Gulllaume  II  et  la  Belgique,  récits  d'un
témoin  oculalre  (bas.  1915);  M.  Maeterlinck,  Les
débris  de  la  guerre  (bas.  1916);  J.  Massart,  La  presse
Slandenine  dans  la  Belgique  occupée  (Par.  u.  Nanchy
1917);  F.  Passelecdq,  Les  déportations  Belges  à  la
lumiere  des  documents  allemands  (das.  1917):  „Die
Zukunst  Belgiens,  von  einem  Flamen=  (Berl.  1917).

Italien.

Die  Bibliographie  der  gesamten  Literatur  findet
sich  im  „Bolletino  delle  publicazioni  Italiane:.  Die
literarische  Publizistik  tritt  stark  zurück  hinter  der  um
so  Uppiger  wuchernden,  die  Straße  beherrschenden
Tagespresse.  Unter  den  Zeitschriften  sind  am  ergiebigsten
  =  Nuova  Antologiae,  die  -  Rivista  di  diritto
internazionale  und  die  neue=  Rivista  delle  Nazioni
Latine  (mit  Salveminis  Aussätzen  über  den  Dreibund).
  Dem  Modell  der  -Pages  histoire  nachgebildet
  sind  die  -Quaderni  della  guerra=  (Mailand).
Repräsentative  Monographien:

G.  Ferrero,  La  guerra  Europea  (Mailand  1915);
ilareti,  La  conflagrazione  Europes  e  TlItalia  (Lanciano
  1915);  G.  Prinzivalli,  Gli  Stati  belligeranti
(Mailand  1915);  G.  Preziosi,  La  Germania  alla  conduista
  dell’  Ltalia  (Florenz  1916);  Ezio  M.  Gray,  L'invasione
  tedeson  in  Italia  (das.  o.  J.);  G.  A.  Borghese,
Italia  e  Germania  (Mailand  1915);  Salvatore  Barzilai,
  Sulla  necessiti  della  nostra  guerra  (in  Neapel  am
29.  September  1915  gehaltene  Rede;  das.  1915).  Offizielle
-otsaphssche  Aufnahmen  von  den  Kriegsschauplätzen  an

Alvengrenze  und  in  Albanien  enthält  „La  Guerra-(Mailand
  1916).

Rußland.

In  englischer  übersetzung:  G.  Alexinsky,  Russia  and
the  great  war  (Lond.  1915);  G.  de  Wesselitsky,  Russla
and  demoerncy,  the  German  ennker  in  Russin  (das.
1915);  ferner  Dourdenevsfki,  Le  régime  de  la  presse
en  Russie  et  son  projet  de  réforme  (Par.  1914);  Roubaline,
  La  Russie  qui  s'en  va  et  ln  Russie  qui  vient
(Lausanne  1916).  Vgal.  auch  die  Literaturangaben  auf  S.  57.

25
        <pb n="472" />
        386

Serbien.

W.  M.  Petrovitch,  Serbia,  her  people,  histo
and  aspirations  (Lond.  1915);  Balcanicus,  La  Bulrie,

  des  ambitions,  au  trahison  (Par.  1915);  J.  Cvijiéc,
H###  Balkaniques  (Par.  u.  Neuchatel  o.  J.).

Bereinigte  Staaten.

Ein  vortreffliches  Hilfsmittel  der  Orientierungs-Möglichkeit
  für  die  Zeit  vor  dem  Kriege  ist  die  internationale
  Bibliographie  des  Kongreßbibliothekars
Hermann  H.  B.  Meyer,  List  of  references  on  Europe
and  international  politics  in  relation  to  the  present
issues  (Washingt.  1914).  Ist  eine  Fortsetzung  erschienen,
  so  ließe  sich  später  der  ganze  literarische  Apparat
der  Regierung  überschauen.  Die  Presse  zeigt  nur  die
Reklameschilder  des  amerikanischen  Lebens.  Einen  tieferen
  Einblick  in  die  Kriegsstimmungen  eröffnen  die
Zeitschriften  „The  North  American  review“,  -American
  review  of  reviews“,  „New  Republice  usw.
Den  Bluffcharakter  können  freilich  auch  sie  ebensowenig
  ganz  verleugnen  wie  die  bisher  zu  unserer
Kenntnis  gelangte  Literatur.  Als  repräsentativ  können
  angesehen  werden:

Th.  Roosevelt,  America  and  the  World  war  (Lond.
1915);  Derselbe,  Why  America  should  join  the  allies
(das.  o.  J.);  Derselbe,  Fear  God  and  take  your  own  part
(das.  1916);  H.  D.  Wheeler,  Are  we  ready  ,  a  study
of  the  preparedness  for  war  in  the  U.  St.  (das.  1915);
H.  Maxim  (Munitionsfabrikant),  Defenceless  America
(Lond.,  Neuyork  u.  Toronto  1915);  H.  Titcher  Okie
(hoher  Justizbeamter  mit  tiefster  Unbildung),  Ameerica  and
the  German  peril  (Lond.  1915);  K.  Usher  (Professor  in
St.  Louis),  Pan-Americanism  (das.  1915):  E.  F.  Baldwin,
  The  world  war,  how  it  looks  to  the  nations  involved
  and  what  it  menns  to  us  (Neuyork  1914):  J.
Shield  Nicholson,  The  neautrality  of  the  U.  St.  in  relation
  to  the  Britich  and  German  Empires  (Lond.  1915);
J.  M.  Beck,  The  evidence  in  the  case  (das.  1915);
Poultney  Bigelow,  Prussian  memories  1864—  1914  (das.
1916);  W.  R.  Thayer,  Germany  vs  civilization  (Boston
u.  Neuyork  1916).  —  Deutschfreundlichen  Charakter  tragen:
I.  W.  Burgeß  (Austauschprofessor),  The  European  war
of  1914,  its  causes,  purposes  and  probable  results
(Chicago  1915,  auch  deutsch);  G.  Stuart  Fullerton,  The
truth  about  the  German  nation  (Mürch.  u.  Berl.  1916);
H.  Münsterberg  (Deutschamerikaner),  The  war  and  America
  und  The  peace  and  America  (beide  Leipz.  1915);  R.
J.  Thomson,  Der  deutsch-englische  Krieg  im  Urteil  eines
Amerikaners,  Brief  an  den  amerikanischen  Staatssetretär
(Berl.  1915).  —  Die  amerikanischen  Weißbücher  (European
war,  bis  jetzt  3  Hefte),  s.  Buntbücher,  Bd.  III.  Dazu  noch
W.  B.  Hale,  American  rights  and  British  pretensions
on  the  seas,  the  facts  and  the  documents,  official  and
other,  bearing  up  the  present  attitude  of  Great  Britain
towards  the  commerce  of  the  U.  St.  (Neuyork  1915);
Derselbe,  Peace  or  war?  (Organization  of  American
women  for  striet  neutralit  1917).

C.  Neutrale  Mächte.
Schweiz.

Der  literarische  Fremdenverkehr  ist  größer  als  die
Eigenproduktion.  Auch  Zeitschriften,  wie  die  1915
gegründete-Internationale  Rundschau-(Zürich)  und
die  1914  ins  Leben  gerufene  -  Revue  politique  internationale
  (Paris,  Lausanne)  sind  nur  Gäste.  Das
gleiche  gilt  von  der  „Friedenswarte-,  dem  Organ  des
Pazifismus.  Die  Militärschriftsteller  der  Schweiz
suchen  französische  oder  deutsche  Verleger  (Stegemann,
  Tanner  usw.),  Die  Berichte  des  Bundesrats
s.  Buntbücher  (Bd.  III.  lexikalischer  Teil).  Dazu  verleiche

  man  Kriegszeit-Reden  Schweizerischer  Bunräte=

  (Zürich  1915).

IV.  Kultur  und  Geistesleben

nenswert  für  die  verschiedenen  Standpunkte:  H.
Bächtold,  Die  geschichtlichen  Grundlagen  des  Weckltriege
(Zür.  1915);  Derselbe,  Die  nationalpolitische  Krisis  in
Schweiz  und  unser  Verhältnis  zu  Deutschland  (Bas.  1916);
Derselbe,  Zum  Urteil  über  den  preußisch  -deutschen  Staat
(das.  1916);  C.  Spitteler,  Unser  Schweizer  Standpunkt
(Zür.  1915);  Th.  Vetter,  Die  Kulturbedeutung  Englands
(das.  1915);  J.  Erni  Die  europäische  Union  als  Bedingung
  und  Grundlage  bes  dauernden  Friedens.  (das.  1915);
A.  Bonnard,  La  patrie  suisse  et  IImpérialisme  (Genf
o.  J.);  P.  Balmer,  Les  Allemands  ches  eux  pendant
la  guerre,  impressions  d'un  neutre  (Par.  1915);  Andre
Oltramare,  Kiodependane  de  notre  presse  (Opinions
  sulsses,  Genf  1917).

Holland.

Alle  Neuerscheinungen  und  eine  Auswahl  deutscher,
englischer  und  französischer  Werke  verzeichnet  mionatlich
  die  „Nederlandsche  Bibliographiee  (Leiden).
Inwiefern  die  Literatur  den  zwiespältigen  Eindruck
der  Presse  ergänzt  und  berichtigt,  läßt  sich  noch  nicht
abschätzen.  Zu  den  Orangebüchern  (s.  Buntbücher,
Bd.  III),  vgl.  auch:  Hollands  Not,  der  niederländische
  überseetrust=  (Bern  1916).  —  Deutschfreundliche
  Stimmen:  J.  H.  Valckenier  Kips,  Der  deutschhe
Staatsgedanke  (Leipz.  1916);  J.  H.  Labberton,  Die
sittliche  Berechtigung  der  Verletzung  derbelgischen  Neutralität
  (Berl.  1916);  Domela  Nieuuenhuis  Nije-Sgaard,
  Flandern  vom  südlichen  Zwange  befreit  (die

edeutendsten  niederländischen  Flugschriften  1—2,
Leipz.  1916).  —  Gegner:  H.  Dunlop,  The  supreme
will  or  the  danger  of  a  premature  peace  (Haag
1916).  Den-Telegraaf.  übertrifft  an  erfolgreicher
Gehässigkeit  der  Karikaturist  Louis  Raemakers  mit
seinen  kolorierten  Zeichnungen,  die,  nicht  auf  das  Podium
  eines  politisch-satirischen  Blattes  wie  „Punchoder
  -Simplicissimus=  gestellt,  sein  großzes  Talent  in
einen  Sumpf  geführt  haben,  dessen  Pesthauch  bis
nach  Amerika  gedrungen  ist.

Skandinavische  Staaten.  Schweden.

Blaubücher,  s.  Buntbücher  (Bd.  III).  Halboffiziös:
  Karl  Hildebrand,  Desvenska  Statsmakterna
  och  Krigstidens  Folkshushällning  (Stockh.
1915—16)0.  Ihren  hohen  Nang  verdankt  die  schwedische
  Kriegsliteratur  vor  allem  dem  Verfasser  der
»Großmächte  der  Gegenwart-,  Rudolf  Kiellen,  Professor
  in  Upsala,  dessen  =  Politische  Probleme  des
Weltkrieges=  (deutsch,  Leipz.  u.  Berl.  1916)  vielleicht
das  gehaltvollste  Buch  über  den  Weltkrieg  sind.  Seine
Bücher  (außerdem:  »Die  Ideen  von  19144.,  Leipz.
1915)  und  die  Schriften  der  Aktivisten  Sven  Hedin
(„Ein  Volk  in  Waffen«,  Nach  Osten-;  Leipz.  1915
bis  1916)  und  Gustav  F.  Steffen  (2  Krieg  und  Kultur-,
  -Demokratie  und  Weltkrieg:,-Weltkrieg  und
Imperialismus-,  Jena  1915—16)  haben  sich  auch.
in  der  deutschen  Literatur  einen  Platz  erobert.

Außerdem:  E.  Wi  giork  s,  Världekriget  och  Världfrieden
  (Stockh.  1915);  E.  Th.  af  Wirsén,  Förstra
Världskrigs  Aret  (das.  1915);  C.  N.  TCarleson,  Varlds
kriget,  en  mansälders  stormaktspolitik  (daf.  1915)
Derselbe,  Världskrigets  Kulturfejd  (bas.  1915);  E.  Liljedahl,
  Sverige  och  Kriget  (Upsala  1915);  A.  Nyström,
Före  under  och  efter  1914  (Stockh.  1915);  Annie  Wall,
Ein  irregeführtes  Volk,  Eindrücke  einer  Neutralen  aus  RKom,
Winter  und  Frühjahr  1915  (Wien  u.  Leipz.  1916).

Däuemark  und  Norwegen.

S.  Buntbücher  in  Bd.  III  (lexikalischer  Teil).  Der
unmittelbare  Druck,  unter  dem  beide  Länder  stehen,
hindert  wohl  eine  literarische  Entfaltung  wie  in  Schwe-
        <pb n="473" />
        Fester:  Kriegsliteratur

den.  In  Dänemark  wirkt  deutschfreundlich  vor  allem
Karl  Larsen  (Professor  Bedier  und  die  Tagebücher
deutscher  Soldaten,  Deutschlands  Nationalmilitarismus,
  Berl.  1915),  in  Norwegen  Björn  Björnson
(„Bom  deutschen  Wesen,  Impressionen  eines  Stammverwandten-,
  das.  1917).

über  spanische,  ostasiatische  (Pyau  Ling,  Beiträge
  zur  neueren  Geschichte  Chinas,  Berl.  1917,  in
„Schriften  des  deutsch-chinesischen  Verbandes=  und
„China-Archive)  und  südamerikanische  Literatur
ist  ein  Bericht  erst  nach  Wiedereröffnung  des  Weltverkehrs
  möglich.  Das  gleiche  gilt  von  Griechenland,
  dessen  Zeitungen  bis  zur  Saloniki-Expedition
wenigstens  fragmentarisch  zu  uns  gelangten.  Außerhalb
  Griechenlands  erschienen:

latytas,  La  neutralité  Hellénique  et  le  traité

Gréco-Serbe  de  1913  (Freib.  i.  1.  1916);  C.  Kerofilas,
Venizelos  (mit  Borrede  von  Take  Jonescu;  Lond.  1915);
Le  Guet-Apens  du  ler  décembre  1916  à  Atheénes  Documents,
  L'union  hellénique=  (Genf  1917).  Ülber  die
#Ebrüger,  Lagerzeitung  „Neon  Asty.  s.  Kriegszellungen
(  .  .

D.  Fremdvälker.

Obwohl  die  Bearbeitung  dieser  Gruppe  den  Frieden
  voraussetzt,  verlangt  die  Gegenwart  doch  eine
Zusammenstellung  des  vorläufig  Erreichbaren.

I.  Englische  Fremdvölker.

Irland:  Roger  Casement,  The  erime  against
Europe,  the  causes  of  the  war  and  the  foundations
of  peace  (Berl.  1915,  auch  deutsch);  Derselbe,  Gesammelte
  Schriften  (Münch.  1916);  Chatterton-Hill,
  Irland  und  seine  Bedeutung  für  Europa  (Berl.
1916);  Derselbe,  Lettre  ouverte  à  Maurice  Barres
(Bern  1916);  Derselbe,  Irische  Blätter  (-Zeitschrift
der  deutsch  -irischen  Gesellschafte,  Berl.,  seit  1917);
»Von  einem  amerikanischen  Iren,  Britisches  gegen
deutsches  Imperiume  (mit  Vorwort  von  R.  Casement;
Berl.  1915).

Indien:  Ganga-  rao  Bramputr,  Indien,  seine
Stellung  zum  Weltkrieg  und  zu  seiner  Zukunft  (Tübingen
  1916);  British  rule  in  India,  comdemned
by  the  British  themselves,  published  br  the  Indian
national  party.(Lond.  1915;  auch  deutsch,  Berl.  1916);
?„  Ist  Indien  loyal  74  Veröffentlicht  von  der  indischen
Nationalpartei;  W.  J.  Bryan,  Secretary  of  State
of  the  U.  St.  of  America  on  British  rule  in  India
(1906;  englischer  und  deutscher  Neudruck  o.  J.).

Agypten:  M.  M.  Rifat  (Präsident  des  ägyptischen
  Nationalkomitees),  Die  Knechtung  Agyptens
(Berl.  o.  J.).

II.  Russische  Fremdvölker.

Revelstein,  Die  Not  der  Fremdvölker  unter  dem
russischen  Joche  (Berl.  1916);  C.  C.  Eiffe,  Zwei  Millionen
  Deutsche  in  Rußland,  Rettung  oder  Untergang?,
  eine  Denkschrift  (Münch.  1915);  Der  Koloß

387

auf  tönernen  Füßen,  hrsg.  von  A.  Ripke  (das.  1916);
Inorodetz,  La  Russie  et  les  peuples  allogenes
(Bern  1917).

Ukraine:  Literaturangaben  in  der  Osteuropäischen

ukunfte  und  den  .  Ukrainischen  Nachrichten«.  »Die
aine  und  der  Krieg-,  Denkschrift  des  Bundes  zur
Befreiung  der  Ukraine  (Münch.  1915);  Dmytro
Donzow,  Die  ukrainische  Staatsidee  und  der  Krieg
gegen  Rußland  (Berl.  1915);  S.  Puluy,  Ukraina
und  ihre  internationale  politische  Bedeutung  (Prag
1915);  =  Dokumente  des  polnischen  Russophilismus,
mit  einer  Einleitung:  Die  russische  Propaganda  und
ihre  polnischen  Gönner  in  Galiziene,  hrsg.  vom  Allgemeinen
  ukrainischen  Nationalrat  in  Österreich  (Berl.
1915);  E.  Lewicky  (Mitglied  des  österreichischen
Reichsrats),  Ukraine,  Ukrainer  und  die  Interessen
Deutschlands  (das.  o.  J.);  Derselbe,  Osteuropäische
Probleme  und  der  Krieg  (das.  1916).

Polen:  „Die  Ostmark.,  Zeitschrift  des  deutschen
Ostmarkenvereins,-Polnische  Blätter#  und-Revuede
Pologne=  (Paris).  Dmytro  Donzow,  Groß-Polen
und  die  Zentralmächte  (Berl.  1915);  Das  Los  der  Polen
in  Rußland  und  Österreich  (Wien  1916);  PrinzCzartoryski,
  Müssen  Deutsche  und  Polen  sich  immer  befehden
  7  (Stuttg.  u.  Berl.  1915);  St.  Przpenstews  ly,
Von  Polens  Seele  (Jena  1917);  E.  v.  Slepowron,
Polen  in  Ost  und  West  (Bern  1916);  Germano---Ju-Daeus,
  Deutsch,  Polnisch  oder  Jiddisch?  (Berl.  1916);
R.  Kucharfki,  Poland's  struggle  for  independence,
with  a  foreword  by  Lord  Weardale  (Lond.  1916).

Litauen:  A.  Paulukat,  Litauische  Hoffnungen
(Halle  1915).

Balten:  „Stimmen  aus  dem  Osten-,  Aufsätze
und  Informationen  für  Tageszeitungen  über  Finnland,
  baltische  und  russische  Fragen  (Berl.  1915);  „Ostland--
  (Charlottenb.  1915fff.;  Zeitschrift  für  den  Wiederaufbau
  u.  die  Neubebauung  der  östlichen  Marken);
»Die  deutsch-lettischen  Beziehungen  in  den  baltischen
Provinzen,  von  einem  Balten-(Leipz.  1916);  »Die
deutschen  Ostseeprovinzen  Rußlands-,  von  Kennern
der  Baltischen  Provinzen  (Berl.  1915);  Silvio  Broedrich-Kurmahlen,
  Das  neue  Ostland  (Charlottenb.
1915);  B.  Marquart,  Die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse
  Kurlands,  I  (Berl.  1916);  A.  v.  Engelhardt,
  Die  deutschen  Ostseeprovinzen  Rußlands
(Münch.  1916).  —  Karte  der  baltischen  Provinzen
Liv-,  Est-und  Kurlande  mitvergleichenden  statistischen
Angaben  über  Größe,  Bevölkerung  und  Wirtschaft
(Leipz.  o.  J.).

Finnen:  „Stimmen  aus  dem  Osten«  (s.  oben,
Balten);  F.  Wetterhoff,  Finnland  im  Lichte  des
Weltkriegs  (Berl.  1916).

III.  Aftatische  Fremdvölker.

Michael  v.  Tseretheli.  Georgien  und  der  Weltkrie
(Weim.  1916);  Derselbe,  Die  Rechte  Georgiens  (Ber
1917);  K.  Kaukasielli,  Der  Kanukasus  im  Weltkrieg
(Weim.  1916).
        <pb n="474" />
        V.  Recht  und  VWolkswirkschaft

Arbeitsnachweis  und  Arbeitsmarkit
von  Professor  Dr.  J.  Jastrow  in  Charlottenburg

Arbeitsnachweis.  Auf  keinem  Gebiete  der  öffentlichen
  Verwaltungsetzte  der  Hauptschaden  aller  gemeinnützigen
  Tätigkeit,  das  Ein=  und  Vordrängen  unberufener
  Helfer,  so  früh  und  so  stürmisch  ein  wie  auf  dem
des  Arbeitsnachweises.  Der  Beginn  des  Krieges  fiel
in  die  Zeit  der  Ernte.  Um  diese  zu  bergen,  ergossen  in
den  ersten  Augusttagen  1914  allerhand  städtische  Oranisatoren

  unbrauchbare  Arbeitskräfte  über  die  wehrosen
  Landwirte  und  unbrauchbare  Vorschläge  über  die
nochwehrloseren  Behörden.  Um  den  bereitsbestehenden
ordnungsmäßigen  Verwaltungszweig  der  Arbeitsvermittlung
  vor  einer  Überrennung  zu  bewahren  und
die  freiwilligen  Kräfte  unter  tunlichst  schonender  Behandlung
  des  Betätigungstriebes  sowohl  heranzuiehen
  wie  angemessen  zu  beschränken,  wurde  für  die
ermittlung  im  Reichsamt  des  Innern  eine  Reichszentrale
  der  Arbeitsnachweise  geschaffen,  der
alsbald  die  Entwicklungstendenz  auf  eine  dauernde
Einrichtung  hin  gegeben  wurde.  Aus  dieser  Zentrale
ging,  nachdem  ihre  erste  Aufgabe,  die  Erntebergung,
gelungen  war,  die  schon  im  Geieden  lange  vergebens
geforderte  Reichseinrichtung  zum  Ausgleich  von  Anebot
  und  Nachfrage  auf  dem  deutschen  Arbeitsmarkt
hervor.  Zunächst  Rewwintg.  seit  Frühjahr  1915  auf
Grund  einer  Meldepflicht,  werden  zweimal  wöchentlich
  (Mittwoch  und  Sonnabend)  aus  allen  Gegenden
des  Reiches  an  das  Statistische  Reichsamt  die  offenen
Stellen  und  Arbeitsgesuche  berichtet,  die  am  Orte  nicht
erledigt  werden  konnten,  und  jedesmal  am  Montag  und
Donnmerstag  Mittag  in  einem  .  Arbeitsmarkt-Anzeier.
  (Nr.  1  vom  14.  August  1915)  zusammengestellt,
er  an  sämtliche  angeschlossenen  Arbeitsnachweise  verschickt
  wird.  Während  so  die  wirkliche  Arbeitsvermittlung
  Angelegenheit  der  bestehenden  Nachweisanstallen
blieb,  gewann  die  Zentrale  an  den  ausländischen  Urbeitern
  (sowohl  Unterbringung  wie  auch  Entfernung)
und  an  den  Kriegsgefangenen  einen  selbständigen,
recht  eigentlich  dem  Reiche  zukommenden  Arbeitsgegenstand.
  Ahnliche  Aufgaben  von  Reichs  wegen  stellten
ihr  die  Beschaffung  von  Arbeitskräften  für  Festungsund
  Schanzarbeiten,  für  die  Betriebe  der  Militär-  und
Marineverwaltung  überhaupt  sowie  die  Unterbringung
  der  aus  Festungs--  und  bedrohten  Gebieten  entfernten
  Bevölkerung.

Die  Reichszentrale  hat  unbestritten  insofern  um-#

  taltend  eingewirkt,  als  sie  den  Zug  zur  Zentraisierung
  überhaupt  beförderte.  Von  den  süddeutschen
  Staaten  besaßen  Württemberg,  Baden  und
Elsaß=  Lothringen  bereits  Landesorganisationen,

Bayern  sogar  eine  bis  auf  jede  Gemeinde  des  Königreichs
  hinuntergeführte  und  um  die  Hauptvermittlungsstellen
  der  acht  Kreise  gruppierte  Gliederung.
Hier  konnte  Überall  an  Bestehendes  angeschlossen  werden,
  um  zunächst  den  örtlichen  und  provinzialen  Zuammenschluß
  so  vollständig  auszugestalten.  daß  er

t  die  Berichterstattung  an  die  Reichszentrale  eine
ausreichende  Unterlage  gewährte  (in  München:  je  eine
Arbei#tsgemeinschaft  sähhulicher  Stellenvermittlungen
für  Gewerbe  und  für  Hauswirtschaft  im  Anschluß  an
as  Städtische  Arbeitsamt,  V  1914  und  Dez.  1915;
in  Straßburg:  Verordnung  des  Gouverneurs  der
Festung  vom  12.  Febr.  1916  wegen  Anschlusses  sämtlicher
  nicht  gewerbsmäßiger  Stellenvermittlungen;  in
Mannheim:  Anschluß  der  letzten  Fachnachweise  und
einer  neubegründeten  Zentrale  der  Angestelltenverbände
  an  den  öffentlichen  Arbeitsnachweis  in  den
ersten  Monaten  des  Krieges).  Ahnliche  Einsatzpunkte
waren  für  Mitteldeutschland  in  dem  um  Frankfurt
gelagerten  Rhein-Main-Verbande  vorhanden.  Unglei
  weniger  vorbereitet  war  Norddeutschland.  In
em  besonders  zersplitterten  Wirtschaftsgebiet  von
Groß-Berlin  half  sich  der  Verband  märkischer  Arbeitsnachweise
  zunächst  mit  einer  „Zentrul  =  Auskunftsstelle-
  (22.  August  1914),  die  später  (Sept.  1915)  an
einen  aus  Behörden,  Korporationen  und  Verbänden

ebildeten  Verein  mit  einem  Beirat  Überging.  Diese

telle,  die  zu  Anfang  auch  selbst  vermittelte,  besc  ränkr
sich  später  auf  die  Weitergabe  unerledigter  Gesuche  an
die  einzelnen  Nachweise.  Zu  ähnlichen  Zwecken  bildeten
  sich  die  „Arbeitsgemeinschaft  Breslauer  Arbeitsnachweisec,
  eine  Zentrale  in  Köln  (mit  elf  Zweigstellen
im  Bereich  des  Verbandes  Rheinischer  Arbeitsnachweise)
  sowie  innerhalb  des  niedersächsischen  Verbandes
örtliche  Jusammenschlüsse  in  Hildesheim,  Braun-E
  *  üneburg,  Osnabrück,  Oldenburg.  Besondere
  Aufgaben  erhielt  die  Zentralstelle  des  Ostpreußischen
  Verbandes  in  der  Heranziehung  namentlich
von  Bauarbeitern  aus  anderen  Provinzen;  ihr  wurde
auch  der  Arbeitsnachweis  für  Kriegsbeschädigte  anegliedert.
  Der  Entziehung  von  Arbeitern  aus  der
Pr#inz  trat  das  Generalkommando  durch  ein  Verbot
der  Arbeiteranwerbung  im  Bezirk  des  I.  Armeekorps
entgegen.  Die  Einrichtung  derartiger  Zentralauskunftsstellen
  wurde  den  bestehenden  Verbänden  durch
die  Behörden  ans  Herz  gelegt  (Erlasse  des  Reichskanzlers
  vom  11.,  des  preußischen  Handelsministers  vom
21.  Mai  1915  u.  a.  m.).  Später  wurde  durch  Anordnung
  des  Kriegsministers  der  Name  auf  provinziale
  Auskunftsstellen  übertragen.  Sehr  früh  und
entschieden  ging  Hamburg  vor,  wo  das  Aufhören  der
Schiffahrt  eine  überfüllung  des  Arbeitsmarktes  her-
        <pb n="475" />
        Jastrow:  Arbeitsnachweis  und  Arbeitsmarkt

beizuführen  drohte  und  die  Organisationsseite  deswegen
  besonders  schwierig  lag,  weil  ein  ungewöhnlich
Froßer  Teil  der  Vermittlungstätigkeit  in  den  Händen
ceiner  Arbeitgebernachweise  war.  Durch  Senatsbeschluß
  vom  14.  August  1914  wurde  in  dem  dortigen
Statistischen  Amt  die  =  Landeszentrale  für  Arbeitsnachweise
  als  staatliche  Einrichtung  geschaffen.  —
Infolge  des  Anwachsens  der  Kriegsindustrien  einerseits,
  des  Erlöschens  von  Exportbetrieben  und  des
Rohstoffmangels  anderseits  traten  in  der  Nachfrage
und  im  Angebot  von  Arbeitskräften  so  bedeutende
Verschiebungen  ein,  daß  in  manchen  Gegenden  des
Reiches  der  Ausgleich  sich  gesteigerter  Mittel  bedienen
mußte.  Um  wenigstens  innerhalb  desselben  Verbandsgebietes
  die  Arbeitsnachweise  über  die  Voränge
  in  den  einzelnen  Landesteilen  auf  dem  lauenden
  zu  erhalten,  kehrten  mehrere  Verbände  zu
dem  System  der  Stellenlisten  zurück,  wie  es  in  den
Anfangszeiten  der  Arbeitsnachweisentwicklung  üblich
gewesen  war.

Der  überzeugung  von  der  Notwendigkeit  des  gesetzlichen
  Ausbaues  der  Arbeiktsnachweise  gab  am
10.  Februar  eine  große,  im  Berliner  Gewerkschaftshaus
tagende  Konferenz  in  zehn  Leitsätzen  Ausdruck,  die  als
Pelition  in  den  Neichstagssigungen  vom  19.  und  20.
März  1915  eine  eingehende  Beratung  und  trotz  einer
mehr  abwartenden  und  sich  auf  Kriegsmaßregeln  beschränkenden
  Haltung  des  Regierungsvertreiers  im
wesentlichen  Zustimmung  fand.  Eine  Resolution  verlangte
  einen  allgemeinen  Gesetzentwurf  und  eine  sofortige
  gesetzliche  Negelun  der  Vermittlung  für  heimkehrende
  Krieger.  Eine  Bundesratsbekanntmachung
vom  14.  Juni  1916  beschränkte  sich  zunächst  noch  darauf,
  den  Landeszentralbehörden  das  Recht  zu  geben,
die  Errichtung  kommunaler  Arbeitsnachweise  zu  erzwingen.


Nach  mehreren  Richtungen  hin  schuf  der  Krieg  für
die  Arbeitsnachweise  neue  und  eigenartige  Aufgaben.
  Außer  einigen  bereits  gesreiften  stellte  sich

ie  Beschaffung  von  Arbeitskräften  für  Ackerbestellung
und  Ernte  als  eine  Verwaltungsaufgabe  heraus,  die
nur  im  Zusammenwirken  mit  einer  Reihe  anderer
Ressorts  zu  lösen  war.  Allen  voran  führte  die  Armee
ein  System  von  Beurlaubungen,  ja  sogar  von  Reklamationen
  ein,  das  hierauf  die  weitestgehende  Rücksicht
nahm,  und  stellte  Kriegsgefangene  ausgiebig  zur  Verfügung.
  Die  Justizminister  aller  deutschen  Staaten
taten  dasselbe  in  bezug  auf  Strafgefangene,  die  aus
landwirtschaftlichen  Berufen  stammten.  Die  Preu-Lßische
  Eisenbahnverwaltung  beurlaubte  Eisenbahnunterhaltungsarbeiter,
  insbesondere  an  Nebenbahnen,
wenn  sie  eine  Tätigkeit  in  so  naher  Umgebung  fanden,
daß  sie  jederzeit  zurÜckberufen  werden  konnten.  Das
Bayerische  Staatsministerium  verbot  das  Verlassen
landwirtschaftlicher  Arbeitsstellen  ohne  wichtigen
Grund  oder  ohne  Abkehrschein.  —  Die  Reklamierung
von  Arbeitern  spielte  auch  für  die  Industrie,  dem  Zeitalter
  der  Technik  entsprechend,  in  diesem  Kriege  eine
Rolle  wie  in  keinem  früheren.  Nicht  als  widerwillig  abgerungene
  Ausnahme  ließ  sich  die  Armee  die  Anerkennung
  der  Unabkömmlichkeit  abzwingen,  sondern  sie  bewilligte
  sie  im  Interesse  der  Erhaltung  der  Wehrkraft,
und  zwar  nicht  etwa  bloß  für  Waffen-,  Munitions-,
Werstarbeiter  u.  ä.,  sondern  unterschiedslos  für  alle
Industrien,  die  für  das  -Durchhalten=  notwendig
waren.  Gerade  diese  gesteigerte  Einsicht  der  Armee
in  die  Bedeutung  der  volkswirtschaftlichen  Zusammenhänge
  machte  Garantien  gegen  den  Mißbrauch

389

notwendig.  Die  Reklamierung  von  Arbeitern  wurde
von  einer  Pescheinigung  des  zuständigen  Arbeitsnach--weis-Verbandes
  abhängig  gemacht,  daß  andere  geeignete
  Arbeiter  nicht  zur  Verfügung  ständen,  und
dast  Frauenarbeit  oder  Heimarbeit  als  Ersatz  nicht
in  Frage  kämen  (Erlasse  des  Kriegsministers  vom
21.  September  und  30.  Dezember  1915).  Den  Verbänden
  erwuchs  hieraus  eine  umfangreiche  Begutachtungsaufgabe
  mit  weitverzweigtem  Schriftwechsel
für  jeden  einzelnen  Fall  (Verband  Sachsen-Anhalt
Okt.Dez.  1915:  4000  Anträge,  d.i.  200—250  täglich,
zuweilen  mehrere  hundert  Arbeiter  umfassend;  Märkischer
  Verband:  646  Gesuche  für  2365  Personen,  nur
655  Bescheinigungen  erteilt,  nebst  85  bedingten).  Zu
Beratungen  über  die  Unterbringung  der  nach  Friedensschluß
  heimkehrenden  Krieger  berief  das  Reichsamt
  des  Innern  eine  Konferenz  von  Vertretern  der
Behörden,  der  öffentlichen  Arbeitsnachweise,  der  grö-Hheren
  Arbeitgeber-  und  Arbeiterorganisationen  sowie
sonstiger  Interessentenverbände  (30.  April  1915),  die
sich  außerdem  mit  der  Ausgestaltung  des  Arbeitsnachweises
  im  allgemeinen  (Zentralauskunftsstellen)
beschäftigte.  —  Die  an  vielen  Orten  neu  eingeführten
oder  ausgebauten  kommunalen  Arbeitslosenunterstützungen
  (ogl.  Bd.  L,  S.  401)  konnten  als  Ort  für
die  tägliche  Meldepflicht  der  Arbeitslosen  den  Arbeitsnachweis
  bestimmen.

Arbeitsmarkt.  Die  Gewinnung  eines  überblickes
Über  die  Lage  des  Arbeitsmarktes  hängt  davon  ab,
daß  die  berichtenden  öffentlichen  Arbeitsnachweise
nicht  nur  ihre  eigenen,  sondern  die  Ziffern  sämtlicher
in  ihrem  Gebiete  tätigen  Arbeitsnachweise  berichten
können.  Um  dies  zu  ermöglichen,  führte  Bayern  schon
am  26.  September  1914  auf  Grund  von  §  15  des
Stellenvermittlergesetzes  eine  monatliche  Meldepflicht
der  nicht  gewerbsmäßig  betriebenen  Arbeitsnachweise
ein.  Dieses  Vorgehen  empfahl  der  Verband  deutscher
Arbeitsnachweise  zu  allgemeiner  Nachahmung.  Durch
Beschluß  des  Bundesrates  vom  12.  Mai  1915  wurden
die  einzelnen  Landesregierungen  zum  Erlaß  derartiger
  Verordnungen  angeregt,  die  im  Laufe  der  Jahre
1915  und  1916  in  fastuallen  deutschen  Staaten  ergingen.
Viel  weiter  ging  ein  Erlaß  des  Oberbefehlshabers  in
den  Marken  vom  22.  Februar  1917,  der  die  oben
erwähnte  Zentralauskunftsstelle  Berlin  zum  Mittelpunkt
  auch  für  die  gesamte  Provinz  Brandendurg
machte  und  die  Hilfsdienst-Meldestellen  den  nicht  gewerbsmäßigen
  Arbeitsnachweisen  gleichstellte.  Auch
von  dieser  aus  dem  System  noch  herausfallenden  Erweiterung
  abgesehen,  konnten  von  den  Arbeitsnachweisen,
  die  zur  Meldung  an  das  Kaiserliche  Statistische
Amt  verpflichtet  waren,  nunmehr  522  von  der  direkten
  Meldepflicht  befreit  werden;  obgleich  noch  weitere
579  wegen  Geringfügigkeit  des  Geschäftsumfanges
davon  befreit  wurden,  blieb  doch  dem  Reichsamt

der  unmittelbare  Verkehr  mit  600—700  Arbeitsnachweisen.


Während  an  dem  Reichsamt  eine  neue  Berichterstattung
  nach  überschießenden  Meldungen  an  den
beiden  wöchentlichen  Stichtagen  eingerichtet  wurde,
wuchs  auch  das  Material,  auf  Grund  dessen  mit  der
Jastrowschen  Andrangsziffern  die  messende  Berichterstattung
  über  die  Lage  des  Arbeitsmarktes  nach
Monaten  fortgesetzt  werden  konnte:

1  Bezeichnet  man  die  Zahl  der  Arbeitsuchenden  mit  ##,  die
der  offenen  Stellen  mit  o,  so  ist  die  mathemattsche  Formel  für

den  prozentualen  Andrang:  100.
        <pb n="476" />
        Ank  100  obffene  Stellen  kamen  Arbeitsuchende
4  1  .
3  "  —————-  -*pWm  3683
NES2SN93
EGESESZEZSSSIEG6G
Männer
1913  191G|  1
1914  234½  26/200  15440
1915  12118%%%%  S  89  89
1916  846  8SSO  7773  6GC6O]  B
Frauen
1913  98|  9189|  100  101  1031001%Q
1914105
1915.67|1CSIGÖ  70|
1916  16381671
In  graphischer  Darstellung:
.  5  9rl  *  O  4  .
11  KAKH„T
14#  #  *
"
2  7*  7  29
*8
IHNösan#r-  1  -  J
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-*———7  -  a
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*
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—
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40  *  —  i
*  –  –
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—  #
200  *  200
0  ue  «
2  —  —  1—  *“i  .
—  —  2  C  60
440  —  T  14
420  —  —  12
.
——  —2  t
—  —
60  60
i.  —  o  –

Oeichsarbeitsblatte,  Januar  1917.)

Deutlich  sieht  man  in  dem  Kriegsmonat  August
1914  die  Andrangskurve  der  Arbeitsuchenden  bei  beiden
  Geschlechtern  so  weit  hinaufschnellen,  daß  sie  den

ewohnten  Rahmen  der  Zeichnung  sprengt.  Mit  fortfreitender
  Einziehung  der  Männer  und  -=  Anpassung
der  Industriee  (vgl.  Bd.  J,  S.  417)  geht  auf  dem
männlichen  Arbeitsmarkt  die  Kurve  schon  vom  zweiten
  Kriegsmonat  an  abwärts,  hält  sich  vom  dritten
an  bereits  unter  der  der  Friedenszeit,  erreicht  im  Frühsahr
  1915  den  stets  schon  als  abnorm  günstig  geltenen
  Gleichgewichtszustand  und  geht  von  da  ab  in  einen
uUnunterbrochen  intensiver  werdenden  Arbeitermangel
über.  Auf  dem  weiblichen  Arbeitsmarkte  verliert  zwar
die  Kurve  auch  sehr  schnell  ihre  beängstigende  höchste
Höhe,  zeigt  aber  fortdauernd  eine  ernst  zu  nehmende
vote  Andrangs  ziffer,  erreicht  nur  spät  und  vorüberehend
  einmal  (Juli  1916)  die  Kurvenhöhe  des  letzten
riedensmonats  und  ist  Ende  1916  zwar  noch  nicht
anz  an  die  Durchschnittskurve,  aber  doch  an,  ja  auch
chon  unter  die  Monatsziffer  des  Jahres  1913gelangt.

Diese  Entwicklung  widersprach  allen  Vorstellungen
  von  der  Gestaltung  des  Arbeitsmarktes
während  eines  Krieges,  und  noch  dazu  eines  so

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

roßen  Krieges.  Bei  dem  Stocken  von  Handel.  Schiff-Hbort
  und  Industrie  hatte  man  sich  auf  eine  weitgaehende
  Aerbeitslosigleitgefaßtgemocht  javon  manchen
eiten  schon  in  denersten  Kriegstagen  die  rechtzeitige
Bewilligung  großer  Mittel  für  Notstandsarbeiten
in  nie  gesehenem  Umfange  verlangt.  Wenn  die  befürchtete
  Arbeitslosigkeit  ausblieb  und  überwiegend
Gegenteil  eintrat,  so  lag  ein  Hauptgrund  gerade
in  der  Größe  des  Krieges,  der  dem  deutschen  Arbeitsmarkte
  nicht,  wie  1870/71:1  Million,  sondern  4—8
Millionen  Männer  entzog  und  an  den  Rest  in  zweifacher
  Weise  höhere  Anforderungen  stellte.  Denn  einmal
  rief  das  Aufhören  der  Zufuhr  sofort  eine  Menge
deutscher  Ersatzindustrien  hervor  (während  die  Ausfuhrgewerbe
  1  Tätigkeit,  solange  man  an  einen
kurzen  Keieg  glaubte,  Überwiegend  noch  fortzusetzen
suchten);  sodann  stellte  der  Krieg  selbst  noch  weit  über
die  zahlenmäßige  Vervielfachung  des  Heeres  hinaus
Ansprüche  an  die  Industrie:  Erhöhter  Munitions-=bedarf
  infolge  veränderter  Kriegführung  (Stellungskrieg,
  Trommelfeuer),  in  weiterer  Folge  schnellere  Abnutzung
  der  Geschütze  und  Bedarf  an  neuen  Modellen,
gesteigerte  Bedeutung  der  Marine,  insbesondere  der
neuen  U.  Bootflotte,  *  gänzliche  Neuschaffung  einer
Luftflotte,  ja  ganz  allgemein  gesagt  eine  so  große
Reihe  technischer  Neuerungen  (vgl.  die  betreffenden
Beiträge  in  Bd.  III),  daß  die  Industrie  nicht  mehr
die  einmalige  Ausstattung  und  ihre  Ergänzung,  sondern
  unausgesetzte  Neuausstattungen  als  eine  beinahe
fortlaufende  Aufgabe  erhielt.  Den  Hintergrund  bildete
  die  rechtzeitig  in  größtem  Umfange  vorbereitete
Hriegssinanzverltung  (vgl.  Geld  und  Kredit  in
Bd.  I.  S.  411),  die,  vermöge  der  feinen  Verästelung
des  deutschen  Kreditwesens  bis  in  alle  Poren  der
Volkswirtschaft  dringend,  belebendes  Vertrauen  aufrechterhielt.
  Das  Schwungad  des  Wirtschaftsgetriebes
  geriet  nicht  einen  Augenblick  in  Stillstand.

Für  den  Arbeitsmarkt  war  hierbei  das  Wesentliche,
daß  die  Lage  auch  wirklich  erkannt  wurde.  Jene
Methode  der  Messung  hat  sich  auf  das  glänzendste  bedährt
  Jetzt  erntete  man  die  Früchte  einer  durch  zwei
Jahrzehnte  fortgesetzten  mühevollen  Arbeit,  die,  unbekümmert
  um  alle  Anzweiflung  der  Erfolgsmöglichkeit,
  an  der  Messungsmethode  festgehalten  und  ihr
immer  reicheres  Material  zugeführt  hatte.  Während
früher  bei  einer  (wirklichen  oder  vermeintlichen)
Krisis  auf  dem  Arbeitsmarkt  jede  in  irgendeinem
Teile  etwa  bestehende  Arbeitslosigkeit  als  charakteristisch
  ausgegeben  und  ebensooft  eine  günstige  Lage
in  einem  beschränkten  Kreise  mit  überlegen  sachverständiger
  Miene  als  Sallgemeine  Lage  bezeichnet
wurde,  so  daß  sich  in  der  Beurteilung  der  Lage  des
Arbeitsmarktes  die  lautesten  Schreier  das  sicherste
Gehör  verschafften,  war  "o  die  Frage  dem  Streit  der
Parteien  entrückt.  Die  zahlenmäßige  Messung  ergab
eine  gemeinsame  Grundlage  für  alle  Interessenten
des  Arbeitsmarktes.  Während  die  Berichterstattung
der  Börsen  zusammenbrach,  die  der  Produktenmärkte
schwankend  wurde,  hat  sich  dieser  jüngste  Zweig  der
Marktberichterstattung  gehalten  und  die  Dienstleistung
der  anderen  als  Thermometer  der  Lage  übernommen.
Für  die  volkswirtschaftliche  Organisation  Deutschlands
  gehört  die  endgültige  Sicherung  seiner  Arbeitsmarkt-Berichterstattung
  zu  den  bedeutsamsten  dauernden
  Wirkungen  der  Kriegszeit.

Diese  Leistung  vollzogsich  stillschweigend.  Siezeigte
sich  hauptsächlich  darin,  daß  sich  gegen  die  Sprache  der
Zahlen  kein  Widerspruch  erhob,  obgleich  sie  das  Ge-
        <pb n="477" />
        Jastrow:  Arbeitsnachweis  und  Arbeitsmarkt

genteil  von  dem  bekundeten,  worauf  sich  jedermann
gefaßt  gemacht  hatte.  Dies  war  um  so  bemerkenswerter,
  als  die  Messungsziffer  —  wie  jede  Durchschnittsziffer
  —  nur  eine  mittlere  Richtung  zwischen
stark  auseinandergehenden  Linien  abgeben  kann,  und
diese  dem  Mugenschen  sich  aufdrängenden  Abweichungen
  in  der  Kriegszeit  besonders  stark  waren.  Der
früh  in  den  Textilgewerben  einsetzende  Rohstoffmangel
  rief  hier  eine  Arbeitslosigkeit  hervor,  die  durch  die
behördlichen  Maßregeln  zur  -Streckung=  des  Rohstoffes
  bewußt  gesteigert  und  durch  besondere  kommunale
  Fürsorge  für  Unbeschäftigte  (Uübrigens  nicht
bloß  Arbeiter)  im  Textilgewerbe  auch  amtlich  als  Notstand
  anerkannt  wurde.  Das  massenweise  Leerstehen
von  die  (nicht  wesentlich  auf  den  Krieg
hrüchge  ende)  Hausbesitz=  und  Hypothekenkrisis  un

ie  Unsicherheit  über  das  zukünftige  Wohnbedürfnis
brachten  die  private  Bautätigkeit  zum  Erliegen  und
übten  ihren  Einfluß  auf  den  ganzen  großen  Kreis
gewerblicher  Tätigkeiten,  die  als  „Baugewerbe=  zusammengefaßt
  werden  (einschließlich  Tischler,  Gaafer.
Maler  u.  a.);  dies  wurde  nur  dadurch  gemildert.  daß
die  Nebenbeschäftigungen,  die  in  diesem  Saisongewerbe
  weit  verbreitet  sind,  ein  Abwandern  in  andere
Erwerbszweige  erleichterten.  Der  Arbeitslosigkeit  in
zwei  der  umfangreichsten  Gewerbegruppen  stand  nun
aber  die  besonders  angespannte  Beschäftigung  in  der
Landwirtschaft,  in  den  meisten  Nahrungsmittelgewerben
  und  in  sämtlichen  Kriegsindustrien  gegenüber.
überschichten  oder  Sonntagsarbeit,  vielsach  auch  beides,
  wurden  gemeldet  aus  dem  Kohlenbergbau,  insbesondere
  an  der  Ruhr  und  in  Oberschlesien,  bis  Ende
1916  der  Wagemmanget  anfing,  Schwierigleiten  zu
bereiten  (auch  der  Bergbau  auf  Gien,  Zink,  Blei.  Kupfer,
  Kali  war  gut  beschäftigt);  ferner  aus  der  Eisen-Hütten.
  Metall-  und  Maschinenindustrie  (namentlich

ampfmaschinen,  Lokomotiven,  landwirtschaftliche
Maschinen)  aus  dem  Schiff-,  Eisenbahnwagen-,  Kraftwagen-=
  und  Luftmotorendau;  aus  der  opt#schen,  Elektrizitäts--
  und  chemischen  Industrie.  Diese  an  sich
schon  sehr  starken  Verschiedenheiten  stellen  sich  in  Wirklichkeit
  noch  stärker,  wenn  man  einzelne  Industrien
nach  Geschäftszweigen  zerlegt.  Die  Bekleidungsewerbe

  sind,  soweit  sie  für  das  Heer  arbeiten  (wenigstens
  zeitweise)  überangespannt,  während  die  übrige
Schneiderei  und  Schuhmacherei  wegen  Zeug-  und
Lederknappheit  eingeschränkt  wird,  die  Seiden=  und
Samtindustrie  in  der  Mitte  steht.

391

Diese  Verschiedenheiten  machen  es  doppelt  notwendig,
  zur  Beurteilung  der  allgemeinen  Lage  des  Arbeitsmarktes
  auch  noch  anderes  Material  heranzuziehen.
  Die  Einnahmen  der  Landes-Versicherungsanstalten
  aus  dem  Markenerlös,  in  denen
sich  die  Zahl  der  geleisteten  Arbeitswochen  ungefähr
widerspiegelt,  betrugen  (in  Millionen  Marl):

Jan.  März  April'Juni  JullUSept.  Okt.Dez.

1913  61,0  68,0  63,8  67
191  4  44  *·2—  □  53,0
1915  52.7  504  16,2  61,2
1916  4%%  48.1  40.  65,1

Danach  schwächte  sich  der  Ausfall,  der  schon  durch  fortlaufende
  Einziehung  von  Versicherten  entstehen  mußte,
schon  1915  ab  und  hatte  sich  1916  im  dritten  Quartal
bereits  dem  Vorjahr  angeglichen  (woran  jedoch  Lohnerhöhungen
  auch  einen  Anteil  haben).  —  Bei  den
an  die  Berichterstattung  des  Statistischen  Reichsamts
angeschlossenen  Arbeiter--Fachverbänden  entfielen
an  Arbeitslosen-Tagen  auf  je  100  Mitglieder:

Jan.  März  April  Junt  Juli'Sept.  Okt.  Des.

1913  2,1  r#  2/  2.
1914  b  8,2  2,1  11,4  8,7
1915  4,6  2.2  2%  1,4
1916  1%  2,1  1%  La

Also  ist  hier  schon  Mitte  1915  der  Friedensstand  erreicht,
  seit  Ende  1915  meist  unterschritten  (woran
allerdings  die  Verschiebung  der  Mitgliederkategorien
einen  Anteil  haben  kann;  auch  war  die  Arbeitslosigkeit
1913  höher  als  in  den  vorangegangenen  Jahren).  —
Bei  der  Reichszentrale  (s.  oben,  S.  388)  wurden  um
die  Jahreswende  1916/17  an  den  Sonnabend-Stichtagen
  in  der  Regel  gegen  1000000  unbesetzbare  offene
Stellen  gemeldet,  denen  nur  etwa  30000  unerledigte
Arbeitsgesuche  gegenüberstanden.  —  Sehr  bedauerlich
  ist  es,  daß  sich  die  Beschäftigtenziffern  nach  den
Mitgliederzahlen  der  Krankenkassen  nicht  in  verleicsfähiben

  Zustand  bringen  lassen.  Kurz  vor  dem
Kriege  (lam  1.  Januar  1914)  war  der  Kreis  der  Versicherungspflichtigen
  bedeutend  erweitert  worden.  Die
Monatsziffern  1914  können  mit  denen  von  1913  nicht
verglichen  werden,  aber  auch  nicht  einmal  untereinander,
  da  die  Veränderung  tatsächlich  nur  allmählich
  durchgeführt  wurde.  Die  wiederausgenommene
Berichterstattung  wies  an  prozentualer  Zu-  oder
(—)  Abnahme  (Versicherungspflichtige,  abzüglich  der
arbeitsunfähigen  Kranken)  auf:

Fe-  Septem-  Novem-  Dezem-Im
  Lause  des  Monats  Januar  druar  März'  Apri'  Maii  Juni  Juli  August  ber.  Oktober  ber  ter
Männer:
1915  —,  —0,  201%½%UN.O  I,  ,  o  -L  SSS  L,
1916464  —0,  10  -60,08  -OC  2,20  120½04%%%%%  710
Frauen:
1915  ·.76  2,60  2,078886  0%%½  0,24  1,20  0,  a4  0,28  1,34  68%1,,6  '
191665  o,24  0,  60  1,67  2,24  1,#110,%  0,  29  0,6:  0,24  1,60  1,a0  —0,  at
Insgesamt:
191  15  P0  ·0.21  c:  444  0  1  SS  (B„Y
19144  —Oos  12  0ö5o0o02  1,44—2□0%  d.oo  ——0  o,  ail  —0,  a0  —0  a8

Danach  zeigt  die  Gesamtziffer  der  Beschäftigten  (mit
alleiniger  Ausnahme  des  Februars)  in  jedem  Monat
des  Jahres  1916  ein  günstigeres  Bild  als  im  Vorjahr:
  Gesteigerte  Zunahme  oder  doch  verringerte  Abnahme,
  ja  sogar  dreimal  (Mai,  Aug.,  Okt.)  Zu.,  statt
Abnahme.  Dieses  Ergebnis  ist  auch  nicht  etwa  bloß
durch  stärkere  Einstellung  von  Frauen  herbeigeführt,

sondern  auch  in  der  Zahl  der  Männlichen  ist  die  Veränderung
  in  zehn  Monaten  günstiger  und  nur  in
weien  (Febr.,  Nov.)  ungünstiger  als  im  Vorjahr.

ie  Frühjahrszeit,  die  alljährlich  (Febr.'Mai)  mit
der  Belebung  des  Geschäftsganges  und  der  Einstel-Llun
  der  Schulentlassenen  mitgliedervermehrend  zu
wirken  pflegt,  setzte  zwar  unter  den  Männlichen  etwas
        <pb n="478" />
        392

später,  dann  aber  so  kräftig  ein,  daß  die  Abwärtsbeweung
  der  Männlichen-Ziffer,  die  mit  der  Fortdauer  des
Kreeges  bis  zu  einem  gewissen  Grade  notwendig  verbunden
  ist,  im  Gesamtergebnis  der  Frühjahrszeit  mehr
als  bloß  aufgewogen  wurde.  Obgleich  eine  solche  Zunahme
  nur  vorübergehend  sein  konnte  und  im  allgemeinen
  sich  die  Zahl  der  männlichen  Mitglieder  verringern
  mußte,  standen  doch  noch  am  1.  Januar  1917:
4315519  weiblichen  Mitgliedern  4477078  männliche
gegenüber,  so  daß  selbst  nach  30  Kriegsmonaten  die
männlichen  noch  nicht  zur  Minderheit  zusammengeschmolzen
  waren.  Das  Bild  würdesichnoch  günstigergestalten,
  wenn  nicht  die  Bergarbeiter  ihrebesonderen  Kasseneinrichtungen
  hätten.  Die  (beständig  zunehmende)
Zahl  von  kriegsgefangenen  Arbeitern  steht  naturgemäß
  außerhalb  der  Versicherung  und  ihrer  Statistik.
Als  Stichprobe  zur  Veranschaulichung  der  Lohnentwicklung
  lassen  wir  aus  der  Lohnklassenstatistik
der  Leipziger  Ortskrankenkasse  den  letzten  Friedens-,
  den  ersten  Kriegsmonat  sowie  die  drei  Dezember
  der  Kriegsjahre  folgen.  Von  je  100  männlichen
Pflichtmitgliedern  befanden  sich  in  folgenden  Beitrags-(Lohn.)
  Klassent#:

Juli  uug.  de  Dez.  Dez.
19149144914%

I.  (5,61  M.  u.  dar.)  4148  40%  4%%4
II.  G,o1—S  M.)  10,4  9%  10,  7,0
III.  (4,61—5,00  M.)  12141  121  —
IV.  (4001—4,50  M.)  9.#  7,0  7.1  5.7  6,4
V.  (3,.51—9,00  M.)  8.1  6,6  7.  45%  4.
VI.  (3,40—3,50  M.)  8,.5  4,  5,0  2.7  2,0
VII.  (2,61  —3,15  M.)4  8,1  X  4  2,0  8
VIII.  (unter  2,600  M.)  4,  7,1  90  7.2  8
NJ  4  7n  9„  I  ,  7%  é%

Danach  ist  im  Laufe  des  Krieges  eine  so  große  Zahl
von  Jugendlichen  (Klasse  X)  eingedrungen,  daß  gegenüber
  dieser  Tatsache  im  Dezember  (1916  fast  alle
anderen  Lohnverschiebungen  in  den  Hintergrund  getreten
  waren.  Indes  muß  die  Zunahme  der  Höchstgelohnten
  (5,50  M.  und  darüber)  sehr  bedeutend  gewesen
  sein,  wenn  nach  vorübergehendem  Absturz  1914
ihre  Vermehrung  trotz  jenem  verdunkelnden  Einfluß
in  der  Statistik  der  folgenden  Jahre  Hewaltig  sichtbar
bleibt.  Eine  nach  Abzug  der  Klasse  X  besonders  aufgemachte
  Statistik  hat  ergeben,  daß  unter  den  Erwachsenen
  fast  während  des  ganzen  Jahres  1916  die
Mehrheit  der  höchsten  Lohnklasse  angehörte  (Dez.  57
Proz).  Ahnliche,  wenn  auch  nicht  ganz  so  starke  Erweiterungen
  der  höchsten  Lo  mllass  wurden  im  letzten
  Jahre  in  Dresden,  Magdeburg  und  Kiel
beobachtet.  Die  Bergarbeiterlöhne  in  den  beiden
  größten  Gebieten  (in  Mark  für  den  Tag):
Jahresmittel  1916
1913  1914  1915  1.  U.  Ul.  uart.
Oberschleseen  3½%%  8367  5/9%  427  444  66
Oberbergamt  Dortmund  5,826  5,15  5,60  6,02  6,36  —
haben  den  Rückgang  1914  im  folgenden  Jahre  mehr
als  eingeholt  und  sind  1916  auf  eine  bisher  unbe-1

  Die  Lohnklasse  IX  sehlt,  weil  die  früheren  Lohnklassen  R
und  X  in  eine  (X)  zusammengezogen  sind.  —  2  X  umsaßt  vio
1,60  Mark  und  weniger  verdienenden  14—16  Jahre  Alten  sowie
die  Lehrlinge  und  Kinder  unter  14  Jahren.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

kannte  Höhe  gestiegen.  Die  umfassendste  gewerkschaftliche
  Erhebung  der  Kriegszeit,  die  der  Arbeitsgemeinschaft
  der  Metallarbeiterverbände  in  Rheinland--Westfalen
  für  August  1915,  erhob  die  Löhne
nur  für  die  Frauen,  gab  aber  aus  diesem  Anlaß  ein
Bild  von  der  Stellung  der  Arbeiterinnen  in  einer
Industrie,  in  der  sie  während  des  Krieges  zu  ungewohnten
  Arbeiten  gelangten.  Die  Art  der  Arbeit
war  für  beide  Geschlechter  dieselbe.  Der  Stundenverdienst
  (teils  in  Stundenlohn,  teils  in  Akkordlohn
auf  die  Stunde  umgerechnet)  schwankte  von  12—75
Pf.  und  soll  im  Durchschnitt  bei  Stundenlohn  30,  bei
Akkordlohn  35,  bei  Mischung  der  Systeme  45  Pf.  betragen
  haben.  Von  277  Betrieben  berechneten  105
dieselben  Akkordsätze  wie  für  Männer,  172  niedrigere;
im  Durchschnitt  war  der  Akkordverdienst  zwei  Dritiel
des  männlichen.  Derchristliche  Metallarbeiter-=verband
  ermittelte  im  Sommer  1915  im  Siegerland
  einen  durchschnittlichen  Stundenverdienst  von
53,6,  im  Sommer  1916  von  57.5  Pf.  Nach  den  Aufnahmen
  des  Verbandes  der  Maler,  Lackierer  usw.
standen  von  je  100  Gehilfen:  v
Lackierer
loeio  1015
31#  6%

Maler
1912  1915
in  niedrigen  Löhnen  (bis  40  pf.)  2,,  3,1
o.  mittleren  Löhnen  (40—60  Pf.).  69,,  51,,  60,1  62.
*  hohen  Löhnen  (61  Pf.  und  mehr)  28,4  45,7  8%  30,7

wobei  die  Vermehrung  der  Hochgelohnten  (trotz  der
Lage  des  Baugewerbes,  s.  oben.  S.  391)  desto  schwerer
wiegt,  weil  hier  gleichzeitig  eine  weitgehende  Altersverschiebung
  (Jugendliche,  Alte)  festgestellt  wurde.  Doch
kann  aus  diesen  und  ähnlichen  Statistiken  kein  Schluß
auf  die  wirkliche  Lage  der  Arbeiterfamilien  gezogen
werden.  Einerseils  stellte  sich,  wo  Familienunterstüt.
zungen,  Fortzahlung  der  Löhne  an  Soldatenfamilien
und  Lohnarbeit  von  Frauen  und  Jugendlichen  zusammenkamen,
  das  Familieneinkommen  höher,  als
eine  bohstatisi  es  vermuten  läßt.  Anderseits  wurde
jede  noch  so  große  durchschnittliche  Lohnsteigerung  in
vielen  Fällen  von  der  Teuerung  der  Lebensmittel
überboten.  Außerhalb  jeder  Statistik  stehen  bis  jetzt
exzessive  Lohnsteigerungen,  die  der  Krieg  hervorrief,
wie  für  Schlächtergesellen  am  Berliner  Zentralvieh--hof
  Lohneinkommen  von  500  oder  gar  1000  Mark
monatlich  zeitweise  berichtet  wurden.

Die  zukünftige  Gestaltung  des  deutschen  Arbeitsmarktes
  wird  zu  einem  erheblichen  Teile  von  der  Handhabung
  des  Lussdienstgeseges  (ogl.  S.  400  ff.)  und
der  richtigen  Regelung  der  wirtschaftlichen  Abrüstung
(Übergangswirtschaft,  vgl.  Bd.  III)  abhängen.

Literatur.  Außer  den  allgemeinen  Denkschriften  „liber
wirtschaftliche  Maßnahmen=  in  den  Reichstags-Drucksachen,
auch  die  besondere  (Nr.  151,  1915)  über  Arbeitsnachweis;
Sitzungen  des  Reichstages  vom  19.  März  1915,  des  preußischen
  Abgeordnetenhauses  vom  20.  Febr.  1917;  Reichearbeitsblatt=
  (Berl.  1914—17);  »Der  Arbeitsnachweis  in
Deutschland  (das.  1914—17);  -Jahresberichte  des  Verbandes
  Deutscher  Arbeitsnachweise  1912/15.  (Schr.  ften  des  Verbandes
  13;  Berl.  1917);  2  Jastrow,  Im  Kriegszustande
(2.  Aufl.,  baf.  1914).  ber  Abrüstung:  J.  Jastrow,
in  „Sozialpolitik  und  Verwaltungswissenschafte  I,  S.  360
(Berl.  1902),  dann  im  -Jahrbuch  der  Ges.  österr.  Bolkswirte=
  (1916)  und  Schriften  des  Hansabundes  Vom  Kricg
zum  Frieden  I  (das.  1916).
        <pb n="479" />
        Lederer:  Die  Gewerkschaften  und  der  Krieg

Die  Gewerkschaften  und  der  Krieg
von  Privatdozent  Dr.  Emil  gederer  in  Heibelberg

Inden  Erörterungen  über  diewirtschaftliche  Kriegsbereitschaft
  haben  vor  dem  Kriege  die  Einrichtungen
der  Gewerkschaften  keine  Rolle  gespielt.  Und  doch
kann  man  sagen,  daß  die  gewerkschaftlichen  Organisationen
  in  erheblichem  Maße  dazubeigetragen  haben,
der  Arbeiterschaft  über  die  ersten  ungünstigen  Einwirkungen
  des  Krieges  hinwegzuhelsen.  Die  Gewerkschaften
  sind  in  Deutschland  zum  allergrößten  Teil
Organisationen  von  Arbeitern,  welche  auf  dem  Boden
der  sozialistischen  Anschauungen  stehen,  die  also  den
Klassenkampf,  die  Auseinandersetzung  zwischen  Unternehmern
  und  Arbeitern  als  die  entscheidende  gesellschaftliche,
  wirtschaftliche,  politische  und  au  geschichtliche
  Tatsache  ansehen.  Den  2½⅛/  Millionen  in
den  freien  (sozialistischen)  Gewerkschaften  organisierten
  Arbeitern  stehen  nur  ungefähr  350000  christliche
und  etwas  mehr  als  100000  in  den  Hirsch-Dunckerschen
  Gewerkschaften  organisierte  Arbeiter  gegenüber.
Dazu  kommen  noch  religiöse,  nationale  und  Sgelbe#
Verbände  (Werkvereine).  Diese  sind  jedoch  ihrem  Charakter
  nach  fast  ausschließlich  Verbände  mit  Fürsorgewecken

  und  haben  für  die  Auseinandersetzung  zwicchen
  Kapital  und  Arbeit  wenig  Bedeutung.  Für
die  freien  Gewerkschaften  konzentriert  sich  die  Tätigkeit
  in  dem  Kampf  gegen  die  Unternehmerklasse.
Durch  Appell  an  die  Gesetzgebung,  durch  Streiks
und  durch  direkte  Einrichtungen  (Arbeitsnachweis,
Unterstützungen,  Rechtsschutz  usw.)  suchen  sie  die
materielle  Lage  der  Arbeiterschaft  in  der  gegenwärtigen
  Wirtschaftsordnung  zu  verbessern,  und  wiewohl
  sie  ihren  allgemeinen  Anschauungen  nach  eine
restlose  Lösung  der  sozialen  Frage  in  der  *  des
Kapitalismus  ar  unmöglich  halten,  so  ist  ihr  Streben
  doch  darauf  gerichtet,  in  dieser  Zeit  die  Lage  der
Arbeiterschaft  möglichst  günstig  zu  gestalten  und  sie
auch  dadurch  für  den  Endlampf  um  die  Macht
leistungsfähiger  zu  machen.  An  diese  grundsätzliche
Haltung  der  freien  Gewerkschaften  muß  man  erinnern,
wenn  man  die  Größe  der  Wandlung  ermessen  will,
welche  die  Gewerkschaften  seit  Beginn  des  Krieges
durchgemacht  haben.  Zwar  daß  die  Gewertschaften,
trotz  ihrer  sozialistischen  Gesinnung,  nicht  versuchen
würden,  die  Kriegführung  mit  einem  Generalstreik
oder  passiver  Resistenz  zu  erschweren,  konnte  jeder

enaue  Kenner  der  Gewerkschaftsbewegung  voraus-*
  Zahlreiche  Wirtschaftstheoretiker  und  praktiler
  haben  schon  lange  vor  dem  Kriege  darauf  hingewiesen,
  daß  die  Staatsmacht  im  Moment  der  Mobilisierung
  am  größten  sei  und  daß  aus  diesem
Grunde  eine  Aktion  gegen  den  Krieg,  sobald  er  erklärt
  ist,  unmöglich  sei.  Ganz  abgesehen  davon.  daß
in  allen  europäischen  Staaten  die  allgemeine  Wehrpflicht,
  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  und  die
Militarisierung  aller  für  den  Krieg  wichtigen  Industrien
  einen  jeden  Gedanken  an  die  Verhinderung  des
Krieges  durch  die  Arbeiterschaft  utopisch  erscheinen
lassen,  waren  ja  bei  diesem  Krieg  auch  nirgends  die
psychologischen  Borbedingungen  für  ein  kriegsfeindschen
  Berhalten  der  Arbeiterschaft  gegeben.  Alle  Völker
  in  Europa  hatten  bei  Kriegsbeginn  die  Meinung,
angegriffen  zu  sein,  und  für  diesen  Fall  des  Verteidigunge
  ieges  hatte  selbst  die  radikal-sozialistische
Doktrin  kein  hemmendes  Eingreifen  der  organisierten
Arbeiterschaft  in  den  Krieg  vorgesehen.  Aus  diesen
Gründen  war  über  die  Haltung  der  Gewerkschaften

393

am  Beginn  des  Krieges  kein  Zweifel;  sie  mußten  danach
  trachten,  die  Wirkungen  der  Kriegskrise  auf  ihre
Mitglieder  nach  Möglichkeit  zu  vermindern,  und  sich

leichzeitig  bemühen,  ihre  Finanzen  und  das  organiatorische
  Gerüst  im  wesentlichen  über  die  Dauer  des
Krieges  hinaus  zu  erhalten  und  für  die  Aufgaben  nach
dem  Kriege  Kräfte  und  Bundesgenossen  zu  sammeln

Von  diesen  drei  Aufgaben  bot  sich  vom  ersten
Kriegstagenn  die  erste  als  besonders  wichtig  und  dringlich
  dar.  Wie  die  Abhandlung  über  die  Gestaltung  des
Arbeitsmarktes  (vgl.=  Arbeitsnachweis  und  Arbeitsmarkt.,
  S.  889  zeigt,  war  die  plötzliche  Arbeitslosigkeit
  zunächst  geradezu  katastrophal.  Denn  obleich

  die  Moliserug  gleichbedeutend  ist  mit  Heraushebund
  ungeheurer  Massen  aus  dem  Arbeitsmarkte,
sind  die  Veränderungen  auf  dem  Weltmarkte,  namentlich
  die  Einschränkung  des  Angebots  und  die  Störun-9en
  des  Warenverkehrs  (durch  Inanspruchnahme  der

isenbahnen  für  Truppen=  und  Materialtransporte),
so  durchgreifend,  daß  die  Einschränkungen  der  Gütererzeugung
  mehr  Hände  überflüssig  machen,  als  fürs
erste  zum  Kriegsdienst  benötigt  werden.  Dazu  kommt
noch,  daß  in  den  Gebieten  der  Rüstungsindustrie  von
vornherein  die  militärischen  Einberufungen  in  geringerem
  Maße  erfolgen  (z.  B.  wurde  der  Landsturm
im  Bereich  des  VII.  Armeekorps  nicht  aufgeboten),
so  daß  dort  erheblicherer,  für  das  ganze  Wirtschaftsleben
  ausschlaggebender  Arbeiterbedarf  anfangs  noch
nicht  eintritt.  9  allen  Gewerkschaften  war  daher  das
brennende  Problem  zu  Kriegsbeginn  die  Versorgung
der  Arbeitslosen.

Sehrzahlreiche  Gewerkschaften  in  Deutschland  haben
eine  Arbeitslosenunterstützung  eingeführt,  die
beim  Mangel  kommunaler  oder  staatlicher  Fürsorgeeinrichtungen
  größeren  Umfangs  vor  dem  Krieg  die
einzige  Form  für  die  Arbeiterschaft  bildete,  sich  gegen
die  Folgen  der  Arbeitslosigkeit  zu  versichern  (wenn
man  die  Ansammlung  von  Ersparnissen  außer  acht
läßt).  Diese  Arbeitslosenfürsorge  hat  für  die  Arbeiter
geaoih  in  erster  Linie  die  Bedeutung,  sie  im  Falle  der

rbeitslosigkeit  vor  der  ärgsten  Notlage  zu  schützen,
während  die  Gewerkschaften  wieder  von  ihrem  Standpunkt
  aus  der  Arbeitslosenfürsorge  so  bedeutende
Sorgfalt  zuwenden  (die  Arbeitslosenunterstützungen
der  freien  Gewerkschaften  betrugen  im  J.  1913:  13
Mill.  Mk.,  das  ist  auf  den  Kopf  5,12  Mk.,  bei  denchristlichen
  Gewerkschaften  285000  Mk.  bzw.  1,24  Mk.  auf
den  Kopf,  bei  den  Hirsch-Dunckerschen  Gewerkschaften

7000  Mk.—  3,81  Mk.  auf  den  Kopf),  weil  darin  ein
Mittel  gegeben  ist,  das  Herabgleiten  der  Löhne  auch  in
Zeiten  hllechter  Konjunktur  zu  verhindern.  Die  Arbeitslosenfürsorge
  soll  die  Gungerkonkurrenz  der  Arbeitslosen
  ausschalten;  sie  erspart  manche  Streiks  und
mühsame  Aktionen  zur  Erhaltung  der  einmal  erreichten
  Lohnpö  iemals  aber  steht  die  Arbeitslosenfürsorge
  im  Vordergrund  der  gewerkschaftlichen
Interessen;  sie  ist  ein  Mittel  unter  vielen  anderen  zur
Erreichung  der  gewerkschaftlichen  Zwecke,  die  aber
niemals  bloß  in  der  Erhaltung  der  gewonnenen
Lohnhöhe  und  Arbeitszeit,  sondern  in  der  Steigerung
  der  gesamten  Lebenshaltung  gipfeln.  Wenn
es  demnach  unter  Umständen  vorkommen  kann,  daß
eine  Gewerkschaft  einen  prinzipiellen  Lohnkampf  bis
zu  ihrer  völligen  finanziellen  Erschöpfung  führen
muß,  weil  sie  in  ihm  eher  zu  unterliegen  als  nachzugeben
  vermag,  so  bedeutet  für  sie  eine  getteigerte.
katastrophale  Arbeitslosigkeit  einen  unglücklichen  Zufall,
  dessen  überwindung  sie  nicht  um  jeden  Preis
        <pb n="480" />
        394

anstreben  kann,  weil  sie  sich  der  Geldmittel  begeben
würde,  die  für  andere  Zwecke  angesammelt  wurden.
Auch  nach  der  einfachsten  Üüberlegung  schon  mußten
die  Gewerkschaften  daher  ensschlossen  sein,  zwar  ihre
Mitglieder,  soweit  das  im  Bereich  der  Möglichkeit
lag,  in  der  Arbeitslosigkeit  während  des  Krieges  zu
unterstützen,  ohne  aber  so  weit  zu  gehen,  durch  allzu

roße  Aufwendungen  ihre  Aktionsfähigkeit  für  die
Hert  nach  dem  Kriege  zu  gefährden.  Dieser  Beschluß
war  um  so  notwendiger,  als  man  zu  Beginn  des
Krieges  noch  nicht  wissen  konnte,  daß  die  wachsende
Zahl  der  Einberufungen  zum  Heere  und  die  Orientierung
  der  Industrie  auf  Kriegslieferungen  allmählich
  den  Arbeitslosenüberschuß  absorbieren  und  sogar
  Arbeiterknappheit  schaffen  würden.

Eine  solche  Zuversicht  wäre  zu  Beginn  des  Krieges
um  so  phantastischer  erschienen,  als  namentlich  in  den
ersten  Kriegswochen  die  Masse  der  Arbeitslosen  zusehends
  beängstigend  wuchs.  Daß  es  sich  nicht  bloß  um
ungelernte  und  weniger  qualifizierte  Arbeiter  handelte,
beweisen  am  besten  die  Arbeitslosenziffern  der
Gewerkschaften.  Es  waren  zu  Beginn  des  Krieges
(in  den  ersten  Wochen)  in  den  Gewerkschaften  der

einzelnen  Berufe  arbeitslos  (in  Prozenten):
Tertilindustter  28,2
Industrie  der  Holz=  und  Schnizstoffe  34p
Pelvgraphisches  Gewere  41—440
Gast=  und  Schankwirtschaast  90,7
Metallverarbeitngagagagagaga  20—25,0
Lederindusteee  26,0
Fabrekarbeiter  (meist  chemische  Industri)  82,.5
Bauarbeltkter  23.7

Die  höchsten  Arbeitslosensätze  finden  sich  bei  den
kleineren  Gewerkschaften:  Zivilmusiker  (88,8  Proz.),
Hutmacher  (66  Proz.),  Glasarbeiter  (63,6  Proz.)  ½0.
Gewiß  kommen  auch  geringere  Arbeitslosigkeitssätze
vor:  Bäcker  6,2  Proz.,  Brauerei=  und  Mühlenarbeiter
1,7  Proz.,  Bergbau  2,6  Proz.,  Verkehrsgewerbe  7,7
Proz.,  also  überall  dort,  wo  eben  der  Krieg  eine  gesteigerte
  Beschäftigung  von  vornherein  mit  sich  brachte.
Aber  im  ganzen  führteder  Kriegsbeginn  eineder  schwersien
  Krisen  auf  dem  Arbeitsmarkte  herauf,  welche
die  deutsche  Volkswirtschaft  je  gesehen  hat,  und  das
war  für  die  Gewerkschaften  gleichbedeutend  mit  enormen
  Anforderungen  an  Arbeitslosenunterstützungen.
Diesemußte  man,  nach  der  Sachlage,  nicht  als  vorübergehende,
  sondern  für  die  Dauer  des  Krieges  anhalltende
  Anforderungen  betrachten,  und  daher  war  die
prinzipielle  Haltung  der  Gewerkschaften  von  der  größten
  Wichtigkeit,  weil  von  ihr  die  finanzielle  Existenzfähigkeit
  abzuhängen  schien.  Daß  die  Gewerkschaften
imstande  waren,  ihre  Ausgaben  für  Arbeitslosen-=unterstützung
  von  ihrer  finanziellen  Lage  abhängig
zu  machen,  liegt  an  der  rechtlichen  Struktur  der  Gewerkschaften.
  Sie  sind  bekanntlich  außerhalb  des  Gesetzes
  stehende  Organisationen,  die  allen  Mitgliedern
gegenüber  (für  die  Mitgliederbeiträge)  ebensowenig
ein  Klagerecht  besitzen  als  die  Mitglieder  wiederum
den  Gewerkschaften  gegenüber  für  die  versprochenen
Leistungen.  Leistung  und  Gegenleistung  erfolgen  nach
Treu  und  Glauben,  und  im  wesentlichen  ist  man  damit
  bisher  ganz  gut  ausgekommen.

Wie  verhielten  sich  die  Gewerkschaften  nun  gegenüberden
  Anforderungen  des  Krieges?  Ihre  Bemühungen
  waren  (parallel  mit  denen  der  offiziellen  Stellen)

arauf  gerichtet,  den  Arbeitsnachweis  zu  verbessern,
namentlich  ihn  zu  zentralisieren  (siehe  den  Beitrag  über
die  Lage  des  Arbeitsmarktes,  S.  388)  und  die  Lasten
der  Arbeilslosigkeit  auf  die  Gemeinden  und  den  Staat

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

zu  übertragen.  Das  erste  ist  während  des  Krieges  gelungen,
  während  in  der  Arbeitslosenfürsorge  die  ##
werhschaften  im  wesentlichen  auf  sich  allein  gestellt
blieben  (nur  dort,  wo  Frauen  von  Einberufenen  arbeitslos
  waren,  hat  die  Reichsunterstützung  eine  Entlastung
  der  Gewerkschaften  gebracht).  In  Kürze  läßt
sich  nun  die  finanzielle  Lage  der  Gewerkschaften  dahin
  kennzeichnen,  daß  die  Arbeitslosigkeit  ganz  außerordentliche
  Aufwendungen  erforderte  (s.  unten),  daß
auf  der  anderen  Seite  alle  anderen  Tätigkeitszweigs
sehr  eingeschränkt  werden  konnten;  die  Verwaltungskosten
  wurden  durch  Verzicht  der  Beamten  auf  einer
Teil  (25  Proz.)  ihrer  Gehälter  herabgesetzt.  (Dieser
Verzicht  erfolgte  größtenteils  freiwillig,  wurde  aber
überdies  den  Angestellten  von  den  Gewerkschaften  zur
Pflicht  gemacht,  obwohl  infolge  des  Krieges  ihre  Arbeitslast
  erheblich  stieg.)  Streik=  und  Aussperrungsunterstützungen
  kamen  in  Wegfall  (Deutschland  kennt
zu  Beginn  des  Krieges  keine  Streiks,  während  z.  B.
die  englischen  Gewerkschaften  anfangs  nicht  auf  ihr
Streikrecht  verzichteten,  und  tatsächlich  auch  Arbeiskämpfe
  durchfochten,  bis  die  Gesetze  zur  Regelung  der
Munitionsindustrie  diese  Bewegungen  ausschlossen.
Luch  diese  Gesetze  sind  unter  Mitwirkung  der  Arbeiterschaft
  zustande  gekommen).  Auf  der  anderen  Seitesind
auch  die  Einnahmen  (infolge  der  Einberufungen  und
der  Arbeitslosigkeit)  sehr  arheblich  gefallen.  So  wurde
es  für  die  Gewerkschaften  notwendig,  sich  auf  bestimmte
Grundsätze  zu  einigen,  welche  die  berechtigten  Ansprüche
  der  Mitglieder  befriedigen  sollten,  ohne  die
finanzielle  Existenz  der  Gewerkschaftsverbände  zu  gefährden.
  Die  meisten  Verbände  haben  die  Bedingungen
  für  die  Gewährung  der  Arbeitslosenunterstützung
verschärft  (namentlich  schrieben  sie  Annahme  jeder,  besonders
  auch  landwirtschaftlicher  Arbeit  vor,  und  tatsächlich
  ist  ja  dem  Eingreifen  der  Gewerkschaften  eine
weitgehende  Anpassung  der  Arbeiterschaft  auch  an
ihnen  ursprünglich  fremde  Berufe  zu  verdanken),  desgleichen
  die  Reise-=  und  Umzugsunterstützung  eingeschränkt,
  die  Krankenunterstützung  aufgehoben  (da
ja  ohnedies  die  Krankenkasse  ein  Minimum  gewährt)
und  die  Zuschüsse  beseitigt,  welche  sonst  von  den  lokalen
Kassen  gewährt  wurden.  Auch  mit  diesen  Einschränkungen
  waren  die  Ausgaben  der  ersten  Monate  ganz
erschreckend  hoch.  So  betrug  die  Arbeitslosenunterstützung
  im  Metallarbeiterverband  in  den  ersten  Wochen
  durchschnittlich  450000  Mk.;  das  würde  für  ein
bolbes  Jahr  eine  Ausgabe  von  111/,  für  ein  gonhes

ahr  eine  solche  von  22½/  Mill.  Mk.  bedeuten.  die
Jahreseinnahmen  vor  dem  Kriege  22  Mill.  Mk.  betrugen,
  infolge  der  Einberufungen  und  Arbeitslosigkeit
  bei  Kriegsbeginn  aber  auf  ungefähr  zwei  Drittel
reduziert  waren,  hätte  die  Arbeitslosenunterstützun
allein  bei  fortschreitend  gleicher  Arbeitslosigkeit  selbst
bei  dieser  reichen  Gewerkschaft  weit  mehr  als  sämtliche
Einnahmen  verschlungen.  Da  man  nun  zu  Kriegsbeginn
  noch  nicht  die  Einberufung  des  ungedienten
Landsturms  voraussehen  konnte,  die  den  Arbeitsmarkt
  so  entscheidend  beeinflußt  hat,  so  waren  die  Gewerkschaften
  von  vornherein  auf  die  Einschränkung
ihrer  Ausgaben  bedacht.  Im  großen  ganzen  kann
man  annehmen,  daß  in  den  meisten  Fällen  lediglich
die  laufenden  Einnahmen  für  Unterstützungen  aufewendet

  wurden,  ohne  daß  in  erheblichem  Umfang

as  Vermögen  angegriffen  worden  wäre.  (Die  Lage
und  die  Aktionen  der  christlichen  und  Hirsch-Dunckerschen
  Organisationen  stimmten  mit  denen  der  freien
Gewerkschaften  durchaus  überein.)
        <pb n="481" />
        Lederer:  Die  Gewerkschaften  und  der  Krieg

Obwohl  die  Arbeitslosigkeit  bald  abnahm,  ist  sie
zunächst  nur  im  Vergleich  mit  der  Zeit  des  Kriegsbeginns
  gesunken.  Noch  im  Februar  1915  hatten  die
Bauarbeiter  11,5  Proz.,  die  Holzarbeiter  9,6  Proz.  die
Buchdrucker  9  Proz.  Arbeitslose  aufzuweisen,  und  die
Arbeitslosigkeit  betrug  im  Durchschnitt  der  größten
Gewerkschaften  5,1  Proz.,  war  also  weit  höher  als  in
normalen  Zeiten.  Je  länger  der  Krieg  dauerte,  desto
geringer  wurde  die  Arbeitslosigkeit.  Sie  betrug  Ende

ovember  1915  in  den  meisten  Gewerkschaften  unter
5  Proz.,  im  Durchschnitt  aller  wichtigeren  Verbände
2,5  Proz.,  und  hat  weiterhin  die  Tendenz,  zu  sinken.
Im  Jahre  1916  schlägt  die  Lage  auf  dem  Arbeitsmarkt
  infolge  der  wachsenden  militärischen  Einziehungen
  und  der  Produktionssteigerung  in  der  Rüstungsndustrie
  ins  Gegenteil  um,  führt  zu  Ende  1916  zum
Hilfsdienstgesetz,  das  als  Mobilmachung  der  Industrie
bezeichnet  werden  kann,  da  die  Einstellung  aller  nicht
kriegswichtigen  Arbeit  und  die  restlose  Durchorganisation
  der  Volkswirtschaft  auf  den  Krieg  hin  damit
angestrebt  wird.  Daß  nunmehr  die  Pflicht  zur  Arbeit
Fesesch  ausgesprochen  wird,  ist  Symptom  dafür,  daß
chon  vorher  die  letzten  Arbeitslosen  vom  Arbeitsmarkt
  aufgesogen  waren.  Diese  Besserung  darf  aber
nicht  dazu  verleiten,  die  Leistungen  der  Gewerkschaften
  an  Arbeitslosenunterstützungen  zu  unterschätzen;
sie  sind  um  so  wichtiger  und  beachtenswerter,  als  es
sich  hier  zum  Teil  um  Kriegsgeschädigtehandelt,  denen
aus  anderen  Fonds  keinerlei  Hilfe  kommen  konnte.  In
Anbetracht  dessen  ist  es  wichtig,  daß  vom  Kriegsbeginn
bis  Ende  Januar  1915,  also  in  einem  halben  Jahre,
von  den  freien  Gewerkschaften  17,78  Mill.  Mk.  an  Arbeitslosen-
  und  6,18  Mill.  Mk.  an  Unterstützungen  für
die  Familienmitglieder  der  Einberufenen  aufgewendet
  wurden,  zusammen  also  nahezu  24  Mill.  Mk.  in
einem  halben  Jahre,  während  im  Jahre  1913  im

waen  die  Arbeitslosenunterstüung  in  sämtlichen  (

reien  Gewerkschaften  13/  Mill.  Mk.  erforderte.  Wir
kommen  also  zu  Unterstützungsbeträgen,  die  im
Durchschnitt  viermal  so  hoch  waren  als  selbst  die  hohen
(infolge  der  Krise  gesteigerten  Aufwendungen  des
Jahres  1913.  Die  Bedeutung  der  gewerkschaftlichen
Arbeitslosenunterstützungen  liegt  weiterhin  auch  noch
darin,  daß  an  sie  vielfach  eine  städtische  Arbeitslosenfürsorge
  anknüpfte.  In  ähnlicher  Weise  wie  die  freien
Gewerkschaften  haben  sich  nach  Kräften  die  Übrigen
Gewerkschaftsrichtungen  betätigt.

Diese  erheblichen  Aufwendungen  der  Gewerkschaften
  bilden  ihren  wichtigsten  finanziellen  Beitrag  zu
den  Leistungen  des  Krieges.  Mit  Recht  wird  vonihnen
darauf  hingewiesen,  daß  nur  durch  das  Eingreifen
der  Gewerkschaften  zahlreiche  Arbeiterexistenzen  vor
dem  Ruin  gerettet  wurden.  Daher  geht  auch  seit
Kriegsbeginn  von  den  Gewerkschaften  eine  gesteigerte
Agitation  für  die  Einführung  einer  reichsgesetzlichen
Arbeitslosenunterstützung  aus,  deren  Möglichkeit  durch
die  gewerkschaftlichen  Einrichtungen  bereits  erwiesen
sei  und  deren  Lasten  nunmehr  auch  die  Gesellschaft,
nicht  bloß  die  Arbeiterschaft  allein  tragen  müsse,  da
dieser  nicht  zugemmtet  werden  könne,  das  Risiko  der
Arbeitslosigkeit  allein  auf  sich  zumnehmen.  Wenngleich
während  des  Krieges  die  Arbeitslosigkeit  keine  so  erhebliche
  Rolle  spielt,  so  wird  sich  dieses  Problem  mit
verstärkter  Wucht  nach  Abschluß  des  Krieges  geltend
machen.  Die  vielen  Millionen,  die  dann  auf  den  Arbeitsmarkt
  zurückströmen,  werden  nicht  ohne  weiteres
in  ihre  bisherigen  Arbeitsstellen  Einlaß  finden  können,
  und  die  erkschaften  können  nicht  in  einem

895

Moment  erhebliche  Lasten  auf  sich  nehmen,  in  dem  die
infolge  der  Preisverschiebung  unausbleibliche  Neuregelung
  der  Arbeitsbedingungen  alle  ihre  Kräfte  beansprucht.
  Infolgedessen  fordern  die  Gewerkschaften
sichernde  Maßnahmen  zum  Schutz  der  demobilisierten
Arbeiter,  in  erster  Linie  durch  weitere  Gewährung
von  Familienunterstützung  und  Ausbau  der  Arbeitsnachweise.


Wie  wird  sich  die  Lage  der  Gewerkschaften  nach
dem  Kriege  gestalten?  Wahrscheinlich  wird  der  Krieg
die  Gewerkschaften,  die  er  zuerst  in  ihren  Finanzen  bedenklich
  bedrohte,  in  ihrer  Mitgliederzahl  etwas  reduzieren.
  Schon  jetzt  haben  die  Gewerkschaften  auch  unter
Anrechnung  der  einberufenen  Mitglieder  (das  waren
bereits  im  Jahre  1916  bis  zu  50  und  60  Proz.)  effektiv
an  Mitgliederbestand  verloren,  und  sie  können  nicht
damit  rechnen,  daß  sich  (ganz  abgesehen  von  den  Gefallenen
  und  Erwerbsunfähigen)  alle  ehemaligen  Mitlieder

  nach  dem  Kriege  sofort  wieder  der  Gewerk-Hchafe
  anschließen  werden.  Es  ist  nicht  möglich,  diesen
  Rückgang  im  voraus  zu  schätzen,  jedenfalls  wird
die  Position  der  Gewerkschaften  infolge  der  geringeren
Mitgliederziffer  und  damit  natürlich  auch  geringeren
Finanzkraft  etwas  schwächer  sein  (den  Unternehmern
egenllber,  deren  Organisationen  unter  dem  Kriege
8  gar  nicht  leiden).  Auf  der  anderen  Seite  ist  zu
bedenken,  daß  der  Gedanke  der  Organisalion  wahrscheinlich
  im  Arbeiterkreisen  an  Boden  gewonnen  hat.
Die  Zusammenarbeit  der  gewerkschaftlichen  Verbände
mit  den  staatlichen  Behörden  bei  der  Regelung  des
Arbeitsmarktes  und  der  Einrichtung  der  gemeinnützigen
  Arbeitsnachweise,  die  großen  Leistungen  in
der  Arbeitslosenunterstützung  und  Kriegsfürsorge,
die  Festigung  des  Tarifvertragsgedankens  im  Kriege,
die  Tatsache,  daß  die  Gewerkschaften  während  des
Krieges  mit  Geschick  die  Entlohnung  der  Arbeiterschaft
wenigstens  dem  Geldbetrag  nach)  unverändert  aufrechterhalten
  konnten,  endlich  die  Wertschätzung,  welche
dem  Organisationsgedanken  überhaupt  nach  dem
Kriege  zukommen  wird,  all  das  bedeutet  ebenso  viele
gunsig!  Einwirkungen.  Die  Gewerkschaften  werden
also  vermutlich  an  Gewicht  gewinnen.  Schwerlichwird
nach  dem  Kriefe  die  Anschauung  vertreten  werden.
daß  die  Gewerkschaften  den  freien  Willen  des  Arbeiters
  beugen,  daß  nur  der  -Terrorismus=  die  Arbeiterschaft
  in  die  Gewerkschaften  hineinzwinge  und  daß
die  Interessen  der  Arbeiterschaft  viel  besser  gewahrt
würden,  wenn  sie  sich  nicht  organisierten  und  die  Verstimmung
  zwischen  Unternehmer  und  Arbeiter  nicht
vertieften.  Der  Krieg,  welcher  die  Wirkung  der  Oranisation
  so  klar  gezeigt  hat,  wird  auch  die  wirtchaftliche
  Organisation  im  Bewußtsein  der  Menschen
als  selbstverständlich  und  notwendig  erscheinen  lassen,
und  ein  entgegengesetzter  Einfluß  könnte  höchstens
von  denjenigen  Kriegsteilnehmern  ausgehen,  deren
Willen  und  seelische  Kraft  im  Kriege  gebrochen  wurde
und  die  sich,  froh,  heimgekehrt  zu  sein,  mit  jeder  ökonomischen
  Lage  zufrieden  geben.  Es  ist  anzunehmen,
daß  deren  Zalt  jedoch  nicht  erheblich  genug  sein  wird,
um  einen  bestimmenden  Einfluß  zu  üben.

Dazu  kommt  noch  ein  weiteres  Moment.  Die  mitunter
  vorhandene  Spannung  zwischen  der  Regierung
und  den  Gewerkschaften  dürfte  im  wesentlichen  beseitigt
  sein.  Die  Gewerkschaften  waren  so  wesentliche
wirtschaftliche  Organe,  sie  haben  bei  der  Organisation
aller  ökonomischen  Kräfte  für  den  Krieg  in  so  klagloser
  Weise  funktioniert,  daß  die  Regierung  in  ihnen,
wenn  die  oppositionellen  Elemente  weiterhin  in  der
        <pb n="482" />
        896

Minderheit  bleiben  sollten,  jedenfalls  kein  gefährliches
Element  in  der  Zukunft  erblicken  kann.  Zum  Teil
haben  ja  einflußreiche  Vertreter  der  Gewerkschaften
ihre  sozialistische  Nloge  aufgegeben  und  befinden
sich  deutlich  in  einer  Strömung,  welche  letzten  Endes
die  Umwandlung  der  sozialistischen  Arbeiterbewegung
in  eine  radikale  Reformpartei  anstrebt.  Infolgedessen
kann  man  auch  mit  einer  Annäherung  der  auf  sozialistischem
  Boden  stehenden  freien  Gewerkschaften  an
die  christlichen  und  Hirsch-Dunckerschen  Organisationen
  rechnen.  Eine  solche  Annäherung  gt  z.  B.  im
Bergbau  schon  erfolgt,  und  hat  zu  einheitlichem  Vorehen
  gegenüber  den  Unternehmern  (in  Fragen  der
ohnregelung,  der  Lebensmittelversorgung  usw.)  geführt.
  chonppricht  man  davon,  daß  eine  überführung
der  Gewerkschaften  in  gesetzliche  Formen  bevorstehe
(als  übergangsmaßnahme  mag  die  Absicht  der  Reichsregierung
  gelten,  die  Gewerkschaften  in  Zukunft  nicht
als  politische  Bereine  zu  behandeln),  und  eine  öffentlichrechtliche
  Urbelteofenversicherun  würde  zweifelsohne
  eineengere  Verknipfung  von  Staat,  Gemeinden
und  Gewerkschaften  bringen.  Freilich  sind  auch  hier
Rückschläge  möglich.  Die  Situation  während  des
Krieges  aber  ist  insofern  gewandelt,  als  alle  Gefahren,
welche  die  Gewerkschaften  bedrohten  (Schutz  der  Arbeitswilligen,
  verschärfte  Streicgesehgebung  ,  weggeräumt
  scheinen,  und  daß  nach  dem  Krieg  eine  neue,
arbeits-,  aber  auch  erfolgreiche  Zeit  für  die  Gewerkschaften
  kommen  kann.  Das  ist  aber  nur  eine  Entwicklungsmöglichkeit.
  Wir  gehen  —  das  dürfen  wir
uns  nicht  verhehlen  —  anderseits  einer  Zeit  entgegen,
in  welcher  die  Lebensverhältnisse  schwerer  sein  werden
ls  je  zuvor,  in  welcher  die  Belastungen  der  Klassen
wachsen  müssen,  in  welcher  alle  Versuche,  die  sozialpolitische
  Gesetzgebung  zu  entwickeln,  auf  den  hartnäckigsten
  Widerstand  der  Unternehmer  notwendigerweise
  stoßen  werden.  Es  ist  noch  eine  ungelöste
Frage,  auf  welche  Seite  sich  die  Regierung  in  den
dann  unausbleiblichen  Konflikten  stellen  wird.  Soviel
  aber  ist  sicher,  daß  die  Gewerkschaften  ihrer
Mitgliederzahl  nach  und  finanziell  in  diesen  Auseinandersetzungen
  kraftvoll  die  Interessen  der  Arbeiterschaft
  vertreten  werden  —  ob  mit  Erfolg,  hängt
schließlich  von  dem  Kräfteverhältnis  innerhalb  der
Bolkswirtschaft  ab.
Die  ölonomische  Lagehatsich,  daran  ist  kein  Zweifel,
zungunsten  der  Arbeiterschaft  verschoben.  Die
onzentration  des  Kapitals,  die  Proletarisierung
breiter  mittelständischer  Schichten,  die  überflutung  des
Arbeitsmarktes,  die  allgemeine  Teuerung  bedeuten
ebenso  viele  Erschwerungen  in  der  Lage  der  Arbeiterschaft.
  Wenn  sich  nach  dem  Kriege  das  Streben  nach
Verbesserung  der  Lebenshaltung  lediglich  auf  dem
ökonomischen  Felde  abspielen  kann,  und  wenn  in  der
Auseinandersetzung  nur  ökonomische  Kräfte  zur  Geltung
  kommen,  wenn  die  Gestaltung  des  Arbeitslohnes
ein  bloßes  Marktproblem  wird,  dann  wird  die  Lage
der  Gewerkschaften  ganz  außerordentlich  schwierig.
Sie  werden  dadurch  unmittelbar  auf  die  Politik,  als
Mittel  zur  Vertretung  und  Förderung  der  Arbeiterinteressen,
  hingewiesen.  Die  Frage,  welche  schon  vor

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

dem  iet  im  Mittelpunkt  der  Diskussion  stand,  ob
die  gewerkschaftlichen  Methoden  ausreichen,  dauernd
wertvolle  Erfolge  für  die  Arbeiter  zu  erzielen,  könnte
dann  wieder  auftauchen,  die  Frage,  ob  der  „Kampf
um  die  Machte  an  Stelle  der  schrittweisen,  vergeblichen
  =  Sysiphusarbeit=  zu  setzen  sei.  Niemand  kann
diese  Entwicllung  im  voraus  bestimmen.  Man  kann

nur  vermerken,  daß  die  radikalen  Strömungen  auch
indergewerkschaftlichen  Arbeiterschaft  zus  ehends  wachsen,
  und  daß  die  wirtschaftlichen  Veränderungen,

welche  der  Krieg  gebracht  hat,  alle  eher  in  der  Rich.
tung  einer  Radikalisierung  wirken.  Allerdings,  die
Entwicklung  schien  während  des  Krieges  mitunter  auchin
  eine  andere  Richtung  zu  weisen:  Durch  die  Notwendigkeiten
  der  Kriegführung  wurden  manchesozialpolitischen
  Einrichtungen  bedingt  (Arbeitsnachweie,
Ausbau  des  Unterstützungswesens),  die  Gewerkschaften
  wurden  praktisch  als  Organe  der  Arbeiterschaft
anerkannt,  das  Hilfsdienstgesetz  hat  die  Position  der
Gewerkschaften  gesteigert  und  in  den  Schlichtungs.
ausschüssen  eine  von  den  Gewerkschaften  seit  Jahren
verlangte  Einigungsinstanz  geichaffen.  Manche  von
diesen  Einrichtungen,  zumal  Arbeitsnachweisorganisation
  und  Schiedsämter,  mögen  auch  nach  dem  Kriege
beibehalten  werden.  Sie  werden  aber  nicht  ausreichen,
um  den  Druck  auf  dem  Arbeitsmarkte,  der  sich  einstellen
  dürfte,  wesentlich  zu  mildern.  Schon  jetzt  deutet.
die  Entwicklung  der  Opposition  in  den  Gewerkschaften
(die  Generalversammlungen  der  gewerkschaftlichen
Verbände  sind  hierfür  unteühgiche  Anzeichen)  auf  eine
wachsende  Radikalisierung.  Sie  fließt  aus  dem  Empfinden,
  daß  sich  die  Lage  der  Arbeiterschaft  nicht  durch
das  Wohlwollen  der  Regierung  oder  die  Zweckmäßigkeitserwägungen
  der  Militärbehörden  entscheidend
bessern  könnte,  schon  gegenwärtig  nicht,  während  des
Krieges,  und  noch  weniger  nach  demselben.  Auf  dem
Arbeitsmarkt  aber  entscheiden  die  Marktlage  und  auch
die  Konkurrenzbedingungen  der  Industrie.  Da  diese,

auf  den  Export  hingewiesen,  eine  Herabdrückung  der
Selbstkosten  anstreben  oder  wenigstens  das  Ansteigen

derselben  zu  hindern  versuchen  wird,  so  wird  ein  heftiger,

  andauernder  Gegensatz  der  Interessen  von  Unternehmer

  und  Arbeitern  gegeben  sein,  der  zur  Grundlage

  einer  radikalen  Gewerkschaftsbewegung  werden
muß.  Davon  dürften  auch  die  Sejiehungen  zur  sozialistischen

  Partei  nicht  unberührt  bleiben.  Der  Krieg,

der  zwar  in  seinem  Verlaufe  für  die  Gewerkschaften

bisher  keine  katastrophalen  Erschütterungen  gebracht

hat,  dürfte  also  im  gnzen  doch  die  Lage  entscheidend
verändern  und  die  Gewerkschaften  vor  außerordentlich
  schwierige  Fragen  stellen,  durch  die  sie  genötigt
werden  könnten,  ihre  prinzipielle  Haltung  einer  Revision

  zu  unterziehen  und  sich  in  ihrem  Programm
und  in  ihrer  Taktik  neu  zu  orientieren.  Daß  sich  allerdings
  die  Gesamtlage  durch  den  Krieg  zugunsten  der

Unternehmer  verschoben  hat,  darüber  kann  wohl  kein
Zweifel  herrschen,  und  das  eiwa  vorhandene  Woblwollen

  der  Regierungen  bildet  demgegenüber  das  einzige

  Gegengewicht.  So  schwer  die  Kriegszeit  ist,  die

eigentlichen  Kriegsprobleme  erwarten  die  Gewerkschaften

  erst  nach  dem  Kriege.
        <pb n="483" />
        Lederer:  Der  Sozialismus  im  Kriege

Der  Sozialismus  im  Kriege
von  Privatdozent  Dr.  Emil  Lederer  in  Heidelberg

Dieser  Weltkrieg  wird  von  allen  an  ihm  beteiligten
Völkern  mit  der  größten  Anteilnahme  und  Ausdauer
geführt.  Wenn  der  militärische  Wert  der  deutschen
und  österreichisch  ungarischen  Truppen  gewiß  nicht
überboten  werden  kann,  so  stehen  ihnen  in  den  franösischen,

  russischen,  englischen,  italienischen  und  serischen

  Armeen  durchaus  ebenbürtige  Gegner  gegenüber,
  Über  welche  den  Sieg  zu  erringen  auch  bei  der
größten  militärischen  Leistungefählgre  nur  mitgrößter
  Anstrengung  möglich  wäre.  Nicht  nur  Deutschland
  —  um  ein  Wort  Bismarcks  zu  gebrauchen  —
slammte  bei  der  Kriegserklärung  vom  Bodensee  bis
kur  Memel  wie  eine  Pulvermine  auf,  dasselbe  gilt  für

ie  uns  feindlichen  Länder,  und  daher  ist  die  Haltung
der  Volksmassen  in  einem  Kriege,  welcher  unter  den
gegenwärtigen  Verhältnissen  zum  Volkskrieg  werden
muß,  von  sehr  wesentlicher  Bedeutung.  Welche  Stellung
  der  Sozialismus  als  große  Volkspartei  in  den
einzelnen  Ländern  zu  einem  Krieg  einnehmen  werde,
war  daher  schon  vor  dem  Weltkrieg  Gegenstand  häusiger
  Diskussionen  und  mußte  nat  rich  innerhalb
des  Sozialismus  selbst  zu  lebhaften  Auseinandersetzungen
  führen.  Während  sich  nämlich  die  übrigen
politischen  Parteien  (in  der  Ausdrucksweise  des  Sozialismus
  die  abürgerlichen  Parteien)  insbesondere
im  Falle  eines  Krieges  unbedingt  auf  Seite  ihrer
Regierung  stellen  und  die  Sache  des  Landes  zu  der
ihren  machen  (in  einem  gewissen  Sinne  gilt  dann,
wenn  es  einmal  zum  Kriege  kommt,  der  englische
Spruch:  Right  or  wrong  my  country),  stehen  die
sozialistischen  Parteien  der  einzelnen  Länder  innerhalb
  der  =  Internationale=  in  einem  besonderen  Zusammenhang.
  Betont  doch  der  Sozialismus  in  der
Ausprägung,  wie  er  sie  durch  Marx  erhalten  hat,  die
internationale  Solidarität  des  Proletariats,  gegeben
durch  die  gleichartige  Klassenlage  der  Arbeiterschaft
aller  Länder;  er  betrachtet  den  Gegensatz  gegen  den
Kapitalismus  und  die  bürgerlichen  Schichten  als
einen  fundamentalen,  innerhald  der  gegenwärtigen
Gesellschaftsordnung  nicht  lösbaren  Klassengegensatz,
  die  ganze  Weltgeschichte  als  eine  Auseinandersetzung
  der  Klassen.  Der  Staat  ist  in  dieser  Auffassung
  nur  ein  Ausschuß  der  herrschenden  Klassen  und
kann  seiner  ganzen  Natur  nach  nicht  anders  als  sich
im  Interesse  der  Fruce#  Klassen  auswirken.  Darum
  ist  notwendigerweise  auch  der  Krieg  nur  im
Interesse  der  herrschenden  Klassen  gelegen,  mil  welchem
in  manchen  Fällen  (z.  B.  im  reinen  Verteidigungskrieg
  oder  in  den  Kriegen  einer  bürgerlichen  Revolution)
  das  Interesse  des  Proletariats  parallel  gehen
kann.  Meist  jedoch  wird  (nach  der  sozialistischen  Auffassung)
  die  Solidarität  zwischen  dem  Proletariat
mehrerer  Länder,  welche  miteinander  im  Krieg  liegen,
nicht  durchbrochen.  Im  Gegenteil,  es  liegt  im  Interesse
  der  Arbeiterschaft,  den  Krieg  durch  Einwirkung
auf  die  Regierungen  zu  verhindern  oder,  wenn  er
ausgebrochen,  möglichst  viel  zu  seiner  Beendigung
beizutragen.  Die  ganze  sozialistische  Auffassung  steht
daher  dem  Krieg  und  Kriegsgeschehen  prinzipiell  ablehnend
  gegenüber  und  bekämpft  den  Krieg  als  eine
Einrichtung  der  kapitalistischen  Ordnung.  Besonders
in  der  Zeit  des  Hochkapitalismus,  in  welcher  wir  ungefähr
  seit  den  1890er  Jahren  leben,  werden  Kriege
im  Interesse  des  expansionsbegierigen  Finanzkapita-(der
  Banken,  der  Rüstungsindustrien  sowie  derjeni-397



gen  Industrien,  welche  ausländis  elnkernehmungen
einrichten  wollen)  geführt;  das  Ziel  sind  Kolonien.
Lancheren.  Absatzmärkte,  deren  Eroberung  im
besten  Falle  eigende  ewinne  für  die  kapitalistischen
Schichten,  aber  nicht  eine  grundlegende  Veränderung
in  der  Lage  des  Proletariats  bringen  kann.  Denn
die  Ausweitung  der  nationalen  Volkswirtschaft  zum
Imperium  bedeutet  nur  dasselbe  kapitalistische  System
auf  erweiterter  Stufeuleiter,  ja  stärkt  vielfach  (weil
Imperialismus  bessere  Organisation  des  Kapitals
zur  Folge  hat,  ohne  die  Situation  der  Arbeiterschaft
auf  dem  Arbeitsmarkt  zu  verbessern)  die  Macht  des
Kapitals  gegenüber  der  Arbeiterschaft.
le  diese  Gründe  wirken  in  der  Auffassung  des
Sozialismus  zusammen  und  erklären,  daß  vor  dem
Weltkrieg  dieinternationalen  Kongressein  ganzeindeutiger
  Weise  die  Pflichten  der  internationalen  Arbeiterparteien
  gegenüber  den  Rüstungen  und  dem  Kriege
umschrieben  haben.  So  hat  der  internationale  Sotalistenkongreß
  in  Paris  (1900)  —  in  der  präziseren
gamasi  Fassung  —  empfohlen,  die  sozialistischen
bgeordneten  müßten  #gegen  jeden  Maswand  für
eer  oder  Flotte  und  Kolonialegpeditionene  stimmen.
chon  deutlicher  war  der  Beschluß  des  Stuttgarter
Kongresses  (1907),  nach  welchem  die  sozialistischen
Arbeiterparteien  die  Pflicht  hätten,  „durch  Anwendung
  der  ihnen  am  wirksamsten  erscheinenden  Mittel
den  Ausbruch  des  Krieges  zu  verhinderne.  Ebenso
müßten  sie  danach  trachten,  Ausbruch  eines
Krieges  für  möglichst  rasche  Beendigung  desselben
einzutreten.  Der  letzte  internationale  Kongreß,  welcher
  sich  mit  der  Frage  befaßte  (Kopenhagen  1910),
wies  das  Internationale  sozialistische  Bureau  an,  bei
drohender  Keiegsgefahr  die  nötigen  Schritte  einzuleiten,
  um  zwischen  den  Arbeiterparteien  der  betroffenen
Länder  das  Einvernehmen  über  ein  einheitliches  Vorgehen
  zur  Verhütung  des  Krieges  herbeizuführen-Die
  Beschlüsse  der  sozialistischen  Internationale
enthielten  also  keine  Festlegung  der  Taktik  im  Falle
des  Kriegsausbruches.  Im  Gegenteil,  man  kann
eher  sagen,  daß  in  der  sozialistischen  wissenschaftlichen
Literatur  der  geften  Jahre  aees  betont  wurde,  bei
Kriegsausbruch  sei  eine  entscheidende  Aktion  gegen
die  eigene  Regierung  unmöglich,  weil  das  System
der  allgemeinen  Wehrpflicht  die  Hauptmassen  der  Arbeiterschaft
  unter  die  Fahnen  rufe  und  unter  der
Herrschaft  des  Kriegszustandes  bei  den  modernen  Mitteln
  der  staatlichen  Gewalt  jeder  Versuch  der  Widersetzlichkeit
  mit  Leichtigkeit  niedergeworfen  werden  könne.
Dazu  komme,  daß  zu  Kriegsbeginn  das  Geschäfts.
leben  ohnedies  stocke,  so  daß  die  massenhafte  Arbeitslosigkeit
  den  Streik  —  das  Hauptmittel  proletarischer
Aktion  —  zu  einer  stumpfen  Waffe  mache.  Daher
bleibe  als  einzige  Möglichkeit  Lahmlegung  der  Verkehrsmittel,
  welche  ja  für  die  Mobilisierung  und  den
Aufmarsch  der  Truppen  von  entscheidender  Bedeutung
  sind.  Aber  bei  diesen  —  das  wurde  schon  vor
dem  Kriege  in  sozialistischen  Kreisen  eingesehen  —
ist  durch  die  Art  der  Organisation  (Staatsbetrieb,
eamteneigenschaft  des  Betriebspersonals)  in  den
meisten  europäischen  Staaten  die  Möglichkeit  einer
Stillegung  nicht  gegeben,  und  sie  könnte  überdies
überall  durch-Militarisierung-,  d.  h.  übernahme  der
Verkehrsanlagen  in  militärische  Verwaltung,  verhindert
  werden.
So  ist  man  denn  höchstens  in  Kreisen,  welche  die
sozialistische  Bewegung,  ihre  Ausdehnung  und  Möglichkeiten
  der  Machtentfaltung  nicht  kannten,  also  in
        <pb n="484" />
        398

den  bürgerlichen,  z.  T.  auch  in  militärischen  Kreisen
der  Meinung  enesen,  daß  die  sozialistischen  Parteien
(und  zwar  meinte  man  dies  jeweils  von  der  Arbeiterpartei
  des  feindlichen  Landes)  den  Beginn  des  Krieges
mit  einer  sozialistischen  Revolution  gegen  die  eigene

Regierung  beantworten  würden.  Doch  lehrt  schon  die  fühlt

Geschichte,  daß  Volksbewegungen  fast  stets  als  Reaktionen
  gegen  ein  Versagen  der  staatlichen  Macht  im
Kriege  eintreten  (1870  in  Frankreich,  1905  in  Rußland).
  Es  haben  diejenigen,  welche  auf  eine  Volksbewegung
  rechneten,  auch  außer  acht  gelassen,  daß  die
sozialistischen  Parteien  aller  Länder  (so  auch  in  Deutschland
  durch  den  Mund  Bebels)  stets  erklärten,  im  Falle
eines  Verteidigungskrieges  die  Pflicht  der  Landesverteidigung
  auf  sich  zu  nehmen.  Schon  aus  der  Geschichte
  aber  wissen  wir,  daß  jede  Regierung  imstande
ist,  bei  Kriegsbeginn,  wo  die  Verbindungen  zu  den
übrigen  Ländern  abgeschnitten  sind,  den  Peger  als
den  Angreifer  hinzustellen.  Auch  in  diesem  Kriege  hat
sich  ja  bezeichnenderweise  (England  ausgenommen)
jedes  Land  in  der  Verteidigung  gefühlt.  Und  so  sehen
wir  in  allen  Ländern  die  sozialistischen  Parteien,  weit
davon  entfernt,  der  eignen  Regierun  Schwierigkeiten
zu  machen,  in  geschlossener  Linie  mit  den  Übrigen  Parteien
  und  den  Regierungen  an  der  Verteidigung  des
Vaterlandes  teilnehmen.  Bloß  in  England,  das  der
Natur  der  Sache  nach  nicht  als  angegriffen  in  Frage
kommen  konnte  (dort  spielte  wieder  die=  Rechtsfrageim
  Volksbewußtsein  eine  ausschlaggebende  Rolle),  und
in  Rußland,  wo  die  revolutionäre  Kraft  der  Arbeiterbewegung
  noch  keinerlei  Abschwächung  erfahren  hat,
sowie  in  Italien,  das  seinen  Krieg  unmöglich  alseinen
PVerteidigungskriege  konstruieren  konnte,  sehen  wir
in  erheblichem  Umfang  eine  Kritik  und  selbst  Aktionen
gegen  die  Politik  der  Regierung.

An  Deutschland  speziell  stellte  sich  die  Situation  so
dar,  daß  man  sich  der  russischen  Mobilisierung  gegen-Übersah,
  daß  Frankreich  offenbar  gewillt  war,  sich  bei
einem  Krieg  auf  Seite  Rußlands  zu  stellen.  Der  Anlaß
  zum  Kriege,  der  Streitfall  Osterreichs  mit  Serbien,
  trat  ganz  in  den  Hintergrund  der  Konfliktspitzte
sich  zwischen  Rußland  und  Deutschland  als  den  Hauptbeteiligten
  zu,  und  in  diesem  Konflikt  hatte  Rußland
zweifelsohne  die  ersten  schwerwiegenden  Schritte  von
militärischer  Bedeutung  getan.  Dazu  kommt,  daß  als
der  Hauptgegner  damals  Rußland  erschien.  Der
russische  Zarismus  jedoch  ist  in  sozialistischer  Auffassung
  das  Haupthindernis  einer  demokratischen  Entwicklung
  Europas.  Wenn  schon  der  Laigg  mit  Japan
  im  Jahre  1905  zu  einer  russischen  Revolution
und  einer  Gefährdung  der  russischen  Regierungsmacht
führte,  um  wie  viel  mehr  würde  der  Krie  mit  Deutshland,
  der  stärksten  Militärmacht  der  Welt,  wenn  er
mit  einer  russischen  Niederlage  endete,  das  Ende  der
herrschenden  Schichten  in  Rußland  sein.  Dazu  kam,
daß  man  annahm,  ein  solcher  Krieg  werde  die  freundschaftlichen
  Beziehungen,  welche  immerhin  zwischen  den
russischen  und  deutschen  Regierungen  bis  in  die  letzte
Zeit  hinein  bestanden,  zerreißen  und  dadurch  auch  in
Deutschland  die  Bahn  für  eine  freiheitliche,  demokratische
  Entwicklung  öffnen.  Gewiß  waren  das  nur
Nebengründe,  aber  aus  ihnen  stammen  die  Obertöne
der  sozialistischen  Stimmung  zu  Kriegsbeginn;  diese
Gründe  verstärkten  das  entschlossene  Auftreten  der
sozialistischen  Partei  und  der  Gewerkschaften  für  die  Regierung;
  diese  Wendung  gegen  Nußland  erklärt  es,
daß  sich  unter  der  Million  Freiwilliger,  welche  zu  den
Fahnen  eilten,  auch  Hunderttausende  deutscher  Arbei-V.

  Recht  und  Volkswirtschaft

ter  befanden,  und  daß  die  Soldaten  und  Reservisten
mit  sozialistischer  Gesinnung  nicht  nur  hinauszogen,
um  den  Boden  der  Heimat  zu  verteidigen,  wozu  sie
auf  jeden  Fall  entschlossen  gewesen  wären,  sondern
sich  auch  zugleich  im  Dienste  der  sozialistischen  Idee
en.
Es  konnte  also  von  vornherein  von  den  sozialistischen
  Parteien  eine  Aktion  gegen  den  Krieg  nicht  erwartet
  werden.  Eine  solche  wäre  nur  als  internationales
  Vorgehen  denkbar.  Dazu  aber  fehlten  die
notwendigen  Voraussetzungen  (Möglichkeit  der  Verständigung,
  gleiche  Größe  der  Machtmittel).  Bald  zeigte
sich  jedoch,  daß  die  sozialistischen  Parteien  der  Kriegführung
  gegenüber  nicht  bloß  nicht  teilnahmslos  blieben,
  sondern  aktiv,  auch  als  Parteien,  am  Kriege  teilnahmen.
  Überall,  wo  in  den  Parlamenten  die  Regierungen
  Kriegskredite  forderten,  stimmten  auch  die
sozialistischen  Parteien  dafür  (teilweise  Ausnahmen:
Rußland,  England,  Italien).  Sie  taten  es  dann  stets
aus  der  Situation  heraus.  So  führt  die  Begründung,
mit  welcher  die  deutsche  sozialistische  Partei  dem  ersten
Kriegskredit  zustimmte,  aus  (Erklärung  vom  4.  Auust),
  daß  der  Krieg  eine  Folge  der  imperialistischen
Polior  und  des  Wettrüstens  sei,  daß  die  sozialistische
Partei  diese  Politik  stets  bekämpft  habe  und  auch  jetzt
für  sie  nicht  die  Verantwortung  übernehme.  Nun  sei
jedoch  die  Tatsache  des  Krieges  gegeben,  es  handle
sich  um  die  Verteidigung  des  Vaterlandes,  um  das
eigene  Volk  und  dessen  Keiheitliche  Zukunft,  die  bei
einem  Siege  des  russischen  Despotismus  auf  dem
Spiele  stehe.  »Da  machen  wir  wahr,  was  wir  immer
betont  haben:  wir  lassen  in  der  Stunde  der  Gefahr
das  Vaterland  nicht  im  Stich.  Wir  fühlen  uns  dabei
im  Einklang  mit  der  Internationale,  die  das  Recht
jedes  Volkes  auf  nationale  Selbständigkeit  und  Selbst.
verteidigung  jederzeit  anerkannt  hat,  wie  wir  in  lbereinstimmung
  mit  ihr  jeden  Eroberungskrieg  verurteilen.“#
  Die  Erklärung  fordert,  daß  dem  Kriege,  sobald
  das  Ziel  der  Sicherung  erreicht  ist  und  die  Gegner
  zum  Frieden  geneigt  sind,  ein  Ende  gemacht
werde  durch  einen  Frieden,  der  die  Freundschaft  mit
den  Nachbarvölkern  ermöglichte.

Überall  gab  es  in  den  sozialistischen  Parteien  Minoritäten,
  die  sich  (in  den  Parteiberatungen)  gegen  die
Bewilligung  der  Kriegskredite  aussprachen.  Sie  gingen
  davon  aus,  daß  man  im  Momente  des  Kriegsausbruchs
  die  Lage  noch  nicht  genau  genug  übersehen
könne,  daß  der  Krieg  Ausfluß  des  internationalen
expansiven  Imperialismus  sei,  den  die  sozialistischen
Parteien  stets  bekämpft  haben;  man  setze  sich  durch  die
Bewilligung  der  Mittel  mit  sich  selbst  in  Widerspruch
und  zerstöre  die  internationale  Solidarität  der  Arbeiterklasse.
  Diese  Anschauungen  aber  blieben  in  der
Minderheit.

Auch  späterhin  standen  einander  diese  beiden  Anschauungen
  ganz  unvermittelt  gegenüber  Sie  führten
  zu  hefligen  Kämpfen  in  den  sozialistischen  Parteien.
Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daß  sich  die  Gegensätze
  eher  verschärften,  als  abstumpften.  Je  länger
der  Krieg  dauert,  je  schwerere  Opfer  er  fordert,  um
so  mehr  scheint  die  radikale  Auffassung  an  Boden  zu

ewinnen,  daß  sich  die  sozialistischen  Parteien  in  den

eltkrieg  in  keiner  Weise  hätten  hineinziehen  lassen
dürfen.  Es  wird  darauf  hingewiesen,  daß  eine  Ablehnung
  aller  Kriegskredite,  ohne  das  eigene  Land
wirklich  dem  Feinde  auszuliefern,  ähnliche  Beschlüsse
in  den  anderen  Ländern  hervorrufen  und  dadurch
bald  eine  allgemeine  Friedensstimmung  in  Europa
        <pb n="485" />
        Lederer:  Der  Sozialismus  im  Kriege

schaffen  müßte,  der  sich  die  Regierungen  auf  die
Dauer  nicht  entziehen  könnten  (Standpunkt  der  Zimmerwalder
  Konferenz).  Dazu  kommen  Hinweise  auf
die  durch  den  Krieg  gesteigerte  Ausbeutung  der  Arbeiterklasse,
  die  Not  und  O#sflosiget  der  zurückgebliebenen
  Frauen  und  Kinder,  die  allgemeine  Verarmun
und  die  Lasten  des  Krieges,  welche  der  Arbeterschaßt
in  erster  Linie  aufgebürdet  würden.  Die  Majorität
der  sozialistischen  Parteien  hingegen  (wir  sehen  diesen
Prozeß  jetzt  sogar  in  England)  hält  an  dem  ursprünglichen
  Standpunkt  fest;  sie  bewilligt  weiterhin
die  Kredite  —  die  deutsche  Sozialdemokratie  mit  dem
Hinweis  darauf,  daß  das  Land  immer  noch  verteidigt
  werden  müsse,  daß  ja  die  Gegner  zu  einem  Frieden
  leider  nicht  geneigt  seien,  die  französischen  und
belgischen  Sozialisten  mit  dem  Hinweis  auf  die  Okkupation
  ihres  Landes,  das  zuerst  befreit  werden  müsse,
bevor  überhaupt  von  Frieden  die  Rede  sein  könne.

Diese  beiden  Auffassungen  sind  die  Auswirkung
tiefergehender  Gegensätze  im  Sozialismus.  Die  Mchrheit
  vertritt  letzten  Endes  den  Standpunkt,  daß  die
Entwicklung  zum  und  im  Kapitalismus  notwendige
Voraussetzung  für  die  Verwirklichung  der  sozialistischen
  Idee  sei.  Die  Vergesellschaftung  der  Produkktionsmittel
  ist  überwindung  des  Kapitalismus  in
höchster  Form,  und  daher  muß  man  diesen  und  alles,
was  mit  ihm  gegeben  (also  auch  Imperialismus,  der
nur  Kampfum  Absatzmärkte  sei),  wollen.  Dazukomme,
daß  das  Interesse  der  Arbeiterklasse  unlösbar  verknüpft
  sei  mit  dem  Interesse  der  Kapitalisten  und  des
Staates,  innerhalb  dessen  zwar  die  Arbeiterschaft
für  ihre  Existenz,  die  Verbesserung  ihrer  Existenz  und
ihre  Herrschaft  kämpfe,  der  aber  erstmals  nach  außen
hin  gesichert  sein  müsse,  damit  das  Proletariat  überhaupt
  die  Möglichkeit  des  Kampfes  im  Inneren  habe.
Der  entgegengesetzte  Standpunkt  wiederum  verweist
darauf,  ban  eine  solche  Haltung  den  sozialistischen  Gedanken
  überhaupt  preisgeben  würde.  Denn  man
müßte  sich  dann  ja  mit  allen  Erscheinungen  des  Industriesystems
  gleichfalls  befreunden  und  die  Entwicklung
  zum  Sozialismus  nur  von  einem  Wunder  erwarten.
  Sozialismus  aber  realisiere  sich  im  Kampf
mit  dem  Kapitalismus,  und  wie  die  Arbeiterllasse
  wesentliche  Erscheinungsformen  des  Kapitalismus
  bekämpfe,  wie  sie  den  Staat  bekämpfe,  weil  er
ein  Ausschuß  der  herrschenden  Klassen  sei,  so  müsse
sie  sich  auch  gegen  den  Krieg  wenden  und  in  diesem
die  Solidarität  mit  den  Arbeiterklassen  anderer  Länder
  obenan  stellen.

In  Deutschland  hat  zuerst  die  Reichtagsfraktion
die  Trennung  auch  äußerlich  vollzogen.  Dieser  neuen
Reichtagsfraktion  (·Unabhängige  Sozialisten-)  hat
sich  späterhin  auch  eine  besondere  politische  Partei  zueordnet.

  In  beiden  Lagern  haben  sicherlich  die  beaonnenen
  Elemente  der  Trennung  solange  wie  möglich
  entgegengewirkt.  Auch  heute  sind  noch  nicht  alle
Verbindungsfäden  abgeschnitten.  Zuletzt  scheint  diese
Trennung  dadurch  unvermeidlich  geworden  zu  sein,
daß  sich  die  Minderheit  auch  im  Reichstag,  außerstande
sah,  ihren  Standpunkt  zur  Geltung  zu  bringen,  weil
die  Mehrheit  sie  bei  der  Bestimmung  von  Rednern
für  die  wichtigen  Verhandlungen  ganz  oder  größtenteils
  ausschaltete.  Parallele  Erscheinungen  zeigten  sich
auch  bald  in  den  Gewerkschaften,  in  welchen  die  Anhänger
  der  Minderheit  bald  jede  Beteiligung  an  der
Parteipolitik,  bald  auch  eine  Annäherung  an  die
Politik  der  radikalen  Gruppe  verlangten.  Selbst  im
Deutschen  Metallarbeiterverband,  dessen  Mitglieder

399

als  gutbezahlte  Munitionsarbeiter  am  ehesten  zur
Auffassung  der  Mehrheit  neigen  dürften,  hat  diese
Opposition  schon  eine  sehr  erhebliche  Stärke  erreicht,
wie  die  letzte  Generalversammlung  Hrn  1917)  bewies.
  Die  Formen,  in  welchen  sich  die  Auseinandersetzungen
  zwischen  der  Mehrheit  und  Minderheit  im
deutschen  Sozialismus  vollziehen,  könnten  zu  einem
falschen  Urteil  Veranlassung  geben:  je  länger  der
Krieg  dauert,  und  je  mehr  4h  auch  die  sozialistische
Mehrheit  von  ihren  Wählern  zu  radikalem  Vorgehen
in  Fragen  der  inneren  und  äußeren  Politik  gedrängt
sieht,  um  so  mehr  verschwinden  die  sachlichen  Differen-*
  Das  oben  angedeutete  Konipromiß  mit  der
apitalistischen  Entwicklung,  dem  Staat  und  seiner
Außenpolitik  findet  immer  weniger  Vertreter.  Und
die  Minderheit  bleibt  nicht  etwa  deshalb  stationär,
weil  ihre  Anschauungen  keine  Anhänger  werben,  sondern
  weil  sich  allmählich  auch  die  Mehrheit  auf  denselben
  Standpunkt  zu  stellen  beginnt.

Eine  gewaltige  Beschleunigung  dieser  Entwicklung
(sie  hat  ihre  Parallelen  in  allen  kriegführenden  Ländern,
  so  insbesondere  auch  in  Osterreich  und  in  Frankreich)
  brachte  die  russische  Revolution.  Auf  ihre
moralische  Einwirkung  i  es  zurückzuführen,  daß  zunächst
  in  Stockholm  Besprechungen  zwischen  einem
skandinavischen  Komitee  und  fast  allen  Sozialistenparteien
  über  einige  wichtige  Fragen  stattfinden
konnten,  die  eine  wenigstens  vorläufige  Llärung  über
die  wichtigsten  strittigen  Punkte  brachte.  Selbst  die
französische  sozialistische  Partei  konnte  sich  von  diesen
Beratungen  nicht  mehr  ausschließen.  Wichtiger  aber
ist,  daß  wpri  (im  Juli  1917)  der  russische  Arbeiter-
  und  Soldatenrat,  als  Vertretung  und  Exekutivorgan
  der  russischen  sozialistischen  Parteien  selbst
die  Initiative  zur  Einberufung  eines  internationalen
  sozialistischen  Kongresses  für  Mitte  August  1917
ergriff.  Der  russische  Arbeiter=  und  Soldatenrat
suchte  auf  diese  Weise  die  während  des  Krieges  suspendierte,
  aber,  wie  sich  zeigte,  nicht  zerstörte  Internationale
  zu  beleben,  trachtete  eine  versöhnliche  Wirkung
  auf  die  verschiedenen  Parteirichtungen  aller
Länder  zu  üben  (so  wie  sich  ja  in  ihm  die  verschiedenlen
  sozialistischen  Richtungen  bisher  zu  einheitlicher

olitik  zusammengefunden  haben  —  ein  deutliches
Symptom  für  die  politische  Begabung  und  Aktionsfähigkeit
  der  russischen  Volksmassen)  und  arbeitete
mit  großer  Energie  auf  das  Zustandekommen  einer
völlig  internationalen  Konferenz  hin.  Ihr  Ziel
ist  offenbar  eine  Einigung  sämtlicher  sozialistischen
Parteien  nicht  nur  auf  eine  einheitliche  Friedensformel,
  sondern  auf  ein  konkret  umschriebenes  Friedensprogramm,
  das  ihren  Regierungen  gegen-Über
  durchzusetzen  sich  die  einzelnen  Parteien  verpflichten
  sollen.  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,
daß  ein  solches  Programm,  wie  immer  es  im  einzelnen
  aussehen  mag,  eine  große  moralische  Bedeutung
hätte,  daß  es  eine  ungeheure  Anziehungskraft  auf  die
zahlreichen,  doch  allmählich  wachsenden  Friedensströmungen
  in  der  Welt  üÜben  müßte.  Zudem  sind  in
zahlreichen  Ländern  die  sozialistischen  Parteien  in  den
Regierungen  vertreten  und  haben  daher  die  Möglichkeit
  direkter  Einwirkung  auf  die  Kriegszielpolitik.
Wie  immer  der  praktische  Erfolg  der  ganzen  Bestrebungen
  auslaufen  mag,  so  ist  schon  jetzt  festzustellen,
daß  der  internationale  Sozialismus  ein  außerordentlich
  wesentlicher  außenpolitischer  Faktor  geworden  ist,
und  vielleicht  dazu  berufen  ist,  an  der  Gestaltung
des  Friedenswerks  —  sei  es  direkt  oder  indirekt  —
        <pb n="486" />
        400

entscheidend  mitzuwirken.  Daß  die  inneren  Umformungen,
  welchen  Deutschland  entgegengeht,  letzten
Endes  wenigstens  im  Tempo,  wahrscheinlich  aber
auch  der  Sache  nach  von  dieser  ganzen  Entwicklung
stark  beeinflußt  sind.  braucht  nicht  besonders  betont
zu  werden.

Von  dem  größeren  oder  geringeren,  direkten  oder
versteckten  Erfolg  der  Friedensbemlhungen  des  internationalen
  Sozialismus  wird  dann  Kohl  seine  Position
  nach  dem  Kriege  abhängen.  DielUmformungen,
welche  die  Volkswirtschaft  durch  den  Krieg  erfahren
hat  (Konzentration  des  Kapitals,  Proletarisierung
breiter  mittelständischer  Schichten,  schwere  Steuern),
welche  für  die  Übergangswirtschaft  vielfach  den  Zustand
  des  Frühkapitalismus  wiederbringen  werden,

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

deuten  auf  ein  Wachskum  der  sozialistischen  Bewe-#n
  nach  dem  Kriege  in  allen  Ländern  hin.  Dieses

eckeium  dürfte,  zumal  auch  der  internationale
Zusammenhang  nicht  eine  Abschwächung,  sondern
eher  eine  Steigerung  erfahren  dürfte,  auch  die  Gegensätze
  innerhalb  des  Sozialismus  überbrücken,  und
es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  so  die  Spaltung  innerhalb
  der  Parteien  überwunden  wird.  Auf  welchem
Wege  das  geschehen  könnte,  ist  schwer  zu  sagen:  möglicherweise
  könnte  eine  den  russischen  Arbeiterräten
analoge  Obgenisattonssorm  (welche  also  an  die  industriellen
  Betriebe  und  nicht  an  Fachverbände  anknüpft)
  eine  solche  neue  Verschmelzung  einleiten.  Für
die  innerpolitische  Entwicklung  Deutschlands  ist  jeden.
falls  die  Entscheidung  darlber  von  größter  Bedeutung.

Naterländischer  Hilfsdienst
von  Professor  Dr.  Theo  Sommerlad  in  Halle

I.  Mit  der  Dauer  des  Weltkrieges  ist  im  deutschen
Volk  die  Erkenntnis  gewachsen,  daß  es  einen  Kampf
führen  muß  für  seine  Weltstellung,  einen  Verteidigungskrieg
  für  sein  gesamtes  staatliches  und  wirtschaftliches
  Dasein,  für  den  ungeschmälerten  Bestand  und
die  Zukunft  der  deutschen  Kultur.  Erweiterung  und
Vertiefung  dieser  Erkenntnis  bewirkten  eine  Mobilmachung
  aller  deutschen  Volkskräfte  in  nie  erlebtem

ewaltigem  Umfang.  Der  Mobilisierung  des  Feldgeeres
  il  die  Mobilisierung  des  Heimatheeres  gefolgt.
Freiwillig,  aus  selbsteigenem  Antrieb  oder  beeinflußt
und  geweckt  von  Gemeinden,  Verbänden,  Genossenschaften
  und  Vereinen  haben  in  Werkstatt  und  Fabrik,
in  Kontor  und  Studierstube,  in  Haushalt  und  Küche
ungezählte  männliche  und  weibliche  Volkskräfte  ungeheure
  soziale  und  wirtschaftliche  Kriegsarbeit  geleistet.
Ohne  Ansehen  des  Standes  und  der  Person  hat  ein
Siegeswille,  ein  Arbeitswille  alle  Volksschichten  und
Berufskreise  in  Deutschland  durchdrungen.

Doch  die  gebietende  Stunde  der  ehernen  Zeit  erforderte
  noch  eine  Steigerung  der  Anstrengung  und
der  Verwertung  der  deutschen  Kräfte.  Der  Weltkrieg  ist
immer  mehrein  Wettstreit  der  Technik,  der  Maschinen,
der  Geschütze  und  Geschofse  geworden,  und  nur  das
Volk  wird  endgültiger  Sieger  sein,  das  dem  Siegeswillen
  seiner  Heeresmacht  die  ausdauernde  Rüstung
seiner  Wirtschaft  und  die  unerschöpfliche  Leistungsfähigkeit
  seiner  Technik  zu  gesellen  vermag.  Deutschlands
  Feinde  haben  es  verstanden,  der  Industrie  ihrer
eigenen  Länder  die  Kriegsindustrie  anderer  sogenannter
  neutralen  Völker  und  vornehmlich  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  als  Bundesgenossin  und  Hilfsmacht
  zu  gewinnen  und  damit  ihren  Munitionsvorrat
  ins  Ungeheuerliche  zu  vermehren.  Zeugnis  hierfür
  gaben  die  großen  Durchbruchsschlachten  vornehmlich
  an  der  Westfront.  Die  Wucht  und  Energie  des
feindlichen  Anpralls  hämmerte  unserem  Volke  noch
eindringlicher  die  überzeugung  ein,  daß  es  zur  siegreichen
  Lösung  seiner  Weltdaseinsfrage  Eisen  und
Stahl  in  genügender  Menge  seinen  wehrhaften  Söhnen
  bereitstellen  und  allein  und  aus  eigener  Kraft
undauseigenen  Mitteln  den  Munitionsvorratschaffen
müsse,  den  unseren  Feinden  eine  befreundete  oder
vergewaltigte  Welt  zur  Verfügungstellt.  Das  deutsche
Volk  hat  weiterhin  eingesehen,  daß  die  durch  seine

Feinde  völkerrechtswidrig  bewirkte  Absperrung  von
seinen  Einfuhrländern  von  ihm  gebieterisch  die  Steigerung
  der  vaterländischen  Nahrungserzeugung  und
der  Herstellung  aller  notwendigen  Ersatzstoffe  verlangt,
  will  es  nicht  verhungern  und  am  notwendigsten
Lebensunterhalt  empfindlichen  Mangel  leiden.  Dieser
  Volkserkenntnis  und  diesem  Volksempfinden  entkeimte
  das  große  Gesetz  über  die  Zivildienstpflicht
  der  nicht  wehrpflichtigen  deutschen
Männer.

II.  An  Schnelllgkeit  der  Entstehung  und  Durchführung
  steht  das  Gesetz  ohnegleichen  da  in  der  deutschen
  Gesetzgebungsgeschichte.  Das  am  1.  November
1916  beim  preußischen  Kriegsministerium  errichtete
Kriegsamt  beriet  die  Gestaltung  der  Hilfspflicht  mit
dem  Reichsamt  des  Innern,  und  nach  den  daselbst
mit  Arbeitgebern  und  Arbeitern  gepflogenen  Vorbelprechungen
  wurde  der  Gesetzentwurf  am  14.  November
  dem  Bundesrat  vorgelegt,  der  am  21.  November
seine  Zustimmung  erteilte.  Der  Entwurf  war  ein
sogenanntes  Mantel-  oder  Rahmengesetz,  das  in  vier
Paragraphen  ganz  allgemein  umrissen  nur  die  grundlegenden
  Bestimmungen  über  die  vaterländische
Dienstpflicht,  ihren  Begriff  und  die  Festlegung  der
Altersgrenze  traf,  übrigens  aber  dem  Bundesrat  und
Kriegsamt  die  weitere  Ausfüllung  entsprechend  den
mannigfaltigen  und  wechselnden  Verhältnissen  der
Durchführung  überlassen  wollte.  Der  Haushaltsausschuß
  des  Reichstages,  in  dem  vom  23.—28.  November
  der  Entwurf  zur  Beratung  stand,  wünschte
aber  gerade  die  knappe  Fassung  zu  beseitigen  und
bei  einem  derartig  weitgehenden  Eingriff  in  die  bestehende
  Wirtschaftsordnung  besondere  Sicherheiten
für  die  Wahrung  der  Arbeiterinteressen  sowie  die
Mitwirkung  des  eichstagen  bei  der  Ausgestaltung
des  Gesetzes  einzufügen.  Auch  Anträge  der  verschiedenen
  Gewerkschaftsrichtungen  liefen  ein,  und  schließlich
  wurde  im  Reichsamt  des  Innern  ein  neuer  Gesetzentwurf
  ausgearbeitet,  der  die  ursprünglich  nur
als  Richtlinien  vorgesehenen  Bestimmungen  und  die
Gewerkschaftsanträge  aufnahm.  Die  erste  Lesung
fand  im  Reichstag  am  29.  November  statt,  und  am
6.  Dezember  1916  wurde  das  Gesetz  über  den  vaterländischen
  Hilfsdienste  im  Reichsgesetzblatt  veröffentlicht,
  mit  dem  Tage  seiner  Verkündung  in  Kraft
tretend.  Das  dem  Bundesrat  in  §  19  erteilte  Recht
#m  Erlaß  der  Ausführungsvorschriften  wurde  daurch

  beschränkt,  daß  zu  allgemeinen  Verordnungen
        <pb n="487" />
        Sommerlad:  Vaterländischer  Hilfsdienst

die  Zustimmung  eines  Reichstagsausschusses  erforderlich
  ist.  Auch  das  Kriegsamt  als  die  Spitze  des  behördlichen
  Gliederbaues  soll  mit  diesem  Ausschuß  in
ständigem  Einvernehmen  bleiben.  Die  ungemeine
und  grundlegende  Bedeutung  des  Gesetzes  für  das
Wirtschafts=  und  Kulturleben  des  deutschen  Volkes
läßt  die  ungewöhnliche  staatsrechtliche  Erscheinung
einer  parlamentarischen  Mitwirkung  bei  Ausführung
und  Vollzug  durchaus  gerechtfertigt  erscheinen.

III.  Das  Gesetz,  das  20  Paragraphen  umfaßt,  legt
zunächst  den  Begriff  des  vaterländischen  Hilfsdienstes
  fest.  Zu  ihm  ist  jeder  männliche  Deutsche  vom
vollendeten  17.  bis  zum  vollendeten  60.  Ledensjahre,
soweit  er  nicht  zum  Dienste  in  der  bewaffneten  Macht
einberufen  ist.  verpflichtet  (E  1).  Unter  das  Gesetz  fallen
auch  Deutsche,  die  sich  im  Ausland  aufhalten,  und
auch  in  den  besetzten  Gebieten  kann  die  Leistung  von
Hilfsdiensten  verlangt  werden  (Sten.  Ber..  S.  2216).
Trotz  der  Verpflichtung  aber  gelten  die  auf  Grund  der
Hilfsdienstpflicht  geleisteten  Arbeiten  als  Arbeitsleistungen
  eines  freien  Arbeiters  (Verordnung  vom  24.
Februar  1917,  NGBl.,  S.  171.  §  1).  Als  im  vaterländischen
  Hilfsdienst  tälig  gelten  alle  Personen,  die
beschäftigt  sind  bei  Behörden,  behördlichen  Einrichtungen
  (Seelsorge,  kommunale  Einrichtungen  für
Ernährungszwecke,  Schulen,  Universitäten),  in  der
Kriegsindustrie,  in  der  Land=  und  Forstwirtschaft,  in
der  Krankenpflege,  in  kriegswirtschaftlichen  Organisationen
  jeder  Art  oder  in  sonstigen  Berufen  oder
Betrieben,  die  für  Zwecke  der  Kriegführung  oder
Volksversorgung  unmittelbar  oder  mittelbar  Hedeutung
  haben  (dazu  gehören  die  Presse,  die  Rechtsanwälte,
  Krankenkassenverbände,  Berufsorganisationen
der  Arbeitgeber  und  Arbeiter,  Banken  und  Versicherungsgesellschaften
  (Sten.  Ber.,  S.  2216  —2218,  82).
Die  Erfüllung  der  Wehrpflicht  geht  der  Hilfsdienstpflicht
  vor.

Die  Frage,  ob  die  Zahl  der  bei  einer  Behörde  beschäftigten
  Personen  das  Bedürfnis  übersteigt,  entscheidet
  die  zuständige  Reichs--  oder  Landeszentralbehörde
  im  Einvernehmen  mit  dem  Kriegsamt,  die
gleiche  Frage  bei  behördlichen  Einrichtungen  und  die,
was  als  solche  gilt,  dagegen  das  Kriegsamt  nach  Benehmen
  mit  den  zuständigen  Behörden.  Die  Entscheidung
  über  diese  Fragen  bei  Berufen,.  Betrieben
und  Organisationen  liegt  Feststellungsausschüssen
  ob,  die  für  den  Bezirk  jedes  stellvertretenden
  Generalkommandos  oder  für  Teile  des  Bereichs
gebildet  sind,  zu  deren  jedem  unter  Vorsitz  eines  Offiziers
  zwei  höhere  Staatsbeamte  und  je  zwei  Vertreter
der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  gehören  (§  4).

Die  Heranziehung  zum  Hilfsdienst  erfolgt
in  der  Weise,  daß  zunichst  eine  Aufforderung  zur
freiwilligen  Meldung  ergeht.  Wird  dieser  nicht  in
ausreichendem  Maße  entsprochen,  so  erhält  der  einzelne
  Hilfsdienstpflichtige  durch  den  (ähnlich  dem  Feststellungsausschuß
  zusammengesetzten)  Einberufungsausschuß
  eine  schristliche  Aufforderung,  die
ihm  zwei  Wochen  zum  Suchen  einer  Beschäftigung
im  Hilfsdienst  Zeit  läßt.  Kann  er  eine  solche  nach
Ablauf  der  Frist  nicht  nachweisen,  so  wird  er  ihr  durch
den  Ausschuß  zwangsweise  überwiesen  (§  7).  Dabei
  werden  Lebensalter,  Familienverhältnisse,  Wohnort.
  Gesundheit  und  bisherige  Tätigkeit  des  Hilfsdienstpflichtigen
  gebührend  berücksichtigt  und  besonders
geprüft,  ob  der  in  Aussicht  gestellte  Arbeitslohn  ihm
und  seinen  zu  versorgenden  Angehörigen  ausreichenden
  Unterhalt  ermöglicht  (8  8).  Soziale  Unterschiede

Der  Krieg  1014/17.  II.

401

dagegen  haben  keinerlei  Bedeutung  für  die  Heranziehung
  zum  Hilfsdienst  überhaupt.

Ein  Hilfsdienstpflichtiger  kann  seine  Arbeitsstelle
wechseln,  jedoch  darf  einen  in  den  letzten  zwei
Wochen  schon  im  Hilfsdienst  Beschäftigten  ein  Hilfsdienstbetrieb
  nur  dann  einstellen,  wenn  er  eine  Bescheinigung
  („Abkehrscheine)  seines  letzten  Arbeitebers

  beibringt,  daß  er  die  Beschäftigung  mit  dessen

ustimmung  aufgegeben  hat.  Ein  wichtiger  Grund
für  das  Ausscheiden  muß  vorliegen;  als  solcher  gilt
besonders  eine  angemessene  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen
  im  vaterländischen  Hilfsdienst.  Bei  Verweigerung
  des  Abkehrscheins  durch  den  Arbeitgeber
steht  dem  Hilfsdienstpflichtigen  die  Beschwerde  an
einen  Schlichtungsausschuß  zu,  der  für  den
Bezirk  einer  Ersatzkommission  aus  einem  vom  Kriegsamt
  beauftragten  Vorsitzenden  und  aus  je  drei  Vertretern
  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  gebildet
wird.  Je  zwei  dieser  Vertreter  sind  ständig,  gleichfalls
vom  Kriegsamt  ernannt  je  einer  unständig,  vom  Vorsitzenden
  aus  der  Berufsgruppe  zu  bestellen,  welcher
der  beteiligte  Hilfsdienstpflichtige  angehört  (§  9).

In  allen  für  den  Hilfsdienst  tätigen  Betrieben,  in
denen  in  der  Regel  mindestens  50  Arbeiter  beschäftigt
werden,  müssen  ständige  Arbeiterausschüsse  bestehen,
  die  von  den  volljährigen  Arbeitern  aus  ihrer
Mitte  in  geheimer  Wahl  gewählt  werden.  Nach  denselben
  Grundsätzen  und  mit  gleichen  Befugnissen  sind
in  den  Hilfsdienstbetrieben,  in  denen  mehr  als  50  nach
dem  Versicherungsgesetz  für  Angestellte  versicherungspflichtige
  Angestellte  sind,  besondere  Angestelltenausschüsse
  zu  errichten  (5  11).  Diesen  Arbeiterausschüssen
  liegt  ob,  das  gute  Einvernehmen  innerhalb
  der  Arbeiterschaft  des  Betriebs  und  zwischen  der
Arbeiterschaft  und  dem  Arbeitgeber  zu  fördern  (8  12).

Die  Ausübung  des  ihnen  gesetzlich  zustehenden
Vereins=  und  Versammlungsrechts  darf  allen
im  vaterländischen  Hilfsdienst  Beschäftigten  nicht  beschränkt
  werden  (§  14).  Die  auf  Grund  des  Gesetzes
der  Landwirtschaft  überwiesenen  gewerblichen  Arbeiter
unterliegen  nicht  den  landesgesetzlichen  Bestimmungen
über  das  Gesinde  (§  16).

Den  Zeitpunkt  des  Außerkrafttretens  des  Gesetzes
bestimmt  der  Bundesrat;  macht  er  von  dieser  Befugnis
  binnen  eines  Monats  nach  Friedensschluß  mit
den  europäischen  Großmächten  keinen  Gebrauch,  so
tritt  das  Gesetz  außer  Kraft  (8  20).

Das  Gesetz,  das  nach  seinem  Schlußparagraphen  also
ausdrücklich  als  ein  Ausnahmegeset  für  eine  bestimmte
  Zeitdauer,  die  Zeit  des  Krieges  mit  den  europäischen
  Großmächten,  in  Geltung  ist,  setzt  doch  für
die  von  ihm  Betroffenen  kein  vom  allgemeinen  abweichendes
  Recht.  Der  Rechtsschutz,  das  Koalitions-,
Vereins=  und  Versammlungsrecht  ist  ebenso  wie  die
Freizügigkeit  gewahrt,  die  Arbeiterfürsorge-Gesetzgebung
  und  die  Rechte  der  vorübergehend  der  Landwirtschaft
  überwiesenen  gewerblichen  Arbeiter  bleiben
ungeschmälert.  Freilich  während  des  Weltkrieges  tritt
die  öffentliche  Arbeitspflicht  an  die  Stelle  des  freien.
Arbeitsvertrags  insofern,  als  die  Arbeitskräfte  aus
den  für  die  Kriegsaufgaben  minder  bedeutsamen
Arbeitsstätten  in  die  kriegswirtschaftlichen  und  volksversorgenden
  Betriebe  verpflanzt  werden  können.  Die
gesamtte  Verschiebung  der  Arbeitskraft  erfolgt  aber

urchaus  auf  der  Grundlage  der  Freiwilligkeit;  der

Zwang  ist  nur  das  äußerste  Mittel  bei  der  Heransihun

  der  Hilfsdienstpflichtigen  und  bei  der  von

hnen  eingegangenen  Arbeitsverpflichtung.  Der  groß-26
        <pb n="488" />
        402

zügige  vaterländische  Zweck  ist  die  straffe  einheitliche
Zulammenfassung.  die  planmäßige  und  zielbewußte
egelung  und  damit  die  größtmögliche  vollwertige
Nutbarmachung  und  Ertragsteigerung  aller  deutschen
  Kriegsarbeit  und  der  damit  eng  verbundenen
Volksversorgungsarbeit  für  die  Kriegszeit.

IV.  Der  eisernen  Gegenwart  dankt  das  neue  Gesetz
  seine  Entstehung,  das  als  krönendes  Glied  die
Kette  gewaltiger  Organisationen  schließt,  die  unter
der  Not  und  Notwendigkeit  des  deutschen  Daseinskampfes
  geschaffen  worden  sind.  Aber  vom  Augenblick
  geboren,  gehört  auch  dieses  in  die  deutsche  Volkswirtschaft
  tief  einschneidende  Kriegsgesetz  zu  dem
„  Echten“,  das  der  Nachwelt  unverloren  bleibt.  Denn
es  gliedert  sich  durchaus  organisch  dem  geschichtlich
Gewordenen  und  damit  geschichtlich  Begründeten  an
und  ein;  es  verleugnet  als  eine  Kulturtat  unseres
Volkes  nicht  den  Zusammenhang  mit  seiner  kulturpolitischen
  Entwicklung  und  seiner  bisherigen  Kulturbetätigung.


Der  Versuch  einer  wirtschaftsthevretischen
Eingliederung  des  Gesetzes  in  die  Gedankenarbeit  der
Vergangenheit  haftet  zunächst  an  dem  lapidaren  Satz
der  Begründung=  des  Gesetzentwurfes:  »Wer  irgend
arbeiten  kann,  hat  in  dieser  großen  und  schweren  Zeit
kein  Recht  mehr,  müßig  zu  sein.  Durch  das  Gesetz
soll  eine  gesetzliche  Verpflichtung  zum  vaterländischen
Hilfsdienst  geschaffen  werden.=  Die  Worte  erscheinen
wie  eine  Verwirklichung  einer  sozialethischen  Grundnorm,
  die  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
8  wiederholten  Malen  gefordert,  in  ihrer  heutigen

edeutung  zuerst  von  dem  phantastisch-humanen
Franzosen  Charles  Fourier  verkündigt  worden  ist,  des
Rechtes  auf  Arbeit.  Vergeblich  hatte  die  Pariser
Februarrevolution  von  1848  unternommen,  dieser
Theorie  zu  praktischer  Durchführung  zu  verhelfen,
als  sie  in  den  Nationalwerkstätten=  die  unbeschäftigten
  hauptstädtischen  Arbeiter  mittels  einer  halbmilitärischen
  Organisation  vereinigte  und  zu  Erdarbeiten
  auf  dem  Marsfeld  und  zu  Baumpflanzungen
auf  den  äußeren  Boulevards  heranzog,  während
gleichzeitig  in  allen  Arrondissements  „Krauenwertstätien
  von  30000—40000  Frauen  die  Anfertigung
von  Soldatenhemden  übernahmen.  Später  hat  bei
uns  in  Deutschland  die  Frankfurter  Nationalver--sammlung
  das  Recht  auf  Arbeit  erneut  beraten  und
abgelehnt,  und  in  der  Reichstagssitzung  vom  9.  Mai
1884  kam  Fürst  Bismarck  wiederum  auf  die  alte
Theorie  zurück.  Er  knüpfte  damals  an  die  beiden
ersten  Paragraphen  aus  dem  zweiten  Teil  (Tit.  19)
des  -  Preußischen  Landrechts=  vom  Jahre  1794  an.
wonach  es  dem  Staat  zukommt,  für  die  Ernährun
seiner  hierzu  selbst  unfähigen  Bürger  zu  sorgen  un
denjenigen,  denen  es  an  Mitteln  und  Gelegenheit
zum  Verdienst  fehlt,  die  ihren  Kräften  und  Fähigkeiten
  entsprechenden  Arbeiten  zuzuweisen.  Der  Altreichskanzler
  rief  aus:  „Geben  Sie  dem  Arbeiter  das
Recht  auf  Arbeit,  solange  er  gesund  ist,  geben  Sie  ihm
Arbeit,  solange  er  gesund  ist!:  In  den  sozialethischen
Zusammenhang  dieser  Gedanken  und  Forderungen  gestellt,
  bedeutet  das  Zivildienstgesetz  in  der  Tat  eine
praktische  Verwirklichung  des  Rechtes  auf  Arbeit,  indem
  es  das  Recht  auf  lfiggang  durch  die  Staatspflicht
  der  vaterländischen  Arbeit  aufhebt.  Dem  behaglichen
  unproduktiven  Rentnerdasein  wie  dem
sorglosen-In-den-Tag-hinein-Leben,  kräftiger  Jünglinge
  und  deutscher  Männer  vom  17.  bis  zum  60.
Lebensjahre  wird  ebenso  ein  Ziel  gesetzt  wie  der  Ver-V.

  Recht  und  Volkswirtschaft

dienstlosigkeit  all  der  vielen  Arbeitswilligen,  die  unter
der  bisher  geltenden,  auf  dem  Grundsatz  der  Unternehmungsfreiheit
  und  des  freien  Arbeitsvertrags  aufgebauten
  Wirtschaftsordnung  keine  Beschäftigung
finden  konnten.  Allen  denen,  die  eine  rangemessene
Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen  erstreben,
die  unbefriedigt  und  erfolglos  in  ihrem  seitherigen
Beruf  verkümmern,  bietet  sich  die  erfreuliche  Möglichkeit,
  eine  ihren  Kräften  und  Fähigkeiten,  ihrem  Bildungsgrad
  und  ihrem  Lebensalter  tunlichst  entsprechende
  Kriegs-  und  Volksversorgungsarbeit  zu  übernehmen.
  Den  Arbeitslosen  aller  Stände  und  Stellungen
  ist  wenigstens  während  der  gegenwärtigen
außerordentlichen  Zeit  ein  wirtschaftliches  Daseinsrecht
  gesichert  vermittels  der  opferwilligen  Hingabe
der  freien  Persönlichkeit  in  den  Arbeitsdienst  des
Staates.

Der  Idee  des  Rechtes  auf  Arbeit  hat  man  früber
in  Deutschland  kein  sonderliches  Wohlwollen  entgegengebracht.
  Ihre  neue  zeitgemäße  Form  ist  dagegen
von  allen  Schichten  und  Kreisen  unseres  Volkes  mit
ungeteilter,  teilweise  sogar  freudiger  Zustimmung  begrüßt
  worden.  Ein  Verständnis  dieser  Billigung
läßt  sich  nur  von  der  umfassenderen  Erkenntnis  der
Grundstimmung  unseres  staatsbürgerlichen  Daseins
aus  gewinnen.  Die  Zivildienstpflicht  tritt  inhaltlich

leichartig  in  den  Kreis  der  drei  anderen  großen

taatspflichten  des  Deutschen,  der  allgemeinen  Steuerpflicht,
  der  allgemeinen  Schulpflicht  und  der  allgemeinen
  Wehrpflicht.  Die  neue  Staatspflicht,  die  in
Kriegszeit  verkündigt  wurde  und  Kriegszwecken  dienen
soll,  ist  besonders  eng  verschwistert  der  allgemeinen
Wehrpflicht,  die  in  ähnlicher  schwerer  Schicksalslage
des  preußischen  Volkes  ein  Jahrhundert  früher  durchgeführt
  worden  ist.  Ein  alter  Hohenzollerngedanke
war  es,  von  Friedrich  I.  erwogen  und  von  Friedrich
Wilhelm  I.  im  Lantonshstem  von  1733  grundsätzlich
bereits  ausgesprochen,  dem  vor  dem  Freiheitskriege
Scharnhorst  und  Boyen  in  Gemeinschaft  mit  Friedrich
Wilhelm  III.  näher  traten,  und  der  dann  am  3.  September
  1814  zum  Gesetz  gestaltet  wurde,  das  die  Wehrpflicht
  für  alle  Staatsbürger  vom  vollendeten  20.
Lebensjahr  an  festlegte.  Gleich  dem  Scharnhorstschen
Entwurf  wiederholte  der  Gesetzesanfang  den  schlicht
erhabenen  Ausspruch  des  alten  Soldatenkönigs:!
»Jeder  Eingeborene  ist  zur  Verteidigung  des  Baterlandes
  verpflichtet.:  Aus  dieser  Staatspflicht  erwuchs
das  preußische  Heer,  das  die  Befreiungskriege  schlug,
und  später  das  deutsche  Heer,  das  den  Einigungskrieg
gewann,  erwuchs  das  gesamte  deutsche  Volk  in  Waffen
zu  den  politisch-sittlichen  Grundanschauungen  der
Gegenwart.  Bezeichnend  genug,  daß  noch  im  Jahre
1814  viele  in  die  Humanitätsgedanken  des  Zeitalters
versponnene  Männer  (Niebuhr,  Altenstein,  Bincke)
die  allgemeine  Wehrpflicht  »das  Grab  der  Wissenschaften,
  der  Gewerbe,  der  bürgerlichen  Freiheit  und
der  menschlichen  Glückseligkeite  genannt  haben.  Als
aber  das  neue  Reichs=  und  Staatsangehörigkeitsgesetz
  vom  25.  Juni  1918  den  Auslandsdeutschen  vornehmlich
  bei  Nichterfüllung  ihrer  Wehrpflicht  den  Verlust
  ihrer  Reichsangehörigkeit  androhte,  war  das
preußische  Grundgesetz  vor  aller  Welt  als  deutsches
Grundgesetz  proklamiert:  Ohne  Wehrgemeinschaft
keine  Volksgemeinschaft.  Dem  Gesetzentwurf  über  den
vaterländischen  Hilfsdienst  gegenüber  sind  wohl  in
Einzelheiten  Stimmen  der  Anhänger  der  wirtschaftlichen
  Arbeitsvertragsfreiheit  laut  geworden,  nicht
aber  gegenüber  seinem  Grundgedanken  mehr  die  alten
        <pb n="489" />
        Warneyer:  Kriegsgesetzgebung  Osterreichs

Stimmen  von  1814.  Einwandfrei  und  ohne  Widerspruch
  erklangen  die  Worte  der-Begründung-:-Wie
im  Heeresdienste  darf  keine  Rücksicht  auf  soziale  Unterschiede
  gelten.  Für  den  vaterländischen  Dienst,  welcher
  Art  er  auch  sei,  kann  es  nur  Staatsbürger,  nicht
Schichten  und  Klassen  geben.  Die  staatsbürgerliche
Erziehung  eines  Jahrhunderts  hat  neben  der  Not
der  eisernen  Zeit  ein  Geschlecht  geschaffen,  dem  der
Gedanke  Scharnhorsts  zum  Allgemeingut  geworden
ist:  Volksgemeinschaft  ist  Wehrgemeinschaft.

Die  hiermit  gewonnene  Einsicht  spannt  das  Hilfsdienstgesetz
  in  den  weitesten  Rahmen  kulturgeschichtlichen
  Verständnisses  ein;  die  staatsbürgerliche  Volkserkenntnis
  der  Gegenwart  ist  nur  ein  Ergebnis  des
Staatsgeedanlens,  der  unter  der  Führung  der
Hohenzollern  in  Deutschland  das  Feld  behalten  hat.
In  harten  und  erbitterten  Kämpfen  eines  Jahrtausends
  deutscher  Geschichte  hat  sich  dieses  Staatsideal
durchgesetzt,  immer  wieder  bis  auf  diesen  Tag  hat  es
mit  der  aus  der  antiken  Kulturwelt  überkommenen
Weltstaatsidee  und  mit  dem  von  der  Aufklärungsepoche
  besonders  verherrlichten  atomistischen  Ideal
einer  schrankenlosen  persönlichen  Freiheit  um  Dasein
und  Geltung  gerungen,  und  erst  durch  das  Zeitalter
Bismarcks  hat  Schellings  Geschichtsphilosophie  Gestalt
  gewonnen,  daß  in  der  Staatsordnung  die  Versöhmung
  von  Freiheit  und  Notwendigkeit  beschlossen
liegt.  Dem  endlich  verwirklichten  deutschen  Staatsideal,
  daß  nur  die  Synthese  von  Freiheit  und  Macht
einen  gerechten  Staat  schaffen  kann,  gilt  heute  der
Weltansturm  der  Entente,  deren  Staatsmänner  und
Presse  im  Bann  der  Freiheits=  und  Gleichheitsphrasen
  der  Aufklärungsepoche  und  des  Naturrechts
den  Staat  nur  als  Mittel  zum  Zweck  individueller
Glückseligkeit  ansehen  und  die  Erweiterung  der  Volks-403



rechte  als  seine  einzige  Aufgabe  preisen,  damit  aber
eine  Ausbeutung  der  einzelnen  und  des  Staates  selbst
durch  Partei  und  Geldsack  nicht  verhindern  können.
Das  Volk  Kants  und  Bismarcks,  das  zugleich  das
Volk  Fichtes  und  Goethes  ist,  sieht  dagegen  im  Staat
das  weltliche  Einheitsband  für  alle  Vielheit  in  Religion,
  Beruf  und  Verkehr  und  findet  die  freie  persönliche
  Selbsttätigkeit  und  Selbstbestimmung  dann  am
besten  gewahrt,  wenn  die  Idee  des  Ganzen  die  Teile
durchdringt,  wenn  der  einzelne  unter  dem  Staatsebot

  der  Pflicht  freiwollend  Arbeit  und  Leben  der

esamtheit  entsagungsfreudig  dahingibt.  Der  Staat
in  Fichtes  Sinn  als  Erzieher  des  Volkes  zur  Pflicht
und  zur  Freiheit,  das  ist  deutsches  Staatsideal,  und
sein  Ruf  ergeht  an  unser  Volk  wie  an  die  Völker  der
Welt  in  der  Umprägung  eines  alten  Heilandwortes:
Die  Macht  wird  euch  frei  machen!

Rücken  wir  das  Gesetz  über  den  vaterländischen
Hilfsdienst  in  das  Licht  solcher  Betrachtungsweise,
dann  erkennen  wir  in  ihm  die  vom  großen  Augenblick
  geborene  zeitgemäße  Krönung  des  deutschen
Staatsgedankens.  Und  es  klingt  wie  ein  Verheißungsgruß
  der  deutschen  Geschichte,  daß  ein  aus
dem  deutschen  Staatsgedanken  Fleisch  gewordenes
Gesetz  unserem  Bolk  den  Heeressieg  im  Weltkrieg  verbürgen
  soll,  der  zugleich  ein  Sieg  sein  wird  in  seinem
  ungeheuren  Verteidigungskampf  für  das  deutsche
  Staatsideal.

Literatur.  Zahlreiche  Gesetzkommentare,  z.  B.  der  von
Schiffer  und  Junck  (Berl.  1917,  hrsg.  auf  Veranlassung
des  Kriegsamtes),  Siegfried  Wille  (2.  Aufl.,  Münch.  1916),
F.  Hoffmann  (Berl.  1917),  Georg  Baum  (Stuttg.  1917),
von  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften  Deutschlands
  (Berl.  1917);  ferner  Wilh.  Müller,  Der  Weltkrieg
und  die  Einführung  der  allgem.  Arbeitspflicht  (Zürich  1917).

FKriegsgesetzgebung  Ssterreichs
von  Oberlandesgerichtsrat  Dr.  Warneyer  in  Dresden

Wie  auf  militärischem  und  wirtschaftlichem  Gebiete
so  stand  auch  auf  gesetzgeberischem  der  österreichische
Staat  dem  Deutschen  Reich  an  Bereitschaft  und  Umsicht
nicht  nach.  Vielfach  den  gleichen  Bedürfnissen  hüben
wie  drüben  entsprungen,  mehrfach  auch  anders  gearteten
  Verhältmissen  entsprechend,  zeigt  die  österreichische
Kriegsgesetzgebung  ein  der  deutschen  ähnliches,  aber
nicht  wesensgleiches  Bild.  Dieses  in  kurzen  Umrissen
zu  entwerfen,  ist  die  Aufgabe  der  folgenden  Zeilen.

I.  Den  Ausgangspunkt  der  Kriegsverordnungen
bildet  der  §  14  des  Staatsgrundgesetzes  vom  21.  Dezember
  1867,  der  die  Regierung  ermächtigt,  Anordnungen,
  zu  welchen  ansich  die  Zustimmung  des  Reichsrates
  erforderlich  ist,  im  Falle  dringender  Notwendigkeit
  ohne  solche  Zustimmung  zu  treffen,  wenn  der
Reichsrat  nicht  versammelt  ist.  Da  dies  während  des
gegenwärtigen  Krieges  bis  Ende  des  Jahres  1916
nicht  der  Fall  war,  so  sind  sämtliche  bis  dahin  erlassene
  österreichische  Kriegsgesetze  in  der  Form  von
kaiserlichen  Verordnungen  ergangen.  Jener  Bestimmung
  im  8  14  des  Staatsgrundgesetzes  kommt  also
im  österreichischen  Kriegsrecht  dieselbe  Bedeutung  zu
wie  im  deutschen  dem  §  3  des  sog.  Ermächtigungsgesetzes
  vom  4.  August  1914.  Eine  weitere  Möglichkeit
  zu  Kriegsmaßnahmen  gab  der  Regierung  das

Gesetz  vom  5.  Mai  1869,  wodurch  auf  Grund  von
Art.  20  des  Staatsgrundgesetzes  die  Befugnisse  der
verantwortlichen  Nesierungsgewalt  zur  Verfügung
eitweiliger  und  örtlicher  Ausnahmen  von  den  beg-ispees
  Gesetzen  bestimmt  werden.  Hierauf  beruhen

ie  Verordnungen  des  Gesamtministeriums  vom
25.  Juli  1914,  welche  gewisse  allgemeine  Rechte
der  Staatsbürger  —  Freiheit  der  Person,  Hausrecht.
  Briefgeheimmis.  Versammlungs-,  Vereins=  und
Preßfreiheit  —  zeitweilig  in  der  ganzen  österreichischen
Monarchie  suspendieren  und  Beschränkungen  im
Paßwesen  und  in  bezug  auf  den  Besitz  von  Waffen
  und  Munition  und  den  Verkehr  damit  für
Dalmatien,  Galizien,  die  Bukowina  sowie  für  Teile
von  Schlesien  und  Mähren  anordnen.

Vom  gleichen  Tage  ist  die  erste,  gemäß  §  14  des
Staatsgrundgesetzes  ergangene  kaiserliche  Verordnung,
  durch  die  Befugnisse  der  politischen  Verwaltung
  an  den  Höchstkommandierenden  der  Streitkräfte
  in  Bosnien,  der  Herzegowina  und  Dalmatien
übertragen  worden,  eine  Maßnahme,  die  unterm
31.  Juli  1914  in  gleicher  Weise  auf  den  Armee-Oberkommandanten
  für  Galizien,  die  Bukowina  und  Teile
von  Schlesien  und  Mähren  ausgedehnt  wurde.

II.  Das  zivilgerichtliche  Verfahren  wird  durch  eine
große  Zahl  von  Kriegsgesetzen  betroffen,  von  denen
nur  einige  der  wichtigsten  hervorgehoben  werden
sollen.  Zunächstistdie  kaiserl.  Verordnung  vom  29.  Juli

26“
        <pb n="490" />
        404

1914  über  Ausnahmebestimmungen  auf  dem
Gebiete  des  Verfahrens  in  bürgerlichen
Rechtsangelegenheiten  für  Militärpersonen
und  ihnen  Gleichgestellte  zu  nennen,  dem  für
die  Gerichte  vielleicht  wichtigsten  Hriegsgesepen  Sie
umgrenzt  zunächst  den  Begriff  der  Militärpersonen  und
stellt  ihnen  gleich  die  vom  Feinde  als  Gefangene  oder
Geißeln  festgenommenen  sowie  diejenigen  Personen,
die  sich  an  einem  Ort  aufhalten,  der  durch  den  Krieg
vom  Verkehr  mit  dem  Gericht  abgeschnitten  ist.  Sie
dehnt  die  nach  §  162  der  Osterreichischen  Zivilprozeßordnung
  zur  Kriegszeit  in  gewissen  Fällen  zulässige
Unterbrechung  zugunsten  der  Nebenintervenienten  aus
und  läßt  den  Ausspruch  der  Unterbrechung  durch  das
Gericht  selbst  nach  Beendigung  des  Verfahrens  zu,
wenn  dem  Gericht  hinterher  zur  Kenntnis  kommt,
daß  eine  Militärperson  als  Hauptpartei  oder  Nebenintervenient
  am  Verfahren  beteiligt  war.  Gegen  Militärpersonen
  werden  wegen  Geldforderungen  nur
Exekutionshandlungen  zur  Sicherung  und  einstweilige
  Verfügungen,  und  zwar  nur  mit  der  Beschränkung
  für  zulässig  erklärt,  daß  hierdurch  der  Militärperson
  weder  der  Besitz  beweglicher  Sachen  noch  der
Genuß  von  Lohn-oder  Gehaltsbezügen  entzogen  wird.
Eine  begonnene  Exekution  kann  aufgeschoben  werden.
Endlich  wird  bestimmt,  daß  im  Konkursverfahren  und
in  Angelegenheiten  des  Verfahrens  außer  Streitsachen
  für  die  an  diesem  Verfahren  beteiligten  Militärpersonen
  wie  für  Abwesende  zu  sorgen  ist.  Durch
die  Verordnung  des  Gesamtministeriums  vom  27.  November
  1914  ist  der  Säut  der  kaiserl.  Verordnung
vom  29.  Juli  1914  auf  die  Militärpersonen  des  Deutschen
  Reiches  erstreckt  worden,  wie  umgekehrt  durch
die  Verordnung  des  Bundesrats  vom  22.  Olktober
1914  das  Reichsgeieg.  betr.  den  Schutz  der  infolge  des
Krieges  an  der  Wahrnehmung  ihrer  Rechte  behinderten
  Personen,  vom  4.  August  1914  auf  Kriegsbeteiligte
  Osterreich-Ungarns  ausgedehnt  worden  war.
Endlich  sind  durch  die  Verordnung  des  Gesamtministeriums
  vom  15.  September  1914  zugunsten  von  Militärpersonen
  Ausnahmebestimmungen  auch  für  das
Verfahren  und  die  Fristen  in  Angelegenheiten  des
öffentlichen  Rechtes  erlassen  worden.

Mit  den  prozessualen  Fristen  und  Terminen  befaßt
sich  die  kaiserl.  Verdrdnung  vom  29.  August  1914.
Danach  kann  durch  Verordnung  der  Einfluß  der
kriegerischen  Ereignisse  auf  den  Lauf  von  Fristen  und
auf  die  Einhaltung  von  Terminen,  die  durch  bestehende
Vorschriften  oder  auf  Grund  solcher  durch  die  Behörde
gesetzt  sind,  sowie  auf  das  Verfahren  geregelt  werden.

öbesondere  kann  bestimmt  werden,  inwiefern  und
in  welcher  Weise  Rechtsnachteile,  die  durch  die  Versäumung
  von  Fristen  oder  Terminen  oder  sonst  infolge
  der  kriegerischen  Ereignisse  eintreten  können,
hintangehalten  und  bereits  entstandene  Rechtsnachteile
  wieder  beseitigt  werden.

Das  in  diesen  Zusammenhang  gehörige,  jetzt  in
der  Hauptsache  abgebaute  Moratorium  vom  31.  Juli,
13.  August,  27.  September  und  13.  Oktober  1914  ist
an  anderer  Stelles  besprochen,  weshalb  hier  von  einer
Darstellung  abgesehen  werden  kann.

Durch  die  kaiserliche  Verordnung  vom  17.  September
  1914  wurde  nach  dem  deutschen  Vorbild  die

—

1  Eisinger,  in  der  »Zeitschrift  für  Notariat  und  freiwillige
Gerichtisbarkeit  in  ÖOsterreich-,  1916,  S.  13.

2  Vgl.  Stolper,  Osterreich-Ungarns  Volkswirtschaftim  Krlege,
Bd.  I.  S.  518.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

Geschäftsaufsicht  eingeführt.  Sie  kann  von  dem
Schuldner  zur  Abwendung  des  Konkurses  beantragt
werden,  wenn  seine  Zahlungsunfähigkeit  durch  die
kriegerischen  Ereignisse  entstanden  oder  bei  diesem  Anlasse
  hervorgetreten  ist.  Auch  der  Glaubiger  ist  antragsberechtigt,
  wenn  er  den  Bestand  seiner  wenngleich
noch  nicht  fälligen  Forderung  und  weiter  bescheinigt,
daß  infolge  der  Gebarung  des  Schuldners  dessen  Gläubiger
  während  der  gesetzlichen  Gestundung  von  Forderungen
  gefährdet  sind.  Wird  dem  Antrag  stattgegeben,
  so  hat  das  Gericht  eine  oder  mehrere  Personen
zur  Beaufsichtigung  der  Geschäftsführung  des  Schuld-=ners
  zu  bestellen  und  die  Anordnung  der  Geschäftsaufsicht
  öffentlich  bekanntzumachen.  Durch  die  Verhängung
  der  Geschäftsaufsicht  wird  der  Schuldner
in  der  Vornahme  von  Geschäften  beschränkt,  aber  auch
gegen  Zwangsvollstreckungen  und  gegen  Eröffnung
des  Konkurses  geschützt.  Die  Aussichrbperson  hat  die
Geschäftsführung  des  Schuldners  zu  unlerstützen  und
zu  ÜMberwachen  sowie  die  vorhandenen  Mittel  zur
Fortführung  des  Geschäfts,  zur  Bestreitung  des
Lebensunterhalts  des  Schuldners  und  seiner  Familie
sowie  zur  Befriedigung  der  Gläubiger  unter  sinn.
gemäßer  Anwendung  der  Grundsätze  der  Konkursrrdnung
  zu  verwenden.

III.  Auf  strafrechtlichem  Gebiet  sind  aus  der  Zeit
unmittelbar  nach  Kriegsausbruch  zu  nennen:  die
kaiserl.  Verordnung  vom  25.  Juli  1914  über  die  Bestrafung
  der  Störung  desöffentlichen  Dientes
  oder  eines  öffentlichen  Betriebes  und

er  Verletzung  einer  Lieferungspflicht  und
von  demselben  Tage  die  Verordnung  über  die  zeitweilige
  Unterstellung  von  Zivilpersonen
unter  die  Militärgerichtsbarkeit  sowie  die
Verordnung  vom  7.  August  1914  über  den  Aufschub
  und  die  Unterbrechung  des  Vollzuges
von  Freiheitsstrafen,  wonach  der  Vollzug  von
allen  sechs  Monate  nicht  übersteigenden  Freiheitsstrafen
  an  Personen  aufgeschoben  wird,  die  zur  militärischen
  Dienstleistung  verpflichtet  sind.  Ferner  ist
hier  hin  zuweisen  auf  die  lkaiserlichen  Amnestieerlasse
  vom  26.  Juli,  7.  August  und  25.  August
1914.  Endlich  ist  zu  erwähnen  die  Verordnung  des
Justizministeriums,  durch  die  auf  Grund  der  oben
unter  II.  mitgeteilten  Verordnung  vom  29.  August
1914  über  den  Einfluß  der  kriegerischen  Ereignisse
auf  Fristen,  Termine  und  das  Verfahren  die  Wie.
dereinsetzung  im  Strafverfahren  wegen  des
Ausbruchs  des  Krieges  in  gewissen  Fällen  für
zulässig  erklärt  wird.

IV.  Das  Verkehrswesen  betreffen  die  Verordnungen
  des  Gesamtministeriums  vom  25.  u.  31.  Juli
1914,  womit  beschränkende  polizeiliche  Anordnungen
über  das  Paßwesen  erlassen  wurden;  die  Verordnung
  der  Ministerien  des  Handels  und  des  Innern
vom  25.  Juli  1914  über  die  Behandlung  der
Postsendungen,  wodurch  die  Sicherheitsbehörden
ermächtigt  werden,  Postsendungen  jeder  Art  ohne
Angabe  der  Gründe  mit  Beschlag  belegen  oder  eröffnen
  zu  lassen,  sowie  die  Verordnung  des  Gesamtministeriums
  vom  25.  Juli  1914  über  die  Einschränkung
  und  überwachung  des  Telegraphen-
  und  Telephonverkehrs.

In  das  Zeitungswesen  greifen  die  Verordnungen
  der  Ministerien  des  Innern  und  der  Justiz
vom  25.  Juli,  4.  August  und  7.  September  1914  ein.
durch  welche  die  in  Serbien,  Rußland,  Belgien,  Frankreich
  und  Großbritannien  erscheinenden  periodischen
        <pb n="491" />
        Warneyer:  Kriegsgesetzgebung  Osterreichs

Zeitschriften  verboten  und  die  Revision  der  von  dort
einlangenden  nicht  periodischen  angeordnet  wird;  die
Verordnung  derselben  Ministerien  vom  25.  Juli
1914,  womit  die  Veröffentlichung  militärischer  Nachrichten
  in  Druckschriften  ausdrücklich  verboten  wird;
endlich  die  kaiserliche  Verordnung  vom  3.  August
1914,  welche  die  Veröffentlichung  von  Nachrichten
  über  die  bewaffnete  Macht  des  Deutschen
  Reiches  in  Druckschriften  verbietet.

Die  Mehrarbeit,  die  sich  infolge  der  kriegerischen
Verwicklungen  in  vielen  Gewerbe=  und  Indutriezm
  eigen  nötig  machte,  führte  zu  den  kaiserlichen
Verordnungen  vom  31.  Juli  und  9.  August  1914,
durch  welche  die  Beschränkungen  der  Sonnund
  Feiertagsarbeit  im  Gewerbebetrieb  und  im
Bergbau  aufgehoben  oder  gemildert  werden  können.
Zur  Sicherstellung  der  Ernte-  und  Feldbestellungsarbeiten
  wurde  die  Regierung  schon
durch  die  kaiserliche  Verordnung  vom  5.  August  1914
ermächtigt.  Anordnungen  zu  erlassen.  vermöge  deren
Privatpersonen  zu  landwirtschaftlichen  Arbeiten  und
sonstigen  Hilfsleistungen  verhalten,  hierfür  geeignete
Organe  geschaffen  und  den  Gemeinden  zu  obigem
Zwecke  Verpflichtungen  auferlegt  werden  können,
also  schon  zu  Beginn  des  Krieges  ein  Geseh,  welches
als  Vorläufer  zu  dem  in  Deutschland  erst  Ende  1916

eschaffenen  Zivildienstgesetz  angesehen  werden  kann.
In  ähnlicher  Weise  wie  im  Deutschen  Reich  und  annähernd
  zu  derselben  Zeit,  nämlich  am  28.  November
1914.  erging  in  Osterreich  mit  der  Verordnung  vom
28.  November  1914  ein  Höchstpreisgesetz,  welches
die  Landesbehörden  anweist,  für  den  Großhandel  mit
Weizen,  Noggen,  Gerste  und  Mais  Höchstpreise  festzusenen,
  Weitere  Maßnahmen  zum  Schutze  der
ersorgung  der  Bevölkerung  enthalten  die
kaiserlichen  Verordnungen  vom  1.  August  1914  und
7.  August  1915,  durch  die  für  die  Dauer  der  durch
den  Kriegszustand  verursachten  außerordentlichen
Verhälltnisse  Bestimmungen  über  die  Versorgung  der
Bevölkerung  mit  unentbehrlsichen  Bedarfsgegenftänden
  getroffen  werden;  insbesondere  werden  die  Landesbehörden
  zur  Aufnahme  der  Vorräte  und  zu  deren
Einforderung  und  Beschlagnahme  ermächtigt;  im
Handel  mit  Lebensmitteln  wird  die  Ersichtlichmachung
und  Festsetzung  der  Preise  angeordnet  und  der  Marktverkehr
  sichergeslellt;  die  Verlepung  einer  Lefterungs-Pflicht,
  die  einer  öffentlichen  Behörde  gegenüber  begründet
  ist,  wird  unter  Strafe  gestellt;  ebenso  die
erheimlichung  von  Vorräten  an  unentbehrlichen
Bedarfsgegenständen  sowie  endlich  das  Fordern  übermäßiger
  Preise  für  solche.  Dem  Zwecke,  Preistreibereien
  hintanzuhalten,  dient  auch  die  kaiserliche  Verordnung
  vom  12.Oktober  1914,  die  das  alte  Wucher-9a
  etz  vom  28.  Mai  1881  durch  ein  neues  ersetzt.
er  Kreis  der  unter  den  Begriff  des  Wuchers  fallenden
  Geschäfte  wird  bedeutend  erweitert;  insbesondere
wird  nicht  nur  der  Kredit-,  sondern  auch  der  Sachwucher
  für  strafbar  erklärt,  wenn  er  gewerbsmäßig
betrieben  wird;  an  Stelle  des  Wortes  -Notlages  tritt
der  weitere  Begriff  der  „Zwangslagee;  der  Ss  des
Wuchereinwands  steht  nicht  mehr,  wie  bisher,  nur  dem
Nichtkaufmann,  sondern  auch  dem  Kaufmann  zu  auch
er  soll  gegen  Ausbeutung  geschützt  sein.  Jeder  wucherische
  Heunrag  wird  für  nichtig  erklärt,  gleichviel  ob
es  sich  um  strafbaren  oder  nur  zivilrechtlichen  Wucher
handelt.

V.  Das  neue  Wuchergesetz  ist  nicht  bloß  für  die

Kriegszeit  berechnet,  sondern  soll  dauerndes  Recht

405

schaffen;  es  war  schon  vor  Ausbruch  des  Krieges  vorbereitet
  und  hätte  ohne  diesen  aller  Wahrscheinlichkeit
nach  auf  normalem  gesetzgeberischen  Wege  Gesetzeskraft
  erlangt.  Da  sein  Erlaß  aber  gerade  infolge  der
mit  dem  Krieg  zusammenhängenden  Preistreibereien
wünschenswert  erschien,  ist  es  um  Wege  der  Notverordnung
  auf  Grund  von  §  14  des  Staatsgrundgesetzes
erlassen  worden.  Dasselbe  Schicksal  hatten  noch  zwei
andere  bedeutsame  Entwürfe,  die,  vor  dem  Kriege
bereits  fertiggestellt,  aber  von  den  gesetzgebenden  Gewalten
  noch  nicht  verabschiedet,  unter  dem  Zwange
der  Kriegszeit  im  Verordnungswege  ganz  oder  zum
Teil  veröffentlicht  wurden.  Das  letztere  gilt  von  dem
im  Herrenhaus  bereits  beschlossenen  Entwurf  einer
Novelle  zum  allgemeinen  bürgerlichen  Gesetzbuch,  von
dem  durch  die  kaiserlichen  Verordnungen  vom  12.Oktober
  1914,  22.  Juli  1915  und  19.  März  1916  drei
Ubschnitte  als  Teilnovellen  zum  allgemeinen
bürgerlichen  Gesetzbuch  erlassen  wurden.  Die
erste  enthält  einschneidende  Anderungen  auf  dem  Gebiete
  des  Personen-,  Familien=  und  Erbrechts,  die  infolge
  des  Krieges  besonders  dringend  und  wünschens.
wert  erschienen.  Einmal  werden  die  Fristen  für  die  Todeserklärung
  abgekürzt  (vgl.  -Kriegsverschollenheite,
Bd.  III,  lexikalischer  Teil),  sodann  die  Fürsorgebestimmungen
  für  Minderjährige  erweitert,  die  Rechtsstellung
  der  unehelichen  Kinder  verbessert;  Frauen
werden  als  Vormünder  zugelassen,  und  das  Institut
des  Vormundschaftsrates  wird,  ähnlich  dem  des  Gemeindewaisenrats
  im  deulschen  BGB.,  eingeführt;
endlich  wird  das  gesetzliche  Erbrecht  des  Überlebenden
Ehegatten  erweitert.  das  der  Verwandten  eingeschränkt.
Die  zweite  Teilnovelle  ändert  die  Bestimmungen  des
allgemeinen  BGB.  über  die  Erneuerung  und  Berichtigung
  der  Grenzen  ab.  Die  dritte  endlich,  die
umfänglichste  und  bedeutungsvollste,  bezieht  sich  auf
alle  Teile  des  allgemeinen  BGB.  und  enthält  in  nicht
weniger  als  202  Paragraphen  Anderungen,  die  nicht
unmittelbar  durch  den  Krieg  veranlaßt  wurden,  deren
Vornahme  die  Regierung  jedoch  bei  der  langen  Dauer
des  Krieges  nicht  mehr  aufschieben  zu  dürfen  glaubte.
Das  Personenrecht  wird  nur  von  drei  Neuerungen
betroffen:  Der  Name  wird  in  ähnlicher  Weise  wie  in
§  12  des  BGB.  für  das  Deutsche  Reich  geschützt  und
die  Verpflichtungsfähigkeit  Minderjähriger  sowie  die
Anfechtung  der  Ehelichkeit  werden  neu  geregelt.  Erkelich
  zahlreicher  sind  die  Underungen  des  Sachen=  des
Erb=  und  des  Obligationenrechts.  Hier  handelt  es  sich
um  Sestiamungen  von  teilweise  sehr  einschneidender
Natur,  wie  die  Begründung  der  Eigentümerhypothek,
die  ergänzenden  Vorschriften  über  Veräußerungs-  und
Belastungsverbote,  die  Abänderung  der  Form  eines
außerordentlichen  letzten  Willens  und  die  völlige  Neuregelung
  des  Dienst-,  Werk-  und  Verlagsvertrags.
Der  zweite  Entwurf,  der  bereits  seit  längerer  Zeit
fertiggestellt  war  und  infolge  des  Krieges  auf  Grund
der  Ausnahmebestimmung  in  §  14  des  Staatsgrundesetzes
  publiziert  wurde,  betrifft  das  Konkursrecht.
enn  die  Regierung  sich  entschloß,  ein  so  großes  und
bedeutsames  Gesetzeswerk,  als  welches  sich  die  neue
Konkurs-,  Ausgleichs=  und  Anfechtungsordnung
  darstellt,  im  Wege  der  Notverordnung  zu
erlassen,  so  mußte  sie  besondere  Gründe  zur  Beschleunigung
  gerade  dieser  Reform  haben.  Solche  lagen
in  der  Tat  auch  vor.  Arnold  Lehmann  gibt  in  seinem
  großen  Kommentar  zur  neuen  Konkursordnungt,

1  Wren  1916.
        <pb n="492" />
        406

nachdem  er  die  Unzulänglichkeit  der  Konkursordnun

vom  25.  Dezember  1868  erörtert  hat,  auf  S.  XXI
die  Begründung  der  amtlichen  Denkschrift  wie  folgt
wieder:  „Unausfschiebbar  ist  diese#  —  seit  langem  geplante
  und  vorbereitete  —  „Reform  durch  den  Eintritt
  des  Kriegszustandes  im  Sommer  1914  geworden.
  Die  zeitweilige  Unterbindung  des  Außenhandels,
der  Stillstand  vieler  gewerblicher  Betriebe,  die  völlige
Verschiebung  in  den  e  und  Verbrauchsverhältnissen,
  die  geminderte  Kaufkraft  weiter  Bevölkerungsschichten,
  alles  das  zusammen  bewirkt  eine  tiefgreifende
Störung  in  der  Abwicklung  des  Zahlungsverkehrs
und  läßt  zahlreiche  Fälle  von  Zahlungseinstellungen
befürchten.  Zwar  ist  durch  die  kaiserlichen  Verordnungen
  über  die  Stundung  privatrechtlicher  Geldforderungen
  sowie  über  die  Einführung  der  Geschäftsaufsicht
  diese  Gefahr  wesentlich  beschränkt  worden,
allein  der  mit  der  allmählichen  Wiederkehr  geordneter
wirtschaftlicher  Verhältnisse  eintretende  stufenweise
Abbau  des  Moratoriums  läßt  doch  die  Besorgnis
nicht  unbegründet  erscheinen,  daß  die  Aufnahme  der
vollen  Zahlungsverpflichtung  den  Zustand  der  gid
lungsunfähigkeit  einer  größeren  Anzahl  von  Wirtschaftssubjekten
  zutage  fördern  wird.  Unter  diesen
Umständen  glaubt  die  Regierung  den  Fortbestand  des
geltenden,  in  der  Offentlichkeit  allgemein  als  ungenügend
  und  reformbedürftig  bezeichneten  Konkursrechtes
nicht  verantworten  zu  können,  um  so  mehr,  als  das
Justizministerium  bei  Ausbruch  des  Krieges  unmittelbar
  vor  Abschluß  einer  seit  langem  sorgfältig  vorbereiteten
  Arbeit  stand,  die  den  gesetzgebenden  Gewalten
ur  Genehmigung  unterbreitet  werden  sollte.«  So  ersocgte
  auf  Grund  des  §14  des  Staatsgrundgesetzes  vom
21.  Dezember  1867  mit  gemeinsamer  Einführungsverordnung
  vom  10.  Dezember  1914  die  Publikation
der  neuen  Konkursordnung,  der  Ausgleichsordnung
und  der  Anfechtungsordnung.  Das  Inkrafttreten  dieser
  Gesetze  wurde  auf  den  1.  Januar  1915  festgesetzt.
VI.  Da  die  Feinde  der  Mittelmächte  alsbald  nach
Ausbruch  des  Weltkrieges  den  Kampf  auch  auf  das
Gebiet  der  rein  wirtschaftlichen  und  privatrechtlichen
Verhältnisse  hinüberspielten  und  sich  hierbei  in  rücksichtsloser
  Weise  über  die  bis  dahin  allgemein  anerkannten
  Grundsätze  des  Völkerrechts  hinwegsetzten,
sah  sich  Osterreich,  ebenso  wie  Deutschland,  gezwungen,
auf  dem  Wege  der  Retorsion  zu  wirtschaftlichen  Gegenmaßnahmen
  zu  schreiten.  Durch  die  kaiserliche  Verordnung
  vom  16.0ktober  1914,  betr.  Vergeltungsmaßregeln
  auf  rechtlichem  und  wirtschaftlichem
  Gebiete  anläßlich  der  kriegerischen  Ereignisse,
wurde  die  Regierung  ermächtigt,  kraft  des  Vergeltungsrechtes
  Verfügungen  rechtlicher  oder  wirtschaftlicher
  Art  Über  die  Behandlung  von  Ausländern  und
ausländischen  Unternehmungen  zu  erlassen  und  Maßregeln
  zu  treffen,  die  geeignet  sind,  die  unmittelbare
oder  mittelbare  Vollziehung  von  Leistungen  in  das
feindliche  Ausland  zu  verhindern.  Gleichzeitig  wurden
  die  Zuwiderhandlungen  gegen  die  hiernach  zu
erlassenden  Vorschriften  mit  der  Strafe  des  strengen
Arrestes  bis  zu  einem  Jahr  bzw.  mit  Geldstrafe  bis
zu  50000  Kronen  bedroht.  Auf  Grund  dieses  Rahmen=
  oder  Mantelgesetzes  sind  bereits  am  22.  Oktober
1914  drei  Verordnungen  des  Gesamtministeriums
ergangen,  welche  die  eigentlichen  Vergeltungsmaßregeln
  enthalten.  Die  erste  erklärt  es  für  zulässig,  die
Befriedigung  von  Ansprüchen,  die  Angehörigen  feindlicher
  Staaten  aus  Guthaben  und  Forderungen  gegen
im  Inland  tätige  Unternehmungen,  Einzelpersonen

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

und  Körperschaften  zustehen,  zu  verbieten  und  die
Hinterlegung  der  geschuldeten  Sachen  bis  auf  weiteres
  anzuordnen.  Die  zweite  Verordnung  enthält
ein  Zahlungsverbot  gegen  Großbritannien
und  Frankreich  und  verbietet,  an  Angehörige  dieser
feindlichen  Staaten  und  ihrer  Kolonien  sowie  an
Personen,  die  dort  ihren  Wohnsitz  haben,  mittelbar
oder  unmittelbar  in  bar,  in  Wechseln  oder  Schecks.
durch  Überweisung  oder  in  sonstiger  Weise.  Zahlungen
zu  leisten  sowie  Geld  oder  Wertpapiere  micktlbor  err
unmittelbar  nach  diesen  Gebieten  zu  überweisen.  Das
Verbot  gilt  auch  gegen  jeden  Erwerber  des  Apspruchs.
der  ihn  nach  dem  13.  August  1914  oder,  wenn  er  im
Inland  seinen  Wohnsitz  hat,  nach  Inkrafttreten  der
Verordnung  erworben  hat.  Zahlungs=  und  Verfalleit
  von  Wechseln  und  Schecks,  die  unter  das  Verbot
sallen-  werden  bis  auf  weiteres  hinausgeschoben.  Verzugszinsen
  sind  für  die  Dauer  des  Berbots  aus.
geschlossen.  Dem  Schuldner  wird  nachgelassen,  sich
durch  Hinterlegung  des  geschuldeten  Betrags  dei  der
Osterreichisch-Ungarischen  Bank  oder  bei  der  Postsparkasse
  zu  befreien.  Das  Verbot  findet  keine  Anwendung
  auf  Zahlungen  im  Inland  an  Angehörige  der
obengenannten  feindlichen  Staaten,  die  im  Inland
ihren  Wohnsitz  haben,  oder  an  Zweigniederlassungen
ausländischer  Unternehmungen,  die  sich  im  Inland
befinden.  Durch  die  Verordnung  des  Finanzministers
vom  28.  Oktober  1914  sind  weiter  für  zulässig  erklärt
Zahlungen,  die  zur  Erlangung  oder  Aufrechterhaltung
  von  Patenten,  Muster=  oder  Markenrechten  in
den  erwähnten  feindlichen  Ländern  notwendig  sind.
Das  Zahlungsverbot  ist  mit  der  Verordnung  vom
14.  Dezember  1914  auf  russische  Untertanen  ausgedehnt
  worden.  Die  driite  Vergeltungsmaßregel
vom  22.  Oktober  1914  betrifft  die  überwachung
ausländischer  Unternehmungen.  Danach  können
  für  solche  in  Österreich  tätige  Unternehmungen
bber  #ireisealine  von  Unternehmungen.,  die
vom  feindlichen  Ausland  aus  geleitet  oder  beaufsichtigt
  werden,  sowie  für  solche  Unternehmungen,  deren
Erträgnisse  ganz  oder  zum  Teil  in  das  feindliche  Ausland
  abzuführen  sind,  auf  Kosten  der  Unternehmungen
Aufsichtspersonen  bestellt  werden,  die  darüber  zu
wachen  haben,  daß  während  des  Krieges  der  Geschäftsbetrieb
  nicht  in  einer  den  inländischen  Interessen  widerstreitenden
  Weise  geführt  wird.  Gelder  oder  sonstige
Vermögenswerte  eines  unter  Aussicht  gestellten  Unternehmens
  dürfen  weder  mittelbar  noch  unmittelbar  im
das  feindliche  Ausland  abgeführt  oder  überwiesen
werden;  doch  können  die  Anfsichtspersonen  Ausnahmen
  zulassen.  Diese  Verordnung  wurde  namentlich
gegenüber  ausländischen  Versicherungsgesellschaften
angewendet.  Nach  einer  Angabe  von  Eidlitzt  sind  die
Versicherungsverträge  derselben  auf  österreichische  Gesellschaften
  übertragen  worden.

VII.  Zum  Schlusse  sei  noch  auf  eine  Verfügung
hingewiesen,  der  bis  jetzt  eine  ähnliche  in  Deutschland
nicht  zur  Seite  gestellt  werden  kann,  obwohl  sie  von
hohem  sozialen  Wert  ist,  nämlich  die  kaiserliche  Verordnung
  vom  29.  Februar  1916  zur  Aufrechterhaltung
  der  privaten  Dienstverhältnisse
während  des  Krieges.  Dieselbe  soll  Dienstnehmern,
  die  zur  Verteidigung  des  Vaterlandes  aufgerufen
  wurden,  die  Rückkehr  in  ihr  früheres  Dienstverhältnis
  zusicherns.  Sie  gilt  aber  nur  für  solche

1  In  Necht  und  Wirtschafte,  4.  Jahrg.,  S.  28.—  Ggi.  Mayers#
Aufsaz  in  der  Deutschen  Juristen-Zeitunge,  1916,  S.  385.
        <pb n="493" />
        Stolper:  Kriegsfürsorge  in  Osterreich-Ungarn

Dienstnehmer,  die  dem  Handlungsgehilfengesetz  vom
16.  Januar  1916  unterliegen.  Voraussetzung  für
ihre  Anwendung  ist,  daß  das  Dienstwerhältnis,  aus
dem  heraus  sie  einberufen  worden  sind,  am  25.  Juli
1914  bereits  einen  Monat  hindurch  bestanden  hat.
Ist  das  der  Fall,  so  darf  keiner  der  beiden  Vertragsteile
  das  Dienstverhältnis  während  der  Dauer  der
militärischen  Dienstleistung  des  Dienstnehmers  kündigen.
  Auch  Vereinbarungen  über  eine  einverständliche
  Lösung  des  Dienstverhältnisses  sind  während
dieses  Zeitraumes  ausgeschlossen.  War  aber  das  Dienstverhältnis
  bereits  vor  dem  1.  Januar  1916  durch
Einverständnis,  Kündigung  oder  gerichtliche  Entscheidung
  erloschen,  so  findet  das  Gesetz  keine  Anwendung.
  Seine  Rückwirkung  erstreckt  sich  nur  bis
zum  1.  Januar  1916.  Es  betrifft  also  nur  die  mindestens
  einen  Monat  vorm  25.  Juli  1914  begründeten
  Dienstverhältnisse,  deren  Bestand  mangels  einer

407

wirksam  gewordenen  Lösungserklärung  in  der
Schwebe  geblieben  ist.

Literatur.  K.  Forchheimer,  Gesetze  u.  Verordnungen
für  die  Zeit  des  Krieges  (Wien  1914);  E.  Tillu.  F.  M.  Wolf,
Teilnovelle  zum  allgem.  BGB.  vom  12.0Okt.  1914  (das.  1915);
A.  Lehmann,  Kommentar  zur  sterr.  Konkurs-,  Ausgleichsund
  Anfechtungsordnung  (das.  1916);  M.  Weiser,  Preistreiberei
  u.  ähnliche  Delikte  (das.  1915):  Eidlit,  Die  wirtschaftl.
  Retorsionen  in  Osterreich  (Recht  u.  Wirtschaft-,  IV,
S.  27);  Engel,  Die  Kriegsbereitschaft  Osterreichs  auf  dem
Gebiete  der  Geseßgebung  („Recht  und  Wirtsch.-,  IV,  S.  67);
Abel,  Einfluß  des  Krieges  auf  Zivilrecht  u.  Zivilprozeß  in
Österreich  (#  Jurise.  Wochenschr.-,  1915,  S.  902;  1916,  S.
229):  Eisinger,  Der  Schuß  der  Kriegoteilnehmer  nach  der
kais.  Verordnung  vom  29.  Juli  1014  („Zeitschrift  f.  d.  Notariat
umd  freiw.  Gerichtsbarkeit  in  Osterreich-,  1916,  S.  13,  23,
31,  45,  55,  61);  Kreis,  Der  Wuchervertrag  nach  der  kais.
Verordnung  vom  12.  Okt.  1914  (ebd.,  S.  77);  Mayer,  Die
Aufrechterhaltung  der  privaten  Dienstverhältnisse  während  des
Krieges  in  Österreich  (  Deutsche  Jur.-Zig.-,  1916,  S.  384).

Kriegsfürforge  in  Osterreich-Angarn
von  Dr.  Gustad  Stolper,  Herausgeber  des  Osterreichischen
Volkswirt=  in  Wien

Die  Aufgaben  der  Kriegsfürsorge  haben,  wie  fast
alle  mit  dem  Krieg  zusammenhängenden  Aufgaben,
durch  seine  lange  Dauer  und  ungeheure  Ausdehnung
eine  Wandlung,  aber  auch  eine  ungeahnte  Erweiterung
  erfahren.  In  den  ersten  Kriegswochen  schien
neben  der  Versorgung  der  Familien  eingerückter  Krieger
  vor  allem  die  Bekämpfung  der  Arbeitslosigkeit
das  Hauptziel  der  Kriegsfürsorge.  Durch  Ausdau
der  Arbeitsvermittlung,  künstliche  Schaffung  von
Arbeitsgelegenheit,  Unterstützung  der  Organisationen
sollte  dem  Notstand  gesteuert  werden.  Aber  auch  die
private  Kriegsfürsorge  hat  sich  zunächst,  solange  der
Kreis  der  vom  Krieg  unmittelbar  Betroffenen  verbältnismäßig
  klein  war,  hauptsächlich  der  in  der  Heimat
  Verbliebenen  angenommen.  In  dieser  Hinsicht
ist  es  bezeichnend,  daß  lange  Zeit  der  Witwen-  und
Baisenfürsorge  Fond-  von  allen  Sammlungen  den
höchsten  Spendenstand  aufzuweisen  hatte.  Allmählich
hat  sich  das  geändert.  Andere,  größere  Aufgaben
traten  in  den  Vordergrund.  Die  Arbeitslosigkeit
wurde  überwunden  und  bald  sogar  durch  eine  Überbeschäftigung
  der  zurückgebliebenen  Arbeitskräfte  abelbst;

  aber  ihre  Versorgung  wurde  in  dem  Maß
chwieriger,  als  die  Teuerung  wuchs  und  die  ursprünglichen
  Unterhaltsbeiträge  nicht  mehr  genügten.  Neue
Aufgaben  traten  hinzu,  als  nach  einigen  Kriegsmonaten
  die  Frage  der  Invalidenfürsorge  in  ihrer
wachsenden  Bedeutung  auftauchte,  als  die  dauernd
Invaliden  in  immer  größerer  Zahl  aus  den  Spitälern
entlassen  wurden,  als  im  ersten  Jahr  die  Gefahr  der
Kriegsseuchen  immer  drohender  ihr  Haupt  erhob
und  schließlich  als  für  einige  hunderttausend  Flüchtlinge
  aus  den  vom  Feind  besetzten  Gebieten  gesorgt
werden  mußte.  Dadurch  hat  das  Gebiet  der  Kriegsfürsorge
  einen  Umfang  angenommen,  der  zu  Beginn
des  Krieges  nicht  vorhergesehen  werden  konnte.  Im
krober  und  ganzen  ist  das  Problem  in  Osterreich  und

ngarn  befriedigend,  auf  manchen  Gebieten,  insbesondere
  auf  dem  der  sozialen  Hygiene,  sogar  in  hervorragender
  Weise  gelöst  worden.  Daß  es  namentlich
in  der  ersten  Kriegszeit  nicht  an  Versäumnissen  gefehlt
hat,  daß  manche  Maßnahme  größere  Raschheit  und

Energie  der  Entscheidung  erfordert  hätte,  ist  angesichts
der  Größe  der  Aufgaben  und  des  Mangels  an  Vorbereitung
  kaum  zu  vermeiden  gewesen.  Wenn  die  Organisation
  öffentlicher  Tätigkeit  auf  einem  dem  Umfang
  und  zum  Teil  der  Sache  nach  unbekannten  Gebiet
  mit  oft  unzureichenden  Kräften  inprovisiert  werden
  muß,  kann  es  an  Härten  und  Mängeln  nichtfehlen.

I.  Die  Grundlage  für  die  Unterstützung  der  Ungehörigen
  von  Mobilisierten  bildetin  OÖsterreich
das  Gesetz  vom  Dezember  1912:  REl.  Nr.  2377.
Anspruchsberechtigt  auf  den  Unterhaltsbeitrag  aus
Staatsmitteln  sind  die  Ehefrau  und  die  ehelichen  Nachkommen,
  die  ehelichen  Vorfahren.  Geschwister  und
Schwiegereltern,  die  unehelichen  Mütter  und  unehelichen
  Kinder  des  Einberufenen,  dagegen  nicht  seine
uneheliche  Gefährtin.  Während  des  Krieges  wurde  der
Kreis  der  Anspruchsberechtigten  auf  die  Wahlkinder
und  Wahleltern  sowie  auf  die  Eltern  der  unehelichen
Mutter  des  Eingerückten  ausgedehnt.  Der  Anspruch
auf  den  staallichen  Unterhaltsbeitrag  besteht,  wenn  der
Unterhalt  dieser  Personen  im  wesentlichen  vom  Arbeitseinkommen
  des  Einberufenen  abhängig  gewesen
ist.  Der  Anspruch  besteht  nicht,  wenn  nach  den  wirtschaftlichen
  Verhältnissen  des  Einberufenen  mit  Grund
anzunehmen  ist,  daß  durch  die  Einberufung  der  Unterhalt
  der  Angehörigen  nicht  gefährdet  ist,  oder  wenn
der  Einderufene  einen  Rechtsanspruch  auf  die  Fortzahlung
  des  Lohnes  oder  Gehaltes  hat.  Der  Unterhaltsbeitrag
  besteht  in  einer  Unterhattsgebühr  in  der
Höhe  der  staatlichen  Vergütung  für  die  Militärdurchzugsverpflegung
  und  einem  Mietzinsbeitrag  in  der
halben  Höhe  der  Unterhaltsgebühr.  (Zunächst  betrug
z.  B.  in  Wien  die  Unterhaltsgebühr  88  Heller,  der  Mietbeitrag
  44  Heller,  der  gesamte  Unterhaltsbeitrag  somit
1,32  Kronen  auf  den  Tag,  für  Kinder  unter  8  Jahren
die  Hälfte.)  Für  breite  Kreise  von  Festangestellten  ist
übrigens  durch  das  Handlungsgehilfengesetz  vom

1  Die  Fürsorgemaßnahmen  und  ihre  gesetylichen  Grundlagen
stimmen  in  Ungarn  mit  denen  Osterreichs  im  weitesten  Umfang
  überein,  was  sich  nicht  nur  aus  der  allgemeinen  Parallelität
  der  Kriegsmaßnahmen  in  beiden  Staaten  der  Monarchie,
sondern  insbesondere  aus  der  Gemeinsamkeit  der  Heeresverwaltung
  erklärt.  Doch  sind  dank  der  Tatsache,  daß  Ungarn  nur
zum  kleinsten  Teil  Kriegsgebiet  gewesen  ist,  viele  Aufgaben  nicht
annähernd  zu  der  Bedeutung  gelangt  wie  in  Österreich  (so  die
Flüchtlingsfuürsorge,  die  Seuchenbekämpfung  u.  a.).
        <pb n="494" />
        408

Jahre  1910  und  durch  das  Güterbeamtengesetz  von
1914  die  Fortzahlung  des  vollen  Gehaltes  durcheeinige
Wochen  nach  dem  Einrücken  zur  militärischen  Dienstleistung
  gesichert.  Die  Auszahlung  des  Unterhaltsbeitrages
  erfolgt  durch  die  Gemeinden.  Diese  selbst
beschränken  sich  auf  die  laufende  Unterstützung  bei
dauernder  Notlage  solcher  Angehöriger  von  Einberufenen,
  denen  kein  Anspruch  auf  den  staatlichen  Unterhaltsbeitrag
  zusteht.  —  Während  der  staatliche  Unterhaltsbeitrag
  in  den  ersten  Kriegswochen  verhältnismäßig
  reichlich  bemessen  schien.  hat  er  sich  allmählich
infolge  der  Umwandlung  aller  Preisverhältnissemehr
und  mehr  als  ungenügend  erwiesen.  Durch  Gesetz
vom  27.  Juli  1917  Rel.  313  wurde  er  daher  ohne
Rücksicht  auf  das  Alter  der  anspruchsberechtigten  Person
  auf  2  Kronen  für  Wien  bzw.  1,80  und  1,60  Kronen
für  die  übrigen  Orte,  höchstens  12  Kronen  für  den
Haushalt  erhöht.  —  Im  Gegensatz  zum  Unterhaltsbeitrag
  der  Angehörigen  von  Eingerückten  beruht  die
Versorgung  der  Angehörigen  von  im  Krieg  Gefallenen
oder  Vermißten  und  die  von  Invaliden  auf  veralteten
Bestimmungen  aus  den  1880er  und  1890er  Jahren,
die  ganz  ungenügende  Unterstützungssätze  vorsehen.
Da  die  Vintekbliebenen.  und  Invalidenversorgung  in
Österreich-Ungarn  sowie  in  allen  kriegführenden  Staaten
  nach  dem  Krieg  eine  völlige  Neuregelung  erfahren
wird,  hat  eine  kaiserliche  Verordnung  vom  12.  Januar
1915  bestimmt,  daß  an  die  Angehörigen  von  Kriegsefallenen
  sowie  an  jene  Invaliden,  die  außerstande
sind,  für  den  Unterhalt  ihrer  Angehörigen  hinreichend
zu  sorgen,  die  Unterhaltsbeiträge  statt  bis  sechs  Monate
  nach  dem  Tod  des  Ernährers  bzw.  der  Entlassung
  aus  dem  Heeresverband  bis  sechs  Monate  nach
Eintritt  der  Demobilisierung  weiter  bezahltwerden.  Wo
sich  eine  Unterstützung  über  den  Rahmen  des  Unterbaltsbeitrages
  hinaus  als  notwendig  erweist,  wird  eine
rgänzung  aus  den  verschiedenen  aus  Privatmitteln
aufgebrachten  Fonds  gewährt,  worüber  das  Kriegshilfsbureau
  des  Ministeriums  des  Innern  enischeidet.
II.  Die  Grundlage  der  staatlichen  Fürsorge  für
Kriegsinvalide  bildet  in  Österreich  der  Erlaß  des
Ministers  des  Innern  an  die  Landeschefs  vom  16.
Februar  1915,  in  Ungarn  der  Gesechesartie  XV  vom
Jahre  1915.  Dadurch  wurden  in  Osterreich  »Landeslommissionen
  zur  Fürsorge  für  die  heimkehrenden
Kriegere  in  allen  Landeshauptstädten,  in  Ungarn
ein  eigenes  Invalidenamt  gegründet.  Als  Zweck
wurde  in  Osterreich  bezeichnet  1)  die  wirksame  Sonder-Nachbehandlung
  der  verwundeten  und  erkrankten
  Krieger,  um  1  Arbeitsfähigkeit  in  möglichst
hoheem  Grad  wiederherzustellen;  2)  die  Einrichtung
und  Unterstützung  von  Schulen  zur  Ausbildung  in
den  Berufen,  zu  denen  sich  die  Invaliden  eignen;
3)  die  Arbeitsvermittlung.  Die  Einrichtung  dieser
Organisation  wurde  nach  Kronländern  gebildet,  um
die  Mitarbeit  der  Bevölkerung  im  Dienst  der  gestellten
  Aufgaben  zu  fördern,  was  eine  streng  zentralisierte,
  auf  die  provinziellen  Besonderheiten  weniger
Bedacht  nehmende  Organisation  erschwert  hätte.  Die
notwendige  Einheitlichkeit  ist  durch  die  Oberleitung
des  Ministeriums  des  Innern  gesichert,  dem  für  diese
Angelegenheiten  ein  besonderer  Beirat  zur  Seite  steht.
Den  Landeskommissionen  gehören  an:  Vertreter  der
politischen  Landesbehörde,  der  Militärverwaltung,  der
autonomen  Landesverwaltung,  der  Landesorganisation
  des  Roten  Kreuzes,  der  Sozialversicherungsinstitute
  (Krankenkassen  und  Unfallversicherungsanstalten),
  serner  je  nach  lokalen  Bedürfnissen  Vertreter

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

der  Landesstädte,  ärztlicher  und  anderer  beteiligter
Organisationen.  Die  Abgrenzung  der  Tätigkeit  der
Landeskommissionen  gegenüber  der  Militärverwaltuann
  wurde  so  vorgenommen.  daß  diese  für  die  erste
Heilung  allein  zu  sorgen  hat.  Die  weiterhin  pflegebedürstigen
  Invaliden  sind  im  Fall  ihrer  militärischen
Untauglichkeit  nicht  zu  superarbitrieren,  sondern  so
lange  im  Militärverband  zu  belassen.  bis  die  von  den
Kommissionen  eingeleitete  Nachbehandlung  und  Schulung
  beendet  ist.  Die  Zuweisung  der  Invaliden  erfolgt
  nach  Tunlichkeit  an  ihre  Heimatprovinzen,  damit
  Nachbehandlung  und  Schulung  möglichst  in  der
heimischen  Umgebung  durchgeführt  werden.  Die
Landeskommissionen  verfügen  sodann  die  Zuteilung
der  Pfleglinge  an  die  einzelnen  Anstalten.  Mannschaftspersonen,
  die  sich  weigern,  sich  der  Nachbehand.
lung  ordnungsmäßig  &amp;amp;  unterziehen,  wird  die  Invalidenrente
  entzogen.  Die  anfänglich  nur  auf  äußere
Verletzungen  und  Verwundungen  beschränkte  Fürsorge
  wurde  durch  Erlaß  vom  15.  Oktober  1915  auch
auf  die  Nachbehandlung  von  inneren  Erkrankungen
ausgedehnt.  Mit  einer  wichtigen  Teilaufgabe  auf
diesem  Gebiet  befaßt  sich  die  im  Mai  1916  beim  Ministerium
  des  Innern  gegründete  „Osterreichische  Vereinigung
  zur  Bekämpfung  der  Tuberkulose-,  die
hauptsächlich  Anstalten  zur  Heilbehandlung  für  tuberkulöse
  Krieger  in  ausreichender  Zahl  und  Ausdebnung
  sicherzustellen  hat  (s.  unten).  Die  finanzielle  Last
der  Fürsorge  wird  in  der  Art  verteilt,  daß  das  persön.
liche  Erfordernis  für  die  Nachbehandlung  und  Schulung
  einschließlich  der  Beschaffung  künstlicher  Gliedmaßen
  und  sonstiger  orthopädischer  Behelfe  für  die
Höchstdauer  eines  Jahres  in  jedem  einzelnen  Fall
und  für  die  Zeit  bis  zur  Durchführung  der  Demobilisierung
  vom  (gemeinsamen  österreichisch-  ungarischen)
  Militär-Arar,  dagegen  das  sachliche  Erfordernis
  für  die  Errichtung,  Einrichtung  und  Erhaltung
von  Heil-  und  Erholungsstätten  oder  Schulen  von
jedem  der  beiden  Staaten  der  Monarchie  gesondert  zu
bestreiten  ist.  Wenn  die  Nachbehandlung  nicht  in  einer
Unstalt  der  Militärverwaltung,  sondern  anderwärts
erfolgt,  gebührt  ihr  dafür  eine  Vergütung  von  4  Kronen
  (ursprünglich  3  Kronen)  auf  Kopf  und  Tag.
Was  die  Invalidenschulung  betrifft,  so  wird
sie  in  zahlreichen  Spitälern  durch  eine  eigene,  von  gewerbetechnischen
  und  ärztlichen  Fachleuten  geleitete
Berufsberatung  vorbereitet.  An  der  Spitze  der  österreichischen
  Invalidenschulen  steht  eine  staatliche  Invalidenschule
  in  Wien,  an  der  Kurse  für  Buchhaltung,
gewerbliches  Rechnen,  Stenographie,  Maschinenschreien,
  baugewerbliches,  dekoratives  und  mechanisch  technisches
  Zeichnen,  für  Dampfkessel-,  Dampfmaschinenwärter,
  Zuschneider  usw.  abgehalten  werden.  Außerdem
  befassen  sich  sämtliche  staatliche  Gewerbeschulen
und  fachliche  Unterrichtsanstalten  mit  der  Schulung
von  Invaliden.  Neben  den  staatlichen  Anstalten  bat
sich  eine  große  Anzahl  von  privaten  Lehranstalten
der  Berufsausbildung  von  Invaliden  zugewendet.
die  unter  bestimmten  Voraussetzungen  die  staatliche
„Anerkennung=  erhalten.  Dadurch  werden  die  Invaliden
  nahezu  in  sämtliche  gewerbliche  Beschäftigungen
wieder  eingeführt.  Mit  bedeutendem  Erfolg  ist  es
aber  auch  gelungen,  Invalide,  die  von  der  Landwirtschaft
  herkommen,  für  landwirtschaftliche  Sondergebiete
  zu  schulen.  Diese  Kurse  umfassen  die  Ausbildung
  in  der  Milchwirtschaft,  die  Heranbildung  zu  Maschinenwärtern,
  Obst-  und  Gemüsegärtnern,  Kellermeistern
  usw.  Daneben  werden  Flachsbau-,  Brennerei.,
        <pb n="495" />
        Stolper:  Kriegsfürsorge  in  Osterreich-Ungarn

Bienenzucht-Kurse  usw.  abgehalten.  Ein  besonderer
sorstwirtschaftlicher  Kurs  ist  in  Krakau  eingerichtet.
Die  Zurückführung  der  arbeitsfähig  gebliebenen
Invaliden  in  bürgerliche  Berufe  wurde  durch  die
staatliche  „Arbeitsvermittlung  an  Kriegsinvalide-
  gefördert.  Diese  ist  wieder  länderweise
organisiert,  an  die  Landesstellen  lehnen  sich  Bezirksstellen
  an,  die  vielfach  von  eigenen  =  Fürsorgeausschüssene
  unterstützt  werden.  Diese  haben  die  Aufgabe,
  die  Bevölkerung  über  die  Bedeutung  und  die
Möglichkeiten  der  Beßhüfügune  der  Invaliden  aufzuklären,
  dienen  als  Anmeldestellen  der  Kriegsinvaliden
  und  stellen,  soweit  sie  nicht  selbst  in  der  Lage
sind,  die  arbeitssuchenden  Invaliden  auf  Arbeitsposten
  in  ihrem  Bezirke  unterzubringen,  die  Verbindung
  zwischen  der  Landesstelle  und  den  Invaliden
her.  Besonderes  Gewicht  wird  auf  die  sachgemäße
Organisation  der  Berufsberatung  gelegt,  die  insbesondere
  feststellt,  ob  der  Invalide  nicht  etwa  noch
vor  Antritt  eines  Postens  einer  Nachbehandlung  oder
Schulung  bedarf,  ob  er  zum  Antritt  eines  Arbeitspostens
  geeignet  ist  und  welche  Tätigkeit  er  ohne  Schaden
  für  seine  Gesundheit  mit  dem  größtmöglichen
wirtschaftlichen  Erfolg  ausüben  kann.  In  der  überangszeit,
  bis  den  Invaliden  geeignete  Arbeitsgelegen-*
  zugewiesen  werden,  können  ihnen  die  amtlichen
Vermittlungsstellen  Unterstützungen  (möglichst  in
natura)  gewähren.

III.  Besondere  Maßnahmenzum  Schutzderbestehenden
  sozialen  Versicherungsorgane  sind  in  den
ersten  Wochen  nach  Kriegsausbruch  getroffen  worden.
Durch  kaiserliche  Verordnung  vom  6.  September  1914
wurden  die  Vorstände  der  Krankeniafsen  und  Bergwerksbruderladen
  und  die  Ausschüsse  von  Ersatzinstituten
  der  Pensionsversicherung  ermächtigt,  in  Angelegenheiten,
  die  gesetz,  oder  statutenmäßig  der  Generalversammlung
  vorbehalten  sind,  mit  Wirksamkeit  für
die  Kriegsdauer  rechtsgültige  Beschlüsse  zu  fassen,  soweit
  eine  besondere  Vorsorge  im  Interesse  der  Mitgileder
  der  Kassen  dringlich  erschien.  Dadurch  wurde

ie  Funktionsfähigkeit  der  sozialen  Versicherungsanstalten
  gesichert,  die  durch  die  Einberufung  von  Vorstandsmitgliedern
  und  Teilnehmern  in  der  gesetzlich
vorgeschriebenen  Form  vielfach  nicht  aufrechtzuerhalten
  war.  Eine  Erhöhung  der  Krankenkassenbeiträge
  wurde  in  Osterreich  nicht  verfügt  (sie  sind  in
Österreich  im  allgemeinen  schon  wesentlich  höher  als
in  Deutschland).  Vielmehr  half  man  sich  bis  zur
überwindung  der  wirtschaftlichen  Krise  mit  einer  Einschränkung
  der  Kassenleistungen.  Um  den  regelmäszigen
  Zufluß  der  Kassenbeiträge  zu  sichern,  wurden
diese  vom  allgemeinen  Moratorium  ausgenommen.
Dagegen  stieß  die  Flüssigmachung  der  Guthaben  der
Sozialversicherungsinstitute  bei  Banken,  Sparkassen
usw.  während  der  ersten  Kriegswochen  auf  Schwierigkeiten,
  die  durch  andere  Bestimmungen  behoben  wurden.
  Die  ersten  Kriegswochen  trafen  namentlich  die
Krankenkassen  hart.  In  den  ersten  drei  Kriegsmonaten
  verloren  sie  durch  Einberufungen  wie  durch  Einstellung
  oder  Einschränkung  zahlreicher  Betriebe  durchschnittlich
  30  Prozent  ihrer  Mitglieder  (einzelne  bis
zu  50  Prozent).  Dagegen  war  ein  Ansteigen  der
Krankheitsziffern  wider  Erwarten  fast  nirgends  zu
beobachten.  Dies  wurde  zum  Teil  durch  die  strenge
Unterstützungspraxis  der  Kassen,  zum  Teil  durch  die
schwierigen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  bewirkt.  die
die  Kashenmüglieder  zur  möglichsten  Anspannung
ihrer  Kräfte  nötigten.  Mit  der  Besserung  der  wirt-409



schaftlichen  Verhältnisse  wurde  der  Mitgliederausfall
bald  ganz  oder  zum  größten  Teil  wieder  wettgemacht.
Gegenüber  der  Einschränkung  der  Krankenkassenleistung
  wurde  die  Wirksamkeit  der  Pensionsversicherung
  ausgedehnt.  Knapp  vor  Kriegsausbruch
war  mit  kaiserlicher  Verordnung  vom  25.  Juni  1914
das  Pensionsversicherungsgesetz  dohin  novelliert  worden,
  daß  die  Wartezeit  für  Rentenansprüche  von  10
auf  5  Jahre  herabgesetzt  und  auch  die  Bestimmungen
über  die  Renten,  Erziehungsbeiträge  und  Abfertigungen
  günstiger  gestaltet  wurden.  Die  Verordnung  hätte
mit  1.  Oklober  1914  in  Kraft  treten  sollen.  Durch
kaiserliche  Verordnung  vom  24.  August  1914  wurde
demgegenüber  der  Anfangstermin  für  die  Geltung
der  Novelle  auf  den  1.  August  zurückverlegt.  Gleichzeitig
  mußte  aber  auch  den  Ersatzeinrichtungen  die
Möglichkeit  geboten  werden,  die  dadurch  erhöhten
Lasten  wie  überhaupt  das  erhöhte  Kriegsrisiko  auf
sich  zu  nehmen.  Deshalb  wurde  die  Allgemeine  k.  k.
Pensionsanstalt  verpflichtet,  auf  Antrag  der  Ersatzeinrichtungen
  den  Gesamtbestand  an  versicherungspflichtigen
  Angestellten  hinsichtlich  der  gesetzlichen
Mindestleistungen  in  Nückrersicherung  u  nehmen.
Eine  Anfang  1917  herausgegebene  Aanfersche  Verordnung
  hat  die  Versicherungsleistung  der  Krankenkassen
  beträchtlich  erhöht.  So  wurde  die  Höchstdauer
der  Krankenversicherung  von  20  auf  26  Wochen,  die
Unterstützungsdauer  der  Wöchnerinnen  von  4  auf  6
Wochen  verlängert  und  für  die  Dauer  von  12  Wochen
nach  der  Niederkunft  die  obligatorische  Zahlung  von
Stillprämien  in  der  Höhe  des  Krankengeldes  verfügt.
Vor  allem  wird  durch  die  Verordnung  unter  anderem
zur  Unterstützung  der  staatlichen  Invalidenfürsorge
die  Bildung  von  Kassenverbänden  gefördert,  die  die
Kassen  in  weiterem  Umfang  zur  Erfüllung  größerer
sozialhygienischer  Aufgaben  (Errichtung  von  Heilanstalten,
  Tuberkulosenheimen  usw.)  befähigen  sollen.
IV.  Vorkehrungen  zur  Eindämmungder  Arbeitslosigkeit
  sind  gleichfalls  nur  in  den  ersten  Kriegsmonaten
  erforderlich  gewesen.  Sie  haben  vor  allem
in  einer  Tntralisierung  der  Arbeitsnachweise  bestanden.
  Durch  länderweisen  Zusammenschluß  derteils
schon  bestehenden,  teils  neugegründeten  Arbeitsvermittlungsanstalten
  einschließlich  der  Facharbeitsnachweise
  und  durch  Herstellung  einer  Verbindung  zwischen
den  Landesarbeitsnachweisen  wurde  eine  die  ganze
Monarchie  umfassende  Organisation  geschaffen  und
durch  generelle  Freifahrtbegünstigung  für  an  auswärtige
  Plätze  vermittelte  Arbeiter  ein  weitgehender  Ausgleich
  erzielt.  In  den  ersten  Wochen  galt  es  vor  allem,
die  qualifizierten  Arbeiter  für  die  von  der  Heeresverwaltung
  beschäftigten  Metallverarbeitungsbetriebe
und  die  vielen  Tausende  von  ungualifizierten  Arbeitern
  zu  beschaffen,  die  für  Schanzarbeiten  und
sonstige  Bauten  der  Heeresverwaltung  erforderlich
waren.  Außerdem  mußten  der  Landwirtschaft  für
die  Erntearbeiten  als  Ersatz  für  die  einrückenden
Männer  hinreichende  Arbeitskräfte  zur  Verfügung
gestellt  werden.  Daneben  suchte  die  Regierung  durch
eine  ausgebreitete  öffentliche  Bautätigkeit  und  durch
Förderung  der  Privatbauten  die  industrielle  Beschäftigung
  anzuregen  und  zu  erhalten.  Spezielle  Fürsorge
  wurde  für  Privatangestellte  getroffen,  für
die  hauptsächlich  aus  privaten  Mitteln  ein  Fonds  gebildet
  wurde.  Auch  suchte  die  Heeresverwaltung  unbegründeten
  Entlassungen  von  Angestellten  in  den  erlen
  Kriegsmonaten  dadurch  vorzubeugen,  daß  sie  die
zergebung  von  Heereslieferungen  von  der  Verpflich-
        <pb n="496" />
        40

tung  abhängig  machte,  daß  weder  der  Bestand  noch
der  Gehalt  der  in  den  betreffenden  Betrieben  Angestellten
  gekürzt  werden  dürfen.

Allmählich  hat  sich  auch  in  Osterreich  die  Lage  auf
dem  Arbeitsmarkte  durch  die  immer  weitergreifenden
Einziehungen  zum  Militärdienst  sowie  die  Ausdehnung
  der  Kriegsmaterialbetriebe  und  die  Belebun
des  bürgerlichen  Verbrauches  so  weit  verschoben,  daß
die  Arbeitslosigkeit  im  weitestenllmfang  durch  Arbeitermangel
  abgelöst  erscheint.  Von  Bedeutung  ist  derzeit
nur  die  Notstandsaktion  für  arbeitslos  gewordene
Textilarbeiter,  die  die  Einstellung  von  Betrieben
infolge  Rohstoffmangels  notwendig  gemacht  hat.
Durch  die  Betriebseinstellung  ist  in  manchen  Gebieten,
wo  nicht  andere  Industrien  die  überschüssigen  Arbeitskrüfte
  aufzunehmen  vermochten,  soin  einzelnen  Teilen
Nord-  und  Ostböhmens,  Vorarlbergs,  Mährens  und
Schlesiens,  ein  empfindlicher  Notstand  eingetreten,
von  dem  an  250000  Arbeiter  und  ihre  Familien
betroffen  wurden.  Die  Hilfsaktion  legt  dem  Arbeitgeber
  die  Verpflichtung  auf,  60  Prozent  des  ortsüblichen
  Tagelohns  (mindestens  wöchentlich  7,80  Kronen
  für  erwachsene  männliche,  6,8o  Kronen  für  erwachsene
  weibliche  und  4.80  Kronen  für  sugendliche  Arbeiter)
  als  Unterstützung  weiter  zubezahlen,  soweitseine
Mittel  es  erlauben.  Von  diesen  Unterstützungsbeiträgen
  können  die  dem  Arbeiter  gewährten  Naturalleistungen
  in  Brennmaterialien  und  Lebensmitteln
(zu  den  eigenen  Kosten  des  Unternehmers),  die  Hälfte
des  eventuellen  Arbeitsverdienstes  und  eventuelle
anderweitige  Nebenverdienste  und  regelmäßige  Unterstützungen
  (Krankenversicherungs-,  Unfallrenten
u.  dgl.)  abgezogen  werden.  Soweit  die  Mittel  des  einzelnen
  Arbeitgebers  nicht  hinreichen,  übernimmt  die
Leistungen  ein  Fonds,  der  aus  Beiträgen  der  Unternehmer,
  deren  Betriebe  aufrechterhalten  bleiben,  aus
Beiträgen  der  mit  Heereslieferungen  bedachten  Unternehmungen
  der  Baumwollbranche,  aus  Beiträgen
der  Arbeitnehmerorganisationen  und  aus  einer
Regierungssubvention  gebildet  wird.  Die  Durchführung
  der  Hilfsaktion  und  die  Verwaltung  der  Fonds
liegen  einem  Komitee  bei  der  Baumwollzentrale  ob,
das  aus  Vertretern  der  Arbeitgeber,  Arbeitnehmer  und
Behörden  besteht.  Die  Organisation  ist  darum  von
Wichtigkeit,  weil  ähnliche  Organisationen  bei  einer  anläßlich
  der  Demobilisierung  eintretenden  Arbeitslosigkeit
  auch  für  andere  Industrien  in  Betracht  kommen.

V.  Zu  einer  unerwartet  großen  Aufgabe  der  Kriegsfürsorge
  ist  namentlich  durch  die  lange  Dauer  des
Rrieges  die  Sosialhygieut  eworden.  Auf  diesem
Gebiet  hat  vor  allem  die  Bekämpfung  der  Kriegsseuchen
  bedeutende  organisatorische  Anforderungen
gestellt.  über  die  Ausbreitung  der  einzelnen  Seuchen
gibt  folgende  Tabelle  Aufschlußs:

Zahl  der  Erkrankungen  (einschließl.  Militärperfo-=

  nen)  im  österreichischen  Staatsgebiet.
1914  1915  1916
seit  Kriegs=  1.  Halb=  2.  Halb-1.  Halbbeginn
  jahr  jahr  jahr
Ebolera  3702  1882  30655  156
Nuhrr  31886  8111  23901  5131
Tophus  12278  24212  42292  18806
Blatteen  192  6668  18644  28098
Elecktyohusz  281  10483  4972  11562

1  Die  Erkrankungen  im  ungarischen  Staatsgebiet  find  bisher
nicht  vexöffentlicht,  sind  aber,  da  der  weitaus  größte  Teil  der
Erkrankungen  auf  den  galizischen  Kriegsschauplag  entfällt,  gegen
die  öfterreichischen  verhälmismäßig  unbedeutend.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

Aus  dieser  Zusammenstellung  geht  hervor,  daß  der
weitaus  ungünstigste  Seuchenstand  im  zweiten  Halbjahr
  1915  zu  verzeichnen  war,  während  der  Zeit  unmittelbar
  nach  der  Vertreibung  der  Russen  aus  Galizien,
  als  die  Russen  das  Land  in  verseuchtem  Zustand
zurückließen  und  einige  Zeit  vergehen  mußte,  bis  ein

eordneter  Sanitätsdienst  im  befreiten  Gebiet  seine
irksamkeit  entfalten  konnte  (bei  den  Ziffern  ist  zu
beachten,  daß  darin  natürlich  nur  jene  Fälle  enthalten
sind,  die  nach  Wiedereinsetzung  der  politischen  Bezirksbehörden
  nachträglich  festgestellt  werden  konnten).
Die  Militärverwaltung  ging  sehr  energisch  vor.  Im
Sinne  des  internationalen  Sanitätsübereinkommens
wurde  eine  Anzahl  von  Bezirken  als  verseuchte
Zirkumskriptionen  erklärt  (Ende  August  1915  waren
das  13  galizische  Bezirke  —  als  Höchstzahl  —.  Mitte
Dezember  bereits  waren  alle  cholerafrei).  Durch  Adsonderung
  von  Kranken  und  Verdächtigen,  Schutzimpfung.
  Beschaffung  genügender  Desinfektionsapparate,
  Sorge  für  keimfreies  Trinkwasser  usw.  ist
man  im  wesentlichen  aller  Kriegsseuchen  Herr  geworden.
  Auch  die  Blattern,  die  nach  der  obigen  Aufstellung
  im  ersten  Halbjahr  1916  den  Höchststand  der
Erkrankungen  aufweisen,  waren  Ende  Juni  1916  bereits
  fast  erloschen  (in  den  beiden  letzten  Juniwochen
betrug  die  Zahl  der  Erkrankungen  nur  noch  80).  Am
schwierigsten  gestaltete  sich  die  Bekämpfung  des  Flecktyphus,
  gegen  den  die  gewöhnlichen  Schutzmaßnahmen
noch  von  verhältnismäßig  geringer  Wirkung  sind.

Eine  Aufgabe  anderer  Art  ist  die  Bekämpfung  der
durch  den  Krieg  auch  in  der  Armee  in  großem  Umfang
  auftretenden  Volksseuchen,  vor  allem  der  Tuberkulose
  und  der  Geschlechtskrankheiten.  Was  den  Kampf
gegen  die  Tuberkulose  betrifft,  so  hat  vor  allem  die
(S.  408)  erwähnte,  im  Mai  1916  gegründete  -Osterreichische
  Vereinigung  zur  Bekämpfung  der  Tuberkulosee
  bisher  bereits  eine  ausgedehnte  Länareit  entwickelt.
  Ihre  Tätigkeit  gliedert  sich  in  den  Anschluß
von  Tuberkulosenabteilungen  an  bestehende  Krankenanstalten,
  die  Errichtung  und  Ausgestaltung  von
Lungenheilstätten,  Erholungsheimen,  Waldschulen
u.  dgl.  sowie  schließlich  in  die  planmäßige  Schaffung
eines  ausgebreiteten  Netzes  von  Fürsorgestellen  (zur
Entfaltung  der  Familienfürsorge  in  den  Wohnungen
der  Kranken).  Für  alle  Einrichtungen  zur  Abwehr
der  Tuberkulose  wurden  nach  Prüfung  der  Pläne
namhafte  Staatsbeiträge  gewährt.  Die  Beitragsleistung
  wurde  an  die  Bedingung  geknüpft,  daß  die  Anstalten
  nach  der  Demobilisierung  drei  Jahre  für  die
Unterbringung  lungenkranker  heimkehrender  Krieger
verwendet  werden.  Besonderes  Augenmerk  wird  der
Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  zugewendet,
  die  im  Krieg  erheblich  zugenommen  haben.
In  wiederholten  eingehenden  Weisungen  der  Militärund
  Zivilbehörden  wurde  auf  die  genaue  Beaufsichtigung
  der  Prostituierten,  auf  die  Hintanhaltung  der
geheimen  Prostitution,  auf  die  Abwehr  der  Trunksucht.
vor  allem  aber  auf  die  Obsorge  für  die  ärztliche  Untersuchung
  und  Behandlung  bei  geschlechtlicher  Erkrankung
  das  Hauptgewicht  gelegt.  Geschlechtskranke  wurden
  hinsichtlich  der  Spitalaufnahme  als  unabweisbare
  erklärt  und  die  Spitalbehandlung  ausdrücklich
auf  die  Dauer  der  Ansteckungsfähigkeit  ausgedehnt.
Besondere  Maßnahmen  wurden  für  die  Entlassung
dienstuntauglicher  geschlechtskranker  Heeresangehöriger,
  ihre  weitere  Behandlung  und  die  Verhinderung
einer  übertragung  der  Krankzeit  auf  die  Ziwilbevölkerung
  getroffen.  Durch  Veranstaltung  volkstüm-
        <pb n="497" />
        Stolper:  Kriegsfürsorge  in  Osterreich-Ungarn

licher  Vorträge,  Verteilung  von  Merkblättern,  Veröffentlichungen
  in  der  Tagespresse  sowie  durch  die
Mitarbeit  gemeinnütziger  Bereine,  Körperschaften
und  Krankenkassen  wird  die  Mitwirkung  der  Bevölkerung
  im  Kampf  gegen  die  Volksseuchen  angestrebt.
VI.  Vor  ganz  besondere  Schwierigkeiten  ist  die
öffentliche  Verwaltung  durch  die  Notwendigkeit  der
Fürsorge  für  die  Flüchtlinge  aus  dem  Kriegsgebiet
gestellt  worden.  Der  Umstand,  daß  vorübergehend
nahezu  ganz  Galizien  und  die  Bukowina,  Nordungarn,
später  auch  Südtirol  und  das  Küstenland  sowie  weiterhin
  auch  Siebenbürgen  Kriegsgebiet  geworden  sind,
hat  Massen  der  einheimischen  Bevölkerung  in  Bewegung
  gebracht,  deren  Versorgung  eine  Aufgabe  von
größter  Tragweite  bilden  mubte.  Um  ihre  Schwierigkeiten
  zu  ermessen,  muß  man  bedenken,  daß  es  sich  dabei
  um  national,  sozial  und  kulturell  ganz  heterogene
Elemente  gehandelt  hat,  die  natürlich  überall  in  den
Gebieten,  die  sie  aufnehmen  sollten,  als  Fremdkörper
empfunden  wurden.  Bereits  am  11.  August  1914
erschienen  zwei  Verordnungen,  die  den  Schutz  der
Kriegsflüchtlinge  bezweckten.  Die  Behörden  wurden
angewiesen,  die  Bevölkerungszahl  in  bedrohten  Orten
rechtzeitig  dadurch  zu  vermindern,  daß  den  mittelund
  arbeitslosen  Bewohnern  anderwärts  ein  Unterkommen
  gesichert  wurde.  Für  die  übrigbleibende  Bevölkerung
  wurde  im  voraus  ein  Verteilungsplan
entworfen,  damit  die  Zufluchtsgemeinden  nicht  durch
eine  plötzliche  überflutung  mit  arbeitslosen  Elementen
allzusehr  geschädigt  würden.  Die  tägliche  Vergütung
für  die  Beherbergung  und  Verpflegung  dieser  Personeu
  wurde  mit  1  Krone  für  Erwachsene  und  60  Heller
  für  Kinder  sestgesetzt.  Bei  der  Fürsorge  für  Flüchtlinge
  mußte  natürlich  auch  auf  die  bodenständige
Bevölkerung  Bedacht  genommen  werden.  Für  die
unbemittelten  Flüchtlinge  wurden  Barackenlager  in
großem  Stil  errichtet.  Soweit  dies  nicht  möglich  war,
wurde  die  Auszahlung  der  staatlichen  Unterstützung
tursprünglich  70  Heller,  später  90  Heller  auf  Kopf
und  Tag)  von  dem  Aufenthalt  in  den  sogenannten
„Flüchtlingsgemeindene  abhängig  gemacht.  Auf  diese
Weise  wurde  die  Freizügigkeit  der  mittellosen  Flüchtlinge
  tatsächlich  aufgehoben.  Unter  Berücksichtigung
lokaler,  wirtschaftlicher  und  nationaler  Momente
wurden  immer  neue  Orte  und  Bezirke  für  die  Flüchtlinge
  erschlossen,  wobei  nur  die  dem  Kriegsgebiet  zu
nade  liegenden  Gebiete  von  vornherein  ausgeschlossen
blieben.  Verpflegungsschwierigkeiten  ließen  es  auch
geboten  erscheinen,  den  Zuzug  besonders  von  den  Großstädten
  fernzuhalten  und  möglichst  auf  Kleinstädte
und  Landgemeinden  abzulenken.  Im  allgemeinen
wurde  die  Sonderung  der  Flüchtlinge  nach  nationaler
und  konfessioneller  goe  durchgeführt.  Die
Barackenlager  erreichten  vielfach  den  Umfang  größerer
  Städte.  So  beherbergte  eine  Reihe  von  Lagern
20000—30000  Flüchtlinge.  Die  größte  Flüchtlingsgemeinde
  war  Wien  mit  vorübergehend  200000  undemittelten
  Flüchtlingen  aller  Nationen  und  Konfessionen,
  die  zeitweilig  das  Stadtbild  sowie  die  Versorgung
  der  Stadt  mit  Lebensmitteln  sehr  merkbar
beeinflußten.  Brünn,  Prag  und  Graz  zählten  an  die
hunderttausend  Flüchtlinge,  waren  also  im  Verhältnis
  zu  ihrer  Bevölkerungszahl  noch  erheblich  schwerer
betroffen  als  Wien.  Bis  gegen  Mitte  Juni,  also  bis
nach  der  Offensive  von  Gorlice,  standen  rund  600000
Flüchtlinge  in  Unterstützung  des  Staates.  Die  Zahl
der  bemittelten  nicht  unterstützten  Flüchtlinge  ist  zu-#verlässig
  nicht  bekannt,  ist  aber  auch  auf  einige  hundert-411



tausend  zu  veranschlagen.  Der  Eintritt  Italiens  in
den  Krieg  (Ende  Mai  1915)  brachte  einen  Zuzug  von
etwa  150000  Flüchtlingen  aus  dem  Südwesten  der
Monarchie,  Italiener,  Slowenen,  Kroaten.  Doch
wurdees  fastgleichzeitiginfolgeder  Befreiung  des  größten
  Teiles  von  Galizien  und  der  Bukowina  möglich,
die  Rückwanderung  der  galizischen  und  bukowinischen
Flüchtlinge  zu  beginnen,  soweit  in  dem  arg  verwüsteten
Land  nicht  wirtschaftliche  und  hygienische  Bedenken
entgegenstanden.  Immerhin  dürften  bis  zum  Frühjahr
  1916  etwa  350000  Flüchttinge  in  ihre  galizische
Heimat  zurückgekehrt  sein.  Der  Rückzug  von  Luzk,  der
im  Frühsommer  1916  den  neuerlichen  Verlust  des  größten
  Teiles  der  Bukowina  und  einiger  ostgalizischer  Bezirke
  nach  sich  zog,  zwang  allerdings  viele  Tausende
wieder  zur  Flucht  in  die  westlichen  Gebiete.  Dabei
wurden  vorübergehend  etwa  25  000  Flüchtlinge  auf
Kosten  der  österreichischen  Regierung  in  westungarischen
  Komitaten  untergebracht,  so  wie  sich  später  nach
dem  rumänischen  Einfall  in  Siebenbürgen  siebenbürgische
  Flüchtlinge  hauptsächlich  deutscher  Zunge  in
großer  Zahl  nach  Osterreich  wendeten.  Infolge  der
langen  Dauer  des  Krieges  wurde  es  notwendig,  in
den  Barackenlagern  nicht  nur  die  materielle  Notdurft
der  dort  untergebrachten  Flüchtlinge  zu  befriedigen,
sondern  auch  eine  entsprechende  kulturelle  Fürsorge
r  entfalten.  So  wurden  Kinder=  und  Mädchenheime,

olksschulklassen  und  fachgewerbliche  Beschäftigungsanstalten,
  landwirtschaftliche  Haushaltungskurse  usw.
eingerichtet.  Für  die  Kinder  der  südlichen  Flüchtlinge
wurden  in  Graz  und  Wien  Mittelschulklassen  mit  italienischer
  Unterrichtssprache  eröffnet.  Daneben  wurde
allmählich  natürlich  auch  die  Verwertung  der  Arbeitskräfte
  der  Flüchtlinge  organisiert,  so  daß  im  Weg  einer
mit  den  Barackenverwaltungen  zusammenarbeitenden
  Arbeitsvermittlung  bereits  im  Herbst  1915  etwa
135000  Flüchtlinge  in  der  Landwirtschaft  und  Munitionsindustrie
  tätig  waren.

VII.  In  innerem  Zusammenhange  mit  der  Flüchtlingsfürsorge
  steht  die  staatliche  Hilfsaktion  für  die
durch  die  Kriegsereignisse  geschädigten  Gebiete.  Unmittelbar
  nach  der  Vertreibung  der  Russen  aus  dem
größtten  Teile  von  Galizien  wurde  der  Wiederaufau

  eingeleitet.  Die  Hilfsaktion  erstreckte  sich  zunächst
auf  die  Beschaffung  von  Lebensmitteln  für  die  zurückgebliebene
  Bevölkerung  sowie  auf  die  Wiederaufrichtung
  der  Landwirtschaft.  Zu  diesem  Zwecke  wurden
niedrig  verzinsliche  oder  unverzinsliche  Anbauvorschüsse,
  Anbauprämien  usw.  gewährt.  Das  oberste
Organ  für  den  Wiederaufbau  Galiziens  ist  die
der  galizischen  Statthalterei  angegliederte  -Landestraler,
  die  sich  in  drei,  eine  Bau-,  eine  land-  und
orstwirtschaftliche  und  eine  gewerbliche,  industrielle
und  kommerzielle  Abteilung  gliedert.  An  der  Spitze
der  Zentrale  steht  der  Statthalter,  an  der  der  einzelnen
  Abteilungen  eigene  Vorstände,  denen  durchwe
alizische  Beamte  und  technische  Fachkräfte  zugeteilt
12  Die  Vntrale  hat  vorläufig  ihren  Sitz  in  Krakau.
Für  den  Wiederaufbau  zerstörter  Orte  sind  eigene
Bauexposituren  am  Sitz  verschiedener  Bezirkshauptmannschaften
  errichtet.  Im  übrigen  sind  die  politischen
  Bezirksbehörden  unter  Mitwirkung  von  Fachmännern
  in  den  Dienst  der  Zentrale  gestellt.  Der
Zentrale  steht  ein  Beirat  zur  Seite,  der  sich  entsprechend
den  drei  Abteilungen  in  drei  Sektionen  gliedert.  Die
Finanzierung  des  Wiederaufbaues  besorgt  in  erster
Linie  die  bereits  im  April  1915  gegründete  galizische
Kriegskreditanstalt  mit  einem  eigenen  Kapital  von
        <pb n="498" />
        412

25  Millionen  Kronen,  wovon  23  seitens  der  Staatsverwaltung
  zur  Verfügung  gestellt  wurden.  An  nicht
kreditfähige  Personen  werden  staatliche  Notstandsunterstützungen
  gewährt.  Außerdem  hat  die  Regierung
  der  Zentrale  im  ersten  Halbjahr  1916  zunächst
20  Millionen  Kronen  überwiesen  und  weitere  Zuschüsse
  in  Aussicht  gestellt.  über  den  Umfang  der
Wiederaufbauaktion  gibt  Aufschluß,  daß  allein  in
1135  Gemeinden  für  Notunterkünfte  gesorgt  werden
mußte,  wodurch  über  63000  Familien  vor  Oddachlosigkeit
  geschützt  wurden.  Dazu  waren  bis  Mai  1916
bereits  26000  Unterkünfte  teils  fertiggestellt,  teils  in
Bau.  Neben  dem  staatlichen  hat  sich  auch  das  private
Kapital  in  weitem  Umfang  dem  Wiederaufbau  des

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

Landes  zugewendet.  Insbesondere  ist  unter  Beteiligung
  der  Wiener  Großbanken  eine  Anzahl  von  Baugesellschaften
  entstanden.  Außer  der  Kriegskredit.
anstalt  sind  für  spezielle  Zwecke  eine  Reihe  anderer
Kreditstellen  geschaffen  worden,  so  insbesondere  eine
galizische  Städtebank,  die  die  Aufgabe  hat,  kommunale
  Kredite  zu  gewähren.  Die  Wiederaufnahme  der
Selbstverwaltung  der  Gemeinden  hat  die  Regierung
durch  die  Vorschüsse  erleichtert.  Doch  ist  mit  allen  diesen
  Maßnahmen  der  Wiederaufbau  des  arg  verwüsicten
  Landes  erst  zum  kleinen  Teile  möglich  gewesen.
Auf  gesetzliche  Grundlage  sind  der  Wiederaufbau  und
die  Guschdigung  der  kriegsbetrosfenen  Provinzen
bisher  nicht  gestellt.

Die  Rechtsstellung  der  neutralen

Staaten,
zugleich  ein  Beitrag  zur  Beurteilung  der  belgischen  Neutralität,
  von  Oberlandesgerichtsrat  Dr.  Warneyer  in  Dresden

I.  Die  am  Kriege  nicht  beteiligten  Staaten  bezeichnet
  man  als  neutral.  Die  Neutralität  entsteht  also
ihrem  Wesen  nach  erst  mit  dem  Ausbruch  eines  Krieges
  zwischen  anderen  Staaten,  sofern  nicht,  wovon
unten  noch  zu  handelu  sein  wird,  ein  Staat  für
dauernd  (ewig)  neutral  erklärt  worden  ist.  Einer
ausdrücklichen  Neutralitätserklärung,  wie  sie
vielfach  abgegeben  wird,  bedarf  es  nicht.  Aus  dem
Begriffe  der  Neutralität  als  der  Nichtbeteiligung  an
dem  Streite  anderer  folgt  ferner,  daß  es  Abstufungen
der  Neutralität  nicht  geben  kann.  Auch  die  sog.
wohlwollende  Neutralitätt(nentralité  bienveillante).
  .  steht,  sobald  sie  über  die  rein  diplomatische
Unterstützung  hinausgeht,  im  Widerspruch  mit  dem
Oegif  der  Neutralitätta.  Dagegen  ist  die  bewaffnete
  Neutralität  keine  besondere  Abart,  sondern.
bedeutet  nur,  daß  der  betreffende  neutrale  Staat  Streitkräfte
  mobil  gemacht  hat,  um  ein  etwaiges  übergreifen
der  Feindseligkeiten  in  sein  Gebiet  abzuwehren.  Dem
Recht  des  neutralen  Staates,  vom  Krieg  verschont  zu
bleiden,  steht  die  Pflicht  gegenüber,  Kämpfe  zwischen
den  Kriegführenden  auf  seinem  Gebiet  nicht  zu  dulden,
  die  Wiegsoperationen  außerhalb  dieses  Gebietes
nicht  zu  stören  und  jede  Begünstigung  der  einen  oder
anderen  Kriegspartei  zu  unterlassens.

Auf  dieser  Grundlage  haben  sich  einzelne  Rechtssätze
  für  das  Verhalten  zwischen  den  Neutralen  und
den  Kriegführenden  berausgebildet,  die  im  wesentlichen
  ihren  Ausdruck  gefunden  haben  in  dem  V.  und
dem  XIII.  Haager  Abkommen  vom  18.  Oktober  1907,
betreffend  die  Rechte  und  Pflichten  der  Neutralen  im
Falle  eines  Landkriegs  und  eines  Seekriegs.

II.  Aus  der  Unverletzlichkeit  des  Gebiets
der  neutralen  Macht  folgt,  daß  es  den  Kriegführenden
  untersagt  ist,

1)  Truppen  oder  Munitions-  oder  Verpflegungskolonnen
  durch  das  neutrale  Gebiet  hindurchzuführen
  —  auch  das  überfliegen  des  neutralen  Landes
mit  Flugzeugen  oder  Luftschiffen  ist  hiernach  verboten;

2)  darauf  eine  funkentelegraphische  Station  oder
eine  ähnliche  Anlage  einzurichten;

3)  irgendeine  Cmrichtung  dieser  Art  zu  benutzen,
die  von  ihnen  vor  dem  Kriege  auf  dem  Gebiete  der

1  v.  Liszt,  Das  Völkerrecht,  10.  Aufl.,  S.  353.
2  Nach  Bischof,  Katechismus  des  Bölkerrechts,  S.  111fff.

neutralen  Macht  zu  einem  ausschließlich  militärischen
Zweck  hergestellt  worden  ist;

4)  auf  dem  neutralen  Gebiet  Korps  von  Kombat
tanten  zu  bilden  oder  Werbestellen  zu  eröffnen.

Anderseits  darf  die  neutrale  Macht  keine  der  unter
1)  bis  4)  bezeichneten  Handlungen  dulden;  selbst  die
gewaltsame  Zurückweisung  einer  solchen  oder  einer
anderen  Neutralitätsverletzung  kann  daher  nicht  als
Feindseligkeit  angesehen  werden.

Dagegen  ist  der  neutrale  Staat  nicht  verpflichtet,

a)  die  für  Rechnung  des  einen  oder  des  anderen
Kriegführenden  erfolgende  Ausfuhr  oder  Durchfubr
von  Waffen,  Munition  sowie  überhaupt  von  allem.
was  einem  Heer  oder  einer  Flotte  von  Nutzen  sein
kann,  zu  verhindern  (Artikel  7  des  V.  Abkommens.
gleichlautend  mit  Artikel  7  des  XIII.);

b)  für  Kriegführende  die  Benutzung  von  Teleraphen-
  oder  Fernsprechleitungen  sowie  von  Anagen
  für  drahtlose  Telegraphie  zu  untersagen  oder

zu  beschränken.

Ordnet  sie  jedoch  Beschränkungen  oder  Verbote  in
Ansehung  der  unter  a)  und  b)  erwähnten  Gegenstände
  an,  so  sind  sie  von  ihr  auf  die  Kriegführenden
gleichmäßig  anzuwenden.

Aus  den  obigen  Bestimmungen  ergibt  sich,  daß  sich
die  Festsetzung  der  Engländer  und  Franzosen  in  Saloniki,
  der  Durchmarsch  ihrer  Truppen  durch  das  griechische
  Gebiet  und  ihre  Festsetzung  darin  als  schwere
Völkerrechtsverletzungen  darstellen.

Was  die  Munitions-  und  Waffenlieferungen
  der  Amerikaner  an  die  Vierverbandsmächte
bis  Februar  1917  anlangt,  so  scheinen  diese  nach  dem
unter  a)  gebrachten  Wortlaut  des  Arrikels  7  des  V.  und
XIII.  Abkommens  auf  den  ersten  Blick  zulässig  zu  sein.
also  keine  völkerrechtswidrige  Verletzung  der  Neutrali  ·
tät  zu  enthalten.  Aber  bei  eingehenderer  Prüfung  der
Frage  muß  man  zueinem  anderen  Ergebnis  gelangen.
Auch  im  Völkerrecht  gilt  der  alle  Rechtsverhältnisse
beherrschende  Satz,  daß  Verträge  nach  Treu  und
Glauben  auszulegen  sind  und  ein  Verstoß  gegen  Treu
und  Glauben  einer  Vertragsverletzung  gleichkommt.
Und  ein  solcher  Verstoß  ist  darin  zu  finden.  daß  sich
die  Lieferungen  nicht  auf  vereinzelte  Fälle  beschränkten,
  sondern  daß  sie  in  ungeheuren  Mengen  erfolgten.
daß  durch  sie  die  eine  Kriegspartei  fast  ausschließlich
ihren  Bedarf  an  Munition  deckte  und  ohne  sie  schon
längst  die  Waffen  wegen  Mangels  an  Munition  hätie
strecken  müssen,  daß  ihnen  anderseits  irgendwelche
Lieferungen  zugunsten  Deutschlands  und  seiner  Verbündeten
  nicht  gegenüberstehen,  daß  sie  sich  mithin
        <pb n="499" />
        Warneyer:  Die  Rechtsstellung  der  neutralen  Staaten

uls  einseitige  Begünstigung  der  einen  Kriegspartei
  zum  Schaden  der  anderen  darstellen,  also  gegen
die  Grundregel  der  Neutralität  verstoßen.

III.  Das  zweite  Kapitel  des  V.  Haager  Abkommens,
  betreffend  die  Rechte  und  Pflichten  der  neutralen
  Mächte  und  Personen  im  Fall  eines  Landkriegs,
regelt  die  Unterbringung  der  Angehörigen
einer  Kriegsmacht,  die  in  neutrales  Gebiet  gelangt
  sind.  Lreien  Truppen  der  Kriegführenden  auf
ein  neutrales  Land  über  —  Übertritt  der  Armee  Bourbakis
  in  die  Schweiz  am  1.  Februar  1871;  Üüberschreiten
  der  holländisch-belgischen  Grenze  seitens  belgischer
Soldaten  anläßlich  der  Kämpfe  um  Antwerpen  —,
so  muß  die  neutrale  Macht  sie  möglichst  weit  vom
Kriegsschauplatz  unterbringen,  und  zwar  muß  sie  sie
in  Lagern  verwahren  oder  in  Festungen  oder  ähnlichen
  Orten  einschließen.  Offiziere  können  gegen  die
ebrenwörtliche  Verpflichtung,  aus  dem  neutralen  Land
nicht  zu  entweichen,  frei  gelassen  werden.  Entwichene
oder  von  den  übergetretenen  Truppen  mitgeführte
Kriegsgefangene  sind  in  Freiheit  zu  setzen.  Den
Durchzug  von  Verwundeten  oder  Kranken  kann
die  neutrale  Macht  gestatten,  jedoch  nur  mit  dem
Vorbehalt,  daß  die  zur  Beförderung  benutzten  Züge
weder  Kriegspersonal  noch  Kriegsmaterial  mit  sich
führen.  Die  im  neutralen  Gebiet  verbleibenden  Verwundeten
  und  Kranken  sind  derart  zu  bewachen,  daß
sie  an  den  Kriegsunternehmungen  nicht  wieder  teilnehmen
  können.  Auch  auf  sie  findet  das  Genfer  Abkommen
  Anwendung.

IV.  Im  dritten  Kapitel  jenes  V.  Haager  Abkommens
  wird  das  Verhältnis  der  Angehörigen
eines  neutralen  Staates  zu  den  Kriegführenden
geregelt.  Ein  Neutraler  kann  sich  danach  auf  seine

Leutralität  nicht  berufen,

a)  wenn  er  feindliche  Handlungen  gegen  einen
Kriegführenden  begeht;

b)  wenn  er  Handlungen  zugunsten  eines  Kriegführenden
  begeht,  insbes.  wenn  er  freiwillig  Kriegsdienste
  in  der  bewaffneten  Macht  einer  der  Parteien
nimmt.  Doch  darf  er  von  dem  kriegführenden  Staat,
dem  gegenüber  er  die  Neutralität  verletzt  hat,  nicht
strenger  behandelt  werden  als  ein  Angehöriger  des
anderen  kriegführenden  Staates  wegen  der  gleichen
Handlung  behandelt  werden  würde.

Als  Begünstigungshandlungen  im  Sinne  von  b)
sind  nicht  anzusehen:  1)  Die  übernahme  von  Lieferungen
  oder  die  Bewilligung  von  Darlehen  an  einen
Kriegführenden.  sofern  der  Kezferant  oder  Darleiher
weder  im  Gebiet  der  anderen  Partei  noch  in  dem  von
ihr  besetzten  Gebiet  wohnt  und  die  Lieferungen  nicht
aus  diesem  Gebiet  herrühren;

2)  die  Leistung  von  polizeilichen  oder  Zivilverwaltungsdiensten.


Dasvierte  Kapitel  trifft  Bestimmungen  über  das  aus
dem  Gebiet  einer  neutralen  Macht  herrührende  Eisen.
vahnmaterial.  Dieses  darf  von  einem  Kriegführenden
  nur  in  dem  Fall  und  in  dem  Maße,  in  dem
eine  gebieterische  Notwendigkeit  es  verlangt,  angefordert
  und  benutzt  werden.  Anderseits  kann  die  neutrale
  Macht  im  Falle  der  Not  das  aus  dem  Gebiet
der  kriegführenden  Macht  herrührende  Material  in
entsprechendem  Umfange  festhalten  und  benutzen.

V.  Mannmigfacher  Art  sind  die  Vorschriften  des
XIII.  Abkommens  von  1907,  betreffend  die  Rechte
und  Pflichten  der  Neutralen  im  Falle  eines
Seekriegs.  An  der  Spitze  steht  der  Satz,  daß  die
Kriegführenden  die  Hoheitsrechte  der  neutralen

413

Mächte  zu  achten  und  sich  in  dem  Gebiet  und  den
Gewässern  derselben  jeder  Feindseligkeit  zu  enthalten
haben;  insbes.  sind  den  Kriegsschiffen  der  Kriegführenden
  innerhalb  der  neutralen  Küstengewässer  die  Wegnahme
  und  die  Durchsuchung  neutraler  Schiffe  untersagt;
  neutrale  Häfen  oder  Gewässer  dürfen  nicht  zu
einem  Stützpunkt  für  Kriegsunternehmungen  gentacht
werden.  Dagegen  ist  den  Kriegsschiffen  die  bloße
Durchfahrt  durch  die  neutralen  Küstengewässer  gestattet,
  auch  kann  ihnen  nachgelassen  werden,  sich  der
bestallten  Lotsen  zu  bedienen.

In  neutralen  Häfen,  Reeden  und  Küstengewässern
dürfen  sich  die  Kriegsschiffe  der  Kriegführenden
nicht  länger  als  24  Stunden  aufhalten,  es  sei  denn,
daß  sie  aus  Anlaß  von  Beschädigungen  oder  wegen
des  Zustandes  der  See  länger  verweilen  müssen.  Zu
gleicher  Zeit  dürfen  sich  höchstens  drei  Kriegsschiffe
einer  Macht  innerhalb  eines  neutralen  Hafens  befinden.
  Liegen  darin  gleichzeitig  Kriegsschiffe  beider
Kriegführenden,  so  muß  zwischen  dem  beiderseitigen
Auslaufen  ein  Zeitraum  von  24  Stunden  liegen.
Die  Reihenfolge  des  Auslaufens  bestimmt  sich  nach
der  Reihenfolge  der  Ankunft.

Eine  Prise  darf  nur  wegen  Seeuntüchtigkeit,  ungünstiger
  See  sowie  wegen  Mangeis  an  Feuerungs--material
  oder  an  Vorräten  in  einen  neutralen  Hafen
gebracht  werden.  Andernfalls  muß  die  neutrale  Macht
die  Befreiung  der  Prise  mit  ihren  Offizieren  und
Mannschaften  herbeiführen.  Dasselbe  gilt,  wenn  die
unter  den  obengenannten  Voraussetzungen  eingebrachte
  Prise  nicht  nach  der  Beseitigung  der  Ursache
des  Einlaufens  alsbald  wieder  ausläuft.  Gestattet
kann  der  Mit  zu  dem  neutralen  Hafen  werden,
wenn  die  Prise  dorthin  gebracht  wird,  um  bis  zur
Entscheidung  des  Pri'engerichts  in  Verwahrung  gehalten
  zu  werden.  Aus  der  Pflicht  der  Neutralen,
keine  der  kriegführenden  Mächte  vor  der  anderen  zu
begünstigen,  gan-  daß  sie  Bedingungen,  Beschränkungen
  oder  Verbote,  die  sie  für  die  Futaffung  von
Kriegsschiffen  oder  Prisen  der  Kriegführenden  in  ihre
Häfen,  Reeden  oder  Küstengewässer  aufgestellt  hat,
auf  beide  Teile  gleichmäßig  an  zuwenden  hat.

Die  Abgabe  von  Kriegsschiffen,  Munition  oder  sonstigem
  Kriegsbedarf  seitens  einer  neutralen  Macht  an
einen  der  Kriegführenden  ist  untersagt,  während  die
neutrale  Macht,  wie  schon  oben  unter  II.  dargelegt,
nicht  verpflichtet  ist,  die  für  Rechnung  eines  der  Kriegführenden
  erfolgende  Ausfuhr  von  Wassen  u.  dgl.
zu  verhindern.  Dagegen  muß  sie  alle  ihr  zur  Verfügung
  stehenden  Mittel  anwenden,  um  in  ihrem
Hoheitsbereiche  die  Ausrüstung  oder  Bewaffnung
jedes  Schisses  zu  verhindern,  von  dem  anzunehmen
ist,  daß  es  zum  Kreuzen  oder  zur  Teilnahme  an  kriegerischen
  Unternehmungen  bestimmt  ist.  Ebenso  muß
sie  über  die  in  ihren  Gewässern  und  Häfen  befindlichen
Kriegsschiffe  der  Kriegführenden  die  erforderliche  Aufsicht
  ausüben,  insbes.  darüber  wachen,  daß  diese  Schiffe
ihre  Schäden  nur  in  dem  für  die  Sicherheit  ihrer
Schiffahrt  unerläßlichen  Maße  ausbessern,  nicht  aber
ihre  militärische  Kraft  erhöhen,  daß  sie  nicht  ihre  militärischen
  Vorräte  oder  ihre  Armierung  erneuern  und
daß  sie  nur  so  viel  Lebensmittel  einnehmen,  wie  sie
für  den  regelmäßigen  Friedensbestand  brauchen.  Hat
ein  Kriegsschiff  in  einem  neutralen  Hafen  Feuerungsmaterial
  eingenommen,  so  darfes  seinen  Bedarf  daran
in  einem  Hafen  derselben  Macht  erst  nach  drei  Monaten
  wieder  decken.

Die  neutrale  Macht  ist  berechtigt,  Kriegsschiffe  der
        <pb n="500" />
        414

Kriegführenden,  die  unberechtigterweise  in  einem  neutralen
  Hafen  verweilen,  für  die  Dauer  des  Krieges
seeunfähig  zu  machen.  Die  Ausübung  dieser  den  Neutralen
  eingeräumten  Rechte  darf  nicht  als  unfreundliche
  Handlung  angesehen  werden.

VI.  Der  Handel  der  Neutralen  wird  grundsätzlich
  von  einem  Krieg  zwischen  anderen  Mächten
nicht  berührt.  -Die  Staatsangehörigen  der  neutralen
Staaten  dürfen  zu  Wasser  und  zu  Lande,  nicht  nur
unter  sich,  sondern  auch  mit  den  Kriegführenden,  nicht
nur.  auf  neutralem  Gebiet,  sondern  auch  auf  dem
Kriegsschauplatz,  Handel  treibentc.  Doch  mußsich  der
neutrale  Handel  gewisse,  durch  den  Krieg  gebotene  Beschränkungen
  gefallen  lassen,  namentlich  eine  Blockade,
die  ihm  die  Küsten  einer  der  kriegführenden  Mächte
versperrt;  ferner  wird  er  durch  das  Verbot  der  Kriegskonterbande
  beeinträchtigt.  Näheres  hierüber  ist  in
der  Abhandlung  über  das  Seekriegsrecht  (Bd.  J.
(S.  367  ff.)  ausgeführt.

VII.  Wie  die  Neutralität  ihrem  Begriff  nach  erst
mit  dem  Ausbruch  eines  Krieges  zur  Entstehung  gelangt,
  so  kann  auch  erst  von  diesem  Zeitpunkt  an  von
Rechten  und  Pflichten  der  Neutralen  gesprochen  werden.
  Eine  Ausnahme  hiervon  gilt  für  den  Fall,  daß
einem  Staat  von  den  übrigen  dauernde  Neutralität
  zugesichert,  daß  er  auf  Grund  internationaler
Vereindbarungen  dauernd  neutralisiert  ist,  wie
dies  bezüglich  Belgiens,  Luxemburgs  und  der  Schweiz
geschehen  ist.  Die  bevorzugte  Stellung,  die  den  neutralisierten
  Staat  unter  der  Garantie  aller  übrigen
Mächte  gegen  die  Bekriegung  durch  eine  von  ihnen
schützt,  legt  ihm  schon  während  der  Friedenszeit  gewisse
  Verpflichtungen  auf.  Während  er  auf  der  einen
Seite  nicht  daran  gehindert  ist,  die  Erfüllung  der  ihm
im  Kriegsfall  obliegenden  Verbindlichkeiten  vorzubereiten,
  insbes.  sein  Gebiet  zu  befestigen  und  ein
stehendes  Heer  auszubilden,  um  künftige  Eingriffe  in
seine  Neutralität  abwehren  zu  können,  so  darf  er  doch
anderseits  keine  Handlung  vornehmen,  die  eine  agegen
  eine  der  Garantiemächte  enthält.  Der  während
  eines  Krieges  geltende  Grundsatz,  wonach  der
Neutrale  keine  der  streitenden  Mächte  vor  der  anderen
begünstigen  darf  und  etwaige  Beschränkungen  und
Verbote  auf  alle  anderen  Staaten  gleichmäßig  anzuwenden
  hat,  gilt  für  den  dauernd  neutralisierten
Staat  schon  in  Friedenszeiten.  Er  muß  eine  durchaus
  neutrale  Politik  beobachten  und  sich  des  Abschlusses
  jedes  Bündnisses  enthalten,  das  ihn  zur
Teilnahme  an  einem  eiaigen  Krieg  verpflichtet.

Dieser  Pflicht  hat  Belgien  zuwidergehandelt.
Durch  das  in  Brüssel  vorgefundene  Aktenmaterial
ist,  wie  die  Veröffentlichungen  in  der=  Norddeutschen
Allgemeinen  Zeitung=  vom  12.  Oktober  und  24.  November
  1914  ergeben,  unwiderleglich  nachgewiesen,

—  —  —  —

1  v.  Liszt,  a.  a.  O.,  S.  360.
⁊  BVal.  v.  Lis#t,  a.  a.  O.,  S.  62.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

daß  Belgien  bereits  seit  dem  Jahre  1906  mit  England
  und  Frankreich  über  ein  gemeinsames  Bündnis
im  Fall  eines  Krieges  gegen  Deutschland  beraten,  daß
es  sich  hierbei  keineswegs  begnügt  hat,  die  von  England
  ausgegangene  Anregung  zu  erörtern,  vielmehr
selbst  einen  Operationsplan  vorgelegt,  und  die  Möglichleit
  der  Ausgestaltung  Belgiens  zur  Operationsbasis
  gegen  Deutschland  ins  Auge  gefaßt  hatn.  Diese
Annäherung  Belgiens  an  zwei  Großmächte,  die  ihre
Spitze  gegen  Deutschland  richtete  und  die  im  Laufe
der  Jahre  zu  Verhandlungen  und  Mitteilungen  intimster
  Art  auf  politischem,  militärischem  und  strategischem
  Gebiet  führte,  enthält  einen  Neutralitätsbruch.
wie  er  schlimmer  nicht  gedacht  werden  kann.  Es  mag
unentschieden  bleiben,  ob  sich  die  Neutralisierung
Belgiens  auf  seine  Unabhängigkeit,  Integrität  und
Unverletzlichkeit  oder  nur  auf  die  erste  bezog  —  wie
letzteres  namentlich  neuere  belgische  Schriftsteller  auszuführen
  versucht  haben?  —;  denn  durch  den  zwischen
Belgien  und  Holland  am  19.  April  1839  abgeschlossenen,
  von  den  Großmächten  garantierten  Vertrag  ver-Hüchteie
  sich  jenes  ausdrücklich  in  Art.7,  »die  gleiche
Neutralität  geten  alle  anderen  Staaten  zu
beobachtene  .  Es  durfte  hiernach  weder  ein  im
Kriegsfalle  wirksam  werdendes,  gegen  eine  der  Garantiemächte
  gerichtetes  Bündnis  mit  einer  anderen
Macht  anbahnen,  noch  eine  einseilige  Lossagung  von
der  vertragsmäßig  vereinbarten  Neutralisierung  anstreben.
  Durch  die  Verletzung  dieser  Pflicht  hat  sich  Belien
  selbst  des  Rechtes  begeben,  als  neutraler  Staat  begondelt
  zuwerden  und  die  Beachtung  seiner  Neutralität
von  den  anderen  Mächten  zu  verlangen,  und  das  Deutsche
  Reich  verstieß  nicht  gegen  einen  —  gar  nicht  mehr
bestehenden  —  völkerrechtlichen  Vertrag,  als  es  seine
Truppenin  Belgien  einrücken  ließ.  Voneiner  Verletzung
der  belgischen  Neutralität  durch  diesen  Einmarsch  kann
nicht  die  Rede  sein,  weil  Belgien  selbst  schon  längst  aufgehört
  hatte,  an  seiner  Neutralität  festzuhalten.

Abgesehen  hiervon  beging  Deutschland  mit  dem
Überschreiten  der  belgischen  Grenze  auch  deshalb  keine
Verletzung  völkerrechtlicher  Normen.  weil  es  sich  in
einem  Notstand  befand,  und  ein  solcher,  wie  im  bürgerlichen
  und  im  Strafrecht,  so  auch  im  Völkerrecht  die
Rechtswidrigkeit  einer  sonst  verbotenen  Handlung
ausschließt:  Not  kennt  kein  Gebot.

Den  Literaturnachweisen  am  Schluß  der  Abhandlungen
  in  Bd.  I  über  Völkerrecht  (S.  360),  Landkriegsrecht
(S.  363)  und  Seekriegsrecht  (S.  367)  ist  nur  der  Hinweis
auf  A.  Bischof,  Katechsmus  des  Völkerrechts  Leipz.  1877.
J.  Kohler,  Notkennt  kein  Gebot  (Berl.  1915),  W.  Schoenborn,
  Die  Neutralität  Belgiens,  in  -Deutschland  und  der
Weltkriege  (2.  Aufl.,  Leipz.  1917),  hinzuzufügen.

1  Näheres  hierüber  in  Frank,  Die  belgische  Neutrajirar.
S.  27,  und  Müller-Meiningen,  a.  a.  O.,  S.  51—63.

1  Ugl.  Kohler,  Rot  kennt  kein  Gebot,  S.  37;  Frank,
a.  u.  O.,  S.  25.

*  Müller-Neiningen,  a.  a.  O.,  S.  23;  Kohler,  a.  a.  O.
S.  17.

Patentrechte  im  Kriege
von  Geh.  Regierungorat  J.  Neuberg  in  Berlin-Steglitz

Es  galt  früher  als  völkerrechtlicher  Grundsatz,  daß
der  Krieg  nur  ein  solcher  zwischen  den  Heeren  sein
solle.  Zwar  hatte  noch  Napoleon  I.  mit  der  von  ihm
verhängten  Kontinentalsperre  das  englische  Volk  als

solches  niederzukämpfen  versucht,  jene  Tage  lagen
aber  weit  zurück.  Je  mehr  die  Zeiten  fortschritien.
um  so  vornehmer  sollte  die  Kriegführung  werden,  und
cin  König  Wilhelm  I.  war  in  Prankreii  eingezogen
mit  Worten  des  Trostes  an  das  Volk,  das  durch  den
Krieg  möglichst  wenig  büßen  solle.  Notwendige  Folge
solchen  Standpunktes  war,  daß  man  an  ein  Festhalten
        <pb n="501" />
        Neuberg:  Patentrechte  im  Kriege

an  zwischenstaatlichen  Verträgen  auch  während  des
Krieges  und  über  ihn  hinaus  glaubte.  Die  Welt  steht
nun  aber  im  Zeichen  des  Verkehrs,  auch  im  Rechtsleben
  wird  das  offenbar.  Es  gibt  ganze  Rechtsgebiete,
  die  nicht  an  den  Grenzen  des  Heimatlandes
haftenzleiben  wollen,  die  vielmehr  ihrer  ganzen  Natur
  nach  dazu  bestimmt  und  geeignet  sind,  darüber
hinaus  zu  wirken.  Zu  Rechten  dieser  Art  gehören  die
sogenaunten  gewerblichen  Urheberrechte,  Patent-,
Muster-  und  Markenrechte.  Sie  dienen  dem  daraus
Berechtigten  nur  dann  in  rechter  Weise,  wenn  sie  auch
im  Auslandstaate  wirken  können.  Jedes  wertvolle
Patent  muß  auch  draußen  geschützt  werden,  jede  wertvolle
  Handelsmarke  sich  Auslandsschutz  suchen.  Ist
das  aber  der  Fall,  dann  darf  an  ihnen  ein  Krieg  an
sich  nicht  rütteln,  damn  müssen  sie  auch  während  desselben
  Bestand  haben.

Ein  französischer  Abgeordneter  war  es,  der  bei  Beginn
  des  gegenwärtigen  Krieges  die  Worte  sprach:
„Kurzsichtige  gehen  so  weit,  die  Löschung  aller  gewerblichen
  Schutzrechte  zu  verlangen,  die  bisher  von  Angehörigen
  der  mit  Frankreich  im  Kriege  stehenden

änder  für  unser  Staatsgebiet  erworben  worden
sind.“  Diese  Worte,  die  freilich  im  weiteren  Verlaufe
der  Rede  insofern  eingeschränkt  wurden,  als  der  Abgeordnete
  das  heimische  Interesse  bei  Bewertung,
  ob  die  Verträge  aufrechtzuerhalten,  lediglich
gelten  lassen  will;  sie  blieben  Worte.  Frankreich
erließ  ein  Gesetz  (vom  15.  Mai  1915),  wonach  dort
mit  Rücksicht  auf  den  Kriegszustand  und  im  Interesse
der  nationalen  Verteidigung  die  Ausnutzung  jeder
patentierten  Erfindung  oder  der  Gebrauch  jeder  Fabrikmarke
  durch  Untertanen  oder  Angehörige  des
Deutschen  Reiches  und  Osterreich-Ungarns  oder  durch
Personen,  die  auf  Rechnung  der  obengenannten  Untertanen
  oder  Staatsangehörigen  tätig  sind,  verboten  ist
und  bleibt.  Wenn  eine  der  patentierten  Erfindungen,
deren  Ausnutzung  hiernach  untersagt  ist,  ein  öffentliches
  Interesse  bietet  oder  als  nützlich  für  die  nationale
  Verteidigung  erklärt  wird,  kann  ihre  Ausnutzung
  ganz  oder  zum  Teil  dem  Staat  vorbehalten
oder  solchen  Personen  Übertragen  werden,  die  der
französischen,  einer  verbündeten  oder  neutralen  Nation
angehören  und  ihre  Befähigung  zur  Ausführung
nachweisen  können.  Frankreich  hat  also  ein  grundsätzliches
  Erlöschen  der  Schutzrechte  der  Angehörigen
feindlicher  Staaten  nicht  ausgesprochen.

Anders  Rußland.  Hier  wurde  am  21.  Februar
(6.  März)  1915  ein  Gesetz  erlassen,  wonach  Patente
auf  Erfindungen  oder  Vervollkommnungen  den  Untertanen
  der  mit  Rußland  Krieg  führenden  Mächte  nicht
erteilt,  ebensowenig  Patentanmeldungen  von  solchen
Personen  angenommen  werden,  in  bereits  eingegangenen
  Anmeldungen  das  Verfahren  eingestellt  wird.
Patente  auf  Erfindungen,  die  Untertanen  der  mit  Rußland
  Krieg  führenden  Mächte  gehören  und  für  die
Landesverteidigung  von  Bedeutung  sind,  gehen  ohne
Entgelt  in  das  Eigentum  des  russischen  Staates  über.
Die  Wirkung  aller  Üübrigen  Patentefeindlicher  Staatsangehöriger
  erlischt,  die  Rechte  auf  Benutzung  von
Erfindungen  dagegen  bleiben  bestehen.  Nur  wird  der
Staat  Eigentümer  und  zieht  nun  die  Gebühren  ein.
(Nebenbei  gesagt  bezieht  sich  das,  was  für  Rußland
gesetzlich  bestimmt  ist,  nicht  auf  Finnland.  Hier  hat
der  Senatselbständig  angeordnet,  daß  die  Behandlung
aller  Gesuche  um  Patentrechte,  die  von  Angehörigen
Rußland  feindlicher  Staaten  eingehen,  bis  auf  weiteres
ausgesetzt  werde  usw.)  Für  das  Generalgouverne-415



ment  Warschau  bestehen  deutsche  Sonderbestimmungen,
  so  vom  25.  Januar  1917,  wonach  die  Verordnung
  vom  1.  Juli  1915  (s.  unten),  soweit  sie  Rußland
  und  Rußlands  Angehörige  anlangt,  in  Ansehung
des  Generalgouvernements  Warschau  und  desjenigen
in  Lublin  (unter  gewissen  Einschränkungen)  außer
Kraft  gesetzt  wird,  oder  vom  22.  März  1916,  wonach
nach  dem  deutschen  Patentgesetz  usw.  geschützte  Erfindungen
  im  Generalgouvernement  Warschau  ohne
Zustimmung  der  Berechtigten  gewerbsmäßig  nicht  benutzt
  werden  dürfen.

n  Großbritannien  ist  man,  im  Gegensatz  zu
Rußland  und  ähnlich  wie  in  Frankreich,  nicht  ohne
weiteres  zur  Vernichtung  gewerblicher  Urheberrechte
Frchritier.  Vielmehr  hat  nur  der  Board  of  Trade  die

efugnis,  dauernd  oder  zeitweise,  völlig  oder  teilweise
Patente  usw.  unter  bestimmten  Voraussetzungen  außer
Kraft  zu  setzen  und  anderen  als  Angehörigen  eines
mit  Großbritannien  Krieg  führenden  Staates  Gebrauchsrechte
  daran  zu  erteilen.  Ahnliche  Bestimmungen
  sind  in  Kanada,  dem  Ostafrikanischen
Schutzgebiet,  der  Südafrikanischen  Union
usw.  getroffen  worden,  ebenso  wie  sich  die  französischen
Bestinmungen  in  Tunis  wiederholen.

Nun  konnte  das  Deutsche  Reich  nicht  mehr  nur
stillehalten,  wenn  es  auch  e  nicht  nur  der  Vergeltungs.
standpunkt  allein,  nein  auch  die  Rücksicht  auf  die  Reelung

  des  zwischenstaatlichen  gewerblichen  Rechts-8
  es  bei  den  Friedensverhandlungen  und  nach  der
Wiederaufnahme  eines  friedlichen  Rechtsverkehrs«
(Osterrieth)  waren,  die  zur  Verordnung  über
die  gewerblichen  Schutzrechte  feindlicher
Staatsangehöriger  vom  1.  Juli  1915  führten.
Nach  §  8  trat  die  Verordnung  mit  dem  Tage  ihrer
Verkündigung  in  Kraft.  Wann  die  Verordnung  wieder
  außer  Kraft  treten  soll,  ob  sie  ganz  wieder  aufehoben

  sein  soll,  ob  sie  teilweise  weiter  gelten  soll,
as  soll  in  des  Reichskanzlers  alleiniger  Befugnis
stehen.  Feindliche  Staaten  im  Sinne  der  Patentordnung
  sind  England,  Frankreich  und  Rußland;  später
ist  Ausdehnung  erfolgt  auf  Portugal  (Bekanntmachung
  vom  13.  Juni  1916)  und  Italien  (Bekanntmachung
  vom  9.  Januar  1917).  Es  fehlen  also  etliche
unserer  Feinde.  Nicht  als  ob  wir  etwazueinem  Staate
wie  Serbien  ganz  außer  Vertragsverhältnis  auf  dem
Gebiete  des  gewerblichen  Urheberrechts  stünden.  Das
nicht,  aber  tatsächlich  sind  diese  Vertragsverhältnisse

ering.  Soweit  das  Bedürfnis  zu  ihrer  Regelung  betand,
  half  man  sich  nach  Besetzung  der  in  Frage
kommenden  Länder  in  besonderer  Weise.  (Vergleiche
z.  B.  Belgien,  wo  seilens  der  deutschen  Behörde  eine
etwaige  Patentanmeldung  in  Le  Havre  als  ungültig
angesehen  wird.)

1  Italien  hatte  der  Vertreter  des  Königs,  Hervo
  Thomas  von  Genua,  im  Juni  1915  Ausnahmee#mmungen

  in  Patent.,  Marken=  und  Musterschutzangelegenheiten
  erlassen.  Später  (10.  April  1917)  erging
  eine  allgemeine  Verordnung  über  die  Aufhebung
ewerblicher  Schußrechte  der  Angehörigen  der  mit
talien  im  Kriege  befindlichen  Staaten.  Näher  sollen
diese  Bestimmungen  hier  nicht  betrachtet  werden.  Es
enüge  die  Hervorhebung  ihres  feindlichen  Charakters
utschen  gegenüber.

Wenn  nach  §  7,  Abs.  2  der  deutschen  Verordnung
der  Reichskanzler  jene  im  Wege  der  Vergeltung  auf
andere  Staaten  als  die  zunächst  in  der  Verordnung
genannten  ausdehnen  darf,  sobrauchen  das  nicht  etwa
nur  Staaten  zu  sein,  mit  denen  das  Reich  jetzt  oder
        <pb n="502" />
        416

zur  Zeit  des  Erlasses  der  Verordnung  im  Kriege  lebte.

enimmt  sich  ein  Staat  in  der  hier  in  Betracht  kommenden
  Weise  feindselig,  so  ist  das  Vergeltungsrecht
gegeben.  Die  Ausdehnungsbefugnis  steht,  das  sei  hervorgehoben,
  nur  dem  Reichskanzler  zu,  er  kann  sie
nicht  wie  andere  ihm  nach  der  Verordimuny  ukomemen.
den  Rechte  auf  andere  übertragen.  Die  Verordnung
richtet  sich  aber  nicht  nur  gegen  die  offenbaren  Feinde.
Nein,  will  sie  ihren  Zweck  erfüllen,  dann  muß  sie  auch
Schleichwegen  nachgehen.  Sie  schließt  demmnach  ihre
Wirksamkeit  nicht  dadurch  aus,  daß  die  in  Betracht
kommenden  Rechte  nach  dem  31.  Juli  1914  auf  Anehörige

  anderer  Staaten  übertragen  oder  daß  zur
Verdeckung  der  Rechtsverhältnisse  Angehörige  anderer
Staaten  vorgeschoben  sind.  Dem  Patentlinhaber,  der
Engländer  ist,  steht  sein  niederländischer  Freund
gleich,  der  von  dem  Engländer  auf  dessen  Besorgnis
bin.  der  Krieg  könne  das  Patent  vernichten,  das  Recht
daran  Übernommen  hat.

Angehörige  eines  Staates  —  das  ist  ein  Begriff.  der
leicht  zu  Zweifelsfragen  Anlaß  gibt.  Es  sei  betont,
daß  er  sich  nach  den  Bestimmungen  des  öffentlichen
Rechtes  jedes  Staates  ordnet.  Nun  fordert  es  die
zweckmäßige  Handhabung  der  Verordnung,  wenn  sich
das  Deutsche  Reich  gezwungen  sieht,  über  jene  außenstaatlichen
  Bestimmungen  binaus  nicht  nur  die  Angehörigen
  der  Kolonien  und  auswärtigen  Besitzungen
  der  feindlichen  Länder  den  eigentlichen  Staatsangehörigen
  gleichzustellen.  Abgeschen  davon  sollen
solchen  Angehörigen  der  feindlichen  Staaten  auch
Personen  gleichstehen,  die  in  den  Gebieten  dieser
Staaten  oder  ihrer  Kolonien  und  auswärtigen  Besitzungen
  ihren  Wohnsitz  oder  ihre  Niederlassung
haben.  Es  steht  also  der  in  England  lebende  Deutsche
  dem  Vollengländer  gleich.  Weiter  kommen  in  Betracht
  juristische  Personen,  Gesellschaften  und  Unternehmungen,
  die  in  den  in  Frage  kommenden  Staaten,
Kolonien  und  auswärtigen  Besitzungen  ihren  Sitz
haben  und  von  dort  aus  geleitet  oder  beaufsichtigt
werden,  oder  deren  Erträgnisse  ganz  oder  zum  Teil
dorthin  ab  zuführen  sind,  eine  Gepindnung.  die  durch
neuerliche  Bekanntmachungen  über  Maßnahmen  gegen
  feindliches  Vermögen  zum  Teil  ihre  Wirkung  verloren
  oder  Anderungen  erfahren  hat.

Was  will  die  deutsche  Verordnung  vom  1.  Juli?
Zweierlei:  Schon  Bestehendes  vernichten,  Zukünftiges
nicht  zur  Entstehung  kommen  lassen;  81  sagt:  Patentrechte,
  Gebrauchsmusterrechte  und  Warenzeichenrechte
können,  soweit  sie  Angehörigen  feind'icher  Staaten
zustehen,  durch  Anordnungen  des  Reichskanzlers  im
öffentlichen  Interesse  beschränkt  und  aufgehoben  werden.
  Insbesondere  können  anderen  Ausübungs-  und
Nutzungsrechte  erteilt  werden.  Den  Anordnungen
kann  rückwirkende  Kraft  beigelegt  werden.  Sie  können
jederzeit  geändert  und  zurückgenommen  werden.

Das  deutsche  Recht  kennt  außer  den  Gebrauchsmusterrechten
  noch  andere  Musterrechte,  die  sogenannten
  Geschmacksmuster.  Sie  werden  von  der  Verordnung
  nicht  betroffen.  Wie  ist  nun  die  Wirtung  der
Verordnung?  Der  Krieg  schafft  nicht  etwa  eine  Nichtigkeit
  der  Urheberrechte.  Die  Rechte  bleiben  vielmehr
an  sich  voll  bestehen.  Das  bedeutet  Anerkennung  des
Standpunktes,  daß  der  Krieg  an  Privatrechten  nichts

u  verändern  vermag.  Spricht  aber  das  öffentliche
Fnteresse  dafür,  daß  ein  bestehendes  Auslandsrecht
nicht  weiter  gelten  soll,  so  önnen  Anordnungen  des
Reichskanzlers  ergehen,  seies,  daß  etwa  eine  Auslandsmarke
  in  ihren  Wirkungen  aufgehoben  oder  einem

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

ausländischen  Berechtigten  ein  Nutzungsrecht  abgesprochen
  wird.  Dabei  kann  das,  was  angeordnet  wird.
rückwirkende  Kraft  haben  —  natürlich  nur  bis  Kriegsbeginn;
  es  kann  aber  das  Angeordnete,  und  zwar
ohne  jede  Begründung,  auch  wieder  aufgehoben  und
geändert  werden.  Um  den  Reichskanzler,  dessen  Arbeitslast
  in  den  Kriegszeiten  ungeheuer  ist,  von  solchen
ihm  an  sich  fernliegenden  Geschäften  möglichst  zu  entlasten,
  ist  gesagt,  daß  die  Befugnisse  des  &amp;amp;  1  einer  anderen
  Stelle  übertragen  werden  können.  Nach  den  Bestimmungen
  zur  Ausführung  der  Verordnung  (vom
2.  Juli)  ist  zuständig  für  die  Anordnungen  der  Reichskommissar
  für  gewerbliche  Schutzrechte.  Auch
er  trifft  solche  Anordnungen  nicht  von  Amts  ween.
sondern  nur  auf  Antrag.  Im  Regelfall  ist  der  Antrag
  an  den  Patentamtspräsidenten  zu  richten.  Er
bedarf  der  schriftlichen  Form.  ist  auch  in  den  ihm  zugrunde
  liegenden  Behauptungen  glaubhaft  zu  machen
  gemäß  den  Bestimmungen  der  Zivilprozeßordnung
  über  Glaubhaftmachung.  Bei  Stellung  des  Antrags
  ist  für  jedes  Schutzrecht,  auf  das  sich  der  Antrag
  bezieht,  eine  Gebühr  von  50  Mark  zu  zahlen.
Nach  Eingang  des  Antrags  tritt  ein  bestimmtes  Verfahren
  in  Gang:  Der  Patentamtspräsident  läßt  nämlich
  in  geeigneter  Weise  die  Angelegenheit  aufklären.
kann  zu  solchem  Zwecke  die  Beteiligten  laden  und
dergleichen.  Danach  folgt  das  Verfahren  vor  dem
Reichskommissar,  dem  die  vor  dem  Präsidenten  des
Patentamts  geführten  Verhandlungen  mit  Gutachten
vorzulegen  sind.  Der  Reichskommissar  kann  sich  bei
der  Vorbereitung  seiner  Anordnungen  an  Gerichte
und  andere  Behörden,  auch  an  das  Patentamt  wenden.
  Geldleistungen,  die  auf  Grund  der  Anordnunen

  des  Kommissars  fällig  geworden  sind,  sind  im
#wongswege  einzuziehen;  für  die  im  Verfahren  entstehenden
  Zeugen-  und  Sachverständigengebühren  hat
der  Antragsteller  als  Kostenschuldner  aufzukommen.
Nicht  an  den  Patentamtspräsidenten  ist  der  Antrag
zu  richten,  sondern  an  die  oberste  Heeres=  oder  Flottenbehörde,
  sofern  es  sich  um  Anordnungen  handelt,  die
für  Zwecke  des  Heeres  oder  der  Flotte  erforderlich  geworden
  sind.

Oben  war  die  Rede  davon,  daß  die  Verordnung
nicht  nur  auf  Vernichtung  des  Bestehenden  ausgeht,
sondern  auch  darauf,  Rechte  nicht  entstehen  zu  lassen;
deshalb  die  Bestimmung:  Auf  Anmeldungen  von  Angehörigen
  feindlicher  Staaten  werden  Patente  nicht
erteilt,  Gebrauchsmuster  oder  Warenzeichen  (wieder
fehlen  die  Geschmacksmuster)  nicht  eingetragen.  Nicht
wird  dem  Patentamte  verwehrt,  die  ihm  nach  dem  Patentgesetze
  usw.  obliegenden  Prüfungen  auf  Eintragbarkeit
  anzunehmen,  wohl  aber  kann  es  aus  eigener
Entschließung,  soweit  Angehörige  feindlicher  Staaten
in  Betracht  kommen,  Amtshandlungen,  die  ihm  nach
solcher  gesetzlichen  Vorschrift  obliegen,  aussetzen  und
das  Verfahren  vorläufig  einstellen,  auch  kann  der  Patentamtspräsident
  allgemeine  Bestimmungen  erlassen.
Um  ein  Beispiel  anzuführen.  kann  das  Patentamt
nach  Anmeldung  einer  deutschen  Schutzmarke  davon
absehen,  den  ausländischen  Inhaber  einer  älteren,  mit
der  neuangemeldeten  verwechselbaren  Marke  zu  benachrichtigen,
  wie  das  sonst  nach  §  5  des  ren  ·
bezeichnungsschutzgesetzes  vorgeschrieben  ist.  Es  erfolgt
  dann  Aussetzung  des  Verfahrens  über  die  Anmeldung
  der  deutschen  Schutzmarke,  keinesfalls  aber
in  völliger  Nichtachtung  des  Rechtes  des  Ausländers
Eintragung  auf  jene  Anmeldung  hin.  Dazu  wäre
Voraussetzung  die  vorherige  Vernichtung  des  auslän-
        <pb n="503" />
        Neuberg:  Patentrechte  im  Kriege

dischen  Rechts,  eine  solche  Vernichtung  soll  aber  nicht
statthaben.

Nur  eine  de  gibt  es,  was  die  Beschränkung
oder  Aufhebung  solcher  Auslandsrechte  anlangt.
Sie  gilt  Rußland  gegenüber.  Dort  heißt  es,  der  russischen
  Gesetzgebung  vergeltungsweise  entsprechend:  Die
Wirkung  von  Patenten,  die  Angehörigen  Rußlands
zustehen,  ist,  undbeschadet  der  für  Angehörige  anderer
als  der  feindlichen  Staaten  bestellten  ausschließlichen
Rechte  zur  Auslbung  oder  Nutzung,  vom  11.  März
1915  an  (dem  durch  die  russische  Gesetzgebung  an  die
Hand  gegebenen  Tag)  als  erloschen  anzusehen.  Aiso
auch  hier  nicht  Nichtigkeit  im  angen  denn  soweit  aus
solchem  Rechte  für  Deutsche  oder  Angehörige  befreundeter
  Staaten  Rechte  abzuleiten  sind,  gehen  sie  nicht
unter.  Als  Beispiel  diene,  daß  ein  russischer  Patentinhaber
  die  Verwertung  seines  Patents  im  Königreich
Sachsen  einem  Angehörigen  dieses  Königreichs  übertragen
  hat.  Soweit  solche  Einschränkung  aber  nicht
besteht,  erfolgt  hier  Aufhebung  von  Gesetzes  wegen,
ohne  besondere  Anordnung.

Auch  die  Rechte  der  Deutschen  und  Befreundeter
sind  aber  nur  gewährt  worden,  wenn  ihre  Anmeldung
  binnen  bestimmter  Frist  erfolgte.  Aus  der  übertragung
  russischer  Rechte  an  Deutsche  werden  im
Zweifelsfall  zugunsten  des  Russen  Vorteile  erwachsen,
  diese  sollen  ihm  aber  nach  dem  Inhalt  der  Verordnung
  im  *.  elsfall  nicht  zukommen,  vielmehr
soll  das  Deutsche  Reich,  vertreten  durch  den  Patentamtspräsidenten,
  auf  solche  Gegenleistung  selbst  berechtigt
  sein.  Ebenso  wie  die  Wirkung  von  Patenten,
die  Russen  zustehen,  ist  auch  die  Wirkung  der  für  Angehörige
  Rußlands  bestellten  Rechte  zur  Ausübung
oder  Nutzung  von  Patenten  von  dem  in  der  Verordnung
  genannten  Tage  ab  anzusehen.  Es  können
auch  nach  diesem  “  [[Üb  für  Russen  keine  Rechte  mehr
begründet  werden.  Entsprechende  Anwendung  findet
die  Verordnung  auch  auf  Gebrauchsmuster,  nicht  Geschmacksmuster,
  nicht  auch  Warenzeichen.

Der  Reichskommissar  für  gewerbliche  Schutzrechte
hat  mehrfach  in  Tätigkeit  treten  können.  Beispielsweise
  sei  angeführt,  daß  er  das  einer  englischen  Firma
durch  ein  englisches  Patent  zustehende  Recht,  betr.
Reinigungsmaschine  für  Fasergut,  zugunsten  zweier
Deutschen  in  der  Weise  beschränkt  hat,  daß  sie  bis
auf  weiteres  gemeinschaftlich  berechtigt  sein  sollen,  xç
werbsmäßig  den  durch  das  englische  Patent  geschützten
  Gegenstand  herzustellen,  in  Verkehr  zu  bringen,
feilzuhalten  und  zu  gebrauchen,  dies  nur  innerhalb
des  Reichsgebiets  bagen  Zahlung  einer  Gebühr  usw.

Nach  späteren  Anordnungen  des  Reichskommissars
sind  auch  Eingriffe  in  das  Zeichenrecht  feindlicher
Staatsangehörigen  angeordnet  worden.  Auch  hierfür
  war  das  in  der  Verordnung  vom  1.  Juli  1915
vorausgesetzte  öffentliche  Interesse  gegeben,  nämlich
überall  da,  wo  die  Anordnung  eine  Förderung  von
Deutschlands  Industrie  und  Handel  bewirkt.

Ein  kurzes  besonderes  Wort  macht  sich  zur  Warenkennzeichnung
  nötig.  Sie  kann  nach  deutschem
Rechte  zwar  auch  in  einer  Ausstattung  bestehen,  solche
genießt  unter  besonderen  Voraussetzungen  ebenfalls
rechtlichen  Schutz.  Was  aber  das  Warenbezeichnungsschueese#
  vornehmlich  im  Auge  hat,  ist  das  eigentliche
  Warenzeichen,  ein  —  kurz  gesagt  —  auf  der
Ware  zur  Gewähr  für  den  Wiederabnehmer  der  damit
  bezeichneten  Ware  angebrachtet  Wort  oder  Bild.
Der  Krieg  war  kaum  ausgebrochen,  als  sich  auch
hier  zeigte,  was  schon  früher  —  zu  Zeiten  des  Buren-Der

  Krieg  1914/17.  II.

417

feldzugs  usw.  —  zutage  getreten  war.  Es  schien  fast
so,  als  gebe  es  Warenzeichen,  die  nicht  den  Zeitereignissen
  ihren  Inhalt  entnommen,  üÜberhaupt  nicht  mehr.
Zahllos  die  Lindenburg  Naren,  zahllos  Bilder  mit
Hindenburg-Worten!  Es  erschienen  aber  auch  Zeichen
  wie=  Uns  treibt  nicht  Eroderungslust=  und  dergleichen.
  Bei  solcher  Sachlage  verliert  natürklich  das
einzelne  Gebilde  die  Wirkung,  kennzeichnend  für  den
Einzelbetrieb  *r5  wirken.  (Ausnahmen  sind  möglich,
so  besteht  ein  lange  vor  Ausbruch  des  gegenwärtigen
Krieges  eingetragenes  Eisernes-Kreuz-Zeichen  fort.)
Das  Patentamt  sah  sich  veranlaßt,  auf  die  solchen
Zeichen  fehlende  Schutzkraft  gewissermaßen  amtlich  zu
verweisen;  je  länger  der  Krieg  aber  dauerte,  um  so
mehr  verlor  der  Verkehr  wiederum  auch  Interesse  an
solcher  patriotischen  Gestaltung  der  Ware;  sie  hatte
den  Reiz  der  Neuheit  verloren.  Nur  künstlerisch  eigenartize
  ilder  können  beutzutage  noch  unterscheidend
wirken;  sie  erhalten  natürkich  infolge  ihrer  Eigenart
auch  warenzeichenrechtlichen  Schutz.

Auch  auf  einem  andern  Felde  mußte  das  Reich
tätig  werden,  nämlich  was  die  Warenkennzeichnungen
  anlangt.  Es  galt.  unlauteres  Gebaren,  das
sich  auf  dem  Gebiete  des  Handels  breitmachte,  auch  hier
zu  bekämpfen,  und  es  erging  zunächst  die  Bekanntmachung
  über  die  äußere  Kennzeichnung
von  Waren  vom  16.  Mai  1916.  Demnach  müssen
Konserven,  Kaffee-,  Tee-,  Kakao-Ersatzmittel.  Marmeladen,
  Schokoladen  und  dergleichen  auf  der  Packung
leicht  erkennbar  den  Hersteller,  Zeit  der  Herstellung
und  Füllung,  Inhalt  (bei  Konserven  zum  Beispiel
das  Mindestgewicht  des  Fleisches),  den  Kleinverkaufspreis
  in  deutscher  Währung  angeben.  Jede  Beserigung
  oder  Unkenntlichmachung  einer  Preisangabe  so
durch  überklebzettel,  ist  verboten.  (Die  Ausdehnung
dieser  Anordnung  auf  Pulver  für  die  menschliche
Nahrung  erfolgte  unter  dem  25.  August  1916.)

Ahnlichen  Avdsichten  entsprang  eine  Bekanntmachung
  vom  16.  Juni  1916,  wonach  das  Anbieten.
  Feilhalten,  Verkaufen  oder  sonst  Ju-den-Verkehr-bringen
  von  Nahrungs=  oder  Genußmitteln  unter
einer  zur  Täuschung  geeigneten  Bezeichnung  strafbar
ist  (unter  anderm  kommt  die  Nebenstrafe  der  Beschlagnahme
  der  zu  Unrecht  bezeichneten  Gegenstände  in  Betracht,
  mögen  sie  dem  Verurteilten  gehören  oder  nicht).

Die  Bekanntmachung  vom  11.  Oktober
1916  dehnte  die  vom  16.  Juni  auf  Soda,  Seife  und
sonstige  Waschmittel  aus.  Weiter  ist  zu  nennen  die
Bekanntmachung  vom  3.  August  1916,  die  eme  Neuerung
  in  der  Gesetzgebung  schaffte,  nämlich  Vervielfältigung
  und  Nachahmung  eiserner  Gegenstände,  die
im  Auftrag  der  Reichsbank  hergestellt  wurden,  um
den  Einlieferern  von  Godsachen  als  Gedenkstücke  verliehen
  zu  werden,  verbot.  über  sie  oder  ihre  Nachbildungen
  darf  nicht  durch  Rechtsgeschäft  verfügt,  sie
dürfen  nicht  in  den  Verkehr  gebracht  oder  feilgehalten
werden.  Gestattel  sind  lediglich  unentgeltliche  Verfügungen
  zugunsten  von  Familienangehörigen  sowie
  Verfügungen  von  Todes  wegen.  Die  Bekanntmachung
  ist  außerordentlich  streng;  sie  geht  sogar
lber  sonstige  Grundsäßze  des  Rechts  hinaus,  wenn  sie
unter  anderem  auch  die  Vervielfältigung  oder  Nachbildung
  auch  nur  zum  eigenen  Gebrauch  oder  in
einem  einzigen  Stücke  verbietet.  »

Angeführt  sei  dann  eine  Bekanntmachung,  die
das  Patentamt  über  die  im  feind  'ichen  Aus  ande
gegen  Deutsche  verfügte  Aufhebung  oder  Beschränkung
gewerblicher  Schuhrechte  zu  erlassen  für  nötig  fand.

27
        <pb n="504" />
        418

Wie  schon  die  obigen  Ausführungen  zu  den  Maßnahmen
  in  Frankreich,  Ruß'and  und  Großbritannien
erkennen  ließen,  sind  in  den  Feindesländern  Bestimmungen
  erlassen  worden,  die  bezwecken.  Patente,
Muster=  und  Markenrechte,  die  nach  deutschem  Rechte
Deutschen  zustehen,  aufzuheben  oder  zu  beschränken.
  In  Vervollständigung  des  Gesagten  sei  z.  B.  noch
angeführt,  daß  Japan  auf  Grund  oberstrichterlicher
Entscheidung  den  auf  dem  Gebiete  des  gewerblichen
Urheberrechts  bestehenden  sogenannten  Unionsvertrag
  gegenüber  feindlichen  Staaten  für  aufgehoben
ansieht,  Angehörige  solcher  also,  die  in  J#wan  keine
Wohnung  oder  Niederlossung  hüben,  auf  Grund  des
Patentgesetzes,  Geschmacksmustergesetzes,  Warenzeichengesetzes
  und  Gebrauchsmustergesetzes  Rechte
demnach  nicht  geltend  machen  können.  Alle  Nachrichten
  über  die  praktische  Ausführung  jener  in  den
Feindeslanden  erlassenen  Bestimmungen  sind  aber
unvollständig,  und  es  ist  im  eigenen  Interesse  der
Beteiligten  erwünscht,  daß  die  einzelnen  Fälle,  in
denen  gewerbliche  Schutzrechte  Deutscher  durch  kriegsrechtliche
  Anordnungen  feindlicher  Behörden  tatsäch.
lich  betroffen  worden  sind,  genau  und  erschöpfend
dargestellt  werden.  Anmeldestelle  für  solche  Mitteilungen
  ist  das  Patentamt.  Von  kritischen  und  wirtschaftlichen
  Erörterungen  ist  bei  Anzeigeerstattung
abzusehen,  ebenso  soll  die  Anmeldung  von  Schadenersatzansprüchen
  nicht  in  Frage  kommen.  Das  ist
Sache  der  Regelung  im  Friedensvertrag.

Ferner  sei  noch  folgendes  angeführt.  In  der  Regel
wird  sich  im  Frieden  niemand  darum  kümmern.  wie
ein  Patentinhaber  tätig  wird,  keine  Behörde  kann  ihm
Weisungen  geben  oder  ihn  hindern.  Im  Krieg  aber
kann  die  Ausübung  des  Patents  von  der  Behörde
untersagt  werden,  die  Ausübung  kann  sich  zum  Landesverrat
  gestalten  und  schwerer  Strafe  unterliegen.
Dementsprechend  hat  der  Oberbefehlshaber  in

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

den  Marken  Ende  1916  für  die  Stadt  Berlin  und
die  Provinz  Brandenburg  bestimmt,  daß  es  verboten
ist,  Patente  oder  Musterschutzrechte,  die  ein  Deutscher
oder  eine  deutsche  Firma  im  Auslande  angemeldet
oder  erworben  hat  und  die  einem  Ausfuhrverbot
unterliegende  Gegenstände  betreffen,  unmittelbar  oder
mittelbar  nach  oder  in  dem  feindlichen  oder  neutralen
Auslande  zu  veräusßzern  oder  dort  sonst  zu  verwerten.
Gleiches  gilt  für  Fabrikationsgeheimnisse,  soweit  es
sich  um  einem  Ausfuhrverbot  unterliegende  Gegenstände
  handelt.  Ahnliche  Verbote  sind  von  den  an
anderen  Orten  zuständigen  militärischen  Stellen  er.-lassen
  worden.

Zuvergleichen  ist  aber  auchdie  Bekanntmachung
des  preuß.  Kriegsministeriums  und  Reichs-.
marineamts  vom  12  März  1917,  die  im  vaterländischen
  Interesse  verhüten  will,  daß  Erfindungen,
deren  Geheimhaltung  im  Interesse  der  Landesverteidigung
  oder  der  Kriegswirtschaft  für  erforderlich  erachtet
  wird,  zur  Kenntnis  der  Feinde  gelangen.  Deshalb
ist  hier  angeordnet:  keine  Veräußerung,  Anmeldung,
sonstige  Mitteilung  zur  Kenntnis  des  feindlichen  und
neutralen  Auslands,  nach  erteiltem  Auslandschutz
aber  Abstandnohme  von  der  Ausführung.  (Prüfung
durch  die  beim  Patentamt  bestehende  Nachprüfungsstelle
  der  Heeres=  und  Marineverwaltung  für  Auslandsschriftverkehr
  in  Sachen  des  gewerblichen  Rechtsschutzes,
  Hinweis  auf  die  Strafe  aus  dem  Spionagegesetz
  und  den  Landesverratsbestimmungen.)

Verwiesen  sei  auch  auf  die  Bekanntmachung
über  den  Ausschluß  der  Öffentlichkeit  für
Patenteund  Gebrauchsmuster  vom  18.  Februar
1917.  Erwähnt  sei  endlich  die  durch  den  Krieg  veranlaßte
  Bekanntmachung  über  Vereinfachungen
  im  Patentamt  vom  V.  März  1917,  die  für  die
deutsche  Industrie  sehr  wesentlich,  auf  die  aber  hier
nicht  näher  einzugehen  ist.

FKriegsleistungen  und  Kriegsschäden
von  Oberlandesgerichtsrat  Dr.  Warneyer  in  Dresden

A.  Allgemeine  Ubersicht.

Unter  dem  Begriff  der  Kriegsschäden  im  weiteren
Sinne  werden  zwei  Arten  von  Vermögensverminderungen
  zusammengefaßt  die  zwar  beide  durch  den
Krieg  veranlaßt.  im  übrigen  aber  völlig  voneinander
verschieden  sind,  nämlich  die  Kriegsleistungen  und
die  Kriegsschäden  im  engeren  Sinne.  Unter  ersteren
  versteht  man  aöffentlich-rechtliche  Verpflichtungen.
welche  planmäßig  verteilt  und  in  einem  geordneten
Verwaltungsverfahren  geltend  gemacht  werdenie;
Kriegsschäden  dagegen  sind  alle  durch  den  Krieg  verursachten
  Beschädigungen  an  bewegsichem  und  unbeweglichem
  Eigentum  n  hierunter  fallen  beispielsweise
Schäden  durch  feindlichen  Einfall,  durch  Plünderung,
Beschießung,  Versenkung  von  Schiffen  u.  dgl.

Die  Verpflichtung  zu  Kriegsleistungen  und  die  dafür
  zu  gewährenden  Vergütungen  sind  durch  das
Reichogse  über  die  Kriegsleistungen  vom  13.  Juni
1873  ein  für  allemal  fest  geregelt;  die  Frage,  ob  und
in  welchem  Umfang  für  Kriegsschäden  eine  Entschädigung
  vom  Reich  zu  gewähren  sei,  ist  nicht  allgemein

1  Laband,  eutsche  Juristen-Zeitunge,  1915,  S.  441.

beantwortet,  ihre  Regelung  ist  vielmehr  jedesmaligen
Spezialgesetzen  überlassen  worden.

B.  Kriegsleistungen.

I.  Nach  dem  Kriegsleistungsgesetz  vom  13.  Juni
1873  tritt  von  dem  Tage  ab,  an  dem  die  bewaffnete
Macht  mobil  gemacht  wird,  die  Verpflichtung  des
Bundesgebietes  zu  allen  Leistungen  für  Kriegszmecke
ein,  soweit  für  die  Beschaffung  der  Bedürfnisse  nicht
anderweit,  insbes.  nicht  durch  freien  Ankauf  bzw.  Barzahlung
  oder  durch  Entnahme  aus  den  Magazinen  gesorgt
  werden  kann.  Für  die  Kriegsleistungen  ist  Vergütung
  aus  Reichsmitteln  zu  gewähren.  Als  einzelne

eistungen  werden  in  §  3  des  Gesetzes  ausgezählt:

1)  Gewährung  des  Naturalquartiers  für  die  bewaffnete
  Macht  einschließlich  des  Heergefolges  sowie
der  Stallung  für  die  zugehörigen  Pferde;

2)  Gewährung  der  Naturalverpflegung  für  die  auf
Märschen  und  in  Kantonierungen  befindlichen  Truppenteile
  sowie  der  Furage  für  die  zugehörigen  Pferde:

3)  überlassung  der  im  Gemeindebezirl  vorhandenen
Transportmittel  und  Gespanne  für  militärische  Zwecke
und  Stellung  der  in  der  Gemeinde  anwesenden  Mannschaften
  zum  Dienst  als  Gespannführer,  Wegweiser
und  Boten  sowie  zum  Wege-,  Eisenbahn=  und  Brückenbau,
  zu  fortifikatorischen  Arbeiten  usw.;
        <pb n="505" />
        Warneyer:  Kriegsleistungen  und  Kriegsschäden

4)  Überweisung  der  für  den  Kriegsbedarf  erforderlichen
  Grundstücke  und  vorhandenen  Gebäude  sowie
der  im  Gemeindebezirke  vorhandenen  Materialien  zur
Anlegung  von  Wegen,  Eisenbahnen.  Brücken,  Lagern,
Ubungs-  und  Biwakplätzen,  zu  fortifikatorischen  Anlagen
  und  zu  Fluß--  und  Hasensperren;

5)  Gewährung  des  im  Gemeindebezirk  vorhandenen
  Feuerungsmaterials  und  Lagerstrohs  für  Lager
und  Biwaks;

6)  Gewährung  der  sonstigen  Dienste  und  Gegenstände,
  deren  Leistung  bzw.  Lieferung  das  militärische
Interesse  ausnahmsweise  erforderlich  machen  könnte,
insbeiondere  von  Bewaffnungs=  und  Ausrüstungsgegenständen,
  Arznei=  und  Verbandmitteln,  soweit

ie  hierzu  erforderlichen  Personen  und  Gegenstände
im  Gemeindebezirk  anwesend  bzw.  vorhanden  sind.

Die  Zivilbehörden  bestimmen  auf  Requisition  der

Mililärbehörde,  in  welchen  Fällen  und  in  welchem

Umfang  die  vorgenannten  Verpflichtungen  einzutreten
  haben;  auch  kann  die  Militärbehörde  die  Leistungen

  in  dringenden  Fällen  unmittelbar  von  den
Leistungspflichtigen  requirieren.  Für  die  vollständige
und  rechtzeitige  Erfüllung  der  geforderten  Leistungen
sind  die  Gemeinden  verantwortlich,  sie  sind  aber  berechtigt,
  zu  diesem  Zwecke  die  Gemeindemitglieder  zu
Naturalleistungen  und  Diensten  aller  Art  heranzuziehen,
  insbesondere  auch  die  im  Bezirk  gelegenen
Grundstücke  und  Gebäude  zu  benutzen  und  sich  nötigenfalls
  zwangsweise  in  deren  Besitz  zu  setzen.

Die  in  der  Gemeinde  durch  die  Leistungen  entstehenden
  Barkosten  sind  von  den  zur  Teilnahme  an  den
Gemeindelasten  Verpflichteten  aufzubringen.  Den  mit
Naturalleistungen  oder  Diensten  in  Anspruch  Genom--menen
  hat  die  Gemeinde  Vergütung  zu  gewähren,
wofür  sie  Entschädigung  aus  Reichsmitteln  erhält.
Die  Höhe  der  Vergütung  wird  in  der  Regel  nach
Durchschnittssätzen  berechnet  und  auf  Grund  sachverständiger
  Schätung  festgestellt.  Die  Vergütung
für  die  oben  unter  Nr.  6  aufgeführten  Leistungen  ist
aus  den  bereitesten  Beständen  der  Kriegslasse=  bar
zu  bezahlen.  über  die  Verglitungsansprüche  aller
ubrigen  Kriegslerstungen  werden  verzinsliche  Anerkenntnisse
  ausgestellt,  die  nach  Maßgabe  der  verfügbaren
  Mittel  eingelöst  werden.

Das  Gesetz  enthält  ferner  besondere  Bestimmungen
bezüglich  der  Beschaffung  von  Schiffen  und  Fahrzeugen,
  worunter  jetzt  auch  die  bei  Erlaß  des  Gesetzes
noch  nicht  bekannten  Kraftfahrzeuge  fallen,  bezüglich
Veschaffung  der  Mobilmachungspferde  und  hinsichtlich
  der  Eisenbahnen.  In  8  35  des  Gesetzes  endlich
vird  die  Ausgleichung  besonderer  Härten  spezialgesetzlicher
  Regelung  vorbehalten  und  dieser  Vorbehalt
auf  die  Entschadigung  von  Kriegsschäden  im  engeren
Sinne  ausgedehnt.  d  der  ersten  Richtung  ist  bis
jetzt  ein  Sondergesetz  noch  nicht  erlassen;  wegen  der
Kriegsschäden  s.  unten,  C.  III.

II.  Das  Kriegsleistungsgesetz  vom  13.  Juni  1873,
einer  vergangenen  Zeit  angehörend,  hat  den  Anforderungen
  des  gegenwärtigen  Weltkrieges  nicht  allenthalben
  entsprochen.  Denn  wenn  auch  in  der  oben
unter  6)  wiedergegebenen  Vorschrift  der  Umfang  der
für  den  Kriegsbedarf  der  Enteignung  unterworfenen
Gegenstände  so  weit  gezogen  ist,  daß  selbst  die  durch
ungewöhnliche  Verhältnisse  hervorgerufenen  außerordentlichen
  militärischen  Bedürfnisse  befriedigt  werden
  könnent,  so  erwies  sich  doch  das  in  jenem  Gesetz

1  Val.  Lehmann,  in  Recht  und  Wirtschafte,  1915,  S.  234.

49

vorgeschriebene  Verfahren  dann  als  zu  schwerfällig,
wenn  es  galt.  auf  die  im  Lande  vorhandenen  Vorräte
  zurückzugreifen,  um  durch  deren  Verarbeitung  zu
Kriegsbedarfsartikeln  den  Krieg  trotz  der  Abschneidung
  der  Zufuhr  vom  Ausland  erfolgreich  bestehen
zu  können.  Insbesondere  standen  die  für  die  Inanspruchnahme
  der  erforderlichen  Gegenstände  geltenden
  Bestimmungen  des  Gesetzes  einer  angemessenen
Preisgestaltung  und  einer  beschleunigten  und  einfachen
  Sicherstellung  für  den  Bedarf  der  Militär=  und
Marineverwaltung  entgegen.  Und  das  Gesetz  über
den  Belagerungszustand  vom  4.  Juni  1851,  »das  teilweise
  schärfere  Handhaben  gewährt,  beschränkt  die
erweiterten  Befugnisse  auf  die  Militärbefehlshaber.
Diese  Mängel  der  bestehenden  Gesetzgebung  (so
führt  die  amtliche  Denkschrift  über  wirtschaftliche  Maßnahmen
  aus  Anlaß  des  Krieges,  V.  Nachtrag,  S.  70,
aus)  waren  geeignet,  zu  einer  wirtschaftlichen  Schädigung
  der  Gesamtheit  unseres  Volkes  zu  führen.  Abgesehen
  von  der  durch  ungerechtfertigte  Preistreiberei
verursachten  erheblichen  Erhöhung  der  Kriegskosten
wird  der  Erfolg  wirtschaftlicher  Kriegematztahmen
wesentlich  von  der  einheitlichen  und  schleunigen  Sicherstellung
  der  Kriegsbedürfnisse  abhängen.  Zur  Abstellung
  dieser  wirtschaftlichen  Schädigungen  ist  deshalb
  auf  Grund  des  §  3  des  sogenannten  Ermächtigungsgesetzes
  die  Bekanntmachung  über  die
Sicherstellungvon  Kriegsbedarf  vom  21.  Juni
1915  mit  Ergänzungen  vom  9.  Oktober  und  25.  November
  1915  erlassen  worden.  Sie  lehnt  sich  an  das
Kriegsleistungsgesetz  an,  erweitert  aber  dessen  einer
anderen  Art  der  Kriegführung  angepaßte  Bestimmungen
  in  einer  den  Bedürsnissen  des  gegenwärtigen
Krieges  besser  Rechnung  tragenden  Weise,  ohne  den
Umfang  der  Gegenstände,  die  bereits  nach  bestehendem
Rechte  einen  Eingriff  in  die  persönlichen  Eigentumsverhältnisse
  im  höheren  Interesse  der  Gesamtheit
unterliegen,  zu  vermehren  und  ohne  die  anderweit
begründeten  Besugnisse  der  Militärbefehlshaber  zu
beeinträchligen.  Nach  §  1  der  Bekanntmachung  sind
enteignungsfähig  alle  Gegenstände  des  Kriegsbedarfs
sowie  Gegenstände,  die  bei  der  Herstellung  oder  dem
Betriebe  von  Kriegsbedarfsartikeln  zur  Verwendung
elangen  können,  also  Rohstoffe,  Halbfabrikate,
chmieröl  für  Kraftwagen  u.  dgl.  Die  Anordnung
erfolgt,  unbeschadet  der  Zuständigkeit  der  Mililärbefehlshaber,
  seilens  der  bundesstaatlichen  Kriegsministerien
  oder  des  Reichsmarineamts  oder  der  von
diesen  bezeichneten  Behörden.  Mit  dem  Zugehen  der
Anordnung  an  den  Besitzer  geht  das  Eigentum  über.
Dieser  ist  verpflichtet,  die  Gegenstände  herauczugeben
bzw.  sie  auf  Kosten  des  Erwerbers  zu  Überbringen
oder  zu  übersenden.  Bei  der  Bemessung  des  übernahmepreises
  sollen  (wie  die  Begründung  der  Bekanntmachungin
  der=  Nordd.  Allg.  Zig.=  vom  25.  Juni
1915  hervorhebt)  die  Interessen  der  Reichskasse  und
damit  der  Volksgesamtheit  durch  Beschränkung  der
unangemessenen  Preistreiberei  Berücksichtigung  finden.
  Jedoch  ist  vorgeschrieben,  daß  der  Friedenspreis
eine  den  Umständen  entsprechende  Erhöhung  erfährt.
Bei  Gegensländen,  die  nach  Kriegsausbruch  aus  dem
Reichsausland  eingeführt  sind,  ist  der  Einstandspreis
des  Einführenden  zu  berücksichtigen.  Die  Festselzung
des  übernahmepreises,  der  bar  zu  bezahlen  ist,  ersolgt
durch  ein  Schiedsgericht.  Das  Verfahren  vor  diesem

1  Hagelberg,  in  2Gruchots  Beiträgen  zur  #rläutexung  des
Deutschen  Rechts-,  Be.  60,  S.  70.

277
        <pb n="506" />
        420

ist  durch  die  Anordnung  für  das  Verfahren  vor
dem  Reichsschiedsgerichte  für  Kriegsbedarf
vom  22.  Juli  1915  geregelt.  Soweit  es  sich  um  das
Eigentum  feindlicher  Ausländer  handelt,  kann  der
Reichskanzler  im  Wege  der  Vergeltung  abweichende
Bestimmungen  treffen.

Um  Gegenstände,  unter  Umständen  schon  vor  ihrer
Erzeugung.  für  einen  etwaigen  künftigen  Bedarf  des
Heeres  und  der  Marine  zu  sichern,  kann  die  Beschlagnahme
  angeordnet  werden.  Sie  bewirkt,  daß  die
Vornahme  von  Veränderungen  an  den  von  ihr  berührten
  Gegenständen  verboten  ist  und  rechtsgeschäftliche
  Verfügungen  über  sie  nichtig  sind,  sofern  sie  nicht
mit  Zustimmung  der  beschlagnahmenden  Stelle  erfelgen.
  Die  Beschlagnahme  wird  in  der  Regel  der

nteignung  vorausgehen  und  dann  erforderlich  sein,
wenn  sich  noch  nicht  endgültig  voraussehen  läßt,  ob
die  betreffenden  Gegenstände  ganz  oder  teilweise  zur
Herstellung  von  Kriegsbedürfnissen  gebraucht  werden
und  deshalb  enteignet  werden  missen.  Soweit  die
beschlagnahmte  Ware  bis  zur  Enteignung  beim  Besitzer
  lagert,  ist  er  zur  Verwahrung  und  zur  pfleglichen
Behandlung  verpflichtet,  wofür  ihm  nach  Befinden
eine  angemessene  Entschädigung  zu  gewähren  ist.

Die  Einhaltung  der  Bekanntmachung  wird  durch
strenge  Strafvorsihriften  gewährleistet;  eine  Bestrafung
  mit  Gefängnis  bis  zu  einem  Jahre  oder  mit
Geld  bis  zu  10000  Mark  wird  demjenigen  angedroht,
der  der  Verpflichtung  zur  Herausgabe  der  enteigneten
Gegenstände  zuwiderhandelt,  der  unbefugt  einen  beschlagnahmten
  Gegenstand  beiseiteschafft,  beschädigt
oder  zerstört,  verwendet,  verkauft  oder  kauft  oder  ein
anderes  Veräußerungs=  oder  Erwerbsgeschäft  über
ihn  abschließt,  sowie  demjenigen,  der  der  Verpflichtung,
  die  beschlagnahmten  Gegenstände  zu  verwahren
und  pfleglich  zu  behandeln,  zuwiderhandelt.

C.  Kriegsschäden.

I.  Wie  schon  oben  unter  B.  I.  am  Schlusse  erwähnt
ist,  enthält  der  §  35  des  Kriegsleistungsgesetzes  das
Versprechen  eines  Spezialgesetzes  zum  Ausgleich  von
Kriegsschäden.  Wenn  dort  gesagt  wird:  Für  alle
durch  den  Krieg  verursachten  Beschädigungen  an  beweglichem
  und  unbeweglichem  Eigentum  wird  der
Umfang  und  die  Höhe  der  etwa  zu  gewährenden  Entschädigung
  und  das  Verfahren  bei  Feststellung  derselben
  durch  jedesmaliges  Spezialgesetz  des  Reiches
bestimmt-,  so  geht  damit  jenes  Gesetz  über  seinen
eigentlichen  Kabmen  hinaus;  denn  es  handelt  sich  nicht
um  Kriegsschäden  im  allgemeinen.  nicht  bloß  um  Beschädigungen
  von  Eigentum,  die  bei  Gelegenheit  von
Kriegsleistungen  vorkommen!"“,  sondern  um  Beschädigungen,
  die  durch  kriegerische  Aktionen  und  mit
solchen  im  Zusammenhang  stehende  Handlungen,  wie
Beschieszungen,  Brandlegungen,  Zerstörung  von  Häusern,
  Wasserbauten,  Versenkung  von  Schiffen  nebst
der  Ladung,  Truppenbewegungen,  Verteidigungsanstalten
  (Gräben,  Barrikaden  usw.),  Verwüstung  und
Plünderung".  verursacht  sind.  Eine  rechtliche  Verpflichtung
  zum  Erlaß  eines  Spezialgesetzes  wegen  der
Kriegsschäden  besteht,  wie  Laband  zutreffend  ausführ!“,
  an  und  für  sich  nicht.  Daß  aber  die  Absicht
bei  der  Regierung  dahin  geht,  ein  solches  Gesetz  zu

1  A.  M.  Liebrecht,  Cesetz  über  die  Kriegsleistungen,  S.  75;
ogl.  auch  Laband,  in  der  1  Deutschen  Jur.  Ztg.  «,  1915,  S.  442.
2  Hirsch,  Das  Cesetz  über  die  Kriegeleistungeh,  S.  281.

s  M.  a.  O.;  vgl.  A.  M.  Liebrecht,  a.  a.  O.,  S.  75.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

schaffen,  folgt  daraus,  daß  sie  unterm  3.  Juli  1916
ein  Gesetz  über  die  Feststellung  von  Kriegsschäden
  erlassen  hat.

II.  Bevor  wir  dieses  die  künftige  Entschädigung
vorbereitende  Gesetz  besprechen,  wollen  wir  noch  einen
Rückolick  auf  die  zwei  nach  dem  deutsch  franösicchen
Kriege  von  1870  7  ĩ  ergangenen  Entschadigungsgeietze
vom  14.  Juni  1871  werfen.  Das  erste  betrifft  den
Ersatz  von  Schäden  an  Mobilien  und  Immobilien,
die  im  Laufe  des  Krieges  seitens  des  französischen  oder
deutschen  Heeres  durch  Beschießung  in  dem  bisherigen
Bundesgebiet  oder  in  Elsaß-Lothringen  belegener
Orte  oder  durch  Brandlegung  zu  mulitärischen  Zwecken
in  solchen  Orten  verursacht  worden  waren.  Der  Kreis
der  unter  die  Entschädigung  fallenden  Ereignisse  war
also  ziemlich  eng  gezogen.  Das  genügte  aber  für  den
damaligen  Krieg,  in  dem  keine  Plünderungen  und  Verwüstungen,
  wie  im  gegenwärtigen  durch  die  Russeneinfälle,
  vorgekommen  waren  und  der  noch  keine  Zerst5rungen
  durch  Luftschiff.  und  Fliegerangriffe  kannte.
Die  zerstörten  Gegenstände  wurden  nuch  dem  vollen
Wert,  den  sie  zur  Zeit  der  Zerst5örung  gehabt  hatten.
vergltet;  bei  bloßen  Beschädigungen  war  für  die
daraus  erwachsene  Wertverminderung  Ersatz  zu  leisten.
  Für  Verluste,  welche  durch  Versicherung  gedeckt
waren,  wurde  Ersatz  nicht  geleistet.  Entschädigung
für  Immobilien  wurde  ohne  Rücksicht  auf  die  Staatsangehörigkeit
  der  Beschädigten,  unter  Umständen  also
auch  einem  Franzosen,  gewährt;  Entschädigung  für
Mobilien  dagegen  nur  solchen  Beschädigten,  die  zur
g  der  Verkündung  des  Gesetzes  in  Deutichland  ihren

ohnsitz  hatten  und.  falls  sie  nicht  die  deutsche  Staatsangehörigkeit
  besaßen,  nur  dann,  wenn  die  Regierung
ihres  Heimatlandes  für  den  gleichen  Füll  die  Gegenseitigkeit
  zusagte.  Die  Festsetzung  der  Höhe  der  einzelnen
  Vergütungen  erfolgte  durch  Kommissionen,  die
von  den  Landesregierungen  zu  bilden  waren;  die
Auszahlung  der  danach  festgestellten  Vergütung  an
die  Beteiligten  lag  den  Landesdbehörden  ob.

Das  zweite  Gesetz  vom  14.  Juni  1871  bekrifft  die
Entschädigung  der  deutschen  Reederei.  Danach  sollte
den  Reedern  und  den  Ladungseigentümern  der  von
Frankreich  nicht  zurückgegebenen  Schiffe  und  Ladungen
  deren  Wert  vergütet,  ferner  sollten  auch  Aus
gaben  und  Verluste  ersetzt  werden,  die  durch  die  Aufbringung
  der  Schiffe  oder  die  Wegnahme  der  La
dungen  erwachsen  waren.

III.  Voraussetzung  für  den  Erlaß  eines  die  Auszahung
  von  Entschädigungen  anordnenden  Gesetzes
st  das  Vorhandensein  von  Mitteln.  Diese  Mittel
tanden  1971  infolge  des  Friedensschlusses  zur  Verügung:
  die  Vergütungen  waren  zu  gewähren  raus
den  bereilesten  Mitteln  der  von  Frankreich  zu  zahlenden
  Kriegsentschädigunge.  Gegenwäriig  muß  vom
Erlaß  eines  die  Entschädigung  durch  das  Reich  end-U'tig

  regelnden  Gesetzes  noch  abgesehen  werden,  da
tch  erst  nach  Beendigung  des  Krieges  übersehen  jäßt.
in  we'chem  Umfung  das  Reich  zur  Gewährung  von
Entschädigungen  imstande  ist.  Dagegen  erschien  ein
die  Feststellung  der  Kriegsschäden  anordnendes  Gesetz

eboten,  um  schon  im  voraus  den  Landesregierungen,
ie  Vorentschädigungen  gewährt  haben,  die  Gewißheit
  zu  verschaffen,  daß  die  von  ihnen  gezehlten  Vergütungen
  bei  einem  etwaigen  sp.iteren  Ersatz  durch
das  Reich  als  zutreffend  berechnet  anerkannt  werden.

Die  Begrlündung  zu  dem  Gesetz  vom  3.  Juli  1916
führt  hierzu  aus:  Die  durch  den  Einfall  der  feindtichen
Heere  in  den  Grenzgebieten  des  Rciches  verursachten
        <pb n="507" />
        Warneyer:  Kriegsleistungen  und  Kriegsschäden

umfangreichen  Kriegsschäden  und  die  Zerstörungen
und  Beschädigungen,  welche  durch  feindliche  Flugzeuge
  innerhalb  des  Reiches  veranlaßt  worden  sind,
machten  Maßznahmen  der  Regierungen  der  Bundesstaaten
  zur  Beseitigung  der  in  den  betroffenen  Gebieten
  entstundenen  Schäden  erforderlich.  Namentlich
mußte  Preusßzen  dazu  schreiten,  die  Wiederherstellung
der  zum  großen  Teil  vernichteten  Lrovingstpreußen
in  Angriff  zu  nehmen,  um  der  Not  der  Bewohner  zu
steuern  und  das  an  sich  äußerst  produktiwe  Gebiet  für
die  Versorgung  des  Landes  wieder  nutzbar  zu  machen.
Ostpreußen  war  zweimal  durch  den  Einfall  des  Feindes
  heimgesucht  worden.  Der  erste  Russeneinfall  begann
  am  24.  August  1914  und  endete  durch  die  siegreichen
  Schlachten  bei  Tannenberg  und  an  den  Masurischen
  Seen  Mitte  September  1914.  Der  zweite
Russeneinsall  dauerte  über  den  Winter  und  wurde
erst  durch  die  sogenannte  Winterschlacht  in  Masuren
im  Februar  1915  beendet.  Namentlich  während  dieses
Einfalls  der  Russen  war  die  Provinz  Ostpreusßen  das
Opfer  schrecklicher  Verheerungen  und  Zerstörungen
an  beweglichem  und  unbeweglichem  Gute.  Besonders
die  im  östlichen  und  südlichen  Teile  der  Provinz  befindlichen
  Ortschasten  wurden  durch  systematische,  von
Haus  zu  Haus  bewerkstelligte  Brandlegung  in  einen
Trümmerhaufen  verwandelt,  die  Einwohner  in  großer
Zahl  nach  Rußland  weggeschleppt  und  viel  kostbares
Eigentum,  insbesondere  fast  alle  landwirtschaftlichen
Geräte  und  Maschinen,  vernichtet  oder  wegge  führt.
Durch  die  beiden  Russeneinfälle  wurden  24  Städte,
600  Dörfer,  ungefähr  300  Güter  und  31000  Gebäude
zerstört;  rund  100000  Wohnungen  wurden  gänzlich,
ebenso  viele  teilweise  ausgeplündert;  22  Kirchen,  25
Pfarrhäuser  und  133  Schulgebäude  wurden  zerstört.
Der  Verlust  an  Pierden  allein  betrug  etwa  90000
Stück.  Die  Gesamtschäden  werden,  soweit  bisher  ersichtlich,
  auf  14—1½  Milliarde  Mark  geschägzt.

Derartigen  schweren  Heimsuchungen  gegenllber
mußte  der  Staat  so  rasch  wie  möglich  helsfend  eingräifen.
  Dies  geschah  in  Verfolg  der  allerhöchsten

rlasse  vom  27.  August  und  24.  September  1914,
durch  welche  unverzlgliche  Maßnahmen  angeordnet
wurden,  um  den  geschadigten  Bewohnern  der  Provinz
einstweilen  die  Führung  ihres  Haushalts-,  Wirtschafts--
  und  Gewerbebetriebs  zu  ermöglichen.  Nachdem
  durch  das  preußische  Gesetz  vom  10.  November
1914  die  erforderlichen  Mittel  bereitgestellt  waren,
wurden  bis  zum  1.  März  1916  an  Vorentschädigungen
im  ganzen  427968  640  Mark  ausgezahlt.  Durch  die
Vorentschädigungen,  die  auf  eine  spätere  endgültige
Entschädigung  anzurechnen  sind,  wurden  die  zurückekehrten

  Bewohner  Ostpreußens  in  den  Stand  gesetzt,
  den  Haushalts-,  Wirtschafts-  und  Gewerbebetrieb
fortzuführen.  Darüber  hinaus  machte  es  sich  bei  der
immer  längeren  Dauer  des  Krieges  nötig,  der  Bevölkerung
  wieder  ein  dauerndes  und  gesundheitlich
weckentsprechendes  Unterkommen  zu  verschaffen,  die
Wiedervesetung  der  Wirtschuften  mit  Vieh  durch  Bau
von  Ställen  und  die  Unterbringung  der  Ernte  in
Scheunen  zu  ermöglichen.  Hierzu  ist  erforderlich,  daß
den  Geschädigten  endgültig  der  volle  Betrag  desjenigen
  ausgezahlt  wird.  was  ihnen  als  Ersatz  des
erlittenen  Schadens  gewährt  werden  soll.

Dabei  muß  die  den  Schadenersatz  auszahlende
Landesregierung  (außer  Preußen  kommen  noch  die
Reichslande  sowie  wegen  Heimiuchungen  durch  feindliche
  Flieger  namentlich  Baden  und  Württemberg  in
Betracht)  die  Gewißheit  haben,  daß  die  von  ihr  ge-421



währte  Entschädigung  bei  einem  etwaigen  späteren
Ersatz  durch  das  Reich  nach  allen  Richtungen  als  zutreffend
  berechnet  anerkannt  wird  und  das  Maß  der
Entschädigung  und  die  Art  der  Ermittlung  nicht  nachträglich
  vom  Reiche  angefochten  werden  kann.  Diese
Gewißheit  wird  verschafft  durch  das  mehrerwähnte
Gesetz  über  die  Feststellung  von  Kriegsschäden
  im  Reichsgebiete  vom  3.  Juli  1916.  Dasselbe
  begründet  also  noch  keine  Verpflichtung  des
Reiches  zur  Zahlung  von  Kriegsschäden.  Die  Landesregierungen,
  namentlich  Preußen,  die  die  Bewohner
der  verwüsteten  Provinzen  ganz  oder  teilweise  entschädigen,
  tun  dies  zunächst  aus  ihren  Mitteln;  und
erst  wenn  nach  Beendigung  des  Krieges  die  Leistungsfähigkeit
  des  Reiches  feststeht,  gewinnt  das  Gesetz  vom
3.  Juli  1916  seine  eigentliche  Bedeutung.  Es  gibt
die  grundlegenden  Vorschriften  über  die  materielle
Abgrenzung  der  für  eine  etwaige  Erstattung  durch
das  Reich  in  Betracht  kommenden  Schäden,  über  die
z  ihrer  Feststellung  berufenen  Organe,  über  das  bei
er  Feststellung  einzuhaltende  Verfahren,  während
es  die  Vorschriften  über  die  Erstattung  der  so  festestellten
  (und  auf  Grund  dieser  Feststellung  von  den
andesregierungen  verauslagten)  Schäden  einem
weiteren  Reichsgesetz  vorbehält.  Ergeht  nach  Friedensschluß
  ein  solches,  so  sind  die  gemäß  dem  Gesetz  vom
3.  Juli  1916  festgestellten,  aber  auch  nur  diese  Schäden
  zu  vergüten  bzw.  die  von  den  Landesregierungen
verauslagten  Vergütungen  zu  ersepen.

Gemaß  der  in  §  35  des  Kriegsleistungögesetzes  hinsichtlich
  der  Kriegsschäden  vorgesehenen  Abgren  zung
erstreckt  sich  das  Gesetz  nur  auf  die  durch  den  Krieg
innerhalb  des  Reichsgebiets  verursachten  Sachschäden.
  Verluste  von  Forderungen  und  anderen  Rechten,
  wie  z.  B.  Patentrechte,  fallen  nicht  darunter.
Die  Bestimmungen  über  Schäden  an  Leib  und  Leden
sollen  besonderer  gesetzlicher  Regelung  vorbehalten
bleiben,  ebenso  die  unter  besonderen  Gesichtspunkten
zu  beurteilenden  Schäden  der  Seeschiffahrt,  die  Schäden
  in  den  Schutzgebieten  und  andere  etwa  noch  in
Betracht  kommende  Schadenskategorien.

Der  Kreis  der  für  die  Feststellung  in  Betracht  kommenden
  Schäden  wird  in  §  2  des  Gesetzes  vom  3.  Juli.
1916  wesentlich  weiter  gezogenals  im  Gesetze  von  1871,
nach  dem  als  durch  den  Krieg  verursacht  nur  solche
Beschädigungen  galten,  die  seitens  der  beiden  kriegführenden
  Heere  durch  Beschießung  oder  durch  Brandbegung.
  zu  militärischen  Zwecken  herdeigeführt  waren.
Eine  Beschränkung  auf  diese  Tatbestände  würde  den
besonderen  Verhältnissen  des  gegenwärtigen  Krieges
nicht  gerecht  werden.  VBielmehr  sollen  nach  §  2  des
neuen  Gesetzes  als  durch  den  Krieg  verursacht  gelten:

1)  Beichädigungen.  die  hervorgerufen  sind  durch
die  kriegerischen  Unternehmungen  deutscher,  verbündeter
  oder  feindlicher  Streitkräfte.  Unter  solchen
Unternehmungen  sind  alle  unmittelbar  mit  der  Kriegführung
  zusammenhängenden  Unternehmungen  zu
verstehen;  auch  Schäden,  die  durch  feindliche  Slieger
verursacht  sind,  fallen  darunter.

2)  Beschädigungen,  die  hervorgerufen  sind  durch
Brand  oder  sonstige  Zerstörung,  Diebstahl  oder
Plünderung  in  den  vom  Feinde  besetzten  oder  unmittelbar
  bedrohten  Gebieten  während  der  Dauer  der
Besetzung  oder  Bedrohung,  sofern  nicht  nachgewiesen
wird,  daß  ein  Zusammenhang  der  Entstehung  und
des  Umfangs  des  Schadens  mit  dem  Kriege  nicht  vorliegt.
  Hierunter  fallen  alle  Schäden,  die  durch  unerlaubte
  oder  eigenmächtige  Handlungen  ohne  Rück-
        <pb n="508" />
        422

sicht  auf  den  Urheber,  sei  es  von  Angehörigen  der
Streitkräfte,  Marodeuren  oder  der  Bevölkerung  unter
unmittelbarer  Einwirkung  kriegerischer  Ereignisse
verursacht  sind.  nicht  dagegen  Schäden,  die  allein  durch
Naturereignisse,  wie  Blitzstrahl.  Hochwasser  u.  dgl.,
oder  auch  durch  gemeinen  Diebstahl  entstehen.

3)  Beschädigungen,  die  hervorgerufen  sind  durch
die  Flucht,  Abschiebung  oder  Verschleppung  der  Bevölkerung
  oder  die  Begschaffung  ihrer  Habe  aus  den
vom  Feinde  besetzten  oder  unmittelbar  bedrohten  Gebieten.
  Hierunter  fallen  auch  Schäden,  die  durch  unerlaubte
  oder  eigenmächtige  Handlungen  der  Flüchtlinge
  oder  durch  das  von  ihnen  mitgenommene  Vieh
verursacht  sind,  ferner  Schäden  an  Grundstücken  und
zurückgelassenen  Gegenständen,  sofern  sie  auf  die
mangelnde  Aufsicht  oder  Fürsorge  während  der  Abwesenheit
  der  Bevölkerung  zurückzuführen  sind.

Was  die  Höhe  des  Schadens  anlangt,  die  der  Feststellung
  zugrunde  gelegt  werden  soll.  so  bestimmt  §  3
des  Gesetzes,  daß  bei  Vernichtung  der  Sache  der  volle
Wert,  bei  Beschädigung  die  Wertminderungfestgestellt
werden  soll.  Die  Bestimmung  des  Gesetzes  von  1871,
nach  welcher  der  Wert  zur  Zeit  der  Zerstörung  maßgebend
  sein  soll,  ist  nicht  übernommen  worden.  Damals
  spielten  bei  der  kurzen  Dauer  des  Krieges  die
Wertsteigerungen  während  des  Krieges  nur  eine  geringe
  Rolle;  Friedenspreis  und  Preis  der  Zerstörung
deckien  sich  in  den  meisten  Fällen.  Im  gegenwärtigen
Kriege  ist  jedoch  die  Wertsteigerung  für  die  meisten  in
Frage  kommenden  Gegenstände  eine  erhebliche  geworden.
  Sie  soll  innerhalb  angemessener  Grenzen
Berücksichtigung  finden.  Grundsätzlich  wird  daher
bestimmt,  daß  der  normale  Friedenspreis  der  Bewertung
  zugrunde  gelegt,  daß  aber  Zustandsveränderungen,
  die  die  Sache  nach  dem  Kriegsausbruche  erfahren
und  ihren  Wert  nach  unten  oder  oben  verändert  haben,
berücksichtigt  werden  sollen.  Bei  Erwerbungen,  die
nach  Ausbruch  des  Krieges  mit  höheren  Kosten  stattgefunden
  haben,  sind  diese  in  angemessener  Weise  in

echnung  zu  stellen.

Aus  Gründen  der  Billigkeit  kann  ferner  ein  angemessener
  Zuschlag  zu  dem  Friedenswerte  festgesetzt
werden.  Insbesondere  soll  dies  dann  geschehen,  wenn
die  erforderliche  Ersatzbeschaffung  höhere  Kosten  verursacht.
  Diese  Ausnahmebestimmung  trägt  beimpielsweise
  der  Tatsache  Rechnung,  daß  der  Aris  für  Hausrat,
  Inventarien  oder  Baulichkeiten  zu  den  ehemaligen
Friedenspreisen  nicht  wieder  beschafft  werden  kann.
Ebenso  ist  dabei  an  Ernten  und  Waren  gedacht,  deren
tatsächlicher  Wert  schon  bald  nach  Kriegsausbruch  die
Friedenspreise  so  erheblich  überstieg,  daß  eine  Vergütung
  nur  nach  diesen  zu  einer  Zeit,  in  der  die  allgemeinen
  Betriebsunkosten  sehr  erheblich  gewachsen
sind,  in  zahlreichen  Fällen  die  Fortführung  der  Betriebe
  in  Frage  zu  stellen  vermöchte.

Der  Verlust  von  Wechseln  oder  Schecks  wird  nicht
festgestellt,  der  Verlust  von  anderen  Wertpapieren
nur,  soweit  der  Geschädigte  nicht  im  Wege  des  Aufgebots
  Ersatz  erlangen  kann.

Soweit  ein  Verschulden  des  Geschädigten  bei  der
Entstehung  des  Schadens  mitgewirkt  hat,  wird  dieser
nicht  festgestellt;  ebensowenig  insoweit,  als  er  durch
Versicherung  oder  einen  sonstigen  Anspruch  auf  Ersatzleistung
  gedeckt  ist.  Dagegen  bleiben  Liebesgaben
oder  sonstige  Schenkungen  außer  Betracht.

Berechtigt,  den  Antrag  auf  Feststellung  der  Beschädigung
  zu  stellen,  ist  der  Geschädigte,  d.  h.  der  Eigentümer
  oder  der,  welcher  sonst  die  Gefahr  des  Unter-V.

  Recht  und  Volkswirtschaft

angs  der  vernichteten  Sache  trägt.  Auch  der  dinglich

erechtigte,  also  z.  B.  ein  Hypothekengläubiger,  ist
antragsberechtigt;  das  ist  wichtig  für  Fälle,  wo  der
Eigentümer,  z.  B.  wegen  überschuldung  des  Grundstücks,
  den  Antrag  nicht  stellt.

Die  Bestimmung  des  Entschädigungsgesetzes  von
1871,  wonach  die  Entschädigung  auch  Ausländern
gewährt  wurde  (bei  Immobilien  schlechthin,  bei  Mobilien,
  wenn  die  Gegenseitigkeit  verbürgt  war).  konnte
nicht  herübergenommen  werden.  Denn  die  Verhältnisse
  des  Angehörige  aller  Staaten  mehr  oder  weniger
  schädigenden  Weltkrieges  machten  eine  solche
allgemeine  Bestimmung  unmöglich.  Deshalb  ist
grundsäglich  antragsberechtigt  nur,  wer  die  Reichsangehörigkeit
  besitzt;  Angehörige  anderer  Staaten  bedürfen
  zur  Stellung  des  Antrags  der  Genehmigung
des  Reichskanzlers.  Unwürdigen  Personen,  die  sich
bestimmter  Vergehen  gegen  die  Sicherheit  des  Reiches
schuldig  gemacht  oder  versucht  haben,  auf  unlauterem
Wege  das  Feststellungsverfahren  zu  beeinflussen,  kann
die  Feichellung  versagt  werden.

Als  Feststellun  gebehörden  werden  Ausschüsse,  Oberausschüsse
  und  ein  Reichsausschuß  gebildet.  Den  beiden
  ersten  liegt  die  Ermittlung  des  Sachverhalts  ob,  die
Nachprilfung  des  Reichsausschusses  bleibt  auf  recht.
liche  Gesichtspunkte  beschränkt.  Das  Verfahren,  das
kosten-  und  gebührenfrei  ist,  wird  im  ein  zelnen  geregelt
durch  die  Bekanntmachung.  betreffend  das
Verfahren  zur  Feststellung  von  Kriegsschäden
  im  Reichsgebiete  vom  19.  September  1916.

D.  Bereinbarung  mit  Osterreich-Ungarn  über
Entschädigungen  für  Kriegsleistungen  und  Kriegsschäden.


Die  Verhältnisse  des  gegenwärtigen  Weltkrieges
haben  es  mit  sich  gebracht.  daß  sich  deutsche  Truppen
auf  österreichisch  -ungarischem  Gebiete  bewegen,  wie
auch  umgekehrt  Truppen  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  auf  deutschem  Gebiet.  Die  Frage  in  welcher
  Weise  die  hierbei  erforderlichen  Requisitionen  und
unvermeidlichen  Schäden  auf  bundesfreundlichem
Gebiete  zu  entschädigen  seien,  bedurfte  einer  gemeinsamen
  Regelung  seitens  der  zwei  verbündeten  Reiche.
Diese  ist  erfolgt  durch  die  Verein  barung  mit
OÖsterreich-Ungarn  über  die  Regelung  der
Entschädigungen  für  Kriegsleistungen  und
Kriegsschäden  vom  5.  Februar  1916.  Danach
werden  die  von  deutschen  Truppen  auf  österreichischungarischem
  Staaksgebiet  vorgenommenen  Requisitionen
  von  Verpflegungs-  und  Transpornnitteln,
ferner  die  Inanspruchnahme  von  Grundstücken  und
Gebäuden  zu  Lazaretten  und  zur  Unterbringung  von
Truppen  oder  Heeresbedarf  von  den  österreichischungarischen
  Behörden  nach  den  in  der  Monarchie  bestehenden
  Kriegsleistung  sgesetzen  vergütet,  sofern  die
Barzahlung  nicht  schon  durch  deutsche  Truppen  selbst
erfolgt  ist.  Die  Zahlungen  der  österreichisch-ungarischen
  Behörden  werden  als  vorschußweise  geleistet  angesehen
  und  sind  zu  erstatten.  Entsprechend  sind  die
von  österreichisch-ungarischen  Truppen  auf  deutschem
Reichsgebiet  in  Anprruch  genommenen  Leistungen
dieser  Art  nach  den  hierfür  geltenden  Bestimmungen
des  deutschen  Kriegsleistungsgesetzes  vom  13.  Juni
1873  zu  behandeln  und  von  den  deutschen  Behörden
vorschußweise  gegen  spätere  Erstattung  zu  bezahlen.

Diejenigen  Leistungen  des  Freundeslandes  und  die
dort  verursachten  Schäden  dagegen,  die  sich  aus  taktischen
  Zwecken  dienenden  operativen  Maßnahmen
        <pb n="509" />
        Lederer:  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner

des  Heeres  ergaben,  belasten  den  Staat,  in  dessen
Gebiet  die  Leistung  erfolgt  oder  der  Schaden  verursacht
  ist.  Als  solche  Leistungen  sind  anzusehen:  das
Ausheben  von  Schützengräben,  der  Bau  von  Unterständen,
  die  Herstellung  von  Befestigungsanlagen,

423

die  Zerstörung  oder  teilweise  Wiederherstellung  von
Baulichkeiten  usw.  Eine  vorschußweise  Zahlung  dieser
Leistungen  und  Schäden  ist  ausgeschlossen.  Die  Anspruchsderechtigten
  haben  sich  vielmehr  lediglich  an
die  Behörden  ihres  Landes  zu  wenden.  ·

Die  wirtschaflliche  Lage  unserer

Gegner
von  Privatdozent  Dr.  Emll  gederer  in  Heibelberg

Auf  Grund  der  uns  zur  Verfügung  stehenden  Quellen
  sind  wir  noch  nicht  imstande,  uns  ein  zuverlässiges
Bild  über  die  Kriegswirtschaft  unserer  Gegner  im
einzelnen  zu  machen.  Aber  wir  sind  doch  in  der  Lage.
den  grundlegenden  Verlauf  der  Kriegswirtschaft  zu
stizzieren,  das  Charakteristische  daran  hervorzuheben,
zu  untersuchen,  worin  sich  die  Eigen  art  ihrer  Wirtschaft
  im  Kriege  ausprägt.  Denn  die  einzelnen  Länder
  werden,  je  nach  ihrer  wirtschaftlichen  Struktur,
auf  ganz  verschiedene  Art  und  Weise  in  den  Krieg
hineingezogen.

Die  enge  Verflechtung  von  Krieg  und  Wirtschaft
ist  erst  möglich,  seitdem  es  überhaupt  eine  Volkswirtschaft
  gibt.  Die  Volkswirtschaft  im  Sinne  einer
lebendigen  Durchdringung  der  Wirtschaftskräfte,  einer
völligen  Alhüngigkeit  jedes  einzelnen  in  der  Wirtschaft
  von  der  Gesamtheit  der  Übrigen  Volksgenossen,
der  Empfindlichkeit  jedes  Einze  schicksals  gegenüder
Wandlungen  in  den  Schicksalen  underer  —  alles,
was  uns  heute  selbstverständlich  erscheint,  ist  Ergebnis
der  jüngsten  Entwicklung.  Unverbunden  standen  ehedem
  die  kleinen  Wirtschaftsgebiete  nebeneinander:  das
massive  Gewicht  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
verbot  deren  Transport  über  weitere  Entfernungen,
und  diese  urwüchsige  Schwerfälligkeit  schlug  den  Verkehr
  überh#upt  in  Fesseln,  verhinderte  die  Verschmelzung
  der  schon  politisch  geeinigten  Staaten  zu  einheitlichen
  Wirtschaftsgebieten,  die  überall  die  leichtere
Beweglichkeit  der  Agrarprodulte  (in  früherer  Zeit  auf
dem  Wasserwege,  späterhin  allmählich  durch  die  Eisenbahn)
  zur  Voraussetzung  hat.  Infolgedessen  hat  ebensowenig
  die  Friedens=  wie  die  Kriegswirtschaft  eines
Staates  in  der  Vergangenheit  einen  einheitlichen  Zug:
das  Land  ist  Objekt  des  Krieges.  er  wird  in  ihm  geführt,
  die  Verwüstungen  des  Krieges  ergreifen  den
Landstrich,  in  dem  er  tobt,  sie  wirken  aber  nicht  wesentlich
  darüber  hinaus.  Erst  die  moderne  Volkewirtschaft
  —  zum  erstenmal  England  in  den  Napoleonischen
  Kriegen  —  ist  als  zusammenhängendes  Ganze
auch  in  ganzem  Umfang  in  den  Krieg  verstrickt,  wäh.
rend  der  Krieg  1870  71  zu  kurz  war,  zu  sehr  beschränkt
in  seinem  Wirkungsbereich,  als  daß  er  zum  Vergleich
herangezogen  werden  könnte.

An  anderer  Stelle  (Bd.  I.  S.  382ff.)  wurden  die
Bedingungen  erörtert,  unter  denen  die  deutsche  Volkswirtschaft
  in  den  Krieg  trat.  Die  militärischen
Tatsachen  waren  (wenn  wir  von  England  absehen)
überall  die  gleichen:  überall  allgemeine  Wehrpflicht
mit  weitgehender  Heranziehung  der  ausgebildeten  und
unausgebildeten  Reserven  und  ungeheure  Anforderungen
  an  die  Rüstungsindustrien.  Die  Art,  wie  die
einzelnen  Volkswirtschaften  auf  diese  Lage  reagierten,
ist  aber  sehr  verschiedenartig  und  von  der  Struktur
der  Volkswirtschaften  abhängig.

Nur  von  diesen  die  Substanz  der  Volkswirtschaft
betreffenden  Einwirkungen  und  Veränderungen  soll
im  folgenden  die  Rede  sein.  Sie  zeichnen  sich  bei
längerer  Dauer  des  Krieges  immer  deutlicher  ab.  Hingegen
  muß  darauf  verzichlet  werden,  die  Finanzierung
des  Krieges  in  den  Ländern,  mit  denen  Deutschland
im  Kriege  steht,  darzustellen.  Nur  kurz  sei  erwähnt
(weil  das  auch  für  die  Kriegswirtschaft  von  größter
Bedeutung  ist),  daß  von  den  kriegführenden  Staaten
lediglich  Emgland  den  Grundsätzen  seiner  bisherigen
Währungspolitik  einigermaßen  treu  geb'  'ieben  ist,  die
Einlösbarkeit  seiner  Noten  nicht  aufgehoben  und  seine
Währung  durch  energische  Abstoßung  von  Wertpapieren
  ins  Ausland  aufrechterhalten  hat.  Es  hat,  wenngleich
  unter  Opfern,  derart  das  Verhälktnis  zwischen
den  englischen  und  den  Zahlungsmitteln  des  neutralen
  Auslandes  ziemlich  (mit  geringen  Einbußen)  gehalten
  und  sich  einen  relativ  Koteen  üÜbergang  in  die
Friedenswirtschaft  gesichert.  Es  hat  auch  dadurch  —
was  besonders  wichtig  ist  —  beruhigend  auf  die  Preisbildung
  wirken  und  einen  Teil  der  Kriegslasten  auf
die  neulralen  Staalen  Übertragen  können.  über  diesen
Zusammenhang  soll  unten  noch  gesprochen  werden.
Frankreich,  Rußland  und  Italien  hingegen  waren
nicht  stark  genug,  um  diesem  Beispiele  zu  folgen.

Ein  moderner  Staat  wird  verschieden  auf  den  Krieg
reagieren,  je  nachdem  er  überwiegend  Industriestaat,
überwiegend  Agrarstaat  ist  oder  beide  Tätigkeitsgebiete
  in  harmonischer  Weise  entwickelt  hat,  ferner
anders,  je  nachdem  seine  Volkswirtschaft  in  Auedehnung,
  in  kräftigem  Wachstum  vegriffen  ist  oder  stagniert,
  ob  sie,  um  die  herrschenden  wissenschaftlichen
Ausdrücke  zu  verwenden,  dynamisch  oder  statisch  ist.
Er  wird  anders  reagieren,  je  nachdem  die  Einkommens-
  und  Vermögensverteilung  eine  ziemlich  gleichmäßige,
  demokratische,  oder  eine  ungleichmäßige  ist,  ob
also  eine  weitgehende  Konzentration  von  Vermögen
und  Einkommen  vorhanden  ist  oder  nicht;  anders,
je  nachdem  welche  Industriezweige  besonders  entwickelt
  sind  (ob  Halbfabrikate-  oder  Fertigfabrikateerzeugung,
  ob  Massenwaren  oder  Luxuswaren,  ob
Metall=  oder  Textilindustrie  überwiegt).  Danach
könnten  wir  also  eine  ganze  Typologie  entwickeln,  für
die  wir  in  der  Gegenwart  nicht  alle  Falle  realisiert
finden  würden.  Es  kann  sich  nur  darum  handeln,
die  konkreten  Fälle.  die  uns  hier  beschaftigen  sollen,
an  die  entsprechenden  Siellen  zu  setzen.

Eugland.  Der  überwiegende  Industriestaat  wird
in  der  Reihe  der  gegnerischen,  kriegführenden  Mächte
am  deutlichsten  durch  England  reprasentiert.  Der
englische  Industrialismus  ist  die  direkte  Folge  der
Napoleonischen  Kriege.  In  diesen  hat  sich  die  englische
  Textilindustrie  mächtig  entwickelt,  alle  die  Erfindungen
  des  18.  Jahrhunderts  gewannen  nun  erst
gesteigerte  ökonomische  Bedeutung.  —  Während  die
europäischen  Staaten  von  der  schweren  Not  des  Krieges
  durch  viele  Jahre  hindurch  erfaßt,  von  gewaltigen,
dauernden  Rekrutierungen  erschöpft  wurden,  konnte
        <pb n="510" />
        4

England  seine  Industrie  entwickeln;  trotz  der  Kontinentalsperre
  waren  die  Napoleonischen  Armeen  in
englisches  Tuch  gekleidet.  Wenngleich  die  Blüte  des
Wirtschaftslebens  nicht  ungetrübt  war,  sich  Reichtum
und  Macht  bei  kleinen  Schichten  ansammelten,  wenngleich
  nach  dem  Kriege  der  Rülckschlag  kam,  als  die
erwartete  Nachfrage  für  die  englischen  Erzeugnisse
auf  dem  europäischen  Festland  nicht  den  gehegten  Erwartungen
  entsprach  —  soviel  ist  sicher,  daß  England
durch  die  Napoleonischen  Kriege  einen  ungeheuren
Vorsprung  gewann,  der  viele  Jahrzehnte  hindurch
nicht  einzuholen  war.  Diese  Industrialisierung  hatte,
mit  der  gleichzeitigen  Heranziehung  aller  verfügbaren
Kräfte,  wachsende  Knappheit  an  Agrarprodukten,  steigende
  Preise  und  schließlich  bekanntlich  Hinwegräumung
  der  Kornzölle,  Durchführung  des  Freihandelsprinzips
  zur  Fo  ge.  Der  bei  hohen  Preisen  rentable
Getreidebau  mußte  jetzt  auf  die  fruchtbareren  Böden
eingeschränkt  werden.  Alerdings  ist  der  Rückgang
der  englischen  Landwirtschaft  nicht  allein  aus  dieser
Tatsache,  sondern  auch  aus  der  Besitzverteilung  zu
erklären;  der  Großgrundbesitz  reagiert  stärker  auf  die
Preise  als  der  Kleinbesitz,  der  bis  zu  einem  gewissen
Grade  die  Jntensität  der  Bewielschaftung,  bei  sinkenden
  Preisen  nicht  verringert.  Aber  der  Großgrundbesitz
  ist  entweder  Kapitalsanlage  und  dann  sehr  empfindlich
  gegenüber  den  Preisen,  oder  er  ist  und  wird
(wie  in  England)  in  immer  steigenderem  Umfange
sozial  bedeutsam,  wird  dann  zu  Fideikommissen  und
zu  Jagdgebieten  umgewandelt.  Je  mächtiger  die  englische
  FInbusrrie,  je  beherrschender  der  englische  Geldmarkt
  wurde  und  die  Reichtümer  der  Welt  nach  England
  lenkte.  je  erfolgreicher  im  19.  Jahrhundert  die
englische  Kolonialpolitik  wurde,  desto  mehr  schrumpft
die  englische  Landwirtschaft  ein,  desto  geringer  wird
ihre  Intensität.  So  wurde  England  ein  Überwiegender
  Industriestaat  und  trat  als  solcher  in  den  Krieg  ein.
Für  die  englische  Kriegswirtschaft  !zn  wesentlich,  daß
die  Landwirtschaft  zu  Kriegsbeginn  sehr  geringe  Kräfte
beanspruchte,  daß  die  Bevölkerung  größtenteils  in  der
Industrie  und  im  Handel  tätig  war  und  daß  keine
allgemeine  Wehrpflicht  herrschte.  Die  Kriegswirtschaft
Englands  konnte  daher  im  Bepinn  am  ähnlichsten
der  Friedenswirtschaft  bleiben.  Das  Wort  Business
as  usual  hat  nicht  nur  die  fatale  Nebenbedeutung,
die  England  als  einen  einzigen  großen  Kriegslieferanten
  erscheinen  ließ,  der  den  Krieg  seiner  Bundesgenossen
  finanzierte  und  für  ihn  ardbeitete,  es  hatte
ugleich  den  Sinn,  daß  sich  die  englische  Volkswirtsa
  in  ihrer  Struktur  am  wenigsten  hätie  umwandeln
  müssen,  wenn  der  Krieg  in  den  ursprünglichen
Ausmaßen  gedblieben  wäre.  Die  englische  Regierung
plante  offenbar  auf  folgende  Weise  den  Krieg  zu  führen:
  Auf  dem  Festland  kämpft  ein  starkes,  während
des  Krieges  noch  zu  steigerndes  Expeditionskorps  an
Seite  der  französischen  und  belgischen  Armeen.  In
England  selbst  gehen  Industrie  und  Landwirtschaft
ruhig  ihren  Gang  weiter,  sie  lassen  sich  durch  den
Krieg  nicht  beirren;  soweit  ihre  Erzeugnisse  direkt  für
Rüstungszwecke  brauchbar  sind,  sollen  sie  hierzu  verwendet
  werden,  soweit  jedoch  nicht,  soll  die  Industrie
der  Verbündeten  und  darüber  hinaus  in  erster  Linie
diejenige  Amerikas  die  notwendigen  Erzeugnisse  (insbesondere
  auch  Agrarprodukte)  liefern.  Dazu  dient
vor  allem  die  Erhebung  hoher  direkter  Kriegssteuern
(ein  alter  englischer,  schon  in  den  Napoleonischen  Krieen
  geübter  Brauch).  Mit  dem  in  die  Staatskassen
Hetetenden  Geld  werden  in  erster  Linie  die  im  Inland

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

für  Kriegsbedürfnisse  erzeugten  Güter  bezahlt.  Diese

ehen  in  den  staatlichen,  anstatt  in  den  privaten  Kon-1
  ein.  Die  Erzeugnisse  der  eigenen  Industrie  und
Landwirtschaft  sollen  also  möglichst  sofort  durch  Einnahmen
  aus  hohen  Kriegssteuern  bezahlt  werden.  Die
Einfuhr  soll  durch  die  Ausfuhr  soweit  wie  möglich  kompensiert
  werden.  Um  mehr  ausführen  zu  können,  muß
der  eigene  Verbrauch  möglichst  eingeschränkt  werden;
wird  weniger  im  eigenen  Lande  verbraucht,  so  lann
mehr  ausgeführt  und  mit  der  Ausfuhr  die  Einfuhr
bezahlt  werden.  Die  Einfuhr  erfolgt  für  Rechnung  der
Regierung,  für  Zwecke  des  Heeres  oder  der  Verbündeten;
  die  Ausfuhr  schafft  private  Kaufkraft,  freie  Einkommens-
  und  Vermögensmassen  in  den  Händen  von
Privaten.  Die  Brücke  zwischen  Privaten  und  Regierung
  wird  dadurch  geschlagen,  daß  diese  Eigner  von
Kaufkraft  kurz=  oder  langfristige  Anleihen  zeichnen.
Auf  diese  Weise  wird  der  Kreislauf  geschlossen.

Das  Eigentümliche  dieser  Kriegswirtschaft  bestehl
darin,  daß  sie  die  Friedenswirtschaft  unverändert,  nur
noch  gesteigert,  weiterführen  sollte.  Die  Wirtschaft
sollte  nicht  neue  Bahnen  einschlagen,  sondern  die
Haichstosten  sollten  im  Wesen  durch  Einschränkung
des  Verbrauchs  gedeckt  werden.

Mehrere  Umstände  verhinderten  die  Verwirklichung
dieses  Planes.  Der  rasende  Munitionsverbrauch  stei.
gerte  die  Notwendigkeit  fremder  Einfuhr;  die  wachsenden
  Ansprüche  des  Heeres  drängten  zur  Dienstpflicht
und  schwächten  infolgedessen  die  Kraft  der  englischen
Industrie.  Die  Expeditionen  nach  den  Dardanellen,
nach  Asien,  Saloniki  beanspruchten  einen  riesenhaften
Frachtraum,  erhöhten  die  Frachtraten  und  verteuerten
auf  diese  Weise  die  Einfuhren,  erschwerten  die  Ausfuhren.
  In  der  letzten  Zeit!  wirkte  der  Unterseebootkrieg
  in  derselben  Richtung.  Aus  diesen  Gründen
wurde  das  ursprüngliche  Programm  nicht  aufrechterhalten.
  England  organisierte,  ebenso  wie  Deutschland,
  seine  Industrie  um  —  suchte  immer  mehr  das
Kriegsmaterial  im  eigenen  Lande  zu  erzeugen.  um
auf  diese  Weise  die  Einfuhren  auf  das  notwendige
Mindestmaß  zu  beschränken.  Aber  immer  noch  ist
seine  Kriegswirtschaft  dadurch  gekennzeichnet,  daß  es
möglichst  viel  ausführt  und  möglichst  hohe  direkte
Steuern  erhebt.  Es  hat  sich  auch  bisher  noch  nicht  zu
einer  Regelung  der  Wirtschaft,  insbesondere  nicht  zu
einer  zwangsweisen  Regelung  des  Verbrauchs  entschlossen.
  Eine  solche  würde  ja  in  England  viel  größerem
  Widerstand  als  in  Deutschland  begegnen.

Auf  zwei  Momente  in  der  englischen  Kriegswirtschaft
  sei  wegen  ihrer  Bedeutung  nochmals  himgewiesen,
  zunächst  die  Höchstanspannung  der  Steuerleistung
im  Kriege.  Es  wurden  die  Cinkommensteuern  außerordentlich
  erhöht,  und  namentlich  wurden  die  Kriegsgewinne
  von  vornherein  mit  ganz  enormen  Sätzen
#ur  Deckung  der  Staatslasten  herangezogen.  Die
Mehrgewinne  in  der  Kriegsindustrie  sind  zum  größten
Teil  konfisziert  worden.  Die  Steuer  ist  auf  diese  Weise
so  hoch,  daß  eine  überwälzung  durch  Preiserhöhung
bereits  unmöglich  ist.  Dieser  rücksichtslosen  Erfassung
der  Kriegsgewinne  und  der  für  deutsche  Begriffe  grotesken
  Uusßestaltung  der  Einkommentbesteuerung
geht  parallel  eine  bewußte  und  erfolgreiche  Lohnpolitik
  der  Gewerkschaften.  Als  zweites  Moment  kommt
in  der  Gestaltung  der  englischen  Kriegswirtschaft  zum
Ausdruck,  daß  Engiand  als  ein  demokratisches  Land
ohne  allgemeine  Wehrpflicht  in  den  Krieg  eintrat.

1  Geschrieben  Mitte  Juni  1017.
        <pb n="511" />
        Lederer:  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner  425

Die  Arbeitermassen  standen  nicht  von  vornherein  unter
  der  militärischen  Befehlsgewalt;  ihre  gewerkschaftlichen
  Organisationen  waren  nicht  zur  Ohnmacht  verurteilt,
  sie  konnten  wie  die  Unternehmer  den  Krieg  als
eine  Konjunktur  benutzen.  So  konnten  die  Arbeiter
Kriegsgewinne  erzielen,  und  auch  die  spä'erhin  von
der  Regierung  durchgesetzte  Aufhebung  der  Gewerkschaftsregeln
  dürfte  kein  Sinken  des  hohen  Lohnniveaus
  zur  Folge  gehabt  haben,  da  ja  inzwischen  die
Anforderungen  an  die  Industrie  gestiegen  und  die
Zahl  der  Arbeiter  zurückgegangen  war.  Diese  beiden
Umstände  wirken  dahin,  daß  die  Umschichtung  in  Vermögen
  und  Einkommen,  die  damit  gegebenen  sozialen
Verschiebungen  in  England  nicht  in  so  hohem  Maße
als  in  den  übrigen  kriegführenden  Ländern  erfolgt
sein  dürften.  Genaues  kann  darüber  heute"  um  so  weniger
  gesagt  werden,  als  die  lange  Dauer  des  Krieges
auch  in  England  die  gleichen  charakteristischen  Eigentümlichkeiten
  der  Kriegswirtschaft  hervortreten  ließ
und  allmählich  alle  die  Begleiterscheinungen  mit  sich
brachte,  die  den  Krieg  in  Deutschland  schon  im  ersten
Jahre  kennzeichneten.

Wenn  wir  den  Verlauf  der  Kriegswirtschaft  in
England  in  einem  Worte  zusammensassen  wollen,  so
können  wir  sagen:  Englands  Volkswirtschaft  ist  nur
allmählich  und  gleichsam  widerstrebend  in  eine  Kriegswirtschaft
  umgewandelt  worden;  und  insofern  hat
England  tatsächlich  einen  Vorsprung  vor  den  übrigen
kriegführenden  Staaten  (auch  seinen  eigenen  Verbündeten
  gegenüber).  Ob  dieser  Vorsprung  durch  die
größeren  Kriegsausgaben  Großbritanniens  wettgemacht
  wird,  kann  heute  noch  nicht  beurteilt  werden.
Der  Handelskrieg  Englands  war  dazu  bestimmt,
Deutschlands  Kraft  im  Kriege  zu  schwächen  und  so
den  Sieg  der  Entente  herbeizuführen;  obwohl  dies
nicht  gelang,  so  hat  er  doch  die  weltwirtschaftlichen
Beziehungen  Deutschlands  unterdrochen  und  schon
dadurch  direkt  und  indirekt  die  Englands  gestärkt.  Gerade
  dieser  Unterschied,  daß  sich  Deutichland  während
des  Krieges  vom  Weltmarkte  fernhalten  mußte,  während
  England  seine  Beziehungen  aufrechterhalten  und
ausbauen  konnte,  dürfte  als  Gesamtergebnis  bringen,
daß  England  leichter  und  rascher  wieder  in  die  Friedenswirtschaft
  eintreten  kann,  die  es  auch  während
des  Krieges  nicht  verlassen  hat.

Frankreich.  Die  Volkswirtschaft  von  Frankreich
zeigt  ein  ganz  anderes  Gesicht.  Eine  erfolgreiche,  aber
nicht  sonderlich  ausgedehnte  Industrie,  ein  hochentwickeltes
  Luxusgewerbe,  zum  Teil  zur  Luxusindustrie
Fiteigert.  eine  intensive,  in  ziemlich  demokratischer

esitzverteilung  gegebene  Landwirtschaft  mit  sehr

oher  Kultur  und  eine  stagnierende  Bevölkerung.

ankreich  galt  ehedem  als  das  reichste  Land  Europas,

ja  der  Welt.  Diesen  Reichtum  verdankt  es  der  großen
Fruchtbarkeit  seines  Bodens  und  der  Tatsache,  daß  es
die  Bezugsquelle  aller  wesentlichen  Luxusprodukte
seit  Jahreunderten  ist.  Je  mehr  die  Agrarprodukte
in  der  Gesamtversorgung  zurücktreten  und  je  mehr
auch  in  anderen  Ländern  Luxusindustrien  entstehen,
je  mehr  die  industrielle  Entwicklung  breite  kaufkräftige
  Schichten  und  Arbeitermassen  schafft,  die  immer-*
  auch  Industrieprodulte  konsumieren,  verschiebt
ich  der  Schwerpunkt  des  wirtschaftlichen  Lebens  von

Frankreich,  von  Paris  weg.  Hierbei  spielt  die  stagnierende
  Bevölkerung  weibells  eine  sehr  erhebliche
Rolle;  Familien,  die  6c  nichl  vergrößern,  haben  auch

1  Val.  die  Fuhnots  zur  vorhergehenden  GSeite.

nicht  den  unbezähmbaren  Trieb,  ihren  Reichtum  zu
vermehren,  da  das  Erworbene  nicht  den  Gefahren
einer  starken  Zersplitterung  unterliegt.  Der  Reichlum
wächst  unter  diesen  Umständen  langsam,  aber  stetig
an,  und  erst  die  Geldentwertung  zu  Ende  des  19.
Jahrhunderts  hat  diese  stagnierende  Volkswirtschaft
wohl  etwas  in  Bewegung  geseßt.

Es  ist  die  Eigentümlichkeit  der  französischen  Volkswirtschaft.
  langsam  zu  akkumulieren.  Die  Akkumulation
  erfolgt  nur  zum  Teil  in  der  Industrie.  In
erheblicherem  Umfang  ziehen  es  die  Franzosen  vor,
die  Ersparnisse  ihrer  Jugend  in  Rentenpapieren  anulegen,

  die  ihnen  im  Alter  bescheidene,  aber  sichere
Ein  ünfte  verheißen.  Der  französische  Staat  mit
seinen  ungeheueren  Schulden  hat  das  Seinige  dazu
getan,  um  den  treuen  Staatsbürger  zum  Rentner  zu
erziehen.  Er  hat  den  Franzosen  daran  gewöhnt,
Renten  zu  besitzen,  und  diese  Gewohnheit,  Renten  zu
kaufen.  hat  sich  späterhin  (mit  Wissen  und  Unternützung
der  Regierung)  auch  auf  die  ausländischen  Anlagen
übertragen,  so  daß  Frankreich  der  große  Gläubiger
der  ganzen  Welt  wurde.  Nicht  nur  ökonomische
Gründe  führten  dahin  —  denn  das  Kapital  hätte  ja
auch  in  industriellen  Anlagen  im  Auslande  Verwertung
  finden  oder  das  französische  Wirtichaftsleben
neloft  häite  durch  Beeinflussung  durch  die  Regierung
ein  lebhafteres  Tempo  annehmen  können  —,  sondern
die  französische  Regierung  sah  es  nicht  ungern,  wenn
ihre  Sparer  der  ganzen  Welt  Kredit  gaben  und  so  das
politische  Gewicht  Frankreichs  steigerten.  Diese  politischen
  Nebengründe  mülssen  sogar  sehr  erheblich  gewesen
  sein,  da  Schon  diefranzösischen  Kolonien  die  Möglichkeit
  geboten  hätten,  große  Kapitalien  anzulegen.

Diese  stagnierende  Volkewirtschaft,  deren  Reichtum
weiter  wächst,  aber  nur  zum  Teil  als  Folge  eigener
intensiver  Arbeit  und  zum  großen  Teil  als  Folge
zuger  Sparsamkeit  und  unter  Nutznießung  fremder
Arbeitsfrüchte,  kennt  daher  nicht  die  Überraschungen
moderner  Konjunkturen,  kennt  kein  amerikanisches:
Tempo  wie  Deutschland;  in  ihm  gibt  es  noch  eine
breite  Schicht  eines  soliden  Kleinbürgertums,  das  sich
mit  50  Jahren  zur  Ruhe  setzt;  und  so  wie  auch  noch
die  Industrie  mit  handwerkerlichen  Elementen  stark
durchsetzt  ist.  so  bewegt  sich  namentlich  die  französische
Provinz  noch  in  den  Formen  behaglichen  kleinstädtischen
  Lebens.  Das  Ideal  einer  früen  bequemen
Aitersruhe.  in  der  man  das  Leben  genießt,  stammt  aus
Frankreich,  und  wie  geer  der  Beumte  nicht  sein  ganzes
Wesen  dem  Staat,  so  gibt  auch  der  Krufmann  und
Gewerbtreibende  nicht  sein  ganzes  Leben  dem  Veruf.

Frankreich  zeigte  also  wirtschaftlich  eine  außerordentlich
  große  Stabilität.  Sein  Wirtschaftsprozeß  kann  am
ehesten  in  Europa  als  statisch  bezeichnet  werden  (darin
ist  etwas  an  die  österreichische  Provinz  Gemahnendes).
  Auch  das  Geldwesen  (dessen  Versassung  für  die
Kriegswirtschaft  ja  überall  von  Bedeutung  ist)  zeigt
dieses  Gepräge;  es  ist  noch  ähnlich,  wie  es  Bagehot  in
seinem  berühmten  Buche  über  Lomdardstreet  (1873)
beschrieb,  daß  in  Frankreich  die  Banken  nicht  die  Reservoire
  des  Kaufmanns  und  Produzenten  sind.

Manhältn  Frankreich  überall  große  Kassenbestände
in  Hartgeld;  jeder  hat  seine  individuellen  Reserven,
und  deshalb  konnte  England  in  einem  Zeitpunkt  schon
der  Bankier  der  Welt  werden,  als  Frankreich  an  Reichtum
  noch  weit  überlegen  war,  aber  seine  Reichtümer
verborgen  hielt  und  nicht  in  den  Banken  arbeitene
ließ.  Späterhin  wurde  nun  —  wie  erwähnt  —  Frankreich
  der  Gläubiger  der  ganzen  Welt,  aber  nicht  als
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        426

Geldgeber  auf  dem  offenen  Markte,  sondern  als  Ubernehmer
  von  langfristigen  Anleiben.  Auch  hier  also
nicht  durch  Eintritt  in  das  Getriebe  des  Kapitalismus,
nicht  durch  Beteiligung  an  industriellen,  möglicherweise
  gewagten,  aber  auch  gewinnversprechenden  Unternehmungen,
  sondern  durch  Darlehen  an  fremde
Staaten.  Auch  die  Kassenbestände,  die  in  die  Banken
  flietzen,  gehen  nur  zum  geringsten  Teil  als  Kredite
  an  die  Industrie  Das  Wirtschaftsleben  in  Frankreich
  ist  ruhiger,  es  bewegt  sich  mehr  als  anderwärts
in  denselben  Geleisen  von  Generation  zu  Generation.

In  den  letzten  Jahren  hütte  man  geradezu  das  Gefühl,
  daß  Frankreich  in  seinem  Reichtum  hinter  dem
anderer  Länder  zurückbleibe.  Nicht  als  ob  die  Wohlhabenheit
  seiner  Bewohner  abnehme,  denn  der  Reichtum
  des  Landes  an  Werten.  Ackerbau,  Viehzucht,  Warenproduktion,
  Gewerbe  geht  ja  nicht  zurllck,  und  die
Bevölkerungszahl  bleibt  im  wesentlichen  gleich.  Aber
das  Tempo  des  Wachstums  hat  doch  stark  abgenommen.
  Und  über  diese  Abnahme  des  Tempos  bin  aus
muß  durch  die  Abnahme  des  Geldwertes  Frankreich  —
wie  alle  Länder,  deren  Kapital  auf  Zins  angelegt  ist—
in  seinem  Reichtum  getroffen  werden.  Wenn  Frankreich
  z.  B.,  ganz  willkürlich  angenommen,  20  Milliarden
  in  fremden  Staatspapieren  anlegt,  die  sich
durchschnittlich  zu  5  Proz.  verzinsen,  so  läuft  es  ein
doppeltes  Risiko,  daß  der  Finslero  von  1  Milliarde
bei  Geldentwerng  nicht  so  viel  Güter  kaufen  kann
wie  zur  Zeit  der  Ausleihung  und  daß  zweitens  dieses
  Kapital  —  bei  allmählich  steigendem  Zinsfuß  —
überdies  nicht  mehr  in  denselben  Kapitalbetrag  zurückgelöst
  werden  kann,  sondern  etwa,  wenn  der  Zinsfuß
  von  5  auf  6  Proz.  steigt,  der  Kapitalwert  dieser
Rentenpapiere  nur  mit  16  1/8  Milliarden  zurückgelöst
werden  kann,  die  überdies  ihrem  Geldwert  nach  wenier

  repräsentieren  als  161/  Milliarden  zur  Zeit  der
Ferteihun  .Tatsächlich  sind  die  letzten  Jahre  nun
solche  der  Geldemtwertung  gewesen,  und  es  hat  daher
ein  Teil  des  französischen  Volksvermögens  eine  Entwertung
  durchgemacht,  die  bei  Kapitalanlagen  in  ausländischen
  Inoustrien  natürlich  nicht  eintritt,  da
diese  bei  gleichmäßiger  Geldentwertung  um  so  viel
mehr  im  Geldausdruck  repräsentieren  als  die  Geldentwertung
  beträgt.

Mit  diesen  veralteten  Zuständen  der  französischen
Vol'swirtschaft  hängt  es  zusammen  (was  für  die
Kriegswirtschaft  von  großer  Wichtigkeit  ist),  daß  die
Zah'ungssitten  in  Frankreich  und  die  ganze  Verfassung
des  Geldmarktes  etwas  veraltet  sind.  Die  Kassenbestände
  fliessen  zwar  durch  mehrere  Zwischenglieder  in
den  Banken  GEsammen-  aber  sie  gehen  aus  den  obenerwähnten
  Gründen  nicht  wieder  als  Investitionskredite
  hinaus.  Daher  ist  die  französische  Volkswirtschaft
  als  Ganzes  genommen  normalerweise  in
einem  hohen  Maß  liquide,  d.  h.  sie  kann  den  angesammelten
  Reichtum  (durch  Verk#uf  der  Wertpapiere
auf  den  fremden  Märkten)  zu  Kusiger.  frei  verfügbarer
  Kaufkraft  machen,  da  ja  jede  Regierung  bis  zu
einem  sehr  weitgehenden  Umfang  ihre  auf  den  Markt
geworfenen  Anleihepapiere  kaufen  muß.  Ganz  anders
  als  eine  Volkswirtschaft,  die  alles  verfügbare
Kapital  in  Investitionen  festgelegt  hat,  kann  die  französische
  im  gegebenen  Falle  Rufge  sein,  frei  verfügbare
  Kaufkruft  haben  und  auf  diese  Weise  die  Kräfte  des
Auslandes  mobilisieren.  —  Allerdings  dieser  Vorteil,
der  für  die  finanzielle  Kriegsbereitschaft  eine  Rolle
spielen  könnte,  war  im  gegenwärtigen  Kriege  weniger
gegeben,  weil  der  Hauptschuldner  Frankreichs  selbst

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

nicht  liquide  war  und  die  russischen  Papiere  nichl  auf
den  Markt  geworfen  werden  konnten.  Hingegen  hat
das  französische  Wirtschaftsleben  in  sich  —  aus  den
früher  erwähnten  Gründen  —  sehr  starke  Reserven.
Durch  Heranziehung  der  im  Lande  volhandenen
Kräfte,  durch  einen  rascheren  Umschtag  der  Kräfte  kann
das  Tempo  des  wirtschaftlichen  Prozesses,  der  Gütererzeugung,
  beschleunigt  werden  —  und  man  hat  den
Eindruck.  daß  die  französische  Volkswirtschaft  diese
Reserven  in  hohem  Maße  zu  mobilisieren  vermochte.
Dies  war  für  die  Kriegführung  um  so  notwendiger,
als  es  an  speziellen  wirtschaftlichen  Maßnahmen  für
den  Kriegsfall  in  Frankreich  vollkommen  fehlte.

Noch  ein  Moment  darf  in  der  Lage  Frankreichs  nicht
übergangen  werden,  seine  eigene  enorme  Staatsschuld.
  Der  französische  Bürger  borgt  in  höchstem
Maße  nicht  zur  den  fremden  Staaten,  sondern  auch
dem  eigenen  Lund.  Die  Staatsschuld  Frankreichs  betrug
  am  1.  Januar  1918:  31.45  Milliarden  Frank
und  wuchs  in  den  letzten  Jahren  stark  an;  da  das
herrschende  System  der  indirekten  Steuern  nicht  weiter
ausgebaut  werden  konnte,  mußien  eben  vielfach  die
Deftzite  (ähnlich  wie  in  Osterreich)  durch  Anleihen  gedeckt
  werden.  Diese  Selbstverschuldung  der  franfösüchen
  Volkswirtschaft  ist  für  die  Kriegswir#chaft
nsofern  ungünstig,  als  die  Übersättigung  des  Landes
mit  Staatsrenten  die  Möglichkeit,  neue  Anleihen  in
größerem  Umfang  unterzubringen,  wie  es  der  Krie
notwendig  macht.  erschwerte.  Tatsächlich  hat  4
Frankraich,  solange  das  ging,  in  der  Kriegswirtschaft
mit  Notenausgabe  beholfen.

Der  Verlauf  des  Krieges  in  der  ökonomischen
Sphäre  kann  im  wesentlichen  derart  vorgestellt  werden,
  daß  die  französische  Volkswirtschaft,  wenigstens
im  ersten  Kriegsjahre,  die  Bedürfnisse  des  Krieges
ähnlich  aus  der  Produktion  der  eigenen  Wirtschaft  zu
bestreiten  suchte,  wie  es  in  Deutschland  der  Fall  war.
Die  französische  Landwirtschaft  war  —  was  die  Nahrungsmittelversorgung
  anlangt  —  hierzu  anfangs
jedenfalls,  solange  noch  Arbeitskräfte  auf  dem  Lan
vorhanden  waren,  imstande.  Hingegen  gestaltete  sich
die  Versorgung  mit  Munition  sofort  sehr  schwierig,
da  zum  mindesten  die  Zufuhr  von  Kohlen  und  Erzen
aus  dem  Ausland  infolge  des  Verlustes  der  Norddepartements
  notwendig  wurde;  auch  mit  einem  wesentlichen
  Teil  der  französischen  Textilindustrie  konnte
durch  die  Besetzung  der  nordfranzösischen  Departements
  nicht  gerechnet  werden.  Alle  diese  Tatsachen
aber  hängen  mit  der  unerwarteten  Dauer  und  der
Gestaltung  des  Krieges  zusammen.  Noch  im  Juhre
1914.  das  ja  bereits  fünf  Kriegsmonate  zählte,  war
das  Passivum  der  französischen  Handelsbilanz  fast
genau  so  groß  wie  in  den  Jahren  zuvor  (nämlich
1,8  Milliarde  Frank),  wuchs  aber  dann  sehr  schnell
(1915:  8.4  Milliarden,  1916:  12  Milliarden  Frank).
In  diesen  Ziffern  spiegelt  sich  die  Abhängigkeit  der
französischen  Kriegführun  von  der  fremden,  namentlich
  englischen  und  amerikanischen  Erzeugung.  Der
Hauptteil  von  dieser  Mehreinfuhr  entfällt  auf  Rohmaterial.
  Die  Folge  dieser  Importe  ist  weitgehende
Verschuldung  Frankreichs  an  das  Ausland  bzw.,  rich.
tiger  ausgedrückt,  weilgehende  Entschuldung  des
Auslands  Frankreich  gegenüber.  Dieser  Entschul.
dungsprozeß,  der  ähnlichen  Vorgängen  in  der  Kriegswirtschaft
  der  übrigen  Staaten  parallel  geht,  hat  aus
den  obenerwähnten  Gründen  für  Frankreich  aber
eine  andere  Bedeutung.  Bei  der  geringen  Intensität
der  französischen  Volkswirtschaft,  der  großen  Schwä-
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        Lederer:  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner

chung,  die  es  infolge  der  Besetzung  der  industriellen
Gebiete  und  infolge  der  schrecklichen  Menschenverluste
erfahren  hat,  wird  Frankreich  beim  wirtschaftlichen
Wiederaufbau  vor  größeren  Schwierigkeiten  stehen
als  irgendein  anderes  Land.  Insofern  als  in  Frankreich
  die  Quellen  der  wirtschaftlichen  Erneuerung  spärlicher
  fließen,  sind  die  Kriegsverluste  für  Frankreich,
auf  seine  Erneuerungskraft  bezogen,  verhältnismäßig
wohl  am  größten.  Die  Volkswirtschaft  Frankreichs  ist
schon  vor  dem  Kriege  in  ihrer  Stoßkraft  gegenüber
der  anderer  Länder  erheblich  zurückgeblieben.  Wenn
nun  die  Verfügung  über  ausländische  Kapitalien  und
damit  Warensendungen  aus  dem  Auslande  derart
verringert  werden  (wie  es  die  Folge  des  Krieges  sein
wird)  und  von  der  Produktionskraft  der  französischen
Volkswirtschaft  aus  den  erwähnten  Gründen  nicht
allzuviel  erwartet  werden  kann,  dann  muß  man  für
Frankreich  mit  einem  erheblich  verringerten  ökonomischen
  Niveau  rechnen.  dessen  Angleichung  an  das
der  übrigen  Staaten  Schwierigkeiten  bereiten  wird.
Darum  wird  Frankreich  mehr  als  irgendein  kriegführendes
  Land  vermutlich  die  Unterstützung  des  Auslandes
  zu  seiner  Wiederaufrichtung  in  Anspruch  nehmen
  müssen.

Italien.  Am  wenigsten  sind  wir  Über  die  Vorgänge
in  der  italienischen  Bolkswirtschaft  unterrichtet.  Italien
  zeigt  in  manchem  ähnliche  Züge  wie  Frankreich,
nämlich  noch  sehr  starke  Bedeutung  der  Landwirtschaft,
  intensive  Industrie  in  einigen  Landesteilen
(allerdings  ohne  Kohlenbasis).  Hingegen  hat  es
keineswegs  den  Rückhalt  durch  starke  Kapitalanlagen
im  Auslande.  Anderseits  ist  während  des  Krieges  fast
nirgends  italienisches  Gebiet  in  größerem  Umfang
besetzt  worden,  so  daß  die  Wirtschaftskräfte  Jialiens
intakt  bleiben  konnten.  Insofern  als  sich  Italien  vermutlich
  weniger  im  Krieg  ausgegeben  hat  als  die
übrigen  Westmächte  und  als  es  über  sehr  große  Menschenreserven
  im  Auslande  verfüg!  (die  vielen  Millionen
  Auswanderer  würden  im  Bedarfsfalle  unter
günstigen  Bedingungen  nach  Italien  wieder  zurückgeführt
  werden  können),  ist  es  in  seinem  Lebensnerv
weniger  als  Frankreich  getroffen.  Gerade  weil  Italien
  nicht  so  viele  Kräfte  wie  Frankreich  oder  England
entfalten  kann,  gehen  die  Kriegswirkungen  bei  ihm
auch  nicht  so  tief.

Rußland.  Einen  völlig  anderen  volkswirtschaftlichen
  Typus  stellt  Rußland  dar.  Es  ist  überwiegend
Agrarland  trotz  der  großen,  rasch  wachsenden  Industrie,
  trotz  der  zum  Teil  erfolgreichen  Versuche,  die
ohnedies  reiche  Rohstoffgrundlage  durch  Anbau  von
Industriepflanzen  (Baumwolle)  und  bessere  Ausnutzung
  der  Bodenschätze  zu  erweitern.  Auf  absehbare
  Zeit  wird  auch  Rußland  sicherlich  nicht  zu  einem
Industrieland  im  Sinne  Westeuropas  werden  können.
Daran  hindert  es  schon  die  Eigentümlichkeit  seiner
Arbeitsverhältnisse;  sind  doch  die  russischen  Arbeiter
heute  noch  zum  größten  Teil  nur  einige  Monate  während
  des  Jahres  in  der  Industrie  tätig  und  verbringen
  die  für  die  Landwirtschaft  wichtigste  Zeit  in  ihrem
landwirtichaftlichen  Betriebe.  Die  Verknüpfung  mit
dem  Boden  ist  in  Rußland  noch  eine  durchaus  elementare,
  und  mit  ihr  als  einem  hemmenden  Moment
muß  jeder  Versuch  zur  stärkeren  Industrialisierung
rechnen.  Diese  vorwiegende  Agrargrundlage  Rußlands
  hat  die  Folge,  daß  es  in  einem  modernen  Krieg
für  Kriegsmaterial  im  weitesten  Sinne  des  Wortes
zunächst  auf  Einfuhren  angewiesen  ist.  Hingegen
könnte  es  diese  Einfuhren  zum  Teil  wenigstens  mit

427

Ausfuhren  an  Nahrungsmitteln  bezahlen.  Allerdings
  wird  diese  Ausfuhr  wohl  etwas  in  ihrer  Bedeutung
  Überschätzt.  Denn  auch  in  Friedenszeiten  war
sie  nur  möglich  auf  Grund  eines  weitgehenden  Unterverbrauchs
  der  russischen  Agrarbevölkerung.  Die  Aufstellung
  eines  ungeheuren  stehenden  Heeres  bindet
aber  den  größten  Teil  der  Ernte  für  die  Bedürfnisse
der  Armee.  Der  russische  Bauer  verbraucht  als  Soldat
  zweifelsohne  viel  mehr  Getreide  als  zu  Friedenszeiten,
  und  dadurch  werden  die  verfügbaren  Uberschüsse
(ganz  abgesehen  von  dem  Nachlassen  der  Erzeugung)
außerordentlich  verringert.  Selbst  die  Offnung  der
Dardanellen  hätte  also  die  Wirtschaftslage  Rußlands
während  des  Krieges  nicht  entscheidend  geändert.  Hingegen
  hätte  sie  von  entscheidendem  Einfluß  auf  die
militärische  Lage  werden  können,  da  gegemwärtig  alle
Zufuhr  von  Munition  und  Kriegsbedarf  jeder  Art
auf  den  langen  Umweg  über  das  Nördliche  Eismeer
oder  die  Sibirische  Eisenbahn  angewiesen  ist.

Die  breite  Agrargrundlage  hat  bei  der  wirtschaftlichen
  Abwicklung  des  Krieges  eine  außerordentlich
große  Rolle  gespielt.  Zunächst  waren  die  großen
Ernten  Rußlands  die  Grundlage  für  die  Verpflegung
des  Riesenheeres.  Nicht  zum  letzten  quollen  die  unerschöpflichen
  Kräfte  des  russischen  Heeres  aus  dieser
breiten  agrarischen  Grundlage.  Rußland  ist  in  einem
gewissen  Sinn  (wenigstens  sobald  einmal  die  Türkei
in  den  Krieg  eintrat)  in  einer  ähnlichen  Lage  wie
Deutschland.  Es  ist  in  einem  großen  Umfang  auf
seine  eigenen  Quellen  und  Reserven  angewiesen.  Henn
wiewohl  es  zwei  Zugänge  zur  Weltwirtschaft  hat,  so
sind  die  Kanäte  dieses  Verkehrs  notwendigerweise
außerocdentlich  schmal  und  können  nicht  forcierte
Transporte  großer  Massen  in  schleunigem  Tempo  auf
die  Dauer  bewältigen.  Auf  einer  niedrigen  Entwicklungsstufe
  stehend,  hat  es  nun  —  zeitweise  und  teilweise
  auf  sich  angewiesen  —  gewisse  Möglichkeiten,
sich  auf  sich  selbst  zurückzuziehen,  allerdings  Möglichkeiten,
  die  nicht  in  jedem  Agrarland,  sondern  nur  bei
riesenhafter  Ausdehnung  und  Bevölkerung  gegeben
sind.  Ein  Agrarland  ist  allerdings  in  einem  bestimmten
  Sinn  widerstandsfähiger  als  ein  Judustriestaat;
  eine  selbst  weitgehende  Erschöpfung  der  Menschenreserven
  braucht  bei  günstiger  Besitzverteilung
noch  nicht  den  landwirtschaftlichen  Betrieb  lahmzulegen.
  Im  landwirtschaftlichen  Betrieb  kann  die
schwache  Kraft  der  Frauen.  Kinder  und  alten  Leute  noch
einen  durchaus  angemessenen  Ertrag  bringen,  und  es
vermag  hierbei  namentlich  gemeinschaftlicher  Betrieb
Außerordentliches  zu  leisten.  Die  Balkankriege  bieten
gerade  das  erste  Beispiel  einer  solchen  völligen  Inanspruchnahme
  aller  Reserven  in  einem  Agrarland
und  die  ungeheure  Zähigkeit  des  Kampfes  sowie  die
Tatsache,  daß  die  Balkanvölker  auch  jetzt  wieder  in
diesen  großen  Krieg  hineingegangen  sind  beweisen
aufs  deutlichste  die  ökonomische  Widerstandskraft  und
Leistungsfähigkeit  von  Agrarländern.

Diese  Stärke  der  agraren  Unterlage  ist  bei  Rußland
besonders  groß,  da  die  alte  Mirverfassung  (soweit  sie
noch  vorhanden  ist)  geradezu  auf  gemeinschaftlichen
Betrieb  der  Landwirtschaft  zugeschnitten  ist.  Im  Mir
kann  noch  mehr  als  im  westeuropäischen  Dorf  eine
Gruppe  zurückgebliebener  Arbeitskräfte  die  notwendige
  Arbeit  verrichten.  Dabei  ist  ja  auch  zu  berücksichtigen,
  daß  die  russische  Landwirtschaftaußerordentlich
  extensiv  ist,  so  daß  bei  entsprechender  Verteilung
und  Anspannung  der  individuellen  Kräfte  viel  geleistei
werden  kann.  Gerade  in  der  Landwirtschaft  dürfte
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der  Krieg  im  Sinn  einer  zweckmäßigeren  Organisation
von  Kräften  gewirkt  haben,  die  zu  Friedenszeiten
brach'agen.  Die  landwirtschaftliche  Genossenschaftsbewegung,
  deren  Bedeutung  schwer  überschätzt  werden
  kimn,  hat  sicherlich  in  derselben  Richtung  gewirkt.
Trotzdem  wird  natürlich  auch  die  russische  Landwirtschaft
  durch  den  Krieg  furchtbar  in  ihrer  Leistungsfähigkeit
  geschädigt:  Mangel  an  Düngemitteln,  schlechte
Versorgung  mit  Saatgut,  Mangel  an  Zugvieh,  die
Unmöglichkeit,  Betriebsgebäude  und  Maschinen  sowie
  Werkzeug  zu  vermehren  und  zu  ergänzen,  all
diese  Tatsachen  wirken  sicherlich  in  sehr  hohem  Maße.
Aber  trotz  alledem  konnte  —  wie  es  bei  dem  frlheren
roßen  Export  Rußlands  selbstverständlich  ist  —  der
Ernhrungszustand  des  Heeres  auf  einer  sehr  hohen
Stuse  gehalten  werden.  Die  Schwierigkeiten,  in  die
auch  Rußland  verstrickt  wurde,  rühren  weniger  von
einem  Versagen  der  Landwirtschaft  als  des  industriellen
  Teiles,  eben  des  Transports,  her.  Für  die
Transportmittel  der  ganzen  Welt  bedeutet  der  Krieg
eine  unerhörte  Belastungsprobe,  eine  um  so  größere,
als  fast  nirgends  die  so  lange  Dauer  des  Rrieges
vorausgesehen  und  demgemäß  auch  nicht  für  entsprechende
  Instandhaltung  der  Transportmittel  gesorgt
wurde,  daher  die  Kriegführung  in  einem  bestimmten
Stadium  überall  an  einer  Transportkrise  leidet.

Rußland  als  rodustes,  primitives  Agrarland  hatte
weiterhin  die  Möglichkeit,  immer  dann,  wenn  die  Verbindung
  mit  den  übrigen  Industriestaaten  abgeschnitten
  war,  mit  dem  Urmaterial  der  Kriegführung,
den  Menschenmassen,  zu  kämpfen.  Das  Massenaufgebot
  und  die  Massenvernichtung,  die  es  erfahren  hat,
wurde  von  keiner  anderen  kriegführenden  Macht
erreicht.  Die  russische  Armee  bildet  im  wahrsten  Sinn
des  Wortes  eine  lebendige  Mauer,  und  die  dynamische
Kraft  der  Kriegsmaschine  mußte  in  Rußland  oft  durch
die  Zähigkeit  und  Widerstandskraft  des  menschlichen
Körpers  ersetzt  werden.  All  das  hängt  —  wie  weiter
nicht  erörtert  zu  werden  braucht  —  mit  der  agraren
Unterlage  zusammen,  die  also  den  Charakter  der
Kriegführung  stark  beeinflußt.

Schon  aus  dem  Gesagten  geht  hervor,  daß  sich  die
wirtschaftliche  Bewältigung  der  Kriegführung  im  wesentlichen
  folgendermaßen  vollzog:  Die  Regeneration
der  lebendigen  Kraft  erfolgte  aus  eigenen  Mitteln;
hingegen  war  die  Zuführung  von  Kriegsmaterial  von
vornherein  notwendig.  Die  russische  Industrie  war
zu  schwach;  ihre  Möglichkeiten,  aus  eigenen  Mitteln  den
ungebeuren  Erfordernissen  eines  modernen  Krieges

erecht  zu  werden,  waren  zu  gering.  Zwarsteht  die  russche

  Industrie,  soweit  sie  vorhanden  ist,  zum  Teil  auf
einer  technisch  und  organisatorisch  sehr  hohen  Stufe,  ja
sieträgt  mitunter  sogar  ganzamerikanischen  Charakter.
Aber  gerade  als  Kriegsindustrie  kann  sie  aus  mehreren
  Gründen  nicht  ausgereicht  haben.  Zunächst  hat
sie  mit  den  Schwierigkeiten  des  Transports  (Einfuhr
von  Rohmaterialien,  Abtransport  der  Produkte)  zu
kämpfen.  Die  Entfernung  von  der  Front  war  gerade
bei  den  wichtigsten  Betrieben  ungeheuer  groß.  Dazu
kommen  die  Schwierigkeiten  der  Arbeiterbeschaffung,
die  in  Rußland  weilaus  größer  gewesen  sein  müssen
als  in  Deutschland  oder  England.  Denn  das  moderne
Heer  braucht  für  die  technischen  Truppen  Mannschaften,
  die  in  ihrem  Zivilberuf  der  Industrie  angehören,
  und  je  stärker  das  unbefriedigte  Bedürfnis
nach  solchen  Mannschaften  gewesen  sein  mag,  um  so
schwieriger  war  es  wohl  auch,  die  Industrie  im  Gan
zu  erhalten.  Insofern  als  jede  moderne  Armee  zugleich

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

einen  riesenhaften  industriellen  Betrieb  darstelkt,  ist
sie  nur  als  Exponent  einer  industriell  tätigen  Bevölkerung
  denkbar  und  muß  ständig  in  Fühlung  mit
der  Industrie  bleiben,  sich  aus  ihr  ergänzen  und  ihr
unter  Umständen  wieder  die  notwendigen  Kräfte  zuführen.
  So  sind  die  Leistungen  der  russischen  Armee
ganz  erstaunlich  und  schließlich  doch  nur  möglich  ge.
wesen  auf  der  Basis  fremder  Industrien,  die  mit
ihren  Erzeugnissen  zu  Hilfe  kamen.  Vollends  ist  die-Munitionsbeschaffung
  Rußlands  wahrscheinlich  zu
jedem  Zeitpunkt  des  Krieges  in  einem  viel  höheren
Maße  vom  Ausland  abhängig  Lewesen  als  die  irgendeines
  anderen  kriegführenden  Staates.

Als  Folge  dieser  Einfuhren  (über  deren  Höhe  wir
nicht  unterrichtet  sind)  ist  eine  starke  weitere  Verschuldung
  der  russischen  Volkswirtschaftanzunehmen;  Rußlands
  militärische  Rraft  beruhte  schon  vor  dem  Krieg
fin  unziell  auf  der  Gewährung  großer  Kredite  an  die
russische  Staatswirtschaft.  Dies  bedeutet,  daß  die
russische  Volkswirtschaft  aus  sich  heraus  nicht  die  überschüsse
  aufgebracht  hätte,  die  notwendig  waren.  um
die  Kroßen  Rüstungen  zu  vollenden,  zumal  gerade
in  Rußland  überdies  mit  sehr  großen  -Reibungsverlusten=
  des  korrumpierten  bureaukratischen  Systems
  zu  rechnen  war.  Die  Kriegsfinanzierung  wurde
in  derselben  Weise  fortgesetzt  wie  die  Finanzierung
der  Rüstung.  und,  durch  den  Schleier  des  Geldes  hindurch
  gesehen,  führt  also  Rußland  den  Krieg  genau
so  auf  der  Basis  der  fremden  Volkswirtschaften  (besonders
  der  englischen),  wie  es  auch  auf  dieser  Basis
schon  die  Rüstung  in  Friedenszeiten  aufgebaut  hat.
Auch  darin  zeigt  sich  die  Eigentümlichkeit  der  russischen
  Volkswirlschaft;  sie  gibt  auch  in  der  Kriegswirtschaft
  nur  den  Rohstoff  her,  die  Menschenmassen
und  die  für  sie  notwendigen  Lebensmittel.  Ihre
Ausrüstung,  Bekleidung,  Bewaffnung,  also  die  ganze
Kriegsmaschine.  stammt  aus  der  Fremde.  Nie  ist  im
so  gigantischem  Maß  auf  fernhin  Krieg  geführt  wor.
den.  In  den  englischen  und  amerikanischen  Jabriken
wurde  die  russische  Westfront  verteidigt,  und  wo  diese
Verteidigung  versagte,  mußte  mit  Hinopferung  von
Menschenmassen  und  Ausgabe  von  größeren  Territorien
  der  Feind  hingehalten  werden.  Wenn  oben
gesagt  wurde.  daß  die  neue  Zeit  von  der  Verbesserung
und  Verbilligung  der  Verkehrsmittel  datiert  werden
muß  so  ist  Rußland  der  lebendige  Beweis  dafür;  es
*  seiner  ganzen  Anlage  nach  noch  tief  in  der

ergangenheit.  Seine  Opfer  können  daher  —  auf
das  Okonomische  hin  angesehen  —  auch  nicht  völlig  mit
denen  der  westlichen  Mächte  verglichen  werden.  Wir
verfügen  hinsichtlich  der  Kriegskosten  noch  über  keine
exakten  Daten;  aber  wir  haben  Grund  zur  Annabme.
daß  die  Subsidien,  die  Rußland  von  seinen  Verbündeten,
  namentlich  England,  erhalten  hat,  nicht  bloß
vorläufige  waren.  Sofern  dies  der  Fall  war.
seuerte  Rußland  Überwiegend  Menschenmassen,  den

ohstoff  des  Krieges,  zu  den  Kosten  bei.  Immer  auf
das  Okonomische  hin  angesehen,  bedeuten  die  Menschenverluste
  für  Rußland  nicht  so  viel  wie  analoge
Verluste  für  die  Weststaaten.  Denn  das  Regenerationstempo
  primitiver  Agrarschichten  ist  bekanntlich
ein  sehr  rasches.  überdies  kehren  nach  Kriegsende
Millionen  von  Kriegsgefangenen  in  gutem  Ernährungszustande
  und  bereichert  durch  die  Kenntnis  intensiwer
  Arbeitsmethoden  in  ihre  Heimat  zurück.

Das  alles  mag  dahin  wirken,  duß  Rußland  trotz
der  ungeheuren  Massenopfer,  trotz  der  maßlosen  Verwirrung
  und  der  katastrophalen  Krisen  schließlich  die
        <pb n="515" />
        Lederer:  Die  wirtschaftliche  Lage  unserer  Gegner

Folgen  des  Krieges  rascher  verwinden  wird  als  die
Westmächte.  Dazu  wird  auch  der  Besitz  kostbarer,  vielbegehrter
  Rohstoffe  (insbesondere  Agrarprodukte,  aber
auch  Textilien  wie  Flachs  und  Metalle)  beitragen.
Wenn  man  es  prägnant  ausdrülcken  will:  Der  Agrarstaat
  ist  durchaus  nicht  am  ehesten  geeignet,  einen
modernen  Krieg  zu  führen  und  in  einem  solchen  zu
siegen,  aber  er  #n  ihn  noch  immer  am  besten  überstehen,
  weil  er  auch  durch  den  modernen  Krieg  nicht
wesentlich  in  seinem  Urbestand  verändert  wird,  wenn
er  nur  überhaupt  kräftig  genug  ist,  aus  dem  Krie
herauszukommen.  Hingegen  sind  es  gerade  die  Strulturveränderungen
  im  Industriestaat,  die  der  Wiederherstellung
  einer  Friedenswirtschaft  so  außerordentlich
große  Schwierigkeiten  in  den  Weg  stellen.

Ausblick.  Endlich  sei  noch  kurz  die  Frage  der  wirtschaftlichen
  Regeneration  nach  dem  Kriegeberührt.
Sie  wird,  wie  schon  angedeutet,  je  nach  der  Struktur
der  Wirtschaft  verschieden  sein.  Hier  kann  nur  ganz
allgemein  gesagt  werden:  Sie  wird  um  so  leichter  sein
(immer:  eeteris  paribus  betrachtet  und  keine  Kriegsentschädigung
  vorausgesetzt),  je  mehr  eine  Volkswirtschaft
  in  den  Bahnen  der  Friedenswirtschaft  verblieben
  ist,  also  die  Produktion  nicht  auf  den  Krieg  umstellen:
  mußte;  je  mehr  die  Kriegslast  schon  während
des  Krieges  durch  Steuer  getragen  wurde;  je  mehr
also  mit  anderen  Worten  die  Kriegslast  lediglich  in
einer  Verschuldung  an  das  Ausland  besteht.  Denn  ist
bloß  eine  solche  gegeben,  so  bestehl  die  Kriegslast  bloß
darin,  daß  das  kriegführende  Land  entweder  Güter,
die  es  früher  selbst  verbrauchte,  ausführen  muß,
oder  aber  daß  es  darauf  verzichten  muß,  Erträge  aus
Kapitalanlagen  im  Ausland  zu  beziehen,  d.  h.  Warenäquivalente
  dafür  einzuführen.  fingegen  muß  ein
Land,  das  seine  Kriegskosten  “  t  gar  nicht  durch
Steuern  aufbrachte,  die  ganze  Last  nach  dem  Kriege
tragen,  es  muß  (wenn  die  Industrie  „  umgestelltwurde)
  einen  langwierigen  und  schmerzhaften  Reorganisationsprozeß
  durchmachen.

Die  Organisation  für  den  Krieg  erfolgte  als  Erlösung
  aus  einer  lähmenden  Geld-,  Kredit=  und  Produktionskrise,
  in  der  Fülle  der  Kraft  und  unter
dem  befeuernden  Einfluß  steigender  Preise.  Die
Liquidation  der  Kriegswirtschaft  aber  bedeutet  für  die
beteiligte  Industrie  das  Aufgeben  einer  sicheren  Konjunktur.
  Verringerung  der  Rentabilität,  das  Risiko
der  Preisveränderung,  zumal  für  die  y
die  Wiederkehr  des  freien  Wettbewerbs.  Noch  sind
nicht  einmal  theoretisch  die  Formen  gefunden,  in  denen
sich  diese  Wiederkehr  vollziehen  könnte.  Sie  wird  die
weitere  Schwierigkeit  auf  ihrem  Wege  finden,  daß  die
Kriegsindustrien  (und  was  ist  in  solchen  Ländern  nicht
Kriegsindustrie?).  an  hohen  Gewinn  gewöhnt,  außerordentlich
  liquide  sind  und  den  Ausgangspunkt  von
Rentnerexistenzen  bilden  können,  die  die  Rückkehr  ins
freie  Wirtschaftsleben  scheuen.  Hingegen  kann  sich
überall  dort,  wo  die  Verbindung  mit  dem  Weltmarkt
auch  während  des  Krieges  nicht  abgebrochen,  wo  die
Preisbildung  in  Berührung  mit  dem  neutralen  Aus-49



land  geblieben  war,  die  Wiederanknüpfung  zwangsos
vollziehen;  dort  sind  auch  die  Fäden  des  Verkehrs  nicht
zerrissen  worden.  Und  so  kann  man  sagen:  Die  Volkswirtschaft
  unserer  Gegner  wird  fast  insgesamt  einen
leichteren  übergang  zur  Normalwirtschaft  finden  als
die  Volkswirtschaft  der  Zentralmächte.  Je  tiefer  die
Umgestaltung  für  Kriegszwecke  ging  und  je  intensiver
sich  die  Arbeit  ausschließlich  nach  militärischen  Gesichtslunken
  einrichten  mußte,  je  restloser  alle  Arbeit  des

andes  Kriegsarbeit  werden  mußte  —  desto  schwieriger
  die  Zurückleitung  des  ganzen  spom  weltwirtschaftlichen
  Zusammenhang  aus  gesehen),  künstlichene
  Gebildes.  In  diesem  Sinn  arbeitet  tatsächlich
  die  Zeite  gegen  uns  (Hilfsdienstgesetzl).

In  dem  Geldausdruck  der  Volkswirtschaft  *  sich
diese  Differenz  außerordentlich  prägnant.  Dadurch,
daß  die  Volkswirtschaft  der  mit  Deutschland  im  Kriege
stehenden  Staaten  den  Kontakt  mit  der  Weltwirtschaft
aufrechterhalten  konnte,  ist  mehr  oder  minder  noch
immer  ein  einheitliches  Preisniveau  in  der  ganzen
Welt  (mit  Ausschluß  der  Zentralmächte)  gegeben.
Gewiß,  die  tatsächlichen  Preise  in  den  einzelnen  Ländern
  sind  außerordentlich  verschieden  und  müssen  sich
(ie  höher  die  Frachtraten  werden  und  je  mehr  sich
der  Handelsverkehr  der  Staaten  nicht  als  freies  Geschäft
  der  Privaten,  sondern  als  Austauschgeschäft
von  Staat  zu  Staat  im  Kompensationswege  vollzieht)
immer  stärker  voneinander  unterscheiden.  Aber  prinipiell

  sind  alle  Preisunterschiede  auch  während  des
Kie  es  noch  Transportkostenunterschiede  (von  Zöllen
abgesehen).  Hingegen  hat  sich  die  Preisbildung  in
Deutschland  von  dieser  Basis  fast  völlig  lesgeiit.
Nur  historisch  hängen  die  Preise  noch  mit  den  Weltmarktpreisen
  als  ihrem  Husgangspunnt  zusammen,
hingegen  besteht  keine  tatsächliche  Verbindung  mehr.
Die  Kehrseite  dieser  Entwicklung:  Verschiebung  des
Geldwertniveaus  bei  den  Zentralmächten  gegenüber
der  übrigen  Welt.  Der  übergang  zur  Friedenswirtschaft
  verlangt  demgemäß  nicht  nur  Umstellung  der
Kriegs-zur  Friedenswirtschaft  in  der  Erzeugung.  in  der
Art  der  Produktion,  in  den  Mengen  der  Gütererzeugung.
  in  der  Verteilung,  sondern  auch  wieder  An-Kleichung
  an  das  Weltmarktpreisniveau.
adurch  daß  die  Angebots-  und  Nachfrageverhältnisse
innerhalb  der  Zentralmächte  die  Höhe  der  Löhne,
der  Preise  usw.  bestimmten,  daß  militärische  Erfordernisse
  vielfach  das  Preisniveau  korrigierten  (meist:
hobenz.  hat  sich  ein  Wirtschaftsprozeß  entwickelt,  der
eine  direkte  Verbindung  mehr  mit  dem  Weltmarktpreisniveau
  hat.  Wir  sind  auch  in  diesem  Sinn  eine
isolierte  Wirtschaft  geworden,  und  diese  Isolierung
ist  es,  die,  wenn  sie  in  gleichem  Maße  bestehen  bleibt,
für  die  Zukunft  das  entscheidende  Problem  schafft.
Damit  sind  wir  schon  etwas  über  den  Rahmen  dieser
Ausführungen  hinaus  gelangt;  aber  es  sollte  wenigteus
  angedeutet  werden,  wo  der  prinzipielle  Unterchied
  der  Kriegswirtschaft  unserer  Gegner  gegenüber
der  Deutschlands  liegt,  wenn  wir  niche  nur  die  Zeit
während  des  Krieges,  sondern  auch  die  Epoche  unmittelbar
  nach  dem  Kriege  ins  Auge  fassen.
        <pb n="516" />
        430

Englands  Handelsstelung
von  Paul  Dehn  in  Zehlendorf  bei  Berlin

Bis  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  beherrschte
England  den  Weltmarkt  fast  ohne  Mitbewerb.  Es
besaß  die  größte  Hande'Slotte,  von  der  stärksten  Kriegsflotte
  geschützt,  das  umfangreichste  Kolonialreich,  den
ausgedehntesten  Handel,  das  usgebildetste  Bankwesen
und  nicht  zuletzt  die  entwickeltste  Industrie;  es  war  somit
  allen  anderen  Staaten  weit  überlegen.  Englische
Waren,  en  llischer  Stahl,  englische  Werkzeuge  galten
als  die  besten  und  wurden  überall  bevorzugt.  Noch  im
dritten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  war  England
die  =  Werkstatt  der  Welte.  Es  hatte  eine  Art  von  industriellem
  Monopol  auf  dem  Weltmarkt  und  versorgte
auf  dem  billigen  Scewege  alle  Länder  mit  Fabrikaten.

In  seinem  =  Nationalen  System  der  politischen  Okonomie-
  (1841)  kennzeichnete  Friedrich  List  das  englische
  Hemdelsziel,  England  zu  einer  unermeßlichen
Fabrik-,  Handels-  und  Hafenstadt  zu  erheben  und  für
die  Erde  zu  werden,  was  eine  größere  Stadt  gegenüber
  dem  flachen  Lande  ist,  -der  Inbegriff  aller  Gewerbe,
  Künste  und  Wissenschaften,  alles  großen  Handels
  und  Reichtums,  aller  Schiffahrt  und  Seemacht,
eine  Weltstadt,  die  alle  Länder  mit  Fabrikaten  versorgt
und  sich  dagegen  an  Rohstoffen  und  Lebensmitteln
von  jedem  Lande  liefern  läßt,  was  seine  Natur  Brauchbares
  und  Annehmbares  bietet,  eine  Vorratskammer
aller  großen  Kapitalien,  eine  Bankhalterin  aller  Nationen,
  die  über  die  Umlaufsmittel  der  ganzen  Welt
verfügt  und  durch  Anleihen  und  Rentenerwerb  alle
Völker  der  Erde  sich  zinsbar  macht.=Als

  List  so  schrieb,  bestand  in  England  noch  der
alte  hochschutzzöllnerische  Tarif  mit  1200  Zollsätzen.
Erst  seit  1846  ging  England  zum  Freihandel  über,
erst  1849  fielen  die  Schiffahrtsbese#  erst  1860  wur-.
den  die  Fabrikatzölle  ganz  aufgehoben  Unter  Hinweis
darauf  verteidigte  Bismarck  am  14.  Juni  1882  im
Reichstage  seine  Schutzzollpolitik  „England  hat  die
stärksten  Schutzzölle  gehabt,  bis  es  unter  deren  Schutz
so  erstarkt  war,  daß  es  nun  als  herkulischer  Kämpfer
heraustrat  und  jeden  herausforderte:  Tretet  mit  mir
in  die  Schranken!  England  ist  durch  sein  Kapital  und
durch  die  Lager  von  Gisen  und  Kohlen,  durch  seine
Häfen  der  Stärkste  im  Freihandelssfaustrecht  geworden,
aber  doch  nicht  allein  durch  seine  günstige  geographische
Lage,  sondern  nur  dadurch,  daß  es  so  lange,  bis  seine
Industrie  vollständig  erstarkt  war,  ganz  exorbitante
Schutzzölle  dem  Auslande  gegenüber  hatte.=Nachdem

  England  zum  #iihamdel  Übergegangen
war,  rief  es  alle  Völker  zur  Nachfolge  auf  und  verkündete
  die  neue  Lehreals  Grundbedingunggedeihlicher
We  twirtschaft  und  gesicherten  Weltfriedens.  Mit  Hilfe
des  Freihandels  hofften  die  en  glischen  Handelspolitiker
eine  Art  internationaler  Arbeitsteilung  durchführen
zu  können.  In  der  Hauptsache  gedachte  England  als
einziger  Industriestaat  für  den  Geltmark  die  Fabrikate
  zu  liefern,  während  sich  die  übrigen  Staaten  auf
die  Erzeugung  von  Rohstoffen,  Lebens-  und  Genußmitteln
  verlegen  sollten.

Englands  Erwartungen,  alle  Staaten  in  die  Gefolgschaft
  des  Freihandels  zu  bringen  oder  gar  durch
Kampfzölle  dazu  zu  zwingen,  wie  ein  Engländer  1863
vorschlug,  erfüllten  sich  nicht.  Schon  in  den  1860er
Jahren  begann  eine  für  England  unerwünschte  Wendung
  hervorzutreten.  Die  Fortschritte  der  Dampfschiffahrt
  wurden  zwar  zuerst  von  den  Engländern
ausgenutzt  und  brachten  ihnen  einen  steigenden  Auf-V.

  Recht  und  Volkswirtschaft

schwung  ihres  überseeischen  Verlehrs,  nach  dem  Krimkriege
  auch  mit  der  Levante,  aber  die  Vorteile  der
Eisenbahnen  kamen  in  höherem  Grade  den  Festlandstaaten
  zugute,  erleichterten  und  verbillinten  ihren
Güteraustuusch,  rückten  die  industriellen  Mittelpunkte
dem  Meere  nihe,  ermöglichten  auch  ihnen  einen  aussichtsvollen
  Mitbewerb  in  Übersee  und  förderten  die
Zusammenfassung  der  einzelnen  Staaten  zu  kräftigen
Großmächten.
Mit  Hilfe  des  Freihandels  Redachte  England  seine
Oberseeherrschaft  über  den  Weltmarkt  für  unabsehbare
eit  sicherzustellen,  mußte  aber  zusehen,  wie  andere
taaten,  an  der  Spitze  Deutschland  nach  seiner  Einiung
  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  nach
em  Bürgerkriege,  als  Wettbewerber  auf  dem  Weltmarkt
  hervortraten.

Die  Landwirtschaft.

Noch  um  die  Mitte  der  1870er  Jahre  galt  die  Land.
wirtschaft  als  der  wichtigste  Erwerbszweig  Englands,
geriet  dann  aber  durch  andauernde  Mihernten  und
nachhaltig  unter  dem  Druck  des  überseeischen  Wett.
bewerbs  mit  seiner  zollfreien.  erstaunlich  verbilligten
Masseneinfuhr  von  Getreide  in  eine  so  üble  Lage,  daß
der  Körnerbau  trotz  des  günstigen  Klimas  nicht  mehr
ausreichend  lohnte.  Das  Ackerland  verminderte  sich
von  (1878)  9.7  Mill.  ha  auf  (1892)  8,7  und  auf  (lols
7  Mill.  ha.  das  Weizenland  von  (1875)  1,1  Mill.  ha
auf  (19160  0,8  Mill.  ha.  die  Weizenernte  in  gleicher
Zeit  von  2,6  auf  1,6  Mill.  Tonnen.  Dagegen  vermehrte
  sich  das  Weideland  und  mit  ihm  die  Viehwirtschaft.
  Da  man  es  in  England  für  vorteilhafter  hielt.
die  Industrie  zu  fördern  und  billigeres  Getreide  aus
übersee  zu  beziehen,  anstatt  die  heimische  Landwirtschaft
leistungsfähig  zu  erhalten,  wurde  England  zum  Industrie-,
  Handels=  und  schließlich  zum  Rentnerstaat.
Seit  1863  stiege  die  Bevölkerung  in  Deutschland  von
35  auf  68,  in  England  von  29  auf  44  Millionen.

Erwerbstätige  in  Deutschland  in  England
in  Millionen
1907  1911
in  der  Landwirtschaft  9.  24
*  der  Industrti  11,2  v,0
*  Handel  und  Verkehr393  42

Von  je  100  Erwerbstätigen  gehörten  in  England  und  Wale-1891

  1911
zur  Landwirtschatt  10,«  8,5
zu  Industrie  und  Bergbau.  .  36,6  46.
zum  Handel  und  Verkehr.  10½  25,2

Die  landwirtschaftliche  Gütererzeugung  war  von
10  Milliarden  Mark  im  Jahre  1839  nach  amtlichen
Ermittlungen  1907  auf  2,,  Milliarden  Mark  rein
zurückgegangen,  dagegen  in  Deutschland  1905  auf  8.5
Milliarden  Mark  gestiegen.  Amtliche  Ermittlungen
berechneten  1916  die  Verluste  der  englischen  Bolkswirtschaft
  durch  Entwertung  des  Bodens  infolge  der
Umwandlung  von  Acker  in  Weideland  oder  Jagdgebier
für  die  letzten  vierzig  Jahre  vor  dem  Kriege  auf  16
Milliarden  Mark  in  kapitalisiertem  und  auf  500  Mill.
Mark  in  jährlichem  Ertragswert.  Mit  seiner  Volksernährung
  wurde  England  von  Jahr  zu  Jahr  abhängiger
  vom  Ausland.  Noch  zu  Anfang  der  1870er
Inhre  erzeugte  die  heimische  Landwirtschaft  die  Hälfte
des  Getreidebedarfs,  1913  nur  1,64  Mill.  Tonnen,  nur
noch  etwa  ein  Fünftel  des  ganzen  Bedarfs  von  8.8
Mill.  Tonnen.  Für  seine  44  Mill.  Köpfe  mußte  England
  vom  Auslande  seinen  Bedarf  an  Fleisch  zu  mehr
als  /8,  an  Butter  zu  ¾,  an  Getreide  zu  58,  an  Käse
zu  ½,  an  Pflanzenfett  ganz  vom  Auslande  beziehen,
        <pb n="517" />
        Dehn:  Englands  Handelsstellung

alles  in  allem  rund  ¾8  seines  Nahrungsmittelbedarfs.
Die  Einfuhr  an  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen,  an
Getreide,  Mehl,  Fleisch,  Butter,  Käse.  Eiern,  kondensierter
  Milch,  Früchten,  Gemüse.  Hopfen,  Schmalz,
Margarine  (ungerechnet  Zucker,  Tabak,  Südfrüchte,
Kolonialwaren  usw.)  vermehrte  sich,  hauptsächlich  infolge
  erhöhter  Preise,  dem  Werte  nach  von  (1913)  4,2
Milliarden  Mark  auf  di#  4,3  Mill.arden,  (1915)  5,5
Milliarden  und  cisie)  6,1  Milliarden  Mark.

Englands  Lebensmitteleinfuhr
(nach  dem  Eeonomie  vom  November  1916)

aus  fremdenaus  dem

Cesamteinfuhränderneiiche

in  Mill.  Mark  in  Prosenten
Eiieer  192  100  —
Mais-.  276  90  1
Zuckernr  462  96  4
Schmalslss.  112  66  4
Frische  Früchte  242  86  14
Hafer.  114  66  14
Butter  2  81  1v
Gemöse  110  79  21
Fleissea  1106  74  26
Gerst  162  78  27
Weizen  und  Mehl  1004  53  47
gae  140  18  82
Tee  276  13  87

Bei  der  Aufhebung  der  Getreidezölle  (1847)  hatte
man  vorausgeseßt,  daß  in  überiee  stets  billiges  Getreide
  in  genügenden  Mengen  vorhanden  sein  werde,
ohne  mögliche  große  Mißernten,  ohne  die  Treibereien
internationaler  Spekulanten  im  Kriegsfall  zu  bedenken.
  Nur  den  Kriegsfall  selbst  hatte  man  bedacht.  Nach
den  Ermittlungen  des  Königichen  Ausschusses  zur
Untersuchung  der  Vorräte  an  Lebensmitteln  und  Rohstoffen
  von  1903  reichten  die  durchichnittlichen  Vorräte
  an  Brotstoffen  nur  für  sechs  Wochen  aus.  Fürdie
Sicherung  der  notwendigen  Überseeischen  Zufuhren
sollte  die  Flotte  sorgen.  Man  wurde  aber  ängstlich,
als  Deutschland  seine  Seegeltung  herstellte,  und  verstärkie
  die  Flotte  von  Jahr  zu  Jahr  bis  zu  einem  Aufwand
  von  1030  Mill.  Mark  für  1913/14,  um  die  überseeischen
  Zufuhren  auch  im  Kriegsfall  möglichst  zu
sichern.  Wie  der  Unterseehandelskrieg  gezeigt  hat,  war
die  englische  Flotte  dazu  nicht  imstande.  Das  Inselland
  wollte  Deutschland  durch  eine  Art  von  Blockade
aushungern  und  wurde  durch  die  Unterseeboote  selbst
der  Aushungerung  ausgesetzt.  Zu  spät  erkannte  man,
daß  die  Landwirtschaft  nicht  vernachlässigt  werden
darf.  Lloyd  George,  der  am  23.  Februar  1917  den
Unterseebootkrieg  die  furchtbarste  Gefahr=  nannte,
die  England  je  bedroht  habe,  empfahl  als  einzige  Abwehr,
  England  möge  sich  schleunigst  von  aller  Emfuhr
unabhängig  machen.  Aber  selbst  nach  Einführung
landwirtschaftlicher  Schutzzölle  könnte  England  sich
nicht  mehr  selbst  ernähren.  Gelänge  es  ihm  wirklich,
seine  Getreideerzeugung  zu  verdoppeln,  so  würde  es
statt  ½8  nicht  mehr  als  /  seines  Bedarfs  decken.  Die
Aufhebung  des  Pachisystems.  das  die  Heranbildung
eines  selbstäindigen  Bauernstandes  verhindert  (nur
11  Prozent  des  Landes  in  England  gehören  den  Bebauern.
  in  Deutschland  98  Prozent),  ist  ein  weites  Feld.
Um  eine  Vergrößerung  der  Andaufläche  zu  erwirken,
verbürgte  die  Regierung  Mitte  1917  Weizenmindestpreise
  von  273  Mark  die  Tonne  für  1917.,  von  251
Mark  für  1918  und  1919  und  von  205  Mark  für
1920  bis  1922.  Mitte  1914  stand  in  London  der
Weizenpreis  auf  165  bis  175  Mark  und  schwankte  von

431

1911  bis  1913  zwischen  151  und  185  Mark.  Ein
Regierungszuschuß,  der  unter  Umständen  sehr  hoch
werden  könnte,  war  für  1917  überflüssig  (Weizenpreis
im  März  1917  in  London  420  Mart).

Kohlengewinnung.

Englands  industrieller  Aufschwung  beruht  auf  seinem
  Kohlenreichtum.  Von  den  Kohlenschäten  Europas,
  die  auf  784  Milliarden  Tonnen  geschäßt  werden,
entfallen  189  Milliarden  Tonnen  auf  England  und
423  auf  Deutschland.  Jenes  stand  bis  géegen  Ende
des  19.  Jahrhunderts  in  der  Gewinnung  voran.  wurde
aber  von  den  beiden  anderen  Koh'enmächten,  Nordamerika
  und  Deutschland,  überholt  und  sah  seinen  Anteil
  an  der  Erzeugung  der  drei  großen  Kohlenmächte
von  (1860)  62  Proz.  auf  (lole)  23/  Proz.  sinken.  Die
Kohlenförderungslechnik  soll  in  England  nicht  mehr
auf  der  Höhe  stehen.

Kohlengewinnung  (in  Millionen  Tonnen).

1%  inso  s  180  s  ivis  ivia  00
England  .  85  149205  2872
Deutschland  12  69  120  300  B!832
Bereinigte  Staaten.  15  20  82  5S0  513  517
Frankreic  säoälsassolsoln
Belglten  1i10  1111121
Okerreich=  Ungarn  .—.——.—.————
NRußland  8  7  111  311  29  2000

1#  Englands  Kohlengewinnung  wurde  für  1916  auf  256  Millionen
  Tonnen  angegeben.

Nach  Untergrabung  des  Seeverkehrs  durch  die
Unterseeboote  musten  viele  Kohlenwerke  die  Förderung
einschränken.  Schon  1914  #ing  sie  zunächst  infolge
der  Anwerbungen  wegen  Arbeitermangels  zurück,
noch  stärker  zu  Anfang  1917,  als  der  unbeschränkte
Unterseebootkrieg  einsetzte  und  die  Zufuhr  an  Grubenholz
  störte.  England  mußte,  da  nur  5  Prozent  seiner
Bodenfläche  Weld  sind,  1913  für  676  Mell.  Mark  Holz
einführen.)  Am  1.  März  1917  übernahm  der  Staat
auf  Kriegsdauer  sämtliche  Kohlenwerksbetriebe,  etwa
3000  Kohlenzechen,  in  eigene  Verwaltung  und  verbürgte
  den  Besitzern  eine  Entschädigung  nach  dem  Erträgnis
  des  letzten  Friedensjahres  1913.  Zur  Begründung
  sagte  Lioyd  George:  „Kohle  ist  Leben  für  uns.
Im  Frieden  und  im  Kriege  ist  König  Kohle  der  Beherrscher
  aller  Industrien.  Kohle  ist  alles  für  uns,
der  schrecklichste  Feind  und  der  mächtigste  Freund.=Als
  Kohlenstaat  war  Deutschland  der  stärkere,  soweit
es  sich  um  die  Gewinnung  handelte.

Die  Kohle  ist  der  bedeutendste  Eigenwert  Englands,
das  Rückgrat  seiner  Industrie,  sein  wichtigstes  Ausfuhrerzeugnes
  und  zugleich  sein  gewichtigstes,  das

roßen  Raum  beansprucht.  über  ¾  seiner  Güterauspr
  ausmacht,  sie  im  Gleichgewicht  erhält,  als  Ballast
bei  der  Ausfracht  die  Einfuhr  von  Lebensmitteln  und
Rohstoffen  verbilligt  und  die  Grundlageseiner  Handelsschiff
  ihrt  und  ihrer  Überlegenheit  bildet.  Um  über  die
Ausbeute  unmittelbarer  verfügen  zu  #nnen,  Preisspekulationen
  und  Arbeiterausstände  zu  verhüten,
erfolgte  die  schon  erwähnte  übernahme  des  gesamten
Koblenbergbaues  durch  die  Regierung.

Wie  aus  der  übersicht  auf  S.  432  hervorgeht,  verminderte
  sich  Englands  Kohlenausfuhr  von  (1918)77
Mill.  Tonnen  auf  l916)  41  Mill.  Tonnen  und  noch
mehr  1917,  erhöhte  sich  aber  verhältnismäßig  dem
Werte  nach  von  (1919)  mit  1014  auf  asie)  mit  927  Millionen
  Mark.  Von  Mitte  1914  bis  Ende  1916  stiegen
in  England  Anthrazit  von  21  auf  27,  Dampfkohle
        <pb n="518" />
        432

von  15½  auf  21,  Gaskohle  von  18  auf  25  und  Gießereikols
  von  20  auf  42  Mark  für  die  Tonne.  Infolge
der  ungeheuerlichen  Frachtsteigerungen  seit  Kriegsbeginn
  (bis  Frühjahr  1917  nach  Rouen  von  4  bis  auf
51,  nach  Genua  von  7  bis  auf  200,  nach  Skandinavien
von  5  bis  auf  270  Mark)  hatten  die  ausländischen
Bezieher  englischer  Kohle  unter  arger  Knappheit  und
Teuerung  zu  leiden.  Mitte  1917  wurde  die  Tonne  in
Marseille  mit  150,  in  Genua  mit  225  Mark  bezahlt.
England  machte  dabei  ansehnliche  Gewinne  auf  Kosten
seiner  Vekblindeten  und  der  Neutralen.  Bei  der  Ausfuhr
  behandelte  England  die  Kohle  als  Macht-  und
Kriegsmittel  gegenüber  kohlenarmen  Ländern  und  bedachte
  das  verbündete  Frankreich  reichlicher,  Italien
nicht  genügend.  doch  nur  wegen  der  Schiffsknappheit.
Die  befreundeten  Neutralen,  wie  Norwegen,  versorgte
Eng'and  ausreichend,  ebenso  Spanien,  um  dessen
Gunst  man  buhlte,  drückte  aber  auf  Holland  und
namentlich  auf  Schweden  durch  verringerte  Zufuhren.
Nach  dem  abgesperrten  Rußland  wie  nach  Rumänien
konnte  englische  Kohle  nicht  gelangen.
Euglands  Koglenansfuhr  (in  Milionen  Tonnen).

Bestimmungsland  1813  10141015  1v16
Fra#nkech  1282,  y
Italen  J—  8e  5.  5.,r
Deutschland  *  90  5.  —  —
Ruß  and..  6,0  8,1  0,04  0,00s5
Schwmeden  4  4.  2.7  1,60
A#gentinen  8,1  291,  ·0.
Spunlen  und  Kanarische  Inseln  ,6  2926921  2,4
Agypten  und  Suaon  3  „  23  O
Dänemargkkk  3,0  XI  X  2,2
Norweggen  2.5  28382  2,2
Holland.....  2.0  1,1  1,#  1,2
Velgien.  ...  2,0  1,2  —  —
Brasilen  1,  1,20,6  0,2
Portugal,  Azoren,  Madeira  L  1,2  1.,0  %
#latieierer  12  ro–  e  —
ÖOfferreich-Ungen  11106e  —  —
Andere  vänden  6,1  4%  2,  1,
Koks,  Briketts  uso.  8,2  282,.2  26

Insgesamt  (abgerundet)::  70,  4604½0
Schissekohllte  21½0%  1138,0  1

Für  die  Kriegführung  der  Mittelmächte  waren  ihre
Kohlenschätze  von  größter  Bedeutung,  die  die  englische
Kohle  leicht  enbehren  ließen.  Deutschlands  Güterverkehr
  mit  den  Neutralen  während  des  Krieges  wurde
durch  die  deutsche  Kohlenausfuhr,  die  1913  bereits  47
Mill.  Mark  wertete,  zu  allseitigem  Vorteil  gefördert.

Kriegsschiffban.

Schisster  und  Reederei  und  was  damit  zusammenhängt,
  sind  Englands  wichtigste  und  blühendste  Industriezweige.
  Bis  zum  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts
  bejaß  es  darin  eine  Art  von  Monopol,  war  selbst
der  beste  Abnehmer  seines  Schiffbaues,  baute  Kriegsund
  Handelsschiffe  auch  für  die  mieisten  anderen  Staaten
  bis  um  1875  auch  fast  alle  Kriegsschiffe  mit  den
Panzerplatten  für  Deutschland,  1898  das  letzte.  Mit
der  Weiterverbreitung  der  technischen  Fortschritte  ging
Englands  Baumonopol  zurück,  nahm  Englands  auswärtige
  Kundschaft  ab.  Eine  jede  Macht  baute  selbst
ihre  -Fürchtenichts-.

Auf  den  Werften  der  Erde  wurden  19138  fertiggestellt
  180  Kriegsschiffe  mit  676000  Tonnen,  davon
in  England  49  mit  271000  Tonnen,  =  40  Prozent.
An  das  Ausland  lieferte  England  7  Kriegsschiffe  mit
84000  Tonnen  im  Werte  von  rund  170  Mil.  Mark.
Die  deutschen  Werften  bauten  1913:  59  Kriegsschiffe

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

mit  162000  Tonnen,  davon  19  mit  16360  Tonnen
für  das  Ausland.  Bestellungen  auf  den  Bau  von
Kriegsschiffen,  auch  von  Großlampsschiffen,  hatten  die
englischen  Werften  vor  dem  Kriege  unter  anderen  von
Brasilien,  Chile,  Spanien,  der  Türkei,  China,  Rußland
  und  Griechenland  erhalten.  Sie  wurden  bevorugt,
  nicht  weil  sie  günstigere  Preise  stellten  oder  in
er  Schiffbautechnik  voranstanden,  sondern  weil  ihnen
diplomatische  und  finanzielle  Beziehungen  zustatten
kamen.  Bei  Übernahme  des  Baues  von  Kriegeschiffen
für  fremde  Staaten  wurde  den  betreffenden  Verträgen
  eine  Bestimmung  eingefügt,  wonach  die  fertiggestenten
  und  noch  nicht  abgelieferten  Schiffe  im
riegsfall  der  englischen  Regierung  zur  Verfügung
estellt  werden  müssen.  Anfang  August  1914  bechlagnahmte
  England  so  unter  anderen  zwei  faft
fertige  türkische  Großkampfschiffe,  zwei  chilenische  Zertörer,
  drei  brasilianische  Kanonenboote,  zwei  spanische
anzerkreuzer,  zy  griechische  Panzerkreuzer,  vier
swech  Torpedojäger  sowie  ein  norwegisches  Kriegschiff
  und  verleibte  sie  der  englischen  Kriegsflotte  ein.
Nach  einem  Vorschlage  der  „-Times=  vom  August
1916  sollten  auch  alle  Handelsschiffe,  die  für  neutrale
Staaten  in  England  gebaut  wurden,  mit  Beschlag  belegt
  und  nach  dem  Kriege  in  die  englische  Kauffahrtei.
flotte  eingereiht  werden.

Durch  solches  WLerfahre  schuf  sich  England  eine
stille,  unter  Umständen  sehr  wertvolle  Flottenreserve.
die  bei  Rüstungsbeschränkungen  nicht  in  Betracht  kam.
Daher  das  Interesse  der  englischen  Admiralttät  an
der  eifrigen  Förderung  des  heimischen  Kriegsschiff.
baues  durch  Erlangung  ausländischer  Bestellungen!

Für  die  englische  Schiffbauindustrie  arbeiteten  auch
die  englischen  Flottenbeiräte  in  der  Türkei  und  in
China,  ferner  in  England  selbst  freie  Vereinigungen
für  die  Versorgung  anderer  Staaten  mit  Kriegsschiffen.

In  engster  Verbindung  mit  den  englischen  Interessentenkreisen
  standen  die  zahlreichen  und  bedeutenden
englischen  Unternehmungen  für  den  Bau  von  Kriegsschiffen
  und  Schiffsgeschltzen  im  Auslande.  so  in  Fiume
(Ungarn)  für  Torpedos,  in  Pozzuoli  und  Terni  (Jialien)
  für  Schiffsgeschütze.  in  Ferrol  (Spanien)  für
Schiffbau,  in  Zarizyn  (Rußtand)  für  Geschüge  und
in  Ismid  (Türkei)  für  Schiffsausbesserungen  und
Kriegsfahrzeuge.

Zuden  Velshriedensfreunden  gehörten  dieenglischen
Kriegsschiffbauinteressenten  nicht.  Ein  jeder  Krieg
vernichtet  Schiffe,  hat  Neubestellungen  zur  Folge  und
eröffnet  günstige  Aussichten  für  den  Schiffbau.  Wenn
in  England,  was  ja  wiederholt  vorgekommen,  eine
Flottenpanik  veranstaltet  wurde,  um  die  öffentliche
Meinung  für  neue  Flottenverstärkungen  und  das
Unterhaus  für  neue  Geldbewilligungen  zu  gewinnen.
dann  waren  die  Vertreter  der  umfangreichsten  Industrie
  des  Landes  darauf  bedacht,  mit  ihrer  großen
Kapitalskraft  ebenso  vorsichtig  wie  nachdrücklich  die
gefügige  Presse  im  Sinne  ihrer  Sonderinteressen  unter
Voranschiebung  des  Gemeinwohls  zu  beeinflussen.

So  betreuten  die  Engländer  ihren  blühendsten
Industriezweig  und  gaben  ihm  die  Möglichkeit,  einen
Leigen  großen  Betrieb  mit  einem  Stamm  geschulter

ngenieure  und  Arbeiter  aufrechtzuerhalten.

Im  gegenwärtigen  Kriege  hat  die  deutsche  Kriegsotte

  die  Leistungs  fähigkeit  auch  des  deutschen  Kriegschiffbaues
  in  ein  helles  Licht  gerückt.  Auf  diesem  Gebiet
  wurde  Englands  früherer  Vorsprung  eingeholt.
seine  überlieferte  überlegenheit  beseitigt.  Im  Bau
und  Bewaffnen  von  Kriegsschiffen  büßte  England
        <pb n="519" />
        Dehn:  Englands  Handelsstellung  433

seine  industrielle  Vorherrschaft  ein.  Die  englische
Kriegsflotte  verlor  erheblich  mehr  Schlachtschihe  als
die  deutsche,  bis  4.  August  1917:  165  Einheiten  mit
0,  ss  Mill.  Tonnen  Verdrängung.  Neben  den  deutschen
konnten  die  englischen  Unterseeboote  nicht  bestehen.

"  Handelsschiffban.

Im  Bau  von  Handelsdampfern  errang  England
seit  der  zunehmenden  Verwendung  des  Eisens  die  erste
Stelle.  In  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
entfielen  durchschnittlich  drei  Viertel  des  gesamten  Handelsschiffbaues
  der  Erde  auf  englische  Werften,  meist  im
Nordosten,  am  Tyne,  Tees  und  Wear,  dagegen  1907

bis  1913  nur  noch  weniger  als  60  Prozent,  meist  größere
  Dampfer  aus  Stahl  von  6000—10000  Tonnen.

Nach  den  Beständen  zu  Anfang  des  20.  Jahrhunderts
  waren  von  den  deutschen  Handelsdampfern  29,
von  den  russischen  50,  von  den  österreichisch-ungarischen,
  französischen,  belgischen  und  holländischen  je
60,  von  den  italienischen  73,  von  den  portugiesischen
80  und  von  den  spanischen  Handelsdampfern  98  Prozent
  auf  englischen  Werften  #ebaut.  Im  Jahre  1913
lieferte  England  nach  dem  Auslande  174  Dampfer
mit  382000  Tonnen,  Deutschland  dagegen  205  mit
49000  Tonnen;  dieses  ließ  außerdem  ink  Auslande
127  Dampfer  mit  48000  Tonnen  bauen.

Handelsdampferban.
1910  1912  1013  1915  1916
Zahl  I  Mill.ton.3ahlMitttowsahlIMimTomZahlMETOMZCHIM.Ion.
England  und  Kolonien.  610  1  587  1.6  1.7  700  ·0.  7  510  —.
Vereinigte  Staaten  49  ·0  60  0,#  0,2  127  ·0.  178  *e
Janrnrnna  4  O,  dos  58  0,  os  0,1  127  1  250  0,2
Dollndod  35  *p  60  o,  os  X  390  0,2  800  0,2
Deutschland.  ...  61  0,2  114  0,2  0,«  46  M  ·,2  20  ()  ·1
Andere  Ländernr  124  Oist  195  o,  a0  X  265  ·0.2  223  u—
Zusammen:  883  1,0  1074  2,6  1750  8,5  1655  L  1481  2,0

Demnach  sank  Englands  Handelsdampferbau  seit
Kriegsbeginn  infolge  vermehrter  Kriegsschiffbauten
und  Arbeitermangels  um  mehr  als  ein  Drittel.  Englands
  Schiffsausfuhr  ging  von  (1915)  79000  Tonnen
auf  (1916)  38000  Tonnen  zuüch  Die  Angaben  über
die  deutschen  Schiffbauten  beruhen  auf  Vermutungen.

Von  Kriegsbeginn  bis  Ende  September  1917  wurden
  durch  kriegerische  Maßnahmen  der  Mittelmächte
feindliche  und  neutrale  Handelsschiffe  mit  12  Millionen
  Rohregistertonnen  versenkt,  davon  ½  unter  englischer
  Flagge.  Diese  Verluste  erhöhten  sich  durch  Unfälle,
  übermäßige  Abnutzung  usw.  während  des  Krieges
  um  weitere  4—5  Millionen  Tonnen.  Bei  Bewertung
  der  Tonne  Schisfsraum  mit  500  Mark  wären
Englands  Verluste  durch  die  Schiffsversenkungen  bis
Ende  September  1917  ohnedie  hochwertigen  Ladungen
auf  über  4  Milliarden  Mark  zu  berechnen.

England  konnte  solche  Verluste  durch  Schiffneubauten
  nicht  erseten.  Ende  1916  verbot  die  englische
Regierung  den  Bau  fremder  Schiffe  auf  englischen
Werften  for  die  Dauer  von  10  Jahren  und  hatte
Anfang  1917  über  50  Schiffe  einheitlicher  Bauart
von  drei  Größen  mit  je  8000,  5000  und  3000  Tonnen
Tragfähigkeit  auflegen  lassen,  um  durch  Vereinheitlichung
  des  Schiffskörpers  und  der  Maschinen  rascher
und  billiger  zu  bauen.  Erweist  sich  diese  Art  des  Schiffbaues
  als  vorteilhafter,  was  von  englischen  Fachmännern
  bezweifelt  wurde,  so  wird  sie  auch  anderwärts
befolgt  werden.  Schiffe  sind  ebensowenig  aus  der
Erde  zu  stampfen  wie  Heere,  und  selbst  die  äußerste
Beschleunigung  von  Schiffbauten  konnte  die  Verluste
durch  die  deutschen  Unterseeboote  nicht  ausgleichen.
So  entstand  eine  empfindliche  Schiffsknappheit,  noch
verschärft  durch  die  Beschlagnahme  von  zwei  Dritteln
  der  besten  Dampfer  für  Hilfskreuzer,  Truppenund
  Kriegsbedarfsbeförderung,  für  Wachzwecke  usw.
Rasch  und  bis  ins  Vielfache  stiegen  die  Schiffsfrachten,
  so  unter  anderem  von  Ende  1913  bis  Ende  1916
durchschnittlich  für  Getreidefrachten  von  Neuyork  nach
England  von  7½  auf  74½,  für  Baumwolle  von  30
auf  260,  für  Getreide  von  Argentinien  nach  England
von  12  auf  145,  von  Bombay  nach  England  von  18
auf  230  Mark  und  mehr.  Mit  den  Frachten  erhöhlen
sich  die  Gewinne  der  Reeder  und  die  Schiffswerte.

Der  Krieg  1914/17.  U.

Alte  Schiffe  brachten  bei  ihrem  Verkauf  mehr  ein,  als
sie  neu  gekostet  halten.  Bei  Kriegsbeginn  wurden  in
England  120  Mark  für  die  Tonne  eines  gewöhnlichen
Frachtdampfers  bezahlt,  Mitte  1917  bis  zu  1200  Mark!
Bis  Anfang  1917  war  der  Wert  vieler  englischer  und
neutraler  Handelsschiffe  auf  das  Achtfache  gestiegen!

Bei  solchen  Preissteigerungen  befürchteten  englische
Reederkreise,  wenn  nach  Friedensschluß  durch  schnelles
  Neubauen  Zahl  und  Schiffsraum  der  englischen
Handelsflotte  ausrechterhalten  werden  sollten,  vielleicht
800  Mark  für  die  Tonne  Schiffsraum  bezahlen  zu
müssen,  deren  Wert  nach  wenigen  Jahren  vielleicht
auf  80  Mark  sinken  könnte.

Die  Preissteigerungen  kamen  hauptsächlich  den
nordamerikanischen  (auch  kanadischen)  Werften  zuute,

  die  von  der  eigenen  Regierung,  ferner  aus  Engand
  und  Norwegen  umfangreiche  Bestellungen  erhielten,
  die  aber  nicht  geliefert  wurden.  Denn  die  Union
beschloß  im  September  1917  den  Bau  einer  eigenen
Handelsslotte  von  10  Mill.  Tonnen,  beschlagnahmte
alle  Schiffsneubauten  für  fremde,  auch  englische  Rechnung
  im  Umfang  von  2,5  Mill.  Tonnen  und  gab  ihrem
Handelsschiffbau  einen  beispiellosen  Aufschwung.
Rasche  Steigerung  erfuhr  auch  der  japanische  Schif
bau.  Die  Union  wie  Japan  hofften  die  ersten  unter
den  schiffbauenden  Ländern  zu  werden  und  ihre  englischen
  Freunde  und  Bundesgenossen  zurückzudrängen.

England  sah  seine  Handelseflotte  durch  den  Unterseebootkrieg
  abbröckeln  und  in  Schiffahrt  und  Schiffbau
Mitbewerber  emporkommen,  die  es  vordem  niederehalten,

  aber  während  des  Krieges  angerufen  hatte.

b  England  seine  frühere  Überlegenheit  im  Handelsschissbau
  wiedergewinnen  wird,  ist  zweifelhaft.

Vor  dem  Kriege  hatten  die  deutschen  Schiffswerften
die  größten  und  schnellsten  Schiffe  gebaut  und  konnten
  von  den  englischen  nur  durch  hohe  staatliche  Zuschüsse
  eingeholt  werden.  Noch  im  Kriege  zeigte  der
deutsche  Schiffbau  zum  Staunen  aller  Völker  seine
unübertreffliche  Leistungsfähigkeit  durch  die  Herstel.
lung  von  Handelsunterseebooten.

Handelsschiffahrt.

Englands  Überlegene  Stellung  in  der  Handelsschifffahrt
  wurde  durch  den  Übergang  vom  Segel-  zum

28
        <pb n="520" />
        434

Dampfschiff.  vom  Holz=  zum  Eisen-  und  Stahlbau  gefestigt.
  Nach  Kiaern  betrug  die  Beförderungsfähigkeit
der  Hauptreedereiländer  um  1850  (1  Dampfertonne
—  3  Segeltonnen)  8  Mill.  Tonnen,  wovon  auf  England
  3,5,  auf  Deutschland  0,5  Mill.  Tonnen  entfielen.
Um  1880  hatte  sich  das  Verhälmis  zugunsten  Englands
  verschoben.  Die  Beförderungsfähigkeit  der
Hauptreedereiländer  war  auf  23,6  Mill.  Tonnen  gestiegen,
  in  England  auf  12,5  und  in  Deutschland  auf
1.,6  Mill.  Tonnen.  Seither  suchten  alle  anderen  Staaten
  ihre  Handelsflotte  zu  vergrößern  und  machten
raschere  Fortschritte  als  England.  Anfang  1913  zählte
die  Handelsflotte  der  Erde  30,4  Mill.  Tonnengehalt
mit  83,4  Mill.  Tonnen  Tragfähigkeit,  davon  aber  nur
12,6  Mill.  Tonnengehalt  mit  36.7  Mill.  Tonnen  Tragfähigkeit
  unter  englischer  Flagge.  Englands  Anteil
war  auf  annähernd  zwei  Fünftel  der  gesamten  Handelsschiffahrt
  zurückgegangen.  Dagegen  hatte  Deutschland
  in  dieser  Zeit  seine  Handelssiolte  von  1,1  Mill.
Tonnen  mit  1.4  Mill.  Tonnen  Tragfähigleit  auf  3,2
Mill.  Tonnen  mit  9  Mill.  Tonnen  Tragfähigkeit  eröht.
  Wesentlich  infolge  des  gesteigerten  deutschen
ettbewerbs  ging  Englands  Anteil  an  dem  Schifffahrtsverkehr
  anu  aller  anderen  Staaten  zurück.
Von  dem  Gesamttonnengehalt  der  eingelaufenen

Schiffe  entfielen
auf  die  auf  die
in  englische  Flagge  deutsche  Flagge
1888  1912  1888  1012
in  Prozenten

E#ngladdy  74  58  5  10
Deutschland  37  28  41  50
Frankreicg  42  52  4  16
Verein.  Staaten  52  50  8  ·
Spanien  81  28  8  11
Nußlaad  56  27  10  14
Italin  48  26  4  10
Hollaandd  51  30  8  20
Schweben  1  21  6  5  12
Velgtten  535  43  11  2a
Portugal......  58  47  14  29
Dänemaoarrkrk  16  5  11  13
ÖOsterreich=  Ungarn.  23  7  1  2
Norwegen  16  10  2  6
Japppa  44  28  16  7

Während  in  England  selbst  der  Anteil  der  englischen
Flagge  an  dem  Seehandelsverkehr  von  asss)  74
Prozent  auf  (1919  58  Prozent  herunterging,  stieg
der  Anteil  der  deutschen  Flagge  an  dem  deutschen
Seeverkehr  in  der  gleichen  Zeit  von  41  auf  50  Prozent.
  Deutschland  machte  sich  unabhängiger  von  der
fremden,  insbesondere  von  der  englischen  Schiffahrt.

Noch  anschaulicher  zeigt  nachstehende  übersicht  den
Rückgang  des  Anteils  der  englischen  Flagge  an  der
Schiffahrt  der  obengenannten  15  Staaten.

Angekommene  Schiffe  (in  Millionen  Negistertonnen).

s1895  1005150

in  15  Staaten  (s.  oben)n131  1944  308
Davon  in  England.  66,!|:  #4  118,0
in  Deutschland  11,623,36,  409,1

An  dem  Seeverkehr  der  15  Staaten  verminderte
sich  Englands  Anteil  von  50  auf  38  Prozent,  erhöhte
sich  Deutschlands  Anteil  von  9  auf  16  Prozent.  Englands
  Anteil  an  der  Sucskanalschiffahrt  sank  dem
Tonnengehalt  nach  von  (1882)  81  Prozent  auf  (1918)

1  Statistique  intermatlonale“  (Christiania  1876  —  87).

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

60  Prozent,  während  Deutschlands  Anteil  in  dieser
Zeit  von  2,5  auf  16,7  Prozent  stieg.  Wie  im  Seeverkehr
  mit  den  anderen  Staaten  gewann  Deutschland,
was  England  einbüßte.

Noch  weit  stärker  war  die  Abnahme  der  englischen
Handelsschiffahrt  im  Laufe  des  Krieges  unter  den
Rückwirkungen  der  Tätigkeit  deutscher  Kreuzer,  Torpedo=
  und  Unterseeboote.  Nähere  Angaben  darüber
bringt  die  Übersicht  auf  S.  435.

Nach  ihr  hat  der  Schiffsverkehr  der  britischen  Häfen
von  Kriegsbeginn  bis  Ende  1916  um  44  Prozent  abgenommen,
  besonders  im  Frühiahr  1915  durch  den
damaligen  unbeschränkten  Unterseebootkkrieg.

Als  Anfang  1917  die  Wirkungen  des  Unterseehandelskrieges
  ernster  wurden,  blieb  die  Statistik  des
Schiffsverkehrs  der  englischen  Häfen  aus.  Englands
Seeschiffahrt,  nach  Lloyd  George  die  Hauptschlagader
des  Reiches,  war  empfindlich  getroffen.

Im  Laufe  des  Krieges  aasolgee  die  Zusammenballung
  von  40  Prozent  der  englischen  Handelsflotte
unter  Einbeziehung  von  Werften,  Hüttenwerken  und
Kohlenzechen  zu  fünf  großen  Kartellen:

Tonmengehalt
im  Dienst  im  Bau
Cunrddddn  1200000  25000
Peninsular  and  Orienaoall.  1726500  198600
Ellenren  11310000  145900
NRohal  Mal  1700000  90000
Furne  1300000  168500

Diese  fünf  Riesenkartelle  arbeiten  miteinander,  gerüstet
  gegen  die  deutsche  Schiffahrt  im  Falle  eines
Wirtschaftskrieges  nach  dem  Kriege,  bedrohen  aber
auch  den  englischen  Handel.  Vorerst  sind  sie  gegen
Verstaatlichung,  die  Lloyd  George  wegen  der  wucherischen
  Frachtgewinne  (1916  bis  zu  88  Proz.  Dividenden!)
  der  englischen  Schiffahrt  durch  eine  staatliche  Reorganisation
  für  die  Dauer  des  Krieges  angebahnt  hat.

eitaus  den  größten  Schiffsverkehr  hatten  die  englischen
  Häsen  aufzuweisen,  so  1912  im  Einlauf  u.  a.
London  13  Mill.  Tonnen  (Hamburg  13,6),  Liverpool
12,  Cardiff  und  Newcastle  je  7  Mill.  Tonnen.  Indessen
  vollzieht  sich  Englands  gesamter  Auslandsverkehr
  auf  dem  Seewege,  während  die  anderen  Staaten
daneben  einen  beträchtlichen  Auslandsverkehr  zu  Lande
(Deutschland  mit  einem  Drittel)  aufzuweisen  haben.

Weitere  Verkehrsmittel.

Seit  kangem  rückständig  war  Englands  Eisenbahnwesen.
  Bis  um  1860  besaß  es  einen  großen
Vorsprung  in  Gestalt  eines  vollen  Drittels  der  europäischen
  Eisenbahnen.  Dagegen  entfielen  Ende  1913
von  den  316000  km  europäischer  Eisenbahnen  nur
38000  km  auf  England,  64000  auf  Deutschland.
62000  auf  das  europäische  Rußland,  52000  auf
Frankreich,  46  000  auf  Österreich-Ungarn,  18000  km
auf  Italien  usw.  Während  die  staatliche  Organisation
des  Eisenbahnwesens  in  Deutschland  ertragreich  war
und  einfache,  wohlfeile  Frachtsätze  stellte,  fehlte  dem
englischen  Eisenbahnwesen  diese  Einheitlichkeit.  Nur
Privatbahnen  bestanden  mit  250  verschiedenen  Gesellschaften
  unter  einer  vielköpfigen  und  kostspieligen
Verwaltung  mit  hohen  und  verwickelten  Frachtsä
Wiederholte  Anregungen  zur  Verstaatlichung  scheiterten
  an  dem  Widerstand  der  Interessenten  und  an  der
Aufbringung  der  veranlagten  Kapitalien  in  Höhe  von
dolns)  26,5  Milliarden  Mark.  Bei  Kriegsausbruch
übernahm  der  Staat  den  gesamten  Eisenbahnbetrieb
zunächst  für  Kriegsdauer.
        <pb n="521" />
        Dehn:  Englands  Handelsstellung

Schiffoverkehr  in  den  Häsen  Großbritanniens  und  IJrlands.

Beladene  Schiffe  (in  Millionen  Tounen)
Eingang  Ausgang  Zusammen
Britische  Fremde  Zusammen]  Britische,  Fremde  [Zusammen]  Britisches  Fremde  Zusammen
191383  32,3  16.n  4%1“  40,1  277|]  67,6  52,/  4  116,0
1914  28,0  14,1  43,0  32,5  23,“  58,0  61.,4  37,0  vo,  o
19101015  22,8  10,9  33,7  20,  10,1  36,8  48,2  90,0  73.2
19146464  20,2  9.6  30,0  17,  17,t  356  30,0  27,.7  65.7

Von  Wert  für  Englands  Handelsstellung  war  sein
Kabelmonopol  mit  300000  km,  mehr  als  der
Hälfte  aller  Kabel  der  Erde  (Deutschland  48000  km).
Es  gestattete  ihm,  bei  überseeischen  Berwicklungen  die
ersten  Nachrichten  zu  erlangen  und  geschäftlich  ausunutzen

  oder,  falls  es  selbst  Kriege  führte,  unerwünschte
achrichten  und  den  Nachrichtenverkehr  anderer
Staaten  zu  unterdrücken  oder,  wie  im  gegenwärtigen
Kriege,  den  Feind  von  allem  überseeischen  Nachrichtenverkehr
  abzuschneiden.  Erst  der  Funkspruchdienst  durchlöcherte
  das  englische  Kabelmonopol.

Industrieller  Rückgang.

Bis  gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts  war  England
  das  erste  Industrieland  der  Erde.  Trog#  seiner
Fortschritte  ist  es  durch  die  rasche  Entwicklung  anderer
Industriestaaten,  insbesondere  Deutschlands  und  der
Vereinigten  Staaten,  überholt  worden  und  hat  seine
Vorherrschaftauf  dem  Weltmarktnichtiaufrechterhalten
können.  Im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts,  der
Zeit  des  Stillstandes  der  englischen  Ausfuhr,  sank  nach
den  Berechnungen  Ashleys!  der  Anteil  der  englischen
Hauptgewerbe  an  der  Ausfuhr  von  (1879)  50  Prozent
auf  (looo)  32  Prozent,  der  Anteil  der  Metallindustrie
von  18  auf  12  Prozent.  Außer  dem  Schiffbau  miteiner
Ausfuhr  von  (19183)  220  Mill.  Mark  hatte  England
noch  eine  Reihe  hervorragender  Industriezweige  aufzuweisen,
  wie  die  Wollindustrie.mit  einem  Ausfuhrüberschuß
  von  623  Mill.  Mark  (neben  230  der  deutschen)
  und  die  Leinenindustrie  mit  einem  Ausfuhrüberschuß
  von  166  Mill.  Mark.  Als  die  weitaus  leistungsfähigste
  englische  Industrie  galten  die  Eisen-und
die  Baumwollindustrie.  Beide  gediehen,  bestätigten
aber  die  Verlangsamung  des  englischen  Fortschritts.

Augenfällig  war  die  überflügelung  der  englischen
durch  die  deutsche  und  noch  mehr  durch  die  nordamerikanische
  Eisenindustrie.  Noch  von  1861  bis  1865
hatte  England  mit  4.4  Mill.  Tonnen  die  Hälfte  des
gesamten  Roheisens  aller  Staaten  erzeugt  und  Deutschland
  mit  0,8  Mill.  Tonnen  weit  hinter  sich  gelassen.
Nach  Einführung  der  Schupzölle  von  1879  begann
Deutschlands  Geschwindschritt.

Noheisengewinnung  (in  Millionen  Tonnen).

1892  1902  1912  1915
England..  .....  6,  B,a  v,o  8,8
Deutschand  4499  8,6  170  13,o  (O0
Verelnigte  Staaten  9  18,1  ao,  ⁊  29,9

Auf  England  entfiel  1912  nur  noch  ½  der  Gesamterzeugung.
  Auch  die  englische  Stahlerzeugung  mit
7  Mill.  Tonnen  wurde  1913  von  der  deutschen  mit
17,3  Mill.  Tonnen  und  der  nordamerikanischen  mit
31,2  Mill.  Tonnen  weit  übertroffen.

Noch  Anfang  der  1890er  Jahre  lieferte  England
an  das  Ausland  neunmalmehr  Maschinen  als  Deutschland.
  Die  englische  Maschinenausfuhr  belief  sich  1913
auf  7.12  Mill.  Mark,  war  aber  von  der  deutschen  mit

1  „The  Tariff  Probleme  (Lond.  1908).

680  Mill.  nahezu  eingeholt  worden.  Die  nordamerikanische
  stellte  sich  auf  529  Mill.  Mark.

Selbst  der  Vorsprung  der  englischen  Baumwoll-=industrie
  ging  zurück.  Um  1870  wurden  von  der  gesamten
  Baumwollernte  40  Prozent  in  England  verarbeitet,
  1913  nur  noch  19  Prozent,  dagegen  in  den
Vereinigten  Staaten  29  Prozent.

Baumwollverbrauch  (in  Millionen  Kilogramm).

1880  1891—195  1912.13
Bereinigte  Staaten  245  626  1384
Englauddd  624  605  874
Deutschland.  123  252  a68

In  einer  ganzen  Reihe  von  Industriezweigen,  besonders
  in  der  Herstellung  von  chemischen  und  eleltrotechnischen
  Erzeugnissen,  von  Eisen-,  Leder-,  Glas-,
Papier-,  Kautschuk-,  Spielwaren  usw.,  war  die  englische
  Industrie  von  dem  deutschen  und  anderem  Wettbewerb
  überholt  worden.

Nach  halbamtlichen  Schätzungen  wurden  1907  in
England  und  1905  in  Deutschland  für  je  14.5  Milliarden
  Mark  gewerbliche  Güter  erzeugt.  Wie  Barmmt
berechnete,  stellte  sich  1913  der  Ausfuhrüberschuß  der
englischen  Industrie  auf  3408,  der  der  deutschen  Industrie
  auf  5021  Mill.  Mark.  Zwar  war  ohne  Abzug
der  Einfuhr  die  englische  Fabrikatenausfuhr  um  600
Mill.  Mark  größer  als  die  deutsche,  aber  England
führte  von  Fabrikaten  fast  für  2¼  Milliarden  Mark
mehr  ein  als  Deutschland,  konnte  somit  den  eigenen
Bedarf  seiner  44  Mill.  Bewohner  nicht  decken,  während
  die  deutsche  Industrie  68  Mill.  zu  versorgen  hatte.

Die  Überflügelung  der  englischen  Industrie  hatte
verschiedene  Ursachen.  Im  Bewußtsein  seiner  überlegenheit
  war  der  Engländer  bequemer  und  lässiger

eworden,  zeigte  nicht  genügende  Anpassungsfähigeit
  an  die  Bedürfnisse  des  Weltmarktes,  auch  in
bezug  auf  den  Kredit,  entwickelte  die  Industrie  vielfach
  zu  einseitig  und  lückenhaft,  blieb  technisch  zurück
und  zeigte  kein  genügendes  Vorwärtsstreben.  Die
Technik  der  deutschen  Großindustrie  konnte  von  der
englischen  nicht  eingeholt  werden.  Dem  englischen
Individualismus  und  seinemuauf  Empirie  beruhenden
Unternehmungsgeist  fehlten  die  wissenschaftliche  Planmäßigkeit
  und  strenge  Einordnung  ins  Ganze,  das
Zusammenarbeiten  der  Industrie  mit  der  Wissenschaft,
obwohl  sich  viele  Industrien,  besonders  die  chemische.
von  der  ursprünglichsten,  auf  bloße  Erfahrung  gegründeten
  Entwicklung  mehr  und  mehr  entfernten.
Ein  so  deutschfeindliches  Blatt  wie  die  Northcliffesche
»Daily  Mail-  erkannte  am  14.  Januar  1915  die  Rückständigkeit
  Englands  mit  dem  Hinzufügen  an,  daß
Deutschland  seine  Truppen  mit  Millionen  von  Gewehren,
  mit  Tausenden  von  Maschinengewehren,  mit
Hunderten  von  Riesengeschützen,  mit  Tausenden  von
Tonnen  Stablplatten,  mit  zahllosen  Kraftfahrzeugen
und  mit  unbeschränkten  Massen  Schießbedarf  versorgt,
ja  sogar  nach  Osterreich-Ungarn  und  der  Türkei  ge-1

  „Demntsche  und  englische  Industrie  auf  dem  Weltmarkt-(Jena
  1916).
28*
        <pb n="522" />
        436

liefert  habe.  Früher  habe  England  in  neuen  Erfindungen
  obenan  gestanden.  Jetzt  bliebe  es  in  jeglicher
Beziehung  hinter  Deutschland  zurück.  „In  wissenschaftlicher
  Beziehung  sind  alle  überraschungen  von
Deutschland  gekommen;  die  neuen  Waffen  sind  alle
deutsch.  Englands  Maßnahmen  sind  gegen  die  Wissenschaft
  Deutschlands  erfolglos  gewesen.  Wir  können
das  Glück  des  Krieges  nur  durch  einen  Wechsel  unserer
Arbeitsweisen  auf  unsere  Seite  zwingen.

Allmählich  ging  der  Vorsprung  der  englischen  Industrie
  verloren.  Auch  in  der  Schiffahrt  war  England
nicht  rasch  genug  vorgeschritien,  war  nicht  mehr  Vermittler
  und  Verfrachter  alles  überseeischen  Handels.
verkehrs  der  europäischen  Staaten.  Inmitten  des
Vorwärtsstrebens  Deutschlands  und  der  Vereinigten
Staaten,  aber  auch  anderer  Länder  verlangsamte  sich
Englands  wirtschaftliche  Entwicklung,  begann  seine
Welthandelsstellung  abzubröckeln.

Aus  seiner  Erstarrung  wurde  England  wesentlich
durch  die  deutschen  Fortschritte  gerissen  und  zu  neuen
Anstrengungen  nach  deutschem  Vorbilde  angeregt.  Anfang
  1917  plante  man  in  London,  um  die  Industrie
großzügig  auszugestalten.  nach  Schaffung  des  großen
Schiffahrtskartells  ein  Stahlkartell  und  andere  Kartelle
  sowie  die  Begründung  von  Industriebanken  und
bildete  nach  deutschem  Vorbild  einen  Zentralverband
britischer  Industrieller.  Zunächst  hat  das  englische
Munitionsantt  im  Laufe  des  Krieges  alle  Betriebe  für
den  Heeresbedarf  übernommen,  den  Besitzern  ihren
Durchschnittsgewinn  der  letzten  drei  Jahre  verbürgt
und  ihnen  die  zweckmäßigste  Verwendunß  bestimmter
Maschinen,  der  Arbeitsart  und  Arbeitskräfte,  unter
Heranziehung  nordamerikanischer  Ingenieure  und
Maschinen,  vorgeschrieben,  um  bei  möglichst  geringem
Verbrauch  von  Rohstoff  und  Arbeitskraft  höchste  Leistungsfähigkeit
  (vom  Erz  bis  zur  Granate)  zu  erzielen.
Von  dieser  Kriegszwangsorganisation  und  ihren  Erfahrungen
  erwartet  man  die  Beseitigung  veralteter
und  verschwenderischer  Betriebsarten  und  von  der
staatlich  eingeleiteten  Zusammenfassung  der  Industrie
eine  nachhaltige  Stärkung  ihrer  Wettbewerbsfähigkeit
auf  dem  Weltmarkt  in  der  Nachkriegszeit.

Indessen  man  übersah,  daß  sich  alle  Kulturstaaten,
selbst  die  eigenen  Kolonien,  industriell  entwickelten.
den  heimischen  Markt  selbst  zu  versorgen  suchten  und
ausfuhrkräftiger  wurden.  übersah  auch  die  Gefahr,  die
von  den  Vereinigten  Staaten  her  drohte.  Weitaus  am
stärksten  war  deren  Bevölkerungszuwachs,  war  unter
dem  Schutz  höchster  Zölle  der  industrielle  Ausschwung,
im  Laufe  des  Krieges  noch  mächtig  gefördert  durch  die
englischen  Milliardenbeslellungen  an  Kriegsbedarf.

Schon  vor  dem  Kriege  hatte  die  nordamerikanische
Industrie  fast  in  allen  Zweigen  die  englische  überholt.
Man  wollte  die  große  Gefahr  dieses  Wettbewerbs
nicht  sehen,  wollte  mit  der  Union  um  jeden  Preis  befreundet
  bleiben  und  hoffte,  daß  ihr  Wettbewerb  auf
ungesunder  Grundlage  stehe,  zu  teuer  arbeite  und
schließlich  erschlaffen  müsse.  Im  Laufe  des  Krieges
geatote  man  anderseits  an  eine  Neubelebung  und

tärkung  der  englischen  Industrie  durch  nordamerikanische
  Einflüsse  wie  durch  den  Krieg  selbst,  der  die
alte  Industrie  zu  erhöhter  Erzeugung  angestachelt  und
neue  Industriezweige  hervorgerufen  habe.  Doch  war
es  fraglich,  ob  nicht  gerade  der  Krieg  zur  Verschiebung
des  Welt=  und  Geldverkehrs  von  London  nach  Neuyork
  führen  würde.  Genug,  unverwandt  blickte  man
in  England,  und  tut  es  noch  immer  im  Banne  der
Presse  und  ihrer  Aufreizungen  und  Verdächtigungen,

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

nur  auf  den  deutschen  Emporkömmling,  der  sich  von
der  wirtschaftlichen  Vorherrschaft  Englands  befreit
hatte,  nur  auf  die  deutsche  Gefahr.  Sie  sollte  beseitigt
und  mit  dem  deutschen  Wettbewerb  vernichtet  werden.

Außenhandel.

Mit  einem  Außenhandel  von  28,6  Milliarden  Mark

stan  England  1913  an  der  Spitze  der  Welthandelstaaten,
  an  zweiter  Stelle  Deutschland  mit  22,5,  an

dritter  Stelle  die  Vereinigten  Staaten  mit  18  Milliarden
  Mark.  Allein  die  beiden  Mitbewerber  hatten
raschere  Fortschritte  gemacht  als  England  und  waren
auf  dem  Wege,  es  zu  überflügeln.

Englands  Ausfuhr  steigerte  sich  von  aseni)  3,2  Milliarden
  Mark  auf  #872)  6,8  Milliarden  Mark,  verminderte
  sich  infolge  der  ungünstigen  Wirtschaftsverhältnisse
  auf  u878)  4.9  Milliarden,  blieb  mit  5,0  Milliarden
  bis  1900  im  Stillstand  und  hob  sicherst  danach.

Einfuhr  dAusfuhr  s  Zufammen
in  Millionen  Mark
1900  191  1%0  D1  1
Deutschland  5“  snnOnL„  2,0
England  94  134  1,  15,2  24.1
Verein.  Staaten  3,5  27268  5,6  10,  —  17,
Anteil  am  Welthandek  #n  Prozenten).

18½0  1900  1912

Deutschlaadddd  11,1  12,1  126
England..  28,5  19.5  16,2
Vereinigte  Staaten  —  10,5  —

Englands  Ausfuhr  war  im  Hinblick  auf  die  Kleinheit
  seines  inneren  Marktes  und  auf  die  Größe  seiner
Industrie  nicht  hoch.  Deutschlands  Außenhandel  entwickelte
  sich  mehr  zu  Lande  als  mit  übersee.  Die  englische
  Ausfuhr  besand  zu  ¼,  die  deutsche  zu  /8,  die
nordamerikanische  zu  3/10  aus  Industrieerzeugnissen.

Im  Laufe  des  Krieges  erhöhte  sich  Englands  Außenhandel
  seit  1914,  aber  in  der  Einfuhr  nur  dem  Werte
nach  infolge  der  starken  Steigerung  der  Lebensmittelpreise
  und  in  der  Ausfuhr  durch  die  Massenlieferungen
an  Kriegsbedarf  für  Frankreich.

Englands  Außenhandel  1914—16  (in  WMilliarden  Marh.

Einfuhr  Ausfuyhr  Überschuß  der  Einfuhr
1914.  1I400  10,6  **
1915  17,4  9.9  7,6
1916  .  19,0  10,1  8.9
50,“  —  19,
Nach  Warengruppen  1916  (in  Milliarden  Mark
,Einfuhr  Ausfuhr
Leben  smittel  und  Getlräkke  6,4  *e
NRohsiofffeeeee:::  6.  1,2
Fabrikate.  3,6  7.

Wie  die  Einfuhr,  so  nahm  auch  die  Ausfuhr  der
Menge  nach  ab,  dem  Werte  nach  zu.

Englands  Hauptlieferer  waren  bis  Kriegsbeginn
seine  Kolonien  und  an  zweiter  Stelle  die  Vereinigten
Staaten,  die  ihre  Ausfuhr  nach  England  von  (1918
2,8  Milliarden  Mark  auf  (1918)  4.7  Milliarden  Mark
erhöhten,  so  an  die  erste  Stelle  traten  und  bei  Herstellung
  von  Kriegsbedarf  England  mindestens  zeilweilig
  überflügelten.

In  der  Zeit  von  1913  bis  1916  änderte  sich  die
Richtung  des  englischen  Außenhandels.  Englands
Ausfuhr  nach  den  verbündeten  Ländern  verdoppelte
sich  namentlich  durch  die  Kriegsbedarfsausfuhr,  verblieb
  nach  den  Kolonien  in  gleicher  Höhe  und  nahm
nach  den  neutralen  Ländern  ab.  Dagegen  gingen
Englands  Einfuhren  aus  den  verbündeten  Ländern
        <pb n="523" />
        Dehn:  Englands  Handelsstellung

zurück,  steigerten  sich  aus  den  Kolonien  wie  aus  den
neutralen  Ländern  und  verdoppelten  sich  aus  den
Vereinigten  Staaten.

England  hatte  bis  zum  Kriege  in  dem  Deutschen
Reich  seinen  besten  Abnehmer  und  mit  Einschluß  der
Kolonien  eine  günstige  Handelsbilanz.

Ausfuhr  nach  Einfuhr  aus

Deutschland  Deutschland

1913  (in  Milltonen  Mark)
Englaoann  876  1438
Ontinden  542  151
Australten  206  88
Südafrica  70  47
Kana)n  80  60
Britisch-Westafrioa  134  17
Brinsch-Malakkke.  24  15
Neuseeland.  10  11
Brittsch-Ostafrika  —  5
Zusammen:  20o32  1882

Englands  Ausfuhr  nach  Deutschland  betrug  1913
insgesamt  876  Millionen  Mark,  darunter  Steinkohle
180,  Baumwollgarne  91,  Kammgarne  und  Kammzug
  71,  Baumwollgewebe  39,  andere  Garne  34,  Felle
zu  Pelzwerk  34,  Heringe  28,  Wollgewebe  22,  Deutschlands
  Ausfuhr  nach  England  insgesamt  1438  Millionen
  Mark,  darunter  Rübenzucker  191,  Eisenhalbeug

  134,  Baumwollgewebe  87,  Seidengewebe  37,

eder  und  -waren  36,  Wollgewebe  30,  Felle  zu  Pelzwerk
  26,  Linderkbieleug,  Teerfarbstoffe  22,  Hafer
22,  Zink  22  Millionen  Mark.

Finanzielles.

Vor  Ausbruch  des  gegenwärti  en  Krieges  war  England
  eines  der  reichsten  Länder.  Sein  Volksvermögen
wurde  auf  300—330  Milliarden  Mark  veranschlagt
und  vermehrte  sich  alljährlich  um  7—8  Milliarden
Mark.  Denn  die  ungünstige  Handelsbilanz  wurde
durch  eine  günstige  Zahlamn  dilang.  durch  große
Geldeingänge  aus  seinem  Zwischenhandel  und  Bank.

ewinnen,  aus  Schiffsfrachten  und  aus  seinen  in
Frenden  Staatsanleihen,  in  ausländischen  Unternehmungen
  (Verkehrsmitteln,  Bergwerken,  Spinnereien,
  Brauereien  und  anderen  Fabriken)  angelegten
Kapitalien  ausgeglichen.

Eusglande  Haudels=  und  Zahlungsbilanz  1918
(#n  Milltarden  Mardh.

Einfuurrrr  18,4
Ausfuht..  .......  10,1
Zwischenhandelsgewinn  und  Bankvermittlung  2,0
Einnahmen  aus  Schiffsfrachten  3,0
Zinsen  von  81  Milliarden  Mark  Kapitallen  vom
utlaynynynynynynynynynuuu::  4%
Ruhegehälter  aus  Inden  *□V
Überschhssss  7,0

Zusammen:  20,4  204

Für  das  Jahr  1915  schätzten  »Statist«  und  Economist=
  (vom  Januar  1917)  die  unsichtbare  Einfuhr
  an  Schiffsfrachten  und  Auslandszinsen  auf  8,,
für  das  Jahr  1916  auf  mehr  als  10  Milliarden  Mark.

Durch  das  Anschwellen  der  Wertsteigerung  der
Einfuhr  während  des  Krieges  verschlechterte  sich  Englands
  Zahlungsbilanz.  Das  Mehr  der  Einfuhr  belief
  sich  1914  auf  8,4,  1915  auf  7,6  und  1916  auf  800,
für  diese  drei  Jahre  also  auf  19,9  Milliarden  Mark.

In  Wirklichkeit  war  der  überschuß  der  Einfuhr  noch
erheblich  größer,  weil  die  Massenlieferungen  an  Kriegs.
bedarf,  namentlich  aus  Nordamerika,  von  deramtlichen

437

Statistik  nicht  erfaßt  wurden,  auch  nicht  die  Einfuhr
für  den  englischen  Heeresbedarf.  Auf  Grund  amtlicher
Angaben  von  Ende  1915,  wonach  die  englische  Regierung
  für  Staatsankäufe  in  den  Vereinigten  Staaten
wöchentlich  fast  245  Mill.  Mark  bezahlte,  berechnete
der  Londoner  -Economiste  vom  18.  Januar  1917
den  Jahreswert  der  von  der  Handelsstatistik  ausgelassenen
  Staatsankäufe  in  den  Vereinigten  Staaten
fir  1915  auf  mindestens  12,5  Milliarden  Mark.  Bei
nnahme  gleichwertiger  Bezüge  aus  den  Vereinigten
Staaten  im  Jahre  1916  würde  sich  für  Englands
Handelsbilanz  für  1914—16  ein  Überschuß  der  Einfuhr
  von  mehr  als  43  Milliarden  Mark  ergeben.

Dieser  Fehlbetrag  konnte  durch  die  Zahlungsbilanz
nicht  uusgeglichen  werden.  Zwar  steigerten  sich  die
Einnahmen  aus  den  Schiffsfrachten,  die  maßlos  in
die  Höhe  gingen.  Indessen  sanken  die  Zinseinnahmen
aus  den  im  Ausland  angelegten  Kapitalien,  stockien
ganz  aus  den  feindlichen  und  z.  T.  auch  neutralen  und
verbündeten  Ländern  und  wurden  erheblich  vermin.
dert,  seit  die  englische  Regierung  1916/17  zuerst  freiwillig,
  dann  angswesse  alle  ausländischen  Wertpapiere
  einziehen  ließ,  um  sie  zu  verkaufen  und  dadurch
  die  Währung  zu  halten  wie  die  Finanzkraft  zu
stärken.

Englands  Verschuldung  an  das  Ausland  wuchs
durch  Aufnahme  beträchtlicher  Anleihen  in  den  Vereinigten
  Staaten.  Seit  Kriegsbeginn  hatte  England
  daselbst  8,4  Milliarden  Mark  ausgenomment.
Dazu  kamen  noch  die  sehr  erheblichen  Privatverbind.
lichkeiten.

Die  Stellung  Londons  als  finanzieller  Mittelpunkt
der  Erde  hoffte  Neuyork  zu  erobern,  nachdem  Englands
  Eingreifen  in  den  Krieg  für  London  einen  erstaunlichen
  Verlust  an  wirtschaftlichem  Ansehen  im
Gefolge  gehabt  hatte.

Englands  Staatsschuld  betrug  bei  Kriegsbeginn
14,4  Milliarden  Mark  und  war  durch  die  Kriegsausgaben
  am  31.  März  1917  auf  78,5  Milliarden  Mark
angewachsen.  Verzinsung  mit  5½  und  Tilgung  mit
1  Prozent  erforderten  jährlich  5  Milliarden  Mark.
Mitte  1917  bewilligte  die  Volksvertretung  einen  weiteren
  Kriegskredit  von  13  Milliarden  Mark.  Die  Londoner
  =  Natione  vom  17.  Februar  und  31.  März
1917  berechnete  die  Gesamtverschuldung  Englands  bei
Kriegsende  um  März  1918  auf  120  Milliarden  Mark,
die  jährliche  Zinsenlast  auf  5,  die  Ausgaben  für  Tilgung
  und  Ruhegehälter  auf  je  1  Milliarde  Mark.

Die  erste  englische  Kriegsanleihe  von  1914  wurde
mit  3½  hertent  zu  95  ausgcleg.  die  zweite  von  1915
mit  4½  Prozent  zu  100  und  die  dritte  von  1917  mit
5  Prozent  zu  95.  Die  Kurse  gingen  zurück,  die  der
alten  2½prozentigen  Konsols  von  ü#l  75  auf  (1917
51,  der  Kriegsanleihen  zeitweilig  auf  90  und  standen
Mitte  1917  auf  94.  Englands  Staatskredit  wankte.
Englands  Währung  ging  im  Auslande  bergab.

83  Ende  Februar  1917  waren  an  der  Londoner
Börse  seit  Kriegsbeginn  387  Werte  im  Kurse  um  14
Milliarden  Mark  gesunken.  Noch  verfügte  England
über  die  goldreichsten  Länder.  Von  der  Goldgewinnung
  der  Erde  mit  (lols)  rund  2  Milliarden  Mark
entsielen  zwei  Drittel  auf  das  britische  Reich  (790  Mill.
Mark  au  Südafrika).  Gleichwohl  besorgte  schon  am
8.  Juli  1915  Lord  Haldane,-England  würde  nach  dem
Kriege  ein  ganz  anderes,  weil  viel  ärmeres  Landsein.

1  Nach  einer  Mitteilung  des  englischen  Schatzamtssekretärs
vom  11.  Juni  1917  im  Unterhause.
        <pb n="524" />
        438
Kriegsursache  und  Kriegsziel  euglischer  Handelspolitik.


Schon  gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts  hatte  man
in  London  die  Frage  erörtert,  ob  England  nach  Unterrahung
  seiner  Handelsstellung  durch  den  Aufstieg
eutschlands  und  der  Vereinigten  Staaten  mit  ihrer
anwachsenden  Leistungsfähigkeit  an  Arbeit  und  Kapitalien
  noch  in  der  Lage  sei.  seine  Überlieferte  Vorherrschaft
  in  Industrie,  Handel,  Schiffahrt  und  Geldwesen
unbeeinträchtigt  aufrechtzuerhalten.

In  seinem  Buche  England's  Supremacy=  von
1885  erörterte  Jeans,  der  Geschäftsführer  der  englischen
  Eisenhandelsgesellschaft,  die  Möglichkeit  der
Zurückdrängung  der  englischen  Vorherrschaft  in  Politik,
  Industrie  und  Handel  infolge  der  Fortschritte

anderer  hervorragender  Völker,  nachdem  die  besten

Werkzeuge  und  Maschinen  Gemeingut  geworden,  erhoffte
  aber  von  dem  geschichtlichen  Aufbau  und  den
freien  Einrichtungen  Englands  wie  von  der  Rührigkeit
  der  Engländer  wirksame  Abwehr  dieser  Gefahr.

Dagegen  befürchteten  die  Schutzzöllner  von  dem
Stillstand  der  englischen  Ausfuhrindustrie,  von  ihrer
Verdrängung  auf  dem  Weltmarkt,  von  der  raschen
Zunahme  der  Einfuhr  trotz  dem  langsamen  Anwachsen
der  Bevölkerung,  von  der  sornnsange  Verstadtlichung
des  Landes  für  England  das  Schicksal  Hollands.

Englands  Schwäche  entspringt  seiner  wirtschaftlichen
  Abhängigkeit  vom  Auslande,  die  durch  die  Insellage
  noch  verschärft  wird.  An  Lebensmitteln,  Rohstossen
  und  Halbfabrikaten  mußte  es  1913  für  mehr
als  10  Milliarden  Mark  einführen.

Um  die  großen  Zufuhren  mit  Gegenwerten  zu  bezahlen,
  muß  Englands  Industrie  unausgesetzt  fortarbeiten,
  im  Gange  bleiben  und  für  seine  Fabrikate
vom  Auslande  möglichst  zunehmenden  Absatz  suchen.
Ein  jedes  Anwachsen  der  Industrie  erhöht  noch  Englands
  Abhängigkeit  vom  Auslande,  da  seine  Insellage
  eine  Erweiterung  des  inneren  Marktes  versagt.
Als  kaufkräftiger  Abnehmer  hat  England  in  seiner

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

Bedeutung  für  den  Weltmarkt  gewonnen,  als  industrieller
  Versorger  verloren.

Wird  die  Verstaatlichung  der  Kohlenwerke,  Eisenbahnen,
  Seeschiffahrt  und  der  Kriegsindustrie  beibehalten,
  so  ist  mit  einem  gründlich  umgestalteten,  start
bureaukratisierten  England  zu  rechnen.

Die  Aufrechterhaltung  seiner  Welthandelsstellung
E  eine  Lebensfrage  für  Englond  und  seine  Zukunßt,
ist  die  Hauptaufgabe  der  englischen  Politik,  wird  aber
von  Jahr  zu  Jahr  schwieriger  infolge  des  Aufstieges
zweier  großer  Mitbewerber.

Schon  Pitt  sagte:  -Englands  Politik  ist  Englands
Handel  und  Chamberlain  wiederholte:  „  Das  Reich
ist  der  Handele.  England  mit  seiner  Handelspolitik
in  erweitertem  Sinn  war  darauf  bedacht,  das  Auf.
steigen  starker  Mitbewerber  in  industrieller  Ausfuhr,
in  Londelsschiffahrt  und  Kriegsflotte  zu  verhindern.
vor  allem  Deutschlands  emporgekommene  Industrie,
Handel  und  Schiffahrt  auf  dem  Weltmarkt  zu  unterdrücken,
  Deutschland  als  Heeres-,  Flotten=  und  Weltmacht
  niederzuringen  und  das  Deutsche  Reich  und
Volk  zu  erdrosseln,  so  daß  ihm,  wie  Runciman  am
10.  Januar  1917  im  Unterhause  sagte,-keine  Mögkeit
  gelassen  wird,  seine  Handelsstellung  wieder  aufzurichtene.
  So  stürzte  sich  England,  um  seine  Stellung
  als  Welthandelsland,  seine  wirtschaftliche  Vorherrschaft
  wieder  zu  gewinnen,  um  sie  auf  die  verbündeten
  Reiche  und  Staaten,  anscheinend  auch  auf  neu
zu  erobernde  Länder  zu  übertragen,  um  womöglich
alle  Hilfsquellen  der  Erde  in  sein  Machtbereich  zu
bringen,  in  den  großen  Krieg.

Literatur.  -Nachrichten  der  Auslandspresse,  zusammengestellt
  bei  der  Auslandsstelle  des  Kriegspresseamtes=  (Berl.,
seit  Kriegsbeginn);  =  Wirtschaftsdienst.  Kriegswirtschafuiche
Uriichte  über  das  Ausland.  Herausgegeben  von  der  Zentral-Kelle
  es  Hamburgischen  Kolonialinstituts-  (wöchentlich,  jeit

ugust  1916);  =  Weltwirtschaftliches  Archiv=  (Jena,  bis  1917
9  Bände);  A.  Steinmann-Bucher,  Englands  Niedergang
(Berl.  1917);  A.  Hesse  und  H.  Großmann,  Englands
Handelskrieg  und  die  chemische  Indusmie  (Stuttg.  1915).

Die  rufsische  Sozialpolitikt
von  Dr.  phil.  Karl  Nötzel  in  Pasing

Wenn  man  die  russische  Sozialpolitik  begreifen
will,  muß  man  sich  vor  Augen  halten,  daß  ein  aller
natürlichen  Grenzen  entbehrendes,  am  äußersten  Vorposten
  Europas  stehendes,  von  Osten  und  Süden  her
ständig  mit  Vernichtung  bedrohtes  Reich,  wie  der  im
14.  Jahrhundert  aufkommende,  ursprüngliche  Moskauer
  Staat,  nur  bestehen  konnte,  indem  er  alle  körperlichen
  und  geistigen  Kräfte  des  Volkes  zur  nationalen
Selbstverteidigung  heranzog.  Tatsächlich  war  der  russische
  Staat  jahrhundertelang  gar  nichts  anderes  als
der  Organisator  der  Selbstverteidigung  der  Nation.
Das  erklärt  das  Zartum  und  seine  durch  die  Jahrhunderte
  gehende  Volkstümlichkeit.  Die  russische  Sozialpolitik
  hatte  lediglich  den  Interessen  des  sich  im
Zartum  verkörpernden  Nationalganzen  zu  dienen,
und  die  waren  auf  möglichste  Wehrhaftigkeit  gerichtet:
Finanzen  und  Heer  sind  von  jeher  die  Hauptsorgen
der  russischen  Regierung.  Erst  Ende  des  18.  Jahrhunderts
  tritt  hierzu  der  Kampf  des  Zartums  um

1  Abgeschlossen  vor  Ausbruch  der  Revolution.

seine  Selbsterhaltung.  Durch  diese  drei  Richtlinien
wird  die  russische  Sozialpolitik  restlos  gekennzeichnet.
Entsprechend  dem  heute  noch  fast  rein  agrarischen
Charakter  des  Landes  erschöpfte  sie  sich  bis  zum  letzten
Viertel  des  19.  Jahrhunderts  völlig  in  Agrarpolitik.

I.  Die  russische  Agrarpolitik.

a)  Die  Leibeigenschaft.  Da  das  Steuerbedürfnis
  der  innerstaatlichen  Organisation  im  alten  Rußland
  zeitlich  weit  vorausging,  konnte  nur  der  Boden
besteuert  werden,  nicht  sein  Bewohner,  der  jederzeit
fortgehen  durfte  und  damit  aller  Steuerpflicht  ledig
wurde.  Dies  Steuersystemerwies  sich  als  ungenügend.
als  die  Regierung  im  16.  Jahrhundert  den  Bauern
die  neue  Verpflichtung  auferlegte,  den  neugebildeten
Dienststand  zuerhalten.  Dergeldarme  Staat  bezahlte
ja  seine  Militärs  mit  Land,  und  da  solches  an  sich  im
Moskauer  Staat  keinen  Wert  hatte,  mit  besiedeltem
Land.  Unterließ  es  dabei  auch  die  russische  Regierung=
  die  Verpflichtungen  der  Bauern  an  ihre
»Gutsbesitzer«  scharf  abzugrenzen,  so  galt  dennoch
weder  das  Dienstland  noch  der  dazugehörende  Bauer
als  dem  Gutsbesitzer  zum  vollen  Eigentum  übergeben.
Der  Bauer  seinerseits  war  durchaus  überzeugt,  dem
        <pb n="525" />
        Nötzel:  Die  russische  Sozialpolitik

Staate  zu  dienen,  indem  er  dessen  unmittelbare  Diener
  unterhielt.  Das  war  auch  anfänglich  der  Standpunkt
  der  Regierung.  Freilich  hatte  sie  so  nicht  nur
keinerlei  Möglichkeit,  die  Beziehungen  zwischen  Bauern
und  Dienstlandinhabern  zu  überwachen,  sie  mußte
sich  sogar  aus  Gründen  der  Selbsterhaltung  mehr
und  mehr  auf  Seite  der  Gutsbesitzer  stellen.  Für
diese  handelte  es  sich  zunächst  darum,  die  Bauern  an
das  Land  zu  festigene.  Das  geschieht  Ende  des  16.
und  im  Verlaufe  des  Ganzen  17.  Jahrhunderts;  durch
eine  ganze  Reihe  zur  Grundanschauung  der  Regierung
in  schrossem  Gegensatz  stehender  Maßnahmen  wird  die
Freizügigkeit  der  Bauern,  die  zu  einem  zügellosen  Wettvewerb
  der  Gutsbesitzer  untereinander  um  die  Bauern
geführt  hatte,  mehr  und  mehr  gehemmt  und  endlich
völlig  beseitigt.  Schrittweise  gibt  die  Regierung  den
immer  offeneren  Forderungen  der  Dienstleute  nach
restloser  Versklavung  ihrer  Bauern  nach,  während
sie  gleichwohl  grundsätzlich  dabei  verharrte,  die  Gutsbesitzersbauern
  als  freie  Diener  des  Staates  anzusehen.
  Dabei  wuchs  natürlich  die  Macht  des  Bodenbesitzers
  über  den  Bauern  in  dem  Maße,  als  der
Bauer  an  den  Boden  gefestigt  wurde.  Die  Regierung
  blieb  indes  dabei,  sich  nicht  in  die  Beziehungen
zwischen  beiden  einzumischen.  Ihr  kam  es  lediglich
darauf  an,  daß  der  Bauer  nicht  aufhöre,  Steuern
zu  zahlen,  d.  h.  daß  er  nicht  aus  dem  Bauernstand
austrele.  Richter  über  seine  Bauern  war  der  Gutsbesitzer
  bereits  im  16.  Jahrhundert.  Schon  zu  Beinn

  des  18.  Jahrhunderts  bedeutet  die  Leibeigenschaft
  tatsächlich  die  unbeschränkte  Herrschaft  des  Menschen
  über  den  Menschen.  Der  Gutsbesitzer  reißt  nach
freiem  Ermessen  die  Bauern  vom  Lande  weg,  macht
Hausdiener  aus  ihnen,  verkauft  und  vertauscht  eingelne
  Mitglieder  der  Bauernfamilie  und  hält  für  seine

eibeigenen  ein  Gefängnis  mit  den  ausgesuchtesten
Folterwerkzeugen.  Das  Recht  zu  strafen,  ist  uneingeschränkt.
  Das  Reglement  verbietet  zwar,  den  Leibeigenen
  zu  töten,  tatsächlich  trug  indes  der  Gutsbesitzer
selbst  für  die  Ermordung  von  Leibeigenen  keinerlei
gesetzliche  Verantwortung.  Dabei  behielt  der  Leibeigene
  noch  volle  Rechtsfähigkeit;  er  konnte  sogar  mit
seinem  Gutsbesitzer  Geschäfte  abschließen  und  selber
Leibeigene  kaufen.

Zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  beginnt  die  Befreiung
  des  Adels  vom  Staatsdienst  und  damit  seine
Umwandlung  in  einen  privilegierten  Stand.  Zunächst
  wurde  der  Adelsdienst  vom  Adelsgrundbesitz
getrennt.  Peter  der  Große  hatte  zwar  die  Adelsdienstpflicht
  in  vollem  Maße  aufrechterhalten  und  sogar
noch  verstärkt,  indes  hing  von  nun  an  der  Besitz
des  ehemaligen  -Staatsdienergrundstücks#  (des  verliehenen
  sowohl  als  des  ererbten)  nicht  mehr  vom
Staatsdienste  ab;  durch  die  Verordnung  von  der
e  Unteilbarkeit  des  Adelsbesitzes=  (1714)  wurde  dieser
in  volles  Adelseigentum  verwandelt.  In  ihrem
Manifest  vom  18.  Februar  1762,  der  sogenannten
"Schenkungsurkunde  an  den  Adel-,  befreit  ihn  dann
Katharina  II.  endgültig  vom  obligatorischen  Staatsdienst
  und  gibt  ihm  dabei  die  Bestätigung,  ja  sogar
eine  Erweiterung  aller  seiner  Besitzrechte.  Folgerichtig
  verlangten  sogleich  die  Leibeigenen  ihr  Land
und  ihre  Freiheit  zurück.  Tatsächlich  aber  erkannte
die  Regierung  von  jezt  an  den  privaten  Charakter  der
Leibeigenschaft  an.  Daß  sie  die  Leibeigenen  nunmehr
für  privilegiertes  Standeseigentum  ansah,  bewies  sie
durch  eine  ganze  Reihe  von  Verordnungen,  durch  die
der  Bauer  nach  und  nach  jegliche  Rechtsfähigkeit  ein-439



büßte;  er  verlor  das  Recht,  sein  Land  zu  verlassen
und  einem  Gewerbe  nachzugehen  (1726),  das  Recht,
Pachten  und  Lieferungen,  Wechselverpflichtungen  und
Bürgschaften  zu  übernehmen  (1731  und  1762).  Den
Adligen  wurde  dagegen  das  Recht,  Leibeigene  zu
verkaufen  (das  schon  im  17.  Jahrhundert  anerkannt
war),  endgülltig  bestätigt  (1747);  sie  erhielten  die
Erlaubnis,  ihre  Leibeigenen  nach  Sibirien  zu  verschicken
  (1760),  und  den  Bauern  wurde  endgültig
das  Recht  genommen,  sich  über  die  Gutsbesitzer  zu
beschweren  (1764).  Indem  die  Regierung  so  die  Leibeigenen
  in  die  volle  Gewalt  der  Gutsbesitzer  gibt,
bleibt  sie  lediglich  darauf  bedacht,  sich  die  restlose
und  pünktliche  Entrichtung  aller  Abgaben  zu  sichern.
Seit  Peter  dem  Großen  (1731  und  1762)  macht
sie  die  Gutsbesitzer  verantwortlich  für  die  regelrechte
Steuerentrichtung  ihrer  Bauern  und  die  Stellung
von  Rekruten  und  verpflichtet  sie  außerdem,  im  Falle
von  Hungersnöten  für  Ernährung  der  Bauern  und
für  Saatgut  zu  sorgen.  Wir  wissen  indes,  wie  leicht
der  Adel  diese  Verpflichtungen  nahm,  und  wie  machtlos
  sich  demgegenüber  die  Regierung  erwies.  Bis
zur  Bauernbefreiung  (1861)  vermied  sie  es  peinlichst,
  sich  irgendwie  in  die  inneren  Beziehungen  des
Gutsbesitzers  zu  den  Leibeigenen  einzumischen.  Denn
hier  stieß  sie  auf  den  allerschärfsten  Widerstand  der
Adligen.  Sogar  der  Reformeifer  Katharinas  hatte
hier  seine  eherne  Grenze  gefunden.  Das  geht  so  bis
zur  Bauernbefreiung  und  erleichtert  hierbei  dem
Staat  insofern  ganz  beträchtlich  seine  Aufgabe,  als
er  nicht,  wie  das  bei  der  Liquidierung  der  Hörigkeit
in  Westeuropa  der  Fall  war,  eine  rechtliche  Bestimmung
  nach  der  andern  über  die  Beziehungen  zwischen
Hörigen  und  Herren  zu  beseitigen  hatte,  vielmehr  ein
Federstrich  genügte.  die  ganze  Einrichtung  zu  Fall  zu
bringen.  Sowohl  Katharina  II.  wie  Alexander  I.
und  selbst  Nikolaus  I.  waren  zu  der  überzeugung  gelangt,
  daß  keinerlei  Verbesserung  in  der  Lage  der
Leibeigenen  möglich  war,  solange  jene  Unbestimmtheit
  in  den  Beziehungen  zwischen  Adligen  und  Leibeigenen
  bestehen  blieb,  die  das  eigentliche  Wesen  der
Leibeigenschaft  ausmachte,  und  woran  kein  russischer
Lar  zu  rütteln  wagte.  Endgültige  Befreiung  der
Bauern  erschien  demnach  als  das  einzige  Mittel.
Alles  drehte  sich  nur  um  die  Frage,  wieviel  Land
der  befreite  Leibeigene  erhalten  sollte.  Hätte  man  ihm

ar  kein  Land  abzutreten  brauchen,  so  wäre  die
Bauernbefreiung  spielend  leicht  durchzusetzen  gewesen.
Der  ganze  Streit  erschöpfte  sich  in  einem  Feilschen
und  Handeln  um  die  Größe  des  Bauernlandes  und
den  Preis,  den  der  Bauer  dafür  zu  entrichten  habe.
Schließlich  mußte  er  im  Norden,  wo  der  russische
Boden  dürftig  ist  und  der  Leibeigene  tatsächlich  fern
von  ihm  seinem  Gewerbe  nachging  und  demnach
seinem  Herrn  eine  rein  persönliche  Abgabe  zahlte,  das
Land  überzahlen,  während  er  im  Süden,  wo  der
Boden  sehr  fruchtbar  ist,  viel  zu  wenig  davon  erhielt.
Damit  wurde  der  Grund  gelegt  für  den  Ruin  des  russischen
  Bauernstandes,  der  dann  zu  einem  völligen
Umschwung  in  der  Agrarpolitik  der  Negierung  führen
sollte.  Auch  hier  erwies  sich  diese  dem  Adel  gegenüber
  als  zu  schwach  und  zu  kurzsichtig.  Die  eigentlichen
  Beweggründe  zur  Bauernbefreiung
waren  (abgesehen  von  der  sittlichen  Empörung  der

eistigen  Oberschicht  Rußlands)  rein  praktischer  Art.
Einekseits  war  die  Leibeigenschaft  mit  dem  übertritt
Rußlands  in  die  Reihe  der  Getreide  ausführenden
Länder  unvorteilhaft  geworden  (der  Boden,  der  dem
        <pb n="526" />
        440

Leibeigenen  zum  eigenen  Unterhalt  gegeben  werden
mußte,  gab,  wenigstens  im  Süden,  höheren  Ertrag
als  die  normale  Entlohnung  freier  Arbeiter  ausgemacht
  hätte),  anderseits  hatten  mit  Ermordung  von
Gutsbesitzern  verbundene  Leibeigenenaufstände  derart
  überhandgenommen,  daß  die  Regierung  schließlich
  fürchten  mußte,  endgültig  das  Ruder  aus  der
Hand  zu  verlieren.  Alexander  II.  wiederholte  nur
den  Gedanken  Katharinas  II.,  als  er  meinte,  es  sei
doch  besser,  dies  geschehe  von  oben  als  von  unten
gr.  Der  19.  Februar  1861  bedeutet  denn  auch  den

endepunkt  in  der  inneren  Politik  Rußlands.  Es
wurden  dabei  alle  unmittelbaren  Beziehungen  zwischen
  Gutsherrn  und  ehemaligen  Leibeigenen  ein  für
allemal  beseitigt;  der  Staat  streckte  das  Geld  vor,
mit  dem  die  Adligen  abgefunden  wurden,  und  verpflichtete
  die  befreiten  Bauern  zur  Rückzahlung,  womit
  sie  im  Jahre  1931  fertig  geworden  wären,  wenn
ihnen  nicht  im  Jahre  1907  endgültig  alle  weiteren
Zahlungen  erlassen  worden  wären.

b)  Dierussische  Landgemeinde.  Nächst  der
Leibeigenschaft  drehte  sich  die  zarische  Agrarpolitik  um
die  berühmte  russische  Landgemeinde  (Mir=  oder
„Obschtschinac,  wörtlich  Gemeinschaft).  Siestellt  ihrem
eigentlichen  Wesen  nach  eine  erzwungene  Organisation
dar,  eine  Steuerentrichtungsgemeinschaft,  die  ihre
Mitglieder  durch  die  gemeinschaftliche  Verpflichtung
bindet,  die  auf  ihnen  lastenden  Aufgaben  und  Dienste
voll  zu  entrichten,  und  die  sich  diese  Pflichterfüllung
dadurch  sichert,  daß  sie  die  zu  leistenden  Dienste  und
Abgaben  unter  ihren  Mitgliedern  ihrer  Zahlkraft  entsprechend
  verteilt.  Im  Gegensatz  zu  Westeuropa  war
eben  in  Rußland  die  direkte  Besteuerung  früher  eingeführt
  worden,  als  sich  eine  Klasse  ständiger  Zahler
gebildet  hatte.  Da  indes  das  russische  Staatswesen
als  solches  noch  viel  zu  primitiv  war,  um  den  einelnen

  Steuerzahler  zu  fassen,  wurde  der  Boden  als
olcher  besteuert,  und  zwar  stets  ein  größeres  Stück
Boden,  dessen  Bewohner  gemeinschaftlich  für  die  auf
ihm  liegende  Steuerlast  aufkommen  mußten.  Da  der
Steuerverpflichtung  entging,  wer  den  Boden  verließ,
er  dabei  aber  seine  Steuerpflicht  den  auf  seinem
steuerbelegten  Landteil  Zurückbleibenden  aufbürdete,
kam  es  ganz  von  selber  dazu,  daß  sämtliche  Bewohner
  eines  steuerbelegten  Bodenteils  gewisse  Verpflichtungen
  untereinander  eingingen.  So  wurde  die
Steuerentrichtungsgemeinschaft  zu  einer  wirtschaftlichen
  Gemeinschaft,  eben  zur  Landgemeinde,  die  sich
charakterisiert  durch  periodische  Umteilungen  des  ganzen
  Gemeindelandes  an  die  einzelnen  Gemeindemitlieder
  entsprechend  der  Seelenzahl  der  Familien.
Vom  Standpunkt  der  Steuerentrichtung  aus  ist  natürlich
  die  ständige  Anpassung  der  Zahlungen  an  die
Zahlkraft  des  Zahlers  —  die  durch  eben  diese  periodischen
  Umteilungen  der  Landteile  erzielt  wird  —
die  allervollendetste  Form  der  Volksbesteuerung.
Hierdurch  erklärt  sich  die  große  Beliebtheit  der  Landgemeinde
  bei  der  russischen  Regierung  bis  in  die  allerjüngste
  Zeit  hinein.  Im  Laufe  des  17.  und  18.  Jahrhunderts
  und  der  ersten  Hälfte  des  19.  bestrebt  sie  sich,
diesen  Brauch  auch  auf  die  freien  Bauern  der  russischen
  Grenzländer  im  Norden  und  Süden  auszudehnen,
  die  zu  diesem  Zwecke  überhaupt  erst  zu
Kronbauern  gemacht  werden  mußten.  Das  freie
Eigentum  vermochte  eben  nicht  der  Regierung  die
regelrechte  Bezahlung  der  Abgaben  zu  gewährleisten;
die  Ländereien  begannen  sich  in  den  Händen  der
reichen  Bodenbesitzer  zu  mehren  und  denen  der  armen

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

zu  entschlüpfen.  Dies  agrarpolitische  System  geht
von  der  Grundidee  aus,  daß  das  Land  in  Rußland
nicht  den  Bauern  gehöre,  vielmehr  entweder  dem
Staate  oder  privaten  Gutsbesitzern.  Diese  An.
schauung  wurde  unhaltbar  durch  den  übergang  zum
Loskauf  der  bäuerlichen  Landteile  nach  der  Bauern.
befreiung.  Dementsprechend  enthielt  sich  die  russische
Agrarpolitik  eine  Zeitlang  auch  der  geringsten  staatuhen
  Einmischung  in  die  inneren  Verhältnisse  des
Dorfes.  Bereits  in  den  achtziger  Jahren  des  verflos.
senen  Jahrhunderts  mehrten  sehr  deutliche  Angeichen
  eines  Zerfalls  der  Landgemeinde,  und  wie.

erum  traten  alle  die  Erscheinungen  auf,  die  bei  den
freien  Bauern  in  den  Grenzländern  zur  Einführung
der  Landgemeinde  geführt  hatten  (Verproletarisierung
eines  beträchtlichen  Teiles  der  Landbewohner).  Demgegenüber
  ergriff  die  Regierung  in  den  achtziger  und
neunziger  Jahren  des  verflossenen  Jahrhunderts  eine
ganze  Reihe  von  Maßregeln,  um  den  Verkauf  bäuerlichen
  Eigentums  zu  hemmen  und  seine  Nutznießung
auf  landgemeindlicher  Grundlage  zu  fördern.  Indes
hatten  sich  die  Zeiten  allzusehr  geändert.  Offizielle
Untersuchungen  hatten  ergeben,  daß  in  den  seit  Aufhebung
  der  Leibeigenschaft  verflossenen  40  Jahren  die
Bauern  einfach  ruiniert  waren;  die  Größe  des  eingelnen
  Bodenteils  war  durchschnittlich  auf  die  Hälfte

es  früheren  gesunken,  der  bereits  ungenügend  gewesen
  war.  Der  Ertrag  erreichte  nur  noch  88—62
Proz.  des  früheren,  der  Viehbestand  hatte  sich  noch
mehr  vermindert.  Die  Steuerrückstände  hatten  sich
(seit  1870)  um  das  Acht  bis  Zwanzigfache  vermehrt.
Die  Grundursachen  dieser  übel  glaubte  man  gefunden
  zu  haben  in  der  veralteten  Form  der  russischen
  Bodennutzung,  d.  h.  in  dem  Bestehen  der  Landgemeinde.
  Das  Jahr  1906  brachte  den  jähen  Wechsel
in  der  russischen  Agrarpolitik.  Bis  dahin  hatte  die  Reierung

  die  Landgemeinde  geschützt  und  gehütet.  Die
Laup###itzet  der  russischen  Agrarpolitik  waren  einerseits
  Organisation  der  Auswanderung  nach  Sibirien
und  Landzuteilung  unter  Mitwirkung  der  Bauernbank
  auf  Kosten  des  sich  rasch  auflösenden  adligen  und
steatlichen  Bodenbesitzes,  anderseits  Abschaffung  der

opfsteuer,  erbeun  und  schließlich  völlige  Beseitigung
  der  Ablösungszahlungen.  Indes  erwies
sich  der  Vorrat  an  Staatsländereien  als  bei  weitem
nicht  ausreichend.  Die  freiwilligen  An-  und  Berkäufe
der  Bauernbank  hatten  lediglich  zu  einer  Erhöhung
der  Bodenpreise  im  Interesse  der  adligen  Bodenverkäufer
  geführt.  Zudem  zeigte  es  sich,  daß  zur  Auswanderung
  durchaus  nicht  genügend  freies  Land  vorhanden
  war.  „Die  Regierung,  die  in  dem  eben  (1906)
einsetzenden  Kampf  um  den  politischen  Aufbau  Rußlands
  die  Bauern  auf  ihre  Seite  ziehen  wollte,  beabsichtigte
  eine  grobtrtee  undgleichzeitige  Umänderung
in  den  Eigentumsverhältnissen  an  Grund  und  Boden
bei  weitgehender  Geldhilfe  von  seiten  des  Staates.=Indes
  scheiterte  dies  Projekt  am  Widerstand  des
Adels.  Der  Urheber  des  Planes,  Minister  Kutler,
wurde  entlassen  (1906).  Die  russische  Agrarpolitik  trat
wiederum  auf  die  Seite  der  Agrarier,  hauptsächlich
infolge  der  Agrarunruhen  der  Jahre  1906  und  1907,
und  seit  in  der  ersten  Duma  die  Vertreter  der  Bauernschaft
  ganz  offen  gedroht  hatten,  sich  alles  Landumsonst
  zu  nehmen.  Stolypins  berühmtes  Agrargesetz
  vom  9.  November  1907,  wohl  die  kühnste  Agrarreform
  in  Europa  seit  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,
legte  die  Axt  an  die  Landgemeinde:  Hatte  bereits
jedes  ihrer  Mitglieder  das  Recht.  sich  seinen  Boden
        <pb n="527" />
        Nötzel:  Die  russische  Sozialpolitik

in  einem  zusammenhängenden  Grundstück  aus  dem
Gemeindeland  austeilen  zu  lassen,  so  erhielt  es  nunmehr
  das  Recht,  sich  die  zur  Zeit  in  seiner  tatsächlichen
Nutzung  befindlichen  Streuländereien  ohne  weiteres
zum  Privatbesitz  festigen  zu  lassen  (und  sie  auch  an
einen  anderen  Bauern  zu  verkaufen,  wenn  dieser  auch
zu  einer  fremden  Gemeinde  gehört).  Landgemeinden,
bei  denen  im  Verlaufe  von  24  Jahren  keine  allgemeine
Umteilung  mehr  stattgefunden  hatte,  wurden  für  erloschen
  erklärt,  wenn  auch  in  ihnen  das  übliche  Zusammenwerfen
  und  Austeilen  der  Abgabepflichten
weiterbestand.  Die  Absicht  der  Regierung  ist  klar:  sie
will  sich  eine  Stütze  schaffen  in  einer  rarten.  am
Privatbesitze  kräftig  interessierten  Bauernschaft  (da
der  Adel  nun  einmal  unaufhaltsam  seinem  Untergang
  entgegengeht;  seit  Aufhebung  der  Leibeigenschaft
  hat  er  bereits  mehr  als  ein  Drittel  seines  Bodens
  verloren).  Ob  das  der  russischen  Regierung  gelingen
  wird,  dürfte  zweiselhaft  sein,  ganz  abgesehen
davon,  daß  der  Preis  denn  doch  sehr  hoch  genannt
werden  muß;  so  erst  entstand  ja  ein  landloses  Proletariat
  in  Rußland.  Denn  selbstverständlich  bringen
Aufkäufer  massenhaft  russischen  Bauernboden  zu
Schleuderpreisen  an  sich  und  verpachten  ihn  den  Dorfbauern,
  denen  dieser  Boden  seiner  Lage  nach  unentbehrlich
  ist,  entweder  zu  ungeheuerlichen  Preisen  oder
verkaufen  ihnen  denselben  zum  drei=  bis  vierfachen
Preise  zurück,  wobei  die  Landgemeinden  nicht  die  geringste
  Kreditgewährung  von  seiten  des  Staates  genießen.
  Trotzdem  scheintsich  die  russische  Candgemeinde
dort,  wo  sie  seit  alters  her  Wurzel  faßte,  zu  halten,
während  sie  da,  wo  sie  erst  kurze  Zeit  besteht,  vornehmlich
  da,  wo  sie  von  der  russischen  Regierung  selber  aus
Steuergründen  eingeführt  wurde,  in  den  nördlichen
und  südlichen  Gernfländern,  unaufhaltsam  auseinanderfällt.
  Aus  der  Unmengeder  vorliegenden  Ziffern
läßt  sich  ein  genaues  Bild  nicht  gewinnen.  Zweifellos
wurde  von  Inkrafttreten  des  Gesetzes  bis  heute  der
Austritt  aus  der  Landgemeinde  durch  Gouverneure
und  Kreisvorsteher  auf  jede  Weise  gefördertunderprett.
Die  Volksnot  drängt  auf  denselben  Weg  der  bäuerlichen
  Landentäußerung.  Die  Zunahme  des  Lumpenproletariats
  scheint  bis  jetzt  zweifelloser  als  die  Zunahme
  des  Industrieproletariats.  Der  Bodenwucher
blüht  auf  dem  Lande,  und  die  Dorfmächtigen  verstlaven
  mehr  als  je  die  Dorfarmen.  Alles  in  allem
das  Gegenteil  eines  sozialen  Ausgleichs!  Wir  gehen
wohl  kaum  Hen,  wenn  wir  in  den  heillosen  Zuständen
auf  dem  russischen  Dorfe,  d.  h.  in  dem  Bestreben  der
russischen  Regierung  von  ihnen  abzulenken,  eine  der
Hauptursachen  des  heutigen  Weltkrieges  erblicken.

II.  Die  Sozialpolitik  im  engeren  Sinne.

a)  Arbeiterpolitik.  Viel  neueren  Datums  als
die  russische  Agrarpolitik  ist  die  russische  Sozialpolitik
im  engeren  Sinne,  d.  h.  die  Politik  im  Hinblick  auf
die  industriellen  Arbeiter.  Hier  gelten  indes  genan
dieselben  Grundsätze  wie  für  die  russische  Agrarpolitik
  schon  insofern,  als  die  Fabrikarbeiter  immer  noch
einen  sehr  geringen  Teil  des  russischen  Proletariats
ausmachen,  und  selbst  von  den  gewerblichen  Arbeitern
immer  noch  im  ursprünglichen  russischen  Gewerbebetrieb,
  der  Hausindustrie,  zweieinhalb  soviel  beschäf.-tigt
  sind  als  in  der  Fabrik.  Die  russische  Fabrik  imeuropäischen
  Sinn  ist  an  sich  schon  eine  Schöpfung  des
Zartums  und  lediglich  aus  Rüstungsbedürfnissen  hervorgegangen.
  Peter  der  Große  brauchte  Tuche,  Waffen
und  Munition  für  seine  Heere.  Er  befahl  einer  Anzahl

441

der  reichsten  Grundbesitzer,  Fabriken  zu  gründen;  als
Arbeiter  wurden  ihnen  Kronleibeigene,  sog.  Possessionsbauern,
  zugewiesen.  Käufer  wurden  ihnen  dadurch
  verschufst,  daß  man  ihnen  Monopole  gab  und
die  Einfuhr  mit  hohen  Zöllen  belegte.  Trotzdem
führte  die  russische  Fabrik  ein  kümmerliches  Dasein,
bis  Kathatina  II.  die  Monopole  nufhob  und  folgerichtig
  das  System  des  freien  und  inneren  Wettbewerbs
durchführte.  An  Stelle  des  staatlichen  Zwanges  trat
das  heute  noch  gültige  Prinzip  der  staatlichen  Unterstützung.
  Weil  die  russische  Industrie  ausschließlich
für  #Dobedürfnise  arbeitete  —  und  hierbei  naturgemäß
  die  persönlichen  Beziehungen  zur  Krone  eine
große  Rolle  spielten,  errichteten  nunmehr  die  Adligen
auf  ihren  Gütern  Fabriken,  in  denen  sie  ihre  Leibeigenen
  beschäftigten.  Diese  Leibeigenenfabrik  hält
die  Mitte  zwischen  der  Possessionsbauernfabrik  der
Zeit  Peters  und  der  mit  freien  Arbeitern  arbeitenden
  Fabrik,  die  in  den  ersten  Jahrzehnten  des  19.
Jahrhunderts  entsteht,  als  endlich  die  russische  Industrie
  anfing,  für  den  Privatbedarf  zu  arbeiten,  den
bis  dahin  die  ursprüngliche  russische  Gütererzeugungsform,
  die  russische  Hausindustrie,  gedeckt  hatte.  Erst
1809  wurde  den  Tuchfabriken  erlaubt,  für  private
Abnahme  zu  arbeiten,  und  erst  zehn  Jahre  später
übersteigt  das  Angebot  an  Tuchen  die  Nachfrage  der
Regierung.  Aus  diesem  Entwicklungsgang  der  russischen
  Industrie  erhellt  bereits,  daß  die  russische  Reierung
  (wenigstens  bis  zur  Aufhebung  der  Leibeigen-Hboft)
  keinerlei  Arbeiterpolitik  zu  treiben  brauchte,
obwohl  es  auch  schon  vor  der  Bauernbefreiung  Fabriken
  mit  freien  Arbeitern  gab,  was  sich  früh  schon
als  vorteilhafter  erwiesen  hatte  als  das  Arbeiten  mit
Leibeigenen.  Immerhin  war  die  überwiegende  Mehrahl
  aller  Industriearbeiter  Bauern,  deren  Grund-*
  nicht  mehr  zum  Unterhalt  der  Familie  ausreichte.
und  das  blieb  im  großen  und  ganzen  so  bis  in  die
allerletzte  Zeit  hinein;  erst  die  erwähnte  Agrarreform
von  1907  schafft  ein  landloses  Proletariat.  Beim
Eintritt  in  die  Fabrik  lassen  die  allermeisten  Fabrik.-arbeiter
  Frau  und  Kinder  auf  dem  Lande  zurück,  senden
  ihnen  allmonatlich  den  größten  Teil  ihres  Lohnes
(in  der  Regel  zwei  Drittel)  und  kehren  nur  zu  Weihnachten
  und  Ostern  zu  den  Ihrigen  auf  wenige  Tage
und  Wochen  zurück,  abgesehen  davon,  daß  immer  noch
ein  großer  Teil  der  gesamten  russischen  Arbeiterschait
zur  Erntezeit  auf  8—6  Wochen  aufs  Land  entlassen
  wird.  Eine  russische  Arbeitergesetzgebung
  begegnet  uns  denn  auch  erst  mehr  als  zwanzig
  Jahre  nach  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,  als
auf  ausländischem  Kredit  und  vielfach  von  Ausländern
  ins  Leben  gerufen,  die  private  russische  Großindustrie
  aufkommt,  vor  allem  dieder  Textilbranche.  die
sogenannte  Manufaktur,  ein  gemischter  Betrieb  größten
  Stils:  Spinnerei,  Weberei,  Färberei  und  Zeugdruck
  in  einem.  Damals  galt  es  zunächst,  den  allerschlimmsten
  Auswüchsen  eines  der  Leibeigenschaft  entstammten
  industriellen  Herrentums  zu  steuern,  weil
amit  das  Bestehen  der  russischen  Industrie  von  vornherein
  in  Frage  gestellt  war.  So  beseitigte  man  das
schamlos  blühende  Trucksystem:  es  wurde  ein  für
allemal  und  in  jeder  Form  verboten,  die  Arbeiter
mit  Waren  statt  mit  Geld  zu  entlohnen.  Alsdann
mußte  das  Strafgeldersystem  geregelt  werden:  es  war
bei  den  Fabrikanten  die  Praxis  aufgekommen,  sich  an
willklirlich  und  maßlos  erteilten  Geldstrafen  zu  bereichern.
  Demgegenüber  wurde  bestimmt,  daß  die
Strafgelder  der  Arbeiter  in  die  Staatskasse  zur  Ver-
        <pb n="528" />
        442

wendung  für  Wohltätigkeitszwecke  fließen  sollten,  und
zudem  wurden  Höchstmaße  der  Geldstrafen  und  Lohnabzüge
  festgesetzt.  Endlich  galt  es,  der  gewissenlosen
Art  zu  steuern,  mit  der  die  aufkeimende  russische  Industrie
  von  der  industriellen  Reservearmee  Gebrauch
machte,  d.  h.  den  Arbeiter  vor  willkürlichen  und  plötzlichen
  Entlassungen  zu  schützen.  So  wurde  die  für
beide  Teile  bindende  14tägige  Kündigungsfrist  für
alle  Arbeiter  zum  Gesetz  erhoben.  Endlich  machten
die  in  skandalöser  Weise  sich  häufenden  Unglücksfälle
in  der  russischen  Fabrik  bis  ins  einzelne  gehende
Schutzvorschriften  ebenso  notwendig  wie  die  viel  angegriffene,
  für  russische  Verhältnisse  indes  kaum  zu
missende  persönliche  Haftung  des  obersten  verantwortlichen
  Betriebsleiters  für  Gesundheit  und  Leben  aller
im  Betriebe  beschäftigten  Arbeiter.  Erst  verhältnismäßig
  spät,  Ende  der  achtziger  und  zu  Beginn  der
neunziger  Jahre,  setzt  dann  die  gesetzliche  Regelung  der
Arbeitszeit  und  die  der  Beschäftigung  von  Frauen  und
Minderjährigen  ein.  Heute  ist  die  russische  Arbeiterschutzgesetzgedung
  zwar  immer  noch  bedauerlich  mangelhaft
  (namentlich  was  Kinder=  und  Frauenarbeit
betrifft),  doch  bleibt  sie  im  großen  und  gansen  nicht
allzusehr  hinter  dem  westeuropäischen  Arbeiterschutz
zurück.  Sie  ist  indes  um  die  Hälfte  ihrer  Wirkung
betrogen,  da  ihre  Durchführung  im  Geiste,  nicht  nach
dem  Buchstaben,  immer  wieder  an  dem  Mangel  der
polizeilichen  Fabrikaufsicht  scheitert.  Freilich  *  die
russischen  Fabrikinspektoren,  vielfach  aus  liberalen,
sogar  oftmals  sehr  links--liberalen  Idealisten  gewählt
(hier  machte  die  zarische  Regierung  eines  ihrer  beliebten
  Zugeständnisse  auf  Kosten  anderer),  ihrer  Sache
mit  Eifer  und  Unbestechlichkeit,  wenn  auch  bisweilen
in  doktrinär-  unternehmerfeindlicher  Gesinnung  ergeben.
  Indes  entscheidet  über  die  tatsächliche  Durchführung
  des  Arbeiterschutzes  schließlich  dennoch  die
örtliche  Polizei,  die,  namentlich  auf  dem  Lande,  völlig
im  Solde  der  Industriegewaltigen  steht.  Ganz  im
allgemeinen  haftet  der  russischen  Arbeiterpolitik  der
eigentliche  Krebsschaden  aller  offiziellen  russischen  sozialen
  Wirksamkeit  deutlich  und  offenbar  an;  sie  dient
letzten  Endes  doch  immer  nur  einem  außerhalb  ihrer
selbst  liegenden  Ziele,  dem  nackten  Selbsterhaltungsinteresse
  des  despotischen  Regiments.  Nur  von  diesem
Gesichtspunkt  aus  ist  die  Märtyrergeschichte  der  russischen
  Arbeiterbewegung  im  europäischen  Sinne,
der  Genossenschafts-  und  Gewerkschaftsbewegung,
zu  verstehen;  man  fürchtet  eben  in  ihnen  lediglich
Sammelstätten  regierungsfeindlicher  Propaganda.
Sehr  bezeichnend  für  den  Geist  dieser  Politik  bleibt
der  zu  Beginn  der  1890er  Jahre  von  dem  Moskauer
Polizeimeister  Subatoff  unternommene  Versuch,  die
Moskauer  Fabrikarbeiter  von  sich  aus  zu  einer  freiwilligen
  Hilfstruppe  der  Moskauer  Geheimpolizei  zu
organisieren.  Mit  einer  Arbeiterversicherung  im  deutschen
  Sinne  wäre  die  russische  Regierung  wohl  einverstanden.
  Bisher  wollte  sie  nur  nicht  die  Mittel
dazu  aufwenden.  Zweifellos  wird  die  Arbeiterversicherung
  in  Rußland  kommen.  Sie  wirdaber  zweifellos
  so  gestaltet  sein,  daß  sie  der  Regierung  die  Möglichkeit
  gibt,  die  Arbeiterschaft  in  ihrer  Hand  zu  halten.
Anders  tut  sie  es  sicherlich  nicht.  Von  der  russischen
Arbeiterpolitil  gilt.  was  für  die  russische  Sozialpolitik
im  allgemeinen  feststeht,  sie  berücksichtigt  öffentliche
übelstände  nur  so  weit,  als  es  Ruhe  und  Sicherheit  der
russischen  Regierung  verlangen,  und  wo  sie  regelnd
in  die  Beziehungen  der  einander  entgegenstehenden
sozialen  Schichten  eingreift,  da  läßt  sie  8  durchweg

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

leiten  von  den  Forderungen  ihres  wirklichen  oder  vermutlichen
  Selbsterhaltungs-Interesses.  Eine  Sozialpolitik
  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes,  d.  h.  tatsächlich
  in  der  Richtung  der  allgemeinen  Wohlfahrt,
erweist  sich  wohl  mit  einem  despotischen  Staatswesen
an  sich  unvereinbar.
b)  Allgemeine  Sozialpolitik.  Was  schließlich
  das  große  Gebiet  der  öffentlichen  Wohl.
fahrtseinrichtungen  anbetrifft:  Jugendfürsorge,
Armenpflege,  Gefängniswesen  usw.,  so  hat  die  rufsische
  Regierung  auch  darin  von  jeher  ihre  ganz  bestimmte
  Loltti  verfolgt.  Einerseits  mußten  alle  diese
Dinge,  die  wir  längst  zu  den  unabweisbaren  Pflichten
des  Staates  zählen,  durchaus  als  freiwillige  Leistung
der  Krone  gelten  (daher  von  alters  her  die  großartigen
kaiserlichen  Wohltätigkeitsanstalten),  anderseits  soll.
ten  diese  Gebiete  dazu  dienen,  der  Gesellschaft  eine
harmlose  (trotzdem  stets  argwöhnisch  überwachte)
Mitarbeit  am  Gemeinwohl  zu  gewähren  und  sie  so
ihre  sonstige  Bevormundung  vergessen  zu  lassen.  In
dieser  Hinsicht  leistet  die  Kirche  unschätzbare  Mithilfe.
Immer  noch  gilt,  was  der  russische  Historiker  Kliutschewsty
  über  die  Bedeutung  der  Wohltätigkeit  im
alten  Rußland  sagt:  sie  habe  da  als  eines  der  Hauptmittel
  gegolten  zur  sittlichen  Erziehung  des  Bolkes,
als  ein  der  Kirche  beigeordnetes,  praktisches  Institut
ur  öffentlichen  Moral.  Diese  Anschauung  von  der
kinderung  sozialer  Not  als  einer  unmittelbaren  Aufgabe
  der  persönlichen  Wohltätigkeit  ist  heute  noch  sehr
lebendig,  selbst  in  der  gebildeten  russischen  Gesellschaft.
Wenn  trotzdem  die  Ergebnisseihrer  sozialen  Hilfsarbeit
so  wenig  dem  hier  in  vorbildlicher  Weise  vorhandenen
Opferwillen  entsprechen,  so  liegt  das  an  etwas  anderem,
  die  Beziehungen  zwischen  der  russischen  Gesellschaft
  und  der  russischen  Regierung  sind  eben  infolge
unheilbaren  gegenseitigen  Mißtrauens  durch  und  durch
vergiftet.  Daran  krankt  die  ganze  russische  Sozialpolitik.
  Soweit  sich  die  Regierung  in  ihrer  Verwirklichung
  auf  gesellschaftliche  Strömungen  stützt  oder
esellschaftliche  Hilfe  heran  zieht,  also  vor  allem  im
ahmen  der  großen  halbamtlichen  Vereinigungen
zur  Bekämpfung  sozialer  übelstände,  ergibt  sich  das
nicht  auszurottende  Verhängnis,  daß  die  Regierung
die  gesellschaftlihe  Initiative  aufs  eifersüchtligste  in
Schranken  hält  und  dazu  noch  jede  derartige  Vereinigung
  mißbraucht,  um  für  ihre  Zwecke  zu  wirken,
wohingegen  die  Gesellschaft  ihrerseits  die  hier  gebotene
  Gelegenheit  zum  öffentlichen  Wirken  benutzt,
um,  an  dem  eigentlichen  Zweck  vorüber,  ganz  im  allgemeinen
  regierungsfeindliche  Propaganda  zu  treiben
im  Sinne  der  elementaren  politischen  und  sozialen
Freiheiten.  Das  allein  erklärt  die  bescheidenen  Erfolge
  der  unter  gesellschaftlicher  Mithilfe  vor  sich
gehenden  praktischen  russischen  Sozialpolitik  —  bei
aller  vorbildlichen  schialen  Opferbereitschaft  der  gebildeten
  russischen  Gesellschaft.  In  einem  despotischen
  Staatswesen  scheint  eben  nicht  die  Möglichkeit
gegeben  zu  sein  zu  einer  rein  sachlichen,  hingebenden
sozialen  Tätigkeit  der  Gesellschaft.  Vollends  kann  sie
nicht  mit  der  despotischen  Regierung  zusammen  an  der
allgemeinen  Wohlfahrt  arbeiten.  Das  ist  wohl  das
eigentliche  Verhängnis  der  russischen  Sozialpolitik.

Literatur.  Peter  Miljukoff,  Die  Grundlagen  der
russischen  Kultur,  Band  1  (Bevolkerung,  Staat,  Gesellschan:
deutsch,  Münch.  1917);  Karl  Nötzel,  Das  heutige  Rußland.
  Eine  Einführung  an  der  Hand  von  Tolstois  Leden  und
Werken,  Band  I  (2.  Aufl.,  Münch.  1916);  A.  Tschuproff,
Die  Feldgemeinschaft  (Abh.  des  staatswissenschaftl.  Seminurs
        <pb n="529" />
        Dietz:  Spionage

zu  Straßburg  1902);  A.  Simkhowitsch,  Die  Feldgemeinschaft

  in  Rußland  (Jena  1800,  Sergei  Prokopowitsch,  (

Über  die  Bedingungen  der  industriellen  Entwicklung  Rußlands
  (Tüb.  1913);  Karl  Nötzel,  Aus  dem  russischen  Indusmieleben
  ('Preuß.  Jahrb.-,  Bd.  160,  Heft  2,  1915);
Ders.,  Der  russische  Arbeiter  und  der  Sozialismus  (7Sozialistische
  Monatshefte,  Jahrg.  1916,  Bd.  1);  Ders.,  Hu-443



manitätsbegriff  und  Rechtsbewußtsein  im  heutigen  Rußland
P  Preuß.  Jahrb.“,  Bd.  141,  Heft  2,  1910);  Melnik,
Russen  Über  Russen  (Frankf.  1916);  Th.  Masarnk,  Sozelogische
  Stizzen  zur  russischen  Geschichts=  und  Religionshuosophie
  (Jena  1913);  Karl  Nötzel,  Die  Grundlagen
es  geistigen  Rußlands.  Versuch  einer  Pfychologie  des  russischen
  Geisteslebens  (das.  1917).

Spionage
von  Kriegsgerichtsrat  Heinrich  Dietz  in  Rastatt,  z.  Zt.  im  Felde

Die  Bedentung  und  die  Arten  der  Spionage.

I.  Wer  Krieg  führt.  muß  den  Gegner  kennen.  Er
kann  nicht  genug  wissen  von  den  feindlichen  Kräften,
ihrer  Zusammensetzung  und  Verteilung,  von  militärischen
  Einrichtungen  aller  Art,  Kriegsplan.  Bewegungen
  u.  dgl.  Es  ist  ganz  natürlich,  daß  die  Völker
schon  in  Friedenszeiten  bestrebt  sind,  in  die  gegenseitigen
  Wehrverhältnisse  möglichst  tiesen  Einblick  zu
gewinnen,  vor  allem  dann,  wenn  Reibungsflächen
auf  einen  nahen  Krieg  hindeuten.  Ein  wichtiges  Hilfsmittel
  dazu  ist  die  Spionage.  Sie  spielt  heute,  wo  sie
sich  die  Errungenschaften  der  Wissenschaft,  besonders
der  Technik  und  des  Verkehrs  nutzbar  macht,  eine  viel
größere  Rolle  als  früher.  Sie  ist  völkerrechtlich  nicht
etwa  verboten;  das  ergibt  sich  schon  daraus,  daß  sich
Satzungen  des  Völkerrechts  mit  dem  Begriff  der
Kriegsspionage  und  der  Behandlung  der  Spione
befassen.  Jeder  Staat  muß  und  wird  aber  bestrebt
sein,  die  von  anderen  Staaten  ausgehende  Spionagetätigkeit
  möglichst  zu  unterbinden.  Der  Beweggrund
zur  Spionage  kann  durchaus  ehrenhaft  sein;  die
Spionage  durch  bezahlte  Agenten  aber  erscheint  im
anderem  Licht.  1

Die  vermehrte  Friedensspionage  der  neueren  Zeit
führte  zur  Verschärfung  der  Abwehrmittel.  England
begann  kurz  vor  dem  Kriege  mit  neuen,  vielfach  drakonisch
  genannten  Strafgesetzen.  Das  Deutsche  Reich
mußte  folgen,  wiesen  doch  auch  die  Verurteilungen
wegen  Spionage  in  ihren  schwersten  Erscheinungsformen,
  Verrat  und  Ausspähung,  in  den  Jahren
vor  dem  Weltkriege  deutlich  darauf  hin,  daß  sich  das
Netz  feindlicher  Spürtätigkeit  immer  mehr  verdichtet
hatte  (1895  wurden  11,  1913  50  Personen  verurteilt).
Am  22.  Juni  1914  trat  das  neue  Gesetz  gegen  den
Verrat  militärischer  Geheimnisse  vom  3.  Juni  1914,
das  sogenannte  Spionagegesetz,  in  Kraft.

Wir  befassen  uns  hier  jedoch  nicht  mit  der  Friedensspionage,
  sondern  mit  der  Kriegsspionage,  d.  h.
der  Spionage  nach  Ausbruch  eines  Krieges;  für  sie
gelten  besondere  Rechtssatzungen.

II.  Die  Lehre  vom  Verbrechen  unterscheidet  zahlreiche
  Arten  der  Spionage.  Die  wichtigsten  seien
hier  kurz  genannt:

a)  Kopfspionage.  Der  Spion  lernt  die  Nachrichten

auswendig  und  übermittelt  sie  dem  Auftraggeber.

b)  Schriftliche  Spionage.  Sie  ist  offen,  wenn  unverschleierte,

  an  sich  also  verständliche  Mitteilungen
  in  versteckter  Weise  (z.  B.  in  Gegenständen
aller  Art  oder  am  Körper  verborgen)  hinausgehen.
  Sie  ist  verdeckt,  wenn  die  Mittleilungen
in  scheinbar  harmloser,  unbefangener  Form  gehalten
  sind  (z.  B.  in  Geschäftsanzeigen,  in  Briefen;
  der  Schlüssel,  der  die  geheime  Mitteilung
widergibt,  ist  verabredet).

e)  Zeitungsspionage,  vgl.  b);  Zeitungen,  die  ins
neutrale  Ausland  gehen,  werden  bevorzugt.

d)  Eisenbahnspionage.  Rollende  Wagen  nehmen  die
verabredeten  Zeichen  (Striche,  Dreiecke,  Kreuze
usw.)  mit.  Besonders  raffiniert  ist

e)  die  Spionage  mit  polizeilicher  Hilfe  (der  Spion
läßt  sich  z.  B.  unter  allerhand  glaubwürdigen
Vorwänden  von  der  Polizei  Räume  anweisen,
die  sich  für  seine  beobachtende  Tätigkeit  besonders
  eignen).

Der  echte  Spion  arbeitet  nicht  mit  gefälschten  Pässen

  und  dergleichen.  Seine  Papiere  sind  —  jedenfalls
  äußerlich  —  in  tadelloser  Ordnung.

Begriff  der  Kriegsspionage.

A.  Altere  Zeit.  Das  Bayerische  Strafgesetzbuch
vom  29.  April  1869  beeichneie  in  Artikel  131  den  als
Spion,  der,  um  den  Feind  zu  begünstigen,  heimlicherweise
  den  Zustand  der  Truppen,  des  Lagers,  der  Befestigungen
  oder  der  Magazine,  die  Stärke,  Stellunen,

  Bewegungen  oder  Absichten  der  Armee  oder
aonsige  Umstände,  welche  sich  auf  den  Angriff  oder
die  Verteidigung  beziehen,  zu  erspähen  sucht.  Ein
Rundschreiben  des  preußzischen  Generalauditoriats
vom  25.  Juli  1870  hat  diese  Begriffsbestimmung
übernommen.  Das  Reichsstrafgesepbuch  vom
15.  Mai  1871  stellt  in  §  90  u.  a.  den  unter  Strafe,
der  dem  Feinde  Operations=  oder  Festungspläne
mitteilt,  dem  Feind  als  Spion  dient  oder  feindliche
Spione  aufnimmt,  verbirgt  oder  ihnen  Beistandleistet;
vgl.  §  91,  wonach  gegen  Ausländer  nach  dem  Kriegsgebrauch
  (Begriff  ß  unter  Franktireurwesen,  S.  446)
u  verfahren  ist.  Ergänzend  bestraft  das  Militär-Krafgesehbuch
  für  das  Reich  §  58  (vgl.  8  160,
161)  Spionage  und  spionageähnliche  Handlungen
mit  dem  Tode  (Näheres  s.  unten,  Strafrecht).

Mit  dem  Begriffe  =  Spion-,  -Spionagee  hat  sich,
vom  älteren  Bayerischen  Militärstrafgesetzbuch  abgesehen,
  die  innerstaatliche  deutsche  Strafgesetzgebun
hiernach  nicht  befaßt.  Der  erste  Versuch,  den  Veanr
völkerrechtlich  in  Anlehnung  an  seine  Gistaltunp  in
der  Wissenschaft  festzulegen,  ist  in  der  von  Rußland
veranlaßten  Brüsseler  Konferenz  im  Jahre  1874  gemacht
  worden,  die  zum  Mrunostein  für  die  heutigen
völkerrechtlichen  Abmachungen  auf  dem  Gebiete  des
Landkriegsrechts  geworden  ist,  obwohl  ihre  Vereinbarungen
  nie  ratifiziert  wurden.  Die  Bestimmungen
der  Artikel  19  —  22  der  Brüsseler  Deklaration  über
Spione  erscheinen  umgearbeitet  in  Artikel  29.—31
der  Anlage  zum  1.  Haager  Abkommen  über  die  Gesetze
  und  Gebräuche  des  Landkriegs  vom  29.  Juli  1899
wieder  und  sind  ohne  besondere  Abänderungen  bei
der  2.  Haager  Friedenskonferenz  in  Artikel  29  —31
der  dem  neuen  Abkommen  vom  18.  Oktober  1907  angefügten
  Anlage-Ordnung  der  Gesetze  und  Gebräuche
des  Landkriegs.  (Landtricgsordnung)  übernommen
worden.  Wegen  der  Gültigkeit  dieses  Abkommens  im
        <pb n="530" />
        444

jetzigen  Kriege  vergleiche  man  die  Ausführungen  unter
  Franktireurwesen  (S.  446  ff.).

B.  Geltendes  Recht.  Völkerrechtliche  Abkommen,
  also  hier  die  in  ihnen  getroffenen  Bestimmunet
  über  Spionage,  können  nur  im  Verhältnis  des

eutschen  Reiches  zu  den  kriegführenden  Staaten  gelten,
  und  sie  gelten  auch,  weil  die  Landkriegsordnung
ratifiziert  ist;  außerdem  ist  sie  der  Felddienstordnung
vom  22.  März  1908  Dienstvorschriften-Etat  Nr.  267
als  Anhang  II  angefügt;  damit  ist,  entsprechend  der
in  Artikel  1  des  Abkommens  vom  18.  Oktober  1907
auferlegten  Verpflichtung,  das  deutsche  Heer  zur  Beachtung
  der  Abmachungen  angewiesen.  Innerstaatliche
  deutsche  Gesetze  über  Spionage  bleiben  von  dieser
völkerrechtlichen  Regelung  unberührt.  Auch  den  Begriff
  der  Spionage  kann  jeder  Staat  für  seine  Bedülrfnisse
  abweichend  fassen.  Das  ist  nach  deutschem  Recht
in  der  Tat  der  Fall;  vor  allem  ist  nach  ihm  Spionage
auch  außerhalb  des  Operationsgebiets  möglich  (vgl.
B.  1).  Diese  Verschiedenheit  zwingt  dazu,  Spionage
nach  Bölkerrecht  und  Spionage  nach  deutschem  Strafrecht
  zu  unterscheiden.

I.  Geltendes  Völkerrecht.  Als  Spion  gilt
nach  Artikel  29,  Abs.  1  der  Landkriegsordnung,  wer
heimlich  oder  unter  falschem  Vorwand  in
dem  Operationsgebiet  eines  Kriegführenden
  Nachrichten  einzieht  oder  einzuziehen
sucht,  in  der  Absicht,  sie  der  Gegenpartei  mitzuteilen.
  Wesentlich  für  den  Begriff  des  Kriegsspions
nach  Völkerrecht  —  gemeint  ist  der  feindliche  Spion,
der  Ausländer,  der  dem  Gegner  dient  —  find  alle
diese  Merkmale.  Der  Kriegsspion  wird  nur  auf  dem
Operationsgebiet  tätig.  Operationsgebiet  bedeutet
  hier  im  wesentlichen  dasselbe  wie  der  unseren
Strafsgesetzen  geläufigere  Begriff  Kriegsschauplatz-(vgl.
  §  160  des  Militärstrafgesetzbuchs),  d.  h.  das  Gebiet,
  in  dem  sich  tatsächlich  der  Krieg  abspielt,  wo  Teile
des  Heeres  kämpfen  oder  marschieren  oder  lagern;  die
Umgebung,  die  sie  mit  ihren  Waffen,  Patrouillen  und
Aufklärungstruppen  beherrschen,  ist  eingeschlossen,
ferner  das  Gebiet,  auf  dem  sich  die  Sicherung  und
Versorgung  des  Heeres  abspielen  (Etappengebiet,  abgegrenztes
  Generalgouvernement).  Der  Obersten
Heeresleitung  ist  es  unbenommen,  ausdrücklich  zu
bestimmen,  was  Kriegsgebiet  sein  soll.  Der  außerhalb
  des  Kriegsschauplatzes  auf  neutralem  Gebiete
tätige  feindliche  Spion  bleibt  straflos;  des  Spions  im
Inlande  erwehrt  sich  das  deutsche  Strafrecht  (§  91
Abs.  2  des  Reichsstrafgesetzbuchs;  s.  unten,  Strafrecht
A.,  S.  445).

Die  Betätigung  besteht  im  Einziehen  von  Nachrichten
  über  militärische  Angelegenheiten,  die  für  den  Gegner
  von  Wert  sein  können,  also  im  Auskundschaften.
Von  Erfolg  braucht  sie  nicht  zu  sein.  Durch  das  Unternehmen,
  den  Versuch  des  Auskundschaftens,  ist  dieses
Tatbestandsmerkmal  verwirklicht.  Doch  muß  diese  Betätigung
  heimlich  oder  unter  falschem  Borwande  vorenonimen

  werden.  Wer  offen  und  ehrlich  auskundchaftet,
  z.  B.  der  Soldat  auf  Patrouille,  ist  kein  Spion.

Um  in  dieser  Hinsicht  jeden  Zweifel  zu  beseitigen,
bestimmt  Absatz  2  des  Artikels  29  der  Landkriegsordnung
  ausdrücklich:

„Demgemäß  sind  Militärpersonen  in  Uniform,  die
in  das  Operationsgebiet  des  feindlichen  Heeres  eingedrungen
  sind,  um  sich  Nachrichten  zu  verschaffen,  nicht
als  Spione  zu  betrachten.=Hierzu

  sei  bemerkt:  Wer,  um  besser  auszukundschaften,
  die  Uniform  ablegt,  hat  die  kriegsmäßige  Be-V.

  Recht  und  Volkswirtschaft

handlung  (als  Kriegsgefangener)  verwirktz;  ihn  schutz
nicht  Artikel  24  der  Landkriegsordnung,  wonach
Kriegslisten  und  die  Anwendung  der  notwendigen
Mittel,  um  sich  Nachrichten  über  den  Gegner  und  das
Gelände  zu  verschaffen,  erlaubt  sind.  Die  Anlegung
einer  anderen  militärischen  Uniform  des  eigenen  Heeres
wird  jedoch  zu  den  erlaubten  Kriegslisten  gezählt.

„Desgleichene  fährt  Art.  29  Abs.  2  der  Landkriegs.
ordnung  fort.  gelten  nicht  als  Spione  Militärpersonen
  und  Nichtmilitärpersonen,  die  den  ihnen  erteilten
  Auftrag,  Mitteilungen  an  ihr  eigenes  oder  an
das  feindliche  Heer  zu  überbringen,  offen  ausführen.
Dahin  gehören  ebenfalls  Personen,  die  in  Luftschiffen
befördert  werden,  um  Mitteilungen  zu  überbringen
oder  um  überhaupt  Verbindungen  zwischen  den  verschiedenen
  Teilen  eines  Heeres  oder  eines  Gebietes
aufrechtzuerhalten.=In

  diesen  Fällen  fehlt  das  Merkmal  Einziehen
von  Nachrichtene,  im  ersteren  auch  das  Merkmal  der
Heimlichkeit.  Ob  nicht  solche  Personen,  besonders
Nichtmilitärs,  die  Nachrichten  übermitteln,  zwar  nicht
wegen  Spionage,  aber  doch  wegen  Kriegsverrats  (ogl.
8  58  Ziffer  8.  160  des  Militärstrafgesetzbuchs)  haftbar
z  machen  sind,  ist  besonders  zu  fragen.  Die  Landriegsordnung

  scheint  sie  durch  den  Auftrag  als  gedeckt
  unzusehen.  Jedenfalls  bleibt  aber  zu  prüfen,  ob
sie  rechtmäßig  handeln,  vor  allem,  ob  sie  zu  den  Kriegführenden
  gehören.  Zu  den  Personen,  die  auftragsemäß

  dem  Gegner  Mitteilungen  Überbringen,  gegort
  der  mit  einer  weißen  Fahne  erscheinende  Parlamentär.
  Er  ist  völkerrechtlich  durch  Artikel  32—34
der  Landkriegsordnung  besonders  geschützt,  solange  er
seine  Stellung  nicht  mißbraucht.

Auch  der  den  Luftschiffern  zugesagte  Schutz  ist
nicht  unbedingt.  Daß  auch  Lafeschlfer  Spione  nbein
können,  ist  nicht  zu  bestreiten.  Das  Merkmal  der
Heimlichkeit  und  der  Täuschung  wird  freilich  selten

u  bejahen  sein.  An  sich  haben  Luftschiffer  in  Unisorm
  die  Vermutung  für  sich,  daß  sie  regelrecht  Krieg
führen.  Bei  Personen  in  bürgerlicher  Kleidung  sind
ähnliche  Erwägungen  wie  die  vorstehenden  anzustellen.
  Wenn  nicht  als  Spione,  so  können  sie  unter  Umständen
  doch  als  Kriegsverräter  zu  haften  haben.
Selbstverständlich  genügt,  wie  überall  im  Strafrecht.
nicht  der  bloße  Verdacht  strafwürdigen  Berhaltens.

II.  Geltendes  deutsches  Recht.  Wie  schon  oben
bemerkt  ist,  fehlt  es  leider  an  einer  besonderen  gesetzlichen
  Begriffsbestimmung  der  Spionage.  Es  kann
jedoch  unbedenklich  die  ältere,  im  Bayerischen  Militärstrafgesetzbuch
  (s.  oben,  A.,  S.  443)  wurzelnde,  Übernommen
  werden.  Sie  erfordert  ein  vorsätzliches  Handeln
  des  Täters  nach  Kriegsausbruch,  das  —  bei  anderer
  Wortsaflun  —  dieselben  Merkmale  wie  Artikel  29.
Abs.  1  der  Landkriegsordnung  aufweist  und  das  Ziel
hat,  das  Erkundete  zum  Nachteil  der  deutschen  Wehrmacht
  dem  Feinde  mitzuteilen.  —  nur  mit  der  Adweichung,
  daß  die  Tat  nicht  auf  dem  Kriegsschauplatz
(Operationsgebie  begangen  sein  muß.  In  der  Wifsenschaft
  wird  das  Merkmal  des  heimlichen  Handelns
vereinzelt  nicht  verlangt.  Doch  ist  daran  festzuhalten;
es  entfericht  der  herkömmlichen  Auffassung  von  dem
Wesen  der  Tat;  nur  so  ist  auch  eine  einigermaßen  zuverlässige
  Ubgrenzung  vom  rechtmäßigen  Kundschafterdienst
  der  Militärpersonen  zu  gewinnen,  der  sich
allerdings  auch  nicht  immer  offen  vollzieden  wird  (vgl.
Kriegslisten  nach  Artikel  24  der  Landkriegsordnung).

Die  Erläuterung  des  Begriffes  Spion  in  Artikel
29  Abs.  2  ist  aber  nicht  ohne  weiteres  zu  übernehmen.
        <pb n="531" />
        Dietz:  Spionage

Strafrecht.

Der  Verschiedenheit  des  völkerrechtlichen  und  innerstaatlichen
  Begriffs  der  Kriegsspionage  enißricht  die
teiweise  verschiedene  strafrechtliche  Behandlung  des
Spions.

A.  Nach  deutschem  Strafgesetzbuch  ist  die  Spionage
eine  Unterart  des  Landesverrats.  Der  Täter  kann
ein  Ausländer  oder  ein  Deutscher  sein.  Nach  §  90
Ziffer  4  und  5  in  Verbindung  mit  8  89  daselbst  besteht
  die  Strafe  in  lebenslänglichem  Zuchthaus,  bei
mildernden  Umständen  in  Festungshaft  nicht  unter
5  Jahren  (neben  Festungshaft  sind  gewisse  Ehrenstrafen
  zulässig).  Das  gilt  zunächst  allgemein  für
Deutsche;  es  gilt  auch  für  Ausländer,  wenn  sie  Spionage
  begehen,  während  sie  sich  unter  dem  Schutze
des  Deutschen  Reiches  oder  eines  Bundesstaates  innerhalb
  des  Bundesgebiets  aufhalten  (§  91  Abs.  2),  im
übrigen  ist  (nach  §  91  Abs.  1)  gegen  sie  -nach  dem
Kriegsgebrauche=  (Näheres  s.  unten)  zu  verfahren.

Diese  verhältnismäßig  milden  Strafbestimmungen
treten  jedoch  regelmäßig  gegen  verschärfte  zurück:

Nach  §  4  des  Einführungsgesetzes  #m  Reichsstrafgesetzbuch
  ist  dem  Spion,  soweit  die  Tat  im  Kriegszustandsgebiet
  begangen  ist,  die  Todesstrafe  anedroht.

  Ann  war  das  ganze  Deutsche  Reich  seit
Kriegebeginn  in  Kriegs-(Belagerungs-)  Zustand  erklärt
  (Kaiserliche  Verordaung.  vom  31.  Juli  1914,
Reichsgesetzblatt.  Seite  263,  Bayerische  Verordnung
vom  31.  Juli  1914,  Bayerisches  Gesetz=  und  Verordnungsblatt.
  Seite  327).  Es  griffen  also  diese
schärferen  Bestimmungen  Platz,  außer  in  den  Fällen,
in  denen  dem  Täter  die  Erklärung  des  Kriegszustandes
  nicht  bekannt  war  (tatsächlicher  Irrtum).
Der  von  Personen  des  deutschen  Soldatenstandes,
Militärbeamten,  Angehörigen  des  Heerestrosses,
Kriegsgefangenen  begangene  Landesverrat.  also  auch
Spionage,  ist  an  sich  nach  den  Vorschriften  des  Reichsstrafgesetzbuchs
  zu  bestrafen  (§  56  des  Militärstrafese#tzbuchs
  in  Verbindung  mit  8  153,  155—  158).
Ver  Landesverrat  im  Felde  wird  aber  unter  Verschärfung
  der  Strafdrohung  zum  Kriegsverrat  erklärt
  (§  57  daselbst).  Der  Begriff  »im  Felde=  ergibt
sich  aus  §  9  des  Militärstrafgesetzbuchs.  Dieses  Gesetz
enthält  besondere  Vorschriften  für  Handlungen,  die
im  Felde  begangen  sind,  sog.  Kriegsgesetze.  Nachdem
durch  Reichsgesetz  vom  25.  April  1917  (Reichsgesetzblatt,
  S.  381)  §  9  Ziffer  2  abgeändert  worden  ist,
gelten  die  Kriegsgesetze  des  Militärstrafgesetzbuchs  und
entsprechend  der  Begriff  im  Feldee  nicht  mehr  im  ganzen
  Deutschen  Reiche,  vielmehr  regelmäßig  nur  im
Operations=  und  im  Etappengebiet  und  im  Meeresund
  Küstengebiet  (Näheres  s.  Allerhöchste  Kabinettsorder
  vom  8.  Mai  1917,  Armeeverordnungsblatt
1917,  S.  283;  vgl.  S.  284,  393  f.;  Bayerische  Allerhöchste
  Entschließung  vom  14.  Juni  1917,  Verordnungsblatt
  des  Bayerischen  Kriegsministeriums,  S.
7190).  Es  gilt  ferner  als  Kriegsverräter  und  wird
mit  dem  Tode  bestraft,  soweit  nicht  minder  schwere
Fälle  vorliegen,  wer  mit  dem  Vorsatz,  einer  feindlichen
  Macht  Vorschub  zu  leisten  oder  den  deutschen
oder  verbündeten  Truppen  Nachteil  zuzufügen,  eine
der  im  §8  90  des  Reichsstrafgesetzbuchs  bezeichneten
Handlungen  —  die  Spionage  fällt  darunter  —  beeht
  (§  58  Abs.  1  Ziffer  1  des  Militärstrafgesetzbuchs).
eiter  ergänzend  greift  §  160  des  Militärstrafgesetzbuchs
  ein.  Danach  trifft  den  Spion  —  Ausländer
oder  Deutscher,  also  auch  Nichtmilitär  —  der  auf  dem

445

Kriegsschauplatz  die  Tat  verübt,  die  Strafe  des
Kriegsverrats  nach  §  58  a.  a.  O.,  also  regelmäßig  die
Todesstrafe.  Hier  ist  an  die  Ausführungen  oben  (B.1,
S.  444)  anzuknüpfen,  wonach  der  Begriff  Operationsgebiet
  im  Sinne  des  Artikels  29  der  Landkriegsordnung
  mit  dem  Begriff  Kriegs  chaupla  Heusammen.
fällt.  Wenn  ausnahmsweise  besetztes  Gebiet  nicht
als  Kriegsschauplatz  zu  gelten  hätte,  so  greift  noch
§  161  des  Militärstrafgesetzbuchs  ein.

Ergänzend  ist  zu  bemerken:

Bei  feindlichen  Spionen  auf  dem  Kriegsschauplatz
—  auch  auf  deutschem  —  ist  die  Erläuterung  des  Begriffs
  Spion  in  Artikel  29  Abs.  2  der  Landkriegsordnung
  bindend  (vgl.  jedoch  unten,  B.).

Deutsche  Spione,  die  im  Ausland,  jedoch  nicht  auf
dem  Kriegsschauplatze,  tätig  waren,  können  nach  §  4
Abs.  2  seer  2  des  Reichsstrafgesetzbuchs  verfolgt
werden,  feindliche  Spione  in  gleicher  Lage  aber  nicht.

B.  Strafaufhebunggrund.  Nach  Artikel  31
der  Landkriegsordnung  ist  ein  Spion,  der  zu  dem
Heere,  dem  er  angehört,  zurückgekehrt  ist  und  später
vom  Feinde  gefangengenommen  wird,  als  Kriegsgefangener
  zu  behandeln  und  kann  für  früher  begangene
  Spionage  nicht  verantwortlich  gemacht  werden.

Dieser  außergewöhnliche  Strafaufhebungsgrund
für  Spione,  die  zu  ihrem  Heere  zurückgekehrt  sind,
wird  auf  einen  althergebrachten  Kriegsgebrauch  zurückzuführen
  sein.  Nur  dem  feindlichen  Militärspion,
  der  auf  dem  Kriegsschauplatze  tätig  war,  also
einem  Heeresangehörigen  im  engeren  Sinne,  kommt
diese  Straffreiheit  zugute,  allerdings  auch  dann,
wenn  er  verkleidet  ausgespäht  hat.  Das  ist  aus  der
Fassung  der  Vorschrift  zu  entnehmen;  es  widerspräche
auch  der  militärischen  Auffassung,  den  nicht  beamteten
Zivilspion,  der  regelmäßig  aus  Gewinnsucht  handelt,
straffrei  zu  lassen,  wie  auch  nicht  angenommen  werden
kann,  daß  dies  jemals  Kriegsgebrauch  gewesen  sei.

Gegen  den  feindlichen  Militärspion,  der  ergriffen
wird,  bevor  er  zu  seinem  Heere  zurückgekehrt  ist,  ist
die  Todesstrafe  zulässig.  Es  ist  nicht  notwendig,  wie
vereinzelt  aus  §  58  Abs.  1  Ziffer  1  des  Militärstrafgesetzbuchs,
  8  89,  90  Ziffer  5  des  Reichsstrafgesetzbuchs
geichlossen  wird,  daß  durch  sein  Handeln  ein  wirklicher

kachteil  für  die  deutsche  Kriegsmacht  entstanden  sei.
Es  genügt  —  entsprechend  der  Fassung  des  Artikels
31  der  Landkriegsordnung  —  das  Unternehmen  der
Spionage;  dem  entspricht  die  zweite  Kaiserliche  Verordnung
  vom  28.  Dezember  1899  über  das  kriegsrechtliche
  Verfahren  gegen  Ausländer  usw.,  wo  in  82
bestimmt  ist,  daß  beim  Einmarsch  in  feindliches  Gebiet
  in  einer  Proklamation  des  Oberbefehlshabers
ausdrücklich  ausgesprochen  werden  solle,  es  habe  die
Todesstrafe  verwirkt.  -wer  es  unternehme,  der
seindlichen  Macht  Vorschub  zu  leisten  oder  den  deutschen
  oder  verbündeten  Truppen  Nachteil  zuzufügene.
Daß  die  Spionage  darunter  fällt,  ist  außer  Zweisel.

C.  Gerichtsbarkeit  und  Verfahren.  Die
Spionage  auf  dem  Kriegsschauplatz  oder  im  besetzten
Gebiete  fällt  nach  §  5  Ziffer  4  der  Militärstrafgesetzordnung
  für  das  Reich  vom  1.  Dezember  1899  unter
die  Militärgerichtsbarkeit,  ganz  allgemein  auch  Spionagehandlungen
  der  aktiven  Militärpersonen  und  der
ihnen  in  bezug  auf  die  Gerichtsbarkeit  gleichgestellten
Personengruppen  (§  I1ff.  der  Pällitärstrafgelehordnung).
  Die  Fälle,  in  denen  die  bürgerliche  Gerichtsbarkeit
  für  Kriegsspionage  zuständig  wird,  dürften
selten  sein  (vgl.  z.  B.  §  4  Abs.  2  Ziffer  2  des  Reichsstrafgesetzbuchs),
  häusiger  dagegen  wird  die  Spionage
        <pb n="532" />
        446

der  Inländer  von  den  außerordentlichen  Kricgsgerichten,
  die  auf  Grund  des  preußischen  Gesetzes  über
den  Belagerungszustand  vom  4.  Juni  1851  (vgl.
§  10)  und  des  Bayerischen  Gesetzes  über  den  Kriegszustand
  vom  5.  November  1912  (vgl.  Artikel  6)  in
einzelnen  Gebietsteilen  des  Reiches  eingerichtet  sind,
abgeurteilt  werden.  Militärgerichtlich  gilt  eine  Besonderheit
  für  den  feindlichen  Spion.

Nach  §  91  des  Reichsstrafgesetzbuchs  ist  gegen  den
ausländischen  Landesverräter  nach  Kriegsgebrauch
zu  verfahren.  Der  Ausdruck  weist  auf  die  unmittelbare
  rein  militärische  Gegenwirkung  durch  Tötung
(Erschießen)  des  Landesverräters  (ohne  gerichtliches
Verfahren)  hin.  Dieser  Kriegsgebrauch  gegen  Landesverräter,
  die  Ausländer  sind,  besteht  noch  heute;
seine  Anwendung  ist  durch  die  zweite  Kaiserliche  Verordnung
  vom  28.  Dezember  1899  über  das  kriegsrechtliche
  Verfahren  gegen  Ausländer  für  das  deutsche
Heer  sicher  gestellt;  er  bezieht  sich  auf  Fälle  des  Ergreifens
  auf  frischer  Tat  (8  2,  18).  Er  träfe  an  sich  auch
feindliche  Spione,  da  diese  unter  die  Kriegsverräter
zählen.  Nun  bestimmt  aber  Artikel  30  der  Landkriegsordnung:
  Der  auf  frischer  Tat  ertappte  Spion  kann
nicht  ohne  vorausgegangenes  Urteil  bestraft  werden.
Durch  diese  Bestimmung  ist  die  sofortige  Tötung  des
feindlichen  Spions  im  Operationsgebiet  ausgeschlossen.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

Dem  trägt  auch  die  erwähnte  zweite  Kaiserliche  Verordnung
  vom  28.  Dezember  1899  in  Verbindung  mit
der  Allerhöchsten  Kabinettsorder  vom  29.  Juni  1916
(Armeeverordnungsblatt,  S.  271)  Rechnung.  Danach
  ist  grundsänlichin  solchen  Fällen  das  außerordentliche
  kriegsrechtliche  Verfahren  gegen  Ausländer  (vereinfacht
  gegenüber  dem  ordentlichen  Verfahren  nach
der  Militärstrafgerichtsordnung)  durchzuführen,  das
in  besonders  dringlichen  Fällen  im  Rahmen  genauer
Anordnungen  noch  weiter  vereinfacht  werden  darf(§18
Abs.  2,  a—  der  zweiten  Kaiserlichen  Verordnung).
Literatur.  G.  Friedemann,  Die  Rechtslage  der
Kriegskundschafter  und  Kriegsspione  (Greifswalder  Disfertation
  1892);  A.  Adler,  Die  Spionage.  Eine  völkerrechtliche
Studie  (Mardurng  1906);  Fuchs,  Das  Spionageverbrechen
(Würzburger  Dissertation  1912);  Conrad,  Kmicgsspionage
((Deuische  Strafrechtszeitung-,  Berl.  1914,  S.  545—552);
Grünwald,  Das  Luftschiff  in  völker=  und  strafrechtlicher
Beziehung  (Hannov.  1910):  Alex.  Meyer,  Die  Luftschifffahrt
  in  kriegsrechtlicher  Beleuchtung  (Frankf.  a.  M.  1912/
Giese  und  Rissom  in  Dietz,  Handwörterbuch  des  Milttärrechts
  (Rastatt  1912)  und  Taschenbuch  des  Militärrechte
für  Kriegszeiten  (3.  Aufl.,  das.  1915);  Chr.  Meurer,  Das
Kriegsrecht  der  Haager  Konferenz  (Münch.  1907);  F.  Stier=Somlo,
  Handbuch  des  Völkerrechts  (in  Einzelbeiträgen,
Stuttg.,  keit  1912);  Th.  Niemeyer  und  K.  Strupp,  Johrbuch
  des  Völkerrechts  (Münch.,  seit  1913).  Weitere  Schrijten
  s.  am  Schluß  des  Beitrages  =  Franktireurwesen  (S.  449).

Franhkhtlireurwesen
von  Kriegsgerichtsrat  Heinrich  Dietz  in  Rastatt,  z.  Zt.  im  Felde

I.  Geschichtliches,  Begriff.

:  Franktireurer  sind  nach  des  Wortes  Bedeutung
freiwillige  Schützen,  die  an  der  Verteidigung  des  Vaterlandes
  teilnehmen.  Die  Bildung  von  Freikorps,
Freischaren  in  früheren  Kriegen  ist  bekannt.  Auch
während  des  deutsch-französischen  Krieges  1870/71
wurden  auf  französischer  Seite  Korps  von  Freiwilligen
  gebildet;  sie  wurden  dem  Heere  angegliedert.
Daneben  traten  aber  vielerorts  Einzelpersonen  oder
kleinere  Gruppen  auf,  die  ohne  Anschluß  an  das  Heer
oder  an  Heeresteile  auf  eigene  Faust  Krieg  führten
und  dem  Gegner  im  kleinen,  meist  aus  dem  Hinterhalt
  oder  in  besetzten  Dörfern,  Abbruch  taten.  Sie
traten  bald  ohne  irgendwelche  Abzeichen  auf  (Landleute
  in  der  blauen  Bluse),  bald  mit  roten  Schnüren  am
Armel,  die  leicht  entfernt  werden  konnten  und,  wenn
ihnen  Strafe  drohte,  entfernt  wurden.  An  dieses  völkerrechtswidrige
  Auftreten  knüpft  der  Ausdruck=  Franktireure#
  (auch  Kriegsrebellene  genannt)  an  und  hat
damit  seinen  üblen  Beigeschmackgewonnen  (vgl.  II.  B.).

Gegen  solche  Franktireure  wurde  in  erster  Linie
nach  Kriegsgebrauch  verfahren;  sie  wurden  nach  Weisung
  des  befehligenden  Offiziers  beim  Betreten  auf
frischer  Tat  erschossen  oder  —  um  auf  die  Haltung
der  Bevölkerung  schärfer  einzuwirken  —  an  Bäumen
der  Landstraße  aufgehängt.  Die  deutsche  Heeresleitung
  verlangte  auf  Grund  des  Völkerrechts,  daß  außerhalb
  des  Heeres  stehende  mitkämpfende  Personen,  wenn
sie  als  kriegführend  gelten  wollten,  folgende  Bedingungen
  zu  erfüllen  hätten:  Eintragung  (nachweisbarc)
  in  die  Listen  eines  organisierten  Korps,  Kenntlichmachung
  durchgleichförmige  militärische  Abzeichen,
die  von  der  Ausrüstung  untrennbar  und  dem  unbewaffneten
  Auge  auf  Gewehrschußweite  sichtbar  sind.

Unter  den  völkerrechtswidrigen  Handlungen,  die
dieser  Weltkrieg  in  erschreckendem  Maße  gebracht  hat,
steht  das  Franktireurwesen  nicht  an  letzter  Stelle.  Es
trat  in  einem  Umfang  auf  wie  nie  zuvor.  Diese  Tatsache
  wird  einmal  dadurch  verschärft,  daß  heute  ganz
klare  Bestimmungen  darilber  bestehen,  wer  als  kriegführend
  zu  gelten  und  daher  Anspruch  auf  kriegsmäßige
  Behandlung  als  Gefangener  hat  (s.  unten,  II.),
ferner  dadurch.  daß  sich  trogz  dieser  völkerrechtlichen  Re  ·
gelung  feindliche  Staaten  nicht  gescheut  haben,  offen
oder  heimlich  das  Franktireurwesen  zu  begünstigen

Verantwortlichkeit,  s.  unten,  III.).  Die  empörenden
orgänge  in  Belgien  sind  in  aller  Erinnerung  (in
Löwen,  Mecheln,  Dinant  und  andern  Orten).  Französische
  und  englische  Zeitungen  forderten  offen  zu  dieser
Art  der  Bekämpfung  des  Gegners  auf.  An  die  Landwehr
  wurden  von  der  Regierung  Waffen  verteilt,  die
leicht  zu  verstecken  waren;  dann  wurde  die  Landwehr
heimgeschickt.  Maschinengewehre  gab  man  an  die  Bür
ger  ab.  Die  Mannschaften  erhielten  bürgerliche  Kleidung,
  um  sie  in  den  Tornistern  mitzuführen,  damit  sie
sich  nötigenfalls  als  einfache  Bürger  ausgeben  konnten.

II.  Geltendes  BVölkerrecht.

A.  Es  ist  von  der  -Ordnung  der  Gesetze  und  Gebräuche
  des  Landkriegs-,  kurz  Landkriegsordnung
(LKO.)  genannt,  auszugehen,  die  dem  Abkommen  der
2.  Haager  Friedenskonferenz  betr.  Gesetze  und  Gebräuche
  des  Landkriegs  vom  18.  Oktoder  1907  als
Anlage  beigegeben  ist  (vom  Deutschen  Reich,  mit  Vorbehalt
  zu  Artikel  44,  ratifiziert,  im  RGBl.  1910.  S.
107,  veröffentlicht).  Dieses  Abkommen  ist  nach  seiner
Ratifikation  für  die  Beziehungen  zwischen  den  Vertragsmächten
  an  die  Stelle  des  gleichartigen  Abkommens
  der  1.  Haager  Friedenskonferenz  vom  29.  Juli
1899  (RGBl.  1901,  S.42  ff.)  getreten.  Ob  in  diesem
Kriege  formell  die  neuere  oder  die  ältere  LK.  zu
        <pb n="533" />
        Dietz,  Franktireurwesen

gelten  hat,  ist  zweifelhaft.  Nach  Artikel  2  des  Abkommens
  von  1907  ist  die  LKO.  nur  zwischen  den  Vertragschließenden
  anzuwenden  und  nur  dann,  wenn
die  Kriegführenden  sämtlich  Vertragsparteien  sind.
Nach  Artikel  4  desselben  Abkommens  bleibt  für  die
Beziehungen  zwischen  den  Mächten,  die  das  ältere
Abkommen  unterzeichnet,  das  neuere  aber  nicht  gleichermaßen
  ratifiziert  haben,  das  ältere  Abkommen  in
Kraft.  Nun  haben  einige  der  zahlreichen  kriegführenden
  Staaten  (Montenegro,  Serbien,  teilweise  die
Türkei)  das  neuere  Abkommen  nicht  ratifiziert.  Doch
scheint  kein  Staat  daraus  rechtliche  Folgerungen  ziehen
zu  wollen,  so  daß  die  tatsächliche  Beachtung  des  Abkommens
  von  1907  gesichert  erscheint.  Für  die  Rechtslage
  der  Franktireure  ist  übrigens  die  Frage,  welches
der  Abkommen  als  gültig  anzusehen  ist,  von  keiner
großen  Bedeutung;  denn  in  der  Begriffsbestimmung
des  -Kriegführenden  verschärft  die  neuere  LKO.  die
Vorschriften  der  älteren  LK  O.  nur  in  einem  Punkte
(Artikel  2  beider  LKO.).

Nach  der  LKO.  von  1907  werden  als  kriegführend
in  dem  Sinne,  daß  die  Gesetze,  die  Rechte  und  Pflichten
  des  Krieges  für  sie  geiten  sollen,  außer  demeigentlichen
  Heere  auch  die  Milizen  und  Freiwilligenkorps
  und  die  Bevölkerung  eines  noch  nicht
besetzten  Gebietes  anerkannt,  wenn  sie  gewisse
Bedingungen  erfüllen:

1.  Freiwilligenkorp's  (Artikel  1  der  LKO.,  auch

der  älteren)  müssen

a)  einen  für  seine  Untergebenen  verantwortlichen
Befehlshaber  an  der  Spitze  haben,

b  ein  bestimmtes,  aus  der  Ferne  erkennbares
Abzeichen  tragen.

e)  die  Waffen  offen  führen,

d)  bei  ihren  Unternehmungen  die  Gesetze  und
Gebräuche  des  Krieges  beobachten.

Es  sind  hiernach  nur  organisierte  Freiwilligenkorps
  anerkannt  (a  und  b).  Das  Ahzeichen  darf  nicht
auf  beliebigen  Wechsel  eingerichtet  sein,  wenn  der  Begriff-Tragen=
  erfüllt  sein  soll.  Der  einzelne  Anehörige

  solcher  Korps  muß  sich  über  seine  Zugehörigeit
  ausweisen  können.

2.  Die  Bevölkerung  eines  nicht  besetzten
Gebietes  (Artikel  2  der  LKO.)  wird  als  kriegführend
  anerkannt:

a)  wenn  sie  beim  Herannahen  des  Feindes  aus
eigenem  Antrieb  zu  den  Waffen  greift,  um
die  eindringenden  Truppen  zu  belämpfen,
ohne  Zeit  gehabt  zu  haben,  sich  zu  organisieren
(vgl.  Artikel  1  a  und  b);

b)  wenn  sie  die  Waffen  offen  führt  (dieses  Erfordernis
  fehlt  in  dem  sonst  entsprechenden

rtikel  2  der  LK  O.  vom  Jahre  1899)  und

e)  wenn  sie  die  Gesetze  und  Gebräuche  des  Krieges
beobachtet.

Die  in  diesem  Kriege  hervorgetretene  Neigung  unserer
  Gegner,  die  ganze  Bevölkerung,  selbst  besetzter
Gebietsteile,  zu  Kampfhandlungen  gegen  das  deutsche
Heer  aufzureizen  (s.  oben,  I.  am  Schlusse),  ruft  die
Erinnerung  an  den  lebhaften  Meinungsstreit  wach,
der  bei  der  Beratung  der  LKO.  im  Haag  über  diese
Frage  entbrannt  war.  Der  damalige  Vertreter  Belgiens,
  Staatsminister  Beernaert,  verlangte  im  Interesse
  der  kleineren  Staaten,  daß  die  schrankenlose  Teilnahme
  der  ganzen  Bevölkerung  des  nicht  besetzten
Gebietes  am  Kampfe  für  zulässig  erklärt  werde.  Es
widersprach  vor  allem  der  deutsche  Vertreter,  Oberst
v.  Schwarzhof;  er  erklärte  die  Teilnahme  der  Ein-447



wohner  des  angegriffenen  Gebietes  ohne  die  vor—
gesebenen  —  und  auch  nachher  angenommenen  —

eschränkungen  für  unannehmbar.  In  der  Tat  sind
auch  diese  Saatrünkanen  (2b  undc)  derartig  milde,
daß  sich  jeder  verständliche  Trieb  des  Widerstandes
genügend  frei  betätigen  kann.

Das  Völkerrecht  ist,  wenn  es  die  Bevölkerung  des
nicht  besetzten  Gebietes  unter  den  bezeichneten  Bedinungen

  (Z2a  —  c)  als  kriegführend  anerkennt,  schon
ehr  weit  gegangen.  Es  ist  selbstverständlich,  daß
scharf  zu  prüfen  ist,  obim  Einzelfalle  die  Bedingungen
auch  alle  erfüllt  sind.  Ist  beispielsweise  ein  feindlicher
Ort  nach  Vertreibung  des  Gegners,  wenn  auch  nur
auf  dem  Durchmarsch,  betreten.  so  handelt  es  sich  um
besegtes  feindliches  Gebiet,  in  dem  der  Widerstand
der  Bevölkerung  nicht  mehr  gestattet  ist.  Die  Bedinung,
  daß  die  Bevölkerung  keine  Zeit  gehabt  zu
guoch  braucht,  sich  zu  organisieren  (1a  und  b  in  Verbindung
  mit  23),  wird  unter  den  heutigen  Verkehrsverhältnissen
  unter  Kulturstaaten  überhaupt  kaum
noch  gegeben  sein  können.

B.  Durch  die  Ausführungen  unter  II.  A.  wird  das
Franktireurwesen  als  eine  den  Gesetzen  und  Gebräuchen
  des  Krieges  widersprechende  eigenmächtige  Kriegführunge
  einzelner  oder  der  Bevölkerung  gekennzeichnet.
Die  Fälle,  in  denen  es  auftritt,  können  ganz  verschieden
  geartet  sein.  Als  Franktireure  im  übelsten  Sinne
erscheinen  die  Landeseinwohner,  die  im  besetzten  Gebiete
  ohne  Zusammenhang  mit  dem  kriegführenden
Heere  und  ohne  militärische  Abzeichen  (oder  mit  solchen.
die  sie  bei  Gefahr  entfernen)  aus  Häusern  und  Verstecken
  schießen  oder  einzelne  schwache  Abteilungen
des  Gegners  oder  gar  Verwundete  überfallen,  verstümmeln
  und  töten.  Zahlreiche  Fälle  sind  alsfranktireurähnliche
  zu  bezeichnen  und  zu  behandeln.
Daß  die  Teilnahme  von  Frauen  an  Kriegshandlungen
  vom  heutigen  Völkerrecht  ohne  weiteres  als
Franktireurart  gebrandmarkt  sei  (ein  außerdeutsches
Blatt  hat  es  behauptet),  trifft  nicht  zu.  Sie  sind  von
der  geordneten  Kriegführung  nicht  ausgeschlossen.
Daß  nur  Männer  Krieg  führen  dürfen,  ist  nicht  bestimmt,
  weder  in  Art.  1  noch  in  Art.  2  (vgl.  das  Wort
Bevölkerunge)  der  LKO.  Soweit  das  Heer  (NArt.  1)
Krieg  führt,  wird  freilich  an  der  äußeren  Erkennbarkeit
  des  Soldaten  durch  die  Uniform  als  der  Voraussetzung
  für  die  Zugehörigkeit  zum  Heere  festzuhalten
sein.  Doch  sind  Ausnahmen  denkbar.  In  Serbien
haben  verein  zelt  Frauen  in  der  Schützenlinie  mitgekämpft.
  Man  hat  sie,  weil  sie  erkennbar  sich  dem
Heere  angeschlossen  hatten,  als  kriegführend  behandelt.
Jedenfalks  läßt  sich  aber  sonst  weder  in  den  einzelnen
noch  in  der  nicht  organisierten  Masse.  die  bald  die
Waffe  führt,  bald  die  friedliche  Bevölkerung  darstellt,
die  vollends  gar,  was  die  Regel  sein  wird,  auch  sonst
in  der  Art  der  Kriegführung  die  überkommenen  Gebräuche
  mißachtet,  ein  Feind  sehen,  der  völkerrechtlichen
Schutz  verdient.  Beachtenswert  hierzu  sind  die  Worte
des  Generalfeldmarschalls  Grafen  Moltke:

*Kein  auswendig  gelernter  Paragraph  wird  den
Soldaten  überzeugen,  daß  er  in  der  nicht  organisierten
  Bevölkerung,  welche  spontanement  (also  aus  eigenem
  Antrieb)  die  Waffen  ergreift  und  durch  welche
er  bei  Tag  und  bei  Nacht  nicht  einen  Augenblick  seines
  Lebens  sicher  ist,  nicht  einen  regelrechten  Feind
zu  erblicken  hatt.=1

  Brief  an  IJ.  K.  Bluntschli  zu  dessen  Handbuch  ?  Die  Gesere
des  Krieges  zu  Lander,  12  zu  S.  43.
        <pb n="534" />
        148

III.  Abwehrmaßregeln.

A.  Maßregeln  unmittelbar  gegen  Franktireure.


Einen  Anspruch  darauf,  wie  ein  ehrlicher  Soldat
als  Kriegsgefangener  behandelt  zu  werden,  hat  der
Franktireur  nicht.  Er  wird  entweder  nach  Kriegsgebrauch
  behandelt  oder  nach  Kriegsgebrauch  und  besonderen
  strafgesetzlichen  Vorschriften  bestraft.

1)  Verfahren  nach  Kriegsgebrauch.  Der
kriegsmäßigen  Behandlung  sind  nur  Ausländer,  nicht
Angehörige  des  Reiches  unterworfen.  Der  auf  dem
Kriegsschauplatz  (dieser  umfaßt  auch  das  besetzte  Ge.
biet  im  Kriege)  auf  frischer  Tat  betroffene  Franktireur
wird  (soweit  er  nicht  schon  durch  reine  Kampfhandlungen
  unschädlich  gemacht  ist)  auf  Anordnung  des
befehligenden  Offiziers  nach  Kriegsgebrauch  behandelt,
d.  h.  er  wird  erschossen  (unter  Umständen  auch  ausgehängt).
  Er  gilt  als  auf  frischer  Tat  betroffen-,  wenn
er  unter  Umständen  ergriffen  wird,  die  nicht  nur  einen
Verdacht  begründen,  sondern  den  Tatbestand  des  Verbrechens
  ohne  weiteres  klar  erlennen  lassen  (vgl.  die
zweite  Kaiserliche  Verordnung  vom  28.Dez.  1899  Über

as  kriegsrechtliche  Verfahren  gegen  Ausländer  usw.,
8  18;  in  ihrer  Neufassung  enthalten  in  Dietz,-Militärrechtspflege
  im  Kriege-,  Sammlungvon  Kriegsgesetzen,
Verordnungen  usw.,  1917,  Nr.  26).  Wenn,  wie  es  vereinzelt,
  besonders  im  Osten,  gelbt  worden  ist,  diesem
Kriegsgebrauche  eine  Art  abgekürzten  gerichtlichen  Verfahrens
  (Anhörung  von  mehreren  Soldaten,  Schuldspruch.
  schriftliche  Aufzeichnung  des  Falles)  voraufgeht,
so  wird  dadurch  an  dem  Wesen  der  reinen  Kriegshandlung
  nichts  geändert.  Notwendigist  das  voraufgehende
Urteil  nicht  (anders  beim  Spion,  s.  S.  446).  Das  sofortige
  Erschießen  ist  fester  allgemeiner  völkerrechtlicher
Grundsatz  und.  was  betont  sein  soll,  auch  preußischdeutscher
  Kriegsgebrauch.  Vgl.  auch  §  91  RStGB.

2)  Bestrosung  nach  Kriegsgebrauch.  Der
nicht  nach  Kriegsgebrauch  behandelte  Franktireur  kann
in  dem  abgekürztien,  durch  die  zweite  Kaiserliche  Berordnung
  vom  28.  Dezember  1899  näher  geregelten  feldgerichtlichen
  Verfahren  gegen  Ausländer  nach  Kriegsgebrauch
  bestraft=  werden.  über  die  Zulässigkeit  einer
derartigen  Verurteilung  nach  Kriegsgebrauch,  also
ohne  Anwendung  bestimmter  materieller  Strafgesetze,
berrschten  während  des  Krieges  noch  lange  Zweifel.
Doch  hat  sich  die  Strafe  »nach  Kriegsgebrauch=  durchgesetzt.
  Die  Begründung  muß  das  Wesen  des  Kriegsgebrauchs
  und  gleichzeitig  Wesen  und  Inhalt  der  obersten
  Befehlsgewalt  des  Kaisers  klarlegen.  Der  Begriff
des  Kriegsgebrauchs  ist  wandelbar.  Erumfaßteinmal
die  Grundregeln  des  Bölkerrechts,  die  bei  der  Kriegführung
  zu  beachten  sind.  vor  allem  die  unter  gesitteten
Völkern  bestehenden  Gebräuche,  wie  sie  sich  aus  den  Forderungen
  der  Menschlichkeit  und  des  öffentlichen  Gewissens
  ergeben  (vgl.  Einleitung  zum  Haager  Abkommen),
  sonach  Beschränkungen  in  der  Kriegführung.
Er  umfaßt  aber  notwendig  auch  die  Befugnisse,  die
von  der  Militärgewalt  kraft  ungeschriebenen  Völkerrechts
  beansprucht  werden  müssen,  wenn  der  Kriegszweck,
  Wahrung  der  eigenen  Machtstellung  und  Niederzwingung
  des  Gegners,  erreicht  werden  soll.  Dazu
gehören  auch  die  materiellen  Normen,  nach  denen
gegen  feindliche  Ausländer  eingeschritten  werden  soll.
Ihr  Inhalt  wird  nach  eigenem  Kriegobedürfnis  bestimmt.
  Die  Befehlsgewalt  des  Kaisirs  im  Kriege:

1  Reichsverfassung  Artikel  68  Mbf.  1,  Artikel  64  Abs.  1;  für
Bayern  s.  Versailler  Vertrag  vom  23.  Nov.  1870,  III  #l5  Adf.  1.

V.  Recht  und  Volkswirtschaft

ist  unbeschränkt.  Aus  dem  Imperium  fließt  nicht  nur
die  vollziehende,  sondern  auch  die  gesetzgebende  Gewalt
gegenüber  dem  unterworfenen  Feind.  Durch  Befehl
des  obersten  Kriegsherrn  ist  nun  die  Anwendung  des
Kriegsgebräuchs  neben  dem  Gesegz  ausdrücklich  voreschrieben
  worden;  vgl.  den  §  18  der  erwähnten  zweien
  Kaiserlichen  Verordnung  vom  28.  Dezember  1899
und  §  2  daselbst:  =  die  Anwendung  der  nach  den
Gesetzen,  nach  dem  Kriegsgebrauch  oder  infolge
besonderer  Verordnungen  der  dazu  ermächtigten  Befehlshaber
  verwirkten  Strafen  erfolgt.  ferner:
daß  alle  nicht  zu  den  Truppen  gehörende  Personen,
einschließlich  der  Zivilbeamten  der  feindlichen  Regierung,
  die  Todesstrafe  verwirkt  haben,  wenn  sie  es
unternehmen,  der  feindlichen  Macht  Vorschub  zu  leisten
  oder  den  deutschen  oder  verbündeten  Truppen
Nachteil  zuzufügen  .«.

Sonahhtt  der  Kriegsgebrauchnicht  nurreine  Kriegshandlung
  (über  die  Prozedur  s.  III.  A.  1),  er  ist  auch
zu  einer  materiell-strafrechtlichen  Quelle  erhoben,  die
gleichberechtigt  neben  dem  Gesetze  steht,  ja  dem  Gesetze
vorgeht,  wenn  der  Kriegszweck  und  die  Sicherheit  des
Heeres  es  erfordern.

Die  Strafe  nach  Kriegsgebrauch  gegen  den  Franktireur
  wird  grundsätzlich  die  Todesstrafe  sein.

3)  Bestrafung  nach  den  Gesetzen.  Außer  Bestrafung
  des  Franktireurs  nach  Kriegsgebrauch  ist
Strafe  wegen  Mordes  (vgl.  RStGB.  8  4  Absatz  2
Ziffer  3)  und  wegen  Kriegsverrats  nach  MSte##.
g  160,  58,  bes.  Ziffer  8  (betrifft  den  Kriegsschauplatz),
ferner  nach  MStGB.  8#161  (betrifft  besetztes  Gebiet,
das  jedoch  regelmäßig  als  Keiegsschauplat  gelten
wird)  denkbar.  Auch  durch  besondere  Verordnungen
der  vom  Kaiser  ermächtigten  Militärbefehlshaber
können  materiell-strafrechtliche  Normen  geschaffen
werden,  unter  die  Handlungen  der  Franktireure  oder
franktireurähnliche  Handlungen  fallen.  (Verfahren
auch  hier  nach  der  zweiten  Kaiserlichen  Verordnung
vom  28.  Dezember  1899;  Verordnungsrecht:  §  3,
Ziffer  2  daselbst,  Allerhöchste  Kabinektsorder  vom  22.
November  1916,  dazu  zahlreiche  ergänzende  Erlasset.

B.  Maßregeln  gegen  den  feindlichen  Staat
alssolchen.

Zur  Frage  der  Verantwortlichkeit  einer  Kriegspartei
  für  Handlungen  der  Franktireure  können  herangezogen
  werden

ltrtikel  3  des  Haager  Abkommens,  wonach  eine
Kriegspartei  für  alle  Handlungen  verantwortlich  ist.
die  von  den  zu  ihrer  bewaffneten  Macht  gehörenden
Personen  begangen  werden  (bezüglich  der  Franktireure
  läßt  sich  einwenden,  daß  diese  nicht  zur  bewaffneten
  Macht  zählen  und  daß  die  Vertragsstaaten
auf  ein  Eingreifen  zu  ihren  Gunsten  von  vornherein
verzichtet  haben);

Artikel  22  der  LKO.  gibt  den  Kriegführenden  kein
unbeschränktes  Recht  in  der  Wahl  der  Mittel  zur  Schädigung
  des  Feindes;

Artikel  23  der  LKO.  untersagt  unter  anderem  die
meuchlerische  Tötung  von  Angehörigen  des  feindlichen
Volkes  oder  Heeres.

Soweit  Franktireure  aus  eigener  Entschließung
unbeeinflußt  von  verantwortlichen  Stellen  der  eigenen
oder  verbündeten  Regierungen  handeln,  wird  sich
auch  aus  Artikel  22  und  23  deren  Verantwortlichkeit

1  Enthalten  in  Dietz,  =  Militärrechtapflege  im  Krieges,  II.  und
XII.  Abschnitt  (Nastatt  1917).
        <pb n="535" />
        Dietz:  Franktireurwesen

nicht  ableiten  lassen.  Wohl  aber  ist  sie  ohne  weiteres
festzustellen,  wenn  Regierungen  der  feindlichen  Staaten
  offen  oder  heimlich  zum  Kriegsrebellentum  anreizen
  oder  es  in  irgendeiner  Weise,  sei  es  auch  nur
durch  Duldung  begünstigen.  Im  Grunde  hdigt
der  feindliche  Staat  damit  auch  sein  eigenes  Volk;
denn  daß  unter  der  Abwehr  auch  Unschuldige  mitleiden
  mülssen,  liegt  auf  der  Hand.  Die  Begünstigun

von  Franktireurhandlungen  in  diesem  Kriege  hurc
unsere  Feinde  (s.  oben,  I.)  kann  nicht  verwundern  sie
haben  ja  alle  mühsam  zus  ammengetragenen  Bausteine
des  Völkerrechts  umgeworfen  oder  erschüttert.  Die
deutsche  Regierung  hat  wiederholt  anläßlich  der  völkerrechtswidrig
  begünstigten  Teilnahme  belgischer,
französischer  und  russischer  Bevölkerung  an  Kampfhanblungen-
  heimtückischen  Uberfällen  und  Grausameiten
  an  Wehrlosen  die  feindlichen  Regierungen  verwarnt
  und  scharfe  Gegenmaßnahmen  angedroht.  Doch
scheinen  sich  diese  mehr  in  der  unter  C.  angedeuteten,
den  Einzelfällen  angepaßten  Richtung  bewegt  zu  haben.

C.  Maßregeln  gegen  Gemeinden.

Nach  Artikel  50  der  LKO.  darf  keine  Strafe  in  Geld
oder  anderer  Art  über  eine  ganze  Bevölkerung  wegen
der  Handlungen  einzelner  verhängt  werden.  für  welche
die  Bevölkerung  nicht  als  mitverantwortlich  angesehen
werden  kann.

Bei  Franktireurhandlungen  innerhalb  oder  in  der
Nähe  von  Gemeinden  besteht  gar  kein  Anlaß,  den
Begriff  der  Verantwortlichkeit  enge  auszulegen.  Eine
Gemeindepolizei,  die  ernsthaft  die  Gemeinde  und  ihre
Angehörigen  möglichst  vor  Schaden  bewahren  will,
wird  derartigen  völkerrechtswidrigen  Ausschreitungen
regelmäßig  vorzubeugen  wissen  (durch  Belehrung  der

449

Bevölkerung.  strenge  Verwarnungen.  polizeiliche  Sicherungsmaßnahmen
  u.  dgl.).  Die  Mitverantwortlichkeit
  wird  auch  durch  Verbergen  oder  Verheimlichen
der  Täter,  durch  Unterlassung  der  Anzeige  geplanter
Verbrechen,  Nichtbefolgung  der  vom  besegeuen  Heere
angeordneten  Sicherungsmaßnahmen  oder  ihre  ungenügende
  Ausführung  begründet.

Die  Abwehrmaßnahmen  derdurch  Franktireurhandlungen
  betroffenen  Kriegspartei  werden  sich  nach  den
allgemeinen  und  örtlichen  militärischen  Bedürfnissen
zu  richten  haben.  Anstifter  und  Begünstiger  haften
wie  die  Täter  selbst.  Geldbußen  sind  regelmäßig  als
Strafen  aufzufassen.  Vorbeugemaßnahmen  sind  völkerrechtlich
  unbeschränkt.  Von  Abwehr=  und  Sicherheitsmaßnahmen
  seien  genannt:  Die  Zerstörung  von
Häusern  und  Ortschaften,  Geiselnahme  (sie  trifft  vor
allem  die  angesehenen,  einflußreichen  Bürger  Entfernung
  der  Einwohner  aus  ihren  Gemeinden,  deren
Bewachung  an  gesichertem  Orte  oder  überführung  in
Schutzhaft,  Abführung  nach  dem  Inland.  Diese
militärpolizeilichen  Maßnahmen  gehen  von  den  höheren
  Kommandoführern  kraft  der  ihnen  über  die  feindlichen
  Untertanen  zustehenden  Gewalt  aus.  Vgl.  §  19
der  zweiten  Kaiserlichen  Verordnung  vom  28.  Dezemer

  1899.

Literatur.  F.  v.  Liszt,  Das  Völkerrecht  (Berl.  1915);
A.  Zorn,  ##  zu  Lande  (das.  1906);  K.  Endres,
Völkerrechtliche  Grundsätze  der  Kriegführung  (das.  1009);  C.
Rissom  in  Diegz,  Taschenbuch  des  Militärrechts  für  Kriegseiten

  (3.  Aufl.,  Anl.  VII,  Kastatt  1915);  Dambitsch,
ranktireurs  (2  Deutsche  Varssienzeitung-,  Berl.  1914,  S.
1096);  Friedmann,  Kommandogewalt,  Kriegsgebrauch  u.
Strafgewalt  (als  Manuskript  gedruckt  in  St.  Quentin  1915);
A.  Romen  und  C.  Rissom,  MStGB.  (2.Aufl.,  Berl.  1916).
Bgl.  auch  die  Lieraturangaben  zu  Art.  Spionage-,  S.  446.

Der  Krieg  19146/17.  U.
        <pb n="536" />
        S#bkehrschein  401.
Ablaincourt  218.
Absolutismus  (England)  40.
Abwehrmaßregeln  (gegen  Franktireure
Adamellogruppe  99.  102.  (447  ff.
Adelsverein,  deutscher  13.
Adria  118.  129.  257.
Adriagebiete  37.
Adrianopel  64.  79f.
—  (englische  Kolonien)  44f.
i

*mrm.-  ####-  118.  127.  129.
Agram  25.
prargeset,  russisches  440  f.
Agrarpolitik,  russische  438  ff.
Agrarwirtschaft,  russische  427  ff.
Agypten  63.  65.  126.  387.

äba  134.
Klandsfrage  86.
Mandsinseln  108.  256
Albanien  60.  122f.
Algerien  120.
Alldeutsche
Alldeutscher  —  ’“  5.
All  India  Moslem
Alpen  (als  Kriegsschaupla  x  "n.
rbrtPl  beutsches  227  fl  .

Altissimo  103.

Alto  Adige  36.

Ampezzotal  104.

Anatolien  133.

Ancona  122.  257.

Ancre  213.  215.  219ff.

Andrangskurve  (Arbeitsmarkt)  390.

Andrangsziffer,  Jastrowsche  389  f.

Angehbrige  (von  Mobilisierten)  407.
—  (neutraler  Staaten)  413.

Angestelltenausschüsse  401.

Anrivari  179.

Antwerpen  4.

Appam,  britischer  Dampfer  260.

Arabien  63f.  65.

Arabisches  Meer  63.

Arabische  Sprache  67.

Aras-#fu  (Araxes)  137.

Arbeiterausschüsse  401.

Arbeitergese  gebung.  Flch  441  f.

Arbeiterpolilik,  russische  44

Arbeiter=  und  Eushuchertan.  gW.  399.

Arbeitslosenunterstützung  Zaff.

Arbeitslosenzissern  304.

Arbeitslosigkeit  390  f.  393f.

Arbeitsmarkt  (und  Arbeitsnachweis)

Arbeitsmarktanzeiger  388.  388f.

Arbeitsnachweise  388  ff.  409.

Arbeitsvermittlung  409.

Ardanutsch  137.

Arges  232f.

Armenien  65.  136f.

Armenier  68.

Armierung  (Festungs-)  291f.

achnen  Stra-  Straußenbura,  österr.=  ungar.
eneral

Aseptil  —

Register.

M#uith  7.
Astacher  Platean  103.
Asthetismus  377.
7*“t  123.
Aufmarf  bene  Iung.  We.

usent,  f.  -

chwitz  S#n  28.  31.

Außenhandel,  englischer  436f.

Ausspäherdienst,  englischer  341.

Anustralien  46  f.

Autonome  Länderverwaltung  (Österreich-Ungarn)
  24.

amtonomich  nationale  321.

Ltenomieforderung  (für  Werschtiroh

anss  ur  Walb  von  195.

Baba  Ludowa,  s.  Ludowa.

——  138  .

Baghdabbahn  63.

balance  of  power  173.

Balkan  76.

Balkankomitee  78.

Balkankriege  1912—13:  69.  78fr.

Balkanprobleme  57  f.

Balkanzug  179.

Balten  387.

Baltische  Lande  3.

Baltischport  111.  256.

Balujeff,  rusfsischer  General  199.

„Bande  Mataram  48.

Braume  6  Kreuzer  245.
ralong,  britischer  —

Baranowitschi  208ff.

Barcelona  120.

Barleux  214  f.

Bara  v

Batocki,  v  tscher  Staatsmann  182.

Bauchverwundungen  304.

Bauernbefreiung  (in  Rußlanb)  430f.

Bauernbund,  deutscher  5.

Baumwolle  125.  351.  435.

Bayerisch-Tirol  38.

Bazentin-Le-Petit  216.

Beatty,  engl.  Admiral  192.  250.  255.

Befestigungsbauten  289ff.

Befestigungsgruppen  289f.

Befreiungskrieg  (Friedensschlüsse)  96.

Beirut  125.

Beleuchtungsmittel  274.  279.

Belfort  4.  (385.  414.

Belgien  4.  7.  75.  168  f.  316.  326.  334f.

Belloy  215.

Below,  Otto  v.,  General  220.

Beltsee  106f.

Benedikt  XV.  365ff.

Rengalen  44.  48.

Bereczker-Gebirge  141.

Berichterstaner  383.

Berlin  -  Baghdad-Programm  75.

Beschäftigtenziffern  391.

Leschlagnahme  40.

Beßarabien  83.

Bethincourt  198.

Beutesammelstellen  263.

Blaches  214  .

Bill  of  righie  41.
Binmenkarst  101.
Birkenhead  244.

Biserte  126f.

Bismarck,  Mirk  13.  o3f.
Biftrißatal  141.
Bitolja,  s.  Monastir.
Boddenküsfte  109.
Bodzapaß  141.

Böhmen  22.

Bojaren  82.

Böne  126f.

Bora  101.  130.
Bosnien  25.  59f.
Bosporus  56.  61f.
Botha,  General  44f.
Bottnischer  Mee  107  f.  111.  114.
Bouchavesnes  219
Soloc  246.

Brila  235.
Brandtal,  s.  Brentatal.  88.
Bratianu,  rumän.  Mini
Hermen.,  deutscher  Kleiner  Krenzer

Sn,  Brentatal  103.  205.
Briand,  franz.  Staatsmann  174.
Briefrar  (der  Euglänber)  337.
Briey  196.

Brindist  118.  122.

Britisch-Ostafrika  45.  362
—  -Südafrika  45.  362
—  Westafrika  45.

—  Weseindien  46.

British  War  Mission  343.

Brotgetreide  352.

Brückenbau  275ff.

Brückentrains  273.

Brussilow,  rusf.  General  181.  206.

Buchenstein  104.

Butarest  232.  247  a
—  Friede  von  58f.  143.

Bukowina  28.  210.

Bulair  133.

Bulgaren  77.

Bulgarien  123.  221.  340.
Balkanprobleme  58f.  61.
Bevölkerung  77.

Geschichte  77  ff.
Kriegeliteratur  383.
Kriegsschauplatz  143.
Kultur  321.
Mitteleuropäisch-türk.  Block  74  f.
Verfassung  77.

*88  der  Iwuzriiellen  5.

—  der  Landwirte  5.

—  deutscher  Frauenwereine  348.

Buntbücher  380.

Burenbewegung  1914:  4f.

Hürferliches  ghrhkuch  (  .)  405  f.
urian  v.  Rajecz,  österreichisch=  umgar.
Staatsmann  193.  *

Burzenland  140.

Buzen  234.
        <pb n="537" />
        Caillette-  Walb  198.

Camp  des  Romains  196.

oant

Cap  212.

Capelle,  v.,  Admiral  180.

Carbonari  (ital.  Geheimgesellchafth  36.

Carol,  König  von  Rumänien  83

Cartagena  120.

Cattaro  122.  258.

Cetinje  179.

Ceuta  126.

Charakter  (und  Kultur  der  Kriegrenden)

  815fff.

lnes  218.

iesetal  102.

ina  91  ff.  179.  364.

kruree  (Kriegs-)  300  f.

arünnig  PfF  Wr  Ministerpräsident

  30

CTer#  219.

Col  di  Lana  203.

Combles  219.

Combres  196.

Condino  102.

Confirmatio  Chartarum

Conta,  v.,  deutscher  —  210f.

Contalmalson  216.

Copadin  223.

Corriere  della  Sera  334.

Cötes  Lorraines  196f.

Craiova  232.

Cristallo,  Monte  104.

Crompton,  Leutnant  z.  See  248.

Csiker  =  Gebirge  141.

Cumieères  =  Wald  195.

Curia  regis  40.

Cypern  65.  119.  125.

Czernin,  Kras,  österr.=  ungar.  Staatsmann
  193.

Czernowitz  183.

Dalmatien  38.
Dänemark  87.  386f.

Danzig  110.
Darschellen  lt.  118.  131  ff.  258f.
Dardanos  131
Darowo  209.

Deal  244.
Decken,  Freiherr  Klaus  von  der  13.
Dede  Ugatsch  60.  123.  148.
Delbillest  Wand  217.
s  vom  8.  Jull  1915  (Kriegsziele

—  zum  Unterseebootkrieg  8.  150ff.
Depeschenraub  (der  Engländer)  337.
Depressionsgebiete,  politische  325.
Derestowatahbhen  211.
Deutsche  (in  Galtzien)  16
Deutsche  Erziehung  354  ff.
—  Kolonialgesellschaft  10.  14.
—  Organisation  (im  r*  350  ff.
Deutscher  Bauernbund  5
—  Bund  22.

—  —  gegen  die  Frauenemanzipation
—  Flottenverein  10.  (346.
—  Orden  54.

Deutschland:

Balkanprobleme  61.
riedensangebot  164ff.
olonialpolitik  12  ff.

Kriegsliteratur  381ff.

Kultur  316ff.

Mitteleuropäisch-türk.  Block  74.  76.

Notenaustausch  mit  den  Vereinigten
Staaten  151

ff.
Schutzrechte,  gewerbliche  416ff.

Register

-eutschland.,  Unterseehandelsschiff

Dleenaonaler  Fausschuß  für  einen
ehrenvollen  Frieden

Deutsch  -Neuguinea  |#  "

—  „Olwfrit  14  ff.  45.  147  f.  361.

—  —  14ff.  45.  147.
361  f.  364.

".
Deusschlch  schweizerische  Gesellschaft  85.
private  406ff.
Dktaturor#granh  h  18.
Dimitrijeff,  bulgarischer  General  79.
Doberdo,  goczere  von  105.
Dobritsch  142.  221.
Dobrudscha  58.  80.  83.  123f.  142fs.
221  ff.  232.
Dodekannes  65.  69
Dokumente  (zum  Kriegsverlauf)  150  fl
Dolomiten,  Südtiroler  100.
Dolomitenstraße  104.
Donau  62.  124.  234.
Donau=  Armee,  deutsche  230.  232ff.
Donaukommission  81.
Douaumont  194.  197f.
Dover  244f.
Dreizehn  Gemeinden,  s.  Trebici  Tommuni.

Drei  Zimen  104
Dryswjath  -  See  201.
27½  ,  s.  Heiliger  Krieg.
Dum  umgescho  e  306.
Dünamünde  Hoe.  14.  256.
Duntirchen  244.
Durazzo  180.  257.
Durchschüsse  301.

Eichhorn,  v.,  General  200f.
Erberusingtaussc#m  401.
Einheitswerk
Ei  enbahndirettonen  (Militär-)  297f.
Eisenbahnen  266.  294  ff.  435.
Eisenbahnsperren  278f.
Eisenbahnwesen  263
Eisenerz  350.

El  Ari  656  134.  (253.
„  Elbing,  deutscher  Kleiner  Kreuzer
Elfer  Kogel  104.

El  Kantära  134.

Elsaß  16  f.

Franzosentum  19f.

Französierung  18.

Geschichte  17f.

Parrikularismus  20f.

Verfassung  18.

Verwaltung,  deutsche  18f.

Wirtschaftsleben  19.

Emanzipation  (der  Frauen)  344  .
England:
Vallanprobleme  57.
delsstellung  430  ff.
apan,  Bündnis  mit  90.

Kampfmetboden  335  f.

Kolonialreich  im  Kriege  42  fl.

Kriegsliteratur  384.

Kriegsziele  326f.

Kultur  316  f.

Ostasienpolitik  90.

Presse  330  f.

Schutzrechte,  gewerbliche  415.

Verfassungs=  und  Verwaltungsgeschichte

  40  fl.

shalinis  zur  Türkei  63f.

Voltzwirtsahat  423ff.
Entschädigungsgesetze  420.

Enver  Pascha,  türk.  Staatsmann  69.
Epirus  (Nord-)  123.

451

Erkenntinistheorie  312f.

Ernährungskommissar  353.

Erotismus  377.

Erzerum  137.  129.

Erzeugungsserderung  353.
Erziehungswesen,  deutsches  354.  356f.

Erzinghian  137.

Estland  3.

Etappenwesen  261ff.

Ethik  314.

Euph

Evangelische  Mission  361ff.
Ewert,  russi  7  General  181.
Exotismus  3  77.

Fabeck,  v.,  General  193
lenhayn,  v.,  General  227  ff.  282.
allwinde  130.
alzaregopaß  104.
anarioten  82.
assatal  104.
tfeuerwafssen  285  f.
ldbahnen  267.  299.
ldpostdienst  263.
ldtelegraphie  263.
luniform  294.
obosia  124.
rdinand,  König  von  Bulgarien

—  König  von  Rumänien  84.

2—  246.
örderbahnen  (Etappenwesen)  267.
rositische  Geschlechter  37.  38.
oureaux-Wald  216.
rankfurter  Frieden  95.
—  Nationalversammlung  39.
Frankreich  4.  325.  327.
Balkanprobleme  57.
Kriegsliteratur  384  .
Kultur  315f.
resse  332f.

3  ewerbliche  415.
Shercchee  ast  425  ff.
ranktireurwesen  43  (191.
ranz  Joseph  I.  6aiser  von  OÖsterreich
——“—“.  Französierung  (Elsaß)

nsib  be  (und  der  Krieg)  344  fl.
rauenbewegung  345  f.  349.
rauenemanzipation  348.
rauenfrage  344.  348.  349.
:Frauenlob,  deutscher  Kleiner  Kreuzer
  252.
rauenwertstätten  (1848)  402.
iheit  der  Meere  5.  6.  173f.  336.
ilofel  105.
rimurer  325.

reiwilligemkorke  4.
remdvölker  (.  beneliternn  387.
        <pb n="538" />
        452

Friebensangebot  der  Mittelmächte  164.
Ablehnung  durch  die  Entente-Staaten
  167ff.
Aufruse  Kaiser  Wilhelms  165.  168.
Note  der  Entente  an  die  Bereinigten
Staaten  170  ff.
—  der  Bereinigten  Staaten  an
Deutschland  165  f.
Noten  der  Mittelmächte  an  den  Papft
und  die  Neutralen  165.  168  ff.  366.
Parlamentsreden,  feindliche  174fl.
Wilsons  Bosschaft  an  den  amerikanischen
  Kongreß  172ff.
Friedensverhandlungen  (und  Friebeneschlüsse)
  93  ff.
Friedrich  Wilhelm,  Kurfürst  von  Brandenburg
  12f.
—  —  Prinz  von  Hessen  222.
Hunchal  248.
or#susciti  38;  vgl.  Forositische  Geschlechter.


Gelich:  Keus.  Galitsch)  28
Galizien  4
Bnerlil.  26f.
Deutschtum  27.
Geschichte,  politische  27ff.
Polnische  Frage  26  ff.  128f..
Proklamation  vom  5.  Nov.  1916
Sonderstellung,  politische  29f.
Wirtschafteleden  26.
Gallipoli  131  f.  258.
Gallischer  Bund  327.
Gardasee  (Gartsee)  102f.
Gasbrand  (Gasgangrän)  801.

.  Ghaza.
rauchsmusterrechte  416.
9  angene  263.
Gelähe,  Verletzungen  der  306.
„  Geist  von  1914=  319.
Genua  121.
Gerard,  ameritan.  Botschafter  342.
Ge  7  404.—
ichte  des  Krieges  (Literatur)  384;
Kriegsgeschichte.
t  s  Bekämpfung  der
(im  Heere)  4
Geschosse  Ialhere,  281  f.
Gesellschaft  für  deutsche  Kolonisation
Gewehr  279ff.  14.
Lrwersscheften  393ff.
Ghaza  13
Gibraltar,  z  von  117.  127.
Ginchy  219.
Gjewgieli  144.
Se  (Schußver  ungen  7#5
Goldene  Horde  von  Kiptschak  52
Goldtüste  13.
Goltz,  Frhr.  v.  d.,  Feldmarschall  181.
Goremnkin,  rusf.  Staatsmann  179.
Görz  38.  ioi.  105.  186.
Göteborg  112.
Graue  Liste  338.
Great  Yarmouth  244.  246
»Greif«,  deutscher  Ochete•her  260.
Erenzabtommen,  türkisch-bulgar.  64.
Greuelfeldzüge,  englische  340.

Grie  hechen  n  68.

Griechenland  58.  600b  123.  183.  186.
189.  204.  340.  38

Groener,  ereral  8

Großbritannien  Lsie  England

Großrussen  2.  5

Großrussentum  ii

»Grune  Bewegung«  (Siebenbürgen)

Guerre  Sorzialo  332.  5

Gueudecourt  219.

Guillemont  219.

Register

Gyvergyögebirge  140f.
Gyimespaß  141.

aager  Abkommen  412f.
fringe  256.

Haiderabad  49.
Halitsch  (Galitsch),  Fürstentum  28.
halsschußverletzungen  303.
handel  (der  Neutralen)  414.
handelskrieg,  englischer  335  f.  338f.
—  verschärfter,  zur  See  150ff.
handelspolmit  382.  384  f.  430  ff.  438.
handelsschiffahrt,  englische  433f.
handelsschiffban  #i  England  43.
handelss  46  Bewaffnung
handfeuerwassen  Noff.  u
hangb  111.
Hansabund  5.
hardaumont  198.
hardcourt  215f.
hardinge,  Lord  48.
hargitagebirge  140.
Harmsworth,  A.  C.,  engl.  Zeitungsverleger
  330  f.;  vgl.  rideliffe.
Hartlepool  246.
Harwich  244  fl.  (181.
Haus,  Anton,  österr.-ungar.  Admiral
Hauserziehung,  deutsche  357  f.
Hedschasbahn  65.
Heeresversorgung  261.  268.
Heiliger  Krieg  71  f.
Helgoland  252.
Helsingfors  111.
Hermannstadt  227  f.
Herzegowina  25.
Herzschüsse  303.
*éßme  vaterländischer  W’ie
Hilfsdien  igese  401.  186
Hindenburo,  v  h  eralseldme  el
Hindu  48  50.
Hipper,  v.,  Vizeabmiral  249ff.  252.
Hiruschüss  e  301f.
Hissarlik  132.
Höchstpreispolitik  352.
„Höhe  304.  198.

öhlensteintal  104.

olland  386;  vgl.  Niederlande.
Homerule  42.
Hongkong  50.

beppner,  v.,  General  191

orns  Riff  245
House  of  Commons  40.

—  of  Lorde  40.
Hubertusburger  Frieben  96.
Hull  244.  246.
Humanité  332.
Humber  244.  246.

Idea  Narionale  334.
Jllyrisch-Tirol  38.
Fre  18-#  beutsch  gli  83.
mmelmann,  Max,  beutscher  Flieger
rial  Federation  League  4  1
#n  ien  7*  47  ff.  73.  362.  40  387.
Industrialisierung  (Englands)  424.
da  trie,  englische  435f.
nffanteriegeschosse  281  f.
anteriegewehre  282.  284.
nfektionen  8305  f.  310.
Infektionskrankheiten  308.
9  sestongaueben  309.
ekten  (als  Infektionsquellen)  310.
„  Internationale.  397.
Invaliden,  s.  Kriegsinvaliden.
Invalidenschulung  406.
PW0  244.
rland  S

Sernrde#e##oenene####  e##e##  ’okb.  7.n  ug
V  #

Irredentismus  35  fl.

„  Jrredentista  34

Islam  68.

Jeland  87.

Ismailia  135.
sonzo  105.  189f.
Spahan  180.

Isrien  38.

⁊  Italia  irredentas  34.

Italien  186.  187.  339.
Balkanprobleme  58.  60.
Irredentismus  35  ff.
Kriegsliteratur  385.
Kultur  322.  328.
Landkriegsschauplatz  98.
Presse  333f.
Schuprechte,  gewerdliche  415.
Verhältnis  zur  Türkei  69.
Volkswirtschaft  427.

„Italienische  Provinzen=  35.

Rallenisch  -Tirol  38.

Jagow,  v.,  dentscher  Staatsmann  191.

alomitza  234.
itgesellschaft  14.
Japan  44.  89  ff.  322  f.  334.  362.
Jaunde  147.  178.
ellicoe,  engl.  Admiral  192.  253.  255.
iu  14.
„John  Baulle  331.
uden  (in  Galizien)  27.
udikarienlinie  99.
ugend  (und  der  Krieg)  356
genderziehung,  militärische  358ff.
u  ische  Alpen  101.
ungtürkische  Bewegung  69.
titische  Halbinsel  108.

Kabatepe  131.

Kabelmonopol  435.

Kairo  126.

Kaiser-Wilhelm-Kanal  107.  114.
Kalif  68.

»Kalte  Erde=  198.

Kamerun  14  f.  146  f.  179.  361.  364.
Kamina  146.

Kampania  144.

Kanada  4öf.

Kapitalismus  399.
Kapitulationen  (Türkei)  70.
Karawanten  100.

Karlicccher  Isthmus  111.

it  105.

Arfert  Kaiser  von  Österreich  193.
Karl,  Prinz  von  Hohenzollern  83.
Dorlteona-  11.

Karnische  A  100.

Wi“*-3  14.  15  f.  91.
Karpathen  140  .

Harpathen,  u#n  deutsches  210  ff.
Kars  137.

Karstformen  99.

Larhag  116.

Kartschewo  209f.  (55.
Katharina  II.,  Kaiserin  von  Rußland
Katholische  Mission  363ff.
Kauffahrteischisse,  Bewaffnung  der  154.
Kaukasus  55.  (156fl.
Kavallerie-Brückengerät  272.
Kiautschon  14.  15.  89  f.  149.
Tezerlchutwunden  302f.

Kieler  —i*--  108f.
Kiew

Kilid-  F#-  132.
»King  Sehen..  engl.  Dampfer  244.
Kisielin  207.  (249.

Kitchener,  Lorb  246.
        <pb n="539" />
        Klagenfurt  100.
Klagenfurter  Becken  100.
Kleinasten  65.  67f.  125  133.  259.
„Klein-Deutf  lan  328.
Kleinrussen  27;  vgl.  Nuthenen.
Ko  lenansfuhr,  englische

5  431  f.

lengewinnung  (in
Koldytschewo-See
Kolonialgesellschaft,  Deutsche  10.  14.
Kelontalsigeinnt  (deutsches)  15.
Kolonialpolitik,  deutsche  12ff.
Kolonialrat  iis.
Kolonien,  deutsche  (Kriegsschauplägtze)
*“  Gesellschaft  für  deut  2

g#lnz,  uie  für  die  österr.  Niederlande  13.

Kongofrage  14.

Kongreßpolen  75.

Königsberg  110.

„Königsboden=  32.  34.

Konkursrecht  405f.

Konstantinopel  79.  118.  125.

Konstanza  83.  123f.  224.  247.

Konterbande  152f.

Kopenhagen  109.

Köprütöi  137.

Koerber,  v.,  österr.=  ungar.  Staatsmann
  30.  190.  193.

Korfu  178f.

Korinth,  Aus  von  118.

Korna  139.

Körösmezö  211f.

Kövess  v.  Kövesshaza,  österr.=  ungar.

Koweit  63.  65.  General  33.

Kowel  205ff.

Krafft  v.  Delmensingen,  General  229.

Kraftwagen,  -kolonnen  267.

Krakau  (Großherzogtum)  27.  28.

Kraschin  209.

Kreuzbergfurche  104.

Kreuzertrieg  260.

Kriegerkleidung  293.

Kriegsamt  353.  Fa.

Kriegsausschuß  der  deutschen  Indusftrie

Kriegsbedarf,  1a  Sicherstellung  von  419.

Kriegsbemalung  292f.

Kriegsberichte  ck#  dem  Großen  Hauptquartier
  193ff.

Kriegschirurgie  300  fl.

Kriegsdichter  373.

Kriegsernährungsamt  182.  353.

Kriegsstüchtlinge  411.  (407  fl.

Kriegsfürsorge  (in  Osterreich-Ungarn)

Disgekrauch.  Verfahren  nach  446.

gsgefangene  383.  448.

uE  (Literatur)  883.  385.

Kriegsge  Toarhung  “  (OÖsterreichs)  403  f.

Kriegsgewinne  424f

Kriegsinvaliden

Kriegskalender  178fl.

—  (See)  238ff.
Kriegstüchen  353.  *
Kriegsleistungen  (und  Kriegss  en)
Kriegsleisungsgesetz  418fl.
Kriegslieder  368  ff.

Kriegsliteratur  374  .  87off.
Kriegslprik  373f.
Hege  Rohhtofler  Abteilung  351.

Kri  *8  1  (  beratur)  383

Kiebe  “  (Englands)  132.

Hehescht  (in  neutralen  Häfen)  413.
biepeicht  8ver  veruse-  englische,  vor  dem

—  ——  243.
Kriegsspionage  443ff.
Kriegsursprung  (Cemttur)  384f.
Kriegsverrüter  445

Register

Kriegswirtschaft  (unserer  #e  423ff.

Kriegswirtschaftsämter

Kriegsziele  1  ff.  171.  327  ff.  382.  384  f.
Kriegszonen  383.
Kriehshustandsgebet  445.
Kiecnwangsorhanisation  437.

Kroaten  59f.

Kroatien  25.

Kronstadt  111.  228.

Kuk,  Berg  212.

Kultur  (und  Charakter  der  Kriegführenben)
  315ff.

Kulturliteratur  382.  384  .

Kulturphilosophie  314.

Kulturpropaganda  380.

Kum-Kale  131f.

Kupfer  350.

Kurden  68.

Kurland  3.  75.  110.

Kuropatkin,  russ.  General  180.  186.

Küstenkarst  101.

Kut  el  Amara  139.  181.  203.

»L  19.a.  utsches  Luftschiff  244.
Labusy  209

Lacknau  51.

Lische  Sprache

Ladinisches  Zeer  101.
Lafraun  103.

Lagerhütten  277.

Laibacher  Becken  101.
Landesverräter  446.
Landes-Versicherungsanstalten  391.
Landgemeinde,  russische  440  f.
Landkriegsordnung  446  f.
Lanbskrona  109.

Landsturmpflicht  (Österreich=  Ungarn)
Landwirte,  Bund  der  5.  1
Landwirtschaft,  englische  430f.
Lavarone,  s.  Lafraun.

La  Wictoire  332.

Lazarettzüge  266.
Lebensmitteleinfuhr  155.  431.
Libeigenschaft,  rufsische  438  fl.
Lemberg  27

„Leopolis  Germanica-  27.
Lesbeeufs  219.

Lessinische  Alpen

Lend  bomben  rhls,  raleten)  274.

l  ene  Libre  L'Hoomme  enchaino),
  krons.  Zeitung  332.

Liban  110.  2

Linsingen,  v.,  2—  206f.

Luanen  53.  387.

Literatur,  deutsche  372  ff.

Li#land  8.  54.  75.  110.

#Aoyd  #  3  engl.  Staatsmann  175.
Lochschüsse  305  (192.
Lodomerien  Ff.

Logit  312f.

Löhne  (Arbeiter-)  392.
Lohnentwicklung  392.
London  244.  246.

Londoner  Konferenz  95.

—  Seekriegsrechtserklärung  157.
Longueval  216.

Lothringen  19.

Lovéen  178.

Lübeck  109.

Ludendorff,  General  187.
Luderihbucht  16.
Lubdowa-Höhe

#Auftangei  been#ude  244  ff.  248  f.  256.
#ubos  bulgarischer  General  189.

Lungenschüsse  303.
uoLusitania-,  britischer  Dampfer  7f.

453
„#  **l  beutscher  Slschherute
Lyrit,  s.  Kriegsl#rik.
Maas  194#4  ff.  204.
Me  .  6  asch  penmarschan
221.  223.  226.

Madjaren  (in  Siebenbürgen)  33.
Mehiarlsch  (als  nrcre,

Magna  Charta  40.

Magura  211.

Magyaren,  s.  Madiaren.
Malancourt  198.

Malborghet  105.

Malms  86.

Malta  117.

Manchester  244.

„Mare  nostro=  37.

Marianen  15.  91.

Mariga  64.

Marmarameer  118.  125.
Marmolata  104.

Marseille  120f.

Marshallinseln  14  f.  91.
Martinpuich  217.

Matin  332.

Matschin  235.

Maurepas  216  f.

Mazedonien  58.

—  (als  Ericgsschauplat)  143ff.
Mebgibia  225

Medina  63.

Medjidie  132.

Meere,  Freiheit  der  5.  6.  173f.  336.
Ahriideworrcctung  umceweh  281.

Memel  110.
Mendelstraße  99.
Meran  99.
Mesopotamien  63.  65.  138f.
Meseagero
Messina  247.
—  Straße  von  117.
Metaphystk  313f.
„Meteor-,  deutscher  Hilfstrenzer  244.
Michaelis'Ernährungskommissar)  353;
vgl.  Reichskanzler.
Middlesbrough  2.41.  246.
„Midillie,  türk.  Kreuzer  260.
Militäreisendahndirektionen  297  .
Militärfahrplan  295f.
Militärische  Jugenderziehung  358  f.
Militarismus  324.
Miljukow,  russischer  Staatsmann  57.
Minen  (Spreng-)  278.
Ministerien,  österreich.  =  ungarische  24.
Miscellansous  380.
Misstogen  gcchristiche  (und  der  T#
Mistral  136
½  3282.
Muteleuropälsc  türkischer  Block  74  fl.
Bulgarien  74  f.
Deutschland  74.  76.
teressen--  und  Macktpollttt  76f.
serreich-  Ungarn  74.  76.

Türkei  7
W  ##  orint  75f.
Mittellandbahn  (Deutsch-Ostafrika)  16.

Mitee  ewl  (als  Kriegsschauplatz)

—  Historische  Bedeu  115
Ez:  ni  6
lima  129fs#
—  Tiefenverhältnisse  127f.
Mittelstandsverband,  Laeichebutscher5.
Mobilmachungsbewegun
        <pb n="540" />
        454

Moglena  144.
Mohammed  72.
Mo  W##  50.  59f.
Moldau  141f.
Moltke,  v.,  Generaloberst  183.
Monastir  145.  191.
Monfalcone  105.
Montenegro  59f.  122.  178.
Mopla,  arab.  Volksstamm  in  ###en
Mormonta  229.
„  Mort  Homme-  195.  198.  202.
Morval  219.
Moscheiki  199f.
Moskalen  55.
Moskau  52  .
„Möwe-,  deutscher  Hilfskreuzer  260.
Muhadschir  58.  68.
Munition  273.  281f.
Munitionslieferungen,  amerikanische,

s.  Waffenhandel.
Munitionsdersorgung  261f.
Murmanküste  248

Musterrechte  416  f.

Wutilene  257.

Nachschub  (im  Operationsgebiet)  267.
Nagara  132.

Nahrungemistelproblem  beutsches
»Namenlose  Kuppe-  213.  L351ff.
Narbenplastik  303.

Narotsch-See  160%  r.
„  Nasses  Dreieck=  4.
Nationales  g  dentraltomitee  (polnische

Tarte20
Nationa  #omu-,  Oberstes  (polnische

Partei
Naunonalkongreß,  indischer  41.
Nationalliberale  Partei  5.  10.
Nationallieder  368  f.
Nationalwertstätten  (1848)  402.
Navarin-Stellung  195.
Neapel,  Gols  von  121.
Nederlandsche  Overzee

Maatschappij  338.
Neoslawismus  11.
Nerven,  Verletzungen  der  306.
Neue  Gelvetil  e  Gesellhaut  85.
»Neues  Vaterland  6.
Neu-Galizien  28.
Neuguinea  (Deutsch-)  14.  15.
Neuguinea-Kompanie  14.
„Neujahrsschlacht  1916  179.
Neuorientierung  382  f.  384  f.

Trust

Neutrale  Saachen  84fj.  336  f.  386  f.
41

Neutralität  412.  414.

Niederland-  Wirtschaftskrieg,  englischer
  87

Nikolajew  124.

Nivelle,  franz.  General  193.

Njemen  56.

Nordamerikanische  Union,  s.  Bereinigte

  Staaten.

Nordsee  246.

Norfolk  246.

Kormanmen  4.  (worth.
W’i'i  Lorb  343;  vgl.  Harms-Northclife-Presse
  330  f.

Norwegen  386f.
—  Sib  englischer  86  f.

Norwich  244.

N.  O.  T.  88.  838f.

Notrampen  274.

Notrampengerät  272.

Nottingham  246.

„Novara,  österreich.--ungar.  Kleiner
Kreuzer  257.

Nowoje  Wremja.  333.

Register

Oberhaus,  en  enblisches  4.
Oberstes  onal-Komitee,  s.  National-Komitee.


Ochrida  78.

ridasee  145.

Odessa  124.
Odrin  (Adrianopel)  64.
Okpierte  Gebiete  383.
Olty  137
Ombrettapaß  104.
Operationsgebiet  444.
Organisation  (Literatur)  383

—  deutsche  350  f.
Ortney-Inseln  238.  244.  246.
Orsova-Gruppe,  rumünische  231f.
Ortlergruppe  99.  102.
Osel  108.
Osmanen  66f.
Osmanismus  69.
Ostafrika  (Britisch-—
  (Deutsch-)  14ff.

lasien  (im  Weltkrieg)  Soff.
Osterre  graic  Kriegsgesetzgebung  403ff.
Osterreichische

—  Dezem

#.  33.

*  Berfassung  23.

Osterreich-ungar.  Ausgleich  (1567)  23.

Osterreich  =  ungarn:
Balkanprobleme  57  ff.
Frienengangebo  164  ff.

egsfürsorge  407  ff.
Digsliteratur  381fl.
Kultur  319ff.
Mitteleurop.-türk.  Block  74.  76.
Berfassung  und  Verwalamg  22ff.
Ostpreußen  56.  322.  42
Ostrowosee  145.

Ostseegebiet  (als  ——#

—  Hydrographie  113

—  Klima  114f#.

–  Tiesenverhältnisse  112f.
Osts

Ostse  T
Sllecknader  106  (russische)  3.
Ostsibirien  55f.

Otavibahn  (Deutsch-Südwestafrika)  16.
Otranto,  Straße  don  118.  127.  247.
Opillers  216.  (257.

Pal  105.
Palagruppe  103.
Palauinseln  15.
Paneveggio  103.
Pangermanen  32.
Panislamismus  71.
Panslawismus  11.
Pantürkismus  70.
Panzerbatterien  290.
Panzertürme  289f.
Papenholm  256.
Pariser  Frieden  83.  96.

—  Seerechtserklärung  150.
Parlamentarismus  41.
Partikularismus  (Elsaß)  20f.
Pasubio  103.

Patentrechte  414  f.
Pazifisten  6.
Pearson-Presse  330.
“  Ebene  145.
agosa  257.
-—mie  409.
Pernau  114.
Peronne  218.
Persischer  Golf  137f.
Perversismus  377.
Petain,  franz.  General  181.
*  ber  Große  55.

etersburg  111.

Peutelstein  104.

(364.—
45.  147f.  361.

1867er  Verfassung  23.

anzer-Baltin,  v.,  österreich.=  ungar.
1  188.  7

Philippeville  126f.

P  ILosophe  (und  Krieg)  312ff.

Phönizier  115.

Piano,  Monte  104.
illersdorfsche  Berfassung  22.
ionierarbeiten  269  f.  274  ff.

Pionier-Brückengerät  273.

Pionierwesen  268ff.

Piräus  62.  123.  190.

Plöckenpaß  L0.

Po-  e
d  Admiallw
Wohl«  ck  ggchsdmitetkdaö  Akten

Polen  Baf.  191.
—  Woltsstamm)  26.  30.  887.
—  -Litauen  53.

Poliwanow,  russ.  Staatzmemn  181.
Polnische  Fra  2.  7.  10.  26ff.
Pomaken  77.

2  l  Linienschiff  253.
—  —
Poniatowsti  4

Ponton  276f.

Portsmouth  246.
Portugal  180.  340.
Postawy  199.
Pozieres  216.
Pragmatische  Sanktion  27.
Predealpaß  141.
Predelstraße  105.
Pre  oneslogruppe  99.  102.
Prespa  7
Pres  bact  146.
Presse  4  s  330  fl.
—  indische  50

—  schweizerische  85.

„Pres  e-Dreiverbande  330.

Preseseldzug,  englischer  341  ff.
Prümolant  03.

Primör  103.
„Prinz  Adalbert,  deutscher  Panzer=Prise
  413.  (#reuzer  256.
Privy  Conneil  41.
Prrfgarbaliteratr  380.
„Provincia  Giulia

„Provincia  krrodente  dell-  4usrch

Przemysl  28.

Nabaul  140.

Rabenwald  195.  198.
Rämnic-Balcea  230.

Ramsgate  244.

Nancourt  219.

Rasova  223.  225.

Rätoromanen  36.

Ravenna  257.

„Recht  auf  Arbeit“  402.
Rechtsangelegenheiten,  bürgerliche  404.
„Redenzione  35.

Kegeneration,  wirtschftliche  429.
„Reich  des  Rechtse  366.
Reichsdeutscher  W—.
EGN3°  (v.  Bethmann  Hollweg)

ichaelis)  11;  vgl.  Michaelis.
Reichs  skolonialamt  15.

Reichsrat  22ff.
i,  (für  Kriegs

Rei  assung,  östervreich.=  ungar.  22.

r-
        <pb n="541" />
        Reichszentrale  der  Arbeitsnachweise

Reif  37;  vgl.  Riva.  388.
amierung  (von  Arteitern)

Religion  nd  Krieg)  385

Reußen  28

Reutersches  Telegraphenbureau  332.

Reval  111.

Revolution,  derssicche  20f.

Rhodesien

Riga  110.  d.

Rigaischer  erbusen  110.  114.  256.

Riva  37.

Rietsch
Rofle)reit  37.  39.  99
Roheisengewinnun
Rohstofffrage  350f.
Rombon  105.
meree  16.  er1
ömische  Frage
—NN  3
2  %,  1  ner
Roterturmpaß  140.  227ff.
Rotrussen  27;  val.  Ruthenen.
Novereto  37;  vgl.  Rofreit.
Royal  Colocial  institute  43.
Namänen  (in  Siebenbürgen)  33;  (in
Bulgarien)  77.
Rumänien  81  ff.  340.
Balkanprobleme  58f.
Bevölkerung  81.
Geschichte  82.
*zp  cauplatz  123f.  140  f.

Pres

-  81f#'.
Nupelpaß  144.  204.
„Russiae  28.
Russische  Revolution  30f.
Rußtki,  ussscher  General  186.
NRußland  33

—  57.

Bevölkerung  54.  56.

Kriegsliteratur  385.
Kregsschaupla  (Schwarzes  Meer)
Kultur  (124.
Polnische  16  Brage  2.
Presse  333

Sworeche,  gewerbliche  415.
Sozialpolitik  438  ff.  (92.
Stellung,  politische,  in  Ostasten  90.
Verhältnis  zur  Türkei  63.
Volkswirtschaft  427  ff.
Welvpolitik  52  ff.

Ruthenen  26.  27.

Sachsen  (in  Siedenbürgen)  32.
Sailly  =  Saillisel  220.
Saint  Mihiel  196.
Saint  Pierre  Vast-Walb  220.
Salandra,  ital.  Staatsmann  183.
Saloniki  79.  119.  123.  190.
Samoainseln  13ff.
Sanctio  pragmatica  22.
Sandomirz  28.
Sanitätsdienst  262.
Sanitätskraftwagenkolonmen  267.
San  Michele,  Monte  105.
Sanok,  Vertrag  von  28.
Sansibar  14.
San  Stefano,  Friede  von  78.
Saros,  Golf  von  131.
Sarrall,  franz.  General  186.
Sergtamsch  137.
Saßnitz  109
Shäbelschuhverlegungen  301ff.
“nm  s.  Kriegsschäden.
äfer,  Dietrich  9.
Sheem  272.
ärentüsten  110.

Register

Schatt  =  el-  Arab  138f.
eer,  v.,  Admiral  255.
#  —32  Reichstagsabgeordneter
werfer  279.  (9.  10

einwerse  erät  274.  (360.
ießausdildung  (der  Jungmannen)
ESan-  englisches  434.
u,  s.  Kriegsschi  au.
Stt  S  engli  cker  4
Schüchtungsausschuß  40
erbach  104.
lubdesinfelton  308.
oltz,  v.,  General  200  f.
openhauer  313f.
ostoff,  bulgarischer  General  187.
Schrecbemalung,  s.  Kriegsbemalung.
Schtschara  208.
ulpflege  356.
Schulwesen  354.
Schußbrüche  305.
ebiete,  deutsche  13ff.
udimpfungen  310f.
S  *8  gewerbliche  415  f.
uwajew,  ruff.  General  181.
Schwarze  Listen  337  f.
Schwarzes  Meer  124.  129.  134.  247.
Schweden  107.
Kriegsliteratur  386.

airtschesterries.  englischer  86.

Sre  ges  386.
Verhalten  im  Kriege  84f.
Wircschasterriea.  englischer  85.
Scirocco
Sturorctol  .
Secolo  334.
Sed-AUl-Bahr  131f.  258.
Seekrieg  1915/16:  238ff.
Seekriegskalender  1915/16:  238ff.
Seerechtserklärung,  Londoner  157.
—  Pariser  150.
Selbstlade=  Faustfeuerwaffen  286.
Selbstladegewehr  283  ff.
Selfgovernment  40.  42.
Senusi  73.

Wbien  rohseme  59f.
Kriegsliteratur  386.
Presse  335.
Serbokroaten  50.
Seres  144.
Sereth  142.
Serwetsch  208.
Sette  Communi  101.  103.
Seuchenbekämpfung  307  fl.
Sextental  104.
Sherue  246.
Sheffield  244.  246.
Sidirien  54.
Siebenbürgen  31  ff.  140  f.
Sieben  Gemeinden,  s.  Sette  Communi.
Sikh,  indische  Sekte  50.
Silistria  79f.  222.
Sinaihalbinsel  65.  134  f.
Singapur  50.
Skagerrak,  Seeschlacht  vor  dem  240ff.
Skrobowa  209f.
Skutari  179.
Slatina  232.
Slawonien  25.
Smolary  208.
Smotrec  213.
Smuts,  Burengeneral  179.
Smyrna  125.
Société  Suisse  de  surveillance  4conomique
  85.

455

Solf,  Wilhelm,  Kolonialpolitiker  15.

Somme  213fff.  235  ff.

Sommerzeit,  deutsche  181.

Sonmino,  ital.  Staatsmann  85.  177.

Sozialbemokratie  8.

Sozialhygiene  410.

Sozialismus  (im  Kriege)  397  fl.

Sozialisten,  Unabhängige  399.

Snlalboltt  russlsche  438ff.
Spanien  1——

Sperrforts  200  f.

Sperrgebiete  (zur  See)  162f.

Spezia  121.

Spiaglia  201.

Spionage  t

Sprachenfrage  (ÖOsterreich-Ungarn)  24.

Sprengminen  278.

Sprengmunition  (-patronen)  273.

Spoengungen  277  .

S.  S.  S.  85.

Staatskirchentum  41.

Staatsschuld,  englische  437.

—  französische  420.

Stara  Obczyna  211.

—  Wipczyna  211f.

Steckschüsse  301.

Stefulec  212.

Stein,  v.,  preuß.  Kriegsminister  190.
Snn  5

Stues  E*  102.
Stochob

Stockholm  112.

Straßburg  17.

Streckverbände  305.

Strumigzaatal  144.

Stürgkh,  Graf,  österr.=  umgar.  Staatsmann

  190.
Stürmer,  russischer  Staatsmann  179.

Se  8  Gritisch-)  45

afrila  -

Sttetolonun.  deutsche  2—  362.
ti

Sühmestesrila  (Deutsch-)  14  fl.  45.  117.

Sueskanal  118.  134  f.

Suganatal  99.  103.

Sultaniè  131.

—  ahissar  132.

Sund  107.  109.  114.

r  Sussexe,  luane-  Dampfer  158  ff.  245.
Suvlabai

Spmadeschi-  Seesung  (Judien)  48.

Syrien  125.  133
Szellerland  140.
Szurdutpaß  141.

Eaues  #el  Pascha,  türk.  Staatsmann  69.
anga

Tanga  Kb  301f.

Tees  244.

„  Terra  irredenta“  34.
Terschelling  253.

Tetanus  301.

Texas  13.

Textilarbeiter  410.

Themse  245.  246.

Therapie,  funktionelle  306.
Thiaumont  198.

Thiepval  219.

Tigris  88

Tirnowo  7

Tirol  beorichuschaupah  98fl.
Tirolest  102.

„Tirolo  ltalianoe  38.
rWl  0  v.,  Admiral  8.  180.  245.
Titu

Toblach  100.
        <pb n="542" />
        456

Togo  14ff.  146.  361.  363.
Tölgyvespaß  141.
Tolmein  105.
Tömöser  Paß  141.
Wnalefurche  102.
Topraisar  223f.
Tör  135.
Törzbdurger  Paß  141.
„Toter  Manne,  s.  Mort  Homme.
Toulon  121.
Towära,  arabischer  Stamm  135f.
Trajanswälle  224.
„Transitro=  86.
Transkaukasten  137.
Transsylvanische  Alpen  141.
Trapezunt  124.  181.
Tredici  Communi  101.
Trentino  36  f.  99.
Trepow,  russ.  Staatsmann  191.
Trient  39.  99.
Triesft  36  ff.  105.  122.
Trinidab  46.
Tripolis  126.
Tripolitanien  126.
Tröneswald  216.
Tschanak  =  Kalé  131.
Tschataldscha  79.
Tscherna  145.
Tichernawoda  224  f.
I  erwesche  Land  28.

ruch  137.
aieroeheet  148.
Tingtau  90  f.  149.  362.  364.
Tubertkulose,  Bekämpfung  der  m,

—  Straße  von  127.
Turanismus  70.
Türkei:
Balkanprobleme  57.
Bevölkerung  66f.
Geographie,  politische  64  fl.
Geschichte  (neueste)  69ff.
Kriegsliteratur  383f.
Kriegsschaupläte  124f.  131ff.
Kultur  321.
Mitteleuropäisch-türk.  Block  74  fl.
Bolkswirtschaft  65f.
Weltstellung  62f.
Türken  67  f.  82.
Türtische  Frage  74.
Turkvölker  66f.
Turnen  358ff.
Tutrakan  222.  225ff.
Tyne  246.

?U  35.,  beutsches  Unteerseehoot  260.
ülbersee  (Kriegszicle)  4

U-Boottrieg,  s.  Unterseebootkrieg.
Utraine  55.  387.

Ukrainer  27;  vai.  Ruthenen.
Utrainisches  Volkstum  29.
Unabhängiger  Ausschuß  für  einen

deutschen  Frieden  Off.

Register

Unabhängige  Sozialisten  399.
Unabhängigkeitspartel,  1848er  25.
ndine-,  deutscher  Kleiner  Kreuzer

1##  (als  staatsrechtlicher  Beuh

  (Verfassung)  22ff.
Uniformen  292  f.

Union,  s.  Vereinigte  Staaten.
United  Empire  Trade  League  43.
Unterhaus,  englisches  42.
Umeernehmungen,  Fesssin  406.
Unterseebootkrieg  7  f.  10.  242f.  2%.
—  Dokumente  150ff.  (257  ff.
Usambarabahn  (Deutsch-Ostafrika)  16.

Badului  229.
Balona  60.

—  Bucht  von  118.  123.
Bardartal  (Wardartal)  144.
Baterländischer  Hilfsdienst  400  ff.
Vatikan  cond  der  der  Krieg)  365ff.

Berbun  194S.  196  fl.  202.  217.
Vereinigte  Staaten  329.  340.
Kriegsliteratur  386.
Notenwechsel  mit  Deutschland  (Friedenganzebol)
  165  ff.

Unterseebootkrieg  7.  151  fl.
„Bereinigung  für  Frrihett  und  Fortschritt«
  (Türkei)
Berfassung  (Osterreich  =  Ungarn)  22  f.
Berkehrswesen  404.
Bermandovillers  218.
Berona  257.
Veroneser  Klause  103.
Berpflegungsreserve,  bewegliche  265.
Berpflegungswesen  262.
Versicherungsorgane,  soziale  409.
„Berständigungsfrieben  11.
Via  Egnatia  145.
Vielgereuth,  Hochebene  von  103.
Hülach  100.
ogesen  16f.
Sobshen  10  deutsche  355f.
Bolkserziehung,  deutsche  355f.
Bolkspflege,  geistige  358.
Bolkswirtschaft  (unserer  Gegner)  423  fl.
Vorgeschichte  des  Krieges  (Literatur)
381.  384.
Vorratswirtschaft  75.
Bulkangebirge  231.
Bulkanpaß  140f.

Waffen,  s.  Hand=  bzw.  Faustfeuerwassen.


Wassenhandel,  amerikanischer  152  1

Walachei  142.  231f  .  (412f.

Wardartal  144.

Warenzeichen  417.

Warenzeichenrechte  416.

Wassertransport  207.

Wegsperren  279.

ehrpflicht,  deutsche  402.
—  englische  178  f.  182.  317.

rnen  358f.

Wehrverein  10.
Wedrperfassung,  beutsche  324.
Weichsellinie  56
Weiße  Liste  338.
Weltanschauungslehre  313f.
Weltmarkireisnivenu  429.
Westafrika  (Britisch-)  45.
—  (Deutsch-)  147.
„  Westfalen-,  deutsches  Lihienscht  253.
Wenndien  Griisch-)  6

Dänisch-)  87
—  24  1  246.
Wiborg  111.  (zer  251f.
»Wiesbaden«,  deutscher  Kleiner  Kreu-Wileity

  19o  .

Wilhelm  II.,  deutscher  Kaiser  (Aufrufe
zum  Friebensangebot)  165.  168.

Wilson  172.  191.

Windaun  110.

Wippachtal  105.

Wirtschaftskonferenz  (der  Entente-Staaten)
  183.

Wirtschaftsleben  (unserer  Gegner),  j.
Volkswirtschaft.

Wischnjew-See  199.

Witena-gemete  40.

Witu  (Ostafrika)  14.

Wlachen  81.

Wladimir  28.

Wokore=  Ebene  194.

Wohlfahrtspflege  (in  Rußland)  442.

Wodlkowitschi  209.

Wolhynien  28.

Woyrsch,  F.,  General  208.

Wuchergesetz  405.

Wundbehandlung,  antiseptische  800f.

7  203.
nan  Schi-kai  99f.  180.

hlungsverbot  406.

alesczyki  27.
ator  (Herzogtum)  28.  31.

eeerh.  245.

.E.  G.  353.
eitungswesen  50  f.  85.  330  ff.  40f.
entral=  Einkaufsgesellschaft  353.
mD)  Ledensminel)  333.
entralverband  deutscher  Indufrrieller

###um,  politische  Partei  11.
erstörungswerkzeug  273.
igeuner  (in  Hulgaruen)  77.
immermann,  Alfred,  beutscher  Staatsmann
  191.

irin  209.
nn.-  192;  val.  Hilfsdienftl.
„Zur  Lage.  6.  9.

wischenfeldbefestigungen  291.
wölfertogel  104.

Druck  vom  Bibllographischen  Institut  in  Leipzig.
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