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        <title>Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil.</title>
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        Meyers 
Großes 
Konversations--Lexikon. 
Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. 
Sechste, 
gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. 
Mit 20660 Abbildungen im Text und auf etwa 1940 Bildertafeln, Karten und Plänen 
sowie 215 Textbeilagen. 
Kriegsnachtrag. 
Zweiter Teil. 
Leipzig und Wien. 
Bibliographisches Unstikut. 
1917.
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        Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
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        Vorbemerkung. 
Unsere Absicht, mit dem vorliegenden zweiten Teil das Werk abzuschließen, ist durch 
die unvorhergesehene Dauer des Krieges leider vereitelt worden. 
Unter der wachsenden Fülle der Ereignisse hat der Aufbau des Werkes leiden müssen. 
Insbesondere ist die zweckmäßige Verteilung des fortgesetzt zuströmenden Stoffes sehr 
schwierig geworden. Doch hat das im Gesamtplan des Werkes keine wesentliche Abweichung 
von den einmal festgelegten Richtlinien nötig gemacht. Wenn der zweite Band einen straf— 
feren systematischen Zusammenhang auch nicht durchweg aufrechterhalten konnte, so gliedert 
sich der Stoff der größeren Abteilungen, die hier, wie im ersten Bande, beibehalten sind, 
dem erstrebten Gesamtbilde doch einheitlich ein, obwohl es hier und da scheinbar nur lose 
zusammengefügt ist. Wir dürfen daher mit gutem Grunde hoffen, dem Ganzen mit einem 
dritten Teil die erforderliche Abrundung geben zu können. Erst dieser wird eine vollkomme- 
nere Ausgleichung und die wünschenswerte Ebenmäßigkeit der verschiedenen Stoffgebicte 
bringen, indem er unter sachlicher Würdigung der noch kommenden Ereignisse da einen 
Ausgleich schafft, wo jetzt noch die Erfordernisse des Kampfes eine gewisse Zurückhaltung 
auferlegen. Das gilt insbesondere für die Abschnitte, die sich mit der eigentlichen Krieg- 
führung und den weiten Gebieten der Kriegstechnik befassen; sie werden im letzten Bande 
eine besonders eingehende Darstellung erfahren. 
Herausgeber und Verlag.
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        Inhaltsverzeichnis des zweiten Teiles. 
Kriegszielbewegung, von Prof. Dr. Dietrich Schäfer 
Entwicklung und Ergebnisse der kolonialen Arbeit 
Deutschlands, von Legationsrat Dr. A. Zimmermann 
Das deutsche Elsaß, von Prof. Lie. Wilhelm Kapp. 
Oseerreich-Ungarns Verfassung und Verwaltung, von 
Prof. Dr. Berthold Brethoz 
Galizien und die polnische Frage, von Arol. Dr. Ger. 
harb Seellger 
Siebenbürgen, von Lut Korodi, Tir. Deutschen geitung 
Die Irredenta, von Schulrat Dr. Wilhelm Rohmeder. 
Englische Verfassungs= und Verwaltungoge schichte, von 
Prof. Dr. Felir Salonnn 
Englands Überseereich während des Krieges, von ee- 
gationsrat Dr. Alfred Zimmermann . 
Indien, von Dr. phil. Hermann v. Staden 
Die Grundzüge der russischen Eroberungspoliktk, von 
Prof. Dr. Hans Uebersberger . 
Die Probleme des Baltans, von Prof. Dr. Samassa 
Die Türkei im Weltkriege, von Prof. Dr. Oberhummer 
Der heilige Krieg, von I2. Hugo Grothe . 
DernntteleuropånchturkncheBlockwuow os- 
PaulSmnassa 
Bulgarien, von Prof. Dr. Oito Freiherrn o“ von Dungern 
Rumänien, von demselben .. 
Die neutralen Mächte cites, von Pros. pr. Richard 
Sternfelb 
Ostasien im Welttriege, r von grok. Dr. dtio Franke 
Friedensverhandlungen und Friedensschlüsse der Ver- 
gangenheit, von Prof. Dr. Dietrich Schäfer 
Der österreichisch-italienische bandtriegsschauplat, von 
Prof. Dr. Frig Machatschek .. 
Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz, von Prol. vr. 
Seite 
1 
12 
16 
Alfred Merz 106 
Das Mittelmeergebiet als acicocihaidleb. von dem 
selben 115 
Die türkischen Kriegsschaupläher 
A. Die Dardanellen, von Oberst 3. D. v. Diest 131 
B. Die vorderasialtischen Kriegöschaupläße, von Pri- 
vatdozent Dr. jur. ot phil. Hugo Grothe 133 
Der rumänische Kriegsschauplatz, von Prof. Dr. Kaßner 140 
Der mazedonische Kriegsschauplatz, von demselten. 143 
Die kolonialen Kriegsschauplätze, von Dr. Oskar Karstedt 146 
Dokumente zum Kriegsverlauf: 
A. Dokumente zum Unterseebootkrieiee 150 
B. Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. 
Dezember 1916 164 
Kriegskalender (bis Ende 1916) . 178 
Kriegsberichte aus dem Großen bantanane l9## 1: 
Kämpfe im März . . . .19:3 
Die Schlacht vor Verdun. 190 
Die rufsische Märzoffensive 108 
Kämpfe im April . 201 
Der Krieg zu Lande in den Monaten Mai und Zuni 203 
Die russische Sommeroffensive 1916. 205 
Seite 
Aus den Kämpfen der deutschen L#athentrun#en 210 
Die Schlacht an der —oomme 213 
Der Dobrudscha-Feldzug 221 
Die Eroberung von Tutrakan 225 
Vom Rotenturmpaß bis Titu 227 
Der Einbruch in die Walachei. 231 
Verfolgungskämpfe vor Bukarest 232 
Der Vormarsch der Donau-Armee von Bularest auf 
Brãuila .. . ..2«3 
Somme und S Siebenbürgen. . 235 
Der Seekrieg 1915/16, von Konteradmiral. Foß: 
A. Seekriegskalender . 238. 
B. Schidenns der Kampfhandlungen: 
I. Allgemeines 241# 
II. Der Seekrieg in den nordwestlichen Meeren 244 
III. Nördliche Meere 246 
IV. Baltan und südliche Meere 247 
V. Die Tauchboote. .. 218 
VI. Die Seeschlacht vor dem Stagerra 249 
VII. Ostseee . .25:) 
VIII. Die österreichisch- ungarische Flotte 257 
IX. Die Ereiguisse im Orient und M.ttelmeer 258 
X. Der Kreuzer= und Handelskrien 260 
Das Etappenwesen, von Hauptmann a. D. Oesele 261 
Das Pionierwesen, von demselben 268 
Hand= und Fanstfeuerwafsen, von Lauptmann Vo- sier 279 
Festungen u. Festungskrieg, von dauptmann a. D. Oesel: 280 
Uniformen 292 
Die Eisenbahnen im Weltkriege, von Generalleutnant 
z. D. Freiherrn von Steinaccker 294 
Kriegschirurgie, von Stabsarzt Dr. Haehner 300 
Die Seuchenbekämpfung, von Prof. Urr. H. Heisch 307 
Philosophie und Krieg, von Pros. I#r. Ernst Vergmann 312 
Kultur und Charakter der Kriegführenden, von Gym- 
nasialoberlehrer Dr. Karl Weitzel . 
Der Krieg in der Auffasjung unserer 7 von 9 es. 
Dr. Tietrich Schäfer. 
Die Presse unserer Gegner, von r. Hermann die 
Englische Kampfmethoden, von Paul Dehn .. 
DchrtequnddieUmsmivoutsksstmocomuge. 
Deutfciiedrganiiationimstriegcvoungacmcism 
Dcutmchrztchunq,vonsohanmstewe 
Die militärische Jugenderziehung, von Prof. Prohmer « 
DerztncgnnddtcchrmltchcnMsmonen 
I. Die evangelischen Missionen, von Prof. Dr. Mar- 
tin Schian . 
II. Die katholischen Missionen, von Robert Sereit, 
O. M. I1. 
Der Krieg und der Latikan, von prook n. Martin Schian 
Die National= und Kriegeleder der Deutschen, von 
Pros. Adolf Bartels. 
Die deuische Literatur während des Ki eges, von dem. 
selben. 
Kriegoliteratur, von rook * Nichard 3 Fe ster
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        VIII Inhalts= und Illustrationsverzeichnis des zweiten Teiles 
Seite Seite 
Arbeitsnachweis und Arbeitsmarkt, von Prof. Dr Patentrechte im Kriege, von Geh. Reg. Rat Johannes 
J. Jastronu. 388 Neuberg 44 
Die Gewerktschaften und der Krieg.' von Dr. E. Lederer 393 Kriegsleistungen und Kriegsschüden, von Oberlanbes. 
Der Sozialismus im Kriege, von demselben. 397 gerichtsrat Dr. Warneyer . 418 
Vaterländischer Hilfodienst, von Prof. Dr. Sommerlad 400 Die wirtschaftliche Lage unserer Gegner, v. Dr. O Lederer 43 
Kriegsgesetzgebung Osierreichs. von Oberlandesgerichts- Englands Handelsestellung, von Paul Dehn Z 430 
rat Dr. Warneyer 103| Die russische Sozialpolitik, von Dr. r#ll. Karl Nötzel 438 
Kriegsfürforge in Osterreich-Ungarn, von Dr. . Stolper 407 Spionage, von Kriegsgerichtsrat Heinrich Dien 443 
Die Rechtsstellung der neutralen Staaten, von Ober- Franktireurwesen, von bemselden . ...446 
landesgerichtikatvk.kameyek. .. 412Ncgtftek................450 
· 
Illustrationsverzeichnis. 
Beilagen. 
Seite Seile 
Russische Staatsmänner und Heerführer, Tafel %% Deutsche Helden, Tafel 
Französische Staatsmänner und Heerführer, Tasel " Osterreichisch= ungarische Heer- (Tertblatt S. 53). 180 
Staatsoberhäupter, Staatsmänner, Heer= und Flot- führer, Tafel II 
tenführer, Textblatt . 53DecufcheheerführerTafellllllvstettbtausw.194 
Türkische Staatsmänger u. Heer- Verdun, Karte 197 
flihrer, Tafel 6. „ Das Vordringen der eraide im Jralgebiet 1915 
Bulgarische Staatsmänner und (Textblatt S. 560 62 bis 1917, Karte. 203 
Heerführer, Tafel Die österreichische Offensive im Stdiiroler Grenz- 
Italienisch- Osterreichische Grenzgebiete, Karte 98 gebiet, Karte 201 
Unteres Isonzogebiet, Karte . 101DterussnchcnOsscnsiven März 1916 und Juni= àu 
Die Ostsee, Karte . . 106 1916, Karte 206 
Länder des Mittelmeers, Karte 116% Somme- Aisne, Karte . 214 
Kaukasusfront, Karte. 133 Der rumänische Feldzug im Herost 1916. TLarte . 222 
Un arijch- rumänisches Greuzgebiet, Relieftarte 140 Deutsche Marine, Tafel " 
* Kämpfe in Mazedonien, Karte. 143 Deutsche Staatsmänner, Tafel II (Tertblatt S. 5. 250 
Westliche Balkanhalbinsel, Reliefkarte 144 Etappenwesen, farbige Tafel mit Erläuterungen . 262 
Koloniale Kriegsschauplätze, Karte 148 Pionierwesen, Tafel I/II . 268 
Die Staatsoberhäupter der En— Hand= und Faustfeuerwaffen, Tafel 1—I. .. 280 
tente, Tajel x —JFelduniformen LII, farbige Tafeln mit Textblatt T 
Englische Staatsmänner, Heer- (#etblatt S. 59) 174 uniformen feindlicher Heere- . 292 
führer und Admirale, Tafel Kriegschirurgie, Tafel UII4 . 300 
Abbildungen im Text. 
Seite Seite 
Die bulgarisch-küreische Gren zänderung bei Adrianopel, Schienensprengung, 2 Figuren 278 
Kärtchen . Sprengung von Weichen und Krenzungen, 2 Figuren 270 
Die Dardanellen, Kürtchen. 132 Laufquerschnitt (Gewehr) .. ..280 
Das Kampfgebiet auf der Sinaihalbinsel, Kärtchen 135 Zugprofile, 3 Figuren 280 
Die Eroberung von Tutrakan, Kärtchen. 226| Mehrladevorrichtungen, 5 Figuren. 281 
Hermannstadt und Roterturmpaß, Kärtchen. 227 IBalle D., das Spitzgeschoß Frankreichs 281 
Die Seeschlacht vor dem Skagerrak, 5 Skizzen. 21/ 252Sondergeschosse, 3 Figuren. . 282 
Seitenrampen, 3 Figuren .. 274 Englische Vorrichtung zum Nbbrechen der Gohrbit 283 
Brückensteg auf Tounen, Floßballensteg, 2 Figuren. 275K Die Festung Antwerpen, Kärtcken 288 
Fähre aus vorgefundenen Kähnen. . s.75pmäbmcIPanzcunrnL 289 
Flöße, 3 Figuren. 276Hebbarer Panzerturm . 289 
Fähre aus Tonnenflößen 276Fort von Lüttich, Grundriß und Durchschnitt, 2 guren 290 
Schwimmbar gemachter Wagen. 276 Sperrfort mit drehbaren Panzertürmen auf Pwotsäule 291 
Bau von Zelten, 4 Figuren 277 Tangentialschuß des Schadels. . 301 
Ban einer Lagerhütte, 3 Figuren .. 277Opneraliver Ausgleich von Gliedverkürzungen, 2 schema- 
In die Erde versenkte Winterlagerhütt 278 tische Darstellungen . 305 
Minenanlagen in sieinernen Brückenpfeilern, 2 Giguren 278] Dumdumgeschosse, 14 Figuren . 306
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        Kriegszielbewegung 
von Professor Dr. Dietrich Schäfer in Berlin = Steglitz 
Kriege können nicht geführt werden, ohne daß die 
Kämpfenden nach Zweck und Ziel fragen. Das ist 
selbst bei despotisch regierten Völkern von jeher so 
gewesen, geschweige denn in Staaten, deren Angehöri- 
* eine Mitwirkung zusteht an der Bestimmung ihrer 
eschicke. Wie könnte es anders sein in dem gegen- 
wärtigen Kriege, der an Ausdehnung und Kraftauf- 
wand alles, was die Weltgeschichte je sah, weit hinter 
sich zurückläßt! Denn niemals sind Völker in einem 
Umfange, wie es gegenwärtig der Fall ist, in den 
Dienst von Kriegszwecken gestellt worden; nie zuvor 
wäre das auch möglich gewesen. 
Es hat sich aber ein augenfälliger Unter- 
schied in der Haltung der einander gegen- 
überstehenden Mächtegruppen ergeben. Die 
Staaten der sogenannten Cntente haben von vorn- 
herein aus den Zwecken, die sie durch den Krieg errei- 
chen wollten, kein Hehl gemacht. Was sie in der ersten 
Januarwoche 1917 in Beantwortung des amerika- 
nischen Vermittlungsversuchs als ihren Kriegswillen 
verkündeten, ist von Anfang an ihre offen ausgespro- 
chene Absicht gewesen: Vernichtung der gegenüber- 
stehenden Mächte als selbständiger Staatswesen. Was 
die Regierenden hier in amtlicher Form erklärten, 
haben die Regierten in allen möglichen Formen und 
Wendungen vorgebracht, nicht nur ihre Presse, son- 
dern auch ihre geistig führenden Männer, einzeln und 
in Körperschaften. 
Dem steht deutscher= und österreich-ungarischerseits 
die äußerste Zurückhaltung gegenüber. Über die Ziele 
der Regierungen ist lange Zeit nichts verlautbart, wenn 
man nicht den Inhalt des Ultimatums der Donau- 
monarchie an Serbien vom Juli 1914 als Kriegsziel 
ansehen will. Den Außerungen der öffentlichen Mei- 
nung sind engste Schranken gezogen worden; über 
Kriegsziele zu reden oder zu schreiben, wurde verboten 
und das Verbot streng aufrechterhalten. Obgleich kein 
Feind unsere Regierung hätte verantwortlich machen 
können für Ansichten und Forderungen, die etwa im 
deutschen Volke laut wurden, blieb sie dabei, daß man 
die Gegner nicht noch mehr reizen dürfe, ein Beden- 
ken, das in deren Kreisen niemals aufgetaucht ist. 
Deutscher Vaterlandsliebe durfte man alles bieten; in 
den Wald hineinzurufen, wie es herausschallte, war 
nicht gestattet. Daß eine starke öffentliche Meinung 
auch eine Stütze sein, daß sie im Auslande, besonders 
auch, soweit es neutral war und ist, Eindruck machen 
kann, ward nicht beachtet. Bismarcks Mahnung zur 
Der Krieg 1914/17. II. 
Seit des deutsch--dänischen Waffenstillstandes und der 
ondoner Konferenz im Jahre 1864: Laßt alle 
Hunde bellen-, war vergessen, vergessen, daß er da- 
mals preußischen Ehrgeize herbeiwünschte, 1870 die 
öffentliche Meinung emmunterte. 
Die Frage:: Was wird das Ende des Krie- 
ges sein?. ist von seinem Anfang an natur- 
gemäßt nicht gleichmäßig beantwortet wor- 
en. Es wurden Meinungen vertreten, die zeinen 
Hubertusburger Frieden= als erträglich, ja als befrie- 
digend ansahen. Sie waren bei der Mehrzahl ihrer 
Vertreter bestimmt durch die ungeheureäußerliche Über- 
legenheit der Gegner; übertraf doch die Bewohnerzahl 
ihrer weiten Reiche die der Mittelmächte von An- 
fang an mehr als sechsfach. Dazu die völlige Herr- 
schaft über die See mit allen ihren wirtschaftlichen 
Folgen! Wie sollte man da mehr erreichen als gerade 
bestehen? Die raschen und großen Erfolge im Westen, 
die glückliche Abwehr des ostpreußischen Russeneinfalles 
und Taten unserer Flotte, besonders der U-Boote, 
haben doch manchem gut vaterländisch gesinnten Zag- 
haften Hoffnungen erweckt, denen nachzuhängen er zu- 
nächst nicht gewagt hatte. Es waren dann weiterhin 
besonders die folgenden Erwägungen, die das Urteil 
über Kriegsziele bestimmten. 
So gut wie einstimmig war die Nation der Über- 
zeugung, daß die Mittelmächte am Kriege 
nicht schuld seien. Deutschland hatte den Krie 
nicht gewollt, weder seine Regierung noch sein Volk. 
Wenn Liebknecht und Gesinnungsgenossen unsere 
Regierung anklagten, so ist das außerhalb ihres Krei- 
ses richtig eingeschätzt worden als wahnwitziges, 
vaterlandsverräterisches Gerede. Häufiger wurde — 
und wird noch heute leider nicht selten — den -All- 
deutschene die Schuld in die Schuhe geschoben; sie 
sollten durch maßlose nationale Ansprüche das Aus- 
land gereizt, geradezu zur Abwehr genötigt haben. 
Bei Feinden und übelwollenden Neutralen iind diese 
Vorwürfe begierig aufgegriffen und zur Rechtferti- 
gung ihres Verhaltens benutzt worden. Sie beruhen 
oft auf gänzlicher Unkenntnis der alldeutschen Be- 
strebungen und werden weitverbreiteten Organen 
nachgebetet, die internationale Tendenzen vertreten 
und sich auf herausgegriffene Einzelheiten stützen. 
Klarer als irgendeine andere politische Richtung haben 
ä„ Alldeutsche= kommen sehen, was sich 1914 vollzog, 
haben häufiger gewarnt und gemahnt. Wäre politisch 
und militärisch geschehen, was sie seit Jahren ver- 
1
        <pb n="8" />
        2 Schäfer: Kriegszielbewegung 
traten und forderten, wir wären anders vorbereitet in 
den Daseinskampf gezogen. Der ausgebrochene Krie 
drängte doch weitesten Kreisen die Erkenntnis auf 
daß unsere so lange Jahre, mehrfach bis an die Grenze 
des Zulässigen bewiesene Friedensliebe uns nicht hatte 
schützen können vor Haß, Neid und Eroberungssucht 
erbarmungsloser Feinde. Sie wurde die Grundlage 
für diejenigen Anschauungen über Kriegsziele, die 
durchaus die herrschenden geworden sind, insbeson- 
dere in demjenigen Teile unseres Volkes, der von jeher 
Verständnis bewiesen hat für die unerbittliche Not- 
wendigkeit starker Machtpolitik und stets bereit gewesen 
ist zur Bewilligung der dazu erforderlichen Mittel. 
Kann Friedensliebe das Reichnicht schüt- 
zen, wie kann es dann gesichert werden vor 
der Wiederholung ähnlicher Erfahrungen? 
Gegenüber den Wutausbrülchen unserer Feinde, mit 
denen sie uns gleich in den ersten Wochen überschüt- 
teten, mußte jede Aussicht schwinden, ihre Achtung 
und Neigung zu gewinnen. Einzige Hoffnung blieb, 
sie durch Furcht zu bändigen, ihre Macht so zu schwä- 
chen, die unsere so zu mehren, daß die Aussicht auf 
Erfolg bei zukünftigen Angriffen geschmälert, die Ab- 
wehr erleichtert werde. Das konnte nur geschehen durch 
Mehrung der eigenen Kraft. 
Die Verhältnisse stellen dem aber besondere Schwie- 
rigkeiten entgegen. Es gibt gegen 20 Millionen Deut- 
sche außerhalb der Grenzen unseres Reiches. Aber in 
unmittelbarem Zusammenhange mit Reichsangehöri- 
gen wohnen sie nur im verbündeten Osterreich-Ungarn 
und in der befreundeten Schweiz. Jede Erweiterung 
deutschen Herrschaftsgebietes muß also hineingreifen 
in fremdes Volkstum, kann nicht nur Deutsche heran- 
ziehen. Bedeutet das nicht eher eine Schwächung als 
eine Stärkung, zumal in unserer demokratisch gerich- 
teten Zeit, die sich über Volksrechte nicht leicht hin- 
wegsetzt? So galt es, zwischen zwei übeln das 
kleinere zu wählen: Verzicht auf Erweite- 
rung unseres Machtbereichs oder die Ge- 
fahren einer fremden Elementen aufgenö- 
tigten Herrschaft. 
Die Wahl ist nur zu treffen unter Erwägung der 
Einzelverhältnisse. Sie sind sehr verschieden im Osten 
und im Westen; es kommen hinzu die von übersee. 
Der preußische Staat und aus seiner Erb- 
schaft das Deutsche Reich haben sich lange 
guter Beziehungen zu Rußlanderfreut. Es 
bestand kein Gegensatz der Interessen zwischen den 
Nachbarmächten. Ein solcher entwickelte sich aber, als 
die russische Politik immer unverhüllter der Beherr- 
schung des Balkans, der Vernichtung der Türkei und 
der vollen Verfügung über Bosporus und Darda- 
nellen zustrebte. Das war gleichbedeutend mit der Auf- 
lösung der Donaumonarchie, die Deutschland nicht 
zulassen konnte, ohne sich selbst das Urteil zu sprechen. 
Ein Hergang auf dem Balkan ist denn auch der un- 
mittelbare Anlaß zum Kriege geworden. 
Krieg mit Rußland war gleichbedeutend 
mit dem Aufrollen der polnischen Frage 
(vgl. v. Massow, Polen, Bd. J, S. 88, und Seeliger, 
Galizien und die polnische Frage, Bd. II. S. 26). 
Man muß sich bei Erörterungen über den Untergang 
der polnischen Selbständigkeit (die übrigens unter den 
letzten beiden Königen nur noch ein Schein war) stets 
gegenwärtig halten, daß er erfolgt ist, weil Rußland 
unter Katharina II. unentwegt und erfolgreich das 
Ziel verfolgte, den ganzen Staat in Abhängigkeit zu 
bringen. Das konnte Osterreich zur Not, Preußen 
unter keinen Umständen dulden. Polnisches Gebiet 
trennte seine beiden Stammländer, reichte bis fast un- 
ter die Tore von Breslau und Berlin. Den polnischen 
Bau gegen die russische Gefahr zu stützen, war un- 
möglich, weil er längst viel zu morsch geworden war. 
Es blieb keine Wahl, man mußte sich bei seinem Ab- 
bruch das Nötige sichern. Das ist in verschiedenen 
Formen, zuletzt mit Beschränkung auf das unerläßlich 
Notwendige, geschehen in den Verträgen der Jahre 
1772, 1793, 1795, 1815. Die Polen haben sie nie 
gelten lassen. Der deutsch-russische Krieg machte eine 
Neuordnung unvermeidlich. Wie ließ sie sich für 
Deutschland erträglich gestalten? 
Eine Beantwortung dieser Frage kann natürlich 
nurversucht werden, ausgehend von der Voraussetzung 
eines deutschen Sieges. Daß eine Niderlage uns Ost- 
und Westpreußen, Posen und den größten Teil von 
Schlesien, vielleicht die ganze Provinz und dazu noch 
pommersche und brandenburgische Gebietoteile kosten 
wird, daran kann nach den zahlreichen russischen Auße- 
rungen über die erhoffte Siegesbeute nicht gezweifelt 
werden. Aber wo bei glücklichem Ausgange 
jenseits unserer gegenwärtigen eine neue 
Grenze ziehen? 
Man kann darauf nur eine Antwort geben, indem 
man sich unsere Lage gegenüber Rußland vergegen- 
wärtigt. Der Gegensatz ist unausgleichbar, solange 
nicht Rußland seine Balkanpläne aufgibt; die Durch- 
fahrt durch die Meerengen kann man ihm gestatten, 
aber nicht die Herrsch aft über Dardanellen und Bos- 
porus. Die Bevölkerung des ungeheuren Reiches ist 
schon jetzt jener der Mittelmächte um nahezu die Hälfte 
überlegen und erfreut sich einer erheblich höheren Ver- 
mehrungsziffer. Dazu befindet sie sich in einem un- 
leugbaren kulturellen und besonders wirtschaftlichen 
Ausstieg, der für ihren Hauptteil, das Großrussentum, 
seit einem Jahrzehnt mächtig gefördert wird durch 
die in der Ausführung begriffene Bodenreform (vgl. 
Nötzel, Russische Sozialpolitik. Abt. V). Massenhafte 
Umsiedlung großrussischer Bauern ostwärts in die 
fruchtbaren südwestsibirischen Bezirke hat schon jetzt die 
nationale und erst recht die militärische Kraft des Rei- 
ches außerordentlich gestärkt. Dann die schier un- 
begrenzte Möglichkeit der Weiterentwicklung in dem 
durch alle Klimate sich erstreckenden, jeder Produktion 
fähigen, mit Bodenschätzen aller Art ausgestatteten 
Reiche! Wenn ein Gelehrter pazifistischer Richtung 
darauf hinwies, daß Widerstand unnütz sei, da Rußland 
uns doch in einem Menschenalter oder zwei erdrücken 
werde, so war das zwar empörend, aber verständlich. 
Für ein verzweifelndes Ergeben in ein scheinbar 
unvermeidliches Schicksal war um so weniger Anlaß, 
als doch auch Momente der Schwäche unverkenn- 
bar vorhanden sind. Die russische Riesenmacht 
ist erst in den letzten zwei Jahrhunderten zu ihrer jetzi- 
gen Größe emporgewachsen, im Grunde genommen 
erst in den letzten drei bis vier Menschenaltern, und 
sie hat nicht vermocht, sich die neu gewonne- 
nen Gebiete innerlich anzupassen. Vom Eis- 
meer bis zum Schwarzen Meer zieht sich ein breiter 
Gürtel von Fremdvölkern an der ganzen Westgrenze 
entlang: Finnländer, Balten, Esten, Letten, Litauer, 
Polen, Weißrussen, Ukrainer, Rumänen (vgl. Zechlin, 
Die Fremdvölker Rußlands, Bd. I, S. 71). Ukrainer 
bilden auch den Hauptbestandteil der Bewohner Süd- 
rußlands. Nirgends hat der Großrusse ein nicht unter
        <pb n="9" />
        Schäfer: Kriegszielbewegung 3 
seinem Zaren stehendes Volk zum unmittelbaren Nach- 
bar. Zu dem Unterschied der Sprache und Geschichte 
tritt der des Bekenntnisses. Finnländer, Balten, Esten 
und Letten sind evangelisch, Polen, Litauer und Weiß- 
russen römisch-katholisch. Bei der ersten und einzigen 
Nationalitätenzählung im Russischen Reich ergaben 
sich nur 56 Millionen Großrussen von reichlich 128 
Millionen Bewohnern, also 43/4 Prozent! Daneben 
über 22 Millionen Ukrainer! Jetzt wird deren Zahl 
auf mehr als 28 Millionen berechnet. Die Gebiete, 
die seit Katharina II. dem Reiche an seiner Westgrenze 
angeschlossen wurden, zählten 1912 nicht weniger als 
48 Millionen Bewohner, mit denen, die Peter der 
Große und Elisabeth erwarben, gegen 53 Millionen. 
In den Unruhen, die dem japanischen Kriege folgten, 
ist deutlich zutage getreten, daß diese weiten Gebiete 
zum allergrößten Teil noch keineswegs mit dem Reiche 
verschmolzen sind. Der Gedanke, daß hier eine Schwä- 
chung Rußlands möglich sei, lag nahe genug, ist auch 
schon vor mehr als einem halben Jahrhundert von 
Nichtrussen und wieder und wieder von den Nächst- 
beteiligten erwogen worden. Wie oft hat man von 
Angehörigen russischer Fremdvölker gehört: „Ruß- 
land muß und wird zerfallen; es ist zu bunt zusam- 
mengesetzt!le 
Solcher Auffassung kann aber nicht weiter Naum 
gegeben werden, ohne daß man sich zugleich klarzu- 
machen sucht, in welche Zustände etwa loszulösende 
Völkerschaften hinübergeführt werden könnten. Kein 
Besonnener hatjemals auchnureinen Augenblickdaran 
gedacht, daß das etwa in der Weise geschehen könne, 
wie bisher so ziemlich alle staatlichen Gebietserweite- 
rungen in Europa sich vollzogen haben, durch einfache 
Einverleibung. Lahmlegung unserer Reichsverfassung 
durch Einfügung zahlreicher widerstrebender Teilhaber 
wäre ja die unausbleibliche Folge. Man mußte da- 
her den loszulösenden und anzugliedernden Elemen- 
ten in irgendeiner Form eine gewisse Freiheit der Be- 
wegung eigener Betätigung gewähren. Dabei mußte 
aber Deutschlands Vorteil, d. h. die Mehrung seiner 
Sicherheit, erster und vornehmster Gesichtspunkt blei- 
ben; handelte es sich doch nicht nur um Schwächung 
feindlicher, sondern auch um tunlichste Stärkung der 
eigenen Stellung. Keineswegs konnte allein -Be- 
Eung von Völkern= Richtschnur des Handelns sein; 
ie muß ihre Schranken finden in dem für Deutsch- 
land Erträglichen. 
Da aber handelte es sich wieder um zwei Ziele. 
Zunächst mußten die Wohnsitze des eigenen 
Volkes besser gedeckt werden, als es zu Beginn 
dieses Krieges der Fall war. Russeneinfälle in blül- 
hende deutsche Lande mußten in Zukunft tunlichst er- 
schwert werden. Dazu bedurfte es der vollenund dauern- 
den Herrschaft über die lange Festungskette, die sich im 
Gelände der Flüsse Weichsel, Bug, Narew, Bobr, 
Memel von Warschau bis Kauen (Kowno) entlang 
zieht. Es mußte aber zugleich daran gedacht 
werden, daß dieser Krieg wohl die letzte Ge- 
legenheit darbietet, neue Siedlungsmög- 
lichkeiten fürunsere wachsende Vevölkerung 
u gewinnen. Wir hatten den Krieg nicht gewollt. 
n er aber einmal ausgebrochen war, durften wir 
nicht versäumen, zum Guten für uns zu wenden, was 
unsere Gegner zu unserem Verderben begonnenhatten. 
Eine der bedenklichsten Wandlungeninder 
Zusammensetzung unseres Volkskörpers ist 
sicherlich die starke Verschiebung des Ver- 
hältnisses zwischen städtischerundländlicher 
Bevölkerung, die sichimletzten halben Jahr- 
hundert volsiogen hat. Seit dem deutsch-fran- 
zösischen Krieg ist des Reiches Einwohnerzahl um 25 
Millionen gestiegen; fast der gesamte Zuwachs fällt 
aber auf die Städte. ganz besonders die Großstädte; 
die ländliche Bevölkerung hat sich nur in einigen we- 
nigen Gegenden vermehrt, ist in manchen zurückgegan- 
en. Mit dem Anwachsen der städtischen Bewohner- 
schaft haben Gewerbe und Handel einen immer brei- 
teren Raum gewonnen; die Zahl der in ländlichen 
Betrieben haupt= und nebengeschäftlich Tätigen war 
schon 1907 auf 25 Prozent zurückgegangen. Die ge- 
sunde Mischung unseres Volkskörpers ist gefährdet: 
er bedarf der Auffrischung durch verstärkte Fühlung 
mit dem Lande, mit Feldarbeit. Raum dafür kann 
nur die östliche Nachbarschaft bieten, nicht die dicht, 
stellenweise überdicht bevölkerte westliche. Ihre volle 
wirtschaftliche Angliederung ist, wie die Gegenwart 
deutlich zum Bewußtsein bringt, unbedingtes Erfor- 
dernis, will Deutschland in einem zukünftigen großen 
Kriege seine Ernährung besser gesichert sehen als in 
der gegenwärtigen schweren Heimsuchung. 
Es sommt hinzu. daß die rund 1½ Million länd- 
licher Siedler deutschen Stammes und deutscher 
Sprache, die seit den Tagen der zweiten Katharina in 
verschiedenen Gegenden des Russischen Reiches auf Ver- 
anlassung der Herrscher eine neue Heimat gesucht und 
gefunden haben, während des Krieges hart bedrängt, 
zum großen Teil um Haus und Hof gebracht worden 
sind, obgleich sie ihre Wehrpflicht gegen das Reich zu 
erfüllen hatten und treu erfüllten, daß ferner die Russen 
bei ihrem Rückzuge aus den Westgebieten nicht nur 
Hunderttausende, sondern Millionen der Angesessenen 
mit sich forttrieben, offenbar in der Absicht, sie nie 
wieder in ihre Heimat zurückkehren zu lassen, sondern 
sie durch Großrussen zu ersetzen. Neues Lo#d wird 
dem großrussischen Bauer, der durch die Bodenreform 
landhungriger geworden ist, als er früher gewesen 
war, als Ziel des Krieges hingestellt. So drängte sich 
der Gedanke auf, in dem Lande, das infolge der deut- 
schen Besetzung frei geworden war, nicht nur dem 
Reichsdeutschen neue Siedlungsmöglichkeiten zu schaf- 
fen, sondern auch den schwer heimgesuchten bäuerlichen 
Deutschen Rußlands neue Heimstätten zu gewähren 
innerhalb des zu erweiternden deutschen Machtbereichs. 
Eine besondere Aufgabe stellten die baltischen- 
Lande, die sogenannten russischen Ostseeprovinzen 
(ugl. Stavenhagen, Die deutschen Ostseeprovinzen, 
Bd. J, S. 84). Livland, Estland und Kurland sind 
durch Deutsche dem Abendlande zugeführt worden; 
sie haben ihrer Kultur nach nie dem Osten, stets dem 
Westen angehört. Was Ritter, Bürger, Geistliche dort 
leisteten, hat sich bewährt und erhalten bis auf den 
heutigen Tag. Der Besitz des Landes würde Deutsch- 
lands Herrschaft auf der Ostsee festlegen, seine Gren- 
zen decken; auch würden sich seine Bewohner leichter 
in die deutschen Verhältnisse hinüberfinden als irgend- 
eine andere Bevölkerung der östlichen Nachbargebiete. 
Kein Wunder, daß ausgesprochen und erwogen wurde, 
ob und wie man diese Gebiete wieder zurückführen 
könne in die Beziehungen, in denen sie bis in die 
zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Reiche, in 
denen sie bis heute zur deutschen Kultur standen. 
Daß in all diesen Gedankengängen, die sich auf- 
drängten, kein Besonnener die Schwierigkeiten 
verkannte, die in dem bunten Völkergemisch liegen, 
bedarf kaum der Erwähnung. Aber man war und 
1“
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        4 Schäfer: Kriegszielbewegung 
ist in einer Zwangslage; es gilt, unter verschie- 
denen übeln zu wählen. Eine vollauf be- 
friedigende, für alle Zeiten Ruhe verbür- 
gende Neuordnung der Dinge läßt sich nicht 
aufrichten. Unter allen Umständen werden 
dem Reiche Aufgaben gestellt, in die es sich 
hineinfinden muß, wenn es bestehen will. 
Und ähnlich liegen die Dinge im Westen. 
Die Heeresleitung hat sich mit raschem Griff Bel- 
giens bemächtigt und damit den Weg nach Frankreich 
geöffnet. Die Regierung des Landes hatte den Durch- 
marsch nicht zulassen wollen trotz verbürgter Integri- 
tät und Schadloshaltung. Da sie längst Verobredun- 
gen getroffen hatte Über militärisches Zusammenwirken 
mit den Westmächten, konnte sie sich über Bruch der 
Neutralität mit Recht nicht beklagen; sie mußte um so 
eher als Feind gelten, da die Bevölkerung sich in blin- 
der Wut und unter wilden, allem Kriegsgebrauch 
hohnsprechenden Ausschreitungen den einrückenden 
eutschen widersetzte. Daß Belgien in Frankreichs 
and oder auch nur im Griff der Franzosen für 
eutschland eine schwere Gefahr bedeulet, ist bisher 
stets und allgemein anerkannt worden. 1 Be- 
satzungsrecht, das Preußen 1818 für die Maasfestun- 
gen erhielt, hat das seinen klaren Ausdruck gefunden; 
gegenitber der belgischen Revolution von 1830 ist diese 
uffassung das Leitmotiv für die Haltung der Groß- 
mächte geworden und hat auch noch beim Ausbruch 
des deutsch französischen Krieges 1870 die englische 
öffentliche Meinung bewegt. Erst als England Deutsch- 
land zu fürchten anfing und sich dem Zweibund näherte, 
ist es anders geworden. Die Besetzung Belgiens 
weckte naturgemäß in Deutschland den Wunsch, in Zu- 
kunft dem Feinde an der Südwest-, nicht an der Ost- 
grenze dieses Landes begegnen zu können. nicht zuletzt 
auch infolge des Verhaltens der belgischen Regierung 
in den letzten Jahrzehnten. Sie hat wohl versucht, ihr 
Land gegen Osten, durch starken Ausbau der Maas- 
festungen, nicht aber gegen Frankreich hin zu decken. 
Die Gefahr, der man hier zu steuern hatte, wog um 
so schwerer, als die von ihr zunächst bedrohten Gebiete 
für die deutsche Kuichführun gerade die wichtigsten, 
unentbehrlich für sie sind. Sie sind der Sitz unserer 
entwickeltsten Industrie, insbesondere der Schwer-, 
der Rüstungsindustrie. Ihre Besetzung, ja schon ihre 
Gefährdung durch den Feind könnte alles lähmen; 
man muß ihr möglichst vorzubeugen suchen. Der 
Krieg hat gelehrt, daß Kohlen und Eisen seine wich- 
tigsten Erfordernisse sind, daß man ihrer nicht genug 
besitzen kann. Wie, wenn man Belgiens Produktion 
zu dauernder Verfügung haben, 4 jedem Gegner 
entziehen könnte? Es wäre eine weitere Friedens- 
bürgschaft. Dann vergegenwärtigte man sich, daß 
Antwerpen im Laufe der Jahrzehnte immer mehr 
eins der Fenster geworden war, durch die Deutschland 
in die Welt hinausschaut, daß sein ungeheurer Hafen- 
betrieb vor allem auf deutscher Aus- und Einfuhr 
beruht, und daß dem Deutschlands Einfluß auf die 
dortige Ordnung des Verkehrs nicht entspreche. Als 
es Engsand gegenüber mehr und mehr darauf ankam, 
durch U- Boote, Luftschiffe und Flug zeuge etwas zu 
erreichen, stellte sich heraus, ein wie wichtiger, ja un- 
entbehrlicher Stützpunkt für solche Unternehmungen 
die flandrische Küste ist. Ein dauerndes Verfügungs- 
recht über sie würde auch unsere Flotte in eine ganz 
andere Stellung gegenüber ihrem britischen Todfeinde 
bringen, als das »nasse Dreiecke sie bieten kann, ist 
unerläßliche Vorbedingung für eine einigermaßen 
ebenbürtige Gegnerschaft. 
So entwickellen sich die Anschauungen, die eine 
dauernde deutsche Stellung in Belgien als Kriegsziel 
vertraten. 
Im Nordosten Frankreichs hatten unsere Trup- 
pen von den Vogesen bis zur flandrischen Grenze hin 
ein erhebliches VGebien besetzen können, darunter des 
Landes wichtigste Produktionsstätten für Kohle und 
Eisen und seine bestentwickelten Industriebe zirke. An- 
derseits war es den Franzosen gelungen, gestützt auf 
Belfort, ins Oberelsaß einzudringen und die Vogesen- 
dässe und ihre anschließenden Täler bis über die Di- 
olzhauser Straße hinaus zu iiss Das hat, be- 
sonders im Süden, den alten Wunsch, Belfort in 
deutsche Hand zu bringen und damit die burgundische 
Pforte zu sperren, mächtig belebt, auch erkennen las- 
sen, daß für die Behauptung der Vogesen der Besitz 
westlichen Vorgeländes wichiig sei. Besonders aber 
bat der Krieg die Bedeutung des lothringischen Erz- 
eckens ins rechte Licht gesetzt. Sein reichsländisch- 
luxemburgischer Teil stand zu deutscher Verfügung. 
ätten die Franzosen zu Beginn der Feindseligkeiten 
ich klargemacht, daß sie durch weittragende Geschütze 
Deutschlands ergiebigste Erzgruben vernichten konn- 
ten, es wäre für uns verhängnisvoll geworden. So 
haben wir durch raschen Vorstoß ihren Anteil in un- 
sere Hand gebracht, und das ist für unsere Kriegfüh- 
rung um so wichtiger geworden, als die überseeischen 
Erzlieferungen, durch die wir in Friedenszeiten un- 
seren Bedarf decken, zum Teil völlig gesperrt. zum 
Teil stark behindert worden sind. Frankreich auch die 
Mittel der Kriegführung, die der im Norden von uns 
besetzte Landesteil liefert, zu entziehen, war ein natür- 
licher Gedanke; so würde Frankreichs Angriffsgelüsten 
ein Dämpfer aufgesetzt. Besser noch als von der bel- 
gischen Küste ließ sich England von Dünkirchen, Ca- 
lais und Boulogne aus in Schach halten; Dünkirchen 
liegt noch auf stänmsschem Sprachgebiet! Der Besitz 
disser Plätze wäre für Deutschland von hohem Werte. 
Wenn so die kriegerischen Lergänge Wünschen. 
Hoffnungen und Plänen an Ost- und Westgrenze des 
Reiches anregten und berechtigten, so stand es anders 
in übersee. Englands üÜbergewicht auf dem Meere, 
vermehrt durch die französische Flotte, machte sich hier 
in erdrückender Weise geltend, zumal auch Japan auf 
die Seite der Gegner trat. Die deutschen Kolonien 
waren von der Heimat abgeschnitten. Gegen getrof- 
fene Vereinbarung üÜbertrugen die Feinde den Krieg 
auf den schwarzen Erdteil; unsere emporblühenden 
afrikanischen Kolonien wurden trotz heldenhafter 
Gegenwehr ihrer schwachen Schutztruppen bis auf 
einen geringen Rest eine nach der andern erobert. 
Tsingtau konnte die Tapferkeit seiner Verteidiger nicht 
retten vor der asiatischen Großmacht, die sich mühelos 
auch unserer Koralleninseln bemächtigte. Die deutsche 
Flagge verschwand von den Meeren. Ruhmbedeckt 
gingen die einzelnen Kreuzer mit ihren Besatzungen 
nacheinander dem Vaterlande verloren; was die= Em- 
den« vollbrachte, zwang selbst dem giftigen Haß der 
Engländer Bewunderung ab. Nur „Goeben= und 
k Breslaue retteten sich durch Kühnheit und List in die 
Dardanellen. Unsere Handelsschisse mußten sich in 
neutrale Hafen flüchten oder wurden eine Beute der 
Feinde. Arbeit und Kapital, die man auf unsere Kolo- 
nien verwandt hatte, waren zunächst verloren.
        <pb n="11" />
        Schäfer: Kriegszielbewegung 
Diese traurigen Erfahrungen konnten doch den ko- 
lonialen Mut unseres Volles nicht brechen. Es war 
nur eine Stimme: Nicht verzichten! Was man unter 
Zweifeln und Kämpfen erworben hatte, sollte zurück- 
gewonnen werden. Sein unentbehrlicher Wert war 
erkannt. Gestützt auf die europäischen Erfolge, ins- 
besondere auf die Herrschaft über Belgien, rechnete 
man troßz allem mit einer Vermehrung auch des Außen- 
besitzes. Vor allem aber verlangte man Freiheit der 
Meere= Sie wurde zum Schlagwort. Man wollte 
den friedlichen Verkehr gesichert wissen gegen brutale 
Vergewaltigung, den eigenen und den neutralen. 
„Stützpunkte über See- aeen sichern; man erfuhr, 
welche Macht England durch ihren Besitz ausübte. 
Das waren die Gedanken, die Millionen 
Köpfe bewegten, die in Gesprächen und Zu- 
sammenkünften, soweit sie unter dem Druck 
des Belagerungszustandes möglich waren, 
immer und immer wieder erörtert wurden. 
Es war natürlich, daß man sie bald auch programm- 
mäßig zus ammensaßte: das Bestehen der verschiedenen 
vaterländischen Vereine brachte das mit sich. Wo 
und wann es zuerst geschehen ist, läßt sich zur Zeit 
noch nicht feststellen, die Entwicklung, der Bewegung 
auch nicht im einzelnen verfolgen. Aber am 10. 
März 1915 richteten sechs auf wirtschaftlicher Grund- 
lage stehende Verbände, der Bund der Landwirte, 
der Deutsche Bauernbund, der Zentralverband deut- 
scher Industrieller, der Bund der Industriellen, der 
Hansabund und der Reichsdeutsche Mittelstands- 
verband eine Eingabe an den Reichstag, in der es 
75 „Gibt man die Meinungsäußerung über das 
riedensziel und die Friedensbedingungen frei, dann 
wird sich zeigen, daß, von ganz verschwindenden Aus- 
nahmen abgesehen, im ganzen deutschen Volke, ohne 
Rücksicht auf die Parteistellung, in der Front wie 
hinter der Front, nur ein einziger kraftvoller Wille 
besteht, durchzuhalten bis zum äußersten, da- 
mit unser deutsches Vaterland aus dem ihm 
aufgezwungenen Kampfe um seine Existenz 
größer und stärker hervorgeht, mitgesicher- 
ten Grenzen im Westen und Osten und mit 
den zur Sicherung unserer Seegeltung wie 
ausmilitärischen undwirtschaftlichen Grün- 
den notwendigen europäischen undkolonia- 
len Gebietserweilerungen, ohnedienunein- 
mal das allseitigerstrebte Ziel, den Kriegso 
zum Abschluß zubringen, daß eine Wieder- 
holung derartiger Kämpfe so gut wie aus- 
eschlossen erscheint, nicht erreicht werden 
ean n.« Die Eingabe schließt mit den Worten: „-Es 
liegt im Interesse der Wohlfahrt unseres deutschen 
Vaterlandes für alle Zukunft, daß dieser einheitliche 
und kraftvolle Wille zum Ausdruck gelange als der 
Wille des ganzen deutschen Volkes, das opferfreudig 
und geschlossen hinter einer Regierung stehen wird, 
die diesen Willen mit unbeugsamer Festigkeit vertritt.- 
Am folgenden 5. Mai hat sich dann der Alldeutsche 
Verband an den Reichskanzler gewandt mit einer 
Darlegung, die näher auf Einzelheiten eingeht. Ihm 
find am 20. Mai die genannten sechs Verbände in 
ähnlicher Weise gefolgt. Am 16. Mai haben auch die 
Landesvorstände der nationalliberalen Partei Kriegs- 
ziele aufgestellt. Es steht wohl in Zusammenhang mit 
diesen Schritten, daß der Reichskanzler sich am 28. 
Mai 1915 im Reichstage zum erstenmal äußerte. Er 
bemerkte gegen Schluß seiner Rede: -Je mehr uns 
5 
die Liebe zur Heimat tief an das Herz packt, je mehr 
wir sorgen müssen für Kinder und Enkel, um so seg 
müssen wir ausharren, bis wir uns alle nur 
möglichen realen Garantien und Sicherhei- 
ten dafür geschaffen und erkämpft haben, 
daß keiner unserer Feinde —nicht vereinzelt, 
nicht vereint — wieder einen Waffengang 
wagen wird.= 
Die Worte wurden mit »stürmischem Bravo und 
Händeklatschene begrüßt. Sie waren aber zu allge 
mein und bei näherer Betrachtung zu inhaltleer, als 
daß sie dauernden Eindruck hätten hinterlassen kön- 
nen. Garantien, daß uns nie wieder ein Feind an- 
reifen wird, kann es nicht geben. Bismarck hatte nach 
edan versprochen, den Franzosen einen Angriff 
möglichst erschweren, Deutschland die Abwehr tunlichst 
erleichtern zu wollen. Das war ein erreichbares Ziel. 
So dauerte die Bewegung fort. Bei den Be- 
ratungen im Alldeutschen Verbande, die zu seiner 
Eingabe führten, hatte noch ein zweiter Entwurf vor- 
gelegen. der von Alfred Gildemeister in St. Magnus 
ei Bremen entworfen war und in der Gesamt- 
tendenz durchaus mit ihr einig ging. Er wurde in 
einem anderen Kreise, der unter Leitung des Gehei- 
men Konsistorialrats Professor D. Seeberg von der 
Berliner Universität zusammengetreten war, weiter- 
beraten und ist dann Grundlage geworden für eine 
Versammlung im Künstlerhause in der Bellevue- 
stabe zu Berlin, die am 20. Juni unter Zulassung 
er Regierung abgehalten werden konnte. Sie war 
von mehr als 400 Herren aus allen Gegenden Deutsch- 
lands und aus allen Ständen und Berufen, über- 
wiegend doch von Männern akademischer Bildung 
besucht, was Anlaß geworden ist, von einer -Kund- 
gebung der Iniellektuellen= zu sprechen. Die geneh- 
migte Denkschrift wurde am 8. Juli im Namen 
der Unterzeichner dem Reichskanzler überge- 
ben, mit ihrer Verbreitung und Sammlung von Zu- 
stimmungserklärungen auch danach noch fortgefahren. 
Alle drei Eingaben enthalten Einzelforderungen im 
besprochenen Sinne. 
Der Reichskanzler hatte die Bewegung bis dahin 
nicht gehindert; es steht aber fest, daß sie ihm nicht 
erwünscht war. Er hatte Bedenken wegen des Ein- 
drucks, den die aufgestellten Forderungen im Aus- 
lande machen könnten. Es ist nicht ohne Verständi- 
gung mit ihm eine Gegenbewegung in Gang 
gebracht worden, die unter dem Namen von Del- 
rück, Dernburg, Harnack, Hatzfeldt - Trachenber 
und Kahl in die Offentlichkeit trat. Sie erklärte sch 
gegen den geschehenen Schritt und verwarf »die Ein- 
verieibung oder Angliederung politisch selbständiger 
und an Selbständigkeit gewöhnter Völker-, wollte 
aber anderseits die besetzten Gebiete znicht zu einem 
Bollwerk für unsere Gegner werden. Rivalen Deutsch- 
lands sich dort nicht festsetzen lassen. Der höchste 
Siegespreis werde immer in der stolz errungenen Ge- 
wißheit bestehen, daß Deutschland auch eine Welt von 
Feinden nicht zu fürchten brauche, und in dem bei- 
spiellosen Kraftbewuptsein, das unser Volk den an- 
deren Völkern der Erde und den kommenden Gene- 
rationen gegeben habe.« Doch wurde wieder gesagt, 
daß »das deutsche Volk nur einen Frieden schließen 
könne, der den strategischen Bedürfnissen, den poli- 
tischen und wirtschaftlichen Interessen des Landes 
und der ungeheuren Betätigung seiner Kraft und sei- 
nes Unternehmungsgeistes in der Heimat und auf 
dem freien Meere gesicherte Grundlagen gebe«. Auf
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        6 Schäfer: Kriegszielbewegung 
irgendwelche Einzelerörterungen ließ sich der kurze 
Aufruf nicht ein. Er fand bis zum 27. Juli 90 Un- 
terschriften, denen weiterhin noch 51 hinzugetreten 
sind, darunter auch zwei Frauen und führende Mit- 
glieder des Bundes = Neues Vaterlande, den die aus- 
esprochenen Pazifisten (vgl. den Beitrag -Der Ewige 
Frirden und die Pazifisten im 3. Band) unter An- 
lehnung an auslündifhhe Bestrebungen gebildet hatten. 
Da in diesen Außerungen offenbar Regierungs- 
auffassungen zum Ausdruck kamen, konnten sie die 
frühere Bewegung nur beleben. Die Denlschrift vom 
20. Juni fand im ganzen 1347 Unterschriften, dar- 
unter die von 352 #mroßfforen deutscher Hochschulen, 
von 158 Schulmännern und Geistlichen, 145 höheren 
Verwaltungsbeamten. Bürgermeistern und Stadt- 
verordneten, 148 Richtern und Anwalten, 40 Reichs - 
und Landtagsabgeordneten, 18 inaktiven Admiralen 
und Generalen, 182 Männern aus Industrie, Handel 
und Bankwesen, 52 Landwirten, 252 Künstlern, 
Schriftstellern, Verlagsbuchhändlern. Beide Denk- 
schriften waren natürlich nur von Person zu Person 
bekanntgegeben worden. 
Das hat natürlich nicht verhindern können, daß sie 
auch in unberufene Hände gelangten. Ein amerika- 
nischer Journalist verbreitete die des 20. Juni von 
Kopenhagen aus im Auslande. Die Furcht der Re- 
gierung vor vermehrter Aufregung der Feinde ver- 
anlaßte sie, noch im Juli weitere Sammlung von 
Unterschriften zu untersagen. Sie hat sich später (13. 
November) zur Beschlagnahme der Denkschrift veran- 
laßt gesehen, da deren Verbreitung fortgesetzt wurde. 
In dem Augenblicke, da die Beschlagnahme erfolgte, 
war aber schon eine neue Denkschei fertig, die an 
die Stelle der bisherigen treten sollte. Sie war not- 
wendig geworden durch die Anderung der Lage. Den 
Erfolgen im Westen, die in den ersten Monaten des 
Krieges errungen waren, hatten sich im Osten, wo die 
Wage lange geschwankt hatte, nicht minder erfreuliche 
und wichtige zugesellt. Nach dem Durchbruch von 
Gorlize hatten unsere Truppen im Verein mit den 
Verbündeten ihre Waffen bis an die Düna und über 
Litauen hinaus nach Weißrußland und Wolhynien 
hineintragen können. Der Eintritt Jlaliens in den 
Krieg hatte das nicht gehindert, der Bulgariens aber 
rasche und durchschlagende Erfolge gegen Serbien und 
Montenegro ermöglicht. Andererseits hatte sich im 
Westen der Stellungskrieg festgelegt. Die neue 
Denkschrift, die dicsem Wandel Rechnung trug, ist 
doch, mit Rücksicht auf die Tagung des Neichstags 
und aus anderen Gründen, erst zu Anfang des 
Jahres 1916 unter dem Titel = Zur Lage« zur 
Versendung gelangt. Sie wurde eine neue Grund- 
lage des Zusammenschlusses. 
Inzwischen hatte auch der Kanzler in seinen öffent- 
lichen Außerungen den Hergängen bis zu einem ge- 
wissen Grade Rechnung getragen. In der Reichs- 
tagsrede vom 19. August 1915, 14 Tage nach 
dem Falle Warschaus, gab er dem Gedanken vom 28. 
Mai in weniger anfechtbarer Form mit den Worten 
Ausdruck: Deutschland muß seine Stellung so aus- 
bauen, festigen und stärken, daß den anderen Mächten 
die Neigung vergeht, wieder Einkreisungspolitik zu 
treiben-, und fügte hinzu: »Wir müssen zu unserem 
wie zum Schutz und Heil aller Völker die Frei- 
heit der Meere erringen; er gab zugleich der über- 
zeugung Ausdruck, daß -Europa nur zur Ruhe kom- 
men könne durch eine starke und unantastbare Stel- 
lung Deutschlandse. Er unterließ es, zu sagen, wie 
er sich eine solche Stellung denke, gab aber Bedenken 
Nahrung, indem er von »der Freiheit der großen und 
der kleinen Nationen« redete, deren Hort wir sein 
wollten, und in bezug auf Polen mit einer warmen 
Anerkennung der-Freiheitsliebe- seines Volkes gegen- 
über dem Russentum der Hoffnung Ausdruck gab, 
„daß die heutige Besetzung der polnischen Grenzen 
gegen Osten den Beginn einer Entwicklung darstellen 
werde. die die alten Gegensätze zwischen Deutschen 
und Polen aus der Welt schaffe und das vom russi- 
schen Joch befreite Land einer gülckiichen Zukunft 
entgegenführen werde, in der es die Eigenart seines 
nalionalen Lebens pflegen und entwickeln könnee. 
Man hörte Gedankengänge heraus, denen der Kanz- 
ler schon früher Ausdruck gegeben hatte, und hielt es 
nicht für ausgeschlossen, daß er das unmittelbare Ziel 
des Krieges mehr in der Vorbereitung einer Kultur- 
gemeinschaft als in Mehrung deutscher Macht sehe, 
auf der doch allein eine für uns ersprießliche Kultur- 
gemeinschaft der Völker aufgebaut werden kann. 
Man erinnerte sich, daß die Polen Freiheitsliebe nicht 
nur gegen die Russen, sondern auch gegen uns be- 
währt, daß sie Belege irgendwelcher Sympathie für 
die deutsche Sache während des Krieges nicht gegeben 
hatten, auch daß es keinerlei Gründe gab, die berech- 
tigten, einen ganz selbständigen polnischen Staat zwi- 
schen Rußland und Deutschland als geeignete Siche- 
rung unserer Grenzen anzusehen. 
Diese Bedenken und Befürchtungen wurden nicht 
völlig zerstreut, als der Reichskanzler sich am 9. De- 
zemvor 1915 etwas näher erklärte. Er sagte im 
eichstage: „In meinen früheren Reden habe ich 
das allgemeine Kriegsziel umrissen. Ich kann auch 
heute nicht auf Einzelheiten eingehen: Ich kann nicht 
sagen, welche Garantien die Kaiserliche Regierung z. B. 
in der belgischen Frage fordern wird, welche Macht- 
grundlagen sie für diese Garantien für notwendig 
erachtet. Aber eines muüssen sich unsere Feinde selbst 
sagen: Je länger und erbitterter sie den Krieg gegen 
uns führen, um so mehr wachsen die Garantien, die 
für uns nolwendig sind. Wollen unsere Feinde 
füralle Zulunft eine Kluft zwischen Deutsch- 
land und der übrigen Welt aufrichten, dann 
sollen sie sich nicht wundern, daß auch wir unsere Zu- 
kunft darnach einrichten. Weder im Osten noch im 
Westen dürfen unsere Feinde von heute über Ein- 
fallstore verfügen, durch die sie uns von morgen ab 
aufs neue und schärfer als bisher bedrohen. Es ist 
ja bekannt, daß Frankreich seine Anleihen an Nußla 
nur umer der ausdrücklichen Bedingung gegeben hat, 
daß Rußlund die polnischen Festungen und Eisenbah- 
nen gegen uns ausbaue. Und ebenso ist es bekannt, 
daß England und Frankreich Belgien als ihr Auf- 
marschgebiet gegen uns betrachteten. Dagegen müssen 
wir uns politisch und militärisch, und wir müssen 
auch wirtschaftlich die Möglichkeit unserer Entfaltun 
sichern. Was dazu nötig ist, muß erreicht werden. J 
denke, es gibt im deutschen Vaterlande nie- 
manden, der nicht diesem Ziele zustrebt.- 
Die hypothetische Wendung von der Kluft zwischen 
Deutschland und der übrigen Welt ließ ungeachtet all 
der scharfen Worte, die der Reichskanzler gegen die 
Feinde gebraucht hatte, Zweifel, ob er von ihrem Ver- 
nichtungswillen denügend überzeugt sei, und es war 
bezeichnend, daß der Abgeordnete Spahn als Sprecher 
des Zentrums in seiner kurzen Zusammenfassung der 
Kanzlerforderungen hinzufügte, daß sie durchzusegen
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        Schäfer: Kriegszielbewegung 7 
seien »mit allen Mitteln, einschließlich der dazu 
erforderlichen Gebietserwerbungene. 
Wieder einen Schritt weiter ging der Reichs- 
kanzler am 5. April 1916: Zu unserer Verteidi- 
gung sind wir ausgezogen. Aber das, was war, ist 
nicht mehr. Die Geschichte ist mit chernen Schritten 
vorwärts gegangen; es gibt kein Zurück. Unsere 
und Österreich--Ungarns Absicht ist es nicht 
ewesen, die polnische Frage aufzurollen; 
as Schicksal der Schlachten hat sie auf- 
erollt. Nun steht sie da und harrt der Lösung. 
eutschland und ÖOsterreich-Ungarn müssen und wer- 
den sie lösen. Den status quo ante kennt nach so un- 
geheuren Geschehnissen die Geschichte nicht. Das Bel- 
gien nach dem Kriege wird nicht mehr das alte vor 
dem Kriege sein. Das Polen, das der russische Tschi- 
nownik, noch bastig Bestechungsgelder erpressend, das 
der russische Kosak brennend und raubend verlassen 
hat, ist nicht mehr. Selbst Mitglieder der Duma haben 
anerkannt, daß sie sich die Rückkehr des Tschinownik an 
den Platz, wo inzwischen ein Deutscher, ein Osterreicher, 
ein Pole ehrlich für das unglückliche Land gearbeitet 
haben, nicht vorstellen können. Herr Asquith spricht 
in seinen Friedensbedingungen vom Prinzip der Na- 
tionalität. Wenn er das tut, und wenn er sich in 
die Lage des unbesiegten und unbesiegbaren Gegners 
versetzt, kann er dann annehmen, daß Deutschland 
freiwillig die von ihm und seinen Bundesgenossen 
befreiten Völker zwischen der Baltischen See und den 
Wolhynischen Sümpfen wieder dem Regiment des re- 
aktionären Rußland ausliefern wird, mögen sie Po- 
len, Litauer, Balten oder Letten sein? Nein, meine 
Herren, Rußland darf nicht zum zweiten Male seine 
Heere an der ungeschützten Grenze Ost- und West- 
preußens aufmarschieren lassen, nicht noch einmal 
mit französischem Gelde das Weichselland als Ein- 
fallstor in das ungeschützte Deutschland einrichten. 
Und ebenso, meine Herren, wird jemand glauben, daß 
wir die im Westen besetzten Länder, auf denen das 
Blut des Volkes geflossen ist, ohne völlige Sicherung 
für unsere Zuunft preisgeben werden? Wir werden 
uns reale Garantien dafür schaffen, daß Belgien nicht 
ein englisch-französischer Vasallenstaat, nicht militä- 
risch und wirtschaftlich als Vorwerk gegen Deutschland 
ausgebaut wird. Auch hier gibt es keinen status quo 
ante; auch hier macht das Schicksal keinen Schritt zu- 
rück. Auch hier kann Deutschland den lange nieder- 
#chaltenen flämischen Volksstamm nicht wieder der 
erwelschung preisgeben, sondern wird ihm eine ge- 
sunde, seinen reichen Anlagen entsprechende Entwick- 
lung auf der Grundlage seiner niederländischen 
Sprache und Eigenheit sichern. 
Es mußte in diesen Außerungen auffallen, daß 
nach der Meinung des Kanzlers = das Schicksal der 
Schlachten die polnische Frage aufgerollt habe«. Nicht 
das Schicksal der Schlachten hatte sie aufgerollt, son- 
dern der Ausbruch des Krieges überhaupt. Dem 
Schicksal hatte man zu danken; wäre es anders aus- 
gefallen, so hätte Rußland das entscheidende Wort in 
der Frage zu sprechen gehabt. Den Krieg aber hatten 
alle Urteilsfähigen mindestens seit 1907/08 sicher 
vorausgesehen; der Mord von Sarajevo hatte ihn ja 
nur zufallig, zum Glück für uns vorzeilig, zum Aus- 
bruch gebracht. So war lange zu erkennen gewesen, 
daß die polnische Frage aufgerollt werden würde. Die 
Außerung des Kanzlers mußte starke Zweifel erregen, 
ob unsere Regierung mit klarer Einsicht, mit bestimm- 
ter, zielbewußter Auffassung an sie herangetreten war. 
Wenn, so regte sich auf Grund der Rede der Verdacht, 
ob es in der richtigen Weise geschehen sei, ob die Ziele 
des leitenden Staatsmannes sich nicht mehr auf Be- 
freiung von Völkern als auf Mehrung deutscher 
Macht richteten. Denn von solcher hatte er doch nur 
in vieldeutigen Wendungen gesprochen. 
Die Zweifel waren um so mehr berechtigt, als die 
Regierung auch in anderer Richtung nach der Mei- 
nung weiter und bester Kreise versagt hatte. 
England war nicht imstande gewesen, eine 
völkerrechtlich gültige Blockade gegenüber 
den deutschen Kusten auszuüben. Es hatte 
daher die Blockade durch eine ECperre der Zugänge 
zur Nordsee ersetzt. Von Oktober 1914 an ist deut- 
scherseits beraten worden, ob man dem nicht durch 
eine ähnliche Maßnahme begegnen könne; am 4. Fe- 
bruar 1915 wurde eine Sperrzone um Eng- 
land herumfestgesetzt, die vom 18. Februar ab 
von Neutralen nur auf eigene Gefahr befahren wer- 
den könne. Durch U-Boote wollte man sie aufrecht- 
erhalten. Nachdem die Erklärung (vgl. S. 150 f.) einmal 
hinausgegangen war, mußte an dem getanen Schritt 
unbedingt festgehalten werden. Tatsächlich wurde 
aber, noch ehe der U-Bootkrieg überhaupt begonnen 
hatte, seine Wirksamkeit durch einschränkende Bestim- 
mungen ganz erheblich behindert; man wich schritt- 
weise zurück. Ganz besonders geschah dies, als am 
7. Mai der große englische Dampfer -Lusitaniac, der 
bewaffnet war und Kriegsbedarf zuführte, torpediert 
worden und dabei einige Amerikaner ums Leben ge- 
kommen waren. Unsere Regierung hat von Kriegs- 
beginn an dem Phantom eines Zusammengehens mit 
den Vereinigten Staaten, vertrauter Beziehungen zu 
ihnen und gemeinsamer Friedensbestrebungen nach- 
gejagt (ogl. den Beitrag - Die Politik der Vereinigten 
Staaten von Amerika und der Krieg« in Bd. III), 
während doch von Anfang an klar war, daß die 
Union der Weltlage wegen, wenn nicht gerade eine 
deutsche, so doch jedenfalls keine englische Nie- 
derlage wünschen konnte. Sie hätte den Wert der 
natürlichen englisch-amerikanischen Bundesgenossen- 
schaft im Stillen Ozean bedenklich herabgedrückt. 
So hat die Regierung der Vereinigten Staaten 
denn auch bald erkennen lassen, daß sie durchauspro- 
britisch war. Sie ließ sich von England jede Stö- 
rung ihres Verkehrs, von Deutschland keine gefallen; 
sie gestattete England ein überwachen des Draht= und 
Briefverkehrs mit Deutschland; sie erlaubte ihren 
Angehörigen unter nichtigen Ausreden, in geradezu 
schamloser Weise ungeheuren Gewinn aus Lieferung 
von Kriegsmaterial zu ziehen, obgleich Deutschland 
im amerikanisch-spanischen Kriege 1898 anders als 
England Zufuhr von Kriegsbedarf verboten und 
Amerika selbst während des mexikanischen Krieges 
solche untersagt hatte. Die Regierung gab im = Lusi- 
tania--Fall (vgl. diesen Artikel im lexikalischen Teil 
des 3. Bandes) nach, verzichtete zwar nicht ausdrücklich, 
wohl aber tatsächlich auf die Aufrechterhaltung der 
Sperrzone. Und nicht nur das! Als nach der Tor- 
pedierung der = Anconar am 6. November 1915 Oster- 
reich- Ungarn auf die amerikanische Beschwerde mit 
herzerfrischender Festigkeit geantwortet hatte und die 
Union sich damit nicht zufrieden gab, sandte unsere 
Regierung einen besonderen Bevollmächtigten nach 
Wien, die verbündete Macht zur Nachgiebigkeit zu 
bewegen, was leider auch in vollem Umfange gelang.
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        8 Schäfer: Kriegszielbewegung 
An die Stelle einer schon entworfenen, der ersten ent- 
sprechenden zweiten Note trat eine andere, die durch 
ihre Schlaffheit allgemein überraschte und enttäuschte. 
Die Verhandlungen über die „Lusitania spannen 
sich weiter fort. Sie spitzten sich zu Anfang des 
neuen Jahres zu; ein amerikanischer Spezialgesandter, 
Oberst House, erschien in Berlin mit einer Art Ulti- 
matum. Die Offentlichkeit ehr, daß der Reichs- 
kanzler zu einem amerikanischen Pressemann geäußert 
habe, er könne sich die U. Bootwaffe nicht aus der Hand 
winden lassen. Unterm 8. Februar 1916 wurde 
eine Denkschrift bekanntgegeben. nach der 
bewaffnete feindliche Handelsschiffe nach 
Ablauf einer gewissen Frist wie Kriegsschiffe 
behandelt werden sollten. Da die gleichzeitig 
veröffentlichte österreichisch-ungarische Erklärung die 
Frist auf drei Wochen bemaß, glaubte man allgemein, 
daß der „verschärfte U-Bootkrieg: am 1. März be- 
ginnen werde. Man wurde abermals schmerzlich ent- 
täuscht, denn die von unserer Regierung am 15. März 
Fnausgegedene Mitteilung, daß der verschärfte U- 
ootkrieg in vollem Gange sei, entsprach nicht der 
Sachlage. Völkerrechtliche Bestimmungen Über Kriegs- 
verwendung von U-Booten gab es nicht. Englands 
Gebrauch seiner maritimen Machtmittel sprach jedem 
Völkerrecht Hohn. Mit Recht erwartete und verlangte 
man von unserer Regierung, daß sie sich im Gebrauch 
der einzig wirksamen Waffe gegen Englands brutale 
Ver kwaltigung. gegen seinen Aushungerungskrieg, 
die Normen selbst setze, fremdem Einspruch, und zu- 
mal so fadenscheinigem und selbstsüchtigem wie dem 
amerikanischen, sich nicht füge. 
Die Erklärung vom 8. Februar 1916 war ein vom 
Standpunkte wirksamer U- Boot-Kriegführung hal- 
ber, unzureichender und daher bedenklicher Schritt. 
Wie wollte man denn erkennen, daß ein Handelsschiff 
feindlich und daß es bewaffnet war? Die Engländer 
hatten sofort nach Erklärung der Sperrzone angefan- 
gen, unter fremder Flagge und mit fremden Abzeichen 
u fahren, und Geschütze waren leicht zu verbergen. 
Umeribansscherseits wurde sofort dieser Einspruch er- 
hoben. In den Beratungen im Großen Hauptquartier 
zu Anfang März entschied man sich für Abschwächun- 
en, besonders in bezug auf Passagierdampfer, die 
er Erklärung vom 8. Februar ihre Bedeutung nah- 
men. Dies Verfahren führte schließlich dazu, daß der 
Staatssekretär v. Tirpitz aus seiner Stellung schied. 
Ein treuer Diener Seiner Majestät, mit dessen Namen 
die Ausgestaltung deutscher Seewehr unauslöschlich 
verknüpft ist, war damit aus einer Stellung entfernt, 
deren richtige Besetzung gerade durch seine Person 
weitesten Kreisen urteilsfähiger und vaterländisch ge- 
sinnter Männer allein gesichert erschien. Es ist wahr- 
scheinlich, daß sein Sturz auch zusammenhing mit 
seinem nachdrücklichen Eintreten für das Festhalten 
Belgiens und der flandrischen Küste als unerläßlicher 
Vorbedingung maritimer Sicherung gegen England. 
Inzwischen war weithin bekanntgeworden, daß die 
zunächst zum Urteil berufenen Fachleute überzeugt 
waren von der erfolgreichen Wirksamkeit eines im 
Sinne der beiden Erklärungen vom 4. Februar 1915 
und 8. Februar 1916 durchgeführten U. Boot-Handels- 
krieges. Da mit Rücksicht auf die von der südlichen 
Halbkugel her einlaufenden Zufuhren für England 
die Erbffaung nicht hinausgeschoben werden durfte, 
wenn die Wirkung nicht in Frage gestellt werden sollte, 
entschloß man sich zu Eingaben an Se. Majestät und 
an den Reichstag; sie sind am 22. März abgesandt 
bzw. eingereicht worden, trotz der wenigen Tage, die 
ur Verfügung standen, jene mit gegen 30.000, diese, 
für die noch einige Tage länger gesammelt werden 
konnte, mit mehr als 90000 Unterschriften. Hätten 
nicht scharfe Verbote und Beschlagnahme gehindert, 
es hätten viele Hunderttausende ihre Namen gegeben. 
Denn immer weiter und immer tieser verbreitete 
sich im Volke die Überzeugung, daß England der 
Feind sei, daß dieser Gegner die übrigen zusammen- 
halte, immer neue heranzuziehen suche, und daß ge- 
rade er die dauernde Schwächung und Lähmung 
Deutschlands am nachdrücklichsten und skrupellosesten 
betreibe. Indem sich der Reichskanzler dem für wirk. 
sam gehaltenen Vorgehen gegen diesen Feind wider- 
setzte, gab er den Zweifeln an seiner Reichsleitung neue 
und reiche Nahrung, mehrte den Verdacht, daß er 
immer noch an die Möglichkeit einer Verständigung, 
eines Ausgleichs mit England glaube, ein Ziel zu 
erreichen suche, dem er vor dem Kriege so lange ergeb- 
nislos nachgestrebt hatte. Daß Rücksichten auf Ame- 
rika, Befürchtungen und Hoffnungen, dabei besonders 
geltend gemacht wurden, konnte das Mißtrauen nur 
erhöhen; denn klar war die Tatsache und weithin 
herrschend die überzeugung, daß Amerika nur eng- 
lische Politik treibe und eher durch Entschlossenheit 
und Festigkeit als durch Nachgiebigkeit und Schwan- 
ken zur Anerkennung und Berücksichtigung des deut- 
schen Standpunktes gebracht werden könne. Zu ge- 
rechtem Unwillen steigerte sich dieses Mißtrauen, als 
die nach Form und Inhalt gleich anmaßende Note der 
Vereinigten Staaten vom 20. April (vgl. S. 158) 
am 4. Mai eine Beantwortung (vgl. S. 160) erfuhr, 
die man nur als schwächliches Zurückweichen bezeich- 
nen kann. Nach allem, was erlebt worden war, konnte 
ja gar nicht mehr zweifelhaft sein, daß Amerika nicht 
daran dachte, irgendwelchen ernstlichen Druck auf 
England zwecks Milderung seiner Absperrmaßregeln 
auszuüben. Indem die Schlußbemerkung der deut- 
schen Note Freiheit des Handelns vorbewhiel,. wenn 
diese Voraussetzung nicht zutreffe, führte sie einen 
Hieb in die Luft. Amerikanischerseits wurde auch so- 
fort VBerwahrung eingelegt, daß auf diese Bemerkung 
je irgendwelcher Anspruch begründet werden könne. 
Wurson rühmte sich in öffentlicher Rede, Deutschland 
niedergeboxt zu haben. Unser Ansehen war schwer 
geschädigt; ostbare Zeit ging verloren. 
Es kam Weiteres hinzu. Die große Mehrheit der 
sozialdemokratischen Partei hatte im Reichstag zu- 
sammen mit den sogenannten bürgerlichen Parteien 
bewilligt, was die Regierung für den Krieg forderte. 
Im Kriegs= wie Bürgerdienst hatten die Arbeiter ihre 
Pflicht erfüllt wie jeder andere deutsche Stand. Glän- 
zend hatte sich gezeigt, was das Reich bedeutete für 
alle, die in seinem Schatten wohnen, was National- 
gefühl für das Volksleben ist. Es war aber natürlich, 
aß die Führer der Sozialdemokratie, die den inter- 
nationalen Faden jäh zerrissen sahen und auf seine 
Wiederanknüpfung nicht so ohne weiteres verzichten 
wollten, in den Kragen der Herrschaftserweiterung 
und Machtvermehrung nicht nur zurückhaltend wa- 
ren, sondern sich ablehnend verhiellen. Die Genossen 
sympathisierten im allgemeinen mit den Pazifisten, 
und die Eifrigeren unter ihnen hielten es für ihre 
Pflicht, die Kriegszielbestrebungen möglichst an die 
Offentlichkeit zu zerren, um sie vor In- und Ausland 
an den Pranger zu stellen und die Regierung zum
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        Schäfer: Kriegszielbewegung 9 
Einschreiten zu bewegen. So widerfuhr der Schrift 
„Zur Lage« das gleiche Schicksal wie der Denkschrift 
des 20. Hent 1915; in Anlaß einer Anregung des 
Sozialdemokraten Ströbel in der Sitzung des Abge- 
ordnetenhauses vom 22. Februar 1916 wurde ihre 
Beschlagnahme ausgesprochen. 
Am 20. Juni 1916 besprach der Führer der vater- 
landstreuen sozialdemokratischen Mehrheit im Reichs- 
tage, Scheidemann, in Breslau in einer großen Partei- 
versammlung die Kriegsziele des Reichskanzlers. Er 
suchte ihn zu rechtfertigen gegen die aus seiner Rede 
vom 5. April im Auslande gesolgerte Annahme, daß 
er die Eroberung Belgiens und der besetzten franzö- 
sischen Gebiete beabsichtige. Er bemerkte nach einem 
Bericht des -Berliner Tageblatts- vom 22. Juni, der 
von der -Norddeutschen Allgemeinen Zeitung= be- 
stätigt wurde: -Man tut dem Reichskanzler ein ge- 
waltiges Unrecht, wenn manihm diese Absichten unter- 
tellt. Ich weiß. daß er nicht an derartige Pläne denkt. 
ch hoffe. er wird es mir nicht mißdeuten, wenn ich hier 
eine Indiskretion begeher Ich begehe sie aber in der 
Absicht, unserem Lande einen Dienst zu erweisen. Als 
vor einem Jahre die sechs alldeutschen Verbände dem 
Reichskanzler ihre bekannten Eroberungepläne unter- 
breiteten, wurde ich mit einigen Parteshreunden beim 
Reichskanzler vorstellig, um Einspruch zu erheben ge- 
#en jene Pläne. Wir hörten aus dem Munde 
es Reichskanzlers, daß er mit jenen Er- 
oberungsplänen nichts zu tun haben wolle, 
daß er sie weit von sich weise, und daßeer sie, 
wie alle ähnlichen Pläne, auf das entschie- 
denste mißbillige.- 
Die = Norddeutsche Allgemeine Zeitung begnügte 
sich damit, zu diesen Außerungen auf die Reden des 
Reichskanzlers im Reichstage zu verweisen. Diesem 
Berhalten gegenüber mußte vor allem auffallen, daß 
diese Reden, wenn sie Überhaupt einen sachlichen In- 
halt und einen Sinn haben sollten, gar nicht anders 
aufgefaßt werden konnten, als daß die vom Reichs- 
kanzler erstrebten Ziele mit den von den sechs Verbän- 
den und in den sonstigen Kriegszielschriften gestellten 
in der Hauptsache zusammonktesen. Den Sinn der 
Kanzlerrede vom 5. April 1916 hatte der Wortführer 
des Zentrums nach der vorherrschenden Ansicht im 
unmittelbarem Anschluß an die Rede richtig wieder- 
gegeben: Belgien solle militärisch, politisch, wirtschaft- 
lich in deutsche Hand »zu liegen kommene. Darüber 
hinaus gingen die oben berührten Schriften auch 
nicht. Frankreich gegenüber vertraten einige weiter- 
gehende Forderungen, aber nach Osten hatte noch keine, 
in weitere Kreise gekommene das Ziel so bestimmt be- 
ichnet und so weit gesteckt wie der Reichskanzler selbst. 
Polen- Litauer, Balten und Letten sollten nach ihm 
nicht wieder unter das reaktionäre Rußland zurück- 
kehren! Auch hatte er ja am 5. April die russische Re- 
gierung aufgefordert, unseren verjagten und ge- 
peinigten Landsleuten die Tür aus der russischen 
nnechtischaft zu öffnene. Sie aufzunehmen, brauchte 
man doch Land, das allein in den Außzenbezirken des 
von uns besetßzten Gebietes gewonnen werden konnte. 
Man stand vor einem Rätsel. 
Das fand lebhaftesten Ausdruckin einer Versamm- 
lung, welche ungefähr ein Jahr nach jener ersten im 
Künstlerhause, am 25. Juni 1916, die eichen Kreise 
im Abgeordnetenhausevereinigte. Der Ausschuß, 
der jene erste Zusammenkunft vorbereitete, hatte sich 
alsbald nach Überreichung der Denkschrift, noch im 
Juli 1915, aufgelöst; es war aber in unmittelbarem 
Anschluß daran ein neuer Ausschuß in Tätigkeit ge- 
treten, dem ganz überwiegend die gleichen Personen 
angehörten. Da Professor Seeberg erklärte, die Lei. 
tung nicht weiter führen zu können, trat auf Wunsch 
der Mitglieder der Verfasser des vorliegenden Bei- 
trages an seine Stelle, der bei der Vorbereitung der 
ersten Versammlung und Deukschrift nicht beteiligt ge- 
wesen war, nur, auf Wunsch des Vorsitzenden, für den 
20. Juni eine Ansprache übernommen hatte. Er ist 
nachher der Verfasser der Schriften = Zur Lage und 
„ Nochmals zur Lage= geworden. Die Zahl der über 
ganz Deutschland verbreiteten Vertrauenomänner be- 
zifferte sich bald auf viele Hunderte, die der Zustim- 
menden auf noch mehr Tausende; zahlreiche Orts- 
ruppen entstanden, Verständnis zu verbreiten für 
ie vertretenen Meinungen. In einer ganzen Reihe 
von Druckschriften und F# oläteern wurden sie im 
einzelnen dargelegt und begründet. 
Wie jener ersten, so ist auch der zweiten großen 
Versammlung alsbald eine Gegenaktion gefolgt. Es 
trat, wiederum unter offenbarer Begünstigung der 
Regierung, ein -Deutsch-nationaler Ausschuß 
für einen ehrenvollen Frieden zusammen. 
Das Anschreiben, mit dem sich nach den Mitteilungen 
linksstehender Blätter dieser Ausschuß werbend an 
weitere Kreise wandte, war wunderlich genug und ist 
ter auch von einigen der Herren, deren Namen als 
nterzeichner genannt wurden, verleugnet worden. 
Seine Verfasser machten sich grober Gedächtnisfehler 
schuldig, sprachen von = Unersättlichkeiten in den Kund- 
gebungen des Alldeutschen Verbandes offenbar ohne 
iese Kundgebungen überhaupt zu kennen, von denen, 
verglichen mit den Außerungen des Reichskanzlers, ge- 
nau dasselbe gilt wie von jenen der sechs Verbände, 
und bekundeten offensichrliol, daß sie über Stand und 
Behandlung der einschlägigen Fragen völlig un- 
unterrichtet waren. Denn wenn sie erklärten. daß der 
neue Ausschuß seinen Mitgliedern und Gesinnungs- 
enossen alles einschlägige Material Unparteiisch unter- 
reiten, mit ihnen lernen und forschen-- wolle, „ umso, 
unbeirrt von billigen Schlagworten (sol). der deutschen 
Zukunft den Boden zu bereiten, so übersahen sie 
anz, daß dieses Material im Verfolg der bisherigen 
estrebungen längst in umfassendster und gründlichster 
Weise zugänglich gemacht und nicht mit Schlagwör- 
tern, sondern auf Grund eingehenden Studiums 
und gründlicher Kenntnis der Dinge bearbeitet wor- 
den war. Von irgendwelchem gemeinsamen . Lernen 
und Forschen ist nachher auch nicht die Rede gewesen. 
Da ein Unterschied zwischen Friedensbedingungen, 
die der Deutsch-nationale Ausschuß ja erörtern wollte, 
und Kriegszielen nicht zu entdecken war, so hätte der 
seit Jahresfrist bestehende Ausschuß sich selbst auf- 
gegeben, wäre er nicht auch in die Offentlichkeit getreten 
und hätte nicht das gleiche Recht der Agitation in 
Anspruch genommen. Scheu vor Regierungsmaß- 
nahmen konnte davon nicht mehr abhalten. So ist 
er durch eine den Zeitungen übermittelte Erklärun 
vom 13. Juli 1916 der Unabhängige Ausschuß 
für einen deutschen Frieden-- geworden. Der 
Deutsch-nationale Ausschuß hatte für den 1. August 
in zahlreichen deutschen Städten Vorträge angesagt, 
die auch zum großen Teil gehalten worden sind. 
Weiterhin hat man wenig mehe von ihm gehört; wer 
eigentlich seine Leiter waren, hat nie mit Sicherheit 
festgestellt werden können. Doch sind von seiner stark 
besetzten Geschäftsstelle aus nicht wenige Artikelbeson-
        <pb n="16" />
        10 
ders in der kleineren Provinzpresse verbreitet worden, 
die sich besonders einer scharfen, zum Teil geradezu 
ehässigen Polemil gegen den Unabhängigen Aus- 
schuß befleißigten. 
Zu Erwiderungen hat sich dieser nicht entschlossen. 
Dagegen hat er sich nicht nur für berechtigt, sondern 
auch für verpflichtet gehalten, seine Organisation wei- 
ter auszubauen und stärker hervorzutreten. Am 13. 
August wurde im Abgeordnetenhause eine wieder- 
um aus allen Teilen Deutschlands stark besuchte Ver- 
sammlung abgehalten, in der ein Aufruf »An das 
deutsche Volk= beschlossen und am 23. August mit 
240 Unterschriften angesehenster deutscher Männer 
versandt wurde. Zahlreiche neue Ortsgruppen ent- 
standen; eine umfassende Vortragstätigkeit wurde 
planmäßig in die Wege geleitet. Der Eintritt Rumä- 
niens in die Reihe unserer Gegner und der Wechsel 
in der obersten Heeresleitung gaben der Bewegung 
einen neuen Anstoß. Am 15. und 16. Oktober 1916 
waren wieder über 600 Männer im Abgeordneten- 
hause versammelt; die gegnerische Presse, die stels be- 
müht gewesen war, der Tätigkeit des Ausschusses 
nachzuspüren, verstieg sich diesmal zu verleumderischen 
Anklagen. Gegen einen der Redner wurde ein An- 
klageverfahren eingeleitet wegen Beleidigung des 
Reichskanzlers; die Herren, die bei der Ladung der 
Versammlungmitgewirkthatten, wurden in Strafege- 
nommen, weil sie der für politische Zusammenkünfte 
bestehenden Anmeldepflicht nicht genügt hatten. Mit- 
lieder des Vorstandes und die Geschäftsstelle mußten 
Haussuchungen über sich ergehen lassen, der Vor- 
sitzende in Nachforschung nach einer Denukschrift, von 
deren Vorhandensein er erst durch die Polizeibeamten 
erfuhr. Früher hatte sich das Eingreifen der Polizei, 
so lebhaft es im März zur Zeit der U.Boot-Agitation 
auch gewesen war, doch immer nur auf Nachfragen 
beschränkt. Am 20. Oktober wurden Briefe mitgenom- 
men, weil in ihnen das Wort Denkschrift vorkam, aller- 
dings schon am 23. zurückgegeben. Bis dahin hatte 
der Ausschuß in losester Form, ohne Statuten, gear- 
beitet. Ermußte jetzt, wollte er seine Tätigkeit fortsetzen, 
Verein werden. Unter dem bisherigen Namen hat er 
am 1. November 1916 Vereinsform angenommen, 
der Polizeibehörde Statuten eingereicht und seinen 
Vorstand benannt. Eine Beitragspflicht hat er doch 
nicht eingeführt. Die Kosten sind auch weiterhin aus- 
schließlich durch freiwillige Beiträge gedeckt worden. 
Die Erklärung der verbündeten Kaisermächte vom 
5. November 1916 über ein neues polnisches Staats- 
wesen, dann das Friedensangebot der Mittelmächte 
am 12. Dezember (vgl. S. 164 f.) und die nicht nur 
schnöde, sondern freche Art seiner Ablehnung (vgl. 
S. 167 f.) trugen das Verständnis für die vaterlän- 
dische Kriegszielbewegung in immer weitere Kreise. 
Handelte es sich doch in der polnischen Frage um eine 
der wichtigsten Entscheidungen, die überhaupt zu treffen 
waren, vielleicht um die wichtigste des ganzen Krieges, 
und ihre Beantwortung war nun, trotz der wieder- 
holten Zusage des Reichskanzlers, die Erörterung der 
Kriegsziele so früh freizugeben, daß es dem deutschen 
Volke möglich sein werde, seine Ansichten und Wün- 
sche rechtzeitig zur Geltung zu bringen, in einer Weise 
festgelegt, die den allergrößten Bedenken unterlag und 
durch die Folgen bis jetzt auch in keiner Weise ge- 
rechtfertigt worden ist, war festgelegt, ohne daß den 
nächstberechtigten und beteiligten Körperschaften, dem 
Reichstag und dem preußischen Landtag, Gelegenheit 
Schäfer: Kriegszielbewegung 
gegeben war, sich zur Sache zu äußern. Sind doch in 
den polnischen Dingen Preußen und Reich identisch! 
Auch das Friedensangebot hätte leicht Folgen haben 
können, die eine vorherige Verständigung mit den 
Volksvertretern als unerläßlich offenbart hätten. So 
wurde die Stimmung, daß man die Leitung der aus- 
wärtigen Politik, wie es im Reiche von Bismarckscher 
Zeit her Brauch geworden war, nicht in blindem Ver- 
trauen der Regierung überlassen könne, noch weiter 
verbreitet und tiefer begründet. 
Das Treiben des Genossen Scheidemann wirkte 
weiter in dieser Richtung. Er wurde nicht müde, seine 
Weisheit: „Französisch bleibe, was französisch ist. 
belgisch, was belgisch landauf, landab zu verkünden 
und dabei durchblicken zu lassen, daß er wisse, um wel- 
chen Preis Frankreich den Frieden haben könne; er 
konnte das tun, ohne daß ihm von verantwortlicher 
Stelle her irgendwie gesteuert worden wäre. Man 
wurde sich klarer darüber, daß es gelte, mit aller Deut- 
lichkeit Stellung zu nehmen. Schon am 27. Januar 
1916 hatte auch der Wehrverein dem Reichskanzler 
eine Kriegszieldenkschrift eingereicht, am 17. Juni der 
Flottenverein; die Deutsche Kolonialgesellschaft hatte 
lkkoloniale Leitsätzer aufgestellt. Am 12. November 
1916 folgte auch der -Deutsch-nationale Ausschuß für 
einen ehrenvollen Frieden und Ende des Monats die 
nationalliberale Partei. Am 27. November wurde 
»die sachliche Erörterung der Kriegszieles unter ge- 
wissen Beschränkungen freigegeben. Am 19. Januar 
1917 veranstaltete siann der Unabhängige Ausschuß 
im Abgeordnetenhause eine Versammlung, für die 
über 4600 Zulaßgesuche wegen Platzmangel abgelehnt 
werden mußten. Redner aller bürgerlichen Parteien 
sprachen einmütig für einen starken deutschen Frieden; 
auch ein sozialdemokratischer Vertreter hatte sich bereit 
gefunden, mitzuwirken, war aber durch die Fraktion 
gehindert worden. Scheidemanns Auftreten wird ja 
von den Parteigenossen keineswegs allgemein gebil- 
ligt; sachlich urteilende Sozialisten können seinen 
Standpunkt gar nicht einnehmen, denn ein Frieden 
in dem von ihm vertretenen Sinne wäre der sichere 
Ruin des deutschen Arbeiterstandes. Es wurde denn 
auch in Abrede gestellt, daß er in betreff der Kriegs- 
kosten die ihm zugeschriebene Losung »jeder trage seine 
Lastene ausgegeben habe. In einer Schrift: -; Ein 
Appell an Denkende= hat der Zentralvorstand der 
sozialdemokratischen Partei selbst, um seine Haltung 
gegenüber den -Unabhängigen zurechtfertigen, über- 
zeugend dargetan, welche Folgen ein Frieden nach 
den Absichten der Gegner gerade für den Arbeiter- 
stand haben würde. 
Am 1. Februar 1917 ist endlich der U-Bootkrie 
erklärt worden in dem Sinne, wie er ursprünglec 
gedacht war, und zwar nicht nur für die britischen Ge- 
wässer, sondern für die aller unserer Gegner. Damit 
ist der Krieg vor die letzte Entscheidung gerückt. Daß 
sie ausfallen muß im Sinne einer starken Mehrung 
deutscher Macht, wenn die Zukunft unseres Vater- 
landes gesichert sein soll, kann weniger als je zweifel- 
haft sein, auch nach der russischen Revolution vom 
März (vgl. den Beitrag in Bd. 3) nicht. 
Denn noch ist in keiner Weise ersichtlich, ob sie die 
Gefahren mindern wird, die unserem Volke von rus- 
sischer Macht drohen. Niemand kann die Möglichkeit 
leugnen, daß diese Macht um so gefährlicher wird, je 
freier das innere Staatsleben ist, auf das sie sich stüt- 
zen kann. Daß republikanische Staatsform an sich 
ein besserer Bürge für friedliche Nachbarschaft wäre,
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        Schäfer: Kriegszielbewegung 
kann doch nur behaupten, wer in Wolkenkuckucksheim 
lebt und alle Lehren der Geschichte in den Wind schlägt. 
Ist denn das Römerreich nicht von der Republik be- 
gründet worden? War die französische Republik von 
1792 etwa nicht eroberungssüchtig oder nicht die be- 
stehende, die einen Kolonialbesitz von fast 10 Millio- 
nen ukm erworben hat? Kann irgendein Kundiger 
den ungeheuren Ausdehnungstrieb verkennen, der von 
Anfang an in den Vereinigten Staaten von Nord- 
amerika lebendig gewesen ist? Auch eine russische Re- 
publik wird ausdehnungsbedürftig, ausdehnungs- 
gierig sein. Sie wird es sein, auch wenn sie sich föde- 
rativ gestalten sollte, denn das Großrussentum würde 
führend bleiben und ihr alsbald wieder den gleichen 
allsllawischen Stempel aufdrücken, welcher der Politik 
des Zarentums in den letzten Jahrzehnten das Ge- 
präge gab. Ob man das Panslawismus oder Neo- 
slawismus nennt, ist doch vollkommen gleichgültig. 
Deutschland in den bisherigen Grenzen würde unter 
dem gleichen, ja unter einem schwereren Druck stehen 
als bisher. Es wäre vorbei mit dem erhofften Schutz 
unseres Ostens, vorbei mit der Betätigungsmöglich- 
keit für den deutschen Landmann, deren wir so drin- 
gend bedürfen. Ost- und Westpreußen würden wieder 
unter den Kanonen der Festungslinie von Warschau 
bis Kauen liegen, Oberschlesiens Minen- und Indu- 
striebezirk wieder im Bereich feindlicher Grenzkom- 
mandos. Und das gegenüber einem verstärkten Po- 
len, das seine nationalen Aspirationen nur im 
Westen, nicht im Osten befriedigen kann und dabei 
das gesamte Slawentum hinter sich hätte. Mit der 
Rücksiedlung der landbauenden Deutschen Rußlands 
auf heimischen Boden wäre es für alle Zeiten vorbei; 
die baltischen Deutschen wären der sicheren Vernich- 
tung ausgeliefert. Das alles in blindem Vertrauen 
auf die Friedfertigkeit republikanischer Staatsbildun- 
en! Ein Staatsmann, der solcher Entwicklung zu- 
steuerte, würde der Totengräber des Deutschen Rei- 
ches und Volkes werden. 
Am 14. Juli ist der in den Kreisen des -Unabhän-= 
gigen Ausschusses und auch weithin sonst schon lange 
für nötig gehaltene Kanzlerwechsel endlich erfolgt. 
Aber am 19. Juli hat eine Reichstagsmehrheit, zu 
11 
der überraschenderweise auch fast das gesamte Zen- 
trum gehörte, eine Entschließung gefaßt, nach der ein 
„ Frieden der Verständigung und der dauernden Ver- 
söhnung der Völker# angestrebt wird, mit dem »er— 
wungene Gebietserwerbungen und politische, wirt- 
schofthche oder finanzielle Vergewaltigungen unver- 
einbar seien. Als wenn es einen anderen Frieden 
geben könnte als einen solchen der Verständigung, 
und als wenn je auf große Kriege eine dauernde Ver- 
söhnung der Völker gefolgt und ein Verzicht auf Macht- 
erweiterung nicht gleichbedeutend wäre mit der Ver- 
nichtung unserer Zutnft Die Entschließung war 
aber nicht nur sinnwidrig, sondern auch durch ihre 
Wirkung im Auslande in hohem Grade verderblich. 
Sie bestärkte den Kriegswillen der Gegner, die in ihr 
einen Beleg unserer Schwäche erblickten und nur er- 
blicken konnten. Glücklicherweise steht ihr die Erklä- 
rung des neuen Reichskanzlers Dr. Michaelis gegen- 
über, daß wir „einen Frieden wollen, in dem wir 
uns erfolgreich durchsetzen: und in dem ein erster 
Linie die Grenzen des Deutschen Reiches für alle 
Zeiten sichergestellt werden«. Daß das nur möglich 
ist durch Erweiterung deutscher Macht, sieht -jeder 
Denkende«. Und wenn der neue Reichskanzler her- 
vorhob, daß Sdie deutsche Armee mit ihren höbrern 
mit dieser Erklärung einverstandene sei, so liegt für 
die Träger und Förderer der vaterländischen Kriegs- 
ielbewegung kein Anlaß vor, den Mut sinken zu lassen, 
sondern im Gegenteil nur ein neuer, starker Antrieb 
zum Vertreten ihrer Auffassung. 
Die Literatur der Kriegszielbewegung ist der Lage 
entsprechend fast ausnahmslos als Handschrift gedruckt- 
und pvertraulich- verbreitet worden. Jetzt kann darauf 
bingeweesen werden, daß die = Auskunftstelle Vereinigter 
erdändes (Berlin N 24, Friedrichstraße 136) 1915 unter 
dem Titel Gedanken und Wünsche deutscher Vereinc und 
Verbände zur Gestaltung des Friedens eine Sammlung 
von Kriegszieleingaben und -erklärungen drucken ließ und 
diese Veröffentlichung am 1. Mai 1916 unter dem Titel 
„Gedanken und Wünsche zur Gestaltung des Friedens= in 
erweiterter Form wiederholte. Der „ Unabhängige Aus- 
schuß für einen deutschen Frieden“ (Berlin SW 48, Wil- 
helmstraße 9) ließ ein Verzeichnis der hauptsächlichsten von 
ihm verbreiteten Schriften drucken.
        <pb n="18" />
        J. Politik und Geschichle 
Entwicklung und Ergebnisse der Koko- 
nialen Arbeit Deutschlands 
von Legationsrat Dr. Alfred Zimmermann in Verlin 
I. Die ersten deutschen Kolonisationsversuche. 
Die fast allgemein verbreitete Annahme, daß Man- 
el an Verständnis für die Bedeutung üÜlberseeischer 
esitzungen das deutsche Volk veranlaßt hätte, bei den 
Teilungen der Erde in früheren Jahrhunderten den 
bloßen Zuschauer abzugeben, entspricht nicht den Tat- 
sachen. Wie sich in neuerer Zeit herausgestellt hat, 
fehlte es bereits in den ersten Jahren der großen Ent- 
deckungen, an denen auch deutsche Männer beteiligt 
waren, in Deutschland weder an der nötigen Einsicht 
für den Wert der neuen Betätigungsgebiete noch an 
der Neigung, einen Teil daran dem Vaterlande zu 
sichern. Mit welcher Aufmerksamkeit man die Erfolge 
der Spanier und Portugiesen damals beobachtete, be- 
weist schon das Erscheinen der zahlreichen Schilde- 
rungen der neuen Entdeckungen gerade in Deutsch- 
land. Bei den nahen Beziehungen des deutschen 
Herrscherhauses zum spanischen und der engen wirt- 
schaftlichen Verbindung beider Reiche konnte man ja 
damals annehmen, daß die von Spanien erzielten 
neuen Vorteile Deutschlands Kaufherren besonders 
zugute kommen würden. Lag doch in ihren Händen 
von alters her die Versorgung Nord- und Lsteuropas 
mit Erzeugnissen Afrikas und Asiens, und besaßen sie 
doch überall ihre tüchtigen Vertreter. Aber die großen 
süddeutschen Handelshäuser wollten nicht nur die 
Geschäfte der Spanier besorgen. Sie taten auch sehr 
früh schon Schritte, um sich selbst einen Anteil an der 
Neuen Welt zu sichern. Die Vertreter des großen 
Hauses der Welser bemühten sich bei den spanischen 
Behörden in Santo Domingo wie in Madrid, das 
Recht der Besitzergreifung von weiten Gebieten am 
Golfe von Maracaibo zu erlangen. Sie vermuteten 
dort nicht allein goldreiche Gegenden im Innern, son- 
dern auch eine natürliche Wasserstraße zum Stillen 
Ozean. Kaum war der Abschluß eines entsprechenden 
Vertrags mit der spanischen Krone am 27. März 1528 
Fegtück. so begannen sie mit der Absendung von Ko- 
onisten nach dem neuen Erwerbe und gingen daran, 
diesen Teil Südamerikas gründlich zu erforschen. 
Während derselben Jahre, in denen Pizarro mit 
seinen Genossen das Goldland Peru vom Meere aus 
entdeckte und eroberte, drangen die Bevollmächtigten 
der Welser von Norden bis weit ins Innere vor und 
nahmen Anteil an der Gründung von Santa Fé de 
Bogotäá. Aber das Land des sagenhaften Dorados 
war so wenig auffindbar wie die Wasserstratze zum 
Stillen Meere, und der Besiedelung und Erschließung 
des Küstenlandes legte die Eiersucht der Spanier 
unlbersteigbare Hindernisse in den Weg. Nach vielen 
vergeblichen großen Opfern an Geld und Menschen 
erklärte die spanische Regierung 1555 das Privileg für 
erloschen. Die großen Verluste der deutschen Han- 
delshäuser infolge der spanischen Staatsbankerotte. 
die religiösen und politischen Wirren in Deutschland 
machten dann für lange so weitausschauende Unter- 
nehmungen hier unmöglich. Inzwischen geriet die 
Nordseeküste zum Teil in dänische Hand, die Ostsee- 
küste in schwedische, sperrten die Dänen die Wasser- 
straße zwischen beiden Meeren und ging die Macht- 
stellung der deutschen Hansestädte verloren. Deutsch- 
land zerfiel in machtlose Kleinstaaten, die sich mit 
Osterreich und untereinander bekämpften. Hand in 
Hand mit der politischen Ohnmacht ging der wirt- 
schaftliche Niedergang. Je mehr die Nachbarländer 
erstarkten, um eoschnücher wurde das Deutsche Reich. 
Aber selbst in diesen traurigen Zeiten blieb hier 
der Wunsch nach Seegeltung und überseeischer Be- 
tätigung lebendig. Kaum gab der Westfälische Frie- 
den die Möglichkeit dazu, so faßte der Kurfürst von 
Brandenburg die Errichtung einer Gesellschaft für den 
Handel mit Indien in seinem ostpreußischen Besitze 
ins Auge. Gemeinsam mit Dänemark, das seine Fak- 
toreien an der Koromandelküste dem Unternehmen 
überlassen wollte, hat er sich mehrere Jahre hindurch 
bemüht, die nötigen Mittel zusammenzubringen und 
ein kaiserliches Privileg zu erwirken. Nur die neuen 
Verwicklungen mit Frankreich und Schweden veran- 
laßten ihn schließlich, diese Pläne zu vertagen. Als 
er sie 1660 wieder in Erwägung zog, gedachte er ihnen 
eine wesentlich erweiterte Grundlage zu geben. Er 
uUnternahm damals den Versuch, den Kaiserhof in 
Wien und sogar Spanien, das in zwischen durch die 
rücksichtslose Politik Englands und Hollands in größte 
Gefahren geraten und in seinem Bestande bedroht 
war, für gemeinsames Vorgehen zu gewinnen. Seine 
Schritte blieben erfolglos, da man weder in Wien 
noch Madrid in den ausschlaggebenden Kreisen das 
nötige Verständnis dafür gewann. Während der fol- 
enden Jahre änderte sich die Lage. Handel und 
andel Brandenburgs und Preußens hatten sich er- 
holt. Die Macht des Kurfürsten war groß genug ge- 
worden, um sich der übergriffe seiner Nachbarn selbst 
zu erwehren. Er nahm 1674 holländische Kaperschiffe 
in seine Dienste und griff gegen die Schweden und
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        Zimmermann: Entwicklung und Ergebnisse der kolonialen Arbeit Deutschlands 13 
sogar gegen die Spanier zur Gewalt. Die dabei er- 
selten rfolge veranlaßten ihn, 1680 seinem Admiral 
ie Erlaubnis zur Anlage von Faktoreien an der 
Goldküste Westafrikas zu erteilen. 
Bis 1717 ist dieser Sesi in deutscher Hand ge- 
blieben, obwohl Holland, England und Frankreich 
um die Wette das brandenburgische Unternehmen, 
das von 1682 ab seinen Sitz in Emden hatte, aufs 
rücksichtsloseste bekämpft und geschädigt haben. Da- 
durch, daß sie ihm die Vrrschisfung von Negerarbei- 
tern nach Amerika, zu jener Zeit das einzige Geschäft, 
das afrikanische Unternehmungen bezahlt machte, bis 
ur Unmöglichkeit erschwerten, zwangen sie schließlich 
Freedrich Wilhelm I., die Faktoreien zu veräußern. 
Wie wenig dieser durch besondere Umstände be- 
dingte Mißerfolg den Drang der deutschen Handels- 
welt nach überfeeischen Unternehmungen abgekühlt 
hat, beweist die Tatsache, daß um dieselde Zeit der 
Wiener Hof, an den nach Abschluß des Spanischen 
Erbfolgekriegs Belgien mit dem Ostender Hafen ge- 
fallen war, von verschiedensten Seiten mit kolonialen 
Plänen bestürmt wurde. Ehe noch die Regierung sich 
schlüssig gemacht hatte, sandten wagemutige Kauf- 
leute Anfang 1715 von Ostende drei Schiffe mit Wa- 
ren nach Indien. Als sie Mitte des folgenden Jahres 
zurlickkehrten, konnten über 100 Prozent Gewinn ver- 
teilt werden. Ihr Erfolg förderte den Eifer anderer 
Wagemutiger. Aber Vorstellungen und Drohungen 
Englands und Hollands schüchterten die kaiserliche 
Regierung ein. Erst 1718 ließ sie neue Fahrten nach 
Indien zu. Auch diese Schiffe machten gute Geschäfte. 
Da überdies die Weltlage sich inzwischen günstiger ge- 
staltet hatte, ging man nun in Wien dazu über, amt- 
liche Pässe für Unternehmungen in Indien zu erteilen 
und die Einsprüche Englands und Hollands abzu- 
weisen. Der um jene Zeit in Paris und London er- 
solgende Mississippi- und Südseekrach, der beide Län- 
er in arge Schwierigkeiten verwickelte, begünstigte die 
deutschen Pläne. Man sandte daher nicht nur neue 
Schiffe nach Indien und faßte den Erwerb der Insel 
Tabago, der Salomonsinseln, ja sogar Madagaskars 
ins Auge, sondern man erteilte 1722 der -Kaiserlichen 
und königlichen Kompanie für die österreichischen Nie- 
derlande ein kaiserliches Privileg. Das Kapital von 
6 Millionen Gulden wurde im Handumdrehen ge- 
zeichnet. Der Kurs der Aktien stellte sich sofort auf 
1120. Im Jahre 1725 konnten bereits 6 Proz. ver- 
teilt werden. Während der nächsten Jahre stiegen die 
Gewinne fortgesetzt. England und Holland, die Öster- 
reich gegenÜber damals nicht zur Gewalt zu greifen 
wagten, gerieten in schwere Besorgnis. Da bot das 
österreichisch-- spanische Bündnis ihnen eine Handhabe. 
Sie wußten Frankreich und sogar Preußen zum Zu- 
sammenschluß mit ihnen zu bringen. Der Musschluß 
der österreichischen Niederlande vom Handel mit In- 
dien wurde als eines der Ziele des Bundes ausdrück- 
lich erklärt. Als gar noch eine neue Gefahr von seiten 
der Türkei auftauchte, der Papst auf Seite der Liga 
trat und Kaiser Karl VI. die Zustimmung der Mächte 
kr Anderung der österreichischen Thronfolgeordnung 
auchte, wagte man in Wien das so aussichtsreiche 
Unternehmen nicht fortzuführen. 1732 wurden die 
Fahrten nach Indien eingestellt und die Gesellschaft 
aufgelöst! — Trotz dieser bösen Erfahrungen haben 
sichsowoh Marta Theresia wie Friedrich d. Gr. mehr 
als einmal mit neuen überseeischen Plänen beschäftigt 
und einigen zu ihrer Verwirklichung bestimmten Unter- 
nehmungen Aufmerksamkeit geschenkt. Die Ungunst 
der Weltlage beraubte sie aber im voraus der Möglich- 
keiteines Erfolgs. Und selbst wenn er ihnen beschieden 
ewesen wäre, würden die Revolutionskriege ihren 
esitz ebenso wie den der anderen Staaten in die Ge- 
walt des meerbeherrschenden Englands gebracht haben. 
Trotz Englands übermacht ist im 19. Jahrhundert 
der Wunsch nach Erwerb eigener Kolonien in Deutsch- 
land nicht mehr eingeschlafen. Man verlangte nach 
ihnen nicht nur, um sich im Handel mit tropischen 
Erzeugnissen von England unabhängig zu machen, 
sondern auch um nicht alljährlich die vielen Tausende 
von Auswanderern für das deutsche Volkstum zu ver- 
lieren. Immer wieder haben Privatleute und Vereine 
koloniale Pläne aufgestellt und den Versuch unter- 
nommen, deutsche Gemeinschaften über See zu grün- 
den. Am lebhaftesten wurde die Bewegung in den 
1840er Jahren, als der Zollverein einen großen Teil 
Deutschlands wirtschaftlich geeint, damit gestärkt und 
mit neuem Selbstgefühl erfüllt hatte. Neben allerlei 
Vorschlägen für Ansiedlungen in Süd= und Mittel- 
amerika, Australien und Wrika wurde damals von 
dem sogenannten deutschen Adelsverein der ernstliche 
Versuch gemacht, in dem zu jener Zeit halb unab- 
hängigen Texas einen großen deutschen Pflanzstaat ins 
Leben zu rufen. — An der nie schlummernden Eifer- 
sucht und Wachsamkeit Englands sind diese Pläne ge- 
scheitert. Die Monroedoktrin der Vereinigten Staa- 
ten machte bald ihr Wiederaufleben unmöglich. 
II. Der Erwerb der Schutzgebiete. 
Der Freiherr Klaus von der Decken ist es gewesen, 
der, als sich die Weltlage für die Deutschen Anfang 
der 1860er Jahre günstiger gestaltete, die ersten vor- 
bereitenden Schritte zum Gewinne kolonialen Besitzes 
in Afrika getan hat. Sein Ziel war Erwerb der ost- 
afrikanischen Tana= und Jubagebiete mit ihrem ber- 
gigen Hinterlande. Sein friher Tod hinderte ihn an 
der Verwirklichung seines Planes. Doch der Über- 
lebende Teilnehmer seines Zuges, Dr. O. Kersten, ließ 
nicht ab, seinen Gedanken weiter zu verfechten. Auf 
seine Veranlassung gingen Ende der 1870er Jahre die 
Brüder Denhardt ins Tanaland, erforschten es und 
bereiteten eine deutsche Niederlassung vor. Während 
sie in Afrika arbeiteten und vergebens bemüht waren, 
die Unterstützung der Reichsbehörden zu erlangen, 
sah sich der deutsche Reichskanzler aus politischen wie 
wirtschaftlichen Erwägungen heraus bewogen, staat- 
liches Eingreifen zugunsten eines kolonialen Unter- 
nehmens in der Südsee ins Auge zu fassen. Er wollte 
durch Gewährung einer Zinsgarantie die großen 
Godeffroyschen Pflanzungen auf den Samoainseln 
vor Zusammenbruch retten. Die Furcht vor Verwick- 
lungen mit anderen Mächten und Abneigung gegen 
so gewagte Geschäfte, vielleicht auch Haß gegen den 
Kanzler veranlaßten die Mehrheit des Reichstags, die 
Vorlage abzulehnen. Fortgesetzte Hilfegesuche deut- 
scher Unternehmer in herrenlosen Überseeischen Län- 
dern gegen Vergewaltigungen durch die Eingeborenen 
oder Fcinde Staaten bewogen aber die deutsche Re- 
ierung, dem Drängen zahlreicher Freunde ko onialer 
Unternehmungen nochmals nachzugeben. Im April 
1883 erkundigte sich Fürst Bismarck in Hamburg und 
Bremen nach den Beschwerden und Wünschen der in 
Afrika tätigen Firmen. Auf ihre Darlegungen hin 
beschloss er, die herrenlosen Gebiete, die ur eutsche 
Arbeit in Betracht kamen, unter den Schutz des Reiches 
zu stellen. Noch zu Ende des Jahres 1893 verstän- 
digte er England, daß sich Deutschland entschlossen
        <pb n="20" />
        14 
habe, sich seiner Angehörigen in dem schutz= und 
herrenlosen Südwestafrika, für das England wieder- 
holt jede Verantwortung abgelehnt hatte, von nun 
an selbst anzunehmen. Anfang 1884 entsandte er den 
Generalkonsul Dr. Nachtigal nach Westafrika und ließ 
dort die deutsche Flagge in Togo, Kamerun und Süd- 
westafrika hissen. Ende 1884 erklärte er die deutsche 
Schutzherrschaft über Neuguinea. Gleichzeitig setzte 
er beim Reichstag Annahme eines Gesetzes betreffs 
Einrichtung staatlich unterstützter Dampferlinien nach 
Ostasien und Australien durch und brachte im Herbst 
1884 die internationale Konferenz zur Regelung der 
seit einigen Jahren die Welt bewegenden Kongo- 
angelegenheit zustande. Durch sie erreichte er, daß 
fast das gesamte mittlere Afrika der Herrschaft Eng- 
lands und Frankreichs endgültig, wie man annehmen 
konnte, entzogen und dem auf Deutschlands Freund- 
schaft angewiesenen Belgien zugeteilt wurde. Ver- 
tragsmäßig sollte dieses Riesengebiet nicht nur dem 
Handel und der Schiffahrt Deutschlands für immer 
offenstehen, sondern auch in Kriegszeiten ebenso wie 
der größte Teil des Kamerungebiets und ganz Ost- 
afrika dieselbe Neutralität wie Belgien genießen! Letz- 
tere Abmachung war von besonderer Bedeutung für 
Deutschland, da es inzwischen seine Hand nicht nur 
auf das Witugebiet, sondern auch dank der Tätigkeit 
deutscher Kolonialfreunde, die Dr. Peters, Graf Pfeil 
und Dr. Jühlke nach Afrika entsandt hatten, auf einen 
roßen Teil des Hinterlandes der Besitzungen des 
Baltanats Sansibar gelegt hatte. 
Das Vorgehen Deutschlands stieß auf lebhaften 
Widerspruch nicht allein bei England und seinen Toch- 
terstaaten, sondern auch bei Frankreich und Portugal. 
Es bedurfte sehr langer und mühseliger Verhandlun- 
en, ehe mit ihnen einigermaßen zufriedenstellende 
erständigungen über die Grenzen der neuen deut- 
schen Besitzungen erzielt werden konnten. Die wich- 
tigste war der Vertrag vom 1. Juli 1890 mit England, 
worin Deutschland Witu abtrat, seine Ansprüche auf 
Sansibar fallen ließ und dafür die Insel Helgoland 
eintauschte. Nach der Auseinandersetzung mit allen 
Nachbarn befand sich das Deutsche Reich im Besitz eines 
überseeischen Gebietes von 2495 300 qkm Größe, das 
beinahe fünfmal soviel Fläche als das Mutterland 
einnahm, mit etwa 12 Millionen farbiger Bewohner. 
Leider war dieser große Besitz fast unerforscht und un- 
erschlossen, entbehrte jeder geordneten Verwaltung und 
warf keinerlei Erträge ab als den Handelsgewinn der 
in den Küstenorten tätigen Kaufleute. Wenige Jahre 
später erfuhr er noch eine Erweiterung. Am 27. April 
1898 wurde der von China dem Deutschen Reich ver- 
pachtete Hafen Kiautschon zum Schutzgebiete erklärt. 
Am 12. Februar 1899 kaufte das Reich ferner dem 
durch Amerika des Hauptteils seiner Kolonien be- 
raubten Spanien die Karolineninseln ab, auf denen 
schon seit längerer Zeit Deutsche tätig gewesen waren, 
und am 2. Dezember 1899 erwarb es endlich durch 
Abkommen mit England und den Vereinigten Staaten 
die beiden größten Inseln der Samoagruppe. Der 
gesamte Neuerwerb hatte den Umfang von etwa 3700 
akm. Dazu kam durch den Vertrag mit Frankreich vom 
4. November 1911 das 295000 akm große Kongo- 
gebiet, dessen Bewohnerzahl noch nicht festgestellt war. 
III. Die Berwaltung der Schutzgebiete. 
Bei Kaiser Wilhelm I. und seinem Kanzler bestand 
anfänglich nicht die Absicht, die unter deutschen Schutz 
gestellten Gebiete in Reichsverwaltung zu nehmen. 
I. Politik und Geschichte 
Nicht allein die Rücksicht auf die großen Kosten, son- 
dern auch die überzeugung, daß es dem Reich an den 
dafür Feeigneten eamten fehle, und die Furcht vor 
Verwicklungen mit dem Auslande bestimmten sie zu 
dieser Haltung. So wurde die gesamte Verwaltung 
des Gebietes von Neuguinea und Nachbarschaft der 
Neuguinea-Kompanie, die Südwestafrikas dem Kauf- 
mann Lüderitz und später (5. April 1885) der seine 
Rechtstitel übernehmenden Deutschen Kolonialgesell- 
schaft für Südwestafrika, die Ostafrikas der Gesellschaft 
für deutsche Kolonisation übertragen. Dieses Unter- 
nehmen erhielt unterm 27. Februar 1885 einen kai- 
serlichen Schutzbrief nach dem Muster der von England 
der Nordborneo-Kompanie erteilten Charter. Ein ent- 
sprechender Schutzbrief wurde am 17. Mai 1885 der 
Neuguinea-Kompanie erteilt. Für die Marshallinseln 
stellte das Reich allerdings die Beamten. Doch ihre 
Besoldung und die ganze Verwaltung geschah durch 
die Jaluitgesellschaft auf Grund eines mit ihr am 21. 
Januar 1888 getroffenen Abkommens. In Kamerun 
und Togo sollten die Verhältnisse in derselben Weise 
geregelt werden. Da sich aber die dortigen Kaufleute 
zu einem Zusammenschluß und zur übernahme staat- 
licher Vollmachten nicht bewegen ließen, sah sich der 
Kanzler gezwungen, hier von vornherein eine be- 
scheidene staatliche Verwaltung einzurichten. — Die 
Mittel der kolonialen Gesellschaften erwiesen sich für 
dieihnen erwachsenden Aufgaben nicht als ausreichend. 
Erhebungen der mit staatlicher Einmischung in ihre 
Verhältnisse, besonders in den Sklavenhandel, unzu- 
friedenen Eingeborenen, Streitigkeiten mit den Nach- 
barkolonien erschöpften binnen wenigen Jahren ihre 
Kassen und zwangen das Reich zum Eingreifen. Nach 
einem durch den Reichskommissar v. Wissmann nieder- 
geschlagenen Aufstande mußte am 1. Januar 1891 
stafrika in volle Verwaltung des Reiches übernom- 
men werden. Dieselbe Notwendigkeit stellte sich bald 
in den anderen Schutzgebieten, bis auf die Marshall- 
inseln, heraus. Die Verwaltung Neuguineas ging 
bereits durch Vertrag vom 23. Mai 1889 auf einen 
Kaiserlichen Kommissar über. Unterm 7.Oktober 1899 
übernahm das Reich auch hier alle Hoheitsrechte. 
Die Leitung der kolonialen Geschäfte in Deutschland 
hat die ersten Jahre hindurch in der Hand des Geheim- 
rats v. Kusserow im Auswärtigen Amte gelegen, 
dem dann der Geheimrat Dr. Krauel gefolgt war. 
Nach dem Aufstande in Ostafrika, der die Geschäfte 
gewalt anschwellen ließ, wurde für sie eine besondere 
bteilung im Auswärtigen Amte geschaffen, an deren 
Spitze unterm 29. Juni 1890 der Geheimrat Dr. Paul 
Kayser trat. Sein Nachfolger wurde am 15. Oktober 
1896 Dr. Oswald Frhr. v. Richthofen, den am 31. 
März 1898 Dr. Gerhard v. Buchka ablöste. Am 12. 
Juni 1900 übernahm Dr. Stübel die Leitung der Ko- 
lonialabteilung. Vom 16. November 1905 bis 5. Sep- 
tember 1906 lag sie dann in der Hand des Erbprin- 
zen Ernst zu Hohenlohe-Langenburg. An seine Stelle 
trat am 10. September 1906 Bernhard Dernburg, 
der bis dahin keine Beamtenstellung bekleidet hatte. 
Der Kolonialabteilung stand ein durch kaiserliche Ver- 
ordnung vom 10. Oktober 1890 geschaffener Kolonial. 
rat Sachverständiger zur Seite. Die Regierung in den 
Schutzgebieten wurde 1890 für Ostafrika und Kame- 
run in die Hände von Gouverneuren gelegt. Die 
obersten Beamten in Togo, Südwestafrika, Neuguinea 
und auf den Marshallinseln führten den Titel Landes- 
hauptmann. Später erhielten auch sie, bis auf den 
obersten Beamten der Marshallinseln, die Bezeichnung
        <pb n="21" />
        Zimmermann: Entwicklung und Ergebnisse der kolonialen Arbeit Deutschlands 15 
als Gouverneur, da die Leiter der fremden Nachbar- 
kolonien allgemein diesen Titel führten und die Bezeich- 
nungals Landeshauptmannz häusigen Mißverständ- 
nissen Anlaß gab. Nach Erwerb Kiautschous und 
Samoas wurden auch die höchsten dortigen Beamten 
zu Gouverneuren ernannt. Die Spitzen der Bezirke 
in allen Schutzgebieten haben regelmäßig den Titel 
Bezirksamtmänner erhalten. Neben ihnen gab es 
Kommissare für besondere Aufgaben. 
Eine große und gefährliche allgemeine Erhebung 
der Eingeborenen Südwestafrikas veranlaßte zu An- 
fang des 20. Jahrhunderts eine völlige Umgestaltung 
der Bismarckschen Kolonialverwaltung. An Stelle 
der Kolonialabteilung im Auswärtigen Amte trat im 
Jahre 1907 ein besonderes Reichskolonialamt, mit 
dessen Leitung der Direktor Dernburg am 17. Mai 
betraut wurde. Bereits am 9. Juni 1910 wurde er 
durch seinen Unterstaatssekretär Dr. Friedrich v. Linde- 
quist ersetzt. Nachdem dieser wegen Meinungsver- 
schiedenheiten in der Behandlung der Marokkofrage 
am 6. November 1911 sein Amt niedergelegt hatte, 
folgte ihm der Gouverneur von Samoa Dr. W. Solf. 
Seit der Errichtung des Reichsamtes ist in Humburg 
ein besonderes Kolonialinstitut zur Vorbildung von 
Anwärtern für die Tätigkeit in den Kolonien geschaffen 
worden, wofür bis dahin nur das Berliner orienta- 
lische Seminar zur Verfügung stand. Dafür wurde 
unterm 17. Februar 1908 der Kolonialrat aufgehoben. 
Durch eine Verordnung vom Juli 1910 wurde an 
seiner Stelle eine ständige Kommission zur Unterstüt- 
zung der Kolonialverwaltung in wirtschaftlichen Fra- 
gen neben einer seit 1909 bestehenden kolonialen Ab- 
teilung der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft ins 
Leben gerufen. Die neue Kommission ist nur einmal 
im September 1911 in Tätigkeit getreten, obwohl sie 
im Juni 1913 durch Ernennung neuer Mitglieder eine 
Verstärkung erfahren hat. 
IV. Die wirtschaftliche Entwicklung. 
Über die Aufwendungen, die das Deutsche Reich für 
seine lberseeischen Besitzungen im Laufe der Jahre 
gemacht, und die Erträge, welche diese selbst allmäh- 
lich erzielt haben, geben die klarste Auskunft die Zah- 
len der stets auf Grundlage der wirklichen Einkünfte 
aufgestellten Haushaltsvoranschläge. Sie erreichten 
seit Uübernahme der einzelnen Schutzgebiete in staat- 
liche Verwaltung nachstehende Beträge in Einnahme 
und Ausgabe (in Tausenden Mark): 
Karolinen, T Betrag der 
Ostafrika Kamerunn Togo Sübwes Neu- Marianen, Marshall- Samon Kiantscheu wirklichen Aus- 
afrika# gutnea Palau insoln gaben 
1892 — 560 116 207 — — s — — 5407 
1893 1209,P 580 143 273 — — 1 — — 7605 
1894 5520 610 183 1 027 — — 45 — — 10 179 
1895 5837 1 230 265 1727 — — 8 — — 9317 
1896 5901 1319 330 4473 — — 4 — — 13571 
1897 6 039 400 1270 # 455 — — 4 — — 15 129 
1898 5965 1394 550 5001 — — 8 — 5000 17508 
1899 8495 1713 80 1 7479 732 — 4 — 8500 23 169 
1900 97068 3215 750 8174 923 370 10 252 v vos 37425 
1901 84091 3776 1443 10 452 810 312 12 266 11050 30484 
1902 8051 4237 165.) 94590 822 338 8 l 441 12 404 37097 
1903 81462 3666 1096 13019 900 4290 10 540 12 803 11021 
1904 11677 4485 5225 110 575 1161 417 —1 660 13088 101 150 
—. 
1905 10 450 4020 4710 66 450 1070 410 510 13 500 204 680 
1906 12 620 50650 2660 62670 1550 590 650 14790 101 180 
19207 13800 6040 2080 45070 1510 430 610 13530 73130 
1908 11900 6810 2980 119080 1850 750 660 11470 155 530 
1909 12 590 6960 2720 294390 2330 8:30 12290 68 110 
1910 13800 8760 2540 40 150 2400 870 14840 82450 
1911 14 670 9050 3310 51r110 2520 920 15090 90 60 
1912 18970 10950 3310 34810 2760 1000 15 N.10 87630 
1913 20510 13340 4060 46 570 3410 1130 16 700 105 810 
1914 23770 17260 4180 40310 3830 1380 18410 109 170 
Nicht weniger bezeichnend für die Erfolge der deut- 
schen kolonialen Arbeit sind die Ergebnisse der Auf- 
zeichnungen über den Handel der Schutzgebiete. 
Nach der amtlichen Statistik erreichte er in den drei 
Jahrzehnten der deutschen Tätigkeit folgenden Umfang 
(in Tausenden Mark): 
Neuguinea, — 9 — 
« - Wert des Ge- 
. Südwest= Karolinen, Marshall- · . » 
Ostafrika Kamerun Togo afrika Marianen, nseln Samoa Kiautschon —“ie 
Palau siial 
Eins. Ausf. E#inf. |Ausf. Cinf. Ausf.Einf,]Ansf. Einf.[Ausf. Einf. Ausf. Einf. Ausf, Einf.] Aust, Sebiete 
1892 — — 447114264% — — — — — — — — — 
188897713 6681 4162 4633 24151 3414 — — — — — — —1— – — — 
18# 7008 8258 5658 4089 2a54 3048 — — — — ——— — — — 
1900 11480 4204142 5686, S 3059 5B68 v9508 20721272 598 556 2106 12061 — — — 
190# 17655/0ê3SQOG500 4387/202969 17624 717 193 101 
1½#0 88650 20 805 OO S1 N “ 3 602 4 9378 3623534 6V375/60 51 359619 
1121/SOO⅝S 183 1159 /32499 3903 % 
1 Legtos Jahr, für das vollständige Zahlen vorliegen. 
Die deutsche Verwaltung hat sich nicht damit be- 
ügt, im den Kolonien Ruhe und Ordnung herzu- 
ellen, sie hat sie auch im angestrengter Arbeit nach 
allen Richtungen hin erschlossen. Nachdem erst Ost- 
afrika, Kamerun, Togo und Südwestafrika mit dem 
englischen Kabelnetz in Verbindung gebracht worden
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        16 
waren, schuf man 1913 für Toßo und Kamerun zu- 
nächst Anschluß an ein eigenes deutsches Kabel. Die 
Karolinen wurden um dieselbe Zeit durch ein deutsches 
Kabel mit den Telegraphenlinien Ostasiens verknüpft. 
In den letzten Jahren vor dem Krieg gelang es, alle 
Schutzgebiete durch Funkenilirme zum Austausch von 
Nachrichten mit Deutschland instand zu setzen. 
Nicht weniger nachdrücklich ist der Bau von Häfen 
und Bahnlinien in diesen Kolonien gefördert worden. 
In Ostafrika waren bei Kriegsausbruch die 352 km 
lange Usambarabahn und die 847 km lange Mittel- 
landbahn fertig. Eine Verlängerung um 413 km bis 
um Tanganjika war im Bau. In Kamerun befanden 
ich die 160 km lange Nordbahn und 81 km der Mittel- 
landbahn im Betrieb. In Togo war die 44 km lange 
Küstenbahn und die Linie nach Palime (119 ku) fer- 
tig. In Südwestafrika gab es an Bahnen die Linie 
Swakopmund-Windhuk (382 km), die Strecke von 
dort nach Keetmanshoop (506 km), die Otavibahn 
(671 km) und die Lüderitzbuchtbahn (545 km). Im 
anzen waren Ende 1912 bereits in den afrikanischen 
Schigebieten 3867 km Bahnen im Betrieb und 696 
k#m im Bau. In jedem Schutzgebiete erschienen außer 
I. Politik und Geschichte 
einem Amtsblatte deutsche Zeitungen. Überall war 
für Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, Arzte und Apo- 
theken gesorgt. Eine große Zahl privater Gesellschaften 
betrieb die Ausbeutung der Naturschätze der Kolonien 
underzielte dabei stetig wachsende Gewinne. Besonders 
erfolgreich erwiesen sich die Unternehmungen für Dia- 
mantengewinnung in Südwestafrika, die Kautschul- 
und Kakaogesellschaften in Kamerun, Ostafrika und der 
Südsee sowie die Kupfergewinnung in Südwestafrika. 
Vier Banken vermittelten den Zahlungsverkehr. 
Literatur. G. Schumacher, Geschichte der deutschen 
Kolonialversuche in Venezuela (in der Festschrift zur Feier 
der vierhundertjährigen Entdeckung Amerikas, Hamb. 833 
J. Humbert, L'Oceupation allemande du Vénézuela 
(Par. 1905); . Huisman, La Belgique commerciale 
sous Charles VI-(Brüssel 1902); R. Schück, Brandendurg- 
preußische Kolonialpolitik (Berl. 1889); V. Ring, Asiatische 
Landelskompagnten Friedrich des Großen (das. 1890); 
oschizky, Deutsche Kolonialgeschichte (Leipz. 1888); A. 
Zimmermann, Geschichte der preußisch-deutschen Han- 
delspolitik (Oldenb. u. Leipz. 1892); Derselbe, Kolonial= 
peschichtlche Studien (das. 1895); Derfelbe, Geschichte der 
eutschen Kolonialpolitik (Berl. 1914); H. Meyer, Das 
deutsche Kolonialreich (Leipz. 1909 f., 2 Bde.). 
Das deufsche Elsaß 
von Professor Lic. Wilhelm Kapp zu Straßburg i. E. 
Deutsche Art von Landschaft und Volkstum. 
Mit Fug und Recht können wir vom ’deutschen 
Elsaße reden; denn es gehört in die deutsche Land- 
schaft hinein. Die elsässische Ebene ist ein Stück der 
von Basel bis zum Taunus reichenden, zwischen Vo- 
gesen, Hardt, Schwarzwald und Odenwald eingebet- 
teten oberrheinischen Ebene. Mit ihrer nordsüdlichen 
Richtung stellt sie die Verbindung von Süden und 
Norden her und wird durch den Rhein, dem von den 
Vogesen her alle Gewässer zuströmen, an den großen 
mitteldeutschen Strom angeschlossen. So weist die 
anze Natur des Landes nach Norden und Osten in 
ie Gesamtheit der deutschen Lande. Nach Westen zu, 
gegen den Kulturbereich des Romanischen, ist die Ebene 
wie mittels einer Mauer durch die Vogesen geschieden, 
und die mehr oder weniger scharf ausgeprägte Kamm- 
bildung dieses Gebirges mit seinen unwirtlichen, dörf- 
liche oder städtische Siedlungen ausschließenden Zü- 
gen läßt es schwer zu, daß man von hüben und drül- 
ben sich die Hände reicht und beide Welten über das 
Gebirge hinweg ineinander Übergehen. Freilich so 
abschliessend ist die Wand nicht, daß nicht auch von 
Westen her leicht Einflüsse in das von der Vogesen. 
mauer beschirmte Elsaßland hineinwirken konnten. 
Aber der Riegelcharakter der Vogesen war doch das 
Bestimmende. Da war es kein Wunder, daß die ger- 
manischen Scharen in ihrem Zuge nach dem Westen die- 
ses Stück der oberrheinischen Ebene ebenso füllten wie 
im nördlichen und östlichen Teile, aber auch im großen 
und ganzen nicht über die Scheidemauer hinüber- 
kamen; nur über die großen Senken der Nordvogesen 
ergoß sich der germanische Völkerstrom weiter in die 
heulige lothringische Hochebene. So ist die ganze Ebene 
ein zusammenhängendes germanisches Siedlungs- 
gebiet geworden, in dem am allerwenigsten der Rhein 
eine Trennungslinie bilden konnte. Wohl sind die Hee- 
ressäulen Ariovists zunächst zwei Menschenalter vor 
Beginn der christlichen Zeitrechnung der überlegenen 
Führung und Waffentechnik der Römer gewichen, zu- 
rück über den Rhein, und wurden etwa zwei Jahrhun- 
derte lang hinter dem Limes von den römischen Gren- 
zen ferngehalten, um dann vom 4. Jahrhundert an 
um so unaufhaltsamer alle Wälle und Dämme des 
Römerreiches zu durchbrechen und die ganze ober- 
rheinische Ebene zu besetzen. Seitdem ist diesem Rhein- 
talgebiet auch volklich das deutsche Gepräge gegeben, 
und zwar das alemannische im Süden. das frän- 
kische im Norden jenseits des Hagenauer Forstes und 
der mittleren Vogesen in Lothringen. Der Hhüarste un- 
widersprechliche Veweis für diese Tatsache der Völker- 
scheidung durch die Vogesen ist mit der Sprachengrenze 
egeben, die seit undenklichen Zeilen bis heute in der 
Hupriccche längs des Vogesenkammes verläuft. Also 
das Gebirge treunt die beiden Welten, die deutsche und 
die romanische, und nicht der Rhein. Wer von Westen 
her über den Vogesenwall das Land betrat, der hatte 
auch deutlich das Gefühl, daß er in germanisches Land 
kam. So schrieb der Engländer Fomg- über einen 
Besuch des Landes: -Wenn man in der Geschichte 
davon liest, so macht die Einverleibung des deutschen 
Elsaß in das französische Staatsgebiet einen so tiefen 
Eindruck nicht; daß ich aber, aus Frankreich kommend, 
über hohe Gebirge mußte und dann in eine Ebene 
hinabstieg, in der ein von den Franzsen in Sitte, 
Sprache. Abstammung ganz unterschiedenes Volk 
wohnt, das machte mir Eindruck.e 
Individuelle Eigenart des deutschen 
Indes so sehr Landschaft und Volkstum des Elsa 
völlig in den Bereich des Germanischen gehören, so 
hat sich das Germanische auf diesem Boden doch wieder 
ineigener Art entwickelt. Schon die Landschaft, wie 
sie die Natur in Ebene, Randgebirge, Senkungsfeldern 
des Gebirges aufgebaut hat, gibt der ganzen Lebens- 
entwicklung im Elsaß ihre eigene Form und Gestal- 
tung. Der die Grabenlandschaft zwischen den zwei
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        Kapp: Das deutsche Elsaß 
Gebirgsmauern Schwarzwald und Vogesen durch- 
trömende Rhein hat sichtlich den elsässischen Teil gün- 
tiger bedacht. Er fließt nämlich beträchtlich näher dem 
östlichen Randgebirge, dem Schwarzwald, als dem 
westlichen, den Vogesen. So läßt er neben sich auf der 
linken Seite einen ausgedehnteren Raum als Ebene. 
Diese breite, fruchtbare Tallandschaft, die elsässische, 
mußte von vornherein den noch dazu von Südwesten 
durch die Senke zwischen Vogesen und Jura von der 
Rhone und Saone kommenden Kulturstrom zunächst 
auf sich lenken. Nach der Unterwerfung Galliens bis 
an den Rhein erschienen der römische Legionssoldat, 
Händler, Beamite mit allem, was in ihrem Gefolge 
einherzog, im Lande. Straßen, Siedlungen, befestigte 
Orte entstanden; der Rand des Gebirges mit seiner 
sonnig.heiteren Vorhügellandschaft zog besonders an. 
Als der Sturm der Völkerwanderung verbraust war 
und die Franken endgültig über das asemanmif che El- 
saß Herr geworden waren, da ist auf der durch die 
Römer gelegten Kulturgrundlage schnell neues Leben 
entsprossen. Das Christentum fand auf seinem Wege 
nach Germanien über die elsässische Landschaft natür- 
liche Eingangspforten von Westen her; eine Reihe 
blühender Abteien begegnet uns schon in der früh- 
fränkischen Zeit, wie Murbach, Maursmünster, Wei- 
ßenburg. Sie stellen bedeutsame Mittelpunkte für 
kolonisatorische, kulturelle Arbeit dar. Es ist also nicht 
auffallend, daß entlang der Vogesenwand und zum 
Teil am Eingang in die breiten Taer im Laufe des 
Mittelalters Stadt an Stadt entsteht: Thann, Geb- 
weiler, Türkheim, Rappoltsweiler, Barr, Rosheim, 
Molsheim, Zabern. Prächtige Kirchen und Rathäuser 
zeugen noch heute von ihrer Blüte und Wohlhaben- 
heit in vergangenen Tagen. Dieser großen Kultur- 
straße, die unter dem Schutze des Gebirgswalles an 
den sonnigen, heiteren Abhängen und Hügeln der Vor- 
landschaft sich hinzieht, entspricht eine zweite wichtige 
Kulturstraße in der Ebene. Hier haben wir gegenüber 
den Ausgängen der Täler der Vogesen Mülhausen 
an der breiten Völkerstraße der Burgunder Pforte ge- 
genlber dem Doller und Thurtal, Ensisheim gegen- 
über dem Lauchtal, Colmar gegenüber dem Fechttal, 
Schlettstadt gegenüber Weiler und Lebertal, Straß. 
burg gegenüber dem Breuschtal an der über die Zaber- 
ner Senke ins Lothringische führenden alten Römer- 
straße. Nicht leicht wird man sonst in Deutschland auf 
verhältnismäßig so schmalem Raum zwischen Strom 
und Gebirge so zahlreiche städtische Siedlungen treffen. 
Sie sind es darum auch, die dem Lande sein Gepräge 
geben; mehr wie irgendwo stehen Dorf und Bauern- 
tum unter vorwiegend städtischem Einfluß. Noch 
heute ist für Stimmung und Haltung der Bevölke- 
rung im Grunde nur der Städter maßgebend; der 
knorrige, zähe. selbstgewisse, selbstbewußte Charakter 
des deutschen Bauern geht dem elsässischen sichtlich ab. 
Der fruchtbare Landstrich hat zu seiner Bevölkerungs- 
ergänzung stets der Einwanderung bedurft; sie kam 
zumeist aus Osten, aus Schwaben, aber auch aus dem 
Wesien, vor allem seit Besetzung des Landes durch 
die Franzosen. Ein solches durch stärkere Mischung 
entstandenes Volkstum, das den vom Süden und 
Südwesten aus der romanischen Welt kommenden 
Kulturstrom früh aufgenommen hatte, wesentlich in 
der weichen Luft der Ebene und am sonnigeheiteren 
Rande des Gebirges an den Vorhügeln sich entfaltete, 
sich früh in städtischen Siedlungen von beträchtlicher 
Anzahl Kultursitze schuf und im Laufe der Zeiten nicht 
nennenswert durch eine Gebirgs= oder Platcaubevöl- 
Der Krieg 1914/17. II. 
17 
kerung rauherer, festerer, härterer Struktur ergänzt 
werden konnte, weil die Vogesen nach ihrem ganzen 
Aufbau und ihren Siedlungsbedingungen relativ 
menschenarm sind, ein solches Volkstum, dem so die 
Stadt und die Ebene vorzugsweise sein Gepräge ge- 
geben haben, muß wieder eigenartige Züge an 96 
tragen, die es von dem Volkstum anderer deutschen 
Landschaften, auch derer in nächster Nachbarschaft, 
charakteristisch unterscheiden. 
Deutsches Elsaß und allgemein deutsche Ge- 
schichts. und Kulturentwicklung. Aber dieses also 
urch die Natur eigenartig geprägte deutsche Volks- 
tum im Elsaß mit seiner früh erblühten und erstark- 
ten städtischen Kultur mußte bald notwendig regen 
Anteil nehmen an der gesamtdeutschen Le- 
bens= und Kulturentwicklung, vor allem in 
jenen Tagen des Mittelalters, da der Schwerpunkt 
des Lebens und der Geschichte des Reiches wesentlich 
im Süden und Südwesten lag. Die alten deutschen 
Königsgeschlechter von den Merowingern, Karolin- 
ern bis zu den Staufern haben das Elsaß geliebt und 
evorzugt; die Habsburger waren noch durch beson- 
dere Bande mit dem Lande verbunden, große Teile 
des Ober-Elsaß gehörten zu dem Grundstock der habs- 
burgischen Hausmacht. Die Erinnerung an könig- 
liche Pfalzen, Burgen der Staufer, die das hier 6t. 
reichlich vertretene Reichsgut schirmen mußten, waren 
im Volke besonders lebendig; der Reichsgedanke saß 
in den freien Reichsstädten, vorab Straßburg und in 
dem ganzen Gebiet, das in deren Schatten lag, tief 
und zäh; eine stärkere Territorialmacht, die dem 
Reichsgedanken abträglich war, bildete sich hier nicht; 
darum aber mußte 66c der Verfall der Macht des 
Reiches am ehesten hier, wo man sich auf das Reich 
stützen wollte und mußte, flhlbar werden. Denn in 
jener Zeit, da das Reich mehr und mehr seine Ohn- 
macht offenbarte und vor allem an seinen Grenzen 
nicht mehr als überlegene, kraftvolle Schutzgewalt 
auftreten konnte, fing Frankreich an, aufstrebend und 
machthungrig um sich zu greifen. Was lag ihm näher, 
als daß ces seine begehrlichen Blicke vor allem auf das 
vor seiner Tür liegende, nur zu sehr vom Reiche verlas- 
sene und unbewehrte Elsaß richtete! Innerhalb eines 
Jahrhunderts, von der Mitte des 16. bis zur Mitte 
des 17. Jahrhunderts, hat es das Ziel seines Strebens 
erreicht 1681 hat die Einnahme Straßburgs die fried- 
liche und kriegerische Eroberung der deutschen Grenz- 
mark im Westen besiegelt; noch gehörte eine Anzahl 
kleiner Territorialfürsten in den Verband des Reiches; 
aber als Vasallen des französischen Königs standen sie 
doch schon ganz im Macht- und Einflußbereich des 
französischen Staates. Konnte das Grenzland aber 
ein Jahrhundert lang als g#auswärtige Provinze im 
großen und ganzen, wenn auch unter französischer 
Verwaltung, abseits von dem großen Strom französi- 
scher Wirtschafts- und Kulturentwicklung, seine eigene 
Art noch pflegen, die Verbindung mit Deutschland 
weiter unterhalten, so hat die mit der Revolution ein- 
setzende nationalfranzösische Bewegung diesem Son. 
derdasein völlig ein Ende gemacht. Elsaß und Loth- 
ringen, aufgeteilt in drei Departements, wurden jetzt 
national, politisch fest an das Ganze des französischen 
Zentralstaates angeschlossen und in allem den übrigen 
Verwaltungsbezirken des Staalswesens gleichgemacht. 
Die Franzosen spürten wohl in ihren neu erwachten 
nationalen Instinkten, daß dieses Land etwas Eigenes, 
von der romanischen Art völlig Verschiedenes hatte; 
es war ein durch und durch deutsches Land, dem wie 
2
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        18 
nicht leicht einer zweiten deutschen Landschaft Überall 
der Stempel deutschen Geistes, deutscher Bildung und 
Kultur aufgedrückt war. War doch ein gut Teil des 
deutschen Geistes- und Kulturbesitzes, zu dem es das 
deutsche Volk im Mittelalter bis über die Reforma- 
tionszeit hinaus gebracht hatte, hier zu Hause. Am 
Eingang des mittelalterlichen deutschen Schrifttums 
steht der elsässische Mönch Otfried von Weißenburg 
mit seiner Evangelienharmonie; auf der Höhe unserer 
deutschen ersten großen Literaturperiode erglänzen die 
Namen von Elsässern wie Reimar von Hagenau, von 
dem Walther das Dichten gelernt, Gottfried von Straß- 
burg, der in Tristan und Isolde deutsche Ausdrucks- 
fähigkeit und Gestaltungstraft in höchster künstleri- 
scher Vollendung zeigt. Die großen deutschen Gottes- 
männer des 14. Jahrhunderts, die ihre tiesen Erleb- 
nisse in deutsche Laute und Sprachformen ausströmen 
lassen und deutsche Sprache so aufs tiefste beseelen 
und vergeistigen, Meister Eckart und sein großer Schü- 
ler Tauler, weisen hierher an den elsässischen Ober- 
rhein; die so recht aus deutscher Seele geborene Geistes- 
bewegung der Reformation hat auf diesem empfäng- 
lichen, für jede Geistessaat aufgelockerten elsässischen 
Boden vor allem verständnisvolle Begeisterung her- 
vorgerufen; zwei reformatorische Hauptvorkämpfer, 
der eine auf politischem, der andere auf religiösem Ge- 
biet, Jakob Sturm und Martin Butzer, haben in 
Straßburg ihren Wirkungskreis gehabt, von dem aus 
sie bestimmenden Einfluß ausübten auf den Gang 
der religiösen wie politischen Bewegung ihres Zeit- 
alters. Die deutsche mittelalterliche Baukunsthat in der 
elsässischen Landschaft einzigartige Denkmale geschaf- 
fen; keines zeugt aber so sehr vom Können deutscher 
Bauleute wie das Meisterwerk deutscher Gotik, das 
Straßburger Münster. So ist es kein Wunder, daß 
den aus dem Herzen Deutschlands kommenden Goethe 
die Ahnung von dem, was deutsch ist, gerade hier in 
Straßburg wie eine Offenbarung überkam, und noch 
1815 hatte Jakob Grimm von dem Elsässer und sei- 
nem Lande geurteilt: „Schmählich von Kaiser und 
Reich in Sücche gelassen, hat er sich selbst beigestanden, 
Sprache, Sitte, Tracht aufrechterhalten, welches nicht 
beschrieben, sondern nur mit Augen angeschaut wer- 
den kann, weil es bis in die Mienen, Redensarten, 
Hausgerät und Einrichtungen der Stube geht .. .« 
Der Prozeß der Französierung im deutschen El- 
saß. Aber schon war der Prozeß der Französie- 
rung in raschen Gang gekommen. In etwas mehr als 
zwei Menschenaltern wurde das Volk, so deutsch es in 
Sprache, Sitte, Art auch noch blieb, doch national, poli- 
tisch und kulturell in seinen führenden Schichten eine 
Beute des Franzosentums, ja in den vierziger und 
fünfziger Jahren ging es einigen Elsässern schon zu 
rasch, sie bekamen Angst um ihre ihnen noch gebliebene 
deutsche Art und brachten sich und den Kranzofen 
wieder in Erinnerung: Wir reden Deutsch, sind geistig 
Deutsche, wenn auch politisch Franzosen. Aber solche 
gelegentliche Erinnerungen und Mahnungen einzelner 
konnten die Entwicklung, die der völligen nationalen 
und auch kulturellen Verschmelzung mit französischem 
Staat und Volk zustrebte, nicht hindern. So hat das 
Jahr 1870 doch ein im großen und ganzen innerlich 
französisch gewordenes Poie angetroffen, und das 
Deutsche Reich sah sich vor keine leichte Aufgabe ge- 
stellt, dieses in das Franzosentum so stark hineinge- 
wachsene, ursprünglich doch kerndeutsche Volkstum 
wieder zurückzugewinnen. Das Ergebnis der an die 
kulturelle nationale Rückeroberung gesetzten Arbeit 
I. Politik und Geschichte 
ist bis zum Krieg nicht befriedigend gewesen, und 
auch der Krieg, in dem die Elsässer Seite an Seite mit 
den Söhnen aller deutschen Gaue gegen die Franzosen 
und ihre Verbündeten kämpfen, hat es noch nicht ver- 
mocht, daß der in das eljässische Volkstum ein- und 
durchgedrungene französische Sauerteig entfernt ward, 
ja die letzten Jahre vor Ausbruch des Krieges hatten 
wieder gcn eine stärkere Geltendmachung und 
Bewegung dieser französischen Stoffe in dem Orga- 
nismus des elsässischen Bolkskörpers gebracht. 
Die deutsche Berwaltung. Und doch hat das 
Deutsche Reich Elsaß-Lothringen eine Stellung ge- 
geben, die Frankreich ihm nie geben konnte. Als 
man unter französischer Herrschaft aus dem Lande 
drei französische Departements gemacht hatte, die ge- 
nau wie jedes andere von der Zentrale Paris aus re- 
Lert wurden. konnte auf elsässische oder lothringische 
onderwünsche, die dem deutschen Grundcharakter 
Rechnung getragen hätten, nicht Rücksicht genom- 
men werden; noch weniger hatte das französische Zen- 
tralisierungssystem der Verwaltung Raum fürirgend- 
welche ernsthafte selbständige Betätigung von Be- 
hörden und Körperschaften in diesen, kulturell und 
geschichtlich doch ganz anders orientierten Landesteilen. 
am Rhein und an der Mosel. Im Wesen des deut- 
schen Föderativstaates aber lag es, daß er von An- 
fang an dem Sondergeist, der heimischen Art und über- 
lieferung mehr entgegenkommen wollte und konnte. 
So hat man den neu gewonnenen Gebieten bald nach 
1871 die Anlage zur Selbständigkeit gegeben; Reichs- 
organe und Landesorgane sollten sich in die Arbeit 
der Verwaltung teilen. Zuerst überwogen natürlich 
die ersteren. Kaiser, Kanzler, Bundesrat, Reichsamt. 
Reichstag waren in den ersten Jahren in der Haupt- 
sache für die gesetzgeberischen Arbeiten, den höheren 
Verwaltungsorganismus die entscheidenden Faktoren: 
mehr und mehr ließ man dann, da sich die Verhält- 
nisse allmählich festigten und die Stimmung sich be- 
ruhigte, Landesorgane an deren Stelle treten: 1875 
schon eine eigene Landesvertretung von 58 Mitglie- 
dern, aus den Bezirkstagen, den vier größten Städten 
und den Landkreisen hervorgehend; 1879 wurde ein 
Statthalter mit einem eigenen Ministerium an die 
Spitze gestellt; 1911 hat man Elsaß-Lothringen die 
lange begehrte Verfassung gegeben, durch die der Lan- 
desausschuß in eine aus zwei Kammern bestehende 
richtige Volksvertretung umgebildet wurde. Für die 
Jweiue Kammer wurde das allgemeine gleiche direkte 
ahlverfahren eingeführt, also in der Hauptsache das 
Reichstagswahlrecht, das jeder Elsaß-Lothringer von 
Anfang der deutschen Herrschaft hatte, auch auf das 
elsaß-lothringische Staatsgebiet ausgedehnt. Elsaß- 
Lothringen, obwohl es staatsrechtlich noch Reichsland 
blieb, regierte sich selbst und erhielt dadurch, daß es 
Sitz und Stimme im Bundesrat empfing, auch An- 
teil an der Gesamtregierung des Reiches. 
Was dem Lande noch einen auffälligen Ausnahme-. 
zustandscharakter gab, war schon früher beseitigt wor- 
en. So bestand z. B. der sogenannte Diktaturpara- 
raph, der den Statthalter ermächligte, „bei Gefahren 
1 die öffentliche Sicherheit alle abregeln unge- 
säumt zu treffen, die er zur Abwendung der Gefahr 
für erforderlich erachtete. Dieser Paragraph ist seit 
1897 nicht mehr in Anwendung gekommen und seit 
1902 aufgehoben. Der Paßzwang, der zur Ab- 
wehr der von Frankreich her geschürten Propaganda- 
tätigkeit eingeführt wurde, ist seit 1891 nur noch 
gegen militärpflichtige Personen angewandt worden
        <pb n="25" />
        Kapp: Das deutsche Elsaß 
für Vereine gilt das allgemeine Reichsvereinsgesetz; 
nach dem Reichspreßgesetz konnten französische 
Zeitungen unbeschränkt in Elsaß-Lothringen gedruckt 
werden und erscheinen, während bekanntlich in Frank- 
reich fremdsprachliche periodische Druckschriften durch 
einfache Verfügung verboten werden können (Gesetz 
vom 22. Juli 1895). Für die Bezirkstage, die die 
Etats für die Kommunalverwaltung der drei Bezirke 
(Ober-, Unter-Elsaß, Lothringen) auf dem Gebiet des 
Landarmenwesens, der Irrenpflege, des Straßen- 
baues zu bewilligen haben, gilt das allgemeine gleiche 
Wahlrecht,. Die Gemeindeordnung von 1895, die für 
die Gemeinderäte dasselbe demokratische Wahlrecht 
vorsieht, hat den Gemeinden weitgehendes Selbstver- 
waltungsrecht verliehen. Danach mag man ermessen, 
was es mit den in der Welt in Umlauf gesetzten 
Schlagwörtern der Unterdrückung und Rechtlosigkeit 
der Elsaß-Lothringer auf sich hat. 
Wirtschaftliche Entwicklung unter dentscher Ber- 
waltung. Wie diese großen, durch das Reich verliehe- 
nen Rechte und Freiheiten Elsaß-Lothringen weit über 
das frühere französisch-provinziale Dasein hinaus- 
gehoben haben, so setzte mit der deutschen Herrschaft 
auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und kulturellen 
Lebens eine neue, die französische Vergangenheit 
mächtig überholende Entwicklung ein. Wie sehr die 
wirtschaftliche Hebung des Landes seit der Wieder- 
angliederung an das Reich gefördert wurde, kann 
man schon daraus erschließen, daß die Zahl der Eisen- 
bahnkilometer von 1871—1910 um 173 Proz. ge- 
stiegen ist, für die Verbesserung der Schiffahrtskanäle 
bis zum Jahre 1914: 100 Millionen Mk. aufgewandt 
wurden; 1875 betrug der Güterverkehr auf den Eisen- 
bahnen 510 ½ Tonnenkilometer und 1912: 3252000; 
auf den Wasserstraßen hat der Verkehr, der 1892: 
1454 629 t betrug, im Jahre 1913 die Ziffer von 
4616865 t erreicht; der Geschäftsumsatz der drei 
Reichsbankanstalten in Straßburg, Metz, Mülhausen 
ist von 841,5 Millionen im Jahee 1876 auf über 
8 Milliarden Mk. im Jahre 1912 gestiegen, die Spar- 
einlagen von 7,4 Millionen im Jahre 1872 auf 177,8 
Millionen Mk. im Jahre 19121. 
Die Landwirtschaft wurde vor allem, dankdem 
aus Altdeutschland eingeführten Genossenschaftswesen, 
dank dem landwirtschaftlichen Unterricht, der Organi- 
sation landwirtschaftlicher Kreisvereine, auf eine Höhe 
Lbracht, wie sie die französische Zeit nicht kannte. 
azu schufen die deutsche Bolgesetgebung die Über 
das ganze Land verstreuten starken Garnisonen eine 
Preisgestaltung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, so 
daß die Arbeit des Bauern wie niemals vorher ge- 
winnbringend und lohnend wurde; kein Wunder, daß 
der Wohlstand der Bauern im deutschen Elsaß in zu- 
nehmendem Wachstum begriffen ist. 
Ganz neue Ausblicke für die wirtschaftliche Zukunft 
des Landes ergaben sich noch, seitdem in den letzten 
Fahrsehaten die gewaltigen Erzmengen im lothringi- 
schen Boden durch das sogenannte Thomasverfahren, 
das diese Erze von dem starken phosphorhaltigen Bei- 
satz befreit, so ungeheuren Wert erhielten, und nun 
altdeutsche Unternehmungskraft daranging, diese Bo- 
denschätze zu heben und zu verarbeiten. nfolne der 
in unmittelbarer Nähe der Erzgruben aufgeschlossenen 
Kohlenlager konnte in Lothringen sich eine Hütten- 
industrie entwickeln, die in einem Zeitraum von 
1 Siehe Näheres in Wohin gehört Elsaßs-Lothringen # von 
G#gen Elfässern, herausgegeben von Friedr. Lienhard (Zürich 1915). 
19 
zwei Jahrzehnten der Ausdehnung der rheinisch-west- 
fälischen nahekam. Was Lothringen in seinen Erzen 
hatte, fand das Elsaß in seinem Kali, das seit etwa 
zehn Jahren in ganz überraschender Mächtigkeit in 
der Gegend von Mülpausen efunden wurde. Seit- 
dem die altdeutsche Hochfinanz sich diese kostbaren Werte 
esichert und ihren Abbau in Angriff genommen, hat 
h dort im Ober-Elsaß ein ganzneues zukunftsreiches, 
wirtschaftlich-industrielles Leben entfaltet, das für die 
infolgedes Krieges so schwererschütterte Textilindustrie 
willkommenen Ersatz zu bieten geeignet ist. Wichtig 
ist vor allem, daß diese eine neue wirtschaftliche Zu- 
kunft für das Land verheißenden Industrien wesent- 
lich von deutschem Kapital und deutscher Unterneh- 
mungskraft genährt werden, während die alte ein- 
heimische Textil--, Glas-, Porzellan-, Maschinen- 
industrie und andere Fabrikations= und Handelsunter- 
nehmungen bis vor dem Krieg noch viel zu sehr in 
den Händen der Kreise französischen Kapitals waren. 
Das hatte zur Folge, daß, soweit der Geltungsbereich 
dieser Wirtschaftsmächte reichte, das Franzosentum 
feste Stützen und Grundlagen im Lande besaß. Die 
Industriezentren in Mülhausen, Kolmar, Thann, Geb- 
weiler, Münster, Markirch, Grafenstaden, im Stein- 
tal, Breuschtal, in Münzthal, Saargemünd und an- 
dere Orte wurden so Mittelpunkte, von denen aus die 
Pflege der französischen Sprache immer neue Nah- 
rung empfing. 
Franzosentum unter dentscher Herrschaft. Wenn 
man sich darüber klar werden will, wie es kam, daß 
diese inneigung zum Franzosentum mit den Jahren 
unter deutf cher Herrschaft sich nicht nur zäh erhielt, 
sondern immer noch weiter um sich griff, dann wird 
man vor allen Dingen die bedeutsame Rolle, die die 
französische Sprache bei dieser Erhaltung und 
Befestigung französischer Sympathien spielte, gegen- 
wärtighalten müssen. Die französische Sprache ist im 
19. Jahrhundert in den Kreisen der elsässischen Bour- 
geoisie die Bildungssprache geworden und ist es erst 
recht geblieben nach 1870. Gewiß, die deutsch-elsäs- 
sische Mundart wurde daneben geduldet, ja vielfach 
sogar sorgsam gepflegt als ein Gondergut das doch 
noch einen gewissen Trennungsstrich gegenüber dem 
Welschen bezeichnete; aber es blieb doch die Sprache 
des Volkes , das Ausdrucksmittel für das Gewöhn- 
liche, Alltägliche, Gemeine. Für alles höhere, geisti- 
ere, veredelte Leben schien nur die feine, gebildete 
ranzösische Sprache das angemessene, würdige Ver- 
ständigungsmittel, das in der Gesellschaft“ allein 
Geltung hatte. So hatte das Französische von Haus 
aus von diesem Herrschaftsbereich in dem wohlhaben- 
deren und gebildeteren Bürgertum her den Zug des 
Vornehmen, der es für die große Masse des Volkes 
wieder so wertvoll und erstrebenswert machte. Der 
allgemeine Volksinstinkt strebte dem französischen 
Sprachgut entgegen, weil es den Eintritt in die bes- 
seren Gesellschaftsschichten am ebelten verbürgte und 
am leichtesten ein gewisses Maß von Bildung und 
Erkenntnis vermittelte. Je mehr so die unteren 
Schichten, vor allem auch die Bauern, unter dem 
Banne dieser Anschauungen standen, daß man mit 
der Beherrschung des Französischen in Berührung 
und Gemeinschaft kommt mit den geistweitenden Bil- 
dungs- und Kulturkräften, um so williger ließen sie 
sich den von den oberen Schichten ausgehenden 
Druck gefallen, der das Französische für jeden El- 
sässer, der etwas von unten nach oben wollte, zur 
Pflicht machte. So herrschte in bezug auf Schätzung 
27
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        20 
der französischen Sprache als des vornehmsten Bil- 
dungsmittels in allen Kreisen des elsässischen Vol- 
kes von unten bis oben volle Übereinstimmung. 
Die Losung der Einführung des französischen Unter- 
richts in die Volksschule war durchaus volkstümlich. 
Bei dieser Wertschätzung, der sich die französische 
Sprache im Lande erfreute, war man natürlich in den 
oberen Ständen sehr dafür interessiert, daß möglichst 
viele Kanäle nach Frankreich zu offengehalten würden, 
auf denen das Gegenwärtige, Lebendige von franzö- 
sischer Literatur, Kunst, Aoiu, nationaler Kultur 
in das Land einströmen konnte, und dieses Bedürf- 
nis traf mit dem starken Ausdehnungstrieb und Gel- 
tungswillen französischer Zivilisation des gegenwär- 
tigen Frankreichs zusammen, so daß sich aus diesem 
Zusammentreffen beider Strebungen von innen und 
von außzen eine äußerst rrfolgreiche französische 
Kulturpropagando ergab, die in den mannizfal- 
tigsten Formen und Veranstaltungen auf dem Wege 
der Presse, des Vereinswesens, des Theaters usw. zur 
Erscheinung kam. Maurice Barres hat dieser rühri- 
en, im Elsee naturgemüß einen fruchtbaren Boden 
denden Propagandatätigkeit mit seinem glänzenden 
Namen besonderen Nachdruck und Erfolg verliehen. 
In dem Kreis, der sich um die Revue alsacienne in 
Straßburg herum bildete, fand diese Bewegung ihre 
treibende Kraft und ihren belebenden Mittelpunkt. 
Je mehr aber diese französische Kultur= und Sprachen- 
bestrebungen sich durchsetzten, desto mehr wurde man 
sich auch bewußt, daß man in einer im Widerspruch 
mit*dieser französischen Kulturbewegung stehenden Um- 
welt stand. So wurde das natunhaft Deutsch-Elsäs- 
sische, das Deutschtum der Altdeutschen, der in der deut- 
schen Wissenschaft, in deutschem Schrifttum, deutscher 
Kunst unddeutschem öffentlichen Leben sichkundgebende 
Deutschwille mehr und mehr als etwas Fremdes, 
Störendes, Hemmendes, ja Feindliches empfunden; 
man fühlte sich mit dem französischen Herzen in dem 
deutschen Elsaß nicht mehr zu Hause. Die meisten dieser 
nach Frankreich neigenden, im Bannkreis der franzö- 
sischen Ideen lebenden Elsässer entschlossen sich unter 
diesen Umständen zu einem mehr oder minder schwäch- 
lichen Kompromiß, und so kam das zwiespältige, zwit- 
terhafte, geteilte Wesen des heutigen Elsässers, der 
zwischen französischen und deutschen Stimmungen un- 
entschieden hin und her schwankt, heraus. Was im 
Elsässertum nach Einheit, nach klarer und entschlede- 
ner Ausgeglichenheit strebte, konnte bei solchem Kom- 
promiß nicht stehenbleiben und schlug sich entschlossen 
anz auf die französische oder ganz auf die deutsche 
Seite; es bildete sich ein ausgesprochenes Nurfran- 
zosen= und ein scharf ausgeprägtes Deutsch-Elsässer- 
tum; freilich lag das Nurfranzosentum mehr als 
das Nurdeutschtum in der Richtung der ganzen her- 
kömmlich französierenden Strebung. Diese entschiede- 
nen Deutsch-Elsässer bildeten unter den Einheimischen 
doch nur eine Minderheit, die unter dem Einflusse 
des Kriegsereignisses allerdings, wie anzunehmen ist, 
Verstärkung erfahren hat. 
Danach darf man im elfässischen Volk, abgesehen 
von dieser Auswahl von deutschgesinnten Elsässern, 
nicht ein eigentlich nationaldeutsches Empfinden fu- 
chen; es war vor dem Krieg nicht in der breiten un- 
teren, nicht in der mittleren und oberen Schicht und ist 
auch im Krieg nicht entstanden. Das ist indes nichts 
Auffallendes. Das nationale Fühlen ist auch sonst in 
Deutschland nicht ohne weiteres ein selbstverständlicher 
Besitz der Gesamtheit. Aber von einem einflußreichen, 
I. Politik und Geschichte 
das Ganze bestimmenden Kern aus wirken hier die 
nationalen Strahlungen auch auf die Masse. Diese 
Schichten, die sonst in Deutschland das Vaterländische 
in besonderer Verwahrung und Pflege haben, ent- 
behren im Elsaß durchaus des Organs für das Na- 
tionale, werden am allerwenigsten durch vaterländisch- 
deutsches Empfinden bestimmt. Das ist begreiflich, wenn 
man erwägt, daß das bewußt nationale Leben im 
wesentlichen ein Erzeugnis der geet nach der franzö- 
sischen Revolution ia. und in dieser für das Entstehen 
des Nationalbewußtseins so wichtigen Epoche, da das 
gebildete Deutschland in größerem Uulfange von dem 
nationalen Geist ergriffen wurde, war das Elfaß auf 
der anderen Seite und geriet da auch ganzin den Bann- 
kreis des neufranzösischen Nationalbewußtseins. Um 
so leichter ließ sich das elsässische Bürgertum von die- 
gen französischen Nationalgeist ergreifen, als dessen 
räger in der Hauptsache von dem bürgerlich-liberalen 
Volkselement gestellt wurden. Das Zusammenwach- 
sen des elsässischen Bürgertums mit Bedürfnissen und 
Interessen der französischen Bourgeoisie hat dann vor 
allem den nationalfranzösischen Geist in das deutsche 
Elsaß einströmen lassen. Unter der Nachwirkung die- 
ses Prozesses stehen wir heute noch; das Bürgertum 
des Elsaß, das die nationale Neugeburt des 19. Jahr- 
hunderts als Glied des französischen Nationalstaates 
erlebte, hat in seiner Mehrheit in diesen 40 Jahren 
die Richtung auf das Nationaldeutsche noch nicht 
efunden, nite finden können. Vielmehr hat in die- 
er Zeit sich gerade ein Wesenszug im Elsässertum 
herausgebildet, der einer Verschmelzung mit dem deut- 
schen Volkstum und Reich wieder hindernd im Wege 
tehen mußte; in der deutschen Periode hat das els l 
ische Selbstbewußtsein ein starkes elsässisches 
Stammesgefühl zur Entwicklung gebracht. 
Elsässischer sortilniarsuge Die Vorbedingun- 
en zu diesem Partikularismus waren ja auch 
in der französischen Zeit gegeben. Man unterschied 
sich immer gern von den Welschen; aber das ein- 
heitliche, geschlossene, ausgeglichene Franzosentum 
und der straff organisierte französische Zentralstaat 
konnten solche Anlagen und Stimmungen nicht för- 
dern. Anders war es, als der Elsässer mit dem viel- 
säuigen partikularistisch gestimmten, individuali- 
ierten Deutschtum und Staatenwesen zusammenkam, 
da mußten alle jene partikularistisch elsöfüchen Son- 
dergefühle herausgefordert werden. Dazu ergoß sich 
ein für ein so kleines Land schier zu großer Ein- 
wandererstrom in das Elsaß; er hatte zunächst vor 
allem zur Folge, daß die Einheimischen vor dem frem- 
den Zustrom sich mehr auf sich selbst zurückzogen und 
sich mehr und mehr von den Eingewanderten unter- 
schieden. So bildete sich das Bewußtsein des Anders- 
artigen, und das Bewußtsein des Andersartigen trieb 
sie erst recht dazu, dem Andersartigen das Fremd- 
artige unterzuschieben und zur Unterscheidung von dem 
Altdeutschen das französische Erbe jetzt erst recht 
hervorzuholen und als das elsässische Wesens- 
merkmal zu betonen und zu pflegen. 
Dazu kam, daß die staatsrechtliche Form des 
Reichslandes, die das Land immer mehr auf sich selbst 
stellte und dem Wesen des Bundesstaates annäherte, 
auf die Dauer notwendig auf das Volk in der Rich- 
tung wirken mußte, daß es sich als ein von den übri- 
gen partikularistischen Staatsvölkern unterschiedenes, 
eigenes Individualvolk fühlte und so dahin gedrängt 
wurde, nach angemessenem, entsprechendem Inhalt 
für dieses sein eigenartiges völkisches partikularistisches
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        Kapp: Das deutsche Elsaß 
Selbstbewußtsein zu suchen. Und dieser Inhalt konnte 
nach Lage der Dinge nur wiederum in dem ge- 
funden werden, was das Elsaß abseits von der deut- 
schen Entwicklung in der Verbindung mit Frank-= 
reich geworden war. In diesem französischen Stoff 
von Sprache, Kultur, geschichtlicher Erinnerung 
glaubte man gegenüber dem starken Ich= und Selbst- 
gefühl der Altdeutschen ein Gegengewicht gefunden 
zu haben, das stark genug schien, dem Elsässer gegen- 
über dem hinzugekommenen fremden Element einen 
Rückhalt, ja in gewisser Beziehung eine überlegenheit 
zu bieten. Auf diesem ganz natürlichen Wege bekam 
so das deutsche Elsaß gerade unter der deutschen 
Herrschaft eine franzößsche Auffärbung. die es in der 
Art vielleicht vor 1870 nicht hatte, obwohl damals 
zahlenmäßig die französische Sprache bei Behörden, 
Geschäften, Tsellschafttichen Zirkeln mehr vorherr- 
schend war. Der Französierungsprozeß im Elsaß war 
eine notwendige Folge oder, wenn man so will, eine 
notwendige Begleiterscheinung des durch das Wesen 
deutschen Voltsums und Staatswesens hervorgeru- 
fenen und genährlen elsässischen Partikularismus. Es 
war dann diese französische TDönung in gewissem Sinn 
ein Kampf= und Schußmittel mittels dessen man sich 
in der Gesamtfamilie der Deutschen als ein ebenbür- 
tiges, gleichwertiges Stammesindividuum behaupten 
wollte. Sowie also mit dem Erwachen des selbstän- 
digen politischen Lebens im Elsaß die Parteien, 
die Presse sich in den Dienst des partikularistischen 
Gedankens stellten, mußten die französierenden Stim- 
mungen unter der Wirkung der Partei und Preß- 
tätigkeit besonders aufleben. Je intensiver das poli- 
tische Leben im Lande wurde und damit im Zu- 
sammenhang der partikularistische Wille, desto stärker 
trat die französierende Bewegung und Stimmung als 
Ausdrucksform des elsässischen Partikularismus her- 
aus. Sie ist nicht von außen hineingetragen, sie ist 
von innen erwachsen. Daß natürlich dieses partikula- 
ristische, in französischer Gewandung gern einherschrei- 
tende Elsässertum in nicht wenigen seiner Vertreter 
anz von dem Vollfranzosentum verschlungen ward, 
ist nur zu sehr begriflcch Denn diesem ganzen Pro- 
zeß der geistig-politischen Selbstbewegung des Elsässer- 
tums, das durch übernahme von Fremdstoffen sich 
einen Halt zu geben suchte, haftete innerlich so viel 
Unklares und Unwahres an, daß gerade die stärkeren, 
ielbewußteren Geister aus dieser geistigen Luft nach 
arheit und Wahrheit strebten und sie entweder im 
völligen Franzosentum oder im eindeutigen Deutsch- 
tum fanden. Aber die Hauptströmung, wie sie in der 
Masse des Bürgertums bis in das Bauerntum und 
in die Arbeiterwelt vertreten ward, ging in der Rich- 
tung der Herausbildung des französisch-deutschen 
Mischcharakters, in dem man die Legitimation für das 
Streben nach dem individuellen Volks= und Staats- 
dasein sich verschaffen wollte. Wäre die Entwicklung 
weiter friedlich verlaufen, wäre es sogar zu der von 
den Demokratien beider Länder gerade vor dem Kriege 
21 
erstrebten Verständigung zwischen Frankreich und 
Deutschland gekommen, so lag die Verwirklichung des 
Traumes der Bildung eines französisch -deutschen 
Volks= und Staatsgebildes, das die Brücke bilden sollte 
zwischen den zwei fremden Welten, der romanischen 
und der germanischen, nicht so x außer dem Bereich 
der Möglichkeit. Aber daß die Verwirklichung dieses 
Brückenideals für das Deutschtum in der Westmark 
auch tödlich sein mußte, bedarf keines Nachweises. 
Das Deutsche ist bei solcher noch dazu so gezwungenen 
Verbindung stets der schwächere Teil. 
Nun hat der Krieg anders entschieden. Die furcht- 
bare Katastrophe bedeutet das Ende dieser von An- 
fang an falsch angelegten Entwicklung. Jetzt war mit 
einemmal nur die Frage gestellt: Franzosentum oder 
Deutschtum; nach dem Krieg wird durch den Zwang 
der Tatsachen immer wieder jeder Elsässer sich vor 
diese Frage gestellt sehen; sie wird zunehmend im deut- 
schen Sinne gelöst werden. Das gemeinsame schwere 
Schicksal wird trotz des Aufwühlens alter Gegensätze 
und Abneigungen schließlich doch mehr nach der deut- 
schen Seite hin wirken. Die Nötigung, das elsässische 
Bewußtsein mit französischem Inhalt zu füllen, wird 
geringer werden und erst recht, wenn der eigene Staat 
gahinhaur und man nicht mehr vor die schwere Auf- 
gabe, ein elsässisches oder exsaßelothringisch Staats. 
volk werden zu müssen, gestellt wird. Mit dem Weg- 
fall dieser Last fällt auch ein gut Stück des Zwanges, 
sich nach charakteristischem Kulturgehalt von auhen 
für diese Staats- und Volkspersönlichkeit umzusehen: 
Elsaß als Teil eines deutschen Bundesstaates, ein 
deutsches Elsaß. 
Literatur. Zur elsässischen Frage: Lorenzu. Scherer, 
Geschichte des Elsaß (Berk. 1872); Graf Eckbrecht v. Dürck- 
heim, Erinnerungen (Stuttg. 1891); Julius Petersen, 
Das Deutschtum in Elsaß-Lothringen (Münch. 1902); Wer- 
ner Wittich, Deutsche und französische Kultur im Elsaß 
(Straßb. 1900); Derselbe, Kultur und Nationalbewußtsein 
im Elsaß (Revue Alsacienne= XI, 1909); Hans Spieser, 
Elsaß-Lothringen als Bundesstaat (Berl. 1908); Wilhelm 
Kapp, Das Elsässische Bürgertum (Straßb. 1908); Fritz 
Kiener, Die Elsässische Bourgeoisie („Revue Alsacienne 
XI, 1909); H. Ruland, Deutschtum und Franzosentum 
in Elsaß-Lothringen (Kolmar 1908); R. Guerrier, Aus 
Vergangenheit und Gegenwart des Elsasses (Stuttg. 1908); 
Paul Grünberg, Zur elsässischen Lage und Frage (Straßb. 
1908); F. Eccard, Die französische Sprache im Elsaß 
(„Revue Alsaciennee XII, 1910); Wilhelm Kapp, Zur 
elsässischen Kulturfrage („Preußische Jahrbücher, Bd. 39, 
2. Heft 1910); Otto Flake, Elsässertum („Revue Al- 
sacienne“ XII, 1910); Wilhelm Kapp, Das Elsaß (vPa- 
triac, 1911). — Während des Krieges: Von einigen El- 
sässern, Wohin gehört Elsaß = Lothringen? Herausgegeben 
von Friedr. Lienhard (Zürich 1915); Friedr. Lienhard, 
Welttrieg und Elsaß-Lothringen (Berl. 1916); Wilhelm 
Kapp, Die Westmark des Deutschen Reiches in Vergangen- 
bet und Gegenwart (das. 1916); E. v. Borries, Ein- 
eitung zu deutscher Dichtung im Elsaß von 1815— 1870 
(Swaße, 1916); Gustav Anrich, Deutsche und franzö- 
sische Kultur im Elsaß (das. 1916); Herm. Wendel, Elsaß- 
Lothringen und die Sozialdemokratie (Berl. 1910).
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        22 
Osterreich-Angarns Verfassung und 
Berwaltung 
von Professor Dr. Berthold Bretholz in Brünn 
1 Die geschichtlichen Grundlagen (1526— 
1848). Der habsburgische Großstaat „Österreich- 
Ungarn entstand unter dem Drucke der osmanischen 
Gefahr. Nach dem Tode ihres gemeinsamen Königs 
Ludwig II.(1526) erwählten die Böhmen und Ungarn 
Ferdinand I., den Bruder Kaiser Karls V., zu ihren 
Herrscher, der als Erzherzog von Osterreich den größ- 
ten Verband deutscher Fürstentümer im Reich regierte. 
Erhatte sich allmählich durch Angliederung von Steier- 
mark, Kärnten. Krain, Tirol. Istrien, Triest, Görz, 
Gradisca, Vorarlberg an das alte Kernland der Ost- 
mark, Nieder= und Oberösterreich, gebildet und sollte 
sich nunmehr, obwohl der größte Teil Ungarns in 
türkischem Besitz war, verdoppeln. Allein der Anschluß 
Böhmens und Ungarns bedeutete zunächst nur ein 
Nebeneinanderleben dreier in jeder Beziehung grund- 
verschiedenen Ländergruppen — denn auch die König- 
reiche Böhmen und Ungarn hatten ihre angeglieder- 
ten Gebiete — unter einem gemeinsamen Fülrsten, eine 
Personalunion. Die Eigenart der staatlichen Einrich- 
tungen, die Verschiedenheit in Sprache, Recht, Kultur 
ers chwerten jede Annäherung. Aber dynastische Rück- 
sichten, das Bestreben der Habsburger, vor allem die 
Erbfolge in allen drei Gebieten gleichmäßi zu gestal- 
ten und zu sichern, bahnten den Weg zur Realunion. 
Ursprünglich galt in Böhmen und in Ungarn — 
wenn es auch Ferdinand I. nicht ohne Grund nur 
widerwillig anerkannte freies Wahlrecht der Stände, 
in Osterreich dagegen Erbrecht des ganzen Hauses 
ohne jede Einflußnahme der Stände. In Böhmen 
setzte wohl schon Ferdinand I. 1547 (nach Mühlberg), 
noch bestimmter Ferdinand II. 1627 in der »Ver- 
neuerten Landesordnunge und in Ungarn Leopold I. 
1687 (nach den Türkensiegen des Prinzen Eugen) die 
Anerkennung des Erbrechtes seines Hauses durch. 
Allein endgültig und einheitlich wurde die Erbfolge 
erst durch Karl VI. geregelt, als er am 19. April 1713 
das Hausgesetz über die Erbfolge als sanctio prag- 
matica und lex perpetuc Valitura erließ und es durch 
feierliche und bindende Zustimmungen jedes einzelnen 
Landes, die zwischen 1720 und 1722 erfolgten, auch 
zum Landes= bzw. ersten österreichischen Staatsgrund- 
geseß erhob. Diese noch heute in Kraft stehende = Prag- 
matische Sanktion bestimmte ungeteilte Vererbung 
des gesamten Ländergebiets zuerst in männlicher, dann 
in weiblicher Linie nach dem Rechte der Erstgeburt. 
Ein zweites einigendes Band legte sich um die drei 
Ländergruppen durch die Errichtung gemeinsamer 
landesfürstlicher Behörden für bestimmte Verwal- 
tungsgebiete: Auswärtige Angelegenheiten, landes- 
fürstliche Finanzen, oberste Leitung des Heerwesens, 
deren einheitliche, von den Ständen der einzelnen Län- 
der unabhängige Ordnung gleichfalls im dynastischen 
Interesse begründet lag. Auch diese Entwicklung be- 
ginnt schon unter Ferdinand L, wird unter Ferdi- 
nand II. nach der Vernichtung des alten böhmischen 
und mährischen ständischen Adels bedeutend gefördert, 
aber erst durch die zentralistische Verwaltungsreform 
unter Maria Theresia und Joseph II. zu einem vorläu- 
sigen Abschluß gebracht, doch nur in den österreichi- 
cchen und böhmischen Ländern, nicht auch in jenen der 
ungarischen Krone. Denn alle Versuche Josephs, die 
neuen Zentralbehörden und die einheitliche deutsche 
I. Politik und Geschichte 
Staatssprache auch in Ungarn einzuführen, schlugen 
fehl. Leopold II. mußte dem Widerstand der Stände 
nachgeben und die staatliche Selbständigkeit Ungarns, 
die Unabhängigkeit seiner Gesetzgebung und Verwal- 
tung 1791 anerkennen. Und auch die Annahme des 
österreichischen Kaisertitels durch Franz I. (1804), die 
Auflösung des Deutschen Reiches (1806) und der Bei- 
tritt Osterreichs mit den zum ehemaligen Deutschen 
Reich gehörigen Ländern zum Deutschen Bund (1815) 
änderten an diesem gleichsam dualistischen Verhältnis 
nichts mehr. Erst mit dem Jahre 1848 beginnen 
Versuche, dieses System “l durchbrechen. 
II. Die Berfassaun ämpfe zwischen 1848 und 
1867. Der in den Märztagen 1848 in Osterreich 
und in Ungarn allenthalben gestellten Forderung 
nach Verfassungen wurde von der Regierung Kaiser 
Ferdinands I. in verschiedener Weise entsprochen. Für 
Ungarn wurden schon am 11. April jene 31 Gesetze 
sanktioniert, die der am 12. November 1847 in Preß- 
burg eröffnete Reichstag beschlossen hatte und die den 
Namen der Ungarischen Verfassung von 1848°% 
führen. Durch sie wurde von neuem die Unabhängig- 
keit und Selbständigkeit des ungarischen Staates (Un- 
garn, Kroatien, Slawonien, Siebenbürgen) festgesetzt, 
eine Gemeinschaftlichkeit mit den österreichischen Län- 
dern nur in bezug auf die regierende Dynastie ge- 
mäß den Bestimmungen der Pragmatischen Sanktion 
anerkannt und eine Regentschaft durch einen vom 
Reichstag zu wählenden Palatin schon für den Fall 
vorgesehen, daß der König außer Landes weile. Für 
die österreichischen Länder erließ die Regierung Ferdi- 
nands am 25. April 1848 eine Verfassung (Pillersdorf- 
sche Verfassung), die aber vor ihrem Inkrafttreten 
von einer konstituierenden Reichsversammlung durch- 
beraten werden sollte. Diese begann am 22. Juli ihre 
Tätigkeit in Wien, wurde später nach Kremsier ver- 
legt (Kremsierer Reichstag), wo sie zuerst das wichtige 
Gesetz Über die Grundentlastung, Ablösung der Robot 
und Aufhebung der patrimonialen Gerichtsbarkeit fer- 
tigstellte, das auch die kaiserliche Sanktion erlangte 
(7. September 1848). Dagegen kam der in Kremsier 
tatsächlich ausgearbeitete Verfassungsentwurf nicht zur 
Durchführung. Der junge, am 2. Dezember 1848 nach 
Abdankung seines Oheims zur Negierung gelangte 
Kaiser Franz Joseph I. löste die Kremsierer Versamm- 
lung auf und erließ eine Reichsverfassung (März- 
Velhaffung vom 4. März 1849), die für alle seine 
Länder, Ungarn mit eingeschlossen, gelten sollte. Doch 
trat sie nie in Kraft; durch kaiserliches Patent vom 
31. Dezember 1851 wurde sie, ebenso die ungarische 
1848er Verfassung, aufgehoben. Die Zeit des zen- 
tralistischen Absolutismus begann. Ein „Reichsrat-, 
dessen Mitglieder vom Kaiser allein ernannt wurden, 
wurde als bloßer Rat der Krone eingesetzt, ein Mi- 
nisterium, das -allein und ausschließende dem Mon- 
archen verantwortlich war, leitete die Verwaltung 
nach den gleichzeitig erlassenen »Grundsätzen für or- 
ganische Einrichtungen in den Kronländern des öster- 
reichischen Kaiserstaatese. Nach dem unglücklich ge- 
führten Krieg von 1859 trat der Rückschlag ein. Zu- 
erst wurde (5. März 1860) der -Reichsrat-= durch 
neue Mitglieder ergänzt, darunter 38 aus den Landes- 
vertretungen, und tagie als verstärkter Reichsrate 
vom 31. Mai bis 29. September. Seiner Tätigkeit 
entsprang das am 20.Oktober 1860 erlassene Oktober- 
diplom, durch das die Neuordnung der inneren Ver- 
hältnisse der Monarchie eingeleitet wurde. Es ver- 
fügte vor allem die Schaffung eines Gesamtreichsrats
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        Bretholz: Osterreich-Ungarns Verfassung und Verwaltung 
von 100 Mitgliedern für sämtliche, auch die ungari- 
schen Länder, daneben einen engeren Reichsrat für 
die nichtungarischen. Allein schon am 26. Februar 
1861 erschien ein kaiserliches Patent (Februar-Patent), 
das abgesehen von anderen Bestimmungen auch die 
Beichspertretung auf eine neue Grundlage stellte, in- 
dem es eine zweikammerige Reichsvertretung, Herren- 
haus und Abgeordnetenhaus, für alle Königreiche und 
Länder vors ah Dieser Gesamtreichsrat trat wohl am 
1. Mai 1861 zusammen, blieb aber vom Anfang an 
ein Torso, da die Vertreter Ungarns, Lombardo--Vene- 
tiens, Kroatiens in den Sitzungen des Abgeordneten- 
hauses nie, die Siebenbürgens nur kurze Zeit erschienen, 
der ungarische Landtag Überdies die gesetzgeberische 
Kompetenz dieses Reichsrates über die ungarischen 
Länder bestritt und die Wiederherstellung der un- 
garischen 1848er Verfassung forderte. Aber auch in 
mehreren österreichischen Ländern erhob sich Wider- 
stand gegen das Februar-Patent, weil die dem engeren 
Reichsrat eingeräumten Befugnisse die Rechte der 
Landtage einschränkten. 
Diese Schwierigkeiten veranlaßten die Sistierung 
der Verfassung (20. September 1865) und Einbe- 
rufung des ungarischen Reichstags (14 Dezember) be- 
hufs -Verständigung mit den legalen Vertretern Mei- 
ner Bölker in den östlichen Teilen des Reichese. Doch 
blieben die Verhandlungen erfolglos, und erst nach 
dem Krieg von 1866 kameen diese fast zwanzigjährigen 
Verfassungswirren zu einem Abschluß durch dens oge- 
nannten üerreichisch-ungarlschen Ausgleich 
vom Jahre 1867. 
Während in Osterreich die Verfassungssistierung in 
Kraft blieb, ernannte der Kaiser für Ungarn am 17. 
Februar 1867 ein selbständiges Ministerium, ließ sich 
am 8. Juni in Budapest zum un arischen König krö- 
nen und sanktionierte die mittlerweile von einem 
eigens hierzu eingesetzten Reichstagsausschuß aus- 
gearbeitete neue Verfassung der 16 Gesetzartikel. Sie 
regeln die Beziehungen zwischen Drnes- und Un- 
arn einer-, zwischen den Ländern der ungarischen 
one und den Übrigen anderseits. In letzterer Hin- 
sicht istes insbesondere der 12. Gesetzartikel (sanktiontert 
am 12. Juni 1867), der die Behandlung der beiden 
Reichshälften gemeinsamen Angelegenheiten festsetzte. 
Allein diese gesetzlichen Bestimmungen erfolgten ent- 
gegen der im Sistierungspatent gemachten Zusage 
ohne jede Mitwirkung »der legalen Vertreter der 
andern Königreiche und Länder“. Denn der für 
diesen Zweck bereits für den 25. Februar 1867 aus- 
eschriebene „ außerordentliche Reichsrate trat nie zu- 
ammen, und das am 22. Mai eröffnete österreichische 
Parlament stand vor unabänderlichen Abmachungen 
zwischen Ungarn und der Krone, die eine Umänderung 
des Februar-Patentes notwendig machten. Diese er- 
folgte in den zwischen der österreichischen Regierung 
und dem Parlament vereindarten Staatsgrundge- 
setzen, die am 21. Dezember 1867 beschlossen wurden 
und als österreichische Dezember-Verfassunge bezeich- 
net werden. Nur eines derselben betrifft »die allen 
Ländern der österreichischen Monarchie gemeinsamen 
Angelegenheiten und die Art ihrer Behandlunge, ent- 
spricht also dem 12. ungarischen Gesetzartikel, ohne 
aber in der Textierung und manchen Einzelheiten mit 
ihm überein zustimmen. Durch dieses korrespondierende 
Gesetz wird der Dualismus Osterreich-Ungarns be- 
gründet, während im übrigen die beiden grundlegen- 
den Verfassungen von 1867 für Ungarn und für 
Osterreich voneinander vollkommen unabhängig sind. 
28 
III. Die österreichische 1867er Verfassung und 
ihre weitere Entwicklung. Erst durch das kaiserliche 
Handschreiben vom 11. Oktober 1915 ist mit der Er- 
neuerung des Wappens der österreichischen Länder 
der Name Osterreiche, der allerdings schon seit Be- 
zinn der Verfassungszeit geläufig war, für »die im 
eichstag vertretenen Königreiche und Länder-, wie 
es früher hieß, amtlich fesigelegt — ein Schritt weiter 
in der Stärkung des zentralistischen Gedankens gegen- 
über föderaltstclchen Bestrebungen, die von jeher der 
ruhigen inneren Entwicklung dieses Staates entgegen- 
stehen. Denn nach der Dezember= Verfassung kann 
Osterreich nicht schlechtweg als Einheitsstaat bezeichnet 
werden, da sich in Gesetzgebung und Verwaltung neben 
Überwiegenden zentralistischen auch eine Anzahl wich- 
tiger dezentralistischer (föderativer, autonomer) Merk- 
male nachweisen lassen. 
1) Der Reichsrat. Der Wirkungzkreis dieser 
vom Kaiser alljährlich einzuberufenden gemeinsamen 
Vertretung der 17 zugehörigen Länder ist in der Ver- 
fassung genau umschrieben und betrifft die allen Län- 
dern gemeinschaftlichen Angelegenheiten. Der Reichs- 
rat besteht aus zwei Kammern, dem mehr aristokra- 
tischen, aus erblichen und 150— 170 lebenslänglich 
vom Kaiser ernannten Mitgliedern sich zusammen- 
setzenden Herrenhaus und dem mehr demokratischen 
Abgeordnetenhaus. Erst seit 1878 besteht für dieses 
anstatt der friüheren Beschickung durch die Landtage 
das direkte Wahlrecht, wodurch das Abgeordneten- 
haus von den in den Landtagen jeweilig herrschen- 
den Richtungen unabhängig ist. Zugleich wurde da- 
mals die ursprüngliche Zäht von 203 Mitgliedern 
auf 253, im J. 1896 durch die Einfügung der allge- 
meinen Kurie auf 425 und 1907 anläßlich der Ein- 
führung des allgemeinen gleichen und direkten Wahl- 
rechts auf 516 erhöht. Das aktive Wahlrecht, von 
dem das Militär ausgeschlossen ist, haben männliche 
österreichische Staatsbürger über 24 Jahre mit min- 
destens einjähriger Ansässigkeit in der Wahlgemeinde; 
beim passiven Wahlrecht sind dreijährige Ansässigkeit 
und das 30. Lebensjahr erforderlich. — In beiden 
Häusern spielen die Parteiverhältnisse eine wichtige 
Rolle. Im Herrenhaus bildet zwischen einer konser- 
vativ föderalistischen „Rechten und einer liberal- 
zentralistischen Verfassungspartei. eine zentralistisch- 
onservative Mittelparteie oft das Zünglein an der 
Wage, das die Regierung durch den Pairsschub in 
Händen hat. Das Abgeordnetenhaus spaltet sich 
hauptsächlich nach nationalen Gesichtspunkten, nur 
die sozialdemokratische Partei umfaßt Angehörige 
verschiedener Nationalität. Entsprechend der öster- 
reichischen Nationalitätenmenge unterscheidet man 
deutsche, tschechische, polnische, ruthenische, slowenische, 
serbokroatische, italienische, rumänische Abgeordneten- 
klubs, die weiter aus politischen oder wirtschaftlichen 
Gründen in Verbände zerfallen. Entsprechend der 
parlamentarischen Sitte, daß die fortschrittlichen Par- 
teien auf der linken, die konservativen auf der rechten 
Seite des Hauses sitzen, sind auch im österreichischen 
Reichsrat die Bezeichnungen „Linke-, „Rechte für 
diese Gruppen eingebürgert. — Herrenhaus und 
Abgeordnetenhaus verhandeln und beschließen selb- 
säändig. verkehren miteinander teils mündlich, teils 
schriftlich, aber erst ihre übereinstimmenden Beschlüsse 
erhalten durch die kaiserliche Sanktion Gesetzeskraft; 
nur bei Fragen des Etats und des Rekrutengesetzes 
ibt die niedrigere der bewilligten Ziffern den Aus- 
chlag. — Das Abgeordnetenhaus ist infolge einer
        <pb n="30" />
        24 
ungenügenden Geschäftsordnung in der ersten Zeit 
seines Bestandes durch Abstinenz, in der letzten vielfach 
durch Obstruktion in seiner Tätigkeit schwer behindert 
worden, so daß die Reform der Geschäftsordnung zur 
Zeit eine allgemeine Forderung der großen Parteien 
darstellt, die um so leichter durchzuführen ist, als es 
darüber selber zu beschließen hat, wie es auch seine 
Funktionäre selbst wählt, während das Präsidium des 
Herrenhauses vom Kaiser ernannt wird. 
2) Die Ministerien und übrigen Zentral- 
behörden. Die neun Ministerien (des Innern, für 
Kultus und Unterricht, Landesverteidigung, Justiz, 
Ackerbau, Finanzen, Handel, Eisenbahnen und das 
1908 geschaffene für öffentliche Arbeiten), deren Zahl 
verfassungsmäßig nicht feststeht, bilden einerseits das 
Bindeglied zwischen Krone und Parlament, ander- 
seits die oberste Instanz in der landesfürstlichen Be- 
hördenorganisation. Die Minister werden vom Kaiser 
ernannt, sind aber durch das Staatsgrundgesetz vom 
25. Juli 1867 dem Reichsrat verantwortlich und 
unterstehen bei erhobener Anklage dem Staatsgerichts- 
hof. Für die zentrale Verwaltung dienen die den 
Ministerien untergeordneten mittleren und unteren 
Behörden, die für jedes Kronland gesondert bestehen, 
nur daß Vorarlberg mit Tirol, Istrien mit Görz- 
Gradisca und Stadt Triest zu je einem staatlichen Ver- 
waltungsgebiet vereinigt sind. An der Spitze jedes 
einzelnen Kronlandes bzw. Verwaltungsgebiets steht 
ein Landeschef (Statthalter, Landespräsident), zugleich 
Vertreter des Kaisers und der Regierung. In den 
Bereich der Statthaltereien bzw. Landesregierungen 
ehören alle jene in den Ländern vorkommenden Ge- 
sbarte. die in letzter Instanz in den Wirkungskreis 
der Ministerien des Innern, für Kultus und Unter- 
richt, Landesverteidigung und Ackerbau fallen, in 
beschränkterem Maßze auch solche der Finanzen, des 
Handels und der öffentlichen Arbeiten. Für diese all- 
gemeine Landes= oder politische Verwaltung dienen 
als erste Instanz die Beziukshauptmannschasten und 
in Städten mit eignem Gemeindestatut die Kommunal= 
ämter (Bürgermeister und Magistrat). Außerdem un- 
terstehen den Statthaltereien und Landesregierungen 
für gewisse Ressorts bestimmte Fachbehörden: Landes., 
Bezirks-, Ortsschulräte; Finanzlandes- oder Finanz- 
direktionen mit weiteren Unterbehörden; Post= und Te- 
legraphendirektionen; Berghauptmannschaften usw. 
Dagegen ist die Rechtspflege von der Verwaltung 
rundsätzlich vollkommen getrennt. Sie wird in höchster 
stanz vom obersten Gerichts- und Kassationshof 
besorgt, in zweiter von den Oberlandes-, in erster von 
Landes-, Kreis-, Geschwornen= und Bezirksgerichten, 
nebst verschiedenen besonderen Gerichten. 
Als zentrale, den Ministerien nebengeordnete Be- 
hörden gelten ferner der Oberste Rechnungshof zur 
Ausübung der Finanzkontrolle und die beiden Kon- 
trollbehörden gegenüber der Verwaltung: der Ver- 
waltungsgerichtshof und das Reichsgericht. 
3) Die autonome Länderverwaltung. Die im 
österreichischen Reichsrat vertretenen Länder bilden im 
Rahmen der Staatsverwaltung Selbstverwaltungs- 
körper, deren oberstes Organ der Landtag ist. Die 
Grenzen in der Wirksamkeit der Landtage gegenüber 
dem Reichsrat sind ganz genau festgesetzt, indem das 
Staatsgrundgesetz vom 21.Dezember 1867 alle Gegen- 
stände der Gesetzgebung, die nicht ausdrücklich dem 
Reichsrate vorbehalten sind, dem Landtage zuwies, 
ohne sie aber wie jene taxativ aufzuzählen, so daß ihre 
Erweiterung viel leichter durchführbar ist als die des 
I. Politik und Geschichte 
Reichsrats. Sie betreffen vornehmlich Landeshaushalt 
und Landesbesteuerung, Landeskultur, öffentliche 
Bauten, Wohltätigkeilsanstalten, aber auch Straf- 
und Zivilgesetzgebung u. a. m. Die Landtage sind ein- 
kammerige Volksvertretungen, deren Stellung erst- 
malig durch die mit dem Patent vom 26. Februar 1861 
erlassenen Landesordnungen und Landtagswahlord- 
nungen bestimmt worden ist, seither aber verschiedene 
Veränderungen in den verschiedenen Kronländern er- 
fahren hat. Die Wahlen erfolgen nach Wählerklassen 
(Kurien), deren man höchstens fünf unterscheidet: 
Großgrundbesitz, Städte, Handels- und Gewerbekam- 
mern, Landgemeinden und (seit 1896) die allgemeine 
Wählerklasse. Zur Vermeidung nationaler Kämpfe 
bei den Wahlen wurde für den mährischen Landtag 
1905, für den in der Bukowina 1910 die nationale 
Scheidung der Wähler nach dem Personalitätsprinzip 
mit feststehender Zahl der Mandate für jede Nationali- 
tät festgesetzt. Die Mitgliederzahl ist in den einzelnen 
Ländern verschieden, ebenso die Bedingungen für 
aktives und passives Wahlrecht und der Titel des 
vom Kaiser zu ernennenden Vorsitzenden (Oberstland- 
marschall in Böhmen, Landmarschall in Galizien. 
Landeshauptmann in den meisten übrigen). Die vom 
Kaiser einzuberufenden Landtage tagen regelmäßig 
nur ein= oder zweimal jährlich durch mehrere Wochen 
in der Landeshauptstadt und haben eine sechsjährige 
Funktionsdauer. Das vollziehende und repräsenta- 
tive Organ des Landtags ist der aus dem Landtag 
gewählte Landesausschuß, dessen Mitgliederzahl wie- 
derum von Land zu Land wechselt. Nicht ohne Grund 
bezeichnet man ihn als zweite Landesregierung-; 
denn ist auch die Länderverwaltung im Grunde als. 
eine Entlastung für die staatliche Verwaltung gedacht, 
so hat sich doch hierdurch ein Dualismus in der ge- 
samten Verwaltung herausgebildet, der sie vielfach er- 
schwert und Kompetenzkonflikte hervorruft. Vor allem 
aber stärkt er den politischen Gegensatz zwischen Auto- 
nomisten, die die Selbstverwaltung in noch weit grö- 
ßerem Maße ausgedehnt wünschen, und Zentralisten, 
die mindestens die organisatorisch auszubildende Über- 
ordnung der Staatsgewalt über die Selbstverwal- 
tungsorgane fordern. Die Ausgestaltung oder Zu- 
rückdrängung der Österreich eigentümlichen Länder- 
autonomie ist daher eine der aktuellsten und schicksal- 
schwersten Fragen der inneren Politik, die nach einer 
Lösung verlangt. In gewissem Sinne wurdesiebereits 
in Angriff genommen, als durch allerhöchstes Hand- 
schreiben vom 22. Mai 1911 eine Kommission zur 
Förderung der Verwaltungsreforme eingesetzt wurde, 
deren Tätigkeit jedoch durch den Ausbruch des Krieges 
vorläufig eingestellt ist. Damit im Zusammenhang 
steht die ungemein verwickelte Sprachenfrage, da in 
Österreich nicht nur keine Staatssprache besteht, son- 
dern Artikel 19 des Staats rundgesetzes »die Gleich- 
berechtigung aller landesüblichen Sprachen in Schule, 
Amt und öffentlichem Lebene ausspricht, eine Fassung, 
die zu ernstesten Erörterungen geflhrt hat. Infolge 
des Weltkrieges und des durch den Tod Kaiser Franz, 
Josephs (21. Nov. 1916) eingetretenen Thronwechsels 
(Nachfolger: Kaiser Karl I., Großneffe Franz Josephs) 
sind nun alle mit der Neuordnung des Staates zu- 
sammenhängenden Fragen auf der Tagesordnung, 
ohne daß die Richtung heute schon erkennbar wäre. 
IV. Die Länder der ungarischen Krone. Der 
zweite Staat der Monarchie zeigt eine ganz andere 
Struktur. Er ist im Jnnern noch weniger Einheits- 
staat als Osterreich, denn in dem sog. ungarisch-kroa-
        <pb n="31" />
        Bretholz: Osterreich-Ungarns Verfassung und Verwaltung 
tischen Ausgleich vom Jahre 1868, der jenem zwischen 
Ungarn und Österreich von 1867 unmittelbar folgte, 
erkannte Ungarn die Gebietsintegrität der Länder 
Kroatien und Slawonien an und versprach, die Rüchk. 
einerleihung Dalmatiens mit diesen Ländern anzu- 
erkennen, falls sie einmal erfolgen sollte; denn Dal- 
matien gilt laut der Dezember-Verfassung zur Zeit 
als österreichisches Kronland. Die Regierungs- und 
Vollzugsgewalt übt in Ungarn der König aus durch 
das von ihm ernannte ungarische Ministerium, das 
aus acht Ressortministern besteht (innere Angelegen- 
heiten, Landesfinanzen, Handel, Ackerbau, Kultus 
und Unterricht, Rechtspflege, Landesverteidigung, à 
latere), nebst dem portefeuillelosen Minister für Kroa- 
tien, Slawonien und Dalmatien. Neben dem Mini- 
sterium gelten als selbständige Zentralstelle der Staats- 
rechnungshof und die autonome kroatisch-slawonisch- 
dalmatinische Landesregierung in Agram mit dem 
Banus an der Spitze, die alle Angelegenheiten des 
Innern, Kultus und Unterrichts und der Justiz selbst- 
ständig leitet. Ebenso gilt hier das Kroatische als Amts- 
brach, während im übrigen Königreich Ungarisch 
Staats- und Amtssprache ist. Zum Zweck der Verwal- 
tung ist Ungarn in Munizipien geteilt, an deren Spitze 
der vom Kaiser ernannte Obergespan steht (in Buda- 
pestund Agram: Oberbürgermeister), ihm zur Seite der 
Munizipalausschuß (Höchstbesteuerte und Gewählte). 
Die gesetzgebende Gewalt steht dem König mit dem 
Reichstage zu. welch letzterer aus der (1885 neu orga- 
nisierten) Mägnstentesel und dem Abgeordnetenhaus 
besteht (413 gewählte, 40 aus dem kroatischen Land- 
tag entsendete Mitglieder). Eine eigene Landesgesetz- 
gebung und verwaltung besteht nur hinsichtlich Kroa- 
tien = Slawoniens. Die Rechtspflege ist auch hier 
von der Verwaltlung durchaus getrennt; als oberste 
Instanz in Zivilrechts= und Strafrechtsangelegen- 
heiten gilt in Ungarn die königliche Kurie in Budapest, 
in Kroatien die Septemviraltafel, denen Gerichtshöfe 
zweiter und erster Instanz nebst Geschwornen- und 
esonderen Gerichten unterstehen. 
Dieparlamentarischen Schwierigkeitenin Ungarner= 
geben sich einerseits aus den Bestrebungen der Nationa- 
itäten (Slowaken, Rumänen, Serben) und dem Gegen- 
satz zu Kroatien, anderseits aus Ansprüchen der sog. 
1848er Unabhängigkeitspartei, die seit 1907 mit der ge- 
mäßigteren Nationalpartei zwar die Regierungspartei 
bildet, aber den 1867er Ausgleich nicht voll anerkennt. 
V. Die gesamtstaatlichen Angelegenheiten Sster- 
reichs und Ungarns. Als solche gelten laut den Be- 
stimmungen in den beiderseitigen Verfassungen von 
1867 mit gewissen Einschränkungen, die wir über- 
gehen, 1) die auswärtigen Angelegenheiten, 2) das 
Kriegswesen und die Kriegsmarine, 3) das Finanz- 
wesen rücksichtlich der gemeinschaftlich zu bestreitenden 
Auslagen. Ihre Leilung untersteht den drei gemein- 
samen Ministerien: dem Ministerium des Außern, 
das Überdies die familienrechtlichen Geschäfte der Mit- 
lieder des kaiserlichen Hauses führt und danach den 
satztitel hat: . und des kaiserlichen Hauses«, dem 
Reichskriegs= und dem Reichsfinanzministerium. Die 
Mitwirkung der beiden Parlamente geschieht durch 
die Delegationen, je zwei 60gliederige aus beiden 
Häusern gewählte Ausschüsse, die jährlich einmal zu- 
folge Einberufung durch den Kaiser zusammentreten 
unb vornehmlich das Recht der Feststellung des ge- 
meinsamen Budgets und ein weitgehendes Kontroll- 
recht über die gemeinsame Verwaltung ausüben. 
25 
Außer denfest bestimmten gemeinsamen Angelegen- 
heiten gibt es noch gleichartig verwaltete Angelegen- 
heiten, wie Zollgesetzgebung, Feststellung des Münz- 
wesens und des Geldfußes, dann insbesondere der 
Quote, d. h. des Verhältnisses, nach welchem die Kosten 
der Führung der gemeinsamen Angelegenheiten von 
beiden Staaten zu tragen sind. Die materielle über- 
einstimmung dieser in die Kompetenz jedes einzelnen 
Staates fallenden Angelegenheiten wird erzielt ent- 
weder durch die beiderfeinngen Ministerien oder durch 
Deputationen (z. B. Quotendeputation), die aus den 
Parlamenten gewählt werden. Diese Vereinbarun- 
gen wurden bisher stets auf 10 Jahre getroffen, am 
27. Januar 1917 jedoch auf 20 Jahre. Eben hier, 
aber auch in dem gemeinsamen Kriegswesen äußert 
sich der Pauptwiderstand der starrsten Anhänger der 
1848er Unabhängigkeitspartei, die die Gemeinsamkeit 
womöglich auf die Personalunion beschränken möchten. 
Die Rechte des Monarchen in den gemeinsamen An- 
elegenheiten beziehen sich auf die Ernennung der 
inister, die Sanktion der Delegationsbeschlüsse und 
die Bestimmung der Beitragsquote und anderer Ange- 
legenheiten bei nicht zu erzielender Üübereinstimmung. 
Vor allem aber steht ihm die oberste Befehlsgewalt 
über die gesamte bewaffnete Macht und die Vertretun 
des Gesamtstaates nach außen hin zu, wie er denn auch 
allein Krieg erklärt und Frieden schließt. Die gemein- 
samen Behörden sowie die Wehrmacht tragen die Be- 
eichnung rkaiserlich und königlich (k. u.k.), im Gegen- 
* zu k. k. für die landesfürstlichen Behörden in öter- 
reich und k. u. (königlich ungarisch) für jene in Ungarn. 
VI. Bosnien und Herzegowina. Die Verwal- 
tung der beiden laut Artikel 25 des Berliner Ver- 
trags vom 13. Juli 1878 besetzten (okkupierten) Pro- 
vinzen bes orhte nach dem Gesetz vom 22. Februar 1880 
im Namen des Kaisers die gemeinsame Regierung 
durch den gemeinsamen Finanzminister. Durch ein 
kaiserliches Dandschreiben vom 5. Oktober 1908 wurde 
die Okkupation in Annexion (Besitzergreifung) um- 
ewandelt, so daß seither der Monarch auch hier alle 
ouveränitätsrechte besitzt wie in seinen übrigen Län- 
dern. Nach Anerkennung dieser Souveränität durch 
die Türkei und die Signatarmächte des Berliner Ver- 
trags erhielt Bosnien und Herzegowina am 17. Fe- 
bruar 1910 ein eigenes Landesstatut nebst zugehörigen 
Gesetzen, die zusammen die „Verfassung Bosniens 
und der Herzegowinae bilden. 
Literatur. Die österreichischen Geschichten von F. v. 
Krones (Berl. 1876— 79, 5 Rde.; in kurzer JFassung 
in 2. Auflage 1906, besorgt von K. Uhlirz Semtent 
Göschenl), A. Huber (Gotha 1885 — 95, 5 Bde.), F. M. 
Mayer (3. Aufl., Wien 1909, 2 Bde.); die österreichischen 
Reichsgeschichten von A. Bachmann (2. Aufl., Prag 190, 
Huber-Dopsch (2. Aufl., Wien 1901), A. Luschin v. 
Ebengreuth (Bamberg 1899); L. und F. Krautmann, 
Osterreichische Staatsbürgerkunde (Wien 1908); H. Rauch- 
berg, ÖOsterreichische Bürgerkunde (das. 191 1/12); Max 
B urdhard, Leitfaden der Verfassungskunde der österreichisch- 
ungarischen Monarchie (das. 1893); F. Hauke, Grundriß des 
(Ssterreichischen) Verfassungsrechts (Leipz. 1905): J. Uldrich, 
Das österreichische Staatsrecht (Tübing. 1904); Derselbe, 
Lehrbuch des österreichischen Verwaltungsrechts (Wien 1904); 
Michler-Ulbrich, Osterreichisches Staatswörterbuch (2. 
Aufl., das. 1905—09., 4 Bde.); -Die österreichischen Ver- 
fassungsgeseßec, herausg. von E. Bernatzit (Leipz. 1900); 
G. v. Ferdinandy, Staats= und Verwaltungerecht des 
Königreichs Ungarn und seiner Nebenländer (beutsch in der 
Bibl. d. öffentl. Rechts, Bd. 16, Hannover 1909); R. Char- 
matz, Wegweiser durch die Literatur der österreichischen Ge- 
schichte (Stuttg. 1912).
        <pb n="32" />
        26 
Galizien und die polnische Frage 
von Professor Dr. Gerhard Seeliger in Leipzig 
Land und Wirtschaft. Das Kronland Galizien, 
78500 akm groß, breitet sich nördlich von dem gro- 
ßen, zuerst östlich, dann südöstlich streichenden Ge- 
birgszuge der Karpathen aus. Es bildet keine geo- 
raphische Einheit, seine Landschaften gehören zu 
den Flußgebieten der Weichsel, des Dnjestr und der 
Donau, sie streben einerseits nordwärts nach der 
Ostsee, anderseits südwärts nach dem Schwarzen Meer 
(vgl. die Karten bei S. 200 und 210, Bd. 1). Im 
Westen senken sich die Sandsteinberge allmählich herab 
ur fruchtbaren Ebene südlich von der Weichsel, im 
sten aber beginnt nördlich vom Dnjestr das weite 
podolische Hochland, die Hochplatte, die einst beim 
Zusammenziehen der Erdrinde zerrissen wurde und 
bald den Anblick anmutiger Hügellandschaft, bald den 
der gewaltigen Erosionstäler gewährt. Zwischen dem 
fruchtbaren Westen und dem üppigen Acker- und 
Steppenland des Ostens liegt die nordgalizische Tief- 
ebene, durch den von vdemberg nordwestlich streichenden 
Hbhenzug (Roztocze) in zwei Teile gesondert, den klei- 
neren östlichen der Bugniederung und den größeren 
westlichen im Dreieck des Weichsel-Sangebiets. Süd- 
lich vom Dusjestr aber, dessen linkes Ufer den südlichen 
Steilrand der podolischen Hochebene bildet, breitet sich 
das reizvolle Karpathenvorland aus, das nach Osten 
hin in das fruchtbare Pokutien am schönen Pruthtal 
übergeht. 
Galizien hat infolge der Mannigfaltigkeit des Bo- 
dens die verschiedensten wirtschaftlichen Auf- 
gaben zu lösen. Seine Gebirge bergen keine metal- 
ischen Schätze, aber das gute und besonders im Osten 
üppige Ackerland, die prächtigen Weiden und die aus- 
gedehnten Nadelwälder weisen auf eine reiche land- 
und forstwirtschaftliche Tätigkeit hin. — Von den 
7849991 ha des Landesgebiets dienen 48.5 Proz. als 
Acker, 11.18 Proz. als Wiesen, 1,39 Proz. als Gärten, 
9, ss Proz. als Weiden, 25,68 Proz. als Wald, wäh- 
rend ein kleiner Rest als unproduktive Fläche zu gelten 
at. 76.82 Proz, der Bevölkerung steht im Dienst der 
Landwirtschaft, Galizien ist ein Agrikulturland im 
wahrsten Sinn. Aber merkwürdig, es vermag Pferde 
und Hornvieh in großer Menge, es vermag vor allem 
Borstenvieh, auch Eier, Geflügel und Federn auszu- 
führen, doch erzeugte es bisher nicht so viel Brotgetreide, 
um den eigenen Bedarf nach den in Westeuropa üblichen 
Sätzen zu befriedigen. Auch Kartoffeln und Kraut, 
in erstaunlicher Menge vorhanden. bieten nicht so viel 
Ersatz, um auf eine fremde Einfuhr von Brotgetreide 
in das agrarische Land verzichten zu können. Hier 
liegen schwere Mängel der Organisation vor. Da- 
durch, daß die Hälfte des Ackerbodens auf Zwerg- 
wirtschaften mit kaum 1 ha# verteilt ist, daß die Mittel- 
betriebe fehlen und daß den Kleinbetrieben nur ein 
vielfach stark verschuldeter Großgrundbesitz mit ex- 
tensiven Wirtschaftstendenzen gegenübersteht, war 
jeder kräftige Fortschritt gehemmt. Und wie auf dem 
Gebiet des Agrarischen, so ist auch auf dem aller 
anderen wirtschaftlichen Betätigung eine groß- 
zügige Reform unerläßlich. 
ie Salzbergwerke Bochnia und Wieliczka im 
Westen, die größten Osterreichs. und die Salinen Ost- 
galiziens haben 1913 für 20 Mill. Kronen Salz er- 
zeugt (7/8 von Gesamtösterreich), aber sie werden 
nicht voll ausgenutzt, besonders nicht die Steinsalz- 
bergwerke des Ostens. Die schon 1810 entdeckten 
I. Politik und Geschichte 
Kalisalze bei Kalusz, deren Abbau 1887 begonnen 
wurde. würden bei intensivem Betrieb hohe volks- 
wirtschaftliche Werte schaffen. Und erst die Rohöle 
(Naphtha)! Der Nordabhang der Karpathen von 
Gorlice bis zur Bukowina, besonders die Gegend 
von Drohobycz und Boryslaw, birgt diese reichen 
Naturschätze. nn auch bisher nur knapp 4 Proz. 
der Weltproduktion geliefert werden konnte (1912: 
18700 Zistern zu je 10000 kg), so ist doch Galizien 
an die dritte Stelle der Olerzeuger, nach Amerika 
und Rußland, vor Rumänien und Holländisch--In- 
dien, gerückt und vermag nicht nur Österreich-Ungarn, 
sondern teilweise auch Deutschland zu versorgen. — 
Eine weitere wertvolle Gabe des galizischen Bodens, 
die Kohlenschätze Westgaliziens, wird erst in neuester 
eit erkannt; seine Kohlenadern, die von Mähren- 
chlesien herüberragen, wurden auf einen abbaufähi- 
gen Steinkohlenvorrat von 24,9 Milliarden Tonnen 
in größerer Tiefe berechnet, ein Vielfaches im Ver- 
gleich zu den in Mähren-Schlesien vorhandenen 
2,1 Milliarden; wurde doch in Aussicht gestellt, daß 
bei einer Verzehnfachung der gegenwärtigen Pro- 
duktion, d. h. bei einer Jahreserzeugung von 20 Mil- 
lionen Tonnen, die Schätze für 1200 Jahre aus- 
reichen würden. 
Noch ist auf keinem Wirtschaftsgebiet in Galizien 
der Höhepunkt der Leistungsfähigkeit erreicht. Ga- 
lizien kann die reiche Kornkammer werden, die es 
jetzt nicht ist, es kann Viehzucht und Holzproduktion 
mächtig steigern; es kann und muß jene Industrien zur 
Entfaltung bringen, zu denen die Gaben der Natur 
einladen: Don, En#- Erdöl. Und wenn die Kohlen- 
schätze kräftig gehoben, wenn die Wasserkräste des 
Gebirges ausgenutzt werden, dann wird ein wirt- 
schaftlicher Aufschwung einsetzen zum Heil des Lan- 
des, zum Heil auch der großen wirtschaftlichen und 
politischen Gemeinschaft, in der Galizien steht. 
Bevölkerung. Von (1910) 8025 675 Einwohnern 
bekannten sich 4672500 zur polnischen, 3208092 
zur ruthenischen und 90 114 zur deutschen Umgangs- 
sprache — der unbedeutende Rest verteilt sich auf 
verschiedene Nationalitäten. Von Jahrzehnt zu Jahr- 
zehnt hat sich das Verhältnis zugunsten der Polen, 
zuungunsten der Deutschen verschoben. Noch 1880 
wurden 323612 Deutsche gezählt, 1890 nur 227 158, 
1900 nur 212317. Tatsächlich sind bei den Zäh- 
lungen polnische Willkürlichkeiten vorgekommen. Die 
Haupterklärung aber für diese Verschiebung liegt 
darin, daß die Duden sich unter dem Eimfluß des zur 
Macht gelangten Polentums äußerlich für dieses er- 
klärten. Für die Beurteilung der völkischen Ver- 
hältnisse ist zu beachten, daß unter den 41/ Millionen 
Polen sich 850 000 Juden befinden, die untereinan- 
der meist nicht Polnisch, sondern „Jidische sprechen. 
Die Polen (vgl. Bd. I. S. 77 ff.) bewohnen haupt- 
sächlich den Westen bis zum San, die Ruthenen die 
rößere Osthälfte. Aber während sich die ruthenischen 
Siedlungen nur im Süden den Karpathen entlang 
westwärts über den San hinaus bis zum Dunajec vor- 
schieben, haben die Polen an den verschiedensten Stellen 
des Ostgebiets festen Fuß gefaßt als Beamte, als In- 
dustrielle, Kaufleute, Handwerker; sie baben manche 
Städte und deren Umgebung, so Lemberg, fast völlig 
dokonistert und sie haben sich schließlich in dem ur- 
prünglich reinen Ruthenengebiet neben den 3132541 
Ruthenen zu der stattlichen Minderzahl von 2111 680 
emvorgeschwungen. während die im eigentlich polni- 
schen Land vorhandenen Ruthenen nur 75551 be-
        <pb n="33" />
        Seeliger: Galizien und die polnische Faage 
tragen. Die Polen Galiziens bilden den südlichen Flü- 
gel des im Oder= und Weichselgebiet ansässigen 15= 
Millionenvolks; die Krönungsstadt Krakau war in der 
Zeit der höchsten Blüte polnischer Macht, vom 14.— 
17. Jahrhundert, Mittelpunkt des polnischen Lebens. 
Die Ruthenen Galiziens sind Ukrainer (vgl. Bd. 1, 
S. 82), sie werden auch Rotrussen oder Rotruthenen, 
nach der offiziellen russischen Bezeichnung Kleinrussen 
genannt. Die etwa 33 Millionen Ukrainer, die Be- 
wohner des weiten südwestlichen Rußlands, des nörd- 
lichen Beßarabiens, des östlichen Galiziens, der nörd- 
lichen Bukowina und der nördlichsten Landstriche 
Ungarns, haben den slawischen Typus reiner erhalten 
als das Tochtervolk, das von ihnen ausgegangen war 
und sich auf Kolonisationsboden durch Verdindung 
mit fremden Volkselementen, mit Finnen und Ta- 
taren, zu einer alle anderen Slawen weit überragen- 
den Volksmasse ausgedehnt hat, die Großrussen. 
Als drittes Volkstum von ausgeprägter Indi- 
vidualität gesellen sich in Galizien die Juden (pgl. 
Bd. I. S. 83) hinzu, die gleich den Stammesgenossen 
im westlichen Rußland, in der Bukowina und in 
Beßarabien seit dem 14. Jahrhundert aus dem deut- 
schen Westen eingewandert waren. Sie leben auf dem 
platten Lande fast nur als Gastwirte und Kredit- 
eber, sie bewohnen mit Vorliebe die Städte und trei- 
en Handel aller Art. Zahlreiche galizische Städte 
haben ein völlig jüdisches Gepräge, in manchen bilden 
die Juden die Mehrheit der Bewohner. An ihrer 
Eigenart in Religion, Sitte und Sprache, letztere eine 
ostmitteldeutsche, mit hebräischen und slawischen Wor- 
ten durchsetzte Mundart (7Jidisch-), halten sie mit 
rößter Zähigkeit fest, zeigen sich aber der zionistischen 
eweg ung nicht sehr zugänglich und schließen sich gern 
jener Nation äußerlich an, die den maßgebenden Ein- 
fluß im Lande ausübt; wie sich die Juden der Buko- 
wina meist als Deutsche bekannten, so die Juden Ga- 
liziens fast ausnahmslos als Polen. 
Das Deutschtum in Galizien. Obschon das Er- 
gebnis der Zählung von 1910, wonach die Deutschen 
nur 1,1 Proz. der Gesamtbevölkerung ausmachen, 
sicher irrig ist, so bilden die Deutschen im Verhältnis 
# Polen und Ruthenen nur eine verschwindend kleine 
inderheit, kaum mehr als 100000, von den in 
Wahrheit Deutsch sprechenden Juden abgesehen. Aber 
dennoch hat das Deutschtum beim ganzen Aufbau des 
Kulturlebens in Galizien einen geradezu überwälti- 
geden Einfluß ausgeübt. Nicht allein das deutsche 
echt hat im Mittelalter dem flawischen Osten, be- 
sonders in den Städten, die festen Ordnungen ge- 
eben, sondern fast alle Elemente des Geistigen und 
unstlerischen, ebenso Elemente der Siedlungsart und 
des Wirtschaftslebens stammen vom deutschen Volk, 
selbst da, wo nicht eine unmittelbare Vermittlung durch 
deutsche Siedler stattfand. Aber auch die deutsche 
Kolonisation ist einst bedeutend gewesen. 
Seit dem 13. Jahrhundert sind Deutsche nach Klein- 
polen und dem südlichen Ruthenenland als bürger- 
liche Siedler, als Städtebewohner sowie als Ritter 
und Großgrundbesitzer gekommen. Ostmitteldeutsche 
waren es zumeist, die über Schlesien von einsichtigen 
Regenten Polens und des damals selbständigen Ru- 
theniens gerufen wurden. Mit Magdeburger Recht 
wurden die neu gegründeten Städte ausgestattet; 
deutschen Charakter hatten die führenden Städte. 
Krakau war im 13. Jahrhundert eine deutsch ver- 
waltete Bürgergemeinde; Vemberg erscheint um die 
Wende des 13. und 14. Jahrhunderts als deutsches 
27 
Gemeinwesen, mit deutschen Beamten und deutscher 
Amsssprache. Bei zahlreichen galizischen Städten und 
Dörfern ist das gleiche anzunehmen. Für diese Pe- 
riode spricht ein Lemberger Chronist des 17. Jahr- 
hunderts von der „Leopolis Germanica“. Auch der 
Klerus war vielfach deutsch. Nach einem Beschluß des 
Przemysler Kapitels von 1452 sollten alle angestellten 
Geistlichen der deutschen Sprache mächtig sein. Erst 
im 16. Jahrhundert beginnt sich allmählich ein Um- 
schwung zu vollziehen. Eine starke Polonisierung 
setzt ein. Der Adlige, der vornehme Bürger betrach- 
tet sich als Pole, der freie deutsche Bauer wird vom 
slawischen Adel mißgünstig behandelt. Die deutschen 
Errungenschaften gingen im 16. und 17. Jahrhun- 
dert verloren; nur im westlichsten Teil, der als schle- 
sisches Landesgebiet im 13. und 14. Jahrhundert 
deutsch kolonisiert worden war, blieb die Sprachinsel 
BialaKunzendorf- Alzen erhalten. Erst das 18. 
Jahrhundert brachte in Galizien eine Erneuerung des 
deutschen Lebens. Schon Mitte des Jahrhunderts 
beriefen polnische Könige und Herren Deutsche; da- 
mals suchte Stanislaus Poniatowsti., der Vater des 
kesten Polenkönigs, die Stadt Zalesczyki am Dnujestr 
besonders durch cheesische Tuchmacher zur Blüte zu 
bringen. Und dann setzten nach der ersten Teilung 
Polens die Bemühungen Maria Theresias und Jo- 
sephs II. ein. Durch das Patent von 1774 wurden 
tohtreiche bäuerliche Siedler, meist Süddeutsche, nach 
alizien gerufen, nicht um zu germanisieren, nur um 
die Landeskultur zu heben. Eine über das ganze Land 
hin verstreute Siedlung wurde deshalb angeordnet; 
in 200 Ortschaften Galiziens begegnen gegenwärtig 
beträchtliche deutsche Volkselemente. Und wie die Be- 
rufung deutscher Bauern und Handwerker nicht auf 
Germanisierungstendenzen beruht, so auch nicht die 
nur im zentralen Staatsinteresse gestellte Forderung 
Josephs an den ersten galizischen Statthalter, -daß 
alles in deutscher oder lateinischer Sprache traktiert 
werden solle«. Die nationalen Folgen waren gleich- 
wohl bedeutsam. Durch die deutsche Verwaltung er- 
hielt das ganze Land nach und nach einen deutschen 
Anstrich. Huch auch die Masse des Volkes unberührt, 
wurde auch nirgends planvoll germanisiert und fehlte 
insbesondere auch jede Absicht dieser Art, so machte 
sich doch eine germanisierende Wirkung geltend. Alles, 
was auf höhere Bildung und auf Einfluß Anspruch 
erhob, begann sich dem Deutschtum zuzuwenden. 
1784 ward in Lemberg eine deutsche Universität ge- 
gründet, die ehrwürdige, 1361 gestiftete Jagellonen- 
uUniversität Krakau gewann deutschen Charakter. 
Wurde auch Galizien im 19. Jahrhundert durchaus 
nicht ein deutsches Land, so war doch eine beherr- 
schende deutsche Oberschicht hervorgetreten und hatte 
dem in seinem Volkstum polnisch und ruthenisch ge- 
bliebenen Kronland ein deutsches Gepräge verliehen. 
— Erst Mitte des 19. Jahrhunderts setzte die flawische 
Reaktion ein. 1867 wurde Galizien der Herrschaft der 
Polen überliefert. Die deutsche Beamtenschaft ver- 
schwand, die Amtssprache wurde 1868 polnisch, die 
beiden Universitäten Krakau und Lemberg wurden 
vollstündig polonisiert und eine Akademie der Wissen- 
schaften in Krakau als Mittelpunkt des national- 
polnischen Wissenschaftslebens gegründet. Die Um- 
wandlung konnte sich so ungemein rasch vollziehen, 
weil es sich nicht um eine nationale Veränderung des 
Volkstums, sondern nur um eine Verschiebung in der 
politisch und kulturell vorherrschenden kleinen Ober- 
schicht gehandelt hat.
        <pb n="34" />
        28 
Politische Geschichte. Das Kronland Galizien, 
offiziell „Königreich Galizien und Lodomerien mit 
dem Großherzogtum Krakau und dem Herzogtum 
Auschwitz und Zatore, hat seinen Namen vom 
Fürstentum Halitsch (= Galitsch, lat. Galicia), das 
sich über das südöstliche Gebiet des heutigen Galiziens 
ausdehnte. Die einzelnen Landschaften führen ver- 
schiedene Landesfarben und Wappen. Aus drei 
politischen Sondergebilden setzt sich eben das 
heutige Galizien zusammen, aus den kleinen schlesi- 
schen Herzogtümern Auschwitz und Zator des Westens, 
aus dem kleinpolnischen, vornehmlich den Fürsten- 
tümern Krakau und Sandomirz entstammenden 
Mittelgebiet und aus dem vorwiegend ruthenischen 
Land des Ostens, das aus den Fürstentümern Halitsch 
(Galicia) und Wladimir (Lodomerien) hervorgegan- 
en ist. Bei der ersten Teilung Polens hat das Haus 
absburg-Lothringen die Herzogtümer Auschwitz- 
ator auf Grund böhmischer Herrschaftsrechte, das 
Königreich Galizien und Lodomerien aber als ein- 
stigen Teil des ungarischen Königreichs beansprucht. 
uschwitz-Zator hatte im 12. und 13. Jahr- 
hundert die Segnungen der deutschen Kultur empfan- 
gen; es war gleich den anderen piastischen Teilfürsten- 
tümern im großen germanisierenden Kulturprozeß 
den deutschen Verhältnissen auch politisch nahe ge- 
rüückt und im 14. Jahrhundert als Land der böh- 
mischen Krone und damit als deutsches Reichsland 
erklärt worden. Polen hat damals ein für allemal 
verzichtet, den festen staatsrechtlichen Zusammenhang 
Auschwitz Zators mit Böhmen und mit dem Reich 
stören zu wollen. Als dann später das erstarkte pol- 
nische Königtum die Zurückgewinnung Schlesiens 
versuchte, wurde Auschwitz 1457, Zator 1494 er- 
worben; aber diese Loslösung wurde von den legalen 
Mächten, insbesondere vom böhmischen König, nie- 
mals in vollem Umfang anerkannt, der Charakter 
der beiden Herzogtümer als schlesisches Lehnsgebiet, 
das zu Böhmen und dem Deutschen Reich gehört, nie 
ganz verleugnet. Daher konnte Habsburg-Lothrin- 
gen 1772 mit Recht die Rückgabe fordern; daher wur- 
den nach Begründung des Deutschen Bundes 1815 
und ausdrücklich 1818 unter den Gebieten des öster- 
reichischen Kaiserstaats, die als einstige deutsche Reichs- 
länder zum Deutschen Bund gehören sollten, die Her- 
zogtümer Auschwitz und Zator besonders genannt. 
Galizien und Lodomerien. Die 1772 er- 
hobenen Ansprüche der ungarischen Krone auf das 
Ruthenenland gehen bis auf das 12. Jahrhundert 
zurück. Lange bildete das Tscherwenische (Rotes 
Land), d. i. Ostgalizien und Wolhynien, ein Streit- 
objekt zwischen den beiden großen slawischen Mächten, 
den Polen im Westen und den Ukrainern in Kiew. 
Seit 1087 stand das Gebiet als Kiewer Teilfürsten- 
tum unter der Herrschaftvon Nachkommen Wladimirs 
des Großen von Kiew im östlichen Staatsverband, 
wobei anfangs Przemysl, dann im 12. Jahrhundert 
Halitsch die Hauptstadt war. Dritthalb Jahrhunderte 
blieb der Zusammenhang mit Kiew gewahrt. Das 
Christentum, Ende des 10. Jahrhunderts in der 
griechisch-orientalischen Form angenommen, wurde 
von den unter der Metropole Kiew stehenden Bis- 
tümern Przemysl, Wladimir, Halitsch, später auch 
Chelm gepflegt. Politisch traten damals in be- 
stimmter Ausprägung die Fürstentümer Halitsch 
(d. i. das Land um Halitsch, Galicia) und Wladimir 
d. i. das Land um Wladimir--Wolynskij, Lodomeria) 
genon die zeitweilig, besonders unter der Dynastie 
I. Politik und Geschichte 
der Romanowitschen, den Nachfolgern der 1198 aus- 
gestorbenen Rostislawitschen, vereinigt wurden. Da- 
mals suchten zuerst die Ungarn Einfluß zu gewinnen. 
Schon 1099 waren sie ins Land gekommen; 1124 
hatten sich Stephan II. und 1194 Bela III. rex Ga- 
liciae--genannt. Im Vertrag von Sanok 1206 aber 
scheint Andreas II. eine formelle uerhehe Ungarns 
über Ruthenien erlangt zu haben; seitdem führen 
wenigstens die ungarischen Könige im großen Titel 
die Bezeichnung srex Galiciae et Lodomeriaec, ob- 
schon wiederholte Versuche, eine wirkliche Herrschaft 
auszuüben und eine kirchliche Angliederung an Rom 
anzuregen, nur vorübergehenden Erfolg hatten. Als 
1310 das einheimische rotruthenische Herrscherhaus 
ausstarb, erhoben Polen und Ungarn Ansprüche. 
Kasimir von Polen eroberte das Land; Ungarn ver- 
wies nur auf angebliche alte Gerechtsame. Schließ- 
lich einigten sich die beiden 1352 dahin, daß Kasimir 
das Land Reußen („Russia-), das ausdrücklich als 
ungarisches Eigentum bezeichnet wurde, auf Lebens- 
zeit erhielt, daß aber nach Kasimirs Tod der Rückfall 
an Ungarn vorgesehen blieb. Im Widerspruch mit 
diesen Abmachungen besetzten 1387 die Polen das 
Reußenland, und Ungarn ließ sich das gefallen. 
Nach endlosen Verhandlungen kam es zum Lublower 
Vertrag von 1412, wonach Reußen bis zum Tode 
eines der beiden vertragschließenden Könige und noch 
weitere fünf Jahre bei Polen verbleiben sollte, damit 
in der Zwischenzeit endgültige Abmachungen erfolgten. 
1434 starb König Wladislaw Jagello; 1439 ging die 
1412 gestellte Frist zu Ende, ohne daß neue Ent- 
scheidungen getroffen waren. Galizien, das schon 
1433 als Provinz dem polnischen Reich einverleibt 
worden war, galt fortan schlechthin als Gebiet der 
polnischen Krone. Und Ungarn erhob keinen Wider- 
spruch. Zwar nannten sich die ungarischen Könige 
auch weiterhin Könige von Galizien und Lodome- 
rien, aber sie haben in Verträgen, besonders 1442 
und 1689, die Zugehörigkeit des Ruthenenlandes zu 
Polen anerkannt. Wenn das Haus Habsburg 1772 
Anspruch auf Galizien und Lodomerien erhob, so 
ist das rechtlich wenig begründet, anders als beim 
Anspruch auf Auschwitz--Zator. Dort kein Verzicht, 
sondern wiederholte Anmeldung des Rechts. hier 
Aufgeben früherer Gerechtsame, L. minsverfall und 
mittelbare Anerkennung des polnischen Besitzes. 
Neu-Galizien. Die Teilungen Polens waren 
keine Rechtsakte, sondern Maßnahmen der Gewalt. 
1772 erhielt Osterreich Galizien und Lodomerien, 
Auschwitz-Zator und einen Teil Kleinpolens südlich 
der Weichsel. Die dritte Teilung 1795 brachte das 
goose kleinpolnische Gebiet mit Krakau nördlich der 
Leichsel zwischen Pilica und Bug: Neu-Galizien. 
Der Schönbrunner Frieden 1809 und Abmachungen 
1810 überwiesen Neu-(West-) Galizien und den Fo- 
mosker Kreis an das Großfürstentum Warschau, Tar- 
nopol und Tschortkow in Ostgalizien an Rußland. 
Auf dem Wiener Kongreß 1815 ward im wesent- 
lichen auf den Besitzstand von 1772 zurückgegangen, 
nur daß einige Grenzdistrikte des Ostens an Rußland 
kamen. Der damals begründete kleine Freistaat 
Krakau aber ist 1846 an Pnerrreich übertragen wor- 
den. Zeitweilig, und zwar 1786—1849 und 1860 
bis 1861, war die 1774 von Österreich gewonnene Bu- 
kowina als Czernowitzer Kreis mit dem Kronland 
Galizien administrativ verbunden. 
Die polnische Frage und die Proklamation am 
5. November 1916. Der Weltkrieg verlangte von
        <pb n="35" />
        Seeliger: Galizien und die polnische Frage 
Anfang an neue Ordnungen. Die polnische Frage 
tauchte wieder auf und mit ihr ein galizisches Problem. 
Wenn lediglich völlische und kulturelle Verhältnisse 
entscheidend wären, dann würde die geschichtliche Ent- 
wicklung einfach zu einer politischen Einigung der 
Ukrainer und zu einer solchen der Polen führen. Dann 
würden die drei historisch-staatsrechtlich und ethnisch 
verschiedenen Teile des künstlichen Gebildes Galizien 
in der Art berücksichtigt werden, daß der Osten an ein 
Ukrainisches Reich, der Westen an einen polnischen 
Staat und nur der westlichste kleine Landstrich von 
schlesischem Charakter an Schlesien käme. Wünsche 
dieser Art sind oft genug, vor dem Krieg und während 
des Krieges, geäußert worden. Aber es haben auch 
Momente der politischen Macht und der staatlichen 
Forderungen mitzusprechen. Das erschwert die Lösung 
des großen polnischen Problems. — Dasukrainische 
Bolkstum von 33 Millionen, erst in den letzten. 
Jahrzehnten zum Bewußtsein der nationalen Eigen- 
art gelangt, hat sicher innere Berechtigung zur For- 
derung des politischen Sonderdaseins. Geradezu tö- 
richt wirkten die feierlichen Erklärungen, die die Russen 
im Rausch flüchtiger Erfolge zu Lemberg und Prze- 
mysl verkündeten, daß sie gekommen seien, altrussi- 
schen Boden zurückzugewinnen und die Einheit und 
Unteilbarkeit des heiligen Rußlands herzustellen. Als 
ob das Ukrainerreich Kiew, zu dem einst Rotruthenien 
gehörte, moskowitisches Land wäre, als ob die Mosko- 
witer, dieses im Kolonialland von fremden Elementen 
durchsetzte, ja überwucherte Volkstum, alte Rechte auf 
Ruthenien hätten. Hatte doch der Großrusse erst im 
17. Jahrhundert Kiew erobert, nicht befreit, vielmehr 
den sprachverwandten, kaum noch stammverwandten 
Ukrainer geknechtet, ihm Schrift, Sprache, Sitte und Re- 
ligion — den griechisch-katholischen Glauben, den der 
Ukrainer Ende des 16. Jahrhunderts statt des ortho- 
dox-russischen angenommen hatte, zu rauben gesucht. 
Wenn etwas eine innere Berechtigung in der Geschichte 
hot, dann die ukrainische Bewegung, deren geistiger 
Mittelpunkt jahrzehntelang in Lemberg war. Aber ob 
die Ergebnisse des Krieges zu einer Befreiung der Ukrai- 
ner führen werden? Vielleicht reicht die eigene Kraft 
des Jahrhunderte geknebelten Volkes für die große Tat 
nicht aus; die Befreiung mag späteren Bildungen vor- 
behalten bleiben. — Auch die polnische Frage kann 
nicht die anfangs erhoffte Lösung finden. Mit lemen- 
tarer Macht ist bei Kriegsbeginn der begeisterte Wunsch 
der meisten Polen nach Aufrichtung eines polnischen 
Staates hervorgebrochen. Schon wurde das jagello- 
nische Reich mit seinen weiten, Über die Polen, Ukrainer 
und Weißrussen hinausragenden Grenzen gesehen — 
phantastische, utopistische Träume. Die nüchternen 
polnischen Politiker haben von Anfang an ihren 
Wünschen engere Schranken gezogen, und besonders 
nach den glänzenden Siegen bes Mittelmächte im 
Herbst 1915 ihr bestimmtes Streben auf die politische 
Verbindung der den Russen entrissenen Gebiete mit 
Galizien gerichtet. Das am 14. August 1914 in 
Krakau gegründete Oberste Nationalkomitee, das mit 
dem später ins Leben getretenen Warschauer Natio- 
nalen Zentralkomitee in Beziehung trat, hat mehr 
und mehr als festes Ziel aufgestellt die Aufrichtung 
eines unter Österreich stehenden polnischen Staates, der 
Galizien und möglichst viel bisher russisches Gebiet 
umfaßt. Daran, daß Preußen auf die überwiegend 
von Deutschen bewohnten, von Polen stark durchsetz- 
ten Landstriche zugunsten eines neuen Polens ver- 
zichten werde, haben klarblickende Polen wohl nicht, 
29 
sicher nicht einstweilen, gedacht. Und die Idee eines 
solchen Polens unter habsburgischer Herrschaftist auch 
von weiten Kreisen der Deutsch -Osterreicher (2 Denk. 
schrift aus Deutsch-Osterreich#, Leipz. 1915), ist sogar 
auch von manchen Ungarn (Julius Andrässy) vertre- 
ten worden. Daß auch der Verwirklichung dieser Ge- 
danken größte Schwierigkeiten entgegenstanden, mußte 
jedem klar sein. Mannigfache andere Pläne tauchten 
auf, und die Polen erbaten nur das eine: Keine vierte 
Teilung Polens. Schließlich geschah das, was schon 
vorher und immer bestimmter angedeutet worden 
war; der deutsche Kaiser und der Monarch Österreich- 
Ungarns ließen in feierlicher Proklamation am 5. No- 
vember 1916 verkünden, daß sie aus den der russi- 
schen Herrschaft entrissenen polnischen Gebieten einen 
selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und 
konstitutioneller Verfassung zu bilden Übereingekom- 
men seien: Ein Polen nur auf russischem Gebiet, ein 
Polen ohne Galizien. Und gleichzeitig richtete Kaiser 
Franz Joseph an den österreichischen Ministerpräsi- 
denten Körber ein Handschreiben, in dem der kaiserliche 
Wille zum Ausdruck kommt, daß ein dem Augenblick, 
in dem der neue (polnische) Staat zur Entstehung ge- 
langt, Hand in Hand mit dieser Entwicklung auch dem 
Lande Galizien das Recht= verliehen werde, seine Lan- 
desangelegenheiten bis zum vollen Maße dessen, was 
mit seiner Tätigkeit zur staatlichen Gesamtheit und mit 
deren Gedeihen im Einklange steht, selbständig zu ord- 
nen und damit der Bevölkerung Galiziens die Gewähr 
ihrer nationalen Entfaltung zu bietenc. — Der Mi- 
nister wurde aufgefordert, zur „gesetzmäßigen Ver- 
wirklichunge des kaiserlichen Wunsches geeignete Vor- 
schläge vorzubereiten. — So wurde die pölnische Frage, 
so wurde das damit zusammenhängende galhisch- 
Problem auf eine neue Grundlage gestellt. 
Galiziens Sonderstellung. Die Aufrichtung des 
Dualismus und der Ausgleich mit Ungarn 1867 ha- 
ben naturgemäß den Sonderwünschen der slawischen 
Völker Vorschub geleistet. Die Tschechen veranstalte- 
ten damals gemeinschaftlich mit Slowenen, Ruthenen 
und Kroaten den „Pilgerzug" nach Moskau, und 
Prag begann, nach dem den Russen gegebenen Ver- 
sprechen des Tschechenführers Rieger, die slawische 
Zukunftsidee vorzubereiten. Die Polen Galiziens 
aber suchten in übereinstimmung mit den Machthabern 
Osterreichs eine ihren nationalen Bestrebungen ge- 
nehme politische Sonderstellung zu gewinnen. Schon 
1866 hatte der galizische Landtag ein Programm der 
Autonomie entworfen und die Ernennung eines gali- 
zischen Hofkanzlers erbeten. Dann wurde am 24. Sep- 
tember 1868 die berühmte „Resolutione des Land- 
tages gefaßt, die zwar nicht so weit ging wie die einst 
1790 an Kaiser Leopold gerichtete Eingabe und kein 
besonderes galizisches Heer forderte, aber doch eine 
überaus weitgehende Sonderstellung auf allen Ge- 
bieten der Verwaltung und des Finanzwesens begehrte. 
Am 26. Juni 1869 wurde die galizische Resolution- 
im österreichischen Reichsrat vorgelegt; sie wurde ab- 
gelehnt. Es folgte 1869 eine zweite polnische Eingabe, 
1870 das Projekt Rechbauers und 1871 der Entwurf 
des Ministeriums Hohenwart, — alles vergebens. 
Indessen wurde den Polen tatsächlich vieles gewährt, 
was die anderen Kronländer nicht besaßen, vor allem 
die selbständige Verwaltung des Schulwesens, die der 
polnischen Propaganda, ja einer planvollen Polonisie- 
rung die wichtigsten Dienste geleistet hat, die innere pol- 
nische Amtssprache, ausgenommen bei der Gendarme- 
rie, die ausschließliche Anstellung von einheimischen Be-
        <pb n="36" />
        30 
amten, eine bevorzugte Stellung der beiden galizischen 
Oberlandesgerichte zu Lemberg und Krakau und die 
Errichtung eines besonderen galizischen Senats beim 
Obersten Gerichtshof in Wien, endlich 1871 einen eige- 
nen Minister für Galizien, d. h. für das Polentum. 
Die galizische Landesordnung vom 26. Februar 1861 
blieb zwar in den Grundzügen bestehen, wurde aber 
so ergänzt, daß das Polentum die volle Herrschaft ge- 
Pad gewährleiste! erhielt. Die Zusammensetzung 
des Landtages beruht auf einer Wahlordnung, dieden 
Polen ein weit über das zahlenmäßige Verhältnis der 
Bevölkerung hinausgehendes üÜbergewicht verschafft. 
Den maßgebenden Einfluß auf die gesamte Landes- 
regierung aber übt der Landesausschuß aus, der 
aus dem vom Kaiser ernannten Marschall und sechs 
Abgeordneten des Landtages besteht. Der kaiserliche 
Statthalter ist nicht eigentlich Chef des Regiments, 
sondern mehr Mittelglied zwischen der galizischen 
Landes- und der Wiener Zentralregierung. 
So haben die Polen durch Gesetze und via facti 
die volle Herrschaft in Galizien erlangt. Und nicht 
nur das. Sie haben gleichzeitig in Wien eine macht- 
volle Einwirkung auszullben gewußt, sie waren oft 
das = Zünglein an der Wage., sie haben dafür Sonder- 
rechte als Belohnung eingeheimst. Seit den 1870er 
Jahren nahmen diehastn im Kaiserstaat eine geradezu 
dominierende Stellung ein. Sollten sie nicht voll 
zufrieden sein? Galizien besaß zahlreiche Sonderrechte 
und war in wichtigsten Fragen unabhängig vom 
Wiener Parlament, seine Polen aber wirkten gleich- 
wohl im Reichsrat überall entscheidend mit, auch dann, 
wenn die Beschlüsse für die anderen Kronländer, nicht 
für Galizien galten. Vorteile über Vorteile, Rechte 
ohne Verpflichtung. Auf Galizien wurde durchschnitt- 
lich dreimal soviel verwendet, wie es für die Reichs- 
ratsländer aufbrachte. Gleichwohl waren die Polen 
nicht befriedigt. Denn kein echter Pole, der nicht die 
Wiederherstellung des einstigen Polenreiches erträumt! 
Aber auch kein Pole, der nicht tiefes Verständnis für 
die mächtigen Vorteile der gewonnenen Stellung in 
Galizien und zugleich im Kaiserstaat besessen hätte! 
Die Sehnsucht nach dem zukünftigen Polenreich blieb; 
aber die Rufe nach einer weiteren politischen Sonder- 
srellung im Sinne der Resolutione von 1868, be- 
onders im Sinne der in den Vordergrund geschobenen 
Forderung, daß Galizien nicht mehr eigentlich im 
Reichsrat vertreten sein solle, diese Rufe verstummten. 
Wie sollte auch die Beseitigung gerade jenes Verhält- 
nisses begehrt werden, das den Polen so gewaltig 
eholfen haite) Es vollzog sich ein Umschwung. Die 
olen schwiegen — und die Deutschen verlangten das, 
was 1868 die Polen gewünscht hatten. Man fand 
den Einfluß der polnisch-galizischen „Delegation-- im 
Reichsrat unbillig, geradezu ungerecht. Im Linzer 
Programm der radikalen deutsch-nationalen Gruppe 
Schönerer wurde 1882 zum erstenmal seitens der 
Deutschen die Forderung einer völligen Sonderstellung 
Galiziens und eines Ausscheidens der galizischen 
„Delegatione aus dem Reichsrat aufgestellt. Im 
Pfingstprogramm 1899 wurde die Forderung wieder- 
holt; am 7. November 1915 haben der deutsche 
Nationalverband und die christlichsoziale Partei ge- 
meinsam den gleichen Wunsch geäußert, und im Oster- 
programm 1916 haben die gleichen deutschen Parteien 
den Ausschluß von Galizien, zugleich auch den der Buko- 
wina und Dalmatiens, begehrt Vom deutsch-nationa- 
len Standpunkt aus war das sehr begreiflich. Von 516 
Reichsratsmitgliedern gehören 110 der polnischen und 
I. Politik und Geschichte 
ruthenischen Nation an. Das Stimmenverhältnis 
würde eine derartige Verschiebung erfahren, daß zwar 
nicht die Deutschen die für Versasfungsärderen en 
notwendige Pukimrtelmedert. erlangen, daß aber 
doch ein Verhältnis von 227 Deutschen zu 179 Nicht- 
deutschen zu erreichen und die slawische Mehrheit im 
österreichischen Abgeordnetenhaus gebrochen wäre. 
Ausblicke. Noch ist vieles ungeklärt, in der pol- 
nischen Frage ebenso wie in der der Sonderstellung 
Galiziens. Die Proklamationen vom 5. November 
haben keineswegs einen allgemeinen Enthusiasmus 
ausgelöst. Unzufriedenheit zeigte sich vielfach bei 
Deutschen, bei Ruthenen, bei Polen. Den einen war 
das den Polen gewährte Entgegenkommen zu groß, 
den anderen zu llein. Was Galizien im besonderen an- 
geht, so waren auch die österreichischen Polen anfangs. 
wenig erbaut. Ein Teil zeigte sich enttäuscht und er- 
nüchtert, ein anderer verhielt sich kühl und skeptisch, 
stellte sofort Bedingungen, verlangte nationale Garan- 
tien innerhalb und außerhalb Galiziens. Der Deut- 
sche Volksrat für Galizien hatte schon früher eine 
Denkschrift betreffend die Wünsche und Forderungen 
der Deutschen Galiziens= eingereicht. Jetzt tagten die 
Karpathendeutschen noch im November zu Wien und 
äußerten die Befürchtung, daß die Deutschen durch 
das privilegierte Polentum vergewaltigt werden wür- 
den. Den schärfsten Widerspruch erhob die ukrainische 
Parlamentsvertretung. Sie erklärte die angekündigte 
Sonderstellung Galiziens als tiefste Verletzung der 
ukrainischen Rechte und als Auslieferung des viert- 
rößten Volkes der Monarchie an die unbeschränkte 
gerstant des nationalen Gegners; sie verlangte die 
ildung eines besonderen ukrainischen Kronlandes. 
Das Mißlichste aber war, daß die österreichische Regie- 
rung selbst unsicher wurde. Der Ministerpräsident 
Körber hatte am 27. November die galizische Prokla- 
mation als etwas Fertiges übernommen; er hatte 
dieses Erbe Stürgkhs nur widerwillig angetreten und, 
wie verlautet, in den Entwurf des kaiserlichen Hand- 
schreibens das bedeutsame Wort #gesetzmäßige ein- 
efügt. Er wollte nicht gleich seinem Vorganger mit 
ilfe des § 14, d. h. ohne Parlament, im Verordnungs- 
weg die einschneidenden Maßnahmen treffen. Das 
mit größten Hoffnungen allgemein begrüßte Mini- 
sterium Körber brach rasch zusammen. Dazu kam 
der Thronwechsel, auf Franz Joseph I. folgte am 21. 
November 1916 Kaiser Karl I. Körbers Nachfolger 
Clam-Martinitz nahm von Anfang an eine unsichere, 
ja, wie es scheint, ratlose Haltung ein. Die Radikal- 
Deutschen verlangten Sonderstellung und Ausschei- 
den Galiziens aus den im Reichsrat vertretenen Län- 
dern mit Hilfe des § 14, andere Parteien dagegen be- 
gehrten vorerst die Einberufung des Reichsrats. 
Polen, Ruthenen, Deutsche waren eifrig mit Ver- 
handlungen über Galizien beschäftigt. Ja die Aus- 
schüsse des Polenklubs haben schon im Januar ihre 
Arbeiten abgeschlossen und die polnischen Wünsche der 
Wiener Regierung überreicht. Staatsmännisch Uug 
haben sie sich rasch in die neuen Verhältnisse gefunden 
und unter vorläufigem Verzicht auf politische Vereini- 
gung mit dem Königreich Polen einen maßgebenden 
influß auf die positiven Ordnungen der Gegenwart 
zu gewinnen begonnen, ohne damit zukünftige Ver- 
änderungen zu verbauen. 
Da brachte im März 1917 die russische Revolution. 
der Sturz des Zarentums, eine unerwartete Wen- 
dung, militärisch sicherlich einen Gewinn für die 
Mittelmächte, politisch aber eine Fülle von neuen
        <pb n="37" />
        Korodi: Siebenbürgen 
Schwierigkeiten. Die Verkündung der Völkerauto- 
nomie für alle Stämme des demokratischen Rußlands 
erregte eine neue Bewegung unter Polen und Ukrai- 
nern, löst die alten und neuen Spupathien für einen 
Anschluß an Osterreich und die Mittelmächte, wirbt 
für eine Verbindung mit dem „demokratischen= Ruß- 
land und erweckt alte phantastische Großmachtpläne. 
Wieder steigen die Träume vom Jagellonenreich auf 
und daneben die Gedanken von der Aufrichtung eines 
Ukrainestaates unter völliger Mißachtung der gegen- 
wärtigen politischen Grenzen. Vorkommnisse in dem 
von Deutschen und Österreichern verwalteten Kongreß- 
polen und besonders die Erklärungen der slawischen 
Parteien in der ersten Sitzung des österreichischen 
Reichsrats am 30. Mai offenbaren Tendenzen, die die 
Lebensinteressen der verbündeten Mittelmächte ge- 
fährden. Die Lockungen der russischen -Demokratie-, 
die in Wahrheit niemals auf eigenes Machtstreben 
verzichten kann, beeinflussen verhängnisvoll die Be- 
strebungen der Westslawen. So lebhaft die Deutschen 
das Erstehen eines selbständigen Polens und einer 
selbständigen Ukraine begrüßen, so kräftig müssen sie 
aus wirischaftlichen und politischen Gründen eine 
angere. Verbindung mit diesen Völkern zu erhalten 
und zu pflegen, ein Abschwenken zum Moskowitertum 
zu verhindern suchen. Hier liegen die Gefahren, die 
Hoffnungen und Wünsche. Ein Zusammengehen der 
Ukrainer, der Polen und aller Westslawen mit den 
Mittelmächten entspricht den wahrsten Bedürfnissen 
dieser Völker ebenso wie denen ihres großen deutschen 
Nachbarn. Wird eine nicht allzu ferne Zukunft zu 
diesen Zielen führen? 
Erst allmählich werden die verschiedenen Forderun- 
gen, die einander widerstreitenden nationalen Bedürf- 
nisse der Polen, der Ruthenen, der Deutschen, dazu 
die Erfordernisse des österreichischen und des deut- 
schen Staatsgedankens in übereinstimmung zu brin- 
gen sein. Denn dazu gehören gegenseitiges Vertrauen 
und mancher Verzicht der einzelnen Völker. Diese 
Voraussetzungen müssen erst gewonnen werden. 
Unser iser wird, wenn nicht alle Zeichen trü- 
gen, keine Aufteilung Galiziens unter einen ruthe- 
nischen und polnischen Staat vornehmen. Zunächst 
wird nur das augenblicklich Nötige und das durch die 
individuellen Zeitverhältnisse Gestattete und leicht 
Mögliche geregelt werden, das andere der Zukunft 
vorbehalten werden. 
Von größter Wichtigkeit aber ist es, daß bei den 
augenblicklichen Ordnungen auch das in weiterer Ferne 
stehende Ziel nicht vergessen werde. Und deshalb 
muß beim Ausbau der am 5. November verkündeten 
Neuordnung in Polen und in Galizien der Grund- 
satz durchgeführt werden: Keine Auslieferung einer 
Nation an die brutale Unterdrückung einer anderen; 
gleicher Schutz für alle. Die Worte des Handschreibens 
vom 5. November, der Bevölkerung Galiziens solle 
31 
die Gewähr ihrer nationalen Entfaltung geboten wer- 
den, gelten für alle Völker Galiziens in gleicher Weise, 
für Polen, Ruthenen, Deutsche. Daher ist die Teilung 
Galiziens in ein polnisches und in ein ruthenisches 
Kronland abzulehnen, denn das würde zu heftigsten 
nationalen Kämpfen Anlaß geben. Deshalb ist eine 
Ordnung zu fordern, die alle weltlichen Minderheiten 
schützt. Es müssen vor allem Vorkehrungen getrof- 
fen werden, die jede Vergewaltigung des deutschen 
Elements unmöglich machen. Daher ist, das sei die 
wichtigste Aufgabe, das polnische Machtstreben von 
vornherein in feste Schranken zu bannen und seine 
Ausbreitung über weißrussisches, lettisches, ukraini- 
sches und deutsches Gebiet zu verhindern. Denn diese 
UAusbreitung würde nicht nur die Bedürfnisse der be- 
nachbarten Großstaaten stören, sondern dem Grund- 
satz der Völkerautonomie schroff widersprechen. 
Ganz Mitteleuropa hat ein Interesse daran, daß 
Galizien, ein Land der verheißungsvollen Zukunft, 
ein Land der wichtigen Verbindung auf dem Wirt- 
schaftsweg nach dem Südosten, zur Blüte gebracht 
werde. Das künstliche politische Gebilde wird gewiß 
einstweilen bestehen bleiben. Die historisch verschiedene 
Zusammensetzung hat nur Bedeutung für Gegenwart 
und Zukunft, wenn sie Trägerin großer, verschiedener 
Gesellschaftsbedürfnisse ist. Vielleicht wird in der 
Hinsicht später noch manches in Galizien zur Geltung 
kommen. Schon jetzt aber ist eines wünschenswert: 
Da in nächster oder in einer ferneren Zukunft ein 
kräftiger Grenzschnitt zwischen einem polnischen und 
einem deutsch--völkischen Machtgebiet vorgenommen 
werden wird, ist an Schlesien das zurückzugeben, was 
ihm von Rechts wegen zukommt und was völkisch und 
politisch dem Westen gehört, Auschwitz-Zator oder 
wenigstens die westlichsten Teile davon. Die gegen- 
wärtige schlesisch-galizische Grenze könnte vertrauens- 
voll nicht als Grenze zwischen zwei selbständigen 
Staaten bestehen. Sie würdetopographisch, wirtschaft- 
lich und besonders auch strategisch geradezu unmög- 
lich sein. Mit Leichtigkeit kann jetzt noch geregelt wer- 
den, was vielleicht später größte Schwierigkeiten bietet. 
Literatur. Die österreichisch-ungarische Monarchie in 
Wort und Bilde, Bd. 19: Galizien (Wien 1898); J. Szuiskj, 
Die Polen und Ruthenen in Galizien (Teschen 1882); A. v. 
Guttry, Galizien (Münch. 1916); St. Tomaschiwskyi, 
Die weltpolitische Bedeutung Galiziens (das. 1915); = Das 
Deutschtum in Galizien-, herausgegeben vom Bund derchrist- 
lichen Deutschen in Galizien (Lemberg 1914% R. Kaindl, 
Geschichte der Deutschen in den Karpathenländern (Gotha 
1907—11); Derselbe, Die Deutschen in Galizien und in der 
Bukowina (Frankf. 1916); Th. Zöckler, Das Deutschtum in 
Galizien (Weim. 1915); G. Seellger, Das Deutschtum in 
den Westbeskiden und die Herzogtümer ushoh und Zator 
—— Mitteilungen-, Nov. 1916); M. Hruschew- 
ky . Geschichte der Ukraine 1 (Lemberg u. Wien 1916).— 
ochenschrift für polnische Interessen (Wien, seit 
Jan. 1915; vgl. besonders die Aufsätze von Sluszkiewicz, 
Die Volkswirtschaft Galiziens, im 1. Band). 
r Polen, 
Sießen ürgen 
don Lutz Korodi, politischem Direktor der -Deutschen Zei- 
tung in Berlin 
Die politische, kulturelle und strategische Bedeutung 
Siebenbürgens, des = Landes jenseits des Waldes- 
(Transsilvania), ist in der neueren Zeit, gerade auch 
für das deutsche Volk, nie so augenfällig in Erschei- 
nung getreten wie nach dem rumänischen Einfall 
im August 1916. Und doch gibt die physikalische, die 
geologische, die Staaten- und die Völkerkarte dieses 
mitteleuropäischen Südostpfeilers eigentlich an sich 
reichen Aufschluß darüber. Aber erst die unvermutet 
ernste Gefährdung dieses Besitzes und dann seineglück-
        <pb n="38" />
        32 
liche Sicherung brachten es auch den Fernerstehenden 
um Bewußtsein, welche unwägbaren Werte für das 
Kontgreich Ungarn und für die habsburgische Gesamt- 
monarchie, in weiterer Folge auch für das Deutsche 
Reich, hier zu verteidigen und für die Zukunft voll 
auszuprägen sind. Eine richtige Entdeckungsfahrt 
machte die siegreiche Armee Falkenhayn auf ihrem . 
von Hötzing über Hermannstadt bis Kronstadt, un 
es ist als sicher anzunehmen, daß die deutschen Be- 
freier des Siebenbürger -Sachsenlandes= auch für 
Friedenszeiten eine mächtige Anregung erhalten haben, 
die Spuren achteinhalbhundertjähriger deutscher Arbeit 
in diesen gesegneten Gauen weiter zu verfolgen und 
ihre Entwicklungsmöglichkeit und -notwendigkeit fest 
im Auge zu behalterd Dämme gibt es hier auszu- 
bauen, die nicht nur den Bestand Osterreich-Ungarns 
an einer langen Kette von Einfallstoren verbürgen, 
sondern auch für deutschen Unternehmungsgeist zu 
Nutz und Frommen des Donaureiches ein Feld von 
unvergleichlicher Fruchtbarkeit und Mannigfaltigkeit 
umrahmen. 
Die Deutschen in Siebenbürgen, nach der amt- 
lichen ungarischen Volkszählung von 1910 insgesamt 
234085 Seelen, also nur 8,7 v. H. der siebenbür- 
ischen Bevölkerung (d. i. 11,5 v. H. der Deut- 
aten in ganz Ungarn), sind die eigentlichen Kultur- 
träger in den siebenbürgischen Landesteilen Un- 
garnsz wie das Gebiet seit dessen Vereinigung mit 
em übrigen Ungarn (1867) staatsrechtlich benannt 
wird. „Sachsen= heißzen sie jetzt allgemein, obwohl 
ihre Herkunft aus dem Moselfränkischen (Mitte des 
12. Jahrhunderto) jetzt wissenschaftlich genau festge- 
stellt ist. Der allgemeine Kolonistenname „ Saxoues= 
wurde im Mittelalter hier politischer Begriff für die 
»ständische Natione und nach der Aufhebung der 
sächsischen Munizipalverfassung (1876) ausschließlich 
Bezeichnung für die stammeseigentümliche völkische 
Zusammengehörigkeit. über die Volkszahl der ersten 
deutschen Einwanderer fehlen auch nur annähernd 
genauere Angaben. Die ursprünglichen Siedlungs- 
ebiete selbst entsprechen im Groen und ganzen den 
heutigen Wohnstätten der Sachsen auf dem alten 
„Königsboden= um Hermannstadt, Schäßburg, Kron- 
stadt und Bistritz (Nösen). Bis Ende des 18. Jahr- 
hunderts stand keinem anderen Volksstamm als dem 
sächsischene das Bürgerrecht zu, auch dem madjari- 
schen nicht. Diese Sonderstellung ist noch auf den 
Goldenen Freibrief Andreas'’ II. (1224) zurückzufüh- 
ren, durch den die Sachsen als politisnhe Einheit 
(„Unus sit populus-) ein »Glied der heiligen Krone- 
(sacrae membrum coronae) wurden, zu deren Schutz 
die -Gäster (hospites) vom König ausdrücklich ins 
Land eingeladen wurden, zum Schutz nicht nur als 
Grenzwächter gegen auswärtige Feinde, sondern auch 
gegen rebellionslustige Ansässige, denen merkwürdi. 
gerweise zur selben Beit das Recht auf bewaffneten 
Widerstand gegen die Königsgewalt (ins resistendi) 
für den Fack der Verfassungsverletzung eingeräumt 
wurde. Wie ein historischer Reflex dieser Zeit wirkt 
noch heute die für den Nichteingeweihten befremdliche 
Erscheinung, daß die ungarische Regierung, gestützt auf 
ein handliches Wahlrecht und auf die spezisisch unga- 
rische Wahlpraxis, vornehmlich die = Nationalitäten- 
gegenden als ihre sichersten parlamentarischen Rekru- 
tierungsbezirke betrachtet, während die Vertreter der 
radikalsten staatsrechtlichen Opposition (Kossuthisten) 
nahezu ausschließ'ich von rassenmadjarischen Wähler- 
schaften in den Reichstag zu Ofenpest entsandt werden. 
I. Politik und Geschichte 
Die große Mehrzahl der siebenbürgisch sächsischen 
Abgeordneten (11) gehört gegenwärtig aus Gründen 
politischer Opportunität der ungarischen Regierungs- 
partei an; nur zwei Vertreter, die sich um den Zusam- 
menschluß mit dem übrigen ungarländischen Deutsch- 
tum bemühen, stehen außerhalb der Parteien, um sich 
die volle persönliche Bewegungsfreiheit in nationalen 
Dingen zu wahren. Einer von diesen, der Abgeord- 
nete Brandsch, ist seit einem Jabrjehnt der geistige 
Führer und Organisator jener fälschlich als „Panger- 
manen= verschrienen Deutschen Ungarns, die uine u- 
sammenfassung des gesamten ungarländischen Deutsch- 
tums und eine entsprechende Vertretung im Reichstag 
sowie die kulturelle Sicherstellung dieses Deutschtums 
im Sinne des ungarischen Gesetzes über die Gleich- 
berechtigung der Nationalitätene (aus dem Jahre 
1868) anstreben. Einig aber sind alle Sachsen und 
auch deren parlamentarische Vertreter im Willen, das 
Volkstum im Dienste ihres Vaterlandes rein und 
stark zu erhalten. In dieser Richtung hat die soge- 
nannte #grüne Bewegung= (1893—1901) mancher- 
lei kräftigen Antrieb gegeben; damals gewannen auch 
die südungarischen Banater Schwaben zuerst dauernd 
nachwirkende Fühlung mit ihren siebenbürgischen 
Volksgenossen. 
Schulen mit deutscher Unterrichtssprache besitzen 
in den Ländern der Stephanskrone, abgesehen von 
einigen kümmerlichen Resten deutschen Schulwesens 
im außersiebenbürgischen Ungarn, nur die Sieben- 
bürger Sachsen (in 254 Gemeinden etwa 260 Volks- 
schulen, 9 höhere Knabenschulen, je eine Lehrer- und 
Lehrerinnenbildungsanstalt. höhere Mädchen- und 
ländliche Fortbildungsschulen, Handels-, Gewerbe- 
und Ackerbauschulen usw.). Dieses Schulwesen steht 
unter dem Schutz der autonomen evangelischen 
Landeskirche, der fast alle Deutschen Siebenbür- 
gens angehören, da die Reformation hier, begünstigt 
durch die politischen Wirren des 16. Jahrhunderts, 
unter den Sachsen allenthalben 1ngegindert Eingang 
fand. Die Theologiestudierenden sind auch heute 
verpflichtet, mindestens zwei Jahre deutsche Hoch- 
schulen zu besuchen; ihre Prüfungen legen sie in Her- 
mannstadt vor einer Prüfungskommission des Landes- 
konsistoriums in deutscher Sprache ab, während für 
sämtliche anderen Studierenden, also auch für die 
künftigen Lehrer der sächsischen höheren Schulen, die 
madjarische Staatsprüfung verbindlich ist. Weitaus 
die meisten sächsischen Hochschüler besuchen mindestens 
ein Jahr lang auch deutsche Universitäten, um den 
geistigen Zusammenhang mit dem Mutterland leben- 
ig zu erhalten. Ein beredtes Bild dieses innigen 
JZusammenhangen wie er auch der heranwachsenden 
ugend vermittelt wird, bietet das -Deutsche Lese- 
buch« für die höheren Schulen der evangelischen 
Landeskirche von Netoliczka und Wolff. 
In Schule und Kirche der Sachsen ist das Hoch- 
deulsche Vortrags- und Dienstsprache. Daneben wird 
die Mundart eifrig gepflegt, dessen wissenschaftlicher 
Erforschung das von Adolf Schullerus herausge- 
gebene = Siebenbürgisch-sächsische Wörterbuche dient 
(Straßburg i. E. 1908 ff.). Um die sprachkundliche 
Erforschung der alten Heimat machte sich der Bistritzer 
Stadtpfarrer Kisch sehr verdient. Der Geschicht- 
schreiber der Siebenbürger Sachsen ist der Bischof 
Georg Daniel Teutscht. Die Schriften des sieben- 
1 Neuausgabe und Fortsetzung der »Geschichte der Siebenbürger 
Sachsene von Bischof Friedrich Teutsch (Hermannstadt 1907).
        <pb n="39" />
        Korodi: Siebenbürgen 
bürgischen Reformators Johannes Honterus hat der 
Kronstädter Gymnasialdirektor Oskar Netoliczka her- 
ausgegeben (Wien 1898). 
Wie sehr die Kirche von jeher den Sammelpunkt 
des sächsischen Volkslebens bildete, zeigen Hunderte 
von Kirchenkastellen, die einst der Verteidigung dien- 
ten und heute der natürlichen Schönheit des Landes 
ein reizvolles Relief verleihent. Unter den Werken 
der bildenden Kunst im Hermannstädter Baron Bru- 
kenthalschen Museum sind auch einige alte Meister zu 
finden (Memling, van Eyck); in der Neuen Pinakothek 
zu München begegnet uns dafür einer der hervor- 
ragendsten Maler Siebenbürgens, Robert Wellmann, 
der auch im Ofenpester Nationalmuseum vertreten ist. 
Die Malkunst wurde in Siebenbürgen so recht einge- 
bürgert durch den aus Mecklenburg gebürtigen Karl 
Dörschlag. Sorgfältige Zeichnung und solide Pinsel- 
führung kennzeichnen diese kräftig aufstrebende junge 
Schule der letzten Jahrzehnte; außer Wellmann sind 
unter diesen Künstlern Artur Coulin. Karl Ziegler 
(in Posen), Fritz Schullerus und Friedrich Mieß zu 
nennen, jeder eine ausgeprägte Individualität für sich. 
Als Sängerinnen haben sich in Berlin die Geschwister 
Lula Myß-Gmeiner und Ella Klein-Gmeiner einen 
Namen gemacht. Schon durch diese knappen Feststel- 
lungen wird der Zusammenhang des siebenbürgisch- 
deutschen Geisteslebens mit der gemeindeutschen Kul- 
tur genügend dargetan. 
Die Kriegstüchtigkeirder Siebenbürger Sachsen 
äußerte sich auch in der Gegenwart nicht nur dadurch, 
daß sie im Verhältnis zu den anderen Völkerschaften 
die größte Zahl von Kriegsteilnehmern stellten, sondern 
auch durch ihre starke Vertretung unter den führenden 
Männern in der Kriegskunst. General v. Kövess ist der 
Sohn einer sächsischen Mutter, und der Generalstabs- 
chef Freiherr Arz v. Straußenburg entstammt einem 
alten sächsischen Patriziergeschlecht aus Hermannstadt. 
Das sächsische Gewerbe hatte während des letzten 
Menschenalters durch den ungarisch-rumänischen Zoll- 
krieg stark gelitten; unternehmungslustige Sachsen 
wanderten infolgedessen vielfach nach Rumänien ab, 
wo sie, unterstützt von König Karl, lebensfähige In- 
dustrien schufen. Seit etwa 20 Jahren hat sich dagegen 
auch in Siebenbürgen eine vielversprechende junge 
Industrie entwickelt, deren beachtenswerteste Ver- 
treter fast ausschließlich Sachsen sind. Eine Befruch- 
tung dieser Industrie wird einerseits von der Beteili- 
gung deutschen Kapitals erwartet, nicht zum geringsten 
Teil aber von der Ausnußung der vor wenigen Jah- 
ren entdeckten Erdgasquellen, deren Zuleitung aller- 
dings von der ungarischen Regierung zunächst nur 
für die industriearmen madjarischen Städte Sieben- 
bürgens in Aussichtgenommen ist. Die Finanzierung 
und die technische Anlage wurden in der Hauptsache 
der Deutschen Bank übertragen. 
Volkswirtschaftlich befruchtend wirken unter den 
Sachsen vorzugsweise die sächsischen Sparkassen 
in Hermannstadt und Kronstadt; ihren Reingewinn 
wenden sie kulturellen Zwecken zu. Dividenden wer- 
den den Aktionären nur in der Höhe der gewöhnlichen 
Spareinlagen zugesprochen. Die erste Sparkasse über- 
haupt in Ungarn wurde (1834) in Kronstadt gegrün- 
det. Auf dem ganzen Sachsenboden sind Hunderte 
von Faiffeisen= Verbinen tätig, um die Bauern im 
1 Abbildungen im Sammelwerk von E. Sigerus Burgen 
und Kirchenkastelle im siebendürgischen Sachsenlande (Hermann- 
stadt 1900). 
Der Krieg 1914/17. II. 
33 
Wege der wirtschaftlichen Selbsthilfe unabhängig zu 
erhalten. Das Hauptverdienst an der vorbildlichen 
Arbeil auf diesem Gebiet gebührt dem Direktor der 
Hermannstädter Sparkasse Karl Wolff. 
Der im Mittelalter blühende Handel der Sachsen 
erlitt naturgemäß durch die neuen Verhältnisse des 
Weltverkehrs erhebliche Einbuße. Eine kräftigere 
Neubelebung ist erst zu erwarten, wenn das mehr 
als dürftige siebenbürgische Eisenbahnnetz entsprechend 
ausgebaut werden wird. 
Das Vereinswesen der Sachsen ist durchweg auf 
völkischer Grundlage aufgebaut. Der Sammelpunkt 
für kirchliche Unterstützungstätigkeit ist der Gustav- 
Adolf Verein, für wissenschaftliche Forschung aller Art 
der Landeskundeverein und der jüngere Naturwissen- 
schaftliche Verein, für Ackerbau und Viehzucht der Land- 
wirtschaftliche Verein, für die touristische Erschließung 
des Landes der Karpathenverein, für evangelische 
Liebestätigkeit der evangelische Frauenverein; für die 
musikalischen Bestrebungen wirken der Siebenbürgisch- 
deutsche Sängerbund und für Leibeslbung eine große 
Anzahl städtischer und auch ländlicher Turnvereine und 
Jugendwehren, für Kunsthandwerkusw. der Sebastian- 
Hann-Verein. Die meisten Vereine haben ihren Haupt- 
ihin Hermannstadt. Allsommerlich tagen sie abwech- 
selnd an einem von Jahr zu Jahr bestimmten Ort diese 
„Vereinstage= sind eine ganz eigenartige Heerschau 
über die geistige Arbeit des sächsischen Volkstums, die 
dem Fremden einen genauen Einblick in das Kultur- 
gefüge dieser geschlossenen nationalen Gemeinschaftge- 
währt. Hier entfaltet sich ihm am bequemsten auch das 
reiche Bild der Volkstrachten. Durch den rumäni- 
schen Einfall im Herbst 1916 ist allerdings viel kost- 
bares Material vernichtet oder verschleppt worden, und 
es wird jahrelanger Mühe bedürfen, bis die also geich- 
teten Schätze der Volkskunst erneuert werden. Emsig 
arbeitet daran der (in Honigberg bei Kronstadt) neu- 
egründete Verein = Sächsischer Hausfleiße, der die 
Oerstellung und den Vertrieb der Stickereien fördert. 
Es ist als sicher anzunehmen, daß sich durch diese Haus- 
industrie auch auf dem Wege der Ausfuhr nach Deutsch- 
land der bäuerlichen Bevölkerung eine recht ergiebige 
Erwerbsquelle eröffnet. 
Die deutsche Schauspielkun stwird durch Wander- 
gesellschaften gepflegt, vorzugsweise in Hermannstadt 
und Kronstadt. Unter den zahlreichen deutschen Zei- 
tungen sind vor allem das -Siebenbürgisch-deutsche 
Tageblatte, die = Siebenbürgisch deutsche Tagespost- 
(beide in Hermannstadt) und die-Kronstädter Zeitung. 
zu erwähnen, alle drei täglich erscheinend. Die erste 
Druckerei in Ungarn errichtete 1533 der Reformator 
Honterus (in Kronstadt). 
Die madjarische Bevölkerung Siebenbürgens 
zählt nach der amtlichen ungarischen Statistik (von 
1910) 918217, die rumänische 1472021 Seelen, 
d. h. 34.3 bzw. 55 v. H. Wirtschaftlich bedeuten die 
in entschieden aufsteigender Linie sich entwickelnden 
Rumänen für das siebenbürgische Deutschtum durch 
ihre bescheidene Lebenshaltung und ihre starke Volks- 
vermehrung eine gewisse Gefahr, während sich aus 
der notwendigen Abwehr gegen die Madjarisierungs- 
bestrebungen für die beiden Nationalitäten manche 
wesentliche Berührungspunkte ergeben. (Die 3 Mil- 
lionen Rumänen Ungarns haben im Reichstag 5 und 
die noch nicht 10 Millionen Madjaren 395 Vertreter.) 
Das Madjarentum dringt vorzugsweisein jenen Städ- 
ten vor, wo ihm durch Besetzung oder Neuschaffung 
von Beamtenstellen künstlich Vorschub geleistet wird. 
3
        <pb n="40" />
        34 
Ausschlaggebend in der Gemeinde- und Komitats- 
verwaltung ist aber auf dem alten „Königsboden- 
doch auch heute noch das deutsche Bürger= und Bauern- 
tum. In den Landgemeinden wohnen die Sachsen 
nur mit Rumänen untermischt. 
Ihrer historischen Aufgabe als -Grenzwächtere 
nach Ost und Süd werden die Sachsen noch erfolg- 
reicher gerecht werden, wenn der während des Krieges 
ausgearbeitete Plan einer Neubesiedlung und der 
Rückwanderung (aus Rumänien und Amerika) 
durchgeführt wird. Erfreulicherweise steht die un- 
garische Regierung dieser Bewegung freundlich gegen- 
über, hemmt sie wenigstens nicht. Im Sturmjahr 
1848 wurde der evangelische Pfarrer Stephan Lud- 
wig Roth standrechtlich erschossen, weil er sich bemüht 
hatte, aus dem Mutterland deutsche Siedler in Sieben- 
bürgen ansässig zu machen. Heute, nach den Er- 
fahrungen des Wterieges, muß doch auch innerhalb 
des Madjarentums die Überzeugung allgemach zum 
Durchbruch kommen, daß deutscher Zuzug in Ungarn 
die zuverlässigste Stärkung des wohlverstandenen un- 
garischen Staatsgedankens bedeutet. 
Die völkische Sicherung dessieben bürgischen Deutsch- 
tums auch für eine fernere Zukunft wird aber zunächst 
hauptsächlich davon abhängen, ob es gelingen wird, 
den engeren politischen und kulturellen Zusammen- 
hang mit den Übrigen Deutschen in Ungarn herzustel- 
len, deren Volkszahl in Wirklichkeit, bei vorsichtiger 
Schätzung, auf etwa dritthalb Millionen veranschlagt 
werden kann. Die amtliche ungarische Zählung gibt 
zwar nur ungefähr 2 Millionen Deutsche in Ungarn 
an, dabei ist aber zu beachten, daß die Zählkommissare 
angewiesen waren, die Muttersprache nach dem Be- 
kenntnis zu bestimmen, welche Sprache »anmi liebsten- 
gesprochen wird. Die Freimütigkeit des Bekenntnisses 
wird dadurch bei allen von Staats- und Gemeinde- 
ämtern abhängigen Personen auf eine harte Probe 
gestellt. Außerdem wird durch die Vermengung des 
geographischen und staatsrechtlichen Begriffs un- 
garisch= mit dem rein elhnographischen »madjarisch« 
mancherlei für die Deutschen sehr nachteilige Verwir- 
rung bewirkt, zumal in der madjarischen Hrache die 
gerade für die Sprachverhältnisse grundlegende Schei- 
dung der beiden Begriffe nicht möglich ist; sie hat 
dafür nur ein Wort (magyar). Im madiarischen 
Sprachgebrauch ist deshalb der ungarische= Staats- 
bürger ohne Rücksicht auf sein besonderes Volkstum 
schlechtweg „Madjare. 
Die Siebenbürger Sachsen werden zwar, wenn eine 
wesentliche Erweiterung des Wahlrechts in Ungarn 
verwirklicht wird, wie sie Kaiser Karl (durch Hand- 
schreiben vom 29. April 1917) in Aussicht gestellt hat, 
in ihrem Besitzstand an Reichstagsmandaten nicht 
unerheblich eingeschränkt werden. Der Verlust wird 
aber reichlich ausgewogen werden, wenn die geheime 
Abstimmung auch auf dem Land erfolgt; bisher ist 
I. Politik und Geschichte 
sie nur den Städten zugestanden, wo das Madjaren- 
tum, abgesehen von den sächsischen Städten, das Heft 
fest in der Hand hält. Nur durch die geheime Stimm- 
abgabe kann aber der Wahlvorgang von der starken 
behördlichen Beeinflussung, wie sie in Ungarn gang 
und gäbe ist, dauernd befreit werden. Dann nur wer- 
den im ungarischen Reichstag auch die übrigen Deut- 
schen vertreten sein, die jetzt senen einzigen völkischen. 
Abgeordneten zu wählen vermögen. Ihnen würden 
bei billiger Durchführung der Reform im richtigen 
Verhältnis zu ihrer Volkszahl und Durchschnittsbil- 
dung mundestens 50 Mandate zukommen, und sie trä- 
ten damit auch als politischer Fakor nach Gebühr in 
die Erscheinung. Dann werden auch die Siebenbürger 
Sachsen, als die berufenen Führer des gesamten un- 
garländischen Deutschtums, bei voller Anerkennung 
der Staatsnotwendigkeiten aus ihrer jetzigen scheuen 
Zurückhaltung hervortreten. Auch von der Krone wer- 
den sie dann als Stütze der geschlossenen staatsrecht- 
lichen Gemeinsamkeit zwischen Osterreich und Ungarn 
politisch sehr viel höher zu werten sein. Bon der Platt- 
form des Parlaments können dann auch die übrigen 
Deutschen in Ungarn mit sicherer Aussicht auf Erfolg. 
den Wiederaufbauihres deutschen Schulwesens fordern, 
wie es den Siebenbürger Sachsen in vorbildlicher Aus- 
gestaltung seit den Tagen der Reformation eigen ist. 
Literatur. Außer den im Text bereits angeführten 
Schriften sind zu erwähnen: Michael Albert, Gedichte, 
(Hermannst. 1893); E. Bi en „Siebenbürgen. Ein Handbuch 
für Reisende (das. 1903); R. Csallner, Quellenbuch zur 
vaterländischen Geschichte (das. P00 C. Frhr. v. Czörnig, 
Ethnographie der österreichischen onarchie, Bd. 2 und 3 
(Wien 1855 u. 1857); J. Haltrich, Deutsche Volksmärchen 
aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen (Hermannst. 1885); 
J. Haltrich u. J. Wolff, Zur Volkskunde der Sieben- 
bürger Sachsen (Wien 1885); F. Herfurth u. F. Schiel, 
Sächsisches Bolksliederbuch (mit Melodiensatz, Hermannst. 
1900); R. Kaindl, Geschichte der Deutschen in den Kar- 
pathenländern, Bd. 2 und 3 (Gotha 1907 u. 1911); V. Käst—J 
ner, Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart (Her- 
mannstadt 1895); L. Korodi, Deutsche Vorposten im Kar- 
pathenland (Berl. 1908); Derselbe, Siebenbürgen, Land und- 
Leute (das. 1906); Friedr. Müller, Siebenbürger Sagen 
(Hermannst. 1885); Müller-Langenthal, Die Sieben- 
bürger Sachsen (Weimar 1911); V. Roth, Geschichte der 
deutschen Baukunst in Siebenbürgen (Straßb. 1905, Der- 
selbe, Geschichte des deutschen Kunstgewerbes in Siebenbürgen 
(das. 1908); Fr. Guntram Schultheiß, Deutschtum und 
Madjarisierung in Ungarn und Siebenbürgen Münch. 1898): 
Fr. Wilh. Schuster, Gedichte (Hermannst. 1896); E. Si- 
gerus, Durch Siebenbürgen. Eine Touristenfahrt (Bilder; 
das. 1905); E. Thullner, Ous der Rokestuw. Lasug Ge- 
schichten ä saksesche Reimen (das. 1906); Trausch u. J. C. 
Schuller, Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Sachsen 
(das. 1868 ff.); Franz Zimmermann, Georg Müller u. 
Karl Werner, Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in 
Siebendürgen (das. 1892 ff.); ferner „Archiv= des Vereins für 
siebenbürgische Landeskunde (das., seit 1862); -Korrespon= 
denzblatt- desselben Vereins (daf., seit 1877); = Jahrbuch- 
des Siebenbürgischen Karpathenvereins (das., seit 1881). 
Die lrredenta 
von Schulrat Dr. med. et phil. Wilh. Rohmeder in München 
Begriff, Name und Wesen. lrredenta“ (i„Die 
italienischen Unerlösten«), „Italia irredenta“ („Das 
unerlöste Italien«), „ Terra irredenta (7 Unerlöster 
Vol'sboden-). diese und ähnliche Ausdrücke und 
Wortverbindungen sollen, im wesentlichen überein- 
stimmend, dem Gedanken Ausdruck geben, daß nam- 
hafte Bestandteile des italienischen Volkstums 
unter fremder Herrschaft stehen. Ein lrreden- 
tistac ist ein -Unerlöster. Die auf Erlösung oder 
Befreiung dieser Volksbestandteile gerichteten Lehren 
und Bestrebungen werden unter der Bezeichnung
        <pb n="41" />
        Rohmeder: Die krredenta 35 
„ Irredentismus- zusammengefaßt. In der zweiten 
und dritten der obigen Wortverbindungen kommt 
gleich der geographische oder geschichtliche Neben- 
egriff mit zum Ausdruck daß nicht nur Bestandteile 
des italienischen Bolkes, sondern auch Teile des 
Landes Italien zu rerlösen= seien. Diese Vorstel- 
lung ist auch in dem Ausdruck -Redenziones (von 
redimere = erlösen) in dem Sinne mitenthalten, daß 
die „Erlösunge in der Zurückgabe an das Stamm- 
land bestehe. 
Name und Begriff sind also italienischen Ur- 
sprungs. In den letzten Jahrzehnten hat man indes 
beide auch auf außeritalienische Verhältnisse Über- 
tragen. Das klassische Land des Irredentismus aber 
war und blieb immer dessen Heimatland Italien. 
Die geschichtlichen Grundlagen desselben waren die 
politischen Verhältnisse, die dem Lande durch den 
Wiener Kongreß (1814—15) gegeben worden waren. 
In seiner nun 100jährigen Goschichte sind zwei Pe- 
rioden erkennbar. 
Die treibenden Kräfte der ersten Periode (1814 
bis 1861)0 sind die Gedankengänge, Schlagwörter und 
republikanischen Ziele der Revolution von 1789, 
jedoch in solcher Umgestaltung der letzteren, daß an die 
Stelle der »Liberté« die -Befreiunge und an die Stelle 
der „Egalité et Fraternité die politische Einigung- 
trat. Trägerinnen und Pflegerinnen waren die über 
ganz Italien verbreiteten, von der Schweiz, von Paris 
und London aus geleiteten (und bezahlten) Geheim- 
gesellschaften, besonders die der Carbonari und der 
Freimaurerlogen, die infolge der engen politischen 
Verbindung des lombardisch-venezianischen König- 
reichs (Oberitalien bis zum Tessin) mit alten Kron- 
ländern der habsburgischen Monarchie auch in diese 
hinüberwechselten. Fruchtbaren Nährboden lieferte, 
dort wie hier, das Metternichsche Regierungssystem, 
das die Bedeutung einer geistig-politischen Bewegung 
nicht zu erkennen und derselben nur mit groben Hos 
zeimaßnahmen zu begegnen vermochte. Durch die 
Verbindung des sardinisch-piemontesischen Königtums 
(Viktor Emanuel II., Cavour) mit den Trägern der 
revolutionär-republikanischen Bewegung (Mazzini, 
Garibaldi) wurde unter der Führung des ersteren 
und vorläufiger Zurückstellung der politischen Ziele 
(republikanische Staatsform) seitens der letzteren 
durch die Errichtung des Königreichs Italien (1859 
bis 1861) die obengenannten Ziele nahezu vollstän- 
dig erreicht. 
Die zweite Periode (1861—1915) entnahm ihre 
geistigen Waffen den Lehren des sog. Nationali- 
tätenprinzips, die Napoleon III., der Enkel und Erbe 
der Revolution. zur Grundlage seiner Politik erhoben 
haite, soweit sie ihm zur Erreichung selbstsüchtiger 
Zwecke dienlich schienen. In den ersten Jahrzehn- 
ten nach 1861 vermochten die Vertreter des monarchi- 
schen Gedankens (Crispi, Giolitti u. a.) die revolu- 
tionär-republikanischen Elemente (Nadikale, Republi- 
kaner, die staats-= und kirchenfeindlichen Logen), die 
nun die Träger und Pfleger auch des Irredentismus 
geworden waren, noch zu beherrschen und zu leiten. 
Nachdem aber (1876) dieser (durch Zanardelli u. a.) 
hof= und regierungssähig geworden war, gelangte die 
Leitung des innerlich noch nicht festgefügten Staates 
mehr und mehr in die Hände der revolutionären Ele- 
mente, deren Willensvollstrecker nun der semitisch-eng- 
lische Bastard Sonnino geworden ist, der das König- 
tum 1915 in das Abenteuer der Beteiligung am Welt- 
krieg hineinriß. 
Geschichtlich-politische, geographische und ethno- 
graphische Grundlagen. Man vergegenwärtige sich 
die durch den Wiener Kongreß geschaffenen politischen 
Verhältnisse Italiens: Oberitalien unter der unmittel- 
baren Herrschaft, Mittelitalien durch habsburgische 
Nebenlinien (Modena, Parma. Toskana) unter der 
Vormundschaftder Metternichschen Regierungsgrund- 
sätze; im Übrigen Mittelitalien der Kirchenstaat mit 
seinem hierarchischen Regierungssystem; in einem 
Reste Mittelitaliens und in Unterstalen Sizilien 
Bourbonen, die auch hier anichts gelernt und nichts 
vergessen hatten. Und demgegenüber nun der Gang 
und die Erfolge der Befreiungs= und Einigungs- 
bestrebungen (1848 —70), die infolge glücklicher Um- 
stände und mit fremder Hilfe ihre Ziele erreichten! 
Der Versuch des treulosen und charakterschwachen 
Königs Karl Albert von Piemont-Sardinien (1848) 
scheiterte an der Feldherrnkunst Radetzkys (Custozza, 
Novara, Mortaral). Die Verbindung des klugen und 
zielbewußten Sohnes und Nachfolgers Karl Alberts, 
Viktor Emanuels, unter der Leitung eines zuver- 
lässigen und tatkräftigen Staatsmanns (Cavour) mit 
Napoleon III. und der Revolution zugleich führte 
zum Erwerb der Lombardei (Magenta, Solferinol) 
und der mittelitalienischen gaitten (1859), ferner 
des größten Teiles des Kirchenstaates und Unterita- 
liens mit Sizilien (1860) und zur Errichtung eines 
italienischen Königtums (1861), dessen Kronträger 
allerdings schon 1860 das Stammland seiner Dyna- 
tie, Savoyen, und das Heimatland Garibaldis, die 
italienische Grafschaft Nizza, für die geleisteten Dienste 
an Frankreich hatte abtreten müssen. Das Bündnis 
mit Preußen im Jahre 1866 brachte dem jungen Kö- 
nigreich trotz seiner Niederlagen zu Land und zu Was- 
ser (Custozza, Lissal) Venetien, und die Abberufung 
der französischen Schutztruppen aus Rom infolge des 
deutsch-französischen Krieges (1870) öffnete die Tore 
dieser Stadt. Das Wort Italien= hatte aufgehört, 
ein bloß geographischer Begriff zu sein. Halte es von 
1861—70 im Gegensatz Jum „erlösten Italiene ¶ ta-- 
lia redenta) noch eine - Terra irredenta gegeben, so 
konnte nun auch dieser Gegensatz als beseitigt gelten. 
Denn welche Bestandteile des italienischen Volkes 
bzw. welche wirklichitalienischen Gebiete konn- 
ten zum fertigen Italienc noch fehlen? Man mochte 
an die folgenden denken: 
1) Korsika, seit 1768 bei Frankreich; 2) die Graf- 
schaft Nizza, seit 1860 bei Frankreich; 3) Malta, 
im Jahre 1800 von England als Seesperre am über- 
gang vom westlichen zum östlichen Mittelmeerbecken 
wegigenommen : 4) der schweizerische Kanton Tessin; 
5) die (nach irredentistischer Ausdrucksweise) -italieni- 
schen Provinzen-, die noch im Besitze Osterreichs 
verblieben waren. Es mußte nun auffallen, daß sich 
die fortgesetzte irredentistische Werbung und Bewe- 
gung nicht auf die, in sich abgeschlossenen und ohne 
weifel nahezu rein italienischen Gebietsteile Korsika. 
eizza und Malta (mit zusammen 800000 Bewoh- 
nern) und ebenso nur lau und gelegentlich und 
ohneernstlich geäußerte Losreißungsbestrebungen auf 
das Tessin erstreckten, sondern sich vielmehr auf alte 
habsburgische Provinzen und Kronländer beschränk- 
ten, in denen sie gerade am allerwenigsten geschicht- 
lich, geographisch, völkisch und sprachlich be- 
gründet sind. Diese, beim ersten Blick befremdliche 
Erscheinung kann indes nicht mit einem Hinweis auf 
die geschichtlich-politischen Beziehungen zwischen Oster- 
reich und Italien genügend erklärt werden; dunkle 
3*
        <pb n="42" />
        36 
Rassenimstinkte und andere aus der Tiefe der italie- 
nischen Volksseele emporquellende Gegensätzlichkeiten 
wirkten in weit stärkerem Maße bestimmend mit. 
Folgendes ist festzustellen: Geschlossene italie- 
nische Volks= und Sprachgebiete gibt es in 
Osterreich nicht; nicht einmal die Stadt Triest mit 
Gebiet kann als ein solches gelten (118 536 Italiener 
gegen 70 489 Deutsche und Slawen). Wohl verzeich- 
nete die irredentistische Ausdrucksweise in zahllosen 
Flugschriften, Ansichtskarten und anderen bildlichen 
Darstellungen fünf unerlöste italienische Provinzen 
(Dalmatien, Görz mit Küstenland, Istrien, Triest, 
„Trentino#rs), von denen die neuere Irredentisten- 
Tages= und Zeitschriftenpresse die drei mittleren als 
»Provincia Giulia# zusammenzufassen pflegt, wäh- 
rend die »Provinz Trentino“ in ein „ Trentino di 
sotto« (das mittlere Etschgebiet) und ein = Trentino di 
sopra# (das obere Etsch= und das Eisackgebiet) geteilt 
wird, der Herausgeber des -Archivio per I'Alto 
Adige-##dagegen das österreichische Etsch= und Eisack- 
land kartographisch als zwei getrennte Provinzen dar- 
tellt (Trentino= und - Alto Adige:). Allein schon der 
lick auf eine gute, d. h. nicht nach irredentistischen 
Rezepten gefertigte Volks= oder Sprachenkarte der 
unerlösten Provinzen= oder in ein deutsches Hand- 
buch der Geographie genügt, zu zeigen, wie es um die 
„Italianitäte dieser „Provinzen= steht. Wohl wurde 
nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung (31. 
Dez. 1910) die Zahl derer, die sich italienischer oder 
ladinischer Mundarten als Umgangssprache bedienen, 
auf 768000 berechnet. Aber der weitaus größte 
Teil derselben besteht aus Rätoromanen (Ladinern 
in Tirol, Friaulern im Görzischen und in den Küsten. 
landen) — sei es, daß sie heute noch rätoromanische 
Mundarten reden, sei es, daß sie es bloß dem Blute und 
der Herkunft nach sind — oder Deutschen, die in den 
letzten acht Jahrzehnten (infolge der Wirkungen der 
Metternichschen Ara und desirredentistischen Zwanges) 
nur oberflächlich sprachlich verwelscht wurden. Gegen- 
über der allgemeinen Unkenntnis in bezug auf diese 
Tatsachen und den irredentistischen Ansprüchen kann 
dies nie scharf genug hervorgehoben werden. 
Die Verhältnisse in den beiden in Betracht kommen- 
den Gebieten — Südtirol und Adriagebiete — sind 
indes so verschieden, daß sie gesondert betrachtet wer- 
den müssen. 
a) Südtirol. 
Mit drei Gruppen von Schlagwörtern suchte die 
irredentistische Werbung und Volksverhetzung in Ita- 
lien und im Ausland die Ansprüche Italiens auf Süd- 
tirol oder auf Teile desselben zu begründen, näm- 
lich mit den Redensarten von den egeschichtlichen 
Rechtene, den -natürlichen Grenzen= Jtaliens 
und von den zunerlösten Brüderne. 
Die Behauptung von geschichtlichen Rechten- 
läßt sich mit wenig Worten erledigen. Abgesehen von 
der kurz dauernden (1810—13) Napoleonischen Zu- 
weisung eines Teiles von Südtirol an das Vizekönig- 
reich Italien (das übrigens bloß Lombardei-Vene- 
tien und die Osthälfte von Mittelitalien umfaßte), hat 
Südtirol oder haben Teile desselben nie zu Italien 
gehört. Geschichtliche Ansprüche auf Südtirol oder 
überhaupt auf Gebiete Osterreichs aber mit der Be- 
rufung auf das Römerreich begründen zu wollen, ist 
eine Fälschung, die man bloß der Unwissenheit bieten 
1 Tolomeo Ettore, Archivio per I'Alto Adige. 
presso Egna (Bolzano, seit 1906). 
Gleno 
I. Politik und Geschichte 
darf. Denn das Italien von 1861 ist ebensowenig 
eine Fortsetzung des Römerreiches, als die Italiener 
von heute Nachkommen der Römer sind. überdies 
gehörten die Ausgangstore aus den Alpen zur ober- 
italienischen Tiefebene am Isonzo, an der Brint 
(Brenta) und an der Etsch seit 952, d. h. seit der Errich- 
tung der Marken Verona (Bern) und Aquileja (Aglei), 
stets zum Machtgebiete des deutsch-römischen Reiches. 
Nicht besser steht es um die Redensart von den 
-5natürlichen Grenzen Italiens. Wohl hat der 
Trienter Professor Johann Frapporti, der Erfin- 
der des -Trentino-, seinem berüchtigten Buchet schon 
1840 eine Karte beigegeben, die sein von ihm erfun- 
denes staatsrechtliches Gebilde bis zum Brenner aus- 
dehnte. Wohl hat der verwegenste aller Verschwörer 
und Revolutionäre und der tollkühnste Vorkämpfer 
für die staatliche Einheit Italiens in der Form einer 
Republik, der Genueser Advokat Josef Mazzini, in 
seinem Aufruf vom 25. August 1866 erklärt: -Uns 
gehört, wenn je ein italienisches Land unser war, das 
Trentino bis Brunopolis= und bis zum rätischen Al- 
penkamm; unser sind alle Voralpen südlich davon und 
alle Gewässer, die sich in die Etsch, in die Adda, in 
den Oglio, in den Po und in den Golf von Venedig 
ergießen. Natur, Wachstum und Sitte dieser Gebiete 
reden im Gegensatz zum Inn die Sprache Italiens. 
Sie gehörten einst zu Rome usw.s Wohl blieb diese 
Lehre fortan das irredentistische Glaubensbekenntnis, 
und als erster hat Vallardi in Mailand“" für das 
Gebiet südlich der Wasserscheide zwischen Inn und 
Etsch auch italienische geographische Namen aufzufin- 
den sich bemüht. Wohl wurde diese Lehre seitdem in 
Lehr= und Schulbüchern und auf Hand- und Wand- 
karten viel tausendfach verbreitet und dem italienischen 
Volk als nationalpolitisches Dogma glaubhaft ge- 
macht,. Wohl haben neuestens sogar italienische Ge- 
lehrte von Ruf »die Lehre von der staatenbildenden 
Kraft der Wasserscheiden: wissenschaftlich zu begrün- 
den versuchts. Vergeblich! Alle Lehren der Geschichte, 
der Staatenbildung und der politischen Geographie 
sprechen dagegen. Nie und nimmer haben Wasser- 
scheiden natürliche Staatsgrenzen gebildet und nie 
und nirgends haben innerhalb der Alpen Wasserschei- 
den als Volks-, Stammes= oder Staatsgrenzen be- 
standen. Die Alpen, als Naturgebilde betrachtet, 
bilden eben ein durch seine Eigenart zusammenge- 
höriges, einheitliches Naturgebiet, und die 
wahren Naturgrenzen eines Staates sind an den Gren- 
zen seines Naturgebietes zu suchens. 
Und daran haben wahrscheinlich die Verkünder die- 
ser Lehre überhaupt nicht gedacht, daß innerhalb des 
großen Halbkreises von Nizza über die Zentralalpen 
zum Quarnero und weiter bis zur Bucht von Cat- 
taro — einem Gebiet von 300000 qkm, das sie Ita- 
lien zusprechen — die paar Tausende wirklicher Ita- 
liener eine winzige, verschwindende Minderheit gegen- 
1 Frapporti, Della storia e della condlione del Tren- 
tino (Trient 1840). 
2 (Gemeint ist Bruneck. 
* Mazezini, Serlttl editi e lnediti (Mail. u. Rom 1873— 
1891, XIV. Ad., S. 211 ff.). 
4 Francesco Ballardi, Carta corografffa del Trentino 
(Mail. o. J., nach 1866 erschienen!. 
* So Marinellt, Vater u. Sohn, jener, Giovanni M., in 
seinem Werk La Terras (Mail. 1885—99, IV. RBd.), dieser, Olinto 
M., in der Schrift „Arca doell’ Italia naturalee (1895). 
65 Vgl. W. Rohmeder, Die Naturgrenze Italiens gegen Norden 
(Kest 28 der Zeitschrift » Das Deutschtum im Auslande, Berl. 1916).
        <pb n="43" />
        Rohmeder: Die lrredenta 
über den Hunderttausenden von Deutschen. Räto- 
romanen und Slawen ausmachen würden und daß sie 
damit zu den gerade von den = Unerlösten am lau- 
testen und geräuschvollsten verkündeten Forderungen, 
die sie aus dem = Nationalitälenprinzip= ableiten, in 
schreienden Widerspruch gerieten. 
Denn in Wirklichkeit gibt es ein bodenständi- 
es Italienertum in Tirolnicht. Bis ins 16. 
Fahrdundert war den Italienern die dauernde Nie- 
derlassung innerhalb des gesamten Gebietes des heu- 
tigen Tirols verboten, oder nur mit besonderer landes- 
herrlicher oder auch kaiserlicher Erlaubnis konnte sie 
gestattet werden. Nur während der Zeit, da es der 
epublik Venedig vorübergehend gelungen war, 
die südlichen Alpenausgänge unter ihre Gewalt zu 
bringen, konnten sich Venediger in Rofereit und süd- 
lich davon und am Gartsee dauernd niederlassen. 
Maximilian I. nahm der Republik diese alten Reichs- 
gebiete wieder ab (1509), und während seiner Regie- 
rungszeit und im ganzen 16. Jahrhundert wurde stets 
nur einzelnen orosiuischen- Familien die Einwan- 
derung und die Niederlassung gestattet. Es gehört 
nicht hierher, nachzuweisen, warum und unter welchen 
Umsständen in den folgenden Jahrhunderten zahlrei- 
chere italienische Einwanderungen erfolgen konnten. 
Was aber Tecinis von den italienischen Vollselemen- 
ten östlich der Etsch behauptet und nachweist —. Avven- 
tizii e stranieri d’origine# nennter sie —, das gilt auch 
von den wirklichen Jutalienern in den Landschaften 
rechts der Etsch. Wirkliche Italiener in Welschtirol sind 
bloß die Eingewanderten bzwideren unvermischtgeblie- 
benen Abkömmlinge. Man schätzt ihre Zahl auf 50 
70000. Die Masse der einheimischen, bodenständigen 
Bevölkerung besteht aus Rätoromanen oder Deutschen. 
Dies ergibt sich auch aus den sprachlichen Ver- 
hältnissen. Noch Dante schloß das Vulgare tur- 
pissimum- (das Ladinische), das seinerzeit im unteren 
Etschtal gesprochen wurde, mit scharfen Worten von 
der Zugehörigkeit zur italienischen Sprache aus. Die 
seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zunächst 
von seiten der Kirche eingeleitete sprachliche Verwel- 
schung der bodenständigen welschtirolischen Bevölke- 
rung konnte allerdings infolge besonderer Umstände 
in der Folge Fortschritte machen und besonders (im 
19. Jahrhundert) unter den Wirkungen der Metter- 
nichschen Einrichtungen bis zum heutigen Grade sich 
entwickeln. Aber auch heute noch gilt, was Christian 
Schneller vor 50 Jahren? von den ehemals deut- 
schen Landschaften östlich der Etsch schrieb, daß näm- 
lich über das dortige Deutschtum die italienische 
Sprache nur wie ein dünner Schleier gezogen und 
selbst dieser noch an verschiedenen Stellen (in den deut- 
schen Sprachinseln!) zerrissen seie. Heute noch leben 
in Welschtirol an 10000 Deutsche, und sprechen unter 
397000 Welschtirolern noch 94000 ladinische Mund- 
arten. Ja, der beste italienische Kenner der welschtiro- 
lischen Sprachverhällnisse und der bedeutendste italie- 
nische Sprachforscher im letzten Vierteljahrhundert 
G. J. Ascoli“" behauptel in übereinstimmung mit 
1 Lgk. W. Rohmeder, Bölkischer Reiseführer (Klagensurt 
1914, Abschnitt Südtirole, S. 222 ff.). 
2 Francesco dei Tecini, Dissertazione intorno alle Popo- 
larionl alplne tedesche del Tirolo Meridlonale usw. (Trient 1860). 
3 „Süld#ttrol nach seinen geographischen, ethnographischen und 
geschichtlichen Verhälmissena in der Osterreichischen Nevue (5. 
Jahrg., 1867, S. 101ff.). 
4 aArchtvio glottologico kallanos (Rom, Turin u. Florenz 
1813, Bod. L S. 317 ff.) 
37 
anderen (deutschen und italienischen) Kennern der 
Verhältnisse, daß — nämlich im Gegensatz zur ange- 
stammten Redeweise der Bevölkerung — die italieni- 
sche Sprache nur im Etschtal, am Westrand des Sulz- 
berges einerseits und des Fleimser Tales anderseits 
Eingang gefunden und selbst in der unmittelbaren 
Umgebung von Trient und im Suganertal eine Ver- 
mengung des Italienischen mit dem Ladinischen statt- 
gefunden habe. Nur die Umgebung von Rofereit 
(Rovereto) und Reif (Riva) nimmt er ausdrücklich 
von dem Gebiet aus, wo Merkmale des Ladinischen 
noch herrschen oder wenigstens nach Geltung ringen. 
Auf einer solchen Grundlage gelang es der ita- 
lienischen Irredenta durch eine der größten Fälschun- 
gen der Geschichte eine rein #taljenische Provinz, Treu- 
tino zu schaffen und es zu ermöglichen, daß das mo- 
derne Italien in den Jahren 1848 und 1849, 1859, 
1866 und 1915 unter Berufung auf nationale Rück- 
sichten mit Waffengewalt unbegründete Ansprüche auf 
eines der wichtigsten Stücke althabsburgischen Besitzes 
erheben konnte. So wird es denn auch leicht erklär- 
lich, warum sich der Irredentismus in Welschtirol stets 
auf kleine, wirtschaftlich und sozial bestinumt umgrenzte 
Kreise der Bevölkerung beschränkte. Die große Masse 
der bodenständigen Bevölkerung Welschtirols stand 
ihm stets ablehnend, ja feindlich gegenüber". 
b) Adriagebiete. 
Die irredentistischen Bestrebungen erstreckten sich 
in Italien und Osterreich bis 1859 fast nur auf Süd- 
tirol. Erst nach 1859 und besonders nach 1866 be- 
gunnen sie auch auf die Adriagebiete überzugreifen. 
koch 1848 war Triest in der Frankfurter National- 
versammlung durch deutsche Abgeordnete vertreten, 
und alssich sardinisch-neapolitanische Kriegsschiffe auf 
der Höhe von Triest zeigten, wurde auf dem Kastell 
die schwarz-rot-goldene Fahne gezogen zum Zeichen, 
daß die Stadt unter dem Schutze des Deutschen Rei- 
ches stehe. In dem erwähnten Manifest Mazzinis 
vom 25. August 1866 aber hieß es: = Uns gehören 
die Julischen und Karnischen Alpen. Das istrianische 
Ufer ist der östliche Teil und die Ergänzung des vene- 
zianischen. Uns gehört Hochfriaul. Uns gehört 
auch aus ethnographischen, politischen und wirtschaft- 
lichen Gründen Istrien, das für uns so notwendig ist, 
wie die Häfen Dalmatiene für die Südflawen. Unser 
ist Triest und der Karst mit Adelsberg, der jetzt Laibach 
unterworfen ist“, usw. Also: weil für Italien diese 
Gebiete zur Ergänzung des Westufers notwendig sind, 
deshalb hat es geschichtliche, geographische und völ- 
kisch begründete Ansprüche auf dieselben! 
Die rgeschichtlichenAnspruche werden von den 
irredentistischen Schriftstellern (und der italienischen 
Regierung') mit Hinweisen auf das Römerreich und 
auf (zerfallene) venedigische Militärkolonien begrün- 
det! Dienatürliche Grenze-Italiens nach dieser 
Seite bildet nicht etwa die Adria — die ja aus einem 
(Mare amaros ein . Mare nostro“ werden soll! —, 
sondern eine zum Teil künstlich zusammengestellte 
Wasserscheide über die Julischen und Dinarischen Al- 
pen und die dazwischen liegenden Hochflächen des 
Karstes! Und was die völkische und die sprachliche 
1 M. Mayr, Der italienische Irredentismus (2. Aufl., Zuns- 
bruck 1917, S. 80). 
2 Val. Wilh. Rohmeder, Es gibt kein Trentino (-„Inns- 
brucker Nachrichtene 1902, Nr. 121/122 und 124/125, ferner 1906, 
Nr. 236, und 1907, Nr. 271); Derselbe, Es gibt kein Trentino (° Die 
Bergstadte 1915, Heft 12); Kuk, Es gidt kein Trentino (Wien 1900).
        <pb n="44" />
        38 
Begründung der Ansprüche betrifft, so sind auch hier, 
wie in Südtirol, alle italienischen Elemente familien- 
weise Zugewandertec, die als forositische# oder als 
rechtsverfällte Flüchtlinge (Fuorsusciti = Vertrie- 
bene) oder als Notleidende irgendwelcher Art hier 
Justuchtsstätten suchten, gegen deren Zuwanderung 
Ferdinand I. 1553 scharfe Dekrete erließ, wie früher 
schon (in den 20er Jahren) wiederholt gegen das 
»armie venedigische Volk= in Südtirol, dessen Vertrei- 
bung er anordnete. Auch die ziffernmäßigen Verhält- 
nisse reden eine deutliche Sprache. Beim alten Bölker- 
tor am mittleren Isonzo stoßen drei Völker (Deutsche, 
Slawen und Friauler) und vier Sprachen (die Sprachen 
dieser und Italienisch) aufeinander. In der Graf- 
schaft Görz (mit Gradisca usw.) sind 63 Proz. der 
Bevölkerung Slawen, zum großen Teil slowenisierte 
Deutsche; 33 Proz. -zreden Irulisch, schreiben aber 
Italienisch= (A. Vench- nur 2 Proz. (5000) reden 
Italienisch. In Istrien machen die Italienisch Reden- 
den nur ein Drittel, höchstens zwei Fünftel (40000) 
der Gesamtbevölkerung aus, in Dalmatien, wo sie 
auf die Städte (Zara, Ragusa, Spalato usw.) be- 
schränkt sind, höchstens ein Zehntel. Überdies ist in 
allen diesen Gebieten das Welschtum im Rückgang. 
Nur Triest, seit 1382 habsburgischer Besitz und durch 
ungezählte Millionen österreichischer Staatsgelder, 
sowie deutschen Unternehmungsgeist das geworden, 
was es heute ist, haben die Italiener seit einem hal- 
ben Jahrhundert zu einer Hochburg des Irredentis- 
mus und zu einem Hauptsitz staatsfeindlicher irre- 
dentistischer Umtriebe und Anschläge zu machen ver- 
mocht, seit sie zur Mehrheit in der Stadt geworden sind 
(1910 in Stadt und Umgebung: 118 536 italienische, 
58747 flawische. 11742 deutsche, zusammen 189025 
Einw., ohne Militär und ohne die staatsfremden Ele- 
mente). Hier war denn auch stets der Hauptsitz aller 
irredentistischen Vereine und Vereinigungen (Lega 
nazionale, Società Dante Alighieri, Pro Patria, 
Trento e Trieste, Innominata, Corda fratres), meh- 
rerer in staatsfeindlicher Richtung von London und 
Paris aus geleiteter Logen usw., sowie zahlloser ge- 
sellschaftlicher Sport= und anderer Vereine, die sämt- 
lich unter harmlosen Aushängeschildern der irreden- 
tistischen Werbung und Verhetzung dienten. Hier 
war auch der Hauptsitz von Verschwörern und Ver- 
schwörungen in der Provincia Venezia Giulige hier 
z. B. die Heimat des Oberdank, der einen mißglückten 
Mordanschlag gegen Kaiser Franz Joseph machte und, 
mit dem Tode bestraft, nun dafür im ganzen irre- 
dentistisch-revolutionär gesinnten Italien als Mär- 
tyrer mit Straßenbenennungen, Denkmälern, Jah- 
resfesten usw. gefeiert wird; auch des Verschwörers 
Bürzel (jetzt Barzilai), eines Rabbiners Sohn, dem 
es gelang, aus einjähriger Untersuchungshaft wegen 
Oeteiligung an einem Mordanschlag gegen das 
Leben des Kaisers nach Rom zu entkommen, wo er 
als leidenschaftlich republikanischer Journalist zur 
Geltung gelangte, beim Ausbruch des italunish. 
österreichischen Krieges zum Minister der -Prorince 
irredente dell’ Austria“ ernannt wurde und als 
solcher durch Beteiligung an Kriegslieferungen sich 
schamlos bereicherte. 
1 Bgl. H. J. Bidermann, Die Nomanen und ihre Ver- 
breitung in Osterreich (Graz 1877, S. 135 ff. u. 168 ff., mit rei- 
chen Literaturnachweisen); C. Frhr. v. Chörnig, Das Land Görz 
(Wien 1873); Derselbe, Die Stadt Görz (Wien 1874); ferner 
C. Frhr. v. Czörnig (Sohn), Die ethnologischen Berhälmisse 
des österreichischen Küstenlandes (Trieft 1885). 
I. Politik und Geschichte 
Aus der Geschichte des Irredentismus!. 
Man hat versucht. die ersten irredentistischen Re- 
gungen in die Zeit des Erwachens nationaler Ideen, 
nämlich in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück- 
zuverlegen. Mit Unrecht. Die dafür in Anspruch ge- 
nommenen Kreise von Schöngeistern, Schriftstellern, 
„ Philosophen= und Dichterlingen in Rofereit und 
Umgebung (Baroni, Tartarotti, Rosmini u. a.), die 
sich in der - Academia degli Agiatie (1753) zusam- 
menfanden, Ablömmlinge sorositischer Geschlechter, 
hielten sich allerdings hochmütig abgesondert von der 
einheimischen (ladinischen und deutschen) Umgebung; 
aber für irredentistische Neigungen boten die politischen 
Zustände des Landes, aus dem ihre Vorfahren gekom- 
men waren, keinen Anreiz. Auch der Dichter von 
Iserac, Klemens Vannetti (gest. 1795), der Urheber 
jenes Wortes, das später zum Leitspruch der Irre- 
dentisten wurde: „Italiani noi siamo, ma non Tiro- 
lesi-:, gehörte zu ihnen. Der ganze deutschenhasserische 
Kreis bestand tatsächlich ausslbibmmilingen der ersten 
italienischen Einwanderung in Südtirol. 
Ebensowenig darf man die allerdings heftigen 
Streitigkeiten und Kämpfe zwischen den Alttiroler 
Ständemitgliedern und den Vertretern der = Welschen 
Konfinen= und der fürstbischöflichen Trienter Gebiete 
im sog. -Offenen Landtag= von 1790—92 als Auße- 
rungen irredentistischer Gesinnung deuten. Hierbei 
handelte es sich um ganz anderes, nämlich um wirt- 
schaftliche und politische Gleichberechtigung der letz- 
teren, im besonderen um Zulassung des welschtiro- 
lischen Weinhandels nach Deutschtirol. Auch in allen 
Verhandlungen, die dem Landtag vorangingen und 
nachfolgten, kann höchstens die in einer Versamm- 
lung in Streng (Strigno, im unteren Suganertal) 
ausgesprochene Bitte als solche von nationaler Fär- 
bung betrachtet werden, die Bewohner der Umgegend 
möchten von dem Zwange, Deutsch lernen zu müssen, 
befreit werden, und man möge ihnen Beamte schicken, 
die auch der italienischen Sprache mächtig seien. 
Den Ausgangspunkt für irredentistische Regungen 
bildet die im Frieden von Schönbrunn (1809) vor- 
bereitete und durch den Pariser Vertrag (28. Fe- 
bruar 1810) durchgeführte Dreiteilung Tirols in 
Bayerisch-Tirol, Illyrisch--Tirolund Jtalie- 
nisch-Tirol und die Zuweisung des letzteren, das 
aber bekanntlich auch einen namhaften Teil von 
Deutsch-Tirol (mit Bozen) umfaßte, an das König- 
reich Italien. Die Zerreißung des Landes erfolgte 
angeblich zu dem Zwecke, die Wiederholung tirolischer 
Aufstände, wie desjenigen von 1809, unmöglich zu 
machen. Die tatsächlichen Gründe lagen aber tiefer. 
Sie wurden angedeutet durch die ausgesprochene Ab- 
sicht Napoleons, Italien in der Folge bis zum Bren- 
ner auszudehnen, und gelangten zum Ausdruck in der 
Beseitigung aller bisherigen Einrichtungen sowie der 
deutschen Verwaluung und Rechtspflege, der Ein- 
führung italienisch-französischer Gesetze und Verord- 
nungen sowie der italienischen Amtssprache im ganzen 
»Tirolo italiano-. So kurz der Zeitraum war, so ver- 
hängnisvoll wurden diese drei Jahre (1810—13) für 
das Land und für den ganzen Staat, so unheilvoll 
nachwirkend, wie die französische Herrschaft (1797— 
1805 und 1809— 13) in den Küstengebieten und in den 
1 Ugl. Mich. Mayr, Der ital. Irredentismus (s. oben, S. 37), 
ferner: » Die Irredentaa. Von einem Tiroler (Bozen 1912); Spec- 
tator Italus, Der italienische Irrebentismus □mmsbruck 1912). 
# „taliener sind wir, aber nicht Tiroler.,
        <pb n="45" />
        Rohmeder: Die Irredenta 
füdöstlichen Alpenlandschaften. Während Napoleon 
noch auf Elba saß, nahm die revolutionäre Tätigkeit 
der von Paris und London aus geleiteten Geheim-- 
gesellschaften in Italien schon ihren Anfang. Sie 
griff nach Südtirol über, dauerte auch nach der Ver- 
annung Napoleons auf die Insel Helena fort und 
ließ das Land bis nach der Julirevolution (1830) nicht 
zur Ruhe kommen. Hier sind die Wurzeln des spä- 
teren Irredentismus zu suchen, wenn auch der Name 
damals noch nicht gegeben war. Eine Flut von Schrif- 
ten, die im geheimen verbreitet wurden, ergoß sich 
über das Land. Mayr hat im 2. und 3. Kapitel seines 
oben (S. 37) angeführten Werkes (-Der italienische 
Irredentismus-) den ganzen Hexensabbat dieser Be- 
wegung ausführlich dorgelegt. Eine wissenschaftliche 
Grundlage wurde der Bewegung zu geben versucht 
durch die Geschichts= und Tatsachenfälschungen Peri- 
nis# und Frapportis (s. oben, S. 36). Die Regierung in 
Wien und ebensodas -Guberniume in Innsbruckstan- 
den der ganzen Bewegung ebenso verständnislos wie 
machtlos gegenüber. Das Schlimmste aber war, daß 
die beim gesamten Volk verhaßten, auch wirtschaftlich 
drückenden französisch-italienischen Einrichtungen bei- 
behalten und z. B. durch die neue Amterorganisation 
von 1817 sogar noch erweitert und noch drückender 
gestaltet wurden. Erstreckte sich die Verwelschungs- 
politik Metternichs doch sogar bis auf die Austilgung 
der alten deutschen Ortsnamen. Statt der Wieder- 
einführung der deutschen Verwaltung, die das Volk 
erhofft hatte, erzwang sie den nahezu ausschließlichen 
Gebrauch der italienischen Sprache in den Gerichten 
und Amtern. Südtirol sollte ein übergangsgebiet zu 
den österreichischen Provinzen in Italien werden, das 
diesen brauchbare und zuverlässige Beamte liefere. 
Auf die große politische Arena trat der Irredentis- 
mus zuerst in der Frankfurter Nationalver- 
sammlung (1848). Nachdem nach heftigen Kämp- 
fen »für« und »wider« auch Welschtirol seine (vier) 
Bevollmächtigten dahin entsandt hatte, stellten diese 
als Ergebnis langer vorhergegangener Verhand- 
lungen den Antrag, -daß die tirolischen Kreise Trient 
und Rofereit unter dem Vorbehalt der Wiederver- 
einigung mit Osterreich aus dem politischen Verband 
mit dem Deutschen Bunde entlassen werden sollen. 
Jedoch nur unter den demokratischen Schwärmern 
für - Gleichheit, Brüderlichkeit und Nationalität- fan- 
den sie Beifall und Unterstützung. Am 12. August 
1848 wurde der Antrag des pölterrechtlichen x• 
schusses mit großer Mehrheit angenommen:Es ist 
eine heilige Anüt der Selbsterhaltung für Deutsch- 
land, seinen Besitz zu wahren. Strategische Gründe 
erfordern, daß der Südabhang der tirolischen Alpen 
zu Deutschland gehöre. Dies könne seine Tore jetzt 
nicht den eigenen Feinden öffnen.“ Nachdem auch 
die in gleicher Richtung laufenden Verhandlungen 
auf dem österreichischen Reichstag zu Kremsier zu 
keinem Ergebnis geführt hatten, die Versöhnungs- 
versuche im Tiroler Landtag aber gescheitert waren, 
dauerten die hochverräterischen Bestrebungen der Irre- 
1 Agostino Perin!, Almanaco trentino (1843). 
39 
denta ungeschwächt weiter. In Südtirol führten sie 
nemenilsc 1849, 1866 und 1878 zu mehr oder weniger 
heftigen öffentlichen Ausbrüchen, beschränkten sich aber 
sonst in der Offentlichkeit auf die zuerst in einer Ver- 
sammlung in Gallian (Calliano, 1848) — als Re- 
serve! — aufgestellte Forderung der administra- 
tiven Trennung Welschtirols von Deutschtirol (die 
sog. Autonomiesorderunge Sie wurde im Tiroler 
Landtag in humorvoller Abwechslung vertreten bald 
durch die Abstinenz-, bald durch eine Croresserpolttil 
von denen sich die letztere als die erfolgreichere erwies. 
Denn die fortgesetzt schwächliche Nachgiebigkeit der 
wechselnden österreichischen Keichs= und der tirolischen 
Landesregierungen reizte zu stets neuen Forderungen. 
Jede Erfüllung solcher wurde zum Sprungbrett für 
neue naltonalhiesche Ansprüche. Unter ausgiebiger, 
kurzsichtiger Mithilfe (liberaler) Landtagsabgeordneter 
war im Jahre 1902 die Autonomieforderung der Ver- 
wirklichung nahe gekommen. Sie scheiterte schließlich 
nur an der Moßlcligteieder Ansprüche der offenen und 
der verkappten Vertreter irredentistischer Wünsche, von 
denen sie als erster Schritte zur Erfüllung weiterer 
(geheimer) Loffnungen bezeichnet worden war. 
Unterdessen war die irredentistische Werbung auch 
auf die Adriagebiete ausgedehnt worden. Die (ofsenen 
und geheimen) Verbindungen herüber und hinüber 
batten sich immer dichter Kaltee, das Vereinswesen. 
esonders das geheime, Hhaite an Ausdehnung und 
Einfluß fortgesetzt zugenommen, organisatorische Ein- 
richtungen und Familienverbindungen hatten die 
reichsitalienische Zuwanderung mächtig gefördert und 
die irredentistische Presse in Italien und in Osterreich, 
hier mittels umfangreicher Geldzuwendungen durch 
italienische Vermittlung gefördert, war immer einfluß- 
reicher, die Rat= und Planlosigkeit der österreichischen 
Regierungen, gesteigert durch die Rücksichten auf den 
„Bundesgenossen-, aber immer größer geworden. 
Die Irredenta hat den österreichisch italienischen 
Krieg von 1915 als ihren= Krieg bezeichnet. Jeden- 
falls ist die Entrüstung der friedliebenden, kaiser- und 
staatstreuen bodenständigen Bevölkerung Welschtirols 
und der Adriagebiete über die irredentistischen Ruhe- 
und Friedensstörer voll berechtigt. Und wenn die krre- 
denta tatsächlich auch zu schwach war, den Kampf um 
die alten Völkertore aus den Alpen zur oberitalie- 
nischen Tiefebene zu entfesseln, so hat sie sich jedenfalls 
seit langem als ein sehr brauchbares Werkzeug in der 
Hand des englischen Botschafters in Rom, Sir Rennel 
Rodd, zur Herbeiführung des Krieges erwiesen. 
Die rrosten und die kleinen Führer der Irredenta 
haben, beladen mit dem Fluche der Bevölkerung und 
geächtet durch das Kainszeichen des Hoch= und Lan- 
desverrats, den Boden vieljähriger Wühlarbeit ver- 
lassen. Das Volk ist seine Dränger los. Der Irre- 
dentismus ist tot. Ob er je wieder zum Leben wird 
erwachen können, wird von der Einsicht und Festig- 
keit zunächst der beteiligten Landesregierungen und 
besonders der Vertreter des tirolischen Volkes, des 
weitern aber von der Weisheit und Festigkeit der 
österreichischen Staatsregierung und der österreichi- 
schen Volksvertretung abhängen.
        <pb n="46" />
        40 
Englische Verfassungs- und Berwal- 
tungsgeschichle 
von Professor Dr. Felix Salomon in Leipzig 
Die englische Verfassung ist in keiner Verfassungs- 
urkunde niedergelegt. Niemand würde imstande sein, 
das Datum ihres Ursprungs oder den Namen ihrer 
Urheber zu nennen. Sie ist allmählich geworden und 
ewachsen; viele Bestimmungen haben in Gesetzen 
#usdruch gefunden, mehr noch beruht auf Herkommen 
und Gewohnheit. Die Kräfte, welche den Formen 
Geist und Inhalt gegeben haben, sind diejenigen, 
welche Englands Werdegang bestimmen; daher kann 
hier aus einem überreichen Stoffe nur das heraus- 
gehoben werden, was auf das Verständnis der Gegen- 
wart hinausführt. 
Uberblich von den Anfängen bis zur ersten Resorm- 
bill im Jahre 1832. 
Mittelalter. Es ist eine schwierige Frage, wieviel 
schon aus der Angelsachsenzeit (5.— 11. Jahrhundert) 
der Zukunft zustatten gekommen ist; auf zweierlei sei 
verwiesen: In der Friedensbürgschaft, die bereils im 
Angelsachsenstaat voll entwickelt gewesen ist, keimt der 
Gedanke der Selbsttätigkeit aller Volksgenossen im 
staatlichen Interesse. Zweitens: Die Reichsversamm- 
lung der Angelsachsen, ihre Witena- gemöte, gehört 
zum Stammbaum des Parlaments, insofern sie An- 
ehörige der verschiedenen Landesteile vereinigt, eine 
erbindung zwischen dem König und der Aristokratie 
auf rein politischer Grundlage herstellt und das 
Pflichtbewußtsein eines Staatsbürgers lehrt. Als 
Staatsgründer versagten die Angelsachsen; hier haben 
die Normannen und ihre Nachkommen, das Haus 
Anjou-Plantagenet(11.—14.Jahrhundert), eingesetzt. 
Das Wesentliche und Neue war die Zentralisation 
der Staatsgewalt in den Händen des Königs; deren 
wichtigstes Organ wurde die curia regis. Diese curia 
ist die Stammutter der wichtigsten englischen Be- 
hörden, die sich mit der Differenzierung der Geschäfte 
nacheinander abzweigen; den Anfang macht das 
Schatzamt (Court of Exchequer). Die Organe der 
Zentralisation förderten die Ausbildung des könig- 
lichen Absolutismus, in der Lokalverwaltung durch 
das von den Angelsachsen übernommene Amt des 
Sherifss. Der Absolutismussteigerte sich von Wilhelm 
dem Eroberer bis zu Heinrich II., wo er den Höhe- 
punkt erreichte (1154 —89). Unter Heinrichs Söh- 
nen Richard und Johann artete der Absolutismus 
in Willkür aus und führte zu einer denkwürdigen 
Reaktion. Von Anfang der Normannenzeit an hatte 
sich eine von Hochadel und hoher Geistlichkeit vertre- 
tene Gegenströmung bemerkbar gemacht, die das 
Königtum zu beschränken suchte; jetzt dringt diese 
Strömung durch, zumal es den führenden Elementen 
gelingt, das städlische Bürgertum zum Mitgehen zu 
gewinnen; alle zusammen weisen das Königtum in 
der Magna Charta 1215 auf die Grenzen, die das 
Lehnrecht ihm stellte. Diese feudale Kundgebung 
war zugleich eine nationale, insofern den Wünschen 
dieser drei maßgebenden Bevölkerungsschichten gleich- 
zeitig Rechnung getragen wurde. Hiernach setzt der 
durch die Jahrhunderte währende Widerstreit zwischen 
Königtum und Ständetum ein, wem die Führung der 
Nation gebühre; er hatte zunächst zur Folge, daß das 
Königtum, wenn es sich behaupten wollte, seine Macht 
anders als bisher im englischen Boden verankern 
I. Politik und Geschichte 
mußte. Das hat Eduard I. (1272— 1307) verstan- 
den, mit dem eine zweite schöpferische Epoche der eng- 
lischen Monarchie beginnt. Das Königtum müht sich 
einerseits, den Feudalismus auf dem Wege der Ge- 
setzgebung zumal in bezug auf den Grundbesitz zu 
entwurzeln; anderseits zieht es die nicht feudalen 
Schichten der englischen Gesellschaft, besonders das 
städtische Bürgertum, durch eine nationale Politik wie- 
der mehr an sich heran. In diesem Zusammenhang 
beginnt das Parlament ständige Bedeutung zu ge- 
winnen; es wird in der Vereinigung aller maßgeben- 
den Stände als Reichsversammlung begriffen, die 
das Reich repräsentiere, wie die Grafschaftsversamm- 
lungen die Grafschaften. Das Wurzelwerk des Par- 
laments weist eine mannigfache Verästelung auf; der 
Wille des Königs durfte nicht fehlen, um es zu wirk- 
samem Bestande zu erheben. Der König gedenkt es 
seinen Finanzen dienstbar zu machen; aus einer wider- 
ruflichen königlichen Gabe wird eine ständige natio- 
nale Einrichtung, als der König in einem ungün- 
stig verlaufenden Kriege zum Zugeständnis dauern- 
der Anerkennung gezwungen wird: Die Confirmatio 
Chartarum von 1297 ist in diesem Sinne das Grün- 
dungsdatum des Parlaments. Die Scheidung in ein 
Ober- und Unterhaus (Houseof Lords und House 
of Commons) ist von etwa 1352 zu datieren. Das 
Oberhaus zeugt von feudaler Herkunft; das Unter- 
haus tritt anfangs bescheiden zurück; ganz allmählich 
nur entwickeln 2# seine Rechte. Neue Kriege und 
neue Geldbedürftigkeit des Königs führen dahin, daß 
eine Finanzquelle nach der andern unter die Kon- 
trolle des Parlaments gerät; an die Geldbewilligung 
schließt sich das Verlangen des Parlaments, an der 
Gesetzgebung Anteil zu haben. Indessen bleibt die 
Stellung des Königs noch durchaus beherrschend; 
seine Hoheitsrechte — im Begriff der Prärogative zu- 
sammengefaßt — umfassen ein weitgehendes Verord- 
nungsrecht und das Recht, von bestinunten Gesetzen zu 
dispensieren. Mittelpunkt der Staatstätigkeit wird der 
Staatsrat. Die organisierende Tätigkeit des König- 
tums zieht auch die Lokalverwaltung in ihr Bereich; 
unter Eduard III. (1327—.77) tritt das von Gneist 
gepriesene Selfgovernment, das Urbild der mo- 
dernen Selbstverwaltung, ins Leben. Der Sheriff wird 
durch den Friedensrichter abgelöst, der ehrenamtlich 
die Verwaltungsgeschäfte übernimmt und den Kampf 
gegen den Feudalismus von hier aus mit Erfolg zu 
Ende führt. Auf diese schöpferischen Zeiten folgten 
solche der Unsicherheit und Verwirrung (14.—15. 
Jahrhundert). Das Königtum war durch das Empor- 
kommen des Parlaments geschwächt, das Land aber 
halte sich gewöhnt, alle Entscheidungen vom Könige 
ausgehen zu sehen. Anderseits war das Parlament 
noch nicht imstande, den König zu stützen oder zu er- 
setzen, denn es stellte keinen einheitlichen Willen dar; 
die zwei Häuser gaben verschiedenen Interessen Aus- 
druck. Das Oberhaus suchte das Unterhaus zu beherr- 
schen und dem noch vorhandenen Streben des Feudal- 
adels nach Selbständigkeit dienstbar zu machen. 
16. bis 18. Jahrhundert. Die Vernichtung des 
steitbaren Adels in den Rosenkriegen bahnte den Weg 
für die Wirksamkeit der Tudors (1185 — 1603); mit 
ihnen gelangt die letzte der groszen Epochen des eng- 
lischen Königtums zum Abschluß. Ihr Absolutismus 
läßt sich als ein verfassungsmäßiger bezeichnen, weil 
er die Grenzen innehielt, die die Verfassung steckte; die 
Willfährigkeit des Parlaments ermöglichte eine sostarke 
Initiative. Sie haben dann ihre Gewalten benutzt,
        <pb n="47" />
        Salomon: Englische Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte 
um die Arbeiten am englischen Staatsbau fertig- 
zustellen. Ihre Wirtschaftspolitil errichtete die Staats- 
wirtschaft auf der Wirtschaftskraft der eigenen Nation; 
ihre Kirchenpolitik schuf ein Staatskirchentum. 
Das Zentralorgan der Monarchie erhält den Namen 
des Privy Council. Im nächstfolgenden Zeitalter der 
Stuarts (1603— 88) setzte die unvermeidliche Aus- 
einandersetzung zwischen Königtum und Parlament 
von neuem ein; England tritt in sein Revolutions- 
zeitalter. Das Königtum sucht die ererbte Stellung 
festzuhalten und verstärkt sie durch Aufstellung einer 
Theorie vom göttlichen Recht der Krongewalt; dem- 
gegenüber dringen in das Parlament Strömungen 
ein, die aus den wirtschaftlichen Kräften, welche die 
Tudors hatten heranziehen helfen, und aus den kirch- 
lichen und religibsen Auseinandersetzungen, zu denen 
ihr Staatskirchentum Anlaß gab, Nahrung zogen; 
sie weisen auf eine Emanzipation von der staatlichen 
Autorität. Unterschiedlich von früher wird das Unter- 
haus zum eigentlichen Schauplatz des Kampfes. Das 
Ringen endete nach mannigfachen Schwankungen mit 
einem Kompromißj; weder das Verlangen des Parla- 
ments nach Vorherrschaft setzt sich durch, noch das 
des Königs nach selbständiger Leitung. Ebenso kom- 
promißartig läuft der Streit zwischen den kirchlichen 
und rellgibsen Richtungen aus; das Staatskirchentum 
erkennt den abweichenden Sekten ihre Daseinsberechti- 
ung zu, die Gleichberechtigung ist erst im 19. Jahr- 
hundeir gefolgt. Auf dieser Grundlage einigten sich 
die politischen Parteien, die infolge der Auseinander. 
setzung zwischen Staat und Gesellschaft ins Leben ge- 
treten waren, die Tories als Anwalie eines regie- 
renden Königtums und eines machtvollen Staatskir- 
chentums, die Whigs als Vertreter der Parlaments- 
herrschaft und des Dissentertums. Die Einigung hat in 
der Erklärung der Rechte (Billofrights) von 1689einen 
Niederschlag gefunden; König Wilhelm III. (1688— 
1702), der nach dem Sturzder Stuarts auf den Thron 
berufen wurde, nahm die neue Grundlage an. Auf 
diese Weise war ein neuer Ausgangspunkt für die 
weitere Entwicklung geschaffen. 
Königtum und Parlament standen fortan auf glei- 
chem Boden, auf dem Boden des Gesetzes und der 
Verfassung. Wie würden sie sich unter diesen verän- 
derten Verhältnissen miteinander abfinden? Die Exe- 
kutive der Krone war unter parlamentarische Kontrolle 
gestellt; war damit gesagt, daß das Parlament selbst 
die Exekutive zu übernehmen habe? Kein Artikel ver- 
bot der Krone, ihre Minister zu ernennen; wie aber 
sollte deren Würde in Einklang mit der Verantwort- 
lichkeit zu bringen sein, welche das Parlament for- 
derte? Anderseits war die Mission des Parlaments 
als Anwalt von Freiheit und Recht erfüllt; wird es 
auch in Konflikten anderer Art, zusammengesetzt wie 
es war. eine Vertretung der Nation bedeuten können? 
Auf diese Fragen hat der Verlauf des 18. Jahrhunderts 
wechselnde Auskunft gegeben. Mit der Thronbestei- 
gung des Hauses Hannover beginnt unter den beson- 
deren Umständen, welche die Herrschaft einer fremden 
Dynastie schuf, eine Periode des aristokratischen 
Parlamentarismus von etwa 1714— 60. Die 
Whigpartei als Partei des Großgrundbesitzes und 
Großkapitals sicherte sich in Verfassung und Verwal- 
tung ausschließlichen Einfluß; im Parlamentwiein der 
Lokalverwaltung schließt sich die regierende Kaste nach 
unten hin ab. Die Minister — im Kabinett vereinigt 
— sind nicht mehr Vollstrecker des königlichen Willens, 
sondern Mitarbeiter, allenfalls Leiter des Parlaments. 
41 
Der König zieht sich aus dem Kabinett, obwohl es 
ursprünglich als Kreis vertrauter Ratgeber des Mon- 
archen gegründet war, zurück, weil seine Rolle hier 
ausgespielt ist. Zwischen diesen aristokratischen Parla- 
mentarismus und den demokratischen des 19. Jahr. 
hunderts schiebt sich eine weitere Periode ein, in der 
das Ministerium des jüngeren Pitt (1784— 1806) 
Formen annimmt, die sich der konstitutionellen Mon- 
archie nähern. Der König behält das Recht der Mi- 
nisterernennung ein leitender Minister, der Premier- 
minister, vermittelt zwischen Krone und Parlament 
und sucht außerhalb der Wände des Parlaments die 
Stimmung der öffentlichen Meinung und der Wähler- 
schaft nutzbar zu machen; der oligarchische Ring soll 
durch veränderte Zusammensetzung beider Häuser 
gebrochen werden. Ein verfassungsmäßig re- 
gierendes und doch nicht parlamentarisch 
gebundenes Königtum gehört also zu den Ent- 
wicklungsphasen, welche die nglische Verfassung durch- 
emacht hat; Organe der Monarchie, nicht der Ari- 
tokratie, sind es gewesen, welche den Staat durch die 
Stürme des napoleonischen Zeitalters hindurchge- 
bracht haben. 
Von 1832 bis zur Grgenwart. 
Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. Es 
gilt, sich einzuprägen, daß vieles von dem. was einst 
die Bewunderung der englischen Verfassung hervor- 
rief, heute nicht mehr in Geltung ist und vieles von den 
jetzt gültigen Zuständen erst im Verlaufe des letzten 
Jahrhunderts Eingang gefunden hat. Mit der einst 
gepriesenen Harmonie des Verfassungsbaues war es 
aus, als mit der Demokratisierung des Staats- 
lebens das Parlament zur wirklichen Volksvertretung 
wurde; da rückte der Schwerpunkt aller Gewalten in 
das Unterhaus. Zu keiner Zeit ist das Unterhaus 
mächtiger gewesen als während der ersten 3—4 Jahr- 
zehnte der Regierung Viktorias. Dem Bevölkerungs- 
wachstum, der ökonomischen Umwälzung, der Ver- 
schiebung der Bevölkerung tragen die Reform des par- 
lamentarischen Wahlrechts und eine neue Einteilung 
der Wahlbezirke Rechnung. Dieerste Reformbill (1832) 
öffnet dem Mittelstand die Tore; die zweite (1867) den 
kleineren Ladeninhabern und der höheren Arbeiter- 
schaft; die dritte (1884) erweitert die Zahl der Stimm- 
berechtigten noch um 2 Millionen. In dieser Zu- 
sammenseßung erkennt das Parlament sein Recht als 
regierungsbildendes Organ; das Kabinett wird dem 
Unterhause verantwortlich. Erstjetzt findet der Brauch 
Eingang, wonach die Minister gezwungen sind, dem 
einen oder anderen Hause des Parlaments anzu- 
ehören. Erst jetzt gilt das Kabinett in dem Augen- 
lick als abgesetzt, wo es aufhört, das Vertrauen des 
Unterhauses zu besitzen. Der Parlamentariomus er- 
hält seine Stetigkeit durch die Zweiteilung der Parteien, 
welche die modernen Namen liberal undkonserva- 
tiv erhalten, und durch die Organisation des Partei- 
lebens in den politischen Klubs und in der Wählerschaft. 
Der Erfolg ist, daß in normalen Zeiten der Partei- 
führer unbedingt über eine Mehrheit verfügt. Die 
übrigen Züge des neuzeitlichen Kabinettsystems sind 
folgende: Das Kabinett ist dem Souverän und der 
Legislatur gegenüber eine Einheit. Die Leitung hat 
der Premierminister; die übrigen Minister sind ihm 
untergeordnet; er ist der wirklich verantwortliche 
Staatsmann. Das Kabinett arbeitet als Partei- und 
Geheimkomitee. In solcher Weise wird die Monarchie 
von heute beschränkt; immerhin bleibt der Souverän
        <pb n="48" />
        42 
ein Faktor, mit dem zu rechnen ist: Er ist führend im 
Gesellschaftsleben; auf politischem Gebiet wahrt er 
sich ein Kontrollrecht in den auswärtigen Angelegen- 
heiten. Der monarchische Sinn, durch den unwürdi- 
gen Georg IV. und den unbedeutenden Wilhelm IV. 
gemindert, erhält unter Viktoria neue Kräftigung. 
Alles in allem erscheint die englische Verfassung in 
dieser Gestalt zur demokratischsten in der Welt ge- 
worden; denn nirgendwo scheint es das souveräne 
Volk so leicht zu haben, seinen Willen auszuüben. 
Ist doch die theoretische Grundlage des Verfassungs- 
baues die Verantwortlichkeit der Minister dem Parla- 
ment und durch das Parlament der Nation gegen- 
über, und ist die Nation nicht mehr ein unbestimmter 
Begriff, sondern die jederzeit zur Kundgebung ihres 
Willens berechtigte, die breiten Volksmassen um- 
fassende Wählerschaft. In den gleichen Zeiten erfolgt 
eine durchgreifende Veränderung des Verwaltungs- 
systems: Das aristokratische Selfgovernment schwindet 
und mit ihm der Zusammenhang, in dem Gneist den 
Kraftquell des Parlaments entdeckt zu haben meinte. 
Die in der Lokalverwaltung erprobten Männer hatten 
als Abgeordnete ihre Erfahrung ins Parlament ge- 
bracht; den Rechten, die sie als Volksvertreter genossen, 
entsprachen die Pflichten, denen sie sich ehrenamtlich 
in den Grafschaften unterzogen. Das hört völlig auf: 
im klassischen Lande der Celbsiwerwaltung entsteht 
eine gewaltige Zentralorganisation eines be- 
rufsmäßigen Beamtentums. Gewählte und 
bezahlte Beamte und Richter drängen die Ehrenämter 
zurück; die alten Formen der Armenverwaltung, der 
Munizipalverwaltung usw. erfahren eine durchgrei- 
fende Veränderung durch Gesetze, unter denen das von 
1834 über das Armenwesen, die Munizipalakte von 
1835 als Beispiele genannt seien. Die Zentralisation 
führt zur Einrichtung des Ministeriums für Lokal- 
verwaltung (local government board). 
Die heutigen Zustände. Zu den Merkmalen des 
heutigen Zustandes gehört vor anderm das Versagen 
des altehrwürdigen Porlaments. Das Oberhaus, 
das nun auch auhoortt bloß eine erbliche Pairskammer 
zu sein, hat 1911 vor der Demokratie kapitulieren und 
auf das ihm noch verbliebene Einspruchsrecht in die 
Gesetzgebung auf dem Gebiet der Finanzen verzichten 
müsssen. Wesentlicher ist die Ohnmacht des Unter- 
hausess; sie beruht einerseits auf dem Personal, das zu 
zahlreich ist, um eine Verantwortung zu übernehmen 
(670 Abgeordnete), anderseits auf ben immer mehr 
anschwellenden Material, das in seiner Mannigfaltig- 
keit lähmend wirkt und eine Sachkenntnis verlangt, 
die bei mangelnder Vorbildung der Parlamentarier 
nicht mehr vorhanden ist. Da hat sich die Notwendig- 
keit einer Konzentration der führenden Kräfte heraus- 
gestellt; diese ist der Stärkung des Kabinetts auf 
I. Politik und Geschichte 
Kosten des Parlaments zugute gekommen. Die zu- 
nehmende Machtvollkommenheit des Kabinetts ist 
ein anderes Kennzeichen unserer Zeit. Innerhalb des 
Kabinetts ist es wiederum ein engerer Ring, der die 
Leitung an sich reißt, je mehr die wachsende Zahl der 
Fachminister Vertraulichkeit und Beschlußfassung er- 
schweren. Das demokratische Prinzip ist gewahrt, denn 
die Wählerschaft bleibt der wirkliche Souverän, aber 
die Menge regiert in Wirklichkeit nicht. Die Demokra- 
tie findet in beer Art und Weise der Ausführdarkeit 
politischer Geschäfte ihre Grenzen. Das heutige Regie- 
rungssystem ist als eine beschränkte Demokratie 
t bezeichnen. Weitere Schwierigkeiten haben sich mit 
en Wandlungen herausgestellt, welche den englischen 
Staat zum Mittelpunkt eines Weltreiches haben wer- 
den lassen. Irland mit seinem Verlangen nach Home- 
rule, d. h. nach einem eigenen Parlament, das kurz 
vor Ausbruch des Krieges von der Regierung bewil- 
ligt, am Einspruch des Oberhauses scheiterte, ist ein 
Beispiel, wie sich die Strömungen im britischen Reiche 
kreuzen: Neben einer durch die Demokratie bedingten 
Tendenz zur Zentralisation ist eine von den Reichs- 
teilen ausgehende Tendenz zur Dezentralisation sicht- 
bar. Die dezentralisierende Tendenz wirkt auf erneute 
Stärkung des Königtums, da bis auf weiteres weder 
ein Reichsparlament. noch ein Reichskabinett, sondern 
allein der Thron das die Reichsteile einigende Band 
darstellt. So befindet sich die en glische Verfassung heute 
in einem Zustande der Gärung und des überganges; 
nach Beendigung des Krieges werden neue Lösungen 
zu erwarten sein. 
Literatur. Gesamtdarstellungen: R. Gneist, Englische 
Verfassungsgeschichte (Berl. 1882); E. Boutmy, Le dée- 
veloppement de la constitution et de la société poli- 
tique en Angleterre (Par. 1887); J. Hatschek, Eng- 
lische Verfassungsgeschichte bis zum Regierungsantritt der 
Königin Viktoria (Münch. 1913; mit reichen Literatur- 
angaben); J. Redlich, Englische Lokalverwaltung (Leipz. 
1910). — Einzelne Epochen: F. Liebermann, Die Ges 
der Angelsachsen (Halle 1898—1915;, grundlegend); W. 
Stubbs, The constitutional History of England (bond. 
1887—91); H. Hallam, Constitutional History of Eng- 
land (neueste Aufl., das. 1886); Erstine May, Constitu- 
tional Histor of England (5. Aufl., das. 1875), W. 
Michael, Die Entstehung der Kabinettsregierung in Eng- 
land (2Zeitschrift für Politikc, Bd. 6). — Für die neueßt 
Zeit: Sidneh Law, Die Regierung Englands (Lond. 
1906; deutsch, Tübing. 1908); A. L. Lowell, Die eng- 
lische Verfassung (Lond. 1911; deutsch, Leipg. 1913). — 
ür den Übergang des englischen Staates zum Weltreich: 
lix Salomon, Der britische Imperialismus (Leipz. 
1916). — Zur Kritik der heutigen Verfassungszustände: N. 
wrp N Zweikammer= und Zwei- 
parteiensystem (wZeitschrift für Politik-, Bd. 4). Einen Hin- 
weis auf neue Möglichkeiten gibt Sidney Law, The 
Cabinet Revolution („The Fortnightly Reviewe, Fe- 
bruarheft 1917). 
Englands Aberseereich während des 
Krieges 
von Legationsrat Dr. Alfred Zimmermann in Berlin 
Bei dem Mangel sicherer und unabhängiger Ver- 
bindungen mit den überseeischen Ländern ist es wäh- 
rend des Weltkriegs unmöglich, ein erschöpfendes Bild 
von den Zuständen in Englands Kolonien im Ver- 
laufe der letzten Jahre zu gewinnen. Sicher ist, daß 
das Steigen der Preise für Nahrungsmittel und Roh- 
stoffe in Europa ihre Entwicklung ebenso günstig be- 
einflußt haben dürfte, wie die Entziehung von zahl- 
reichen arbeitsfähigen Eingeborenen und noch mehr die 
von Weißen, an denen ohnehin kein überfluß herrschte, 
für Kriegsdienst sie geschädigt haben muß. Außerdem 
ist anzunehmen, daß der lange Aufenthalt zahlreicher 
farbiger Bewohner der Kolonien in Europa, ihr ge- 
naues Bekanntwerden mit dessen Zuständen sowie die
        <pb n="49" />
        Zimmermann: Englands Uberseereich während des Krieges 
Stärkung der Macht Japans und Amerikas nicht ohne 
liefgreifende Wirkungen für die Zukunft des britischen 
Kolonialreichs bleiben werden. Daß der Weltkrieg auch 
noch in anderen Hinsichten Folgen für dessen künftige 
Gestaltung nach sich ziehen wird, macht schon ein Blick 
auf die Entwicklung während der Jahre wahrschein- 
lich, wo England den Riesenkampf vorbereitet hat. 
I. Die Schritte zur engeren Verbindung Englands 
mit seinen Kolonien. 
Furcht vor Wiederholung von Erfahrungen wie 
den zu Ende des 18. Jahrhunderts mit den Neu- 
englandstaaten gemachten und gleichzeitig das Stre- 
ben, die Ausgaben für koloniale Zwecke zu sparen, 
haben England in den 1860er Jahren zum völligen 
Bruch mit dem früheren Kolonialsystem veranlaßt. 
Es zog damals seine Truppen aus den schon Selbst- 
verwaltung genießenden Kolonien zurück und schränkte 
die Ausgaben für die Kronkolonien — bis auf In- 
dien — nach und nach aufs äußerste ein. In der 
Folgezeit wurde Kanada, Australien und zuletzt auch 
Südafrika fast unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht 
selbst in Fragen von Handel und Schiffahrt einge- 
räumt und der Einfluß des Mutterlandes auf die 
Besetzung der höchsten Verwaltungsstellen beschränkt. 
Diese mit Erfolg den älteren Siedlungen gegenüber an- 
ewandte Politik erwies sich als untunlich für die von 
de der 1880er Jahre an im Wettbewerb mit Deutsch- 
land und Frankreich erworbenen neuen afrikanischen 
Besitzungen. Man stellte sie daher unter die Verwal- 
tung von mit staatlichen Rechten ausgestatteten Er- 
werdsgesellschaften nach dem Muster der großen Kom- 
panien des 16. und 17. Jahrhunderts. Als deren Mit- 
tel aber für Erfüllung ihrer Aufgaben nicht ausreich- 
ten. griff der Kolonialsttrriär Joseph Chamberlain von 
Staats wegen ein. Es kam ihm dabei zugute, daß wäh- 
rend der letzten Jahrzehnte in England eine lebhafte 
Bewegung zur Herbeiführung einer näheren Verbin- 
dung der Kolonien mit dem Mutterlande entstanden 
war. Drei große Vereine, das Royal Colonial Insti- 
turte (1868), die Imperial Federation League (1884) 
und die United Empire Trade League (1891), wirk- 
ten neben der Londoner Handelskammer lebhaft im 
Sinne der Schöpfung eines allbritischen Zollvereins 
Begünstigung des eigenen Handels und dereigenen 
Schiffahmt vor denen des Auslandes. Unter dem 
Eindruck dieser Bestrebungen, die ihre Kraft haupt- 
sächlich der Furcht vor dem Erstarken deutschen Wett- 
bewerbs verdankten, entschloß sich die Regierung zur 
Berufung einer Versammlung von Vertretern der 
Kolonien im Jahre 1887, auf der über die Mittel und 
Wege der zweckmäßigsten Verteidigung des britischen 
Reiches und der Förderung seines Handels beraten 
wurde. Außer bei Neusüdwales und Tasmania fand 
hier der Gedanke von Vorzugszöllen in England und 
den Kolonien zu gegenseitiger Begünstigung all- 
gememen Beifall. Um so nachdrücklicher erhob sich 
gegen diesen Plan die Handelswelt Englands. Sie 
erreichte, daß, obwohl der Premierminister Lord Sa- 
lisbury dem Vorschlag geneigt war und Kanada ihn 
lebhaft unterstützte, von der Berufung einer neuen 
Ronferenz zunächst Abstand genommen wurde. Erst 
1897 kam es unter dem Einfluß Chamberlains wieder 
dazu. Es zeigte sich hier, daß die Regierung den 
Bünschen der Freunde einer engeren Verbindung 
zwischen Mutterland und Kolonien sehr geneigt und 
zu einem Bruche mit der hergebrachten Freihandels- 
politik bereits entschlossen war. Noch deutlicher trat 
43 
das 1902 bei der zur Feier der Krönung Eduards VII. 
veranstalteten dritten Konferenz hervor, wo als erstes 
Ergebnis der Beratungen die Errichtung eines Reichs- 
verteidigungsrats und Teilnahme der Kolonien an 
den Maßregeln zum Schutze des Reiches festgestellt 
wurden. Bei der vierten Konferenz 1904 wurde be- 
reits Errichtung einer Behörde zur dauernden Ver- 
tretung der Kolonien in London rwogen. Die Nieder- 
lage der Konservativen machte den Plänen zur Ein- 
führung eines Getreidezolls in England, bei dem den 
Kolonien Vorteile eingeräumt werden sollten, vorder- 
band ein Ende. Umsonst führte Kanada 1897 einen 
arif ein, der das Mutterland vor dem Auslande be- 
günsgte. und veranlaßte 1903 Neuseeland, seinem 
eispiel zu folgen. Weder auf der allgemeinen fünf- 
ten Reichskonferenz 1907, noch auf der sechsten 1911 
konnten die Freunde eines allbritischen Zollvereins 
durchdringen. Wie stark der Gedanke aber damals 
schon in den Kolonien geworden war, ergibt sich dar- 
aus, daß auch Südafrika 1906, Australien 1907 dem 
Mutterlande einseitig besondere Begünstigungen für 
seine Waren eingeräumt und Kanada 1909 seinen 
Tarif weiter zu seinen Gunsten ausgestaltet hatte. 
Die für 1914 geplante Konferenz hat infolge des 
Krieges erst Anfang 1917 stattfinden können. Vor- 
bereitet worden ist sie durch eingehende Untersuchungen 
eines 1912 niedergesetzten königlichen Ausschusses zur 
Prüfung der wirtschaftlichen Hilfsquellen der über- 
seeischen Besitzungen. Der Gedanke eines auf gegen- 
seitige Zollvorteile begründeten engen Verbands der 
Kolonien mit England hat dabei sowohl aus Haß 
egen Deutschland als infolge der großen Opfer der 
Wionien für den Krieg den Sieg davongetragen. Die 
englische Regierung hat sich zur Einführung eines 
Zolltariss bereit erklärt. Die Kolonien sollen im 
Mutterland besondere Vorteile vor allen Ländern ein- 
geräumt erhalten. Der englische Freihandel, das Pal- 
ladium des britischen Reiches, soll also dem Weltkrieg 
um Opfer fallen. Die Kolonien erhalten die aus- 
chlaggebende Macht, da ihre Entwicklung weit größer 
ist als die des Mutterlandes. Die gesamte Bevölke- 
rung des britischen Überseereichs, die 1891 die Höhe 
von 307 676000 Köpfen erreicht hatte, ist ja bis Ende 
1911, dem letzten Zeitpunkt, für den vollständige amt- 
liche Zahlen vorliegen, auf 372127000 gestiegen! 
Die Steigerung belief sich bei Indien von 287270000 
auf 315086000, bei Australien von 3174000 auf 
4455000, bei Neuseeland von 626 700 auf 1008000, 
bei Südafrika von 5176000 (im Jahre 1901) auf 
5973000, bei Westafrika von angeblich 1649000 auf 
20178000, bei Kanada von 5035000 auf 7449000, 
bei Westindien von 1362000 auf 1689000. Am 
31. Dezember 1914 zählte man in Australien 4941 000 
Personen, in Neuseeland 1096000, in Südafrika 
6465000, in Kanada 8 327000. Das englische Mut- 
terland hat es dagegen von 38 105000 Bewohnern 
im Jahre 1891 nur auf 412977000 Ende 1901 und 
45 371000 Ende 1911 gebracht. 
II. Indien. 
Das Kaiserreich Indien hat England während des 
Krieges nicht nur Nahrungsmittel und Rohstoffe im 
weitesten Umfange und Truppen für Kleinasien, 
Agypten, die Balkanhalbinsel und Frankreich, sondern 
auch viele Arbeitskräfte liefern müssen. 1917 ist es 
auch noch veranlaßt worden, 2 Milliarden Mark der 
neuesten englischen Kriegsanleihe zu übernehmen. 
Daß es diese Leistungen aus freiem Willen vollbracht
        <pb n="50" />
        44 
hat. ist sehr unwahrscheinlich. Noch im Oktober 1913 
schrieb ein genauer Kenner des Landes im »XIXih cen- 
tury«: »Unter allen Schwierigkeiten, mit denen das 
englische Volk heute zu kämpfen hat. ist keine wichtiger 
und dringender als die indische. Die Unzufriedenheit 
nimmt dort nicht ab und kann es auch nicht. Sie is 
nicht vereinzelt, sondern allgemein, sie schwankt 
nicht, sondern ist dauernd! — Ein Attentatsversuch 
gegen den Vizekönig Lord Hardinge zu Ende des Jah- 
res 1912, dem 1910 ein solcher gegen seinen Vor- 
änger Lord Minto und in Vorjahren andere gegen 
bohe Beamte vorausgegangen waren, entsprach nur 
zu gut dieser Auffassung. Die Ursachen der Gärung 
in Indien haben Kenner der Verhältnisse in der Not- 
lage der durch Englands billige gewerbliche Erzeug- 
nisse um ihr Brot gebrachten indischen Handwerker, 
in dem Druck der Bodenabgaben, der Übervölkerung 
Indiens und der Heranbildung einer großen halb- 
ebildeten Klasse durch die öffentlichen Schulen zu 
Ainden geglaubt. Die Unzufriedenen benutzken die Er- 
regung weiter Kreise über die 1905 erfolgte Trennung 
Bengalens in zwei Provinzen, das Wachsen des ein- 
eborenen Selbstgefühls durch den Sieg Japans über 
ußland und die Notlage infolge von Mißernten für 
ihre Zwecke. Sie forderten nicht nur Besetzung aller 
Beamtenstellen durch Indier, sondern auch Einräu- 
mung eines Anteils an der bis dahin ganz in englischer 
Hand liegenden Regierung und Bruch mit der Aus- 
beutung Indiens zugunsten Englands durch über- 
hohe Besoldung zahlreicher englischer Beamter und 
Offiziere. Für die Zahlung der Pensionen an solche 
flossen jährlich seit jangem nicht weniger als 300 
Millionen Mark aus Indien nach England! Die 
englische Regierung, die in Indien vor dem Kriege 
über 76000 Mann weißer und 170000 eingeborener 
Truppen verfügte, hat die Bewegung für ernst genug 
angesehen, um den Wünschen der Wortführer ent- 
gegenzukommen. Die Zweiteilung Bengalens ist rück- 
gängig gemacht, der Sitz der Regierung von Kalkutta 
nach der heiligen Stadt Delhi verlegt, der indischen 
Bevölkerung eine gewisse Vertretung bei dem Vize- 
Wöig eingeräumt worden. Vor allem aber hat man 
die Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten gegen die 
vielen indischen Fürsten, die vielfach ihre Erziehung 
in England genossen haben, und in denen England 
während der letzten Jahrzehnte immer seine beste 
Stütze erblickte, verdoppelt. Zugute kommen den 
Engländern überdies die starken religiösen und so- 
zialen Gegensätze zwischen den zahlreichen Stämmen 
und Bevölkerungsllassen des riesigen Landes und der 
Mangel an kriegerischem Sinn und an Waffen bei den 
Hindus. Trotzdem haben 19 eingeborene Mitglieder 
des Gesetzgebenden Rates von Indien Ende 1916 in 
einer an den VBizekönig gerichteten Denkschrift Be- 
setzung der Executive Councils zur Hälfte, der Legis- 
lative Councils in den verschiedenen Provinzen in der 
Mehrheit mit gewählten eingeborenen Mitgliedern und 
Gleichstellung der Indier im Heere mit den Europäern 
gefordert. Diese Ansprüche hat sich ein im Dezember 
1916 zu Lacknau abgehaltener indischer Kongreß, an 
dem an 2350 gewählte Abgeordnete und 1000 Besucher 
teilgenommen haben, nicht nur angeeignet, sondern 
auch Verbot des Kulihandels, Aushehana des Verbots 
der Niederlassung von Indiern in englischen Kolonien, 
Gleichstellung der indischen mit den englischen Offi. 
zieren neben dem Recht auf volle Selbstverwaltung 
gefordert! Die Mißstimmung der Indier hat auch in 
geringer Beteiligung an den englischen Kriegsanleihen 
I. Politik und Geschichte 
und lebhaften Angriffen der im neutralen Auslande 
tätigen Unzufriedenen auf England Ausdruck gefun- 
den. Abgesehen davon soll es an verschiedenen Stel- 
len Indiens mehrfach zu Erhebungen gekommen sein. 
Jedenfalls hat die Bewegung in England ernste Sor- 
gen erregt. Nachdem die Hinrichtung einzelner Führer 
der nationalen Strömung keine genügende Wirkung 
geübt, ist sie zur Einführung der allgemeinen Wehr- 
pflicht für die Europäer in Indien geschritten und hat 
angeblich Japan um Entsendung von Hilfstruppen 
für Indien gebeten. Dieser Schritt soll vergeblich ge- 
wesen sein, da die Japaner dafür nicht nur Gewäh- 
rung einer hohen Anleihe, sondern auch Aufhebung 
der gegen ihre Einwanderung in Australien bestehen- 
den Gesetze und freie Hand in China verlangt haben. 
Sicheres darüber ist für den Augenblickt ebensowenig 
festzustellen wie über die Erfolge der deutschen Mission, 
die nach Erklärungen im englischen Parlament An- 
fang 1916 in Afghanistan eingetroffen ist. Nach eng- 
lischer Behauptung ist sie gescheitert und ein Teil ihrer 
Mitglieder den Feinden in die Hände gefallen. 
Um die indischen Kapitalisten der Zeichnung der 
Kriegsanleihe geneigt zu machen, ist Indien nach der 
Angabe englischer Zeitungen ein Schutzzoll auf Baum- 
wollgewebe zugesagt worden. Es ist aber noch die 
Frage, ob eine solche Maßnahme nicht am Widerspruch 
der englischen Baumwollfabrikanten scheitern wird. — 
Indiens Einnahmen sind seit 1900 von 75272000 
auf 80 156 000 Pfd. Sterl. im Jahre 1914, seine Aus- 
aben in derselben Zeit von 73 602 000 auf 82 8980000 
efd. Sterl. gewachsen. Seine Schulden betrugen 1900: 
223843000 Pfd. Sterl., 1914: 304765000 Pfd. 
Sterl. An Zöllen vereinnahmte es 1900;: 5032000 
Pfd. Sterl., 1914: 7033000 Pfd. Sterl. 
III. Afrika. 
Sehr erheblich ist der englische Afrikabesitz durch 
den Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Die 
Eifersucht der Briten gegen Deuschlchrds Erfolge auf 
afrikanischem Gebiete hat sehr wesentlich ihre zum 
Kriege führende Politik beeinflußt. Wie jetzt aus den 
inzwischen veröffentlichten amtlichen Aktenstücken mit 
Sicherheit feststeht, haben sie daher vom ersten Tage 
der Krisis an ohne jede Rücksicht auf die Vereinbarun- 
gen der internationalen Kongoakte sofort alle mög- 
lichen Schritte getan, nicht nur alle Verbindungen 
wischen Deutschland und Afrika zu zerstören, sondern 
sch auch seiner Kolonien zu bemächtigen. Nachdem 
englische Kreuzer die deutschen Funkentürme bombar- 
diert und die deutschen Schiffe tunlichst versenkt hatten, 
wurden die verschiedenen Kolonien veranlaßt, gegen 
die deutschen Nachbargebiete vorzugehen. Das Kap- 
parlament gab am 12. Sept. 1914 seine Zustimmung, 
nachdem General Botha mit Hilfe einer gefälschten 
Karte: den Abgeordneten vorgetäuscht hatte, daß die 
Deutschen die Feindseligkeiten ihrerseits eröffnet hät- 
ten! An der Durchführung des Angriffs wurde Botha 
indessen vorerst durch eine bewaffnete Erhebung der 
Burenführer Dewet, Delarey und Kemp, der sich spä- 
ter auch die Generale Beyers und Hertog anschlos- 
sen, gehindert. Zwar hat Botha das Vorgehen seiner 
einstigen Freunde mit rücksichtsloser Gewalt sofort 
1 Sommer 1917. 
2 Das Nähere darilber in der ? Kölnischen Zeltunge vom 15. 
Oktober 1914. Tie Sache ist dann am 21. Dei3ember 1915 im 
Reichstag als Neuigkelt zur Sprache gebracht und im Kolo- 
ntalblatte nochmals veröffentlicht worden.
        <pb n="51" />
        Zimmermann: Englands Überseereich während des Krieges 
belänipft und dabei den Tod Delareys verursacht; 
doch die Bewegung griff im Norden erheblich um sich, 
bis der Mangel an Waffen und besonders Automobi- 
len, denen die Pferde sich nicht gewachsen zeigten, die 
Erhebung scheitern ließ. Verschiedene Burenführer 
lamen um. Dewet fiel seinen Feinden in die Hände, die 
ihn ein Jahr lang ins Gefängnis sperrten. Nach die- 
sem Erfolg ging Botha von allen Seiten gegen das be- 
nachbarte Deutsch-Südwest vor. So tapfer und 
geschickt man sich dort verteidigte, auf die Länge war 
man dem übermächtigen Feinde nicht gewachsen, dem 
die deutschen Bahnlinien nicht nur die Verbindung 
mit Kapland, sondern auch das Vorgehen in dem 
wasserlosen, armen Lande sehr erleichterten. Am 
9. Juli 1915 mußte der deutsche Gouverneur mit seiner 
kleinen Macht im äußersten Norden der Kolonie kapi- 
mlieren. Gegen seine etwa 3700 Köpfe zählende 
Truppe hatte Botha aber 65000 Mann ins Feld füh- 
ren und etwa 300 Millionen Mark opfern mlüssen. 
Nach Beendigung dieses Feldzugs hat sich Botha 
dazubestimmen lassen, auch den Kümpf gegen Deutsch- 
Ostafrika, wo England vergebens eingeborene und 
indische Truppen in großer Zahl eingesetzt hatte, auf- 
unehmen. Er hat nach und nach 26000 Südafri- 
aner zur See dorthin geschaff und mitnrstutung 
von Belgiern, Indiern, Neuseeländern, englischen Frei- 
willigen und Portugiesen den Kampf geführt. Welche 
Kosten dadurch erwachsen, welche Verluste den Briten 
beschieden gewesen sein mögen, darüber liegen zuver- 
lässige Nachrichten nicht vor. Sie müssen jedenfalls 
riesig sein und werden die künftige Lage Britisch-Süd- 
afrikas nach jeder Richtung erheblich beeinflussen. Es 
ist das um so sicherer zu erwarten, als schon vor dem 
Kriege die inneren Verhältnisse hier nicht sehr befrie- 
digend waren. In den Goldminen war es zu so ern- 
sten Streitigkeiten zwischen den Arbeitern und den 
Gesellschaften gekommen, daß eine Anzahl Wortführer 
der ersteren gewaltsam nach England deportiert wur- 
den. Ein allgemeiner Aufstand war die Folge ge- 
wesen. In Rhodesien herrschte Zwiespalt zwischen der 
Chartered Company und den Ansiedlern, die Befrei- 
ung von der Gesellschaft und Anschluß an die Süd- 
afrikanische Union verlangten. Infolge der Arbeiter- 
unruhen und der stetig steigenden Kosten der Gold- 
gewinnung machten auch die Minengesellschaften, 
eren Anteile viel zu hoch getrieben waren, immer 
schlechtere Geschäfte. Wie der Krieg diese Verhältnisse 
beeinflußt hat, darüber fehlt es vorderhand an zu- 
verlässigen Nachrichten. Unzweifelhaft hat er den Ein- 
fluß der Farbigen erheblich gesteigert und die Kosten 
des Bergwerkbetriebs weiter erhöht. Dazu muß er 
die Finanzen der Kolonie in bedenkliche Verwirrung 
gebracht haben. Schon vor dem Krieg stand es damit 
nicht besonders. Von 18763.000 Pfd. Sterl. im Jahre 
1911 sind hier die Einnahmen bis 1914 gefallen auf 
16 685 000 Pfd. Sterl., die Ausgaben gestiegen von 
17700000 auf 18912000 Pfd. Sterl. Die Zölle 
brachten 1911: 4892000, 1914: 4040 000 Pfd. Ster- 
ling. Diesen Einnahmen standen 1914: 122 412000 
Pfd. Sterl. Schulden gegenüber! 
In geringerem Maße wird wahrscheinlich der Krieg 
die Lage der tropischen Afrikakolonien Englands be- 
einflußt haben. Sie haben zwar auch Truppen gestellt; 
aber die dafür erforderlichen Aufwendungen dürften 
bei ihnen ausgeglichen worden sein durch die Gewinne 
ans der Wegnahme des Besitzes der deutschen Handels- 
häuser und aus dem Fortfall des Wettbewerbs der Nach- 
barbesitzungen Deutschlands. Die früher von diesen 
45 
gemachten Gewinne fließen ihnen jetzt zu, und sie dürften 
infolge der gesteigerten Nachfrage nach Olfrüchten noch 
erheblich gewachsen sein. Dient doch das Palm-- und 
Erdnußöl jetzt nicht allein mehr zur Seifen-, sondern 
auch zur besser lohnenden Speisefettbereitung. Die letz- 
tere Entdeckung hatdie Gewinne derimtropischen Afrika 
täligen Unternehmungen sehr erheblich gesteigert und 
war kurz vor dem Krieg der Anlaß, daß neben der 
Leverschen Sunlightcompany auch noch andere Ge- 
sellschaften im Einverständnis mit der englischen Re- 
ierung von den eingeborenen Häuptlingen große Be- 
itzungen zur Ausbeutungder Palmenwäldererworben 
hatten. Da sie sich hierbei das ausschließliche Recht auf 
Anlage von Bahnen in den fraglichen Gebieten fürihre 
Zwecke ausbedungen hatten, führten diese Landerwer- 
bungen zu lebhaftem Widerspruch in den Kolonien 
wie im englischen Parlamente. Es ist nicht bekannt- 
geworden, ob bei solcher Sachlage diese Konzessionen 
die endgültige Genehmigung der englischen Regierung 
efunden haben. — Einer ähnlich günstigen Cutwick- 
ung wie die Olerzeugung erfreute sich in den englischen 
Kolonien Westafrikas die Kautschuk-, Kakao- und Gold- 
ewinnung. Der Ertrag der letzteren ist von 1497200 
fd. Sterl. im Jahre 1912 auf bereits 1706 500 Pfd. 
Sterl. im Jahre 1915 gestiegen. Der Baumwoll- 
bau hat besondere Fortschritte in Britisch-Ostafrika 
gemacht. Während in Britisch-Westafrika die Ausfuhr 
der Baumwolle von 1905 bis 1913 von 1500000 auf 
4500000 Pfund gestiegen war, ist sie in Ostafrika und 
Uganda von 142000 auf 12366 000 Pfund gewachsen. 
In Nyassaland belief sich das Uinwachsen von 776000 
auf 2676 000 Pfund! Es ist anzunehmen, daß diese 
Entwicklung während des Krieges weitere Fortschritte 
gemacht hat. Die Erfolge des Anbaues von Baum- 
wolle, Kautschuk und Gummi hatten bereits 1913 dazu 
eführt, daß die ostafrikanischen Besitzungen Englands 
einer oder nur noch sehr geringer Zuschüsse vom 
Mutterlande bedurften. Sie haben daneben aber auch 
den Anlaß zu einer Enteignung des Besitzes der Massai 
und ihrer Verpflanzung nach einem anderen Gebiete 
wider ihren Willen gegeben. — Die ernsteste Sorge 
Englands in Ostafrika war in der Zeit des Kriegs- 
ausbruchs ein neuer Streit mit dem Mullah der So- 
malistämme. Seit 1899 hat England mit ihm Krieg 
geführt, trotz größter Anstrengungen aber keinen nen- 
nenswerten Erfolg gegen ihn erzielt. Es ist ebenso- 
wenig bekanntgeworden, wie sich die Lage im Somali- 
lande während des Weltkriegs gestaltet hat, wie man 
zuverästt e Kunde von dem Ausgange des Kampfes 
er Senuff gegen die Briten besitzt. 
IV. Kanada und Westindien. 
Die Lage dieser Kolonien war vor dem Kriege eine 
sehr verschiedene. In Kanada stand der Wunsch nach 
Heranziehung europäischer, besonders deutscher Ein- 
wanderer und ausländischen Kapitals zur Erschließung 
der ungeheuren, dünnbevölkerten, rauhen Gebiete des 
Innern, in Westindien die Gewinnung vorteilhafter 
Märkte für Rohrzucker, Kaffee, Bananen und andere 
Tropenfrüchte im Vordergrunde. Ersteres fürchtete 
das Anwachsen des Einflusses der Vereinigten Staa- 
ten, denen es notgedrungen 1909 allerlei Zollvorteile 
eingeräumt hatte; die Westindier hätten am liebsten 
eine Einverleibung in die Union gesehen, um deren 
Markt zollfrei für ihre Erzeugnisse zu gewinnen. Der 
Weltkrieg hat die Verhältnisse erheblich verschoben. 
Das menschenarme Kanada hat sehr erhebliche 
Mengen von Soldaten aufgebracht und England zu
        <pb n="52" />
        46 
Hilfe geschickt. Seine Entwicklung ist dadurch arg be- 
einträchtigt worden, wie sich am deutlichsten im Sturze 
des Kurses der Papiere der Kanada-Pazisikbahn zeigt. 
Zum Unglück für dieses jahrelang durch geschickte 
Werbetätigkeit in die Höhe gebrachte Unternehmen ist 
auch noch der Gründer der Bahn, Lord Strathcona, 
der seine Laufbahn als Laufbursche begonnen hatte, 
aber dank seiner großen Begabung das Vertrauen 
aller maßgebenden Leute besaß, Unfung 1914 gestor- 
den. Da infolge des Aufschwungs der Bahn das Land 
selbst in den entlegensten Teilen der Kolonie geradezu 
phantastischen Wert erlangt hattet, bedeutete der Rück- 
ang der Schätzung der Anteile der Bahneinen schweren 
chlag für das ganze riesige Land. Der Schaden ist 
um so schwerer, als die weiße Einwanderung bereits 
1915 um 60 Prozent und seitdem noch weiter zu- 
rückgegangen ist. Die Schädigung der Volkswirtschaft 
der Kolonie durch diese Bechälkisse zusammen mit 
dem Anwachsen ihrer Verschuldung durch die gro- 
hen militärischen Aufwendungen dürften Wirkungen 
haben, die sich jetzt noch nicht übersehen lassen. Auf 
weiteren Zufluß der als beste Ansiedler in Kanada all- 
gemein angesehenen Deutschen dürfte dazu nach dem 
Kriege nicht mehr zu rechnen sein. Noch 1910 belief 
sich die Zahl der Einwanderer in Kanada auf 311000, 
1912 sogar auf 402400, während sie 1914 auf145000 
gesunken war. Kanadas Einfuhr ist von 40 504000 
fd. Sterl. im Jahre 1900 auf 132509000 im Jahre 
1914 gestiegen, seine Ausfuhr von 41203000 Pfd. 
Sterl. auf 103999.500 Pfd. Sterl. Die Einnahmen 
beliefen sich 1900 auf 10984000, 1914 auf 28089000 
Pfd. Sterl.; die Ausgaben betrugen 1900: 9276000, 
1914: 28663 000, die Schulden 1900: 74709000, 
1914: 150 246000 Pfd. Sterling. 
Der britische Besitz in Westin dien, der so lange un- 
ter den niedrigen Preisen für Rohrzucker und ungünsti- 
ger geographischer Lage gelitten, hat dagegen während 
er Kriegsfahre einen ungeahnten Auffherung erfah- 
ren. Den Anlaß dazu haben die Aufhebung der Prä- 
mien für Ausfuhr des europäischen Rübenzuckers und 
der Bau des Panamakanals gegeben. Die erstere durch 
Minister Chamberlain herbeigeführte Maßnahme hat 
der Rohrzuckergewinnung großen Vorteil verschafft. 
Und die Gewinne der Zuckererzeuger sind nun noch 
durch den Weltkrieg, der der Ausfuhr des Rüben- 
uckers aus Europa ein Ende gemacht und die Nach- 
frage nach Rohrzucker in unerwarteter Weise gesteigert 
*7 in erheblichem Maße gestiegen. Der Bau des 
anamakanals hat den Verkehr in Westindien dazu 
bedeutend gefördert und für viele dortige Erzeugnisse 
neue Märkte eröffnet. So ist z. B. die Mineralblaus- 
fuhr Trinidads von 2700 Pfd. Sterl. im Jahre 1900, 
21000 Pfd. Sterl. im Jahre 1912, 1914 bereits auf 
75000 Pfd. Sterl. und seitdem noch auf erheblich 
höhere Veträge gewachsen. Es dürfte hiermit und mit 
dem wirtschaftlichen Aufschwunge dieser lange ver- 
nachlässigten Gebiete zusammenhängen, daß neuer- 
dings eine lebhafte Bewegung zur Herbeiführung einer 
näheren Verbindung der einzelnen Inseln unterein- 
ander und mit dem britischen Festlandbesitz sowie An- 
derung ihrer Regierungsform sich bemerkbar gemacht 
hat. Diese auf ein Gebiet von vielen tausend Quadrat- 
kilometern verstreuten, große Strecken voneinander 
entfernten und doch ganz aufeinander angewiesenen 
Kolonien, die vereint eine meist farbige Bevölkerung 
1 In Kalgary wurden Anfang 1914 für den Quadratfuß 
Bauland 20 000 Mark bezahlt! 
I. Politik und Geschichte 
von etwa 1 Million Menschen haben und 1914 für 
9788000 Pfd. Sterl. Waren ein-, für 9390000 Pfd. 
Sterl. ausführten, sind bisher ohne eine gemeinsame 
Verwaltung und in sehr verschiedener wirtschaftlicher 
Lage gewesen. Ihren eigenen Einnahmen in Höhe 
von 2767000 Pfd. Sterl. standen Ausgaben von 
2964000 Pfd. Sterl. gegenüber. Ihre Schulden hat- 
ten die Höhe von 6552000 Pfd. Sterl. erreicht. Die 
Windward= wie Leeward Islands. Trinidad und Ta- 
bago waren nur mit Hilfe von Anleihen imstande, 
ihre jährlichen Ausgaben zu decken. Mit ähnlichen 
Verlegenheiten kämpften die Bermudasinseln und Bri- 
tischGuayana, während Honduras höhere Einkünfte 
erzielte, als es brauchte. Verschiedene Versuche, diese 
klimatisch und wirtschaftlich einander ähnlichen Kolo- 
nien in nähere Beziehungen zu setzen und gegenseitig 
zu fördern, waren immer daran gescheitert, daß die 
in besserer Lage befindlichen keine Lust hatten, die 
Verlegenheiten der anderen auf sich zu nehmen. Seit 
dem neuen Aufschwung der Rohrzuckerindustrie ist das 
anders geworden. Kanada erachtete es für angezeigt, 
mit Westindien über ein Zollabkommen in Verhand- 
lung zu treten, wobei zum ersten Male eine gemein- 
same Verteerung dieser Kolonien ins Leben gerufen 
wurde. Auch in den Vereinigten Staaten regten sich 
dann Bestrebungen, die Segiehun en zu Britisch-Weil- 
indien, wohl mit Rücksicht auf Kuba und Portoriko 
und den Panamakanal, enger zu gestalten. Dazu wur- 
den in England Stimmen laut, die mit Rücksicht auf 
die gänzliche Verschiebung der Lage Westindiens durch 
Amerikas Vorgehen dort eine straffere Organisierung 
dieses Besitzes gorderten. Sie regten Vereinigung al- 
ler dieser Kolonien zu einer Föderation unter einem 
High Commissioner mit Beiseitelassung des solchen 
Pläuen abgeneigten Jamaika und der zu entlegenen 
Barbadosinseln an. — Inzwischen ist der Panama- 
kanal in Betrieb genommen, und Amerika hat die Hand 
auf die dänischen Inseln inmitten der englischen Be- 
sitzungen gelegt. Die Lage hat sich damit in politischer 
Hinsicht sehr zu ungunsten Englands verändert. Wirt- 
schaftlich freilich dürften der Krieg und seine Folge- 
erscheinungen diesem Teil des englischen Weltreichs 
bedeutend zugute gekommen sein. 
V. Australien. 
Das für sein ungeheures Gebiet so dünn bevölkerte 
und schwer verschuldeten Australien, das unter dem 
Einfluß der um die Höhe ihres Lohnes besorgten herr- 
schenden Arbeiterpartei Jahre hindurch die Einwan- 
derung tunlich erschwert, wenn nicht unmöglich ge- 
macht und damit die Zunahme seiner Bewohnerschaft 
schwer beeinträchtigt hat, ist seit Kriegsbeginn aufs eif- 
rigste bemüht gewesen, das Mutterland nachdrücklich 
u unterstützen. Es hat ihm nicht nur seine Flotte zur 
Verfugung gestellt und mit ihr die deutschen Funken- 
türme in der Südsee zerstört und den deutschen Kreu- 
zern den Garaus gemacht, sondern es hat auch trotz 
großer Kosten über 300000 Mann Soldaten nach den 
Kriegsschauplätzen entsandt. Diese Haltung der herr. 
schenden Kreise des fünften Erdteils hat Erstaunen 
erregt, einmal weil es die Arbeiter sind, die hier die 
Gewalt in der Hand haben, und dann, da früher gerade 
die Australier in der Geltendmachung ihres eigenen 
1 1914 belief sich die öffentlicbe Schuld der Commonwealth 
von Australlen und der Einzelstaaten auf 312 290 000 Pfd. Sterl. 
gegenüber 266029000 Pfd. Sterl. im Jahre 1912. Neusecland 
schuldete 1912: 90061000, 1914: 100060000 Pfd. Sterling
        <pb n="53" />
        v. Staden: Indien 
Vorteils auch dem Mutterlande gegenüber besonders 
rücksichtslos vorgegangen sind. Haben sie doch England 
nicht nur völlig freie Hand in den Zoll- und Handels- 
vertragsfragen abgezwungen, sondern es auch durch 
das Verbot der Beschäftigung farbiger Mannschaften 
auf Schiffen, Aussperrung aller Farbigen, selbst der 
Indier und Japaner, und maßlose Erschwerung aller 
weißen Einwanderung mehrfach in schwere Verlegen- 
heiten gebracht. Die durch lange Hegtereien der Presse 
hier verbreitete Furcht vor angeblichen deutschen Er- 
oberungsplänen und der Zorn Über die Festsetzung des 
Deutschen Reiches im Stillen Ozean haben aber offen- 
bar alle früheren Rücksichten, die Furcht vor Rußland 
und Japan und den vorher lebhaften Wunsch nach Ver- 
drängung Frankreichs aus der ozeanischen Inselwelt, 
in den Hintergrund geschoben. Als der Krieg ausbrach, 
nahmen finanzielle Sorgen die Aufmerksamkeit der 
Australier vorwiegend in Anspruch. Während ihre 
Schuldenlast fortgesetzt wuchs und ihre Bevölkerung 
kaum zunahm, stiegen ihre Ausgaben unausgesetzt, 
ohne daß ihr Mapenhandellsich in entsprechendem Maße 
hob. Während ihre Einfuhr 1900 einen Wert von 
1643000 Pfd. Sterl. hatte, bezifferte sie sich 1910 nur 
auf 1619000. 1914 auf 2170000 Pfd. Sterl. Die 
Ausfuhr belief sich 1900 auf 69203000, 1910 auf 
96 671000, 1914 auf 101569000 Pfd. Sterl. Die 
Einnahmen waren zwar von 1900 bis 1914 von 
35 126 000 Pfd. Sterl. auf 75199000 gestiegen, aber 
ihnen standen in den genannten Jahren Ausgaben 
von 34000000 und 74464000 Pfd. Sterl. gegen- 
47 
über und die Aussicht auf immer wachsende Schuld- 
zinsen und Aufwendungen für die Zwecke der neuen 
BundeSregtrung. Kein Wunder. wenn unter den 
Anträgen, die Australien für die Reichskonferenz in 
London vorbereitete, der Wunsch anerster Stelle stand, 
daß England in Zukunft die Zinsen der Anleihen für 
öffentliche Arbeiten von allgemeinem Interesse in den 
Kolonien verbürgen solle. Inzwischen haben aber die 
englandfreundlichen Kreise Australiens während des 
Krieges nichts unterlassen, um des Mutterlandes 
Zwecke weiter zu fördern. In Südaustralien ist die 
deutsche Sprache als Lehrgegenstand in den Schulen 
bereits verboten worden, und der leitende Minister des 
Commonwealth, Hughes, hat eine allgemeine Volks- 
abstimmung für Einführung der Wehrpflicht im gan- 
zen Lande durchgesetzt. Wider sein Erwarten ist dieser 
Antrag gescheitert. 723000 Männer und Frauen ha- 
ben dagegen, nur 637000 dafür gestimmt. Auch die 
Stimmen der in Europa verwendeten australischen 
Soldaten haben Hughes nicht zum Erfolge verholfen. 
Es ist darüber in Australien zu einer Krisis gekom- 
men, die den Ministerpräsidenten verhindert hat, zur 
Reichskonferenz im Frühjahr 1917 nach London zu 
reisen. Die nach Auflösung des Parlaments ausge- 
schriebenen Neuwahlen sind indessen für beide Häuser 
in seinem Sinne ausgefallen. Welchen Einfluß der 
deutsche Unterseebootkrieg und die wahrscheinliche Ver- 
nichtung zahlreicher Schiffe mit australischem Getreide 
und Fleisch auf die Verhältnisse des Commonwealth 
ausüben wird, ist noch nicht abzusehen. 
Indien 
von Dr. phil. Hermann v. Staden in Berlin 
Das Verhalten Indiens nach englischer 
Darstellung. In der Einleitung zu --The Iudian 
Vear Bock# schreibt der englische Herausgeber, an- 
fangs habe die öffentliche Meinung Indiens die Natur 
des England aufgezwungenen Kampfes nicht erkannt; 
als man aber erfahren habe, daß der deutsche Einfall 
in Belgien der casus belli sei, und daß es sich um den 
Schut der schwächeren Staaten und Völker handle, 
dasei Indien wunderbar emporgeflammt in dem Wun- 
sche, das britische Reich zu unterstützen, und die Schwer- 
ter aller indischen Fürsten seien aus der Scheide ge- 
flogen. In einem Augenblick sei das Bild innerer 
Unruhe verschwunden. Der Vizekönig habe die Mi- 
nister Seiner Majestät benachrichtigt, daß Indien den 
letzten Mann und das letzte Gewehr seinem Dienste 
weihen werde, die Truppen seien glücklich gewesen, auf 
den europäischen Schlachtfeldern kämpfen zu dürfen, 
und der Vizekönig habe die Anregung des Gesetz- 
gebenden Rates angenommen, wonach die Kosten auf 
die indische Staatskasse übernommen werden sollten. 
Diese englische Schilderung der angeblichen Kriegs- 
begeisterung Indiens sieht in starkem Gegensatz zu der 
wahren Überzeugung der zu Hunderten freiwillig in 
der Verbannung lebenden und für die Befreiung ihrer 
Heimat wirkenden Indier sowie der zu Tausenden 
gefangengenommenen indischen Soldaten, die von 
der Begeisterung für das britische Reich nichts wissen. 
1 Herausg geben von Stanley Need, L. L D. (Bombay und 
Kalkutta 1915). 
Die wirkliche Lage. Wie sieht es in Wirklichkeit 
in Indien aus? Wie haben sich die 300 Millionen 
Indiens zum Weltkriege gestellt, was ist seit August 
1914 in Indien ges chehen und wie sind die politischen 
Zustände und Aussichten Indiens zu beurteilen, wenn 
der Krieg beendigt sein wird? Auf diese Fragen eine 
durch gesicherte Daten begründete Antwort zu geben. 
ist heute nicht möglich. Die Absperrung Indiens, die 
als eine der merkwürdigsten Folgen der Herrschaft 
Englands über das Weltmeer und den Nachrichten. 
dienst in der Geschichte einzig dasteht, aber zu der zwei- 
hundertjährigen Unterdrückung des Buchdrucks in Ir- 
land ein interessantes Gegenstück bildet, ist so folge- 
richtig und geschickt durchgeführt worden, der geistige 
Verkehr zwischen dem indischen Fünftel der Mensch- 
heit und der übrigen Welt läuft seit beinahe drei Jah- 
ren so ausschließlich durch die Hände der wenigen eng- 
lischen Staatsmänner, daß diese Männer allein in der 
Lage sind, über den gegenwärtigen Zustand Indiens 
Auskunft zu geben. Es braucht nicht gesagt zu wer- 
den, daß alles, was diese Männer der Osfentlichken 
mitzuteilen für gut befinden, nach dem britischen 
Staatsinteresse bemessen und zugestutzt, also für die 
Beurteilung der Lage nicht nur lückenhaft und unzu- 
reichend, sondern durchaus unzuverlässig und irrefüh- 
rend ist, wenn auch noch so viele einzelne Nachrichten 
der Wirklichkeit entsprechen mögen. Diese von Eng- 
land bekanntgegebenen Nachrichten müssen aus der 
britischen Gesamddarstellung der indischen Frage her- 
ausgehoben und für sich betrachtet, auf ihre innere 
Wahrscheinlichkeit hin geprüft und dann in ihrem 
Kern mit den äußerst spärlichen Nachrichten zusammen- 
gehalten werden, die auf anderen Wegen, etwa durch
        <pb n="54" />
        48 
neutrale Seeleute, durch kriegsgefangene Indier, durch 
entlassene deutsche Zivilgefangene oder sonstwie, nach 
Europa gelangen. Das so gewonnene Bild ist aber 
schlie-lich unter diejenige, allerdings zum Teil subjek- 
tiv beeinflußte Beleuchtung zu rücken. die uns der Ver- 
lauf der indischen Bewegung bis zum Beginn des Krie- 
ges, unsere Kenntnis der vor dem Kriege vorhandenen 
Stimmungen, Triebkräfte und Möglichkeiten Indiens 
sowie die überzeugung der heute im Gebiet der Mittel- 
mächte lebenden Indier an die Hand gibt. 
Indiensunnatürliche Entwicklungimletß- 
ten Jahrhundert. Wer in Indien gelebt hat, 
konnte unter demunmerklichen Einfluß britischer Sug- 
gestion leicht dahin kommen, die Herrschaft Englands 
über Indien zu billigen, ja in der Hauptsache für 
segensreich und darum entwicklungsgeschichtlich für 
notwendig zu halten, und viele haben schon geglaubt, 
einen lebendigen, organischen Zusammenhang, ein 
Verwachsensein Indiens mit seinem Beschützer- 
wahrzunehmen. Es ist klar, daß solche Leute sich eine 
Loslösung Indiens von England nur schwer vorstel- 
len können und die Aussichten Indiens auf Befrei- 
ung pessimistisch beurteilen. In Wahrheit ist aber die 
Entwicklung, die Indien unter britischer Herrschaft 
genommen hat, durchaus keine natürliche. Selbst die 
pax britannica, der 50jährige, für weite Teile des 
Landes sogar 100jährige Friede, ist nur ein Fort- 
schritt auf dem toten Strang, wie die erschreckend zu- 
nehmende Verarmung des Volkes und das Verhun- 
gern von 30 Millionen Menschen in 50 Jahren be- 
weisen. Die ganze gewaltsam geförderte Entwicklung 
ist auf ein totes Geleise geschoben und muß eine völlig 
neue Michtung einschlagen, eine von der Natur gewie- 
sene, bei der die Kräfte und der Geist Indiens selbst 
das Bewegende sind und nicht die Bereicherung Eng- 
lands, sondern die materielle und geistige Förderung 
der Indier das Ziel bildet. Bei dieser eigentlich selbst- 
verständlichen Auffassung braucht man sich dann nur 
zu vergegenwärtigen, daß Indien über 300 Millionen 
Menschen birgt, um zu der Erkenntnis zu gelangen, 
daß die Loslösung von England mit innerer Not- 
wendigkeit kommen muß und mit der Swadeschi- 
Bewegung auch bereits begonnen hat. Kleine Völker 
können möglicherweise von einem großen Volke bis 
zur Vernichtung vergewaltigt werden. Daß aber 300 
Millionen dauernd geknechtet und von der selbstän- 
digen Mitwirkung an dem Organisationsprozeß der 
Menschheit könnten ausgeschlossen werden, ist wohl un- 
möglich. In diesem Sinne bekennen wir uns gern zu 
einer optimistischen Betrachtung der indischen Frage. 
Indiens politisches Erwachen. Stellen wir 
die von der Zensur durchgelassenen Nachrichten, auch 
die für England günstig lautenden, zusammen, so er- 
* sich zunächst das eine mit Sicherheit, daß der Krieg 
ie Bevölkerung Indiens als Ganzes genommen nicht 
gleichgültig gelassen, daß er sie vielmehr heftig erregt 
hat, und zwar in einem Grade, der bei diesem von 
jeher abgeschlossen für sich lebenden Volke ganz unge- 
wöhnlich ist. Die indische Menschheit hat sich, wenn 
wir die Mohammedaner und eine dünne Schicht ge- 
bildeter Hindu ausnehmen, umden Laufder Welt sonst 
nicht gekümmert. Bis vor etwa zehn Jahren waren 
ihr die politischen Dinge selbst im eigenen Lande gleich- 
gültig. Die Kaste mit dem eifrig gehüteten Kreiseihrer 
echte und Pflichten nahm alles Interesse hin und 
vefriedigte den auch im Hindu lebendigen Organisa- 
tionstrieb, während man den wirtschaftlichen Still- 
stand, die chronische Verarmung, als ein Fatum über 
I. Politik und Geschichte 
sich ergehen ließ. In diesen scheinbaren Todesschlaf, 
der uns Europäer verleiten konnte, an der politischen 
Zukunft Indiens zu verzweifeln, kam plötzlich Be- 
wegung durch die von Lord Curzon geplante, von 
Lord Minto durchgeführte. gegen die von jeher unbe- 
quemen bengalischen Hindu gerichtete Teilung der Pro- 
vinz Bengalen. Die erbilterten Hindu antworteten 
mit dem Boykott englischer Waren, der unter dem Lo- 
sungswort = Swadeschi- auch außerhalb Bengalens 
populär wurde und die erste über ganz Indien gehende 
politische Bewegung darstellt. Gleichzeitig weckte der 
lühende, hochpoctische Sang -Bande Mataramt= 
es 1894 verstorbenen Dichters B. Tschandra Tschat- 
topadhyaya die in jedem Hindu schlummernde Liebe 
zu Indien und schuf für das Volksbewußtsein den 
Begriff Vaterland. Bald zeigte sich, daß auch die — 
durch die Teilung Bengalens begünstigten — Moham- 
medaner an Patriotismus nicht zurückstehen wollten. 
Die neunhundertjährige Feindschaft zwischen den bei- 
den Gruppen der Bevölkerung nahm nicht zu, wie 
man hätte erwarten sollen, sondern schlug in kurzer 
Zeit in eine gemeinsame antienglische Stimmung um. 
Als sechs Jahre später (1911) die verhaßte Maßnabme 
aufgehoben und Delhi, die einstige Hauptstadt der 
Großmogule, an Stelle Kalkuttas zum Sitz der Zen- 
tralregierung erklärt wurde, war die Annäherung der 
beiden Gruppen schon so weit vorgeschritten, daß diese 
Neuerungen sie nicht mehr zu trennen vermochten, 
vielmehr als Anzeichen der Unsicherheit und Schwäche 
der Regierung angesehen wurden und die nationale 
Strömung nur verstärkten. Die märchenhafte Pracht 
des Durbars (Dezember 1911) befriedigte zwar die 
Schaulust des Volkes und vielleicht auch die Eitelkeit 
einzelner Fürsten, aber die traurige Gestalt Georgs V., 
dem der allbeliebte Gaekwar von Baroda, der zweite 
im Range unter den Fürsten, ziemlich unverhüllt seine 
Geringschätzung zu erkennen gab, flößte den Indiern 
weder Liebe noch Achtung ein. Dagegen verstand es 
der neue Vizekönig Lord Hardinge, obwohl er fast 
einem Attentat zum Opfer gefallen wäre (auch auf 
Lord Minto war ein solches versucht worden), durch 
Klugheit und ungekünstelte Leutseligkeit die öffentliche 
Meinung bei einigermaßen guter Laune zu erhalten 
und den Ausbruch der Krise hinaus zuschieben. Dieser 
Mann ragte über den englischen Durchschnittscharak- 
ter weit hinaus; hat er es doch gewagt, trotz der 
wütenden Angriffe der = Europäischen Gesellschaftr in 
Indien bis zum Ablauf seiner Regierungszeit seinen 
deutschen Hofkapellmeister beizubehalten. 
Der erste Nationalkongreß nach Kriegs- 
ausbruch. Aber auch Lord Hardinge vermochte nicht 
zu verhindern, daß bei Ausbruch des Krieges ganz 
Indien aufhorchte, die Hofjfnungen des Nationalismus 
sich neu belebten und überall die Frage aufgeworfen 
wurde: Was bedeutet der Krieg für Indien? Auf dem 
Nationalkongreß in Madras (Dezember 1914) wurde 
bei aller üblichen Betonung der Loyalität ganz offen 
und mit einer bis dahin unbekannten Entschiedenheit 
eine stärkere Heran ziehung der Indier zur Gesetzgebung 
und Verwaltung gefordert. Diesen Kongreß besuchte 
übrigens auch der Gouverneur von Madras — dererste 
Fall einer amtlichen Vertretung der Regierung bei den 
seit drei Jahrzehnten alljährlich tagenden National. 
kongressen! Im übrigen verlief der Kongreß friedlich. 
1 Metrisch Übersezt von Helmuth v. Glasenapp im 2 Korre- 
spondenzblatt der Nachrichtenstelle für den Orient«, III. Jahrg. 
Nr. 8, S. 354.
        <pb n="55" />
        v. Staden: Indien 
Das Verhalten der Fürsten. Auch die Fürsten 
verhielten sich loyal. Aber wenn wirklich allen sieben- 
hundert Fürsten »das Schwert aus der Scheide geflo- 
*ßr* ist, so war das nicht mehr als eine schöne Geste. 
it England in den Krieg gezogen sind nur ganz 
wenige, und auch diese sind inzwischen längst heim- 
ekehrt. Aber ihre — an Zahl geringen — Truppen 
aben sie dem King-Emperor zur Verfügung gestellt, 
und viele haben für den Krieg Geld, einzelne auch 
Maschinengewehre oder sonstige Waffen gestiftet. Auch 
der Gaekwar von Baroda, der bei Kriegsausbruch in 
London war, während sich seine Gemablin in Karls- 
bad befand, hat eine namhafte Summe zur Bekämp- 
fung der deutschen Barbaren hergegeben, obgleich er 
genau weiß, daß wir weniger Barbaren sind als die 
ngländer. Wie diese und ähnliche Bekundungen von 
Loyalität zu bewerten sind, liegt auf der Hand. Dem 
ohnehin verdächtigen Fürsten wäre es übel ergangen, 
wenn er anders gehandelt hätte. Unklar und auf- 
fällig sind die Vorgänge in Haiderabad, dessen Herr- 
scher, der Nizam, sonst traditionell ein Freund Eng- 
lands war. Der Nizam ist der erste der indischen Für- 
sten, ist Mohammedaner, undauch in seiner Hauptstadt 
Haiderabad, der viertgrößten Stadt Indiens, herrscht 
das mohammedanische Element vor. Der noch sehr 
junge Fürst mußte plötzlich seine Hauptstadt verlassen, 
angeblich, weil die Bevölkerung mit seiner england- 
freundlichen Haltung nicht einverstanden war und die 
Lage für ihn bedrohlich geworden wäre. Aber daschon 
unter seinem Vater die Beziehungen zur britischen Re- 
gierung gelockert waren, weil England die Verträge 
nicht hielt, sondern den Nizam finanziell Üübervorteilte, 
so darf man eher annehmen, daß der junge Herrscher 
mit seinen englandfeindlichen Untertanen sympathi- 
siert hat und deshalb von den Engländern entfernt 
worden ist. Das war 1915; was seitdem aus der 
Sache geworden ist, wissen wir nicht. 
Bekanntlich standen die indischen Fürsten vor dem 
Kriege durchweg mit England auf gutem Fuße; eng- 
lische Erziehung und Gewöhnung, finanzielle Betei- 
ligung an englischen Unternehmungen, Bequemlich- 
keit und bei manchen auch die Furcht, daß bei dem 
Sturze der Oberherrschaft auch ihr eigener Thron ins 
Wanken geraten könne, waren die Ursache. Ihre 
militärische Ohnmachtließ den Gedanken anoffene Auf- 
lehnung vollends nicht aufkommen. Aber man würde 
irren, wenn man die Fürsten für begeisterte Anhän- 
ger Englands hielte; wirklich ergeben sind ihm wohl 
nur ganz wenige. Zu diesen scheint der Maharadschah 
von Bikanir zu gehören, der deshalb bei vielen seiner 
Standesgenossen offenbar unbeliebt ist. Denn die 
Akten einer 1916 aufgedeckten Verschwörung. in die 
auch ein Fürst verwickelt war, haben ergeben, daß man 
plante, alle Radschputenfürsten zum Anschluß an die 
Verschwörung zu bewegen, den Fürsten von Bikanir 
aber als unbekehrbaren Englandfreund zu töten. 
Die Stimmung im Volke. Was das Volk be- 
trifft, so ist die Haltung dieser ungeheuren, politisch 
völlig unreifen Masse um so schwerer zu kennzeichnen, 
als * örtlich sehr verschieden war und in der ersten 
Zeit, durch die Regierungspresse in Verwirrung ge- 
bracht, hier und da auch, wenigstens auf der Ober- 
fläche, gewechselt zu haben scheint. Wie überall, so 
hat England auch in Indien seine Kriegserklärung 
an Deutschland mit dem deutschen Einfall in Bel- 
gien begründet und sich als den Schützer der schwäche- 
ren Nationen aufgespielt. Da gleichzeitig Regierungs- 
vertreter und Presse wiederholt ausführten, daß für 
Der Krieg 1914/17. II. 
49 
Indien eine neue Zeit angebrochen sei, daß man die 
Bevölkerung hinfort nicht mehr als unmündig betrach- 
ten dürfe, daß sie vielmehr durch ihre Teilnahme an 
dem gemeinsamen Kampfe gegen deutsche Barbarei 
ihre politische Reife erweise und auf eine Stufe mit 
den übrigen für England und für die Freiheit kämp- 
fenden britischen Kolonien trete, so dürfen wir uns 
nicht wundern, wenn das Volk, das Deutschland nicht 
kennt, durch solche Darstellungen und Versprechun- 
gen getäuscht wurde, wenn es zu Ergebenheitserklä- 
rungen und zu Kundgebungen für den Krieg kam und 
indische Redner dabei begeistertee Reden für -das 
Reich= hielten. Diese Redner waren vorwiegend Be- 
amte — es gibt deren in Indien anderthalb Millio- 
nen —, die sch der Regierung zu empfehlen die Ge- 
legenheit benutzten. Dau redet der Indier gern und 
mit großer Geläupigkeit der Zunge und berauscht sich 
an seiner Rede auch dann, wenner durchaus noch nicht 
entschlossen ist, den Worten Taten folgen zu lassen. 
Taten werden in Indien in der Stille geboren und 
treten ans Licht, wenn man es am wenigsten vermu- 
tet. Hätte irgendeine nennenswerte Anzahl von In- 
diern aus besser künstlich erzeugten und vorübergehen- 
den Kriegsbegeisterung die Konsequenzen gezogen und 
ein Freiwilligenkorps gebildet, so würde die Welt das 
sicherlich erfahren haben. Ganz im Gegenteil ist die 
Rekrutierung auch der Berufssoldaten bei denjenigen 
Stämmen, denen der Kriegsdienst geläufig ist, keines- 
wegs nach Wunsch gegangen, und die Werber sind 
oft vom Volke bedroht und verprügelt worden. 
Waffenlosigkeit und Wehrlosigkeit des 
Volkes. Die Erklärung des Vizekönigs, daß Indien 
den letzten Mann und die letzte Flinte dem Dienste 
des Königs weihen werde, ist also eine echt englische 
Lüge. Außer den Berufssoldaten denkt kein Indier 
daran, sein Leben für Englands König zu opfern. 
Ad vocem Schießgewehr aber sei als symptomatisches 
Kuriosum erwähnt, daß die Zahl der Erlaubnisscheine 
für Gewehre von 176779 im Jahre 1914 auf 175890 
im Jahre 1915 zurückgegangen ist. Da in letzterer 
Zahl aber 23 123 neue Erlaubnisscheine enthalten sind, 
die vermutlich an Engländer, andere Europäer und 
Eurasier (die zu England haltenden Mischlinge) zur 
Verteidigung bei einem etwaigen Aufstande ausge- 
geben worden sind, so bleibt, wenn man die infolge 
von Todesfall erloschenen und die wenigen Hundert 
den Deutschen abgenommenen Scheine abzieht, nur 
der Schluß übrig, daß Tausenden von Indiern die 
Erlaubnis, Hinterlader zu führen, entzogen worden 
ist — eine Aenartige Illustration zu der Redensart 
vom letzten Mann und letzten Schießgewehr! Die Zu- 
nahme der Todesfälle durch wilde Tiere zeigt ferner, 
daß die Engländer sich nicht mehr so wie früher zur 
Jagd aufs Land hinauswagen, sondern zum Schutze 
ihrer Familie zu Hause bleiben. 
Politische Morde, Plünderungen, Ver- 
schwörungen und örtliche Aufstände. Was 
sich seit Kriegsbeginn in Indien ereignet hat, ist frei- 
lich auch dazu angetan, die dort lebenden Engländer 
u äußerster Vosicht und Wachsamkeit zu mahnen. 
ewalttaten der verschiedensten Art, wie sie in so er- 
schreckend hoher Zahl sonst unerhört waren, sind aus 
allen Teilen des Landes gemeldet worden. Bald 
waren espolitische Morde, an englischen oder eingebore- 
nen Beamten und nicht selten auf offener Straße ver- 
übt, bald räuberische Üüberfälle (sogenannte dacoities) 
auf die verhaßten Wucherer, die um so Uüppiger ge- 
deihen, je mehr das Volk in Schulden gerät, bald Em- 
4
        <pb n="56" />
        50 
põrungen indischer Truppen, die ihre britischen Offi- 
iere ermordeten und dann über die Landhäuser der 
ngländer herfielen, bald weitverzweigte Verschwö- 
rungen, an denen Indier aus den besten Kreisen be- 
teiligt waren und die Daende von Todesurteilen zur 
Folge hatten, bald Angriffe auf eingeborene Christen, 
bald Plünderungen und Mordtaten, die von räuberi- 
schen Kasten ausgingen und ganze Landstriche in 
Schrecken versetzten. In einigen Fauen sind sogar 
regelrechte Aufstände mit dem Ziele, die britische Herr- 
schaft zu stürzen, unternommen worden, so in Tschota 
Nagpur und an der ritüe bei den mohammedani- 
schen Mopla. Die Mopla haben schon im September 
1914 und dann wieder im Frühjahr 1915 einen Auf- 
stand versucht. Sie sind Nachkommen von Arabern, 
die um das Jahr 1000 zur See eingewandert sind; 
ein Infanterieregiment, das aus dieser streitbaren 
Selte angeworben war, mußte wegen dauernder Un- 
botmäßigkeit 1907 wieder aufgelöst werden. Den 
Aufstand in Tschota Nagpur versuchte man auf den 
Einfluß der Goßnerschen Mission zurückzuführen, und 
einer der Missionare war bereits der cellnahme be- 
schuldigt, als man zu seinem Glück in den Satzungen 
der Aufständischen die Bestimmung fand, daß kein 
Europäer an der Erhebung teilnehmen dürfe. 
Ursache des Fehlschlagensaller bisherigen 
Empörungen. Die Ursache des Fehlschlagens die- 
ser Aufstände und zugleich die Erklärung dahr, wes- 
halb die von vielen erwartete allgemeine Erhebung 
ganz Indiens bis jetzt ausgeblieben ist, muß einzig 
und allein in dem Umstande gesucht werden, daß die 
Bevölkerung waffenlos ist. Die Bestimmungen über 
die Einfuhr moderner Schießwaffen waren vor 15 
Jahren schon so scharf, daß ein Deutscher, der bei sei- 
ner Ankunft eine Parabellum -Pistole mitbrachte, alle 
Monate von einem englischen Unteroffizier kontrol- 
liert wurde und die Waffe vorzuzeigen hatte. In den 
letzten 10 Jahren aber sind die Bestimmungen im- 
mer mehr verschärft und immer strenger gehandhabt 
worden. Erlaubnisscheine wurden nur an Englän- 
der und zuverlässige Europäer und Eurasier ausge- 
geben, an Indier fast nie, und wenn der Waffen- 
schmuggel auch nicht ganz hat unterbunden werden 
können, so hat er sich doch in solchen Grenzen gehal- 
ten, daß die meisten Indier noch nie einen Hinterlader 
aus der Nähe gesehen haben; die eingeborenen Jäger- 
kasten aber bedienen sich harmloser altmodischer Vor- 
derlader, und diese Jäger wohnen so verstreut und 
einzeln, daß sie völlig ungefährlich sind. Auch die in- 
dischen Truppen, die übrigens in den meisten Garni- 
sonen durch britische Truppen kontrolliert werden, 
sind im Grunde waffenlos; sie haben wohl Gewehre, 
aber keine Munition. Artillerie aber und Maschinen- 
gewehre sind ausschließlich in den Händen der bri- 
tischen Truppen. So begreift es sich, daß revolutio- 
näre Gewalttaten, so zahlreich sie sind, doch immer 
nur vereinzelt auftreten und selten zu einer größeren 
Empörung auflodern. 
Ausbreitung des Englandhasses über ganz 
Indien. Aus dem geschilderten Zustand zu schließen, 
daß das Volk zu friedliebend oder gar mit derbritischen 
Herrschaft einverstanden sei, wäre ein Irrtum. Die 
Stimmung ist vielmehr durch das ganze Land so eng- 
landfeindlich, daß der Zustand auf die Dauer unerträg- 
lich werden muß. Und man vermöchte nicht zu ent- 
scheiden, ob Hindu oder Mohammedaner die gröbere 
Feindschaft gegen den Bedrücker hegen. Die Moham- 
medaner haben den älteren politischen Sinn, die grö- 
I. Politik und Geschichte 
ßere Angriffslust und jetzt im Weltkriege den Anreiz 
durch die Ertlärung des Dschihad (vgl. »Der heilige 
Krieg-, S. 71 ff.). Dazu kommt, daß sie sich als Ver- 
bündete Deutschlands fühlen und auf die deutsche 
Hilfe rechnen. Die Hindu hatten bis zum Ausbruch 
des Krieges wohl überhaupt keine Vorstellung davon, 
durch welche Art von Wafssengang die Befreiung her- 
beigeführt werden könne; sie speicherten den Haß im 
Busen auf und machten sich Luft durch verwegene 
Attentate und heimliche Verschwörungen, und wenn 
diese auch nicht den gewünschten Erfolg gehabt haben, 
so ist der Haß nur um so glühender geworden und 
ergreift immer weitere Kreise der früher politisch gleich- 
gültigen Masse. Als 1857 der Sepoy-Aufstand, der 
übrigens nicht nur als eine Militärrevolte zu bewerten 
ist, sondern dem auch die allgemeine Unzufriedenheit 
der Bevölkerung mit der Habgier und Willkür der 
Britisch -Ostindischen Kompanie zugrunde lag, die 
Herrschaft Englands in Frage stellte, waren es die 
kriegerischen Sikh, die aus alter Feindschaft gegen ihre 
früheren mohammedanischen Bedrücker zu den Eng- 
ländern hielten und ihnen die Niederwerfung des 
Aufstandes ermöglichten. Heule sind die Sikh durch- 
aus nicht mehr englandfreundlich gesinnt. Eins ihrer 
Regimenter hat gemeinsam mit mohammedanischen 
Pandschabi im Frühjahr 1915 an dem Aufstand von 
Singapur teilgenommen und den dort gefangen ge- 
haltenen deutschen Seeleuten und Kaufleuten zur 
Flucht verholfen. An einer Verschwörung, die 1916 
in Hongkong aufgedeckt wurde, waren ebenfalls in- 
dische Kaufleute, Soldaten und Beamte aus den ver- 
schiedensten Völkerschaften und Kasten beteiligt. In 
Bombay und Madras scheint die Lage neuerdings 
wieder besonders gefahrdrohend zu sem: denn die 
Gouverneure dieser beiden großen Provinzen, deren 
Amtszeit abgelaufen war, sollen vorläufig auf ihrem 
Posten bleiben. An dem Aufstande von 1857 hatte 
der ganze Süden überhaupt nicht teilgenommen; 
heute zeigen Verschwörungen, Aufstände, Plünderun- 
gen. die aus Madras, aus dem Süden des Tamilen- 
landes und aus Travankor gemeldet werden, daß 
auch diese drawidischen Lande, in denen verhältnis- 
mäßig wenig Mohammedaner leben, von dem Triebe 
zur Empöruny durchseucht sind. Dabei ist Madras 
ein Hauptsitz der christlichen Mission, die in diesem 
Bezirk bei weitem die meisten Anhänger zählt, und 
der Mittelpunkt aller englischen und indischen Bil- 
dungsbestrebungen Südindiens; Travankor aber ist 
einer der bestgeordneten, sozial glücklichsten Staaten 
Indiens und hat neben Baroda, Lorschn und Maisur 
die beste Schulbildung! 
Der Einfluß der Presse. Die Zeiten sind an- 
dere geworden. 1858 gab es in Indien 46 Zeitungen, 
heute gibt es etwa 3000 Zeitungen und Zeitschriften, 
und jährlich erscheinen 10000 Bücher in indischen 
Sprachen! Kein Wunder. wenn die Gedanken sich rasch 
über das ganze Land verbreiten, die politische Unruhe 
unausrottbar geworden ist und die Gefängnisse sich 
immer mehr füllen, wie in Bengalen, wo die Zahl 
der Gefangenen von 1914 bis 1915 von 69000 auf 
81000 stieg, oder im Pandschab, wo die tägliche 
Durchschnittszahl von 15000 auf 17000 unk die 
Zahl der Untersuchungsgefangenen von 18343 auf 
25 530 hinaufging. Die Regierung hatte die durch die 
Presse drohende Gefahr zu spät erkannt und griff erst 
in den letzten zehn Jahren zu immer schärferen Maß- 
1 Juli 1917.
        <pb n="57" />
        v. Staden: Indien 
regeln. Aber die Schriftleiter der indischen Zeitungen 
nahmen Gefängnis, Verbannung und Zwangsarbeit 
mit Heldenmut auf sich, immer neue Märtyrer er- 
standen, und heute sind die Indier von der Wirksam- 
leit der Presse so durchdrungen, daß der letzte Natio- 
nalkongreß die völlige Preßfreiheit als eine seiner vor- 
nehmsten Forderungen aufgestellt hat. 
Wirtschaftliche und finanzielle Nöte in- 
folge des Krieges. Die Unzufriedenheit mit der bri- 
tischen Herrschaft wird noch gesteigert durch die schlim- 
men wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Zwarist auch 
in Indien eine Waffenindustrie eerblühz zwar haben 
einzelne Zweige der Volkswirtschaft, wie die Glas- 
industrie und der Indigobau, gewonnen, sind zum 
Ersatz der fehlen den deutschen Waren neue Industrien 
ins Leben gerufen worden, und der Baumwollen- 
industrie von Bombay hat man neuerdings einen Ein- 
fuhrzoll bewilligt, der den Manchesterwaren schweren 
Schaden zufügen wird. Aber die ganze Handelsbilanz 
ist höchst ungünstig, die Mehreinfuhr beständig ge- 
stiegen, und die Preise der täglichen Verbrauchswaren 
haben eine Höhe erreicht, die der arme Indier nicht 
mehr erschwingen kann. Trotzdem soll das Land nicht 
nur die Kosten der militärischen Hilfe bestreiten, die 
es England leistet, sondern der Rat des Vizekönigs 
bat Anfang 1917 noch obendrein 100 Millionen Pfund 
für England bewilligt. Diesem Rat gehören außer 
einem einzigen Indier nur Engländer an; dieser ein- 
zige Indier aber, der schon bei früheren Gelegenheiten 
gezeigt hat, daß er ein Nationalindier ist, wird vermut- 
lich auch jetzt gegen die Bewilligung gestimmt haben, 
und das Geschenk Indiens an Engichrd ist in Wahr- 
heit ein britischer Gewaltakt. Die Gewährung eines 
Einfuhrzolles für englische Baumwollwaren sollte die 
bittere Pille versüßen und wenigstens die einflußreichen 
Baumwollindustriellen von Bombayversöhnen. Aber 
die gewiegten indischen Kaufleute wissen genau, daß, 
wenn England den Krieg gewinnt, die Industriellen 
von Manchester die Aufhebung des Zolles fordern und 
auch durchsetzen werden. Indien trägt auf alle Fälle 
den Schaden. Es opfert für die Wohlfahrt des Em- 
pire Menschen (bis jetzt etwa 300 000), Lebensmittel 
(Weizen und Reis), Gelder und den Rest des eigenen 
Wohlstandes und geht, wenn England siegt, unfehl- 
dar weiterer, hoffnungsloser Verarmung entgegen. 
Indiens einzige Rettung. Aus dieser Not 
gibt es nur eine Rettung: Trennung Indiens von 
England. Es ist von höchster geschichtlicher Bedeu- 
tung, daß der Nationalkongreß, also die einzige quasi- 
offizielle Vertretung der Gesamtheit des Volkes von 
Indien, auf seiner letzten Tagung in Lacknau (De- 
zember 1916) die Forderungvölliger Selbstverwaltung 
offen aufgestellt hat. über die Verhandlungen dieser 
denkwürdigen 31. Tagung des Nationalkongresses 
sowie über die 9. Sitzung der All India Moslem 
Leagune, die ebenfalls im Dezember 1916 in Lacknau 
tagte und sich mit dem Nationalkongref sachlich einig 
erklärte, berichtet ausführlich das „Korrespondenz- 
blatt der Nachrichtenstelle für den Oriente. Der In- 
halt der in Lacknau erhobenen Forderungen wird hiert 
in folgende drei Sätze zusammengefaßt: 
a) Im Hinblick auf die Tatsache, daß die großen 
Gemeinschaften Indiens Erben alter Zivilisation sind 
und auch während der hundert Jahre britischer Herr- 
schaft ihre Befähigung für eine Selbstregierung ge- 
zeigt haben, und in Anbetracht dessen, daß das herr- 
1 Sonderbellage zu Nr. 11 des 3. Jahrgangs. 
51 
schende Regierungssystem die gerechten Ansprüche des 
Volkes nicht befriedigt, ist der Kongreß der Ansicht, 
daß die Zeit gekommen ist. wo S. M. der Kaiser und 
König geruhen sollte, eine Proklamation zu erlassen, 
in welcher es als ein Ziel der britischen Politik aus- 
gesprochen wird, Indien möglichst bald die Selbstver- 
waltung zu verleihen. 
b) Der Kongreß fordert die Regierung auf, ent- 
scheidende Schritte zur Einführung der Selbstregie- 
rung zu unternehmen durch Ausführung der vom 
Kongreß in Gemeinschaft mit der Moslem League in 
einer Denkschrift gesorderten Reformen. 
c) Indien soll aus der Stellung eines abhängigen 
Landes zu der eines vollberechtigten Gliedes des bri- 
tischen Reiches erhoben und den Dominien mit Selbst- 
verwaltung gleichgestellt werden. 
Es leuchtet ein, daß England auf diese Forderun- 
gen gutwillig nicht eingehen wird. Denn Selbstver- 
waltung einer von Engländern bewohnten Kolonie, 
wie Australien oder Kanada, ist etwas ganz anderes 
als Selbstverwaltung eines unterworfenen Landes 
mit rassefremder Bevölkerung, wie es Indien ist. Hier 
würde der Selbstverwaltung die Forderung nach po- 
litischer Selbständigkeit auf dem Fuße sfolgen und aus 
der Krone des britischen Reiches der schönste Edel- 
stein herausgebrochen werden, ja Englands Stellung 
am Indischen Ozean und in Asien überhaupt würde 
mit dem Verluste Indiens unhaltbar werden. Das 
weiß jeder Engländer, und kein britischer Staatsmann 
würde eine Maßnahme verantworten wollen, die ein 
solches, mit der Auflösung des britischen Weltreiches 
gleichbedeutendes Ergebnis zur Folge hätte. Nur ge- 
zwungengibt England Indien frei. Mit anderen Wor- 
ten: Indien kann nur dann frei werden, wenn Eng- 
land im Weltkriege unterliegt, wenn Deutschland Sie- 
F bleibt. Nur ein siegreiches und freies Deutschland 
ann auch Indien zur Freiheit verhelfen. 
Deutschlands Anteil an Indiens Be— 
freiun Das wissen auch die führenden Kreise In- 
diens. Schon lange vor Ausbruch des Krieges konnte 
man von gebildeten Indiern hören: »Our delive- 
rance depends upon Germany.: Würde Deutsch- 
lands Selbständigkeit in diesem Kriege erstickt, seine 
kaum entfaltete Macht in Ohnmacht verwandelt wer- 
den, dann wäre es mit der Hoffnung auf eine Be- 
freiung Indiens voraussichtlich für Jahrhunderte 
vorbei, dann würde der englisch-amerikanische Ma- 
terialismus sowohl Indien als auch Ostasien durch 
eine pax anglosaxonica so lange ausbeuten, bis eine 
neue fürchterliche Völkerdämmerung kommen müßte. 
Mit der Unterdrückung des deutschen Grundsatzes 
„ Jedem das Seine durch den heuchlerisch fromm ver- 
kleideten angelsächsischen Materialismus wäre dann 
aber auch die Entwicklung der weißen Rasse auf den 
toten Strang geraten, und an diese Möglichkeit glau- 
ben wir nicht. Denn die weiße Rasse hat ihre auf 
die Organisation der Menschheit gerichtete Aufgabe 
ja kaum begonnen, sie hat noch ein gewaltiges Arbeits- 
feld vor sich. Was England auf diesem Gebiet ge- 
leistet hat, soll nicht verkannt werden, aber es war 
doch wesentlich formaler Natur; insularer Egoismus, 
Denkträgheit und Unaufrichtigkeit haben die Englän- 
der verhindert, das große Problem gedanklich zu 
durchdringen und bei der Wurzel anzufassen. Diese 
Arbeit muß aber geschehen, die ganze Welt wartet dar- 
auf. Sie wird die welthistorische Aufgabe des deut- 
schen Volkes bilden. Die Erwähnung der Knechtung 
Indiens durch England in der deutschen Note an die 
47
        <pb n="58" />
        52 
Vereinigten Staaten vom 31. Jannar 1917 (s. S. 168) 
scheint darauf hinzudeuten, daß die deutsche Reichs- 
regierung schon zu Bethmanns Zeiten die Möglichkeit 
erwog, auch die Befreiung Indiens in den Kreis ihrer 
Aufgaben einzubeziehen. 
Es ist gut, den Blick von den gewaltigen Ereig- 
nissen der Gegenwart von Zeit zu Zeit abzuwenden 
und auf diese Hersrelttoe zu richten. Denn sie zeigt 
uns den inneren Zusammenhang zwischen dem Schick- 
sal dieses Landes und unserem eigenen Schicksal. Viel 
zu wenig ist die indische Frage bei uns studiert wor- 
den; gedankenlos haben wir die unerhörte Knechtung 
und Ausbeutung einer Kulturmenschheit von 300 
Millionen als unabänderliche Tatsache betrachtet. 
Die indische Frage wird in Zukunft bei uns von 
Staatsmännern und Presse, von Wirtschafts= und 
Kulturpolitikern eifrig und gründlich verfolgt werden 
müssen. Nicht als ob wir, Rlest für den Fall der völ- 
ligen Niederringung Englands, daran denken dürften, 
auch nur einen Teil Indiens für uns zu erwerben 
— die „Pachtunge auch des kleinsten Stützpunktes auf 
indischem Boden wäre der größte politische Miß- 
riff —, sondern weil Indien seine Wiedergeburt zu 
Hicatticher Helbständigtelt von uns erhofft, und weil 
unser Gewinn an weltpolitischem Ansehen und wirt- 
schaftlichen Werten um so größer und sicherer sein 
wird, je entschiedener wir uns auf Indiens Seite Her- 
len, seine Befreiung von der britischen Herrschaft för- 
dern und jede europäische, amerikanische oder japanische 
Besetzung indischen Gebietes verhindern. Mag die 
innere Entwicklung Indiens nach dem Aufhören der 
britischen Herrschaft verlaufen, wie sie will, mögen 
Hindu und Mohammedaner, Monarchisten und Re- 
publikaner noch so lange und beftig um die Vorherr- 
schaft ringen — wir können der indischen Menschheit 
diese zu ihrer Erziehung notwendigen Kämpfe nicht 
I. Politik und Geschichte 
ersparen; wir dürfen weder selbst eingreifen noch dul- 
den, daß andere Mächte sich einmischen. Was wir 
verlangen mülssen, ist, daß unser Handel überall da 
offene Türen finde, wo Indien anderen Mächten die 
Tür öffnet, daß, solange Indien nicht geeinigt ist, 
keiner fremden Macht von einem Teile des Landes 
irgendwelche Vorrechte eingeräumt werden. Um so 
eher wird die weltwirtschaftliche Notwendigkeit die 
Völker Indiens zwingen, sich zu einer staatlichen Ein- 
heit zusammenzuschließen, zu der Indien durch seine 
geographische Lage durchaus geschaffen ist. Bis da- 
hin muß für den Organisationsprozeß des Landes 
unverbrüchlich der Grundsatz gelten, den heute alle 
politisch denkenden Indier fordern: Indien den In- 
diern! Wenn wir üÜber die Durchführung dieses 
Grundsatzes wachen, bis sein Ziel erreicht ist, dann 
haben wir als Organisator der Menschheit unser 
Miisterstück gemacht. 
Literatur. Sten Konow, Indien unter der eng- 
lischen Herrschaft (Tübing. 1915); H. v. Staden, Indien 
im Weltkriege ('Der Deutsche Kriege, 63. Heft, Sinttg. u. 
Berl. 1915); W. J. Bryan, Die englische Herrschaft in 
Indien (Berl., o. J.; ursprünglich veröffentlicht im Jahre 
1900); -Indien unter der brinschen Faust. Englische Kolo- 
nialwirtschaft im englischen Urteil« chrsg. von der Indischen 
Nationalpartei, 2. Aufl., Berl. 1916); Selbstregierung für 
Indien, gefordert vom Indischen Nationalkongreß und der 
Al India Moslem Lcague= (Lacknau, Dez. 1916, hrsg. 
vom Europäischen Zentralkomitee der Indischen Nationa- 
listen, Stockholm); Graf Erust zu Reventlow, Indien, 
seine Bedeutung für Großbritannien, Deutschland und die 
Zukunft der Welt (mit einer Karte, Berl. 1917). — Val. 
auch „Der Neue Orient«, Halbmonatschrift für das poli- 
tische, wirtschaftliche und geistige Leben im gesamten Osten, 
Schriftleltung: Herbert Müller (1. Band, Berl. 1917), und 
Geisit des Okend. Zeitschrift der Gesellschaft für Kunde des 
Ostens. Mit Bildern. Herausgeber: Hermann v. Staden 
(2. Jahrg., Münch. 1914/15). 
Die Grundzüge der rufsischen Erobe- 
rungspolitik 
von Professor Dr. Hans Uebersberger in Wien 
Nicht einmal ganz 100 Dörfer nannte Iwan Ka- 
lita, der Stammvater des Moskauer Zweiges des 
Hauses Rjurik, am Beginne des 14. Jahrhunderts 
sein Testament von 1327) sein eigen. Nicht mit dem 
chwerte in der Faust, sondern durch Kauf suchte er 
sein Herrschaftsgebiet zu erweitern. Seine Nachfolger 
folgten seinem Beispeele, aber sie fühlten manchmal 
schon die Kraft, auch Gewalt anzuwenden. Sie ver- 
standen es dabei wie er trefflich, sich in die Gunst des 
Gebieters des damaligen Rußlands, des jeweiligen 
Chans der Goldenen Horde von Kiptschak, einzuschmei- 
cheln. Durch klingenden Nachdruck wußten sie sich diese 
Gunst zu erwerben und zu behaupten. So wurde der 
kleine Moskauer Teilfürst, der nach den Gesetzen der 
Senioratserbfolge im Hause Rjurik auf der niedersten 
Stufe stand, durch die Gunst der Tataren zum Groß- 
fürsten über die anderen gesetzt. Der Moskauer Groß- 
fürst erhält den Auftrag, in den russischen Landen den 
Tribut für die Horde einzusammeln, eine Kopfsteuer, 
von der nur die Geistlichkeit befreit war. Diese wenig 
ehrenvolle Pflicht wird in der Hand der Moskauer 
Fürsten zu einer Waffe, die politische Einigung des in 
röstere, kleinere und kleinste Fürstentümer zerrissenen 
ußlands anzubahnen. Aus dem verantwortlichen 
Einsammler der Kopfsteuer des Chans wurde der be- 
vollmächtigte Leiter und Richter der russischen Fürsten, 
sagt der rusfiche Histortter Kljutschewski. Iwan Kalita 
hatte 1328 durch den Chan die großfürstliche Würde 
erlangt, und seit dieser Zeit schon blieb sie für alle Zu- 
kunft bei seinem Hause. Das Moskauer Großfürsten- 
tum aber, das Iwan Kalita am Beginn des 14. Jahr- 
hunderts in einer Ausdehnung von 500 Quadrat- 
meilen Übernommen hatte, war bis zur Mitte des 15. 
Jahrhunderts bereits auf 15000 Quadratmeilen an- 
ewachsen. Die günstige geographische Lage im Wolga- 
kabecken hatte natürlich, was den Bevölkerungs- 
zustuß und die wirtschaftliche Entwicklung betraf. das 
hrige zu diesem Wachstum beigetragen. Dazu kam, 
daß der durch den Mongoleneinfall aus Kiew vertrie- 
bene Metropolit, das geistliche Oberhaupt der Russen, 
zuerst durch Zufall, dann mit Absicht seinen Wohnsitz 
in Moskau ausfschlug, dadurch diese Stadt zum geist. 
lichen Zentrum der russischen Lande machte und dem 
Moskauer Großfürsten in den Augen des Volkes cine 
besondere Weihe gab. Es ist schon von berufenster 
russischer Seite ausgesprochen worden, daß es grund- 
falsch wäre, dieses Emporsteigen Moskaus etwa den 
persönlichen Eigenschaften seiner Großfürsten u- 
zuschreiben. Von auffallender Mitlelmäßigkceit glei- 
chen sie alle wie ein Ei dem anderen, weder Tapfer- 
keit noch andere moralische Vorzüge nannten sie ihr 
eigen. Friedlich gesinnt, lieben feH den Kampf nicht,
        <pb n="59" />
        Russische Staatsmämer und Heerführer. 
IWan Longinowitsch Goremykin. 
2 
GCrosfürst Nlkolaus Nlkolajewitsch. Paul v. Rennenkampl. 
Bibliographisches Institut in Lelpzig.
        <pb n="60" />
        Französische Staatsmänner und Heerführer. 
Arlstide Brland. 
Joseph Jacques Césalre Joffre. Théophlle Delcassé. 
Nivelle.
        <pb n="61" />
        [Zu den Bllduistafeln.] 
Staatsoberhäupter, Staatsmänner, Heer- und Flottenführer. 
(Ausführliche Schilderungen bringen dlie elnzelnen Izxikonartikul des folgenden Telles.) 
—. 
Vierbund. 
VII. Deutsche Staatsmänner. 
Zimmermann, Artur, deutscher Staatsmann, geb. 
8. Mai 1859 in Frankenstein, wurde nach längerer 
konsularischer Dienstleistung in China 1910 Dirigent 
der politischen Abtellung des Auswärtigen Amtes, 
Unterstaatssekretär und war Nov. 1916 bis 
Aug. 1917 Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. 
Stein, Hermann von, preuß. General, geb. 13. 
Sept. 1854 in Wedderstedt (Prov. Sachsen), 1896 
Major im Großen Generalstab, 1905 Oberst, 1910 Ge- 
neralmajor u. Oberquartiermeister, 1913 in den erb- 
lichen Adelstand erhoben, wurde Aug. 1914 General- 
duartiermeister. Seit Okt. 1914 Führer der 6. Re- 
"srvenrmee, wurde S. im Okt. 1916 Kriegsminister. 
Roedera, Siegfried, Grafvon, deutscher Staats- 
mann, geb. 27. Juli 1870 in Marburg, 1903 Hilfs- 
arbeiter im Finanzministerium, 1905 Landrat des 
Kreises Niederbarnim, 1911 Oberpräsidialrat in Pots- 
dam, 1914 Staatssekretär von Elsa-Lothringen, über- 
nahm Juni 1916 die Leitung des Reichsschatzamtes. 
Groener, Wilhelm, württemb. General, geb. 22. 
Nov. 1867 in Ludwigsburg (Wünt.), 1912 Chef der 
Eisenbahnabteilung im Gr. Generalstab, 1914 Oberst, 
nach Kriegsausbruch Chef des deutschen Feldeisen-- 
bahnwesens, 1915 Generalmsjor, Mai 1916 Vorstands- 
mitglied des Kriegsernährungsamtes, leitete von No- 
vember 1916 bis August 1917 das Kricgsamt. 
Schlerning, Otto von, Mediziner, geb. 4. Ckt. 
1853 in Eberswalde, 1898 Generaloberarzt, 1900 Ge- 
nerslarzt und Abteilungschef im Kriegsministerium, 
1 Genecralstabsarzt der preuß. Armee, Chef des 
Sanitätskorps und Direktor der Kaiser-Wilhelm-Akn- 
demie in Berlin, erhielt 1915 den Rang eines Gene- 
rals der Infanterie und ist seit Kriegsbeginn Chef des 
Feldsanitätswesens. 
Batockf-Friebe (spr. Stzki), Adolf Tortilowicz 
von, deutscher Staatsmann, geb. 31. Juli 1868 in 
Bledau, Landrat, 1910 Mitglied des preuß. Herren- 
hauses, seit 1914 Oberprisident der Provinz Ost- 
preulen, war Mai 1916 bis Aug. 1917 Präüsident des 
Kriegsernährungsamtes. 
VIII. Deutsche Marine. 
Pohl, Hugo von, deutscher Admiral, geb. 25. 
Aug. 1855 in Breslau, 1894 Korvettenkapitän und 
Vorsteher der Zentralabteilung des Reichsmarineamts, 
Fregattenkapitän und Kommandant des Agir“, 
später der = Hansaz, führte 1900 die deutsche Ab- 
teilung gegen die Takuforts (chines. Bozerunruhen), 
war Kommandant mehrerer Linienschiffe, wurde 1907 
Vizeadmiral und Inspekteur der Marineartillerie, 
1913 Admiral und Chef des Admiralstabes, 1915 
Führer der deutschen Hochseestreitkräfte. P. starb 
am 23. Febr. 1916. 
Cspelle, Eduard von, deutscher Admiral, geb. 
10. Okt. 1855 in Celle, seit 1891 im Reichsmarine- 
amt, bis 1898 Dezernent der militärischen Abteilung, 
wurde 1904 Direktor des Verwaltungsdepartements, 
1006 Konteradmiral, 1909 Vizeadmiral, 1913 Ad- 
miral. Seit 1914 Unterstantssekretär, wurde C. Mürz 
6 Staatssekretär des Reichsmarineamts. 
Spee, Maximilian, Graf von, deutscher Admi- 
Der Kriec9 7914/17. II. 
ral, geb. 22.Juni 1861 in Kopenhagen, 1905 Kapitän 
z. S., 1908 Chef des Stabes beim Kommando der Nord- 
seestation, 1910 Konteradmiral, 1913 Vizeadmiral 
und Chef des Kreuzergeschwaders, siegte 1. Nov. 1914 
bei Coronel über die Engländer und fand 8. Dez. 1914 
in der Schlacht bei den Falklandinseln den Tod. 
Hlpper, Franz von, deutscher Admiral, geb. 
13. Sept. 1863 in Weilheim (Oberbayern), 1907 Kapi- 
tän z. S., 1907—08 Kommandant der Panzerkreuzer 
„ Friedrich Karl# und „Gneisenauc, 1908 Komm. der 
1. Torpedodivision, 1912 Konteradmiral, führte in der 
Secschlacht vor dem Skagerrak die Aufklärungsschifle. 
Holtzendorff, Henning von, d’utscher Admiral, 
geb. 9. Jan. 1853 in Berlin, 1897 Kapitän zur See, 
Chef des Stabes der Ostsecstation, 1901 Ober- 
werftdirektor in Danzig, 1904 Konteradmiral, 1905 
zweiter Admiral des 2. Geschwaders der aktiven 
Schlachtflotte, 1906 Chef des 1. Geschwaders der 
Hochseeflotte, war 1909—13 Chef der Hochseeflotte 
und wurde März 1915 Chef des Admiralstabes. 
Scheer, Reinhold, deutscher Admiral, geb. 30. 
Sept. 1863 in Obernkirchen (Hessen-Nassau), 1905 
Kapitän zur See und Kommandant des Linienschiftes 
° Elsaß# 1909 Konteradmiral und Chef des Stabes 
der Hochsecflotte, wurde 1911 Direktor des Allge- 
meinen Marinedepartements, 1913 Vizeadmiral und 
1916 Chef der Hochseeflotte, mit der er dio Schlacht 
vor dem Skagerrak (31. Mai bis 1.Juni 1916) gewann. 
IX. Deutsche Heerführer. 
Below, Otto von, preuß. General, geb. 18. Jan. 
1857 in Danzig, 1905 Oberst, 1912 Generalleutnant 
und Kommandeur der 2.Division, Aug. 1914 Befehls- 
haber des 1. Reservekorps, das er gegen die russische 
Wilna- und Narew-Armee führte, verteidigte seit Nov. 
1914 mit der S. Armee die Angernpp-Linie und leitete 
Mal 1915 den Vorstoß nach Kurland. 1916/17 kümpfte 
B. an der Somme und in Mazedonien. 
Leopold, Maximilian Josceph Maria Arnulf, 
Prinz von Bayern, geb. 9. Febr. 1846 in Mün- 
chen, 1873 Oberst, 1881—87 Führer der 1. Division, 
1887 -92 des 1. bayr. Armeekorps, 1892 Generalin-- 
spekteur der 4. Armeeinspektion, 1896 Generaloberst, 
1905 Generalfeldmarschall, Juli 1915 Befehlshaber 
der gegen Polen operierenden Heeresgruppe, eroberte 
5. Aug. Warschau, wurde Aug. 1916 Oberbefeblshaber 
der nördlichen Heeresgruppen im Osten und befreite 
Galizien Juli-August 1917 von den Russen. 
" François (spr. frangsüc), Hermann von, preub. 
General, geb. 31. Jan. 1856 in Luxemburg, 1903 
Oberst, 1911 Generalleutnant und Kommandeur der 
13. Division, 1913 Führer des 1. Armeekorps, Aug. 
Kommandeur der Grenzschutztruppen im Osten, 
nahm an der Schlacht bei Tannenberg teil, wurde 
Okt. 1914 Oberbefehlsbaber der S. Armee, verteidigte 
später die deutsche Front bei St.-Quentin und be- 
zwang 3. Juni 1915 die Festung Przemysl. 
Eichhorn, Hermann von, preuß. General, geb. 
13. Febr. 1848 in Breslau, 1894 Oberst, 1901 Ge- 
neralleutnant und Kommandeur der 9. Division, 1904 
kommandierender General des 18. Armeekorps, 1905 
Gen. d. Inf., 1913 Generaloberst und Generalinspek- 
teur der 7. Armeeinspektion, nahm an der Winter- 
schlucht in Masuren teil und führte Juli 1915 den 
Vorstoß gegen die Narewfront, Wilna, Molodetschno.
        <pb n="62" />
        II 
Staatsoberhäupter, Staatsmänner, Heer- und Flottenführer. 
Linsingen, Alexunder von, preuß. Generul, geb. 
10. Febr. 1850 in Hildesheim, 1897 Oberst, 1905 
Generallcutnant und Kommandeur der 27. Division, 
1909 Gen. d. Inf. und Führer des 2. Armcekorps, 
ging Jan. 1915 mit der deutschen Südarmee zur Un- 
terstützung der ÖOsterreicher in die Karpathen, er- 
oberte Brest Litowsk (26. Aug. 1915) und befehligte 
dann die Heeresgruppe im Abschnitt Pinsk- Tarnopol. 
Woyrsch, Remus von, preuß. General, geb. 
4. Febr. 1847 in Pilsnitz, 189 4 Oberst, 1901 General- 
leutnant und Kommandeur der 12. Division, 1904 
kommandierender General des 6. Armeekorps, 1906 
Gen. d. Inf., 1911 zur Disposition gestellt, wurde 1914 
Generaloberst, 1915 Führer einer Armeegruppe und 
croberte Radom und Iwangorod (Juli-August 1915). 
Bothmer, Felix, Graf von, bayer. General, geb. 
10. Dez. 1852 in München, 1900 Oberst, 1905 Ge- 
neralleutnant und Kommandeur der 2. bayer. Divi- 
sion, 1910 Gen. d. Inf., hatte hervorragenden Anteil 
an der Zurückeroberung Galiziens, verteidigte seit 
Juli 1915 die Front in Ostgalizien zwischen Tarnopol 
und Dnjestr und führte Juli-August 1917 den Vor- 
stoß über die russische Grenze aus. 
Einem, Karl von, gen. von Rothmaler, preub. 
General, geb. 1. Jan. 1853 inHerzberg (Harz), 1895 
bis 1898 Chef des Stabes des 7. Armeekorps, 1900 Ge- 
nernlmajor und Direktor des Allgem. Kriegsdeparte- 
ments, 1903—09 preuß. Kriegsminister, wurde 1907 
Gen. d. Kav., 1909 Führer des 7. Armeekorps, mit 
dem er an dem Vormarsch durch Belgien teilnahm, und 
verteidigt seit Sept. 1914 als Oberbefehlshaber der 
3. Armee den Champagne-Abschnitt. 
Lochow, Ewaldvon, preuß. General, geb. 1. April 
1855 in Petkus, 1902 Oberst, 1906 Direktor des Ar- 
mee-Verwaltungsdepartements, 1909 Generalleutnunt 
und Kommandeur der 2. Garde-Infanteriedivision, 
1912 kommandierender General des 3. Armeekorps, 
1913 Gen. d. Inf., siegte Jan. 1915 in der Schlacht 
bei Soissons über die Franzosen. 
Scholtz, Friedrich von, preuß. General, geb. 24. 
Mürz 1851 in Flensburg, 1898 Abteilungschef im 
Großen Generalstab, 1901 Oberst, 1906 Oberquartier- 
meister, 1908 Generulleutnant und Kommandeur der 
21. Division, 1912 Gen. d. Art. und kommandiereuder 
Gencral des 20.Armeekorps, nahm an den Schlachten 
in Ostpreußen (Aug.-Sept. 1914) teil und eroberte 
1915 Grodno, Ostrolenkua und Lomsha. 
Elsa, Karl Ludwig d’, sächs. General, geb. 
1. Sept. 1849 in Dresden, Abteilungschef im Kriegs- 
ministerium, 1902 diensttuender General à la suite 
des Königs, wurdo 1904 Generalleutnant und Kom- 
mandeur der 24. Division, 1908 Gen. d. Inf. und 1910 
kommundieronder General des 12. Armeckorps. E., 
scit 1916 Generaloberst, führte bis Jan. 1917 eine 
Armeeabteilung im Westen. 
Gallwitz, Max von, preuß. General, geb. 2. Mui 
1852 in Breslau, 1899 Oberst, 1901 Generalmasjor, 
Dircktor des Armecverwaltungsdepartements, 
Generalleutnant, 1911 Gen. d. Art. u. Inspeckteur 
der Feldurtillerie, wurde nach Kriegsausbruch Führer 
der rechten Flügelarmee in Ostpreußen, bezwang Juli 
1915 die Narewfestungen Rozan und Pultusk und 
nahm un Verband der Ieeresgruppe Mackensen am 
zweiten serbischen Feldzug teil. 
X. Deutsche Helden. 
Litzmann, Karl, preuß. General, geb. 22. Jan. 
1850 in Neu-Globsow, 1899 Landwehrinspektcur, 
Generalleutnant, 1902.—05 Dircktor der Kriegs- 
akademie zu Berlin, 1914 Führer der 3. Gardedivi- 
sion (Durchbruch bei Brzeziny 23./24. Nov. 1914), 
eroberte 18. Aug. 1915 Kowno. 
Emmich, Otto von, preuß. General, geb. 4. Aug. 
1848 zu Minden i. W., 1901 Generalmajor, 1905 
Generalleutnant und Kommandeur der 10. Division, 
kommandierender General des 10. Armeekorps, 
eroberte 7. Aug. 1914 Lüttich, die erste feindliche 
Festung, verteidigte den Abschnitt um Reims und 
nahm an dem Durchbruch bei Gorlice (2. Mai 1915) 
teil. E. starb 22. Dex. 1915 in Hannover. 
Meyer-Wualdeck, Alfred, deutscher Seemann, 
geb. 27. Nov. 1864 in St. Petersburg, 1899 Erster 
Offizier auf dem Kreuzer „ Geierc, 1903 Korvetten- 
kapitän, 190 5 Erster Admiralstabsoffizier beim 1. Ge- 
schwader, 1907 Fregattenkapitän, 1909 Kapitän zur 
Sce, wurde Aug. 1911 Gouverneur von Kiautschou, 
das er 1914 gegen die Japaner verteidigte. M. fiel 
Nov. 1914 in japanische Gefungenschaft. 
Weddigen, Otto, deutscher Seemann, geb. 15. 
Sept. 1882 in Herford (Westf.), seit 1901 in der 
Marine, 1912 Kapitünleutuant, versenkte mit »U 9. 
am 22. Sept. 1914 die englischen Panzerkreuzer . Ho- 
gue«, Cressye, „Abonkire, später zahlreiche Han- 
delsdampfer mit = U 294, anf dem er Ende März 1915 
in der Irischen See den Tod fand. 
Immelmanas, Mux, süchs. Fliegeroffizier, geb. 21. 
Sept. 1890 in Dresden, seit 1911 im Heer, besuchte 
1911—12 die Kriegsschule zu Anklam, studierte bis 
1914 Maschinenbau, ging April 1915 ins Feld, wurde 
1916 Oberleutnant und schoß Aug. 1915 bis Juni 
16: 18 Flugzeuge ab. I. starb 18. Juni 1916, vom 
Gegner unbesiegt, im Luftkampf an der Westfront. 
Müller, Karl von, deutscher Marineofflzier, geb. 
16. Juni 1873 zu Blankenburg a. H., 1908 Kor- 
vettenkapitän, 1914 Fregattenkapitän, befehligte seit 
1913 den Kleinen Kreuzer „ Emden und geriet nach 
bedeutender Schädigung des feindlichen Handels im 
Indischen Ozenn bei Untergung der Emden. 9. Norv. 
1914 in australisch-englische Gefungenschaft. 
XI. österreichisch-ungar. Heerführer. 
Arz von Straußbenburg, Artur, österr.- ungar. 
General, geb. 1857 in Hermannstadt, 1902 Oberst, 
1906 -08 im Kriegsministerium, 1912 Feldmarschall- 
leutnant, 1913 Sektionschef im Kriegsministerium, 
wurde Okt. 1914 Führer des 6. Armeekorps, 1915 
Gen. d. Inf., nahm an der Mai-Oflensive 1915 und 
der Eroberung von Brest Litowsk teil und wurde 1917 
Generaloberst und Generalstabschef der Armee. 
Kövefs von Kövelsháäza, Hermann, österr.-ungar. 
General, geb. 30.April 1854 in Temesvér, 1896 Oberst, 
1902 Generalmnjor, 1907 Feldmarschallentnant und 
Kommandeur der 8. Infantcrietruppendivision, 1911 
Gen. d. Inf. und komm. General des 12. Armeckorps, 
1916 Generaloberst, 1917 Generalfeldmarschall, er- 
oberte 5. Aug. 1915 Iwangorod, befebligte den west- 
lichen Flügel der Heeresgruppe Mackensen in Serbien, 
tspäter die Angrifflsgruppe gegen Montenegro u. vertei- 
digte die siebenbürgische Ostfront gegen die Ruminen. 
Böhm-Ermolli, Eduardvon, österr.-ungar. Heer- 
führer, geb. 21. Febr. 1856 in Ancona, 1897 Oberst, 
Generalmajor, 1907 Feldmarschallentnant und 
Kommandeur der 12. Infanterietruppendivision, 1911 
komm. Generaldes 1. Armeekorps, 1916 Genernloberst, 
übernahm Aug. 1914 die Führung der 2. Armee, er- 
oberte 22. Juni 1915 Lemberg zurück, nahm 8. Sept. 
1915 Dubno und leitete hierauf die Kämpfe in Nord- 
ostgalizien.
        <pb n="63" />
        Staatsoberhäupter, Staatsmänner, Heer- und Flottenführer. 
III 
—. 
Boroevié von Bojua, Svetozar, österr.- ungar. 
Generaloberst, geb. 13. Dez. 1856 zu Umetic, 1897 
Oberst, 1904 Generalmnjor, 1908 Feldwarschalleut- 
nant, 1913 Gen. d. Inf. und Führer des 6. Armeekorps, 
Sept. 1914 Befehlshaber der 3. Armee, entsetzte die 
Festung Przemysl (10. Okt. 1914), verteidigte bis Mai 
5 die westlichen Karpathenpfsse und späüter die 
österr.-ungarische Isonzofront gegen die Italiener. 
Pflanzer-Baltin, Karl, Freiherr von, österr.- 
ungar. Heerführer, geb. 1. Juni 1855 in Pécs (Fünf- 
kirchen), 1897 Generalstabschef des 11. Armeekorps, 
1907 Feldmarschalleutnant, 1911 Gencralinspekteur 
der Korps-Offiziersschulen, Aug. 1914 Gen. d. Kav., 
verteidigte die Bukowina gegen die Russen. P. trat 
1916 in den Ruhestand. 
Puhallo von Brlog, Paul, österr.-ungar. General, 
geb. 26. Febr. 1856 in Brlog, 1905 Generalmajor, 
1 Feldmarschalleutnant und Kommandeur der 
46. Infanterictruppendivision, 1913 komm. General 
des 5. Armeekorps, 1915 Führer der 3. Armee, drang 
gegen Wolhynien vor und eroberte Luzk. 
XII. Türkische Staatsmänner und Heer- 
führer. 
Enver Pascha, türk. General und Staatsmann, geb. 
1872 in Konstantinopcl, schloß sich 1908 der revolutio- 
nären Bewegung an, wurde 1909 türk. Militärattaché 
in Berlin, leitete 1911 den Volkskrieg in Tripolis 
gegen die Italiener, war im 1. Balkankrieg General- 
stabschef des 10. Armeekorps und eroberte 1913 
Adrianopel. Seit 1914 Kriegsminister, wurde E. Ckt. 
1914 Vizegeneralissimus des Heeres und der Flotte. 
Said Halim Pascha, Prin z, türk. Staatsmann, ein 
Vetter des Khediven von Agypten, geb. 1859 in Kairo, 
bildete nach der Ermordung des Großwesirs Machmud 
Schefket Juni 1913 ein jungtürkisches Kabinett, för- 
derte die deutsch-türkischen Beziehungen und setzte 
sich für den Anschluß der Türkei an die Zentral-- 
mächte im Kriege ein. S. trat Februar 1917 zurück. 
Liman von Sanders, Otto, preuß. General, geb. 
18. Febr. 1855 in Stolp (Pomm.), 1904 Oberst, 1911 
Generallcutnant und Komm. der 22. Division, 1913 
Leiter einer Reformmission im türk. Heere, dann 
Kommandeur des 1. türk. Armeckorps, 1914 preub. 
Gen. d. Kav., wurde Nov. 1914 Führer der Kaukasus- 
Armeoc und verteidigte seit März 1915 die Dardanellen. 
Dschemal Pascha, Achmed, türk. Staatsmann 
und Heerführer, geb. 1873 in Konstantinopel, 1913 
Minister der öffentlichen Arbeiten, bald darauf der 
Marine, leitete als Oberbefehlshaber der 4. türkischen 
Armee, die von Damaskus nach dem Sueskanal vor- 
ging, die Kämpfe auf der Sinaihalbinsel. D. ist seit 
auch Statthalter von Srien. 
Talaat Pascha, Mehmed, türk. Stantsmann und 
hervorragender Führer der jungtürkischen Bewegung, 
geb. Aug. 1874 in Adrianopel, 1908 Vizeprisident 
des Parlaments, führte eine moderno Verwaltung ein. 
1909 — 11 und seit 1913 Minister des Innern, wurde 
7. Febr. 1917 Grohwesir. 
Goltz, Colmar, Freih. von der, preuß. General, 
geb. 12. Aug. 1843 in Bielkenfeld, 1878— 83 im 
Generalstab, dann Leiter des türk. Militärbildungs- 
wesens, 1896 Generalleutnant, 1898 Generalinspek-- 
teur des Ingenicur- und Pionierkorps und der Festun- 
gen, 1900 Gen. d. Inf., 1902 Komm..des 1. Armeckorps, 
1908 Generaloberst, führto 1009—10 die türk. Heeres- 
relorm durch. Seit 1911 Generalfeldmarschall, wurde 
G. Aug. 1914 Generalgouverneur von Belgien, April 
1915 Führer der 1. fürkischen Armee in Mesopota- 
mien, in deren Hauptquartier er 19. April 1916 starb. 
XIII. Bulgarische Staatsmänner und 
Heerführer. 
Schekoff, Nikolaus, bulgar. Gencral, geb. 25.Dez. 
1864, Leiter der Offiziersschule in Sofia, im 1. Bal- 
kankrieg Generalstabschef der 2. Armee, später Divi- 
sionskommandeur, wurde Aug. 1915 Kriegsminister, 
Okt. 1915 Oberbefehlshaber der bulgar. Feldarmee. 
Radoslawoff, Wassil, bulgar. Staatsmann, geb. in 
Lowatsch, 1884—86 Justizminister, dann Minister-- 
präsident, wurde nach dem Sturz Stambuloffs 1894 
Justizminister, war 1899—1900 Minister des Innern 
und wurde 1913 Ministerprisident. 
Bojadschijeff, bulgar. General, im Balkankrieg 
Kommandeur der 4. Division, 1913 Kriegsminister, 
1914 Armeeinspekteur in Rustschuk, eroberte 1915 als 
Führer der 1. Armee den nordöstlichen Teil Serbiens. 
Schostoff, Konstantin, bulgar. General, war nach 
seiner Ausbildung im Wiener Generalstab tätig, dann 
Militärattaché in Wien und Paris, wurde 1912 General- 
stabschef der 3. Armee, 1913 Brigadekommandeur, 
1915 Führer der 7. Division und 1916 Chel des bul- 
garischen Generalstabes. S. starb 1. Sept. 1916. 
Neidenoff, Kalin, bulgar. General, geb. 25. Aug. 
1863 in Schiroka- Laka, 1895 Chef des Arsenals in 
Sofia, 1906 Oberst, war im Balkankrieg stellvertre- 
tender Chef der Artillerie beim Hauptquartier, wurde 
Inspektor der Artillerie, 1917 Generalleutnant 
und ist seit 1915 Kriegsminister. 
Todoroff, bulgar. General, geb. 1858, führte im 
1. Bulkankrieg die 7. Division, wurde 1913 General- 
inspektor, kämpfte 1915 als Führer der 2. bulgari- 
schen Armee gegen die Sarrail-Armee und besetzte den 
Nordostzipfel Griechenlands mit Kawalla. 
Entente. 
XIV. Die Staatsoberhäupter. 
Poincaré (spr. pälngkars), Raymond, Prisident 
der franz. Republik, geb. 20. Aug. 1860 in Bar-le- 
Duc (Lothr.), Advokat, 1887 Deputierter, 1894—95 
Unterrichtsminister, 1903 Senator, 1906 Finanzmini- 
ster, wurde 1912 für die Periode 1913— 20 zum 
Prüsidenten gewählt. 
Georg V., Friedrich, König von Grobbri- 
tannien und Irland, 2. Sohn König Eduards VII., 
aus dem Hause Koburg, geb. 3. Juni 1865 in Marl- 
borough-House, wurde 1892 infolge des Todes seines 
Bruders Albert Viktor Thronerbe, 1901 Prinz von 
Wales, 6. Mai 1910 König und liel sich 12. Dez. 
1911 in Delbi zum Kaiser von Indien krönen. G. ist 
seit 6. Juli 1893 mit Prinzessin Viktoria Mary von 
Teck vermählt; Thronfolger ist Eduard, Prinz von 
Wales (geb. 23. Juni 1894). August 1917 nahm er 
für seine Familie den Namen Windsor an. 
Viktor Emannel III., König von ltalien, geb. 
11. Mai 1869 in Neanpel, einziger Sohn König Hum- 
berts, bestieg 29. Juli 1900 den Thron. Aus seiner 
Ehe mit Prinzessin Helene von Montenegro stammen 
zwei Töchter und Kronprinz Humbert (geb. 15. Nov. 
1904). Am 25. Mai 1915 übernahm V. den Ober- 
befehl über Heer und Flotte und übergab die Regent- 
schaft seinem Oheim Herzog Thomas von Genua.
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        IV 
Staatsoberhäupter, Staatsmäönner, Heer- und Flottenführer. 
Nikolaus II, Alexandrowitsch, Zar von 
Rußland, geb. 18. Mai 1868 in Petersburg, Altester 
Sohn Alexanders III., übernahm 1. Nov. 1894 die 
Regierung, schloß ein Bündnis mit Frankreich und 
veranlaßte 1898 die Haager Friedenskonferenz. Am 
12. März 1917 verfügte die revolutionäre Regierung 
seine Entthronung und setzte ihn nach seiner Abdan- 
kung (15. März) gefangen. 
XV. Englische Staatsmänner, Heerführer 
und Admirale. 
Asqufth (epr. Iskwisnpg, Herbert Heunry, engl. 
Staatsmann, geb. 12. Sept. 1852 in Morley, Rechts- 
anwalt, 1892—95 Minister des Innern, 1905 Schatz- 
kanzler, 1908 Premierminister, 1914 Kriegsminister, 
war Mai 1915 bis Dez. 1916 Ministerprläident. 
Grey (pr. gre), Lord Edward, engl. Staatsmann, 
geb. 25. April 1862 in Oxford, 1892—95 Unterstaats- 
skretär des Auswärtigen, war 1905—16 Minister des 
Auswürtigen. G. setzte die deutschfeindliche Politik 
Eduards VII. fort. 
French (spr. frontsch, Sir John Pinkstone 
Denton, Visconntof Tpern, engl. General, geb. 
28. Sept. 1852 in Ripple Vale (Kent), 1891 Oberst, 
18 Generalmasjor, 1902 kommandierender General 
des 1. Armeekorps, 1907 Generalinspekteur der bri- 
tischen Armee, war bis Dezember 1915 Oberbefehls- 
haber der englischen Truppen in Frankreich. 
Kitchener (epr. kittsch-), Horatio Herbert, Vis- 
connt of Khartum, engl. General, geb. 24. Juni 
1850 in Leicestershire, 1892 Oberbefehlshaber der 
ägyptischen Truppen, 1899 Generalgouverneur des 
Sudans, 1902—05 kommandierender General in In- 
dien, 1909 Feldmarschall, übernahm bei Ausbruch des 
Krieges, seit Aug. 1914 Kriegsminister, die Rekrutie- 
rung des britischen Heeres. K. starb 5. Juni 1916 
infolge Schiffsunfalls bei den Orkney-Inseln. 
Beatty (sepr. bitl), David, engl. Seemann, geb. 
1871, 1900 Kapitän zur See, 1910 Konteradmiral, 
1912 Kommandeur des 1. Kreuzergeschwaders, unter- 
nahm Aug. 1914 den ersten Vorstoch gegen die Deut- 
sche Bucht, führte in der Schlacht vor dem Skagerrak 
die Aufklärungsschiffe und wurde Nov. 1916 Ober- 
befehlshaber der englischen Schlachtflotte. 
Jellicoe (spr. deehellikS), Sir John Rushworth, 
brit. Admiral, geb. 5. Dex. 1859, 1900 Befehlshaber 
der engl. Flotte in China, 1905 Leiter der Marine- 
artillerie, 1907 Konteradmiral, 1910 Kommandeur 
der atlantischen Flotte, 1912 zweiter Seelord der Ad- 
miralität, wurde Anug. 1914 Oberbefehlshaber der 
engl. Seestreitkräfte, 1915 Admiral, führte in der 
Schlacht vor dem Skagerrak die engl. Hauptkrüfte 
und wurde Nov. 1916 erster Seelord der Admiralität. 
XVI. Russische Staatsmänner und Heer- 
führer. 
Ssasonow, Sergei Dimitrijewitsch, russ. Staats- 
mann, geb. 29. Juli 1860, 1906 Ministerresident am 
Vatikan, 1909 erster Gehilfe des Ministers Iswolskij, 
1910—16 Minister des Außern, vertrat eine deutsch- 
-keindliche, panslawistische Politik. 
Ssuchomlinow, Wladimir Alexandrowitsch, 
russ. Staatsmann, geb. 1848, 1899 Generalstabschef 
des Militärbezirks Kiew, später Generalgouverneur 
von Kiew, 1909 Kriegsminister, Hauptorganisator 
des russischen Heeres, wurde Juni 1915 abgesetzt. 
Goremykin, Iwan Longinowitsch, russ. Staats. 
mann, geb. 1840, 1891 Adjunkt des Justizministers, 
8 Minister des Innern, wurde 1899 abgesetz, 1906 
Ministerpräsident, betätigte sich dann im Reichsrat, 
wurde 1914 zum zweitenmal Ministerpräsident und 
trat 1916 rurück. 
Lwolskij, Alczander Petrowitsch von, geb. 
18. Marz 1856 in Moskau, 1894 Ministerresident am 
Vatikan, 1897 Gesandter in München, 1903 in Ko- 
Ppenhagen, 1906 Minister des Auswiärtigen, schloß mit 
China, Japan und England Verträge und trieb, seit 
Botschafter in Paris, gegen Dentschland und be- 
sonders gegen OÖsterreich-Ungarn gerichtete Politik. 
Nikolaus Nikolsjewitsch, Großfürst von Rub- 
land, geb. 18. Nov. 1856, 1890 Kommandeur der 
2. Garde-Kavalleriedivision, 1895 Generalinspekteur 
der Kavallerie, 1905 Oberkommandierender des Pe- 
tersburger Militärbezirks, wurde Aug. 1914 Ober. 
befehlshaber der genmten russischen Streitkräffe, 
Sept. 1915 Virekönig des Kaukasus und Armeeführer 
gegen die Türkei. 
Rennenkampf, Paul von, russ. General, geb. 17. 
April 1854, 1895 Oberst, nahm als Gen. d. Kav. am 
p#ss.apan. Krieg teil, wurde komm. General des 
3. Armeekorps, 1913 Oberbefehlshaber des Wilnser 
Militärbezirks und unternahm als Führer der Wilns- 
Armee Aug. 1914 den Vorstoß gegen Königsberg. 
Nach der Niederlage an den Masurischen Seen abge- 
setzt, wurde R. 1915 Gouverneur von Petersburg. 
XVII. Französische Staatsmänner und 
Heerführer. 
Viviani, René, franzbsischer 80 zialistischer Staats- 
mann, geb. 1863 in Sidi bel Abbes (Algerien), 1906— 
1910 Arbeitsminister, Juni 1914 Ministerprädsident 
und Minister des Auswärtigen, trat nach dem Zusam- 
menbruch der franz. Herbstoflensive Okt. 1915 zurück. 
Briand (spr. briäng), Aristide, franz. Staatsmann, 
geb. 28. Mürz 1862 in Nantes, Advokat, 1905 Kultus- 
minister, 1908 daneben Justizminister, führte die 
Trennung von Staat und Kirche durch. 1909—11 
Ministerpräsident, 1912 Justizminister, übernahm B. 
als Nachfolger Vivianis Okt. 1915 wiederum die Leitung 
des Ministeriums, die er bis März 1917 innehatte. 
Joffre (spr. seboff), Joseph Jacques Césaire, 
franz. General, geb. 4. Jan. 1852 in Rivesaltes, 1902 
Brigadegeneral, 1905 Divisionskommandeur, 1908 
Kommandeur des 2. Armeekorps, 1911 Chef des franz. 
Generalstabes, war Dez. 1914 bis Dez. 1916 Ober- 
befehlshaber der französischen Streitkräfte. 
Delcassé, Thé0phile, franz. Staatsmann, geb. 
1. März 1852 in Paris, 1894 Kolonialminister, 1898 
bis 1905 Minister des AuBern, 1911 Marineminister, 
franz. Botschafter in Petersburg, war Aug. 1914 
bis Okt. 1915 Minister des Außern. 
Foch (epr. fock), franz. General, geb. 1851 in Metz, 
nach technischer Ansbildung Direktor der höheren 
Kriegsschule, Aug. 1914komm. Generaldes 20. Armee- 
korps, war in der Marneschlacht Führer der 3. Armee, 
spüter Oberbefehlshaber der franz. Nordostfront. 
Nivelle (spr. nlwlly), franz. General, nahm 1900 am 
chines. Boxerfeldzug teil, wurde Aug. 1914 Oberst, 
Okt. 1914 Brigadegeneral, 1915 Generalleutnant und 
Kommandeur der 5. Infanteriedivision, 1916 komm. 
General des 3. Armeekorps. N. verteidigte erfolgreich 
Verdun, wurde Dez. 1916 Oberbefehlshaber der franz. 
Ostfront, April 1917 aber durch Pétain ersetrt. 
— 
—
        <pb n="65" />
        Uebersberger: Die Grundzüge der russischen Eroberungspolitik 
und wenn sie kämpfen müssen, sind sie meist die Ge- 
schlagenen. Aber wie ihnen starke Talente fremd sind, 
sind ihnen auch starke Leidenschaften und Fehler fremd. 
Mittelmäßigkeiten, mehrchronologische Zeichen als hi- 
storische Persönlichkeiten, hat man sie genannt. Die 
politische und nationale Machtentfaltung des Mos- 
kauer Fürstentums ist also nicht so sehr das Werk seiner 
Fürsten. ihrer Schöpferkraft und ihrer Talente als der 
Gunst der Verhältnisse und eines unbewußten Stre- 
bens des großrussischen Stammes, seine geographische 
und politische Einigung zuerringen, da ihm die Schreck- 
nisse der Tatarenherrschaft die Nachteile seiner inneren 
Zerrissenheit und Zersplitterung am eigenen Leibe zu 
ditter zu Gemüte geführt hatten. 
Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ging das ter- 
ritoriale Anwachsen des Moskauer Großfürstentums 
im beschleunigten Tempo vor sich. Iwan III., der 
1472 in zweiter Ehe die Paläologentochter Sophia 
aus ärmlichen Verhältnissen heimgeführt, und sein 
ältester Sohn aus dieser Ehe, Wasilij, vergrößern ihr 
Herrschaftsgebiet von 15000 auf 40000 Quadrat- 
meilen. Groß-Nowgorod, die alte Städterepublik im 
Norden mit ihrem ungeheuren Kolonialbesitz bis an 
die Ufer des Weißen Meeres und bis an den Ural, ihre 
Tochterstadt Pskow, das Großfürstentum Twer, das 
Fürstentum Rjäsan wurden neben anderen russischen 
Fürstentümern durch Gewalt, List oder Kauf dem 
moskauischen Reiche einverleibt. Auch dem mächtigen 
slawischen Rivalen im Westen, Polen-Litauen, wurde 
1514 das Fürstentum Smolensk mehr durch Verrat 
als durch Waffengewalt entrissen. Der moskauische 
Großfürst fühlte sich bereits stark genug, die ehemals 
um Kiewer Großfürstentum gehörigen westrussischen 
Fürstentümer. die während der Mongolenherrschaft 
von Litauen einverleibt worden waren, auf Grund 
keiner anderen Rechte als der nationalen und kirch- 
lichen Gleichheit und ihrer ehemaligen Zugehörigkeit 
zum Kiewschen Reiche von Polen-Litauen zurück- 
ufordern. Der Existenzkampf zwischen Polen und 
oskau hat seine Geburtsstunde in jenen Tagen der 
Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Der Moskauer 
Großfürst, der 1480 mehr durch die Gunst äußerer 
Umstände wie der innerlich im Verfall begriffenen und 
daher geschwächten Goldenen Horde als durch tapfere 
Ensschsosfenheit das unwürdige Joch abgeschüttelt 
hatte, wendet nun seinen Blick nach Westen. Jwan III. 
ist der erste der Moskauer Großfürsten, der es wagt, 
Westeuropa gegenüber den anmaßenden Titel eines 
„Herrn von ganz Rußlande zu gebrauchen. Litauen 
selbst ist es, das 1494 in einem Vertrage mit ihm die- 
sen Titel, der doch die Losreißung der weißrussischen 
und kleinrussischen Gebiete des litauischen Reiches zum 
Progamme erhob, anerkennen muß. Dem livländi- 
schen Landmeister gegenllber aber neunt sich Iwan III. 
soßar schon » Zar von ganz Rußland -. Seinem Nach- 
folger Wasilij gelingt es, 1514 in einen Vertrag mit 
Kaiser Maximilian I. den Titel = Kaysser und Herr- 
scher aller Reußene einzuschmuggeln, mochte der Kai- 
ser auch nicht im entferntesten gesennen sein, ihm diese 
Gleichstellung zu gewähren und offen den Vorbehalt 
aussprechen, daß er diese Vertragsurkunde, weil sie 
»wider kayserlich Mayestat und des heiligen reiches stil 
und gewissen: später gegen eine ähnliche austauschen 
könne. Wasilij dachte nicht daran, diese mit der Gol- 
denen Bulle versehene Fassung des Vertrages gegen 
die andere, in der die häufige und aufdringliche Titu- 
latur-Kayser vermieden wurde, einzutauschen. Und 
so kam es, daß Peter der Große diesen im Moskauer 
53 
Archiv immer sorgsam bewahrten Vertrag 1718 als 
Beweisstück für die Berechtigung zur Führung des 
Kaisertitels abdrucken lassen konnte. In begreiflicher 
Furcht vor dem Chan der Krim und dem Sultan ver- 
mied man es natürlich in Moskau, diesen gegenüber 
jenen stolzen Titel zu gebrauchen, und Kotoschichin, 
ein um die Mitte des 17. Jahrhunderts aus Rußland 
entflohener Beamter des = Gesandtschaftsamtes, be- 
richtet, wie man noch zu seiner Zeit diesen Macht- 
habern gegenüber es ängstlich unterließ, den Titel an- 
uwenden, den man Westeuropa gegenüber zu führen 
ch nicht scheute. 
Iwans III. Enkel, Iwan IV., war dann darauf be- 
dacht, dem Titel eines »Zaren« durch die Bestätigung 
der griechischen Kirchenfürsten mit dem ökumenischen 
Patriarchen an der Spitze auch die kirchliche Weihe zu 
geben. Diese letzteren waren schon mit Rücksicht auf die 
reichen Zuwendungen der Moskauer Großfürsten gern 
bereit, Jwan IV.zu Willen zu sein; sogar die in Mos- 
kau erfundene usendung einer Zarenkrone durch den 
riechischen Kaiser Konstantin Monomach an den Sohn 
Feiner Tochter, an Wladimir Monomach, lenn in dem 
Anerkennungsschreiben des griechischen Patriarchen 
Aufnahme, mochte auch der byzantinische Kaiser mehr 
als 50 Jahre früher gestorben sein, bevor sein Enkel 
den großfürstlichen Thron von Kiew bestieg. Für 
Westeuropa erfand oder ließ der ebenso schlaue als 
rausame Zar noch eine besondere Genealogie der 
skauer Großfürsten erfinden, derzufolge diese von 
niemand Geringerem als dem ersten römischen Impe- 
rator Uuustus herstammten. Augustus habe bei der 
Teilung des Reiches seinen Bruder »Pruß« an den 
Ufern der Weichsel und des Niemen eingesetzt, und das 
„vierzehnte Glied seiner Nachkommenschaft sei Rjurik 
eesene Wie man sieht, hat man in Moskau durch 
for simple Mittel seinen Machtansprüchen in jener 
Zeit die entsprechende historische Grundlage zu geben 
verstanden. Iwan III und sein Enkel Iwan IV. wa- 
ren es auch, der eine manchmal, der andere immer, die 
den Titel eines -Selbstherrscherse annahmen, einen 
Titel, der bekanntlich auch in den neuen Staatsgrund- 
gesetzen von 1906 keor der Konstitutione sich behaup- 
tet hat. Kljutschewski hat allerdings mit Recht bemerkt, 
daß dieser Titel ursprünglich — und dies gilt nament- 
lich von Iwan III. — nur die Bedeutung der Un- 
abhängigkeit von außen, also vor allem von der Gol- 
denen Horde, bedeutet hat. 
Den Ansprüchen der Moskauer Großfürsten 
Iwans III. und Wasiliis auf die Eroberung weiß- und 
kleinrussischer Gebiete von Polen-Litauen stand zwar 
nicht ihre eigene hohe Meinung von ihrer Würde und 
ihren historischen Rechten, wohl aber die militärische 
Inferiorität der moskauischen Heere gegenüber den 
polnisch-litauischen im Wege. Ihr Sohn und Enkel 
Iwan IV., der furchtbare Zare, wie ihn sein eigenes 
Volk benannt hat, wandte nach erlangter Volljährig- 
keit zuerst seine Blicke nach dem Osten. Der schon unter 
Heinen Vorgängern oft unternommene Versuch, den 
ittel- und Unterlauf der Wolga und den Zugang 
sum Kaspischen Meere in moskauische Hände zu be- 
mmen, gelang ihm in den Jahren 1552 bis 1556. 
Die auf den Trümmern der einst so gefürchteten Gol- 
denen Horde entstandenen Tatarenreiche Kasan und 
Astrachan wurden besiegt und einverleibt. Keine na- 
türliche Grenze gebot in der weiten Ebene dem am 
Oberlauf der Wolga und der Oka wohnenden groß- 
russischen Stamme in seinem Drängen stromabwärts 
Halt. Bis zur Mündung der Wolga gab es kein
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        54 
Hemmungdaserste große Hindernis war das Kaspische 
Meer. Und der großrussische Volksstamm, der sich 
selbst durch Aufsaugung der einheimischen finnischen 
Urbevölterund. im Wolga- Okabecken und darüber 
hinaus durch die Kiewer und Nowgoroder Kolonisa- 
tion gebildet hatte, hat diesen Sieg über die Tataren- 
reiche im Laufe der Jahrhunderte auch auszunutzen 
und seine Herrschaft auf eine sichere Grundlage zu 
stellen verstanden. Nach D. Mendelejew, der die Er- 
gebnisse der Volkszählung von 1897 verarbeitete, die 
übrigens die einzige genaue Nationalitätenzählung in 
Rußland war, gab es im Jahre 1897 in den auf dem 
Boden der ehemaligen Zarate Kasan und Astrachan 
heute bestehenden Gonernements Kasan, Wjatka, 
Perm, Ufa, Orenburg, Saratow, Samara, Simbirsk 
und Astrachan neben 5 800000 Abkömmlingen fin- 
nischer, tatarischer und mongolischer Rasse bereits 
13000000 Großrussen. Die Nachkommen der ehe- 
mals herrschenden Rassen waren also im Laufe der 
Jahrhunderte in eine hoffnungslose Minderheit ge- 
drängt worden. Noch günstiger stellte sich das Ver- 
hältnis für die Großrussen als der herrschenden Natio- 
nalität im russischen Reiche, wenn man die Statistik 
der religiösen Bekenntnisse in diesen Gouvernements 
heranzieht: auf 15600000 Orthodoxe kamen näm- 
lich 3300 000 Bekenner des Islams und Heiden. Da 
die 106 000 Deutschen, namentlich seit der barbarischen 
Verfolgung auch der loyalsten deutschen Untertanen 
Rußlands durch die russische Regierung und die Ma- 
jorität der russischen Gesetzgebungskörper, kaum ins 
Gewicht fallen, ja überhaupt verschwinden dürften, die 
450000 Kleinrussen von 1897 sich auch schwerlich der 
Aufsaugung durch die großrussische Umgebung ent- 
ziehen werden, kann man ruhig sagen, daß die ehe- 
maligen tatarischen Reiche Kasan und Astrachan heute 
roßrussisches und orthodoxes Gebiet darstellen. Durch 
ie Eroberung dieser Reiche wurde aber auch die wei- 
tere Ausbreitung des großrussischen Stammes und der 
moskauischen Herrschaft nach Asien hin angebahnt. 
Der Ural war für die wanderlustige großrussische Be- 
völkerung kein genügendes Hindernis, wenn er nicht 
vonseinen Anrainern verteidigt wurde. Reichegroßruf- 
sische Kaufleute, die Stroganows, waren hier die ersten 
Bahnbrecher, der Donkosak Jermak Timofejewitsch 
der Vollender. Von 1571 bis 1582 hat er ganz West- 
sibirien mit einem Häuflein Waffengenossen erobert 
und dem Zaren Iwan IV. als = Zartum Sibirien- 
u Füßen gelegt. So wurde Westsibirien noch im 16. 
Hahrhumdkrrt dem moskauischen Reiche einverleibt. 
Auch dieser Teil des großrussischen Reiches wurde 
im Laufe der Jahrhunderte zu einem fast rein groß- 
russischen und orthodoxen Siedlungsgebiete. Nach 
der Zählung von 1897 wohnten dort neben 3 400 000 
Großrussen nur 60000 Abkömmlinge finnischer und 
252000 turkotatarischer und mongolischer Stämme, 
neben 3740000 Orthodoxen (darunter wohl auch 
die 160 000 Kleinrussen) nur 159000 Bekenner des 
Islams und Heiden. Mit der Erreichung der Nordküste 
des Kaspischen Meeres war auch eng die Ausbreitung 
des moskauischen Reiches an der Westküste desselben 
und im Kaukasus verknüpft. Die erste Etappe auf 
diesem Wege war die Erreichung des Flusses Terek, 
an dessen Mündung ins Kalische Meer 1588 die 
Stadt Terek begrünzet wurde, der Hauptort der hier 
ur Verteidigung des moskauischen Reiches im äußer- 
aien Süden sich bildenden Terek-Kosaken. 
Nach diesen Erfolgen im Osten ging Iwan IV. 
daran, seinem Reiche auch den Zugang zum Balti- 
I. Politik und Geschichte 
schen Meere zu erkämpfen. Wie im Osten gab es auch 
hier kaum ein geographisches Hindernis. Wie das 
Quellgebiet der Wolga, lag auch das Quellgebiet der 
westlichen Dwina und das Quellgebiet des Wolchowim 
moskauischen Reiche. Auch hier galtes, nur dem Flusse 
entlang zu rücken, um zum Rigaischen und zum Fin- 
nischen Meerbusen zu kommen. Da der Zugang zum 
letzteren aber vom mächtigen Schweden beschützt und 
verteidigt wurde, so wandtie sich der russische Zar 
gegen den an Menschen und Hilfsquellen schwachen 
livländischen Zweig des Deutschen Ordens, um ihm 
Livland zu entreißen. Enge Handels= und Kultur- 
beziehungen hatten das »Große Nowgorode mit dem 
deutschen Livland verbunden. Auch in moskauischer 
eit gingen russisches Getreide, Talg und Holz die 
wina hinunter nach Riga, die Dwina aufwärts aber 
Salz, Tuch, Wein, Seide, Edelmetalle, Eisen, Kupfer 
und Waffen für die moskauischen Gedüersast, Wenn 
dabei die Nachbarn streng darauf sahen, daß nicht zu- 
viel von den technischen Errungenschaften der Kriegs- 
kunst ins moskauische Reich durchgelassen werde, um 
nicht an der besseren Rüstung dieses unruhigen und 
gefährlichen Nachbarn mitzuarbeiten, ist dies begreif- 
lich. Nicht nach der westeuropäischen Zivilisation und 
brem geistigen Inhalte trug man aber in Moskau 
erlangen, sondern nur nach ihren materiellen Er- 
run enschoaften auf dem Gebiete der Kriegführung, 
höchstens noch nach Mitteln zur Hebung der Metall- 
schätze des Reiches. So stürzte sich also Iwan IV. 
1558 auf das schwache Livland. Die Kriegführung 
Iwans haben selbst russische Kriegshistoriker, wie 
Fürst Golicyn, als eine asiatischtatarische, barba- 
rische, reine Verwüstung, bar selbst der Erwägungen 
und Handlungsweise eines Dschengis-Chan und Ta- 
merlan -, bezeichnet. »Livland zu verwüsten und aus- 
zurauben, seine Ansiedlungen und Bewohner zu ver- 
nichten, um den Orden zur Unterwerfung zu nötigen, 
konnte für einen asiatischen Eroberer passen, sollte aber 
dem Herrscher eines Landes fremd sein, das schon 
hundert Jahre das Tatarenjoch abgeschüttelt hatte und 
Annäherung und Beziehungen zu Westeuropa suchte. 
Eine solche Art der Kriegführung widersprach offen 
sowohl diesem Veelo als auch einem anderen, aber 
Hauptziele, der roberung Livlands zum Zwecke sei- 
ner Vereinigung mit Rußland, als dessen alter Besitz 
sowohl Iwan wie sein Vater, Großvater und Ahnen 
es ansahen.= Iwan IV.erreichte zwar die Vernichtung 
der livländischen Freiheit, die Auflösung des Ordens- 
staates und seine Aufteilung unter Polen-Litauen, 
Schweden und Dänemark, aber er konnte nichts da- 
von für sein Reich behaupten. Im Gegenteile in dem 
Kriege, der Livlands wegen mit Polen und mit 
Schweden entbrannte, wurde das moskauische Reich 
auf anderthalb Jahrhundert vom Baltischen Meere 
abgedrängt. Unter den wuchtigen Schlägen des Po- 
lenkönigs Stephan Bäthory brach die militärische 
Macht des moskauischen Zaren zusammen, und aus 
dem Angreifer wurde der Angegriffene. Innere Wir- 
ren nach dem Aussterben der Dynastie aus dem 
Stamme Kalitas trugen das ihrige dazu bei, daß nicht 
nur Schweden das moskauische Reich von Norden her 
bedrohte und ihm Nowgorod und Pskow zu entreißen 
suchte, sondern daß sogar die Polen unter der Führung 
Sigismunds III. aus dem Hause Wasa sich anschickten, 
das ganze Reich zu erobern. Auf dem Moskauer 
Kremi aber, als der bezeichnendste Ausdruck der neuen 
Lage, saß eine polnische Besatzung. Eine auf die breiten 
Volksmassen sich stützende nationale Bewegung, an
        <pb n="67" />
        Uebersberger: Die Grundzüge der russischen Eroberungspolitik 
deren Spitze Bojaren, wie Fürst Skopin-Schusjskiz, 
Dienstadlige, wie Fürst Poscharskii, Männer aus dem 
Volke, wie der Fleischer Minin, und Vertreter des 
geistlichen Standes, wie der Mönch Awramis Palicyhn, 
standen, haben allerdings das Urgste, den F# des 
Reiches, abgewendet. Sie vertrieb die Polen vom 
Kreml, sie gab dem im Parteienkampfe sich zerfleischen- 
den Lande eine neue Dynastie und damit ein einigen- 
des Band. Aber die Feinde waren zu zahlreich und 
zu mächtig, als daß das moskauische Reich. in dem 
materiellen Wohlstand seiner Bewohner schwer getrof- 
fen, nicht eine starke Einbuße an seinem Gebiete erlei- 
den mußte. Die Fürstentümer Smolensk, Tschernigow 
und Sewerst fielen an Polen, Ingermanland und 
Karelien an Schweden. Der Weg nach Europa war 
verrammelt, und den Polen stand der Weg in das 
Herz des Reiches, Moskau, offen. Aber eines blieb 
und verdient festgehalten zu werden: der feste Wille 
des großrussischen Stammes, sein Gebiet vom Feinde 
zu säubern. Die inneren Verhältnisse in Polen aber 
waren nicht danach angetan, das einmal Gewonnene 
festzuhalten. So kam früher, als man es hätte er- 
warten können, eine rückläufige Bewegung. 
Schon der zweite Zar aus dem Hause Komanon, 
Alexei, machte sich die wachsende Anarchie in Polen 
und defssen Bedrängnis durch Schweden und Türken 
zunutze, um im Frieden von Andrussow (1667) die 
Dujeprgrenze mit Kiew von Polen zu erzwingen. 
Mochte auch noch nicht die ganze -„ Ukraine oder, wie 
man es in Moskau nannte, Klein-Rußland, sondern 
nur ein sehr kleiner Teil zu Rußland kommen, diese 
Gebiete waren durch die Unterwerfung des Kosaken- 
hetmans Bogdaän Chmelnizkij für Polen verloren. 
Der soziale und religiöse Antagonismus zwischen Po- 
len und Kosaken arbeitete für Moskau, wenn auch die 
letzteren durch ihren Anschluß an Moskau »aus dem 
Regen in die Traufe« gerieten. Das Jahr 1667 ist 
ein Wendepunkt im Verhältnisse Polens zu Moskau. 
Im Kampfe der beiden Nivalen senkte sich die Wage 
zugunsten des Moskowiters. Polen als Gegner war 
endgllltig erledigt; die Frage stand jetzt nur noch so, 
wann und in welchem Umfange das Polenreich auch 
formell unter die Botmäßigkeit der verhaßten und 
verachteten „Moskalen“ kommen werde. Weniger 
glucklich waren die Versuche des Zaren Alexej, sich 
auch den Zugang zum Baltischen Meere zu erkämp- 
fen. Hier blieb die Lösung der Aufgabe seinem gro- 
den Sohne Peter vorbehalten. 
Mit Peter dem Großen beginnt die Zeit der 
mächtigen Expansion des russischen Reiches, das sich 
im Laufe von zwei Jahrhunderten über einen mäch- 
tigen Teil Europas und Asiens auszudehnen verstan- 
den hat. Von 35 Regierungsjahren Peters des Großen 
hat er nur ein einziges, das Jahr 1724, im Frieden 
zugebracht. Unter allen 34 übrigen aber kann mannur 
13 Friedensmonate zusammenbringen (Kljutschewsli). 
Peter hatte auch gegenüber seinen Vorgängern und 
Vorfahren den Vorteil voraus, daß er seine Kriege 
stets mit Bundesgenossen, daß er Koalitionskriege 
führen konnte. Peter hat Schweden die Küste an der 
Südostseite des Baltischen Meeres entrissen und da- 
mit das Fenster-, die Verbindung mit Westeuropa 
geschaffen. Die Eroberung der Küsten des Schwarzen 
Meeres hat er durch die Eroberung Asows vorgezeich- 
net, wenn auch freilich dieses Ausfallstor durch den 
unglücklichen Pruther Frieden (1711) wieder verloren- 
ging. Erst Katharina II. gelang es, an der Nord- 
küste des Schwarzen Meeres festen Fuß zu fassen und 
55 
diese bis zum Dujestr in russischen Besitz zu bringen. 
Durch die drei Teilungen Polens hat sie auch den 
überwiegenden Teil des polnischen Reiches Rußland 
einverleibt, wenn es ihr auch nicht gelang, dasselbe im 
seiner Gesamtheit r* Teilung mit den Nachbarn, 
Osterreich und Preußen, in russischen Besitz zu brin- 
gen. Vom Regierungsantritt Peters des Großen bis 
zum Tode Katharinas II. hat sich das russische Reich 
um nicht weniger als 65000 Quadratmeilen, darun- 
ter 16000 Quadratmeilen im europäischen Rußland, 
vergröher. Dieser Zuwachs im europäischen Ruß- 
land erfolgte auf Kosten der Türkei (4100 Quadrat- 
meilen), Polens (8700 Quadratmeilen) und Schwe- 
dens (3600 Quadratmeilen). Nur die Erwerbungen im 
europäischen Rußland bildeten also ein Gebiet, das 
rößer ist, als Deutschland, Österreich-Ungarn und 
Frantreich zusammengenommen:. Wie General Su- 
chotin bemerkt#, sind von Peter dem Großen an fast 
alle russischen Kriege Angriffskriege. Von 1700 bis 
zum Ende des 19. Jahrhunderis hat Rußland nur 
zweimal Verteidigungskriege geführt, 1812 und 1854 
bis 1856, im ganzen also 3 Jahre. War es im Ver- 
laufe des 18. Jahrhunderts gelungen, die Westgrenze, 
die 1700 noch 450 Werst von Moskau entfernt war, auf 
mehr als 1000 Werst zu verschieben, war es gelungen, 
das Baltische und das Schwarze Meer zu erreichen 
und dort beherrschenden Fuß zu fassen, so ging im 19. 
Jahrhundert die Auedehnung. nach Klein-, Mittel- 
und Ostasien. In zahlreichen Türkenkriegen und zwei 
Kriegen mit Persien wurde der Kaukasus dem russi- 
schen Reiche einverleibt und die Grenze bis an das 
fruchtbare Aserbeidschan und mitten durch Armenien 
gezogen. Um dieses Gebiet aber auch ganz zu gewin- 
nen, bedurfte es allerdings 62 Kampfjahre mit sei- 
nen Bergvölkern. Erst im Jahre 1864 war dieser 
Kampf zugunsten Rußlands entschieden, während 
die heutige russsich- perlische Grenze 1828 durch den 
Frieden von Turkmentschaj, die russisch-türkische vor 
dem Ausbruche des Weltkrieges durch den Berliner 
Vertrag festgelegt wurde. Trotz aller Bemühungen 
bildete aber die russische Bevölkerung nur im nörd- 
lichen Kaukafus (Großrussen und Kleinrussen) die 
Mehrheit, während sie in Transkaukasien vorläufig 
noch zur Rolle einer unbedeutenden Minderheit (eine 
Viertelmillion gegen 5 Millionen) verurteilt ist. 
Von 1845 bis 1881 erfolgte die Eroberung wei- 
ter Gebiete Mittelasiens; Turkestan, Buchara, Cho- 
kand, Chiwa wurden dem russischen Reiche einver- 
leibt, die Grenze bis an Nordostpersien, Afghanistan, 
China vorgeschoben. Nicht weniger als 3 100000 
Quadratwerst (mit einer Bevölkerung von 7750000 
Seelen nach der Zählung von 1897) wurden hier in 
Mittelasien im Verlaufe einiger Jahrzehnte für Ruß- 
land erobert. Dabei hat man zu diesen Eroberungen 
von 1839 bis 1881 im ganzen nicht mehr als 60000 
Mann aufgeboten und davon nur 5000 Tote und 
10000 Verwundete zu verzeichnen gehabt. Voll- 
ltündig kampflos erfolgte die Ausdehnung in Ost- 
asien bis zum Stillen Ozean. Der Amur, die Be- 
ringstraße wurden schon unter Peter dem Großen er- 
reicht, die gegenwärtige chinesisch-russische Grenze bis 
zum Baikalsee schon 1727 festgelegt. Erst 1904/05 
hatte Rußland seinen mühelos erworbenen ostasiati- 
schen Besitz gegen Japan zu verteidigen und war ge- 
nötigt, einen großen Teil der Beute herauszugeben. 
1 Nach Kuropatkin, Aufgaben der rufsf. Armer, II. S. 69. 
2# „ Der Krieg in der Geschichte der russischen Welt.«
        <pb n="68" />
        56 
Erst die nächste Zukunft wird es lehren, ob Rußland 
imstande sein wird, Ostsibirien jenseits des Baikalsees 
zu behaupten, oder ob der Weltkrieg Rußland dazu 
genötigt hat, hier seinen Besitz in zwar noch formell 
verschleierter Form an Japan abzutreten. Immerhin 
aber hat der Ausdehnungsdrang Rußlands in den 
zwei Jahrhunderten seit 1700 glänzende Triumphe 
gefeiert. Die Bevölkerung Rußlands, die 1724 nur 18 
Millionen, 1762: 19, 1796: 29 + 7, 1815: B0½ A 
14½, 1851: 39 + 28, 1897: 65 + 64 Millionen 
zählte, ist nunmehr schon auf 180 Millionen gestiegen. 
Dabei bedeutet die erste Ziffer die Bevölkerung im 
Bereiche des alten Petrinischen Rußlands, so daß also 
1897: 65 Millionen auf dem Boden des alten Pe- 
trinischen, 64 Millionen auf dem Boden der Neuer- 
werbungen lebten. Nicht mit Unrecht schwelgt Kuro- 
pattin El oben) in dem Gedanken, daß Rußland im 
aufe des 20. Jahrhunderts eine Devöllerungszifser 
von 400 Millionen erreichen und seine nächsten Nach 
barn im Westen, Deutschland und Osterreich-Ungarn, 
durch die Wucht seiner Massen erdrücken werde. 
Von welchem Ausdehnungsdrang dieses mächtige 
Reich beseelt ist, beweist der Umstand, daß im Ver- 
laufe der letzten zwei Jahrhunderte (1700 —1900) 
Rußland nur 71/ Friedensjahre kannte. In den 
übrigen 1281/8 Jahren führte es 33 äußere und 
zwei innere Kriege, darunter zur Erweiterung sei- 
ner Grenzen nicht weniger als 22 Kriege mit 101 
Kampfjahren, dagegen nur 4 Defensivkriege mit 4 ½ 
Kampfjahren!:. Dieser Ausdehnungsdrang läßt Ruß- 
land auch nicht mit den erreichten Geinzen sich zu- 
friedengeben. In seinem Vortrage vor dem Zaren 
bezeichnete Kuropatkin folgende Teile der russischen 
Grenzen für unbefriedigend: die Grenze mit Nor- 
wegen, weil sie Finnland vom Nordischen Meere 
trenne und die ganze Küste Norwegen überantworte. 
Dieser Zustand sei anormal. eiter die deutsch- 
russische Grenze (1107 Werst). Im Falle eines sieg- 
reichen Krieges mit Deutschland müsse Rußland die 
Weichselgrenze verlangen und sich Ostpreußen ein- 
verleiben. Die Möglichkeit eines Sieges schien Kuro- 
patkin schon 1900 gegeben, da Berlin nur 300, Wien 
nur 320 Werst von der deutsch-- bzw. österreichisch- 
russischen Grenze entfernt sei, während Petersburg 
und Moskau 800 und 1100 Werst von der deutsch- 
russischen, 1350 und 1200 Werst von der österrei- 
chisch-russischen entfernt seien. Der Besitz der beiden 
Weichselufer und der Mündungen der Weichsel und 
des Njemen erschien Kuropatkin 1900 schon als be- 
gehrenswerte Grenze, nicht weil der Ausdehnungs- 
drang Rußlands dadurch befriedigung finden würde, 
sondern weil Rußland dann Deutschland gegenüber 
eine drohende Stellung einnehmen würde, d. ¾- 
weil der Weg für eine weitere Eroberungspolitik 
offen stände. Diese offenen Worte erleiden durch die 
Schlußfolgerung, daß es weder für Deutschland noch 
für Rußland vorteilhaft wäre, einer Abänderung der 
augenblicklichen Grenzen wegen einen Krieg zu füh- 
ren, nicht die geringste Abschwächung, handelt es 
sich doch nicht um die Ursachen eines Krieges, son- 
dern um die Ziele eines solchen. Auch die österrei- 
chisch- russische Grenze befriedigte Kuropatkin nicht; 
doch hielt er die Einverleibung Galiziens, die Ver- 
schiebung der Grenze auf die Karpathen, wegen der 
Revanchegedanken Osterreich = Ungarns, für eine Ge- 
fahr, für ein zweites Elsaß-Lothringen. Immerhin 
1 Nach Vortrag des Kriegsministers vor dem Zaren i. J. 1900. 
I. Politik und Geschichte 
aber hat er deutlich mit diesem Anspruche die Wünsche 
weiter russischer Kreise verdolmetscht. Nur mit der 
türkisch -russischen Grenze in Kleinasien war Kuro. 
patkin zufrieden, nicht weil sie die russischen Besitzun. 
en genülgend schützt, sondern weil sie eine vorteilhafte 
usfallstcllung zum wichtigsten Punkte Kleinasiens 
und dem einzigen Hindernisse auf dem Wege nach 
dem Bosporus, nach Erzerum, darbiete. — Gegenüber 
Persien, in Mittelasien und Ostasien begegnete ein 
Vorschieben der russischen Grenze keinerlei Schwie- 
rigkeit, bis der russisch-japanische Krieg und das eng- 
lisch · russische übereinkommen von 1907 gewisse 
Schranken setzte. Und mit dem englisch-russischen 
Übereinkommen verzichtete Rußland auch auf den Zu- 
gang zum Indischen Ozean. Danunauch der Weg zum 
eisfreien Teile des Stillen Ozeans durch den Ports- 
mouther Frieden verrammelt war, blieb nur der von 
Kuropatkin schon 1900 vorgezeichnete nach dem ein- 
“ zigen, nach einem warmen Meere noch mit Gewalt 
" erstrebende Zugang, zum Mittelländischen Meere. 
enn Rußland nicht nur am Stillen Ozean, sondern 
auch am Indischen und im Mittelländischen Meer am 
Bosporus festen Fuß gefaßt habe, dann sei Rußland 
nach Kuropatkins Worten die Beherrscherin der Welt 
auch auf wirtschaftlichem Gebiete. Dieser Drang nach 
Ausdehnung in der Richtung nach dem Mittelländi- 
schen Meere, den eine durch Deutschlands Hilfe ver- 
jüngte und gestärkte Türkei für eine lange Zukunft 
voraussichtlich in Schranken zu halten drohte, war 
auch einer der stärksten Beweggründe für den Ent- 
schluß Rußlands zum Krieg im Sommer 1914. Es 
wäre aber ungerecht, den Ausdehnungsdrang Ruß- 
lands nur ehrgeizigen Herrschern, Staatsmännern 
und Militärs zuschreiben zu wollen. 
Dieser Ausdehnungsdrang ist auch zum nicht ge- 
ringen Teile begründet im Wandertriebe und Wesien 
des russischen Volkes. Ohne Zutun der Moskauer 
und Petersburger Regierung wurden ungeheure Ge- 
biete dem Reiche einverleibt. Vielleicht war mit- 
bestimmend das Streben, sich dem harten Drucke der 
Regierung an einem neuen Orte zu entziehen und 
dort auch bessere wirtschaftliche Bedingungen vorzu- 
finden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt es 
doch als Norm, daß die territoriale Ausbreitung des 
russischen Reiches ndgehr proportional zur Entwick- 
lung der inneren Freiheit des russischen Volkes stand, 
sowie daß der politische Einfluß der arbeitenden Klas- 
sen in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur wirt- 
schaftlichen Produktivität ihrer Arbeit stand. Außere 
Konflikte haben immer wieder die Evolution im In- 
nern verlangsamt oder unmöglich gemacht. Man darf 
vielleicht auch behaupten, daß der Ausdehnungstrieb 
des russischen Stammes aus Gründen der inneren Po- 
litik von oben gefördert wurde und äußere Kriege das 
Auskunftsmittel der Regierenden darstellten, um über 
innere Schwierigkeiten hinwegzukommen. Es ist z. B. 
unbestreitbar, daß sich die innere Lage im Sommer 
1914 als äußerst kritisch darstellte, und niemand Ge- 
ringerer als Miljukow selbst hat zugestanden, daß 
Rußland vor einer Revolution stand. Der Krieg war 
also ein Ausweg für die Regierung, und sie hat, wie 
die Stimmung selbst revolutionärer Kreise zeigt, wie- 
der nicht umsonst mit dem Eroberungsdrang und der 
Wanderlust breiter russischer Kreise gerechnet. Auch 
dieser Krieg wurde in Rußland populär, zum min- 
desten viel populärer als dies der Krieg gegen Japan 
je gewesen ist. Die Aussicht, auf hoher Kultur stehen- 
des Ackerland im Westen zu gewinnen, hat eben
        <pb n="69" />
        Samassa: Die Probleme des Balkans 
unleugbar größere Anziehungskraft als die schönsten 
Zukunftsträume in Ostasien. Selbst so hervorragende 
ührer der radikalsten und regierungsfeindlichsten 
Parteien wie Georgij Walentinowitsch Plechanow, 
einer der Mitbegründer der Marxistischen Sozial- 
demokratie in Rußland, und Fürst Peter Krapotkin, 
der Patriarch der Sozialisten-Revolutionäre, fanden 
es für notwendig, ihre Parteigenossen in Rußland 
aufzufordern, die von ihnen früher so erbittert be- 
kämpfte Regierung in ihrem Kampfe gegen Deutsch- 
land und Osterreich-Ungarn mit allen Mitteln zu un- 
terstützen. Vauschaftliche und politische Gründe wur- 
den von beiden bei dieser Aufforderung ins Treffen 
geführt. Allerdings hat die Dumafraktion der sozial- 
emokratischen Parteien dieser Aufforderung nicht 
vollständig Rechnung getragen. Immerhin aber fan- 
den sich genügend publizistische Stimmen auch aus die- 
sem Lager, die den imperialistischen bürgerlichen Par- 
teien in ihren Annexionsplänen auf Kosten der beiden 
Zentralmächte und der Türkeiihre Unterstützung liehen. 
Was aber diese bürgerlichen Parteien betrifft, so 
muß festgestellt werden, daß im wesentlichen die Rechte 
und Linke in ihren Kriegszielen vollständig überein- 
stimmten. Während die Rechte die Annexion Ost- und 
Westpreußens, Posens, Schlesiens, Galiziens, der 
Bukowina, Oberungarns, die Aufteilung des übrigen 
Osterreich-Ungarns und der Türkei verlangte, hat der 
linke Block diese Eroberungslust und Beutegier mit 
dem Mäntelchen »der Befreiung der Völker= drapiert, 
wobei sich natürlich diese befreiten Völker größtenteils 
57 
im Verbande Rußlands mit viel geringeren Rechten 
und Freiheiten hätten begnügen müssen, als dies in 
ihrem bisherigen staatsrechtlichen Verhältnisse der Fall 
war. Ein Schulbeispiel dieser verlogenen Uneigen- 
nültzigkeit sind die Kriegsziele, die Miljukow im 
Jahrbuch des „Retschj für 1916 entwickelt. Er 
bringt es dabei fertig, von Rußland mit Ausnahme 
der Meerengen Überhaupt nicht zu sprechen, obwohl 
es ganz deutlich aus der Absteckung der Grenzen er- 
sichtlich ist, daß Rußland der Löwenanteil an Länder- 
beute aus dem Weltkriege zufallen soll. An diesen 
Kriegszielen hat auch die Märzrevolution von 1917 
nichts geändert. Eine eroberungslüsterne Partei steht 
einer aus Rücksichten der Erhaltung der errungenen 
Freiheit gemäßigten und zum Frieden geneigten ge- 
genüber, und es steht derzeitt noch immer nicht fest, 
welche von beiden den Endsieg davontragen wird. 
Literatur. W. Kljutschewfkij, Russische Geschichte 
(4 Bde., russ.); D. Mendelejew, Zur Kenntnis Rußland? 
(Ausgabe von 1907, russ.); A. N. Kuroparkin, Aufgaben 
der russischen Armee (1910, 8 Bde., russ.); N. N. Suchotin, 
Der Krieg in der Geschichte der russischen Weit (1898, rufl.) 
J. Strelbitsky, Possessions des Turcs sur le Conti- 
nent Européen (1879); Jahrbuch der Zeitung -Retschj- 
für 1916 (1917, russ.); Karl euthner, Russischer Volks- 
imperialismus (Berl. 1915); H. Uebersberger, Rußland 
und der Panflawismus, in -Deutschland und der Weltkriege- 
(2. Aufl., Leipz. 1917); Derselbe, Das russische Kriegsziel 
(Sonderabdruck aus der -Industrie-, Wien 1910). 
1 Anfang Mai 1917. 
Die Probleme des Balkans 
Von Prof. Dr. Paul Samassa in Klosterneuburg bei Wien 
Der Niedergang der türkischen Herrschaft. 
Mit dem Niedergang der türkischen Macht zu Beginn 
des 18. Jahrhunderts fängt der Balkan an, proble- 
matisch= zu werden. Wenn die Türkei nicht stark genug 
ist, die gemachten Eroberungen zu behaupten, so fragt 
es sich, was und wer an ihre Stelle treten soll. Die 
gewissermaßen naturrechtliche Antwort auf diese Frage 
wäre: die von den Türken beherrschten und unter- 
drückten Völker. Diese waren aber aus eigener Kraft 
zu schwach, das Joch der Türken abzuschütteln, wozu 
noch kommt, daß ihre Wobnsige, zeograpoich nicht 
scharf abgegrenzt sind und die Völker vielfach unter- 
mischt wohnen, selbst die Bestimmung ihrer Volks. 
zugehörigkeit mitunter auf Schwierigkeiten stößt; dar- 
aus ergibt sich, daß ihre Ansprüche sich vielfach kreuzen. 
Aber nicht nur die zur Zeit der türkischen Eroberung 
auf dem Balkan ansässig gewesenen Völker machen 
Anspruch auf das türtische Erbe; auch die europäi- 
schen Großmächte beanspruchen es zum Teil, zum Teil 
wollen sie mindestens auf die Verteilung Einfluß 
nehmen. Die Rivalitäten, die sich daraus ergaben, 
sind der Türkei zugute gekommen und haben ihr die 
Herschaft auf dem Balkan verlängert. 
Osterreich. Von den europäischen Großmächten 
hatte Osterreich kraft seiner geographischen Lage als 
Nachbar der Türkei den meisten Anspruch, die Neu- 
ordnung der Dinge auf dem Balkan im Interesse 
seiner eigenen Sicherheit zu beeinflussen. Nachdem 
es zu Beginn des 18. Jahrhunderts Ungarn zurück- 
erobert, im Passarowitzer Frieden (1719) sogar neue, 
im Belgrader Frieden freilich wieder preisgegebene 
Gebiete erworben hat, ist seine Stellung gegentlder 
der Türkei im wesentlichen defensiv, d. h. es will ge- 
schützte Grenzen haben. Der Bestand einer militä- 
risch und staatlich nicht zu kräftigen Türkei ist ihm 
als Nachbar erwünscht; kann die Türkei ihren Besitz 
aber nicht behaupten, dann muß OÖsterreich darauf 
sehen, daß es nicht einen schlechten Tausch macht und 
einen unruhigen Nachbar erhält, der nach seinem 
Besitz trachtet. Daneben laufen natürlich, wie es bei 
der geographischen Lage selbstverständlich ist, aus- 
gedehnte Handelsinteressen. 
Rußland. Das Verhältnis Rußlands zur Türkei 
ist viel aggressiver. Nachdem es das Nordufer des 
chwarzen Meeres von türkischem Einfluß befreit 
hat, will es den Ausgang nach dem Mittelmeer in 
seinen Besitz bringen; die wirtschaftlichen Momente, 
die dafür sprechen, werden mit einem myystisch reli- 
giösen Gewand umkleidet: Rußland soll wieder das 
Kreuz auf der Hagia Sophia aufpflanzen. Der Er- 
werb der Meerengen setzt aber die Vertreibung der 
Türken aus Europa überhaupt voraus, und deshalb 
muß sich Rußland als den Befreier der Rajahvölker 
aufspielen und seinen wiederholt gebrachten Blut- 
opfern entsprechend den bestimmenden Einfluß auf 
die staatliche Neuordnung auf dem Balkan beiigen. 
wobei es naturgemäß mit den österreichischen An- 
sprüchen zusammenstößt. 
Die anderen Großmächte. Für Frankreich ist 
die Türkei lange Zeit der Verbündete in seinem Kampfe 
gegen die Macht des Hauses Habsburg, wozn sie übri- 
gens gelegentlich auch von Friedrich d. Gr. benutzt 
wird; im übrigen betrachtet Frankreich ebenso wie 
England die Türkei im wesentlichen unter dem Ge- 
sichtspunkt seiner afrikanischen und asiatischen Inter-
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essen. Italien schließlich, die jüngste und schwächste 
Großmacht Europas, erhebt vor allem Ansprüche 
auf den südlichen Teil des adriatischen Ostufers, wo- 
durch sein Ziel, aus der Adria einen italienischen Bin- 
nensee zu machen, verwirklicht werden soll. 
Friede von Bukarest, Bulgarien, Mazedonien. 
Die im Bukarester Frieden unentschiedenen Machtfra- 
gen auf dem Balkan bilden einen wesentlichen Teil 
der Ursachen des Weltkriegs, der sie entweder endgültig 
entscheiden oder doch um ein beträchtliches Stück ihrer 
Lösung näher bringen muß. Bei Ausbruch des Welt- 
krieges war die Türkei bis auf Thrazien aus Europa 
verdrängt, d. h. es besaß in Europa etwa genau so- 
viel, als unbedingt nötig war, um die Meerengen ver- 
teidigen zu können. Daß an dieser Abgrenzung, die 
während des Krieges noch eine Verschiebung zugunsten 
Bulgariens erfuhr (vgl. das Textkärtchen auf S. 64), 
etwas geändert werden könnte, ist durchaus unwahr- 
scheinlich; der Verzicht der Türkei auf ihren übrigen 
europäischen Besitz, der eine Folge des Balkankrieges 
war, ist wohl endgültig. Die politischen Grenzen, die 
der Friede von Bukarest zwischen den Balkanstaaten 
geschaffen hatte, entsprachen aber weder den ethno- 
graphischen Grenzen, noch schufen sie allseitige Be- 
friedigung unter den Beteiligten; insbesondere sah 
sich Bulgarien der Früchte seiner Anstrengungen 
beraubt. Es fordert als notwendiges Ergebnis eines 
siegreichen Krieges eine Revision des Bukarester Frie- 
dens; mit diesem Ziele im Auge ist es in den Krieg 
eingetreten. Der Anspruch, um den es in erster Linie 
betrogen worden ist, bezieht sich auf Mazedonien. 
Dieses hat in den letzten Jahrzehnten den Mittelpunkt 
der Balkanprobleme gebildet. Die Bevölkerung Maze- 
doniens spricht von Hause aus einen slawischen Dia- 
lekt, der zwischen dem Serbischen und Bulgarischen in 
der Mitte steht; die nationalen Ansprüche der Staa- 
ten, die Mazedonien auf Grund der Vollsgemeinschaft 
begehrten, stützten sich aber im wesentlichen auf die 
kirchliche Zugehörigkeit, die natürlich das Ergebnis 
eifriger Propaganda war hierbei schnitten die Bulga- 
ren am erfolgreichsten ab. Der Teil von Mazedonien, 
der im Bukarester Frieden an Serbien fiel, wird an 
Bulgarien gelangen. Ebenso macht Bulgarien An- 
spruch auf den Piroter Kreis, der eine ursprünglich 
bulgarische Bevölkerung besitzt, fordert aber im In- 
teresse einer sicheren Grenzgemeinschaft mit Osterreich- 
Ungarn auch das untere Morawatal und den ur- 
sprünglich von Rumänen besiedelten Negotiner Kreis. 
Daß es den Teil der Dobrudscha, der ihm im Buka- 
rester Frieden von Rumänien entrissen wurde, zurück- 
erhält, ist wohl selbstverständlich; es erhebt aber auch 
auf die übrige Dobrudscha Anspruch, die ja nie ein 
nationalrumänisches, sondern von Bulgaren, Türken 
und Tataren bewohntes Gebiet war. Die Bevölkerung 
Mazedoniens wird sich ohne Schwierigkeiten, auch so- 
weit sie nicht dem Exarchat angeschlofssen war, bul- 
garisch machen lassen, und dasselbe wird auch von den 
übrigen von Serbien zu erwerbenden Teilen gelten. 
Soweit es sich um türkische Bewohner handelt, dürfte 
sich auch dort jener Vorgan vollzichen, der sich schon 
bei der Losreilung der christlichen Balkanstaaten ab- 
gespielt hat: die Türken wandern aus, um als will- 
kommene Muhadschirse in Kleinasien angesiedelt zu 
werden, wo ja Raum genug für Millionen neuer Be- 
wohner vorhanden ist. Zwischen Bulgarien und der 
Türkei waren vor dem Weltkriege schon Verhandlun- 
gen im Gange, um diesen Vorgang zu fördern und 
unter Beihilfe beider Regierungen in eine möglichst 
I. Politik und Geschichte 
geordnete Bahn zu leiten. Werden alle diese bulgari- 
schen Ansprüche durch das Ergebnis des Krieges befrie- 
digt, dann geht Bulgarien als die unbestritten stärkste 
Bülanmach aus dem Kriege hervor, die auch in kür- 
zester Zeit ein rein bulgarischer Nationalstaat sein 
wird. Bulgarien kommt es hierbei sehr zugute, daß 
es ein reiner Bauernstaat ist und eine außerordentlich 
hohe Volksvermehrung hat; dadurch wird es auch in 
der Lage sein, die zum Teil dünn besiedelten neuen 
Gebiete, die es erwirbt, alsbald aufzufüllen und dem 
ganzen Lande einen bulgarischen Charakter zu geben- 
Man könnte es als einen Treppenwitz der Welt- 
geschichte ansehen, daß jenes Groß-Bulgarien, das 
Rußland im Frieden von San Stefano schaffen wollte, 
woran es unter anderm auch durch den Einspruch 
Osterreichs gehindert wurde, nun mit Hilfe der Mittel- 
mächte gegen den Willen Rußlands entsteht. Es er- 
gibt sich allerdings der gewiß große Unterschied, daß 
jenes von Rußland geplante Groß-Bulgarien nur als 
eine Satrapie Rußlands auf dem Balkan gedacht war, 
während das Bulgarien der Zukunft lediglich bulga- 
rische Interessenpolitik treiben wird. Anderseits bleibt 
freilich die Frage offen, ob sich ein im Jahre 1878 er- 
richtetes Groß-Bulgarien schließlich nicht doch auch 
von der russischen Vormundschaft befreit hätte. 
Bulgarien und Griechenland. Schwer zu über- 
sehen ist zur Zeit noch, wie sich in Zukunft das Ver- 
hältnis des vergrößerten Bulgariens zu Griechenland 
getalten wird. Im Verlaufe des Balkankrieges hat 
ulgarien auch auf das untere Wardartal mit Sa- 
loniki und die östlich davon gelegenen Gebiete von 
Drama und Kawalla Anspruch erhoben. Gebiete, die 
dann im Bukarester Frieden an Griechenland fielen. 
Wichtiger als die auch hier von den Bulgaren geltend 
emachten nationalen Ansprüche sind wohl die wirt- 
chaftlichen Momente, die es Bulgarien schwer machen 
dürften, einen endgültigen Verzicht auszusprechen. 
Mazedonien hat seinen wirtschaftlichen Schwerpunkt 
in Saloniki, das Üübrigens seinem ethnischen Charakter 
nach weder griechisch noch bulgarisch, sondern jüdisch 
ist. Daß der Verkehr des nördlichen Mazedoniens 
etwa nach dem übrigens erst auszubauenden bulga- 
rischen Hafen Dede Agatsch geleitet werden könnte, ist 
ganz ausgeschlossen. Serbien hat vor dem Kriege 
eine Lösung in der Form gesucht, daß es einen eigenen 
Freihafen in Saloniki von Griechenland erlangen 
wollte. Diese Lösung, die sich auf Bulgarien ange- 
wandt noch erleichtern würde, wenn die Bahnlinie 
nach Saloniki ein internationales Unternehmen unter 
vorwiegendem Einfluß der Mittelmächte bliebe, was 
sich auch unter anderen Gesichtspunkten empfiehlt, kam 
so lange in Betracht, als Griechenland die Neutrali- 
tät aufrechterhalten konnte, ebenso wie an einen frei- 
willigen Tausch dieses strittigen Gebietes oder von 
Teilen davon gegen Südalbanien zu denken gewesen 
wäre, wobei freilich der Vorteil nicht gerade auf seiten 
Griechenlands gelegen hätte. Der inzwischen erfoldgte, 
wenn auch erzwungene Eintritt Griechenlands in die 
Reihe unserer Feinde macht natürlich auch andere 
Lösungen möglich. 
Rumänien. Zuerst als unabhängiger Staat der 
türkischen Oberherrschaft entzogen, ist Rumänien auch 
eographisch dem Balkan kaum zuzurechnen; es hat 
nch gegen den Titel Balkanstaat sche gern verwahrt. 
Indes ist zu beachten, daß es in einer Beziehung doch 
sehr eng mit den Balkanproblemen verbunden war, 
insofern als es eifersüchtig darllber wachte, Bulgarien 
nicht zu stark, keinesfalls stärker als es selbst werden
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        Samassa: Die Probleme des Balkans 
zu lassen, weil es in diesem Falle für seinen Besitz 
der Dobrudscha, der ihm den Zugang zum Meere 
sichert, fürchten mußte. Das war der Hauptgrund, 
weshalb es in den Balkankrieg eingriff und nach dem 
Bularester Frieden dessen Ergebnisse durch ein Bünd- 
nis mit Serbien und Griechenland, das sich gegen 
Bulgarien richtete, zu sichern trachtete. Nachdem es 
im Peltkrie e zunächst abgelehnt hatte, die Gültigkeit 
seiner Verpflichtungen gegenüber den Mittelmächten 
anzuerkennen, kam es durch das Eintreten Bulgariens 
in das Bündnis mit den Mittelmächten in eine immer 
schwierigere Lage. Es mußte damit rechnen, daß Bul- 
arien bei einem Siege der Mittelmächte eine solche 
Vergrößerung erführe, die es ihm an Zahl und damit 
doch auch militärisch ebenbürtig, wenn nicht über- 
legen machen, und dann von ihm mindestens das im 
Bukarester Frieden abgetretene -Quadrilateral zu- 
rückfordern würde. Es konnte den rumänischen Staats- 
leitern auch nicht unbekannt sein, daß gegen keinen der 
Gegner aus dem zweiten Teil des Balkankrieges ein 
so tiefwurzelnder Haß im bulgarischen Volke zurück- 
geblieben war wie gegen die Rumänen, die sich, ohne 
einen Tropfen Blut zu vergießen, einen der fruchtbar- 
sten Landstriche Bulgariens angeeignet hatten. Bei 
richtiger Einschätzung der Kräfteverhältnisse der krieg- 
führenden Mächtegruppen hätte sich die rumänsche 
Politik die Sicherung der Neu-Dobrudscha gegenüber 
bulgarischen Ansprüchen wohl durch ein möglichst enges 
Bundesverhältnis mit den Mittelmächten und den 
Erwerb Beßarabiens durch den Kampf an ihrer Seite 
sichern müssen. Der Weg, den Rumänien tatsächlich 
gegangen ist, hat zur Besetzung des größten Teiles des 
Landes durch die Vierbundmächte geführt, und zur 
Zeit“ läßt sich das schließliche Schicksal Rumäniens 
noch nicht Übersehen. Die Wahrscheinlichkeit spricht 
immerhin dafür, daß Rumänien außer durch den 
Verlust der Dobrudscha an Bulgarien territorial nicht 
wesentlich verkleinert aus dem Kriege hervorgehen 
wird. Die Frage des freien Zuganges zum Schwar- 
zen Meere wird dann allerdings brennend werden 
und das demütigende Gefühl der Niederlage sich weit 
mehr gegen Bulgarien als gegen die Mittelmächte keh- 
ren, die man als die stärkere Mächtegruppe anerkennen 
wird,. mit der man sich einrichten muß. Ob die Frage 
des Zuganges zum Meer eine Lösung finden kann, 
die bulgarische Interessen nicht verletzt, ist heute schwer 
zu beurteilen. Aufgabe der Mittelmächte wird es je- 
denfalls sein, Rumänien nach der verdienten Züch- 
tigung, die es erfahren, wieder der Staatengruppe 
zuzuführen, der es auch nach seinen wirtschaftlichen 
Hntteresffen angehören muß; man wird es nicht dazu 
zwingen dürfen, ein Vorposten Rußlands zu sein. 
Daraus ergäbe sich aber auch die Aufgabe, den Ge- 
gensatz zwischen Bulgarien und Rumänien möglichst 
auszugleichen, jedenfalls aber einen isolierten Zusam- 
menstoß der beiden Staaten jederzeit zu verhindern 
bzw. im Keime zu ersticken. 
Serbien, Montenegro. Seinen Ausgangspunkt 
hat der gegenwärtige Krieg von den gegen Osterreich- 
Ungarn gerichteten Ansprüchen Serbiens genommen; 
die Donaumonarchie darf es woh als eines ihrer wich- 
tigsten Kriegsziele betrachten, die serbische Frage in einer 
eise zu lösen, die für alle Zeit die Möglichkeit eines 
Angriffs durch diesen unruhigen Nachbar ausschaltet. 
Das serbische Volk besaß vor dem Kriege zwei selbstän- 
dige Staaten sehr ungleicher Größe, Serbien und 
— — 
1 Sommer 1917. 
59 
Montenegro; beide hatten durch den Balkankrieg er- 
Reduchen Landgewinn erzielt, vor allem aber waren 
ie durch die Aufteilung des Sandschaks Nachbarn ge- 
wordenzihr Zusammenschluß zu einem einzigen Staate 
— durch dynastische Interessen zunächst noch verhin- 
dert — war aber doch nur eine Frage der Zeit. Be- 
trachtet man Serben und Kroaten als ein Volk, was 
allerdings nur mit gewissen Vorbehallen zulässig ist, 
so wohnten vor dem Weltkriege immer noch mehr 
Serbokroaten unter Habsburgs Zepter als in den 
beiden selbständigen Königreichen zusammengenom- 
men. Die serbische Politik ging ganz unverhüllt auf 
die Eroberung dieser unter österreichischer und unga- 
rischer Herrschaft stehenden Gebiete aus. Schon der 
Balkanbund richtete seinerzeit eine seiner Spitzen gegen 
die Donaumonarchie; die ersten Versuche des russischen 
Botschafters in Konstantinopel, Tscharykow, gingen 
darauf aus, die Balkanstaaten mit der Türkei zu 
einem Bunde gegen Osterreich zu vereinigen, führten 
aber begreifbachesweise nicht zum Ziele. Es war ein 
für Osterreich ganz unerwartet günstiges Ergebnis 
des Balkankrieges, daß dank der Brutalität, mit der 
Rußland auftrat, ein unheilbarer Riß in das Gefüge 
des Balkanbundes kam, den wir dann im Weltkkriege 
nutzen konnten. Es wurde schon darauf hingewiesen, 
daß Neu-Serbien undeerhebliche Teile von Alt-Serbien 
bei für uns siegreichem Ausgange des Krieges an 
Bulgarien fallen werden. Eine Frage der Zweck- 
mäßigkeit wird es sein, ob man Serbien und Monte- 
negro in verkleinertem Zustande wiederherstellt oder 
die beiden Staaten ganz verschwinden läßt und den 
nicht an Bulgarien fallenden Rest der Donaumon- 
archie einverleibt, Es kann heute, wo eine Entschei- 
dung über diese Frage noch nicht gefallen ist, nur 
meine Aufgabe sein, die aus jeder dieser Lösungen sich 
ergebenden Probleme darzustellen. Die Beseitigung 
der selbständigen serbischen Staaten könnte den Serben 
unter dem Gesichtspunkt schmackhaft gemacht werden, 
daß sie nun doch die von ihnen erstrebte Einigung 
wenigstens insofern erlangen, als sie nun alle unter 
einem Zepter vereinigt sind und dies sie wohl für die 
nach den bestehenden Machtverhältnissen nicht erreich- 
bare Unabhängigkeit entschädigen könne. Es fragtsich 
aber nun freilich, ob diese Lösung auch vom Stand- 
punkt der österreichisch-ungarischen Interessen erträg- 
lich erscheint. Und da ist darauf hinzuweisen, daß die 
Serbokroaten, die schon vor dem Kriege unter habs- 
burgischer Herrschaft standen, weder in sich eine ge- 
schlossene völkische Masse bildeten, noch auch in einem 
klaren und einfachen Verhältnisse zu der Monarchie 
standen, was schon deren verwickelter Aufbau nicht 
uließ. Serben wohnten in Ungarn, Serben und 
roaten im Königreich Kroatien, das sich Ungarn 
gegenüber einer gewissen Autonomie erfreut, die aber 
doch für mannigfache Reibungen Raum läßt, ebenso 
auch in Bosnien und Dalmatien, zwei Ländern, deren 
staatsrechtliche Stellung noch ungeklärt erscheint. 
Gerade diese Zersplitterung hat die Beherrschung sehr 
erleichtert. In Bosnien z. B. sind die orthodoxen 
Serben das relativ stärkste Element, sie besitzen aber 
nicht die absolute Mehrheit; nach ihnen kommen an 
Zahl die Mohammedaner und die katholischen Kroaten, 
die aber alle die gleiche Sprache sprechen. Während 
nun die Serben fast ausnahmslos der österreichischen 
Herrschaft äußerst feindlich gesinnt waren, hielten die 
Kroaten seit jeher zur Monarchie, während die Mo- 
hammedaner seit dem Balkankrieg, dessen Ausgang 
ihnen die letzte Hoffnung raubte, je wieder unter tür-
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        60 
kische Herrschaft zurückzukehren, aus ihrer früheren 
mehr passiven Haltung heraustraten und sich deröster- 
reichischen Herrschaft aufrichtig anschlossen. Bezeich- 
nend ist übrigens, daß die Zahl der mohammedani- 
schen Rückwanderer aus Bosnien immer sehr gering 
war. Daß frisch hinzu annektierte Serben sich etwa 
als staatstreues Element bewähren, daß sie, denen 
nach so hochfliegenden Träumen nun ein so grausames 
Erwachen beschieden ist, sich alsbald mit der neuen 
Lage abfinden sollten, ist, von ihnen weder zu erwar- 
ten noch zu verlangen. Osterreich-Ungarn würde sich 
also nur ins eigene Fleisch schneiden, wenn es die Ver- 
einigungspläne der Serbokroaten fördern und die 
staatstreuen Elemente, die es in ihrer Verteilung auf 
die verschiedenen Länder sehr gut als Stütze seiner 
Herrschaft benutzen kann, nun der Vergewaltigung 
durch die dem Staate durchaus feindlichen, im übrigen 
aber durch größere geistige und wirtschaftliche Regsam- 
keilt den Kroaten und Mohammeanern durchaus über- 
legenen Serben ausliefern wollte. Ein Gebiet, dem 
man etwaigen Neuerwerb ohne Schaden anschließen 
könnte, gibt es in ÖOsterreich = Ungarn nicht. Schlägt 
man beispielsweise dem Reichslande Bosnien auch 
nur ein Gebiet, das von einigen hunderttausend Ser- 
ben bewohnt ist, zu, so gewinnen die Serben im Lande 
schon die Mehrheit; und wenn auch die Einführung 
einer Verfassung und parlamentarischer Einrichtun- 
gen für Bosnien im Jahre 1909 verfrüht war, so wird 
man doch nach dem Kriege Formen finden müssen, 
in denen man die Bevölkerung zur Verwaltung heran- 
zieht, ohne Gefahr zu laufen, daß dies zu staatsfeind- 
lichen Zwecken mißbraucht werde. Das ist aber na- 
türlich in dem Augenblicke ausgeschlossen, wo man 
den Serben die Mehrheit im Lande verschafft, und 
die staatstreuen Kroaten und Mohammedaner hätten 
vor allem Grund, sich darüber beschwert zu fühlen. 
So würde auch bei einer Annexion der verbleibenden 
Reste von Serbien und Montenegro wohl nur der 
Ausweg übrigbleiben, diese Länder selbständig und 
zunächst wohl für ziemlich lange Zeit militärisch zu 
verwalten. Das mag an sich kein Unglück sein; aber 
es würde die wirtschaftliche Erschließung des Gebietes 
sehr erschweren, weil diese Militärverwaltung doch der 
gemeinsamen Regierung verantwortlich wäre, in die 
wiederum Osterreich und Ungarn gleichermaßen Ein- 
fluß zu nehmen berechtigt sind. Und daß dieses ver- 
wickelte Verhältnis mancherlei Hemmungen mit sich 
bringt, hat man bei der Verwaltung Bosniens schon 
zur Genüge erfahren. Die Hebung der Produktion 
wird nach diesem Kriege aber das dringende Bedürf- 
nis wohl aller Staaten sein, die an ihm beteiligt waren, 
und nicht zuletzt Österreich-Ungarns. — Die andere 
mögliche Lösung, eines der beiden oder beide König- 
reichein verkleinertem Zustande nach dem Krieg wieder- 
herzustellen, begegnet dem nicht unberechtigten Ein- 
wande, daß ein solches Serbien oder Montenegro zwar 
dieersten Jahre nach dem Kriege soerschöpft sein werde, 
daß es nur daran denken könne, die schweren Schäden 
des Krieges zu heilen, schließlich aber doch der Zeit- 
punkt eintreten werde, wo der politische Ehrgeiz wieder 
auflebt, um so mehr, wenn Rußland wieder ein Inter- 
esse daran gewinnt, Serbien als Sturmbock gegen 
Österreich zu verwenden, wie es dies in der Vergangen- 
heit getan hat. Es fragt sich eben, inwieweit es durch 
vertraglich festgelegte Rechte gelingen kann, ein wieder- 
bergestelltes Serbien oder Montenegro in seiner Po- 
litik zu beschränken und unschädlich zu erhalten; frei- 
lich wird kein geschriebener Buchstabe von den Men- 
I. Politik und Geschichte 
schen unabhängig machen, die ihn zu handhaben be- 
rufen sind. Ist der Weg, auf dem dies geschehen soll, 
zur eert auch noch nichtsichergestell. so kann doch als 
iegsziel bezeichnet werden, daß das ganze Gebiet 
der ehemaligen Königreiche Serbien und Montenegro, 
soweit es nicht an Bulgarien kommt, der Interessen- 
sphäre Osterreich-Ungarns anheimfällt, das hier die 
Verfügungen zu treffen haben wird, die es zu seiner 
dauernden Sicherung für nötig hält. 
Albanien. Mit dem serbischen Problem steht das 
albanische zunächst in territorialem Zusammenhang. 
Albanien, die ephemere und nur allzu problematsche 
Schöpfung des Balkankrieges und hier vor allem der 
Bemühungen Österreichs, ist durch den Weltkrieg # nie- 
mandes Sache« geworden. Der Staat, mit dem die 
Donaumonarchie bei der Errichtung des albanischen 
Staates als eifers üchtigen Mitbewerber rechnen mußte: 
Italien, steht in der gne unserer Feinde und kann 
um Aufgeben seiner Ansprüche gezwungen werden. 
en größeren Teil Albaniens haben die Mittelmächte 
als Faustpfand in Besitz, das strategisch wichtige Valona 
beherrscht allerdings Italien. Daß selbst unter den 
sehr viel günstigeren Verhältnissen nach Ausschaltung 
der italienischen Mit-Patenschaft die Errichtung eines 
albanischen Staates auf erhebliche Schwierigkeiten 
stoßen würde, hat das kurze Leidensjahr dieses diplo- 
matischen Retortenerzeugnisses wohl gezeigt. Was 
aber damals aus der Notwendigkeit geboren wurde, 
im Verlaufe des Balkankrieges übrigens auch die wich- 
tige Aufgabe erfüllte, durch die Abdrängung Serbiens 
von der Adria den Zwiespalt in die Reihe der verbün- 
deten Balkanmächte zu tragen, hat heute kaum mehr 
Daseinsberechtigung. Den nationalen Anspruch der 
Albanier auf einen eigenen Staat wird man um so 
weniger ernst zu nehmen brauchen, als die Wünsche 
der Bevölkerung wohl mehr auf Beibehaltung der alt- 
gewohnten Gesetzlosigkeit als auf die Errichtung eines 
nationalen Staates abzielen. Die österreichische Herr- 
schaft könnte übrigens auch ihre nationalen Bedürf- 
nisse befriedigen, da Osterreich ein Interesse daran hätte, 
ein albanisches Nationalgefühl als Gegenwirkung 
gegen das umwohnende Serbentum zu schaffen, bzw. 
den heute schon vorhandenen Haß der Albanier gegen 
die Serben in ein Bett zu leiten, das der Erhaltung eines 
nationalen Gleichgewichts und damit der österreichi- 
schen Herrschaft dienlich wäre. Nach Jahren fürsorg- 
licher Erziehung mögen hier dann auch die Voraus- 
setzungen für eine Autonomie gegeben sein, die der 
schltzenden Hand einer Großmacht aber keineswegs 
wird entbehren können. Osterreichs Interesse an Al- 
banien ist natürlich in erster Linie militärischer Natur 
und knüpft sich an dessen Küste. Rücksichten auf Italien 
können es nach einem siegreichen Kriege nicht mehr 
hindern, die adriatische Oftüste bis zur Straße von 
Otranto unter seine Herrschaft zu bringen und sich dort 
maritime Stützpunkte zu schaffen, die ihm den freien 
Ausgang aus der Adria sichern. Hierfür kommtaller 
dings in erster Linie nach der geographischen Lage 
und Küstengestaltung das jetzt von den Italienern 
besetzte Valona in Betracht. 
riechenland. Hängt in der im vorigen Abschnitt 
behandelten Frage noch vielerlei im ungewissen, so 
kann man über die künftige Stellung Griechenlands 
zu den Mächtegruppen wohl schon einigernmaßen be- 
ründete Voraussagen wagen. Die phantastischen 
Pläne eines Venizelos von einem Großgriechen- 
land, das eine Erneuerung des byzantinischen Rei- 
ches darstellen soll, werden dann wohl endgültig
        <pb n="73" />
        Samassa: Die Probleme des Balkans 
ausgeträumt sein. Angesichts der wirklichen Macht- 
verhältnisse konnten sie auch nie etwas anderes als eine 
Utopie sein. Daß sich die Ententemächte in Griechen- 
land durch ihr brutales Vorgehen die Sympathien, 
die sie dort besaßen, auf die Dauer verscherzt haben, 
kann man wohl annehmen. Trotdem wird sich die 
griechische Politik doch nur nach den eigenen Inter- 
essen und den realen Machtverhältnissen bestimmen. 
Griechenland ist ein Küsten- und Inselstaat, und seine 
einträglichste nationale Industrie, die sich in den letzten 
Jahren vor dem Kriege ganzaußerordentlich entwickelt 
hat, ist die Schiffahrt. Die Mächtegruppe, die die 
See beherrscht, wird daher auf seine Ensschliegungen 
immer großen Einfluß besitzen. Die Anlehnung an 
die kontinentalen Nachbarn kann ihm indes eine ge- 
wisse Widerstandsfähigkeit gegenüber ungebührlichen 
Zumutungen der seebeherrschenden Mächte bieten, 
weil sie eine Aushungerung, wie sie während des 
Weltkrieges Griechenland zur Unterwerfung unter den 
Ententewillen zwang, unmöglich macht. Die wirt- 
schaftlichen Interessen Griechenlands sind zwischen den 
beiden Mächtegruppen geteilt, weisen aber doch Über- 
wiegend auf die Mittelmächte und ihre Verbündeten. 
In der Volkswirtschaft Griechenlands spielt das Aus- 
landsgriechentum eine bedeutende Rolle. Bei dem 
roßen Patriotismus der Griechen kommen die im 
Mzlande erworbenen Vermögen griechischer Staats- 
angehöriger dem Vaterlande vielfach zugute, wovon 
in Athen öffentliche Stiftungen, aber auch viele pri- 
vate Luxusbauten auf Schritt und Tritt Kunde geben. 
Diese Auslandgriechen sind aber auf eine wohlwol- 
lende Haltung der Bevölkerung der Länder, in denen 
sie ihr Geld verdienen, angewiesen. Hier kommt in 
erster Linie die Türkei in Betracht, daneben aber auch 
in sehr erheblichem Maße das zur Zeit unter englischer 
Herrschaft stehende Agypten. Je stärker sich also die 
Gruppe der Mittelmächte im Kriege erwiesen hat, desto 
wahrscheinlicher ist der Ans cbluß Griechenland an sie; 
vollständig kann er freilich nur werden, wenn sie sich 
auch zur See im Mittelmeer ein übergewicht zu ver- 
schaffen versteht und Griechenland in dieser Beziehung 
einen vollwertigen Schutz gegen die Übergriffe der 
Entente gewähren kann. 
Der Balkan und die Großmächte nach dem 
Kriege. Eine für die Mittelmächte siegreiche Beendi- 
gung des Kieges wird zwischen den Balkanstaaten 
voraussichtlich Grenzen schaffen, die als endgültig be- 
trachtet werden können. Diese Neuordnung wird den 
Balkan aber auch der Beeinflussung durch die Groß- 
mächte in starkem Maße entziehen. Znöchst wird eine 
Wirkung des Sieges der Mittelmächte und ihrer Ver- 
bündeten die Ausschaltung des russischen Einflusses 
sein. Von den beiden Soldaten, die es am Balkan 
hatte, hat sich der eine, Bulgarien, endgültig der russi- 
schen Bevormundung entzogen und gedenkt in Zu- 
kunft ausschließlich bulgarische Politik zu machen, wo- 
bei seine eigenen Interessen es auf die #tege guter Be- 
ziehungen zu seinen jetzigen Verbündeten hinweisen; 
der andere Soldat aber, Serbien, bleibt jedenfalls in 
österreichischer Verwahrungshaft und wird auf die 
eine oder andere Art unschädlich gemacht werden. Aber 
auch im Verhältnisse Osterreich s zum Balkan beginnt 
eine neue Epoche durch eine schärfere Abgrenzung 
seiner politischen Interessensphäre. Graf Andrässy, der 
kühnste Staatsmann, der die auswärtige Politik der 
Donaumonarchie etwa seit der Feu des Fürsten 
Schwarzenberg geleitet hat, dachte sich Osterreich als 
die Schutzmacht des gesamten Balkans; ein Groß- 
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bulgarien hat ebensowenig in seine Pläne gepaßt 
wie ein Großserbien. Heute ist Bulgarien die Vor- 
macht des Balkans, Mazedonien wird ihm fest ange- 
liedert, und an irgendeine bevorzugte Stellung in 
alonili kann Österreich nicht mehr denken. Dafür 
hat es aber seine Herrschaft im nordwestlichen Ballan 
erweitert und befestigt und vor allem der serbischen 
Bedrohung ein für allemal ein Ende bereitet. Es 
hat einen gewissen Reiz, daß Joseph II. im Jahre 1782 
in einem Briefe an Katharina von Rußland, in dem 
ein Bündnis gegen die Türkei vorbereitet wird, seine 
Ansprüche an das damals türkische Gebiet geographisch 
etwa in den Grenzen geltend macht, wie sie voraus- 
sichtlich im Frieden als österreichisches Einflußgebiet 
festgelegt werden dürften. Jenseits dieses Gediets 
wird Osterreich aber weder politisch noch wirtschaftlich 
irgendeine Art von Sonderstellung als -Balkan- 
macht= einnehmen können und wird hier durchaus auf 
engstes Zusammengehen mit seinem deutschen Bun- 
desgenossen angewiesen sein. 
Die Stellung des Deutschen Reiches zum Balkan 
hat sich durch den Krieg natürlich ganz wesentlich ver- 
ändert. Die Zurückhaltung des Fürsten Bismarck ge- 
genüber allen orientalischen Fragen ist in bezug auf 
die Türkei schon bald nach seinem Rücktritt aufgege- 
ben worden; bezüglich des Balkans suchte die deutsche 
Politik aber immer noch die Hinterhand zu wahren. 
Das ist heute, nachdem deutsche Feldherren Serbien 
und Rumänien niedergeworfen haben und mit Bul- 
garien ein Bündnis geschlossen worden ist, das wohl 
ebenso wie das mit der Türkei den Krieg überdauern 
wird, nicht mehr möglich. Das Verhältnis des Deut- 
schen Reiches zu den Balkanstaaten wird ebensowenig 
wie das zur Türkei den Charakter eines Protektorats 
haben können, wie dies im Verhältnis mancher Groß- 
mächte zu diesen Staaten vor dem Kriege der Fall 
war. Deutschland kann nur wünschen, daß sich die 
ihm verbündeten und befreundeten Staaten gut ent- 
wickeln und aus eigener Kraft möglichst stark sind. 
Aber da es selbst als der Stärkste im Bunde anerkannt 
sein wird, so dürfte ihm doch bei Reibungen, die zwi- 
schen Nachbarn kaum zu vermeiden sind, besonders 
wenn sich neue Verhältnisse erst einleben müssen, die 
Rolle als Vermittler und Schiedsrichter naturgemäß 
sufellen- Die in diesem Kriege bewährte Gemeinsam- 
eit der politischen Interessen wird Bulgarien auf 
der Seite der Mittelmächte und der Türkei erhalten 
und die hier geschlossenen Bande werden sich nach dem 
Kriege zweifellos durch solche wirtschaftlicher Natur 
verstärken. 
Verkehrsfragen. Zu den Balkanproblemen wird 
man auch jene Verkehrsfragen rechnen dürfen. die 
mit Politik und Volkswirtschaft in engster Beziehung 
stehen, fast alle Gegenstand internationaler Ab- 
machungen gewesen sind und durch den Weltkrieg 
wohl eine Neuregelung erfahren dürften. Die wich- 
tigste dieser Fragen ist die der Meerengen. 
Bosporus und Dardanellen. Je weiter der 
Krieg fortschritt, desto mehr schob Rußland die Erobe- 
rung Konstantinopels und damit die Gewinnung des 
freien Ausganges nach dem Mittelmeer in den Vorder- 
grund. Der militärische und volkswirtschaftliche Scha- 
en, der ihm durch die Schließung der Meerengen er- 
wuchs, war für jedermann überaus anschaulich. Dieses 
Ziel wird Rußland bestimmt nicht erreichen. Es ist auch 
noch von einer weiteren Veränderung bedroht, und 
das ist die Entstehung einer wirklich brauchbaren tür- 
kischen Flotte, die der Alleinherrschaft Rußlands im
        <pb n="74" />
        62 
Schwarzen Meere ein Ende macht. Gelingt es der 
Türkei, mit deutscher Hilfe eine Flotte zu schoffen, so 
ändert dies allerdings auch den Charakter des Meer- 
engenproblems. Die Bestimmungen des Pariser Frie- 
dens, die durch die Londoner Konferenz (1871) zwar 
eine Milderung zugunsten Rußlands erfuhren, wäh- 
rend es im übrigen bei dem Verbot der Durchfahrt 
von russischen Kriegsschiffen durch die Meerengen ver- 
blieb, gingen von der Befürchtung aus, daß ein Kriegs- 
schiff, das einmal im Bosporus sei, sich auch der Haupt- 
stadt der Türkei bemächtigen könne, die ja dann wehr- 
los unter seinen Kanonen läge. Besitzt die Türkei 
aber eine, wenn auch kleine moderne Flotte, die wirk- 
lich verwendungsfähig ist, so haben einzelne russische 
Krigsschiffe ihre Gefährlichkeit verloren. Es ist wohl 
möglich, daß eine Neuregelung der Meerengenfrage 
als Kompensationsobjekt bei den Friedenslerhand= 
lungen verwertet werden wird. 
Die Donau. Eine zweite internationale Verkehrs- 
straße, deren Rechtsverhältnisse seit dem Pariser Frie- 
den internationaler Regelung unterliegen, ist die Do- 
nau von Orsova abwärts. Auch hier dürfte sich eine 
Neuregelung in dem Sinne vollziehen, daß die Ab- 
machungen, die der Erhaltung des Schiffahrtsweges 
dienen, wirksamer gestaltet werden. Zweifellos wird 
die Donau als großer europäischer Verkehrsweg nach 
dem Kriege sehr gewinnen, besonders wenn die Kanal- 
projekte, die eine Verbindung der Donau mit Rhein, 
Elbe und Oder ins Auge fassen, verwirklicht werden. 
Dann werden natürlich auch die Meerengen für die 
deutschen Wirtschaftsinteressen eine gesteigerte Be- 
deutung erhalten, die Umschlagplätze an der unteren 
Donau einen Teil des Warenverkehrs aus dem nähe- 
ren und ferneren Osten in den binnenländischen Ver- 
kehr der Mittelmächte überleiten. 
Piräus. Sucht der Warenverkehr lange Seefahrt 
und kurze Eisenbahnfahrt, so ist es mit dem Personen- 
und Postverkehr umgekehrt. Die Vollendung der 
Bahn von Larissa nach Saloniki dürfte im Zusammen- 
hang mit einem eventuellen politischen Anschluß Grie- 
chenlands an den mitteleuropäischen Mächtebund nach 
I. Politik und Geschichte 
Friedensschluß dem Piräus zu ungeahnten Entwick- 
lungsmöglichkeiten verhelfen. Er könnte in Zukunft 
für die deutschen Dampferlinien, die den Sueskanal 
durchfahren, dieselbe Rolle spielen wie heute Genua 
oder Neapel. Zu der bestehenden Bahnverbindung 
würde sich dann wohl als kürzeste Verbindung mit 
den mitteleuropäischen Zentren eine Verlängerung der 
im Bau befindlichen Bahn, die Dalmatien an das 
österreichische Bahnnetz anschließt, über Albanien und 
Epirus gesellen. Voraussichtlich wird der Bahnbau 
auf dem Balkan gegenüber der Zeit vor dem Kriege 
insofern eine gründliche Unggestaltung erfahren, als 
er ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten 
erfolgen wird, während früher jeder Bahnbau mehr 
oder weniger eine politische Frage war. Militärisch- 
politische Gesichtspunkte werden freilich auch in Zukunft 
ihre Geltung behalten. Während das wirtschaftliche 
Moment auf die möglichst kurze Verbindung mit dem 
Meere oder der schiffbaren Wasserstraße drängt, sor- 
dert das militärische die Sicherheit der Bahnlinie und 
die kürzeste Verbindung zwischen den Werkstätten des 
Hinterlandes und der Front. Faßt man die heute ver- 
bündeten Staaten als eine Verteidigungseinheit auf, 
so wird natürlich die Verbindung Berlin-Wien-Kon- 
stantinopel stets eine außerordentliche militärisch-poli- 
tische Bedeutung haben, und man wird sich wohl kaum 
auf die einzige Linie, die jetzt für diesen Zweck zur 
Verfügung steht, beschränken. 
Literatur. Kl. Nikolaides, Mazedonien (Berlin 
1903); G. L. Jaray, L'Albanie inconnue (Par. 1913.; 
Rich. v. Mach, Briese aus dem Balkankriege 1912— 13 
(Berl. 1913); Otto v. Gerstner, Albanien (Wien 1913); 
H. Uebersberger, Die Orientkrise (im »Handbuch der Poli- 
tike, 2. Aufl. 1917); Derselbe, Rußland und der Panflawis- 
mus sowie Die Rolle Serbiens und Rußland (in = Deutschland 
und der Weltkrieg«, 2. Aufl., Leipz. 1917); O. Frhr. v. Dun- 
gern, Rumänien (Gotha 1916); A. Ischirkoff, Bulga- 
rien, Land und Leute (Leipz. 1916); S. Goriainow, Le 
Bosphore et les Dardanelles (Par. 1910); W. Weiß- 
Bartenstein, Bulgarien, Land, Leute und Wirtschaft zur 
Zeit des Balkankrieges (Leipz. 1913); P. Dehn, Die Völker 
Südosteuropas und ihre politischen Probleme (Frankf. 1900 
Die Türkei im Weltkriege 
von Professor Dr. Eugen Oberhummer in Wien 
Weltstellung des türkischen Reiches. Die Bedeu- 
tung der Türkei im Weltkriege beruht in erster Linie 
auf der Weltlage ihrer Länder. Man kann diese kurz 
bezeichnen als den Schwerpunkt der Beziehungen 
zwischen den drei Erdteilen der östlichen Halbkugel in 
der Gegend ihrer größten Annäherung, historisch als 
den Ausgangspunkt der herkömmlich so genannten 
Weltgeschichte. Seit Jahrtausenden durchkreuzen sich 
Rulturbeziehungen und politische Machtfragen längs 
einer Achse, die von Südosteuropa über die schmale 
Verbindung Afrikas mit Asien hinweg aus der Welt 
des Atlantischen Ozeans zum Indischen und Stillen 
Ozean weist. Der Zusammenschluß der Länder beider- 
seits jener Achse zu einem Herrschaftsgebiet ist den 
Machthabern alter und neuer Zeit als ein erstrebens- 
wertes Ziel erschienen. über die Landenge von Sucz 
hinweg haben die Herrscher Agyptens nach Asien, das 
assyrische und persische Neich nach Afrika gegriffen. 
Anderseits haben die schmalen Meeresteile, welche die 
Balkanhalbinsel und Kleinasien nur oberflächlich tren. 
nen, nie ein wirkliches Hindernis des Völkerverkehrs 
und politischer Machtansprüche von der einen zur an- 
deren Seite gebildet. Die indogermanischen Völker 
des alten Kleinasiens, die Phryger und später die 
Galater, sind über die Meerengen eingedrungen; nur 
die seefahrenden Griechen haben vom Meere aus in 
breiter Ausdehnung die Westküste und Teile der Nord- 
und Südküste besetzt, ohne tiefer in das Innere vor- 
zudringen, und dieses Verhältnis ist im wesentlichen 
bis heute maßgebend geblieben. Die homerische Dich- 
tung spiegelt uns den ältesten Kampf zweier Mächte- 
gruppen um die entscheidende Stellung an der süd- 
lichen der beiden Meeresstraßen. Darius und Xerxes 
haben von Asien, Alexander der Große und die Kreuz- 
fahrer (Friedrich Barbarossa) von Europa aus ihre 
Heereszüge über die Meerengen hinweggeführt, die 
Türken wieder in umgekehrter Richtung ihren Sieges- 
zug nach Europa angetreten. 
Den gesamten Länderkreis beiderseits der Meer- 
engen und der Landenge von Suez in einer Hand 
zu vereinigen, ist zuerst und nur für kurze Zeit der
        <pb n="75" />
        Türkische Staatsmänner und Heerführer. 
Enver Pascha. Sald Hallm Pascha. 
(Hofphot. Mic. Perscheld, Berlin.) eue Phot. Oes., Beriln-Stegiltz. nach C. Fletzner, Wien.) 
Dschemal pascha. 
Talaat Pascha. Colmar Freln. v. d. Goltz. (Hotphot. E. Bieber, Berllu.) 
Hihliographisches Inbtitm in l.Cipzig.
        <pb n="76" />
        Bulgarische Staatsmänner und Heerführer. 
Nikolaus Schekols. Wassil Radoslawokf. (liofpnot. H. Kosel, Wien.), 
4 F 
Bojadschijelt. 
Kallin- Neidenoll. *3 Todoroft.
        <pb n="77" />
        Oberhummer: Die Türkei im Weltkriege 
sieghaften Tatkraft Alexanders gelungen. Dauernder 
war ihre Berbindung mit dem römischen Reich, das 
erst durch den Anschluß der östlichen Mittelmeerlän= 
der die Weltherrschaft im Sinne seiner Zeit erhalten 
hat. Auch nach dem Zerfall der westlichen Reichshälfte 
hat das oströmische Reich die politische Verbindung 
über drei Erdteile hinweg noch aufrechterhalten, bis 
der Ansturm des Islams im 7. Jahrhundert den süd- 
lichen Teil davon abschnitt und diesem dauernd den 
Stempel arabischer Kultur ausprägte. 
Das politische Erbe des oströmischen Reiches hat 
das osmanische Übernommen, damit zugleich auch 
viele byzantinische Überlieferungen, die in türkischen 
Einrichtungen und Gewohnheiten bis zur Neuzeit zu 
verfolgen sind. Auf der Höhe seiner Macht umfaßt 
das osmanische Reich den ganzen Länderkreis um 
das östliche Mittelmeer von der Donau bis zum At- 
las, wie das byzantinische zur Zeit Justinians. Die 
letzten Jahrhunderte haben seinen Besitzstand stark 
eingeschränkt. Aber der Kern seiner Machtstellung, 
und zwar in weit größerer Ausdehnung als das grie- 
chische Kaiserreich zur Zeit der Kreuzzüge, ist ihm doch 
geblieben. Auf dessen Eroberung zielte das Streben 
der beiden ländersüchtigsten und machtgierigsten Welt- 
reiche, welche die Geschichte kennt, Englands und des 
zarischen Rußlands. 
Rußland hat seit seiner Entwicklung zur Groß- 
macht (vgl. Uebersberger, Grundzüge der russischen Er- 
oberungspolitik, S. 55 ff.) unter Peter dem Großen, 
in unverhüllter Weise hauptsächlich seit Katharina II., 
die Schlüsselstellung an den Meerengen, die Aus- 
gestaltung des Schwarzen Meeres zu einem russischen 
Binnensee und die Verbindung seiner Dynastie mit 
dem Glanz der einstigen Faupchtadt des oströmischen 
Reiches unablässig vor Augen gehabt und mit allen 
Mitteln verfolgt. Zweimal, 1854 und 1877, glaubte 
es, diesem Zelschon nahe zu sein, und hielt im jetzigen 
Krieg die Beute für sicher. Nie ist das Verlangen 
nach dem Besitz von Konstantinopel mit so schamloser 
Offenheit ausgesprochen worden wie von den Ver- 
tretern der eben gestürzten Zarenregierung und der 
mit künstlichen Gewaltmitteln gebildeten Dumamehr- 
heit. Daß Rußland den Zeitpunkt für gekommen er- 
achtete, um mit Niederwerfung Österreich-Ungarns 
sein heißerhofftes Ziel zu erreichen, war der unmittel- 
bare Anlaß zum Weltkrieg. Die auffallende Tatsache, 
daß seine Verbündeten, in schroffem Gegensatz zu der 
im Krimkrieg verfolgten Politik, ihm dieses Ziel, wohl 
nicht ohne inneres Widerstreben, nunmehr zugestehen 
wollten, erklärt sich aus dem Bedürfnis, sich Ruß- 
lands Hilfe für ihre eigenen Pläne, Niederwerfung 
Deutschlands durch England und Frankreich, Ver- 
größerung Italiens auf Kosten Osterreichs und Ent- 
schädigung aller im Orient, zu sichern. 
England, einst der stärkste Rückhalt der Türkei 
gegen russische Ansprüche, hat dabei, wie sich erst wäh- 
rend des Krieges herausstellte, den Löwenanteil im 
Auge gehabt. Sein Plan ist nichts weniger als die 
Schaffung einer breiten englischen Herrschaftszone 
vom Mittelmeer bis Indien. Die reichsten und frucht- 
barsten Kulturländer des Altertums und die Herr- 
schaft über die wichtigste Welthandelsstraße sollten ihm 
dadurch ohne weiteres in den Schoß fallen. Schon seit 
Jahrzehnten hat England von zwei Seiten, von Agyp- 
ten und vom Indischen Ozean aus, auf diesen Plan hin- 
gearbeitet und die Machtstellung der Türkeivon, hier aus 
untergraben. Die Besetzung Agyptens 1882 war lange 
Zeit, besonders dem eifersüchtigen Frankreich gegen- 
63 
über, als eine vorübergehende Maßregel bezeichnet 
und die spätere Räumung in Aussicht Fet worden. 
Tatsächlich war wohl von Anfang an der Gedanke an 
eine dauernde Besitzergreifung vorhanden und hat 
mit der zunehmenden Stärke des englischen Einflusses 
in der Verwaltung immer festere Wurzeln geschlagen. 
Die Hoheitsrechte des Sultans wurden schon bei der 
Neuordnung der Verhältnisse im Sudan 1899 völlig 
beiseite gesetzt. Das Marokko-Abkommen 1904 schal- 
tete die Ansprüche Frankreichs aus und benahm jeden 
Zweifel an der Absicht Englands, dauernd in Agyp- 
ten zu bleiben. Die schon 1875 erfolgte übernahme 
eines großen Teiles der Sueskanalaktien sicherte Eng- 
land neben der politischen auch die finanzielle Kon- 
trolle des Weges nach Indien. Nach Eintritt der 
Türkei in den Krieg hat England die Maske völlig 
abgeworfen und Agypten ebenso wie Cypern, dessen 
Verwaltung es 1878 übernommen hatte, um der 
Türkei ihren asiatischen Besitzstand gegen Rußland zu 
garantieren (1), zu Bestandteilen des britischen Reiches 
erklärt (Dezember 1914). 
Die Bedrohung der Türkei durch England vom 
Indischen Ozean aus hat sich aus unscheinbaren An- 
fängen zu einer breiten und gesährlichen Operations- 
basis entwickelt. Die Besetzung von Aden 1839, dann 
von Perim und anderen Inseln an den südlichen 
Küsten Arabiens war zunächst nur zur Sicherung des 
Weges nach Indien und ohne feindliche Absicht gegen 
die Türkei gedacht; sie wurde aber zum Ausgangs- 
punkt für das englische Einflußgebiet in Südarabien 
und im Persischen Golf. Dieser mit demt ganzen, als 
»Arabisches Meer« bezeichneten Teil des Indischen 
Ozeans entwickelte sich mehr und mehr zu einem Vor- 
hof des britisch-indischen Reiches; die englischen Be- 
sitzungen in Arabien wurden der indischen Krone unter- 
stellt. Der uralte Kulturboden am Euphrat und Tigris 
galt als ein Vorland von Indien, das erst wirtschaft- 
lich, durch die englische Flußschiffahrt nach Baghdad 
und Mosul, dann im jetzigen Krieg auch militärisch 
und politisch erobert werden sollte. Das Vordringen 
indischer Truppen den Tigris aufwärts war eine der 
ersten Kampfhandlungen seit Eintritt des Kriegszu- 
standes zwischen England und der Türkei und hat 
vorläufig zur Besetzung von Baghdad geführt. Vor- 
bereitet war die Irwoßoon Mesopotamiens durch die 
von England seit 1900 gewaltsam durchgeführte= Un- 
abhängigkeilserklärung des Scheichs von Koweit an 
der Spitze des Persischen Golfes, wodurch das Ende 
der deussches Baghdadbahn in englische Hände über- 
gehen sollte. Die englischen Umtriebe gegen den Aus- 
bau dieser Bahn hatten insofern Erfolg, als sich die 
Verzögerung desselben in der Tat für die Verteidi- 
gungsstellung der Türkei in Mesopotamien als äußerst 
verhängnisvoll erwiesen hat. Außerdem war durch 
das englische Protektorat über Koweit die türkische 
Provinz el Hasa am Persischen Golf vollständig ab- 
geschnitten und der türkischen Herrschaftentzogen wor- 
den (s. unten, S. 65). 
Auch im Innern von Arabien und an der zum 
türkischen Reich gehörigen Westküste waren englischer 
Einfluß und englisches Gold erfolgreich. Hier galt 
es vor allem, im religiösen Mittelpunkt des Islams, 
den heiligen Städten Mekka und Medina, deren Be- 
sitz für den Vorrang der Türkei unter den mohamme- 
danischen Ländern und die Stellung des Sultans als 
Kalifen von wesentlicher Bedeutung ist, die türkische 
Herrschaft zu verdrängen, und das scheint England 
für den Augenblick gelungen zu sein. Sein Streben
        <pb n="78" />
        64 
geht auf die Errichtung eines arabischen Kalifats und 
wird durch die bei den Arabern von jeher bestehende 
Abneigung gegen die Türken unterstützt. Ob freilich 
ein von England eingesetzter Kalif die Anerkennung 
und das Vertrauen der mohammedanischen Gelt fin- 
den würde, ist eine andere Frage. Die Tatsache, daß 
das indische Kaiserreich allein mehr mohammedanische 
Untertanen (70 Millionen) zählt als irgendein anderer 
Staat, fällt allerdings dabei schwer ins Gewicht. 
Kann England seine Herrschaft über Arabien aufrecht- 
erhalten, so ist in Verbindung mit der britischen Ein- 
flußsphäre im südlichen Persien, der Machtstellung in 
Afghanistan und der Herrschaft Über Belutschistan, 
der Gürtel von Agypten bis Indien geschlossen. 
Um auch den anderen Verbündeten ihren Anteil 
bei der Aufteilung der Türkei zu sichern, sollte Frank- 
reich das seit Napoleons III. syrischem Feldzug 1861 
und der Gründung französischer Missionen, Schulen 
und Erwerbsgesellschaften als Zukunftsbeute betrach- 
tete Syrien erhalten, Italien im südlichen, Ruß- 
land im nördlichen Kleinasien entschädigt werden. 
Das westliche Kleinasien wollte man Griechenland als 
Preis für seinen mit allen Mitteln erstrebten und 
schließlich erzwungenen Anschluß an die Verbündeten 
überlassen. Diese von allen Seiten dem Bestand des 
türkischen Reiches drohenden Gefahren waren der tür- 
kischen Regierung vollständig klar, als siesich entschloß, 
dem Gebot der Selbsterhaltung folgend, im Anschluß 
an die Mittelmächte in den Weltkrieg einzutreten. 
Grenzen und Größe des Reiches. Die Türkei 
als Staat ist zu keiner Zeit ein einheitliches geogra- 
phisches Gebiet von natürlicher Abgrenzung gewesen; 
die politischen Grenzen sind daher fast nach jedem 
Kriege irgendwie verschoben worden und waren ge- 
wissermaßen in beständigem Fluß. Außerdem waren 
sie nach der Seite des arabisch-afrikanischen Wüsten- 
gürtels der Natur der Sache nach immer unbestimmt. 
Alle Flächenangaben haben daher nur einen schwan- 
kenden und roh annähernden Wert. Im gegenwär- 
tigen Weltkrieg sind Üüberdies erhebliche Teile türki- 
schen Gebietes von Rußland und England in Asien, 
dann ganz Agypten, endlich ein Teil der Inseln durch 
Italien besetzt. Wie sich dort die Verhältnisse gestalten 
werden, kann erst der Friedensschluß zeigen. Wir 
halten uns hier nur an die bei Kriegsbeginn zu Recht 
bestehenden bzw. seither vertragsmäßig festgelegten 
Verhältnisse. 
Die Europäische Türkei ist durch den Balkan- 
krieg auf einen kleinen Rest ihres ehemaligen Bestan- 
des beschränkt, und auch dieser hat bis in die jüngste 
Zeit mehrfach geschwankt. Nach dem siegreichen Vor- 
dringen der Bulgaren im Winter 1912/13 und dem 
Fall von Adrianopel am 26. März 1913 schien der 
Türkei nur ein kleines Stück Vorland von Konstanti- 
nopel zu verbleiben; selbst Teile der Marmaraküste 
(Rodosto) wurden zeitweise von den Bulgaren bean- 
sprucht. Der Londoner Präliminarfriede vom Mai 
1913 setzte die Linie Enos-Midia als Grenze fest, die 
jedoch durch diese beiden Städte, Enos an der Mün- 
dung der Maritza in das Agäische Meer und Midia 
am Echwarzen Meer, nur ungefähr bezeichnet wurde 
und tatsächlich weiter östlich verlief. Diese Grenzlinie 
ist jedoch nie praktisch wirksam geworden, da inzwischen 
der Verlauf des zweiten Balkankrieges es der Türkei 
ermöglichte, einen großen Teil des von Bulgarien be- 
setzten Gebietes, besonders das Maritzatal mit der 
großen und durch nationale Überlieferungen geheilig- 
ten Stadt Adrianopel, wiederzugewinnen. Der Friede 
I. Politik und Geschichte 
von Bukarest vom 10. August 1913 ließ die türkisch- 
bulgarische Grenze noch offen. Sie wurde erst in 
einem besonderen Frieden beider Staaten zu Konstan- 
tinopel im September 1913 festgelegt und gab der 
Türkei mit einem beträchtlichen Grlände westlich von 
Adrianopel die Herrschaft über einen Teil der zum 
Agäischen Meere führenden Eisenbahn. Dieser für Lul- 
garien kaum erträgliche Zustand wurde durch ein neues 
renzabkommen vom 25. September 1915 beseitigt; es 
war eine Vorbedingung für den Eintritt Bulgariens 
in den Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte. Die 
Grenze folgt nun von Adrianopel aus in geringem 
Abstand der Marigza, so daß die Bahnlinie bis Dede 
Agatsch, aber auch der Bahnhof von Adrianopel auf 
bulgarischem Boden liegen. Aus der ehemaligen 
Die bulgarisch-türkische Grenzänderung bet Abria- 
nopel 25. September 1915. 
Bahnhofvorstadt entwickelt sich nunmehr ein neues 
bulgarisches Adrianopel, das den alten bulgarischen 
Namen Odrin führt, während die alte türkische Stadt 
amtlich Edirneh genannt, wird. 
Die Fläche des nach der letzten Grenzänderung 
der Türkei in Europa verbliebenen Gebietes beträgt 
rund 22000 aqkmi, kommt also der Fläche von Mäh- 
ren oder Steiermark etwa gleich. Ganz unklar ist noch 
der Anspruch der Türkei auf Inseln des Agäischen 
Meeres. Tatsächlich ist keine derselben derzeit in ihrem 
Besitz. Im Frieden von Bukarest 1913 wurden ihr 
nur die unmittelbar vor der Einfahrt in die Darda- 
nellen gelegenen Inseln Imbros und Tenedos zu- 
estanden, die aber augenblicklich ebenso wie die In- 
1 an der Westküste Kleinasiens in der Macht der 
Feinde sind. Lesbos und Chios sollten an Griechen- 
land fallen, das damit eine bedrohliche Stellung 
1 Nach einer vom Bersasser durchgeführten Berechnung.
        <pb n="79" />
        Oberhummer: Die Türkei im Weltkriege 
unmittelbar vor der Küste Kleinasiens erhalten hätte. 
Die Türkei hatte in die Abtretung noch nicht gewil- 
ligt, als der Weltkrieg ausbrach. Im Süden hielt 
Italien auch nach dem Frieden von Lausanne 1912 
unter nichtigen Vorwänden den sogenannten Dode- 
kannes (Lordachos usw.; Rhodos) besetzt, ohne jedoch 
das Besitzrecht der Türkei zu bestreiten. Diese Inseln 
blieben daher im Balkankrieg außer Spiel, sind aber 
nach wie vor von Italien bcheor. das hier festen Fuß 
#fassen hofft. Die Insel Cypern endlich, 1878 von 
gland in ähnlicher Form, d. h. unter Wahrung der 
oheitsrechte des Sultans, besetzt wie Bosnien von 
sterreich -- Ungarn, ist, wie oben erwähnt, im De- 
ber 1914 ebenso wie Agypten zur englischen Ko- 
ie erklärt worden. 
Die Grenze der Asiatischen Türkei ist in ihrem 
anzen Zuge vom Schwarzen Meer bis zum Persi- 
* Golf festgelegt. Die türkisch-russische Grenze ist 
ein Ergebnis des Krieges von 1877 und auf dem 
Berliner Kongreß 1878 vereinbart. Gegen Persien 
ist die Grenze mehrfach unter Mitwirkung Englands 
festgestellt worden. Ganz unsicher war dagegen von 
jeher die Grenze gegen die Syrisch -Arabische Wüste 
sowie der am t· und Ostrand Arabiens besetzten 
Gebiete gegen das Innere der Halbinsel. Der Macht- 
bereich der Pforte reicht hier jeweils nur so weit, als 
türkische Militärposten vorgeschoben waren. Die 
unter Abdul Hamid II. erbaute Hedschasbahn, die 
bedeutendste Leistung dieses bei aller Einseitigkeit 
weitblickenden Herrschers, sollte hauptsächlich dazu 
dienen, die für das Ansehen des Kalifates so wichti- 
gen Städte Mekka und Medina fester mit dem Reiche 
zu verbinden; doch hatte die Bahn vor dem Kriege 
nur das nördlicher gelegene Medina erreicht. Selbst 
auf das innere Hochland von Arabien (Nedschd), wo 
die Emire von Hail und er Riad eine selbständige 
Macht ausüben, erstreckte sich der Einfluß der Pforte, 
dem jedoch vom Persischen Golf her der englische ent- 
gegenuarbeitete. Durch die Unabhängigkeitserklärung 
des Scheichs von Koweit (Kueit) unter englischem Pro- 
tektorat war ein Keil in das türkische Gebiet am Per- 
sischen Golf getrieben und die erst 187 1 besetzte Küsten- 
provinz el Hasa vom Reiche abgeschnitten. Von Aden 
aus gelang es England in diesem Kriege, die immer 
unzuverlässigen Stämme in Jemen und besonders 
den einflußreichen Scherif von Mekka gegen die Türkei 
aufzuhetzen, so daß deren Herrschaft aus dem eigent- 
lichen Arabien derzeit ganz verdrängt ist. 
Geographisch muß auch die Sinaihalbinsel als 
ein Teil Arabiens betrachtet werden; politisch hat sie 
in alter wie in neuer Zeit ein Anhängsel Agyptens 
ebildet. Schon die Herrscher des Alten Reiches von 
O#p#ten haben die durch ihre Steinbrüche und Edel- 
steimminen wertvolle, später durch die biblische Legende 
und das christliche Mönchswesen berühmt gewordene 
Oalbinsel unter ihre Herrschaft zu bringen gesucht. 
Mit der Begründung der neuen staatlichen Sonder- 
stellung Agyptens durch Mohammed Ali und Is- 
mail Pascha wurde die Frage der Zugehörigkeit neuer- 
dings aufgerollt und zugunsten Agyptens entschieden. 
Als Grenze gilt eine von el Arisch am Mittelmeer 
nach der Spitze des Golfes von Akaba togene ge- 
rade Linie. Als England durch das Marokko-Ab- 
kommen 1904 in Agypten freie Hand erhielt, suchte 
es die Spitze des Golfes und damit den Zugang nach 
Palästina in seine Hand zu bekommen; doch blieb 
dann Alaba in türkischem Besie (1906). 
Der einst so ausgedehnte afrikanische Besitz der 
Der Krieg 1914/17. U. 
65 
Pforte muß in seiner ganzen Ausdehnung als ver- 
loren bezeichnet werden. Auf die letzte unmittelbare 
Provinz Tripolis mußte die Türkei infolge des un- 
lücklichen Krieges mit Italien im Frieden von Lau- 
anne 1912 verzichten. Die Annexion Agyptens durch 
England im Dezember 1914 ist zwar eine einseitige 
Kriegshandlung und vor Friedensschluß nicht rechts- 
verbindlich. Die derzeitige militärische Lage und das 
ungeheure Interesse Englands am Besitz Agptens 
läßt jedoch wenig Hoffnung, daß es der Türkeigelingen 
werde, ihre Hoheitsrechte Über Agypten a wahren. 
Wir mülsssen daher dieses Land bei der Gesamtüber- 
sicht des Reiches jetzt außer Betracht lassen, so daß nur 
der asiatische Festgand mit dem kleinen, aber wichtigen 
Rest der europäischen Türkei in Betracht kommt. 
Umfang des Gebietes kann aus den früher (S. 64) an- 
geführten Gründen nur annähernd mit 1780 O0OOqkmt 
ziffert werden, wovon 440000 aqkm auf den sehr 
unsicheren Besitz in Arabien entfallen. 
Das Land und die Bolkswirtschaft. Wie schon 
hervorgehoben, ist das Staatsgebiet im geographischen 
Sinne kein einheitliches. Der nördliche und mäch- 
tigere Teil gehört der großen Faltengebirgszone an, 
die von Südeuropa durch West- und zircchafien hin- 
durchgieht. Das eigentliche Kernland ist Kleinasien 
mit Armenien, ein von vorwiegend westöstlich 
streichenden Gebirgszügen umrahmtes Hochland von 
etwa 1000 m mittlerer Meereshöhe, nach Westen sich 
allmählich senkend und in breiten, fruchtbaren Tälern 
zum Agäischen Meere geöffnet, während sich nach Osten 
die Gebirge enger aneinander scharen und, zu bedeu- 
tender Höhe ansteigend, hochgelegene und schwer zu- 
ängliche Täler (Erzerum 1900 m) einschließen. Der 
leine europäische Anteil ist ein niedriges Tafel- 
land von geringem wirtschaftlichen Wert, aber als 
Vorland der Hauststadt Konstantinopel von großer 
Bedeutung. An dieses Faltenland stößt im Goli von 
Alexandrette (Iskenderun) rechtwinklig ein Schollen- 
land von nordafrikanischem Typus, die syrisch= ara- 
bische Tafel. Auch hier finden wir neben der tiefsten 
Einsenkung des festen Erdbodens in der Jordanspalte 
Totes Meer: —394 m)ein Hochland von bedeutender 
rhebung (Jerusalem fast 800 m, Damaskus 700 m), 
aber von wesentlich einförmigerer Gestaltung. Auch 
Mesopotamien gehört in seiner nördlichen Hälfte noch 
dieser Tafel an; der untere Teil des Euphrat- und 
Tigrislandes ist die Ausfüllung eines Einbruches, der 
sich weiter im Persischen Golf fortsetzt. Jenseits der 
mesopotamischen Niederung hat die Türkei noch An- 
teil an dem gefalteten Randgebirge des iranischen Hoch- 
landes. In Arabien gehört ihr ein etwa 200 km breiter 
und über 2000 km langer Streifen an der Westküste 
mit demhoch gehobenen Rand der inneren Wüstentafel. 
Klima. Mit Ausnahme dieses bis in die Tropen 
hineinragenden Streifens liegt das ganze Staats- 
gebiet in der gemäßigten Zone, weist aber sehr große 
klimatische Unterschiede auf. Kleinasien ist den drei 
südeuropälschen Halbinseln zu vergleichen und gehört 
dem Mittelmeerklima an; doch find im Innern die 
Unterschiede der Jahreszeiten scharf ausgeprägt, und 
besonders das armenische Hochland hat sehr kalte und 
schneereiche Winter. Syrien und noch mehr Arabien 
liegen bereits im trockenen Wüstengürtel. Mesopota- 
mien ist eins der heißesten Länder der Erde. 
Bau und Klima des Landes bedingen die wirt- 
schaftlichen Möglichkeiten, über die hier nur einiges 
1 Das Deulsche Reich 3. B. hat elnen Umfang von 540 000 dkm. 
5
        <pb n="80" />
        66 
angedeutet werden kann. An Mineralschätzen ist wenig- 
stens das Faltengebirgsland keineswegs arm; ihre Ge- 
winnung wird aber nur an wenigen Stellen mit mo- 
dernen Mitteln betrieben. Leider ist das wichtigste 
Mineral, die Kohle, nur in geringem Maße vertreten. 
Die Türkei ist ein wesentlich agrarisches Land, Ackerbau 
und Viehzucht sind die Grundlage ihres Wirtschafts- 
lebens. Da eine zuverkäisige Statistik fehlt, sind Über 
deren zweifellos mögliche Steigerung nur Schöhnne 
gen und Vermutungen zulässig. Vielfach herrschen 
arüber übertriebene Vorstellungen. Gewiß ist bis 
jetzt nur der kleinere Teil des anbaufähigen Landes 
wirklich bebaut. Aber die Ausdehnung des unpro- 
duktiven Bodens ist, wie in den Mittelmeerländern 
überhaupt, ungleich größer als z. B. im mitteleuro- 
päischen Klima mit Regen zu allen Jahreszeiten. Der 
Kulturboden bildet nicht wie dort eine zusammenhän- 
ende Fläche mit geschlossener Pflanzendecke, sondern 
inselartige Flecke, zwischen denen sich weite Gebiete 
der Steppe oder unfruchtbaren Felsbodens ausdeh- 
nen. In den eigentlichen Trockengebieten (Syrien 
und Mesopotamien) ist der Anbau meist nur mit 
künstlicher Bewässerung möguch, Eine solche hat für 
das untere Euphrat- und Tigrisgebiet der englische 
Wasserbautechniker Willcocks in großem Stile geplant. 
Doch ist auch hier die Größe der zu gewinnenden Kul- 
turfläche früher weit Üüberschätzt worden. Immerhin 
beruht auf der Fortentwicklung der Landwirtschaft 
in Verbindung mit besserer Ausnutzung der Boden- 
schätze und der Gebirgswälder Kleinasiens, an denen 
bisher nur Raubbau betrieben wurde, die wirtschaft- 
liche Zukunft der Türkei. Sie ist und bleibt noch auf 
lange hinaus ein agrarisches, auf Naturalwirtschaft 
angewiesenes Land. Die Industrie ist noch sehr wenig 
entwickelt; der Außenhandel besteht daher hauptsäch- 
lich aus der Ausfuhr von Rohstofsen (Getreide, Roh- 
seide, Früchte, bergmännische Erzeugnisse) und der 
Einfuhr von Fabrikaten, Kolonialwaren und anderen 
Nahrungsmitteln. Durch die in den letzten Jahr- 
bnnten entstandenen Eisenbahnen — die Anatolische 
n und die noch unvollendete Baghdadbahn, dann 
die Bahnlinien des westlichen Kleinasiens und Syriens 
— ist die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich geför- 
dert worden; doch reichen die vorhandenen Strecken 
noch lange nicht aus, um alle Teile des weiten Ge- 
bietes dem Welthandel zu erschließen. 
Die Bevölkerung. Mie den wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen steht in enger Wechselbeziehung die Zahl 
und Dichte der Bevölkerung. Als ein agrarisches 
Land mit geringer Industrie hat die Türkei nur eine 
wenig dichte Bevölkerung. Weite Strecken sind über- 
dies fast menschenleer oder ernähren als Weideland 
nur eine spärliche, nomadisierende Bewohnerschaft. 
Am dichtesten besiedelt sind, abgeseheen von den Städ- 
ten, einige Bezirke von gartenähnlichem Anbau, so 
in einzelnen Randgebieten Kleinasiens und besonders 
im Libanon, wo schon im Altertum (Phönizien!) die 
Dichte der Bevölkerung zu sorgfältiger Ausnutzung 
des Bodens (Terrassenanlagen) nötigte. 
Ist schon die Ermittlung des Umfanges der Bo- 
denfläche der Türkei bei dem Mangel guter topogra- 
phischer Karten und der Unbestimmtheit der Grenze 
gegen das Wllstengebiet eine unsichere, so ruht die 
erechnung der Bevölkerung und ihrer Dichte, letztere 
unsicher nach den beiden Faktoren der Bodenfläche 
und der Volkszahl, auf einer durchaus schwankenden 
Grundlage. Volkszählungen in unserem Sinne hat 
es in der Türkei niemals gegeben. Die Rückständig- 
I. Politik und Geschichte 
keit der Verwaltung und die Vorurteile der moham- 
medanischen Bevölkerung gegen ein Eindringen in 
die für jeden Außenstehenden unantastbaren Pomi- 
lienverhältnisse, dazu die Furcht vor Besteuerung und 
Rekrutierung standen einem solchen Unternehmen 
früher hindernd im Weg. Daß Voltszählungen aber 
auch im Gebiet des Islams mit leidlicher Genauig- 
keit auszuführen sind, zeigt das Beispiel von Indien, 
Agypten, Algerien, Bosnien und Nußland. In der 
Türkei ist man jedoch vorläufig auf die meist nur die 
erwachsene männliche Bevölkerung berücksichtigenden 
amtlichen Angaben und im übrigen auf Schätungen 
angewiesen, die für einzelne Städte und Provinzen 
höchstens die Abrundung auf Tausende gestatten. 
Selbst für die Bevölkerung von Konstantinopel schwan- 
ken die Angaben ganz außerordentlich. Nach heute 
ültiger Schätzung kann man, in stark abgerundeten 
88 annehmen: 
Europäische Türkei, einschließlich der asiatischen 
Teile von Konstantinopel (Skutari usw.), 2 Millionen, 
Kleinasien 10, Armenien und Kurdistan 21/, Syrien 
8 ½, Mesopotamien 2 Millionen, Arabien 1 Million; 
für das ganze türkische Reich (ohne Agypten) 21 Mil- 
lionen. Die hieraus und aus der Bodenfläche (s. oben, 
S. 65) sich ergebende mittlere Dichte von 12 auf 1 qkmi 
wird hauptsächlich durch die weiten Trockengebiete in 
Syrien und Arabien herabgedrilkt. Sie schwankt zwi- 
schen 2.3 in Arabien und 161 im Libanon"! 
Neben der Zahl der Bewohner ist für jeden Staat 
die Art ihrer völkischen Zusammensetzung von 
roßer Bedeutung. In dieser Beziehung leidet die 
Ürkei vor allem an dem Mangel einer einheitlichen, 
das ganze Reich beherrschenden Nationalität, wozu 
noch die im Orient viel stärker als bei uns wiegenden 
religlösen Gegensätze kommen. Das herrschende Volk, 
die Türken oder Osmanen (Osmanly), wie sie im 
Lande selbst nach dem Gründer des Staates mit Vor- 
liebe genannt werden, macht noch nicht die Hälfte der 
Gesamtbevölkerung aus, etwa 9—10 Millionen, und 
steht zu dieser in einem ähnlichen zahlenmäßigen Ver- 
hältnis wie die Magyaren zur Gesamtheit der Be- 
wohner Ungarns mit Kroatien. Zum richtigen Ver- 
ständnis ihrer Stellung im Reich ist ein kurzer Rück- 
blick auf die Entstehung dieses Volkstums unerläßlich. 
Die Osmanen gehören sprachlich der unter sich 
eng verwandten Familie der Turkvölker, eines Zwei- 
ges des großen uralaltaischen Sprachstammes, an, 
der durch ganz Innerasien bis Sibirien (Jakuten) 
und China verbreitet ist. Insbesondere ganz Turke- 
stan und Ostturkestan (Tarimbecken) sowie große 
Teile des russischen Reiches sind vorwiegend von Tür- 
lisch pprechenden VBölkern bewohnt. Ihre Gesamtzahl 
beträgt mindestens 30 Millionen, davon etwa 15 
Millionen im russischen Reich, wo sie meist als = Ta- 
tarene bezeichnet werden. Die Urheimat der Turk. 
völker ist in der Gegend des Altaigebirges zu suchen. 
Im Urzustande und zum Teil noch heute (Kirgisen, 
Turkmenen usw.) nomadisierende Hirten und Reiter, 
haben die Turkvölker frühzeitig in Mittelasien die 
herrschende Stellung errungen und von dort aus ihre 
Züge nach Westen angetreten. Der ältere Wanderzug 
geht aus Turkestan durch das jetzt russische Steppen- 
ebiet nördlich vom Kaspischen und Schwarzen Meere. 
Verr setzt die Völkerwanderung ein, eingeleitet durch 
1 Die Dichte im Deutschen Reich beträgt 120 auf 1 akm. 
2 Nach Philippson. 
s Nach einer Berechnung des Versfassers.
        <pb n="81" />
        Oberhummer: Die Türkei im Weltkriege 
das türkische Volk der Hunnen, denen in den nächsten 
Jahrhunderten bald andere Völker gleichen Stammes 
nachfolgen, so die Avaren, Petschenegen, Chazaren, 
Kumanen und die Urbulgaren. Seit der um etwa 
1000 n. Chr. vollzogenen Annahme des Islams durch 
die asiatischen Turkvölker eröffnet sich für diese ein 
neuer Weg nach Westen durch Persien und damit 
die für das spätere Türkentum bezeichnende Verbin- 
dung mit persischer und arabischer Sprache und Kul- 
tur. Schon seit dem 9. Jahrhundert drang aus Tur- 
kestan immer mehr türkisches Blut in das Kalifenreich 
und selbst nach Agypten, wo wiederholt türkische 
Dynastien zur Herrschaft kamen. Mit dem Auftreten 
Seldschuks, eines Reiterführers aus Turkestan, gegen 
1000 n. Chr. und seiner Nachfolger wurden die Türken 
zu einem politischen Machtfaktor im Iran und im Kali- 
fenreich, seit 1071 auch in Kleinasien, wo auf dem Bo- 
den des oströmischen Reiches der Seldschukenstaat von 
Rum (d. h. »Rom«) oder Ikonion (Konia) entstand. 
Die hier eingewanderten Türken bildeten nur eine 
Minderheit gegenüber der ansässigen, im byzantini- 
schen Griechentum aufgegangenen Bevölkerung. Aber 
diese, und zwar hauptsächlich die Landbewohner, tra- 
ten infolge des byzantinischen Steuerdruckes, der 
Mißstände der Verwaltung und des Großgrund- 
besitzes niassenweise zu den neuen Herren über, nahmen 
deren Religion, den Islam. und allmählich auch die 
türkische Sprache an. So ist auf dem Boden Klein- 
asiens ein neues türkisches Volkstum entstanden, das 
dem Blute nach nur wenig Beziehungen zu den tür- 
kischen Völkern Innerasiens hat und auf der Grund- 
lage der alten Bevölkerung des Landes ruht. Die 
Rasse ist seit Jahrtausenden trotz vieler Beimischun- 
gen im wesentlichen die gleiche geblieben und zeigt in 
der äußeren Erscheinung der osmanischen Sultane 
wie der führenden Personlichkeiten des heutigen tür- 
kischen Reiches den bekannten orientalischen Typus 
des länglichen, von schwarzem Haar und Vollbart 
umrahmten Gesichtes mit stark ausgeprägter Nase, 
der den denkbar schärfsten Gegensatz zur sogenannten 
mongolischen Rasse bildet. Es ist daher ebenso falsch 
und irreführend, die osmanischen Türken wegen ihrer 
sprachlichen Verwandtschaft mit mongolischen Völkern 
auch deren Rasse zuzurechnen, wie die Magyaren oder 
Finnen, die diesen Rassentypus, wenn sie ihn über- 
gupt je besessen, durch Vermischung mit europäischen 
ölkern längst abgestreift haben. Allerdings findet 
man in Kleinasien, jedoch kaum diesseits des Bospo- 
rus, bei der Landbevölkerung auch mongoloide Typen 
als Nachkommen eingewanderter türkischer und mon- 
golischer Stämme, aber stets in der Minderzahl. Die 
asse der Bevölkerung jedoch hat nur Religion und 
Sprache gewechselt wie ein Kleid, dagegen die Rassen- 
merkmale ihrer Vorfahren im Lande beibehalten. 
Die Türkisierung Kleinasiens im 13. und 14. Jahr- 
hundert hatte sich unter seldschukischen, turkmenischen 
und mongolischen Herrschern längst vollzogen, ehe 
die Osmanen gegen Ende des 15. Jahrhunderts die 
Gewalt über die ganze Halbinsel errangen. Ihre 
Herrschaft konnte sich hier auf eine Bevölkerung von 
überwiegend gleicher Sprache und Religion stützen; so 
ist Kleinasien das eigentliche Kernland des türkischen 
Reiches, seine Bauernbevölkerung die Quelle der 
türkischen Volkskraft geworden. 
Der von Osman 1299 gegründete, damals noch 
sehr kleine Staat, ursprünglich ein seldschukisches 
Lehen an der Grenzmark gegen das byzantinische 
Reich, hat seine Stoßkraft zunächst mehr nach der 
67 
europäischen Seite gerichtet und zum Schaden seiner 
späteren Entwicklung seinen Schwerpunkt auf der 
Balkanhalbinsel gesucht. Von Anfang an war die 
Herrschaft über die Meerengen als das beide Flügel 
des Reiches in Europa und Asien verbindende Glied 
mit Konstantinopel als Mittelpunkt ein Hauptziel 
osmanischer Politik. Es hat damit wie in vielen an- 
deren Einrichtungen der Staatsverwaltung und des 
öffentlichen Lebens nur das Erbe des oströmischen 
Reiches angetreten. Aber wie dieses sein Griechentum 
den undringenden slawischen Völkern wie auch den 
illyrischen Albanern und den romanisierten Walachen 
egenüber nicht zur Geltung zu bringen vermochte, 
60 hat die osmanische Herlschafe nicht einmal den 
Versuch gemacht, sich die Völker der Balkanhalb-= 
insel zu assimilieren. Soweit diese den Islam an- 
genommen haben, wie in Bosnien, Albanien, Bul- 
arien (Pomaken), auf Kreta, behielten sie doch ihre 
lawische, albanische, griechische Sprache bei und wur- 
den von den Andersgläubigen nur ihrer Religion 
halber als „Türken bezeichnet. Wirkliche Türken 
haben sich nur in einzelnen Teilen der Halbinsel, so 
in Rumelien (dem alten Thrazien), im östlichen Bul- 
garien, in Mazedonien und Thessalien, zum Teil schon 
in vorosmanischer Zeit, angesiedelt. Ihre Zahl war, 
mit Einschluß von Konstantinopel, kaum jemals 
höher als 2 Millionen, gegenüber einer Gesamtbevöl- 
kerung von 15 —.16 Millionen. Hierin liegt der Haupt- 
grund für den Rückgang der türkischen Herrschaft in 
Europa seit etwa 100 Jahren. Sobald die einzelnen 
Völker zu nationalem Bewußtsein erwachten und das 
Reich nicht mehr die Kraft hatte, ihren von außen her 
unterstützten Widerstand mit starker Hand niederzu- 
halten, mußte sich das Schicksal der Europäischen 
Türkei schrittweise vollziehen. 
Auch in Asien und Afrika hat die osmanische 
Herrschaft über das türkische Volkstum weit hinaus- 
egriffen auf Länder arabischer Zunge. Trotz der 
Frccbheuign Durchsetzung des Kalifenreiches mit tür- 
kischen Elementen (s. oben) sind diese in der arabischen 
Umgebung stets etwas Fremdartiges geblieben. Tür- 
kisches Volkstum ist dort nie bodenständig geworden 
und hat sich im wesentlichen auf Beamte und Militär 
beschränkt. Die seit dem 7. Jahrhundert durch den 
Islam arabisierte Bevölkerung dieser Länder und 
vollends die eigentlichen Araber selbst haben sich als 
Träger einer alten Kultur und erste Vorkämpfer 
der Religion Mohammeds den Türken wie auch an- 
deren mohammedanischen Völkern gegenüber immer 
als vornehmer gefühlt und sich nur ungern der os- 
manischen Herrschaft gefügt, der gleichwohl durch die 
emeinsame Religion der Weg geebnet wurde. So 
ildet die ungefähr mit der Grenze des Falten- und 
Tafellandes zusammenfallende Sprachgrenze von 
Türkisch und Arabisch einen Riß in der Einheit des 
Reiches und sondert im Süden ein eigenartiges Volks- 
tum ab, daß zwar kaum, wie die Völker der Balkan- 
halbinsel, zu selbständiger Staatenbildung befähigt, 
aber fremden Einflüssen leichter zugänglich und poli- 
tisch un zuverlässig ist, wie die von England in Ara- 
bien betriebene Agitation gezeigt hat. Die Zahl von 
etwa 6 Millionen Arabisch sprechender Bewohner des 
Reiches fällt daher gegen die nur um die Hälfte zahl- 
reichere türkische Bevölkerung stark ins Gewicht. So- 
lange Agypten mit jetzt 12 Millionen Bewohnern als 
Teil des Reiches gelten konnte, war das übergewicht 
natlirlich ganz au der arabischen Seite. Immerhin 
zeigen die Vorgänge in Tripolitanien, daß die ara- 
5*
        <pb n="82" />
        68 
bische Bevölkerung dieser bis 1912 unmittelbaren 
türlischen Provinz für die moslemische Regierung 
gegen die fremden Eindringlinge eintritt. Selbst in 
gypten wäre das, trotz der Abneigung gegen das 
Tüurkentum, der Fall, wenn der militärische Druck 
Englands eine freie Bewegung zuließe. 
Auch in der nördlichen Falle#sgebitgs one sind die 
Türken zwar das vorherrschende, keineswegs aber 
das alleinherrschende Volk. Hier stehen besonders 
zwei Völker nach Sprache, Religion und überlieferun- 
gen zu ihnen in einem scharfen Ge ensatz, die Griechen 
und die Armenier, jedes in der Pohr von etwa 1½ 
Million. — Die Griechen haben seit dem Alter- 
tum die Westküste Kleinasiens, allerdings nicht lücken- 
los, vollständig aber die vorgelagerten Fnieln, stellen- 
weise auch den Nord- und Südrand der Halbinsel 
inne; in den großen Städten sind sie relativ am stärk- 
sen in Smyrna (etwa die Hälfte), absolut in Kon- 
tantinopel (etwa 200000) vertreten. In neuerer 
Zeit macht sich ein Vordringen des Griechentums 
nach dem Innern zu bemerkbar. Dort gibt es (im 
Osten) auch Nachkommen der byzantinisch- riechischen 
Bevölkerung, die nur ihre Religion und Schrift bei- 
behalten, ihre Sprache aber verlernt haben und die 
Bibel in türkischer Sprache mit griechischer Schrift 
lesen. Im ganzen boben sich die Griechen, von den 
Inseln abgesehen, mit der türkischen Herrschaft ziem- 
lich gut abgefunden. — Ein viel weniger zuverlässiges 
Element sind dagegen die Armenier. Aus ihrer 
geographisch als Armenien bezeichneten Heimat, die 
im östlichen Hochland auf russisches und persisches 
Gebiet hinübergreift, haben sie sich durch Auswan- 
derung schon seit dem Mittelalter nach Westen bis weit 
nach Curopa hinein verbreitet und sind heute in fast 
allen größeren Städten der Türkei (in Konstantinopel 
allein etwa 180 000) in erheblicher Zahl zu finden. 
Dagegen ist ihr Heimatland jetzt so von kurdischen, 
türkischen und anderen Volkselementen durchsetzt, daß 
sie dort kaum noch irgendwo eine geschlossene Mehr- 
heit bilden. Ein Teil der nach Westen gewanderten 
Armenier ist jetzt türkisiert und spricht ein eigentüm. 
lich modifiziertes Türkisch mit armenischer Schrift. 
Viele davon haben es zu hervorragender Stellung 
im Staatsleben, besondens in der Finanzwerwaltung. 
gebracht. Im übrigen hat der dem Volke eigene Ge- 
schäftsgeist. gegen den selbst der griechische und jüdische 
nicht aufkommt, es bei der übrigen Bevölkerung 
ebenso unbeliebt gemacht wie die Juden in Osteuropa 
und gab in Verbindung mit der Aufhetzung der Ar- 
menier durch russische und englische Agenten der Re- 
ierung eine Handhabe, um gegen ihr staatsgefähr- 
iches Treiben mit grausamen Mitteln einzuschreiten. 
Das blieb natürlich wieder nicht ohne Rückwirkung 
auf die Haltung des Volkes und macht dieses zum frag- 
würdigsten Element in der Bevölkerung des Reiches. 
Die mit den Armeniern in bitterer Feindschaft leben- 
den Kurden in den Gebirgen zwischen Armenien, 
Mesopotamien und Persien stehen zwar nach ihrer 
Abstammung und ihrer indo ermanischen (iranischen) 
Sprache den Türken fern, S#rd aber als eifrige Mo- 
hammedaner der türkischen Herrschaft ergeben, soweit 
das ihr stark ausgeprägtes Selbstgefühl zuläßt. Andere 
zersplitterte Volkselemente, wie die als Muhadschir be- 
geichmeten mohammedanischen Auswanderer aus der 
alkanhalbin sel und Kaukasien (Bosniaken, Albaner, 
Tscherkessen), die Lazen im äußersten Nordosten, Zigeu- 
ner usw., kommen politisch kaum in Betracht. 
Die Türkei als Bormacht des Islams. Stärker 
I. Politik und Geschichte 
als durch den nationalen Charakter wird die eigen- 
artige Stellung des türkischen Staates durch die herr- 
schende Religion bezeichnet. Von den 21 Millionen 
Bewohnern des Reiches bekennen sich etwa 16 Millio- 
nen zum Islam. Der Rest entfällt auf Christen ver- 
schiedenster Konfession und Juden (etwa 800000), 
welch letztere vor der religiösen Intoleranz Europas 
in der Türkei eine Zuftuch fanden (Spaniolen) und 
in neuester Zeit mit besonderem Nachdruck ihrem 
Stammland Palästina zustreben (Zionisten). Der 
Prozentsatz der christlichen Bevölkerung, auf deren 
bunte Gliederung hier nicht näher eingegangen werden 
kann, ist durch die Loslösung der Balkanvölker wesent- 
lich herabgedrickt worden. 
Der Islam ist von den Völkern türkischen Stam- 
mes schon vor dem Jahre 1000 in Turkestan über- 
nommen, dann durch die Seldschuken und Osmanen 
nach Westen getragen worden. Auch im russischen 
Reich sind die dort meist als -Tataren= bezeichneten 
Turkvölker die Hauptträger des Islams, dem sich 
weder die Mongolen noch die finnisch-ugrischen 
Völker an sschloffen haben. Der osmanische Staat 
war von Anfang an auf muslimischer Grundlage 
aufgebaut. Nur dadurch war es ihm möglich, auch 
die ersten und älteren Träger der Religion Moham-= 
meds, die Länder arabischer Zunge, sh untertan zu 
machen. Das geschah durch die Eroberung von Sy- 
rien 1516 und Agypten 1517, womit zugleich die 
Herrschaft über die heiligen Stätten des Islams, 
Mekka und Medina, gewonnen wurde. Später folgte 
die Besetzung Mesopotamiens mit der alten Kalifen- 
residenz Baghdad 1534 und des Nordrandes von 
Afrika (Algier 1519, Tunis 1533, Tripolis 1551). 
Schon mit der Eroberung von Konstantinopel 1453 
war der türkische Sultan der mächtigste muslimische 
Herrscher geworden. Mit Agypten und Arabien fielen 
ihm der unbestrittene Vorrang und der Anspruch auf 
die höchste weltliche Würde unter den Gläubigen zu. 
Noch 1517 wurde von dem in Kaitro neben dem ägyp- 
tischen Sultan residierenden Nachkommen der abbas- 
sidischen Kalifen diese Würde förmlich auf den Sul- 
tan zu Konstantinopel übertragen. 
Kalif bedeutet Stellvertreter des Propheten in der 
weltlichen Leitung der Gemeinschaft der Gläubigen. 
Eine Entscheidung in Glaubenssachen kommt ihm 
nicht zu; aber er führt das Schwert des Islams und 
hat allein das Recht, den heiligen Krieg (vgl. S. 71ff.) 
zu verkünden. Seine Stellung ist daher in keiner 
Weise mit dem Papsttum, eher mit dem des römischen 
Kaisers im Sinne des christlichen Miltelalters zu ver- 
gleichen. Das Kalifat ist für die Türkei auch heute 
von um so größerer Bedeutung, als sie gegenwärtig 
der einzige mohammedanische Staat ist, der seine 
volle Unabhängigkeit bewahrt hat. Ihre Vormacht- 
stellung ist in neuerer Zeit von zwei Seiten gefährdet 
worden, zuerst von Rußland, dessen Streben nach Kon- 
stantinopel den Staat an seiner Wurzel bedrohte, 
neuestens durch England. Dieses hat durch den Raub 
Agyptens und im jetzigen Krieg durch sein Vordrin- 
en in Arabien und Mesopotamien den Plan ent- 
hung, nicht nur die mächtigsten arabischen Länder 
unter seine Herrschaft zu bringen, sondern auch durch 
Wiedererrichtung eines arabischen Kalifates einen 
entscheidenden Ensuß auf die ganze mohammeda- 
nische Welt zu gewinnen. Ob jedoch ein von England 
eingesetzter Vasallenfürst wie der jetzige Sultane von 
Agypten je das entsprechende Ansehen finden wird, 
ist mehr als zweifelhaft, um so mehr als die hierzu
        <pb n="83" />
        Oberhummer: Die Türkei im Weltkriege 
erforderliche Übertragung der Würde durch den letzten 
rechtmäßigen Inhaber sicher nicht zu erreichen ist. 
Neueste politische Entwicklung. Bis zu Anfang 
des 19. Jahrhunderts stand die Türkei europäischen 
Einrichtungen und Anschauungen fremdartig und 
schroff gegenüber. Mit den Reformen Sultan Mah- 
muds II. (1808—39; Abschaffung der Janitscharen 
1826, Neorganisation der Armee und der Beamten, 
Annahme europäischer Kleidung usw.) beginnt die 
Annäherung an europäische Verhältnisse und macht 
unter dem Sultan Abdul Medschid (1839—61) durch 
die Anerkennung der Gleichberechtigung aller Unter- 
tanen (Hattihumajun 1856) weitere Fortschritte. Un- 
ter der schwachen Regierung des Sultans Abdul Asis 
(1861—76) suchte der gebildete Teil des Volkes selbst 
den Anschluß an westeuropäische Jdeen. Die jung- 
türkische Bewegung betätigte sich zunächst auf litera- 
rischem Gebiet, lenkte aber bald in das politische Fahr- 
wasser ein. Es war das erste Erwachen des Nationalis-= 
mus, der an die Stelle des religiösen Fanatismus des 
Alttürkentums eine der nationalen Entwicklung an- 
derer Völker entsprechende Richtung setzte. Zugleich 
wurden aber von den Jungtürken die Freiheitsgedan- 
ken der französischen Revolution begierig aufgenom- 
men und gegen das absolutistische Regierungssystem 
verwertet. Die von Abdul Hamid II. 1876 nach seiner 
Thronbesteigung erlassene Verfassung war die erste 
kurzlebige Frucht der neuen Ideen. Sie wurde außer 
Kraft gesetzt, noch ehe sie ins Leben getreten war. Die 
streng persönliche, auf einem ausgebildeten Polizei- 
system aufgebaute Regierung Abdul Hamids zwang 
die = Vereinigung für Freihes und Fortschritt, ihre 
offene Tätigkeit in das Ausland, hauptsächlich nach 
Genf und Paris, zu verlegen, während sie im Lande 
selbst nur im geheimen fortwirkte, aber große Teile 
der Armee ergriff. Den vielfachen Demütigungen, 
denen die Türkei seit dem russisch-türkischen Krieg 
1877/78 von seiten der jetzigen Ententemächte aus- 
gesetzt war, steigerten die Erbitterung der Bevölke- 
rung und führten endlich 1908 zu der von Saloniki 
aus, hauptsächlich durch den jetzigen Großwesir Talaat 
und den jetzigen Kriegsminister Enver, ins Werk ge- 
setzten Revolution, die mit der Wiederherstellung der 
Verfassung und der Absetzung des Sultans 1909 
endete. Die Umwälzung im Innern machte noch 
1908 die Annexion Bosniens und der Herzegowina 
durch Osterreich--Ungarn und die Unabhängigkeits- 
erklärung Bulgariens notwendig, da ein Übergreifen 
der nationalen Bewegung auf diese formell immer 
noch zum Reich gehörigen, aber tatsächlich längst da- 
von getrennten und selbständig entwickelten Länder 
von den gefährlichsten Folgen begleitet sein konnte. 
Die in nationaltürkischen Kreisen deshalb entstandene, 
von außen (England) geschürte Erregung wurde nach 
wenigen Monaten in freundschaftlichem Einverneh- 
men beigelegt. 
Noch ehe das auf neue Grundlagen gestellte Staats- 
wesen Zeit hatte, sich innerlich zu festigen, drohten 
ihm schwere Gefahren von außen. Italien hatte 
seit der Besetzung von Tunis (1881) durch die Fran- 
zosen sein Auge auf Tripolis geworfen, das nicht wie 
jenes ein lose verbundener Vasallenstaat, sondern eine 
unmittelbare Provinz des Reiches war. Die seit 1904 
stets deutlicher hervortretende Machtstellung Frank- 
reichs in Marokko und Englands in Agypten ließ in 
Italien den Wunsch immer brennender erscheinen, 
sich in Tripolis schadlos zu halten. Unter nichtigen 
Vorwänden wurde im September 1911 ein brutales 
69 
Ultimatum gestellt und nach dessen Ablehnung sofort 
der Krieg eröffnet. Trotz harter Kämpfe gegen die 
türkischen Truppen in Tripolitanien und die zur Pforte 
haltenden Araberstämme konnte der Ausgang nicht 
weifelhaft sein, da England den Durchzug türkischer 
ruppen durch Agypten verhinderte, das als Vasallen- 
staat selbst zur Heeresfolge verpflichtet gewesen wäre, 
und die Türkei lber keine der italienischen ebenbürtige 
Flotte verfügte. Die Lahmlegung der Marine unter 
Abdul Hamid II. rächte sich nunmehr schwer und ver- 
schaffte Italien auch freie Hand im Archipel, wo es die 
jetzt als Dodekannes zusammengefaßten Inseln vor der 
Südwestküste Kleinosiend mit Rhodos als Hauptstütz- 
punkt besetzte und noch jetzt besetzt hält, obwohl im 
Frieden von Lausanne 18. Oktober 1912 ihre Rück- 
gabe an die Türkei ausdrücklich in Aussicht gestellt 
wurde. Der Friede war hastig zustande gekommen 
unter dem Eindruck des die Türkei noch unmittelbarer 
bedrohenden Balkankrieges. 
Anfang Oktober 1912 wurde die Welt durch den 
egen die Türkei gerichteten Bund der Balkanstaaten 
ulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland 
überrascht. Wir wissen jetzt, daß der Bund Serbiens, 
Bulgariens und Montenegros schon seit März 1912 
bestand, aber sorgfältig geheimgehalten wurde, be- 
sonders gegen die Türkei und die mitteleuropäischen 
Mächte. Dagegen ist zweifellos, daß Rußland im 
Einvernehmen mit England und Frankreich dabei die 
Hand im Spiele hatte und den Bund als Sturmbock 
gegen die Türkei und Osterreich- Ungarn benutzen 
wollte. Der Angriff war diplomatisch wie militärisch 
gut vorbereitet und hatte den völligen Zusammen- 
ruch der Europäischen Türkei zur Folge. Er traf die 
türkische Regierung völlig unerwartet und geschwächt 
durch den Krieg mit Italien, während sie soch nicht 
Zeit gehabt hatte, die Neuorganisierung der unter 
Abdul Hamid in ihrer Entwicklung zurückgehaltenen 
Armee durchzuführen. Die jungtürkischen Ideen hat- 
ten auf den Geist des Heeres vielfach zersetzend ein- 
gewirkt, wie auch sonst die neue Regierung nicht überall 
eine glückliche Hand hatte und durch Überspannung 
des osmanischen Staatsgedankens — alle Völker und 
Bekenntnisse des Reiches sollten im OSsmanismus 
aufgehen — auch ihr sonst ergebene Elemente zum 
Widerstand reizte (Aufstand in Albanien 1911). Nach 
dem Fall von Adrianopel März 1913 blieb ihr als 
letzte Zuflucht die zähe verteidigte Tschataldschalinie 
zum Schutze der Hauptstadt. Der Ausbruch des zwei- 
ten Balkankrieges zwischen den Verbündeten eelost 
verbesserte die Stellung der Türkei in Europa wie- 
der durch die Rückeroberung von Adrianopel (Juli 
1913) und des unteren Maritzatales (s. oben, S. 61). 
Für die russische Politik war der zweite Balkankrieg 
ein Strich durch die Rechnung. Ihr unmittelbares 
Angriffsziel wurde nun Osterreich= Ungarn, wofür 
Serbien den Helfershelfer abgeben mußte. Die Zer- 
stückelung der Monarchie sollte den Weg nach Kon- 
stantinopel bahnen, das von den Westmächten längst 
preisgegeben war. Auch Rußlands Absichten auf das 
nördliche Kleinasien, wo es die Weiterführung der 
Anatolischen Bahn über Angora hinaus verhindert 
hate um den türkischen Musmarsch gegen die Kau- 
asusfront zu erschweren, waren kein Geheimnis, 
ebensowenig jene Frankreichs auf Syrien, die Italiens 
auf das südliche Kleinasien und die Englands auf 
Mesopotamien. Letzteres hatte, um den Zugang zum 
Persischen Golf in der Hand zu haben, seit Jahren dem 
Ausbau der deutschen Baghdadbahn alle erdenklichen
        <pb n="84" />
        70 
Hindernisse in den Weg gelegt und 1913 die Anerken- 
nung des Protektorats über Koweit (s. oben, S. 63 u. 
65) zuerzwingen gewußt. Schließlich kam am 15. Juni 
1914 eine Vereinbarung zwischen Deutschland und 
England über die Strecke bis Basra zustande. Doch 
wenige Wochen danach brach der Weltkrieg aus. 
Für die Türkei konnte es von Anfang an nicht 
zweifelhaft sein, daß eine Niederlage der Mittelmächte 
auch ihr Ende bedeuten würde. Die Absichten der 
Ententemächte über die Aufteilung ihres Gebiets sind 
seither mit aller Offenheit ausgesprochen worden. 
Der erste Schritt zur Lösung alter Fesseln und des 
besonders von Rußland und den Westmächten mus- 
geübten Druckes war die Aufhebung der Kapitula-= 
tionen durch Rundschreiben vom 9. September 1914. 
So heißen ursprünglich nach ihrer Einteilung in -Ka- 
pitel die seit dem 16. Jahrhundert mit europäischen 
Mächten Uetroffenen Vereinbarungen über die Rechte 
fremder Untertanen in der Türkei, den Handel, Ver- 
kehr usw., Vereinbarungen, die, anfangs und unter 
anderen Verhältnissen nützlich und notwendig, all- 
mählich zu einem lähmenden Hindernis jeden Auf- 
schwunges und zu einer demütigenden Einschränkung 
der Staatshoheit geworden waren. Hierher gehörten 
die Komsulargerichtsbarkei und die fremden Post- 
ämter, ganzbesonders aber die Steuerfreiheit, die nicht 
nur fremde Untertanen, sondern auch zahlreiche Ein- 
heimische als -Schutzgenossene anderer Mächte bean- 
spruchten und dadurch den Staatseinnahmen enorme 
Summen entzogen. Noch unerträglicher war die 
Hemmung der ganzen Zollpolitik und damit einer 
wesentlichen Grundlage der Finanzwirtschaft. Die 
Türkei konnte keine Einfuhrzölle schaffen oder die be- 
stehenden erhöhen ohne Zustimmung der fremden 
Mächte, die natürlich nur darauf bedacht waren, ihren 
eigenen Waren möglichst niedrige Zölle zu sichern. 
Nach langen Verhandlungen, wobei besonders Eng- 
land und Rußland Schwierigkeiten machten, gelang 
es der Türkei 1907, die Zustimmung zur Erhöhung 
des seit 1861 bestehenden allgemeinen Zolltarifs von 
8 Proz. auf 11 Proz. zu erhalten; aber England knüpfte 
fle an die Bedingung, daß die hierdurch erzielten Mehr- 
einnahmen nicht im allgemeinen Staatsinteresse, son- 
dern lediglich für Mazedonien zu verwenden seien, 
und zwar hauptsächlich deshalb, um dadurch die in 
Aussicht genommene Kilometergarantie für die deut- 
sche Bagh adbahn zu verhindern! 
Seit dem Pariser Frieden 1856, der die Türkei zum 
erstenmal innerhalb des europäischen Völkerrechts 
stellte, hatte die Pforte wiederholt versucht, die ebenso 
ihre Staatshoheit untergrabenden wie ihre Finanz- 
wirtschaft lähmenden Fesseln der Kapitulationen al- 
uschütteln, erreichte aber erst 1909 die Zustimmung 
sterreich-Ungarns und Bulgariens, 1912 auch die 
Italiens, wäheend Deutschland entsprechend seiner 
unter Kaiser Wilhelm II. verfolgten Politik von vorn- 
herein dieser Absicht freundlich gegenüberstand. So 
war die formelle Kündigung der Kapitulationen am 
9. September 1914 der erste Schritt zum Anschluß an 
die Mittelmächte und zu dem am 28. Oktober 1914 
erfolgten Eintritt der Türkei in den Weltkrieg. 
Was die militärischen Operationen während des 
Krieges (vgl. Band III) anlangt, so wurde der gefähr- 
liche Vorstoß Englands und Frankreichs gegen Kon- 
stantinopel durch die heldenmütige, von deutscher Ar- 
tillerie unterstützte Verteidigung der Dardanellen 
glänzend abgeschlagen, während an den östlichen Fron- 
ten (Kaukasus, Mesopotamien, Sinai) die türkischen 
I. Politik und Geschichte 
Truppen nach anfänglichen Erfolgen vor der Über- 
macht zurückweichen mußten. Die damaligen Ver- 
luste in Asien waren hauptsächlich begründet in der 
Konzentrierung der Armee zum Schugze der Haupt- 
stadt, deren Verlust nicht nur für die Türkei, sondern 
auch für die Mittelmächte verhängnisvoll geworden 
wäre, und in dem Mangel an fertigen Bahnen zur 
kaukasischen, mesopotamischen und Sinaifront, wo- 
durch rechtzeitiger Nachschub an die gefährdeten Stellen 
unmöglich wurde. Die letzte Entscheidung wird auch 
ger von dem Endausgange des Krieges abhängen. 
m übrigen haben die Ereignisse der letzten Jahre das 
türkische Nationalgefühl mächtig gesteigert. Die früher 
im Verkehr mit Fremden und nichttürkischen Inlän- 
dern, selbst im eigenen Verkehr mit den diplomatischen 
Missionen im Ausland stark in den Hintergrund ge- 
drängte türkische Staatssprache hat eine ganz neue Gel- 
tung gewonnen und erstreckt sich seit dem Sprachen- 
gesetz vom Februar 1916 auch auf die fremden Han- 
dels- und Erwerbsgesellschaften sowie auf die frem- 
den Lehrkräfte an der im gleichen Jahre ins Leben 
getretenen Universität in Konstantinopel. Eine Reihe 
von Vereinigungen und Zeitschriften dienen dem na- 
tionalistischen Programm. Eine starke Bewegung 
tritt für die Reinigung der Schriftsprache von dem 
Ballast perstcher und arabischer Bestandteile ein und 
predigt die Rückkehr zu den überlieferungen des rei- 
nen Türkentums, als dessen Verkörperung ein ideales 
Turan erscheint. Man bezeichnet diese Richtung da- 
her als Turanismus, und insofern sie die kultu- 
relle Fühlung mit allen Völkern türkischer Zunge er- 
strebt, als Pantürkismus. Auch Frauen haben sich 
in den letzten Jahren vielfach an dieser Bewegung 
beteiligt. Es wird Sache einer einsichtsvollen Staats- 
leitung sein, den an sich voll berechtigten nationalen 
Gedanken nicht zu überspannen und besonders das 
Selbstgefühl der für das Reich so wichtigen arabischen 
Provinzen zu schonen. Dann wird der Friede auch 
für das türkische Reich eine neue Ara des Ausschwun- 
ges bringen. 
Literatur. Bezüglich der älteren geographischen und 
historischen Literatur 5ê5 auf den Artikel = Türkisches Reich- 
des Konversationslexikons verwiesen. Seither ist eine Flut 
von Tagesliteratur, aber auch manches umfangreichere, ge- 
baltwolle Dert erschienen. An geographischen Darstel- 
ungen, früher meist nach den drei Erdteilen zersplittert, 
ist zu nennen: E. Banse, Die Türkel. Eine moderne Geo- 
graphie (Braunschw. 1915, 2. Aufl. 1916); A. Philipp- 
on, Das Türtische Reich (#eim. 1915; kurze, gediegene 
bersicht); P. Krause, Die Türktei (Leipz. 1916; haupt- 
satn Staat und Kultur behandelnd). — Für die Ge- 
chichte ist das neuere Hauptwerk N. Jorga, Geschichte 
des osmanischen Reiches (Gotha 1908 —12, 5 Bde.); vgl. 
dazu K. v. Sax, Geschichte des Machtverfalls der Türktei 
(Wien 1908); „Helmolts Weltgeschichte-, Bd. 2, 3, 4 Leipz. 
1902, 1901, 1900; Neubearbeitung in Vorbereitung). Ein- 
zelschriften verschiedener Verfasser enthält das Sammelwert 
von H. Grothe, Länder und Völker der Türtei (Leipz. 
1915, neue Folge 1917). Aus der von E. Jäckh in zwang- 
loser Folge herausgegebenen „Deutschen Orientbücherei- 
(Weim. 1915 ff.) seien wervorgehoben, A. Bhilippfon #r 
oben); M. Blanckenkhorn, Syrien und die deutsche Ar- 
beit; B. Norig, Wie Agypten englisch wurde; C. A. 
Schäfer, Die Entwicklung der bwashehsn : W. 
Lehmaun, Die Kapitulationen; E. R. Prigge, Der 
Kampf um die Dardanellen; M. Kaufmann, Pera und 
Stambul; Tekin Alp, Türtismus und Pantürkismus; 
Halide Edib Hanum, Das neue Turan; Machmub 
Mukhtar Pascha, Die Welt des Islams; Giese, Die 
Toleranz des Islams: J. Hell, Der Islam und die abend- 
ländische Kultur. — Die wirtschaftlichen Verhält- 
nisse behandeln H. Grothe, Türkisch -Asien und seine
        <pb n="85" />
        Grothe: Der heilige Krieg 
Wirtschaftswerte (Frankf. 1916) und die von demselben 
rausgegebene Sammlung - Das Wirtschaftsleben der 
rkeie (I, Berl. 1916), ferner die reichhaltige Schrift von 
K. Wiedenseld, Die deutsch-türtischen Wirtschafts- 
beziehungen (Münch. 1915) sowie die von L. Cwikliüsti 
herausgegebene Sammlung von Vorträgen (A. Frankfurter, 
71 
R. Friedrich, A. Musil, E. Oberhummer, F. Schaffer u. a.) 
„Balkan und Naher Orient= (Wien 28 Eine Übersicht 
des gesamten Turtentums und der staatlichen Entwicklung 
des osmanischen Reiches versucht E. Oberhummer, Die 
Türken und das osmänische Reich (Leipz. 1917; mit zahl- 
reichen Literaturnachweisen). 
Der beilige Krieg 
von Dr. zur. ot phil. Ouge Grothe, Privatdozent in Stuttgart 
Wesen und historische Eutwicklung des heili- 
gen Krieges. Eine Skizze über den Fheiligen Kriege, 
wie er im Laufe dieses Wellkrieges in Erscheinung 
trat, verlangt eine Deutung des Begriffes und eine 
eschichtliche Übersicht über die Formen, wie sich dieser 
zeilige Krieg im Islam geäußert hat. Nur die Ge- 
schichte lehrt uns Wesen, Bedeutung und Wandlung 
des heiligen Krieges verstehen. „Dschihad= beii 
„Anstrengung-,-Kampf-, imreligiösen Sinne gefaßt, 
also Kampf auf dem Pfade Gottes, d. h. Glaubens- 
kampf. Irrig ist es, wenn christliche Theologen ihn da- 
hin deuten, daß sein eigentliches Ziel die Ausbreitung 
der islamischen Religionsgemeinde ist und immer war, 
also in Leugnung sittlicher Beweggründe stets nur die 
Erringung eines religiösen Weltimperiums im Auge 
hat (Lepsius). Der Richtigkeit näher kommt die Auf- 
fassung von Ortentalisten wie Snouck Hurgronzjei, 
die im „Dschihad= nicht einen ununterbrochen in 
der Seele des Mohammedaners wirksamen Kriegs- 
gedanken auf religiöser Grundlage sehen will, son- 
dern ihm bald die mittelalterliche Form der gewalt- 
tätigen Glaubenspropaganda, bald solche der Ab- 
wehr von Ungriffen zuschreibt, die den Besitzstand 
des Islams und der im Kalifat vertretenen politischen 
Machtzus ammenfalsung stören oder ihm entgegentre- 
ten. Mit der Absicht, die den Panislamismus- 
leitet, dessen Tendenz in dem Zusammenschluß aller 
Moslems der Welt liegt und in der Ausdehnung 
ihrer Herrschaft möglichst auch über andere Religionen 
und Völker der Erde gipfelt, hat also der Dihhed 
ebensowenig engere Berührungen, wiesich jede Kriegs- 
handlung eines islamischen Staates als heiliger 
Kriege ausprägt. Wesentlich ist bei der Erklärung des 
Dschihadbegriffes, der an sich eine Einrichtung des 
beiligen Gesetzes des Islams, der schari'a ist. daß seine 
Formen und sein Wesen durch die Entwicklungen po- 
litischer und geistiger Natur beeinflußt wurden, die 
sich in der islamischen Welt ereignen mußten. So 
wechselt er nach der Geistesart der theologischen Auf- 
fassung, nach Vorherrschen der strengen oder milden 
Richtung, wie er anderseits auch nach der jeweiligen 
Zeitlage andere Gestalt annimmt und angenommen 
hat. So hat seine Art in den verschiedenen Epochen 
Wandlungen zur Schärfe oder zur Milde durchgemacht, 
hat kein Glaubenskrieg mit einem zweiten strenge 
Parallelen, und wird es nötig, die Bedeutung und 
den Begriff des Dschihad aus den bisher bekannt- 
gewordenen Erscheinungsformen gewissermaßen her- 
auszuschälen". Daher auch die Verschiedenheit der 
1 In „Nederland en de lalame (Leiden 1915). 
à Val. Gallt, Dschihad. Der heilige Krieg des Islams und 
lem#e Bedeutung im Welttriege (Freiburg i. Br. 1915); Mar- 
tin Hartmann, Deutschland und der heilige Krieg (in ? Das 
neue Deutschland“, Ortentnummer, 1915, III. 30/33). 
Auffassung Über die Natur und den Umfang eines 
geiligen Krieges unter den islamischen wie europäischen 
taatsmännern und Gelehrten, wie nicht zum minde- 
sten auch unter den europäischen Orientalisten. Unter 
den letzteren wirkte zudem verwirrend ihre Stellung 
im Weltkriege auf seiten einer der Türkei und somit 
Deutschland freundlichen bzw. feindlichen Partei. Auch 
die Neutralen konnten sich nicht immer von einer mehr 
oder minder parteiischen Haltung und Deutung lösen. 
So hat sich der genannte niederländische Orientalist 
Snouck Hurgronje-Leiden, der von den Gefahren 
einer islamischen Bewegung für die kolonialen Be- 
sitzungen Hollands, wie sie aus der Erklärung des hei- 
ligen KFrieges hervorgehen könnten, unleugdar beein- 
fengt war, leider nicht gescheut, Deutschland geradezu 
ahin zu verdächtigen, daß es den heiligen Krieg der 
Gegenwart künstlich heraufbeschworen habet. 
Als Mohammed die bescheidene Zahl seiner An- 
hänger, wenig kriegsgeübter mekkanischer Stadtkin- 
der, zu Beutezilgen auf die Handelskarawanen Medi- 
nas zu entflammen hatte, fand er die Wendung dschi- 
had --Anstrengung auf dem Wege A#ahs= 
Mit der damaligen Aufforderung des Propheten:-O 
ihr Gläubigen, fürchtet Allah und suchet zu ihm zu 
gelangen und strengt euch an auf seinem Wege, 
vielleicht werdet ihr dadurch glücklich!e (Sure 5, 39) 
entstand die erste Formel für den dschihad, die der 
kleinen jungen Gemeinde auferlegt war, deren Kampf 
gegen Rassen., ja teilweise Blutsverwandte ging. Was 
dieser allererste Ausspruch an Wunsch und Befehl in 
sich birgt, ist die Erweckung einer religiösen Pflicht 
und das Wesen des Kampfzieles, das sich gegen solche 
richtet, die nicht an den Propheten glauben. Und 
weiter rief Mohammehd, als seine Scharen schon stär- 
ker waren, aber gerade darum fanatische Verfolgung 
durch die Mekkaner zu erdulden hatten, die der Pro- 
phet im Geiste seinen künftigen Anhängern zugesellte: 
„Kämpft auf Allahs Wege gegen die, so euch be- 
kämpfen, ohnejedoch die Feindseligkeiten zu 
eröffnen.“= Und im Eifer für die Aufrechterhaltung 
seines Ideals von Glaube und Kultus und um die um 
seine Fahne Gescharten nach Fehlschlägen der Waffen 
anzuspornen, wird Mohammed bald im Tone kriegs- 
lustiger, wenn er sagt: Tötet sie, wo ihr sie findet; 
versagt sie, von wosie euch verjagt haben; denn schlim- 
mer als Totschlag ist Argernis in der Religion. 
Und bekämpff sie, bis kein Argernis mehr besteht und 
ihr Gottesdienst nur Allah gilt.= Noch kommt der 
Gedanke des Verleidigungszweckes zur Geltung, 
aber die Ziele der Bekehrung zum rechten Glau- 
ben treten schon zutage. Als sch mit dem Erfolg die 
Pläne weiten und das Hinaustragen der Glaubens- 
herrschaft das Stigma abzugeben hat, heißt es:= Vor- 
geschrieben ist euch der Kampf, auch wenn er euch 
widerstrebt= (Sure 2, 212). Der Lohn, der auch 
1 „Helllge orlog made in Gerwany" (in ber Zeitschrist De 
Gidse vom Januar 1915).
        <pb n="86" />
        72 
ein Gotteslohn sein soll, hat jetzt zu locken. »Niemand 
wird die Hölle schmecken, dessen Fuß im großen Kampfe 
gewandelt-, ruft Mohammed, und verheißend geht 
es aus seinem Munde: »Wahrlich kämpfen soll auf 
Allahs Weg, wer sein Leben verkaufen will, das irdi- 
sche um das jenseitige. Wer kämpft auf Allahs Weg, 
ob er getötet wird oder siegt, wir werden ihm einen 
großen Lohn geben.-Die Erziehung zum Kampfe 
ist geglückt, irdische Vorteile haben sich den überirdi- 
schen Hoffnungen zugesellt; die Ruhe am Herde wird 
zur Wahrung und Mehrung des Gutes auf friedlichem 
Wege manchem Moslem zum Bedürfnis. Hinwiederum 
drängen Beute- und Machtlustige vielfach zum Kampf. 
So sind gewisse Einschränkung und klare und kluge 
Voraussicht beim Kampfe geboten. Mohammed spricht 
denn: „Nicht alle Gläubigen müssen stets zusammen 
ausrücken, wenn nur von jedem Verbande ein Teil 
auszieht.a Aber wenn die Not kommen sollte, die den 
Besitzstand des Islams schmälern würde, gilt als gro- 
ßes Aufgebot:-Ziehet aus, Leichte und Echwerel und 
kämpfet mit Gut und Leben auf dem Pfade Allahs- 
(Sure 9, 41). Freilich schon unter Mohammed wurde 
die Pflicht zum Defen sivkampfe zu der für den Of- 
fen siv krieg ausgedehnt. Die 9. Sure spricht davon, 
daß die Ungläubigen Strenge bei den Kämpfern 
für Allah finden nen, und Sure 47 sagt: „Wenn 
ihr die Ungläubigen antrefft, so schlaget ihre 
Nacken, bis ihr sie zermalmet habt.= Natürlich 
stützen sich die Heeresfahrten nicht auf Züge ganzer 
Volksmassen, sondern bald auf sich bildende reguläre 
Truppen. Die Theologie folgt der Politik. Im Fiqh 
wird der Dschihadgedanke in Gestalt eines Angriffs- 
kampfes zwecks Ausbreitung des Islams zu einem Sy- 
stem aufgebaut, ohne daß man die alte Fiktion völlig 
fallen läßt. Als das Reich feststeht und auf die Höhe 
seiner Macht gelangt, seine Grenzen bis Gibraltar 
und zum Indus ausgedehnt hat, gewinnt der Dschi- 
had eine gewisse Begrenzung dadurch, daß nur das 
Oberhaupt ihn erklären darf. Freilich haben sich 
einzelne nordafrikanische Kleinsultane und Führer 
heiliger Orden auch das Recht der Erklärung des hei- 
ligen Krieges zuzeiten angemaßt. Auch nach einer 
anderen Rchtung wurde dem Dschihad noch ein 
Hemmschuh angelegt, um ihn nicht zum Spielplatz 
von Waghalsigkeiten und Übereilungen zu machen. 
Aussichten auf Erfolg und Wahrscheinlich- 
keit des Sieges mußten gegeben sein, wofür Stel- 
len des Korans zur Beurteilung herangezogen wur- 
den. Es heißt dort: -Wenn auf eurer Seite 100 Stand- 
hafte sind, so werden sie 200 besiegen. Denn Allah 
ist mit den Standhaften.“ Eine weitere wohl mehr 
oder minder formale Eindämmung war, daß eine 
Aufforderung, den Islam anzunehmen, an die Feinde 
der Erklärung des Dschihad vorausgehen soll. 
Die Theologie schreibt im heiligen Gesetz für den 
Dschihad vor, daß zunächst der Gläubige, als der Ge- 
samtheit der Moslems angehörig, eine Ersatz pflicht 
(fard al-kifüse nach den Quellen) beim Dschihad üben 
mußfürdie, welche als-Vertreter-des Kampfes zu wir- 
ken haben gemäß Beruf, Amt und Stellung, also z. B. 
als Heerespflichtige, oder er bindet nur so viele, als 
in den einzelnen Fällen zur Führung des Dschihad 
notwendig sind. Zur Individualpflicht (fard ain) 
wird aber das Eintreten für den Dschihad; jung und 
alt, Verheiratete und Ledige, Berittene und Unberit- 
tene, Mann und Frau haben sich ihm im Maße der 
vom Imam gegebenen Vorschriften zu opfern, wenn 
islamisches Land einen Angriff vom Feinde erfährt 
I. Politik und Geschichte 
oder von diesem besetzt wird; im letzteren Falle brau- 
chen die Moslems nicht auf den Befehl des großen 
Aufgebotes zu warten, sondern können aus eigenem 
Antrieb den Kampf jeder Art aufnehmen. Hier handelt 
es sich also um eine große Massenerhebung. eine Form 
des Dschihad, wie g44 äußerst selten in Ershechung 
trat. Aber was sich als immer selbstverständlichere 
Voraussetzung beim heiligen Kriege geltend macht, 
ist, daß der Dschihad den Charakter eines Offensiv- 
kampfes gegen Andersgläubige hat und ihm der 
Zweck beiwohnt, sie untertänig zu machen, sie als 
neue Gläubige oder doch als geduldete unterjochte 
Andersgläubige dem Reiche des Islams einzu- 
liedern. Und der eigenkliche Schauplatz des Dschi- 
har wird Där u'l-harb, d. h. hattee des 
Krieges-. Denn die islamische Gesetzeslehre gliedert 
die ganze bewohnte Erde in zwei Gebiete, in = där u'l- 
isläm., d. h. die -Wohnstätte des Islamse, und solche 
des Krieges! So gestaltet sich die Bekämpfung der 
Un Häubigen in ihrem Lande als Wesen des Dschihad 
im Geiste der Zeiten, da von der Enge Gibraltars bis 
nach Indien und China unter den Kalifen von Bag- 
dad gefürchtet und gebietend die mohcmmcdanische 
Welt bestand. 
Als sich das von Mohammed begründete Einheits- 
reich in mohammedanische Einzelstaaten auflöste und 
namentlich seit 1258 auch ein die gesamte Islamwelt 
beherrschendes Oberhaupt durch fast zwei Jahrhun- 
derte nicht mehr gegeben war, erlosch der Dschihad. 
Auch Spaniens Verlust entfachte rl7v“ nicht. Die ein- 
zelnen Seldschukenfultane haben sich allerdings in Ge- 
fährdung ihres Reiches und des islamischen Glaubens, 
die durch die Krauzzüge Üler sie kam, deutlich als 
Al Mudschtahid Ullahe, d. h. »für Allah den 
Dschihad Führende., bekannt. Als mit Selim I. 
die türkischen Sultane das Kalifenamt Übernahmen, 
begann der Dschihad wieder zu erwachen. Alle recht- 
lichen Voraussetzungen waren wieder gegeben, denn 
die subjektive Auffafung der Islamkämpfer,auf 
Allahs Wegene zu fechten, entscheidet für sein Wesen. 
Nicht alle Gläubigen braucht es, um ihn entstehen zu 
machen. Nichtanerkenntnis der türkischen Sultane als 
Kalifen von einzelnen Teilen der Islamwelt vermag 
also ihre Berechtigung nicht zu stören, einen heiligen 
Krieg-e zu führen. Beim Eroberungstrieb der Tür- 
ken über die Balkanhalbinsel in die ungarische Tief- 
ebene hinein zeigte der Dschihad der mitteleuropäischen 
Christenheit seige größten Schrecken (Belagerungen 
von Wien 1529 und 1638). Die Kriege der Türkei 
gegen Rußland im 19. Jahrhundert sind auch als 
schihad geführt worden, wenn auchchristliche Mächte 
ihr helfend zur Seite standen wie im Krimkrieg, und 
Sultan Abdul Hamid hat auch 1877/78 den Dschihad 
gegen Rußland erklären lassen. Mit diesen Aufrufen 
zum Dschihad ist freilich niemals eine Aufforderung 
zu fanatischer Bekämpfung des Christentums durch 
Grausamkeiten, etwa auch im Inlande gegen die un- 
gläubigen Untertanen, verbunden gewesen, wenn 
auch vereinzelte Fälle der Erregung gegen die Rajas 
sich ereigneten. Die islamischen Rechtsbücher warnen 
ausdrücklich vor Grausamkeiten gegen die Feinde. 
Der heilige Krieg und der Weltkrieg. Der Fall, 
daß die Existenz des auf dem islamischen Bekenntmis 
sich aufbauenden türkischen Staates bedroht war, trat 
im Weltkrieg im Oktober 1914 in hohem Grade ein. 
„Laßt nie ab von der Festigkeit und Ausdauer in 
diesem Ktiege den wir gegen Feinde eröffnen, die un- 
sere heilige Religion und unser teures Vaterland an-
        <pb n="87" />
        Grothe: Der heilige Krieg 
reisen wollen. Stürzt euch wie Löwen auf den 
Feind, weil ebenso wie unser Reich auch das Leben 
und die künftige Existenz von 300 Millionen Moslems, 
die ich durch das heilige Fetwa zum heiligen Kriege 
aufrufe, von eurem Siege abhängene, so lautete der 
Aufruf des Sultans Mohammed V. in diesem Kampfe 
an Heer und Flotte. Und bei der Parlamentseröff- 
nung äußerte sich der Kalif über die Beweggründe 
zur Verklindung des heiligen Krieges folgendermaßen: 
„Da die Notwendigkeit, mit bewaffneter Macht die 
Politik der Zerstörung abzuwenden, die von Rußland, 
Frankreich und England zu allen Zeiten gegen die 
islamische Welt verfolgt wurde, den Charakter einer 
religiösen Verpflichtung annahm, habe ich in Überein- 
stimmung mit den betreffenden Fetwas alle Moham- 
medaner zum heiligen Kriege aufgerufen.“ 
Unter dem Fetwa versteht man das Rechtsgut- 
achten, das durch den Scheich ul-Islam, das geistliche 
Oberhaupt des Islams, zu erlassen ist, um den Kampf 
zu einem rechtmäßigen zu machen. Das Fetwa 
stellt sich als ein in Frage und Antwort gehaltener, so- 
mit jedermann leicht verständlicher Spruch heraus, 
der einer Entscheidung des Kalisen über den heiligen 
Krieg zugrunde liegen muß. 
Die Wirkungen des heiligen Krieges, insbeson- 
dere insoweit sie außerhalb der Territorien des os- 
manischen Reiches liegen, sind von deutscher, wohl 
auch von türkischer Seite überschätzt worden. Nur 
beiden 13—14 Millionen Mohammedanern der Türkei 
und ihrer nächsten Grenzgebiete in Apten, Persien 
und Kaukasien hat die gewünschte Entfachung der 
Kampfbegeisterung wirklich stattgefunden. Auch die 
Schiiten haben unbedenklich mit ihrem in Nedjef re- 
sidierenden obersten Mudschtahid den heiligen Krieg 
gebilligt. In Indien wurde — begreiflicherweise un- 
ter englischem Einfluß — die in Form des religiösen. 
Gesetzesgutachtens vorgelegte Frage, ob sich die Pflich- 
ten des Dschihad für Indien ergeben, durch Mirsa 
Ghulam Ahmed von Kadian verneint. Das gleiche 
war allerdings schon 1870 von verschiedenen Seiten 
geschehen. Die mohammedanische Gesellschaft Kal- 
kuttas erklärte Indien als »Dar u'l isläm-, womit 
die Ungesetzmäßigkeit des Dschihad in diesem Lande 
festgelegt war, eine Auffassung, der sich auch damals 
die Rechtslehrer Mekkas anschlossen. Und die Gesetzes- 
lehrer Vorderindiens entschieden, daß in einem Lande, 
wo christliche Schutzherrschaft besteht, die Bedin- 
gungen eines Dschihade nicht gegeben seien. Was 
in Russisch-Zentralasien und in Indien die dortigen 
Machthaber an Gärungen zu überwinden hatten, wer- 
den wir wohl erst nach dem Kriege erfahren. In Ara- 
bien und Mesopotamien, desgleichen unter den Kur- 
den der iranischen Grenzketten ist das Aufflackern der 
Kampflust natürlich ebenso den Aussichten auf Beute 
und Machterweiterung zuzuschreiben gewesen. Im 
ägyptischen Sudan, in der Kyrenaika und in Tripo- 
1 Wledergabe der fünf heillgen Fetwas und anderer wich- 
tiger Kriegsurkunden burch Kampffmeyer in der ? Welt des Il- 
lams= III, 1. 
73 
litanien hat unbedingt die durch die Senusiorden be- 
einflußte religiöse Stimmung einen Anteil an der 
Verjagung der Italiener nach den wenigen befestigten 
Küstenplätzen zur Folge gehabt. In Tunesien und 
vor allem in Algerien ist die Abhängigkeit der ein- 
geborenen mohammedanischen Bevölkerung von ihren 
Herren in Handel, Wandel und geistiger Beschaffen- 
heit schon so stark geworden, daß religiöse Gefühle, 
deren Außerung empfindliche Nachteile mit sich führen 
müssen, hier sicher nur bei wenigen zur Entzündung 
elangten. In Marokko haben die Bewohner des 
ebirges und der Hinterlandsoasen den französischen 
Besatzungen manchen scharfen Widerstand geboten. 
Was jede Wirkung im großen unterbinden mußte, 
war der Mangel an Waffen und an Organisatoren 
für eine weitere Kreise erfassende Erhebung. Nur in 
Tripolitanien haben türkische Offiziere Ziel und Rich- 
tung der Aufstandskämpfe zu lenken vermocht, zum 
Teil auch in Transkaukasien in den ersten, dort für die 
Türken glücklichen Kriegsmonaten. Der Erfolg des 
heiligen Krieges liegt so im wesentlichen für die außer. 
halb der Türkei lebenden Mohammedaner in der Stär- 
kung des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit in 
religiöser und geistiger Beziehung, die nach dem Kriege 
vorteilhaft auszunutzen Aufgabe der türkischen Poli- 
tiker sein muß. 
Sicherlich hat sich die heutige Anschauung religiöser 
und politischer Kreise im Orient von der alten Auffas.- 
sung des Dschihad erheblich gelöst. Man hat ver- 
sucht, von dem für die Gegenwart nicht zeitgemäßen. 
durch den Koran gegebenen religiösen Apparat soviel 
wie möglich über Bord zu werfen oder ihn doch durch 
Interpretation zu revidieren. Es sind sogar moham- 
medanische Stimmen laut geworden, die den Ansturm 
der Türken gegen Mitteleuropa im 16. und 17. Jahr- 
hundert als verfehlten Eroberer= und Glaubenseifer 
bezeichneten. Der Dchihad erhielt neuen Inhalt im 
modernen Sinne. Seine Beschränkung auf bestimmte 
Feinde ergab sich als möglich. Unter entsprechender 
Auslegung der alten Quellen des Islams, diesich gegen 
eine Freundschaft mit Andersgläubigen nicht in Schärfe 
aussprechen, sofern sie die Religion nicht bekämpfen, 
wurde diese Form des heiligen Krieges ausdrücklich ge- 
billigt. In der Fortwirkung derislamischen Ideen vom 
Dschihad stellt also der gegenwärtige heilige Krieg einen 
allemohammedanischen: Pllsgenofsen herausfordern- 
den Kampf um Selbständigkeit, Freiheit und 
Ehre dar. Charakteristisch für diese Auffassung sind 
die Auslassungen des islamischen Theologen Schaich 
Salih Ascharif Attunusi in der Schrift -Die Wahrheit 
über den Glaubenskrieg= (Berl. 1915). 
Literatur. Außer den im Text erwähnten Schriften 
Meien enannt: Hugo Grothe, Deutschland, die Türkei und 
er Islam (Leipz. 1914); Heinr. Becker, Die Türkei und 
der Islam (Stuttg. 1915); Hub. Grimme, Islam und 
Welttrieg (Münster 1915); Rich. Schäfer, Der deutsche 
Krieg, Ilam und Christentum (Leipz. 1915); Rud. Tschudi, 
Der Islam und der Krieg (Hamb. 1915); Eug. Mittwoch, 
Deutschland, die Türkei und der Heilige Krieg (Heft 17 der 
„ Kriegsschriften des Kaiser-Wilhelm-Dankes", Berl. 1915).
        <pb n="88" />
        74 
Der mitteleuropäisch-ltürkische Plock 
von Prof. Dr. Paul Samassa in Klosterneuburg bei Wien 
Wandlungen der deutschen Außenpolitik. Als 
im Jahre 1911 Italien an die Türkei den Krieg er- 
klärte, um sich in den Besitz von Tripolis zu setzen, kam 
das Deutsche Reich in eine schwierige Lage; mit Italien 
war es verbündet, der Türkei galt es als der uneigen- 
nützige Beschützer und Freund. Damals gab es in 
Deutschland einzelne politische Schriftsteller, die emp- 
fahlen, das Deutsche Reich möge sich vollkommen auf 
die Seite der Türkei stellen und das Bündnis mit 
Italien aufgeben, das sich im Ernstfalle doch nicht be- 
währen würde. Ob eine solche Anderung der Politik, 
für welche die Ereignisse des Weltkrieges eine nachträg- 
liche Rechtfertigung zu bieten scheinen, nüctzlich gewesen 
wäre, mag dahingestellt bleiben. Darin, daß damals 
die Balkanfrage noch nicht die Lösung gefunden hatte, 
die der Balkankrieg brachte, hätte aber eine große Er- 
schwerung gelegen, die Bundesgenoffenschaft mit der 
Türkei praktisch zu betätigen, wenn es etwa damals 
schon zu einem Zusammenstoß der Großmächte ge- 
kommen wäre, was nicht ausgeschlossen war. Aller- 
dings war die europäische Lage gegenüber der Zeit, 
wo Bismarck den Dreibund schloß, schon stark ver- 
ändert. Der Anschluß Italiens an die Mittelmächte 
beruhte auf der Voraussetzung, daß England die See- 
flanke Italiens decken würde. Mit dem Auftreten des 
deutschenglischen Gegensatzes konnte davon nicht 
mehr die Rede sein. Gaepern spielte die Türkei in 
der Außenpolitik des Deutschen Reiches eine ganz an- 
dere Rolle als zu Zeiten Bismarcks; sie galt Deutsch- 
land als ein zukunftsreiches Gebiet, das seiner Aus- 
fuhr und wirtschaftlichen Betätigung unter gleichen 
Bedingungen mit den anderen Mächten stets offen 
bleiben müsse, und es mußte sich einer Zerstückelung 
dieses Staates, an der es sich weder beteiligen konnte 
noch wollte, widerseshen. Die türkische Frage schuf 
denn auch einen der Gegensätze zwischen Deutschland 
und Rußland, der mit zum Ausbruche des Weltkrieges 
beitrug. Noch Bismarck schien eine Festsetzung Ruß- 
lands in Konstantinopel erträglich — wobei er wohl 
voraussetzte, daß England dies um jeden Preis ver- 
hindern werde; daß unter Wilhelm II. der Weg nach 
Konstantinopel nur über Berlin gehen könne, war den 
russischen Staatsmännern nicht zweifelhaft. Im Früh- 
jahr 1914hat der bekannte Brief Professor Mitrofanoffs 
an den Herausgeber der Preußischen Jahrbüchere2 
deutlich gezeigt, daß die russische Intelligenz in dieser 
Fragehinter den Anschauungen ihrer Regierung stand. 
Der Bierbund im Weltkrieg. Was sich in der 
Friedenszeit langsam vordereitete, hat der Krieg rasch 
zur Reife gebracht. Schon im Herbst 1914 schloß sich 
die Türkei den Mittelmächten an, ein Jahr später Bul- 
garien. In beiden Fällen haben glückliche Umstände 
diese Entschlüsse gefördert. Daß die Türkei selbstän- 
digen Bestand nur bei einem Siege der Mittelmächte 
behaupten konnte, lag allerdings auf der Hand. Daß 
sich diese nicht allzu schwierige Krienumnis aber in tat- 
kräftigen Entschluß umsetzen würde, war doch in erster 
Linie dem Umstande zu danken, daß ein Mann von 
der Bedeutung Envers die Macht der Regierung in 
Händen hatte. Der Entschluß, sich nach vier Kriegs- 
jahren neuerdings in einen Krieg zu stürzen, dessen 
Dauer kaum zu übersehen war, konnte den dafür Ver- 
antwortlichen gewiß nicht leicht fallen; es handelte sich 
1 Veröffentlicht im Junihest. 
I. Politik und Geschichte 
dabei freilich um Sein oder Nichtsein. Für den Bei- 
tritt Bulgariens war seine durch den Bukarester Frieden 
geschaffene demütigende Lage bestimmend; daß es 
aber zu dieser gekommen war, lag in erster Linie an 
der brutalen und wenig klugen Politik Rußlands im 
Balkankrieg. Hätten wir einem saturierten Bulgarien 
gegenübergestanden, so wäre unsere Lage bedeutend 
ungünstiger gewesen; Bulgarien hätte keinen Grund 
gehabt, gic uns anzuschließen, wäre mit Rücksicht auf 
wirtschaftliche Interessen aber leicht in Abhängigkeit 
von der Entente geraten. 
Bom Kriegsbund zum Friedensbund. Haben 
glücktche Umstände in solchem Maße an dem Zustande- 
ommen des Vierbundes Anteil, so ist die Frage na- 
türlich berechtigt, ob er auf so fester Grundlage der 
Interessengemeinschaft ruht, daß wir mit seinem Fort- 
bestehen auch nach dem Kriege rechnen können. Der 
eplante Zusammenschluß unserer Feinde zwecks wirt- 
chaftlicher Bekämpfung der Mittelmächte und ihrer 
Verbündeten nach dem Kriege würde natürlich auch 
uns zu einer festen Gemeinschaft zusammenschmieden. 
Das Fortbestehen des Ententebündnisses im Falle 
eines für uns günstigen Ausganges des Krieges ist 
indes wenig wahrschelch. und dies mag bis zueinem 
gewissen Grade auch für jede andere Art des Kriegs- 
ausganges gelten. Insbesondere die schwächeren Teil- 
nehmer des Ententebündnisses, wie etwa Italien und 
Rumenien, werden mit den durch den Krieg geoffen- 
barten Machtverhältnissen rechnen, in deren Beurtei- 
lung sie sich zu ihrem Schaden so sehr geirrt haben. 
Dies könnte im Zusammenhang mit einer Wieder- 
belebung des russisch-englischen und einer Verschärfung 
des amerikanisch-japanischen Gegensatzes dem Deut- 
schen Reiche zwar größere politische Bewegungsfreiheit 
verschaffen, aber doch keine dauernden Bürgschaften. 
Solche können nur auf einem festen Ausbau des mittel- 
europäisch-bulgarisch-türkischen Blocks beruhen. 
Das Deutsche Reich und Osterreich- Ungarn. 
Das Verhältnis des Deutschen Reiches zu Österreich- 
Ungarn beruhte vor dem Kriege formell zwar auf 
einem gegen einen russischen Angriff gerichteten Defen- 
sivvertrag, tatsächlich aber doch auf einer tausend- 
jährigen politischen und kulturellen Gemeinschaft, der 
egenüber der Kampf um die Vormochtstellung in 
eutschland nur eine Episode bedeuten konnte. 
Deutsche Reich muß an seiner vom Bodensee bis Ober- 
schlesien reichenden, flir eine Verteidigung sehr ungün- 
stigen Grenze unbedingt einen zuverlässigen Nachbar 
haben. Anderseits ist Osterreich als Nationalitäten- 
staat ein besonders leicht verwundbares politisches Ge- 
bilde. das die Begehrlichkeit seiner Nachbarn reizt. 
Ein Ausgleich zwischen Rußland und Osterreich wäre 
nach diesem Kriege selbst auf Grund völliger vasallen- 
mähiger Unterordnung Österreichs kaum möglich, so 
daß die Verlockung einer Neuorientierung an die 
Donaumonarchie nach dem Kriege kaum herantreten 
könnte. Anderseits hat der Krieg naturgemäß im 
Sinne einer viel engeren Verflechtung der politischen 
Interessen des Deutschen Reiches und ÖOsterreich-Un- 
garns gewirkt, als dem Wortlaute des Bündnisver- 
trages entspricht. Das praktische Bedürfnis hat ferner 
während des Krieges zu einer innigen Durchdringung 
der Heeresorganisationen beider Staaten geführt, und 
das gleiche gilt von der Volkswirtschaft. 
Bulgarien. Wenn Bulgarien aus diesem Kriege 
als stärkste Balkanmacht hervorgeht, so wird ihm dies 
von seiten der Balkanstaaten und Völker, auf deren 
Kosten es geschah, wohl kaum neidlos zugestanden.
        <pb n="89" />
        Samassa: Der mitteleuropäisch-türkische Block 
werden. Daß es hierbei, schon um sich der notwen- 
digen wirtschaftlichen Entwicklung seines vergrößer- 
ten Gebietes widmen zu können, der Garantie seines 
Besitzstandes durch seine jetzigen Verbündeten bedarf, 
liegt auf der Hand. Aber denkbar wäre auch, daß die 
gegnerische Mächtegruppe Bulgarien dadurch zu sich 
herüberzuziehen sucht, daß es ein Gebietswwachs auf 
Kosten seiner jetzigen Bundesgenossen, etwa der Tür- 
kei, in Aussicht stellt. Von anderen Momenten ganz 
abgesehen, dürfte sich dann besonders eine Erfahrung 
des Weltkrieges Bulgarien sehr anschaulich darstellen, 
die überlegenheit der kontinentalen Verbindung zwi- 
schen Bundesgenossen über die maritime. Jene hat 
sehr viel dazu beigetragen, daß Bulgarien im Welt- 
kriege immer siegreich war, während die mit der Entente 
verbündeten Kleinstaaten die mangelnde Hilfe ihrer 
großen Bundesgenossen zu beklagen hatten, die teilweise 
gewiß eine Folge der geographischen Bedingungen war. 
Türkei. Was schließlich die Türkei betrifft, so hat 
sie im Laufe des Krieges zur Genüge erfahren, was 
ihre Gegner mit ihr vorhaben. Das geschickte Gegen- 
einanderausspielen der Gegensätze zusschen den Groß- 
mächten konnte ihr wohl das Leben verlängern, schließ- 
lich aber die Bildung einer Koalition, die sich über ihre 
Aufteilung trotz bestehender Interessengegensätze ge- 
einigt hatte, doch nicht verhindern. Der Husammin- 
schluß mit den Mittelmächten muß der Türlei um so 
leichter fallen, als diese keinerlei Begehr nach irgend- 
einem von der Türkei beherrschten Gebiet haben. 
Anschluß von Nachbaru. Der Anschluß weiterer 
Staaten an den Vierbund, der politisch den Charalter 
eines festgefügten Verteidigungsbündnisses haben 
würde, ist durchaus nicht ausgeschlossen. In Betracht 
kommen hierbei die an die Vierbundstaaten anschlie- 
zenden Kleinstaaten. Man könnte dagegen einwenden, 
daß diese Staaten bestenfalls eine ehrliche Neutralität 
uns gegenüber beobachtet haben, in einigen Fällen 
uns aber entschieden feindlich gesinnt waren. Da sie 
überdies mit ihrer Neutralität meist sehr gute Geschäfte 
gemacht haben. so läge auch in Zurundt kein Anlaß 
vor, davon abzugehen. 
Je weiter der Krieg indes fortschritt, in desto be- 
drängtere Lage kamen die Neutralen, und die Neigung. 
sich einer Mächtegruppe fest anzuschließen, dürfte nach 
dem Kriege ziemlich gewachsen sein. Hierbei wird es 
natürlich vor allem auf zwei Dinge ankommen, 
erstens, welche Mächtegruppe sich als stärker erwiesen 
hat, und zweitens, welche den Neutralen die Ernäh- 
rung und Versorgung mit Rohstoffen im Kriegsfalle 
besser gewährleistet. Dies hängt einerseits von der 
wirtschaftlichen Entwicklung, anderseits von der mari- 
timen Machtentfaltung des Vierbundes ab. 
Wirtschaftliche Bedentung des mittelenuropäisch- 
türkischen Blocks. Wenn wir die wirtschaftliche Be- 
deutung des mitteleuropäisch-türkischen Blocks unter- 
suchen, so müssen wir die Kriegs= und die Friedens- 
wirtschaft auseinanderhalten. Ein oft gemachter 
Einwand gegen das --Berlin-Baghdad-Programm- 
ist, daß der Zusammenschluß dieses Gebietes der deut- 
schen Ausfuhr doch nicht den Weltmarkt, der ihr vor 
dem Kriege offen war, ersetzen könne, woraus dann 
die Schlußfolgerung gezogen wird, man müsse die 
Feinde so niederringen, daß ihre Absichten, den deut- 
schen Handel vom Weltmarkte zu verdrängen, zu- 
schanden werden. Nehmen wir selbst dieses Ziel als 
erreicht an, so wird dadurch doch nicht die Möglichkeit 
ausgeschlossen, daß sich die gleiche Koalition, wie in 
diesem Kriege, gegen uns noch einmal bildet, wenn 
75 
irgendein Umstand ihr besseren Erfolg verheißt. Und 
für diesen Fall dürfen wir nicht, wie im jetzigen Krieg, 
auf jene glücklichen Zufälle angewiesen sein, die uns 
diesmal das wirtschaftliche Durchhalten ermöglicht 
haben. Man hat in den ersten Monaten des Krieges 
auf die mangelnd-Vorsorge in bezug auf Vorräte hin- 
ewiesen, und besonders Naumann behandelt dieses 
hema der Vorratswirtschaft, die in Zukunft 
nötig sein werde, eingehend. Die lange, damals von 
niemand vorausgesehene Dauer des Krieges hat uns 
aber die Kosten einer solchen Vorratswirtschaft immer 
deutlicher gemacht. Sie setzt das Brachliegen von 
Milliarden voraus, die als Arbeitskapital nutzbar zu 
machen nach dem Kriege mehr denn je nötig sein wird. 
Diese Vorratswirtschaft kann nur vermieden werden, 
wenn wir entweder in einem künftigen Kriege die 
Sicherheit haben, die See zu beherrschen, was indes 
nach den Erfahrungen dieses Krieges, die die Bedeu- 
tung der U.Boot--Waffe gerade für die schwächere See- 
mach! klar erwiesen haben, wenig wahrscheinlich ist, 
oder wenn wir die Erzeugung des verbündeten Ge- 
bietes in solchem Maße steigern, daß wir nur in be- 
ug auf wenige Rohstoffe gezwungen sind, größere 
orräte für den Kriegsfall bereit uhalten. 
Wirtschaftliche Ergänzung. zeht man eine Linie 
vom Nordkap nach dem Golf von Fiume, so liegen 
im allgemeinen westlich davon die Länder mit Ein- 
fuhrbedarf, östlich solche mit Ausfuhrüberschüssen an 
Nahrungsmitteln, westlich die Länder industrieller 
Produktion, östlich die Erzeuger von Rohstoffen. Na- 
türlich kann sich auch ein Land der Urproduktion zu 
einem industriellen entwickeln, was von jedem Lande 
eines gewissen Kulturstandes auch angestrebt wird, da 
der Besitz einer eigenen Industrie seine wirtschaft- 
liche Unabhängigkeit sehr steigert. Erfahrungsgemäß 
braucht es aber zur Schaffung einer Industrielängerer 
eiträume, und die Industrien erweisen sich am aus- 
sichtsreichsten, die sich an im Lande erzeugte Rohstoffe 
anschließen und deren Verarbeitung übernehmen. 
Betrachten wir das heutige Gebiet des Vierbunds, so 
sehen wir, daß die erwähnte Trennungslinie in Oster- 
reich-Ungarn im allgemeinen der Grenze zwischen den 
beiden Staaten der Monarchie folgt, wobei allerdings 
von Osterreich Galizien und die Bukowina in die Zone 
der Urproduktion fallen. Der wirtschaftliche Charakter 
Kongreßpolens, das naturgemäß dem mitteleuropäi- 
schen Wirtschaftsgebiete angeschlossen werden muß, ist 
nicht ganz klar. Es ist sehr dicht bevölkert und hat 
eine stark entwickelte Industrie, deren Absatzgebiet bis- 
7“ ganz Rußland war. Die agrarische Erzeugung 
oll nach den einen Angaben den Bedarf des Landesbe- 
friedigt, nach anderen soll ein Einfuhrüberschuß bestan- 
den haben. Kurland und Litauen, die als Erwerb für 
das Deutsche Reich in Frage kommen, sind rein agra- 
rische und dünn besiedelte Gebiete, die der Nahrungs- 
mittelversorgung Deutschlands im Falle einer Absper- 
rung auf jeden Fall zugute kommen. Anderseits ist 
natuͤrlich nichtu Übersehen, daß ein Einbeziehen Bel- 
giens in den Wirtschaftsbund ihm ein Land mit stark 
passiver Nahrungsmittelbilanz hinzufügt. 
Nahrungsmittel. Sowohl in Ungarn wie am 
ganzen Balkan und in der Türkei ist die Nahrungs- 
mittelerzeugung noch starker Steigerung fähig. Die 
Möglichkeiten der Türkei sind, wenn man nur die ver- 
fügbare Bodenfläche in Betracht zieht, sehr groß; ab- 
gesehen aber davon, daß diese Möglichkeiten durchaus 
nicht Überschätzt werden dürfen (vgl. S. 66), wird 
außerdem die dünne Besiedlung, deren Verdichtung
        <pb n="90" />
        76 
naturgemäß nur das Werk von Generationen sein 
kann, der Produktionssteigerung ziemlich enge Gren- 
zen ziehen. Die Vermehrung der Getreideerzeugung 
über den eigenen Bedarf hinaus erfordert aber eine 
Anregung durch gesicherten Absatz zu lohnenden Prei- 
sen. Bezeichnend hierfür ist z. B., daß sich die Er- 
zeugung Ungarns seit einer Reihe von Jahren an- 
nähernd innerhalb des Bedarfs des mit Osterreich 
gemeinsamen Zollgebietes hält, nicht zuletzt deshalb, 
weil ein regelmäßiger stärkerer Ausfuhrüberschuß die 
Ausnutzung der Zölle im Preise verhindern würde. 
Wichtig ist ferner, daß auch schon in Friedenszeiten 
der Ausfuhrüberschuß der erzeugenden Länder nach 
den verbündeten Ländern mit Einfuhrbedarf geht, weil 
sich die Güterbewegung während eines Krieges nur 
mit Schwierigkeiten neuen Verkehrsstraßen anpaßt. 
Rohstoffe. Von den industriellen Rohstoffen stehen 
Baumwolle, Schafwolle, Metalle und Kautschuk in 
erster Reihe. Schon vor dem Kriege hat sich die Tex- 
tilindustrie lebhaft um die Ausdehnung des Baum. 
wollbaues außerhalb der Vereinigten Staaten bemüht, 
um aus der Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten 
herauszukommen, deren Produktion nicht mehr viel ge- 
hoben werden kann, während der Eigenverbrauch mit 
der Zunahme der dortigen Bevölkerung und der Ent- 
wicklung der eigenen Textilindustrie beständig zu- 
nimmt. Anbauversuche in Kleinaßeen waren sehr er- 
folgreich, und die natürlichen Bedingungen für den 
Baumwollbau sind in Mesopotamien, wenn erst ein- 
mal Bewässerungsanlagen hergestellt sind, durchaus 
gegeben. Sowohl der Balkan wie Kleinasien verfügen 
über große, zum größten Teil aber noch nicht erschlos- 
sene Erzreichtümer. Die Wollschafzucht ist in der 
Türkei noch sehr steigerungsfähig, und mit Ausnahme 
rein tropischer Produkte, die ja zum Teil nur Genuß- 
mittel sind und daher entbehrt werden können, dürfte 
Mesopotamien die meisten Bodenerzeugnisse liefern 
können, wobei übrigens selbst in bezug auf Kautschuk 
keineswegs das letzte Wort gesprochen ist. 
Kapitalanlagen. Eine Steigerung der Erzeu- 
gung hat natürlich auch die Investition von Kapital 
ur Voraussetzung, woran industrielle Länder über- 
sß-. Länder der Rohproduktion Mangel haben; für 
den Vierbund kommen das Deutsche Reich und Öster- 
reich als Geldgeber, Ungarn, Bulgarien und die Tür- 
kei als Geldnehmer in Betracht, ein Verhältnis, das 
schon vor dem Kriege bestand, sich nach dem Kriege 
aber in verstärktem Maße herausbilden wird. Viele 
Deutsche, die sich vor dem Kriege im jetzt feindlichen 
oder unfreundlich neutralen Ausland wirtschaftlich 
betätigt und dort durch den Krieg die schwersten mate- 
riellen Verluste erlitten haben, werden es sich selbst 
für den Fall, daß sie diese teilweise ersetzt erhalten, 
zweimal überlegen, ihre Tätigkeit dort wieder aufzu- 
nehmen; in vielen Fällen werden hierfür überhaupt 
die Voraussttungen fehlen. Gerade diese Kräfte, die 
sich als deutsche Auslandspioniere schon bewährt ha- 
ben, werden sich gerne einem Betätigungsfelde zu- 
wenden, das ihnen die Sicherheit gibt, die schlimmen 
Erfahrungen des Weltkrieges nicht etwa noch einmal 
machen zu mlssen. 
Formen des wirtschaftlichen Iusammenschlasses. 
All dies drängt dazu, die politische Gemeinschaft auch 
durch eine wirtschaftliche zu ergänzen ohne Rücksicht 
darauf, ob uns deftr guemmeeseleh durch das Ver- 
halten unsererjetzigen Feinde aufgezwungen wird oder 
nicht. In der Form dieses Zusänzmenschlufses wird 
man aber kein gleichmäßiges Schema anwenden kön- 
I. Politik und Geschichte 
nen. Sie vermag zwischen Ländern fortgeschrittener 
wirtschaftlicher Entwicklung, wie dem Deutschen Reich 
und ÖOsterreich-Ungarn, viel enger zu sein als zwischen 
diesen und den Balkanländern sowie der Türkei, die 
noch auf einer ursprünglicheren Stufe stehen. 
Deutschland und Österreich-Ungarn. Ein 
wirtschaftlicher Zusammenschluß Deutschlands mit 
Osterreich--Ungarn hat eine fast siebzigjährige Vorge- 
schichte. Anfangs der fünfziger Jahre des vorigen 
Jahrhunderts suchte Osterreich den Eintritt in den 
preußisch-deutschen Zollverein; wie dieser Versuch 
hauptsächlich durch politische Momente bestimmt war, 
so wurde er von Preußen aus Gründen, die auf dem 
leichen Gebiete lagen, abgelehnt. Der österreichische 
Landels- und spätere Finanzminister Baron Bruck 
schlug einen völligen Zusammenschluß mit einer all- 
mählich abzubauenden Zwischenzollinie vor. Auch 
heute hat dieser Gedanke insbesondere in Osterreich 
manche Anhängerjzes hatsich freilich herausgestellt, daß 
die wirtschaftliche Entwicklung des letzten halben Jahr- 
hunderts die Durchführung eines solchen Planes kei- 
neswegs erleichtert hat. Während in Osterreich ein Teil 
der Industrie fürchtet, durch den Wettbewerb der un- 
ter günstigeren Produktionsbedingungen arbeitenden 
rei vdeutschen Industrie erdrückt zu werden, glaubt die 
Großindustrie des Deuischen Reiches, daß die Gemein- 
samkeit der Handelspolitik den Ausfuhrinteressen der 
deutschen Industrie, für die Osterreich-Ungarn ein ver- 
hältnismäßig bescheidenes Absatzgebiet darstellt, nicht 
genügend werde Rechnung tragen können. Ein anderer 
Plan, der vom mitteleuropäischen Wirtschaftsverband 
und zahlreichen Volkswirtschaftlern vertreten wird, geht 
dahin, daß die beiden Wirtschaftsgebiete sich zolltarrfa- 
rische Zugeständnisse machen sollen, die nicht unter 
den Begriff der Meistbegünstigung fallen (Präferenz- 
svstem), wogegen vielfach eingewendet wird, daß dies 
den Abschluß von Handelsverträgen mit anderen Staa- 
ten, auf den man angewiesen sein werde, erschweren 
würde. Großer Wert wird insbesondere von öster- 
reichisch-ungarischer Seite auf Bestimmungen über 
den gemeinsamen Abschluß von Verträgen mit dritten 
Staaten und auf Vereinbarungen, die einen rücksichts- 
losen Wettbewerb der Verbündeten auf dem Balkan 
und in der Türkei hintanhalten sollen, gelegt. Ferner 
sind eine Angleichung auf dem Gebiete des Rechts, was 
für die kaufmännischen Kreise praktische Bedeutung 
hat, und eine Ausgestaltung des Verkehrswesens, ins- 
besondere ein Ausbau der Donaustraße und ihr An- 
schluß an das mitteleuropäische Wasserstraßennetz, in 
Aussicht und teilweise auch schon in Angriff genommen. 
Balkan und Türkei. Auf dem Balkan und in 
der Türkei werden sich die beiden Mittelmächte in die 
Aufgaben der wirtschaftlichen Erschließung teilen 
müssen, wobei Osterreich-Ungarn durch seine geogra- 
phische Lage, Deutschland durch seine größere Finanz- 
kraft und industrielle Entwicklung begünstigt ist. 
Im Orient sind wirtschaftliche Fragen stets ein Poli- 
tikum gewesen. Die militärische Stärke jedes Staates 
hängt von seinen wirtschaftlichen Hilfsmitteln und 
dem Stande seiner Finanzen gewiß nicht ausschließ- 
lich, aber doch in hohem Maße ab. Die Verteidigungs- 
fähigkeit der Türkei fordert auch, wie wir in diesem 
Kriege deutlich sehen, den Ausbau seines Bahnnetzes. 
Zur Lösung dieser Aufgaben ist die Türkei aber nur 
mit Unterstützung der Mittelmächte befähigt. 
Jnteressen= und Machtpolitik. Die Interessen- 
gemeinschaft ist es, die den Weiterbestand des Bundes- 
verhältnisses, das sich im Kriege gebildet hat, auch für
        <pb n="91" />
        Freiherr von Dungern: Bulgarien 
den Frieden verbürgt, natürlich unter der Voraus- 
setzung, daß die Mittelmächte siegreich sind und dies 
im Friedensschlusse auch zum Ausdruck kommt. Be- 
rufungen auf Kulturgemeinschaft, den -Typus des 
mitteleuropäischen Menschen und ähnliches sollte 
man aus Erörterungen über diesen Gegenstand besser 
weglassen. Denn selbst wenn derartiges wirklich be- 
77 
tehen sollte, woran Zweifel durchaus begründet sind, 
o spielt es im politischen Leben gewiß nicht die Rolle, 
die manche seiner Verkünder ihm zuschreiben. Hier 
herrschen Macht= und Interessenfragen; nur die Stärke 
der Mittelmächte als des Kerns eines mitteleuropäisch- 
türkischen Blocks wird zum Anschluß an diesen Bund 
einladen und dessen Bestand sichern. 
Vulgarien 
von Professor Dr. Otto Freiherrun von Dungern in Graz 
Das Bolk der Bulgaren. Die Gesamtzahl der 
Bulgaren wird heute auf 5—6 Millionen geschätzt, 
von denen bei der Zählung im Jär- 1910 nicht ganz 
3½ Millionen auf das damalige Bulgarien entfielen. 
Die Gesamtbevölkerung Bulgariens, das noch 
fast eine halbe Million Türken beherbergte, betrug 
1910: 4½ Millionen und hatte seit der ersten Zäh- 
lung (1888) um 1¼ Million zugenommen. Bulgaren 
wohnen ferner in Mazedonien, im östlichen Teile des 
ehemaligen Königreichs Serbien (Pirot, Nisch), in Ru- 
mänien (Dobrudscha), in Südrußland. Als Sommer- 
arbeiter (Gärtner) gingen die Bulgaren vor dem Kriege 
Jahr für Jahr zu Zehntausenden in die Nachbarländer, 
bis nach Siebenbürgen und in die Bukowina. 
Bor dem Weltkrieg umfaßte das Gebiet des König- 
reichs 113630 qkm; davon waren 26000 qkm mit 
etwa 780000 Einw. durch den Balkankrieg 1913 neu 
erworben; 7609 qkm dagegen mit etwa (1910) 281000 
Einw. altbulgarischen Gebiets in der Dobrudscha 
waren 1913 an Rumänien abgetreten worden. 
Während die Bevölkerung der bulgarischen Städte 
und der Ebenen stark mit türkischem, rumänischem, 
griechsschem Blut vermischt ist, hat sich das Volk in 
en Bergen, wohin es seit Jahrhunderten vor den 
Gewaltakten der türkischen Beamten und Einwanderer 
zu fliehen gewohnt war, rein erhalten. Im Rhodope- 
gebirge und bei Plewna gibt es mohammedanische 
Bulgaren, die Pomaken, am Schwarzen Meer Nach- 
kommen von Kumanen, Türkisch sprechende Chri- 
sten; in den Bergen in der Nähe von Sofia leben die 
Schopen, die als Nachkommen der Ureinwohner des 
Balkans gelten. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es 
in Bulgarien geschlossene Kolonien von Rumänen, 
besonders um Widin. Zigeuner, die sich zum Is- 
lam bekennen, sind seit dem 14. Jahrhundert ein- 
gewandert und zu mehr als 100000 über das Land 
verteilt. Mazedonische Rumänen (Kutzowalachen, 
Aromanen) kommen als Wanderhirten im Som- 
mer bis nach Altbulgarien. 
Der Bulgareiist nüchterner, geduldiger und sittlich 
weit mehr gefestigt als der Serbe, anpassungsfähi- 
er und ausdauernder als der Rumäne. An schlauem 
andelsgeist sind ihm der Grieche und Jude über- 
legen; aber er ist sparsam, genügsam und politisch 
zielbewußt, opferfreudig, wohkdisssplintert. Die bul- 
garische Verfassung von 1879, revidiert 1893 und 
1911, ist sehr demokratisch. Eine einzige Kammer, 
die sich zusammensetzt aus Vertretern von je rund 
20000 Einwohnern, bildet das Parlament, das So- 
branje. Verfassungsänderungen erfolgen durch eine 
eigens gewählte Versammlung von doppelt soviel 
Volksvertretern, das Große Sobranje. Die Gesetz- 
gebung versucht in schnellem Ausbau aus westeuro- 
päischen Mustern das Beste zu entlehnen. Eine stark 
ausgeprögte Selbstverwaltung hindert nicht, daß heute 
schon Bulgarien mit einem großen Stab von Regie- 
rungsbeamten belastet ist. 
Die Kirche ist seit 1870 selbständig — auto- 
kephal — und seit 1872 vom griechischen Patiarchar 
als schismatisch erklärt. An ihrer Spitze steht der von 
bulgarischen Bischöfen und Laienvertretern gewählte 
Exarchin Konstantinopel. Der Glaube istmit dem grie- 
chisch-orthodoxen gleich. Die erste bulgarische Schule 
ist 1835 eröffnet worden. Im Jahre 1856 waren noch 
fast alle Schulen griechisch; aber 1878 zählte man be- 
reits 1658 bulgarische Lehranstalten. Seitdem ist der 
Volksschulunterricht obligatorisch geworden; aber bis 
heute fehlt es vielfach an Lehrern und Lehrmitteln. 
Die Sprache der Bulgaren ist ein altslawischer, 
dem ältesten Krchenslawißt sehr nahestehender Dia- 
lekt, der mehr als irgendeine andere slawische Sprache 
abgeschliefen und vereinfacht ist. Das erste gedruckte 
bulgarische Buch in diesem neuen Vulgärbulgarisch 
ist 1806 erschienen. Die Grammatik und die Recht- 
schreibung sind heute noch unsicher, die Literatur bis 
heute wenig reich, obwohl es den Bulgaren nicht an 
räftigen literarischen Talenten fehlt. 
Ackerbau, Gewerbe, Industrie. Etwa 80 
Prozent der Bevölkerung leben auf dem Lande. Wäh- 
rend in türkischer Zeit die Erzeugnisse des Ackerbaues 
bei primitivster Wirtschaft unzulänglich waren, ist Bul- 
garien heute durch sorgfältigeren Anbau (Maschinen- 
verwendung), Urbarmachung von unbebautem Boden 
und Entwicklung der Verkehrsmittel (Wege, Bahnen, 
Häfen, See- und Donauschiffahrt) ein Ausfuhr- 
land für Agrarerzeugnisse geworden und liefert 
neben Getreide und Mais Vieh, Eier, Hülsenfrüchte, 
Tabak (Mazedonien), Stoffe, Häute, Rosenöl. Die 
Bodenverteilung ist außerordentlich günstig: 8 
Proz. ist Staatsbesitz (meist Wälder), 25 Proz. Ge- 
meindebesitz, 50 Proz. in den Händen von Bauern — 
meist mittlerer (wenig Kleinbesitzy — und sehr wenigen 
Großgrundeigentümern. Der Restist ungenuftzt. Acker- 
bau und Ausfuhrhandel sind sehr entwicklungsfähig. 
Das alte Kleingewerbe in den Städten ist im 
Niedergang; die Industrie (unter anderem Kohle 
und Kupfer) ist in den ersten Anfängen. 
Aus der bulgarischen Geschichte. Das gesamte 
heutige Bulgarien und Mazedonien z Ende des 3. 
bis. Anfang des 6. Jahrhunderts von slawischen acker- 
bauenden Hölkern- mit kommunistischen Einrichtungen, 
ohne gemeinsame staatliche Leitung, besetzt und be- 
siedelt worden. Seit Ende des 7. Jahrhunderts er- 
folgte eine Überschichtung dieser Slawen durch tura- 
nische Reiter- und Hirtenvölker: Tataren, Ungarn, 
Avaren, Petschenegen, Finnen, Bulgaren, die unter 
despotischen Bojaren standen. Von ihrer Sprache 
hat sich keine Spur erhalten; dafür aber haben sie 
den unterworfenen Slawen, in denen sie bald völlig
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        78 
aufgingen, ihre öffentlichen Einrichtungen gegeben. 
Sie schufen schon um 800 einen bulgarischen Ein- 
heitsstaat. Ihr Fürst Boris (852— 884) ließ sich 864 
taufen und führte bei seinem Volk das Christentum 
ein. Unter dem Fürsten Simeon (893—927) reichte 
die Bulgarenherrschaft bis zum Agäischen und Adria- 
tischen Meer, bis zur Save und zu den Karpathen. 
Der Papst bestätigte *o seinen Titel »Zar und 
Selbstherrscher der Bulgaren und Griechen. Die 
ältesten Hauptstädte waren Presba und Tirnowo. 
Im Jahre 967 erlag dieses Reich gleichzeitigen An- 
griffen der Russen und der Griechen; doch trat ein 
neues bulgarisches Reich mit der Hauptstadt Ochrida 
wenig später die Erbschaft an. Der Zar Samuel von 
Ochrida (976— 1014) herrschte wieder von Morea 
bis zur Donau; aber schon sein Nachfolger beschloß 
diese zweite Dynastie nach einem vernichtenden Feld- 
zug des griechischen Kaisers Basil II., des -Bulgaren- 
töterse. Ein drittes großes bulgarisches Zarentum 
entstand Ende des 12. Jahrhunderts wiederum in 
Tirnowo und dehnte sich über die Walachei, Serbien, 
Albanien. Mazedonien und Thrazien aus. Unter dem 
Zaren Johann Asen II. (1218— 41) erreichte die 
bulgarische Macht ihren Höhepunkt. Aber schon 1257 
starben auch die Aseniden aus, und das Reich zerfiel. 
Kleine selbständige bulgarische Herrschaften hielten 
sich in Tirnowo und Widin und fielen erst 1393 bzw. 
1396 den Türken zum Opfer. 
Durch die türkische Ferrschaft und Einwanderun 
sind alle nationalen Regungen in Bulgarien erstickt 
worden. Gelegentliche Aufstände hatten nur noch lo- 
kalen Widerstand gegen die Bedrückungen der tür- 
kischen Beamten zum Ziele und wurden stets schnell 
niedergeworfen. Bulgarisch blieben nur die verarm- 
ten Bauern und die unteren Kreise der städtischen Be- 
völkerung. Um die Trennung zwischen den unter- 
worfenen Bulgaren und den herrschenden Türken zu 
sichern, ließ die Pforte der Bevölkerung ihren crit- 
lichen Glauben, ihre Priester und in gewissem Um- 
fange auch ihr eigenes Recht und ihre Gemeindever- 
waltung. So arhielien sich die bulgarische Sprache 
und von der älteren bulgarischen 
stens die liturgischen Werke. 
Infolgedessen konnte sich im 19. Jahrhundert eine 
bulgarische Unabhängigkeitsbewegung entwickeln. 
Bulgaren, die im Ausland (OÖsterreich. Rumänien, 
Rußland) die westländischen Vorstellungen von Natio- 
nalität, Völkerfreiheit und Volksbildung aufnahmen. 
begannen im Lande Schulen zu gründen, in denen 
in bulgarischer Sprache unterrichtet wurde. Diese 
neue Bewegung wurde im Laufe des 19. Jahrhun- 
derts dadurch gekräftigt, daß die Kriege der Türkei 
die türkische Bevölkerung in Bulgarien aufrieben, 
während die Christen vom Militärdienst befreit blie- 
ben. Die türkische Herrschaft sah sich mehr als zuvor 
auf das Gewaltregiment türkischer Beamten beschränkt. 
Unerhörte übergriffe derselben führten schließlich 
1877 zum dewassneen Einschreiten Rußlands. In 
dem Frieden von San Stefano, der diesen Krieg be- 
endigte, wurde ein Fürstentum Bulgarien ge- 
schaffen, das von der Donau bis zum Agäischen Meer 
reichte und ganz Mazedonien und Ostserbien umfaßte, 
der Pforte aber tributär bleiben sollte. Der Berliner 
Kongreß 1878 beschnitt das Gebiet des neuen Fürsten- 
tums allerdings erheblich, aber der erste bulgarische 
Fürst, Alexander von Battenberg, konnte 1885 wenig- 
stens Ostrumelien mit seinem Fürstentum vereinigen. 
Als die Serben daraufhin zum Schutze des Gleich- 
iteratur wenig- 
I. Politik und Geschichte 
Hewichts auf dem Balkan Bulgarien den Krieg er- 
ärten, wurde die Neutralität Rumäniens durch eine 
lleine Gebietsabtretung bei Silistria erkauft und Ser- 
bien besiegt. Doch verhinderte eine österreichische 
Intervention Bulgarien, diesen Sieg durch Land- 
erwerb auszunutzen. 
Da Fürst Alexander, der sich den planmäßigen 
russischen Bevormundungsversuchen schon vor dem 
serbischen Kriege unerai entgegengesetzt hatte, in- 
folge seiner Volkstümlichkeit als siegreicher Feldherr 
dem Zaren unleidlich geworden war, wurde er durch 
eine russische Intrige abgesetzt und außer Landes ge- 
schafft. Er kehrte zwar schnell zurück, dankte aber kurz 
darauf ab. Eine streng antirussische Regentschaft unter 
dem energischen Stambuloff folgte und berief 1887 
den Prinzen Ferdinand von Koburg, den jetzigen Za- 
ren, auf den Thron. 
Dem Fürsten Ferdinand gelang es allmählich, ohne 
die bulgarische Selbständigkeit aufzugeben, wieder 
leidliche Beziehungen zu Rußland, das nach wie vor 
zahlreiche Parteigänger im Lande behielt, herzustellen 
und sein Land im Inneren kräftig zu entwickeln. 
Die Balkankriege 1912 — 1913. Die fort- 
dauernde Unordnung in Mazedonien infolge der 
zügellosen Übergriffe der Beamten Abdul Hamids 
gegen die christliche Bevölkerung und der revolutio- 
nären Abwehrbewegung durch christliche Banden ver- 
anlaßte im Juni 1908 Rußland und Großbritannien, 
sich über ein Beruhigungsprogramm zu einigen, das, 
im Notfall mit den Wa en, auf dem türkischen Bal- 
kan europäische Ordnung sicherstellen sollte. Die 
Gefahr eines europäischen Eingriffs, die dadurch 
drohte, bildete einen der Gründe für das Überraschende 
Gelingen der jungtürkischen Revolution im Jahre 
1908. Wie es für Shrrreikunger unmöglich war, 
sich als Herr von Bosnien und der Herzegowina der 
neuen demokratischen Bewegung in Konstantinopel 
mit ihrer Forderung eines gesamttürkischen Parla- 
ments unterzuordnen, so konnte auch Bulgarien 
unter den neuen Verhältnissen die Oberhoheit des 
Sultans nicht ertragen und erklärteseine Unabhängig- 
keit. Das Programm der jungtürkischen Regierung 
schien auf Gleichberechtigung aller Nationen unter 
moderner staatlicher Ordnung hinzudeuten, so da 
sich die mazedonischen Bulgaren erlöst fühlten un 
die bulgarische Bildungsbewegung alsbald, von Bul- 
garien gefördert, mit Schulen und literarischer Pro- 
aganda in Mazedonien einsetzte. Allein bald zeigte 
2 daß die jungtürkische Regierung ganz im Gegen- 
teil statt einer freien Entwicklung der christlichen Bal- 
kannationen vielmehr ihre schärfste Unterwerfung 
unter eine rein türkische Ordnung zum Ziel hatte. 
Dazu gehörte auch die Vorherrschaft der türkischen 
Sprache und Schule. Schon im Jahre 1909 begann 
infolgedessen der alte Kampf der Bulgaren in Maze- 
donien für die Unabhängigkeit ihrer Schule, Kirche und 
Sprache aufs neue und faßte nun mehr und mehr 
statt der früheren Forderung politischer Autonomie 
einen staatlichen Anschluß an Bulgarien unter Zer- 
trümmerung des türkischen Reiches ins Auge. Auch 
Großbritannien begann jetzt nach derselben Richtung 
zu arbeiten. Aus #nlab der furchtbaren Christen- 
verfolgung in Mazedonien im Herbst 1903 war in 
England durch einen gründlichen Kenner Mazedo- 
niens das Balkankomitee gegründet worden, das zu- 
nächst in rein philanthropischem Interesse eine Un- 
terstützung notleidender mazedonischer Christen mit 
Lebensmitteln und Kleidern organisiert hatte. Die
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        Freiherr von Dungern: Bulgarien 
fortdauernde Verfolgung der mazedonischen Bauern 
führte dazu, daß dieses Komitee dauernden Bestand 
und politische Färbung bekam. Immer mehr Maze- 
donier flohen nach Bulgarien und zogen dort die 
Regierung in ihre Nöte hinein. Nach der Enttäuschung, 
die das Jungtürkentum des Jahres 1908 auch den 
englischen Balkanfreunden bereitet hatte, benutzte der 
Leiter des Komitees, Noel Buxton, diese Beziehungen 
zu Bulgarien, um an der Gründung eines Bundes 
der christlichen Balkanstaaten gegen die Türkei zu 
arbeiten. Zunächst deckten sich hierbei die englischen 
und die russischen Interessen nicht. Rumänien wurde 
von beiden Teilen als zur Dreibundgruppe gehöri 
ausgeschlossen. Aber während Buxton und die durch 
sein Komitee orientierte liberale englische Regierung 
in dem Ausschalten des Halbmonds aus Europa 
das Heil sahen, hoffte Rußland einen Bund der Bal- 
kanstaaten einschließlich der Türkei zustande zubringen 
und seinem Einfluß anzugliedern. Der Kampf Ita- 
liens gegen die Türkei im Tripolis-Krieg steigerte die 
Erregung der Balkanchristen. Die jungtürkische Re- 
gierung war mittlerweile in Albanien mit immer 
grausameren Unterdrückungsmitteln gegen jede Re- 
gung des Nationalgeistes vorgegangen. Das ließ 
die Üübrigen Nichttürken auf dem Balkan Schlimmes 
ahnen. Deshalb siegte im Jahre 1912 der von Eng- 
land geförderte Plan; ein Geheimbund zwischen Bul- 
arien, Serbien und Montenegro kam zustande, dem 
ich mit Einschränkungen Griechenland anschloß. Die 
russische Regierung, deren diplomatische Hilfe dieses 
Werk schließlich vollendete, brachte in den bulgarisch- 
serbischen Vertrag eine scharfe Spitze gegen Osterreich- 
Ungarn und Rumänien. Da sich die bulgarische Re- 
gierung aus Furcht vor der Russifikation an Oster- 
reich-Ungarn angeschlossen hatte, zumal als im Jahre 
1908 die Abhängigkeit Serbiens von Rußland zu- 
tage getreten war, sind in Osterreich-Ungarn, als 
der Text dieser Verträge im Herbst 1913 in Paris 
veröffentlicht wurde, den Bulgaren Vorwürfe ge- 
macht worden. Allein die gegen Osterreich-Ungarn 
und Rumänien gerichtete Klausel des bulgarisch-ser- 
bischen Vertrags war so unmöglich und abfurd, und 
die Stimmung in Bulgarien war bei Abschluß des 
Vertrags so ausschließlich gegen die Türkei gerichtet, 
daß jene Klausel offenbar nur dazu gedient hatte, 
wohlwollendes Verhalten der russischen Regierung 
bei dem bevorstehenden Kriege gegen die Türkei zu 
erkaufen (vgl. Band I. S. 15). 
In der Tat hatten schon vor Abschluß des Ver- 
trags in größter, ausgezeichnet bewahrter Heimlich- 
keit bei allen verbündeten Balkanvölkern militärische 
Vorbereitungen für einen Krieg gegen die Türkei be- 
onnen. Die vier verbündeten Staaten wollten die- 
sen Krieg allein, ohne Unterstützung einer Großmacht, 
unternehmen. Die Neutralität Rumäniens, das mit 
der Türkei sehr gut, mit Bulgarien dagegen schlecht 
stand, wußte sich die bulgariche Regierung im letzten 
Moment zu sichern, ohne daß sie ein bestimmtes Ver- 
sprechen von territorialen Kompensationen nach dem 
Muster des Jahres 1885 abgab. Die Feindseligkeiten 
begannen noch vor Beendigung des italienisch-tür- 
kischen Krieges im November 1912. 
In Überraschend schnellem Siegeszug drangen die 
bulgarischen Truppen bis dicht vor Konstantinopel. 
Eine Vortruppe des bulgarischen Heeres kam bis an 
den Bosporus, Jog sich aber auf das bulgarische 
Hauptheer zurück, das vor der Hügelkette, die nach 
Pschataldscha genannt wird, haltmachte. Weshalb 
79 
damals der bulgarische Heerführer, General Dimi- 
trijeff — derselbe, der im Weltkrieg in russische Dienste 
übergetreten ist —, es vermied, in das von Truppen 
nahezu entblößte Konstantinopel vorzudringen, kann 
vorläufig nicht aufgeklärt werden. Die Volksmeinung 
in Bulgarien beschuldigt heute den General, daß er 
damals schon in russischem Solde gestanden und Bul- 
arien verraten habe. Rußland hatte natürlich alles 
#merref Zc, daß nicht der Zar Ferdinand statt des russi- 
schen Zaren das Kreuz an Stelle des Halbmonds auf 
der Hagia Sophia, der Kirche Konstantins, wieder auf- 
richtete. Jedenfalls benutzten die Türken die Zeit, 
um die Linien von Tschataldscha zu verstärken und ge- 
nügende Verteidi ungstruppen aus Kleinasien heran- 
zuziehen, während die bulgarische Armee durch eine 
schwere Choleraepidemie geschwäch wurde. 
Da die Serben ihre Stoßkraft hauptsächlich gegen 
Albanien und das nordwestliche Mazedonien gerichtet 
hatten, die Griechen mit unerwarteter Energie gegen 
Saloniki vordrangen und die Stadt besetzten, mußte 
sich also die bulgarische Regierung für den Erwerb 
Mazedoniens, das Hauptziel der bulgarischen Unter- 
nehmung, auf ihren Bündnisvertrag mit Serbien, der 
die Aufteilung der territorialen Beute festgesetzt hatte, 
verlassen. Immerhin wurde eine kleine bulgarische 
Truppe gegen Saloniki abgezweigt und traf dort 
einige Tage nach der Besetzung durch die Griechen 
ein. Bulgarien mußte sich damit begnügen, seine An- 
sprüche auf die Haupt= und Hafenstadt Mazedoniens 
dadurch zu bekräftigen, daß es neben den Griechen 
Truppen in der Stadt stationierte. Adrianopel war 
von den bulgarischen Heeren umgangen worden und 
hielt der Belagerung stand. 
Unter solchen Verhältnissen begannen in London 
auf Betreiben der Großmächte schon im Dezember 1912 
Friedensverhandlungen der Balkanstaaten mit der 
Türkei. Die österreichisch-italienische, von Deutschland 
unterstützte Forderung, daß Albanien von den ser- 
bischen und montenegrinischen Truppen preisgegeben 
und zu einem selbständigen Staat gemacht werde, 
führte zur Einberufung einer Botschafterkonferenz, 
die in London parallel mit dem Friedenskongreß der 
Balkanstaaten tagte. Der Friedenskongreß kam aber 
Unächst zu keinem Ergebnis, so daß Butdarien im 
Fedruar 1913 den Kampf von neuem begann und 
Adrianopel eroberte, woraufhin am 30. Mai in Lon- 
don ein Präliminarfriede zustande kam, in dem die 
künftigen Grenzen zwischen den Serben und Bulgaren 
einerseits, der Türkei anderseits festgesetzt wurden, 
nicht aber die Abgrenzung der Gebiete der Balkan- 
staaten untereinander. Als Serbien und Montenegro 
durch die Großmächte gezwungen wurden, wenigstens 
das westliche Albanien preiszugeben, verlangte Ser- 
bien eine Ausdehnung seiner Gebietszunahme in Ma- 
zedonien über die im serdisch-bulgarischen Bündnis- 
vertrag im Grundzug festgelegte Linie hinaus. Da 
Bulgarien, das sich durch die Griechen der Einver- 
leibung von Saloniki beraubt sah, doch im Hinterland 
dieser Stadt nicht zurückweichen wollte, Griechenland 
aber auch hier eine größere Gebietszone beanspruchte, 
wurden Serbien und Griechenland zu Bundesgenossen 
gegen Bulgarien. 
nterdessen hatte Rumänien seit Dezember 1912 als 
Lohn für seine Neutralität bei der bulgarischen Re- 
gierung auf die Abtretung der Stadt Silistria und 
auf eine Grenzberichtigung in der Dobrudscha ge- 
drängt. Der damalige Leiter der bulgarischen Poli- 
tik, Daneff, glaubte, obwohl mehrere Großmächte,
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        80 
vor allem Hsterreich- Ungarn, zu einem friedlichen 
Ausgleich mit Rumänien rieten, diesen Forderungen 
ausweichen zu können. Der Streitpunkt wurdeschließ- 
lich einer Botschafterkonferenz in Petersburg unter- 
worfen, die den Rumänen Silistria und eine kleine 
Grenzberichtigung zusprach. Aber der Fall war da- 
mit nicht erledigt, da die Kommission zur endgültigen 
Festseyung der Grenze an Ort und Stelle zu keiner 
Einigkeit kommen konnte. 
In dieser schwierigen Lage, auf allen Seiten von 
unzufriedenen Nachbarn bedroht, wurde Bulgarien 
im Juli 1913 — vielleicht nur durch ein unglückliches 
Mißverständnis oder durch eine übereilte Hondlung 
eines Unterbefehlshabers — zum offenen Kampfe mit 
Serbien und Griechenland getrieben. Das bulga- 
rische Volk und die bulgarischen Heerführer waren stolz 
darauf, daß sie im Krieg mit der Türkei die größ- 
ten Opfer gebracht, das Schwerste erreicht und sich 
den Serben und Griechen an Tapferkeit überlegen 
gezeigt hatten. Deshalb vertrauten sie auch in dem 
neuen Krieg gegen die Übermacht auf Erfolg. Allein 
die Türkei benutzte die Gelegenheit, um sofort wieder 
in Thrazien vorzudringen. Da Bulgarien im Ver- 
trauen auf den Londoner Präliminarfrieden und die 
Hilfe der Großmächte seine Truppen aus Thrazien 
jurückgezogen und nach Mazedonien gebracht hatte, 
onnten die türkischen Heere Adrianopel wieder be- 
setzen und sogar bis auf altbulgarisches Gebiet vor- 
dringen. Der russische Zar, der in dem bulgarisch-ser- 
bischen Streit hatte vermitteln wollen und empört 
war, daß man gegen seinen Willen wieder zu den 
Waffen griff, ermutigte die rumänische Regierung, 
ihre Forderungen gegen Bulgarien zu verschärfen 
und mit den Waffen zu unterstützen. Während sich 
der Kampf zwischen den bulgarischen und den serbisch- 
Geechischen Truppen, zunächst nicht zum Vorteil der 
ulgaren, hinzog, drang eine larte rumänische Armee 
in Bulgarien ein und besetzte das von Truppen völli 
entblößte Nordbulgarien bis dicht vor Sofia, so daß 
Bulgarien vom neutralen Ausland abgeschnitten war. 
Diesen Augenblick benutzte die griechische Propaganda, 
um die Weit mit einer Flut von Berichten über 
schauderhafte Grausamkeiten zu Überschwemmen, die 
von bulgarischen Truppen bei ihrem Rückzug in 
griechischen Städten und Ortschaften Südmazedoniens 
angeblich begangen worden wären. Die öffentliche 
Meinung in der ganzen Welt wandte sich deshalb 
heftig gegen die Bulgaren, und allgemein wurde es 
als eine Erlösung empfunden, als die rumänischen 
Staatsmänner auf der Bukarester Friedenskonferenz 
August 1913 einen Frieden unter den christlichen Bal- 
kanstaaten zustande brachten. Bulgarien behielt nur 
einen kleinen Teil seiner mazedonischen und thrazischen 
Eroberungen; an Rumänien mußte es wertvolles 
Grenzgebiet in der bulgarischen Dobrudscha abtreten. 
Osterreich-Ungarns Verlangen, daß dieser Frieden zu- 
gunsten Bulgariens revidiert werde, blieb unbeachtet. 
Bulgarien im Weltkriege. Zu Anfang des Welt- 
krieges herrschte in Bulgarien noch die schwere De- 
pression, die natlrlicherweise durch die Verluste und 
die Niederlage im zweiten Balkankrieg entstanden war. 
I. Politik und Geschichte 
Wohl wurde im ganzen Volk der bestehende Zustand 
als ein provisorischer angesehen; aber die Regierung 
war Üüberzeugt, daß erst nach gründticherinnerer Kräf- 
tigung der Kampf mit der Übermacht der Feinde wie- 
der ausgenommen werden könne. 
Am größten war das Mißtrauen gegen die Pforte, 
weil man das Vorgehen der Türkei bei der Wieder- 
einnahme von Adrianopel als einen Verrat betrachtete. 
Der Gegensatz gegen Griechenland schien deshalb 
unüberbrückbar, weil der einzige Hafen am Agäischen 
Meer, der Bulgarien im Müsarester Frieden zuge- 
Prochen war, Dede Agatsch, vorläufig nur auf dem 
ege über türkisches Gebiet mit der Bahn erreicht 
werden konnte, während sich der viel bessere natür- 
liche Hafen für den bulgarisch gewordenen Teil Maze- 
doniens, Kawalla, in der Hand der Griechen befand. 
Gegen Serbien richtete sich unversöhnlicher Haß, weil 
die Serben den größten Teil des mazedonischen Ge- 
bietes bekommen hatten, für dessen Angliederung an 
Bulgarien der Krieg gegen die Türkei unternommen 
worden war. Gegen die Rumänen bestand womöglich 
noch größerer Haß, weil man überzeugt war, daß man 
ohne ihr Eingreifen der übrigen Gegner Herr ge- 
worden wäre. Aber mit Rumänien war die Regierung 
entschlossen, freundschaftliche Beziehungen aufrecht- 
zuerhalten, um auf dem Wege durch Rumänien den 
bulgarischen Handel zu entwickeln. Ende Oktober 1914 
wurde durch vertrauliche Besprechung eine politische 
übereinstimmung mit der Türkei hergestellt, während 
die zunehmenden Mißhandlungen der Mazedonier 
durch die Serben und die fortgesetzte Flucht von Maze- 
doniern nach Bulgarien das Verhältnis zu Serbien 
und damit auch zu der Entente immer gespannter 
gestalteten. Jedes Mißtrauen gegen den türkischen 
tachbar schwand, als sich die Türkei durch Vertrag 
vom 25. Sept. 1915 zu Gebietsabtretungen bereit 
fand (vgl. das Textkärtchen auf S. 64), die den Bul- 
garen eine leichtere Verbindung mit ihrem ägäischen 
Hafen Dede Agatsch gestatteten. Auch die Beziehungen 
zu den Griechen wurden günstig beeinflußt dadurch, 
daß sich Griechenland bei dem Einfall der Osterreicher 
in Serbien im Herbst 1914 nicht in seiner Neutralität 
beirren ließ. Dagegen entstand eine immer größere 
Spannung mit Rumänien und mit Rußland, weil 
Rumänien bald unerträgliche Schwierigkeiten für die 
Durchfuhr zwischen Österreich-Ungarn und Bulgarien 
machte und die Unterstützung Serbiens durch Ruß- 
land auf dem Donauwege förderte. Als sich Serbien 
nicht einmal auf russischen Rat zur Abtretung maze- 
donischer Gebietsteile an Bulgarien bereit fand, schloß 
sich die Regierung des Zaren Ferdinand während der 
Niederwersung Serbiens (im Herbste 1915) den Zen- 
tralmächten am 12. Oktober offen an. 
Literatur. „Annuaire statistigue du Royaume de 
Bulgarice, 1912 (Sosia 1913); »La Bulgarie contempo- 
raine (Brüssel 1905); C. Jirekek, Cestypo Bulharsku 
(Prag 1888); H. Klaeber, Fürst Alexander von Bul- 
harien (Dresd. 1904): A. G. Drandar, Erdnement= 
Lolitiques en Bulgarie (Par. 1896); C Jireksek, Das 
Fürstentum Bulgarien (Wien 1891); K. Kaßner, Bul- 
garien, Land und Leute rinßv 1916); Bulgarische Biblio- 
thek-, hrsg. von G. Weigand (das. 1910).
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        Freiherr von Dungern: Rumänien 
Rumänien 
von Professor Dr. Otto Frelherrn von Dungern in Graz 
Das Königreich Rumänien umfaßte bei Beginn des 
Weltkrieges 138962 qgkm, wovon 7609 akm in der 
Dobrudscha erst 1913 erworben waren. Das Land 
zerfiel dis 1859 in zwei getrennte Fürstentumer: Wa- 
lachei und Moldau. Die Dobrudscha, zwischen rech- 
tem Donauufer und Schwarzem Meer, hat im Mittel- 
alter vorübergehend zur Walachei gehört, später zur 
Türkei. Die Moldau hat den größeren Teil ihres 
ehemaligen Gebietes in der Zeit von 1774 bis 1877 
an Österreich und Rußland abtreten müssen (Buko- 
wina bzw. Beßarabien). 
Im Königreich Rumänien wurden am 1. Januar 
1913 rund 7235000 Einw. gezählt. Dazu kamen etwa 
300 000 in der neuen Dobrudscha. Von diesen Ein- 
wohnern waren etwa 250000 Juden, meist in der Mol- 
dau. etwa 80—100000 österreich.-ungarische Staats- 
angehörige, 24000 Türken, 32000 Bulgaren, Grie- 
chen, Albaner, Serben. Die zahlreichen Zigeuner sind in 
Rumänien stärker assimiliert als in anderen Ländern. 
Nur die Hauptstadt Bukarest hat mehr als 100000 
Einwohner. über 81 Proz. der Bevölkerung leben 
auf dem Lande. 68 Proz, der Bodenfläche dienen dem 
Landbau, meist Weizen und Mais. Die Ausfuhr setzte 
sich zu mehr als 80 Proz. aus Ackerfrüchten zusam- 
men. Ihr Wert betrug 1913: 532,2 Millionen Mark 
und überstieg seit vielen Jahren den Wert der Ein- 
fuhr, von der mehr als drei Fünftel 1913 aus Deutsch- 
land und ÖOsterreich-Ungarn kamen. Die Getreide- 
ausfuhr ging zum größten Teil nach Belgien, aber 
für den deutschen Markt.— Die Petroleumindustrie in 
Rumänien ist jung; sie zeichnete sich dadurch aus, daß 
Produktion und Handel nicht kartelliert waren. Deut- 
sches Kapital war, wie auch sonst im Lande, stark be- 
teiligt. Die Stqatsschuld befand sich vor dem Welt- 
kriege weit überwiegend in deutschen Händen. Sie be- 
trug rechnungsmäßig am I. April 1916:2,1 Milliarden 
Frank, wovon über 400 Millionen getilgt waren. 
Das Bolk. Bei den Rumänen lassen sah stawische, 
tatarische, aber auch romanische Züge feststellen. 
Sicherlich sind sie ein Mischvolk; aber es hat sich bei 
ihnen eine so starke nationale Eigenart ausgebildet, daß 
sie sich von allen anderen Balkanbewohnern deutlich 
unterscheiden. Im Mittelalter wurden die Rumänen 
als Wlachen bezeichnet, wie sie heute noch auf dem 
südlichen Balkan heißen. Sie tauchen urkundlich in 
Mazedonien schon im 11. Jahrhundert auf, nördlich 
der Donau erst im 13. Jahrhundert. Deshalb läßt 
sich die Frage, ob die mazedonischen Rumänen im 
Mittelalter nach dem heutigen Königreich und nach 
Ungarn eingewandert sind oder ob sich umgekehrt eine 
alte rumänische Bevölkerung während der Völker- 
wanderung in die unzugänglichen Karpathen gerettet 
und von dort später über den Balkan ausgebreitet 
hat, historisch nicht lösen. Keinerlei Volkstraditionen 
ergänzen die geschichtliche Lücke. Die Lehre vom rö- 
mischen Ursprung der Rumänen ist jedenfalls erst im 
17. Jahrhundert in Rom aufgekommen und hat sich 
durch Zöglinge der päpstlichen Schulen für sieben- 
bürgisch-rumänische Geistliche zuerst in Siebenbürgen 
und dann von dort aus nach dem heutigen Rumä- 
nien verbreitet. Diese Theorie fußt einerseits auf der 
Sprache der Rumänen, die, troß zahlreicher sla- 
wischer und anderer Lehnworte und Wendungen, nach 
Wortschatz, Formenlehre und Satzbau romanisch ist, 
anderseits auf der historischen Tatsache, daß im 2. 
Der Krieg 1914/17. U. 
81 
Jahrhundert n. Chr. die Sitze der heutigen Rumänen 
durch Rom erobert und besiedelt worden sind. Aber 
die historische Kontinuität zwischen dieser Besiedlung 
und dem Auftreten der Rumänen in denselben Ge- 
genden 1000 Jahre später ist nicht nachweisbar. 
Die Verbreitung der Rumänen beschränkt sich 
nicht auf das heutige Königreich. In den bulgarischen 
Städten und Dörfern am südlichen Donauufer sind 
sie immer noch zahlreich. Im Nordostwinkel des ehe- 
maligen Königreichs Serbien, um Negotin, bilden sie 
den Hauptbestandteil der Bevölkerung. In Maze- 
donien und hinüber bis nach Thessalien und Albanien 
(Epirus, Valona) wurden sie vor den Bulkankriegen 
auf eine halbe Million geschätzt. In Dalmatien, wo 
sie sich noch Ende des Mittelalters in den Küstenstädten 
deutlich nachweisen lassen, sind sie in der slawischen 
Bevöl'erung aufgegangen. Eine kleine rumänische 
Bevölkerungsgruppe, die sich in Istrien erhalten hat, 
verfällt heute zusehends dem gleichen Schicksal. Auch 
die rumänische Bevölkerung Geharabiens ist im Rück- 
ang. Die Schätzungen für die Zahl der dortigen 
Krumänen schwanken; sie betrug nach der einzigen 
russischen Nationalitätenzählung (1897) 920 900. In 
der einstmals rein rumänischen Bukowina, die 1774 
von Osterreich besetzt wurde, bilden sie heute neben 
Ruthenen, Juden, Polen und Deutschen etwas mehr 
als ein Drittel der Einwohnerschaft. Erheblich ninunt 
das Rumänentum in Ungarn zu. In dem Ende 
des 17. Jahrhunderts gänzlich entvölkerten Banat 
haben sie sich schnell ausgedehnt. Auch in Sieben- 
bürgen drängen sie mit ihrem Kinderreichtum die 
kinderarmen Deutschen zurück. Dagegen scheinen sie 
in der Marmarosch seit der jüdischen Einwanderung 
stark gefährdet. Alles in allem mag es heute 11.—12 
Millionen Rumänen geben. Sie sind also zahlreicher 
als die Magyaren. Auf Ungarn entfallen, je nachdem 
man ungarische oder andere Zählungen zugrunde 
legt, 3—4 Millionen, nach der ungarischen Zählung 
von 1910: 2909030. 
Die Bolkswirtschaft. Die Entwicklung der ru- 
mänischen Volkswirtschaft ist gebunden an den natür- 
lichen Bodenertrag, an die geographische Lage des 
Landes und an die Produkinssorm, die bisher ab- 
pängig geblieben ist von der geschichtlichen Verfas- 
ungsgrundlage, der Herrschaft einer kleinen Schicht 
von Eroßgeundbesitern über ein wirtschaftlich ab- 
hängiges, kulturell zurückgebliebenes Bauerntum. 
Landwirtschaft und Biehzucht. Der rumenische 
Boden ist in den weiten Ebenen der Walachei wie der 
Moldau ungemein reich. In der türkischen Zeit bil- 
deten die Fürstentümer die Kornkammer der Türkei. 
Dabei waren damals noch viel größere Teile der 
Ebenen als heute Weiden, auf denen außer Kleinvieh 
Rinder, Büffel und Pferde gezogen wurden. Um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts suchten die englischen 
Importeure das rumänische Getreide für den eng- 
lischen Bedarf heranzuziehen. Die Wiederinstand- 
setzung des Schiffahrtsweges im Donaudelta, die 
1856 auf dem Pariser Kongreß beschlossen und seitdem 
durch die internationale Galatzer Donaukommission 
glänzend durchgeführt wurde, geschah wesentlich im 
anteresse Englands. In neuerer Zeit ist der rumä- 
nische Weizen, der auch wegen seiner hervorragenden 
Qualität geschätzt wird, hauptsächlich auf demselben 
Wege für den deutschen Bedarf nach Antwerpen ver- 
schifft worden. Da seit dem Jahre 1882 die Ausfuhr 
des rumänischen Viehes durch Zoll- und Sperrmaß- 
nahmen an der ungarischen und österreichischen 
6
        <pb n="96" />
        82 
Grenze fast ganz verhindert wurde, richtete die rumä- 
nische Regierung die Landwirtschaft planmäßig auf 
eine immer stärkere Erzeugung von Getreide ein. Die 
aunze sehr großzügig durchgeführte Ausgestaltung der 
erkehrswege ( Heslvahmen und Straßen) und der 
Ausfuhrhäfen am Schwarzen Meere dienten hierzu. 
Die Viehzucht ist dadurch zurückgedrängt worden, 
während sich die Größe der mit Getreide und Mais 
bepflanzten Bodenfläche schnell steigerte und auch der 
Bodenertrag durch intensivere Bewirtschaftung zu- 
nahm. Obwohl die Regierung gerade nach dieser letz- 
ten Richtung seit Jahren vieles getan und erreicht 
kat. insbesondere durch planmäßige Aufklärung der 
auern, ist der Bodenertrag in Rumänien immer 
noch steigerungsfähig. 
Auf den Vorberzen der Karpathen wird seit alters 
Wein gezogen. mänien ist eines der bedeutend- 
ten Weinbauländer der Welt. Auch die Obstzucht 
teht in hoher Blllte. 
Die Karpathen sind trotz zunehmender Abholzun 
meist durch deutsche Gesellschaften, immer noch bede 
mit ungeheuren Eichen-, Buchen- und Tannenwäldern. 
Der Mineralreichtum des Landes wird von man- 
chen Geologen als sehr groß bezeichnet. Rumänien 
und die Dobrudscha sollen mächtige, aber sehr tief lie- 
gende Lager von Kohle aller Qualitäten besitzen. 
uch Eisen soll reichlich vorhanden sein. Das pracht- 
voll reine rumänische Steinsalz wird seit alter Zeit in 
bergmännischem Betrieb gebrochen, zerkleinert und so 
in den Verkehr gebracht. Das Vorhandensein von 
Petroleum in den Vorbergen der rumänischen 
Karpathen war seit langem bekannt, aber eine Aus- 
nutzung im großen ist erst in den letzten 20 Jahren 
möglich geworden, seitdem die Regierung durch gesetz- 
liche W ausländisches Petroleum fernhielt 
und für das eigene Bevorzugungen einführte. 
Ein einheitlich organisierter Arbeitsmarkt be- 
eht noch nicht. Die Industrie muß die Arbeiter, 
ie sie braucht. mühsam an sich ziehen und heranbil- 
den. Die allgemeine Bildungsgrundlage (Volks- 
schule) ist trotz gesetzlicher Fürsorge praktisch mangerl- 
haft. Die zahlreichen staatlichen Fachschulen haben 
hanz üÜberwiegend agrarische und kleingewerbliche 
usbildung zum Ziele. Der Bauer ist nicht so fleißig 
wie der bulgarische, auch minder zugänglich für mo- 
derne Methoden. Sein Lebensstil . äußerst primi- 
tiv; unglaubliche Genügsamkeit und starker Fatalis- 
mus hemmen ihn. Er besitzt infolge der zahlreichen 
Landverteilungen seit dem Jahre 1864 in der Regel 
eigenes Ackerland und Vieh, aber zu wenig, um selb- 
ständig zu wirtschaften. Der Großgrundbesitzer gibt 
ihm Pachtland dazu und beschäftigt ihn als Arbeiter, 
nutzt ihn aber dabei aus. Der Ernährungs- und Ge- 
sundheitszustand der Bevölkerung hat Sah infolge- 
dessen trotz kolossalen zisfermäßigen Aufschwungs 
der Gesamtvolkswirtschaft eher verschlechtert als ver- 
bessert. Die neue freiheitliche Gesetzgebung hat ein 
dichtes Netz von Schnapswirtschaften (durchweg in 
Händen von Juden) aufkommen lassen, die sehr schäd- 
lich wirken. Die gewaltige Steigerung des Volks- 
reichtums konzentriert sich in den Händen einer rela- 
tiv sehr geringen Zahl von Geldhändlern, Kaufleuten 
und Großgrundbesitzern. Diese Kreise betreiben lei- 
denschaftlich Parteipolitik, mehr mit persönlichen als 
mit sachlichen Zielen. In der vermögenslosen In- 
telligenz finden sie dabei eine willige. grundsatzlose 
Klientel, während der Bauer politisch stumpf einigen 
ihm persönlich bekannten Beamten oder Großgrund. 
I. Politik und Geschichte 
besitzern blind zu folgen pflegt. Der Einfluß der 
russenfreundlichen Geistlichkeit z4 geringer als in Bul. 
garien. In Ungarn wird die rumänische Intelli- 
enz, weil sie im öffentlichen Dienst keine Verwendung 
nde, zur nationalistischen Opposition getrieben, 
während sie in der Bukowina und in Beßarabien von 
der Regierung herange ogen wird und mit ihr geht. 
Die Mazedorumänen * von der rumänischen Re- 
gierung bis zum Balkankrieg energisch gefördert, seit- 
em aber praktisch aufgegeben worden. gerr poli- 
tische Beziehungen zu den ungarischen Rumänen sind 
von der dortigen Opposition stets gesucht, aber im 
Königreich erst seit dem Weltkrieg rückhaltlos von der 
Regierung unterstützt und ermutigt worden. 
us der rumänischen Geschichte. Selbständige 
Staaten haben nur die Rumänen der Moldau und 
der Walachei gebildet. Aber siebenbürgisch-rumänische 
Adelsfamilien waren es, die um 1290 nach der 
Walachei und um 1350 nach der Moldau vordrangen 
und in diesen beiden Gegenden selbständige Fürsten- 
tümer gründeten, die sich schnell ausdehnten und auch 
den Türken gegenüber bis in das 17. Jahrhundert 
eine leidliche Unabhängigkeit zu wahren wußten. 
Diese Moldauer und Walachen waren als tapfere 
Krieger und Reiter berühmt. Allem Anschein nach 
war im 17. Jahrhundert die Einwohnerschaft der gan- 
en Walachei und der Moldau, die damals bis an den 
njestr reichte, ausschließlich rumänisch. Einer der 
rumänischen Fürsten jener Zeit hat einmal die bei- 
den Fürstentümer unter seiner Herrschaft vereinigt, 
Michael der Tapfere, der sich auch zum Herrn 
Siebenbürgens machte. Aber schon nach einem Jahr 
brach dies großrumänische Reich mit seinem Tode 
zusammen. Beiden Ländern fehlte die Einrichtun 
einer kräftigen monarchischen Gewalt, so daß nur sel- 
ten unter Horten Herrscherpersönlichkeiten die Für- 
stentümer für ihre Nachbarstaaten einen ihrer Größe. 
entsprechenden Machtsaktor bedeutet haben. 
Im 17. Jahrhundert gelang es den Türken, ohne 
Underung des lockeren Abhängigkeitsverhältnisses der 
beiden Fürstentlimer (sie zahlten Tribut, waren aber 
im übrigen freier gestellt als irgendein anderes tür. 
kisches koberungsgebiet auf dem Balkan), die Ru- 
mänen allmählich bis zu rücksichtsloser Ausnutzung 
aller ihrer produktiven Kräfte z unterwerfen. Die 
faktische türkische Gewalt in den beiden Fürstentümern 
steigerte sich im 18. Jahrhundert dadurch, daß in ein- 
zelnen rumänischen Städten die Bevölkerung ver- 
trieben und durch türkische Militärkolonien ersetzt 
wurde, daß der Fürst eine türkische Militärtruppe be- 
kam, daß die gesamten Getreidellberschüsse des Lan- 
des dauernd für die Türkei beschlagnahmt waren, so- 
wie schließlich dadurch, daß der Sultan nach Belieben 
über die beiden Fürstenthrone verfügte. Die Pforte 
machte sich die Schwäche der Dynastien zunutze und 
besetzte die Throne in schnellem Wechsel mit Groß- 
grundbesitzern, seit dem 18. Jahrhundert mit grie- 
chischen Kaufleuten aus dem Fanar (Fanarioten) und 
Abenteurern. Die Fürstentümer wurden ihnen ge- 
gen einen ständig gesteigerten Tribut verpachtet und 
zur Aussaugung überliefert. Diese griechischen Für- 
sten zogen andere Griechen als Beamte, Priester. Leh- 
rer nach sich und verschwägerten sich und ihre Ge. 
nossen mit dem rumänischen Adel, den Bojaren. 
Ihre romanisierten Nachkommen bilden heute einen 
der Zahl und noch mehr dem Besitz nach überragen- 
den Teil der führenden Großgrundherrenfamilien. 
Griechen sind die Maurokordato, Kantakuzino, Ro-
        <pb n="97" />
        Freiherr von Dungern: Rumänien 
setti, Maurojeni usw., altrumänische Aristokraten die 
Carp, Filipescu, Bibesco, Sturdza, Brancovanu, 
Beldiman; zur emporgekommenen Intelligenz gehö- 
ren die Jonesau. Marghiloman; Bratianu ist bulga- 
rischer Abstammung. Formell sind alle Adelsprivi- 
legien verfassungsmäßig heute abgeschafft. 
In der Zeit der schärfsten Unterdrückung durch 
Türken und Griechen erschienen im Osten Beßara- 
biens die Russen. Ihre Einmischung in die rumä- 
nischen Verhältnisse erwies sich seit der ersten russi- 
schen Besetzung des Landes 1770 noch verderblicher 
für die rumänische Selbständigkeit als die türkische 
Ausnußung. 1812—29 wurden Beßarabien und das 
Donaudelta durch Rußland annektiert. Kurz vor dem 
Krimkriege wurde die Absicht der Russen, die ganzen 
Donaufürstentümer zu annektieren und zu russifizieren 
offenbar. Die Westmächte kamen den Rumänen zu 
Hilfe; Osterreich griff zu einer Schutzbesetzung, und im 
Pariser Frieden 1856 mußte Rußland einen klei- 
nen Teil Beßarabiens und das Donaudelta zurück- 
geben; außerdem wurde bestimmt, daß die Donau- 
schiffahrt im Delta allen Nationen gleichmäßig offen- 
stehen und daß die beiden Fürstentümer eine autonome 
Verfassung bekommen sollten. Im Jahre 1859 wurde 
ein Rumäne, Cuza, in beiden Fürstentümern zum 
Herrscher gewählt. Er versuchte einschneidende Ver- 
sassungs-- und Verwaltungsreformen einzuführen, 
mußte aber im Jahre 1866 wegen persönlicher Un- 
tüchtigkeit einer reformfreudigen Opposition im Lande 
weichen. Prinz Karl von Hohenzollern wurde 
nun auf Anregung Napoleons III. zum Fürsten der 
vereinigten Donaufürstentümer erkoren. Unter seiner 
Regierung hat sich die Umwandlung Rumäniens zum 
modernen Staat mit allgemeiner Schulbildung, Stra- 
ßen, Eisenbahnen, Post. Telegraph und Telephon, mit 
modernem Heer und Marine, moderner Gesetzgebung, 
Rechtspflege und Verwaltung, großzügiger Sen. 
Industrie= und Staatsschuldenpolitik, aber auch mit 
westländischem Parlamentarismus und Parteigetriebe 
vollzogen oder doch angebahnt. Korruption und Pro- 
tektion sind nicht verschwunden. 
Die Teilnahme am russisch-türkischen Kriege 1877, 
bei dem Fürst Carol durch sein Eingreifen bei Plewna 
die verzweifelte Lage des russischen Heeres rettete, ver- 
schaffte Rumänien die völlige Unabhängigkeit von der 
Türkei und in der Folge (1881) die Anerkennung als 
Königreich. Aber der rumänische Teil Beßarabiens 
mußte an Rußland abgetreten und die verwahrloste 
nördliche Dobrudscha dafür in den Kauf genommen 
werden. Hier hat sich dann Rumänien in Kon- 
stanza, das durch eine gewaltige Eisenbahnbrücke über 
die Donau an das rumänische Bahnnet angeschlossen 
wurde, einen modernen Seehafer ersten Ranges ge- 
schaffen, dessen Ausbau 1914 noch im Werk war. 
Die neutrale Haltung Rumäniens im serbisch-bul- 
garischen Krieg 1885 brachte Rumänien eine kleine 
Gebietsabtretung bei Silistria ein. Das Eingreifen 
im zweiten Balkankrieg 1913 führte im Frieden von 
Bukarest zur Abtretung von Silistria, Tutrakan 
(Turtukaia) und der reichen südlichen Dobrudscha mit 
Dobritsch und Baltschik auf Kosten Bulgariens. 
Rumänien im Wellkriege. Unmittelbar nach der 
Übergabe des österreichisch-ungarischen Ultimatums 
an Serbien Ende Juli 1914 hat in Rumänien eine 
beftige Bewegung, in erster Linie gegen Ungarn und 
Osterreich, aber bald auch gegen Deutschland begonnen. 
Sie war, wie sich schnell herausstellte, durch französi- 
sche Agenten und russisches Gold glänzend vorbereitet. 
88 
Die deutschen Mächte und die rumänischen Deutsch- 
freunde waren nicht gerüstet. Ihnen ist es erst im 
Laufe des Krieges gelungen, eine Gegenbewegung zu 
organisieren, die aber in keinem Zeitpunkt den stillen 
und den leidenschaftlich lauten Freunden der Entente 
in Presse, Parlament und Regierung wie hauptsäch- 
lich auch am Hofe selbst ernstlich Abbruch getan hat. 
Ihren ersten Erfolg erzielten die rumänischen En- 
tentefreunde schon Anfang August 1914. Eine bis 
dahin völlig geheim gebliebene, dem Thronfolger und 
dem Ministerrat vorenthaltene, auch von den deutschen 
Diplomaten und Staatsmännern streng geheim be- 
handelte, aber 30 Jahre alte, 1918 noch erneute 
Schutz= und Trutzkonvention des Königs Carol und 
des jeweilig verantwortlichen rumänischen Minister- 
präsidenten mit den deutschen und österreichischen 
Herrschern und Regierungen wurde von 30 leitenden 
rumänischen Staatsmännern, die der König als Kron- 
rat nach Sinaia berief, mit erdrückender Mehrheit als 
unverbindlich erklärt, unter dem Vorgeben, daß Ruß- 
land Osterreich-Ungarn und Deutschland nicht zum 
Kriege provoziert habe und deshalb der im Vertrage 
vorgesehene Faul der Unterstltzungspflicht nicht ge- 
geben sei. König Carol, der anderer Auffassung war 
als seine rumänischen Staatsmänner, wurde auf das 
heftigste öffentlich angegriffen. Ende September 1914 
wurde unter dem Eindrun des Marnerückzuges so- 
wie der russischen Fortschritte in Galizien und der 
Bukowinga ein zweiter Kronrat verlangt, der über den 
König hinweg den Krieg gegen Ungarn beschließen 
sollte. Dem Löni gelang es, durch persönliches Ver- 
handeln mit den Lorteif#zgrern zu erreichen, daß die- 
ses Verlangen im letzten Augenblicke vertagt und der 
Anfang August beschlossene Fustand einer abwarten- 
den bewaffneten Bereitschaft aufrechterhalten wurde. 
Aber unier der Erregung dieser Verhandlungen brach 
der Konig, der seit langem schwer leidend war. zu- 
sammen. Am 10. Oktober * er, und den Thron 
bestieg der damals zwar noch ebenso deutsch gesinnte, 
aber willensschwache, unsichere und wenig geachtete 
König Ferdinand, dessen Gemahlin, die englische Prin- 
zessin Marie von Koburg, die intelligente und ehr- 
geizige Nichte König Eduards, Tochter einer russischen 
Großfärstin, nunmehr offen für die Entente eintrat, 
von dem vorsichtig zaudernden gewissenlosen Mini- 
sterpräsidenten Bratianu im geheimen unterstützt. 
Da es mit den militärischen Vorbereitungen im 
Lande schlecht bestellt war, verzögerte die Regierung 
ihren Entschluß. Im März 1915 brachte die Unterneh- 
mung der Engländer und Franzosen gegen die Dar- 
danellen die ententefreundliche Stimmung beinahe 
zum Siege. Angst vor Bulgarien hielt schließlich das 
Ministerium zurück. Innere miililürische und wirt- 
schaftliche Schwierigkeiten verhinderten auch bei dem 
Eingreifen Italiens in den Krieg das rumänische 
Ministerium an einer Kriegserklärung. Die neutrali- 
tätsfreundliche Partei bekam sogar infolge großer 
finanzieller Vorteile, die dem Lande durch die Aus- 
fuhr seiner Agrarprodukte zuflossen, einige Ausdeh- 
nung in den Kreisen des Handels und des großen 
Grundbesitzes. Allein die Arbeit der Ententefreunde 
nahm ihren Fortgang und wurde schließlich dadurch 
ausschlaggebend, daß sie allmählich das Offizierkorps 
gewann, welches sich, nicht ohne geschickte persönliche 
Beeinflussung durch die Königin, trotz aller Mißerfolge 
der Entente mehr und mehr von dem sicheren End- 
siege der Entente Überzeugen ließ. Unaufrichtige Ver- 
handlungen Bratianus ließen im Juli 1915 einen 
67
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        84 
Augenblick die Realisierung einer dauerhaften Neu- 
tralitätsbasis für die Zentralmächte, die nur ungehin- 
derte Durchfuhr ihrer Materialien nach dem neutra- 
len Bulgarien verlangten und dafür weites Entgegen- 
kommen boten, möglich erscheinen. Allein wieder 
überwog bei der rumänischen Regierung die ein- 
gebildete Aussicht auf größeren Gewinn durch künf- 
tigen Anschluß an Rußland. Der verblüffende Er- 
folg der Deutschen und ÖOsterreicher in Serbien brachte 
in Rumänien eine Ernüchterung, und das Ministe- 
rium wankte. Aber aus biöher noch nicht öffentlich 
geklärten Ursachen vermochie sich schließlich der ruß- 
landfreundliche Ministerpräsident Bratianu zu hallen, 
ohne sein Ministerium durch Aufnahme neutralitäts- 
freundlicher oder deutschfreundlicher Parteiführer um- 
agestalten. Von da ab fanden die Verhandlungen 
ratianus mit der russischen Regierung immer offener 
statt, und der Anschluß des rumänischen Offizierkorps 
an das russische wurde immer deutlicher. Als im 
Sommer 1916 den Russen die Eroberung von Luzk, 
Giernowiß und der Bukowina gelang, benutzte Ruß- 
land die Gelegenheit, um den rumänischen Minister- 
frandenten durch die Androhung eines gewalt- 
amen Durchmarsches russischer Truppen durch die 
Moldau zur Entscheidung zu zwingen. die, in blin- 
dem Vertrauen auf ungeheuerliche russische Verhei- 
ßungen territorialer Vergrößerung, gegen die Zen- 
tralmächte aussiel. 
Aller Erwartung widersprechend, dankte König 
Ferdinand, der ehemalige deutsche Offizier, nicht ab, 
sondern übernahm den Oberbefehl und identifizierte 
sich sogar mit der Art der Kriegserklärung, die als 
perfider überfall auf die schwachen ungarischen Grenz- 
wachen in den Karpathenpässen zustande kam. Den 
vielen tausend reichs deutschen und österreichisch-unga- 
rischen Staatsangehörigen in Rumänien wurde die 
Rückkehr ohne jede Warnung versperrt, und sie wur- 
den unter vielen Mißhandlungen ciner Internierung 
in rücksichtslosester Form unterworfen. 
Trotzdem brachte es die rumänische Eroberungs- 
armee, die in Siebenbürgen eindrang, nur zu einem 
Augenblickserfolg. Sobald dort deutsche Truppen er- 
schienen und den Widerstand aufnahmen, gelang 
es unter Leitung des Generals v. Falkenhayn schnell, 
Siebenbürgen zu säubern. 
Bulgarien war von den Rumänen im Augenblick 
ihrer Kriegserklärung an ÖOsterreich-Ungarn durch 
Schießereien an der Grenze provoziert worden und 
griff wenige Tage nach der Kriegserklärung Rumä- 
niens in den Kampf ein. Unter Leitung des Feld- 
I. Politik und Geschichte 
marschalls v. Mackensen wurde von bulgarischen und 
reichsdeutschen Truppen die zur Festung ausgebaute 
Stadt Tutrakan erobert, Silistria genommen und die 
bulgarische Grenze in schnellem Forrücken bis zur 
Linie Tschernawoda—Konstanza vorgeschoben- 
Während der Zeit zwischen diesen Erfolgen und der 
schließlichen Besetzung der ganzen Walachei und Do- 
brudscha durch die verbündelen Heere der Zentral- 
mächte versuchten nicht nur russische Hilfstruppen, 
sondern auch französische Offiziere die Widerstands- 
kraft der rumänischen Armee zu stärken. Außerdem 
aber erschienen im Land englische Agenten, die im 
Augenblick des Vorrückens der Verbündeten einen 
großen Teil des im Lande aufgestapelten Getreides 
und Maismehls vernichteten und fast die gesamten 
Petroleumquellen, Tankanlagen und Raffinerien zer- 
störten. Gleichzeitig wurde von den russischen Trup- 
penkörpern das in Polen geübte System der Zer- 
störung aller Ortschaften auf ihrer Rückzugslinie nach 
Möglichkeit durchgeführt und die rumänische Bevöl- 
kerung zur Flucht nach der Moldau und Rußland 
veranlaßt oder gezwungen. Auch ein Teil der inter- 
nierten deutschen und österreichisch= ungarischen ## 
vilbevölkerung wurde verschleppt. So wurde die 
Moldau, wo allein in Erinnerung an die Leiden un- 
ter den früheren russischen Durchzügen und Besetzun- 
gen das Feindschaftsgefühl gegen Rußland in brei- 
teren Schichten fortlebte, zum Friedhof jenes vertrie- 
benen Elends und zum Schauplatz der Unordnung, 
Gewalttätigkeit und Teuerung, die das geschlagene 
rumänisch-russische Heer dorthin mitbrachte. 
Der rumänische Bauer aber, der niemals politische 
Partei ergriffen, sondern sich stumpf den Befehlen 
seiner Führer gefügt hatte, nahm die deutschen Sie- 
ger willig auf. Auch die Kreise des Handels und der 
Gebildeten, die nicht geflohen waren, fanden sich leicht 
mit der deutschen Besetzung und Verwaltung ab, die 
sofort mit einer Reorganisation begann. 
Literatur. Annuarul statistic al Romfniei, (Buka- 
rest, seit 1909); Armata romänä in timpul ultimilor 40 
de anni, 1866—1906= (das. 1906); L. Colescu, Pro- 
resche economice ale Romfhniei (das. 1907); M. Ser- 
ban, Rumäniens Agrarverhältnisse (Berl. 1914); C. G. 
Antonescu, Die rumänische Handelspolitik von 1875— 
1910 (Leipz. 1915); J. F. Neigebaur, Die Donau- 
fürstentümer (Bresl. 1854); E. Fischer, Die Kulturarbeit 
des Deutschtums in Rumänien (Hermannstadt 1911); „Aus 
dem Leben König Carls von Rumänien= (Stuttg. 1891— 
1900, 4 Bde.); N. Jorga, Geschichte des rumänischen 
Volkes im Nahmen seiner Staatsbildungen (Gotha 1905); 
O. Freiherr von Dungern, Rumänien (das. 19160). 
Die neufralen Mächte Europast 
von Professor Dr. Richard Sternfeld in Berlin-Zehlendorf 
Die Schweiz. Kein neutraler Staat hat unter dem 
Weltkrieg so schwer zu leiden gehabt wie die Eidgenos- 
senschaft. Die Gefahr, selbst in den Krieg hineinge- 
zogen zu werden, die dadurch bedingten großen Aus- 
gaben für den Grenzschutz, die wirtschaftliche Bedräng- 
nis, der keine Riesengewinne gegenüberstehen, die 
Spaltung und Erhitzung der drei Sprachengebiete — 
das alles machte die Stellung der Schweiz sehr schwie- 
1 Abgeschlossen Ende Jum 1917. 
rig. Trotzdem hat ihre Regierung die Neutralität 
mit peinlicher Ehrlichkeit gewahrt. 
Daß die Stimmungen der Bürger hierheftig gegen- 
einander fluteten, ist begreiflich. In der welschen 
Schweiz spricht die Gemeinsamkeit der Sprache und 
Rasse zu stark mit, als daß die Sympathien nicht 
ganz auf der Seite Frankreichs stehen sollten, beson- 
ders wenn eine geworbene Hetzpresse die Gemüter ge- 
en Deutschland aufreizte. Nicht so schlimm war es im 
5i sin, weil hier irredentistische Bestrebungen wenig 
Boden finden. Die deutsche Schweiz hat sich, 
wenn auch mehr oder weniger kühl dem Lebenskampf 
des Deutschen Reiches zusehend, von deutschfeindlichen
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        Sternfeld: Die neutralen Mächte Europas 
Ausschreitungen, wie sie 1870 vorkamen, fern gehal. 
ten. Wackere Männer, wie der Züricher Pfarrer Bol- 
liger, haben sich bemüht, Verleumdungen, wie sie ge- 
rade hier durch die Schmähschrift „ Jaccuse= verbrei- 
tet wurden, zu bekämpfen. Den unfreundlichen Wor- 
ten Carl Spittelers stand das Bekenntnis Ernst Zahns 
gegenüber. Mein Herz schlägt für Deutschland. 
chnöder Undank, wie ihn Hodler und Dalcroze kund- 
taten, wurde von vielen Schweizern gemißbilligt. Mit 
ruhiger Festigkeit und erfreulichem geschichtlichem Ver- 
ständnis ist Krofessor Bächtold in Basel für Deutsch- 
land eingetreten. Anderseits sind auch wieder eine 
kalte Ablehnung deutscher Gefühle und eine Betonung 
des guten Europäers= gerade in den gebildeten 
deutschschweizerischen Kreisen nicht selten. 
Die Presse der deutschen Kantone hat nirgends 
der Deutschfeindlichkeit Raum gegeben, wenn auch der 
Grad der Freundlichkeit verschieden ist. Die = Neue 
Zürcher Zeitunge hat den kühl neutralen Standpunkt 
mehr gewahrt als der wärmere Berner »Bunde (der 
die überall beachteten Kriegsaufsätze H. Stegemanns 
enthält), das -Berner Tagblatt-, die - Zürcher Post-, 
die -Thurgauer Zeitung-, die = Basler Nachrichten. 
Auch die katholischen Blätter, wie die = Neuen Zürcher 
Nachrichten-, werden durchaus dem deutschen Emp- 
finden gerecht. Anderseits gibt es auch kein deutsches 
Blatt, das sich etwa gegen die Franzosen so gehässig 
verhält, wie einige Blätter der welschen Schweizgegen 
die Deutschen. 
Eine »Neue Helvetische Gesellschafte bemüht sich, 
die drohende Spaltung der Sprachgebiete durch Dämp- 
fung der Leidenschaften und den Hinweis auf das 
Eiigende der Schweizer Heimatliebe auszugleichen; 
ihrer mehr romanisch demokratischen Richtung ist eine 
neue Deutschschweizerische Gesellschafte mit festerem 
Anschluß an das deutsche Gefühl entgegengetreten. 
Man hört aber wohl die Besorgnis, daß, wenn die 
Schweiz in den Krieg hineingerissen würde, der Staat 
durch die Gegensätze der Sprachteile in seinen Grund- 
festen erschüttert werden möchte. 
Es war besonders der deutsche Einmarsch in Bel- 
gien, der die Gemüter erhitzte. Man fürchtete, in 
gleiche Gefahr zu kommen, wenn die Kriegslage es 
erforderte. Es darf nicht Übersehen werden, daß viele 
Schweizer ganz deutsch empfinden, aber sich durch ihre 
republikanische Gesinnung von der deutsch-monarchi- 
schen scheiden, daß auch das als störend empfun- 
dene Vordringen des deutschen Handels dazu bei- 
etragen hat, die Deutschen, besonders die Norddeut- 
chen, weniger beliebt zu machen, zumal der Schweizer 
seine Vorurteile selten durch Reisen nach Deutschland 
zu zerstreuen pflegt. 
Immer haben die Schweizer ihre Neutralität so 
aufgefaßt, daß sie stark gerüstet sein müßten, sie gegen 
jedermann zu verteidigen. Darum wurde 1914 so- 
sort das ganze Heer eingezogen: Auszug. Landwehr 
und Landsturm, eine gewaltige wirtschaftliche und 
eldliche Belastung des kleinen Landes, das bald eine 
Eilliurde Frank dafür aufgewendet hat. Dazu kam 
der Rückgang des Fremdenbesuchs und mancher 
Zweige des Gewerbfleißes. Trotzdem übt die Schweiz 
noch eine schöne Liebestätigkeit aus: Die Heim- 
schaffung von Zivilpersonen, den Austausch von 
Kriegsgefangenen und Invaliden, die unentgeltliche 
Kriegsvost, Nachforschungen nach Vermißten — alles 
das hat das Land freiwillig auf sich genommen. 
Unter dem Drucke der Westmächte kam im Novem- 
ber 1915 eine „Sociéte Suisse de surveillauce éco- 
85 
nomique= (8. S. S.) zustande; sie sicherte der Schweiz 
die für sie notwendige Einfuhr von Rohstoffen, wo- 
gegen sie sich verpflichtete, die eingeführten Artikel 
nicht an die Mittelmächte weiterzugeben. Doch wurde 
ein „Kompensations-Bureau= als amtliches Organ 
eingerichtet; denn nach § XI, 3 der S. S. S. war aus- 
drücklich eine Verständigung der Entente mit der 
Schweiz über Kompensationen mit den Mittelmächten 
vorbehalten. Aber bei Beratungen von Schweizer 
Abgesandten darüber in Paris August 1916 wurde 
dieser Grundsatz von der Entente verleugnet, so daß 
die „Neuen Zürcher Nachrichtene sagten: -Man hat 
unsere Delegierten heimgeschickt wie Vasallen, denen 
man ihre vollständige Abhängigkeit zu spüren geben 
will«, und selbst die sranzofenfreundäce „ Gazerte de 
Lausanne, schreibt, »daß die dem § XI gegebene Deu- 
tung auf die wirtschaftliche Freiheit der Schweiz eine 
Beengung ausübt, die den Grundsätzen des Völker- 
rechts widersprichts. 
Aber auch sonst sind die wirtschaftlichen Fragen 
den Westmächten eine Handhabe ihrer übelwollenden 
Beaufsichtigung geworden. Besonders die franzö- 
sische Handelskammer in Genf hat unerträgliche Zu- 
mutungen an die Schweizer Kaufleute gestellt, z. B. 
das Verbot, Deutsche oder ÖOsterreicher anzustellen. 
Schlimmer war, daß Schweizer Firmen, die Waren 
nach Frankreich schickten, eine beglaubigte Erklärung 
einreichen sollten, daß sie niemals früher Verbindun- 
gen mit Firmen der Mittelmächte gehabt und sich 
ei 30000 Frank Buße verpflichteten, in zehn Jahren 
solche nichteinzugehen! Frankreich verlangte, daß fran- 
zösische und italienische Zolldeamte die Ausfuhr nach 
Deutschland überwachten. Englandeerließ Herbst 1915 
ein Ausfuhrverbot von Baumwollstoffen und Gar- 
nen, das die Schweizer Textilindustrie schädigte; ja 
es verlangte später sogar, die Grenze zu den Mittel- 
mächten ganz zu schließen, was natürlich abgelehnt 
wurde. Wohl konnten die-Basler Nachrichten am 10. 
September 1916 schreiben: „Die welschen Akteure 
rasten nicht, bis sie die offizielle Schweiz mit Deutsch- 
land gründlich auseinandergebracht haben.= 
Die Postsperre wurde schonungslos ausgeübt, ob- 
wohl die Kontrolle und Beschlagnahme neutraler Sen- 
dungen durch fremde Militärbehörden dem Weltpost- 
vertrag widersprachen. Der Einspruch des Bundes- 
rates hatte keinen Erfolg Selbst die Schweizer Justiz 
zeigte im Prozeß des Neuendurger Noten Kreuzes, 
daß im welschen Teil nicht unparteiisch Recht gespro- 
chen wurde. 
Großes Aufsehen erregte der Prozeß gegen die Ober- 
sten Egli und v. Wattenwyl, die beschuldigt wurden, 
Berichte der Nachrichtenabteilung des Generalstabes 
an den deutschen Militärbevollmächtigten geliefert zu 
haben; da sie aber dartun konnten, daß sie das aus 
dienstlichen Gründen getan hatten, so wurden sie am 
27. Februar 1916 freigesprochen und nur der diszi- 
plinaren Rüge überwiesen. Der Note Wilsons zugun- 
sten des Friedens hat sich der Schweizer Bundesrat 
am 22. Dezember 1916 in einer unparteiisch gehal- 
tenen Antwort angeschlossen. 
Im Juni 1917 brachte ein Zwischenfall neue Stö- 
rungen. Der Bundesrat Hossmann hatte an den in 
Petersburg verhandelnden Schweizer Sozialisten 
Grimm durch die Schweizer Gesandtschaft ein chiff- 
riertes Telegramm geschickt, das die Bedingunge 
Deutschlands für einen Frieden mit Rußland enthiel 
Es wurde von unbefugter Seite entziffert, worauf 
Hoffmann, ein sehr fähiger Staatsmann, sofort sein
        <pb n="100" />
        86 
Amt niederlegte. Heftige Streitigkeiten und wüste 
Ausschreitungen des ausgehetzten Genfer Pöbels gegen 
die Konsulate der Mittelmächte waren die Folgen. 
(Auch wurde der griechische König Konstantin in Lu- 
gano durch den Pöbel beleidigt.) An Hoffmanns 
Stelle wurde der Genfer Ador am 26. Juni zum 
Bundesrat gewählt. 
Die drei skandinavischen Staaten. So stark die 
Traditionen und Interessen Schwedens, Norwegens 
und Dänemarks im Weltkriege auseinandergehen, so 
eng sind sie doch wieder aneinander gebunden und 
auß, inander angewiesen. Dänemark konnte nicht 
deutschfreundlich sein; das Jahr 1864 und spätere 
Emtäuschungen sind noch nicht vergessen; ander- 
seits ist seine Grenze zu gefährdet, als daß es sich an- 
ders denn neutral berhalten konnte. Norwegen 
neigte von jeher zu England; seine sehr demokratische 
Verfassung, große Gewinne durch seine starke Han- 
delsflotte, manche Reibungen mit Deutschland, die 
diese Gewinne zu schmälern drohten, aber auch Gegen- 
sätze gegen Schweden seit der Abtrennung 1905 führ- 
ten Norwegen zu einer oft nicht unbedenklichen Po- 
littk. Schweden, zur Führung der skandinavischen 
Mächte in der Notlage der Zeit berufen, hat diese 
Stellung sogleich stark und unparteiisch ergriffen, wo- 
bei eine Fülle der besten Männer den König unter- 
stützten und starke deutschfreundliche Neigungen er- 
freulich zutage traten. Hier zeigte sich (wie ja auch in 
Spanien, Holland und der Schweiz), daß die übliche 
Redensart von der Unbeliebtheit oder gar Verhaßtheit 
Deutschlands im Ausland töricht ist, wenn man die 
Stimmen wägt, nicht zählt. 
I. Schweden. Der Kriegsausbruch traf auf eine 
seit dem Zug der Bauern zum König nach Stockholm 
(Februar 1914) sich geltend machende konservative 
Strömung, die unter dem Ministerium Hammarskiöld 
durch Verlängerung der Dienstzeit und Verstärkung 
der Flotte eine stärkere Rüstung anstrebte. Am 18. 
Dezember kam Gustav V. mit Christian X. von Däne- 
mark und Haakon VII. von Norwegen in Malms zu- 
sammen; eine einheitliche skandinavische Neutralität 
zum Schutz der Grenzen und des Handels wurde ver- 
abredet. Bald begannen die Kiagen über die englische 
Handelssperre, und schwedische Blätter sprachen es aus, 
daß der englische Kaufmann den Krieg benutzen wolle, 
um den neutralen Handel an sich zu reißen und die 
skandinavischen Verbindungen mit Amerika durch 
britischen Zwischenhandel zu ersetzen. England erbrach 
dieschwedische Post, um nach Bannware zu schnüffeln; 
englische Unterhändler verlangten in Stockholm einen 
Einfuhrtrust, damit über Schweden keine Bannware 
nach Deutschland gelange; doch wurden am 31. Ok- 
tober die Verhandlungen abgebrochen. Im Dezember 
1915 wurde der englische Durchgangsverkehr nach 
Rußland von Schweden, der einzigen neutralen Macht, 
die ihre Ehre gegen britische Tyrannei wahrte, ge- 
sperrt. Ausgezeichnete Gelehrte, wie Kjellen und 
Steffen, stellten sich auf Deutschlands Seite; Sven 
Hedin war ein begeisterter Künder der deutschen Kul- 
turüberlegenheit. Nur der Führer der Sozialdemo- 
kraten Branting, der über mehr als ein Drittel der 
Stimmen im Reichstag verfügt, neigte sich der Entente 
zu und stachelte gegen Deutschland auf. 
Das Jahr 1916 brachte am 9. März in Kopen- 
hagen und am 19. September in Christiania weitere 
Zusammenkünfte der skandinavischen Ministerprä- 
sidenten Hammarskiöld, Knudsen (Norwegen), Zahle 
L Politik und Geschichte 
(Dänemarl) und der Minister des Auswärtigen Wal. 
lenberg, Ihlen. Skavenius. Wallenberg, dem man 
aus seinen Geschäftsverbindungen Neigung zu den 
Westmächten zuschrieb, wahrte doch in seinen Er- 
klärungen die Neutralität, so, als sich die Entente im 
Augustbeschwerte, daß Schweden die Kogrunds-Rinne 
am Sund bei Falsterbo mit Minen gefeerrt habe. 
Dann aber zog die Alandsfrage bedrohlich 
herauf. Rußland hatte 1856 versprochen, die Klands- 
inseln nicht zu befestigen. Seit Herbst 1915 began- 
nen aber gewisse militärische Vorkehrungen; Februar 
1916 wurde eine Brigade dorthin verlegt, so daß hier 
eine russische Basis für Seeangriffe entstand. Diese 
Vorgänge rüttelten das schwedische Volk auf; man 
fürchtete, daß Schweden im Kriegsfalle Norrland auf- 
eben oder von seinen nördlichen Truppen durch die 
ssen abgeschnitten werde. Die Alandsfrage wurde 
ein Symbol der nationalen Würde Schwedens. Die 
Partei der Aktivisten entstand, die einen Krieg an der 
Seite Deutschlands für die Freiheit des Staates nicht 
scheute. Dazu kam die Entrechtung Finnlands durch 
Rußland, gegen das man keine Stütze mehran England 
hatte. Der Handelskrieg wurde schärfer; auch hier 
regelte eine Gesellschaft -Transito-(März 1916) die 
Einfuhr aus England: nur solche Firmen sollen Wa- 
ren erhalten, die sich bei Strafe des Zehnfachen ver- 
pflichteten, die Ware nicht auszuführen und die Nach- 
prüfung in den Handelsbüchern zu gestatten. Doch 
wahrt sich die Regierung durch Gesetz vom 17. April 
1916 gegen Druck u. Handelsspionage fremder Mächte. 
Der Aufforderung Wilsons, sich den Vereinigten 
Staaten im Abbruch der Beziehungen zu Deutschland 
anzuschließen, gab kein Neutraler eine so würdig ab- 
weisende Antwort wie König Gustav. 
Im März 1917 erlitt das Ministerium Hammar- 
skjöld eine Niederlage, indem die Liberalen und Sozia- 
listen statt der geforderten Summe von 80 nur 10 
Millionen zu Küstunosaus aben bewilligten. Der 
König berich den Professor Swartz an die Spitze der 
Regierung, der aber in der Neutralität den Weg sei- 
nes Vorgängers zu gehen ankündigte. Durch die rus- 
fische Revolution und das Versprechen der Autonomie 
Finnlands hat auch der Druck auf Schweden nach- 
elassen, doch droht nun in der Alandsfrage die Ge- 
6 Bzenglischer Festsetzung. Stockholm ist der Ort der 
im Frllhiahr 1917 begonnenen Friedensvermittlung 
der internationalen Sozialisten, die bisher ohne Er- 
folg verlief. 
II. Norwegen. Obwohl die Neigungen Norwegens 
für England tief eingewurzelt sind, gidt es doch auch 
dort genug Stimmen, die sich gegen den britischen 
Druck empören. Auch hier ist es eine Anzahl der 
besten Patrioten, wie Björn Björnson, Sigurd Ibsen. 
Knut Hamsun, Nils Kjaer, Harris-Aall, Karl Aas, 
die, in hoher Bewunderung Deutschlands, seiner Kul- 
tur und Kraft, dem Urteil der Mehrheit ihrer Lands- 
leute trotzen und in Zeitungen, wie - Tidens Tegn- 
und -Dagbladet--, mutig für ihre Meinung eintreten. 
Auch hier fordern die Konservativen die erweiterte 
Dienstzeit, die Liberalen wollen die Erfahrungen des 
Krieges abwarten; die Sozialisten verlangen Ab- 
rüstung, indem sie bezweifeln, ob die größere Rüstung 
eines kleinen Landes einen Zweck hat. Vor allem aber 
will man die riesigen Gewinne, die Norwegen aus dem 
Kriege zieht, ungestört einheimsen. Man läßt sich von 
England, dem schon im Frieden 24 Prozent des nor- 
wegischen Handels gehörten, die Beschlagnahme der 
Paketpost, sobald sie Waren deutschen Ursprungs ent-
        <pb n="101" />
        Sternfeld: Die neutralen Mächte Europas 
halten, die Handelsschnüffelei, das Anhalten der 
Mehlzufuhr gefallen; norwegische Fischer müssen 
schwören, daß sie kein deutsches Geräte, Ol, Salz, 
Kohle auf ihren Dampfern haben. Der englische Ge- 
sandte in Christiania ist der mächtigste Mann in Nor- 
wegen; der Fall Casement bewies das. Aber auch 
die Bedrohung durch Rußland gegen das aufblühende 
Narwil ist * schon gingen Gerüchte, daß Rußland 
Finnmarken kaufen wolle. 
Aber das alles wird aufgewogen durch den Proftt, 
den Norwegen in diesem Kriege durch seine Reederei 
und Handesflotte macht. Schon 1915 brachten die 
Frachtaufträge bei ungeheuer emporgeschnellten 
Frachtsätzen ½ Milliarde Bruttogewinn, das Dop- 
pelte von 1913, das erste Halbjahr 1916 schon soviel 
wie das ganze Jahr 1915. Fur Ausbeutung von 
Bergwerken, Herstellung von Holzmasse, Webstoffen, 
Lebensmitteln bildeten sich 50 neue Gesellschaften mit s 
35 Millionen Kronen Kapital; dazu kommen Ankäufe 
von riesigen Wäldern in Nordrußland. Das alles 
bedeutete eine völlige Wandlung in den Vermögens- 
verhältnissen und eine Umschichtung der Volksklassen, 
die diesem demokratischen Lande nicht gesund sein kann. 
Daher zeigen sich schon Ausstände, Jobberei, brutaler 
Egoismus, Teuerung; die Festbesoldeten sind sehr 
schlecht gestellt, die Interessengegensätze gespannt. 
Als die deutschen Tauchboole den Verkehr im Eis- 
meer störten und einige Gesellschaften ihre Fahrten 
einstellten, verbot die norwegische Regierung am 
14. Oktober 1916 den bewaffneten Tauchbooten den 
Aufenthalt in norwegischen Gewässern, erfüllte also 
das britische Gebot, daß diese Tauchboote außer- 
halb des Völkerrechts stehen sollten. Dadurch wurde 
die Spannung zwischen Norwegen und Deutschland 
stärker. Die deutsche Regierung hat damals und 
wieder im April 1917 gegen hetzende und unwahre 
Nachrichten norwegischer Blätter, wie „Verdens 
Gange, Einspruch erhoben. 
III. Dänemark. Der Weltkrieg traf hier mit einer 
Parlamentsreform zusammen; zu beiden Kammern 
sollte nach dem allgemeinen Wahlrecht, das auch den 
Frauen gewährt wurde, gewählt werden. Das sozia- 
listische Ministerium Zahle bewahrte nach Kräften die 
Neutralität; auch hier erklärten sich bedeutende Stim- 
men, wie Peter Nansen, Aage Madelung, Karin Mi- 
chaelis, für die deutsche Kultur und der tapfere Karl 
Larsen selbst für den preußischen Militarismus. 
Starke Kämpfe wurden durch die Absicht erregt, 
den dänischen Besitz in Westindien an die Vereinigten 
Staaten zu verkaufen erst durch eine Volksabstimmung 
(283.000 gegen 157000) wurde der Verkauf durch- 
esetzt, und April 1917 ist er um 25 Millionen Dol- 
ar vollzogen worden. 
Im August 1916 mußte die deutsche Regierung 
durch die = Norddeutsche Allgemeine Zeitunge gegen 
die dänische Presse Einspruch erheben, die die Erfolge 
der Entente, die deutschen Verluste, die Zustände der 
Mittelmächte durchaus parteiisch darzustellen pflegt. 
Auch Dänemark mußte sich englische Aufsicht über 
seinen Handel gefallen lassen, wenn es Kohle und 
Baumwolle erhalten wollte; im März 1916 wurden 
dem Dampser Frederick VIII.« 400 Postsäcke ge- 
raubt. Zwei dänische Oldampfer wurden in Kirkwall 
erst freigegeben, als ihre Firmen erklärten, kein Ol 
nach Schweden gehen zu lassen. 
Bedeutsam war das Schicksal Islands im Welt- 
trieg. Die Insel löste sich wirtschaftlich fast ganz von 
Dänemark los. Damit keine Wolle durchkäme, sollten 
87 
alle von Island ausgehenden Schiffe erst in Eng- 
land durchsucht werden, widrigenfalls dieses keine 
Kohle mehr liefern würde. Am 24. Juni 1916 unter- 
warf sich Island, indem sich die Kapitäne bei hoher 
Geldstrafe durch Unterschrift verpflichteten, einen bri- 
tischen Hafen anzulaufen. Was nicht nach Däne- 
mark oder Amerika geht, kaufen englische Agenten zu 
Preisen, die fürs ganze Jahr festgesetzt werden. Auch 
die Tätigkeit der Islandsischer wird von England 
scharf bewacht, und besonders die schwedischen Fischer 
werden gezwungen, ihren Fang an England zu blli- 
gem Preise abzugeben, wodurch in Schweden Nah- 
rungsnot entstanden ist. 
Die Niederlande. In den Niederlanden sind von 
vornherein die Getensäte wohl am schärfsten auf- 
einandergestoßen:; r!|• doch kein neutraler Kleinstaat 
o nahe dem anfänglichen Kriegsschauplatz und zu- 
gleich dem Seekriegsgebiet, so daß er fürchten mußte, 
zu Wasser und zu Lande in Mitleidenschaft gezogen 
u werden. War der deutsche = Muff= beim holländi- 
schen Volke unbeliebt und fürchteten viele das Vor- 
dringen Deutschlands zu den Rheinmündungen, so 
bestand seit dem Burenkrieg auch eine starke Strömung 
egen England, und noch zuletzt (1907) hatte die 
##. der Befestigungen bei Vlissingen die Gefahr 
von seiten der Westmächte enthüllt. Die Stimmun- 
gen schwankten heftig, je nachdem die englischen Han- 
delsübergriffe das holländische Selbstgefühl verletzten 
oder dem deutschen Tauchbootkrieg Hoße holländische 
Schiffe, wie die -Tubantia-, zum Opfer fielen. 
Die fortschrittlich Liberalen stehen mehr auf Eng- 
lands Seite; die gemäßiyt Liberalen hoffen bei dem 
deutschen Nachbar einen Anhalt gegen britische Üüber- 
macht zu finden. Alle antirevolutionären und christ- 
lich-historischen Parteien neigen zu Deutschland. Die 
Katholiken sind getrennt. Die belgischen Vorfälle 
wirkten gegen Deutschland, aber die Freiheit der 
Kirche sehen sie doch besser in Deutschland als in 
Frankreich geschützt, und die flämische Politik Deutsch- 
lands findet vielfach Anklang. Auch in den Nieder- 
landen sind es die politisch am besten gebildeten Män- 
ner, die auf deutscher Seite stehen, wie der frühere 
Minister Van Houten, der ehemalige Ministerpräsi- 
dent Kuyper und der frühere Kriegsminister Collizu, 
wie die Professoren Verrijn-Stuart in Groningen, 
Steiunch und Verfluys in Amsterdam, Labberton 
(ietzt in Gent), Valckenier-Kips in Delft, der die kom- 
mende Kulturperiode der germanischen Rasse unter 
Führung des Deutschen Reiches zuweist, und beson- 
ders der emeritierte Groninger Professor Pror. B. H. 
C. K. van de Wifk; trefflich aufklärend haben auch 
gewirkt für Deutschland der Publizist P. A. Valter 
und der Arzt van Dieren. Die grosßzen Zeitungen, 
wie der „Nieuwe Rotterdamsche Courante, der 
„Standaard-, der „Maasbode-, nehmen eine durch- 
aus würdige Haltung ein; eine Ausnahme macht das 
Heyblatt Telegraak-, dessen Leiter Schröder wegen 
Beschimpfung der Mittelmächte endlich gebührend be- 
straft worden ist. Anderseits tritt das Wochenblatt 
„De Toekomst= tapfer und geschickt für die deutsche 
Sache ein. 
Früh begannen die Belästigungen der Niederlande 
durch England. Es nahm sich heraus, den Handel 
dollands mit seinen eigenen Kolonien seiner Beauf- 
ichtigung zu unterwerfen, ja, englische und japanische 
Kriegsschiffe durchsuchten die Küstenschiffe nach deut- 
schen Militärpflichtigen. England hielt holländische
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        88 
Dampfer mit Getreide der Regierung wochenlang zu- 
rück; holländische Schiffe mußten in englischen Häfen 
englische Kohlen nehmen, bekamen sie aber nicht, 
wenn sie ihr Getreide nicht nach England lieferten. 
Große Empörung erregte seit Sommer 1916 das eng- 
lische Vorgehen gegen das nationale Gewerbe der 
Fischerei, wodurch nicht nur Deutschland der Heringe 
beraubt, sondern England auch mit Wachtschiffen 
versehen werden sollte. Doch wurde im September 1916 
ein Abkommen über die Hochseefischerei getroffen. 
Der Postraub setzte sich über die Unverletzlichkeit der 
Post hinweg. aber auch Wertpapiere wurden konfis- 
ziert, die holländisches Eigentum waren. 
So war es eine Kette völkerrechtswidriger Hand- 
lungen, unter denen die Niederlande litten; mit Recht 
konnte Kuyper sagen, daß die englische Praxis jetzt 
bestätige, was ihre Theorie schon früher verkündete, 
die Souveränität einer Großmacht und die eines 
Kleinstaates sei doch nicht von gleicher Art. 
Die N. O. T. (s. Bund 1, S. 376) hat sich weiter 
eingebürgert. Der bedeutende Minister Treub hat 
sie als zweckmäßig gelobt, und sie war es auch, aber 
ihre Schattenseiten machten sich mittlerweile stärker 
eltend; sie wurde für die Entente immer mehr ein 
Hetel, gegen die Mittelmächte mehr durchzusetzen, 
als ohne diese Einrichtung möglich gewesen wäre; 
vor allem entwickelte sie sich unter englischem Einfluß 
zu einer Nebenregierung, welche viele Maßregeln 
traf und erzwang, die allein vom Staat hätten aus- 
gehen dürfen. 
Spauien. Ein merkwürdiger Umschwung voll- 
og sich im Verlauf des Krieges in der Stellung 
paniens. Beim Beginn schien die durch die große 
Presse vertretene Offentlichkeit ganz auf seiten der 
Westmächte zu sein; nicht nur der Sozialist und Re- 
publikaner Lerroux eiferte für sofortigen Anschluß an 
Frankreich, sondern auch die Liberalen unter Graf Ro- 
manones, die Demokraten unter Garcia Prieto, die 
Reformisten unter Alvarez waren gewillt, zur Cntente 
u sioßen. Da machte schon am 7. August 1914 die 
Erklärung der Neutralität durch das Ministerium 
Dato jenen Wünschen ein Ende, und es zeigte sich, 
daß beim spanischen Volk diese Politik immer mehr 
Anhangfand. Starkenationale Bestrebungen machten 
sich geltend und drängten in entscheidender Zeit nach 
Erfüllung. 
Spanien hatte sich seit 1904 an die Westmächte 
angelehnt, um von ihnen Förderung seiner marokka- 
nischen Interessen zu erlangen. In Cartagena traf 
1907 Eduard VII. mit Rönig Alfons XIII. zusammen; 
der Ministerpräsident Maura trat für den Anschlußz 
an die Westmächte ein, doch gab es schon eine 
sterie Strömung gegen England unter Lloret und 
e Mella. Im Oktober 1913 vollzog Romanones in 
Cartagena den Vertrag mit der Cntente, mußte aber 
sofort dem Ministerium Dato weichen. Es zeigte sich 
bald, daß König Alfons XIII. trotz seiner englischen 
Heirat mit ruhigem Blick und tüchtiger Einsicht Spa- 
niens Geschick nicht an die Westmächte knüpfen wollle. 
Als nun 1914 die Wühlarbeit der Entente einsetzte, 
sah sie zu ihrem Erstaunen, daß Neigungen für 
Deutschland immer stärker emportauchten, und zwar 
sowohl bei den Gebildeten als auch im Volke. Mancher- 
lei sprach dabei mit: Konservative und religiöse Stim- 
mungen gegen die demokratische und atheistische Pro- 
paganda, die Enttäuschung über den Mißerfolg in 
Marokko, die Verdrängung aus Tanger, endlich der 
I. Politik und Geschichte 
englische Besitz Gibraltars, der doch wie eine unheil- 
bare Wunde am Körper Spaniens frißt. In den 
Nroßen Zeitungen ABC -Correo espafiol, in der 
dadrider „Tribuna= traten die „Germanofilos- 
immer enischiedener hervor, mehr noch im - Correo 
Catalane, dem gelesensten Blatt von Barcelona, wo 
am 7. Februar 1915 eine große Kundgebung für 
Deutschland erfolgte. Mella sagte am 27. Juli, die 
konservative Partei stände mit ihren Neigungen ganz 
auf der Seite der Mittelmächte; eine Erklärung von 
11000 der besten Geister Spaniens erkannte dankbar 
die großen Kulturleistungen Deutschlands an. Der 
Groll gegen Frankreich, der Haß gegen England tra- 
ten schärfer hervor. (:Wenn die britische Macht zer- 
bricht, geht das Morgenrot für 400 Millionen unter- 
drückter Völker auf stand November 1914 im Correo 
espanol). Lerroux wurde in Irun bei seiner Deut- 
schenhetze gezüchtigt. Romanones mußte verstummen. 
Wie schon 1914 viele Franzosen, so klagte 1916 Lord 
Northclisse über die sehr deutschfreundliche Stimmung, 
die er in Spanien getroffen. 
Die Neutralität wurde am 5. November 1914 von 
den Cortes gebilligt: auf sie einigten sich allmählich 
alle Parteien; 160 Zeitungen schlossen sich in diesem 
Sinne zusammen; selbst Lerroux wollte nur noch die 
moralische Unterstützung der Entente. 
Die notwendige Stärkung der militärischen Macht 
erforderte 1 Geldmittel; doch im Mai 1915 er- 
wies der Mißerfolg einer Anleihe die wirtschaftliche 
Schwäche Spaniens. Damals schon wäre Dato ge- 
fallen, wenn der König ihn nicht gehalten hätte. Aber 
im Dezember 1915 mußte er ihn doch entlassen und 
Romanones berufen, der sich sofort zur Wahrung der 
Neutralität verpflichtete. 
Von nun an traten die nationalen Bestrebungen, 
die sich auf ein marokkanisches Kolonialland, auf eine 
paniberische Einheit, auf Erwerbung von Gibraltar 
richteten, wieder zurück. Zumal seit Portugal März 
1916 in den Krieg getrieben wurde, mußte Spanien 
vorsichtig sein, blieb es doch mit seiner Kohlenzufuhr 
von England abhängig. Aber selbst Maura sprach es 
aus, daß Spanien nur zu den Westmächten siehen 
könne, wenn sie ihre Haltung vollständig ändern wür- 
den. Vor allem sind in der Tanger-Frage alle Par- 
teien einig und verlangen darin Entgegenkommen. 
Böses Blut haben auch in Spanien die Verletzun- 
gen der Neutralität durch England gemacht. Schon 
am 26. August 1914 wurde der deutsche Hilfskreuzer 
„Kaiser Wilhelm der Große= durch den englischen 
Kreuzer Highflyere in dem spanischen Hafen Rio de 
Oro zerstört; der deutsche Dampfer „ Mazedonia- 
wurde Ende Oktober 1914 in Palmas (Manarische 
Inseln) sestnehalten auf die unwahre Angabe des 
englüchen Konsuls, daß er Munition an Bord habe. 
Die Ausfuhr von Obst und von Korken wurde 
durch die englische Blockide empfindlich getroffen, die 
Verbindung mit Marokko einer demütigenden über- 
wachung durch Kriegsschiffe der Verbündeten unter- 
worfen, die spanische Post gestört und geknebelt. 
Den Verlockungen Wilsons gegenüber zeigte Spa- 
nien eine kühle Selbständigkeit; es trat hier, wie 
früher nach der Versenkung der = Lusitania= (ogl. 
Bd. III, lexikal. Teil), die seit der Abreißung Kubas 
starke Abneigung Spaniens gegen die Vereinigten 
Staaten zutage. Am 31. Dezember 1916 erklärle die 
spimische Regierung, daß sie ihr Handeln für eine aus- 
sichtsreichere Zeit aufsparen und zunächst alle neutra 
len Länder zu einmütigem Vorgehen vereinigen wolle.
        <pb n="103" />
        Franke: Ostasien im Weltkriege 
Seit der deutschen Tauchbootsperre im Februar 
1917 und der weiteren Behinderung der Ausfuhr 
sind die inneren Schwierigkeiten Spaniens stärker ge- 
worden; Romanones hatte im März 1917 Arbeiter- 
unruhen w beschwichtigen. Dann mußte er abgehen, 
da seine Politik in das westmächtliche Fahrwasser ge- 
riet; der liberale Garcia Prieto wurde sein Nachfolger, 
der zwar 1912 als auswärtiger Minister die Ver- 
ändigung mit Frankreich betrieben hatte, jetzt aber 
ie Neutralität zu wahren bemüht war. Auch er 
machte im Juni 1917 wieder dem Konservativen Dato 
Platz. Es hatten sich plötzlich innere Schwierigkeiten 
ezeigt, die militärisch und partikularistisch zugleich 
95. a die Offiziere eines katalonischen Bezirks For- 
erungen erhoben und in Barcelona sogar ein Sonder- 
Lorlament erstanden ist. Doch ist zu boffen, daß der 
önig und die große konservativ -liberale Mehrheit 
des Landes unerschüttert bleiben. Reden, wie die im 
April 1917 von dem hervorragenden karlistischen 
Führer Vazquez de Mella in Bilbao und von dem 
allverehrten Antonio Maura in Madrid vor einer 
riesigen Hörerschaft gehaltenen, zeigen, daß nicht nur 
die Neutralität, sondern auch die Neigung für Deutsch- 
land und der Wunsch nach Befreiung vom Gibraltar- 
Joch in Spanien zahlreiche Anhänger zählen. 
Da die paniberischen Bestrebungen im Weltkrieg 
stärker geworden, hat sich auch der Zusammenhang 
Spaniens mit den spanischen Kolonien Südamerikas 
89 
gesesiigt so kommt es, daß die bedeutendsten, Chile und 
rgentinien, trotz der Verlockungen Wilsons, an der 
Neutralitätfesthalten, während das portugiesische Bra- 
silien die Beziehungen zu Deutschland abgebrochen hat. 
Literatur. Allgemeines: VB. Valentin, Entente und 
Neutralität (Leipz. 1917); Clapp, Britisches Seekregs- 
recht und die Neutralen (Üübersetzt von E. Zimmermann, 
Berl. 1010h: J. Jastrow, Völkerrecht und Wirtschafts- 
krieg (Bresl. 1917); „Neutrale Stimmen= (eingeleitet von 
R. Eucken, Leipz. 1916); H. Floerke, Dokumente der Freund- 
aft (Münch. 1915). — Schweiz: „Polit. Jahrbuch der 
weiz. Eidgen.“, Jahresberichte und Beilagen des 28.— 
. Bandes; Stimmen im Sturm= (Flugschriftensamm- 
lung); H. Bächtold, Die nationalpolitische Krisis in der 
Schweiz (Basel 1916); A. v. Salis, Die Schweiz im Welt- 
trieg (Leipz. 1915); Paul Wernle, Gedanten eines Deutsch- 
Schweizers (Zürich 1915); Jak. Schaffner, Die Schweiz 
im Weltkrieg (Stuttg. 1915). — Skandinavien: F 
Stieve, Schwedische Stimmen zum Weltkrieg (Leipyz. 
1916); M. A. Schiff-Drost, Der nordische Knoten (Berl. 
1915). — Niederlande: Treub, Oorlogstud (Haarlem 
1916); Hollands Not. Der Niederl. übersee-Trust- (Bern 
1916); F. Tönnies, Die mederländ. Ubersee-Truft-Gesell- 
schaft (Jena 1916). — Spanien: P. Herre, Spanien und 
der Weltkrieg (Münch. 1915); L. A. del Olmet, Der Sieg 
Deutschlands (das. 1916); Ed. Llorens, Der Krieg und 
das Recht (Hamb. 1916); T. Gast, Deutschland und Süd- 
amerika (Stuttg. 1915). — Ugl. auch die auf die Neutralen 
bezüglichen Sonderhefte der „Süddeutschen Monatshefte- 
(Skandinavien, Januar 1918; Schweiz, Mai 1916; 
Niederlande, August 1916; Spanien, Juni 1917). 
Ostasien im Wellkrieget 
von Professor Dr. Otto Franke in Hamburg 
Wenn man sich vergegenwärtigt, daß die letzten 
Ursachen des Weltkrieges in den drei bekannten Grund- 
tatsachen zu suchen sind, nämlich in dem Revanche- 
bedürfnis Frankreichs, in den Herrschaftsbestrebungen 
des russischen Panslawismus hinsichtlich des Balkans 
und des Orients, deren Erfolg die Beseitigung der 
deutschen und österreichischen Bukunfismöglichkeiten 
dort zur Voraussetzung hatte, und in dem Entschlusse 
Englands, zugunsten seiner besonderen Weltstellung 
die Flotte, die Kolonien und den überseeischen Han- 
del Deutschlands zu vernichten, so erhellt ohne weite- 
res, daß für Ostasien und sein Verhältnis zum Kriege 
höchstens die letzte der drei Tatsachen wirksam wer- 
den konnte, und auch diese nur in ganz beschränktem 
Umfange. Wenn die Brandfackel des Krieges gleich 
nach seinem Ausbruche auch in Ostasien aufloderte, 
so halte dies lediglich seinen Grund in der Art, wie 
England den Krieg vorbereitet hatte, die nur durch 
ein außerordentliches Schwächegefühl der »weltbeherr- 
schenodene Macht erklärt werden kann. Deutscher Ein- 
fluß und deutscher Handel sollten nach den englischen 
Plänen offenbar an jedem Punkte des überseeischen 
Auslandes bis auf die letzte Spur ausgetilgt werden; 
aber allein fühlte sich Britannien trotz aller Ruhm- 
redigkeit und Prahlerei für diese Aufgabe bei weitem 
nicht stark genug. Es warb seine Trabanten und Büt- 
tel, wo immer es sie fand, und zahlte oder versprach 
wenigstens die höchsten Preise. In Ostasien wurde 
Japan für seine Dienste gewonnen, und dieser Umstand 
war es, der den fernen Osten sogleich in den Krieg 
1 Abgeschlossen Anfang Juni 1917. 
betnzig, Aus dem europäischen Kriege wurde durch 
nglands Zettelungen ein wirklicher Weltkrieg. 
Deutschland besaß an der Küste von Schantung, 
gegenüber dem japanischen Port Arthur. das rasch 
emporgeblühte Schutzgebiet von Kiautschou, Eisen- 
bahnen und Bergwerksgerechtsame in Schantung, 
eigene nationale Niederlassungen in den Häfen Tien- 
tsin und Hankou und einen zukunftsreichen Handel 
in vielen von den übrigen Vertragshäfen. Dieser 
Besitz schien England wichtig genug, um ihn dem 
deutschen Eigentümer zu entreißen und soweit wie 
möglich an sich zu bringen. In Deutschland, wo man 
von der Art und dem Umfange der englischen Ver- 
schwörung zunächst kaum noch die rechte Vorstellun 
hatte, bemühte man sich, ebenso wie Afrika, so auc 
Ostasien aus dem Bereiche der kriegerischen Unter- 
nehmungen auszuschließen, es durch ein besonderes 
Übereinkommen zu neutralisieren. China kam diesen 
deutschen Bestrebungen auf halbem Wege entgegen. 
Etwa eine Woche nach Ausbruch des Krieges wurde 
dem japanischen Vertreter in Berlin in Aussicht ge- 
nenlt. daß das deutsche Geschwader in Ostasien den 
efehl erhalten würde, sich feindseliger Handlungen 
in den dortigen Gewässern zu enthalten, sofern Eng- 
land, Rußland und Frankreich Gegenseitigkeit ver- 
bürgten und Japan neutral bliebe. Um die näm- 
liche Zeit bemühte sich China bei den fremden Ver- 
tretungen in Peking, die Zustimmung der kriegfüh- 
renden Mächte zur Neutralisierung der chinesischen. 
Küsten und Gewässer zu erlangen. Frankreich und 
Rußland scheinen diesen Bestrebungen nicht grund- 
sätzlich abgeneigt gewesen zu sein; dagegen mußten 
England und Japan bei der Art ihrer Pläne und 
Abmachungen sie selbstverständlich unter allen Um- 
ständen vereiteln.
        <pb n="104" />
        90 
Englands Bearbeitung der ostastatischen Sphäre 
für den Kampf mit Deutschland läßt sich zurückverfol- 
gen bis zum Beginn des laufenden Jahrhunderts, 
wenn auch bis zum Jahre 1905 seine Maßnahmen 
nur mittelbar vorbereitende sind. Den Kernpunkt 
bildet das Bündnis mit Japan. Im Januar 1902 
abgeschlossen, richtet es zwar zunächst seine Spitze 
egen Rußland, darüber zinaus aber auch unzweifel- 
* schon gegen Deutschland. Rußland sollte aus 
zwei Gründen getroffen werden, einmal, weil es durch 
sein weit ausgreifendes Vordringen in der Man- 
dschurei und Korea der englischen Vormacht gefähr- 
lich schien, und dann, weil die vor Eduard VII. 83 
leitete Einkreisung Deutschlands die Notwendigkeit 
ergab, den russischen Tatendrang nach Westen zurück- 
rufen, damit er hier gegen die deutsche Stellung 
a Europa und im türkischen Orientk verwendet wer- 
den könnte. Der siegreiche Krieg Japans von 1904,05 
verwirklichte den ersten Teil dieses Programms, die 
Zurückdrängung Rußlands aus Korea und der füd- 
lichen Mandschurei. Noch ehe zwischen beiden Kämp- 
fern der Friede geschlossen wurde, ersetzten England 
und Japan im Jahre 1905 ihren seitherigen Bündnis- 
vertrag durch einen neuen, der die japanischen Inter- 
essen in Korea und die englischen in Indien, Tibet 
und Afghanistan vor etwaigen russischen Abirrungen 
und Hecheeltungsgelsten ichern sollte. Im Jalre 
1907 fand indessen zwischen England und Rußland 
die große asiatische Auseinandersetzung statt, in der 
beide ihre Interessenkreise gegeneinander abgrenzten; 
dadurch wurde die russische Macht als Glied in die 
für Deutschland zu schmiedende Kette eingefügt, und 
das japanische Bündnis verlor seine russenfeindliche 
Bedeutung. Ebenso wie England erhielt auch Japan 
eine anderweitige Sicherheit gegen Rußland durch 
ein um die nämliche Zeit im Jahre 1907 mit letzterem 
abgeschlossenes übereinkommen, in dem beide sich 
ihren Besitzstand in Ostasien gegenseitig verbürgten. 
Dasselbe geschah mit Frankreich durch einen gleich- 
zeitigen japanisch-französischen Vertrag entsprechen- 
den nhhls und vorsichtigerweise auch mit Amerika 
in einem Abkommen Japans von 1908. Daß Eng- 
land bei allen diesen Vereinbarungen die treibende 
Kraft war, kann im Hinblick auf den gemeinsamen 
Zweck keinem Zweifel unterliegen: sie sollten sämtlich 
dazu dienen, in Ostasien jede Mißhelligkeit zwischen 
den Gliedern des großen, von England geschaffenen 
Verbandes gegen das Deutsche Reich auszuschließen 
und alle Hände zur Vernichtung dieses Gegners frei 
zu machen. Offenbar außerhalb des englischen Pro- 
gramms fiel dagegen das neue Abkommen, das Ja- 
pan anscheinend selbständig im Jahre 1910 mit Ruß- 
land schloß, in dem durch Geheimklauseln Japan freie 
Verfügung Über Korea und Rußland über die äußere, 
d. h. nördliche und westliche Mongolei erhielt, außer- 
dem aber beide sich ihren Besitzstand in der Man- 
dschurei gegen alle Eingriffe Drilter gewährleisteten. 
Ein solcher Dritter war zunächst Amerika, das durch 
seine in England befürworteten Neutralisierungs- 
pläne in der Mandschurei zu einer gemeinsamen Ge- 
fahr für Rußland und Japan wurde und so — ohne 
sich dessen bewußt zu sein — die Kreise Englands zu 
stören drohte. Das amtliche England unterließ im 
Interesse der großen Sache jede Mißbilligung dieses 
ihm sicherlich nicht erwünschten Gertrages und erklärte 
sogar im Sommer 1911, daß es die besonderen In- 
teressen Rußlands und Japans in der Mongolei und 
Mandschurei—anerkennen müsse. Gleichzeitig aber hielt 
I. Politik und Geschichte 
es England doch für gernten, Vorsorge dagegen zu 
treffen, daß es durch sein Bundesverhälmie in den 
immer drohender werdenden Zusammenstoß Japans 
mit Amerika bmeingegogen werden könnte. Zu diesem 
Zwecke wurde der Bündnisvertrag mit Japan von 
1905 im Jahre 1911 abermals durch einen neuen er- 
setzt, in dem England seiner Verpflichtungen im Falle 
eines japanischen Krieges gegen Amerika ledig wurde. 
Zum Ausgleich der Wertminderung, die das Bünd- 
nis hierdurch für Japan erfuhr, diente ein Geheim- 
abkommen zwischen dem englischen Minister Grey und 
dem sapansschen Botschafter in London, Kato, über 
das zwar Näheres bisher nicht bekannt geworden ist, 
dessen Bestehen aber auf Grund der späteren Ereig- 
nisse nicht mehr bezweifelt werden kann. In diesem 
Abkommen wurde Japan offenbar für die bevor- 
stehende Aufteilung des deutschen überseeischen Be- 
sitzes der Erwerb des Schutzgebietes von Kiautschou, 
der deutschen Eisenbahnen und Bergwerksgerechtsame 
in Schantung (obwohl sie Krwateigentum waren), 
vielleicht auch der deutschen Kolonien in Mikronesien 
und, innerhalb bestimmter Grenzen, die sonstige Aus- 
dehnung der japanischen Machtsohire in Nordchina 
zugesichert. Ob diese Abmachungen überhaupt auch 
nur zur Kenntnis der beiderseitigen Kabinette ge- 
kommen sind, scheint sehr zweifelhaft; nach dem, was 
über die anglo-belgisch-französischen Vereinbarungen 
jetzt festgestellt und dokumentarisch belegt ist, kann 
man Füstauihh der unterirdischen Tätigkeit einzelner 
Mitglieder der englischen Regierung alles für mög- 
lich halten. 
Hält man sich diese von England mit Mühe und 
Geduld zurechtgezimmerte politische Gruppierung in 
Ostasien vor Augen, so muß es, wie vorhin l sag 
wurde, als selbstwerständlich erscheinen, daß die Neutra- 
lisierungsbemühungen Deutschlands und Chinas von 
England und Japan vereitelt wurden. Die dem ja- 
panischen Vertreter in Berlin gegebene Anregung 
blieb unbeantwortet; ebenso wurde den Wünschen der 
chinesischen Regierung keine Beachtung zuteil. Am 
4. August hatte England an Deutschland den Krieg 
erllärt, und bereits am 7.erging von London die Auf- 
forderung an Japan, seines Amtes zu walten. Nicht 
ohne scharfe Kämpfe innerhalb der Regierungstreile 
sowohl, wie auch später im Parlament ist es dem in- 
zwischen zum Minister des Außern ernannten Kato 
und dem mit ihm verbundenen Ministerpräsidenten 
Okuma gelungen, das Geheimabkommen mit Eng- 
land wirksam zu machen, und es hat eines starken 
englis chen Druckes auf das seit dem japanisch-russischen 
Friedensvertrage von 1905 von England finanziell 
völlig abhängig gewordene Land bedurft, ehe der 
durchaus nicht volkstümliche Krieg gegen Deutschland 
beschlossen werden konnte. Am 19. August 1914 ließ 
Japan in Berlin ein Ultimatum überreichen, das die 
sofortige Entfernung der deutschen Kriegeschisfe aus 
den ostasiatischen Gewässern# und »die bedingungs- 
lose und ohne jede Entschädigung vorzunehmende 
überlieferung des gesamten Pachtgebietes Kiautschon 
an die japanischen Behörden= verlangte. Inhalt und 
Form dieses Schriftstückes waren derartig, daß es die 
deutsche Regierung für unter ihrer Würde erachtete, 
darauf eine Antwort zu geben, vielmehr dem, japa- 
nischen Vertreter seine Pase zustellte. Noch im August 
begann der japanische Angriff gegen Tsingtau, dem 
sich mehrere englische Kriegsschiffe und eine englische 
Truppenabteilung aus Hongkong unter dem durch die 
anglo-belgischen Militärabkommen bekannt gewor-
        <pb n="105" />
        Franke: Ostasien im Weltkriege 
denen General Barnardiston anschlossen. Auf der 
deutschen Seite kämuften die in den chinesischen Ge- 
wässern befindlichen österreichischen Marinemann- 
schaften mit, nachdem am 24. August von Osterreich- 
Ungarn an Japan der Krie erklärt war. Erst Ende 
September konnte indessen die Einschließung Tsing- 
taus von der Landseite erfolgen, und auch dann nur 
unter Verletzung der chinesischen Neutralität, indem 
japanische Truppen in dem chinesischen Küstengebiete 
von Schantung gelandet wurden. Die Einsprüche des 
militärisch wehrlosen China hiergegen wurden von 
England und Japanebensowenig beachtet wie die 75 
die Besetzung der deutschen Eisenbahnlinie nach Tsi- 
nanfu und der in ihrer Nähe gelegenen deutschen Berg- 
werke durch die Japaner, ohwohl beide, wie bemerg. 
Privateigentum waren und innerhalb des chinesischen 
Staatsgebietes lagen. In den sämtlichen vorhin er- 
wähnten Abkommen ist die Wahrung der chinesischen 
Selbständigkeit und Unverletzlichkeit als gemeinsamer 
Hauptzweck der Vertragschließenden angegeben; das 
at aber weder England noch Japan verhindert, beide 
griffe bei der ersten Veranlossung als nicht vorhan- 
den anzusehen, und ebensowenig hat Amerika. gleich- 
falls ein Teilnehmer an jenen Unverletzlichkeitsverträ- 
gen, es für angezeigt erachtet, seine Wertschätzung von 
Chinas Selbständigkeit an den Tag zu legen, obwohl 
noch im September 1914 eine besondere chinesische 
Bitte um Unterstützung nach Washington erging. 
Amerika war entweder durch England gebunden oder 
fühlte sich zu schwach, um Japan gegenüber seine 
eigenen Interessen, die unzweifelhaft schon im Hin- 
blick auf die Philippinen mit bedroht waren, ernsthaft 
zur Geltung zu bringen. 
Noch während der Belagerung von Tsingtau, im 
Oktober, besetzten die Japaner kampflos die nicht ver- 
teidigungsfähigen deutschen Inselgruppen der Ma- 
rianen, Karolinen und Marpallilseen im westlichen 
Teile des Stillen Ozeans. Die Erklärung, daß es sich 
dabei »lediglich um eine militärische Maßnahme“, 
nicht um eine dauernde Besetzung handle, mag den 
Zweck verfolgt haben, die aufsteigende Beunruhigung 
in Australien und Amerika zu beschwichtigen. Daß 
England, oder wenigstens Grey und sein Anhang, in 
diesen japanischen Plan von vornherein eingeweiht 
waren, läßt sich nach dem oben Gesagten annehmen; 
jedenfalls hat weder Australien noch Amerika einen 
Einspruch gegen das Vorgehen gewagt. Am 7. Novem- 
ber fiel Tsingtau nach heldenmütiger Verteidigung; 
die englische Repräsentantentruppe unter Barnar- 
diston wurde kurzerhand abgeschoben, und Japan 
trat nunmehr in Schantung mit der ganzen Rück- 
sichtslosigkeit auf, die ihm von dem Bewußtsein der 
überlegenheit über das hilflose China eingegeben 
wurde. Das Militär gebärdete sich in den Städten 
an der Bahnlinie und selbst in der Provinzialhaupt- 
stadt Tsinanfu als Herr und erregte in wachsendem 
Maße die Erbitterung der Bevölkerung. 
Hatte man in England bei der Anwerbung Japans 
emeint. daß sich der Bundesgenosse nach Lösung seiner 
Kufgabe, d. h. der Vernichtung der deutschen Macht 
und der Sicherung der ostasiatischen Gewässer für 
den englischen Handel, befriedigt mit seiner Beute 
zurückziehen und für eine etwaige weitere Berwen- 
dung auf den Kriegsschauplätzen bereit halten würde, 
so mußte die fernere Entwicklung bitter enttäuschen. 
Daß das japanische Vorgehen gegen Deutschland eine 
Vergeltung sei für die deutsche Teilnahme an dem 
Einspruch gegen den Friedensvertrag von Shimo- 
91 
noseki, ist eine Legende, die von England zur Ber- 
hüllung seiner dunklen Machenschaften mit großem 
Eifer verbreitet worden ist, und leider wird sie in 
Deutschland —ein betrübendes Zeichen der Abhängig- 
keit politischer Auffassungen von England — mit einer 
unbelehrbaren Hartnäckigkeit immer wiederholt. Der 
Minister Kato selbst, der sich am 5. Septemder 1914 
in japanischen Parlament ausführlich über die Ver- 
anlassung zu dem Kriege gegen Deutschland ausge- 
sprochen hat, deutet mit keinem Wort auf jenen — in 
der Zwischenzeit übrigens auch völlig entstellten — 
Einspruch hin, sondern begründet das Verhalten der 
Regierung einmal mit -dem Ersuchen Englands um 
japanischen Beistande auf Grund des Bündnisvertra- 
ges und dann mit der seltsamen Tatsache, daß die 
machtvolle Tätigkeit Deutschlands in Ostasien im Wi- 
derspruch stehe mit den Interessen des japanischen Rei- 
chesc. Daß der Bündnisfall für Japan nicht gegeben 
war, wird jeder sofort erkennen, der den Wortlaut des 
Vertrages von 1911 durchliest; tatsächlich ist dies auch 
sogar von England niemals ernsthaft behauptet wor- 
den. Daß dagegen Deutschlands #machtvolle Tätig- 
keite denj abischen Inleresten im Wege stand, so wie 
sie von a, Kato und anderen Politikern mit 
panasiatischen Vorstellungen verstanden werden, ent- 
spricht der Wahrheit. Japan soll in dieser Ideenwelt 
der Beherrscher des ostasiatischen Festlandes und des 
Stillen Ozeans mit allen seinen Inseln werden, da- 
neben auch noch schützend und leitend seine Hand über 
die von Europa geknechteten Völker Mittelasiens hal- 
ten. Einem solchen Ziele steht aber nicht bloß Deutsch- 
land im Wege, sondern jedes abendländische Volk, das 
in Ostasien Interessen und Einfluß besitzt oder 
erringen wagt, allen voran England und Ameri 
Die Bedeutung dieser Tatsache sollten beide noch wäh- 
rend des Krieges gründlich kennenlernen. 
Daß Japan micht gesonnen war, lediglich ein aus- 
führendes Organ in der englischen Politik gegen 
Deutschland zu sein und sich mit der ihm zugewiese- 
nen Betahlung für abgefunden zu erklären, zeigte es 
sehr bald nach der Eroberung von Tsingtau. Bereits 
im Januar 1915 überreichte der japanische Vertreter 
in Peking eine lange Reihe von Forderungen, deren 
Gewährung China in ein ähnliches Vasallenverhält- 
nis zu Japan bringen mußte, wie das von Korea 
vor neiner Einverleibung von 1910 war. Die For- 
derungen waren in fünf Gruppen geteilt: 1) Zustim- 
mung der chinesischen Regierung zu allen Abma- 
chungen, die wischen Deutschland und Japan nachdem 
Kriege über das Besitztum des ersteren in Schantung 
getroffen werden; Verpflichtung, keinen Teil von 
chantung an eine dritte Macht abzutreten; Geneh- 
migung zum Bau einer japanischen Eisenbahn da- 
selbst. 2) Die Überlassung der südlichen Mandschurei 
und der östlichen Mongolei in ihrem Südteile als eine 
Art Kolonialgebiet an Japan unter Beibehaltung 
einer ganz unselbständigen Scheinregierung Chinas. 
3) Umwandlung des Betriebes der Kohlen- und Eisen- 
werke von Han-yang, Ta-zye und Ping · hiang (Han- 
De-Ping) am mittleren Yangtse in ein gemeinsames 
japanisch-chinesisches Unternehmen. 4) Verpflichtung 
Chinas, keinen Hafen, keine Bucht und keine Insel an 
eine dritte Macht abzutreten. 5) Anstellung zahlreicher 
japanischer Ratgeber bei der chinesischen Regierung; 
Gründung japanischer Missionsanstalten, Schulen 
und Holpitäler in China; Verwaltung der Polizei an 
wichtigen Plätzen gemeinsam mit Japan; Verpflich- 
tung zum Bezug von Kriegsmunition von Japan;
        <pb n="106" />
        92 
Verpflichtung, in der Provinz Fukien (gegenüber dem 
japanischen Formosa) keine Bergwerke, Eisenbahnen, 
Schiffswerften, Hafenanlagen mit Hilfe fremden Ka- 
pitals zu schaffen; Zustimmung zum Bau mehrerer 
Eisenbahnlinien in den Provinzen südlich vom mitt- 
leren Yangtse durch Japan. 
Mit diesem ungeheuerlichen Programm trat Japan 
mit einem Schlage aus den Schranken der von Eng- 
land mühevoll ersonnenen politischen Raumvertei- 
lung heraus und drang rücksichtslos in die englischen, 
amerikanischen und selbst russischen Interessengebiete 
ein; es schien entschlossen, die Bindung der europäi- 
schen Mächte durch den Krieg aufs äußerste auszu- 
nutzen. Die Forderungen müssen für England wie 
für Amerika eine schmerzliche überraschung gewesen 
sein; aber beide wagten im Gefühl ihrer Ohnmacht 
keinen lauten Widerspruch. Amerika beschränkte sich 
auf eine lahme Anfrage bei Japan nach seinen Ab- 
sichten, und ob England, wie mehrfach behauptet ist, 
ebenso wie Frankreich und Rußland ihre Haltung von 
der weiteren Beteiligung Japans an dem Kriege in 
Europa abhängig gemacht3haben, ist zur Zeit nicht fest- 
stellbar. Ebenso ist nicht nachzuweisen, ob und in- 
wieweit etwa englische Mahnungen auf Japans Ver- 
tretung seiner Ansprüche eingewirkt haben. Unter- 
schätzt werden darf hierbei auch nicht der Sturm der 
Entrüstung, den die Forderungen in ganz China 
entfesselten. Der Präsident Yuan Schi-kai hat große 
Mühe gehabt, dem von allen Seiten gegen ihn an- 
stürmenden Drängen nach bewaffnetem Widerstande 
gegen die japanische Vergewaltigung standzuhalten 
und statt dessen ruhig und zäh zu verhandeln; er 
kannte die Unzulänglichkeit der Machtmittel seines 
Landes und wußte, daß ein kriegerisches Vorgehen 
Chinas den japanischen Bedrängern nur in die Hände 
arbeiten würde. Es gelang ihm, bei Japan eine Er- 
mäßigung seiner Forderungen insofern durchzusetzen, 
als es au die der 5. Gruppe mit Ausnahme der Be- 
stimmungen über Fukien und die Eisenbahnlinien 
verzichtete. Das übrige mußte von China im Mai 
1915 zugestanden werden. Es ist dies noch immer 
so viel, daß schwere Krisen für die Zukunft unaus- 
bleiblich erscheinen. In China, wo seit Jahren die 
bald heimliche, bald offene Bedrohung durch Japan 
eine immer allgemeiner werdende Erbitterung hervor- 
gerufen hat, ist jetzt die Erkenntnis herangereift, daß, 
wenn die staatliche Selbständigkeit nicht völlig ver- 
lorengehen soll. man sich auf eine frühere oder spätere 
kriegerische Auseinandersetzung mit dem machtgieri- 
gen Nachbar vorbereiten muß. Der letzte überfall 
Japans bewirkte, daß der Norden und der Süden noch 
einmal einig wurden. Der Widerstand gegen die Re- 
gierung Yuan Schi-kais wurde aufgegeben, und die 
Provinzen schlossen sich fester gegen den gemeinsamen 
Feind zusammen. Man suchte die Zentralregierung 
vor allem durch Aufbringung innerer Anleihen finan- 
ziell zu stärken und bemühte sich, den Japanern einst- 
weilen wirtschaftliche Schwierigkeiten zu machen, wo 
immier sich eine Möglichkeit dazu bot. Des weiteren 
aber erkannte China. daß von England und — wor- 
auf es wohl am meisten gehofft — von Amerika Hilfe 
nicht zu erwarten sei, daß es sich für die Zukunft vor 
allem auf die eigene Kraft verlassen müsse, und daß, 
wenn ihm überhaupt noch eine Rettung vor seinen 
japanischen, englischen, französischen und russischen 
Berängern. werden soll, der Sieg der deutschen Waf- 
fen dafür die erste Voraussetzung sei. An dieser Er- 
kenntnis hat auch der von Amerika erpreßte Abbruch 
I. Politik und Geschichte 
der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland, wie 
sich unten ergeben wird, nichts Wesentliches geändert. 
Unter den dargelegten Verhältnissen kann es nicht 
wundernehmen, wenn Japan im weiteren Verlaufe 
des Krieges den englischen Wünschen nur insoweit 
willfährig gewesen ist, als es seinen eigenen Inter. 
essen entsprach. Sich an dem von England ins Werk 
gesetzten Kampfe gegen den deutschen Handel in Ost- 
asien zu beteiligen, hat es zunächst nicht für zweckmäßig 
gehalten es hatte kein Interesse daran, die deutschen 
aufleute von den chinesischen und japanischen Märk- 
ten zu verdrängen, damit die englischen ihren Platz 
einnehmen könnten. Die wiederholten Aufforderun- 
gen Englands und Frankreichs, nach dem Vorbilde 
eider Regierungen alle Deutschen auszuweisen oder 
gefangenzuseten und jeden Handel mit Deutschen in 
hina zu verbieten, hat es abgelehnt, nur ein Ver- 
bot, deutsche Waren auf japanischen Schiffen zu ver. 
frachten sowie mehrere andere Einschränkungen, wie 
Schließung der Deutsch-Asiatischen Bank u. a., sind 
schließlich zugestanden worden. Daß aber Japan je- 
mals im Einst daran gedacht haben oder denken sollte, 
zur Unterstützung seiner Verbündeten Truppen auf 
ie europäischen Kriegsschauplätze zu entsenden, ist 
schon aus militärtechnischen Gründen im höchsten 
Maße unwahrscheinlich; es ist auch unerfindlich, wel- 
chem vernünftigen politischen Zwecke ein solches Aben- 
teuer hätte dienen sollen. 
Hat das japanische Bundesverhältnis zu England 
somit während des Krieges seinen inneren Halt ver- 
loren, so ist dafür ein engerer Anschluß Japans an 
Rußland angebahnt worden. Dieser Anschluß hat 
schon in dem erwähnten Abkommen von 1910 seine 
erste Grundlage erhalten und dient dem Zwecke, die 
ostasiatische Länderbeute ohne Rücksicht auf England 
und Amerika zu teilen. Eine Reibungefläche dürfte 
dabei allerdings die östliche Mongolei abgeben, über 
die sich Japan in der zweiten Gruppe seiner Forde- 
rungen weitgehende Rechte von China hat zusprechen 
lassen, und in der auch starke russische Interessen vor- 
handen sind, zumal die Grenzen zwischen der östlichen 
und der äußeren Mongolei noch als durchaus flüssig. 
gelten müssen. Es handelt sich hierbei vor allem um 
den Bau der sehr wichtigen Eisenbahn vom Baikalsee 
über Urga nach Kalgan mit dem Anschluß an die Li- 
nie nach Peking. Noch während des Krieges. am 17. 
September 1914, soll Rußland mit der erst von ihm 
im Jahre 1912 geschaffenen # unabhängigen= mon- 
golischen „Regierung= ein dahin zielendes Abkommen 
getroffen haben, und im Februar 1915 stellte der Mi- 
nister Ssasonow in der Duma die baldige Mitteilung 
von »der Unterzeichnung des dreifachen russischchi- 
nesisch-mongolischen Vertrages in Aussicht. Nach 
Berichten aus Ostasien soll dieser Vertrag auch im 
Juni 1915 unterzeichnet worden sein, indessen für 
das frühere russisch-mongolische Abkommen eine Ein- 
schränkung insofern gebracht haben, als er ausdrück- 
lich erklärt, daß „die äußere Mongolei ein Teil des 
chinesischen Lündergebietes bleibte. 
Wie völlig sich das Verhältnis Englands zu Japan 
durch die Haltung des letzteren verschoben hatte, sollte 
recht bald noch deutlicher werden. Im Oktober 1915 
unternahm England ohne Kenntnis Japans, uber 
vermutlich im Einverständnis mit Amerika den Ver- 
such. China zum Eintritt in den Krieg an seiner Seite 
zu überreden, einmal um den deutschen Handel wirk- 
samer schädigen zu können, und dann um das von 
Japan schwer bedrängte China und zugleich die stark
        <pb n="107" />
        Schäfer: Friedensverhandlungen und Friedensschlüsse der Vergangenheit 
gefährdete eigene Stellung. in Sicherheit zu bringen. 
uan Schikai lehnte diese Lockungen ab; Japan aber, 
das die Absicht durchschaute, nahm eine so unzwei- 
deutige Haltung an, daß England erschrocken zurück- 
wich und dem Verbündeten versicherte, es würde in 
Ostasien keinen neuen Schritt ohne vorherige Ver- 
ständigung mit ihm unternehmen. Eine Probe seines 
Wohlverhaltens konnte es fast gleichzeitig ablegen. 
In richtiger Erkenntnis der Gefährlichkeit der repu- 
blikanischen Komödie hatte der Präsident Yuan Schi- 
kai die Wiedereinführung der Monarchie in China 
vorbereitet und war dabei sowohl von seinen ameri- 
kanischen Ratgebern wie auch, nach den Außerungen 
der wohl abgerichteten englischen Presse zu schließen, 
von der englischen Vertretung ermutigt worden. Plötz- 
lich aber, am 28. Oktober 1915, erschienen der japa- 
nische Geschäftsträger als Sprecher und in seinem Ge- 
folge die Gesandten Englands und Rußlands auf dem 
Ministerium des Auswärtigen in Peking und gaben 
eine Erklärung ab, in der die chinesische Regierung 
den Rat erhielt, die Wiedereinführung der Monarchie 
8 vertagen, weil der Ausbruch von Unruhen im 
nde zu erwarten sei und dadurch die Interessen Ja- 
pans und der anderen in China interessierten Mächte 
bedroht würden. Japan zeigte, daß es in der Tat 
Herr in Ostasien war und daß es das Schicksal Chi- 
nas nach seinem Willen zu formen entschlossen war. 
Die Wiederherstellung der Monarchie unterblieb dar- 
aufhin, und am 5. Juni 1916 starb Yuan Schilkai, 
ob eines natürlichen Todes, wird vielleicht die Zu- 
kunft einmal lehren. 
In wachsendem Hader der Parteien, durch Unruhen 
und Aufstände geschwächt, unter zunehmendem Ver- 
fall der zentralen Regierungsgewalt und durch stän- 
dige Geldnot, eine Folge der zerfahrenen Verwaltung, 
gehemmt und bedroht. hat das unglückliche Land seit- 
dem sein Dasein gefristet, immer in Angst vor einem 
neuen japanischen Zugriff und allein gestützt durch 
die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges, das 
dann ein neues Gegengewicht gegen den unbarm- 
herzigen Bedränger bringen könnte. 
Wider Erwarten, aber nicht als Errettung, sondern 
als neue Vergewaltigung hat sich dieses Gegengewicht 
noch vor dem Kriegsende eingestellt. Unmittelbar 
nachdem im Februar 1917 Amerika die Beziehungen 
93 
u Deutschland abgebrochen hatte, erging von dem 
Präsidenken Wilson die Aufforderung an China, sich 
diesem Vorgehen anzuschließen. Ohne Zögern wurde 
diese Aufforderung abgelehnt, dann aber übte Ame- 
rika, vermutlich nach Verabredung mit England, durch 
seine Vertreter und Agenten einen derartigen Druck 
auf die willensschwache Regierung aus, und zwar 
nicht bloß mit Versprechungen und Drohungen, son- 
dern auch, woran heute kein Zweifel mehr sein kann, 
durch Anwendung höchst lichtscheuer Mittel, daß der 
Abbruch der Beziehungen zu Deutschland von den kopf- 
los und willenlos gemachten politischen Machthabern 
am 14. März beschlossen wurde. Furcht vor Japan 
ist die treibende Kraft dabei gewesen; trotzdem ist schon 
jetzt, nach Verlauf von wenigen Wochen, beider überall 
vorhandenen Hinneigung zu Deutschland, der Wider- 
spruch im Lande dermaßen stark geworden. daß die 
weuere Entwicklung heute noch nicht absehbarist, zumal 
sich die Stellung Japans zu dem Ganzen bisher noch 
jeder Beurteilung entzieht. Zu Rußland hat Japan 
sein Verhältnis durch ein neues Abkommen weiter ge- 
festigt, das unter dem 3. Juli 1916 vereinbart wor- 
den ist und beiden Teilen ihre sterritorialen Rechte 
und besonderen Interessen im Fernen Osten= gegen 
jeden Eingriff Dritter gewährleistet, dagegen bleibt 
die Stellung zu Amerika unausgeglichen, zu England 
hat sie sich verschärft. 
Ohne Rücksicht auf die Folgen haben England und 
Amerika einen neuen Feuerbrand in die ostasiatische 
Welt geschleudert; niemand vermag heute zu sagen, 
wie die Flammen einst zu löschen sein werden. 
Literatur. H. Bächtold, Die geschichtlichen Grund- 
lagen des Weltkrieges (Zürich 1915); H. Hashagen, Eng- 
land und Japan seit Schimonoseki (Essen 1915); J. Oncken, 
Die Vorgeschichte des Krieges (in .Deutschland und der Welt- 
krieg-, 2. Aufl., Leipz. 1917); O. Frante, Cstasien und der 
Krieg (in -Das Größere Deutschlande, 1914, Nr. 33); Der- 
selbe, Die ostasiatische Frage (ebenda 1915, Nr. 14); Der- 
selbe, Die Großmächte in Ostasien (in -Deutschland und der 
Weltimege, 2. Aufl., Leipz. 1917); Derselbe, China auf dem 
Rückwege zur Monarcheie (7 Deutsche Politik= 1916, Heft 4); 
H. Mueller, Der russisch-japanische Vertrag vom 3. Juli 
1916 („Zeitschrift für Politike 1916, Heft 1); Derselbe, 
Japan und der Ferne Osten (7Das neue Deutschland 1917, 
Heft 14); O. Franke, Zur Vorgeschichte des Abbruchs der 
deutsch-chinesischen Beziehungen (#Wertschaftsdienste, hreg. 
von der Zentralstelle d. Hamburg. Kol. Just., 1917, Nr. 21.) 
Friedensverhandlungen und Frie- 
densschlüsse der Vergangenheit 
von Professor Dr. Dietrich Schäfer in Berlin-Steglitz 
Häufiger als sonst in Kriegsläuften hat man wäh- 
rend des gewaltigen Kampfes, in dem wir nochmitten- 
inne stehen, an frühere Friedensverhandlungen und 
Friedensschlüsse erinnert und erörtert, ob und wie 
weit sie gleichsam als Beispiele oder Vorbilder möch- 
ten dienen können. Es hat das zum Teil seinen 
Grund in der tiefen Sehnsucht, die unser friedlieben- 
des, dem Gedanken an Krog in weiten Kreisen ent- 
wöhntes Volk erfüllt nach Rückkehr in die gewohnte 
Tätigkeit und Lebensführung, nicht weniger aber auch 
in dem Mangel an Vertrauen in unsere Reichslei- 
ung. der gerade bei den *. und Urteilsfähigsten 
der Nation tiefe Wurzel gefaßt hat (vgl. Art.-Kriegs- 
zielbewegung-, S. 1ff.). Dazu kommt, daß die Wehr- 
fähigen unseres Volkes noch niemals, seitdem es einen 
Staat besitzt, auch nur entfernt in solchem Umfange 
zur Erfüllung der Wehrpflicht herangezogen, dem 
Kriege unmittelbar dienstbar gemacht worden sind, 
wie das diesmal notwendig geworden ist. Noch nie 
wurden Beschwerden, Lasten und Schrecken eines Krie- 
ges von einem Volke so bis in seine letzten Glieder 
und in allen Fasern gefühlt wie gegenwärtig. 
Die angestellten Erwägungen und Vergleiche ha- 
ben sich besonders mit zwei uns naheliegenden Her- 
ängen der Vergangenheit beschäftigt, mit den Frie- 
ensschlüssen Bismarcks und den Verhandlungen, die 
dem Befreiungskriege folgten. Daß man sich dem 
Meister deutscher Politik zuwandte, erklärt sich von 
selbst; wenn man auf die Befreiungskriege zurückgriff, 
1 Ugl. s. B. Johannes Haller, Bismarcks Friedensschlüsse 
C. Aufl., Münch. 1917).
        <pb n="108" />
        94 
so geschah es in dem Bestreben, an Hergänge zu er- 
innern, die man nicht als vorbildlich ansehen kann. 
Bismarcks Politik. und zwar nicht nur die 
innere, sondern auch die äußere, ist bei den Mitleben- 
den auf heftigen und anhaltenden Widerstand ge- 
seoßen Seine Lösung der schleswig holsteinischen 
rage hat er durchsetzen müssen so gut wie gegen je- 
dermann in Preußen und Deutschland, die Regieren- 
den nicht ausgeschlossen, und die Auseinandersetzung 
mit ÖOsterreich ist nicht weniger gegen die öffentliche 
deutsche Meinung vollzogen worden. Auch später, so- 
lange Bismarck die Reichsleitung in Händen hielt, 
haben die Anfechtungen seiner auswärtigen Politik 
nicht aufgehört; er hat mehr als einmal im Reichs- 
tag hart um sie kämpfen müssen. Eigentümlich aber 
ist, daß gerade diejenigen Richtungen, die des Reichs- 
begründers Politik damals und auch oft noch später 
nicht schlecht genug glaubten machen zu können, heute 
deren weise Mäßigung rühmen. auf 14 hinweisen, um 
vor weiter ausgreifenden Forderungen zu warnen. 
Man erlebt es übrigens auch sonst oft genug, daß ver- 
bissenste Bismarckgegner den Bekämpften als Schwuc- 
eugen anrufen, wenn sie in dem überreichen Arsenal 
seine Reden und sonstigen Außerungen eine Waffe 
glauben efunden zu haben, die ihnen für Vertei- 
igung hrer Auffassung dienlich erscheint. Man 
denke nur an Bismarcks Auslassung über das preu- 
Lische Wahlrecht. 
Mit besonderer Vorliebe ist während dieses Krieges 
auf Bismarcks Mäßigung gegenüber Osterreich im 
Jahre 1866 hingeniesen worden; sie wird als vor- 
dildlich bezeichnet. epen die Meinung seines Königs 
und hervorragender Militärs hat der Leiter der preu- 
Pßischen Politik damals von jeder Forderung einer Ge- 
bietsabtretung abgeraten und seine Auffassung durch- 
gesetzt. Auch gegenllber den süddeutschen Regierungen 
widerriet er mit Erfolg das = Abknabbern-. Die ter- 
ritorialen Verluste Bayerns und Hessen-Darmistadts 
verdienen diese Bezeichnung nicht; sie blieben weit 
rück hinter dem, was an entscheidender Stelle in 
Frage gekommen war. Daß die Abneigung gegen 
das Abknabbern aber ihren Ursprung nicht in einem 
Berzicht auf Eroberungsrechte hatte, ergibt sich aus 
dem Verschwinden von vier oder, da man Schleswig- 
Holstein einrechnen muß, fünf norddeutschen Staaten 
von der Landkarte, die, mit Ausnahme von Frank- 
furt a. M., ihrem Umfange nach sämtlich zu den an- 
sehnlicheren Bundesgliedern gehörten. Dazu ver- 
dankte Sachsen nur dem entschiedenen Einspruch 
Osterreichs seinen Fortbestand. Für Bismarcks Ent- 
scheidungen waren besonders zwei Erwägungen maß- 
gebend, einmal die Durchführbarkeit gegenüber der 
Gefahr einer europäischen Einmischung und dann die 
Rücksicht auf eine zukünftige Verbindung gerade mit 
den Staaten, mit denen man soeben den Degen ge- 
kreuzt hatte. Jene hielt davon ab, den neuen deut- 
schen Bundesstaat schon jetzt über den Süden auszu- 
dehnen, diese, Osterreich und den süddeutschen Geg- 
nern durch empfindliche Gebietsverluste das Vergessen 
zu erschweren. 
Es erhebt sich die Frage, ob jetzt ähnliche Verhält- 
nisse vorliegen. Wcderhooin ist es behauptet worden. 
Man hat gesagt, Deutschland müsse doch in Zukunft 
wenigstens einen Bundesgenossen haben, es 
könne nicht isoliert seinen Weg gehen. 
Die Richtigkeit einer solchen Erwägung erscheint 
I. Politik und Geschichte 
auf den ersten Blick einleuchtend; bei näherer Über- 
legung begegnet sie aber allerernstesten Zweifeln. 
Zunäcst ist Deutschland, wie sich die Dinge gestaltet 
aben, nicht ohne Bundesgenossen. Die Mittelmächte 
sind mit festen Ketten aneinander geknüpft; sie haben 
ein starkes gemeinsames Interesse gegen die „Rand- 
mächte. Die Türkei, Osterreich-Ungarn, Bulgarien, 
sie alle kümpfen um ihr Dasein so gut wie wir. Ein 
Sieg der Verbündeten, insbesondere Rußlands und 
Englands, wäre der Tod des osmanischen Reiches; sein 
Untergang stellt eines ihrer Kriegssiete dar und nicht 
das geringste. Sie haben das in der Antwortnote (vgl. 
S. 11 auf Wilsons Mitteilung vom 19. Dez. 1916 
Uar und deutlich ausgesprochen. Von den Beutestücken 
würde Bulgarien stwersch irgend etwas zufallen; 
es könnte froh sein, wenn es behielte, was man ihm 
1918 in Bukarest gelassen hat. Serben und Griechen, 
Italiener und Franzosen würden sich neben Briten 
und Russen in den Raub teilen; mit der Zusammen- 
fassung des bulgarischen Volkstums, des ansehnlich- 
ten und entwicklungsfähigsten der Balkanhalbinsel, 
n einem Staatswesen, das auf dem Balkan die Vor- 
macht darstellen würde, wäre es für alle Zeiten vorbei. 
Und das gleiche ergäbe sich flir Bulgarien aus der 
Hernichtucg der Donaumonarchie, die nach derselben 
Note(vgl. S. 171) den zweiten Hauptpunkt des Entente- 
Programms bildet. Sie würde Serbien zur ersten 
Macht des Südostens erheben, dieherrschen würde von 
Laibach und der Drau bis vor die Tore von Saloniki. 
Neben ihm würde Rumänien, schon in seiner lebigen 
Ausdehnung Bulgarien an Einwohnerzahl erheblich 
überlegen, zu einem erdrückenden Übergewicht über 
den Nachbarn gelangen. Ungarn, Bulgariens natür- 
licher Bundesgenosse, zur Zeit Vertreter der gewich. 
tigsten Nationalität des gesamten Donaugebiets, 
würde gleich Bulgarien selbst auf eine der unteren 
Rangstufen hinabgedrückt werden. Daß OÖsterreich- 
Ungarn vor dem uim zugedachten Schicksal nur Ret- 
tung finden kann im engsten Anschluß an Deutschland, 
versteht sich von selbst. Wahrlich, die Mittelmächte 
sind auf Gedeih' und Verderb miteinander verbunden, 
nicht nur für jetzt, sondern noch für lange, lange Zeit. 
Denn es sind große, weite Ziele, die man, beson. 
ders an der Newa und der Themse, sich gesteckt hat. 
Rußland will Konstantinopel, will über Bosporus 
und Dardanellen ans Mittelmeer, England aber 
die überlandverbindung mit Indien, die mit der Zeit 
dem Seeweg den Rang ablaufen möchte; es will sie 
nicht unter anderer als der eigenen Aufsicht wissen. 
Die Verfügung über Mesopotamien und den Euphrat 
würde Arabien zu einer Insel in dem gewaltigen 
Meere britischer Herrschaft und zugleich den Kaiser 
von Indien zur Vormacht des Islams machen, was 
allmählich zur Voraussetzung der Dauer seiner Würde 
geworden g. Erreicht werden können diese Ziele aber 
nur über die Trümmer der Mittelmächte. Es istfalsch, 
wenn man aus einzelnen Außerungen Bismarcks 
heraushört, Deutschland habe kein erhebliches Inter- 
esse daran, Rußland die Dardanellen zu sperren. 
Verkehren mag es dort, auch hemmungslos, aber 
herrschen? Das wäre das Ende nicht nur der Türkei 
und selbständiger * sondern auch Oster- 
reich--Ungarns und Deutschlands. Die Wogen russi- 
scher Macht würden über sie alle zusammenschlagen. 
Nun wird aber gesagt, Walfisch und Elefant wür- 
den sich nicht immer vertragen, und gewiß ist das 
wahrscheinlich. Sie wären ja überhaupt kaum zu- 
sammengekommen, wenn die Leitung der deutschen
        <pb n="109" />
        Schäfer: Friedensverhandlungen und Friedensschlüsse der Vergangenheit 
Politik in den letzten dahtzehnten der englischen ge- 
wachsen gewesen wäre. Es ist schwer zu sagen, ob 
Erfolg oder Mißerfolg im gegenwärtigen Kriege einen 
etwaigen Bruch beschleunigen würde. Man betritt mit 
solchen Erwägungen den schwankenden Boden der grö- 
ßeren oder geringeren Wahrscheinlichkeit, bleibt aber 
n den Ergebnissen weit zurück hinter der Sicherheit, 
welche die nach ihr benunnte Rechnung zu erreichen 
vermag. Gewiß wird ja Vorderasien bedenkliche Rei- 
bungsflächen bieten, auch wenn die Türkei die gegen- 
wärtige Prüfung besteht. Persien ist von jeher der 
Schnittpunkt britischer und russischer Macht in Asien 
gewesen und hat diese Bedeutung durch die Abmachun- 
gen von 1907 und das, was ihnen gefolgt ist, nicht 
verloren. Schon jetzt auf solchen Konflikt z rechnen h 
und auf Grund solcher Rechnung eine Wahl zu treffen 
zwischen den beiden Mächten, eine von ihnen zu scho- 
nen in Rücksicht auf eine spätere Verständigung, wäre 
eine Versündigung an der Gegenwart, wie sie schwe- 
rer kaum b anden werden könnte. Jetzt kann es sich 
nur darum handeln, beide nach Kräften zu schwächen 
und selbst stark zu werden. Sind wir stark, so sind 
wir auch erwünschte Bundesgenossen, die umworben 
werden. Es gibt in Asien noch Raum genug für Rus- 
en und Engländer, wo wir sie ohne Gefährdung un- 
erer Daseinsbedingungen dulden können, wenn sie 
das gegenwärtig verfolgte Ziel nicht erreichen. Bis- 
marcks Schonung gegenüber Österreich und 
den süddeutschen Gegnern Preußens kann 
niemals Vorbild unserer Politik gegenüber 
Rußland und England sein. 
Der Gedanke, auf Besserung unserer Beziehungen 
5r Frankreich hinzuarbeiten, ist lange und mit 
echt ein Leitstern bester deutscher Politik gewesen. 
Jede Erörterung, ob dieses Streben allenfalls hätte 
Erfolg haben können, wenn dieses oder jenes ge- 
tan oder nicht getan worden wäre, ist zur Zeit 
mücßig, ein deutsch-französisches Zusammengehen in 
weitere Ferne gerückt als je seit 1871. Und ob es mit 
Italien jetzt wesentlich anders liegt? Es war unser 
Bundesgenosse, und dieses Verhältnis hatte längere 
eit eine tragfähige Grundlage. Es verlor sie, als 
England anfing, sich gegen Deutschland zu wenden; 
da boten wir nicht mehr genügend Stütze gegen 
dessen und Frankreichs Mittelmeerstellung. 3 
ten wir uns gegen England, zwingen wir es, uns zur 
See neben sich gelten zu lassen, so können die Dinge 
auch wieder eine andere Wendung nehmen. Ver- 
trauen auf italienische Bundesgenossenschaft werden 
wir allerdings kaum jemals wieder gewinnen. Beibei- 
den Staaten, Frankreich wie Italien, liegt die Sache 
aber insofern anders als bei Rußland und Großbritan- 
nien, als sie nicht die Möglichkeiten fast unbegrenzter 
innerer Machtsteigerung, besitzen, die diesen beiden 
Riesenreichen eigen ist. Sie können uns nicht so leicht 
ans Leben wie deren erdrückende Übermacht, wenn 
es uns nicht gelingen sollte, unseren Machtbereich 
ihnen gegenüber ganz erheblich zu erweitern. 
Daß aus Bismarcks Verhalten gegen die deutschen 
Südstaaten nicht etwa eine Lehre gezogen werden 
kann für die Regelung der zukünftigen Begiehm en 
zu den lleinen feindlichen Nachbarn der Mittelmächte, 
ergibt sich von selbst. Für Serbien, Montenegro 
und Rumänien mülssen Österreich-Ungarn und Bul- 
garien die ihnen erträgliche Stellung finden, in Bel- 
gien die Dinge so geordnet werden, daß es für uns 
keine Gefahr mehr bedeuten kann. Das läßt sich für 
95 
den flämischen Teil seiner Bevölkerung auch in einer 
Weise erreichen, die ihn mit der Zeit fest an Deutsch- 
land kettet; es wäre aber falsch, auf diese Aussicht hin 
schon jetzt Zugeständnisse zu machen, die unsere 
Macht über das Land lockern. 
Wie wenig Schonung an sich gute Beziehungen ver- 
bürgt, zeigt übrigens der Frankfurter Frieden. 
Bismarck hat von Beginn des deutsch französischen 
Krieges an die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens 
ins Auge gefaßt; nur krasse Unwissenheit konnte in 
diesen Tagen etwas anderes behaupten. Er entsprach 
damit des deutschen Volkes und eigenem Gerechtigkeits- 
empfinden und dem Schutzbedürfnis gegenüber fran- 
zösischer Kriegs- und Eroberungslust. # den Jahr- 
underten seiner vollkommenen Machtüberlegenheit 
hat das Deutsche Reich nie versucht, seine Grenze west- 
wärts vorzuschieben: Frankreich hat damit begonnen, 
sobald die Lage sich zu seinen Gunsten gewendet hatte, 
und hat seine Versuche durch ein halbes Jahrtausend 
und länger unentwegt und auch erolgreich *7- 
fortgesetzt. Dem mußte vorgebeugt werden. Es ge- 
a aber in einer Weise, die ein besonnener, für 
Mäßigung und Gerechtigkeit empfänglicher Gegnerer= 
träglich gefunden hätte. Es ist, abgieehen von der — 
eben aus Schutzgründen erfolgten — Einverleibung 
der Festung Metz mit ihrem Nachbargebiet, nur ge- 
nommen worden, was deutschen Stammes und deut- 
scher Sprache war, obgleich Stimmen laut wurden, 
die eine Wiederherstellung der alten Reichsgrenzen 
sorderten. Trotzdem ist der Verlust von den Franzo- 
en und ihren zahlreichen Freunden fortgesetzt als Ver- 
tümmelung gebrandmarkt worden und hat nur Ge- 
ühle des ees und der Rache ausgelöst. 
Nicht weniger als die weise Mäßigung, die vor al- 
lem Dauer ins Auge faßte, sind in Bismarcks Politik 
seine Bemlihungen vorbildlich, Ein mischung der 
Neutralen hintanzuhalten. Er hat meisterlich 
verstanden, Kriege vorzubereiten, die Lage 
zu schaffen, in der sein Staat siemit denkbar 
geringster Gefahr auf sich nehmen konnte. 
Daß er Osterreich zur Vertretung des Londoner Pro- 
tokolls mit hineinzuziehen wußte in den Krieg gegen 
Dänemark, ist eim seiner größten politischen Leistun- 
gen. Die Beziehungen, die er zu Napoleon III. unter- 
hielt, sicherten ihn gegen französische Einmischung; 
das vielgeschmähte Entgegenkommen, das er Rußland 
während des polnischen Aufstandes von 1863 erwiesen 
haite, schützte vor der Alexanders II., hat auch in den 
eiden folgenden Kriegen noch Früchte getragen. So 
endete die Londoner Konferenz für die beiden deut- 
schen Großmächte mit der anerkannten Freiheit, ihre 
überlegenheit über Dänemark zur vollen Geltung zu 
bringen. Allein verinochte England trotz vorhandener 
starker Neigung ihnen keinen Einhalt zu tun. 
Aus dem kurzen Kriege von 1866 hat Bismarck die 
mögliche und zunächst zufriedenstellende Ernte zur rech- 
ten Zeit unter Dach gebracht und dadurch Paris und 
Petersburg ausgeschaltet. Während der Monate vor 
Paris fühlte er sich besonders von der Sorge bedrückt, 
das Hinausziehen der Entscheidung mit einer Ein- 
mischung der Neutralen enden zu sehen. Vor allem 
das Entgegenkommen gegen Rußland in der Schwar- 
zen-Meer-Frage hat die Gefahr beschworen. Vergleicht 
man damit die Art, wie unsere gegenwärtige Reichs- 
leitung die Neigung der Vereinigten Staaten zur Ein- 
mischung geradezu groß gezüchtet hat, bis sie sich 
am 22. Januar 1917 in der ungqualifizierbaren Dar-
        <pb n="110" />
        96 
legung ihres Präsidenten über die Gestaltung des zu- 
künftigen Friedens (vgl. S. 172 ff.) entlud, somuß man 
allerdings sagen, daß in dieser Art, auswärtige Politik 
utreiben, von Bismarckschem Geist kein Hauch mehr zu 
püren ist. Leider hat sich das deutsche Volktrotz der Not 
der Zeit nicht dazu aufgeschwungen, einer Gesinnung 
Ausdruck zu geben, wie sie am 30. August 1870 eine 
Berliner Volksversammlung unter Leitung des Ober- 
bürgermeisters Seydel vertrat, indem sie Verwahrung 
einlegte gegen jeden Versuch fremder Mächte, unserem 
Volke die Früchte seiner Siege wieder zu entreißen. 
Bismarck hat das glücklich verhindert. Gewiß kann 
er uns als Vorbild dienen, jetzt und für alle Zeiten; 
aber richtig kann es nur geschehen, wenn man in sei- 
nen Geist eindringt, nicht sich auf Einzelheiten in 
Worten oder Handlungen versteift. Hätte er die Auf- 
gaben zu lösen, die jetzt gestellt sind, er würde nur 
ein Ziel verfolgen: Sicherung möglichster Macht. 
Nächst Bismarcks Friedensschlüssen ist am meisten 
auf den Ausgang des Befreiungskrieges ver- 
wiesen worden, dort von pazifistischen Gesinnungen 
aus anspornend zur Nachahmung. hier von entgegen- 
gesetzten Anschauungen her mahnend und warnend. 
„ Möge die Feder nicht wieder — wie 1813°14 — ver- 
derben, was das Schwert gut gemacht hate, so ist mit 
Keitem Wunsche oft geseufzt worden, gerade von 
kännern bester vaterländischer Gesinnung. Blüchers 
an Friedrich Wilhelm III. gerichtete Worte nach der 
Schlacht von Belle Alliance sind ins Gedächtnis ge- 
rufen worden:Ichbitte untertänigst, die Diplomatiker 
anzuweisen, daß sie nicht wieder das verlieren, was 
der Soldat mit seinem Blute errungen hat.« Wie 
weit die Zweifel, die so zum Ausdruck kommen, berech- 
tigt sind, ist hier nicht zu untersuchen; wohl aber ist an- 
gezeigt, einige Worte zu sagen über die Lage vor hun- 
dert Jahren, die zum Vergleich herangezogen wird. 
Die beiden Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 und 
20. November 1815 werden in der allgemeinen Vor- 
stellung meist zusammengeworfen mit dem Wiener 
Kongreßs, der zwischen ihnen vom November 1814 bis 
in den Juni 1815 tagte. Das Ergebnis entsprach 
nicht den Erwartungen, die Preußen nach seinen 
Leistungen mit Recht hegen durfte. Gewiß hatten 
seine Bewohner Grund, unzufrieden zu sein, aber die 
Schuld an dem erbilternden Mißgeschick lag doch vor 
allem in den übermächtigen Verhältnissen, die der 
kleine Staat trotz seiner kriegerischen Kraft nicht zu 
zwingen vermochte. Das Interesse der drei anderen 
Großmächte oder ihrer Herrscher forderte Rücksicht auf 
die Bourbonen, deren wieder aufgerichtete Regierung 
man nicht mit größerer Abtretung älteren französi- 
schen Besitzes belasten wollte; Osterreichs Abneigung, 
wieder am Oberrhein Stellung zu nehmen, wirkte in 
leicher Richtung. So wurde Frankreich im ersten 
ariser Frieden nur auf die Grenzen von 1792 zu- 
rückgeschoben, verlor im zweiten an Deutschland auch 
nur noch Landau, Saarbrücken und Saarlouis, an 
Sesgien (für die gegenwärtige Lage beachtenswert!) 
die Bezirke von AMchienburg und Philippeville. So 
gelang es nicht, an den Vogesen, wie der Dichter singt, 
»deutiches Blut vom Höllenjoch zu lösen-, was 1815 
noch erheblich leichter gewesen wäre als zwei Men- 
schenalter später, obgleich auch damals geklagt werden 
konnte: „Und Elsaß, Du entdeutschte Zucht, höhnst 
auch; o welche Schmach!« 
Preußens eigentliche Enttäuschungen aber ver- 
schuldete der Wiener Kongreß, der nicht mehr Über 
I. Politik und Geschichte 
den Frieden zu verhandeln, sondern das durcheinan- 
der gewürfelte Europa neu zu ordnen hatte. In der 
Beurteilung seiner Ergebnisse darf nicht vergessen 
werden, daß außerordenilich viel fesigelege war, als 
er in Tätigkeit trat. Festgelegt war der Bestand der 
süddeutschen Staaten im wesentlichen in ihrer Rhein- 
bundgestaltung, festgelegt auch die Rückkehr der ver- 
triebenen Fürsten Norddeutschlands und die Auf- 
teilung des Großherzogtums Warschau unter Preu- 
ßen und Rußland. Das wiederhergestellte Hannover 
hatte Englands starke Macht hinter sich. So blieb nur 
noch über Sachsens Schicksal und über die endgültige 
Verteilung nordwestdeutscher früherer geistlicher Be- 
sitztümer zu entscheiden. Wenn Preußen das Ober- 
quartier Geldern nicht zurückerhielt, das es fast ein 
Jahrhundert besessen hatte, und sich die Lisière de la 
Meuse gefallen lassen mußte, so war das wiederum 
ein Untertiegen gegenüber Großbritannien, das den 
Pufferstaat der Niederlande nicht stark genug glaubte 
aufrichten zu können, daher zugleich Welfen und 
Oranier unter seine Fittiche nahm. In den Nieder- 
landen hört man gelegentlich sagen, daß ihnen ei gent- 
lich auch Kleve hätte zufallen müssen, wo sie einst ihre 
Besatzungen gehabt hätten. So sind Preußens Er- 
werbungen im Westen in der Hauptsache auf geist- 
liches Gebiet beschränkt geblieben; im Osten ist ihm 
Sachsen nur halb zuteil geworden. Heute haben wir 
kaum Anlaß zu beklagen, daß Sachsen von der Land- 
karte nicht verschwunden ist. und Preußens Vorschieben 
in die vorderste Kampflinie gegen Frankreich hat sich 
als förderlich für Deutschland erwiesen. Sicher haben 
unsere heutigen Staatslenker gegenüber ihren Vorgän- 
gern vor hundert Jahren einen unendlich viel günsti- 
eren Stand, und viel schwerer würde die Schuld auf 
ihr Haupt fallen, wenn ihre Leistungen denen unserer 
Feldherren nicht entsprächen. Die Mitlebenden haben 
Rechte, gegen solches Ergebnis Verwahrung einzulegen. 
Wiederholt ist während des Krieges — und sogar 
gleich im Anfange — von einem Hubertusburger 
Frieden die Rede gewesen. Die Weisheit, die der Ab- 
geordnete Scheidemann auch heute noch unaugsgesetzt 
vorträgt, läuft so ziemlich auf das gleiche hinaus, nur 
daß sie von der Neuordnung Polens am 5. Nov. 1916 
durchkreuzt worden ist. Wer derartiges ernstlich er- 
strebt, weiß nicht, daß er damit Deutschlands Unter- 
gang besiegelt, oder will es nicht wissen. Preußen 
konnte einen Hubertusburger Frieden üÜberstehen. 
Die Koalition, die sich gegen Friedrich den Großen 
zusammenfand, war keine durch sachliche Gründe ge- 
einigte; sie zersiel noch während des Krieges. Von 
Schlesien hatte der König im Zusammenwirken mit 
Frankreich vesi ergriffen. Im Osten hatte er Polen 
zum Nachbarn, dessen Schwäche nicht allein die Mög- 
lichkeit bot, sondern gegenüber der russischen Länder- 
gier geradezu zwang, Brandenburg und Preußen zu 
einem einheitlichen Staatswesen zu verschmelzen und 
das alte Ordensland mit Schlesien und Pommern zu 
einem geschlossenen Besitz zu verbinden. Auch so noch 
hing Preußens Schicksal nach Jena an einem Faden. 
Allein die maßlose Herrschsucht Napoleons hat dem 
Staate Gelegenheit gegeben, sich wieder zu erheben. 
Das liegt heute alles ganz anders. Aus Preußen 
ist Deutschland geworden, eine richtige Mittelmacht, 
wie es Preußen, das noch 1866, von Napoleons Sym- 
pathien begleitet, in den Kampf gegen Osterreich ziehen 
konnte, nie war. An einem starken Deutschland hat 
kein Anlieger außer der in der gleichen Lage befindlichen
        <pb n="111" />
        Schäfer: Friedensverhandlungen und Friedensschlüsse der Vergangenheit 
habsburgischen Monarchie einen Gefallen. Wie un- 
ser Reich nun einmal aus den Wandlungen der Ge- 
schichte hervorgegangen ist, liegt es allen Nachbarn 
im Wege; sie fühlen sich von ihm ins Unrecht gesetzt 
oder geradezu, trotz alles friedlichen Gebarens, be- 
droht. Es hat nicht einmal eine reine Nationalitäten- 
e, nach keiner Richtung hin. Und zu diesen Nach- 
arn gehören die kriegsmächtigsten Staaten der Welt: 
Rußland, Frankreich, Großbritannien. Denn auch 
England ist Nachbar, wie sich in diesem Kriege heraus- 
stellt, sogar der gefährlichste und böseste. Läge es nicht 
unserer Küste gegenüber, es könnte uns nicht so vom 
Seeverkehr abschließen, wie es das in diesem Kriege 
fertig beingt. auch mit seinen Willkürmaßregeln nicht. 
Geht der Krieg zu Ende ohne irgendwelchen Macht- 
uwachs für uns, nur mit dem „Bewußtsein, einer 
it in Wasfen gegenüber bestanden r“m haben-, so 
sind wir verloren, so erhaben dieses Bewußtsein an 
sich sein mag. Die Gegensätze, die uns von unseren 
Feinden trennen, bleiben bestehen. Ihre Kraft wächst 
von innen heraus vermöge der ungeheuren Erd- 
räume und der Menschenmengen, über die sie verfü- 
*7 während die unsere dem Stillstand entgegengeht. 
eutschlands Bevölkerungszuwachs hat im letzten 
Jahrzehnt in bedenklichster Weise nachgelassen; für 
Innensiedlung bietet es nur noch beschränkte Möglich- 
keiten. Sollte wirklich unsere gewerbliche Tätigkeit 
sich weiter heben, unsere städühe Bevölkerung sich 
weiter mehren, so würde das im Kriegsfalle nur ein 
Moment der Schwäche sein. Wir würden nicht zum 
zweiten Male mit Erfolg versuchen können, den Krieg 
von Anfang an in Feindesland zu tragen; wir haben 
es im Osten schon diesmal nicht gekonnt. Leicht könnte 
unser industrieller Westen von vornherein sedes belli 
werden, wie sich das kriegerische 17. Jahrhundert aus- 
drückte, und wir wären unfähig, weiter Krieg zu füh- 
ren, müßten uns auf Gnade und Ungnade ergeben. 
Denn wir haben nicht die Wöglichteit, wie jetzt Frank- 
reich, im Kriege Kohle und Eisen über See zu be- 
ziehen. Das Ernährungsproblem wird für uns, wenn 
anders wir nicht an Bevölkerungszahl abnehmen, von 
Jahr zu Jahr schwieriger. Dazu der Druck der un- 
umgänglichen Steuern, wenn -jeder seine Lasten tra- 
en solle! Auch das wird den Gegnern unendlich viel 
eichter, besonders Großbritannien und Rußland. Wir 
haben keine Goldproduktion und keinen sich immer 
steigernden Reichtum an Rohstoffen und Nahrungs- 
mitteln. So brauchten die Gegner nur einen richtigen 
Augenblickabzupassen, um uns gefahrlos niederzuwer- 
fen. Was sie dann mit uns anfangen würden, dar- 
über haben sie uns nicht im unklaren gelassen. Nein, 
dieser Krieg darf unter keinen Umständen mit einem 
Hubertusburger Frieden enden, sondern nur mit Meh- 
rungunserer Macht, dieentweder die Gegner von einem 
neuen Versuche abschreckt oder uns gestattet, einem 
solchen mit fester Zuversicht wirksam zu begegnen. 
Vielfach wird unter Hinweis auf frühere Hergänge 
das Verhältnis von Friedensverhandlungen 
und Friedensschluß besprochen. Es handelt sich 
im gegenwärtigen Kriege um Koalitionen, die einan- 
der gegenüberstehen, und ähnliche Fälle kennt die Ge- 
schichte, die ältere wie die neuere, nicht wenige. In der 
Kel haben sich die Verbündeten auch, wie heute die 
in der Entente geeinigten Mächte, verpflichtet, keinen 
Sonderfrieden zu schließen. Derartige Abmachungen 
gsind aber im allgemeinen nicht allzu peinlich beobach- 
97 
tet worden. Jeder Schüler weiß von den drei Koali- 
tionen, die gegen die französische Republik und dann 
gegen Napoleon zusammentraten. Ihre Glieder sind 
zumeist durch die kriegerischen Ereignisse abgesprengt 
worden, die Friedensschlüsseeinzelnerfolgt. Allerdings 
haben auch nicht alle so klare Zusagen gegeben, wie tt 
jetzt vorzuliegen scheinen. Aber da spricht doch die Not 
mit oder auch rücksichtsloses Verfolgen des eigenen 
Vorteils. In dieser Weise haben sich die Vereinigten 
Staaten in die große Politik eingeführt, indem sie 
nach dem Unabhängigkeitsriege allein mit England 
abschlossen, obgleich dem verbündeten Frankreich ein 
#emeinsaner Friedensschluß versprochen worden war. 
iner der abschließenden Bevollmächligten war Ben- 
jamin Franklin selbst! Wie England Friedrich den 
Großen im Stiche ließ, ist bekannt; Treu und Glau- 
ben liegen in der rs* seiner Ministerien und wech- 
seln mit ihnen. Der Siebenjährige Krieg ist Über- 
haupt nicht durch einen Frieden zum Abschluß ge- 
kommen, ebensowenig wie der Spanif che Erbfolgekrieg, 
in dem sich ja auch Koalitionen gegenüberstanden. 
Anders allerdings wieder der Krimkrieg! Für die 
Fragen der Gegenwart hat ein näheres Eingehen auf 
diese und ähnliche Hergänge kaum irgendein Inter- 
esse; Analogien, die sich etwa feststellen ließen, sind 
bedeutungslos, kaum mehr als Spielerei. 
Die Verhandlungen, die zu Friedensschlüssen ge- 
führt haben, sind der Natur der Sache nach durchweg 
bei währendem Kriege begonnen worden. Besonders 
bekannt und an sich ja auch bezeichnend genug sind 
die siebenjährigen Verhandlungen, deren Schauplatz 
Münster und Osnabrück vor dem Westfälischen Frie- 
den waren. Daß während solcher Verhandlungen die 
Feindseligkeiten ihren Gang gehen, ist durchaus die 
Regel, liegt in der Natur der Sache. Nur wenn 
beide Teile in einem Waffenstillstand ihren Vorteil 
zu finden glauben, ist es anders, allenfalls auch, was 
Übrigens so ziemlich auf dasselbe hinausläuft, wenn 
der eine Teil im sicheren Besitz kriegerischer Überlegen- 
heit zu sein glaubt, wie es 1864 während der Londoner 
Konferenzen mit den beiden deutschen Mächten gegen- 
über Dänemark der Fall war. Daß Einleitung und 
Führung von Verhandlungen, ja selbst die Absicht oder 
der Wunsch, solche zu beginnen, auf die Kriegführung 
Einfluß gewinmen können, versteht sich aber von selbsi 
und kann, je nachdem, in hohem Grade verderblich 
oder auch förderlich sein. Trübste Erfahrungen erste- 
rer Art wurden deutscherseits im Schleswig-Holstei- 
nischen Kriege 1848—50 gemacht, während Däne- 
mark den Vorteil genoß. ß das Richtige geschehe, 
ist am sichersten verbürgt, wenn politische und militä- 
rische Führung in einer Hand liegen; darin lag für 
Napoleon, Friedrich den Großen, Gustav — ein 
schwerwiegender Vorteil. Sonst werden Reibungen 
kaum je völlig ausbleiben, da Clausewig recht har. 
wenn er den Krieg die Fortführung der Politik mit 
anderen Mitteln nennt. Ob in diesem gewaltigsten 
aller Völkerkämpfe bei den Gegnern, bei uns und un- 
seren Bundesgenossen jederzeit das Richtige geschah, 
wird erst die Zukunft endgültig festeustellen versuchen. 
Seit dem 1. Febr. 1917rechnet das deutsche Volk darauf, 
daß die Waffe, die nunmehr zu voller Wirksamkeit ein- 
esetzt wurde, allein und ausschließlich nach militäri- 
chen Gesichtspunkten Verwendung finde, ihr Gebrauch 
nicht mehr durch politische Erwägungen gehemmt 
werde, vor allem nicht durch amerikanische Versuche, 
auf die Gestaltung des Friedens Einfluß zu gewinnen. 
Der Krieg 10914/17. U. 
7
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        II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Der österreichisch · italienische Land- 
kriegsschauplatz' 
von Professor Dr. Fritz Machatschek in Prag 
Im Frühijahr 1915 glaubte Italien den Augenblick 
getommen. an seinen ehemaligen Bundes enoffen mit 
er Forderung auf Abtretung bedeutender Gebiete 
bis an seine rnatürlichen Grenzen-, worunter nicht 
weniger als die gesamte Südabdachung der österreichi- 
schen Alpen und die wichtigsten Küstenlandschaften an 
der Adria gemeint waren, heranzutreten (vgl. Bd. I, 
S. 65 ff.). Da die von der Österreichisch-Ungarischen 
Monarchie angebotenen Zugeständnisse von italieni- 
scher Seite mit der Kriegserklärung beantwortet wur. 
den, sah sich die Monarchie dem neuen Feinde gegenüber 
uUnächst gezwungen, sich auf die reine Verteidigung 
ängs einer zwar schmalen, aber durch rund 660 km 
sich erstreckenden Zone in den südlichen Ostalpen und 
den anschließenden Karstgebieten zu beschränken. Es 
handelt sich also um einen Gebirgskrieg, für dessen Na- 
tur die Auflösung in eine große *8 voneinander fast 
tnabhänziger Teilaktionen charakteristisch ist, und in 
dem seowoh die großen Züge der Oberflächengestaltung 
und die dadurch bedingten Hauptkommunikations- 
linien als auch alle Einzelheiten der physischen Aus- 
stattung des Landes von maßgebendstem Einfluß für 
alle strategischen und taktischen Maßnahmen werden. 
Ungefähr im Meridian von Verona treten die bis- 
her eng aneinandergepreßten Alpenketten lockerer aus- 
einander und schaffen Raum für große Längstal- 
sluchten, die eine ausgezeichnete Durchgängigkeit des 
Gebirges in der Längsrichtung bedingen. Aus der 
nördlichen Längstalfurche, der Inn, Salzach, Enns 
und Mur folgen, führen nur wenige bequeme Straßen- 
pässe über die zentrale Zone des Gebirges in die füd- 
liche Längsfurche des oberen Etsch-, Eisack-, Rienz- 
und Drautales. Diese sammelt so die von Norden 
kommenden Verkehrslinien und leitet sie weiter nach 
dem Südrande der Alpen und ihrem Rücklande, der 
oberitalienischen Tiefebene. Südlich von dieser Linie 
strahlen die bisher vorwiegend östlich gerichteten Ketten 
auseinander; eine Kettenschar zieht in den Kara- 
wanken und Steiner Alpen nach OSO., eine andere 
schwenkt in den Julischen Alpen nach SO. und wird 
jenseits der Idria in den Höhen des Karstes fort- 
geleste zwischen beiden Zonen kommt das Längstal 
r Save zur Entwicklung. Hochgelegene Pässe füh- 
ren zwischen den Stöcken der Südtiroler und über 
die Ketten der Karnischen und Julischen Alpen nach 
1 Lgl. hierzu die Karte Itallensch-Ssterrelchische Grenz- 
gebietes und die Karte bei S. 204. 
Süden, und endlich stürzen die Südalpen an einem. 
unter einspringenden Winkeln verlaufenden Bruch- 
rand gegen die Tiefebene ab und verleihen dadurch 
den südlichen österreichischen Alpenländern den Cha- 
rakter einer natl#trlichen Festung mit der steilen Front 
nach Süden. Wohl ist dabei ein gewisser Unterschied 
zwischen Tirol und den östlich anschließenden so- 
genannten innerösterreichischen Ländern wahrzuneh- 
men: Indem jenes an die neutrale Schweiz angrenzt, 
ist seine Westfront von allen militärischen Bewegun- 
ausgeschaltet; der in der Gegend des unteren 
en 
Aichtales am weitesten nach Süden vorspringende 
bastionartige Gebirgsrand und die radiale Anord- 
nung des Talnetzes schaffen in Südtirol für die Lan- 
desverteidigung wesentlich andere Verhältnisse, als 
sie weiter im Olen bestehen, wo geschlossene Parallel= 
ketten bogenförmig die nach Norden vordringende 
Ebene abschließen. Gemeinsam aber ist dem ganzen 
Kriegsschauplatz das Folgende: Während sich der Vor- 
marsch der Heere von österreichischer Seite an die 
Frontlinie durch ein an Entwicklungsräumen und Be- 
wegungslinien, Unterkunftsmöglichkeiten und Oilfs- 
quellen armes Hochgebirgsland vollziehen muß, das. 
weder zum Schauplatz der Tätigkeit größerer Heere, 
noch zum Ausgangspunkt der Offensive gut geeignet 
ist, steht der gegnerischen Seite die dicht besiedelte, 
reich kultivierte und von Verbindungslinien eng- 
maschig durchzogene Tiefebene als Aufmarschraum 
ur Verfügung. Anderseits fällt dem Gegner die 
schierige ufgabe zu, 6„ en eine durch eine Kette 
von Stützpunkten vorzilg geschützte Gebirgsmauer 
anzustürmen, die auch gegen einen numerisch über- 
legenen Feind mit Erfolg verteidigt werden kann und, 
wie Beispiele aus der Geschichte lehren, auch vertei- 
digt worden ist. Dabei fällt freilich schwer ins Ge- 
wicht, daß die politische Grenze keineswegs der natür- 
lichen Scheide zwischen diesen beiden. in unmittelbare 
Nachbarschaft Frbrachten gegensählichen Gebieten 
fotgt. Nur in einem kleinen Stück, am rechten Ufer 
es unteren Isonzos, reicht das österreichische Gebiet in 
die Ebene hinein. Im übrigen greift das Königreich 
Italien mehrfach tief ins Gebirgsinnere hinein und 
konntesich den Besitz wichtiger Zugangslinien zu diesem 
sichern. Der heutige Grenzverlauf ist eben vorwiegend 
das Ergebnis künstlicher Festlegungen, und wenn auch 
in früheren Zeiten öfters von öerreichsscher Seite 
versucht wurde, seinen Besitz bis an die natürlichen 
Grenzen zu erweitern, so blieb als Ergebnis der Kriege 
von 1859 und 1866 der strategische Vorteil doch zu- 
meist auf Seite des südlichen Vertragsteiles. Daher 
ist namentlich Südtirol mehrfach hinter seinen natür- 
lichen Grenzen zurückgeblieben, nicht aber hat Italien.
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        Machatschek: Der österreichisch- 
seine natürlichen Grenzen noch nicht erreicht. Damit 
und mit dem Charakter des von österreichischer Seite 
zunächst notwendig defensiv geführten Krieges hängt 
es zusammen, daß die politische Grenze nicht mit der 
strategischen Verteidigungslinie sich deckt, sondern daß 
der Verteidiger sich von vornherein gezwungen sah, 
Teile seines Gebiets dem Gegner kampflos zu über- 
lassen, um ihn erst an weiter rückwärts gelegenen 
Stellungen und gestützt auf die in langen Ichres vor- 
bereiteten Befestigungswerke zu erwarten. 
r. Geographische Übersicht. 
Die den österreichisch-italienischen Kriegsschauplatz 
bildenden Gebirgsländer zeichnen sich durch sehr kom- 
plizierte Zusammensetzung und außerordentliche 
Mannigfaltigkeit ihrer Oberflächenformen aus. Kalke 
und Dolomite mit den für diese Gesteine charakteristi- 
schen Formen, der Auflüsung n scharfe Zinnen und 
Türme, der Neigung zur Wandbildung und dem 
mauerartigen Abfall der obersten Gehängepartien, 
wechseln mit weichen Schiefer= und mergeligen Ge- 
steinen, die sanfte und einnng wirkende Formen er- 
zeugen. Vielfach wurden die Kalke und Schiefer von 
Tiefengesteinen granitischer Art durchbrochen, oder es 
haben sch 
gebreitet. Der dadurch bedingte rasche Wechsel der 
Formen ist für die Anlage von Verbindungen und 
Befestigungsanlagen mitunter von einschneidender 
Vedeutung. Unter den Vorgängen, die die heutigen 
Umrisse des Gebirges in seinen großen Zügen ge- 
schaffen haben, gewinnen neben der Faltung erhöhte 
Vedeutung die Bruchlinien, an denen nicht nur ein- 
zelne Schollen gegeneinander verschoben, sondern auch 
Krustenpartien eingebrochen sind, so daß rings um- 
schlossene Beckenlandschaften entstanden. Auch der 
Steilabfall des Gebirges gegen die Po-Ebene ist auf 
derartige sickzackfomige Brüche zurückzuführen. Von 
den Einzelformen sind namentlich die zahlreichen Tal- 
stufen und Talengen, die mit Becken wechseln, und 
die zumeist von Norden her sanfter ansteigenden Pässe 
bisweilen von einschneidender Wichtigkeit für mili- 
tärische Operationen. 
Auf dem bloßgelegten Kalkboden arbeitet die 
chemische Verwitterung durch Lösung des Gesteins 
und schafft die sogenannten Karstformen, die mit 
der karrig zerfressenen Gesteinsoberschicht, der Wasser- 
armut an der Oberfläche, den zahllosen trichterför- 
migen Vertiefungen oder Dolinen, verschwindenden 
Flüssen und starken Quellen für die Küstenländer der 
Adria, aber auch für manche Teile der Kalkalpen so 
charakteristisch sind. 
Durch Querlinien, die das Gebirge senkrecht zu sei- 
nem Streichen durchsetzen, läßt sich dieses in mehrere 
große Hauptabschnitte gliedern. Der erste liegt west- 
lich vom breiten Etschtale, das die wichtigste Zugangs- 
und Vormarschlinie nach Südtirol von Süden * 
darstellt, obwohl es durch die leicht zu verteidigende, 
aber längst wegsam gemachte Veroneser Klause unter- 
halb Ala gegen die Ebene abgesperrt ist. Im Quell- 
gebiet seiner obersten rechten Seitentäler erhebt sich 
als der nördlichste Echpfeiler dieses Abschnittes zwi- 
schen den Paßlinien des Stilfser Joches und des 
Tonalepasses die Ortlergruppe, die mit ihren ge- 
waltigen Höhen (Ortler 8900 m), ihrer starken Ver- 
gleischerung, und ihrem südlichen Steilabsturz gegen 
das obere Adda- und Ogliogebiet eine außerordent- 
lich wirksame Schranke gegen Süden darstellt. All- 
seits von Landschaftsformen mit südlichem Gepräge 
roße Massen von Ergußsteinen über sie na 
99 
umgeben ist die Granitmasse der Adamello- und 
Presanellagruppe, die südlich von der das Oglio- 
und Nocegebiet verbindenden Tonalelinie zu 3560 m 
Höhe ansteigt und durch ihren Mangel an tieferen 
Scharten eine ähnlich scheidende Wirkung wie die 
Ortlergruppe zwischen der Val Camonica im Westen 
und der Val Rendena im Osten ausübt. Weiter gegen 
Süden sinken die Höhen unter 3000 m herab als 
schwer zugängliche Gratgebirge, die sich noch weiter 
südlich zu breiten, stark zerschnittenen Plateauflächen in 
den Brescianer Alpen erniedrigen und endlich mit 
Höhen von kaum 1000 m gegen die Ebene abbrechen. 
Ostlich von diesen klbengruppen durchsetzt eine 
Linie von außerordentlicher Bedeutung das Gebirge 
in nordnordöstlicher Richtung. Es ist die sogenannte 
Judikarienlinie, an der die alten Schiefer des Ada- 
mellogebietes an die Kalke des sogenannten Etsch- 
buchtgebirges grenzen. Dieser Linie folgt vom 
Idrosee aufwärts das breite Tal der Chiese, aus dem 
ein Talsattel in bloß 820 m Höhe zum Arno und in 
das obere Sarcatal (Val Rendena) führt. Von diesem 
leitet in gleicher Richtung ein bequemer Paß in ein 
rechtes Seitental des Nocetales oder Val di Non (Nons- 
berg. Sulzeeryh aus dem eine leichte Verbindung 
dem Ultental besteht, das bei Meran in das 
obere Etschtal oder den Vintschgau mündet; von 
bier endlich führt die Jaufenstraße durch das Pas- 
eiertal an die Brennerlinie nach Bierzing. Daher 
bildet Meran einen wichtigen Knotenpunkt im In- 
nern des Gebirges. Doch ist die Eisenbahn im Vintsch- 
au bisder nicht über Mals hinausgeführt worden, 
o daß die wichtige Verbindung über das Reschen- 
scheideck nach der riberpa und Südwestdeutsch- 
land leider noch immer des Schiemenwess entbehrt. 
Unweit von Bozen vereinigt sich das Etschtal mit 
dererst spät wegsam gewordenen unteren Eisackschlucht, 
durch die Brennerstraße und bahn nach Süden füh- 
ren; moderne Kunststraßen in die Gebirge im Westen 
und Osten haben in Bozen ihren Ausgangspunkt. So 
ist dieses von alters her der eigentliche Schlüsselpunkt 
für Südtirol gewesen und durch seine Lage nahe der 
Sprachgrenze dem deutschen Bewußtsein besonders 
teuer. Über die Kalkwände der Mendelgruppe führt 
die strategisch hochbedeutsame Mendelstraße (1354 m) 
in das untere Nonsberg, das in nordsüdlicher Rich- 
tung abermals eine wichtige Querfurche parallel 
zur Judikarienlinie und zum Etschtal darstellt; von 
jener scheidet es die in zwei Züge geteilte wilde Kalk- 
pe der Brenta (3197 m). Indem das Sarca- 
tal sich nach Osten wendet und bald unterhalb der 
Einmündung der Molveno-Seefurche nach Süden 
zum Gardasee zurückbiegt, breite Talungen einerseits 
über Terlago, anderseits vom Nordende des Garda- 
sees zum Etschtal führen, entsteht ein wahres Gitter- 
werk von Längs= und Quertälern, so daß das ganze 
Etschbuchtgebirge eine außerordentlich große Durch- 
Längigteit besitzt. Zugleich münden von Osten und 
üdosten her in das Etschtal nahe beieinander das 
Avisiotal, die breite, hoch über dem Etschtal ab- 
brechende Furche des Suganatals und die beiden 
Lenotäler. So entstehen im Etschtal zwei wichtige 
Talknotenpunkte, Trient und Rofreit. Ersteres 
entwickelte sich aus einem deutschen Bischofssitz in 
letzter Zeit zum Mittelpunkt des welschen Südtirols, 
des Trentino, und damit zum Mittelpunkt der irre- 
dentistischen Bestrebungen; seine geographische Lage 
aber macht es auch zum Zentrum des österreichischen 
Verteidigungsnetzes von Südtirol, um so mehr, als 
77 
italienische Landkriegsschauplatz
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        100 
dessen wichtigste Täler, die Gardasee-Furche, das Etsch- 
tal und das Suganatal, nach Süden geschlossen sind. 
Eine Verengung des Etschtales trennt den Bereich 
von Trient von dem weiten Talkessel um Mori und 
Rofreit (Rovereto), wo nahe der Einmündung der 
von der Eisenbahn Mori-Riva durchzogenen Loppio- 
furche und der Lenotäler abermals ein wichtißer Stütz= 
punkt der inneren Verteidigungswerke gelegen it. 
Unterhalb davon begleitet das Etschtal der lange 
Rücken des Monte Baldo, der es vom Gardasee 
trennt. Er nimmt nach Süden rasch an Höhe ab, 
ebenso wie das Gebirgsstück zwischen Garda-, Idrosee 
und der die beiden verbindenden Val di Ledro., so 
daß sich südlich von derselben nur mehr ein Bergland 
bis 1900 m Höhe erhebt, von dem steile, enge Täler 
zum Gardasee hinabführen. 
Ostlich von der Etsch-Eisack-Linie und nördlich vom 
Suganatal erheben sich die Südtiroler Dolo- 
miten. An Stelle des bisherigen Kettencharakters 
tritt die Auflösung des Gebirges in einzelne Kalk- 
und Dolomitstöcke; enge, tief eingeschnittene Täler 
führen durch das Bozener Porphyrplateau aufwärts 
zu weiten Almflächen, über die dann die isolierten 
Stöcke sich erheben, allseits von Tälern und bequem 
gangbaren Paßlinien umgeben, so daß eine große 
Durchgängiglen des ganzen Gebirgsabschnittes nach 
allen Richtungen zustande kommt. Durch die nord- 
südlich verlaufende Tiefenlinie des Gader-Abtei- und 
des Cordevoletales zerfällt er in zwei landschaftlich 
verschiedene Teile. Inr westlichen tritt der stockför- 
mige Charakter besonders deutlich hervor in den Kalk- 
und Dolomitgruppen des Latemars, des Rosengartens 
und Schlerns, der Sella und des Langkofels, der Geis- 
lerspitzen, der vergletscherten Marmolata (3360 m) 
und der Palagruppe (3190 m) und ganz im Süden im 
Granitstockder Cimad'Asta. Ostlich von der genannten 
Linie bilden die Kalke ein etwa 3000 m hohes Tafel- 
gebirge im Quellgebiet der Boite, Piave und Rienz, 
das aber durch tiefe Täler gleichfalls in einzelne 
Stöcke, M. Cristallo, Antelao, Civetta, Pelmo, Sora- 
pis. Tofana, Drei Zinnen u. a., zergliedert ist. Es 
fehlt also dem ganzen Gebiet eine gegen Süden scharf 
scheidende Kette; zwar führen mehrere leichte über- 
gänge nach Süden, doch liegen die schluchtartigen Ver- 
dn en vieler Täler, wie der Brenta, dem die Eisen- 
bahn Trient -Treviso folgt, und des Cismone bereits 
in Italien. Die Nordbegrenzung des ganzen Abschnit- 
tes bildet die Eisack-Rienz-Drau-Furche. Aus dem 
Talkessel von Brixen führt die Talenge der Sachsen- 
klemme über Franzensfeste längs der Brennerlinie 
in das Becken von Sterzing. Auch das Pustertal wird 
erst weiter aufwärts breiter, und endlich vollzieht sich 
auf dem Toblacher Feld in 1200 m Höhe der un- 
merkliche übergang in das Draugebiet, so daß die 
Bezeichnung Pustertal über die Wasserscheide hinüber- 
reist. Auf dieser liegt Toblach, wohin alle die Stra- 
ben aus den Dolomiten zusammenlaufen. Daher hat 
es als Tutrum der militärischen Verteidigung für 
Südost-Tirol und das angrenzende Kärnten ähnliche 
Bedeutung wie Trient für den Südwesten. 
Das Hochland der Dolomiten bricht gegen Süden 
an der breiten, aber gegen Osten schluchtartig ver- 
engten Suganatalurcher dem oberen Brentatal, jäh 
ab. Nach Osten setzt sich diese Linie nach dem Becken 
von Belluno fort, das die Piave der Länge nach 
durchströmt, von der eine flache Wasserscheide in das 
Gebiet des Cismone, eines Brentazuflusses, hinüber- 
führt. Daher sind die Hauptorte dieses Beckens, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Primolano, Feltre. Belluno und weiter aufwärts 
Pieve di Cadore, als Ausgangspunkte des italieni- 
schen Straßennetzes in das Gebirge und Stützpunkte 
der militärischen Aktionen von ähnlicher Bedeutung 
wie die der Pustertallinie für die Nordseite. Südlich 
vom Suganatal und dem Piavetal erhebt sich das 
Gebirgsland nur selten über 2000 m. Zwischen Etsch 
und Astico bilden die Lessinischen Alpen ein von 
steilrandigen, tiefen Schluchten stark aufgelöstes Pla- 
teau, das steil und unmittelbar etwa 2000 m hoch 
gegen Norden zum Suganatal abbricht und mit einer 
niedrigen Steilstufe gegen den nach Osten immer 
mehr nordwärts vordringenden Gebirgsrand abfällt. 
Ihre Fortsetzung, die Vicentinischen Alpen, bilden 
wischen dem Durchbruchstal der Piave und der Quer- 
srche des Lago di Santa Croce nur mehr einen 
15 km breiten, verkarsteten Rücken. 
Durch diesen Verlauf des Gebirgsfußes verlieren 
die Südalpen gegen Osten immer mehr an Breite 
und sind zwischen dem Kreuzbergsattel (1630 m), der 
das Pustertal durch das Sextental mit der Piave 
verbindet, und der Eisenbahn= und Paßlinie Villach- 
Pontafel-Fellatal in den Karnischen Alpen nur 
mehr auf eine einzige Hauptlette mit südlich vor- 
elagerten niedrigeren Parallelketten beschränkt. Mit 
es von selten über 2500 m, die nicht Überall 
ochgebirgscharakter besitzen, bildet die karnische 
Hauptkette, der auch die Grenze folgt, durch ihren rein 
westöstlichen Verlauf auf 100 km Erstreckung und 
ihre geringe Gangbarkeit eine vorzügliche Scheide 
weniger in natürlicher als in strategischer Beziehung; 
daher sind durch ihre südlichen Vorlagen in den Quell- 
tälern der Piave, des Tagliamento und der Fella 
von italienischer Seite mehrere Straßenzüge bis an 
den Südabfall der Hauptkette herang'führ.e 
Die scharfe Begrenzung der karnischen Hauptkette 
egen Norden bildet das vollkommen geradlinig ost- 
Feböstach streichende Gailtal, von dem sich nördlich 
bis zur Drau die gut gangbaren Gailtaler Alpen 
erheben. Die Fortsetzung beider Zonen bildet jenseits 
der tiefen Querfurche der Gailitz die schroffe Kalkkette 
der Karawanken. Der steile Nordabsturz ist gegen 
das seenreiche Klagen furter Becken gerichtet, zu 
dem sich das Drautal unterhalb von Villach weitet. 
Als ungefäte rechteckiger Raun stellt diese größte aller 
ostalpinen Beckenlandschaften den wichtigsten Auf- 
marsch= und Vorbereitungsraum aller aus Inner- 
österreich gegen Italien gerichteten Operationen dar. 
Von Norden her münden die Tauernbahn im Westen, 
die aus dem Murtal über den Neumarkter Sattel ge- 
führte Rudolfsbahn im Osten ein und werden einer- 
seits durch das Gailitz-- und Fellatal gegen Udine, 
anderseits unter dem Hauptkamm der Karawanken 
als Karawanken-= und Wocheiner Bahn in das Save- 
gebiet weitergeleitet. So entstehen hier, in der Längs- 
achse des Beckens untereinander durch die Pustertal- 
linie verbunden, wei Verkehrsknotenpunkte von größ- 
ter Bedeutung, Villach am Westende, Klagen furt 
ungefähr in der Mitte des Beckens gelegen. Die west- 
liche Linie entsendet überdies von Tarvis einen Zweig 
über den Weißenfelser Sattel nach Laibach und von 
Tarvis führt auch die von alters her berühmte Paß- 
straße über den Predil (1160 m) nach Süden, so daß 
Tarvis neben Villach einen wichtigen Stützpunkt der 
österreichischen Verteidigungslinie bedeutet. 
Das fächerförmige Auseinanderstrahlen der süd- 
alpinen Ketten beginnt östlich von der Querlinie 
Villach-Pontafel. Zwischen Karawanken und Steiner
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        Machatschek: Der österreichisch-italienische Landkriegsschauplatz 
Alpen einerseits, die Julischen Alpen anderseits 
schiebt sich das obere Savegebiet ein, das sich nach Ver- 
einigung der beiden Quelltäler zu dem offenen Lai- 
bocher Becken erweitert. Die Durchkreuzung der 
über den Karst ans Meer führenden Südbahnlinie 
Wien Triest mit der erwähnten Longitudinallinie 
über Aßling nach Tarvis schafft in Laibach ein neuer- 
liches wichtiges Zentrum der Verkehrswege und Vor- 
marschlinien gegen Süden. 
Das letzte Glied der Südalpen bilden zwischen der 
Fella, der oberen Save, der Idria und Zayer die 
Julischen Alpen, in denen sich nochmals der Cha- 
rakter des Kalkhochgebirges zu großartiger Wildheit 
entfaltet. Das tiefe Tal des oberen Isonzos zerlegt 
sie in zwei Teile. Im westlichen erreichen nur die 
Gruppen des Mangart (2674 m) und des Monte 
Canin (2350 m) Hochgebirgscharakter; an sie schließt 
sich gegen Süden bald niebrigeres Mittelgebirge an. 
das rasch zum Gebirgsrand abfällt. Der östliche Teil 
gipfelt im gewaltigen Triglav mit 2856 m. Nur 
von wenigen Straßen, darunter der Predilstraße, 
durchzogen, bedeuten die Julischen Alpen eine 
außerordentlich wirksame Schranke Innerösterreichs 
egen die venezianische Tiefebene, wenn auch ihr 
H#apteamm weder je politische noch Völkergrenze 
gewesen ist. Die Querfurche der Idria und Zayer 
dildet auch die Grenze zwischen Alpen und Karst. 
Die Tiefenlinie des Wippach= und Rekatales zer- 
legt diesen in zwei Zonen. Die östliche, auch als 
Binnenkarst bezeichnet, zerfällt in die allseits steil 
abfallenden, meist dicht bewaldeten Plateaus des 
Ternowaner und Birnbaumer Waldes (etwa 1500 m) 
und des Krainer Schneebergs (1700 m). Weit öder 
noch und fast völlig waldlos ist der westlich vorgela- 
gerte Küstenkarst, der zwischen dem unteren Isonzo 
und Triest eine 400—600 m bohe von unzähligen 
Dolinen erkressene. wasserlose Kalktafel darstellt, die 
steil zur Küste abbricht. Sie wird durchzogen von der 
Eisenbahnlinie Görz—Triest, die als zweite Verbin- 
dung Triests mit seinem Hinterland unter der Haupt- 
kette der Julischen Alpen und durch das mittlere 
Isonzo= oder Canaltal bis Görz geführt ist und hier 
an die ältere Linie der Südbahn anschließt, die von 
Triest längs der Küste und über Cormons einen der 
wenigen Einbruchswege nach Oberitalien darstellt. 
Daher bildet Görz;, am Rande des Karstplateaus 
elegen und überdies Ausgangspunkt mehrerer Stra- 
en in dieses hinein, einen wichtigen Schlüsselpunkt. 
Südlich vom Alpen= und Karstbogen breitet sich die 
Po-Ebene aus, ein im inneren Teil durch keinerlei 
Höhen unterbrochenes, unmerklich gegen die Gebirgs- 
ränder ansteigendes Tiefland, dem nur am Süd- 
ausgang der großen Alpentäler niedere Hügelgrup- 
pen, vielfach aus alten Endmoränen oder Schotterter- 
rassen hervorgegangen, vorgelagert sind. Ostlich von 
der Etsch, wo die als Klärungsbecken dienenden Rand- 
seen fehlen, tragen die aus den Alpen kommenden 
Flüsse mehr oder weniger den Charakter von Torren- 
ten, die bei den plötzlich eintretenden Hochwässern der 
Frühjahrs- und Herbstmonatebedenkliche Operations- 
hindernisse darstellen, während bei Niederwasser die 
oft kllometerbreiten Schotterbetten bis auf einen dün- 
nen Wasserfaden trocken liegen. Dieminimalen Höhen- 
unterschiede haben der Anlage von Kommunikationen 
nirgends Schwieriglkeiten bereitet, so daß die Ebene 
von einem engmaschigen Eisenbahn-, Kanal= und 
1 Cgl. die Karte »Unteres Isongogebiete. 
101 
Straßennet durchzogen ist. Anderseits aber erschwe- 
ren die eigentümliche Art der Bodenkultur, sowohl die 
von Bewässerungskanälen wurchsogenen Reiskulturen 
als die in Lauben gezogenen Weingärten, die durch 
Rebengirlanden verbundenen Obst= und Maulbeer- 
baumreihen, die der Ebene den Charakter eines lichten 
Waldes verleihen, endlich die zahlreichen Hecken und 
Einfriedigungen die Bewegung selbst der Fußtruppen 
außerhalb der größeren Wege und heben die übersicht 
im Terrain fast völlig auf, so daß allen taktischen Ope- 
rationen bedeutende Schwierigkeiten gegenllberstehen. 
In der Übergangszone zwischen Mittel- und Süd- 
europa gelegen, tragen Klima und Vegetation 
der südalpinen und Karstländer je nach der Höhen- 
lage noch mitteleuropäischen oder bereits mediter- 
ranen Charakter. Die Sommer sind auch noch in 
geößeren Höhen heiß und vorwiegend trocken, die 
Linter kurz und mild, namentlich in den breiten, 
nach Süden geöffneten Tälern, wie im Etschtal, in 
der Umgebung des Gardasees und um Görz. überall 
fällt der Hauptanteil der Rieherschläge in die über- 
gangsjahreszeiten namentlich in den Spätherbst. wo- 
ei die absoluten Niederschlagsmengen meist reichlich 
sind und mit Annäherung an die Adria zunehmen. 
Daraus ergibt sich in den höchsten Gebirgsgruppen, 
wie der Ortler- und Adamellogruppe, eine außer- 
ordentlich intensive Vergletscherung und eine lange 
Dauer der Schneedecke auch schon in Höhen von etwa 
2000 m. Am schroffsten vollzieht sich der übergang 
nach dem milden Süden in der Karstregion, wo man 
über die von heftigen, zur Küste hinabstürzenden 
Nordwinden, der namentlich im Winter gefürchteten 
Bora, heimgesuchten Karstplateaus unmittelbar 
nach der schon südliches Gepräge tragenden Küste 
hinabsteigt. Langsamer vollzieht sich der übergang 
weiter im Westen, etwa im Etschtal. Die höheren 
Teile der Südalpen tragen, namentlich in den Dolo- 
miten, noch zumeist ein reiches Nadelwaldkleid, wäh- 
rend die die Ebene umsäumenden italienischen Vor- 
alpen wie auch die Küstenkarstlandschaften durch #y- 
tematische Waldverwüstung, welche die gesteigerte Ab- 
pülung unterstäft. waldlos und Verheerungen durch 
Wildbäche und Murbrüche ausgesetzt sind. 
Innationaler Hinsicht stellen die westlichen Süd- 
alpen ein überwiegend italienisches, die östlichen und 
die Karstländer ein zumeist flawisches Gebiet dar, in 
dem der einst italienische Charakter der Städte immer 
mehr verschwindet und sich kleine deutsche Minder- 
heiten entwickeln. Die deutsch= romanische Sprach- 
grenze verläuft ungefähr am Hauptkamm der Ortler- 
gruppe und quer über die Mendelgruppe, lappt im 
tschtal nach Süden bis etwa nach Salurn aus und 
eht dann, ohne an natürliche Linien gebunden zu 
ein, durch das Dolomitenhochland, bis sie östlich 
vom Kreuzbergpaß ungefähr dem Hauptkamm der 
Karnischen Alpen folgt und weiter gegen Osten bis 
an das Drautal durch die deutsch slawische Sprach- 
renze abgelöst wird. Südlich von dieser Linie haben 
Sc nur im Fersental (am Suganatal), in Lusern und 
auf italienischem Boden in einigen Orten der Sette 
und Tredici Communi in den Lessiner Alpen und 
im Tischlwang auf der Südseite der karnischen Kette 
noch deutsche Sprachinseln erhalten. Sowohl im 
obern Nonsberg als namentlich in einzelnen Dolo- 
mitentälern schaltet sich zwischen das deutsche und das 
italienische noch das aus der alten keltoromanischen 
Bevölkerunghervorgegangeneladinische Volkstumein, 
das allerdings westlich von der Etsch und im Fassatal
        <pb n="122" />
        102 
größtenteils italienische Sprache und Gesinnung an- 
genommen hat, in den nach dem deutschen Süd- 
tirol entwässerten Tälern der Germanisierung an- 
heimfällt. Im Görzischen und am Ostende der kar- 
nischen Kette greift das slawische Element sogar über 
die Grenze nach dem italienischen Friaul über, dessen 
Bevölkerung im übrigen einen von der Schriftsprache 
stark abweichenden italienischen Dialekt spricht. Der 
politischen Gesinnung nach sind die österreichischen 
Italiener der großen Städte, welche die Zentren der 
trredentistischen Propaganda bedeuten, wohl zu tren- 
nen von der meist gut österreichisch fühlenden Land- 
bevölkerung, die 19 als Tirolesi in einen bewußten 
Gegensatz zur Stadtbevölkerung stellt und schon aus 
wirtschaftlichen Gründen dem Anschluß an das 
„Regno= abgeneigt ist. 
Der nalionale Vensat kommt auch mehrfach im 
wirtschaftlichen Leben zum Ausdruck. Die Haupt- 
beschäftigung der Bevölkerung im Gebirge ist die 
Landwirischaft; aber kaum 20 Proz. des Bodens 
sind für Acker- und Gartenland GSgängüch. wobei 
die sonnigen breiten Täler große Ernten der Wein-, 
Obst., Ol- und Maulbeerbaumkultur hervorbringen, 
die zumeist von der italienischen Bevölkerung aus- 
gehen Der wichtigste Erwerbszweig bleibt ** die 
der Form der Almwirtschaft betriebene Viehzucht, 
wobei die der italienischen Landesteile, was rationelle 
Bewirtschaftung und den Zustand der Almen betrifft, 
weit hinter den deutschen Gebieten zurückbleibt. Wäh- 
rend ferner in diesen das in unregelmäßigen Haufen 
angeordnete Dorf vorherrscht, tragen die italienischen 
Siedlungen auch im Gebirge städtlschen Charakter mit 
steinernen, mehrstöckigen Häusern, die sich vorzüglich 
u Verteidigungszwecken eignen. Mit der vorherr- 
schenden Armut des Bodens und der Bevölkerun 
steht zu beiden Seiten der Grenze das dichte Kommuni- 
kationsnetz in einem gewissen begensat. dessen Aus- 
bau aber tumeist nicht wirtschaftlichen, sondern stra- 
tegischen Beweggründen zu danken ist. Daher find 
auch die von den Eisenbahnlinien weit ntfernten Orte 
im Gebirge durch vorzilgliche Straßen verbunden, die 
aber zumeist nahe der Grenze abbrechen, so daß diese 
nur auf verhältnismäßig wenigen guten Verkehrs- 
wegen überschritten werden kann. 
II. Politischer und strategischer Grenzverlauft. 
Im äußersten Westen von Südtirol verläuft die 
politische Grenze in der Ortlergruppe auf einer Strecke 
von über 50 km durchwegs in der Fienregion in Höhen 
von über 3000 m und ist hier nur auf beschwerlichen 
und vergletscherten Scharten überschreitbar, die für 
größere Truppenbewegungen nicht in Betracht kom- 
men und nur das Ziel von österreichischen, mit außer- 
ordentlicher Kühnheit bis auf die Südabdachung 
durchgeführten Patrouillenunternehmungen gewesen 
sind. Um so größere Bedeutung haben die Tiefen- 
linien an den Grenzen dieser Gruppe. Ihr Westende 
umgeht die Stilfser Jochstraße, die an Gomagoi vor- 
bei aus dem Trafoier Tal zur Paßhöhe (2758 m) an 
der Grenze Osterreichs, Italiens und der Schweiz 
emporsteigt, um sich sodann, am Wormser Joch vor- 
bei, in die Valle di Braulio herabzusenken. Vor bald 
100 Jahren zu rein strategischen Bwecken erbaut, be- 
sitzt die Straße auch heute wieder als einziger Zugang 
in den oberen Vintschgau hervorragende militärische 
Die hier kurz berührten mllitärischen Ereignisse bezlehen 
sich auf die Zeit von Beginn des Krieges bis Mitte Mai 1916. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Bedeutung, und ist die Paßhöhe mehrmals der Schau- 
platz von heftigen Zusammenstößen geworden, die 
aber mit der endgültigen Vertreibung der Italiener 
vom Joche endeten. 
Noch größere Bedeutung kommt der gleichfalls 
von der Grenze Überquerten Tonalefurche (1884 m) 
* die den Hauptzugang in das dichtbevölkerte Sulz- 
erg von Südwesten her darstellt. Wieder hat hier 
der von Süden her angreifende Teil den schwieri- 
geren Anstieg zu überwinden, und bietet die Natur 
em Verteidiger der Nordseite die bessere Position. 
So ist die von italienischer Seite mehrfach mit größe- 
ren Kräften versuchte Forcierung der Paßhöhe schon 
an den österreichischen Stellungen auf dieser zusam- 
mengebrochen, und das gleiche Ergebnis hatten die 
Kämpfe auf der zur Tonalelinie parallelen, von einem 
Karrenwegbenutzten Forcellina di Montozzo (2617m) 
zwischen Val Tozzo und Val di Monte. 
Auch in der Presanella= und Adamellogruppe ver- 
läuft die Reichsgrenze durch die Gletscherregion, die 
aber auch hier öfters von kämpfenden Truppen be- 
treten wurde. Ferner folgt die Grenze bis zum Monte 
Listino (2778 m) einem zwar unvergletscherten, aber 
wild zerrissenen südlichen Ausläufer des Adamello- 
sockes wischen der Val Camonica und der menschen- 
eeren Val di Daone, einem rechten Seitental der 
oberen Chiese. Trotz der enormen Schwierigkeiten 
des Terrains ist auch dieses Gratstück mehrmals der 
Schauplatz kleiner Grenzkämpfe gewesen- 
Am Monte Listino gabelt sich der das Oglio= und 
Wiesegebiet trennende Kamm. Dem östlichen Zweig 
h ie Reichsgrenze, die in mehreren begen 
ässen überschritten werden kann. Knapp oberhalb 
des Idrosces quert sie das breite Chiesetal und da- 
mit das südliche Ende der Judikarienlinie. Hier liegt 
somit eine der wichtigsten und ungeschütztesten Ein- 
bruchspforten nach Südtirol, in welcher der Verteidiger 
egen den von Süden vordringenden, zahlenmäßig 
berlegenen Gegner zunächst keine natürliche Ber- 
letigungsstelling beziehen kann. Erst bei Roncone, 
20 km oberhalb der Grenze, bietet der über die flache 
Wasserscheide zwischen Chiese und Arno in beherr- 
schender Lage sich erhebende Monte Gajola (1141 m) 
einen natürlichen Stützpunkt. Daher konnten die Ita- 
liener sofort zu Beginn des Krieges in breiter Front 
in die offenen Giudicart einfluten; doch ist ihr weiteres 
Vordringen schon bei Condino, 12km unterhalb Ron- 
cone, an den österreichischen Vorstellungen gescheilert. 
Ostlich vom Idrosee springt Tirol am weitesten 
nach Südwesten vor; die Grenze verläuft in mehreren 
Krümmungen und durchaus künstlich quer durch das 
tark zerschnittene Mittelgebirge des Vestino zwischen 
dro= und Gardasee. Obwohl in diesem verhältnis- 
mäßig leichten Terrain eine Überflutung der Grenze 
von Süden her leicht möglich ist, scheint es bisher zu 
keinen größeren Zusammenstößen gekommen zu sein. 
Indem nun die Grenze nach Norden zurülckbiegt, 
schlägt sie fast den ganzen Gardasee mit Ausnahme 
seines oberen Endes mit Riva und Torbole zu Ita- 
lien. Gegenüber letzterem Ort fällt das anfangs 
breite Ledrotal mit einer 400 m hohen Steilstufe, die 
von der Ponalestraße in großartiger Anlage über- 
wunden wird, zum westlichen Seeufer ab. Das Seetal 
aber setzt sich nach Nordnordosten im breiten Sarca- 
tal fort, das eine ähnliche Bedeutung hat wie die 
Judikarienlinie. Diese Verhältnisse erklären den hohen 
strategischen Wert der Ponalestraße. Verstärkt wird 
ieser Schutz des Sarcatales durch den über das ebene
        <pb n="123" />
        Machatschek: Der österreichisch-italienische Landkriegsschauplatz 
und reich kultivierte Gelände um Riva und Arco 
300 m hoch sich erhebenden Monte Brione und die 
Stufenmündung des Loppiotales bei Nago östlich von 
der Sarca. Daher bildet die Umgebung von Niva 
einen der wichtigsten Stütpunktein der Verteidigungs- 
linie von Südtirol, der seiner Qufgabe bisher auch 
vollkommen gerecht geworden ist. Denn obwohl die 
Italiener ohne Schwierigkeit aus den untersten Judi- 
karien in das obere Ledrotal eindringen konnten, ist 
Riva bloß durch Fliegerangriffe gelegentlich heim- 
gesucht worden. 
Vom Gardasee steigt die Grenze über den kahlen 
und verkarsteten Rücken des Monte Baldo zu dessen 
Nordgipfel, den von den Italienern gleich zu Beginn 
des Krieges besetzten Altissimo (2079 m), an und folgt 
dann vorwiegend der Firstlinie des Rückens bis zu 
dessen Kulmination, der Cima di Val Dritta (2218 m), 
um unter rechtem Winkel abbiegend das Etschtal bei 
Borghetto zu erreichen. Da sich nun die natürliche 
Sperre desselben, die Veroneser Klause, 18 km unter- 
halb der heutigen Grenze, seit alters her in veneziani- 
schen bzw. italienischen Händen befindet, konnte der 
Feind ähnlich wie in den Judikarien ungehindert nach 
Norden vordringen, Avio und Ala besetzen, bis ihm der 
ategische Grenzschutz in der Umgebung von Mori 
It gebot. 
Ahnliche Verhältnisse liegen östlich von der Etsch in 
den zwar plateauförmigen, aber durch vorherrschend 
N#W.—S. verlaufende Talzüge stark zerschnitte- 
nen Voralpen vor, die dadurch in mehrere natürliche 
Abschnitte zerfallen. Über den westlichsten, die eigent- 
lichen Lessiner Alpen, zieht die Grenze in mehrfachem 
Zickzack, aber doch zumeist der Wasserscheide zwischen 
den nach Nordwesten und den nach Sübdosten gerich- 
teten Etschzuflüssen folgend, in vorwiegend östlicher 
Richtung, quert dann das nächste Plateaustück zwi- 
schen Val Ronchi und Vallarsa, endlich in vorwie- 
gend nördlicher Richtung das Plateau von Pasubio 
wischen den beiden Lenotälern und das Astacher 
lateau zwischen Val Leno und Val Astico. In diesem 
anzen Gebiet sind Tirol und Italien durch mehrere 
Eichte Verkehrswege gegeneinander geöffnet, weilhin 
beherrschende Höhen fehlen; da ferner das Etschtal 
umterhalb Mori nicht &amp; halten war, wurde das ganze 
Grenzgebiet von den Osterreichern kampflos gerdumt, 
um eine weiter nördlich gelegene Verteidigungsstel- 
lung zu beziehen. Diese befindet sich auf dem west- 
lichen Stück des Astacher Plateaus, das gegen Norden 
zum breiten oberen Suganatal abfällt und über das 
ein ganzes System strategisch wichtiger Straßen ge- 
geogen ist. Die eine steigt aus dem Etschtal oberhalb von 
freit in großen Windungen auf das Plateau von 
Vielgereut (Folgaria, 1168 m) hinauf und führt 
unter der Gruppe der Filadonna, mehrere Abzwei- 
ngen bis nahe an die italienische Grenze entsen- 
2 nach Lafraun (Lavarone, 1170 m), von wo 
der eine Ast in das Suganatal hinabsteigt, der andere 
über das Plateau weiterführt, einen Ast nach Lusern 
entsendet und endlich jenseits der Grenze in die Val 
d'Assa und in das Gebiet der Seite Communi hinab- 
elangt. Auf diesen Hochflächen haben sich denn auch 
eit Beginn des Krieges die heftigsten Kämpfe an 
der ganzen Tiroler Front entwickelt, und zwar auf 
einem für den Gebirgskrieg verhältnismäßig aus- 
gedehnten Raum, wobei es für die Verteidigung un- 
bünstig ins Gewicht fällt, daß die italienischen Stel- 
ngen die österreichischen Werke um 100—200 m 
berhöhen. Eine Niederringung derselben bei Lafraun 
103 
und Vielgereut wäre von der größten Bedeutung, 
da dadurch dem Feind der Zugang in das obere Su- 
ganatal und in das Etschtal im Rücken der Stellun- 
gen bei Mori und damit nach Trient offen stünde. 
Ostlich von Lusern verläuft die Grenze in nördlicher 
Richtung über das Plateau der Sette Communi, 
durch das auf italienischer Seite zahlreiche Straßen 
bis nahe an die Grenze herangeführt worden sind, 
biegt an der Cima Manderiolo nach Osten um und 
folgt dann dem Nordrand des Plateaus, der steil und 
nur durch Karrenwege passierbar zum Suganatal ab- 
fällt. Weiter östlich geht dieser Abfall verloren, die 
Grenze springt nach Süden vor und erreicht über 
Almflächen das Brentatal unterhalb von Tezze, also 
noch oberhalb seiner schluchtartigen Verengung und 
an einer für den südlichen Teil vorzüglich vorgezeich- 
neten Stelle. Die vor einigen Jahren durch diese 
Enge geführte Eisenbahn ist nun zu einer wichtigen 
Ausmarschlinie für die italienischen Kräfte geworden, 
und der Besitz der Brentaklause hatte ihnen das Ein- 
deingen in das Suganatal bis über Roncegno fie 
ermöglicht, während anderseits der stark befestigte 
Straßenknoten von Primolano am Ausgang der 
Enge einen Ausfall nach Süden verwehrt. 
Auch östlich von der Brenta verläuft die Grenze in- 
folge der Abmachungen von 1866 in einer für Österreich 
chst ungünstigen Weise, indem zwar fast der ganze 
auf des Vanoi, eines Zuflusses des Cismone, und 
dessen Oberlauf zu Tirol gehören, Italien aber den 
Winkel zwischen Brenta und Cismone und die schücht- 
artige herengun auch dieser Täler besitzt, die sich 
nach dem westlichen Teil des Beckens von Belluno 
öffnen. Dieser Umstand und das Fehlen ausgiebiger 
Grenzbefestigungen auf österreichischer Seite #den 
den Italienern das Eindringen auch in diese Täler 
ermöglicht. Während aber das Vanoital, das am 
Granitstock der Cima d'Asta wurzelt, strategisch ge- 
ringe Bedeutung hat, führt durch die C monleeng 
in der Val Schenere und die Weitung von Primör 
an San Martino vorbei und über den breiten Rolle- 
aß (1984 m) eine prächtige Kunststraße in das 
leimser Tal des Avisios und damit in das Etschtal. 
Da somit das Primör schon außerhalb des öster- 
reichischen strategischen Grenzgürtels gelegen ist, ge- 
riet es bald nach Beginn des Krieges in die Hände 
der Italiener, die überdies noch weiter westlich über 
den Colbricon nach Norden vordringen konnten. 
Um so wirksamer aber haben sich die Befestigungen 
oberhalb von Paneveggio jenseits des Rollepasses, im 
obersten Travignolotal, also bereits im Avesiogebiet 
elegen, erwiesen, obwohl sie noch von einer anderen 
Geis her den Zugang zu decken haben. 
Diese Verhällnisse erklären sich aus dem mit dem 
orographischen Charakter des Dolomitenhochlandes 
zusammenhängenden Grenzverlauf, der unregelmäßig 
von einem der Dolomitstöcke über weiche Rücken und 
breite Pässe oder Täler zum anderen hinüberspringt. 
Hier also hat Südtirol ebenso wie im unteren Etsch- 
tal seine natürliche Grenze noch nicht erreicht, son- 
dern überläßt wichtige Eintrittspforten von Süden 
her dem Gegner. Ostlich von der Val Schenere springt 
die Grenze auf den scharfen Kamm der Vetie di Feltre 
Über und folgt diesem in östlicher Richtung; aber in- 
dem sie von hier gegen Norden aufbiegt und die 
oberste Val Mio zu Italien schlägt, gestate sie auch 
von Osten her ein Eindringen in das Becken von 
Primör. Als gewaltige Mauer erhebt sich östlich vom 
oberen Cismone die Palagruppe, ein scheinbar wirk-
        <pb n="124" />
        104 
samer Grenzschutz gegen Osten, auf dem die Grenze 
in mehrfachem Zickzack verläuft. Aber am Nordende 
der Gruppe führt über breite Almflächen der genau 
in der Grenze gelegene Vallèspaß (2032 m) von 
Forno di Canale am Cordevole nach Paneveggio, und 
wenig weiter nördlich bietet der Paß von San Pelle- 
rino (1910 m) einen ähnlich bequemen Übergang von 
Faleate in die Val di San Pleegrino und damit gleich- 
falls in das Avisiogebiet. Beide Paßfurchen werden 
durch die Porphyrkette der Cima di Bochhe getrennt, 
die sich im Lusiapaß zu 208á m erniedrigt, der den über- 
gang von Paneveggio nach Moẽna im Fassatal ver- 
mittelt. Nördlich von der Pellegrinolinie, deren Paß- 
höhe bereits zu Tirol gehört, erhebt sich die mächtige 
Kalkmasse der Marmolata, die gegen Süden mit 
nahezu unnahbaren Wänden abstürzt und sich gegen 
Südwesten in einen felsigen Porphyrkamm von etwa 
2700 m fortsetzt. Die Grenze verläuft vom Pellegrino- 
paß fast genau nördlich auf den Kulminationspunkt der 
Marmolata zu, um dann über deren Gletscherfläche 
den an ihrem Nordfuß gelegenen Fedajapaß (2046 m) 
zu erreichen. Die österreichischen Defenfivstellungen 
am Dosaccio (1836 w) oberhalb von Paneveggio und 
um den Lusiapaß hatten also sowohl den von Süden 
5 über den Rollepaß als den von Osten her über 
alles= und Pellegrinopaß eindringenden Italienern 
den Zugang nach Moèna und Predazzo zu wehren 
und haben diese schwierige Aufgabe bisher auch voll- 
kommen erfüllt. Mit Umgehung dieer Stellungen 
versuchten die Jtaliener am Nord- und Südfuß der 
Marmolata einen Durchbruch in das Fassatal zu er- 
wingen, woraus sich die gei gen. aber ergebnislosen 
ämpfe am Ombrettapaß (2700 m) und an der 
Vernelscharte sowie um den Fedajapaß erklären. 
Von noch größerer Bedeutung für die Verbindun 
wischen Cordevole= und Fassatal z weiter nordlich 
as Pordoijoch (2959 m), namentlich seit dem Aus- 
bau dieses mittleren Teiles der berühmten neuen 
Dolomitenstraße. Diese gelangt, nachdem sich in 
Vigo di Fassa die Straßen aus dem Avisiotal und 
die von Bozen durch das Eggental und über den 
Karrerpaß (1758 m) führende vereinigt haben, im 
Fassatal aufwärts auf das Pordoijoch und am ober- 
ten Cordevoletal sanft abwärts über Arraba in das 
ochtal von Livinalongo oder Buchenstein, von da 
Über den bequemen Sakharegopaß (2119 m) in das 
Ampezzaner Gebiet. Kurz unterhalb des Dorfes 
Pieve di Livinalongo ist das Cordevoletal durch eine 
800 m hohe Talstufe gesperrt, und erst unterhalb 
dieser liegt in breitem Tal und unweit des schönen 
Alleghesees der große Ort Caprile, von wo der We 
zum Fedajapaß abzweigt. Die Grenze kümmert si 
auch hier nicht um die in unregelmäßigem Zickzack 
verlaufende Wasserscheide, sondern geht vom Fedaja- 
aß und über die Forcella di Padon in nordöstlicher 
ichtung bis knapp vor Buchenstein und folgt dann 
dem engen Cordevoletal bis kurz vor Caprile, umüber 
Selva zum Nuvolau anzusteigen. Der Besitz dieser 
Enge erleichtert daher den Zugang auf die Nord- 
abdachung des ganzen Dolomitenhochlandes über 
die Pässe von Pordoi, Falzarego und Campolungo, 
der von Arraba aus das oberste Gadertal zu- 
gänglich macht, und für alle ist Caprile der wich- 
tige Ausgangspunkt. Daher bildet für die Ita- 
liener die rstürmung der österreichischen Stel- 
lungen auf und nördlich von dem beherrschenden 
Col di Lanao (2460 m) östlich über Buchenstein eines 
der erstrebenswertesten Ziele, das zu erreichen sie 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
bisher trod allen Anstrengungen und auch nach der 
Besetzung des Gipfels selbst weiter auszunutzen nicht 
imstande waren. 
Ostlich vom Cordevole betreten wir das Bereich der 
östlichen Ampezzaner und Sextener Dolomiten. Quer 
bindurch führt die von einem uralten Handelsweg be- 
nutzte Furche des Ampezzotales, welcher Name, wie 
so oft in den Alpen, auf die Täler beider Abdachun- 
g angewendet wird. Von Norden her führt aus 
em Pustertal bei Toblach das Höhlensteintal der 
oberen Rienz über Landro auf die flache Talwasser- 
scheidezwischen Schluderbachund Peutelstein (1544 m), 
Überragt von den Nordwänden des Monte Cristallo. 
Nach Süden fließt die Boite, einer der Hauptquell- 
flüsse der Piave, durch ein Engtal in das von den 
über 3000 m hohen Stöcken der Tofana, Croda da 
Lago, des Cristallo und Sorapis umrahmte Becken 
von Cortina. Parallel zu dieser Furche verläuft 
weiter östlich eine andere; sie wird gebildet einerseits 
von der Val Popena zwischen Cristallo und dem 
bloß 2325 m hohen Monte Piano, der steil gegen 
Rienz und Popenatal abbricht, aber flach gegen den 
Sattel von Rimbianco sich abdacht, über den die 
Drei Zinnen aufragen, anderseits vom Misurinasee 
1796 m) und seinem Ausfluß, dem Anziei, gleich- 
alls einem Quellfluß der Piave. Auch im Ampez- 
ganer Gebiet verläuft die politische Grenze durchaus 
Uünstlich. Wohl geht sie vom Nuvolau über die Gipfel 
der Croda da Lago und Rochhetta, quert aber das 
breite Ampezzotal 7 km unterhalb von Cortina, wäh- 
rend erst 15 km weiter abwärts die Stufenmündung 
des Tales einen natürlichen Grenzpunkt geboten 
ztte; dann ersteigt sie den Sorapis, kreuzt das oberste 
nzieital, springt nach Westen auf den Gipfel des 
Kohttallo zurück und verläuft nahe südlich von Schlu- 
derbach und nun erst der Wasserscheide folgend über 
die Drei Zinnen, den Paternkofel, den Elfer- und 
Zwbter#o el bis zur tiefen Einsattelung des Kreuz- 
rgs. Dieser Verlauf hat es den Italienern ermög- 
licht, ohne Schwierigkeiten von ihrem Hauptwaffen- 
#as Pieve di Cadore aus an mehreren Stellen auf 
iroler Boden vorzudringen. An der Boite aufwärts 
konnten sie Cortina besehen und bis vor Peutelstein, 
vom Misurinasee über den Col San Angelo in das 
obere Val Popena gelangen; von der Alpe Rim- 
bianco aus versuchten sie die österreichischen Stellun- 
en 5 dem Monte Piano im Osten zu umgehen, am 
üdfuß der Drei Zinnen zum Toblinger Riedel und 
dem Lavaredosattel vorzudringen. Gegen alle Ver- 
suche, auf diesen Wegen das Pustertal zu erreichen, 
9t sich bisher die österreichische Stellung in der Val 
opena bassa vor Schluderbach als unüberwindliches 
Bollwerk erwiesen. 
An der Grenze zwischen den Dolomiten und den 
Karnischen Alpen bildet die Kreuzbergfurche eine 
Querlinie von außerordentlicher strategischer Wich- 
tigkeit. Italien hat denn auch frühzeitig die Bedeu- 
tung dieser breiten Einsattelung als des kürzesten 
Zugangs zum Pustertal erkannt und eine gute Straße 
is zur Grenze auf der Paßhöhe hinaufgeführt, der 
auf österreichischer Seite nur ein schlechter Fahrweg 
von Innichen aus gegenüberstand. So ist der Kreuz- 
berg zu einem Brennpunkt der Grenzkämpfe gewor- 
den, aber obwohl die Italiener die Paßhöhe gleich 
zu Beginn des Krieges beseszen konnten, ist ein wei- 
teres Vordringen in das Sextental bisher an den 
österreichischen Bergstellungen zwischen dem Burg- 
stall und der Pfannspitze gescheitert.
        <pb n="125" />
        Machatschek: Der österreichisch-italienische Landkriegsschauplatz 
Auf einer Linie von über 40 km sinkt das west- 
lichste Stück des Hauptkammes der Karnischen Alpen 
nicht unter 2000 m herab und gahlreiche scharfe Kalk- 
gipfel steigen über 2500 m an. Dieser Umstand, der 
mauerartige Abfall und die geringe Wegsamkeit der 
italienischen Abdachung haben in diesem Grenz- 
abschnitt den Osterreichern eine vorzügliche Verteidi- 
gungsstellung gesichert. Die einzige von Natur aus 
schwache Stelle ist hier die von Norden her sanft anstei- 
gende, gegen Stden steil abfallende Einsattelung des 
Plöckenpasses (1360 m), der aus dem oberen Gailtal 
in die Val Grande führt und in dessen genauer Fort- 
setzung der nur 970 m hohe Kötschacher Sattel eine 
leichte Verbindung nach Oberdrauburg im Pustertal 
schafft. Daher ist die Umgebung des Pföckens mit den 
ihn beherrschenden Höhen, Kolinkofel, Großer und 
Kleiner Pal und Freikofel, und der benachbarten 
Wolayer-Scharte (1997 m), von der aus eine Um- 
gehung des Plöckens möglich ist, der Hchauplat hef- 
tiger, aber gerade in der letzten Zeit für die Vertei- 
diger erfolgreicher Kämpfe gewesen. 
Ostlich vom Plöcken verliert die karnische Haupt- 
kette ihren Charakter einer scharfen Grenzmauer, die 
Grenze springt von der Wasserscheide nach Süden 
zurück und verläuft durchaus künstlich, bis sie in der 
Schlucht der Pontebbana Frischen Pontafel und 
Pontebba die Eisenbahn Villach-Udine quert, wäh- 
rend östlich davon die unmerkliche Wasserscheide zwi- 
schen Gailitz und Fella auf dem breiten Sattel von 
Saifnitz (800 m) liegt. Südlich von dieser Linie bildet 
der wilde, schwer passierbare Kalkstock der Julischen 
Alpen eine mächtige Schutzmauer gegen Westen. 
Nur an ihrem Nordende bieten sich leichtere Zupänge 
nach Osten, indem aus dem Dognatal, einem linken 
Seitental der Fella, der Dognapaß durch das Sei- 
seratal nach Saifnitz führt, parallel dazu weiter süd- 
lich aus dem Raccolanatal der Neveasattel in das 
Seetal von Raibl und damit an die von Tarvis aus- 
ehende Predilstraße, die am Nordende des Raibler 
Eess vorbei auf die breite Paßhöhe (1160 m) und 
eil abwärts durch das Engtal der Koritenca und 
ie Flitscher Klause zum Isonzo führt. Durch diese 
Berhältnisse erwuchsen der Verteidigung. hier beson- 
dere Schwierigkeiten, um so mehr als der Grenzverlauf 
das Tal der Dogna und Raccolana gänzlich zu Italien 
schlägt, während sie weiter südlich dem Oauptkamm 
des Monte Canin folgt und fast das gan ½ 
gebiet bei Osterreich läßt. Daher hat sich die Vertei- 
digung ähnlich wie 1809 auf Malborghet und am 
Predil zurückgezogen. Die von italienischer Seite ge- 
machten Versuche, durch das Dogna= und Raccolana- 
tal diese Stellungen zu umgehen, sind gescheitert, so 
daß trotz mehrmaliger Beschiehung von Malborghet 
und sogar Tarvis die Saifnitzer Höhe ebenso wie der 
Predil von Österreich fest behauptet werden. 
Auch weiter südlich ist die Verteidigung im Isonzo- 
ebiet außerordentlich schwierig. Fesus vom breiten 
Heonzolängsnal zwischen Flitsch und Tolmein erheben 
sich die nur im Matajur (1640 m) größere Höhen er- 
reichenden Julischen Voralpen, durch welche die Grenze 
nahe dem Isonzo verläuft und in denen aus dem 
obersten Natisonetal ein leichter Zugang zum Isonzo 
möglich ist. Da diese Höhen für einen dauernden 
Grenzschutz gegen einen starken Gegner ungeeignet 
sind, hat Osterreich diesen Abschnitt freiwillig ge- 
105 
räumt, Karfreit und Flitsch den Italienern überlassen 
und seine Verteidigungsstellungen an der Flitscher 
Klause am eAlusgang der oberen Isonzoschlucht (Soka) 
und am Nordrand des Wocheiner Plateaus bezogen. 
um das Vordringen über den Predil und über die 
schwierigen Übergänge von Moistroka und Luknia in 
das obere Savegebiet zu verhindern. Daraus erklärt 
sich der erbitterte Charakter der Kämpfe an den Ge- 
bängen des Rombon (2208 m), des Jawortschek und 
der Golobara Planina. Weiter südlich bietet das West- 
ende des 2245 m hohen Krnmassivs, des Eckpfeilers 
des vom Triglav nach Südwesten ziehenden Kammes, 
für die Beherrschung des Isonzotales bei Karfreit 
günsiige Verhältnisse. Die österreichischen Stellungen 
efinden sich hier auf den Höhen des Krasi Vrh und 
Potounik, die fast 1000 m hoch und kaum gangbar 
und verkarstet zum Isonzo abstürzen, weiter südlich 
zwischen Karfreit und Tolmein auf dem Südsporn 
des Krnmassivs und dessen südlichen Vorlagen, dem 
1487 m hohen Sleme und dem 1360 m hohen Merzli 
Brh. Alle diese Positionen sind unter den größten 
Schwierigkeiten erfolgreich behauptet worden. 
Von Tolmein nach Süden bis zur Adria ist die 
strategische Situation ungefähr die gläiche Die 
Karstplateaus fallen steil zum Isonzo ab, der nun in 
einer tiefen Schlucht die nach Südwesten sich senkende 
Kalktafel durchbricht, ebenso auch zum Wippachtal, 
durch das sich eine breite Pforte nach Osten öffnet. 
Obwohl auch hier die Grenze westlich vom Isonzo, 
nämlich im Tal des Judro, verläuft, so war doch der 
die beiden trennende und von Gester leichter zu er- 
steigende niedrige Rücken für eine Verteidigung nicht 
geschaffen; daher wurde von Osterreich das westlich 
vom Isonzo gelegene Land preisgegeben, ebenso auch 
sein Anteil an der Ebene von Friaul. Die Verteidi- 
gungslinie folgt auch hier dem Steilabfall des Karsts 
und erreicht unterhalb von Tolmein bei dem 15 
oberhalb von Görz noch am rechten Ufer gelegenen 
Plawa den Isonzo, wo die Italiener bisher! vergeb- 
lich versucht haben, den auf einen Talsporn gestütz- 
ten Brückenkopf zu erstürmen. Endlich ist es hier der 
Brückenkob von Görz, die Höhen von Podgora, 
gegen die die Italiener Angriffe von unerhörter Hef- 
tigkeit richteten, in richtiger Würdigung der Bedeu- 
tung dieser Stellung. 
üdlich vom Wippachtale fällt der Triester Karst 
mit einer 200 m hohen, zerfransten Steilstufe gegen 
das Wippachtal und etwa 100 m hoch im Plateau 
von Doberdo egen den unteren Isonzo ab. Auch 
hier waren die österreichischen Stellungen bis hart an 
den Rand des Abfalles vorgeschoben, so am Monte 
San Michele (277 m) gegenüber von Gradisca und 
weiter südlich oberhalb von Monfalcone. Die Erfolg- 
losigkeit aller unter den furchtbarsten Verlusten durch- 
geführten Angriffe hat bisher: auch jede Unterneh- 
mung gegen Triest zu Lande unmöglich gemacht, ob- 
wohl die Besetzung der Isonzomündung durch die 
Italiener die Bucht von Triest absperrt. Dessen 
voller Besitz ist aber nicht nur für Osterreich eine 
Lebensnotwendigkeit, er ist auch von größter Bedeu. 
tung für das Deutsche Reich. Darum bedarf Triest 
in Zukunft eines besseren Schutzes, als ihn der heutige 
Grenzverlauf bieten kann. 
1 Ugl. die Fußnote auf S. 102.
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        106 
Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz 
von Professor Dr. Alfred Merz in Berlin 
Val. hierzu die Karte #Ostsee- 
Lage und wirtschaftliche Bedentung. Die Nord- 
kante Mitteleuropas wird von zwei Nebenmeeren des 
Atlantischen Ozeans, von der Nordsee und der Ostsee, 
umspült. Die Nordsee (vgl. Bd. I, S. 161 ff.) ist 
durch die britischen Inselm nur zum Teil vom offenen 
Ozean geschieden und steht mit ihm durch mehrere 
breite Pforten in Verbindung, die Ostsee kann nur 
über die Nordsee und die unnmt–ä: um die Jü- 
tische Halbinsel herum vom Weltmeer her erreicht 
werden, erstreckt sich aber dafür an der 1 Skan- 
dinaviens tief in den Leib Nordeuropas hinein. Auf 
diesem geographischen Gegensatz beruht zum großen 
Teile der Unterschied ihrer wirtschaftlichen und poli- 
tischen Bedeutung in Vergangenheit und Gegenwart. 
Die Nordsee ist unmittelbar den Einwirkungen des 
leichmäßigen ozeanischen Klimas ausgesetzt und von 
6 alzreichem, winterwarmem atlantischem Wasser durch- 
flutet. Sie kennt daher eine Erschwerung der Schiff- 
fahrt durch Eis nur in unbedeutendem Maße. Die 
Ostsee teilt mit dem sie umgebenden Land ein kon- 
tinentaleres Klima und verdankt dessen Einwirkung 
ihren niedrigen Salzgehalt. Lange Wintermonate 
bindurh sind große Teile dieses Meeres völlig vom 
ise gesperrt. Lebhafte Gezeitenströme halten die 
Flußmündungen der Nordsee offen; die von Gezeiten 
fast unbeeinflußte Küstenströmung der Ostsee sucht 
Buchten und Häfen zu schließen. Günstiges Klima 
und fruchtbarer Boden ermöglichen im Nordseegebiet 
auch dort eine hohe Derdichtang der Bevölkerung, wo 
reiche Mineralschätze fehlen (Belgien 250, Niederlande 
170 Einw. auf dem Quadratkilometer), und nur die 
rauhen Hochflächen Schottlands und Norwegens wei- 
sen eine dünne Bevölkerung auf. Die Ofleerländer 
haben es nirgends zu größerer Bevölkerungsdichte 
gebracht. An 60 Bewohner auf dem Quadrattkilo- 
meter findet man in den deutschen Ostseeländern, an 
40 in den russischen Ostseeprovinzen, an 30 in Süd- 
schweden, und die ungastlichen Gebiete beiderseits des 
Bottnischen Meerbusens, das schwedische Norrland im 
Westen und Finnland im Osten, gehören zu den am 
dünnsten besiedelten Ländern Europas, obgleich Norr- 
land Über riesige Eisenerzlager gebietet. Nur an den 
geographisch besonders begünstigten Pforten des Mee- 
res werden höhere Zahlen erreicht, so in Dänemark 
über 70 auf dem Quadratkilometer, in einigen kleine- 
ren Küstengebieten sogar noch wesentlich mehr (z. B. 
auf den dänischen Inseln 117, im schwedischen Sund- 
bezirk Malmöhus 95 auf dem Quadratkilometer). 
Während durch die Entschleierung des gesamten 
Erdbildes seit dem Entdeckungszeitalter die unver- 
gleichlich günstigere Weltlage der Nordsee allmählich 
zur vollen Geltung gelangte und die Fäden des Welt- 
verkehrs sich dort immer mehr zu dem Hauptknoten 
verknüpften, trat seitdem die Ostsee von dem Vor- 
range, den sie in den vorhergehenden Jahrhunderten 
erreicht hatte, mehr und mehr zurück. Nicht, daß der 
Verkehr selbst seit ienen Tagen der Hansabllite abge- 
nommen hätte — Feine absolute Größe ist auch weiter- 
din gestiegen —, aber seine relative Bedeutung im 
eltverlehr ist gesunken. Führte vordem vom west- 
lichen Europa einer der wichtigsten Verlehrsstränge der 
europäischen Kulturwelt nach den Ostseeländern, die 
namentlich durch die deutsche Kolonisationstätigkeit 
seit dem 12. Jahrhundert immer mehr erschlossen und 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
zu den wichtigsten Nahrungsmittel- und Rohstofflie- 
feranten jener dichter bevölkerten und gewerbereichen 
Länder geworden waren, so begannen sich nunmehr 
die über die Ozeane zu den neu entdeckten Kolonial- 
ländern gesponnenen Verkehrsfäden dauernd zu ver- 
stärken und zu verdichten, und der Ostseeverkehr sank 
immer mehr zu einem Ausläufer ozeanischer Welt- 
verkehrswege herab. 
In dieser Entwickung ist in der zweiten Hälfte des 
19. Jahrhunderts eine bedeutsame Wandlung einge- 
treten. Neben dem Anteil im Weltverkehr, der den 
Ostseeländern vor allem die Lebensmittel und Roh- 
stoffe wärmerer Klimate zuführt (Kaffee, Tee, Reis, 
Südfrüchte, Düngemittel, Baumwolle, Seide, Kaut- 
schuk), und neben dem Verkehr mit den Nordseelän- 
dern, der die fehlende Kohle aus England, Halb- und 
Fertigfabrikate, an Lebensmitteln besonders Fische 
herbeischafft und dafür die Erzeugnisse der Land- und 
Waldwirtschaft und Schwedens Eisenerze empfängt, 
kt sich der innere Ostseehon del zu immer gröberrr 
edeutung erhoben. Seine Grundlage bilden die 
wirtschaftlichen —## zwischen den an Bevölke- 
rungszehl und Kultur steigenden Ostseeländerm bei 
nahbenachbarter Lage und billigem Transport über 
das verhältnismäßig kleine Meer. Hierbei nimmt 
Deutschland, das wirtschaftlich am weiteslen vorge- 
schritten ist und sich von den übrigen am stärksten un- 
terscheidet, den ersten Rang ein. Es versorgt sie mit 
den Erzeugnissen seiner Industrie und empfängt von 
ihnen ebenso wie die Nordseeländer Nahrungsmittel 
und Rohstoffe, wobei im Verkehr mit Rußland und 
Dänemark allerdings auch der Landverkehr eine große 
Rolle spielt. Dänemark liefert die Produkte —* er 
ausgezeichneten Viehzucht; Schweden und Finnland 
führen riesige Massen von Holz, Holzwaren und Pa- 
pier aus; Schweden verschifft daneben in ganzen Flot- 
tillen seine reinen norrländischen Eisenerze und Steine, 
Finnland auch die Erzeugnisse seiner Viehwirtschaft, 
während Rußland namentlich Felle, Butter, Eier, 
Getreide, Flachs und Holz zur Ausfuhr bringt. In 
der Aufnahme aller dieser Truguisse steht England 
neben Deutschland an zweiter, ja bei kwenerlfoge 
weitaus an erster Stelle. Wie groß aber der absolute 
Betrag dieses Verkehrs ist, geht schon daraus hervor, 
daß selbst in Deutschland ein Drittel des gesamten 
Haftenverlehre auf die Ostsee entfällt und vom ge- 
samten Außenhandel des riesigen russischen Reiches 
ein volles Drittel über die Ostseehäfen geht. Dabeie 
ist gerade der Warenaustausch der russischen Gebiete 
einer ungeheuren Steigerung fähig, beträgt er doch 
dort auf den Kopf erst 35 Mark gegen 200 Mark in 
Finnland und 535 Mark in Dänemark. Allerdings 
war es bisher Rußlands Streben, durch eine Hochzoll- 
schutzpolitik die Versorgung seiner Bevölkerung mög- 
lichst der eigenen Industrie vorzubehalten, und auch 
Schweden suchte auf diesem Wege eine Eisengroßindu- 
strie zu entwickeln. Doch setzen beiden Bestrebungen 
die natürlichen Verhältnisse gewisse Schranken. 
Gliederung und politische Bedentung. Ergibt 
sich die wirtschaftliche Bedeutung der Ostsee in der 
Hauptsache aus der Lage, so kann die politische Be- 
deutung nur unter Würdigung ihrer Gliederung er- 
faßt werden. Von der Nordsee, die wir am inneren 
Ende des Skagerrak begrenzen, wo an der nur 62 km 
langen Strecke Skagens Rev-Mollösund Tiefen und 
Salzgehalt rasch abnehmen, führt das Kattegat zwi- 
schen der Jütischen und Skandinavischen Halbinsel in 
ansehnlicher Breite nach Südosten zur Beltsee. Wir
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        DIE OSTSEE. 
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        Merz: Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz 
verstehen darunter das durch die Einlagerung der 
dänischen Inseln bedinge Gewirr kleinerer Wasser- 
flächen und schmälerer Wasserstraßen, das vom Kat- 
tegat zur eigentlichen Ostsee hinüberführt. Drei für 
die Großschiffahrt geeignete Wasserwege sind hier 
vorhanden. Zwischen dem schwedischen Schonen und 
dem dänischen Seeland führt der Sund in die Ostsee 
hinein. Er ist an seiner schmalsten Stelle noch nicht 
4 km breit und an der Drogdenschwelle nur 6,0 m 
tief. Als kürzeste und am leichtesten zu befahrende 
natürliche Verbindung zur Ostsee kam er seit Ende 
des 13. Jahrhunderts, als die Schiffahrt den We 
um Skagen zu wagen begann, in Aufschwung, blie 
bis in unser Jahrhundert die meist benunte Fahr- 
straße und bestimmte damit die Maße der Ostseeschiff- 
kehn. Zwischen Samsö, Fünen und Langeland im 
Westen, Seeland und Laalandim Osten führen Samsö-, 
Großer und Langelands Belt in längerer und stärker 
ewundener Route vom Norden her zur Kieler Bucht. 
VomB Nordwesten mündet hier auch der Kleine Belt, 
der sich zwischen der Jütischen Halbinsel und Alsen 
einerseits, Fünen und Aerbö anderseits hindurchwindet. 
Der Fehmarn-Belt hwischen dem deutschen Fehmarn 
und dem dänischen Laaland führt sie von da gemein- 
sam hinüber zur Mecklenburger Bucht und zur Ostsee. 
Nur etwa 1 km ist der Kleine Belt, noch nicht 12 km 
der Langelands Belt an seiner schmalsten Stelle breit, 
beide aber sind in der Fahrrinne nicht weniger als 
14 mn tief, so daß sie für die größten Kriegsschiffe be- 
fahrbar sind. Alle drei Straßen vermag Dänemark 
leicht durch Landbatterien, Minen und Netze zu sper- 
ren. Am Sund teilt es seit 1658 diese Macht mit 
Schweden, an den Bellen seit 1864 mit Deutschland. 
Die beherrschende Stellung Dänemarks an den Pfor- 
ten der Ostsee wurde für das Deutsche Reich mit dem 
Anwachsen seiner Seeinteressen und der russischen Ost- 
seeflotte immer nachteiliger- da es seine Geschwader in 
der Nord= und Ostsee nicht nach eigenem Willen ver- 
schieben und vereinigen konnte. Darum wurde 1887 
bis 1895 der 99kmlange und für die größten Seeschiffe 
befahrbare Kaiser-Wilhelm--Kanal erbaut, der 
von der Unterelbe bei Brunsbüttel nach Holtenau in 
der Kieler Föhrde führt, nicht nur der deutschen Flotte 
rasche Verschiebungen zwischen beiden Meeren ermög- 
licht, sondern auch der Ostseeschiffahrt einen wesentlich 
verkürzten Ausgang zur südlichen Nordsee und zum 
Kanal eröffnet. Sein Verkehr war vor Kriegsaus- 
bruch schon auf mehr als 10 Mill. Registertonnen ge- 
stiegen und hatte sich also in raschen Schritten dem 
Sundverkehr genähert. begann damit der Handel 
von neuem den Weg über den Hals der Jütischen Halb- 
insel vorzuziehen, den er im Mittelalter, zur Zeit der 
Küstenschiffahrt, gebogen war. Bis ins 12. Jahrhun- 
dert war er über die Schlei und Schleswig zur Eider 
und später von der Unterelbe nach Lübeck gegangen 
und hatte dieser Stadt ihre länzende Blüte gebracht. 
Auch Schweden hat sich im Götakanalsystem, das von 
Göteborg am Kattegat über Götaelf, Wenern und 
Wettern nach Söderköping an der Ostsee führt, eine 
künstliche Wasserverbindung zwischen beiden Meeren 
geschaffen. Mit nur 7.3 m Breite und 3 m Tiefe ist sie 
allerdings bloß für die Kleinschiffahrt geeignet. Ihre 
außerordentliche Länge (402 km) und die bedeutende 
Seehöhe des Wettern (88 m), die zur Anlage von 74 
Schleusen nbtigte. läßt an einen Ausbau für die Groß- 
schiffahrt nicht denken. Für den Massenverkehr kommt 
daher ein solches Kanalssstem nicht in Betracht. Ver- 
mochte doch der 1900 mit ähnlichen Ausmaßen er- 
107 
öffnete, aber kurze Elbe-Travekanal den Handel nur 
in geringem Maße auf Lübeck zu ziehen, wie es im 
15. Jahrhundert, zur Zeit des Stückgutverkehrs, der 
Steckenitzkanal vermochte, der damals bereits beide 
Meere über die Elbe verband. Sind die Pforten zur 
Nordsee in den Händen der Anrainer, so sind die Aus- 
änge zum Weltmeer, die Tore der Nordsee, in der 
acht Englands, das dadurch namentlich auf Däne- 
markund Schwedenstarken politischen Druckaus zuüben 
vermag, zumal beide Länder auf die überseeische Zu- 
fuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen (Getreide, 
Kohle, Baumwolle usw.) angewiesen sind. Allerdings 
die Einfahrt in die Ostsee vermag es anderseits bei der 
Enge der Pforten ebensowenig wie eine andere See- 
macht zu forcieren, und so besitzen in der Ostsee stets 
die Flotten der Ostseemächte die Seeherrschaft. 
Die eigentliche Ostsee dringt von der Beltsee 
her anfangs mit zunehmender Breite ostwärts, dann 
nordwärts in den Rumpf Europas ein und teilt sich 
in 59—600 nördl. Br. in drei schmälere Glieder 
von verschiedener Größe und Bedeutung. Als klein- 
stes Glied stülpt sich zwischen Kurland und Livland 
der Rigaische Meerbusen sackförmig nach Süd- 
osten aus. Der Großschisfahresweg führt in 28 km 
Breite zwischen dem Nordende Kurlands und der 
baltischen Insel Osel vom Westen her in den Busen 
Hinein Nur für flachgehende Fahrzeuge ist der Moon- 
und befahrbar, der zwischen den baltischen Inseln 
und der estnischen Küste nach Norden zum Finnischen 
Meerbusen führt. Dieses fingerartig 400 km nach 
Osten gestreckte größere Glied umspült Finnland 
im Süden und engt an einer im Bau der Erdkruste 
vorgezeichneten natürlichen Tiefenlinie im Verein mit 
den großen Wasserflächen des ##bog und Onega- 
sees und dem Weißen Meere die Landverbindung 
wischen Rußland und Finnland auf 300 km ein. 
er größte Zweig, der Bottnische Meerbusen, 
wird durch die stumpf vorspringende Halbinsel von 
Stockholm, die Mlandsimseln und die finnischen Schä- 
ren vom Zentralbecken abgegliedert, erstreckt sich in 
dessen Verlängerung über 700 km bis fast 66° nördl. 
Br. und trennt so mit dem Westzipfel des Weißen 
Meeres die Skandinovische albinsel in den unwirt- 
lichen Breiten des Nordpolarkreises bis auf einen Isth- 
mus von 350 km Breite von Finnland ab. So wird 
Finnland durch das Eindringen der Ostsee zu einem 
natllrlich abgegrenzien selbständigen Zwischenlande 
zwischen Rußland und der Skandinovischen Halbinsel, 
as zwar infolge seiner politischen Schwäche seit dem 
12. Jahrhundert in Abhängigkeit von seinem westlichen 
und dann von seinem östlichen Nachbar gestanden hat, 
dem aber nach seiner Natur und der Eigenart und 
Kultur seiner Bevölkerung ein selbständiges politisches 
Dasein gebührt. Schweden aber ist, ähnlich wie 
Deutschland und Osterreich-Ungarn in der Mitte des 
Erdteils, hier im Norden die Mittelmacht, die Nor- 
wegen im Westen und die Ostseeländer jenseits des 
Meeres als Randmächte umgeben. In dieser schwie- 
rigen politisch-geographischen Lage, die es in der Ver- 
gangenheit so oft in Kriege mit gegnerischen Koali- 
tionen verwickelte. wird Schweden nach Westen durch 
ein unwirtliches Grenzgebiet, im Süden und Osten 
um größten Teil durtt den nassen Graben der Ost- 
nee und ihrer Glieder Weschützt. nachdem es allmählich 
(1720—1815) seine Besitzungen an den Gegengesta- 
den verloren hat, durch deren Erwerb es im 17. Jahr- 
hundert Ostseegroßmacht geworden war. Durch den 
Niedergang Schwedens, dessen baltische und finnlän-
        <pb n="130" />
        108 
dische Gebiete es erwarb (1720—1808). ist Rußland 
ein Jahrhundert später zur Ostseegroßmacht geworden 
und weist seither mit den gesamten Ostgestaden des 
Meeres den größten Lüstenbesig unter den Ostsee- 
mächten auf. Mit der Begründung des Deutschen 
Reiches und dem Erstarken der deutschen Seemacht 
wurde die politische Auswirkung dieser Stellung na- 
mentlich gegenüber Schweden geschwächt, das seine 
lange Ostgrenze nur durch schwache Kräfte zu caüen 
vermag. Im gegenwärtigen Kriege hält die deutsche 
Flotte die Eingangspforten des Meeres verschlossen 
und übt im Hauptbecken der Ostsee bis zur Abzwei- 
ung der nördlichen Glieder unbestritten die Seeherr- 
shast aus. Die nördlichen Teile aber werden von der 
russischen Flotte beherrscht, so daß nur gelegentlich 
leichte deutsche Seestreitkräfte in sie einzudringen ver- 
mögen. Diese Herrschaft beruht bei der Unterlegen- 
heit der Flotte selbst auf geographischen Gründen und 
auf der zweckmäßigen Anlage der Flottenstützpunkte. 
Die langgestreckte Form des Bottnischen und Finni- 
schen Meerbusens bedroht den Einmarsch einer feind- 
lichen Flotte in Flanken und Rücken, zumal der Fin- 
nische Busen auf beiden Seiten von russischem Gebiet 
umgeben und beiderseits der Einfahrt durch Kriegs- 
häfen geschützt, der Bottnische Busen durch die Werke 
der finnischen Schären und der im Kriege neu befestig- 
ten Ulandsinseln gir wirksam abgesperrt ist. Vor dem 
Rigaischen Meerbusen tun die Werke von Osel gleiche 
Dienste, und überall vermögen auf seichten Gründen 
Minenfelder helfend einzugreifen. Der Hauptstütz- 
punkt der deutschen Flotte liegt anderseits an 550 See- 
meilen von den Einfahrten zum Finnischen und Bott- 
nischen Busen entfernt im Südwestwinkel des Meeres. 
Durch die vollkommene Seeherrschaft in der füd- 
lichen Ostsee ist Deutschland vor einem Angriff auf die 
eigenen Küsten gesichert und vermag über die Ostsee 
den regelmäßigen Verkehr mit Dänemark und Skan- 
dinavien aufrechtzuerhalten. Bon sehr großer Be- 
deutung ist auf der anderen Seite für Rußland die 
Tatsache, daß es im Schugze der Rlandsinseln über 
den Bottnischen Busen und Skandinavien einen ziem- 
lich sicheren und sehr raschen, im Winter allerdings 
auf den meisten Routen unterbrochenen Verkehr mit 
seinen westlichen Bundesgenossen besitzt, mit denen es 
sonst nur über das Weiße Meer und Sibirien zu ver- 
kehren vermöchte. Alle diese erst im Kriege leistungs- 
fähiger gestalteten und stärker belebten Verkehrswege 
strahlen von Petersburg radial über Finnland aus, 
Überschreiten an den Linien Abo (Raumo)-Stock- 
holm, Mäntyluoto-Gefle, Wasa-Sundsvall, Gamla- 
Karleby-Luleä die Ostsee, die außerdem im Norden 
durch eine Bahn umgangen wird, und erreichen bei 
Göteborg, Christiania, Bergen, Drontheim und 
Narvik an der Westküste Norwegens von neuem das 
Meer. Die wirtschaftlichen Vorteile dieser Entwick- 
lung beeinflussen im Verein mit englischem Drucke 
und der russischen Seeherrschaft in steigendem Maße 
auch die politische Stellung Schwedens. Hatte es 
vordem in Rußlands Vorrücken bis weit in die 
Skandinavische Halbinsel hinein, wo ihm die reichen 
norrischen Eisenerzlager und an deratlantischen Seite 
eisfreie Häfen winkten, eine politische Gefahr erkannt, 
hatte es später in der Russifizierung und in dem gegen 
seine Grenzen gerichteten strategischen Bahnnet Finn- 
lands eine steigende Bedrohung gesehen und infolge- 
dessen nach dem Krimkriege ein Befestigungsverbot 
für die Rlandsinseln erwirkt und später den Bahn- 
anschluß an das russische Netz nördlich vom Bottni- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
schen Busen vermieden, so legte es nunmehr nur 
lauen Widerspruch gegen die Befestigung dieser Stock- 
holm drohend nahen Inselgrupps ein, stellte den un- 
terlassenen Bahnanschluß her, tat alles, die neuen 
Verkehrswege zu beleben und hofft ungeahnte Blüte 
auch nach dem Kriege von einem großen Verkehrs. 
wege, der Schweden auf der Linie Göteborg-Kappel- 
skär (nordöstlich von Stockholm) sweren und durch 
Dampffähren Anschluß an Hull in England und Äbo 
in Finnland erhalten soll. Dieser Plan (Transito-= 
Gesellschaft), der Schweden zu dem Durchgangsland 
zwischen West und Ost machen und gu leich seiner eige- 
nen Industrie einen großen Markt in Rußland sichern 
soll, übersieht aber, daß der ausschlaggebende Trans- 
port der Massengüter immer den Seeweg bevorzugen 
wird. Gegenwärtig wäre jedenfalls die Unterbindung 
dieses Verkehrs von größter Bedeutung. 
Küsten und Häfen. Die südliche Ostsee wird von 
der Barpspige Jütlands bis ungefähr zur russischen 
Grenze von Flachlandküsten umrahmt, die aus wenig 
widerstandsfähigen diluvialen und alluvialen Schich- 
ten aufgebaut sind; nur hier und da, wie auf Rügen 
und Möen, ragen meist wurzellose Schollen harter äl- 
terer Gesteine steil aus ihnen empor. Zwischen vor- 
peschobenen höheren diluvialen Kernen buchtet sich 
in vier großen Bogen das Meer in das Land ein. 
Zwischen Vendsyssel (136 m), dem inselartigen Nord- 
ende Jütlands, und Dyrsland (138 my erstreckt sich 
die flache Aalborg-Bucht. Von Dyrsland spannt 
sich halbkreisförmig bis Rügen (161 m) die von den 
dänischen Inseln erfüllte Jütische Bucht. Der plumpe 
Vorsprung der Halbinsel Wagrien (164 m) mit Feh- 
marn sondert in ihr die flache Kieler und die tiefer 
eindringende Mecklenburger Bucht. Zwischen Vor- 
und Hinterpommern springt die Pommersche Bucht 
ein und dann folgt als letzter Bogen die Preußische 
Bucht, die der Vorsprung des Samlandes (110 m) 
in die rundliche Danziger und in die flache Memeler 
Bucht gerlcgt Durch eine vorhistorische Senkung 
haben diese Gestade eine reiche Ausgestaltung erhalten. 
an deren Ausgleichung seither das Meer mit örtlich 
wechselndem Erfolge arbeitet. 
An der Küste der Jütischen Halbinsel, wo die 
durch ein stärkeres Relief ausgezeichnete baltische End- 
moräne näher ans Meer tritt, hat eine beträchtliche 
Senkung die tiefen glazialen Rinnen auf ihrer Innen- 
set- in prachtvolle, tief eindringende Meeresbuchten, 
ie dänischen Fjorde und die deutschen Föhrden, ver- 
wandelt. Bei der Kleinheit der Wasserflächen und 
dem allseitigen Schutz gegen stürmische Winde hat das 
Meer sie noch nicht 5 lich zu verändern vermocht. 
So ist die ganze Halbinsel zur Ostsee erschlossen. Die 
Fülle der Naturhäfen hat nicht zur Bllite eines ein- 
zigen großen Handelsplatzes, sondern zur Entfaltung 
ahtreicher kleinerer Seeplätze geführt, die sich meist 
Hintergrunde der nach RT benannten Föhrden 
erheben. Im mittleren, sehr fruchtbaren und dichtest 
bevölkerten Teile Jütlands, wo echte Föhrden fehlen, 
liegt an einer gelappten Bucht Aarhus, mit 60000 
Einw. die zweitgrößte Stadt Dänemarks. Die nörd- 
lichste in der Reihe, Aalborg am Limfjord, der Vend- 
syssel vom Stamm der Halbinsel trennt, hat es auf 
635000 Einw. gebracht, Randers und Horsens an 
Föhrden nördlich und südlich von Aarhus haben je 
25000 Einw. erreicht. Auf deutschem Boden tritt 
Fleusburg in reicher, dicht besiedelter Landschaft mit 
60000 Einw. und bedeutender Reederei hervor. Als 
Flottenbasis ist besonders die Kieler Föhrde ge-
        <pb n="131" />
        Merz: Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz 
eignet, da von dort aus bei gleichmäßig geringem Ab- 
stande vom Kleinen, Langelands- und Fehmarnbelt 
die Einfahrt in alle drei Meeresstraßen beherrscht 
werden kann und die Einschnürung der Föhrde bei 
Friedrichsort die Verteidigung gegen feindliche An- 
griffe erleichtert. Als Hauptkriegshafen der deutschen 
Ostseeflotte, wo nunmehr auch der Kaiser-Wilhelm- 
Kanal mündet, und mit seinen großartigen Werften 
hat es Kiel in raschem Wachstum bereits auf mehr 
als 200 000 Einw. gebracht. Mitten zwischen Flens- 
burg und Kiel liegt 40km vonder See amoberen Ende 
des untergetauchten Laufes der Schlei das nur für 
kleinere Schiffe erreichbare Schleswig (20 000 Einw.). 
Der Typus der Boddenküste beherrscht die däni- 
schen Inseln und die deutsche Küste von Fehmarn bis 
zur Mündung der Oder im Hintergrunde der Pom- 
merschen Bucht. Hier ist die flachwellige Grundmo- 
ränenlandschaft unter das Meer gesunken, wodurch 
unregelmäßig gegliederte Küsten und Inseln ent- 
standen, mit slachten zerlappten Buchten, den Bodden. 
Etwa von der Darßer Schwelle ab, wo im größeren 
Raum der freien Ostsee Zerstörung und Aufbau durch 
das Meer wirksamer werden, sind viele dieser kleineren 
Inseln durch Strandwälle zu größeren Komplexen 
(Rügen), teilweise auch unter Mitwirkung von Flüssen 
(Usedom, Wollin) vereinigt und gelegentlich an das 
Festland angegliedert worden (Darß, Zingst). Die 
infolge der Senkung schlauchförmig erweiterten Fluß- 
mündungen (Breitling der Warnow) werden seewärts 
durch Strandwälle abgesperrt, die nur schmale Aus- 
gänge offen lassen; die Strandsee- und Haffbildung 
setzt ein, dünenbedeckter Sandstrand wechselt mit ab- 
brechendem Kliff, die Küstenausgleichung ist in vollem 
Gange. In der Beltsee haben mächtige Ströme der 
Postglazialzeit die tiefen Rinnen der heutigen Groß- 
schiffahrtswege geschaffen, die diesem Gebiete seine 
hohe Bedeutung geben. 
Hier ist am Hauptverkehrsweg, am Sund, an 
der schmalsten die Schiffahrt beherrschenden Stelle, 
wo l# leich lebhafter Verkehr über den Sund setzt, auf 
dän schem Boden Helfinger (14000), auf schwedischem 
Helsingborg (33000 Einw.) entstanden. Halben 
Weges erhebt sich die schwedische Feste Landskrona. 
An inneren Endeliegt der rasch zur Großstadt empor- 
blühende schwedische Seehafen und Stapelplatz Malmb, 
dessen Hafenverkehr bereits 5 Mill. Registertomnen er- 
reicht. Ihm gegenüber erwuchs an dem schmalen 
Sundezwischen Seelandund der kleinen InselAmager, 
der einen natürlichen, nunmehr gut ausgebauten Ha- 
fen bot, die stark befestigte dänische Hauptstadt Kopen- 
hagen zum bedeutendsten Hafen= und Stapelplatz 
(Hafenverkehr 8 Mill. Registertonnen) und zur zweit- 
grötten Stadt der Ostsee, die 463000 Einw. zählt. 
n den Belten vermochte bloß der Fährverkehr einige 
Orte (Fredericia, Nyborg, Korsör) zu entwickeln; sie 
sind aber Kleinstädte geblieben. 
Die Reihe der Hasenstädte an der deutschen 
Boddenküste beginnt mit Lübeck an der Trave, die 
im Südwestzipfel der tief eindringenden Mecklen- 
burger Bucht mündet. Hier kommt die Ostseeküste der 
Elbe am nächsten, und darauf beruhte in der Zeit der 
mittelalterlichen Küstenschissahrt die Blüte der Stadt. 
Bei ihrem lleinen Hinterlande vermögen heute weder 
der Elbe-Travekanal und die schönen Hafenanlagen 
noch die Vertiefung (auf 8 m) des im Unterlauf bodden- 
förmig erweiterten Flusses diesen Glanz zurückzu- 
bringen. Vor kurzem zur Großstadt geworden, ist es 
immerhin ein sehr bedeutender Stapelplatz und be- 
109 
wältigt einen Hafenverkehr von mehr als 2 Mill. 
Registertonnen. Im Sliüdostzipfel der Mecklenburger 
Bucht, am offenen Wismarer Bodden, liegt das kleine 
Wismar (24000 Einw.); am Unterlauf der zum Breit- 
ling erweiterten Warnow erhebt sich als Mecklenburgs 
Haupthafen Rostock, das 65000 Einw. zählt. Infolge 
des lebhaften Fährbetriebes, den sein Vorhafen Warne- 
münde von der ausgebaggerten Breitlingmündung 
aus mit Gjedser unterhält, übertrifft es um mehr 
als 1 Mill. Registertonnen den Lübecker Hafenverkehr. 
An Vorpommerns Küste liegen zwei still gewordene 
Häfen, die nur lleinere Schisfse erreichen; im Sund 
zwischen Rügen und Festland das bedeutendere Stral- 
sund (34000 Einw.), am gleichnamigen Bodden 
Greifswald (25000 Einw.). Dagegen hat es das kleine 
Saßnitz auf Rügen durch die regelmäßige Fahrt gro- 
ßer Fährschiffe nach Trelleborg in Schweden, die sich 
auf einen künstlichen Hafen stützt, auf über 2,5 Mill. 
Registertonnen Hafenverkehr gebracht. Nummehr 
folgt der größte deutsche Ostseehafen, Stettin. Er 
liegt im Hintergrunde der Pommerschen Bucht am 
ersten großen Strom, an der Oder, deren Einzugs- 
ebiet zum frößten Teile dem Deutschen Reiche ange- 
* das oberschlesische Industriegebiet umfaßt und 
eit kurzem eine leistungsfähige Kanalverbindung 
mit Berlin besitzt. Durch die Inseln Usedom un 
Wollin ist die trichterförmige Mündungsbucht des 
Stromes zu einem Haff abgeschlossen, das nur drei 
schmale Wasserarme, Peene, Swine und Dievenow, 
mit der See verbinden. Der mittlere, mit dem be- 
festigten Vorhafen Swinemünde, ist zum Groß- 
schiffahrtsweg ausgebaut und führt in 37 Seemeilen 
Länge und 7 m Tiefe nach Stettin hinauf, das große 
Werften, Industrie und viel Reederei betreibt und 
mit seinen Vorhäfen 5,7 Mill. Registertonnen Hafen- 
verkehr erreicht. 
Einen dritten Typus zeigt die deutsche Küste 
östlich von der Oder. Ein ausgedehnter Seeraum 
und ein Küstenverlauf, der stürmischen westlichen 
Winden günstigen Angriff gestattet, haben die Arbeit 
des Meeres sehr wirksam gemacht. Eine glatte Aus- 
gleichküste mit Strandseen und Haffen und schlechten, 
nur künstlich offen gehaltenen Häfen tritt hier dem 
Seefahrer entgegen. Nicht viele Hafenstädte ver- 
mochten hier zu entstehen, zumal auch die Mündung 
von drei großen Flüssen (Oder, Weichsel, Pregel) zur 
Entwicklung einiger weniger großer Plätze drängte. 
Rund 120 km liegen hier die Hafenstädte (über 20000 
Einw.) voneinander entfernt, während an der Föhr- 
denküste ihr Abstand noch nicht 40km, an der Bodden- 
küste 55 km beträgt. Die Fülle kleiner Buchten, die 
ehemals Hinterpommerns Gestade begleitete, ist durch 
dünenbesetzte Strandwälle in eine Kette von Strand- 
seen verwandelt. Nur dauernde Baggerung hält hier 
die Mündung kleiner Flüsse für Schiffe geringen Tief- 
hanges offen. An der Persante hat Kolberg (25 000 
inw.), an der Stolpe der Vorhafen von Stolp (34000 
Einw.) einen geringen Verkehr. Drei gewaltige, von 
hohen Dünen gekrönte Nehrungen Fen an die Land- 
vorsprünge von Pomerellen und des stark im Abbruch 
befindlichen Samlandes an. Zwei von ihnen schnüren 
im Hintergrunde der Danziger und Memeler Bucht 
seichte Haffe vom Meere ab. In 65 km Länge ver- 
schließt die Frische Nehrung östlich vom fruchtbaren 
Delta der Weichsel das Frische Haff, das der Nogat- 
arm der Weichsel und der Pregel mit Süßwasser er- 
füllen. Ein alter, ausgebauter und auf 7,5 m Tiefe 
gebrachter Arm der Weichsel, die eine neue, weiter ost-
        <pb n="132" />
        110 
wärts gelegene Mündung erhielt, muß der Großstadt 
und Festung Danzu (170000 Einw.) als Hafen die- 
nen. S#eerehr leibt nur wenig hinter dem Lübecks 
zurück, leidet aber unter der Verwahrlosung des Stro- 
mes auf russischem Gebiet. Am Pregel erwuchs, 24 
Seemeilen vom Meere, das stark befestigte Königsberg 
zur größten deutschen Ostseestadt (250000 Einw.). 
Ein 6,5 m tiefer Seekanal führt zur Nehrung, die bei 
dem befestigten Vorhafen Pillau durchschnitten wird. 
Wie Danzig leidet es unter der Nähe der russischen 
Grenze und sein Seeverkehr hat noch nicht 1½ Mill. 
Resistertonnen zu erreichen vermocht. Durch die 
95 km lange Kurische Nehrung wird das gleichnamige 
Haff, in das sich die Memel ergießt, von der Memeler 
Bucht abgesondert. Die schmale, gleich dem Pillauer 
Durchschnitt durch Molenbauten und Baggerung 
liefgehaltene ösfnung am Nordende dient dem leb- 
haften Verkehr von Memel (21000 Einw.) als Hafen. 
Die Basis der deutschen Seestreitkräfte der 
Ostsee liegt, wie diese Übersicht der Küsten zeigt, aus 
natürlichen Gründen im Westen, im Föhrdengebiet, 
das leicht zu verteidigende, treffliche Naturhäfen bie- 
tet, wo ganze Flotten zu ankern vermögen, das inseiner 
gesamten Rusdehnung durch die vorgelagerten Inseln 
eschützt ist, zwischen denen nur die schmalen Wasser- 
traßen der Belte hindurchführen, und wo eine rasche, 
vom Feinde nicht einzusehende Verschiebung zwischen 
Nord= und Ostsee möglich ist. Schon die Boddenküste 
mit ihren flachen, versandenden Buchten bietet viel 
ungünstigere Bedingungen und noch schlechter sind sie 
an der Ausgleichküste, wo die schmalen Einfahrten der 
weit voneinander entfernten Häsen bei Sturm nur 
schwer zu gewinnen sind. Trotz unaufhörlicher Ver- 
besserungen besitzt noch kein Hafen östlich von Kiel die 
Tiefe, um ein modernes Schlachtschi gelchwader auf- 
nehmen zu können. Nur leichteren Seestreitkräften 
vermögen diese Häfen als Basis zu dienen. Dies be- 
deutet für eine deutsche Flottenossensive in der nörd- 
lichen Ostsee ohne den Besig russischer Häfen eine große 
Erschwerung. Freilich würde sich auch ein feindlicher 
Angriff auf diese östlichen Küsten, obwohl sie offen 
daliegen, wegen ihres glatten Verlaufes schwierig ge- 
talten, zumal starke Landbefestigungen die Hafenstädte 
chützen, die meist schon ihre seeferne Lage vor seind- 
lichem Zerstörungsfeuer schirmt. 
Die russischen Ostseeküsten in Kurland und 
Livland, wo die Ablagerungen der Eiszeit wie an 
den Südgestaden in großer Mächtigkeit das anstehende 
Gestein bedecken, zeigen fast dieselben Formen wie die 
hinterpommersche Küste. Glatte, dünenbedeckte Strand- 
wälle haben die Mündungsbuchten lleinerer Flüsse 
zu Strandseen abgeschlossen, den Unterlauf anderer 
meilenweit verschleppt, und selbst die mächtige Düna 
öffnet sich n künstlicher Verbesserung nur mit #km 
Breite zur See. Der Rigaische Meerbusen bietet in 
diesem Gebiete der Schiffahrt eine tief eindringende 
Wasserstraße, und die freilich fast nur zum Holztrans- 
port benutzte Düna schließt an ihn ein großes Hinter- 
land an, dem wegen der größeren Entfernung des 
Schwarzen Meeres auch das obere Dujeprgebiet und 
infolge der Lage der politischen Grenze auch ein großer 
Teil des Memelgebietes angehört. So konnte 7 zm 
oberhalb der Mündung der Düna Riga zum ersten Ost- 
seehafen Rußlands erwachsen, der fast 350 000 Einw. 
zählt, mit seinem befestigten Vorhafen Dünamünde 
einen Verkehr von 4 Mill. Reg.-Ton. aufweist und über 
ein Drittel der russischen Ausfuhr bewältigt, beide 
Häfen seit Anfang September 1917 in deutschem Be- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
sit. Der Wunsch Rußlands, einen in das Hauptbecken 
des Meeres vorgeschobenen Kriegshafen zu besitzen, 
hat der Entwicklung Libaus an der Westküste Kurlands 
mächtigen Anstoß gegeben. An der glatten Küste frei 
ins Meer hinausgebaut, konnte er einer überlegenen 
feindlichen Flotte gegenüber den gewünschten Fwek 
nicht erfüllen. Seit längerer Zeit wurde er nur noch 
als Stützpunkt leichterer Streitkräfte benutzt und bei 
Hröffnung der Feindseligkeiten gänzlich aufgegeben. 
Dagegen ist Libau als eisfreier Platz im Handels- 
verkehr mehr und mehr in Aufschwung gekommen, da 
Riga 4 Monate vom Eise gesperrt ist, und ist bereits 
zur Großstadt erblüht. Als Winterhafen von Niga ist 
weiter nördlich das eisfreie Windau (20000 Einw.) an 
der Mündung des gleichnamigen Flusses zu nennen, 
das mit Libau und ganz Kurland in deutscher Hand 
ist. Nurörtliche Bedeutung hat Pernau (25000 Einw.) 
an kleiner Bucht an der Ostseite des Busens von Riga. 
Mit den baltischen Inseln und der Westküste von 
Estland beginnen die Schärenküsten, die in schar- 
fem Ge enan zu den bisher betrachteten Typen ste- 
hen. Während diese alle im Ablagerungsgebiet der 
eiszeitlichen Gletscher angelegt sind, wo teils die For- 
men einer von später Senkung betroffenen Moränen- 
landschaft, teils die in den weichen Aufschüttungen 
erfolgreiche Arbeit des Meeres die Küstengestaltung 
bestimmt, gehören fast die gesamten übrigen Ostsee- 
küsten bis nach Schonen im Süden Schwedens dem 
Abtragungsgebiete des diluvialen Inlandeises an, 
wo andere Vorgänge die Ausbildung der Küsten ent- 
scheidend beeinflußt haben. Hier wurde das von den 
Gletschern blank gefegte, zu felsigen Rundhöckern und 
schmalen, meist in der Richtung der Eisbewegung ge- 
streckten Rinnen abgehobelte Land nicht mehr durch 
eine mächtige Moränendecke gänzlich verhüllt, wohl 
aber sank es unter der Nachwirkung des Eisdruckes 
in die Tiefe, und breite Lülstengebiete, der größte Teil 
Finnlands und die mittelschwedische Seensenke, wur- 
den von weichen, tonigen Absätzen des Meeres bedeckt, 
bis eine heute noch andauernde Hebung die gegenwär- 
tigen Küstenumrisse schuf. Leicht hat gleichzeitig die 
Brandung in ihrem Bereich Rundhöcker und Rinnen 
von den weichen Meeresabsätzen befreit, so daß meist 
die felsigen Abtragungsformen der Gletscher die Kü- 
stengestaltun der nördlichen Randländer der Ostsee. 
ezeichnen. Eine endlose Reihe lleiner, rinnen- und 
trichterförmiger Buchten gliedert das Gestade, das die 
Inselschwärme der Schären und zahllose felsige Klip- 
pen und Untiefen begleiten. Sie sind von den halb 
und ganz unter Waster liegenden Kuppen der Rund- 
* gebildet, zwischen denen rinnenartige Wasser- 
traßen hindurchführen. Nur ortskundige Führung 
vermag das Schiff durch dieses Insel- und Klippen- 
band in die sicheren Häfen der größeren Buchten da- 
hinter zu baingen. Die Schwierigkeit der Annäherung 
und die Fülle der Stützpunkte, die Möglichkeit, die Ge- 
schwader im Schutze des Inselschleiers zu verschieben, 
der gleichzeitig die innenliegenden Häfen vor Beschie- 
zung schützt, erleichtert in hohem Grade die Vertei- 
igung, zumal am Eingang des Bottnischen Busens, 
wo sich beiderseits der Alandsinseln die Schären zu dem 
unabsehbaren Gewirr des Stockholmer und finnischen 
Schärenhofes verdichten. Doch im Schutze von Buch- 
ten und Inseln und dort, wo die Lage der Küste zu 
den herrschenden Winden die Wucht der Brandung 
schwächt, treten auch die Ablagerungen des einstigen 
Meeres in flachen Wiesenufern an das Gestade heran, 
wie besonders an der finnischen Seite des Bottnischen
        <pb n="133" />
        Merz: Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz 
Busens jenseits von 64° nördl. Br., aber meist um- 
rahmen sie nur in einiger Entfernung als flachan- 
steigende fruchtbare Ebene die Küste, während endlose 
Wälder das gebuckelte Innere des Landes bedecken. 
Vielfach begleiten das Ufer weithin gewaltige Block- 
meere als Reste ausgewaschener Moränen oder von 
der Brandung losgerissenen Sesteins Eine wichtige 
geologische Linie verleiht einem Teil des Gebietes ein 
besonderes Gepräge: Entlang dem Südufer des Finni- 
schen Busens erhebt sich mit einem Steilabfall von meist 
etwa 50 m Höhe eine Stufe flach nach Süden fallen- 
der silurischer Schichten über dem aus uralten archäi- 
schen Gesteinen aufgebauten, vom Eise bearbeiteten 
baltischen Schild. In Ingermanland läßt sie einen 
breiteren, teilweise noch von Geschiebelehm und Meeres- 
absätzen bedeckten Küstensaum frei, in Estland tritt sie 
auf längere Strecken mauerförmig ans Ufer und wei- 
terhin setzt sie die Felstafeln der baltischen Inseln, 
von Gotland und Oland zusammen. 
Bei der Ungunst der Natur, die nur eine dünnere 
Besiedkung ermöglicht, wächst in den nördlichen Glie- 
dern der Ostsee trotz der Fülle natürlicher Häfen rasch 
der Abstand der Hafenstädte, während ihre Größe sinkt. 
Selbst die Seeplätze von nur 10000 Einw. sind am 
Finnischen Busen etwa 135 km, am Bottnischen so- 
gar über 180 km voneinander entfernt. Dies bedeu- 
tet auch für die Kriegsflotten eine Verminderung der 
mit Schiffsbedarf und Werften ausgestatteten Stütz- 
punkte, wenngleich die zahlreichen Buchten allent- 
zalben Ankerplätze bieten. Auch aus diesem Grunde 
at Rußland in dem besonders wichtigen Finnischen 
Busen drei Plätze zu großen Kriegshäfen ausgebaut. 
An der Südseite des Busens deckt an prächtiger, tiefer 
Bucht, nur 70 km von der Offnung entfernt, der err 
besestigte Kriegshafen Reval (105.000 Einw.) die Ein- 
fahrt, deren Vreite hier kaum 50 km beträgt. Große 
Werften dienen der Marine; doch ist auch der Handel 
sehr lebhaft, da Reval Hauptausfuhrhafen von Est- 
land und während der fünfmonatigen Eissperre von 
Petersburg auch Winterhafen der Hauptstadt ist. In 
den 1½ Monaten, die meist auch Reval unter Eis 
liegt, tritt das auf eine Landlunge nach Westen vor- 
geschobene, nur wenig vom Eise bedrängte Baltisch- 
port an seine Stelle. Zu dem gleichen Zwecke wurde 
auf der finmischen Seite die gut geschützte große Reede 
von Helsingfors zu einem stark befestigten Kriegshafen 
und Werftbtafe ausgestaltet. Ihr rasches Empor= 
blühen dankt die Stadt aber ihrer Eigenschaft als 
auptstadt Finnlands und ihrer Lage in dem klima- 
tisch am meisten begünstigten, recht fruchtbaren und 
daher dichter bevölkerten Südwesten (30 Einw. auf 
1 akm) des Landes. Während der Eismonate geht 
der große W’ 2&amp;3243 auf Hangs über, das auf 
der Spitze einer Halbinsel am Eingange des Busens 
liegt und durch Eisbrecher stets offengehalten werden 
kann. Seine trefflichen Hafzneinrichtungen wurden 
bei Kriegsausbruch von den Russen zerstört. In der 
schlauchförmigen Kronstädter Bucht am inneren Ende 
des Finnischen Busens wurde auf der Insel Kotlin 
Rußlands größter und stark befestigter Ostseekriegs. 
hafen, Kronstadt (70000 Einw.), mit hohen Kosten 
zum Schutze von Petersburg angele t, das selbst mit 
seinen großen Arsenalen und Wersten den Zwecken 
des Kriegshafens dient. Kronstadt sperrt völlig die 
Zufahrt zur Hauptstadt, zu der ein fast 80 km lan- 
85 8,5 m tiefer Seekanal führt. Freilich wird dieser 
egshafen fünf Monate (Dezember bis April) vom 
Eise gesperrt. Petersburg ist trotz seiner Lage im oft 
111 
Überschwemmten ungesunden Delta der Newa und der 
Ode und Rauheit der umgebenden Natur zur größten 
Ostseestadt erwachsen (1,9 Mill. Einw.) und ist gegen- 
wärtig der dritte Handelshafen des russischen Reiches 
(mit Kronstadt über 5 Mill. Registertonnen Hafen- 
verkehr), da eine zielbewußte Verkehrspolitik ihm ein 
riesiges Hinterland angeschlossen und in der Stadt 
einen Verkehrsknoten von außerordentlicher Bedeu- 
tung geschaffen hat. Ein leistungsfähiges Kanalsystem 
verbindet die Stadt mit Wolga und Dwinaj sechs 
große Bahnlinien aus dem ganzen Reich laufen hier 
zusammen. Durch zwei Stränge, die über den jungen 
karelischen Isthmus zwischen dem Finnischen Meer- 
busen und dem Ladogasee laufen, ist hier das finni- 
sche Retz an das russische angeschlossen; die während 
des Krieges in fieberhafter Eile nach dem Weißen 
Meere und nach Alexandrowsk an der Murmanküste 
geführte Bahn sowie die neu geplante Linie von Ar- 
changelsk streben gleichfalls auf Petersburg . So 
wird Petersburg als Knoten fast aller Wege, die Ruß- 
land während des Krieges mit der Außenwelt ver- 
binden, als Hauptstadt und als erste Industriestadt 
des Reiches, die mehr Kriegsmaterial erzeugt als das 
anze Ubrige Land, zu einem Punkte von eminenter 
trategischer und politischer Bedeutung. Denstrategisch 
wichtigen karelischen Isthmus sperrt im Norden die 
Festung Wiborg (50000 Einw.). Im Inneren der 
Wiborger Bucht in gut besiedelter Umgebung gelegen 
und durch den Saimakanal mit einem beträchtlichen 
Hinterlande verbunden, besitzt sie bedeutenden Handel. 
Sonst ist am Finnischen Busen nur Narwa (20000 
Einw.). 7 Seemeilen oberhalb der Mündung der nur 
von kleineren Schiffen befahrbaren Narowa, zu nennen, 
deren breite Niederung Estland von Ingermanland 
trennt, und gegenülber an der finnischen Seite vor der 
Mündung des Kymmene der ausgezeichnete Hafen von 
Kotka, der eine fehr bedeutende Holzausfuhr besitzt. 
In der Mitte des überaus begünstigten, von dich- 
tem Schärengewirr umgebenen Gü tens von Finn- 
land, schräg #Eenüber Stockholm, hat es Abo trotz 
der geringen Tiefe seines Hafens (4 m) bei sehr be- 
deutendem Handel auf 50000 Einw. gebracht. — 
Klein und weit abständig sind die Oafenplätze des 
Bottnischen Busens, gewaltig aber die Mengen an 
olz, die sie zur Ausfuhr bringen, und sehr bedeutend 
ist ihre Verkehrsvermittlung im Kriege. Abgesehen 
von den zwei großen Flüssen, die am Nordende mün- 
den und unwirtliche Gebiete durchströmen (Kemi und 
der Grenzfluß Torneelf), wird hier recht regelmäßig 
die Größe der Stadt durch die Größe des Flat ebietes 
bestimmt, an dessen Mündung sie liegt. So sind an 
der finnischen Seite die drei größten Seestädte: Björne- 
borg mit dem guten, vom Eise nur wenig behinderten 
Vorhafen Mantyluoto im Süden, Nikolaistad (Wasa) 
in der Mitte und Uleäborg im Norden, jede mit run 
20000 Einwohnern, an die drei größten Tselne 
Kyro= und Luleelf) geknüpft. Die beiden erstgenann- 
ten besitzen auch noch eine ergiebigere, dichter besiedelte 
Umgebung. Auf der schwedischen Seite, wo sich be- 
sonders zahlreich treffliche natürliche Häfen bielen, 
beben sich hervor: Lulec, der Ausfuhrhafen der norr- 
ändischen Erze im Norden, die nicht weil voneinan- 
der entfernten Häfen Hernösand und Sundsvall 
17000 Einw.) in der Mitte und Söderhamn und 
esle im Süden, letztere bereits am Nordrande der 
mittelschwedischen Senke gelegen und mit 85000 Be- 
wohnern die einzige Mittelstadt des ganzen Gebietes. 
Mitder Seensenke, die Mittelschweden in breiter
        <pb n="134" />
        112 
Zone vom Skagerrak bis zur Ostsee durchzieht, setzen 
dichtere Bevölkerung und größere Siedlungen ein. 
Der Abstand der Hafenplätze mit 10000 Einwohnern 
beträgt von Stockholm bis zur norwegischen Grenze 
90 km im Mittel und ist im Stockholmer Gebiet und 
am Sund besonders gering. Der östliche um Mäla- 
ren und Hjelmaren gelagerte Teil der Senke, den 
im Gebiete des Wenern und Wettern eine Schwelle 
nach Westen begrenzt, ist die größte für dichtere Be- 
siedlung geeignete natürliche Landschaft Schwedens. 
Hier ist naturgemäß in Stockholm die Hauptstadt 
6350000 Einw.) und der Kßte Handelsplatz des 
andes (Hafenverkehr 59 Mill. Registertonnen) in 
fester Lage erwachsen. Die Stadt liegt, fast ringsum 
von überfluteten Rinnen umgeben, auf dem Isthmus, 
der den vielgestaltigen Mälarsee von der schärener- 
füllten, nur unter ortskundiger Führung befahrbaren 
Bucht trennt, die sich in die Stockholmer Halbinsel 
von Osten her trichterförmig einschiebt. Ein Kriegs- 
hafen und Befestigungen *# noch weiter für die 
Sicherheit der Stadt. Dem Verkehr dienen fünf auf 
dem Isthmus zusammenstrahlende Bahnlinien und 
ein modern eingerichteter, von Schiffen mit 8#m Tief- 
gang erreichbarer Hafen 4½ km Kallingg u dem 
auch während der vier Eismonate eine Fahrrinne 
durch Eisbrecher offengehalten wird. Nach vollende- 
tem Ausbau des kurzen Kanals, der den Mälaren 
mit dem von Süden fast 30 km tief eindringenden 
Hällsfjord verbindet, wird Stockholm auch auf diesem 
Wege von Seeschiffen erreicht werden können. 
Die Küste südlich von der Stockholmer 
Halbinsel, die annähernd wieder meridional ver- 
läuft, ist von zahlreichen meist nordwestwärts gerich- 
teten fiordartigen Buchten gegliedert, die ein Schären- 
Hrtel umsäumt. Im Hintergrunde der ersten, der 
rävik, die 12 Seemeilen tief eingreift, liegt am Ab- 
fluß des Glansees die bedeutende Handels= und In- 
dustriestadt Norrköping (50 000 Einw.), die, gleich 
Gefle im Norden, die Stockholmer Halbinsel im Süden 
flankiert und über einen gut eingerichteten Hafen ver- 
fügt. Etwas nördlich liegt Nyköping mit dem eis- 
freien Vorhafen Oxelösund, der bedeutende Erzaus- 
fuhr besitzt; an dem nächstfolgenden Fjord im Süden 
erhebt sich Söderköping, wo das zur Westküste füh- 
rende System des Götakanals beginnt. Weiter im 
Süden dient Westervik als überfahrtshafen nach Wisby 
auf Gotland. Die Bedeutung, die Wisby in hansischer 
und früherer Zeit als Stapelplatz des Handels hatte, 
ist heute dahin; der seichte, kleine Molenhafen genügt 
der Großschiffahrt nicht. Aber Gotland besttt einige 
zum Ausbau geeignete natürliche Buchten. agegen 
weisen die Küsten des langgestreckten Oland keine Na- 
turhäfen auf, und auch die schwedische Küste ist in dem 
schmalen, 135 km langen Kalmarsund, der sie mit 6m 
geringster Tiefe von dieser Insel trennt, wesentlich 
glatter als weiter im Norden. Kalmar, das den Sund 
an nur 6½ km breiter Stelle sperrt, mußte seinen 
winzigen Hafen durch Molen erweitern. — Durch die 
Angliederung der geologisch anders gebauten und 
mit Geschiebelehm stärker bedeckten Halbinsel Schonen 
an den Hauptkörper Schwedens wird die stumpfe 
Hanöbucht gebildet. Während Schonen selbst recht 
glatte Küsten besitzt, so daß sowohl die schwedischen 
Sundhäfen an seiner Westseite wie auch der Fähren- 
hafen Tielleborg und dasetwas größere Pstad an der 
Südkante auf Molenhäfen angewiesen sind, hat die 
Nordseite der Hanöbucht ein reicher gegliedertes Ge- 
stade. Hier liegt hinter einem Kranze schützender 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Inseln an prächtiger, großer Reede der befestigte 
Kriegshafen Karlskrona (30000 Einw.), Schwedens 
Marinestützpunkt in der südlichen Ostsee, doch auch 
für den Handel nicht ohne Wichtigkeit. 
Jenseits des Sundes, an der estküste Schwe- 
dens, haben nur zwei Seestädte Be fiutung: Halm- 
stad (20000 Einw.) an der Nordwestseite Schonens, 
wo zwei größtere Buchten durch das Streichen der 
Schichten bedingt werden, und die Großstadt Göte- 
borg (170000 Einw.). Sie erwuchs im Schutze eines 
rößeren Fiord- und Schärengebr#ets an der Mün- 
ung des Götaelf, des größten schwedischen Fluß- 
systems (48 500 okwm), das den Westteil der Seensenke 
mit dem Wenern und seinen Zuflüssen umfaßt. Die 
Stadt hat unter allen schwedischen Häfen die kürzeste 
Verbindung nach übersee und im htalanalfystem 
eine leistungsfähige Verbindung durch die Seensenke 
zur Ostsee. Der Verkehr seines für teisgehend- Schiffe 
zugänglichen Hafens hat bereits 5,8 Mill. Register- 
tonnen erreicht. 
Tiefenverhältnisse. Die Ostsee stellt samt ihren 
Vorhöfen nur eine flache überflutung der Kontinen- 
taltafel dar, aber im einzelnen ist die Gestaltung de 
Bodenformen sehr mannigfaltig. Tiefeingesenkte Rin- 
nen geben dem Kattegat und der Beltsee das Gepräge; 
eine Gliederung in größere, durch Schwellen getrennte 
Becken bezeichnen die Ostsee und den Bottnischen Busen. 
Flach taucht in der Regel die Aufschüttumgsküste, steiler 
die Abtragungsküste unter die Fluten unter. Mit 28m 
mittlerer Tiefe steigt der Kattegat im allgemeinen nach 
innen zu an, zerfällt aber in zwei ungleiche Teile. Der 
tiefere licgt zwischen der schwedischen Küste und den 
von Bänken umgebenen Inseln Läsö und Anholt und 
führt die Schiffahrt dem Sunde zu. Hier senken sich 
einzelne Rinnen und Löcher bis 124 m ein. In dem 
recht flachen Teil an der jütischen Küste trennt die tiefere 
Läsörinne die gleichnamige Insel vom Festlande. 
Die Beltsee grenzt als höhere Schwelle (mittlere Tiefe 
14 m) und durch die Enge ihrer Gewässer die eigent- 
liche Ostsee nach außen ab. 81 m Tiefe erreichen 
aber die schmalen, flußähnlich gewundenen Rinnen 
von Sund und Bellten in einzelnen Kolken. Die von 
der Kadettrinne nur bis 28 m Tiefe durchfurchte 
Darßer Schwelle geleitet von der Mecklenburger Bucht, 
die Drogdenschwelle (6,0 m) vom Sunde zur Ostsee 
hinüber, die immerhin 71 m mittlere Tiefe besitzt. 
Zwischen Schonen und Rügen sinkt die Arkonamulde 
auf 58 m ab. Die glatte dänische Insel Bornholm 
(580 qkm), an die sich füdwestlich die Rönnebank mit 
dem Adlergrund (6 m) anschließt, trennt sie fast ganz 
von der teeseren Bornholmer Mulde (105 m), mit der 
sie nur zwischen Schonen und Bornholm eine breitere 
Verbindung in tiefer Furche besitzt. Der Plantagenet- 
grund (7 m) westlich von Rügen, die breite Oderbank 
— m) in der Pommerschen Bucht und die große Stolpe- 
ank (8m) vor derhinterpommerschen Küste erschweren 
die Schiffahrt vor den deutschen Gestaden. Zwischen 
Oland im Norden, der weit ausgedehnten Mittelbank 
(9m) und der Stolpebank im Süden führen nur 
schmale Verbindungen zum Hauptbecken der Ostsee 
hinüber. Dieses zerfällt durch die meridionale Got- 
landschwelle, zu der die Hoborgbank (12 m) im Süden, 
die Insel Gotland (3160 qkm, 77 m hoch) in der 
Mitte und die Sandönbank mit der Insel Gotska 
Sandß im Norden gehört. in zwei langgestreckte Mul- 
den. Die östliche, die Baltische Mulde, erreicht zwischen 
Gotland und Kurland 249 m und sinkt in der Dan- 
ziger Bucht nochmals auf 111 m ab. Die westliche
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        Merz: Das Ostseegebiet als Kriegsschauplatz 
beginnt zwischen Oland und Gotland und ist im Lands- 
orter Tief zwischen Gotland und Hällsfjord über 460 m 
tief eingesenkt. Am Nordende der Gotlandschwelle ver- 
einigen sich beide zu einer einzigen Mulde, die, ostwärts 
abbiegend, mit abnehmenden, aber recht unregelmäßi- 
gen Tiefen (größte Tiefe 113 m, mittlere 36 m) den 
Finnischen Busen erfüllt. Nur wenige Meter Tiefe er- 
reicht die Kronstädter Bucht. Ein selbständiges Becken 
von 47 m9größter Tiefe ist dagegen der Busen von Riga. 
Die Schwelle der Alandsinseln treunt auch den Bott- 
nischen Busen vom Hauptbecken, doch ist in der Mand- 
see westlich von den Inseln das 298 m messende Rland- 
tief eingesenkt. Die durch die Schwelle der West= und 
Ostquarken bezeichnete Einengung zwischen Umek und 
Wasa gliedert die kleinere und seichtere Bottenwiek im 
Norden von der tieferen Bottensee im Süden ab. In 
letzterer werden auf beträchtlicher Fläche noch 80— 
100m undöstlich von Hernösand auf kleinem Raum so- 
gar 294 m Tiefe gemessen, und auch in ersterer werden 
an mehreren Stellen über 100 m (117 m) erreicht. 
Genügen mithin die Tiefen der Ostsee in allen ihren 
Teilen für die Großschiffahrt, so wird doch häufig die 
Annäherung an die Küsten im Abtragungsgebiet 
durch Untiefen und Klippen, im Aufschüttungsgebiet 
durch allgemeine Seichtheit und einzelne Bänke er- 
schwert. Die Bänke bilden ein um so gefährlicheres Hin- 
dernis, als sie sehr häufig mit Steinpackungen, den 
Resten ausgewaschener Moränen, gekrönt sind. Da- 
durch sind besonders die Adlerbank, Stolpebank, Ho- 
borgbank, die Memeler Bucht und die kurländische Küste 
berüchtigt, während sonst die Geschiebe über den Bo- 
den des Meeres nur loser in den weichen Ablagerungen 
verstreut sind, die in größeren Tiefen meist toniger, 
in seichteren Wässern sandiger Natur sind. Ruhestel- 
lung von U. Booten wird daher weithin nicht nur 
durch zu große Tiefen, sondern auch durch die Boden- 
beschaffenheit erschwert. Anderseits wird die Schiff- 
fahrt durch die Anordnung der Bänke nicht nur in 
den engen Gewässern der Beltsee und sonstigen Stra- 
ßen, sondern auch auf offener See wiederholt in enge 
Durchfahrten gezwungen. Sovermag eine Flotte von 
Osten her in die Arkonamulde nur durch zwei schmale, 
leicht zu sperrende Fahrrinnen vorzustoßen. Für 
solche Seesperren bilden Minenketten und zfelder bei 
den geringen Tiefen des Meeres ein in diesem Kriege 
vielverwendetes Mittel. 
Hydrographie. Die Eigenart der hydrographi- 
schen Verhältnisse der Ostsee wird bestimmt durch ihre 
starke Abschnürung vom Weltmeere, die große Süß.- 
wasserzufuhr vom Lande und die Gliederung in grö- 
ßere, tiefe Becken und engere, seichte Zwischenglieder. 
Der Salzgehalt ist daher gering und nimmt nach 
innen zu rasch ab, besonders in den seichten Verbin- 
dungspforten zur Nordsee. Während er an der Ober- 
släche am inneren Skagerrakende noch 28 pro Mille 
beträgt, weist er am inneren Ende des Kattegats nur 
mehr 18 pro Mille, in der Lübecker Bucht 12—13 pro 
Mille und bei Rügen bloß 8 pro Mille auf. Weiter- 
hin nimmt er sehr langsam ab, bis man in den inner- 
sten Winkeln des Bottnischen und des Finnischen Meer- 
busens fast süßes Wasser antrifft. Dieses salzarme 
Oberwasser wird von salzreicherem Unterwasser un- 
terlagert, das sich durch Einströmungen aus der 
Nordsee und durch die Meeresstraßen der Beltsee er- 
neuert. Während hier und allgemein in den seichten 
Gewässern häufig eine bis zum Boden durchgreifende 
Mischung erfolgt, sind die beiden Schichten über 
größeren Tiefen durch eine gut ausgeprägte Sprung- 
Der Krieg 1914/17. II. 
113 
schicht getrennt. die sich auch in der Temperatur wieder- 
findet, da die an der Grenze der beiden Wassermassen 
rasch zunehmende Dichte auf die Fortpflanzung der 
Erwärmung und Abkühlung in die Tiefe, die vor- 
nehmlich durch Bewegungsvorgänge geschieht, hem- 
mend wirkt. Von der Vornholmer Mulde bis in die 
Außenhälfte des Finnischen Meerbusens ist in beiden 
Schichten noch eine Zweiteilung erkennbar, indem sich 
im Oberwasser infolge der sommerlichen Erwärmung 
eine 15—40 m mächtige Deckschicht absondert, und 
das Unterwasser in ein Tiefenwasser bis etwa 70 m 
Tiefe mit dem Temperaturminimum der Wassersäule 
und in ein Bodenwasser mit recht gleichmäßiger Tem- 
peratur von 4° und Salzgehalt von 9—10 pro Mille 
zerfällt. Im Kattegat hat das Unterwasser etwa 10 
pro Mille, im Arkonabecken etwa 7 pro Mille, im 
Bottnischen Meerbusen 1—2 pro Mille höheren Salz- 
gehalt als das Oberwasser. Die Strömung des salz- 
armen Oberwassers ist auswärts gegen die Nordsee 
gerichtet und hält sich infolge der Einwirkung durch 
die Erdrotation an die schwedischen Küsten, die daher 
auch gegenüber den deutschen und russischen Gestaden, 
wo die Bewegung einwärts geht, durch geringeren 
Salzgehalt und niedrigere Temperatur gekennzeichnet 
sind. Im Frühjahr dehnt sich die Abflußbewegung 
fast über die ganze Breite des Finnischen und des Bott- 
nischen Meerbusens aus. Sonst sind Über den größeren 
Becken in der Regel schwache linksdrehende Strom- 
wirbel ausgebildet. Die resultierende ein= und aus- 
wärts gerichtete Bewegung beträgt in den breiteren 
Gewässern nur wenige, bis etwa 10em in der Sekunde, 
der wirkliche Stromweg infolge der starken Einwirkung 
der wechselnden Winde aber das Doppelte bis Vier- 
fache. Nur in den engen Straßen der Beltsee, wo die 
Richtung der Wasserbewegung in erster Linie durch 
den Wind bestimmt wird und bei einem Umspringen 
des Windes sehr starke Schwankungen des Salzgehal- 
tes hervorrufen kann, wachsen die Strömungen zu 
für die Schiffahrt gefährlicher Stärke an. Der Sund 
ist durch die zahllosen Strandungen berüchtigt. In 
der Tiefe ist die Bewegung einwärts gerichtet, wobei 
sie in den größeren Mulden mehr gleichmäßig, in der 
Beltsee mehr stoßartig, mit den günstigen Winden er- 
folgt. Die Jahresschwankung des Salzgehaltes und 
ebenso der jährliche Gang des Wasserstandes sind durch 
die meteorologischen Verhältnisse, namentlich auch 
durch die Süßwasserzufuhr und die Windverhällnisse 
vor den Eingangepforten bestimmt. Doch sind die 
absoluten Beträge, die für den Oberflächensalzgehalt 
etwa 1pro Mille, für den Wasserstand im Süden etwa 
15 cm, im Norden 30 cm betragen. recht gering, der 
Gang im einzelnen ist aber sehr verwickelt und noch 
nicht genügend geklärt. Ganz im Gegensatz zum Salz- 
gehalt ist die Verteilung der Oberflächentempe- 
ratur eine sehr gleichmäßige, die zeitliche Schwan- 
kung aber sehr groß. Im Juli erreicht selbst an der 
Südküste die Temperatur in der Regel nirgends 200, 
während auch in den nördlichsten Teilen noch 15° be- 
obachtet werden. Bei der dann herrschenden raschen 
Temperaturabnahme mit der Tiefe können an den 
Küsten bei ablandigen Winden sehr starke Tempera= 
turstürze im Oberflächenwasser eintreten. Im Winter 
sinkt an den Küsten und in den engen Gewässern 
die Temperatur allenthalben unter den Gefrierpunkt, 
auf ofsener Sec aber nur im Finnischen und im Bott- 
nischen Meerbusen, während die südliche Ostsee 2—36° 
Wärme behält. 
Auf der kontinentalen Lage, dem geringen Salz- 
8
        <pb n="136" />
        114 
gehalt und dem Mangel starker Strömungen und Ge- 
zeiten beruht die starke winterliche Eisent wicklung, 
die für Seeverkehr und Strategie von ausschlag- 
gebender Bedeutung ist. Die Dauer der Vereisung 
nimmt im allgemeinen nach den inneren Teilen der 
Ostsee zu. Während sich über die südliche Ostsee in 
Jahrhunderten nur einige Male eine Eisdecke spannte, 
weisen der Bottnische und der Finnische Busen jedes 
Jahr eine Eisdecke auf. Allenthalben aber sind enge 
Fahrwasser, Flußmündungen, seichte Küstenbuchten 
und besonders die Haffe durch stärkere Eisbesetzung 
gekennzeichnet. Im einzelnen spielt die Lage der 
Küste zu den herrschenden Winden eine wichtige Rolle 
für die rasche Abtrift oder für die Berstopfung durch 
Eis. Der enge Sund weist über 50 Eistage im Jahre 
auf, eine Zahl, die ostwärts erst wieder im seichten 
Greifswalder Bodden und bei Swinemünde erreicht 
wird. Wesentlich günstiger sind die tiefen Föhrden 
estellt, am günstigsten die nahezu eisfreie Kieler 
Körde. die auch deshalb zum Hauptkriegshafen be- 
sonders geeignet ist, am schlechtesten die schmale, seichte 
und tief ins Land eindringende Schlei (35 Eistage). 
Der Kaiser-Wilhelm-Kanal kann während des Ganzen 
Winters vom Verkehr benutzt werden. Mehr Eistage 
als die Föhrden haben in der Regel die Bodden, die 
rößte Zahl findet man in den LKoffen (Stettin 61, 
illau 69, Elbing 94, Königsberg 113), fast frei sind 
die äußersten Küstenvorsprünge (Rixthöft 5 Eistage). 
Die Segelschiffahrt erleidet dadurch im östlichen Teil 
der deutschen Ostseeküste eine erhebliche Behinderung, 
die Damupfschiffahrt kann dagegen durch Eisbrecher 
meist im Gange gehalten werden. Nur in der Eider, 
im Greifswalder Bodden und im Frischen Haff liegt 
sie einige Zeit (Königsberg über 20, Elbing über 60 
Tage)h stille. Auch darum haben die innenliegenden 
großen Handelshäfen Vorhäfen als eisfreie Winter- 
häfen gegründet (Travemünde, Warnemünde, Swine- 
münde, Neufahrwasser, Pillau), und diese Winter- 
häfen spielen, je weiter man nach Norden fortschreitet, 
eine immer größere Rolle und lösen sich räumlich 
immer mehr vom Haupthafen los, um eine möglichst 
lange eisfreie Stelle zu erreichen. Die Beispiele von 
Libau und Windau für Riga, von Reval und Bal- 
tischport für St. Petersburg, von Hangb für Helsing- 
fors und andere haben dies gezeigt. In der Mitte 
des Rigaischen Meerbusens erreicht die Eisdauer schon 
60 Tage, an den Küsten noch mehr. So gibt es bei 
Dünamünde schon 75, bei Pernau sogar über 135 
Eistage. Anfang Dezember beginnt im Bottnischen 
Busen der Eisansatz am Nordrand, im Finnischen 
Busen in den Buchten von St. Petersburg, Wiborg 
und Narwa. Mit fortschreitendem Winter rückt die 
Vereisung dort nach Süden, hier nach Westen fort, 
wobei in beiden Gewässern die Mitte viel länger eis- 
frei bleibt und auch früher wieder eisfrei wird als die 
Ränder. Die Enteisung nimmt den unngekehrten 
Weg. Die Dauer der Vereisung beträgt im äußeren 
Teil des Finnischen Meerbusens 1½ Monat an den 
Rändern, einen halben Monat in der Mitte, die Kron- 
städter Bucht ist 5 Monate (bis Anfang Mai) vom 
Eise gesperrt. Noch ungünstiger liegen die Verhält- 
nisse im Bottnischen Busen. Beide Meeresteile können 
im Winter zu Fuß und zu Wagen gequert werden. 
Die Handelsschiffahrt liegt dann in ihren inneren Tei- 
len vollkommen stille, die Tätigkeit der Kriegsflotten ist 
dortuausgeschaltet. Dagegen wäre es möglich, Angriffe 
über das Eis hinüberzutragen, so wie einst Karl X. 
sein Heer über die vereisten Gewässer der Beltsee ge- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
führt hat. Südlich vom Finnischen Meerbusen besitzt 
Schweden entlang seinen gesamten Küsten allenthal- 
ben Häfen, die eisfrei sind oder durch Eisbrecher 
offengehalten werden können. 
Die Gezeiten der Ostsee sind ganz unbedeutend, 
da die Abschnürung von der Nordsee zu stark und die 
Größe des Meeres zu gering ist, als daß eine kräftige 
Entwicklung möglich wäre. Der Springtidenhub, der 
bei Skagens Rev noch über 30 cm beträgt, sinkt bereits 
bei Kopenhagen fast aus die Hälfte herab, weist in der 
eigentlichen Ostsee bloß wenige Zentimeter Höhe aufund 
erreicht nur im innersten Teile des Finnischen Meer- 
busens wieder den Kopenhagener Wert. Den Haupt- 
anteil hat eine in der Ostsee selbstentstehende, nach links 
fortschreitende Drehwelle von ganztägigem Charakter. 
Klima. Die Ostsee dringt weit in das Festland und 
damit in Gebiete ein, die bereits ein ausgesprochen 
kontinentales Klima haben. Wie einerseits dadurch 
ihre hydrographischen Verhältnisse beeinflußt werden, 
so Übt anderseits ihre Wassermasse eine tiefgreifende 
Uimatische Wirkung aus, so daß wir von einem Ost- 
seeklima sprechen und es in Gegensatz zu den Klima= 
gebieten der umgebenden Landflächen setzen können. 
Die Jahresschwankung der Temperatur wird durch 
das Meer sehr gemildert. Über der südlichen Ostsee 
liegt die Januartemperatur bei 0°, nur gegen das ost- 
preußisch-baltische Gestade nimmt sie rasch auf —3 
ab, während auf der offenen See dieser Wert erst halb- 
wegs zwischen den Nlandsinseln und den Quarken 
erreicht wird. Über den nördlichen Meeresteilen, die 
sich großenteils mit Eis bedecken, wodurch die mil- 
dernde Wirkung der Wassermasse herabgesetzt wird. 
sinken die Temperaturen tiefer. Im Rigaischen Meer- 
busen beträgt die Januartemperatur an —50, in den 
innersten seichten und schmalen Teilen des Finnischen 
Meerbusens — 80° bis — 9° und am Nordende des 
Bottnischen Meerbusens sogar —1 1°. Aber die um. 
gebenden Landgebiete sind, abgesehen von der füd- 
lichen Ostsee anseerhalt Bornholms, sehr viel kälter. 
Das Hauptbecken der Ostsee hat im Januar eine po- 
sitive Temperaturanomalie von 12—138°% Im Früh- 
jahr bleibt das Meer kalt, während sich das Land rasch 
erwärmt. Im März verschwinden daher die Tempe- 
raturgegensäßze zwischen der Ostsee und ihrer Umge- 
bung fast allsean undim Aprilistbereits das Land 
wärmer. Die Unterschiede werden besonders groß in 
den nördlichen Teilen, die noch lange von Eis bedeckt 
bleiben. Das Frühjahr ist die Zeit der häufigsten 
Nebel auf offener See, da die warmen Landwinde 
über dem kühlen Meere ihren Dampfgehalt konden- 
sieren müssen. Über 20 Prozent aller Tage haben dann 
im Hauptbecken des Meeres Nebel. Der Wärmeüber- 
schuß des Landes bleibt bis zum August bestehen, wo 
ein zweiter Ausgleich eintritt. Im Julibeträgt die Luft- 
temperatur an den Küsten der Ostsee bis zur Breite 
von Stockholm und St. Petersburg ungefähr 176, 
an den bottnischen Küsten etwa 15°, auf offener See 
findet man 16°% im Süden und 14° im Norden. Die 
Lufttemperatur ist mithin im Sommer ebenso wie 
die Wassertemperatur gleichmäßig verteilt. Nur die 
beiden nördlichen Glieder der Ostsee weisen eine po- 
sitive Temperaturanomalie bis zu 5°% auf, die aber 
lleiner als die des umgebenden Landes ist. Im Sep- 
tember ist die Luft über dem Meer bereits wieder et- 
was wärmer als über dem Lande und der Unterschied 
nimmt bis zum Jahresende zu. Im Herbstund Winter 
treten häufig Küstennebel auf, wenn die warme, 
feuchte Seelust über das Land hinstreicht. Die Ein-
        <pb n="137" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
gangspforten der Ostsee haben im Winter an mehr 
als 20 Prozent aller Tage Nebel. 
Die in Westeuropa herrschenden westlichen Winde 
finden über die Ostsee und die an sie anschließenden 
Tiefländer einen bequemen Weg in das Festland hin- 
ein. Westliche Winde sind daher im ganzen Ostsee- 
gebiet am häufigsten. Im Winterhalbjahr haben sie 
vorwiegend südwestliche, im Sommerhalbjahr west- 
liche Richtung. Da sie vom Meere kommen, sind sie 
mild und feucht. Die in der südlichen Ostsee an zwei- 
ter Stelle stehenden trockenen östlichen Winde treten 
besonders im Frühjahr auf. Häufig wird die Ostsee 
namentlich im Winterhalbjahr von barometrischen 
Minima gequert, die meistens vom Skagerrak über 
die schwedische Seensenke zum Finnischen Meerbusen 
und zum Weißen Meere ziehen. Sie sind von raschem 
Witterungswechsel und oft von stürmischen Winden 
begleitet. Die ostpreußisch-baltischen Gestade haben 
fast doppelt so viele Stürme als die deutsche Nordsee- 
küste. Sie treten hier besonders im Oktober und De- 
zember auf. Sehr viel geringer st die Zahl der Stürme 
an den westlichen deutschen Ostseeküsten, wo sie beson- 
ders auf den Januar fallen. Die Richtung der star. 
ken Stürme ist ganzüberwiegend südwestlich; nie kom- 
men sie aus einem östlichen Quadranten. Schwer lei- 
den häufig die deutschen Ostseeküsten unter der verhee- 
renden Wirkungvon Sturmflutenzjim Finnischen Meer- 
busen ist namentlich St. Petersburg von ihnen bedroht, 
wo die von der Gewalt westlicher Stürme aufgestaute 
Newa die niedrigen Stadtviertel überschwemmt. 
Die Niederschlagshöhen halten sich im Ostsee- 
gebiet in mäßigen Grenzen. Nur vereinzelt werden an 
den Küsten der Beltsee 800 mm im Jahre gemessen. 
An den deutschen Küsten fallen meist 500—700 mm, 
weiter im Norden noch weniger, an den Küsten des 
Boktnischen Busens etwa 400—500 mm. über dem 
Meere selbst ist der Niederschlag noch etwas — viel- 
leicht um 100 mm — geringer. Die trockenste Jahres- 
115 
zeit ist das Frühjahr, die meisten Niederschläge fallen 
im Hochsommer und im Herbste. Nach Norden zu fällt 
ein steigender Teil des Niederschlages als Schnee. 
Während an der Südküste Schwedens der Schnee kaum 
45 Tage liegt, bedeckt er am Nordende des Bottnischen 
Meerbusens 170 Tage lang den Boden. 
Literatur. G. Braun, Das Ostseegebiet (Leipz. 1912); 
„Beiträge zur Kenntnis des Ostseegebietes= (2Zeitschr. Ges. 
f. Erdt.«, Berl. 1912); C. Ackermann, Beiträge zur 
physijchen Geographie der Ostsee Hamb. 1683). E. F. Pic- 
card, Beiträge zur physischen Geographie des Finnischen 
Meerbusens (Kiel 1906); W. Bartels, Die Gestalt der 
deutschen Ostseeklste (Stuttg. 1908); F. O. Karstedt, Die 
südfinnischen Schären (#Mitt. Geogr. Ges. Lübeck-, 23, 1908); 
J. Leiviskä, Über die Küstenbildungen des Bottuischen 
Meerbusens (2Fennia= XXIII, Helsingfors 1905); Derselbe, 
Aber die Entstehung der Haupttypen der finnischen Küsten 
(ebenda XXVII. 1909); O. Krümnel, Die deutschen Meere 
im Rahmen der internationalen Meeresforschung (Berl. 
1904); J. Gehrke, Beiträge zur Hydrographie des Ostsee- 
bassins (Publ. de circ. 52, Kopenhagen 1910); J. P. Ja- 
cobsen, Beltrag zur Hydrographie der dänischen Gewässer 
(Kopenhagen 1913); H. Spethmann, Studien zur Ozeano- 
graphie der südwestlichen Ostsee (rIntern. Rev. d. ges. Hy- 
drobiol. u. Hydr.“, Leipz. 1918); „Finnländische hydro- 
graphisch-biologische Untersuchungen (Helsingsors 1907 f.); 
P„Sshel-Landd für die Ostsee, I. Teil (Berl. 1906); 
„Ostsee-Handbuch= (3 Bde., Berl. 1915 ff.); R. Witting, 
Tidvattmen (Helsingfors 1911); W. Köppen, Wind und 
Werter in den Europärschen Gewässern (Berl. 1917); D. 
Schäfer, Der Kampf um die Ostsee (aHistor. Zeitschr.-, 
Bd. 83, 1899); Ch. Reuter, Ostseehandel und Landwirt-- 
schaft im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert (Berl. 
1912); Derselde, Handelswege im Ostseegebiet in alter und 
neuer Zeit (das. 1913); E. Wallroth, Die Grundlagen 
des Ostseehandels und seine Zukunft (das. 1917); G. Braun, 
Der Zährverkehr zur See im europäischen Norden (das. 
1912); W. Vogel, Deutschlands Lage zum Meere im 
Wandel der Zeiten (das. 1913); Derselbe, Deutschlands Zu- 
rückdrängung von der See (das. 1916); D. Schäfer, Zur 
Eröffnung des Nordostsee-Kanals (* Preuß. Jahrb.-, Bd. 80, 
1895); S. Sario, Die Nordischen Dardanellen (Berl. 1917). 
Das Mittelmeergebiel als Kriegs- 
schauplatz 
von Prosessor Dr. Alfred Merz in Berlin 
Bal- hierzu die Karte ##änder des Mittelmeeretz. 
Lage und historische Bedentung. An der West- 
seite der Alten Welt, im Grenzgebiet gemäßigter und 
subtropischer Breiten, dehnt sich wischen 30°% und 
47° nördl. Br. das Mittelmeer mit seinen Gliedern 
über ein Uchtel des Erdumfanges aus. Es zerlegt da- 
durch die Ostfeste in die drei Erdteile Europa. Asien 
und Afrika. Aber diese Trennung greift nicht sehr tief. 
Leicht finden die Schiffe entlang ganzer Reihen hoher 
Inseln und Landvorsprünge den Weg durch das im 
Sommer nur leichtbewegte Meer, und ein lebhafter 
friedlicher und kriegerischer Verkehr kann sich hier, wie 
es seit den ältesten Feen geschehen ist, entwickeln. Er 
bringt die verschiedenartigen Völker und Kulturen, die 
dieses Meer umrahmen, in nahe Berührung, wirkt 
mächtig fördernd auf die geistige Entwicklung und zei- 
tigt eine frühe glänzende Blüte des Seewesens. Das 
ittelmeer schafft in seinen Randländern auch ver- 
wandte Lebensbedingungen für den Menschen. Ahn- 
liches Klima und ähnliche Vegetation verbinden diese 
Randländer zu einer Einheit besonderer Art, zum Mit- 
telmeergebiet. Das wird von grundlegender Bedeu- 
tung für seine geschichtliche Entwicklung. Der Besitz 
der Seeherrschaft erreicht hier höchsten politischen Wert. 
In den östlichen Randländern des Mittelmeeres 
haben sich im grauen Altertum die Staatswesen der 
Babylonier und A#gypter entwickelt, fast zwei Jahr- 
tausende vor unserer Zeitrechnung auf noch größe- 
rem Raume das Reich der Assyrier. Sie alle haben 
zur Zeit ihrer Blüte große Küstenstrecken der Levante, 
besonders die syrischen Gestade, umfaßt, sind aber Kon- 
tinentalstaaten geblieben, die nicht weit über die See 
hinausgegriffen haben. Anders die Phönizier an 
der syrischen Küste, die im letzten Jahrtausend v. Chr. 
das ganze Mittelmeer mit ihren Handelsniederlassun- 
en umspannten und auf ihren Fahrten die Kultur des 
rients dem Westen, namentlich auch Griechenland, 
übermittelten. Die seegewandten Griechen folgten 
mit Siedlungskolonien im östlichen Mittelmeer ihrem 
Beispiele, während gleichzeitig die Perser ein neues 
Kontinentalreich errichteten, das den ganzen Orient 
umfaßte. Den Vorstoß Persiens nach Europa haben 
die Griechen in schweren Kämpfen zu Wasser und Land 
und in glänzender — ihrer Überlegenheit 
zur See gebrochen. Die befruchtende Wirkung ihrer 
Leistungen in Wissenschaft und Kunst hat Alexander 
8°
        <pb n="138" />
        116 
d. Gr. in seinem Weltreich, das er auf den Trümmern 
des persischen erbaute, über den ganzen Orient ergos- 
sen. In den Diadochenstaaten der Ptolemäer, Seleu- 
ciden und Attaliden hat griechisches Wesen die höch- 
sten Triumphe gefeiert und deren Herrschersitze, Alex- 
andria, Antiochia und Pergamum, waren die glanz- 
vollsten Städte der Well. 
Unterdessen waren auch zwei Staaten des westlichen 
Mittelmeeres zu großer politischer Bedeutung erwach- 
sen, die Seemacht Karthago und die Landmacht Rom, 
nachdem einige Jahrhunderte die etruskische Seemacht 
geblüht hatte. Der zwischen ihnen entbrennende Kampf 
auf Leben und Tod endet zugunsten Roms, als es auch 
zur Seemacht wird und den Feind auf dem eigenen 
Element zu bekämpfen vermag. Damit hebt die stol- 
zeste Periode in der Geschichte des Mittelmeeres an. 
Die junge, straff organisierte, in glücklicher zentraler 
Lage erwachsene Land= und Seemacht vermag in über- 
raschend kurzer Zeit sowohl die unkultivierten Neu- 
länder des Westens als die absterbenden Staatsgebilde 
des hochkultivierten Ostens in ihre Hand zu belom- 
men. Zu Beginn unserer Beitrechnung haben die 
Römer nahezu das gesamte Mittelmeergebiet zu einem 
einzigen Weltreich vereinigt. Weitere Eroberungen 
dehnen ihr Gebiet bis an die Ränder der bekannten 
Welt aus. Die politische Einheit der Welt im Römer- 
reich wird für die fernste Zukunft von unendlicher Be- 
deutung; sie bildet die Grundlage für die Ausbreitung 
hellenischen Geistes auch nach dem Westen, und sie berei- 
tet den Boden für das Christentum. In den Neuländern 
des Westens legt römische Kolonisationstätigkeit den 
Grundstock für die Entwicklung der lateinischen Toch- 
ternationen. Der politische, wirtschaftliche und geistige 
Schwerpunkt der Welt liegt r*rvr im Mittelmeere selbst. 
Nach einem halben Jahrtausend zerfällt dieses Welt- 
reich in ein Weströmisches und Oströmisches Reich und 
bald darauf erliegt jenes dem germanischen Ansturm. 
In dem Kampfe des Oströmers Justinian gegen Van- 
dalen und Ostgoten, dem es nochmals für kurze Zeit 
gelingt, einen großen Teil des Reiches in seiner Hand 
zu vereinigen, wird die Seeherrschaft der oströmi- 
schen Flotte von ausschlaggebender Bedeutung. Die 
dauernde politische Spaltung und die Trennung der 
abendländisch-römischen von der morgenländisch- 
byzantinischen oder griechischen Kirche zerreißt auch die 
mühevoll errungene geistige Einheit. Noch ein Jahr- 
tausend nach der ersten Teilung vegetiert das ost- 
römische oder byzantinische Reich und vermittelt seine 
eigenartig fortentwickelte Kultur den slawischen Bal- 
kanvölkern und den Russen. 
Aber bereits in der ersten Hälfte des Mittelalters, 
als der Schwerpunkt des Abendlandes nach dem Nor- 
den rückt, wird das germanische Reich der Franken 
Nachfolger der Weströmer (Kaiserkrönung Karls d. Gr. 
in Nom). Fast gleichzeitig breitet sich das Reich der 
arabischen Kalifen von den Ufern des Roten Meeres 
über die östlichen und südlichen Randgebiete des Mit- 
telmeeres aus, und dierasch erworbene Herrschaft wird 
durch eine mächtige Flotte gestützt. Wie einst die Grie- 
chen im Osten, so gebieten jetzt die Franken im Westen, 
auf französischem Boden, dem Siegeslauf des Orients 
halt, und auch Byzanz vermag trotz wiederholter Be- 
lagerung der Hauptstadt durch arabische Flotten sei- 
nen kleinasiatischen Besitz zu behaupten. Damaskus 
und später Baghdad werden Sitz des Kalifats. Hielt 
in römischer Zeit das Mittelmeer das eine Weltreich 
zusammen, dessen Schwerpunkt von ihm umspült 
wurde, so trägt es jetzt für Jahrhunderte den Grenz- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
saum der größten Reiche. Wenn diese auch ein leb- 
hafter, im Wandel der Zeiten bald friedlicher, bald krie- 
erischer Verkehr verbindet, noch heute trennt diese Linie 
im allgemeinen die christliche Welt von derislamischen, 
die römisch abendländische von der griechisch-orien- 
talischen. Die geistige Einheit ist nun für immer zer- 
stört, die zukünftige Velleellung des Mittelmeergebie- 
tes schwer geschädigt. Trotzdem verbleibt ihm höchste 
politische, wirtschaftliche und geistige Bedeutung. 
Denn es ist der Schauplatz der Kämpfe zwischen Abend- 
und Morgenland, die in den Kreuzzügen ihren Höhe- 
punkt erreichen. Es vermittelt in steigendem Maße 
den gerade durch die Kreuzzüge angeregten Güteraus- 
tausch zwischen Orient und Okzident, und durch seine 
Vermittlung sowie durch die geschickte Benutzung der 
Kreuzzugbewegung gelangen Pisa, besonders aber 
Venedig und Genua zu einzigartiger Blüte. Endlich 
beherbergt das Mittelmeergebiet die heiligen Stätten 
der großen neuen Religionen, die Sitze des Kalifen, 
des Patriarchen von Byzanz und vor allem des Pap- 
stes in Rom, der als ebenbürtige geistliche Gewalt 
neben den römisch deutschen Kaiser tritt. Die Macht- 
stellung der Venezianer und Genuesen beruhte üb- 
rigens wie die der Karthager auf der Flotte und den 
ahlreichen Stützpunkten. Sie zeigt in verschärftem 
aße von neuem, wie selbst winzige Staaten durch 
Seebeherrschung zur höchsten politischen Macht ge- 
langen können. 
asch sinkt die Bedeutung des Mittelmeergebietes 
dahin im Beitalter der großen Entdeckungen. 
Das Streben nach Anteil an den großen Handels- 
vorteilen von Venedig und Genua führt die Portu- 
giesen, dann auch die Spanier dazu, in rascher Ent- 
wicklung ihres Seewesens einen Seeweg nach den 
produktenreichen Gestaden Indiens zu suchen. Jene 
finden ihn unter Bartholomäus Diaz und Vasco de 
Gama am Ende des 15. Jahrhunderts um Afrika 
herum; fast gleichzeitig entdecken die Spanier Euro- 
pas Gegengestade an der Westseite des Atlantischen 
Ozeans. Um dieselbe Zeit vernichtet das vordringende 
Türkenreich die letzten Reste von Byzanz, umspannt 
bald in leichter überwindung der arabischen Teilstaa- 
ten den ganzen Osten und Süden des Mittelmeeres 
und erschwert immer mehr den Handel nach dem fer- 
nen Orient. So werden die mühseligen und gefahr- 
vollen Landwege nach Indien immer mehr verlassen 
und dafür der billigere und bequemere Seeweg ein- 
geschlagen. Die Handelswege des Mittelmeeres wer- 
den verlassen, und das Mittelmeergebiet wird ein 
Nandland des Weltverkehrs. Die für die neuen See- 
wege nach Amerika und Indien am günstigsten ge- 
legene Pyrenäenhalbinsel mit ihrem halb mittelmee- 
rischen, halb atlantischen Chara##ler wird das politische 
Zentrum der Welt. Italien ist heillos zersplittert; die 
Blüte von Venedig und Genua aber sinkt dahin. Ihre 
Lage zu den neuen Berlewe ist ungünstig. und 
das in mittelalterlichen Formen erstarrte Seewesen 
des Mittelmeeres vermag mit dem atlantischen nicht 
mehr in Wettbewerb zu treten. Immer ungünstiger 
wirdin den folgenden Jahrhunderten die geographische 
Stellung des Mittelmeeres, denn immer mehrverschiebt 
sich mit der Aufhellung des Weltbildes und mit der ge- 
steigerten Technik des Seewesens der Weltverkehr aufdie 
Ozeane und der Schwerpunkt Europas nach dem ma- 
ritimen Nordwesten. Auf Spanien und Portugal fol- 
en Holland, Frankreich und England in der Seeherr- 
chaft, während gleichzeilig die Kultur des Mittelmeer- 
gebietes im türkischen Reiche mehr und mehr verfällt.
        <pb n="139" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
Das moderne Zeitalter, das unter dem Zei- 
chen von Kohle und Eisen sleht, schien diesen Zustand 
besiegeln zu wollen. Denn in den Mittelmeerländern 
sind diese wichtigsten Rohstoffe bloß in geringer Menge 
vorhanden. Nur am Nordrande des Gebietes haben 
die Wasserkräfte der Alpen in allerjüngster Zeit einen 
gewissen Ersatz geboten. So wuchs der wirtschaftliche 
Abstand zwischen den rasch aufblühenden Wirtschafts- 
gebieten um die Nordsee und in den Vereinigten Staa- 
len sowie dem Mittelmeergebiet immer mehr. 
Da haben eine Reihe von wichtigen Ereignissen, 
die fast unabhängig voneinander, aber nahezu gleich- 
zeitig eintraten, die Lage des Mittelmeergebietes wie 
mit einem Schlage gänzlich geändert: Der Durchstich 
der Landenge von Sues hat Ende der 1860er Jahre 
den bisher in dünnerem Faden um Afrika herum nach 
Süd= und Ostasien eführten Seeverkehr in das Mit- 
telmeer hineingelenkt und zu einem starken Strange 
verdichlet. Die Verdrängung der Segelschiffahrt durch 
den Dampferverkehr hat gleichzeitig das Hindernis be- 
seitigt, welches das Rote Meer insolge seiner Natur- 
verhältnisse bisher einem lebhafteren Verkehr bot. 
In denselben Jahren rang sich das volkreichste und 
am gentralsten gelegene Land des Mittelmeergebietes, 
Italien, zur politischen Einheit durch. Noch Ende der 
1870er Jahre erlangten die Balkanstaaten größere 
Freiheit und haben seither ein bei uns viel zu wenig be- 
achtetes rasches Tempo ihrer äußeren und inneren Ent- 
wicklung eingeschlagen. Seit den 1880er Jahren hat 
Frankreich unter Ausnutzung der schwierigen Situa- 
tion, in die sich England durch die Besetzung Agyp- 
lens eingelassen hatte. Schritt für Schritt sein Kolonial= 
reich im westlichen Mittelmeer ausgebaut und schließ- 
lich hier durch Vereinigung von ganz Nordwestafrika 
in seiner Hand ein überragendes Macht- und Wirt- 
schaftsgebiet geschaffen (vgl. Bd. I, S. 93 ff.). Ferner 
drängten das große Bedürfnis nach Nahrungsmitteln 
in den dicht bevölkerten Industriegebieten Nordwest- 
europas und die reiche Fülle der füdrussischen und 
rumänischen Getreideernten zum Ausgleich, und dieser 
vollzog sich ebenfalls zu Wasser durch das Mittelmeer= 
Phie hindurch. Im letzten Jahrzehnt hat endlich die 
ürkei mit der jungtürkischen Bewegung einen An- 
lauf zu neuem Aufschwung genommen. Große Re- 
sormen wurden in Angriff genommen, vor allem der 
Bau wichtiger durchgehender Bahnlinien. Die unter 
deutscher Leitung schon weit geförderte Anatolische und 
die Baghdadbahn sind in hohem Maße geeignet, dem 
türkischen Reiche neues politisches und wirtschaftliches 
Leben einzuhauchen. 
So ist das Mittelmeer fast plötzlich und in unver- 
gleichlich größerem Umfange, als man um die Mitle 
des vorigen Jahrhunderts irgend geahnt hätte, von 
neuem mitten in den Weltverkehr gerückt. Aber trotz- 
dem sind seine antike und seine moderne Stellung gänz- 
lich verschiedem. Im römischen Altertum lagen der 
wirtschaftliche und der Verkehrsmittelpunkt im Mittel- 
meergebiet selbst, und es war vereinigt in einem Welt- 
reich, das hier die Wurzeln seiner Kraft hatte; heute 
liegen die bedeutendsten Zentren der Wirtschaft, des 
Verkehrs und der politischen Macht außerhalb des 
Mittelmeergebietes, so daß es bloß wieder ein Durch- 
gangsgebiet des Weltverkehrs geworden ist, aber un- 
zweifelhaft das wichtigste der Erde. Diese Entwicklung 
hatte eine doppelte Folge, erstens erleichterte sie auch 
das wirtschaftliche Aufblühen des Gebietes in den 
Grenzen, die der Mangel an Kohle und Eisen bedingt, 
zweitens lenkte sie die politischen Interessen der an 
117 
diesem Verkehr meist beteiligten Mächte auf das Mittel- 
meer und führte zu scharsen politischen Gegensätzen 
zwischen diesen, zu dem Streben, die Kontrolle des 
äußzerst wichtigen Verkehrs ganz oder teilweise in die 
Hand zu bekommen. Diese Inkresfengegensätze sind 
für die politische Geschichte des Mittelmeergebietes im 
letzten Jahrhundert immer enischeidender geworden, 
wobei die eigentlichen Mittelmeerstaaten meist eine 
mehr passive Rolle gespielt haben. 
Gliederung und Verkehrswege. Durch die weit 
nach Süden in schlanker Gestalt vorspringende Apen- 
ninische Halbinsel mit Sizilien wird das Mittelmeer 
in ein westliches und östliches Becken geschieden. Die 
145 km breite Straße von Tunis zwischen Sizi- 
lien und Tunesien und die nur 3 km breite Straße 
von Messina zwischen Italien und Sizilien setzen die 
beiden Teile miteinander in Verbindung. Hier kann 
der ganze durchgehende Verkehr überwacht werden, und 
daher ist das Gebiet dieser Meeresstraßen von größter 
politischer Bedeutung. Hier ist auf der afrikanischen 
Seite die Seeherrschaft der Karthager und der Van- 
dalen erwachsen, und beide Staalen waren, ebensowie 
später die Araber, bestrebt, auch das Gegengestade, 
Sizilien, in ihre Hand zu bekommen. Hier grisen die 
Römer zuerst nach Afrika hinüber und schufen durch 
die Zerstörung Karthagos die Grundlage für ihre 
Weltherrschaft. Auf Sizilien und Unteritalien haben 
im Mittelalter die Normannen ihre kurzblühende See- 
herrschaft gestützt. Die Itgliener haben versäumt, 
neben Sizilien auch Tunis in ihre Hand zu bekommen. 
Von dort aus bewachen die Franzosen, von der Insel 
Malta aus, mit ihrem trefflichen. stark befestigten Ha- 
fen, beherrschen seit 1800 die Engländer den Durch- 
gang und die umliegenden Küsten. 
Das westliche Mittelmeerbecken, das die 
afrikanischen Atlasländer, die Pyrenäenhalbinsel, 
Südfrankreich und Italien umrahmen, hatverhältnis- 
mäßig einfache, nur durch kleinere Buchten gegliederte 
Küstenlinien. Durch das französische Korsika und das 
italienische Sardinien wird es in zwei Teile zerlegt, 
das an kleinen Inseln reichere Turrhenische Meer im 
Osten und das Balearen-Meer mit den gleichnamigen 
spanischen Inseln im Westen. Auch Sardinien, Kor- 
sika und Balearen sind mit ihrer zentralen Lage und 
ihren trefflichen Häsen wichtige Stützpunkte für eine 
Seeherrschaft und werden daher in der Geschichte im- 
mer wieder umkämpft. Zwei wichtige Verkehrsstränge 
empfängt das westliche Becken im Norden. Bei dem 
italienischen Genua gelangt unter Benutzung des 
Paßgebietes zwischen Alpen und Apenninen der eine 
Strang zum Meere. Er setzt sich aus zahlreichen Fä- 
den zusammen, die aus der dicht besiedelten, industrie- 
reichen Po-Ebene und über die Alpen kommen. Der 
andere Strang erreicht bei dem französischen Mar- 
seille die Küste. Er wird aus dem Rhonegebiet gespeist 
und steht auch mit dem atlantischen Frankreich durch 
zahlreiche tiefe, von Kanälen und Bahnen benutzte 
Pforten in Verbindung. In der nur 14,6 km brei- 
ten Straße von Gibraltar hat das Westbecken 
nur eine schmale, leicht zu beherrschende Pforte zum 
Atlantischen Ozean. Hier kann der gesamte atlantische 
Verkehr des Mittelmeers unterbunden, das Mittel- 
meergebiet gänzlich vom Ozean abgesperrt werden. 
Die prächtige Bucht von Algeciras und der dräuende 
Fels von Gibraltar bieten hierfür ideale Stützpunkte. 
Darum istdiese Stelle von einzigartigempolitischen und 
strategischen Wert. Seit 170 ist sie von den Engländern 
besetzt und als stark befestigter Kriegshafen ausgebaut.
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        118 
Viel mannigfaltiger gestaltet ist das östliche Mit- 
telmeerbecken. Zwar verläuft die südliche und öst- 
liche Küstenlinie, wo der Einbruch des Meeres an die 
einförmigelibysch-syrische Wüstentafel stößt, sehr glatt, 
und nur die Kleine und Große Syrte dringen als 
flache Golfe wenig tief in den Leib Afrikas ein, um 
so reicher aber ist die Nordseite des Meeres gegliedert. 
Im Nordwesten springt trichterförmig das Jonische 
Meer zwischen Süditalien und dem schmalen Südteil 
der Balkanhalbinsel ein, sondert dort durch den Golf 
von Tarent die Halbinseln Apulien und Kalabrien, 
trennt hier den Südteil Griechenlands, den reichgeglie- 
derten Peloponnes durch die langgestreckten Golfe von 
Patras und Korinth fast völlig vom übrigen Staate 
und dem Stamme der Balkanhalbinsel. Leicht konnte 
die nur 5½ km breite Landbrücke des Isthmus von 
Korinth von einem Seekanal durchschnitten werden, 
der über den Golf von Agina das Jonische mit dem 
Agäischen Meer verbindet, den Peloponnes zur Insel 
macht und einen Seeweg der Alten erneuert. Vom 
Nordende des Jonischen Meeres führt die kaum 76km 
breite Straße von Otranto ins Adriatische Meer, 
das zwischen Italien und dem Rumpfe der Balkan- 
halbinsel 800 km tief, fast bis an den Südrand der 
Alpen, in das europäische Festland eindringt und da- 
durch zu einer der wichtigsten Meeresstraßen für Mittel- 
europa wird, dessen Landwege bei Triest und Fiume 
an die nördlichste Adria anschließen. Die kleine Bucht 
von Brindisi auf der italienischen, noch viel mehr die 
große, prächtige Bai von Valona auf der Balkanseite 
der Straße von Otranto bieten vorzügliche Stütz- 
punkte zur Sperrung des adriatischen Seeweges. 
Eine weitere Reihe von Meeresbecken, die Südost- 
europa von Kleinasien scheidet, gliedert sich dem öst- 
lichen Mittelmeere nördlich von dem Inselbogen an, 
der vom Südende des Peloponnes nach Kleinasien 
hinüberzieht und durch Kythera, Kreta, Karpathos 
und Rhodos bezeichnet wird. Diese Inselkette begrenzt 
nicht nur das östliche Hauptbecken im Norden, sondern 
weist auch einer uralten Schiffahrtslinie den Weg. 
Daher sind ihre Glieder als Stützpunkte einer See- 
herrschaft von Bedeutung. Besonders um Kreta, die 
größte der Inseln, und um Rhodos, wo unser See- 
weg die Route der alten Küstenfahrer kreuzt, wurde 
oft und heiß gekämpft. Die Reihe der erwähnten 
Meeresbecken wird durch das TAgäische Meer eröff- 
net, an dem Griechenland im Westen, Bulgarien im 
Norden und die Türkei im Osten Anteil haben. Von 
den teils griechischen, teils türkischen Inselschwärmen 
der Sporaden, Zykladen und von den thrazischen 
Inseln ist seine Fläche belebt, reich sind seine Küsten 
egliedert. Die großen und wohlbesiedelten Flußtäler 
s Hermus, Cayster und Mäander schließen den gan- 
zen Westen Kleinasiens, Wardar, Struma, Mesta und 
Mariga den Stamm der Balkanhalbinsel gegen das 
Agäische Meer auf, und auch Griechenland kehrt ihm 
seine Vorderseite zu. So verbindet sich dieses Meer 
mit seinen vorwiegend von Griechen bewohnten Rand- 
gebieten innerhalb des Mittelmeeres zu einer besonde- 
ren kleineren Einheit, die Philippson treffend als Agäis 
bezeichnet. Auch hierher führt von Mitteleuropa ein 
bequemer, mit Schienen ausgestatteter Verkehrsweg. 
über die Serbische Morawa, das Amselfeld und den 
Wardar erreicht er bei Saloniki das Meer, das zugleich 
Endpunkt der von der Adria kommenden alten Straße 
(Via Egnatia) ist und daher erhebliche politische Be- 
demung besitzt. 
Im Nordosten stellt das Meerengengebiet die 
1I. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Verbindung mit dem Schwarzen Meere her. Es be- 
ginnt mit der 65 km langen Meeresstraße der Darda- 
nellen, die in geringer Breite (schmalste Stelle 1,33 km) 
zwischen der langgestreckten balkanischen Halbinsel 
allipoli und dem kleinasiatischen Festlande zu den 
kleinen, aber tiefen und gut gegliederten Marmara- 
meere führt. Von hier leitet der stromartige, fast 
30 km lange Bosporusins Schwarze Meer. Dieses 
ist nur an seiner Nordseite stärker gegliedert, wo die 
Fastinsel Krim die seichte Bucht von Odessa im Osten 
umrahmt und das sehr seichte Asowsche Meer fast 
vollständig abtrennt. Wie das Adriatische Meer Mit- 
teleuropa vom Süden erschließt, so eröffnet die eben 
behandelte Kette von Meeren und Meeresstraßen für 
Rumänien, Südrußland, Armenien und das nörd- 
liche Kleinasien den Weg ins Mittelmeer. Dieser See- 
weg kann an den Dardanellen und am Bosporus ge- 
sperrt werden; er wird aber auch durch die den Darda- 
nellen westlich vorgelagerte Insel Imbros beherrscht. 
Die Lage des alten Byzanz, das seit seiner Erhebung 
zur römischen Hauptstadt durch Konstantin den Na- 
men Konstantinopel trägt, bezeichnet die Stelle, wo“ 
dieser Seeweg von dem großen historischen Landweg 
gekreuzt wird, der von Mitteleuropa über Kleinasien 
nach Mesopotamien, Syrien, Arabien und Agypten 
zieht und heute fast ausnahmslos Schienen trägt. 
Dadurch beherrscht Konstantinopel einen der politisch 
und militärisch bedeutsamsten Punkte des Mittelmeer- 
gebietes. Ihm verdankt es eine seit 2½ Jahrtausen- 
den fast ununterbrochene Blüte, aber auch fast unauf- 
hörliche Kämpfe. Seit mehr als 1½ Jahrtausenden 
ist es der Mittelpunkt großer Reiche, seit 1453 befindet 
es sich in türkischen Gänden. Seit Peters des Großen 
Fieen strebt Rußland nach seinem Besitz, und dieser 
unsch ist nicht nur die Quelle früherer Kriege Ruß- 
lands gegen die Türkei, sondern auch eine der Haupt- 
ursachen des gegenwärtigen Weltkrieges (vgl. S. 56) 
geworden. Denn seine Erfüllung bedeutet die Ver- 
nichtung der Türkei und die Absperrung des einzigen, 
von England nicht beherrschten Weges, den Mittel- 
europa in die Welt hinaus besitzt. 
Aus dem Osten des Mttelmeergebietes, dem Levan- 
tinischen Becken, leiten wichtige Wege des See= und 
Landverkehrs nach dem ferneren Orient hinüber. Im 
Südosten führt das langgestreckte Rote Meer zum 
Indischen Ozean. Nur eine schmale Landbrücke zwi- 
schen Agypten und der Sinaihalbinsel trennt es vom 
Mittelmeer, ein oft benutzter Weg für friedlichen und 
kriegerischen Verkehr und die Wanderung ganzer Völ- 
ker, aber ein Hemmnis des durchgehenden Schiffsver- 
kehrs. Darum wurde hier seit dem Altertum wieder- 
holt der Bau eines Seekanals in Angriff genommen 
und auch mehrmals zu glücklichem Abschluß gebracht, 
aber der Sand der Wüste hat ihn immer wieder zu- 
geschüttet. Seit 1869 verbindet der 161 km lange 
und 11 m tiefe Sueskanal von neuem beide Meere. 
Er hat in wenigen Jahren die Route durch das Rote 
Meerzu einem der am meisten befahrenen Schiffahrts- 
wege gemacht. In den letzten Jahren vor dem Kriege 
zaben jährlich rund 5000 Schiffe von 20 Mill. Netto- 
eg.-Ton. den Kanal passiert. Als nasser Grabenliegt 
er vor der Festung Agypten, die auf allen anderen 
Seiten Meere und Wüsten schirmen. Wer Agypten 
besitzt, hat auch den Kanal, und über beide herrscht 
seit 25 Jahren England. — Im Nordosten führen 
in der Lücke zwischen den Gebirgssystemen des Tau- 
rus und Libanon die nordsyrischen Pässe nach 
Mesopotamien. Seit uralten Zeiten erreicht über sie
        <pb n="141" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
einer der wichtigsten Landwege Vorderasiens das 
Meer, unmitttelbar vorher gequert von dem gleich 
dedeutsamen Weg, der Vorderasien über die syrische 
Landbrücke mit Arabien und Agypten verbindet. 
Heute liegt hier im Kreuzungspunkt der Baghdad-und 
der Mekkabahn Aleppo. Von der See her wird dieses 
wochwichtige Gebiet durch die Insel Cypern beherrscht. 
Hier war die von Natur gegebene Stelle für die Ent- 
wicklung eines Handels- und Seefahrervolkes, zumal 
die Wälder des Libanon ausgezeichnetes Schiffbau- 
holz lieferten. Darum konnte sich auch der phönizische 
Handel zu seiner großartigen Blüte entwickeln, darum 
sind die Syrier auch weiterhin tüchtige Seefahrer ge- 
blieben. Ihrer foben Bedeutung wegen sind die bei- 
den Ausgangspforten der Levante seit den ältesten 
Zeiten der Geschichte immer wieder heiß umstritten 
worden. Sowohl das babylonische wie das ägyplische 
Reich, Assyrien und Persien, später Alexander und 
Rom, im Mittelalter Byzanz, Araber und Türken 
haben um den Isthmus von Sues und um die Insel 
Cypern gekämpft, und alle diese Staaten haben wenig- 
stens zeitweise beide Pforten und die wichtige Insel 
besessen und damit Vorderasien fest in den Händen 
gehabt. Heute wird Cypern wie Agypten von Eng- 
land beherrscht, das während des Rrieges jenes an- 
nektiert und über dieses seine Souveränität ausge- 
sprochen hat. 
Diese kurze Darlegung Frgt. daß das Mittelmeer 
nicht nur im Verkehr der Mittelmeervölker unterein- 
ander, sondern im gesamten europäischen Verkehr eine 
hervorragende Rolle spielt. Ein mächtiger, von Mittel. 
und Nordwesteuropa kommender Verkehr tritt durch 
die Straße von Gibraltar ein und zieht in zahlreichen 
Fäden nach den wichtigsten Mittelmeerhäfen, die 
Hauptader aber führt nach dem Sueskanal und dem 
ferneren Orient. Wichtige mitteleuropäische Wege 
erreichen bei Genua, Triest, Fiume, Saloniki und 
Konstantinopel das Mittelmeer, ein russisch-rumäni- 
scher Seeweg kommt aus dem Schwarzen Meer und 
weist vornehmlich nach der Straße von Gibraltar, 
französische Schiffahrtsstraßen führen von Marseille 
vorwiegend nach den französischen Atlasländern, 
aber auch nach der Levante und dem Sueskanal. 
Diesen gesamten Verkehr vermag England zu über- 
wachen und zu sperren, denn es besizt Eingang und 
Ausgang: Gibraltar, den Pfahl im Fleische Spaniens, 
und den Sueskanal, den Franzosen nach Plänen 
deutscher und österreichischer Ingenieure auf türki- 
schem Boden erbauten. Es beherrscht mit seiner 
Flottenstation auf dem rein italienischen Malta die 
Straße von Tunis, mit dem den Türken abge- 
nommenen Cypern den Seeanschluß des Bahnknotens 
Aleppo und hat sich während des Krieges durch Be- 
setzung von Imbros die Kontrolle über die Darda- 
nellen gesichert. Die überragende Seemacht Englands 
und die natürlichen Verhältnisse des Mittelmeer- 
gebietes trugen das ihre dazu bei, die englische, auf 
tützpunkte aufgebaute Herrschaft zuverstärken. Denn 
die Mittelmeerstaaten vermögen nur in geringem 
Maße ihre Bedürfnisse selbst zu befriedigen. Es fehlen 
den meisten von ihnen fast gänzlich Kohle und Eisen, 
die Grundlagen der Industrie und Kriegführung, 
und die Eigenerzeugung an Nahrungsmitteln genügt 
namentlich in Italien und Griechenland, den beiden 
ausgesprochensten Mittelmeerländern, lange nicht dem 
Bedarf. Diese beiden Staaten werden von der eng- 
lischen Herrschaft auch deshalb am meisten betroffen, 
weil sie ausschließlich von den Wassern des Mittel- 
119 
meeres umspült werden und ihre sehr langgestreckten 
Küsten nur schwer gegen Schiffskanonen zu schützen 
vermögen. Dazukommt noch, daß die großen Hafen- 
städte des Mittelmeers nicht wie die der Nordsee 
tief drinnen in den untergetauchten Mündungen der 
großen Ströme liegen und dadurch gegen Seeangriffe 
geschützt sind. Denn die Mittelmeerflüsse schütten 
allenthalben Deltas an, und deren veränderliches 
Schwemmland ist für die Anlage von Hafenstädten 
wenig geeignet. Das Schicksal von Hadria, Aquileja 
und Ravenna im adriatischen Schwemmland, von 
Ephesus und Milet an der Westküste Kleinasiens gibt 
von dieser Tatsache warnende Kunde. So liegen fast 
alle großen Seestädte an der offenen Küste oder nur 
an rundlichen, zur Abwehr einer feindlichen Flotte 
wenig geeigneten Buchten. Ihre Hafenanlagen muß- 
ten mit großen Kosten in die See hinausgevaut und 
meist durch gewaltige Wellenbrecher vor dem Anprall 
der Wogen behütet werden. Ein feindlicher Flotten- 
angriff kann hier auch die schwersten materiellen Ver- 
luste bewirken. Es ist ein einzigartiger Vorzug von 
Konstantinopel, daß es durch die beiden Meerengen 
vollkommen geschützt ist. Zwar öffnen sich an nicht 
wenigen Stellen schöne untergetauchte Täler zum- 
Meere, die stärkerer sedimentführender Flüsse entbeh- 
ren und daher vor Versandung bewahrt bleiben. Sie 
mußten aber für die Flottenstützpunkte vorbehalten 
bleiben, da diese am allerwenigsten auf natürlichen 
Schutz verzichten können. Das ist die Lage von Car- 
tagena. Toulon, Spezia. Tarent, Brindisi, Pola, 
Sebenico, Cattaro, von Malta, Nikolajew und Se- 
bastopol. Manche dieser Täler wären allerdings auch 
wegen ihrer schlechten Verbindung mit dem Hinter- 
lande, wegen ihrer vorgeschobenen Lage und bergigen 
Ungebung für Handelshäfen wenig geeignet, wäh- 
rend die beiden letztgenannten Umstände für einen 
Kriegshafen große Vorteile bieten. 
Diese Verhältnisse wurden von der Entente benuzgzt, 
um einen nachhaltigen politischen Druck auf die 
Mittelmeerstaaten auszuüben und namentlich Italien 
und Griechenland auf ihrer Seite in den Krieg zu 
drängen. Die Vergewaltigung des kleinen Griechen- 
lands ist bekannt; das größere Italien hätte mehr 
gegen ein solches Verfahren vermocht. Aber es strebte 
nach der Herrschaft über die kleinere Adria unter Ver- 
zicht auf größere Geltung im Mittelmeer. Darum be- 
setzte es schon im Jahre 1914 Valona und schloß sich 
dann der Entente an. So waren bald nach Kriegs- 
ausbruch die meisten Zugänge der Zentralmächte zum 
Mittelmeer in den Händen der Entente und durch das 
Gallipoliunternehmen hoffte sie die Dardanellen zu 
forcieren, Konstantinopel zu besetzen, die Verbindung 
mit Rußland herzustellen und die Einkreifung zu 
vollenden. Als dieser Plan trotz Aufwendung ge- 
waltiger Seestreitkräfte und eines großen Landungs- 
heeres an der glatten Außenküste der ruhmvoll ver- 
teidigten Halbinsel Gallipoli unter den schwersten 
Verlusten scheiterte, mußte wenigstens die Besetzung 
von Imbros für die Verschließung der Dardanellen 
sorgen. Nach der Niederwerfung von Serbien, das 
den Mittelmächten den Weg nach dem Südosten ver- 
legte, stand diesen allerdings die Route über Saloniki 
feei Die Besetzung auch dieses wichtigen Hafens 
urch die Entente schob dem einen Riegel vor. So 
haben die Mittelmächte von allen den großen Wegen 
ins Mittelmeer nur den über Konstantinopel in ihrer 
Hand. Die Unterseeboote vermögen allerdings auch 
durch die Straßen von Gibraltar und Otranto sowie
        <pb n="142" />
        120 
durch die Dardanellen zu fahren. Sie allein vermö- 
gen die Seeherrschaft unserer Feinde im Mittelmeer 
zu gefährden. Sie haben an der Gallipolikatastrophe 
durch Versenkungen einen hervorragenden Anteil ge- 
habt; sie zwingen das Ententeheer in Saloniki, das 
auch Serbien retten und die Verbindung der Mittel- 
mächte mit Konstantinopel unterbrechen sollte, durch 
Gefährdung des Nachschubes zur Tatenlosigkeit und 
beeinträchtigen sehr weitgehend die Versorgung Ita- 
liens mit Kohlen, Rohstoffen und Getreide. Dagegen 
ist eine Besetzung oder dauernde Störung des Sues- 
kanals über den mehrere tausend Kilometer langen 
Landweg und die Wüste hinweg nicht gelungen. Ihn 
schützt das große Heerlager Agypten. Anderseits ha- 
ben die Italiener das so nahe gelegene Triest nicht zu 
nehmen vermocht, während sie selbst vor den Kämp- 
fern des heiligen Krieges in dem neu erworbenen 
Tripolitanien zurückweichen mußten. 
Küsten und Häfen. Sehr verschiedene Küstentypen 
umsäumen das Mittelmeer, und sehr verschieden sind 
daher auch die Eignung für Siedlung und Seever- 
kehr sowie taktischer Wert. — Spaniens Küste 
innerhalb der Straße von Gibraltar ist größtenteils 
ungegliederte Längsküste, die mit den großen Hoch- 
flächen des Inneren nur wenige gute Verbindungen 
besitzt. Ostlich von der prächtigen, aber für Spanien 
durch das englische Gibraltar entwerteten Bucht von 
Algeciras verläuft das spanische Südgestade als glatte 
Steilküste, die einige kleine Abrasionsbuchten und 
Flußdeltas nur ganz unbedeutend gliedern. An einer 
stumpf einspringenden Bucht hat sich Malaga infolge 
der südlichen Fruchtbarkeit und guten Besiedlung 
seines unmittelbaren Hinterlandes zur größten See- 
stadt der Südküste (130000 Einw.) entwickelt. Der 
einfach eingerichtete Hafen ist im Schwemmland des 
Guadalmedina ausgehoben und gegen die See durch 
Molenbauten erweitert. Weiter im Osten, wo wieder- 
holt Steil- und Flachküste wechseln, biegt der Golf von 
Almeria in das Land ein. In seinem Hintergrund 
lehnt sich an eine vereinzelte Bergkette die gleich- 
namige Hafenstadt an, deren recht primitives künst. 
liches Hafenbecken der Rio de Almeria mit Versan- 
dung bedroht. Von hier ab, von Cabo de Gatabis Cabo 
de la Nao, nimmt die Küste nordöstliche Richtung 
und häufig wechselnde Beschaffenheit an. Teils findet 
sich Flachküste mit Dünenwällen, Strandseen und 
kleinen Flußdeltas, teils tritt Steilküste auf mit Ab- 
rasionsbuchten und hohen Kliffs, namentlich dort, 
wo die südspanischen Sierren gegen die Küste ausstrei- 
chen, wie bei Cabo de la Nao und Cabo de Palos, die 
beide als Halbinseln gegen das Meer vorspringen. An 
dem letztgenannten Vörgebirge bildet ein unter das 
Meer getauchtes Tälchen den einzigen guten Natur- 
hafen des mittelmeerischen Spaniens, Cartagena. Er 
wurde schon im Altertum für Kriegszwecke verwertet 
und ist auch heute einer der ersten Kriegshäfen des 
Königreiches. Er muß zugleich die überreichen Boden- 
erzeugnisse der umliegenden Huerta von Murcia und 
die Förderung des benachbarten Erzgebietes von La 
Unioͤn verfrachten und hat es daher zur Großstadt- 
größe gebracht (100 000 Einw.). Viel geringere Be- 
deutung hat der weiter nördlich davon an der 
Schwemmlandsküste ins Meer hinaus gebaute kleine 
Hafen von Alicante. 
Nördlich von Cabo de la Nao bildet die Ostküste in 
flach geschwungenem Bogen den Golf von Valencia. 
Nur im Süden, wo die ob ihrer Fruchtbarkeit be- 
rühmte, reich bewässerte Huerta von Valencia an ihn 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
herantritt, ist er von Flachküste umrahmt. Hier liegt 
wenige Kilometer vom Meere am Guadalaviar die 
Stadt Valencia (215000 Einw.). Das künstlich aus. 
gehobene einzige Becken ihrer Hafenvorstadt lonnte 
nur durch mehrere Kilometer weit in die See hinaus 
gebaute Molen mit einer geschützten Reede versehen 
und einigermaßen vor Versandung bewahrt werden. 
Nördlich von der Huerta von Valencia herrscht steile 
Längsküste, die nur an wenigen Stellen von Flach- 
küste abgelöst wird, z. B. im Delta des Ebro, dessen 
sumpfiges Schwemmland für den Verkehr gänzlich 
wertlos ist, und im Delta des Llobregat. Flachküste 
findet sich auch, wo die hinter der Küstenkette verlau- 
fende katalonische Längsmulde ans Meer tritt. Dies 
ist im Norden am Golf von Rosas der Fall, wo fernab 
von der Küste die Festung Gerona am Durchbruch. 
des Ter den Eingang verteidigt, und im Süden bei 
der Seefeste Tarragona, die nur einen kleinen künst- 
lichen Hafen besitzt. Ungefähr halbwegs zwischen 
beiden Punkten, nördlich vom Llobregat, der einen 
wichtigen Verkehrsweg nach dem Inneren Kataloniens 
bietet, erhebt sich Spaniens größte Handels- und In- 
dustriestadt, Barcelona. Die Halbmillionenstadt ist 
der Hauptort eines ansehnlichen und fruchtbaren, auch 
der Bodenschätze nicht entbehrenden Hinterlandes, 
dessen Kerngebiet die katalonische Längsmulde bildet. 
und das die Betriebsamkeit des katalonischen Stam- 
mes zur dichtestbesiedelten Landschaft Spaniens wer- 
den ließ. Auch Barcelona mußte seine Hafenbecken 
an glatter Küste erbauen und durch Molenbauten 
gegen See und Versandung schützen. Dieser über- 
blick zeigt klar, wie schmerzlich Spanien, dessen frucht- 
barste, industrie-= und volkreichste Provinzen am Mit- 
telmeer liegen, die Tatsache enipfinden muß, daß die 
herrliche Bucht von Algeciras durch das englische 
Gibraltar entwertet wird. 
Die französische Mittelmeerküste ist von ge- 
ringer Länge und teilweise auch von recht ungünstiger 
Beschaffenheit, wird aber für Frankreich wegen des 
raschen Anwachsens seines nordafrikanischen Kolonial= 
besitzes von immer größerer Bedeutung. Die ganze 
Westhälfte bis einschließlich des Deltas der Rhone ist 
flache, für den Verkehr wenig geeignete Schwemm- 
landküste, mit Dünenwällen auf der Seeseite und 
großen Strandseen (Etangs) auf der Landseite. An 
einzelne feste Punkte oder vorgeschobene Flußmün- 
dungen legen sich die Schwemmlandsbogen an. für 
die namentlich die Rhone das Material liefert. Nar- 
bonne, die antike Seestadt Narbo Martius, liegt 10 km 
von der Küste entfernt und hat seine Bedeutung seit 
langem ebenso wie Arles im Delta der Rhone ver- 
loren. Nur Cette, das sich an einen harten Kalkfelsen 
schmiegt, spielt als Seestadt noch eine kleine Rolle. 
Ostlich von der Rhone herrscht dagegen Steilküste. 
Hier ist das Meer gegen das Bergland der Provence 
vorgedrungen, teils seine Täler überspülend, teils 
durch die Brandung weichere Partien herausarbeitend. 
So entstanden hier eine ganze Reihe rundlicher Buch- 
ten verschiedenster Größe, von denen einige durch vor- 
elagerte, teilweise durch Nehrungen angeschlossene 
Insein einen besseren Schutz besitzen. Aber meist wird 
die Verbindung mit dem Hinterland durch dessen ge- 
birgige Beschaßenheit erschwert. An der westlichsten 
dieser Buchten, die noch nicht unter schlechter Verbin- 
dung leidet, ist Marseille erblüht. Durch die Größze 
seines mit dem übrigen Frankreich wohlverbundenen, 
fruchtbaren und stark bevölkerten Hinterlandes und 
die afrikanischen Beziehungen ist es die zweitgrößte
        <pb n="143" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
Stadt (550000 Einw.) und — beim völligen Fehlen 
eines Rivalen an der französischen Mittelmeerküste 
— der erste Hafen Frankreichs und des Mittelmeeres 
(Hafenverkehr etwa 16 Mill. Ton.) geworden. An 
die kleine, aber treffliche Bucht des alten Hafens, den 
vor mehr als 2600 Jahren die Phönizier mit sche#rfem 
Blick für ihre Gründung auserwählten, schließt sich 
heute eine große Reihe künstlicher Hafenbecken, die 
ein fast 5 km langer Wellenbrecher gegen die offene 
See schirmt. Marseille, das selbst Befestigungen be- 
sitzt, wird außerdem von dem nahen, an einer schönen 
Naturbucht gelegenen Kriegshafen Toulon (105000 
Einw.) beschützt. Weiter östlich treten die Alpen hart 
an die Küste heran, in die sich nur ganz kleine Buch- 
ten einkerben. Hier, an der französisch--italienischen 
Riviera, können sich keine großen Seestädte entwickeln, 
aber der Schutz des Gebirges und das rasch zu großen 
Tiefen abstürzende Meer schaffen in herrlicher Land- 
schaft ein wundervolles Klima. So sind hier eine 
Fülle klimatischer Kurorte wie San Remo, Mentone, 
Monte Carlo. Nizza entstanden, welch letzteres sogar 
zur rasch anwachsenden Großstadt (165 000 Einw.) 
eworden ist, aber nur über ein kleines künstliches 
Hofenbecken verfügt. Die benachbarte kleine Natur- 
bucht von Villefranche ist nicht ausgebaut. 
Italien wendet seine Vorderseite dem Mittel- 
meer zu, seine Rückseite der Adria. Aus Mittelmeer 
find seine Kößten und wichtigsten Landschaften ange- 
gliedert. Die westlichen zwei Drittel der Po-Ebene, des 
industriereichsten, dichtestbesiedelten Teiles Italiens, 
sind über Pässe von 470—780 m Höhe an Genua 
(270000 Einw.) angeschlossen. Durch die Alpen- 
bahnen ist es zugleich ein wichtiger Hafen Mittel- 
europas geworden. Eine prächtige, aber für den rasch 
angewachsenen Verkehr viel zu enge, durch kostspielige 
Hafenanlagen ergänzte Bucht, an die auch gegen- 
wärtig wieder neue große Hafenbecken angeschlossen 
werden, nimmt einen Handel auf, der nahezu den der 
französischen Rivalin erreicht, obgleich das westlicher 
gelegene Savona trotz seines sehr viel lleineren und 
primitiveren Hafens einen nicht unbeträchtlichen Teil 
des Handels an sich zieht. Der Gebirgswall, der 
Genuas Hinterland von der Küste trennt, war ihm 
ein wertvoller Schutz vor den politischen Händeln 
Italiens, als die Kreuzzugbewegung seine erste herr- 
liche Blüte und seine Seeherrschaft zur Entwicklung 
brachte. Wie Marseille durch Toulon, so wird das von 
zahlreichen Forts umgebene Genua noch durch den am 
Ostende der Riviera an trefflicher Naturbucht erbauten 
Kriegshafen Spezia geschützt. Auch die großen mittel- 
italienischen Flußgebiete des Arnos und des Tibers, 
mit fruchtbaren, allerdings nur im Norden dichter be- 
siedelten Gefilden, öffnen sichzum Mittelmeer. Die Küste 
ist allerdings auf dieser ganzen Strecke außerordentlich 
ungünstig; flache, sieberschwangere Schwemmland- 
bogen, die sich an landfestgewordene hohe Inseln, vor- 
springende Bergzüge oder vorgeschobene Flußmün- 
dungen anlehnen, geben ihr das Gepräge. Die klei- 
nen künstlichen Häfen unterliegen der: ersandung. 
Die mittelalterliche Handelsstadt Pisa am Arno, die 
einstens mit Genua und Venedig rivalisierte, wurde 
nicht nur durch politische Kämpfe, sondern noch mehr 
durch den Fluß um ihre Blüte gebracht; sie liegt heute 
mehr als 10 km vom Meere. Südlich davon erhebt 
sich die moderne Seestadt Toskanas, Livorno (105000 
Einw.), durch die Nähe von Spezia einigermaßen ge- 
sichert. Aber die kleinen Hafenbecken und die durch 
Wellenbrecher geschützte Reede genügen nur bescheide- 
121 
nen Anforderungen. Italiens Hauptstadt, Rom, ver- 
mag sich im Tiberdelta keinen Seehafen offen zu hal- 
ten. Das antike Ostia liegt jetzt 6 km landeinwärts. 
Günstiger gestaltet sind die mittelmeerischen Küsten 
Süditaliens und Siziliens, wenngleich auf beträcht- 
liche Strecken glatte, unnahbare Steilkliste herrscht. 
Allerdingsliegen gerade hier trotz üppigster Fruchtbar- 
keit und der reichen Schwefel= und Asphaltgruben Sizi- 
liens die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr danieder. 
Erdbeben. Malaria und ungesunde Agrarverhältnisse 
haben eine starke Auswanderung hervorgerufen und 
namentlich das Hinterland des Golfes von Tarent, die 
Basilicata, stark entvölkert. Die besten natürlichen Be- 
dingungen gewährt unter den gegenwärtigen Ver- 
hältnissen der Golf von Neapel. Er ist ziemlich tief 
in das Land eingeschnitten, durch die Inseln Procida, 
Ischia und Capri noch etwas besser geschützt. von 
einem weiten, durch vulkanische Bodenbedeckung 
wunderbar befruchteten Hinterland umgeben. das 
zum Teil mehr als 1000 Menschen auf 1 qkm bewohnen 
und das in bequemer Verbindung mit der hafenlosen 
römischen Landschaft steht. Hier erwuchs an herrlicher 
Naturbucht im Altertum Puteoli und der römische 
Kriegshafen Misenum, hier entwickelte sich in einem 
Kreis großer Siedlungen Neapel mit ¾ Mill. Einw. 
zur größten Stadt Italiens. Sein Schiffsverkehr ist 
noch größer als der von Genua, der Warenumschlag 
allerdings nur ein Drittel so groß. Der Passagever- 
kehr gibt dem ebenfalls durh große Wellenbrecher 
beschirmten Hafen sein Gepräge, darum ist er auch 
lange nicht so ausgebaut wie der von Genua. Neapel 
ist selbst Kriegshafen und wird von Süden her noch 
durch Castellamare geschützt. Doch liegen diese Kriegs- 
häfen offen vor dem Feinde da. Der südlich unmit- 
telbar anschließende Golf von Salerno mit der gleich- 
namigen, im Mittelalter berühmten Stadt sei in 
zweiter Linie genannt. Die drei Großstädte Sizi- 
liens. Palermo (340000 Einw.), an einer rundlichen 
Bucht der Nordküste, Catania (210000 Einw.). offen 
im Osten, und Messina (125000 Einw.), geschützter 
an der Straße von Messina gelegen, halten im Han- 
delsverkehr einander ungefähr das Gleichgewicht. 
Palermo verdankt, wie Neapel, viel dem Fremden- 
verkehr, Messina der Lage an der Meerenge und Ca- 
tania der fruchtbaren umgebung des Atna. Der 
Ausbau dieser Häfen, die sich im Altertum an ganz 
kleine Buchten knüpften, läst viel zu wünschen übrig. 
Das ankike Syrakus mit einem guten Naturhafen 
hat nur noch geringere Bedeutung. Die ionischen 
Küsten Süditaliens und Siziliens werden von dem 
an schöner Naturbucht viel zu weit nach innen ge- 
legenen Kriegshafen Tarent nur ungenügend geschüßt, 
wohl aber von dem englischen Malta beherrscht. 
Die adriatische Mucseite Italiens, zu der 
nur eine schmale, aber dicht bevölkerte Zone Mittel- 
und Süditaliens entwässert und wirtschaftsgeogra- 
phisch auch von Oberitalien nur das östliche Drittel 
hingezogen wird, beherbergt von den 13 Großstädten 
Italiens nur drei, und auch sie stagnieren. Die Ur- 
sache liegt nicht nur in der geringeren Größe des 
Wirtschaftsgebietes, in der dünnen Besiedlung der 
Gegengestade und der Ungunst der Küste, die im 
Norden im Bereich der Alpenflüsse veränderliches 
Schwemmland mit rasch anwachsenden Deltas und 
seichten Lagunen, weiter nach Süden eine glatte, ha- 
senlose Längsküste ist, sondern auch in der füdöstlichen 
Erstreckung der Adria, die bei jedem Verkehr durch die 
Straße von Gibraltar zu sehr großem Umweg zwingt,
        <pb n="144" />
        122 
während die tyrrhenischen Häfen für beide Richtungen 
gleichbegünstigt sind. So treffen wir an bedeutende- 
ren Häfen nur Venedig (160 000 Einw.) im Norden, 
dessen Lagune durch Ablenkung der Brenta vor Ver- 
saudung bewahrt wurde, während die übrigen alten 
Städte, wie erwähnt, schon längst dem Meere entrückt 
sind. Alle Baggerungen und Kunstbauten vermögen 
ihm den alten Glanz nicht wiederzugeben, der seit 
Entwicklung des atlantischen Verkehrs für immer ver- 
blaßt ist. Doch sein Aufblühen im Mittelalter förderte 
die Lagune, denn sie bewahrte die Stadt vor den poli- 
tischen Wirren des Festlandes und der Dünenwall 
hinderte den Angriff von der Seeseite. So ist Venedig 
auch heute Kriegshafen. Mit dem fruchtbaren, indu- 
striellen Venetien als Hinterland und als vielbesuchte 
Fremdenstadt ist es außerdem der dritte Handelshafen 
des Königreiches. Auf der Höhe von Livorno lehnt 
sich an einen der Küste angegliederten Kalkfels der 
Kriegshafen Ancona; dagegen weist das junge 
Schwemmland beiderseits des stumpf vorspringenden 
Monte Gargano keinen größeren Hafen auf. Erst 
an der steil abbrechenden Kreidetafel Apuliens treffen 
wir wieder größere Häfen, allerdings an glattem 
Strande, z. B. Bari (105000 Einw.), Barletta und 
Molfetta. Der einzige natürliche, aber sehr engräu- 
mige Hafen, der Kriegslafen Brindisi, an der Straße 
von Otranto, wurde bereits (S. 118) erwähnt. 
Die österreichisch-ungarische Adriaküste 
hat nur mit den Ablagerungen des Isonzos, in deren 
Bereich auch die Lagunen von Grado liegen, Anteil 
an dem nordadriatischen Schwemmland. Während 
sich auf der italienischen Seite von Rimini bis zur 
apulischen „Kreidetafel eine gehobene Flachküste an- 
schließt, wird die österreichische Seite von Duino am 
Nordende des Golfes von Triest bis zur Südspitze 
Dalmatiens von einer gesunkenen Steilküste beherrscht. 
Die äußeren Ketten des Karstes sind unter das Meer 
getaucht und in mehrere Züge langgestreckter Inseln 
aufgelöst, zwischen denen sich tiefe Meereskanäle er- 
strecken. Die Gruppe der norddalmatinischen Inseln, 
die den Quarnero erfüllt, folgt dem Verlaufe der Küste, 
die süddalmatinischen streben in flachem Bogen von 
der Küste ab und ihre äußersten kleinen Ausläufer 
nähern sich dem italienischen Gestade. Hinter diesem 
Inselschleier steigt auf lange Strecken eine unnahbare 
Längsküste zu großen Höhen empor: Hochkroatien 
fällt mit dem fast 1800 m hohen Velebitgebirge un- 
vermittelt zum Quarnero, Mitteldalmatien sinkt mit 
der ebenso hohen Mosor- und Biokovo Planina steil 
zu den Kanälen hinter den süddalmatinischen Inseln 
ab. Nur in Norddalmatien und auf der Halbinsel 
Istrien, die pultförmig nach Westen abdacht, legen 
sich niedrigere Flächen dem hohen Hinterlande vor, bae 
an der Rückseite des Golfes von Triest abermals ans 
Meer tritt. Ein schmaler sanfterer Sandsteinstreifen 
vor den steileren Höhen des Kalkes hat hier Raum 
für Triest (230 000 Einw.) gegeben, und ebenso knüpft 
sich Fiume an eine schmale, durch ein Flüßchen belebte 
Sandsteinmulde, dievon der Quarneroküste geschnitten 
wird. Hier wie dort bergen sich die künstlichen Becken 
der gut ausgebauten Häfen hinter mächtigen Wellen- 
brechern. Durchneuegewaltigederartige Bauten wurde 
die ganze Bucht von Muggia in den Triester Hafen- 
bereich einbezogen. An das schmale niedere Vorland 
halten sich die italienischen Siedlungen, ohne es aber 
im entferntesten zu füllen. Schwalbennestern gleich kle- 
ben sie an der Wasserkante, Üüberall nur die schwache 
Minderheit der Landesbevölkerung, in Dalmatien nur 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
2 Proz. derselben, worauf Italien seinen Anspruch 
baut, daß Land und Meer sein eigen (mare nostroz) 
sein müßten. Das wirtschaftlich wertvollere Vorland 
ist schmal, das 8 verkarstete Hinterland steril, die 
Verbindungen sind schlecht und nicht ausgebaut. Es 
gibt keine vurchgehende Längsbahn, und zwischen 
iume und der Narenta quert auf 350 km Luftlinie 
kein Schienenweg das Land. Die Bahnen von Triest 
und Fiume müssen angesichts des Meeres Hunderte 
von Metern emporsteigen, die schmalspurige Narenta- 
bahn muß das schwierige Durchbruchstal dieses Flus- 
ses benutzen und auf der Wasserscheide noch auf fast 
900 m ansteigen. Diesschafftnicht nur Nachteile für die 
Landesverteidigung, sondern auch für die Wirtschaft 
der Küstenländer. Die Bevölkerung ist, abgesehen 
vom Triester Golf, dünn, die Siedlungen sind klein. 
Um so günstiger liegen die Verhältnisse für die Ver- 
teidigung zur See. Der Inselschleier ermöglicht es. 
die Flotte oder Flottenteile uneingesehen vom Feinde 
entlang der Küste zu verschieben; die untergetauchten, 
vielfach durch vorgelagerte Inselchen und schmale Ein- 
gänge geschützten Täler und Gebirgsmulden sind 
treffliche Kriegshäfen. So liegt Pola an der Südspitze 
Istriens, beschützt dieses niedrige Land, flankiert in 
gleicher Weise die Einfahrt nach Triest wie nach Fiume. 
o liegt Bucari im Quarnero, und in ähnlicher Lage 
schützt Sebenico Norddalmatien. Einen unvergleich- 
lichen Kriegshafen bildet ganz im Süden die große, 
aus einem System untergetauchter Längs= und Quer- 
täler zusammengesetzte, von Franzosen und Montene- 
geinern mehrmals vergeblich angegriffene Bucht von 
attaro, allerdings erst zu vollem Wert seit Erstür- 
mung des montenegrinischen Loveen (1760 m) er- 
wachfen, der sie von Südosten beherrscht, während sie 
von Nordwesten der herzegowinische Orjen (1895 m) 
flankiert. Diese Tatsachen ermöglichen die rfolgreiche 
Verteidigung der langgestreckten Küste gegen einen zur 
See weit überlegenen Gegner, der, 17 genügende 
Stützpunkte auf der italienischen Seite, einen außer- 
ordentlich langen und gefährlichen Flankenmarsch aus- 
führen müßte, um die wichtigen Plätze am Nordende 
zu erreichen. Er hat es auch gar nicht versucht, und 
Seeangriffe auf Triest und Fiume sind unterblieben, 
nur Lissa, Ragusa und Cattaro wurden beschossen. Da- 
gegen hat die österreichisch-ungarische Flotte von ihren 
F#e#ichen, ilber die ganze Küste verteilten Stützpunkten 
aus wiederholte Streifzüge gegen italienische Küsten- 
plätze von Venedig bis Otranto unternommen, so- 
ar die Kriegshäfen mehrmals beschossen und wieder- 
or die hart am Meere entlang geführte Hauptbahn- 
linie Rimini-Brindisi unterbrochen. Auf dem Lande 
steht die italienische Front trotz zweijährigen Kampfes 
noch ungefähr am selben Platze, nämlich dort, wo an 
der Linie Duino-Görz-Tolmein mit dem Steilabfall 
des Karstes die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen. 
Montenegro wird durch den süddalmatinischen 
Küstenstreifen fast ganz vom Meere adgeschnitten und 
gbt nur zwischen dem österreichischen Spizza und der 
rinmünduug einen kleinen Küstenanteil mit den 
offenen Reeden von Antivari und Dulcigno. Sein 
natürlicher Ausgang zum Meere führt übrigens nicht 
über österreichisches Gebiet, sondern über die Niede- 
rung des Skutarisee nach dem albanischen Dringolfe. 
Das im Anschluß an die Balkankriege gegründete 
Fürstentum Albanien umsäumt endlich das letzte, 
südlich gerichtete Stück der adriatischen Ostküste vom 
Dringolfe bis zur Straße von Otranto und die ionische 
Küste bis Korfu und umfaßt das zugehörige Hinter-
        <pb n="145" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
land, allerdings ohne diehydrographischen und ethno- 
graphischen Grenzen überall zu erreichen. Die Küste 
schneidet hier unter spitzem Winkel die dinarischen 
Ketten, deren kliffumsäumte Enden Vorgebirge bilden, 
zwischen denen das Meer aus den Aufschüttungen 
der Flüsse flache Schwemmlandbogen mit Strand- 
seen geformt hat. Außer der schönen Bucht von Va- 
lona, deren Hintergrund ein kräftigerer Fluß fehlt, 
gibt es keinen gulen Hafen. Die Verbindung mit dem 
weiteren Hinterlande ist schlecht. In Nordalbanien 
kann das enge, tiefe Durchbruchstal des Drin nur 
auf kurze Strecken von dem unbequemen Verkehrs- 
weg benutzt werden, der vom Amselfeld (Altserbien) 
zum Dringolf zieht, die alte Via Egnatia Südalba- 
niens, die von Durazzo über die mazedonischen Seen 
und Monastir nach Saloniki zieht, kann zwar das 
Quertal des Skumbi verfolgen, muß aber dreimal 
zu großen Paßhöhen ansteigen. Der schweren Zu- 
gänglichkeit von See aus und den schlechten Hinter- 
landsverbindungen danken die freiheitsliebenden, tap- 
feren Albaner von jeher den geringen Einfluß jeder 
Fremdherrschaft, aber auch ihre kulturelle Rückständig- 
keit. Wie Montenegro so ist auch fast Cam Albanien 
heute von Österreich-Ungarn durch Einmarsch von 
Norden her besetzt und die Italiener sind bis zur 
Vojusa zurückgedrängt, halten allerdings auch die 
wichtige Bucht von Valona. 
Den schmalen Südteil der Balkanhalbinsel nimmt 
Griechenland ein. Durch den Krieg mit der Tür- 
kei (1897) hatte es seine ionische Grenze über Süd- 
epirus bis nach Korfu vorgeschoben; während des ge- 
genwärtigen Krieges hat es auch Nordepirus besetzt 
und ist dadurch wiederholt in Konflikt mit Italien ge- 
raten, dem es ein Mitbewerber im Mittelmeer zu wer- 
den droht. Die Balkankriege haben ihm das südliche 
Mazedonien und damit eine Erweiterung seines 
ägäischen Küstenbesitzes bis zur Mündung der Mesta 
gegenüber der Insel Thasos gebracht. Dadurch ist 
es Herr des wichtigen Saloniki geworden (vgl. S. 118; 
175000 Einw., über die Hälfte Spaniolen), das im 
Hintergrunde des gleichnamigen Golfes in frucht- 
barer Umgebung, aber abseits der Anschwemmungen 
des Wardar liegt und die Wege nach der Donau und 
zur Adria in seiner Hand hält. Griechenland hat 
damals auch die reichgegliederte Halbinsel Chalkidile 
und die Buchten von Orfani und Kawalla erhalten; 
letztere ist durch die Insel Thasos geschützt und neben 
Saloniki der beste Hafen an der Nordküste des Agi- 
schen Meeres. Alt-Griechenland it vorwiegend von 
Steilküsten umrahmt; ihre reiche Gliederung ist aus 
dem llassischen Unterricht geläufig. Einbrüche der 
Erdkruste haben hervorragenden Anteil daran. Sie 
haben die nach Kleinasien hinüberstreichenden Ketten 
quer abgeschnitten und dadurch namentlich auf der 
ägäischen Seite die griechischen Landschaften überall 
mit dem Meere in Beziehung gesetzt, während die 
ionische Seite dem Streichen der dinarischen Ketten 
ungefähr parallel läuft und daher gegen die See viel 
abgeschlossener ist. Allerdings durchdringt gerade 
von hier aus der Golf von Patras und Korinth fast 
das ganze Land, und an ihm liegt auch die zweite See- 
stadt des Landes, Patras, deren künstlicher Hafen 
vorwiegend Korinthen verfrachtet. Aber im Osten 
lag von jeher das Schwergewicht Griechenlands, liegt 
auch heute seine Hauptstadt Athen, ungefähr im Mittel- 
punkt des griechischen Sprachgebietes, das die Küsten 
und Inseln der Agäis umfaßt, und an jener vielbenutz- 
ten Schiffahrtsstraße des Altertums, die unter Be- 
123 
nutzung der Sporaden und Zykladen von Vorderasien 
kam und über die Golfe von Agina und Korinth nach 
Westen zog, da der Weg um das stürmische Südende 
des Peloponnes tunlichst vermieden wurde. Mit sei- 
nem Hafen Piräus, der eine lleine, aber prächtige 
Naturbucht umrahmt, zählt die Stadt 270000 Einw. 
In dem gegenwärtigen Kriege hat Griechenland 
schwer unter der Vergewaltigung durch die Entente 
u leiden, die wichtige Teile griechischen Bodens be- 
sett und die Teilnahme des Landes am Kriege er- 
zwungen hat. Denn Griechenland ist durch den Mangel 
an Nahrungsmitteln, Kohle und Eisen, durch seinen 
Inselbesitz und die reiche Gliederung des Hauptlandes, 
das die Mehrzahl der größeren Siedlungen samt der 
Hauptstadt der Drohung feindlicher Schiffskanonen 
aussetzt, gegenüber Bedrückungen durch einen see- 
beherrschenden Gegner in übler Lage. Den Verkehr 
mit einem Hauptteil des Landes, dem 22000 qkm 
großen Peloponnes, vermag eine übermächtige feind- 
liche Flotte völlig zu verhindern. 
Durch die Balkankriege hat auch Bulgarien einen 
Ausgang zum Agäischen Meer erhalten, der die Küste 
zwischen den Mündungen der Mesta und Maritza 
umfaßt, wo der kurze türkische Küstenstreifen bis zur 
Südspitze von Gallipoli anschließt. Der bulgarische 
Anteil an der Agäis ist verhältnismäßig schmal, in 
der Nähe der Flüsse durch Anschwemmungen wert- 
los und auch im mittleren Teil glatt und hafenlos. 
Dede Agatsch, das entlang der Noriga Eisenbahn- 
anschluß an die Linie Berlin-Konstantinopel und 
westlich nach Saloniki besitzt, hat nur eine offene 
Reede, die Bucht von Porto Lagos ist sehr seicht. 
Ebenfalls kurz, doch günstiger ausgestaltet ist die 
Küste Bulgariens am Schwarzen Meere; denn hier 
dringt beiderseits des Vorgebirges Emine Burun, 
an dem die Ketten des Balkans vom Meere abgeschnit- 
ten werden, die See in die Niederungen und Täler 
des Landes ein und bildet im Süden die rundliche 
Bucht von Burgas, im Norden den kleineren Ein- 
schnitt von Warna. Zwar leidet auch diese Küste unter 
Versandung. aber die Verbindung mit demdurch Bah- 
nen angeschlossenen Hinterlande ist vorzüglich, da die 
beiden großen bulgarischen Landschaften, Ostrumelien 
und Altbulgarien, zum Schwarzen Meere ausstreichen. 
Die wiederholte Beschießung der gut befestigten Häfen 
Burgas und Warna durch die russische Flotte hatte 
bisher ebensowenig Erfolg, wie das mehrmalige Bom- 
bardement der ägäischen Häten durch die Engländer. 
Rumäniens Küste umfaßt das sumpfige Donau- 
delta und die Gestade der aus festen Gesteinen auf- 
ebauten, höheren Dobrudscha. Im zweiten Balkan- 
rieg hat es auf Kosten Bulgariens seinen Meeres- 
anteil um mehr als 80 km ausgedehnt. Die Küste 
ist allerdings auch heute noch im Verhältnis zur Fläche 
des Landes klein und außerdem sehr ungünstig ge- 
staltet, denn die an ihr entlang wandernden Donau- 
sedimente verschließen alle Zugänge durch langgezo- 
gene Strandwälle, hinter denen große Strandseen 
angestaut sind. Das befestigte Konstanza, der einzige 
Hafenplatz von Bedeutung, verfügte ursprünglich bloß 
über eine flache Bucht und mußte mit großen Kosten 
ausgebaut werden. Seine Bedeutung beruht auf seiner 
vorzüglichen Verbindung mit dem an Getreide und 
Petroleum reichen walachischen Hinterlande. Sie 
benutzt eine die Dobrudscha querende Tiefenlinie, die 
schon im Altertum zur Anlage der Trajanswälle 
Veranlassung gab und heute einen Schienenweg trägt. 
Bei Tschernawoda erreicht sie die Donau und über-
        <pb n="146" />
        124 
schreitet sie auf der einzigen Brücke, die diesen Strom 
unterhalb von Belgrad quert. Darum wardieser feld- 
mäßig ausgebauten Linie auch im gegenwärtigen 
Krieg eine bedeutsame Rolle zugedacht. aber rasch 
brach sich die russisch-rumänische Verteidigung an dem 
Ungestüm der Angreifer, und damit fielen auch Kon- 
stanza und die ganze Dobrudscha in die Hände 
Mackensens. 
Rumäniens Beziehung zum Meere wird dadurch 
wesentlich verbessert, daß es in der durch eine inter- 
nationale Kommission wohl regulierten unteren 
Donau den am weitesten stromaufwärts befahrbaren 
Strom des Mittelmeergebietes besz. Allerdings wird 
der Wert der unteren Donau für Rumänien dadurch 
wesentlich herabgesetzt, daß die Großmacht Rußland 
mit dem 1878 Rumänien entrissenen Beßarabien 
das Nordufer des Stromes bis zur Mündung des 
Pruth beherrscht. Etwas oberhalb dieser Stelle liegen 
dort, wo beiderseits der Serethmündung festes Land 
von links her an den Strom tritt, die einst gegen die 
russische Gefahr stark befestigten, mit trefflichen Hafen- 
und Speicheranlagen ausgestatteten rumänischen 
Donauplätze: Galatz, der Hafen der Moldau, Bräila, 
der Hafen der Walachei. Zwischen beiden Städten und 
weiter an der ausgezeichneten Verteidigungslinie des 
Sereth entlang, der die beiden Landschaften scheidet, 
verläuft seit dem Herbst 1916 die Front. Weiter nach 
Osten folgt sie dem steilen Nordabfall der Dobrudscha. 
egen den Donaustrom, den die Befestigungen von 
dacin, Isaccea und Tulcea bewachen, während auf 
der russischen Seite Ismas liegt. 
Rußlands Küsten umrahmen das Schwarze 
Meer im Norden. Das niedrige, flache Land rings 
um die Bucht von Odessa und am Asowschen Meer 
ist gesunken, und die Unterläufe der zahlreichen hier 
mündenden Flüsse wurden in schlauchförmige, meist 
seichte Buchten, Limane, verwandelt. Nur die wasser- 
reichsten Ströme vermochten ihre Mündung offen zu 
halten, die anderen wurden von Nehrungen geschlos- 
sen und in Salzseen verwandelt. Die Limane und 
die oft weit in die See hinausgebauten, bis über 
100 km langen Nehrungen sind die vornehmlichsten 
Kennzeichen dieser Küste. Die Hafenverhältnisse sind 
daher nicht besonders günstig, aber der Handelsver- 
kehr ist sehr bedeutend, da von hier aus die reichen 
Getreideernten Südrußlands sowie Eisenerze und 
Kohlen des Dongebietes verfrachtet werden. Die Aus- 
fuhr übertrifft weitaus die Einfuhr. Am Nordwest- 
ende der Bucht von Odessa liegt an einer flachen, durch 
kostspielige Molenbauten zum Hafen umgewandelten 
Bai vas erst 1794 gegründete Odessa (620000 Einw.), 
in freilich weitem Abstande von Riga die zweite 
Handelsstadt des russischen Reiches, die auch über 
größere industrielle Unternehmungen verfügt. Ihr 
egenüber öffnet sich der stark befestigte Liman des 
njepr, der den schmalen, aber tiefen Bugliman mit 
dem Hauptkriegshafen Rußlands am Schwarzen 
Meer, Nikolajew (100000 Einw.), aufnimmt. JFast 
50 Seemeilen von der offenen See entfernt, ist Niko- 
lajew selbst gegen Seeangriffe geborgen und schützt 
zugleich das offen gelegene Odessa. Esistebenso wie die 
rasch wachsende Handelsstadt Cherson am Unterlauf 
des Dujepr eine Gründung vom Ende des 18. Jahr- 
hunderts, hat bedeutende Werften und steht in der 
Getreideausfuhr Odessa am nächsten. Das ältere 
Akkerman am seichten Liman des Dnjestr konnte dieser 
Entwicklung nicht folgen. Im Asowschen Meere, dessen 
schmalen Eingang die Festungswerke der Hafen- und 
4U— 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Fischereistadt Kertsch verteidigen, liegen eine Reihe 
mittlerer Handelsplätze (Mariupol, Jeisk, Berdjaust), 
im Nordostzipfel die größte, Taganrog, der Vorhafen 
von Rostow am Unterlauf des Don (170000 Einw.), 
das auch Werften und sonstige lebhafte Industrie be- 
sitzt. Nur von kleinen Brandungsbuchten zernagte 
Steilküste begleitet dagegen den Abfall des 1500 m 
hohen Jailagebirges auf der Südostseite der Krim. 
Hier liegen im Schutz des Gebirges Rußlands klima- 
tische Kurorte (Jalta, Livadia u. a.), gegen Osten der 
Handelshafen Feodosia, am Südende der Halbinsel 
Festung und Kriegshafen Sebastopol, nach der Lage 
und Schönheit seiner tief eindringenden Bucht mit 
Pola vergleichbar. Mit einer glatten Steilküste fällt 
jenseits der Straße von Kertsch und der Kubanmün- 
dung der Kaukasus zum Meere ab, der sich im Süd- 
osten angesichts des Meeres zu 4000 m hohen gletscher- 
bedeckten Höhen erhebt. Nur im Nordwesten ist die 
kleine Bucht von Noworossijsk eingeschnitten und steht 
durch eine von der Bahn benutzten Lücke in dem noch. 
niedrigen Gebirge mit dem Hinterlande in Verbin- 
dung. Aber der Hafen ist wegen seiner eisigen winter- 
lichen Fallwindeberüchtigt. Am Ostendedes Schwarzen 
Meeres haben in dem Dreieck zwischen Kaukasus und 
dem Hochlande von Armenien die kleinen, aber wasser- 
reichen Flüsse eine fruchtbare, aber fieberschwangere 
Niederung aufgeschüttet, die infolge des Gebirgs- 
schutzes fast subtropisches Klima genießt. Die be- 
festigten Hauptorte der glatten Küste Suchum, Poti 
und Batum sind aber klein geblieben. 
Kein Mittelmeerstaat hat einen so großen Küsten- 
besitz wie die Türkei. Ihr gehört mit Kleinasien 
die ganze Südküste des Schwarzen Meeres, eine fast 
ungegliederte Längsküste, die bloß durch einige Ueine 
Küstenvorsprünge und die vorgeschobenen Deltas des 
Kisil Irmak und Jeschil Irmak unterbrochen ist. Sie 
steht über die hohen, bewaldeten Küstenketten hinweg, 
die von den Flüssen in engen Schluchten durchbrochen 
werden, mit dem Inneren nur in sehr schlechter Ver- 
bindung. An offener Reede erhebt sich im östlichen 
Drittel der wichtigste Hafenplatz, Trapezunt. Zu 
seinem Hinterlande gehören Türkisch-Armenien und 
Nordwestpersien, mit denen es durch wichtige Kara- 
wanenstraßen (Erzerum-Täbris) verknüpft ist. Viel 
unbedeutender sind Riza, Kerason, Samsun u. a. 
sowie das auf einer Halbinsel in der Mitte der Küste 
gelegene Sinob und Benderegli im Westen, in dessen 
dähe, unmittelbar am Meere, die wichtigsten Stein- 
kohlengruben der Türkei sich befinden. So schutztlos 
diese Küstenstädte feindlichen Flottenangriffen aus- 
gesetzt sind, zumal auch der Küste entlang ein leistungs. 
fähiger Verkehrsweg fehlt, so schwierig wäre ander- 
seits ein Vordringen von dieser Küste aus gegen das 
Innere. So haben denn auch die Russen, die mit 
ihrer überlegenen Flotte trotz der kühnen, gegen Odessa, 
Sebastopol, Feodosia, Noworossiisk und Batum ge- 
richteten Vorstöße von „Goebene und „Breslau= die 
Seeherrschaft im Schwarzen Meer erlangt haben, nur 
elegentlich einige türkische Seestädte beschossen. Den 
Einmarsch nach Kleinasien haben sie aber zu Lande 
versucht, wo sie auch Trapezunt und Erzerum in ihre 
Gewalt zu bringen, aber aus dem armenischen Hoch- 
lande bisher nicht herauszutreten vermochten. — Zwi- 
schen die Nord= und Westküste Kleinasiens schaltet sich 
das Meerengengebiet mit dem tief eingebrochenen 
und gut gegliederten Marmarameer ein, das seit den 
Balkankriegen auf der europäischen Seite nur mehr 
von einem kleinen Reste türkischen Gebietes — dem
        <pb n="147" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
Wilajet Adrianopel östlich von der Maritza — um- 
geben ist. Zahlreiche kleine Seestädte beleben seine 
Gestade, darunter am Nordufer des Marmarameeres 
Rodosto, am inneren Dardanelleneingang der Kriegs- 
hafen Gallipoli, am Südufer Mudania, der Hafen 
von Brussa, Ismid u. a. Am Eingange des Bospo- 
rus vom Marmarameere her, auf der Halbinsel, die 
auf der europäischen Seite durch das untergetauchte 
Tal des Goldenen Horns abgegliedert wird, erhebt 
sich an Stelle des alten I#anz die Millionenstadt 
Konstantinopel, jenseits des Goldenen Horns von den 
Städten Galata und Pera, auf der asiatischen Bos- 
porusseite von Skutari umgeben, in großartiger, 
schon oben (S. 118) gewürdigter Weltlage. Die 
Hauptstadt der Türkei ist auch ihre größte Hondels- 
stadt. über 20000 Schiffe von fast 20 Millionen Ton- 
nen verkehren jährlich im Goldenen Horn, der treff- 
lichen, von den heftigen Strömungen des Bosporus 
verschonten, aber leider der Handelsanlagen fastvöllig 
entbehrenden Hafenbucht Konstantinopels. — Wie 
Griechenland so ist auch Kleinasien zur Agäis geöffnet, 
und darauf beruhen die seit dem Altertum andauern- 
den Beziehungen der beiden Länder. Zur Westküste 
Kleinasiens steigt man von den Hochflächen des 
Inneren bequem herunter, zu ihr wendensich größere, 
an breite Grabenbrüche geknüpfte Flüsse, deren frucht- 
bare Ebenen eine dichte, mit Landbau und Teppich- 
knüpferei emsig beschäftigte Bevölkerung beherbergen. 
Als Querküste ist sie recht reich gegliedert und außer- 
dem durch vorgelagerte Inseln geschützt. Im Alter- 
tum blühten hier eine ganze Reihe von Städten. Im 
Norden bewachten Troja und später Alexandria Troas 
die Dardanelleneinfahrt, im Süden beherrschten, auf 
weit vorgeschobenen Halbinseln, Halikarnassos und 
Cnidos die lebhafte Küstenschiffahrt, die damals zwi- 
schen Küste und Inseln hindurch von Syrien nach 
dem Norden ging; darum erwuchsen auch die Haupt- 
orte der Inseln (Mytilene, Chios, Samos, Cos, 
Rhodos) an ihrer Innenseite, darum suchten auch 
die Seestädte, die ihre Entwicklung den großen Fluß- 
ebenen und der Beziehung zum weiteren Hinterlande 
verdankten, tunlichst Landvorsprünge auf, so Cyme 
und Phocaea im Hermusgebiet und Miletus im Ge- 
biet des Mäander. Trotzdem ist des letzteren Blüte 
durch die Anschwemmungen des Flusses ebenso ver- 
nichtet worden wie die des weiter einwärts gelegenen 
Ephesus durch die Sedimente des Cayster. Heute, 
wo die Wege der Kleinschiffahrt verlassen sind, die 
Großschiffahrt nur weniger, aber um so besser aus- 
gerüsteter Stützpunkte bedarf, hat allein Smyrna 
(275000 Einw.) Bedeutung. Es liegt im innersten 
Winkel eines prächtigen Golfes, den die Ablenkung 
des Hermus bisher vor der Zuschüttung bewahrte und 
Sperrforts vor seindlichen Flottenangriffen schützen. 
Die Stellung der Stadt wird noch dadurch gestärkt, 
daß sie der Endpunkt eines Bahnnetzes ist, das sie mit 
den drei großen Flußebenen und mit der Anatolischen 
Bahn (bei Afiun Karahissar) verbindet. Smyrna 
ist so die zweite Seestadt des türkischen Reiches gewor- 
den; sein von einem mächtigen Wellenbrecher geschirm- 
ter Hafen ist klein und ungenügend ausgebaut. — Die 
Südküste Kleinasiens ist wie die Nordküste vor- 
wiegend steile Längsküste mit schmalem Hinterlande 
und schlechter Verbindung nach dem Inneren, aber 
reich an Schlupfwinkeln für Seeräuber, die seit dem 
Altertum hier immer wieder ihr Unwesen trieben. 
Doch dringt im Westen der Golf von Adalia mit der 
gleichnamigen Seestadt stumpf ein, im Osten bauen 
125 
Seihun und Dschihan die weite Deltaebene von 
Adana vor, die durch die cilicische Pforte Verbindung 
mit dem Hinterlande besitzt. Sie weist ebenso wie die 
Flußebenen Westkleinasiens lebhaften, aber noch star- 
ker Ausdehnung fähigen Baumwollenbau auf und 
wird von der Baghdadbahngeschnitten, die von Adana 
eine Seitenlinie nach dem an offener Reede erbauten 
Hafenplatz Mersina entsendet. — In scharfem Winkel 
biegt die Küste nach Süden um, den Golf von Isken- 
derun (Alexandrette) bildend. Auch die syrische 
Küste ist eine Längsküste, die nur kleine, von der 
Wucht der Brandung geschaffene Kerben unbedeutend 
gliedern. Vorgelagerte, landfest gewordene Insel- 
chen verbessern hier und da den Schutz dieser winzigen 
Buchten. Steil ist die Küste in den zwei nördlichen 
Dritteln, vollkommen glatt, sandig und flach im süd- 
lichen Drittel, in Palästina. Bei dieser gleichmäßigen 
Ungunst der Taturderhältnisse hat sich im Laufe der 
Geschichte die Lage der vom Verkehr bevorzugten Ha- 
fenplätze häufig verschoben, da nicht die Natur, son- 
dern die politischen und Verkehrsverhältnisse des Hin- 
terlandes den Ausschlag gaben. Ein schmaler Küsten- 
streifen ist namentlich in Mittelsyrien, hinter dem 
er Libanon auf mehr als 3000 m ansteigt und zahl- 
reiche Flüßchen zum Meere entsendet, sehr fruchtbar 
und äußerst dicht bevölkert. Fruchtbar ist auch der 
der Küste parallel ziehende Syrische Graben, den 
Jordan, Nahr el Litani und Nahr el Asi bewässern 
und namentlich das teilweise durch vulkanischen Bo- 
den ausgezeichnete übergangsgebiet zur Syrischen 
Steppe und Wüste, das die durch die Mekkabahn ver- 
bundene Städtereihe Haleb (das alte Aleppo, 160000 
Einw.), Hama, Homs und Damaskus (200000 Einw.) 
bezeichnet. Syrien erhält aber seine Bedeutung nicht 
nur durch den einer starken Erweiterung fähigen 
Landbau, sondern auch durchdiewichtigen Karawanen- 
straßen, die von hier nach Mesopotamien führen. Die 
nördliche sehr kurze Hauptstraße quert bei Haleb die 
Mekkabahn und erreicht durch einen der nordsyrischen 
Pässe bei Iskenderun, das lebhaften Schiffsverkehr 
besitzt, das Meer. Diese beiden Plätze haben heute 
die Funktion der glänzenden Seleucidenresidenz An- 
tiochia und seines Hafens Seleucia. Die südliche 
Hauptstraße geht über Damaskus nach Baghdad und 
ist bei Beirut (120000 Einw.) durch die Bahn ans 
Meer angeschlossen. Das reiche mittelsyrische Hinter- 
land und diese wichtige Verbindung machen Beirut 
zur dritten Seestadt der Türkei. Zwischen ihm und 
Iskenderun liegen Ladikiie als Hafen von Hama und 
Tarabolus als Hafen von Homs, das Bahnanschluß 
hierher und eine Karawanenstraße nach Mesopotamien 
besitzt. Alle diese Seestädte sind gegen Flottenangriffe 
ungeschützt und werden von See her durch das eng- 
lische Cypern beherrscht. Weiter im Süden liegen an 
der flachen Bucht des Vorgebirges Karmel Akka und 
Haifa, die Hafenplätze Nordpalästinas und des frucht- 
baren Hauran, von wo ein Karawanenweg nach 
Innerarabien geht; an ganz glatter Küste erheben 
sich Jaffa, die Hafenstadt Jerusalems, und 3 km vom 
Meere die südlichste, Ghasa. Die syrischen Häfen ent- 
behren wie die meisten türkischen Seestädte fast aller 
Hafeneinrichtungen und können bei ungünstigen 
Witterungsverhältnissen manchmal wochenlang nicht 
angelaufen werden. Selbst Beirut besitzt nur ein ein- 
iges durch Molen geschütztes Hafenbecken. Eine ganze 
inzahl von ihnen (z. B. Trapezunt, Mersina, Isken- 
derun, Jaffa) wurde durch Kriegsschiffe der Entente 
beschossen, aber Landungsberseche gingen stets fehl.
        <pb n="148" />
        126 
So reich gegliedert die europäischen, so plump ge- 
staltet sind die afrikanischen Mittelmeerküsten. 
Von der Sinaihalbinsel bis zur Kleinen Syrte, auf 
mehr als der Hälfte ihres Verlaufes, wird sie von dem 
glatten nur durch wenige flache Buchten gegliederten 
lbbruch der Wüstentafel gebildet. Den größeren, 
aber viel weniger wertvollen westlichen Teil dieses 
Gebietes, Tripolitanien; und das als stumpfe 
Halbinsel vorspringende Plateau von Barka haben 
die Italiener der Türkei 1911/12 trotz tapferer Gegen- 
wehr der von den Eingeborenen unterstützten klei- 
nen türkischen Garnisonen zu entreißen vermocht, da 
die Türken gerade in die Balkankriege verwickelt wa- 
ren, England den Durchzug durch Agypten verwei- 
gerte und die See von der italienischen Flotte be- 
herrscht wurde. Der heilige Krieg aber hat die Italie- 
ner wieder bis an die Küste zurückgeworfen. Dünen, 
salzige Strandseen, Sebchas, aber auch fruchtbare 
Oasen, die eine Reihe antiker Städte zur Blüte brachten, 
begleiten die Küste von Tripolitanien. In der Gegen- 
wart hat nur noch die Hauptstadt Tripolis Bedeu- 
tung. wo Karawanenstraßen von Timbuktu und vom 
Tschadsee zusammenlaufen, aber ein brauchbarer Ha- 
fen fehlt. Allerdings haben diese Straßen ebenso wie 
die Karawanenwege der Atlasländer seit Erschließung 
des Sudans von der Guineaküste her sehr an Bedeu- 
tung verloren. Auch von der antiken Pentapolis der 
Cyrenaica (Barka) spielt heute nur mehr Ben Ghasi, 
das alte Berenice, eine kleine Rolle, bei dem die Wege 
von der Audschila- und Kufra-Oase münden. Bei 
stürmischen Nordwinden kann es ebenso wie Tripolis 
oft wochenlang nicht angelaufen werden. — Außer- 
ordentlich wertvoll ist der östliche Teil, Agypten. 
Rechtlich steht das Nilland unter kürkischer Souveräni- 
tät. Während des Krieges haben die Engländer, die 
schon seit 1882 Herren im Lande sind, ihre Oberhoheit 
darüber ausgesprochen und einen ihnen ergebenen 
Sultan eingesetzt. Agypten ist für England als die 
Festung, die den Sueskanal schützt, aber auch als das 
Land, das ihm ein Viertel des Rohstoffbehalfen seines 
wichtigsten Erwerbszweiges, der Baumwollindustrie, 
liefert, von kaum hoch genug einzuschätzender Bedeu- 
tung. Das in flachem Bogen vorgeschobene frucht- 
bare Nildelta, an dessen Wurzel Kairo, die größte 
Stadt Afrikas mit fast 700 000 Einw., liegt, wird von 
Strandseen und Nehrungen umsäumt. An denbeiden 
größten Nilarmen liegen die Hafenstädte Damiette 
und Rosette, Flußhäfen wie die Seestädte des alten 
Agyptens; an der Mündung des Sueskanals liegt 
Port Said. Sie alle leiden ebenso wie die füdsyrischen 
Häfen unter der Versandung durch die ostwärts ver- 
setzten Sinkstoffe des Nils. Davor bewahrt ist nur 
das von Alexander dem Großen in richtiger Erkennt- 
nis am Westende des Deltas gegründete Alexandria. 
Er hat die Stelle ausgesucht, wo eine vorgelagerte 
Insel die Anlage geschützter Hafenbecken ermöglichte. 
Ein Damm verband sie mit dem Festlande. Das 
Becken an seiner Nordostseite hatten die Alten, das 
an der Südwestseite haben neuerdings die Engländer 
vorzüglich ausgebaut und stark befestigt. Die Stadt 
ist heute wie im Altertum einer der wichtigsten Mittel- 
meerhäfen und zählt über 330000 Einw. — Die West- 
hälfte der nordafrikanischen Küste. die Atlasländer, 
ist in französischen Händen, Algerien seit der ersten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts als unmittelbare Kolo- 
nie, Tunis seit 1881, Marokko seit 1911 als Protek- 
torate. Da aber Frankreich nicht die nötige Kolonisten- 
zahl zu liefern vermag, so wird das westliche Drittel 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
des Gebietes vorwiegend von Spaniern, das östliche 
rößtenteils von Italienern besetzt, trotz des Wider- 
tandes, den die Franzosen dieser Bewegung entgegen- 
stellen. Das Gestade streicht von der Straße von 
Gibraltar bis Kap Blanc bei Biserte den Ketten des 
Rif= und Tell--Atlas, der sich bis auf 2300 m erhebt, 
parallel als steile Längsküste, die nur von rundlichen, 
meist in weicheren Gesteinen ausgearbeiteten Abra- 
sionsbuchten gegliedert wird und mit dem Hinterland 
in recht ungünstiger Verbindung steht. Viele der 
kleineren, für große Schiffe schwer zugänglichen, von 
hoher Gebirgsumwallung umgebenen Buchten bilde- 
ten treffliche Schlupfwinkel für Seeräuber, die diese 
Küsten bis weit in das 19. Jahrhunderthinein berüchtigt 
machten. An der besonders glatten, vom Hinterland 
gänzlich abgesperrten marokkanischen Küste hal- 
ten die Spanier einige befestigte Küstenpunkte, die 
sogenannten Presidios, besetzt, ohne einen Einfluß 
auf die Bewohner des dahinter aufsteigenden Rifatlas 
ausüben zu können; der wichtigste ist das befestigte, 
seit 1580 in spanischen Händen befindliche Ceuta 
durch seine Lage an der Straße von Gibraltar. Da 
es nur über eine flache, ungenügend ausgebaute Bucht 
verfügt, steht es Gibraltar an Wert ganz erheblich 
nach. In Algerien haben sich in der Gegenwart 
die wichtigsten Hafenplätze an den drei Stellen ent- 
wickelt, wo sich an kleine Buchten fruchtbare Küsten- 
ebenen anschließen und zugleich die wichtigsten Kara- 
wanenwege aus dem Innern münden. Das sind 
im Westen die Buchten und Küstenebenen im Mün- 
dungsgebiet des Schelif, wo sich das beiestigte Oran 
(125000 Einw.) und Mostaganemerheben. Beijenem 
endet die westliche, heute bis zum Wüstenrande mit 
Schienen versehene Karawanenstraße von Timbuktu. 
Das ist in der Mitte die kleine Bucht von Algier mit 
der Küstenebene Metidscha, wo der zweite, wichtige 
Oasen berührende Wüstenweg von Timbuktu das 
Meer erreicht und Algier (155.000 Einw.) als Haupt- 
stadt eine besondere Blüte und sehr lebhaften Schiffs- 
verkehr entwickelt hat. Das sind schließlich im Osten 
die Buchten von Böne und Khilihpeill An sie sind 
durch Schienenstränge die Oase Biskra am Rande der 
Wüste und weiterhin durch den dritten bedeutsamen 
Karawanenweg die Oasen Tugurt und Wargla an- 
geschlossen, von wo Ghadames und schließlich der 
untere Niger erreicht wird. Die marokkanisch-algeri- 
schen Hafenplätze sind ebenso wie die Seeplätze von 
Tripolitanien und Barka der Gewalt winterlicher 
Stürme ausgesetzt; doch haben die Franzosen viel für 
den Ausbau getan und die künstlichen Lofenbecken 
durch Wellenbrecher geschützt. Gegen Seeangriffe 
sind sie durch ihre Forts und den Kriegshafen Biserte, 
nicht aber von Natur verteidigt. — Besondere Beden- 
tung hat Tunis. Denn hier streichen die Ketten und 
Täler des Atlas zur Kleinen Syrte aus, so daß an 
diese Querküste größere Landschaften gut angeschlos- 
sen sind, und ferner gibt die Lage an der Straße von 
Tunis erhöhte wirtschaftliche und strategische Bedeu- 
tung. Hier haben am Golf von Tunis seit dem 
Altertum Utica und Carthago, seit dem Mittelalter 
Tunis, alle drei bereits phönizische Gründungen, in 
wiederholtem Glanze geblüht. In der Gegenwart ist 
die letztgenannte mit 200000 Einw. zur größten 
Stadt der Atlasländer erwachsen. Die kleinen natür- 
lichen Hafenbecken von Carthago und Utica sind 
heute versandet; aber auch Tunis hat nur einen be- 
scheidenen Lagunenhafen, zu dem von der fast ge- 
schlossenen Nehrung ein Seekanal führt. Doch ist die
        <pb n="149" />
        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
befestigte Stadt durch ihre Entfernung von der See 
gegen Schiffskanonen einigermaßen gelichert. In 
neuester Zeit haben die Franzosen weiter nördlich, 
an der Stelle des alten phönizischen Hippo Diarrhy- 
tos, an einem prächtigen Naturhafen die Seefeste 
Biserte angelegt, in der dreifachen Absicht, Tunesien 
gegen italienische Gelüste zu sichern, neben dem eng- 
lischen Malta einen Stützpunkt zur Beherrschung der 
Straße von Tunis zu gewinnen und ihren offen 
liegenden algerischen Küstenstädten einen Flanken- 
schutz zu gewähren. Trotzdem gelang es unseren 
Kriegsschiffen bei Kriegsbeginn, Philippeville und 
Böne zu beschießen. 
Tiefenverhältnisse. Das Mittelmeer verdankt seine 
Entstehung einer Reihe jugendlicher, tiefer Einbrüche 
der Erdkruste. Vulkanische Erscheinungen, Hebungen 
und Senkungen an den Küsten und Erdbeben zeigen 
das Fortdauern der Bewegungen bis in die Gegen- 
wart an. Dieser Bildungsgeschichte entsprechend glie- 
dert sich das Mittelmeer in eine Reihe kesselförmi- 
ger, steil von den Küsten absinkender Bruchfelder, in 
die des öfteren einzelne Grabenbrüche noch tiefer ein- 
gesenkt sind. Meistens fallen die Bruchränder nahezu 
oder vollständig mit der Küste zusammen, und dann 
werden schon in greinger Küstenentfernung sehr große 
Tiefen gelotet. So wurden in nur55ö km Ensernung 
von Algier 2750 m. in bloß 22 km Abstand von Tou- 
lon 2000 m Tiefe festgestellt. Einzelnen Gestaden ist 
dagegen eine seichte, breitere Schelffläche vorgelagert, 
so der Ostküste Spaniens, nanrentlich dem Golfe von 
Balencia, ferner dem Golfe von Lion, dem Syrten- 
gebiete und dem Delta des Nils, der ebenso wie Ebro 
und Rhone das Schelfgebiet durch seine Aufschüttun- 
en noch erhöht hat. Im übrigen entspricht die Tie- 
sengliederung des Mittelmeeres in der Hauptsache der 
horizontalen. Durch die 320 m, an der schmalsten 
Stelle aber über 700 m tiefe Straße von Gibraltar 
gelangt man in das Alboranbecken, den mehr als 
1400 mtiefen Vorhof des durch die Schwelle der vulka- 
nischen Insel Alboran davon abgegliederten Balearen= 
beckens. Dieses senkt sich zwischen Menorca und Sar- 
dinien auf 3150 m ab, während zwischen den Balea- 
ren und der spanischen Küste nur Tiefen bis 825 m zu 
finden sind. Tiefen von 1900 m führen südlich von 
Sardinien in das Tyrrhenische Becken mit seinen vul- 
kanischen Inselgruppen hinüber, wogegen die Straße 
von Bonifacio zwischen Sardinien und Korsika ganz 
seicht isi, und auch zwischen Korsika und Elba nur 
400—500 m erreicht werden. Auf 3730 m fällt das 
Tyrrhenische Becken in der Mitte ab, und hart drän- 
gen sich die großen Tiefen an die süditalienische Küste, 
während vor den mittelitalienischen Gestaden etwas 
seichteres Wasser liegt. Auf 105 m steigt der Meeres- 
boden in der Straße von Messina, auf 325 m in der 
Straße von Tunis an; seichte Bänke nötigen hier die 
Schiffe, ihren Weg hart nördlich von Biserte zu nehmen. 
Auch der Eintritt in das Jonische Becken erfolgt durch 
einen Vorhof, das 1630 m tiefe Beckerk der vulkani- 
schen Insel Pantelleria, das in den seichten sizilianisch- 
tunesischen Schelf eingebrochen ist. Erst jenseits der 
Schwelle von Malta beginnt der Steilabsturz zum 
ionischen Meeresboden, der mit 4404 m die größte 
Tiefe des Mittelmeeres umschließt. Tief ist der Golf 
von Tarent, seicht der von den Jonischen Inseln um- 
ürtete Golf von Korinth. Eine Schwelle zwischen 
Porka und Kreta von 2165 m Satteltiefe führt hin- 
über in das reicher bewegte Levantinische Becken. Eine 
Reibe von Mulden und Schwellen, deren Anordnung 
127 
eine deutliche Beziehung zur Umrahmung der Agäis 
und zur kleinasiatischen Südküste erkennen läßt, fol- 
gen hier aufeinander. Die I#oßte Tiefe von 3865 m 
wird nahe der Küste von Rhodos wie im Jonischen 
Meere an der Küste des Peloponnes erreicht. Ge- 
ringere Tiefen haben die syrischen Gewässer, wenn- 
geich südlich von Cypern, das selbst durch die 1000 m- 
inie an das Festland angeschlossen ist, 2635 m 
gelotet wurden. 
Flacher sind die Nebenmeere, am seichtesten die 
Adria. Mit 780 m Tiefe führt die Straße von 
Otranto in das rundliche Südbecken, das zu 1230 m ab- 
gesunken ist. Rasch hebt sich der Boden zur Pelagosa- 
schwelle, um nördlich davon in der guuergestellten 
Pomorinne nur mehr 243 m zu erreichen. Die leicht 
untergetauchte und gegen die illyrische Seite etwas 
abgebogene Fortsetzung der Po-Ebene sehen wir in der 
nördlichen Adria vor uns. Eine seichtere Stufe siellt 
auch das kompliziert gebaute Agäische Meer dar. Drei 
Mulden lassen sich hier unterscheiden. Die südlichste 
und mit 2250 m tiefste lehnt sich nördlich an Kreta 
an; die Mulde von Chios nimmt die Mitte ein, und 
als schmaler Graben streckt sich nach ONO. in den 
Golf von Saros die nordsporadische Mulde, beide nur 
halb so tief als die erstgenannte. Ebenso seicht wie 
schmal sind die durch Erchion entstandenen Meerengen, 
nur 106 m wurden in den Dardanellen, bloß 110 m 
im Bosporus gefunden. Das zwischenliegende Mar- 
marameer ist dagegen auf 1360 meingebrochen. Steil 
fallen die unterseeischen Böschungen des Schwarzen 
Meeres zu seinem ziemlich ebenen Boden ab, dessen 
rößte Tiefe bei 2245 m liegt. Ganz flach ist der von 
njepr und Donau aufgehöhte Schelf der Bucht von 
Odessa, nur wenig untergetaucht der Boden des Asow- 
schen Meeres, der nirgends über 15 m Tiefe erreicht. 
Von großer Bedeutung sind diese Tiefenverhältnisse 
für die gegenwärtig wichtigsten Waffen der Seekrieg- 
ührung, * Unterseeboote und Minen. Die großen 
Tiefen der Straßen von Gibraltar, Tunis und Ot- 
ranto, bei beiden letzteren auch die Breite, setzen unsere 
Feinde außerstande, unseren U-Booten die Einfahrt in 
das Mittelmeer zu wehren. Weder Minen noch Netze 
können hier erfolgreich ausgelegt. werden. So vermag 
zwar England mit seinen Trutzburgen von Gibraltar 
und Malta über See jeden Verkehr zu sperren, aber 
den Unterseebooten sieht es sich machtlos gegenüber. 
So haben sich diese im Mittelmeer zu einer immer 
efährlicheren Waffe ausgestaltet, und ihre hohe Lei- 
tungsfähigkeit läßt sie auch die Schwierigkeit über- 
winden, daß sie bei den auf weite Strecken großen Tie- 
fen nur selten einen Ruheplatz am Meeresbodenfinden, 
läßt die Engländer vergeblich nach Schlupfwinkeln 
suchen. Der Gedanke, das schon schwer gefährdete Salo- 
nikiunternehmen durch möglichste Verlegung des Nach- 
schubes auf die Bahnen zu retten, muß an deren über- 
lastung und teilweise geringen Leistungsfähigkeit schei. 
tern. Umgekehrt ist es bei der geringen Tiefe möglich. 
Bosporus und Dardanellen für U-Boote erfolgreich 
zu sperren und dadurch die türkische Hauptstadt und 
Flotte gegen feindliche Angriffe zu schützen. Der steile 
Absturz der meisten Mittelmeerküsten zu großen Tie- 
fen bildet ein weiteres Gefahrenmoment für die ohne- 
hin meist offen daliegenden Mittelmeerhäfen. Denn 
dadurch wird es in den meisten Fällen unmöglich, die 
Hafenstädte durch weitausgelegte Minenfelder vor 
seindlichen Schiffskanonen zusichern. Die Beschießung 
so zahlreicher Küstenstädte während des Krieges gibt 
Zeugnis dafür. Nur in den oben angeführten Gebie-
        <pb n="150" />
        128 
ten, wo sich ein breiterer Schelf vor die Küste legt, 
kann Minenschutz erfolgreich in Wirksamkeit treten. 
Hydrographie. Das Mittelmeer gehört einemwar- 
men, sonnenreichen und niederschlagsarmen Klima-= 
gebiete an, das ihm nur wenige wasserreiche Zuflüsse 
zuführt. Daher sind Temperatur und Salzgehalt 
hoch, und beide nehmen den Klimaverhältnissen ent- 
sprechend nach Südosten zu. Selbst im kältesten Mo- 
nate, im Februar, sinkt über den großen Tiefen die 
Temperatur nirgends unter 120° herab, schon vor den 
Küsten der Atlasländer werden 14—15° und im Le- 
vantinischen Becken sogar 17° erreicht. Auch in den 
großen Tiefen herrschen dann ganz ähnliche Tempe- 
raturen, etwa 13—140, weil die durch die Abkühlung 
schwer gewordenen Oberflächenwasser mit der Tiefe 
in Ausgleich treten, aber zugleich auch durch die 
Schwelle von Gibraltar das Eindringen der sehr kal- 
ten atlantischen Tiefenwasser verhindert wird. Nur 
in dem in eine rauhere Umgebung eingebetteten 
Schwarzen Meer finden wir selbst über tiefem Wasser 
Temperaturen von bloß 6—70°, im Marmarameere 
8— 90. Ganz allgemein kennzeichnen sich die Schelf- 
flächen durch starke winterliche Abkühlung, so daß dann 
im Golfe von Lion die Temperatur auf 8—9o, in der 
nördlichsten Adria auf 5—70, in der Bucht von Odessa 
an 0° herabgeht. In den Lagunen von Grado und 
im Golfe von Saloniki kommt es in sehr vereinzelten 
Fällen, in der Bucht von Odessa ziemlich regelmäßig 
zur Eisbildung, doch ist hier der Verkehr der meisten 
Häfen durch Eisbrecher offen zu halten. Auf 2—3 
Monate liegt im Asowschen Meere der Verkehr wegen 
Vereisung still. Im August, im wärmsten Monat, 
herrscht auf dem größten Teile der Oberfläche eine Tem- 
peratur von 24—250, im Levantinischen Becken fin- 
det man noch um einige Grade mehr, im Schwarzen 
und Agäischen Meere um 1—20 weniger. Die kaum 
veränderlichen Tiefenschichten sind dann durch eine 
scharf ausgeprägte Sprungschicht in 15—30 m Tiefe 
von der hoch angewärmten Oberflächenschicht getrennt. 
Mancherlei Abweichungen ergeben sich in Küstennähe 
durch ablandige Winde, die kühleres Wasser empor- 
treiben, und durch die Einmündung anders temperier- 
ter Flüsse und Karstquellen (Adria). 
Der Salzgehalt steigt von 36 pro Mille in der 
Straße von Gibraltar und 37 pro Mille am Rande der 
Atlasländer auf über 38 pro Mille im Hauptteile des 
westlichen Beckens, hat einen ähnlichen Wert im Joni- 
schen Meere und überschreitet 39 pro Mille im größten 
Teile des Levantinischen Beckens. In der Tiefe trifft 
man von West nach Ost fortschreitend einen geringen 
Anstieg von 38,4 auf 38.7 pro Mille. Die Adria weist 
in der südlichen Hochsee einen Salzgehalt von über 38 
pro Mille und zeitweise von fast 39 pro Mille auf, 
gegen Norden sinkt er allmählich, und im Golf von Ve- 
nedig werden mit der Wasserführung der Alpenflüsse 
wechselnde Werte von 30— 37 pro Mille gefunden. 
Im Südosten des Agäischen Meeres ist der Salz- 
gehalt ebenso hoch wie im Levantinischen Becken, aber 
gegen Nordwesten nimmt er auf weniger als 37 pro 
Mille ab. Sehr viel weniger, etwa 21—22 pro Mille, 
hat das Marmarameer als übergang zu dem Schwar- 
zen Meere, das infolge seines kühleren Klimas und 
namentlich wegen seines außerordentlich großen Süß- 
wasserzuflusses sehr salzarm ist, an der Oberfläche nur 
wenig über 18 pro Mille und selbst in der Tiefe nur 
22½ pro Mille besitzt. In der Bucht von Odessa und 
vor den Donaumündungen sinkt der Salzgehalt auf 
15—17 pro Mille und noch weniger herab. Das stark 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
abgeschnürte, seichte Asowsche Meer ist von Brackwas- 
ser (etwa 1 pro Mille) erfüllt. Ganz allgemein nimmt 
dort, wo stärkere Flüsse minden, der Salzgehalt von 
der offenen See gegen die Küsten ab. 
Die sehr erheblichen Salzgehaltsunterschiede rufen 
starke Unterschiede in der Dichte und diese wiederum 
Strömungenhervor. Dasschwere salzreiche Mittel- 
meerwasser strömt in der Tiefe der Straße von Gi- 
braltar in den Atlantischen Ozean ab, dessen leichteres 
Wasser fließt an der Oberfläche in das Mittelmeer 
hinein und wird durch die ablenkende Kraft der Erd- 
rotation an die nordafrikanische Küste gedrängt. Dieser 
atlantische Strom ist im Alboranbecken an seinem win- 
terwarmen, sommerkühlen, überall aber an seinem 
salzarmen Wasser zu erkennen und ebenso wie der 
Tiefenstrom bis in das östliche Mittelmeerbecken zu 
verfolgen, wobei er allmählich durch Verdunstung und 
Mischung salzreicher wird und etwas unter die Ober- 
fläche taucht. Ein ähnlicher Austausch erfolgt zwischen 
Adriaund Mittelmeer und — wegen der großen Dich- 
tenunterschiede — mit besonderer Lebhaftigkeit zwi- 
schen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. 
Wird der auf offener See kaum wahrnehmbare Strom 
schon in der Straße von Gibraltar zu lebhaftem Flie- 
sten veranlaßt, so gehl der Ausgleich durch das Meer- 
engengebiet teilweise mit flußartiger Geschwindigkeit 
und unter Wirbelbildung vor sich. Auch hier ist 
natürlich der Oberstrom in das Mittelmeer gerichtet. 
Die zyklonale, besonders im Winter kräftig aus- 
eprägte Luftdruckverteilung über jedem einzelnen 
Mittelmeerbecken und die durch die Süßwasserzufuhr 
bedingte Dichtenabnahme gegen die Küsten haben zur 
weiteren Folge, daß jedes dieser Becken ein zyklo- 
nales, also entgegen dem Sinne des Uhrzeigers ge- 
richtetes Stromsystem aufweist, das zwar nur in 
Küstennähe stärker fühlbar wird, aber bedeutsame 
Folgen hat. Sie verursachen nicht nur die Verfrach- 
tung des salzärmeren Wassers des Golfes von Vene- 
dig entlang der italienischen Adriaküste und ebenso 
die Ausbreitung weniger salzigen Wassers an der 
Westseite der Agäis und des Schwarzen Meeres, son- 
dern sie schleppen auch die Sedimente der Flüsse mit 
sich und versanden die anschließenden Küsten. Darum 
haben Mittelmeerhäsen nur dann Bestand gehabt, 
wenn sie unter Berücksichtigung dieser Vorgänge an- 
gelegt wurden, wie dies z. B. bei Alexandria und 
Marseille, nicht aber bei den Häfen westlich von der 
Rhonemündung, bei Pisa, Ostia u. a., der Fall war. 
Nautisch von Wodeutung sind nur die starken Strö- 
mungen in den Meeresstraßen, gegen die kleine Segler 
und andere langsam fahrende Schisse an manchen 
Stellen nicht aufzukommen vermögen, sowie die gro- 
ßen Dichtenunterschiede, da sie die Tragfähigkeit und 
Sinkgeschwindigkeit der U-Boote erheblich beeinflussen. 
Die Gezeiten des Mittelmeeres sind nur schwach 
entwickelt, da die Verbindung mit dem Weltmeer nur 
minimal ist und die Größe des Meeres nicht genügt, 
um starke eigene Gezeiten zu erzeugen. Die Erschei- 
nungen bestehen in Schaukelbewegungen der einzelnen 
Becken, wobei jeweils der Knoten infolge der unregel- 
mäßigen Gliederung und der Wirkung der Erdrotation 
keine ideale Linie ist, sondern in eine mehr oder we- 
niger gedrängte Schar von Flutstundenlinien aufge- 
löst erscheint, die links herum um einen Drehpunkt 
kreisen, wo der Tidenhub Null wird. Die Knotenlinie 
des westlichen Mittelmeerbeckens erstreckt sich — sehr 
asymmetrisch — von Cabo de la Nao nach SSO. zur 
algerischen Küste, die des östlichen Beckens von Barka
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        Merz: Das Mittelmeergebiet als Kriegsschauplatz 
nach Kreta. Westlich von den Knotenlinien ist die Ha- 
senzeit der beiden Becken (in mitteleurop. Zeit) 3b Zm, 
östlich davon 9d 3 m. Wennalso westlich von der Straße 
von Tunis Hochwasser ist, herrscht östlich davon Nied- 
rigwasser. Es geht daher durch diese Straße und die 
Meerenge von Messina einelebhafte Gezeitenströmung 
und her, die hier zur Sage von der Szylla und 
arybdis Veranlassung gegeben hat und in beiden 
Gebieten infolge der Wirkung der Erdrotation als 
Drehwelle in Erscheinung tritt. Sehr starler Gezeiten- 
strom wird auch durch die Straße von Gibraltar hin 
und zurück bewegt, da die Ozeantiden viel größer 
als die Mittelmeertiden sind. Doch ist der atlan- 
tische Einfluß nur im Westbecken des Mittelmeeres 
nachweisbar; er ist hier der wichtigste Faktor und 
macht sich als Parallelverschiebung der Oberfläche 
bemerkbar. Die (Spring-) Tidenhübe betragen an der 
Straße von Gibraltar 1 m, gehen an der Knoten- 
linie des Westbeckens auf wenige Zentimeter herab und 
erreichen an seiner Ostseite wieder 30—35 cm. Auch 
im Ostbecken hat die Knotenlinie nur einige Zenti- 
meter Hub, die syrische Küste dagegen an 60 cm. Die 
seichte Kleine Syrte und der flache Golf von Korinth 
schwingen als Buchten des östlichen Beckens miteinem 
Hub, der sich dort bis auf 220 cm, hier bis auf 90 cm 
erhebt. Ahnliches scheint für das Agäische Meer zuzu- 
treffen, dessen Knotenlinie an der Südumrahmung 
liegt und dessen Hub an der Nordküste 30 cm erreicht. 
Auf Gezeiten und Seiches beruhen auch die seit dem 
Altertum berühmten reißenden Strömungen des 
Euripus. Das Schwarze Meer dürfte um eine von 
der Krim südwärts ziehende Knotenlinie schwingen. 
Die Hubhöhen betragen nur 8—10 em. Die Adria 
schwingt, angeregt vom Jonischen Meer, um einen 
Drehpunkt zwischen Ancona und Zara. An den Küsten 
finden sich hier Hubhöhen von nur 20 cm, im Süd- 
becken sind es 30 cm, im seichten Nordende aber 80 cm. 
Die Hafenzeit ist hier 9# Sm, dort 3h Zm. Neben 
den halbtägigen Gezeiten spielen in der Adria auch 
die ganztägigen, auf welche die Schwingungzeit der 
Adria abgetönt ist, eine erhebliche Rolle. Sie haben 
ihre Knotenlinie in der Straße von Otranto und 
nehmen daher nach Norden regelmäßig zu. In der 
Knotenlinie der halbtägigen Gezeiten überdecken sie 
diese, so daß hier Eintagstiden zur Ausbildung ge- 
langen. — Die geringe Entwicklung der Mittelmeer- 
gezeiten ist von großer Bedeutung für den Minenkrieg, 
da die Einstellung der Minen mit Rücksicht auf den 
Tidenhub erfolgen muß. So beschränkt also das 
Gebiet der Minenfelder durchdas Vorherrschen großer 
Tiefen ist, soviel leichter ist das Auslegen und soviel 
wirksamer das Feld, wo flacher Meeresboden vorliegt. 
Im Hafenbau herrscht infolge der kleinen Tiden das 
offene Becken; Docks mit Flutschleusen fehlen. Mit 
ähnlichen Beträgen wie durch die Gezeiten wird der 
Wasserspiegel durch Seiches beeinflußt. In den dal- 
matinischen Kanälen können sie Schwankungen von 
mehr als 20 cm bewirken. Sehr viel größer sind die 
Wirkungen der Sturmfluten. In Triest stieg bei 
Sciroccosturm der Wasserspiegel bis 2,8 m über die 
niedrigste beobachtete Ebbe. 
Klima. Die Eigenart des Mittelmeerklimas ist be- 
dingt durch das Vorhandensein des reich gegliederten, 
tiefen Meeres und die Luftdruckverteilung in der 
weiteren Umgebung. Im Sommer dehnt sich das 
nordwärts vorgerückte Luftdruckmaximum der atlan- 
tischen Roßbreiten über Spanien bis in das westliche 
Mittelmeerbecken aus, und der Druck nimmt von hier 
Der Krieg 1014/17. 1. 
129 
gegen das Levantinische Becken anfangs langsam, 
nach Osten zu immer rascher ab, um über dem hoch- 
erwärmten Iran und Nordwestindien ein tiefes Mini- 
mum zu erreichen. Es wird daher das Mittelmeer 
im Sommer vorwiegend von nordwestlichen Winden 
überweht, die nach Osten zu immer mehr an Stetig- 
keit gewinnen und im Agäischen Meere in nördliche 
Nichtung (Etesien der Alten) übergehen. Nur die 
Nordküste der Atlasländer hat vorwiegende Ostwinde. 
Diese nordwestliche Luftbewegung, die nur selten stür- 
mische Stärkeerreicht, hat absteigende Tendenzz, die sich 
über dem in eine heißere Umgebung eingebetteten 
Meere verstärkt, und kommt aus kühleren nördlichen 
in wärmere südliche Breiten. Daher ist der Sommer 
des Mittelmeergebietes heiter und trocken, und je weiter 
man nach dem Süden fortschreitet, um so dauerhafter 
und regenärmer wird diese Trockenheit. Sohat Florenz 
nur einen regenarmen Monat (Juli), Rom wie Kon- 
stantinopel deren zwei, Neapel drei (Juni bis August), 
Süditalien und Griechenland haben vier, die algerische 
Küste und Malta besitzen bereits fünf, Tripolitanien 
und Palästina sieben, Alexandria hat fast acht solcher 
Monate (Ende Märzbis Mitte November). Und wäh- 
rend in der Po-Ebene noch 24 Proz. des Niederschla- 
es im Sommer fallen, sind es in Süditalien nur 11 
roz., an der algerischen Küste, auf Sizilien und Malta 
und an der Westküste Kleinasiens 2—4 Proz. Im Le- 
vantinischen Becken ist der Sommer vollständig trocken, 
und auch im Frühijahr gibt es nur sehr selten Regen. 
Ganz anders liegen die Verhältnisse im Winter. 
Dann sind die umliegenden, besonders die nördlichen 
Randländer stark erkaltet, während das tiefe Meer 
verhältnismäßig warm bleibt. Es entsteht daher über 
ihm ein Gebiet niedrigen Luftdruckes. das nach der 
Gliederung der Hauptbecken in eine Reihe von Teil- 
mimina zerfällt und Veranlaffung zur Bildung auf- 
sasiener Luftbewegungen gibt, die Regen meist in 
orn heftiger Güsse bringen. Mit dem Fortschreiten 
nach dem Süden verschieben sich dabei die Nieder- 
schläge allmählich vom Herbst auf den Winter. So hat 
noch Mittelitalien die Hauptregen im Herbst (34 Proz.), 
ausgesprochene Winterniederschläge dagegen bereits 
die algerische Küste (41 Proz.), Malta (48 Proz.), 
Griechenland und die Westküste Kleinasiens (45 Proz.). 
Entsprechend diesen Verhältnissen ist die Höhe der 
jährlichen RHegenmen geüber dem Mittelmeer gering 
und nimmt von den Nordküsten, wo sie fast überall 
über 500 mm erreicht, nach Süden und namentlich 
nach Südosten ab. Von der Kleinen Syrte bis Süd- 
palästina werden nur an einigen Orten 250 mm über- 
schritten. Diese Gebiete sind daher von fast wüsten- 
hafter Trockenheit. Ferner sind die Ostseiten der ein- 
zelnen Becken regenreicher als die Westseiten, da ihre 
winterlichen Teilmimina von einer ntgegen dem Sinn 
des Uhrzeigers gerichteten Luftbewegung umkreist 
werden, die den Ostseiten häufiger warme und feuchte 
südliche Winde (Scirocco der Adria), den Westseiten 
trockene und kalte nördliche Winde bescheren. Soistim 
westlichen Mittelmeerbecken die italienische Seite, in 
der Adria die illyrische, im Agäischen Meere die klein- 
asiatische Seite regenreicher. G sich den feuchten süd- 
lichen Winden außerdem noch Gebirge entgegenstellen, 
werden teilweise außerordentlich große Regenmengen 
beobachtet. So fallen in der steil ansteigenden Ge- 
birgsumrahmung der Bocche di Cattaro bis 4600 mm, 
das sind die größten in Europa gemessenen Nieder- 
schlagsmengen, und auch der übrige Karstabfall weist 
meist 1000—1600 mm auf. An der Ostseite des 
9
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        130 
Schwarzen Meeres gehen vor dem Steilabfall des 
Kaukasus und des armenischen Hochlandes bis 2500 
mm (Batum) nieder, an der Nordküste nur 400 mm. 
Ebenso knüpfen sich höhere Niederschläge an die see- 
seitigen Abhänge des Taurus, Libanon, Tellatlas und 
der italtenischen Riviera. 
Die Windbewegung kann im Winter nicht selten 
stürmisch werden und das Anlaufen der zahlreichen 
ungenügend geschützten Reeden und flachen Buchten 
erschweren. Die Nordenden der Mittelmeerbecken, die 
Golfe von Lion und Genua, die nördliche Adria und 
das Schwarze Meer kreuzen dann häufiger wandernde, 
vonstürmischen Winden begleitete Zyklonen. Daneben 
leiden die Nordgestade im Winter infolge der sehr 
raschen Luftdruckzunahme gegen das hohe, kontinen- 
tale Hinterland unter kalten Fallwinden, die in ein- 
elnen Gebirgslücken und Pässen orkanartige, den 
erkehr gefährdende Heftigkeit annehmen können. 
Hierher gehören der von den Cevennen ins Rhone- 
tal herabfallende Mistral, die Bora von Triest und 
Fiume, die eisigen Nordstürme von Noworossijsk am 
Schwarzen Meere und die stürmischen Fallwinde 
des Taurus. 
Die Luftwärme ist im Mittelmeergebiet während 
des Sommers von auffallender Gleichmäßigkeit, ge- 
mildert durch die frischen nordwestlichen und nörd- 
lichen Winde. So ist in Malta der wärmste Monat 
der August, mit 95,19 nur wenig wärmer als der Juli 
von Venedig (24,6°0), und selbst in Tripolis werden 
nur 26,6, a!. Alexandria 26° erreicht. Am wärm- 
sten ist wohl der Golf von Iskenderun mit 28—29o0, 
kühler sind die Küsten des Schwarzen Meeres 
23—240). Im Winter dagegen, wo * die von der 
lachsee umgebenen Nordgestade eisige Winde herab- 
fallen, die südlicheren Gebiele aber das tiefe Meer 
warm hält, sind die Temperaturgegensätze sehr groß. 
Im Januar verzeichnet dann Venedig nur 2,5°0, Neapel 
aber 8,26, Malta (im Februar) 11,90, im Südolten. 
in Alexandria werden sogar 14,1° erreicht. Von 
wunderbarer Milde ist allerdings auch im Norden 
der Winter dort, wo ein hoher Gebirgswall den Ein- 
bruch der kalten Winde verhindert und das tiefe warme 
Meerhartan die Küste tritt, wie an der französisch ita- 
lienischen und österreichischen Riviera (Jan. 8—90) 
und an der Südostküste der Krim (Jalta—+ 8, 5 Odessa 
—3, 70). Aus demselben Grunde, aus dem die Ost- 
küsten der Miltelmeerbecken feuchter sind, sind sie im 
Winter auch wärmer als die Westküsten. So hat im 
Januar Livorno an der tyrrhenischen Ostküste 7,/1, 
Ancona auf gleicher Breite an der adriatischen West- 
küste 5,6 und ihm gegenüber Lesina an der Ost- 
küste 8,. Patras an der Ostseite des Jonischen 
Meeres hat 10,30, Athen auf gleicher Höhe an der 
Westseite des Agäischen Meeres nur 8,60. Burgas an 
der Westküste des Schwarzen Meeres hat dann nur 
0,8°, Poti an seiner Ostseite aber 5,16. Wie an allen 
Meeren ist der Herbst von ganz besonderer Wärme, 
und nie m die Temperaturzunahme nach dem Süden 
stärker als in dieser Zeit. 
Die hohe winterliche Wärme hat zur Folge, daß 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
es fast nirgends an den Küsten des Mittelmeeres zur 
Eisbildung kommt und der Verkehr nur im Asowschen 
Meere zum winterlichen Stillstand gelang:. Schnee 
fällt allerdings überall gelegentlich im Mittelmeer- 
gebiet, aber selbst an den Gestaden des Nordens bleibt 
er nur selten einige Tage liegen. Die Klarheit der 
Luft, das seltene Auftreten von Nebeln, das Fehlen 
des Eises, die geringere Gewalt der Stürme haben 
sich zu vielen anderen Gaben der Natur gesellt, den 
bbttreichen Landmarken und hohen Inseln, den vielen 
uchten des reich gegliederten Meeres, zur Kleinheit 
der Tiden und Schwäche der Strömungen, so daß 
das Mittelmeereinst die Wiege der Seeschiffahrt wurde. 
Dieselben Vorzüge machen noch heute das Mittelmeer 
um Felde der Kleinschiffahrt im Frieden, zum gün- 
geen Kampfplatz für Unterseeboote und Minen im 
riege. 
Literatur. 1) Mittelmeer: Th. Fischer, Mittelmeer= 
bilder (2. Aufl., Leipz. 1913); A. Phil - on, Das Mittel- 
meergebiet (3. Aufl., das. 1914); Th. Fischer, Studien über 
das Klima der Mittelmeerländer # Pet. Milt.-, Erg.-Heft 58, 
Gotha 1879); J. Hann, Die Verteilung des Luftdruckes 
über Mittel= und Südeuropa (* Pencks Geogr. Abh.-, Bd.2, 
Hest 2, Wien 1887); L. Marini, Carte di pressione e di 
ventiperil bacino Mediterraneo (vAnn. idrogr.-, Vol.9, 
Genua 1914); J. Friedemann, Bewölkung und Sonnen- 
schein des Mittelmeergebietes (Leipz., Diss. 1913); -Wind, 
Strom= und Wasserremperatur auf den wichtigsten Dampfer- 
wegen des Mittelmeeres= (Beil. z. d. »Ann. d. Hydr.“, 
Berl. 1905); G. Schott, Die Gewässer des Mittelmeeres 
(ebenda, das. 1915); Materiali per la conoscenza del 
Mediterraneo= I—IV (Suppl. zur . Rivinta geogr. Ital.«. 
Porraz 1908—13); A. Merz, Unsere Kennmis von dem 
ezeiten des Mutelmeeres (2Zeitschr. Ges. f. Erdkunde zu 
Berlin-, 1914); R. v. Sterneck, Hydrodynamische Theorie 
der halbtägigen Gezeiten des Mittelmeeres (2Sitzber. Wie- 
ner Akad.-, Math.-nat. Kl., Abt. II#, 124. Bd., 1915); 
„Mittelmeer= Handbuch= (6 Bde. mlt Beiheften, Berl. 
1915—17); C. Rathlof, Die welthistorische Bedentung der 
Meere, insbesondere des Mittelmeers (Dorpat 1858); E. 
Gras Wilczek, Das Mittelmeer, seine Stellung in der 
Weltgeschichte und seine historische Rolle im Seewesen Wien 
1895); P. Herre, Der Kampf um die Herrschaft im Mittel- 
meer (Leipz. 1909); P. Mohr, Politische Probleme im west- 
lichen Mittelmeer („Meereskunde, 8. Jahrg., Berl. 1914,1: 
A. Merz, Die südeuropäischen Staaten und unser Krieg 
(ebenda, 9. Jahrg., das. 1915); „Reisehanddücher für das 
Mittelmeere von Meyer und Baedeker. — 2) Adria: K. 
Sieger, Die Adria und ihre geographischen Beziehungem 
(„Vortr. Ver. z. Verbreit. naturw. Kenntn.-, Bd. XII, 
Wien 1901): A. Merz, Die Adria (in „Dalmatien und das 
österreichische Küstenlande, Wien 1911); F. Viezzoli, 
LAdriatico (Parma 1001); K. v. Sterneck, Über den 
Einfluß der Erdrotalion auf die halbtögigen Gezeiten der 
Adria (Sitzber. Wiener Akad.-, Math.-nat. Kl., Abt. Da, 
123. Bd., 1914); Derselbe, Zur hydrodynamischen Theorie 
der Adriagezeiten (ebenda, 124. Bd., 1915); A. Defant, Zur 
Theorie der Gezeiten im Adriatischen Meere ((Ann. d. Hydr.-, 
Berl. 1914); N. Krebs, Die Häfen der Adria („Meeres- 
kundes, 5. Jahrg., Berl. 1911). — 3) Schwarzes Meer: 
W. Spindler und F. v. Wrangell, Materialien zur 
Hydrologie des Schwarzen und Asowschen Meeres (Beil. zu 
der -Sapiski po lidhropoet Bd. 20, St. Petersb. 1899) 
W. Wissemann, Die berstächenstrmungen des Schwar- 
zen Meeres ('Ann. d. Hydr.-, Berl. 1906); „Segelhandbuch: 
für das Schwarze Meer« (mit Beiheft, Berl. 1906)07).
        <pb n="153" />
        v. Diest-Grothe: Die türkischen Kriegsschauplätze 
Die türtkischen Kriegsschauplätze 
A. Die Dardanellen 
vou Oberst z. D. v. Diest in Berlin-Wannsee 
Bal. hlerzu die Karte Länder des Mittelmeeres« bei S. 116 
sowie die Textkarte auf S. 182. 
Allgemeines. Die Meerengen, welche das Schwarze 
Meer mit dem Mittelmeer vereinigen, sind ein am 
Ausgang der Tertiärzeit gebildetes und unter das 
Meer getauchtes Erosionstal, das durch ein Devon- 
ebirge mit vorgelagerten Basaltfelsen hindurchführt. 
ie gleichen somit anderen natürlichen oder künstlichen 
ozeanischen Verbindungswegen, wie dem Armelkanal, 
dem die alte Mündung des Rheins, und dem Sues- 
kanal, dem das früheste Nildelta geologisch zugrunde 
liegt. Und noch heute paßt für Bosporus und 
Dardanellen der Vergleich mit einem Flußtal, denn 
beide »fließen«, getrieben vom Druck der großen süd- 
russischen, in den Pontus mündenden Ströme, mit 
einer Stundenschnelle an den engsten Stellen, der 
erstere bis zu 10, die letzteren bis zu 8 km. Der Bos- 
porus ist 30, die Dardanellen sind 65 km lang, das 
Becken des Marmarameers (Propontis) zwischen 
ihnen 190 km. 
Geographie. Die Dardanellen, bei den Alten 
Hellespontos, benannt nach Prinzessin Hellé, die auf 
der Flucht vor der Stiefmutter hier von ihrem gol- 
bene Widder fiel und ertrank, gliedern sich in drei 
Teile: 
I. Die äußeren Dardanellen, 20 km lang, 
begannen für den Schiffer aus dem Archipelagos mit 
dem zwischen Kap Sigeion (asiatische Seite) und 
Kap Helles (europäische) 5,5 km breiten Eingangs- 
tor. Es ist heute gesperrt durch die von Sultan Mach- 
mud IV. auf fchem Gestade 1659 erbauten Türken- 
schlösser Sed-ül-Bahr (Burg am Meer) und 
Kum-Kale (Sandschloß), letzteres auf dem Alluvium 
des homerischen Skamandros (heute Menderes). Die 
europäische Wand ist gebildet vom Südzipfel der 
Thrakischen Chersonesos (Halbinsel Galli- 
poli), einer gebirgigen, wasserarmen Landschaft, steil 
abfallend zum Meere, zerrissen durch Quertäler in 
ahllose Klippen und Felsen aus gelbem Sandstein, 
rüchig, mit Gestrüpp bewachsen. Die Höhen steigen 
im Altschi-Tepe des Beiramli-Daghbis 216 m. Gegen- 
über erhebt sich die asiatische Seite bei Eren-köi bis 
337 m; der Abfall des Gebirges aber ist sanfter, ein- 
ladend zu Siedlung und Ackerbau. Hier wohnten seit 
Urzeiten die Völker, welche das Meertor bcherrschen 
wollten. 4 km vom Sigeion erhebt sich der Berg von 
issarlik (Jlion-Troia) mit seinen Städten aus sieben 
eitaltern und Ausgrabungsschichten, 15 km oberhalb 
ieht man südlich von Kap Kefes die Ruinen von 
Dardanos, die im Mittelalter dem Hellespont den 
Namen gaben. einst Königssitz des Aneas. Dazwischen 
lagen Manteion, Phoiteion, Ophrynion. Hinter Kefes 
folgt die Bucht von Sari-Siglar, und mit ihr bilden 
sich die äußeren Dardanellen zum eigentlichen Engpaß. 
II. Die mittleren Dardanellen, 6 km lang, 
anihrem Zugang dieschmalste Stelle, das Heptastadion 
der Alten, dessen Bezeichnung der Breitevon 1830 m — 
7 Stadien zu 190 m genau entspricht. Hier ragen noch 
heute die von Machmud II., dem Eroberer, schon 1462 
errichteten Burgen von Kilid--Bahr (europäisch) und 
Kals Sultaniék (Tschanak-Kalessi, asiatisch), 
letzteres „Töpferschloß, benannt nach dem dortigen 
Städtchen, dessen keramische Ware noch heute einen 
131 
Ruf hat. Von hier bis 6 km nördlich davon weitet 
sich der Paß nur bis zu 2200 m, der Entfernung zwi- 
schen Kap Nagara bei der antiken Stadt Abydos 
und dem Fort Bogali nahe den Ruinen von Siies. 
Hier ist die Stelle, wo Leander zu Hero schwamm und 
wo Xerxes seine Brücke über den Hellespont schlug, die 
kürzere Strecke des Heptastadions wegen der stärkeren 
Strömung vermeidend. Weiter innerhalb der mitt- 
leren Dardanellen am europäischen Ufer ist zu erwäh- 
nen die kleine Stadt Maidos (antik Madytos) und 
2 km nördlich von ihr die Bucht von Kilia, als Ein- 
gang zur tiefsten Quersenke der ganzen Halbinsel, über 
ie hinweg mit Steilfeuer von Nagara her in Nichtung 
Kaba--Tepe (dicker Hügel) auf das freie Meer ge- 
wirkt werden kann. Von hier über Maidos-Kritia 
führt nach Süden der einzige Fahrweg auf der Halb- 
insel, fortgesetzt als feste Straße nordwärks nach Galli- 
poli- Bulair. Nahe dem asiatischen Ufer läuft eine 
Chaussee Nagara-Tschanak-Kum Kale. 
III. Die inneren Dardanellen, 36 km lang, 
2,5—6 km breit, reichen bis zum Beginn des Mar- 
marameers bei Gallipoli (antik Kallipolis; 30000 
Einw.), wo zwei natürliche Buchten einen geräumigen, 
tiefen Doppelhafen bilden. Auf dieser Strecke verbrei- 
tert sich die Halbinsel bis zu 20 km, doch bleibt die 
Art des Aufbaues dieselbe; höchster Punkt ist der 
Sarai-Tepe, 308 m. Ahnlich streckt sich das asia- 
tische Ufer mit Erhebung bis zu 375 m. Hier lag 
am Ausgang in die Propontis die berühmte Lamp- 
sakos, heute das unbedeutende Lapsaki; 15 km südlich 
davon fand man beim Griechenstädichen Bergas die 
Ruinen von Perkoté. 
Berteidigung. Die leichte Sperrungsmöglickkeit 
der Dardanellen kennzeichnet ihre Bedeutung im Laufe 
der Geschichte und beruht heute auf folgenden Fakto- 
ren: Zunächst ist die morphologische Gestaltung 
von Wichtigkeit. Abgesehen von Enge und Strömung 
wingt die alluviale Bildung der Einschnürungen des 
Passfae. d. h. seine Verlandunge, angreifende Schiffe 
auf der entscheidenden Strecke der mittleren Darda- 
nellen in ein derartig schmales Fahrwasser, daß sie 
diese nur in Kiellinie durchfahren können. Die Na- 
garastraße ist die einzige Stelle, wo festes Gestein 
is auf 400 m an beide Ufer herantritt. Demnach 
kann eine Flotte des Verteidigers aufwärts Nagara- 
den Angreifer in Frontlinieempfangen, während dieser 
#er aus der Kiellinie aufmarschieren und dabei auf 
Entfaltung seiner Feuerkraft verzichten muß. Zudem 
bilden auf dem Lande die obengenannten Quertäler 
natürliche, der Sicht des Angreifers entzogene Stel- 
lungen für Steilfeuergeschütze. — Als zweiter wichtiger 
Faktor kommt der Unterseekrieg in Betracht. Strö- 
mung und Enge sind der Minenlegung günstig, für 
eindringende Tauchboote gefährlich. Außerhalb da- 
gegen im freien Golf von Saros, verborgen in den 
chlupfwinkeln der vielgegliederten Küste, wirken leicht 
und überraschend Torpedozerstörer und Unterseeboote 
des Verteidigers gegen größte Linienschiffe. Einen 
Beweis dafür liefern die Kriegshandlungen des Früh- 
jahrs 1915. — Die wirksamste Verteidigung jedoch 
bieten die bedeutenden alten und neuen Vesesti. 
gungen. Von ihnen (soweit sie aus öffentlichen Kar- 
ten ersichtlich sind) gehören die meisten, man darf sagen, 
der Geschichte an und sind für den heutigen Angriffs- 
krieg nicht mehr maßgebend. Kaum eine der jetzt in 
der Verteidigung wirksamen Batteriestellungen dürfte 
genau den früheren Angaben entsprechen; sie werden 
grundsätzlich abseits der im Gelände markierten Punkte 
9t
        <pb n="154" />
        132 
und nicht auf den alten historischen Plätzen angelegt 
sein. Ebensowenig lassen sich Zahl und Kaliber der Be- 
stückung angeben. Die für die Sperrung wichtigsten 
Stellen, in deren Nähe auch die modernen Batterien 
liegen, sind folgende: 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
2) Asiatisches Ufer. Hier sind zu nennen: die 
mittelalterliche Steinburg Kum--Kalé mit westlicher 
Seitenbatterie Orchanik; Kap Kefes, Fort und Bat- 
terie; Tschanak, Festung Sultaniê-hissar mit den 
Flügelbatterien von Parké und Tchemeni; 2km nörd- 
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8. 2 F - 
DlE DARDANELLEN 
1) Europäisches Ufer. An der Spitze der Halb- 
iusel die Batterien Ertogrul, Ak-tabia sowie Schloß 
Sed-ül-Bahr; 2,5 km weiter aufwärts die Batterien 
Tott und Hissarlik. Am Heptastadion die Batterien von 
Kilid-Bahr (Meeresriegel), Medjüdie, Nomasié, Baikra, 
letztere Aum südwestlich, Deirmen-burun (Mühlenkap), 
Tchameburun (Tannenkap), diese beiden nordwestlich. 
Bei Maidos die Batterien Maidos und Kiamlé, eine 
Batterie an der Kiliabucht, Fort Bogali mit zwei Sei- 
tenbatterien. Schließlich kommen noch die Befestigun- 
gen von Gallipoli mit hochgelegenem Kastell in Frage. 
lich Fort Medjidiẽ; 1 km weiter aufwärts Fort Kösch- 
burun, dahinter zwei Batterien nach der Landseite (l). 
Dazu kommt noch die alte Festung Nagara mit einem 
neuen Erdwerk und zwei Batterien. — Bei Nagara 
und Tschanak sind beide Ufer mit Kabel verbunden. 
3) Ergänzend hierzu haben wir uns heute, wie ge- 
sagt, eine Fülle von neueren Werken zu denken, 
sowohl am Ufer wie landeinwärts, teils Veldbefest-. 
gungen, teils provisorischer und permanenter Art. 
Auch eine Feldeisenbahn soll die ganze Halbinsel in 
der Längsrichtung durchziehen.
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        v. Diest-Grothe: Die türkischen Kriegsschauplätze 
4) Schließlich ist, wenn auch abseits der Dardanellen 
gelegen, aber mit ihrer Verteidigung zusammenhän- 
gend, die Linie von Bulair zu erwähnen, welche 
die 3 km breite Einschnürung der Halbinsel nahe ihrer 
Wurzel, 15 km nordöstlich von Gallipoli, absperrt. 
Erbaut im Krimkrieg 1853/54 von französisch-eng- 
lischen Ingenieuren, mit Front nach Nordosten, wird 
sie von der Propontis zum Jenikli-Liman am Golf 
von Saros über 165 m Steigung hinweggeführt. Sie 
bestand aus drei Hauptfesten: Viktoria, Sulian, Na- 
poleon, deren Namen und Front nach Nordosten ihrem 
damaligen Zweck entsprachen. Mit Umbau im Balkan- 
kriege 1912 nach neuzeitlichen Erfordernissen und 
bester Feuerwirkung nach allen Fronten sowie volks- 
tümlicher Umtaufe der Werke in Ai-Tabia (Mond- 
Feste), Merkes-Tabia (Mittel-Feste) und Jildis-Tabia 
(Sternen-Feste) haben die Türken hier eine erstklas- 
sige Festung geschaffen, welche anzugreifen die feind- 
liche Streitmacht nicht Vewagtê hat, abgesehen von 
einer erfolglosen kurzen Beschießung durch französische 
Schiffe am 3. März 1915. 
Kriegsgeschichte. Efeu der Sage und Lorbeer der 
Geschichte umwuchern seit Urzeit die Ufer der Darda- 
nellen; die Sonne Homers leuchtet über ihrem Ein- 
gangstor. Am Hellespont ankerten im Troerkrieg die 
Schiffe der Achaier. Neuere Forschung verlegt diesen 
Platz nicht an das Delta des Skamandros, sondern 
nach außen südwärts in den Beshikgolf (Besikabai) 
und betont, die Alten hätten »Meer der Heller nicht 
nur die Dardanellen genannt, sondern die ganze nord- 
östliche Bucht des Archipelagos. Strategisch und tak- 
tisch scheinen die Krlegshandlungen der Ilias dies zu 
bestätigen. Kerxes und Alexander haben die Darda- 
nellen überbrückt; mit Ketten ließ der Perserkönig ihre 
widerspenstigen Fluten peitschen. An den Ziegenflüssen 
(Aigospotamoi, Gebirgsbäche südlich von Gallipoli) 
wurde der Peloponnesische Krieg entschieden. über 
die Dardanellen hinweg (1356) eroberten die Osmanen 
das Hinterland von Byzanz 100 Jahre früher, ehe 
sie die Hauptstadt selbst zu Fall brachten. Herüber und 
hinüber tobten vom 15.—17. Jahrh. die Kämpfe zwi- 
schen Türken und Venezianern. Aberdie neuere Kriegs- 
geschichte gibt kaum ein Beispiel nachhaltiger = For- 
cierung«. 1770 drang mitder russischen Flotte Admiral 
Elphinstone bis Kefes-burun vor; 1807 durchfuhr mit 
englischem Geschwader überraschend bei Nacht Admi- 
ral Duckworth die ganze Meerenge, erschien vor Kon- 
stantinopel, mußte jedoch bald zurülck und etging bei 
der zweiten Durchfahrt knapp der Vernichtung. Seit- 
dem hat kein feindliches Schiff den -Meeresriegel ge- 
sprengt, und auch heute im Weltkrieg scheint Moltkes 
Wort zu Recht zu bestehen, der ihn für unbezwingbar 
erklärte. Den-Erfolg= des 1/: Jahr währenden eng- 
lischen Ansturms kennzeichnen am besten die Worte 
einer Londoner Zeitung („Daily Mail= vom 23. Dez. 
1915):2 Die Regierung erkennt jetzt die unglaubliche 
Dummheit dieser Expedition . wir hatten 200000 
Mann Verluste ohne Ergebnis — —I#% 
Imübrigen haben Kriegshandlungen zwischen 1807 
und 1914 an den Dardanellen kaum stattgefunden, 
und über diplomatische Kämpfe um die Meerengen- 
in dieser Zeit zwischen den beteiligten Mächten können 
wir hinweggehen. Auch alle internationalen Ver- 
träge sind, gleich denen für den Sueskanal, das Papier 
nicht mehr wert, auf dem sie geschrieben wurden. Die 
wichtigsten waren seinerzeit diejenigen von 1809, 1841, 
1856, 1871, 1878; nach ihnen durfte kein fremdes 
Kriegsschiff die Dardanellen passieren, ausgenommen 
133 
die nichtarmierten Schiffe von Rußlands Freiwilli- 
gen-Flotte-, welche die Besatzung nach dem „Fernen 
Osten« drachten, und die - Stationäre= der Botschaf- 
ter am Goldenen Horn. 
Karten und Literatur. H. Kiepert, Generalkarte 
der Südost-Europäiüschen Halbinsel, 1:1500000, miu Neben- 
karte der Dardanellen in 1:300000 (Berlin); Marmara- 
Meer und Umgebung, Bosporus, Dardanellen, 1:150000 
(Auxhaven); Karte der Dardanellen, 1: 175 000, zu dem 
Aufsatze v. Diests -Die Dardanellen im Weltlrieg- (2Zeit- 
schrift der Ges. für Erdk. zu Berlin«, Aprilheft 1916). Als 
erster topographisch-militärischer Bericht behandelt er Kampf- 
gelände, -formen, -mittel und --handlungen und ergeht sich 
außerdem in ausführlicher Weise über die Rolle, welche die 
Meerenge im Al#ertum spielte. 
B. Die vorderasiatischen Kriegsschauplätze 
von Dr. jur. et phil. Hugo Grothe, Privatdozent für 
Geographie in Stuttgart 
Vgl. die Karten „Kaukasusfronte, Länder des Mittelmeeresc 
dei S. 116, » Das Bordringen der Engländer im Irakgebiete bei 
S. 208 und die Textkarte Das Kampfgebiet auf der Sinai- 
halbiusel auf S. 135. 
Wie eine gigantische natürliche, gegen Angriffe 
wohl geschützte Festung erheben sich Anatolien und 
Syrien von den umgürtenden Meeren aus zu ge- 
waltigen Hochländern. Kleinasiens Ausdehnung in 
der Nord-Süd-Richtung erreicht zwischen dem lykischen 
Anamur und dem nordkleinasiatischen Kap Innsr. 
Burün unweit Sinope die gewaltige Entfernung von 
700 km. Das ist keine kleinere Distanz in der Luft- 
linie als die von Kuxhaven bis Konstanz am Boden- 
see oder die von Gent in Belgien bis Dresden. Nur 
wenige und schwierige Wege führen in das Innere, 
die mit Ausnahme der sacht zur Hochebene ansteigen- 
den westlichen ionischen Straßen meist über hohe Ge- 
birgspässe laufen und denen eine Reihe von paral- 
lelen Gebirgszügen entgegensteht, die sich quer zu einer 
etwa versuchten Einmarschrichtung bewegen. An den 
Küsten sehen wir vom Ausgang der Dardanellen bis 
um Süd- und Osthang des lykischen und kilikischen 
aurus, also an dem ganzen Rande des kleinasiati- 
schen Halbbogens, eine meist unnahbare Steilküste. 
Die größeren Städte und Häfen liegen in der Tiefe 
der Buchten, deren Zugang durch Aufbau von Be- 
festigungen auf den vorgelagerten Inseln leicht ge- 
sperrt werden kann. Dies gilt vor allem für Smyrna, 
aber auch für Adramyti, Mendelia, Giova, Makri. 
Ungeschützt liegen nur die pamphylische Ebene in der 
Tiefe des Golfs von Adalia und die kilikische im 
Schwemmland des Seihün und Dschihän wie weiter- 
hin der Winkel des Golfs von Alexandrette. Dafür 
aber stehen hart hinter diesen ebenen Küstenstrichen 
die höchsten Wälle des Taurus mit Höchsterhebungen 
zu 3000 und 3500 m, deren enge und rauhe Paß- 
pfade gegen größere Heere ohne Aufgebot bedeuten- 
der Kräfte zu verteidigen sind. An ein Hineintragen 
der Kämpfe ins Innere Anatoliens, also auf die klein- 
asiatische Hochebene, auf Grund einer Landung der 
Angreifer ist kaum zu denken. Ein Vormarsch in das 
unwegsame und dünn bevölkerte Hochplateau könnte 
nur mit Hilfe zahlreicher, auf der Einfallslinie errich- 
teter fester militärischer Stützpunkte erreicht werden. 
Die dazu nötigen starken Eroberungsheere aufzu- 
bieten, dürfte kaum ein Gegner so leicht imstande sein. 
Was die Küste Syriens betrifft, das als Land- 
brücke für die östlich zwischen Kleinasien, dem Kern- 
punkte osmanischer Macht und Bevölkerung, und
        <pb n="158" />
        134 
Agypten sich entwickelnden Kämpfe in Betrachtkommt, 
so gewährt auch hier eine Steilküste mit unsicheren 
Hähn sowie der orographische Aufbau des Hinter- 
landes bedeutenden Schutz. Das parallel der Küste 
sich erstreckende Nosariergebirge verteidigt die Land- 
schaften des nordsyrischen Hinterlandes mit Aleppo, 
Hama und Homs; die breite Mauer des Libanons 
deckt Cölesyrien und ein weiterer Riegel, der des 
UAntilibanons. die Kulturoase von Damaskus. Weiter 
im Süden wird Palästina vor einem vom Mittelmeer, 
also von Halfa, Jaffa oder Ghaza, heranziehenden 
Gegner durch den Riß des Jordantals und den steil- 
wandigen Graben des Toten Meeres sowie die östlich 
hinter ihm aufragenden Terrainstufen geschützt. Die 
den türkischen Aufmarsch gegen Agypten fördernde 
Melkabahn ist also auf ihrer ganzen nordsüdlichen 
Linie so gut wie unberührbar. überhaupt kommt 
den Türken für den Fall der Defensive wie Offensive 
das ziemlich reiche Bahnnetz in Syrien außerordent- 
lich zustatten, dessen Ausbau nach der Sinaihalbinsel 
zu während des Krieges betrieben wurde. 
Auch die Gestade des Schwarzen Meeres bie- 
ten mit dem schmalen Vorgelände ihrer von West 
nach Ost streichenden Küstenketten keinen rechten An- 
griffspunkt für größere Kriegsunternehmungen. Die 
am Schwarzen Meere sich lagernden Städte, wie 
Unieh, Ordu, Sinope, Ineboli, Eregli, Tireboli, Kera- 
sund, Trapezunt, bauen sichs äimtlich amphitheatralisch 
auf, und nur Samsum dehnt sich auf breiter ebener 
Uferterrasse. Nur hier und da sind diese Siedlungen 
Ziele für Schießübungen der russischen Schwarz- 
meerflotte #ewesen. wie an den Küsten des Mittel- 
meers die Angriffe einzelner Kriegsschiffe der Entente 
gegen Ghaza und Jaffa, Alexandrette und verschie- 
ene Plätze der westlichen kleinasiatischen Küste nur 
eitle Machtbekundungen blieben. 
Aus alledem ist ersichtlich, daß als Kampfplatz die- 
ses Weltkrieges weder die Küsten Syriens noch Ana- 
toliens in Betracht kommen. Kriegerische Ereignisse 
rößeren Umfanges mußten sich also in den Jahren 
914—17 aus von der Natur vorgeschriebenen Ur- 
sachen an den Berührungsflächen abspielen, welche 
die Türken mit ihren Gegnern haben: im Südwesten 
auf der GSinoihalbiufel, am Sueskanal und in 
Agypten; im Nordosten im armenischen Hoch- 
lande auf der 500 km langen Grenzlinie von der 
Tschoruchmündung zum Ararat und später in Tür- 
kisch- Armenien selbst, ebenso im persischen Aserbei- 
dschan auf einer gleichausgedehnten Front von Boja- 
id Über Täbris nach dem Südufer des Urmiasees. 
erner da, wo Englands kriegerische Tätigkeit infolge 
der bisherigen Vorherrschast in Indien und im Per- 
fischen Gols mit Erfolg einzusetzen vermochte, näm- 
lich im Zweistromlande an der Mündung des 
Schatt-el-Arab. Oder da, wo politische Ziele höchster 
Art, nämlich die Eroberung onstamtinopelt= durch 
ruhmvolle Strategie der Welt bekundet werden soll- 
ten, das ist an den Dardanellen (s. S. 131 ff.). 
I. Die Sinaihalbiusel. 
Drei Wege stehen den Heeren durch die Sinai- 
halbinsel offen, die sich von Syrien gegen Agypten 
wenden oder in umgekehrter Richtung ihr Ziel unen. 
Der südliche führt von dem am nördlichen Ende des 
Golfes von Alaͤba gelegenen Orte gleichen Namens 
über die Hochebene von Tih nach Sues, während ein 
zweiter von Tell Refäh an der syrischen Küste ent- 
lang nach El Kantära, etwa 50 km südlich von Port 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Said, läuft. Akäba, von der nächstliegenden Station 
der Mekkabahn (östliche Entfernung 70 km; von 
Ma'än 110 km) leicht erreichbar, erweist sich als be- 
sonders günstiger Stützpunkt für militärische Maß- 
nahmen. Unter hohen Palmen versteckt liegen die 
schmutzigen Araberhütten Akäbas, das von alters her 
den Sammelpunkt der nach Mekka ziehenden Kara- 
wanen bildet. Schon im späteren Mittelalter beschützte 
daher ein starkes Schloß diesen wichtigen Knotenpunkt; 
heute dehnen sich mehrere Küstenbatterien am Strande 
des Golfes, die einige englische Landungsversuche er- 
folgreic abgewiesen haben. 
aum in 5 km Entfernung von den lesten Pal- 
men Akäbas steigt die Straße H.en an. Zwischen Fel- 
sen und Trümmern erklettert sie in langen Serpen- 
tinen die Hochebene von Tih. Schwerbeladene Kamele 
brauchen an fünf Stunden, um bedächtigen Schrittes 
u dem Plateau zu gelangen. Der erste Halt auf dem- 
felorn geschieht bei Bir el Kittär. Hier liegt der Ort 
»El Mefräk-, d. i. die Wegeteilunge. Während der 
ägyptische Pilgerweg nach Westen abschwenkt, ver- 
läuft nach Nordnordwest ein beschwerlicher, 150 km 
langer Pfad durch die ganze östliche Wüstensteppe der 
Halbinsel bis Bir Birèn, von dem in drei Tages- 
märschen (8O km) Ghaza zu erreichen ist. In trockenen 
Vahren sind die Brunnen fast versiegt, so daß die 
Fährlichkeiten dieser Strecke recht beträchtlich sind. 
Von Bir el Kittär aus dehnt sich meilenweit das 
Hochland fast tischgleich. Erst gegen Süden zu, von 
der Breite an, wo sich die Rotemeerküsten des unteren 
Sinaidreiecks im spitzen Winkel einander zu nähern 
beginnen, wächst aus der Wüstenplatte von Et Ti 
ein stattlicher Gebirgsstock von Granit und Gu 
gervor. dessen braungetönte Felseneinsamkeit und 
dnis nur selten durch lebendige Wasseradern oder 
eine Baumgruppe, wie z. B. die idyllische Oase Hirän, 
unterbrochen wird. Der Serbäl (2060 m), der Dsche- 
bel Kathrin (2606 m) und der Dschebel Musa, d. i. 
„Mosesberg= (2292 m), an dessen Flanken das Sinai- 
kloster sich dehnt, sind die höchsten Erhebungen. Der 
Boden ist hart, und in schnellem Trab können Be- 
rittene die Hauptstadt der Sinaihalbinsel, Kaläat en 
Nachl (d. h. -Dattelschloß), erreichen. Als einzige 
Bodensenkung durchzieht das Tal von El Arisch die 
ochebene in nordsüdlicher Richtung. In ihm zeigen 
ich unweit en Nachl Gerste- und Maisfelder. Obne 
sawellel hat bei ehemals größerer Sorgfalt zur Auf- 
angung der Niederschläge und bei früher stärkerer 
Regenbenetzung die Sinaihalbinsel einsteinen reicheren 
Anbau aufzuweisen gehabt. 
Erst bei Meibeluk, eine kleine Tagereise vor Sues, 
geit eine Anderung der Landschaft vor sich. An 
telle des festen Gesteins tritt Sand. Der geschilderte 
Weg von Akäba bis Sues ist 240 km lang und kann 
auch von einer größeren Truppenabteilung in fünf 
bis sechs Tagen zurückgelegt werden. Kaläat en Nachl 
besitzt zahlreiche und geräumige Brunnenanlagen, so 
daß Tausende von Menschen und Tieren zu gleicher 
Zeit dort erquickt werden können, wie alljährlich bei 
den Mekka-Karawanen. Der nördliche Weg von der 
syrischen Grenze nach El Kantära ist ein wenig kür- 
er (220 km). Der erste größere Flecken auf der 
tinaihalbinsel, El Arisch, besitzt ebenfalls gute und 
ergiebige Brunnen. Dagegen sind die weiteren Oasen 
auf dem Marsche nach Westen: Bir el Mezär, Bir el 
(Abd und Bir el Katjeh, ziemlich wasserarm, so daß 
auf dieser sandigen Strecke die Wasserversorgung aus- 
schließlich durch mitgeführte Vorräte erfolgen muß.
        <pb n="159" />
        v. Diest-Grothe: Die türkischen Kriegsschauplätze 
Auch El Kantchra hat nur wenige Süßwasserbrunnen. 
Eine Rohrleitung führt unter dem Kanal hinweg von 
dem reichlich mit Süßwasser versehenen Westufer 
hierher. Obgleich sich dieser nördliche Weg nahe der 
Küste hinzieht, vermögen feindliche Kriegsschiffe einen 
Truppenmarsch nur auf einem schmalen Stück west- 
lich und östlich von El Arisch zu stören; denn noch 
in 10 km Entfernung vom Strande beträgt die 
Meerestiefe erst 5—10 Meter. Zudem erstrecken sich 
von Bir el Mezäc vor der Küste (von Bir Gerarät 
135 
von Bedeutung, weil er in zwei Ausstrahlungen 
nahe den Punkten am Sueskanal ausmündet, wo sich 
schmale Landbrücken als Durchbruchsstellen bieten. 
Zu einem Durchstoß kommen vor allem die zwischen 
den Seebecken gelegenen Landstreifen in Betracht, so 
die von El Kantära zwischen El Menzäle- und dem 
Ballähsee von 5 km Breite, ferner die zwischen 
Ballähsee und Jsmailia (10 km breit), dann solche 
zwischen Timsähsee und den beiden Bitterseen (13 km) 
und schließlich die Landbrücke zwischen diesen letzteren 
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bis zum Dörschen Mahmadije auf 80 km hin 8— 
10 km) breite Lagunen mit vorgelagerten Sand- 
bänken — es sind die Sebchät Bardawil, die alten 
Sirdonischen Seen —, die eine Truppenlandung und 
eine Beschießung der Karawanenstraße durch Kriegs- 
schiffe völlig unmöglich machen. 
Noch ein dritter Weg kommt, wenn auch nicht im 
gleichen Grade wie die vorgenannten, für die An- 
griffsbewegungen in Betracht. Diese AUnmarschlinie, 
180 km lang, zweigt aus dem Wädi el Arisch 86 km 
südlich vom gleichnamigen Städtchen in südwestlicher 
Richtung ab und endet in Ismailia, einem etwa 
10000 Einwohner zählenden Städtchen, in dem die 
Zentralverweltung des Sueskanals ihren Sitz hat. 
er Wasserbestand in den Brunnen ist ebenso gering 
wie auf nördlicheren Weg El Arisch-Kantära. 
Reste römischer Zisternenanlagen zeigen, daß im Al- 
tertum diese mittlere Wasserstraße ziemlich lebhaft be- 
gangen wurde. Dieser mittlere Weg ist gerade darum 
Das Kampfgebiet auf der Sinalhoalbinsel. 
und der Kanalmündung bei Sues, die mit 15 km die 
breiteste ist. 
Die Bevölkerung der eigentlichen Sinaihalb- 
insel beträgt schwerlich mehr als 10000 Seelen, von 
denen kaum ein Zehntel auf nichtarabische Elemente, 
wie griechische nche und Kaufleute, Kopien und 
n rüche Fellachen, entfallen dürfte. Außer El Arisch 
und Kaläat en Nachl gibt es nur noch eine nennens- 
werte Siedlung, das am Golf von Suoes gelegene 
Städtchen Tör, der einzige natürliche Hafen der 
Halbinsel mit einigen hundert Einwohnern und ziem- 
lich armseligem Handelsverkehr. Nur zur Zeit, wenn 
die ägyptischen Pilger aus Mekka zurilckkehren — Tör 
Quarantänestation für die von der arabischen 
ste kommenden Schiffe —, herrscht Leben und Ge- 
dränge in seinen engen und gewundenen Gassen. 
Herr der schmalen Oasen und Wülstensteppen des 
Sinajlandes ist der Beduine, und zwar der Towära-, 
wie er sich in bezug auf die Halbinsel nennt, die
        <pb n="160" />
        136 
im arabischen Munde „Tör= heißt. Ein ziemlich 
armes und bescheidenes, wegen seiner Zuverlässigkeit 
und Ehrlichkeit in besserem Rufe stehendes Völkchen 
als das der ösllich angrenzenden syrisch arabischen 
und ägyptischen Gebiete, stellen diese in sechs Stämme 
sich gliedernden Towära dar. Sie leben vom mageren 
Ertrage ihrer Palmenpflanzungen und Felder wie 
vom Verdienst ihrer Kameltransporte, mit denen sie 
vom Niltal und Akäba und den palästinensischen 
Grenzstädten einen guten Teil des Jahres unterwegs 
sind. Das den Beduinen trotz aller constigen religiö- 
sen Gleichgültigkeit imnewohnende Gefühl, in Zeiten 
der Bedrängnis des Islams der Fahne Mohammeds 
Gefolgschaft und Hilfe leisten zu müssen, beseelt ohne 
Zweifel auch die Towära und macht sie, was bei ihrer 
großen Kenntnis der Wege und Brunnen hoch zu 
veranschlagen ist, zu schätzbaren Bundesgenossen der 
Türken. Eine militärische Bedeutung gewinnen 
natürlich die Towära der Sinaihalbinsel ebensowenig 
wie die arabischen Irregulären Syriens und Meso- 
potamiens, die, auf Kamelen oder Pferden beritten, 
sich dem türkischen Kriegszuge anschließen. 
Die vor Kriegsbeginn markierte Grenze zwischen 
Syrien und Agypten war eine solche, wie sie von 
seiten der Lürken nur infolge mehrfacher englischer 
Einschüchterungen zugestanden worden war. Noch 
zehn Jahre nach der englischen Okkupation Agyptens 
betrachteten die Türken die östlichen Teile der Sinai- 
halbinsel als ihnen zugehörig. Im Jahre 1900 
führte die türkische Absicht, von der Mekkapilgerbahn 
aus einen Eisenbahnstrang nach Akäba zu führen, 
um im Notfalle türkische Truppen schnell zum Schutze 
der zwischen der Sinaihalbinsel und Arabien ein- 
schneidenden Meerzunge und des nordwestlichen 
Weges nach Mekka und Medina senden zu können, 
ur Drohung Englands, bei Ausführung dieses 
laues britische Kriegsschiffe durch die Dardanellen 
nach Konstantinopel abgehen zu lassen. 
Was die Türken in friedlichen Zeiten aus Scheu# 
vor Englands Macht nicht auszuführen vermochten, 
haben sie inmitten dieses Krieges zum größten Teile 
schon vollbracht, nämlich die Verbindung des süd- 
lichen Palästinas mit der Sinagihalbinsel. Die Vor- 
stöße der Engländer gegen das südliche Falästina, vor 
allem gegen Ghaza, haben solche nicht hindern kön- 
nen, indem sie dort nur den nächsten Umkreis der 
Meeresküste unter englische Macht stellten. Die schon 
seit längerem vorgesehene Bahnlinie nach der ägyp- 
tischen Grenze ist im Hinterlande heute schon in Be- 
trieb. Von Afuleh, an der Bahnstrecke Haifa--Derät 
gelegen, hatte die Türkei in eigener Regie schon vor 
dem Kriege eine nach Süden laufende Linie in Angriff 
genommen und bis Nablus geführt. Mitte Januar 
1915 bewilligte die Abgeordnetenkammer die erfor- 
derlichen Kredite zum schleunigen Weiterbau. Seit 
Anfang 1916 sichert diese palästinensisch--ägyptische 
Eisenbahnlinie, den Bahnstrang Jassa-Jerusalem 
bei Nablus berührend, über Damaskus und Aleppo 
im Anschluß an die Baghdadbahn eine unmittelbare 
Verbindung mit der Reichshauptstadt. 
II. Armenien. 
Armenien kann deutlich als geographische Ein- 
heit erkannt werden. Es erfüllt teils türkisches, teils 
russisches und persisches Gebiet. fällt jedoch zu seinem 
rößeren Teile (beinahe zwei Drittel) auf türkischen 
oden. Diese Flächenstriche waren niemals poli- 
tisch als ein armenisches Reich zusammengefaßt. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Doch angesichts der gleichmäßigen morphologischen 
Verhältnisse wird man den geschichtlich begründe- 
ten Namen Armenien nicht missen wollen, obschon 
die Armenier heute nicht die ausschließliche Bevölke- 
rungsschicht sind. Sie bilden nur in wenigen Ver- 
waltungsbezirken (in den am Wansee gelegenen) die 
Mehrheit. Die Grenzen Armeniens geben sich nach 
Osten und Westen ziemlich unbestimmt. Das Hochland 
dacht sich nach Kleinasien allmählich ab, gegen Kau- 
kasien und Iran gestalten sich die Abdachungen höher. 
Im Norden und Süden wird Armenien von hohen, 
zackenreichen Randketten umfaßt, die steil zur Küste 
bzw. zum mesopotamischen Tieflande abfallen. Im 
geographischen Sinne erfährt es folgende Umgren 
ung: westlich bis zu der Wasserscheide zwischen dem 
Frak.fu und den kleinasiatischen Flüssen, nördlich bis 
zu den pontischen Küstenketten, östlich hinein in die 
politisch russische Sphäre bis zum Abfall der nordöst- 
lichen armenischen Berge nach dem Rion und der Kura 
sowie auf persischem Territorium bis zum Bergpfeiler 
des Sähänd wie zum Oststrand des Urmiasees und 
viertens gen Süden bis zu den nördlichen Höhen- 
tügen der obermesopotamischen Steppe, die sich in 
er Breite von Mardin bewegen. Eine Hochland- 
schwelle in 1000 — 2000 m Höhe mit mächtig auf- 
gesetzten Gebirgsrücken, die von hohen, eindrucksvoll 
geformten Vulkanbergen überragt werden (Ararat 
5156 m, Alagöz 4095 m, Bingöldagh, d. i. der Berg 
der -Tausend Seen-, südwestlich von Erzerum, 3300 m, 
der Sipandagh bei Wan 3910 m, der Sawelän bei 
Täbris 4812 m), mit breit eingesenkten Seebecken (die 
Seen von Wan, Urmia und Göktschat in Höhenlagen 
von 1666, 1330 und 1934 m) und vielen scharf ein 
gegrabenen Flußfurchen, so offenbart sich gleichartig 
die physikalische Gestalt dieses armenischen Landes. 
Einzelne Beckenlandschaften, wie die von Erzerum, 
liegen 1900 m ü. M., beinahe in Rigihöhe. Wie der 
Lauf der Längstalfurchen der Flüsse deutlich zeigt, 
streichen die armenischen Bergketten sämtlich von W. 
nach O. oder von WSW. nach ON., biegen aber 
gegen Russisch-Armenien zu in nordöstliche Richtung 
um. Baumarme und kahle Plateaustreifen, bedeckt 
von düsteren Laven, aschgrauen Tuffen und nicht- 
vulkanischen Gesteinstrümmern, oder öde Steppen- 
striche, in fahles Gelb getaucht, hier und da unter- 
brochen von mattgrünen Ackerflächen, braungetönte, 
zerrissene und zerklüftete Kalkstein= und Schieferketten, 
rötliche schneegeköne Vulkandome, Baugrün schim- 
mernde, von Siedlungen umzogene Seenflächen und 
auf den Abdachungen der Gebirge gaH en das regen- 
bringende Schwarze Meer wie den appisee zu leuch- 
tende Waldlinien von immergrünen Laub- und Na- 
delbäumen, zahlreiche weiße Fäden ungestümer Wild- 
wasser in geröllreichem Bette, das sind die Farben 
und Töne des armenischen Landschaftsbildes. Eisig 
kalte Winter und glühend heiße Sommer kennzeichnen 
die armenischen Hochlaude. Je weiter wir ins Innere 
der Hochfläche rücken, desto größeren Temperatur- 
extremen begegnen wir (beobachtete absolute Maxima 
bzw. Minima + 38°% und — 29°). Der Mangel jeg- 
licher schiffbarer Flüsse und die ungenügende Zahl 
gueer Verkehrsstraßen — den Bau von Eisenbahnen in 
ürkisch-Armenien hat Rußland durch sorgsame poli- 
tische Intrigen hintanzuhalten gewußt — erschweren 
die geeignete Verwertung der wirtschaftlichen Erzeug- 
nisse von einiger Bedeutung, wie es die Beziehungen 
der einzelnen Beckenlandschaften zueinander, die zwi- 
schen hohen, mühselig zu bewältigenden Bergreihen
        <pb n="161" />
        v. Diest-Grothe: Die türkischen Kriegsschauplätze 
eingesenkt sind, zu keiner Entwicklung kommen läßt. 
Die Erzeugnisse Armeniens, so Obst aus den Gärten 
der Fruchttäler, Wolle der Viehzüchter, Erze der Berge 
(Silber, Eisen, Blei, Kupfer, Zinn bei Gümüschaneh 
im Pontus wie in der Gegend von Kharput und Diär- 
bekr), Erträge seiner Thermen von Eisen, Schwefel, 
kohlensauren Kalken sind daher, was Türkisch- Arme- 
nien betrifft, bislang nur in geringer Faht ausgebeu- 
tet und ausgeführt, und nur das einheimische wohl- 
entwickelte 8 (Kupferschmiede) hat sich die 
Schätze der Berge zunutze gemacht. 
Die Grenzlinie zwischen der Türkei und Rußland 
erreicht von den Küsten des Schwarzen Meeres bis 
zum Bergdom des Ararats eine ansehnliche Länge, 
und zwar reichlich 500 km (Luftlinie etwa 400 km). 
Die südwestlichen Gebiete des heutigen russischen 
Transkaukasiens mit Batum, Artwin, Ardachän und 
Kars wurden erst nach dem russisch-türkischen Kriege 
von 1878/79 dem Zarenreiche einverleibt, nachdem 
bereits 1829 durch den Frieden von Adrianopel die 
Landstriche am rechten Ufer des Kur mit Achatsych 
und Tiflis in russischen Besitz übergegangen waren. 
Der Verlauf der heutigen Grenze ist ziemlich ver- 
wickelt. Sie beginnt im Westen 25 km südlich von 
Batum, den Unterlauf des Tschoruch den Russen 
überlassend. Bis wenige Kilometer südlich vom Zu- 
sammenflusse des Ardanutsch-fu und des Tschoruch 
reicht ein Zipfel türkischen Gebietes nordwärts, doch 
nur so weit, daß die wichtige Paßstraße, die sich von 
der westlichen kranskaukasischen Hochebene über Ar- 
dachän am rechten Ufer des Ardanutsch-fu und des 
Tschoruch entlang nach Batum bewegt, vollkommen 
auf russischem Boden verlaufen kann. Ebenso gehört 
zu Rußland der Bezirk von Olty, den von Ardachän 
her eine südlich ausgreifende Straße bestreicht, wäh- 
rend das Ortchen Id und das gleichnamige Quell- 
gebiet des Olty-tschai sowie der Auslauf dieses schäu- 
menden Gebirgoflüßchens in den Tschoruch wieder 
türkisches Besitztum sind. Zwischen dem Dümlü-dagh 
und dem parallel zu ihm von West nach Ost streichen- 
den Achry-dagh befindet sich eine breite Längsrinne, 
die durch den Querriegel des Dewebojundagh bei 
Erzerum getrennt ist. Nach Westen zieht durch diese 
fruchtbare Talstrecke der Frat= fu. nach Osten zum 
Kaspischen See der Araxes (Aras-su). Nur ein kur- 
zes Stück seines Oberlaufes ist 1878 den Türken ver- 
blieben. Bon den nördlichen Quellen des Murad- 
tschai bis zum Ararat bilden die Kämme des Achry- 
dagh auf ziemlich 200 km hin die Grenze, einen star- 
ren und hohen Wall aufbauend, der nur auf zwei 
schwierigen Paßwegen vom Tal des Araxes zu dem 
des Murad“tschai Überschritten werden kann. Diese 
Grenzabsteckung bringt es mit sich, daß die natürliche, 
verhältnismäßig bequeme Straße von Erzerum nach 
dem nördlichen Persien auf der Strecke Hassankaleh- 
Köprüköi-Karakilisseh-— Bajazid noch gänzlich unter 
türkischer Herrschaft steht. 
Der Straßen, welche die einzelnen Landschaften 
auf russischer und türkischer Seite miteinander ver- 
binden, sind nur wenige. Mehr Fußpfad als gang- 
bare Straße ist der Weg, der längs steil zum Meere 
abbrechender hochragender Hänge den Wanderer von 
Trapezunt über Rizeh durch die lazischen Gaue nach 
Batum bringt. Schwindelig sind die Steige, die mit 
dem mittleren, tief in das Gebirge eingerissenen Tscho- 
ruch nach Artwin streben. Ein Seitenweg führt von 
Tschoruch in östlicher Richtung durch die Schluchten 
von Chosor in den Bezirk von Olty, während das 
137 
Städtchen dieses Namens selbst auf einem halsbreche- 
rischen, aus der Türkei von Süden herkommenden 
Gebirgswege erreicht wird. 
Die Festung Kars (1740 w), nach jedem russisch- 
türkischen Kriege neu ausgebaut, beherrscht den süd- 
lichen Teil der mittleren transkaukasischen Hochebene. 
Wer, von Westen vordringend, ihr Herr ist, gebietet 
über die Bahnlinie, die nach Alexandropol und Tiftis 
führt, und somit über das mittlere Kurabecken. Er 
vermag ebenso bequem das Becken von Eriwan 
(1000 m) zu meistern, das, am mittleren Araxes ge- 
legen, durch eine Zweigbahn von Alexandropol 
(1530 m) erreicht wird und weiter durch den Strang 
Eriwan—Dschulfa das Verbindungsglied mit dem 
unteren Araxesgebiet und dem nördlichen Zugange 
zur persischen Provinz Aserbeidschan bildet. 
Die wichtigste aller transkaukasischen Routen, die 
ihre Richtung nach Türkisch-Armenien nehmen, ist 
diejenige, die von Kars südöstlich in das obere Tal 
des Araxes strebt. Noch 1914 ist ihre strategische Be- 
deutung russischerseits durch eine Bahn erhöht wor- 
den, die bis Sarykamysch, einem unweit der türkischen 
Grenze gelegenen Orte, führt. Von diesem steigt die 
gut ausgebaute Chaussee über die südlichen Ausläu- 
fer des mit vereinzelten Fichtenbeständen bedeckten 
Sohanly-dagh (Paßhöhe 2420 m) hinweg und ge- 
langt in ein jäh einfallendes, von mehreren wilden 
Flußadern zerschnittenes romantisches Tal. Sodald 
man sich in mehreren Serpentinen aus diesem Tal- 
riß zu einem Höhenrücken emporgeschwungen hat, 
steht man auf türkischer Erde. Was sich weiter nach 
Sudosten auf Köprtlköi und Hassankaleh zu bewegt, ist 
keine rechte Kunststraße mehr, sondern ein von Tau- 
senden von Kamelhufen ausgetretener breiter Kara- 
wanenpfad. Bald steigt er über kleine Bodenwälle, 
bald überschreitet er auf primitiven Holzbrücken kleine 
Bachadern, die zur Frühlingsschmelze zu tosenden. 
und gurgelnden breiten Wasserfurchen anwachsen. 
Aus dieser Schilderung der Grenz-, Natur- und 
Verkehrsverhältnisse ergibt sich, daß nur eine eigeni- 
liche große Operationsstraße für bedeutende 
Truppenmassen bei einem Krieg um das Grenzgebiet 
in Betracht kommt, nämlich die von Kars nach Er- 
erum. Alle anderen Verbindungslinien, welche ich 
ängs des Meeres oder durch die Täler des Tschorn 
und des Olty-tschai oder über die Pässe des Archy- 
dagh hinziehen, wie solche, die in der schmalen Senke 
wischen Archy-dagh und Ararat auf der Strecke von 
gdir nach Bajazid laufen, sind von derartiger Be- 
schaffenheit, daß sich lediglich kleine Truppenkolonnen 
langsam und mühselig, im Winter nur durch Eis und 
Schnee, auf ihnen zu entwickeln vermögen. Auf dieser 
Paßstraße und um diese sowie auf ihrer im Tale des 
westlichen Euphrats verlaufenden Fortsegung nach Er- 
inghian haben sich denn auch während dieses Krieges 
sast alle größeren Kampfhandlungen abgespielt. 
III. Der Persische Golf und Mesopotamien. 
Val. auch die Nebenkarte auf der Karte -. Länder des Mittel- 
meeres-, S. 116. 
Das Kampffeld im Südosten ist nicht Mesopota- 
mien allein, sondern zugleich der Persergolf. Ob 
seiner Lage als Verbindungsglied zwischen den äußer- 
sten, an der Südostflanke sich aufbauenden Besitzungen 
der Türkei und der mächtigen englischen Kronkolonie 
Indien sind stille Borpostengefechte um seinen Besitz 
bereits geraume Zeit vor dem Weltkrieg geliefert 
worden. Schon 1912 wurden die Türken aus der
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        138 
Provinz El Hasa mit Hilfe der Waffen gedrängt, 
die England arabischen Kleinsultanen lieferte, und 
1913 waren die Striche von Basra und Kueit von 
den Engländern als eine Interessenzone gewonnen 
worden, die selbst von den Türken anerkannt wurde. 
Ein schlauchartiges, 830 km langes und bis 340km 
breites Becken, dessen Zusammenschnürung auf 45— 
55 km in der zum Indischen Ozean führenden Straße 
von Hormus liegt. gehört der Persergolf physiogra- 
phisch ur afrikanisch-arabischen Horizontalscholle, 
deren Nordrand die ostiranischen Faltenketten dar- 
stellen. Dort am Fuße der persischen Steilküsten hat 
er auch seine größten Tiefen (bis 150 m), während 
er an der südlichen Bruchlinie bis 70 km hinaus noch 
recht seichte Stellen aufweist (16—20 m). Klimatisch 
wenig verlockend sind seine Wasserfläche und ihr Um- 
kreis. Seeleuten gilt der Golf im Sommer als eine 
Hölle, welche die Schrecken der Tropen üÜberbietet. 
Die mittleren Tagestemperaturen des Augustessteigen 
auf 30°, ja nahe den sonneüberglühten Bergwänden 
der persischen Küste, vor allem in der Bucht von 
Bender Abbas, auf 33° C. Das absolute Maximum 
erreicht 47° C. An seiner Oberfläche erwärmen sich 
die Wasser des Persergolfes zu 30— 850. Ein blei- 
schwerer graugreller Himmel ohne hagegen sich ab- 
eichnende Wolkendecke lastet von Mai bis Oktober Über 
bieser Gegend. Ausgestorben sind in dieser Zeit die 
Gebiete der arabischen Piratenküste und die östlichen 
Uferstriche um Lingeh und Bender Abbas. Die Ein- 
geborenen flüchten dann in die Berge Persiens und 
auf die Hochtafel Arabiens, wo statt der lähmenden, 
auf dem Meere herrschenden Feuchtigkeit (42 Krogent) 
rößere Trockenheit die Hitze erträglicher macht. Gün- 
tigere Lebensbedingungen bietet der Winter. Sogar 
Temperaturen unter Null sind für Basra festgestellt. 
Die mittleren Temperaturen des Februar sind 186, 
ja sie sinken in der Westecke von Kueit bis zu den 
Bahreininseln auf 15° C. Bis zu diesen trägt der 
Schatt el-Arab seine kühleren trüben Wasser, so daß 
die Bänke der Wärme und Kloarheit liebenden Per- 
len an der Südküste nicht über die Bahreininseln 
hinausrücken. Südöstlich läuft die Strömung längs 
der arabischen Küste, um vor der Straße von Hormus 
umzubiegen und in entgegengesetzter Richtung längs 
der persischen Küste abzudrehen. Hoher Salzgehalt (bis 
7 Prozent) kennzeichnet die Wasser des Persergolfes. 
Schmale, mit Reis und Getreide bebaute Küsten- 
steifen breiten sich am Nordufer des Persergolfes vor 
en iranischen Ketten mit ihren im Winter schwer zu 
überwindenden Hochpässen. Der Schwerpunkt der 
Handelswerte lient auf persischer Seite in der Pro- 
vinz Arabistan, die sich an den unteren Karun mit 
seinem lebhaften Hafenstädtchen Mohammerah lehnt. 
Hier im Südwinkel Persiens gedeihen Zuckerrohr und 
Baumwolle und finden sich zahlreiche unterirdische 
Petroleumhorizonte, deren Uusbeutung sih England 
schon vor dem Kriege sicherte. Wenn der Gesamtaußen- 
handel der persischen Küsten 50 Millionen Mark aus- 
macht, wachsen' seine Werte am arabischen Litorale 
dank der Perlenfischerei und der Ernagfähigkeit der 
dortigen Oasenregionen auf 70—80 Millionen. Über- 
gaudt sind die Striche am Nordostrand der arabischen 
ochtafel mehr bevölkert, als man glaubt, birgt die 
Stadt Hofuf doch 25—30000, Kueit an 40000, die 
Insel Bahrein an 100 000 Seelen und zeigen selbst 
die Orte der stilleren Piratenküste, wie Abu Thabi 
oder Sur, 8—10000 Bewohner, während die bekann- 
ten Häfen der persischen Ostküste, wie Bender Abbas, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
nicht stärker bevölkert sind. Araber und weniger Perser 
sind die vorwiegenden Träger des Handelslebens; 
Inder und Parsi stehen an zweiter Stelle. 
Den Hauptstock des Handels liefert aber das West- 
ende des Persischen Golfes, die Striche an der Mün- 
dung des Schatt-el-Arab und ihr mesopotamisches 
Hinterland. Der Gesamtaußenhandel dieser Striche 
ist mit ihrem Segen an Datteln, Getreide, Baum- 
wolle, Süßholz und seinem Bedarf an europäischen 
Gütern auf 120—150 Millionen zu schätzen. Auf 
ungefähr ¼ Milliarde Mark bezifferte sich also bei 
Kriegsbeginn der Gesamtaußenhandel der Küstenläu- 
der des Persermeeres, eine Summe, die uns angesichts 
der Zahlen dieses Krieges !* erscheint. Vor dem 
Oberhause schätzte der Minister des Auswärtigen 
Lord Landsdowne den Seehandel der Länder des 
Persischen Meeres auf 3 Mill. Pfund, wovon England 
63 Proz. mit 2⅛" Millionen beherrsche. England, 
heute zu 70 Proz. beim Gesamthandelsumsaßz des 
Persergolfes vertreten, wollte durchaus hier Allein- 
herrscher sein und sah mit wachsender Eifersucht die 
deutsche händlerische Arbeit sich entwickeln, die nach 
kehnjähriger Tätigkeit seit Errichtung der arabischen 
oute der HDamburg-Amerika-Linie und Niederlassung 
einiger Firmen (Einführung des Exportes von Perl- 
mutterschalen) etwa 7 Proz. aller Handelswerte er- 
obert hatte. Der Krieg bot die beste Gelegenheit, den 
Golf von allen Nedenbuhlern rein zu fegen. Mesopo- 
tamien wurde als Kriegsziel ins Auge gefaßt (nach 
Lord Curzons Ausspruch, dies Land missse eine Ko- 
lonie Indiens werden), und aus Basra, dem zukunft. 
reichen Hafen des Zweistromlandes, versucht man, 
ein Alexandrien oder Hongkong und aus Baghdad ein 
anderes Kairo zu machen. Zugleich ergab sich die Ge- 
legenheit, unter Nichtachtung aller Hobeiterechte Per- 
siens Arabistan wirtschaftlich zu meistern, wie auf der 
Insel Hendscham im Persergolf nahe der engsten Stelle 
der Straße zum Indischen Meer —zur Wahrung gegen 
einen künftigen russischen Vormarsch zum warmen 
Meer — ein neues Aden oder Gibraltar anzulegen. 
Mesopotamien gibt sich morphologisch als ein 
breiter Senkungszirkus an der Außenseite der ost- 
taurischen und füdiranischen Faltenbogen und stellt 
die Vermittlung dar zwischen den beiden gegensätz- 
lichen Charakteren der Oberflächengestalt Vorderasiens, 
dem vorderasiatischen Faltenland und der vorder- 
asiatischen Schollenregion. Jüngere, leicht nach Süd- 
osten geneigte und selten gestörte Erdschichten (ober- 
kretazeische, eozäne und miozäne) haben an dem geo- 
logischen Aufbau Mesopotamiens teil. Auf weite 
Strecken ist im Süden dieser Untergrund mit San- 
den, Kiesen und fetter Schwemmerde überschüttet. In 
zwei voneinander merklich sich abhebende Landschaften 
gliedert sich Mesopotamien, in ein oberes und ein un- 
teres. Konstruieren wir auf Grund der natürlichen 
Begrenzung ein Rechteck, dessen beide lange Seiten 
von der syrisch-arabischen Wüstentafel, im Nordosten 
von den iranischen Randkelten gebildet werden und 
dessen beide Schmalseiten im Nordwesten die Taurus- 
berge und im Südosten der Persische Golf sind, so er- 
halten wir je nach der etwas weiteren oder engeren 
lbsteckung 300 —380000 qlm, also die Oberfläche des 
Königreichs Preußen u. das Dreifache von Rumänien. 
Der Kriegsschauplatz in Mesopotamien selbst 
wird bisher — nach den Kampfhandlungen von 30 
Monaten — nördlich etwa durch den 34. Breiten- 
grad begrenzt, Es handelt sich also im wesentlichen 
um die Gebiete, die wir als südliches Mesopotamien,
        <pb n="163" />
        v. Diest-Grothe: Die türkischen Kriegsschauplätze 
als den fetten marschartigen Boden des alten Baby- 
loniens begreifen. Was sich an den Ufern des unteren 
Euphrats und Tigris, der vereinigten Bänder der 
gesamten füdöstlichen Türkei, erstreckt, ist meist tisch- 
leiches Alluvialland, aus dem nur die „Tells-, die 
ohnschutthügel alter Siedlungen, mit 20—30 m Er- 
hebung aufragen. Baghdad selbst, in der Luftlinie 580 
km von der äußersten Westzunge des Persischen Golfes 
entfernt, liegt 40 m über dem Niveau dieses Binnen- 
meeres, dessen Beherrscher leicht zu Bezwingern aller 
Küstenstriche und ihrer ins Hinterland laufenden 
Verkehrswege werden. Die Kreidetafel des oberen 
Mesopotamiens ist im Süden infolge der Ablage- 
rungen jüngerer und jüngster Erdperioden kaum kennt- 
lich. Versandete Kanäle durchfurchen die braunschwar- 
zen eintönigen Steppenstriche, die im Hochsommer 
unter den Sonnengluten in breiten Rissen aufklaffen 
und sich vom April ab in der Nähe der Flüsse und 
Kanaladern in Sumpfgelände verwandeln, das nur 
mit der = Kuffae, dem badewannenartigen runden erd- 
pechverkitteten Schilfkorb, stellenweise zu bezwingen 
ist. Acht Zehntel des gesamten unteren Mesopotamiens 
ist Steppe, von dem ein guter Teil in den Zeiten der 
überschwemmungen auch als dürftige Schaf= und 
Kamelweide ausschererl. Oft steigen im Frühjahr die 
Wasser der Ströme über Nacht — beim Tigris oft 
in wenigen Stunden um 2m —, waschen breite Ufer- 
zun ens und laufen über die primitiven Dämme, 
die Pflanzungen erbarmungslosbegrabend. Im nord- 
westlichen Teil des Schwarzerdelandes stehen inmitten 
der Steppe nur einige schmale Gartenoasen oder ein 
paar Karawanserails mit einigen benachbarten Lehm- 
wohnhäusern, und zwar da, wo sich die bedeutenderen 
Verkehrswege schneiden. Die Zahl städtischer Siedlun- 
en ist gering. Größere Menschen- und Häuseranhäu- 
gen sind am Euphrat nur Musseijib an der Straße 
von Aleppo her, in der Nähe des alten Babylons Hilleh 
und am Saume der Wüste die Orte Nedschef und Ker- 
bela. Am Tigris stehen an Städten Kut-el--Amara, 
ferner das eigentliche Amara und Korna. Galerie- 
waldungen von Palmen begleiten — am Tigris vom 
alten Opis ab, am Euphrat südostwärts von Ramadi 
und Feludscha— das bei Hochwasser öfters einen neuen 
Lauf sich grabende Bett der Ströme. Basra ist eine 
von Kanälen durchzogene, von stattlichen Palmen- 
hainen umgürtete, weit gebaute Lagunenstadt. Alle 
übrigen Namen, die auf den Karten als Siedlungen 
erscheinen, zeigen nur Heiligengräber, an oder in 
Baumoasen versteckte Märkte, die lediglich an einem 
Tage der Woche sich bevölkern und kaum ein Dutzend 
arabische Lehmhütten fassen. 
Wo sich nährendes Wasser bietet, da entfalten sich, 
so Menschenhand im Werke ist, üppige Pflanzungen. 
Die Wärme begünstigt die Entwicklung üller Gewächse 
der Subtropen. Die Juli.Isotherme von 30° C be- 
errscht fast das ganze, nach dem Roten Meere und dem 
dischen Ozean sich erstreckende südöstliche Stück von 
Vorderasien. Getreide, Baumwolle, Hirse und Reis 
finden beste Bedingungen des Gedeihens. Doch der 
Mangel an Menschen und das Fehlen an Kulturtrieb 
bei den halbnomadischen Arabern des mittleren und 
bei den Sumpfbauern des südlichen Mesopotamiens 
lassen solche Gartenoasen nicht häufig entstehen. Nur 
die Pflanze, die am wenigsten der bedarf, der 
Dattelbaum, spendet ihre Früchte reichlich und vieler- 
orts. Oft tritt auf weite Strecken, insbesondere beim 
139 
unteren Tigrislauf zwischen Kut-el-Amara und 
Korna, die graue nackte Steppe hart an den Strom 
heran. Vorsiutftanlche Bewässerungsvorrichtungen, 
über Holzrollen laufende Schläuche, dienen dazu, mit 
erbarmenswert großem Aufwandan Zeit und Kraft die 
Flußwasser auf die höher liegenden schmalen Ackerschol- 
len zu heben. Das Buckelrind, aus Indien eingeführt, 
schreitet hinter dem Holzpfluge oder an der Leine, 
die jene fragwürdigen Schöpfeimer hebt und senkt. 
Allen Verkehr größeren Stils haben im unteren 
Mesopotamien die Ströme zu bewältigen. Schwer- 
fällige, hochbeladene Barken mit breiten Segeln be- 
völkern vor allem den Unterlauf des langsamer als 
der Tigris dahinziehenden, auch von der Dampfsschiff- 
fahrt noch nicht erschlossenen Euphrats. Die zahl- 
reichen Schlickablagerungen, die vielfachen Anderun- 
gen des Flußufers, die infolge großer Überschwem- 
mungen eintreten, die geringe Tiefe der Fahrrinne, 
die Lagerung von Sinkstoffen an der Mündung, die 
oft ihre Lage ändern — die flachsten Stellen auf der 
äußeren Barre haben oft nur 2 m Wasser —, bereiten 
dem Schiffsverkehr zahlreiche Schwierigkeiten. Der 
Ankerplatz vor Basra, 15 km von der Mündung ent- 
fernt, liegt auf 9—11 m Wasser, so daß Seeschiffe bis 
5000 und 6000 Tonnen, wie dies durch die Hamburg- 
Amerika-Linie geschah. bis hierher vorzudringen ver- 
mögen. An der Mündung ist der Schatt-el-Arab 
ein gewaltiger Strom von 1½ Seemeilen Breite. 
Nach Baghdad können zur trockenen Jahreszeit, in 
welcher der Fluß seinen niedrigsten Wasserstand hat 
September bis November), nur Boote mit 0,0 m 
iefgang gelangen, zuzeiten des Hochwassers (Mai 
bis Juni) solche mit 1,8 m sogar bis Samarra. Durch 
das Gewirr der dickichtumzogenen Kanäle, die sich be- 
sonders am unteren Euphrat von Samarra ab zgeigen, 
mit Boot oder Kuffa hindurchzukommen, bedarf es des 
hervorragenden Ortssinnes der Eingeborenen. Breit- 
getretene Karawanenpfade mit Ruhe- und Waren- 
unterstandsstätten gibt es nur im mittleren Meso- 
potamien im Gebiet zwischen den Strömen auf den 
von Baghdad nach Musseijib, Kerbela und Nedschef 
ausgehenden Routen und auf der nordöstlich nach 
der persischen Orenze sich bewegenden Straße. Im 
unteren Mesopotamien leisten also nur die Flußadern 
der planmäßigen Bewegung von Truppen Vorschub. 
Brücken gibt es im ganzen unteren Mesopotamten 
Über den Tigris nur zwei. Eine verbindet die west- 
lichen und östlichen Stadtteile Baghdads, die andere 
dient dem starken Pilgerverkehr, der nach dem 5 km 
oberhalb von Baghdad gelegenen Kazimen strömt. 
Und beide sind rohe Machwerkte, dürftiges Bretterwerk 
über verankerten Schiffsrümpfen. Den Euphrat 
überbrückende Bauten gleicher Artstehen bei Feludscha, 
wo sich der Verkehr nach und von Syrien auf den 
Straßen von Aleppo und Damaskus ergießt, ferner 
bei Hilleh unweit von Babylon und bei Hindieh nahe 
den großen Stauwerken, an denen zuletzt Willcocks 
seine Kunst versuchte. 
Ober= und Untermesopotamien zählen 2½—3 Mill. 
Einwohner, von denen ein Drittel auf das babylo- 
nische Tiefland fallen dürfte. 
Literatur. H. Grothe, Die Türken und ihre Geg- 
ner (Frankf. a. M. 10915); Derselbe, Der russisch-türkische 
Kriegsschauplatz. Armenien und Kaukasien (Leipz. 1916); 
A. Frech, Der Kriegsschauplatz in Armenien und Meso- 
potamien (das. 1916).
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        140 
Der rumänische Kriegsschauplatz 
von Professor Dr. Karl Kaßner in Berlin 
Während in der ersten Hälfte des Krieges bis zum 
übergang des Bewegungskrieges in den Stellungs- 
krieg auf der Ostfront die beiden Enden der 1600 km 
langen Karpathen in Ungarn und Serbien betroffen 
wurden, waren seit Ende August 1916, als Rumä- 
nien sich endlich unseren Feinden anschließen zu können 
glaubte, auch die mittleren und südlichen Karpathen 
und das Land dahinter das Ziel des Angriffes der 
Mittelmächte. Dieser neue Kriegsschauplatz umfasßt 
neben einem kleineren Teile von Siebenbürgen rund 
zwei Drittel von Rumänien. 
Das Königreich Rumänien besteht im wesentlichen 
aus fünf verschiedenartigen und verschieden großen 
Gebieten: dem Gebirgs-oder Karpathengürtel, derihm 
vorgelagerten Hügelzone, der welligen Moldau, der 
flachen Walachei und der hügeligen Dobrudscha. Nach 
Nordost über Südost bis Südwest bildet es gewisser- 
maßen das tiefere Vorland zu dem 300— 500 m 
höheren Siebenbürgen, das durch die Karpathen und 
das Bihargebirge wie von einem Ningwall umgeben 
ist. Dieser Wall lenkte die von Osten heranziehenden 
Völkerschwärme des frühen Mittelalters nach der 
Theißebene und nach der Balkanhalbinsel hin. So 
war Rumänien jahrhundertelang das Durchzugsland 
und konnte deshalb erst sehr spät zur Bildung eines 
cigenen Staates gelangen. Ein Durchzugsland kann 
aber niemals selbständige Politik treiben; es wird 
stets am besten bei der Neutralität gedeihen, und zwar 
ganz besonders, wenn es von mächtigen feindlichen 
lachbarn begrenzt wird, so für beide ein Gegenstand 
des Begehrens ist und diese Eifersucht der Mächtigen 
geschickt auszunutzen versteht. Da anderseits Rumä- 
nien im Süden auf langer Grenze in Bulgarien 
einen Nachbar hatte, dem es selbst kurz vorher übel 
mitgespielt hatie, so hätle es dessen Rachegelüste am 
besten dadurch unterdrücken müssen, daß es sich den 
Mittelmächten und damit auch Bulgarien verbündete. 
Es vertraute aber zu sehr dem Schutz der Karpathen, 
seinem Heere und der Entente, und zwar ihr vornehm- 
lich wegen der ausgesprochensten Vorliebe seiner dün- 
nen Oberschicht der Bevölkerung, der Großgrund- 
besitzer, für französisches Wesen im Guten und Bösen. 
Ein guter Mittelstand, der durch Besitztum, Bildung 
und politisches Verständnis dieser Oberschicht hätte 
wirkungsvoll entgegentreten können, istin ausreichen- 
dem Maße noch nicht vorhanden, und die große, fast 
völlig analphabetische Unterschicht wird meist in der 
ärgsten Hörigkeit gehalten und hat nichts zu sagen. 
Der Krieg wurde überdies gegen Osterreich-Ungarn 
in der von Rußland geförderten Hoffnung erklärt, 
die dortigen rumänischen Gebiete einverleiben zu kön- 
nen; sie umgeben ringartig das Burzen- und Szekler- 
land, so daß die neuen Grenzen einen völkisch-einheit- 
lichen Staat wie jetzt nicht mehr umfassen würden. Die- 
ses fremde Element rasch unschädlich zu machen, war 
wohl der Grund für das Eindringen der rumänischen 
Heere gerade hier, während es strategisch wohl richtiger 
gewesen wäre, mit der Hauptheeresmasse durch den Ro- 
tenturm= und den Vulkanpaß in das von Landsleuten 
dicht bewohnte westliche Siebenbürgen einzufallen und 
so die feindlichen Truppen im östlichen zum Rückzug zu 
zwingen. Inwiefern diese Pässe und überhaupt das 
1 Ugl. die Nelieskarte ? Ungarisch-rumänisches Grenzgebiete 
und die Karte bei S. 222. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Grenzgelände für die Kriegführung von Bedeutung 
waren, wird eine eingehendere Schilderung lehren. 
Die Karpathen bilden auf fast 600 km Länget 
die Grenze Rumäniens gegen Ungarn, aber die Grenz- 
linie selbst verläuft weder auf dem Kamme, noch auf 
der Wasserscheide und ist mithin durchaus nicht natür- 
lich. Das schadet hier aber kaum etwas, da gerade 
der von ihr durchzogene Streifen nahezu menschen- 
leer, dafür aber vielfach mit Urwäldern bestanden ist. 
Zwar sieht man auf genaueren Karten auf beiden Sei- 
ten der Grenzen zahlreiche Eisenbahnen die Täler ent- 
langziehen, aber sie dienen nicht dem Personenverkehr, 
sondern in erster Linie dem Holztransport; mehrfach 
haben sie noch Drahtseilbahnen als Zubringer. Der 
Lolgreichtum und das starke Gefälle der wegen ergiebi- 
ger: liederschläge wasserreichen Bäche ließen auf beiden 
Seiten der Grenze eine Unzahl von Sägemühlen ent- 
stehen. Vom Hektar Gebirgswald werden etwa 300chm 
handelsfähiges Holz gewonnen. Während oberhalb 
von 1800 m Wald nicht gedeiht, finden sich bis 1000 m 
herab Nadelhölzer und Lann bis 700 m Buchen, die 
weiter unten von der Sommereiche verdrängt werden. 
Von den 21 Hundertteilen Wald der gesamten Lan- 
desfläche konmmt der größte Teil auf das Gebirge 
und das anschließende Hügelland. 
Wenn die Grenze nicht immer auf dem Kamme 
verläuft. so liegt das zum Teil daran, daß es keinen 
einzelnen Hauptkamm gibt, sondern mehrere Züge, 
die sich schon geologisch voneinander abheben, zwar 
meist nebeneinander hergehen, aber doch von den in 
den Zwischentälern entspringenden Flüssen durchbro- 
chen werden. Man unterscheidet die von Nordnord- 
west nach Südsüdost ziehenden Ost= oder Siebenbürgi- 
schen Karpathen von der Bukowina bis zum Putna- 
quellgebiet und die westöstlich verlaufenden Süd-oder 
Transsylvanischen: Alpen; in beider Scheitelpunkt 
liegt das anders geartete Bodzaer Gebirge. 
Die Siebenbürgischen Karpathen sind an 
ihrem Nordwestende an der Grenze der Bukowina 
geologisch weniger einheitlich gestaltet als am Südost- 
ende, denn dort ziehen drei verschiedenartige Gebirge 
nebeneinander her. Ganz in Siebenbürgen erhebt 
sich das rauhe, nebelreiche Trachytgebirge Hargida, 
das ausgedehnte, dichte Waldungen auf sanften Berg- 
formen trägt und so gut wie menschenleer ist. Es ist 
vom 1200 m hohen Borgopaß im Nordwesten bis zu 
den großen Altkrümmungen 200 km lang und er- 
reicht seine größte Höhe im Norden, im Pietros oder 
Kelemen mit 2102 m, während es in der Mitte, in 
dem Hargita genannten Gipfel, nur 1798 m hoch wird 
und im Süden unter 1100 m herabgeht. Keine Eisen- 
bahnen führen hinüber, wohl aber einige gute Chaus- 
seen. Auf ihnen mußten unsere Truppen hinüber, 
um die weichenden Rumänen im eigentlichen Grenz- 
gebirae angreifen zu können. Vorher war aber noch 
ie Talbeckenreihe zu durchschreiten, die beide Gebirge 
trennt. Im nördlichen Becken, dem Quellgebiet der 
Maros, liegt die Stadt Gyergyö St. Miklös mit 
7000 meist magyarischen Einwohnern, im mittleren 
Becken, dem Quellgebiet des Alt, die ebenfalls ma- 
yarische Stadt E#llSzereda (3000 Einw.) und im 
üdlichen das fruchtbare Szeklergebiet, das Komitat 
Häromszek. Den Ostrand des nördlichen und mittleren. 
Beckens begrenzt der schon an der oberen Theiß be- 
1 Nicht 1171 km, wie viele, selbst amtliche Bücher angeben. 
2 D. h. die Alpen jenselts des ? Waldlandes, wie Sieben- 
bürgen magyarisch genannt wird.
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—4Frontilule Herbst 1917.
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        Kaßner: Der rumänische Kriegsschauplatz 
ginnende, bis über 50 km breite Glimmerschieferzug, 
das malerische Gyergyögebirge, das aber rasch 
schmaler wird und schon an der Trotusquelle endet; 
seine Gipfel bleiben meist unter 1700 m und steigen 
nur im steilen, massigen Ciahleu auf 1910 m an. 
Das Bistritzatal bildet hier nicht die Ostgrenze, sondern 
hat sich nur nahe dem Ostrande des Gebirges mittiefer 
Furche eingeschnitten. Die breiteste Entwicklung der 
drei Gebirge aber zeigt die östlich vorgelagerte, stark 
gefaltete karpathische Flyschsandsteinzone; ihr gehören 
das Csiker= und Vereczker-Gebirge an, von 
denen jenes bis zu 1640 m, dieses im Laköc bis zu 
1778 m aufragt. Aber auch die bis zum Sereth fast 
heranreichenden Vorberge sind vereinzelt noch bis zu 
1000 m hoch (z. B. im schwer umkämpften, 900 m 
aus der Ebene aufragenden Odobosci). 
über diesen Teil der Karpathen führen von Sieben- 
bürgen eine Reihe Pässe, von denen aber nur einer 
eine Eisenbahn trägt. Der nördlichste Paß, der von 
Tölgyes, verbindet, ebenso wie der schwierigere Bekäs- 
paß, das obere Bistrigatal mit dem Gyergyöbecken; 
beide Pässe haben aber im ganzen mehr örtliche Be- 
deutung, obwohl an seinem Ostende das stattliche 
Piatra (20000 Einw.) liegt. Ganz anders 50 km 
südlich der Gyimespaß, der an der Grenze 700 m 
hoch ist; die Fahrstraße steigt auf ungarischer Seite 
dann noch bis über 1200 m an, während die Eisen- 
bahn, die vom der Hauptlinie am Sereth bei Ajud 
abzweigt und bei Madefalva in die ungarische Ost- 
grenzbahn mündet, die Fahrstraße im Westen nur 
noch eine kurze Strecke begleitet, um auf rascherem 
Wege mittels Tunnels das Tal von Csik-Szereda zu 
erreichen. Diese Eisenbahn, die einzige von Sieben- 
bürgen nach der Moldau, folgt zuse ständig dem 
Trotusflusse und ist nicht nur für den Durchfuhr- 
verkehr und den Zugang zum sehr besuchten Bade 
Slanic bei Okna von großer Bedeutung, sondern auch 
für die Beförderung von allerlei Gütern, nament- 
lich von verarbeitetem Holz (die rohen Baumstämme 
führt man billiger in Flößen hinab). Auf diese 
Eisenbahnstrecke mündet unterhalb von Tirgul Okna 
von Südwesten her die sehr wichtige Ojtosstraße, die 
im oberen Ojtostale bis auf 865 m ansteigt, um 
sich dann in das 560 m hohe östliche Becken von 
Haromszek zu senken. Da hier auf beiden Seiten 
der Grenze landwirtschaftliche Erzeugnisse gewonnen 
werden, so liegt ein Bedürfnis für eine Eisenbahn 
nicht vor, und für die sonstigen Güter (meist Klein- 
waren) genügt der Frachtwagen; wohl aber hat der 
Paß besondere Bedeutung für den Personenverkehr 
von der Moldau nach dem dichtbesiedelten und in- 
dustriellen Burzenlande mit der Hauptstadt Kronstadt. 
Das nun beginnende Bereczker Gebirgeist ganz unweg · 
sam, und erst 75 km weiter trifft man den hohen Bodza- 
paß, wo die Sandsteinzone nach Südwesten und We- 
sten umbiegt, um ganz schmal bei dem Vulkanpaß zu 
enden. Auch das Bodzaer Gebirge mit fast 2000 m 
Höhe ist sehr siedlungsarm, und die wenigen Pfade 
liegen sehr hoch, so das sie für größere Truppenmassen 
nicht in Betracht kommen. Ganz außerordentlich 
wichtig sind aber zwei unmittelbar westlich davon 
gelegene Pässe, nämlich der Tömöser oder Predeal- 
paß und der Törzburger Paß. Beide führen aus 
dem reichen Kronstädter Tale in die Walachei, jener 
in die östliche, namentlichzur Landeshauptstadt, dieser 
in die westliche. Der Predealpaß, der mit 1050 m 
noch fast 200 m niedriger ist als der Törzburger, 
steigt auf der Nordseite rasch an, um sich in Rumänien 
141 
langsam zu senken; die großartige Umgebung mit 
dem 2508 m hohen Bucsecs (Omu) und die bequeme 
Erreichbarkeit von Bukarest und Kronstadt machen 
ihn zur besuchtesten Gegend Rumäniens. Verschiedene 
Engen ermöglichen überdies eine vorzügliche Vertei- 
digung, und nur die Umgehung von Südwesten her 
brachte ihn 1916 ohne große Opfer in unsere Hände. 
Etwas westlich vom Törzburger Paß beginnen 
die Transsylvanischen Alpen, die im wesent- 
lichen ostwestlich ziehen, um zuletzt vor dem Temestale 
nach Süden umzubiegen sie enden jenseits der Donau 
am unteren Timok. Sie bestehen aus zwei Parallel-= 
ketten, deren nördliche höher und vorzugsweise aus kri- 
stallinischen Schiefergesteinen aufgebaut ist, während 
die südliche, in ihrer Osthälfte mit jener durch meh- 
rere Querrücken verbunden, aus Flyschsandsteinfalten 
besteht. Die Grenze verläuft in der Osthälfte auf der 
Nordkette, dann aber auf der Südkette. Jene beginnt 
mit dem mieist mehr als 2000 m hohen Fogaraser 
Gebirge (Negoi 2544 m), das steil zu der 400—500 m 
hohen Ebene von Fogaras abfällt und dadurch als 
gewaltige Mauer erscheint. Nur schwierige Saum- 
pfade führen in großer Höhe hinüber. Erst am fast 
2000 m tief eingeschnittenen Rotenturmpaß, der nur 
350 m Meereshöhe hat, kann man neben dem Alt- 
flusse beguem zu Wagen und mit der Eisenbahn nach 
Rumänien hinein. Er ist so gut zu befestigen, daß 
nur kühne Umgehung auf gefahrvollen Pfaden ihn 
entwertete und dem urchzug. unserer Truppen öff- 
nete. Westlich schließt sich das Cibingebirge (Steff- 
leste 2204 m) an, das am östlichen Quellfluß des Jiu 
oder Zsil endet und durch einen Querriegel mit dem 
Mandragebirge, dem Westende der südlichen Pa- 
rallelkette (Ursu 2131 w), verbunden ist. Der Jiu 
hat hier das Gebirge im Szurdukpaß durchbrochen, 
der, wenn aucheng, doch den Bahnbau gestattete. Auch 
er wurde 1916 durch Umgehung über den westlich 
nahen, aber 1624 m hohen Vulkanpaß erschlossen. 
Von hier wird das Gebirge (Retiezatkekte) zwar nied- 
riger, aber trotzdem nicht wegsamer, und erst bei Or- 
sova tann man es längs der Donau umgehen. 
Das Hügelland, das den Karpathen vorgelagert 
ist, steht mit ihnen geologisch in soinnigem Zusammen- 
hange, daß es im vorstehenden schon mitbehandelt 
wurde. Bemerkenswert ist aber noch, daß die größe- 
ren Ortschaften am Ausgang der Flußtäler liegen, so 
Neamzu, Piatra, Fokschani, Rimnicu-Sarat, Buzeu, 
Ploescht, Pitescht usw., daß ferner dementsprechend die 
Eisenbahn geführt ist, wobei noch Steigungen tunlichst 
vermieden wurden —z. B folgt die Eisenbahn Orsova- 
Bukarest—Fokschani nahezu der 200-m-Linie —, und 
daß diese Hügelzone durch Petroleum-= und Salzgewin- 
nung wie auch durch zahlreiche Mineralquellen und 
Weingärten wirtschaftlich besonders wertvoll ist. 
Die Moldau. Der übergang zur Ebene läßt sich in 
der Moldau nur in ihren südlichsten Teile erkennen, da 
sie sonst überall stark wellig ist. Hierdurch wie durch 
die tief eingeschnittenen, viel Geröll haltenden und oft 
überschwemmungen aufweisenden Flußtäler und 
durch den lößhaltigen Boden ist ihre Wegsamkeit stark 
beeinträchtigt. Dem Verlauf von Sereth und Pruth 
und ihrer Nebenflüsse entspricht die Entwicklung des 
Straßen= und Eisenbahnnetzes, die sonst befremdlich 
erscheinen würde, so wenn man z. B. feststellen muß, 
daß es zwischen den beiden wichtigsten Städten des 
Landes Bukarest und Jassy keine unmittelbare Linie 
ibt, denn das Querstück bei Tekuci ist später einge- 
Hünr und weist nicht nach Bukarest. Allerdings har
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        142 
auch die erste Anlage von Eisenbahnen durch gewinn- 
ierige Ausländer hier sehr bestimmend mitgewirkt. 
azu kommt noch das Bestreben, die landwirtschaft- 
lichen Eczeugrife der Moldau möglichst rasch dem 
Wasserwege der Donau, d. h. den Häfen Galatz und 
Braila, zuzuführen. Für den Aufmarsch der Truppen 
an der wichugen Verteidigungslinie am Sereth steht 
so auf der 128 km langen Strecke von Roman-Mara- 
sesti nicht eine einzige Bahn von Osten her zur Ver- 
fügung, und selbst an guten Landstraßen gibt es dort 
nur die eine von Vasluin nach Bacau, die überdies 
so starke Krümmungen aufweist, daß sie statt der Luft- 
linie von 62 km in Wirklichkeit 84 km (+ 35 v. H.) 
lang ist. Die Ursachen sind vor allem die in dem an 
sich meist schwachwelligen Lande tief eingeschnittenen 
Flußtäler, deren Ufer nicht selten bis zu 100 m höher 
liegen. Reichliche Regengüsse im Sommer zerreißen 
diese Lößwände und legen öfter zähen Tonschlick bloß, 
so daß der Vormarsch quer zur Richtung der zahlreichen 
parallelen Flüsse und Bäche außerordentlich mühsam 
und sehr vom Wetter abhängig ist. Bei Trockenheit 
entwickelt sich ein atemraubender Staub, und im Win- 
ter bringen russische Winde grimme Kälte. Der Sereth 
schuf sich ein breites Gerölltal und legt darin von der 
Grenze bis zur Donau statt 313 km in zahllosen 
Windungen 488 km (+ 42 v. H.) zurück. Ebenso 
weisen sein Nebenfluß Barlad und der Pruth verkehrs- 
hinderliche Krüimmungen auf. Trotzdem bietet die 
Moldau der Landwirtschaft durch fruchtbaren Boden 
ünstige Bedingungen, wenn auch der kleinbauerliche 
etrieb noch arg rückständig ist. Der Ausfuhrhafen 
für den vornetiich angebauten Mais und Weizen 
ist die Donaustadt Galatz (75000 Einw.) am sehr 
fischreichen Brateschsee, dem westlichsten der durch die 
Donauanschwemmungen vom Meere abgeschnittenen 
Limane. Jenseits des nahen Sereth beginnt 
die Walachei, die östlich vom Alt Große (Mun- 
tenia) und westlich davon Kleine Walachei (Ol- 
tenia) genannt wird, obwohl beide die gleiche Boden- 
beschaffenheit besitzen. Besser trennt eine Linie etwa 
von der Timokmündung über Craiova, Buzeu nach 
Fokschani, die großenteils mit Haupteisenbahnlinien 
zusammenfällt, das Gebighspor and mit über 200 m 
Seehöhe von der weiten Niederung, gleichzeitig aber 
auch die Gebiete mit mehr und weniger als 500 mm 
jährlicher Niederschläge; nur die Gegend um Bukarest 
erhält noch über 600 mm. Ahnlich, nur ein wenig 
nach Südost parallel verschoben verläuft auch die 
Grenze der Wald= und Steppenzone. Bis zu der 
obigen Linie reicht auch ungefähr vom Gebtrgefaß 
ab jungtertiärer Boden, während donauwärts Lehm 
und Lößstarke diluviale Geröllschichten hoch Überdecken. 
Infolge sehr tief liegenden Grundwassers, das für den 
Gebrauch mühsam heraufgehoben werden muß, ent- 
steht bei Trockenheit knietiefer Staub, der stellen weise 
Dünen bildet und durch deren Wanderung das Nutz- 
land gefährdet und entwertet. Bei Regen dagegen bietet 
zäher Kot den Truppen wie den Heerestransporten die 
schwersten Hindernisse. Dazu kommt noch die unge- 
bändigte Kraft der bei Regen mit großer Gewalt von 
den Gebirgen herabströmenden Flüsse, die sich dabei 
ein zwei- und mehrfach breiteres Bett gerissen haben, 
als zu gewöhnlichen Zeiten erforderlich ist, und das 
von bis zu 50 m und darüber hohen Steilrändern ein- 
efaßt ist. Eisenbahn und Straßen erfordern kost- 
pielige Brücken; so ist die Eisenbahnbrücke über den 
Alt bei Slatina nicht weniger als 375 m lang. Hier- 
durch wie auch durch die sehr dünne Besiedlung und 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
die Verkehrsarmut des donaunahen Geländes ist der 
für eine Verteidigung der Donaugrenze sehr ungün- 
tige Zustand geschaffen worden, daß alle Zufahrts- 
trecken zur Donau von der einen, noch dazu bis zu 
180 km (Costesci- Zimniza) entfernten Hauptlinie- 
Orsova-Bukarest abzweigen. Deshalb mußte unser 
Vorstoß längs des Jin bis zu dieser Strecke die ru- 
mänische Armee bei Orsova rettungslos abschneiden 
Jedes Vorrücken aber längs der Hauptlinie bis zueiner 
Anschlußbahn brachte die feindliche Truppe an deren 
Donauendstation in schwere Transportnöte, denn ein 
Marsch längs der Donau ist wegen der ausgedehnten 
Sümpfe und Altwasser sowie etwas weiter landein- 
wärts wegen der tiefen Flußtäler sehr mühsam und 
bei dem bequemen Einsehen der Niederung von dem 
bis zu 225 m hohen bulgarischen Donauufer nicht un. 
bemerkt auszuführen. Wie niedrig das rumänische, 
den Donauwasserspiegel kaum überhöhende Ufer über- 
haupt ist, ersieht man daraus, daß dieser Wasserspie- 
gel selbst bei Orsova nur 56 m und schon bei Widdin 
nur noch 30 m über dem Meeresspiegel liegt. Der 
größere Teil der Waloachei ist außerordentlich frucht- 
ar und führt den Donauschiffen alljährlich große 
Mengen Getreide zu; dagegen ist das Gebiet zwischen 
Bularest, Braila und Calarasi, das nur von der Ja- 
lomiza und dem Calmatui 10—20 m tief eingekerbt 
wurde, sehr wenig ertragreich, vielfach sogar Steppe 
und daher ganz swach besiedelt. Ein 10—20 km 
breiter Sumpsstreifen, in dem sich die Donau wieder- 
holt verzweigt, trennt die Große Walachei von der 
Dobrudscha. Ihre bisherige politische Abgrenzung 
egen Bulgarien war ganz willkürlich gezogen, ohne 
7ucksicht auf natürliche oder wirtschefelsche Grenzen. 
An das 300—500#hohe bulgarische Waldland Deli- 
Orman zwischen Warna und Rustschuk schließt sich 
mit 150—300 m Höhe nördlich zunächst ein durch 
Löß sehr ertragreiches Getreideland mit der Haupt- 
stadt Dobritsch an. Unter dem Löß trifft man bald 
auf wasserdurchlässigen Kalk, so daß die Bäche meist 
nach kurzem Lauf um etwa 100 m tief versickern und 
an küsten -- und donaunahen Einschnitten in mäch- 
tigen Karstauellen (z. B. in Dewna bei Warna) zu- 
tage treten. Da das Wasser 100 m und mehr herauf- 
eholt werden muß, ist das Land nicht sehr dicht be- 
Redelt und dem Durchug rößerer Heeresmassen 
nicht besonders günstig. Auch hier wie jenseits der 
Donau wechseln oft unerträglicher Staub und grund- 
loser Klei, große Hitze und eisiger Nordoststurm. Dann 
senkt sich das Land bis etwas nördlich von der Bahn 
Tschernawoda-Konstanza auf 100— 130 m Höhe; 
auch die von der Bahn benutzte Karasufurche von 
nur 56 m Höhe bildet keine geologische Grenze. Erst 
der nördliche, wieder etwas breiter werdende Teil der 
Dobrudscha zeigt anderes Gepräge, nämlich ein der 
Höhe von 456 m nach zwar unbedeutendes, aber durch 
seinen inneren Bau (tsteil gefaltete paläozoische Schich- 
ten mit Granit (bei Matschin)], überdeckt von horizon- 
talen Kreide- und Juraschichten) noch etwas rätsel- 
haftes und bei der flachen Umgebun ganz stattliches 
Gebirge. Diese Gegend hat im egenseh zu dem ganz 
baumarmen Süden noch ausgedehnte Buchen- und 
Eichenwälder. Landstraßen durchkreuzen vielfach das 
Land, während zwei Eisenbahnlinien einerseits die 
Stadt Tultscha (20000 Einwohner) am Anfang des 
Donaudeltas, anderseits Warna—-Dobritsch mit der 
Hauptbahn Tschernawoda-Konstanza und dadurchmit 
dem eigentlichen Rumänien verbinden; beide Linien 
treffen sich aber, wohl wegen eines geringen Höhen-
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Bliog#phischen Instilut, Leipnig. — Criechenland. 
Zthkulsarien. Albanien
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        Kaßner: Der mazedonische Kriegsschauplatz 
unterschiedes, ungeschickterweise nicht an derselben Sta- 
tion, als ob ein Durchga overlehr von Nord nach 
Süd nicht erwartet wird. Nach der Donau wie nach 
dem Schwarzen Meere hin fällt das Land meist steil 
ab und bietet deswegen schlechte Angriffs= und gute 
Verteidigungsstellen; Über das Donaugelände führen 
außer der Eisenbahnbrücke von Tschernawoda nurein- 
elne schmale Straßen, die aber von dem hohen rechten 
fer leicht unter Feuer genommen werden können. An- 
griffe auf die Dobrudscha werden deshalb in neuzeit- 
ichen Kriegen mit Erfolg nur von Süden her unter- 
nommen werden können, zumal die Donaufümpfe die 
RKückverbindung sehr erschweren. Die Bevölkerun 
der Dobrudscha bilden längs der Donau hauptsächlich 
Rumänen, auf einem je etwa 30 km breiten Streifen 
143 
u beiden Seiten der Bahn Tschernawoda-Konstanza 
Kureen und sonst Bulgaren, die durchaus in der 
Mehrzahl sind, auch in Tultscha. Außerdem sind die 
nach 1878 von Odessa her eingewanderten deutschen 
Kolonisten (etwa 8200) zu erwähnen. 
Literatur. P. Lehmann, Rumänien (Länder- 
kunde von Europa- II, 2. Hälfte, Leipz. 1893); Th. Fischer, 
Rumänien (Scobel, -Geographisches Handbuch zu Andrees 
Handatlas“, Leipz. 1909); „KRumänien 1866—1906. (hrög. 
vom Ministerium für Landwirtschaft usw., Bukarest 1907); 
R. Bergner, Rumänien (Bresl. 1887); E. de Martonne, 
La Valachle (Par. 1902); J. Weiß, Die Dobrudscha 
im Altertum (Sarajevo 1911); A. Philippson, Europa 
(2. Aufl., Leipz. 1906); H. Frobenlus, Ubriß der Militär- 
geographie Europas, 1. Teil (°Petermanns Geographische 
Mitteilungene, Ergänzungsheft 184, Gotha 1915). 
Der mazedonische Kriegsschauplatz 
von Professor Dr. Karl Kahner in Berlin 
Val. hierzu die Karte 2Die Kämpfe in Majzedontene und die 
Reliefkarte 2 Westliche Balkanhalbinsele. 
Als mazedonischer Kriegsschauplatz soll hier dieganze 
Gegend längsder Front vom Ugäischen Meerebis andie 
Grenze Albaniens, also bis zum westlichen Ufergebirge 
des Ochridasees, verstanden werden. Er schließt somtt 
südlich an das im ersten Band (S. 171) beschriebene 
südserbische Gebiet an und deckt ich sogar noch zueinem 
geringen Teil mit ihm, um in der Darstellung ein zu- 
sammenhängendes Ganzes nicht zerreiten zu mücssen. 
Bis zum Balkankriege 1912 war das Gebiet nicht 
nur erdkundlich, sondern auch politisch einheitlich. 
nämlich ganz türkisch. Der Verwaltung nach gehörte 
der Teil östlich von der Mesta (Karafu) zum Wilajet 
Adrianopel, der mittlere bis zum Ostrowosee zu dem 
von Saloniki, der westliche zu dem von Monastir. 
Durch den Bukarester Frieden fiel jener östliche Teil 
sowie der Nordosten des mittleren Teiles an Bulgarien; 
ein etwa 75kmbreiter Küstenstreifen, dessen Landgrenze 
sich westlich bis zum Südende des Prespasees fortsetzt, 
wurde ricchich und der ganze nördliche Rest serbisch. 
Diese Abgrenzungen waren ganzwillkürlichvorgenom- 
men, und zwar gegen Bulgarien gerichtet; wirtschaft- 
lich sind sie überdies völlig unhaltbar, da sich das für 
die Hafenstädte Saloniki, Kawalla usw. notwendige 
Hinterland nur zum Teil in der Hand der Besitzer dieser 
Städte, der Griechen, befindet und die nah= Zollgrenzze 
bei Saloniki den Aus- und Durchfuhrhandel empfind- 
lich beschränkt. Wirtschaftlich hat daher Saloniki seit- 
dem sehr gelitten. Nicht viel besser is es Kawalla ge- 
gangen, da sein Tabakshinterland durch die Grenze 
an der Mesta zum Teil an Bulgarien gefallen ist. 
Auch die Verkehrsverhältnisse sind, wie noch gezeigt 
werden soll, durch die salsche Aufteilung Mazedoniens 
verschlechtert worden. 
Die ägäische Küste Bulgariens hat recht 
merkliche Gegensätze. Denn dem Sumpfgebiet des 
Maritzadeltas mit der Hafenstadt Dede Waf ch (6750 
Einwohner) folgt nach Westen ein nur 4 km von der 
Küste noch 600 m hoher Ausläufer der Rhodope- 
ebirgszüge, der die sehr fruchtbare und reich besiedelte 
oppelebene von Gjümürdschina (31720 Einwohner) 
und TLanthi (18 200 Einwohner) teilweise vom Meere 
abschließt. Einen Ausweg bietet allerdings die Bucht 
von Porto Lagos; aber ihr sumpfiges Hinterland und 
ihre offene Reede würden hier nur mit unverhältnis- 
mäßig hohen Kosten einen Ausfuhrplatz zu schaffen 
gestatten. Auch weiter nach Westen bis Kawalla gibt 
es von Dede Agatsch an außer dem Dorfe Makri keine 
nennenswerte Siedlung. Diese Unwirtlichkeit der 
Küste hat auch den Vielverband von einem größeren 
Angriff, abgesehen von der gerschießung von Dede 
Agatsch, abgehallen, obwohl die vorgelagerten Inseln 
Samothrakt und Thasos einen plötzlichen Angriff gut 
vorbereiten lassen. 
Mazedonien. Das eben genannte Kawalla gehört 
schon zum griechischen Mazedonien; dieses ist ebenso 
wie das bis zum Kriege serbische und bulgarische ein 
Teil des früheren Mazedoniens, dessen ungemein ver- 
wickelte Oberflächenbeschaffenheit oder zerhackte Topo- 
graphie“ (nach Ostreich) durch ein in der Oligozänzeit 
gefaltetes Land, das sopleich zu einer Rumpffläche 
abgetragen wurde, zu erklären ist. Faltungen,. Sen- 
kungen und Hebungen ließen eine ganze Anzahl von 
kleineren und größeren Becken entstehen, deren jetzige 
Talböden sehr verschiedene Meereshöhen aufweisen. 
Weiter ist für Mazedonien, wie übrigens für einen 
großen Teil der westlichen Balkanhalbinsel, bezeich- 
nend, daß es zwar große, wasserreiche Flüsse, wie 
Wardar, Struma, Mesta usw., besitzt, daß aber keiner 
von ihnen wegen des starken Gefälles und der strecken- 
weise schluchtenartigen Enge ihres Tales dem Wasser- 
oder an seinem Ufergelände dem Landverkehr beguem 
dienen kann. Nur der Wardar, die obere und mittlere 
Struma und auf eine kurze Strecke die untere Mesta 
werden von der eingleisigen Eisenbahn begleitet, die 
aber nicht die Erzeugnisse dieser Täler ausführen, 
sondern nur den Durchfuhrverkehr vermitteln soll. 
Wirtschaftlich ist das natürlich ein ungünstiger Zu- 
stand, dem nur durch eine Ausgestaltung der ufuhr- 
wege und durch eine Anderung der gegenwärtigen 
Grenzen abzuhelfen ist. 
Ostmazedouien. Das Gebiet zwischen Mesta und 
Struma wird in der Nordhälfte vom nordsüdlich ge- 
richteten Pirin (El Tepe 2681 m) ausgefüllt, einem 
vielbesungenen, an den Hängen reich bewaldeten Ge- 
birge aus kristallinischen Schiefern, dessen höchste 
Teile kahl sind und neben vielen Seen auch Schnee- 
felder tragen. Südlich schließen sich bis zum Meere 
##n eine ganze Reihe mehr westöstlich reichender 
etten an, die bis 1900 m aufragen; so der Bunar- 
dagh (1870 m)), der sich westlich im Beschikdagh (1060 
m) fortsetzt, aber von ihm durch die im Seresbecken 
zum Tachinosee aufgestaute und hier durchbrechende 
Struma getrennt Die Strumafurche ist das
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        144 
wichtigste Tal Ostmazedoniens — hier hat sich z. B. 
Seres (30000 Einwohner) durch Baumwollhandel 
sehr entwickeln können — und hätte eine große Zu- 
kunft für Wirtschaft und Verkehr, wenn es politisch 
in einer Hand wäre; denn auf einem großen Teil sei- 
ner Länge und in seinen Seitentälern kann Ackerbau 
getrieben werden, und die Anlage von Straßen und 
Eisenbahnen ist, abgesehen vom Kreßna--Engpaß, fast 
nirgends schwierig. Dazu bildet es den natürlichen. 
Weg von Sofia und Küstendil zum Meere. Unter- 
halb der Kreßnaschlucht weitet Sich das Tal zum Becken 
von Melnik, einem Städtchen von 3300 griechischen 
Einwohnern, in dichtbulgarischer Landbevölkerung; 
alle wanderten nach den Balkankriegen bis auf 365 
aus. Auf der anderen Talseite liegt Petritsch (6000 
Einwohner) am Eingang in das ebenfalls frucht- 
bare Strumitzatal mit der Stadt Strumitza (8100 
Einwohner). Dieses ostwestliche Tal wird im Norden 
vom Malesch, dem hier bis 1600 m hohen serbisch-bul- 
garischen Grenzgebirge, und im Süden von der Be- 
lassitza eingeschiossen. Beide Gebirge, aus kristallini- 
schem Schiefer und Granit, sind ziemlich bewaldet (am 
Nordhang Buchen, Linden, eßbare Kastanien, an der 
Südseite immergrüne Eichen, Buchsbaum) und wegen 
ihrer Steilheit schwer zu Überschreiten; sie werden da- 
her vom Verkehydimr sten im Struma-Engpaß von 
Rupel und im Westen bei Strumitza in einer Senke 
zum Wardartale von nur 491 m Höhe umgangen. 
Der Südhan der Belassitza fällt steil zu dem Tal- 
zug ab, der im Osten bei dem von der Struma durch- 
rn senen Butkowosee beginnt, in der Mitte zum fisch- 
reichen Dojranseebecken abfällt und im Westen am 
Wardar endet. Im Süden davon erhebt sich die 
Kruscha (bis 950 m), die eine Fortsetzung des Beschik- 
dagh ist. Langsam senken sich beide südwärts zu der 
Furche, in der Schuttkegel die Bildung des Langasa- 
und Beschiksees veranlaßten. Diese Furche beginnt 
am Golf von Rendina oder Orfani, reicht bis in die 
Nähe von Saloniki und trennt die bis 1050 m hohen 
Gebirgszüge der erzreichen Halbinsel Chalkidike von 
der Haupemasse der Balkanhalbinsel. 
Die Verkehrsverhältnisse in Ostmazedonien 
sind noch sehr wenig entwickelt. Abgesehen von jetzt zu 
Kriegszwecken angelegten fliegenden Feldbahnen und 
der neuen Kleinbahn im Strumatal von Radomir bis 
Demirhissar gibt es immer noch nur die eine Eisen- 
bahnlinie, die von der Strecke Konstantinopel-Adria- 
nopel bei Küleli-Burgas abzweigt und über Gjümür- 
dschina, Kanthi, Drama und Seres nach Salonili geht. 
Sie hatte eigentlich nicht den Zweck, die von ihr durch- 
ogenen Landstriche dem Wirtschaftsverkehr zuerschlie- 
en, sondern die Hauptverwaltungsstädte Adrianopel, 
Seres und Saloniki mit dem Sitz der Regierung, 
Konstantinopel, zu verbinden. Das geht auch schon 
daraus hervor, daß sie, abgesehen von der Seitenbahn 
nach Dede Agatsch, nirgends den Anschluß an den billi- 
geren Seeverkehr sucht — so bleibt sie Kawalla um 
25 km fern — und auch keine Zubringer aus dem 
Mesta= und Strumatal hat. Dazu kommt noch. daß 
sie seit dem Bukarester Frieden 1913 zum Teil Bul- 
garien, zum anderen Teil Griechenland gehört. End- 
lich sind gute und für Heereszwecke leistungsfähige 
Landstraßen nur auf einzelnen Hauptverkehrslinien, 
wie im Strumatal, vorhanden, während die übrigen 
Straßen wohl leichtere Lasten, nicht aber schwere und 
auch nicht auf lange Zeit aushalten; Regenwetter 
machtsie schwer befahrbar. Die Fruchtbarkeit der Täler 
und unteren Hänge sowie das gute Klima begünsti- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
gen und befriedigen selbst Massenansprüche an Ver- 
pflegungsbedürfnissen, wofern erst einmal Friedens. 
zeiten regelmäßige Feldbestellung gestatten. 
Westmazedonien. Während die geologischen Ver- 
hältnisse in Ostmazedonien noch einfacher und leich- 
ter übersehbar sind, bieten sie westlich vom Wardar 
ein sehr buntscheckiges Bild, und jede neue Forschung 
steigert diesen Eindruck noch. Daher ist es verständ- 
lich, daß die Ansichten über die Entstehung der Ober- 
flächengestalt vielfach noch nicht geklärt sind. Die 
Hauptgegenden Westmazedoniens sind das Wardar- 
tal, die Saloniki-Ebene (Kampania), die pelagonische 
Ebene und die Dessaretischen Seen. 
Das Wardartal weist unterhalb von üsküb 
mehrere Engen auf, die dem Verkehr sehr hinderlich 
sind; eine gute Straße führt nicht hindurch, und die 
Eisenbahn konnte auch nur eingleisig gebaut werden. 
Das sind die Enge unterhalb von Weles (Köprülü), 
dann das Demir kapu oberhalb von Gradez und das 
Tschingene derbend unterhalb von Gjewgjeli. Dazwi- 
schen gibt es sehr fruchtbare Landschaften, so die Tikwesch 
#nannte zwischen den beiden ersterwähnten Engenbei 
degotin und lleinere bei Mirowze und Gjewygjeli. Ne- 
ben Getreide, Gemüse und Obst werden hier viel Mohn 
(zu Ol) und Opium, Wein und selbst Baumwolleange- 
baut. Haupthandelsplätze sind neben üsküb noch Weles 
und Kawadar im Tikwesch, während die Fabriken von 
Gjewgjeli den Mittelpunkt der durch Maulbeerbäume 
ermöglichten Seidenzucht und Seidenspinnerei bilden. 
Unterhalb dieser Stadt durchströmt der Wardar 
an der bisherigen serbisch = griechischen Grenze seine 
letzte Enge in starken Windungen und tritt dann in 
die Kampania (1715 aqlm), in das weite Becken, 
das die Anschwemmungen des Wardar, der Mogle- 
nitza und der Wistritza (Indsche-Karasu) von drei 
Seiten her aufgefüllt haben, so daß schließlich nur das 
stark versumpfte Seebecken von Jenidsche übrigblicb. 
In dieser flachen Gegend wechseln die Flüsse bei Hoch- 
wasser oft ihr Bett, besonders die Wistritza, die deshalb 
die »verrückte« zubenannt wird; auch der Wardar ist 
recht ungebärdig und hat die bis 1900 mehrbogige 
Eisenbahnbrücke dreimal fortgerissen, bis sie durch 
eine solche mit nur einer Offnung ersetzt wurde. Nur 
die Ränder und Hänge der Ebene sind gut bebaut; 
der übrige Teil liegt im heißen, fieberbringenden Som- 
mer öde da, während er zum Herbst und Winter von 
den Viehherden belebt wird, die von den dann unwirkl- 
lichen Gebirgen herabziehen. Die Bahn Saloniki-Mo- 
nastir durchschneidet den östlichen Teil, folgt dann 
aber dem scharf ausgesprochenen Westrand, an dem 
die griechischen Städte Karaferia oder Werria (16000 
Einwohner) und Niausta (6500 Einwohner) malerisch 
liegen, während das mehr bulgarisch-türkische Wo- 
dena oder Edessa (15000 Einwohner) prächtig einer 
100 m hohen Travertinterrasse aufgesetzt ist. von der 
starke Wasserfälle, die zum Teil Spinnereien treiben, 
in das üppige Tal hinabstürzen. 
Den Süden der Kampania begrenzen Ausläufer 
des Olymps, den Westen der Wermion Oros oder Ka- 
ratasch (1900 m), den Norden und Nordwesten aber 
mehrere sehr hohe und bewaldete Gebirgszüge, die 
das von Bulgaren und Wlachen bewohnte fruchtbare 
Nebental Moglena umranden. Hier werden seit lan- 
gem erbitterte Kämpfe um jede Kuppe ausgefochten, 
und nur der schnee- und sturmreiche Winter brachte sie 
zeitweise zum Ruhen. Den Ostpfeiler bildet ein huf- 
eisenförmiges, schroffes Hochgebirge mit den Kalkgip 
feln Dschena (2092 m) und Dudiza (2180 w). Von
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———Prtronillule Herbst 1917.
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        Kaßner: Der mazedonische Kriegsschauplatz 
hier hält sich der nach Südwesten streichende wald- 
reiche Kamm in meist 1400—1700 m Höhe; am Nord- 
hang wird im Bergwerk Alschar Antimon, Realgar 
und Auripigment gewonnen. Keine Fahrstraße führt 
nördlich nach der Landschaft Murichowo an der 
Tscherna. Den Südwestpfeiler bildet der dem viel 
niedrigeren, hier Nidschegebirge genannten Kamme 
hoch aufgesetzte, die ganze Gegend von Saloniki bis 
Monastir beherrschende Kajmaktschaläm (2525 m). 
Nur 15 km südlich liegt tief eingebettet der Ostrowosee 
in 528 m Seehöhe, der starke vieljährige Schwankun- 
gen zeigt. An seinem Nordende führt die römische 
Heerstraße (Via Egnatia) von Durazzo und Valona 
über Elbasan, Ochrida, Resen. Monastir und Wodena 
nach Saloniki; die Eisenbahn Monastir-Salonib folgt 
ihr nur streckenweise. 
Westlich vom Ostrowosee steigt die Straße noch um 
130 m bis auf 965 m an und senkt sich dann in das 
Südende der pelagonischen Ebene. Diese bildet 
ein nordsüdlich gerichtetes Rechteck von 602c15 km 
Größe und zeigt geringe Höhenunterschiede (550— 
650 m). Ihr diluvialer Schottergrund wird stellen- 
weise sumpfig, besonders in der Nähe der Tscherna, 
welche die Ebene nahezu diagonal durchfließt und bei 
der Südostecke austritt. Dieser starke Fluß verfolgt 
aber nun seine bisherige Richtung von Nordwest nach 
Südost nicht weiter, sondern #wenkt in tief ein- 
geschnittenem Tal scharf nach Nordnordost; er trennt 
so das Nidschegebirge von dem den Ostrand der Ebene 
bildenden, im Norden bis 1674 m hohen Seletscha- 
ebirge, dessen Südende auch Kampfplatz gewordeniist. 
Kur die Randstreifen der Ebene sind gut bebaut, und 
hier liegen auch größere Städte, vor allem der Haupt- 
verkehrspunkt und Handelsplatz Monastir oder Bitolja 
(60000 Einwohner), das durch die im Bukarester 
Frieden festgelegte, allzu nahe Grenze wirtschaftlich 
und durch den Serbendruck auch völkisch an seiner 
stark bulgarischen Bevölkerung sehr litt. ferner das 
mehr griechische Florina (15.000 Einwohner) und das 
für den Handelsverkehr zum Wardartal hin wichtige 
Prilep (15— 20000 Einwohner). Nordöstlich von 
ihm bildet die Grenze der Ebene das Babunagebirge, 
über das eine gute Straße (b 8 1100 m ansteigend) nach 
Weles, und um das südlich herum eine ebensolche im 
Rajez= und Tschernatal nach der Bahnstation Gradsko 
im Wardartal führt. 
Der Via Egnatia, die hier nicht sehr gepflegt ist, 
nach Westen folgend, kommt man nach Üüberschreiten 
eines 1158 m hohen Sattels zwischen den waldarmen 
kristallinen Gebirgen Bigla und dem 2532 m hohen 
Peristeri in das Gebiet der Dessaretischen Seen, 
d. h. zu dem je ein nordsüdlich verlaufendes Talbecken 
ausfüllenden Prespa- und Ochridasee, wozu südlich 
noch der verlandende Maliksee bei Koritza gehört. Der 
Prespasee besteht jetzt aus zwei Seen, dem großen und 
lleinen, die nur durch einen flachen, Überflutbaren 
Sanddamm geschieden sind; er hat insgesamt etwa 
300 qckm Größe und 50 m Tiefe. Seine Oberfläche 
(660 m Seehöhe) liegt 200 m höher als diedes 280 ckm 
großen und 286 m tiefen Ochridasees, von dem er nur 
durch das schmale Kaltgedirge Galitschitza (2043 m) 
getrennt ist. Da dem Ochridasee kein nennenswerler 
145 
größerer Fluß Wasser zuführt, während ihm doch der 
starke Drin bei Struga entströmt, zapft er, wie die 
starke Karstquelle am Kloster Sweti Naum lehrt, den 
Prespasee an. Die nächste Umgebung dieses Sees 
ist etwas flacher als die des Ochridasees, und deshalb 
führt auch an seinem Westrand eine Straße von Re- 
sen nach Koritza, während die Steilufer des Ochrida-= 
sees nur Saumpfade gestatten. Der Verkehr auf 
den fischreichen Seen wird durch urwüchsige, schwer- 
fällige, aber recht kippsichere Ruderboote vermittelt; 
Motorbvote stören angeblich den Fischfang. Unmittel- 
bar am Prespasee liegt kein nennenswerter Ort, etwas 
nördlich in ertragreicher Obstgegend die Stadt Resen, 
die Wiege der jungtürkischen Revolution von 1903. 
Viel belebter ist der Ochridasee, denn er weist am Nord- 
ufer die altbulgarische Patriarchatsstadt Ochrida und 
das Fischerstäditchen Struga auf, am Südende Po- 
gradez, das den Verkehr mit Ochrida, Elbasan und 
Koritza vermittelt. 
Die Kriegführung auf dem ganzen mazedoni- 
schen Schauplatz wird also auf der Vierbundseite stark 
beeinflußt durch die sehr gebirgige Oberfläche, die 
nur wenige schmale Zufuhrwege mit noch dazu oft 
starken Steigungen gestattet; Munition, Lebensmittel 
und sonstige Bedürfnisse müssen auf langen, wenig 
leistungsfähigen Landstraßen und vereinzelten Eisen- 
bahnen heran-, Verwundete, Kranke, Altmaterial usw. 
fortgeschafft werden. Wenn dagegen dem Vielver- 
band der bequemere Seeweg und viel kürzere Land- 
strecken zur Verfügung standen, so hat doch die= U. 
Boot-Seuche gerade den Seeweg so erschwert, daß 
jetzt viele Kriegsgüter den durch mehrfaches Umladen 
langwierigen und kostspieligen Weg durch Italien 
nach Valona und dann über die Via Egnatia nehmen 
müssen, während undsee Zufuhrstraßen im wesent- 
lichen gesichert sind. Auch das Klima ist uns günsti- 
ger als den Gegnern, denn obgleich in der pelago- 
nischen Ebene mit Sumpffieber zu rechnen ist, so ist 
doch sonst das Wetter recht gesund, wenn auch sehr 
heiß in Sommer und rauh im Winter. Auf der feind- 
lichen Seite, auf der die Stadt Saloniki mit ihrer Um- 
ebung (Kampania) für die Kriegfüheung ganz be- 
onders wichtig ist, muß man im Sommer dort und 
an vielen anderen Stellen der Front und der Zufuhr- 
wege mit schwerer Malaria, Dysenterie, Typhus usw. 
rechnen; auch werden in jener Gegend viele wichtige 
Lebensmittel verderben oder wegen dieser Aussicht den 
Truppen überhaupt nicht zugeführt werden können. 
Im Winter verhindern Schneefälle und Stürme 
nahezu jeden Kampf. 
Ugl. A. P##huipofen, Europa (Leipz. 1906); „Meyers 
Reisebücher-, Balkanstaaten (das. 1014); N. Krebs und Fr. 
Braun, Die Kriegsschauplätze auf ber Balkanhaldbinsel 
(das. 1916); H. Frobenius, Abreß der Militärgeographie 
Europas, I. Teil: Die Halbinseln des Mittelmeeres (7 Peter- 
manns Mitteilungen-, Ergänzungsheft 184, Gotha 1915); 
K. Ostreich, Mazedonien (2Zeitschr. d. Ges. f. Erdt. 4 
Berlin«, 1916, S. 129—157, mit gutem Literaturverzeich- 
nis); W. Kantscheff, Makedonia (bulgar., Sofia 1900). 
Vor dem Buche von Gopdevic, Mazedonien und Alt- 
serbien (Wien 1889), ist zu warnen, da es für serbische Zwecke 
alles entstellt oder erdichtet. Entsprechendes gilt von dem 
Buche des Griechen Nikolaldes. 
Der Krieg 1914/17. II. 
10
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        146 
Die Kolonialen Kriegsschauplätze 
von Dr. Oskar Karstedt in Berlin-Steglitz 
Vgl. hierzu die Karte Kolontale Kriegsschauplätze“. 
Die deutschen Kolonien sind vhne Ausnahme be- 
reits kurz nach Kriegsausbruch Gegenstand des An- 
Fiss seitens der verbündeten Englinder Franzosen, 
elgier und Japaner geworden. Der Angriff hat sie, 
mit Ausnahme Kiautschous, wenig vorbereitet gefun- 
den. Für die tropischen Kolonien konnte man über- 
aupt nicht vermuten, daß jemals ein europäischer 
eg auf sie übertragen werden würde, weil in ihnen 
die Herrschaft der dünnen weißen Oberschicht über die 
große Masse der Eingeborenen nur solange aufrecht 
zu halten und denkbar ist, als die Eingeborenen unter 
dem Eindruck der Solidarität der Weißen, die un- 
abhängig von ihrer Nationalität ist, stehen. Für das 
Gebiet des konventionellen Kongobeckens, zu dem 
ganz Deutsch-Ostafrika und ein großer Teil Kame- 
runs gehört, ist die Möglichkeit der Neutralisierung 
ausdrücklich durch den auf Verlangen der Vereinigten 
Staaten von Nordamerika aufgenommenen Para- 
raphen 11 der Kongoakte vom Jahre 1885 9egeben. 
n betreff Südwestafrikas konnte man sich llar dar- 
über sein, daß eine erfolgreiche Verteidigung bei der 
eringen geh der Schutztruppe nur dann möglich 
wenn sie sich nur über eine kürzere * erstrecken 
würde. Die Schutzgebiete in der Südsee hatten außer- 
dem den Nachteil, daß sie sich, in Hunderte von Ein- 
zelinseln aufgelöst, die miteinander in der Mehrzahl 
nicht einmal in schnelle Verbindung treten konnten, 
Über ein Gebiet verstreuen, daß allein von Ost nach 
West nahezu 5000 km mißt. 
Deutscherseits konnte eine Offensive in den meisten 
Kolonien aus strategisch-militärischen Gründen nicht 
aufgenommen werden, und wo das, wie z. B. in Ost- 
afrika und Kamerun, an sich vielleicht möslch gewesen 
wäre, hat man sie unterlassen aus der überzeugung 
heraus, daß die kolonialen Kriegsereignisse einmal 
nur von untergeordneter Bedeutung im Rahmen des 
Ganzen sein können, zum andern aber, weil eine 
deutsche Regierung die Verantwortung dafür nicht 
auf sich nehmen wollte und konnte, daß sie durch Ent- 
fesselung der Leidenschaften der Eingeborenen das 
esamte Ansehen der weißen Herrenrasse auf lange 
geit hinaus schädigte und in Frage stellte. 
Togo befand sich in strategisch sehr ungünstiger 
Lage, da es, sich nur schmal ans Meer anlehnend, im 
Westen an englisches, im Norden und Osten aber an 
französisches Gebiet grenzt. An der breitesten Stelle 
legt es sich nur in 200 km, an der Küste nur in 
65 km Breite zwischen die beiden gegnerischen Nach- 
barkolonien Nigeria und Dahome, die beide an mili- 
tärischen Machtmitteln reich sind. Die Verteidigung 
gegen den gleichzeitig mit übermächtigen Kräften von 
den Seiten einsetzenden Gegner mußte sich deshalb 
auf die Deckung der Funkengroßstation Kamina 160 
km nördlich von Lome unweit vom Endpunkte der 
Bahn Lome-Atakpame beschränken, die als Zwischen- 
station für die Strecke Nauen - Kamerun-Südwest- 
afrika von Bedeutung war. An Machtmitteln stan- 
den deutscherseits nur 560 Mann schwarzer Polizei= 
soldaten und eine kleine, bei der Mobilmachung ent- 
standene, aus den 300 Deutschen des Schutzgebiets 
ausgewählte Freiwilligenschar zur Verfügung. Die 
farbigen Soldaten haben sich überdies sehr unzuver- 
lässig gezeigt. Am 24. August ist die Kamtnastellung 
nach Zerstörung der Funkenanlage gefallen. Augen- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
scheinlich haben sich die im nördlichen Togo ansässigen, 
den Deutschen treu ergebenen mohammedanischen 
Haussa und Fulbe noch längere Zeit selbständig des. 
englisch-französischen Einfalls erwehrt. 
ünstiger als in Togo lagen die Verhälinisse in 
Kamerun, dasschon durch seine Größe —790000qkm 
gegen 87000 von Togo— dem Gegnerein viel schwerer 
u Üüberwindendes Oindernis ist als eine räumlich 
leinere Kolonie, besonders, wenn die klimatischen, 
orographischen, wirtschaftlichen und Verkehrsverhält- 
nisse für den Angreifer so schwierig liegen, wie das 
in dem echt tropischen Kamerun mit seinen Urwald- 
hindernissen, seiner lechmäßi hohen Küstentempe- 
ratur und seinen an der Küste bis 5000 mm steigen- 
den Nirverschlägen der Fall ise Dazu kommt als wei- 
terer für den ngreiser ungünstiger Umstand der 
änzliche Mangel an Bahnen oder sonstigen neuzeit- 
ichen Verkehrswegen im Innern und die Tatsache, 
daß, abgesehen von einigen unzuverlässigen Küsten- 
stämmen, die eingeborene Bevölkerung überall treu 
zu den Deutschen gehalten hat, daß die mohammeda- 
nische Bevölkerung des Innern sogar weitestgehende 
Mithilfe bei der Bekämpfung von Franzosen und Eng- 
ländern leistete. Diese in der Natur und Bevölkerung, 
des angegriffenen Landes für den Angreifer liegen- 
den Nachteile wurden auch nicht durch den Vorteil 
aufgewogen, daß das Schuß ebiet auf allen Seiten. 
mit Ausnahme der füdwestlichen, der Meeresgrenze. 
von feindlichem Besitz umkagert ist. Jeder neue An- 
riffspunkt bedingte wiederum die Schaffung neuer 
Eilwpenstraßen, auf denen Proviant für Europäer 
und die eingeborenen Truppen, jede Patrone, jedes 
Medikament mühsam auf den Köpfen der eingebore- 
nen Träger herangeschafft werden mußte. Das 
Transportwesen verlangt eine Trägerorganisation, 
deren Kopfzahl, wenn sie ihren Zweck erfüllen soll. 
nicht geringer, eher noch größer als die der Feldtruppe 
sein muß. Die Deutschen hatten da, wo sie sich von 
der Hauptoperationsbasis des Gegners, der Küste, 
zurückziehen mußten, die eingeborene Bevölkerung 
großen Teils evakuiert und die Engländer und Fran- 
zosen auf die Weise gezwungen, sich ihre Träger von 
weit her aus ihren eigenen Kolonien zu holen. 
Der deutschen Regierung standen bei Kriegsaus- 
bruch an regulären Truppen 1550 schwarze Sol- 
daten mit 185 weißen Offizieren und Unteroffizieren, 
1200 schwarze Polizeisoldaten unter 80 Weißen zur 
Verfügung, die als Stationstruppen über das Riesen- 
gebiet der Kolonie zerstreut waren. In Gemäßheit 
des Wehrgesetzes wurde wlrhin auf die etwa 1200 
deutschen Zivilisten zurückgegriffen. Wieweit sich fer- 
ner die eingeborene Bevölkerung, insbesondere die 
mohammedanische, zum Waffendienst gestellt hat, ist 
zahlenmäßig nicht bekannt. Die Truppe hat sich, dank 
ihrer guten militärischen Erziehung. in allen Lagen 
als ein sehr brauchbares und zuverlässiges Abwehr- 
mittel erwiesen. 
Selbstverständlich war eine solch kleine Schar nicht 
imstande, dem überlegenen Gegner an allen Stellen. 
ein Halt zu gebieten, um so weniger, als der Gegner 
eine große Iche europäischer Truppen zur Verfü- 
ung hatte und mit allen Mitteln der modernen 
Kriehführung arbeitete, während sie selbst, abgeschnit- 
ten von allen Zufuhren, mit dem vorhandenen Ma- 
terial geizen mußte. Aber der offene Krieg ist auch 
nicht #m Stärke farbiger Truppen; die liegt vielmehr 
im Buschkrieg, wo der Gegner alle Kräfte anstrengen 
muß, um sich nur des Widerstandes, den die Natur
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        Karstedt: Die kolonialen Kriegsschauplätze 
ihm auf Schritt und Triit entgegengesetzt, zuerwehren. 
So gelang es dem Gegner, gestützt auf seine zahlen- 
mäßige überlegenheit zwar, die Deutschen nach mo- 
natelangen Kämpfen aus dem offenen Steppengebiet 
zu vertreiben. Aber das große Waldgebiet des süd- 
ichen und südwestlichen Kameruns, das mit seinen 
Zehntausenden von Quadratkilometern dem Kenner 
und Verteidiger ein sicheres Bollwerk bietet, wurde 
dem Angreifer zum Wall, vor dem er monatelang 
lag, ohne weiter vordringen zu können. Ein erfolg- 
reiches Halten der .Waldfestung= war aber aus 
Waffen= und Munitionsmangel nur bis zur Jahres- 
wende 1915/16 möglich. Als der zunehmende Druck 
die um Jaunde stehende Verteidigung in die Gefahr 
der völligen Einschließung brachte, trat die gesamte 
deutsche Truppe in den ersten Tagen des Januar 1916 
auf das neutrale spanische Rio-Muni---Gebiet über. 
Im Tsadseegebiet hielt sich die deutsche Morastel- 
zug bis Februar 1916. 
eutsch-Südwestafrika ist insofern vielleicht 
der bequemste koloniale Kriegsschauplatz für den 
europäischen Gegner. als er hier verhältnismäßig sehr 
günstige klimatische Verhältnisse vorsindet, die von 
denen seiner Heimat nicht allzu verschieden sind, und 
als auch die wirtschaftlichen Momente der Kriegfüh- 
rung, wie Berpflegung usw., hier nicht entfernt die 
Schwierigkeiten bieten wie auf einem tropischen 
Kriegsschauplatz, wo schon die endemischen Krank- 
heiten, wie Malaria, Ruhr usw., einen ständigen, mehr 
oder weniger großen Prozentsatz der landfremden An- 
griffstruppen krank und verwendungsunfähig machen. 
Das Gesagte gilt zwar nur für die Südafrikaner 
unter den Angreifern, aber diese stellten dekanntlich 
das Hauptkontingent. 
Das 835 100 aqkm große Schutzgebiet ist gegen das 
Meer zu vorzüglich durch den mehrere Tagereisen 
breiten, mit Dünen übersäten Wüstengürtel der Na- 
mib geschützt, den nur von Swakopmund und Lü- 
derithucht ausgehende, in der Neuzeit durch Bahnen 
ersetzte große Wege durchbrechen. Das Innere des 
durchschnittlich 1100—1200 m hohen Landes ist gleich 
dem Küstengebiet ne trocken mit Ausnahme des 
tropischen Nordens. Im Süden (Großnamaland)d ist 
das durchschnittliche Niederschlagsmittel nur 120 mm, 
in Damaraland etwa 340 mm. Dementsprechend ist 
der Süden, das Namaland, durch fast baumlose Steppe, 
das Damaraland durch Busch= und Dornsteppe mit 
eingestreuten Hainen und Baumparzellen gekennzeich- 
net. Wirtschaftlich bedeutet das sehr geringe Möglich- 
leiten für den Ackerbau, aber gute für die Biehzucht. 
Durch Schaffung künstlicher Stauanlagen und die Er- 
bohrung von Wasser waren in den letzten Jahren die 
wirtschaftlichen Möglichkeiten stark verbessert worden. 
Die weiße Bevölkerung belief sich 1918 auf 14800, 
darunter 12100 Deutsche, d. h. etwa 1 Weißer auf 
57 akm. An Eingeborenen lebten im Ansiedlungs- 
gebiet etwa 63000 und im tropischen Amboland 
60000. 1918 zählte man 1331 Farmer im Schutz- 
gebiet bei einer Farmfläche von insgesamt 18,4 Mil- 
lionen ha. Die Viehzucht, die allenthalben eine ge- 
waltige Bedeutung erlangt hat, wendet sich im Da- 
maraland mehr dem Großvieh, im Namaland dem 
Kleinvieh (Ziegen und Schafe) zu. Voraussetzung 
für den noch in den Anfängen befindlichen Uckerbau 
ist die künstliche Bewässerung. Jedenfalls war die 
Kolonie in der Lage, Fleisch und Fleischnahrung hin- 
reichend auch für eine wachsende Ausfuhr zu erjeu- 
gen, während Konserven, Mehl, Reis usw. in Mil- 
147 
lionenwerten eingeführt werden mußten. Ein Ab- 
schneiden der Zufuhr, wie es mit Kriegsbeginn ein- 
trat, mußte die Wehrfähigkeit der Kolonie an einer 
ihrer verwundbarsten Stellen treffen. 
In Friedenszeiten besaß Deutsch-Südwestafrika 
eine weiße Schutztruppe von annähernd 2000 Mann, 
tt denen noch eine weiße Landespolizei von 500 
öpfen trat. Dazu konnten etwa 4—5000 Reser- 
visten aus der Zivilbevölkerung kommen. Der große 
Raum, der einerseits gegen einen Angriff von außen 
einen Schutz von um so höherer Bedeutung bietet, als 
es sich bei der aktiven Truppe sowohl wie bei den 
Reserven zum großen Teil um Leute handelt, die im 
Busch groß geworden sind, die den Buschkrieg aus 
den ingeborenenausständen kennen und mit dem 
Land, seinen militärischen Vorzügen und Gefahren 
wohl vertraut sind, führt andererseits den Nachteil mit 
sich, daß die Auftöfung des Kriegsschauplatzes in 
mehrere einzelne von selbst erfolgen muß, sobald dem 
Angriff merhrere Operationsbasen zugrunde lie en. 
Indem der Gegner gleichzeitig mit einer zehnfachen 
Übermacht, der im Gegensatz zu den Angegriffenen 
überdies alle Mittel der modernen Kriegführung 
ohne Einschränkung zur Verfügung standen, vom 
Süden her über die lange Oranjegrenze und von der 
Sceseite her über Lüderitzbucht und Swakopmund 
als Ausgangspunkte der Bahnen konzentrisch vor- 
ing, wurden die in der Natur des Landes für den 
erteidiger liegenden Vorteile hinfällig. Hatte der 
Gegner auch in der Frage der Wageerversorgung, der 
Nahrungsmittelzufuhr usw. edenfalls die größten 
Schwierigkeiten zu überwinden, so war seine Ver- 
sorgung mit Kriegsmitteln doch gesichert; die Ver- 
teidiger der Kolonie aber waren auf das angewiesen, 
was das Land hervorbrachte. Gingen die Hilfsmittel 
des Landes zu Ende, dann war das Schicksal der 
Kolonie und ihrer Verteidiger besiegelt. Und so ist 
Deutsch--Südwestafrika mindestens ebensosehr durch 
Hunger und Entbehrung als durch die Waffen der 
##dafeiranischen Truppen besiegt worden. 
Deutsch-Ostafrika bietet eine Angriffömöglich- 
keit strenggenommen nur von der Seeseite her. Zwar 
grenzt es im Norden allein östlich vom Viktoriasee mit 
rund 900 km an Britisch.Ostafrika, aber die Grenze 
verläuft hier durch ein äußerst ödes und wasserarmes 
Steppen= und Baumsteppengebiet, das dem Vordrin- 
gen einer auf die Mitnahme und Verpflegung großer 
Trigermengen angewiesenen Truppe die größten Hin- 
dernisse in den Weg legt. Im Westen gebt, abgesehen 
von dem wegen seiner gesundheitlichen Gefahren eine 
Schranke darstellenden Russissital, der 00 km lange 
Tanganjikasee einen um so besseren Schutz gegen An- 
geife von der Seite des belgischen Kongos her, als 
ransportmittel auf ihm in nur halbwegs genügen- 
der Verwendungsmöglichkeit fehlen und die dem Kongo 
zur Verfügung stehenden schwarzen Truppen kaum 
ohne Gefchrdn der eigenen Kolonie gegen eine 
fremde verwendet werden können. Dasselbe gilt auch 
von Nr Nordwestgrenze Deutsch-Ostafrikas gegen das 
englische Uganda. Die Südwestgrenze gegen das eng. 
lische Rhodesia st durch das Gebirgsland von Unjika 
und den Nyassasee ähnlich gut wie die Westgrenze ge- 
schützt. Außerdem gestattet das Klima Deutsch-Ost- 
afrikas, in dem Malaria, Rückfallfieber und die zum 
großen Teil durch die schlechten Wasserverhältnisse 
bedingten Krankheiten des Verdauungsorganismus, 
wie Ruhr, Dysenterie und Ankylostomlasis, fast 
allenthalben endemisch sind, die Verwendung weißer 
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        148 
Truppen nur in einem sehr geringen Umfang. Pral- 
tisch ist die »Eroberung« dieser Kolonie, die mit 
997000 qkm fast doppelt so groß ist wie Deutschland, 
ein Kampf gegen die klimatischen Schwierigkeiten, um 
so mehr, wenn, wie England es getan hat, zunächst 
fast ausschließlich weiße südafrikanische Truppen ver- 
wandt wurden. Nach eigenen Angaben der englischen 
Berichterstatter ist das Verhältnis der an Krankheiten 
gestorbenen Angehörigen des südafrikanischen Kon- 
tingents zu den im Kampfe Gefallenen ungefähr wie 
6 zu 1. Dazu kommt, daß die Verwendung von Reit- 
tieren in dem bei weitem größten Teil des Landes 
wegen der Tsetsefliege unmöglich ist. Die ersten un- 
leugbar großen Erfolge der englischen Offensive im 
Frühling 1916 konnten allerdings infolge der Ver- 
wendung berittener Truppen erkämpft werden, weil 
im nördlichen Teil der Kolonie zwischen Kilimandscharo 
und Usambaragebirge die Tsetse nicht so zahlreich ist. 
als daß die Verwendung von Pferden für einen rück- 
sichtslosen Gegner gänzlich ausgeschlossen wäre. Als 
aber der Angriff weiter nach Süden, in das eigent- 
liche Tsetsegebiet vorgetragen werden mußte, waren 
die englischen Reitertruppen in Kürze mehr oder we- 
niger wehrlos gemacht, weil im Laufe weniger Wochen 
die Tielfelrancheit derart unter den Pferdebeständen 
aufgeräumt hatte, daß ganze Kontingente aufgelöst 
und heimgesandt werden mußten. 
Die sofort mit Kriegsausbruch einsetzende Küsten- 
blockade berührte die Kolonie, soweit sie als Verhin- 
derin der Nahrungsmittelzufuhr in Betracht kam, 
wenig. 
Das Land bringt sowohl an animalischer als auch 
vegetabilischer Nahrung alles hervor, was für die 
Eingeborenen und die 5300 Weißen erforderlich ist. 
Neben einer Millionenausfuhr an Nahrungs- und 
Genußmitteln stand es mit einem Viehbestand von 
etwa 4 Millionen Stück Großvieh und 7 Millionen 
Ziegen und Schafen an der Spitze aller unserer Ko- 
lonien. Die Nahrungsmittelerzeugung hatte ander- 
seits ihre Höchstmöglichkeit längst nicht erreicht, da 
allein 156 000 Eingeborene als Urbeiter usw. auf den 
für die Ausfuhr arbeitenden Gummi-, Hanf= und an- 
deren Plantagen, bei den Bahnbauten usw., also für 
die Ernährung nur als Verzehrer in Betracht kamen. 
Ebenso ist der Gedanke, die eingeborene Bevölke- 
rung zur Auflehnung gegen die deutsche Herrschaft 
in der Weise zu benutzen, wie es an der Rüste Ka- 
meruns mit Erfolg geschehen ist. für Ostafrika kaum 
durchführbar. Aufstände primitiver Völker sind in 
der deutschen Kolonialgeschichte fast immer das Er- 
gebnis einer falschen oder aber einer schwankenden 
Eingeborenenpolitik gewesen. Deutsch--Ostafrika aber 
hat sich dank der Tätigkeit vor allem des Gouverneurs 
v. Rechenberg seit 1906 einer Stetigkeit und Folge. 
richtigkeit in der Eingeborenenpolitik zu erfreuen ge- 
habt, welche die Interessen der Eingeborenen und der 
Weißen so eng verknüpfie, daß sich die Folgen davon 
bis in die entlegensten Teile der Kolonie äußerten. 
Dazu kam die straffe Zusammenfassung in wirtschaft- 
licher und politischer Bhziehung durch den Bau der 
1200 km langen Ostwestbahn Daressalam-Tangan- 
jika und der Bahnverbindung des reichen Kiliman. 
dscharogebiets mit der Küste. Besonders begünstigt 
wird das gute Verhältnis zwischen Regierung und 
Eingeborenen durch die starke Heranziehung des ara- 
bischen Elements (etwa 5000 Araber) durch die Re- 
gierung zur Mitarbeit in der niederen Verwaltung 
und durch die Toleranz, die dem Islam entgegen- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
gebracht worden ist, dem alle Araber und neben der 
esamten Küstenbevölkerung die Eingeborenen des 
Innern, soweit sie sozial durch die Araber beeinflußt 
sind, angehören. Die freiwillige Schaffung einer ara- 
bischen Hufstrue nach der Mobilmachung fiel auf 
um so günstigeren Boden, als sich England durch die 
tatsächliche Vernichtung der alten in Sansibar herr- 
schenden Maskatdynastie der Abusaiden (1896) und 
der im selben Jahr erfolgten Vertreibung der zweiten 
großen Familie aus Britisch-Ostafrika, der Mazrui, 
große Sympathien in Ostafrika verscherzt hat, die sich 
Deutschland um so leichter zuwandten, als dieses so- 
wohl dem achten rechtmäßigen Sultan von Sansibar, 
Chalid bin Bargasch, als auch dem Haupt der Mazrui, 
Mbaruk bin Raschid, mit seinem Anhang eine Frei- 
stätte in bzw. bei Daressalam schuf. In den Augen 
der Araber und der ihnen assimilierten Negerbevölke. 
rung hat Deutschland dadurch eine überragende poli- 
tische Bewertung und Einschätzung als Freund und 
Beschützer des Arabertums und des Islams erlangt. 
Das Geschick, das bei der Behandlung der Ein 
Heborenen an den Tag gelegt worden ist, hat sich in 
esonders starkem Maße bei der Bildung und Aus- 
bildung der Schutz= und Polizeitruppe gezeigt. Beide 
sind teils aus landeingesessenen. teils aus landfrem. 
den Eingeborenen gebildete und von deutschen Offi- 
ieren und Unteroffizieren befehligte Söldnertruppen. 
Bene hatten eine Friedensstärke von 2500 Farbigen 
und 276 Weißen, diese eine solche von 1840 Farbigen 
und 65 Weißen. Beide Truppen haben sich seit ihrer 
Entstehung aus der Wissmanntruppe (1889) als über- 
aus wertvolles militärisches Werkzeug, als eine wenn 
auch kleine, so doch in allen, auch den schwierigsten 
Lagen zuverlässige und leistungsfähige Macht er- 
wiceen. Durch Zurückgreifen auf die weißen Reserven 
(etwa 3000 Mann) und die Benutzung eines gerade 
im Entstehen begriffenen farbigen Reservesystems ist 
die Schlagfähigkeit der Truppen so verstärkt worden. 
daß sie sich mit unerwartetem Erfolg aller Angriffe 
hat erwehren können. 
Wenn trot# der kräftigen Abwehr seit dem Frühling 
1916 doch der größere Teil Deutsch-Ostafrikas ein Op 
fer der kombinierten englisch-belgischen Offensive ge- 
worden ist, so liegen die Gründe dafür einmal in den 
beschränkten Machtmitteln der Verteidigung und zum 
andern in dem entschlossenen Willen der englischen 
Regierung, um jeden Preis die letzte deutsche Kolonie 
als Beute in die Wagschale werfen zu können. Dazu 
kam, daß nach dem Emtrit Portugals in den Krieg 
der feindliche Gürtel um das Schutzgebiet vollstän- 
dig geschlossen wurde. Immerhin kann die Tatsache, 
daß sich die Kolonie fast ohne Unterstützung vom 
Mutterland trotz absoluter überlegenheit der Gegner 
an Zahl und Ausstattung nun bereits drei Jahre hat 
halten können, als eine Lehre angesprochen werden, 
die bei dem Wiederaufbau der deutschen Kolonial= 
macht von Einfluß sein muß. 
In der ungünstigsten Lage befanden sich einem 
feindlichen Angriff gegenüber die Südseekolonien 
Deutsch--Neuguinea und Samoa. über ein Ge- 
biet von Millionen von Quadratkilometern zerstreut, 
umfassen die 353 Eilande der Marshallgruppe nur 
400 qkm, die 800 Einzelinseln der Karolinen, Palau- 
inseln und Marianen 2226 qkm, der gesamte Bis- 
marck-Archipel 61000 ꝗkm und die 4 Inseln der Sa- 
moagruppe 2572 qckm. Nur Kaiser-Wilhelms-Land 
(Neuguinea) siellt mit seinen 179000 akm eine grö- 
siere geschlossene Einheit dar, die allerdings nur zu
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        Karstedt: Die kolonialen Kriegsschauplätze 
einem geringen Teil unter Verwaltung und damit 
unter dem Einfluß europäischer Kultur steht. Die 
der Verwaltung in Rabaul auf Neupommern unter- 
stehenden Inselgruppen sind von der Zentrale zum 
großen Teil so weit entfernt, wie etwa Memel von 
Gibraltar. Für geregelte häufigere Verbindungen 
bestand in diesem Inselgewirr noch kein Bedürfnis. 
So war eine Verteidigungs= oder auch nur Abwehr- 
möglichkeit nicht gegeben, um so weniger, als kampf- 
fähige Kriegsfahrzeuge nicht vorhanden waren. Als 
Polizeitruppe sind über das ganze Inselgebiet 900 
eingeborene Polizisten unter der Führung weniger 
Weißer zerstreut. Nur in und bei Rabaul 2 er 
stellvertretende Gouverneur mit Hilfe der ihm zur 
Verfügung stehenden Polizisten und eingezogener 
weißer Reservisten Widerstand gegen die überlegene 
australische Invasionstruppe geleistet, ein Versuch, der 
ebenso Fenant ist, wie er von Anfang an zur Aus- 
sichtslosigkeit verurteilt war. Das Inselgebiet fiel 
Japanern und Australiern mit der Gefangennahme 
der Beamten, die dem Angriff gegenüber gänzlich 
machtlos waren, als wehrlose und leichte Beute ohne 
Schwertstreich in die Hände. — Samoa, wo nicht 
die geringsten Machtmittel zur Verfügung standen, ist 
den Australiern ohne jeden Widerstand zugefallen. 
Kiautschou nahm seit seiner Inbesitznahme in- 
sofern eine besondere Stellung unter allen Kolonien 
und Schutzgebieten ein, als es bewußt in erster Linie 
als militärischer und politischer Stützpunkt in Ostasien 
dienen, nicht aber Wirtschaftskolonie wie die übrigen 
Schutzgebiete sein sollte. Dazu war es mit seinen 
552 qkun, von allem anderen abgesehen, viel zu klein. 
Dagegen hatte es eine große Bedeutung als Eingangs- 
pforte für das reiche channg und als Ausgangs- 
punkt der dieses erschließenden deutschen Schantung- 
bahn. Der Schiffsverkehr in Tsingtau, der an 
50000 Einwohner zählenden Pachtkolonie, belief sich 
in den letzten Jahren auf über 1 Million Nettoregi- 
stertonnen (1912: 1,201 Million) und stand damit 
etwa auf der Höhe des Seeverkehrs von Emden. Sein 
Außenhandel belief sich zuletzt auf 152 Millionen 
Mark. Wichtiger aber war vielleicht noch die kultur- 
pvolitische Bedeutung Tsingtaus in Hinsicht auf die 
Gewinnung des Chinesentums für Deutschland. Im 
Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand die Deutsch- 
Chinesische Hochschule, die zuletzt an 400 Schüller 
zählte und im Begriff war, sich zu einer modernen 
deutsch-chinesischen Universität zu entwickeln. Die 
Kulturerfolge, die das unter Leitung des Reichs- 
marineamts stehende Kiautschou mit seiner in jeder 
Beziehung modernen Verwaltung bereits erzielte, und 
die mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen, die 
diese Musterkolonie zum Vorteil für das Deutschtum 
auf das chinesische Riesenreich bereits ausgeübt hatte, 
ließen das Größte für die Zukunft Deutschlands in Ost- 
asien erwarten. Weltpolitisch aber hatte es seine größte 
Bedeutung als Stützpunkt und Basis für die über- 
seeischen Machtmittel des Reiches. An einer Stelle 
gelegen. die einen beguemen Zugang zu derchinesischen 
Ebene bietet, um eine Bucht gelagert, die dem Welt- 
verkehr günstig liegt und im Gegensatz zu Tientsin 
nicht durch Zufrieren für Monate unbenutzbar wird, 
war es in kurzer Zeit zu einem wertvollen Marine- 
platz ausgebaut worden, dessen Bedeutung um so 
höher einzuschätzen war, als es gegen die Landseite im 
Osten und Nordosten durch ein bis zu 1130 m an- 
steigendes Gebirge (Lauschan) geschützt ist. Deutsch- 
land hatte keine Ausgaben gescheut, um es für Er- 
149 
füllung seiner politischen und militärischen Aufgaben 
auszustatten (Etat 1914: 18,4 Millionen bei einem 
Gesamtetat für die Schutzgebiete einschließlich der 
Schutzgebietsschuld von 120.7 Millionen). 
Die sääniig wachsende verkehrspolitische, wirtschaft. 
liche und militärische Bedeutung Küautschous, die 
riesigen hier geleisteten Kulturarbeiten und die An- 
ziehungskraft, die in diesen Tatsachen für das Unter- 
nehmertum lag, haben aus dem kleinen, bei der Be- 
setzung durch Deutschland 1897 vorhanden gewesenen 
Ort Tsingtau eine moderne deutsche Stadt werden 
lassen, die bei Kriegsausbruch außer den Heeres- 
angehörigen und Chinesen etwa 2100 Europäer insich 
schloß. Eine vernünftige Bodenpolitik hatte hier die 
so häufig in Neuländern unvermeidbar erscheinende 
Spekulation ausgeschaltet, und der Ort war im Be- 
griff, sich in Anlehmung an die staatlichen Werft= und 
anderen Betriebe zu einem ostasiatischen Industrie- 
mittelpunkt auszuwachsen, für das die Kohlengruben 
Schantungs eine gute Grundlage abgeben konnten. 
Die ruhigen und gesicherten Verhälimise hatten auch 
den Chinesen Zutrauen eingeflößt, so daß die Kolonie 
ur Zeit der chinesischen Revolution ein sicherer Zu- 
Aiuchkrort geworden war. Durch planmäßige Auf- 
forstung waren die unter der Chinesenzeit verwüsteten 
Wälder ihrer großen klimatischen und wirtschaftlichen 
Bedeutung zurückgegeben worden, und als Badeort 
hatte Tsingtau eine bedeutsame Rolle für die ganze 
ostasiatische Küste erlangt. 
Da brach der Krieg aus! Hätte er sich auf die 
europäischen Nationen beschränkt, so hätte das stark 
gesicherte Kiautschou als Flotten- und Nachrichien- 
asis eine wenn auch nicht entscheidende, so doch 
wesentlich mitbestimmende Rolle gespielt. Auf 2400 
Mann belief sich seine Friedensbesatzung, die mit der 
Mobilmachung um einige Tausend Wehrpflichtige 
und Freiwillige aus dem Schutzgebiet, aus China 
und dem weiteren Ostasien verstärkt wurde. Als sich 
aber Japan den europäischen Gegnern Deutschlands 
zugesellte und unter dem Schutz seiner nahen Opera- 
tionsbasis die Feindseligkeiten mit Verletzung der 
Neutralität Chinas auch von der verwundbaren Land- 
seite her gegen die Kolonie unternahm, da war ihr 
Schicksal entschieden. Nach tapferster Gegenwehr er- 
lag sie am 7. November 1914 derjapanisch-englischen 
Übermacht, von der Pflichttreue ihrer Besatzung bis 
zum letzten gehalten! 
Der bisherige Verlauf des Kolonialkrieges hat es 
schlagend bewiesen, daß kleine tropische Kolonien einem 
Gegner, der das Meer beherrscht und damit die Ver- 
bindungen zwischen ihnen und dem Mutterland stören 
und unterbinden kann, mehr oder weniger leicht zur 
Beute werden müssen, selbst wenn ihr wirtschaftlicher 
Zustand so gefestigt ist, daß sie, wie Togo, imstande 
wären, ihre Bevölkerung unabhängig von der ge- 
wohnten Nahrungsmittelzufuhr auf lange Zeit aus 
eigener Kraft erhalten zu können. Große Kolonien, 
wie 7 B. Ostafrika, waren, da ein beträchtlicher Teil 
der Eingeborenen für die Nahrungsmittelerzeugung 
wegen der Produktion für die Ausfuhr bestimmter 
Industrierohstoffe ausfiel, gezwungen, selbst für die 
Eingeborenen noch große Mengen von Nahrungs- 
mitteln einzuführen (Ostafrika zuletzt z. B. für 3,5 
Millionen Mark Reis), aber die wirtschaftliche Um- 
gruppierung ist da, wo die Verwaltung Einfluß auf 
die Bevölkerung hat, so leicht, daß die Abschneidung 
der Zufuhr auf die Verteidigungsmöglichkeit ohne 
Einfluß ist.
        <pb n="188" />
        150 
Der Winl, der in dieser Feststellung liegt, wird 
zusammen mit der notwendigen Dienstbarmachung 
aller Kolonien als Flotten= und Nachrichtenbasen in 
der Zukunft der deutschen Weltpolitik Wege weisen, 
die den deutschen Kolonien eine noch größere Beden- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
tung verleihen, als sie bisher schon für Deutschland 
hatten. 
Literatur. Hans Meyer, Das deutsche Kolonial- 
reich (Leipz. 1909—10, 2 Bde.); „Deutsche Kolonialzeitung- 
1914—17, herausgegeben von Oskar Karstedt. 
Doliumenle zum Kriegsverlauf 
Aus der großen Zahl der seit dem Kriegsausbruch 
erfolgten amtlichen Verlautbarungen und Kund- 
gebungen seien im Anschluß an den Abschnitt -Zum 
Kriegsausbruch-, Bd. 1. S. 136, wegen ihrer be- 
sonderen geschichtlichen Bedeutung solgende wieder- 
gegeben: 
A. Dokumente zum Anuterseebootkrieg. 
Die deutsch: Ankündigung der Verschärfung des Unterseeboot- 
lrieges vom 1. Februar 1915 an v#ranlaßte bie englische Ad- 
miralttät zum Erlaß einen Geheimbefehls, der den englischen 
Handelsschifsen den Gebrauch neutraler Flaggen vorschrieb 
und von Deutschland mit solgender Bekanntmachung vom 
4. Februar 1915 beantwortet wurde: 
1) Die Gewässer ringsum um Großbritannien und 
Irland einschließlich des gesamten Englischen 
Kanals werden hiermit als Kriegsgebiet erklärt. 
Vom 18. Februar 1915 an wird jedes in diesem 
Rriegsgebiet angetroffene feindliche Kauffahrtei- 
schiff zerstört werden, ohne daß es immer mög- 
lich sein wird, die dabei der Besatzung und den 
Passagieren drohenden Gesahren abzuwenden. 
2) Auch die neutralen Schisfe laufen im Kriegs- 
gebiet Gefahr, da es angesichts des von der bri- 
ltischen Regierung am 81. Januar angeordneten 
Mißbrauchs neutraler Flaggen und der Zu- 
fälligkeiten des Sertrieges nicht immer vermie- 
den werden kann, daß die auf feindliche Schiffe 
berechneten Angriffe auch neutrale Schiffetreffen. 
Die Schiffahrt nördlich um die Shetlandinseln 
in dem östlichen Gebiete der Nordsee und in 
einem Streifen von mindestens 80 Seemeilen 
Breite entlang der niederländischen Kücste ist nicht 
gefährdet. 
Zur Erläuterung dieser Erklärung wurde den verbündeten, 
neutralen und seindlichen Staaten ul:#ch zeitig nachstehende Denk- 
schrift unterbreitet: 
Denkschrift der Kaiserlich dentschen Regierung 
über Gegenmaßunuahmen gegen die völkerrechts- 
widrigen Maßuahmen Euglands zur Unterbin- 
dung des neutralen Seehandels mit Deutschland. 
Seit Beginn des gegenwärtigen Krieges führt 
Großbritannien gegen Deutschland den Handelskrieg 
in einer Weise, die allen Völkerrechtsgrundsätzen 
Hohn spricht. Wohl hat die britische Regierung in 
mehreren Verordnungen die Londoner Serekriegs- 
rechtserklärung als für ihre Seestreitkräfte masgebend 
bezeichnet, in Wirklichkeit hat sie sich aber von dieser 
Erklärung in den wesentlichsten Punkten losgesagt, 
obwohl ihre eigenen Bevollmächtigten auf der Lon- 
doner Seekriegsrechtskonferenz deren Beschlüsse als 
geltendes Völkerrecht anerkannt haben. 
Die britische Regierung hat eine Reihe von Gegen- 
siänden auf die Liste der Konterbande gesetzt, die nicht 
oder doch nur sehr mittelbar für kriegerische Zwecke 
3) 
verwendbar sind und daher nach der Londoner Er- 
klärung wie nach allgemein anerkannten Regeln des 
Völkerrechts überhaupt nicht als Konterbande bezeich- 
net werden dürfen. Sie hat ferner den Umeerschird 
wischen absoluter und relativer Konterbande tatsäch- 
ich beseitigt, indem sie alle für Deutschland bestimm- 
ten Gegenstände relatwer Konterbande, ohne Rücksicht 
auf den Hafen, in dem sie ausgeluden werden sollen, 
und ohne Rücksicht auf ihre feindliche oder friedliche 
Verwendung,. der Wegnahme unterwirft. Sie scheut 
sich sogar nicht, die Pariser Seerechtsdeklara- 
tion zu verletzen, da ihre Seestreitkräfte von neu- 
tralen Schiffen deutsches Eigentum, das nicht Konter- 
bande war, weggenommen haben. Über ihre eigenen 
Verordnungen zur Londoner Erklärung hinaus- 
gehend, hat sie weiter durch ihre Seestreitkräfte zahl. 
reiche wehrfähige Deutsche von neutralen Schifsen 
wegführen lassen und sie zu Kriegsgefangenen gemacht. 
Endlich hat sie die ganze Nordsce zum Kriegsschau- 
platz erklärt, der neutralen Schiffahrt die Durchfahrt 
durch das offene Meer zwischen Schottland und Nor- 
wegen, wenn nicht unmöglich genmacht, so doch aufs 
äußerste erschwert und gefährdet, so daß sie gewisser- 
maßen eine Blockade neutraler Küsten und neutraler 
Häfen gegen alles Völkerrecht eingeführt hat. 
Alle diese Maßnahmen verfolgen offensichtlich den 
Zweck, durch die völkerrechtswidrige Lahmlegung des 
legitimen neutralen Handels nicht nur die Kriegfüh= 
rung, sondern auch die Volkswirtschaft Deutschlands 
zu treffen und letzten Endes auf dem Wege der 
Aushungerung das ganze deutsche Volk der Ver- 
nichtung preiszugeben. Die neutralen Mächte haben 
sich den Maßnahmen der britischen Regierung im gro- 
ßen und ganzen gefügt. Insbesondere haben sie es nicht 
erreicht, daß die von ihren Schiffen völkerrechtswidrig 
weggenommenen deutschen Personen und Güter von 
der britischen Regierung herausgegeben worden sind. 
Auch haben sie sch in gewisser Richtung sogar den 
mit der Freiheit der Meere unvereinbaren englischen 
Maßnahmen angeschlossen, indem sie offenbar unter 
dem Druck Englands die für friedliche Zwecke be- 
stimmte Durchfuhr nach Deutschland auch ihrerseits 
durch Ausfuhr= und Durchfuhrwerbote verhinderten. 
Insbesondere hat die deutsche Regierung die neu- 
tralen Mächte darauf aufmerksam gemacht, daß sie 
sich die Frage vorlegen müsse, ob sie an den bisher 
von ihr streng beobachteten Bestimmungen der Lon- 
doner Erklärung noch länger festhalten könne, wenn 
Großbritannien das von ihm eingeschlagene Ver- 
fahren fortsetzen und die neutralen Mächte alle 
diese Neutralitätsverletzungen zuungunsten 
Deutschlands länger hinnehmen würden. Groß- 
britannien beruft sich für seine rechtswidrigen Maß- 
nahmen auf die Lebensinteressen, die für das britische 
Reich auf dem Spiele stehen, und die neutralen Mächte 
scheinen sich mit theoretischen Protesten abzufinden, 
also tatsächlich Lebensinteressen von Kriegführenden 
als hinreichende Entschuldigung für jede Art von
        <pb n="189" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 151 
Kriegführung geltenzu lassen. Solche Lebensinteressen 
muß nunmehr auch Deutschland für sich anrufen. 
Es sieht sich daher zu seinem Bedauern zu militäri- 
schen Maßnahmen gegen England gezwungen, die 
das englische Verfahren vergelten sollen. Wie Eng- 
land das Gebiet zwischen Schottland und Norwegen 
als Kriegsschauplatz bezeichnet hat, so bezeichnet 
Deutschland die Gewässer rings um Großbritannien 
und Irland mit Einschluß des gesamten Englischen 
Kanals als Kriegsschauplatz und wird mit allen zu 
Gebote stehenden Kriegsmitleln der feindlichen Schif- 
fahrt daselbst entgegentreten. 
Zu diesem Zwecke wird es vom 18. Februar 1915 
an jedes feindliche Kauffahrteischiff, das sich auf den 
Kriegsschauplatz begibt, zu zerstören suchen, ohne daß 
es immer möglich sein wird, die dabei den Personen 
und Gütern drohende Gefahr abzuwenden. Die Neu- 
tralen werden daher gewarnt, solchen Schiffen weiter- 
hin Mannschaften, Passagiere und Waren anzuver- 
trauen. Sodann aber werden sie darauf aufmerksam 
gemacht, daß es sich auch für ihre eigenen Schiffe 
dringend empfiehlt, das Einlaufen in dieses Gebiet 
zu vermeiden; denn wenn auch die deutschen Seestreit- 
kräfte Anweisung haben, Gewalttätigkeiten gegen 
neutrale Schiffe, soweit sie als solche erkennbar sind, 
u unterlassen, so kann es doch angesichts des von 
dar britischen Regierung angeordneten Mißbrauchs 
neutraler Flaggen und der Zufälligkeiten des 
Krieges nicht immer verhütet werden, daß auch sie 
einem auf feindliche Schiffe berechneten Angriff zum 
Opfer fallen. 
Dabei wird ausdrücklich bemerkt, daß die Schiffahrt 
nördlich um die Shellandinseln, in dem östlichen Ge- 
biete der Nordsee und in einem Streifen von min- 
destens 30 Seemeilen Breite entlang der nieder- 
ländischen Küste nicht gefährdet ist. Die deutsche Re- 
gierung kündigt diese Maßnahmen so rechtzeitig an, 
daß die feindlichen wie die neutralen Schiffe Zeit be- 
halten, ihre Dispositionen wegen Anlaufens der im 
Kriegsschauplatz liegenden Häfen danach einzurichten. 
Sie darf erwarten, daß die neutralen Mächte die 
Lebensinteressen Deutschlands nicht weniger als die 
Englands berücksichtigen und dazu beitragen werden, 
ihre Angehörigen und deren Eigentum vom Kriegs- 
schauplatz fernzuhalten. Dies darf um so mehr er- 
wartet werden, als den neutralen Mächten auch 
daran liegen muß, den gegenwärtigen verheerenden. 
Krieg sobald als möglich beendet zu sehen. 
Einspruchnote der Bereinigten Staaten. 
Überreicht am 13. Februar 1915. 
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist durch 
die Bekanntmachung des deutschen Admiralstabes 
vom 4. Februar 1915 darauf aufmerksam gemacht 
worden, daß die Gewässer rings um Großbritannien 
und Irland einschließlich des gesamten Englischen 
Nanals als Kriegsgebiet anzusehen seien, daß alle in 
diesen Gewässern nach dem 18. d. Mts. angetroffenen 
Kauffahrteischiffe zerstört werden sollen, ohne daß es 
immer möglich sein werde, die Besatzungen und Passa- 
giere zu retten, und daß auch neutrale Schiffe in 
diesem Kriegsgebiete Gefahr laufen, da angesichts des 
Mißbrauches neutraler Flaggen, der am 31. Januar 
von der britischen Regierung angeordnet worden sein 
soll, und angesichts der Zufälligkeiten des Seekrieges 
es nicht immer vermieden werden könne, daß die auf 
feindliche Schiffe berechneten Angriffe auch neutrale 
Schiffe träfen. 
Die amerikanische Regierung erachtet es daher als 
ihre Pflicht, die Kaiserlich deutsche Regierung in auf- 
richtiger Hochschätzung und mit den freund aftlich= 
sten Gefühlen, aber doch ganz offen und ernstlich auf 
die sehr ernsten Folgen aufmerksam zu machen, die 
das mit der Bekanntmachung offenbar beabsichtigte 
Vorgehen mogliherweise herbeiführen kann. Die 
amerikanische Regierung schätzt diese möglichen Fol- 
gen mit solcher Besorgnis ein, daß sie es unter den 
obwaltenden Umständen als ihr Recht, ja als ihre 
Pflicht erachtet, die Kaiserlich deutsche Regierung zu 
ersuchen, vor einem tatsächlichen Vorgehen die kritische 
Lage zu erwägen, die in den Bezichunyen der Ver- 
einigten Staaten zu Deutschland entstehen könnte, 
falls die deutschen Seestreitkräfte in Befolgung der 
durch die Bekanntmachung des Admiralstabes ange- 
kündigten Maßnahmen irgendein Kauffahrteischiff der 
Vereinigten Staaten zerstörten oder den Tod eines 
amerikanischen Staatsangehörigen verursachten. 
Es ist selbstverständlich nicht nötig, die deutsche 
Regierung daran zu erinnern, daß einer kriegführen- 
den Nation in beug auf neutrale Schiffe auf hoher 
See lediglich das Recht der Durchsuchung zusteht, es 
sei denn, daß eine Blockadeerklärung ergangen ist und 
die Blockade effektiv aufrechterhalten wird. Die Regie- 
rung der Vereinigten Staaten nimmt an, daß eine 
Blockade im vorliegenden Falle nicht beabsichtigt ist. 
Eine Erklärung oder Ausübung des Rechtes, jedes 
Schiff anzugreifen und zu zerstören, das ein näher 
umschriebenes Gebiet auf offener See befährt, ohne 
erst festgestellt zu haben, ob es einer kriegführenden 
Nation gehört oder ob seine Ladung Konterbande ist, 
wäre eine Handlungsweise, die so sehr in Widerspruch 
mit allen früheren Fällen der Seekriegführung steht, 
daß die amerikanische Regierung kaum annehmen 
kann, daß die Kaiserlich deutsche Regierung im vor- 
liegenden Falle sie als möglich ins Auge faßt. Der 
Verdacht, daß feindliche Schifse zu Unrecht eine neu.- 
trale Flagge führen, kann nicht eine berechtigte Ver- 
mutun 17 en dahingehend, daß alle Schiffe, die 
ein näher umschriebenes Gebiet durchfahren, solchem 
Verdachte unterliegen. Gerade um solche Fragen auf- 
zuklären, ist nach Ansicht der amerikanischen Regie- 
rung das Recht der Durchsuchung anerkannt worden. 
Die amerikanische Mgierung hat von der Denk- 
schrift der Kaiserlich deutschen Regierung, die zugleich 
mit der Bekanntmachung des Admiralstabes ergangen 
ist. eingehend Kenntnis genommen. Sie benutzt diese 
elegenheit, die Kaiserlich deutsche Regierung mit 
größter Hochschätzung darauf aufmerksam zu machen, 
daß die Regierung der Vereinigten Staaten zu einer 
Kritik wegen nichtneutraler Haltung, der sich nach 
Ansicht der deutschen Regierung die Regierungen ge- 
wisser anderer neutraler Staaten ausgesetzt haben, 
keine Veranlassung gegeben hat. Die Regierung der 
Vereinigten Staaten bat keinen Maznahmen zuge- 
stimmt oder hat es bei keiner solchen bewenden lassen, 
die von den anderen kriegführenden Nationen im 
gegenwärtigen Kriege getroffen worden sind und die 
auf eine Beschränkung des Handels hinzielen. Viel- 
mehr hat sie in allen solchen Fällen eine Haltung ein- 
genommen, die ihr das Recht gibt, diese Regierungen 
in der richtigen Weise für alle eventuellen Wirkungen 
auf die amerikanische Schiffahrt verantwortlich zu 
machen, welche durch die bestehenden Grundsähe des 
Völkerrechtes nicht gerechtfertigt sind. 
Daher erachtet sich die amerikanische Regierung im 
vorliegenden Falle mit gutem Gewissen auf Grund
        <pb n="190" />
        152 
anerkannter Grundsätze für berechtigt, die in der Note 
angedeutete Haltung einzunehmen. Falls die Kom- 
mandanten deutscher Kriegsschiffe auf Grund der An- 
nahme, daß die Flagge der Vereinigten Staaten nicht 
im guten Glauben geführt werde, handeln sollten und 
auf hoher See ein amerikanisches Schiff oder das 
Leben amerikanischer Staatsangehöriger vernichten 
sollten, so würde die Regierung der nigten 
Staaten in dieser Handlung schwerlich etwas anderes 
als eine unentschuldbare Verletzung neutraler Rechte 
erblicken können, die kaum in Einklang zu bringen 
sein würde mit den freundschaftlichen Beziehungen, 
die jetzt glücklicherweise zwischen den beiden Regie- 
rungen bestehen. 
ollte eine solche beklagenswerte Lage entstehen, 
so würde sich die Regierung der Vereinigten Staaten, 
wie die Kaiserlich deutsche Regierung wohl verstehen 
wird, genötigt sehen, die Kaiserlich deutsche Negier 
rung für solche Handlungen ihrer Marinebehörden 
streng verantwortlich zu machen und alle Schritte zu 
tun, die zum Schutze amerikanischen Bodens und 
Eigentums und zur Sicherung des vollen Genusses 
der anerkannten Rechte auf hoher See für die Ameri- 
kaner erforderlich sind. 
In Anbetracht dieser Erwägungen, die die Regie- 
rung der Vereinigten Staaten mit der größten Hoch- 
schätzung und in dem ernstlichen Bestreben vorbringt, 
irgendwelche Mißverständnisse zu vermeiden und zu 
verhindern, daß Umstände entstehen, die sogar einen 
Schatten auf den Verkehr der beiden Regierungen 
werfen könnten, spricht die amerikanische Regierun 
die zuversichtliche Hoffnung und Erwartung aus, das 
die Kaiserlich deutsche Regierung die Versicherung 
geben kann und will, daß amerikanische Staatsbürger 
auf ihren Schiffen anders als im Wege der Durch- 
suchung durch deutsche Seestreitkräfte selbst in dem in 
der Bekanntmachung des deutschen Admiralstabes 
näherbezeichneten Gebiete nicht belästigtwerden sollen. 
Zur Information der Kaiserlichen Regierung wird 
hinzu 6äz daß der Regierung Seiner britannischen 
Mojestät bezüglich des unberechtigten Gebrauchs der 
amerikanischen Flagge zum Schutze britischer Schiffe 
Vorstellungen gemacht worden sind. 
Die Antwort Deutschlands. 
Überreicht am 16. Februar 1915. 
Die Kaiserlich deutsche Regierung hat die Mittei- 
lung der Vereinigten Staaten in dem Geiste des glei- 
chen Wohlwollens und der gleichen Freundschaft ge- 
prüft, von welchem ihre Mitteilung dilktiert erscheint. 
Die Kaiserlich deutsche Regierung weiß sich mit der 
Regierung der Vereinigten Staaten darin eins, daß 
es beide Teile in hohem Maße erwünscht ist, Miß- 
verständnisse zu verhüten, die sich aus den von der 
deutschen Admiralität angekündigten Maßnahmen er- 
geben könnten, und dem Eintritt von Ereignissen vor- 
zubeugen, die die zwischen beiden Regierungen bisher 
in so glücklicher Weise bestehenden freundschaftlichen 
Beziehungen zu trüben vermöchten. Die deutsche Re- 
gierung glaubt, für diese Versicherung bei der Regie- 
rung der Vereinigten Staaten um so mehr auf volles 
Verständnis rechnen zu dürfen, als das von der deut- 
schen Admiralität angekündigte Vorgehen, wie in der 
Note vom 4. Februar eingehend dargelegt wurde, in 
keiner Weise gegen den legitimen Handel und die legi- 
time Schiffahel der Neutralen gerichtet ist, sondern 
lediglich eine durch Deutschlands Lebensinteressen er- 
zwungene Gegenwehr gegen die völkerrechtswidrige 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Seekriegführung Englands darstellt, die bisher durch 
keinerlei Einspruch der Neutralen auf die vor Kriegs- 
ausbruch allgemein anerkannte Rechtsgrundlage sich 
hat zurückführen lassen. Um in diesem kardinalen 
Punkte jeden Zweifel auszuschließen, erlaubt sich die 
sucche Regierung, nochmals die Sachlage festzu- 
tellen: 
Deutschland hat bisher die geltenden völkerrecht- 
lichen Bestimmungen auf dem Gebiete des Seekrieges 
gewissenhaft beobachtet, insbesondere hat es dem gleich 
zu Beginn des Krieges gemachten Vorschlag der ame- 
rikanischen Regierung, nunmehr die Londoner See- 
kriegsrechtserklärung zu ratifizieren, unverzüglich zu- 
gesemm und deren Inhalt auch ohne solche formelle 
indung unverändert in sein Prisenrecht übernom- 
men. Die deutsche Regierung hat sich an diese Be- 
stimmungen gehalten, auch wo sie ihren militärischen 
Interessen zuwiderliefen. So hat sie beispielsweise 
bis auf den heutigen Tag die Lebensmittelzufuhr 
von Dänemark nach England u gelassen. obwohl sie 
diese Zufuhr durch ihre Streitkräfte sehr wohl hätte- 
unterbinden können. Im Gegensat hierzu hat Eng- 
land selbst schwere Verletzungen des Völkerrechts mich- 
escheut, wenn es dadurch den friedlichen Handel 
Peusschiands mit dem neutralen Ausland lähmen 
konnte. Auf Einzelheiten wird die deutsche Regierung 
hier um so weniger einzugehen brauchen, als solche in 
der ihr zur Kenntnis mitgeteilten amerikanischen Note 
an die kritsche Regierung vom 29. Dezember vorigen 
Jahres auf Grund fünfmonatiger Erfahrungen zu- 
treffend, wenn auch nicht erschöpfend, dargelegt sind. 
Alle diese Übergriffe sind zugestandenermaßen darauf 
gerichtet, Deutschland von aller Zufuhr abzuschnei- 
den und dadurch die friedliche Zivilbevölkerung dem 
Hungertode preiszugeben, ein jedem Kriegsrecht und 
jeder Menschlichkeit widersprechendes Verfahren. Die 
Neutralen haben die völkerrechtswidrige Unterbin- 
dung ihres Handels mit Deutschland nicht zu verhin- 
dern vermocht. Die amerikanische Regierung hat zwar, 
wie Deutschland gern anerkennt, gegen das englische 
Verfahren Protest erhoben. Trotz dieses Protestes 
und der Krotsst der Übrigen neutralen Regierungen 
hat England sich von dem eingeschlagenen Verfahren 
nicht abbringen lassen. So ist vor kurzem das ame- 
rikanische Schiff -Wilhelmina= von englischer Seite 
aufgebracht worden, obwohl seine Ladung lediglich 
für die deutsche Zivilbevölkerung bestimmt war und 
nach ausdrücklicher Erklärung der deutschen Regierung 
nur für diesen Zweck verwendet werden sollte. Da- 
durch ist folgender Zustand geschaffen worden: 
Deutschland ist unter stillschweigender oder pro- 
testierender Duldung der Neutralen von der überseei- 
schen Zufuhr so gut wie abgeschnitten, und zwar nicht 
nur hinsichtlich solcher Waren, die absolute Konter- 
bande sind, sondern auch hinsichtlich solcher, die nach 
dem vor dem Kriegsausbruch allgemein anerkannten 
Recht nur relative Konterbande oder Überhaupt keine 
Konterbande sind. England dagegen wird unter 
Duldung der neutralen Regierungen nicht nur mit 
solchen Waren versorgt, die keine oder nur relative 
Konterbande sind, von England aber gegenüber 
Deutschland als absolute Konterbande behandelt wer- 
den, wie Lebensmiittel, industrielle Rohstoffe usw., 
sondern sogar mit Waren, die stets unzweifelhaft als 
absolute Konterbande gelten. Die deutsche Regierung 
glaubt insbesondere und mit größtem Nachdruck dar- 
auf hinweisen zu müssen, daß ein auf viele Hunderte 
von Millionen Mark geschätzter Waffenhandel
        <pb n="191" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
amerikanischer Lieferanten mit Deutschlands 
Feinden besteht. Die deutsche Regierung gibt sich 
wohl Rechenschaft darüber, daß die Ausübung von 
Rechten und die Duldung von Unrecht seitens der 
Neutralen formell in deren Belieben steht und keinen 
sormellen Neutralitätsbruch involviert. Sie hat in- 
folgedessen den Vorwurf des formellen Neutralitäts- 
bruches nicht erhoben. Die deutsche Regierung kann 
aber — gerade im Interesse der vollen Klarheit in den 
Beziehungen beider Länder — nicht umhin, hervor- 
zuheben, daß sie sich mit der gesamten öffentlichen 
Meinung Deutschlands dadurch schwer benachteiligt 
fühlt, daß die Neutralen in Wahrung ihrer Rechte 
auf den völkerrechtlich legitimen Handel mit Deutsch- 
land bisher keine oder nur unbedeutende Erfolge er- 
zielt haben, während sie von ihrem Recht. Konterbande- 
handel mit England und unseren anderen Feinden 
zudulden, zneingechränkien Gebrauch machen. Wenn 
es das formale Recht der Neutralen ist, ihren legi- 
timen Handel mit Deutschland nicht zu schützen, ja 
sogar sich von England zu einer bewußten und ge- 
wollten Einschränkung des Handels bewegen zu lassen, 
so ist es auf der anderen Seite nicht minder ihr gutes, 
aber leider nichtangewendetes Recht, den Konterbande- 
handel, insbesondere den Waffenhandel mit Deutsch- 
lands Feinden, abzustellen. 
Bei dieser Sachlage sieht die deutsche Regierung, 
nach sechs Monaten der Geduld und des Abwartens, 
sich genötigt, die mörderische Art der Seekriegführung 
Englands mit scharfen Gegenmaßregeln zu erwidern. 
Wenn England in seinem Kampf gegen Deutschland 
den Hunger als Bundesgenossen anruft, in der Ab- 
sicht, ein Kulturvolk von siebzig Millionen vor die 
Wahl zwischen elendem Verkommen oder Unterwer- 
fung unter seinen politischen und kommerziellen Wil- 
len zu stellen, so ist heute die deutsche Regierung ent- 
schlossen, den Handschuh aufzunehmen und an den 
gleichen Bundesgenossen zu appellieren. Sie vertraut 
darauf, daß die Neutralen, die bisher sich den für sie 
nachteiligen Folgen des englischen Hungerkrieges still- 
schweigend oder protestierend unterworfen haben, 
Deutschland gegenüber kein geringeres Maß von 
Duldsamleit zeigen werden, und zwar auch dann, 
wenn die deutschen Maßnahmen, in gleicher Weise 
wie bisher die englischen, neue Formen des Seekrieges 
darstellen. Darüber hinaus ist die deutsche Regierung 
entschlossen, die Jasr von Kriegsmaterial an Eng- 
lund und seine Verbündeten mit allen ihr zu Ge- 
bote stehenden Mitteln zu unterdrücken, wobei 
sie als selbstverständlich annimmt, daß die neutralen 
Regierungen, die bisher gegen den Waffenhandel mit 
Deutschlands Feinden nichts unternommen haben, 
sich einer gewaltsamen Unterdrückung dieses Handels 
durch Deutschland nicht zu widersetzen beabsichtigen. 
Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, hat die 
deutsche Admiralität die von ihr näher bezeichnete 
Zone als Seekriegsgebiet erklärt. Sie wird dieses 
Seekriegsgebiet, soweit wie irgend angängig, durch 
Minen sperren und auch die feindlichen Handelsschiffe 
auf jede andere Weise zu vernichten suchen. So sehr 
nun auch der deutschen Regierung bei jedem Handeln 
nach diesen zwingenden Gesichtspunkten jede absicht- 
liche Vernichtung neutraler Menschenleben und neu- 
tralen Eigentums fernliegt, so will sie doch auf der 
anderen Seite nicht verkennen, daß durch die gegen 
England durchzuführenden Aktionen Gefahren ent- 
stehen, die unterschiedslos jeden Handel innerhalb 
des Seekriegsgebietes bedrohen. Dies gilt ohne wei- 
153 
teres vom Minenkrieg, der auch bei strengster Inne- 
haltung dervölkerrechtlichen Grenzen jedes dem Minen- 
gebiet sich nähernde Schiff gefährdet. 
Zu der Hoffnung, daß die Neutralen sich hiermit 
ebenso wie mit den ihnen durch die englischen Maß- 
nahmen bisher zugefügten schweren Schädigungen 
abfinden werden, glaudt die deutsche Regierung um 
so mehr berechtigt zu sein, als sie gewillt ist, zum Schutze 
der neutralen Schiffahrt sogar im Seekriegsgebiet 
alles zu tun, was mit der Durchführung ihres Zweckes 
irgendwie vereinbar ist. Sie hat den ersten Beweis 
für ihren guten Willen geliefert, indem sie die von ihr 
beabsichtigten Maßnahmen mit einer Frist von nicht 
weniger als viechehn Tagen ankündigte, um der neu- 
tralen Schiffahrt Gelegenheit zu geben, sich auf die 
Vermeidung der drohenden Gefahr einzurichten. Letz- 
teres geschieht am sichersten durch Fernbleiben vom 
Seekriegsgebiet. Die neutralen Schiffe, die trotzdieser, 
die Ereschung des Kriegszweckes gegenüber England 
schwer beeinträchtigenden, langfriligen Ankündigung 
sich in die gesperrten Gewässer begeben, tragen senst 
die Verantwortung für etwaige unglückliche Zufälle. 
Die deutsche Regierung ihrerseits lehnt 
jede Verantwortung für solche Zufälle und 
deren Folgen ausdrücklich ab. Ferner kündigt 
die deutsche Regierung lediglich die Vernichtung der 
feindlichen, imnerhalb des Seekriegsgebietes ange- 
troffenen Handelsschiffe, nicht aber die Vernichtung 
aller Handelsschiffe, wie die amerikanische Regierung 
irrtümlich verstanden zu haben scheint, an. Auch diese 
Beschränkung die die deutsche Regierung sich aufer- 
legt, ist eine Beeinträchtigung des Kriegszweckes, zu- 
mal da bei der Auslegung des Begriffs der Konter- 
bande, die Englands Regierung gegenüber Deutsch- 
land beliebt hat, und die demgemäß die deutsche Re- 
gierung auch gegen England anwenden wird, auch 
neutralen Schifer gegenüber die Präsumption dafür 
sprechen wird, daß sie Konterbande an Bord haben. 
Auf das Recht, das Vorhandensein von Konterbande 
in der Fracht neutraler Schiffe festzustellen und ge- 
gebenenfalls aus dieser Feststellung die Konsequenzen 
zu ziehen, ist die Kaiserliche Regierung natürlich nicht 
gewillt, zu verzichten. 
Die deutsche Regierung ist schließlich bereit, mit 
der amerikanischen Regierung jede Maßnahme in 
ernsthafte Erwägung zu Koher die geeignet sein 
könnte, die legitime Schpahc der Neutralen im Kriegs- 
gebiet sicherzustellen. Sie kann jedoch nicht Übersehen. 
daß alle Bemühungen in dieser Richtung durch zwei 
Umstände erheblich erschwert werden: 
1) durch den inzwischen wohl auch für die ameri- 
kanische Regierung außer Zweifel gestellten Miß- 
brauch der neutralen Flagge durch dieeng- 
lischen Handelsschiffe; 
2) durch den bereits erwähnten Konterbande- 
handel, insbesondere mit Kriegsmaterial, der 
neutralen Handelsschiffe. 
Hinsichtlich des letzteren Punktes gibt sich die deut- 
sche Regierung der Hoffnung hin, daß sich die ameri- 
kanische Regierung bei nochmaliger Erwägung zu 
einem dem Heiste wahrhafter Neutralität entsprechen- 
den Eingreifen veranlaßt sehen wird. 
Was den ersten Punkt anlangt, so ist der deutscher- 
seits der amerikanischen Regierung bereits mitgeteilte 
Geheimbefehl der britischen Admiralität, der den eng- 
lischen Handelsschiffen die Benutzung neutraler Flag- 
gen anempfohlen hat, inzwischen durch eine Mitteilung. 
des britischen Auswärtigen Amtes, das jenes Ver-
        <pb n="192" />
        154 
fahren unter Berufung auf inneres englisches Recht 
als völlig einwandfrei bezeichnet, bestätigt worden. 
Die englische Handelsflotte hat den ihr erteilten Rat 
auch sogleich befolgt, wieder amerikanischen Regierung 
aus den Fällen der Dampfer »Lusitania« und »Laer- 
tes« bekannt sein dürfte. 
BWeiter hat die britische Regierung die englischen 
Handelsschiffe mit Waffen versehen und sie 
angewiesen, den deutschen Unterseebooten gewaltsam 
Widerstand zu leisten. Unter diesen Umständen ist es 
für die deutschen Unterseeboole sehr schwierig, die neu- 
ltralen Handelsschisse als solche zu erkennen; deun 
auch eine Untersuchung wird in den meisten Fällen 
nicht erfolgen können, da die bei einem maskierten 
englischen Schiff zu erwartenden Angriffe das Unter- 
suchungskommando und das Boot selbst der Gefahr 
der Vernichtung aussetzen. Die britische Regierung 
wäre hiernach in der Lage, die deutschen Maßnahmen 
illusorisch zu machen, wenn ihre Handelsflotte bei dem 
Mißbrauch neutraler Flaggen verharrt und die neu- 
tralen Schiffe nicht anderweit in zweifelloser Weise 
gelrnnzeichnet werden. Deutschland muß aber in dem 
dotstand, in den es rechtswidrig versetzt wird, seine 
Maßnahmen unter allen Umständen wirksam machen, 
um dadurch den Gegner zu einer dem Völkerrecht ent- 
sprechenden Führung des Seekrieges zu zwingen und 
so die Freiheit der Meere, für die es von jeher ein- 
gelreten ist und für die es auch heute kämpft, wieder- 
berzustellen. 
ie deutsche Regierung hat es daher begrüßt, daß 
die anierikanische Regierung gegen den rechtswidrigen 
Gebrauch ihrer Flagge bei der britischen Regierung 
Vorstellungen erhoben hat, und Giot der Erwartung 
Ausdruck, daß dieses Torgehen England künftig zur 
Uchtung der amerikanischen digß e veranlassen wird. 
In dieser Erwartung sind die — der deut- 
schen Untersceboote, wie bereits in der Note vom 4. 
d. Mis. zum Ausdruck gebracht wordenist, angewiesen 
worden, Gewaltlätigkeiten gegen amerikanische Han- 
delsschiffe zu unterlassen, soweit sie als solche erkenn- 
bar sind. Um in der sichersten Weise allen Folgen 
einer Verwechslung — allerdings nicht auch der 
Minengefahr — zu begegnen, empfiehlt die deutsche 
Regierung den Vereinigten Staaten, ihre mit fried- 
licher Ladung befrachteten, den englischen Seekriegs- 
schauplatz berührenden Schiffe durch Konvoyierung 
kenntlich zu machen. Die deutsche Regierung glaubt 
dabei voraussetzen zu dürfen, daß nur solche Schiffe 
konvoyiert werden, die keine Waren an Bord haben, 
die nach der von England gegenüber Deutschland 
angewendeten Auslegung als Konterbande zu be- 
trachten sind. Über die Art der Durchführung einer 
solchen Konvoyierung ist die deulsche Regierung be- 
reit, mit der amerikanischen Regierung alsbald in Ver- 
handlungen einzutreten. Sie würde es aber mit be- 
sonderem Danke anerkennen, wenn die amerikanische 
Regierung ihren Handelsschiffen dringend empfehlen 
wollte, inzwischen bis zur Regelung der Flaggenfrage 
den englischen Seekriegsschauplatz zu meiden. Die 
deutsche Nehierung gibl sich der zuversichtlichen Hoff- 
nung hin, daß die amerikanische Regierung den 
schweren Kampf, den Deutschland um sein Dasein 
führt, in seiner ganzen Bedeutung würdigen und 
aus den vorstehenden Aufklärungen und Zusagen ein 
volles Verständnis für die Beweggründe und Ziele der 
von ihr angekündigten Masnahmen gewinnen werde. 
Die deutsche Regierung wiederholt, daß sie in der 
bisher peinlich von ihr geübten Rücksicht auf die Neu- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
tralen sich nur unter dem stärksten Zwange der na- 
tionalen ellsterhaltung zu den geplanten Maßnah- 
men entschlossen hat. Sollte es der amerikanischen 
Regierung vermöge des Gewichts, das sie in die 
Wagschale des Geschickes der Völker zu legen berechtigt 
und imstande ist, in letzter Stunde noch gelingen, die 
Gründe zu beseitigen, die der deutschen Regierung 
jenes Vorgehen zur gebielerischen Pflicht machen, 
ollte die amerikanische Regierung insbesondere einen 
Weg sinden, die Beachtung der Londoner Seekriegs- 
rechtserklärung auch von genen der mit Deutschland 
kriegführenden Mächte zu erreichen und Deutschland 
dadurch die legitime Zufuhr von Lebensmitteln und 
industriellen Rohstossen zu ermöglichen, so würde die 
deutsche Regierung hierin ein nicht hoch genug anzu- 
schlagendes Verdienst um die humanere Gestaltung der 
Kriegführung anerkennen und aus der also geschafse- 
nen neuen Sachlage gern die Folgerungen ziehen. 
Erwiderung der Bereinigten Staaten. 
Überreicht am 22. Februar 1915. 
In der an die deutsche und englische Regierung gerichteten 
Note versucht die amerikanische Regierung zwischen Deutschland 
und England zu vermitteln, um eine Einschränkung des Unter- 
seebootkrieges zu erzielen. Die Note hatte solgenden Wortlaut: 
Die amerikanische Negierung gestattet sich im Hin- 
blick auf den Schriftvoeckse, der zwischen ihr und den 
Regierungen Deutschlands und Großbritanniens Über 
den Gebrauch neutraler Flaggen durch englische Han- 
delsschisse und die Kriegsgebietserklärung der deul- 
schen Admiralität slattgefunden hat. der Hoffnung 
Ausdruck zu geben, daß die beiden kriegführenden Re- 
Lierun en im Wege gegenseitiger Zugeständnisse eine 
rundlage für eine Verständigung sinden möchten, 
deren Ergebnis darauf abzielt, neutrale, dem fried- 
lichen Handel obliegende Schiffe von den ernsten 
Gefahren zu befreien, denen sie bei der Durchfahrt 
durch die die Küsten der kriegführenden Länder be- 
rührenden Meere unterworfen sind. 
Die amerikanische Regierung bringt ergebenst in 
Anregung, daß eine Verständigung auf Grund ähn- 
licher Bedingungen wie der nachstehenden erreicht 
werden möge. Diese Anregung soll in keiner Weise 
als ein Vorschlag der amerikanischen Regierung gel- 
ten, denn diese ist sich naturgemäß wohl bewußt, daß 
es ihr nicht zukommt, Bedingungen für eine Verein- 
barung zwischen Deutschland und Großbritannien 
vorzuschlagen, obwohl die vorliegende Frage sie selbft 
und das Volk der Vereinigten Staaten unmittelbar 
und in weitgehendem Maße interessiert. Sie wagt 
lediglich, sich die Freiheit zu nehmen, die nach ihrer 
Überzeugung einem aufrichtigen Freund eingeräumt 
werden darf, der von dem Wunsche Geteiter wird, 
keiner der beiden beteiligten Nationen Ungelegenhei- 
ten zu bereiten und möglicherweise den gemeinsamen 
Interessen der Menschlichkeit zu dienen. In der Hoff- 
nung, daß die Ansichten und Anregungen der deut- 
schen und der britischen Regierung über eine Frage, 
die für die ganze Welt von hervorragendem In- 
teresse ist, zutage gefördert werden, wird das im nach- 
stehenden vorgezeichnete Verfahren angeboten: 
Deutschland und Großbritannien kommen dahin 
überein, 
1) daß treibende Minen von keiner Seite einzeln in 
den Küstengewässern oder auf hoher See aus- 
gelegt werden, daß verankerte Minen von keiner 
Seite auf hoher Sec, es sei denn ausschließlich
        <pb n="193" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
für Berteidigungszwecke, innerhalb Kanonen- 
schußweite von einem Hafen, gelegt werden, und 
daß alle Minen den Stempel der Regierung 
tragen, die sie ausgelegt, und so konstruiert sind, 
daß sie unschädlich werden, nachdem sie sich von 
ihrer Verankerung losgerissen haben; 
2) daß Unterseeboote von keiner der beiden Regie- 
rungen zum Angriff auf Handelsschisse irgend- 
einer Nationalität Verwendung finden außer 
zur Durchführung des Rechtes der Anhaltung 
und Untersuchung; 
3) daß die Regierungen beider Länder es zur Be- 
dingung stellen, daß ihre beiderseitigen Handels- 
schiffe neutrale Flaggen als Kriegslist oder zum 
Zwecke der Unkenntlichmachung nicht benutzen. 
Großbritannien erklärt sich damit einverstanden, 
daß Lebens. und Nahrungsmittel nicht auf die Liste 
der absoluten Konterbande gesetzt werden, und daß 
die britischen Behörden Schiffoladungen solcher Wa- 
ren weder stören noch anhalten, wenn sie an Agen- 
turen in Deutschland adressiert sind, die von den Ver- 
einigten Staaten namhaft gemacht sind, um solche 
Warenladungen in Empfang zu nehmen und an kon- 
zessionierte deutsche Wiederverkäufer zur ausschließ- 
lichen Weiterverteilung an die Zivilbevölkerung zu 
verteilen. 
Deutschland erklärt sich damit einverstanden, daß 
Lebens- oder Nahrungsmittel, die nach Deutschland 
aus den Vereinigten Staaten — oder je nachdem von 
irgendeinem anderen neutralen Lande — eingeführt 
werden, an Agenturen adressiert werden, die von der 
amerikanischen Regierung namhaft gemacht werden; 
daß diesen amerikanischen Agenturen die volle Ver- 
antwortung und Aufsicht bezüglich des Empfanges 
und der Verteilung dieser Einfuhr ohne Einmischung 
der deutschen Regierung obliegen soll; sie sollen sie 
ausschließlich an iedenerkäufe verteilen, denen von 
der deutschen Regierung eine Konzession erteilt ist, 
die ihnen die Berechtigung gibt, solche Lebens- und 
Nahrungsmittel in Empfang zu nehmen und sie aus- 
schließlich an die Piollternhterung zu liefern; sollten 
die Wiederverkäufer die Bedingungen ihrer Konzes- 
sion irgendwie überschreiten, so sollen sie des Rechtes 
verlustig gehen, Lebens- und Nahrungemttel für die 
angegebenen Zwecke zu erhalten, und daß die deutsche 
Regierung solche Lebens- und Nahrungsmittel nicht 
für Zwecke irgendwelcher Art reauirieren oder ver- 
anlassen wird, daß sie für die bewaffnete Macht 
Deutschlands Verwendung finden. 
Indem die amerikanische Regierung die im vor- 
stehenden skizzierte Grundlage für eine Verständigung 
unterbreitet, möchte sie nicht so verstanden werden, 
als ob sie irgendein Recht der Kriegführenden oder 
Neutralen, das durch die Grundsätze des Völkerrechts 
sestgelegt ist, anerkennt oder verleugnet, sie würde viel- 
mehr die Vereinbarung, falls sie den interessierten 
Mächten annehmbar erscheint, als einen modus vi- 
vendi betrachten, der sich mehr auf Zweckmäßigkeit 
als gesetzmässiges Recht gründet, und der auch die 
Vereinigten Staaten in seiner gegenwärtigen oder in 
einer abgeänderten Fassung nicht bindet, ehe er von 
der amerikanischen Regierung angenommen ist. 
Antwortuote der deutschen Regierung. 
Uberreicht am 28. Februar 1915. 
Die Kaiserlich deutsche Regierung hat von der An- 
regung der amerikanischen Regierung, für die See- 
kriegführung Deutschlands und Englands gewisse 
155 
Grundsätze zum Schutze der neutralen Schiffahrt zu 
vereinbaren, mit lebhaftem Interesse Kenntnis ge- 
nommen. Sie erblickt darin einen neuen Beweis für 
die von deutscher Seite voll erwiderten freundschaft- 
lichen Gefühle der amerikanischen gegenüber der deut- 
schen Regierung. 
Auch den deutschen Wünschen entspricht es, daß der 
Seekrieg nach Regeln geführt wird, die, ohne die eine 
oder die andere kriegführende Macht in ihren Kriegs- 
mitteln einseitig zu beschränken, ebensowohl den In- 
teressen der Neutralen wie den Geboten der Mensch- 
lichkeit Rechnung tragen. Demgemä) ist schon in der 
deutschen Note vom 16. d. Mts. darauf hingedeutet 
worden, daß die Beachtung der Londoner Seekriegs- 
rechtserklärung durch Deußschtands Gegner eine neue 
Lage schaffen würde, aus der die Folgerungen zu 
ziehen die deutsche Regierung gern bereit wäre. 
Von dieser Auffassung ausgehend, hat die deutsche 
Regierung die Anregung der amerikanischen Regie- 
rung einer aufmerksamen Prüfung unterzogen und 
laubt darin in der Tat eine geeignete Grundlage 
ür die praktische Lösung der entstandenen Fragen zu 
erkennen. Zu den einzelnen Punkten der amerikani- 
schen Note ars sie nachstehendes bemerken: 
1) Was die Legung von Minen betrifft, so würde 
die deutsche Regierung bereit sein, die angeregte 
Erklärung über die Nichtanwendung von Treib- 
minen und die Konstruktion der verankerten 
Minen abzugeben. Ferner ist sie mit der An 
bringung von Regierungsstempeln auf den aus- 
ulegenden Minen einverstanden. Dagegen er- 
cheint es ihr für die kriegs#hrenden Mächte nicht 
angängig, auf eine offensive Verwendung ver- 
ankerter Minen völlig zu verzichten. 
2) Die deutsche Regierung würde sich verpflichten, 
daß ihre Unterseeboote gegen Handelsschiffe ir- 
gendwelcher Fiagge nur insoweit Gewalt an- 
wenden werden, als dies zur Durchführung des 
Rechtes der Anhaltung und Untersuchung erfor- 
derlich ist. Ergibt sich die feindliche Nationalität 
des Schiffes oder das Vorhandensein von Kon- 
terbande, so würden die Unterseeboote nach den 
allgemein völkerrechtlichen Negeln verfahren. 
3) Wie die amerikanische Note vorsieht, setzt die an- 
gegebene Beschränkung in der Verwendung der 
linterseeboote voraus, daß sich die feindlichen 
Handelsschifse des Gebrauchs der neutralen 
Flagge und anderer neutraler Abzeichen ent- 
halten. Dabei dürfte es sich von selbst verstehen, 
daß sie auch von einer Bewaffnung sowie von 
der Leistung jedes tätlichen Widerstandes absehen, 
da ein solches völkerrechtswidriges Verhalten ein 
dem Völkerrecht entsprechendes Vorgehen der 
Unterseeboote unmöglich macht. 
4) Die von der amerikanischen Regierung angeregte 
Regelung der legitimen Lebensmittelzufuhr nach 
Deutschland erscheint im allgemeinen annehm- 
bar; die Regelung würde sich selbstverständlich 
auf die Seezufuhr beschränken, anderseits aber 
auch die indirekte Zufuhr über neutrale Häfen 
umfassen. Die deutsche Regierung würde daher 
bereit sein, Erklärungen der in der amerikani- 
schen Note vorgesehenen Art abzugeben, so daß 
die ausschließliche Verwendung der eingeführten 
Lebensmittel für die friedliche Zivilbevölkerung 
gewährleistet sein würde. Daneben muß aber 
die deutsche Regierung Wert darauf legen, daß 
ihr auch die Zufuhr anderer, der friedlichen
        <pb n="194" />
        156 
Volkswirtschaft dienenden Rohstoffe, einschließ- 
lich der Futtermittel, ermöglicht wird. Zu die- 
sem Zwecke hätten die feindlichen Regierungen 
die in der Freiliste der Londoner Seekriegsrechts- 
erklärung erwähnten Rohstoffe frei nach Deutsch- 
land gelangen zu lassen und die auf der Liste 
der relativen Konterbande stehenden Stoffe nach 
den gleichen Grundsätzen wie die Lebensmittel 
zu behandeln. 
Die deutsche Regierung gibt sich der Hoffnung hin, 
daß die von der amerikanischen Regierung angebahnte 
Verständigung unter Berücksichtigung der vorstehen- 
den Bemerkungen zustande kommt, und daß auf diese 
Weise die friedliche neutrale Schiffahrt und der fried- 
liche neutrale Handel unter den Rückwirkungen des 
Seekrieges nicht mehr als unbedingt nötig zu leiden 
haben werden. Solche Rückwirkungen würden sich 
übrigens noch wesentlich verringern lassen, wenn — 
worauf bereits in der deutschen Note vom 16. d. Mts. 
hingewiesen worden ist — Mittel und Wege gefun. 
den werden könnten, um die Zufuhr von Kriegsmate- 
rial aus neutralen nach kriegführenden Staaten auf 
Schiffen irgendwelcher Flagge auszuschließen. 
Ihre definitive Stellungnahme muß sich die deut- 
sche Regierung selbstverständlich bis zu dem Zeitpunkt 
vorbehalten, in welchem sie auf Grund weiterer Mit- 
teilungen der amerikanischen Regierung in der Lage 
ist, zu übersehen, welche Verpflichtungen die brilische 
Regierung ihrerseits zu übernehmen bereit ist. 
Obwohl England in der Note vom 15. März 1915 jede Ver- 
ständigung ablehnte, wurde in Rücksicht auf die Neutralen, beson- 
ders die Vereinigten Staaten, namentlich seit der Torpedierung 
der vLusitania« am 7. Mai der Unterseeboottrieg eingeschränkt. 
Denkschrift der Kaiserlich deutschen Regierung 
über die Behandlung bewaffneter Kauffahrtei- 
schiffe vom 8. Februar 1916. 
Der Gegensatz der Meinungen Deutschlands und Englands 
über die Behandlung bewaffneter Kauffahrteischisse veranlaßte 
die deutsche Regierung zu einer Darlegung ihres Standpunktes 
in nachstehender Note: 
1 
1) Schon vor Ausbruch des gegenwärtigen Krie- 
ges hatte die britische Regierung englischen Reedereien 
elegenheit gegeben, ihre Kauffahrteischiffe mit Ge- 
schützen zu armieren. Am 26. März 1913 gab der 
damalige Erste Lord der Admiralität Winston Chur- 
chill im britischen Parlament die Erklärung ab, daß 
die Admiralität die Reedereien aufgefordert habe, zum 
Schutze gegen die in gewissen Fällen von schnellen 
Hilfskreuzern anderer Mächte drohenden Gefahren 
eine Anzahl erstklassiger Liniendampfer zu bewaffnen, 
die dadurch aber nicht etwa selbst den Charakter von 
Hilfskreuzern annehmer sollten. Die Regierung wollte 
den Reedereien dieser Schiffe dienotwendigen Geschütze, 
die genügende Munition und geeignetes Personal zur 
Schulung von Bedienungsmannschaften zur Verfü- 
gung stellen. 
2) Die englischen Reedereien sind der Aufforderung 
der Admiralität bereitwillig nachgekommen. Sokonnte 
der Präsident der Royal Mail Steam Packet Com- 
pany Sir Owen Phillipps den Aktionären seiner Ge- 
sellschaft bereits im Mai 1913 mitteilen, daß die grö- 
#ßzeren Dampfer der Gesellschaft mit Geschützen ausge- 
rüstet seien; ferner veröffentlichte im Januar 1914 
die britische Admiralität eine Liste, wonach 29 Damp- 
fer verschiedener englischer Linien Heckgeschütze führten. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
3) In der Tat stellten bald nach Ausbruch des Krie- 
ges deutsche Kreuzer fest, daß englische Liniendampfer 
bewaffnet waren. Beispielsweise trug der Dampfer 
»La Correntina- der Houlderlinie in Liverpool, der 
am 7. Oktober 1914 von dem deutschen Hilfskreuzer 
*Kronprinz Wilhelme aufgebracht wurde, zwei 4,7= 
zöllige Heckgeschütze. Auch wurde am 1. Februar 1915 
ein deutsches Unterseeboot im Kanal durch eine eng- 
lische Jacht beschossen. 
II. 
1) Was den völkerrechtlichen Charakter bewaffneter 
Kauffahrteischiffe betrifft, so b"t die britische Regie- 
rung für die eigenen Kauffahrteischiffe den Stand- 
punkt eingenommen, daß solche Schiffe so lange den 
Charakter von friedlichen Handelsschiffen behalten. 
als sie die Waffen nur zu Verteidigungszwecken füh- 
ren. Demgemäß hat der britische Botschafter in Wa- 
shington der amerikanischen Regierung in einem 
Schreiben von 25. August 1914 die weitestgehenden 
Versicherungen abgegeben, daß britische Kauffahrtei- 
schiffe niemals zu Angriffszwecken, sondern nur zur 
Verteidigung bewaffnet werden, daß sie infolgedessen 
niemals feuern, es sei denn, daß zuerst auf sie ge- 
feuert wird. Für bewaffnete Schiffe anderer Flaggen 
hat dagegen die britische Regierung den Grundsatz 
aufgestellt, daß sie als Kriegsschiffe zu behandeln seien; 
in den Prize Court Rules, die durch die Order in 
Council vom 5. August 1914 erlassen worden sind. ist 
unter Nr. 1 der Order I ausdrücklich bestimmt: „Ship 
of war shall include armed ship.= 
2) Die deutsche Regierung hat keinen Zweifel, daß 
ein Kauffahrteischiff durch die Armierung mit Ge- 
schützen kriegsmäßigen Charakter erhält, und zwar 
ohne Unterschied, ob die Geschütze nur der Verteidi- 
gung oder auch dem Angriff dienen sollen. Sie hält 
jede kriegerische Betätigung eines feindlichen Kauf- 
fahrteischiffes für völkerrechtswidrig, wenn sie auch der 
kautgegenstehender Auffassung dadurch Rechnung 
trägt, daß sie die Besatzung eines solchen Schiffes nicht 
als Piraten, sondern als Kriegführende behandelt. 
In einzelnen ergibt sich ihr Standpunkt aus der im 
Oktober 1914 der amerikanischen Regierung und in- 
haltlich auch anderen neutralen Mächten mitgeteilten 
Aufzeichnung über die Behandlung bewaffneter Kauf- 
fahrteischiffe in neutralen Häfen. 
3) Die neutralen Mächte haben sich zum Teil der 
britischen Auffassung angeschlossen und demgemäß 
bewaffneten Kauffahrteischisfen der kriegführenden 
Mächte den Aufenthalt in ihren Häfen und Reeden 
ohne die Beschränkungen gestattet, die sie Kriegsschif- 
sen durch ihre Neutralitätsbestimmungen auferlegt 
hatten. Zum Teil haben sie aber auch den entgegen- 
gesetzten Standpunkt eingenommen und bewaffnete 
Kauffahrteischiffe Kriegführender den für Kriegsschiffe 
geltenden Neutralitätsregeln unterworfen. 
III. 
1) Im Laufe des Krieges wurde die Bewaffnung 
englischer Kauffahrteischiffe immer allgemeiner durch- 
geführt. Aus den Berichten der deutschen Seestreitkräfte 
wurden zahlreiche Fälle bekannt, in denen englische 
Kauffahrteischiffe nicht nur den deutschen Kriegsschif- 
fen bewaffneten Widerstand entgegensetzten, sondern 
ihrerseits ohne weiteres zum Angriff auf sie über- 
gingen, wobei sie sich häufig auch noch falscher Flag- 
en bedienten. Eine Zusammenstellung solcher Fälle 
findet sich in einer besonderen Anlage, die nach Lage
        <pb n="195" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
der Sache nur einen Teil der wirklich erfolgten An- 
riffe umfassen kann. Auch geht aus der Zusammen- 
bellung hervor, daß sich das geschilderte Verhalten 
nicht auf englische Kauffahrteischiffe beschränkt, viel- 
mehr von den Kauffahrteischiffen der Verbündeten 
Englands nachgeahmt wird. 
2) Die Aufklärung für das geschilderte Vorgehen 
der bewaffneten englischen Kauffahrteischiffe enthalten 
die geheimen Anweisungen der britischen Admiralität, 
die von deutschen Seestreitkräften auf weggenomme- 
nen Schiffen gefunden worden sind und in acht An- 
lagen photographisch wiedergegeben werden. Diese 
Anweisungen regeln bis ins einzelne den artilleristi- 
schen Angriff englischer Kauffahrteischisse auf deutsche 
Unterseeboote. Sie enthalten genaue Vorschriften über 
die Aufnahme, Behandlung, Tätigkeit und Kontrolle 
der an Bord der Kauffahrteischiffe übernommenen 
britischen Geschützmannschaften, die zum Beispiel in 
neutralen Häfen keine Uniform tragen sollen, also 
offenbar der britischen Kriegsmarine angehören. Vor 
allem aber ergibt sich daraus, daß diese bewaffneten 
Schiffe nicht etwa irgendeine seekriegsrechtliche Maß. 
nahme der deutschen Unterseeboote abwarten, sondern 
diese ohne weiteres angreifen sollen. In dieser Hin- 
sicht sind folgende Vorschriften besonders lehrreich: 
a) Die „Regeln für die Benupung und die sorgfältige 
Instandhaltung der Bewaffnung von Kauffahrtei- 
schiffen, die zu Verteidigungs zwecken bewaffnet sinde, 
bestimmen in dem Abschnitt »Gefecht«: „Es ist nicht 
ratsam, das Feuer auf eine gröbere Eusfemun als 
800 Yards zu eröffnen, es sei denn, daß der Feind 
das Feuer bereits vorher eröffnet hat. « Grundsäzlich 
hat hiernach das Kauffahrteischiff die Aufgabe, das 
Feuer zu eröffnen, ohne Rücksicht auf die Haltung des 
Unterseeboots. 
b) Die = Anweisungen, betreffend Unterseeboote, heraus- 
gegeben * Schiffe, die zu Verteidigungszwecken be- 
waffnet sind, schreiben vor: »Wenn bei Tage ein 
Unterseeboot ein Schiff offensichtlich verfolgt, und wenn 
dem Kapitän augenscheinlich ist, daß es feindliche Ab- 
sichten hat, dann soll das verfolgte Schiff zu seiner 
Verteidigung das Feuer eröffnen, auch wenn das 
Unterseeboot noch keime entschieden feindliche Haltung, 
wie zum Beispiel Abfeuern eines Geschlltzes oder eines 
Torpedos, begangen hat.“ Auch hiernach genügt also 
das bloße Erscheinen eines Unterseeboots im Kiel- 
wasser des Kauffahrteischiffes als Anlaß für einen be- 
waffneten Angriff. 
In allen diesen Befehlen, die sich nicht etwa nur 
auf die Seekriegszone um England beziehen, sondern 
in ihrem Geltungsbereich unbeschränkt sind (auch für 
das Mittelmeer), wird auf die Geheimhaltung der 
größte Nachdruck gelegt, und zwar offenbar deshalb, 
damit das völkerrechtswidrige und mit den britischen 
Zusicherungen (s. oben II. 1) in vollem Widerspruch 
stehende Vorgehen der Kauffahrteischisse dem Feinde 
wie den Neutralen verborgen bleibe. 
3) Hiernach ist klargestellt, daß die bewaffneten eng- 
lischen Kauffahrteischiffe den amtlichen Auftrag haben, 
die deutschen Unterseeboote überall, wo sie in ihre 
Nähe gelangen, heimtückisch zu überfallen, also rück- 
sichtslos gegen sie Krieg zu führen. Da die Seekriegs- 
regeln Englands von seinen Verbündeten ohne wei- 
teres übernommen werden, muß der Nachweis auch 
für die bewaffneten Kauffahrteischiffe der anderen 
feindlichen Staaten als erbracht gelten. 
IV. 
1) Unter den vorstehend dargelegten Umständen 
haben feindliche Kauffahrteischiffe, die mit Geschützen 
157 
bewaffnet sind, kein Recht mehr darauf,. als friedliche 
Handelsschiffe angesehen zu werden. Die deutschen 
Seestreitkräfte werden daher nach einer kurzen, den 
Interessen der Neutralen Rechnung tragenden Frist 
den Befehl erhalten, solche Schiffe als Kriegführende 
zu behandeln. 
2) Die deulsche Regierung gibt den neutralen Mäch- 
ten von dieser Sachlage Kenntnis, damit sie ihre An- 
gehörigen warnen können, weiterhin ihre Person oder 
ihr Vermögen bewaffneten Kauffahrteischiffen der mit 
dem Drusßhen Reiche im Kriege befindlichen Mächte 
anzuvertrauen. 
Diesen Darlegungen schloß sich die österreichisch-ungarische 
Regierung in einer Zirkularnote an, in der sie erklärte, de- 
wassnete Handelsschiffe als Kriegführende zu behandeln. 
Mitteilung der dentschen Regierung an die Ber- 
einigten Staaten. 
Überreicht am 8. März 1916. 
Die Kaiserliche Regierung legt Wert darauf, die 
bisherige Entwicklung noch einmal mit aller der 
Offenheit zu präzisieren, die den freundschaftlichen 
Beziehungen der beiden großen Völker und dem ehr- 
lichen Wunsch der Kaiserlichen Regierung, diese vor 
allen Trübungen zu bewahren, entspricht. 
Bei Beginn des Krieges hat die deutsche Regie- 
rung auf Vorschlag der Vereinigten Staaten von 
Amerika sich sofort bereit erklärt, die Londoner See- 
kriegsrechtserklärung zu ratifizieren. Die deutsche 
Hrisenordnung wurde schon vorher auf Grund der 
Bestimmungen der Londoner Seekriegsrechtserklä- 
rung ohne jede Einschränkung erlassen. Dadurch 
wurde anerkannt, daß die geltenden Bestimmungen 
des Völkerrechts, die dem legalen Handel der Neu- 
tralen — auch mit den Kriegführenden — Freiheit 
des Meeres= sicherten, deutßcherlein in vollem Um. 
fange berücksichtigt werden sollten. England hat es 
im Gegensatz hierzu abgelehnt, die Londoner See- 
kriegsrechtserklärung zu ratifizieren, und begann nach 
Ausbruch des Krieges den legalen Handel der neu- 
tralen Staaten zu beschränken, um dadurch Deutsch- 
land zu treffen. 
Den systematischen Verschärfungen der Konter- 
bandebestimmungen vom 5. und 20. August, 21. Sep- 
tember und 29. Oktober folgte am 8. November 1914 
der Erlaß der britischen Admiralität, daß die ganze 
Nordsee als ein Kriegsgebiet anzusehen sei, in wel- 
chem die Handelschif rt jeder Art den schwersten 
Gefahren durch Minen und Kriegsschiffe ausgesetztsei. 
Der Protest der neutralen Staaten hatte keinen Erfolg. 
Schon von diesem Zeitpunkt an gab es kaum noch 
Freiheit des neutralen Handels mit Deutschland. 
Im Februar 1915 sah Deutschland sich gezwungen, 
Gegenmaßnahmen zu treffen, die das völkerrechtswid- 
rige Verfahren der Gegner bekämpfen sollten. Es 
wählte für seine Gegenmaßnahmenneue Kriegsmittel, 
deren Verwendung im Völkerrecht überhaupt noch 
nicht geregelt war, brach damit kein geltendes Recht. 
sondern trug nur der Eigenart der neuen Waffe 
— des U--Bootes — Rechnung. Der Gebrauch der 
neuen Waffe mußte die Bewegungsfreiheit der Neu- 
tralen einschränken und bildete eine Gefahr, der durch 
besondere Warnung begegnet werden sollte, ent- 
sprechend der vorausgegangenen englischen Warnung 
vor den Gefahren des Kriegsgebietes der Nordsee. 
Die Regierung der Vereinigten Staaten von 
Amerika trat, da beide kriegführende Parteien den 
Anspruch erhoben, daß ihr Vorgehen nur Vergeltung
        <pb n="196" />
        158 
der Rechtsbrüche der Gegner sei, an beide kriegführen- 
den Parteien heran, um nochmals zu versuchen, das 
vor dem Kriege anerkannte Völkerrecht wieder zur 
Geltung zu bringen. Sie forderte einerseits Deutsch- 
land auf, den Gebrauch seiner neuen Waffe den Be- 
stimmungen für die alten Seekriegsmittel anzupassen, 
andererseits England, Lebensmittel für die nicht- 
kämpfende Bevölkerung Deutschlands zur Verteilung 
unter amerikanischer Kontrolle passieren zu lassen. 
Deutschland erklärte am 1. März 191õ seine Be- 
reitwilligkeit, während England am 15. März eine 
Verständigung auf Grund der amerikanischen Vor- 
schläge ablehnte. England beseitigte sogar durch seine 
Order vom 11. März 1915 den letzten Rest der völker- 
rechtsmäßigen Freiheit des neutralen Handels mit 
Deutschland und dessen neutralen Nachbarländern; 
der Zweck war. Deutschland durch Aushungerung zu 
bezwingen. Trotzdem entsprach Deutschland im wei- 
teren Verlauf des Krieges, nachdem bei verschiedenen 
Gelegenheiten gegen seinen Wunsch und Willen neu- 
trale Bürger ums Leben gekommen waren, in der 
praktischen Verwendung seiner U-Bootswaffe den 
Wünschen der Regierung der Vereinigten Staaten in 
so entgegenkommender Weise, daß die Rechte der Neu- 
tralen auf legalen Handel tatsächlich deutscherseits 
überall unbeschränkt waren. 
Nunmehr machte England dem U-Boot die Aus- 
Übung des den Völkerrechtsbestimmungen entsprechen- 
den Handelskrieges dadurch unmöglich, daß es nahezu 
sämtliche Handelsschiffe bewaffnete und angriffsweisen 
Gebrauch der Geschütze anordnete. Die Photographien 
der englischen Befehle sind den neutralen Regierungen 
mit der Deukschrift vom 8. Februar 1916 zugestellt 
worden. Die Befehle widersprechen direkt den Erklä- 
rungen desenglischen Botschafters in Washington vom 
25. August 1914. Die Kaiserlich deutsche Regierung 
de gehofft, daß dies Tatsachenmaterial die neutralen 
egierungen auf Grund der von der Regierung der 
Vereinigten Staaten am 23. Januar d. J. gemachten 
Entwaffnungsvorschlägeinstand setzen würde, die Ent. 
waffnung der Handelsschiffe durchzusetzen. Tatsächlich 
ist aber die Bewaffnung mit Geschützen von unseren 
Gegnern mit großer Energie weiter betrieben worden. 
er Grundsatz der amerikanischen Regierung, ihre 
Bürger von feindlichen Handelsschiffen nicht fernzu- 
halten, wurde von England und seinen Alliierten 
dazu benutzt, Handelsschiffe für den Angriff zu be- 
waffnen. So können nämlich gKauffahrsesschcfe die 
U--Boote leicht zerstören und sich im Falle des Miß- 
lückens ihres Angriffs durch die Anwesenheit ameri- 
kanischer Bürger an Bord gesichert glauben. 
Der Befehl des Waffengebrauchs wurde ergänzt 
durch die Weisung an die Führer der Handelsschiffe, 
falsche Flaggen zu führen und die U-Boote zu ram- 
men; die Nachrichten über ausgezahlte Prämien und 
Verleihung von Ehrenzeichen an erfolgreiche Han- 
delsschiffsführer zeigen die Wirkung dieser Befehle. 
Diesem englischen Vorgehen haben sich die Verbün- 
deten angeschlossen. 
Jetzt steht Deutschland vor der Tatsache: 
a) daß eine völkerrechtswidrige Blockade seit einem 
Jahr den neutralen Handel den deutschen Häfen 
8 und Deutschlands Ausfuhr unmöglich 
macht, 
b) daß völkerrechtswidrige Verschärfungen der Kon- 
terbandebestimmungen seit eineinhalb Jahren 
den für Deutschland in Frage kommenden See- 
verkehr der neutralen Nachbarländer verhindern, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
e) daß völkerrechtswidrige Eingriffe in die Post jede 
Verbindung Deutschlands mit dem Ausland zu 
verhindern streben, 
d) daß systematisch gesteigerte Vergewaltigung der 
Neutralen nach dem Grundsatz -Macht über 
Rechte den Verkehr mit Deutschland Über die 
Landgrenzen unterbindet, um die Hunger- 
blockade der friedlichen Bevölkerung der Zentral- 
mächte zu vervollständigen, 
e) daß Deutsche, die von unseren Feinden auf See 
angetroffen werden, ohne Rücksicht darauf, ob 
Kämpfer oder Nichtkämpfer, der Freiheit beranbt 
werden, 
H daß unsere Gegner ihre Handelsschisse für den 
Angriff bewaffnet und dadurch die Verwendung 
des U-Bootes nach den Grundsätzen der Lon- 
doner Deklaration unmöglich gemacht haben 
(siehe deutsche Denkschrift vom 8. Februar 1916). 
Das englische Weißbuch vom 5. Januar 1918 über 
die Unterbindung des deutschen Handels rühmt, daß 
durch diese Maßnahme Deutschlands Ausfuhrhandel 
fast völlig unterbunden, seine Einfuhr vom Belieben 
Englands abhängig gemacht ist. 
Die Kaiserliche Regierung darf hoffen, daß gemäß 
den freundschaftlichen Beziehungen, die in einer 
hundertjährigen Vergangendeit zwischen den beiden 
Völkern bestanden haben, der hier dargelegte Stand- 
punkt trotz der durch das Vorgehen unserer Feinde 
erschwerten Verständigung zwischen beiden Bölkern 
von dem Volk der Vereinigten Staaten gewürdigt 
werden wird. 
Amerikanische Note an Deutschland. 
Überreicht am 20. April 1916. 
Die Versenkung der englischen Dampfer „Berwind Balce, 
P'Englishmane, Manchester Engineer# und »Cagle Pointe, de- 
sonders aber der 2 Sussexe, der auch amertkanische Bürg r zum 
Opser stelen, führte zu einem Notenwechsel zu ischen Deuischand 
und den Bereinigten Staaten, in dessen Verlauf eins Span- 
nung zwischen beiden Ländern eintrat. Auf eine diesbeiügliche 
deulsche Erklärung vom 10. April 1916 ging folgende Note ein: 
Durch die jetzt im Besitz der Negierung der Ver- 
einigten Staaten befindlichen Nachrichten wird der 
Tatbestand im Fall der = Sussexe vollkommen fest- 
gestellt, und für die Folgerungen, die die Regierung 
aus diesen Nachrichten gezogen hat, findet sie eine 
Sestätigung in Umständen, die in der Note vom 10. 
dieses Monats dargelegt sind. Am 24. März 1916, 
ungefähr um 2 Uhr 50 Minuten nachmittags, wurde 
der unbewaffnete Dampfer = Sussege mit 325 oder 
mehr Passagieren an Bord, unter denen eine Anzahl 
amerikanischer Bürger war, auf der überfahrt von 
Folkestone nach Dieppe torpediert. Die = Sussexe war 
niemals bewaffnet; sie war ein Schiff, das, wie be- 
kannt, regelmäßig nur zur Beförderung von Passa- 
ieren Über den Englischen Kanal benutzt wurdez sie 
sotgir nicht der von Truppentransport= und Proviant- 
schiffen befahrenen Route. Ungefähr 80 Passagiere, 
Nichtkombattanten jeglichen Alters und Geschlechts, 
darunter Bürger der Vereinigten Staaten, wurden 
gelötet oder verwundet. 
Eine sorgfältige, eingehende und gewissenhaft un- 
parteiische Untersuchung durch Ofsiziere der Flotte und 
der Armee der Vereinigten Staaten hat schlüssig die 
Tatsache ergeben, daß die = Sussexe ohne Warnung 
oder Aufforderung zur übergabe torpediert wurde, 
und daß der Torpedo. durch den sie getrofsen wurde, 
deutscher Herstellung war. Nach Ansicht der Regie-
        <pb n="197" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
rung der Bereinigten Staaten machten diese Tat- 
sachen von Anfang an den Schluß unvermeidlich, daß 
der Torpedo von einem deutschen Unterseeboot ab- 
gefeuert war. Sie findet jetzt diese Schlußfolgerung 
durch die Ausführungen in der Note der Kaiserlichen 
Regierung bekräftigt. Eine vollständige Darlegung 
des Tatbestandes, auf den die Regierung der Ver- 
einigten Staaten ihre Schlußfolgerungen gegründet 
hat, ist beigefügt. 
Nach sorgfältiger Prüfung der Note der Kaiser- 
lichen Regierung vom 10. April bedauert die Regie- 
rung der Vereinigten Staaten, sagen zu müssen, daß 
sie aus den Darlegungen und orschtägen dieser 
Note den Eindruck erhalten hat, daß die Kaiserliche 
Regierung verfehlte, den Ernst der Situation zu 
würdigen, die sich nicht nur durch den Angriff auf 
die = Sussexe ergeben hat, sondern durch die ganze 
Methode und den Charakter des Unterseebootkrieges, 
wie sie zutage getreten sind infolge der während eines 
Zeitraums von mehr als 12 Monaten von Befehls- 
habern der deutschen Unterseeboote uneingeschränkt 
gehandhabten übung unterschiedsloser Zerstörung 
von Handelsschiffen aller Art, Nationalität und Be- 
stimmung. Wenn die Versenkung der -Sussex. ein 
vereinzelter Fall gewesen wäre, so würde das der Re- 
gierung der Vereiniglten Staaten die Loffnung er- 
möglichen, daß der für die Tat verantwortliche Offi- 
zier seine Befehle eigenmächtig Übertreten oder in 
strafbarer Fahrlässigkeit die vorgeschriebenen Vor- 
sichismaßregeln außer acht gelassen habe, und daß 
der Gerechtigkeit durch seine entsprechende Bestrafung 
in Verbindung mit einer förmlichen Mißbilligung 
seiner Handlung und Bezahlung einer angemessenen 
Entschädigung durch die Kaiserliche Regierung Ge- 
nüge Lelcheben könnte. Aber obwohl der Angriff auf 
die = Sussexe offenkundig nicht zu verteidigen war 
und einen so tragischen Verlust an Menschenleben 
verursachte, daß er als eines der schrecklichsten Bei- 
spiele der Unmenschlichkeit des Unterseebootkrieges, wie 
ihn die Kommandanten der deutschen Schifteühren, 
erscheint, so steht er unglücklicherweise nicht allein. 
Im Gegenteil, die Regierung der Vereinigten 
Staaten ist durch Ereignisse der neuesten Zeit zu dem 
Schluß genötigt, daß es nur ein Fall, wenn auch 
einer der schwersten und betrübendsten ist für die vor- 
bedachte Methode und den Geist, womit unterschieds- 
los Handelsschiffe aller Art, Nationalität und Be- 
stimmung zerstört werden, und die um so unverkenn- 
barer geworden sind, je mehr die Tätigkeit der deut- 
schen Unterseeboote in den letzten Monaten an 
Intensität und Ausdehnung zunahm. 
Die Kaiserliche Regierung wird sich erinnern, daß, 
als sie im Februar 1915 ihre Absicht ankündigte, die 
Gewässer um Großbritannien und Irland als Kriegs- 
gebiet zu behandeln, alle Handelsschiffe in feindlichem 
Eigentum, die innerhalb dieser Gefahrzone an- 
gekroffen werden sollten, zu vernichten, und als sie 
an alle Schiffe, sowohl der Neutralen wie der Krieg- 
führen den, die Warnung ergehen ließ, die so verfent- 
ten Gewässer zu meiden oder sich auf eigene Gefahr 
dorthin zu begeben, die Regierung der Vereinigten 
Staaten eenstlich protestiert hat. Sie nahm den 
Standpunkt ein, daß eine solche Politik nicht verfolgt 
werden könnte ohne beständige, schwere und offen- 
kundige Verletzungen des anerkannten Völkerrechts, 
besonders wenn Unterseeboote als ihre Werkzeuge 
Verwendung finden sollten, insofern als die Regeln 
des Völkerrechts, Regeln, beruhend auf den Grund- 
159 
sätzen der Menschlichkeit und zum Schutz des Lebens. 
der Nichtkombattanten auf See aufgestellt, nach der 
Natur der Sache durch solche Schiffe nicht beobachtet 
werden könnten. Sie gründete ihren Protest darauf. 
daß Personen neutraler Nationalität und Schiffe 
neutraler Eigentümer äußersten und unerträglichen 
Gefahren ausgesetzt sein würden und daß unter den 
damals obwaltenden Umständen die Kaiserliche Re- 
gierung keinen rechtmäßigen Anspruch dafür geltend 
machen konnte, einen Teil der bohen See zu schließen. 
Das hier in Betracht kommende Völkerrecht, auf das 
die Regierung der Vereinigten Staaten ihren Protest 
stützte, ist nicht neuen Ursprungs oder gegründet auf 
rein willkürliche, durch Vereinbarung aufgestellte 
Grundsätze. Es beruht im Gegenteil auf offenkun- 
digen Grundsätzen der Menschlichkeit und ist seit 
langem in Geltung mit Billigung und durch aus- 
drückliche Zustimmung aller zivilisierten Nationen. 
Die Kaiserliche Nepierung bestand trotzdem darauf. 
die angekündigte Politik durchzuführen, indem sie die 
Hoffnung ausdrückte, daß die bestehenden Gefahren, 
jedenfalls für neutrale Schiffe, durch die Instruktion 
auf ein Mindestmaß beschränkt würden, die sie den 
Kommandanten ihrer Unterseeboote gegeben hatte, 
und versicherte der Regierung der Vereinigten Staa- 
ten, daß sie jede mögliche Vorsichtsmaßregel anwen- 
den würde, um die Rechte der Neutralen zu achten 
und die Leben der Nichtkombattanten zu schützen. 
In Verfolg dieser Politik des Unterseebootkrieges 
begen den Handel seiner Feinde, die so angekündigt 
und trotz des feierlichen Protestes der Regierung der 
Vereinigten Staaten begonnen wurde, haben die Un- 
terseebootskommandanten der Kalserlichen Regierung 
ein Verfahren solcher rücksichtslosen zerstbrung ge- 
Übt, diemehr und mehr während der letzten Monate 
deutlich werden ließ, daß die Kaiserliche Regierung 
keinen Weg gefunden hat, ihnen solche Beschränkung 
aufzuerlegen, wie sie gehofft und versprochen hatte. 
Immer wieder hat die Kaiserliche Regierung der Re- 
gierung der Vereinigten Staaten feierlich versichert. 
daß zum mindesten Passagierschiffe nicht in dieser 
Weise behandelt werden würden, und Feichwohl hat 
sie wiederholt zugelassen, daß ihre Unterseeboots- 
kommandanten diese Versicherungen ohne jede Ahn- 
dung mißachteten. Noch im Februar dieses Jahres 
machte sie davon Mitteilung, daß sie alle bewaffneten 
Handelsschiffe in feindlichem Eigentum als Teil der 
bewaffneten Seestreitkräfte ihrer Gegner betrachten 
und als Kriegsschiffe behandeln werde, indem sie sich 
so, wenigstens implicite, verpflichtete, nicht bewaff- 
nete Schiffe zu warnen und das Leben ihrer Passa- 
iere und Besatzungen zu gewährleisten; aber sogar 
Hise Beschränkung haben ihre Unterseebootskomman- 
danten unbekümmert außer acht gelassen. 
Neutrale Schiffe, sogar neutrale Schisse auf der 
Fahrt von neutralem nach neutralem Hafen. sind 
ebenso wie feindliche Schiffe in ständig wachsender 
Zahl zerstört worden. Manchmal sind die ange- 
grissenen Hendelsschiffe gewarnt und zur Übergabe 
aufgefordert worden. bevor sie beschossen oder torpe- 
diert wurden; manchmal ist ihren Passagieren und 
Sesatzungen die dürftige Sicherheit zugebilligt wor- 
den. daß man ihnen erlaubte. in die Boote zu gehen. 
bevor das Schiff versenkt wurde. Aber wieder und 
wieder wurde keine Warnung gegeben, nicht einmal 
den Personen an Bord eine Rettung in die Boote ge- 
stattet. Große Ozeandampfer, wie die -Lusitania- 
und „Arabic-, und reine Passagierschiffe, wie die
        <pb n="198" />
        160 
k Sussex-, sind ohne jede Warnung angegriffen wor- 
den, oft bevor sie gewahr wurden, daß sie sich einem 
bewaffneten feindlichen Schiff gegenüberbefanden, 
und das Leben der Nichtkombattanten, Passagiere 
und Mannschaften, wurde unterschiedslos und in 
einer Weise vernichtet, die die Regierung der Ver- 
einigten Staaten nur als leichtfertig und jeder Be- 
rechtigung entbehrend erachten konnte. Keinerlei 
Grenze wurde in der Tat der weiteren unterschieds- 
losen Zerstörung von Handelsschiffen jeder Art und 
Nationalität außerhalb der Gewässer gesetzt, welche 
die Kaiserliche Regierung als in der Kriegszone ge- 
legen zu bezeichnen beliebt hat. Die Liste der Ameri- 
kaner, die auf so angegriffenen und zerstörten Schiffen 
ihr Leben verloren haben, ist von Monat zu Monat 
gewachsen, bis die verhängnisvolle Zahl der Opfer 
in die Hunderte gestiegen ist. 
Die Regierung der Vereinigten Staaten hat eine 
sehr geduldige Haliun eingenommen. Auf jeder 
Stufe dieser Gchnmerzlichen Erfahrung von Tragödie 
über Tragödie war sie bestrebt, durch wohlüberlegte 
Berücksichtigung der außergewöhnlichen Umstände 
eines Krieges ohne Beispiel 96c lenken und durch Ge- 
fühle echtester Freundschaft für Volk und Regierung 
Deutschlands leiten zu lassen. Sie hat die aufein- 
anderfolgenden Erklärungen und Versicherungen der 
Kaiserlichen Regierung als selbstverständlich in 
voller Aufrichtigkeit und gutem Glauben abgegeben 
angenommen und hat die Hoffnung nicht aufgeben 
wollen, daß es der Kaiserlichen Regierung möglich 
sein werde, die Handlungen der Befehlshaber hrer 
Seestreitkräfte in einer Weise zu regeln und zu über- 
wachen, die ihr Verfahren mit den anerkannten, im 
Völkerrecht verkörperten Grundsätzen der Menschlich- 
keit in Einklang bringen werde. Sie hat den neuen 
Verhältnissen, sar die es keine Präzedenzfälle gibt, 
jedes Zugeständnis gemacht und war willens, zu 
warten, bis die Tatsachen unmißverständlich und nur 
einer Auslegung fähig wurden. 
Sie ist nun einer gerechten Würdigung ihrer eige- 
nen Rechte schuldig, der Kaiserlichen Regierung zu er- 
klären, daß dieser Zeitpunkt gekommen ist. Es ist ihr 
zu ihrem Schmerze klar geworden, daß der Stand- 
punkt, den sie von Anfang an einnahm, unvermedidlich 
richtig ist, nämlich, daß der Gebrauch von Untersee- 
booten zur Zerstörung des feindlichen Handels not- 
wendigerweise, gerade wegen des Charakters der ver- 
wendeten Schiffe, unter Angriffsmethoden, die ihre 
Verwendung naturgemäß mit sich bringt. gänzlich 
unvereinbar ist mit den Grundsätzen der Menschlich- 
keit, den seit langem bestehenden und unbestrittenen 
Rechten der Neutralen und den heiligen Vorrechten 
der Nichtkombattanten. 
Wenn es noch die Absicht der Kaiserlichen Regie- 
rung ist, unbarmherzig und unterschiedslos weiter ge- 
gen Hondelsschiffe mit Unterseebooten Krieg zu führen, 
ohne Rücksicht auf das, was die Regierung der Ver- 
einigten Staaten als die heiligen und unbesireilbaren 
Gesetze des internationalen Rechts und die allgemein 
anerkannten Gebote der Menschlichkeit ansehen muß, 
so wird die Regierung der Vereinigten Staaten 
schließlich zu der Folgerung gezwungen, daß es nur 
einen Weg gibt, den sie gehen kann. Sofern die 
Kaiserliche Regierung nicht jetzt unverzüglich ein Auf- 
geben ihrer gegenwärtigen Methoden des Untersee- 
bootkrieges gegen Passagier- und Frachtschiffe erklären 
und bewirken sollte, kann die Regierung der BVer- 
einigten Staaten keine andere Wahl haben, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
als die diplomatischen Beziehungen zur 
deutschen Regierung ganz zu lösen. Einen 
solchen Schritt faßt die Regierung der Vereinigten 
Staaten mit dem größten Widerstreben ins Auge, 
sie fühlt sich aber verpflichtet, ihn im Namen der 
Menschlichkeit und der Rechte neutraler Nationen zu 
unternehmen 
Die Antwortnote Deutschlands. 
Überreicht am 4. Mai 1916. 
Die deutsche Regierung hat das ihr von der Regie- 
rung der Vereinigten Staaten in Sachen der Sussex- 
mitgeteilte Material an die beteiligten Marinestellen 
zur Prüfung weitergegeben. Auf Grund des bisheri- 
*l Ergebnisses dieser Prüfung verschließt sie sich nicht 
er Möglichkeit, daß das in ihrer Note vom 10. vori- 
gen Monats erwähnte, von einem deutschen Untersee 
oot torpedierte Schiff in der Tat mit der = Sussex- 
identisch ist. Die deutsche Regierung darf sich eine wei- 
tere Mitteilung hierüber vorbehalten, bis einige noch 
ausstehende, für die Beurteilung des Sachverhalts 
ausschlaggebende Feststellungen erfolgt sind. Fallses 
sich erweisen sollte, daß die Annahme des Komman- 
danten, ein Kriegsschiff vor sich zu haben, irrig war. 
so wird die deutsche Regierung die sich hieraus er- 
gebenden Folgerungen ziehen. 
Die Regierung der Vereinigten Staaten hat an den 
Fall der = Sussex= eine Reihe von Behauptungen ge- 
knüpft, die in dem Satze gipfeln, daß dieser Fall nur 
ein Beispiel für die vorbedachte Methode unterschieds- 
loser Zerstörung von Schiffen aller Art, Nationali- 
tät und Bestimmung durch die Befehlshaber der deut- 
schen Unterseeboote sei. Die deutsche Regierung muß 
diese Behauptung mit Entschiedenheit zurückweisen. 
Auf eine ins einzelne gehende Zurückweisung glaubtsie 
indessen im gegenwärtigen Stadium der Angelegen- 
heit verzichten zu sollen, zumal da die amerikanische 
Regierung es unterlassen al ihre Behauptung durch 
konkrete Angaben zu begründen. Die deutsche Re- 
gierung begnügt sich mit der Feststellung, daß sie, und 
zwr lediglich mit Rücksicht auf die Interessen der 
Neutralen, in dem Gebrauch der Unterseebootwaffe 
sich weitgehende Beschränkungen auferlegt hat, ob- 
wohl dies-Beschrankungen notwendigerweise auch den 
Feinden Deutschlands zugute kommen — eine Rück- 
sicht, der die Neutralen bei England und seinen Ver- 
bündeten nicht begegnet sind. 
In der Tat sind die deutschen Seestreitkräfte an. 
gewiesen, den Unterseebootkrieg nach den allgemeinen 
vLölkerrechtlichen Grundsätzen über die Anhaltung, 
Durchsuchung und Zerstörung von Handelsschiffen 
* führen, mit der einzigen Ausnahme des Handels- 
ieges gegen die im englischen Kriegsgebict betroffe- 
nen feindlichen Frachtschiffe, deretwegen der Regie- 
rung der Vereinigten Staaten niemals, auch nicht 
durch die Erklärung vom 8. Februar dieses Jahres, 
eine Zusicherung gegeben worden ist. Einen Zweifel 
daran, daß die entsprechenden Befehle loyal gegeben 
worden sind und loyal ausgeführt werden, kann die 
deutsche Regierung niemandem gestatten. Irrtümer, 
wie sie tatsächlich vorgekommen sind, lassen sich bei 
keiner Art der Kriegführung ganz vermeiden und sind 
in dem Seekrieg gegen einen Feind, der sich aller er- 
laubten und unerlaubten Listen bedient, erklärlich. 
Aber auch abgesehen von Irrtümern birgt der See- 
krieg genau wie der Landkrieg für neutrale Personen 
und Güter, die in den Bereich der Kämpfe gelangen. 
unvermeidliche Gefahren in sich. Selbst in Fällen, in
        <pb n="199" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
denen die Kampfhandlung fich igug in den For- 
men des Kreuzerkrieges abgepielt at, sind wieder- 
holt neutrale Personen und Güter zu Schaden gekom- 
men. Auf die Minengefahr, der zahlreiche Schhezum 
Opfer gefallen sind, hat die deuische Regierung wie- 
derholt aufmerksam gemacht. 
Die deutsche Regierung hat der Regierung der Ver- 
einigten Staaten mehrfach Vorschläge gemacht, die 
bestimmt waren, die unvermeidlichen Gefahren des 
Seekrieges für amerikanische Reisende und Güter auf 
ein Mindestmaß zurückzuführen. Leider hat die Re- 
gierung der Vereinigten Staaten nicht geglaubt, auf 
diese Vorschläge eingehen zu sollen; anderenfalls würde 
sie dazu beigetragen haben, einen großen Teil der Un- 
fälle zu verhindern, von denen inzwischen amerikanische 
Licatsangeherige betroffen worden sind. Die deutsche 
Regierung hält auch heute noch an ihrem Angebot 
fest, Vereinbarungen in dieser Richtung zu treffen. 
Entsprechend den wiederholt von ihr abgegebenen 
Erklärungen kann die deutsche Regierung auf den 
Gebrauch der Unterseebootwaffe auch im Handels- 
krieg nicht verzichten. Wenn sie sich heute in der An- 
passung der Methoden des Urterseebootkeieges an die 
Inleressen der Neutralen zu einem weiteren Entgegen- 
kommen entschließt, so sind für sie Gründe bestimmend, 
die sich über die Bedeutung der vorliegenden Streit- 
frage erheben. 
ie deutsche Regierung mißt den hohen Geboten 
der Menschlichkeit keine geringere Bedeutung bei als 
die Regierung der Vereinigten Staaten. Sie trägt 
auch voll Rechmung der langen gemeinwirtschaftlichen 
Arbeit der beiden Regierungen an einer von diesen 
Geboten geleiteten Ausgestaltung des Völkerrechts, 
deren Ziel stets die Beschränkung des Land= und See- 
krieges auf die bewaffnete Macht der Kriegführenden 
und die tunlichste Sicherung der Nichtkämpfenden ge- 
gen die Grausamkeiten des Krieges gewesen ist. 
Für sich allein würden jedoch diese Gesichtspunkte, 
so bedeutsam sie sind, für die deutsche Regierung bei 
dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht den Aus- 
schlag geben können. Denn gegenüber dem Appell der 
Regierung der Vereinigten Staaten an die geheiligten 
Grundsätze der Menschlichkeit und des Völkerrechts 
muß die deutsche Regierung erneut und mit allem 
Nachdruck feststellen, daß es nicht die deutsche, sondern 
die britische Regierung gewesen ist, die diesen furcht- 
baren Krieg unter Mißachtung aller zwischen den 
Völkern vereinbarten Rechtsnormen auf Leben und 
Eigentum der Nichtkämpfer ausgedehnt hat, und zwar 
ohne jede Rücksicht auf die durch diese Art der Krieg- 
führung schwer geschädigten Interessen und Rechte 
der Neutralen und Nichtkämpfenden. In der bitter- 
sten Notwehr gegen die rechtswidrige Kriegführung 
Englands, im Kampf um das Dasein des deutschen 
Volkes hat die deutsche Kriegführrung zu dem harten, 
aber wirksamen Mittel des Unterseebootkrieges grei- 
sen müssen. Bei dieser Sachlage kann die deutsche Re- 
gierung nur erneut ihr Bedauern darüber aussprechen, 
daß die humanitären Gefühle der amerikanischen Re- 
gierung, die sich mit so großer Wärme den bedauerns- 
werten Opfern des Unterseebootkrieges zuwenden, sich 
nicht mit der gleichen Wärme auch auf die vielen Mil- 
lionen von Frauen und Kindern erstrecken, die nach 
der erklärten Absicht der englischen Regierung in den 
Hunger getrieben werden und durch ihre Hungerqua- 
len die siegreichen Armeen der Zentralmächte zu 
schimpflicher Kapitulation zwingen sollen. 
Die deutsche Regierung und mit ihr das deutsche 
Der Krieg 1914/17. U. 
161 
Volk hat für dieses ungleiche Enpfinden um so weni- 
ger Verständnis, als sie zu wiederholten Malen sich 
ausdrücklich bereit erklärt hat, sich mit der Anwen- 
dung der Unterseebootwaffe steeng an die vor dem 
Krieg anerkannten völkerrechtlichen Normen zu halten, 
falls England sich dazu bereit findet, diese Normen 
gleichfalls seiner Kriegführung zugrunde zulegen. Die 
verschiedenen Versuche der Regierung der Vereinigten 
Staaten, die großbritannische Regierung hierzu zu 
bestimmen, sind an der strikten Ablehnung der briti- 
schen Regierung gescheitert. England hat auch weiter- 
hin Völkerrechtsbruch auf Völkerrechtsbruch gehäuft 
und in der Ver awaltigung der Neutralen jede Grenze 
üÜberschritten. Seine letzte Maßnahme, die Erklärung 
deutscher Bunkerkohle als Bannware, verbunden mit 
den Bedingungen, zu denen allein englische Bunker- 
kohle an die Neutralen abgegeben wird, bedeutet nichts 
anderes als den Versuch, die Tonnage der Neutralen 
durch unerhörte Erprefsung unmittelbar in den Dienst 
des englischen Wirtschaftskrieges zu zwingen. 
Das deutsche Volk weiß, daß es in der Hand der 
Regierung der Vereinigten Staaten liegt, den Krieg 
im Sinne der Menschlichkeit und des Völkerrechts auf 
die Streitkräfte der kämpfenden Staaten zu beschrän- 
ken. Die amerikanische Regierung wäre dieses Er- 
folges sicher gewesen, wennsste sich entschlossen hätte, 
ihre unbestreitbaren Rechte auf die Freiheit der Meere 
England gegenüber nachdrücklich geltend zu machen. 
So aber steht das deutsche Volk unter dem Eindruck, 
daß die Regierung der Vereinigten Staaten von 
Deutschland in dessen Existenzkampf die Beschrän- 
kung im Gebrauch einer wirksamen Waffe verlangt, 
und daß sie die Aufrechterhaltung ihrer Beziehungen 
zu Deutschland von der Erfüllung dieser Forderung 
abhängig macht. während sie sich gegenüber den völker- 
rechtswidrigen Methoden seiner Feinde mit Protesten 
begnügt. Auch ist dem deutschen Volke bekannt, in wie 
weitem Umfang unsere Feinde aus den Vereinigten 
Staaten mit Kriegsmitteln aller Art versehen werden. 
Unter diesen Umständen wird es verstanden werden, 
daß die Anrufung des Völkerrechts und der Gefühle 
der Menschlichkeit im deutschen Volke nicht den vollen 
Widerhall finden kann, dessen ein solcher Appell hier 
unter anderen Verhältnissen stets sicher ist. Wenn die 
deutsche Regierung sich trotzdem btu einem äußersten 
Zugeständnis entschließt, so " für sie entscheidend 
einmal die mehr als hundertjährige Freunvschaft zwi- 
schen den beiden großen Völkern, sodann aber der Ge- 
danke an das schwere Verhängnis, mit dem eine Aus- 
dehnung und Verlängerung dieses grausamen und 
blunigen Krieges die gesamte zoolluferte Menschheit 
edroht. 
Das Bewußtsein der Stärke dat es der deutschen 
Regierung erlaubt, zweimal im Laufe der letzten Mo- 
nate ihre Bereitschaft zu einem Deutschlands Lebens- 
interessen sichernden Frieden offen und vor aller Welt 
u bekunden. Sie hat damit zum Ausdruck Ebracht 
aß es nicht an ihr liegt, wenn den Völkern Europas 
der Friede noch länger vorenthalten bleibt. Mit um 
so stärkerer Berechtigung darf die deutsche Regierung 
aussprechen, daß es vor der Menschheit und der Ge- 
schichte nicht zu verantworten wäre, nach 21mona- 
tiger Kriegsdauer die über den Unterseebootkrieg ent- 
standene Streitfrage eine den Frieden zwischen dem 
deutschen und dem amerikanischen Volle ernstlich be- 
drohende Wendung nehmen zu lassen. 
Einer solchen Entwicklung will die deutsche Regie- 
rung, soweit es an ihr liegt, vorbeugen. Sie will 
11
        <pb n="200" />
        162 
gleichzeitig ein letztes dazu beitragen, um — solange 
der Krieg noch dauert — die Beschränkung der Krieg- 
führung auf die kämpfenden Streitkräfte zu ermög- 
lichen, ein Ziel, das die Freiheit der Meere einschließt 
und in dem sich die deutsche Regierung mit der Re- 
gierung der Vereinigten Staaten auch heute noch einig 
glaubt. 
Von diesem Gedanken geleitet, teilt die deutsche Re- 
gierung der Regierung der Vereinigten Staaten mit, 
daß Weisung an die deutschen Seestreitkräfte 
ergangen ist, in Beobachtung der allgemeinen völker- 
rechtlichen Grundsätze über Anhaltung, Durchsuchung 
und Zerstörung von Handelsschiffen auch innerhal 
des Seekriegsgebietes Kauffahrteischiffe nicht 
ohne Warnung und Rettung der Menschenleben 
zu versenken, es sei denn, daß sie fliehen oder Wi- 
derstand leisten. 
In dem Daseinskampf, den Deutschland zu führen 
gezwungen ist, kann ihm jedoch von den Neutralen 
nicht zugemutet werden, 6 mit Rücksicht auf ihre 
Interessen im Gebrauch einer wirksamen Waffe Be- 
schränkungen aufzuerlegen, wenn seinen Gegnern ge- 
stattet bleibt, ihrerseits völkerrechtswidrige Mittel nach 
Belieben zur Anwendungzn bringen. Ein solches Ver- 
langen würde mit dem Wesen der Neutralität unver- 
einbar sein. Die deutsche Regierung ist überzeugt, daß 
der Regierung der Vereinigten Staaten eine derartige 
Zumutun fernliegt: dies entnimmtsie aus der wieder- 
solten Erklärung der amerikanischen Regierung, daß 
ie allen Kriegführenden gegenüber die verletzte Frei- 
heit der Meere wicderherbusftellen entschlossen sei. 
Die deutsche Regierung geht demgemäß von der 
Erwartung aus, daß ihre neue Weisung an die See- 
streitkräste auch in den Augen der Regierung der Ver- 
einigten Staaten jedes Hindernis für die Verwirk- 
lichung der in der Note vom 23. Juli 1915 angebote- 
nen Zusammenarbeit zu der noch während des Krie- 
ges zu bewirkenden Wiederherstellung der Freiheit der 
eere aus dem Wege räumt, und sie zweifelt nicht 
daran, daß die Regierung der Vereinigten Staaten 
nunmehr bei der großbritannischen Regierung die als- 
baldige Beobachtung derjenigen völkerrechtlichen Nor- 
men mit allem Nachdruck verlangen und durchsetzen 
wird, die vor dem Kriege allgemein anerkannt waren 
und die insbesondere in den Noten der amerikanischen 
Regierung an die britische Regierung vom 28.Dezem- 
ber 1914 und vom 5. November 1915 dar elegt sin. 
Sollten die Schritte der Nepierung der Vereinigten 
Staaten nicht zu dem gewollten Erfolg führen, den 
Gesetzen der Menschlichkeit bei allen kriegführenden 
Nationen Geltung zuverschaffen, sowürdediedeut- 
sche Regierung 4 ch einer neuen Sachlagege- 
genübersehen, für die sie sich die volle Frei- 
heit der Entschliebungen vorbehalten muß. 
Antwortnote der Bereinigten Staaten. 
Überreicht am 10. Mai 1916. 
Die Note der Kaiserlichen Regierung vom 4. Mai 
1916 ist von der Regierung der Vereinigten Staaten 
sorgfältig erwogen worden. Es ist besonders an ihr 
beachtet worden, daß sie als Absicht der Kaiserlichen 
Regierung kundgibt, daß sie ein letztes dazu bei- 
tragen will, um — solange der Krieg noch dauert — 
die Beschränkung der Kriegführung auf die kämpfen- 
den Streitkräfte zu ermöglichen«, und daß die Kaiser- 
liche Regierung entschlossen ist, allen ihren Seebefehls- 
habern die Beschränkungen nach den anerkannten 
völkerrechtlichen Grundsätzen aufzuerlegen, auf denen 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
die Regierung der Vereinigten Staaten in all den 
Monaten bestanden hat, seit die Kaiserliche Regierung 
am 4. Februar 1915 ihre jetzt glücklicherweise auf- 
gegebene Unterseepolitik ankündigte. 
Die Regierung der Vereinigten Staaten hat sich 
in ihren geduldigen Bemühungen um einen freund- 
schaftlichen Ausgleich der aus jener Politik erwach- 
senen kritischen Fragen, welche die guten Beziehungen 
wischen den beiden Ländern so ernst bedrohten, be- 
süänoig durch Beweggründe der Freundschaft leiten 
und zurülckhalten lassen. Die Regierung der Vereinig- 
ten Staaten wird sich darauf verlassen. daß die jetzt 
geänderte Politik der Kaiserlichen Regierung hinfort 
eine gewissenhafte Ausführung finden wird, die die 
hauptsächliche Gefahr für eine Unterbrechung der 
uten, zwischen den Vereinigten Staaten und Deutsch- 
and bestehenden Beziehungen beseitigen wird. Die 
Regierung der Vereinigten Staaten hält für not- 
wendig, zu erklären, daß sie es für ausgemacht ansieht, 
daß die Kaiserliche Regierung nicht beabsichtigt, zu 
verstehen zu geben, daß die Aufrechterhaltung der 
neuangekündigten Politik in irgendeiner Weise von 
dem Verlauf oder Ergebnis diplomatischer Verhand- 
lungen zwischen der Regierung der Vereinigten 
Staaten und irgendeiner anderen kriegführenden Re- 
gierung abhänge, obwohl einige Stellen in der Note 
der Kaiserlichen Regierung vom 4. d. Mts. einer sol- 
chen Auslegung fähig sein könnten. 
Um jedoch die Möglichkeit eines Mißverständnisses 
zu vermeiden, teilt die Regierung der Vereinigten 
Staaten der Kaiserlichen Regierung mit, daß sie keinen 
Augenblick den Gedanken in Betracht ziehen, ge- 
schweige denn erörtern kann, daß die Achtung der 
Rechte amerikanischer Bürger auf der hohen See von 
seiten der deutschen Marinebehörden in irgendeiner 
Weise oder in geringstem Grad von dem Verhaltrn ir- 
gendeiner anderen Regierung, das die Rechte der Neu- 
tralen und Nichtkämpfenden berührt, abhängig gemacht 
werden sollte. Die Verantwortlichkeit in diesen Din- 
gen ist getrennt, nicht gemeinsam, absolut, nicht relativ. 
Die Einschränkungen, die sich Deutschland in der Verwen- 
dung seiner Kampfmittel zur See auferlegte, ließ die deutsche 
Regierung Ende Januar 1917 infolge der durch die Ablehnung 
des Friedensangebotes verschärsten Lage fallen und führte vom 
1. Februar an den uneingeschränkten U-Bootkrieg durch, den sie 
den neutralen Staaten durch nachstehende Denkschrift ankündigte. 
Denkschrift der deutschen Regierung über Ver- 
schärfung des Unterseeboptkrieges vom 31. Ja- 
nuar . 
VomLFebruarWUabwirdindennachstehendbes 
zeichneten Sperrgebieten um Großbritannien, Frank- 
reich und Italien herum und im östlichen Mittelmeer 
jedem Seeverkehr ohne weiteres mit allen Waffen ent- 
gegengetreten werden. Solche Sperrgebiete sind: 
a) im Norden ein Gebiet um England und Frank- 
reich, das begrenzt wird durch eine Linie in 20 
Seemeilen Abstand längs der holländischen Küste 
bis Terschelling-Feuerschiff, den Längengrad von 
Terschelling-Feuerschiff bis Udsire, eine Linie 
von dort über den Punkt 62 Grad Nord 0 
(Null) Grad Länge nach 62 Grad Nord 5 Grad 
West, weiter zu einem Punkt 8 Seemeilen süd- 
lich der Südspitze der Färder, von dort über 62 
Grad Nord 10 Grad West nach 61 Grad Nord 
15 Grad West, dann 57 Grad Nord 20 Grad 
West bis 47 Grad Nord 20 Grad West, weiter 
nach 45 Grad Nord 15 Grad West, dann auf
        <pb n="201" />
        Dokumente zum Unterseebootkrieg 
einem Breitengrad 48 Grad Nord entlang bis 
20 Seemeilen von Kap Finisterre und in 20 See- 
meilen Abstand entlang der spanischen Nordküste 
bis zur franzöfischen Grenze; 
b) im Süden das Mittelmeer; der neutralen Schiff- 
fahrt bleibt offen das Seegebiet westlich der Linie 
Pt. de l Espiquette bis zu 38 Grad 20 Minuten 
Nord und 6 Grad Ost sonie nördlich und west- 
lich eines 6 Seemeilen breiten Streifens längs 
der nordafrikanischen Küste, beginnend auf 2 
Grad estlänge 
Zur Verbindung dieses Seegebietes mit Grie- 
chenland führt ein 20 Seemeilen breiter Streifen 
nördlich bzw. östlich folgender Linie: 38 Grad 
Nord und6 Grad Ost nach 38 Grad Nord und 10 
Grad Ost nach 37 Grad Nord und 11 Grad 30 
Minuten Ost nach 34 Grad Nord und 11 Grad 
30 Minuten Ost nach 34 Grad Nord und 22 Grad 
30 Minuten Ost. 
Vor hier führt ein 20 Seemeilen breiter Strei- 
fen westlich 22 Grad 30 Minuten Ostlänge in die 
griechischen Hoheitsgewässer. 
Neutrale Schiffe, die die Sperrgebiete befahren, tun 
dies auf eigene Gefahr. Wenn auch Vorsorge getrof- 
fen ist, daß neutrale Schiffe, die am 1. Februar auf 
der Fahrt nach Häfen der Sperrgebiete sind, während 
einer angemessenen Frist geschont werden, so ist doch 
dringend anzuraten, daß sie mit allen verfügbaren 
Mitteln gewarnt und umgeleitet werden. 
Neutrale Schiffe, die in Häfen der Sperrgebiete lie- 
gen, können mit gleicher Sicherheit die Sperrgebiete 
verlassen, wenn sie vor dem 5. Februar auslaufen 
und den kürzesten Weg in freies Gebiet nehmen. 
Der Verkehr der regelmäßigen amerikanischen Pas- 
sagierdampfer kann unbehelligt weitergehen, wenn 
a) Falmouth als Zielhafen genommen wird; 
b) auf dem Hin- und Rückwege die Scillys sowie 
ein Punkt 50 Grad Nord 20 Grad Westangesteuert 
wird. Auf diesem Wege werden keine deutschen 
Minen gelegt werden; 
e) die Dampfer folgende besondere, in den ameri- 
kanischen Fäfen ihnen allein gestattete Abzeichen 
führen: Anstrich des Schiffsrumpfes und der 
Aufbauten, 3 m breite Vertikalstreifen, abwech- 
selnd weiß und rot. In jedem Mast eine große 
weiß- und rotkarierte Flagge. am Heck amerika- 
nische Nationalflagge. Bei Dunkelheit müssen 
Nationalflagge und Anstrich der Schiffe nach 
Möglichkeit gut erkennbar und die Schiffe durch- 
weg hell erleuchtet sein; 
d) ein Dampfer wöchentlich in jeder Richtung geht, 
dessen Ankunft in Falmouth Sonntags, Abfahrt 
aus Falmouth Mittwochs erfolgt; 
e) Garantie der amerikanischen epierung gegeben 
wird, daß diese Dampfer keine Bannware (nach 
deutschen Bannwarenlisten) mit sich führen. 
Karten, in welchen die Sperrgebiete eingezeichnet 
sind, sind in je zwei Exemplaren beigefügt. 
Den Regierungen der anderen neutralen Staaten 
sind entsprechende Noten übermittelt worden. 
An demselben Tage wurde der amerikanischen Regierung 
gleichzeitig mit der Denkschrift folgende Note übermtttelt: 
Deutsche Note an die Vereinigten Staaten. 
Ew. Exzellenzt haben die Güte gehabt, mir unter 
dem 22. d. Mts. von der Botschaft Mitteilung zu ma- 
1 Der amerikanische Botschafter in Berlin. 
163 
chen, die der Herr Präsident der Vereinigten Staaten 
von Amerika am gleichen Tage an den amerikanischen 
Senat gerichtet hat. Die Kaiserliche Regierung hat 
von dem Inhalt der Botschaftt mit der ernsten Auf. 
merksamkeit Kenntnis genommen, die den von hohem 
Verantwortlichkeitsgefühle getragenen Darlegungen 
des Herrn Präsidenten zukommt. Es gereicht mir zu 
großer Genugtuung, festzustellen, daß die Richtlinien 
dieser bedeutsamen Kundgebung in weitem Umfange 
mit den Grundsätzen und Wünschen übereinstimmen, 
zu denen sich Deutschland bekennt. Hierzu gehört an 
erster Stelle das Recht der Selbstbestimmung und die 
Gleichberechtigung aller Nationen; in Anerkennung 
dieses Prinzips würde Deutschland es aufrichtig be- 
Früßen, wenn Völker wie Irland und Indien, die 
ich der Segnungen staatlicher Unabhängigkeit nicht er- 
freuen, nunmehr ihre Freiheit erlangten. Bündnisse, 
welche die Völker in den Wettbewerb um die Macht 
hineintreiben, lehnt auch das deutsche Volk ab. Da- 
gegen ist seine friedliche Mitarbeit allen Bemühungen 
gesichert, die für die Verhütung künftiger Kriege ab- 
zielen. Die Freiheit der Meere als Vorbedingung für 
den freien Bestand und den friedlichen Verkehr der 
Völker hat ebenso wie die offene Tür für den Handels- 
verkehr aller Nationen stets zu den leitenden Grund- 
sätzen der deutschen Politik gehört. Um so tiefer 
beklagt es die Kaiserliche Regierung, daß das friedens- 
feindliche Berhalten ihrer Gegner es der Welt unmög- 
lich macht, schon jetzt die Verwirklichung dieser erha- 
benen Ziele in Angriff zu nehmen. Deutschland und 
seine Verbündeten waren bereit, alsbald in Friedens- 
verhandlungen einzutreten, und hatten als Grund- 
lage die Sicherung des Daseins der Ehre und der 
Entwicklungsfreiheit ihrer Völker bezeichnet. Ihre 
Pläne waren, wie sie in der Note vom 12. Dezember 
19162 ausdrücklich betonten, nicht auf die Zerschmet- 
terung oder Vernichtung der Gegner gerichtet und 
nach ihrer überzeugung mit den Rechten der anderen 
Nationen wohl vereinbar. 
Was insbesondere Belgien anlangt, das den Gegen- 
stand warmherziger Sympathien in den Vereinigten 
Staaten bildet, so hatte der Reichskanzler wenige Wo- 
chen vorher erklärt, daß eine Einverleibung Belgiens 
niemals in Deutschlands Absichten gelegen hat. 
Deutschland wollte in dem mit Belgien zu schließen- 
den Frieden lediglich Vorsorge dafür treffen, daß die- 
ses Land, mit dem die Kaiserliche Regierung in gu- 
ten nachbarlichen Verhältnissen zu leben wünscht, von 
den Gegnernnicht zur Förderung feindlicher Anschläge 
ausgenutzt werden kann. Solche Vorsorge ist um 6 
dringender geboten, als die feindlichen Machthaber in 
wiederholten Reden und namentlich in den Beschlüs- 
sen der Pariser Wirtschaftskonferenz unverhüllt die 
Absicht ausgesprochen haben, Deutschland auch nach 
Wiederherstellung des Friedens nicht als gleichberech. 
tigt anzuerlennen. sondern vielmehr systematisch wei- 
ter zu bekämpfen. An der Eroberungssucht der Geg- 
ner, die den Frieden diktieren wollen, ist der Friedens- 
versuch der vier Verbündeten gescheitert. Unter dem 
Aushängeschild des Rationalitätenprinzips haben sie 
als Kriegsziel enthüllt. Deutschland, Osterreich-Un- 
garn, die Türkei und Bulgarien zu zerstückeln und zu 
entehren. Dem Versöhnungswunsche stellen sie ihren 
Vernichtungswillen entgegen. Sie wollen den Kampf 
bis aufs äußerste. So ist eine hachlage entstanden, 
die auch Deutschland zu neuen Entschlüssen zwingt. 
11°
        <pb n="202" />
        164 
Seit 2½ Jahren mißbraucht England seine Flotten- 
macht zu dem frevelhaften Versuche, Deutschland durch 
Hunger zur Unterwerfung zu bringen. In brutaler 
ißachtung des Völkerrechts unterbindet die von Eng- 
land geführte Mächtegruppe nicht nur den legitimen 
Handel ihrer Gegner, durch rücksichtslosen Druck nö- 
tigt sie auch die neutralen Staaten, jeden ihr nicht ge- 
nehmen Handelsverkehr aufzugeben oder den Han 
nach ihren willkürlichen Vorschriften einzuschränken. 
Das amerikanische Volk kennt die Bemühungen, die 
unternommen worden sind, um England und seine 
Bundesgenossen zur Rückkehr zum Völkerrecht und zur 
Uchtung vor dem Eeset der Freiheit der Meere zu be- 
wegen. Die englische Regierung verharrt bei ihrem 
Aushungerungskrieg, der zwar die Wehrkraft des Geg- 
ners nicht trifft, aber Frauen und Kinder, Kranke und 
Greise zwingt, um des Vaterlandes willen schmerz- 
liche, die Volkskraft gefährdende Entbehrungen zu 
erdulden. 
So häuft britische Herrschsucht kalten Herzens die 
Leiden der Welt, unbekümmert um jedes Gebot der 
Menschlichkeit, unbekümmert um die Proteste der 
schwer geschädigten Neutralen, unbekümmert selbst um 
die stumme Friedenssehnsucht bei den Völkern der 
eigenen Bundesgenossen. Jeder Tag, den das furcht- 
bare Ringen andauert, bringt neue Verwüstungen, 
neue Not und neuen Tod. Jeder Tag, um den der 
Krieg abgekürzt wird, erhält auf beiden Seiten Tau- 
senden tapferer Kämpfer das Leben und ist eine Wohl- 
tat für die gepeinigte Menschheit. Die Kaiserliche Re- 
ierung würde es vor ihrem eigenen Gewissen, vor 
m deutschen Volke und vor der Geschichte nicht ver- 
antworten können, wenn sie irgendein Mittel unver- 
sucht ließe, das Ende des Krieges zu beschleunigen. 
Mit dem Herrn Präfidenten der Vereinigten Staaten 
hatte sie gebeiit dieses Ziel durch Verzandlungen zu 
erreichen. Nachdem der Bersuch zur Verständigung 
von ihren Gegnern mit verschärfter Kampfansage 
beantwortet worden ist, muß die Kaiserliche Regierung, 
wenn sie in höherem Sinne der Menschheit dienen 
und sich an den eigenen Vollsgenossen nicht verfün- 
digen will. den ihr von neuem aufgedrungenen Kampf 
ums Dasein nunmehr unter voller Einsehung aller 
Waffen fortführen. Sie muß daher auch die Beschrän- 
kungen fallen lassen, die sie sich bisher in der Ber- 
wendung ihrer Kampfmittel zur See auferlegt hat. 
Im Vertrauen darauf, daß das anterikanische Volk 
und seine Regierung sich den Gründen dieses Ent- 
schlusses und seiner Notwendigkeit nicht verschließen 
werden, hofft die Kaiserliche Regierung, daß die Ver- 
einigten Staaten die neue Sachlage von der hohen 
Warte der Unparteilichkeit würdigen und auch an 
ihrem Teile mithelsen werden, weiteres Elend und 
vermeidbares Opfer an Menschenleben zu verhüten. 
Indem ich wegen der Einzelheiten der geplanten 
Kriegsmaßnahmen zur See auf die anliegende Denk- 
schrift! Behug nehmen darf, darf ich gleichzeitig der 
Erwartung Ausdruck geben, daß die amerikanische 
Regierung amierikanische Schiffe vor dem Einlaufen 
in die in der Anlage beschriebenen Sperrgebiete und 
ihre Staatsangehörigen davor warnen wird, den mit 
Häfen des Sperrgebiets verkehrenden Schiffen Passa- 
giere oder Waren anzuvertrauen. 
gez. Zimmermann. 
1 Slehe S. 162. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
B. Das Friedensangebot des Pierdundes vom 
12. Dezembder 1916. 
Die bereits im Oktober 1916 von der Ssterreichisch-ungarischen 
NRegierung gegebene Anregung zu einem Friedensangebot fand 
ihren Widerhall in folgendem Briefe Kaiser Wilhelms an den 
beutschen Neichskanzler: 
Neues Palais, 81. Oktober 1916. 
Mein lieber Bethmann! Unser Gespräch habe ich 
noch nachher gründlich überdacht. Es ist klar, die in 
Kriegspsychose befangenen, von Lug und Trug im 
Wahne des D und im Haß gehaltenen Völker 
unserer Feinde haben keine Männer, die imstande 
wären, die den moralischen Mut besäßen, das be- 
freiende Wort zu sprechen. Den Vorschlag zum Frieden 
u machen ist eine sittliche Tat, die notwendig ist, um 
ie Welt — auch die Neutralen — von dem auf allen 
lastenden Druck zu befreien. Zu einer solchen Tat 
gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott 
verantwortlich fühlt und ein Herz für seine und die 
feindlichen Menschen, der unbekümmert um die even- 
tuellen absichtlichen Mißdeutungen seines Schrittes 
den Willen hat, die Welt von ihren Leiden zu befreien. 
Ich habe den Mut dazu. Ich will es auf Gott wagen. 
Legen Sie mir bald die Noten vor und machen Sie 
alles bereit. gez. Wilhelm I. B. 
Wortlant des Friedensaugebotes vom 12. De- 
zember 1916. 
Der furchtbarste Krieg, den die Geschichte je gesehen 
hat, wütet seit bald zweieinhalb Jahren in einem gro- 
sien Teile der Welt. Diese Katastrophe, die das Band 
einer gemeinsamen tausendjährigen Zivilisation nicht 
hat aufhalten können, trifft die Menschheit in ihrer 
wertvollsten Errungenschaft. Sie droht den Hesstigen 
und materiellen Fortschritt, der den Stolz Europas 
zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete, in Trüm- 
mer zu legen. 
Deutschland und seine Verbündeten Österreich- 
Ungarn, Bulgarien und die Türkei haben in diesem 
Kampfe ihre unüberwindliche Kraft erwiesen. Sie 
haben über ihre an Zahl und Kriegsmaterial über- 
legenen Gegner gewaltige Erfolge errungen. Uner- 
schünert halten gr Linien den immer wiederholten 
Angriffen der Heere ihrer Feinde stand. Der jüngste 
Anßurm auf dem Balkan ist schnell und siegreich 
niedergeworfen worden. Die letzten Ereignisse be- 
weisen, daß auch eine weitere Fortdauer des Krieges 
ihre Widerstandskraft nicht zu brechen vermag, daß 
vielmehr die gesamte Lage zu der Erwartung weiterer 
Erfolge berechtigt. 
ur Verteidigung ihres Daseins und ihrer natio- 
nalen Entwicklungsfreiheit wurden die vier verbün- 
deten Mächte gezwungen, zu den Waffen zu greifen. 
Auch die Ruhmestaten ihrer Heere haben daran nichts 
geändert. Stets haben sie an der überzeugung fest- 
ehalten, daß ihre elgenen Rechte und begründeten 
nspruͤche in keinem Widerspruch zu den Rechten der 
anderen Nationen 1½ Sie gehen nicht darauf aus, 
den Gegner zu zerschmettern oder fu vernichten. 
Getragen von dem Bewußtsein ihrer meilitärischen 
und wirtschaftlichen Kraft und bereit, den ihnen auf- 
ezwungenen Kampf nötigenfalls his zum äußersten 
seonnuseten. zugleich aber von dem Wunsche beseelt, 
weiteres Blutvergießen zu verhüten und den Greueln 
des Krieges ein Ende zu machen, schlagen die vier 
verblündeten Mächte vor, alsbald in Friedensverhand- 
lungen einzutreten. Die Vorschläge, die sie zu diesen
        <pb n="203" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
Verhandlungen mitbringen werden und die darauf 
gerichtet sind, Dasein, eher und Entwicklungsfreiheit 
ihrer Bölker zu sichern, bilden nach ihrer überzeugung 
eine geeignete Grundlage für die Herstellung eines 
dauerhaften Friedens. 
Wenn trot dieses Anerbietens zu Frieden und Ver- 
söhnung der Kampf fortdauern sollte, so sind die vier 
verbündeten Mächte entschlossen, ihn bis zum sieg- 
reichen Ende zu führen. Sie lehnen aber feierlich jede 
Verantwortung dafür vor der Menschheit und der 
Geschichte ab. 
Aufruf Kaiser Wilhelms an Heer und Flotte. 
Dem Heero wurde von dem Friedensangebot am 12. Dezember 
1916 durch folgende kalserliche Order Kenntnis gegeben: 
Soldaten! In dem Gefühl des Sieges, den Ihr 
durch Eure Tapferkeit errungen habt, haben Ich und 
die Herrscher der treuverbündeten Staaten dem Feinde 
ein Friedensangebot gemacht. 
Ob das damit verbundene Ziel erreicht wird, bleibt 
ingestellt. 
hr habt weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feinde 
standzuhalten und ihn zu schlagen. 
Großes Hauptquartier. Wilhelm I. R. 
An das deutsche Heer. 
Vorstehende Kundgebung wurde auch an die Kaiserliche Ma- 
rine gerichtet mit dem Zusag: 
Diese Order richtet sich auch an Meine Marine, die 
alle ihre Kräfte treu und wirkungsvoll eingesetzt hat 
in dem gemeinsamen Kampfe. Wilhelm I. R. 
Die dentsche Note an den Papst. 
Am gleichen Tage teilte die deutsche Regierung dem Papft durch 
den Gesandten v. Mühlberg in nachstehender, an den Kardinal- 
Staatssekretär Gasparri gerichteten Note das Friedensangebot mit: 
Erhaltenem Auftrage gemäß beehre ich mich, Eurer 
Eminenz anbei Abschrift einer Erklärung zu über- 
senden, welche die Kaiserliche Regierung heute an die 
Negierungen derjenigen Staaten, mit denen sich das 
Deutsche Reich im Kriegszustande befindet, durch Ver- 
mittlung der mit dem Schutze der deutschen Inter- 
essen in jenen Ländern betrauten Mächte gelangen 
läßt. Die K. u. K. österreichisch-ungarische, die Kaiser- 
lich ottomanische und die Königlich bulgarische Re- 
ierung haben ihre Bereitwilligkeit #m intritte in 
— in gleicher Weise #um Aus- 
drucke gebracht. Die Gründe, die Deutschland und seine 
Verbündeten zu diesem Schritte bewogen haben, sind 
offenkundig. Seit zweieinhalb Jahren verwüstet der 
Krieg den europäischen Kontinent. Unendliche Kul- 
turwerte sind vernichtet; weite Flächen mit Blut ge- 
tränkt. Millionen tapferer Krieger sind im Kampfe 
gefallen, Millionen kehren in schwerem Siechtum in 
die Heimat zurück. Schmerz und Trauer erfüllen 
fast jedes Haus. Nicht bei den Kriegführenden allein, 
sondern auch bei den Neutralen lasten die verheeren- 
den Folgen des gewaltigen Ringens schwer auf den 
Völkern. Handel und Wandel, mühsam in den Jahren 
des Frieders aufgebaut, liegen danieder. Die besten 
Kräfte der Vollensind der Beschaffung nutzbringender 
Berte entzogen. Europa, der Ausbreitung von Re- 
ligion und Kultur, der Lösung sozialer Probleme ge- 
widmet, eine Stätte für Wissenschaft und Kunst und 
für jede friedliche Arbeit, gleicht einem einzigen Kriegs- 
lager, in dem die Errungenschaften und die Arbeiten 
vieler Jahrzehnte der Vernichtung entgegengehen. 
165 
Deutschland führt einen Verteidigungskrieg gegen 
die Vernichtungsarbeit seiner Feinde. Es kämpft für 
die reale Sicherheit seiner Grenzen, für die Freiheit 
seines Volkes, für dessen Anspruch, ungehemmt und 
gleichberechtigt mit allen anderen Staaten seine geisti- 
—F und wirtschaftlichen Kräfte um friedlichen Wett- 
ewerb frei g entfalten. Immer offenkundiger haben 
unsere Feinde ihre Eroberungspläne enthüllt. Aber 
unerschüttert stehen die ruhmreichen Heere der Ver- 
bündeten schützend vor den Grenzen ihrer Heimat- 
länder, erfüllt und getragen von dem Bewußtsein, 
daß es dent Gegner niemals gelingen wird, den eher- 
nen Wall zu durchbrechen. Hinter sich wissen die 
Kampfreihen das gesamte Volk, in hingebender Vater- 
landsliebe entschlossen, seine geistigen und wirtschaft- 
lichen Güter, seine soziale Organisation, jeden Zoll 
des heimatlichen Bodens bis zum letzten zu verteidi- 
en. Voller Kraftgefühl, aber auch voll Verständnis 
ür Europas düstere Zukunft bei längerer Dauer des 
Krieges und voll Mitempfinden für das namenlose 
Elen und den Jammer der menschlichen Gemein- 
schaf: wiederholt daher das Deutsche Reich im Verein 
mu seinen Bundesgenossen in feierlicher Form die 
schon vor Jahresfrist durch den Mund des Reichs- 
kanzlers ausgesprochene Bereitwilligkeit, der Mensch- 
heit den Frieden wiederzugeben, indem es an die Welt 
die Frage stellt, ob sich nicht eine Grundlage der Ver- 
ständigung finden läßt. 
Seine Heuigten der Papst hat vom ersten Tage 
seines Pontifikats an den zahllosen Opfern des Krie- 
ges seine teilnehmende Fürsorge in reichstem Maße 
angedeihen lassen. Schwere Wunden sind durch ihn 
gelindert, die Geschicke Tausender von der Katastro- 
phe Betroffener erträglicher gestaltet worden. Gemäß 
dem Geiste seines hohen Amtes hat Seine LHliglet 
auch jede Gelegenheit wahrgenommen, im Interesse 
der leidenden Menschheit auf eine Beendigung des 
blutigen Ringens fin uwirken. Die Kaiserliche Regie- 
rung glaubt sich aber der Hoffnung hingeben zu 
dürfen, daß die Initiative der vier Mächte einen woll- 
wollenden Widerhall bei Seiner Heiligkeit finden wird 
und daß ihr Friedenswerk auf die wertvolle Unter- 
stützung des apostolischen Stuhles rechnen darf. 
Die Note der Bereinigten Staaten. 
Am 21. Dezember 1916 läßt Wilson durch den Geschäftsträger 
Erem dem Staatssekretär des Kußern Zimmermann solgende 
Note üÜberreichen: 
Euerer Exzellenz beehre ich mich mitzuteilen, daß 
der Präsident der Vereinigten Staaten mir die Wei- 
sung gab, durch Vermittlung Euerer Exzellenz bei der 
Kaiserlich deutschen Regierung ein Verfahren mit Be- 
ka auf den gegenwärtigen Krieg in Anregung zu 
ringen. Deß Präsidend hofft, daß die Kaiserlich 
deutsche Regierung es in Erwägung ziehen werde 
als eine Anregung, die in freundschaftlichster Gesin- 
nung gemacht ist, und zwar nicht nur von einem 
Freunde, sondern zugleich von einem Vertreter einer 
neutralen Nation, deren Interessen durch den Krieg 
ernstlichst in Mitleidenschaft gezogen worden sind un 
deren Interesse an einer baldigen Beendigung des 
Krieges sich daraus ergibt, daß sie offenkundig ge- 
nötigt wäre, Bestimmungen über den bestmöglichen 
Schugz ihrer Interessen zu treffen, falls der Krieg 
sortdauern sollte. 
Der Präsident hat sich schon lange mit dem Ge- 
danken getragen, einen Vorschlag, den ich die Weisung 
habe zu übermitteln, zu machen. Er macht ihn im
        <pb n="204" />
        166 
gegenwärtigen Augenblicke nicht ohne eine gewisse Ver- 
legenheit, weil es jetzt den Anschein erwecken könnte, 
als sei er angeregt von dem Wunsche, im Zusam- 
menhang mit dem jüngsten Vorschlag der Zentral- 
mächte eine Rolle zu spielen. Tatsächlich ist der ur- 
sprüngliche Gedanke des Präsidenten in keiner Weise 
auf diese Schritte zurückzuführen, und der Präsident 
hätte mit seinem Vorschla gewartet, bis diese Vor- 
schläige unabhängig davon beantwortet worden wären, 
wenn seine Anregung nicht auch die Frage des Frie- 
dens beträfe, die am besten im Nusammenhan mit 
den anderen dahinzielenden Vorschlägen erörtert 
wird. Der Präsident bittet nur, daß seine Anregung 
allein nach ihrem eigenen Wert und so beurteilt werde, 
als wäre sie unter anderen Verhällnissen gemacht 
worden. 
Der Präsident regt an, daß baldigst Gelegenheit 
genommen werde, von allen jetzt kriegführen- 
den Staaten ihre Ansichten über die Bedin- 
gungen zu erfahren, unter denen der Krieg 
zum Abschluß gebracht werden könnte, un 
Über die Vorkehrungen, die gegen eine Wiederholung 
des Krieges oder Entfachung irgendeines ähnlichen 
Konfliktes in Zukunft eine zufriedenstellende Bürg- 
schaft leisten könnten, so daß sich die Möglichkeit biete, sie 
offen zu vergleichen. Dem Präsidenten ist die Wahl der 
ur Erreichung dieses Zieles geeigneten Mittel Heich 
r ist gerne bereit, zur Erreichung dieses Zweckes in 
jeder annehmbaren Weise seinerseits dienlich zu sein 
oder sogar die Initiative A ergreifen. Er wünscht 
jedoch nicht, die Art und Weise und die Mittel zu be- 
stimmen. Jeder Weg wird ihm genehm sein, wenn nur 
das große Ziel, das er im Auge hat, erreicht wird. 
Der Präsident nimmt sich die Freiheit, darauf hin- 
uweisen, daß die Ziele, die die Staatsmänner beider 
jiegführender Parteien in diesem Kampfe im Auge 
haben, dem Wesen nach die gleichen sind. Sie haben 
sie ja in allgemeinen Worten ihren eigenen Völkern 
und der Welt kundgegeben. Beide Parteien wünschen 
für die Zukunft die Rechte und Freiheiten schwacher 
Völker und kleiner Staaten ebenso gegen eine Unter- 
drückung oder Verneinung gesichert zu sehen wie die 
Rechte und Freiheiten der großen und mächtigen 
Staaten, die jetzt Kicg führen. Jeder wünscht sich 
neben allen anderen Nationen und Völkern in Zu- 
kunft gesichert zu sehen gegen eine Wiederholung eines 
Krieges wie des gegenwärtigen, sowie gegen Angriffe 
und eigennützige Störungen jeder Art. Jeder glaubt, 
der Bildung weiterer gegnerischer Vereinigungen, die 
unter wachsendem Argwohn ein unsicheres Gleich- 
gewicht der Mächte herbeiführen würde, mit Mißtrauen 
entgegensehen zu sollen. Aber jeder ist bereit, die 
Bil ung. einer Liga von Nationen in Erwägung zu 
ziehen, die den Frieden und die Gerechtigkert in der 
ganzen Welt gewähreistet 
Ehe jedoch dieser letzte Schritt getan werden kann, 
hält jede Partei es für notwendig, zunächst die mit 
dem egenwärtigen Krieg verknüpften Fragen unter 
den Bedingungen zu lösen, die Unabhängigkeit, terri- 
toriale Integrität sowie politische und wirtschaftliche 
Freiheit der am Kriege beteiligten Nationen sicherlich 
gewährleisten. 
Volk und Regierung der Vereinigten Staaten haben 
an den Maßnahmen, die in Zukunft den Frieden der 
Welt sicherstellen sollen, ein ebenso dringendes un- 
mittelbares Interesse wie die jetzt im Kriege befind- 
lichen Regierungen; ihr Interesse an den Maßnah- 
men, die ergriffen werden sollen, um die kleineren, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
schwächeren Völker der Welt vor den Gefahren der 
Zufügung eines Unrechtes und der Vergewaltigung 
zuschützen, ist ebenso lebhaft und brennend wie das 
irgendeines anderen Volkes oder einer anderen Re- 
ierung. Das amerikanische Volk und die Regierung 
ind bereit, ja, sie sehnen sich danach, nach Beendi- 
gung des Krieges bei der Erreichung dieses Zieles mit 
allem ihnen zu Gebote stehenden Einfluß und Mitteln 
mitzuwirken. Aber der Krieg muß erst beendet sein. 
Die Vereinigten Staaten müssen es sich versagen, Be- 
dingungen vorzuschlagen, auf Grund deren der Krieg 
beendigt werden soll. Aber der Präsident sieht es 
als sein Recht und seine Pflicht an, das Interesse der 
Bereinigten Staaten an der Beendigung des Krieges 
darzutun, damit es nicht einst zu spät ist, die grohen 
Ziele, die sich nach Beendigung des Krieges auftun, 
zu erreichen, damit nicht die Lage der neutralen Staa- 
ten, die jetzt schon äußerst schwer zu ertragen ist, ganz 
unerträglich wird, damit vor allem nicht die Zivilisa- 
tion einen nicht zu rechtfertigenden, nicht wieder gut- 
zumachenden Schaden erleidet. 
Der Präsident fühlt sich daher durchaus gerecht- 
fertigt, wenn er eine alsbaldige Gelegenheit zum 
Meinungsaustausch über die Bedingungen anregt, 
die schließlichen Vereinbarungen für den Weltfrieden 
vorangehen müssen, die jedermann wünscht und bei 
denen die neutralen Staaten ebenso wie die kriegfüh- 
renden bereit sind, in vollverantwortlicher Weise mit- 
zuwirken. 
Wenn der Kampf bis zum unabsehbaren Ende 
durch langsame Aufreibung fortdauern soll, bis die 
eine oder die andere Gruppe der Kriegführenden er- 
schöpft ist, wenn Millionen und aber Millionen Men- 
schenleben weiter geopfert werden sollen, bis auf der 
einen oder anderen Seite nichts mehr zu opfern ist, wenn 
eine Erbitterung angefacht werden soll, die niemals 
abkühlen kann, und eine Verzweiflungerzeugt wird, von 
der sich niemand erholen kann, dann werden die Hosf 
nungen auf den Frieden und ein freiwilliges Zusam- 
menarbeiten freier Völker null und nichtig. Das Leben 
der ganzen Welt ist tief in Mitleidenschaft gezogen. 
Jeder Teil der großen Familie der Menschheit hat die 
Last und den Schrecken dieses noch nie dagewesenen 
Waffenganges gespürt. Keine Nation in der zivili- 
sierten Welt kann tatsächlich als außerhalb seines Ein- 
flusses seeend oder als gegen seine störenden Wir- 
kungen 6é ichert erachtet werden. 
Doch die konkreten Ziele, für die der Kampf geführt 
wird, sind niemals endgültig festgestellt worden. Die 
Führer derverschiedenen kriegführenden Mächte haben, 
wie gesagt, diese Ziele in allgemeinen Wendungen 
aufgestellt. Aber in allgemeinen Ausdrücken gehalten 
scheinen sie die gleichen auf beiden Seiten. Bisher haben 
dieverantwortlichen Wortführer auf beiden Seiten noch 
kein einziges Mal die genauen Ziele angegeben, die, 
wenn sie erreicht würden, sie und ihre Völker so zufrie- 
denstellen würden, daß der Krieg nun auch wirklich zu 
Ende gefochten wäre. Der Welt ist es überlassen, zu 
vermuten, welche endgültigen Erlebnisse, welcher tat- 
sächliche Austausch von Garantien, welche politischen 
oder territorialen Veränderungen oder Verschiebun- 
en, ja selbst welches Stadium des militärischen Er- 
olges den Krieg zu Ende bringen würde. 
ielleicht ist der Friede näher, als wir glauben. 
Vielleicht sind die Bedingungen, auf denen die beiden 
kriegführenden Parteien es für nötig halten zu be- 
stehen, nicht so unvereinbar, wie manche fürchten; viel- 
leicht könnte ein Meinungsaustausch wenigstens den
        <pb n="205" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
Weg zu einer Konferenz ebnen, vielleicht könnte so 
die nächste Zukunft auf ein dauerndes Einvernehmen 
der Nationen hoffen und sich ein Zusammengehen der 
Nationen alsbald verwirklichen. 
Der Präsident schlägt keinen Frieden vor, er bietet 
nicht einmal seine Vermittlung an. Er regt nur an, 
daß man sondiere, damit die neutralen und die krieg- 
führenden Staaten erfahren, wie nahe wohl das Ziel 
des Friedens sein mag, nach welchem die ganze 
Menschheit mit heißem, wachsendem Begehren sich 
sehnt. Der Präsident glaubt, daß der Geist, in dem 
er spricht, und die Ziele, die er erstrebt, von allen Be- 
teiligten verstanden werden. Er hofft und vertraut 
auf eine Antwort, die ein neues Licht in die Ange- 
legenheiten der Welt bringen wird. 
In gleichlautenden Noten wurden Osterreich-Ungarn und die 
seindlichen Mächte um Bekanntgabe ihrer Ansichten über Friedens- 
bedingungen ersucht, worauf die Mittelmächte am 26. Dezember 
lels den baldigen Zusammentritt von Vertretern der kriegführen- 
den Staaten an einem neutralen Orte vorschlugen. 
Die Ablehnung des Friedensangebotes durch die 
Entente-Staaten. 
Dem amerikanischen Botschafter in Paris Sharp vom franzö- 
sischen Ministerpräsidenten Briand am 80. Dez. 1916 Überreicht. 
Die verbündeten Regierungen Belgiens, Frank- 
reichs, Großbritanniens, Italiens, Japans, Monte- 
negros, Portugals, Rumäniens, Nußlands und Ser- 
biens, vereinigt zur Verteidigung der Freiheit der 
Völker und treu der eingegangenen Verpflichtung, nicht 
vereinzelt die Waffen niederzulegen, haben beschlossen, 
gemeinsam auf die angeblichen Friedensvorschläge zu 
antworten, die ihnen seitens der feindlichen Regierun- 
gen durch Vermittlung der Vereinigten Staaten, 
Spaniens, der Schweiz und der Niederlande über- 
geben worden sind. 
Vor jeder Antwort legen die alliierten Mächte Ge- 
wicht darauf, gegen die beiden wesentlichen Behaup- 
tungen der Note der feindlichen Staaten lauten Ein- 
spruch zu erheben, welche auf die Allüerten die Ver- 
antwortung für den Krieg abwälzen will und die 
den Sieg der Zentralmächte verkündete. Die Alliierten 
können diese doppelt unrichtige Behauptung nicht zu- 
lassen, die genügt, jeden Verhandlungsversuch zur 
Unfruchtbarkeit zu verurteilen. 
Die alliierten Nationen ertragen seit 30 Monaten 
einen Krieg, zu dessen Vermeidung sie alles getan 
haben, sie Poin durch Taten ihre Anhänglichkeit an 
den Frieden nachgewiesen. Diese Anhänglichkeit ist 
jetzt ebenso fest wie im Jahre 1914; nachdem Deutsch- 
land seine Verpflichtungen verletzt hat, kann der von 
ihm gebrochene Friede nicht auf sein Wort gegrün- 
det werden. 
Eine Anregung ohne Bedingungen für Eröffnung 
von Verhandlungen ist kein Friedensangebot. Der 
angebliche Vorschlag, der jeden greifbaren Inhaltes 
und jeder Genauigkeit entbehrend durch die Kaiserliche 
Regierung in Umlauf gesetzt wurde, erscheint weniger 
als ein Friedensangebot denn als ein Kriegsmanöver. 
Er beruht auf der systematischen Verkennung des 
Charakters des Streites in der Vergangenheit, in der 
Gegenwart und in der Zukunft. 
Für die Vergangenheit übersieht die deutsche 
Note die Tatsachen, die Daten und die Zahlen, die 
feststellen, daß der Krieg gewollt, hervorgerufen und 
erklärt worden ist durch Deutschland und Osterreich- 
Ungarn. Im Haag war es der deutsche Vertreter, 
167 
der jeden Vorschlag der Abrüstung ablehnte; im Juli 
1914 war es Osterreich = Ungarn, das, nachdem es 
an Serbien ein beispielloses Ultimatum gerichtet 
hatte, diesem den Krieg erklärte, trotz der sofort er- 
langten Genugtuung. Die Mittelmächte haben dar- 
auf alle Versuche zurückgewiesen, die von der En- 
tente gemacht wurden, um einem örtlichen Streit 
eine friedliche Lösung zu verschaffen. Das Konferenz- 
angebot Englands, der französische Vorschlag eines 
internationalen Ausschusses, die Bitte des Kaisers 
von Rußland an den Deutschen Kaiser um ein 
Schiedsgericht, das zwischen Nußland und Österreich- 
Ungarn am Vorabend des Konfliktes zustande ge- 
kommene Einvernehmen (entente) — alle Anstren- 
gungen sind von Deutschland ohne Antwort oder 
ohne Folge gelassen worden. Belgien wurde durch 
ein Reich überfallen, das seine Neutralität gewähr- 
leistet hatte und das sich nicht scheute, selbst zu er- 
klären, daß Verträge „Fetzen Papiere wären und 
daß „Not kein Gebot= kennt. 
Für die Gegen wart stützt sich das angebliche An- 
gebot Deutschlands auf eine ausschließlich europäische 
„Kriegskarte-, die nur den äußeren und vorüber- 
gehenden Schein der Lage und nicht die wirkliche 
Stärke der Gegner ausdrückt. Ein Friede, der unter 
solchen Voraussetzungen geschlossen wird, würde einzig 
den Angreifern zum Vorteil gereichen, die geglaubt 
hatten, ihr Ziel in zwei Monaten erreichen zu können 
und nun nach zwei Jahren merken, daß sie es nie- 
mals erreichen werden. 
Für die Zukunft verlangen die durch die Kriegs- 
erklärung Deutschlands verursachten Verwüstungen. 
die unzähligen Attentate, die Deutschland und seine 
Verbündeten gegen die Kriegführenden und gegen 
die Neutralen verübt haben, Sühne, Wiedergut- 
machungen und Bürgschaften (sanctions, reparations, 
garanties). Deutschland weicht listig dem einen wie 
dem anderen aus. 
In Wirklichkeit ist die durch die Zentralmächte ge- 
machte Eröffnung weiter nichts als ein wohlberech- 
neter Versuch, auf die Entwicklung des Krieges ein- 
zuwirken und zum Schlusse einen deutschen Frieden 
aufzunötigen. Sie beabsichtigt, die öffentliche Mei- 
nung in den alliierten Ländern zu verwirren. Diese 
Meinung n"v aber trotz aller Opfer, denen sie zu- 
gestimmt, schon mit bewundernswerter Festigkeit ge- 
antwortet und die Hohlheit der feindlichen Erklärung 
ins Licht gestellt. Sie will die öffentliche Meinung 
Deutschlands und seiner Verbündeten stärken, die schon 
schwer geprüft sind durch ihre Verluste, zermürbt 
durch die wirtschaftliche Not und zusammengebrochen 
unter der äußersten Anstrengung, die von ihren Völ- 
kern verlangt wird. Sie sucht die öffentliche Meinung 
der neutralen Länder zu täuschen und einzuschüchtern, 
die sich schon seit langem über die ursprüngliche Ver- 
antwortlichkeit ein Urteil gebildet hat, die sich über 
die gegenwärtige Verantwortung klar ist und die zu 
hell sieht, um die Pläne Deutschlands zu begünstigen, 
indem sie die Verleidigung der menschlichen Freiheiten 
preisgibt. Sie versucht endlich, vor den Augen der 
Welt im voraus neue Verbrechen zu rechtfertigen: 
Unterseebootkrieg, Deportationen, Zwangsarbeit und 
gewaltsame Aushebung von Staatsangehörigen gegen 
ihr eigenes Land, Neutralitätsverletzung. 
In voller Erkenntnis der Schwere, aber auch der 
Notwendigkeiten der Stunde lehnen es diealliier- 
ten Regierungen, die unter sich eng verbunden 
und in voller übereinstimmung mit ihren Bölkern
        <pb n="206" />
        168 
find, ab, sich mit einem Vorschlage ohne Auf- 
richtigkeit und ohne Bedeutung zu befassen. 
Sie versichern noch einmal, daß ein Friede nicht 
möglich ist, solange nicht Gewähr besteht für die 
Wiederherstellung (reparation) der verletzten Rechte 
und Freiheiten. für die Anerkennung des Grundgesetzes 
der Nationalitäten und der freien Existenz der kleinen 
Staaten, solange nicht eine Regelung sicher ist, die 
eeignet ist. egal die Ursachen zu beseitigen, die 
# lange die Völker bedroht haben, und die einzig 
wirisamen Bürgschaften für die Sicherung der Welt 
zu geben. 
ie alliierten Mächte halten darauf, sum Schluß 
die folgenden Betrachtungen anzustellen, die dieeigen- 
tümliche Lage hervorheben sollen, in der sich Belgien 
nach zweieinhalbjährigem Kriege befindet. Kraft der 
durch fünf Grohmächie Europas, unter denen sich 
auch Deutschland befand, unterzeichneten Verträge 
erfreute sich Belgien vor dem Kriege einer besonderen 
Satzung, die sein Gebiet unverletzlich machte und es 
selbst unter die Garantie dieser Mächte stellte, in 
Sicherheit vor den europäischen Konflikten. Gleich- 
wohl hat Belgien in Mißachtung dieser Verträge den 
ersten Angriff Deutschlands über sich ergehen lassen 
müssen. Deshalb hält es die belgische Regierung für 
notwendig- genau den Zweck auseinanderzusetzen, 
weshalb Belgien niemals aufgehört hat, in den Kampf 
an der Seite der Ententemächte für die Sache des 
Rechts und der Gerechtigkeit einzutreten. 
Belgien hat immer peinlich die Pflichten beobachtet, 
die ihm seine Neutralität auferlegt. Es hat zu den 
Waffen gegriffen, um seine Unabhängigkeit und seine 
Neutralitäl zu verteidigen, die durch Deutschland ver- 
letzt worden sind, und um seinen internationalen Ver- 
Ppflichtungen treu zu bleiben. Am 4. August hat der 
Reichskanzler im Reichstag anerkannt, dan- dieser An- 
riff ein Unrecht gegen das Völkerrecht sei, und hat 
66 im Namen Deutschlands verpflichtet, es wieder 
gutzumachen. 
Seit zweieinhalb Jahren hat sich diese Ungerechtig- 
keit grausam verschärft durch die Keiegsmahnahmer 
und eine Besetzung, welche die Hilfsmittel des Landes 
erschöpft, seine Industrien zugrunde gerichtet, seine 
Städte und Dörfer zerstört und die Niedermetzelun- 
en, Me Hinrichtungen und Einkerkerungen gehäuft 
taben. Und in dem Augenblick. in dem Deutschland 
3 Welt von Frieden und von Menschlichkeit spricht, 
ührt es belgische Bürger zu Tausenden weg und 
bringt sie in Sklaverei. 
Belgien hat vor dem Krieg nur danach gestrebt, 
in gutem Einvernehmen mit allen seinen Nachbarn 
zu leben. Sein König und seine Regierung haben 
nur ein Ziel: die Wiederherstellung des Friedens und 
des Rechtes. Aber sie wollen nur einen Frieden 
haben, der ihrem Lande berechtigte Wiedergutmachun- 
en (reparations), Garantien und Sicherheiten für die 
Hnrunf= verbürgen würde. 
Aufrufe Kaiser Wilhelms. 
Die Ablehnung beantwortete Kaiser Wilhelm durch folgen- 
den Erlaß an Heer und Flotte: 
An Mein Heer und Meine Marine! 
Im Verein mit den Mir verbündeten Herrschern 
hatte Ich Unseren Feinden vorgeschlagen, alsbald in 
Friedensverhandlungen einzutreten. * Feinde ha- 
ben Meinen Vorschlag abgelehnt. Ihr Machthunger 
will Deutschlands Vernichtung. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Der Krieg nimmt seinen Fortgang! 
Vor Gott und der Menschheit fällt den feindlichen 
Regierungen allein die schwere Verastwortung r 
alle weiteren furchtbaren Opfer zu, die Mein Wille 
Euch hat ersparen wollen. 
In der gerechten Emphrung über der Feinde an- 
maßenden Frevel, in dem Willen, unsere heiligsten 
Güter zu verteidigen und dem Vaterlande eine glück- 
liche Zukunft zu sichern, werdet Ihr zu Stahl 
werden. 
Unsere Feinde haben die von Mir angebotene Ber- 
ständigung nicht gewollt. Mit Gottes Hilfe werden 
unsere Waffen sie dazu zwingen. 
Großes Hauptauartier, den 5. Januar 1917. 
Wilhelm I. R. 
Diesem folgte am 12. Januar der Aufruf: 
An das deutsche Volk! 
Unsere Feinde haben die Maske fallen lassen. 
Erst haben sie mit Hohn und heuchlerischen Worten 
von Freiheitsliebe und Menschlichkeit unser ehrliches 
Friedensangebot Kgewiesen In # Antwort 
an die Vereinigten Staaten haben sie sich jetzt dar- 
über hinaus zu einer Eroberungssucht bekannt, deren 
Schändlichkeit durch ihre verleumderische Begründung 
noch gesteigert wird. 
Ihr Ziel ist die Niederwerfung Deutschlands, die 
Zerstückelung der mit uns verbündeten Mächte und 
die Knechtung der Freiheit Europas und der Meere 
unter dasselbe Joch, das zähneknirschend jetzt Griechen- 
land trägt. 
Aber was sie in dreißig Monaten des blutigsten 
Kampfes und des gewissenlosesten Wictschasterriege 
nicht erreichen konnten, das werden sie auch in aller 
Zukunft nicht vollbringen. Unsere glorreichen Siege 
und die eherne Willenskraft, mit der unser kämpfen- 
des Volk vor dem Feind und daheim jedwede Mühsal 
und Not des Krieges getragen hat, bürgen dafür, 
daß unser geliebtes Vaterland auch fernerhin nichts 
u fürchten hat. Hellflammende Entrüstung und 
zeut er Zorn werden jedes deutschen Mannes und 
Weibes Kraft verdoppeln, gleichviel, ob siedem Kampf, 
der Arbeit oder dem opferbereiten Dulden geweiht ist. 
Der Gott, der diesen herrlichen Geist der Freiheit 
in unseres tapferen Bolkes Herz gepflanzt hat, wird, 
ums und unseren treuen, sturmerprobten Verbün- 
deten auch den vollen Sieg über alle feindliche Macht- 
gier und Vernichtungswut geben. 
Wilhelm I. R. 
Deutsche und österreichisch-ungarische Antwortnote 
vom 11. Jannar 1917 an die Neutralen auf die 
Ablehnung des A#ette durch die feindlichen 
taaten. 
Die deutsche Note lautete: 
Die Kaiserliche Regierung hat durch Vermittlung 
der Regierung der Vereinigten Staaten von Ameriko, 
der Königlich spanischen Regierung und der Regierung 
der Schweizerischen Eidgenossenschaft die Antwort 
ihrer Gegner auf die Note vom 12. Dezember er- 
alten, in der Deutschland im Einklang mit seinen 
erbündeten den alsbaldigen Eintritt in Friedens- 
verhandlungen vorschlug. 
Die Gegner lehnen diesen Vorschlag mit der Be- 
ündung ab, daß es ein Vorschlag ohne Aufrichtig- 
eit und ohne Bedeutung sei. Die Form, in die 14 
ihre Mitteilung kleiden, Ss#czt eine Antwort an sie 
aus. Die Kaiserliche Regierung legt aber Wert dar-
        <pb n="207" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
auf, den Regierungen der neutralen Mächte ihre Auf- 
fassung über die Sachlage zu kennzeichnen. 
Die Mittelmächte haben keinen Anlaß, erneut auf 
Auseinandersetzungen über den Ursprung des Welt- 
krieges einzugehen. Die Geschichte wird urteilen, wen 
die ungeheure Schuld an dem Kriege trifft. Ihr 
Wahrspruch wird ebensowenig über die Einkreisungs- 
politik Englands, die Revanchepolitik Frankreichs, 
das Streben Rußlands nach Konstantinopel hinweg- 
geben wie über die Aufwiegelung Serbiens, den 
ord in Sarajevo und die Gesamtmobilmachung 
Rußlands, die den Krieg * Deutschland bedeutete. 
Deutschland und seine Verbündeten, die zur Ver- 
teidigung ihrer Freiheit und ihres Daseins zu den 
Waffen greifen mußten, betrachten dieses ihr Kriegs- 
iel als erreicht. Dagegen haben die feindlichen 
ächte sich immer weiter von der Berwirklichung 
ihrer Pläne entfernt, die nach den Erklärungen ihrer 
verantwortlichen Staatsmänner unter anderem auf 
die Eroberung Elsaß-Lothringens und mehrerer preu- 
Pnischer Provinzen, die Erniedrigung und Verminde- 
rung der österreichisch= ungarischen Monarchie, die 
Aufteilung der Türkei und die Versttimmelung Bul- 
gariens gerichtet sind. Angesichts solcher Kriegs- 
ziele wirkt das Verlangen nach Sühne, Wiedergut- 
machung und Bürgschaft im Munde der Gegner Üüber- 
raschend. 
Die Gegner bezeichnen den Friedensvorschlag der 
vier verbündeten Mächte als Kriegsmanöver. Deutsch- 
land und seine Bundesgenossen müssen auf das nach- 
drücklichste Verwahrung dagegen einlegen, daß ihre 
Beweggründe, die sie offen dargelegt haben, auf diese 
Weise gefälscht werden. Ihre überzeugung war, daß 
ein gerechter und für alle Kriegführenden annehm- 
barer Friede möglich sei, daß er durch unmittel- 
baren mündlichen Gedankenaustausch herbeigeführt 
werden könne, und daß deshalb weiteres Blut- 
vergießen nicht zu verantworten sei. Die ohne Vor- 
behalt ausgesprochene Bereitschaft, beim Eintritt in 
die Verhandlungen ihre Friedensvorschläge bekannt- 
zugeben, widerlegt jeden Zweifel an ihrer Aufrichtig- 
keit. Die Gegner, in deren Hand es lag, das An- 
ebot auf seinen Gehalt zu prüfen, haben weder die 
rüfung versucht noch Gegenvorschläge gemacht. 
Statt dessen erklären sie einen Frieden für unmöglich, 
solange nicht die Wiederherstellung der verletzten 
Rechte und Freiheiten, die Anerkennung des Grund- 
Lazes der Nationalitäten und der freien Existenz der 
kleinen Staaten gewährleistet sei. Die Aufrichtigkeit, 
die der Gegner dem Vorschlag der vier verbündeten 
Mächte abspricht, wird die Welt diesen Foorderungen B 
es 
nicht zubilligen Eönnen, wenn sie sich das Geschick 
trischen Volkes, die Vernichtung der Freiheit und 
Unabhängigkeit der Burenrepubliken, die Unterwer- 
fung Nordafrikas durch England, Frankreich und 
Italien, die Unterdrückung der russischen Fremd- 
völker und schließlich die ohne Vorgacg in der Ge- 
schichte dastehende VBergewaltigung Griechenlands 
vor Augen hält. 
Auch über die angeblichen Bölkerrechtsverletzungen 
der vier Verbündeten sind diejenigen Mächte nicht be- 
fugt, Beschwerde zu führen, die von Beginn des 
Krieges an das Recht mit Füßen getreten und die 
Verträge, auf denen es beruht, zerrissen haben. Eng- 
land sagte sich schon in den ersten Wochen des Krieges 
von der Londoner Deklaration los, deren Inhalt 
seine eigenen Delegierten als geltendes Völkerrecht 
anerkannt hatten, und verletzte im weiteren Verlauf 
169 
des Krieges auch die Pariser Deklaration aufs schwerste, 
so daß durch seine willkürlichen Maßregeln für die 
Kriegführung. zur See der Zustand der Rechtlosig- 
keit eintrat. Der Aushungerungskrieg gegen Deutsch- 
land und der in Englands Interesse ausgeübte 
Druck auf die Neutralen steht mit den Regeln des 
Völkerrechts nicht minder in schreiendem Widerspruch 
als mit den Geboten der Menschlichkeit. 
Ebenso völkerrechtswidrig und mit den Grund- 
sätzen der Zivilisation unvereinbar ist die Verwen- 
dung farbiger Truppen in Europa und das Hinein- 
tragen des Keges nach Afrika, das unter Bruch be- 
stehender Verträge erfolgt ist und das Ansehen der 
weißen Rasse in diesem Weltteil untergräbt. Die 
unmenschliche Behandlung der Gefangenen besonders 
in Afrika und in Rußland, die Verschleppung der 
iwilbevölkerung aus Ostpreußen, Elsaß-Lothringen, 
alizien und der Bukowina sind weitere Beweise, 
wie die Gegner Recht und Kultur achten. 
Am chluß ihrer Note vom 30. Dezember verweisen 
die Gegner auf die besondere Lage Belgiens (s. S. 168). 
Die Kaiserliche Regierung vermag nicht anzuerkennen, 
daß die belgische Regierung immer die Pflichten be- 
achtet hat, die ihr ihre Neutralität auferlegte. Schon 
vor dem Kriege hat Belgien unter der Einwirkung 
Englands sich militärisch an England und Frank- 
reich angelehnt und damit den Geist der Verträge 
selbst verletzt, die seine Unabhängigkeit und seine 
Neutralität sicherstellen sollten. Zweimal hat die 
Kaiserliche Regierung der belgischen Regierung er- 
klärt, daß sie nicht als Feind nach Belgien komme, 
und sie gebeten, dem Lande die Schrecken des Krieges 
u ersparen. Sie hat sich für diesen Fall erboten, 
esitzstand und Unabhängigkeit des Königreichs im 
vollen Umfange zu garantieren und allen Schaden 
- ersetzen, der durch den Aurchzug der deutschen 
ruppen verursacht werden könne. ist bekannt, 
daßdie Wnigüch großbritannische Regierung im Jahre 
1887 entschlossen war, sich der Inanspruchnahme 
eines Wegerechts durch Belgien unter diesen Vor- 
aussetzungen nicht zu widersetzen. Die belgische Re- 
gierun hat das wiederholte Anerbieten der Kaiser- 
ichen Regierung abgelehnt. Auf sie und diejenigen 
Mähchte, die sie zu dieser Laltung verführt haben, fällt 
die Verantwortung für das Schicksal, das Belgien 
betroften hat. Die Anschuldigungen wegen der deut- 
schen Kriegführung in Belgien und die dort im Inter- 
esse der militärischen Sicherheit getroffenen Maß- 
nahmen hat die Kaiserliche Regierung wiederholt als 
unwahr zurückgewiesen. Sie legt erneut energische 
erwahrung gegen diese Verleumdungen ein. 
Deutschland und seine Bundesgenossen haben einen 
ehrlichen Versuch gemacht, den Krieg zu beendigen und 
eine erstündigung der Kämpfenden anzubahnen. 
Die Kaiserliche Regierung stellt fest, daß es lebigi4h 
von dem Entschluß ihrer Gegner abhing, ob der Weg 
um Frieden betreten werden sollte oder nicht. Die 
seindithen Regierungen haben es abgelehnt, diesen 
Weg zu gehen; auf sie fällt die volle Verantwortung 
des Blutvergießens. Die vier verbündeten Mächte 
aber werden den Kampf in ruhiger Zuversicht und im 
Vertrauen auf ihr gutes Recht weiterführen, bis ein 
Friede erstritten ist, der ihren eigenen Völkern Ehre, 
Dasein und Entwicklungsfreiheit verbürgt, allen 
Staaten des europäischen Kontinents aber die Wohl- 
tat schenkt, in gegenseitiger Achtung und Gleichberech- 
tigung gemeinsam an der Lösung der großen Kultur- 
probleme zu arbeiten.
        <pb n="208" />
        170 
Die Note Osterreich-Ungarns lautete: 
Die k. und k. Regierung hat die Ehre gehabt, am 
5. Januar durch die gefällige Vermittlung der Re- 
gierung der Vereinigten Staaten von Amerika die 
intwort der mit ihr im Kriegszustande befindlichen 
Staaten auf ihre Note vom 12. Dezember zu erhalten, 
mit welcher sie sich ebenso wie die mit ihr verbündeten 
Mächte zur Anbahnung von Friedensverhandlungen 
bereit erklärt hatte. 
Im Einvernehmen mit den Regierungen der ver- 
bündeten Mächte hat die k. und k. Regierung es nicht 
unterlassen, die Antwort der feindlichen Regierungen 
einer entsprechenden Prüfung zu unterziehen, welche 
zu folgendem Ergebnis geführt hat: 
Unter dem Vorwande, daß der Vorschlag der vier 
verbündeten Mächte ohne Aufrichtigkeit und ohne 
Bedeutung sei, lehnen es die feindlichen Regierungen 
ab, auf diesen Vorichlag. einzugehen. Durch die 
Form, welche sie ihrer Mitteilung gegeben haben, 
machen sie eine an sie gerichtete Antwort unmöglich. 
Die k. und k. Regierung legt aber Wert darauf, den 
Regierungen der neutralen Mächte ihre Auffassung 
darzulegen. 
ie Antwort der feindlichen Regierung geht der 
Erwägung der Möglichkeiten der Beendigung des 
Krieges aus dem Wege. Sie beschränkt sich darauf, 
neuerlich die Vorgänge, welche zu dem Kriege ge- 
führt haben, die vermeintliche Stärke ihrer eigenen 
mililärischen Situation und die angeblichen Beweg- 
gründe des Friedensvorschlages zu erörtern. 
Die k. und k. Regierung will sich dermalen nicht 
in ein neuerliches orsgesecht über die Vorgeschichte 
des Krieges einlassen. Nach ihrer überzeugung ist 
vor den Augen der ganzen rechtlich und Ubchn-. 
gen urteilenden Menschheit bereits hinreichend und 
unwiderleglich dargetan, auf welcher Seite die Schuld 
an dem Ausbruch des Krieges gelegen ist. 
Was im besonderen das österreichisch = ungarische 
Ultimatum an Serbien betrifft. so hat die Monarchie 
in den Jahren, welche diesem Schritt vorausgingen, 
hinlänglich Beweise ihrer Langmut gegenüber den 
sich stets steigernden feindlichen und aggressiven Ab- 
sichten und Umtrieben Serbiens an den Tag Felegt. 
bis zu dem Moment, wo schließlich die ruchlose Mord- 
tat von Sarajevo eine weitere Nachsicht ummöglich 
gemacht hat. 
Luch eine Auseinandersetzung über die Frage, auf 
welcher Seite die militärische Lage stärker sei, erscheint 
müßig und darf getrost dem Urteile der gesamten 
Offentlichkeit überlassen bleiben. übrigens enthält 
eine Vergleichung der Kriegsziele der beiden Grup- 
pen bereits die Entscheidung dieser Frage. Während 
nämlich Osterreich-Ungarn und seine Verbündeten 
den Krieg von Anfang an nicht zum Zwecke von Ge- 
bietseroberungen, sondern als Verteidigungskampf 
unternommen haben, ist bei den feindlichen Staaten 
das Gegenteil der Fall. Sie gehen, um nur einige 
ihrer Kriegsziele zu nennen, auf die Niederwerfung 
und Beraubung der österreichisch-ungarischen Mon- 
archie, auf die Eroberung von Elsaß-Lothringen 
sowie auf die Uufteilung der Türkei und die Vernich- 
tung Bulgariens aus. Die vier verbündeten Mächte 
können daher bereits derzeit ihre rein defensiven 
Kriegsziele als erreicht betrachten, während die Geg- 
ner sich von der Verwirklichung ihrer Pläne immer 
weiter enifernen. 
Wenn schließlich die feindlichen Regierungen den 
Vorschlag der vier verbündeten Mächte als Kriegs- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
manöver bezeichnen und ihn als unaufrichtig und be- 
deutungslos kennzeichnen, so ist das vor Beginn der 
Friedensverhandlungen und insolange daher unsere 
Friedensbedingungen nicht bekannt sind, lediglich eine 
ganz willkürliche Behauptung, eine subjektive An- 
nahme ohne die Möglichkeit eines Beweises. Die k. 
und k. Regierung und die Regierungen der mit ihr 
verbündeten Mächte haben ihr Angebot der Ein- 
leitung von Friedensverhandlungen in aller Auf- 
richtigkeit und Loyalität gemacht, denn sie mußten ja 
auf die Möglichkeit gefaßt sein, daß der ausdrücklich 
ausgesprochene Antrag, beim Eintritt in die Ver- 
handlungen ihre Friedensbedingungen bekanntzu. 
geben, angenommen werde. Die Gegner sind es viel- 
mehr, welche, ohne ihrerseits Gegenvorschläge zu 
machen, es abgelehnt haben, den Inhalt des Vor- 
schlages der vier verbündeten Mächte kennenzulernen. 
Wenn die Gegner vor allem die Wiederherstellung 
der verletzten Rechte und Freiheiten, die Anerkennung 
des Grundsatzes der Nationalität und der freien Exi- 
stenz der kleinen Staaten verlangen, so wird es ge- 
nügen, auf das tragische Geschick des irischen und des 
finnischen Volkes, die Vernichtung der Freiheit und 
nabhängigkeit der Burenrepublik, die Unterwerfung 
Nordafrikas durch England, Frankreich und Italien 
und schließlich die ohne Beispiel in der Geschichte da- 
stehende Vergewaltigung Griechenlands hinzuweisen. 
Die k. und k. Regierung stellt fest, daß sie und die 
Regierungen der mit ihr verbündeten Mächte sich be- 
reit erklärt hatten, durch einen mündlichen Gedanken- 
austausch mit den feindlichen Regierungen den Krie 
zu beenden, und daß es lediglich von dem Entschicb 
der Gegner abhing, ob der Friede angebahnt werden 
sollte oder nicht. ###- Gott und der Menschheit lehnen 
sie die Verantwortung für den Fortgang des Krieges ab. 
Osterreich-Ungarn und die mit ihm verbündeten 
Mächte aber werden den Kampf in ruhiger Zuver- 
sicht und im Vertrauen auf ihr gutes Recht weiter- 
führen, bis ein Friede erstritten ist, der ihren eigenen 
Völkern Dasein, Ehre und Entwicklungsfreiheit ver- 
bürgt und allen Staaten Europas ermöglicht, in 
voller Gleichberechtigung gemeinsam an der Lösung 
der großen Kulturaufgaben zu arbeiten. 
Die Antwort der Ententestaaten auf die Friedens- 
note Wilsons!. 
Überreicht durch den französischen Ministerpräsidenten Briand 
am 12. Januar 10917. 
Die verbündeten Regierungen haben die Note, 
welche ihnen am 19. Dezember 1916 im Namen der 
Regierung der Vereinigten Staaten übergeben wurde, 
erhalten. Sie haben sie mit der Sorgfalt geprüft, 
die gleichzeitig ihre richtige Empfindung von dem 
Ernst der Stunde und ihre aufrichtige Freundschaft 
für das amerikanische Volk gebot. Im allgemeinen 
legen sie Gewicht darauf, zu erklären, daß sie den 
hohen Gesinnungen, von denen die amerikanische 
Note beseelt ist, den Zoll ihrer Anerkennung dar- 
bringen, daß sie sich mit allen ihren Wünschen dem 
Plane der Schaffung einer Liga der Nationen an- 
schließen, die Frieden und Gerechtigkeit in der Welt 
sichern soll, und alle Vorteile anerkennen, die die 
Einrichtung internationaler Bestimmungen zur Hint- 
anhaltung gewaltsamer Streitfälle zwischen den Natio- 
nen für die Sache der Menschheit und der Zivilisation 
1 Siehe S. 165.
        <pb n="209" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
bringen wird, Bestimmungen, die die erforderlichen 
Maßregeln (sanctions) in sich schließen müssen, um die 
Ausführung zu gewährleisten und so zu verhindern, 
daß die anscheinende Sicherhett dazu diene, neue An- 
griffe zu erleichtern. 
Die Erörterung künftiger Abmachungen, die einen 
dauerhaften Frieden sichern sollen, hat jedoch zunächst 
eine befriedigende Regelung des gegenwärtigen Strei- 
tes zur Voraussetzung. Die Verbündeten empfinden 
ebenso tief wie die Regierung der Vereinigten Staa- 
ten den Wunsch, möglichst bald diesen Krieg beendigt 
zu sehen, für den die Mittelmächte verantwortlich sind 
und der der Menschheit grausame Leiden auferlegt. 
Aber sie sind der Ansicht, daß es unmöglich ist, bereits 
heute einen Frieden zu erzielen, der ihnen die Wieder- 
gutmachungen, Rückerstattungen und Bürgschaften 
sichert, auf die sie ein Recht haben infolge des An- 
griffes, für den die Mittelmächte die Verantwortung 
tragen und der im Ursprung gerade darauf abzielte, 
die Sicherheit Europas zugrunde zu richten. 
Die verbündeten Völker hegen die Überzeugung, 
daß sie nicht für selbstsüchtiges Interesse, sondern zum 
Schutze der Unabhängigkeit der Völker, des Rechts 
der Menschheit kämpfen. Die Verbündeten sind sich 
vollkommen klar über die Verluste und Leiden, welche 
der Krieg den Neutralen wie den Kriegführenden zu- 
fügt, und sie beklagen sie, aber sie lehnen die Ver- 
antwortung dafür ab, da sie den Krieg in keiner 
Weise gewollt oder hervorgerufen haben und sich be- 
mühen, die Schäden zu mildern, soweit dies mit den 
unerbittlichen Forderungen der Verteidigung gegen 
die Gewalttätigkeit und die Fallstricke des Feindes ver- 
einbar ist. Mit Genugtuung nehmen sie zur Kennt- 
nis, daß die amerikanische Mitteilung in keiner Weise 
ihrem Ursprunge nach mit derjenigen der Mittelmächte 
zusammenhängt, welche am 18. Dezember! der Re- 
ierung der Vereinigten Staaten übergeben wurde. 
Sie zweifeln nicht an dem Entschluß der amerika- 
nischen Regierung, selbst den blassen Anschein einer 
auch nur moralischen Unterstützung des verantwort- 
lichen Urhebers des Krieges zu vermeiden. 
Die verbündeten Regierungen halten es für ihre 
Pflicht, sich in der freundschaftlichsten, aber klarsten 
Weise gegen eine Gleichstellung auszusprechen, die auf 
öffentlichen Erklärungen der Mittelmächte beruht und 
in völligem Widerspruch zur offenkundigen Sachlage 
steht sowohl bezüglich der Verantwortlichkeiten in der 
Vergangenheit wie betreffs der Bürgschaften für die 
Zukunft. Präsident Wilson hat durchihre Erwähnung 
gewiß nicht beabsichtigt, sich ihr anzuschließen. Eine 
geschichtliche Tatsache steht gegenwärtig fest, nämlich 
der Angriffswille Deutschlands und Öster- 
reich. Ungarns, um ihre Vorherrschaft in Europa 
und ihre wirtschaftliche Herrschaft über die Welt zu 
sichern. Deutschland hat durch die Kriegserklärung 
und die sofortige Verletzung derbelgischen und luxem- 
burgischen Unabhängigkeit, durch die Art, wie es den 
Kampf geführt hat, eine systematische Verachtung 
aller Grundsätze der Menschlichkeit und der Rechte der 
kleinen Staalen gezeigt. Je mehr der Kampf sich ent- 
wickelte, wurde die Haltung der Mittelmächte und 
ihrer Verbündeten ein ständiger Hohn auf die Mensch- 
lichkeit und Zivilisation. 
Ist es nötig, an die Greuel zu erinnern, die den 
Einfall in Belgien und Serbien begleiteten, die 
schonungslose Verwaltung der besetzten Länder, die 
1 1916. 
171 
Niedermetzelung von Hunderttausenden von harmlosen 
Armeniern, die Barbarei gegen die Bevölkerung von 
Syrien, die Zeppelinangriffe auf die offenen Städte, 
die Zerstörung von Postdampfern und Handels- 
schiffen unter neutraler Flagge durch Unterseeboote, 
die grausame Behandlung der Kriegsgefangenen, die 
Justizmorde an Miß Cavell und Kapitän Fryatt, die 
Verschleppung der Zivilbevölkerung in die Sklaverei 
usw.? Die Hinrichtung von Parwille und die Reihe 
von Verbrechen, die ohne Rücksicht auf die allgemeine 
Mißbilligung begangen wurden, erklären dem Präsi- 
denten Wilson vollständig die Verwahrung der Ver- 
bündeten. Diese sind der Meinung. daß die Note, die 
den Vereinigten Staaten als Antwort auf die deutsche 
Note überreicht wurde, die von der amerikanischen 
Regierung gestellte Frage beantwortet, und nach dem 
eigenen Ausdruck der letzteren eine öffentliche Er- 
Lärung bezuglich der Bedingungen, unter denen der 
Krieg beendet werden könnte, darstellt. Aber Präsi- 
dent Wilson wünscht noch mehr; er wünscht, daß die 
kriegführenden Mächte offen die Ziele bekanntgeben, 
die 19- sich bei der Fortführung des Krieges setzen. 
Die Verbündeten können auf diese Forderung ohne 
Schwierigkeit antworten. Ihre Kriegsziele sind wohl 
bekannt. Sie haben sie mehrfach in den Erklärungen 
der Oberhäupter der verschiedenen Regierungen dar- 
gelegt. Diese Ziele werden in den Einzelheiten mit 
allen Sühneleistungen und gerechtfertigten Ent- 
schädigungen für den erlittenen Schaden erst in der 
Stunde der Verhandlungen auseinandergesetzt werden. 
Aber die zivilisierte Welt weiß, daß sie alles Not- 
wendige einschließen, in erster Linie die Wieder- 
herstellung, Belgiens, Serbiens und Mon- 
tenegros, die ihnen geschuldeten Entschädi- 
gungen, die Räumung der besetzten Gebiete 
von Frankreich, Rußland und Rumänien mit den ge- 
rechten Wiedergutmachungen, des Wiederaufbaues 
Europas, Bürgschaft für einen dauerhaften Zustand, 
der sowohl auf die Achtung der Nationalität und die 
Rechte aller kleinen und großen Völker gegründet 
ist, sowie räumliche Abkommen und internationale 
Regelungen, welche geeignet sind, die Land= und See- 
grenzen gegen ungerechtfertigte Angriffe zu schützen, 
die Prüäsgabbe der Provinzen und Gebiete, 
die früher den Verbündeten durch Gewalt 
ohneden Willen ihrer Bevölkerung entrissen 
worden sind, die Befreiung der Italiener, 
Slawen, Rumänen,Tschechen und Slowaken 
von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Be- 
völkerungen, die der blutigen Tyrannei der Türken 
unterworfen sind, und die Entfernung des osma- 
nischen Reiches aus Europa, weil es zweifellos der 
westlichen Zivilisation fremd ist. Die Absichten Seiner 
Majestät des Kaisers von Rußland bezüglich Polens 
sind klar und durch die Proklamation kundgegeben, 
die er an seine Armeen gerichtet hat. 
Wenn die Verbündeten Europa der brutalen Be- 
ierde des preußischen Militarismus entreißen wollen, 
o war es selbstverständlich niemals ihre Absicht, wie 
man vorgegeben hat, die Vernichtung der deutschen 
Völker und ihr politisches Verschwinden anzustreben. 
Was sie vor allem wollen, ist die Sicherung des 
Friedens auf der Grundlage der Freiheit und Ge- 
rechtigkeit, der umverletzlichen Treue, die die Regie- 
Lunh der Vereinigten Staaten stets beseelt hat. Die 
Verbündeten, einig in der Verfolgung dieses hohen 
Zieles, sind jeder einzeln und gemeinsam entschlossen, 
mit ihrer ganzen Kraft zu handeln und alle Opfer
        <pb n="210" />
        172 
zu bringen, um den Streit zu einem siegreichen Ende 
zu führen, von welchem ihrer über eugung nach nicht 
nur ihr eigenes Heil und ihre Wohlfahrt, sondern 
die Zukunft der Zivilisation selbst abhängen. 
Die Botschaft Wilsons an den amerikanischen Se- 
nat über die Friedensfrage am 22. Jannar 1917. 
Meine Herren vom Senat! 
Am 18. Dezember des vorigen Jahres habe ich an 
die Regierungen der gegenwärtig kriegführenden 
Staaten eine gleichlautende Note gerichtet, in der sie 
ersucht wurden, die Bedingungen, unter denen sie 
den Friedensschluß für möglich hielten, genauer fest- 
ustellen, als dies bis dahin von irgendeiner krieg- 
sührenden Gruppe geschehen war. Ich sprach im Na- 
men der Menschheit und der Rechte aller neutralen 
Staaten, wie unser eigener einer ist, deren Lebens- 
interessen zum größten Teil durch den Krieg fort- 
während gefährdet sind. Die Mittelmächte erwiderten 
in einer Note, die einfach besagte, daß sie bereit seien, 
mit ihren Gegnern . einer Konferenz zusammenhu- 
treten, um die Friedensvorschläge zu erörtern. Die 
Mächte der Entente haben viel ausführlicher geant- 
wortet und, wenn auch nur in allgemeinen Umrissen, 
so doch mit genügenden Bestimmungen, um einzelne 
Fragen einzubeziehen, die Vereinbarungen, Bürg- 
afßen und Wiederherstellungen (acts of reparation) 
angegeben, die ihnen als die unumgängliche Bedin- 
gungeiner befriedigenden Lösungeerschienen. Wir sind 
dadurch der endgültigen Erörterung des Friedens, 
der den gegenwärtigen Krieg beenden soll, um soviel 
näher gekommen; wir befinden uns um soviel näher 
der Erörterung des internationalen Konzerts, das 
nachher die Welt zur Beobachtung ihrer Verpflichtun- 
en anhalten muß. In jeder Erörterung über den 
rieden, der diesen Krieg beenden muß, wird es als 
weisellos angenommen, daß diesem Krieg irgendein 
estimmtes Eimvernehmen der Mächte (concert of po- 
wers) folgen muß, welches es wirklich unmöglich 
machen wird, daß irgendeine Katastrophe wie die ge- 
genwärtige jemals wieder über uns hereinbricht. Je- 
der Menschenfreund, jeder vernünftig denkende Mann 
muß dies als ausgemacht ansehen. Ich habe diese 
Gelegenheit, mich an Sie zu wenden, gesucht, weil ich 
es Ihnen als dem mir zur endgllltigen Feststellung 
unserer internationalen Verpflichtungen beigegebenen 
Rat schuldig zu sein glaubte, Ihnen rückhaltlos die 
Gedanken und die Absichten zu enthüllen, welche in 
meinem Geist Gestalt angenommen haben bezüglich 
der Verpflichtung unserer Regierung in kommenden 
Tagen, wenn es notwendigeln wird, die Grund- 
mauern des Friedens unter den Völkern frisch und 
nach einem neuen Plan zu legen. Es ist undenkbar, 
daß das Volk der Vereinigten Staaten bei diesem 
großen Unternehmen keine Rolle spielen sollte. 
Die Teilnahme an solchem Dienst wird die Gelegen- 
heit sein, für die unser Volk sich schon durch die Prin- 
zipien und Zwecke seiner Politik und die bewährte 
(epproved) Praxis seiner Regierung seit jeher vorzu- 
bereiten gesucht hat seit dem Tage, da es eine neue Na- 
tion begründete in der hohen und ehrenwerten Hoff- 
nung, daß diese in allem ihrem Sein und Tun der 
Menschheit den Weg zur Freiheit zeigen möge. Unser 
Volk kann in Ehren nicht absehen von dem Dienst, 
zu dem es nunmehr im Begriff ist, aufgerufen zu 
werden. Es wünscht auch nicht, diesen Dienst zu ver- 
sagen. Aber es ist sich selbst und den anderen Nationen 
der Welt schuldig, die Bedingungen festzustellen, unter 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
denen es sich imstande fühlen wird, Hilfe zu bringen. 
Dieser Dienst besteht in nichts weniger als in folgen- 
dem: Sein Gewicht und seine Macht sind zu 
dem Gewichtundder Macht anderer Nationen 
hinzuzufügen, um Frieden und Recht auf 
der ganzen Welt zu sichern. Solch eine Rege- 
lung kann jetzt nicht mehr lange verschoben 
werden. Es ist an uns, daß, bevor es dazu kommt, 
unsere Regierung freimütig die Bedingungen formu- 
liert, unter denen sie sich für berechtigt hielt, von un- 
serem Volke die Zustimmung zum formellen und feier- 
lichen Beitritt zu einer Friedensliga zu verlangen. 
Es ist mein Zweck, die Feststellung der Bedingun- 
gen zu versuchen. Zuerst muß der gegenwärtige Krieg 
eendet werden. Aber wir sind es der Rücksicht und 
aufrichtigen Rücksichtnahme auf die öffentliche Mei- 
mung schuldig, zu sagen, daß es, insoweit unsere Teil- 
nahme an der Verbürgung des künftigen Friedens in 
Frage kommt, einen großen Unterschied macht, auf 
welchem Wege und unter welchen Bedingungen dieser 
Krieg beendet wird. Die Verträge und übereinkom- 
men, die ihn beenden, müssen Bedingungen verwirk- 
lichen, die einen Frieden schaffen, welcher wert ist, ver- 
bürgt und erhalten zu werden, einen Frieden, der den 
Beifall der Menschheit erlangen wird, nicht nur einen 
Frieden, der den einzelnen Interessen und augenblick- 
lichen Zwecken der beteiligten Staaten dienen wird. 
Wir sollen keine Stimme bei der Feststellung dessen 
haben, was diese Bedingungen sein sollen. Aber wir 
sollen — ich bin davon überzeugt — eine Stimme 
haben bei der Festsetzung, ob diese Bedingungen von 
Bürgen eines allumfassenden Bundes bleibend gemacht 
werden sollen oder nicht. Unser Urteil über dasjenige. 
was von diesen grundlegenden und wesentlichen Be- 
dingungen von Beständigkeit ist, sollte jetzt und nicht 
nachher ausgesprochen werden, wenn es zu spät sein 
ollte. Kein auf dem Zusammenwirken beruhender 
riedensbund, der nicht die Völker der Neuen Welt in 
sich schließt, kann ausreichen, um die Zukunft vor dem 
Kriege zu sichern, und doch gibt es nur eine Art Frie- 
den, desen Verbürgung die Völker von Amerika sich 
zugelellen könnten. 
ie Elemente dieses Friedens müssen Elemente 
sein, welche das Vertrauen der amerikanischen Regie- 
rung verdienen und ihren Prinzipien Genüge leisten, 
Elemente, welche zu dem politischen Ideal und den 
praktischen Überzeugungen stimmen, die die Völker 
von Amerika sich zu eigen gemacht und zu verteidigen 
unternommen haben. Ich will nicht sagen, daß irgend- 
eine amerikanische Regierung sich irgendwelchen Frie- 
densbedingungen entgegenstellen würde, wenn solche 
beschlossen sind, und gsc umstoßen sollte, von welcher 
Art sie auch immer sein mögen. Ich halte es lediglich 
für ausgemacht, daß bloße Friedensvereinbarungen 
zwischen den Kriegführenden nicht einmal die Krieg- 
führenden seltst befriedigen würden. Bloße Verein- 
barungen dürften nicht sichern. 
Es wird unbedingt nötig sein, daß eine Kraft ge- 
schaffen wird, die imstande ist, die Dauerhaftigkeit der 
Abmachungen zu verbürgen, eine Kraft, weit größer 
als diejenige irgendeiner der iept in Mitleidenschaft 
gesegenen Nationen oder irgendeines der bisher ge- 
ildeten oder geplanten Bündnisse, so daß keine Nation 
und keine wahrscheinliche Vereinigung von Nationen 
ihr die Stirn bieten oder ihr widerstehen könnte. Wenn 
der jetzt zu schließende Friede dauerhaft sein soll, so 
muß es ein Friede sein, der gesichert erscheint durch 
eine organisierte größere Kraft der Menschheit. Bon
        <pb n="211" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
den Bestimmungen des unmittelbaren Friedens, auf 
den man sich geeinigt haben wird, wird es abhängen, 
ob es ein Friede ist, für den eine solche Bürgschaft ge- 
sichert werden kamnn. Die Frage, von der für die Zu- 
kunft Friede und Glück der Welt ganz abhängen, ist, 
ob der gegenwärtige Krieg ein Kampf um einen ge- 
rechten und sicheren Frieden oder nur für ein neues 
Gleichgewicht der Kräfte (balance of power) ist. Wenn 
es nur ein Kampf für ein neues Gleichgewicht ist, wer 
will, wer kann die Beständigkeit der neuen Verein- 
barung verbürgen? Nur ein ruhiges Europa kann ein 
dauerhaftes Europa sein. Nicht ein Gleichgewicht. 
sondern eine Gemeinsamkeit der Mächte ist 
notwendig. Nicht organisierte Nebenbuhlerschaft, 
sondern organisierte Gewinnfreudigkeit. 
Glücklicherweise haben wir über diesen Punkt sehr 
ausführliche Versicherungen erhalten. Die Erklärun- 
gen derbeiden jetzt gegeneinander aufgebotenen Völler- 
gruppen stellen in nicht mißzuverstehender Weise fest, 
daß es nicht in ihrer Absicht liege, ihre Gegner zu ver- 
nichten. Aber es mag vielleicht nicht allen klar sein, 
was diese Erklärungen mit sich bringen. Die Auf- 
fassung hierliber mag vielleicht auch nicht dieselbe auf 
beiden Seiten des Wassers sein. Ich denke, daß es 
dienlich sein möchte, wenn ich auch auseinanderzuseseen 
versuche, was nach unserer Meinung in diesen Ver- 
sicherungen begriffen ist. Es ist darin vor allem be- 
griffen, daß es Friede werden muß ohne Sieg. Es 
möge mir gestattet sein, dies auf meine eigene Art 
darzulegen, und es möge wohl verstanden werden, 
daß ich keine andere Deutung im Sinn hatte. Ich 
suche lediglich die Wirklichkeit ins Auge zu fassen, ohne 
Heimlichkeiten, die nicht am Platze wären. 
Der Sieg würde einen Frieden bedeuten, der dem 
Unterliegenden aufgezwungen wird. Daß dem Be- 
siegten auferlegte Gesetz des Siegers würde als demü- 
tigende Härte und — Opfer angenommen 
werden. Es wurde einen Stachel, Rachsucht und bit- 
teres Gedenken hinterlassen, auf dem das Friedens- 
angebot nicht in dauerhafter Weise, sondern wie auf 
Flugsand ruhen würde. Nur ein Friede unter Gleichen 
kann Dauer haben, nur ein Friede, dessen Grund- 
prinzip die Gleichheit und gemeinsame Teilhaberschaft 
an dem gemeinsamen Nutzen ist. ist die richtige Geistes- 
verfassung. Die richtige Gesinnung unter den Natio- 
nen ist für den gemeinsamen Frieden ebenso notwen- 
dig wie die gerechte Lösung der streitigen Gebiets- 
fragen oder der Fragen über Rasse- und Stammes- 
treue (racial und national allegiance). 
Die Gleichheit der Nationen, auf die der Friede, 
wenn er dauerhaft sein soll, gegründe sein muß, muß 
die Gleichheit der Rechte sein. Die gegenseitigen Bürg- 
schaften dürfen einen Unterschied zwischen den großen 
und den lleinen, den mächtigen und den schwachen Völ- 
kern weder ausdrücklich anerkennen, noch stillschwei- 
gend in sich begreifen. Das Recht muß gegründet sein 
auf die gemeinsame Kraft, nicht auf die individuelle 
der Nationen, von deren Zusammenwirken der Friede 
abhängen wird. Eine Gleichheit der Gebiete oder der 
Hilfsmittel kann es natürlich nicht geben, ebensowenig 
irgendeine andere Artder Gleichheit, die nicht in der ge- 
wöhnlichen friedlichen und gesehmäßigen Entwicklung 
der Völker selbst erworben wurde. Aber niemand ver- 
langt oder erwartet irgend etwas, was über die Gleich- 
heit der Rechte hinausginge. Die Menschheit hält jetzt 
Ausschau nach Freiheit des Lebens, nicht nach dem 
Gleichgewicht der Macht. 
Und etwas Tieferes kommt in Betracht als selbst 
173 
die Gleichberechtigung unter den organisierten Völkern. 
Kein Friede kann dauern oder verdient zu dauern, der 
nicht den Grundsatz anerkennt und annimmt, daß die 
Regierungen alle ihre gerechte Macht von der Zu- 
stimmung der Regierten ableiten und daß es nirgend 
ein Recht gibt, die Völker von Machthaber zu Macht- 
aber abzutreten, als wenn sie ihr Eigentum wären. 
ch halte es z. B., wenn ich ein einzelnes Beispiel 
wagen soll, für ausgemacht, daß sich die Staatsmän= 
ner überall darin einig sind, daß es ein einiges, un- 
abhängiges und selbständiges Polen geben sollte, daß 
weiter die unverletzliche Sicherheit des Lebens, des 
Gottesdienstes und der individuellen und sozialen 
Entwicklung allen Völkern gewährleistet werden seule, 
die bis jetzt unter der Macht von Regierungen gelebt 
haben, die einem Glauben und einem Zwecke gewid- 
met sind, der ihrem eigenen feindlich ist. Wenn ich 
hiervon spreche, so geschieht dies nicht, weil ich wünsche, 
ein abstraktes politisches Prinzip zu bestimmen, das 
denen, die die Freiheit in Amerika aufzubauen ge- 
sucht haben, immer sehr teuer war, sondern aus den- 
selben Gründen, aus denen ich von anderen Friedens- 
bedingungen gesprochen habe, die mir in klarer Weise 
Unerläßlich scheinen, und weil ich aufrichtig wünsche, 
die Wirklichkeiten aufzudecken. 
Irgendein Friede, der diesen Grundsatz nicht aner- 
kennt und annimmt, wird unvermeidlich umgestoßen 
werden. Er wird nicht auf Neigungen oder überzeugun- 
gen der Menschheit fußen. Das Ferment des Geistes 
anzer Völker wird gegen ihn gewandt in beständigem 
nkämpfen. Die ganze Welt wird mit diesen sympathi- 
sieren. Die Welt kann nur dann friedlich sein, wenn 
ihr Leben auf dauerhafter Grundlage beruht, und 
eine dauerhafte Grundlage kann nicht vorhanden sein. 
wo der Wille sich auflehnt und wo keine Ruhe des 
Geistes und kein Gefühl der Gerechtigkeit, der Frei- 
Fet und des Rechts besteht. Soweit es möglich ist, 
ollte Überdies jedes große Volk, das jetzt nach der 
vollen Entwicklung seiner Hilfsmittel strebt, eines 
direkten Ausganges zu den groben Heeresstraßen der 
See versichert sein. Wo dies durch Gebietsabtretungen 
nicht bewerkstelligt werden kann, wird es sicherlich 
durch Neutralisierung der Zugangswege unter allge- 
meiner Garantie erreicht werden können, was dann 
an und für sich eine Friedenssicherung bedeuten würde. 
Keine Nation braucht von dem Zugang zu den offe- 
nen Wegen des Welthandels ferngehalten zu werden. 
Der Seeweg muß gleichfalls durch gesetzliche Bestim- 
mungen wie auch tatsächlich frei sein. Die Freiheit 
der Meere ist die conditio sine qua non für 
den Frieden, die Gleichheit und die Zusam- 
menarbeit. 
Viele derzeit in Geltung stehende Regeln inter- 
nationaler übung werden zweifelsohne eincr radikalen 
Umarbeitung unterworfen werden müssen, um die 
Freiheit der Meere tatsächlich zu gewährleisten und 
deren gemeinsame Benützbarkeit für die Menschen 
unter allen Umständen zu sichern. Aber der Beweg- 
grund zur Einführung derartiger Anderungen ist 
überzeugend und zwingend. Ohne diese Anderung 
kann es kein Vertrauen und keine guten Beziehungen 
unter den Völkern geben. Der ununterbrochene, freie, 
unbedrohte Verkehr von Volk zu Volk ist ein wesent- 
licher Teil des Friedens und des Entwicklungspro- 
gsies- Es braucht nicht schwer zu sein, die Freiheit 
er Meere zu definieren oder sicherzustellen, wenn die 
Regierungen der Welt den aufrichtigen Willen haben, 
diesbezüglich zu einer Verständigung zu gelangen.
        <pb n="212" />
        174 
Dies ist das Problem, welches mit der Begrenzung 
der maritimen Rüstungen und der Zusammenarbeit der 
Flotten der Welt, um die Meere sowohl frei als ge- 
sichert zu erhalten, eng verknüpft ist. Und die Frage 
der Begrenzung der maritimen Rüstungen wirft auch 
eine größere und vielleicht schwierigere Frage auf: wie 
die Landarmeen und jedes Programm militärischer 
Vorbereitung eine Beschränkung erfahren könnten. 
So schwierig und heikel diese Pragen auch sein mö- 
gen, sie müssen mit vollständiger Unvoreingenommen- 
heit betrachtet und im Geiste wirklichen Entgegenkom- 
mensgelöst werden, wenn anders der Friede eine Besse- 
rung bringen und von Dauer sein soll. Ohne Opfer 
und Konzessionen ist der Friede unmöglich. Der Geist 
der Ruhe und der Sicherheit wird niemals unter den 
Völkern heimisch werden, wenn große schwerwiegende 
Rüstungsmaßregeln da und dort auch in Zukunft 
Platz greifen und fortgesetzt werden sollten. Die 
Staatsmänner der Welt müssen für den Frieden 
arbeiten, und die Bölker müssen ihre Politik diesem 
Gesichtspunkte anpassen, so wie sie sich bisher auf den 
Krieg, den erbarmungslosen Kampf und auf den Wett- 
streit vorbereitet haben. Die Frage der Rüstungen, 
einerlei ob zu Wasser oder zu Lande, ist jene Frage, 
die am einschneidendsten und unmittelbarsten mit dem 
künftigen Geschicke der Völker und des Menschen- 
geschlechts verknüpft ist. 
Ich habe über diese großen Dinge rückhaltlos und 
mit der größten Deutlichkeit gesprochen, weil mir ein 
solches Vorgehen notwendig erschien, wenn anders der 
sehnliche Wunsch der Welt nach Frieden irgendwo 
frei zum Worte und zum Ausdruck gelangen sollte. 
Ich bin vielleicht der einzige Mensch in hoher verant- 
wortungsvoller Stellung unter allen Völkern der Welt, 
der sich frei aussprechen kann und nichts zu verschwei- 
gen braucht. Ich spreche als Privatmann und doch 
natürlich zugleich auch als das verantwortliche Haupt 
einer großen Regiern. Ich bin überzeugt, daß ich s 
o 
gesagt habe, was das Volk der Vereinigten Staaten 
von mir erwartet. Ich darf noch hinzufügen, daß ich, 
wie ich hoffe und glaube, tatsächlich für die Freisinni- 
gen und Freunde der Menschheit und jedes freiheit- 
lichen Programmes in jedem Volle spreche. Gern würde 
ich mich dem Glauben hingeben, daß ich auch im Sinne 
der stummen Masse der Menschheit allerorten ge- 
sprochen habe, die noch keine Stelle und keine Gelegen- 
heit hatte, ihre wirklichen Gefühle über das Hinsterben 
und den Ruin zum Ausdruck zu bringen, von denen 
sie die Menschen und Stätten heimgesucht sieht, die 
ihren Herzen am teuersten sind. Wenn ich der Erwar- 
tung Ausdruck gebe, daß sich Volk und Regierung der 
Vereinigten Staaten den übrigen zivilisierten Völkern 
der Erde zur Sicherung des dauernden Friedens auf 
Grund der von mir dargelegten Bedingungen anschlie- 
ßen werden, so spreche ich mit um so größerer Kühn- 
heit und mit um so größerer Zuvorsich' als es für 
jeden Denkenden klar ist, daß in einer solchen Zusage 
kein Abweichen, weder von unseren nationalen über- 
lieferungen, noch unserer nationalen Politik, sondern 
vielmehr die Erfüllung alles dessen liegt, was wir 
verkündet oder wofür wir gekämpft haben. 
Ich schlage mithin vor: mögen sich die Völker ein- 
müttig die Lehre des Präsidenten Monroe als Doktrin 
der Welt zu eigen machen, daß kein Volk danach streben 
sollte, seine Regierungsform auf irgendein anderes 
Volk zu erstrecken, und daß es vielmehr jedem Volke 
— dem kleinsten sowohl wie dem großen und mäch- 
tigen — freistehen sollte, seine Regierungsform und 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
seinen Entwicklungsgang unbehindert, unbedroht und 
unerschrocken selbst zu bestimmen. Ich schlage vor, es 
mögen in Zukunft alle Völker es unterlassen, sich in 
Bündnisse zu verwickeln, die sie in einen Wettbewerb 
um die Macht hineintreiben und in ein Netz von In- 
trigen eigennütziger Nebenbuhlerschaft verstricken und 
ihre eigenen Angelegenheiten durch Einflüsse verwir- 
ren, die von außen bineingetragen werden. In dem 
Konzert der Mächte gibt es keine verwickelten Allian- 
zen. Wenn sich alle vereinigen, um in demselben Geist 
und zu demselben Zweck zu handeln. wirken alle im 
gemeinsamen Interesse und genießen Freiheit und 
eigenes Leben unter gemeinsamem Schutz. Ich schlage 
den Regierungen unter Zustimmung der Regierten 
jene Freiheit der Meere vor, die in den internationa- 
len Konferenzen auch andere Vertreter des Volkes 
der Vereinigten Staaten mit Beredsamkeit als über- 
zeugte Anhänger der Freiheit verfochten haben, und 
eine Beschränkung der Rüstungen, die aus den Heeren“ 
und Flotten lediglich Werkzeuge der Ordnung, nicht 
aber Werkzeuge für den Angriff oder eigensüchtige 
Greueltätigkeit macht. 
Dies sind amerikanische Grundsätze und amerika- 
nische Richtlinien. Für andere können wir nicht ein- 
treten. Es sind die Grundsätze und Richtlinien vor- 
ausschauender Männer und Frauen allerorten, in 
jedem neuzeitlichen Volk und jedem aufzeklärten Ge- 
meinwesen. Es sind die Grundsätze der Menschheit, sie 
müssen zur Geltung gelangen. · 
Erwiderung der feindlichen Staaten auf das 
deutsche Friedensangebot. 
(Aus Parlamentsreden.) 
Ministerpräsident Briand äußerte sich am 19. Dezember 1916 
lin französischen Senat folgendermaßen: 
Niemand läßt sich durch das deutsche Manövec täu- 
chen. Morgen wird die vereinbarte Antwort den 
Mittelmächten zur Kenntnis bringen, daß es unmög- 
lich ist, ihr Friedensansuchen anzunehmen. Das Frie- 
densangebot ist der letzte Bluff, den Deutschland ver- 
suchen will. Es will die Schuld abwälzen, indem es 
den Glauben zu erwecken trachtet, daß der Krieg ihm 
aufgezwungen worden sei. Aber der Krieg war seit 
40 Jahren bei den Deutschen beschlossen, die den Sieg 
sicher zu haben glaubten. Die Stunde ist fortdauernd 
ernst. Unser Land ist aber über andere schwierige 
Stunden hinweggekommen. Denken Sie an die Ar- 
mee von Verdun! Es ist eine Freude, festzustellen. 
daß nach zehnmonatigen Anstrengungen die Franzo- 
sen den Sieg auf ihre Fahnen schreiben konnten. 
Dieser Krieg ist nicht mit anderen zu vergleichen, 
er hat hanze ationen zum Kampfe gegeneinander 
gebracht. ir sind nicht durchgedrungen. Aber ist 
eutschland in Frankreich durchgedrungen? Die 
deutschen Heere hatten dort Augendlickserfolge. Wir 
wissen, daß diese Heere eine furchtbare Macht bilden. 
Der Sieg kann aber nur in logischer Folge kommen. 
Deutschland hat niemals einen entscheidenden Erfolg 
errungen, da es ihn nicht am Anfang des Krieges 
hatte. Es darf ihn nicht haben. Es konnte auf diesen 
Sieg im Anfang infolge seiner 45jährigen Vorberei- 
tung hoffen. Aber seit seinem Mißerfolg an der 
Marne und an der Yser ist es der endgültigen Nie- 
derlage verfallen, seitdem die Anstrengungen der 
Alliierlen sich verstärkten und sich einordneten in die 
gemeinsam verabredeten Unternehmungen der vier 
alliierten Großmächte. Es gab dabei unvermeidliche
        <pb n="213" />
        Die Staatsoberhäupter der Entente. 
Präsident Raymond Polncaré. Könlg Georg V. 
König Viktor Emanuel III. Zar Nikolaus II. 
Bibllographlsches Institut in Leipzig.
        <pb n="214" />
        Englische Staatsmänner, Heerführer und Admirale. 
——- i—i—t. 
John French. 
—¼p- 
David Beauy. John Rushworth Jelllcoe.
        <pb n="215" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
Schwierigkeiten. Die Regierung bemüht sich, sie zu 
vermeiden. Kann man an dem Ausgang zweifeln? 
Die Deutschen hatten ihren Sieg durch die Offensive 
von Verdun angekündigt. Die französisch-englische 
Offensive an der Somme brachte ihnen eine grausame 
Enttäuschung. Sie zeigte unseren Soldaten, daß die 
Stunde der Befreiung unseres Landes sich genähert 
habe. Italien seinerseits war Gegenstand eines furcht- 
baren Angriffs. Die Russen brachen aber auf und 
entlasteten Italien. Das sind einige Beispiele für die 
Zusammenarbeit der Alliierten. Ich für meinen Teil 
habe mich bemüht, dieses Einvernehmen enger und 
fruchtbringender zu gestalten. 
Im ersten Augenblick und auf die einfache Mittei- 
lung der Blätter hin gab ich in der Kammer bekannt, 
was ich über den Vorschlag. den ich als plumpes Ma- 
növer ansehe, denke. Meine Außerung entspricht den 
Gefühlen aller Verbündeten. Seither sind in Italien 
und Rußland kräftige Worte gesprochen worden, um 
zu zeigen, daß wir uns nicht foppen lassen. Morgen 
wird die vereinbarte Antwort erteilt werden. Sie 
wird in klarer Weise bekanntgeben, daß der Vorschlag 
der Mittelmächte unmöglich ernst genommen werden 
kann. Ich gestatte mir, nachdrücklich auf den wirk- 
lichen Charakter der Rede Bethmann Hollwegs 
hinzuweisen. · 
enn Deutschland in einem Augenblick, wo es 
sämtliche letzten Reserven seiner Bevölkerung aufbie- 
tet, die Bevölkerung von Belgien und Polen zwangs- 
weise verschickt, wenn Deutschland in einem Augenblick, 
wo es im Osten Erfolge hat, die Gewißheit des Sie- 
ges hätte, würde es dann einen solchen Vorschlag ge- 
macht haben? Es ist eine Falle, ein Manöver! 
Deutschland macht jetzt schwierige Stunden durch. In 
seiner öffentlichen Meinung zeigt sich Schwanken und 
Wankelmut. 
Da erhebt sich Deutschland vor der Welt und sagt: 
nicht ich habe diesen Krieg gewollt, er ist mir auf- 
genötigt worden. Die Antwort auf diese Behauptung 
ist leicht zu erteilen. Es ist nicht mehr notwendig, zu 
eigen, daß die alliierten Länder sich bis zum letzten 
ugenblick bemühten, den Frieden aufrechtzuerhal- 
ten. Aber der Krieg war von den Mittelmächten be- 
schlossen worden. Sie stürzten sich in ihn, von der 
Gewßheit getrieben, daß sie siegen werden. Der Reichs- 
kanzler wagte sogar zu sagen, daß er sich um einen 
Fetzen Papier nicht zu kümmern brauche. Solche 
Worte werden nicht verschwinden können. Deutsch- 
land ist es, das die Verantwortung für diesen Krieg 
tragen wird. Wenn es sagt: wir Eand siegreich, wir 
bieten den Frieden an, so sagt es nicht die Wahr- 
heit. Vor allem ist es nicht siegreich. Es fühlt auch 
nicht den Sieg kommen, sonst würde es ihn der Welt 
aufnötigen. 
Dieser Schrei nach Frieden ist ein Schrei der 
Schwäche und auch eine schlaue Handlung. Man sucht 
vergeblich irgend etwas Bestimmtes in den Umstän- 
den, unter denen dieser Vorschlag gemacht worden 
ist. Auch er ist noch eine Kriegshandlung. Die Neu- 
tralen haben sich darin nicht getäuscht. Die Verbün. 
deten sind fest entschlossen, diesem Manöver die ein- 
zige Antwort zu erteilen, die es verdient. Unser Land 
wurde durch dieses Manöver nicht in Verwirrung 
gebracht. Frankreich hat dieses Mandver als Heraus- 
forderung angesehen. Die beste Antwort, die darauf 
zu erteilen war, ist der gestrige Sieg von Verdun. 
Die amtliche Antwort der Alliierten wird unseres 
Landes würdig sein. 
175 
Am gleichen Tage führte der englische Premierminister Lloyd 
George im Unterhause folgendes aus: 
Ich erscheine vor diesem Hause mit der furchtbar- 
sten Verantwortung auf meinen Schultern, die einem 
Menschen zugewiesen werden kann, nämlich als der 
erste Ratgeber der Krone in diesem riesenhaftesten 
Kampfe, in den jemals ein Land verwickelt war, ein 
Krieg, von dessen Ergebnis sein Schicksal abhängt. 
Es ist der größte Krieg, der jemals geführt worden ist, 
der schwerste, den jemals irgendein Land hat durch- 
machen müssen, und die Dinge, die dabei auf dem 
Spielestehen, sind die höchsten, die jemals einen Kampf, 
in den die Menschheit gestürzt wurde, charakterisierten. 
Die Verantwortung der neuen Negierung wurde 
Hlbelifh verschärft durch die Erklärung des deutschen 
eichskanzlers, dessen Rede im Reichstag eine Note 
folgte, die uns durch die Vereinigten Staaten ohne 
Kommentar übermittelt wurde. Die Regierung wird 
die Antwort in voller übereinstimmung mit unseren 
tapferen Verbündeten geben. Natürlich sind bereits 
Gedanken ausgetauscht worden, nicht über die Note, 
da diese eben erst eingetroffen ist, sondern über die 
Rede des deutschen Reichskanzlers, und da die Note 
tatsächlich eine Reproduktion dieser Rede ist, so eigent- 
lich auch über die Note. Ich erkläre mit Genugtuung, 
daß wir gesondert und unabhängig voneinander zu 
denselben Schlüssen gekommen sind, und auch, daß 
Frankreich und Rußland zuerst geantwortet haben, 
weil sie zweifellos das Recht haben, die erste Antwort 
u geben auf eine derartige Einladung. Der Feind 
stepf noch auf ihrem Gebiet, und ihre Opfer sind grö- 
ßer gewesen als die unfrigen. Diese Antwortist bereits 
veröffentlicht, und im Namen der Regierung erkläreich, 
diese Antwort durchaus und kräftig zu unterstützen. 
Jeder oder jede Gruppe von Menften die leichtfer- 
tig und ohne genügenden Grund einschreckliches Blut- 
bad wie dieses fortsetzen wollte, würde ihr Gewissen 
mit einem Verbrechen beflecken, das von einem Meere 
nicht abgewaschen werden könnte. Aber andererseits 
ist es ebenso wahr, daß ein jeder oder jede Gruppe 
von Menschen, die aus einem Gefühl der Erschöpfung 
oder der Verzweiflung heraus den Kampf aufgäbe, 
ohne das höchste Ziel verwirklicht zu haben, wofür 
wir in diesen Kampf gegangen sind, sich der schwersten 
Feigheit schuldig machen würde, dieirgendein Staats- 
manngezeigt hätte. Ich könnte dabei geflügelte Worte 
zitieren, die Abraham Lincoln unter ähnlichen Um- 
ständen ausgesprochen hat: -Wir haben diesen Krieg 
für ein bestimmtes Ziel, und zwar für ein universelles 
Ziel unternommen, und dieser Krieg wird endigen, 
wenn dieses Ziel mit Gottes Hilfe erreicht ist.« Ich 
hoffe, daß der Krieg, bevor dieser Augenblick eintritt, 
nicht endigen wird. Sind wir imstande, dieses Ziel 
zu erreichen, wenn wir die Einladung des deutschen 
eichskanzlers annehmen? 
Was sind die Vorschläge? Es bestehen keine 
Vorschläge! Wenn wir mit Deutschland, das sich selbst 
als Sieger ausruft, in Unterhandlungen eintreten. 
ohne irgend etwas über diese Vorschläge zu wissen, die 
es die Absicht hat, u machen, so würden wir unsere 
Köpfe in eine Schlinge stecken, deren Strick Deutsch- 
land in der Hand hält. England ist nicht ganz ohne 
Erfahrungen in derlei Dingen. Nicht zum ersten- 
mal bekämpfen wir einen großen Militärdespotismus, 
der Europa bedroht, und nicht zum erstenmal werden 
wir einen Militärdespotismus zerknicken. Es war stets 
eine beliebte Gewohnheit unter den größten der Des- 
poten, sich als Hüter des Friedensengels auszugeben,
        <pb n="216" />
        176 
wenn sie glaubten, dadurch ihren abscheulichen Plänen 
nützen zu können. Auf diese Weise pflegten die Des- 
poten zu erscheinen, wenn sie es nötig fanden, ihre 
Erobeungen auszugleichen oder die Truppen für 
neue Eroberungen zu organisieren oder an zweiter 
Stelle, wenn die Untertanen Zeichen von Erschöpfun 
in diesen Kriegen zu erkennen gaben. Und der Auf- 
ruf zum Frieden geschah dann steis im Namen der 
Menschheit. Man forderte, daß dem Blutbad ein Ende 
gemacht werde, bevor es dem Despoten nach seinen 
eigenen Aussagen graute, wofür er E an erster 
Stelle verantwortlich zu machen ist. So griff er auch 
unsere Vorväter an, und sie sowie ganz Europa be- 
dauerten es bitter, als die Zeit für eine Wiederbele- 
bungseiner Streitmacht zu dem vernichtendsten Schlage 
benutzt wurde, der jemals der Freiheit Europas bei- 
gebracht wurde. Derartige Beispiele bringen uns dazu, 
diese Note mit einer sich auf Erinnerungen stützenden 
Unruhe zu betrachten. 
Wir meinen, daß wir, 4 wir eine solche Einladung 
hünstig in Erwägung ziehen können, wissen mücssen, 
aß Deutschland bereit ist, den einzigen Bedingun- 
en zuzustimmen, unter denen Friede in Europa er- 
angt und erhalten werden kann. Diese Bedingungen 
sind wiederholt von allen führenden Staatsmännern 
der Verbündeten mitgeteilt worden. Auch —N. 
hat sie wiederholt bekanntgegeben. Es ist wichtig, da 
in dieser Sache, die Leben und Tod für Millionen be- 
deutet, kein Irrtum entsteht. Ich will diese Bedingun- 
g noch einmal wiederholen. Sie sind vollständige 
iederherstellung (restitution), ferner Genugtuung 
(reparation) und wirksame Garantien. Hatder deutsche 
Kanzler eine einzige Redewendung gebraucht, die dar- 
auf hindeutet, daß er bereit ist, solchen Frieden 
anzunehmen? Der wahre Inhalt und der Stil 
der Rede bilden die Ablehnung eines Frie- 
dens auf Grund der einzigen Bedingungen, 
auf welchen der Friede möglich ist. 
Der Neichskonzler ist nicht eimmal überzeugt, daß 
Deutschland die Rechte der freien Völker verletzt hat. 
In der Note sagt er: -Keinen Augenblick haben sich 
die Zentralmächte von der überzeugung entfernt, daß 
ihre Achtung vor den Rechten der anderen Nationen 
sich in keiner Weise in Widerspruch zu setzen braucht 
zu ihren eigenen Rechten und eigenen rechtmäßigen 
Interessen.“ Jetzt, wo Deutschland am äußersten an- 
gelangt ist. wird dies entdeckt. Aber wo blieb diese 
lchtung vor den Rechten anderer Nationen en- 
über Belgien und Serbien? War das eine Selbst- 
verteidigung gegenüber der Betrohung von Belgien 
durch die lberwältigende Macht der Heere? Ich nehme 
an, daß die Deutschen »aus Furcht- einen Einfall in ß 
Belgien machten, Städte und Dörfer in Belgien ver- 
brannten und Tausende von Einwohnern, alt oder 
jung, dabei ums Leben brachten. Und gerade in dem 
Augenblick, in dem diese Note aufgesetzt wurde, wa- 
ren sie im Begriff, die Belgier in die Sklaverei zu füh- 
ren. Und dabei werden in der Note die Worte von 
der unerschütterlichen überzeugung von den Rechten 
der anderen Nationen gebraucht! 
Stellen derartige Verbrechen die berechtigten Inter- 
essen Deutschlands dar? Wir müssen wissen, daß es 
nicht der richtige Augenblick für den Friedesn 
ist, wenn Entschuldigungen dieser Art gegenüber den 
handgreiflichen Verbrechen angeführt werden, zwei- 
einhalb Jahre, nachdem unerschütterliche Tatsachen 
Bereint haben, was eine Garantie bedeutet. Ich wün- 
che in aller Feierlichkeit eine Garantie, daß derartige 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Ausflüchte in Zukunft nicht mehr benutzt werden kön- 
nen, um jeden Friedensvertrag umzustoßen, den man 
mit dem preußischen Militarismus abschließen will. 
Diese Note und die Rede beweisen, daß die Deutschen 
noch nicht das Alphabet von den Rechten der anderen 
gelernt haben. Ohne Wiederherstellungen ist 
der Friede unmöglich. Sollen diese Verletzungen 
der Menschlichkeit zu Lande und zu Wasser ausgegli- 
chen werden durch einige fromme Phrasen Über Mensch- 
lichkeit? Das kann man nicht zulassen. Müssen wir 
freundschaftlich die Hand derer annehmen, die diese 
Grausamkeiten begingen, ohne daß irgendwelche Wie- 
derherstellung bewerkstelligt wird und ohne daß 
Deutschland uns zubilligt, Schadenersatz zu verlangen 
für alle zukünftige Gewalt, die nach dem Kriege be- 
trieben wird? Es hat uns viel gekostet, und wir müs- 
sen nun derartige Forderungen stellen, um nicht eine 
rchtbare Erbschaft unseren Kindern zu hinterlassen. 
ie sehr wir auch nach dem Frieden verlangen und 
wie tief auch unser Abscheu vor dem Kriege ist, diese 
Note und diese Rede geben uns nicht viel Mut und 
Hoffnung auf einen ehrenvollen und dauerhaften Frie- 
den. che Hoffnung können wir nach dieser Rede 
hegen, daß die einzige Ursache der großen Bitterkeit, 
nämlich der anmascn Geist der preußischen milita- 
ristischen Kaste, nicht ebenso vorherrscht wie zuvor, 
nachdem wir den Frieden zusammengeflickt 
baben würden. Die Rede, in der diese Friedensvor- 
chläge angegeben werden, pocht auf den militärischen 
reußischen Triu n. Wir müssen durchhalten und 
as e auf u ele gerichtet halten, fütr die wir 
in den Krieg gegangen sind, sonst werden die großen 
Opfer, die wir gebracht haben, vergebens sein. 
Die Zentralmächte behaupten, zur Verteidigung 
ihrer Existenz und der Freiheit ihrer nationalen 
wicklung gezwungen worden zu sein, die Waffen zu 
ergreifen. Diese Phrasen diskreditieren diejenigen, 
die sie niederschreiben. Ihr Zweck ist, die deutsche Na- 
tion zu betrügen, um sie für die Pläne der preußischen 
militärischen Kaste gefügig zu machen. Wer hat je- 
mals gewünscht, der nationalen Existenz Deutschlands 
oder seiner freien nationalen Entwicklung ein Ende 
u machen? Wir haben die Entwicklung Deutschlands 
eudig begrüßt, solange sie auf den Wegen des Frie- 
dens blieb. Die Alliierten begannen diesen Krieg, um 
Europa gegen die Angriffe der preußischen Militär- 
herrschaft zu verteidigen, und heute, wo wir ihn be- 
onnen haben, müssen wir darauf bestehen. daß das 
nde einzig das sein kann, daß wir mit absoluter Ga- 
rantie gesichert sind gegen die Möglichkeit, daß diese 
Kaste je wieder den Frieden Europas stört. Als Preu- 
en in die Hände dieser Kaste geriet, war seine böse 
Stunde angebrochen. Voll Anmaßung drohte und 
donnerte es. Es veränderte die Grenzen nach seinem 
Willen, und ein schönes Stück Land nach dem anderen 
nahm es seinen schwächeren Nachbarn, während es 
demonstrativ den Gürtel mit Angriffswasfsen füllte 
und stets auf den passenden Augenblick wartete, diese 
Waffen zu benutzen. Stets war es der unangenehme, 
störende Nachbar Europas. Es ist schwer für diejeni- 
en, die in einem Abstand von Tausenden von Mei- 
en wohnen, zu begreifen, was dies für diejenigen be- 
deutet, die in der Nähe wohnen. Selbst hier in Eng- 
land unter dem Schutz der ausgedehnten See, die zwi- 
schen uns und ihnen liegt, wissen wir, welch ein lästiges 
Element die Preußen waren mit ihren fortdauernden 
Flottendrohungen. 
Aber selbst wir sind uns kaum bewußt, was es für
        <pb n="217" />
        Das Friedensangebot des Vierbundes vom 12. Dezember 1916 
Frankreich und Rußland bedeutet hat, jetzt, wo 
die preußischen militärischen Leiter Frankreich, Ruß- 
land, Italien und uns selbst zu diesem Krieg gezwun- 
gen haben. Es wäre eine grausame Torheit, wenn 
man nicht den Standpunkt einnehmen wollte, daß die- 
ses Bluffen zur Beunruhigung aller friedlichen Bür- 
ger in den Staaten Europas führt und als Ungrif 
gegen das Völkerrecht behandelt werden muß. Das 
ort allein, das Belgien zum Verderben führte, wird 
Europa nicht länger genügen. Wir alle haben an 
dieses Wort geglaubt, wir alle vertrauten diesem Worte, 
und doch wurde es hinfällig bei dem ersten Anlaß, 
und Europa wurde in einen Hirbe von Blut gestürzt. 
Wir werden deshalb warten, bis wir hören, 
welche Bedingungenund Garantien die deut- 
sche ANeierung anbietet, und zwar bessere und 
sicherere Bedingungen als die, welche sie so leichtfer- 
tig gebrochen hat, und inzwischen werden wir unser 
Vertrauen in die ungebrochene Macht unseres Heeres 
setzen, und zwar lieder als in ein gebrochenes Zu- 
trauen. Im Augenblick glaube ich nicht, daß es für 
mich ratsam wäre, dem noch etwas binzuzufügen. 
Die Alliierten werden auf diese besondere Einladung 
dieser Tage eine formelle Antwort geben. 
Am 13. Dezember 1918 gab der ttallenische Minister des 
Außern Sonnino auf eine Anfrage des Abgeordneten Baslini 
vor der Deputiertenkammer nachstehende Erklärung über die 
Aufsassung der Regterung von dem Friedensangebot der Mittel- 
mächte und dessen Bedeutung für die Eröffnung von Friedens- 
verhandlungen ab: 
Es ist wahr, daß der schweizerische Gesandte mir 
eine Note der deutschen Regierung und der drei mit 
ihr verbündeten Mächte übergeben hat, die besagt, 
daß Friedensverhandlungen begonnen werden sollten. 
Der schweizerische Gesandte fügte bei, daß er diese Ver- 
mittlung in seiner Eigenschaft als Vertreter der deut- 
schen Interessen übernommen und keineswegs die Ab- 
sicht habe. irgendwelche Vermittlung zu unternehmen, 
sondern nur zu lbermitteln. Ich antwortete, indem 
ich Akt davon nahm, und dankte. Um auf das in der 
Anfrage Baslini gestellte Verlangen zu antworten, 
erkläre ich schon jetzt, daß in der Note keine einzige 
genaue Bezeichnung der Friedensbedingungen enthal- 
ten ist, auf Grund deren mian versuchen wolle, in Frie- 
densunterhandlungen einzutreten. Im übrigen wurde 
der Text der Note durch die Agenzia Stefani= in 
übersetzung wiedergegeben. 
Hierauf verlas der Minister die auf die Friedensbedingungen 
bezugnehmenden Worte der deutschen Note und fuhr dann sort: 
Das ist alles. Im übrigen handelt es sich um 
Kriegsbetrachtungen. Ich ankwortete dem schweizeri- 
schen Gesandten, daß ich natürlich mich zuerst mit mei- 
nen Kollegen und mit den verbündeten Regierungen 
verständigen mülsse hinsichtlich der Antwort auf diese 
Note, die ebenfalls zwischen den vier feindlichen Mäch- 
ten vereinbart worden ist. Ich möchte den Abgeord- 
neten, der mich interpelliert hat, sowie die anderen 
Abgeordneten, die dies ebenfalls vorhaben sollten, 
darum ersuchen, diese Debatte nicht in die Länge zu 
ziehen, und zwar aus folgenden Gründen nicht. In 
einer so heillen Angelegenheit ist es sehr wichtig. daß 
die Verbündeten in vollem Einvernehmen vorgehen, 
nicht allein in bezug auf Kern und Wesen dessen, was 
mitzuteilen sein wird, sondern auch hinsichtlich der 
Schattierungen der Form. Das wäre nun unmög- 
lich, wenn jeder seine besonderen Eindrücke von vorn- 
herein bekanntgeben wollte. 
Der Krieg 1914/17. U. 
177 
Am 18. Dezember führte Sonnino aus: 
Es sind keine bestimmten Vorschläge vorhanden, 
außer dem allgemeinen Vorschlage, die Friedensver- 
handlungen zu eröffnen. Wenn darüber hinaus Vor- 
schläge gemacht worden wären, dann würden wir er- 
wägen, was dementsprechend zu tun wäre. Es wäre 
nicht praktisch und auch nicht ernsthaft, heute darüber 
Crörterungen zu pflegen. übrigens wird kein Ver- 
bündeter eine Bedingung in Erwagung ziehen können, 
die ihm in einer für ihn allein bestimmten Form an- 
geboten worden wäre. Im öffentlichen Interesse und 
auf Grund der den verbündeten Regierungen schul. 
digen Rücksichten kann ich ihnen nichts mitteilen, was 
sich auf den Inhalt der Note bezieht, die wir auf die- 
sen Schritt der vier feindlichen Mächte erteilen werden. 
Die Antwort wird veröffentlicht, sobald darüber ein 
Einvernehmen getroffen worden ist. 
Wir alle wünschen sehnsüchtig den Frieden, und 
zwar einen dauerhaften Frieden, aber wir sehen als 
einen dauerhaften Frieden eine festgelegte Regelung 
an, deren Dauer nicht von der Festigzeit der Ketten 
abhängt, die geschmiedet sein könnten, um sie einem 
oder dem anderen Volke anzulegen, sondern von einem 
gerechten Gleichgewicht zwischen den Staaten, von der 
Achtung des Grundsatzes der Nationalitäten, vom 
Völkerrecht und den Grundsätzen der Menschlichkeit und 
der Zivilisation. Wir streben in keiner Weise nach ir- 
gendeiner internationalen Regelung der Unteriochung 
oder Vorherrsch aft oder einer Regelung, die eine Ver- 
nichtung von Völkern oder Nationen bedingt. An- 
gesichts eines ernsthaften Vorschlages für bestimmte 
Grundlagen von Verhandlungen, die den oben dar- 
gelegten Forderungen der Gerechtigkeit und Zivilisa- 
tion Genüge tun könnten, würde sich niemand von 
vornherein weigern, darüber zu verhandeln. Aber 
bis jetzt zeigt auch nichts im entferntesten, daß diese 
Bedingungen im gegenwärtigen Falle sich verwirk- 
lichen; es sind sogar sehr viele Dinge vorhanden, die 
auf ein Gegenteil hinweisen. 
Der russische Mintster des Außern Pokrowstt führte am 
16. Dezemder 1916 in der Duma über die Siellungnahme der 
russischen Regierung zu dem Friedensangebot folgendes aus: 
Die Friedensworte, welche von einer Partei kom- 
men, auf die die ganze Last der Verantwortung für 
den von ihr entfachten Weltbrand zurückfällt, der 
seinesgleichen in den Annalen der Geschichte sucht, 
waren kuod ihrer Ungewöhnlichkeit keine lberraschung 
für die Allierten. Während der zweieinhalbjährigen 
Kriegsdauer hat Deutschland mehr als einmal von 
Frieden gesprochen. Es sprach davon zu seinen Heeren 
und seiner Bevölkerung, jedesmal, wenn es an ein 
militärisches Unternehmen ging, das eine Entschei- 
dung darstellen sollte. Nach jedem auf eine in die 
Augen fallende Wirkung berechneten militärischen Er- 
folg suchte es einen Sonderfrieden an zubahnen, bald 
nach der einen, bald nach der anderen Seite. Es ar- 
beitete in diesem Sinne lebhaft in der Presse der neu- 
tralen Länder. Alle diese deutschen Versuche stießen 
sich an dem Widerstand und der entschlossenen Ruhe 
der alliierten Mächte. Nachdem es jetzt eines Besseren 
über die Möglichkeit belehrt ist, eine Bresche in unsere 
unerschütterliche Allianz zu schlagen, hat Deutschland 
den offiziellen Vorschlag gemacht, Friedensverhand- 
lungen einguleiten. 
m diesen Vorschlag zu würdigen, muß man so- 
wohl seinen Inhalt wie die Umstände berücksichtigen, 
unter denen er gemacht wird. Im wesentlichen enthält 
12
        <pb n="218" />
        178 
der deutsche Vorschlag keine tatsächlichen Angaben 
über das Wesen des Friedens, von dem die Rede ist. 
Er wiederholt die veraltete Legende von dem den 
Mittelmächten aufgedrungenen Krieg. Er verzeich- 
net die Sieghaftigkeit der österreichisch-deutschen Heere 
und die Unwiderstehlichkeit ihrer Verteidigung. Dann 
schlagen die Mittelmächte die Einleitung von Frie- 
densverhandlungen vor und drücken dabei die Über- 
zeugung aus, daß die von ihnen zu machenden An- 
erbieten Dasein. Ehre und freie Entwicklung = ihrer- 
Völker gewährleisten und die Grundlage eines dauer- 
haften Friedens bilden werden. (Der französische Text 
der aus Kopenhagen übermittelten Depesche ist an dieser 
Stelle verstümmelt.) Das ist der ganze Inhalt der 
Mitteilung, ausgenommen die Botschaft, daß der 
Krieg im Palee einer Ablehnung bis zum siegreichen 
Ende weitergeführt und auf uns und unsere Alliierten 
die Verantwortung für weiteres Blutvergießen ab- 
gewälzt werden solle. 
Unter welchen Umständen wird der deutsche Vor- 
schlag gemacht? Die feindlichen Heere haben Belgien, 
Serbien, Montenegro, einen Teil Frankreichs, Au. 
lands und Rumäniens verwüstet und besetzt. Die 
Deutschen und ÖOsterreicher haben soeben die scheinbare 
Unabhängigkeit eines Teiles von Polen verkündet und 
versuchen damit, die Hand auf die ganze polnische Na- 
tion zu legen. Wer kann also aus solchen Verhältnis- 
sen bei Beginn der Vorbesprechungen des Friedens 
Vorteil ziehen, als Deutschland? Aber die Gründe 
des deusschen Schrittes werden noch klarer, wenn man 
den inneren Zustand bei unseren Feinden in Betracht 
zieht. Abgesehen von dem ungesetzlichen Versuch der 
Deutschen, die Bevöllerung Russisch-Polens zu zwin- 
gen, die Waffen gegen ihr eigenes Vaterland zu er- 
greifen. genügt es, den allgemeinen Arbeitszwang, 
er in Deutschland eingeführt ist, zu erwähnen, um 
zu verstehen, wie hart die Lage der Feinde ist. Zu 
versuchen, im letzten Augenblick aus ihren augenblick- 
lichen Gebietseroberungen Vorteil zu ziehen, ehe sich 
ihre innere Schwäche offenbart — das ist der wahre 
Sinn des deutschen Schrittes. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Im Falle des Mißlingens wird der Feind die 
Weigerung der Allüerten, den Frieden anzunehmen, 
im Innern dazu ausnutzen, die sinkende Moral sei- 
ner Bevölkerung wieder zu stärken. Aber es besteht 
noch ein anderer Zweck bei dem Schritte. In der Un- 
fähigkeit, den wahren Geist, der Rußland beseelt, zu 
verstehen, setzen sich unsere Feinde die vergebliche 
Hoffnung in den Kopf, daß sich bei uns so zaghafte 
eute finden, daß sie sich, sei es nur für einen Mo- 
ment, durch lügenhafte Vorschläge täuschen lassen. 
Das wird nicht der Fall sein. Der Glaube Rußlands 
wird nicht wanken. Im Gegenteil, um so enger wird 
sich ganz Rußland um seinen ehrwürdigen Herr- 
scher scharen, der seit Kriegsbeginn erklärt hat, daß 
er nicht Frieden machen werde, bis der letzte feind- 
liche Soldat unser Land verlassen habe. Mit um 
so größerer Energie wird die russische Regierung nach 
der Erreichung der von Ihnen am Tage der Wieder- 
aufnahme ihrer Arbeiten verkündeten Ziele streben, 
ganz besonders nach der allgemeinen Mitarbeit, die 
das einzige Mittel darstellt, das Ziel zu erreichen, 
das uns allen am Herzen liegt — die Vernichtung 
des Feindes. 
Die russische Regierung weist schon den Ge- 
danken, jetzt den Kampf zu unterbrechen und da- 
durch Deutschland zu erlauben, die letzte Möglichkeit, 
die sich ihm bietet, Europa seiner Vorherrschaft zu 
unterwerfen, auszunutzen, mit Entrüstung ab. Alle 
die unzähligen gebrachten Opfer würden umsonst 
sein, wenn man mit dem Feinde, dessen Kräfte zwar 
geschwächt, aber nicht gebrochen sind, und der un- 
ter dem Vorwand eines dauerhaften Friedens einen 
üusschub sucht, einen vorzeitigen Frieden schließen 
würde. 
In diesem unerschütterlichen Entschluß befindet sich 
Rußland in völliger Übereinstimmung mit allen tap- 
feren Alliierten. Wir sind alle in gleicher Weise von 
der vitalen Notwendigkeit durchdrungen, den Krieg 
bis zum siegreichen Ende zu führen, und wir werden 
uns von diesem Wege durch kein Manöver des Fein- 
des abbringen lassen. 
Kriegskalender 
Die folgende lbersichtstasel enthält als Fortsetzung des Kriegs- 
kalenders im 1. Band des vorliegenden Werkes die wichtigeren, 
mit dem Kriege in Verbindung stehenden Greignisse des Jahres 
1916 in zeitlicher Neihenfolge und dient als Anhaltspunkt für 
die Kriegsberichte aus dem Großen Hauptquartier (S. 199 ff.). 
Eine ausführliche Aufzählung der Ereignisse zur See bringt die 
Abhandlung über den Seekrieg 1915/16 (S. 239 fl.). 
Jannar 1916. 
1. Niederlage der Russen an der Strypa und bei 
Toporoutz (beßarabische Front). 
2. Jaunde, das Zentrum der Verteidigung Kame- 
runs, fällt. 
8. Die Türkei führt den Gregorianischen Kalen- 
er ein. 
6. Annahme der englischen Wehrpflichtvorlage im 
Unterhaus in erster Lesung. 
Osterreichisch-ungarischer Sieg Über die Montene- 
griner bei Mojkovac. 
6.—7. Russische Massenangriffe bei Buczacz (Ost- 
galizien) scheitern unter scheeren Verlusten. 
7. Zusammenbruch russischer Vorstöße bei Topo- 
routz. 
Erfolgreicher deutscher Luftangriff auf das Lager 
der englisch-franz. Orientarmee bei Saloniki. 
Englische Niederlage bei Scheikh Saad (Meso- 
potamien). 
8. Rückeroberung des Hirzsteines durch die Deutschen 
(vgl. Kriegskalender, Bd. J, 21. Dezember 1915). 
Beginn des Isterriichisch ungar. Angriffes gegen 
Montenegro im Gebiet der Bochhe di Cattaro. 
8./9. Die englisch -französischen Truppen räumen 
sämtliche Stellungen auf Gallipoli. 
9. Das englische Schlachtschiff-Edward VII. sinkt 
durch eine deutsche Mine in der Nordsee. 
10. Eroberung des Loveen durch die österreichisch- 
ungarische Gruppe Trollmann. 
Osterreichisch-ungarische Truppen besetzen Berane. 
11. Neuerliche Niederlage der Russen bei Toporouyg. 
Besetzung Korfus durch französische Truppen. 
Einleitung einer allgemeinen russischen Offensive 
egen das türkische Zentrum im Kaukasus. 
". Vorstoß der Armee Sarkotic auf Cetinje.
        <pb n="219" />
        Kriegskalender 
11. Erfolhreicher österreichisch-ungarischer Luftangriff 
auf Rimini. 
Sechste Kriegstagung des deutschen Reichstages. 
12. Russische Niederlage am Arasfluß (Kaukasus). 
3. Osterreichisch--ungarische Truppen besetzen Cetinje. 
Die Türken besetzen Kermanschah (Persien). 
14. Der russische Hauptangriff bei Toporoutz scheitert 
unter schweren Verlusten. 
15. Erster „Balkanzuge nach Konstantinopel. 
!. Zusammenbruch der russischen Offensive in Ost- 
galizien und an der beßarabischen Front Topo- 
routz-Raranze (2 Neujahrsschlacht 1916-.). Rus- 
sische Verluste: 76000 Mann. 
15.— 16. Lebhafte Kämpfe am Kirchenrücken bei Ofla- 
vija (Isonzo-Front). 
. Zurücknahme der türkischen Front am Aras-Fluß. 
17. Beginn der Verhandlungen mit Montenegro 
über die Waffenstreckung. Einstellung der Feind- 
seligkeiten. 
Osterreichisch-ungarischer Lustangriff auf Ancona. 
Köprüköi (Kaukasus-Front) wird von den Russen 
besetzt; Rückzug der Türken auf Erzerum. 
18. Deutscher Luftangriff auf Tarnopol. 
19. Neue vergebliche Durchbruchsversuche der Russen 
östlich von Czernowitz und Toporoutz. 
Die serbische Regierung wird nach Korfu verlegt. 
20. Erweiterung der Landsturmpflicht in ÖOsterreich-- 
Ungarn bis zum 55. Lebensjahr. 
21. Flucht der montenegrinischen Königsfamilie nach 
Frankreich. 
Niederlage der Engländer an der Irakfront bei 
Korna und Menlahie. 
22. Die Osterreicher besetzen Antivari und Dulcigno. 
22./23. Erfolgreicher deutscher Luftangriff auf Dover. 
23. Venzösicher Luftangriff auf Mepß. 
u Besetzung von Skutari, Niksic und Podgorica 
durch die österreichisch-ungarischen Truppen. 
24. Deutscher Luftangriff auf Nanch und Baccarat. 
24.—26. Ober= und Unterhaus nehmen die englische 
Wehrpflichtvorlage an. 
25. Unterzeichnung der Vereinbarungen über die 
Waffenstreckung des montenegrinischen Heeres. 
. Die österreichisch-ungarischen Truppen erobern 
italienische Stellungen bei Oslavija (Isonzo). 
28. Die Deutschen erstürmen französische Stellungen 
bei Frise (Somme). 
gFranzöfischer Luftangriff auf Freiburg i. Br. 
Alessio und Giovanni di Medua werden von 
österreichisch-ungarischen Truppen genommen. 
Besetung des griechischen Forts Kara Burun 
vor Saloniki durch die Franzosen. 
29.80. Erfolgreicher Angriff deutscher Luftschiffe auf 
a 
80./31. Erneuter Luftangriff auf Paris. 
31./1. Februar. Angriff eines deutschen Luftschiff- 
eschwaders auf England. Erfolgreiche Beschie- 
ung von Liverpool, Birkenhead, Nottingham, 
Sheffield und Great Barmouth. 
Februar 1916. 
2. Rücktritt des russischen Ministerpräsidenden Gore- 
mykin; Nachfolger: Stürmer. 
Englische Vorstöße gegen Kut el Amara werden 
von den Türken erfolgreich abgewiesen. 
3. Zurücknahme der italienischen Front am Tolmei- 
ner Brückenkopf (Isonzo-Front). 
Die österreichisch-ungarischen Truppen erreichen 
den Ischmi-Fluß (Albanien). 
179 
7. Amtliche Meldung vom Ubertritt der deutschen 
Kamerunkämpfer auf spanisches Gebiet (Spanisch- 
Neuguinea). 
8. Erstürmung französischer Stellungen bei Vimy 
durch die Deutschen. 
* Denkschrift der deutschen und österreichisch-ungari- 
schen Regierung an die Neutralen Über die Behand- 
lung bewaffneter Kauffahrteischiffe. 
9. Die österreichisch ungarischen Truppen besetzen 
Tirana in Albanien. 
10. Der Burengeneral Smuts ülbernimmt den Ober- 
befehl gegen Deutsch-Ostafrika. 
. Das englische Wehrpflichtgesetz tritt in Kraft. 
10./11. Zwei englische Kreuzer werden durch deutsche 
Torpedobootebei einem Seegefecht an der Dogser- 
bant vernichtet (vgl. „Der Seekrieg 1915/16-, 
249). 
11. Starker französischer Vorstoß bei Maison de 
Hamagne. 
* Die Engländer besetzen das griechische Fort Kum- 
Kale bei Saloniki. 
* Lebhafte Kämpfe bei Tarnopol. 
Italien verbietet den Handel mit Deutschland. 
12. Die Deutschen erobern französische Stellungen 
bei Sainte-Marie-à-Py. 
* Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Ravenna. 
Schwere Niederlage der Engländer am Salita- 
Lüger (deutsch ostafrikanisch-engl. Grenzgebiet). 
Elbassan wird von den Bulgaren besetßzt. 
13. Erfolgreicher deutscher Sturmangriff * die 
französischen Linien bei Tahure und Obersept. 
Vorstoß der österreichisch-ungarischen Truppen bis 
#um Arzon (Albanien). 
14. Englische Stellungen südwestlich von YDpern wer- 
den durch die Deutschen erobert. 
Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Mailand. 
16. Die englisch-französischen Truppen besetzen die 
Eisenbahn= und Telegraphenlinien in Thessalien. 
Die Russen erstürmen Erzerum. 
17. Zusammenbruch englischer Vorstöße bei Ypern. 
*. Der Hafen Kavaja (Albanien) wird von öster- 
reichisch-ungarischen pen nenommen. 
18. Die Russen nehmen Musch (Armenien) ein. 
19. Die auf österreichisch-ungarischer Seite kämpfen- 
den Albaner besetzen Berat. Beginn der Kämpfe 
um Durazzo. 
* Mit der Einnahme der befestigten Station Mora 
gelangt Kamerun in englischen Besitz. 
20. Deutscher Luftangriff auf die englische Ostküste. 
21. Die Deutschen erobern französische Stellungen 
östlich von Souchez. 
Osterreichisch- ungarischer Luftangriff auf italie- 
nische Stlitzpunkte in der Lombardei. 
* Beginn des deutschen Angriffs gegen Verdun. 
Die franz. Stellungen nördlich von Verdun wer- 
den in 10km Breite und 3 km Tiefe durchbrochen. 
22. Deutsche Erfolge über die Franzosen bei Heid- 
weiler (Elsaß). 
23. Eroberung der letzten Außenstellungen von Du- 
razzo durch die österreichisch-un garischen Truppen. 
é!. Admiral v. Pohl stirbt in Berlin. 
Portugal beschlagnahmt deutsche und österrei- 
chisch-ungarische Handelsschiffe. 
24. Vorstoß der Deutschen auf dem rechten Maasufer 
nördlich von Verdun bis zum Louvemont--Rücken 
(10000 Gefangene). 
7 Beschlagnahme deutscher Schiffe in Italien. 
Die Russen nehmen Ispir (Kaukasus). 
12°
        <pb n="220" />
        180 
25. Das Panzerfort Douaumont nordöstlich von Ver- 
dun wird durch die Deutschen erstürmt. Rückzug 
der Franzosen in der Woevre-Ebene. 
. Lebhafte Kämpfe am Monte San Miichele 
(Isonzo). 
Die Nussen erreichen die Straße Trapezunt-Erze- 
rum. 
. Eroberung der Befestigungslinien von Hardau- 
mont bei Verdun durch die Deutschen (5000 Ge- 
fangene). Starke franz. Gegenangriffe scheitern. 
Französischer Luftangriff au Metz. 
!. Zusammenbruch italienischer Vorstöße gegen den 
Monte San Michele. 
Kuropatkin wird zum Oberbefehlshaber der rus- 
sischen Nordarmee ernannt. 
Die Deutschen stürmen französische Stellungen 
bei Navarin in der Champagne. 
. Erfolgreiche Abwehr französischer Angriffe gegen 
Fort Douaumont. 
Einnahme von Durazzo durch die österreichisch- 
ungarischen Truppen. 
Die Russen besetzen Kermanschah (Persien). 
28. Die Deutschen erreichen den Fuß der Cötes Lor- 
raines. 
29. Deutsch-englisches Seegefecht in der Nordsee (vgl. 
„Der Seekrieg 1915/16-, S. 239). 
März 1916. 
1. Deutsche Unterseeboote vernichten drei französische 
Hilfskreuzer bei Le Havre und einen englischen 
Bewachungsdampfer in der Themsemündung. 
2. Die Deutschen stürmen Dorf Douaumont und 
benachbarte Sefestigungen. 
* Englischer Vorstoß südlich von Dpern gegen die 
„Bastion-Stellung. 
3. Zurückweisung starker französischer Vorstöße bei 
orf Douaumont durch die Deutschen. 
China beschließt die Einführung der allgemeinen 
Wehrpflicht. 
Bitlis (Armenien) wird von den Russen erobert. 
4. Rückkehr des deutschen Hilfskreuzers „Möwe- 
nach mehrmonatiger Kreuzfahrt im Atlantiischen 
Ozean (15 Schiffe versenkt; vgl. »Der Seekrieg 
1915/16-, S. 260). 
5./6. Deutscher Luftangriff auf Hull am Humber. 
6. Vergebliche Durchbruchsversuche der Engländer 
bei Es Sinn (Mesopotamien). 
7. Die Deutschen stürmen Fresnes (Woẽvre-Ebene). 
Die französischen Stellungen auf dem linken 
Maasufer bei Bäthincourt werden in 6 km Breite 
und 3 km Tiefe von den Deutschen durchbrochen. 
* Vorstoß der Engländer im Kilimandscharo-Gebiet. 
8. Die Deutschen erobern Fort und Dorf Vaux so- 
wie den Rabenwald nördlich von Verdun. 
Schwere Niederlage der Engländer bei Felahie 
(Mesopotamien). 
9. Die Franzosen gewinnen Fort Vaux zurück. 
Die Deutschen erobern den Ablainwald (Verdun). 
Erfolgreicher Angriff deutscher Seeflugzeuge auf 
russische Schiffe bei Warna (Schwarzes Meer). 
Kriegserklärung Deutschlands an Portugal. 
Die gunsipsten in der Türkei wird bis zum 50. 
Lebensjahr verlängert. 
10. Erstürmung französischer Stellungen bei Reims 
durch die Deutschen. 
Heftiger Kampf bei Taweta (Britisch-Ostafrika). 
12. Deutsch-englische Gefechte am Kilimandscharo. 
13. Beginn der fünften italienischen Isonzo-Offensive. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
14. Die Deutschen erstürmen die Höhe „Toter Mann- 
bei Verdun. 
-Abbruch der politischen Beziehungen Osterreich- 
Ungarns zu Portugal. 
15. Siebente Kriegskagun des deutschen Reichstages. 
Schwere Kämpfe an der Podgora-Höhe (Jsonzo). 
"! Rücktritt des Großadmirals v. Tirpitz; Nachfolger: 
Admiral v. Capelle. 
16. Eröffnung der russischen Offensive auf der Front 
Dryswjiaty-See-Postawy und am Narotsch-See. 
Französische Vorstöße gegen die Höhe „Toter 
Manns scheitern unter schweren Verlusten. 
Zusammendruch der italien. Isonzo-Offensive. 
-Der französische Kriegsminister Gallien tritt zu- 
rück; Nachfolger: General Noques. 
17. Erfolgreicher Vorstoß der österreichisch-ungarischen 
Truppen bei Tolmein. 
18. Franz. Luftangriffe auf Mülhausen und Metz. 
Einverleibung des Nord-Epirus in Griechenland. 
19. Nbbafte Kämpfe bei Fort Douaumont und Dorf 
aux. 
Die österreichisch-ungarischen Truppen räumen 
die Brückenschanze von Uscieczko am Dnjestr. 
*. Deutscher Flugzeugangriff au Dover, Ramsgate 
und Deal. 
Ispahan wird von den Russen besetzt. 
20. Erstürmung französischer Stellungen bei Avo- 
court (Verdun) durch die Deutschen. 
-Ausdehnung der russischen Offensive auf die ganze 
Nordfront. 
Otcsterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Valona. 
Seegefecht zwischen deutschen und englischen Tor- 
pedobooten an der flandrischen Küste. 
21. Höhepunkt der Schlacht am Narotsch- See. 
. Pangani (Deutsch -Ostafrika) wird von den Eng- 
ländern besetzt. 
22. Die Deutschen nehmen französische Befestigungen 
bei Haucourt (Verdun). 
Buan Schi.kai verzichtet auf die chinesische Kaiser- 
würde. Wiederherstellung der Republik. 
22.—23. Vergebliche russische Angriffe bei Jakobstadt 
und Widsy. 
24. Die Zeichnungen der vierten deutschen Kriegsan- 
leihe erreichen die Höhe von 10 Milliarden Mark. 
*. Bildung der Fraktion der sozialdemokratischen 
Arbeitsgemeinschafte im deutschen Reichstag. 
Die Deutschen weisen erneute Massenangriffe der 
Russen bei Jakobstadt und Dünaburg zurück. 
25. Ein englischer Fliegerangriff auf die nordfrie- 
sische Küste scheitert. 
Die Vierverbandsmächte lehnen den Vorschlag der 
Vereinigten Staaten, die Handelsschiffe zu ent- 
waffnen, ab. 
* Bulgarien beschließt die Einführung des Grego- 
rianischen Kalenders. 
26. Niederlage der Russen an der Düna. 
. Eroberung russischer Befestigungen am Narotsch- 
See durch die Deutschen. 
*Die österreichisch ungarischen Truppen erobern 
italienische Stellungen an der Podgora-Höhe. 
27. Deutscher Luftangriff auf Saloniki. 
Vergebliche Massenangriffe der Russen an der 
beßarabischen Front. 
28. Die französischen Stellungen bei Malancourt 
nordwestlich von Verdun werden in 2 km Breite 
durchbrochen. 
". Zusammenbruch der russischen Offensive an der 
dordfront. Verluste der Russen: 140000 Mann.
        <pb n="221" />
        Deutsche Helden. 
Karl Litzmann. Otto v. Emmich. 
(Hotphot. H. Noack, Berflln.) Cliofpnot. A. Möhlen,. Hanovce.) 
4 
Altred Mepyer-Waldeck. 
Max Immelmann. Karl v. Müller. (Eiofphot. L. Grevc. Blankenbiu##gt K. Il.) 
Bibliographisches Institut in Leipziz.
        <pb n="222" />
        Osterreichisch-ungarische Heerführer I. 
Artut Arz v. Stautenburg. Hermann Koevels v. Koevelshaãza. 
(Phot. E. Placher, Hermannstadt.) 
svetozar Boroevie v. Bojna. 
T s « I 
IcstlFrecheststpttanseksssltlm Paul Puhallo v. Brlog.
        <pb n="223" />
        Kriegskalender 
29. Erfolgreiche Abwehr eines starken französischen 
Gegenstoßes bei Avocourt. 
Osterreich.-ungar. Erfolge am Görzer Brückenkopf. 
. Rücktritt des russischen Ministerpräsidenten Poli- 
wanow; Nachfolger: General Schuwajew. 
30. Malancourt wird von den Deutschen erstürmt. 
31. Die Anwendung der Londoner Seerechtsdekla- 
ration wird durch England eingeschränkt: Weg- 
fall des Artikels 19. 
31./1. April. Starker Angriff deutscher Luftschiffe auf 
London und die englische Südostküste. 
April 1916. 
1./2. Erneuter Luftangriff auf die englische Ostküste. 
2. Eroberung franz. Stellungen am Forgesbach und 
bei Haucourt-Béthincourt nordwestl. von Verdun. 
Abschluß der österr.-ungar. bulgarischen Verhand- 
lungen über die Abgrenzung der Verwaltungs- 
gebiete auf dem Balkan. 
2./3. Deutsche Luftschiffe beschießen die Londoner 
Docks, die militärischen Anlagen am Tyne und 
Firth of Forth. 
3. Einnahme französischer Befestigungen im Cail- 
lette-Wald (Verdun). 
é* Lufttangriff der Osterreicher auf Ancona. 
3.4. Wiederholung des deutschen Luftangriffs auf 
Ostengland. 
4. Rücktritt des italienischen Kriegsministers Zupelliz 
Nachfolger: General Morone. 
5. Die Deutschen erstürmen Haucourt. 
* General Ewert tritk das Kommando der russischen 
Südwestfront an General Brussilow ab. 
5.—6. Türkischer Sieg über die Engländer bei Fela- 
hie (Mesopotamien). 
Deutscher Luftangriff auf Whitby, Hull und Leeds. 
6. Die Osterreicher beseßen italienische Stellungen 
am Rauchkofel (Südtirol). 
*. Der Bundesrat beschließt die Einführung der 
„deutschen Sommerzeit“ (vom 1. Mai bis 30. 
September). 
7. Die Deutschen erobern franz. Stellungen auf dem 
„Termitenhügele nordwestlich von Verdun. 
éAbschluß deutsch-rumänischer Handelsverträge. 
8. Türkischer Sieg über die Russen bei Sutschbulak 
Nordpersien). 
9. Béthincourt wird von den Deutschen erobert. 
Niederlage der englischen Entsatzarmeebes Felahie. 
* Lebhafte Kämpfe bei Riva. 
11. Starke franz. Angriffe am Pfefferrücken nördlich 
von Verdun scheitern unter schweren Verlusten. 
13. Zurückweisung mehrerer russischer Durchbruchs- 
versuche am Narotsch-See und an der Strypa. 
14. Angriffe der Engländer bei St. Eloi scheitern. 
- dn französischer Vorstöße gegen die 
öhe -„Toter Manne. 
17. Eroberung französischer Stellungen hei Hau- 
dromont und Thiaumont. 
Die JItaliener besetzen den Col di Lana (Dolo- 
miten). 
Jilalienischer Luftangriff auf Triest. 
18. Trapezunt wird von den Russen besetzt. 
19. Lebhafte Kämpfe im Dpern-Bogen. 
* Vergebliche starke Vorstöße der Franzosen im 
Caillette-Wald. 
Generalfeldmarschall Freiherr v. d. Goltz stirbt im 
Hauptauartier der türkischen Irak-Armee. 
Meldung der Einnahme von Kondoa Irangi 
(Deutsch-Ostafrika) durch die Engländer. 
181 
19. Die Belgier dringen am Kiwu-See in Deutsch- 
Ostafrika ein. 
20. Note der Vereinigten Staaten von Amerika an 
Deutschland über den U-Bootkrieg; Drohung 
mit Abbruch der Beziehungen (vgl. S. 158 ff.). 
* Erneuter Fliegerangriff der Italiener auf Triest. 
21. Beginn des irischen Aufstandes. 
Einführung der „Sommerzeit= in Osterreich und 
Ungarn. 
22. Erfolgreicher Angriff eines deutschen Flugzeug- 
geschwaders auf die russische Flugstation Papen- 
holm (Osel). 
j. Das englische Linienschiff »Russel« sinkt im Mit- 
telmeer durch eine Mine. 
Erneute Niederlage der Engländer bei Felahie. 
Türkischer Sieg über die Engländer bei Katia 
(Sueskanal). 
24. Seegefecht zwischen deutschen und englischen Tor- 
pedobooten an der flandrischen Küste. 
24./25. Deutsche Luftschiffe greifen London und die 
militärischen Anlagen der englischen Ostküste an. 
25. Die Deutschen erobern französische Stellungen an 
der Höhe 542 bei Celles (Vogesen). 
xLebhafte Kämpfe bei La Bassee. 
Vorstoß deutscher Seestreitkräfte und Marineluft- 
schiffe gegen die englische Ostküste. Seegefecht vor 
Lowestoft. 
Erfolgreiche Abwehr italienischer Angriffe bei 
Selz (Hochebene von Doberdo). 
28. Starke französische Angriffe nördlich von Verdun 
werden von den Deutschen siegreich abgewiesen. 
Eroberung russischer Stellungen am Narotsch- 
See (5600 Gefangene). 
* Übergabe Kut el Amaras an die Türken (13000 
Engländer unter General Towushend gefangen). 
Mai 1916. 
2. Beendigung des Aufstandes in Dublin. 
2./3. Angriff eines deutschen Luftschiffgeschwaders 
auf die englische Ostküste. 
8. Erfolgreicher österreichisch-ungarischer Luftangriff 
auf Raovenna. 
4. Lebhafte Kämpfe zwischen Armentièeres und Arras. 
* ÖEsterreich. Luftangriff auf Valona und Brindisi. 
é!. Antwort Deutschlands auf die Note der Ver- 
einigten Staaten von Amerika vom 20. April bez. 
des U-Bootkrieges (vgl. S. 160ff.). 
7. Die Deutschen nehmen die Höhe 304 (Verdun). 
Der österreichisch-ungarische Flottenchef Admiral 
Haus erhält als erster die von Kaiser Franz 
Joseph geschaffene Würde eines Großadmirals. 
General Pétain wird zum Oberbefehlshaber des 
französischen Zentrums ernannt. 
8. Zusammenbruch französischer Massenangriffe ge- 
en die Höhe 304. 
. Deulsch-engl. See Vorpostengefecht vor Ostende. 
„Die Belgier besetzen die Hauptstadt des Nuanda- 
gebietes, Kigali (Deutsch-Ostafrika). 
8./9. Die Türken erobern russische Stellungen am 
Kope-Berg (Kaukasus-Front) in 15 km Breite. 
"Vergeblicher Vorstoß der Russen bei Garbunowka. 
Zusammenbruch italienischer Angriffe gegen San 
Martino (Isonzo-Front). 
10. Deutscher Luftangriff auf Dünkirchen. 
11. Erstürmung der englischen Stellungen bei Hul- 
luch durch die Deutschen. 
Kafr i Schirin (Persien) wird von den Russen ge- 
nommen.
        <pb n="224" />
        182 
11. Die Belgier besetzen Nyanza (Deutsch-Ostafrika). 
15. Ssterreichisch-ungarcche Luftangriffe auf Valona 
und Sasena. 
14. Vormarsch einer englischen Gruppe gegen das Ge- 
biet des Sultans von Darfur. 
15. Seginn der österreichisch-ungarischen Offensive im 
Südtirol. Eroberung der ersten italienischen 
Stellung auf dem Armenterra-Rücken. 
15./16. Starke österr. Luftangriffe auf Norditalien. 
16. Dieösterreichisch-ungarischen Truppen erobern ita- 
lienische Sellungen auf der Hochfläche von Viel- 
gereuth und im Terragnola--Abschnitt. 
16.—17. Französische Massenangriffe gegen die Höhe 
304 werden von den Deutschen zurückgewiesen. 
Die Osterreicher erstürmen die Zugna Torta füd- 
*“ doen Frdres ckens des M sch 
17. Besetzung des Grenzrückens des Maggio zwischen 
Astico= und Lenotal durch die sterbchchel. 
. Das englische Unterhaus nimmt das Wehrpflicht- 
esetz über die Dienstpflicht der Verheirateten zwi- 
* 18 und 42 Jahren in dritter Lesung an. 
18. Zusammenbruch italienischer Massenangriffe auf 
dem Armenterra-Rücken. Die Panzerwerke Cam- 
pomolon und Toraro werden von den ssterrei- 
chisch-ungarischen Truppen besetzt. 
* Deutscher Luftangriff auf die englisch-französischen 
Lager in Nordgriechenland. 
- Fschiegun von El Arisch (Sinai-Front) durch 
britische Kriegsschiffe. 
19./20. Deutscher Luftangriff auf Südostengland. 
* Vorstoß der esterrecher im Suganatal bis Ron- 
o (Rundschein). Einnahme des Sasso Alto 
6K rmenterra-Rücken). 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf militä- 
rische Anlagen in Norditalien. 
20. Eroberung der französischen Stellungen südlich 
von der Höhe -Toter Ma (sch die Deutschen. 
ce 
nn« du 
Die Osterreicher besetzen die erste italienische Stel- 
lung auf der Hochebene von Lafraun und dringen 
vom Col Santo bis zum Pasubio vor. 
Tuürkischer Luftangrif auf Port Said. 
91. Die englischen Stellungen bei Givenchy-en--Go- 
helle werden von den Deutschen genommen. 
* Starker Luftangriff der Deutschen auf Dünkirchen. 
Die österreichisch-ungarischen Truppen erreichen 
die Linie Monte Tormeno-Monte Majo (7700 
Gefangene, 40 Geschürtze). 
22. Vorstoß der österreichisch = ungarischen Truppen 
im Suganatal bis Burgen (Borgo). Einnahme 
des Monte Verena. 
Türkischer Luftangriff auf Kairo. 
Errichtung des deutschen Kriegsernährungsamtes 
(Präsident: v. Batocki-Friebe). 
Sieg des Sultans von Darfur über die Englän- 
der bei Fasher. 
23. Der französische Stützpunkt Cumieres nordwest- 
lich von Verdun wird von den Deutschen er- 
stürmt. 
. Eroberung der Höhenzüge am Suganatal vom 
Salubio bis Burgen und des Lanzersori Campo-- 
longo (63 Geschütze) durch die Osterreicher. 
24. Vergeblicher Ansturm der Franzosen gegen die 
deutschen Stellungen im Caillette-Wald. 
Osterreichischer Lustangriff auf Bari und Latisana. 
Die Osterreicher besetzen Ohiela. 
25. Erfolgreicher Vorstoß der Deutschen südlich vom 
Fort Douaumont. 
Eroberung des Höhenrückens von Corno di Campo 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Berde bis Meata und des Monte Cimone durch 
die Osterreicher. 
25. Einmarsch englischer Truppen in Deutsch-Ost. 
afrika zwischen Tanganfika= und Njassasee. 
25./26. Starker deutscher Luftangriff auf die russische 
Flugstation Papenholm * 
26. Einnahme des Panzerwerkes Casa Ratti durch die 
österreichisch-ungarischen Truppen. 
27. Die Osterreicher erobern das italienische Panzer- 
wert Cornolo. 
* Deutsche und bulgarische Truppen besetzen den 
Rupel-Paß an der Struma (Mazedonien). 
Die Zeichnungen der vierten österreichischen 
Kriegsanleihe ergeben 4,4 Milliarden Kronen. 
28. Lorsio der Türken gegen den Naumvon Erzerum. 
29. Eroberung der franz. Stellungen zwischen der Süd- 
kuppe der Höhe -Toter Mann« und Cumidres. 
Einnahme des italienischen Panzerwerkes Punta 
Corbin durch die Osterreicher. 
30. Die Bergfestungen Asiago und Arstero werden 
von österreichisch-ungarischen Truppen gestürmt. 
Rückzug der Russen bei Mamachatum TKürcich= 
Armenien) in 30 km Breite und 20 km Tiefe. 
* Die Engländerbesetzen Neu-Langenburg (Deutsch- 
Ostafrika). 
81. Starke französische Angriffe gegen die Höhe 
„Toter Manne. 
.Eroberung italienischer Höhenstellungen östlich 
von Arsiero durch die Österreicher. 
* Beginn der deutsch-englischen Seeschlacht vor dem 
Stagerrat. Juni 1916. 
1. Die Seeschlacht vor dem Skagerrakendet miteinem 
vollständigen Siege der Deutschen (vgl. „Der 
Seetrieg 1915/16., S. 249ff.). 
Eroberung des Caillette-Waldes nordwestlich von 
Verdun durch die Deutschen. 
Vorstoß der Türken bis zu den Nairambergen 
westlich von Erzerum. 
2. Der Höhenzug fädöstkic von Zillebeke wird durch 
die Deutschen erobert. 
Zusammenbruch französischer Massenangriffe ge- 
en den Caillette-Wald. 
Eroberung der Panzerfeste Vaux und der Be- 
festigungen von Damloup nordöstlichvon Verdun 
durch die Deutschen. 
Einleitung der russischen Offensive an der beß- 
arabischen und wolhynischen Front. 
8. bbaste Kämpfe südlich vom Posinatale (Ober- 
italien). 
3.—4. Starke Angriffe der Engländer und Fran- 
zosen bei Dpern, Damloup und am Caillette-Wald 
werden von den Deutschen urückgewieser. 
4. Beginn der russischen Estenste an der wolhynisch- 
beßarabischen Front. Schwere Kämpfe bei Okna 
Gltathiien) und Tarnopol. 
. Eroberung italienischer Höhenstellungen östlich 
vom Asticotale durch die österr.-ungar. Truppen. 
* Die Türken nehmen russische Stellungen am 
Kope-Berg (Kaukasus-Front) in 14 km Breite 
und 8 km Tiefe. 
5. Französische Massenangriffe 6 en den Fumin- 
rücken scheitern unter empfindlichen Verlusten. 
é* Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Front 
bei Okna (Ostgalizien). 
u Osterreich. Luftangriffe auf Verona und Vicenza. 
Türkischer Vorstoß bis Aschkala nordwestlich von 
Erzerum.
        <pb n="225" />
        Kriegskalender 
6./6. Der Panzerkreuzer »Ha "mit Lord Kit- 
chener an Bord gebt banden kney-Inseln unter. 
6. Die Deutschen besetzen Hoope und die engischen 
reite. 
Hobenselungen südlich von Dpern in 3km 
é. Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Trup- 
pen auf Luzk und an den Styr. 
Der Vierverband verhängt die Blockade über die 
riechischen Küsten. 
7. England sagt sich von der Londoner Seerechts- 
erklärung von 1909 los. 
* Luztk wird von den Russen eingenommen. 
Erffolgreicher Vorstoß der österreichisch= ungari- 
schen Truppen auf der Hochebene von Asiago. 
Erstürmung des Monte Lemerle. 
“ Bergebliche Massenangriffe der Franzosen bei 
Thiaumont und Fort Vaux. 
8. Beginn des Angriffs der Osterreicher auf den be- 
estigten Raum von Primolani (Oberitalien). 
Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Venetien. 
- 2## Helgierbeseten Usambara (Deutsch-Ostafrika). 
8.9. Die Türken nehmen Kafsr i Schirin (Persien). 
jDie Deutschen erobern franz. Stützpunkte bei Vaux. 
9. Russische Massenangrifte ei Tarnopol und zwi- 
schen Okna und Dobronouy (Ostgalizien). 
Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Front 
auf das Westufer der unteren Strypa. 
10. Übergangsversuche der Russen über den Styr bei 
Kolki scheitern. 
TDubno wird von den Russen besetzt. 
11. Ein russischer Vorstoß bei Buczacz wird von deut- 
schen und österreichischen Truppen zurückgewiesen. 
u Beginn des österreichisch-ungarischen Rückzuges in 
der Bukowina. 
. Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Venedig. 
- ge Engländer besetzen Bismarckburg Causck- 
tafrika). 
. Rücktritt des italienischen Ministeriums Salandra. 
11./12. Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf 
Mestre und Venedig 
12. Snyatin, Zaleszczyki und Horodenka werden von 
den Russen beseßt. 
12./13. Starke englische Angriffe im Dpern-Bogen. 
Erbitterte Kämpfe im Raum von Tarnopol. 
13. Eroberung französischer Stellungen an der Thiau- 
mont-Ferme nordöstlich von Verdun durch die 
Deutschen. 
* Lebhafte Kämpfe nördlich von C wi 
* Russische Massenangriffe nördücch von Barano-= 
witschi werden von den Deutschen zurückgewiesen. 
1 Griechenland beschließt auf Antrag der Vierver- 
bandsmächte die Herabsetzung des Heeres auf 
Friedensfuß. 
14. Zahlreiche Versuche der Russen, den Stochod- 
tyr-Abschnitt 3u Üüberschreiten, werden von den 
Deutschen zurückgewiesen. 
14.—17. Tagung der Wirtschaftskonferenz des Vier- 
verbandes in Paris. Beschluß des wirsschaftlichen 
Boykotts gegen Deutschland und Osterreich = Un- 
garn nach dem Kriege. 
15. übergangsversuche der Engländer Über den Eu- 
phrat zwischen Korna und Nassrije werden von 
den Türken abgewiesen. 
OD Versos der Türken über die südpersische Grenze 
bei Bane. 
15/16. Osterr.-ungar. Luftangriff auf die Prov. Udine. 
16. Italienische Massenangriffe an der Isonzo-Front, 
in den Dolomiten und bei Asiago scheitern unter 
schweren Verlusten. 
183 
16.—17. Lebhafte Kämpfe im Thiaumont-Walde. 
Erfolgreicher Vorstoß der Heeresgruppe Linsingen 
im Raum Kowel- adl 
17. Czernowitz wird von den Russen genommen. 
Vorstoß österreichisch-ungarischer Truppen nörd- 
lich von der Lipa (Wolhynien). 
18. Zurückweisung der russischen Durchbruchsversuche 
bei Przewloka (Ostgalizien; 14.—18. Juni). 
*. Eroberung italienischer Stellungen zwischen 
Brenta= und Asticotal. 
* Generaloberst v. Moltke stirbt in Berlin. 
Oberleutnant Immelmann fällt im Luftkampf 
an der deutschen Westfront. 
é Bildung des italienischen Kabinetts Boselli. 
.Ubergang der Russen über den Serethin der Nord- 
Bukowina. 
Lebhafte Kämpfe bei Gruziatyn (Wolhynien). 
Russische Massenangriffe bei Logischin brechen un- 
ter großen Verlusten zusammen. 
*. Die Deutschen durchbrechen die russische Front 
zwischen der Straße Kowel-Luzk und der Turija 
und erobern Kisielin. 
20. Vorstoß der Heeresgruppe Hindenburg bei Düna- 
burg und Dubatowka. 
ÜNber den Styr vorgegangene russische Kräfte wer- 
den bei Grusiath von deutschen Truppen zurück- 
#eworsen. orstoß der Deutschen nordwestlich von 
uzk und an der Turija. 
* Der Brückenkopf von Feras nördlich von Valona 
wird von den Italienern geräumt. 
. Die russischen Stellungen zwischen Sokul und Li- 
niewka werden von den Deutschen genommen. 
Niederlage der Russen bei Przewlowka. 
Die Russen nehmen Radautz (Bukowina). 
* Ultimatum des Vierverbandes an Griechenland 
betreffs Demobilisation und Neubildung des Mi- 
nisteriums. Rücktritt des Ministeriums Skulu- 
dis. Zaimis übernimmt den Vorsitz des neuen 
Kabinetts. 
Niederlage der Russen am Paitak-Paß (Südwest- 
ersien). 
22. Französische Luftangriffe auf Karlsruhe, Müll- 
seim (Baden) und Trirr. 
ebhafte Kämpfe bei Radsiwillow (Wolhynien). 
Die Türken erobern russische Stellungen südlich 
vom Tschoruch (Kaukasus-Front). 
Erste Ausreise des Handels-Unterseebootes 
Deutschlande nach Amerika. 
* Das Ultimatum des Vierverbandes wird von Grie- 
chenland angenommen. 
28. Eroberung des Panzerwerkes Thiaumont, des 
Dorfes Fleury und der Höhe -Kalte Erde nörd- 
lich von Verdun durch die Deutschen. 
Vorstoß der Russen in der Bukowina bis Kim- 
polung. 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Venedig. 
Eroberung russischer Stellungen südlich von 
Trapezunk burch die Türken. lch fra 
24. Beginn der Einleitung der englisch-französischen 
Somme-Offensive durch Arti erielamp 
Zahlreiche Angriffe der Franzosen gegen Fort 
hiaumont scheitern. 
"*. Die russische Offensive in der Bukowina kommt 
in der Linie Jakobeny-Kimpolung zum Stillstand. 
25. Niederlage der Franzosen auf dem Höhenrücken 
»Kalte Erde- ** 
Eroberung russischer Stellungen bei Sokul durch 
die Deutschen. 
r
        <pb n="226" />
        184 
26. Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Trup- 
pen zwischen Brenta= und Asticotal. 
Beginn lebhafter Kämpfe an der englischen und 
dem Nordteil der französischen Front. 
27. Französische Massenangriffe gegen die Höhe Kalte 
Erde= scheitern unter schweren Verlusten. 
* Die Deutschen erobern den russischen Stützpunkt 
Liniewka (Wolhynien) und die anschließenden 
Stellungen. 
. Zusammenbruch starker italienischer Gegenstöße 
zwischen Etsch und Brenta. 
Rückzug der Russen bei Sermil in Südpersien. 
28. Borstoh der Russen bei Kolomea in 40 km 
reite. 
* Starke Angriffe der Italiener auf die Hochfläche 
von Doberdo werden von den österreichisch-unga- 
rischen Truppen zurückgewiesen. 
29. Die Russen besetzen Kolomea. 
. Einnahme von Kerenda (Südpersien) durch die 
Türken; türkischer Vorstoß auf Kermanschah. 
Zusammenbruch starker französischer Vorstöße 
gegen die Höhe-Kalte Erde= und das Fort Thiau- 
mont. Französischer Luftangriff auf Lille. 
* Die Deutschen nehmen zussch e Stellungen bei 
Kolki und Sokul. 
Niederlage der Russen bei Tlumacz (Galizien). 
* Erfolgreiches Seegefecht zwischen deutschen Tor- 
pedobooten und russischen Kreuzern bei Häfringe. 
Jull 1916. 
1. Beginn der englisch · französischen Offensive im 
Sommegebiet. Zurücknahme zweier deutscher Di- 
visionen in die zweite Linie beiderseits der Somme. 
Erfolgreiche Abwehr französischer Massenangriffe 
egen die Höhe Kalte Erde-«. 
Deutsche und österreichische Truppen erobern nord- 
westlich von Tarnopol russische Stellungen in 
18 km Breite und 5 km Tiefe. 
Italienische Massenangriffe gegen Selz (Hochebene 
von Doberdo) werden von den österreichisch-un- 
garichen Truppen abgewiesen. 
ie Türken erobern russische Stellungen am obe- 
ren Tschoruch (Kaukasus-Front) in 12 km Breite. 
Die Türken besetzen Kermanschah (Persien). 
. Rückzug der Deutschen nördlich von den Living- 
stone-Bergen (Deutsch-Ostafrika). 
2. Zurücknahme einer deutschen Division südlich von 
der Somme auf der Front Biaches -Barleux in 
die zweite Stellung. 
Eroberung der Hohen Batterie von Damloup- 
nordöstlich von Verdun durch die Deutschen. 
. Russische Vorstöße bei Gorodtschtsche und Bara- 
nowitschi werden erfolgreich abgewiesen. 
* Der von England gegen die Türkei angefachte Auf- 
ruhr in Arabien endet mit der Neubesetzung des 
Emirats von Mekka durch den Vizepräsidenten 
des türkischen Senats Scherif Ali Haidar. 
3. Starke englisch-französische Angriffe zwischen 
Ancre und Somme gegen die Fronten Thiepval- 
Mametz und Barleux-Belloy brechen unter schwe- 
ren Verlusten zusammen. 
Vergebliche Angriffe der Russen bei Smorgon, 
Wischnew und am Narotsch -See. 
Einnahme der russischen Stellungen bei Tlumacz 
(Ostgalizien) in 20 km Breite und 10 km Tiefe 
dunch die Armee Bothmer. 
* Italienische Angriffe im Suganatal und bei Mon- 
falcone scheitern unter empfindlichen Verlusten. 
80. 
II. Kriegsgeographie 
und Kriegsgeschichte 
3. Abschluß eines russisch-japanischen Bündnisver- 
trages zur Wahrung der Intieressen in Ostasien. 
4. Lebhafte Kämpfe im Raum von Thiaumont. 
Die Engländer besetzen La Boiselle (Somme). 
Erfolgreiche Abwehr russischer Vorstöße bei Ba- 
ranowitschi und im Raum von Luzk. 
*Vordringen der Russen über den Styr westlich 
von Kolki. 
Vergebliche Angriffe der Italiener zwischen Brenta 
und Etsch. 
4./5. Erfolgreicher Vorstoß leichter deutscher See- 
streitkräfte gegen die englische Ostküste. 
5. Die Franzosen besetzen Estrées und Belloy-en- 
Santerre (Somme)h). 
* Hartnäckige Kämpfe an der Front Labusy-Zirin 
und am Styr-Knie. Die Russen durchbrechen die 
österreichisch-ungarischen Linien westlich von Kolki. 
Zurücknahme der Armee Bothmer in den Koro- 
piec-Abschnitt. 
é!. Rückkehr des deutschen U-Bootes »D 35. von 
einer erfolhreichen Fahrt nach Spanien. 
6. Siegreiche Abwehr starker franz. Vorstöße gegen die 
Höhe - Kalte Erde= und den Raum südwestlich 
vom Fort Vaux. 
* Starke russische Angriffe am Narotsch-Seescheitern. 
. Die Deutschen räumen die Winkelstellung bei 
Tschartoryst. 
* -Zurücknahme der deutschen und österreichisch-un- 
garischen Truppen in die Stochodlinie beiderseits 
er Bahn Kowel-Rowno. 
- Johtreiche italienische Durchbruchsversuche im 
uganatal scheitern. 
Vorstoß türkischer Seestreitkräfte gegen die kanka- 
sische Küste. 
7. Vergeblicher Ansturm der Engländer und Fran- 
zosen gegen die Abschnitte Ovillers— Bazentin le 
Grand und Biaches- Soyccourt (Somme). 
Die Russen besetzen nach hartem Kampf Gruziatyn. 
. Vorstoß der österreichisch-ungarischen Truppen an 
der oberen Moldawa (Bukowina). 
Vergeblicher Sturmangriff sechs italienischer Di- 
visionen südlich vom Suganatale gegen die Front 
Cima Dieci- Monte Zebio. 
. Die Engländer beseten Tanga (Deutsch-Ostafrika). 
xDie Staaten des Vierverbandes heben die Lon- 
doner Seerechtsdeklaration von 1909 auf. 
Lloyd George wird britischer Kriegsminister. 
8. Französische Massenangriffe gegen den Trönes- 
Wald (Sommegscheitern unter empfindlichen Ver- 
lusten. Die Franzosen dringen in Hardccourt ein. 
Zusammenbruch russischer Massenangriffe bei 
orodischtsche und Zirin. 
Die österreichisch-ungarischen Truppen erzwingen 
den Übergang über die obere Moldawa. 
* Einrichtung eines Zentralverpflegungsamtes in 
Frankreich nach dem Muster des deutschen Kriegs- 
ernährungsamtes. 
9. Heftige Kämpfe in den Abschnitten bei Ovillers, 
Lardekourt und Biaches (Somme). 
. Erfolgreiche Abwehr italienischer Massenangriffe 
südlich vom Suganatale. 
Das Handels-Unterseeboot -Deutschlande trifft 
nach siebzehntägiger Fahrt in Baltimore ein. 
9./10. Deutscher Luftangriff auf Harwich und Dover. 
10. Zusammenbruch englischer Massenangriffe an der 
Straße Bapaume-Albert u. gegen Contalmatson. 
* Starke russ. Vorstöße bei Hulewicze und beider- 
seits der Bahn Kowel-Rowno werden abgewiesen.
        <pb n="227" />
        Kriegskalender 
11. Empfinbliche Schlappe der Franzosen an der Front 
Belloy -Soyccourt (Somme). 
Die Deutschen schieben ihre Front näher an die 
Werke von Souville und Laufee nordöstlich von 
Verdun heran. 
Italienische Niederlage am Monte Rasta südlich 
vom Suganatale. 
- Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Ravenna. 
. Eimnahme von Mamachatum westlich von Er- 
zerum durch die Russen. 
12. Die Engländer besetzen Contalmaison (Somme). 
Französische Vorstöße bei Barleux und Estrées 
werden von den Deutschen zurückgeschlagen. 
13. Heftige Kämpfe um den Abschnitt Wald von Ma- 
metz-Longueval und den Wald von Trönes. 
Vergebliche Angriffe der Russen bei Buczacz (Gal.). 
Zurücknahme der österreichilch-ungarischen Trup- 
pen auf das Westufer der oberen Moldawa. 
!* Zusammenbruch italienischer Massenangriffe zwi- 
schen Brenta und Etsch gegen die Front Cima 
Dieci-Monte Rasta. 
Die Engländer gewinnen Raum im Abschnitt 
Pozieres- Longueval, besetzen den Trönes-Wald. 
.Delatyn (Galizien) wird von den Russen besetzt. 
. Erfolgreiche Abwehr englischer Angriffe im Ab- 
schnitt Ovillers -Bazentin-le-Petit (Somme). 
Vergeblicher Aufturm der Franzosen gegen Fleury 
und die Höhe -Kalte Erdes. 
jDie Vereinigten Staaten erkennen das Handels- 
Unterseeboot -Deutschland= trotz Einspruch Eng- 
lands als Handelsschiff an. 
16. Schwere Kämpfe um Opvillers und Biaches. 
Starke russische Angriffe bei Riga werden von 
den Deutschen zurückgewiesen. 
- Zurücknahme er deutschen Truppen hinter die 
ipa im Raum von Gochorow. 
16./17. Erfolgreicher österr. Luftangriff auf Treviso. 
Die Engländer besetzen Ovillers und La Beiselle. 
*. Longueval und der Wald von Delville (14. Juli 
verloren) werden von den Deutschen zurückerobert. 
Niederlage der Russen bei Revanduz (Persien). 
18. Starker französischer Angriff gegen die Höhe 
„ Kalte Erde«. 
!. Zusammenbruch russischer Massenstürme südlich 
von Riga. 
. Die Türken melden eine schwere Niederlage der 
Italiener in Tripolis. 
* Erfolgreicher Luftangriff der Deutschen auf den 
russischen Hafen Reval. 
18.—19. Schwere Kämpfe um Longueval und den 
Wald von Delville. Englische Durchbruchsversuche 
bei Fromelles scheitern unter starken Verlusten. 
20. Ein englisch-französischer Hauptangriff (17 Divi- 
sionen) beiderseits der Somme gegen die Front 
Pozieres-Vermandovillers (40 km) wird von den 
Deutschen im allgemeinen zurückgewiesen. Zu- 
rücknahme einer deutschen Division südlich von 
Hardecourt in die zweite Linie. 
Die deutsche Linie wird bei Werben (Wolhynien) 
in die Gegend südwestlich von Berestetschko zurück- 
verlegt. 
21. Russische Massenangriffe an der Straße Eckau- 
Kekkau südwestlich von Riga scheitern unter schwer- 
sten Verlusten. 
* Revanduz (Persien) wird von den Türken besetzt. 
Vorstoß der Engländer gegen die deutsche Mittel- 
landbahn in Deutsch-Ostafrika. Rückzug der Deut- 
schen über den Pangani--Fluß. 
14. 
185 
22. Erfolgloser Angriff englischer Divisionen an der 
Front Thiepval- Guillemont (Sommie). 
Französischer Luftangriff auf Müllheim i. B. 
* Deutschland verschärft die Bestimmungen über 
absolute und relative Kriegskonterbande als Ver- 
geliung für die Lossagung des Vierverbandes von 
er Londoner Seerechtserklärung. 
- Zurücknahme der österreichisch ungarischen Linien 
ei Tatarow gegen den Karpathen-Hauptkamm. 
* Die Italiener werden südlich vom Suganatal 
unter schwersten Verlusten von den österreichisch- 
ungarischen Truppen zurückgeworfen. 
22. 23. Vorstoß deutscher Seestreitkräfte gegen die 
Themse-Mündung. 
23. Erfolgreicher Gegenangriff der Deutschen bei Lon- 
Uebal. 
c Kücaerit des russischen Ministers des Außern Ssa- 
sonow; Nachfolger: Ministerpräsident Stürmer. 
Zahlreiche Vorstöße der Jialiener füdlich vom Su- 
gonatal und im Raum von Paneveggio scheitern. 
*. Amtliche Bekanntmachung über den Verkauf der 
dänisch= westindischen Inseln St. Thomas, St. 
Croix und St. John an die Vereinigten Staaten. 
24. Zusammenbruch englisch- französischer Anstürme 
auf der Front Pozieères-Maurepas und Estrées- 
Soyécourt (Somme). 
Italienische Niederlage am Monte Zebio südlich 
vom Suganatal. 
95. Die Engländer besetzen Pozieres. 
. Deutscher Luftangriff auf den russischen Flotten- 
stützpunkt Mariehamn (Nlandsinfeln). 
Die Deutschen weisen einen Angriff von drei rus- 
sischen Divisionen bei Gorodischtsche erfolgreich ab. 
Lebhafte Kämpfe bei Radsiwillow (Wolhynien). 
Die Russen besetzten Erzinghian (Armenien). 
26. Vorstoß österreichisch-ungarischer Truppen nörd- 
lich vom Prislop-Sattel (Karpathen). 
ZItalienische Vorstöße bei Paneveggio scheitern 
unter schweren Verlusten. 
* Protest der nordischen Reiche in London gegen die 
ossagung des Vierverbandes von der Londoner 
Seerechtserklärung. 
27. Die Engländer besete# Longueval und den Del- 
ville-Wald. 
Durchbruchsversuche mehrerer russischer Armee- 
korps bei Gorodischtsche und bei Ljachowitschi an 
der Schtschara werden von den Deutschen zurück- 
ewiesen. Vorstoß der Russen westlich von Luzk. 
ie Russen besetzen Brody. 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Otranto, 
Bari und Molfetta. 
27.—28. Vergebliche Massenangriffe der Engländer 
bei Pozieères. 
28. Hauptangriff der Russen gegen den Raum von 
Kowel. Zurücknahme der deutschen Truppen hin- 
ter den oberen Stochod. Westlich von Luzk wird 
der russische Vorstoß zum Stehen gebracht. 
28./29. Starker deutscher Luftangriff auf die englische 
Ostküste. 
29. Zurücknahme der deutschen und österreich.-ungar. 
Truppen aus dem Stochod--Bogen bei Sokul. 
* Russische Durchbruchsversuche bei Kisielin scheitern 
unter schweren Verlusten. 
.Die Engländer nehmen Dodona (Deutsch-Ost- 
afrika) ein. 
29.—30. Schwere Kämpfe bei Buczacz und Burkanow 
(Ostgalizien). 
60. Deutscher Luftangriff auf Ostengland.
        <pb n="228" />
        186 
30. Erfolgreiche Abwehr eines englisch-französischen 
Vorstoßes von sechs Divisionen zwischen Pozieres 
und der Somme. 
Russische Massenangriffe an der Bahn Kowel- 
Haryg. an der Lipa Turya und im Raum von Luzk. 
31. Der Bundesrat ermächigt den deutschen Reichs- 
kanzler zur Liquidation britischer Unternehmun- 
gen als Vergeltungsmaßregel. 
31./1I. August. 
und Ostengland. 
. Zusammenbruch der russischen Vorstöße gegen die 
tochodfront und bei Kisielin. 
August 1916. 
1. Starke französische Kräfte werden auf der Front 
Maurepas-Somme abgewiesen. 
. Erfolgreiche Vorstöße der Deutschen bei Thiau- 
mont und Souville. 
Die Engländer erreichen mehrere Stationen der 
deutschen Zentralbahn in Ostafrika. 
. Das deutsche Landeis nterlevoot Deutsch- 
lande tritt von Baltimore die Heimfahrt an. 
Italien kündigt den deutsch-italienischen Handels- 
vertrag von 1891. 
2. Einbruch französischer Truppen in die deutsche 
Front Pfefferrücken - Fleury (Verdun). 
Generalfeldmarschall v. Hindenburg Übernimmt 
den Oberbefehl über die Front von der Ostseeküste 
bis westlich von Tarnopol. Der anschließende 
Abschnitt bis zur Bukowina wird dem Kommando 
des Erzherzog-Thronfolgers Karl unterstellt. 
uBeschießung von Molfetta durch österreichisch- 
ungarische Seestreitkräfte. 
" Erechenland zieht seine Truppen aus Saloniki 
uril 
as italienische Linienschiff »Leonardo da Vinci- 
wird in Tarent durch eine Hafenmine vernichtet. 
2./3. Deutscher Luftangriff auf London, Harwich 
und Ostengland. 
3. Die Franzosen gewinnen deutsche Stellungen bei 
Thiaumont und besetzen Fleury. 
Engl. Massenstürme zwischen Ancre und Somme. 
* Bestellung des Senators Sthamer zum deutschen 
Reichskommissar für Übergangswirtschaft. 
r Linrichtung des irischen Pobtitero Sir Roger 
asement wegen „Hochverrats. 
4. Fleury und die anschließenden Stellungen werden 
von den Deutschen zurlickerobert. 
é!. Hartnäckige Kämpfe im Sereth- und Graberka- 
Abschnitt südlich von Brody. 
. Erfolgreiche Abwehr italienischer Vorstöße an der 
Hochfläche von Doberdo. 
. Errichtung eines Kriegswucheramts in Berlin. 
. Die Franzosen besetzen nach hartem Kampf Fleury 
und das Werk Thiaumont. 
übergang der Russen über den Sereth nordwest- 
lich von Zalocze. 
Italienische Niederlage im Raume von Paneveg- 
0 (Tiroler Ostfront). 
Die Türken erobern russische Bergstellungen im 
Naume von Bitlis (Armenien). 
5.—6. Schwere Kämpfe bei Delatyn (Karpathen). 
6. Starker Angriff der Italiener gegen den Görzer 
Brückenkopf und die Hochebene von Doberdo. 
7. Lebhafte Kämpfe im Raume Thiepval-Pozieres- 
Ovillers. 
Gegenangriff der Armee Bothmer südlich von 
Zalocze. 
9 
eutscher Luftangriff gegen London - Die 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
7. Zurücknahme österreichisch- ungarischer Truppen 
aus der Linie Aumach.-Vuthug- (Ostgalizien). 
* Türkischer Vorstoß gegen Hmedan (Versien). 
8. Abweisung englisch-franz. Angriffe auf der Front 
Foureaux-Wald—-Somme durch die Deutschen. 
. Erneuter Durchbruchsversuch der Russen auf Ko- 
wel. Siegreiche Abwehr der feindlichen Angriffe 
im Stochodbogen und westlich von Laze 
Osterreicher räumen den Görzer Brückenkopf 
und die Stadt Görz. Monte San Michele und 
Monte Sabotino gelangen in den Besitz der 
Italiener. 
*. Musch und Bitlis (Armenien) werden von den 
Türken zurückerobert. 
8./9. Deutscher Luftangriff auf Ostengland. 
9. Französische Massenangriffe zwischen Ancre und 
Somme scheitern unter empfindlichen Verlusten. 
Vergeblicher Ansturm der Russen am Stochod. 
. Deutscher Luftangriff auf die russischen Flug- 
shatiener Arensburg und Lebora (Osel). 
x. Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Trup- 
pen auf der Hochfläche von Doberdo. 
Die österreich.-ungar. Truppen weisen italienische 
Massenstürme gegen den Abschnitt von Plava ab. 
. Englische Niederlage bei Katia (Sueskanal). 
9./10. Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Venedig. 
10. Geländegewinn der Russen bei Horodyszcze süd- 
lich von Zalocze (Otgalzien) 
Die Russen belepen tanislau und Delatyn. 
General Kuropatkin, Oberbefehlshaber der rus- 
sischen Nordfront, wird Generalgouverneur von 
Turkestan. Nachfolger: General Rußki. 
Einnahme der österreichisch-ungarischen Stellun- 
en zwischen der Wippach und dem Monte Cosich 
urch die Italiener. 
* Die Türken besetzen Hamadan (Persien). 
10./11 Erneuter österreich. Luftangriff auf Venedig. 
11. Erbitterte Kämpfe um das Werk Thiaumont. 
. Zurücknahme der deutschen und österreichisch-un- 
arischen Front südlich von Baloche- 
OD Im Gebiet des Capu (Bukowina) werden die 
Russen von deutschen und österreichischen Truppen 
turuche lagen. 
General Sarrail erhält den Oberbefehl über die 
englisch-französische Orientarmee bei Saloniki. 
12. Einheitlicher Vorstoß der Engländer und Fran- 
zosen auf der Front Thiepval - Somme. 
. Die Russen besetzen Nadwôrna (Galizien). 
"4 Ubweisung italienischer Durchbruchsversuche öst- 
lich von Görz. 
13. Erbitterte Kämpfe im Abschnitt Thiepval-Po- 
zieres. 
Deutscher Luftangriff auf die russische Flugstation 
Papenholm (Osel). 
* Die Russen besetzen Mariampol (Ostgalizien). 
. Die Österreicher weisen Angriffe der Italiener 
egen den Abschnitt Lokvica-Wippach ab. 
14. Massenangriffe und Geländegewinn der Eng- 
länder bei Pozieres. 
Russische Durchbruchsversuche bei Zborow, Brze- 
aung und Horozanka scheitern. 
IJtalienischer Luftangriff auf Triest. 
15. Siegreiche Abwehr italienischer Anstürme gegen 
den Raum östlich von Görz. 
- ie Engländer besetzen Bagamoyo (Deutsch-Ost- 
afrika). 
16. Englisch-franz. Vorstoß gegen die Abschnitte Po- 
zieres-Foureaux-Wald und Guillemont-Somme.
        <pb n="229" />
        Kriegskalender 
16./17. Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Ve- 
nedig und Udine. 
17. Einbruch der englisch-französischen Truppen in 
die deutschen Stellungen bei Martinpuich und 
Hardecourt (Somme). Schwere Kämpfe zwischen 
Guillemont und der Somme. 
Abweisung eines französischen Vorstoßes gegen 
die Front Fort Thiaumont -Chapitre-Wald. 
Die Bulgaren nehmen Florina (Mazedonien). 
. Starker Angriff der Engländer und Franzosen 
gegen die Front Ovillers-Cléry. Zurücknahme 
der deutschen Truppen zwischen Guillemont und 
Maurepas. 
Schwere Kämpfe um Fleury. 
Eestürmung der Magurahöhe (Karpathen) durch 
deutsche un österreichtsch-ungarische Truppen. 
19. Die Franzosen besetzen Fleury. 
Die Serben werden von den beherrschenden Höhen 
Dyemaat Jeri und Meterie Jepesi nördlich vom 
trowo- See geworfen. Die Bulgaren besetzen 
Demirhissar. 
Deutsch-englisches Seegefecht an der britischen Ost- 
küste (vgl. » Der Seekrieg 1915/16-, S. 246). 
20. Geländegewinn der Franzosen zwischen Guille- 
mont und Maurepas. 
Bulgarische Erfolge südlich von Florina. 
21. Schwere Kämpfe um Guillemont. 
* -Zurücknahme der deutschen Linien im Abschnitt 
iepval- Pozières. 
Sieg der Bulgaren über französisch-englische 
Kräfte an der Struma. 
22. Die Bulgaren besetzen Kastoria (Mazedonien). 
Biherlage der Serben an der Tscheganska- 
lanina. 
Die Russen werden im Abschnitt von Ognott 
Armenien) unter schweren Verlusten von den 
ürken zurückgeworfen. 
28. Verlust deutscher Stellungen bei Thiepval. 
. Erneuter Ansturm der Franzosen im Abschnitt 
Thiaumont-Fleury-Chapitre-Wald. 
. Dasdeutsche Handels-Unterseeboot „Deutschland 
kehrt von der ersten Fahrt nach Amerika zurück. 
24. Vorstoß der Engländer und Franzosen auf der 
Front Thiepval-Somme. Die Engländer gewin- 
nen dusche Stellungen bei Ovillers und im Ab- 
schnitt Longueval—-Delville-Wald. Maurepas 
wird von den Franzosen besetzt. 
24./25. Deutscher Luftangriff 2 5 London und die 
englische Südostküste. 
95. Einzug der Bulgaren in Kawalla. Bulgarischer 
Vorstoß gegen Korica (Mazedonien). 
27. Vergedliche englisch-französische Durchbruchsver- 
suche nördlich von der Somme. 
Kriegserklärung Italiens an Deutschland. 
Rumänien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg. 
"* Einbruch der Rumänen in Siebenbürgen bei 
Kronstadt und am Rotenturmpaß. 
Die Franzos en werden von den Bulgaren zwischen 
Seres und dem Agkischen Meer hinter die Struma 
urückgeworfen. 
28. Deutschland erklärt Rumänien den Krieg. 
Siieg des türkischen linken Flügels an der Kaukasus- 
front Über die Russen (5000 Gefangene). 
29. Zurücknahme deutscher Linien bei Martinpuich 
(Sommehz). 
Generalfeldmarschall v. Hindenburg wird zum 
Chef des Generalstabes, General Ludendorff zum 
Ersten Generalquartiermeister ernannt. 
187 
29. Prinz Leopold von Bayern erhält den Oberbefehl 
über diebisherige Front des Generalfeldmarschalls 
v. Hindenburg. 
Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Trup- 
pen von der siebenbürgischen Grenze. 
Die Rumänen besetzen Kronstadt und Petroseny. 
Abweisung rumänischer Angriffe bei Orsova. 
80. Kriegserklärung der Türkei an Rumänien. 
* Die Österreicher räumen Hermannstadt. 
81. Französischer Vorstoß gegen die Front Barleux- 
Soyscourt. 
Lebhafte Kämpfe bei Luzk. 
Russischer Angriff zwischen Zlota Lipa und Dnjestr. 
Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Linien 
westlich von Lorofansa. 
Entwaffnung der königstreuen griechischen Trup- 
pen in Saloniki durch die Franzosen. 
September 1916. 
1. Zusammenbruch russischer Angriffe bei Korytnica 
südwestlich von Luzk. 
·Abweisung eines italienischen Vorstoßes auf den 
Kleinen Pal. 
é! Zurücknahme der österreichisch-ungarischen Trup- 
pen bei Orsova. 
Kriegserklärung Bulgariens an Rumänien. 
Tod des bulgarischen Generalstabschefs Schostoff. 
Vergeblicher Vorstoß der Italiener über die Vo- 
jusa östlich von Valona. 
é!. Militärrevolte in Saloniki; die Franzosen nehmen 
die griechische Garnison esangen. 
2. Franz. Massenangriffe bei Maurepas scheitern. 
D 3 und bulgarische Kräfte überschreiten die 
Dobrum cha-Grenze zwischen Donau und Schwar- 
eer. 
- Beiezun von Piräus durch französische Truppen. 
2./3. 8 Luftangriff auf London und Ost- 
england. 
8. v Franzosen besetzen nach einem Angriff an der 
Somme in 30 km Breite Guillemont und Le 
de Zurücknahme der deutschen Linien bei 
inchy. 
Erbitterte Kämpfe bei Luzk und Brzezany. 
Deutscher Luftangriff bei Konstenze. Hartnäcki- 
ger Kampf in den Abschnitten Le Forest-Somme 
und Barleux-Chilly. Chilly und Soyscourt wer- 
den von den Franzosen genommen. 
Lsebhafter Kampf im Rufreddo-Gebiet (Südtirol). 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Venedig 
und Grado. 
*. Deutsche und bulgarische Truppen erstürmen die 
Vorstellungen der Festung Tutrakan. Einnahme 
von Dobritsch, Baltschik und Kaliakra (Do- 
brudscha) durch die Bulgaren. 
* Die österreichisch-ungarischen Truppen werfen die 
Iaaliener über die Vojusa nördlich von Valona 
urück. 
4 Erneuter Luftangriff auf Konstanza. 
. Die Rumänen besetzen Orsova. 
*. Daressalam wird von den Engländern genommen. 
5. Ansturm von 28nglisch-franz. Divisionen beider- 
seits der Somme. Die Franzosen besetzen Cléry. 
Zurücknahme österreichisch-ungarischer Truppen 
wischen Zlota Lipa und Dnzjestr. 
6. Vergebliche Angriffe der Engländer bei Ginchy. 
Vermandovillers wird von den Franzosen besetzt. 
Geländegewinn der Franzosen nördlich von der 
Feste Souville.
        <pb n="230" />
        188 
6. Erfolareiche Abwehr starker russischer Angriffe 
bei Zielona und Kirlibaba (Karpathenfront). 
·Tutral an wird von deulschen u. bulgarischen Trup- 
pen erstürmt (28000 Gefangene; 100 Geschüge). 
6. 7. Deutscher Luftangriff auf die russische Flug- 
station Nund (Rigaer Meerbusen). 
Fran zösischer Vorstoß bei Berny (Somme). 
Ducchbruchsversuch der Russen gegen Halicz. 
Deutscher Luftangriff auf russische Seestreitkräfte 
in Konstanza. 
. Niederlage der Rumänen nördlich von Dobritsch. 
8. Die deutschen Truppen weisen russische Anstürme 
wischen Zlota Lipa und Dujestr erfolgreich ab. 
" Zarücnadne der österreichisch-ungarischen Kräfte 
bei Petroseny (Südungarn). 
Der österreich.-ungar. Armeeführer Generaloberst 
v. Pflanzer-Baltin tritt vom Kommando zurück. 
9. Englischer Durchbruchsversuch zwischen Thiepval. 
und Combles. Die Deutschen verlieren Ginchy. 
Geländegewinn der Russen bei Schipoth (Karpa- 
tbenfront). 
Silistria wird von deutschen und bulgarischen 
Truppen erobert. 
Enalische Niederlage bei Massinich (Jrakfront). 
10. Erbitterter Kampf um Berny (Somme). 
. Erfolgreiche Abwebritalienischer Borstöße zwischen 
Etsch= und Astico--Tal. 
11./12. Osterreichisch ungarische Luftangriffe auf An- 
cona und Falconaria. 
12. Erneuter Ansturm der Engländer und Franzosen 
geen die Front Combles- Somme. 
* Die Franzosen besetzen Bouchavesnes und gewin- 
nen die Straße Péronne-Bouchavesnes (Somme). 
usammenbruch eines russ. Ansturms gegen den 
bschnitt Smotrec-Goldene Bistritza (Karpathen). 
* Überführung des 4. griechischen Armeekorps nach 
Deutschland auf eignen Wunsch infolge Bedrän- 
gung durch die Franzosen. 
12./13. Osterreichisch-ungarische Luftangriffe auf Be- 
nedig und Cervignano. 
13. Lebhafte Kämpfe an der Front Ginchy-Somme. 
Geländegewinn der Franzosen # Combles. 
* Englische Schlappe bei Nassirien (Mesopotamien). 
13.—14. Hartnäckiger Kampf am Smotrer, Capu und 
an der Baba Ludowa (Bukowina). 
Starke österreichisch-ungarische Luftangriffe auf 
Valona und Grado. 
14. Vergeblicher Durchbruchsversuch der Franzosen 
im Abschnitt Rancourt-Somme. 
*Sieg der deutsch-bulgarischen Truppen über die 
Rumänen zwischen Oltina-See und Cara Omer 
Dobrudscha). 
* Italienische Massenangriffe gegen die Karstfront 
wischen der Wippach und dem Meere. 
Vorsto der Rumänen in Siebenbürgen über den 
t 
Serbisch-englischer Vorstoß östlich von Florina. 
15. Angriff von 20 englisch-franz. Divisionen gegen 
die Front zwischen Ancre und Somme. Die Eng- 
länder besetzen Courcelette, Martinpuich u. Flers. 
Zurücknahme der österreichisch--ungarischen Front 
bis östlich von San Grado di Merua (Karstfront). 
Die deutschen und bulgarischen Truppen besetzen 
Mangalia (Dobrudscha). 
16. Angriff der Russen westlich von Luzk (Durch- 
bruchsversuch auf Wladimir Wolynst zu). 
- Söwere Kämpfe im Abschnitt Lokvica-Doberdo- 
II. Kriegsgeographie 
4. 
und Kriegsgeschichte 
16./17. Vergebliche russische Borstöße am Sereth, an 
der Strypa und gegen die Karpatbenfront. 
17. Erbitterte Schlacht auf der Front Thiepval-Ver- 
mandovillers (45 kmm). 
Aufgabe deuticher Stellungen südlich von der 
Somme zwischen Barleux und Vermandovillers. 
Schwerer Kampf an der Zlota Lipa. 
Zusammenbruch der italienischen Offensive gegen 
die Karstfront. 
Die deutichen und bulgarischen Truppen erreichen 
die Linie Rasova-Copadin-Tuzla (Dobrudscha). 
* Die Franzosen erobern Florina zurück. 
!Fort Tabora (Deutsch-Ostafrika) wird von den 
Engländern besetzt. 
17.—18. Deutscher Erfolg über die Russen an der 
Narajowka. 
18. Deutsche und österreichisch-ungarische Kräfte er- 
stürmen den russischen Brückenkopf nördlich von 
Farcch (Stochod). 
Osterreichisch-ungarische Truppen weisen russisch- 
rumänische Angriffe in der südlichen Bukowina ab. 
Sieg deutscher Truppen über die Rumänen bei 
Hötzing (Hatszeg). 
19. Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen 
erobern Petroseny und den Szurdukpaß zurück. 
Lebhafte Kämpfe im Becken von Florina. 
19.—20. Russische Niederlage an der Baba Ludowa 
und am Smotrec (Karpathen). 
20. Räumung deutscher Stellungen im Abschnitt 
Rancourt-Bouchavesnes. 
* Russische Anstürme im Abschnitt Pustomp#- 
Naurr (westlich von Luzl) scheitern unter emp- 
ndlichen Verlusten. 
21. Niederlage der Rumänen südlich von Topraisar 
(Dobrudschal 
22. Die Franzosen werden im Abschnitt Combles- 
Rancourt erfolgreich abgewiesen. 
- Vergeöliche Vorstöße der Rumänen bei Hermann- 
tadt. 
Räückeroberung des Vulkanpasses durch österrei- 
chisch-ungarische Truppen. 
23. Die Osterreicher weisen russische Massenangriffe 
zwischen Sereth und Strypa nördlich von Zborom 
erfolgreich ab. 
* Der Gipfel des Monte Cimone nördlich von Arfiero 
wird von den Österreichern gesprengt. 
23./24. Deutscher Luftangriff auf London und Wittel- 
england. 
24. Englisch-französischer Massensturm zwischen Ancre 
und Somme. 
1* Deutscher Luftangriff auf Bukarest. 
.Rumiänische Vorstöße zwischen dem Szurduk-= und 
Vulkanpaß werden abgewiesen. 
25. Einheitlicher Durchbruchsversuch der Engländer 
und Franzosen nördlich von der Somme. Die 
feindlichen Truppen besetzen Lesbœufs, Morval 
und Rancourt. 
* Zurücknahme der österreichisch-ungar. Truppen 
aus der Kammlinie Szurdukpaß -Vulkanpaß. 
25./26. Deutscher Luftangriff auf Portsmouth und 
Mittelengland. 
26. Die Engländer besetzen Combles, Guendecourt 
und Thiepval. 
* Erneuter Angriff deutscher Luftschiffe auf Bukarest. 
* Niederlage der Serben im Abschnitt Florina- 
Kajmakcalan (Mazedonien). 
27. Geländegewinn der Franzosen bei Rancourt und 
Bouchavesnes.
        <pb n="231" />
        27. 
v8. 
29. 
Kriegskalender 
Erfolgreicher Gegenstoß deutscher Truppen bei 
Korytnica (Wolhynien). 
Beginn der Schlacht bei Hermannstadt. 
Achte Kriegstagung des deutschen Reichstages. 
Rückzug der Rumänen bei Hermannstadt gegen 
das Grenzgebirge. 
Oberst Luloff wird Generalstabschef der bulga- 
rischen Armee. 
Erfolgreiche Abwehr der englischen Vorstöße im 
Abschnitt Rancourt-Courcelette. 
Entlastungsstoß der rumänischen 2. und 4. Armee 
im Görgeny-Gebirge. 
Die österreichisch-ungarische Donauflottille greift 
den rumänischen Hafen Corabia mit Erfolg an. 
Abschluß deutsch-schweizer. Wirtschaftsverträge. 
29.—30. Niederlage der Rumänen bei Hermannstadt 
und am Rotenturmpaß. 
30. Osterreichisch -ungarische Truppen weisen Durch- 
bruchsversuche der Russen an der Bahn Brody- 
Lemberg und im Graberka-Abschnitt ab. 
Deutscher Luftangriff auf Bukarest. 
Erfolge der englisch-französischen Truppen bei 
Kajmakcalan (Mazedonien). 
Oktober 1916. 
u Großkampftag nördlich von der Somme. Zusam- 
menbruch eines englisch -französischen Angriffes 
im Abschnitt Thiepval- Rancourt. 
übergang starker rumänischer Kräfte über die Do- 
nau bei Rahova südlich von Bukarest. 
1./2. Deutscher Luftangriff auf London und den 
2. 
Humber. 
Lebhafter Kampf bei Le Sars und an der Straße 
Sailly-Rancourt. 
Vergeblicher Gegenstoß der Rumänen aus der 
Linie Copadin - Topraisar -Tuzla. 
2.—3. Ein allgemeiner Angriff der Russen zwischen 
r 
B. 
Swiniuchy und Zaturzywestlich von Luzt scheitert. 
Die Russen werden nach einem Vorstoß bis zur 
Lysenia-Höhe an der Zlota Lipa unter empfind- 
lichen Verlusten zurückgeworfen. 
Zurücknahme deutscher und österreichisch-ungari- 
scher Truppen bei Fogaras vor Überlegenem An- 
riff der Rumänen. 
iederlage der Russen bei Swiniuchy und Kisielin. 
Rückzug der bei Rahova über die Donau vor- 
edrungenen rumänischen Abteilungen. 
umänischer Vorstoß im Görgeny-Tal. 
urücknahme der deutschen und bulgarischen 
ruppen zwischen Prespa-See und Nidze Planina 
(Mazedonien). 
4. Schwere Kämpfe bei Le Sars. Geländegewinn 
2 
Ot 
der Franzosen zwischen Frégicourt und Rancourt. 
Die Rumänen gehen im Hötzinger Gebirge auf 
die Grenzhöhen zurück. 
Rückzug der 2. rumänischen Armee im Alt-Tale 
binter die Sinca. 
Die auf Seite der Türken kämpfenden Bachtiaren 
vertreiben die Russen aus Ispahan (Persien). 
.Abweisung eines starken französischen Angriffs 
im Abschnitt Morval-Bouchavesnes. 
Vergebliche Anstürme der Russen an der Zlota 
a. 
ip 
Sieg der Armee Vallenhann über die Rumänen 
bei Reps und Krihalma. Eroberung des Sinca- 
Abschnitts. 
Geländegewinn der Osterreicher bei Libanfalva 
(Görgeny-Abschnitt). 
189 
6. Dersolgung der Rumänen durch den Geisterwald. 
Einnahme des Grenzberges Silgen südlich von 
Hötzing. 
Starke italienische Angriffe an der Fleimstal- 
Front werden abgewiesen. 
Vorstoß der Armee Sarrail an der Bahn Mona- 
stir - Florina und im Tscherna-Bogen. 
7. Großkampftag zwischen Ancre und Somme. Ge- 
8. Abweisung 
ländegewinn der englisch-französischen Truppen 
bei Le Sars, Lesbeeufs und im Abschnitt Mor- 
val—- St. Pierre Vast-Wald. 
Kronstadt wird von deutschen und österreichisch- 
ungarischen Truppen zurückerobert. 
Die Armee Falkenhayn erzwingt in der Schlachtvon 
Kronstadt (7.—9."Okt.) den Austritt aus dem Gei- 
sterwald in das Alt-Tal und das Burzenland. Rück- 
ug der rumän. Armeen gegen das Grenzgebirge. 
ie Zeichnungen der 5. deutschen Kriegsanleihe 
erreichen die Höhe von 10,651 Milliarden Mark. 
eines englisch-französischen Durch- 
bruchsversuchs nördlich von der Somme. 
Geländegewinn der Osterreicher an der Baba Lu- 
dowa (Karpathen). 
Das deutsche Unterseeboot »D 53. trifft in New- 
port (Vereinigte Staaten von Amerika) ein. 
Erbitterter Kampf im Abschnitt Cardinal-Col 
Dose (Fassaner Alpen). 
Niederlage der Rumänen bei Marienburg (Föl- 
davi). Einnahme von Törzburg. 
8.9. Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Valona. 
□—J 
Die Deutschen besetzen die Donauinsel nördlich 
von Spistov. 
Übergang der Serben über die Tscherna östlich 
von Kenali. 
9. Beginn des Handelskrieges deutscher Unterseeboote 
an der nordamerikanischen Küste. 
Einleitung der achten italienischen Isonzo-Offen- 
sive. Allgemeiner Angriff zwischen San Grado 
di Merua und dem Doberdo-See. 
Deutsche und österr.-ungar. Truppen erkämpfen 
den Austritt aus dem Hargitta- und Baroter- 
gebirge. Geländegewinn westlich vom Vulkanpaß. 
10. Englisch-französischer Vorstoß im Abschnitt Mor- 
val—- Bouchavesnes. Einbruch der Franzosen in 
die deutsche Front bei Sailly u. Vermandovillers. 
Eroberung österreichisch · ungarischer Linien bei 
Nova Vas durch die Italiener. 
Die Belgier besetzen die Mittellandbahn (Deutsch- 
Ostafrika) vom Tanganjika-See bis Tabora. 
10./11. Hartnäckiger Kampf im Tscherna-Bogen und 
am Wardar. 
11. Lebhafter Kampf um Ablaincourt (Somme). 
Ultimatum des Vierverbandes an Griechenland, 
überlassung der Flotte und der Bahn Piräus-- 
Larissa betreffend. 
Die 2. rumänische Armee wird südlich von Kron- 
stadt in die Grenzstellungen zurückgeworfen. 
Abwehr eines italienischen Durchbruchsversuchs 
nördlich von der Wippach. 
Die Italiener gewinnen Nova Vas. 
12. Großkampftag zwischen Ancre und Somme. Der 
englisch-französische Hauptangriff auf der Front 
Courcelette-St. Pierre Vast.Wald und bei Sailly 
scheitert unter erheblichen Verlusten. 
!. Zurückgewinnung des Gyergyo= und Mazeks- 
Beckens in Siebenbürgen. 
In Österreich und Ungarn werden Ernährungs- 
ämter nach deutschem Muster errichtet.
        <pb n="232" />
        190 
13. Zusammenbruch feindlicher Vorstöße zwischen 
orval und Bouchavesnes. 
Franzöfsischer Luftangriff auf badische und würt- 
tembergische Orte (Vernichtung von neun feind- 
lichen Flugzeugen). 
¼ Erfolglose Beendigung der ital. Isonzo-Offensive. 
14. Die Franzosen besetzen Ablaincourt und deutsche 
Stellungen östlich von Belloy-en-Santerre. 
Vorstoß der Engländer nördlich von Thiepval. 
* Der Smotrer (Karpathen) wird von deutschen und 
österreichisch-ungarischen Truppen zurückerobert. 
* Hartnäckiger Kampf am Vulkanpaß. 
15. Geländegewinn der Osterreicher östlich von Kirli- 
baba (Bukowina). 
. Bildung einer provisorischen Regierung (Veni- 
zelos) in Saloniki. 
15.—16. Erfolgreiche Abwehr russischer Durchbruchs- 
versuche im Abschnitt Zubilno-Saturzy und an 
der Narajowka. 
Vergebliche Durchbruchsversuche der Serben im 
Tscherna-Abschnitt. 
16. Dieenglisch-französischen Truppen besetzen Piräus 
und Teile von Athen. 
17. Englisch-französische Angriffe in den Abschnitten 
Le Sars-Guendecourt und Lesbeeufs-Rancourt 
werden von den Deutschen erfolgreich abgewiesen. 
Die Franzosen besetzen Sailly. 
18. Großkampftag nördlich von der Somme. Ein eng- 
lischer Durchbruchsversuch zwischen Le Sars und 
Guendecourt wird vereitelt. 
* Geländegewinn der Engländer nördlich von Eau- 
court [Abbaye-Gueudecourt. Die Franzosen be- 
setzen deutsche Stellungen im Abschnitt Biaches- 
La Maisonnette. 
*. Schwere Kämpfe im Pasubio-Gebiet. 
19. Die Deutschen erobern russische Stellungen bei 
Swistelniki an der Narajowka. 
é". Zurücknahme der bulgarischen Truppen bei Brod 
im Tscherna-Bogen. 
W. Einbruch deutscher und bulgarischer Truppen in 
die rumänische Hauptstellung auf der Front Ra- 
sova-Tuzla (Dobrudscha). 
21. Zurücknahme der deutschen Truppen im Raume 
Lrandcourt—#8 (Sommeh). Harte Kämpfe bei 
ailly. 
Ermordung des österreichisch= ungarischen Mi- 
nisterpräsidenten Stürgkh. 
Eröffnung der ersten flämischen Universität in 
Gent unter deutscher Schutzherrschaft. 
22. Starker Angriff der Engländer und Franzosen 
auf der Front Le Sars-Lesbeeufs -Rancourt. 
Geländegewinn der Franzosen bei Chaulnes. 
Die Russen werden auf das Ostufer der Nara- 
jowka zurückgeworfen. 
* Der Predealpaß wird von deutschen und österrei- 
chisch-ungarischen Truppen erstürmt. 
- Lcherlag= der Rumänen im Abschnitt Rasova- 
a. 
* Die Rumänen verlieren Topraisar und Copadin. 
Vorstoß auf Tschernawoda. 
28. Grehen#chflag nördlich von der Somme. Nieder- 
lage der Feinde im Abschnitt Eaucourt IAbbave- 
Rancourt. 
* Konstanza wird von den Bulgaren genommen. 
. Einnahme von Predeal durch deutsche und öster- 
reichische Truppen. 
* Durchbruch durch die rumänische Front am Süd- 
ausgang des Rotenturmpasses. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
23. Deutscher Luftangriff auf Bukarest. 
Die Bulgaren besesen Medgidia und Rasova. 
24. Vorstoß der Franzosen im Raum von Douaumont. 
Die Deutschen verlieren Fort und Dorf Douau- 
mont sowie Stellungen bei Haudromont. 
D Die puschen und Österreicher erstürmen den Bul- 
anpa 
25. Eroberung von Tschernawoda durch die Bulgaren. 
Geländegewinn der Armee Falkenhayn im To- 
trus-Oituz--Tal und gegen Campolung. 
26. Abweisung starker franzöfischer Angriffe gegen 
Fort Vaux. 
Die Bulgarenbesetzen Harsova( Nord-Dobrudscha). 
26./27. Vorstoß deutscher Seestreitkräfte durch den 
Kanal bis zur Linie Folkestone - Boulogne. 
27. Die Deutschen weisen starke englische und franzö- 
sische Sturmangriffe bei Guendecourt-Lesbeeufs- 
Morval erfolgreich ab. 
. Zusammenbruch eines französischen Vorstoßes 
aus dem Thiaumont-= und Fumin-Wald. 
Rückzug der Rumänen im Partzuga-Tal südlich 
von Kronstadt. 
1Finanzminister v. Koerber wird zum österreichi- 
schen Ministerpräsidenten ernannt. 
28. Einbruch der Franzosen in die deutschen Stellun- 
gen bei Lesbaufs. 
* Hauptmann Boelcke fällt im Luftkampf an der 
deutschen Westfront. 
29. Der frühere Generalquartiermeister v. Stein wird 
#m preußischen Kiegeminiser ernannt. 
- Ter Geländegewinn der Franzosen bei Les- 
œufs. 
La Malsonette und anschließende französische Stel- 
lungen werden von den Deutschen erstürmt. 
Deutsche und türkische Truppen gewinnen Gelände 
am Ostufer der Narajowka. 
. Einnahme rumänischer Höhenstellungen südöstlich 
vom Rotenturmpaß. 
80. Starke Gegenstöße der Rumänen bei Orsova und 
Campolung scheitern unter schweren Verlusten. 
Niederlage der serbischen und französischen Trup- 
pen im Tscherna--Abschnitt. 
81. Erfolgreiche Abwehr eines ltrten englischen Vor- 
stoßes aus der Linie Gueudecourt-Lesbeeufs. 
November 1916. 
1. Bordringen der Franzosen bei Morval und am 
St. Pierre Vast. Wald. 
Die Deutschen räumen die Feste Vaux. 
* Beginn der neunten italienischen Isonzo-Offen- 
sive. Die Italiener besetzen Lokvica und Gelände 
am Tivoli und San Marco. 
Die Deutschen erobern russische Stellungen am 
Stochod bei Witoniez. 
1./2. Leichte deutsche Streitkräfte stoßen gegen den 
Kanal vor. 
2. Zusammenbruch russischer Massenstürme an der 
Narajowka. 
Vergeblicher Ansturm der Italiener an der Wip- 
pach und gegen die Karsthochfläche. 
Generalleutnant Groener wird zum Leiter des 
deutschen Kriegsamts ernannt. 
.Russische Hilfstruppen übernehmen Teile der Do- 
brudscha= und siebenbürgischen Ostfront. 
Vorstoß der Russen im Toelgyes-Abschnitt (nörd- 
liches Siebenbürgen). 
Osterreichisch-ungarische Truppen erobern die Ma- 
bucet-Stellung südlich vom Predealpaß. 
# — r r□—N
        <pb n="233" />
        Kriegskalender 
4. Ein italienischer Vorstoß bei Jamiano (Karst- 
front) bricht unter schweren Verlusten zusammen. 
Lebhafte Kämpfe am Szurdukpaß. 
5. Großlampftag nördlich von der Somme. Vorstoß 
der Engländer und Franzosen auf der Front Le 
Sars-Bouchavesnes. Verlust deutscher Stellun- 
en am St. Pierre Vast-Wald. 
- Fe#en wird von Deutschland und Osterreich- 
Ungarn zum selbständigen Staat mit erblicher 
Monarchie und konstitutioneller Verfassung er- 
kllärt. Galizien wird das Recht der Selbstverwal- 
tung verliehen. 
é! Zurücknahme der rumänischen Truppen südöstlich 
vom Rotenturmpaß. 
6. Die Russen besetzen österreichisch-ungarische Stel- 
lungen im Toelgyes-Abschnitt. 
Erfolgreicher Vorstoß der verbündeten Truppen 
im Raum von Spini südlich vom Rotenturmpaß. 
7. Französischer Geländegewinn bei Ablaincourt 
Somme). · 
. Erbitterte Kämpfe am Bodza-Paß und im Toel- 
##nnibschnit 
eendigung der erfolglosen neunten italienischen 
Isonzo-Offensive. 
8. Starke Angriffe der Russen im Giergsso-Gebirge 
Die deutschen und österreichisch-ungarischen Trup- 
pen überschreiten den Baiesti-Abschnitt südöstlich 
vom Rotenturmpaß und erobern Sardoin. 
9. Lebhafter Kampf beiderseits von Sailly (Somme). 
* Eroberung russischer Siellungen bei Skrobowa. 
Erfolgreicher Gegenstoß der österreichisch= unga- 
rischen Truppen im Gyergyo-Gebirge. 
. Starke rumänische Vorstöße im Predeal-Abschnitt 
werden abgewiesen. 
Aufruf der Mittelmächte zur Bildung eines pol- 
nischen Heeres. 
10. Die Engländer besetzen deutsche Stellungen bei 
Courcelette (Somme). 
Französischer Luftangriff auf Industrieanlagen 
im Saargebiet. 
Einbruch deutscher Truppen in die russische Haupt- 
stellung an der Narajowka. Starke Gegenstöße 
der Russen werden abgewiesen. 
Erstürmung rumänischer Stellungen im Vorstoß 
egen Sinaia. 
* Angriffe der Serben und Franzosen im Ostteil 
der Ebene von Monastir und an der Tscherna. 
Wiederwahl Wilsons zum Präsidenten der Ver- 
einigten Staaten von Amerika. 
- Auslieferung der griechischen Flotte an die Entente- 
ächte 
10./11. Vorstoß deutscher Seestreitkräfte in den Fin- 
nischen Meerbusen bis Baltischport. 
11. Vergebliche Gegenstöße der Rumänen nördlich 
vom Oituz-Tale. 
Eroberung rumänischer Linien beiderseits des 
oberen Alt. 
12. Lebbafte Kämpfe südlich von Monastir. 
12./ 18. Osterreichisch-ungar. Luftangriff auf Padua. 
13. Großkampftag nördlich von der Somme. Die 
Engländer erobern durch Angriff beiderseits der 
Ancre Beaumont-Hamel, St. Pierre-Divion und 
die Anschlußstellungen. 
Rückzug der Russen im Gyergyo-Gebirge gegen 
die Grenze. 
* Lustangriff der Osterreicher auf Ravenna. 
Vorstoß der serbisch-französischen Truppen gegen 
Monastir. 
191 
18. Türkischer Luftangriff auf Kairo. 
-Die königstreuen griechischen Truppen werden 
aus Thessalien zurickgezogen. 
14. Erneuter Angriff der Engländer an der Ancre 
und im Abschnitt Le Sars-Gueudecourt. 
Die Engländer besetzen Beaucourt. 
* Deutscher Luftangriff auf Bukarest. 
! Zurücknahme der bulgarischen Truppen im 
scherna-Bogen. 
14./15. Erbitterte Kämpfe am St. Pierre Vast-Wald. 
15. Geländegewinn der Deutschen am St. Pierre 
Vast-Wald. 
é!. Zusammenbruch starker russischer Vorstöße östlich 
vom Putna-Tal (siebenbürgische Ostfront). 
Rückzug der Rumänen im oberen Alt-Tal gegen 
Radacinesti. 
*Französisch-russische Kräfte erreichen die Vira 
nördlich von Kenali (Mazedonien). 
Generalleutnant Höppner wird zum komman- 
dierenden General der Luftstreitkräfte ernannt. 
16. Schwerer Kampf östlich vom Putna · Tale. 
* Westlich vom Predeal-Paß brechen deutsche und 
österreichisch-ungarische Truppen in die rumä- 
nische Front ein. Rückzug der Rumänen im Ge- 
biet des Jin. 
16.—18. Durchbruchsschlacht von Targu Jin. 
17. Die verbündeten Truppen erreichen die Linie 
Candesti-Namaesti. Vergeblicher Durchbruchs- 
versuch der Rumänen nördlich von Campolung. 
* Lebhafte Kämpfe um die Höhen bei Monastir. 
18. Durchbruchsversuche der Engländer beiderseits 
der Ancre. Zurücknahme der deutschen Front bei 
Serre und im Abschnitt Grandcourt-Courcelette. 
. Die Armee Falkenhayn erkämpft in der Durch- 
bruchsschlacht bei Targu Jin den Austritt in die 
walachische Ebene. Einbruch in die rumänische 
Front zwischen Jiu und Gilurt. Die Deutschen 
erreichen die Bahnlinie Orsova-Craiova. 
. Deutsche und österreichisch-ungarische Truppen er- 
reichen die Linie Calimanesti—- Suici südlich vom 
Rotenturmpaß. 
Monastir wird von den Serben besetzt. Zurück- 
nahme der deutsch-bulgarischen Front auf die 
Höhenstellungen nördlich von Monastir. 
19. Vorstoß der Deutschen am Jiu gegen den Raum 
von Craiova. 
21. Craiova wird von deutschen Truppen erobert. 
* Starke Gegenstöße der Rumänen nördlich von 
Campolung. 
.Tod Kaiser Franz Josephs I. von Osterreich in 
Schönbrunn. 
Vorstoß des türkischen rechten Flügels der Kau- 
kasus-Armee im Raum von Musch. 
23. Die Armee Falkenhayn durchbricht die westrumä- 
nische Front an der Donau. Einnahme von Or- 
sova und Turn Severin. 
Hartnäckige Kämpfe bei Ramnie Valcea (Alt). 
é! Übergang der deutschen Donau-Armee über die 
Donau bei Spistov. 
23./24. Vorstoß deutscher Seestreitkräfte gegen die 
Themse-Mündung. 
24. Die über Craiova vordringenden Kräfte der 
Armee Falkenhayn überschreiten den unteren Alt. 
* Der russische Verkehrsminister Trepow wird zum 
Ministerpräsidenten ernannt. " 
Rücktritt des deutschen Staatssekretärs des Rußern 
v. Jagow; Nachfolger: Unterstaatssekretär Zim- 
mermann.
        <pb n="234" />
        192 II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
25. Die Deutschen nehmen Ramnie Valcea im Alt-Tal. 
. Der russische Generalstabschef der Armee Alexe- 
jeff wird durch General Gurko ersetzt. Ernennung 
Neratows zum russischen Minister des Außern. 
Lebhafter Kampf bei Curtea des Arges. 
Vormarsch der deutschen Donau-Armee von Zim- 
nicea gegen Alexandria und Giurgiu. 
26. Niederlage der Reste der 1. rumänischen Armee 
südöstlich von Turn Severin. 
Die beiderseits des Alt vordringenden Truppen 
werfen die Rumänen hinter den Topolog-Ab- 
schnitt zurück. Ostlich von Tigveni wird die ru- 
mänische Front durchbrochen. 
. Einnahme von Alexandria südwestlich von Bu- 
karest durch die Deutschen. übergang der Donau- 
Armee über die untere Vedea. 
Erbitterter Kampf um die Höhen von Paralovo 
(Mazedonien). 
Das französische Linienschiff »Suffren« wird 
nordwestlich von Lissabon durch ein deutsches 
U--Boot vernichtet. 
26./27. Vorstoß deutscher Seestreitkräfte gegen die 
englische Ostküste. 
27. Beginn einer russischen Entlastungsoffensive in 
den Karpathen und an der siebenbürg. Ostfront. 
Die Deutschen besetzen Curtea des Arges. 
Die Alt-Linie gelangt in deutschen Besitz. 
Die deutsche Donau-Armee erobert Giurgiu und 
erreicht die Linie Giurgiu-Draganesti. 
Niederlage der Armee Sarrail auf der Front 
Trnova-Makovo und nordwestlich von Monastir. 
27./28. Deutscher Luftangriff auf Mittelengland. 
29. Starke Angriffe der Russen in den Karpathen 
und an der siebenbürgischen Ostfront werden er- 
folgreich abgewiesen. 
Die Deutschen erobern Pitescht und Campolung. 
Ernennung des Admirals Beatty zum Ober- 
befehlshaber der brilischen Flotte. Admiral Jel- 
licoe wird erster Seelord der Admiralität. 
30. Erfolgreiche Abwehr russischer Angriffe an der 
Füota Lipa durch türkische Truppen. 
insturm der Russen in den Karpathen vom Ja- 
blonica-Paß bis zum Uz- und Oituz-Tal. 
Vereinigung der Armee Falkenhayn mit der 
Heeresgruppe Mackensen. 
*. Deutscher Vormarsch Über Campolung u. Pitescht. 
Die deutsche Donau-Armee erkämpft den über- 
gang über die Neajlow-Niederung und nähert sich 
dem unteren Arges. 
Dezember 1916. 
1. Russische Entlastungsstöße an der Baba Ludowa, 
bei Dorna Watra im Trotus= und Oituz-Tal 
scheitern unter schweren Verlusten. 
Die Front der 1. rumänischen Armee wird am 
Arges südöstlich von Pitescht von deutschen und 
österreichisch-ungarischen Truppen durchbrochen 
* Gefangene). 
2. Abweisung russischer Durchbruchsversuche in den 
Waldkarpathen am Smotrec und an der Baba 
Ludowa. 
é Übergang der deutschen und österreichisch = unga- 
rischen Truppen über den Arges unterhalb Gaesti. 
Eine südwestlich von Bukarest über den Arges 
und Neajlow vorgedrungene rumänische Gruppe 
wird über den Neajlow-Abschnitt zurückgeschlagen. 
2. Vergebliche serbisch · französische Angriffe nord- 
westlich von Monastir. 
Teilweise Besetzung Athens durch englisch-franzö- 
sische Truppen. 
-Der deutsche Reichstag nimmt das Gesetz über 
die allgemeine Zivildienstpflicht an. 
8. Russische Angriffe am Dryswiaty- See werden 
von den Deutschen erfolgreich abgewiesen. 
* Sieg der verbündeten Truppen in der Schlacht am 
am Arges (1.—3. Dezember). Deutsche und öster- 
reichisch-ungarische Kräfte überschreiten den Arges 
westlich von Bukarest und erreichen Titu. Nieder- 
lage der Rumänen bei Draganesti. Einnahme 
von Targoviste. 
4. Vergeblicher Vorstoß der Engländer an der Straße 
Albert- Warlencourt. 
Starke russische Angriffe im Putna-, Trotus= und 
Uz-Tal brechen zusammen. 
Rückzug der Rumänen hinter die Linie Bukarest- 
Targoviste-Pietrosita. 
Die deutsche Donau-Armee erreicht den Arges süd- 
westlich von Bukarest. Abwehr starker russisch- 
rumänischer Gegenstöße in der Donauniederung. 
5. Starker Vorstoß der Russen im Trotus-Tal und 
am Tartarenpaß. Zurücknahme deutscher Trup- 
pen im Trotus-Tal. 
Die 9. deutsche Armee erreicht die Linie Bukarest- 
Ploescht-Campina. Einnahme von Sinaia. 
Niederlage derin der südwestl. Walachei abgeschnit- 
tenen rumän. Kräfte am Alt (8000 Gefangene). 
* Rücktritt des endlischen Premierministers Asquith. 
5./6. Vorstoß der deutschen Donau-Armee über den 
unteren Arges gegen Bukarest. 
6. Die Deutschen stürmen die Höhe 304 (Verdun). 
*. Rückzug der Rumänen gegen den Raum Buzau- 
Harsova. 
. Einnahme von Bukarest, Ploescht und Campina 
9100 Gefangene). 
Lebhafte Kämpfe an der Tscherna (Mazedonien). 
Lloyd George wird britischer Ministerpräsident. 
7. Die Rumänen am Predeal= und am Altschany- 
Paß werden geschlagen (10000 Gefangene) 
Verhängung der Blockade Über Griechenland durch 
Frankreich und England. 
8. Erfolgreiche Abwehr russischer Angriffe zwischen 
Kirlibaba und der Bistritza. 
* Sieg der 9. Armee über die Rumänen nordöst- 
lich von Sinaia. Die Donau-Armee dringt nord- 
östlich von Bukarest vor. 
* Bulgarische Kräfte überschreiten die Donau bei 
Tutrakan und besetzen Oltenitza. Rückzug der 
Russen vom linken Donauufer zwischen Tutrakan 
und Tschernawoda. 
9. Übergang der Bulgaren Über die Donaubei Tscher- 
nawoda. Einnahme von Calarasi. 
Allgemeiner Rückzug der rumänischen Hauptkräfte 
östlich von der Linie Bukarest—-Ploescht. 
. Zusammenbruch eines starken Entlastungsstoßes 
ver Sarrail-Armee bei Monastir und im Icherüg- 
ogen. 
10. Erneute Vorstöße der Russen am Tartarenpaß, 
im Bistritza-Abschnitt und im Trotus-Talscheitern. 
*lUberschreitung der Jalomitza bei Receanu nord- 
östlich von Bukarest durch die 9. Armee. 
Niederlage serbisch-französischer Truppen auf der 
Front Dobromir— Makovo (Wagenonien) 
* Lebhafter Kampf am Westflügel der Dobrudscha= 10./11. Untergang des ital. Linienschisses „Regina 
Front. 
Margherita- durch Minen im Mittelmeer.
        <pb n="235" />
        Kriegsberichte: Die Frühjahrskämpfe 1916 
11. Einnahme von Urziceni und Mizil (Rumänien). 
12. Lebhafte Kämpfe im Gyergyo-Gebirge. 
* Niederlage der Rumänen an der Jalomitza. Die 
Donau--Armee überschreitet den Jalomitza-Ab- 
schnitt. 
Vorstoß der deutschen und österreichischen Trup- 
pen gegen den Raum von Buzau. 
Friedensangebot der Mittelmächte. 
General Nivelle wird zum Oberbefehlshaber der 
französischen Nord= und Ostfront ernannt. Er- 
nennung des Generals Joffre zum fachmännischen 
Berater der französischen Regierung. 
Rücktritt des österreichisch = ungarischen Ministe- 
riums Koerber. 
Die Große Walachei südlich von der Linie Buka- 
rest-Tschernawoda und dem Jalomitza-Abschnitt 
gelangt in deutschen Besitz. 
lbweisung starker französischer Gegenstöße an der 
Höhe 304 und am Pfefferrücken. 
Die rumänische Gebirgsfront in der Großen Wa- 
lachei wird von der 9. Armee durchbrochen. 
Eroberung von Buzau. 
übergang der Bulgaren über die Donaubei Fetesti. 
Angriff der Franzosen auf 10 km Breite im 
Raum von Douaumont. 
r Jurücknahme der deutschen Truppen in die Linie 
lou-Rücken - Louvemont-Bezonvaux. Die 
Franzosen besetzen Vacherauville, Louvemont und 
das Werk Hardaumont. 
Die 9. Armee erreicht die Linie Buzau-Rimnie- 
Sarat und überschreitet die Calmatui-Niederung. 
Einsetzen der Offensive gegen die Russen in der Linie 
Tschovrlu-Topal (Dobrudscha). Die Verbündeten 
erreichen die Linie Cogealac— Cartal—Harsova. 
Die Franzosen nehmen Bezonvaux und die an- 
schließenden Stellungen nordöstlich von Verdun. 
. Der Buzau-Abschnitt wird von deutschen und 
österreichisch- ungarischen Truppen Überschritten. 
General der Infanterie v. Fabeck, Armeeführer an 
der deutschen Westfront, stirbt in Partenkirchen. 
Vorstoß der deutschen und bulgarischen Truppen 
über die Linie Babadag -Pecineaga (Nord-Do- 
brudscha). 
18. Geländegewinn der Franzosen nördlich von Hau- 
draumont. 
19. Die Friedensnote Wilsons wird den Ententemäch- 
ten überreicht. 
20 Lebhafter Kampf nördlich von Arras. 
Hartnäckiger Ansturm der Russen im Mestecanesci- 
Abschnitt (Karpathen). 
20. Bildung des österreichisch= ungarischen Ministe- 
riums Clam-Martinitz. 
20. Lebhafte Kämpfe bei Paralova (Mazedonien). 
13. 
14. 
16. 
16. 
17. 
193 
21. Die Note, in der Wilson die Bekanntgabe der An- 
sichten über Friedensbedingungen anregt, wird 
den Mittelmächten übergeben. 
22. Eroberung von Tulcea (Dobrudscha) durch die 
deutsch-bulgarische Dobrudscha-Armee. 
é. Rücktritt des österr.-ungar. Ministers des ÄAußern 
Burian v. Rajecz; Nachfolger: Graf Czernin. 
22.23. Erfolgreicher Vorstoß österreichisch= ungari- 
scher Seestreitkräfte in die Straße von Otranto. 
23. Geländegewinn der Russen nördlich vom Uz-Tal. 
24. Die Bulgarenerobern Isaccea (Nord-Dobrudscha). 
Angriff auf den Brückenkopf Matschin. 
Einnahme von Filipesti und der anschließenden 
rumänisch-russ. Stellungen südwestlich von Bräila 
durch die Dobrudscha-Armee (5500 Gefangene). 
Die 9. Armee durchbricht nach fünftägigem Kampf 
die russisch-rumänische Front im Naum von 
Rimnic-Sarat in 17 km Breite. 
Antwortnote Deutschlands und Osterreich-Un- 
garus auf Wilsons Anregung (vgl. 21. Dezem- 
ber): Vorschlag baldigen Zusammentritts von 
Vertretern der Kiegfühlenden Staaten. 
Vollständiger Sieg der verbündeten Truppen über 
die Rumänen bei Rimnic-Sarat (10 300 Gefan- 
gene). Eroberung von Rimnic-Sarat. 
Das französische Linienschiff-Gaulois= wird im 
Mittelmeer durch ein deutsches U-Boot versenkt. 
Eroberung französischer Stellungen an der Höhe 
304 und dem Südhang der Höhe -Toter Mann- 
durch die Deutschen. 
. Erfolgreicher Vorstoß der deutschen und österr. 
ungar. Truppen an der siebenbürgischen Ostfront. 
Zurücknahme der rumänischen Kräfte im Zabala-, 
karnja= u. Putna-Tal. Einnahme von Dumitresti. 
Die verbündeten Truppen erreichen die Linie 
Vizir— Sutesti-Slobozia —Plaginesti. 
Die deutschen und österreichisch-ungarischen Trup- 
pen gewinnen rumänische Stellungen im Grenz- 
gebiet der Karpathen. Eroberung der Höhe So- 
lhmtan durch die Deutschen. 
Einbruch in die rumänischen Gebirgsstellungen 
nördlich von Rimnic-Sarat. 
Vorstoß der Donau-Armee gegen die befestigte 
Linie Gurgueti-Cincea südwestlich von Bräila. 
. Die Entenlestaaten lehnen das Friedensangebot 
der Mittelmächte ab. 
Kaiser Karl I. von ÖOsterreich wird in Budapest zum 
König von Ungarn gekrönt. 
Die Rumänen verlieren Herestrau und Ungureni 
westlich von Fokschani. 
*-Die 9. Armee dringt südlich von Fokschani vor. 
i Blickng der Rumänen in den Brückenkopf von 
räila. 
25. 
26. 
27. 
26. 
29. 
81. 
Kriegsberichte aus dem Großen 
Hauptquartier 19161 
Im März'. 
Veröffentlicht am 8. April 1916. 
Jede Würdigung der kriegerischen Entwicklung muß 
von der Grundtatsache ausgehen, daß der Krieg, so- 
weit das Deutsche Reich in Betracht kommt, von dem 
1 Bgl. die Borbemerkung in Band 1, S. 186. 
2 Behandelt die Frühtahrskämpfe des Jahres 1916. 
Der Krieg 1914/17. U. 
schmalen Streifen an der Südwestecke abgesehen, der 
unter dem Feuer der Geschüte Belforts liegt, im 
wesentlichen auf feindlichem Gebiet geführt wird. Die 
größeren Landstrecken unseres Vaterlandes, über die 
vorübergehend alle Schrecken des Krieges hingebraust 
sind, liegen in der äußersten Nordostecke des Reiches 
und abseits des hroben Stromes friedlichen Reise- 
verkehrs. Sie sind deshalb der weitaus überwiegen- 
den Mehrzahl auch des reisenden Teils unseres Vol- 
kes so gut wie unbekannt geblieben. Zudem sind 
es Gebiete rein landwirtschaftlichen Charakters und 
13
        <pb n="236" />
        194 
darum entfernt nicht so verletzlich als die industriel- 
len Bezirke. So schmerzlich daher auch die Wunden 
waren, welche die Russenzeit den preußischen Ost. 
provinzen geschlagen hat, und so warm und werk- 
tätig das Mitgefühl für die betroffenen Gaue sich in 
ganz Deutschland geregt hat — was es eigentlich be- 
deutet, den Krieg, diesen Krieg im eigenen Lande zu 
haben, das ist der überwältigenden Mehrheit der 
Daheimgebliebenen doch nicht annähernd zum Be- 
wußtsein gekommen. 
Hätten die deutschen Heere nichts anderes 
geleistet als dies: Schulter an Schulter mit 
unseren heldenmütigen Verbündeten ge- 
gen den Ansturm der vier größten Militär- 
staaten der Welt den Krieg von der heimat- 
lichen Scholle zu verdrängen und dauernd 
sernzuhalten — schon das wäre eine unver- 
gleichliche Großtat gewesen und ein Hohn 
für alle auf die Logik der Zahl an Menschen, 
Munition und Geldmitteln gestützten Be- 
rechnungen unserer Feinde. 
Unsere Feinde haben sich in den Wahn gewiegt: 
nun endlich seien unsere Kräfte erschöpft: wir müßten 
und würden uns von Stund an notgedrungen auf 
den Versuch beschränken, einem allgemeinen Ansturm 
der 2einheitlichen Fronte unserer Belagerer in der 
erkämpften Linie Widerstand zu bieten. Diesen An- 
sturm hatten sie für das Frühjahr 1916 mit 
allen den ihnen zu Gebote stehenden, von ihnen selbst 
immer wieder als unerschöpflich bezeichneten Macht- 
mitteln vorbereitet. Siehatten ihn laut undsieges- 
zuversichtlich ihren Völkern und aller Welt angekün- 
digt. Die deutschen Heere sind ihnen zuvorgekommen 
und haben ihre sorglich durchgearbeitelen Pläne über 
den Haufen gerannt. 
Das ist die weltgeschichtliche Tragweite der 
Kämpfe, welche mit dem unvergänglich bedeutungs- 
vollen 21. Februar eingesetzt haben und die in 
den letzten Märztagen so weit fortgeschritten sind, 
daß es möglich ist, ihren Verlauf und ihre Ergebnisse 
in großen Zügen zu übersehen. 
Obwohl diese Kämpfe sich auf allen Fronten 
abgespielt haben, bilden sie doch eine zusammen- 
hängende Einheit. Obwohl sie, von deutscher 
Seite aus betrachtet, sich teilweise als Angriffs., teil- 
weise als Verteidigungsschlachten darstellen, liegt 
ihnen doch ein einheitlicher Wesenszug zugrunde, der 
sich mit dem Satze kennzeichnen läßt: an Stelle 
der geplanten Frühjahrsoffensive der Ver- 
bündeten ist eine deutsche Frühjahrsoffen- 
sive in die Erscheinung getreten. Die An- 
stürme der Russen und Italiener stellen sich nur taktisch 
als Offensiv-, strategisch aber als Defensivhandlungen, 
wenn schon als solche allergrößten Stils, dar. Das 
findet schon in dem Ausdruck -Entlastungsoffensive. 
einen etwas verblümten und beschönigenden, aber un- 
mißverständlichen Ausdruck. Eine Entlastungsoffen- 
sive ist eine Offensivhandlung mit Defensivzweck. 
J. 
Es ist nur natürlich, wenn sich die angespannte Auf- 
merksamkeit des Erdballs auf die große Kampfhand. 
lung vereinigte, welche die Deutschen seit dem 21. Febr. 
zunächst auf dem östlichen, dann auch auf dem west- 
lichen Maasufer eingeleitet hatten. Diese Kämpfe 
lassen sich in drei große Gruppen gliedern: 
1 Vgl. die Karte » Verdung bei S. 197. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Zunächst erfolgte der wesentlich nordsüdlich gerich. 
tete Vorstoß aus der Linie Consenvoye-Azannes auf 
die Linie Champ-Neuville-Douaumont. Eine zweite 
Angriffshandlung richtete sich von Etain, also von 
Nordosten, aus auf die Höhen der Cötes Lorraines 
in allgemeiner Richtung auf die nordöstliche Kante 
des Fortgürtels. Im Anschluß an diese beiden inner- 
lich zusammenhängenden Angriffsgruppen entwickelte 
sich dann vom 6. März an eine dritte Reihe von 
Kämpfen, die auf der Linie Forges-Regnicville über 
die Maas hinübergriffen und sich den Nordrand der 
Befestigungsanlagen des westlichen Maasufers zum 
Ziele nahmen. 
Der jähe und anscheinend nicht völlig erwartete 
Vorstoß gegen die nördlichen und nordöstlichen Be- 
festigungsgruppen des Festungsgürtels um Verdun 
hatte im ersten Anlauf bis an den eigentlichen Forl- 
gürtel herangeführt und ein wichtiges Glied dieses 
Gürtels, das Fort Douaumont, und dann, nach 
dem harten Ringen mehrerer Tage, das noch weit 
stärkere, befestigte und mit Hartnäckigkeit verteidigte 
Dorf Douaumont nebst den anschließenden Feld- 
werken in unsere Hand gebracht. Dieser Erfolg rief 
eine seiner Bedeutung entsprechende sehr beträchtliche 
Gegenanstrengung des Feindes hervor. Indessen 
blieben die Versuche der Franzosen, uns die erkämpfte 
Linie wieder zu entreißen, erfolglos. Statt dessen 
gelang es uns am 8. März, einen wichtigen Stütz- 
punkt für die linke Flanke zu gewinnen, indem das 
Dorf Bauxgenommen und biszur Straßengabel 
im Westen des Ortes befestigt wurde. Der Angriff 
stieß auch bis in das gleichnamige Fort durch, doch 
konnten nur die nördlich des Forts angelegten Be- 
festigungen dauernd gehalten werden. Seitdem be- 
schränkten wir uns östlich der Maas auf die Festhal- 
tung und den Ausbau der gewonnenen Linie vom 
Südrande des Forts Douaumont durch den Ablain- 
wald und weiter am Südhang des Pfefferrückens ent- 
lang bis zu den in unseren Besitz gelangten Dörfern 
Vacherauville und Champ an der Maas. 
Links anschließend haben die aus der Woeèvre- 
Ebene andringenden Truppen der Nordostgruppe 
trotz schwersten Artilleriefeuers, das von den Höhen 
der Cötes herab ihr Vordringen zu hemmen suchte, 
am 7. März die Franzosen aus Fresnes heraus- 
geworfen, am 9. März nach dem Feuillawald und 
die Weinbergshöhe 251 nördlich Damloup ge- 
nommen und halten nunt den Fuß der Cötes bis 
Champlon, nordöstlich Combres, fest in Händen. 
Der Angriff aus nördlicher und nordöstlicher Nich- 
tung war sonach mit Beginn des zweiten Märzdrittels 
zunächst zum Stehen gekommen. Der Feind hat auf 
der Kampflinie beiderseits der Maas in klarer Er- 
kenntnis des Ernstes seiner Lage ganz außerordent- 
lich starke Kräfte hereingeworfen. Im Kampf ist das 
Vorhandensein von 28½ französischen Divisionen 
festgestellt worden, während mit großer Bestimmtheit 
noch der Einsatz von 4 weiteren Divisionen ermittelt 
werden konnte. Insgesamt stehen also hier die Kräfte 
von rund 16 französischen Armeekorps im Kampf. 
Während so die Schlacht auf dem östlichen Maas- 
ufer zu den Formen und Kampfmitteln des Festungs- 
krieges überleitete, gingen wir seit dem 6. März auch 
auf dem westlichen Maasufer zum Angriff 
über, und hier ist ein schrittweises, aber ununter- 
brochenes Vorwärtsdringen im Gange. Nachdem der 
1 Ansang April 1916.
        <pb n="237" />
        Deutsche Heerführer III. 
— 
Prinz Leopold v. Bayern. (Prot. H. Hottmann, München.) 
7 F 
Hermann v. Francols. Hermann v. Bichborn. 
(Kotophet, Beriln.) (Holphet. Volgl, Homburg v. d. E.) 
Remus v. Woyrsch. 
Bibllographisches Insiliut in Lelpzig.
        <pb n="238" />
        Deutsche Heerführer IV. 
Karl v. Einem, gen. v. Rothmaler. 
4 
Ewald v. Lochow. Friedrich v. Scholtz. 
(Hofphot. E. Bieber, Berita.) (Phot. J. B. Colins, Prankfurt a. M) 
———— 
Mar v. Gallwitz.
        <pb n="239" />
        Kriegsberichte: Die Frühjahrskämpfe 1916 195 
Maasübergang und die Einnahme der Dörfer Russen, bemüht, die Maaskämpfer durch energische 
Forges und Regnikéville gelungen war, wurde Gegenstöße t unterstützen. Ohne jeden Erfolg. 
am 6. März die Höhe 265 füdöstlich Forges ge- or der deutschen Ostfront waren schon seit 
stürmt. Dann warfen sich unsere Truppen mit einer dem 10. März Truppenverschiebungen erkannt wor- 
Rechtsschwenkung in die zusammenhängenden, hart- den, welche das Bevorstehen großer Angriffe an meh- 
näckig verteidigten Dickichte des Cumieres= und reren Punkten ankündigten. Vom 13. März ab legte 
Rabenwaldes hinein. Beide wurden bis zum 10. sich starkes Artilleriefeuer auf einen großen Abschnitt 
März gesäubert und gegen stürmisch anrennende unserer Verteidigungslinien und steigerte sich stellen- 
Gegenangriffe gehalten. Schon 4 Tage später wurde weise bis zum Trommeelfeuer. Es ließ sich erkennen, 
die ganze, den Wäldern westlich vorgelagerte -Mort daß der Feind durch seine Drahthindernisse nächt- 
Homme-Stellung= genommen und trotz wüten= licherweile Gassen geschnitten hatte, und daß während 
der Rückeroberungsversuche behauptet. des Artilleriefeuers bereitgestellte Reserven in die 
Und nun griff unser Angriff noch weiter westlich Front einrückten. Am 18. begannen die Angriffet. 
um jene zusammenhängende Gruppe fester Stellun= Sieben größere Einbruchstellen hatte der 
gen herum, welche die Dörfer Béthincourt, Ma- Feind sich zum Ziele seiner Vorstöße gesetzt?. In dem 
ancourt und Haucourt zu Stützpunkten und Abschnitt südlich Dünaburg begann die feindliche 
hinter ihrer Mitte die Höhe 304 zum Rückhalt hat. Offensivtätigkeit. Die Gegend zwischen Narotsch- 
Aus dem Gehölz von Malancourt drangen unsere und Wischniew-See, dann weiter nördlich die Ge- 
Truppen in den südlich vorgelagerten Wald von gend von Postawy und endlich ein Streifen nörd- 
Avocourt ein und brachten ihn am 20. März fest in lich Widsy wurden von den Russen vom 18. bis 22. 
ihre Hand. Am 22. wurden die nach Malancourt täglich mit großer Erbitterung angegriffen. Aber 
und Haucourt vorspringenden Bergnasen hinzu= nur an einer Stelle, beim Vorwerk Stachowze süd- 
genommen, und am 31. März wurde auch das Dorf lich des Narotsch-Sees, kames zu einer unbedeutenden 
Malancourt selber erstürmt. So verengerte sich hier Rückverlegung unserer Front in eine neue Stellung, 
von Tag zu Tag der dem Feinde noch gebliebene Raum. die dann ohne Wanken gehalten wurde. An allen 
In diesen schweren Kämpfen gingen die dem Feinde anderen Punkten scheiterte ein russischer Ansturm 
noch verbliebenen Dörfer Cumieères, Marre und Bras nach dem anderen unter furchtbaren Verlusten für 
in Fiammen auf. Aber auch die Stadt Verdun, die den Angreifer. 
seit Beginn der Operationen unter unserem Feuer Aber auch nahe Dünaburg selbst stieß der Feind 
liegt, steht in Brand. vor und an drei weiteren Stellen in dem Abschnitt 
II. zwischen Dünaburg und Riga bei Jakobstadt und 
.. . . weiter düngabwärts bei Friedrichstadt-Lennewaden, 
Die Kämpfe an der Maas stehen im Mittelpunkte endlich in der Gegend Kekkau und Olai. Auch hier 
der gesamten kriegerischen Operationen seit dem histo- mit gleichem blutigen Mißlingen. 
rischen 21. Februar. Alle anderen Kämpfebildenihnen Nach dem völligen Scheitern der Angriffe des 18. 
gegenäbeer teils Begleit-, teils Folgeerscheinungen. bis 22. März führte der Feind frische Truppen heran 
An der gesamten Westfront machte sich vor und und begann am 24. und 25. nach neuer und langer 
mit dem Einsetzen unserer Offensive an der Maas rtillerievorbereitung eine weitere Reihe von An- 
füne, 9e un g; t esech ç4 4 . Keit. #een be stürmen auf allen füher brrannten Punkten. Sie 
aux-Bois-Stellung nordwellic Reims zu ver- ais rorher aunen solgennen pril Kager vom ut 
zeichnen, welcher wichtige Artilleriebeobachtungspunkte vom 26. zum 27. konnten wir sogar an zwei Stellen 
und in einer Breite von 1400 m auf 600—800 m südlich des Narotsch- Sees und ##bach Widsy, zum 
Tiefe auch die feindlichen Infanteriestellungen in un. Gegenangriff übergehen und den Feind aus einigen 
sere Hand brachte. In der Champagne versuchten die für uns unbequemen Punkten seiner ursprünglichen 
Hranzofen edielam 27. Febrvar 1 entrifsene * a- Front entfernen. Seitdem ist die russische Offensive 
aber ihren hartnäht en Bemühungen büeb derlerr; eingestellt # eine Woaregel. die miit der Nücsicht 
* igen n 9 » auf das eingetretene Tauwetter recht kümmerlich be- 
folg versagt. ensowenig gelang es freilich uns, gründet wird. In Wahrheit ist die große Entlastungs- 
rsem 1. Kbrur von den Franzofen genommenen handlung des östlichen Verbündeten völlig ergebnis- 
in’ise Su#n 54 St ezen Vesstrr ont aund unter beispiellosen Verlusten zusammen- 
lobten Artillerie, und Grabenkämpfe von wechselnder ¾ " IV. 
Stärke und Dauer. ... . » 
Als bedeutsamste Folgeerscheinung der Kämpfe an Vergegenwärtigen wir uns nun nochin aller Kurze, 
der Maas verdient aber hervorgehoben zu werden, daß auch die italienischen Angriffe an der zähen 
daß von Armentières bis Arras und im letzten Drittel Kraft unserer Bundesgenossen gerschenl sind, und 
des März auch weiter südlich bis zur Somme die daß auch hier die Entlastungsoffensive sich in eine 
französischen Truppen durch Engländer abgelöst wor- Defensive verwandelt hat, bei welcher die Italiener 
den sind. Eine besondere Regsamkeit haben diese Er- sehr erhebliche Verluste an Blut und Gelände erlitten 
satzt « - —»-· haben; daß um Saloniki 300000 Mann Entente- 
ttruppen indessen nicht entfaltet. Die Engländer .. .. . . 
haben auch nicht den leisesten Versuch gemacht, auch truppen festliegen, ohne bisher einen ernsilichen Vor- 
srersei angriffsweise ihre hartringenden französi- kns gegen isger aherung zewaen Palona 
en B 2 ; 2 
erdündeten zu entlasten. susfront der anfangs erfolgreiche Vormarsch' zum 
III. 
1 J – 2 « 
Um so eifriger haben sich dafür die beiden anderen 3 .b u5 
undesgenossen der Franzosen, die Italiener und von Erzerum durch die Russen am 16. Fedruar. 
13“
        <pb n="240" />
        196 
Stocken gebracht werden konnte, so muß die Kriegs- 
lage am Schluß des bedeutungsschweren März als 
hocherfreulich bezeichnet werden. 
Die Schlacht vor Verdunt. 
Veröffentlicht am 24., 26. und 27. Oktober 1916. 
1 
Die Vorgeschichte der Schlacht von Verdun ist 
in großen Zügen die folgende: Um die Wende vom 
August zum September 1914 wurde die mittlere 
Heeresgruppe der Franzosen, bestehend aus etwa zehn 
Armeekorps, zwischen Reims und Verdun zurückge- 
worfen. Am 10. September nahm die Armee 
des Kronprinzen diebefestigte Feldstellungsüd- 
westlich Verdun und eröffnete die Beschieshung der 
Forts mit schwerer Artillerie. Am 21. September 
überschritt der Angriff gegen die Sperrfortslinie 
südlich Verdun siegreich den Westrand des vorge- 
schobenen Höhenzuges der Cötes Lorraines. Aus- 
fälle wurden zurückgewiesen. Am 23. September 
wurde die Einschlieszung Verduns auf der Nord. und 
Nordostfront durch die Armee des Kronprinzen voll- 
endet. Am 25. September wurde das Sperrfort 
Camp des Romains genommen, dadurch ein 
Einschnitt in die Maaslinie bewerkstelligt und so die 
Verbindung zwischen Verdun und Toul ein für alle- 
mal zerrissen. 
Diese schwere Schädigung der strategischen Gesamt- 
lage wieder auszubessern und die Verbindung zwischen 
den beiden festen Plätzen wiederherzustellen, war das 
Ziel einer Reihe sehr schwerer, heftiger Vorstöße, 
welche die Franzosen noch während der letzten Mo- 
nate des Jahres 1914 und während der ersten Hälfte 
des Jahres 1915 an verschiedenen Stellen unternah- 
men. Diese Wiederherstellungsversuche richteten sich 
vor allen Dingen gegen den rechten Schenkel des 
stumpfen Dreiecks, mit welchem unsere Stellung in 
der Woevre-Evene tief in die französische Fortlinie 
hineinstößt. Die hier angesetzten Angriffe sind als 
die Combres-Kämpfe allgemein bekannt. Ihren 
Gipfelpunkt erreichten sie in den Monaten März 
und April und in den Monaten Juni und Juli 
1915. Aber auch gegen die stumpfe Spitze des Drei- 
ecks sind bei St. 1#t und bei Apremont mehrfach 
scharfe und langdauernde Angriffe gerichtet worden. 
Auch im Norden und Nordwesten von Verdun ist die 
Tätigkeit der Franzosen stellenweise sehr rege gewesen. 
Seit der Mitte des Jahres 1915 indessen sind ihre 
Angriffe bei Verdun im wesentlichen zum Still- 
stand gekommen. Die immer wieder mit stärkstem 
Kräfteeinsatz wiederholten Vorstöße der Franzosen 
aus den Jahren 1914 und 1915 haben also weder 
ihr lokales taktisches noch ihr großes strategisches Ziel 
erreicht. Sie haben weder unsere Front an irgend- 
einer Stelle zu erschüttern vermocht, noch ist es ihnen 
gelungen, Kräste von unserer Ostfront abzuziehen, 
wie unser Durchbruch in Galizien und die anschlie- 
ßhende siegreiche Offensive bewies. 
II. 
Die Bedeutung und die Eigenart der Kämpfe um 
Verdun ist unmittelbar edingt durch diestrategische 
Lageder Festung. Das großangelegte System von 
befestigten Stützpunkten, welches Frankreich zur Siche- 
rung seiner Ost- und Nordostfront vor seine Haupt- 
1 Vgl. hierzu die Karte = Verdunc. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
stadt gela ert hat, zieht sich von Belfort über Epimal 
und Toul nach Verdun, mit der Front nach Nord- 
osten. Bei Verdun biegt es nach Westen um und 
zieht sich über die Hauptstützpunkte Reims und Laon 
bis zu den Sicherungen des Oise-Tales bei la Fere. 
Die letzteren beiden Stützpunkte sind in unseren Hän- 
den, im übrigen ziehen sich unsere Schützengräben 
im flachen Bogen um diese Sperrlinie herum, die sie 
nur bei St. Mihiel durchbrochen haben. Verdun bil- 
det den nordöstlichen Eckpfeiler dieses ganzen 
Verteidigungssystems. 
Aber in dieser wichtigen Bedeutung Verduns für 
die Verteidigung Frankreichs liegt nicht die 
alleinige, ja nicht einmal die hauptsächlichste Bedeu- 
ung des Platzes. Zu einer noch wesentlich wichtige- 
ren Rolle mußte Verdun in dem Augenblick berufen 
sein, wo unsere Feinde es unternahmen, von der Ver- 
teidigung zum Angriff überzugehen. Denn in diesem 
Augenblick wurde Verdun das eigentliche Aus- 
falltor Frankreichs gegen Deutschland. Der Vor- 
stoß, welchen die Franzosen immer wieder vergedlich 
versucht hatten, um den zurückgebogenen Teil unserer 
Westfront zu durchstoßen und damit in den Rücken 
unserer in Belgien und Nordfrankreich kämpfenden 
Truppen zu gelangen, sollte von Verdun aus erneuert 
werden. Von dieser Stelle aus hätte er neben der 
strategischen Bedrohung des nördlichen und des 
Mittelstücks unserer Westfront zugleich die wirtschaft- 
lich höchst bedeutungsvolle Nebenwirkung gehabt, daß 
er schon in seinem Beginne die Aussicht bot, die wert- 
vollen Kohlen- und Erzgebiete von Briey zu- 
rückzuerobern, deren Verust für die Franzosen seiner- 
zeit ebenso peinlich gewesen war, wie ihre Wicder- 
ewinnung im höchsten Grade erwünscht sein mußte. 
In weiteren Verlauf hätte dann der Vorstoß von 
Verdun aus die Festung Metz getroffen, deren 
Überrennung zugleich die Möglichkeit bot. die durch 
sie gedeckten deutsch-lothringischen Stahlindustrie--Ge- 
biete und damit vitase Teile unserer deutschen Kriegs- 
industrie zu entreißen. 
Für die Erreichung dieses strategisch wie kriegs- 
wirtschaftlich gleich bedeutungsvollen Zieles bot die 
Festung Verdun eine ganz einzigartig günstige 
Operationsbasis. Zunächst sicherte Verdun 
mit seinem breiten Fortgürtel, der noch dazu durch 
einen weit vorgeschobenen Kranz von vorzüglich ge- 
legenen und ausgebauten Feldbefestigungen erweitert 
worden war, die Übergänge der wichtigsten von Paris 
nach —. führenden Straßen und Eisenbahnen und 
diente also als Brückenkopf für die Maaslinie. 
Für die östlich der Maas zum Vorstoß nach Nord- 
osten bereitzustellenden Truppenmassen bot der Be- 
festigungsring von Verdun in der Ausdehnung, wie 
er bis zum Februar 1916 bestand, ein vortreffliches 
Aufmarschgelände mit einem vorzüglich aus- 
gestalteten Straßen= und Eisenbahnnetz, einer Menge 
geräumiger Kasernen, Lebensmittellager, kurz mit 
allen denjenigen Anlagen, welche meiner Operations. 
basis größten Stils gehören. Mit einem Worte: 
Verdun war das Ausfalltor Frankreichs 
gegen Mitteldeutschland. 
Dieses Ausfalltor zu schließen, war uns bis zum 
Frühjahr 1916 unmöglich gewesen. Der Zweifronten- 
krieg hatte wesentliche Teile unserer Streitkräfte auf 
dem russischen und auf dem Balkankriegsschauplatz 
gefesselt gehalten. Erst als diese Kräfte durch den zeit- 
weiligen Abschluß des russischen und des Balkanfeld- 
zuges freigeworden waren, konnte an die Nieder-
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        Kriegsberichte: Die Schlacht vor Verdun 
kämpfung Verduns herangegangen werden mit dem 
strategischen Ziele: die Ausfallpforte Frank- 
reichs zunächst einmal von deutscher Seite 
aus zu verrammeln und im weiteren Ver- 
laufe der Kriegshandlungen sie nach Frank- 
reich zu einzustoßen. 
III. 
Die Vorbereitungen für eine so gewaltige Un- 
ternehmung nahmen naturgemäß einen längeren 
Zeitraum in Anspruch. Sie wurden dadurch wesentlich 
erschwert, daß sie während der ungünstigsten Zeit des 
Jahres, in den strengsten Wintermonaten, zu bewir- 
ken waren, und daß uns für ihre Durchführung nur 
drei größere Anmarschstraßen zu Gebote standen, 
welche natürlich bei der starken Fnanspruchnahme 
und der Ungunst der Witterung alsbald in den denk- 
bar schlechtesten Zustand gerieten und ständiger, hin-- 
gebender Ausbesserungsarbeit bedurften. Nach Ab- 
schluß der Vorarbeiten war der Beginn des Angriffs 
auf den 12. Februar in Aussicht genommen. Die 
Witterung war indessen in dieser Fa derartig un- 
günstig, daß der Angriff von Tag zu Tag hinaus- 
geschoben wurde, bis am 21. endlich die Witterungs- 
lage, obwohl noch immer recht fragwürdig, den Be- 
ginn der Kampfhandlungen gestattete. Diese 
wurden durch eine lebhafte Feuertätigkeit auf der gan- 
zen Westfront eingeleitet. Während der Feind alleseine 
Offensiven durch ein mehrtägiges Trommelfeuer zuer- 
öffnen pflegte, das an der Somme sogar sieben Tage 
lang unsere Stellung mit einem Eisenorkan überschüt- 
tete, begnügten wir uns mit einer 24stündigen Beschie- 
ßung, dienurin denletzten Stunden sich zum Trommel- 
feuer steigerte. Am Nachmittag des 21. Februars er- 
folgte auf der ganzen in Aussicht genommenen Offen- 
siofront von der Maas nördlich Consenvoye bis 
in die Gegend von Azannes der Angriff, der uns 
noch am selben Abend in den Besitz der gesamten 
feindlichen Stellungen erster Linie brachte. 
So konnte der eigentliche Angriff am folgenden 
Tage schon von der vorderen feindlichen Linie aus er- 
folgen. Der 22. Februar brachte uns in den Besitz 
des stark ausgebauten Dorfes Haumont, des größ- 
ten Teiles des Caures-Waldes und des Herbe- 
bois. Am 293. erreichte unser Angriff bereits die Linie 
Samogneux-Beaumont-Gremilly. Am 24. 
stieß der Angriff weit üÜber die befohlenen Endziele 
vor und brachte uns wiederum namhaften Gelände- 
gewinn. Der 25. Februar wurde von entschei- 
dender Bedeutung. Die allgemeine Linie, welche 
wir erreichten, wird durch die Dörfer Louvement 
und Bezonvaug gekennzeichnet. Über diese Linie 
hinaus stieß unser Angriff in der Mitte bis zur Panzer- 
seste Douaumont durch, welche von zwei Kompa- 
nien des Infanterieregiments 24 genommen wurde, 
während unser ##nlaus vor dem aufs stärkste befestig- 
ten und mit betonierten Unterständen und Zugangs- 
stollen unterbauten Dorfe Douaumont zum 
Stehen kam. Nach mehrtägigen heftigen Kämpfen 
wurde am 2. März auch Dorf Douaumont ge- 
nommen. Auf dem linken Flager erreichte der Angriff 
der nördlichen Gruppe am 8. März das Dorf Vaux 
und die südlich gelegene Panzerfeste: dieser Gewinn 
konnte allerdings noch nicht dauernd gehalten werden. 
Während die oben besprochene Gruppe von An- 
griffshandlungen von der Linie Consenvoye-Azan- 
nes aus die Linie Champ-Douaumont gewann, 
richtete sich eine weitere selbständige Angriffshand- 
197 
lung von Etain, also von Nordosten her, auf die 
Höhe der Cötes Lorraines inallgemeiner Richtung 
auf die nordöstliche Kante des Fortgürtels. Der aus 
der Wosvre-Ebene andringenden Nordostgruppeschlug 
von den Höhen der Cötes herab ein heftiges Artillerie- 
feuer entgegen und suchte ihr Vordringen zu hemmen. 
Trotzdem gelang es ihr, am 7. März die Franzosen 
aus Fresnes herauszuwerfen und am 9. März den 
Feuilla-Wald und die Weinbergshöhe 251 
nordöstlich Damloup 4 nehmen. Seitdem hält sie 
den Fuß der Cötes bis Eparges fest in Händen und 
hat ihren Besitz ein Vierteljahr später noch durch die 
Eroberung von Damloup erweitern können. 
IV. 
Der erste geofte Vorstoß der Deutschen war so- 
nach bis unmittelbar an den inneren Fortgürtel der 
Festung durchgedrungen und hatte die allgemeine 
Linie Champ-Douaumont-Feuilla-Wald- 
Blanzee-Combres erreicht. Dieser große Er- 
folg rief eine seiner Bedeutung entsprechende sehr er- 
hebliche Gegenanstrengung des Feindes hervor. 
Etwa seit dem 26. Februar begann diese sich geltend 
zu machen. Während aber unser Angriff sich bis dahin 
auf das Ostufer der Maas beschränkt hatte, nahm 
die feindliche Gegenwirkung von vornherein ihren 
Ausgangspunkt von beiden Maasufern und machte 
sich ganz besonders in Gestalt einer Artillerieflankie- 
rung von dem bisher nicht in Mitleidenschaft gezoge- 
nen linken Maasufer aus geltend. Wollten wir die 
Errungenschaften auf dem rechten Maasufer behaup- 
ten, so ergab sich die Notwendigkeit, unseren Angriff 
auch auf das westliche Maasufer hinüberzutragen. 
Demnach beschränkten wir uns östlich der Maas für 
die nächste Zeit auf die Festhaltung und den Ausbau 
der gewonnenen Linie, und so nahm hier der Kampf 
zunächst wieder die alte Form des Stellungskrie- 
ges an. Auf dem linken Maasufer dagegen haben 
wir während der nächsten Monate bis gegen Ende Mai 
unseren Angriff in zähem Vorwärtsdringen schritt- 
weise, doch ununterbrochen vorwärts getragen. Im 
nachfolgenden sollen zunächst die Kämpfe des linken 
Maonsers im Zusammenhang betrachtet werden. 
Das Gelände stellt hier eine von den Argonnen 
her sich langsam zum Maastale absenkende Hochfläche 
dar, deren Erhebungen zum Teil von weiten Wäl- 
dern bedeckt, zum Teil völlig kahl und wasserlos sind. 
In den flachen Senkungen sind eine Anzahl Dörfer 
mit im wesentlichen soliden Steinhäusern eingebettet. 
Die Wälder, die Höhen, die Dörfer boten der Ver- 
teidigung Stützpunkte, die mit allen Mitteln verstärkt 
worden waren und immer noch weiter verstärkt wur- 
den. Der Kampf um diese Punkte bildet den eigent- 
lichen Inhalt des mörderischen Ringens, das sich hier 
fast ohne Unterbrechung in den Monaten März, April 
und Mai abspielte. Ihre Wegnahme durch die An- 
greifer bringt indessen in die Kampfhandlung zwar 
gewisse Voshnine, aber doch keine sehr deutlich sich 
abhebende Gliederung, da jeder Geländegewinn die 
Franzosen zu sofortigen wütenden Gegenangriffen 
veranlaßte, so daß Erfolg und Verlust hin und her 
schwankten. Mit diesem Vorbehalt seien im nach- 
stehenden die Hauptmomente unseres Fortschreitens 
hervorgehoben. 
Imnächst gelang am 6. März der Maasüber- 
ang und die Einnahme der Dörfer Forges und 
egniécville. Dann warfen sich unsere Truppen 
mit einer Rechtsschwenkung in die zusammenhängen-
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        198 
den, hartnäckig verteidigten Dickichte des Cumieres- 
und Rabenwaldes hinein. Beide wurden bis zum 
10. März gesäubert und gegen stürmisch anrennende 
Gegenangriffe gehalten. Schon vier Tage später 
wurde die ganze, den Wäldern westlich vorgelagerte 
»Mort Homme-Stellunge! genommen und 
oß wütender Rückeroberungsversuche behauptet. 
Und nun griff unser Vordringen noch weiter westlich 
um jene zusammenhängende Gruppe fester Stellun- 
gen herum, welche die Dörfer Béthincourt, Ma- 
lancourt und Haucourt zu Stützpunkten und 
hinter ihrer Mitte die Höhe 304 zum Rückhalt hat- 
ien. Aus dem Gehölz von Malancourt, das schon 
seit Herbst 1914 in unserer Hand war, drangen un- 
sere Truppen in den südlich vorgelagerten Wald von 
Avocourt ein und brachten ihn am 20. März fest 
in ihre Hand. 
Durch die Erstürmung dieses Waldes war die viel- 
berufene Sackstellung- emtanden. indem zwischen 
dessen Ostspitze und dem Nordwestzipfel der Toten 
Mann Stellung noch ein weit in die deutschen Stel- 
lungen vorspringendes Geländestück in den Händen 
des Feindes geblieben war. Am 30. März fiel der west- 
liche Stütpunkt, das Dorf Malancourt, in unsere 
Hände. Am 5. April nahmen wir das einen südöst- 
lichen Ausläufer von Malancourt bildende Dorf 
Haucourt und am 9. auch den rechten Flügelstütz- 
punkt, das Dorf Béthincourt. Am gleichen Tage 
brachte ein Angriff bei der „-Mort Homme-Stellung- 
auch die südöstliche Kuppe des auf der französischen 
Karte als „Mort Hommee bezeichneten Höhenrückens 
in unsere Hände. 
Auch während des ganzen Monats Mai nahm das 
wechselvolle Ringen auf dem linken Maasufer ohne 
Ermatten seinen Fortgang. Die Ausräumung der 
„ Sackstellunge wurde in schrittweisem, durch kleinere 
Rückschläge nur vorübergehend unterbrochenem Vor- 
dringen zu Ende geführt. Den Mittelpunkt des furcht- 
baren Ningens in diesem Monat bildete die berühmte 
Höhe 304. Abschnittsweise wurden zunächst ihre 
nördlichen, dann ihre westlichen, zuletzt am 21. Mai 
ihre östlichen Ausläufer gestürmt. Ostlich des - Toten 
Mannese ist am 23. Mai die Trümmerstätte, die einst- 
mals das Dorf Cumieres war, gestürmt worden. 
Die an diesem Tage noch gescheiterte Eroberung der 
Caurettes-Höhe und des ganzen Geländes von der 
Südkuppe des-Toten Mannes bis zur Südspitze von 
Cumieres konnte bis Ende Mai erzwungen werden. 
Mit der Eroberung der Linie Wald von Avo- 
court-304-—Toter Mann-Cumirkres hatunser 
Fortschreiten auf dem linken Maasufer zunächst sein 
Ende erreicht. 
V. 
Auf dem Ostufer waren nach Erreichung der all- 
gemeinen Linie Vacherauville—-Douaumont die 
Operationen zu einem längeren Stillstande gekommen. 
Dabei mußten wir uns gleichwohl darüber klar sein, 
daß wir den Besitz von Douaumont dauernd nur wür- 
den behaupten können, wenn es uns gelänge, das 
Fort Vaux, das wir nach dem ersten Anlaufe wie- 
der halten aufgeben müssen 2, fest in unsere Hand zu 
bekommen und auch darüber hinaus unsere gesamte 
Linie noch weiter Egen Südwesten und Süden vor- 
zutragen. Gegen Ende März gingen wir also auch 
hier wieder zum Angriff über, der uns am 27. das 
Werk Hardaumont und in den nächsten Wochen 
1 „= Toter Mann-Stellung.“= — 2 Am p. März. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
bis Mitte April kleinere Geländegewinne brachte. Am 
17. April führte dieser Gefechtsabschnitt zur Ein- 
nahme einer Bergnase, welche südlich des Forts 
Douaumont sich hinzieht und durch ihre überhöhende 
Lage unseren Stellungen westlich und nordwestlich 
des Forts sehr unbequem gewesen war. Nun trat 
rechts des Flusses wiederum eine Ruhepause von 
einem Monat ein. 
Das energische und erfolgreiche Fortschreiten unse- 
rer Angriffe auf dem westlichen Ufer bewog die Fran- 
zosen zu einem verzweifelten Versuche, den Schwer- 
punkt der Kämpfe wiederum auf das rechte Maas. 
ufer hinüberzureißen. Vom 17. Mai ab setzte schweres 
Artilleriefeuer auf das Fort Douaumont ein, an 
dessen Wiedergewinnung die Franzosen ihre beste 
Kraft setzten. Es folgte in den nächsten Tagen ein 
schwerer und erfolgreicher Angriff auf das Fort. der 
am 23. Mai zur völligen Vergasung des Forts führte 
und bis in die westlichen Fortgraben und auf die 
Nordwestspitze des Forts gelangte. Aber schon setzte 
unser Gegenangriff ein. Am 24. und 25. Mai erlitten 
die Franzosen eine schwere Niederlage. Unser 
Angriff gewann uns die ganze verlorengegangene 
Linie zurück und stieß sogar noch weit über sie hinaus 
nach Süden vor. Am 1. Juni wurde der Caillette- 
Wald gestürmt, am 2. fiel das Fort Baux in 
unsere Hano. Nur in den Hohlräumen konnte sic 
der Feind noch bis zum 7. Junik halten. 
Eine weitere große Gruppe von Angriffskämp- 
fen setzte bereits am 8. Juni ein. Sie brachte uns 
einen erheblichen Bodengewinnsidlichdes Forts 
Douaumont. Die Hauptpunkte, welche dabei 
in unsere Hand fielen, sind das Thiaumont-Weri 
und das für die Gesamtlage allerdings nicht bedeu- 
tungsvolle Dorf Fleury, welche samt den zwischen- 
liegenden Befestigungsanlagen auf dem Bergrücken 
»Kalte Erde- am 23. Juni genommen wurden. 
Gegen diesen Geländegewinn auf dem Ostufer richtete 
der Feind seitdem eine große Reiheheftigster Gegen. 
angriffe bei Tag und Nacht, die den Beginn der 
Somme-Ofsensive Üüberdauerten. Im Verlaufe dieser 
Kämpfeist das Dorf Fleury wieder aufgegeben worden. 
Die russische Märzosfensve 1916 . 
Verbffentlicht am 9. Juni 1916. 
Die Winterruhe des Stellungskrieges an der deut- 
schen Ostfront wurde am 16. März jäh und plötzlich 
unterbrochen. Zu dem von unserer Heeresleitung er- 
warteten Zeitpunkt und mit gleichfalls erwarteter 
Kraftanstrengung setzte die russische Offensive 
ein, in ihrem Eintritt seit langem kenntlich, in ihrer 
Endwirkung vorauszusehen und erwünscht. 
Die ersten sicheren Anzeichen des bald bevorstehen- 
den Angriffes wurden Ende Februar bemerkbar. Ge- 
fangene sprachen von der Absicht eines großen An- 
grisses auf »Wilna«. Die Ruhe in den russischen 
Gräben machte einer lebhaften Tatigteit Platz; Trup- 
penverschiebungen an und hinter der Front ließen 
auch bald die beabsichtigten Einbruchsstellen erkennen. 
Man mag diese Offensive als -Entlastungsoffen- 
sive“ für die französische Verdun-Front bewerten oder 
als selbständige strategische Handlung beurteilen. 
zwei Tatsachen stehen unverrückbar fest: das große 
Endziel der russischen Heeresleilung und die uner- 
1 Nach anderen Darstellungen bis zum 6. Juni. 
2 Vgl. die Karte 2 Die russische Offensive Dünaburg—Narotsch- 
See März 1916-°( bet S. 206.
        <pb n="245" />
        Kriegsberichte: Die russische Märzoffensive 1916 
schütterliche Zuversicht der deutschen Führung im 
Festhakten der eisernen Mauer im Osten. 
Alle Versuche des Gegners, nach dem Fehlschlagen 
seiner Hoffnungen das ursprünglich beabsichtigte Aus- 
maß zu verkleinern, können nicht standhalten vor der 
Beweiskraft der feindlichen Heeresbefehle zur 
Einleitung des Angriffes, dessen Endzweck die Vertrei- 
bung der deutschen Heere aus dem besetzten Gebiek war: 
„Truppen der Westfront! ... Seine Moajestät und die 
Heimat erwarten von euch jetzt eine neue Heldentat: Die 
Vertreibung des Krindes aus den Grenzen des Rei- 
ches .. .« (Besehl des Höchstkommandierenden der West- 
front vom 4./17. 3. 16, Nr. 54.) 
Ferner: 
„Der Führer der Armee hat mir während seines Be- 
suches der Truppen der mir unterstellten Korps befohlen, 
allen Truppen seinen Gruß zu übermitteln. Gleichzeitig 
sprach er die Hoffnung aus, daß alle heldenmütigen Trup- 
pen ... ihre Pflicht bis zum äußersten erfüllen und den 
Find besiegen werden. Ich bin froh, diese gnädigen 
orte unseres Führers bekanntzugeben und kann meiner- 
seits nur bestätigen, daß die glorreichen Traditionen der 
Korps die volle Gewißheit bieten, daß in der eingetretenen 
entscheidenden Stunde des Kampfes mit einem starken 
Feind alle Offiziere und Mannschaften beweisen werden, 
daß sie treue Söhne unserer teueren Heimat sind und 
lieber sierben, als unser russisches Land beschämen wer- 
den. Mit Gott für Zar und Rußtkand!" (Befehl an die 
Truppen des Generals Balujew vom 3./16. 3. 16.) 
Also eine allgemeine Ossensive mit dem Ziel: Be- 
freiung der besetzten Gebiete. 
Im Einklang mit der Aufgabe standen die Mit- 
tel der Vorbereitung. Alle Maßnahmen für den 
entscheidenden Angriff waren bis in Einzelheiten seit 
langer Zeit durchdacht und vorbereitet. Allerdings 
mutet es den deutschen Soldaten sonderbar an, wenn 
ein Befehl Selbstverständlichkeiten verlangt: 
„Die Infanterie hat die Gewehre, Maschinengewehre, 
Bomben= und Minenwerfer instand zu setzen, die Ar- 
tillerie die Geschütze und das gesamte Material.“ 
Nur ein Glied fehlte in der Kette der russischen Vor- 
bereitungen, das Glied, seit Tannenberg und der 
Winterschlacht in Masuren endgültig herausgerissen 
aus der russischen Armee: der Siegerwille und das 
Siegesbewußtsein der Truppe. 
och einmal versuchte die russische Heeresleitung 
die Herbeiführung der Entscheidung. Der 
Armeebefehl des Generals Ewert, Höchstkomman= 
dierenden der Westfront, läßt darüber gar keinen 
Zweifel. Klar und deutlich wird als -Durchbruchs- 
ziele Wilna und die Bahnlinie Wilna-Dünaburg 
bezeichnet. Kerntruppen werden gegen die Einbruchs- 
stellen bereitgestellt. Zu einheitlicher Handlung wer- 
den überlegene Kräfte angesetzt. Gleichzeitig sollen 
die Einbruchsstellen durch das Gewicht einer einheit- 
lichen erdrückenden Masse durchstoßen werden. Ein- 
gehend werden Truppen und Stäbe über ihre Auf- 
gaben unterwiesen. 
Der Offensivplan war groß und einfach ge- 
dacht: Eine Zange mit rechtem Flügel etwa in Gegend 
Jakobstadt, mit linkem an der Beresina. Unwider- 
stehlicher Durchbruch in der Mitte beiderseits des 
Narotsch-Sees. Aufrollen der deutschen Front nach 
Nordwesten und Südwesten. 
Die Stellen, die als Durchbruchspunkte den 
Hebel zur Aufrollung der deutschen Front bilden soll- 
ten, waren die Front zwischen Wischnjew- und Na- 
rotsch-See sowie die Gegend Postawy-Wileity. 
Gegen die Durchbruchsfront zwischen Beresina und 
Disna waren bis Mitte März sehr starke Kräfte her- 
199 
angeführt und zum Angriff bereitgestellt. Zwei Ar- 
meekorps schoben sich näher nach Norden an Smorgon 
heran. Gegen die Seenenge wurde eine starke Stoß- 
gruppe unter General Balujew angesetzt (5., 36., sibi- 
risches Korps und eine Uralkosaken -Division). Zum 
Durchbruch im ungefähren Abschnitt Moscheiki- 
Wileity war eine Armeeabteilung unter General 
Pleschkow bestimmt (1., 1. sibirisches, 27. Korps und 
7. Kavalleriekorps). So schien ein planmäßiger, ein- 
heitlicher ungrif gegen die Durchbruchsstellen gee 
währleistet. Nach französischem Muster fehlte es also 
nicht an Kavalleriemassen, die nach gelungenem 
Durchbruch sofort das Gebiet unserer rückwärtigen 
Verbindungen überschwemmen und Verwirrung hin- 
ter die deutsche Front tragen sollten. Ihrer harrte 
auch der ehrenvolle Befehl rastloser Verfolgung der 
fliehenden deutschen Heere. Es kam aber nur ein Teil 
der Kosakenhorden zur Verwendung: nicht zu rühm. 
licher Verfolgung, sondern in der schmachvollen Auf- 
gabe, die Sturmtruppen mit der Nagaika zum Vor- 
gehen zu peitschen. 
Der 16. und 17. März brachte volle Klarheit über 
die russischen Absichten. Die Durchbruchsstellen bei 
Postawy und südlich des Narotsch-Sees wurden mit 
starkem Artilleriefeuer belegt, das sich allmählich er- 
heblich steigerte. Auf die Front der beiden Stoß- 
gruppen waren angeblich 800—1000 Geschütze, dar- 
unter schwerste Kaliber, verteilt. Ungeheure Muni- 
lionsmassen waren bereitgelegt. Die deutschen Stel- 
lungen sollten eingeebnet werden. Während nun die 
Klauen der -Zange= zwar drohten, aber nicht zum 
Zupacken kamen, ergoß sich die Dage der Angriffs- 
infanterie in fast unversiegbarem Strom gegen die 
Durchbruchsstellen. Bereits der 18. März zeigt einen 
ewissen Höhepunkt des Angriffs beider Stoßgruppen. 
9. drei Armeekorps drückten gleichzeitig und im opera- 
tiven Zusammenarbeiten gegen die Front Postawy- 
Wileity und gegen die Seenenge. Hier wurde später 
noch ein viertes Korps eingesetzt. 
Nach ausgiebigem Artilleriefeuer tritt am 18. März 
die russische 25. Division aus Linie Iwanki-Spia= 
glia zum Angriff in Richtung Baltaguzy an. Der 
vom Westufer des Wischnjew-Sees durch unsere 
schwere Artillerie wirksam flankierte Angriff bricht 
zusammen. Die abgeschlagene Division läßt 3000 
ote auf dem angrifssseln und rettet nur Trümmer. 
Von ihrem Regiment 98 kehrten etwa 100, von einem 
anderen Regiment etwa 150 Leute zurück. Weiter 
östlich greift gleichzeitig zweimal die 7. Division, west- 
lich am Nachmittag die 10. Division an. Trotz stärk- 
ster Feuervorbereitung scheitern alle diese Angriffe, 
wie auch die von etwa zwet Divisionen im nördlichen 
Abschnitt Moscheiki-Wileity unterschwersten Ver- 
lusten. Ohne den geringsten Erfolg an irgendeiner 
Stelle verbluten die Angriffstruppen. Das Regi- 
ment 38 der 10. Division verliert an diesem Tage 
1600 Mann. 
Ein erschütterndes und erhebendes Bild zugleich! 
Drüben die in tiefem Schlamm und Morast sich heran- 
wälzenden Massen, getrieben durch Knutenhiebe und 
Rückenfeuer. Hier die eiserne Mauer der Hindenburg- 
Armee. Fest, starr in Stahl und Erz. Fester noch 
in dem Willen jedes einzelnen: auszuhalten selbst 
gegen erdrückende Ubermacht. 
Den 19. März benutzt der Gegner, seine zusammen- 
geschmolzenen Massen aufzufüllen. Am 20. März 
versucht er den Durchbruch mit neuer Kraft. 
Während ein Angriff gegen Baltaguzy gänzlich
        <pb n="246" />
        200 
mißglückt, unternimmt der Feind auch im nörd- 
lichen Abschnitt unerhörte Anstrengungen. Das 
ganze 1. sibirische Korps, die 22. Division und Teile 
der 59. Division werden unbarmherzig viermal und 
jedesmal in vier bis fünf dichten Wellen vorgeworfen. 
Scheinangriffe der 10. sibirischen Division bei Lotwa 
beabsichtigen die deutsche Führung abzulenken. ver- 
feeien aber ihren Zweck. Unter Ledhs für russische 
erhältnisse ungeheuren Berlusten flutet der zerschmet- 
terte Angriff der Stoßgruppe Pleschkow in Fine alten 
Stellungen zurück. 
Der 21. Märzbringtden Höhepunkt der Schlacht 
am Narotsch-See. Die Krisis des Angriffs ist herein- 
gebrochen. Jener Augenblick, da die Wagschale schwebt 
und unentschlossen schwankt zwischen Sieg oder er- 
lahmender Kraft des Angreifers, zwischen Durchhalten 
oder Nachlassen der Kräfte des Verteidigers. Das 
Höchstmaß der beiderseitigen Anstrengungen is auf 
das äußerste angespannt. In der Seenenge tobt der 
Kampf mit unverminderter Heftigkeit um Baltaguzy. 
Die russische 25. Division wird abgeschlagen und in 
ihrer Gesechtstätigkeit völlig erschüttert. Aber der 
10. Division gelingt es bei Blizniki, in das Ge- 
lände unserer Beobachtungsstellen und in Teile der 
vorderen Stellungen einzudringen. Hier geraten die 
russischen Regimenter in furchtbare Verwirrung. Offi- 
* sind nicht zur Stelle oder haben die Gewalt über 
ie Truppe verloren. Hier wollen Kompanien weiter- 
stoßen, dort wollen andere zurückweichen, wieder 
andere setzen sich fest, zufrieden mit dem Erreichten, 
wo sie gerade sind. Ein erbitterter Kampf tobt um 
Vorwerk Stachowze. 
Gleichzeitig drücken und wälzen sich dicke Massen 
dreier Divisionen im Abschnitt Moscheiki-Wileity 
eran, gestützt und vorwärtsgeschoben durch bestiges 
rtilleriefeuer. An wenigen Stellen gelangen sie bis 
an oder in vordere Teile unserer Gräben. Kräftige 
Gegenangrifte werfen die Eingedrungenen sogleich 
wieder hinaus. 7 Offiziere, 800 Mann bleiben ge- 
fangen in unserer Hand. Unter außergewöhnlichen 
Verlusten flüchtet der Angreifer. Die 22. Division 
rettet nur Trümmer aus dem Feuerbereich. 
Nördlich Wileity mißglückt in ähnlicher Weise ein 
Angriff der 59. Division. Hier im nördlichen Ab- 
schnitt zingen die furchtbaren Verluste den Gegner 
am 22. März zur Ruhe und Erholungspause. In 
der Seenenge hat der kleine Teilerfolg bei Blizniki 
den Mut belebt und die Zuversicht gehoben. Hier 
also scheint der Sieg erreichbar. Nach stundenlanger 
Artillerievorbereitung am 22. März greifen nachmit- 
tags etwa vier Divisionen erneut an. Zwei Angriffe 
werden angesetzt. Zweimal in je vier dichten Wellen 
brechen die russischen Massen vor. Zweimal Faschellen 
diese Versuche restlos unter schwersten Verlusten. 
Allein die 8. sibirische Schübendivifion verliert an 
Gefangenen 2000 Mann. Mit äußerster Heftigkeit 
wültet das Artilleriefeuer in der Nacht zum 23. März 
weiter. In den Morgenstunden bricht die verstärkte 
8. sibirische Schützendivision noch zweimal zum An- 
riff vor. Die Angriffe scheiterten ebenso wie die 
solgenden Vorstöße am Abend. 
# unerschütterlicher Ruhe halten die Truppen der 
10. Armee. Heute in Eis und Schnee frierend und 
erstarrt, morgen im Tauwetter durchnäßt, im tiefen 
Schlamm und Brei der ausgeweichten, durch das 
heftige russische Feuer abgedeckten Gräben. Muster- 
hafte Arbeit leistet die Artillerie, Feldartillerie und 
schwere. Die Armee Eichhorn, der Sturmbock 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
egen Kowno., der eiserne Besen, der die Tenne rein- 
egte wischen Njemen und dem Seengebiet südlich 
Dünaburg, ist jetzt der Prellbock-, der Wall, aus 
dem russische übermächtige Hammerschläge hier und 
dort zwar einen Steinsplitter abschlagen, aber nicht 
eine einzige Fuge lockern können. 
ECvenso unerschiltterlich wie die Front der 10. Armee 
erweist sich ihr linker Flagel und die anschließende 
Armeeabteilung Scholtz. Zwarwurde der Nord- 
flügel der Armee Eichhorn von der vollen Wucht der 
russischen Offensive nur zum Teil gefaßt, aber auch 
diese Kämpfe zeigen Höchstleistungen auf eiden Seiten. 
Das Gelände des ehemaligen Dorfes Wileity war 
u einem mehrere hundert Meter vor der Hauptstel- 
ung liegenden Stützpunkt ausgebaut. Von hier aus 
ließ sich die eigene Front und die der rechten Nachbar- 
gruwde weithin flankieren. Die Beseitigung dieses 
tützpunktes war Vorbedingung zur Durchfüh- 
rung des Angriffs. Dichtes Waldgelände in etwa 
1000 m Entfernung, gestattete gedeckte Versammlung 
und Annäherung. So entbrennen heftige Kämpfe um 
diesen Stützpunke Am 18. März vormittags beginnt 
der Angriff gegen Wileity und dehnt sich bald weiter 
nach Norden aus. Die den Wald verlassende Infanterie 
kommt sofort in heftiges Artillerie= und Maschinen- 
ewehrfeuer und flutet bald in die Deckung des Wal- 
es zurück. Weiter nördlich kommt der Angriff gar 
nicht zur Entwicklung. Gefangene der dort angesetz- 
ten Regimenter 85 und 88 sagten später aus, die 
Infanterie hätte Befehl erhalten, den Stützpunkt un- 
bedinet zu nehmen. Zweimal stürmten sie vergeblich. 
Aber die Deutschen hielten unerschütterlich stand. Das 
deutsche Artilleriefeuer von unauffindbaren Battericn 
hatte ihnen ungeheure Verluste zugefügt. 
Am Abend des 19. März versucht der Russe noch- 
mals den Angriff. Ohne Feuervorbereitung will er 
sich des Stützpunktes durch Handstreich bemächtigen. 
Fast unsichtbar in Schneemänteln schleichen im Dunkel 
der Nacht Abteilungen an die Hindernisse heran. 
Kreisförmig soll die Stellung umschlossen und über- 
raschend angegriffen werden. Im blendenden Licht 
deutscher Scheinwerfer und Leuchtkugeln setzt rasen- 
des Maschinengewehrfeuer ein. Bald nach Mitter- 
nacht retten sich kümmerliche Reste der russischen In- 
fanterie. Der Verteidiger des Stützpunktes hat vier 
Verwundete als Verlust zu melden. Noch einmal ver- 
sucht der Feind sein Glück. Am Morgen des 22. März 
brechen starke Kräfte aus dem Walde vor. Eine Welle 
folgt der anderen. In kurzer Zeit feuern wohl 2000 
ttzen. Unsere Artillerie leidet zunächst unter un- 
günstiger Beobachtung. Sie vermag den Angeif 
nicht aufzuhalten. Der Russe drückt trotz größter Ver- 
luste auf etwa 300 m vor. Dann klärt das Wetter 
sich auf. Unser Artilleriefeuer setzt ein, und um 11 
Uhr vormittags ist der Angriff abgeschmettert. 
Hunderte von Toten liegen vor der Stellung; Hun- 
derte Verwundeter kriechen zurück oder jammern vor 
den Hindernissen; Hunderte werden später von rus- 
sischen Krankenträgern geholt. Der menschliche Ver- 
teidiger erlaubt dem feindlichen Sanitätspersonal un- 
gestörte Arbeit und die Bestattung der Gefallenen. 
Weiter nördlich fanden um diese Zeit nur klei- 
nere Kämpfe um vorgeschobene Postierungen statt. 
In einem etwa 800 —1500 m vor den Stellungen 
liegenden Hochwald wurden unsere Posten und Feld- 
wachen von starken Kräften angegriffen und erhielten 
zur Vermeidung unnötiger Verluste den Befehl, auf 
die Hauptstellungen zurückzugehen. Eine dieser Feld-
        <pb n="247" />
        Kriegsberichte: Die russische Märzoffensive 1916; Aprilkämpfe 1916 201 
wachen wurde jedoch vom Gegner völlig eingeschlos- 
sen. Ihr schneidiger Führer wehrte sich eine Nacht 
und den folgenden Tag gegen erdrückende übermacht. 
Dann gelang es ihm, sich bei Dunkelheit mit Hilfe 
unserer Artillerie an der Spitze seiner Ueinen Schar 
fast ohne Verluste und sogar unter Mitnahme einiger 
russischer Gefangener nach rückwärts durchzuschlagen. 
Gefangene sagten aus, daß die Russen bei diesen Ge- 
fechten um die Feldwachen etwa zwei Bataillone ver- 
loren hätten. 
Vor der unerschütterten Front der Armee Eichhorn 
hielt der erschöpfte Angreifer am 24. und 25. März 
verhältnismäßig Ruhe und sammelte Kraft zu neuer 
Anstrengung. - 
Im Abschnitt südlich des Dryswjaty-Sees, am 
Flügel der Armeeabteilung Scholtz, war es inzwischen 
auch zu lebhaften und heftigen Kampfhandlungen ge- 
kommen. Nachdem der Gegner an mehreren Stellen 
Ausfallgassen in seine Drahthindernisse gelegt hatte, 
begann er am Morgen des 19. März den erwarteten 
Angriff. In sechs bis acht mächtigen Wellen wälzten 
sich die russischen Massen heran. Uber die im Feuer 
zusammenbrechende Welle türmte sich sofort eine neue 
Angriffswoge. Der Wind, der diese Flut anschwellen 
ließ, war das russische Feuer in den Rücken der eige- 
nen Infanterie. 
Alle Unstrengungen und Opfer sind verpebück. 
Nur an zwei Stellen halten die Russen bei Tages- 
anbruch des 20. März geräumte deutsche Feldwach- 
stellungen. Schon setzt der Gegenangriff ein. Ein 
Landwehrregiment nimmt im kühnen Gegenstoß seine 
verlorenen Grabenstücke wieder; eine Kavalleriebri- 
ade stürmt mit dem Karabiner und nimmt den über- 
ebenden Teil der eingedrungenen Russen — 1 Offi= 
* und 120 Mann — geiangen. Vor der Front 
iegen — gezählt — über 1000 Leichen. Weitere rus- 
sische An us bis 22. März scheitern in gleicher Weise. 
In der Nacht zum 23. März rennt der Gegner vier- 
mal verzweifelt an. Zweimal gelangt er an die Hin- 
dernisse, jedesmal muß er unter verheerenden Ver- 
lusten weichen. Die genannte Kavalleriebrigade allein 
zählt 930 Leichen vor ihrer Stellung. Über Berge 
von Toten und Verwundeten hinweg stürmt der 
Russe am 25. März bald nach Mitternacht noch ein- 
mal. Jetzt soll es gelingen. Der Befehl fordert den 
Durchbruch, ganz gleich unter welchen Opfern. Ko- 
saken hinter der Front bearbeiten die Infanterie mit 
der Peitsche. Nach nutzlosem Ansturmn fluten die Reste 
der Regimenter zurück. Dann herrscht Ruhe, und der 
Feind hat ee seine Verluste der Tage vom 
19. bis 25. März festzustellen. Sie betragen min- 
destens 8200 Mann. 
Weiter nördlich im Gelände der Bahn Wilna- 
Dünaburg und der Straße Kowno-Dünabur 
setzt in derselben Zeit eine gleich heftige und glesc 
erfolglose Offensive ein. Ohne Artillerievor= 
bereitung will der Feind in der Nacht zum 22. März 
die dortige Front überrumpeln. Man läßt ihn heran- 
kommen bis an und in die Hindernisse; dann schlägt 
ihm vernichtendes Feuer entgegen. Die fliehende rus- 
sische Infanterie findet in der Dunkelheit und Ver- 
wirrung die Lindernisgassen nicht und drängt sich wie 
eine Shafterde in dicken Haufen zusammen. Ma- 
schinengewehre verrichten unbarmherzig ihre fürchter- 
liche Arbeit. Am Lawkessabach bleiben 600 Tote. Nun 
greift die russische Artillerie ein und bereitet einen 
neuen Angriff vor. 6 Regimenter von drei verschie- 
denen Divisionen stürmen und werden aufgerieben. 
Der 23. März bringt eine Steigerung desruf. 
sischen Artilleriefeuers. 11400 Schuß werden 
ezählt, darunter etwa 275 schwerster Kaliber. Um- 
saie Die Infanterie kommt nur auf 400 m heran 
und muß bewegungslos liegen bleiben. Ein erneuter 
überraschungsangrf schlägt baͤnzich fehl und kostet 
wieder Hunderte von Toten. Wie zur Rache ant- 
wortet der Russe mit einem im Osten bisher unerhör- 
ten Trommelfeuer — aber es erfolgt kein Angriff 
mehr. Vom 26. März ab herrscht Ruhe beiderseits 
des Dryswjaty-Sees. 
Gegen die Einbruchsstellen in der Front der Armee 
Eichhorn setzt die russische Führung am 26. März 
noch einmal gleichzeitig mit aller Kraft den Hebel an. 
Nach heftigem Artilleriefeuer drücken auf der Front- 
linie Spiaglia-Südrand des Narotsch-Sees 
vier Divisionen vor. Der unter furchtbaren Verlusten 
abgeschlagene Angriff wird am Nachmittag erneuert. 
Unter Zurücklassung von 3000 Toten weicht schließ- 
lich der Gegner in seine alten Stellungen zurück. Auch 
südlich Wileity scheitern methrfache Angriffe. 
Der 27. März läßt für den Verteidiger einen 
schönen Erfolg heranreifen. Es gelingt, durch kräf- 
tige Vorstöße dem Feinde größere Teile des uns am 
21. März entrissenen Geländestreifens wieder abzu- 
nehmen. 1300 Mann mit 15 Offizieren bleiben in 
unserer Hand. Heftige russische Gegenstöße, die sich 
auch am folgenden Tage wiederholen, bleiben erfolg- 
los. Fünf starke Angriffe scheitern unter großen Ver- 
lusten. Gleiche Mißerfolge erleiden Massenangriffe 
der 45. Division und 2. sibirischen Schützendivision 
südöstlich Muljarsche. 
Der 30. März bringt das Ende der russischen 
Offensive. Sie ist erstickt in „Blut und Sumpfe. 
Von etwa 14 Divisionen, die die Hauptlast des 
Kampfes zu tragen hatten, sind etwa 2 Divisionen 
vernichtet, 8 Divisionen haben wohl die Hälfte ihres 
Bestandes verloren. Die blutigen Verluste in der 
Vei vom 18. bis 30. März im Angriffsraum zwischen 
eresina und Disna sind auf weit über 100000 
Mann zu schätzen. Mit ungeheuren Opfern konnten 
die Russen keine Fuge lockern in der nindenburgwand. 
Ein kleines Steinchen bröckelten sie heraus — dort 
bei Blizniki am Narotsch-See. Dieses Steinchen haben 
wir ersetzt und wieder eingefügt. Wir haben noch 
eine Mauer davor gebaut — am 28. April. Die Ar- 
beit brachte reichen Lohn: 5 Geschütze, 10 Minen- 
werfer, 28 Maschinengewehre, 5600 Gefangene mit 
56 Offizieren. Damit ist für uns die russische März- 
offensive 1916 beendet. 
Im April!. 
Beröffentlicht am 13. Mal 1916. 
I. 
Eine Darstellung, welche es unternimmt, die kriege- 
rischen Ereignisse zusammenzufassen, welche sich wah- 
rend eines bestimmten Kalenderabschnittes, also etwa 
innerhalb eines Monats, abgespielt haben, trägt 
eine Gefahr in sich: sie ist dem Mißverständnis aus- 
gesetzt, als stelle, was rein zahlenmäßig durch den 
Monatsbeginn und -schluß abgegrenzt ist, auch inner- 
lich ein in sich abgeschlossenes Ganzes dar, während 
1 Kurze Übersicht der Kämpfe vor Verdun, im Osten, Westen 
und im Orient.
        <pb n="248" />
        202 
eo sich in der Tat doch überall nur um ein in un- 
unterbrochenem Flusse besindliches Werden handelt. 
Um dieses Mißverständnis auszuschließen, sei hier 
ein für allemal erklärt, daß Versuche wie der gegen- 
wärtige in keiner Weise dazu bestimmt noch geeignet 
sind, die dargestellte Entwicklung als ein auch inhall- 
lich geschlossenes Ganzes zu erfassen. 
Das gilt in besonderem Maße für die Kämpfe, 
welche sich im Monat April abgespielt haben. War 
es damals im März noch bis zu einem gewissen Grade 
möglich, ein Bild zu geben, dessen zeitlicher Rahmen 
eine auch inhaltlich verhältnismäßig abgerundete 
Entwicklung umschloß, so ist es um die Walpurgis- 
monatswende völlig unmöglich, die kriegerischen Ge- 
samtvorgänge anders denn in einer lediglich zeitlich, 
also völlig äußerlich begrenzten Zusammenfassung 
darzustellen. 
Diese Vorbemerkung hat insbesondere für diejenige 
Gruppe von Kämpfen Geltung, welche auch heute noch 
im Mittelpunkte des Anteils der ganzen Weltsteht: für 
die Kämpfe um Verduni. Bei ihrer Darstellung 
konnte schon der Ablauf des Monats März nur eine 
Gelegenheitsbedeutung haben; für den Berlauf des 
Monats April gilt das genau im gleichen Maße. Seit 
nunmehr zwei und einem viertel Monat wütet 
bier eine riesige Schlacht, die ohne Beispiel in der 
Weltgeschichte ist, Tag und Nacht mit nur vorüber- 
gehend geminderter Heftigkeit fort. Ihr Ende ist auch 
heute noch nicht abzusehen. 
Für die Nordostgruppe der Angriffsarmee, welche 
in den vorausgegangenen Wochen siegreich aus der 
Woevre bis zum Steilhang der Cötes Lorraines vor- 
gedrungen war, bedeutete der April einen völligen 
Stillstand der Operationen. Die Nordgruppe da- 
gegen, vom Dorfe Vaux bis zur Maas, vermochte in 
zähem, wechselvollem Ringen ihre Stellung beträcht- 
lich zu verbessern. 
Am Abend des 2. Aprils brachte ein Angriff beider- 
seits des Forts Douaumont Geländegewinne im 
Caillettewalde und bis halbwegs zur Ferme 
Thiaumont. An letzterer Stelle wurde am 17. 
April noch ein weiterer gewichtiger Fortschritt erzielt: 
die französische Stellung auf der Bergnase nördlich 
der Ferme, welche schon seit dem Beginn der Kämpfe 
um Fort und Dorf Douaumont eine schwere Be- 
drohung für unser Vorgehen und für das Festhalten 
des Erkämpften gewesen war, wurde durch einen 
kräftigen Angriff aus dem Ablainwalde heraus er- 
obert. Weiter westlich wurde der Ablainwald bis 
an den Weg Bras-Douaumontgesäubert, anschließend 
wurde der Feind von der Höhe des Pfefferrückens in 
die Mulde östlich Vacherauville geworfen. Alle diese 
Errungenschaften wurden einem zähen Widerstande 
der Franzosen abgetrotzt und mustten alsbald gegen 
wütende Gegenangriffe gehalten werden. 
Bährend so auf dem östlichen Maasufer im ganzen 
Monat April in beständigem schwerem Ringen schon 
ganz erhebliche Verbesserungen unserer Stellung er- 
zielt werden konnten, haben die Operationen auf dem 
Wesiuser im Verlaufe von heftigen, mit wechselndem 
Erfolge hin und her wogenden Kämpfen unseren 
Waffen hochbedeutsame Fortschritte gebracht. Nach 
der Erstürmung des Waldes von Avocourtt war 
zwischen dessen Ostspitze und der Höhe 265 südöstlich 
Béthincourt (Nordwestzipfel der Toten Mann-Stel- 
lung) noch ein weit in diedeutschen Stellungen vorsprin- 
1 Vgl. die Karte » Verdun« bei S. 197. — 2 Am 20. März. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
gendes Geländestück, die vielberufene Sackstellung-, 
in Händen des Feindes geblieben. Von dieser wurde 
ihm nun während des April in rastlosem Vordringen 
ein Stück nach dem anderen entrissen. Nachdem schon 
am 30. März der westliche Stützpunkt, das Dorf 
Malancourt, in unsere Hände gefallen war, ver- 
lor der Feind am 1. Mril seine Linien nordöstlich 
dieses Dorfes und zwei Tage später seine sämtlichen 
Stellungen nördlich des Forgesbaches, ausschließlich 
des Dorfes Béthincourt. Am 5. April fiel das 
einen südöstlichen Ausläufer von Malancourt bil- 
dende Dorf Haucourt, und am 9. auch der rechte 
Flügelstützpunkt, das Dorf Béthincourt, seldst. 
Am 10. stürmten wir noch die Werke »Elsaß« und 
l Lothringene südwestlich Béthincourt und hielten da- 
mit die ganze erste französische Stellung von Hau- 
court bis zur Höhe 265 in Händen. Schon am Tage 
vorher hatte ein Ungriff an der Mort Homme-Stel- 
lung auch die südöstliche Kuppe des auf der franzö- 
sischen Karte als-Mort Hommez bezeichneten dop- 
pelgipfligen Höhenrückens in unsere Hände gebracht 
und damit dem französischen Preßgezänk über die 
Frage, ob wir oder die Franzosen den Mort Homm#e 
besäßen, ein Ende bereitet. Ferner fiel ein Stützpunkt 
nördlich des Dorfes Cumieres in unsere Hand. 
Alle gewonnenen Geländestücke mußten gegen hef- 
tige Gegenangriffe gehalten und im stärksten feind- 
lichen Feuer ausgebaut werden. Am 22. April setzte 
die Westgruppe zu einem neuen Stoß an und warf 
den Feind auch vom Westabhang der Höhe 295 
(Toter Mann), auf dem er sich disher noch hatte hal- 
ten können, bis zum Bachabschnitt südlich Cumières 
zurück. Dafür gelang es dem Feind am 23., im Ver- 
lauf heftiger Gegenangriffe, einige Grabenstücke am 
Ostabhang der Höhe 295 zurück ugewinnen. die ihm 
aber am 25. wenigstens teilweise wieder entrissen wer- 
den konnten. Auch während der letzten Apriltage hat 
der Feind seine Gegenangriffe an dieser Sielle Hbeftig 
erneuert, allerdings ohne wesentlichen Erfolg. 
Zusammenfassend ist über den Stand der 
Kämpfe bei Verdun folgendes zu sagen: Der 
deutsche Angriff auf das Festungsgebiet um Verdun 
hat die Franzosen gezwungen, ganz außerordentliche 
Kräfte zur Verteidigung heranzuziehen, insbesondere 
auch sebr bedeutende Artilleriemassen. In vorderster 
Linie sind bisher auf der engen Frontbreite von wenig 
mehr als 40 km über 40 Divisionen eingesetzt wor- 
den. Die Kräfte allein, die hier mit unserer Kampf- 
front in unmittelbare Berührung getreten sind, be- 
tragen also mehr als 20 Armeekorps. In Reserve 
sind noch weitere Divisionen zu vermuten. Daß 
angesichts einer solch massenhaften Zusammenziehung 
von Verteidigungsmitteln eine Verlangsamung un- 
seres Vordringens mit Notwendigkeit eintreten mußte, 
liegt auf der Hand. Die französische Heeresleitung 
und Presse gefallen sich noch fortdauernd darin, von 
einer deutschen Schlappe bei Verdun zu reden und 
zu funken. Die deutsche Offentlichkeit kennt seit Be- 
ginn des gegenwärtigen Krieges wie aus der Geschichte 
der früheren diese krampfhaften Versuche der Fran- 
zosen, ihre Niederlagen in Siege umzudichten. Unsere 
Erfolge in den ersten Maitagen: dürften genügend 
sein, um selbst einen zum krampfhaftesten Selbstbetrug 
entschlossenen Optimismus zu erschüttern und der 
Welt den Beweis zu liefern, daß unsere Angriffskraft 
so wenig erschüttert ist wie unser Angriffswille. 
1 Vgl. S. 208 ff.
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        Kriegsberichte: Die Kämpfe im April, Mai und Juni 1916 
II. 
Im Vergleich zu den Kämpfen beiderseits der 
Maas treten die kriegerischen Ereignisse in allen Ab- 
schnitten der Westfront in den Hintergrund. Den- 
noch herrscht auf großen Teilen der Front alles 
andere als Ruhe, vielmehr eine ingrimmige un- 
unterbrochene Kampftätigkeit, wenn auch mit 
örtlich begrenzten Zielen. Hervorzuheben ist, daß es 
in der Umgegend von YDpern zu heftigeren Kämpfen 
mit den Engländern gekommen ist. Die Eloi- 
Stellunge, welche durch einen Überraschenden An- 
grifft in den Besitz der Briten geraten war, wurde 
ihnen am 6. April wieder entrissen und gegen alle 
Gegenangriffe behauptet. Am 24. April gab auch 
die englische Flotte einmal wieder ein Lebenszeichen: 
sie unternahm es, sich vor der flandrischen Küste zu 
betätigen, um Minen und Sperren zu legen. Aber 
dieser Versuch wurde beim Auslaufen unserer Flotte 
rasch ausgegeben, und unsere Torpedo- und Vor- 
postenboote säuberten die Küste. Im übrigen be- 
schränkten die Engländer ihre Tätigkeit längs der 
ganzen von ihnen jetztgehaltenen Frontauf Artillerie- 
ämpfe, Sprengtätigkeit und Patrouillenunterneh- 
mungen. Irgend etwas Ernstliches zur Entlastun 
ihrer hart ringenden Verbündeten haben sie auch 
neuerdings nicht unternommen. 
Aus der Tätigkeit der Übrigen Abschnitte der West- 
front ist noch hervorzuheben, daß ein deutscher 
Vorstoß nördlich Celles (bei Badonviller, ungefähr 
15 km jenseits der deutschen Grenze auf der Höhe 
von Straßburg) zwei französische Linien in unseren 
Besitz brachte, während es anderseits den Franzo- 
sen Felang. ein vorspringendes Waldstück der ihnen 
im März entrissenen Ville-aux-Bois- Stellung 
(nordwestlich Reims) zurückzugewinnen. 
III. 
Während der März die große russische Entlastungs- 
offensive und auch sehr energische italienische An- 
riffsversuche gebracht hatte, haben im April nur die 
8 talie ner ernstliche Unternehmungen versucht. Und 
zwar ist hier hervorzuheben, daß ihr Druck gegen die 
Isonzofront nachgelassen hat, während sie auf der 
ganzen Tiroler Front eine erhöhte Tätigkeit ent- 
wickelt haben. Indessen sind auch hier wirklich merk- 
liche Verschiebungen der Linien nicht erzielt worden. 
war mußte die österreichische Stellung am Col di 
ana infolgeeiner seit Monaten vorbereiteten Spren- 
gung geräumt werden. Aber trotz größter Anstren- 
gung ist es den Italienern auch hier nicht gelungen, 
weitere Fortschritte zu machen. Anderseits wurden 
sie im Suganatal aus dem Ort Marter und meh- 
reren hintereinander liegenden, gut zausgebauten 
Stellungen bis zum Westrande von Roncegno zurück- 
geworfen. 
Die Russen dagegen blieben nach dem Zusammen- 
bruch ihrer Märzoffensive vor der ganzen Front 
unserer eigenen wie der südlich anschließenden öster- 
reichisch ungarischen Armeen fast völlig ruhig. r 
westlich Dünaburg und südlich des Narotsch-Sees 
unternahmen sie örtlich beschränkte, übrigens völlig 
erfolglose Vorstöße. 
Dagegen ist es uns gelungen, selbst den belanglosen 
Geländegewinn, den die Russen als einzigen Erfolg 
ihrer mit stärkstem Kräfteeinsatz und ungeheuren 
Blutopfern unternommenen Entlastungsoffensive in 
1 Am 27. Mürz. 
203 
Händen behalten hatten, zurückzuerobern. Es ist noch 
in frischer Erinnerung, daß wir am 28. April den 
bei den Märzangriffen verlorenen Teil unserer ehe- 
maligen Stellung südlich des Narotsch- Sees, den 
die Russen aufs Hürge ausgebaut hatten, in einem 
wuchtigen Angriff zurückerobert haben. Selbst die 
erste Linie der ursprünglichen russischen Ausgangs- 
stellung ist in unserem Besitz. Die Beute an Gefan- 
genen und Kriegsmaterial ist großt. 
IV 
Das Saloniki-Unternehmen der Entente ist 
noch immer nicht über die Besitzergreifung einer völ- 
lig wehrlosen neutralen Hafenstadt und die dauernde 
schwere Kränkung und Vergewaltigung eines neu- 
tralen Landes hinausgelangt. Das bunte Truppen- 
emisch, das sich auf griechischem Boden angesiedelt 
*r# gab bisher keine merklichen Zeichen kriegerischen 
etätigungsdranges. 
Einen einzigen Fortschritt haben unsere Feinde zu 
verzeichnen. Mit starker zahlenmäßiger Üüberlegen- 
heit haben die Russen unsere türkischen Verbündeten 
in Armenien angegriffen. In der Flanke von der 
See her durch russische Landungstruppen gefaßt, 
haben die Türken nach tapferer Gegenwehr dem Feinde 
Trapezunt überlassen müssen'. Einem weiteren 
Vordringen der Russen in Armenien haben sie in- 
dessen Eimhalt gebieten können. 
Eine reiche Ertschshigung für diesen, unleugbar 
empfindlichen Verlust haben die Osmanen in Meso- 
potamien erkämpft. Die seit rund fünf Monaten 
in Kut el Amara#“b eingeschlossene Armee des Gene- 
rals Townushend hat sich, da alle Entsatzversuche (auch 
nach einem Wechsel in der Person des Oberbefehls- 
habers der Entsatzarmee) fehlschlugen, am 29.4 den 
Belagerern ergeben müssen. Es ist überflüssig, die un- 
geheure Tragweite dieser glänzenden Waffentat noch 
näher zu beleuchten. Verzeichnen wir noch ein sieg- 
reiches Gefecht östlich des Sueskanals vom 26. 
April, bei dem die Türken englischer Kavallerie starke 
Verluste zufügten, so ist festzustellen, daß die Lage 
unserer türkischen Verbündeten, im ganzen genom- 
men, einen entscheidenden Aufschwung genommen hat. 
Der Krieg zu Lande in den Monaten Mai und Juni. 
Veröffentlicht am 6. Juli 1916. 
Indiesen beiden Monaten hat die allgemeine Kriegs- 
lage in beständiger Steigerung eine derartige Ver- 
schärfung erfahren, daß die Wende vom Juni zum 
Juli weniger als je zu einem nsammenfaf enden Rück- 
blick geeignet erscheinen möchte. Trotzdem soll der 
Versuch eines solchen in den nachstehenden Zeilen 
unternommen werden. Es ist ja nicht das erstemal, 
das uns ein vollkommener Umschwung der Lage zu 
wiseren Ungunsten lange vor dem Einsetzen der Er- 
eignisse, die ihn herbeiführen sollten, von der gesam- 
ten Presse unserer Gegner angekündigt worden ist. 
J. 
Werfen wir zunächst einen flüchtigen Blick auf jene 
Schauplätze des weitverzweigten Kriegsgeschehens, die 
in einerverhältnismäßigen Ruhe zu verharren scheinen. 
Wenn die Vorgänge auf dem Balkan zur Zeit einen 
der Brennpunkte des fieberhaften Anteils, man kann 
1Bal. S. 201. — ½ Am 18. April. — 25 Ugl. hierzu die Karte 
»Das Vordringen der Engländer im Jrakgebiet. — 4 Nach an- 
deren amtlichen Berichten am 28. April.
        <pb n="252" />
        204 
jagen der ganzen Welt, darstellen, so hat das weniger 
in militärischen Vorgängen seinen Grund als in po- 
litischen. Zwar scheint der Abtransport der neu zu- 
sammengestellten serbischen Armeereste nach Saloniki 
beendigt zu sein, aber zu ernstlichen Basagmmeenstßen 
ist es auf der mazedonischen Front noch immer nicht 
gekommen. Immerhin ist eine Veränderung der Lage 
dadurch eingetreten, daß die Bulgaren am 26. Mai 
sich in den Besitz des Rupelpasses gesetzt und eine 
taktisch günstigere Stellung vorwärts dieses Passes 
ausgebaut habent. Diese Vorgängehaben der Entente 
den Vorwand zu einer schroffen Verschärfung der Be- 
drückung hergeben müssen, welche seit Monaten auf 
dem Griechenvolke lastet. Griechenland ist durch seine 
eographische Lage und seine Armut an natürlichen 
Oilfsquellen jedem Zugriff eines Stärkeren ausgesetzt. 
Die beispiellose Brutalität, mit der die Entente diese 
Swamgolage des Hellenentums ausgenutzt hat, um 
ich in die innersten Angelegenheiten des wehrlosen 
Landes einzuzwängen und Monarchie und Volk zu 
willenlosen Spielzeugen ihrer Ziele zu pressen, steht 
in seltsamem Gegensatz zu der Erstarrung jedes mili- 
tärischen Betätigungsdranges, die nun schon seit mehr 
denn einem halben Jahre das mit so viel Geschäftig- 
keit und Lärm zusammengebrachte Ententeheer an 
die unmittelbare Umgegend des zwangsweise besetzten 
neutralen Saloniki fesselt. 
Auchuauf den vorderasiatischen Kriegsschau- 
plätzen scheint die in früheren Abschnitten unserer 
Betrachtung so lebhaft gesteigerte Regsamkeit unserer 
Feinde nachgelassen zu haben. Der Fall Kut el Ama- 
ras## hat weder den Engländern noch den Russen 
Anlaß gegeben, in durchgeführten Unternehmungen 
größeren Stils für den bedeutungsvollen Erfolg der 
türkischen Waffen einen Ausgleich zu schaffen. Die 
Angriffe der Russen in Gegend Kafr i Schirin sind 
zum Stehen gebracht. ein lange vorbereiteter Angriff 
russischer Kräfte hat am 3. und 4. Juni mit einer 
entscheidenden Niederlage der Angreifer geendet. In 
Armenien vollends ist das vor nicht allzulanger Zeits 
noch so energische und sieggekrönte Vordringen rus- 
sischer Streitkräfte zunächst zum Stehen gekommen, 
und dann haben die Türken auf der ganzen Front 
die Russen zurückgedrängt. Sie stehen mit stärkeren 
Kräften bereit, den Vormarsch nach Nordpersien fort- 
zusetzen. — Ebensowenig haben sich die Italiener 
entschließen können, die Enge ihrer Umstellung bei 
Valona durch den geringsten Vorstoß auszuweiten. 
II. 
Von den entfernteren Kriegsschauplätzen hat sich 
sonach die kriegerische Regsamkeit unserer Gegner im- 
mer mehr binweggezogen, um, den Pariser Beschlüs- 
sen“ entsprechend, die - Einheit der Fronte nachhaltiger 
auf den inneren Ring konzentrieren zu können. Hier 
versucht der Feind, die Mittelmächte — unter Zuhilfe- 
nahme einer rücksichtslosen Anspannung der nach der 
Auffassung aller unparteiischen Beurteiler völker- 
rechtswidrigen Mitblockade der Neutralen — immer 
enger zu umschließen und sich in Ruhe auf eine gemein- 
same große Offensive vorzubereiten. Aber dazu haben 
die Mittelmächte ihren Feinden nicht Zeit gelassen. 
Einer der beiden Borstöße der Mittelmächte 
ist bereits seit geraumer Zeit im Gange: der Angriff 
gegen die französischen Stellungen auf beiden 
1 Vgl. die Karte Griechisch-bulgarische Grenzgebiete bei S. 148. 
2 Am 29. April: nach andern amtlichen Berichten am 28. April. 
2 Februar bis April — 4 12.— 28. März. 
1I. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Maasufern um Verduni. Er hat einen macht- 
vollen, alle seindlichen Gegenanstrengungen Schrin 
für Schritt niederwuchtenden Fortgang genommen. Da 
dies gewaltige Schauspiel der Schlacht an der Maas, 
für beide Kämpfer gleich ehrenvoll, dauernd die hin- 
erissene Teilnahme der Welt in Atem hält, brauchen 
bier nur die großen Grundlinien nachgezogen zu wer- 
den. Die Einzelheiten sind ja in frischer Erinnerung. 
Das wechselvolle Ringen auf dem linken Maas- 
ufer nahm während des ganzen Maimonats ohne 
Ermatten seinen Fortgang. Es galt, die nach der 
Einnahme des Waldes von Avocourt zwischen diesem 
und dem „Toten Mann entstandene -Sackstellung- 
auszuräumen. Dieses Ziel ist in schrittweisen, durch 
kleinere Rückschläge nur vorübergehend gehemmten 
Vorarbeiten ohne Rast erreicht worden. Abschnitt- 
weise wurden die nördlichen, die westlichen, zuletzt am 
21. Mai die östlichen Ausläufer der Höhe 304 ge- 
starmt. Ostlich des -Toten Mannes= ist am 23. Mai 
ie Trümmerstätte, die einstmals das Dorf Cumieres 
war, gestlrmt worden. Die an diesem Tage noch 
gescheiterte Eroberung der Guretteshöh und des. 
ganzen Geländes von der Südkuppe des Toten. 
annes- bis zur Südspitze von Cumidres konnte bis 
Ende Mai erzwungen werden. Auch in diesem Ab- 
schnitt brachte der Gum häufige und gleichermaßen 
erfolglose Gegenstöße. 
Seit der Maimitte versuchten die Franzosen mit ver- 
zweifelter Anstrengung den Schwerpunkt der Maas- 
keimpfe auf das rechte Ufer hinüberzureißen. Nach 
einer riesigen Artillerievorbereitung holten sie zu. 
einem wuchtigen Schlage gegen Fort Douaumont 
aus. Es gelang ihnen, am 22. Mai bis an die Kehle 
des Forts vorzustoßen. Da setzte der Gegenangriff 
ein; schon der 24. Mai brachte den Franzosen eine 
schwere Niederlage. In glänzendemt, fortgesetztem 
Angriff eroberten die Deutschen die ihnen entrissenen 
Stellungen zurück, drangen weit über sie hinaus, 
brachten am 1. Juni den gunzen Caillettewald in ihre 
Hand. In den folgenden Tagen wurde Dorf Dam- 
loup und endlich auch das Fort Baux erstürmt- 
und fest in unsere Hand gebracht. Seine tapfere Be- 
satzung, die sich in den unteren Gewölben gehalten 
*“ mußte am 7. Juni kapitulieren. Am 8. Juni- 
etzte ein neuer Vorstoß ein, der zunächst ein starkes 
feindliches Feldwerk der Feste Baux, dann in ständi- 
gem Fortschreiten die Stellungen westlich und südlich 
er Thiaumontferme und endlich am 23. Juni das 
Panzerwerk Thiaumont selbst und den größten 
Teil des Dorfes Fleury in unsere Hand brachte, 
den Zentralpunkt und den linken Flügelpunkt der 
zweiten fran zösischen Hauptstellung. Alle diese Er- 
rungenschaften mußten und konnten gegen wütende- 
französische Gegenangriffe gehalten werden, zuletzt 
noch am 26. und 27. Juni gegen einen Stoß größten 
Masstabes auf der ganzen Frontbreite des Abschnines 
Thiaumont-Fleury. Die Kämpfe dieser zwei Tage- 
rechnen zu den schwersten und für die Franzosen ver- 
lustreichsten des ghanzen Krieges. Unerbittlich nimmt 
hier der Zermürbungsprozeß an Frankreichs Heeren 
seinen Fortgang. 
III 
Während so unser westlicher Gegner sich im Laufe 
der letzten zwei Monate eines zwar schon seit langem 
wirksamen, aber sich von Tag zu Tag noch verstärken- 
den Druckes zu erwehren hatte, holte unser ältester 
1 Ugl. S. 197 f. und die Karte „Verdune del S. 197.
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        DIE 0STERREICHHNSCHE OFFENSTE 
IM SCDTIROLER CRENZCEBIET 
Mni 1916. 
Mazstab 1:250 000 
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lometer 6 
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        Kriegsberichte: Mai= und Junikämpfe 1916; russische Sommeroffensive 1916 205 
Verbündeter, Osterreich= Ungarn, zu einem 
machtvollen Schlage gegen Italien aus. Ge- 
nau Mitte Mai gestattete das Wetter endlich den sorg- 
fältig vorbereiteten und vom Feinde länst erkannten 
Vorstoß. Es gelang den k. u. k. Truppen, die Italiener 
nicht nur aus dem größten Teil der von ihnen bei 
Kriegsbeginn genommenen Bezirke Südtirols wieder 
hinauszuwerfen, sondern auch die italienische Grenze 
in breiter Front zu Überschreiten und den Angriff fast 
bis zum Südrande der Gebirgswälle vorzutragen, 
welche den Ebenen Norditaliens vorgelagert sindt. 
Bis zum 25. Juni machte der österreichisch-unga- 
rische Angriff zwischen Etsch und Brenta stetige 
Fortschritte, die Zahlen an Gefangenen und erbeuteten 
Geschützen, Maschinengewehren und anderen Beute- 
stücken mehrten sich in gleichem Maße. An diesen 
Erfolgen konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß 
am 26. mit Rücksicht auf die militärische Gesamtlage 
ur Wahrung der vollen Freiheit des strategischen 
Handelns ein Teil des eroberten Gebietes wieder auf- 
egeben und, unbemerkt vom Gegner, die Angriffs- 
Hront verkürzt wurde. 
IV. 
Die verzweifelten Hilferufe des schwerbedrängten 
Frankreichs und Italiens hatten inwwischen wenigstens 
bei dem einen der beiden abwartenden mächtigen Ver- 
bündeten Gehör gefunden. Es war das durch zwei 
Monate anscheinend in Erstarrung verfunkene Ruß- 
land, welches sich von den furchtbaren Verlusten an 
Ländergebiet, Mannschaften und Kriegsmaterial, die 
das Jahr 1915 und zuletzt noch die Offensive im 
März 1916 gebracht hatte, mit Unterstützung der 
halben Welt inzwischen bis zu einem gewissen Grad 
erholt hatte und ein kräftiges Zeichen neuerwachten 
Lebens gab. 
Schon in der zweiten Hälfte des Mais waren an 
der ganzen Ostfront unserer Verbündeten bedeutsame 
Veränderungen erkannt worden, die auf Angriffs- 
absichten schließen ließen. Am 4. Juni begann nach 
einer den bisherigen Einsatz weit Übersteigenden Ar- 
tillerievorbereitung an sieben Stellen gleichzeitig auf 
einer Frontbreite von mehr als 800 km die russi- 
sche Offen sives. 
Die Riesenschlacht, die mun entbrannte, hat der 
Sache der Mittelmächte einen Kückschlag gebracht und 
den Italienern die dringend benötigte, heiß erflehte 
Entlastung für den Augenblick zuteil werden lassen. 
Sie hat den Russen am rechten Flügel ihrer Offen- 
sive bei Luzk einen mäßigen (und schwerlich dauernd 
haltbaren) Rückgewinn an früher verlorenem russi- 
schen Boden eingetragen, am linken russischen Flügel 
unseren Verbündeten den größten Teil der Bu- 
kowina mitsamt der vielumstrittenen Hauptstadt zu 
entreißen vermocht. 
iermit ist die Bedeutung und der Erfolg des 
russischen Vorstoßes des Monats Juni erschöpft. Das 
in der Presse offen verkündete Ziel der gewaltigen 
russischen Anstrengungen, der Durchstoß bis Lemberg, 
die Rückgewinnung Galiziens oder gar das Eindrin- 
gen in Ungarn, hat nicht erreicht werden können. 
V. 
In einer Gelassenheit, welche der Welt immer neues 
Erstaunen abnötigt, hat England bis gegen Ende 
1 Bgl. hierzu die Karte »Die österretchische Offenstve im Süd- 
ttroler Grensgebiete. 
2 Bgl. die Karte 2 Die russische Ofsenstve in Wolhynien und 
Cali#en Juni-Juli 19166 del S. 206. 
Juni den übermenschlichen Opfern und Anstrengun- 
gen seiner Verbündeten mit gekreuzten Armen zu- 
geseben-. Es hat die Hilferufe Frankreichs und Ita- 
iens lediglich mit herablassenden Beifallsbezeigun- 
gen für die heroischen Anstrengungen dieser tloer= 
eprüften Nationen beantwortet. Erst seit dem 20. 
Funi steigerte sich die Gefechtstätigleit auf der ge- 
samten englischen und auf dem südlich anschließenden 
Teil der französischen Front. Seit dem 24. begann 
eine sich oft dis zum Trommelfeuer steigernde Ar- 
tilleriebeschießung unserer Front und des rückwärts 
gelegenen Geländes. 
Bis zum Monatsende kam es in den Feuerpausen 
der Artillerie nur zu Patrouillenkämpfen. Erst am 
1. Juli hat der große Angriff, auf den wir und die 
Entente lange gewartet haben, nördlich der Somme 
begonnen. An verschiedenen anderen Stellen der 
englischen Front sind vorher im Mai und Juni wir 
die Angreifer gewesen. 
Im Mai gelang es uns, im Artois kleinere Ab. 
schnitte der englischen Stellungen in unsere Hand zu 
bekommen. Im Ypernbogen wurden am 2. Juni 
die Doppelhöhe 60 sfüdöstlich Dpern mit anschlie- 
ßenden Gräben, und am 6. Juni die Stellungen bei 
Lo#“ e, zusammen 3 km Frontbreite, erstürmt. Ein 
eil der neuerkämpften Stellungen ging allerdings 
am 13. Juni wieder verloren, während alle späteren, 
teilweise durch Gasverwendung unterstützten Angriffe 
abgewiesen werden konnten. 
VI. 
Versuchen wir den rückschauenden üÜberblick über 
das Fortschreiten des Landkrieges in den Monaten 
Mai und Juni zusammenzufassen, so ergibt sich: 
Vier große Handlungen und im Gange. Der 
deutsche Vorstoß bei Verdun schreitet langsam, doch 
unerbittlich, Frankreichs Heere zermürbend, mit stei- 
gendem Erfolg vorwärts. Österreichs Angriff in 
Südtirol hat nach stlirmischem Anfangsgelingen eine 
Hemmung erfahren durch die Gesamtkriegslage. Die 
russische Offensive hat zwar ebenfalls mit namhaften 
Siegen eingesetzt, ist aber dann zum Stehen und hier 
und dort bereits zu rüdlläußger niwicklung gebracht 
worden. Die vierte große Angriffswelle, deren Auf- 
branden sich seit einiger Zeit immer deutlicher an- 
gekündigt hatte, braust nun heran — und wieder ein- 
mal erhoffen unsere Feinde den entscheidenden Um- 
schwung des Kriegsglücks. Englands lange gesparte 
Heeresmacht tritt auf den Plani, 
Die russische Sommeroffensive 1916". 
Beröffentlicht 8., 9., 18. und 14. September 1916. 
J. 
Der Kampf um Kowel. 
Nach der Märzoffensives gegen die unerschütterliche 
Mauer der Hindenburgarmee tastete die russische Hee- 
resleitung die Front weiter nach Süden ab und fand 
in Wolhynien jeneverhältnismäßig schwache Stelle, 
die zum strategischen Durchbruch geeignet schien. 
Anfang Juni durchbrachen nach starker Artillerie- 
vorbereitung russische Angriffe die österreichischen 
Stellungen westlich Olyka. Durch energisches Nach- 
stoßen auf und über Luzk, dessen Brückenkopf gegen 
1 CGgl. S. 213ff. 
2 Val. hierzu die Karte : Die ruffische Ofsenstve in Wolhynien 
und Galizien Juni-Jult 19164. 
2 Col. S 198 fl.
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        206 
überlegenen Angriff nicht gehalten werden konnte, 
gelang es dem Feinde, den Südflügel und die Mitte 
der k. u. k. 4. Armee über den Styr zu drängen, 
während der Nordflügel, aufgenommen durch zunächst 
geringe deutsche Verstärkungen, dem Gegner das 
Nachdrängen über Sierna und Styr zu verwehren 
vermochte. Etwa gegen Ende der 1. Jusswocke folgte 
der Feind in westlicher und südwestlicher Richtung 
nur zögernd und schrittweise nach. Seine Sorge 
galt dem österreichischen Nordflügel und den hier ein- 
gesetzten deutschen Kräften, gegen die er nunmehr mit 
seinen Hauptkräften nach Nordwesten in Richtung 
Kowel einschwenkte. Der wohl unerwartete Wider- 
stand dieses durch deutsche Verbände verstärkten, 
unter deutscher Führung zusammengefaßten Flügels 
veranlaßte ihn zur Vorsicht und Neugruppierung 
seiner Kräfte. Selbst ein General Brussilow lernte 
wohl ahnen, daß Massenangriffe allein gegen deutsche 
Truppen keine Siege erzwingen. General von Lin- 
singen, der Sieger in blutigen Karpathenkämpfen, 
ebot mit den über Kowel herangeführten deutschen 
Verstärkungen dem russischen Ansturm das erste Halt. 
Mitte Juni verlief die Front unserer nach dem 
linken Flügel hin durch deutsche Kräfte verstärkten 
Verbündeten in der allgemeinen Linie: Plaszowka= 
Abschnitt von Tarnawka bis zur Einmündung in 
den Styr — die Styr-Linie bis Gegend Lipa — das 
südliche Lipa-Ufer bis Zboryszow — dann nach Nor- 
den biegend über Gorochow-Swiniuchy auf Wito- 
niez—Stochod-Abschnitt bis etwa nördlich Liniewka — 
die Styr-Linie Sokul-Kolki, hier nach Norden um- 
biegend. Nachdem deutsche Kräfte auch südlich Ko- 
wel eingesetzt waren, begann am 16. Juni der erste 
Gegenstoß in drei Gruppen: im Westen ungefähr 
aus der Linie Gorochow-Lokaszy, von Nordwest 
mit dem rechten Flügel längs der Turija und von 
Norden. Bis zum 13. Juni führte dieser Gegen- 
angrif bereits einige Kilometer vorwärts. 
Nach dem Eintreffen weiterer deutscher Verstär- 
kungen wurde am 23. Juni enzweiter Gegenstoß 
eingeleitet, der südwestlich Luzk unter deutscher Füh- 
rung nach Nordosten weiter ein gutes Stück vordrang. 
Ein dritter Gegenstoß wurde wenige Tage spä- 
ter (30. Juni) nach Bildung einer neu zusammen- 
gesetzten Stoßgruppe (unter deutscher Führung) ein- 
geleitet. Strömender Regen rauschte am Vormittag 
des 30. Juni hernieder und verwandelte die wol- 
hynischen Wege in grundlosen Morast. Stundenlang 
war für die Artilleriewirkung jede Fernsicht ausge- 
schaltet. Trotz aller Schwierigkeiten aber wird die be- 
herrschende Höhe südlich Gubin gestürmt. Auch eine 
links anschließende k. u. k. Infanterie-Truppen-Di- 
vision macht gute Fortschritte und dringt in tapferem 
Angriff vor, wobei sie mehrere Gegenangriffe kalt- 
blütig abweist. Weiter nördlich stürmen deutsche und 
österreichische Verbände das Dorf Zubilno und eine 
Höhe östlich von Trysten. Der folgende Tag (1. Juli) 
trägt den Angriff weiter vor. Auf 18 km Breite sind 
die russischen Stellungen eingebrochen. Bis 
5 km Breite ist Gelände nach Osten gewonnen. über 
mehrfache Linien russischer Gräben, hier durch dich- 
tes, versumpftes Waldgelände, dort über freie Niede- 
rungen, trotz zahlreicher Gegenangriffe russischer In- 
fanterie, ohne Rücksicht auf mehrfache Attacken der 
Transamur Reiterdivision und einer zusammengesetz- 
ten Kavalleriedivision, wird am Abend des 2. Juli das 
Höhengelände um Michailowka-Gubin erreicht. 
In der Nacht zum 3. Juli beginnt der Russe mit 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
dem Gegenstoß: starke Infanterieangriffe und nächt- 
liche Kavallerieattacken leiten zwei zäh durchgeführte 
Massenangriffe ein. Unter außergewöhnlich schweren 
Verlusten wird der Gegner restlos abgeschlagen. Auch 
die inzwischen verstärkte Nordgruppe hatte den An- 
griff vorgetragen. In der Nacht zum 3. Juli räumt 
der Feind fluchtartig unter schweren Verlusten eine 
von ihm besetzte Brückenkopfstellung auf dem nörd- 
lichen Stochodufer an der Straße Kowel—-Luzk. Der 
verhältnismäßig geringe Raumgewinn dieser drei 
Gegenangriffe Üüberraschte die Führung nicht. Es 
war vorauszusehen, daß unter den vorliegenden Ver- 
hältnissen der örtliche Erfolg dieser Gegenstöße wohl 
beschränkt bleiben würde. Sie fielen in eine Periode 
gegenseitigen Kräfteausgleiches bei uns und unserem 
Gegner. Immerhin wurden durch diese Gegenstöße 
unsere seit 5. Juni gemachte Beute auf etwa 100 Ma- 
schinengewehre, 128 Offiziere und über 19900 Mann 
erhöht. Die große Bedeutung dieser unter deutscher 
Führung sofort eingeleiteten dreimaligen Gegenstöße 
ist aber nicht nach diesen Zahlen oder dem erzielten 
Raumgewinn zu bemessen. Ihr Wert liegt in ihrer 
rein militärischen, psychologischen und moralischen 
Bedeutung: 
General von Linsingen nimmt dem bisher unab- 
lässig vordrückenden Angreifer die Freiheit des Han- 
delns, zwingt ihn zu Erwägungen und Umgrup- 
pierungen, fesselt Kräfte, die an anderer, politisch für 
Rußland wichtigen Stelle eingesetzt werden sollten und 
veranlaßt die russische Führung zu Verschiebungen 
ihrer Reserven dorthin, wo sie den deutschen Angriff 
befürchtet! Hinfort bemüht sich die russische Heeres- 
leitung durch unablässigen Antransport weiterer 
starker Kräfte, das verlorene militärische übergewicht 
wieder zu erreichen. 
Neu herangeführte Kräfte gestatten dem Gegner 
die Einleitung eines starken Angriffs gegen den lin- 
ken Flügel österreichischer Truppen im Styr-Bogen. 
Die hier stehenden Verbände weichen unter dem gegen 
die Orte Gruziatyn und Kostiuchnowka angesetzten 
Angriff nach Westen aus und werden hinter den 
Stochod zurückgenommen. In diesen Kämpfen zeich- 
nete sich besonders die polnische Legion aus, die in 
tapferem Gegenstoß dem Feinde wichtiges Höhen- 
gelände entriß. Einige Tage später drückt der Feind 
südwestlich Luzk eine in der Gegend westlich von Gu- 
bin eingesetzte k. u. k. Division zurück. Zur Ausglei- 
chung der dadurch geschaffenen Lage wird die hier 
kämpfende Gruppe aus den eroberten Stellungen ein 
Stückzurückgenommen, ebenso die südlich anschließende 
Gruppe. Den weiten Halbbogen um Luzk halten kräf- 
tige deutsche Truppen, österreichisch-ungarische Ver- 
bände und tapfere polnische Legionäre. Der vermeint- 
liche Siegeslauf ist zu Ende, ein neuer Angriff muß 
eingeleitet werden. Dazu aber bedarf dic russische 
Führung frischer ausgeruhter Kräfte. Sie jögert 
nicht, holt diese Kräfte von allen verfügbaren Fron- 
ten zusammen, läßt andere politisch wie strategisch 
bedeutsame Ziele in den Hintergrund treten und rich- 
tet das Höchstmaß der Kraftentfaltung auf Kowel. 
Während im Norden gegen Baranowitschi. im 
Süden gegen Lemberg der strategische Durch- 
bruch angestrebt wird, wird der auf Kowel ein- 
fach rücksichtslos befohlen! In Richtung und über 
Kowel soll General Brussilow den Keil eintreiben, 
der die verbündeten Heere auseinandersprengt, die 
Flanken freilegt zur Aufrollung und die weitere Sie- 
gesbahn öffnet nach Westen.
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        Kriegsberichte: Die russische Sommeroffensive 1916 
Mitte Juli sind der ganzen russischen Armee bereits 
die Tage bekannt, an denen Kowel entscheidend anzu- 
reifen ist. Der erste Angriffstag ist für den 28. 
Fali, ein etwa nötiger zweiter Zeitpunkt auf den 
7. August festgelegt. Am 12. August — spätestens — 
muß Kowel in russischer Hand sein — »um jeden Preis-. 
Die russische Heeresleitung hat sich — wohl aus ge- 
wissen, in ihren Umrissen erkennbaren Gründen — 
auf die angegebenen Zeitpunkte zur Erzwingung des 
strategischen Durchbruches auf Kowel festgelegt. 
Zwar rüttelt nun die russische Führungmächtigund 
mit grimmiger Wut an der eisernen Schranke, die 
General von Linsingen zwischen Luzk und Kowel ge- 
schlossen hält. Bald an dieser, bald an jener Stelle 
drückt der Russe gegen unsere Front. Ohne Erfolg. 
Alle verfügbaren Kräfte rafft der Feind zusammen. 
Unsere Flieger beobachten die Massentransporte auf 
den nach Luzk und Kowel führenden Bahnen. Sie 
begnügen sich nicht mit der Beobachtung und Mel- 
dung. Häufig stürzen sie sich auf wenige 100 Meter 
hinab und überfallen die Transporte sowie marschie- 
rende Kolonnen durch Bomben und wohlgezieltes 
Maschinengewehrfeuer. 
Zu Beginn der 3. Juliwoche lassen sich die Vor- 
boten des ersten allgemeinen Angriffs auf Kowel 
bereits deutlich erkennen. Gegen unsere Front Liniow 
Zubilno-Tessten und nördlich davon werden Divi- 
sionen über Divisionen angehäuft; bis zum 27. Juli 
abends sind hier im wesentlichen das russische 23., 
39., 1. und 2. Gardekorps und 3 Gardekavallerie- 
divisionen versammelt. 
Seit den Septemberschlachten 1915 um Wilna 
waren die russischen Gardekorps nicht mehr im Feuer 
gewesen. In langer Ruhezeit waren sie mit gut durch- 
gebildelem Ersatz neu aufgefüllt, mit bestem Material 
ausgerüstet und wieder die russische Elitetruppe ge- 
worden, deren Ansturm Kowel unbedingt erliegen 
würde. In den beiden Gardekorps standen der rus- 
sischen Führung etwa 16 Infanterieregimenter zu 
4 Bataillonen, im ganzen also an 64 ausgeruhte, seit 
3¾/ Jahren vom Kriege unberührte Verbände zur Ver- 
fügung — mit etwa 70000 Mann Infanterie für 
die vorderste Linie, mit etwa 100000 Mann, wenn 
man den Erat einrechnet. 
Am 28. Juli setzt nach heftiger Artillerievorberei- 
tung der allgemeine Angriff der russischen 8. Armee 
(Luzk) einschließlich der Garde unter Besobrasow ein. 
Dem starken Druck gegen den rechten Flügel der an- 
egriffenen Front geben österreichische Berdände nach. 
in weiter nördlich mit rücksichtslosem Schneid an- 
gesetzter und durchgeführter Gegenstoß eines deutschen 
Landwehrregiments wirft den Feind zurück und stellt 
die Gefechtslage wieder her. Landwehrbataillonen ge- 
lingt es auch, vier öslerreichische Geschütze und einige 
Munitionswagen von dem Gegner zurückzuerobern. 
Der rechte Flügel wird durch das prachtvolle Vor- 
gehen eines deutschen Rekrutenbataillons und einer 
Garde-Kavalleriebrigade kräftig unterstützt. Weiter 
nördlich greifen in zwischen 8 russische Divisionen ein 
einziges verstärktes deutsches Armeekorps an. Wäh- 
rend der rechte Flügel alle Angriffe abschlägt und 
Kisielin hält, muß der linke unter dem Druck über- 
legener Kräfte des 2. Gardekorps hinter den Sto- 
chodlauf westlich Trysten zurückgenommen werden. 
Der Angreifer drängt nach. 
Der folgende Tag bringt die Fortsetzung der heißen 
Känipfe, die sich allmählich über die ganze Front der 
Heeresgruppe Linsingen ausdehnen. Im südlichen 
207 
Abschnitt werden starte russische Angriffe südöstlich 
Swiniuchy abgeschlagen; in dem Waldgelände wogen 
erbitterte Longeransgenzen unentschieden hin und 
her; weiter nördlich wirft ein deutscher Gegenangriff 
den in österreichische Stellungen eingebrochenen Feind 
mit großen Verlusten hinaus. Der russischen Garde 
gelingt es, ihren Teilerfolg vom Tage zuvor weiter 
auszudehnen und im Angriff durch den Wald west- 
lich von Trysten über den Stochod vorzustoßen. Ein 
Gegenangriff wirft den Feind hier zurlck. Der heiße 
Brennpunkt der Kämpfe aber entwickelt sich im Ge- 
lände von Kisielin. Am Nachmittag zerschellte unter 
äußerst schweren Verlusten der erste gegen Kisielin 
vorgetragene Angriff. Brussilows Methode, unbarm- 
herziges Vorpeitschen dichter Massen, kam hier zur vol- 
len Entfaltung. In drei dichten Angriffswellen mit 
folgenden Gruppenkolonnen, mit nachdrückenden wei- 
teren 20 Angriffswellen soll Kisielin genommen wer- 
den. Die 23 Wellen und die Gruppenkolonnen wer- 
den als nutzlos hingeopfert und zerstäuben in blutige 
Einzelhaufen. Der gleichseitig von Südosten ange- 
setzte Angriff bricht schon im Sperrfeuer zusammen. 
Ein 4 Uhr nachmittags erneuter Ansturm wird wie 
der erste blutig und restlos abgeschlagen. Auch am 
30. Juli brechen alle Angriffe vor den Hindernissen 
nieder. Drei am nächsten Tage mit aller Wucht unter- 
nommene Anstürme gegen das im Geländevon Kisielin 
auf beherrschender Höhe liegende Vorwerk Leonowka 
erleiden das Schicksal der vorhergegangenen. 
Inzwischen hat sich der allgemeine Angriff längs 
der ganzen Stochodlinie nach Norden ausgedehnt. 
Von Süden, Südosten und Osten drückt der Russe 
gegen die Front und sucht die schwache Stelle zum 
urchbruch nach Kowel. Südlich Janowka gelingt 
den Russen ein Einbruch. Die hier dünne Verteidi- 
gungslinie wird in der Nacht zurückverlegt. Das am 
Stochod östlich von Kowel stehende österreichische 
Korps weist in schweren Kämpfen alle Angriffe unter 
größten Verlusten für den Gegner ab. Nur nördlich 
von Zaretsche dringt der Russe auf das linke Ufer. 
Truppen einer bayerischen Division treiben andere 
über den Fluß vorgestoßene feindliche Bataillonc in 
wildem Gegenstoß zurück. 
Der dritte Tag des allgemeinen Angriffs auf Ko- 
wel bricht an (30. Juli). Die aufgehende Sonne leuch- 
tet über den Tag, an dem der Befreier Ospreußens 
zum Oberbefehlshaber über die gesamte deutsch-öster- 
reichische Front vom Rigaischen Meerbusen bis Wol- 
hynien ausersehen wurde. Generalfeldmarschall von 
Hindenburg tritt dem General Brussilow gegenüber. 
Brussilow Rot sich auf den Druck der in Bewegung 
gesetzten, durch unerschöpfliches Menschenmaterial auf- 
zufüllenden Masse. Der Feldmarschall vertraut dem 
unerschütterlichen Siegeswillen eines seit zwei Jahren 
gegen zahlenmäßige übermacht kämpfenden Heeres, 
das zusammen mit dem ganzen Volk unbeirrt durchalle 
Wechselfälle des Krieges an seinen Feldherrn glaubt. 
Die beiden folgenden Tage (31. Juli und 1. August) 
bringen den Abschluß des ersten allgemeinen An- 
riffs gegen den Stochod. Der erste Akt der 
Schlacht von Kowel endet für den Gegner mit einem 
großen Schuldkonto: geringer Raumgewinn, verein- 
zelte, in keinem steatesisch verwertbaren Zusammen- 
hang stehende örtliche Erfolge — bezahlt mit selbst für 
Brussilows Führung unerhörten Blutopfern. Nicht 
ein einziger entscheidender Schritt vorwärts auf dem 
Wege nach Kowell Auch die Versuche an den letz- 
ten Angriffstagen, den Schwerpunkt mehr nach Nor-
        <pb n="264" />
        208 
den gegen den Stochodlauf östlich Kowel zu verlegen, 
blieben ohne Erfolg. Neue Truppen waren heran- 
geschleppt, die Gardekorps nach Osten an den Stochod 
verschoben worden. Erbitterte, unerhört heftige An- 
griffe besonders im Gelände bei Smolary brachen un- 
ter furchtbaren Verlusten zusammen. Am 1. August 
wollte der Gegner bei Kisielin noch einmal den 
Durchbruch erzwingen. Zu sechs Angriffen wurde die 
Truppe schonungslos vorgetrieben, in sechs Angriffen 
brach sie blutend zusammen. Nördlich der Bahn aber 
herrschte am 1. August teilweise eine unheimliche Ruhe. 
Die russische Infanterie hat dort anscheinend dem An- 
griffobesehl den Gehorsam verweigert. 
Am 2. August griff der Feind im allgemeinen nicht 
an. Auch am 3. August herrschte im wesentlichen die 
Ruhe der Erschöpfung. Nurin der Nacht zum 2. August 
hatte der Feind einen kräftigen Vorstoß gegen das 
Gelände südlich von Rudta Mirynska unternommen. 
der völlig mißglückte. Fluchtartig wichen die Russen 
urück und ließen in diesem kaum 2 km breiten Strei- 
fen 800 (gezählte) Tote liegen. Ihre Gesamtzahl 
mag in dem teilweise durch hohes Getreide unüber- 
sichtlichen Gelände erheblich höher gewesen sein. Von 
wwei Bataillonen des russischen 8. Schützenregiments 
ehrten 162 Mann, vom ganzen 7. Schützenregiment 
nur 2 Kompanien zurück. Aber den Führer des I. kur- 
kestanischen Armeekorps packte am 3. August ein un- 
bezähmbarer Ehrgeiz, Kowel mit seinen Truppen 
allein zu nehmen. Er setzte seine Kräfte zu einem 
starken Angriff an, brach bei Rudka Mirynska in 
die dortigen österreichischen Gräben ein und begann 
sich in einer Brückenkopfstellung zu befestigen. Preu- 
Phische und bayerische Truppen schritten von Westen 
und Norden zu einem frisch durchgeführten Gegen- 
angriff und jagten, unterstützt durch ein sich ausge- 
zeichnet schlagendes Polen-Bataillon, die Turkestanen 
über den Fluß zurück. Die vorübergehend verlorene 
Stellung war sofort wiedergewonnen. 
Trübes regnerisches Wetter verzögert den Beginn 
des zweiten Ansturms auf das befohlene Opera- 
tionsziel um einen Tag. Am 8. August aber leitet 
heftiges Trommelfeuer den zweiten Akt des heißen 
Ringens um Kowel ein. Am Vormittag gegen 11 
Uhr stürmt der Feind nach starker Artillerievorberei- 
tung wieder gegen Vorwerk Leonowka bei Kisielin. 
In sechs Wellen, wieder mit nachfolgenden Gruppen- 
kolonnen, wälzt sich die Sturmflut heran. Die vorderen 
Wellen werden von Offizieren geführt, die hinteren 
Wellen durch Offiziere uit geshwungenen Peitschen 
getrieben. Weiter südlich hatten sich gleichzeitig hef. 
lige Angriffe gegen die dort mit deutschen Truppen ver- 
mischten k. u. k. Verbändeentwickelt. überlegener Feind 
drückte nordwestlich Liniow österreichische Stellungen 
ein, wurde aber durch sofortigen Gegenstoß deutscher 
Truppen in seine Ausgangsstellungen zurückgeworfen. 
Auch auf dem linken Flügel unserer Front ent- 
brennen neue und heiße Kämpfe. Das 1. Gardekorps 
setzt hier nach kurzer Ruhe seine beiden Divisionen zu 
wütenden Sturmangriffen ein. Am Stochod westlich 
Janowka dringt die Gardeinsanterie am Spätnachmit- 
tag des 8. Augustes in einen längeren Grabenabschnitt. 
Bis in die Nacht hinein wogt der erbitterte Hand- 
ranatenkampf. Nach Mitternacht herrscht Ruhe. Der 
erteidiger hat die Gräben wiedergewonnen. 
Auf dem äußersten Nordflügel — im Gelände 
von Smolary — setzt die russische Führung das 1. 
sibirische Armeekorps ein. Hier entspinnen sich er- 
bitterte Kämpfe vom 8. bis 10. August, besonders um 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
die Sanddünen von Zaretsche. Zwischen 8 Uhr 
abends und 4 Uhr vormittags zum 9. August stürmen 
die Sibirier mit Teilen der 77. Division nicht we- 
niger als sechsmal. Ungeheuerliche Blutopfer lassen 
einen bescheidenen örtlichen Erfolg gewinnen: einige 
Sanddünen auf dem linken Stochodufer bei Zaretsche. 
So endet mit dem 10. Ungust der zweite allgemeine 
Angriff auf Kowel. Brussilows Führung kenn- 
zeichnet sich durch eine fast an Grausamkeit streifende 
Kaltherzigkeit im Opfern seiner Menschenmassen zur 
Erzwingung seiner strategischen Pläne. In zwei groß 
angelegten gewaltigen Sturmangriffen von mehrtä- 
Leger Dauer sinken die Sturmtruppen mit ungeheuren 
Verlusten zusammen. Das strategische Ziel bleibt un- 
erreicht; hier und dort ein geringer örtlicher Erfolg. 
Weiter tobten die Kämpfe um die Dünen bei Za- 
retsche, wo die angreifenden Truppen des 1. sidirischen 
Armeekorps der 77. und 78. Division vom 28. Juli bis 
Mitte August etwa 30000 Mann eingebüßt haben 
mögen. Aussagen von Gefangenen sind vorsichtig zu 
bewerten. Immerhin darf aus ihnen und aus unse- 
ren eigenen Wahrnehmungen miteiner gewissen Wahr- 
scheinlichkeit geschlossen werden, daß die russische Füh- 
rung ihren bralegischen Mißerfolg in der Schlacht 
um Kowel bisher mit einem blutigen Verlust von 
mehr als 100000 Mann bezahlt hat. Am 12. August 
sollte Kowel in russischer Fand sein — »um jeden 
Preise. Ein erschreckend fober Preis war gezahlt. 
Aber Kowel blieb in unserer Hand. 
II. 
Aus den Kämpfen um Baranowitschi“. 
Anfang Juni hatte die russische Heeresleitung das 
Gewicht ihrer Menschenmassen in Bewegung gesetzt zu 
der einheitlich geplanten, groß angelegten Eszen sive 
mit den strategischen ( Baranowitschi- 
Kowel-Lemberg. Während der Gang der Ereig- 
nisse den operativen Schwerpunkt über die Gegend 
von Luzk zunächst auf den Durchbruchspunkt Kowel 
verlegte, ohne das politisch wichtige Ziel Lemberg 
aus dem Auge zu lassen, entwickelten sich auch an 
der Schtschara= und Serwetsch-Front erbitterte 
Kämpfe, deren nächstes Ziel der wichtige Eisenbahn- 
knotenpunkt Baranowitschi war. Die zunächst fort- 
schreitende Offensive über Luzk schlug nach dem Ein- 
setzen stärkerer deutscher Kräfteein langsameres Tempo 
an und kam dann zum Stillstand. Um diesen Zeit- 
punkt mag vielleicht für die russische Heeresleitung das 
ursprüngliche Ziel Baranowitschi einem weiter ge- 
legenen Ziel gewichen sein: — etwa dem Gedanken 
eines stategischen Durchbruchs über Baranowitschi in 
Richtung Brest Litowst gegen den Rücken der Hee- 
resgruppe von Linsingen. Unter dieser oder einer 
ähnlichen Annahme wäre die maßlose Erbitterung der 
russischen Angriffe am Schtschara= und Serwetsch-Ufer, 
wäre der Einsa so ungeheurer Opfer gegen Barano- 
witschi leichter erklärlich. Brandenburger, posener und 
schlesische Truppen sowie öerreichssch ungarüche Ver- 
bände halten unter Generaloberst von Woyrsch die 
Wacht an Schtschara und Serwetsch. Die Stellungen 
folgen im allgemeinen dem Laufe des Oginski-Kanals. 
erreichen beim Wygonowskoje-See die Schtscharo, 
durchqueren das Gelände östlich Baranowitschi-Go- 
rodischtsche und ziehen sich dann auf dem linken Ser- 
wetschufer nach Norden hin. 
Etwa Mitte Junisetzte hier die russische Führung 
1 Ugl. die Karte bei S. 200.
        <pb n="265" />
        Kriegoberichte: Die russische Sommeroffensive 1916 
den ersten großen Angriff im strategischen ZusamH- 
menhang mit den Operationen im Gelände Luzk- 
Kowel an. 
Am 13. Juni bricht das Unwetter los. Starkes 
Artilleriefeuer setzt ein gegen unsere Stellungen im 
Gelände von Stolkowitscht und dehnt sich bald in nörd- 
licher Richtung auf die österreichisch--ungarischen Grä- 
ben aus. Bald liegt der ganze Abschnitt Sagorje (öst- 
lich Stolowitschi) - Skrobowa (östlich Gorodischtsche) 
unter heftigem Artilleriefeuer. Auf unsere Gräben 
westlich Wlassy allein wirft der Gegner 12000 Schuß. 
Nach etwa zwölfstündiger Artillerievorbereitung bricht 
der Angreifer gegen Abend in mehreren Wellen über 
die Linie Kraschin -Woikowitschi vor. Sieben- 
mal treibt er seine Sturmwellen gegen die teilweise 
erheblich beschädigten Gräben vergeblich an. Weder 
das zwölfstündige Trommelfeuer, noch siebenmaliger 
Angriff, noch seine Begleitung durch belgische Panzer- 
automobile erschüttern das Selbstwertrauen des Ver- 
teidigers. Aus den zerschossenen Gräben werden die 
sieben Sturmangriffe restlos abgeschlagen. Der deut- 
schen Artillerie und den westlich des Koldytschewo- 
Sees stehenden österreichisch -ungarischen Batterien 
gebührt die Anerkennung entscheidender Mitwirkung 
bei der Abwehr der Angriffe. In die unter schwer- 
sten Verlusten zurückflutenden Grenadiere der 1. und 
2. Grenadierdivision feuert die russische Artillerie ihr 
Strasgericht. Die Einnahme von Baran owitschi 
ist mißglückt. Im Wochengrauen versucht der Russe 
sein Glück noch einmal. Sein Vorgehen beiderseits der 
Bahn Kraschin-Baranowitschi sowie bei Wygoda und 
Zirin gegen die Stellungen unserer Verbündeten bleibt 
erfolglos. Der völlige Zusammenbruchdes Grenadier- 
korps hatte seine eindrucksvolle Wirkung auf die rus- 
sische Führung wohl nicht verfehlt. Jedenfalls wurde 
ein für den 14. Juni geplanter nochmaliger Massen- 
angriff durch Gegenbefehl zunächst aufgehoben. 
Einige Tage verhältnismäßiger Ruhe traten ein. 
Der Russe traf Vorbereitungen zum zweiten Lro 
sten Angriff und gruppierte seine Kräfte um. Bald 
wurden seine Absichten erkennbar: zwei starke Stoß- 
gruppen sollen über Skrobowa unsere Verbündeten 
und über Linie Darowo-Labufy die schlesische Land- 
wehr durchbrechen mit dem allgemeinen Angriffsziel 
Baranowitschi. Außer dem aufgefüllten Grenadier- 
korps verfügt die russische Führung noch über das 
35., 10., 3. kaukasische, 3. sibirische Korps, die 81. In- 
fanteriedivision und die 11. sibirische Schützendivision. 
Mit heftigem Feuer gegen die Gräben nördlich des Kol- 
dytschewo-Sees u. gegen den Abschnitt des Landwehr- 
korps wird am 2. Juli um 4Uhrvormittags der zweite 
große Angriff auf Baranowitschi eingeleitet. 
Ums Uhr vormittags liegen diese Stellungen unter 
Trommelfeuer. Gegen die Front Saoßje-Kar- 
tichewo hageln sogar Geschosse von 28 cm Kaliber. 
Zahlreiche Brückenstege hat der Feind während der 
Nacht über Schtschara und Serwetsch geschlagen; auch 
gegen die an den rechten Flügel des Landwehrkorps 
anschbeenenden Stellungen z ein Überfallartiger An- 
griff über den dortigen Flußabschnitt vorbereitet. 
In der Morgendämmerung des 3. Julis beginnt 
der Hauptangriff gegen die Front des Landwehr- 
korps und die österreichischen Stellungen nördlich des 
Koldytschewo-Sees. Die Tage vom 3. bis 9. Juli bil- 
den eine Kampfwoche von unerhörter Heftigkeit in 
heisem und blutigem Ringen der zweiten Schlacht 
von Baranowitschi. Angriffe des Grenadierkorps 
und der 81. Division brechen im ruhigen Feuer der auf 
Der Krieg 1914/17. I. 
209 
ihren zerschossenen Gräben stehenden schlesischen Land- 
wehr blutig zusammen. Schnelle und rücksichtslos ge- 
führte Gegenangriffe werfen den hier und dort durch 
die zerstörten Hindernisse eingedrungenen Gegner 
hinaus. In einem solchen Gegenstoß bei Darowo 
nehmen die schlesischen Landwehrleute 9 Offiziere und 
700 Mann gefangen. Am folgenden Tage werden 
drei in starker Tiefengliederung angesetzte Angriffe 
bereits im Sperrfeuer abgewiesen. Weiter nördlich 
war es dem Angreifer gelungen, bei Skrobowa und 
Kartschewo in die durch das Trommelseuer schwer- 
ster Kaliber eingeebneten Stellungen unserer Verbün- 
deten zu süpen. Deutsche Reserven entrissen in küh- 
nem Gegenstoß dem Angreifer die Stellungen bei 
Kartschewound machtenhierbei 1600 Gefangene. Ein 
Gegenangriff auf dem linken Flügel bei Skrobowa= 
blieb ohne Erfolg. 
Der 5. Juli brachte erneute starke und dichte Mas- 
senangriffe auf der Front zwischen Labusy und Zi- 
rin. Wieder schlägt die Landwehr, schlagen tapfere 
Posener und Brandenburger alle Sturmangriffe ab. 
Nur bei Darowo bricht der Gegener ein und wird 
nochmals hinausgeworfen. Deutsche Reserven haben 
inzwischen die österreichischen Verbände verstärkt und 
weisen in gemeinsamen Kampf die gegen Mittag mit 
erneuter Wut einsetzenden Angriffe zurück. Die fol- 
genden Tage zeigen ein dauerndes An- und Abschwel- 
len erbitterter Kampfhandlungen der zweiten Schlacht 
von Baranowitschi. Vorübergehende örtliche Erfolge 
werden dem Gegner durch frischen Gegenstoß und blu- 
tigen Handgranatenkampf sogleich entrissen. Nur in 
den zerschossenen Gräben bei Skrobowa vermag sich 
der Kasse zu halten. " 
Einen Höhepunkt der Kampfe zeigt der 8. 
Juli. Um 3 Uhr vormittags greift eine sibirische 
Schützendivision bei Darowo Überfallartig an. Die 
dreimaligen, ohne besondere Artillerievorbereitung 
vorgetriedenen Angriffe brechen zusammen. Das 
während der Angriffe auf unsere Stellungen abge- 
ebene Feuer mit etwa 7400 Schuß, darunter 2000 
chwerer Kaliber, erzielt 3 Verwundete. Gleichzeitig 
stürmt die 2. Grenadierdivision in dichten Angriffs- 
wellen wiederholt nördlich Darowo. Von 2 Uhr vor- 
mittags ab zersplittern zahlreiche tiefgegliederte An- 
griffe zwischen Wygoda und Zirin gegen unsere seit 
wei Tagen unter hefligstem Artilleriefeuer in zerschos- 
senen Gräben, hinter zerstörten Hindernissen stehen. 
den Truppen. In die zurückslutenden Massen des 
Angreifers feuert unsere Artillerie. Die 11. sibirische 
Schügzendivision läßt etwa 70 Prozent ihres Bestan- 
des im Angriffsfelde liegen. Am y9. Juli flauen die 
Kämpfe ab. Die zweite Schlacht von Barano- 
witschi neigt sich dem Ende zu. Geringen Gelände- 
gewinn bei Skrobowa als einzigen Erfolg bezahlte 
der mit mehr als doppelter Übermacht angreifende 
Feind mit unermeßlichen Verlusten. Die schlesische 
Landwehr, Posener und Brandenburger halten mit 
den Verbündeten die Schtschara= und Serwetsch-Stel- 
lungen und Baranowitschi. 
m 14. Juli wird ein Gegenangriff auf die von 
den Russen gehaltenen Gräben bei Skrobowa ange- 
setzt. Von 5 Uhr nachmittags ab arbeiten sich bran- 
denburgische Reserveregimenter in schwerem Kampf 
heran. Dem linken Flügel gelingt es, in die früher 
österreichischen Stellungen einzubrechen und sich dort 
festzusetzen. Dabei werden 11 Offiziere, 1500 Russen 
gefangen und 13 Maschinengewehre erbeutet. Z 
Die starken Verluste in der zweiten Schlacht bei 
11
        <pb n="266" />
        210 
Baranowitschi zwangen den Angreifer in den kom- 
menden Tagen zur Ruhe, zur Auffüllung seiner zu- 
sammengeschossenen Divisionen und zur Neugruppie- 
rung seiner Kräfte. Die Armeeabteilun oyrsch 
benutzte diese Ruhepause zum Ausbau der Stellungen 
und zur Anlage starker Riegelstellungen in Erwar- 
tung des erneuten Angriffs. 
Am 25. Juli entbrennt der Kampf aufs neue. 
Wieder versucht der Russe den Durchbruch an jener 
schmalen Stelle, die ihm den bescheidenen Erfolg am 
3. Juli gebracht hatte. Ein Artilleriefeuer von un- 
erhörter Lefügieit hämmert gegen die in den früheren 
Kämpfen stark mitgenommenen Stellungen. Das 
russische 35. Korps mit der 55. und 67. Division sowie 
die 52. Division des 3. kaukasischen Korps stoßen auf 
einer Front von nur 3 km Breite vor. Anscheinend 
sicher ihres Erfolges, stürmen sie in dichten, tiefgeglie- 
derten Wellen heran. Alle Verschwendung aber an 
Eisen= und Menschenmassen bleibt wirkungslos gegen- 
über der Zähigkeit der Brandenburger. Artillerie, 
Handgranate und Bajonett verrichten fürchterliche 
Arbeit und in den späteren Abendstunden bedeckten 
Tausende von russischen Leichen das Angriffsfeld, von 
dem der Feind auch nicht einen Fuß breit gewann. 
Der schweren Anstrengung folgte beim Feinde am 26. 
Juli die Ruhe der Ercchlastung Nur südlich Barano- 
witschi griff er in den Abendstunden nach kurzer hef- 
tiger Artillerievorbereitung eine Landwehrdivision an. 
Das Feuer von 17 russischen Batterien ergoß sich über 
diesen schmalen Abschnitt. Die hier zum Stoß an- 
esetzten sibirischen Truppen wurden nach kurzem, aber 
harem Kampf unter schwersten Verlusten abgewiesen. 
Mit einer auch beim Feinde anzuerkennenden Tap- 
ferkeit und Hartnäckigkeit wurde am 27. Juli am Skro- 
bowabach nochmals ein gut vorbereiteter und kraft- 
voll angesetzter Stoß geführt. Das sich um die Mit- 
lagszeit zum Trommelfeuer seeigernde Artilleriefeuer 
sollte der 8 Uhr 30 Minuten abends zum erstenmal 
vorbrechenden russischen Infanterie den Weg durch 
die Mauer der Brandenburger bahnen. Der Feind 
fand sie in unveränderter Festigkeit und Ruhe. Auch 
die starken, bis 6 Uhr 30 Minuten vormittags dreimal 
wiederholten Angriffe wurden restlos abgeschlagen. 
Am 29. Juli erlosch mit abnehmender Angriffskraft 
die dritte Schlacht von Baranowitschi. #n treuer 
Waffenbrüderschaft kämpften Brandenburger und 
Schlesier mit den verbündeten Truppen in drei außer- 
ordentlich blutigen Schlachten. 
Kein Schritt vorwärts gegen den Durchbruchspunkt 
Baranowitschi. Einige hundert Meter Schützengra- 
ben bei Skrobowa: — diesen strategischen und takti- 
schen M Herfolg erkaufte und bezahlte der Feind mit 
etwa 40000 Toten, 60000 Verwundeten, mit fast 
5500 Gefangenen und mit dem Verlust von 28 Ma- 
schinengewehren. So endete für die russische Führung 
die dreimalige Durchbruchsschlacht von Baranowitschi. 
Aus den Kämpfen der diüuschen Karpathentruppen 
(1916)1. 
Veröffentlicht am 1. und 2. Dezember. 
J. 
Nach dem russischen Durchbruch bei Czernowitz 
gingen die am Pruth und südlich kämpfenden öster- 
reichisch-ungarischen Heeresteile durch die Bukowina 
1 Juli bis September. — Bgl. die Karte bei S. 206. 
2 177/18. Juni 1916. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
in westsüdwestlicher Richtung gegen die Karpathen- 
linie und bis auf den Grenzgebirgskamm zurück. In 
die weite Bukowina-Niederung ergossen sich die Mas- 
sen des nachdrängenden Verfolgers. 
Aus der Bukowina führen über die Karpathen in 
die ungarische Ebene nur wenige größere Straßen: 
im Norden Straße und Bahnlinie Kolomea-Delatyn-- 
Körösmezö über den Tartaren-Paß; im Süden 
Straße Kimpolung Felsö-Visso. Sie folgt dem Tal 
der Goldenen Bistritz und erreicht Über die Wasser- 
scheide des Prislop-Passes das Vissotall Beide Stra 
hen münden in das Endziel Marmarosch-Sziget. Nur 
am Tartaren-Paß führt die Bahnlinie über die Kar- 
pathenkämme hinweg aus der Bukowina nach Ungarn. 
Im übrigen hat Ungarn sich gegen die Bukowina 
wie gegen Feindesland durch den Gebirgswall ab- 
geschlossen und seine Eisenbahnen nur bis in die 
Nähe der Grenzlinie ausgebaut. 
Der zurückgehenden k. u. k. 7. Armee fiel die Auf- 
abe zu, den Karpathenkamm gegen einen russischen 
rchbruch mit aller Kraft zu halten und die reiche 
ungarische Tiefebene vor einem russischen Einfall zu 
bewahren. Der wichtige, etwa 120 km breite Front- 
abschnititmußte zunächst mit verhältnismäßig geringen 
Kräften gegen den andringenden Verfolger verteidigt. 
werden. Ende Juli stand die k. u. k. 7. Armee zur 
Sperrung der genannten Straßen mit den Haupt- 
kräften in den von Natur starken Höhenstellungen bei 
Dorna Watra undin Linie Tatarka-Cap (nörd- 
lich Kirlibaba), mit schwächeren Teilen am Copilas 
und mit dem linken Flügel beim Tartaren-Paß. 
Gegen diese auf breiter Gebirgsfront verteilten Kräfte 
drückte der Angreifer unablässig vor. Die Lage wurde 
kritisch und machte Ende Juli den Einsatz deut- 
scher Kräfte zum Schus der ungarischen Tiefebene 
erforderlich. Das deutsche Karpathenkorps- 
unter Generalleutnant von Conta wurde dem Ver- 
bande der k. u. k. 7. Armee zugeteilt und bis Ende 
Juli über Marmarosch-Sziget an der Straße Leor- 
dina-Felsö-Wisso versammelt. 
Die kritische Lage des linken Armeeflügels bedingte 
schnelles und zielbewußtes Handeln. Gegen den Tar- 
taren-Paß schob der Angreifer starke Kräfte vor. Ein 
etwaiger russischer Durchbruch konnte hier die Auf- 
rollung der Karpathenfront durch einen Vorstoß über 
Körösmezö und eine Bedrohung des Südflügels der 
Lemberg deckenden österreichisch ungarischen Front 
ermöglichen. Zur schnellen Entlastung des bedräng- 
ten linken Armeeflügels 46 General von Conta 
den überraschenden Offensivstoß des Karpathen- 
korps innordöstlicher Richtungüber Linie Popadia- 
Copilas gegen und bis in das Höhengelände Ja- 
blonica- Zabie. Der Angriff sollte durch Bedrohung 
des linken Flügels zener russischen Kräfte östlich des 
Tartaren-Passes die Verteidigung der wichtigen Straße 
stützen und vielleicht Truppen von dort ab= und gegen 
das angreifende Karpathenkorps ziehen. 
Am Mittag des 1. Augustes übernahm General von 
Conta auch den Befehl über die in seinem Frontab- 
schnitt eingesetzten österreichisch-ungarischen Truppen. 
Der allgemeine Angriff gegen die auf der Baba 
Ludowa und ihren südwestlichen und nordöstlichen 
Ausläufern stehenden russischen Kräfte wurde für 
den 3. August befohlen. Inzwischen arbeitete sich die 
rechte Flügelgruppe über die Popadia und im Popa- 
diniec-Tal gegen den Südosthang der Baba Ludowa 
vor, während die linke Stoßgruppe mit starkem rech- 
ten Flügel den Angriff vom Copilas üllber die Hala
        <pb n="267" />
        Kriegsberichte: Karpathenkämpfe 1916 
Lukawiec (1506 m) gegen die Ludowa (1466 m) durch- 
führen sollte. Ohne jede Artillerievorbereitung wurde 
am 3. August die Höhe 1367 (hart südwestlich Ja- 
wornik) gestürmt und der dort stehende rechte russische 
Flügel geworfen. Am Nachmittag begann in Gegen- 
wart des Ersperzoß. Thronfolgers ein kurzes Wir- 
kungsschießen der Artillerie. Um 3 Uhr nachmittags 
brachen deutsche Jägerbataillone zum Sturmangriff 
vor. Eine Viertelstunde später war die ganze böhen! 
stellung der Baba Ludowa (1568)—Hala Mihailewa 
(1610)-—Hala Lukawiec (1443) in unserer Hand. Hin- 
ter dem eiligst zurückhehenden Feinde wurde die Ver- 
folgung eingeleitet. Unsere unermüdlichen Truppen 
blieben dem Gegner hart an der Klinge. Zwischen 9 
und 10 Uhr abends war der linke russische Flügel 
von der rechten Gruppe gestürmt, die Ludowahöhe 
von der linken Gruppe genommen. Mehrere Ge- 
schütze und Maschinengewehre sowie über 550 Russen 
fielen in die Hände des Angreifers. 
Da die für den folgenden Tag befohlenen An- 
riffsziele (Höhen von Stoupny 1274, südwestlich 
Fablonnen und Gelände etwa 2 km östlich der Lu- 
dowa) im wesentlichen schon am Vorabend erreicht 
waren, so konnte sofort der weitere Angriff mit rech- 
tem Flügel gegen die Höhen Dereskowata (hart süd- 
westlich Jablonica), mit linkem Flügel gegen die Höhen 
Skupowa (1583 wm) eingeleitet werden. Am 6. Au- 
ust stürmte die rechte Gruppe die Derestkowata- 
öhen und den nordwestlich verlaufenden Berg- 
rücken (1083 m), während die linke Gruppe nach fest 
wirksamer Artillerievorbereitung aus dem Czeredocz= 
Tal am Spätnachmittag zum Sturm antrat und den 
Angriff bis zur Höhe Latr 1196 (Söstlich Skupowa) 
durchführte. Unter schweren Verlusten räumte der 
Verteidiger seine starken Stellungen und zog sich in 
die allgemeine Linie Joblonica- Fabie zurück. Das 
Karpathenkorps stand am 8. August auf den Höhen 
hart nordwestlich Jablonica. In wenigen Tagen hat- 
ten die Truppen in raschem Angriff den befohlenen 
Vorstoß durchgeführt. Von einem weiteren Vorgehen 
wurde Abstand genommen. Der Gefechtszweck war 
taktisch erreicht, vor allem aber mußte der hart mit- 
genommenen Truppe jetzt Ruhe gegönnt und der Nach- 
schub an Munition und Verpflegung sichergestellt wer- 
den. Während den Russen drei brauchbare Straßen 
als rückwärtige Verbindungslinien gegen ihre Front 
Zabie-Jablonica zur Versügung standen, war das 
angreifende Karpathenkorps zunächst auf eine ein- 
zige Verbindung (über den Watonarka-Paß) ange- 
wiesen. Diese Straße, nur an einzelnen Stellen mit 
einem Knüppeldamm gut ausgebaut, war von den 
zurückgehenden österreichisch- ungarischen Truppen 
indlich zerstört worden. Über diesen zerstörten 
üppeldamm, in Morast und Sumpf, mußte dem 
vorwärtsdringenden Karpathenkorps Munition und 
Verpflegung nachgeführt werden. Die Schwierigkeit 
des Nachschubes veranlaßte die Führung, zunächst 
mit dem Karpathenkorps über die erreichte Linie nicht 
weiter hinauszugehen. Das Eintreffen neuer russi- 
scher Kräfte in Gegend Zabie und ein russischer Vor- 
stoß gegen die links anschließende k. u. k. Brigade 
konnte zudem unserem linken Flügel bei weiterem 
Vorgehen gefährlich werden. Da der Gefechtszweck 
duraues erfüllt war, beschloß General von Conta, zu- 
nächst die Vereinigung mit einem neuen ihm unter- 
stellten deutschen Verbande abzuwarten. Neue deut- 
sche Truppen waren inzwischen hinter dem rechten 
Flügel des Karpathenkorps versammelt worden. 
211 
Starke russische Kräfte östlich der Kirlibaba-Talstraße 
veranlaßten den Einsatz dieser Truppen zunächst an 
und beiderseits dieser Straße in Richtung auf Seletin, 
mit einer Seitenabteilung über Sarata auf Ploska. 
Die Gruppe vermochte gegen starke russische Über- 
legenheit in heißen Känpsen gegen die beherrschenden 
Höhenstellungen östlich der Talstraße sowie gegen die 
starken Bergstellungen des Cap, der Magura und 
Stara Obczyna nur langsam Boden zu gewinnen. 
Nach einer Umgruppierung wurde deshalb die Gruppe 
um Angriff mit starkem linken Flügel und mit ihren 
auptkräften westlich der Talstraße gegen die Ma- 
gura und Stara Obczyna eingesetzt. 
Nach äußerst schwerem und erbittertem Kampf 
stürmte am 17. August das 1. Grenadierregiment 
mit Teilen des Grenadierregiments Nr. 3 die starke, 
zäh verteidigte Stellung des Südteiles der Stara 
Obczyna, unterstützt von einem Honvedregiment. 
Am folgenden Tage wurde von den Anschlußtrup- 
pen zwischen 10,30 und 11,30 Uhr vormittags die 
ganze Magurastellung in glänzendem Sturm- 
angriff genommen, während der linke Flügel in 
Gegend Stara Wipczyna einen starken russischen 
Gegenangriff aus nördlicher Richtung abschlug. Die 
folgenden Tage brachten heftige und verlustreiche 
Kämpfe um die Stara Wipczyna, deren starke 
Stellungen in erbittertem Nahkampf am Spätnach- 
mittag des 22. Augustes gestürmt und genommen 
wurden. Da ein weiterer Angriff gegen den über- 
legenen Feind zunächst keine Aussicht auf Erfolg bot, 
befestigte man die genommenen Stellungen. 
Die Lage des Karpathenkorps war jetzt eine so 
eigenartige, wie sie eben nur die Verhältnisse des Ge- 
birgskrieges hervorrufen können: Die linke Gruppe 
nach siegreichem Vorwärtsstürmen in Gegend nord- 
westlich Jablonica, mit rechtem Flügel am Czere- 
mosztal, mit linkem Flügel in kritischer Lage gegen 
eine Bedrohung aus Richtung Zabie, da die an- 
schließenden k. u. k. Verbände gegen überlegenen Feind 
nicht vorwärts gekommen waren. Die rechte Gruppe 
nach harten und schweren Kämpfen in einer Stel- 
ung Cap-Maguro Stara Wipczyna. Zwischen bei- 
den Gruppen ein leerer Naum von etwa 25 kun Breite. 
Generalleutnant von Conta entschloß sich deshalb, zur 
Schließung dieser Lücke seine Front zu verkürzen 
und dadurch Truppen freizumachen als Reserven in 
Gestalt einer beweglichen Offensiotruppe. 
Während die rechte Gruppe Anfang September 
wiederholt starke russische Angriffe gegen ihre Stel- 
lungen abschlug, wurde die nördliche Gruppe zu- 
nächst in die allgemeine Linie Ludowa (1327 m). 
Jawornik und nördlich zurückgenommen: Die vor- 
geschobene Stellung hatte ihren Zweck erreicht und 
hätte jetzt nach der neuen Lage nur Gefahren für die 
inneren Flügel der beiden Gruppen hervorgerufen. 
Ohne Kampf gingen die tapferen Jägerbataillone zu- 
rück, während schwache Nachhuten den nachfolgenden 
Gegner aufhielten. 
I 
Auf dem linken Flügel der k. u. k. 7. Armee war 
inzwischen das beherrschende Höhengelände von Po- 
lonia Koczmieska -Kukul in Feindeshand gefallen. 
Der Besitz dieser Höhenzüge konnte das Eindringen 
des Gegners in das Tal der Lasczyna vorbereiten 
und bedeutete eine starke Gefährdung des wichtigen 
Ortes Körösmezö im Tal der Schwarzen Theiß. 
Luch der strategisch wichtige Tartaren-Paß war nicht 
14*
        <pb n="268" />
        212 
mehr fest in der Hand unserer Verbündeten. So 
war die Lage auf diesem Flügel besonders kritisch ge- 
worden. Zur Unterstützung wurden zu Beginn der 
letzten Augustwoche stärkere deutsche Kräfte über Kö- 
rösmez5 herangeführt. Südöstlich Körösmezö stand 
ein österreichisch-ungarisches Korps seit Tagen in 
schwerem Kampf gegen überlegenen Feind. Die deut- 
schen Truppen erhielten deshalb den Befehl, das k. u. k. 
Korps im Angriff gegen die Linie Kowerla-Kocz- 
mieska-Kuk zu unterstützen. Bis zum Abend des 29. 
Augustes waren alle Angriffsvorbereitungen durch- 
geführt. Am folgenden Tage traten nach kurzer Ar- 
lillerievorbereitung gegen die Höhen Polonia Kocz- 
mieska und Kuk (1540 m) die Hauptkräfte der Deut- 
schen zum Sturm an. Bereits gegen 6 Uhr vormittags 
war der Höhenkamm der Koczmieska erreicht. Die 
Hänge des Kuk wurden fast ohne jede Artillerie- 
vorbereitung in kühnem Handstreich gestürmt und 
genommen. Nachmittags wurden heftige Gegen- 
angriffe unter erfolgreicher Mitwirkung von öster- 
reichisch-= ungarischen Gebirgsbatterien restlos abge- 
schlagen. In einem sehr stark ausgebauten Stützpunkt 
am Hange des Kuk (1297 m) leistete der Verteidiger 
besonders zähen Widerstand. In umfassendem An- 
griff wurde dieses etwa 1400 m breite Russennest 
am folgenden Tage gestürmt. Einige Offiziere, Über 
800 Mann fielen mit 7 Maschinengewehren und Hun- 
derttausenden von Patronen in die Hände des An- 
greifers. Nach mehreren vergeblichen Gegenangriffen 
aus Richtung Klewa gab der Feind seine Absichten 
zur Wiedereroberung der verlorenen Stellungen zu- 
nächst auf. Weiter nördlich wurde zu Beginn des 
Monats September die Lage noch kritischer. 
Starke russische Angriffe gegen die hier kämpfen- 
den k. u. k. Truppen hatten die beherrschenden Höhen 
der Douha (nordwestlich des Tartaren-Passes) in 
Feindeshand fallen lassen. Am Mittag des 8. Sep- 
tembers hatte der Gegner den Abschnitt Prutczyk, 
(Prutek.) Tal-Douha (18378 m) genommen. Zwar 
wurden die Nordwestausläufer des Douharückens von 
den Verbündeten noch gehalten; indessen war die 
Stellung von zwei Seiten bereits umfaßt und die Zu- 
rücknahme dicses Frontabschnittes erforderlich. Um 
die Lage wiederherzustellen und den Gegner am wei- 
teren Vordringen nördlich des Tartaren-Passes auf 
Körösmezs zu verhindern, wurde eine Stoßgruppe 
gebildet mit dem Austrag, zunächst die am Nachmit- 
tag des 3. Septembers ebenfalls vom Feinde eroberten 
Stellungen im Gelände zwischen Tartaren-Paß und 
Prutektal wiederzunehmen. 
Anm 4. September wurde der Angriff eingelei- 
tet. In heißen Kämpfen gelang es, die Stellungen 
im Südabschnitt mit unseren nur geringen Kräften 
im Sturm zu erobern. Besonders schwierig gestaltete 
sich die Gefechtslage auf dem Flügel der Gruppe, die 
im Angriff gegen die Hänge der Wizna-Preluka nur 
mühsam Boden gewann. Hier war es dem kühnen 
Verhalten des Führers einer Maschinengewehrkom- 
panie zu verdanken, daß ein russischer Durchbruch 
mißllang. Dieser Offizier sammelte zurückweichende 
28 faßte sie fest unter seinem Kommando zusammen 
und schlug, von allen Seiten bereits vom Feinde 
aumzingelt, durch schneidigen Gegenangriff die Russen 
urück, bis durch Unterstützung heraneilender k. u. k. 
Truppen die Lage wiederhergestellt wurde. 
Etwa Mitte September, nach schweren und blutigen 
Kämpfen um die Stellungen in Linie Cap-Stara 
Wipczyna, die mehrfach ihren Besitzer wechselten 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
und schließlich gegen den überiegenen Angreifer nicht 
pt halten waren, wurden die dort fechtenden Teile 
es Karpathenkorps und der ihm unterstellten k. u. k. 
Verbände in neue Stellungen zurückgenommen. Der 
Frontabschnitt führte nun vom Cap zunächst in west- 
licher Richtung über den Cimbroslawa-Rücken, dann 
westlich gleichlaufend zur Grenzlinie über den Coman 
und Rotund nach dem Stefulec-Rücken. Der Druck 
des überlegenen Feindes richtete sich nun zunächst 
gegen die Capstellung mit einem am 12. Sep- 
tember eingeleiteten starlen Angriff. Der Tag endete 
nach heißem Kampf mit der restlosen Behauptung 
der ganzen Stellung gegenüber einer einheitlich ge- 
planten und mit mindestens fünf Divisionen durch 
eführten russischen Offensive, die dem Feind die 
chwersten Verluste brachte. Ohne Zweifel hatte hier 
der Gegner unter Anspannung feiner ganzen Kraft 
einen Durchbruch gegen die Kirlibaba-Straße und 
den Prislop-Paß beabsichtigt. Trommelfeuer gegen 
die Stellungen braver Honvedtruppen auf dem Cap 
leitete am folgenden Tage einen neuen Angriff ein. 
Nach mehrfachem abgeschlagenen Ansturm gelang dem 
Gegner am späteren Nachmittag der Einbruch an 
mehreren Stellen. Da alle Gegenangriffe erfolglos 
blieben, mußte schließlich auch der rechte Flügel der 
westlich anschließenden deutschen Truppen nachgeben 
und seine Stellung auf dem D'Ormului (zwischen 
Cap und Cimbroslawa) zunächst ausgeben. Die ganze 
Capstellung war verloren, falls es nicht gelang, den 
D'Ormului-Rücken wiederzugewinnen. Unterstützt 
durch ein bayerisches Bataillon, nahmen ostpreußis 
Regimenter in rücksichtslosem Gegenangriff ihre alten 
Stellungen auf dem D'Ormului wieder. 
Auch gegen den linken Flügel des Karpathenkorps 
drückte der Angreifer mit überlegenen Kräften vor. 
Nach schwerem Kampf am 16. September um die 
Höhenstellung auf dem Stefulec-Rücken gelang es 
am folgenden Tage dem Feinde, unter dem Schutz 
des dichten Gebirgsnebels, der alle Höhenzüge mit 
undurchdringlichem Schleier einhüllte, hart nordöst- 
lich des Stefulec in unsere Stellungen einzudringen. 
Unter schweren Gefechten wurde dieser Abschnitt 
zurüsgenommen Die folgenden Tage zeigten 
en Höhepunkt der Krisis. Der Feind nützte die in- 
zwischen herangeführten erheblichen Verstärkungen 
aus und drückte mit Üüberlegenen Massenangriffen 
grgen die beabsichtigten Einbruchsstellen Tatarka- 
ap und Ludowa. Am 20. September tobt heißer 
Kampf um die Ludowahöhe (1466 m). In dichten 
Wellen vorgetriebene Massenstöße brechen dicht vor 
den Linien der dort zähen Widerstand leistenden Jä- 
ger zusammen. Ohne jede Rücksicht auf Verluste 
Kreirt der Gegner immer von neuem an. Bis zum 
lbend gelingt es unter Einsatz aller noch verfügbaren 
Reserven, die verzweifelten Durchbruchsversuche zu 
vereiteln. Auch der aus dem Probinatal 7 Uhr abends 
angesetzte siebente Angriff mit der Absicht, unseren 
Flügel nördlich Stara Klauzura-Lukawiec zu um- 
fassen, scheitert völlig. 
Dieser Tag hat dem Gegner eine ganz erhebliche 
Einbuße seiner Gefechtskraft eingebracht. Gleichwohl 
erneuerte der Feind am nächsten Tage seine Massen- 
angriffe gegen die Ludowa-Front und weiter nördlich 
gegen Staiki (nördlich Jawornik). Vor außerordent- 
lich schwerem, wiederholtem Angriff mußte schließlich 
die Kuppe 1586 Baba Ludowa geräumt werden. 
Die Einbruchsstelle wurde sofort abgeriegelt. 
Unter wechselnden Erfolgen wurden nun in den
        <pb n="269" />
        Kriegsberichte: Karpathenkämpfe 1916; Sommeschlacht 
folgenden Tagen die Kämpfe fortgesetzt. Wütende 
Angriffe gegen die Kahle Kuppe“ am Mihailewa- 
Rücken und gegen den Frontabschnitt bei Stara 
Klauzura-Lukawiec, desgleichen gegen die Lu- 
dowa (1327 m) scheiterten für den Feind unter 
schwersten blutigen Verlusten. Gegen die vom Feinde 
genommenen Teile unserer Linie wurde am 29. Sep- 
tember ohne jede Artillerievorbereitung ein über- 
raschender Gegenangriff von der Hala-Mihailewa 
nach Norden und vom Ludowka-Rücken nach Süden 
angesetzt und mit vollem Erfolge durchgeführt. Der 
eworfene Gegner ließ über 530 Mann und 8 Ma- 
scoinengewehrs in den Händen des Angreifers. 
Mitte September hatte die taktische Lage des von 
überlegenem Feinde dauernd angegriffenen Karpa- 
thenkorps einige Umgrupierungen veranlaßt. Am 
18. September feieffen in der Mittagsstunde starke 
russische Kräfte gleichzeitig den linken Flügel des Kar- 
pathenkorps auf der-Namenlosen Kuppe, zwischen 
Stajki und Smotrec und das Nachbarkorps auf dem 
Smotrec an. Beide Höhen gingen verloren, die 
Angriffsstelle wurde aber sofort abgeriegelt und ein 
Gegenangriff eingeleitet, zu dem beide Korps Re- 
serven heranschoben. Am 20. September griffen die 
Deutschen die Russen an. Während aber der russische 
Angriff südlich der -Namenlosen Kuppe= verlustreich 
scheiterte, stürmte der deutsche linke Flügel den Smo- 
trec, warf den hartnäckigen Widerstand leistenden 
Feind aus seinen Stellungen und schlug mehrere 
Gegenangriffe ab. Leider war am folgenden Tage 
die unbefestigte, durch kein Hindernis gesicherte Stel- 
lung gegen erneute Angriffe auf die Dauer nicht zu 
halten. Der heißumstrittene Bergrücken fiel noch 
einmal für einige Tage in Feindeshand. Zur gleichen 
Zeit waren auf der ganzen Front des Karpathenkorps 
schwere Kämpfe im Gange. Die Cimbroslawa- 
stellung wurde wiederholt mit starken Kräften ange- 
riffen. Aber hier wie in der Piriestellung (Rücken 
harl nördlich des Rotund) brachen die Angriffe vor 
den Hindernissen blutig zusammen. Erst nach sechs- 
maligem Masseneinsag gelangen vereinzelte Ein- 
brüche, die in wildem Nahkampf mit Handgranate 
und blanker Waffe wieder ausgeglichen wurden. Ein 
letzter und siebenter Angriff scheiterte völlig. 
In der folgenden Zeit bis elwa Mitte Oktober 
kennzeichnen sich als die Brennpunkte der Karpathen- 
kämpfe erbitterte, wechselvolle Gefechte um den Smo- 
trec, um die „Namenlose Kuppe-, um den von 
bayerischen Tru# en erstürmten Coman (südöstlich 
des Rotund). Sie endeten mit der Eroberung der 
wichtigen beherrschenden Höhen. Deutsche Jäger- 
bataillone aus allen Teilen des Vaterlandes, Regi- 
menter, die bereits in Frankreich unvergänglichen 
Lorbeer um die Feldzeichen winden durften, halten 
jetzt in stark ausgebauten Winterstellungen zusammen 
mit braven österreichisch-ungarischen Kameraden die 
Karpathengrenze. 
Die Schlacht an der Somme in den Monaten Juli 
bis November!. 
Veröffentlicht am 22., 24., 25. August, 28., 29. und 30. 
Dezember 1916. 
J. 
Als nach dem ersten stürmischen Anprall der deut- 
schen Heere unsere Fronnt im Westen aus strategischen 
1 Bgl. hierzu die Karte Somme -Nisnes. 
213 
Gründen an die Aisne zurückverlegt war, entstand 
in den Herbstmonaten 1914 jene Linie, die, bei Noyon 
in den bekannten scharfen Winkel umbiegend, sich bis 
um Meere erstreckt. Indem sie sich von Punkt zu 
HPuntt verknorpelte, ging der Bewegungskrieg all- 
mählich in die Form des Stellungskrieges über. Beide 
Gegner bauten ihre Stellung aus-, verwandelten 
sie in ein genau den örtlichen Verhältnissen angepaß- 
tes, kunstvolles, nach der Tiefe gegliedertes System 
von Schützengräben mit vorgelegten Drahthinder- 
nissen, nach rückwärts mit den erforderlichen Verbin- 
dungs. und Annäherungsgräben. 
Der Abschnitt, welchen unsere Gegner für ihre 
neuen und gewaltigen Anstrengungen auserwählt 
hatien, ist in der Luftlinie etwa 40 knm breitz er erstreckt 
sich in der Pikardie zwischen den Dörfern Gommé- 
court, westnordwestlich von Bapaume und Ver- 
mandovillers, fsüdwestlich von Péronne. Die beiden 
genannten Städte bildeten das Angriffsziel. 
Das Gelände ist eine teilweise leicht, keilweisekräf- 
tig gewellte Ebene, fruchtbar und gut angebaut, mit 
vielen wohlhabenden Dörfern und wenigen kleinen 
Waldparzellen durchsetzt. Zwei Wasserläufe bilden 
starke Einschnitte. Zunächst der Sommefluß. Er 
läuft in kanalisiertem Zustande durch eine versumpfte 
Niederung von Silden her bis an die Stadt Peronne 
heran, dann mit starken Windungen in hauptsächlich 
prstlicher Richtung. Zwischen den Dörfern Curlu 
und Eclusier unterbrechen seine Windungen mit den 
von ihnen umschlossenen Sumpfwiesen auf eine Breite 
von 4 km senkrecht das beiderseitige Grabensystem, 
an dessen Stelle hier nur Drahthindernisse vorhan- 
den waren. 
Einen ähnlichen, allerdings nicht ganz so bedeu- 
tungsvollen Einschnitt bildet der Ancre-Bach, welcher 
von Nordosten nach Südwesten durch die Stadt Albert 
hindurch der Somme zuströmt, die er hinter der feind- 
lichen Front westlich Corbie erreicht. Seine Niede- 
rung durchschneidet zwischen den Dörfern Thiepval 
und Hamel die Hies etwas nach Südwesten zurück- 
gebogenen beiderseitigen Ausgangsstellungen. 
So gliedert sich das Gebiet der Sommeschlacht 
in drei Abschnitte:den Nordabschnitt von Gommé- 
court bis Hamel, den mittleren Abschnitt von Thiep- 
val bis Curlu und den Südabschnitt vom Südrand 
von Frise bis Vermandovillers, der alten Hauptstadt 
der Viromanduer. Die Dörfer und Waldstücke des 
Schlachtfeldes wurden zu Stütz= und Brennpunkten 
des gewaltigen Ringens. 
Die feindliche Stellung war 1½ Jahr lang ganz 
von Franzosen besetzt gewesen, bis die Engländer 
einen Teil übernahmen. Der Punkt, an welchem sich 
die englische und die französische Front berührten, 
liegt auf einer Stelle, welche man etwa findet, wenn 
man eine gerade Linie vom Nordrande von Combles 
nach dem Südrande von Carnoy zieht. 
II. 
Der Angriff auf eine derartige befestigte Feldstel- 
lung bedarf erheblicher Vorbereitungen. Anzeichen 
wurden von unseren Truppen schon etwa Mitte Mai 
beobachtet. Von Ende Mai an wurde erhöhte Er- 
kundungstätigkeit angeordnet, der n-r der 
Feind sehr wachsam war. Verschiedene Patrouillen- 
unternehmungen mißglückten daher. ei anderen, 
erfolgreichen Aufklärungsversuchen wurden Gefan- 
gene eingebracht, wobei man feststellen konnte, daß 
der Gegner seine Grabenbesatzungen zusammenschob
        <pb n="270" />
        214 
und verstärkte. Unsere Flieger erlannten hinter der 
feindlichen Front erhöhte Tätigkeit, eine Menge neuer 
Feldbahnen und Unterkunftsanlagen. Das alles ge- 
stattete aber noch keinen sicheren Schluß auf Stärke 
und Umfang des bevorstehenden Angriffs. Denn 
der Feind entfaltete zugleich auch auf der übrigen 
Front eine lebhafte Tätigkeit, um seine Absichten zu 
verschleiern. Volle Klarheit kann erst der tatsächlich 
einsetzende Angriff liefern. 
Das erste bestimmte Anzeichen der feindlichen Ab- 
sichten war das Einsetzen einer starken Artillerie- 
vorbereitung, welche vom 22. Juni ab sich zu 
immer größerer Heftigkeit steigerte. Es wurde nun 
erkennbar, daß der Feind auf schmalem Raum sehr 
viele Geschütze, darunter auch schwere Schiffsgeschütze, 
angehäuft hatte. Der taktische Zweck einer solchen 
Beschießung ist, die ausgebauten Stellungen, ins- 
besondere die deckenden Unterstände und Stützpunkte 
sowie die vorgelagerten Drahineruse endlich auch 
die Ruhestellungen hinter der Front und die Annähe- 
rungswege, so vollständig wie möglich zu zerstören 
und die Widerstandskraft der Verteidiger gründlich 
zu erschüttern. Dieses Wirkungsfeuer wurde dadurch 
unterstützt, daß der Feind auch vielfach Gasgranaten 
verwandte und in den Pausen seines Sperrfeuers bei 
geeigneter Luftströmung Gas über unsere Stellung 
hinstreichen ließ. Den Verteidigern, deren Nerven 
durch das vieltägige Tronnnelfeuer ohnehin einer 
starken Belastungsprobe ausgesetzt waren, brachte das 
den weiteren Nachteil, daß sie während des erschöp- 
fenden Wartens auf den ungrif auch noch beständig 
die Gasmaske tragen mußten. Vom 25. bis 30. Juni 
steigerte sich die Beschießung zu einem ununterbroche- 
nen Trommelfeuer. Es richtete sich gegen die 
ersten und zweiten Stellungen und die Artilleriestel- 
lungen sowie gegen die Sommebrücken. Nach diesem 
siebentägigen Trommelfeuer hatten die Gräben der 
gesamten Angriffsfront stark gelitten. 
II 
Am 1. Juli morgens 5 Uhr schwoll auf der gan- 
zen Front von Gommccourt bis Vermando- 
villers, am meisten aber unmittelbar nördlich und 
südlich der Somme das Trommelfeuer zu unerhörter 
Heftigkeit an. Verderbendrohend wälzten sich Gas- 
wolken ihm nach. Von 9 Uhr an ward es deutlich, 
daß der Sturm unmittelbar bevorstand: das Feuer 
prasselte hauptsächlich auf die vorderen Gräben. Um 
10 Uhr 30 Minuten verlegte der Feind es auf unsere 
zweite Stellung, und gleich darauf erfolgte auf der 
ganzen Linie der allgemeine Sturm. 
In einem Teil der berannten Stellungen fielen 
dem Feind Gefangene anheim; zerschossene Maschi- 
nengewehre und eingebaute Geschütze älterer Art 
wurden seine leichte Beute — diese selbstverständlich 
im letzten Augenblick von den Verteidigern gesprengt. 
Das Feuer der französischen Artillerie wurde durch 
Flieger gelenkt, welche aus geringer Höhe Bomben 
auf unsere Schützengräben warfen. Unsere Divisio- 
nen auf dem rechten Flügel des Südabschnittes hatten 
am Abend des ersten Schlachttages einen starken Aus- 
fall an Artillerie. 
Trotzdem bedeutete für die Angreifer der erste 
Kampftag eine Enttäuschung. Aus allen Gefangenen- 
aussagen geht hervor, daß Engländer wie Franzosen 
des •4hn laubens gewesen waren, der siebentägige 
Eisenhagel müsse die Widerstandskraft der Verteidi- 
gung bis auf den letzten Rest zertrümmert haben. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Sie waren auf einen Shaziergeng gefaßt gewesen 
und fanden trotzigen, hartnäckigen Widerstand, muß.- 
ten sehen, wie der vernichtet geglaubte Feind schwere 
blutige Berluste in ihre Reihen riß. Unsterblich wird 
der Ruhm der Männer bleiben, die nach solcher Tage 
Höllengraus noch unverzagt dem Feind die Stirn 
boten, seine Pläne gleich im Beginn zerschlagen haben. 
In der Dankbarkeit des Volkes leben die ihrem Posten 
bis zum Tod Getreuen fort, denen der einstürzende 
Graben das Ehrengrab geworden ist. 
An diesem ersten Tage des großen Angriffs 
haben die deutschen Truppen den nördlichen Ab- 
schnitt bis zur großen Straße Albert-Ba- 
paume in seinem ganzen Umfange gehalten. 
Südlich der Straße gelang es den Engländern, an 
vielen Stellen in unsere vordersten Gräben einzudrin- 
en, während die Franzosen gar bis zu den äußersten 
Rändern der Dörfer Hardecourt und Curlu vor- 
stießen und während der folgenden Nacht letzteres 
Dorf ganz in ihren Besitz brachten. In dem Abschnitt 
südlich der Somme fielen den Franzosen unsere vor- 
dersten Stellungen in der ganzen Breite des Abschnittes 
zwischen Somme und der Römerstraße in die Hand. 
und auch der Ortschaften Dompierre, Becquincourt, 
Bussus und Fay konnte sich der Feind bemächtigen. 
Wie wenig aber der Gewinn des Tages den Hoff- 
mungen der Engländer entsprach, geht am deutlich- 
ten daraus hervor, daß nach einem Angriffsbefehl, 
er sich bei einem gefangenen Engländer gefunden 
hat, schon am ersten Tage die Linie Puisieux-Mirau= 
mont-Martinpuich erreicht werden sollte, eine Linie, 
die heutel, nach sieben Wochen, an keinem Punkt ein 
feindlicher Soldat — es sei denn als Gefangener — 
betreten hat. 
Während der Nacht vom 1. zum 2. Juli wurde 
auf deutscher Seite die Artillerie soweit angängig 
verstärkt. Viele außer Gefecht gesetzte Geschütze holte 
die hingebende Arbeit ihrer Bedienungsmannschaften 
noch im Laufe der Nacht aus den verlassenen Bat- 
teriestellungen zurück. Auch gelang es ohne Kämpfe 
und ohne nennenswerten Verlust, Infanterieverstär- 
kungen in die gehaltene Zwischenstellung einzubringen. 
IV. 
Der zweite Tag brachte auf der ganzen Front 
die Fortsetzung der erbitterten Angriffe. Nördlich der 
Somme war den Gegnern kein stärkerer Erfolg be- 
schieden, nur wieder hohe blutige Verluste. Sühdlich 
des Flusses indessen gelang es uns zwar, Estrées 
Eyen wütende #ngrfe zu halten, aber die Dörfer 
uscourt, Herbékcourt, Assevillers fielen in 
die Hand des Feindes. In der Nacht vom 2. zum 
3. Juli sah sich die rechte Flügeldivision des hier fech- 
tenden Armeekorps genötigt, in die Linie Biaches- 
Barleux zurückzugehen. 
Die weiteren Ereignisse südlich der Somme vom 
3. bis 14. Juli. Hier war am Abend des 3. Juli 
die Lage die, daß unsere vordere Linie sich von Bia- 
ches über die dem Feinde zugewandten Dorfränder 
von Barleux, Setlont und Estrées nach Soyé- 
court zog. Durch die Loslösung der rechten Flügel- 
division vom Feinde war vor ihrer Front ein Zwi- 
schenraum entstanden, in den der Feind nur zögernd 
vorrückte. Der 3. Juli blieb ohne Infanterieangriffe. 
doch lagen unsere neuen Stellungen beständig unter 
schwerstem Artilleriefeuer. Mitten zwischen beiden 
1 22. August 1916.
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        Kriegsberichte: 
Fronten lag völlig verlassen das Dorf Flaucourt. Es 
wurde erst in der Nacht vom 3. zum 4. vom Feinde 
besetzt. Inzwischen waren hinter dem Südabschnitt 
erhebliche Verstärkungen an Artillerie und Infante- 
rie eingetroffen; die erstere nahm die neuen feindlichen 
Stellungen unter scharfes Feuer, die letztere brachte 
den erschöpften und zurückgezogenen Truppen der 
vordersten Linie die wohlverdiente Ablösung. Durch 
Offizierpatrouillen stellten wir fest, daß der Feind 
sich an den äußeren Rändern von Flaucourt und 
Assevillers eingrub. Am Abend dieses Tages began- 
nen weitere feindliche Vorstöße auf der Linie 
Belloy—Estrées-Soyéêcourt. Der Feind nahm 
Belloy und stieß weiter nach Süden vor, wurde aber 
durch Gegenangriff wieder in das Dorf hineingewor- 
fen und auf die Straße Barleux-Berny zurück- 
gedrückt, welche noch heuten den Verlauf unserer vor- 
deren Stellungen bezeichnet. Vergebens brach der 
Feind zwischen Estrees und Soyccourt nach Denié= 
court vor und herein, unsere Reserven warfen ihn 
wieder hinaus. Am äußersten rechten Flügel des 
Südabschnittes, am Somme-Ufer, drückte der Feind 
eine weit vorgeschobene Kompanie auf das rechte 
Somme Ufer zurück, die Weichenden sprengten hinter 
sich die Sommebrücke bei Halle in die Lust. Im 
übrigen hielt der rechte Flügel bei Biaches. Noch in 
der Nacht vom 4. zum 5. Juli scheiterte ein feindlicher 
Angriff auf Biaches in unserem Sperrfeuer. 
Inzwischen waren weitere Verstärkungen eingetrof- 
fen. In heftigen Kämpfen um den Besitz von Belloy 
und Estrées blieb ersterer Ort schließlich in der Hand 
des Feindes. 
So hatte sich in den Kämpfen der ersten fünf Juli- 
tage für den Südabschnitt eine neue, rechts stark zu- 
rückgebogene Frontlinie gebildet. Sie verlief nun- 
mehr in ihrem Nordteil nördlich der Somme von 
Hem über die Monacu- Ferme am Südrande von 
Clery und Halle entlang bis nach Sainte Radeponde 
der Vorstadt von Peronne, ging dann bei Biaches 
auf das linke Somme-Ufer über, umschloß Biaches 
einschließlich der Ferme La Maisonette und Barleux, 
von hier aus folgte sie der Straße Barleux-Berny 
bis zur Römerstraße, schwang sich an dieser entlang 
in weitem Bogen um Belloy herum, dann wieder 
nördlich, so daß das gane Dorf Estres nebst seinem 
Gürtel von etwa 1 km Breite noch in unserer Hand 
war, und traf etwa 1 km südlich der Römerstraße 
wieder auf unsere unerschütterten alten Stellungen. 
Die nächsten Tage wurden damit verbracht, die 
nunmehr festgelegten Stellungen auszubauen und 
die Verhältnisse neu zu ordnen. Erst am 9. Juli be- 
ann eine Reihe von Einzelangriffen. An diesem 
Lag konnte nach kurzem Trommelfeuer der Feind 
Biaches, La Maisonnette und Barleux neh- 
men. Barleux wurde aber sofort durch zwei Kom- 
panien der mecklenburgischen Grenadiere wieder er- 
obert, und eingetroffene Verstärkungen holten am 10. 
auch La Maisonnette zurück. 
Der 11. Juli brachte auf dem gesamten Abschnitt 
südlich der Somme einen neuen großen Angriff der 
Franzosen, der indessen abgeschlagen wurde, ebenso 
wie ein fernerer Angriff auf Barleux. 
Am 15. gelang es, Biaches zurückzuerobern, 
während am 16. die Maisonnette-Ferme verloren- 
ging und bis heute noch in den Händen des Feindes 
blieb. Der nördlich der Ferme gelegene Wald fiel 
1 Ende August 1916. 
Sommeschlacht 215 
ebenfalls am 16. an den Feind, er wurde aber bald 
wiedergenommen. Am 16. waren heftige Angriffe 
geoen iaches, am 17. solche gegen Biaches und den 
aisonnette-Wald zu bestehen. Dann trat am 18. 
und 19. im Südabschnitt verhältnismäßige Ruhe ein. 
V. 
Während dies sich im Südabschnitt abspielte, hatten 
im mittleren Abschnitt, Sois chen Somme und 
Anere, ebenfalls heftige Kämpfe stattgefunden. Wir 
hatten gesehen, daß es hier den Engländern in den 
nördlichen zwei Dritteln des Abschnittes am ersten 
Tag lediglich gelungen war, in die vorderste deutsche 
Stellung einzudringen und bis zum Rande der Dör- 
fer Mametz und Montauban vorzudringen. 
Gleichzeiti ½“. die Franzosen bis an den West- 
rand von Larderourk vorstoßen und südlich noch das 
Dorf Curlu nehmen können. Ein geringer Erfol 
in Anbetracht dessen, daß auch hier eine womögli 
noch stärkere Artillerievorbereitung vorausgegangen 
war bei beispiellosem Einsatz schwerer und schwerster 
Geschütze. Von nun an wurde in diesem Adschnitt 
fast ohne jede Unterbrechung gekämpft. Der Feind 
war fortgesetzt in der Lage, die gleichen ungeheuren 
Massen von Geschützen aller Kaliber, ferner Minen- 
feuer und Gasangriffe wirken zu lassen und seiner 
Feuertätigkeit durch eine Überzahl von Flugzeugen 
die Richtung zu geben. Auch setzte er bei seinen In- 
fanterieangriffen starke, völlig frische Truppenmassen 
mit einer rücksichtslosen Menschenvergeudung ein, 
wie wir sie bisher nur vom östlichen Kriegsschauplatz 
kannten. Jedoch auch hier für ihn dieselbe über- 
raschung: Nicht zertrümmert hatte die Artillerie die 
Verteidiger, sondern nur hart gehämmert. Schritt- 
weise, unter furchtbaren Verlusten, drängte die viel- 
fache Übermacht sich wohl bis zum 20. Juli vorwärts, 
nach diesem Tage aber hatsietrotz grimmigster Kämpfe 
nur noch an einer einzigen Stelle einen unbedeuten- 
den Gewinn erzielt. 
Die langsamen Geländefortschritte des Feindes 
lassen sich im einzelnen in einer Überschauenden Dar- 
stellung nicht verfolgen. Ihre Hauptabschnitte wer- 
den bezeichnet durch die Dörfer und Waldstriche, welche 
das Kampfgelände beherrschen. 
Die Kämpfe im mittleren Abschnitt zwischen 
dem 1. und 20. Juli gliedern sich deutlich in den fran- 
ösischen und englischen Anteil. Die Grenze der bei- 
en Frontabschnitte liegt in ihrem allgemeinen Ver- 
lauf etwa 1 km südlich der Straße Mametz-Montau- 
ban—Guillemont. Den beherrschenden Platz in diesem 
Abschnitt nimmt das Dorf Hardécourt ein. Es 
wurde nach erbitterten Kämpfen am 3. Juli von den 
Franzosen erreicht und vom 8. Juli ab behauptet. 
Besonders schwierig gestaltete sich die Lage der deut- 
schen Truppen in dem Sübdteil des französischen Nord- 
abschnittes. Den gegenüber dem südlichen Somme- 
Ufer gelegenen — hatten wir bekanntlich gleich 
u Anfang geräumt. Von hier aus war es dem 
einde möglich, nun unseren linken Flügel nördlich 
der Somme unter Artillerieflankierung zu nehmen. 
Aus diesem Grunde wurde das Dorf Hem alsbald 
unhaltbar und mußte samt den nördlich vorgelager- 
ten Höhen schon am 5. Juli aufgegeben werden. Im 
übrigen hielt hingebungsvolle Ausdauer der dort zur 
Ablösung herangezogenen schlesischen Truppen den 
nördlichen Somme-Rand und die Linie Monacu- 
Fermebis etwa zur Mitte zwischen den Dörfern Hardé- 
court und Maurepas im wesentlichen unerschüttert fest.
        <pb n="274" />
        216 
Was unsere Kämpfer gerade hier unter dem von neuem 
Tag und Nacht auf sie niederrasenden Artilleriefeuer 
auszuhalten hatten, spottet jeder Beschreibung. 
uch imenglischen Abschnittsetzten die Kämpfe 
immer wieder Tag und Nacht ein. Größere Angriffe 
auf breiterer Front haben am 10. und 14. Juli halt 
gefunden. Bis zum 6. Juli schoben die Engländer 
ihre vorderste Linie bis an den Südrand von Lon- 
gueval einschließlich des Waldes von Bernafay 
vor. Wütende Kämpfe entspannen sich um den Be- 
sitzdes Trêneswäldchens, das 19mal vom Feinde 
Jenommen und 18mal wieder verloren wurde, bis er 
es seit dem großen Angriff vom 14. Juli wirklich 
seinen Besitz nennen konnte. Gegen Nordwesten dehn- 
ten sich die Engländer schrittweise aus, indem sie den 
heftig umstrittenen Mametzwald und das Dorf Con- 
talmaison um den 10. behaupteten. Der für den 
14. Juli, zu Ehren des französischen Nationalfeier- 
tages, vorausgeschene Angri beschränkte sich auf 
den englischen Abschnitt und blieb hier nicht ohne Er- 
folg für den Feind, der Bazentin-le-Petit und 
le-Grand sowie den größten Teil von Ovillers 
einnahm. Gegen die Mitte des Monats hatten sich 
die Engländer bis zur Linie Südrand von Pozières, 
Foureaux-Wald, Longueval, Delville-Wald, West- 
rand von Guillemont vorgearbeitet. Am 17. fiel auch 
der Rest der Dörfer Ovillers und La Beisselle in ihre 
Hand. Damitt aber ist das Vordringen der Englän- 
der im wesentlichen abgeschlossen geblieben. 
VI. 
Unverzüglich, nachdem am 1. Juli die feindliche 
Absicht einer großen entscheidenden Gesamtoffensive 
beiderseits der Somme einwandfrei erkannt war, wur- 
den zur Unterstützung und Ablösung der Divisionen, 
welche den ersten Anprall des Feindes abgefangen 
hatten, Verstärkungen an Infanterie und Artillerie 
herangezogen. Aber das Einsetzen dieser Verstärkun- 
gen zwischen die bisherigen Grabenbesatzungen und 
der Aufmarsch der heraneilenden Artillerie wurde 
dadurch bedeutend erschwert, daß beides mitten im 
tobenden Gefecht und unter der Einwirkung des rast- 
los wütenden feindlichen Artilleriefeuers erfolgen 
mußte, welches nicht nur die Kanypflinien, sondern 
auch das gesamte Hintergelände absuchte und auf eine 
Tiefe von mehreren Kilometern Tag und Nacht mit 
Eisen Überschüttete. Auch mußten die neuen Ver- 
teidigungslinien verstärkt, die Artilleriestellungen für 
die Massen namentlich an schwerem Geschütz, welche 
nach und nach in das Gefecht eingriffen, erst im Feuer 
eschaffen werden. Hier gab namentlich die wackere 
rmierungstruppe wieder einmal Beweise wahrhaft 
überwältigender Hingebung. 
Etwa um die Mitte des Monats war die neue Ver- 
teidigungsgruppe so weit eingerichtet, daß ihre Ein- 
wirkung auf den Gesamtverlauf der feindlichen Offen- 
sivesich entscheidend geltend zu machen begann. Schon 
die Ergebnisse, welche der Feind am 14. im mittleren 
Abschnitt erzielen konnte, standen nicht im entferntesten 
im Verhältnis zu seinem Einsatz. Auch ließ sich mit 
steigender Deutlichkeit erkennen, daß der Feind auf 
seine erste und eigentliche Absicht, den großen stra- 
tegischen Durchbruch, immer mehr zu ver- 
zichten gezwungen war. Die Hauptrichtung sei- 
ner Angriffe zielte nämlich nicht mehr gegen das 
Mittelstück der Geländezone; der ganze Ab- 
schnitt von Guillemont bis Maisonnette blieb von 
jedem stärkeren Druck in östlicher Richtung frei. Statt 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
dessen lassen sich zwei gänzlich auseinanderklaffende 
Angriffsrichtungen unterscheiden: Die Engländer 
drücken scharf nördlich auf den Abschnitt Thiepval- 
Longueval, die Franzosen in südöstlicher Richtung 
auf die Front Barleux-Soyscourt. Diese exzentri- 
schen Angriffsstöße bedeuten den Bersuch, die Ver- 
teidigungslinie, deren Durchreißung in senkrechter 
Richtung mißlungen ist, nurnehr parallel zu ihrem 
Berlauf zurückzudrängen, zaufzurollene. Aber auch 
dieser Versuch ist bei seinen immer wiederholten Er- 
neuerungen unter den schrecklichsten Verlusten der 
Feinde zusammengebrochen. 
Zunächst allerdings rafften Engländer und Fran- 
osen noch einmal alle ihre Kräfte zusammen. Auf 
r ganzen Strecke von Pozières bis Vermandovil- 
lers ging die Artillerie nochmal ans Werk. Auf der 
40 kmlangen Front stürmte am 20. Juli der 
Feind: 17 Divisionen, 200000 Mann rannten an, 
sollten den Erfolg erzwingen. Schauerlich gelichtet 
mußten seine Reihen fast überall zurück. Nur westlich 
von Hardcourt drückten die Franzosen eine unserer 
Divisionen in einer Breite von 3 km um 800 m aus 
dem ersten Graben in den Gweuten am Westrande von 
Maurepas zurück. Die Engländer hatten nicht den 
eringsten Erfolg gehabt. Und doch hatten gerade 
ie große, ausschchesende Hoffnungen auf die Unter- 
nehmung dieses Tages gesetzt; sicher, nunmehr end- 
lich durchzubrechen, hatten sie sogar Kavallerie in 
großen Massen hinter ihrer Front bereitgestellt, um 
nachzustoßen. Ein Teil dieser unglückseligen Reiter- 
scharen wurde zur Attacke angesetzt und natürlich von 
unserer Infanterie wehrlos zusammengeschossen. 
Die Engländer haben in ihrem Heeresbericht die 
Tatsache eines großen gemeinschaftlichen Angriffes 
Überhaupt vollständig verschweigen mülssen, die Prün. 
zosen haben ihre unbedeutenden Erfolge phantastisch 
aufgeputzt, um sich über ihre furchtbare Enttäuschung 
in ihrer Art zu trösten. 
Von nun an haben die Feinde in Abständen von 
wenigen Tagen immer aufs neue versucht, mit Auf- 
gebot ihrer ganzen Angriffskraft unsere jetzt fest aus- 
gebauten Linien zu erschüttern. Am 22., 24., 27., 
vor allem am 30. Juli setzten jedesmal auf größe- 
ren Frontabschnitten nachverschwenderischer Ar- 
tillerievorbereitung wütende Infanteriestürme 
ein, deren Gesamterfolg indessen gleich Null gewesen 
ist. Lediglich die Trümmerstätte des Dorfes Po- 
zres fiel um den 25. in die Hände der Engländer. 
ies ist der einzige Fortschritt, welchen der Feind 
auf seiner ganzen Front im Laufe des letzten Juli- 
drittels trotz mehrerer Massenanstürme und vieler 
Tag und Nacht weiter tobender Einzelangriffe hat 
erzielen können! 
Auchdieinzwischen abgelaufenen dreiersten August- 
wochen haben keine wesentliche Veränderung der tak- 
tischen Lage, sondern nur kleine Frontverschiebungen 
ebracht. Den Gegnern ist es bei fortgesegten äußer- 
ben Anstrengungen und büutigsten erlusten nicht 
gelungen, noch nennenswerte Erfolge zu erzielen. 
Einer besonderen Hervorhebung bedürfen indessen 
die hartnäckigen Kämpfe, deren Ziel der Foureaux- 
Wald und das Dorf Longueval am östlichen an- 
schließenden Delville-Wald waren. An diesen beiden 
Punkten haben die Engländer seit Mitte des Monats 
zu immer wieder neuen verzweifelten Angriffen an- 
gesetzt, in deren Verlauf die genannten Stützpunkte 
mehrfach den Besitzer wechselten. Der Heldenmut, mit 
dem hier unsere tapferen Magdeburger, Altenburger,
        <pb n="275" />
        Kriegsberichte: Sommeschlacht 
Unhaltiner, Torgauer und später die ruhmgekrönten 
Regimenter der Brandenburger und Sachsen dem 
wahnwitzigen Anprall vielfacher Überlegenheit und 
dem Tag und Nacht nicht aussetzenden Hagel schwerer 
und schwerster Geschosse Trotz geboten haben, kann 
hier nur mit höchster Bewunderung genannt werden. 
VII. 
Ein Vergleich der Schlacht an der Somme 
und der Kämpfe bei Verdun drängt sich auf. 
Bei Verdun sind wir die Angreifer, in der Pikardie 
befinden wir uns in der Abwehr. Aber die Verteidi- 
ung Verduns, auf deren Hartnäckigkeit die Franzosen 
62ê stolz sind und von der sie in aller Welt so viel We- 
sens zu machen verstehen, stützt sich auf den wuchtigen 
Rückhalt der stärksten Festung Frankreichs, ihren dop- 
pelten Fortgürtel und ein kunstvoll ausgebautes Ver- 
bindungsnet von Feldbefestigungen. Schon das An- 
griffsgelände an sich bietet durch sein starkes Ansteigen 
und die tiefen Einschnitte, die es durchziehen, die 
überragenden Kuppen, die es schützen, dem Angreifer 
ungleich viel höhere Schwierigkeiten als die leicht ge- 
wellte Ebene der Pikardie. Unseren Kämpfern an der 
Somme stand nur ein schmaler Gürtel von Schützen- 
gräben zur Verfügung, deren vorderste Linie, als sie 
dem Erdboden gleichgemacht war, von der ungeheuren 
seindlichen Übermacht nach siebentägigem Trommel-= 
euer im ersten Anlauf stellenweise überrannt und 
damit für die Verteidigung vielfach ausgeschaltet 
werden konnte. 
Was aber das Stärkeverhältnis anlangt, so ist es 
bekannt, daß bei Verdun die Franzosen uns in einer 
überlegenheit gegenüberstanden, die an Infanteriesich 
zu unserer Stärke wie 2: 1 verhält. Dabei waren 
wir dort in der Rolle der Angreifer! An der Somme 
aber stellt sich das Zahlenverhältnis jedenfalls noch 
weit ungünstiger für uns. Und trotzdem ist der Ge- 
ländegewinn unserer Feinde im ersten Monat ihrer 
Offensive noch nicht halb so groß als der unfrige im 
ersten Monat vor Verdun! (Übrigens mag darauf 
gngewielen werden, daß der Geländegewinn, den die 
ranzosen erzielen konnten, fast doppelt so groß ist 
als der der Engländer, während die Verluste der 
ersteren etwa halb so groß sind als die der letzteren.) 
Die Schlacht an der Somme stellt selbst gegen die 
Kämpfe bei Verdun noch eine Steigerung des Ein- 
satzes an Menschen und Munition dar. Sie bildet 
den 6höhepunk der Kraftentfaltung unserer Feinde 
und der ganzen bisherigen Kriegsgeschichte. Zum 
erstenmal hat das bisher listig geschonte englische 
Ler- gewaltige Verluste erlitten. An den nutzlosen 
pfern trägt aber auch diesmal wieder Frankreich 
weitaus den größten Anteil. Ein weiter blühender 
Landstrich Frankreichs ist durch die Julikämpfe in 
eine grausige Trümmerwülste verwandelt. 
VIII 
Nach erheblichen Anfangserfolgen an Gelände- 
gewinn und Beute war die große Somme-Offensive 
der Engländer und Franzosen um die Mitte des Julis 
zum Stehen gebracht worden und hatte während des 
letzten Drittels dieses Monats keine nennenswerten 
Fortschritte mehr erzielen können. Auch der gewaltige 
Ansturm auf unsere ganze Front, welcher am 30. Juli 
eingesetzt hatte, und dessen Nachwehen sich noch bis 
zum 1. August bemerkbar machten, hatte den Fein- 
den keine anderen Ergebnisse als die am 25. den Eng- 
ländern geglückte Eroberung der Trümmerstätte des 
217 
Dorfes Pozières gebracht. Der weitere Verlauf der 
Sommeschlacht seit Anfang August bietet der rück. 
schauenden Betrachtung den Anblick eines ununter- 
brochenen, ungeheuren Ringens. Während dieser ge- 
samten Zeit hat die Kampftätigkeit bis Ende Novem. 
ber nicht einen Augenblick nachgelassen. Ganz deutlich 
heben sich indessen aus dem geschlossenen Gesamtbilde 
solche Gruppen von Kämpfen hervor, die sich als be- 
sondere Kraftanstrengungen unserer Gegner kenn- 
zeichnen, und aus ihrer Mitte treten einzelne Tage 
noch besonders als Großkampftage hervor. Unter 
diesen größeren Anstrengungen unserer Feinde lassen 
sich solche unterscheiden, die den Gesamtangriff auf 
der ganzen Front oder auf sehr großen Frontab- 
schnitten bringen, und solche, in denen der Feind seine 
ganze Kraft auf die Eroberung einzelner ihm wichtig 
erscheinender Geländeabschnitte oder Stützpunkte, wie 
Dörfer oder Waldstücke, zusammenrafft. Das Er- 
gebnis derartiger größerer nstrengungen sind in 
vielen Fällen Geländefortschritte des Feindes gewesen, 
welche ihm in ihrer Gesamtheit eine unter furcht- 
baren Opfern erkämpfte und nur sehr allmähliche Zu- 
rüctdrängung unserer vordersten Linie ermöglicht 
haben. Auch konnte es nicht ausbleiben, daß jeder 
derartge Fortschritt uns Verluste an Mannschaften 
und gelegentlich auch an Material zufügte. Überblickt 
man indessen am Schluß des fünften Monats der 
Schlacht ihr Gesamtergebnis, so darf einleitend bereits 
ausgesprochen werden, daß die Errungenschaften un- 
serer Feinde außer jedem Verhältnis zu dem un- 
geheuren Aufgebot an Menschenleben und Kriegs- 
material sehen. das jene an die Erreichung von Zielen 
gesetzt haben, von denen sie höchstens einen Bruchteil 
haben verwirklichen können. 
Diese Kennzeichnung trifft in ganz besonderem 
Maße auf den ersten Abschnitt des hier zubetrach- 
tenden Zeitraumes, auf den Monat August, zu. 
Betrachten wir die Lage, wie sie zu Anfang August 
bestand, so ist daran 7 erinnern, daß es dem Feinde 
während des ersten Monats seiner Anstrengungen 
gelungen war, in dem Abschnitt Ancre und Somme 
einen Geländegewinn zu erkämpfen, welcher an der 
uns zugewandten Seite eine stumpfwinklige Ein- 
buchtung darstellt, deren Spitze bei Delville-Wald 
liegt. Im Abschnitt südlich der Somme stellte der 
feindliche Geländegewinn ein unregelmäßiges Viereck 
dar, dessen Flächeninhalt ungefähr der doppelte des 
Nordabschnittes war. Den Inhalt des Augustes nun 
bilden dauernde heftige Angriffe unserer Feinde von 
der Gesamtheit der bislang erkämpften Fronten aus. 
Zugroßen einheitlichen Angriffen schwoll diese Kampf- 
tätigkeit vor allen Dingen in der Woche des 13. bis 
18. Augustes an, sernerin den Tagen nach dem 24. Au- 
gust und endlich am 31. August. Das Ergebnis dieser 
größtenteils mit ungeheurer Erbitterung und bestän- 
dighin undher schwankendem Glück geführten Kämpfe 
ist gering. Am 2. August verloren wir die Monacu- 
Ferme, am 12. ein Waldstück bei Hem, am 17. und 
18. einzelne Grabenstücke in dem Abschnitt von Mar- 
tinpuich bis Maurepas, und im letzten Drittel des 
Monats gingen noch weiterhin einige Gräben an den 
Hauptangriffsstellen bei Maurepas und Martinpuich 
verloren. Im ganzen aber kann man sagen, daß der 
Monat Angust die feindliche Offensive ins 
Stocken gebracht hat, trotz beständiger, abwechselnd 
auf der Gesamtfront und an einzelnen Frontabschnit- 
ten mit größter Wildheit fortwütender Kämpfe. 
Wenn wir in diesem Zusammenhange uns daran
        <pb n="276" />
        218 
erinnern, daß die große russische Offensive, die soge- 
nannte Brussilow-Offensive, welche im Beginn des 
Junis eingesetzt hatte, ebenfalls nach kurzem, aller- 
dings beträchtlichem Erfolge im Laufe der Monate 
Juli und August sich völlig festgerannt hatte, wenn 
wir ferner erwägen, daß am 27. August Rumänien 
veranlaßt worden ist, in den Krieg einzutreten, so 
können wir nicht umhin, einen Zusammenhang fest- 
zustellen zwischen dem Auftauchen eines neuen Kämp- 
fers in den Reihen der Entente und einer Erscheinung, 
welche der Septem ber brachte: nämlich dem Wie- 
deraufflammen der Somme-Offensive. 
IX. 
Betrachten wir die Gestaltung der feindlichen Front 
im Somme-Abschnitt zu Beginn des Septembers, so 
läßt sich feststellen, daß diese im Südabschnitt keine 
nennenswerte Verschiebung erfahren hatte. Aber 
auch im Nordabschnitt stößt die Frontlinie noch 
immer im wesentlichen in der Form eines stumpfen 
Dreiecks in unsere Stellung hinein, so daß der all- 
gemeine Druck, den der Feind während des August- 
monats ohne einheitlichen strategischen Plan auf beide 
Schenkel des Dreiecks wie auch auf seine Spitze aus- 
geübt hatte. keine wesentliche Beränderung der Besitz- 
verhältnisse im umstrittenen Abschnitt gebracht hatte. 
Während also bisher die feindlichen Anstrengungen 
ohne erkennbaren strategischen Grundgedanken dem 
etwas plumpen Versuch gedient hatten, durch das 
übergewicht der Zahl und des Materials unsere un- 
erschütterlichen Fronten allmählich zu zermürben, 
lassen die nun beginnenden Kämpfe ganz deutlich 
einen bestimmten Grundgedanken erkennen. Wir be- 
sitzen überdies Befehle der franzöfischen Heeresleitung, 
welche das ausdrücklich bestätigen. Dieser Grund- 
edanke ist der: an Stelle des Abnutzungs- 
ampfes wieder den strategischen Durchbruch 
treten zu lassen. 
Bei Beginn der Sommeschlacht schwebten den bei- 
den gegen uns kämpfenden Heeren als nächstes Ziel 
ihres Durchbruchs wohl die zwei wirtschaftlichen 
Mittelpunkte des Hinterlandes unserer Ausgangsstel- 
lung, die Städte Bapaume und Péronne, vor, 
ersteres als Ziel der Engländer, letzteres als das der 
Franzosen. Obwohl die Franzosen an ihr Ziel Pé- 
ronne bereits im Juli bis auf weniger denn einen 
Kilometer herangekommen waren, war es ihnen doch 
während des Augustes nicht gelungen, sich der Stadt 
noch weiter zu nähern. Aus dem Gesamtverlauf der 
Kämpfe des Monats September nun ergibt sich mit 
Deutlichkeit, daß die Franzosen die Hauptrichtung 
ihres Angriffes und sein erstes Ziel verändert 
haben. Der genannte französische Befehl verzeichnet 
als französisches Angriffsziel für den September das 
Dorf Bertincourt, während die Anstrengungen der 
Engländer vor wie nach auf Bapaume zielen. Mit 
einem Worte: auch die Franzosen verlegen im Mo- 
nat September den Schwerpunkt ihrer Anstren- 
gungen in den Nordabschnitt. Sie wählen sich 
eine Richtung, die mit derjenigen der Engländer im 
wesentlichen zusammenfällt, so daß die Schnittpunkte 
der Angriffslinien in der Verlängerung der ursprüng- 
lichen Dreieckspitze liegen. Indem aber gleichzeitig 
auch die Kämpfe im Südabschnitt mit unver- 
minderter Heftigkeit fortdauern, entstehen zwei 
im wesentlichen getrennte Schlachten. Es sei 
hier zunächst die allgemeine Entwicklung der Süd- 
schlacht im September und Oktober betrachtet. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
In dem nunmehr zu betrachtenden Zeitabschnin 
scheint die Eroberung der Stadt Peronne nicht mehr 
im Mittelpunkte der Bestrebungen der Franzosen zu 
stehen. Die Angriffe im Bezirk der Südschlacht wen- 
den ihre Hauptwucht aus dem Abschnitt von Péronne 
nach Südosten. Die Römerstraße, welche wie mit dem 
Lineal gezogen die französische Landkarte von Amiens 
bis Vermand durchquert, bildet die Nordgrenze der 
nunmehr sich im Abschnitt der Südschlacht entspin- 
nenden Kämpfe. Während bis zum 1. September die 
Franzosen südlich der Römerstraße kaum nennens- 
wert über ihre Ausgangsstellung binauspekommen 
waren, beginnen sie nun mit Macht auf unsere Front 
südlich der Römerstraße zu drücken, mit dem offen- 
baren strategischen Ziel, die Kampffront der 
Sommeschlacht nach Süden zu erweitern. An 
dieser Stelle dehnt sich die Schlacht, welche bis dahin 
bei Vermandovillers ihren Südpunkt erreicht hatte, 
von dort bis südlich Chilly aus und erhält in dem 
Städtchen Chaulnes ein neues örtliches Angriffsziel. 
Zunächst stürmten die Franzosen am 5. September 
auf der 20 km weiten Front von Barleux bis Chilly 
an und gewannen das in unserer Ausgangeseel. 
lung liegende Dorf Chilly und im weiteren Ver- 
laufe ihrer Angriffe am 7. September das Dorf Ver- 
mandovillers. Am 17. September eroberten sie 
im Verlauf eines gewaltigen Gesamtangriffes die 
Dörfer Berny und Deniccourt. In der Folgezeit 
nahmen die Kämpfe der Südschlacht eine mildere 
Form an, bis zu ihrem Wiederaufleben am 10. Okto- 
der. An diesem Tage machten die Franzosen nach 
mehrtägiger Artillerievorbereitung wiederum einen 
Fortschritt, welcher die Höfe Genermont und Bovent 
umfaßte. Im Abschnitt zwischen Génermont und 
Chaulnes tobten seitdem heftige Kämpfe, deren 
Mittelpunkt das Dorf Ablaincourt und die benach- 
barten Waldstücke bilden. Zur Zeit! befindet sich das 
leßtgenannte Dorf im Besitze der Franzosen. Das 
feindliche Vordringen hat in Richtung auf das Städt- 
chen Chaulnes Fortschritte gemacht. 
Während die Gefechtshandlungen der Südschlacht 
sich bis zum 10. Oktober nur in ihrem Südabschnitt 
südlich der Römerstraße abspielten, hat im letzten 
Drittel des Oktobers eine Gruppe von Kämpfen statt- 
gefunden, deren Mittelpunkt die bereits seit 16. Juli 
im Besitze der Franzosen befindliche Maisonnette- 
Ferme und die sie mit Biaches verbindenden Grä- 
ben bildeten. Am 18. Oktober nahmen die Franzosen 
einen Teil unserer Stellungen zwischen Maisonnette 
und Biaches. Am 21. wurde ein Gegenstoß ange- 
setzt, der einen Teil der verlorenen Gräben zurück- 
gewann. Am 29. Oktober brachte ein neuer Angriff 
uns nicht nur den Rest der verlorenen Stellungen, 
sondern darüber hinaus die Wiedereroberung der 
Maisonnette-Ferme. 
Der November brachte die Südschlacht zunahe- 
zu vollständigem Stillstand. Einzig eine Gruppe 
örtlicher Kämpfe ist hervorzuheben, die sich um den 
Besitz des Dorfes Pressoire und des südlich davon ge- 
legenen Waldes drehten. Beides ging am 7. November 
an den Feind verloren, wir versuchten in hin und her 
wogenden Kämpfen vergebens, Dorfund Wald wieder 
in unseren Besitz zu bringen. Im üÜbrigen beschränkte 
sich die Gefechtstätigkeit im Südabschnitt während des 
ganzen Novembers auf Artilleriegefechte von wech- 
selnder Stärke und auf Patrouillenkämpfe. 
1 Ende Dezember 1916.
        <pb n="277" />
        Kriegsberichte: Sommeschlacht 
X. 
Im Nordabschnitt zwischen Somme und 
Ancre flammte schon in den ersten Septembertagen 
die Schlacht zu einem wütenden Brand empor. Die- 
ser ergriff die ganze, annähernd 30 km breite Front 
von Beaumont nordwestlich Thiepval bis zur Somme. 
In immer wiederholten Anstürmen versuchten die 
Engländer, die Front der Schlacht an ihrer Nord- 
ecke zu verbreitern. Aber obwohl wir vorübergehend 
bei der Mouquet-Ferme östlich Thiepval Boden ver- 
loren, gelang es uns doch, die alten Stellungen zu 
halten oder durch Gegenstoß zurückzugewinnen. Be- 
sonders heftig tobte der Kampf nach einer bisher nie 
erhörten artilleristischen Vorbereitung im Abschnitt 
von Ginchy bis zur Somme. Mit zähem Ingrimm 
behaupteten unsere Truppen die völligeingeebnete erste 
Stellung und mußten Schritt für Schritt bis in die 
zweite Verteidigungslinie zurückgedrängt 
werden, wo sie dem Stoß Halt zu gebieten vermoch- 
ten. Dabei sind die Dörfer Guillemont und Le 
Forest in der Hand des Feindes geblieben. Am 4. 
September setzten die Franzosen ihre Angriffe zwischen 
Le Forest und der Somme fort und entrissen uns am 
5. das heißumstrittene Dorf Cléry. Auch am 7. Sep- 
tember dauerte der Kautpf auf der ganzen Front fort, 
und die Franzosen holten sich bei Ginchy in immer 
wiederholtem Ansturm blutige Köpfe. Der 8. Sep- 
tember brachte ein vorübergehendes Nachlassen, wäh- 
rend der 9. durch erfolglose Teilangriffe der Englän- 
der am Foureauxwalde ausgefüllt wurde. Am 10. 
grisfen die Engländer auf 15 km breiter Front bei 
Thiepval und Combles an, aber wiederum wurden 
sie im wesentlichen abgewiesen. In den fortdauern- 
den Kämpfen am 11. und 12. fiel das Dorf Ginchy 
in die Hand des Feindes. So hatte diese erste große 
Septemberschlacht den Feinden Fortschritte auch im 
Nordabschnitt gebracht. Am 12. September ent- 
brannte der Kampf aufs neue zwischen Combles 
und der Somme. Nach dem Fall von Clery waren 
die Verteidiger in die sogenannte Marrières-Stellung 
zurückgegangen. Diese wurde nach stärkster Artillerie= 
vorbereilung am 12. September von den Franzosen 
überrannt. Der Feind stieß bis Bouchavesnes 
durch, nahm das Dorf in raschem Anlauf bis zum 
Ostrand und trieb so einen Keil in die deutschen Stel- 
lungen nach Osten hinein. Diesen Keil verbreiterte 
er am 14. durch die Erstürmung des Gehöfts Le 
Priez westlich von Rancourt. 
So war das Städichen Combles von Süden her 
bereits fast vollständig umschlossen. Auch nördlich des 
Ortes gewannen die ##n länder in den Kämpfen der 
nächsten Tage Boden. Nach höchster Feuersteigerun 
geisen sie im Abschnitt von der Ancre bis ölich 
ombles an und warfen die Verteidiger durch die 
Dörfer Courcelette, Martinpuich und Flers 
zurück, so daß nunmehr die Höhenstellung, welche 
die Engländer als Angriffsziel für den ersten Tag 
der Offensive vorgesehen hatten, nach zwei und 
einem halben Monat endlich erreicht war. Combles 
mit den benachbarten Gräben war nun von allen 
Seiten umschlossen. Dennoch konnte die Stadt noch 
einige Tage gehalten werden, allerdings unter schwe- 
ren Opfern der tapferen Verteidiger, welche ihren Stütz- 
punkt in den verpesteten Katakomben gefunden hatten, 
die sich unter dem Orte hinziehen. Drei rheinische 
Regimenter boten hier in heldenmütigem Widerstand 
den Angreifern Trog, obwohl das konzentrische Feuer 
219 
der schwersten feindlichen Kaliber sie Tag und Nacht 
mit einem Stahlorkan überschüttete. Ohne ein Graben- 
stück zu verlieren, hielten sie die Stellung bis zu ihrer 
Ablösung am 20. September fest in der Hand. In 
den folgenden Tagen flaute die Nordschlacht sichtlich 
ab, ohne daß die örtlichen Teilkämpfe deshalb an Er- 
bitterung verloren hätten. Der Gegner holte zu 
einem Hauptschlage aus. Nach dauernder Steige- 
rung des Artilleriefeuers griffen am 22. September 
die Engländer bei Courcelette an, während die Fran- 
osen gegen die Linie Combles-Rancourt vorstießen. 
in diesem und dem folgenden Tage mißlangen alle 
feindlichen Anläufe. Am 25. September aber trat 
die englisch-französische Infanterie nach furchtbarer 
weitägiger Artillerieschlacht zu einem einheitlichen 
lngriff allergrößten Stils an. Dieser schlug 
sehl imn Nordwestabschnitt von der Ancre bis zu dem 
Kloster Eaucourt-L'Abbaye undebensosüdlich zwischen 
Bouchavesnes und der Somme, und zwar unter 
schwersten feindlichen Berlusten. Im Zentrum des 
Massenangrift aber von Eaucourt-L'Abbaye bis 
nördlich Bouchavesnes hatte der Feind Erfolg. Er 
stieß bis zur Linie Gueudecourt-Kancourt vor 
undgewanndiesebeiden Dörfer, das ganze Zwischen- 
gelände mit Lesbreufs und Morval und das end- 
lich vollkommen unhaltbar gewordene Städtchen 
Combles. Dieses letztere war 24 Stunden lang 
unter Gasfeuer gelegt worden. Die Verteidiger haben 
sich zum größten Teil zu den deutschen Truppen 
durchschlagen können. 
Dieser 25. September bedeutet in der Geschichte 
der Sommeschlacht einen Wendepunkt. Brachte 
er auf der einen Seite dem Feinde bei einem Höchst- 
einsatze von Munition und rücksichtsloser Opferung 
seines Menschenmaterials einen in dieser Stärke seit 
dem Beginn der Offensive nicht mehr dagewesenen 
Erfolg, so strahlte doch schon an diesem Tage die er- 
starkte Widerstandskraft unserer Truppen in hellstem 
Lichte. Der Feind, der sich am Abend dieses großen 
Siegestages sicherlich dem Glauben hingab, der Durch- 
bruch sei nun so gut wie gelungen, erfuhr in den 
nächsten Tagen eine schwere Enttäuschung. Wohl ge- 
lang ihm am 26. September ein weiterer heißtegehr- 
ter und seit langem mit allen Mitteln angestrebter 
Erfolg. Die Ecke bei Thiepval hatte bisher dank 
dem ausgezeichneten Ausbau, welchen eine württem- 
bergische Reservedivision der dortigen Stelung hate 
angedeihen lassen, und dank dem hartnäckigen Wider- 
stand der tapferen Schwaben gehalten werden können, 
einer Üüberflutung mit feindlichen Geschossen und den 
immer wieder erfolgenden Anstürmen zum Trotz. 
Am 26. September ging sie verloren, und auch öst- 
lich anschließend machten die Engländer Fortschriite 
bei Courcelette Im übrigen aber gelang es, die hef- 
tigen Angriffe, welche der Feind auf der ganzen Front 
des gestrigen Ansturmes zwischen Lesbreufs und 
Bouchavesnes vortrug, zu blutigem Scheitern zu 
bringen. Auch in den beiden nächsten Tagen rannte 
der Feind sich in vergeblichem Ansturm gegen die von 
uns bezogenen rückwärtigen Stellungen immer wie- 
der den Schädel ein, und auch die stärkeren Angriffe, 
welche nach einem vorübergehenden Abflauen vom 
28. September in den letzten Septembertagen ange- 
setzt wurden und wiederum teils auf die ##iepoal- 
ecke, teils auf das Zentrum der Nordschlacht zielten, 
konnten entweder im Nahkampf abgeschlagen wer- 
den oder aber sie erstickten bereits in unserem Sperr- 
feuer.
        <pb n="278" />
        220 
XI. 
Das Wirksamwerden unserer artilleri- 
stischen Verteidigung bezeichnet die große Wen- 
dung in der Entwicklung der Sommeschlacht. 
Nach dem Tiefpunkt, den der 25. September für uns 
bedeutet, kommt unser Anstieg um so bedeutungsvoller 
ur Geltung. Beim Wiederbeginn der feindlichen 
Ofensioe um die Wende vom August zum September 
befand der Feind sich mwesig sorgsam angesammel- 
ter ungeheurer Massen von ampsmittenl Die Or- 
anisation unserer Verteidigung hatte mit der fort- 
ghauernden Steigerung der feindlichen Angriffskraft 
nicht gleichen Schritt halten können. Erst gegen Ende 
September war es gelungen, unseren artilleristischen 
Rückhalt so weit zu kräftigen und auszubauen, daß 
eine planmäßige Niederkämpfung der gesamten feind- 
lichen Streitkräfte und insbesondere ein Ineinander- 
reifen und Zusammenwirken der Artillerie aller Ab- 
#önte zur Niederhaltung feindlicher Angisfsgelüte 
eingerichtet werden konnte. Es ist das Kennzeichen 
der Kämpfe des Oktobermonats, daß nunmehr 
auch die heftigsten feindlichen Angriffe unter 
ungeheuren Menschenverlusten fast ohne jeden Erfolg 
an der erstarkten Front unserer Sommekämpfer ab- 
prallen. Und dabei haben die feindlichen Anstürme 
im Oktober keineswegs nachgelassen. Ihre artille- 
ristische Vorbereitung hat sich womöglich noch gestei- 
gert, und der rücksichtslose Einsatz gewaltiger Truppen- 
massen, die vielfach in geschlossenen Verbänden wider 
unsere Feuerlinie geworfen werden, bekundek die wilde 
Entschlossenheit unserer Feinde, um jeden Preis die 
Sommeschlacht zu dem gewollten Ziele zu bringen. 
Für die allgemeine Lage während des Oktobers 
ist kennzeichnend, daß zunächst die Versuche, die Ge- 
samtfront der Schlacht an ihrem nördlichen Flügel 
zwischen Gommscourt und Thiepval zu verbreitern, 
fortdauern, wenn auch erfolglos. Dage en hat der 
Feind seine Versuche, Péronne zu e cen, bishert 
nicht wieder ausgenommen, und im Abschnitt von 
Bouchavesnes herrscht verhältnismäßige Ruhe. Der 
Schwerpunkt der französischen Angriffsabsichten 
liegt während des Oktobers bei dem Dorfe Sailly- 
Saillisel. Südlich dieses Dorfes zieht sich der St. 
Pierre-Baast-Wald, der in eine Festung umge- 
wandelt ist. Hier war nach dem Verlust von Boucha- 
vesnes am 12. September das feindliche Vordringen 
durch die Kräfte derselben jungen Reservedivisionen, 
welche jenen Schlag empfangen hatten, zum Stehen 
gebracht worden. Seitdem hat der Wald allen feind- 
lichen Anstürmen getrotzt. Da weder hier noch weiter 
südlich an ein Durchkommen zu denken war, so hat 
der Franzose die ganze Kraft seiner Anstrengungen 
auf die nördlich dieses Waldes gelegene Ortschaft 
Sailly geworfen. Aber obwohl er diese im wesent- 
lichen in seine Hand gebracht hat, ist es ihm bisher 
nicht gelungen, den Durchbruch zu erzwingen. 
Gleich heftig stießen während des Oktobers die Eng- 
länder in immer wiederholten Anläufen vor, deren 
Hauptkraft gleichfalls in nordöstlicher Richtung auf 
Bapaume zu den Durchbruch zu erzwingen suchte. 
Im Abschnitt der Engländer wie der Franzosen hat fast 
jeder Tag bis zum 23. die schwersten Angriffe gebracht. 
Aber auch unsere Truppen haben sich im letzten Mo- 
nat auf die erfolgreiche Abwehr der feindlichen An- 
griffe nicht mehr beschränkt, sondern sind in sehr vie- 
len Fällen zur aktiven Führung Übergegangen und 
1 Bis Ende Dezember 1916. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
haben dem Feinde öfter in schneidigem Gegenangriff 
die kaum gewonnenen Errungenschaften wieder zu 
entreißen vermocht. 
Als Großkampftage ragen aus der Masse der 
feindlichen Anstürme der 1., der 7., der 18., der 18. 
und der 23. Oktober hervor. Die Zeiträume. inner. 
halb deren sich die ganz großen feindlichen Anstren- 
ungen folgten, waren also noch kürzer geworden als 
n den früheren Monaten. Während aber im Sep- 
tember jeder derartige große Durchbruchsversuch dem 
Feinde erhebliche Fortschritte und auch Beute an Ge- 
fangenen und Material gebracht hatte, sind im Ok- 
tober alle, auch die gewaltigsten Anstrengungen des 
Feindes an der uoferssohem ingabe unserer nunmehr 
selbst an die ungeheuerlichste Artillerievorbereitung 
gewöhnten Infanterie und der erstarkten Artillerie= 
unterstltzung mit allerschwersten Verlusten für den 
Feind geicheitert. Die unbedeutenden Fortschritte, die 
der feindliche Masseneinsatz an Mannschaft und Muni- 
tion hier und dort erzielen konnte, stehen außer jedem 
Verhältnis zu seinen Opfern. Am 23. Oktober hatte 
der Feind noch einmal größte #etemfaltung ein. 
gesetzt, ohne etwas anderes als Verluste von bisher 
unerhörter döse 7 erzielen. Seitdem hat die letzte 
Oktoberwoche eutlich erkennbares Nachlassen der 
feindlichen Anstrengungen gebracht. Wo Angriffs- 
absichten bemerkbar wurden, gelang es in den meisten 
Fällen schon unserer Artillerie, sie im Keim zu er- 
sticken. Wo sie zur Durchführung kamen, wurden sie 
verlustreich abgewiesen. 
XII. 
Am 5. November indessen raffte der Feind die 
ganze Feuerkraft seiner Artillerie und sehr bedeutende 
infanteristische Kräfte zu einem neuen gewalligen 
Vorstoß gegen die Front der Armee Below zusam. 
men. Auf einer 20 km breiten Front zwischen Le 
Sars und Bouchavesnes griffen Engländer wie 
Franzosen mit größter Heftigkeit an. Doch der Vor- 
stoß scheiterte unter größten blutigen Verlusten. Bon 
nun an setzte wieder ein Abschnitt starker örtlicher 
Kämpfe ein, die sich noch an zwei Stellen zu einer grö- 
ßeren Kraftanstrengung verdichteten. Die Franzosen 
wandten vor wie nach ihre gesamte Kraftanstrengung 
an den Plan, nördlich des in seiner Gesamtheit doch 
als uneinnehmbar erkannten St. Pierre-Vaast- 
Waldes, bei Sailluund bei Saillisel, durchzu- 
bofen. Als einziger Vorteil blieb den Feinden das 
indringen in den Nordteil des St. Pierre- 
Vaast-Waldes. In den beiden Dörfern entspan- 
nen sich endlose und ohne Unterlaß hin und her wo- 
ende Kämpfe, die bis zum 12. November beide Dör. 
er bis auf den Ostrand von Saillisel in die Hände 
der Franzosen brachten. Am 14. scheiterte ein um. 
fasfender Angriff der Franzosen auf den St. Pierre- 
aast-Wald, am 15. wurde im Handstreich das Dorf 
Saillisel zurückerobert, und am Nachmittag nach größ- 
ter Artillerievorbereitung der von den Franzosen be- 
setzte Nordwestrand des St. Pierre-Baast-Wal- 
des wieder 88 äubert. Von nun an beschränkte 
sich die Tätigkeit der Franzosen auf bedeutungs- und 
erfolglose Vorstöße in der gleichen Gegend. 
Dagegen halten um die Novembermitte die Eng. 
länder einen Erfolg an der Ancre. Von Beginn 
des Novembers hatten sie begonnen, unter Einsatz 
von Munition schwersten Kalibers durch andauerndes 
Wirkungsschießen einen großen Angriff vorzubereiten. 
Am 13. November begünstigte starker Nebel den
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        Kriegsberichte: Sommeschlacht; Dobrudscha-Feldzug 
längst geplanten Borstoß, der sich nun in über- 
raschenbem Vorbrechen von acht bis neun englischen 
Divisionen beiderseits der Ancre auswirkte. An 
je einer Stelle nördlich und südlich der Ancre stieß der 
Angriff durch und vermochte die zwischen den beiden 
Durchbruchsstellen bei St. Pierre-Divion tapfer 
kämpfenden Truppen in Flanke und Rücken zu fassen. 
An diesem Tage blieb das letztgenannte Dorf und 
das nördlich der Ancre gelegene Dorf Beaumont, am 
folgenden das hart nördlich des Baches liegende Beau- 
court in der Hand der Engländer. Am 18. Novem- 
ber verdichtete sich die Angriffstätigkeit der Engländer 
zu einem neuen ausgesprochenen Durchbruchsversuch. 
In der Frühe steigerte sich das Artilleriefeuer zu ge- 
waltiger Heftigkeit. Hinter der feindlichen Frontzeigte 
sich Kavallerie bereitgestellt, auch die englischen Graben- 
autos tauchten wieder auf, und auf der Front von 
Serre bis Eaucourt-L'Abbaye griffen fünf bis sechs 
Divisionen an. Während der Angriff nördlich der 
Ancre blutig zusammenbrach, erzielte der Feind südlich 
des Baches von Grandcourt bis Courcelette einige 
Vorteile selbst in einen Teil des erstgenannten Dorfes 
drang ein Teil der Engländer ein, wurde aber in 
einem Gegenstoß herausgeworfen. Im übrigen schlug 
der Angriff so vollkommen fehl, daß die Engländer 
es für angezeigt gehalten haben, diesen ganzen Durch- 
bruchsversuch, an dessen furchtbarer Ernsthaftigkeit 
nicht der leiseste Zweifel ist, in ihren Heeresberichten 
völlig zu unterschlagen. 
Das war aber auch vorläufig der letzte Großkampf- 
tag der Sommeschlacht. Unbedeutende und völlig er- 
gebnislose örtliche Vorstöße und planlose Artillerie= 
täligkeit kennzeichnen den Rest des Novembers und 
auch die erste Dezemberhälfte. 
Ver Vobrudscha-Feldzug!. 
Veröffentlicht Mitte Dezember 1916. 
J. 
Der Vormarsch. 
Rumäniens Kriegserklärung sollte Rußland das 
Tor nach Konstantinopel öffnen. Dem langwierigen, 
durch Freigebigkeit erleichterten Druck hatte die mor- 
sche Schranke rumänischer Neutralität endlich nach- 
gegeben. Aus der südwärts gerichteten Füllhorn- 
gestalt der Dobrudscha sollten sth ungehindert durch 
den Wasserlauf der Donau, die rumänischen, russischen, 
serbischen Divisionen auf das bulgarische Küstenland 
ergießen. Im Süden erwartete man von dem weisen 
Zauderer Sarrail nunmehr die Früchte seiner nimmer- 
müden Vorbereitungen. Das leichte Gewinnspiel des 
zweiten Balkankrieges sollte seine Wiederholung fin. 
den, und Rumänien fühlte sich seines Erfolges und 
der Kraft seiner Verbündeten so sicher, daß es sich mit 
seiner Hauptmacht zunächst der siebenbürgischen Beute 
zu bemächtigen suchte. Einer aus 4 rumänischen, 
1 russischen und 1 serbischen Division gebildeten wohl- 
ausgerüsteten Armee siel die Aufgabe zu. Bulgarien 
von der Dobrudscha aus anzufallen. Weitere Divi- 
sionen sollten aus Rußland und je nach Lage aus 
Siebenbürgen in Bälde nachgeschoben werden. 
Am 27. August, abends 10 Uhr, erklärte Nu- 
mänien Österreich-Ungarn den Krieg. Am 
folgenden Tage übernahm Generalfeldmarschall v. 
Mackensen den Oberbefehl über die deutschen, bul- 
garischen, österreichisch-ungarischen und vomanischen 
1 UL JL. die Karte » Der rumänische Feldzug im Herbst 1916“. 
221 
Truppen an der Donau und an der Dobrudscha- 
grenze. Die verbündeten Heeresleitungen hatten längst 
mit dem Eingreifen Rumäniens gerechnet und ihre 
Vorbereitungen getroffen. Gleichwohl lastete die Ver- 
antwortung einer schweren Aufgabe auf der Führung 
der neugebildeten Heeresgruppe. An Zahl weit unter- 
legenen eigenen Verbänden stand ein Gegner gegen- 
üüber, der sich sorgsam vorbereitet und ausgestattet hatte 
und sich dabei 51n Lehrgeldeinbuße die Erfahrungen 
zweier Kriegsjahre nutzbar machen konnte. Aber auch 
von Rußland waren große Kraftanstrengungen zu 
erwarten. Nur Überlegenheit der Führung und rest- 
loser Opfermut der Truppe vermochten das Miß. 
verhältnis an äußeren Machtmitteln auszugleichen. 
Die zunächst zur Verfügung stehenden Verbände 
mußten auf die 700 km lange Front sorgsam verteilt 
werden. In äußerster Sparsamkeit war jeder Mann 
an seinen richtigen Platz zu stellen, in bedachter Vor- 
aussicht jede besonders 1 Stelle in genügen- 
der Stärke zu sichern. Größte Bedeutung kam der 
Aufklärung über den Feind zu. Unsere Flieger wach- 
ten über der Donau, meldeten den Aufmarsch des 
Gegners, bereitgestellte Kähne, die Schanzarbeiten, 
den Wasserstand. Nachrichten aus anderen Quellen 
vervollständigten das Bild. Es ließ die Absicht unse- 
rer Führung, durch rasches, entschlossenes Handeln 
die Pläne des Gegners über den Haufen zu werfen, 
aussichtsreich erscheinen. 
Das Hauptziel war, im Aufmarsch befindliche feind- 
liche Teilkräfte auf sich zu ziehen, zu schlagen und 
dadurch deren Ansammlung zu verhindern. Da die 
vorhandenen Truppen nicht ausreichten, um an der 
anzen Dobrudschagrenze offensiv vorzugehen, be- 
orke man sich darauf, auf dem rechten Flügel 
nach der Wegnahme von Dobritsch zunächst defensiv zu 
bleiben, um mit geringer Zahl in fester Stellung den 
erwarteten russischen Vorstoß an der Meeresküste abzu. 
wehren. Der linke Flügel hatte zunächst die befestig- 
ten feindlichen Brückenköpfe an der Donau, Tutrakan 
und Silistria, die Ausfallpforten der rumänischen 
Offensive, in seine Gewalt zu bringen. Gelang das 
kühne Unterfangen, so standen in einer erheblich ver- 
kürzten Front die alsdann freigewordenen Verbände 
in der Flanke der feindlichen Hauptkräste, die unter- 
dessen bei Dobritsch in die Kämpfe mit unserer Defensiv- 
front verwickelt waren. 
Der Plan glückte rascher, als man erwarten konnte. 
Der Beper hatte offenbar nicht mit einer Offensive 
von Bulgarien aus gerechnet und sich mit seinen Vor- 
bereitungen Zeit gelassen. Am 1. September trat 
zwischen Bulgarien und Rumänien der Kriegs. 
zustand ein. Am gleichen Tage erging an die 3. 
bulgarische Armee der Befehl: Um 12 Uhr nachts 
gehen sämtliche Grenzposten auf feindliches Gebiet 
über und werfen die Grenzwachen möglichst weit zu- 
rück. Der Vorstoß hat, um die Gefangenenzahl zu 
erhöhen, überraschend zu erfolgen. Am 2. Sep- 
tember waren die seindlichen Vortruppen 
auf der ganzen Front zurückgeworfen. Die 
eigenen Verluste waren bei zumeist schwachem Wider- 
stand des Gegners gering, die der Rumänen erheblich. 
Heftiger waren die Kämpfe an der Küste, wo bul- 
garische Kavallerie ein rumänisches Regiment vernich- 
tend schlug. Prompt, wie befohlen, wird die alte 
Bulgarenstadt Dobritsch, der Haupthandelsplatz der 
südlichen Dobrudscha, am 4. September eingen om- 
men. In den nördlich vorgelagerten Höhen graben 
sich alsdann die Truppen unsercs rechten Flügels ein.
        <pb n="280" />
        222 
Eine bulgarische Brigade hat sich hier in den folgen- 
den Tagen der heftigsten Angriffe überlegener seind- 
licher Kolonnen zu erwehren. Zum ersten Male stoßen 
dabei Bulgaren mit russischen Regimentern zusammen. 
In den ersten Septembertagen traf bereits das erste 
Regiment der türkischen Divisionen ein, die Ge- 
neralissimus Enver Pascha in waffenbrüderlicher Be- 
reitschaft sofort nach Rumäniens Kriegserklärung zur 
Verfügung gestellt hatte. 
In raschem Vormarsch hatten unterdessen deutsche 
und bulgarische Kräfte die Donaufestung Tutrakan 
so fest umklammert, daß bereits am 5. September 
der Generalsturm angesetzt werden konnte. Am 
Abend dieses Tages war mit den Forts 2—9 die 
Hauptstellung genommen. Obwohl die an die Donau 
anlehnende deutsche Abteilung im offenen Gelände 
vom Fluß her schwer unter feindlichem Feuer zu lei- 
den hatte, hatte sie entschlossen jede Wankelmütigkeit 
des Gegners ausgenutzt, durch schnelles Heranarbei- 
ten an seine Stellungen sein Selbstvertrauen erschüt- 
tert und während seines jeweiligen Zurückweichens 
eiligst die Artillerie nachgezogen. 41 Bataillone, 20 
Batterien und 6 Eskadronen hatten diesem ungestü- 
men Ansturm der an Zahl unterlegenen deutschen 
und bulgarischen Bataillone nicht standzuhalten ver- 
mocht. Bevor die rumänische Heeresleitung zur Be- 
sinnung kam, war ihr der mit allen modernen Be- 
festigungsmitteln ausgestattete Brückenkopf Tutrakan 
entglitten. Am Abend des 6. Septembers rückten deut- 
sche Kompanien in die Festung ein. Eine schwere, 
blutige Niederlage des Feindes war mit ganz geringen 
eigenen Verlusten erfochten. Zwei rumänische Divi- 
sionen fielen unverwundet in unsere Hände, ein erheb- 
licher Teil der rumänischen Offensivarmee war ver- 
nichtet. Unter den 28.000 Gefangenen befanden sich 
400 Offiziere, darunter 3 Brigadegenerale. Von den 
100 teilweise schweren Geschützen halte allein ein deut- 
sches Bataillon 15 mit stürmender Hand genommen. 
Die Führung stand in den folgenden Tagen vor 
einer schweren Entscheidung. Bei Dobritsch verstärkten 
sich die feindlichen Angriffe. Der rumänischen und 
russischen gesellte sich eine serbische Division hinzu. 
Ein Mißerfolg auf dem rechten Flügel brachte den ge- 
samten Offensivplan in Gefahr. Die Heeresgruppe 
war zu schwach, um den Defensivlinien bei Dobritsch 
genügente Stärke zu verleihen und gleichzeitig für eine 
inschließung des weiter donauwärts gelegenen be- 
festigten Brückenkopfes Silistria eine ausreichende 
Truppenzahl freizubekommen. Aber auch hier durch- 
hieben die Beherztheit des Entschlusses und der Füh- 
rung, der Wagemut der Truppen den Knoten. Es 
wird den in rastloser Verfolgung nachgedrungenen 
Verbänden ein Handstreich auf Silistria befohlen. 
Ohne ernsten Widerstand ergibt sich die überrumpelte 
Festung. Bereits am 9. September reitet eine deut- 
sche Offizierspatrouille in die Stadt ein. Wiederum 
werden zahlreiche Geschütze und viele Kriegsgerätschaf- 
ten erbeutet. 
Mit der Wegnahme von Silistria ist die Donau als 
Berbündete gewonnen. Den linken Flügel schützt der 
breite Strom mit seinen sumpfigen Nebengewässern. 
Derrumänische Plan, von Tutrakan und Silistria 
aus gleichzeitig mit dem russischen Vorstoß nach 
Warna in Mittelbulgarien einzufallen, ist 
unterbunden. Der weitere Vormarsch kann sich, 
seitwärts ungehindert, in frontaler Richtung der Eisen- 
1 Ugl. Schilderung und Kärtchen auf S. 225 ff. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
bahnlinie Konstanza-Tschernawoda zuwenden. 
Zwei bis drei rumänische Brigaden, die später bei 
Rahova über eine rasch geschlagene Pontonbrücke am 
bulgarischen Donauufer Fuß faßten, waren durch 
rasche, umsichtige Maßnahmen bereits von allen Sei- 
ten umschlossen, als eiligste Flucht sie unter schweren 
Verlusten dem drohenden Verhängnis entzog. 
In dem sich verengernden Schlauch der Dobru- 
dschafteppe standen die verstärkten feindlichen Divisio- 
nen in immer dichteren Reihen gegenüber. Trotzdem 
wurden Angriff und Verfolgung ebneeinen Tag Rube 
fortgesetzt. Bereits fünf Tage nach der Einnahme von 
Silistria hatte der deutsche linke Flügel den Donau- 
abschnitt 25 km südlich von Tschernawoda erreicht. 
Die Front zog sich von hier genau südwärts und bog 
nördlich Dobritsch nach Osten um. Die feindliche Ar- 
mee war somit in den rechten Winkel unserer Linie ein- 
gekeilt. Das lockerte ihre Widerstandskraft. Vollends 
zermürbt aber wurden die des Feuers ungewohnten 
rumänischen Truppen durch den unablässigen eeisernen 
Druck der Verfolgung. Auch die Beschaffenheit des 
Bodens, die dem Nachschub die größten Schwierig- 
keiten bereitete, vermochte die angespannteste Ver- 
folgung nicht aufzuhalten. Besondersempfindlich war 
der Mangel an Wasser, das in Tanks und Wagen 
durch mit Büffeln und Ochsen bespannte Kolonnen 
aus dem Ointerlande nach vorne gefahren werden 
mußte. Dem langsamer folgenden Gros gingen daher 
Vorhuten voraus, die die Fühlung mit dem Feinde 
behielten und ihm die Möglichkeit nahmen, sich in 
günstigen Geländefalten festzusetzen. 
Der am weitesten vorgedrungene deutsche linke Flü- 
gel zog Mitte September schwere feindliche Angrifse 
auf sich. Ein ostpreußisches Regiment, das in Eil- 
märschen von täglich 50 —60 km nachgezogen war, 
stieß hinter Silistria zu dem Detachement von H., das 
an der Einnahme von Tutrakan ruhmreichen Anteil 
hatte. Das deutsche Detachement wurde zusammen 
mit dem eingetroffenen Regiment und einigen bul- 
garischen Bataillonen zu der Brigade B. erweitert, der 
auch weiterhin entscheidungsvolle Aufgaben zufielen. 
Ihrem ungestümen Vormarsch auf Tscherna- 
woda wollten die Rumänen bei Lipnita mit starken 
Kräften Halt gebieten. Die Brigade mußte hier in 
unübersichtlichem, bergigem Gelände eine unwegsame 
buschige Enge durchschreiten. Eine Infanterievorhut. 
verstärkt durch deuische Ulanen und eine Kanonen- 
batterie, schob sich vor, um dem Gros den Engpaß zu 
sichern. Der Vorstoß gelang. In leichten Gefechten 
wurde die Nachhut des Feindes zurückgeworfen und 
das Dorf Curu Orman bei anbrechender Dunkelheit 
genommen. Das Ulanenregiment hatte Schützenketten 
entwickelt und sich am Dorfrand im Anschluß an die 
Infanterielinie festgesetzt. Das helle Licht des Voll- 
mondes verlockte dazu, den errungenen Erfolg weiter 
auszunutzen. Unter Führung des Prinzen Friedrich 
Wilhelm von Hessen brachen einige Züge gegen die 
Maisfelder vor, in denen der Feind sich versteckt ein- 
gegraben hatte. Sie bekamen hefliges Feuer, hatten 
aber geringe Verluste. Mit leuchtendem Heldenmut 
rief der Prinz erneut zum Stürmen. Er überrannte 
mit seinen Getreuen die vorderste feindliche Stellung, 
stieß aber dann auf einen zweiten Graben, vor dem 
er mit seinen Leuten den Heldentod fand. Es gelang 
dem Gegner im Laufe der Nacht, die kritische Lage, 
in die er durch den kühnen Vorstoß des Prinzen von 
Hessen geraten war, durch einen Flankenangriff sich 
zu erleichtern. Das nachrückende Gros der Brizade
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        DER REMAXISCIIE FELDAIG 
im Herbst 1016. 
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        Kriegsberichte: Dobrudscha-Feldzug 
B. sicherte jedoch am folgenden Tage den vollen Besitz 
der von der Vorhut gewonnenen Stellungen. 
Auch hier war durch überraschendes, tatkräftiges 
Zugreifen die Selbstsicherheit des Gegners erschüttert 
worden. Seine Massen fluteten zurück, und unsere 
Vorhut blieb ihnen so aufsässig an der Klinge, daß 
er erst wieder vor seiner vorbereiteten, befestigten Stel- 
lung südlich Rasova zum Stehen kam. Die bogen- 
förmige Umfassung der feindlichen Kräfte ermöglichte 
es dem nördlich vorgedrungenen deutschen Flügel, den 
vor der bulgarischen Nachbardivision zurückweichen- 
den Kolonnen wirkungsvoll in die Flanke zu schießen. 
Fast täglich boten sich unserer regsamen Artillerie 
dankbare Ziele vor der Front und seitwärts. Die 
Feuerüberfälle wirkten auf die noch kriegsschwachen 
Nerven der rumänischen Soldaten meist so verwir- 
rend, daß ihre Verbände jeden Zusammenhang ver- 
loren. Am 15. September stieß die Brigade B. auf die 
feindliche Hauptstellung südlich Rasova. Auf 
Wochen gewaltiger Marschleistungen und täglicher 
Verfolgungsgefechte folgte ein bewegter Stellungs- 
kampf, indem zunächst erbitterte Angriffe verstärkter 
rumänischer Kräfte abzuwehren waren. Bei einem 
wuchtigen Schlag unmittelbar vor der rumänischen 
Hauptstellung waren dem Überstürzt fliehenden Feind 
von deutschen Bataillonen noch 6 Geschütze und 8 ge- 
füllte Munitionswagen abgenommen worden. 
In tapferen, zähen Gegenstößen hatte unterdessen 
das bulgarische Detachement nördlich Dobritsch die 
Angriffskraft des Gegners aufgerieben. Er sahsich auf 
der ganzen Front der 3. bulgarischen Armee in die 
Verteidigung gedrängt und durch die Umfassung sei- 
ner westlichen Flanke durch die deutschen Truppen auf 
seinem Rückwege bedroht. Die Lage war strategisch 
für ihn so ungünstig geworden, daß er sich nur durch 
einen eiligen Rückzug der Vernichtung entziehen konnte. 
Am Abend des 15. Septemberstrifft beim Heeresgrup- 
penkommando die Meldung ein, daß der Feind auf 
der ganzen Front zurückweicht. Hartnäckigste Ver- 
solgung wird befohlen. Der Feind leistet nur ver- 
einzelt ernsteren Widerstand. In stärkster Anspannung 
aller Kräfte werden täglich große Geländeabschnitte 
gewonnen. Neu eingesetzte rumänische Brigaden wer- 
den in den rückwärtigen Strom mit hineingerissen. 
Das Gelände ist flach, kahl, baumlos. Zuweilen bil- 
den sich Mulden und niedere Höhen. Diese Erhebun- 
en bieten einen meilenweiten Blick über das Gelände. 
Die Artilleristen halten reiche Ernte. Das Vorgelände 
ist bewegt von den dichten Schwärmen zurückflutender 
Infanterie. Rumänische Regimenter, die aus den Kar- 
palhen eintrafen, und neue russische Verstärkungen fin- 
gen an der vorbereiteten Hauptstellung vor Copadin- 
Topraif ar die Verfolgung auf. Es bedurfte zu- 
nächst sorgsamer Vorbereitungen, um diese Festungs- 
linie zu überwinden. 
II. 
Der Durchbruch. 
Erst die spätere Geschichtschreibung wird ein ge- 
treues Bild der Nachschubschwierigkeiten zeichnen kön- 
nen, mit denen eine größere Armee in diesem unent- 
wickelten Lande zu kämpfen hatte. Der vorübergehende 
Stillstand unseres Vormarsches hatte den hoffnungs- 
bereiten Geger zu dem frohen Glauben verleitet, daß 
sich unsere Truppen nicht die Kraft zumaßen, die be- 
festigte Eisenbahnlinie Konstanza-Tscher- 
nawodo in ihre Hand zu bekommen. Die rumäni- 
schen und russischen Divisionen hatten sich von ihrem 
223 
Schrecken erholt und unternahmen mit Verstärkungen 
in ständig wiederholten Angrissen den Versuch, ihrer- 
seits die Offensive wieder aufzunehmen. Sie wurden 
an allen Stellen unserer schnell befestigten Front mit 
schweren Verlusten immer wieder abgewiesen. Die 
Schwächung, die sie sich auf diese Weise selbst berei- 
teten, konnte unserer Führung nur erwünscht sein. 
Die Vorbereitungen für den geplanten Durch- 
bruch wurden in gewohnter Sorgfalt getroffen. Vor 
dem Stützpunkt Copadin wurden bewährte bulga- 
rische Regimenter, gegenüber dem starken Bollwerk 
Topraisar eine neu eingetroffene deutsche Division 
zusammen mit der Brigade B. eingesetzt. Land= und 
Seeflieger überwachten in unermüdlichem Pflichteifer 
den feindlichen Aufmarsch, sie störten durch fast täg. 
liche Bombenwürfe und Maschinengewehrfeuer den 
Truppen= und Materialienverkehr über die Brücke bei 
Tschernawoda, die Truppenausladungen im Hafen 
von Konstanza und griffen mit guten Erfolgen die 
Biwaks und Munitionslager an. Die Nachricht von 
dem stellenweisen Ausbruch der Cholera in feindlichen 
Quartieren gab zu vorbeugenden Maßnahmen An- 
laß. Deutsche Unterseeboote hielten sich bereit, unsere 
rechte Flanke von See aus zu decken. 
In mehrlinigen, weit ausgedehnten, schon in Frie- 
denszeiten mit allen Befestigungsmitteln ausgebauten 
Hiellungen stand ein an Zahl erheblicher Feind gegen. 
über. Auf einer Front von etwa 70 km waren vier 
voll aufgefüllte rumänische, zwei russische, eine serbi- 
sche Division, ferner eine russische Kavalleriedivision 
und eine rumänische Kavalleriebrigade teils vorne, 
teils in Reserve in gefechtsbereiter Verteidigung. Eine 
weitere russische Schützendivision und ein weiteres 
russisches Armeekorps trafen kurz vor dem Durch- 
bruchstag im Kampfgebiet ein. Ernste, harte Tage 
standen bevor. In der Anlage und genauesten Vor- 
bereitung war alles Erdenkliche geschehen. 
Am Morgen des 19.Oktobers wirbelten im klaren 
Herbstlicht auf der ganzen Front die schweren Eisen- 
schlägel zum Sturm. Der Feind war zunächst aus 
seinen teilweise erst in letzter Zeit mit Draht umspon- 
nenen Vorstellungen zu werfen. Der Angriffsbefehl 
forderte den Bormarsch auf der ganzen Linie. Von 
einer kleinen Anhöhe, die einen weiten überblick über 
die Ebene gewährte, leitete Generalfeldmarschall von 
Mackensen mit seinem Generalstabschef, General Tap- 
pen, die Kampfhandlung. Auf dem rechten Flügel 
führte die bulgarische Kavallerie ihre Aufgabe schnei- 
dig durch. Auch auf der übrigen bulgarischen Front 
arbeitete sich die Infanterie todesmutig an die feind- 
lichen Gräben heran. Die türkischen Divisionen, denen 
Russen gegenüberstanden, stürmten noch am ersten 
Tage die seindlichen Stellungen, machten 1500 Ge- 
fangene und erbeuteten zwei Geschütze sowie mehrere 
Maschinengewehre. 
Die schwerste Aufgabe fiel einer deutschen Di- 
vision zu, die Gegen Topraisar angesegt war. Die 
rumänischen Stellungen waren vor dem Dorfe, teil- 
weise tief einzementiert, wie ein Spinnennetz aus- 
gebreitet und mit starken Kräften besetzt. Das konzen- 
trische schwere Artilleriefeuer, das auf den Gräben und 
Zugangswegen lag, konnte nakurgemäß nur gegen 
einen Teil der weitverzweigten Anlagen wirken. Der 
Infanterieangriff hatte vor der feindlichen Stellung 
kilometerweit flachen, steppenartigen Boden zu über- 
winden. Es war somit dem Teil der feindlichen Ver- 
teidigungswerke, der von unserer Artillerie nicht gefaßt 
war, ein leichtes, sich der ungedeckt nähernden Schützen
        <pb n="286" />
        224 
zu erwehren. Zweieinhalb Tage hat ein pommer- 
sches Reserveregiment hier dem Feuerhagel des ver- 
schanzten Gegners getrotzt und ihm mit zähester Ver- 
bissenheit im schrittweisen Vorrücken die Vorstellung 
und dann die Hauptbefestigungen entrissen. Der ge- 
feierte Sturm bei St. Privat det hier seine Auf- 
erstehung gefunden. Das Gelände war hier bei To- 
praisar freilich noch ungünstiger als dort, die Verteidi- 
gungskraft des Feindes durch die neuzeitliche Technik 
verstärkt. Nachts arbeiten sich die Kompanien an 
die Hindernisse heran. Sie versuchen, Sturmgassen 
in die Drahtverhaue zu schneiden. Der Gegner be- 
merkt die Unmöherung und streut die Feuergarben 
über den Boden hin. Von den 24 Mann einer vor- 
geschobenen Offizierspatrouille bleiben drei Mann 
übrig. Es sind Stunden höchster Nervenanspannung. 
Der Tag bricht an. Die vordersten Schützen krallen 
sich regungslos in der schwarzen Erdefest. Das Feuer 
flutet über sie hinweg. Sie können nicht vorwärts, 
nicht rückwärts. An Munitionsnachschub und Nah- 
rung ist nicht zu denken. Aber dem Feind steckt ihre 
sprungbereite Nähe lähmend in den Gliedern. 
Am dritten Vormittag wird das Dorf von den 
Nachbarregimentern im Osten umfaßt. Zwei Kom- 
panien sind schon am östlichen Dorfrand. Da bricht 
die feindliche Mauer zusammen. Nun springen die 
Pommern aus, durchschneiden den Draht und nehmen 
die Verfolgung auf. 
Unsere Artillerie fährt vor. Dünne deutsche Schüt- 
genketten treiben den geschlagenen Feind vor sich her, 
er in etwa 20 Linien, dicht wie ein Ameisenhaufen, 
kopflos vor ihnen flüchtet, Artillerie und Bagage 
zwischen den Reihen. Seine Verluste sind in dem 
Üdersichtlichen Gelände überaus schwer. Was nicht 
mitkommt, wird im Stich gelassen. Plötzlich stockt das 
sliehende Heer. Am Horizont taucht russische Kaval- 
lerie auf. Sie haut auf die Ausreißer ein und will. 
sie zurücktreiben. Aber die Kugeln unserer Muske- 
tiere haben mehr Gewalt über ihre Seelen als die 
Kosakenpeitschen. Nach einem kurzen, hilflosen Zau- 
dern geraten die Massen wieder in Fluß, und die 
feindliche Kavallerie kneift mit ihnen aus. 
Unter den 3300 Gefangenen der ersten beiden Tage 
waren 3000 Russen. Die Rumänen ließen sich lieber 
auf der Flucht aus nächster Nähe erschießen, als daß 
sie sich ergaben. Man hatte ihnen erzählt, daß sie in 
der Gefangenschaft grausam umkämen. Auffällig ist 
ferner, daß sich unter den Gefangenen nur zwei Eff 
ziere befanden. Es werden durch diese Tatsache die 
Uussaten ihrer Soldaten bestätigt, daß sich die vor 
dem Krieg so ruhmredigen Offiziere während des 
Kampfes bescheiden im Hintergrund hielten und die 
Kompanien durch Feldwebel oder Unteroffiziere befeh- 
ligen ließen. Doch als es nach rückwärts ging, waren 
sie die Vordersten. 
III. 
Berfolguug. 
Nachdem die feindliche Dobrudscha-Armee bei To- 
praisar den letzten sicheren Halt verloren hatte, wurde 
sie die leichte Beute ihrer Verfolger. Der Sieg war 
erfochten. Die weitere Aufgabe war, ihn zur Ver- 
nichtung des Feindes auszunutzen. Die äußerste 
Kraftanstrengung wurde gefordert, um in der augen- 
blicklichen Machtüberlegenheit den moralisch erschüt- 
terten, erheblich geschwächten Gegner lange in der 
Hand zu behalten, ihm weitere Verluste zuzufügen 
und sich indessen die neue Linie, die angestrebt wurde, 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
zu sichern. Man konnte auch in diesen Tagen beobach. 
ten, daß die Rumänen, die sich bei Topraisar durch- 
aus tapfer geichlagen hatten, die Nerven verlieren und 
zum Spielball fremden Willens werden, sobald sie 
von dem ihnen zugewiesenen Platze losgelbst sind. 
Am Nachmittag des 21. Septembers, als die Ver- 
solgung begann, ging ein schweres Ungewitter auf 
das Kampfgelände nieder. Die Elemente wetteiferten 
mit den Feuerkräften der Menschen. Die Donner- 
schläge mengten sich mit dem Lärm der Geschütze. 
Obwohl der Wetterunscchlag besonders der Artillerie 
das Nachstoßen erschwerte, blieb man dem Feind in 
froher Siegesstimmung auf den Fersen. Über den 
weithin schimmernden Häusern von Konstanza flatterte 
eine schwarze Rauchfahne im Wind. Bei den Gefech- 
ten mit der feindlichen Tasphut war ein Oltank in 
Brandgeraten. Von Seeaus legten 7 russische Kriegs- 
schiffe schweres Geschütz auf den Küstenstrich, ohne 
eine Wirkung zu erzielen. In der Ferne wogten die 
feindlichen Linien davon. Es war besonders in der 
Nacht äußerst schwierig, sich in dem eintönigen Ge- 
lände zurechtzufinden, in dem kein Baum, kein Brun- 
nen, kein Gehöft einen Anhaltspunkt für die Orien- 
tierung gab. Die spärlichen Dörfer liegen zumeist in 
Mulden versteckt. Die einzigen Merkzeichen sind die 
Tumulis. Man nimmt daher vielfach an, daß diese 
kleinen Erderhebungen, denen man öfters am Wege 
begegnet, von den Römern als Wegweiser und Signal- 
stationen angelegt wurden. Auch die überreste der 
Trajanswälle, die unsere Truppen in diesen Ta- 
gen durchschritten, legen Zeugnis ab von der alt- 
römischen Kriegskunst und ihren gewaltigen Maßen. 
Mehrfach hintereinander sind in massigen Erdbauten 
Verteidigungswerke angelegt, deren jedes aus zwei 
Wällen und einem tiefen Graben besteht. Sie find 
durch flankierende Gräben und Riegelstellungen auch 
als Einzelbollwerke verwendbar. 
An den verwachsenen Böschungen entlang zieht sich 
die Eisenbahnlinie Konstanza-Tschernawoda, 
die Lebensader Rumäniens, die die reichen Erträg- 
nisse des Binnenlandes dem Meere und damit dem 
Weltmarkte zuführte. Während des Krieges war sie 
als einer der wenigen Verbindungswege zu dem ver- 
bündeten Rußland für Rumänien von größter mili 
tärischer Bedeutung. Sie war bis zuletzt auch die Ba- 
sis der feindlichen Dobrudscha-Armee gewesen. Un. 
sere Flieger hatten öfter beobachtet, daß der Verkehr 
über die Brücke bei Tschernawoda eine viertelstündige 
Zugfolge aufwies. In größter Hast jagten nunmehr 
mit schrillen Pfiffen die letzten Züge über die Strecke, 
und es hat die pommerschen Musketiere schwer ge- 
ärgert, daß ihnen der letzte, mit drei Lokomotiven 
bespannte Zug in weiter Entfernung entwischte, be- 
vor die Artillerie heran war. Viel entkam mit ihm 
nicht; denn die Nebengeleise an der ganzen Linie stan- 
den noch mit Wagen und Lokomotiven gedrängt voll. 
Es blieb dem Feind auf seinem überstürzten Rück- 
zug keine Zeit, Konstanza in den vorbereiteten Stel- 
lungen zu verteidigen. Er war zufrieden, wenn er 
sich selbst in Sicherheit bringen konnte. So fiel als 
erste wertvolle Frucht der Durchbruchskämpfe 
vom 19. bis 21. Oktober zwei Tage später die ru- 
mänische Hafenstadt ohne ernsten Widerstand in die 
Hände der verfolgenden Truppen. Am Mittag des 
23. Oktobers rückten deutsche und bulgarische In- 
fanterie zusammen mit bulgarischer Kavallerie in die 
Stadtein. Die vor dem Hafenliegende russische Flotte 
gab Volldampf und ging mit der unabgelieferten
        <pb n="287" />
        Kriegsberichte: Dobrudscha-Feldzug; Eroberung von Tutrakan 
Ware ihrer Transportdampfer gen Nordosten hinter 
den Wasserrücken in Deckung. Unbeschädigt fielen 
die reichen und kostbaren Vorräte dieses riesenhaften 
Warenstapelplatzes in die Hände des Siegers. 
Kurze Zeit nach der Einnahme von Konstanza 
fällt auch Medgidia, die bedeutendste Handels- 
stadt an der Bahnlinie, in die Hände der nachdrängen- 
den Verfolger. In Eilmärschen wird der Brückenkopf 
Tschernawoda umstellt. Wieder wird ein Handstreich 
ewagt, um ihn möglichst rasch und verlustlos in Be- 
itz zu bekommen. An demselben Tage, an dem der 
Oberbefehlshaber dem bulgarischen General des lin- 
ken Flügels Weisung erteille, -dem weichenden Geg- 
ner dichtauf und unverzüglich folgend, ist in Rasova 
und Tschernawoda einzudringen ich erwarte, daß Ra- 
sova und Tschernawoda heute abend genommen sinde, 
traf bei ihm die Nachricht ein, daß der Befehl aus- 
Eführrt sei. In Tschernawoda waren einige rumänische 
ataillone, die ahnungslos in ihre Kaserne mar- 
schierten, mit den einrückenden Bulgaren zusammen- 
gestoßen. Es folgte ein zweistündiger Straßenkampf, 
bei dem die Rumänen größtenteils aufgerieben wur- 
den. 700 Mann wurden gefangengenommen. Der 
Versuch des Feindes, die Donaubrücke zu sprengen, 
mißglückte. Die Bogen, die über den Strom selbst 
führen, sind nicht zum Einsturz gebracht. Auf der 
westlichen und mittleren Strecke dieser längsten Brücke 
der Welt ist über einem See und einem Moenwasser 
der Donau ein Stück eingerissen. Mit dem Fall von 
Tichernawoda ist die gesamte Bahnlinie im Besitz der 
verbündeten Truppen. Unverzüglich wurde der Vor- 
marsch fortgesetzt und die Front weiter nordwärts 
geschoben, um den heiß erstrittenen wertvollen Besitz 
gegen feindliche Gegenmaßnahmen zu sichern. 
Der Generalfeldmarschall leitete mit seinem Gene- 
ralstabschef in vorderer Linie die Verfolgungsgefechte. 
Er hatte als alter Reitergeneral die Genugtuung, die 
deutsche und bulgarische Kavallerie wiederholt mit 
größter Wirkung einsetzen zu können. Die Zahl der 
Gefangenen, die Beute wuchs täglich. Zwei sibirische 
Schützendivisionen, die eben eintrafen, wurden in das 
Verhängnis mit hineingerissen. Als gelehrige Schü- 
ler ihrer russischen Rückzugsmeister sieckten die Rumä- 
nen im eigenen Lande alles, was ihnen in den Weg 
kam, in Brand, jedes Wohnhaus, jeden Strohschober. 
Nur der Eile ihres Besuches hatten es die Dörfer zu 
verdanken, daß sie größtenteils verschont blieben. 
Bei dem Vorgehen durch die kniehohen Stoppeln 
abgeernteter Maisfelder sielen nur vereinzelte Schüsse. 
Zuweilen stieß man jedoch in Mulden auf neueinge- 
setzte rumänische oder russische Verbände. Es genügte 
dann meist ein krästiger Hurraru#, ihnen eine stramme 
Kehrtwendung beizubringen. Die russischen Divisio- 
nen bestanden aus halbwüchsigen Jungens, die zum 
erstenmal ins Feuer kamen. Für unsere Bataillone, 
die fast täglich die Frontrichtung wechselten, um ein- 
zelne Teile der feindlichen Kräfte abzuschneiden, bil- 
dete in dem gleichförmigen Gelände am Tage die 
Rauchwolke, in der Nacht der Feuerschein des bren- 
nenden Tanks von Konstanza den Kompaß. 
Die geschlagenen Divisionen der Russen und Serben 
flohen auf Tulcea, die der Rumänen auf Härsova und 
Bräila zu, wo erhebliche Verstärkungen erwartet wur- 
den. Bulgarisch-deutsche Kavallerie- und Infanterie- 
abteilungen stießen in den Norden der Dobrudscha 
nach, um den Feind so lange zu beschäftigen, bis in 
ihrem Rücken die vorläufig erstrebte Linie, der nach 
ungehinderter Wahl alle Vorteile des Geländes nutz- 
Der Krieg 1914/17. U. 
225 
bar gemacht wurden, durch Feldbefestigungen gesichert 
war. Erst dann wurden die Vorhuten in diese Stel- 
lungen zurückbefohlen. Der Feind fühlte überaus 
vorsichtig nach. Und wenn er wieder eines der frei- 
ewordenen Dörfer besetzt hatte, war er in der glück- 
ichen Lage, in seinem amtlichen Heeresbericht von 
seinem siegreichen Vorrücken in der Dobrudscha und 
der Eroberung neuer Ortschaften erzählen zu können. 
In der nördlichen Dobrudscha erlebten die deutschen 
Truppen, an deren Bedürfnislosigkeit größte Anfor- 
derungen gestellt worden waren, eine freudige über- 
raschung. In sauberen, im Grünen gebetteten Dör- 
fern, die von der Umgebung merklich abstachen, trat 
ihnen, wie ein Traumbild, ein Stück Heimat entgegen. 
Der Fleiß, die Ordnungsliebe, der Sinn für Reinlich- 
keit und Behaglichkeit ist das unverwüstliche deutsche 
Blutvermächtnis dieser Kolonisten, die fremde Regie- 
rungen besonders gern dahin riefen, wo es galt, von 
Natur schwierigen, aber bei Tüchtigkeit lohnenden 
Boden urbar z machen. Anfang der 1870er Jahre 
hatte die Türkei deutschen Bauern, denen in Beß- 
arabien der Ackerbesitz schon etwas eng wurde, hier 
kostenlos Land angeboten. Im Laufe der Jahre sind 
alsdann in der Dobrudscha etwa 14 wohlhabende deut- 
sche Dörfer entstanden mit wohnlichen, geweitten Häu- 
ern, gepflegten Stallungen, mit Zier= und Gemüse- 
gärten, einer schmucken Kirche und wohlausgerichteten 
Baumalleen in der Dorfstraße. Die wehrfähigen deut- 
schen Ansiedler sind in die rumänische Armee eingereiht 
worden. Ein Teil von ihnen wurde in den Dobru- 
dschakämpfen gefangengenommen. Ihr Ordnungs- 
sinn zeigte sich auch hierbei. Sie stellten sich, als sie 
gesammelt wurden, sogleich nach Dörfern getrennt auf. 
In zweimonatigen angestrengtesten Kämpfen ist mit 
dem bsten Teil der Dobrudscha die erstrebte wich- 
tige Bahnlinie Konstanza-Tschernawoda mit ihren 
reichen Vorratskammern in den Besitz der verbünde- 
ten Truppen gelangt. Die Beute des Feldzuges umfaßt 
zur Zeit! an Gefangenen 513 Offiziere, 37600 Mann, 
170 Geschütze, davon 38 schwere, 170 Maschinen- 
gewehre, große Mengen Materials und ungeheuer 
wertvolle Vorräte aller Art. Auch für das wirtschaft- 
liche Durchhalten des Vierbundes ist somit der hier 
erfochtene militärische Sieg von größter Bedeutung. 
Derrumänische-russische Offen sivplan gegen 
Bulgarien ist im Keim erstickt worden. Auch hier 
bewährte sich das alte Gesetz, daß die beste Verteidi- 
gung der Hieb sei. Der Weg nach Konstantinopel ist 
weiter als je. Dabei hatten die Rumänen für ihren 
Aufmarsch und Nachschub ein weit kürzeres und 
leistungsfähigeres Bahnnetz zur Verfügung. Sie hat- 
ten den Vorteil der inneren Linie und konnten ihre 
Truppen je nach Bedarf in Siebenbürgen oder in der 
Dobrudscha einsetzen. Sie haben sie aber in ständiger 
nervöser Unsicherheit mißbraucht. Das taktische Ge- 
schick unserer Heeresleitung und Truppenführung hat 
es erreicht, daß die rumänischen Divisionen, die das 
Üübergewicht schaffen sollten, in Zeitpunkten der Ent- 
scheidung jeweils auf der Eisenbahn saßen. 
Die GEroberung von Tutrakan. 
Veröfsentlicht am 14. Oktober 1916. 
Nach den um die Wende August--September vor- 
liegenden Nachrichten waren in der Dobrudscha und 
in dem wichtigen Donaubrückenkopf Tutrakan 
zunächstnur verhältnismäßig schwachefeindliche Kräfte 
1 Mitte Dezember 1916. 
15
        <pb n="288" />
        226 
versammelt. Sie überraschend anzugreifen, versprach 
einen schönen Erfolg. Dem linken Flügel der bul- 
grischen Armee fiel die Aufgabe zu, die ersten starken 
chläge gegen den neuen Feind zu führen; abgesehen 
davon, daß bei Tutrakan die feindlichen Kräfte am 
schnellsten zu treffen waren, mußten die Rumänen 
durch Wegnahme dieses Brückenkopfes gezwungen 
werden, mindestens bis Silistria zurückzugehen. Wie 
die späteren Ereignissen zeigen, trafen aber die ersten 
Schläge so gut, daß auch dieser wichtige Platz kampf- 
los geräumt werden mußte. 
Demgemäß war von dem Oberbefehlshaber der 
verbündeten deutsch-bulgarischen Truppen in Nord- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Mahle-Sijahlar9gemeldet, während Abteilung H., die. 
wie befohlen, am 2. die Grenze Überschritten hatte, sich 
mit der mittleren Gruppe östlich Türk Smil befand. 
Im Laufe des 3. und 4. Septembers schoben sich die 
bulgarischen Hauptkräfte näher an den Brückenkopf 
heran; das Dorf Dajdir wurde im Sturm genommen. 
Da der linke Flüzei der Abteilung H. nördlich der 
Straße Rustschuk- Tutrakan in böllig offenem Ge- 
lände unter starkem Artillerie= und Maschinengewehr- 
feuer vom jenseitigen Donauufer und von Kanonen- 
booten auf der Donau aus zu leiden hatte, war das 
Vorwärtskommen auch für die mittlere deutsche Gruppe 
schwierig. Dennoch gelang es ihr, am 4. September 
Höhe 131, westlich Staro- 
— M I##l 
122304000 ’ 
—— —rr — M 2 /½q — r *[sean 
1— 
TIVXXAXA 
einges 6. X. Sbends S 
selo, zu nehmen und an 
ihrem Westhange ihre Artil- 
lerie in Stellung zu brin- 
gen- So waren die Vorbe- 
ingungen für den cigent- 
lichen Angriff auf die 
innere Fortlinie für den 
5. September gegeben. In 
diese wurde die erste Bresche 
durch die bulgarische Bri- 
gade auf dem rechten Flügel 
eschlagen. Fort VIII west- 
ich Antimovo fiel durch 
Sturm in die Hand der tap- 
feren Bulgaren, es folgten 
an demselben Tage die Werke 
V, VI und VII. Vor der 
Abteilung H. waren in der 
Nacht vom 4. zum 5. Sep- 
tember die feindlichen Vor- 
posten auf die stark befestigte 
Höhenstellung östlich der 
Straße Sijahlar-Tutrakan 
zurückgegangen. Ein deut- 
sches Bataillon besetzte ent- 
schlossen den Ostrand von 
Staroselo, und bald darauf 
hatten auch die bulgarischen 
Truppen rechts und links 
Gelände gewonnen. Am 5. 
September vormittags er- 
öffnete die deutsche Artille- 
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efrrichaer 
I 
– 4 
— 
Die Eroberung von Tutrakan. 
bulgarien, Generalfeldmarschall v. Mackensen, die 
Versammlung der bulgarischen Armee befohlen 
worden, so rechtzeitig, daß bereits für den 2. Sep- 
tember früh der Vormarsch starker Kräfte aus dem 
Raum westlich Karaac in die Linie Kasimlar-Ahmat- 
lar-Belica-Mese Mahle angeordnet werden konnte. 
Diese Teile hatten die Aufgabe, die Süd= und Süd- 
westfront der Festung anzugreifen, während deutsche 
Truppen, die Abteilung des Majors Frhr. v. H.“, ver- 
tärkt durch mehrere Bataillone bulgarischen Land- 
turms, den äußersten linken Flügel bildete. Die 
Mitte unter dem Befehl des Abteilungsführers bilde- 
ten die deutschen Kräfte, denen sich rechts und links 
zwei Gruppen unter bulgarischer Führung anreihten. 
Auf dem rechten Flügel sicherten Ulanen und deutsche 
Artillerie den Raum zwischen Abteilung H. und der 
benachbarten bulgarischen Division. Diese wurde am 
3. September morgens in der Linie Denicler-Mese 
1 val. S. 221 ff. — Ugl. S. 222. 
rie das Feuer auf Werk II 
(Höhe 109) und die Stel- 
lungen nördlich und südlich dieses Werkes. Bis zum 
Mittag hatte sich deutsche Infanterie bereits bis auf 
400 Meter an Fort II herangearbeitet, und 5 Uhr 
30 Minuten nachmittags war es in der Hand der 
Deutschen. Fünf Panzergeschütze wurden hier mit 
stürmender Hand genommen, wovon eines auf den 
fliehenden Feind verwendet werden konnte. 
Mit 41 Bataillonen, 20 Batterien und 6 Eskadrons 
hatte der Feind geglaubt, die für ihn so wichtige 
Brückenkopfstellung halten zu können, dazu in meh- 
reren hintereinander liegenden, besonders stark mit 
allen technischen Mitteln ausgebauten Infanterie- 
stellungen, die mit 6—7 m breiten Drahthinder- 
nissen, Wolfsgruben usw. versehen waren. Am Abend 
des 5. Septembers waren die Forts II—IX, die Haupt- 
stellung, genommen. Für den folgenden Tag war 
geplant, mit dem linken Flügel über Höhe 62 vor- 
gehend, die Division zum Angriff gegen die letzte 
Stellung der Rumänen vorzuführen. Abteilung H. 
erhielt den Befehl, die nördlichsten Werke 0 und 1 zu
        <pb n="289" />
        Kriegsberichte: Eroberung von Tutrakan; 
nehmen. Die Abteilung, die bis zum 5. Sept. abends 
die Front nach Nordosten hatte, nahm nun die Front 
nach Norden und setzte am nächsten Tage vormittags 
aus Linie Höhe 62-Werk II ernent den Angriff an. 
1 Uhr nachm. hatte sie die Stellungen nördlich Werk II 
in unwiderstehlichem Ansturm genommen, eine Pan- 
zerbatterte und eine lange Kanonenbatterie auf dem 
Rücken, der sich von Tutrakan nach Südwesten zieht, er- 
obert. Ein letzter verzweiflungsvoller Stoß des Fein- 
des, der bei Höhe 62 durchzubrechen versuchte, wurde 
abgewiesen. Inzwischen hatten auch die Bulgaren 
im Südosten und Osten der Stadt den eisernen Ring 
geschlossen. 8 Uhr 
227 
Alpenkorps eine besondere Gruppe in Gegend Szeli- 
stye bereit, während die rechte Kolonne in aller Stille 
und vom Feind unbemerkt am 22. September aus 
dem Gelände von Zsinna (35 km westlich Hermann- 
stadt) den Vormarsch in das Gebirge antrat. 
über die Bergrücken des D. Captan (1165 m), Guga 
Mr. (1399 m) und Varful Strimba (1831 m) erreichte 
die Vorhut am Abend des folgenden Tages das Ge- 
lände des Cindrel (2245 m), ohne auf feindlichen 
Wiheerstand zu stoßben. Nach anstrengendem vierzehn- 
stadigem arsch auf steilen, mit Felstreppen durch- 
etzten, im Hochwald mit Unterholz überwucherten 
Kämpfe vom Rotenturmpaß bis Titu 
abends rückten als # S —. —. 
□ Me 2 
panien in die Stadt — . —# l — 2 28 
ein. Etwa 28000 %“ — —— 4 — —us 
Gefan ene, überHo #rnr? E—e. [.[ — — Q„ 7 0 #X 
400 Offiziere, dar. — *. % % % 
unter 3 Brigade- 5. o(aptan 1% l — r!—— I. 6 . 1 
enerale, über 100 *—. . „ rr—— 2—2 5q“ " 
eschütze, darun- 2 —2 — 
ter viele schwere, J 7. — W brig R Edt 1 ii 
und zwei Fahnen ) -–l“ 9 Ond r1— ’be "· X *“ 
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waren dis Beute. . 5½ Inbu 1714 82* % M D. Togqärast F Znht 4 
Auf ein deutsches r ou ———— 
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Bataillon entfielen —— □— E m- 
allein 15 Geschütze, # A v zeb. Movul 
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darunter 4 Krupp- 23 ei#gorn *5 –— 
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rüstungsstücke. bermannstadt und die Kämpfe um den Rotenturmpa. 
Die Gperationen des Alpenkorps vom Rotenturm- und durch Windbrüche gesperrten Saumpfaden ge- 
paß bis Titu. langte das Alpenkorps — vom Streflesti (2244 m) nach 
Verd 28. und 27. Jannar 1917. Osten eindrehend — spãt in der Nacht zum 25. Sep. 
sentllcht am 28.v2 1 J tember bis in das Gelände des Negovan (2136 m) 
Die Sperrung des Rotenturmpasses. 
Am 19. September übernahm General der Infan- 
terie v. Falkenhayn den Oberbefehl über die 
9. Armee und leitete nach den Weisungen der obersten 
Heeresleitung die Maßnahmen zur Umfassungs- 
schlacht bei Hermannstadt ein. 
Am 26. September sollte der starke rechte Armee- 
flügel in Anlehnung an das Gebirge südlich Orlat den 
an den Nordhängen der Berge stehenden Gegner auf- 
rollen; die Front sollte beiderseits über Hermannstadt 
angreifen. Der linle Armeeflügel hatte, unter Behaup- 
tung seiner Stellung auf dem rechten Alt-Ufer öst- 
lich Oermannstadt, Kräfte über den Fluß vorzutreiben, 
die nach Vorstoß in südlicher Richtung nach Westen 
eindrehen und dem feindlichen rechten Flügel ein Aus- 
weichen in das Fogaraser Gebirge verwehren sollten. 
Der Alpenkorps--Division fiel die schwere Aufgabe 
u, durch Vorgehen gegen den Rotenturmpaß 
ie einzige Rückzugsstraße abzuschneiden, außerdem 
mit Teilen den rechten Armeeflügel im Angriff zu 
unterstützen und ein Entkommen des Gegners in süd- 
westlicher Richtung zu verhindern. Hierzu stellte das 
und schob Vortruppen gegen die im einspringenden 
Grenzwinkel liegende „Schutzhütte (1736 m) vor. 
Über die Linie Varful Mare(2063m)-Preiba (1745m) 
entfaltete sich am folgenden Abend die Marschkolonne 
zum Vorgehen gegen den Rotenturmpaß unter Siche- 
rung der rechten Flanke gegen von Süden über das 
Gelände Pisku Vataful - Mont Rob zu erwartenden 
Angriff. Da am folgenden Tage die vom linken 
Armeeflügel vorgetriebenen Kräfte die Gegend west- 
lich und südlich Szarata erreichten, war die strategische 
Einkesselung der rumänischen „Alt-Gruppe- 
(General Manolescu) vollzogen. 
Gegen die Paßstrecke Caineni -Bahnbrücke nörd- 
lich dieses Ortes wurde das von Keinz Heinrich von 
Bayern geführte Bataillon des bayerischen Leib-In- 
fanterieregiments vorgeschoben. Ein weiteres Batail- 
lon stieß gegen die rumänische Paßgrenze vor, wäh- 
rend eine Kompanie dieses Bataillons Über den Prejba 
gegen den Nordeingang des Passes marschierte. Das 
gegen den südlichen Pabausgang entsandte Bataillon 
hatte bereits 6 Uhr nachmittags sein Ziel erreicht 
und die dortige Bahnstrecke durch Sprengung unter- 
brochen. Der Roteturmpaß war nunmehr von 
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        228 
Süden abgesperrt. Eine bereits von Norden in den 
Paß eingebogene rumänische Kolonne fand den We 
nach Süden verlegt, den Ausgang nach Nordosten au 
Szarata gesperrt. Sie machte in Unordnung kehrt 
und eilte im Galopp wieder nach Norden zurück. Da- 
mit begann die Panik in den Bewegungen der feind- 
lichen Kolonnen und Trains. Die am 26. September 
durchgeführte Sperrung des Passes hatte in den näch- 
sten Tagen ernste Kämpfe zur Folge. Inletzter Stunde 
hatte der Gegner die ihm drohende Gefahr erkannt 
und versuchte nun durch Vorstoß# stärkerer Kräfte gegen 
das Alpenkorps das Unheil abzuwenden: Er raffte 
von allen Seiten noch verfügbare Kräfte zusammen 
und begann eine Reihe verzweifelter Gegenangriffe. 
Von Süden her griffen am 27. September nach- 
mittags einige Kompanien unsere auf Mont Murgas 
(1763 m) stehende Sicherungskompanie an, wurden 
aber im wirksamen Feuer österreichischer Gebirgs- 
geschütze abgeschlagen. Südlich Caineni wurden Ent- 
satztruppen ausgeladen, die über Caineni sowie aus 
dem Passe selbst zum Angriff vorgingen. Auch rumä- 
nische Artillerie griff in den Kampf ein. Stärkere 
Kräfte stießen am 28. September von Caineni nach 
Nordwesten und Südwesten gegen unsere Stellungen 
vor. Wiederholte, auch in der Nacht zum 29. Sep- 
tember fortgesetzte Angriffsversuche zur Offnung des 
esperrten Pefa es blieben erfolglos. Auch von Norden 
2 bemühte sich der umklammerte Feind verzweifelt, 
gegen die Flanke des Alpenkorps vorzustoßen. Die von 
Szelistye berangezogene Gruppe wehrte durch ihr Vor- 
gehen über den Valare-Oncesc (1714 m)—Gyhan diese 
Gefahr ab: Vergeblich versuchte der von Norden gegen 
das Gebirge geworfene Feind sich durch die schwachen 
Abteilungen des Alpenkorps den Weg nach Süden zu 
bahnen. Am 28. Sept. wurde in wiederholten Sturm- 
angriffen und im blutigen Handgemenge derhartnäcki- 
gen Widerstand leistende Feind auf der ganzen Front 
der bis in das Gelände N. Talmacs vorstoßenden 9. Ar- 
mee auf den Nordeingang des Passes zurückgeworfen. 
Unbeschreiblich wurde die Panik der in den Paß 
hineingedrückten und in seinem Eingangsich stauenden 
Massen. Kolonnen, Geschütze und Munitionswagen 
stießen im verheerenden Infanterie- und Maschinen- 
gewehrfeuer des Alpenkorps auf eine in der Gegend 
des Kaiserbrunnens quer über die Paßstraße gezogene 
Sperre. Auf den Knäuel der sich hier im Feuer an- 
häufenden Massen drückten die zurückilutenden Trup- 
pen von Norden. Von Stunde zu Stunde wurde der 
Druck des Angriffs von Norden und die Panik im Passe 
stärker fühlbar. Östlich der Bahnlinie flüchteten Teile 
des geschlagenen Heeres in das Fogaraser Gebirge. 
Die am 26. September eingeleitete Umfassungs- 
schlacht war am 60. September mit der Vernichtung 
starker Teile der 1. rumänischen Armee beendet. 
über 40 Bataillone und 16 Feldbatterien wurden zer- 
sprengt oder flüchteten in Auflösung in das Gebirge 
nach Sitdosten. Der kühne Gebirgsmarsch des Alpen- 
korps und die Sperrung des Rotenturmpasses ohne 
Rücksicht auf dauernde feindliche Gegenangriffe von 
Süden, Osten und Norden ermöglichte die Verwirk- 
lichung des Vernichtungsgedankens, den die oberste 
Heeresleitung ihren Weisungen an die Armeeführer 
zugrunde gelegt hatte. 
II. 
Die Kämpfe um den Rotenturmpaß. 
In den letzten Tagen der Schlacht bei Hermannstadt 
leitete der Feind zur Entlastung der umklammerten 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
1. Armee einen Offensivstoß seiner 2. und Nord- 
armee aus dem Fogaraser Gebirge und nord- 
östlich ein. Während im Görgeny-Gebirge der An- 
griff abgeschlagen wurde, mußte auf dem Südflügel 
eine österreichisch = ungarische Kavalleriedivision dem 
Druck nachgeben. General v. Falkenhayn entschloß 
sich sofort zu neuem Angriff. Unmittelbar aus der 
Umfassungs= und Angriffsoperation bei Hermann- 
stadt wurden die Hauptkräfte der 9. Armee in nord- 
östlicher Richtung abgedreht und zum Vorstoß gegen 
den verfolgenden linken Flügel der rumänischen 2. 
Armee auf die von Hermannstadt nach Fogaras und 
Schäßburg (Szegesvar) führenden Straßen angesetzt. 
Dem Alpenkorps fiel die Aufgabe zu, mit den in der 
Verfolgung auf den Rotenturmpaß begriffenen und 
dem Korps nun unterstellten Teilen der 9. Armee 
beiderseits des Passes bis auf den Gebirgskamm vor- 
zustoßen und die Sicherung nach Süden in allgemeiner 
Linie Streflesti-Westhang des Sur zu übernehmen. 
Während des herrlichen Kampf= und Siegeszuges 
der Armee Falkenhayn durch den Geisterwald nach 
Kronstadt rang das Alpenkorps in erbitterten Ge- 
fechten um die Peilen Höhen östlich und westlich des 
Passes. Zwei Brennpunkte hoben sich in den nun 
folgenden Tagen schwerer Kämpfe hervor: Westlich 
des Passes die Höhenstellungen in Linie Mont 
Murgas (1763m)—D. Vadului (1531 w.), östlich 
des Alt die Angriffe zur Gewinnung des Gebirgs- 
kammes westlich des Sur. 
Am 1. Oktober erneuerte der Feind seine bis da- 
hin verseblichen Angriffe gegen die Linie Caineni- 
Mont Rob, während auf den von Süden heran- 
führenden Bahn- und Straßenlinien neue Kräfte im 
Anmarsch waren und auch im Rücken unserer Stel- 
lungen versprengte Abbeilungen sich nach Süden 
durchzuschlagen versuchten. So griff in der Nacht 
vom 2. zum 3. Oktober ein feindliches Bataillon 
mit Teilen einer Kolonne aus den Waldungen nörd- 
lich des Vadului unsere Sicherungsabteilung plötz- 
lich im Rücken an. Nach heftigem Kampf und unter 
Verlust von 100 Gefangenen entkam ein Teil dieses 
Bataillons (vom rumänischen Infanterieregiment 49) 
nach Süden. An demselben Tage wurden vereinzelte 
Ungriffe gegen den Mont Murgas und Vorstöße stär- 
kerer Kräfte gegen den Vadului abgeschlagen, nachdem 
hier der Gegner unsere Sicherungslinie bereits durch- 
brochen hatte. Ein am 5. Oktober angesetzter eigener 
Gegenangriff am Murgas und Vaduluistieß auf Über- 
legenen Feind, brachte auf dem rechten Flügel aber 
einigen Geländegewinn. Der7.Oktoberbrachte einen 
erfreulichen Fortschritt: etwa 2 feindliche Bataillone 
grissen vom Nachmittag bis in die Nacht wiederholt 
wei am Vadului stehende bayerische Kompanien an. 
kach hartem Kampf mußte sich unter starken Verlusten 
der Feind in das Caineni-Bach-Tal zurückziehen, 
während gleichzeitig vom Passe aus rumänische Abtei- 
lungen vom Osthang des Vadului vertrieben wurden. 
r Gewinnung der Sicherungslinie östlich des 
Passes war eine Gruppe über die Linie rumänische 
Paßgrenze-Varful Bouluid1166 m) angesetzt worden, 
unterstützt durch eine Stoßgruppe aus Gegend Also- 
Sebes (6 km südöstlich N. Talmacz). Starke feind- 
liche Kräfte mit zahlreichen Maschinengewehren, Ge- 
birgs= und schwerer Artillerie hatten sich auf dem 
Kamm des Fogaraser Gebirges zwischen Sur und 
Altfluß eingegraben. Kälte und heftige Schneestürme 
erschwerten den Anstieg und den Vorstoß. Die am 
10. Oktober planmäßig angesetzten Angriffe gegen
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        Kriegsberichte: Kämpfe vom Rotenturmpaß bis Titu 
Höhe 1824 (6 km westlich des Sur) kamen im um- 
fassenden Feuer des Verteidigers zunächst zum Stehen. 
Inzwischen war die 9. Armee durch den Geisterwald 
und über Kronstadt vorgestoßen, hatte die 2. rumä- 
nische Armee völlig geschlagen (9. Oktober) 
und in das Gebirge zurückgeworfen. Auch die ru- 
mänische Nordarmee wich in östlicher Richtung aus. 
Zur Offnung der in Feindesland führenden Paßstra- 
ßen befahl General v. Falkenhayn den allgemeinen 
Vormarsch über die Linie Cämpulung- Sinaia und 
durch das Bodzatal. Das Alpenkorps erhielt die Wei- 
sung, die Rotenturm- Paßstraße zu öffnen und zu- 
nächt nach Gegend Curtea de Arges vorzugehen. 
Für diese Operation wurde aus dem Alpenkorps und 
zwei inzwischen herangeführten k. u. k. Gebirgsbri- 
gaden die Gruppe Krafft v. Delmensingen ge- 
bildet. Aus den Kämpfen zur Gewinnung halicher 
Sicherungsabschnitte mußte nun zum Angriff mit 
weitem Ziel angetreten werden. 
Der stark befestigte und hartnäckig verteidigte Paß 
war nur durch ausholende und wiederholte Um- 
fassungsbewegungen über die Gebirgszüge zu öffnen. 
Generalleutnant Krafft v. Delmensingen entschloß 
sich, den Hauptdruck auf das Gelände östlich des Pas- 
ses zu legen. Ein Vorstoß aus dem Fogaraser Ge- 
birge sollte zunächst die starke Mormontastellung um- 
fassen und später Hand legen auf die nach Curtea de 
Arges führende Straße. Da aus taktischen Erwägun- 
gen der Hauptangriff auf dem westlichen Altufer nicht 
in Frage kam, aus dem Fogaraser Gebirge aber keine 
einzige fahrbare Straße für den Nachschub zur Ver- 
fügung stand, wurde als erstes und nächstes Ope- 
rationsziel die Gewinnung der wichtigen Straßen- 
abschnitte Caineni-Golotreni und Caineni-- 
Salatruc betrachtet. Als linke Stoßgruppe wurde 
eine Gebirgsbrigade (k. u. k. 2.) über den Moscovpaß 
in Richtung Mont Frunt angesetzt. Sie trat un- 
mittelbar nach starken Märschen, die teilweise inner- 
halb 30 Stunden 63 km vorwärts geführt hatten, aus 
Gegend Felek (am Alt südöstlich Hermannstadt) den 
Anstieg zur Moscovscharte an und nahm am frühen 
Morgen des 17. Oktobers den Paß sowie die Höhe 
2313 westlich des Passes im Sturmangriff. Auf dem 
rechten Flügel hatte inzwischen die andere Gebirgs- 
brigede (k. u. k. 10.) um Vorgehen Über den Mont Rob 
in Richtung Golotreni (an der Lotr-Mündung) am 
16. Oktober die Pietroasa genommen, während die 
Besetzung des Veveritarlickens erst am Abend gelang. 
Nach erbitterten Kämpfen und heftigen Gegenangrif- 
fen starker Teile der aufgefüllten rumänischen 13. 
Infanteriedivision mußte die gewonnene Linie zu- 
nächst wieder aufgegeben werden. 
Zwischen den beiden Flügelgruppen kämpfte die 
Alpendivision frontal vom Altfluß bis zum Sur und 
ewann langsam Boden, da starker Schneefall im 
Gogarafer Gebirge die Bewegungen erheblich ver- 
zögerte. Die linke Flügelgruppe setzte ihren Vorstoß 
nach Süden fort und erreichte am Abend des 18. Ok- 
tobers Gegend Salatruc und nordöstlich — da be- 
reitete ein Wettersturz am 20. Oktober dem Vorgehen 
ein Ende. Die Temperatur sank rasch auf 15 Grad 
Kälte. Ein rasender Sturm trieb dichte Schneemassen 
über die Höhen und bedeckte in wenigen Stunden die 
einzige Nachschubstraße der linken Gruppe im Mos- 
covpaß mit einer 1½ m hohen Schneedecke. Der 
bisher für Tragtiere brauchbare Saumpfad wurde 
ungangbar. In Eile mußten aus Ersatzformationen 
Trägerkolonnen gebildet werden. In mühevoller 
229 
Arbeit mußte Munition und Berpflegung durch den 
verschneiten Paß und über den Mont Frunt nach- 
geführt werden. In dieser kritischen Lage wurde die 
linke Flügelgruppe zur Verkürzung der Wefährdeten 
rückwärtigen Verbindungslinie auf den Mont Frunt 
und später, da auch diese Stellung nicht mehr zu ver- 
pflegen war, auf die Poiana Lunga zurückgenommen. 
In der Front trat inzwischen ein Umschwung 
der taktischen Lage ein: Der Feind begann unter 
dem Druck des bisherigen Vorgehens unserer linken 
Gruppe seine Stellungen östlich des Alt und am 
Osthange des Vadului zu räumen. Unsere 
Truppen blieben dem stets erneuten und heftigen 
Widerstand leistenden Gegner hart an der Klinge, 
während auf dem rechten Füügzel die Veveritastellung 
wiedergenommen wurde. OÖstlich des Passes wurde 
der Angriff gegen die beherrschende stark ausgebaute 
Mormontastellung als Schlüsseltunt der hinter 
ihr liegenden befestigten Höhenlinie Bumbuesti-Za- 
noaga eingeleitet und durchgeführt. Nach wechsel- 
vollen heftigen Kämpfen ging am 28. Oktober der 
Feind mit etwa 10 Kompanien aus den bewaldeten 
Schluchten südöstlich des Mormontarückens zum Ge- 
enangriff vor. Dichter Nebel begünstigte seinen 
orstoß bis auf etwa 30 m an unsere Stellungen. 
In dem dann plötzlich einsetzenden Maschinengewehr- 
und Handgranatenfeuer flutete er in Panik und un- 
ter Zurücklassung von 350 Toten zurück. Ein von 
dem angegriffenen, kaum noch 300 Mann starken 
Jägerbataillon sofort angesetzter Ghchenangeif brachte 
die ganze feindliche Front zum Wanken. Nachbar- 
gruppen schlossen sich an. In prachtvollem Drauf- 
gehen wurde noch am Abend die ganze Linie Zano- 
aga-Mormontagenommen. Mit drei eroberten 
aschinengewehren fielen 15 Offiziere und über 400 
Mann in die Hand des nur geringe Verluste erleiden- 
den Angreiferb. 
Der bisherige, nur in großen und fllchtigen Um- 
rissen gezeichnete Verlauf der Kämpfe des Alpenkorps 
zeigt wohl die besonderen Eigenarten dieser Ope- 
rationen: In unzusammenhängenden Gruppen 
leistete auf stark befestigten Bergstellungen der Ver- 
teidiger heftigen Widerstand. Der eigentliche, bis zu 
500 m breite Paß mit steilen Felswänden, häufig 
nur Raum lassend für das Flußbett, während Bahn- 
und Straßenzug in den Felsen gesprengt ist, wurde 
ebenfalls erbittert vom Gegner gehalten. Der fron- 
tale Angriff in der Tasstraße gewann nur langsam 
und schrittweise Boden. Die AUngriffe gegen die Höhen- 
stellungen erforderten weit ausholende Umfassungs- 
bewegungen. Oft konnte eine solche Gruppenstellung 
nur nach vorheriger Erstürmung weiter südlich &amp; 
legener Stellungen und durch Bedrohung im Rücken 
wirksam angefaßt werden. Erst die gefährdete Rück- 
zugslinie veranlaßte die Verteidigungsgruppe zur 
äumung ihrer Bergstellung. Soergaben die Kämpfe 
gewissermaßen ein schachbrettförmiges Operations- 
ild, über dessen Angriffsfelder der Vorstoß hier fron- 
tal, dort in der Diagonale, an anderer Stelle wie- 
der von rückwärts geführt werden mußte. Die Vor- 
bereitung und Durchführung derartiger Angriffe im 
winterlichen Hochgebirge und in Anlehnung an un- 
zureichende, über verschneite Saumpfade geleitete 
Nachschublinien erfordert naturgemäß erhebliche Zeit. 
So sehen wir bisher und in der Folge die Gruppe 
Krafft über einen Monat hindurch in heftigen Einzel- 
angriffen und im unermüdlichen schrittweisen Vor- 
arbeiten zur Offnung der Paßstraße und zur Gewin-
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        230 
nung des Ausganges in Richtung Rämnic-Valcea 
und der Seitenverbindung nach Curtea de Arges. 
Die Tage vom 6. bis 8. November brachten heiße 
Kämpfe, besonders auf dem östlichen Altufer in 
allgemeiner Linie Mont Sate-Perisani und füd- 
westlich. Bis zum letzten Augenblick des Sturm- 
angriffes setzte sich der Gegner hartnäckig zur Wehr. 
Südöstlich Perisani mußte am 7. November eine ru- 
mänische Konmpanie bis auf zwei Mann im Hand- 
gemenge niedergemacht werden. Vor der Front einer 
einzigen Kompanie wurden 89 Tote gezählt. In 
Einrechnung der blutigen Verluste mögen allein die 
Einzelgefechte des 6. Novembers dem Gegner 1600 
Mann gekostet haben. An diesem Tage hatte eine 
Brigade durch kühnen Flankenstoß vom Mont Sate 
das Becken von Perisank östlich des Alt geöffnet. 
Am 9. November wurde mit der Einnahme der 
Mont Cozia-Stellung auf dem östlichen Altufer die 
schlimmste und hwirigste Stelle der Paßstraße über- 
wunden. Nach Verstärkung der Gruppe Krafft durch 
eine neue Division wurde auf dem Westufer über den 
Lotr-Abschnitt um den 18. November das Gelände 
Varful Planestilor-Mont Sida, auf dem Ostufer die 
allgemeine Linie: Höhe nordöstlich Calimanesti und 
das Gelände beiderseits Straße Calimanesti-Unghu- 
reni sowie die Ghituhöhe (1632) erreicht. Nach dem 
erfolglosen Versuch durch Einsatz der rumänischen 
7. Infanteriedivision dem vorstoßenden Alpenkorps 
nochmals Halt zu gebieten, wich der Gegner am 24. 
November auf der ganzen Front. Am folgenden 
Tage nahm der rechte Flügel des Alpenkorps Räm- 
nic-Valcea, während die neu herangeführte Di- 
vision dem Feinde die noch gehaltene Topolog-= 
Stellung in kühnem Sturmangriff mit offen auf- 
fahrenden Batterien entriß. Am 27. November war 
der Gebirgsausgang des Rotenturmpasses geöffnet. 
III. 
Die Kämpfe bis Titu. 
Am 27. November war die allgemeine Lage etwa 
folgende- 
ie Donau-Armee der Heeresgruppe Macken- 
sen hatte den Vedea-Abschnitt nach Nordosten über- 
schritten und ging mit linkem Flügel von Alexandria 
gegen Draganesti vor. Ein Kavalleriekorps (Schmet- 
tow) war über Rosiori de Vede vorgestoßen und 
kämpfte mit Teilen etwa 20 km sübdbstlich Slatina. 
Vor einer aus nordwestlicher Richtung gegen den 
unteren Alt vorgehenden Gruppe (Kühne) räumte 
der Gegner seine Uferstellungen. Die Gruppe Krafft 
hatte mit rechtem Flügel den Topolog-Abschnitt süd- 
östlich Rämnic-Valcea, mit linkem Flügel Curtea de 
Arges erreicht. Vor den Hauptkräften der mit rechtem 
Flügel nördlich Cämpulung stehenden 9. Arme ließ 
der feindliche Widerstand fühlbar nach. 
Das Alpenkorps setzte die Verfolgung des schritt- 
weise zurückweichenden Feindes über Gegend hart süd- 
lich Pitescht und über den Arges--Abschnitt Pitescht— 
Davidesti fort. Die Stadt Pitescht wurde am Vormit- 
tag des 29. Novembers durch den Magistrat übergeben. 
Bedeutende Vorräte an Benzin und Ol sowie 180 
Cisenbahnwagen wurden hier erbeutet. Als näch- 
sies Ziel der Verfolgung wurde Linie Ratesti (am Ar- 
ges, 23 km südbstlich Pitescht) - Manesti (38 km süd- 
östlich Cimpulung am Dämbovitzafluß) angewiesen. 
Am 30. November abends war die Alpenkorps-Divi- 
sion im Waldgelände bei Davidesti zur Ruhe über- 
gegangen — wie sich später herausstellte — mitten 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
zwischen mehreren rumänischen Regimentern. In 
der Morgendämmerung wurde der überraschte Feind 
angegriffen und zersprengt. Er ließ Über 800 Ge- 
fangene, 14 Geschütze und 100 Munitionswagen, 
darunter etwa 30 mit 21 cm-Granaten beladene, in 
der Hand des bayerischen Leib-Infanterieregiments. 
Vor der ganzen Front der Gruppe Krafft leistete 
der durch schwere Artillerie unterstützte Feind kräfti- 
gen Widerstand. Am 30. November trat die 9. Ar- 
mee aus dem Verbande der Heeresfron Erzherzog 
Joseph zur Heeresgruppe Mackensen über. Die Do- 
nau-Armee war mit linkem Flügel auf Mihalesti 
gegen den Argesvorgestoßen, während das Kavallerie- 
orps Schmettow in Gegend Baciu kämpfte und 
der linke Flügel der Gruppe Kühne über die Straße 
Pitescht-Giurgiu auf Selaru (54 km südöstlich 
Pitescht) vorging. Die nördlich Cämpulung kämpfende 
Gruppe der 9. Armee hatte feindliche Nachhuten über 
Cämpulung zurückgedrängt undleitete die weitere Ver- 
folgung gegen Linie Targoviste-Valea Lunga 
(18 km nordöstlich Targoviste) ein. 
Einem am 1. Dezember bis Ratesti durchstoßenden 
bayerischen Regiment der Gruppe Krafft fielen zwei in 
einem Kraftwagen heranfahrende Generalstabsoffi- 
ziere der 8. rumänischen Division in die Hände. Ein 
diesen Offizieren abgenommener Armeebefehl (Ope- 
rationsbefehle Nr. 562 und 563 für 1. Dezember 1916) 
besagte unter anderem: 
»Die erste Armee hat die Ausgabe, in den Stellungen 
zu kämpfen, welche sie einnimmt und sich z halten um 
jeden Preis. Weiter hat die Armee die Aufgade, alle 
Kräfte des Feindes an der Front aufzuhalten und alle 
Angriffe, die versucht werden, zurückzuweisen... Von 
der heutigen Aktion hängt alles ab, das ganze Schicksal 
unseres Volkes. Ich bitte alle Offiziere und Truppen, 
auf ihren Posten zu sterben... Ich rufe allen in Er- 
innerung, daß es gegen Feiglinge kein Mitleid gibt. Die 
Kommandanten der Armeekorps, Divisionen und deta- 
chierten Abteilungen werden summarisch vorgehen. Ohne 
Rücksicht auf den Rang werden alle sofort hingerichtet. 
Rettet euer schönes Vaterland von den Horden der Bar- 
baren. Offiiere und Truppen der 1. Armeel Gott möge 
euch gnädig sein. Vorwärts mit Gott, für Land und König! 
Kommandant der 1. operierenden Armee: 
General Stratilescu. 
Ein Schlaglicht fällt auf diesen Appell an die 
Tapferkeit durch Nr. 4 des Befehls Nr. 562: 
„Jeder Truppenkörper, der sich in erster Limie befinder, 
hat Polizeiposien aus der Bataillonsreserve in Stärle 
von guten Soldaten unter Führung eines Offiziers 
aufzustellen, damit sie zurückgehende und feige Elemente, 
die ihre Kameraden während des Kampfss verlassen, zu- 
rücktreiben können ... Gleichzeitig wird den Truppen 
bekanntgegeben, daß Befehl erlassen wurde, nach welchem 
die Maschinengewehre und Kanonen auf Fliehende ge- 
richtet werden.= 
Aus den Befehlen wurde weiter bestätigt, daß eine 
neu gebildete Stoßgruppe zum Angriff gegen die 
deutsch-bulgarische Donau-Armee vorging und daß 
vor der Front der Gruppe Krafft vier Divisionen 
standen. Die neue, durch den erbeuteten Armeebefehl 
bestätigte operative Lage bedingte neues und schnelles 
Handeln. General v. Falkenhayn entschloß sich so- 
fork, nunmehr gegen beide Armeen vorzugehen. Die 
Gruppe wurde in der Mitte auseinandergefaltet, ihr 
linker Flügel dem vor Gruppe Krafft siehenden Feinde 
in den Rücken geführt, während der rechte Flügel ge- 
gen den Rücken des die Donau-Armee angreisensen 
egners angesetzt wurde. Aus dieser neuen Lage 
entwickelte sich vom 1. bis 3. Dezember die Schlacht 
am Arges.
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        Kriegsberichte: Kämpfe vom Rotenturmpaß bis Titu; Einbruch in die Walachei 231 
Der Einbruch in die Walacheit. 
Veröffentlicht am 3. Februar 1917. 
Die Operationen der Gruppe Kühne von Petro- 
seny auf Slatina. 
Nach dem Siegeszug der 9. Armee von Hermann- 
stadt durch den Geisterwald bis über Kronstadt lag 
wohl der Gedanke nahe, nunmehr auf kürzester Linie 
nach Süden in Richtung Bukarest sowie vom Roten- 
turmpaß im Alttal vorzustoßen und damit das 
ganze Gebiet der Kleinen Walachei abzutrennen. Die 
rumänische Heeresleitung hatte sich mit ihrer Kräfte- 
verteilung auf diesen voraussichtlichen Plan vorbe- 
reitet. Aber das „Unvorhergesehene geschah. Statt 
des sofortigen Angriffs starker Kräfte von Norden 
auf Bukarest setzte ein unerwarteter Durchbruch an 
entfernter Stelle, im Bulkangebirge, ein. 
Unter der Verschleierung einer bisher am Vul- 
kan= und Szurdukpaß operierenden Gruppe (Kneußl) 
wurde der überraschende Vorstoß starker Angriffskräfte 
(Gruppe Kühne) vorbereitet. In Petroseny hatte der 
Oberbefehlshaber der 9. Armee mit Generalleutnant 
Kühne alle Maßnahmen zur Durchführung erwogen: 
Eine beiderseits der Szurduk-Paßstraße vor- 
brechende Offen sive sollte zunächst im Gelände von 
Tärgu-Jiu die Gebirgsausgänge öffnen und offenhal- 
ten. Unmittelbar darauf sollte das selbständige Ka- 
valleriekorps Schmettow nach Süden in das rumä- 
nische Hügelland vorgehen, um später den Vormarsch 
der Gruppe Kühne in allgemein füdöstlicher Richtung 
auf der rechten Flanke zu begleiten. Für den 11. No- 
vember war die Fortsetzung des Angriffs der ganzen 
9. Armee etwa in folgender Weise gedacht: 
Auf dem linken Donau-Ufer hatte die gegen die 
rumänische-Orsova-Gruppes kämpfende Gruppe des 
k. u. k. Oberst von Szivo längs des Stromes nach 
Ostenvorzugehen. Die Gruppe Kühne sollte die Offen. 
sive in Richtung Tärgu-Jiu beginnen, während 
die Gruppe des Generals Krafft von Delmensingen mit 
starkem rechten Flügel den Angriff auf Rämnic- 
Valcea-Curtea de Arges weiterführte. Ostlich 
anschließend sollten Angriffsgruppen den Vorstoß nach 
Süden auf Cämpulung und Sinaie fortsetzen. 
Während die von der Gruppe Kneußl Ende Okto- 
ber genommenen Stellungen am Vulkan= und Szur- 
dukpaß in allgemeiner Lmie: Nordhang D. Seniu- 
leului-Pienia und östlich gegen wiederholte heftige 
Angriffe gehalten wurden, arbeiteten Stäbe und Trup- 
pen in Anspannung aller Kräfte an der schnellen Ver- 
besserung der aus dem Becken von Petroseny -Kim- 
pulunyag über den Gebirgskamm führenden Ver- 
bindungen. In mühsamer Arbeit wurde der Anstieg 
in die Pässe vorbereitet. Besonders schwierig gestal- 
teten sich die Verhältnisse im Bulkanpaß. Auf den 
schlüpfrigen, mit glatten Felsstufen durchschnittenen, 
häufig mit 15 — 25 Grad ansteigenden Lehmstrecken 
hatte sich die Bewegung von Geschütz und Fahrzeugen 
selbst bei einer Bespannung mit 12 Pferden als un- 
durchführbar erwiesen. Drahtseilwinden und andere 
technische Hilfsmittel mußten herangezogen werden. 
Bis zum 10. November waren die Angriffsvorberei-- 
tungen beendet. 
FHar taktischen Einleitung der Offensive nahmen 
Teile der Gruppe Kühne zunächst die östlich der Szur- 
duk-Papßstraße liegende 
uncel-Stellung und eine 
1 Vgl. die Karte » Der rumänische Feldzug im Herbst 1916. 
bei S. 222. 
südlich anschließende befestigte Kuppe (Urina Bou- 
lui), während starke feindliche Angriffe gegen das Ge- 
lände der Gruha Mare, westlich der Vulkan-Paßstraße, 
abgewiesen wurden. 
Am 11. November brach für die rumänische Heeres- 
leitung überraschend der Angriff der Gruppe Kühne 
planmäßig aus dem Vulkangebirge vor. Auf bei- 
den Flügeln war eine Division angesetzt: zwischen 
Vulkan= und Szurduk-Paßstraße in zwei Gruppen 
mit Ziel D. Lefului-Südhang Plesa, östlich der 
Szurduk-Paßstraße gegen den Posta ia-Rücken. Un- 
ter den Augen des nördlich Bumbesti beobachtenden 
Oberbefehlshabers der 9. Armee wurde in kraftvoll 
durchgeführtem Stoß der Angriff aus der genomme- 
nen Linie Lesului-Schela-Postaia fortgesetzt. Der 
Widerstand ständig ausgebauter Stützpunkte und ein- 
zelner Panzerwerke mußte durch schweres Artillerie- 
feuer gebrochen werden. Am 13. November wurde 
von der westlichen Gruppe die Gegend von Valari 
zenommen. Ein württembergisches Gebirgsbataillon 
schlug hier wiederholte starke Gegenangriffe ab und 
hielt den Ort fest in der Hand. Vor dem zunehmen- 
den Druck des ngeis gab der Feind in langsamem 
Hurügehennach üdosten seine Stellungen auf. Die 
ortsetzung des Angriffs gegen den auf den Höhen 
südlich und Fnsuch Vr--Fin sich wieder festsetzen- 
den Verteidiger wurde eingeleitet. 
Die rumänische Heeresleitung hatte inzwischen ver- 
sucht, durch Abtransport stärkerer Kräfte nach Gegend 
Tärgu.Jin das Schlachtenglück zu wenden, den stra- 
tegisch wichtigen Punkt zu halten und durch eine Flan- 
kenstellung östlich des Ortes dem Angreifer den Weg 
in das Gilorttal zu sperren. Die Lage war aber nicht 
mehr zu retten. Im umfassenden Angriff gegen die 
Linie Valeni (an der Jiu-Talstraße)-Seasa (süd- 
östlich Tärgu-Jiu) wurde der sich besonders gegen die 
linke Stoßgruppe zähe schlagende und auf dem öst- 
lichen Gilortufer verschanzende Feind am 17. Novem- 
ber zum weiteren Rückzug nach Südosten gezwungen. 
Die Schlacht bei Tärgu-Jiu öffnete das wichtige, aus 
dem Vulkangebirge nach Süden und Südosten füh- 
rende Wegenetz und bildete den Schlüssel zu der wei- 
teren strategischen Offensive gegen den Altfluß, mit 
dessen überwindung das Schicksal des rumänischen 
Heeres besiegelt wurde. In etwa 20 km breiter Front, 
mit dem rechten Flügel über Filias - Craiova, mit 
dem linken Flügel über Carbunesti im Amaradi-Tal, 
trat die Gruppe Kühne den Vormarsch gegen den Alt 
an. Als Flankensicherung gegen die vom rechten Flü- 
gel des Alpenkorps angegriffene rumänische Gruppe 
wurde eine Division im Alttal und über die Cerna in 
Richtung Dragasani angesetzt. 
Während dieser Zeit wehrte sich im Kampf um ihre 
Wassenehre die rumänische Orsova-Gruppe 
(Teile der durch Maschinengewehre und Artillerie ver- 
stärkten Regimenter 1, 17 und 31) gegen den Druck 
einer vom k. u. k. Oberst Szivo geführten, durch deut- 
sche Radfahrer verstärkten, gemischten Brigade im Ge- 
lände zwischen Orsova und Turn--Severin. Zur 
Unterstützung der in dauernden heftigen Gefechten 
stehenden Gruppe Szivo und zur Erledigung des un- 
sere rückwärtigen Verbindungen belästigenden Feindes 
wurde von der Gruppe Kühne ein verstärktes Bataillon 
längs der Bahnlinie auf Turn-Severin abgezweigt. 
Mit dem Mut der Verzweiflung wendete sich der Feind 
auch gegen diese schwache, seinen Rücken angreifende 
Abteilung, die nach Wegnahme von Turn-Severin 
in kritischer Lage alle Angrisse des weit überlegenen
        <pb n="294" />
        232 
Feindes abwehrte. In dauernder Abwehr und Ge- 
enstößen zog sich die Orsova-Gruppe langsam nach 
Südosten zurück und streckte erst -n en Ende der 
ersten Dezemberwoche auf dem west gßhen Altufer in 
Gegend südlich Caracal die Waffen. 
Das Kavalleriekorps Schmettow hatte nach 
Offnung der Gebirgsausgänge bei Tärgu-Jiu am 
17. November den Vormarsch über Condulesti und 
Cetatea in allgemein südöstlicher Richtung angetreten. 
Die rechte Kolonne (6. Kavalleriedivision) erzwan 
sich im Gefecht den übergang über den Timans.Bach 
bei Vladoi südwestlich Tärgu-Jiu zum Vorgehen auf 
Condulesti, während der linken Division (7. Kavallerie= 
division) im Zusammenwirken mit dem Angriffsflügel 
der Gruppe Kühne der Durchstoß auf Cetatea 
gelungen war. Nach kurzem Vorstoß gegen einige 
noch im Höhengelände zwischen Motr- und Jiutal 
umherirrende Abteilungen wurde die allgemeine Rich- 
tung Filias-Craiovo eingeschlagen. Ungünstige 
Wegeverhältnisse bedingten zunächst einen engeren 
seitlichen Anschluß an die mit dem rechten Flügel 
auf der Hauptstraße Filias - Craiova marschierende 
Gruppe Kühne. Am 21. November vormittags er- 
reichte die Aufklärungseskadron des Rittmeisters 
v. Borke die Stadt Craiova, nahm dort mehrere 
Offiziere und fast 200 Mann gefangen und erbeutete 
6 Maschinengewehre. Etwa gleichzeitig besetzte auch 
die rechte 41. Division der Gruppe nühe die Stadt. 
Die Division hatte den bei Tärgu-Jin geschlagenen, 
bei Filias nochmals angegriffenen Feind nicht zum 
Halten kommen lassen und auf Craiova scharf ver- 
folgt. Die nördlichen Kolonnen der Gruppe Kühne 
erreichten an diesem Tage die Gegend westlich der 
Straße Craiova-Oteteliseu. 
Die nächste gemeinsame Aufgabe für die Gruppe 
Kühne und das Korps Schmettow war nun die 
Säuberung des westlichen Altufers vom Feinde 
und die Erzwingung des Überganges über diesen 
strategisch bedeulsanen Abschnitt. Die letzte strate- 
gische Verteidigungslinie gegen einen von den Kar- 
pathen oder längs der Donau vorgehenden Angrei- 
fer bildet westlich der Hauptstadt der Altfluß mit sei- 
nen steilen felsigen Uferstellungen, die nach Auffassung 
des rumänischen Generalstabes in Gegend Slatina 
als unangreifbar galt. Im Norden hatte die Gruppe 
Krafft den Alt bereits hinter sich und drängte unauf- 
haltsam im Vorgehen auf Rämnic-Valcea- 
Curtea de Arges die eindliche Heeresgruppe nach 
Südosten auf Pitestt. drohte auch von Westen 
der starken Flußstellung das gleiche Schicksal. Dem 
hier geschlagenen Verteidiger blieb nur der Rückzug 
in nordöstlicher Richtung offen. Die Rückzugslinien 
von Pitesti und vom Ostufer des unteren Alt treffen 
sich hinter dem Arges zwischen Bukarest und Titu. 
Dort mußte sich das Schicksal des zwischen zwei un- 
erbittlich vordrückenden Stoßgruppen eingekeilten. 
von Cämpulung stark bedrohten, vom linken Flügel 
der bei Svistov übergegangenen Donau-Armee an- 
gegriffenen Heeres erfüllen. 
General v. Falkenhayn befahl die Weiterführung 
der Operationen für Gruppe Krafft auf Pitescht, für 
Gruppe Kühne gegen den Alt--Abschnitt Slatina- 
Dragasani. Korps Schmettow sollte zunächst die 
Brücken im Abschnitt Caracal-Slatina nehmen. Das 
Kavalleriekorps erreichte am 23. November den be- 
fohlenen Abschnitt. Caracal und die nur leicht be- 
schädigte Altbrücke wurden genommen, der zurück- 
gehende Feind verfolgt und der Brückenkopf bei Stoe- 
den Brückenkopf von Stoenesti 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
nesti östlich Caracal für die nachfolgende Marsch- 
kolonne der Gruppe Kühne offengehalten. Mit den 
Hauptkräften wendete sich das Kavalleriekorps nach 
Norden zur Unterstützung einer bei Slatina in schwe, 
rem Kampf stehenden Infanteriedivision. Der über 
die Cerna vorgegangene linke Flügel der Gruppe 
Kühne folgte nöch kurzem Gefecht dem weichenden 
Gegner auf dem Nordufer des Pesteana-Baches in 
Richtung Dragasani und setzte sich auf dem Westufer 
und auf einigen Inseln des Alt fest. 
In starken und mit schwerer Artillerie verteidigten 
Stellungen bei Slatina leistete der Gegner heftigen 
Widerstand. Mehrfache übergangsversuche beiderseits 
Slatina blieben zunächst ohne Erfolg. Generalleut- 
nant Kühne entschloß sich deshalb, durch einen über 
gegen die Slatina- 
stellung gerichteten Vorstoß die Entscheidung herbei- 
zuführen. Während Korps Schmettow von Caracal 
über den Bede- Abschnitt bei Rosiori de Vede und 
nördlich vorging, stießen starke Kräfte der Gruppe 
Kühne über Stoenesti auf dem linken Altufer nach 
Norden vor. Unter ihrem Druck räumte der Feind 
am Vormittag des 27. Novembers 1916 seine Stel- 
lungen bei Slatina und ging nach Nordosten zu- 
rück. Der Alt-Abschnitt Caracal-Dragasani 
wurde von der Gruppe Kühne überschritten. 
Die rumänische Heeresleitung mußte sich in das 
Unabwendbare fügen. 
Verfolgungskämpfe vor Lukarest!. 
Veröffentlicht am 9. Dezember 1916. 
Es war der rumänischen Heeresleitung nicht ge- 
lungen, die geschlagenen Verbände, die aus den Trans- 
sylvanischen Alpen, der walachischen Ebene, von der 
Donau auf Bukarest zufluteten, an einem der west- 
lich vorgelagerten Flußabschnitte in einheitlicher, wi- 
d tundsföhiger Verteidigungsfront aufzubauen. 
ie Donau-Armee, die in kräftigen Schlägen 
den Feind von Stellung zu Stellung zurückwarf und 
bereits am 29. November mit einzelnen Teilen den 
Arges erreichte, hatte sich wie ein Keil auf die Fe- 
stung vorgeschoben und damit die vorgelagerten Fluß- 
abschnitte ihrer Kiderstandsfähigkei beraubt Siehat. 
bevor der Feind zur Besinnung kam, ihm die Bewe- 
ungsfreiheit entrissen, die Hauptstadt Überraschend 
chnell dem seelischen Druck unmittelbarer Bedrohung 
unterworfen. Ihr freischwebender linker Flügel hatte 
sich freilich während der folgenden Tage noch starker 
feindlicher Verbände zu erwehren, die vor der Armee 
des Generals v. Falkenhayn auf Bukarest zurückwichen 
und dem Nordflügel der Donau-Armee Ferbei in 
die Flanke und in den Rücken gerieten. Die Hoff- 
nung des Feindes, hierbei die Donau--Armee von 
Norden nach Süden aufrollen zu können, scheiterte 
jedoch an der Tapferkeit der am linken Flügel aushar- 
renden deutschen Regimenter. Die vor dem Arges 
aufgebaute Mauer kam nicht ins Wanken. 
Am 26. November hielt sich der Feind noch am 
Alt- Abschnitt. Er verteidigte zäh den Durchgang 
bei Slatina; aber eine Division, die flußabwärts 
den Alt überschritten hatte und nordwärts vorstieß, 
nötigte ihn, den Flußlauf preiszugeben. Es entwickel- 
ten sich alsdann östlich Slatina heftige Reiter- 
kämpfe. Aufklärende deutsche Kavallerie warf stär- 
kere feindliche Infanterie und Artillerie zurück. Eine 
1 Vgl. die Karte » Der rumänische Feldzug im Herbst 19154 
bei S. 222.
        <pb n="295" />
        Kriegsberichte: Walachei; Bukarest; Braͤila 
Attacke dreier rumänischer Eskadrons brach im Feuer 
eines Dragonerregiments zusammen. Am 27. No- 
vember trat die Kavallerie des Generals v. Falken- 
hayn östlich Rosiori de Vede mit der Kavallerie des 
Generalfeldmarschalls v. Mackensen in Verbindung. 
Die Infanteriekörper der beiden Armeen waren aber 
noch etwa 80 km voneinander getrennt. Die Do- 
nau- Armee stand am 29. November in nordöst- 
licher Richtung mit der Front gegen den Arges 
etwa 25 km von der Bukarester Fortlinie#entfernt. Dr 
linker Flügel hatte nach harten Kämpfen bei Prunaru- 
Naipu-Balania entlang der Straße Alexandria-Bu- 
karest den Neaglow-Abschnitt erzwungen und berei- 
tete sich zum Angriff auf die Arges-Linie vor. 
Falkenhayns Divisionen, die nach überwindung des 
Altflusses in Eilmärschen in Ostrichtung gegen Bu- 
karest vorrückten, kämpften sich an diesem Tage an 
die Bahnlinie heran, die von Rosiori de Vede nord- 
wärts führt. Den noch erheblichen Zwischenraum 
zwischen ihrer Front und dem linken Flügel der Do- 
nau-Armee sicherte Kavallerie. Sie trieb den nörd- 
lich Alexandria flüchtenden Feind vor sich her und 
machte täglich Gefangene, darunter serbische Freiwil- 
lige, die in russischen Uniformen steckten. Geschütze 
und Maschinengewehre fielen in ihre Hände. 
In dem rechten Winkel zwischen der Nordfront der 
Kavallerie und der Ostfront der Infanterie des Ge- 
nerals v. Falkenhayn hatten sich unterdessen die aus 
drei Himmelsrichtungen zurückweichenden feindlichen 
Verbände zu solchen Massen zusammengeballt, daß 
die dünnen Kavallerielinien ihnen stellenweise aus- 
weichen mußten, und der Feind sich südwärts in den 
wischenraum zwischen der siebenbürgischen und der 
onau-Armee vorschieben konnte. Es war zunächst 
ein willenloses Vortasten durcheinander geworfener, 
von mehreren Seiten bedrängter feindlicher Didvisio- 
nen. Die rumänische Heeresleitung hatte unterdessen 
aus in der Dobrudscha durch Russen abgelösten ru- 
mänischen Kräften nordwestlich Bukarest eine Stoß- 
gruppe gebildet und sie gegen den linken Flügel 
der Donau-Armee angesegzt. Sie solltesich zwischen 
die beiden, wie man vermutete, noch nicht vereinten 
Armeen zwängen und alsdann die Donau-Armee im 
Rücken fassen. Es war der letzte Trumpf, den die Füh- 
rung des Feindes in der Hand hatte. Der Armee- 
beseht. mit dem General Stratilescu die Stoßgruppe 
zum Angriff vorschickte, gibt in seinen Schlußsätzen 
dieser verzweifelten Anschauung Ausdruck: 
»Von der heute beginnenden Akion hängt das Schick- 
sal unseres Stammes ab. Ich verlange von allen Offl- 
zieren und Truppen, auf ihren Plätzen zu sterben im An- 
griff oder im Gegenangriff gegen den Feind, der unsere 
Stellungen nehmen will. Es ist jedem in Erinnerung 
zu bringen, daß c ohne Gnade gegen Feiglinge einschrei- 
ten werde; sie sind durch die Korps= und bie Divisions- 
kommandanten auf der Stelle zu richten. Befreit das 
Land von den grausamen Barbaren, Offiziere und Leute, 
und Gott wird euch lohnen # 
Gegen den linken Flügel der Donau-Armee setzten 
nunmehr Vorstöße aus Nordost, aus dem Norden 
und aus dem Westen ein. Er mußte sich im Halbbkreise 
umbiegen, um sich der Angriffe aus den drei Richtun- 
gen zu erwehren. — Deutsche Truppen haben hier 
egen einen Übermächtigen, erbittert kämpfenden Feind 
a0- denhaft gefochten. Die tapferen, bis in den Tod 
getreuen Regimenter des linken Armeeflügels formier- 
ten sich zu einem Eckpfeiler, der nicht von der Stelle 
wich und den feindlichen Willen zerbrach. Ihrem un- 
erschrockenen Ausharren und ihrer glänzenden Gegen- 
233 
wehr ist es zu danken, daß die Donau-Armee ohne 
Geländeverlust ihre vor Bukaresterreichten Linien hal- 
ten konnte. Die feindlichen Jossen die sich zwischen 
ihrem Rücken und der Front der siebenbürgischen Ar- 
mee vorschoben, wurden von Kavallerie, von einer zur 
Verfügung gehaltenen türkischen Division und einer 
von Rosiori de Vede herbeigeeilten bayerischen Divi- 
sion aufgefangen und trotz ihres Übergewichtes in ener- 
gischen Gegenstößen zurückgeworfen. Ihre überreste 
verflüchtiglen sich im Schutze der Nacht. Rumänische 
Kräfte, die südlich Bukarest angriffen, erlitten gleich- 
falls eine Niederlage. Der leßie Trumpf hatte versagt. 
Unter Gefechten konnte in den folgenden Tagen der 
Vormarsch fortgesetzt werden. Der Sieg am Arges, 
der Schulter an Schulter von der Donau-Armee und 
der Armee des Generals v. Falkenhayn erfochten 
wurde, brach die feindliche Widerstandskraft völlig. 
Neben ungeheuren blutigen Verlusten wurden dem 
Feinde etwa 19 000 Gefangene abgenommen und zahl- 
reiche Geschütze und anderes Material erbeutet. Der 
Donau-Armee allein fielen am 3. und 4. Dezember 
39 Geschütze und über 5000 Gefangene in die Hände. 
Kavallerie und Flieger unterbrachen Bahnlinien im 
Rücken des rumänischen Heeres. In zehn Tagen ist 
eine vernichtende Katastrophe über das rumänische 
Heer hereingebrochen. 
In der Dobrudscha haben sich fünf russische 
Divisionen in einer Entlastungsoffensive vor 
den stark befestigten Linien unserer dortigen verbün- 
deten Truppen blutige Köpfe geholt. Ihre acht An- 
griffe sind völlig abgeschlagen. Feindliche Regimen. 
ter, die sich nachts auf Sturmnähe herangeschlichen 
hatten, wurden im Gegenangriff zurückgejagt. Fünf 
englische Panzerautomobile Helen dem Feuer unserer 
Artillerie zum Opfer. Die überlebenden Insassen, 
wei englische Offiziere, wurden gesangengenommen. 
uch der moderne Trajanswall, d. h. Graben, hat der 
slawischen Flut widerstanden. 
Der Vormarsch der Donau Armer von Hukaarest 
auf Prüllat. 
Veröffentlicht am 15. und 16. Februar 1917. 
J. 
Die Berfolgungskämpfe östlich Bukarest. 
Am 6. Dezember war die Festung Bukarest 
besetzt worden. Der Heeresgruppe v. Mackensen 
war als Ergebnis großzügig entworfener und ener- 
Hicch durchgeführter Operationen eine kostbare Frucht 
n den Schoß gefallen, aber das erstrebte strategische 
Ziel war damit noch nicht erreicht. Mit klingendem 
Spiel zogen die Regimenter in raschem Marsch durch 
die festlich gestimmten Straßen der Hauptstadt — hin- 
aus in die walachische Ebene. Die inneren Flügel 
der beiden Armeen hatten am 6. Dezember Bukarest 
durchstreift, ohne daß es zu Straßengefechten kam. 
Sie nahmen ohne Verweilen die Verfolgung des flie- 
henden Gegners auf. Am Nachmitta beaselden Ta- 
es hatten Truppen des Generals v. Falkenhayn den 
eften Widerstand des verschanzten Gegners westlich 
Ploescht gebrochen und diesen wichtigen Eisenbahn- 
knotenpunkt gestürmt. Es wurde ein rascher Vorstoß 
auf Buzeu befohlen. Der Sack, den die zwischen Bu- 
karest und dem Sereth ausgebreitete walachische Ebene 
bildet, sollte gewissermaßen durch Druck vom Gebirge 
1 Ugl. die Karte » Der rumänische Feldzug im Herbst 1916. 
bei S. 222.
        <pb n="296" />
        234 
her ausgepreßt werden. Der Donau-Armee fiel die 
mühsame Aufgabe zu, mit der auf Buzẽu- Rimnic- 
Särat vordringenden 9. Armee in einer weit aus- 
holenden Linksschwenkung Schritt zu halten. Da an den 
größeren Abschnitten mit heftigem Widerstand zu rech- 
nen war, war die Leitung der Heeresgruppe darauf 
bedacht, durch ein kräftiges Vorschieben des linken 
Flügels die befestigten Linien der Ebene ihres Wer- 
tes zu verauben. Die Schachzüge des gestaffelten Vor- 
gehens sind völlig planmäßig gegl t. und sie haben 
ihre Wirkung auch auf die Dobrudscha-Front aus- 
geübt. Am 5. Januar 1917, einen Monat nach der 
Einnahme von Bukarest, war der Sereth erreicht 
und die Donau von Giurgiu bis Bräila, also auf 
einer Strecke von etwa 260 km, dem Feinde entrissen. 
Die Verteidigungskraft des Feindes war zunächst 
gering. Die rumänischen und russischen Verbände 
hatten vor Bukarest in den schweren Schlachten am 
Arges so vernichtende Schläge erhalten, daß sie sich 
eiligst nach rückwärts zogen. Aber ein anderer Feind 
stemmte sich dem Vormarsch entgegen: der durch Re- 
gen versumpfte, auch auf den wenigen Wegen grund- 
lose Boden, der selbst unsere an Schwierigkeiten ge- 
wohnten Balkandivisionen vor außergewöhnliche 
Aufgaben stellte. Der Wille der Führung und das 
Pflichtgefühl der Truppen bis zum letzten Kolonnen- 
fahrer arbeiteten sich aber unverdrossen durch den 
knietiefen Schmutz und die sonstigen Hindernisse hin- 
durch. Und unmittelbar hinter der fechtenden Truppe 
arbeiteten die Eisenbahner an der Sicherung des 
Nachschubs. In aufopfernder Hingabe brachten die 
Pioniere das Kunststück fertig, die Brücken, die über 
die vielen zum Teil tief eingeschnittenen Wasserläuse 
führten und die fast alle zerstört waren, so rasch wie- 
derherzustellen, daß die Verfolgung keine Unterbre- 
chung erlitt. Auch damit hatte der Gegner nicht ge- 
rechnet, daß es in diesem Gelände möglich sei, schwere 
Artillerie nachzuziehen. 
Die in starker Auflösung zurückgehenden rumäni- 
schen Kräfte und dass eblsc Bukarest geschlagene rus- 
sische Korps hatten wohl die Absicht, an der Jalo- 
miga zu verschnaufen und sich neu zu kräftigen. Zwi- 
schen diesem Fluß und dem Buzeu hatte der Russe 
starke Kavalleriemassen versammelt, um die gehetzten 
Divifionen wenigstens eine Zeitlang der lästigen Ver- 
folger zu erwehren. Weiter rückwärts vor der Linie 
Bräila-Rimnic-Särat sollte alsdann in vorbe- 
reiteten Stellungen der Vormarsch auf den Sereth 
mit starken Kräften endgültig zum Stehen gebracht wer- 
den. Einige Zeit früher hatte man offenbar noch da- 
mit gerechnet, dem Siegeszug unserer Armeen schon 
an der Jalomitza ein Ende zu bereiten. Da zu einer 
widerstandsfähigen Verteidigung dieses wichtigen Ab- 
schnittes die überreste der geschlagenen Verbände nicht 
ausreichten, hatte die russische Heeresleitung den schwe- 
ren Entschluß gefaßt, Verstärkungen aus der Dobru- 
dscha herüberzuziehen und damit den Besitz der nörd- 
lichen Dobrudscha aufs Spiel zu setzen. Der Wider- 
stand an der Jalomitza war aber von vornherein aus- 
sichtslos, da er durch die auf Buzeu vordringenden 
Teile der 9. Armee der Seitenstütze beraubt war. Be- 
reits am 10. Dezember erschien die Kavallerie der 
Donau-Armee an der Jalomitza bei Copuz und stieß 
in der Richtung auf Reviga durch. Bulgarische Kräfte, 
die zwischen Silistria und Tschernawodaüber 
die Donau setzten, bedrängten den linken Flügel des 
Feindes. Ohne sich einen Tag Ruhe zu gönnen,. setzte 
die Heeresgruppe die Verfolgung in nordöstlicher 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Richtung fort, mit der Absicht, mit vorgeschobenem 
starken linken Flügel und Staffelung nach rechts stär- 
kere Widerstandsversuche in der Ebene vom Gebirge 
her zu umfassen. Auf der freiwerdenden Donau wur- 
den an mehreren Stellen Fähren und Brücken gebaut. 
Es wurde dadurch eine festere Verbindung zwischen 
den beiden Armeen in der Walachei und der in der Do- 
brudscha kämpfenden bulgarischen Armee hergestellt. 
Nachdem am 15. Dezember der Buzeu--über- 
ang beiderseits der Stadt erkämpft war, setzte der 
Seic seinen Rückzug in zwei Hauptgruppen fort, 
mit einer Kolonne, dem Rest der rumänischen Armee 
und einer russischen Division, in der Richtung auf 
Rimnic-Särat, mit der anderen — in der Hauptsache 
russischen Kräften — in der Richtung auf Bräila. 
Es war damit zu rechnen, daß der Russe in dem bei 
Bräila ausgebauten Brückenkopf hartnäckigen Wider- 
stand leisten werde, da mit dem Schicksal von Bräila 
das der russischen Dobrudscha-Armee eng verknünpft 
war. Dieselben Erwägungen veranlaßten die Leitung 
der Heeresgruppe, die neu eingesetzte Offensive in der 
Dobrudscha mit größter Tatkraft durchzuführen, durch 
hortnächgie Bedrängung der ruffischen Kräfte diese 
über die Donau zu werfen und Bräila durch Umfas- 
sung im Rücken seiner Widerstandskraft zu berauben. 
II. 
Der Durchbruch bei Filipesti und die Einnahme 
von Bräila. 
Der Donau-Armee des Generals v. Kosch fiel 
die Aufgabe zu, den Brülckenkopf von Bröila von der 
walachischen Ebene aus in Besitz zu nehmen. Sie 
befand sich am 17. Dezember ebenso wie die links 
anschließende Armee des Generals v. Falkenhayn 
vor stark ausgebauten feindlichen Stellungen, die 
sich zwischen Rimnic-Särat-Buzen entlang der Linie 
Zvita-Balaceanu—-Galbenu-Visani-Filipesti-Gher- 
biseni-FiliuLacuregt hingezogen. In Eile wurde 
er Angriff auf diese Hauptstellung des Feindes 
vorbereitet, unter den schwierigsten Bedingungen 
wurden Munition und Geräte herangeschafft. Den 
von dem monatelangen ununterbrochenen Vormarsch 
stark ermüdeten Truppen wurde eine Rast von 
wenigen Tagen gegönnt. Sie wurde dazu benutzt, 
die zum Duschbuch eeigneten Abschnitte zu erkun- 
den und den Feind durch Feuerüberfälle über die 
Absichten zu täuschen. Die Sturmtruppen arbeite- 
ten sich an die Gräben des Feindes heran, der auf 
der ganzen Front mit starken Abteilungen vortastete 
und auch Kampfflieger einsetzte. 
Für den Angriff auf die vom Feinde mit frischen 
Kräften und schwerer Artillerie erheblich verstärkte 
mehrlinige Verteidigungsstellung wurde vor der 
Front der Donau-Armee Filipesti als Durch- 
bruchspunkt bestimmt. Hier an der Eisenbahnlinie 
kämpften in der Hauptsache deutsche Truppen, wäh- 
rend bulgarischen und türkischen Divisionen nach der 
Donau zu der Flankenschutz der Armee zufiel. Vier 
russische Infanterie- und zwei Kavalleriedivisionen 
standen den Truppen der Donau-Armee in sorgsam 
ausgebauten Stellungen gegenüber. Der Vorstoß 
der Heeresgruppe erfolgte wiederum wellenförmig. 
Die 9. Armee erstürmte am 22. Dezember die Vor- 
stellungen des Gegners westlich der Bahn Buzèu- 
Rimnic-Särat. Die Donau-Armeee hielt zunächst 
mit dem Angriff noch zurück. Wenn der vorgeschobene 
linke Flügel der Heeresgruppe über Rimnic-Särat 
vorkam, wurde die Rückzugslinie der südlich Bräila
        <pb n="297" />
        Kriegsberichte: Bukarest; Bräila; Somme und Siebenbürgen 
siehenden feindlichen Kräfte bedroht und ihr Wider- 
stand aussichtslos. Als dann nach schweren hin und 
her wogenden Kämpfen im Gebirge der Gegner auf 
seinem rechten Flügel zurückzuweichen begann, ging 
die Donau-Armee am ersten Weihnachtstag gegen die 
ihr gegenüberliegenden verschanzten Stellungen bei- 
derseits der Bahn Buzéu-Bréila vor. Besonders 
schwer war der Kampf um den Stützpunkt bei der 
Kirche von Filipesti und der Höhe 55. Beide wurden 
von Bayern gestürmt. Im Verbande der deutschen 
Truppen kämpfte auch das österreichisch-ungarische 
Detachement Szivo, das seinerzeit die bei Orsova ab- 
eschnittenen Abteilungen des Feindes entlang der 
onau verfolgt, aufgerieben oder gefangengenommen 
und ihnen reiche Beute abgenommen hatte. Die 
Gegenstöße des Feindes von Bagdad: her wurden 
abgewiesen. Die türkische Artillerie zwang ein Panzer- 
auto auf der Straße von Vizir zur Umkehr. Am 
folgenden Tage wurde der Geländegewinn ausgenutzt 
und der Feind in erbitterten Gefechten aus den rück- 
wärtigen Stellungen geworfen. Die Türken haben 
bei Vizir die schweren Kämpfe mit den Russen ruhm- 
reich bestanden, und die bulgarischen Sturmtruppen 
bewährten ihre zähe Tapferkeit in dem Ringen um 
Mocani, wo sie mit Feuerwellen überschüttet wurden. 
Starker Nebel erschwerte während der nächsten Tage 
die Operationen. Offensivstöße des Gezners kamen 
in dem Flanken- und Rückenfeuer der Nachbargrup- 
pen nicht zur Durchführung. Am 28. Dezember war 
die Heeresgruppe in einpettlicher Front auf- 
gerückt. Es wurde nunmehr sofort die Verfolgun 
wieder ausgenommen. Sie stieß auf eine neue star 
Hauptstellung mit mehreren Reihen Drahthinder- 
nissen, die sich von Dedulesti über die Eisenbahn nach 
Berlesti zog. Es mußte daher zunächst die schwere 
Artillerie umgruppiert und die neue Stellung erkun- 
det werden. Noch bevor es zum Sturm kam, lockerte 
sich durch das Vorkommen der 9. Armee die Verteidi- 
gungerraf des an der Bahn nach Bräila verschanzten 
gners. Ergeriet in Gefahr, seitlich umfaßt zu werden, 
und wich zurück. Die Donau-Armee blieb ihm in schar- 
fer Verfolgung auf den Fersen. Die Nachhutkämpfe 
waren erbittert. Einige Dörfer, in denen der Feind 
sich festsetzen wollte, wurden im Sturm genommen. 
Die Vermutung, daß der Russe im Brückenkopf 
von Bräila erneuten starken Widerstand leisten würde, 
bestätigte sich. Ein sofortiger Sturmangriff auf diese 
neuen Hindernisse konnte nicht ins Auge gefaßt wer- 
den, da die Nachführung der für einen Erfolg erforder- 
lichen Artillerie und Munition in dem schwierigen 
Gelände Vorbereitungen erforderte. Es durfte aber 
anderseits dem Feinde nicht eine so lange Frist ge- 
währt werden, den um Breila gezogenen Gürtel von 
Feldbefestigungen zu verstärken. Da brachte das Vor- 
dringen der Bulgaren östlich der Donau die Stadt in 
wenigen Tagen zu Fall. Die Dobrudscha-Armee hatte 
Befehl, die angestrengteste Verfolgung bis in den Nord- 
westzipfel dieses Landes fortzusetzen und von Mäcin 
aus Bräüla anzugreifen, insbesondere auch die Stra- 
ßen nördlich dieser Stadt und damit das Rückzugs- 
gelände der Russen unter ihr Feuer zu bekommen. 
Noch am 31. Dezember donnerte zahlreiches Ge- 
schütz aller Kaliber aus der dicht besetzten Brückenkopf- 
stellung, deren Erkundung durch unsichtiges Wetter 
erschwert war. Am 3. Januar hatten sich die Sturm- 
truppen der Donau-Armee an die feindlichen Linien 
1 Dorf sübdwestlich von Viztr. 
235 
herangearbeitet. Die rege Gefechtstätigkeit kam, durch 
die helle Nacht begünstigt, nicht mehr zur Ruhe. Der 
4. Januar brachte die Entscheidung. Eine deutsche 
Division durchbrach bei Roman die feindlichen Stel- 
lungen, die daraufhin nach der Donau zu aufgerollt 
wurden. Der Feind, der sich zunächst noch verzweifelt 
wehrte, aber dem Sturm erlag, erlitt überaus blutige 
Verluste und eine große Einbuße von Gefangenen. 
Es zeigte sich bei der Verfolgung, daß die Gräben 
für den Stellungskrieg ausgebaut und mit zahlreichen 
Unterständen versehen waren. Die schwere Niederlage 
ließ eine weitere Verteidigung der Donaustadt Bräila, 
die am selben Tage auch von Mäcin her gestürmt 
wurde, aussichtslos erscheinen. Die geschlagenen, 
aufgelösten russischen Kolonnen fluteten seit 
dem Morgengrauen des 5. Januar auf der ganzen 
Front vorderrücksichtslos nachdringenden Kavallerie 
der Donau-Armee zurück, die in der Mittagsstunde 
in Bräila einritt. Die Bevölkerung der Stadt war 
nicht geflüchtet, aber alle Fabriken waren systematisch 
gerstürt. Am gleichen Tage erreichte der linke Flügel 
er Donau-Armee den Sereth. 
Sommr und Siebenbürgent!. 
Veröffentlicht am 3. und 4. November 1916. 
1 
Die ungeheuerliche Ausdehnung des Weltkrieges 
hat alle den Kämpfen der Vergangenheit entnom- 
menen Maßstäbe für den Umfang wie für die Be- 
deutung der einzelnen Kampfhandlung entwertet. 
In früheren Kriegen gab es Schlachten, die im Zeit- 
raum von ein paar Stunden und auf Fronten von 
wenigen Kilometern über das Schicksal nicht nur 
eines Krieges, sondern großer Völker. ja ganzer Erd- 
teile auf Leuner: hinaus entschieden, die also 
wirklich die Bezeichnung Entscheidungsschlacht 
verdienten. Der Gegenwartskrieg hat eine Unzahl 
von Schlachten Hebra t, die als eine einheitliche, un- 
unterbrochene Kampfhandlung sich durch lange Mo- 
nate bingogen und hinziehen, ohne daß ihr Ausgang 
über den Umfang eben dieser einzelnen Kampshand- 
lung hinaus eine entscheidende Bedeutung besäße. 
Diese Kennzeichnung trifft anscheinend auch für die 
Sommeschlacht zu. Von den Angreifern freilich 
war sie zweifellos als Entscheidungsschlacht 
allergrößten Stils gedacht und angelegt. Sie 
sollte nach der Absicht unserer Feinde der strategischen 
Gesamtlage nicht nur an der Westfront, sondern auf 
der Gesamtheit der Kriegsschauplätze dreier Erdteile 
den rettenden Umschwung bringen. Im Rahmen der 
eingeleiteten Gesamtoffensive der Entente sollte sie die 
Mittelmächte unwiderruflich in die strategische Defen- 
sive drängen. Mehr noch: ihr Ziel war die endliche 
Durchbrechung unserer so oft berannten und immer 
unerschütterlich gebliebenen Westfront. War dieses 
Ziel erst erreicht, so mußte nach der Rechnung der 
Feinde unsere Westfront, einmal durchbrochen, völlig 
usammenbrechen. Unsere Heere mußten in Hast und 
nordnung zurückfluten, mußten mit jedem Schritt 
rückwärts einen Meter der im jähen Vorwärlssturm 
des Kriegsbeginns eroberten Feindeserde räumen 
und damit die wertvollen und für die vielberufene 
„Kriegskarte= so bedeutungsvollen „Faustpfänder- 
aufgeben. Vielleicht würden wir versuchen, uns zu- 
1 Ugl. die Karten »Somme — Ui##ne bei S. 214 und 2Der 
rumänische Feldzug im Herbst 19166 bei S. 222.
        <pb n="298" />
        236 
nächst noch einmal auf Feindeserde mit verkürzter 
Front zu einem neuen Widerstand zu stellen. Wahr- 
scheinlicher aber: wir würden in einem jähen Zurück- 
fluten bis mindestens zur Grenzmark unserer Heimat 
gedrängt werden. 
Daß dies der strategische Sinn der Somme- 
schlacht war, dürfen wir als unzweifelhaft erwiesen 
ansehen. Die Gesamtkriegslage zwang unsere Feinde, 
einen solchen Sieg im Westen mit allen Mitteln an- 
zustreben. Ihre Vorbereitungen waren so riesen- 
mäßig wie die Aufgabe. Bei allen ihren früheren 
Durchbruchversuchen hatten unsere westlichen Gegner 
trotz schon damals ungeheuren Einsatzes an Menschen 
und Kriegsmaterial recht trübe Erfahrungen machen 
müssen. Diesmal hatten sie sich noch weit besser vor- 
gesehen. Der ungeheure Umfang ihrer Vorbereitun- 
gen beweist am klarsten, daß es ihnen darum zu tun 
war, diesmal um jeden Preis die Entscheidung im 
Westen herbeizuführen. Insbesondere ist hier auf die 
Tatsache zu verweisen, daß Engländer wie Franzosen 
riesige Kavalleriemassen bereitgestellt hatten, um nach 
erzicltem Durchbruch sofort die Verfolgung einzuleiten, 
so den taktischen Sieg strategisch auszuwerten und zu 
einer vernichtenden Niederlage für unsere ganze West- 
front zu gestalten. 
Heutein:, nach einem Riesenkampfe von vier Mona- 
ten, welcher an Zurüstung, Dauer und Ingrimm 
alles jemals von Menschen bisher Geleistete und 
Erlebte um ein Erhebliches Übertrifft: Was ist der 
Erfolg? Zwar ist die Schlacht noch keineswegs ab- 
geschlossen. Im Gegenteil kann es nicht zweiselhaft 
sein, daß unsere Feinde ihre Anstrengungen fort- 
zusetzen, noch zu steigern gedenken. Dennoch gibt 
es einen Umstand, der zu einem vergleichenden Rück- 
blick auf das von unferen Feinden Erstrebte und 
Erreichte geradezu herausfordert. Dieser Umstand 
ist die Tatsache, daß während des Monats Oktober 
die feindliche Offen sive trotz wütender Anstürme 
nur noch Teilerfolge erzielt hat, im ganzen aber seit 
der Riesenschlacht vom 25. bis 27. September zum 
zweiten Male ins Stocken geraten ist. 
Die gewaltige Anstrengung dieses letzten, verhält- 
nismäßig erfolgreichen Großkampfes hat den Feinden 
ihren letzten nennenswerten Geländegewinn gebracht. 
Nach Hinzurechnung der keineswegs bedeutungsvollen 
Fortschritte des Oktobers ergibt sich ein im wesent- 
lichen unverändertes Gesamtbild des feindlichen Er- 
folges. Er besteht in einer Errungenschaft von 
etwa 300 qkm eines Geländes, das keinerlei Ortschaft 
von Bedeutung einschließt, keinen strategischen Stütz- 
punkt. Nicht einmal der Besitz der beiden Kleinstädte, 
deren Name früheren deutschen Siegen einen gewissen 
Klangverdankt, der Städtchen Péronne und Bapaume, 
ist den Feinden vergönnt worden. Von den entfern- 
teren Zielen St.-Quentin und Cambrai ganz zu ge- 
schweigen. Ihr Besitz hätte zwar auch noch entfernt 
nicht eine Entscheidung bedeutet. Immerhin würde 
er das allernächste Ziel der Feinde, die Zurückdrängung 
unserer Front über eine ernsthaft in Betracht kom- 
mende Strecke feindlichen Landes, in erreichbare Höhe 
gerückt haben. Nichts von all dem ist erreicht. Das 
Gesamtergebnis ist eine auf Karten etwa vom Maß- 
stabe selbst unserer größten Atlanten kaum erkennbare 
Einbuchtung unserer unerschütterlichen Front. 
Wenn wir uns fragen, mit welchen Opfern der 
Feind diesen Erfolg hat erkaufen müssen, so sind wir 
1 Anfang November 1916. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
naturgemäß auf Schätzungen angewiesen. Wir wis- 
sen, daß die Engländer ihre eingesetzten Divisionen 
erst herausziehen, wenn sie etwa 4000 Mann einge- 
büßt haben. Da die Engländer unter doppelter bzw. 
dreifacher Anrechnung derjenigen Divisionen, die 
zwei= bzw. dreimal eingesetzt wurden, an der Somme 
rund 100 Divisionseinheiten eingesetzt haben, so kom- 
men wir zu einer Verlustziffer von 400000 Mann 
allein für die Engländer. Daß diese Schätzungs- 
methode zutrifft, ergibt sich aus dem Umstande, daß die 
Engländer selber in ihren Verlustlisten bis Ende 
September einen Gesamtverlust von 372000 Mann 
zugegeben aben. Bei der Annahme, daß die Fran- 
gesen ihre Divisionen schon nach Verlust von 3000 
ann herausziehen, kommen wir für sie auf einen 
Verlust von 180000 Mann. So kommen wir zu einer 
feindlichen Gesamtverlustziffer von rund 600000. 
Mann, d. h. 2000 Mann auf den Quadratkilometer 
war zurückerkämpften, aber in eine grauenvolle 
üste verwandelten französischen Bodens! 
Die Erkenntnis, daß diese Opfer zu den bisher er- 
reichten Ergebnissen in einem schreienden Mißverhält- 
nis stehen, im unsere Feinde schon seit geraumer Zeit 
veranlaßt, ihre Anfangsabsichten in der Offentlichkeit 
u verleugnen und dafür ein wesentlich bescheideneres 
ndziel unterzuschieben. Als solches wird neuerdings 
die doppelte Absicht hingestellt: einmal auf unserer 
Westfront soviel Kräfte zu binden, daß es un- 
möglich sein würde, die uns vorlbergehend scheinbar 
entrissene Anzriffstraft unserer Gesamtkriegführung 
wiederum voll einzusetzen und gegen den neuen Feind 
zu wenden, den man uns inzwischen auf den Hals. 
gehetzthat. Zum mindesten aber durch die Zusammen- 
ballung der gesamten Angriffsmacht zweier großer 
Völker und den Einsatz der Waffen- und Munitions- 
industrie des Erdballs den hier gebundenen Bruch- 
teil unserer Kräfte völlig aufzureiben und. 
damit den Zusammenbruch unserer Widerstandskraft 
herbeizuführen. 
II. 
Der Verlauf der Sommeschlacht läßt sich in vier 
große Abschnitte einteilen, die im wesentlichen mit 
en Kalendermonaten ihrer Dauer zusammenfallen: 
Der Juli brachte den ersten Unsturm. Obwobl 
wir diesen erwartet hatien, darf doch zugestanden 
werden, daß die Stärke und Dauoer seiner artilleri- 
Hüschen Vorbereitung unsere Erwartungen um ei 
ielfaches übertroffen hat. Nur der beispiellosen Hin- 
gabe und Aufopferung unserer Truppen ist es zu 
gerdanken, daß es gelang, den ersten wuchtigen Durch- 
bruchsversuch aufzuhalten. Schon in der zweiten 
Julihälfte sah der Feind sich gezwungen, seine ur- 
sprüngliche Durchbruchsabsicht aufzugeben und an 
Stelle des Durchstoßes in nordöstlicher Richtung. also 
in die Spitze des von ihm im ersten Anlauf erkämpf 
ten Geländedreiecks hinein, die bescheidenere Taktik des 
Aufrollens durch auseinanderstrebenden Doppel- 
druck auf die Schenkel des Dreiecks zu setzen. 
Als auch diese neue Taktik bis Ende Juli nicht zum 
Erfolge geführt hatte, ging der Feind während des 
Monats August zu einer ziemlich planlosen Taktik 
des allgemeinen Drucks auf die Gesamtfront 
über. Sie brachte ihm trotz immer wiederholter höch- 
ster Kraftanstrengung nur unwesentliche Teilerfolge. 
Damals drängte sich unseren Feinden die Notwen- 
digkeit auf, dem allgemeinen Sinken der Siegeshoff- 
nung durch eine bedeutsame Neugestaltung der Dinge
        <pb n="299" />
        Kriegsberichte: Somme und Siebenbürgen 
entgegenzuwirlen. Durch kräftigen Druck gelang es, 
den neuen Feind, Rumänien, auf den Plan zu 
bringen. Eine Reihe von schwerwiegenden Kriegs- 
ratssitzungen fand statt. Für den Fortgang der 
Sommeschlacht wurden ihre Beschlüsse von einschnei- 
dender Bedeutung. Die deutsche Führung hat diese 
Beschlüsse und ihre Auswirkung voll erkannt und 
auch ihrerseits zum Ausgangspunkt wichtiger und 
heilsamer Entschließungen gemacht. Von dem Sep- 
temberkriegsrat unserer Feinde datiert die wiederum 
völlig veränderte Taktik, welche in der Folge ein- 
geschlagen wurde, und die während des Septembers 
auch zu einer unleugbaren Steigerung des feindlichen 
Vordrängens und zu verhältnismäßig bedeutenden 
Erfolgen geführt hat. In drei großen Anläufen, 
vom 3. bis 7. September, vom 12. bis 17. September 
und mit stärkster Anspannung und entsprechend be- 
deutsamem Erfolge am 25. bis 27. September, ver- 
suchte der Feind, seine neue Absicht zu verwirklichen. 
Man muß anerkennen, daß diese neue Taktik nichts 
anderes bedeutet, als entschlossene, nur den veränder- 
ten Umständen entsprechend etwas abgewandelte 
Wiederaufnahme der kühnen Anfangsabsicht: des 
strategischen Durchbruchs, der nun wiederum die 
Richtung auf die Spitze des erkämpften Dreiecks be- 
kam. Da diese Spitze nördlich der Somme, im Ab- 
schnitt zwischen Somme und Anere, lag, so brachte 
der neue Plan des Septemberbeginns die endgülltige 
Spaltung der Sommeschlacht in zwei im wesentlichen 
getrennte Schlachten. 
Die Südschlacht, im Abschnitt Biaches bis 
Vermandovillers, zeigte nach einem großen 
Durchbruchsversuch auf der Gesamtfront von Mitte 
September an ein allmähliches Nachlassen der Gesamt- 
stärke. Trotzdem hat der Feind auch in der Süd- 
schlacht — zwar nicht auf Grund eines großen ope- 
rativen Gedankens, wohl aber durch eine Reihe kraft- 
voller Einzelstöße — einen immerhin erkennbaren 
Geländegewinn erzielt, insbesondere in den Abschnit- 
ten zwischen Berny und Chaulnes, also an der 
Südecke des Dreiecks. Von einem weiteren Ausbau 
dieser Erfolge hat er, jedenfalls infolge der bereits 
erlittenen Verluste, Abstand nehmen müssen. Dafür 
verlegten unsere Feinde die Wucht ihrer gemeinsamen 
Angriffe ganz unverkennbar in den Nordabschnitt 
zwischen Somme und Anere, und hier ist es ihnen 
gelungen, das erkämpfte Dreieck nicht unerheblich zu 
erweitern. Den Höhepunkt ihrer Anspannung und 
ihres Erfolges bedeutet die Schlacht des 25. bis 27. 
September, welche den Feinden die Ortschaften 
Gueudecourt und Rancourt und das gesamte 
zwischen ihnen liegende Gelände, eingeschlossen die 
größere Ortschaft Combles, eintrug. Das Ziel 
ihrer unerhörten Anstrengung aber, den strategi- 
schen Durchbruch an der Spitze des Dreiecks, haben 
sie auch in dem unvorstellbar gewaltigen und mörde- 
rischen Ringen des Septembers nicht erreicht. Das 
beweist ein Blick auf die Karte der Lage zu Ende Sep- 
tember: Das Dreieck, welches zu Beginn des Sep- 
tember mit der Spitze bei Longueval im wesentlichen 
im Sinne der Hauptangriffsrichtung lag und so 
die feindliche Anfangsabsicht des strategischen Durch- 
bruchs wenigstens in der Anlage verkörperte, hat sich 
nach der gescheiterten Wiederaufnahme dieser Anfangs- 
absicht im Laufe des Septembers zu einem flachen * 
gen verwandelt. Das feindliche da konnte also nur 
in den Schenkeln des Dreiecks in stärkerem Maße er- 
237 
reicht werden. Gerade da, wohin die Gesamtrichtung 
des Angriffs FKelte, nämlich an der Spitze, ist der 
Feind nicht nennenswert vorwärts gekommen. 
Der vierte Abschnitt, der im wesentlichen mit 
dem Oktobermonat zusammenfällt, hat eine un- 
unterbrochene Fortsetzung der feindlichen Angriffs. 
tätigkeit auf der ganzen Front gebracht. Auch in 
diesem Zeitraum ballte der Feind seine Kräfte in 
Zwischenräumen von 7* nur etwa fünf Tagen zu 
gewaltigen Angriffshandlungen, Großkampf- 
tagen, zusammen, ohne daß in den Pausen der 
feindliche Ansturm völlig ausgesetzt hätte. Aber diese 
esamte, ununterbrochene und höchst gesteigerte An- 
pannung hat dem Feinde im Oktober nur örtliche, 
auf Karten kleineren Maßstabes überhaupt unerkenn- 
bare Fortschritte gebracht. Der Ausbau der deutschen 
Widerstandskraft hat nämlich seit dem kritischen 25. 
September derartige Fortschritte gemacht, daß wir 
heute dem Feinde in einer Stärke gegenüberstehen, 
welche seine zahlenmäßige ÜMberlegenheit zum minde- 
sten durch den höheren Kampfwert unserer Truppen 
aller beteiligten Waffengattungen ausgleicht. Dieser 
Stand der Dinge zu Ende Oktober beweist unwider- 
leglich, daß es der verbündeten Heeresmacht Englands 
und Frankreichs nicht 1 en ist, den an der Somme 
gebundenen Bruchteil der deutschen Streitkräfte zu 
zerreiben und damit unsere Westfront zu erschüttern. 
Die zweite dieser bescheidener gewordenen Fragenan 
das Schicksal war: wird es gelingen, so viel feindliche 
Kräfte zu binden, daß Deutschland wenigstens außer- 
stande ist, seinen tapferen Bundesgenossen im Süd- 
osten Europas genügend Hilfskräfte zur Verfügung 
zu stellen, um sie zur Abwehr oder gar zur Nieder- 
wingung des neuen Balkangegners instand zu setzen? 
om Eintritt dieses neuen Verbündeten hatte sich die 
Entente eine entsprechende Wendung der Lage auf der 
gesamten Ost= und Südostfront versprochen. Hatte 
sie uns bisher an beiden Fronten unerschütterlich ge- 
funden, so glaubte sie mit ümmntheit annehmen 
zu dürfen, daß das bisherige Gleichgewicht der Kräfte 
an der Ostfront durch Hinzutritt Rumäniens end- 
gültig zu ihren Gunsten verschoben werden würde, 
während die Wiederaufnahme der Sommeooffensive 
es uns unmöglich machen sollte, diese Verschiebung 
auszugleichen. Was im Westen bisher mißlungen 
war, sollte nun im Osten glücken. 
Wir haben die Westfront unerschlltterlich gehal- 
ten und trotzdem genügend Kräfte freimachen können, 
um nicht nur den russischen Massenansturm 
zum Stehen zu bringen, sondern auch dem neuen 
Feind seinen tückisch errafften Gewinn aus dem Rachen 
z reißen und die Bulgaren bei Rückeroberung 
es räuberisch ihnen abgepreßten Landes am Donau- 
delta zu unterstützen. Schon sind die Eingangspfor- 
ten zum Herzen Rumäniens, die Balkanpässe, in unse- 
rer Hand. Der Plan unserer Feinde, mit Rumä- 
niens Hilfe unsere Verbündeten im Südosten einen 
nach dem anderen zu vernichten, unsere Verbin- 
dungen mit Konstantinopel zu durchreißen, 
die Osmanenhauptstadt in ihre Hände zu bringen und 
damit die schmerzlich entbehrte Einheit unserer Ein- 
kreisung herzustellen, ist gesch eitert. 
Auf die zweite Schicksalsfrage der Entente lautet 
unsere bisherige Antwort: die eroberte Dobru- 
dscha, das befreite Siebenbürgen. 
1 Vgll. S. 228 ff.
        <pb n="300" />
        238 
Der Seekrieg 1915/16 
von Konteradmiral Foß in Berlin 
A. Seekriegskalender. 
1915. 
5. August. Ein österreichisch-ungarisches Tauchboot 
versenkt bel Pelagosa das italienische Tauchboot „Nereide. 
6. August. Das italienische Luftschiff = Citta di Jest« wirb 
kurz nach Mitternacht beim Versuche, den Kriegshafen von 
Pola anzugreifen, herabgeschofsen und die Besatzung gefangen. 
8. August. Der britische Hilfskreuzer »The Ramsey- 
wird südöstlich von den Orkney-Inseln durch den beutschen 
Hilfskreuzer -Meteor= versenkt; überlebende der Besatzung 
werden gefangengenommen. 
Ein deutsches U-Boot versenkt vor dem Vestfjord den 
britischen Hilfskreuzer -India-. 
Ein feindliches U-Boot versenkt das tlürkische Linienschiff 
„Haireddin Barbarossae im Bosporus. 
9. August. Ein feindliches Tauchboot wird vor Bulair 
durch ein türkisches Wasserslugzeug vernichtet. 
10. August. Angrif deutscher Marineluftschiffe auf Lon- 
don, Harwich und den Humber. 
Durch vier feindliche Kreuzer eingeschlossen, versenkt der 
Kommandant den Meteore, nachdem die Besatzung gebor- 
gen ist, die nach Deutschland zurückgelangt. Die Geretteten 
des -Ramsey, werden entlassen. 
Ein britischer älterer Kleiner Kreuzer wird westlich von 
den Hebriden durch -U 27. versenkt. 
Ein italienisches Tauchboot geht durch eine Mine im 
Golf von Triest verloren. 
Die von den Italienern besetzte Insel Pelagosa wird 
durch österreichisch-ungarische Flugzeuge bombardiert. 
11. August. Beschießung der italienischen Osttüste von 
Sena bis Molfetta durch österreichisch-ungarische Torpedo= 
boote. 
Der britische Zerstörer »Lynx« geht in der Nordsee durch 
eine Mine verloren. 
12. August. Das österreichisch = ungarische Tauchboot 
»U 12 wird in der nördlichen Adria versenkt. 
Fliegerangriff auf Dover. 
18. August. Fliegerangriff auf Papenholm. 
15. August. Österreichischer Luftangriff auf die Küsten- 
sorts von Venebig. 
16. August. Ein russischer Hilfsdampfer wird im Fin- 
nischen Meerbusen durch ein deutsches U-Boot versenkt. 
Ein deutsches U-Boot beschießt eine Benzolfahrik bei 
Harrington an der englischen Westküste. 
17. August. Deutsche Torpedoboote vernichten bei Horns 
Rif einen britischen Kleinen Kreuzer und einen Zerstörer. 
Die Insel Pelagosa wird von österreichisch = ungarischen 
Torpedobooten und Fliegern beschossen. 
17./18. August. Luftangriff auf London. 
19. August. Das britische Tauchboot E 13. wird 
durch ein deutsches Torpedoboot südlich vom Sund zerstört. 
21. August. Seegefecht im Rigaischen Meerbusen. Ein 
russischer Zerstörer, zwei Kanonenboote werden vernichtet 
und drei deutsche Torpedoboote durch Minen beschädigt. 
23. August. Gefecht an der slandrischen Küste zwischen 
40 britischen Schiffen und deutschen Küstenbatterien. 
24. August. Landungsversuch feindlicher Schiffe bei 
Folscha (Türkei) abgewiesen. 
27. August. Landungsversuch feindlicher Schiffe auf 
der Insel Nilistra bei Smyrna abgewiesen. 
3. September. Ein türkisches Wachtschiff vernichtet 
ein feindliches U-Boot im Marmarameer. 
4. September. Das britische U-Boot -E7= wird in 
den Dardanellen versenkt. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
5. September. Deutscher Fliegerangriff auf Konstanza. 
6. September. Der Verlust des deutschen Tauch- 
bootes -U 27. wird bekanntgegeben. 
6.|7. September. Luftschiffangriff auf den Rund-Rigaer 
Meerbusen. 
9. September. Luftangriff auf London, Norwich und 
Middlesbrough. 
10. September. Luftangriff auf Baltisch-Port. 
12. September. Erfolgloser Angriff russischer Flieger 
auf einen deutschen Kreuzer vor Windau; ein deutscher An- 
griff auf russische Seestreitkräfte ist erfolgreich. 
13. September. JItalienischer Luftangriff gegen Triest. 
16. September. Russischer Fliegerangriff auf Tuzla. 
19. September. Türkischer Fliegerangriff auf den Ha- 
sen Kefalo (Imbros). 
20. September. Der englische Dampfer= Patagonia- 
wird vor Odessa von türkischen Schiffen versenkt. Z„ 
27.. September. Ein feindliches Torpedoboot wird 
bei Kerevizdere von den Türkten versenkt. 
Das italienische Linienschiff -Benedetto Brin= wird durch 
innere Exploslon zerstört. 
28. September. Landungsversuch seindlicher Schiffe 
im Golf von Tschenderli (Türkei). 
29. September. Ein Landungsversuch seindlicher Schiffe 
bei Smyrna wirb abgewiesen. 
1.2. Oktober. Luftangriff auf Ost-England (ein Luft- 
schiff verloren). 
2. Oktober. Zwei britische Monitore werden durch 
Fliegerangriffe bei La Panne beschädigt. 
6. Oktober. Ein russisches Torpeboboot wird durch 
eine Küstenbatterie bei Raggasem (Rigaer Meerbusen) schwer 
beschädigt. 
7. Oktober. Der britische Minensucher -Genista“ wird 
an der Westküste Irlands durch ein deutsches U-Boot versenkt. 
13. Oktober. Italienischer Luftangriff gegen Triest. 
14. Oktober. Lustangriff auf London und Inswich. 
Türkische Kriegsschiffe versenken vor Sebastopol die rus- 
sischen Dampfer »Cadia« und .Ahestrone. 
23. Oktober. Der deutsche Panzertreuzer -Prinz Adal- 
berte wird durch ein seindliches U-Boot bei Libau versenkt. 
24. 25. Oktober. Österreichisch-ungarische Flieger be- 
schießen Venedig. 
28. Oktober. Verlust des britischen Panzerkreuzers 
r„ Argyll durch Strandung an der Nordostküste Schottlands. 
29. Oktober. Schwere Beschädigung des russischen 
Linienschifs = Panteleimon= durch ein deutsches U-Boot im 
Schwarzen Meer. 
31. Oktober. Das französtsche U-Boot -Turquoisee 
wird in den Dardanellen von den Türken genommen. 
5. November. Ein Führerboot einer russischen Minen- 
suchabteilung wird im Finnischen Meerbusen durch ein deut- 
sches U-Boot versenkt. 
6. November. Die britisch-ägyptischen Kanonenboote 
„ Prince Abbas- und „Abdul Menem= werben im Hafen 
von Sollum durch ein deutsches U-Boot vernichtet. 
7. November. Der deutsche Kleine Kreuzer = Undine- 
wird zwischen Trelleborg und Saßnitz durch ein britisches 
U-Boot versenkt. 
9. November. Ein deutsches U-Boot versenkt nörd- 
lich von Dünkirchen ein französisches Torpedoboot. 
10. November. Der britische Zerstörer = Louis= stran- 
det bei den Dardanellen und geht verloren. 
18. November. Ö sterreichisch = ungarischer Luftangriff 
auf Venedig. 
19. November. Westende wird durch britische Moni- 
tore beschossen. 
27.t28. November. Luftangriff auf Ost-England (zwei 
Luftschifse verloren).
        <pb n="301" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 239 
5. Dezember. Der österreichisch-ungarische Zerstörer 
„Warasdiner vernichtet das französische U-Boot Fresnele, 
der Kleine Kreuzer = Novara= mehrere Dampf= und Segel- 
schisse bei San Giovanni di Medua. 
10. Dezember. Osterreichisch = ungarischer Luftangriff 
auf Ancona. 
17. Dezember. Der deutsche Kleine Kreuzer „Bremen= 
und ein deutsches Torpedoboot werden in der östlichen Ost- 
see von einem britischen U-Boot versenkt. 
20. Dezember. Beginn der Räumung Gallipolis durch 
die englisch-französische Expeditionsarmee. 
B. Dezember. Ein englischer Landungsversuch bei 
Akaba wird abgewiesen. 
29. Dezember. Der ökslerreichisch = ungarische Kleine 
Kreuzer „Helgoland- und Torpedoboote vernichten an der 
albanischen Küste das französische U-Boot „Monge. Die 
österreichisch = ungarischen Zerstörer »Lila« und Triglav- 
gehen durch Minen verloren. 
90. Dezember. Der britische Panzerkreuzer Natal- 
wird durch innere Explosion vernichtet. 
1916. 
6. Januar. Das britische U-Boot »E 17. geht durch 
Strandung bei Texel verloren. 
9. Januar. Gänzliche Räumung von Gallipoli durch 
die Engländer und Franzosen. 
Das britische Linienschiff „King Edwarb VII.= wird durch 
eine Mine vernichtet. 
11. Januar. OÖsterreich.-ungar. Lustangriff auf Rimini. 
15. Januar. Der deutsche Hilfskreuzer Mbwe, kreuzt 
vor den Kanarischen Inseln. 
17. Januar. Oseerreich.-ungar. Luftangriff auf Ancona. 
19. Januar. Das britische U-Boot „H 6. strandet 
bei Schiermonnikoog und wird durch holländische Schiffe 
nach Nieuwediep gebracht. 
22./23. Januar. Erfolgreicher Luftangriff auf Dover. 
25. Jannar. Luftangrif österreichisch-ungarischer Flie- 
ger auf Durazzo. 
31. Januar. Der durch den deutschen Hilfskreuzer 
„Möwe= aufgebrachte englische Dampfer „Appam= kommt 
in Norfolk (Nordamerika) an. 
31. Januar zum 1. Februar. Luftangriff auf Liver- 
pool, Birtenhead, Manchester, Nottingham, Sheffield, auf 
Great Yarmouth und den Humber; der britische Kleine 
Kreuzer „Carolinee wird so schwer beschädigt, daß er sinkt, 
mehrere Zerstörer werden ernstlich verletzt. 
Ein deutsches U-Boot versenkt einen britischen Wacht- 
dampfer, einen belgischen und drei englische bewaffnete Fisch- 
dampfer in der Themse. 
1.2. Februar. ÖOsterreichisch-ungarische Lustangriffe auf 
Durazzo und Valona. 
VBerlust des deutschen Marineluftschiffes „I. 194. Der 
englische Fischdampfer King Stephen= weigert sich, die Be- 
satzung an Bord zu nehmen, die infolgedessen ertrinkt. 
8. Februar. Der französische Panzerkreuzer „Amiral 
Charner= wird durch ein deutsches U-Boot an der syrischen 
Küste versenkt. 
9. Februar. Deutscher Luftangriff auf Ramsgate. 
11. Februar. Der britische Wachtkreuzer »Arabis« 
und ein anderer Dampfer werden auf der Doggerbank durch 
deutsche Torpedoboote versenkt. 
12. Februar. Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf 
Ravenna, Codigoro und Cavanello. 
14. Februar. Der britische Kleine Kreuzer „Arethusa 
sinkt an der Ostküste Englands durch eine Mine. 
20. Februar. Deutscher Lustangriff auf Furnes (südlich 
von La Panne), Deal und Lowestoft. 
26. Februar. Der französische Hilfsdampfer = La Pro- 
vencee wird auf der Fahrt nach Salonikt burch ein deutsches 
U-Boot versenkt; von 1800 an Bord befindlichen Soldaten 
werden 700 gerettet. 
26./27. Februar. Zwei französische Hilfsdampfer wer- 
ben vor Le Havre und ein bewafssneter britischer Wacht- 
dampfer in der Themsemündung durch ein U-Boot versenkt. 
29. Februar. Der deutsche Hilfskreuzer = Greif“ wird 
in der nördlichen Nordsee von mehreren britischen angegrif- 
fen. Er versenkt den einen, »Alcantara«, und wird von 
der eigenen Besatzung gesprengt, die in englische Gefangen- 
schaft gerät. 
4. März. Der deutsche Hilfskreuzer „Möwe= läuft 
nach mehrmonatiger Kreuzfahrt in einem deutschen Hafen 
mit Gefangenen sowie Goldbarren im Werte von 1 Mil- 
lion Mark ein. 
5.66. März. Deutscher Luftangriff auf Hull. 
9. März. Deutscher Luftangriff auf ein russisches Ge- 
schwader bei Warna. Das russische Torpedoboot -Leitenant 
Puschtschm sinkt süblich von Warna durch eine Mine. 
10. März. Der britische Zerstörer -Coquettee und das 
Torpedoboot »Nr. 11. gehen an der Ostküste Englands durch 
Minen verloren, ebenso der Hilfskreuzer Fauvettes“. 
15. März. Großadmiral v. Tirpitz tritt zurück; Nach- 
folger: Admiral v. Capelle. 
18. März. Ein österreichisch-ungarisches U-Boot ver- 
senkt vor Durazzo den französischen Zerstörer -Renaudine. 
Das österreichisch-ungarische Hospitalschiff= Elettra= wird 
von einem feindlichen UBoot schwer beschädigt. 
19. März. Deutscher Fliegerangriff auf Dover, Rams- 
gate und Deal. 
20. März. Gefecht deutscher und britischer Torpedo- 
fahrzeuge an der flandrischen Küste. 
Ein deutsches U-Boot versenkt an der Grenze des Eis- 
meeres den russischen Dampfer Nowaja Slaboda“. 
Mißlungener Lustangriff britischer Flugzeuge auf die 
nordfriesische Küste. Zwei deutsche bewaffnete Fischdampfer 
und ein Torpedoboot gehen verloren, britischerseits der Zer- 
störer „Mebusa= und drei Flugzeuge. 
29. März. „Östeerreichisch = ungarischer Luftangriff auf 
Balona. 
1. April. In der Nacht zum 1. April Lustangriff auf 
London und Sühdostkiüste Englands. „L 15. geht verloren. 
1./2. April. Luftangriff auf die britische Ostrüste, beson- 
ders auf das Südufer des Teesflusses, Middlesbrough und 
Sunderland. 
2.3. April. Luftangriff auf Nordost = England, Leith, 
Newcastle und den Tyne. 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Ancona. 
3./4. April. Deutscher Luftangriff auf Great Yarmouth. 
5.|6. April. Luftangriff auf Whitby und Leeds. 
8. April. Luftangriff auf die russische Flugstation Pa- 
penholm auf Ösel. 
22. April. Wiederholter Luftangriff auf die russische 
Flugstation Papenholm. 
24. April. Zahlreiche britische leichte Seestreitkräfte 
werden an der flandrischen Küste durch deutsche Torpedo- 
boote zurückgedrängt. 
24.25. April. Luftangriff auf Inbustrieanlagen und 
britische Vorpostenschiffe an der englischen Oslüste. 
25. April. Beschießung von Yarmouth und Lowestoft 
durch deutsche Kreuzer und Zerstörer. Ein britischer Zer- 
störer und zwei Vorpostenschiffe werden versenkt, darunter 
King Stephen= (vgl. 1.2. Februar). 
Angriff beutscher Marineflieger auf Dünkirchen. 
Vorpostengefechte an der slandrischen Küste. Ein britischer 
Zerstörer wird schwer beschädigt, ein Hilfsdampfer versenkt. 
Das britische U -Boot -E 22. wird im südlichen Teile 
der Nordsee versenkt.
        <pb n="302" />
        240 
26. 27. April. Ein britisches Wachtschiff wird auf der 
Doggerbank durch deutsche Torpedoboote versenkt, ein be- 
wafineter Fischdampfer als Prise eingebracht. 
Das russische Linienschif »Slawa« wird im Rigaer Meer- 
busen von deutschen Fliegern erfolgreich angegriffen. 
Dao deutsche U-Boot »U C5. wird an der Ostküste Eng- 
lands verienkt und die Besatzung gefangengenommen. 
28. April. Das britische Linienschiff „Russele sinkt im 
Mittelmeer durch Mine. 
30. April. An der flandrischen Küste wird ein britisches 
Flugzeug durch ein deutsches Torpedoboot abgeschossen. 
2.83. Mai. Luftangriff auf den mittleren und nördlichen 
Teil der englischen Osttüste. Middlesbrough, Stockton, Sun- 
derland, Hartlepool, die Küstenbatterien des Teesflusses und 
britische Kriegsschiffe werden vor dem Firth of Forth be- 
schossen. »L 20. wird auf der Rückfahrt nach Stavanger 
verschlagen und geht verloren; die Besatzung wird gerettet. 
Marineflugzeuge bombardieren eine englische Küstenbat- 
terie bei Sandwich, südlich von der Themsemündung, und 
eine Flugstation westlich von Deal. 
Angriff deutscher Flugzeuge auf das russische Linienschiff 
„Slawa= und ein U-Boot im Moonsund. 
Erfolgloser russischer Luftangriff auf die deutsche Küsten- 
starion Pissen. 
Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf Ravenna. 
Südlich von der Po-Mündung erfolgloses Feuergefecht 
zwischen österr.-ungarischen und italien. Torpedofahrzeugen. 
4. Mai. »L7« wird in der Nordsee burch britische See- 
streitkräfte vernichtet. 
Österreichisch = ungarischer Lustangriff auf Valona und 
Brindisi sowie den italienischen Panzerkreuzer „Marco Poloc. 
5. Mai. Das britische U-Boot E 31. wird westlich 
von Horns Riff durch deutsche Schiffe versenkt. (Von der 
britischen Admiralität bestritten.) 
6. Mai. Ein deutsches Torpedoboot erbentet ein bri- 
tisches Flugzeug an der slandrischen Küste. 
8. Mai. Gefecht zwischen deutschen und britischen Tor- 
vedofahrzeugen an der flandrischen Küste. Ein britischer 
Zerstörer wird schwer beschädigt. 
13. Mai. Osterreichisch-ungarischer Flugzengangriff auf 
Valona und die Insel Saseno. 
13./14. Mai. Der britische Monitor M 30-. wird bei 
der Insel Keusten durch türkisches Artilleriefeuer vernichtet. 
16. Mai. Gefecht an der Küste von Flandern zwischen 
deutschen Torpedobooten und britischen Zerstörern. 
15./16. Mai. Luftangriff auf Venedig, Mestre, Cor- 
mone, Cividale, Udine, Per La Carnia und Treviso. 
17. oder 18. Mai. Ein britisches und ein französisches 
Torpedoboot gehen an der afrikanischen Küste durch Minen 
verloren. 
19. Mai. Deutscher Luftangriff auf feinbliche Schiffe, 
Dünkirchen, St. Pol, Dixmuiden, Poperinghe, Amiens, 
Chälons und Suippes. 
Osterreichisch-ungarischer Lustangriff auf San Giorgio di 
Nogaro und Grado. 
19./20. Mai. Luftangriff auf Dover, Deal, Ramsgate, 
Broadstairs und Margate. 
23. Mai. Ein österreichisch-ungarisches U-Boot beschießt 
die Hochöfen von Porto Ferraio auf Elba und versenkt den 
italienischen Dampfer = Washingtone. 
24. Mai. Osterreichisch-ungarischer Luftangriff auf La- 
tisana und Bari. 
25./26. Mai. Luftangriff auf die russische Fliegerstation 
Papenholm auf Osel. 
31. Mai. Ein britischer Zerstörer wird vor dem Humber 
durch ein deutsches U-Boot versenkt. 
Osterreichisch = ungarischer Luftangriff auf San Giorgio 
di Nogaro. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
31. Mai und 1. Juni. Vor dem Skagerrak schlägt die 
deutsche Flotte die britische. Beide kehren am 1. Juni nach 
ihren Stützpunkten zurück. Sehr schwere britische Verluste. 
Vgl. »Der Seekrieg 1915/164, S. 219ff. 
5.|6. Juni. Westlich von den Orkney-Inseln sinkt der bri- 
tische Panzerkrenzer Hampfshiree durch eine Mine. Mit der 
Besatzung ertrinken Lord Küchener und sein Stab auf der 
Fahrt nach Rußland. 
13./14. Juni. Seegesecht zwischen dem deutschen, einen 
Konvoi deckenden Dampfer = Herrmanne und russischen Zer- 
störern bei der Insel Häfringe zwischen Gotland und der 
schwedischen Küste. Das deutsche Hilfsschiff wird bei Norr- 
köping von den russischen Zerstörern in Brand geschoffen 
und von der Besatzung gesprengt. 
Das französische Luftschiff T. geht bei Sardinien durch 
Brand verloren. 
16. Juni. Gefsecht 20 Seemeilen östlich von Sulina zwi- 
schen bulgarischen Torpedobooten und russischen Dampfern. 
19. Juni. Der deutsche Dampfer »Ems« wird von einem 
britischen U-Boot in den schwedischen Hoheitsgewässern ver- 
senkt, der ebenfalls bedrohte deutsche Dampser = Doris- von 
einem schwedischen Torpedoboot beschützt. 
21. Juni. Das deutsche Tauchboot U 35- trifft im 
Hasen von Cartagena mit Arzneimitteln für die deutschen 
Internierten in Spanien ein. 
25. Juni. Der italienische Hilfskreuzer „Città di Mes- 
sina= und der französische Zerstörer -Fourche- werden burch 
ein österreichisch-ungarisches U-Boot in der Straße von 
Otranto versenkt. 
30. Juni. Seegefecht zwischen deutschen Torpebobooten 
und russischen Seestreitträften; darunter einem Panzer- 
kreuzer und einem geschützten Kreuzer zwischen Häfringe und 
Landsort. 
2. Juli. Ein Konvoi deutscher Dampfer wird süclich 
von Oland von feindlichen U-Booten ohne Warnung an- 
gegriffen; die Geleitdampfer verjagen die Angreifer, und 
der Konvoi gelangt unbeschädigt nach Swinemünde. 
3. Juli. Das russische Linienschiff »Slawa« und Tor- 
pedoboote beschießen die kurländische Küste; Küstenbatterien 
antworten und deutsche Flieger greifen die Schiffe an. 
wvSlawa= wird getroffen. 
4. Juli. Das deutsche Tauchboot = U 35- kehrt aus Spa- 
nien nach Versenkung des französischen Dampfers Héraulte 
zurück. 
4. Juli. Ein deutsches U-Boot versenkt in der süb- 
lichen Nordsee einen britischen U-Bootzerstörer. 
10. Juli. Das deutsche U-Handelsschiff = Deutschland- 
landet in Baltimore mit einer Ladung Farbstoffe. 
Fünf britische bewaffnete Hilfsschiffe werden im Mittel- 
meer durch den österreichisch-ungarischen Kleinen Kreuzer 
„Novara versenkt. 
11. Juli. Deutsche Marineflieger beschießen Harwich 
sowie Dover und Calais. 
Ein russisches U-Boot kapert in schwedischen Gewässerm 
die deutschen Dampfer Worms-= und Lissabon-. 
Englisch-französischer Einspruch in Washington gegen die 
Anerkennung der »Deutschland« als Handelsschiff. 
12. Juli. -U-Deutschlande wird von den Vereinigten 
Staaten als Handelsschiff anertannt. 
U-Boot-Erfolge im Juni: 61 Dampfer und Segler mit 
101.000 t. 
Ein deutsches U-Boot beschießt die englische Küste bei 
Seaham Harbour. 
14. Juli. Ein italienischer Zerstörer wird in der Straße 
von Otranto zerstört. 
Versenkung eines britischen Hilfskreuzers in der Nordsee. 
14./15. Juli. Osterreichisch-ungarische Torpedoboote ver- 
nichten ein italienisches und ein U-Boot ohne Flagge.
        <pb n="303" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
18. Juli. Angriff deutscher Flieger auf seindliche Kreu- 
zer, Zerstörer, U-Boote und soustige militärische Anlagen 
im Kriegshafen von Reval. 
19. Juli. Ein russisches U-Boot beschießt innerhalb 
des schwedischen Hoheitsgebiets süblich von Ratan im Bott- 
nischen Meerdusen den deutschen Dampfer -Elbe“ mit Tor- 
pedos. 
22. Juli. Gefecht des türkischen Kleinen Kreuzers »Mi- 
dilli südlich von Sebastopol mit starken russischen See- 
streitkräften. 
32.23. Juli. Vorstoß deutscher Torpedoboote bis an 
die Themsemündung; Artilleriegefecht mit mehreren Zer- 
störern und Kleinen Kreuzern der „AuroraKlasse. 
Gefecht zwischen deutschen U-Booten und den britischen 
Wachtdampfern Nelly Nuttene, »Onward« und 2Eva- 
an der schottischen Külste. , 
24. Juli. Das deutsche Handels = U-Boot „Bremen- 
ist in Neuvork angelangt. 
25. Juli. Erfolgreicher Angriff deutscher Marineflieger 
auf die russische Flugstation Zerel (Osel); Flugzeughallen 
und bereitstehende Flugzeuge werden getroffen. 
Flugangriff gegen Mariehamn, den Hauptstützpunkt der 
russischen und britischen U-Boote auf den Klandsinseln. 
28. Juli. Erfolgreicher Luftangriff auf die russische 
Flugstation Lebara (Osel). 
Osterreichischer Luftangriff auf Otranto, Mola, Bari, 
Grevinazzo und Molfetto. 
27. /28. Juli. Die mittlere und nördliche englische Küste 
wird von deutschen Luftschiffen angegriffen. 
1. August. Sadani wird von den Engländern besetzt. 
2. August. Das italiemsche Großkampfschiff = Leonardo 
da Vinci= wird im Hafen von Tarent durch Explosion zerstört. 
9. August. Gefecht zwischen russischen leichten Schiffen 
und deutschen Strandbatterien an der Nordspitze Kurlands. 
13. August. Der brirische Zerstörer -Lassooe wird durch 
U-Boot versenkt. 
19. August. Die britischen Kreuzer » Nottingham« und 
„Falmouth-= sowie der Zerstörer „Mohawk= werden von 
deutschen U-Booten versenkt, ein Großkampfschiff wird schwer 
beschädigt; das deutsche Linienschiff -Westfalen- wird durch 
Torpedo beschädigt. 
24. August. Der britische Hilfskreuzer = Duke of Albany- 
wird versenkt. 
27. August. 2U-Deuischland= kehrt von seiner ersten 
Amerikafahrt zurück. 
7. September. Kilwa Kisstwani und Kilwa Kiwindji 
(Ostafrika) werden von den Engländern besetzt. 
29. September. Ostrreichisch-ungarische Donanflottil- 
len greifen den Donauhafen Corabia an. 
2. Oktober. Oserreichisch-ungarische Monitore zer- 
sebren eine rumänische Pontonbrücke Über die Donau südlich 
von Bukarest. 
Der französische Hilfskreuzer „Rigele wird im Mittel- 
meer versenkt. 
4. Oktober. Der französtsche Hilfskreuzer »Gallia« 
und der englische Truppentransportdampfer Franconia= 
werden im Mittelmeer versenkt. 
8. Oktober. Deutsche U-Boote kreuzen vor der Ost- 
küste Amerikas. 
16. Oktober. Gesecht zwischen italienischen und britischen 
Kriegsschiffen, die sich gegenseitig für Osterreicher halten. 
20. Oktober. Das russische Großkampfschiff „Impera-- 
tritza Maria= wird bei Sebastopol durch Explosson vernichtet. 
22. Oktober. Erfolgloser britischer Fliegerangriff gegen 
die Ostfriesischen Inseln. 
26./27. Oktober. Borstoß deutscher Torpedoboote bis 
Folkestone - Bonlogne. Elf Vorpostenboote und zwei Zer- 
störer werden versenkt. 
Der Krieg 1914/17. II. 
241 
28. Oktober. U 53= kehrt von seiner Amerikasahr 
zurück. 
1. November. Vorstoß deutscher leichter Seestreitkräfte 
gegen den Kanal. . 
4. November. Bei Bovbjerg (Jütland) strandet das 
deutsche Tauchboot = U 20, und wird gesprengt. 
10./11. November. Vorstoß deutscher Torpedoboote 
gegen Balltisch-Port. 
14. November. Ein französischer Zerstörer der Arc# 
oder ?Sape-Klasse wird im Kanal versenkt. 
15. November. Der britische Kreuzer = Newcastlee geht 
in der Nordsee durch eine Mine verloren. 
23./24. November. GBorstoß deutscher Torpedoboote 
gegen die Themsemündung. 
26. November. Das französische Linienschiff -Suffren- 
wird westlich von Lissabon versenkt. 
3. Dezember. Deutsche U-Boote versenken bei Fun- 
chal (Madeira) den französischen Hilfsdampfer --Kanguroo= 
und das Kanonenboot -Surprisec. 
10. Dezember. „U-Deutschlande von seiner zweiten 
Amerikareise zurück. 
22.23. Dezember. Österreichisch-ungarische Torpedo- 
boote haben ein Gefecht mit italienischen Zerstörern in der 
Otrantostraße. 
27. Dezember. Das französische Länienschiff= Gaulois= 
(12730 ) wird im #gäischen Meer von einem deutschen 
U-Boot versentt. 
B. Schilberung der Kampshandlungen. 
I. Allgemeines. 
Noch fehlt uns die Kenntnis von den strategischen 
Absichten der verbündeten und feindlichen Ober- 
leitungen, und es ist deshalb auch nicht möglich, zu 
erkennen, ob diese oder der Zufall zu den Zusammen- 
tößen der Seestreitkräfte geführt haben. Bei dieser 
ückenhaftigkeit unseres Wissens ist es zunächst nicht 
möglich. -Geschichte zu schreiben. Wir müssen und 
egenwärtig damit begnügen, die veröffentlichten Ge- 
chehnisse nach Kriegsschauplätzen und der Zeitfolge 
entsprechend darzustellen. 
Die britische Flotte hatte sich auch im zweiten Jahre 
des Weltkriegs zunächst damit begnügt, die Mittel- 
mächte vom Weltverkehr abzusperren. Das wurde 
ihr durch die geographische Lage derart erleichtert, 
daß sie dieser Aufgabe auch dann hätte gerecht werden 
können, wenn das Stärkeverhältnis zwischen ihr und 
der deutschen Wehrmacht zur See umgekehrt gewesen 
wäre, als es tatsächlich der Fall war. Bei ihrer 
erdrückenden Übermacht aber war es ein Kinderspiel, 
und sie konnte ihre Ziele erreichen, ohne etwas Wert- 
volles dabei einzuseczen. Hätte sich der deutsche Macht- 
bereich bis Calais oder Le Havre erstreckt, so wäre 
die Absperrung schon schwieriger gewesen, und einem 
Lande wie Frankreich gegenüber wäre sie nur zu lösen 
gewesen. wenn wirkliche Kriegsschiffe dazu Verwen- 
ung fanden. 
Der dauernde Verzicht auf die Niederkämpfung der 
deutschen Flotte würde zur Folge gehabt haben, daß 
sich das gegenseitige Stärkeverhältnis am Ende des 
Krieges nicht wesentlich verschoben hätte. Einem 
prößerrn Bestande an Schlachtschiffen auf Seite Eng- 
ands hätte auf deutscher ein größerer an Tauchbooten 
und Luftschiffen die Wage gehalten, und gerade diese 
waren es bei den vorliegenden Verhältnissen, durch 
deren Verwendung es möglich erschien, das englische 
Volk kriegsmüde zu machen, vorausgesetzt, daß von 
ihnen rücksichtslos Gebrauch gemacht worden wäre. 
16
        <pb n="304" />
        242 
Daß dies nicht geschah, erklärt sich aus politischen 
Rücksichten. Als im Februar 1915 die Aufnahme des 
Unterseekriegs deutscherseits feierlich angekündigt war, 
antwortete die britische Regierung mit Gegenmaß- 
regeln, die sich als überaus wirksam erwiesen. Sie 
bewaffnete ihre Kauffahrer mit Geschützen und er- 
ließ geheime Anweisungen, die das Personal dar- 
über belehrten, wie die Verwendung der Geschütze am 
sichersten zur Vernichtung der deutschen Tauchboote 
führen müsse. Geheim waren die Instruktionen, weil 
die Bewaffnung friedlicher Handelsschiffe in schroffem 
Widerspruch zum Völkerrecht stand. Sie lassen auch 
erkennen, daß die an Bord gegebenen Geschüctze nicht 
nur zur Verteidigung bestimmt waren, sondern auch 
zum Angriffe dienen sollten. Hand in Hand damit 
ging der planmäßige Mißbrauch neutraler Flaggen 
und sonstiger Abzeichen, durch die sich die Schiffe neu- 
traler Länder als solche kenntlich zu machen suchten. 
Darauf konnte nur mit Gegenmaßregeln geant- 
wortet werden, die geeignet waren, die von den deut- 
schen Tauchbooten bisher befolgte Taktik zu verschär- 
fen. Lediglich Schuld der fseindlichen Regierungen war 
es, wenn von nun an mehr Menschenleben gesährdet 
wurden oder verlorengingen. Es blieb der deutschen 
Regierung nur übrig, ein Kriegsgebiet um die groß- 
britannischen, französischen und italienischen Küsten 
festzusetzen, innerhalb dessen jedes Schiff, gleichgültig 
welcher Nation es angehören mochte, der Versenkung 
preisgegeben war. Das war die Art der Führung 
des Unterseekriegs, wie sie der britische Admiral Sir 
Percy Scott hatte kommen sehen und die er verteidigt 
hatte. Am 5. Juni 1914 hatte er in den -Times. 
einen Artikel veröffentlicht, in dem er für den Ausbau 
der Tauchboote eintrat, die geeignet seien, dem See- 
kriege ein neues Gesicht aufzuprägen. England müsse 
damit rechnen, daß sein dereinstiger Gegner die Meere 
um die britischen Inseln als Kriegsgebiet erklären und 
für die Schiffahrt sperren werde; er könne dann jedes 
Schiff torpedieren, das sich dort sehen lasse. Er 
schrieb: = Finden sie (die U. Boote) die Handelsdampfer, 
so sind diese verurteilt, und sie geben keinen Pardon. 
Sie können nicht an Bord der feindlichen Schiffe 
gehen und sie wie in alten Zeiten als gute Prisen fort- 
fübren. Sie warten nur, bis sie sinken, und kehren 
heim, ohne zu wissen, wieviel menschliche Wesen sie 
auf den Grund der See geschickt haben.# Ein anderer 
Admiral bekämpfte diese Ansicht, weil eine so barba- 
rische Kriegführung undenkbar sei. Darauf erwiderte 
Sir Percy am 10. Juni in den »Times«: „Barbarisch 
sei schließlich jeder Krieg, sein Zweck sei aber, den 
Gegner zu vernichten; deshalb müsse man ihn an 
seiner verwundbarsten Stelle angreifen. Die Eng- 
lands sei seine über See erfolgende Versorgung mit 
Lebensmitteln; greife dessen Gegner also auf die von 
ihm gemutmaßte Weise hier an, so sei das ein durch- 
aus einwandfreies Mittel.“ Als Lord Sydenham das 
bestritt, entgegnete Scott am 15. Juni 1914, er habe 
von einem ausländischen Seeoffizier einen seinen ver- 
öffentlichten Auslassungen beistimmenden Brief er- 
halten, und fuhr dann port. „Nach meiner Meinung 
dürfte eine solche Sperre ganz in der Ordnung sein. 
Ist sie einmal erklärt, so werden britische und neu- 
trale Handelsschiffe, die sie mißachten und die Sperre 
zu brechen suchen, gut tun, sich nicht auf die fried- 
liebenden Versicherungen Lord Sydenhams zu ver- 
lassen, und wenn sie bei dem Versuche versenkt werden, 
so kann man das nicht als einen Rückfall in Wildheit 
und Piraterie in ihren schwärzesten Farben bezeichnen. 
gistertonnen, — 6 P 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Kein Brite, Franzose, Russe oder Italiener, keiner 
der Neutralen hat dagegen Einspruch erhoben, als die 
britische Regierung 110 Millionen Menschen dem 
Hungertode preisgeben wollte. Der bekannte britische 
Admiral Fisher hat einmal gesagt: Das Wesen des 
Krieges ist Gewalt, Mäßigung im Kriege Dummheit. 
Schlag zuerst zu, wenn du kannst; triff hart und triff, 
wo du kannst.= Bei Beginn des Krieges gegen die 
französische Republik (1793) erhielten die britischen 
Admirale den lakonischen Befehl: -Sink, burn and 
destroy. (Versenke, verbrenne und zerstöre.) 
Die deutschen Tauchboote hatten den Krieg gegen 
den feindlichen Seehandel nicht so geführt, wie 0q 
Sir Percy Scott ihn gedacht hatte, obgleich die Eng- 
länder so weit gegangen sind, echte Neutralee zu en- 
tern und zu zwingen, aktive britische Marinemann- 
schaften an Bord zu nehmen, die während der Fabhrt 
auftauchende deutsche U. Boote abschießen sollten. Es 
wären der Gründe die Hülle und Fülle vorhanden ge- 
wesen, die es durchaus gerechtfertigt haben würden, 
wenn der U-Krieg nach dem Vorschlag von Scott ge- 
führt worden wäre. Nichts von dem ist geschehen; die 
Deutschen haben menschlich schön, aber militärisch 
töricht gehandelt, es deshalb mit schweren Opfern 
büßen müssen und sind doch nicht dem Vorwurf der 
Barbarei und Piraterie entgangen. Mit diesem letz 
teren Ausdruck wurde von seiten der Entente grober 
Unfug getrieben. Unter „Pirate versteht man einen 
Seer er, der sich auf Kosten der von ihm An- 
gefallenen bereichert. Kein Mann der deutschen Flotte 
ist durch im Kriege gemachte Beute um einen Pfennig 
reicher geworden. Dagegen haben britische Seeoffi- 
ziere in der ersten Periode des Krieges durch Prisen- 
gelder Vermögen erworben. Die Ansichten Scotts 
decken sich übrigens mit denen des Feldmarschalls 
v. Hindenburg, der ebenfalls vor falscher Sentimen- 
talität warnte, weil sie geeignet sei, den Krieg lang- 
wieriger zu gestalten und dem eignen Lande größere 
Blutopfer aufzuerlegen. Wenn auch der U -Krieg — 
leider — nicht so geführt wurde, wie Scott ihn sich vor- 
stellte, so waren seine Wirkungen für die Schiffahrt 
doch recht fühlbar. Das zeigte am besten das Empor- 
schnellen der Frachten und Versicherungsprämien in 
England. Vor dem Kriege betrug die Fracht für die 
Tonne Fleisch oder Getreide von Argentinien nach 
Liverpool 12½ Schilling. Im April 1915 wurden 
200 Schilling vergeblich geboten. Am 1. November 
1915 waren 550 enhlische auffahrer mit 1200000 Re- 
roz. des ursprünglichen Bestandes, 
versenkt, 40 französische mit 110000 Tonnen, — 
9 Proz., bis 1. Dezember 1915: 734 feindliche — da- 
von 624 englische mit 1230000 Tonnen — mit min- 
destens 1447628 Tonnen vernichtet, davon 568 durch 
U-Boote, 98 durch Minen, 73 durch sonstige mit dem 
Kriege in Verbindung stehende Ereignisse. Der bri- 
tische Landwirtschaftsminister Lord Selbourne äußerte 
sich damals dahin, daß er den Zeitpunkt kommen 
sehe, in dem die deutschen U-Boote der britischen 
Schiffahrt den Todesstoß geben würden. In dieser 
Zeit großer Bedrängnis geif die Regierung der Ver- 
einigten Staaten zugunsten der Entente helfend ein, 
und diesmal mit offener Drohung, und erreichte An- 
fang Mai 1916 die bedingte Einstellung des U-Kriegs. 
Es sollten nur noch Schiffe versenkt werden, wenn 
dadurch das Leben der an Bord befindlichen Personen 
nicht gefährdet würde, und nach vorheriger Prüfung 
der Schiffspapiere. 
Die Kriegsschiffsverluste der Flotten der En.
        <pb n="305" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
tente betrugen imersten Kriegsjahrenach zuverlässigen 
Angaben mindestens: 
England Frankreich Rußland Italien Japan 
Linienschiffe 38 1 1 — — 
Panzerkreuzer 6 1 2 — 
Kleine Kreuzer 6 — 1 — — 
Hilfskreuzer 18 3 2 3 — 
Tauchboote. 11 8 1 l — 
Handelsschiffe. 400 80 20 ¾ 7 
über die Verluste durch den Handelskrieg gibt Ad- 
miral Bridge für die Zeit vom 4. August 1914 bis 
23. März 1916 in den -Times= folgendes Material: 
A. Enugland 379 Dampfer zu 1320 171 Brutto-Registertonnen 
Frankreich 41 - * 189 865 - 
Belgien 10 - »20861 " 
Nußland 27 - " 42226 2 
Italien . 21 - -170271 - 
Japan . 3 - : 19207 - 
481 Dampfer zu 1621 661 Brutto-Negistertonnen 
B. England 31 Segelschiffe zu 19 119 Brutto-Registertonnen 
Frankreich 12 - * 18323 - 
Rußland. 8 " „ 746# 2 
Italien 6 3373 - 
57 Segelschiffe zu 48278 Brutto-Registertonnen 
C. Außerdem 12 verlorengegangene Dampfer, für die der Tonnen- 
gehalt sehlt. Wir nehmen ihn an auf 15000 Brutto-Register- 
tonnen. 
D. Fischerelfahrzeuge (237 englische, 7 französische, 2 belgische) 
mit durchschnittlich 250 Ton. = 61500 Ton. 
Neutrale Dampfer und Segler: 
Norwegen 39 Schiffe mit 95 732 Brutto-Registerton. 
Dänemark 18 „ * 2322734 - 
Schweden 33. „ 42584 
Holland 22 „ * 73786 s 
Vereinigte Staaten 6 = 16013 - 
Griechenland . 11 22383 - 
Spanien 4 - 897 - 
Serbien. 1 Schisf 758 - 
Portugali... 1 „ 621 - 
Zusammen: 293218 Brutto-Registerton. 
. . 1621 661 Tonnen 
R. 48278 - 
C. 15000 « 
D. 61 500 - 
E. 293218 -J 
Zusammen: 2039657 Tonnen 
Schiffsraum, der infolge des Krieges bis zum 23. März 1916 
dausgefallen ist. 
Das -Taschenbuch der Kriegsflottene von Weyer 
macht über die Verluste bis Mai 1916 folgende An- 
gaben; es wurden versenkt durch: 
„klmdenn . 17 Schiffe mit 73895 Ton. 
ↄKarlsruhe· . " " · „" „" 17 - 76 600 „ 
'Ddresbden „ S5 2160080 = 
„ eipitaass 38 -„ . 1211,9 = 
„Königeberrrrrrr 1 Schiffll 6800 = 
Gilskreuzer Kaiser Wilhelm d. Gr.a 2 Schiff: = 10 45 
„ Kronprinz Wilhelml 13 553650 - 
- »Prinz Eitel Friedriche 10 - 30040 - 
- »Mõöwen...... 15 „ 57746 = 
Imganzen alse durch beutsche Kreuzer 88 Schisse mit 337445 Ton. 
Davon waren engliss 70 „ .. 293181 = 
fronzösis. 10 „ 35 105= 
russis 2 45837 - 
belgiss. 1 Schiff = 4322 - 
Dann folgen 621 Handelsschiffe mit zusammen 1769 294 Ton. 
350 Fischerfahrzeuge - 51200 - 
Im ganzen find vernichtet . . 1054 Schiffe mit 2 156 029 Ton. 
1 In der angezogenen Zusammenstellung der » Timer« mit 
unter den neutralen Staaten aufgeführt! 
243 
Davon waren englisch. . . 3847 Schisse mit 1 758 501 Ton. 
frangösiss. 94 . 19480 - 
russissch sS1 . 72091 
italienisss. 30 76772 = 
belgisse. 18 24679 - 
japaniscss. 5 5 31597. 
Eine sehr große Rolle haben die Tauchboote ge- 
spielt; auf sie sind hauptsächlich die Verluste der feind- 
lichen Handelsflotten und ein recht bedeutender der 
Kriegsflotten zurückzuführen. 
Diese Verluste setzen sich, soweit nur eigentliche 
Kriegsschiffe in Frage kommen, aus folgenden Klassen 
usammen: britische: 3 Großkampfschiffe, 9 Linien= 
cchiff-. 6 Schlachtkreuzer, 14 Panzerkreuzer, 12 ge- 
schützte Kreuzer, 47 Zerstörer und Torpedoboote, 25 
Tauchboote, 18 gepanzerte (Monitore) und ungepan- 
zerte Kanonenboote von zusammen 573096 Tonnen; 
französische: 1 (bzw. 2) Linienschiffe, 2 Panzerkreuzer. 
1 Kanonenboot, 13 Torpedofahrzeuge, 9 Tauchboote 
und 8 andere Schifse; italienische: 1 Linienschiff, 2 
Panzerkreuzer, 5 Todrpedofahrzeuge, 4 Tauchboote, 3 
andere Schiffe; russische: 1 Panzerkreuzer, 1 Kleiner 
Kreuzer, 3 Kanonenboote, 4 Zerstörer, 2 Tauchboote, 
7 andere Schiffe; japanische: 1 Kleiner Kreuzer, 2 
Torpedofahrzeuge, 2 Minensucher. Die Verluste der 
Verbündeten Englands belaufen sich zusammen auf 
76 930 t. Zu denen Großbritanniens kommen noch 
viele der Kauffahrtei entnommene Hilfsdampfer; 
nachweisbar sind 48 von sehr verschiedener Größe, 
vom 17000 Brutto-Registertonnen fassenden Schnell- 
dampfer bis herab zum 150 t großen Fischdampfer. 
Die Verluste der feindlichen Landeleschhfabrt be- 
rechnet der deutsche Admiralstab bis zum 30. Juni 
1916 auf 1303 Schiffe von 2574205 Brutto-Register- 
tonnen, wobei die in den Häfen der Mittelmächte bei 
Kriegsbeginn beschlagnahmten nicht mitgerechnetsind. 
Im ersten Kriegsjahr sind 20 nachweisbare Ver- 
letzungen des Völkerrechts durch feindliche Kauffahrer 
(Schießen auf deutsche U.Boote; Versuche, sie zu ram- 
men) vorgekommen. Im zweiten stieg diese Zahl auf 
38, so daß im ganzen 58mal die Regeln des Völker- 
rechts verleut worden sind. 
Die deulschen Tauchboote hatten aus politischen 
Rücksichten den Krieg gegen den feindlichen Seehandel 
nach den für Kreuzer gültigen Grundsätzen zu führen. 
Sie mußten also bei den Schiffen, die sie anhielten, 
auftauchen, sie untersuchen und durften sie erst ver- 
senken, wenn sie als Feinde oder mit Bannware be- 
ladene Neutrale festgestellt waren und das Leben und 
die Gesundheit der an Bord befindlichen Personen nicht 
gefährde. wurden. Dieses Vorgehen war mit großen 
efahren für sie verbunden; denn die Engländer und 
Franzosen hatten ihren Kapitänen befohlen, erschei- 
nende Tauchboote niederzurennen und von der Be- 
waffnung auch angriffsweise Gebrauch zu machen, von 
der gesagt wurde, daß sie nur »zur Verteidigunge be- 
stimmt sei. Durch den Mißbrauch neutraler Abzeichen 
und Flaggen wurden den Tauchbooten Fallen gestellt. 
Man versuchte auch, Geschütze und ihre Bedienungs. 
mannschaften auf echtee Neutrale zu bringen, um auf- 
tauchende U-Boote zu vernichten. Das war die übertra- 
gung des Freischützenkriegs auss Wasser, dem eine Reihe 
von deutschen U. Booten auch zum Opfer gefallen ist. 
Damit wurde die Tätigkeit der Tauchboote zu einer be- 
sonders gefährlichen, und nur durch die Energie, das 
außergewöhnliche technische Können der Komman- 
danten und tadelloses Material konnten unter diesen 
erschwerenden Umständen überhaupt Erfolge erreicht 
16•
        <pb n="306" />
        244 
werden. Es ist erstaunlich, daß es einem deutschen 
U Boot vom 2.—10. August 1916 möglich gewesen 
ist, 7 englische und 3 französische Segler, 3 englische 
und 2 französische Dampfer zu versenken. Im übrigen 
siehe den Seekriegskalender, S. 238 ff. 
Von den Kriegsschiffen des Bierverbandes ist das 
Völkerrecht fünfmal verietzt worden — der Fall Kaiser 
Wilhelm der Große«, »Dresden«, »Albatros«, »U 27« 
bzw. = Baralong- (für den die britische Regierung die 
volle Verantwortung Übernommen hat) und King 
Stephen:, für den sogar der Bischof von London 
eintrat. Unzählig sind aber die Fälle, in denen bri- 
tische Kriegsschisfe gegen Kauffahrer der Mittelmächte 
und der Neutralen das Völkerrecht verletzt haben. 
Das Gesamtergebnis des bisherigen! Krieges war, 
daß die britische Flotte schwere Berluste an Kriegs- 
schiffen, Menschen und Seegeltung erlitt. Das muß 
um so höher bewertet werden, als die Gesamtstärke der 
den Mittelmächien bei Kriegsbeginn gegenüberstehen- 
den fertigen und im Bau begriffenen Schiffe — ab- 
gesehen von Hilfskreuzern, Torpedofahrzeugen, Tauch- 
booten und sonstigen bewassaeten Dampfern — 443 
mit 5428000 t betrug. Von Hilfsdampfern hatte 
England allein mehr als 2000 im Dienst. Die Zahl 
der größeren Schiffe der Mittelmächte betrug dagegen 
156 von 1651000 t. Einem 3½mal so starken Feinde 
gegenüber haben die Mittelmächte einen dreimal so 
großen Verlust beigebracht, als sie selbst erlitten. 
Die portugiesische Regierung beschlagnahmte am 
23. Februar 1916 — offenbar unter dem Druck der 
britischen — die in den Häfen ihres Landes und ihrer 
Kolonien liegenden deutschen Handelsdampfer, wor- 
auf Deutschland der portugiesischen Regierung den 
Krieg erklarte. 
II. Der Seekrieg in den nordwestlichen Merren. 
Am 7. August 1915 versenkte ein deutsches U.Boot 
den britischen Hilfskren zer India- (7900 t) vor dem 
Vestfjord nördlich von Bodö. Ein Teil der Besatzung 
wurde gerettet und in Norwegen interniert. 
Der kleine Hilfskreuzer -Meteor-, der in Deutsch- 
land ausgerüstet worden war, vernichtete am 8. August 
südöstlich von den Orkney-Inseln den britischen Hilfs- 
kreuzer The Ramsey (1473 t) nach kurzem Gefecht; 
40 Personen konnten gerettet werden. Bereits am 
10. wurde das deutsche Schiff, das sich unfern Horns 
Riff befand, von vier britischen Kreuzern umstellt. Da 
ein Entkommen ausgeschlossen war, ließ der Kom- 
mandant die Gefangenen, deren Herzen durch die gute 
Behandlung gewonnen waren, auf einen neutralen 
Segler bringen, während er die Besatzung des -Me- 
teor= auf einen zweiten schickte. Der deutsche Hilfs. 
kreuzer wurde durch Sprengung versenkt; nach aben- 
teuerlicher Fahrt gelangten die deutschen Seeleute 
wieder in einen heimischen Hafen. 
Amg. August bombardierten fünf Marineluftschiffe 
britische in der Themse liegende Nriegsschiffe, die Do 
von London, Harwich und die User des Humbers. 
Einer der Luftkreuzer wurde zwar beschädigt, erreichte 
aber doch noch Ostende. 
Diese Luftangriffe wiederholten sich am 12. und 
18. August, am 8., 9. und 14. September, am 13. Ok- 
tober, am 22. und 23. Januar 1916 (an welchen Tagen 
aber nicht Zeppeline, sondern Wasserflugzeuge gegen 
Dover und das westlich davon gelegene Hougham vor- 
stießen und am 26. La Panne bombardierten), am 
1 Bis Dezember 1916. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
1. Februar, in den Nächten zum 6. März, zum 2., 
3., 4., 6. und 25. April 1916. Der am 12. August 
unternommene Flug, von dem die Luftschiffe unbe- 
schädigt heimkehrten, richtete sich auf Harwich. Die im 
September unternommenen Angriffe hatten wieder 
die Docks und die westliche City von London. mili- 
tärische Anlagen und Fabriken in Norwich, Middles- 
brough und die englische Ostküste zum Ziel, der An- 
griff am 13. Oktober die City und Ipswich, die am 
1. Februar die Westküste Englands, Birkenhead, die 
Mersey-Mündung. Manchester, Nottingham, Shef- 
field und das an der Ostküste gelegene Great Yarmouth. 
Auf dem Humber wurde der dort liegende ganz neue 
Kleine Kreuzer -Carline= (10 400 t) versenkt. Der 
Verlust wirdenglischerseits bestritten. Der am 6. März 
unternommene Vorstoß traf die Stadt Hull, der in 
der Nacht zum 1. April unternommene wiederum Lon- 
don und den Humber, während die Anfang April an- 
esetzten Angriffe die Ostküste, Anlagen am Tees-Flusse. 
iddlesbrough, Sunderland, die Docks von London, 
Great Barmonth, Whitdy, eine Batterie bei Hull, Fabri- 
ken bei Leeds und Dünkirchen schädigten. Deutsche 
Flieger vergalten die Beschießung der flandrischen 
Küstenstädte durch Bombardements von Dover, Deal, 
Ramsgate am 9. und 20. Februar sowie am 19. Mätz. 
Im allgemeinen waren die deutschen Luftschiffe 
und Flieger trotz des heftigen Abwehrfeuers unbeschä- 
digt heimgekehrt. Doch fehlte es auch nicht an Opfern. 
So war am 2. Februar das Luftschiff »L 19. auf der 
Heimfahrt über holländisches Gebiet geraten, von dort 
aus beschossen und zum Niedergehen auf die Nordsee 
gezwungen worden. Es wurde in Seenot von dem 
englischen Fischdampfer „King Stephen= gesichtet. Die 
Deutschen baten um Aufnahme und Rettung aus 
Todesnot. Der Schiffer lehnte ab und dampfte fort. 
Dadurch sind die etwa 30 Insassen des Luftkreuzers 
umgelommen, Während dieser Vorfall in Deutsch- 
land erklärliche Entrüstung hervorrief, wurde er in 
England allgemein gebilligt, so namentlich auch von 
dem Bischof von London. King Stephen= ist später 
bei dem Vorstoß deutscher Kreuzer gegen die Ostküste 
am 25. April versenkt worden. 
Bei den Luftangrissen Anfang April gingen das 
Luftschiff-= L 15 und-L20,. verloren. Ersteres mußte 
auf der Themse niedergehen und wurde vernichtet, die 
Besatzung gefangen. Letteres wurde durch Sturm 
nach Norwegen verschlagen und ist bei Stavanger 
durch norwegische Truppen vernichtet worden, wäh- 
rend die Besatzung interniert wurde. „L7. wurde 
um dieselbe Zeit von britischen Kriegsschiffen, die es 
in der Nordsee angegriffen hatte, abgeschossen. 
Am 10. August wurde der britische erstörer P„Lynx- 
(1913, 950 t, drei 10,2 cm-Schnelladekanonen, zwei 
53 cm-Doppeltorpedorohre) in der Nordsee das Opfer 
einer Mine. Am gleichen Tage versenkte das deutsche 
Tauchboot „U 274¾ westlich von den Hebriden einen 
britischen Kleinen Kreuzer älterer Art. Am 15. bohrte 
ein U. Boot einen britischen Truppentransportdamp- 
fer bei den Scilly--Inseln in den Grund; ungefähr 
ie Hälfte der Besatzung soll gerettet worden sein. Am 
gleichen Tage beschoß ein großer englischer Passagier- 
ampfer ein deutsches Tauchboot, das keine Miene 
gemacht hatte, ihn anzugreifen. Das nannte die bri- 
tische Regierung .Gewaenung zur Verteidigunge. 
Die deutschen D-Boote beschränkten sich übrigens 
keineswegs darauf, den Feind auf dem Wasser zu schä- 
digen; auch die Küste wurde von ihnen angegriffen, 
soweit ihre leichten Geschütze das erlaubten.
        <pb n="307" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
Am 17. Augustabends gelanges fünf deutschen Tor- 
pedobooten, eine von einem britischen Kleinen Kreu- 
zer geführte Zerstörerflottille unweit Horns Riff Uber- 
raschend mit Torpedos anzugreifen. Der Kleine Kreu- 
zer und einer der Zerstörer wurden versenkt. 
Den 10000.-Tonnendampfer -Arabic= torpedierte 
am 19. ein U-Boot; fast alle Passagiere konnten ge- 
borgen werden. 
m gleichen Tage hatte U 27. den mit Maul- 
tieren beladenen Dampfer Nicosian angehalten, 
die Besatzung veranlaßt, das Schiff zu verlassen und 
schickte sich darauf an, das Schiff durch Artillerie zu 
versenken, als überraschend der britische Hilfskreuzer 
»Baralong« auftauchte, das D.-Boot unter Feuer 
nahm und versenkte. Die Baralonge führte beim 
Andampfen die amerikanische Flagge und amerika- 
nische Abzeichen. Während das U Boot langsam ver- 
sank, suchten sich die elf an Deck befindlichen Leute, 
darunter auch der Kommandant, durch Schwimmen 
auf die dicht dabei liegenden Dampfer zu retten. Der 
Kommandant der -Baralonge, Wc Bride, ließ alle 
durch Gewehrfeuer töten. Auf Reklamationen der 
deutschen Regierung hieß die britische dieses unmensch-= 
liche Verhalten des Kapitän Mc Bride gut. 
An der von der deutschen Marine besetzten und 
mit. Batterien versehenen flandrischen Küste kam es 
vielfach zu Gefechten. Am 23. August wurde vor 
Fecbrühge ein deutsches Wachtboot nach tapferer 
egenwehr durch zwei britische Zerstörer vernichtet. 
Ein bald darauf erscheinendes, 40 Einheiten umfas- 
sendes britisches Geschwader von Monitoren und Zer- 
störern zog sich unter dem Feuer der Küstenbatterien 
wieder zurück. 
Am 925. September beschossen 5 große und 25 kleine 
britische Ktcgsschiffe Zeebrügge, Westende und Mid- 
delkerke; nachdem eines von ihnen versenkt war, zwei 
andere Treffer --halten hatten, zog sich der Verband 
zurück. Solche Vorstöße wiederholten sich am 20., 
28. und 29. Dezember, am 16. und 27. Januar 1916 
sowie im Mai 1916 die britischen Geschosse zerstörten 
hauptsächlich Häuser der verbündeten Belgier. Auch 
eine größere Anzahl friedlicher Landesbewohner wurde 
getötet oder verwundet. 
Die deutschen U-Boote entfalteten nach wie vor eine 
rege Tätigkeit; am 9. November wurden der franzö- 
sische Zerstörer „Branlebas= (1905, 336 t, 27 Kno- 
ten, eine 6.5 cm., sechs 4,7 cm- Schnelladekanonen, 
zwei 45 cm-Torpedodoppelrohre), ein weiteres fran- 
zösisches Torpedoboot und der britische Hilfskreuzer 
»Irene« (543 t) nördlich von Dünkirchen durchsie ver- 
senkt. Am 31. Januar und 1. Februar 1916 vernich- 
teten deutsche U-Boote vor der Themse fünf britische 
Wachtdampfer. Der U Krieg hatte England schwer 
geschädigt, selbst die verwerflichsten Abwehrmittel hat- 
ten versagt. Weit nach Norden hatten die U. Boote 
ihre Fahrten ausgedehnt, bis zur Grenze des ewigen 
Eises. Am 9. März wurde dort der russische Dampfer 
„ Nowoje Sloboda= versenkt. Am 11. wurde der fran- 
zösische Postdampfer Louisiana bei Le Havre ver- 
senkt. Durch Anheuern von stellungslosen amerika- 
nischen Bummlern als-Schutzengel suchten die West- 
mächte ihre Schiffe gegen die Angriffe zu schützen. 
Man wußte, daß der ##ien der Veilichgten Staa- 
ten bereit war, in ihrem Interesse einzugreifen, so- 
bald sich nur eine Gelegenheit bot. Die schwere Be- 
schädigung des französischen Postdampfers = Sussexe 
durch einen Torpedo am 25. März gab Wilson den 
gewünschten Vorwand zu neuem drohenden Eingriff. 
245 
Seine kurz vor Ostern in Berlin Überreichte Note 
sagte, es sei für ihn kein Zweifel, daß die = Sussexe 
von einem deutschen U. Boot torpediert worden sei; 
das bewiesen die an Bord gefundenen Bestandteile 
eines Torpedos, der als deutscher kenntlich sei. Die 
deutsche Regierung sei ihren früheren Versprechungen 
betreffs Führung des U Kriegs nicht nachgekommen. 
Und wieder gab die deutsche Regierung nach. Die am 
15. März 1916erfolgte Verabschiedung des Großadmi- 
rals v. Tirpitzsteht hiermit inengstem Zusammenhange. 
Aber nicht nur durch die Torpedos der deutschen 
U-Boote, sondern auch durch die von ihnen ausgeleg- 
ten Minen hatten die feindlichen Kriegs-- und Handels- 
flotten schwere Verluste. Am 13. Februar ging der 
britische Kleine Kreuzer -Arelhusa (1913, 3600 t, 
29 Knoten, zwei 15,2 cm-, sechs 10,2 cmSchnell- 
ladekanonen, zwei 53 cm-Doppeltorpedorohre) ver- 
loren, am 22. vor der Themse der Zerstörer „Hind- 
(760t, 27 Knoten, zwei 10,2 cm., zwei 7,6 cm-Schnell- 
ladekauonen, zwei 53 —23 am 
10.—12. März an der englischen Ostküste der Zerstörer 
»Coquette- (1903, 315 t, 29,2 Knoten, eine 7,6 cm-, 
fünf 5,7 cm-Schnelladekanonen, zwei 45 cm-Torpedo- 
rohre), das Torpedoboot = Nr. 11.· und der Hilfs- 
kreuzer= Fauvette (2644 t). 
Am 17. Juni ist der britische Zerstörer „Eden- 
(1904, 550 t, 24 Knoten, vier 7,6 cm -Schnellade- 
kanonen, zwei 45 cm-Torpedorohre) im Kanal infolge 
eines Zusammenstoßes gesunken. 31 Mann der 70 
Köpfe starken Besatzung wurden gerettet. 
Ende Juni und im Laufe des Julis wurden hollän- 
dische Fischerfahrzeuge durch britische Dampfer auf- 
gebracht; am 19. Juli waren es 170, aber es wurde 
damit weiter fortgefahren, was natürlich in Holland 
schwere Verstimmnung auslöste. 
Am 11. Juli erfolgte ein Fliegerangriff auf Har- 
wich, Dover und Calais, von Flandern ausgehend. 
In der Nacht zum 298. stießen deutsche Torpedo- 
boote bis nahe an die Themsemündung vor, ohne 
zunächst etwas vom Feinde zu sehen. Noch vor Tag- 
werden erschienen aber mehrerebritische Kleine Kreuzer 
der Aurora-Klasse mit einer Anzahl von Zerstörern. 
Es entspann sich ein kurzes Feuergefecht. Während die 
deutschen Boote unbeschädigt blieben, wurden mehrere 
Treffer gegen die britischen Schiffe beobachtet. 
Am 24. wurde an der flandrischen Kühte ein bri- 
tischer Doppeldecker von einem deutschen Flugzeug ab- 
geschossen; ein deutsches Torpedoboot barg Flugzeug 
und Besatzung nach Zeebrügge. 
Nach einer holländischen, wahrscheinlich von Eng- 
land aus beeinflußten Meldung sollen fünf Seemeilen 
südwestlich vom Maasfeuerschiff am 27. drei britische 
Linienschiffe. zwei Zerstörer und zwei Flugzeuge ge- 
sehen worden sein. Es wären die ersten großen bri- 
tischen Schiffe, die es wagten, sich nach der großen 
Seeschlacht wieder auf See zu zeigen. Die Nachricht 
dürfte mit Vorsicht aufzufassen sein. 
Am 27. Oktober strandete der britische Panzer- 
kreuzer = Argyll= (1904, 11000 t, 22,4 Knoten, vier 
19 cm-, sechs 15,2 cm-, zwanzig 4,7 cm--Schnellade- 
kanonen, zwei 45 cm-Torpedorohre) an der Ostküste 
Schottlands und wurde am 29. aufgegeben. 
Am 4. November brachte ein holländischer Re- 
erungsdampfer das in Seenot befindliche deutsche 
auchboot -U 8. in einen holländischen Hafen, wo 
die Besatzung interniert wurde. » 
Vom 12. Dezember an kreuzte ein großes deutsches 
Geschwader längere Zeit in der Nordseezam 19. standes
        <pb n="308" />
        246 
im Skagerrak. Es hatte auf seiner Fahrt keine feind- 
lichen Seestreikkräfte gesehen, dagegen 52 Handels- 
dampfer untersucht und einen von ihnen, der mit 
Bannware beladen war, aufgebracht. 
Am 30. Dezember ging vor einem englischen Hafen 
der britische Panzerkreuzer-Natal durch innere Ex- 
plosion verloren. 
III. Nördliche Merrr. 
In der Nacht vom 5. zum 6. Juni sank westlich von 
den Orkney-Inseln bei stürmischem Wetter der britische 
Panzerkreuzer „Hampshire (1903, 11000 t, 23,5 
Knoten, vier 19 cm., sechs 15,2 cm., 20 leichte Schnell- 
ladekanonen, zwei 45 cm-Torpedorohre) wahrschein- 
lich durch eine Mine. Nur sechs Leute der 655 Köpfe 
starken Besatzung konnten sich retten. An Bord be- 
fand sich der britische Kriegsminister Lord Kitchener 
mit einem etwa 300 Personen umfassenden Stabe. 
Am 1. August griffen mehrere Luftschiffgeschwader 
London und die östlichen Grafschaften erfolgreich an. 
Trotz starker Abwehr seitens der Kriegsschiffe traten 
keine Verluste auf deutscher Seite ein. 
Das Handels-U-Boot-Deutschlande trat von Balti- 
more die Rückreise an und traf am 17. August auf 
der Weser ein. 
In der Nacht zum 3. August fand ein Luftangriff 
egen London, Harwich, Nosoll statt, wobei deutscher- 
seit keine Verluste eintraten. London litt schwer. — 
Von den in portugiesischen Häfen beschlagnahmten 
72 deutschen Dampfern waren 32 so weit wieder- 
hergestellt, daß sie verwendet werden konnten. 
Dann erfolgte am 9. August ein Lustangriff gegen 
die englische Ostküste von Northumberland bis Nor- 
folk, die Eisenwerke und Benzolfabriken bei Middle- 
brough, die Lafenanlagen von Hull und Hartlepool, 
die Werstanda en am Tyne, den Industriebezirk von 
Whitdy, den Hafen von King's Lynn. Es wurde 
große Wirkung beobachtet und durch spätere Berichte 
von Neutralen bestätigt. Trotz starker Abwehr traten 
keine Verluste ein. 
An der flandrischen Küste erschienen britische Mo- 
nitore und Zerstörer. Deutsche Flieger geiften sie an; 
es wurden mehrere Treffer beobachtet. tscherseits 
waren keine Verluste zu verzeichnen. 
Am 13. August wurde ein britischer Zerstörer 8 
Scemeilen westlich vom Maasfeuerschiff durch eine 
Mine versenkt. 
Der 15. August brachte ein Gefecht zwischen zwei 
britischen Monitoren und deutschen Strandbatterien 
bei Westende, in das auch englische Flieger eingriffen. 
Nach deutschen und englischen Zeitungsberichten 
sind am 19. August deutsche und britische große Schiffe 
in der Nordsee gewesen. Esgelang den Tauchbooten 
beider Parteien, an die feindlichen Geschwader heran- 
zukommen und Torpedoschüsse abzugeben. An der 
englischen Ostküste fielen diesen die britischen Kleinen 
Kreuzer „Nottingham. (1913, 3530 t, 26,3 Knoten, 
neun 15,2 cm-Schnelladekanonen, 400 Mann Be- 
satzung),-Falmouth (1910, 5300 t, 27 Knoten, acht 
15,2 cm-Schnelladekanonen, 380 Mann Besatzung) 
und der Zerstörer-Mohawk. (1904, 900t, B5 Knoten, 
fünf 7,6m-Schnelladekanonen. 70 Mann Besatzung) 
zum Opfer; ein Großkampfschiff wurdeschwer beschä- 
digt. Das britische Tauchboot „E 23. (1915, 730/825t, 
16/10 Knoten, zwei 7,6 cm-Schnelladekanonen, vier 
53 cm-Doppeltorpedorohre, 30 Mann Besatzung) 
torpedierte das deutsche Großkampfschiff-Westfalene. 
Die Beschädigung des letzteren war jedoch leicht. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Am 25. August erfolgte ein Luftangriff auf Lon · 
don, der am 23. September wiederholt wurde. Auch 
Varmouth, Harwich und die südlichen Grafschaften 
wurden heimgesucht. Trotz starker Abwehr waren 
keine deutschen Verluste zu melden. 
Am 10. und 15. September beschossen britische 
Monitore Westende und die deutschen Strandbatterien 
an der flandrischen Küste. Als am 17. wiederum feind- 
liche Schiffe erschienen, wurden diese von Fliegern an- 
gegriffen, die einen Volltresser auf ein Mutterschiff 
erzielten. Von diesem ausgestiegene britische Flieger 
riffen ein. Einer von ihnen wurde gezwungen, auf 
hollindischem Gebiet niederzugehen, wo er interniert 
wurde. Das wiederholte sich am 18. Auch das Mutter- 
schiff wurde wieder getroffen, ein weiterer Flieger zum 
Landen auf holländischem Gebiet gezwungen. Am 
19. wurde ein britischer Zerstörer getroffen. Am 24. 
fand ein ähnliches Gefecht statt. Am 21.Oktober griffen 
deutsche Flieger wieder an und erzielten einen Treffer 
egen einen 8 Am 23. erfolgte ein britischer 
Ilegeranorn f von 8 Flugzeugen, der mit einem Ver- 
lust eines der Angreifer abgeschlagen wurde. 
In der Nordsee wurden mehrfach mit Bannware 
beladene neutrale Handelsdampfer nach deutschen 
Stützpunkten aufgebracht. Auf dem am 23. September 
gekaperten holländischen Dampfer = Prins Hendrik- 
wurde eine größere Zahl aus deutschen Gefangen- 
lagern entronnener und in Holland interniert ge- 
wesener Russen, Franzosen und Briten sowie Kuriere 
mit ihren Briefschaften festgenommen. Der darauf 
entlassene Dampfer wurde von britischen Fliegern an- 
gegriffen und auch getroffen; das ihn geleitende deut- 
sche Torpedoboot blieb unbeschädigt. 
Am 24. September wurde der holländische Dampfer 
»Batavier IV« nach Zeebrügge geleitet. Am 28. 
wurden weitere nach England unterwegs befindliche 
Dampfer in der südlichen Nordsee aufgebracht. 
In der Nacht zum 24. September erfolgte ein Luft- 
angriff auf London, den Humber, Nottingham, Shef- 
field; große Brände wurden beobachtet. Zwei Luft- 
schisse gingen verloren. Ein Luftangriff in der Nacht 
um 26. September richtete sich gegen Portsmouth, 
ie Themsemündung, York, Leeds, Derby; deutscher- 
seits keine Verluste. Dagegen kostete ein Luftangriff 
in der Nacht zum 2. Oktober ein weiteres Laftschmt 
Am 19. Oktlober wurde der Kleine Kreuzer -Mün- 
chen= (1904, 3250 t, 23,5 Knoten, zehn 10,8 cm- 
Schnelladekanonen, zwei 45 cm-Torpedorohre, 303 
Mann Besatzung) torpediert, aber nur ganz leicht be- 
schädigt. 
Am 22.Oktoberbombardierte ein deutscher Marine- 
flieger den Bahnhof und Hafen von Sheerneß; ein 
britischer Fliegerangriff gegen die Ostfriesischen In- 
seln scheiterte. Am 23. warf ein deutscher Flieger drei 
Bomben auf Margate. 
In der Nacht zum 27.Oktober stießen aus der Deut- 
schen Bucht der Nordsee kommende deutsche Zerstörer, 
unter Befehl des Kommodore Michelsen in den Kanal 
bis zur Linie Folkestone-Boulogne vor. Sie vernich- 
teten mindestens 11 Wachidampfer, 2—3 Zerstörer 
und den Postdampfer »Queen« — letzteren, nachdem 
der Besatzung Zeit zum Verlassen des Schiffes ge- 
geben worden war. Weitere Zerstörer und Wacht- 
ampfer wurden beschädigt. 
In der Nacht zum 2. November stießen deutsche 
leichte Kräfte von Zeebrügge aus gegen die Route 
Holland-England vor. Mehrere Dampfer wurden 
angehalten, zwei von ihnen nach Zeebrügge geschicktl.
        <pb n="309" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
Plötzlich erschienen 4 britische Kleine Kreuzer, so daß 
ein dritter, mit zwei Mann Prisenmannschaft besetzter 
Dampfer in Gefahr schwebte, wiedergenommen zu 
werden. Deshalb versenkte ihn die Prisenbesatzung, 
die gefangen wurde. Es kam dann zwischen den deut- 
schen Booten und britischen Schiffen zu einem Gefecht, 
aus dem die deutschen unbeschädigt nach Zeebrügge 
zurückgelangten. Am 15. wurde der britische Kreu- 
zer „Newcastle= (1909, 4900 t, 26.3 Knoten, zwei 
15,2 cm-, zehn 10,2 cm-Schnelladekanonen, zwei 
45 cm-Torpedorohre, 373 Mann Besatzung) in der 
Nordsee durch eine Mine so schwer beschädigt, daß er 
vor dem Firth of Forth sank. Der Verlust durch die 
Explosion betrug 27 Tote und 45 Verwundete. 
In der Nacht zum 24. stießen leichte deutsche Kräfte 
gegen die Themsemündung vor. Ein Vorposten- 
dampfer wurde dort versenkt, das befestigte Rams- 
gate beschossen. 
Die Ergebnisse eines Luftangriffs gegen England in 
der Nacht zum 24. mußten mit dem Verlust zweier Luft- 
schiffe erkauft werden. Am selben Tage unternahmen 
britische Flieger einen Luftangriff gegen Zeebrügge. 
Am 10. Dezember kehrte das Handels. U. Voot 
Deutschlande von seiner zweiten Amerikareise zurück. 
IV. Halkan und südliche Meere. 
Am 2. August flog im Hafen von Tarent durch 
innere Explosion das italienische Großkampfschiff-Leo- 
nardo da Vinci= (1911, 22400 t, 22 Knoten, dreizehn 
30,5 cm., achtzehn 120m-Schnelladekanonen, 20leichte 
Geschütze, drei 45 cm-Torpedorohre, 944 Mann Be- 
sazungd in die Luft. Die eine Wache war beurlaubt, 
die andere ist größtenteils umgekommen. 
Am 21. Oktober wurde berichtet, daß bei Messina 
britische Kreuzer und Zerstörer des Nachts italienische 
gesichtet hätten. Da jedes der beiden Geschwader das 
andere für ein österreichisch- ungarisches hielt, so sei 
es zu einem Gefecht gekommen. Ein schwer beschä- 
digter britischer Kreuzer sei nach Malta gebracht und 
auch italienische Schiffe seien getroffen worden. In 
Korfu Ende Oktober eingetroffene britische Zerstörer 
und angetriebene Schiffstritmmer gaben zu erneuten 
Gerüchten über ein weiteres Gefecht zwischen italieni- 
schen und britischen Schiffen in der Süd-Adria Ver- 
anlassung, das zur Zeit der überführung italienischer 
Truppen nach Epirus stattgefunden haben soll. 
Dieösterreichisch-ungarische Flotteentwickelte haupt- 
sächlich eine sehr rege Fliegertätigkeit. Hierbei spielte 
der Schiffsleutnant Banfield eine ähnliche Rolle wie 
die deutschen Fliegeroffiziere Boelcke und Immelmann. 
Die Tätigkeit der österreichisch-ungarischen Donauflot= 
tille wird weiter unten kurz gestreift. — In der Nacht 
zum 23. Dezember befanden sich vier österreichisch- 
ungarische Torpedoboote auf einer Streife in der 
Otrantostraße. Als zwei italienische Wachtschiffe ver- 
senkt worden waren, versuchten sechs viel stärkere italie- 
nische Zerstörer, ihnen den Rückweg zu verlegen. Bei 
dem Durchbruch wurde ein italienischer Zerstörer in 
Brand geschofsen und blieb liegen. Drei andere wur- 
den auf kleine Entfernung häufig getroffen undergrif- 
fen die Flucht. Unter diesen befand sich der Vertreter 
eines neuen, noch nicht bekannten, besonders großen 
Typs. Von den Torpedobooten erhielt das eine zwei 
Treffer in den Schornstein, ein zweites einen Schuß in 
den Aufbau;; Verlust: ein Toter, keine Verwundeten. 
Die Küsten der Türkei wurden häufig beunruhigt. 
Am 2. August bewarsen vier britische Küreger Naza- 
reth und Carmel mit Bomben. 
247 
Ein am 17. August in die nördlichen und südlichen 
Buchten der Insel Smyr eingedrungenes Geschwader 
von 8 Schiffen setzte aus einem Transportdampfer und 
einem Segelschiff 300 Mann an Land. Herbeigeeilte 
türkische Truppen zwangen sie, sich schleunigst wieder 
mit einem Verlust von 50 Mann einzuschissen. Am 
selben Tage wurde im Golf von Alexandrette ein bri- 
tisches Kriegsschiff durch Artillerie versenkt. Der Kom- 
mandant, 4 Offiziere, 13 Mann wurden gefangen- 
genommen. Am 24. beschoß ein britischer Monitor 
die Küste bei Fotscha. Am 26. August griffen öster- 
reichisch- ungarische Flieger im Jonischen Meer eine 
Gruppe feindlicher Schiffe an und versenkten eines 
von ihnen. Am 7. September wurde Smyrna von 
einem britischen Monitor und einem Transport- 
dampfer beschossen. Das Feuer wurde erwidert, der 
Monitor wich brennend seewärts; das Transport- 
schiff dampfte, nachdem es wwei Treffer erhalten hatte, 
in Richtung Samos ab. Am 17. September stiegen 
zwei britische Flieger von zwei Mutterschiffen auf und 
griffen Gaza und Bin en Seban (Palästina) an. Am 
28. wurden Truppen von einem Zerstörer im Golf 
von Tschenderli gelandet. Sie wurden an Bord zurück- 
getrieben. Ebenso erging es einer größeren Anzahl, 
die am 29. ein 6 Schiffe starkes Geschwader im Golf 
von Keulek landete. Ein französischer Landungsver- 
such im Golfe von Akaba am 3. Dezember scheiterte. 
Am 18. und 20. August griffen türkische Flieger 
russische Kriegsschiffe im Schwarzen Meer an. 
Am 27. August erklärte Rumänien an Osterreich- 
Ungarn, Italien an Deutschland den Krieg. Beim 
Vordringen der deutsch-bulgarischen Armee in der 
Dobrudscha wirkten deutsche Marineflieger und ein 
Marineluftschiff mit, auf dem Schwarzen Meer ein 
deutsches U-Boot. Die Russen hatten das Schwarze 
Meer derart mit Minen verseucht, daß es immer 
schwieriger wurde, dasselbe zu befahren. Am 5. und 
7. September belegten deursche Flieger Konstanza und 
dortliegende russische Kriegsschiffe, Luftschiffe Bukarest 
und Ploescht mit Bomben. Die rumänische Regierung 
ließ als Abwehrmaßregel internierte Angehörige der 
Mittelmächte in den gefährdet erscheinenden Bezirken 
unterbringen. 
Zwei russische Dampfer und ein Segler sind in dieser 
Zeit an verschiedenen Stellen des Schwarzen Meeres 
von deutschen U.Booten versenkt worden. Am 9. Sep- 
tember beschoß ein deutsches U.Boot Stadt und Hafen 
von Mangalia (Dobrudscha). Am 11. September er- 
folgte ein Luftangriff auf Konstanza und dort ankernde 
Kriegsschiffe; es wurden Treffer beobachtet. Deutsche 
Flieger bombardierten am 16. September Eisenbahn- 
anlagen und Truppen in der nördlichen Dobrudscha. 
Zwei russische Zerstörer beschossen am 27. September 
Mangalia und Maglenika. Eine österreichisch-unga- 
rische Bootsflottille griff am 19. September den ru- 
mänischen Donauhafen Corabia an, vernichtete den 
Bahnhof und mehrere russische bewaffnete Dampfer, 
Minenfahrzeuge sowie Schlepper und führte neun fest- 
gthalltene österreichisch-ungarische Schlepper mit fort. 
urch die Zerstörung einer Pontonbrücke schnitten 
österreichisch-ungarische Monstore am 2.0ktober einer 
starken, über die Donau in die Dobrudscha eingedrun- 
genen rumänischen Infanteriedivision den Rückweg 
ab; diese wurde infolgedessen aufgerieben. Russische 
Schiffe beschossen Mangalia, britische Orfano-Agäis. 
Das russische Eintenschiff k’ Rostislav (1896, 10800t, 
5,6 Knoten, vier 25.,4 cm-, acht 15 cm-Schnellade- 
kanonen, 12 leichte Geschütze, 641 Mann Besatzung)
        <pb n="310" />
        248 
wurde am 4. Oktober durch Fliegerbomben in Kon- 
stanza ernstlich beschädigt. Andere deutsche Flieger 
bombardierten die Forts von Bukarest und unter- 
brachen die Eifenbahn Tschernawoda-Konstanza. 
Der griechische Dampfer = Angelicie mit 300 Frei- 
willigen für die Venizelos-Armee sank 7 Seemeilen 
östlich vom Piräus am 28. Oktober durch eine Mine. 
Die österreichisch-ungarische Donauflottille hat auch 
weiter eine rege Tätigkeit entfaltet, mehrfach beladene 
Schleppzüge aufgebracht und am 14. November 7 
Schlepper gekapert. Beim üÜberschreiten der Donau 
durch Teile der Armee Mackensen haben die Kriegsfahr- 
zeuge der Doppelmonarchie sehr gute Dienste getan. 
V. Die Cauchboote. 
Von deutschen U--Booten wurden in den nördlichen 
Meeren gute Erfolge erzielt. Am 2. August wurden 
in der Nordsee zahlreiche Fischdampfer versenkt. Am 
11. August wurden östlich vom Firth of Forth 3 be- 
waffnete englische Fischdampfer von einem deutschen 
Tauchboot mit Artillerie angegriffen und versenkt und 
16 Mann ihrer Besapungen mitgenommen. 
Am 24. August wurde der britische Hilfskreuzer 
*„ Duke of Albany= (?) in der Nordsee versenkt; der 
Kommandant und 23 Mann von der Besatzung er- 
tranken, 87 Mann wurden gerettet. 
Am 24. August ging in der Nähe der Scilly-Inseln 
das Tauchboot -U41. unter Umständen verloren, die 
an den Baralong-Fall erinnern. Ein von ihm ange- 
haltener, die amerikanische Flagge führender Dampfer, 
der ein Boot zu Wasser #lasen. hatte, versenlte es 
mit plötzlich einsetzendem Geschützfeuer, als es sich ihm 
näherte Es gelang dem Leutnant zur See Crompton 
und dem Steuermann Godau aus dem versinkenden 
Boot frei zu kommen und in ein auf dem Wasser 
treibendes Boot zu gelangen. Nachdem der Dampfer 
vergeblich versucht hatte, dasselbe zu rammen, wurden 
beide in schwer verwundetem Zustande an Bord ge- 
nommen und dort sowie später an Land aufs un- 
menschlichste behandelt. 
Ander Finnmarkenküste erschienen Ende September 
deutsche Tauchboote und behinderten den regen Verkehr 
der Dampfer, die Kriegszeug nach Archangelsk brach- 
ten. Anfang Oktober wurden dort r*r norwegische 
und zwei englische Dampfer versenkt, bis 11. Ollober 
deren 34. Am 22. Oktober wurden die Funkstation 
Sipnawalok und in deren Nähe befindliche russische 
Zerstörer beschossen, einer der letzteren sowie ein Fisch- 
dampfer vernichtet. Am 23. wurde der bewafsfnete 
Wachtdampfer -Kolgooef= versenkt. Im Eismeer ver- 
senkten deutsche U. Boote zahlreiche feindliche Trans- 
portschiffe; die Ladung des einen der versenkten Damp- 
fer hatte einen Wert von 23 Millionen Mark. Zu diesen 
Verlusten kamen noch die durch eine Riesenexplosion 
verursachten, wodurch in Archangelsk sieben große 
Dampfer von 27000 t und sonstige ungeheure Werte 
vernichtet wurden. Am 23. Oktober traf der an der 
Murmanküste aufgebrachte Dampfer = Suchan= in 
Deutschland ein, der, ursprünglich der Hapag gehörig 
und früher = Speziac benannt, bei Kriegsausbruch in 
Wladiwostok beichlagnahmt worden war. Das an 
Bord befindliche Kreegge hatte einen Wert von über 
20 Mill. Mk. Am 8.Oktober lief das deutsche U-Boot 
»D 53« mit Depeschen in dem amerikanischen Hafen 
Newport News ein, den es nach zwei Stunden wieder 
verließ. Unmittelbar darauf erfolgte eine Reihe von 
Angriffen auf nach Europa bestimmte Dampfer an 
der Ostküste der Vereinigten Staaten. Vier englische 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
und zwei neutrale Dampfer wurden versenkt. Ende 
Oktober traf-U 53. wieder in Deutschland ein. 
Am 4. November strandete bei Bovbjerg (Westküste 
Jütlands) das Tauchboot -U 20. Da es nicht flotn 
zu machen war, wurde es am 5. gesprengt. 
Im Kanal wurden am 14. ein französischer Zer- 
süänn von etwa 230t, am 26. das französische Linien- 
chiff „ Suffren= (1899, 12780 t, 18 Knoten, vier 30.5 
om-, zehn 16/ cm-, acht 10 cm--Schnelladekanonen, 
22 leichte Geschütze, zwei 45 cm-Torpedorohre) mit 
seiner ganzen Besatzung (655 Mann) 50 Seemeilen 
westlich von Lissabon versenkt. Am 8. Dezember ver- 
senkten deutsche U-Boote vor Funchal (Madeira) das 
fean ösische Kanonenbaot = Surprise= (1895, 627 t), 
as Huföich „Kanguroo., den englischen Dampfer 
»Dacia« sowie vier kleinere Schiffe. 
Die bei den Ententemächten infolge des Untersee- 
handelskriegs eingetretene Frachtraumnot zwang die 
englische Regierung, im Interesse der Versorgung des 
Landes einen Teil der für die Marine beschlag- 
nahmten schnellen Kauffahrer frei zu geben. Die 
neutrale Schiffahrt wurde dadurch in den Dienst der 
Entente gezwungen, daß sie nur Kohlen erhielten, 
wenn siesich verpflichteten, Fahrten für diese zu machen. 
In England, Frankreich und Italien herrschte große 
Sorge vor einer Verschärfung des Ul.Kriegs angesichtes 
der riesigen Verluste der Handelsflotten. 
Ahnlich erslgreict waren die deutschen U-Boole 
auch in den südlichen Meeren an der Arbeit. Am 7. 
Oktober wurde der italienische Kreuzer „Libia (1912, 
3800t, 22 Knoten, zwei 15,2 cm-, acht 12 cm. Schnell- 
ladekanonen, 14leichte Geschütze, zwei 45 cm-Torpedo- 
rohre, 314 Mann Besatzung) durch ein deutsches 
U. Boot schwer beschädigt. An Truppentransport- 
dampfern wurde eine ganze Reihe versenkt, so am 4. 
Oktober „Franconia-(18 150 Brutto-Registertonnen, 
leer), 11. Oktober „Crosshill- (5000 t, mit Pferden 
und starker Begleitmannschaft), 12. Oktober = Sebeck- 
(4600 t, tief beladen), die letzteren beiden nach Salo- 
niki unterwegs. Über die Menschenverluste bei der 
Bersenkung franösischer Transportschiffe meldete der 
„ Temps: „Amiral Hamelin= 55, -Calvados= 740, 
? Provence= 1059, „Ville de Rouen= 3, „Gallia- 
1050 Mann. Es wird da auch erwähnt, daß kurz 
nach der Versenkung des englischen Transportdamp- 
fers -Caledonia- ein britischer, von elf Zerstörern ge- 
leiteter Hilfskreuzer, dessen Namenicht genannt werden 
dürfe, vernichtet worden sei. Ein deutsches U-Boot 
beschoß am 16. Oktober Fabriken und Bahnanlagen 
bei Catanzaro (Kalabrien). 
Immer wieder trat den U-Booten Widerstand ent- 
gegen; so meldete ein Kommandant, daß sein Boot 
13mal, meist von englischen Dampfern beschossen wor- 
den sei, die ein oder mehrere 7,5 cm-Schnelladekanonen 
führten. Am 4. Dezember wurde der von Salonik 
unterwegs befindliche fran zösische Dampfer-Algeria- 
bei Malta versenkt; 1 Offizier, 6 Mann gerieten in 
Gefangenschaft. Das am gleichen Tage vernichtete 
englische Transportschiff „Caledonia= (9227 t) hatte 
das U- Boot gerammt und ihm das Periskop ver- 
bogen. Nachdem das Boot den Schaden unter Wasser 
beseitigt hatte, tauchte es wieder auf. Inzwischen war 
der Dampfer nach 45 Minuten gesunken und die an 
Bord Befindlichen in 10 Booten untergebracht, die 
sich unter Segel befanden. Der Kommandant des 
U. Boots holte sich den Freischützenkapitän, einen eng- 
lischen General und einen anderen Offizier aus den 
Booten und nahm sie als Gefangene mit.
        <pb n="311" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
Bis zum 23. Dezember 1916 hatten an Linien- 
schiffen und Kreuzern, abgesehen von Torpedofahr- 
Fugen. U-Booten, Hilfsschiffen u. dgl. m., verloren 
ngland 123 Schiffe von 563200 t. Frankreich 29 
Schiffe von 53 900, Italien 20 Schiffe von 63600, 
Rußland 16 Einheiten von 54800, Japan 4 Schiffe 
von 9100 t. 
Anfang Januar ging das britische Tauchboot 
„:E 17,. verloren, das auf der Flucht vor deutschen 
Torpedobooten an der holländischen Küste festkam. 
32 Mann der Besatzung wurden durch den hollän- 
dischen Kreuzer = Noordbrabant. gerettet. — Auf der 
Doggerbank wurde in der Nacht zum 27. ein größeres 
Wachtschiff in den Grund gebohrt und 1 Fischdampfer 
als Prise aufgebracht. Unter den versenkten Schiffen 
befand sich auch der berüchtigte -King Stephen, der 
die Besatzung des Luftschiffs „L 19, erbarmungslos 
8 ertrinlen lassen. Im südlichen Teil der Nord- 
ee wurde das britische Tauchboot »E 22. vernichtet, 
ein britischer Kleiner Kreuzer der »Arethusa« -Klasse 
durch ein U-Boot beschädigt. Das deutsche Tauchboot 
'UCö- wurde an der Ostküste Englands versenkt, die 
Besatzung gefangengenommen. Am 31. Mai wurde 
vor dem Humber ein großer britischer Zerstörer von 
einem deutschen U-Boote versenkt. 
Am 4. Juni versenkte ein deutsches U- Boot einen 
britischen Minensucher in der Nordsee; ebendaselbst 
wurden bis zum 6. die englischen Fischdampfer „Queen 
Bee-, „Annie Anderson-, -Popeday-, -Watchful-, 
„Nancy Humane, -Cirrel Bessie: und „Newark 
Castlee vernichtet. Dieses Schicksal teilte in der süd- 
lichen Nordsee ein britischer U.Bootzerstörer, wäh- 
rend ein Minensucher nur beschädigt wurde. 
Am 9. Juni wurden abermals acht englische Fisch- 
dampfer an der Ostküste Englands versenkt. Es wird 
das hier angeführt, weil diese Fahrzeuge Wachtdienst 
für die britische Flotte ausüben. 
Am 19. wurden drei bewaffnete britische Wacht- 
dampfer in der Nordsee durch U-Boote versenkt. 
Am 23. Juni sichteten deutsche U-Boote die briti- 
schen Wachtdampfer = Nelly Nuttene, = Onwarde und 
»Eva · an der schottischen Ostküste. Es kam zum Ge- 
fecht, in dem alle drei vernichtet wurden; nur von 
dem erstgenannten sind 11 Mann durch einen hollän- 
dischen Vegger geborgen worden. 
Am 20. Juli erzielte ein deutsches U.Boot bei 
Scapa Flow (Orkneys) zwei Torpedotreffer gegen 
ein britisches Großkampfschiff. Die britische Admirali- 
tät leugnete die Tatsache und behauptet, ein Kleiner 
Kreuzer sei erfolglos angegrifsen worden. Diese Ab- 
leugnung verdient keine Beachtung, da alle britischen 
Behörden in derartigen Fällen lügen. 
Auch die übrigen deutschen Seestreitkräfte waren 
nicht müßig. 
Am 9. Kanuar 1916 geriet das britische Linien- 
schiff - King Edward VII. (1903, 17 800t, 19 Knoten, 
vier 30.5 cm-, vier 23,4 cm-, zehn 15.2 cm., 24 leichte 
Schnelladekanonen, vier 45 cm.Torpedorohre) an der 
Nordostküste Schottlands auf eine von dem neuen 
deutschen Hilfskreuzer= Möwe, gelegte Mine und ging 
verloren. Am 19. folgte der Verlust des britischen 
U-Bootes H 6. durch Strandung bei Schiermoni- 
koog. In der Nacht zum 11. Februar traf eine deutsche 
Torpedobootsabteilung auf der Doggerbank mehrere 
britische ganz neue Minensucher. . Arabis= und ein 
anderer Minensucher wurden versenkt, 3 Offiziere, 
20 Mann der - Arabis= gefangen; 4 weitere starben 
249 
auf der Heimfahrt. Am 20. März griff ein britisches 
Kreuzergeschwader, eine Zerstörerslottille und 2 Flug- 
eugmutterschiffe die Westküste Schleswigs an. Ein 
* törer wurde beschädigt. Deutsche Torpedoboote, 
von denen eines nicht heimkehrte, brachen zur Ver- 
folgung vor. Der britische Zerstörer »Medusa« und 
2 deutsche bewaffnete Fischdampfer wurden versenkt. 
Am 25. April führte ein Angriff deutscher Luftschiffe 
und Seestreitkräfte auf die englische Ostküste zu großen 
Erfolgen. Docks, Hafenanlagen, wichtige Inkustüier 
punkte, Bahnanlagen, Befestigungen bei den Städten 
Great Yarmouth, Lowestoft, Cambridge, Norwich, 
Lincoln, Winterton, Ipswich und Harwich wurden 
beschossen. Ein britischer Kleiner Kreuzer geriet in 
Brand, 1 Zerstörer und 2 Wachtdampfer wurden ver- 
senkt. Das britische Tauchboot „E 31.· wurde am 
5. Mai von deutschen Kriegsschiffen durch Artillerie 
bei Horns Riff vernichtet (von der britischen Admi- 
ralität geleugnet). In der Nacht zum 3. Mai erfolgte 
ein Luftangriff auf den mittleren und nördlichen Teil 
der englischen und schottischen Ostküste: Middles- 
brough, Stockton, Sunderland, Hartlepool, Anlagen 
am Teesflusse, britische Kriegsschiffe und Werstan- 
lagen im Firth of Forth wurden ausgiebig mit Bom- 
ben belegt. 
VI. Die Freschlacht vor dem Skagerrak vom 
31. Mai bis 1. Juni 1916. 
Der Chef der deutschen Hochseeflotte, Vizeadmiral 
Scheer, haite erfahren, daß eine große Flotte bei Nor- 
wegen stehe, und sich entschlossen. sie anzugreifen. Am 
31. Mai morgens 3 Uhr verließ Vizeadmiral Hipper 
Go###### K 
mit der Aufklärungsflotte —Schlachtkreuzern, 
5 Kleinen Kreuzern, 40 Torpedobooten — die Jade. 
Nach knapp einer Stunde folgte das deutsche Gros mit 
16 Großkampfschiffen, 6 älteren Linienschiffen und 
3 älteren Kreuzern. Beide Verbände nahmen einen 
nordnordwestlichen Kurs. Um 4½ Uhr nachmittags 
befand sich die deutsche Aufklärungsflotte 90 See- 
meilen westlich von Hanstholmen, die Kleinen Kreu- 
zer einige Meilen als Spitze vorgeschoben (vgl. Fig. 1). 
Das Wetter war klar und schön bei leichtem nord-
        <pb n="312" />
        250 
westlichem Winde. Die Hauptmacht folgte etwa 30 
Seemeilen rückwärts. Um diese Zeit sichtete der linke 
Flügel der Spitze voraus zuerst Flieger und 4 feind- 
liche Kleine Kreuzer, die sich bald auf 8 vermehrten 
und mehrere Flottillen großer Zerstörer im Gefolge 
hatten. Auf die Meldung erfolgte der Befehl »an- 
greifen-. Die Briten hatten auf nordwestlichen Kurs 
gedreht und stoben mit großer Fahrt davon; ihnen 
nach die Deutschen. Um 5 Uhr 20 Min. tauchten in 
westlicher Richtung zwei östlich fahrende Kolonnen 
großer Schiffe mit einem Geleit vieler Kleiner Kreuzer 
und Zerstörer auf (Fig. 2). Es waren die 6 Schlacht- 
kreuzer Queen Mary-, Princeß Royale, -Lion-, 
„Tiger,-Indefatigablee und -New Zealand -. Diese 
420 
J. &amp; 
l ###e## 
Fema#sche Streiflwäfte Elgene Smeu#te 
Saoce- — Uanchrurer 
##Gas:"##n# 
D Quren Eirabæh Diviaton Iondoboots Nottillen 
2 Iomæeloboois Hotullen .—— 
Ve# 2. 
bildeten Kiellinie und nahmen Kurs Südost. Damit 
wurde klar, daß die deutsche der britischen Aufklärungs- 
flotte gegenüberstand, mit der sie sich bereits am 24. 
Januar 1915 gemessen hatte. Admiral Hipper rief 
seine Kleinen Kreuzer zurück, dampfte auf die feindliche 
Linie zu und legte sich zu laufendem Gefecht auf 13km 
östlich von derselben. Um 5 Uhr 49 Min. feuerte das 
deutsche Flaggschiff den ersten Schuß — die größte 
Seeschlacht aller Zeiten hatte begonnen. 
Auf deutscher Seite fochten fünf große Schiffe mit 
einem Breilseitgewicht von 15 974 kg gegen sechs grö- 
Fere britische mit einem Breitseitgewicht von 24856 kg; 
mit anderen Worten: die britische Artillerie verhielt 
sich zur deutschen wie 1,56:1. Vor der britischen 
Linie und in ihrem Feuerlee standen 13 Kleine Kreuzer 
und 40 Zerstörer neuester Art. Trot dieser beträcht- 
lichen gahlenmäsiigen überlegenheit auf britischer Seite 
erwies sich die Wirkung des deutschen Feuers als 
wirkungsvoller. Bereits nach 15 Minuten flog die 
„Indefatigable in die Luft. Diese willkommene Ent- 
lastung wurde jedoch dadurch mehr als ausgeglichen, 
daß um 6 Uhr 25 Min. fünf schnelle Großkampfschiffe 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
der -Queen Elisabeth= Klasse, die aus nordwestlicher 
Richtung herangekommen waren und sich den vom 
Admiral Beatty geführten Schlachtkreuzern an- 
ehängt hatten. in das Gefecht eingriffen. Damit ver- 
tt ich die britische artilleristische überlegenheit auf 
das Vierfache; und es konnte kein Zweifel sein, daß 
in dem Kampfe, den deutscherseits sechzehn 30,5 cm- 
und achtunddreißig 28 cm-Schnelladekononen gegen 
40 britische 38 cm., zweinnddreißig 384,3 cm- und 
sechzehn 30.5 cm Schnelladekanonen zu führen hat- 
ten, das Endergebnis zugunsten der Briten aus- 
fallen müsse. 
Um sich Luft zu machen, setzt Admiral Hipper die 
Torpedoboote zum Angriff an. Um 6 Uhr 20 
I. 
k 
Feindliche Streitkf. Ei#ene Streis###e 
— ##### — LUe###s# 
— E— 
..—n— πν 
I. Esdenschurz) 
IIdobcom’-## 
Fie. k. 
Min brechen diese, geleitet von den Kleinen Kreuzern. 
schräg von vorn gegen die britische Linie vor. Beatty 
wirft ihnen seine Ferstörer zur Abwehr ntgeger- 
Zwischen beiden Linien kommt es zu erbittertem Nah- 
kampf. Zwei deutsche Boote sinken. Die Besatzungen 
werden von denen der anderen gerettet. Auf briti- 
scher Seite werden vier Boote außer Gefecht gesetzt; 
zwei von ihnen verschwinden in den Wellen; -Nestor- 
und = Nomad= treiben als Wracks auf dem Wasser 
und werden später, nachdem ihre Besatzungen von 
deutschen Booten geborgen sind, von den deutschen 
Großkampfschiffen in den Grund gebohrt. Um diese Zeit 
übertönteineungeheure Explosion den Schlachtenlärm. 
Der Riesenkreuzer „Queen Mary ist in die Luft ge- 
flogen. Eine abermalige, aber nicht ausreichende Ent- 
lastung. Diese bringenerst dieheranschäumenden deut- 
schen Großkampsschiffe, die seit der ersten Meldung von 
dem Zusammenstoß der beiderseitigen Aufklärer mit 
böchster Fahrt zu Hilfe eilen (Fig. 8). Als diese näher 
kommen, schwenken die britischen Schiffe geschwader- 
weise auf nördlichen Kurs, voran die Schlachtkreuzer, 
dahinter die fünf = Queen Beße-Schiffe. Die deutschen 
?7 Erpaob
        <pb n="313" />
        Deutsche Marine. 
Maximilian Ciraf v. Spee. Franz v. Hlpper. 
(Drolphot. F. Urbanns, Klcl.) (Hofphet. F. Urbahns, Kilel.) 
Henning v. roltzendoe#ft. Relnhold Scheer. (llofphot. F. Urbahns, Klel.) 
Bibliographlsches Institut in Leipæix.
        <pb n="314" />
        Deutsche Staatsmänner II. 
Artur Zimmermann. Hermann v. Stein. 
* — 
Wilhelm Croener. 
Otto v. Schjerning. Adolf Tortilowicz v. Balockl-Friebe. 
(Hotphet. E. Sandan, Berlin.)
        <pb n="315" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
Schlachtkreuzer haben sich an die Spitze des deulschen 
Gros gesetzt; die Kleinen Kreuzer und Torpedoboote 
nun im Feuerlee. Der gerte Abschnitt der Schlacht 
ist vorüber. Die Südküste Norwegens ist in Sicht. 
Unter voller Ausnutzungihrer großen Geschwindig- 
keit rauschen Beattys übriggebliebene vier Schlacht- 
kreuzer davon und gelangen bald außer Feuerbereich. 
Sie haben offenbar schwer gelitten und von da an 
keinen weiteren Anteil an der Schlacht genommen. 
In heißem Feuergefecht ringen die fünf deutschen 
Schlachtkreuzer gegen die mächtigen, schwer gepanzer- 
ten und bestückten Großkampfschiffe. Nur die Spitze 
des deutschen Gros kann auf große Entfernung ihre 
Kreuzer unterstützen. Aber die Wirkung der deut- 
schen Artillerie muß wohl em#pfindlich sein; denn die 
Briten suchen sie durch Abstaffeln &amp; mindern. Außer- 
dem nutzen sie ihre überlegene Geschwindigkeit von 
25 Knoten dazu aus, um allmählich östlich zu schwen- 
ken und damit schließlich den T.Strich über die von 
der deutschen Flotte gebildete Linie zu ziehen (vyl. 
Bd. I. S. 292, Spalte 1). Diese wehrt den Versuch 
durch rechtzeitiges Rechtsschwenken ab. 
Der Wind hat sich inzwischen auf Südwest gezogen, 
der Himmel sich bewölkt; es beginnt dunstig zu werden. 
Auf östlichem Kurse dampfen beide Linien nebenein- 
ander her, die beiderseitigen Spitzen in gleicher Höhe. 
Die bisher bei Beatty gewesenen Kleinen Kreuzer und 
Zerstörer stoßen um 7 Uhr 45 Min. gegen die deutschen 
Panzerkreuzer vor. Die leichten deutschen Streitkräfte 
werfen sich ihnen entgegen, und die Schlachtkreuzer wei- 
chen den abgefeuerten Torpedos durch „Abwenden- 
aus. Nachdem diebritischen Zerstörer wieder nach Nor- 
den abgebogen sind undsich die deutschen Torpedoboote 
bei ihren Kleinen Kreuzern sammeln, stoßen diese nach 
Osten vor, um aufzuklären. In 8 km Abstand sichten 
sie zunächst den britischen Kleinen Kreuzer -Chester- 
(1915, 5500 t, 25,5 Knoten, acht 15.2 cm-, vier 4, vem- 
Schnelladekanonen, zwei 58 cm-Torpedorohre), der 
schwer unterihrem Feuer leidet. Südlich vom -Chester- 
erscheinen dann mehrere Großkampfschisse, und als 
auch nördlich solche aus dem Dunste auftauchen, wen- 
den die deutschen Kleinen Kreuzer und Torpedoboote 
auf westlichen Kurs. Schweres feindliches Feuer folgt 
ihnen. . Wiesbaden. bleibt infolge eines in die Ma- 
schinen schlagenden Treffers liegen. Teile der deut- 
schen Flottillen brechen inzwischen durch die im Osten 
lagernde Dunstschicht und sehen sich vor einer langen 
Linie von etwa 24 großen Schiffen, die auf nord- 
westlichem Kurse liegt und deren Spitze soeben auf 
Südostschwenkt. Diebritischen Schlachtkreuzer sind ver- 
schwunden; offenbar sind sie nicht mehr gefechtsfähig. 
Um 7 Uhr 20 Min. isteins der schnellen britischen Croß 
kampsschiffe mit schwerer Schlagseite aus der Linie ge- 
gangen und langsam nördlich gesteuert. Die deutschen 
Kleinen Kreuzer und Torpedoboote suchen = Wies- 
badene in Schlepp zu nehmen; schweres feindliches 
Feuer läßt den Versuch scheitern. Statt dessen bricht 
jetzt ein Geschwader von fünf britischen Konerkreuhern 
gegen den Kreuzer vor. Der deutsche Flottenchef, der 
ereits Bewegungen zu seiner Deckung eingeleitet hatte, 
sieht sich durch höhere Rücksichten gezwungen. ihn sei- 
nem Schicksal zu überlassen. Er wußte nunmehr 
aus den Meldungen der leichten Schiffe, daß im Nord- 
osten die semdlsche Hauptmacht stehe. Gegen sie geht 
er nunmehr zum Angriffe vor (Fig. 4). Die deutsche 
Linie hält auf die Dunstwand im Osten zu. Der An- 
sturm der gegen das britische Gros angesetzten Tor- 
pedoboote stößt auf britische Zerstörerflottillen. In 
251 
dem dadurch herbeigeführten Nahgefecht sinken zwei 
britische Dfkärer. iner von ihnen trägt das Zeichen 
»O 4%. Der sie geleitende Kreuzer und zwei weitere 
Ferlürer werden schwer beschädigt. Die deutschen 
lachtkreuzer führen auch jetzt wieder die Linie. 
Daher sichten sie auch zuerst die aus dem Dunste auf- 
tauchende feindliche Schlachtlinie, mit der sich ein 
heftiges Feuergefecht entspinnt. 
Der in Richtung auf -Wiesbaden= angesetzte An- 
iff der fünf Panzerkreuzer, Kleinen Kreuzer und Zer- 
törer trifft bei dem unsichtig gewordenen Wetter und 
im Pulverdampf versehentlich die deutsche Spitze. Der 
Kleine Kreuzer „Birmingham= sinkt in dem Feuer 
der deutschen Großkampfschiffe; ein zweiter dreht 
schwer beschädigt nach Osten ab. Die Zerstörer folgen 
Fig. 4. 
dorthin. „Defence und -Black Prince= werden nach 
mehreren Explosionen bewegungslos und versinken. 
»Warrior« erreicht zwar noch die britische Linie, mußz 
dort jedoch aufgegeben werden und geht unter. 
Der ganze vordere Teil der deulschen Linie steht 
in schwerem Kampfe mit dem britischen Gros; nur die 
Schlußschiffe beschießen die nochvorhandenen 4 Schiffe 
der „Queen Elizabeth“-Klasse. Auf dem nördlichen 
Ende der jetzt südlich steuernden britischen Schlacht- 
linie dampfen die 8 Schlachtkreuzer Invincible, 
„eInflexible: und „Indomitablee; die südliche Spitze 
führen die drei ganz neuen Großkampfschiffe der 
„Royal Sovereign-Klasse. Das Feuer der Briten ist 
ausgezeichnet gerichtet. Die vonihren Kurz= und Weit- 
schafeer aufgeworfenen Wassersäulen und Spreng- 
wolken hüllen die deutschen Schlachtschiffe eitwen 
völlig ein. Aber deren Artillerie bleibt die Antwort 
nicht schuldig. Namentlich zwischen 8 Uhr 20 Min. 
und 8 Uhr 30 Min. lassen zahlreiche Detonationen 
und Stichflammen erkennen, daß sie Unheil in die 
feindlichen Schiffe getragen hat. Ein zweites Schiff 
der „Queen Elizabethe-Klasse — Warspite= — fällt
        <pb n="316" />
        252 
aus; esfliegt, vom Konig beschofsen, unter ähnlichen 
Erscheinungen wie »Queen Mary« bei Beginn der 
Schlachtin die Luft. Der Schlachtkreuzer = Invincible. 
der an der Vernichtung des Geschwaders des Grafen 
Spee mitwirkte, teilt das Schicksal eines anderen Ge- 
fährten jener Schlacht, des Panzerkreuzers -Defence-: 
auch über ihm Hlagen die Wogen zusammen. Ein 
Schiff der Iron Duke= -Klasse läuft ganz unmotiviert 
einen Kreis; offenbar ist seine Steuereinrichtung be- 
schädigt; seine Türme schweigen. 
Das Flaggschiff des Admirals Hipper, der Schlacht- 
kreuzer -Lützow-, hat 15 Treffer aus grobem Geschütz 
erhalten; zuletzt ist seine Funksprucheinrichtung un- 
brauchbar geworden. Deshalb läßt Admiral Hipper 
sich durch ein Torpedoboot an Bord eines anderen 
Schiffes bringen. Die treffliche Schulung der Flotte 
N 
J## 
G. 
Feiadliche Streitkwälte 
————————5 
D 2mincibles 
Groas intensdiisfe / 
d Iorpedohoota PFlott imn 
Fig. 8. 
läßt diesen Flaggenwechsel ohne jeden Zwischenfall 
für die Leitung vorübergehen. 
Es hat angefangen, zu regnen. Einzelne deutsche 
Flottillen sind abermals gegen die britische Haupt- 
macht angesetzt worden, die sich inzwischen allmählich 
zwischen das Schlachtfeld und Helgoland geschoben hat 
(Fig. 5). Eine Reihe von Detonationen läßt erkennen. 
daß ebenso viele Torpedos getroffen haben müssen. 
Auch ein britischer Zerstörer wird von ihnen vernichtet. 
Regen, Kohlenqualm und Pulverdampf beschränken 
die Weitsicht; es beginnt zu dunkeln. Nochmals setzt 
der Flottenchef die Schlachtkreuzer, Kleinen Kreuzer 
und Torpedoboote kurz nach 9 Uhr zur Attacke an. 
Ein Geschoßsturm schlägt ihnen entgegen. 6000 m 
vom Feinde entfernt, brechen die Boote zwischen und 
vor den Schiffen zum Angriffe vor. Nur ein Boot 
kehrt von dem Vorstoße nicht zurück; die anderen 
sammeln bei ihren Führern. 
Nach diesem Ausfalle schweigt das Feuer wieder- 
um für einige Zeit. Eine neue Welle deutscher Tor- 
pedoboote durchbricht die Dunstschicht mit Richtung 
2—— —— 
Iomnpedoboots Flotct : 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
auf den Feind — ein Luftstoß: der Gegner ist ver- 
schwunden! nur in Nordnordost sind noch einzelne 
Kleine Kreuzer und Zerstörer erkennbar. Auch die 
deutschen Linienschiffe, die mit südlichem und südwest- 
lichem Kurse folgen, können ihn in der Richtung 
nirgends mehr sichten, in der er zuletzt gesehen wurde. 
Man nimmt an, daß er vor dem Torpedoangriffe 
abgedreht hat. 
n der letzten Stunde hatte der Feind verloren: 
* Warspite,= Invincible-„Defence",Black Prince-. 
’ Warrior-, „Birmingham= und mindestens 2 Zer- 
störer. Das Schiff der „Iron Duke--Klasse, das 
den unmotivierten Kreis lief, das Großkampfschif 
„Marlboroughe, 2 Kleine Kreuzer und mehrere Zer- 
störer sind schwer beschädigt worden. Auf deutscher 
Seite gingen verloren der Kleine Kreuzer = Wies- 
baden-, der mit wehenden Toppflaggen und feuernd, 
bis die Wogen über den Geschützen zusammenschlugen, 
versank, und 2 Torpedoboote. Der Schlachtkrenzer 
„Lützow“ wurde kampfunfähig. 
Um 10½ Uhr werden in südlicher Richtung 4 
britische Großkampfschiffe gesehen. Die deutschen 
Schlachtkreuzer eröffnen gegen fie ein kräftiges Feuer. 
Als zwei deutsche Geschwader von Linienschiffen ein- 
greifen, verschwinden sie im Dunkel der Nacht. 
Einige ältere deutsche Kreuzer wechseln noch Schüsse 
mit britischen; dann schweigt auch dieses Feuer- 
die Tagschlacht ist been det. 
Ein Teil der deutschen Kreuzer und Torpedoboote 
wird auf die Suche nach dem verschwundenen Feinde 
abgesandt. Alle können nicht dazu Verwendung fin- 
den, denn der andere Teil muß für die Abwehr der 
bt erwartenden feindlichen Torpedoangriffe zurück- 
ehalten werden. 
Die deutsche Flotte nimmt Kurs auf Helgoland. 
Hatte der Gegner noch Kampfkrast, so mußte erwartet 
werden, ihn in dieser Richtung zu finden, da nach 
einem unbestreitbar richtigen strategischen Grundsatz 
immer angenommen werden soll, daß der Feind das 
Richtige tun wird. Die feindliche Flotte war zuleßt 
in dieser Richtung gesehen worden. Waren feindliche 
leichte Streitkräfte der deutschen Flotte auf dem ein- 
zigen Wege, den sie nehmen konnte, vorangeeilt, so 
konnten se unsere Schiffe mit Gegenkurs angreifen, 
dem günstigsten, den es für den Torpedoangriff gibt. 
Nebliges und unsichtiges Wetter erhöhte die Aus- 
sichten für solche Anfälle. 
Kurz nach Mitternacht stoßen -Elbinge und -Ham- 
burge auf einen britischen Kleinen Kreuzer der Are- 
thusa--Klasse (1918, 3600t, 29 Knoten, zwei 15,2 em-, 
sechs 10,2 cm-Schnelladekanonen, vier 53 cm-Tor- 
pedorohre), der schwer beschädigt das Weite sucht. 
Nach einer halben Stunde kommt es zwischen älteren 
deutschen Kleinen Kreuzern und überlegenen bri- 
tischen Streitkräften zum Gefecht. Am 1. Juni um 
etwa 1½ Uhr beleuchtet das deutsche Schlußschiff 
einen britischen Kreuzer der -Aurora--Klasse (1913. 
3560 t. 29 Knoten, zwei 1566 cm., sechs 10,2 cm. 
Schnelladekanonen, vier 53 cm-Torpedorohre). Drei 
andere ähnliche befinden sich bei ihm. Auf 800 m 
werden sie beleuchtet und beschossen. Sie antworten, 
und Frauenlobe erhält viele Treffer ins Hinterschiff, 
so daß dieses in Brand gerät. Dann trifft sie ein Tor- 
pedo. Die Lichtmaschinen versagen, Scheinwerfer und 
Innenbeleuchtung verlöschen. Die Maschinen bleiben 
stehen. Das Schiff neigt sich schwer nach der wunden 
linken Seite. Die anderen deutschen Kleinen Kreuzer 
sind im Dunkel voraus verschwunden. Die Artillerie
        <pb n="317" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
der Frauenlobe feuerl noch, als die Geschützführer 
bereits im Wasser stehen. Als der Kreuzer kentert, 
ertönen drei Hurras auf den Kaiser. 
Zwischen 1 und 3 Uhr erfolgt eine große Anzahl 
von Angrisfen zahlreicher Zerstörer gegen das erste 
Geschwader. Immer aufs neue fallen Schusse tasten 
die Strahlen der Scheinwerfer suchend über die jetzt 
aufgeregten Wellen. Das vorderste deutsche Linien= 
*5 »Westfalen« schießt allein sechs Zerstörer ab; 
ein siebenter wird von einem anderen Überrannt. Am 
nächsten Morgen findet man den Mast mit der Kriegs- 
stagge am Bug dieses Schiffes, an dem er hängen- 
geblieben war. Zum Teil werden die angreifenden 
Boote binnen Sekunden vernichtet. Sieben andere 
drehen schwer beschädigt nach Nordwest. 
Um 2¼ Uhr taucht links von der deutschen Linie ein 
Panzerkreuzer der Cressye-Klasse in einem Abstande 
von etwa 1 km auf. 30 Sekunden später steht er im 
Glut und Flammen bis in die Mastspitzen hinauf 
und fliegt nach vier Minuten in die Luft. Die rück- 
wärts stehenden deutschen Schisfe müssen nach rechts 
drehen, um nicht von den stürzenden Trümmern ge- 
troffen zu werden. Einmal hatten seine schweren 
Türme feuern können; die Salve lag zu weit. 
Ungefähr eine Stunde später erschemmt auf derselben 
Seite ein größeres brennendes Schiff. Eine abge- 
feuerte Rakete läßt einen Kleinen Kreuzer erkennen, 
der gegen den Wind fährt, um die in seinem Achter- 
schiff fressende Glut bekämpfen zu können. Nachdem 
einige Schüsse gegen ihn abgegeben. zeigt eine zweite 
Rakete, daß die Wellen sein Oberdeck an der einen 
Seite bereits überspülen. Man überläßt den Verlore- 
nen seinem Schicksal. 
Zahllose Torpedolaufbahnen durchfurchen das 
Wasser um die deutschen Schiffe. »Pillau« wird acht- 
mal anlanciert und keinmal getroffen. Dagegen er- 
hält „Rostocke einen Treffer, bleibt aber schwimmen. 
Der Kleine Kreuzer = Elbinge stößt, als er abdreht, 
um einem Torpedo auszuweichen, mit einem deut- 
schen Großkampfschiff zusammen und wird schwer be- 
schädigt. Nachdem die Besatzung von deutschen Tor- 
pedobooten aufgenommen ist, muß die Elbing auf- 
gegeben werden. 
In dem Durcheinander sucht man durch Erken- 
nungssignale festzustellen, ob man es mit Freund oder 
Feind zu tun hat. Ein älterer deutscher Kreuzer be- 
antwortet den Anruf eines britischen Zerstörers mit 
demselben Signal; und von da ab bleibt der Brite 
längere Zeit bei ihm. Die angeschossenen britischen 
Zerstörer brennen wie Fackeln, wahrscheinlich weil sie 
mit flüssigen Heizmitteln fuhren und diese durch die 
krepierenden Granaten entflammt wurden. Wie große 
Leuchtbojen liegen sie zu beiden Seiten der Marsch- 
straße der Flotte. Hier finden - Tipperary= (1914, 
1900 t, 31 Knoten, sechs 10,2 cm-Schnelladekanonen, 
sechs 53 cm-Torpedorohre) und -Turbulente (1915, 
1000 t, 33 Knoten, drei 10,2 cm-Schnelladekanonen, 
zwei 53 cm-Doppeltorpedorohre) ihr Ende; ihre Be- 
satzungen werden gefangen. 
Der Feind hat den Weg durch Streuminen verseucht; 
ein deutsches Torpedoboot geht durch sie verloren. 
Noch ist -Lützow# bei den anderen, aber er liegt tief 
im Wasser. Als im Morgengrauen feindliche Zerstörer 
nahen, wird seine Besatzung von Torpedobooten gebor- 
gen, und diese greifen, das Deck mit den Lützowgästen 
gefüll. an. Die britischen Zerstörer. ja selbst ein Kleiner 
euzer, drehen ab. Möglicherweise glauben sie, daß 
die an Deck stehenden Leute gerettete Hansleute sind. 
253 
Es beginnt zu dämmern. Fast scheint die durch 
Torpedoangriffe drohende Gefahr vorüber — da steigt 
mit ohrenbetäubendem Krachen ein ungeheurer Spru- 
del neben der -Pommerne auf; und wenige Sekunden 
später haben sich die Wogen über dem alten Schiffe 
geschlossen. Als es heller wird, spähen die Augen nach 
feindlichen Schiffen aus; nichts ist von ihnen zu sehen. 
Nur die von den Zeppelinen am Morgen aufgenom- 
mene Luftaufklärung meldet, daß etwa 90 Seemeilen 
nördlich von Terschelling eine Flottei von 12 bri- 
tischen Linienschiffen nordöstlich dampfe. Doch we- 
nige Minuten später kommt die ergänzende Mel- 
dung, daß diese Flotte linksum gewendet habe und 
mit großer Fahrt nach Nordwesten sieure. Sie ist 
nicht zu erreichen. Ein erscheinendes britisches U 
Boot wird versenkt. 
Später melden Luftschiffe, daß ein Teil der britischen 
„Grand Fleet“ in der Jammerbucht, die Reste der 
Aufklärungsflotte weit nordwestlich vom Kampsplatze 
halbwegs nach England stehe. 
Während die britischen leichten Streitkräfte die 
Deutschen finden, angreifen und schädigen konnten, 
waren die deutschen Torpedoboote bei ihrer Suche 
nach feindlichen großen Schiffen erfolglos. Nirgends 
konnten sie mit Eynenn Fühlung gewinnen, obgleich sie 
auf dem Schlachtfelde, westlich und nordwestlich such- 
ten. Nur eine Anzahl von Seeleuten der versenkten bri- 
tischen Schiffe wurden aufgelesen und zu Gefangenen 
gemacht. Diese vergebliche Jagd erklärt sich damit, 
daß — während den Deutschen nur eine einzige Straße 
zur Verfügung stand — für die Briten deren mehrere 
in Frage kommen konnten. Sie hatten einen Weg ins 
Skagerrak frei, wo sie in norwegischen und schwe- 
dischen Häfsen Schutz vor Verfolgern gefunden hätten. 
Nach Norden standen an der norwegischen Westküste 
mit ihren Schären und Ankerplätzen ähnlich Unter- 
schlupfe * Verfügung. Nach Nordnordwest öffnete 
sich die Nordsee nach dem Atlantischen Ozean in einer 
Ausdehnung von 200 Seemeilen, und in westlicher 
Richtung lag die Ostküste des vereinigten Königreichs 
mit ihren Inseln und Stützpunkten, die während der 
letzten 22 Monate das Asyl der britischen Flotte ge- 
bildet hatten. Die Tatsache, daß die britische Flotte 
ungefähr zur selben Zeit in Scapa Flow — Orkney- 
Inseln — einlief, wie die deutsche in die 100 See- 
meilen nähere Jade, läßt erkennen, daß Admiral 
Jellicoe es sehr eilig gehabt haben muß, nach Hause 
zu gelangen. 
Die Engländer behaupten, daß die britische Haupt- 
flotte nicht gelitten habe, daß sie die deutsche gestellte 
habe, und diese ihr durch schleunige Flucht nach der 
deutschen Küste entkommen sei. Aus den vorstehenden 
Schilderungen ergibt sich, daß die britische Haupt- 
macht während des letzten Abschnitts der Schlacht süd- 
lich von der deutschen, zwischen ihr und Helgoland ge- 
standen hat. Die britische Flotte war auch schneller 
als die deutsche, deren Marschgeschwindigkeit sich nach 
der Schnelligkeit der bei ihr befindlichen alten Linien- 
schiffe richten mußte, die auf die Dauer höchstens 15 
Knoten zu laufen imstande waren. Hätte der ganz 
unzweifelhaft tapfere britische Admiral Jellicoe, der 
wußte, daß er am Morgen des 1. Juni mit dem Ein- 
1 Nach einer Auslegung, deren Berechtigung zur Zeit nicht nach- 
geprüft werden kann, soll die Flotte nicht aus Linienschiffen, son- 
dern aus Transportdampfern bestanden haben, die Truppen für 
Icliland an Bord hatten. ##uch Lord Kitcheners Name wird da- 
mit in Verdindung gebracht.
        <pb n="318" />
        254 
treffen einer intakten Flotte von 12 Linienschiffen 
auf der Linie Borkum -Esbierg rechnen durfte, die 
überzeugung gehabt, daß seine eigene, aus den Groß- 
kampfschiffen gebildete Flotte am Tage nach der 
Schlacht noch kämpfen könne, so würde er sicherlich 
seinen Kurs auf Helgoland gesetzt haben. Daß er das 
nicht tat, ist der Beweis, daß seine Flotte so gelitten 
hatte, daß sie nicht daran denken konnte, sich am 1. Juni 
nochmals zu schlagen. Nach den deutscherseits gemach- 
ten Beobachtungen wissen wir, daß viele seiner Schiffe 
Torpedotreffer gehabt haben müssen; sie haben auch 
durch Geschützfeuer ernstlich gelitten. -Marlborough- 
war kampfunfähig, wahrscheinlich aber bereits gesun- 
ken. Ein Schiff der -Iron Duke--Klasse wurde von 
einem deutschen U-Boot in schwer beschädigtem ! 
stande auf die engis che Küste zusteuernd gesehen. Ver- 
loren hat die britische Hauptmacht außerdem die 
Panzerkreuzer „Defence-, „Warrior-, -Euryalus- 
und -Black Prince“ und einen der -Cressy“-Klasse, 
den Schlachtkreuzer „Invincible-, 2 Kleine Kreuzer und 
ein halbes Dutzend Zerstörer; die Aufklärungsflotte: 
ä Warspite“, „Queen Marye, Princeß Royale, 
„Indefatigablee und ebenfalls ein halbes Dutzend 
Zerstörer. * anderen Schiffe befanden sich sicher 
in einem Zustande, daß von ihnen als von einem 
Trümmerhaufen gesprochen werden kann. Es soll 
aber nicht gesagt sein, daß damit die britischen Ver- 
luste erschöpft wären. Und zu diesen Schiffsverlusten 
kommen schwere blutige Menschenverlufr. zwischen 
eingegangene Zeitungsnachrichten besagen, daß von 
den in der Schlacht Verwundeten 600 gestorben seien. 
Da die Zahl der deutschen Verwundeten wesentlich 5 
ringer ist, so darf angenommen werden, daß auch die 
der englischen Gefallenen entsprechend höher sein wird. 
Wozu hätte die britische Admiralität sonst unmittel- 
bar nach der Schlacht angeordnet, daß die britischen 
Kriegsschiffe im Atlantischen Ozean und Mittelmeer 
sofort zurückzukehren hätten und die anderen in Über- 
see die Hälfte ihrer Besatzungen nach England senden 
sollten? Doch ohne Zweifel, um die Lücken des Per- 
sonals aufzufüllen. 
Die Schiffsverluste auf englischer Seite betragen: 
Tonnen Mann 
Großkampfschiff = Marlboronge 29000 950 
- Warspite...... . 28500 1000 
Schlachtkreuzer „Queen Mary 80000 1400 
- „ Princeß Rowpalll 90000 990 
- „Indefatigablee 19050 780 
- P„Invincibbe 20 300 780 
Panzerkreuzer ? Deseneske 14 800 850 
- »Black Prinee 13 750 700 
- "Warriiroror 18750 1 
- der »Cressya-Klasi· ·. . . 12200 1 
Kleiner Kreuzer Birminghaud 5530 400 
i..... 8600 400 
5 Herstörerführer, darunter „Tipperarg#. 1900 160 
U .. 128900 160 
1 .. 1900 160 
7 „. 1900 160 
7 . 1900 160 
8 Zerstörer, darunter „Turbulent 1000 100 
P„Nestore 1000 100 
Nomoaob 1000 100 
Acastie 950 100 
„Share 910 100 
i Fortuner 950 100 
»Arbent· ·. .. 920 100 
— 950 100 
2 Tauchboote (je 1000 Tonnen, 30 Mann). 2000 60 
Zusammen: 238 720 
Außerdem ganz ausgebrannt: 2 Euryaluse (12200) 1 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Die deutschen Schiffsverluste betragen: 
Tonnen Man 
Linienschiff dommen 13200 743 
Schlachtkreuzer Lüto 28000 1 
Kleiner Kreuzer ? Wiesbabdben 4900 400 
- " „Nostoccccck 4900 1 
- »Elbinge. .. .. ... 4900 1 
„ Frauenlohnn 2700 237 
5 Torpedoboote (je knapp 600 Tonnen) 2900 201 
Zusammen: 61 500 1624 
1 Besatzung gerettet. — 2 Besazungen teilweise gerettet 
über die Personalverluste liegen nur seitens des 
deutschen Admiralstabs zuverlässige Angaben vor. 
Nach diesen beträgt die geh der Gefallenen und mit 
den gesunkenen Schiffen Gebliebenen 2414 Tote. Nach 
vorstehenden Angaben dürften etwa 1624 Tote auf 
die gesunkenen Schiffe, auf die anderen Schiffe 790 
Mann kommen, zu denen noch 449 Verwundetehinzu- 
zurechnen sind. 
In bezug auf die britischen Verluste sind wir auf 
Berechnungen angewiesen. Es ist anzunehmen, daß 
von den gesunkenen Schiffen nur einzelne Menschen 
mit dem Leben davongekommen sind. Den deutschen 
Torpedobooten gelang es, 177 britische Seeleute zu 
retten, die natürlich zu Gefangenen gemacht wurden. 
Auf den gesunkenen Schiffen befanden sich — ab. 
esehen von „Warrior= und -Euryaluse, deren Be- 
fatzuugen Zeit gehabt haben mögen, sich in Sicherheit 
zu bringen — nachobiger Liste9910 Mann, von denen 
177 gefangen wurden. Es steht fest, daß die deutschen 
Granaten den feindlichen Panzer häufiger durchschla- 
en haben als umgekehrt. Die Sprengkraft der deut- 
chen Granaten ist auch wesentlich größer gewesen als 
die der britischen, weil ein größerer Teil mit brisanten 
Ladungen versehen ist. Wir haben auch in Zeitungs- 
berichten gelesen, daß von den in England gelandeten 
Verwundeten 600 gestorben sind. Das sind natürlich 
nicht alle Verwundete, sondern ein großer Teil wird 
mit dem Leben davongekommen sein. Deshalb darf 
angenommen werden, daß die Zahl der Verwundeten 
1000 überschreitet. Nehmen wir an, daß das Verhält- 
nis der Gefallenen ein ähnliches ist gegenüber den ent- 
sprechenden deutschen Verlusten, so wird deren Anzahl 
mit 1600 nicht zu hoch eingeschätzt sein. Das ergäbe: 
Ertrunkene und Gesangene . 9910 Mann 
Gefallen 1600 e 
VBVerwunde 1000. 
Zusammen: 12510 Mann 
Das würde mit der Schätung übereinstimmen, welche 
die deutsche Flotte gemacht hat: der britische Verlust 
sei etwa viermal so groß wie der deutsche. 
Ob englischerseits Hrategische Absichten zur Schlacht 
geführt haben wissen wir nicht. Noch ist es nicht 
möglich,-Geschichte zu schreiben. Möglicherweise hat 
französischer Druck die bisherige Zurückhaltung der 
britischen Flottenleitung überwunden. Wäre Jellicoes 
»Grand Fleet= erfolgreich gewesen, hätte sie die deut- 
sche vernichtet oder ihre Kampfkraft wesentlich ge- 
schwächt, dann mag ein Vordringen in die Ostsee. 
eine Landung in Jütland ins Auge gefaßt gewesen 
sein. Vielleicht hat man auch von einem derartigen 
Vorgehen gehofft, daß die deutschfeindlichen Kreise in 
Dänemark die Lage dann dazu ausnutzen würden, 
dieses Land auf die Seite des Vierverbandes zu ziehen. 
Sollten solche Pläne tatsächlich vorhanden gewesen 
sein, so sind sie durch das Ergebnis der Schlacht zum 
Scheitern gebracht worden.
        <pb n="319" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
Der offenbar durch das britische Auswärtige Amt 
für die Offentlichkeit zurechtgestutzte Bericht Jellicoes 
über die Schlacht spricht von schweren deutschen Ver- 
lusten. Was er in dieser Hinsicht mitteilt, entspricht 
in keiner Weise den Tatsachen. Es kann sich dabei 
nicht um 2 Irrtümer handeln, sondern es ist wissent- 
lich gelogen, um die eigene Bevölkerung, die der 
Verbündeken und Neutralen irrezuführen, die Nieder- 
lage in einen Sieg umzulügen. Ubrigens pflegt man 
nach einem »Siege« nicht Führer abzusetzen, wie es 
die britische Regierung mit dreien der beteiligten 
Admirale getan hat, darunter den Führer der Auf- 
klärungsflotte, Vizeadmiral Beatty. 
Es haben in der Schlacht 16 wesentlich größere 
britische Großkampfschiffe gesen ebenso viele deutsche, 
9 größere und schnellere britische Schlachtkreuzer gegen 
5 deutsche, 6 britische Panzerkreuzer gegen ebenso viele 
deutsche veraltete Linienschiffe, die kleiner und sehr 
viel langsamer waren, 20 ganz neue britische Kleine 
Kreuzer gegen 5 neue und 3alte deutsche gefochten. An 
Torpedofahrzeugen standen 140 britische von 1000 bis 
1900 t gegen 40 deutsche, die durchschnittlich 600 t 
maßen. 
An schweren Geschützen standen sich gegenüber: 
deutscherseits 
138 30,, em mit 58820 Ug Geschoßgewicht 
84 2 e. 25200 - - 
7900 kr 
britischerseits 
60 88,1 cm mit 53 100 k Geschoßgewicht 
160 84,, „ ., 90720 = - 
180 3035 50 115 -- - 
Tos %5 us 
Damit war die schwere britische Artillerie der deutschen 
um das 2,fache überlegen. 
Noch stärker war verhältnismäßig die mittlere 
britische Artillerie der deutschen gegenüber: von deut- 
schen standen 84: 17 cm-, 304;: 15 cm- und 90: 10,5 
em-, englischerseits 22: 19 cm-, 341: 15,2 em-, 674: 
10,2 em · Schnelladekanonen im Feuer. 
Daß die deutsche Flotte gegen eine so bedeutende 
berlegenheit siegreich bleiben konnte, bewirkte eine 
ganze Reihe von Umständen. Zunächst war die tak- 
tische Führung auf deutscher Seite besser. Admiral 
Scheer wurde von seinen Admiralen und Komman- 
danten in geradezu mustergültiger Weise unterstützt. 
Die gesamten Besatzungen waren von einem Geiste 
durchglüht, wie man ihn besser nicht denken kann. 
Eine zielbewußte kriegsmäßige Schulung, die allen 
denkbaren Vorkommnmissen Rechnung trug, hatte in 
langjähriger Arbeit das Personal so ausgebildet, daß 
alle im Material schlummernden Kräfte herausgeholt 
wurden. Das Material selbst, besonders die Artillerie, 
war hervorragend. Geschlütze, Lafeiten, Geschosse und 
B#der. haben gearbeitet, wie man erwartet hatte. 
ie Schiffe, mit allen ihren Einrichtungen, besonders 
der Unterwasserschutz und der Panzer, bewährten sich 
glänzend. Ein Schiff hatte 3500 t Wasser im Raum 
und blieb auf seiner Station; man wußte, daß es 
9000 t tragen könne, ohne zu sinken. Panzerplatten, 
die 28 cm-Granaten abweisen sollten, haben 34 cm- 
Geschosse abgehalten. Ein schweres britisches Geschoß 
traf einen Kommandoturm; die in ihm Befindlichen 
glaubten, eines der eigenen in der Nähe stehenden 
eschütze habe gefeuert. 
Das von der deutschen Flotte Erreichte darf um so 
höher eingeschätzt werden, als es einem Gegner ab- 
gerungen wurde, dessen Mut und technisches Können 
255 
mit Recht sehr hoch bewertet werden. Die britischen 
Seeleute haben glänzend gefochten, und vortrefflich 
war auch das ihnen zur Verfügung stehende Material. 
Nur die Geschütze standen nicht au der Höhe. Die bei 
Beginn der Schlacht dicht beisammen liegenden Salven 
ließen nach einigen Stunden zu wünschen übrig. Offen- 
bar waren die Kanonen der Gewaltprobe nicht ge- 
wachsen, der sie hier unterworfen worden waren. 
Die großen Brände auf den britischen großen 
Schiffen und Zerstörern erklären sich mit dem flüssigen 
Heizmaterial, das die Briten benutzen. Es wurde 
durch die Granaten entzündet und trug die Glut Über 
das ganze Schiff. 
Im übrigen hatte das Parlament nie mit den Mit- 
teln für die Flotte gegeizt und der Regierung höchstens 
den Vorwurf gemacht, daß sie nicht genug fordere. 
Aber bei aller Anerkennung für die britische Marine 
darf doch gesagt werden, daß auf deutscher Seite 
immer noch nach allen diesen Richtungen hin ein ge- 
wisses Plus blieb, das die Wagschale des Sieges sich 
*7 unseren Gunsten senken ließ. Hätte ein freundliches 
eschick gewollt, daß die Schlacht nur drei Stunden 
früher begann, so hätte Admiral Scheer wahrscheinlich 
die nötige Zeit gehabt, um das Erreichte zu einem so 
entscheidenden Siege auszubauen, wie das 111 Jahre 
früher Trafalgar für die britische Weltherrschaft und 
seine Sermochtstellung geworden war. Vorläufig be- 
stand der Wert des deutschen Erfolgs hauptsächlich 
darin, daß der Glaube der Welt an die Unbesiegbar- 
keit der britischen Flotte schwer erschüttert wurde. 
Man hat englischerseits die Unverfrorenheit gehabt, 
von der Schlacht als einem zweiten Trafalgar zu 
sprechen. Wollten wir darauf eingehen, so könnte 
das nur in dem Sinne sein, daß am 31. Mai 1916 
die Briten die Rolle übernommen haben, die 1805 
die Franzosen und Spanier spielten. 
Die Absperrung der Mittelmächte blieb unbeein. 
fünt, denn sie wird durch die geographische Lage 
erart begünstigt, daß, wenn die Briten in Deutschland 
säßen und die Russen in England, selbst die lesteren 
bei einigermaßen vernünftigem Verhalten imstande 
sein müßten, die Briten vom Weltverkehr abzuschließen. 
Nach der Schlacht sind folgende Häfen für die 
Schiffahrt gesperrt worden: YBarmouth, Newoastle, 
Hull. Überall wurde an der Ausbesserung der Schiffe 
earbeitet. An der Nordostecke Schottlands und bei den 
Ertneys wurden neun Minenfelder ausgelegt. Auch 
in der Irischen See wurden mehrere Häfen gesperrt. 
VI. Gnsee. 
Über die Ereignisse in der Ostsee flossen die Nach- 
richten spärlich; die Kriegsereignisse dort sind nicht 
derart klargestellt, daß es möhlich wäre, sie sachlich zu 
schildern. Unverkennbar hat die Seekriegführung mit 
der des Heeres in Beziehungen gestanden; in welchen 
ist noch nicht zu sagen. 
Die Beobachtung derrussischen Seestreitkräfte wurde 
fortgesetzt und hat nicht unerhebliche Opfer gekostet. 
Windau und Libau haben scheinbar als Stützpunkte 
Verwendung gefunden. Gegen die feindlichen Schiffe 
und Fahrzeuge, Werften und sonstige militärische Ein- 
richtungen wurden verschiedentlich Vorstöße und Luft- 
angriffe unternommen. Wiederholt wurden auch Ver- 
luste und Beschädigungen russischer Kriegsschiffe ge- 
meldet; doch fehlte es auch nicht an sehr viel schwe- 
reren deutschen. Der Schutz des deutschen Seehandels
        <pb n="320" />
        256 
wurde zuletzt durch die Bildung von -Geleiten « ( ston- 
voise) angestrebt, die von bewaffneten Hilfsdampfern 
und Torpedobooten begleitet wurden. Von besonderer 
Wichtigkeit war dabei der Schutz der zwischen dem im 
höchsten nordöstlichen Zipfel des Bottnischen Meer- 
busens liegenden schwedischen Hafen Luleck und deut- 
schen Häfen fahrenden Erzdampfer, deren Weg durch 
diesen langen und schmalen Meeresarm führt. 
Wir werden in Unkenntnis der leitenden Gedanken 
der beiderseitigen Oberleitungen hier noch mehr als 
anderswo darauf angewiesen sein, die Ereignisse der 
Zeitfolge entsprechend niederzulegen, und darauf ver- 
zichten müssen, sie einer Besprechung zu unterziehen. 
Bei einem am 8. August 1915 unternommenen 
Vorstoß eines deutschen Geschwaders in den Meer- 
busen von Riga wurden einige Schiffe durch Minen 
beschädigt, zwei Minensucher versenkt. Am 10 stieß 
eine Flottenabteilung gegen die Mlandsinseln vor. 
Russische Streitkräfte wurden verjagt und eine Bat- 
terie auf der Insel Utoe niedergekämpft. Der andere 
Verband vertrieb am Eingange des Rigaischen Meer- 
busens russische Zerstörer. Borstöße russischer (bri- 
tischer?) V. Boote mißlangen. Am 16. wurde an der 
Beseitigung von Minen und Nepsperren gearbeitet, 
und es kam dabei zu Scharmützeln „wischen den leich- 
ten Fahrzeugen beider Parteien. Ein russischer Zer- 
störer wurde dabei versenkt, andere und ein größeres 
Schiff wurden beschädigt. Ein deutsches Torpedoboot 
sank durch Minen, ein zweites mußte auf den Strand 
esetzt werden, um es vor dem Sinken zu bewahren. 
Von wurden zwei russische Kanonenboote in den 
Grund gebohrt, die anderen Streitkräfte in den Moon- 
sund zurückgedrängt. Nachdemsich die deutschen Schiffe 
aus unbekannten Gründen vom Eingange des Ri- 
gaischen Meerbusens zurückgezogen hatten, beschossen 
zwei Kleine Kreuzer mililärische Anlagen auf Dagö. 
Am 19. August wurde innerhalb des dänischen 
Kobeitsgebiets as beim Durchfahren der südlichen 
lÜndung des Sundes gestrandete britische Tauch- 
boot „E 13. durch deutsche Torpedoboote beschossen 
und kampfunfähig gemacht. Es wurde dann mit dä- 
nischer Hilfe abg- racht und in Kopenhagen mit dem 
Überlebenden Teil seiner Besatzung interniert. Der 
Kommandant entwich nach einigen Wochen unter 
Bruch des von ihm gegebenen Ehrenworts und ge- 
langte nach England. 
Im September wurden mehrere Luftangriffe ge- 
meldet. Am 10. September wurden der am Finnischen 
Meerbusen gelegene Flottenstützpunkt Baltisch-Port 
durch einen Zeppelin, am # össische= Füugsen mutter- 
schiffe, Torpedo- und Tauchboote, die Werften und 
Werkstätten in Riga-Dünamünde, am 26. russische 
Krecgsschiffe im Rigaischen Meerbusen durch Flieger 
bombardiert. Im nächsten Jahret erfolgten am 8., 
22., 25. und 26. April Luftangriffe auf die russische 
Fliegerstation Papenholm (Osel), am 25. und 30. 
auf das Linienschiff »Slawa« im Rigaischen Meer- 
busen und Moonsund, während ein russischer auf die 
deutsche Küstenstation Pissen erfolglos war. Am 28. 
Juni kam es 8 einem Fliegerkampf am westlichen 
Eingange des Rigaischen Meerbusens, und als das 
Linienschiff= Slawae im Verein mit einigen Zerstörern 
eine Küstenbatterie an der kurländischen Küste beschoß, 
stieß ein Flieger gegen die Schiffe vor, der auf der 
»Slawa« einen Mter erzielte. Am 18. Juli griffen 
deutsche Marineflieger feindliche Kreuzer, Zerstörer 
101. 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
und Tauchboote an, die im Hafen von Reval lagen. 
Auch militärische Werkstätten wurden mit Bomben 
belegt. Es wurden zahlreiche Treffer beobachtet uno 
auf der Werft starke Brände entfacht. 
Ernstlichen Schaden richteten die seindlichen Tauch- 
boote an. Am 3. Oktober wurde bei Arkona ein deut- 
scher Handelsdampfer ohne Warnung von einem 
britischen Tauchboot beschossen, am 12. protestierte 
Schweden gegen die am vorhergehenden Tage erfolgte 
Torpedierung eines deutschen Dampfers innerhald 
der Drei-Meilen-Grenze des Königreichs durch ein 
britisches U.Boot. Am 19. Juni 1916 wurde der 
deutsche Dampfer = Ems. (390 t) innerhalb des schwe- 
dischen Hoheitsgebiets von einem britischen D.-Boote 
versenkt, und der 11. Juli brachte einen besonders 
krassen Fall der Nichtachtung der schwedischen Neu- 
tralitätsgcenze. Eine russische Rotte von Zerstörern 
kaperte die deutschen Dampfer -Worms= und „Lissa- 
bon-. Selbst der an Bord befindliche schwedische 
Lotse wurde nach Rußland abgeführt. Am folgenden 
Tage wiederholle sich der Fall: ein U. Boot — diesmal 
ein britisches — beschoß den deutschen Dampfer = Anne 
Liesee innerhalb der schwedischen Gewässer; am 19. 
schoß dann ebenfalls ein russisches U. Boot gegen den 
deutschen Dampfer#= Elbe- südlich von Ratan, weniger 
als drei Meilen von der schwedischen Küste entfernt, 
Torpedos ab. 
Die in die Ostsee eingedrungenen britischen U.Boote 
hatten bis zum 11. November 1915:13 deutsche Damp- 
fer von zusmmen 60000 t versenkt. Zwischen 1. und 
15. November 1915 wurde in der Ostsee der deutsche 
Dampfer -Suomie, 1016 t, abgeschossen. 
Am 23. Oktober wurde der deutsche Panzerkreuzer 
„Prinz Adalberte bei Libau auf der Heimreise von 
einer Kreuzfahrt durch ein britisches Tauchboot ver- 
senkt. Das Schiff selbst hatte zwar einen sehr geringen 
Wert; bedauerlich aber war, daß der weitaus größte 
Teil der braven Besatzung ertrank. 
Am 5. November versenkte ein deutsches Tauchboot 
das Führerschiff einer russischen Minensuchabteilung. 
Am 7. wurde der deutsche Kleine Kreuzer -. Undine- 
wischen Trelleborg und Saßnitz das Opfer eines 
ritischen U. Boots. Am 17. Dezember griff ein bri- 
tisches U. Booteine deutsche Aufklärertruppe, destehend 
aus dem Kleinen Kreuzer „Bremen= und zwei Zer- 
störern, an. Einer derletzteren war durch einen Torpedo 
getroffen und befand sich im Sinken. Der Kreuzer 
hatte seine Boote heruntergelassen, um die im Wasser 
treibende Besatzung zu retten, als er selbst einen Tor- 
pedo erhielt. Er versank nach kurzer Zeit, aber obwohl 
der zweite Zerstörer ebenfalls zum Ziele genommen 
wurde und dem auf ihn lancierten Torpedo aus- 
weichen mußte, gelang es ihm doch, einen erheblichen 
Teil der Besatzungen zu bergen. 
In der Nacht zum 14. Juni wurde ein von meh- 
reren bewaffneten Hilfsdampfern gesichertes deutsches 
Geleit südöstlich von den Stockholmer Schären durch 
vier russische Zerstörer anggeisfen. Der Hilfsdamp- 
fer „Herrmann= wurde in Brand geschossen und von 
der Besatzung gesprengt. Ein gicher Teil derselben 
konnte sich retten. 
Am 30. Juni kam es zwischen Häfringe und Lands- 
ort zu einem Gefecht zuscher deutschen Torpedobooten 
und russischen Streitkkräften, unter denen sich auch 
ein Panzer- und ein geschützter Kreuzer befand. Am 
2. Juli sah sich eine deutsche Handelsflotte südlich von 
Oland von seindlichen U-Booten bedroht. Nachdem 
diese ohne Warnung mehrere Torpedos erfolglos
        <pb n="321" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 
verfeuert hatten, gelang es den geleitenden Hilfs- 
dampfern, die Angreifer zu verscheuchen. 
Am 27. wurde die russische Flugstation Lebara auf 
Osel durch Flieger angegriffen. Es wurden Treffer in 
den Hallen festgestellt, die Brände zur Folge hatten. 
VIII. Die österreichisch- ungarische Klotte. 
Lange vor Ausbruch des Weltkrieges, 1911, erschien 
in Italien eine von dem Linienschiffskapitän Eugenio 
Bollati di St. Pierre verfaßte Broschüre, in welcher der 
Verfasser den »Tag der Vergeltung für Lissa« herbei- 
sehnte und für den Fall eines Krieges mit der Donau- 
monarchie einer energischen Offensive gegen die Oster- 
reicher das Wort redete. Als dann Ende Mai 1915 
dieser Krieg da war, sollte es nun mit einem Male an 
den Vorbedingungen für eine solche Offensive fehlen. 
Einen Monat nach der Kriegserklärung veröffent- 
lichte der italienische Admiralstab eine Kundgebun 
in der gesagt wurde, daß die österreichisch-ungarische 
Flotte eine derartige strategische Überlegenheit besitze, 
daß ihr die Initiative überlassen werden müsse«. Als 
Kriegsschauplatztonnte für die österreichisch-ungarische 
Flotte nur die Adria in Frage kommen — abgesehen 
von den Tauchbooten, denen ja die Welt offensteht. 
In der Adria konnte sie die eignen Küsten schützen, 
die italienische Ostküste beumruhigen und schädigen, 
die Operationen der Armee unterstützen, die des feind- 
lichen Heeres stören, die italienische Flotte von der 
Adria zu vertreiben und die Schiffahrt in diesem 
Meeresteil zu unterbinden suchen. Solange die ita- 
lienische Hochseeflotte aber nicht willens war, sich zum 
Kampfe zu stellen, wäre es töricht gewesen, wenn die 
der Donaumonarchie ihre Großkampfschiffe den von 
feindlichen U.-Booten drohenden Gefahren hätte aus- 
setzen wollen. über die Straße von Otranto hinaus 
vorzustoßen, war bedenklich, da die Rückzugslinie nicht 
gesichert war, sondern von der italienischen Ostküste 
her bedrohterschien. Dagegen war die Gestaltung der 
dalmatinischen Küste für den Kleinkrieg zur See über- 
aus günstig. Und das ist von den österreichisch-unga- 
rischen Kreuzern und Torpedofahrzeugen gut aus- 
enutzt worden. Ebenso erfolgversprechend war die 
Verwendung der Wasserflugzeuge. Die Ausnutzung 
der Tauchboote litt unter den gelennzeichneten poli- 
tischen Rücksichten. 
Das zweite Kriegsjahr war besonders reich an Luft- 
angriffen auf beiden Seiten. Am 6. August näherte sich 
das italienische Luftschiff -Città di Jesie dem Kriegs- 
hafen von Pola; es wurde vernichtet, ehe es Schaden 
anrichten konnte. Am 15. bombardierte ein österrei- 
chisch-= ungarischer Flieger die Befestigungen von Ve- 
nedig. Die Insel Pelagosa war mehrfach von Schif- 
fen und Flugzeugen angegriffen und dabei offenbar so 
großer Schaden angerichtet worden. daß die Italiener 
die Insel räumten. Am 18. November fand abermals 
ein Luftangriff auf Venedig statt, am 19. auf Verona, 
Bicenza und Udine, am 9. Januar 1916 auf Ancona. 
Am 25. Januar unternahmen fünf., am 27. zwei, am 
1. Februar drei Wasserflugzeuge Angriffe auf Du- 
razzo und das in der Nähe aufgeschlagene Zeltlager 
italienischer Truppen. Am 2. war Valona das Ziel 
dreier Marineflieger. Hierbeierhielt einer einen Treffer 
in den Motor, so daß er wässern mußte. Der Führer 
der Gruppe ließ sich neben dem beschädigten Flug- 
zeuge nieder, machte es unbrauchbar und entkam mit 
der an Bord genommenen Besatzung den verfolgen- 
den Zerstörern nach dem 220 km entfernten Cattaro. 
Am 29. März erfolgte ein Luftangriff auf Valona, 
Der Krieg 1914/17. U. 
257 
am 2. April auf Ancona, am 3. Mai auf Ravenna, 
am 4. auf Valona und Brindisi; auf dem Heimwege 
wurde der Panzerkreuzer -Marco Polo= durch einen 
heimkehrenden Flieger mit Maschinengewehrfeuer — 
Bomben waren nicht mehr vorhanden — angegriffen; 
am 13. Valona, am 16. Venedig, Mestre, Cormone, 
Cividale, Udine, Per La Carbia und Treviso, am 19. 
San Giorgio di Nogaro angegriffen; der 15. Juli 
brachte einen italienischen Luftangriff auf das nörd- 
liche Inselgebiet der Monarchie. 
An zweiter Stelle stehen Kämpfe und Unterneh- 
mungen von Tauchbooten. Am 5. August vernichtete 
ein österreichisch-ungarisches U-Boot bei Pelagosa das 
italienische Tauchboot „Nereide-(1913, 320 t, 16 
Knoten, zwei 45 cm - Torpedorohre). Ein anderes 
italienisches Tauchboot geriet am 10. im Golf von 
Triest auf eine Mine und ging unter. Das österrei- 
chisch-ungarische Tauchboot U 12= wurde am 11. in 
der nördlichen Adria von einem italienischen, »D 8. 
am 12. von einem französischen vernichtet. Ein öster- 
reichisch-ungarisches Tauchboot versenkte am 11. Sep- 
tember in der Straße von Otranto einen großen bri- 
tischen Transportdampfer, ein anderes am 8. No- 
vember an der Südspitze Sardiniens den italienischen 
Dampfer -Ancona., der zu fliehen versuchte. Am 
18. März wurde das österreichisch-ungarische Hospital- 
schiff „Electrac durch ein feindliches U. Boot schwer 
beschädigt. Am 23. Mai fiel der italienische Dampfer 
„ Washington“ (2819 t) einem U.Boot zum Opfer, 
das vorher die Hochöfen von Porto Ferrajo beschossen 
batie. Am 25. Juni wurden der italienische Hilfs- 
reuzer „ Citta di Messinae (3495 t) und der franzö- 
sische Zerstörer „Fourchee (1911, 770 t, 33 Knoten. 
zwei 10 cm-, vier 6,5 cm-Schnelladekanonen, zwei 45 
cem-Doppeltorpedorohre) in der Straße von Otranto, 
am 14. Juli ein italienischer Zerstörer durch ein Tauch- 
boot vernichtet. 
An sonstigen Ereignissen sind noch folgende erwäh- 
nenswert: österreichisch= ungarische Kriegsschiffe be- 
schossen am 11. August 1915 die Insel Pelagosa und 
verschiedene Küstenstädte nördlich von Brindisi. Am 
27. September wurde das italienische Linienschiff -Be- 
nedetto Brin= (1901, 13 400 t, 20,5 Knoten, vier 30,5 
crm-, vier 20,3 cm-, zwölf 15 cm, 22 leichte Schnell- 
ladekanonen, vier 45 cm-Torpedorohre) infolge einer 
Innenexplosion für immer unbrauchbar. Am 3. No- 
vember versenkte ein U-Boot den italienischen Hilfs- 
kreuzer Firenze-(2780 t) und am 23. eine öster- 
reichisch-ungarische Aufklärungsgruppe zwischen Du- 
razzo und Brindisi zwei italienische Dampfer, von 
denen der eine bewaffnet war und Marinemannschaf- 
ten an Bord hatte. Am 5. Dezember sank vor Va- 
lona der italienische Zerstörer „Intrepidos (1913, 
690 t. 30 Knoten, eine 12 cm-, vier 7,6 cm-Schnell- 
ladekanonen, zwei 45 cm--Doppeltorpedorohre) durch 
eine Mine. Ebendaselbst wurde der Hilfskreuzer = Re 
Umberto. (2952 t) durch ein U-Boot vernichtet. Bei 
San Giovanni di Medua vernichtete der Kleine Kreu- 
zer »Novara« und einige Torpedoboote nach Nieder- 
kämpfung montenegrinischer Küstenbatterien 12 seind- 
liche Dampfer und Segler, die Kriegsvorräte landeten. 
Nordwestlich davon versenkte der österreichisch- unga- 
rische Zerstörer -Warasdiner= das französische Tauch- 
boot= Fresnel. (1908, 550 t, 12,5 Knoten, 6/75] Tor- 
pedorohre), das gegen die -Novarae zum Angriffe 
schreiten wollte. Der Kommandant, ein Offizier, 20 
Mann wurden gefangen. Die Zerstörer »Lika« und 
„Triglave gingen vor Durazzo durch Minen verloren. 
17
        <pb n="322" />
        258 
Nachdem am 10. Januar der Lovcen unter Mit- 
wirkung der österreichisch-ungarischen Flotte erstürmt, 
Cetinje am 13., Antivari und Dulcigno am 22. von 
den Osterreichern besetzt worden waren, bot das als 
Hauptstützpunkt der Flotte benutzte Cattaro erst die 
auf die Dauer unentbehrliche Sicherheit. Von dem 
Berge aus waren vorher die Stadt, deren Forts und 
die in dem weiten Fjord liegenden Schiffe immer wie- 
der aus schwerem Geschütz beschossen worden. Diese 
Gefahren waren nunmehr endgültig beseitigt. In der 
Adria sank um diese Zeit ein ilalienischer Dampfer, 
der Lebensmittel und 425 aus Amerika kommende 
montenegrinische Wehrpflichtige an Bord hatte, durch 
eine Mine. Es sollen dabei nur zwei Mann um- 
gekommen sein. Am 3. Februar beschossen österrei- 
chisch= ungarische Kreuzer und Torpedoboote Ortona 
und San Voto. Eins der österreichisch = ungarischen 
U.Boote brachte den von den Italienern beschlag- 
nahmten Dampfer-König Albert= vom Norddeut- 
schen Lloyd als Prise ein. Am 18. März wurde der 
französische Zerstörer -Renaudin= (1914, 850 t, 33 
Knoten, zwei 10 cm., vier 6,5 cm-Schnelladekanonen, 
wei 45 cm -Doppeltorpedorohre) durch ein Tauch- 
oot in den Grund gebohrt. Am 18. April kam es füd- 
lich von der Po-Mündung z einem Gefecht zwischen 
österreichisch-ungarischen und italienischen Zerstörern, 
Über das nähere Angaben fehlen. Am 13. Junizeigten 
sich drei italienische Zerstörer vor Parenza. 
Der 27. Juli brachte einen österreichisch-ungarischen 
Luftangriff auf Bahnhöfe, militärische Einrichtungen 
und Fabriken in Otranto, Mola, Bari, Grevinazzo 
und Molfetto. 
IX Pie Greignisse im Griem und Mittelmeer. 
Am 31. Juli hatten deutsche Tauchboote im Mittel- 
meer ihre Tätigkeit gegen die feindliche Kriegs- und 
Handelsschiffahrt ausgenommen. 
Die griechische Insel Mytilene war von den Eng- 
ländern besetzt worden. Es begann damit die Ver- 
gewaltigung des kleinen Könggreichs durch die für die 
echte der kleinen Nationen kämpfenden Mächte= des 
Vierverbandes. Nicht nur als militärischer Stützpunkt 
kam die Insel während des Krieges in Frage, sondern 
auch als Faustpfand gegenüber russischen Forderungen 
betreffs Konstantinopels und der Meerengen. 
Um eine Landung großer Truppenmassen in der 
Suvlabucht zu verschleiern, wurden die türkischen 
Stellungen auf der Gallipoli-Halbinsel heftig ange- 
griffen. Am Abend des 6. Augustes begann die Aus- 
schiffung von 75000 Mann in der Suplabucht, deren 
Vormarsch durch schleunigst herangezogene türkische 
Truppen aufgehalten wurde. Der auf die Gestade 
des Marmarameers angesetzte britische Angriff be- 
zweckte, die auf der Halbinsel befindlichen türkischen 
Streitkräfte von Konstantinopel abzuschneiden. Der 
Flotte sollte damit die Aufgabe erleichtert werden, die 
Dardanellenstellung zu durchbrechen. Diese Absicht 
scheiterte aber. 
Am 8. versenkte ein britisches Tauchboot, dem es 
gelungen war, die Dardanellen in Unterwasserfahrt 
zu passieren, das im Bosporus liegende Linienschiff 
„Hajreddin Barbarossa (1891. 10060t, früher -Kur- 
fürst Friedrich Wilhelm.). Ein großer Teil der Be- 
satzung konnte gerettet werden. 
Die an der Suvlabucht gelandeten britischen Trup- 
pen setzten in den nächsten Tagen ihre Angriffe fort, 
die aber unter sehr schweren Verlusten abgewiesen 
wurden. Gleichzeitig fanden weiter südlich unaus- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
gesehie Vorstöße statt, um dort türkische Truppen zu 
inden. Besonders hartnäckig waren die am 16., 21. 
und 28., bis es am 29. den zum Gegenstoß angesetzten 
Osmanen gelang, den Engländern und Franzosen 
alle mit überaus großen Opfern errungenen Vorteile 
wieder zu entreißen. Dann flaute der Kampf bis 
Ende September ab; am 25. September unternom- 
mene französische und englische Angriffe scheiterten 
abermals. Nordöstlich von Sed-ül. Bahr wurde ein 
britischer Zerstörer durch Artillerie versenkt. Die fort. 
dauernden Mißerfolge der Westmächte ließen nunmebr 
die Hoffnung auf einen endgültigen Erfolg schwinden. 
Am 3. Oktober wurde 1½ brilchche Truppendivision 
eingeschifft und nach Saloniki übergeführt. Damit be- 
—F die Liquidation des Dardanellenunternehmens. 
ie bisherigen britischen Verluste wurden im Unter- 
hause als 1609 Offiziere, 23670 Mann tot, 2969 Offi. 
ziere, 72222 Mann verwundet, 337 Offiziere 12114 
Mann Svermißt- (Pesangen) angegeben. Bom 25. 
April bis 11. Dezember seien außerdem 96 682 Mann 
in Krankenhäuser aufgenommer worden. Zwar 
dauerten vorläufg die Kämpfe noch an; aber gleich- 
zeitig wurde die Räumung der Halbinsel vorbereitet. 
Es geschah das in so durchdachter Weise, daß es schließ- 
lich gelungen ist, sie unter sehr geschickter Benutzung 
der Witterung mit verhältnismäßig geringen Ver- 
lusten durchzuführen. Am 10. November strandete bei 
Anaforta der britische Zerstörer „Louis= (1913. 980t, 
29 Knoten, drei 10,2 cm-Schnelladekanonen, vier 
53 cm-Torpedorohre). Infolge der Zurückziehung 
eigener Geschütze und dank der eingetroffenen öster- 
reichisch-ungarischen schweren Artillerie gewannen die 
Türken vom 26. November an auch artilleristisch die 
Oberhand. Am 9. Januar beendeten Engländer und 
Franzosen die Näumung der Halbinsel, die um Neu- 
jahr begonnen hatte. Die Anaforta-Gruppe schiffte 
ich in der Nacht vom 19./20. Dezember ein; ihr folgte 
in der Nacht zum 9. Januar die Sed-ül-Bahr-Gruppe. 
Wenn auch die Materialverluste in Anbetracht der 
aufgehäuften Mengen gering genannt werden dürfen, 
so waren doch die Vorräte, die den Türken in die 
Hände fielen, an sich recht bedeulend. 
Zwar war damit der direkte Angriff auf die Dar- 
danellen aufgegeben; aber auch später beunruhigten 
fortdauernd feindliche Kriegsschiffe und von Tenedos 
aufgestiegene Flieger die Stellung durch Bombarde- 
ments. So beschossen vom 18. bis 22. Februar briti- 
sche Kreuzer und Zerstörer die Küste bei Sed-ül. Bahr 
und Teke-Burun, wichen aber stets zurück. sobald sich 
die türkische Artillerie auf sie eingeschossen hatte. Vom 
22. bis 24. war das anatolische Ufer zum Ziel ge- 
nommen. Am 6. wurde dieselbe Gegend von einem 
Kreuzer und einem Monitor bombardiert. Am 13. 
Mai erfolgte ein türkischer Luftangriff auf Imbros 
und die in der Bucht ankernden Schiffe und Prahme. 
Es wurde schon erwähnt, daß es mehrfach feind 
lichen U-Booten gelungen ist, die Dardanellen zu paf- 
sieren, indem sie die Strecke unter Wasser zurücklegten. 
Sie wurden im Marmarameer und Bosporus Über- 
aus unbequem, indem sie nicht nur den Verkehr er- 
schwerten, sondern auch zeitweise die Hauptstadt be- 
schossen. Am 9. August wurde eines von ihnen im 
Marmarameer durch ein Flugzeug vernichtet; ein an- 
deres britisches versuchte am 31. im Golf von Ismid 
zu landen, um die Anatolische Bahn zu unterbrechen. 
Der Versuch scheiterte. Am 3. September versenkte ein 
türkisches Wachtboot im Marmarameer ein britisches 
U. Boot. Als das französische Tauchboot „Turquoise:=
        <pb n="323" />
        Foß: Der Seekrieg 1915/16 259 
(1908. 450 t) die Dardanellen durchfuhr, wurde ihm 
das Periskop weggeschossen. Infolgedessen strandete 
es, wurde von den Türken genommen, die Besatzung 
efangen. Nachdem es in Konstantinopel instand ge- 
2 war. ist es der türkischen Flotte eingereiht wor- 
den. Das britische U- Boot -E 20. (1914, 825 t, 16 
Knoten, zwei 7,6 cm-Schnelladekanonen, vier 53 cm- 
Torpedorohre) wurde in den Dardanellen versenkt; 
damit waren bisher in dieser Gegend sechs britische 
und vier französische Tauchboote vernichtet oder ge- 
nommen worden. Am 3. Dezember versenkte ein 
britisches U. Boot im Golf von Ismid den türkischen 
Zerstörer = Yar Hissar= (1908. 305 t, 28 Knoten, eine 
6,5 cm-, sechs 4,7 cm-Schnelladekanonen, zwei 45 cm- 
Torpedorohre). 
Auch gegen Smyrna gingen feindliche Schiffe vor. 
Auch unbefestigte Städte und Dörfer wurden mehr- 
fach ohne jeden militärisch erkennbaren Grund bom- 
bardiert. Daran beteiligte sich auch der russische Kreu- 
zer -. Askolde. Am 1. Dezember wurden an der Nord- 
westküste Kleinasiens zwei türkische Kanonenboote 
durch Artillerie versenkt. Ein feindliches Wachtschiff, 
das am 25. April westlich von Kouche bei Smyrna er- 
schien, zog sich zurück, als es einen Treffer erhalten 
hatte. Am 13. Mai erschien ein Monitor bei Keusten 
(Insel vor Smyrna) und beschoß die Werke. Er ging 
zurück, als ihm Schornstein und Signalmast zertrüm- 
mert waren. In der Nacht zum 14. Mai näherte sich 
der britische Monitor „M 30. (1915, etwa 500 4, eine 
23,4 cm-, eine 15,2 cm-Schnelladekanone) der Nord- 
westküste der Insel Keusten und wurde durch Artil- 
lerie vernichtet. Auch Landungen wurden veranstaltet. 
So warf am 24. Juni eine feindliche Schiffsgruppe 
100 . Banditen — wie der türkische Bericht sie be- 
zeichnet — am Nordufer des Tuzladere bei Ayradjik 
an Land. Aufgestiegene Flieger zwangen die Schiffe, 
die hohe See auf Machen. m 27. Juli beschossen 
zwei feindliche Säüife, unterstützt durch Flieger, ver- 
schiedene Punkte der Küste. Als die Küstenartillerie 
ihr Feuer eröffnete, zogen sie sich zurück. 
Im türkischen Süden hatten sich die Engländer des 
am Persischen Meerbusen gelegenen Hafens von Ben- 
der Buchir bemächtigt, gaben ihn aber Anfang Ok- 
tober wieder auf, da 7 die kriegerischen Bewohner 
fortdauernd feindlich zeigten. 
Aml4. August 1915 versenkte ein deutsches U-Boot 
bei der Insel Kos den britischen Truppentransport- 
dampfer Royal Edward= (11117 t). Von 1500 an 
Bord befindlichen Soldaten gelang es, 600 zu ret- 
ten. Am 2. September wurde das britische Truppen- 
transportschiff „Southland-(2081 t), am 10. der 
französische Hilfsdampfer -Indiange im Agäischen 
Meere versenkt. Vom 15. bis 30. September haben 
deutsche U. Boote im östlichen Mittelmeer über ein 
Dutzend. von da ab bis zum 10. Oktober weitere zehn 
7 Dampfer in den Grund gebohrt. Am 5. Novrem- 
r wurde der britische Hilfskreuzer »Tara« (6322 t) 
im östlichen Mittelmeer durch ein deulsches U- Boot 
vernichtet. Aber auch mit dem Geschütz traten die U- 
Boote ins Gefecht; am 6. November vernichtete eines 
von ihnen im Hafen von Solum dieägyptischen Ka- 
nonenboote = Prince Abbas= (450 t) und Abd ul 
Meneme (300 t), ältere Fahrzeuge. Seit Beginn des 
Saloniki-Unternehmens waren bis Ende 1915 ver- 
senkt worden: der britische Hiülfskreuzer Ramazane 
(3447t) mit 500 Mann indischer Truppen und Kriegs- 
material, der britische Transportdampfer Transyl= 
vaniae (14000 t) mit Truppen und Kriegsbedarf, 
der französische Transportdampfer= Amiral Hamelin-= 
(5051 t) mit der ersten Abteilung französischer Feld- 
artillerie, Munitionswagen, 360 Pferden, der brili- 
sche Transportdampfer-Marquette (7050 t) mit 1000 
weiszen Soldaten, 500 Maultieren, Munition. Kran- 
kenpflegern; der britische Hilfskreuzer »Tara« (1862 
t), der französische Transportdampfer -Calvados: 
(6000 t) mit 800 Mann Kolonialtruppen, davon 53 
gerettet, die britischen Transportschiffe „Moorina- 
(5000t) mit Truppen und 500 Pferden, California= 
und außerdem weitere 24 Schiffe von 69656 Raum- 
tonnen; somit für Oktober und November 220000 
Gewichtstonnen oder 300000 Raumtonnen. Eine an- 
dere Zusammenstellung gibt an als englische Verluste: 
einen Hilfskreuzer (1862 t), fünf Transportschiffe 
(37500 t) mit Truppen, Pferden und Kriegsbedarf, 
18 Transportdampfer (68567 t) mit Kriegsbedarf, 
ein Motorleichter (X 30.), 13 andere Dampfer 
(44839t); französische Verluste: zwei Transportschiffe 
(11051 t) mit Truppen und Kriegsbedarf, sechs Trans- 
portdampfer (22 135t) mit Kriegsbedarf, fünf andere 
Dampfer (9384 t); japanische Verluste: ein Trans- 
portschiff (5118 t); russische Verluste: zwei Damopfer 
(5412t); norwegische Verluste: ein Dampfer (35212); 
zusammen: 147483 Gewichtstonnen oder ungefahr 
200000 Raumtonnen. 
Ein deutsches Tauchboot versenkte am 12. Februar 
an der syrischen Küste den französischen Panzerkreuzer 
„Amiral Charner. (1893, 4800 t), ein altes Schiff, 
und am 1. März im Mittelmeer das französische 
Transportschiff -La Provencec; von den an Bord 
befindlichen 1800 Soldaten sollen 700 gerettet worden 
sein. Auch Minen streuten die U.Boote aus. Deut- 
schen Minen fielen am 22. April das britische Linien- 
schiff „Russele (1901, 14200 t. 19/4 Knoten, vier 
30,5 cm-, zwölf 15,2cm-, 14leichte Schnelladekanonen, 
vier 45 cm-Torpedorohre) zum Opfer und am 17. 
oder 18. an der afrikanischen Nordküste ein britischer 
und ein französischer Zerstörer. 
Von sonstigen Ereignissen seien folgende erwähnt: 
Am 20. August 1915 erklärte Italien an die Türkei 
den Krieg und am 25, die Blockade über die Küsten 
Kleinasiens und Syriens. Dem folgte am 14. Septem- 
ber seitens Frankreichs die Blockadeerklärung über die 
türk. Küsten am Agäischen und Mittelländischen Meere. 
Am 11. September erschienen deutsche U-Boote im 
Schwarzen Meer. Am 13. Oktober waren türlische 
Kriegsschiffe ins Schwarze Meer vorgestoßen und 
versenkten vor Sebastopol zwei russische Dampfer. 
Die negativen Erfolge des Vierverbandes gaben der 
bulgarischen Regierung den Mut, sich auf die Seite 
der Mittelmächte zu stellen. Am 14. Oktober erklärte 
sich Bulgarien infolge serbischer Einfälle in sein Ge- 
biet als im Kriegszustande mit Serbien befindlich. Die 
Antwort Frankreichs und Englands bestand darin, 
daß Kriegsschiffe beider Nationen am 21. unbefestigte 
Orte — wie Dede Agatsch und Lagos — an der bul- 
garischen Mittelmeerküste bombardierten. Am 1. Fe- 
bruar 1916 griffen deutsche Luftschiffe im Hafen von 
Saloniki ankernde feindliche Schiffe und die an Land 
errichteten Lager an. Noch am 4. gaben große Brände 
davon Kunde, daß der Angriff erfolgreich gewesen war; 
dagegen wurde dort am 6. Mai ein Luftschiff vernich- 
tet. Am 9. März belegten deutsche Flieger bei Kalia- 
kra, nördlich von Warna, eine aus einem Linien- 
schiff, fünf Zerstörern und mehreren Troßdampfern 
bestehende Abteilung mit Bomben. Ein Zerstörer 
wurde getroffen. Ein anderer,-Leitenant Puschtschin- 
177
        <pb n="324" />
        260 
(1906, 356 t, 26 Knoten, eine 7,5 cm-, fünf 4,7 cm- 
Schnelladekanonen, zwei Doppeltorpedorohre), geriet 
auf eine Mine und sank. Nordöstlich von Batum ver- 
nichtete ein U. Boot ein etwa 12000 t großes Trans- 
portschiff, das Soldaten und Kriegsbedarf führte, 
und am 31. einen 1500-Tonnendampfer sowie ein 
Segelschiff. Die deutschen U-Boote beschossen auch 
nehrfach erfolgreich Küstenbatterien nördlich von Poti. 
Andere türkische Kriegsschiffe bombardierten russische 
Stellungen an der kaukasischen Grenze und vernich- 
teten einen russischen, mit Munition beladenen Damp- 
fer. Am 3./4. April vernichtete -Midilli= einen gro- 
ßen Segler, der Kriegsmaterial an Bord hatte. 
Am 16. Juni wurde ein russisches Truppentrans- 
portschiff, das der Hilfsdampfer „Teuia- geleitete, 20 
Seemeilen östlich von Sulina durch zwei bulgarische 
Torpedoboote angegriffen. Als »Xenia« von einem 
Torpedo beschädigt worden war, flüchteten beide 
Schiffe nach Odessa. 
Am 21. Juni erschien im spanischen Hafen von 
Cartagena das deutsche Tauchboot -U 354, um ein 
Handschreiben des deutschen Kaisers an den König von 
Spanien zu überbringen, in dem für die Aufnahme 
gedankt wurde, welche die deutschen Kamerunsolda- 
ten gefunden hatten. Für letztere wurden Arznei- 
mittel gelandet. Das Boot verließ um 3 Uhr des 
nächsten Morgens den Hafen, brach die von herbei- 
geeilten feindlichen Kriegsschiffen gebildete Blockade 
und kehrte glücklich zu seinem Stützpunkte zurück, nach- 
dem es unterwegs den französischen Dampfer »He- 
raulte (2299 t) versenkt hatte. 
Am 22. Juli sah der auf einer Kreuzfahrt ins 
Schwarze Meer begriffene Kreuzer Midillie, als er 
sich füdlich von Sebastopol befand, daß weit über- 
legene Streitkräfte im Begriffe standen, ihm den Rück- 
weg abzuschneiden. Er mußte sich durchschlagen und 
bestand dabei einen vierstündigen Kampf mit einem 
russischen Großkampfschiff der „Kaiserin Maries= 
Klasse (1914, 23.400 t, 21 Knoten, zwölf 30,5 cm-, 
zwanzig 13 cm--, 16 leichte Schnelladekanonen, vier 
45 cm-Torpedorohre), ehe es ihm gelang, nach dem 
Bosporus zu gelangen. 
X. Der Kreuzer- und Handelskrieg. 
über den durch die Tauchboote geführten Handels- 
krieg ist bereits (S. 248 f.) berichtet worden. Zu den 
im Laufe des Krieges vernichteten Schiffen gehörte 
auch der englische Dampfer -Cottingham, der eine 
der für die Versenkung deutscher U-Boote ausgesetz- 
ten Prämien beansprucht hatte. Tatsächlich war das 
fragliche Boot aber nur beschädigt worden. 
Der englische Passagierdampfer = Appam= (77814,), 
dessen Ankunft in Plymouth erwartet wurde, lief statt 
dessen in Old Point Comfort (Nordamerika) ein. An 
Bord befanden sich 425 Personen, von denen 132 
von den englischen Dampfern -Corbridge= (3687 2), 
„Author= (3496 t). „Tradere (3608 t), „Ariadne- 
(3035 t), „Dromonby= (3617 t), Fairingford= 
(31.16t) und Clan Mactavish= (58164) stammten, die 
alle durch den deutschen Hilfskreuzer »Möwe« ver- 
senkt worden waren. Die Prisenmannschaft bestand 
aus 12 Matrosen unter Befehl des Leutnants z. S. d. R. 
Berg und 20 deutschen Zivilisten, die auf den Schiffen 
aus der Kriegsgefangenschaft befreit worden waren. 
Aus Madrid wurde gemeldet, daß in Santa Cruz- 
II. Kriegsgeographie und Kriegsgeschichte 
Teneriffa der englische Dampfer -Westburn= (33001) 
unter deutscher Flagge eingelaufen sei, um Schäden 
auszubessern. Die Prisenmannschaft bestand aus 
sieben Mann, die 206 Engländer und Belgier zu be- 
wachen hatten. Diese stammten von den Dampfein 
»Horace« (3335t), -Clan Mactavish-, „Cambridge-. 
„Flamenco= (4540 t), dem Segelischiff = Edinburgh- 
(1473 t) und dem belgischen Dampfer „Luxemburg- 
(4382 t). Auch 11 Spanier waren darunter. Am 
23. Februar wurde die-Westburn-, nachdem die Ge- 
fangenen an Land entlassen waren, außerhalb des 
Hafens in Sicht britischer Kreuzer versenkt. 
Der Hilfskreuzer -Möwel, der so überraschend im 
Atlantischen Ozean aufgetaucht war, kehrte nach mehr- 
monatiger erfolgreicher Kreuzfahrt am 4. März in 
einen deutschen Hafen zurüch Als Gefangene bejan- 
den sich an Bord: vier britische Offiziere, 29 Seesolda- 
ten und Matrosen sowie 166 Mann von feindlichen 
Dampferbesatzungen, darunter 108 Indier. Als 
Beute brachte er Goldbarren im Wert von einer Mil- 
lion Mark mit. Außer den genannten Schiffen hatte 
die „Möwes noch die Danwfer „Saxon Prince- 
(3471 t) und -Maronie (3109 t), im ganzen dem- 
nach 15 Schiffe von 56653 t aufgebracht. Von die- 
sen hatte „Clan Mactavish Widerstand durch Ge- 
schützfeuer geleistet, der schnell gebrochen wurde. 
Die -Möwee hatte außerdem an der Nordostküste 
Schottlands Streuminen gelegt, deren eine dem Linien- 
schiff King Edward VII (1903, 17 800 t. 19 Kno- 
ten, vier 30,5 cm-, vier 23,4 cm-, zehn 15,2 cm-, 24 
leichte Schnelladekanonen, vier 45 cm-Torpedorohre) 
am 9. Januar 1916 verbängnisvoll wurde. 
Ein anderer deutscher Hilfskreuzer, -Greif“, war 
weniger vom Glück begünstigt. Er wurde am 29. Fe- 
bruar 1916in der nördlichen Nordsee zunächst von dem 
15000tgroßen britischen Hilfskreuzer = Alcantara- ge- 
stellt. Es gelang ihm zwar, denselben zu versenken; a 
inzwischen waren mehrere andere Schiffe herangekom- 
men, so daß jede Aussicht auf Entkommen schwand. 
Der Kreuzer wurde deshalb gesprengt — nach engli- 
schen Berichten durch Geschützfeuer versenkt —, 150 
Mann der Sesatzung fielen in Kriegsgefangenschaft. 
Auch deutsche Torpedoboote nahmen in den heimi- 
schen Gewässern den Handelskrieg erfolgreich auf. Am 
23. Juni wurde in der südlichen Nrtee der Damp- 
fer . Brusselse aufgebracht und nach Zeebrügge ge- 
leitet. An Bord befanden sich viele belgische Arbeiter 
und 24 entsprungene russische Gefangene, die nach 
London wollten, um in England Munition anzu- 
fertigen. Die Ladung bestand in Stiefeln, Leder und 
390 t Lebensmitteln. 
Am 5. Juli wurden die englischen Dampfer »Le- 
strise und = Jarvo Abbey-, mit Lebensmitteln nach 
England unterwegs, nach Zeebrügge aufgebracht. Am 
27. Juli wurden zwei englische Dampfer in der Ost= 
see gekapert. Der von einem deutschen Hilfskreuzer an- 
gehaltene englische Dampfer = Eskimos leistete Wider- 
stand und konnte erst nach einem Gefecht in Besitz ge- 
nommen werden. Am gleichen Tage passierten — nach 
dänischen Meldungen — um 3 Uhr 50 Min. nachmit- 
tags zwei große englische Dampfer Mölle in südlicher 
Richtung, geleitet von drei deutschen Torpedobvoten. 
Einer der Dampfer schien ein Passagierschiff zu sein. 
Beitere Erfolge im Handelskriege s. Seekriegs. 
kalender (S. 238 ff.).
        <pb n="325" />
        III. Technik und Kriegführung 
Das Etappenwesen 
von Hauptmann a. D. Oesele in Würzburg 
Hierzu Tafel ?Etappenwesene mit Erläuterungen. 
Zu allen Zeiten war man sich in der Kriegfüh- 
rung der einschneidenden Bedeutung einer sorgfältig 
durchgeführten Heeresversorgung bewußt. Man war 
daher auch von jeher darauf bedacht. die Verbindung 
des Heeres mit der Heimat zu sichern, die Ersatz 
bietet für alles, was im Felde gebraucht wird. Bei 
der heutigen Art der Kriegführung ist diese rückwär- 
tige Verbindung zur unerläßlichen Notwendigkeit ge- 
worden. Vor allem stehen Millionenheere im Felde, 
und zwar nicht auf einem Kriegsschauplatz, sondern 
auf mehreren zugleich. Das allein bringt schon eine 
erhebliche Erschwerung der Heeresversorgung mitsich. 
Dazu kommt, daß sich die Kriegführung auf allen 
Gebieten die neuesten Errungenschaften der Technik 
zunutze macht und dadurch weitere ungeheure An- 
forderungen an den Materialersatz stellt. Unter diesen 
Berhältnissen kann nur das heimatliche Hinterland in 
seiner ganzen Ausdehnung die Basis des Feldheeres 
bilden, aus der es seine Existenzmittel zieht. 
Im folgenden sollen nun die Einrichtungen kurz 
besprochen werden, die diese so wichtige Verbindung 
des Heeres mit der Heimat ermöglichen, d. i. die 
Etappe und ihre Tätigkeit. Zum richtigen Ver- 
ständnis der Aufgaben des Etappendienstes und der 
ganzen Arbeit im Rücken des Heeres ist es not- 
wendig. vorher kurz den Zweck der Etappe, nämlich 
die Heeresversorgung und ihre verschiedenen Ge- 
biete, zu behandeln. Die beigegebene schematische 
Darstellung des Etappenwesens soll den Lauf der 
Heeresversorgung und die Einrichtungen der Etappe 
im Bilde erläutern. 
Die Heeresversorgung. 
Die Heeresmassen müssen mit allem versorgt 
werden, was ihrer Lebens- und Kampffähigkeit 
gehört. Diese Versorgung kann zum Teil und in 
günstigen Fällen durch Ausnutzung des Kriegsschau- 
platzes erfolgen. Aber die Mittel des Kriegsschau- 
platzes reichen bei weitem nicht zur Deckung aller 
Heeresbedürfnisse aus. So ist die Verpflegung aus 
dem Lande selbst bei rasch fortschreitenden Operationen 
nur dann möglich, wenn das Land nicht schon vom 
Feinde ausgesogen ist; in der Hauptsache ist man auch 
hier auf den Nachschub angewiesen. Beim Stellungs- 
krieg oder wenn sonst größere Truppenmassen sich 
längere Zeit gegenüberstehen, kann die Versorgung 
mit Lebensmitteln nur durch Nachführung geschehen. 
Der Ersatß der verschossenen Munition, die Auffüllung 
der eingetretenen Verluste und die Ergänzung des 
Kriegsmaterials muß unter allen Umständen durch 
Zufuhr aus der Heimat erfolgen. Wirklich schlag- 
fertig ist ein Heer somit nur dann, wenn es alle Be- 
dürfnisse, von Mann und Pferd getragen oder auf 
Fahrzeugen verladen, mit sich führt und die erforder- 
liche Ergänzung durch wohlgeordneten Nachschub 
aus dem eigenen Lande zugeführt erhält. 
Das Feldheer muß aber, wenn es zu den von ihm 
verlangten Leistungen fähig sein soll, auch von allem 
befreit werden, was seine Schlagfertigkeit beein- 
trächtigt. Das erfordert die Ableilung alles Hinder- 
lichen von der kämpfenden Truppe nach rückwärts 
und den Abschub nach der Heimat zu und in die 
Heimat. Hierbei handelt es sich in erster Linie um 
das Freimachen der Kampflinie von Verwundeten 
und um ihr Wegbringen nach rückwärts gelegenen 
Gebieten und ins Heimatgebiet. Dann kommt wei- 
ter in Betracht der Abtransport alles überflüssigen 
Personals und Materials, namentlich der Kriegs- 
gefangenen und des erbeuten Kriegsmaterials. 
Die Deckung aller dieser Bedürfnisse der 
Truppen und deren Entlastung von allem 
Störenden nennt man die Heeresversorgung 
Sie ist eine der wichtigsten, aber auch eine der schwie- 
rigsten Aufgaben der Führung,wird von der obersten 
Heeresleitung geleitet und überwacht und von den 
Armeeoberkommandos unter eigener Verantwortung 
selbständig für die verschiedenen Armeen durchgeführt. 
Sie umfaßt verschiedene sich gegenseitig ergän- 
zende und unterstützende Gebiete. In erster Linie 
dienen ihr das Munitions-, Verpflegungs= und Sa- 
nitätswesen, also der Ersatz von Munition und 
Waffen, die Sicherstellung der Verpflegung und der 
Sanitätsdienst im Felde. Dazu kommen noch der Nach- 
schub von Mannschaften und Pferden, der Ersatz von 
Kraftwagen, Luftfahrzeugen und Betriebsstoffen hier- 
für, die Ergänzung der Bekleidung, Ausrüstung, des 
Feldgerätes, der Sanitäts- und Veterinärmittel so- 
wie die Zurückführung der Gefangenen und der Kriegs- 
beute. Für diesen umfangreichen Nachschub und Ab- 
schub sind außer den zahlreichen Kolonnen und 
Trains leistungsfähige Eisenbahnen und sichere Nach- 
richtenverbindungen unerläßlich. Deshalb gehören 
zur Heeresversorgung auch das Eisenbahnwesen, die 
Feldtelegraphie und der Feldpostdienst. 
Die Munition spielt im Kriege eine ganz besonders 
wichtige Rolle. Sie ist eine der hauptsächlichsten Vor- 
aussetzungen für die Kampfkraft der Truppe. Die 
Munitionsversorgung hat daher den Vorrang 
vor allen anderen Zweigen der Heeresversorgung. 
Die gewaltige Leistungsfähigkeit der neuzeitlichen
        <pb n="326" />
        262 
Feuerwaffen (Mehrladegewehre, Maschinengewehre 
und Schnellfeuergeschütze) und die ungeheuren Anfor- 
derungen der derzeitigen Gefechtsführung (vor allem 
das Streben nach Feuerüberlegenheit sowie nach ört- 
licher und zeitlicher Bülammenfassung der Wirkung, 
nach entscheidender Feuerwirkung) steigern den Mu- 
nitionsverbrauch ins Riesenhafte Bei der Größe der 
Heere und bei der langen Dauer der Kampfhand- 
lungen sind somit ganz ungeheure Munitionsmengen 
erforderlich. Der für den ersten Bedarf notwendige 
Munitionsvorrat wird von der Truppe selbst mit- 
geführt. Die Ergänzung dieser Truppenausrüstung 
geschieht durch die aus der Heimat zugeführte Muni- 
lion. Hierzu müssen ausreichende Munitionsmengen 
zunächst in der Heimat unter Heranziehung aller 
Hilfsquellen und Hilfskräfte angefertigt und bereit ge- 
halten und dann rechtzeitig und sicher in das Opera- 
tionsgebiel nachgeführt werden. Zur Munitions- 
versorgung gehören also nicht nur die Herstellung und 
Bereitstellung der Munition in der Heimat, sondern 
auch ihr unausgesetzter, geordneter Nachschub. Sie 
verlangt eine wohldurchdachte und gut arbeitende 
Organisation unter tatkräftiger, zielbewußter Leitung 
und eine überlegte Ausnutzung der zur Verfügung 
stehenden Nachschubmittel. 
Von der Verpflegung hängen das Wohlergehen der 
Truppe und damit ihre Leistungsfähigkeit ab. Auch 
hier stellen die große Zahl und Stärke der Armeen 
ganz gewaltige Anforderungen an das Verpfle- 
gungswesen. Für die Eernährung dient als ober- 
ster rundsah daß die Hilfsmittel des Kriegsschan. 
platzes nach Möglichkeit ausgenutzt werden. Deshalb 
ist die günstigste Art der Heroslegung die durch die 
Quartierwirte. In armen Gegenden, bei Operationen 
größerer Truppenkörper und bei engem Zusammen- 
gehen der Truppen ist jedoch die Quartierverpflegung 
nicht möglich. Hier sind dann Ankäufe und Beitrei- 
bungen die Mittel, um die Vorräte und Bestände des 
Kriegsschauplatzes zu verwenden. Im Feindesland 
sind Beitreibungen die ausgiebigste Art, vom Lande 
uleben. Sie werden daher von der Truppe und den 
erwaltungsbehörden, wo nur irgend möglich, in 
weitem Umfang vorgenommen. Aber der große Ver- 
pflegungsbedarf der Riesenheere kann durch die Mit- 
tel des Kriegsschauplatzes allein nicht gedeckt werden. 
Selbst das reichste Land ist nicht imstande, die Ver- 
pflegungsmittel für sosche Massen an Ort und Stelle 
aufzubringen, und die Vorräte der betroffenen Ge- 
biete sind sogar bei siegreichem Vorgehen bald er- 
schöpft. Die Beitreibungen können deshalb nur als 
höchst willkommene Beihilfen für die Verpflegung gel- 
ten. In der Hauptsache müssen die Lebensmittel dem 
Heere von rückwärts zugefuhrt werden. Für diesen 
Verpflegungsnachschub werden nicht nur die Vorräte 
der heimatlichen, sondern auch der besetzten Gebiete 
herangezogen, so daß dadurch ein großer Teil der 
Kriegslasten vom Heimatland abgewälzt wird. Diese 
nachgeführten Verpflegungsbestände müssen einen 
langen Weg zurücklegen, bis sie aus den rückwärtigen 
Ersatzquellen zur Truppe gelangen, und es bedarf 
auch hier des Ineinandergreifens zahlreicher Stellen 
und Hilfsmittel, damit das ganze Nachschubwesen 
richtig arbeitet. An der Spitze des gesamten Verpfle- 
gungswesens des Feldheeres steht der Generalinten- 
dant, der die leitenden Gesichtspunkte für die ganze 
Veriflegung gibt und für den Nachschub im großen 
sorgt. Die Verpflegung einer Armee leitet der Armee- 
intendant nach den Agordnungen des Armeeober- 
III. Technik und Kriegführung 
befehshabers. Er verfügt zu ihrer Sicherstellung über 
die im Bereiche seiner Armee vorgefundenen oder 
dorthin nachgeschobenen Bestände und über die in der 
Heimat für seine Armee angesammelten Vorräte, zu 
ihrer Durchführung über die Intendanten der Trup- 
penverbände und Behörden seiner Armee. 
Der Sanitätsdienstin Feldeistauf die Schlag- 
fertigkeit des Heeres von weittragendem Einfluß. 
Denn er besteht nicht nur in der ersten Hilfe für die 
Verwundeten und Kranken auf dem Schlachtfelde und 
in der weiteren Fürsorge für sie, sondern umfaßt auch 
das Freimachen des Kriegsschauplatzes von Verwun- 
deten und Kranken und nicht zuletzt die allgemeine 
Gesundheitspflege des Heeres. Diese wichtigen Auf- 
gaben verlangen es, daß vor allem die ärztliche Hilfe 
rasch und unmittelvar hinter der Gefechtslinie einseszk. 
Dann mühssen die Verwundeten und Kranken in das 
weiter rückwärts gelegene Gebiel abgeschoben, dort 
verteill, untergebracht, ärztlich behandelt und verpflegt 
werden. Und endlich müssen die Transportfähigen 
unter ihnen nach Möglichkeit zur Pflege in die Heimat 
wurückgefübrt werden. Diese Krankenfürsorge erfor- 
ert, neben der Ausstattung der Truppen und Behör- 
den mit hinreichendem Sanitätspersonal und ma- 
terial sowie den nötigen Einrichtungen, ein gut orga- 
nisiertes Transportwesen. Die Gesundheiohfürkohg. 
erstreckt sich in erster Linie auf die Berhütung und 
Bekämpfung ansteckender Krankheiten und Seuchen, 
dann aber auch auf alle anderen für die Gesundheit 
des Heeres notwendigen hygienischen Maßnahmen. 
Auch hierfür sind besondere Einrichtungen und Hilfs- 
mittel unerläßlich. Eine besonders wichlige Rolle spiell 
aber im Sanitätsdienst neben dem Ersatz des Per- 
sonals der gesicherte Nachschub an Sanitätsmineln 
aus der Heimat, ohne die weder eine geordnete Be- 
handlung der Verwundeten und Kranken noch eine 
sechgemöß Gesundheitspflege möglich ist. Die Leitung 
des ganzen Sanitätsdienstes beim Feldheer liegt in 
der Hand des Chefs des Feldsanitätswesens. Bei jeder 
Armee leitet den Sanitätsdienst der Armeearzt, dem 
hierzu die Korps= und Divisionsärzte sowie das Sani- 
tätspersonal der Truppen und Behörden der Armee 
unterstehen. — Vgl. dazu den Aufsatz -Einrichtung 
und Aufgaben der Feldlazarette-, Bd. I. S. 308# f. 
Die Notwendigkeit des Mannschafts= und 
Pferdeersatzes sowie der Ergänzung der 
Kriegsausrüstung und des Kriegsmaterials 
liegt auf der Hand. Die Auffüllung der bei den kämp- 
fenden Truppen durch Verluste und Krankheiten ent- 
standenen Abgänge macht die unausgesetzte Heranbil- 
dung und Bereithaltung ausreichender Mannschafts- 
bestände bei den Ersahirurdenteilen in der Heimat 
und deren rechtzeitige Nachführung auf den Kriegs- 
schauplatz nötig. Das gleiche gilt für den Ersatz der 
Pferde und sonstiger tierischer Hilfskräfte, soweit die- 
ser nicht durch die Ausnutzung des Kriegsschauplatzes 
gedeckt werden kann. Bei der Materialergänzung 
handelt es sich ebenfalls um Anfertigung und Bereit- 
stellung der notwendigen Vorräte an Bekleidung, Aus- 
rüstung und Kriegsgerät aller Art in der Heimat und 
um die bedarfsmäßige Zuführung an die Front. 
Unbrauchbar gewordenes Kriegsmaterial muß zur 
Wiederherstellung aus der Kampflinie nach rück- 
wärts weggeschaff. werden. Dabei kommt es darauf 
an, ob ein Abtransport in das Heimatgebiet notwen- 
dig ist oder ob die Ausbesserungen in den im Bedarfs- 
fall eigens errichteten Werkstätten hinter der Gefechts- 
front vorgenommen werden können. Auch auf die-
        <pb n="327" />
        <pb n="328" />
        Schematische Darstellung — — 
der Etappeneinrichtungen und der Heeresversorgung. 
einer Armee 9 
Etappenorf 
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Erläuterungen: 
□—— Heimatgebiet 
]Etappengebiet 
Operationsgebiet 
C5 Gebiet eines Generalgouvernements 
(wegen Platzmangels nur verkdrzt angedeutel) 
–Keid#sgrenze 
Die Elnrichtungen in den Etappenanfangsorten, der Sammel- 
statlon, dem Etappenhauptort und in den Etasppenorten slehe Tezxt. 
Uber die Heeresversorgung siehe dle Rückseite.
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        Etappenwesen. 
Erläuterung des Laufes der Heeresversorgung (Nach- und Abschub). 
Manttion. Die Munition gelangt aus den Ersatz- 
dquellen des Heimatgebietes (siehe Text „Etappenan- 
fangnorte“, S. 264) durch Munitionszüge (1) und Mo- 
nillonsschille (2) in das Etappengebiet. Diese Züge 
und Schiffe werden soweit wie möglich vorgeführt und 
aus ihnen die Munitionskolonnen der Etappe, das 
Hauptmunitionsdepot am Etappenhauptort und die 
Munitionsdepots der Etappenorte, unter Umständen 
auch die Munitionskolonnen der Truppe unmittelbar 
gefüllt. Die Etappenmunitionskolonnen (3) und die 
Munitionskraftwagenkolonnen (4) bringen die Muni- 
tion in die Monitionsdepots der Etappenorte und an 
die Munitionsausgabestellen (5); unter Umständen 
werden hierzu auch Feldbahnen benutzi (6). Bei den 
vordersten Depots und den Ausgabestellen empfangen 
die Monitlonskolonnen der Armeekorps. 
Verpflegung. Die Verpflegungsvorräte gelangen 
durch Verpflegungsrüge (7) und Verpfiegungsschifle 
(8) aus den Ersatzmagazinen und Ersatzviehdepots 
der Heimat zum Proviantdepot der Sammelstation und 
von da in das Etappengebiet zur Füllung der Etappen- 
magazine in den Etappenorten und der Etappenaus- 
gabestellen (9) sowie zur Versorgung der Etappen- 
bäckereien und Etappenviehdepots. Soweit die Ver. 
pflegung nicht unmittelbar durch Eisenbahnzüge oder 
Schifle an diese Bedarfsorte gebracht werden kann, 
wird das durch die Etappenfuhrpark- und Magazin- 
fuhrparkkolonnen (10) besorgt; nötigenfalls bringen 
Etappenkraftwagenkolonnen (11) die Verpflegung 
weit in das Operationsgebiet hinein. Bei den vorder- 
sten Etappenmagazinen und den Etappenausgabe-- 
stellen empfangen die Verpfiegungskolonnen der 
Armeekorpe. 
Motorbetriebsstoffe gehen von den heimatlichen 
Fabriken mit Eisenbahn in das Tanklager des Etap- 
penkraftwagenparks am Etappenhauptort und von 
hier mit Lastkraftwagen zu den Tankstellen bei den 
vordersten Etappenmagnzinen und Empfangsstellen, 
wo die Feldluftschifferabteilungen, Flieger und Kraft- 
wagen ihren Bedarf decken. — Wasserstoffgas wird 
ebenlalls mit Bahn in den Etappenkraftwagenpark 
nachgeführt und von hier an die Bedarfsstelle vor- 
gelührt. 
Flugreuge und Flugreugersatzteile kommen aus 
den Flugreug- und Motorenfabriken und den Flieger- 
ersatzabteilungen im Heimatgebiet in den Etappen- 
flugreugpark am Etappenbauptort und gelangen von 
hier aus mit Kraftwagen — Flugreuge auch auf dem 
Luftweg — zu den Fliegerabteilungen. 
Beklelidung, Ausrüstung und Feldgerit (mit Aus- 
nahme der Sanitäts- und Veterinürmittel) gehen von 
den Kriegsbekleidungsämtern und Traindepots an 
den Etappenapfangsorten mit Eisenbahntranspon 
zum Güterdepot der Sammelstation, werden mit Bahn 
in das Etappengebiet gebracht und soweit wie mög- 
lich vorgeführt. Nötigenfalls erfolgt Lagerung in den 
Etappenmagazinen der Etappenorte. Die Vorfüb- 
rong zur Truppe geschicht durch Fahrzeuge der 
Etappe oder der Truppe. 
Sanitäts- und Veterinärmittel gehen von den Sa- 
nitätsdepots der stellvertretenden Generalkommandos 
#brw. vom Hauptsanitätsdepot des Kriegsministeriums 
zur Sanitäts- und Veterinärabteilung des Güterdepots 
der Sammelstation und von da aus in das Etappen- 
sanitätsdepot am Etappenhauptort. Von hier aus 
wird das Sanitäts- usw. Gerit den Feld-, Kriegs-, 
Etappen- und Seuchenlazaretten durch Sanitätskraft- 
wagen (12) und Trainkolonne (13) zugeführt und 
auch an die Züge und Schifle für Krankentransporte 
abgegeben. Die Trnppe ergänzt ihre Bestände aus 
den Vorräten der Sanitätskompanien, diese aus den 
Beständen der nächsten Feldlazarette. 
Mannschaften und Pferde. Ergänzungsmannschaf- 
ten werden vom Etappenanfangsort aus mit Bahn- 
transport in das Etappengebiet befbrdert und errei- 
eben ihren Truppenteil mittels Eisenbahn und Fu- 
marsch. Ersatzpferde werden gleichfalls von den 
Ersatztroppenteilen nachgesendet, sofern der Bedarf 
nicht durch beigetriebene und Beutepferde gedeckt 
werden kann. 
Verwundete und Kranke. Die Verwundeten wer- 
den von den Verbandsplätzen in die Feldlazarette (11) 
überführt, die nach Bedarf in Kriegslazarette (15) 
umgewandelt werden. Von hier aus erfolgt die Rück- 
beförderung der transportfähigen Verwundeten mit 
Krankenkraftwagen, Hilfs- oder Behelfskrankenkraft- 
wagen (16) sowie durch Kolonnen und sonstige Fuhr- 
werke (17) ins Etappergebiet und von da durch La- 
Zzarett-, Bilfslazarett- und Krankenzüge (18) sowie 
chiffe (19) in die Lazarette des Heimatgebietes (20); 
Seuchenverdächtige und kranke werden den Sen- 
chenlazaretten im Etappengebiet (21) meist mit eige- 
nen Kraftwagen (22) zugeführt. 
Feldpost. Die ins Feld gehenden Sendungen wer- 
den auf die Sammelstellen im Heimatgebiet und von 
da nach dem Leitpunkt an der beimatlichen Grenze 
(23) zur Weiterbeförderung an die Feldpostanstalten 
im Etappen- und Operationsgebiet geleitet. Die vom 
Feld kommenden Sendungen geben an eigene Post- 
verteilungsstellen an der Heimatgrenze uod werden 
von da den Bestimmungsorten zugeführt. Die Besor- 
derung der Feldpost erfolgt mit Eisenbahn, Postkraft- 
wagen (24) und Postfuhrwerken (25).
        <pb n="331" />
        Oefele: Das Etappenwesen 
sem Gebiet der Heeresversorgung verlangen die An- 
forderung des Bedarfes und die Regelung des Ersatzes 
ein geordnetes Zusammenarbeiten der Truppen an 
der Front und der Ersatzquellen in der Heimat mit 
Hilfe zuverlässiger Verbindungen. 
Für die geordnete Zurückführung der Ge- 
fangenen ist es notwendig, daß sie nach der Ein- 
bringung zuerst an besonderen Sammelstellen hinter 
der Front zu Transporten vereinigt, dann in das Hei- 
matgebiet zurückbefördert und dort den Gefangenen- 
lagern zugeführt werden. Dies ist nur durch entspre- 
chende Ausnutzung der rückwärtigen Verbindungen 
möglich. Das erbeutete Kriegsmaterial muß 
zunächst ebenfalls an den Beutesammesstellen gesam- 
melt und hier gesichtet werden. Dabei handelt es sich 
um Ausscheidung, welche Beutestücke ohne weiteres 
den eigenen Truppen zur Verwendung zugewiesen 
werden können, welche zur Vornahme kleinerer Ver- 
änderungen den Reparaturwerkstätten hinter der Front 
zugeführt und welche zu anderweitiger Verwertung 
oder als unbrauchbar in die Heimat zurückgeschafft 
werden müssen. Auch diese Abtransporte machen ihre 
Eingliederung in die ganze Organisation des Ab- 
schubes und die Heranziehung der verschiedensten 
Transportmittel zur Notwendigkeit. 
Das Eisenbohnwesen befaßt sich mit dem ge- 
samten Eisenbahndienst und mit der Ausnutzung 
der Wasserstraßen, und zwar nicht nur für die opera- 
tiven Zwecke des Feldheeres, sondern auch für die 
Aufgaben der Heeresversorgung. Die Eisenbahnen 
sind für die moderne Kriegführung unentbehrlich. Sie 
allein ermöglichen einerseits die für die Operationen 
notwendigen, schnellen und oft recht umfangreichen 
Truppenverschiebungen von einem Kriegsschauplatz 
zum andern, von dem einen Teil der Front zu einem 
anderen; anderseits können auch nur mit ihrer Hilfe 
die zahlreichen und fortlaufenden Transporte für die 
gewaltigen Nachschübe an Truppen, Verpflegung und 
Material nach allen Fronten und für die nicht min- 
der großen Abschübe, namentlich an Verwundeten 
und Gefangenen, von den verschiedenen Kriegsschau- 
plätzen bewältigt werden. Die Durchführung aller 
dieser Transporte erfordert umsichtiges und enges Zu- 
sammenarbeiten der zur Mitwirkung berufenen Mili- 
tär- und Zivilbehörden, namentlich der in den einzel- 
nen Betriebsgebieten für die militärischen Anord- 
nungen eingesetzten Linienkommandanturen und der 
den Betrieb führenden Zivil= oder Militär-Eisen- 
bahndirektionen. Dabei sind die Eisenbahnstrecken 
im Heimatgebiet im Friedensbetrieb belassen, müssen 
aber den militärischen Anforderungen Folge leisten. 
Die auf den Kriegsschauplätzen oder in deren Nähe 
elegenen Eisenbahnen dagegen befinden sich im 
iegsbetrieb, d. h. für ihren Betrieb sind ausschließ- 
lich militärische Zwecke maßgebend. Bei manchen die- 
ser letzteren Bahnstrecken, vor allem bei den in Besitz 
genommenen fremdländischen und den für Kriegs- 
wercks neu angelegten, wird auch der Betrieb durch 
ag Militär geführt; sie werden als im Militärbetrieb 
befindlich bezeichnet. Die glatte Durchführung der 
Kriegstransporte macht auch einen zuverlässigen 
Schutz der Bahnstrecken gegen Zerstörungsversuche 
notwendig, der zwar Sache der hierzu eigens bestimm- 
ten Militärbehörden und Truppen ist, von den Li- 
nienkommandanturen aber herbeigeführt wird. Den 
gelamten Eisenbahndienst für Kriegszwecke leitet der 
Chef des Feldeisenbahnwesens im Großen Hauptquar- 
tier; er gibt seine Anweisungen durch die Linienkom- 
werk befördert werden, und durch 
263 
mandanturen. (Weiteres siehe in dem Aussatz -Die 
Eisenbahnen im Kriege, S. 294 f.) Die schiffbaren 
Wasserstraßen werden zur Entlastung und Ergänzung 
der Eisenbahnen für Kriegstransporte, vorzugsweise 
von Massengütern, nutzbar gemacht. Sie sind für ihre 
Ausnutzung in die Organisation des Feldeisenbahn- 
wesens eingegliedert. Die Linienkommandanturen 
sind also auch für sie die Organe des Chefs des Feld- 
eisenbahnwesens indem sie den einschlägigen Strom- 
bauverwaltungen und Schiffsunternehmern die mili- 
tärischen Anforderungen übermitteln und ihre Aus- 
führung, in gleicher Weise wie den Eisenbahnverwal- 
tungen gegenüber, überwachen. 
Die Eubtelegraphie umfaßt das ganze Tele- 
raphen- und Fernsprechwesen sowie den Funkenver- 
ehr auf dem Kriegsschauplatz und die Sicherstellung 
des telegraphischen Zusammenhanges des Feldheeres 
mit der Heimat. Der zuverlässige elektrische Nachrich- 
tenverkehr auf dem Kriegsschauplatz — gleichviel ob 
mit oder ohne Draht — zwingt zur Bereithaltung 
und zum Nachschub des nötigen Leitungs= und Sta- 
tionsmaterials für die Fernsprech= und Funkerfor- 
mationen, damit diese die erforderlichen Leitungen 
jeder Zeit nach Bedarf legen und betreiben können. 
Die telegraphische und telephonische Verbindung der 
im Kampfe stehenden Streitkräfte mit dem Heimat- 
land verlangt vor allem den Anschluß der Leitungen 
der Feldtelegraphie an diejenigen der rückwärtigen 
Staatstelegraphie. Weiterer Ausbauder rückwärtigen 
Linien und stete Aufrechterhaltung des Anschlusses 
mit dem Staatstelegraphennetz sind hier die Haupt- 
aufgaben. Dabei wird das Telegraphennetz besetzter 
feindlicher Gebiete in gleicher Weise für den Nachrich= 
tenverkehr ausgenutzt wie das staatliche Telegraphen- 
netz des Heimatlandes. Gerade dieser Verkehr im 
Rücken des Heeres ist unerläßlich für den geordneten 
Nachschub aller Bedürfnisse und für den Abschuv. 
Das ganze Telegraphenwesen wird von dem Chef 
der Seldieegarhi geleitet. 
Der Feldpostdienst schließt die Herstellung und 
Erhaltung der Postverbindungen für den Dienst= und 
Privatverkehr zwischen den Kriegsschauplätzen und 
dem Heimatgebiet in sich. Bei seinem Betrieb arbeiten 
die heimischen und die Feldpostbehörden Hand in Hand. 
Die oberste Leitung des Feldpostwesensauf den Kriegs- 
schauplätzen liegt in den Händen des Feldoberpost- 
meisters. Ihm sind die Armeepostdirektoren unterstellt. 
Diese sorgen für die Verbindung ihrer Armee mit der 
Heimat durch Einrichtung von Feldpostlinien, auf 
denen die Feldpostsendungen von der Heimat und nach 
der Heimat durch Eisenbahn, Harftwagen oder Fuhr- 
rrichtung von 
Feldpoststationen, bei denen die von der Heimat kom- 
menden Sendungen verarbeitet und von den Trup- 
pen empfangen und die für die Heimat bestimmten 
Sendungen gesammelt und nach rückwärts weiter- 
geleitet werden. Die in der Heimat aufgelieserte Feld- 
post wird von den heimischen Postanstalten auf die 
im Heimatgebiet errichteten Postsammelstellen geleitet 
und von diesen den an der heimatlichen Grenze für 
die verschiedenen Armeen eingerichteten Leitpunkten 
zur Weiterbeförderung an die Feldpostanstalten zu- 
geführt; bei den Leitpunkten beginnt das Arbeitsgebiet 
der Festpostbehörden. 
Die Etappe. 
Die Durchführung der ziemlich weitver- 
zweigten Heeresversorgung erfolgt mit
        <pb n="332" />
        264 
Hilfe der Etappe Zu diesem Zweck liegt hinter 
dem Operationsgebiet das Etappengebiet, das 
sich nach rückwärts bis zur Reichsgrenze oder, wenn 
besetztes feindliches Gebiet zwischen dem Kriegsschau- 
platz und der Heimat in gesonderte Verwaltung ge- 
nommen ist, bis zur Grenze dieses Generalgouverne- 
ments erstreckt. Zur Verbindung des Feldheeres mit 
dem Heimatgebiet sind den einzelnen Armeen be- 
stimmte Verkehrswege — Eisenbahnen, schiffbare Was- 
serstraßen, Landstraßen — als Etappenlinien zu- 
ewiesen, an denen einzelne Orte, Bahnhöfe und Hä- 
n für die Zwecke der Etappe besonders eingerichtet 
sind. Die von dieser Etappenlinie zu den einzelnen 
Armeekorps usw. abzweigenden Verbindungen sind 
die Etappenstraßen, die in die Marschstraßen 
des Operationsgebietes übergehen. An den Etappen- 
linien und -straßen liegen zur Regelung und Siche- 
rung des Verkehrs sowie zur Sicherung und Aus- 
nutzung des Etappengebietes und zur Unterbringung 
der Etappeneinrichtungen die Etappenorte. In 
diesen sind für die verschiedenen Gebiete der Heeres- 
versorgung zahlreiche Etappenbehörden tätig. 
Die Tatigteit in der Etappe, der Etappendienst, 
wird bei jeder Armee durch eine Etappeninspektion 
geleitet, an deren Spitze ein General steht. Diesem 
ist ein Stab beigegeben, in dem sich außer General-= 
stabsoffizier und Adjutant noch einzelne, für bestimmte 
Zweige der Heeresversorgung besonders verantwort- 
liche Persönlichkeiten befinden. So trifft der Etappen- 
intendant die Maßnahmen für die Verpflegung der 
Armee und der Etappe nach den Anweisungen des 
Armeeintendanten. Die Etappenmunitionsverwal- 
tung regelt die Munitionsversorgung. Der Etappen- 
arztsorgt für dieärztliche Behandlung, Unterbringung, 
Pflege, Ernährung und Zurückführung der Berwun- 
deten und Kranken des Feldheeres sowie für eine stän- 
dige Krankenpflege im Etappengebiet; ihm ist ein be- 
ratender Hygieniker beigegeben, der zur Seuchenver- 
hüng und -bekämpfung in der Regel im Etappen- 
gebiet Verwendung findet, im Bedarfsfall aber auch 
ins Operationsgebiet herangezogen wird. 
Die Etappe dient also der Heeresversorgung durch 
Zuführung von Streitkräften und Heeresbedüruf en, 
durch Ausnutzung der Hilfsmittel des Kriegsschau- 
platzes sowie durch übernahme und Ableitung von 
allem, was die Armee in ihrer Verwendungsfähigleit 
behindern kann. Zu diesem Zwecke stellt sie vor allem 
die Heeresbedürfnisse sicher durch Ausnutzung der 
Mittel des Etappengebieles, besonders wenn dieses 
im Feindesland liegt, durch Anforderung bei den 
heimischen Behörden, durch Ansammeln der Vorräte 
im Etappengebiet und durch ihr VBorschieben nach Be- 
darf; hierdei werden Borräte auch über das augen- 
blickliche Bedürfnis der Armee hinaus angesammelt. 
um so auch bei unerwartetem, außergewöhnlichem Be- 
darf den Anforderungen der Truppen entsprechen zu 
können. Dann übernimmt sie alles, was das Feld- 
heer abgibt, und befördert es zurück; dabei spielt die 
Fürsorge für die Verwundeten und Kranken eine be- 
sondere Rolle. Weiter fällt ihr die Beförderung, Unter- 
bringung, Verpflegung und überwachung der vom 
Feldheer kommenden und zum Feldheer gehenden Per- 
sonen und Pferde sowie die Verwaltung der durch 
das Etappengebiet gehenden Kriegsbedürfnisse zu. 
Und schließlich gehört noch zu ihren Aufgaben die Re- 
gelung des Verkehrs und des Nachrichtenwesens auf 
den Etappenverbindungen und innerhalb des Etap- 
pengebietes, einschließlich Unterhaltung, Wiederher- 
III. Technik und Kriegführung 
stellung und Neubau von Verkehrswegen und Nach- 
richtenverbindungen, sowie die militärische und poli- 
zeiliche Sicherung des Etappengebietes, namentlich 
der Etappenverbindungen. 
Zur Erfüllung aller dieser verschiedenartigen Auf- 
gaben ist der Etappendienst bis ins kleinste organisiert 
und der geregelte Lauf der Heeresversorgung 
zwischen Heimat= und Operationsgebiet durch die 
Etappen-Eiurichtungen 
auf folgende Weise sichergestellt: 
Im Heimatgebier liegen die Etappen-Anfangs= 
orte. Von hier aus gehen die Transporte zur Ar- 
mee, und durch sie gelangt das von der Armee Zu- 
rückfließende an die Bestimmungsorte in der Heimat. 
Jedes Armeekorps hat seinen eigenen Etappenan- 
fangsort. Dieser befindet sich am Sitz des stellvertre- 
tenden Generalkommandos und dient dem Ersatz. der 
dem Armeekorps aus seinem Friedensbezirk zuzufüh- 
ren ist. Quellen für den Ersatz von Mannschaften, 
Pferden, Bekleidung, Ausrüstung, Sanitäts- und Ve- 
terinärmittel sind die Ersatztruppenteile, Kriegsbeklei- 
dungsämter, Traindepots und heimatlichen Sanitäts- 
depots sowie die einschlägige Industrie. Als weitere 
Ersatzquellen kommen in Betracht für den Munitions= 
und Waffennachschub die Artillerie= und Train- 
depots sowie die technischen Institute, Waffen- und 
Munitionsfabriken, für die Verpflegung die Ersatz 
magazine, Ersatzviehdepots, immobilen Proviantäm. 
ter sodie Konservenfabriken, für die Ergänzung von 
Kraftwagen, Motorbetriebstoffen und Wasserstoff- 
gas die Kraftwagendepots. Tanklager und einschlä- 
igen Fabriken, für das Gerät für Luftschiffer und 
lieger die Luftschiffer-und Flieger-Ersatzabteilungen. 
Luftschiffwerften und Flugzeugfabriken. Für die Ge- 
stellung und Lieferung des Ersatzes sind nicht nur die 
militärischen Anstalten und Fabriken tätig, in diesen 
vaterländischen Dienst sind vielmehr die geiamte In- 
dustrie des Heimatlandes, der ganze Handel, das Ge- 
werbe und Handwerk gestellt. rch Schaffung einer 
großzügigen Organisation unter Leitung des hierzu 
eigens errichteten Kriegsamtes ist die Ausnutzung 
aller Hilfsmittel und kräfte der Heimat gewährleistet. 
Auf einer eigenen Sammelstation im Heimot- 
gebiet werden die für die Armee bestimmten Vor- 
räte aus den heimatlichen Ersatzquellen gesammelt. 
für die Vorführung bereit gehalten und nach Bedarf 
nach vorne weiterbefördert. Hier wird auch umgekehrt 
alles von der Front Zurückkommende verteilt und 
den Friedenskorpsbezirken zugeführt. Die Sammel- 
station bildet demnach den Anfang der Etappenlinie 
und ist ein mit den Etappenanfangsorten durch gute 
Verkehrslinien (Eisenbahnen, Wasserstraßen) verbun- 
dener Verkehrsknotenpunkt. Hierist zur Ansammlung 
der Verpflegungsvorräte ein Proviantdepot errichtet, 
dessen Füllung teils durch unmittelbare Einlieferung. 
teils durch Zuführung aus den Ersatzmagazinen und 
Ersatzviehdepots erfolgt. Außerdem werden hier auch 
ganze Eisenbahnzüge und Schiffe, die mit Verpfle- 
gungsvorräten von den heimatlichen Ersatzquellen zur 
Sammelstation abgeschickt sind, beladen bereit gehal- 
ten; diese sowie weitere aus den Vorräten des Pro- 
viantdepots der Sammelstation beladene Verpfle. 
gungszüge und -schiffe werden dann auf Weisung 
des Armeeintendanten in das Etappengebiet vor- 
geführt. Die Munition ist in eigenen, aus den Bestän- 
den der heimatlichen Artilleriedepots beladenen Mu- 
nitionszügen und sschiffen bereilgestellt. Zur Unter-
        <pb n="333" />
        Defele: Das Etappenwesen 
bringung und Weiterbeförderung aller aus der Hei- 
mat ankommenden und dahin abzugebenden Fracht- 
stücke, einschließlich der Sanitäts= und Veterinäraus- 
rüstung, ist ein Güterdepot aingerichter. dem eine be- 
sondere, zur Verfügung des Etappenarztes stehende 
Sanitätsabteilung angegliedert ist; letztere wird aus 
den bei den stellvertretenden Generalkommandos be- 
findlichen Sanitätsdepots und diese wiederum aus dem 
dem Kriegsministerium unterstellten Hauptsanitäts- 
depot ergänzt. Im Armeebekleidungsdepot werden die 
aus den Kriegsbekleidungsämtern und Traindepots 
angesammelten Bekleidungs= und Ausrüstungsstücke 
bereit gehalten. Die übrigen Armeebedürfnisse, wie 
Motorenbetriebsstoffe, Wasserstoffgas, Flugzeuge, 
Flugzeugersatzteile, gehen von den heimatlichen Er- 
satzauellen unmittelbar ins Etappengebiet. 
Für unvorhergesehenen Bedarf an erpflegung, der 
durch die Zufuhr aus dem Proviantdepot der Sam- 
melstation nicht gedeckt werden lann, sind in der Hei- 
mat weitere Verpflegungs-, Mehl- und Haferzüge als 
bewegliche Verpflegung reserve bereitgestellt. 
über diese verfügt jedoch nicht der Armeeintendant, 
sondern der Generalintendant des Feldheeres, der den 
Ausgleich bei den einzelnen Armeen regelt und daher 
dem Armeeintendanten auf Antrag die nötigen Vor- 
räte aus dieser Reserve zur Verfügung stellt. 
Im Etappengebiet liegt als Endpunkt der Etappen- 
linie der Etappenhauptort. Als solcher wird ein 
für die Verbindung sowohl mit der Heimat wie mit 
der Armee günstig gelegener größerer Ort gewählt, 
der als Sitz der Etappeninspektion, zahlreicher Etap- 
penbehörden und -einrichtungen den Mittelpunkt für 
den Dienst in der Etappe bildet. Von hier aus füh- 
ren die Etappenstraßen zu den einzelnen Armcekorps 
auf das Operationsgebiet. Der Etappenhauptort ar- 
beitet in umgekehrtem Sinn wie die Sammelstation: 
der von rückwärts kommende Ersatz wird hier auf 
die Armeekorps verteilt und diesen nachgeschoben, die 
von vorne kommenden Transporte werden hier ge- 
sammelt und nach rückwärts abgeschoben. Hierzu sind 
Magazine und Depots für die verschiedenen, von der 
Sammelstation und den anderen heimatlichen Ersatz- 
quellen eintreffenden Heeresbedürfnisse errichtet, und 
werden alle Eisenbahn-, Schiffahrts-- und Straßen- 
verbindungen nach Möglichkeit ausgenutzt. Die Mu- 
nitionszüge und -schiffe werden hier durch die Etap- 
penmunitionsverwaltung übernommen, um je nach 
Bedarf entweder zur Entladung weiter vorgeführt 
oder beladen bereit gehalten oder in das eigens ange- 
legte Hauptmunitionsdepot entladen zu werden. Ein 
Etappenmagazin ist mit Berpflegungsvorräten des 
Landes sowie mit den durch die Verpflegungszüge und 
schiffe aus der Heimat herangeführten Verpflegungs- 
mitteln gefüllt und dient dem Etappenintendanten 
zum Verpflegungsnachschub zhierzu werden auch ganze 
beladene Eisenbahnzüge bzw. Schiffe zu weiterer Vor- 
führung und Füllung von weiteren Magazinen be- 
reit gehalten, über die ebenfalls der Etappenintendant 
nach Bedarf verfügt. Zur Versorgung der Armee mit 
Schlachtvieh ist ein Etappenviehdepot errichtet, dessen 
Ergänzung aus dem Lande und durch Nachschub er- 
folgt. Eine Etappenbäckerei unterstützt die Tätigkeit der 
Feldbäckereien und versorgt die Etappentruppen und 
transporte mit Brot; die zu ihr gehörige Schlächterei- 
abteilung pflegt das der Armee nachtttreibende Vieh 
und schlachtet es nach Bedarf unter Umständen auch 
für die Truppen der Armee. In dem dem Etappen- 
arzt unterstehenden Etappensanitätsdepot sind große 
265 
Vorräte aller Verband= und Arzneimittel, ärztlicher- 
und wirtschaftlicher Geräte, Lazarettwäsche und Kran- 
kenkleidung, Hilfsmittel zum Herrichten von Kran- 
kentransportmitteln usw. aufgespeichert; von hier 
aus werden alle Feld- und Etappenlazarette sowie 
auch die Krankentransportabteilungen mit Sanitäts- 
und Wirtschaftsgerät versehen, die Vestande des Etap- 
pensanitätsdepots werden unausgesetzt durch Zufuhr 
aus der Sammelstation ergänzt. Ein Etappenlaza- 
rett nimmt außer den Kranken der Etappentruppen 
und "transporte auch Verwundete aus dem Opera- 
tionsgebiet auf, die in den vorderen Lazaretten keinen 
Platz mehr finden können. Ein Etappenfernsprech- 
depot sorgt für Vorrat und Nachschub an Stations= 
und Leitungsmaterial für die Fernsprechformationen. 
Ein Etappenkraftwagenpark hält Kraftfahrpersonal 
und material sowie ein Lager von Betriebsstoffen 
(Tanklager), ein Etappenflugzeugpark Fliegerperso= 
nal, Flugzeuge und Ersatzteile hierzu bereit; beide füh- 
ren auch Instandsetzungsarbeiten aus. Ein Etappen- 
pferdedepot nimmt die von der Armee abgeschobenen. 
kranken und überzähligen Pferde auf und sammelt 
brauchbare Pferde durch Ankauf, Beitreibung, Beute- 
pferde und Nachschub aus der Heimat. Ein Post- 
pferde- und Postwagendepot dient zur Besetzung der 
Feldpostanstalten mit Pferden und Wagen und zur 
Qufnahmedienstunfähig gewordener Bostpferde Eine 
Gefangenen- und eine Beutesammelstelle vervollstän- 
digen die zahlreichen Einrichtungen eines Etappen- 
hauptortes, für deren geordneten Betrieb neben guten 
Verkehrsverbindungen namentlich Eisenbahnen, auch 
ausreichende Bahnanlagen und große entsprechende 
Räumlichkeiten vorhanden sein müssen. 
Auf der Etappenlinie liegt zwischen Sammelstation. 
und Etappenhauptort die übergangsstation, so 
bezeichnet, weil auf ihr der Eisenbahnbetrieb in den 
Kriegsbetrieb übergeht. Sie bildet somit die Abgren- 
zun zwischen den in Kriegsbetrieb erklärten und den 
im Fliedensbetriee verbliebenen Eisenbahnen; hier 
finden die beim Kriegsbetrieb entstandenen Betriebs- 
unregelmäßigkeiten ihre Grenze und Ausgleichung. 
Hieraus ergibt sich, daß die Sammelstation dauernd 
festgelegt bleibt, während der Etappenhauptort, den 
Operationen folgend, weiter vorgeschoben wird. Bei 
weiterem Vorwärtsschreiten der Operationen wird das 
der Heimat renze zunächst liegende besetzte feindliche 
Gebiet zwischen Sammel- und übergangsstation einem 
Generalgouverneur zur Verwaltung unterstellt und 
durch besondere militärische Maßnahmen gesichert. 
An den Etappenstraßen liegen die Etappenorte. 
Sie sind wesentlich kleiner als der Etappenhauptort 
und haben gegeneinander abgegrenzte Bezirke. Ihre 
Lage und Zahl richten sich ganz nach den Bedürfnissen 
der Versorgung und den Verhältnissen des Landes. 
An ihrer Spitze stehen als Kommandobehörden die 
Etappenkommandanturen, die innerhalb ihres 
Bereiches im kleinen dieselben Aufgaben zu erfüllen 
haben wie die Etappe als Organisation der Heeres- 
versorgung im großen. Deshalb sind an den Etap- 
penorten gleichfalls zahlreiche Magazine, Depots usw. 
eingerichtet, die der unmittelbaren Versorgung der 
Truppen dienen. Vor allem sind nach Bedarf Muni- 
tionsdepots errichtet, in welche die vorgeführten Mu- 
nitionszüge entladen werden und aus denen die Mu- 
nitionskolonnen der Armeekorps ihre Bestände er- 
gänzen, sofern nicht im Operationsgebiet dicht hinter 
der Armee eigene Munitionsausgabestellen angelegt 
sind. Für die Versorgung mit Verpflegung sind auch
        <pb n="334" />
        266 
hier Etappenmagazine eingerichtet, oder es sind eigene 
Etappenausgabestellen errichtet, aus denen die Ver- 
pflegungskolonnen der Armeekorps empfangen. Bei 
den vordersten Etappenmagazinen werden durch den 
Etappenkraftwagenpark Tankstellen bereit gehalten, 
aus denen die Betriebsstoffe durch die Truppen nach 
Bedarfentnommen werdenkönnen. Etappenbäckereien 
und Hilfsbäckereien unterstützen auch hier die Feld- 
bäckereien und führen im Bedarfsfall den Truppen 
Brot zu. Zum gleichen Zweck wie im Etappenhauptort 
bestehen auch an den Etappenorten Etappenlazarette; 
ihnen sind zur Unterbringung von Verwundeten und 
Kranken, deren Wiederherstellung zur Dienstfähigkeit 
in kurzer Zeit zu erwarten ist, besondere Leichtkran- 
kenabteilungen angeschlossen. Außerdem sind auch 
eigene Kriegslazarette zur Aufnahme der von vorne 
kommenden Verwundeten und Kranken errichtet und 
werden die beweglichen Feldlazarette durch übernahme 
der nicht transportfähigen Verwundeten sowie durch 
Ablösung des Feldlazarettpersonals und materials 
durch Etappenpersonal und -material in solche stehende 
Kriegslazarette umgewandelt. Beim Auftreten von 
Seuchen werden abseits der Verkehrsstraßen beson- 
dere Seuchenlazarette angelegt. An den Bahnhöfen 
und Häfen sowie an sonst geeigneten Orten sind Ver- 
band-, Erfrischungs- und Krankensammelstellen ein- 
gerichtet. In allen diesen Lazaretten und Einrichtun- 
gen des Etappengebietes ist männliches und weib- 
sches Personal der freiwilligen Krankenpflege tätig. 
Aus Mannschaften, die nicht mehr krank, aber für den 
Felddienst doch noch nicht brauchbar sind, werden Ge- 
nesungsabteilungen gebildet, die unter militärischem 
Befehl und ärztlicher Aussicht zu leichteren Diensten 
im Rücken der Armee verwendet werden. Werkstät- 
ten sind zur Ausbesserung und Instandsetzung von 
Bekleidung, Ausrüstung und Kriegsmaterial errichtet; 
Etappenpferdedepots, Gefangenen- und Beutesam- 
melstellen sind auch hier angelegt. Feldpoststationen 
dienen zur Postabfertigung und zur Aufrechterhal- 
tung der Postverbindungen zwischen dem Feldheer 
und der Heimat. 
Der Bereich der vordersten Etappenkom- 
mandanturen reicht bis an das Operationsgebiet 
heran. Dieses ist zwar zur Schaffung klarer Ver- 
hältnisse bezüglich Ausnutzung und Sicherung des 
Landes gegen das Etappengebiet genau abgegrenzt; 
trotzdem sind aber die vordersten Etapbenmaßazine= 
depots und ausgabestellen, bei denen die Kolonnen 
der Armeekerps empfangen, zu deren Entlastung 
ohne Rücksicht auf die Etappengrenzen so weit in das 
Operationsgebiet hinein vorgetrieben, wie es die Lei- 
stungsfähigkeit der Etappen-Transportmittel nur 
irgendwie zuläßt. Ist z. B. ein stärkerer Munitions- 
verbrauch vorausfusehen oder ist der Weg, den die 
Korps-Munitionskolonnen zu den vordersten Muni- 
tionsdepots zurückzulegen haben, zu groß, so wird die 
Munition aus diesen epots durch Transportmittel 
der Etappe an eigene Munitionsausgabestellen 
vorgeführt, die von der Etappe möglichst dicht hinter 
der Armee eingerichtet, dauernd nachgefüllt und im 
weiteren Verlauf der Operationen entweder zu Etap- 
penmunitionsdepots umgewandelt oder wieder auf- 
gelöst werden. Auch für die Versorgung mit Verpfle- 
gung werden im Bewegungskrieg, wenn die Punkte, 
is zu denen die leeren Verpflegungskolonnen der 
Korps zurückgeschickt werden können, einem dauern- 
den Wechsel unterworfen sind, an diese Punkte nach 
Bedarf Vorräte vorgeschoben und so eigene Etap- 
III. Technik und Kriegführung 
penausgabestellen errichtet, die dann nach Auf- 
brauch der Vorräte wieder eingehen oder in Etappen- 
magazine ungewandelt werden. 
ur Beförderung des Nach- und Abschubes wer- 
den als 
en a Etappen-Transportmittel 
alle verfügbaren und geeigneten Hilfsmittel ausge 
nutzt. 
n der Hauptsache wird der Transport durch die 
Eisenbahnen bewirkt. Deshalb ist ihr Betrieb bis 
möglichst hahe an die Front vorgeführt und das vor- 
handene Bahnnetz durch Anlage neuer Bahnstrecken 
nach Tunlichkeit noch erweitert. Dies gilt besonders 
für den Stellungskrieg, wo hinter den Stellungen die 
Eisenbahnlinien nach Kräften ausgebaut sind. Da- 
bei werden die Eisenbahnen für alle Transportzwecke 
herangezogen. Bei den Nachschubtransporten han- 
delt es at um die Beförderung von Truppen mit 
ihrem Zubehör sowie von Kriegsbedürfnissen aller 
Art, wie lebendes Bieh und andere Verpflegungs- 
mittel, Munition und Sprengstoffe, Bekleidung und 
Ausrüstung, Waffen und Geräte, Luftfahrzeuge, Be- 
triebsstoffe, Postsendungen usw. Die Abschubtrans- 
porte sind vor allem Kranken= und Kriegsgefange- 
nentransporte sowie Transporte von Beutematerial 
aller Art. 
Bei den dem Truppenersatz dienenden Transporten 
werden Mannschaften, Pferde, Geschütze, Fahrzeuge 
und sonstiges Kriegsgerät in besonderen Militärzügen 
befördert. Zum Verpflegungsnachschub werden meist 
ganze Bieh-, Verpflegungs-, Mehl-= und Haferzüge 
zusammengestellt. Auch für den Munitionsnachschub 
und Geräteersatz sind anze Munitionszüge und be- 
sondere Züge für den Geräte- und Sprengmunitions- 
ersa gebildet. Der Gas= und Benzinnachshub erfolgt 
auf der Bahn in eigenen Tankwagen. 
Der überführung der Verwundeten und Kranken 
in die Heimat, welche durch die dem Etappenarzt un- 
terstehende Krankentransportabteilung besorgt wird, 
dienen legene Lazarett-, Hilfslazarett-, Vereinslaza- 
rett- und Krankenzüge. Lazarettzüge sind vorbereitete 
und mit allen Einrichtungen sowie ständigem Arzte- 
und Pflegepersonal versehene, fahrbare Lazarette der 
Heeresverwaltung und dienen zum Transport nur 
solcher Kranker, die liegen müssen. Hilfslazarettzüge 
dienen dem gleichen Zweck und sind in ähnlicher Weise 
ausgestattet; sie waren jedoch eigentlich nur für vor- 
übergebende Benutzung gebildet und sind erst im Laufe 
des Krieges zu ständigen Formationen umgewandelt 
worden. Dasselbe gilt von Lazarettzügen der frei- 
willigen Krankenpflege, den sogenannten Vereins- 
lazarettzü#gen; diese sind zwar nach den für die Laza- 
reitzüge geltenden Bestimmungen der Heeresverwal- 
tung, abernicht von dieser selbst, sondern von Stiftern 
itterorden, Vereinen vom Roten Kreuz, Provinzen, 
tädten, einzelnen Personen usw.) eingerichtet und 
dem Heere zur Verfügung gestellt. Krankenzüge da- 
gegen dienen in der Regel nur zur Beförderung von 
ranken, die sitzend fahren können; sie werden nach 
Bedarf aus gewöhnlichen gedeckten Eisenbahnwagen 
aller Art ohne besondere Vorbereitung zusammen- 
gestellt; doch werden in dringenden Fällen auch in 
diesen Zügen liegende Kranke mitbefördert. Für den 
Rücktransport der Gefangenen und der Kriegsbeute 
werden gleichfalls besondere Gefangenen= und Beute- 
züge zusammengestellt. 
8 Ergänzung bes Eisenbahnnetzes werden Feld- 
bahnen gelegt. Sie haben die Bedürfnisse der Armee
        <pb n="335" />
        Defele: Das Etappenwesen 
von den Endpunkten der Eisenbahn weiter vorzu- 
schieben. Neben Munition, Proviant und anderen Vor- 
räten werden mit der Feldbahn bei Bedarf auch Mann- 
schaften befördert. Zum Verwundetentransport sind 
die Feldbahnwagen mit besonderen Gerüsten zum 
Einfügen der Krankentragen ausgestattet. 
Eine weitere Erleichterung der Haführ und des Ab- 
schubes bieten die als Roll= oder Drahtseilbahnen an- 
gelegten Förderbahnen. Ihre Verwendung be- 
schränkt sich natürlich nur auf den Stellungs- und 
Festungskrieg. Hier aber können sie bei der Beför- 
derung von Munition, Verpflegung und sonstigem 
Material gute Dienste leisten und auch zum Verwun- 
detentransport ausgenutzt werden. In manchen Fäl- 
len, namentlich im Gebirge, ermöglichen Drahtseil- 
bahnen überhaupt erst den Nachschub. 
Sind schiffbare Wasserstraßen vorhanden, so 
werden auch diese herangezogen. Dabei kann es sich 
natürlich nur um die Beförderung von solchen Mas- 
sengütern handeln, deren Eintreffen am Zielpunkt 
nicht an kurz bemessene Fristen gebunden ist, und die 
durch den Wassertransport nicht leiden. Als solche 
kommen für den Nachschub Verpflegungsmittel, Mu- 
nition und Waffen, Bekleidungs= und Ausrüstungs- 
stücke, Feldgerät und unter Umständen auch Belage- 
rungsmaterial, für den Abschub das vom Feldheer 
zurückzuführende unbrauchbare Material und Kriegs- 
beute in Betracht. Auch hier sind für den Munitions-= 
und Verpflegungstransport ganze Schiffe als Mu- 
nitions- und Verpflegungsschiffe eingerichtet. Trup- 
pen werden auf Wasserstraßen nur unter besonderen 
Verhältnissen, Pferde und lebendes Vieh nur aus- 
nahmsweise befördert. Dagegen findet der Rücktrans- 
port von Verwundeten und Kranken in besonders 
eingerichteten Schiffen statt. Hierzu gibt es eigene 
Lazarett-, Hilfslazarett= und Krankenschiffe, die den 
gleichen Zwecken dienen wie die Lazarett-, Hilfslaza- 
rett- und Krankenzüge und ähnlich ausgestattet sind. 
Von den Endpunkten der Eisenbahnen und Was- 
serstraßen, d. h. von den Punkten, wo der sichere 
Eisenbahnbetrieb oder die Schiffahrt endet, erfolgt 
der Transport auf Landstraßen durch Pferde- 
und Kraftwagenkolonnen. 
Die Kraftwagenkolonnen spielen dabei eine 
besonders wichtige Rolle. Sie können trotz ihrer gro- 
#ien Ladefähigkeit weite Entfernungen rasch zurück- 
legen und sind durch ihre hohe geistungssähigten den 
Pferdekolonnen bedeutend üÜberlegen. Essind deshalb 
zum Nachschub von Verpflegung, Munition und Aus- 
rüstung, zum Herbeischaffen von Kriegsgerät aller 
Art, von Rohstoffen usw., zum Abschub von Kriegs- 
beute, Material usf. eigene Kraftwagenkolonnen ge- 
bildet, die je nach den Anforderungen, die an die Be- 
weglichkeit und das Fassungsvermögen der einzel- 
nen Kolonnen gestellt werden, aus schweren oder 
leichten Typen von Lastkraftwagen zusammengestellt 
sind. Für den Verwundetentransport sind besondere 
Sanitätskraftwagenkolonnen gebildet. — Vgl. den 
Aufsatz-Kraftwagen und Kraftwagenzüge-, Bd. J, 
S. 279ff. 
Der Landtransport innerhalb des Etappengebie- 
tes geschieht durch die Etappenkolonnen. Hier- 
bei dienen die Etappenfuhrpark. und Verpflegungs- 
kraftwagenkolonnen zur Nachführung von Lebens- 
mitteln zur Armee, die Magazinfuhrparkkolonnen zur 
Füllung und Verlegung der Magazine. Den Trans- 
port der Munition besorgen die Etappenmunitions- 
kolonnen und Munitionskraftwagenkolonnen; im 
267 
Bedarfsfall werden hierzu auch die Etappenfuhrpark- 
kolonnen verwendet. Die Verpflegungs-= und Muni- 
tionskraftwagenkolonnen werden hauptsächlich bei 
unerwartet eintretendem Bedarf und durch mög- 
lichst weites Vorziehen ins Operationsgebiet aus- 
kat Diese Überlegenheit können sie besonders bei 
en schwierigen Verhältnissen eines raschen Vor- 
marsches oder einer Verfolgung in bester Weise zur 
Geltung bringen. 
Der Nachschub im Operationsgebiet ist nicht mehr 
Sache der Etappe, sondern erfolgt durch die Kolon- 
nen der Korps und Truppenfahrzeuge. Die 
Verpflegungsmittel gelangen durch die Proviant= und 
Fuhrparkkolonnen der Armeekorps aus den Etappen- 
magazinen und ausgabestellen zu den im Operations- 
gebiet für die Divisionen errichteten Feldmagazinen 
und Ausgabestellen, bei denen dann die Truppen ihren 
Bedarf durch ihre Lebensmittel- und Futterwagen in 
Empfang nehmen. Diese Verpflegungskolonnen der 
Armeekorps und die Verpflegungsfahrzeuge der Trup- 
pen sind mit Pferden bespannt, sofern nicht wegen des 
Geländes, wie im Gebirgskrieg. Tragtiere verwen- 
det werden müssen. Im Stellungskrieg wird die 
Verpflegung vielfach durch die Etappe mit Eisenbahn 
oder Kraftwagen bis an die Truppe zur unmittelba- 
ren Umladung auf deren Verpflegungsfahrzeuge vor- 
gebracht, so daß dadurch Etappen= und Korpsverpfle- 
gungskolonnen für andere Arbeiten frei sind. Die 
Munition wird bei den Etappenmunitionsdepots und 
ausgabestellen durch die Infanterie- und Artillerie- 
munitionskolonnen der Armeekorps empfangen, aus 
denen wiederum die Ergänzung der Patronen= und 
Munitionswagen der schuenden Truppen erfolgt. 
Auch diese Kolonnen und Fahrzeuge sind mit Pfer- 
den bespannt oder unter Umständen durch Tragtiere 
ersetzt. Auch die Munitionskraftwagenkolonnen der 
Etappe fahren, namentlich bei den schweren Kalibern, 
häufig bis an die Geschütze selbst heran und führen 
diesen ihre Munition ohne Umladung zu. Den Ka- 
valleriedivisionen stehen zum Nachschub besondere Ka- 
valleriekraftwagenkolonnen zur Verfügung, weil nur 
diese der Kavallerie folgen können. 
Die Rückbeförderung der transportfähigen Ver- 
wundeten ins Etappengebiet auf den Landwegen ge- 
schieht gleichfalls durch die Krankentransportabtei- 
lung mit Hilfe von Sanitätskraftwagenkolon- 
nen, anderen Kolonnen und sonstigen Fahrzeugen 
jeder Art. Die Sanitätskraftwagenkolonnen bestehen 
aus besonders gebauten Sanitätskraftwagen, aus 
du fs- und Behelfskrankenkraftwagen. Erstere sind zum 
eil offen gehalten, zum Teil als halbgeschlossene und 
auch als ganzgeschlossene Kastenwagen gebaut. Auto- 
mobilomnibusse und-aussichtswagen sind zum Trans- 
port von Schwer= und Leichtverwundeten als Hilfs. 
krankenwagen eingerichtet, leichte Lastkraftwagen wer- 
den als Behelfökrankenwagen verwendet. Außerdem 
werden, namentlich nach großen Gefechten, auch alle 
anderen Kraftwagen, gleichviel welcher Bauart, heran- 
gezogen. Von den Kolonnen werden bei Bedarf vor 
allem die dem Munitions- und Verpflegungsnachschub 
dienenden Etappenkraftwagenkolonnen und die Ka- 
valleriekraftwagenkolonnen dem Verwundetentrans- 
port nutzbar gemacht; auch die Etappenfuhrpark- 
kolonnen und sonstige zurückgehende, entleerte Ko- 
lonnen der Etappe können hierzu verwendet werden. 
Endlich werden im Bedarfsfall alle verfügbaren und 
geeigneten Fahrzeuge und Fuhrwerke für den Kranken- 
transport hergerichtet und benugt.
        <pb n="336" />
        268 
Der glatte Verlauf des ganzen Nach· und Abschubes 
ist nur möglich durch entsprechenden 
Schutz des Etappengebietes. 
Insbesondere bedürfen die Etappenorte mit ihren 
Einrichtungen und die in Anspruch genommenen Ver- 
kehrsverbindungen einer örtlichen Sicherung gegen- 
über feindlichen Truppen oder feindlich gesinnter Be- 
völkerung. Schon das einfache Durchbrechen einer 
Straße und das Aufheben der dort befindlichen Nie- 
derlagen durch feindliche Abteilungen kann Unord- 
nung aller Art und schlimmere Folgen für die Ver- 
sorgung mit sich bringen. In noch viel höherem 
Grade gilt dies von der Störung des Bahnbetriebes, 
die bei mangelhafter Sicherung leicht und sogar auf 
längere Zeit wirksam herbeigeführt werden kann. 
Der Schutz des Etappengebietes wird zwar im all- 
gemeinen durch die Operationen und kämpfenden 
ruppen selbst erreicht. Die besondere örtliche Si- 
cherung des Etappengebietes und der Etap- 
penverbindungen ist aber Sache eigener Etap- 
pentruppen und erfordert besondere Schutzmaßnah- 
men. Die Etappentruppen sind den Etappenkom- 
mandanturen nach Bedarf zugewiesen und werden 
von diesen zu Wach- und sonstigen Sicherheitsdiensten 
verwendet. Wichtige Punkte Ssind unter Umständen 
durch Feldbefestigungen verstärkt und mit ständigen 
Abteilungen besetzt. An Bahnhöfen. Brücken. Unter- 
führungen, Tunnels und sonstigen Kunstbauten sind 
Sicherheitswachen und -posten aufgestellt und entspre- 
chende Vorkehrungen gegen feindliche Anschläge so- 
wie gegen Unternehmungen aus der Luft getroffen. 
Streifzüge leicht beweglicher Truppenabteilungen die- 
nen dazu, Unbotmäßigkeiten der Bevölkerung und 
die Bildung feindlicher Freischaren zu verhindern. 
Ein reger Mutkouillendienst trägt zur weiteren Siche- 
rung des Etappengebietes bei. Alle Nachrichtenmittel 
und alle Organe, die das Nachrichtenwesen zu fördern 
vermögen, sind zur Erreichung eines zuverlässigen 
Nachrichtendienstes ausgenutzt; dabei ist besonders 
für sichere Verbindung der benachbarten Etappenorte, 
der stehenden Wachen und, wenn irgend möglich, auch 
der herumstreifenden Abteilungen gesorgt. Vor allem 
wird der Nachrichtenverkehr innerhalb der Bevölke- 
rung streng überwacht. Beifeindlicher Haltung der Be- 
völkerung sind besondere Maßnahmen gegen Wider- 
setzlichkeiten und überraschungen getroffen. 
Die Sicherung der Etappenlinien weiter 
rückwärts, in den unter besondere Verwaltung ge- 
nommenen feindlichen Gebieten und im Heimatgebiet, 
ist Sache der Generalgouvernements und der stellver- 
tretenden Generalkommandos und erfolgt in ähn- 
licher Weise wie im Etappengebiet. — Der sichere 
Berlauf der Heeresversorgung 
stellt an die Etappe gewaltige Anforderungen, weil 
die Operationen durch die Rücksicht auf die Ver- 
III. Technik und Kriegführung 
sorgung niemals gehemmt oder gar unmöglich ge- 
macht werden dürfen. Deshalb erfordert er vor allem 
eine vorausschauende Regelung, dann aber auch große 
Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Verhältnisse 
des Krieges. Denn die ganze Heeresversorgung geht 
im raschen Bewegungskrieg anders vor sich als beim 
langwierigen Stellungskrieg, im Krieg auf dem g 
gangbaren Flachland anders als im schwierigen Ge- 
birgskrieg; sie ist beim Vormarsch anders als in der 
Schlacht, während ruhigerer Kampfzeiten andexs als 
vor der Entscheidung. In jedem Fall aber handelt 
es sich für die Etappe darum, den Nach= und Abschub 
in der zweckmäßigsten Weise sicherzustellen. 
Schon während der Versammlung muß dafür ge- 
sorgt werden, daß gleich bei Beginn der Operationen 
ein regelmäßiger und selbsttätiger Lauf des Nachschu- 
bes einsetzen kann. Während der Operationen bilden 
die Etappen- und Kraftwagenkolonnen das Binde- 
gieh zwischen Eisenbahn und Korpskolonnen; die 
raftwagenkolonnen dienen hierbei zu weitgehender 
Entlastung der Pferdekolonnen. Dies gilt besonders 
beim Vormarsch. Bei längerem Vormarsch ist es aber 
notwendig, daß vor allem der Eisenbahnbetrieb der 
Armee ununterbrochen folgt. damit in der geregelten 
Zufuhr aus der Heimat keine Schwierigkeiten ent- 
stehen. Bei bevorstehender Entscheidung ist die recht- 
zeitige Heranführung reichlicher Munitionsvorräte die 
wichtigste Aufgabe, denn dann ist Munition wichtiger 
als Verpflegung. Deshalb werden alle verfügbaren 
Kolonnen dem Munitionsnachschub dienstbar gemacht. 
Während der Kämpfe geht die Munitionszufuhr un- 
ausgesetzt weiter. Dabei darf aber auch die Versor- 
ng mit Lebensmitteln keine Stockung erleiden; die 
ranken- und Verwundetenfürsorge kommt dazu, und 
die Versorgung der Kriegsgefangenen ist ins Auge 
zu fassen. Nach der Schlacht hat wiederum der Mu- 
nitionsnachschub den Vorrang vor allen Transpor- 
ten. Bei der Verfolgung nach siegreicher Schlacht 
kommt zum erhöhten Munitionsnachschub noch der 
Abtransport zahlreicher Verwundeter und Gefan- 
gener sowie der Kriegsbeute; dann wird aber auch 
der beschleunigte Nachschub alles Sonstigen nötig, 
und dazu bedarf es in erster Linie schneller Weiter- 
führung des Eisenbahnbetriebes. Beim Kampf um 
Festungen und im Stellungskrieg handelt es sich nicht 
nur um die Zuführung des gesamten Verpflegunge- 
bedarfes, sondern auch um den Transport von schwe- 
rem Geschütz, sonstigen Belagerungsmitteln und gro- 
ßen Munitionsmengen. Dies erfordert den Ausdan 
der Eisenbahnen für den Betrieb mit schweren Zügen, 
die Anlage von Feld- und Förderbahnen und die 
Verbesserung der Landstraßen, namentlich für den 
Lastenverkehr. Dafür ist aber der ganze übrige Nach- 
und Abschubtransportdienst wesentlich erleichtert, 
weil die Magazine, Depots, Lazarette usw. zu stän- 
digen Anlagen eingerichtet sind. 
Das Sionierwesen 
von Hauptmann a. D. Oefele in Würzburg 
Hierzu Tafeln ? Pionierwesen I und 1I4. 
Allgemeines. 
Der Krieg stellt die Truppen aller Waffen vor Auf- 
aben, die sie nur mit Hilfe von Pionierarbeiten zu 
ewältigen vermögen. Die Ausführung solcher Ar- 
beiten kann notwendig werden nicht allein im Kampf 
bei Angriff und Verteidigung, sondern auch bei Mär- 
schen und während der Ruhe, nicht nur in den stabi- 
len Verhältnissen des Festungs- und Stellungskamp- 
fes, sondern auch beim Bewegungskrieg und in der 
offenen Feldschlacht, ganz vorne am Temde ebenso 
wie im Rücken der fechtenden Truppen, bei der Tätig- 
keit am Tag in gleicher Weise wie bei Unternehmun-
        <pb n="337" />
        Pionierwesen I. 
— 
W.“ ul a 
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Abgebrannte Brücke bel Kowno. 
*#“ ——— - .. 
zis-·.k * " . * # . . 
4. Schwlmmender Brückensteg dber dle Nethe. 
—h. 
9 
— — 
6. bersetzen von Maschlnengewehren mit 
Fahrzeugen auf Fähre aus Pontons neuer Art. 
aus Kavallerle-Brückengernt. 
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ke aus Behell materlal übe 
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        <pb n="338" />
        Pionierwesen II. 
- — — E&amp;"( 
1. Gesprengte- Eisenbaoh ndrüc ke bei Tauroggen. 
Dontonbrücke üher die Witija. **21 « 4. Leuchtraketen. 
Gesprengter Bahnhots -Wasserturm. 
6. Vom Flugzeug abgewortene Schieinwerser in Tätigkeit. 
Fallschirm-leuchthombe.
        <pb n="339" />
        Oefele: Das Pionierwesen 
gen in der Nacht — kurz in allen Lagen und bei allen 
Gelegenheiten. Immer und überall haben diese Ar- 
beiten den Zweck, den eigenen Truppen das Heran- 
kommen an den Feind zu ermöglichen, dem Gegner 
aber die Annäherung zu erschweren und zu verwehren 
und ihm nach Möglichkeit Schaden zuzufügen. 
Die vorkommenden Pionierarbeiten. 
Ein kurzer überblick über die hauptsächlichsten im 
Kriege vorkommenden Arbeiten zeigt die Notwendig- 
leit und Möglichkeit ihrer Ausführung, gibt gleich- 
zeitig aber auch ein Bild von ihrer Vielseitigkeit. 
Schon bei den Eisenbahntransporten können Pio- 
nierarbeiten erforderlich werden, wenn in Notfällen, 
wie z. B. bei Betriebsstockungen, Unfällen oder Stö- 
rungen des Betriebes in der Nähe des Feindes, Trup- 
penzüge auf freier Strecke entladen werden müs- 
sen. Hier gilt es, Notrampen zu bauen und das Aus- 
laden von Pferden und Fahrzeugen rasch und doch 
geordnet durchzuführen. 
Dann kommen die Wegearbeiten. Für die Aus- 
führung großer Heeresbewegungen, für den Vor- 
marsch und den Rückzug, beim Kampf um befestigte 
Feldstellungen und Festungen sowie im Etappengebiet 
ist die Erhaltung des bestehenden Wegenetzes von be- 
sonderer Bedeutung. Unter dem Verkehr der schweren 
Fahrzeuge der Artillerie, der unendlich vielen Fahr- 
zeuge der Bagagen, Kolonnen und Trains, der Kraft- 
wagen und Armeelastzüge geraten selbst die besten 
Straßen rasch in unbrauchbaren Zustand; sie müssen 
daher beauffichtigt und rechseiig instand gesetzt wer- 
den. Weniger fest ausgebaute Wege müssen verstärkt 
und verbreitert, Naturwege gebessert und unterhalten 
werden. Für bestimmte Gesechtszwecke, wie für den 
Vormarsch zum Gefecht und im Rücken von Stellun- 
gen, können Ergänzungen des Wegenetzes notwendig 
sein; hier handelt es sich meist darum, Kolonnenwege 
durch Benutzung von Waldschneusen oder Wirtschafts- 
wegen oder für den Marsch auerfeldein herzurichten. 
Bewegungen im Gebirge, in Weich= und Sumpfland, 
durch Wälder, im Winter bei Eis und Schnee erfor- 
dern wieder besondere Arbeiten. 
Mit Wegebau und Sbesserung gehen Hand in Hand 
die etwa erforderliche Verstärkung und Wieder- 
herstellung der vorhandenen Brücken im Zuge 
der Wege und Marschrichtungslinien. Hierzu kommt 
noch die Herstellung neuer Brücken über Wasser- 
läufe, wenn die Instandsetzung zerstörter Brücken zu 
zeitraubend ist, die Fortführung der Kriegshandlung 
auf dem jenseitigen Ufer aber den übergang erfordert. 
Dabei handelt es sich beim Uferwechsel sern von feind- 
licher Einwirkung um eine rein technische Täligkeit. 
Anders liegt die Sache beim überwinden von 
Flußläufen und anderen Gewässern angesichts des 
Feindes. Solche Übergänge sind nicht bloße Pionier- 
arbeiten, sondern taktische Handlungen, bei denen nur 
das innigste Zusammenwirken aller Waffen den Er- 
folg verbürgt. Für das Verfahren sind hier verschie- 
dene Gesichtspunkte maßgebend, je nachdem dabei 
übergänge im Vormarsch oder im Rückmarsch in Frage 
stehen. Das Gelingen des technischen Teiles der Unter- 
nehmung bildet aber immer die Grundlage für ihre 
Gesamtausführung; es muß einem kampfbereiten 
Feind gegenüber durch Waffengewalt erzwungen wer- 
den, wenn der Erfolg nicht durch einen überraschenden 
übergang herbeigeführt werden kann. Im Vormarsch 
erfolgt der Uferwechsel durch übersetzen mit darauf fol- 
gendem Brückenschlag oder für kleinere Abteilungen 
269 
durch Ubersetzen allein. Dabei handelt es sich um Ver- 
wendung des Kriegsbrückengerätes und um denetwai- 
gen Ersatz der Kriegsbrücke nach beendetem übergang 
der Truppen durch eine Behelfsbrücke. Auch Maßnah- 
men gegen feindliche Jerstbrungsversuche, wie trei- 
bende Minen. Flöße, Brander, können nötig werden. 
Bei kleineren Unternehmungen kommen, wenn es an 
Gerät mangelt, statt einer festen Brücke fliegende 
Brücken und Zugsähren zur Verwendung; bei kleine- 
ren Gewässern können auch tragbare Schnellbrücken 
ausgenutzt werden. Im Rückzuge kommtfür die Masse 
der Truppen lediglich der übergang auf Brücken in 
Betracht. Nur die bis zuletzt am Feinde gebliebenen 
Teile, welche die Brücke nicht mehr benutzen können, 
werden durch Übersetzen oder mit Schnellbrücken ge- 
borgen. Hier müssen die Brücken besonders stark ge- 
baut und zu schnellem Rückbau, zum Abfahren oder 
zur Zerstörung vorbereitet sein. 
Auch bei der Berteidigung von Flußlinien 
sind Pionierarbeiten unentbehrlich. Hier müssen vor- 
handene übergänge über den Fluß gesperrt, zerstört 
oder zur Zerstörung vorbereitet, Furten ungangbar 
gemacht werden. Die Flußfahrzeuge müssen geborgen 
oder vernichtet. Holzflöße, beschwerte Kähne, schwim- 
mende Minen, Brander zur Störung eines feindlichen 
Brückenschlages bereitgestellt werden. Die über- 
wachung der Flußstrecke, insbesondere der Stellen, die 
einen Uferwechsel des Feindes begünstigen-. erfordert 
die Verwendung von Scheinwerfern, Leuchtpistolen 
und von Wachtbooten. Baumverhaue und im Wasser 
gespannte Drähte erschweren dem Gegner das Lan- 
den. Für die Möglichkeit schneller Heranführung 
oder Verschiebung von Truppen muß durch Vervoll- 
ständigung des Wegenetzes Sorge getragen werden. 
Die Arbeiten für die Ruhe erstrecken sich auf Bi- 
wak- und Lagereinrichtungen, wenn die Ge- 
legenheit zur Unterbringung der Lruppen in Ortschaf- 
ten fehlt. Die Biwakeinrichtungen beschränken sich 
bei vorübergehendem Aufenthalt auf die einfachsten 
Anlagen zum Schutz gegen Witterung, zum Abkochen 
und zum Verrichten der Notdurft. Bei längerem Ver- 
weilen und mangelnder Ortsunterkunft werden La- 
ger errichtet, deren Bauten der Lage und Jahreszeit 
angepaßt und nach Möglichkeit immer zweckentspre- 
chender und wohnlicher ausgestaltet werden. 
Besondere Pionierarbeiten erfordert das Unter- 
brechen von Verkehrslinien. Man unterschei. 
det dabei bei Eisenbahnen, Land- und Wasserstraßen 
zwischen Zerstörungen, die den Verkehr auf möglichst 
lange Zeit, Wochen oder Monate, verhindern, und 
Sperrungen, die den Verkehr nur auf Stunden oder 
Tagebehindern. Auch bei den Telegraphen= und Fern- 
sprechanlagen wird ein Unterschied gemacht zwischen 
gründlichen Zerstörungen auf die Länge eines oder 
mehrerer Tagemärsche einschließlich der Stationen und 
leichteren Unterbrechungen der Leitung meist an meh. 
reren Stellen. Die weittragenden Folgen von Zer- 
störungen haben beim deutschen Heer zu der Bestim- 
mung geführt, daß solche nur auf Anordnung der 
obersten Heeresleitung, des Oberbefehlshabers einer 
Armee oder eines selbständigen kommandierenden 
Generals erfolgen dürfen; Sperrungen und leichtere 
Unterbrechungen dagegen können auch von unteren 
Befehlshabern selbständig auf ihre eigene Verantwor- 
tung hin veranlaßt werden. Bei den Zerstörungs- 
arbeiten handelt es sich entweder um Sprengungen 
oder um Zerstörungen durch Abbrennen odermit Werk- 
zeugen. Sperrungen erfolgen auf den Eisenbahnen
        <pb n="340" />
        270 
durch Gleisunterbrechungen, Beschädigungen auf 
Bahnhöfen und Unbrauchbarmachen von Betriebs- 
mitteln, auf Wasserstraßen durch Unterbrechung des 
Betriebes, auf Landstraßen durch Errichtung von 
Wegesperren. Die leichteren Unterbrechungen der Te- 
legraphenlinien werden gewöhnlich auf freier Strecke 
vorgenommen. An Eisenbahn= und Telegraphen- 
linien können die Unterbrechungen aber auch versteckt 
angebracht werden. 
Die weitaus größte und wichtigste Pionierarbeit 
muß bei der Verteidigung und im Angriff geleistet 
werden. Hier gilt es Mnädhft. durch Feldbefesti- 
gungen die nötigen Kampfanlagen, Deckungen und 
Geländeverstärkungen herzustellen und zu verbessern 
sowie die ständigen Befestigungsbauten durch 
Wiederherstellungs= und Ergänzungsarbeiten in wi- 
derstandslähigem Zustand zu erhalten und auszu- 
bauen. Dann mlissen aber auch während des Kamp- 
fes selbst Arbeiten ausgeführt werden; dabei handelt 
es sich nicht nur um die Ermöglichung und Erleich- 
terung des Kampfverfahrens, sondern auch um die 
Bereitstellung und Bedienung der pionier- 
technischen Kampf- und sonstigen Hilfsmittel. 
In der Verteidigung sind die Feldstellungen 
anzulegen und nach Bedarf einzurichten und zu be- 
festigen, je nachdem sie zähe verteidigt werden müs- 
sen oder in ihnen nur vorübergehend Widerstand ge- 
leistet werden soll. Das bedingt zahlreiche Arbeiten 
vor, in und hinter der Stellung. Das Vorgelände 
muß zur Steigerung der eigenen und Herabminde- 
rung der feindlichen Waffenwirkung eingerichtet wer- 
den. Die Stellung selbst muß ausgebaut und mit 
Hindernissen versehen werden. In der Stellung und 
nach vorgeschobenen Beobachtungspunkten bedarf es 
sicherer Nachrichtenverbindungen, vor allem geschütz- 
ter Fernsprechleitungen. Innerhalb der Stellung und 
hinter ihr sind Wegsamkeit und Verbindung nach rück- 
wärts zu verbessern. Für die nächtlichen Unterneh-= 
mungen müsssen die verschiedenen Mittel zur Beleuch- 
tung des Vorgeländes, für die hartnäckige Verteidi- 
gung Kampfmittel zum Nahkampf bereitgestellt und 
eingebaut werden. Während des Kampfes um solche 
befestigte Feldstellungen sind die eingetretenen Män- 
gel der Befestigungen zu beseitigen und Ergänzun- 
en der Verteidigungsanlagen vorzunehmen, Be- 
euchtungsgeräte zu handhaben, Handgranaten anzu- 
ferügen, Minen- und Flammenwerferzu bedienen. Die 
estungsverteidigung verlangt schon bei der Armie- 
rung in den Haupt- und Vorstellungen die gleichen 
feldmäßigen Arbeiten, aber mit festeren Eindeckungen. 
Im Kampf um Festungen sind im Zwischenfelde der 
Werke alle vorgenannteh feldmäßigen Wiederherstel- 
lungsarbeiten unter dem schweren Artilleriefeuer des 
Angreifers auszuführen, in den Werken selbst die durch 
Geschosse verursachten Beschädigungen auszubessern. 
Die Minenangriffe des Angreifers unter der Erde 
zwingen zum Ausbau von Verteidigungsminen- 
gängen, um das Vorgehen des Gegners abzuschnei- 
den oder seine Stellungen einzuwerfen; die Minen 
müssen bedient, ihre Zündleitungen gelegt und unter 
Umständen wiederhergestellt werden. Die bis aufs 
äußerste durchgeführte Verkeidigung führt in noch 
ausgedehnterem Maße zur Verwendung von Hand- 
granaten, von Wurfminen und von geschleuderten 
flüssigen Brennstosfen. Das gleiche gilt für den Kampf 
um besonders widerstandsfähige und nachhaltig ver- 
leidigte Feldstellungen, dessen Formen denen des 
Kampfes um Festungen ähnlich sind. 
III. Technik und Kriegführung 
Im Angriff kann es schon beim Begegnungs- 
gesecht und gegenüber einem zur Verteidigung in un- 
efestigter Stellung entwickelten Feind norwendig wer- 
den, gewonnene Stützpunkte oder Geländeabschnitte 
ungesäumt zur Verteidigung einzurichten, um sie vor- 
läufig festzuhalten. Beim Angriff auf befestigte Feld- 
stellungen und Festungen aber kann bei der gesteiger- 
ten Widerstandekraft des Verteidigers nur mit Hilfe 
von Pionierangriffsarbeiten die Truppe kampfkräftig 
an den Feind gebrachl, dieser aus geschaffenen Deckun- 
gen durch Feuer und Nahkampfmittel erschüttert und 
schließlich durch den Sturm niedergerungen werden. 
Beim Angriff auf befestigte Feldstellungen entstehen 
diese Angriffsarbeiten immer unter der unmittelbaren 
Einwirkung des Feindes, oft in seinem Feuer. Sie 
bestehen daher zunächst in einfachen Deckungen, die 
nach dem Gefechtszweck und der Dauer der Benutzung 
vertieft, verbreitert und bei langdauernden Kämpfen 
tu starken Stellungen ausgebaut werden. Hier sind 
ann dieselben Arbeiten notwendig wie bei den Ver. 
teidigungsstellungen. Dazu kommen noch Wege- 
arbeiten, Überbrückungen und Beseitigungen von An- 
näherungshindernissen, die den Truppen das Vorkom- 
men in die Feuerstellungen ermöglichen bzw. erleich- 
tern. Gegen starke, kräftig verteidigte Stellungen kann 
es notwendig werden, mehrfach Feuerstellungen aus- 
zuheben, um sich an die feindliche Stellung heran- 
zuarbeiten. Dabei sind rückwärtige Verbindungen aus 
der vorderen Linie herzustellen. Vor dem Sturm 
müssen die Hindernisse vor der feindlichen Stellung 
erstört oder wenigstens zahlreiche Sturmgassen ge- 
sche en, für den Sturm Schnellbrücken zum überwin- 
den der Hindernisse sowie sonstiges Sturmgerät und 
Handgranaten bereitgestellt werden. Beim Sturm 
selbst muß das Sturmgerät bedient, nach dem Ein- 
bruch in die feindliche Stellung diese umgehend für 
die eigene Verteidigung umgeändert werden. Gegen- 
über Feldstellungen, die mit allen Mitteln der Be- 
festigung verstärkt sind, nähert sich das Angriffever= 
fahren dem des Angriffes auf Festungen. Hier kann 
beim Vorgehen von Stellung zu Stellung ein allmäh- 
liches schrittweises Heranarbeiten nötig werden durch 
Vortreiben von Laufgräben in der Erde oder mit- 
tels Gängen unter der Erde und Aussprengen von 
Deckungen durch Minen. Dabei sind so raschwiemög- 
lich gedeckte Verbindungen nach der neuen Stellung 
herzustellen, dann die Stellungen und Verbindungs- 
gräben auszubauen und die Laufgräben zu unterhal- 
ten. Besondere Arbeiten erfordert aber die Vorberei- 
tung und Durchführung des Sturmes, der oft nur 
nach einem mit allen Mitteln geführten Nahkampf 
möglich ist. Es müssen deshalb auch hierbei vor allem 
die verschiedenen Nahkampfmittel, wie Minenwerfer, 
Flammenwerfer, Handgranaten, bedient und die Hin- 
dernisse vor den feindlichen Stellungen durchbrochen 
werden. Das Vortreiben von Minengängen führt zu 
einem zähen Ringen um jeden Fußbreit Boden unter 
der Erde, zum Minenkampf. Die Grabenstreichen 
der Befestigungswerke, ihre Nahkampfpanzer. Flan- 
kierungsanlagen, äußeren Grabenwände müssen ge- 
sprengt, Gegenminen vernichtet und die Hindernisse 
vor und in den Gräben beseitigt werden. Vor dem 
Sturm müssen die Sturmtruppen an Nachbildungen 
der Hindernisse für ihr Vorgehen und Zusammenwir- 
ken eingeübt werden. Beim Sturm ist der Weg zu 
bahnen, nach dem Sturm das genommene Werk so- 
gleich zur eigenen Benutzung gegen Rückstöße des Ver- 
teidigers einzurichten.
        <pb n="341" />
        Defele: Das Pionierwesen 
Die ansführenden Truppen. 
Diese zahlreichen und nmiannigfaltigen Pionierauf- 
gaben werden nicht, wie vielfach irrtümlich angenom- 
men wird, alle von den Pionieren allein ausgeführt. 
Im Gegenteil, an der Durchführung des vielgestal- 
tigen Pionierdienstes sind alle Waffen beteiligt, jede 
in dem Maße, wie esdie Bewältigung der ihr im Kriege 
zufallenden Aufgaben erfordert. 
Die hauptsächlichsten dieser AUufgaben für alle 
Waffen sind: 
Einfache Wegebesserungen, 
überwinden von Wasserläufen mit einfachen Be- 
helfsmitteln, 
übersetzen mittels Booten und Fähren, 
Ausladen auf freier Strecke und Notrampenbau, 
Biwak= und Lagereinrichtungen. 
Außer diesen von allen Waffen ohne Unterschied 
in gleicher Weise geforderten Arbeiten fallen den ein- 
zelnen Waffengattungen noch folgende, für ihre Tätig- 
keit einschlägigen besonderen Arbeiten zu: 
Die Infanterie muß Straßen und Eisenbahnen 
sperren, Telegraphen= und Fernsprechleitungen unter- 
brechen, Betriebsstörungen auf Bahnhöfen vorneh- 
men können; sie muß die für ihre Zwecke erforder- 
lichen Feldbefestigungen selbst ausführen und natür- 
liche wie künstliche Hindernisse überwinden können. 
Der Kavallerie fällt das Üüberwinden von Wasser- 
läufen mit Kavallerie-Brückengerät und schwimmen- 
den Pferden zu; sie hat außerdem auch Zerstörungen 
und Sperrungen einschließlich Sprengungen sowie 
einfache Feldbefestigungen auszuführen. 
Maschinengewehr--Abteilungen müssen Was- 
serläufe mit schwimmenden Pferden überwinden kön- 
nen und ihre Feldbsfestigungen selbst anlegen. 
Die Feldartillerie hat gleichfalls für ihre Feld- 
befestigung selbst zu sorgen; reitende Artillerie muß 
außerdem Wasserläufe mit schwimmenden Pferden 
überwinden können. 
Die Fußartillerie muß die für sie nötigen Ge- 
ländeverstärkungen herstellen. 
Den Verkehrstruppen fallen Anlage und Unter- 
brechung der Verkehrslinien zu. 
Alle diese Arbeiten müssen die Truppen selbstän- 
dig und ohne Unterstützung durch Pioniere ausfüh- 
ren. Dementsprechend erfolgt auch die Ausbildung 
dieser Truppen im Pionierdienst. Die Ausbildung 
in Arbeiten, die von jedem Mann gefordert werden 
müssen, geht Hand in Hand mit der allgemeinen 
Dienstausbildung. Für Arbeiten, die in der Regel 
nur einzelnen Trupps zufallen, sind bei den Regi- 
mentern usw. eigene Pionierabteilungen ausgebildet, 
die außerdem auch zur Anleitung benutzt werden, 
wenn die ganze Truppe zu technischen Arbeiten heran- 
gezogen werden muß. 
Die Pioniere müssen jeder Aufgabe des Pionier= 
dienstes gewachsen sein; ihr Bestes vermögen sie aber 
nur zu leisten, wenn sie ihrer Eigenart entsprechend 
verwendet werden. Sie werden daher hauptsächlich 
zu schwierigen pioniertechnischen Arbeiten herange- 
ogen, bei denen sie sich infolge ihrer technischen 
Sonderausbildung besonders bewähren können. 
Die Aufgaben der Pioniere im Kriege sind 
gewaltig; ihre ausgedehnte Tätigkeit erstreckt sich auf 
alle Gebiete. Beim Wegebau fallen ihnen alle Ar- 
beiten zu, die von den anderen Waffen nicht bewäl- 
tigt werden können; so ist z. B. die Anlage von Kolon- 
nenwegen über Bäschiank nur unter Heranziehung 
271 
von Pionieren ausführbar. Das gleiche gilt für die 
Brückenbesserungen und -neubauten; Behelfsbrücken 
für den geordneten Übergang des Feldheeres ohne 
21 cm-Mörser und schwere Brücken für schwere Be- 
lagerungsgeschütze, Belastung durch Menschenge- 
dränge und Armeelastziülge können nur durch Pio- 
niere hergestellt werden. Bei Flußübergängen mit 
Hilfe der Brückentrains sind alle technischen Vorbe- 
reitungen, das übersetzen und der Brückenschlag aus- 
schließlich Sache der Pioniere; sie müssen auch die 
etwa notwendige Verstärkung der Kriegsbrücke zu einer 
schweren Kolonnenbrücke oder ihren Ersatz durch eine 
Behelfsbrücke vornehmen, im Rückzug das Kriegs- 
brückengerät, soweit möglich, bergen. Bei Lagerein- 
richtungen werden sie, namentlich im Kampf um Fe- 
stungen und im Stellungskrieg, zur sachkundigen 
Einleitung der Arbeiten, unter Umständen auch zu 
ihrer Ausführung bis zum Eintreffen von Arbeitern, 
herangezogen. Unterbrechungen von Verkehrslinien. 
soweit es sich dabei um Sprengungen handelt, fallen 
außer den Eisenbahntruppen und der Kavallerie nur 
noch den Pionieren zu. Auch die sonst nötigen 
Sprengungen, wie bei Zerstörungen im Rückzug, bei 
Vernichtung feindlicher Kampfmittel und Vorräte, 
beim Aussprengen von Fels oder gefrorenem Boden, 
kurz bei allen Gelegenheiten, in denen Zerstörungen 
vorgenommen werden müssen, sind spezielle Arbeiten 
der Pioniere. Hierzu gehören auch die Sprengungen, 
die in der Verteidigung und im Angriff notwendig 
sind. Da konimen z. B. bei der vorbereiteten Verteidi- 
ung das Niederlegen von Häusern und Mauern zur 
Preinnachung des Schußfeldes, das teilweise Zerstören 
von Gehöften und Ortschaften bei ihrer Umgestaltung 
u Stützpunkten, beim Kampf um Festungswerie 
as Legen von Breschen, das Einwerfen von Kampf= 
hohlräumen, das Beseitigen stärkster Hindernisse, beim 
Minenkampf unter der Erde das Legen und Zünden 
der Sprengladungen vor. Dazu kommt nochdie Sorge 
für die sonstigen Sprengmittel, die im Kampfe ver- 
wendet werden, nämlich das Einrichten von Land- 
minen oder ganzer Minenfelder als Hindernisse bzw. 
zur Verstärkung derselben, der Ersatz der Handgra- 
naten durch behelfsmäßige Sprengladungen, das 
Schleudern von Wurfminen und flüssigen Brennstof- 
fen und dergleichen mehr. Außer diesem umfangrei- 
chen Sprengdienst entfallen bei der Befestigung und im 
Kamupfe noch zahlreiche andere Sonderaufgaben auf 
die Pioniere. So werden sie bei der Einrichtung von 
Verteidigungsstellungen zu Erkundungen, Absteckun- 
en, Anweisung der Arbeiten, Verstärkung natürlicher 
Hindernisse, Herstellung künstlicher Hindernisse, Bau 
von Masken, Scheinanlagen, Beobachtungsständen, 
Ausbau von Stützpunkten, Verbreiterung von 
Wegeengen, Herstellung neuer Wege usw. herangezo- 
gen und haben sonst schwierige oder schnell zu erledi- 
gende Arbeiten zu leisten; auch müssen sie die Bei- 
treibungen von Werkzeug und Baustoffen ausführen 
und die Sammelstellen für diese Bestände anlegen und 
verwalten. Im Kampf selbst sind dann Pionierabtei- 
lungen in vorderer Linie, um Wiederherstellungs- 
arbeiten auszuführen und die Beleuchtungs= und Nah- 
kampfmittel zu bedienen. Im Angriff haben sie die 
Infanterie bei den Erkundungen, beim Heranarbei- 
ten an die feindliche Stellung, beim Wegräumen der 
Hindernisse und beim Sturm zu unterstützen. Auch 
hier ist ihr Platz da, wo schwierige technische Arbeiten 
rasch und zuverlässig auszuführen sind; dahin gehö- 
ren z. B. Anlage von Kolonnenwegen durch schwer
        <pb n="342" />
        272 
gungbares Gelände, Bereitstellen und Bedienen von 
Schnellbrücken, Anfertigung von Handgranaten und 
schließzlich Mitarbeit im Nahkampf. Der Sturm findet 
die Pioniere an der Spitze, um die Hindernisse zu be- 
seitigen, ihre Wiederherstellung zu verhindern, den 
Sturmtruppen den Sturm zu erleichtern und ihnen 
nach demselben beim Umbau der feindlichen Stel- 
lungen behilflich zu sein. 
Je nachdem die Pioniere zum Feldpionierdienst 
oder zu Pionieraufgaben im Kampf um Festungen ver- 
wendet werden müssen, werden Feld--oder Festungs- 
pioniertruppen herangezogen. Die Pioniere ge# 
aber keine Arbeitstruppe, sondern eine Kampftruppe, 
die gerade bei den schwierigsten Gelegenheiten auch 
Schulter an Schulter mit der Infanterie muß fechten 
können. Deshalb erhalten sie neben der pioniertech- 
nischen Ausbildung auch eine solche in allen Zweigen 
des Infanteriedienstes, vor allem für das Gefecht. 
Werkzeug, Gerät und Baustoffe. 
Die Aufgaben des Pionierdienstes bestehen in der 
Durchführung von Bau- und Wiederherstellungs- 
oder Beseitigungs= und Zerstörungsaufträgen. Da- 
bei müssen Erd- und Holzarbeiten vorgenommen, 
Sprengmittel verwendet. Beleuchtungsmittel benutzt 
und Brückentrains ausgenutzt werden. Hierzu sind 
die Truppen mit entsprechendem Werkzeug und Gerät 
ausgerüstet; die sonst benötigten Materialien, Bau- 
stofse und Transportmittel müssen beigeschafft werden. 
Zur Erd- und Holzarbeit sind die Truppen aller 
Waffengattungen mit Schanzzeug ausgerüstet, das 
zum Teil tragbar ist, zum Teil auf Wagen mitge- 
führt wird. Infanterie, Maschinengewehrtruppen, 
Kavallerie und Pioniere haben tragbares Schanzzeug 
bei der marschierenden und kämpfenden Truppe un 
führen Schanzzeug in der Gefechtsdagage und großen 
Bagage mit. Bei den Batterien der Feld- und schweren 
Artillerie sowie bei den Munitionskolonnen ist das 
Schanzzeug auf den Fahrzeugen verladen; außerdem 
wird solches noch in den Pionier-Belagerungstrains 
nachgeführt. Das Schanzzeug für die Erdarbeit be- 
steht aus kleinen und großen Spaten, Hacken und 
Beilpicken, das für die Holurbert aus Beilen, Axten, 
Land- und Schrotsägen sowie Drahtscheren. Mit 
kleinen Spaten und Beilpicken sind nur die Infante- 
rie, Maschinengewehrtruppen und Kavallerie ausge- 
rüstet; diese Werkzeuge werden stets von den Mann- 
schaften oder Pferden getragen, bloß bei der Kavallerie 
in der großen Bagage mitgeführt. Mit dem übrigen 
Schanzzeug sind sämtliche Truppen ausgerüstet. Beile 
werden von der Infanterie, den Maschinengewehr- 
truppen, der Kavallerie und den Pionieren teils ge- 
tragen, teils auf den Wagen der Bagagen gefahren; 
alles sonstige Schanzzeug befindet sich bei allen Trup- 
pen auf den Fahrzeugen. Nur die Pioniere führen 
auch große Spaten, Hacken, Axte und Drahtscheren, 
die Kavallerie Schrotsägen als tragbares Schanzzeug 
mit. Die Ausrüstung mit Schanzzeug ist so bemes- 
sen, daß jede Truppe imstande ist, mit demselben die 
ihr zufallenden Ausgaben auszuführen. 
Zum Bau von Notrampen sind die Truppenzüge 
mit ausreichendem Notrampengerät ausgestattet, 
das aus langen und kurzen Balken, Brettafeln und 
Klammern besteht. Beim Ausladen auf freier Strecke 
wird dieses Gerät an Ort und Stelle durch Behelfs- 
mittel, wie Pfähle und Keile usw., ergänzt; im Not- 
fall können auch Teile des Feldgerätes, z. B. Beil- 
picken, Kreuzhacken, Lagerpfähle, verwendet werden. 
III. Technik und Kriegführung 
Für Biwaks sind die Truppen mit kragbarer 
Zeltausrüstung versehen, die bei guter Jahreszeit 
auch für längeren Aufenthalt ausreicht. Zur Her- 
stellung der Kocheinrichtungen, Brunnen, Schöpf- 
und Tränkstellen sowie der Aborte sind Stangen 
Bretter, Strauchwerk, Strob usw. notwendig. Lager- 
bauten, namentlich Lagerhütten, erfordern viel Bau- 
stoffe, vor allem Holz, Dachpappe, Fenster u. dgl. 
Zur Bezeichnung von Rolonnenwegen in der Nacht 
werden weißes Richtband oder Laternen verwendet, 
von den Pionier-Belagerungstrains wird hierzu 
Leuchtfarbe mitgeführt. Das Herrichten von Kolon- 
nenwegen und das Bessern vorhandener Wege er- 
fordert die Beschaffung besonderer Baustoffe, wie 
Strauchwerk. Stroh. Knüppelholz. Breiter, Bohlen, 
Stangen, Steine, Kies. Mauerschutt. Sand u. dgl. 
Zum Bau von Bebelfsbrücken, zum Verstärken vor- 
handener und zum Wiederherstellen zerstörter Brücken 
sind Behelfsgerät und Baumaterial notwendig; 
dabei handelt es sich um Holz für die Unterstützungs- 
bauten oder um Schiffsgefäße oder sonstige Schwimm- 
körper als schwimmende Unterstützungen, um Bretter, 
Stangen, Knüppel, Balken für den Oberbau, um 
Draht, Leinen, Bandeisen, Klammern, Nägel zur 
Verbindung der einzelnen Brückenteile sowie um das 
Werkzeug zu diesen Arbeiten. Zum üÜbersetzen über 
Gewässer ohne Verwendung des Kriegsbrückengerätes 
werden vorgefundene Schiffsfahrzeuge oder Flöße 
und Fähren, die aus Behelfsmitteln hergestellt sind, 
verwendet. Für Befestigungsarbeiten sind, soweit es 
sich nicht um ausschließliche Schanzarbeit handelt, 
neben besonderem Handwerkszeug Holz. Eisen. 
Draht, Sandsäcke, Schienen, Taue, Tonnen, Kisten. 
Körbe, Strauchwerk, Wellblech, Beleuchtungsmittel, 
Alarmglocken u. dgl. nötig. Alle diese Hilfsmittel und 
Baustoffe müssen in Gehöften und Ortschaften, auf 
Bahnhöfen, Holz- und Jmmerplähen= aus Säge- 
mühlen, Schmieden, Werkstätten, Eisenhandlungen, 
auf Gewässern, in Werften, Brauereien usw. bei- 
getrieben oder aus der Heimat nachgeschoben werden. 
Zum Überwinden von Flußläufen., sowohl durch 
übersetzen wie durch Brückenschlag, dient das Kriegs. 
brückengerät. Mit solchem sind die Kavallerieregi- 
menter und Brückentrains ausgerüstet. 
Das Kavallerie-Brückengerät besteht aus 
stählernen Halbbooten, von denen zwei zu einem Ganz- 
boot verbunden werden können, und den dazugehö- 
rigen Brückentafeln, Ankern, Uferpfählen, Rudern, 
Staken und Leinen. Da die Ausstattung der Regi- 
menter mit Brückengerät naturgemäß sehr gering n. 
können von der Kavallerie nur kurze Brücken gebaut 
werden. Sie läßt daher in der Regel die Pferde 
schwimmen und setzt die Mannschaften und das Ge- 
päck in den Booten, die Wagen auf Fähren, die mit 
Hilfe von Booten gebaut werden, über. Wenn sich 
das Schwimmen der Pferde wegen der Jahreszeit und 
Witterung oder wegen sumpfiger Ufer verbietet, wenn 
viele Fahrzeuge überzusetzen sind, oder wenn eine 
Lücke in einer gesprengten Brücke geschlossen werden 
soll, sind aber Brücken notwendig. Es können dann 
mit dem Kavalleriegerät gebaut werden kurze, etwa 
½—1 m breite Brückenstege für einzelne Leute zu 
Fuß, Laufbrücken von etwa 2 m Breite für Infanterie 
in Reihen, abgesessene Reiter zu einem mit Abstand 
und leere, durch Mannschaften gezogene Fahrzeuge 
sowie verstärkte, 3 m breite Laufbrücken, die den über- 
gang von abgesessenen Reitern zu einem dicht auf 
geschlossen, von Infanterie in lockerer Marschkolonne
        <pb n="343" />
        Oefele: Das Pionierwesen 
ohne Tritt und von Feldgeschützen und Truppen- 
fahrzeugen mit voneinander getrennten Protzen, Ge- 
schützen und Hinterwagen und mit größerem Ab- 
stand zwischen den einzelnen Fahrzeugen gestatten. 
Durch Heranziehung des Brückengerätes mehrerer 
Kavallerieregimenter kann die Leistungsfähigkeit 
sowohl im Brückenbau wie im übersetzen mittels ein- 
zelner Boote und Fähren gesteigert werden. 
Das Pionier-Brückengerät wird in den Di- 
visions= und Korps-Brückentrains mitgeführt, die 
zum Teil mit Gerät neuer Art, zum Teil mit Gerät 
alter Art ausgerüstet sind. Jenes hat Einzelpon- 
tons, dieses zweiteilige Pontons, die am Gebrauchsort 
durch schnelle Handgriffe zu einem einzigen Wasser- 
fahrzeug zusammengesetzt werden; zu beiden gehören 
noch das Fahrgerät (Ruder, Staken, Anker mit 
Tauen) sowie das Plamte Gerät für den Oberbau 
der Brücke (Balken, Bretter, Tauzeug). Das Brücken- 
gerät ist so leicht und beweglich, daß die Brücken- 
trains allen Truppen, selbst der Kavallerie, fast 
überallhin sogar im Trabe folgen und dabei Pioniere 
aufgesessen mitführen können. Sie sind daher viel- 
seitig und vor allem auch im Gefecht verwendbar; sie 
können rasch vorgezogen werden und Abteilungen 
überraschend über den Wasserlauf werfen; sie können 
das knapp bemessene Kavalleriegerät im Bedarfsfall 
ergänzen und vermögen auf dem Schlachtfeld an 
unvermutet vorgefundene Wasserhindernisse schnell 
Brückengerät heranzuführen und dadurch in kürzester 
Zeit Wege nach vor- und rückwärts, vornehmlich für 
die Artillerie. zu bahnen. Während in anderen Heeren 
für große Kriegsbrücken ein schweres Brückengerät 
und außerdem ein leichteres, vielfach ganz anders 
gebautes Gerät vorhanden ist, haben wir trotz des 
nterschiedes zwischen alter und neuer Art bei der 
Feldarmee doch ein im großen und ganzen einheit- 
liches Gerät. Die Pontons, Einzel= wie zweiteilige 
Pontons, sind gleich brauchbar als Wasserfahrzeuge 
beim Übersetzen wie als Teile von Fähren und als 
Unterstützungen von Brülcken; Fahr= und Oberbau- 
gerät sind ebenfalls leich. An Brücken können mit 
em Pioniergerät selbstverständlich in gleicher Weise 
wie mit dem Kavalleriegerät Brückenstege und Lauf- 
brücken, jedoch in größerer Länge, gebaut werden; 
das Pioniergerät alter wie neuer Art dient aber vor- 
nehmlich zum Bau von Kolonnenbrücken für den 
eordneten Übergang des Feldheeres ohne 21 cm- 
örser und von schweren Kolonnenbrücken für schwere 
Helagerungege hüce Menschengedränge und Armee- 
lastzüge. Die Brückentrains eines Armeekorps, d. h. 
1 Korps-= und 2 Divisions-Brückentrains, vermögen 
mit dem Gerät alter wie neuer Art eine Kolonnen- 
brücke gewöhnlicher Bauart in einer Länge von rund 
200 m herzustellen; 1 Divisions-Brückentrain allein 
kann 35—40 m Brückenlänge einer solchen Brücke 
bauen. Bei gemeinsamer Verwendung einer noch 
größeren Anzahl von Brückentrains können ganz ge- 
waltige Brückenlängen erreicht werden. 
u Sprengungen werden, wenn irgend möglich, 
brisante Sprengstoffe verwendet, denn sie leisten die 
schnellste und wirksamste, oft auch die einzig mögliche 
Lerstbrung; fie wirken gegen alle Baustoffe, während 
ulver nur gegen Mauerwerk und Erde Wirkung 
hat. Die benötigten Sprengmittel werden von 
den Pionieren, Eisenbahntruppen und der Kavallerie 
mitgeführt oder beigetrieben. 
Die Pioniere haben auf ihren Gerätewagen 
neben dem Gerät für andere Pionierarbeiten auch 
Der Krieg 1914/17. II. 
273 
Sprengstoffe und Sprenggerät. Diese Ausrüstung 
an Spreng= und Zündmitteln besteht aus Spreng- 
munition, Sprengkapseln und Zündschnur. Die 
Sprengmunition ist in feste Formen gepreßt, gegen 
mechanische Einwirkungen und Frost unempfindlich 
und in Wasser nicht löslich, brennt bei offener Flamme 
nur heftig ab und kann allein durch eine Stichflamme, 
wie sie Knallauecksilber erzeugt, zur Detonation ge- 
bracht werden sie ist daher für Verwendung im Feide 
besonders geeignet und kann auch gänzlich ungefähr- 
lich auf den Wagen mitgeführt werden. Die zur Her- 
beiführung der Detonation verwendeten Sprengkap- 
seln sind kleine, an einem Ende verschlossene Metall- 
röhrchen, die eine Füllung Knallsatz enthalten. Sie 
sind, um jede Gefährdung auszuschließen, sorgfältig 
verpackt und von der Sprengmunition räumlich ge- 
trennt auf den Gerätefahrzeugen verladen. Die Ent- 
zündung erfolgt entweder durch Zündschnur oder auf 
elektrischem Wege durch Inbrandsetzen eines vermit- 
telnden Zündsatzes. Die Guttaperchazündschnur ist 
so beschaffen, daß sie nach dem Anzünden derart 
weiter glimmt, daß in jeder Sekunde 1 cm abbrennt. 
Die durch Benutzung der Zündschnur bewirkte so- 
genannte Leitfeuerzündung wird jedoch hauptsächlich 
von der Kavallerie angewendet. Für die Pioniere 
bildet die elektrische Zündung die Regel, weil sie 
die Möglichkeit der Feuerzündung und größere Ge- 
währ des Gelingens bietet; Leitfenergundund wird 
bei wichtigen Sprengungen als Reservezündung ge- 
braucht. Dabei wird außer der Zeitzündschnur im 
Bedarfsfall auch eine fast momentan durchschlagende 
Schnellzündschnur verwendet. Während Zündschnur 
mitgeführt wird, ist für elektrische Zündungen im Feld- 
erät nichts vorgesehen; die hierzu nötigen Batterien 
önnen jedoch bei der heutigen Verbreitung der Elek- 
trizität unschwer überall vorgefunden werden. Glüh- 
zünder zur elektrischen Zündung werden mitgeführt. 
Da die mitgeführte Sprengmunition naturgemäß 
beschränkt, der Verbrauch aber oft recht bedeutend 
und der Eraoß aus Nachschüben und Depots nicht 
immer ganz sicher ist, müssen auch andere Spreng- 
stoffe beigetrieben und verwendet werden; hierzu find 
die in der Industrie, z. B. in Bergwerken, verwen- 
deten Sicherheitssprengstoffe am geeignetsten; 
sie sind im allgemeinen ebenso ungefährlich wie die 
Sprengmunition, während andere Sprengstoffe mit 
äußerster Vorsicht behandelt werden müssen. 
Die Kavallerie führt als Sprengausrüstung auf 
ihren Brückenwagen Sprengpatronen. Spreng- 
patronenzünder und Sprengkapseln mit. Die Spreng- 
patronen sind wasserdicht verlötete Zinkblechbüchsen 
mit je 1 kg Sprengmunition, von denen mehrere 
nach Bedarf zu einer Ladung vereinigt werden; ihre 
Aufbewahrung ist unter gewöhnlichen Verhältnissen 
ungefährlich. Die Sprengkapseln dagegen müssen 
sowohl beim Transport wie bei der Verwendung 
sehr vorsichtig behandelt werden; sie werden beim Ge- 
brauch in einen in der Sprengpatrone befindlichen 
Zündkanal eingeführt. Der Sprengpatronenzünder 
besteht aus einer Guttapercha-Zeitzündschnur 
von 1 oder 2 m Länge, deren Brennzeit rund 100 
bzw. 200 Sekunden beträgt. 
Zu Zerstörungsarbeiten ohne Anwendung von 
Sprengmitteln ist eigenes Zerstörungswerkzeug 
vorhanden. So befinden sich beim Feldgerät der 
Pioniere Axte, Sägen, Brechstangen, Meißel, Eisen- 
sägen und feilen, Hämmer, Schraubenschlüssel, Zan- 
gen u. dgl. Die Kavallerie führt für Zerstörun- 
18
        <pb n="344" />
        274 
gen an Telegraphenleitungen Seilrollen und Draht- 
ggen. für solche an Eisenbahnen und Kunstbauten 
rechstangen, Geißfüße, Schlaghammer, Schrotmei- 
bhel und Schraubenschlüssel bei sich. 
An Beleuchtungsmitteln werden Scheinwer- 
fer. Leuchtpistolen, Fackeln, Laternen und Lampen 
mitgeführt. Das von besonderen Formationen der 
Pioniere bediente Scheinwerfer l rät ist entweder 
schwer oder leicht oder tragbar. Das schwere, fahr- 
bare Gerät, im allgemeinen an die Wege gebunden, 
wird hauptsächlich im Festungs- und Stellungskrieg 
verwendet; das leichte Gerät, gleichfalls fahrbar, in 
Bauart und Beweglichkeit aber dem Feldgeschütz ähn- 
lich, ist vornehmlich für den Feldkrieg bestimmt. 
Tragbare Scheinwerfer, die zu mehreren auf einem 
besonderen Wagen mitgeführt werden, finden im 
Feldkrieg und im Kampf um Festungen Verwen- 
dung. Die Scheinwerfer dienen zur Unterstüt- 
zung der Aufklärungs- und Erkundigungstätig- 
keit, zur Beleuchtung von Zielen, die durch Feuer # 
bekämpft werden sollen, zum Anleuchten von Rich- 
tungspunkten, zum Blenden des Gegners und zum 
Signalisieren. Leuchtpistolen werden von den 
Pionieren auf den Gerätewagen mitgeführt; sie die- 
nen zur Beleuchtung des näheren Vorfeldes und er- 
möglichen die Abgabe gezielten Feuers innerhalb der 
Leuchtgrenzen. Sie sind Faustfeuerwaffen, aus denen 
Leuchtpatronen abgefeuert werden. Dem gleichen 
Zwecke dienen Leuchtraketen, -geschosse und 
bomben, die entweder aus Gewehren oder Ge- 
schützen abgeschossen oder aus Luftfahrzeugen abge- 
kaifer werden. Dauerbrand fackeln und Leucht- 
fackeln gehören ebenfalls zum Geräte der Pionier= 
kompanien; jene sind in erster 
Linie zur Beleuchtung bei nächt- 
lichen Arbeiten bestimmt, diese die- 
nen zur Beleuchtung der vor der 
Stellung gelegenen Hindernisse. 
Bei den Pionier-Belagerungs- 
trains befinden sich Laufgraben- 
laternen und Leucht gaslampen: 
jene gehören zur Beleuchtung der Annäherungs- 
wege, Verbindungsgräben und Infanteriestellungen, 
deese zur Erleuchtung von Arbeitsplätzen, Pionier= 
parks u. dgl. Endlich müssen noch die elektrischen 
Beleuchtungsmittel erwähnt werden, von den 
roßen elektrischen Beleuchtungsanlagen und eigenen 
Vereuchtungswagen bis herab zu den einfachen, aber 
überall brauchbaren Taschenlampen. 
Ausführung der Arbeiten. 
Die Einleitung und Ausführung von Pionierar= 
beiten erfordern Geit Deshalb müssen frühzeitig die 
Erkundungen angeordnet und Her- 
r2r- W. 
* ·□] 
— 8 
Fig. 1 
* E— — ...— 
. . 
, * 
2 mze 
ule 
Fis. 2. Feste Seltenrampe aus Notrampen-" 
III. Technik und Kriegführung 
aber sichere Arbeit. Notrampen aus dem Not- 
rampengerät werden entweder lose an die Wagen 
angelegt oder feststehend hergerichtet. Lose Rampen 
können als Seiten- oder Kopframpen gebaut wer- 
den; jene sind die Regel. Für gewöhnlich verwendet 
man zum Ausladen von Pferden und Fahrzeugen 
schmale, lose Seitenrampen (Terbfig 1); für lange 
und schwere Fahrzeuge werden zwei solche Rampen 
dicht nebeneinander zu einer breiten 
Rampe vereinigt. Die Anlage von - 
losen Kopframpen ist nur dann prak- 
tisch, wenn eine größere Anzahl 
hintereinander stehender Wagen ab. 
gebordete Kopfwände hat. Feste 
Rampen werden nur als Seiten- 
— - o V #“ — . , -. . .I 
- 2 *“ XW 
—*i —. JIoXN M. “ EIBLIXI . o s«.:. x...'.. .. ..o...g 
7 
. Lose Seltenrampe aus Notrampenmatertal. 
rampen gebaut; Rampe und Wagen müssen beim 
Ausladen durch eine Brücke verbunden werden (Text- 
fig. 2). An Stelle des Notrampengerätes können zu 
festen Rampen auch Behelfsmittel verwendet werden; 
so kann man solche Rampen aus Schienen und Schwel- 
len oder aus Schwellen und Erde herstellen (Textfig. 3). 
Beim Herrichten von Kolonnenwegen wird der 
Weg geebnet, 
Gräben werden 
ausgefüllt. 
— 
*•êt5“5 4 
% X « 
". 
* 
W 
—. 
&amp; WW 2 
* WV .SN½ 
materlal. 
weiche Stellen belegt, Hecken. Zäune und Mauern 
durchbrochen; Furten sind durch Stangen oder Lei- 
nen abzugrenzen; Eisdecken müssen mit Stroh usw. 
überlegt und mit Sand bestreut werden. Zum über- 
schreiten von Weichlandmüssen Bretterstege ange- 
fertigt werden, zu denen auch das Gerät der Brücken- 
trains benutzt werden kann; bei nicht zu weichem 
Untergrunde können auch einfache Brettafeln, mit 
Stoff bespannte Tür= oder Torflügel, auch Rollbahnen 
aus Läuferstoffen oder Drahtgeflechten u. dgl. ver- 
anziehung oder Beschaffung von 
Schanzzeug, Gerät, Baustoffen und 
Beförderungsmitteln in die Wege ge- 
leitet werden. Die Pionieroffiziere 
tlitzen; die Pionierkompanien oder züge werden mög- 
säsg geschlossen verwendet und nach Bedarf durch 
Abteilungen anderer Waffen unterstützt. Die Trup- 
pen aller Waffen müssen aber auch unerwarteten tech- 
nischen Aufgaben ohne Zuteilung von Pionieren ge- 
wachsen sein. Verständnis und Einwirkung der Osi- 
ziere sind dabei von ausschlaggebender Bedeutung. 
Das Ausladen auf freier Strecke erfordert raschen 
Entschluß, der Bau von Notrampen gewandte, dabei 
* die Truppen bei der Auoführung zu unter- 
Fig. 3. Feste Seitenrampe aus Schwellen 
5D2“2 und Erde. 
wendet werden. Beim Durchschreiten von Wäldern 
mit dichtem Unterholz muß durch Umschlagen, Besei. 
tigen und Aufräumen der Weg gebahnt, für Artille. 
rie müssen unter Umständen Wege ausgeholzt wer- 
den. Bei der Ausbesserung vorhandener Wege 
handelt es sich darum, für den Wasserabfluß zu sor- 
gen, aufgeweichte Strecken zu trocknen, tiefe Geleise 
und Löcher in der Straßendecke zu beseitigen, steile
        <pb n="345" />
        Oefele: Das Pionierwesen 
Wege mit Rosten zu versehen, bei Glatteis zu be- 
treuen oder durch Hacken rauh zu machen. Unter 
mständen müssen Schienenwege durch Eindeckung 
des Gleises mit Bohlen und Schwellen als Marsch- 
straße für alle Waffen gangbar gemacht werden. 
Bei der Verstärkung von Brücken sind die 
Unterstützungen zu vermehren, die Streckbalken zu 
ergänzen, der Belag zu verstärken. Bei zerstörten 
Holzbrücken sind unter Umständen die Pfahljoche 
wiederherzustellen; beizerstörten steinernen Bogen 
oder eisernen Stützen kleinerer Brücken müssen höl- 
zerne Pfahljoche oder Böcke als Ersatz gebaul'werden. 
Bei der Herstellung neuer Brücken mit Be- 
helfsmitteln kommt je nach Breite und Tragfähig- 
keit der Bau von Stegen und Schnellbrücken, von 
275 
an sichersten eingerammte Pfahljoche#aus starken Holz- 
pfählen, bei festem und ebenem Untergrund auch Böcke 
verwendet. Das Einrammen erfolgt miltels schwerer 
Hämmer, Schlägel oder eigens hergestellter Hand- 
rammen von Gerüsten, Wagen oder Kähnen aus. 
Die Böcke werden entweder aus freier Hand, oder 
mittels eines Kahnes oder einer Einbaufähre, oder, 
wenn Kähne u. dgl. nicht zur Hand sind, mit Gleit- 
balken oder mit Hebeln aufgestellt. Bei schwimmen- 
den Unterstützungen werden Boote und Kähne wie 
bei Brückenstegen zugerichtet, Tonnen und Fälsser 
durch Bretter und Stangen zu tragfähigen Flößen 
verbunden; in schwachströmendem Wasser können 
auch Flöße aus Balken angewendet werden. Die 
Verankerung gegen den Stromdruck muß besonders 
fest sein und bei längeren Brücken noch 
durch eine Verankerung gegen Wind er- 
gänzt werden. Streckbalken und Belag für 
en Oberbau müssen hinreichend stark und 
durch Rödelbalken (die die Brückenbahn 
Fig. 4. Brückensteg auf Tonnen. 
Laufbrücken, Kolonnenbrücken und schweren Kolon- 
nenbrücken in Betracht. Stege können mit stehenden 
oder schwimmenden Unterstützungen gebaut werden. 
Als stehende Unterstützungen dienen untergefahrene 
Wagen oder Protzen, Böcke, eingeschlagene Pfähle, 
Pfahlioche, starke Kisten, Möbel, Fässer und Unter- 
stützungen aus Bretter- und Bohlenstapeln. Als 
schwimmende Unterstützungen können Nachen, 
Kähne, Boote ohne weiteres benutzt werden; auch 
Fässer und Tonnen sind brauchbar (Textfig. 4). An 
Stelle von Tonnen sind auch wasserdichte Säcke 
oder Schwimmkörper aus Zeltbahnen oder kleinen 
Kisten mit Zeltbahnen umbunden verwendbar; 
auch Floßbalkenstege (Textfig. 5 u. Tafel J, Fig. H 
können hergestellt werden. Alle schwimmenden 
Unterstützungen müssen verankert oder mit Lei- 
nen, Tauen, Draht an den Ufern befestigt werden. 
Als Oberbau sind zunächt Streckbalken auf die 
Unterstützungen zu legen, und dann ist aus Brettern, 
Fensterläden, schmalen Türen, Knüppeln, zur Not aus 
starlem Neist der Belag herzustellen und durch Nägel 
oder durch Aufbinden zu befestigen. Möglichst leicht 
gebaute Brückenstege, die getragen oder rasch über das 
Wasser geschoben werden, sog. Schnellbrücken, be- 
Fie. 5. Floßbalkensteg. 
stehen aus tragenden Schwimmkörpern (kleinen Fäs- 
sern, Doppelbündeln von Zeltbahnen, wasserdichten 
Blechgesäßen, Futtersäcken, Wagenplanen usw.), die 
durch Bretter, Stangen oder kurze Leitern miteinander 
verbunden werden; diese Querverbindungen tragen 
dann die einfache Laufbahn aus Brettern, dicht liegen- 
den Stangen. Leitern mit aufgenagelten Bretichen 
u. dgl. Laufbrücken sind bedeutend tragfähiger als 
Brückenstege. Bei stehenden Unterstützungen sind die 
Landstöße fester gebaut. Als Unterstützungen werden 
beiderseits begrenzen und den Belag fest- 
halten) oder Nagelung gut festgelegt sein; 
ein Geländer aus Stangen oder Leinen 
wird an Pfählen oder Geländestangen befestigt. Der 
Bau größerer Brücken, wie Kolonnen= und schwe- 
rer Kolonnenbrücken (Tafel I, Fig. 2, 3 u. 5; Tafel II, 
Fig. 1), erfordert besondere technische Arbeiten, die 
nur von den Pionieren ausgeführt und hier nicht 
näher erörtert werden können. 
Fig. ö. Fähre aus vorgefundenen Kähnen. 
Beim übersetzen ohne Brückengerät können 
vorgefundene Kähne, Nachen, Boote und vorhandene 
fliegende Brücken, Gier- und Zugfähren von Pa- 
trouillen undkleineren Abteilungen ohne Umänderung 
benutzt werden; auch größere Abteilungen, Pferde, 
Maschinengewehre, Gehüt und Fahrzeuge können 
Prahme, Fähren und fliegende Brücken nach Erpro- 
bung ihrer Tragfähigkeit ohne weiteres benutzen; 
einzelne Flußfahrzeuge werden durch überschnüren 
von Balken und Brettern zu einer Fähre zusammen- 
gebaut (Textfig. 6). Für Pferde und Fahrzeuge müssen 
Landebrücken gebaut oder wenigstens mitgeührte 
Brettafeln als lose Rampen angelegt werden. Als Be- 
helfsmittel beim überlegzen ist die Zeltausrüstung ge- 
eignet. Bekleidung und Ausrüstung werden mit Stroh, 
Schilf. Rohr usw. in die Zeltbahn gebunden und von 
den Mannschaften schwimmend nachgezogen. Mehrere 
solche Bündel vereinigt bilden sogar ein tragfähiges 
Floß (Textfig. 7 u. 8). Auch Futtersäcke, mit Stroh 
gefüllt, vermögen Leute zu tragen; ebenso lassen sich 
aus Backtrögen, Tonnen, mit Zeltbahnen umschlage- 
nen Kisten, mit Stroh gefüllten Wagenplanen, ja 
selbst aus mehreren aufeinander gebundenen oder 
genagelten Türen oder zusammengebundenen Balken 
tragfähige Flöße (Textfig.-9) für einzelne Leute bauen. 
Für röhens Abteilungen, Pferde und Fahrzeuge wer- 
den gähren und Landebrücken aus Tonnenflößen 
18“
        <pb n="346" />
        276 
(Textfig. 10) oder Balkenflößen gebaut. Fuhrwerke 
können durch seitliches Anschnüren von Tonnen in 
leichten Rahmen auch ohne Herstellung einer Fähre 
übergesetzt werden (Textfig. 11). 
Beim Uferwechsel mit Hilfe des Kavallerie- 
Brückengerätes wird das Übersetzen am schnell- 
sten und einfachsten durch Verwendung einzelner 
Boote bewerkstelligt; da- 
bei kann ein Ganzboot 
zehn Infanteristen oder 
acht Kavalleristen mit 
Sattel, Gepäck und Aus- 
rüstung tragen. Zum 
übersetzen von 
Fahrzeugen 
wird aus zwei 
Ganzbooten und 
den entsprechen- 
den Brücken- 
tafeln eine Fähre 
Ein= und Aus- 
laden notwendi- 
gen Landebrücken werden ebenfalls aus Brückentafeln 
gebildet. Beim Brückenbau müssen die Boote ent- 
weder an den Ufern oder im Wasser gut verankert 
werden. Bei Brückenstegen, die nur bei schwachem 
Strom ausführbar sind, dienen einzeln eingebaute 
Halbboote als Unterstützungen; die Brückenbahn be- 
steht aus einer Reihe von Brückentafeln. Bei Lauf- 
brücken 
werden ab- 
wechselnd 
Halb= und 
Ganzboote 
verwendet; 
als Brük- 
kenbahn. 
Fig.7. Floßaus Zeltbahnbündeln. 
Fig. 8. Floß aus Doppelbündeln. 
Bautafeln 
nebeneinandergelegt und durch einen Unterzug mit- 
einander verbunden. Bei verstärkten Laufbrücken 
sind die Unterstützungen durchweg Ganzboote, und die 
Brückenbahn besteht aus drei Reihen Brückentafeln. 
Beim übergang mit schwimmenden Pferden 
schwimmen die Pferde entweder neben dem Fahrzeug 
her und werden dabei von den im Fahrzeug sitzenden 
ferdehal- 
tern an der 
Trense ge- 
halten, 
während 
das Gepäck 
der Pferde 
im Fahr- 
zeug über- 
gesetzt wird, 
oder man 
läßt die 
Pferde, von den Mannschaften geleitet, neben einem 
Brückensteg schwimmen und das Gepäck von den 
Mannschaften auf das jenseitige Ufer tragen. Die 
Pferde können aber auch ohne übersetzmittel frei 
den Flußlauf durchschwimmen; die blanken Pferde 
werden dabei von den entkleideten Reitern ins 
Wasser geritten, durchschwimmen mit dem nebenher 
Fig. 9. Floß aus Backtrögen. 
ebaut (Tafel L. 
* 7); die zum 
III. Technik und Kriegführung 
schwimmenden Reiter das Wasser und werden am jen- 
seitigen User wieder aus dem Wasser herausgeritten; 
Röcke, Stiefel, Sättel, Waffen und Gepäck werden auf 
Schwimmkörpern übergesetzt. 
Beim Flußübergang mit Hilfe des Pionier- 
Brückengerätes erfolgt das übersetzen in den 
Pontons oder mittels Fähren, die aus solchen zu- 
sammengesetzt sind. Ein Einzelponton des Gerätes 
neuer Art faßt 18 Mann mit Ausrüstung oder einen 
Maschinengewehrzug mit freigemachten Gewehren; 
ein zweiteiliges Ponton des Gerätes alter Art faßt 20 
Fig. 10. Fähre aus Tonneuflößen. 
Mannodergleichfalls einen Maschinengewehrzug. Die 
Fähren werden entweder aus zwei Einzelpontons 
oder aus zwei zweiteiligen Pontons mit dem dazu- 
ehörigen Teil des Oberbaugerätes hergestellt (Tafel l. 
* 6); eine solche Fähre, gleichviel ob neuer oder 
alter Art, faßt 60 feldmarschmäßig ausgerüstete In- 
fanteristen oder sechs bis sieben Werde mit Reitern 
oder ein Maschinengewehr mit Bespannung und 
Schützen oder ein Feldgeschütz mit drei Pferden und 
Bedienung oder ein anderes #egsfahr eug mit so 
diel Pferden, wie Platz haben. Das Vrüchengeral. 
kann aber auch zu noch größeren Fähren aus mehre- 
Schwimmbar gemachter Wagen. 
Fig. 11. 
ren Pontons verwendet werden, die au übergespann- 
ten Tauen als Zugfähren durch Menschenkraft, als 
Gierfähren durch die Kraft des Stromes oder als 
fliegende Brücken an einem langen verankerten Tau 
ebenfalls durch die Arbeit des Stromes von Ufer zu 
Ufer bewegt werden; derartige Fähren sind aber für 
überraschendes übersetzen nicht verwendbar, sie dienen 
mehr als Ersatz für geschlossene Brücken bei Mangel 
an Gerät. Beim Bau von Kriegsbrücken (Tafel 
Fig. 2) werden die als Unterstützungen dienenden Pon- 
tons nach der geforderten Tragfähigkeit der Brücke 
enger oder weiter aneinandergestellt; auf diese Weise
        <pb n="347" />
        Defele: Das Pionierwesen 
mülssen z. B. bei Brücken für schwere Fahrzeuge und 
Lastzüge zur Erhöhung der Tragfähigkeit die Span- 
nungen verkürzt werden. Die eingedornten Streck- 
balken werden noch durch Verschnüren mit Leinen 
befestigt, die Belagbretter durch angeschnürte Rödel- 
balken festgehalten. Die Brückenbahn hat eine nutzbare 
Breite von etwa 3 m. Die Verankerung der Pontons 
erfolgt durch die Anker; um aber die Brücke 
Leher Schwankungen zu sichern, ist auch eine 
erankerung nach unterstrom gegen den Wind 
notwendig. Die Brücken bedürfen sorgfälti- 
ger Befestigung am Lande durch den Land- 
gungsarbeiten ist bereits eingehendin 
uffatz Stellungskrieg und Nahkampf- 
mittele (Bd. 1, S. 273ff.) besprochen. 
Die Arbeiten der ständigen Befesti= 
gung werden in dem Aufsatz betungen 
und Festungskriege (S. 286 ff.) behandelt. 
Im Biwakwerden mitdertragbaren Zelt- 
ausrüstung kleine Zelte für drei Mann 
und größere Zelte für Züge, Halbzüge und 
Korporalschaften aufgeschla- 
gen die je nach dem Wetter 
n verschiedener Form gebaut 
werden können (Textfig. 12 
bis 14). Geräumigere Helt 
stellt man mit den Zeltbahnen 
unter Zuhilfenahme von Stan- 
gen und Brettern her (Text- 
sigur 15). Als Kocheinrichtun- 
en werden Kochgräben und 
ochlöcher angelegt, die auch 
m Warmhalten oder Wiederanwärmen der in den 
Heldeüchen gekochten Speisen dienen können. Der 
Wasserversorgung wird besondere Aufmerksam- 
keit geschenkt. Brunnen, Schöpf= und Tränkstellen 
werden genau als Trink-, Koch-, Tränk- und Wasch- 
Fig. 16—18. Bau einer Lagerhütte; 
Deckung mit Stroh und Reisig. 
277 
wasserstellen bezeichnet; unbrauchbares Wasser wird 
kenntlich gemacht. An den Trink= und Kochwasser- 
stellen müssen Vorehrungen getroffen sein, daß das 
Wasser stets klar bleibt. Wo das Tränken weder in 
offenem Wasser noch mit Eimern möglich ist, müssen 
« ⁊ 
2E 2 — 
Fis. 15. Größeres Zelt. 
Tröge aufgestellt werden. Aborte werden möglichst 
windabwärts vom Biwakplatz angelegt und mit leich- 
ten Wänden von Strauchwerk umgeben; bei länge- 
rer Benutzung wird der Unrat täglich mit Erde oder 
Asche und, wenn möglich, mit Chlorkalk überdeckt. 
In Lagern werden allseitig geschlossene Lagerhüt- 
ten gebaut, deren Holzgerüst mit Stroh, Schilf oder 
Strauchwerk bekleidet wird (Textfig. 16—18). Auch 
Bretterhütten werden hergestellt, die mit Dachpappe, 
Zeltbahnen oder anderen wasserdichten Stoffen be- 
deckt und mit Fenstern versehen sind. Winterlager- 
hütten werden zum Schutz gegen Kälte in die Erde ver- 
senkt (Textfig. 19) und mit Feuerungsanlage (eisernen 
Ofen oder Herden aus Ziegelsteinen) versehen; durch 
stärkere Erddecke auf tragfähigen Hölzern wird Schutz 
gegen Sprengstücke erreicht. Für Feldküchen werden 
Schutzdächer, für Pferde gedeckte Pferdestände oder 
wenigstens Windschirme gebaut. 
Sind Sprengungen auszuführen, so richtet sich 
die Größe der Ladungen nach den Abmessungen des 
Bauwerkes, seiner Widerstandsfähigkeit und nach der 
verfügbaren Zeit. Je flüchtiger die Ladung angebracht 
werden muß, um so stärker muß sie sein; sie wird nach
        <pb n="348" />
        278 
bestimmten Formeln errechnet. Zur Zerstörung höl- 
zerner Brücken genügt meist die Sprengung einer 
oder mehrerer Pfahljoche. Bei kleinen eisernen 
Brücken müssen sämtliche Träger gesprengt werden, 
wenn der Fahroerktahr unterbrochen werden soll; bei 
größeren eisernen Brücken erreicht man eine nach- 
haltige Störung schon durch Sprengen eines Haupt- 
trägers (Tafel II, Fig. 1). Steinerne Brücken 
T 
* 
— 
Fig. 19. In die Erde versenkte Winterlagerh#tte. 
werden durch Sprengen der Brückenpfeiler oder der 
Brückenbogen zerstört. Pfeilersprengungen sind nur 
möglich, wenn sich in den Pfeilern vorbereilete 
Minenanlagen mit Minenkammern befinden (Text- 
fig. 20 u. 21); diese müssen also zuerst gefunden und 
dann mit den nötigen Ladungen versehen werden. 
Eisenbetonbrücken sind sehr widerstandsfähig gegen 
Sprengungen; diese erfordern daher besondere fach- 
technische Kenntnisse. Bei Tunnels sind Zerstörun- 
gen im Inneren besonders wirksam; auch Spren- 
ung der Eingänge oder der Geleise erfüllt den 
weck. Eisenbahnschienen werden an den Stößen 
(Textfig. 22) gesprengt; auf Bahnhöfen sprengt man, 
wenn nötig, Weichen und Gleis- 
kreuzungen (Textfig. 23 und 
24). Eisenbahnlokomotiven u. 
-wagen können durch Spren- 
W— 
Fig. 20 u. 21. Minenanlagen in steinernen Brückenpfellern. 
a Ladungsrohre nicht begehbar (Ladung muß herabgelassen werden); d begeb- 
barer Stollen; # Minenkammer. 
gung einer Achsbuchse zerstört werden. Eisdecken 
werden am einfachsten ebenfalls durch Sprengung 
eöffnel. Bei der Zerstörung von Telegraphen- und 
Feraprechanlagen werden bei Bedarf Telegraphen-= 
stangen und unterirdische Leitungen gesprengt. Ge- 
schützrohre werden am schnellsten und sichersten zer- 
stört durch eine in das Rohrinnere geschobene Spreng- 
ladung, können aber auch durch Auflegen der Ladung 
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III. Technik und Kriegführung 
auf den vorderen oder hinteren Teil des Rohres zer- 
trümmert werden. 
Eine besondere Art der Sprengungen bilden die 
Minen, die im Kampf um Festungen und vor 
Feldstellungen nicht nur zur Verstärkung der Hinder- 
nisse, sondern auch beim Kampf unter der Erde zur 
Anwendung gebracht werden. über sie ist ebenso wie 
über die Verwendung von Sprengstoffen als Burf- 
eschosse (Handgranaten, Minenwerfer usw.) das 
F- in dem erwähnten Aufsatz Stellungskrieg 
und Nahkampfmittel= (Bd. 1. S. 275ff.) gesagt. 
Bei Zerstörungen durch Feuer (Tafel I, Nig. 1) 
werden Brennstoffe aller Art (Stroh, 
Hobelspäne, trockenes Reisig, Kohlen 
#—. u. dgl.) angehäuft und mit Petroleum, 
1½ Teer, Benzin oder Spiritus getränkt; der 
4 Erfolg ist aber namentlich bei Regen und 
Harthölzern unsicher, auch dauert das Ab- 
brennen immer lange. Deshalb sind. wenn Spreng- 
mittel nicht zur Verfügung stehen, Zerstörungen mit 
Werkzeugen vorzuziehen. Solche kommen jedoch 
nur bei hölzernen und Kettenbrücken und bei Tele- 
graphenanlagen in Betracht. Bei hölzernen Brücken 
werden Belag und Streckbalken entfernt und die Un- 
terstützungen umgelegt; bei chaussierten Holzbrücken 
mußauch die Straßendecke beseitigt werden. Bei Schiff- 
22. Anbringung einer Sprengpatrone zur 
Schlenensprengung. 
brücken müssen die Schiffe ausgefahren, Balken und 
Bretier beseitigt oder verbrannt, Schiffsgefäße durch- 
löchert und versenkt werden; bei Ketten- und Hänge- 
brücken können die tragenden Ketten und Drahtseile 
abgesägt und abgefeilt werden. Bei Telegraphen- 
anlugen werden die Drähte der oberirdischen Leitun- 
gen zerschnitten; durchgefeilt oder durchschlagen, die 
Stangen abgehauen, zerschnitten oder verbrannt; 
unterirdische Leitungen werden gleich- 
falls durchschnitten; die Apparate und 
Batterien auf den Stationen werden zer- 
schlagen, die Zimmerleitungen zerschnit- 
ten und abgerissen. 
Zum Sperren von Eisenbahnen 
werden die Gleise auf freier Strecke in schar- 
fen Krümmungen, Einschnitten, auf Däm- 
men usw. an mehreren Stellen hinterein- 
r ander durch Werkzeuge oder Sprengung 
beseitigt. Andere Gleisunterbrechungen 
können durch Lösen der Verbindung der 
Schienen untereinander und mit den 
Schwellen herbeigeführt werden. Durch 
geringfügige Gleisbeschädigungen, wie 
Seitwärtswuchten eines Schienenpaares, 
Lösen der Befestigungsmittel an den Schienen u. dgl., 
durch Verschütten des Gleises und durch Hindernisse 
(schwere Steinblöcke, Baumstämme, umgeworfene 
Wagen) können empfindliche Betriebsstörungen her- 
vorgerufen werden. Als Beschädigungen auf Bahn- 
höfen kommen hauptsächlich in Betracht das Un- 
brauchbarmachen von Weichen und Gleiskreuzungen 
durch Lösen der Herz= und Kreuzungsstücke, das Zer-
        <pb n="349" />
        Polster: Hand- und Faustfeuerwaffen 
stören der Wasserversorgungsanlagen durch Spren- 
gen der Wasserbehälter (Tasel II, Fig. 3) und Zer- 
trümmern der Pumpen sowie das Zerstören der Wei- 
chen- und Signalstellwerke durch Zerschneiden der 
Drahtzugverbindungen, Zerschlagen der Gestänge, 
Zerschneiden elektrischer Leitungen usw. 
Wegesperren werden an Brücken, Dämmen, 
Hohlwegen, Dorfstraßen und sonstigen Engwegen 
durch Verhaue, Barrikaden aus Steinen, Holzstäm- 
men, ineinandergefahrenen Wagen u. dgl., an Stra- 
ßzen auch durch leichtere Ferstbrungen an Kunstbauten 
angelegt. Für Fuhrwerke, namentlich für Kraftfahr- 
zeuge, bilden die aufgerissene Fahrbahn, Quergräben, 
aufgeschüttete Querwälle, quer über die Straße ge- 
spannte Drähte sehr wirksame Sperren; auch große 
Steine, Anstauung von Wasserläufen, die den We 
ren. Waldwege werden durch gefällte Bäume, die 
durch Drahtverflechtung und selbsttätige Minen ver- 
stärkt werden, gesperrt. Furten macht man durch fest- 
gepflöckte Eggen, Breiter mit Nägeln und Drahtnetze 
unter Wasser auf einige Zeit unbenutzbar. 
Leichtere Unterbrechungen an Telegra- 
phenleitungen bestehen vorzugsweise im Trennen 
der Leitung auf freier Strecke an mehreren Stellen. 
Hierbei werden die Drähte zerschnitten. Versteckte Feh- 
ler werden durch Anbringen einer Erdableitung, durch 
Verbinden aller an einem Gestänge befindlichen Lei- 
tungsdrähte oder durch Unterbrechung des metalli- 
schen Zusammenhanges der Leitung angebracht. 
Von den Beleuchtungsmitteln werden die 
Scheinwerfer (Tafel II. Fig. 7) an beherrschenden und 
flankierenden Geländepunkten hinter oder in der Stel- 
lung aufgestellt. Durch paarweises Einsetzen kann die 
beleuchtete Fläche verbreitert oder die Helligkeit er- 
Vöb- werden. Das Leuchten erfolgt Überfallartig; die 
euchtpausen, die durch Abblenden des Lichtes ent- 
stehen, erschweren zugleich dem Gegner das Beschießen 
der Scheinwerfer. Blendwirkung des Gegners wird 
schon durch Anleuchten erreicht und durch schnell hin 
und her pendelndes Licht oder raschen Wechsel von 
Licht und Dunkelheit verstärkt. Die Wirksamkeit des 
—— 
...————— 
unter Wasser setzen und versumpfen, sind Marschsper- 
279 
Scheinwerferlichtes hängt von Gelände und Witte- 
rung ab. Unter günstigen Verhältnissen beträgt die 
Leuchtweite des tragbaren Gerätes etwa 1200 m. die 
desleichten etwa 2 km und die des schweren etwa 3kmi 
größere Scheinwerfer haben natürlich erheblich grö- 
ßere Leuchtweite. Das Signalisieren mit Scheinwer- 
fern ist unter günstigen Verhältnissen bis auf 100 km 
möglich. Die Leuchtpistolen werden von besonders 
ausgebildeten Schüpen im Hochanschlag abgefeuert; 
die Leuchtpatrone reicht bis etwa 200 m und erhellt 
einen Umkreis von rund 100 m auf 8—10 Sekunden. 
Zu längerer Beleuchtung seuert man mehrere Leucht- 
bp 
. I- 
UU 
I. 1 
Fig. 23 u. 24. Anbringen von Sprengpatronen an 
Weichen und Kreuzungen. 
pistolen nacheinander ab (Tafel II, Fig. 4). Leucht- 
geschosse und -bomben sind meist Fallschirmraketen, 
bei denen das Licht in Form eines Kegels nach unten 
eworfen wird (Tafel II, Fig. 5 u. 6). Ihre Licht- 
tärlen sind erheblich größer als die der Leuchtpatro- 
nen; auch ihr Abbrennen dauert bedeutend länger. 
Die elektrische Beleuchtung findet namentlich im Fe- 
stungs= und Stellungskrieg Anwendung, und zwar 
nicht nur in den rückwärtigen Gebieten, sondern auch 
in den vorderen Stellungen. Große Beleuchtungs- 
zentralen liefern hier in weitverzweigten Leitungen 
das Licht oft sogar bis vor in die Kampflinie. 
Hand- und Jaufslfeuerwassen 
von Hauptmann Polster in Wandlitz-See (Mark) 
Hierzu Tafeln Hand= und Faustfeuerwaffen I—VI##. 
Trotz aller gewaltigen Mörser, Haubitzen und 
langen Kanonen ist und bleibt die Infanterie die 
Hauptwafsse im Feld= wie Festungskrieg. Ihr tech- 
nisches Kampfmittel ist das Gewehr, dessen Leistungs- 
fähigkeit sich die heutigen taktischen Formen des Ge- 
fechts anzupassen haben. 
Grundlegende Begriffe für die technische Fort- 
bildung und Weiterentwicklung der Handfeuerwaffen 
legten die Kriege 1866 und 1870/71. In jenem stan- 
den sich gegenüber ein schwerfälliger Vorderlader 
(Österreich) aus dichten Kolonnen mit einer Feuer- 
geschwindigkeit von 1½ Schuß in der Minute und der 
neue Hinterlader Preußens (Zündnadelgewehr) aus 
dünmen Schützenlinien mit seiner unvergleichlich höhe- 
ren Feuerkraft (bis 8 Schuß in der Minute). Der 
Krieg 1870/71 erwies wiederum die überlegenheit 
des kleineren Kalibers. Dem französischen 11 mm- 
Chassepot-Gewehr war das deutsche 13,6 mm-Kaliber 
(Zündnadelgewehr) schießtechnisch kaum gewachsen; 
auf einer Schußweite von 700 —1200 m war der 
deutsche Infanterist wehrlos den Geschossen des wei- 
tertragenden Kleinkalibers ausgesetzt. 
Auf Grund dieser Erfahrungssätze der beiden Kriege, 
verbunden mit einschneidenden Fortschritten auf dem 
Gebiete des Treibmittels sowie der Geschoßkonstruk- 
tion, hat die Waffentechnik im Laufe der letzten Jahr- 
zehnte Gewehre geschaffen, die heute in ihren verschie- 
denartigen Systemen mit zäher Ausdauer um die 
Feuerüberlegenheit streiten. 
Die Anforderungen, die man an ein neuzeilliches 
Armeegewehn stellt. sind: 1) Große ballistische Leistung, 
d. h. hohe Treffwahrscheinlichleit, gute Treffähigkeit, 
Schußgenauigkeit, große Schußweite, gute Geschoß- 
wirkung, 2) große Feuergeschwindigkeit, 3) leichte 
Handhabung der Waffe in allen Anschlagstellungen. 
4) Einfachheit und Dauerhaftigkeit, 5) unveränder- 
liche Schwerpunktslage, 6) ausreichende Länge zum 
Gebrauch als Stoßwaffe mit aufgepflanztem Seiten-
        <pb n="350" />
        280 
gewehr, 7) leichte Herstellung in Massen. Für den 
arabiner, die Waffe der Kavallerie und einiger 
Spezialtruppen, gelten im allgemeinen dieselben 
forderungen. Nur bedingt die notwendige geri 
Länge des Laufes eine schwächere balllstische Leistung. 
Die Hauptteile des Gewehres find Lauf, Vifierein- 
richtung, Verschluß., Mehrladevorrichtung und Schaft. 
Der Lauf hat den Zweck, dem Geschoß die Rich- 
tung und die nötige Drehung zur Erhaltung seiner 
Stabilität zu geben. in Herstellungsmaterial ist 
bester Stahl mit den Eigenschaften zäh, fest bei aus- 
iebiger Dehnung. Durch Zusatz von Nickel, Kobalt, 
olfram, Chrom u. a. ist der heutige Gewehrstahl von 
außerordentlicher Güte (Festigkeit 7— 8000 kalqem, 
Elastizitätsgrenze —5000 kg'ocm, Dehnung 18—25 
Proz.). Der Stahlstab wird geschmirdel. ewalzt, ge- 
bohrt, gezogen, abgedreht und gerichtet. * Fertig- 
seellung des Laufes in der Massenherstellung sind beim 
schen Armeegewehr 1/98 67 verschiedenartige Be- 
arbeitungen notwendig (geschmiedeter Laufstab 2500 
, fertiger Lauf 1286 g). Entsprechend dem nach der 
dung zu abnehmenden Gasdruck nimmt auch die 
Wandstärke des Laufes ab. Zwecks 
besserer Einlagerung in den Schaft 
ist der Lauf mit mehreren Absätzen 
versehen, die auch beim Heißwer- 
den demselben eine weitergehende 
Rusbehnung gestatten. heore- 
tisch müßte der Lauf so lang sein, 
daß die treibende Kraft an der 
Mündung gleich Null ist, um die 
Gesamtmasse der Pulvergase aus- 
zunutzen. Aus Gründen der Hand- 
lichkeit muß jedoch diese Forderung 
fallen gelassen werden. Im allgemeinen beträgt die 
Länge eines Infanteriegewehrlaufes 700—800 mm. 
die eines Karabiners 430—490 mm. Die Bohrung 
des Laufes, die „Seelee, besteht aus dem glatten 
Patronenlager und dem zylindrisch gehaltenen " 
zogenen Teil. Das Patronenlager paßt sich den Ab- 
messungen der Patronenhülse an. Der gezogene 
Teil faßt eine Anzahl von Lüger (Textfig. 1), die 
dem Geschoß eine gesicherte Führung geben sollen. 
Die Drehung der Züge oder der Drall“ (rechts und 
links) ist mit Ausnahme vom italienischen Armee- 
ewehr, das Progressivdrall (zunehmenden Drallwin- 
el) besitzt, bonstant. Die Drehung der Züge wird in 
Winkeln oder Längen ausgedrückt: Drallwinkel ist der 
Winkel, den die Führungskante eines Feldes mit einer 
in der Seelenwand gedachten, der Seelenachse gleich. 
laufenden Linie bildet. Die Drallänge ist die Länge, 
welche angibt, wie lang der gezogene Teil sein müßte, 
wenn die Züge in ihm gerade eine volle Umdrehung 
emacht hätten. Die Stärke des Dralls ist meist er- 
ahrungsgemäß festgestellt, wie überhaupt die Drall- 
verhältnisse noch wenig geklärt sind. Aus Gründen 
einer bequemen Herstellung werden meist vier Züge 
geschnitten, seltener 3, 5, 6 und 7. Die Tiefe der Züge 
beträgt 0,1—0,2 mmr, ihre Breite 2,3—4,5 mm. Die 
Art der Züge bei verschiedenen Militärgewehren geht 
aus den Textfiguren 2—4 hervor. Welches als das 
beste Zugsystem angesprochen werden kann, läßt sich 
nicht sagen. Deutschland bevorzugt den rechtwinkligen 
Zug mit oben abgerundeten Ecken. Gemessen wird 
die Seelenweite des Laufes oder das Kaliber zwischen 
wwe gegenüberliegenden Feldern; es schwankt zwi- 
chen 6 und 8 mm. Einige Kaliberstufen sind aus der 
Tabelle auf S. 284 zu ersehen. Um dem Geschoß den 
Fig- 1. Laufquer-- 
schnitt. 
a Zug, d Feld. 
ere teil verbunden. Einigen Waffen ist 
III. Technik und Kriegführung 
Eintritt in den gezogenen Teil zu erleichtern und den 
Kückstoß beruhzönbelerrn. sind der gezogene Teil und 
das Patronenlager durch einen — 
zur 
Laufmaterials umd zu ihrer leichteren Handhabung 
ein Laufmantel oder ein Handschug ausgelegt. 
Die Bisiereinrichtung, aus Bisier und Korn 
t I. Fig. 1—6) bestehend, gibt dem Lauf einen 
ehöhun für bestimmte Schußweiten. Um 
die Fehler des Schützen einzuengen, find lange Bifier- 
linien vorzuziehen (600—700 mm). Man unterschei- 
det Rahmen-, Treppen-, Rahmen--Treppen-, 
Kurven-, Quadranten- und Fernrohrvisiere. 
tere find militärischerseits erst während des Krieges 
auf beiden Seiten in die Erscheinung getreten. Auf 
englischen Gewehren angebrachte Zielfernrohre ameri- 
kanischen Ursprungs find etwa 18cmlang, habensechs- 
fache Vergröß und etwa 7 cm Augenabstand: 
als en vient en auf Glasplatte eingeritztes 
Kreuz. Fernerhin ist eine Horizontallinie eingeritzt, 
die auf 1000 Yards die Mannshöhe von 1.758 m an- 
gibt. Die Skala geht bis 3000 Yards. Anforderun- 
en an ein Visier sind: Einfachheit im Einstellen und 
eies Gesichtsfeld. 
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Fis. 2 Onterreich. Fis. 2. Danemark. Fe. 4. Nußland. 
Fi. 2—4. gugprofile. 
Der Berschluß, auch kurz das Schloß genannt, 
bildet den rückwärtigen Abschluß der Seele, dient 
als Stoßboden, besorgt das Spannen, Abfeuern und 
wirft die abgeschossene Patronenhülse heraus. Fast 
allgemein ist der Zylinderdrehverschluß in Anwen- 
dung (eine in einer Hülse bewegliche Kammer, in 
deren Bohrung Schlagbolzen mit Feder eingelagert 
find), der durch Seitwärts= und Rückwärtsbewegung 
betätigt wird. Vereinzelte Staaten führen den Ge- 
radezugverschluß (Tafel 1, Fig. 7), einen Verschluß- 
zylinder, der sich schraubenartig durch Rückbewegung 
des Kammergriffs in einem anderen Hohlzylinder be- 
wegt. Hierdurch ist zwar der Ladegriff vereinfacht, 
aber es sind auch hiermit einige Nachteile mit in Kauf 
enommen, wie ungünstige Hebelverhältnisse beim 
ern derabgeschossenen Patronenhülse, Vorkommen 
von selbstlätigem Offnen des Verschlusses usw. Von 
besonderer Bedeutung beim Verschluß ist die Ver- 
riegelung, seine saugende Festlegung, um den Stoß 
der Pulvergase auszuhalten und den rückwärtigen 
gasdichten Abschluß der Waffe zu gewährleisten. Es 
geschieht dies in der Weise (Tafel VI, Fig. 1), daß 
durch eine Drehbewegung des Verschlußsystems War- 
zen am Verschlußzylinder in Ausschnitte der Kammer- 
hülse gelegt werden. Günstig ist die Warzenanord- 
nung möglichst weit vorn, und zwar je eine auf jeder 
Seite, wodurch die Treffähigkeit der Waffe ganz 
bedeutend erhöht wird. Eine gute und feste Ver- 
riegelung ist die Vorbedingung für eine Gleichmäßig- 
keit der Schußleistung. Sämtliche neuzeitlichen Ver- 
schlußeinrichtungen sind Selbstspanner, d. h. durch 
Vor= oder Rückwärtsbewegung des Schlosses erfolgt 
die Spannung des Verschlusses bei möglichst geringer 
Kraftentfaltung seitens des Schützen.
        <pb n="351" />
        und Faustfeuerwaffen I. 
5. Vlslerfernrohr des norckamerikanischen Sprineileelo „Gewechrs M o3 
und des englischen Gewchets N. 9. 
1.Rahmenvlsier. 
Cewehr M/88. 
–––.ee 
— –—. .. .... 
— — —KF erz. 
s Damit-st- 
- -. 
H.jammerte-gewehtM.-«"98(Dcmschland). 
Oberanstcht der Wofte. geschlossen. 
*% 
——N2———————’ 
9. iInfanterlegewehr M 98 (Deutschland). 
Vertikaler Längsschaltt der Wafte, mit geospannlem Schloß. 
.* 
— 
10 Österreichisches Repetier- 
Pewehr M, 95. 
Verschlug geoöffaet. 
11. Französischer Karabiner M.92, System Mannlicher. .. 
»WOCHENSCHR-tmsedlscldscktespsvtlts 4. Kursenvisler. Geschr M.98 (beutschland). 
Bibllographisches Insiltut in Leipzig.
        <pb n="352" />
        5 und 6. Rusbsisches Dreiliniengewehr 
91, mit aufgesetziem Patronenrahmen 
zum Laden. 
Hand- und Faustfeuerwaffen ll. 
-- — 
— — — —LLIIIIII— — — 
« 2 
—2— 
–“ : – 5§ré ¾ 
SS—— ———— J....——N— 
4. Lebel-Cewehr M 86,93 (Frankreich). 
Verschluß geöftnet. Palronenhülse noch ulcht ausge worfen. 
Zubringer mu der leizten Patrone gesenkt. Schlagbolren 
Kkespunni. 
!nmn— 
3. Türk. Infantericgewehr M 93. 
Vertikualer l-áAngoschnitt der W. I# 
Imn gespanntum Schileel. 
—— 
—n .«. 
— 
S. Englischeés dewelw., Syrftem 
e- MNettord. 
E — — e sß nllhon un! uhgelecuet. 
1 und 2. Patronen mit Rundkaopf- 
und Spitzgeschof. 
a Zündhütenen. d Ambos, c Pulver- 
ladung. u Oeschogmantel, e Blelkern. 
„ .—— —
        <pb n="353" />
        Hand- und Faustfeuerwaffen III. 
— – –—..e —– — 
2. tallentsches Gewehr M.91, System Mannlicher. 
Verschlus geschlussen, Schlagkder gespanni. 
l. Schraubenvisier 
des Ro6 - Gewehrs 
(Kanada). 
1. 
l 
l 
-3.ltalicnlschesscowelikMA,syst-Imdicniciliclson 
Verschluß geöffnel und guespanm. Volles Magazin. 
4 . 
l 
4.BelgisclseslassatetlegcwhthöQ 
. tscniltslauasacdamset-wuschsicut-Minutenschtoxcunuketälltemblas-sind 
l 
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        <pb n="354" />
        1—5. Mauscr- Selhstladegewenr 02 mit langem Rücklaul. 
1. Oheransicht der W’aftfe, Verschlufs enlelegellt und Keöltnct. 
2. Scitcnandicht iter Walle mu geötffnetem Schlot. 
uss 
1 
6. Mauser- Selbstlader M.OS mit Verriegelung durch 
Stützklappen. 
Oesomtansicht der Walte, mit angestecktem Eialismagasin.
        <pb n="355" />
        Hand- und Faustfeuerwaffen V. 
* 
2. 9mm -Selbstladeplstole Campo- 
a Abzut e Brücke 
b Vesschlusstücke 1# Schlagbakzon- Giro (Spanlen). 
c Schitliten teder Verschlu Iin Linterster Stellung. 
d Federstunge I &amp; Abrugstolfen r — - 
— 8. Parabellum -Selbst- 
ladepistole (Pistole M/08). 
Verschlull Iin ntersier 
Stellung. 
3. 9mm-Dreyse-Selbstlade- 
« pistole. ,» 
.III-Muhmen-Wirkens-tilgen; 
· Endstellung. " 
sittsame-I- 
dslctteldtgcls 7. Parabellum · Selbst- 
— ladepisiole (Pletole M.08). 
e Paronenzubringer Schußberelit. 
t Vlaler 
6. 7. min · Mauser-Selbstladepfstolc. 
Verschlufl oflen. 
1 Süft 
ßb. Abzugstollenhebel 
c. d Sicherung mit Feder e 
W* s— 4“ 
z4 .1-"««.sk-« 
( Juss. 
—————-
        <pb n="356" />
        — —— — —. 
Hand- und Faustfeuerwaffen VI. 
5. Magazin des 
15. Borchardt- 
Selbstlade- 
Pistole. 
kanadlschen Gewelws. J. Kanadisches Gewek. Verschluß geöltnct. 
, its-F 
-I--,»’ 
»Hm-END 
— 
10. Mauser-Selbsllader M06/O8 mit Verrlegelung durch Stützklappen. 
Oberansicht der Watte, geschlossen und verriegelt, Deckel abrenommen-. 
Entrlegelt. 
Verschluhbflegel. u Verriegelungswse#rzen, b Drchrzsapfen, ti. c. Nasen. di, de Ausnehmungen für die Nasen des Verschlug 
riegels. K Kammer. 
14. Mauser-Selbstladepistole MJ/96 mit Anuschlagrolben. Kammerw#en. 
— — — — — — — — — — — 
—. — — 
2 und 3. Rand- und Rlllen- 
Patranenhülsen. 
S.——n——.—..— —s 
P 13. Verschluß des Manmlicher-Seibstladegewehrs. 
Verriegell. A Verschlußriegel, a Zapflen. 
B Schräge Flächen, K Kammer. 
## Kammer nasein 
oben berumgewoeten. 
42 é6. zurückgetrichene Kammer. 
6—8. Selbstladegewelu mit angebohrtem Laul. 
A Lauföffnung P Kammeruris" 
Ansatzkohr □# u. H Kammer-- 
C Anusatz Warzen 
D Gaskammer N Vorhellfeler 
s——.————— 
————- 
*i . 
1.Wat:enwttiekeluag.Gesteh-NR
        <pb n="357" />
        Polster: Hand= und Faustfeuerwaffen 
Das neuzeitliche Armeegewehr ist heute ein Mehr- 
lader, eine Waffe, wobei der Mann nicht nach jedem 
Schuß zur Patronentasche zu greifen hat. Die Mehr- 
ladevorrichtungen lassen zwei Gruppen unter- 
scheiden, und zwar 1) das Mannlicher-System (Oster- 
reich: Tafel J, Fig. 10; Terifgg. 5) mit Einlagerung 
des Patronenpakets in seiner Rahmenumsschließung. 
Nach Verfeuern aller Patronen fällt der Rahmen leer 
selbsttätig nach unten heraus; 2) Magazine mit loser 
Einlagerung (Textfig. 6— 9) der Patronen, wobei 
letztere beim Einladen vom Ladestreifen abgestreift 
werden, oder aber der Ladestreifen mit eingebracht 
wird und nach völligem Eindrücken in den Laderaum 
nach unten herausfällt. Vorteile des ersten Systems: 
Das Laden erfolgt leicht und sicher, die Entleerung des 
Magazins rasch ohne Mitwirkung des Verschlusses; 
Fig. 9. 
Fig. ö. Patronen in einer Reihe in Lackung eingelagert (Mann- 
licher). — Fig. 6. Patronen in zwei Rethen, lose eingelagert 
(Mauser). — Fig. 7 u. 8. Trommelmagazin des griechischen 
Infanterlegewehrs. — Fig. 9. Magazin Krag-Jörgensen. 
Fi . 5—9. Mehrlabevorrichtungen. 
Fig. 6. 
Nachteile: Der Kasten ist unten offen (Verschmutzung), 
der Patronenrahmen bedeutet eine Gewichtsvermeh- 
rung, das Auffüllen des Magazins ist umständlich. 
Vorteile des zweiten Systems: Der Kasten Kunten 
eschlossen, der Ladestreifen ist leichter, das Magazin 
ann jederzeit nachgefüllt werden; Nachteile: Ent- 
leerung des Magazins nur mit Hilfe des Verschlusses 
möglich (außer beim Gewehr Krag-Jörgensen). Eine 
Ausnahme bildet die Mehrladevorrichtung des fran- 
zösischen Lebel-Gewehrs (Tafel II, Fig. 4), das noch 
das veraltete Röhrenmaggzin besitzt. 
Der Schaftsollder Wasse eineleichte einfache Hand- 
habung, einen bequemen Anschlag gewähren und ver- 
mittels des Beschlages sämtliche Gewehrteile verbin- 
den. Man gebraucht geteilte und ungeteilte Schäfte. 
Als Material kommt sorgfältig getrocknetes Nuß- 
baumholz zur Anwendung. 
Die Länge einer Infanteriewaffe schwankt zwischen 
1,10 und 1,5##m ohne Seitengewehr, ihr Gewicht zwi- 
schen 3,5 und 4,8 kg. Eine weitere Gewichisherab- 
setzung ist im Interesse des empfindlicher werdenden 
Rückstoßes nicht annehmbar. 
Die Munition der Handfeuerwaffeist die Messing- 
patrone in ihrer handlichen Flaschenform; ihre Teile 
(Tafel II, Fig. 1 u. 2) sind die Messinghülse mit Zünd- 
281 
vorrichtung, die Pulverladung und das Geschoß. Man 
unterscheidet Rand- und Rillenpatronen (Tafel VI, 
Fig. 2 u. 3). Erstere gestatten ein bequemeres Aus- 
ziehen, eine festere Einlagerung in dem Lauf, letztere 
dagegen eine günstige Einlagerung im Paket, Lade- 
treifen usw. Die Pulverladung besteht aus Blättchen-, 
äpfchen-, Faden- oder Körnerpulver im Gewicht von 
2—3,2 g. Der Grundbestandteil ist Schießwolle, ni- 
trierte Baumwolle, deren Beschaffung jetzt in der 
Hriegszet auf unserer Seite ganz besonders erschwert 
ist. Die Bevorzugung der Baumwolle für die Pulver- 
bereitung hat ihren Grund darin, daß sie bei ihrer 
Reinheit für die Unveränderlichkeit, die Stabilität des 
fertigen Produktes, die meiste Garantie gewährt. Jetzt 
in der Kriegszeit ist Ersatz für diesen Paupibestauel- 
teil der Pulverfabrikation in anderen Zelluloseprä- 
paraten gefunden, z. B. Holzzellulose 
u. a., die eine genügende Stabilisierung 
und Beständigkeit des Materials er- 
geben haben. 
Träger der zerstörenden Kraft ist das 
bescho. ein Rundkopf-- oder Spitzgeschoß 
(Tafel II, Fig. 1 u. 2; Textfig. 10). Als 
Material hierzu verwendet man einen 
Hartbleikern. (Legierung von Blei und 
Antimon), umgeben von einem Stahl- 
mantel (Schutz vor Deformation) oder 
reines Kupfer (Frankreich). Anforde- 
rungen, denen die Gewehrmunition ent- 
sprechen soll, sind folgende: 1) Geringes 
Gewicht, 2) geringe Länge, 3) hohe bal- 
listische Leistung. Als Hauptvertreter 
der heutigen Geschoßsysteme seien das 
deutsche Fohaescho und das franzö- 
sische Geschoß mit verjüngtem Geschoß- 
hinterteil — zur besseren überwindun 
des Luftwiderstandes — erwähnt. Einen Vergleich 
zwischen beiden Systemen und dem älteren Rund- 
kopfgeschoß gibt nachfolgende Tabelle: 
Fig. 10. Das 
Spitgeschoß 
Frankreichs, 
7Balle De. 
Rundkopf= Soit= 
— gescheß ( 1 mWm: 
Deutschland 1 Deutschland) Frankreich 
Kallber mn. 7,2 7,0 8,0 
Geschoß- 14,7 10,0 12,5 
Ladungs- Gewicht g 2, as 8,2 2. 
Patronen- 27.6 23,75 27,6 
Geschoßldnge mm. 81.2 28,0 39n 
Querbichte g/qem .. 20,0 20,4 25,# 
Anfangsgeschwindigkeit 
misens 640 900 740 
Mündungsarbeit mg 307 413 356 
Zahl der Patronen auf 
1x8.. . 141 169 145 
Dieüberlegenheit des französischen Systems (günsti- 
gere überwindung des Luftwiderstandes) in der Tress- 
sähigkeit zeigt sich erst auf Entfernungen über 1600 m. 
Wschcsse für Sonderzwecke zum Durchdringen leich- 
ter Panzerungen (Textfig. 11—13), Ballongeschosse 
u. a. sind in verschiedener Fertigung vorhanden, haben 
jedoch wenig Bedeutung erlangt. Lurch die im Jahre 
1868 abgeschlossene Pirsbülrger Deklaration und 
späterhin durch die Haager Abkommen ist die Ver- 
wendung von Geschossen, bei deren Aufbau eine Zer- 
splitterung im getroffenen Körper beabsichtigt ist 
(Dumdungeschosse), z. B. Mantelgeschosse mit Loch, 
eingeschnittenem Mantel, mit freiliegendem Bleikern, 
Teilmantelgeschosse usw., auf seiten einer kriegführen- 
den Macht untersagt. Leider sind auch diese Arten
        <pb n="358" />
        282 
von Geschossen sowie auch solche mit Explosivstoffen 
gefüllt auf gegnerischer Seite vielfach in die Erscheinung 
getreten (ganz besonders aufenglischer und russischer). 
Das anerkannt vollkommenste Gewehr aller krieg- 
führenden Staaten ist das deutsche Infanterie- 
ewehr M98 (Tafell, Fig. Z u. 9). Esisteine Mauser- 
Konstrurtion mit unten geschlossener Mehrladeeinrich- 
tung, bei welcher die Patronen (5) nach Abstreifung 
eines spangenförmigen Ladestreifens in zwei Reihen 
lose nebeneinanderliegen. Der Verschluß ist ein Zy- 
linderdrehverschluß mit Selbstspannung und symme- 
trischer Warzenverriegelung. Zur Vermehrung der 
Sicherheit bei zu hoher Inanspruchnahme des Gewehrs 
ist an der Kammer eine dritte, sogenannte Sicherheits- 
warze angebracht, die auch einen Schutz gegen zurück- 
strömende Gase erzielt. Der Lauf vom 7% mm-Kaliber 
ist mit vier Zügen versehen; zur besseren Oandhabung 
des Gewehrs dient ein Handschutz. Das jur Verwen- 
dung gelangte Visier (Tafel I. Fig. 4) hat seitlich je eine 
kurvenartig gekrümmte Backe (Kurvenvisier) und eine 
Einteilung von 400 bis 2000 m, steigend um je 50 m. 
Die Sicherung der Waffe 
erfolgt in gespanntem Zu- 
stande durch Festlegung der 
Schlagvorrichtung. Der 
Schaft mit Pistolengriff ist 
einteilig. Als Beiwasse 
dient ein Seitengewehr von 
1.— 
dig. 18. 
— 
Fia. 12. 
Fig. 11. 
Fig. 11. Borchardt-Patrone. # Stahldorn, d Bleiumhüllung mit 
Stahlmantel, streist sich beim Auftressen ab. — Fig. 12. Krnka- 
Hebler-"eschoß. G Geichoßlern, M Stahlmantel, L Luftkanal 
mit Stahlfutter R, 8 Spiegel. — Fig. 13. Roths Rillengeschoß 
mit Querschnitt. 
Fig. 11— 13. Sondergeschosse. 
gerader Klinge mit zwei Hohlkehlen und zweischneidi- 
ger Spitze. Der Aufsteckzapfen für das Seitengewehr 
ist an der Wasse unabhängig vom Lauf besestant und 
erhöht hierdurch ihre Tessgenauigtert Das Gewicht 
des Gewehrs beträgt 4,1 kg, mit Stoßwaffe 4,58 kg, 
die Länge ohne Seitengewehr 1,25 m. mit Seiten- 
gewehr 1,„77 m. Für die Güte der Waffe zeugt die 
atsache, daß dem gleichen Typ angehören die Armee- 
gewehre von Mexiko (M.O2), Türkei (M/03), Brasilien 
(M/04), China (M/06), Paraguay (M/O7), von denen 
letzteres dem deutschen Armeegewehr M98 vollkom- 
men gleich ist, während die anderen kleine Abweichun- 
gen in bezug auf den Lauf und die Visiereinrichtung 
aufweisen. Ein weiteres Modell, das sich jedoch nur 
bei den hinter der Front tätigen Formationen be- 
findet, ist das Gewehr M/88, gleichfalls eine Mauser- 
Konstruktion mit einer Mannlicher-Mehrlade-Ein- 
richtung. Der Karabiner entspricht im wesentlichen 
dem Aufbau des Infanteriegewehrs. Infolge seines 
verkürzten Laufes ist seine Anfangsgeschwindigkeit 
geringer (835 misec gegen 900 m'sec). Eine Auf- 
Ppflanzvorrichtung ist gleichfalls vorhanden. 
Das Gewehr M95Osterreich-Ungarns (Tafell, 
Fig. 10) ist ein Mittelschaftsmagazin vom 8 mm- 
Kaliber für fünf Patronen, die in einen Rahmen ein- 
getaden werden. Der Verschluß ist ein Geradezug- 
olbenverschluß mit senkrechter, unmittelbar hinter 
dem Patronenboden in Wirkung tretender Warzen- 
III. Technik und Kriegführung 
verriegelung. Das Gewehr besitzt vier Züge. Das 
Rahmenvisier mit Schieber, dem des deutschen M88 
ähnlich, reicht von 300—2600 Schritt. Der Schaft 
besitzt gleichfalls Pistolengriff. Als Seitengewehr dient 
ein kurzer Dolch mit an der Spitze zweischneidiger 
Klinge, welcher über eine Warze an der linken Seite des 
Oberringes geschoben wird. Im Gegensatz zu einem 
älteren M/90, das einige Abweichungen in bezug auf 
den Verschluß und die Visieranordnung aufweist, ist 
das M95 von verhältnismäßig geringem Gewicht, 
nämlich 3,5 kg gegen 4,46 kg. Das Leiche Gewehr 
mit einem Seitengewehr rumänischen Typs führt die 
bulgarische Armee. 
Das türkische Armeegewehr M/93 (Tafel II, 
Fig. 3) stellte die erstmalige Anwendung des bekann- 
ten neuen Mauser-Mehrladetyps dar. Das 7,65 mm- 
Kaliber gleicht dem spanischen Gewehr sowie auch dem 
deutschen M/98 mit einigen Abweichungen, wie federn- 
dem Schloßhalter, Magazinabsteller, welcher in der 
rechten Seite des Hülsenausschnitts angeordnet ist. Ist 
das Magazin mit fünf Patronen gefüllt, so kann durch 
die Vorwärtsstellung des durch eine Feder gehaltenen 
Abstellers das Magazin außer Tätigkeit gesetzt wer- 
den. Ein neues M.03 zeigt dieselbe Konstruktion wie 
das deutsche M/98. Das Seitengewehr gleicht dem 
deutschen Muster. Die Gesamtlänge der Waffe be- 
trägt ohne bzw. mit Seitengewehr 1.24 bzw. 1,7e m. 
ihr Gewicht ohne Seitengewehr 4.2 kg. 
Die Handfeuerwaffen der Gegner. Zunächst tritt 
Frankreich mit seinem ältesten Gewehr aller Staaten 
in den Vordergrund. Allgemein war man der An- 
sicht, daß Frankreich in den letzten Jahren vor dem 
Kriege zu einer Umbewaffnung seiner Armee schreiten 
würde, doch nahm man davon Abstand angesichts der 
schon damals gespannten politischen Lage; auch war 
die Frage der Einführung eines geeigneten Selbstlade- 
gewehrs noch nicht genügend geklärt. So blieb es bei 
der Bewaffnung mit dem alten Lebel-Gewehr M.86. 
das mit geringen Abänderungen im Jahre 1893 zum 
Gewehr M/86/93 (Tafel II, Fig. 4) gestempelt wurde. 
Für die damalige Zeit war die Wse hervorragend, 
entspricht jedoch den heutigen Anforderungen an ein 
Armeegewehr ganz und gar nicht. Das 8 mm-Kali- 
ber ist ein Mehrlader mit Röhren-oder Vorderschafts- 
magazin, wobei die Patronen (8) einzeln in das unter 
dem Lauf befindliche Magazin geschoben werden. Im 
Eifer des Gefechts ist das Gewehr demnach nur als 
Einzellader zu gebrauchen. Weitere Nachteile sind 
veränderliche Schwerpunktslage der Waffe nach jedem 
Schuß, schwieriges und zeitraubendes Füllen des 
Magazins, mangelhafte Erhaltung der Patronen bei 
längerem Verbleiben im Magazin u. a. Gleichfalls 
wenig vorteilhaft ist die Sicherung der Waffe, die im 
Abspannen besteht und öfters versagt. In Erkenntnis 
der Nachteile eines Röhrenmagazins hat Frankreich 
einen Teil seiner neuen Gewehre im Kriege mit Mittel- 
schaftsmagazinen ausgerüstet, wie sie bereits beim 
Lebel- und Mousqueton-Karabiner (Tafel 1, Fig. 11) 
in Anwendung gebracht sind. Der Lauf des Gewehrs 
ist mit vier Zügen versehen und besitzt Linksdrall. Der 
Verschluß ist ein Kolbendrehverschluß mit zentraler 
Warzenverriegelung. Als Visier dient bis 800 m ein 
Treppen., von 900—2000 bzw. 2400 m ein Nahmen- 
visier mit Schieber. Der Schaft ist zweiteilig. Das 
Stichbajonett ist mit vier Hohlkehlen versehen. Das 
Gewicht der Waffe beträgt 4,2 kg, seine Länge ohne 
bzw. mit Stichbajonett 1,30 bzw. 1,82 m. Der Unter- 
schied zwischen dem Lebel- und dem Mousaueton-
        <pb n="359" />
        Polster: Hand= und Faustfeuerwaffen 283 
Karabiner besteht darin, daß legierer mit einer Auf- 
Pflanzvorrichtung versehen ist. Beide Karabiner ver- 
schießen die übliche Gewehrmunition als Paketlader. 
Das russische Dreiliniengewehr, System Mosfin- 
Nagant M/91 (Tafel II, Fig. 5 u. 6), ist vom 7.69 mm- 
Laufkaliber (7,62 mm = 3 Linien); man unterscheidet 
das Infanteriegewehr sowie das Dragoner= und Ko- 
sakengewehr. Beide weichen voneinander durch un- 
bedeutenden Längenunterschied der Läufe ab, ihre bal- 
listischen Leistungen sind fast dieselben. Der Lauf, mit 
Handschutz versehen, besitzt im Inneren vier scharf- 
kantige Züge. Als Visier gebraucht man ein Treppen- 
Rahmenvisier; es reicht von 400 — 3200 Schritt (zu 
71 cm). Der Zylinderdrehverschluß wird in seinen 
Einzelteilen durch eine Verbindungsleiste zusammen- 
gehalten. Die Sicherung der Waffe erfolgt durch Zu- 
rückziehen und Eintsdrechen des Schlößchens. In der 
Hulse befindet sich eine Vorrichtung, die es verhindert, 
daß bei Hemmungen zwei Patronen Übereinander ge- 
laden werden. Vielfach findet man das russische Ge- 
wehr in Verbindung mit einer Drahtschere (Tafel II, 
Fig. 7), die in zwei Ausfertigungen bekannt ist. An- 
ebracht wird diese Schere kurz vor der Mündung; 
ie wirkt so, daß man den durchzuschneidenden Draht 
in den sichtbaren Ausschnitt legt und an sich heranzieht. 
Das Bajonett ist mittels einer Vorrichtung dauernd 
rechtsseitig am Lauf befestigt. Das Gewicht der Waffe 
beträgt 4.1 kg. ihre Länge ohne bzw. mit Bajonett 
1,0 bzw. 1,13 m. Der Karabiner, gleichfalls M/91, 
ist eiwa 10 cm kürzer als das Duanteriegewehr und 
gleicht sonst demselben fast vollkommen. Seine Visier- 
einteilung reicht von 200 —1400 Schritt. 
England führt für Infanterie und Kavallerie eine 
Einheitswaffe, ein 7,7 mm-Gewehr M/O03 (Tafel II, 
Fig. 8) mit Miteelschaftemagasin 
für zehn Patronen, deren Magazin- 
kasten von unten ansteckbar gebelten 
(Lee. Konstruktion) ist. Der Lauf 
besitzt fünf Züge und Linksdrall. 
Links am Gewehr befindet sich ein 
Schieber, der zum Adbstellen des 
Magazins und zur Verwendung der 
Wasfe als Einzellader dient. Eine 
in diesem Schieber ausgebohrte 
scharfschneidige Offnung ist als 
Schneidevorrichtung (Textfig. 14) 
für Geschosse mit Aluminiumspitz= 
kern vorgesehen, welche die bekannte 
verwerfliche Dumdumwirkung aus- 
lösen. Das Bogenvisier gestattet 
Entsernungseinstellungen von 200 
bis 2000 Yards. Bei mangelhaf- 
ten Schußleistungen oder seitlichem 
Wind kann die Visierkimme seitlich 
verschoben werden. Eine zweite seit- 
liche Visiereinrichtung dient zum 
Unschlag auf weite Entfernungen. 
Der Schaft wird zweiteilig angefertigt und besitzt einen 
Pistolengriff. Das aufpflanzbare Seltenpewehr ist 
zweischneidig. Gewicht der Waffe ist 8,8 kg, ihre Länge 
ohne bzw. mit Seitengewehr 1,12 m bzw. 1,/2 m. 
Das kanadische Gewehr (Tafel VI, Fig. 4 u. 5), 
gleichfalls ein 7,7 mm--Kaliber M'10 mit Pistolenschäf- 
tung, ist ein Paketlader (fünf Patronen) für Mittel- 
schaftsmagazin. Wie beim englischen System ist der 
Magazinkasten abnehmbar. Ganz aus den Formen 
eines Armeevisiers ausfallend ist sein Schraubenvisier 
(Tafel III, Fig. 1) mit überdachtem Korn und einer 
Fig. 14. Vorrich= 
tung am eng- 
lischen Gewehr 
zum Abbrechen 
der Geschobspit#ze. 
a Alumimumspitze 
des Kernes, b Blei- 
kern, e Nickelmantel, 
d Metallriegel mit 
ausgehöhltem An- 
satz um Anbohren 
des Geschoßmantels. 
Einteilung bis 1200m. Das Gewehr hat sich im Kriege 
nicht bewährt; neuerdings ist eine Umbewaffnung der 
kanadischen Armee mit englischen Gewehren im Gange. 
Dem österreichischen Gewehr äußerst ähnlich gehal- 
ten ist das italienische Gewehr M 91 (Tafel III, Fig. 
2 u. 3): Mannlicher-Typ, 6,5 mm-Kaliber mit einem 
Mittelschaftsmagazin für sechs Patronen. In den 
Lauf sind vier He mit sich verstärkendem Rechts- 
drall eingeschnitten. Bemerkenswerte Einzelheiten 
sind ein Zylinderdrehverschluß, ein Quadrantenvisier 
mit einer Einteilung von 600— 2000 m. Bei einer 
Gesamtlänge von 1,28 m ohne Seitengewehr wiegt 
die Waffe 3,8 kg. Der Karabiner M91 ist mit einem 
Seitengewehr ständig verbunden; dieses lagert ge- 
wöhnlich in einer Ausnehmung des Vorderschaftes. 
Das belgische Gewehr M/89 (Tafel III, Fig. 4), 
7, as mm-Kaliber, ähnelt dem deutschen Gewehr M/88. 
Es ist eine deutsche Mauser-Konstruktion. Besonders 
Eut bereits die Streifenladung in die Augen. Die 
atronen im Mittelschaftsmagazin lagern lose über- 
einander. Sonstige Merkmale find ein Zylinderdreh- 
verschluß mit bereits festem Verschlußkopf, zwei Visier- 
einrichtungen, und zwar von 100—400 m ein Trep- 
pen-, von 500—2000 m ein Rahmenvisier. Gewicht 
der Waffe ist 4,0 kg, Gesamtlänge ohne Seitengewehr 
1.27 m, mit Seitengewehr 1,51 m. Dieselbe Gewehr- 
konstruktion haben auch zwei Karabiner, die mit und 
ohne Aufpflanzvorrichtung versehen sind. 
Serbien ist gleichfalls mit einem Mauser-Typ 
ausgerülstet. Es führt ein 7mm-Mittelschaftsmagazin- 
gewehr M99 und 99/07 für fünf Patronen, die durch 
einen abstreifbaren Ladestreifen eingeladen werden. 
(Das greiche Gewehr führt die spanische Armee.) 
In Montenegro ist das bereits behandelte rus- 
sische Gewehr in Anwendung. 
Rumäniens Infanteriebewaffnung besteht aus 
einem 6,5 mm. Mannlicher-Gewehr M/93. Sonst 
bietet die Ausführung der Wasse nichts Neues. 
Auch das portugiesische Gewehr 1I/04 von 
6,5 mm -Kaliber bietet keine besonderen Merkmale. Es 
ist eine Mauser-Konstruktion mit einigen Schloßände- 
rungen, die von dem Hauptmann Vergueiro stammen. 
Japans,s mm-Infanteriewaffe M/97 bildet eine 
usammenstellung von verschiedenen europäischen 
ystemen, insbesondere derer von Mannlicher und 
Mauser. Es ist ein Mittelschaftsmagazin für fünf 
Patronen in Ladestreifen. Nach Abgabe des letzten 
Schusses bleibt das Magazin offen. Ein neueres japa- 
nisches System (Tafel III, Fig. 5 u. 6) führt Üüber 
dem Schloß einen Stauddeckel; alle Teile des Schlosses 
werden ausschließlich durch Federn und Nuten zusam- 
mengehalten, wobei das Schloß nach Herausnahme 
in seine einzelnen Teile zerfällt. Das Seitengewehr 
ist verhältnismäßig lang. Gesamtgewicht der Waffe 
ist ohne Seitengewehr 3,6 kg, Länge ohne bzw. mit 
Seitengewehr 1.29 bzw. 1.66 m. Weitere Einzelheiten 
sowie Fergueche bietet die Tabelle auf S. 284. 
Ob auf Grund der Erfahrungen im Weltkrieg der 
Mehrlader beibehalten wird oder alsdann die Zeit 
gekommen sein wird, ein Selbstladegewehr ein- 
zuführen- muß späterer Entscheidung vorbehalten blei- 
en. Ein Selbstladegewehr ist eine Waffe, bei welcher 
der nach jedem Schuß bisher unliebsam empfundene 
Rückstoß (Mehrladegewehre) in eine Arbeitsleistung 
umgewandelt wird, die das selbsttätige Offnen des 
Verschlusses, Auswerfen der abgeschossenen Patronen- 
ülse, Einführen einer neuen Patrone, Schließen des 
erschlusses und gleichzeitiges Spannen desselben be-
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        mihe 
arbeit 
III. Technik 
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Anzahl 
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und Kriegführung 
werkstelligt, so daß sich die Tätigkeit des Schützen nur auf 
das Sielen und Abdrücken jedes Schusses erstreckt. Der 
Unterschied zwischen Selbstladegewehr und Maschinen- 
gewehr liegt also dann nur noch darin, daß bei ersterem 
jeder Schuß vom Schützen ausgelöst werden muß, wäh- 
rend beim Maschinengewehr eine Reihe von Schüssen frei- 
gegeben wird. Selbstladegewehre sind bisher in allen 
taaten in Versuch gewesen; in Mexiko wurde ein solches 
bereits vor einer Reihe von Jahren eingeführt, auch ist 
es zur Zeit auf allen Kriegsschauplätzen vorzufinden. 
orteile eines Selbstladers sind: Größere Feuerge- 
schwindigkeit; Erträglichkeit eines längeren Schnellfeuers 
durch Wegfall der Ladebewegung; Aufhebung des Rück- 
stoßes; größere Ruhe des Schützen, daher besseres Zielen 
möglich; ein Doppelladen im Eifer des Gefechts ist aus- 
geschlossen; bessere Ausnußung der Deckung (Kopf= und 
Armbewegung); Möglichkeit einer durch Fortfall des 
Rückstoßes vorzunehmenden erhöhten Mündungsarbeit 
(Auftreffenergie) zum Durchschlagen von leichten Panzer- 
deckungen u. a. Nachteile: Nicht so einfacher Mechanis- 
mus, Oemmungen daher häufiger; Möglichkeit einer Mu- 
nitionsverschwendung; blindes Laden wird durch Beg- 
fall des Rückstoßes nicht so leicht bemerkbar; vermehrte 
Herstellungskosten u. a. 
Welche Anforderungen an ein Selbstladegewehr zu 
stellen sind, geht aus den verschiedenen Ausschreibungen 
einzelner Heeresstaaten am deutlichsten hervor, und zwar 
r wie folgt: 
elgien: Kaliber nicht unter 6,5 mm bei mindestens 
gleichen dallistischen Leistungen auf den Hauptgefechts- 
Wnlfernunger wie beim jeyzigen Insanteriegewehr. Ge- 
wicht mit Seitengewehr nicht über 4,5 kg. Magazin für 
mindestens fünf Patronen. Visierstellung bis 2000 w. 
Verwendung als Einzel-, Mehr- und Magazinlader, mög- 
lichst auch Waffe für die Kavallerie. Hand- und auto- 
matische Sicherung. 
England: Kaliber zwischen 6,86 und 7,11 mm. Ge- 
wicht nicht über 4,8 kg. Magazin für mindestens fünf 
Patronen. Randlose Patronenhülse. Verwendung als 
Einzel-, Mehr= und Magazinlader. Sichtbares Zeichen 
bei Magazinleere. Unmöglichkeit des Abfeuerns vor völ- 
liger Verriegelung des Verschlusses. 
Frankreich: Kaliber nicht unter 6,5mm. Gewicht mit 
leerem Magazin und ohne Seitengewehr nicht über 4. kg. 
Magazin für fünf und mehr Patronen. Feuergeschwindig- 
keit mindestens 20 Schuß in der Minute. Schußleistungen 
mindestens die gleichen des jetzigen Armeegewehrs. Ver- 
wendung als Einzel-, Mehr- und Magazinlader. 
Ahnlich sind auch die gestellten Forderungen von Ruß- 
land, den Niederlanden, den Vereinigten Staaten und 
anderen Ländern gehalten. 
Die bisher bekannten Selbstladegewehre lassen sich in 
solgende Gruppen zusammenfassen: 
1) Gasdrucklader mit vorwärtsgleitendem Lauf (Mann- 
licher, Hastron). 
2) Gasdrucklader mit Betätigung des Verschlusses durch 
Einwirkung von Patronenboden oder Zündhütchen 
(Mannlicher, Krnka, Roth). 
8) Hasdrudklader mit aufgesetzter Gaskammer (Colt. 
retz). 
4) Gasdrucklader mit kurz vor der Mündung angebohr- 
tem Lauf (Mannlicher, Ceĩ, Berthier, Mondragon, 
Amerigo de Rigotti u. a.). 
5) Gasdrucklader mit langem Rücklauf von Verschluß 
und Lauf (Mauser, Saurer, Frommer, Kiellmann, 
Madsen u. a.). 
6) Gasdrucklader mit kurzem Rücklauf des Laufes und 
weiterm Alleinrücklauf des Verschlusses (Mauser u. a.).
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        elbstladepistolen). 
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285 
Sämtliche Gewehre sind verriegelt, unverriegelte 
Selbstladeverschlüsse haben sich bei dem vorherrschen- 
den hohen Gasdruck in der Waffe als vollkommen 
unzuverlässig erwiesen und eignen sich zur Zeit nur 
für Faustfeuerwaffen (Mündungsarbeit beim Infan- 
teriegewehr M/98 413 mkg, bei der deutschen Pistole 
M/O8 39 mkg). Die zu 1) bis 3) erwähnten Gasdruck- 
lader sind wenig entwicklungsfähig gewesen. Größere 
Bedeutung dagegen erlangen die übrigen Systeme. 
Selbstladegewehre mit einer Querdurchbohrung 
des Laufes kurz vor der Mündung sind von einfacher 
Konstruktion, wobei die Gasdruckselbstladevorrichtung 
mit geringen Kosten bei der Umänderung jedes Mehr- 
laders zum Gasdrucklader Verwendung finden kann. 
Die Wirkungsweise einer solchen Waffe (Tafel VI, 
Fig.6—Oiist kurz folgende: Durch Eintritt von Treib- 
gan beim Schuß in ein Ansatzrohr A (B) und als- 
dann in eine Kammer D wird der Verschlußhebel F 
herumgeworfen, entriegelt (Warzen G und H) und 
zurückgetrieben. Das Vorgleiten des Verschlusses geht 
durch eine vorher gespannte Vorholfeder N vor sich. 
In dieser Art ist auch das mexikanische Mondragon- 
Gewehr gehalten, das den hierfür geeigneteren Gerad- 
zugverschluß aufweist (Kaliber 7mm, Gewicht 4,12 kg, 
Anzahl der Patronen im Magazin 10, Geschoßgewicht 
11,2 g. Anfangsgeschwindigkeit 710 msec). 
Bei Selbstladegewehren mit langem Rücklauf 
(Tafel IV, Fig. 1—5) gehen Lauf und Verschluß fest 
verbunden und verriegelt bis an das Ende der rück- 
wärtigen Bahn zurück. Hier folgt eine Trennung von 
Lauf und Verschluß, der Lauf gleitet vor, die leere 
Patronenhülse wird herausgeworfen; alsdann schnellt 
der Verschluß vor und schiebt hierbei eine neue Pa- 
trone in den Lauf. Weit größere Bedeutung haben die 
Selbstladegewehre mit verkürztem Rücklauf (Tafel IV. 
Fig. 6; Tafel VI, Fig. 10—13) gefunden. Hierbei 
gleiten Lauf und Verschluß verbunden nur eine kurze 
trecke zurlck (Entriegelun organg „worauf der 
Lauf durch eine gespannte Feder wieder vorgedrückt 
wird, der Verschluß allein weiter zurückgleitet und 
die fernere Schußbereitschaft des Gewehrs herbeiführt. 
Der Vorteil dieses Systems besteht in der verkürzten 
Schloßeinrichtung (Augenabstand), einer schnelleren 
Feuerabgabe infolge der verkürzten Bewegungen u. a. 
Zum Schießen mit LGu tpatronen als Vorbereitung für 
das gefechtsmäßige Schießen werden zur Selbstbetä- 
tigung des Verschlusses Rückstoßverstärker (Tafel VI, 
Fig. 9) zwecks Drosselung der Gase, ähnlich wie beim 
Maschinengewehr, aufgesetzt. Einzelheiten von be- 
kannten Selbstladegewehren ergeben die Abbildungen. 
Kausiseuerwaffen. 
Die einhändig betätigte Handfeuerwaffe, der alte 
„ Fäustlinge, hat in dem jetzigen Kriege eine ghanzbe- 
sondere Bedeutung und Verbreitung gewonnen. Nicht 
nur die Kavallerie ist mit demselben ausgerüstet, son- 
dern auch zahlreiche andere Truppengattungen führen 
ihn zur Nahkampfverteidigung. In ihrer technischen 
Ausführung hat die Selbstladepistole heute den 
alten Trommelrevolver vollkommen verdrängt; letz- 
terer dürfte sich nur bei älteren Jahrgängen, zum Teil 
auch in Japan und einigen kleinen Heeresstaaten, noch 
vorfinden. Anforderungen an eine geeignete Armee- 
Faustfeuerwaffe sind: 1) Einfachheit in ihrer Kon- 
struktion; 2) Übersichtlichkeit über den Ladezustand der 
affe (gespannt, gesichert, Patrone im Lauf. Patronen 
verschossen usw.); 3) ausreichende Treffwirkung, große 
Zerstörungsarbeit und eine gewisse Schußweite.
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        286 
Die alten Armeerevolver mit ihren einfach betätig- 
ten Trommelmagazinen seien hier außer Acht gelassen 
und nur dem neuen Selbstladetyp Aufmerksamkeit 
eschenkt. Man unterscheidet Selbstladepistolen 1) mit 
Heststehendem Lauf und gefedertem unverriegeltem 
Berschluß, 2) mit bew lchen Lauf und verriegeltem 
Verschluß. Der Vers co#tei beierstgenanntem System 
reßt sich allein durch Federkraft gegen die hintere 
läche des Laufes. Die Schwere des Verschlußstückes 
ist gewöhnlich so gehalten, daß das Geschoß den Lauf 
mit Sicherheit verlassen hat, bevor es durch den Druck 
der nach hinten wirkenden Gase die Rückwärtsbewegun 
meßbar angetreten hat. Angestrebt und erreicht (4 
anderseits gleichzeitig, daß die Waffe nicht eher ab- 
gesenert werden kann, bevor die Lasbichte Berbin- 
ung zwischen Verschlußstück und Lauf hergestellt ist. 
Dieser Klasse von Pistolen gehört die Meb ahl an, 
wie Browning, Pieper, Clement, Dreyse, Mauser, 
Walther, Campo-Giro u. a. (Tafel V, Fig. 1—5). 
Die Selbstladepistolen mit beweglichem Lauf und 
verriegeltem Verschluß lassen Lauf und Verschluß zu- 
nächst ein Stück zurückgehen, worauf die Trennung 
und die gleichzeitige Entriegelung erfolgt. Vertreter 
dieser Selbstladepistolen sind die Systeme Mauser 
A/02, Parabellum, Bergmann, Mannlicher u. a. 
(Tafel V, Fig. 6—8; Tafel VI, Fig. 14). 
Die Kriegswaffen sind im Kaliber von 7,65 mm 
an aufwärts gehalten. Als Geschoß verwendet man 
kurze Nickelstahlmanielgeschosse, meistens in der be- 
kannten Browning-Abmessung. Zur Erhöhung der 
Aufhaltekraft werden beim deutschen System MO8 die 
Geschoßspitzen etwas abgeflacht. Trotz Vollmantel, 
wodurch eine Zersplitterung des Geschosses im Kör- 
per kaum denkdar ist, wurde dieses Geschoß von geg- 
nerischer Seite als sogenanntes Dumdumgeschoß an- 
gesehen. Demgegenüber wird durch einen Erlaß des 
Generalquartiermeisters (24. September 1914) be- 
kanntgegeben: »Das abgeplattete Vollmantelgeschoß 
III. Technik und Kriegführung 
der vorschriftsmäßigen Armeepistole ist nicht als 
Dumdumgeschoß anzusehen. 
Von der großen Anzahl der Pistolenarten seien 
hier zwei Modelle aufgeführt, die Browning-Selbst- 
ladepistole und die deutsche Armeepistole M08. 
Die Wirkungsweise der Browning (Tafel V. Fig. 1) 
ist kurz solgende: Durch Druck auf den Abzug a wird 
der Schlagbolzen frei und entzündet die Patrone. Die 
Pulvergase schieben jetzt Verschlußstück b sowie Schlü#- 
ten c, die miteinander verdunden sind. zurück. Hier- 
bei werden Federstange d und Schlagbolzen e gleich- 
falls zurückgenommen. Bei dieser Bewegung wird die 
zugleich als Verschlußfeder dienende Schlagbolzen- 
feder f gespannt. Beim Vorlauf wird nun eine neue 
Patrone in den Laderaum geschoben; die Nase des Ab- 
zugstollens g tritt in die Spannrast, und durch einen 
Hebel wird die Schlagbolzenfeder gespannt gedalten. 
Die deutsche Armeepistole M.O8 (Tafel V, Fig. 7 
u. 8) wirkt folgendermaben Nach Auslösung der 
Pulvergase werden Lauf und Verschluß vollkommen 
verriegelt so weit zurückgetrieben, bis die Gelenkknöpfe 
durch kurvenartig ausgearbeitete Seitenschilde knie- 
elenkartig hochschnellen. Der Lauf geht dann nach 
Enniegelang wieder vor, während das Kniegelenk 
noch weiter zurückschnellt. Das letztere streckt sich als- 
dann, wobei das Neuladen einer Patrone vor sich 
geht und die Waffe wieder schußfertig gemacht wird. 
Vorläuferin dieser dewährten Armeepistole ist die 
Borchardt-Pistole (Tafel VI, Fig. 15). 
Im Interesse einer weiteren günstigen Entwicklung 
der Selbstlade-Faustfeuerwaffe ist der Wunsch einer 
Einheitsmunition für die verschiedenartigen Modelle, 
besonders für Kriegszwecke, von hoher Bedeutung. 
Bemerkenswert ist, daß dieselbe Munition, wie sie von 
der Armeepistole M/O8 verfeuert wird, auch von der 
neuen Walther-Pistole (Tafel V, Fig. 4) benutzt wer- 
den kann. Eine Anzahl kriegsbrauchbarer Selbstlade- 
pistolen verzeichnet die Tabelle auf S. 285. 
Festungen und Jestungskrieg 
von Hauptmann a. D. Oefele in Würzburg 
Der Verlauf der Festungskämpfe im Weltkrieg hat 
in Laienkreisen fast allgemein zu der Ansicht geführt, 
daß durch die unerwartet gesteigerte Zerstörungskraft 
der Artillerie Festungen überflüssig geworden seien 
oder doch zum wenigsten an Bedeutung erheblich ver- 
loren hätten; der schnelle Fall der belgischen, franzö- 
sischen und russischen Festungen bestätige das zur Ge- 
nüge. Vielfach hat man aus diesen Vorkommnissen 
den weiteren Schluß gezogen, daß Festungen nicht 
nur nuyplos, sondern sogar schädlich für die Kriegfüh- 
rung seien. Diese angesichts der Tatsachen wohl be- 
greiflichen Folgerungen sind nicht zutreffend, weil sie 
nur auf den äußeren Erscheinungen und nicht auf 
den inneren Ursachen aufgebaut sind. 
Der Wert einer Festung darf nicht nach dem sicht- 
baren Erfolg oder Mißerfolg beurteilt werden, son- 
dern ist durch den Zweck begründet, dem sie dient. 
Die Aufgaben einer Festung sind nicht unbeschränkt. 
Im Gegenteil. Festungen haben, wie jeder Teil des 
Heereskörpers, ganz bestimmte Aufgaben zu erfüllen, 
die sehr voneinander verschieden sind. Erfüllen sie 
diese Aufgaben, so sind sie nicht wertlos, sondern von 
Nutzen, wenn dies auch nach den äußeren Erscheinun- 
** augenblicklich nicht zutage tritt. Eine Festung 
nn ihre Aufgaben auch nur eine bestimmte Zeit er- 
füllen. Denn jede Festung hat nur eine beschränkte 
Lebensdauer und kann bezwungen werden. Es ist 
dies nur eine Frage der Zeit und der aufgewendeten 
Mittel. Die lberraschend schnelle überwindung durch 
das Feuer der schweren Artillerie berechtigt dahereben- 
sowenig wie die nach langer, zäher Verteidigung durch 
Hunger veranlaßte Kapitulation ohne weiteres zu 
einer verminderten Bewertung der gefallenen Festung. 
Die Festungen müssen aber, wenn sie ihre Aufga- 
ben erfüllen sollen, zweckmäßig gebaut und genügend 
ausgebaut sein sowie richtig verwendet und tatkräftig 
verteidigt werden. Hierzu ist es vor allem notwendig, 
daß die fortifikatorische Verteidigungsstärke einer Fe- 
stung in technischer und taktischer Beziehung den artil- 
leristischen und pioniertechnischen Angriffsmitteln ge- 
wachsen ist, sonst muß allerdings die ungm mehr 
oder minder kurzer Zeit zu Fall kommen. Der Ein- 
fluß der Festungen und ihr Nutzen für die Kriegshand- 
lung hängen jedoch ausschließlich von dem Gebrauch 
ab, den die Führer von ihnen zu machen verstehen. 
Freilich ist es auch hierbei Voraussetzung, daß ihre 
Lage, ihr Bau und ihr innerer Wert die zweckmäßige
        <pb n="363" />
        Oefele: Festungen und Festungskrieg 
Ausnutzung zulassen. Schädlich können Festungen 
aber nur durch ihre falsche Verwendung werden. 
Zur Klärung der Anschauungen sollen im folgenden 
nun vor allem die Bedeutung der Festungen und ihre 
Entwicklung kurz vor Augen geführt werden. Dann 
soll der Festungsbau der Gegenwart erörtert und da- 
bei gestreift werden, welche Folgerungen aus den Er- 
fahrungen des jetzigen Krieges gezogen werden müs- 
sen. Und endlich soll der Kampf um Festungen selbst, 
die Verteidigung und der Angriff, in kurzen Zügen 
behandelt werden. 
Die Bedentung der Festungen. 
Der ursprüngliche Zweck der Festungen war die 
Sicherung des Ortsbesitzes. Militärisch oder politisch 
wichtige Orte mußten durch widerstandsfähige Befesti- 
ungen vor feindlicher Wegnahme geschützt werden. 
ald trat zu dieser Aufgabe auch noch eine operative 
Ausnutzung. Die Verbesserung der Verbindungen, 
die Eisenbahnen, die industrielle Entwicklung und das 
Anwachsen der Heere ließen aber die reine Ortssiche- 
rung mit der Zeit ganz in den Hintergrund treten. 
Heute werden die Festungen nur für operative Zwecke 
ausgenutzt und erlangen erst im Zusammenhang mit 
dem Operationsheere ihre rechte Bedeutung. 
Dabeihaben die Festungen vom strategischen Stand- 
punkt aus sowohl passiven wie aktiven Wert. Die pas- 
sive Wirkung zeigt sich dadurch, daß schon ihr Vorhan- 
densein einschränkend und lähmend auf den Aufmarsch 
und die Bewegungen des Gegners wirkt. Die aktive 
trategische Bedeutung der Festungen liegt darin, daß 
ch die eigenen Heeresoperationen auf g6 stützen. 
Die Rollen, welche die Festungen im Rahmen der 
Operationen zu spielen haben, sind verschieden. Bei Be- 
ginn des Krieges, in der Periode der Mobilmachung 
und des Aufmarsches, dienen die Festungen als Stütz- 
punkte für den Grenzschutz und gestatten infolge ihres 
großen Wirkungsbereiches eine Einschränkung der Zahl 
er Grenzschutztruppen. Dann sollen sie die Mobil- 
machung und den Aufmarsch des eigenen Heeres 
decken und ein überraschendes Vorgehen des Gegners 
verhindern (französische Befestigungslinie an der 
deutschen Grenze, befestigte Narewlinie, Warschauer 
Festungsdreieck). Während der Operationen müssen 
sie den Vormarsch des Gegners aufhalten und ver- 
zögern; dabei besteht ihre Hauptaufgabe darin, mög- 
lichst viele Kräfte des Feindes zu fesseln und dessen 
eigentlichem Operationsheer zu entziehen (Lüttich, 
Namur, Antwerpen, Przemysl, Lemberg usw.). An- 
derseits ermöglichen oft sie allein die Versammlung 
größerer Truppenkörper und deren Vorstoß gegen 
den Feind (Paris, Warschau, Nowogeorgijewst), oder 
sie bilden Flügelstützdunkte und Flankensicherungen 
(Krakau, Bobr= und Narewbefestigungen). Bei der 
ungeheuren Ausdehnung der heutigen Schlachtfron- 
ten ist es möglich, sie unmittelbar in die Schlachtlinie 
selbst zu ziehen (französische Sperrfortslinie): in der 
Mitte gelegen, sind sie gewaltige Stützpunkte (Ver- 
dun, Iwangorod), auf den Flügeln gewähren sie wirk- 
samen Flankenschutz; auch in diesem Fall bieten die 
Festungen die Möglichkeit, Kräfte zu Angriffen grö- 
ßeren Stils oder zu Vorstößen und Gegenstößen be- 
reitzustellen. Beim Rückzug können sie die Verfol- 
gung verzögern oder ganz aufhalten und dadurch dem 
geschlagenen Feind, der sich in ihren Bereich zurück- 
gezogen hat, den erwünschten Schutz vor der Vernich- 
tungbieten (Belfort den Franzosen, Kowno u. Grodno 
der Njemenarmee Rennenkampfs). Einem geschlage- 
287 
nen Heer aber können sie infolge ihrer großen An- 
iehungskraft auch zur direkten Gefahr werden, wenn 
ae die Einschließung und Wegnahme herbeiführen. 
Feldarmee und Festungen sind somit zu gemein- 
samem Handeln berufen. Dabei bietet die Festung 
eine ganz entscheidende Hilfe, wenn die Führung ihre 
reichen Kräfte richtig auszunutzen weiß. Sie kann 
aber auch zu einem verhängnisvollen Hemmnis für 
die Kriegshandlung werden, wenn die Führung ihrem 
Einfluß unterliegt. 
An dieser Bedeutung der Festungen ändert die 
Tatsache nichts, daß eine ganze Anzahl starker Festun- 
en von uns in kurzer Zeit genommen wurde. Sie 
ganteen alle ihre Bedeutung: g waren aber nicht ent- 
sprechend ausgebaut und wurden nicht entsprechend 
verteidigt, so daß sie weder den neuen, allerdings un- 
erwartet zur Anwendung gebrachten Angriffsmitteln 
noch dem kräftig durchgeführten Angriff selbst stand- 
halten konnten. Auch fehlte teilweise der Zusammen- 
hang der Festungen mit der Feldarmee. So waren 
die meisten Festungen und Sperrforts im Westen, die 
ohne Schwertstreich aufgegeben wurden oder nach 
kurzer Belagerung gefallen waren, aus dem Zusam- 
menhang mit der Feldarmee gelöst. Überdies darf 
man auc ihre rasche Wegnahme zum Teil der Heeres- 
psychose zur Last legen. Welche Rolle dagegen eine 
Festung spielen kann, die im engen Anschluß an die 
Feldarmee kämpft, zeigt deutlich Verdun. 
Die Festungen haben also nichts von ihrer Bedeu- 
tung verloren und werden auch weiter als wichtiges 
operatives Glied dieselben Rollen spielen. die ihnen 
bisher zugewiesen waren und noch sind. Die Lehre, 
die aus den Erfahrungen des Krieges gezogen werden 
muß. ist jedoch die, daß man die Befestigungen nicht 
veralten lassen darf. Da die derzeitigen Befestigun- 
en den neuen Angriffsmitteln nicht mehr erfolgreich 
iderstand zu leisten imstande sind, wird es wohl not- 
wendig werden, die Formen des Festungsbaues einer 
einschneidenden Anderung zu unterziehen. Dann 
werden die Festungen auch in Zukunft in der Hand 
eines Feldherrn, der sie anzuwenden versteht, immer 
ein Mittel zum Zwecke, zum Siege, bilden. 
Die Entwicklung der Festungen. 
In dem unaufhörlichen Kampf zwischen Angriff 
und Verteidigung hat jede Verbesserung der Angriffs- 
mittel immer wieder eine Steigerung der Deckungs- 
mittel hervorgebracht. Und wenn es dann der Tech- 
nik nach langem Bemühen gelungen war, einen ent- 
sprechenden Schutz hervorzubringen, so setzte der An- 
griff wieder neue Mittel ein, um diese Deckungen zu 
zerstören. So hatte bald der Angriff, bald die Ver- 
teidigung die Überlegenheit. Noch niemals aber ist es 
einer dieser Kampfarten gelungen, ihr übergewicht 
auf die Dauer zu behaupten. Das zeigt deutlich die 
Entwicklung der Festungen. 
Vor Einführung der Feuerwaffen, die ganze Zeit des 
Altertums und Mittelalters hindurch, bestand die Be- 
festigung eines Ortes aus hohen, starken Stein- und 
Ziegelmauern, die den Platz als Hindernis und zu- 
gleich als Kampfstellung umgaben. Vorliegende Grä- 
en verhinderten oder erschwerten die Benutzung von 
Mauerbrechern und Angriffstürmen. Diese einfachen 
Befestigungen verschwanden, als die Geschütze erfun- 
den wurden und eine immer größere Wirkung erhielten. 
Gleich mit der Einführung der ersten Pulvergeschütze 
mußte die bisherige Mauerbefestigung umgestaltet und 
verstärkt werden. Später wurde dann die Mauer
        <pb n="364" />
        288 
durch einen widerstandsfähigen Erdwall ersetzt und 
die Glacis Geldbrustweh mit gedecktem Weg jen- 
seits des gut flankierten Grabens angelegt. 
Die Einführung der gezogenen Geschütze um das 
Jahr 1860 und die nebenher gehende Ausbildung des 
Wurffeuers aus schweren gezogenen Mörsern brach- 
ten mit den größeren Schußweiten und der besseren 
Treffsicherheit auch erhöhte Wirkung gegen das bisher 
übliche Mauerwerk. Diese Neuerungen in der Waffen- 
technik hatten zunächst zur Schaffung der Gürtel- 
III. Technik und Kriegführung 
Elr- der Brisanzgeschosse, die weitere Ausbildung 
es schweren Mörserfeuers, das Auftreten der schwe- 
ren Artillerie des Feldheeres und die Ensebahate 
Massenverwendung der Angriffsartillerie die Wirumg 
der mittleren und schweren Artillerie gegen alle 
Festungsziele derart gesteigert worden, daß die Wider- 
stands 
ü # 
keit der Festungsbauten nur durch weit- 
ebrauch von Beton und Panzer gewährlei- 
tet werden konnte und daß ferner durch 
prechende 
nordnung und Gruppierung der einzelnen Bauten 
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r. *07½ rerchrges zungsheere 2 1 r—. 5 
————59 4%%„ M ·##-m 
Fig. 1. Die Festung Antwerpen. 
befestigung geführt, deren einzelne Werke den Cha- 
rakter kleiner Festungen besaßen und von Gräben mit 
inneren Grabenstreichen umgeben waren freiliegen- 
des, dem Angriffsfelde zugewendetes Mauerwerk war 
dabei möglichst vermieden oder wenigstens eingedeckt. 
Nach weiteren Fortschritten auf dem Gebiete des Waf- 
fenwesens hat man dann Anfang der 1880er Jahre in 
Deutschland und Frankreich damit begonnen, die Zwi- 
schenräume der Forts durch Anlage von Anschluß- 
und Zwischenbatterien, von bombensicheren Unter- 
kunfts= und Munitionsräumen sowie durch Einschie- 
ben von kleinen Nahkampfstützpunkten auszubauen 
und dabei da und dort in einzelnen Werken Panzer- 
kasematien und türme für die Artillerie einzubauen. 
Gegen Ende der 1880er Jahre war durch die Ein- 
neue Formen im Festungsbau geschaffen werden 
mußten. Dabei waren zwei voneinander verschiedene 
Wege eingeschlagen worden. Bei dem einen System 
wurde die bisherige Ausstattung der Fortsgürtellinie 
mit Einheitswerken, d. h. mit Werken, die gleichzeitig 
für den Artillerie-Fernkampf wie für die Infanterie- 
Nahverteidigung angelegt sind, beibehalten und diese 
Werke durch Panzerung widerstandsfähig auspebann. 
Solche Panzereinheitsforts hatten z. B. die belgischen 
Magassestungen Lüttich und Namur, und sie sind in 
OÖsterreich= Ungarn, Frankreich , Italien und in der 
Schweiz bei den Gebirgs- und Serrbeestigungen in 
den Alpen sowie in der niederländischen Landesbe- 
festigung angewendet. Bei dem andern System wurde 
die durch den Ausbau der Fortszwischenräume bereits
        <pb n="365" />
        Oefele: Festungen und Festungskrieg 
angebahnte, gänzliche Trennung der Fern= und Nah- 
verteidigung durch Anlage von Balterien und In- 
fanterie- Nahkampfstützpunkten durchgeführt. Diese 
Umwandlung konnte aber der großen Kosten wegen 
nur allmählich erfolgen. Deshalb hatten Deutschland, 
Österreich-Ungarn, Frankreich, Rußland und Italien 
unächst die vorhandenen Bauten ohne wesentliche 
ränderung der Formen nur verstärkt und waren 
erst bei Neuanlagen zum neuen System Üübergegangen. 
Dasistder Grund, warum in dem Festungssystem aller 
Länder bei Beginn des Krieges neben der Panzer- 
befestigung auch noch ältere Anlagen vorhanden waren. 
Deutschland hat sich grundsänlich der zerstreuten Be- 
festigung, den sogenannten Befestigungsgruppen, zuge- 
wendet und daber die Panzerung, abgesehen von weni- 
gen Ausnahmen, nur in Batterien angewendet. Oster- 
reich und Frankreich haben das gleiche System ange- 
nommen, gleichzeitig aber in den Werken die Fern- und 
Nahkampfpanzervermehrt, Frankreich besonders in den 
Sperrforts. Nur Rußland hat noch lange die Einheits- 
forts beibehalten und jegliche Panzerung abgelehnt; 
erst der ostasiatische Krieg veranlaßte auch hier Neue- 
rungen, doch ließ die Kürze der Zeit bis zum Ausbruch 
des gegenwärtigen Krieges keine praktischen Folgen zu. 
Die gewaltigen Fortschritte der Waffentechnik, die 
zu der unerwarteten Vervollkommnung der schweren 
Geschütze auf deutscher Seite und zu Urer ungeahnt 
wirkungsvollen Verwendung gleich zu Beginn des 
Krieges führten, haben dem Angriff im Festungskrieg 
wieder das Übergewicht verliehen. In dem Kampf zwi- 
schen Artillerie und Fortifikation ist diese zur Zeit unter- 
legen, denn selbst die derzeitigen Panzerbauten ver- 
mögen der deutschen schweren Artillerie nicht mehr Wi- 
derstand zu leisten. Deshalb geht das weitere Bestreben 
im Festungsbau dahin, neue Mittel und Wege zu 
sinden, um auch den neuesten Geschützen und “* 
schossen mit Erfolg begegnen zu können. Wie dieses 
Ziel zu erreichen ist, wird die Zukunft lehren. Es ist 
aber nicht zu bezweifeln, daß die Kriegsstechmir die die 
Waffe geschmiedel hat, unter allen Umständen auch 
wieder die Schutzmittel dagegen schaffen wird, denn 
in dem dauernden Wettkampf zwischen Waffe und 
Deckung überholt immer wieder eins das andere, und 
für die Lechnik gibt es kein ghatr Freilich, soviel steht 
fest. die Stärke der neuen Befestigungen liegt nicht 
nur in ihrer passiven Widerstandskraft, sondern vor 
allem in ihrer taltischen Veranlagung. Bei ihrer An- 
lage und Durchführung muß dccher sekortvorständlich 
mit manchen alten überlieferungen gebrochen werden. 
An Stelle der Festungen werden fortinkatorisch vor- 
bereitete Kampffelder und Kampfräume treten, in 
denen je nach Geländebeschaffenheit und Zweck sich ge- 
genseitig kräftig unterstützende Einzelbefestigungen 
nach rein taktischen Gesichtspunkten angeordnet sind. 
Die Befestigungsbauten. 
Die Befestigungsanlagen einer Festung der Gegen- 
wart bestehen aus den vorgeschobenen Werken und 
den Zwischenfeldbefestigungen (Textfig. 1). 
Die Befestigungswerke sind bei den Festungen, 
bei denen die räumliche Trennung der Artillerie von 
der Infanterie durchgeführt ist, entweder als Batterien 
oder als Nahkampfstützpunkte gebaut, je nachdem sie 
entweder nur der artilleristischen Fernwirkung oder 
nur dem infanteristischen Nahkampf dienen. W— den 
Festungen mit Einheitswerken und bei den Sperr- 
befestigungen sind die Werke sowohl für die Fern. wie 
auch für die Nahverteidigung eingerichtet. 
Der Krieg 1914/17. 14. 
289 
Größe, Form und Bauart dieser Werke sind sehr 
verschieden und richten sich ausschließlich nach dem 
Zweck. Sie sind so flach und unsichtbar ins Gelände 
gelegt, daß sie darin möglichst verschwinden, die eigenen 
Kampfmittel aber doch zur Wirkung kommen lassen. 
Die größtmögliche Widerstandsfähigleit gegen die 
feindliche Feuerwirkung ist durch ausgiebige Verwen- 
dung von Eisenbeton und Panzer sowie durch zweck- 
mäßige Vereinigung dieser beiden Baustoffe, die wei- 
testgehende Sicherheit gegen den Sturm, die sogenannte 
Sturmfreiheit, durch entsprechende Hindernisse erreicht. 
Die Panzerung dient zum Schutz der Geschütze 
und der Beobachtungsstellen. Die weittragenden 
Flachbahngeschütze befinden sich meist einzeln oder zu 
zweit in Panzertürmen. Diese sind in einen mit Be- 
ton ausgemauerten Schacht eingebaut, dessen Deckel 
die flach gewölbte Panzerkuppel budet. Gefeuert wird 
aus Scharten am unteren Rand der Kuppel (Textfig. 
2 u. 3). Die Panzertürme sind entweder dreh- oder 
Krbbar, teilweise sogar dreh- und hebbar eingerichtet. 
ei den drehbaren Türmen (Textfig. 2) steht die Pan- 
zerkuppel als Dach eines aus Schmiedeeisen gebauten 
Fig. A. Hebbarer Panzerturm. 
Gehäuses auf einer meist elektrisch betriebenen Dreh- 
scheibe, oder sie gleicht dem Hut eines Pilzes und dreht 
sich auf einer sog. Pivotsäule (vgl. Textfig. 5). Die 
hebbaren Türme (Textfig. 3) werden durch eine ein- 
fache, gleichfalls elektrisch betätigte Hebeleinrichtung 
zur Feuerabgabe gehoben und dann wieder versenkt. 
Es gibt aber auch feststehende Panzerstände, bei denen 
der Panzer in die Bekondecke oder -wand des Kampf- 
raumes eingemauert ist. Die Nahverteidigungs- 
geschütze sind in ähnlichen, nur kleineren Panzerhohl- 
räumen untergebracht. Sieilseuergeschügesstehen nicht 
unter Panzer, sondern sind tief und verdeckt in dem 
ausbetonierten Schacht ausgestellt. Die gepanzerten 
Beobachtungsständ= sind ebenfalls entweder 8 ein- 
gemauerte Betonkasematten mit gepanzerter Vorder- 
wand und Decke oder fest vermauerte Panzertürm- 
19
        <pb n="366" />
        290 
chen, oder sie sind als drehbare Panzertürmchen ein- 
gerichtet und ähnlich konstruiert wie die Türme für 
die leichten Schnellfeuerkanonen (val. Textfig. 4). 
Die zur Beleuchtung des Vorgeländes notwendigen 
Scheinwerfer sind in hebbare Panzertürmnchen ein- 
gebaut, die mit einer entsprechenden Offnung für 
den Scheinwerfer versehen sind. 
Die Sturmfreiheit wird bei Gebirgsbefestigungen 
durch die Ausnutzung natürlicher Hindernisse, wie 
steiler pänge. und Felswände, begünstigt, im übrigen 
durch flankierte, in Fels gearbeitete Gräben erreicht. 
Bei den anderen ständigen Befestigungsanlagen han- 
delt es sich fast ausschließlich um künstlich angelegte 
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III. Technik und Kriegführung 
mit ihren Geschützmündungen etwas über den ge- 
wachsenen Boden erheben. Die Batterie ist mit einem 
starken Drahthindernis umgeben und unter Umstän= 
den durch eine Infanteriekampfstellung zur Seldbst- 
verteidigung befähigt. Diese Panzerbatterien, im Ge- 
lände verdeckt angelegt und der Sicht des Gegners 
gänzlich entzogen, bucken das Rückgrat der einzelnen 
Befestigungsgruppen. Lahl und Geschützkaliber rich 
ten sich ganz nach den Verbältnissen. 
Außer diesen Panzerdatterien gehören zu einer 
solchen Befestigungsgruppe noch die Nahkampf- 
stützpunkte, die ausschließlich für den Infanteriekampf 
eingerichtet sind. Sie haben neben den notwendigen 
gepanzerten Beobachtungs= und Wachtürmen sowie 
Scheinwerfern nur Panzer für die Sturmabwehr- 
Helchüte und maschinengewehre. Im Innern der 
efestigungsgruppe befinden sich unterirdische, bom- 
bensichere Kasernements für die Besatzung, Muni- 
tions= und Vorratsräume. Unterirdische, bomben- 
sichere Günge verbinden die einzelnen Anlagen. Die 
ganze Gruppe ist außerdem noch mit einem gemem- 
samen Graben und Hindernis umgeben, hinter dem 
sich Infanteriestellungen mit einzelnen Infanteric- 
stützpunkten befinden. Häufig liegt auch im Inneren 
der Anlage ein größeres Infanteriewerk als letzter 
Rückhalt für die Nahverteidigung. 
Einheitswerke, die alle Elemente der 
Fern= und Nahverteidigung in einem geschlos. 
9 senen Werk vereinigen, haben Panzer sowohl 
für die Fernkampfgeschütze als auch für die 
lleichten Nahlampfschnellfeuerkanonen und die 
Maschinengewehre sowie gepanzerte Beobach- 
— 
k 
s. 
.[nr * 
Fig. 4. Fort von Lüttich in Grundriß (A) und Durchschnitt (P). 
a Hebbarer Panzer für schwere Geschüte (Kampsgeschütze), d Panzer für Nahverteldigungsgeschütze, o Panzerbeobachtungsstände, 
4 äußere Spigrabenwehr, e Kehlgrabenwehr, t Kehlkaserne, Raum für Artilleriebedeckung und Munition, h Drahthiudernts 
im Hauptgraben, eiserne Gitter im Hauptgraben, k Drahthindernis auf dem Glacis. 
Hindernisse. Alle Werke sind von einem tiefen, auf der 
seindwärts gelegenen Seite meist mit Mauerwerk be- 
kleideten Hauptgraben umgeben, dessen Längsbestrei- 
chung aus besonders hierfür angelegten Räumen, 
den Grabenstreichen oder Grabenwehren, erfolgt. Auf 
der Grabensohle und an den Grabenböschungen sind 
Drahthindernisse und Gitter angebracht, die das Über- 
winden des Grabens erschweren. Verschiedentlich kann 
auch der Graben unter Wasser gesetzt werden. Jenseits 
dieses Hauptgrabens schließt sich meist ein mit gedeck- 
tem Weg versehenes Glacis an, auf dem wiederum 
frontal bestrichene Drahthindernisse in einem oder 
mehreren Streifen angelegt sind. So kann ein Werk 
also mit mehreren, gut verdeckten Hindernisringen 
umgeben sein (vgl. auch hierzu Textfig. 4). 
In den Panzerbatterien sind im allgemeinen 
vier bis sechs Geschütze zusammengefaßt. Die Ge- 
schütze stehen unter Panzer, und zwar meist in Panzer- 
türmen; die Beobachtungsstellen sind ebenfalls ge- 
panzert. Eine solche Batterie ist ein vollkommen selb- 
ständiges Werk, das nicht nur die Geschütze und die 
Munition, sondern auch die Unterkunftsräume für die 
Bedienung, Lazarettstube, Küche usw. enthält. Sie 
stellt einen großen Betonklotz dar, der tief in den Bo- 
den versenkt ist, so daß sich nur die Panzerkuppeln 
tungs- und Beleuchtungsanlagen. Die Infanierie 
feuert hinter einem Wall hervor, unter dem eine Be- 
tongalerie als Aufenthallsort für die in Bereitschaft 
gehaltene Infanterie eingerichtet ist; meist ist auch 
noch die Infanteriestellung selbst mit Beton über 
wölbt. Im Inneren des Werkes befinden sich bomben- 
sichere Hohlräume für die Besatzung, Munition usw. 
Das ganze Werk ist von einem tiefen, gut bestrichenen 
Graben mit Betonmauer und starken Gittern sowie 
von weiteren Hindernissen umgeben (Textfig. 4). 
Sperrforts, gleichfalls Einheitswerke, sind je 
nach ihrer Aufgabe von verschiedener Größe und von 
verschiedenem Grundriß. Oft kaum dem Auge sicht- 
bar, heben sie sich wie gepanzerte Maulwurfshügel 
vom Erdboden ab (Textfig. 5). Aus einem massiven 
Betonunterbau, der von einem starken, mit Draht- 
hindernissen geschützten Außenwall umgeben ist. ragen 
die Panzerkuppeln hervor. Im Innern des Baucs 
befinden sich die Unterkunftsräume für die Besatzung. 
die je nach der Größe des Forts 300— 600 Mann 
stark ist, sowie die Munitionsräume, Geschoßaufzüge 
und die Maschinerie für die Panzertürme. Der Beton. 
bau ist auch hier vom Außenwall durch einen tief 
eingeschnittenen und von Mauerwerk bekleideten Gra- 
ben getrennt, der aus den Scharten der Grabenwehr
        <pb n="367" />
        Oefele: Festungen und Festungskrieg 
durch Maschinen= und Kleingewehrfeuer bestrichen 
werden kann. 
Die Zwischenfeldbefestigungen sind geschickt 
angelegte und gut ausgebaute, mit Hindernissen ver- 
sehene Infanteseestellungen im Gelände zwischen den 
Befestigungsgruppen und Werken. Diese Zwischen- 
stellungen ind notwendig, weil die Hauptmasse der 
Verleidigungstruppen nicht in den räumlich be- 
schränkten Werken, sondern dazwischen, davor und da- 
hinter verwendet werden muß. Aber nicht bei allen 
Festungen sind die Vorwerke durch Zwischenfeldbe- 
festigungen gestützt, sondern es ist dann der Schwer- 
nunfte der Verteidigung in die Forts selbst gelegt. 
Hier braucht der Mnreh seine Kampfmittel nur zur 
Bekämpfung der Forts einzusetzen und kann die Ver- 
teidigungslinie leichter durchbrechen. Die Erfahrung 
eigt auch, daß der Hauptkampf nicht in der Linie der 
erke mit ihren genau festgelegten Zielen, sondern 
in der Zwischenstellung statifindet. 
Diese Zwischenfeldbefestigungen sind zunächst im 
Frieden hergestellte, bombensichere Beton-Infanterie- 
unterstände, Munitionsmagazine, Beobachtungs- 
stände, unter Umständen auch Batteriebauten, die 
das im Frieden schon vorbereitete Gerippe der 
Zwischenstellung bilden. Sie sind an solchen beion- 
ders wichtigen Punkten erbaut, die für Infanterie- 
stützunkte und Zwischenbatterien ausersehen sind. 
Die Infanteriestellungen selbst sind erst bei der Ar- 
mierung der Festung, d. h. bei ihrer überführung 
vom Friedens= in den Kriegszustand, nach der Be- 
schaffenheit des Geländes und den Verhältnissen an- 
gelegt, ausgehoben und ausgebaut. Auch neue Zwi- 
schenbakterien sind entstanden. die zwar keinen Panzer- 
schutz haben, aber durch geschickte Lage dem Gegner 
möglichst lange verborgen bleiben. 
Die sämtlichen Befestigungsanlagen sind unter- 
einander und nach rückwärts durch ein ausgedehntes 
Straßen= und Eisenbahnnetz verbunden, das für die 
Armierung der Festung und für Truppenverschiebun- 
gen von weitestgehender Bedeutung ist. Besondere 
Sorgfalt ist auch dem Nachrichten- und Beobachtungs- 
dienst zugewendet. Ein weitverzweigles Fernsprech- 
netz verbindet alle Teile der Festung miteinander und 
mit den vorgesetzten Stellen. Funkentelegraphische 
und optische Stationen, Brieftaubenstationen, Luft- 
schiffer= und Fliegerabteilungen sowie Beobachtungs-. 
warten dienen der Beobachtung und dem Verkehr. 
Auch bei den Befestigungsanlagen der Zukunft 
tönnen wir die ständigen Bauten nicht entbehren. 
Der Schützengraben kann die ständigen Befestigungen 
recht wohl ergänzen. wenn die Zeit es fordert; ersetzen 
kann er sie aber nie, denn Feldstellungen erfordern 
zu viel Verteidigungskräfte. Die Befestigungen haben 
aber künftig den gleichen Zweck wie jetzt, durch Um- 
gestaltung des Geländes dem Verteidiger ein der- 
artiges Übergewicht über den Angreifer zu verleihen. 
daß der erstere befähigt ist, einem zahlenmäßig weit 
überlegenen Gegner gegenüberzutreten. Dabei müssen 
die Befestigungen durch ihre passive Stärke lleinsten 
Truppenkörpern ermöglichen, großen Kräften erfolg- 
reich Widerstand zu leisten und so die Fekdarmee zu 
unterstügen. Dies ist aber nur zu erreichen. wenn 
Taktik und Technik in großzügiger Friedensarbeit zu- 
sammenwirken, also nur durch ständige Befestigungen, 
die im Frieden schon nach taktischen Gesichtspunkten 
in weitblickender Weise angelegt und in technischer 
Hinsicht in gediegener Arbeit im Frieden auch aus- 
geführt sind. Nach den neuesten Kriegserfahrungen 
291 
ist man jetzt tatsächlich auch imstande, ständige Be- 
festigungen entstehen zu lassen, die selbst noch kräftigere 
Angriffsmittel als die heute gelannten nicht zuscheuen 
brauchen. 
Der Kampf um Festungen. 
Verteidigung. Da die Festungen aus geld- 
lichen Gründen und aus Rücksichten auf die Bevölke- 
rung nicht schon im Frieden in kriegsfertigem Zustand 
gehalten werden bnnen, erfolgt ihre überführung 
vom Friedens= auf den Kriegsstand erst bei der Mobil- 
machung. Diese Armierung erfordert um so mehr 
Arbeit, je weniger die Festung im Frieden ausgebaut 
ist. Bei der Armierung entwickelt sich in der Festung 
eine gewaltige Arbeitstätigkeit, die unter Leitung des 
Festungsgouverneurs von den hierzu bestimmten Ar- 
mierungstruppen ausgeführt wird. 
Da wird vor allem das Zwischengelände ausge- 
baut sowie das Vorgelände vor den Werken und 
Zwischenstellungen freigem#acht und als Schußfeld für 
das in Betracht kommende Artillerie= und Infanterie 
feuer eingerichtet. Die Berkehrswege und mittel wer- 
den ausgebaut und erweitert, hauptsächlich durch An- 
Fig. S. Sperrkort mit drehbaren Panzertürmen auf 
Pivotfssule. 
lage von eigenen Gürtel- und Radialbahnen und von 
neuen Ver indungswegen- Die Einrichtungen des 
Nachrichten= und Beobachtungsdienstes, die schon int 
Frieden eingehend vorbereitet sind, werden sorgfältig 
ergänzt und vervollständige. Dazu kommt noch die 
ökonomische und sanitäre Armierung, welche die Ord- 
nung der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Ver- 
Pältnisse, die Vervollständigung der ökonomischen und 
sanitären Einrichtungen, die Vorsorge für die Zivil- 
bevölkerung, die Regelung des Polizei= und Feuer- 
löschwesens usw. betrifft. 
Dann müssen die Geschütze der sogenannten ersten 
Geschützaufstellung an ihre Plätze gebracht werden, 
von denen sich nur die unter Panzer stehenden im 
Frieden bereits an Ort und Stelle befinden. Nur 
dieser Teil der verfügbaren Geschütze wird schon bei 
der Armierung aufgestellt. Der andere Teil wird als 
sogenannte Geschützreserve zunächst zurückbehalten 
und erst eingesetzt, wenn die Angriffsrichtung des 
Feindes mit Sicherheit erkannt ist. 
Endlich, aber nicht in letzter Linie, umfaßt die Ar- 
mierung die Verwendung und Verteilung der Kriegs 
besatzung. Von dieseristein Teil, nämlich die aus allen 
Waffen zusammengesetzte Hauptreserve, dazubestimmt. 
die ganze Verteidigung durch größere Unternehmun- 
gen und Ausfälle gegen den Feind offensiv zu führen. 
Ler andere Teil wird als Woschnittsbesahungverwen- 
det und dient in den verschiedenen Festungsabschnitten 
zur Besetzung der Verteidigungsanlagen, zur Bedie- 
nung der Kampfmittel und zum Vorpostendienst; auch 
innerhalb jeder Abschnitisbesatzung ist eine ebenfalls 
aus allen Truppengattungen bestehende Abschnitts- 
19°
        <pb n="368" />
        292 
reserve ausgeschieden, so daß auch hier eine Truppe 
zu einer aktiven, mit angriffsweisem Verfahren ge- 
paarten Verteidigung zur Verfügung steht. 
Nach einer bestimmten, im Frieden planmäßig vor- 
eschriebenen Zeit ist die Armierung beendet und die 
gestung bereit, dem feindlichen Angriff zu widerstehen. 
Erfolgt nun der Angriff, so entwickelt sich zunächst 
der Artilleriekampf, zu dem jeder der beiden Gegner 
eine überlegene Zahl an Geschützen in Tätigkeit zu 
bringen sucht. Jetzt setzt der Verteidiger seine Ge- 
schützreserve ein. Je eher diese in Tätigkeit kommen 
kann, desto eher kann die feindliche Angriffsartillerie 
niedergekämpft werden. Deshalb ist die Geschütz- 
reserve beweglich, damit sie rechtzeitig und möglichst 
rasch herangeführt werden kann. Hierbei kommen die 
Armierungseisenbahnen zur Geltung und wird auch 
der mechanische Zug durch Kraftwagen verwendet. 
Die Hauptreserve versucht durch größere Unterneh- 
mungen gegen den Feind weit außerhalb des eigent- 
lichen Festungsbereiches den Angreifer daran zu hin- 
dern, seine Artillerie in Stellung zu bringen. 
Während des Geschützkampfes arbeitet sich die In- 
fanterie des Angreifers zum Nahangriff heran. Dieses 
Vorgeien, das von dem Ausgang des Feuerkampfes 
der Artillerie abhängt, verhindert der Verteidiger zu- 
nächst durch Artilleriefeuer und Gegenstöße= st der 
Angreifer zu einem langwierigen ngeiffsverfahren. 
und zum Minenangriff unter der Erde geswun en, 
so muß auch der Verteidiger zur Minenarbeit greifen, 
um durch Gegenminen und Sprengungen das unter- 
irdische Vorgehen des Gegners unmöglich zu machen. 
Angriff. Der Angriff auf eine Festung erfolgt 
nicht gleichzeitig von allen Seiten; dazu reichen die 
Mittel des Angreifers nicht aus. Dieser greit viel- 
mehr nur den Abschnitt der Festung an, dessen Be- 
rennung ihm nach den Verhältnissen und der Lage 
die meiste Aussicht auf Erfolg verspricht. Gegen die- 
sen Abschnitt werden die Hauptkräfte der verfügbaren 
Kampfmittel eingesetzt, während die anderen Fron- 
ten nur beschäftigt werden. 
Der Angreifer trachtet von Anfang an, möglichst 
rasch und möglichst nahe an die Verteidigungslinie 
der Festung heranzukommen und seine Angriffsartil- 
lerie in Stellung zu bringen. Das führt zunächst zu 
Kämpfen im weiteren Vorfelde der Festung, durch 
die der Verteidiger auf seine eigentliche Verteidigungs- 
linie zurückgedrängt werden muß. Das Heranbringen 
und Instellunggehen der Angriffsartillerie Gent in- 
folge der vervollkommneten Beweglichkeit der Geschütze 
wesentlich rascher vor sich als früher. Selbst die schwer- 
sten, für den Festungskrieg nötigen Geschütze sind jetzt 
ständig beim Feldheer vorhanden und werden durch 
Kraftzug fortbewegt. Radgürtel ermöglichen das Fah- 
ren außerhalb der gebahnten Wege und das Schießen 
auf weichem Boden ohne vorbereitete Bettung. 
Durch die Angriffsartillerie, die aus schweren und 
schwersten Steilfeuergeschützen zur Wirkung gegen 
die widerstandsfähigen Ziele und aus weittragenden 
III. Technik und Kriegführung 
Flachbahngeschützen zur Bekämpfung der beweglichen 
Artillerie des Verteidigers besteht, müssen zunächst 
die Werke und Panzerbatterien des Verteidigers zum 
Schweigen gebracht und zerstört werden, so daß deren 
Besatzung keinen Widerstand mehr leisten kann; dann 
wird die Beschießung auf die Zwischenstellungen über- 
pelenkt und die ganze Angriffsfront mit Feuer zuge- 
eckt. Die deutsche schwere Artillerie hat gezeigt, daß 
sie vermöge der gesteigerten Wirkungsfähsceln ihrer 
Geschütze und Geschosse die Widerstandsfähigkeit voll- 
wertiger Befestigungsanlagen zu brechen und selbst 
Werke bester ständiger Bauart aus der Ferne zu zer- 
stören und sturmreif zu machen vermag. 
Während dieses Artilleriefernkampfes muß die In- 
fanterie des Angreifers an den Gegner herankommen. 
Bei der vernichtenden Wirkung der Angriffsartillerie 
kann die vorstürmende Infanterie unter günstigen 
Verhältnissen überraschend schnell vorwärts kommen 
und sich ohne schwere Verluste der gegnerischen Stel- 
lung bemächtigen. Vielfach wird aber doch ein Vor- 
geben von Stellung zu Stellung notwendig sein. Da- 
äist es vielleicht Aze nochmöglich, die neue Stel- 
lung in einem Zuge und mit gleichzeitig vorgehenden 
Schützenlinien zu erreichen. Später aber wird ein 
allmähliches Heranarbeiten an den Feind auf Sturm- 
entfernung, entweder sprungweise mit kleineren Ab- 
teilungen oder schrittweise durch Bortreiben von Lauf- 
gräben in der Erde oder schließlich mit Gängen unter 
er Erde und Aussprengen von Deckungen durch Mi- 
nen, nötig sein. Dieses ganze Vorwärtsarbeiten der 
Infanterie wird durch Feuer von Artillerie, Maschi- 
nengewehren und benachbarter Infanterie wirksam 
unterstützt. Feindliche Einwirkungen auf diese An- 
griffsarbeiten, wie Feuer, Ausfälle usw., müssen durch 
überlegenes Feuer niedergehalten werden. 
Vor dem Sturm mühssen die Hindernisse vor den 
feindlichen Werken und Stellungen beseitigt oder we- 
nigstens durch Sturmgassen gangbar gemacht werden. 
Ist dies nicht bereits durch das Feuer der Angriffs- 
artillerie geschehen, so wird es durch Sprengungen be- 
sorgt. Hierzu werden Minengänge unter der Erde 
gegen die feindlichen Werke und Stellungen vorgetrie- 
ben und die Flankierungsanlagen, Grabenböschun- 
gen und Hindernisse in die Luft gesprengt. 
Zum Sturm selbst sind die Sturmkolonnen in der 
Sturmstellung und den erweiterten Laufgräben ver- 
sammelt. Mit Pionieren an der Spitze, die etwa noch 
nicht zerstörte Hindernisse beseitigen und noch besetzte 
Flankierungsanlagen usw. mit Handgranaten und 
Stinkbomben bewerfen, wird zu genau festgesetzter 
ger vorgebrochen. Mit Hilfe von Klettergerät und 
aufbrücken geht es über Graben und Wall oder durch 
Breschen und über Stein= und Schutthaufen hinweg 
stürmend hinein ins Werk, während gleichzeitig auch 
der Sturm auf die Zwischenstellungen erfolgt. Wäh- 
rend des Sturmes halten sich die Reserven in den 
vordersten Laufgräben bereit, um einem etwaigen 
feindlichen Gegenstoß entgegentreten zu können. 
Uniformen 
Hlerzu Tafeln Feldunisormen I u. I# mit Enklärungsblatt. 
Die Uniformen. in dem Sinne gleichförmiger Beklei- 
dungen der Militärpersonen und gewisser Klassen von 
Zivilbeamten, kamen im 17. Jahrhundert auf, und 
zwar zugleich mit der Einrichtung der stehenden Heere. 
Aber im weiteren Sinne läßt sich die Entstehung be- 
sonderer Bekleidungsstücke für Krieger bis in die Ur- 
anfänge der Menschheit zurückverfolgen. Die Kriegs= 
bemalung der Indianer stellt ein Mittel dar, die 
Krieger vor anderen Personen auszuzeichnen, und
        <pb n="369" />
        Felduniformen feindlicher Heere. 
(Dbie Zusammenstcllung der Talclu erfolgte unter Aulehbnung an die Uunttafchu der vorschledenen Unisormwerko dos 
Vorlager M#ritz Ruhl in Leipeiy.) 
Tafel I. Tafel II. 
Frunkreick. Itallen. 
1. Divisions-Genern. 1. Gencralmojor. 
2. Generulstabsoflizier. 2. Infanterist. 
3. Infanterieoffizier. 3. Oberleutnant der Infunteric. 
2. Tofanterist. 4. Alpino (Alpenjäzzer). 
5. Zunve. 5. Bersaglieri-Korporal. 
6. Turko (Tirailleur algérien). 6. Leutvant der Cuvalleggeri. 
7. Feldartillerist. 7. Soldat der Lancieri. 
S. Infanterist in Ilielm und Muntcl. 8. Sergennt (Zugführer) der Feldartillerie. 
9. Alpenjüger. 9. Gebirgsartillerist. 
Kuvallericoslzier. . Sappeur-Soldat. 
11. Diagoner. 11. Soldat der Drugoni. 
12. Jöger zu Plerde. 12. Arzt mit Inufemnnnsrang. 
Rumänien. 
13. Infanterist (Sommeranzug). 
England. 14. Offizier der Fustruppen. 
13. Infunterist. 15. Generul. 
11. Kavallerist. 16. Offizier der reitenden Truppen. 
15. Sergeant. 17. Infunterist (Winternnzug). 
16. Berittener Infuntericoffizier in Mantel. 1. Kavullerist (Winteranzug). 
17. Oläzier vom Armieestube. 1 
18. Infanterieoftizier. Serbien. 
19. llochländer. 19. Amtillerist I. Aufgebot. 
20. Berittener Oflizier der schottischen Regimenter. 20. Ariillerist II. Aufgebot. 
21. Indisches Führerkorps Unfunterist:. 21. Kavallerist II. Auslgebot. 
22. Bombay-Lanzenreiter, abgesensen. 22. Infanterie-Korporul I. Aufgebaot. 
23. Bengal-Infanterist. 23. Gencral. 
24. Sepoy (Mudras-Infanterist). 24. Intanterist II. Aufgcbot. 
Montenegro. 
25. Soldat. 
Rusland. 26. Leutnam in Mantel. 
27. Wehrmn der Reserve. 
25. General. „ 
26. Garde-Infantericof6zier. 28. Soldat dor Eskorte. 
27. Kundschufter-Unteroffirier (Garde). Inpan. 
26. Garde-Infanterist. 29. Infanterist. 
29. Infanterieoffizier in Muntel. 30. Insantericsergeant. 
30 u. 31. Infantorist. 31. Rittmeister der Linienkavalleriec. 
32. Don-Kosak. 32. Kavaullerist. 
33. Kuban-Kosnk. 33. Feldwebelleutnant der Artillerio. 
31. Feldartillerist. 44. Kanonier der Küslenartillerie. 
35. Unteroftizier der Grenzwache. 35. Pioniersergeant. 
36. Kuvallerist. 36. Trainwachtmeister.
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        Feldunift 
Bibliographisches
        <pb n="371" />
        1 
nstitut in L 
eipzig.
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        — — — —— –– — — — — — —— — 
Felduni 
Bibliographisches
        <pb n="375" />
        »rmen II. 
Institut in Leipzig.
        <pb n="376" />
        <pb n="377" />
        Uniformen 
zwar zu einem doppelten Zweck: sie zu schmücken 
und sie dem Feinde schrecklicher erscheinen zu 
lassen. Derartige Sitten finden wir bei zahlreichen 
Völkern niederster Kulturstufe. Möglicherweise ist 
die Schreckbemalung zuerst unabsichtlich entstanden, 
als die nackten Krieger durch das Dickicht schlichen, 
wobei sich Schmutzstreisen auf der Haut bildeten. Blät- 
ter anklebten usw.; als die Betroffenen dann merkten, 
daß sie den Feinden einen besonders furchterweckenden 
Eindruck machten, wiederholten sie wohl absichtlich das 
Entstehen so schreckerregender Wildheitsmerkmale. 
Später und beim Aufsteigen zu höheren Kultur- 
stufen wird die Aussonderung der Krieger zum Zwecke 
der Schreckerregung bald geschwurden sein. Aber 
um so mehr Nachdruck wurde auf Abzeichen gelegt, 
die als Schmuck gelten können. Die Krieger stellten 
allezeit den stolzesten, selbstbewußtesten Teil eines Vol- 
kes dar, und sie verlangten, daß siesich, als diejenigen, 
die ihr Leben mutig im Kampf einzusetzen hatten, 
irgendwie von der Allgemeinheit abhöben. 
Endlich entwickelten sich unterscheidende Kennzeichen 
der Kriegerkleidung dadurch, daß Teile davon als 
Berteidigungswaffe ausgebildet wurden. So 
sezen sich die Krieger Metallhelme auf, bekleideten 
ich mit Schuppen-, Ring-, Ketten- oder Schienen- 
panzern, zogen derbe Lederkoller an usw. 
Immerhin waren bis hierher die Kennzeichen der 
Krieger auf Teile der Kleidung oder Ausrüstung 
beschränkt. Auch wechselte die Einheitlichkeit selbst in 
bezug auf Waffen sehr. Hatte eine römische Legion 
derselben Waffengattung wahrscheinlich in seinen Glie- 
dern einen verhältnismäßig gleichförmigen Anblick 
gewähr, so bot sicherlich ein Hähnlein deutscher Lands. 
echte ein buntes, ungleichartiges und wirres Bild, 
trugen doch die Landsknechte die Waffenstücke auf und 
über ihren recht verschiedenen Kleidern, waren auch 
mit sehr ungleichen Kopfbedeckungen versehen und be- 
schränkten sich zur Ausschmückung auf angesteckte Fe- 
dern, umgebundene Schärpen usw. 
Im Dreißigjährigen Kriege trug anfangs der an- 
geworbene Mann seine gewöhnliche Kleidung, die er 
mitbrachte, auch unter den Wassen. Aber wenn mit 
der längeren Dauer des Krieges diese Kleidung immer 
abgerissener wurde, ohne daß dem einzelnen ein Er- 
satz möglich war. fingen die Befehlshaber notgedrun- 
gen an, selbst für neue Kleidung ihrer Leute zu sor- 
gen, machten große Abschlüsse auf Tuchlieserungen 
usw. Sie bekleideten dann eine ganze Anzahl von 
Kriegern aus demselben Tuchballen, und so entstand 
für die Ungehörigen einer solchen Truppe eine Klei- 
dung, die mindestens durch. gleiche Farbe ausge- 
zeichnet war. Geschah eine derartige Uniformierung- 
uerst unbeabsichtigt, weil eben ein Tuchballen zur 
Herstellung zahlreicher Kleidungsstücke ausreichte, so 
erkannten doch die Heerführer sicherlich bald den Vor- 
teil solcher Einheitskleider, die ein bequemes Mittel 
boten, die Angehörigen verschiedener Truppenteile 
leicht zu unterscheiden. Bald sah man häufig ganze 
Regimenter in gleichfarbiges Tuch gekleidet, und wir 
stoßen schon damals auf Benennungen wie blaues 
Regiment, gelbes Regiment- usw. Abgesehen da- 
von hatten die Fürsten ihr Gefolge und die Städte 
ihre Söldner schon seit dem Mittelalter in ihre Wap- 
penfarben gekleidet. Unter Ludwig EIV. entwickelte 
sich daraus die höfische „Livree= der Haustruppen, 
die bald auf die allgemein den Haustruppen entstam- 
menden Garden, schließlich auch auf die Feldtruppen 
übertragen wurde. Dieser französische Brauch wurde 
293 
dann bei den Übrigen Mächten nachgeahmt, so daß 
die Gleichkleidung im Heere um 1690 in Europa fast 
allgemein eingeführt erscheint. Auch die anfängliche 
Willkür in den Varben wich bald einem gewissen Sy- 
stem: in Frankreich trägt die einheimische Infanterie 
raue (später weiße) Röcke, während die deutschen 
öldner blaue, schweizerische Soldtruppen und irläu- 
dische Regimenter rote Röcke haben und die österreichi- 
schen Truppen eine weißgraue Rockfarbe aufweisen. 
Um 1700 ist die preußische Infanterie schon allgemein 
durch blaue, die englische durch rote Röcke gekenn- 
eichnet. Als unterscheidendes Abzeichen dient das 
* futter, das in anderer Farbe gehalten ist und an 
den Armelumschlägen, den Brustaufschlägen und den 
aufgehalten Schößen sichtbar wird. Weitere Unter- 
scheidungsmerkzeichen wurden Zahl, Art, Farbe und 
Sitz der Knöpfe, ferner auch die ausgenähten Knopf- 
löcher, aus denen sich allmählich die Litzen entwickel- 
ten, u. a. m. 
Ohne den Entwicklungsgang der Uniformierung 
weiter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu verfol- 
en, kann man allgemein sagen, daß die militärische 
niform jederzeit auf Farbenpracht und Buntheit 
hindrängte. Mit Recht sprach man vom bunten Tuch- 
und von zweierlei Tuche-, und sicherlich hat früher, 
als sich das Heer durch freie Anwerbung ergänzte, 
bei so manchem jungen Burschen die Sehnsucht nach 
der strahlenden, bunten Uniform den Ausschlag ge. 
geben, wenn ihm der Werber lockend nahte. 
Der Drang, den Uniformen der eigenen Truppen 
ein möglichst hervorstechendes, glänzendes Gepräge 
zu geben, führte oftmals zu Sonderbarkeiten, die uns 
heute recht lächerlich erscheinen. Dazu gehören die un- 
geheuren Kopfbedeckungen preußischer Krieger in den 
Freiheitskriegen, meterhohe Bärenmützen, überenge 
Lederhosen, die nur in angefeuchtetem Zustande über- 
gezogen werden kounten, ebenso enge Gamaschen (von 
denen der noch heute nicht verschwundene Ausdruck 
° Gamaschendienste herrührt), den Hals einschnürende, 
die Atmung beengende hohe und steife Kragen u. a. m. 
Aber die Uniform sollte die Krieger nicht nur 
schmücken und von den übrigen Volksangehörigen ab- 
heben, auch nicht bloß ein Mittel bilden, die Glieder 
verschiedener Truppentcile des eigenen Heeres zu un- 
terscheiden, sondern bis zu einem gewissen Gradestrebte 
man danach, die Truppen verschiedener Staaten durch 
sie kenntlich zu machen, um im Fall eines Krieges 
Freund vom Feind unterscheiden zu können und Ver 
wechselungen zu verhüten. So bildete sich als charal- 
teristisch für die preußische und die österreichische 
Infanterie Dunkelblau als Grundfarbe aus, für 
Rußland Grün für England wurden rote Röcke kenn. 
zeichnend, für Frankreich rote Hosen usw. 
Aber der aufsteigenden Linie in bezug auf die Bunt- 
heit und Verschiedenfarbigkeit der militärischen Uni- 
form mußte naturgemäß eine absteigende Linie folgen, 
sobald die Einführung der rauchschwachen Pulver ein 
klares, ungetrübtes Schlachtfeld geschaffen und die 
weite Sichtbarkeit in einem früher nicht für möglich 
ehaltenem Grade erhöht hatte. Nun bildeten grell- 
forbige Uniformstücke, blitzende Knöpfe, blinkende 
Helmspitzen usw. auf einmal verräterische und schäd- 
liche Kennzeichnungen der Anwesenheit und des Stand- 
ortes von Truppen. Was man in der Natur als 
„Mimikrye, als Anpassung von Lebewesen an die 
Farben der von ihnen bewohnten Umwelt, bezeichnet, 
suchte man jetzt allmählich künstlich für die Soldaten 
zu schaffen. Das geschah zuerst bei den Kolonialtrup-
        <pb n="378" />
        294 
pen, die vielfach in Ländern wirken, wo eine weite und 
klare Sicht durch das Klima fast zur Regel wird. Die 
Engländer kleideten indische und die in Afrika gegen 
die Buren kämpfenden Soldaten in braungrünes 
Khaki. Bald nach Beginn des 20. Jahrhunderts 
setzten die Bestrebungen, die Uniformierung unauf- 
fällig zu gestalten und ihre Farbe dem Gelände mög- 
lichst anzupassen, mit Nachdruckein, wenngleich manche 
widerstrebende Strömungen nur allmählich überwun- 
den werden konnten und beispielsweise die Franzosen 
sich erst während des Weltkrieges von der geliebten 
roten Hose zu trennen vermochten. 
Jetzt sind die Truppen fast aller größeren Mächte 
unaufsällig uniformiert, wenigstens was die im Kriege 
gebrauchte Felduniform angeht. Die Grundfarbe 
ist grau oder grüngrau, bei anderen blaugrau oder 
braungelb; auch ausgesprochen blaue Firbung kommt 
vor. Kragen und Armelaufschläge unterscheiden sich 
III. Technik und Kriegführung 
meistens nicht mehr vom Grundtuch des Rockes; auch 
die farbige Paspelierung verschwindet, ebenso breite 
farbige Hosenstreifen usw. Die Helmbeschläge sind 
mattiert oder grau überlackt, oder die blanken Teile 
sind zum mindesten durch den Helmüberzug verdeckt. 
An die Stelle der blanken Knöpfe sind graue, unauf- 
fällige getreten, oder sie werden, wie bei den Feldblu- 
sen, überhaupt verdeckt getragen. Esgehört dies schon 
mit zu einem anderen Streben der modernen Unifor- 
mierung, die Dienstkleidung möglichst bequem zu 
machen. Deshalbsind die engen Stehkragen verschwun- 
den und durch weite Umlegekragen ersetzt; der enge 
Uniformrock wird zur weiten Bluse und erhält zabl- 
reiche Taschen. Das Lederzeug hat oft Naturfarbe, 
das Seitengewehr ist brüniert — kurz dem Mann 
wird gleichzeitig die Putzarbeit sehr erleichtert. 
Die beiden Bunttafeln bringen Typen von Heeres- 
angehörigen unserer wichtigsten Feinde. 
Die Eisenbahnen im Welkkriege 
von Generalleutnant z. D. Freiherrn von Steinaecker 
Die Felddienstordnung für das deutsche Heer um- 
schreibt in Punkt 522 die militärische Bedeutung der 
Eisenbahnen für den Krieg mit den Worten: -Die 
Eisenbahnen haben für die gesamte Kriegfüh- 
rungentscheidende Bedeutung. Sie sind von 
größter Wichtigkeit für die Mobilmachung, 
den Aufmarsch und für die Erhaltung der 
Schlagfertigkeitdes Heeres. Sie ermöglichen 
Verschiebungen von Heeresteilen während 
der Operationen.= Vorkommnisse im Kriege 
1870/71 hatten die Unvollkommenheiten des deutschen 
Eisenbahnnetzes nicht weniger als Fehlgriffe im Be- 
trieb erkennen lassen. In diesen beiden Richtungen 
bewegten sich daher in der nun folgenden Friedens- 
zeit die durch gemeinsame Arbeit der Militär= und 
Zivileisenbahn = Behörden angestrebten Verbesserun- 
gen. Der nach dem Kriege infolge des wirtschaftlichen 
Aufschwunges des neuen Deutschen Reiches sehr um- 
fangreich einsetzende Ausbau der Eisenbahnver- 
bindungen wurde von der Landesverteidigung dahin 
beeinflußt, daß durch ihn die Zahl der großen durch- 
gehenden Verbindungen, zunächst der politischen Lage 
entsprechend aus dem Reiche nach der Westgrenze, als 
dem Aufmarschgebiet im Falle eines neuen Krieges, 
vermehrt wurde. Außerdem aber wurden für Gegen- 
den, die flür das Wirtschaftsleben einstweilen keine 
neuen Bahnverbindungen verlangten, für die aber 
die militärische Transportbewegung Erschließung 
durch Schienenwege erforderte, neue Verbindungen, 
und zwar aus Mitteln des Reiches. geschaffen, strate- 
gische Bahnen, auf die erst im Mobilmachungsfalle 
ein voller Verkehr gelegt werden sollte. Man sieht so 
in den 1870er Jahren die Zahl der das Reichsgebiet 
von Osten nach Westen durchquerenden Bahnen sich 
wesentlich vermehren:immer mehr große, voneinander 
unabhängige Transportwege entstehen, die sich an der 
Westgrenze stark verzweigen, um die Ausladungen 
verteilen, also die Züge mit möglichst schneller Zug- 
folge anbringen zu können. Umfangreiche Militär= 
rampenanlagen vbegünstigen die schnelle Entladung. 
Grundsätzlich wurden ferner alle Linien, die für die 
Aufmarschbewegung in Frage kamen, zweigleisig 
ausgebaut, um die Leerzüge in der nämlich schnellen 
Zugfolge nach vorn, wie die Vollzüge zurückführen 
zu können. Zur Entladung auf freier Strecke war die 
Ausstattung aller Zügemit Notrampen-Materiak vor- 
gesehen. Mit Beginn der 1880er Jahre trat eine Ande- 
rung in der politischen Lage ein, die auf die Landes- 
verteidigung und damit auf die Gestaltung des Aus- 
baues der Eisenbahnen nicht ohne durchgreifenden Ein- 
fluß blieb. Die Annäherung Rußlands an Frankreich 
zwang die oberste Heeresleitung, von nun an mit 
einem Kriege auf zwei Fronten zu rechnen; es mußte 
also das Eisenbahnnetz für einen ebenso schnellen und 
glatten Aufmarsch an der Ost= wie an der Westfront 
ausgebaut werden. Das Deutsche Reich stand vor- 
aussichtlich in einem nächsten Kriege militärisch zwei 
räumlich getrennten, zahlenmäßig überlegenen Geg- 
nern auf der einneren Linie gegenüber. Diese Lage 
hatte Vorteile, solange Raum und Zeit von den Geg- 
nern zu ihrer Ausnutzung belassen wurden. Die Vor- 
teile bestanden darin, daß man gegen einen Gegner, 
und zwar den zunächst erreichbaren, als den geführ= 
lichsten (Frankreich) überlegene Kräste versammeln 
und sich mit diesen wuchtig und möglichst überraschend 
auf ihn zu werfen, ihn entscheidend zu schlagen ver- 
suchen konnte, während man zunächst dem zweilen 
Gegner (Rußland) gegenüber in der Verteidigung 
verblieb, ihn bei einem Vormarsch nur nach Möglich- 
keit aufhielt. Gelang der Schlag gegen den ersten 
Gegner, dann ließ man mit der Hauptkraft von ihm 
ab, verschob die freigewordenen Kräfte an die Front 
vor den zweiten Gegner und suchte ihm dasselbe Los 
wie dem ersten zu bereiten. Die Aussicht des Ge- 
lingens eines solchen kühnen, große Urteils- und Ent- 
schlußkraft fordernden Planes stieg mit der Schnellig- 
keit, mit der man seine erste Versammlung zu bewerk- 
stelligen und nach Erledigung des ersten Gegners zum 
Angriff gegen den zweiten seine Kräfte auf den neuen 
Kriegsschauplatz zuschieben vermochte. Letzteres konnte 
bei der Entfernung der russischen von der französi- 
schen Grenze nur mit den Eisenbahnen geschehen. Es 
wurde daher für den Ausbau des deutschen Eisen- 
bahnnetzes auch im Osten Richtlinie: Vervielfältigung 
seiner Verzweigung, Vergrößerung der Auslademög- 
lichkeiten sowie Erhöhung der Leistungsfähigkeit der 
großen durchgehenden Transportwege durch Verbes-
        <pb n="379" />
        Freiherr von Steinaecker: Die Eisenbahnen im Weltkriege 
serungen in den Bahnhofs- und Blockierungsanlagen, 
Vermchrungvon Gleisen und Weichen, vor allem auch 
des zum Truppentransport geeigneten rollenden 
Materials (Vergrößerung der Zugkräfte und der 
Tragfähigkeit der Wagen), um auf möglichst vielen 
gleich leistungsfähigen Schienenwegen gleichzeitig die 
dedeutenden, im Westen frei werdenden Korps schnell 
einladen und nach dem Osten zum Abtransport brin- 
gen zu können. 
Auch dem Ausbau der deutschen Flotte, der Ende 
des vorigen Jahrhunderts einsetzte, mußte der der 
Bahnen dadurch Rechnung tragen, daß die Verbin- 
dung der Kriegshäfen nicht nur mit den Kohlen= 
revieren, sondern auch mit allen Teilen des Reiches 
vervollkommnet wurde, da die Seestreitkräfte ihre Er- 
gänzungsmannschaften aus dem ganzen Reich heran- 
ziehen mußten. Für die Kohlen- und Materialver- 
sorgung konnte eine nur sehr unerhebliche Entlastung 
durch die Wasserstraßen, deren Ausbau aus geldlichen 
und wirtschaftlichen Gründen im Deutschen Reiche 
leider noch weit zurück war, statifinden. 
Eine Wiederholung der Fehler, die bei Betrieb der 
Eisenbahnen im Kriege 1870/71 — Annahme von 
mehr Gütern, als entladen werden konnten, um nur 
auf einen Fehler, als den folgenschwersten, hinzu- 
weisen — meist aus Unkenntnis des Wesens dieses 
neuen Kriegsmittels gemacht worden waren, vermied 
man durch Schaffung von Linienkommandanturen, 
die ein inniges Friedensarbeitsverhältnis zwischen dem 
die Inanspruchnahme der Vahnen im Kriege, aber 
auch im Frieden (Rekruten-, Remonte-, Manöver-, 
Reservistentransporte) bestimmenden Generalstab und 
den betriebsleitenden Stellen der Eisenbahnverwal- 
tungen schufen, und suchte so Erfahrungen zu sam- 
meln. Letzteres ermöglichten besonders die alljähr- 
lich wiederkehrenden Abtransporte nach den großen 
Herbstübungen, die völlig kriegsmäßig auf dem 
übungsfelde selbst vereinbart und durchgeführt wer- 
den mußten unter der Erschwerung, daß der Frie- 
densfahrplan für Personen= und Eilgutbeförderung 
daneben in Kraft bleiben mußte. 
Der Ausbau des deutschen Eisenbahnnetzes, so wie 
ihn die Landesverteidigung angestrebt hatte, war noch 
nicht vollendet, als die Mobilmachung 1914 ausge- 
sprochen wurde. Begonnene Ausführungen wurden 
im allgemeinen weiter gefördert, Anlagen, für die erst 
die Vorarbeiten begonnen hatien, z. B. für die einer 
Vollbahn auf dem rechten Moselufer, wurden zurück- 
gestellt. Die Anlagen von zweiten, dritten und vier- 
ten Gleisen mußten im allgemeinen während des 
Krieges, zumal in der ersten Zeit, unterbleiben. Denn 
solche Bauten sind ohne beträchtliche, zeitweise Ande- 
rungen des Betriebes auf den umzubauenden Strecken 
nicht ausführbar; es muß dabei vielfach der ein- 
gleisige Betrieb eingeführt werden. Dies war aber 
unzulässig, da der Militärfahrplan auf zweigleisigem 
Betrieb beruhte. 
Wenn auch die militärische Transportbewegung auf 
das peinlichste und eingehendste, soweit es im Frieden 
möglich ist, vorbereitet war, stellte doch die Mobil- 
machung die deutschen Eisenbahnen vor eine gewal- 
tige Aufgabe, die die größte Umsicht und Anspannung 
von allen Stellen verlangte, sollte sie gelöst werden. 
Schon einige Stunden nach Ausspruch der Mobil- 
machung begann der Abtransport der zur Verstär- 
kung des Grenzschutzes aus dem Innern des Reiches 
nach Ost und West vorausgehenden Truppen, meist 
Kavallerie mit Artillerie und technischen Truppen, 
295 
sowie der Rücktransport gewisser Güter (z B. Gestüte) 
aus den einem feindlichen Einfall ausgesetzten Grenz- 
ebieten, während der Friedensfahrplan noch galt. 
ieser selbst aber war schwer aufrechtzuerhalten. Die 
unerwartet eingetretene Mobilmachung traf die Bä- 
der und Sommerfrischen überfüllt; aus ihnen und 
aus dem Auslande strömte alles nach der Heimat zu- 
rück. Die Güterwagen waren durch Heranschaffung 
von Material für die Industrie in Hochkonjunktur 
und durch den flott gehenden Handel sehr in Anspruch 
genommen. Während der Bewältigung dieses ganz 
gewaltigen, plötzlich eintretenden außergewöhnlichen 
Verkehrs mußten nun Wagen, Maschinen und Per- 
sonal zusammengezogen und neu verteilt werden, 
um den am dritten Mobilmachungstage in Kraft 
tretenden Militärfahrplan durchführen zu können. 
Die Güterwagen mußten schleunist entladen, die für 
Mannschafts-, Verwundeten= und Pferdetransporte 
notwendigen Wagen nach den Werkstätten zur Aus- 
rüstung geführt werden. Gleichzeitig begann aber 
auch schon die Beförderung der Rekruten und Er- 
gänzungsmannschaften aus dem ganzen Lande nach 
den Mobilmachungsorten, die Mobilmachungs- 
bewegung, eine von Jahr zu Jahr mit Zunahme 
der Bevölkerung und bei der Freizügigkeit umfang- 
reicher und verwickelter werdende Bewegung, bei der 
jede Hemmung besonders folgenschwer sein mußte, da 
sie die planmäßige Mobilmachung der Truppe und 
damit den fahrplanmäßig festgelegten Abtransport 
in Frage stellte. Daß diese Bewegung besonders ver- 
wickelt war, daher besonders große Anforderungen 
an den Betrieb stellte, folgt daraus, daß die Trans- 
porte in den verschiedensten Richtungen gleichzeitig 
liefen. Garde und Marine ergänzen sich aus dem 
ganzen Königreich Preußen bzw. dem ganzen Reichs- 
ebiet; sehr viele Truppenteile liegen aus den ver- 
chiedensten Gründen, Grenzschutz-, Unterbringungs- 
rücksichten u. dgl., weit von ihren Ergänzungsbezir= 
ken. Die dichtbevölkerten Mittelpunkte der Industrie 
müssen beim Ersatz für aus schwach bevölkerten Gegen- 
den sich ergänzende Truppenteile aushelfen, die pferde- 
züchtenden Gaue ihre Pferde vielfach über weite 
Strecken, z. B. von Heistein bis Baden, zur Ergän- 
zung der berittenen Waffen fahren lassen. Dazwischen 
müssen ebenso dringlich befördert werden: die Gegen- 
stände zur Armierung der Festungen, die Vorräte zur 
Füllung der Magazine, das Schlachtvieh für die Kon- 
servenfabriken der Heeresverwaltung, die Kohlen- 
transporte für die Marine und für die Waffen= und 
Schießbedarfsfabriken. Erschwerend kommt dazu, daß 
die Transporte auf allen Strecken auch nachts laufen, 
was die allgemeine Einrichtung von Nachtdienst not- 
wendig macht. Gleichzeitig ist nun aber noch zur Er- 
haltung des Wirtschaftslebens die Aufrechthaltung 
des Zivilverkehrs — Post, Güter und Personen — 
notwendig. Er wurde planmäßig auf die Lokalzüge 
verwiesen, die auf allen Strecken im Militärfahrplan 
bis zum Beginn der Aufmarschbewegung, von da ab 
nur auf den von ihr nicht in Anspruch genommenen 
Strecken laufen und für die Bewegung kleinerer Mili- 
tärtransporte bestimmt sind. 
Der Übergang vom Friedens- zum Militär- 
fahrplan und die ganze Mobilmachungsbewegung 
verlief völlig planmäßig, auch in den Grenzgebieten. 
Der Grenzschutz erwies sich als wirksam, alle Anschläge 
gegen die Bahnen wurden vereitelt. Auch im Inland 
wardie Bahnbewachungso aufmerksam, daß den feind- 
lichen Agenten keine Störung des Betriebes gelang.
        <pb n="380" />
        296 
Die Aufmarschbewegung, also die Beförde- 
rung der mobil gemachten Truppen an die Gren- 
zen, konnte sich daher völlig planmäßig der Mobil- 
machungsbewegung anschließen. Man durfte ihrem 
Ablauf mit doppeltem Vertrauen entgegensehen, da 
sie, ihrer Eigenart entsprechend, nicht die hohen An- 
forderungen an das Personal und die Betriebsleistung 
der Bähnen wie die Mobilmachung stellte. Sie be- 
steht darin, daß die Transporte vom Beginn bis zum 
vollen Ablauf im großen und ganzen in derselben 
Richtung fahren. Die Starrheit des Militärfahrplans 
in Verbindung mit der geringen Fahrgeschwindigkeit 
(40 km die Stunde), die völlige Fräbaltung eines 
täglichen beträchtlichen Zeitabschnitts (Intervalls) von 
Zügen erleichtern die planmäßige Durchführung und 
den Ausgleich von Sibrungen. Da neben pünktlicher 
Einladung auf schneller Entladung und prompter 
Zurückführung der Leerzüge die planmäßige Durch- 
führung des ganzen Aufmarsches beruht, so wurden in 
das Aufmarschgebiet Offiziere und Beamte der Mili- 
täreisenbahn-Behörden zeitig vorausgeschickt, um dort 
nötigenfalls bei Betriebsstörungen helfend einzu- 
greifen, zumal auch, wenn durch den Feind eine Rück- 
verlegung der Ausladungen notwendig werden sollte. 
Jede Berzögerung in der Entladung schob auch den 
Zeitpunkt zum Antreten des Vormarsches hinaus, kam 
also dem Gegner, den man doch hier im Westen mit 
einer überzahl überraschend angreifen wollte, zugute. 
Kam man hier im Westen zu spät, so entstand die 
Gefahr, daß im Osten eine Entscheidung früher vom 
Gegner erkämpft war, als man dort erscheinen konnte. 
Auch der Aufmarsch verlief planmäßig und vom 
Feinde ungestört. Mitte August 1914 standen sieben 
Armeen, jede zu mehreren Armeekorps, im Westen 
zwischen Aachen und Mülhausen i. E., eine im Osten 
in Ostpreußen mit allen Trains und gefüllten Kolon- 
nen verwendungsbereit, die Festungen hatten ihre 
Besatzungen, die Magazine waren gefüllt, die Post- 
kurse waren eingerichtet. Die deutsche Heeresleitung 
hatte sich im Westen die Vorhand für ihre Operatio- 
nen, wie geplant, bewahrt. 
über Verlzuf von Mobilmachung u. Auf marsch 
unserer Gegner, soweit die Eisenbahnen in Frage 
kamen, sind bis jetzt wenig Einzelheiten bekannigewor- 
den. In Frankreich und Belgien scheinen beide Be- 
wegungen zunächst planmäßig verlaufen zu sein; nur 
gegen Beendigung der Aufmarschbewegungen muß- 
ten die Bahnen in Frankreich im Grenzgebiet zu um- 
fangreichen Verschiebungen nach der belgischen Front 
in Anspruch genommen werden, da der Vormarsch 
der Deutschen durch Belgien infolge des frühzeitigen 
Falles der Maasfestungen schneller, als vom Feinde 
gedacht, erfolgte. Nur einen Teil des rollenden Ma- 
terials der belgischen Bahnen gelang es, nach Frank- 
reich abzuführen. England sandte zum Ausgleich sehr 
bald eine große Zahl von Wagen nach dem Festland. 
In Rußland hatte die militärische Transportbewe- 
gung lange vor der öffentlichen Verkündung der Mo- 
bilmachung begonnen. Schon Ende Juni setzte der 
Abtransport sibirischer Truppen nach Polen ein. 
Was die Vorbereitung und Technik der Trans- 
portbewegung betrifft, so war sie in allen Ländern 
dem deutschen Vorbild gefolgt. 
Auch in Österreich= Ungarn verliefen die Mobil. 
machung und der Aufmarsch planmäßig. Die Donau- 
monarchie hatte zunächst nur einen Teil des Hee- 
res — sechs Armeekorps — auf Kriegsfuß gesetzt, da 
man dachte, es mit Serbien allein zu tun zu bekom- 
III. Technik und Kriegführung 
men. Die Wendung, die die russische Politik nahm, 
zwang zur Mobilmachung auch der übrigen Streit- 
kräfte. Den Eisenbahnen erwuchs dadurch cine be- 
sonders schwere, weil unvorhergesehene Aufgabe, da 
sie gleichzeitig mit der Mobilmachungsbewegung für 
einen Teil des Heeres eine umfangreiche überfüh- 
rung von zunächst gegen Serbien aufgestellten Heeres- 
teilen an die rusisch Front bewältigen mußten- 
Von empfindlichen Störungen hierbei ist nichts be- 
kanntgeworden. 
Im Deutschen Reiche konnte, nachdem die Auf- 
marschbewegung kaum abgelaufen war, am 23. August 
1914 schon chnellzugsverkehr für Zivilpersonen 
in beschränktem Maße wieder aufgenommen werden. 
Wenn auch der Militärfahrplan erst am 2. Novem- 
ber 1914 aufgehoben wurde, so waren bis Ende Sep- 
tember doch schon die Reisegelegenheiten im Deutschen 
Reiche dermaßen verbessert, daß sich das wirtschaft- 
liche Leben wieder von dem durch die Mobilmachung 
ihm plötzlich zugefügten Schlage allmählich zu erholen 
begann. Eine zum 21. Oktober 1914 nach Berlin be- 
rusene Fahrplankonferenz hatte dies vollendet. 
Eswurdeaufihr neben Vermehrung der Reisemöglich- 
keiten für die Zeit bis zur Außerkraftsetzung des Mili- 
tärfahrplans ein neuer Friedens-Winterfahrplan ver- 
einbart, der zwar kein völliges Wiederaufleben des 
Fahrplanes vom vergangenen Winter, jedoch Fahr- 
leistungen brachte, die bis 75 vom Hundert des vor- 
hergegangenen Friedenswinters betrugen. Die Neu- 
gestaltung des Fahrplanes wurde beherrscht durch die 
nforderungen der Heeresverwaltung. Die Heran- 
führung des mit der sehr bald erfolgenden Vermehrung 
des Aufgebots auch vermehrten Nachschubs, die Zu- 
rückführung der Verwundeten und Kranken, der Beute 
an Gefangenen und Materialien legte zunächst noch 
Beschränkungen im bürgerlichen Verkehr, zumal im 
Personenverkehr, besonders in den Grenzgebieten auf, 
hier zumal um Ausspähungen, die hartnäckig und ge- 
wandt versucht wurden, zu verhindern. Es trat fer- 
ner mit zunehmender Kriegsdauer und der dadurch 
benötigten Umstellung der Industrie für Zwecke der 
Landesverteidigung ihre jedem anderen Güterverkehr 
im Inlande vorgehende Versorgung mit Kohlen und 
Rohstoffen sowie die vertragsmäßig übernommene 
Versorgung von neutralen Staaten mit Kohlen als 
Austauschware in den Vordergrund. Der ganze Fahr- 
plan war um so vorsichtiger zu gestalten, da eine 
Bereitstellung von umfangreichem rollendem Ma- 
terial jederzeit möglich bleiben mußte. Die Entwick- 
lung der militärischen Gesamtlage rückte die Not- 
wendigkeit einer Verschiebung starker Kräfte, einer 
gleichzeitigen Inanspruchnahme möglichst vieler 
Kroßer, durchgehender Transportstraßen, die jeden 
Augenblick eintreten konnte, immer näher. Diese Ver- 
hältnisse blieben zunächst bestehen; neue Anforderun- 
gen traten erst wieder mit der Ausdehnung der Ope- 
rationen auf die Balkanhalbinsel und Rumänien ein. 
Dies verursachte eine wesentliche Vermehrung der 
Transportstrecken und eine Verschiebung des ganzen 
Verkehrs durch die gleichzeitige Kriegserklärung Ita- 
liens an das Deutsche Reich, wodurch der Warenaus- 
tauschverkehr mit diesem Lande aufhörte. 
Da sich dem Ablauf der Aufmarschbewegung der 
Einmarsch in Belgien und Frankreich sofort anschloß, 
begann nunmehr mit dem ersten Schritt in Feindes- 
land auch die Tätigkeit der Militäreisenbahn- 
Truppen und-Behörden im Westen. Im Osten 
nahmen einstweilen noch die Räumung und Unfahr-
        <pb n="381" />
        Freiherr von Steinaecker: Die Eisenbahnen im Weltkriege 
barmachung der dem langsam vordringenden Feinde 
im eigenen Lande überlassenen Bahnstrecken diese 
Truppen in Anspruch. Der Betrieb auf den Schienen- 
wegen in den besetzten Gebieten wurde durch die Ver- 
schiedenheit der in unseren Besitz geratenen Strecken 
des feindlichen Bahnnetzes wesentlich beeinflußt, im 
Westen ein engverzweigtes, meist zweigleisiges, reich 
entwickeltes, zur Bewältigung jeder Art von Ver- 
lehr besonders geeignetes Bahnsystem von gleicher 
Spurweite wie die heimischen Bahnen; im Osten ein 
weitmaschiges Netz mit wenig Querverbindungen, 
wobei es sich mit Ausnahme der Strecken Kalisch- 
Warschau und Thorn-Warschau meist um eingleisige 
und breitspurige Bahnen handelte. Dies machte im 
Osten einen durchgehenden Verkehr ohne Umladen 
und Umsteigen auc der Mehrzahl der Strecken zu- 
nächst unmöglich; daher war ein schnelles Nachführen 
der grbsn in den Rücken der Armee bei 
deren Vormarsch sehr erschwert. 
Das Überschreiten der Grenze des Reiches im Westen 
drachte den Eisenbahntruppen, die hinter den fechtenden 
Truppen bereitger telltwaren, sofort die anstrengendsten 
Arbeiten zur Wiederherstellung und Wieder- 
inbetriebnahme der vom abziehenden Geg- 
ner Gründlichst zerstörten Bahnen. Doppelt 
schnell mußte dies erreicht werden, um den unaufhalt- 
san sich vorwärts bewegenden Armeen mitden Spitzen 
der Schienenwege auf den Fersen bleiben zu können. 
Alle Stellwerke, Weichen, Signal= und Fernsprech- 
einrichtungen, Wassertürme, Bahnhofseinrichtungen 
waren betriehsunfähtg gemoacht. inen Üüberblick hier- 
über verschaffte sofort die Erkundung, die von mit den 
Spitzen der Heere vorgegangenen Offizieren der Eisen- 
bahntruppe vorgenommen und zunächstbis in die Linie 
Hasselt-Löwen-Namur-Marlote vorgetrieben wurde. 
Man bekommt einen Begriff vom Umfange der Zer- 
störungen, wenn man erfährt, daß die Schn Herbes- 
thal-Verviers an 27tellen Beschädigungen aufwies. 
An die mit der Mobilmachung aufgestellte, in Aachen 
ihrer Verwendung harrende Militäreisenbahndirek- 
tion mußte gemeldet werden, daß, abgesehen von be- 
langloseren Verstbrungen durch Aufreißen von Glei- 
sen. Sperrung durch umgeworseur Maschinen, 13 
Brücken gesprengt und ein Tunnel durch mehrere mit 
Volldampf ineinandergefahrene Maschinen gesperrt 
waren. Es ergab sich rer überraschenderweise mit 
Eröffnung des Betriebes, daß sich die Gleisanlagen 
der belgischen Bahnen zum großen Teil für deutsche 
Begriffe in recht vernachlässigtem Zustande befan- 
den, daß die Schienen schadhaft und schlecht gelegt 
waren; häufig brachen ferner die Weichen unter der 
Last der Lokomotiven. Ahnlich sah es auf den franfö- 
sischen Bahnen in betreff der Zerstörungen aus. Es 
erwuchs hieraus eine so gewaltige Last sich drängen- 
der Arbeiten, daß die Eisenbahntruppen, Betriebs- und 
Baukompanien fast übermenschliches leisten mußten, 
um den vordringenden Armeen den Nachschub zu 
sichern. Es bedurfte daneben größter Umsicht von 
seiten der Etappeninspektionen und des Betriebes, um 
den Bedürfnissen der Armeen gerecht zu werden. 
Militärzüge von 100 Achsen mußten, um durch Be- 
lieferung mit Proviant und Munition die ununter- 
brochen unter heftigen Kämpfen vorrückenden Heere 
schlagfertig zu erhalten, vielfach mit kürzester Zug- 
folge, oft von ¼ Stunde, über eine Bahn geleitet 
werden, auf der notdürftig ein Gleis freigemacht 
war und auf deren Bahnhöfen nur ein Unteroffizier 
mit einigen Leuten den Betrieb übernommen hatte. 
297 
Von dem in der Etappenordnung vorgesehenen Nor- 
malzustand, daß jeder Armee ein Schienenweg aus- 
schließlich zur Verbindung mit der Heimat zugewiesen 
wurde, war man weit entsernt. Aufvorschriftsmäßige 
Sicherung des Betriebs wurde vielfach verzichtet. 
Nach einer Veröffentlichung aus dem Großen Haupt- 
nartier hatte z. B. noch keine deutsche Maschine 
üttich nach Westen hin überschritten, als schon der 
erste Zug mit deutschen Truppen, die den bei Brüssel 
Kämpfenden Unterstützung bringen und bis Löwen 
vorfahren sollten, in den Bahnhof einlief; die vorlie- 
gende Strecke war gerade eben eingleisig in Ordnung 
ebracht, das Betriebspersonal fehlte ganz, die Fern- 
prech= und Telegraphenverbindung zwischen den Sta- 
tionen war noch nicht wiederhergestellt. Trotzdem 
fuhr Zug auf Zug auf Löwen vor, das Leermaterial 
kehrte auf demselben Wege zurück. Obwohl aus den 
Häusern auf die Züge geschossen und fortgesetzt kur. 
terlistige Anschläge gegen die Bahn von der verhetz- 
ten Bevölkerung aus (führtwurden, wurdedie Truppe 
rechtzeitig durch die Bahn an denpeind herangebracht. 
Dank der Aufopferung der durch Kolonnen von Zivil- 
arbeitern allmählich verstärkten Baukompanien 
ging es, sowie es das Vordringen der Heere verlangte, 
mit der Herstellung und Inbetriebnahme der Bahnen 
vorwärts. Am 1. September verlegte die Militäreisen= 
bahndirektion in Aachen ihren St nach Brüssel, Ende 
Oktober wurde sie schon als Eisenbahndirektion 1 
nach Lille vorgeschoben; sie wurde ersetzt durch mobile 
Eisenbahn-Linienkommandanturen in Lüttich und 
Brüssel. Eine Eisenbahndirektion 2 wurde ferner für 
den südlichen Teil der belgischen und nordfranzösischen 
Bahnen am 20. August in Ulflingen eingesetzt, die 
am 25. August nach Lidramont, am 4. September 
nach Sedan vorrückte. In Luxemburg wirkte von nun 
an eine Linienkommandantur. Zwischen Direktion 
1 und 2 wurde mit Exweiterung des Betriebes sehr 
bald Direktion 3 in Charleroi errichtet. Mit dem 1. 
Juli 1915 wurde durch die Schaffung einer Ge- 
neral-Militärdirektion Brüssel die Einheitlichkeit in 
Betrieb und Verwaltung sämtlicher Eisenbahnen im 
besetzten Gebiet West gewährleistet. Die heimischen 
Militär-Eisenbahnbehörden, die Eisenbahnabteilung 
des stellvertretenden Großen Generalstabs und im- 
mobile Linienkommandanturen, regeln nun unter 
Mitwirkung der Etappeninspektionen durch Vermitt- 
lung des Chefs des Feldeisenbahnwesens West den 
Übergang von dem Betrieb der heimischen zu dem der 
besetzten Bahnen sowie die militärische Jnanspruch- 
nahme der Heimatstrecken. 
Vielseilig entwickelten sich die Anforderungen an 
die Bahnen im besetzten Gebiet West, auf die nun auch 
ein Militärfahrplan übertragen wurde. Um die mit 
dem deutschen Einmarsch still gelegten großen Indu- 
sten wieder in Gang zu bringen, soweit dies der 
ich bald fühlbar machende Mangel an Rohstoffen 
erlaubte, vor allem aber, um die Kohlenförderung 
wieder aufnehmen zu können, mußte sehr rasch die 
Benutzung der Bahnen durch Bewohner des besetzten 
Landes, zwecks Versorgung der Arbeitsstätten, ermög- 
licht werden. Mit Ausnahme der Fabrikanlagen in 
Flandern haben in Belgien die Unternehmungen ihre 
Arbeiter meist so weit von dem Arbeitsort wohnen. 
daß diese alltäglich durch besondere Züge hin und her 
gefahren werden müssen. Diese Züge und solche zur 
ohlen-- und Erzbeföorderung. wurden zunächst in den 
Fahrplan aufgenommen. Dann wurde weiter den 
Bedürfnissen des Wirtschaftslebens dadurch Rechnung
        <pb n="382" />
        298 
getragen, daß ein bürgerlicher Verlehr an den mili- 
tärischen angeschlossen wurde. Am 1. Februar 1915 
liefen schon neben den für den Privatverkehr frei- 
gegebenen Lokalzügen täglich Schnellzüge von der 
Heimat über Brüssel bis Antwerpen und Ostende und 
zurück. Sehr hoch wurden die Fahrpreise für die Zi- 
vilbevölkerung gestellt, um nicht unbedingt notwen- 
dige Reisen zu verhindern, schon zum Sparen von 
rollendem Material, dann aber im Interesse der Ver- 
meidung von Ausspähungen. 
In ihren Einrichtungen bildeten sich, den sich meh- 
renden Bedürfnissen und Anforderungen entsprechend, 
die Eisenbahndirektionen weiter. Am 10. März 1916 
wurden Militär-Eisenbahnverkehrsämter bei ihnen 
eingerichtet, die ihre volle Bedeutung dadurch erhiel- 
ten, daß am 15. Mai 1916 die Etappen-Güter= und 
Paketämter aufgehoben und der diesen bislang zu- 
esallene Privatgutverkehr für das Heer jenen mit der 
Hauptausgabe der überwachung des Nachschubver. 
kehrs zum Feldheer in eisenbahnverkehrstechnischer 
Hunicht zugewiesen wurde. Es gelangte damit die 
estaltung der Militärverwaltung nach heimatlichem 
Muster zum Abschluß, da schon vorher Verkehrs- und 
Betriebsämter eingerichtet worden waren. 
Die Erfahrungen, die man bei der Inbetrieb- 
nahme der Eisenbahnen im Westen gemacht hatte, 
wurden bei dem Einmarsch in Rußland verwertet. 
Wie die Franzosen und Belgier, so hatten auch die 
Russen und später auch Serben und Rumänen die 
Bahnen bei ihrem Rückzug gründlich und noch rück- 
sichtsloser #ls ihre Verbündeten zerstört. Bahnhöfe 
und Werkstätten fanden die vorrückenden Deutschen 
nur noch als rauchende Trümmerhaufen, alles Per- 
sonal und Material war zurückgeführt worden. Um- 
legen der Gleise auf Normalspur mußte mit Wieder- 
geelng der Betriebseinrichtungen hier Hand in 
and gehen, also eine Vergrößerung und Erschwerung 
der Arbeit gegen den Westen. So wurden auf diesem 
Kriegsschauplatz an die Eisenbahntruppen nicht weni- 
er gewaltige Anforderungen gestellt, die um so 
chneller bewältigt werden mußten, als man für den 
Nachschub bei dem schlechten Zustand der Straßen 
viel mehr als im Westen auf Benutzung der Bahnen 
angewiesen war. Die Arbeiten waren aber besonders 
schwierig und erforderten längere Zeit als dort, da, 
abgesehen von Holz für Bahnschwellen und geringer, 
in den größeren Städten noch entdeckter Betriebs. 
materialien, alle zur Wiederherstellung erforderlichen 
Gegenstände aus der Heimat herangefahren werden 
mußten. Auch in Polen lag die Industrie still und 
war zunächst gar nicht in der Lage, etwas hiervon 
zu liefern. Das Personal wurde aus den östlichen 
preußischen Direktionsbezirken entnommen. da sich 
unter diesem viele Polnisch sprechende Personen be- 
fanden. Es kann daher nicht verwundern, daß im 
Deutschen Reich mit längerer Dauer des Krieges an 
einen Ersatz des Fahr= und Abfertigungspersonals 
durch Frauen gedacht werden mußte, waren doch schon 
in zweilen Kriegsjahre etwa 150000 Eisenbahnbeamte 
aus dem heimischen Betrieb herausgezogen worden. 
Die ganze Art der Kriegführung, die hier kein so 
unaufhaltsames Vordringen der Deutschen. wie im 
Westen, auch das zeitweise Wiederaufgeben in Besitz 
genommener Strecken mit sich brachte (dieselbe Hand 
mußte oft wieder zerstören, was sie eben wiederher- 
estellt), beeinflußte auch den Zeitpunkt der Aufstel- 
ung der Militär = Eisenbahnbehörden. Die den Be- 
tricb leitende Militär-Generaldirektion War- 
III. Technik und Kriegführung 
schau trat erst Ende September 1915 in Wirksamkeit. 
Von Anfang August 1914 bis Mitte Januar 1915 
wurden die Bahnen durch die Eisenbahndirektion 
Kattowitz verwaltet. An ihre Stelle trat um diese Zeit 
die Linienkommandantur Lodz, deren Geschäfte auf 
eine mit der Einnahme Warschaus neuerrichtete Mili- 
tär · Eisenbahndirektion 4 in Warschau übergingen. 
Gleichzeitig wurden die Militär-Eisenbahndirekto- 
nen 5 in Wilna, 6 in Brest Litowsk und 8 in Schau- 
len errichtet. Linienkommandanturen gibt es im Osten 
nicht mehr. Nach Besetzung Serbiens wurde Militär. 
Eisenbahndirektion 7 in Nisch errichtet. 
Die innere Organisation der Behörden ist im Osten 
dieselbe wie im Westen. Die Aufgaben, welche die 
Bahnen hier zu lösen hatien, glichen ebenfalls denen 
im Westen. Es mußte also auch hier außer der Versor- 
gung und Bedienung des Heeres — die in erster Linie 
standen — das wirtschaftliche Leben wieder aufgerich- 
tet werden. Auch hier in Polen gab es eine stark ent- 
wickelte Industrie, die wieder zum Aufleben zu bringen 
im Interesse des Eroberers lag. Wenn sich diesen 
Bestrebungen gegenüber die Bevölkerung hier nicht 
so ablehnend und geradezu feindlich verhielt wie im 
Belgien und Frankreich, so dauerte es doch länger als 
im Westen, bis ein geregelter Zivilverkehr einsetzen 
konnte. Am 5. August 1915 wurde Warschau erobert, 
aber erst am 1. September fuhr der erste Schnellz 
Berlin-Warschau ohne Wagenwechsel durch, der 
seit dem 1. Januar 1916 bis Brest Litowst durch- 
geführt wird. Auch hier wird der bürgerliche Verkehr 
nach denselben Gesichtspunkten geleitet wie im Westen. 
Etwas Großes hatten die Eisenbahnen geleistet. 
»Von Lille bis Brest Litowsk ein einheitlicher Be- 
trieb, einheitliche Zeit, ein Wille, ein Befehl und, 
was nicht zu übersehen, ein Umsteigen. Von Nord- 
frankreich über Belgien, Deutschland, Polen bis nach 
Weiß-Rußland hinein und Wagenwechsel nur in 
Berlin; auch dies ist einer der vielen Posten, der 
nicht in der Rechnung unserer Feinde bei Beginn des 
Krieges gestanden war.: Die Verwaltung der feind- 
lichen Bahnen im österreichischen Besetzungsgebiet 
geschah nach denselben Grundsätzen. 
Kaum einen Monat nach Beginn des Einmarsches 
im Westen trat zum erstenmal an die Eisenbahnen 
die Aufgabe einer schnellen überführung bedeutender 
Truppenmassen über weite Strecken heran. Anfang 
September 1914 wurde der russische Andrang gegen 
unsere schwach besetzte Ostfront so bedrohlich, daß die 
obere Heeresleitung, noch ehe der Gegner im Westen 
völlig niedergekämpft war, nicht unerhebliche Kräfte 
dem westlichen Kriegsschauplatz zugunsten des öst- 
lichen entnehmen mußte. Gleichzeitig aber fand in- 
folgedessen auf ersterem eine sehr umfangreiche Ver- 
schiebung von Kräften statt. Beide Bewegungen, die 
von Westen nach Osten sowie hinter der Westfront von 
Süden nach Norden, gelangen. Hierdurch vermochte 
man den russischen Ansturm zunächst abzuwehren. 
Diese grobe Verschiebung blieb nicht die einzige. Es 
folgte im Winter 1914/15 eine neue in derselben Rich- 
tung zwecks Versammlung zum Angriff, der zu dem 
Siege an den Masurischen Seen, dann eine im April 
1915 zu der Versammlung, die zum Durchbruch durch 
die rassisce Front bei Gorlice-Tarnow führte. Auch 
eine Querverschiebung im Osten nach der Schlacht 
von Tannenberg von Ostpreußen nach Oberschlesien 
— von Norden nach Süden — muß hier erwähnt 
werden. Eine Massenbewegung in umgekehrter Rich- 
tungvon Osten nach Westensand im Frühjahr 1916 zur
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        Freiherr von Steinaecker: Die Eisenbahnen im Weltkriege 
Vorbereitung des Angriffs auf Verdun statt. Ver- 
schiebungen auf den einzelnen Kriegsschauplätzen blie- 
ben keine Seltenheiten, denn um den Durchbruchsver- 
suchen der Gegner wirksam zu begegnen. mußten bei 
den großen feindlichen Offensiven schnell starke Trup- 
penabteilungen von den verschiedensten Seiten hinter 
die bedrohten Abschnitte geschafft werden, so in Flan- 
dern, im Artois, in der Champagne, in Lothringen. 
Auch sand mehrfach ein Austausch von Divisionen 
des Westens und Ostens sowie überführung von 
Truppenteilen in Ruheslellungen statt. Sehr umfang- 
reiche Transporibewegungen machte später die Ver- 
sammlung zum Einmarsch in Serbien sowie zum ru- 
mänischen Feldzug nötig. Alle diese oft unvermutet 
und in kürzester Frist von den Eisenbahnen zu be- 
wältigenden Transporte verliefen ohne Störungen. 
Dies wurde auch bei den verschiedensten Gelegenheiten 
vom obersten Kriegsherrn vor Heer und Vol- an- 
erkannt. Die Bahnen erwiesen sich als ein nie ver- 
sagendes Hilfsmittel der Führung, wodurch es die- 
ser ermöglicht wurde, stets an den entscheidenden 
Punkten stärker zu sein als der Feind. Die Oberste 
Hecresleitung verdoppelte so durch die Fähigkeit des 
schnellen Herüberwerfens starker Kräfte von einem 
Kriegsschauplatz auf den anderen ihre Stärken. Hier- 
durch konnte es gelingen, das ungünstige Zahlenver- 
hältnis, in das wir immer mehr zum Gegner gerieten, 
m etwas auszugleichen. 
Bei der fortgesetzt sehr starken Inanspruchnahme 
der Eisenbahnen mußten das Material und der 
Oberbau der Strecken in erheblichem Umfange ab- 
genutzt werden und daher, hauptsächlich veranlaßt 
durch den hohen und wegen Mangels an Arbeits- 
kräften nicht schnell zu beseitigenden Reparaturstand 
an Wagen und Lokomotiven, die Leistungen der Bah- 
nen allmählich abnehmen. Da im Kriege die Bedürf- 
nisse und Ansprüche der Heeresleitung allen anderen 
vorgehen, so machte sich dies zunächst und hauptsäch- 
lich für den Heimatsverkehr fühlbar. Am stärk- 
sien war dies in dem Winter 1916. der mit seinem 
langen, strengen Frost und großen Schneefällen den 
Eisenbahnen eine besonders starke Kraftprobe auf- 
erlegte. Es trat auch zum Teil infolge der Knapp- 
heit an Schmierölen eine überaus empfindliche Er- 
höhung des Reparaturstandes an Maschinen ein, 
hauptsächlich aber stockten die Leistungen der Bahnen 
in unvorhergesehenem Maße infolge der durch das 
Wetter verursachten Verminderung der Leistung der 
Rangierbahnhöfe und infolge der Ecschwerung der 
Ab- und Zufuhr der Güter. Diese Schwierigkeiten 
wurden noch erhöht durch die Zunahme der Bedürf- 
nisse der Armee ('Hindenburg- Programmo), durch 
die immer sich steigernde Abgabe von Personal und 
die im ganzen Lande eingetrelene Verminderung der 
Arbeitskräfte sowie durch die Zunahme der zu be- 
dienenden Strecken nach dem Einmarsch in Serbien 
und Rumänien. Es setzte dann ein ungewöhnlich 
starker Güterverkehr in diesem Winter ein, weil nir- 
gends mehr größere Warenbestände vorhanden waren 
und deshalb für die Beförderung der überall schnell 
gebrauchten Güter sogar der billigere Wasserweg, so- 
lange er überhaupt zur Verfügung stand, nicht ent- 
lastend wirken konnte. Dieser Schwierigkeiten, die sich 
im Heimatsverkehr durch Verminderung der Züge, 
längere Fahrzeiten, aber auch durch Verspätungen 
sowie durch zeitweise notwendig werdende Sperre der 
Hüterbeförderung. bei dem Heere durch die Notwendig- 
keit der Beschränkung der Beurlaubungen bemerkbar 
299 
machten, wurde man dadurch allmählich Herr, daß 
das ganze heimatliche Gebiet in große Verkehrs- 
abschnitte — Ost-West-Mitte — eingeteilt und 
diese einer besonderen Leitung unterstellt, ferner aber 
der Privatpersonen= und der Güterverkehr nach Mög- 
lichkeit eingeschränkt wurden. 
Bei der Bedeutung der Erhaltung des Wirtschafts- 
lebens der Heimat in diesem Kriege, der nun über 
drei volle Jahre des deutschen Volkes ganze Kraft in 
Anspruch nimmt, für die Armee ist die Leistung der 
Eisenbahnen hierfür von ausschlaggebender Bedeu- 
tung geworden. Es soll nicht verschwiegen werden, 
daß unser Wirtschaftsleben schwere Schädigungen er- 
litten hat; allein ebensowenig darf verschwiegen wer- 
den, daß das Wirtschaftsleben, nicht zum wenigsten 
dank der Tätigkeit der Eisenbahnen, durch eine nicht 
hoch genug zu bewertende Anpassung an die durch 
den Krieg gaschaffenen neuen Bedingungen in seiner 
Gesamtheit gegenüber anfänglichen Stockungen einen 
derartigen Aufschwung genommen hat, daß die geld- 
lichen Ergebnisse von Jahr zu Jahr günstiger wurden 
und jetzt denen der letzten Jahre des Friedensverkehrs 
nicht nur nicht nachstehen, sondern sie zum Teil sogar 
überflügelt haben. Das beweisen die Abschlüsse der letz- 
ten vier Kalenderjahre. Die Einnahmen der deutschen 
Staatsbahnen betrugen im Friedensjahr 1913 im 
Personenverkehr 991. im Güterverkehr 2227, zusam- 
men 6281 Millionen Mark. Die entsprechenden Zahlen 
stellten sich für 1914 (fünf Monate Krieg) auf 847, 
1956. 2803; für 1915 auf 741, 2086, 2827; für 1916 
auf 875, 2333, 3208 Millionen Mark. Für die ersten 
Monate des Jahres 1917 liegen Zahlen vor, die ein 
steigendes Wachsen des Verkehrs erkennen lassen. 
Die Benutzung der Eisenbahnen mit Vollbetrieb 
endigt nicht unmittelbar hinter der Kampffront. Die 
erfahrungsmäßig schwere Aufgabe, die an die End- 
punkte herangebrachten Bedürfnisse rechtzeitig bis zu 
den Verbrauchsstellen zu bringen, wird den Bahnen 
durch Kolonnen aller Art abgenommen. Sie werden 
hierbei durch die von den Endbahnhöfen sich nach vorne 
vorschiebenden Feldbahnen (von den Eisenbahn- 
truppen betriebene Schmalspurbahnen mit Pferde- 
oder Lokomotivbetrieb) unterstützt. Im Osten. für 
den die Feldbahnen bei schlechtem Zustand der Wege 
eine größere Bedeutung als im Westen gewannen. 
wurden sie vielfach zu Schmalspurbahnen ausgebaut 
und deren Betrieb dann den Eisenbahnverwaltungen 
unterstellt. Ein Schmalspurbahnnetz von 700 km 
ist auf diese Weise im besetzten Osten aus Feldbahnen 
entstanden und einem besonderen Eisenbahnbetriebs- 
amt unterstellt worden. Der Stellungskrieg ermög- 
lichte es sogar, vielfach bis zu den weittragenden 
feuernden Batterien die Munition auf diesem Wege 
vorzuführen. Daß dies auch der Gegner tat, ergaben 
die Aufnahmen unserer Flieger; auch wurde viel- 
fach durch sie festgestellt, daß der Feind Geschütze und 
Maschinengewehre auf oder in Eisenbahnwagen, auch 
in gepanzerten, anbrachte, die hierdurch befähigt wur- 
den, auf dem Feldbahnnetz oder auf Anschlüssen von 
normalspurigen Bahnen überraschend an den ver- 
schiedensten Punkten aufzutreten und sich schnell der 
feindlichen Gegenwirkung zu entziehen. Es wurde dies 
während der Kämpfe um Verdun und neuerdings 
an der englischen Front mehrfch festgestellt. 
Die Ausführungen über die Eisenbahnen im Kriege 
erfordern der Vollständigkeit halber noch einen Hin- 
weis, inwiefern der Krieg auch die Straßen= und 
Kleinbahnen in Mitleidenschaft gezogen hat. Auch
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        300 
sie hat er vor neue, bisher nicht gekannte Aufgaben 
gestellt. Bei der Mobilmachung stockte plötzlich die 
Zufuhr der Lebensmittel für die Städte durch die 
Staatsbahnen, ebenso der Arbeiterverkehr. Hier 
riffen die obengenannten Bahnen mit Erfolg hel- 
gen- ein, so daß sich die Lebensmittelzufuhr wenig- 
stens notdürftig vollzog, bis von der zweiten Mobil- 
machungswoche ab bestimmte Züge des Militärfahr- 
plans für diese Zufuhr freigemacht werden konnten. 
Dies gelang, obwohl der Betrieb durch die Einziehung 
von Frrsonket sehr erschwert wurde und obwohl aus 
Rücksichten der Landesverteidigung vielfach von den 
Staatsbahnen gleichzeitig benutzte Brücken usw. für 
jeden anderen als militärischen Verkehr gesperrt wer- 
den mußten. Dies traf besonders die Straßenbahnen 
III. Technik und Kriegführung 
der Großstädte am Rhein und die der Festungen an 
roßen Wasserläufen. Allein überall wurde der Ber- 
ehr, wenngleich mit Einschränkungen, aufrechterhal- 
ten, auch von diesen Bahnen die weitere ungestörte 
Entfaltung des Wirtschaftslebens unterstützt. 
Das Deutsche Reich ist daher mit vollem Recht stolz 
auf die Leistungen seiner Eisenbahnen. Ihre zweck- 
entsprechende Anlage und Verwendung haben dem 
deutschen Volke im Felde und in der Heimat eine wert. 
volle, nicht hoch genug einzuschätzende Unterstütung 
im Kampfe um sein Dasein geliehen. Die Geschichte des 
Weltkrieges wird den Männern, die die Eisenbahnen 
trotz aller Schwierigkeiten auf ihrer Leistungsfähig- 
keit erhalten haben, und denen, die sie meisterhaft zu. 
benutzen verstanden, ihre Anerkennungnicht versagen. 
Kriegschirurgie 
von Dr. Haehner, Stabsarzt im Kriegsministerium in Berlin 
Hierzu Taseln 2 Kriegschlrurgie I u. ll#. 
Der großen Bedeutung, die neben der bestaus. 
gebildeten Technik im heutigen Kriege den Menschen- 
massen, dem möglichst schnellen Ersatz der Verluste 
zukommt, entsprechen die hohen Anforderungen, die 
an die Kunst der Kriegschirurgen gestellt werden müs- 
sen, um die Verwundungen nicht nur möglichstschnell, 
sondern auch in möglichst großer Zahl wieder zu 
heilen. Solchen Aufgaben gegenübergestellt, waren 
bei Kriegsbeginn die deutschen Chirurgen nicht im 
Zweifel, daß eine Reihe von Fragen der Verletzungs- 
chirurgie, der Behandlung der Wundkomplikationen 
noch ungeklärt vor ihnen lag. Das Riesenmaterial 
der Krie erleßten hat denn auch gezeigt, daß die Er- 
ebnisse der bisher üblichen Behandlung vielfach nicht 
befrievigend waren. Auf Grund der mehrjährigen 
Beobachtungen und Erfahrungen mußte die Kriegs- 
chirurgie bei einer ganzen Anzahl von Verletzungen 
umlernen und neue Behandlungswege einschlagen. 
Bei der Durchführung ihrer Aufgabe kamen ihr die in 
hervorragender Weise stetig ausgebildeten Methoden 
der Wissenschaft und Technik im weitesten Maße zu 
Hilfe. Die Grundbedingung für jeden Erfolg eines 
chirurgischen Eingriffs ist, daß den Verwundeten 
möglichst bald auch die notwendige sachgemäße Hilfe 
zuteil wird; deshalb verfügen im Felde auch die am 
weitesten vorgeschobenen Sanitätsformalionen (Sa- 
nitätskompanien, Feldlazarette) über speziell in der 
Chirurgie ausgebildete Arzte. Wenn auch diesen For- 
mationen gemäß der Art ihrer Verwendung nicht alle 
technischen Hilf-mittel der modernen Chirurgie zu 
Gebote sein können, so find doch die stehenden Laza- 
rette (Kriegslazarette) bis ins kleinste damit ausge- 
stattet. Des weiteren ist dafür Sorge getragen, daß 
für zweifelhaste Fälle, für schwierigere Operationen 
der bewährte Rat von Chirurgen von Ruf, der Hoch- 
schulprofessoren, Leiter großer Krankenhäuser usw., 
die sich als beratende Chirurgen bei jedem Armee- 
korps befinden, jederzeit eingeholt werden kann. Auf 
ärztlichen Zusammenkünften im Felde und auf den 
beiden großen Kriegschirurgenkongressen haben die 
ausgetauschten Erfahrungen Veranlassung zur Klä- 
rung mancher strittigen Behandlungsfrage gegeben. 
Mit in erster Linie wurde betroffen die Wund- 
behandlung im allgemeinen. Nachdem der eng- 
lische Chirurg Lister sein Verfahren der antisep- 
tis en Zundbehandlung- debz der Belämfung. 
der so gefürchteten Infektion der Wunden durch ihre 
Desinfektion, veröffentlicht hatte, war einer der großen 
Meister der Kriegschirurgie, v. Bergmann, der erste, 
der dies Verfahren im Kriege, dem russisch-türkischen. 
erprobte. Doch konnte er es trotz aller Hilfsmittel 
und eines geschulten Personals nicht streng durch- 
führen. Erst als er jedes aktive Vorgehen unterließ, 
sich nur auf die Bedeckung der Wunden und eine ab- 
solute Ruhigstellung der verletzten Glieder beschrünkte. 
erreichte er die berühmt gewordenen Ergebnisse, vor- 
allem in der Behandlung der Kniegelenkschüsse. Da- 
mit war das Prinzip der Aseptik, d. h. der möglich- 
sten Keimfreihaltung der Wunden im Kriege, gefun- 
den, und zwar in der einfachen Form eines keimfreien 
Verbandes aufdie absolut unberührtgelassene Wunde. 
Große Triumphe feierte die Aseptik in der Zeit der 
kleinkalibrigen Mantelgeschosse, und da erregten die 
größte Überraschung die Beobachtungen im Buren- 
kriege, wo 90 Prozent der durch Mantelgeschosse ver- 
ursachten Wunden der Gliedmaßen ohne Eiterung 
heilten. Die Folge war die Einführung eines antisep- 
tischen oder sterilen Einheitsverbandes in allen Ar- 
meen. Diese Verbandpäckchen, von denen jeder 
Angehörige des deutschen Heeres zwei mit sich führt, 
haben sich auch in diesem Kriege glänzend bewährt. 
Das Anlegen des ersten Verbandes geschieht bei der 
einfachen Handhabung auch von Laien durchweg ge- 
schickt und zweckentsprechend. 
Während damals v. Bergmann die durch Klein- 
kaliber-(Infanterie-) Geschosse verursachten Wunden 
als von vornherein (primär) nicht insiziert ansah, 
steht jetzt fest, daß alle frischen Schußwunden Infek. 
ltionskeime enthalten, schon durch die mitgerissenen 
Teile der Kleidung und Haut. Trotzbem gelingt 
eine reaktionslose Heilung dann, wenn primär nur 
wenig Keime eindringen und ein weiteres Eindrin 
verhindert wird. In diesem praktischen Sinne 
also die Kleinkalibergeschoßwunden als nicht infiziert 
anzusehen. Ganz anders liegen dagegen die VBer- 
hältnisse bei weit ossenen Schußwunden, wie sie die 
Nahgeschosse der Infanterie, Aufschläger, Querschlä- 
er, die reichliche Verwendung von Dumdumgeschos- 
en und Artilleriegeschosse verursachen. Der ausge- 
dehnte Stellungskrieg hat bei den vielfach auf sehr 
geringe Entfernung gegenüberliegenden Schützen- 
gräben viel mehr als früher Nahschüsse gezeitigt, die
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        2. Otlene Wundbehandlung. 
I. Kraukensaäle zur offenen Wundhehandlung. 
9. Steckschuf im Wirbelkanal 
(Röntgenaufnahme). 
7. Drahtschiene zur Behandlung von 
Klelerbrüchen. 
4. Steckschuß im Schädel (Köntgenaufnahme). 
Kriegs-Chirurgie l. 
a Künsulche 1löhensonne. S. Fixationsschiene bel Kielerbrüchen mit 6. Klelerbruch mit Verschtebung des 5. Splltterentflernung aus dem Auge durch Rlesen- 
krößerem Knochendefekt. Bruchteils. magnet.
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        1 und 2. Provisorische Schlenenverbände bel Glledmabenver- 
letzungen. 
3. Knochenschuß mit starker Zeruümmerung 6. Diswaltionsklammem zur Knochenbruchbehandlung 
(Ronigenaufnahme). (Röntgennufnahme). 
Kriegs-Chirurgie ll. 
9. Zerrelßung durch Dumdom-Geschotg 1. Schrapnell-Steckschuß mit 
« . (Köntgensulnahme). Splltterbruch des Knachens 
J " s« . 44 - ; (såatkcasulathast. 
— 7. Knochenbruchschuß ohne we. 
s8eniliche Verschlebung 
1 (TSchlenung durch den unverieinen 
Knochen: Poüntgenanme). 
—— — 
5. Strerkverband mit. Gekenzüken. S. Plliegerplell.
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        Haehner: Kriegschirurgie 
nicht nur durch Infanteriegeschosse, sondern auch durch 
Handgranaten und das ganze Arsenal der Schützen- 
rabengeschütze bedingt sind und mit einer starken 
Ferschmußzung der Wunden einhergehen. Dadurch 
ist die Anzahl primär infizierter Wunden jetzt außer- 
ordentlich groß, und nicht mehr der erste Verband, 
wie es früher hieß, sondern vornehmlich die primäre 
Infektion entscheidet über das Schicksal. Die englischen 
und französischen Kriegschtrurgen sind wieder zu aus- 
gedehnter Anwendung von infektionsbekämpfenden 
Flüssigkeiten übergegangen, während die deutschen 
Chirurgen den Kampf gegen die Wundinfektion im 
allgemeinen wesentlich, statt mit der chemischen, mit 
der physikalischen Antiseptik führen; dabei hat sich 
schon allein die vollständige Ruhigstellung der ver- 
letzten Gewebe als ein mächtiges Unterstützungemittel 
erwiesen, das bei Knochen= und Gelenkschüssen von 
der größten Bedeutung ist. Sehr günstige Erfolge 
bei eiternden Wunden hat man unter anderem mit 
der offenen Wundbehandlung, die jetzt bei 
Kriegsverletzungen vielfach in Anwendung gekommen 
ist, erzielt. Fig. 1 auf Tafel I zeigt einen derartigen 
„Krankensaal. Die Wunden werden hierbei ohne 
jeden Verband gelassen (Tafel J, Fig. 2); das Haupt- 
prinzip dieser Behandlung beruht auf dem Einfluß 
eines ständig bewegten, austrocknenden Luftstromes, 
zu dem die heilende Kraft der Sonnenstrahlen hinzu- 
tritt. Es wurde so z. B. eine auffallend schnelle Bes- 
serung der Erfrierungswunden beobachtet, die selbst 
bei kalter Witterung ohne Bedeckung der freien Luft 
ausgesetzt waren. Die bekannte Heilkraft der inten- 
siven Sonnenstrahlung im Hochgebirge wurde durch 
die elektrisch Wreugte künstliche Höhensonne= (Tafel J, 
Fig. 3) in die Ebene mit ihren selleneren und weniger 
intensiven Sonnentagen verpflanzt, und auch sie fin- 
det mit gutem Erfolg in immer steigendem Maße bei 
der Behandlung der Kriegsverletzungen Verwendung. 
Diese allgemeinen Grundsätze der Kriegschirurgie 
geiten wie beim Land= so auch beim Seekrieg. Ledig- 
lich der Unterschied der Wunden an Bord, die in der 
Regel von Minen und schweren Geschützen herrühren, 
kann einen Unterschied imchirurgischen Handeln gegen- 
über den Kriegswunden im Felde bedingen. 
Die riesige Ausdehnung der jetzigen Schlachtfelder. 
der weitreichende Geschoßhagel der modernen Hand- 
feuerwaffen, Maschinengewehre, schweren Geschütze 
bringen es mit sich, daß manchem Verwundeten ärzt- 
liche Hilfe erst spät zuteil werden kann. Dadurch er- 
klärt es sich, daß zwei der schlimmsten und heimtückisch- 
sten Wundinfektionen, Wundstarrkrampf (Tetanus) 
und Gasbrand, so viele Opfer gefordert haben. 
Der Tetanus tritt vor allem bei ausgedehnten, 
mit Zerreißungen in der Tiefe einhergehenden Wun- 
den (Granatwunden) auf, die durch Erde und Kleider- 
fetzen verunreinigt sind. Er ist auf den verschiedensten 
Kriegsschauplätzen jetzt wieder häufig beobachtet wor- 
den und hängt anscheinend mit der Bodenbeschaffen- 
beit innig zusammen. Erst nach dem Kriege wird die 
Feststellung möglich sein, welche Gegenden sich dabei 
am gefährlichsten gezeigt haben. Bei dem Tetanus 
haben wir im Wundstarrkrampfserum ein, vor allem 
bei frahzeig r Anwendung, gut wirkendes Heilmittel 
in der Hand, das jetzt vorbeugend gleich nach den 
Verletzungen eingespritzt wird. Für die zweite, äußerst 
gefährliche Wundinfektionskrankheit, den Gasbrand, 
fehlt ein entsprechendes Mittel. Die Gasgangrän, 
wie diese Krankheit auch genannt wird, ist verursacht 
durch in der Wunde gasbildende Bakterien und trägt 
301 
daher ihren Namen; mit dem Gaskampf, dieser Er- 
rungenschaft des jetzigen Krieges, hat sie nicht das 
eringste zu tun. In der Hauptsache sind es die 
unden der Gliedmaßen, bei denen diese Infektion 
auftritt, und zwar meist bei stark zerrissenen Wunden, 
besonders also Granatverletzungen. Es gleicht dies 
Verhalten durchaus dem des Tetanus, mit dem die 
Gasgangrän auch noch die Abhängigkeit von der 
Bodenbeschaffenheit teilt. Die Infektion zeigt ein auf. 
fallend rasches Fortschreiten mit schon bald einsetzen- 
den schweren septischen Erscheinungen. Im Röntgen- 
bild können Gasblasen im Gewebe schon frühzeitig 
nachgewiesen werden und somit auf die drohende Ent- 
stehung der Krankheit hinweisen. Große Einschnitte, 
in vielen Fällen die Abtrennung) des verletzten Glie- 
des, find meist erforderlich, um das Leben zu retten. 
Die Verschiedenheit der Anschauungen in der all- 
gemeinen Wundbehandlung spiegelt sich auch in der 
speziellen Behandlung der einzelnen Verletzungen. 
Es ist dies begründet in der Verschiedenartigkeit der 
Verhältnisse, unter denen die einzelnen Chirurgen 
zu arbeiten 
haben. Die 
vorderste Li- 
nie verlangt 
ein anderes 
Vorgehen 
als die rück- 
wärtigen La- 
zarette, und 
auch unter 
den Feldlaza- 
retten ist in- 
sofern keine 
Einheitlich- 
keit möglich, 
als je nach der Gefechtslage das eine oft seinen Stand- 
ort wechselt, das andere mehr den Charakter eines 
stehenden Lazaretts angenommen hat. Zwischen dem 
seßleren und den Heimatlazaretten besteht wieder in- 
sofern ein Unterschied, als diesen naturgemäß ein weit 
geringeres Material an frischen Verletzungen, aber 
eine viel ausgedehntere Behandlung der Verletzungs- 
folgen zufällt. Dies tritt vor allem klar zutage bei 
den Schädelschußverletzungen und den Knochen- 
verletzungen der Gliedmaßen. 
In der Hauptsache unterscheidet man Weichteil. und 
Knochen= und Hirnschüsse des Schädels. Die letzteren 
werden in drei Hauptgruppen eingeteilt: Tangen- 
tial-, Durch= und Steckschüsse. Die Tangentialschüsse 
(Textfig. 1), die den größten Teil der den Verband- 
platz erreichenden Schädelverletzungen bilden, bedin- 
gen eine mehr rinnenförmige Verletzung der Schädel- 
weichteile, des knöchernen Schädelgerüstes und unter 
Umständen der Hirnoberfläche. Doch kann bei ihnen 
das Gehirn auch in erheblichem Umfange durch die 
eingedrungenen Knochensplitter geschädigt sein. Als- 
Durchschüsse, die häufig den sofortigen Tod zur Folge 
haben, werden solche angesehen, bei denen das Ge- 
schoß durch die ganze Hirnmasse hindurchgegangen 
und eine Ein= und Ausschußöffnung., die bei einer 
Entfernung von 1800 — 2000 m lochartige Defekte 
bilden, festzustellen ist. Bei den Steckschüssen ist dagegen 
nureine Einschußöffnungvorhanden;das Geschoß sleckt 
im Schädel (Tafel 1, Fig. 4), da es infolge der großen 
Entfernung seine Durchschlagstraft verloren hat. Die 
Größe der Verletzung ist überhaupt stets abhängig 
von der Entfernung, aus der das Geschoß auftrifft. 
Fig. 1. Tangentialschuß des Schädels.
        <pb n="388" />
        302 
Je weiter diese, um so geringer ist die Splitterung 
des Knochens. Bei Schüssen aus nächster Nähe wird 
der Schädel mit den Weichteilen in viele Teile zerrissen, 
das Gehirn zermalmt. Für einen günstigen Ausgang 
der Schädelschüsse ist der möglichst schnelle, dabei natstr- 
lich auch immer möglichst schonende Transport zum 
nächsten Lazarett in geeignetechirurgische Behandlung 
von größter Wichtigkeit. Da der Blutverlust mit eine 
der Haupttodesursachen beischweren Hirnverletzungen 
ist, gilt es seiner baldigst Herr zu werden, daneben 
auch, um eine ausgedehntere Zerstörung der empfind- 
lichen Hirnmasse durch die Blutung nach Kräften zu 
verhindern. Bei der Behandlung spielen die Ver- 
hütung und die Bekämpfung der Wundinfektion eine 
außerordentlich große Rolle. Und hier trennen sich die 
Wege in der Buffaslung Über die Art des Vorgehens, 
da eine Einigung darüber, ob nicht jede Schußwunde 
des Gehirns von vornherein als infiziert anzusehen 
sei, noch nicht erzielt ist. Eine wie ausschlaggebende 
Rolle aber die Infektion spielt, erhellt schon daraus, 
daß in einer großen Zahl von Verwundungen nicht 
die selbst schwere Hirnverletzung, sondern die hinzu- 
tretende, auf infektiöser Grundlage beruhende Hirn- 
haulentzündung als die eigentliche Todesursache be- 
zeichnet werden muß. Oft erst nach mehreren Wochen 
Lhen die Verwundeten an der schweren Folge der 
berlehung. der schleichenden Hirnhautentzündung, zu- 
grunde. Da die Infektion diese schlechten Ergebnisse 
zeitigte, so war der Schluß gerechtfertigt, daß sich die 
Ausgänge durch Verhütung der Insihtion bessern 
ließen, und darauf war nun das Bestreben der Chi- 
rurgen gerichtet. Weil erfahrungsgemäß der Tangen- 
tialschuß am meisten zur Infektion neigt, wird beson- 
ders für diesen ein möglichst frühzeitiges chirurgisches 
Vorgehen gefordert. Aber auch die überzeugung, daß 
einemöglichstendgültige Versorgung der übrigen Schä- 
delschüsse sofort nach der Verwundung geschehen soll, 
bricht sich immer mehr Bahn, da die 9! I der Geheil- 
ten bei der bisher üblichen konservativen oder offenen 
Wundbehandlung außerordentlich gering war und 
die große Sterblichkeitsziffer der nicht sofort operier- 
ten Fälle, die überall gellagten Spätfolgen und Spät- 
gefahren an den Ernst der Verletzung mahnen. Die 
zweckentsprechendste, aber leider nicht in jedem Falle 
mögliche Methode ist die mechanische Entsernung der 
eingedrungenen Fremdkörper und der vollkommen 
zertrümmerten Hirnmassen. Doch gehen in der Be- 
urteilung der Frage, wie weit der operative Eingriff 
zu geschehen habe, die Meinungen zur Zeit noch aus- 
einander. Denn während ein Teil der Chirurgen 
auf dem Standpunkt steht, daß die Schädelschüsse mit 
Hirnverletzung ein recht trauriges Kapitel der Kriegs- 
chirurgie bilden, sind andere wiederum der Ansicht, 
daß gerade bei diesen die Kriegschirurgie ihre Trium- 
phe feiere. Jedenfalls bilden sie eines der interessan- 
testen Gebiete der Kriegschirurgie. Erwähnt mag 
hierbei werden, daß der Träger des Nobelpreises 1915, 
Bäräny, bei seinem Material gute Erfolge mit dem 
vollständigen Verschluß der Kopfwunden durch Naht 
nach vorangegangener gründlicher Reinigung von 
Fremdkörpern erzielt hat. Allgemeine Nachahmung 
hat das Verfahren noch nicht gefunden. Sobald wie 
möglich findet eine Nöntgenaufnahme der Kopfwun- 
den slalt. um die Eutfernung aller Splitter anzustre- 
ben. Doch können hierbei kleine Splitter, deren schä- 
digende Wirkungen auf den Gesamtzustand sich zum 
Teil erst lange nachher bemerkbar machen, zuweilen 
nicht gleich zur Darstellung gelangen. Ihre operative 
III. Technik und Kriegführung 
Entfernung ist dann nicht sofort möglich, da sich das 
Suchen nach solchen in der Hirnmasse verbietet. 
Anders liegen die Verhältnisse der Behandlung der 
Schußverletzungen in den Heimatlazaretten. Mit der 
Zunahme der Operationen im Fesde sinkt die Zahl 
der primären operativen Eingriffe in der Heimat. 
Dafür werden um so mehr Spätfolgen beobachtet, die 
hier das therapeutische Handeln bestimmen. Selbst 
bei günstigem Heilverlauf der Wunden ist noch lange. 
in vielen Fällen natürlich je nach der Zerstörung wich- 
tiger Hirnteile auch dauernd, mit solchen Spätfolgen 
zu rechnen. Besonders gefürchtet sind die Späteiterun- 
gen des Gehirns, die oft erst nach Wochen auftreten 
und meist eine lebenbedrohende Gefahr bedeuten. 
Eingehende und lange Beobachtung auf den Nerven- 
stationen der Heimatlazarette, die zu einem äußerit 
erfolgreichen Zusammenarbeiten mit den Chirurgen 
eführt hat, läßt oft als Grund viel geklagter Be- 
shwerden und auch eines abnormen psychischen Ver- 
haltens eine derartige Späteiterung feststellen. Leider 
steht weitaus der überwiegenden Mehrzahl dieser in- 
fektiösen Spätfolgen das Heimatlazarett machtlos ge. 
genüber, weil es sich in der Regel nicht um abge- 
grenzte Abszesse, sondern im Grunde meist um schlei- 
chende eiterige Entzündungen handelt. 
Eine weitere häufig beobachtete Folge der Kopf- 
verletzungen ist die Epilepsie, die verhältnismäßig früh 
nach der Verletzung einsetzen kann und meist durch 
Druck der das Gehirn bedeckenden Narbenmassen oder 
Geschoß-- oder Knochensplitterchen verursacht wird 
und nur durch Operation zum Teil zu beseitigen ist. 
Eine völlige Heilung wird nur selten erzielt. Die 
Deckung des durch die “ - oder opera- 
tive Erweiterung verursachten Defektes im knöcher= 
nen Schädeldach ist Aufgabe der Heimatlazarette und 
wird nach den verschiedensten Methoden vorgenom- 
men, im allgemeinen derart, daß eine dünne Knochen. 
scheibe mit der Knochenhaut oder eine Metallplatte 
in den Defekt eingesetzt wird. 
Nicht operativ angreifbare Spätfolgen sind die durch 
die Bersttrung der Hirnmasse hervorgerufenen Ver- 
standesmängel, Lähmungen. Taubheit und ein- oder 
doppelseitige Erblindung. Außer der auf diese Weise 
erfolgten indirekten Blindheit ist bei Verwundungen 
des Gesichts mit der direkten durch Zerstörung eines 
oder beider Augen zu rechnen. Die solcher Art ent- 
standene Erblindung bedingt sehr häufig eine voll- 
ständige operative Entfernung des verletzten Auges, 
weil eine im Anschluß an die Verletzung oft auftre- 
tende Entzündung auf das andere gesunde Auge über- 
reifen und somit eine totale Erblindung hervorrufen 
ann. Kosmectisch ergibt die Entfernung des verun- 
stalteten Auges und seine Ersetzung durch ein künft- 
liches dank der hervorragenden Technik in der An- 
fertigung künstlicher Augen meistens ein weit besseres 
Resultat als seine Erhaltung. Zur Entfernung kleiner 
Geschoßsplitter aus dem Auge, unter anderem auch 
aus dem Gehirn, bedient man sich mit guten Ergeb- 
nissen eines Riesenmagneten (Tafel J, Fig. 5). Das 
Verfahren ist jedoch insofern nicht ganz unbedenklich. 
als unter Umständen auch versucht werden kann. 
Splitter zu entfernen, die schadlos der Einheilung 
überlassen werden könnten. 
Einer besonderen fachärztlichen Behandlung be- 
dürfen unter den Essichtsverletzungen die Kiefer- 
schußwunden, die im jetzigen Kriege bei den Kämp- 
fen in Schützengräben erschreckend häufig sind. Sie 
stellen durch den damit verbundenen Bruch des Kie-
        <pb n="389" />
        Haehner: Kriegschirurgie 
fers (Tafel I. Fig. 6) stets eine schwere Verletzung dar; 
entsetzlich sind in der Hinsicht oft die Verstünimelungen 
des Gesichts durch Artilleriesprengstücke. Das Zurück- 
sinken des Zungengrundes, die Anschwellung des Kehl- 
deckels bedingen eine dauernde Erstickungsgefahr, die 
Schwellung der Zunge macht die Nahrungszufuhr 
sehr schwierig. Die Behandlung im Felde besteht in 
vorläufiger Schienung der Bruchstücke des Kiefers; 
möglichst frühzeitig werden die Verletzten zu den 
großen fachärztlichen Kieferstationen zurückgeschafft. 
Die ganze Kunst der Ersatzbehandlung ist aufgeboten 
worden. um nach Vorbereitung durch gute Röntgen- 
aufnahmen durch Drahtverbände (Tafel I, Fig. 7), 
Knochennaht und Fixationsschiene (Tafel I, Fig. 8) 
das Auseinanderweichen der Kieferbruchstücke zu be- 
heben und wieder eine regelrechte Kaufläche zu schaf- 
fen. Dabei werden am meisten die nach einem Ab- 
druck des verletzten Kiefers gearbeiteten Schienen aus 
erhärtendem Metall geschätzt. Vielfach erfolgt auch 
hier bei weitklaffenden Bruchstlcken des Kiefers und 
der damit bedingten Unmöglichkeit einer freiwilligen 
Zusammenheilung der Bruchstücke die überbrückung 
des Defektes durch Einpflanzung einer aus dem Schien- 
bein entnommenen Knochenspange. Die Kieferschuß- 
behandlung hat auf diese Weise hervorragende Er- 
gebnisse erzielt. 
Ein sehr dankbares Feld der Tätigkeit hat die Chi- 
rurgie in der Besserung und Beseitigung der furcht- 
baren Gesichtsverstümmelungen nach Kieferverletzun- 
en gefunden und hier durch die in vorzüglicher 
eise entwickelte Narbenplastik äußerst segensreich 
wirken können, indem sie den beklagenswerten Opfern 
solcher Berwundungen die Wege zur menschlichen Ge- 
sellschaft wieder geisfnet hat. 
Die Halsverletzungen wirken durch die Mitver- 
letzung der zu beiden Seiten des Halses verlaufenden 
roßen Blutgefäße und Nerven vielfach sofort tödlich. 
96 sind jedoch, und zwar durchaus nicht so selten, wie 
man annehmen möchte, Durchschießungen des Halses 
beobachtet worden, die außer einem kleinen Ein= und 
Ausschuß keinerlei sonstige Erscheinungen aufwiesen. 
Als schwere Verletzungen, wenn sie nicht gleich töd- 
lich sind, müssen in der Regel die Verletzungen des 
Halsmarks bei Wirbelsäulenschüssen bezeich- 
net werden, weil mit ihnen, je nach dem Grade der 
Mitbeteiligung des Marks, eine mehr oder minder 
ausgedehnte Lähmung sämtlicher Nerven der oberen 
und unteren Körperhälfte verbunden ist. 
Die Verwundungen des Kehlkopfes und der 
Luftröhre können, wenigstens bei Schüssen aus 
nicht zu naher Entfernung, verhältnismäßig günstig 
sein wegen der Kleinheit der Wunden; bei denen der 
hinter der Luftröhre liegenden Speiseröhre besteht 
stets in erhöhtem Grade die Gefahr einer Infektion 
der Wunde. Das Wesentlichein der kriegschirurgischeg 
Behandlung der Speiseröhre ist deren frühzeitige 
Ausschaltung durch Anlegung einer Magenfistel. 
Eine besondere Eigentümlichkeit weisen die Verwun- 
dungen der Luftröhre insofern auf, als man beiihnen, 
ebenso wie bei den Brustschüssen, ein Eindringen von 
Luft in die die Wunde umgebenden Weichteile fest- 
stellen kann, was in den meisten Fällen harmlos ist, 
aber für die Verwundeten recht quälend sein kann. 
Bei den Brustschüssen ist zu unterscheiden zwi- 
schen Verletzungen der Lunge und des Herzens. Die 
Behandlung der Lungenschüsse in den ersten Tagen 
nach der Verletzung entscheidet vielfach das Schicksal 
des Verwundeten; etwa 25 Prozent sterben auf dem 
303 
Schlachtfeld an ihren Wunden. Die Kleinkaliber- 
(Infanterie.) Geschosse durchschlagen vielfach glatt die 
Lungen; derartige Verwundungen machen zum Teil 
von Anfang an klinisch einen äußerst günstigen Ein- 
druck. Schon am ersten oder zweiten Tage laufen die 
Verwundeten herum und glauben nicht an die Schwere 
der Verletzung, weil sie fast gar keine Schmerzen und 
nur ganz wenig Blut= im Auswurf haben. Der- 
artige Päsh rechtfertigen die Lehre von der Gutartig- 
keit der Lungenschüsse durch das moderne Infanterie- 
geschoß, deren Lungenschädigungen innerhalb weniger 
Tage geheilt sein können. Im Gegensatz dazu sind 
die Verletzungen durch Artilleriegeschoß oft hoffnungs- 
los. Die ausgedehnten Zerreißungen und starken 
Blutungen in die Luftwege oder den Brustfellraum 
haben allermeist den Tod innerhalb der ersten zwei Tage 
zur Folge. Doch sind gerade die schweren Lungen 
schüsse auch oft ein sehr dankbares Objekt für die Be- 
handlung in den Sanitätsformationen der vorderen 
Linie. Böllige Körperruhe sowie Hebung und Stär- 
kung der Herztätigkeit und der allgemeinen Kräfte 
sind Haupterfordernis. Diese Tage der völligen Ruhe 
wirken bei einer großen Anzahl Verwundeter direkt 
lebensrettend. Bedrohliche Komplikationen können 
dann eintreten, wenn sich der Bluterguß im Brustfell- 
raum infiziert und es dadurch zu einer Vereiterung 
des Ergusses kommt, was häufig nach Schrapnellver- 
letzungen beobachtet wird. Dann kommt nur opera- 
tives Knngrerfen“ in Frage. Neben diesen Schußver- 
letzungen der Lunge sind auch deren Stichverletzungen 
zu erwähnen, bei denen in der Regel mit einer ab- 
wartenden Behandlung, d. h. in der Hauptsache mit 
Ruhe, gute Erfolge erzielt werden. 
Außer der Lunge ist bei Brustverletzungen das 
Herz gefährdet. In den meisten Fällen werden die 
Herzschüsse und wohl auch die größeren Stichver- 
letzungen sofort tödlich wirken. Aus der eigentlichen 
Herzwunde dringt das Blut in den das Herz umge- 
benden Ferkbeute und führt dadurch unter Umständen 
zueiner Eigentamponade der Herzmuskelwunde, die zu 
erheblichen Störungen der Herztätigkeit und eventuell 
zum Tode führt. Die Kühnheit der Chirurgen ist nicht 
davor zurückgeschreckt, Operationen am Herzen vorzu- 
nehmen. Schon in Friedenszeilen wurde hin und 
wieder über die Naht der Wunde eines schlagenden 
Herzens und deren guten Erfolg berichtet. Im Kriege 
ist natürlich zu derartigen Eingriffen weit öfter Ge- 
legenheit gewesen, da auch ärztliche Hilfe viel eher 
zur Stelle war. Und so ist schon eine ganze Reihe 
von Herzverletzten beobachtet worden, die durch Naht 
des aus dem Herzbeutel vorgezogenen schlagenden 
Herzens geheilt wurden. Dazu bedarf es natürlich 
einer ganz besonders feinen Technik und schnellen 
Handelns. Dieser wohlausgebildeten Technik ist es 
denn auch unter anderem gelungen, sogar eine Schrap- 
nellkugel, die, wie röntgenologisch festgestellt wurde, 
in der Herzkammer frei beweglich umherwirbelte, ope- 
rativ mit bestem Erfolge zu beseitigen. 
Nicht jede Verwundung des Brustkorbes, selbst 
wenn Ein= und Ausschuß vorhanden sind, geht mit 
einer Verletzung der Lungen oder des Herzens, über- 
haupt der vom Brustkorb eingeschlossenen Teile, einher. 
Es sind dies die nicht so sehr seltenen Fälle, wo das 
Geschoß beim Eindringen auf eine Rippe auftrifft, 
auf dieser um den Brustkorb herumläuft, um aus den 
Weichteilen des Rückens wieder auszutreten. Das 
Fehlen jeglicher Symptome, wie Blutauswurf, Husten- 
reiz, Atemnot, weist auf die Eigenart solcher Ver-
        <pb n="390" />
        304 
letzungen hin, die dann natürlich in der Regel als 
leichte anzusprechen sind. 
Große Wandlungen haben in diesem Kriege die 
Anschauungen über die bei Bauchverwundungen, 
sowohl bei Schuß= wie bei Stichverwundungen, ein- 
zuschlagende Behandlung erfahren. Unter den Be- 
griff der Bauchschüsse fallen nicht die Bauchdecken- 
schüsse, die nur als Weichteilschüsse zu gelten haben. 
Vielmehr zählen dazu nur die Verwundungen, bei 
denen nach Lage des Ein- und des Ausschusses oder 
nach den klinischen Erscheinungen einer Darmver- 
letzung die Beteiligung der Bauchhöhle sicher ist. 
Neben den Verletzungen des Magen-Darmkanals 
kommen, innerhalb des Bauchfellraums liegend, die 
der Leber, Milz und der Blasenkuppe, außerhalb die- 
ses Raumes die der Nieren in Betracht. Außer den ge- 
nannten gibt es auch Schußverletzungen, die Ein= und 
Ausschuß zeigen, aber ohne Verletzung eines Organs 
der Bauchhöhle einhergehen. Das therapeutische Van- 
deln bei den Bauchverwundungen war in den früheren 
Kriegen beeinflußt durch die Furcht vor der Infektion. 
Man scheute sich vor operativen Eingriffen, weil man 
befürchtete, die vielleicht an dem Sitze der Verwun- 
dung sich abkapselnde infektiöse Eiterung durch eine 
Operation zu stören, über die Bauchhöhle auszusäen 
und dadurch eine allgemeine Bauchfellentzündung 
hervorzurufen. Gestützt wurde dieser Glaube an die 
Richtigkeit einer Behandlung, die jedes aktive Vor- 
gehen unterließ, durch die Beobachtung, daß in dem 
Bauchfell ein zwar empfindlicher, aber auch mäch- 
tiger Schuß dem Organismus gegeben ist, der vor 
allem die Fähigkeit besitzt, durch Verklebungen eine 
eventuelle Eiterung wie in einer Kapsel zu verschließen. 
Durch die auf der Grundlage der Aseptik aufgebaute 
kühne Art des chirurgischen Borgehens auch bei nicht 
aseptischen Wunden wurden hinsichtlich der Behand- 
lung von Bauchverletzungen neue Regeln ausgelstell. 
Und so ist man im Gegensatz zu der früheren konser- 
vativen Behandlung derartiger V.rletzungen in die- 
sem Kriege wohl allgemein zu dem aktiven Vorgehen 
übergegangen, vorausgesetzt natürlich, daß die ört- 
lichen Verhältnisse solche Eingriffe rechtfertigen. Un- 
zweifelhaft sind dieser Anschauung, bei den Bauch- 
wunden möglichst frühzeitig zu operieren, große Er- 
jolge beschieden gewesen, und es ist als ein großer, 
segensreicher Fortschritt der modernen Kriegschirurgie 
zu bezeichnen, daß sie von dem früheren Dogma, der- 
artige Verwundungen als ein noli me tangere an- 
zusehen, abgegangen ist. Die Vorherbestimmung des 
Ausgangs der Bauchschüsse, wenn sie mit Verletzun- 
gen der Bauchorgane einhergehen, ist mehr oder min- 
der immer etwas zweifelhaft und im weitesten Maße 
abhängig von dem Ausbleiben oder Eintreten einer 
Bauchfellentzündung. Die beste Prognose bieten mit 
die Schüsse der Oberbauchgegend mit Leberverletzung, 
sobald es gelingt, der Leberblutung, der ein großer 
Teil der Verwundeten erliegt, Herr zu werden. Die 
Gefahr ist jedoch damit für den Verwundeten keines- 
wegs endgültig vorüber, da als Spätfolge Leber- 
nekrose und eiterung auftreten können. Die Magen- 
darm und Blasenverletzungen sind hinsichtlich 
ihrer Schwere in hohem Maße von dem Füllungs- 
grad dieser Organe abhängig. Besonders die Schüsse, 
die die gefüllte Blase treffen, haben eine furchtbare 
Sprengwirkung. Der Nachweis des Geschosses in der 
Blase vei gutartigeren Verwundungen und seine Ent- 
fernung geschehen mit Hilfe eines Spiegelkatheters; 
voch ist auch von selbst erfolgende Entleerung des Ge- 
III. Technik und Kriegführung 
schosses aus der Harnblase beim Harnlassen beobachtet 
worden. Entleerte Darmschlingen vermögen dem Ge- 
schoß auszuweichen, und auf diese Weise kommen dann 
die obenerwähnten Verletzungen des Bauches zu- 
stande, die keine Schädigung des Bauchinhaltes bei be- 
stehendem Ein= und Ausschuß aufweisen. Verletzun- 
en des Mastdarmes führen, wenn sie innerhalb des 
auchfells erfolgen, wohl meist zu rasch tödlich enden- 
der Bauchfellentzündung; eine üble Beigabe ist die 
dabei häufig auftretende starke Blutung. Um so mehr 
wird deshalb auch bei Mastdarmverletzungen früh- 
zeitiges operatives Vorgehen gefordert. Schußwun- 
den der Nieren und der Milz, von denen vor allem 
die der letzteren schwere innere Blutungen verur- 
sachen, werden vernäht, wenn sie mehr oder weniger 
geringfügig und glatt sind, bei ausgedehnter Zer- 
trümmerung des betroffenen Organes bedingen sie 
dessen operative Entfernung. Es ist natürlich, daß 
für alle Operationen, die an den Bauchorgaonen vor- 
genommen werden, abgesehen von dem Zustande des 
Verletzten und der Schwere der Berwundung, als 
Grundbedingung des Erfolgs die Forderung besteht. 
nur dort zu operieren, wo die äußeren Berhältnisse 
ein sachgemäßes Arbeiten ermöglichen, d. h. wo dir 
erforderliche spezialchirurgische Hilfe zu Gebote steht 
und gleichzeitig der Operationsraum dementspr 
eingerichtet ist. Daß vor allem die Erfüllung der letz- 
teren Forderung sehr oft auf Schwierigkeiten stößt, 
ist ohne weiteres einleuchtend, aber in hervorragender 
Weise ist in vielen, selbst vorderen Sanitätsforma-= 
tionen dieser Forderung durch fast ingeniös zu neu- 
nende Improvisationen Rechnung getragen worden. 
Und so konnte auch die weitere Bedingung, die seitene 
der Mehrzahl der Kriegschirurgen an ein operativen 
Vorgehen bei Bauchverletzungen geknüpft wurde, nur 
dann die Operation vorzunehmen, wenn der Ver- 
wundete innerhalb der ersten 12 Stunden nach der 
Verletzung in chirurgische Behandlung käme, erfüllt 
werden. Gegenüber den Verletzungen der großen 
Gefäße der Bauchhöhle ist jede Therapie in der 
Regel machtlos, da sie binnen kurzer Zeit zum Tode 
durch innere Verblutung führen. 
Zu den Verletzungen des Rumpfes gehören auch die 
der Wirbelsäule, von denen die der Halswirbelsäule 
weiter oben (S. 303) erwähnt worden sind. Neben den 
einfachen Erschütterungen des Rückenmarks, die ohne 
eigentliche Verletzung zu vollkommenen, aber vorüber- 
gehenden Lähmungen der Gliedmaßen führen, wer- 
den Zerstörungen des Rückenmarks durch Kompression 
infolge Blutung, Wirbelbrüche und glatte Durch 
trennung beobachtet. Die meisten Wirbelsäulenschüsse 
(Tafel I, Fig. 9: Steckschuß im Wirbelkanal) mit Schä- 
Digung des Rückenmarks sind sehr schwere und trau- 
rige Verletzungen, die ein qualvolles, meist einige 
tage-, oft aber auch wochenlanges Krankenlager ver- 
bärsachen. Die ausgedehnten Lähmungen beider Beine, 
der Blase und des Mastdarms bei Verletzungen des 
Brustmarks gehen glücklicherweise oft mit vollständi- 
er Gefühllosigkeit einher, oft aber auch verursachen 
ie ziehende Schmerzen stärkster Art, die kaum zu be- 
lämpfen sind. Der Tod wird durch die Verletzung des 
Brust= oder Lendenmarks nur selten herbeigeführt; 
erst die durch die Lähmungen dedingten Komplikatio- 
nen geben diesen für die Verwundeten erlösenden Aus- 
hang- Als operativer Eingriff wird für gewisse Fälle 
die Eröffnung des knöchernen Wirbelkanals en#pfoh- 
len, um unter Umständen druckentlastend (bei Blu- 
tungen, Quetschungen) zu wirten, mehr aber aus
        <pb n="391" />
        Haehner: Kriegschirurgie 
dem Gedanlen heraus, kein Mittel unversucht zu las- 
sen. als in der Hoffnung, dadurch wirkliche Heil- 
erfolge zu erzielen. 
Zahllos sind die Fälle der Schußverletzungen 
der Gliedmaßen und Gelenke. Von den ein- 
fachen Weichteilschüssen ohne jede Knochenverletzung 
abgesehen, sind alle Arten der Knochenverletzung vom 
glatten Durchschuß bis zum Knochenbruch mit aus- 
gedehntester Zersplitterung und vollständiger Abrei- 
Rung der Glieder beobachtet. Außer den Schädelver- 
letzungen gibt es wohl kaum ein chirurgisches Gebiet. 
das in solchem Maße auf das Röntgenbild angewie- 
sen ist und auch von ihm Gebrauch macht, wie das 
der Verwundungen der Gliedmaßen. Und für keines 
ist das Röntgenbild auch von solch ausschlaggebender 
Bedeutung für die einzuschlagende Therapie wie für 
dieses Gebiet. Es braucht dabei nur daran erinnert 
zu werden, daß ohne das Röntgenbild die Beurtei- 
lung unmöglich ist. ob durch den angelegten Verband 
die zu einer guten Heilung erforderliche Stellung der 
Bruchenden gewährleistet ist und damit ein gutes 
funktionelles Ergebnis erwartet werden kann. 
Die Hilfeleistung der vordersten Sanitätsforma= 
tionen kann bei diesen Verletzungen bezüglich der 
Bruchbehandlung nur in provisorischer Schienung 
(Tafel II, Fig. 1 und 2) bestehen, da die Röntgenkon- 
trolle dort nicht vorhanden ist und derartige Verletzun- 
den stets einer längeren Behandlung in stehenden 
Lazaretten bedürfen. Die erste Tätigkeit beschränkt 
sich außer dieser Schienung auf die notwendige Wund- 
versorgung, unter anderem Amputationen vollständig 
zerschmetterter Glieder und vor allem Stillung der 
vielfach gefahrdrohenden Blutungen aus den gro- 
zhen Gefäßen durch deren Unterbindung oder Naht. 
In der Hauptsache kommt es darauf an, die Verwun- 
deten trausportfähig zu machen. In der Regel wer- 
den es die Heimatlazarette sein, welche die weitere 
Versorgung und Behandlung übernehmen. 
Die Lochschüsse, gewöhnlich bei großer Schußent- 
fernung, bestehen meist in einer einfachen, mehr 
oder weniger glatten Durchlöcherung des Knochens, 
wobei vielfach von dem Schußkanal weite Einrisse 
in den Knochenschaft ausgeben. Verschiebung der 
Knochenstücke kommt dabei kaum vor. Anders dagegen 
bei den eigentlichen Schußbrüchen, die eine vollstän- 
dige Durchtrennung des Knochenschaftes mit zum Teil 
ausgedehnter Splitterung (Tafel II. Fig. 3) zur Folge 
haben, wie sie besonders bei Nahschüssen auftritt. 
Granatverletzungen führen ebenfalls in der Regel zu 
starker Splitterung des Knochens und ausgedehnter 
Zerreißung der Muskulatur. Häufig sind gewaltige 
Weichteildefekte mit weiter Freilegung des verletzten 
Knochens auch direkte Abschüsse von Gliedmaßen sind 
beobachtet. Bei Schrapnellschüssen bleibt wegen ihrer 
geringen Durchschlagskraft vielfach das Geschoß stecken 
und zertrümmert den Knochen mehr oder weniger 
stark (Tafel II, Fig. 4). Steckengebliebene Geschosse 
aus Kleinkaliber sind meist deformiert und können 
dadurch unter Umständen zu Verwechslungen mit 
Dumdumgeschossen Veranlassung geben. 
Durch den Muskelzug tritt bei den Kontinuitäts- 
trennungen der Knochen eine verschieden starke Ver- 
schiebung der Bruchenden, sei es seitlich, sei es in 
der Länge, ein, wodurch eine Verkürzung des betref- 
fenden Gliedes verursacht wird. Diese Verkürzung 
zu beheben, ist die Aufgabe der endgültigen Behand- 
lung in den Heimatlazaretten. Bewirkt wird dies 
durch die Streckverbände der verschiedensten Art, 
Der Krieg 1914|/17. U. 
305 
denen allen das Prinzip gemeinsam ist, mittels Zuges 
durch Gewichtsbelastung die Bruchenden derart ein. 
ander zu nähern, daß nicht nur die infolgedessen beste 
und schnellste Heilung erzielt, sondern auch die ent- 
standene Verkürzung restlos behoben wird. Die seit- 
liche Verkürzung sucht man dabei durch entsprechenden 
Zu9 und Gegenzug zu bekämpfen Kale# II, Fig. 5). 
eider ist dies Ideal jeder Bruchbehandlung in man- 
chen Fällen unerreichbar. Je nach dem Grade der 
Längsverschiebung istdas am Zugverband angehängte 
Gewicht verschieden groß. Zur Behebung großer Ver- 
kürzungen ist, da die gewöhnlichen Heftpflasterzugver- 
bände nicht genügend wirkten, schon zu Friedenszei- 
ten unter anderem die Durchnagelung des unteren 
Bruchendes angewandt worden, mit der infolge der 
Möglichkeit größerer Gewichtsbelastung gute Erfolge 
erzielt werden. Für die bochgradigen. durch die Durch- 
schießungen verursuchten Verschiebungen ist sie bei 
den Kriegsverletzungen jetzt wieder sehr empfohlen 
worden. Operativ wird der bereits mit Verkürzung 
geheilte Knochen wieder verlängert, 
indem an einer gesunden Stelle des 
Oberschenkelschaftes (auch bei Unter- 
schenkelbrüchen) eine treppenförmige 
Durchmeiße- 
lung (Textfig. 2 
u. 3 schematisch) — — 
vorseenommmeen 4 
wird und diege- —. 
bildeten Trep- —: - 
penstücke auf- – % 
einandergesetzt – 
werden. Zur““ 
Vermeidung 
der seitlichen 
Verschiebung 
und zum Fest- 
halten der ge- 
wünschten Ver- 
längerung wird eine zu einem Ring geschlossene Kette 
um die beiden Knochenspangen gelegt. Als weiteres 
Mittel zur Verlängerung dienen ferner sogenannte 
Distraktionsklammern (Tafel II, Fig. 6). Bei 
diesen Verbänden wird der Zug durch die zu beiden 
Seiten des gebrochenen Gliedes ober= und unterhalb 
der Bruchstelle eingegipsten Klammern durch einfaches 
Drehen von in Hülsen laufenden Gewindestäben be- 
wirkt. Doch sind vor allem der ersten Art der Behand- 
lung bestimmte Grenzen gezogen. Unterarm- und 
Unterschenkelbrüche mit Verletzung nur eines Knochens 
schienen sich oft in sich selbst durch den gesunden zweiten 
(Tafel II. Fig. 7). Die Gefahr des Zusammenwachsens 
beider Knochen, die beim Unterarm zur Unmöglichkeit 
der Drehbewegungen der Hand führt, liegt aber nahe. 
Von großer Bedeutung ist bei den Knochenschüssen 
die Frage der Infektion. Schußbrüche sind stets kom- 
plizierte Brüche, d. h. solche, die mit Weichteilwunden 
einhergehen. Die Zahl der Infektionen derartiger 
Wunden ist im Kriege eine erschreckend hohe; vor allem 
sind Granat= und Nahschüsse mit starker Weichteil- 
zerreißung fast ausnahmslos infiziert. Dadurch ist 
die Behandlung insofern vorgeschrieben, als neben 
einer guten Stellung der Bruchenden auch für die 
Weichteilwunden zu sorgen ist. Zu diesem Zwecke 
wird entweder in dem bei den frischen Schußbrüchen 
meist angewandten Gipsverband eine freie Stelle, 
„ Fenstere, gelassen, oder man verbindet die ober- und 
unterhalb der Wunde angelegten Teile des Gipsver- 
20 
—————— 
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„# 
r-P 
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%% 
Fig. 2 und 3. Operativer Ausgleich 
von Gliedverkürzungen eschematisch).
        <pb n="392" />
        306 
bandes durch Eisendrahtbügel, wodurch ein bequenies 
Versorgen der Wunden ermöglicht wird. Dabei wirkt 
die absolute Ruhigstellung der gebrochenen Glieder 
durch den Gipsverband zur Bekämpfung der Infek- 
tion und der Verhütung ihrer weiteren Ausdehnung 
schon ungemein segensreich. In gleicher Weise ist 
dies der Gan bei den Gelenken, die der Gefahr einer 
Infektion, auch wenn das Gelenk nicht selbst getroffen 
ist, sehr augese t sind. Denn durch einen den Kno- 
chenschaft in der Nähe eines Gelenkes treffenden Schuß 
werden Spalten bis in die Gelenkhöhle hinein gebildet, 
von denen aus die Infektionskeime von der Wunde 
in das Gelenk eindringen. Derartige Gelenkinfek- 
tionen und Eiterungen gind durchweg als schwer an- 
usehen und erfordern strengchirurgische Behandlung. 
er Ausgang ist recht häusig wenig erfreulich, da es 
meist zu Versteifungen der Gelenke kommt, falls nicht 
weitergehende Operationen, Ausschneidung des Ge- 
lenkes oder auch Amputationen, notwendig werden. 
Eine oft recht mühsame, viel Zeit in Anspruch neh- 
mende und den besten Willen des Verletzten zur täti- 
en Mithilfe erfordernde Behandlung gebührt den 
Folgen derartiger Knochenverletzungen. Gnfolge der 
unbedingten Ruhelagerung der verletzten Gliedmaßen 
tritt ein oft hochgradiger Schwund der Muskeln ein; 
die in den Verband eingegipsten Gelenke zeigen eine 
mehr oder minder große Steifigkeit, und ihre Funk- 
tionsherstellung ist vielfach äußerst schmerzhaft, wes- 
wegen die Gelenke von den Kranken oft über Gebühr 
und zum Schaden der Gebrauchsfähtgten geschont 
werden. In der Beseitigung dieser Nachfolgen hat 
sich die Verbindung der modernen Chirurgie und 
der Orthopädie be. der mechanischen Chirurgie mit 
glänzendem Erfolge bewährt. Die in Friedenszeiten 
Pemachten Erfahrungen, dievielfachen Verbesserungen 
in der Behandlung der Extremitätenverletzungen 
kommen jetzt den Kriegsverletzten zugute. Die un- 
blutigen mechanischen Behandlungsmethoden besiehen 
besonders in der Anwendung von verschiedenen Ver- 
bänden, Apparaten und der sogenannten funktionellen 
Therapie. Als wichtige Hilfsmittel dieser modernen 
unblutigen (mechanischen) Chirurgie dienen die man- 
nigfachen Arten der Mechamotherapie (der logenann. 
ten Heilgymnastik), Massage, Bäder und Elektrizität. 
Besondere, mit solchen Apparaten ausgestattete Säle 
sind in den großen Reservelazaretten und Kranken- 
häusern oder speziellen Zanderinstituten —sobenannt 
nach dem Schweden Zander, der sich um den Ausbau 
und die Einführung der Apparate äußerst verdient 
gemacht hat — eingerichtet. Da jedoch diese passiven 
Bewegungsübungen nicht ausreichen würden, müssen 
sie durch aktives Mitarbeiten der Verwundeten, am 
zweckmäßigsten in ihren Berufen, soweit dies angängig 
ist, unterstützt werden, sei es nun, daß die Verwunde- 
ten zur Gartenarbeit oder in den bei vielen Lazaretten 
eingerichteten Werkstätten mit herangezogen werden. 
Sind infolge der ausgedehnten Fertkmmerum 
der Knochen, bei der jede weitere schonende Behand- 
lung aussichtslos erscheint und zudem die in der Regel 
damit verbundene starke Eiterung die Kräfte des Her- 
zens immer mehr schwächt, Amputationen der Glied- 
maßen notwendig gewesen, so erfolgt deren Ersatz 
durch künstliche Glieder, in deren Herstellung es die 
moderne Technik zu hervorragenden Leistungen ge- 
bracht hat. Oftmals ist ein solches künstliches Glied 
für die Arbeitsfähigkeit von weitaus größerem Wert 
als das erhalten gebliebene, aber verkrüppelte und da- 
durch unbrauchbare natürliche. 
III. Technik und Kriegführung 
Bei den Verletzungen der Nerven und Gefäße hat 
die im Frieden bereits ausgebildetechirurgische Technik 
der Naht dieser Gebilde nun ebenfalls reiche Früchte 
getragen. Das ist von besonderer Wichtigkeit, da nach 
urchschüssen der Nerven die von diesen versorgten 
Teile gelähmt sind, weil die Nervenleitung zu ihnen 
unterbrochenist. Durch Wiedervereinigung der Nerven- 
stümpfe mittels der Naht und durch eine, allerdings 
viel Geduld erfordernde, elektrische Nachbehandlung 
können diese Lähmungen mitunter gänzlich behoben 
werden. Die gleiche Wichtigkeit kommt auch der Ge- 
fäßnaht zu, wenn man bedenkt. daß durch das Aufhören 
der Blutzufuhr, wie es die einfache Unterbindung der 
Gefäße zur Folge hat, die abhängigen Teile der Er- 
nährung beraubt und dadurch brandig werden können. 
Fis. 4—17. Dumdumgeschofse. 
Verwundungen, die zum ersten Male in diesem 
Kriege beobachtet wurden, sind durch die Flieger- 
pfeile (Tafel II, Fig. 8) bedingt. Beim Herabfallen 
aus großer Höhe haben sie eine enorme Durchschlags- 
kraft und (in allerdings nur wenig zahlreichen Fällen) 
recht schwere Verletzungen hervorgerufen. 
Besonders grauenhafte Verwundungenverursachen 
die von den Engländern in Gebrauch genommenen 
Dumdungeschosse (Textfig. 4—17), deren An- 
wendung im Kriege jeder Völkerrechtsregel ins Ge- 
sicht schlägt. Durch beim Auftreffen explosionsartige 
Wirkung des Geschosses, das auf die mannigfachste 
Art seines harten Mantels beraubt ist und dadurch den 
weichen Bleikern zum Herausschleudern bringt, wer- 
den die zum Teil entsetzlichen Zerreißungen (Tafel II. 
Fig. 9) im Körper verursacht. Die Franzosen sind in 
dieser Hinsicht die geichrigen Schüler ihrer ahumanen: 
Verbündeten, und auch in der russischen Armee sind 
Hohlgeschosse aus Blei ohne Mantel im Gebrauch, 
die den Dumdumverletzungen ähnliche Wunden ver- 
ursachen. Es können jedoch auch Vollmantelgeschosse, 
wenn sie aus der Nähe oder als Querschläger oder 
Mantelreißer auftreffen, Verwundungen hervorrufen, 
wie sie die Dumdunnggeschosse erzeugen. Die Feststel- 
lung, wesche Art von Geschossen verwendet worden 
ist, lediglich nach dem Aussehen der Wunde, hat also 
stets mit Vorsicht zu geschehen.
        <pb n="393" />
        Hetsch: Seuchenbekämpfung 
Den Fortschritten der modernen Kriegschirurgie, 
über die hier nur ein knapper überblick gegeben ist, 
ihrem immer weiteren Ausbau auf Grund der mehr- 
jährigen Erfahrungen und Beobachtungen, für die 
ein so großes Material zur Verfügung stand wie nie 
uvor, der Nutzbarmachung dertechnischen Errungen- 
chaften in weitestem Maße ist es denn auch gelungen, 
einen hohen Prozentsatz der Verwundeten wieder ge- 
307 
heilt hinausziehen zu lassen — einen Prozentsatz so 
hoch, wie man ihn vordem nicht für möglich gehalten 
hätte und wie er in keiner anderen Armee auch nur 
annähernd erreicht worden ist. So war es möglich, 
immer wieder kampferprobte Krieger ins Feld zu 
schicken und den gewaltigen Menschenbedarf, den die- 
ser Krieg erforderte, zu decken. Ein unvergängliches 
Ruhmesblatt der deutschen Kriegschirurgie! 
Seuchenbektämpfung 
von Professor Dr. H. Hetsch. Oberstabsarzt im Kriegs- 
ministerium in Berlin 
Die Erfahrung aller Jahrhunderte hat gelehrt, daß 
Seuchen in den kriegführenden Heeren und in der 
Bevölkerung der von ihnen besetzten Gebiete besonders 
günstige Bedingungen für ihre epidemische Ausbrei- 
tun sinden. Den Errungenschaften der ärztlichen 
Forschung ist es zu danken, daß wir heute den ver- 
heerenden Wirkungen der Seuchen nicht mehr macht- 
los gegenüberstehen, sondern die hohen Verluste an 
Menschenleben und Gefechtskraft, die in den früheren 
Kriegen den Armeen durch übertrahbare Krankheiten 
zugefügt wurden und welche die Verluste durch die 
feindlichen Wasffen um ein Mehrfaches übertrafen, 
vermeiden können. Die Grundsätze, nach denen bei 
Seuchenausbrüchen verfahren wird, seien im folgen- 
den in ihren wesentlichsten Zügen kurz besprochen. 
Es soll dabei von der Aufzählung derjenigen, in ihrer 
Wirksamkeit keineswegs zu unterschätzenden Maßnah- 
men abgesehen werden, die schon in seuchefreien Zei- 
ten zu treffen sind, um die Ausbreitung von Krank- 
heitserregern zu verhüten und die Truppen gegen 
diese widerstandsfähig zu erhalten. 
Die Grundlage der modernen Seuchenbekämpfung 
ist die genaue Kenntnis der Infektionserreger, ihrer 
erbreitung im Körper und in der Außenwelt, sowie 
die möglichst sichere und schnelle Feststellung nicht 
nur der Kranken, sondern aller Personen, westee die 
Krankheitskeime weiter zu verbreiten imstande sind. 
Eine schnelle Eindämmung der Seuchen gelingt in 
der Regel nur dann, wenn der Ansteckungsstoff noch 
keine weitere Berbreitung gefunden hat. Es kommt 
also ganz besonders darauf an, daß die ersten Fälle 
der Krankheit frühzeitig erkannt werden. Dazu 
Lhhrt daß schon von allen seuchen verdächtigen 
rkrankungen dem Arzt und von diesem den Sanitäts- 
behörden Meldung erstattet wird, damit die nötigen 
Ermittlungen und Untersuchungen unverzühglich aus- 
geführt werden können. Die sichere Feststellung, ob 
es sich in der Tat um eine Übertragbare Krankheit 
handelt. kann nur durch die bakteriologische oder mi- 
roskopische Untersuchung erbracht werden. Der Arzt 
muß wissen. welche Ausscheidungen oder Körper- 
flüssigkeiten die Erreger der mutmaßlich vorliegenden 
Krankheit enthalten, und danach geeignetes Unter- 
suchungsmaterial auf dem schnellsten Wege und in 
zweckmäßiger Form und Verpackung an die nächst- 
gelegen- bakteriologische Untersuchungsstelle einsen- 
en. Die weiteren Ermiltlungen, die sich auf die bis- 
herige Ausbreitung der Infektion und besonders auch 
auf die Ansteckungsquellen und die übertragungswege 
zu erstrecken haben, werden zweckmäßig an Ort und 
Stelle durch einen Arzt (Hygieniker) geleitet, der auf 
Grund besonderer Ausbildung in der Beurteilung der 
epidemiologisch wichtigen Fragen erfahren ist. 
Die Maßnahmen, die zur Abgrenzung des Seu- 
chenherdes geeignet sind, dürfen aber nicht hinaus- 
eschoben werden, bis jene Ermittlungen abgeschlossen 
ind und das Ergebnis der bakteriologischen Unter- 
suchung bekanntgegeben ist. Sie sind vielmehr schon 
auf den begründeten Verdacht hin sogleich zu treffen 
und erst aufzuheben, wenn es feststeht, daß der Verdacht 
unbegründet war. In erster Linie haben diese Maß- 
nahmen in der Absonderung aller Kranken 
und Krankheitsverdächtigen zu bestehen. Un- 
ter Krankheitsverdächtigen= sind dabei diejenigen 
Personen zu verstehen, deren Krankheitserscheinungen 
noch nicht so deutlich ausgeprägt sind, daß sie als 
seuchenkrank mit Sicherheit anzusprechen wären, bei 
denen aber in Rücksicht auf die in ihrer Umgebung 
vorgekommenen ernsteren Erkrankungsfälle mit mehr 
oder minder copen Wahrscheinlichkeit angemnommen 
werden kann, daß sie die Erreger der Infektion auf- 
enommen haben. Die weitere Beobachtung der 
anken und die bakteriologische Untersuchung ihrer 
Ausscheidungen werden dann bald zur Entscheidung 
führen. Die Kranken und die Krankheitsverdächtigen 
sind getrennt voneinander in Lazaretten oder beson- 
deren Krankenstuben unterzubringen und erhalten 
besonderes Pflegepersonal, das über den Zweck der 
Absonderung und die Übertragungsgefahr gingeend 
unterrichtet sein muß. Wenn bei einem der Ver- 
dächtigene durch die weiteren Untersuchungen fest- 
gestellt ist, daß er tatsächlich seuchenkrank ist, so wird er 
unverzüglich zur Gruppe der Kranken= Übergeführt, 
damit er nicht unter Umständen zur Ansteckungs- 
quelle für solche Verdächtige wird, bei denen sich der 
Verdacht nachher nicht bestäligt. 
Außer den Kranken und Krankheitsverdächtigen 
muß nun aber noch einer weiteren Gruppe von Per- 
sonen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, den 
Ansteckungsverdächtigen. Das sind Leute, die 
zu den Erkrankten in nahen Beziehungen gestanden 
haben, Stubenkameraden von ihnen waren, unmittel- 
bar neben ihnen schliefen usw. Sie weisen noch kei- 
nerlei Krankheitserscheinungen auf, #önnen also auch 
nicht als krankheitsverdächtige gelten, aber wegen des 
engen Zusammenlebens muß die Annahme gerecht- 
fertigt erscheinen, daß sie schon mit dem Ansteckungs- 
toff vor der Absonderung ihrer kranken Kameraden 
in Berührung kamen, und daß nur die Zeit noch nicht 
abgelaufen ist, die bei allen übertragbaren Krankheiten 
von der Aufnahme der Infektionserreger bis zum 
Ausbruch erkennbarer Krankheitserscheinungen ver- 
streicht. Diese Entwicklungszeit (Inkubationsdauer) 
ist je nach der Eigenart der Erreger bei den einzelnen 
übertragbaren Krankheiten eine gleichbleibende oder 
wenigstens nur in verhältnismäßig engen Grenzen 
20•
        <pb n="394" />
        308 
schwankende Größe. Die Ansteckungsverdächtigen 
sind ebenfalls abzusondern — natürlich wiederum 
streng getrennt von den Kranken und den Krankheits- 
verdächtigen —, und zwar so lange, bis die regel- 
rechte Entwicklungsdauer der betreffenden Infektions- 
krankheit nach dem Auftreten des letzten Erkrankungs- 
falles verstrichen ist und bis man auch sonst die 
überzeugung gewonnen hat, daß sie gesundheitlich 
einwandfrei sind. Man muß im Auge behalten, daß 
der Zweck der Absonderung dieser Leute nur der ist, 
die Verbreitung der Krankheitserreger, die etwa von 
den schon Insizierten ausgeschieden werden, zu ver- 
hüten. Es wäre also verkehrt, z. B. bei einer Genick- 
starre= oder Diphtherieepidemie die Ansteckungsver= 
dächtigen, die doch keinerlei Krankheitserscheinungen 
zeigen, streng im Zimmer zu halten. Dadurch würde, 
namentlich bei enger Belegung, die Ausbreitung der 
Seuche nur gefördert werden, wenn sich wirklich In- 
fizierte unter jenen Leuten befinden. Man lasse die 
Ansteckungsverdächtigen also ruhig an die freie Luft, 
wo erfahrungsgemäß die Gefahr einer Verschleppung 
der Infektionserreger viel geringer ist als in engen 
Stuben, beschäftige sie in zweckmäßiger Weise, lasse 
sie — getrennt von den unverdächtigen Teilen der 
Truppe — Dienst tun, stelle sie aber unter besonders 
sorgfältige ärztliche #pobachtung. Durch wiederholte 
Belehrung über den Grund der Absonderung und die 
Notwendigkeit der sofortigen Bekanntgabe etwaiger 
Krankheitserscheinungen, durch häusige Gesundheits- 
besichtigungen und Temperaturmessungen wird man 
Infizierte bald herausfinden und der Seuchenstation 
überweisen können. Planmäßige bakteriologische Un- 
tersuchungen sind bei der Kontrolle der Ansteckungs- 
verdächtigen von besonderem Wert, um schnell ein 
Urteil über den schon erreichten Grad der Seuchen- 
verbreitung zu gewinnen. Wir wissen, daß bei einer 
anzen Reihe von Infektionskrankheiten, z. B. bei 
yphus, Rupr, Genickstarre, Diphtherie, der An- 
stecungsstoff sehr oft durch gesunde Keimträger (Ba- 
zillenträger, Kokkenträger) weitergetragen wird, d. h. 
durch Personen, welche die spezifischen Seuchenerreger 
aufgenommen haben, die aber infolge besonderer 
Widerstandskraft nicht erkranken. Solche Keimträ- 
ger möflichst frühzeitig und vollzählig zu 
ermitteln und sie dann durch Absonderung und 
Behandlung als Quellen für weitere Infektionen aus- 
zuschalten, ist eine wichtige und erfolgreiche Aufgabe 
der bakteriologischen Untersuchungsstellen. 
Was hat nun mit den ermittelten und abgesonder- 
ten Kranken und Keimträgern zu geschehen? Mitpein- 
lichster Gewissenhaftigkeit muß dafür gesorgt wer- 
den, daß die von ihnen ausgeschiedenen Krank- 
heitserreger sogleich unschädlich beseitigt 
werden. Bei den Kranken, die sich in Lazarettbehand- 
lung befinden, läßt sich das unschwer erreichen. Alle 
Entleerungen des Kranken, seine Wäsche und Kleidung, 
die mit solchen in Berührung gekommen sein kann, 
und etwa bei ihm gebrauchte Verbandstoffe müssen 
sogleich desinfiziert werden, und zwar regelmäßig 
und nicht nur so lange, wie der Kranke wirklich krank 
ist, sondern bis er in bakteriologischem Sinne neneen 
ist, d. h. bis mehrfache bakteriologische Untersuchun- 
gen zweifelsfrei ergeben haben, daß er Krankheits- 
erreger nicht mehr ausscheidet. Wir wissen, daß bei 
vielen Infektionskrankheiten die Erreger noch längere 
eit nach Ablauf der Krankheitserscheinungen im 
örper fortwuchern können. So werden z. B. bei 
etwa 4—5 Prozent aller Typhusfälle die Typhus- 
III. Technik und Kriegführung 
bazillen noch wochen= oder monatelang in den Darm- 
entleerungen oder im Harn in großen Mengen und in 
infektionstüchtigem Zustande von den Eencsenen aus. 
geschieden, obwohl diese völlig gesund erscheinen und 
keinerlei Beschwerden mehr haben. Ebenso findet nach 
dem Ablauf von Diphtherie oder Genickstarre häufig 
noch lange Zeit eine Ausscheidung der Krankheits- 
erreger mit dem Nasenrachensekret statt. Bei manchen 
anderen Seuchen liegen die Verhältnisse ähnlich. Man 
würde sofort neue, gefährliche Infektionsquellen 
schaffen, wenn man solche = Dauerausscheidere vor- 
zeitig aus der Absonderung entließe. Der fortlaufen- 
den Desinfektione am Krankenbett, von der bisher 
die Rede war, steht die Schlußdesinfektion ge- 
genüber, die nach der bakteriologischen Genesung 
des Kranken oder nach seiner Verlegung oder nach 
seinem Tode vorzunehmen ist und sich auf alle von 
ihm benutzten Geräte und Gebrauchsgegenstände und 
auf das ganze Krankenzimmer zu erstrecken hat. Der 
Umfang der Desinfektionsmaßnahmen und die an- 
zuwendenden Verfahren sind bei den einzelnen Seu- 
chen verschieden. Sie richten sich nicht nur nach den 
Wegen, auf denen der Ansteckungsstoff den Körper 
verläßt, sondern besonders auch nach der Widerstands- 
fähigkeit, welche die betreffenden Infektionserreger den 
Desmfektionsmitteln gegenüber aufweisen. Der Ruhr- 
erreger z. B. findet sich nur in den Darmentleerungen 
und wird demgemäß bei der nötigen Vorsicht im Kran- 
kenzimmer nicht weiter verbreitet, während die Er- 
reger der Tuberkulose, der Genickstarre, der Diphthe- 
rie usw. mit ftngsähigen Sekrettröpfchen, die beim 
Husten, Niesen und Sprechen entleert werden, auch 
in der weiteren Umgebung des Kranken verstreut wer- 
den. Der Choleraerreger und der Typhusbazillus 
sind durch alle Desinfektionsmittel leichter und schneller 
zu vernichten als z. B. der Diphtheriebazillus und 
der Tuberkelbazillus. Besonders hohe Anforderungen 
sind an die Desinfektionsverfahren beim Milzbrand 
zu stellen, weil der Milzbrandbazillus außerordentlich 
widerstandsfähige Dauerformen bildet. 
Sehr viel schwieriger als bei den in Lazarettbehand- 
lung befindlichen Kranken und Genesenen ist natür- 
lich bei den Dauerausscheidern und den durch die 
bakteriologische Untersuchung ermittelten gesunden 
Keimträgern die Forderung zu erreichen, daß alle aus- 
eschiedenen Krankheitserreger durch wirksame Des- 
infektionsmaßnahmen vernichtet werden. Hier bleibt 
wegen der oft recht langen Dauer dieses Zustandes 
und der Unmöglichkeit einer dauernden Absonderung 
nichts anderes übrig, als die betreffenden Personen 
über die Gefahren eindringlich und wiederholt ärztlich 
zu belehren, die sie für ihre Umgebung bilden, ihnen 
eingehende Verhaltungsmaßregeln zu geben und 
deren Durchführung zu überwachen. Vor allem 
müssen sie aber von Beschäftigungen ferngehalten 
werden, durch die sie für die Allgemeinheit zur In- 
fektionsqguelle werden. Man darf z. B. Typhus- 
bazillenträger nicht in Nahrungsmittelbetrieben be- 
schäftigen oder Lehrer, die Diphtheriebazillen ausschei- 
den, Unterricht in der Schule erteilen lassen. Man 
muß sich darüber klar sein, daß trotz alledem Infel- 
tionsstoff in einem gewissen Umfange von solchen 
Personen ausgestreut wird. Noch viel wichtiger und 
unvermeidbarer ist aber die Verbreitung von Krank! 
heitserregern durch unerkannt gebliebene Leichtkranke 
und Keimträger. Bei allen Infektionskrankheiten 
gibt es leichteste Fälle, die typische Erscheinungen nicht 
zur Folge haben und das Allgemeinbefinden des In-
        <pb n="395" />
        Hetsch: Seuchenbekämpfung 
fizierten so wenig beeinflussen, daß dieser sich nicht 
krank meldet. Auch wissen wir, daß schon während 
der Inkubationsdauer der Krankheit, also vor dem 
Auftreten ernsterer Beschwerden, sehr oft die Infek- 
tionserreger in großen Mengen aus dem erkrankten 
Körper ausgeschieden werden. Bei den bakteriologi- 
schen Umgebungsuntersuchungen wird es troß aller 
Mühe und Sorgfalt auch wohl nur in seltenen Faner 
gelingen. die Keimträger restlos aufzufinden, bevor 
ie mit ihren Sekreten und Exkreten Krankheitskeime 
in ihrer Umgebung abgesetzt haben. Da die Ausschei- 
dung häufig nur zeit= und schubweise erfolgt, geben 
auch mehrfache negative Untersuchungsergebnissekeine 
sichere Gewähr dafür, daß die betreffende Person wirk- 
lich frei von Infektionserregern ist. Aus alledem geht 
hervor, daß wir in der Umgebung eines Seuchen- 
herdes mit einer gewissen Verstreuung des Infektions- 
stoffes von vornherein rechnen müssen, besonders 
dann, wenn die ersten Krankheitsfälle nicht rechtzeitig 
festgestellt wurdeen und es demnach nicht möglich war, 
die Seuche im Keime zu ersticken. 
Diese Tatsache erschwert zwar die Seuchenbekämp- 
fung, macht sie aber keineswegs aussichtslos. Wenn 
nur das Auftreten verdächtiger Fälle in Epidemie- 
zeiten rechtzeitig bekannt wird und in der nächsten Um- 
gebung dieser Fälle sogleich die nötigen Maßnahmen 
getroffen werden, dann lassen sich ernstere Gefahren 
in der Regel leicht verhüten. Man soll aber die un- 
erkannt bleibenden Seuchenträger nicht unterschätzen. 
Manche Arzte halten die Bedeutung, die heute den 
Keimträgern beigemessen wird, für übertrieben und 
machen in Anlehnung an die früher herrschenden An- 
schauungen für die Verbreitung und den Ablauf der 
Epidemien mehr die klimatischen und jahreszeitlichen 
Verhältnisse, die Bodenbeschaffenheit, den Grund- 
wasserstand usw. verantwortlich. Diese Anschauungen 
sind falsch. Es ist sehr wohl möglich, daß Krankheits- 
erreger durch Wasser, Boden, Luft, Nahrungsmittel 
usw. mittelbar übertragen werden, aber die Quelle 
der Infektion ist auch hier schließlich immer wieder 
der kranke oder wenigstens infizierte Mensch, durch 
dessen Ausscheidungen eben die Infektionserreger 
auch in der unbelebten Natur verbreitet werden. Daß 
durch äußerlich völlig gesunde Keimträger Epidemien 
verursacht werden können, daß also die Krankheits- 
erreger in ihnen nicht etwa in einer harmlosen Form 
fortwuchern, dafür sind durch exakte epidemiologische 
Forschungen untrügliche Beweise in großer Zahl er- 
bracht worden. 
Es kommt also bei der Bekämpfung aller Seuchen 
sehr wesentlich auch darauf an, daß man genau die 
Wege kennt, auf denen die in der Umgebung der 
Kranken und Keimträger verstreuten Krankgeiiseckeger 
weiterverbreitet werden. Gegen die Gefahren, die den 
Gesunden von dieser Seite drohen, müssen rechtzeitig 
pvorbeugende Maßnahmen allgemeinhygie- 
nischer Art getroffen werden, welche die Absonde- 
rung der Kranken und die Desinfektion der von ihnen 
direkt abgeschiedenen Ansteckungsstoffe unbedingt zu 
ergänzen haben. Die Infektionswege und Infektions- 
quellen sind bei den einzelnen Seuchen äußerst ver- 
schieden, ebenso die Art und Weise und die Schnellig- 
keit, mit der die Epidemien weiter um sich greifen. 
Manche Seuchen werden nur oder fast ausschließlich 
durch unmittelbare übertragung von Person zu 
Person übertragen (z. B. Genickstarre, Diphtherie 
usw.), bei anderen aber spielen neben dieser soge- 
nannten-Kontaktinfektion- Übertragungen durch ge- 
309 
meinsame Infektion squellen eine besondere. 
epidemiologisch äußerst wichtige Rolle. So wissen 
wir, daß der Typhus, der meist auch durch Kontakt 
verbreitet wird, sehr oft durch infiziertes Brunnen- 
wasser, durch Milch und andere Nahrungsmittel über- 
tragen wird. Wenn dies der Fall ist, so wird die Zahl 
der Neuerkrankungen nicht, wie bei der Kontaktüber- 
tragung, allmählich und in unregelmäßigen, längeren 
Zeitabschnitten zunehmen, sondern es kommt ganz 
plötzlich zu Massenerkrankungen je nach der Menschen- 
menge, die zu der gemeinsamen Infektionsquelle in 
Beziehung stand. Beispiele hierfür bieten die Typhus- 
epidemien, die auf die Milch verseuchter Sammel- 
molkereien zurüczuführen sind, und auch Cholera- 
epidemien, die durch die Infektion zentraler Wasser- 
versorgungsanlagen verursacht wurden (z. B. die 
große Hamburges Wasserleitungsepidemie von 1892 
mit bis zu 1000 üglichen Neuerkrankungen). 
Gegen die Kontaktinfektionen, die von unbelannten 
Infizierten aus drohen, kann nur die Fürsorge für 
weitgehende Reinlichkeit schützen, denn beiihnen 
findet die übertragung meist unmittelbar durch die mit 
den Ausleerungen beschmutzten Finger statt, seltener 
durch beschmutzte Wäsche u. dgl. Bei den infektiösen 
Darmkrankheiten (Typhus, Paratyphus, Ruhr, Cho- 
lera) ist die laufende Desinfektion und un schädliche 
Beseitigung der Entleerungen die wichtigste 
Forderung. Auch im Kriege läßt sich diese Naßnahme 
durchführen durch Anlage zweckmäßiger Latrinen- 
gruben und deren häufige Desinfektion mit Chlor- 
kalk oder Kalkmilch und durch ein strenges Verbot, 
an anderen Stellen die Notdurft zu verrichten. Den 
Leuten muß ferner befohlen und Gelegenheit ge- 
boten werden, daß sie sich vor dem Verlassen der La- 
trine und vor dem Essen die Hände mit Wasser und 
Seife waschen. Wo die Seifenwaschung auf Schwie- 
rigkeiten stößt, z. B. auf dem Marsche und in Schützen- 
räben, ist auf das Abreiben der Hände mit Brenn- 
piritus oder festgemachtem Alkohol (Festalkohol) hin- 
zuwirken. Wiederholte Belehrungen der Truppen über 
die Gefahren der Unreinlichkeit, dauernde überwachung 
durch die Truppenärzte und nötigenfalls strenge Be- 
strafungen bei Nichtbefolgung der gegebenen Vor- 
schriften verbürgen, wie die Erfahrungen des jetzigen 
Krieges gezeigt haben, auch unter schwierigen gebegen 
Umständen eine erfolgreiche Durchführung dieser un- 
erläßlichen hygienischen Maßnahmen. 
Außer der Unschädlichmachung der Abfallstoffe muß 
in Epidemiezeiten der Sorge für eine einwand- 
freie Wasserversorgung besondere Aufmerksam- 
keit gewidmet werden. Das Wasser ist sehr häufig die 
Vermittlungsquelleder Typhusinfektion, wenn Brun- 
nen · oder Bachwasser durch Darmabgänge oder Harn 
von Typhuskranken oder Typhusbazillenträgern ver- 
seucht wird. Das Verbot, ungekochtes Bosser zum 
Trinken oder Reinigen der Geschirre usw. zu benutzen 
und in verdächtigen Flußläufen zu baden, muß den 
Leuten immer wieder eingeschärft und seine Befolgung 
ständig kontrolliert werden. Natürlich ist für die Be- 
reitstellung genügender Mengen guten Trink= und 
Gebrauchswassers, auch möglichst von Teeaufgüssen 
an bequem Überall erreichbaren Stellen Sorge zu 
tragen. Ebenso ist zu verhüten, daß Nahrungs. 
mittel zu einer die Truppe gemeinsam gefährdenden 
Infektionsquelle werden. Besonders Milch und Ge- 
müse oder Früchte, die nicht gekocht werden, können 
leicht Typhusepidemien verbreiten. Hier sind die 
Dauerausscheider und Bazillenträger besonders ge-
        <pb n="396" />
        310 
fährlich. Die Verwendung von Personen, die Typhus, 
Paratyphus oder Ruhr überstanden haben, in Küchen 
und Nahrungsmittelbetrieben ist nie ratsam. Wenn 
irgend möglich, soll das gesamte Küchenpersonal durch 
wiederholte bakteriologische Untersuchung ihrer Aus- 
scheidungen daraufhin untersucht werden, ob sich nicht 
Bazillenträger unter ihm befinden. 
ei den Infektionen, bei denen die Atmungswege 
die Eintrittspforte der Erreger bilden, ist der persön- 
liche Schutz viel schwieriger durchzuführen als bei 
den erwähnten Darmkrankheiten. Der Ansteckungs- 
stoff haftet hier an den seinsten Sekrettröpfchen, die 
von den Kranken beim Husten, Niesen und Sprechen 
verbreitet werden und sich längere Zeit in der Luft 
schwebend erhalten. Zu diesen Krankheiten gehören 
Tuberkulose, Diphtherie, Genickstarre, Influenza, 
Lungenpest und nach der allgemeinen Erfahrung auch 
die sogenannten akuten Exantheme, wie Masern, 
Scharlach und Pocken, deren Erreger wir noch nicht 
kennen. Wo der Ansteckungsstoff gegen Eintrocknung 
sehr widerstandsfähig ist, was glücklicherweise nur bei 
Tuberkulose und Milzbrand der Fall ist, kommt neben 
der „Tröpfcheninfektione auch die -Stäubcheninfek- 
tione in Betracht, d. h. die Verbreitung durch Verstäu- 
bung eingetrockneten Auswurfs. Daneben spielen je- 
doch auch bei diesen Krankheiten übertragungen durch 
die mit dem Infektionsstoff verunreinigten Hände 
eine sehr wichtige Rolle. Beim gehäuften Auftreten 
von Krankheiten, deren Erreger durch den Nasen- 
Rachenschleim verbreitet werden, also namentlich bei 
Diphtherie- und Genickstarreepidemien, sind regel- 
mäßige Gurgelungen der gesamten Mannschaft mit 
desinfizierenden Flüssigkeiten unter Aufsicht von 
Sanitätsunteroffizieren vorzunehmen. Für häufige 
Ausgabe frischer Taschentücher ist zu sorgen. In den 
Truppenunterkünften sind überall Spucknäpfe mit 
Desinfektionsmitteln und ebenso Kübel mit Kresol- 
lösung aufzustellen zur Aufnahme gebrauchter Ta- 
schentücher. 
Wesentlich andere Gesichtspunkte sind bei der Be- 
kämpfung der durch blutsaugende Insekten 
übertragbaren Krankheiten zu berücksichtigen. Wir 
wissen, daß bei Malaria und Gelbfieber die Infektions- 
erreger von bestimmten Mückenarten aus dem Blute 
der Kranken aufgenommen und nach einer meist 
komplizierten Entwicklung in diesen -Zwischenwirten- 
durch Stich auf die Gesunden übertragen werden. 
In ähnlicher Weise erfolgt die Verbreitung des Fleck- 
fiebers und des Rückfallsiebers durch Läuse. Wo die 
Zwischenwirte fehlen oder durch das Klima oder die 
Jahreszeit die für die Weiterentwicklung der Erreger 
im Zwischenwirt nötigen höheren Temperaturen nicht 
eboten werden, bedeuten die Kranken keinerlei Ge- 
ahr für ihre Umgebung, weil eine direkte übertragung 
nicht stattfindet. Bei diesen Krankheiten ist demnach 
der Kampf gegen die übertragenden Insekten die 
wichtigste Forderung. Die Erfahrungen beim Fleckfie- 
ber haben gelehrt, daß man allein durch diesen Kampf 
die Epidemien schnell und sicher unterdrücken kann 
(Näheres s. Art.-Gesundheitsdienst im Kriege-, Bd. 1, 
S. 303). Es wird ger durch Vernichtung aller Läuse 
verhütet, daß der Infektionsstoff durch sie aus den 
Kranken ausgenommen und weitergetragen werden 
kann. Nun ist aber die Belämpfung von fliegenden 
Insekten im Vergleich zur Beseitigung der Läuse un- 
endlich viel schwerer, und eine völlige Vernichtung ist 
wohl überhaupt unerreichbar. Da bleibt dann nur 
der Weg übrig, daß den Mülcken die Gelegenheit ge- 
III. Technik und Kriegführung 
nommen wird, sich an den Kranken zu infizieren. Bei 
der Malaria, der wichtigsten der durch Mücken über- 
tragenen Krankheiten, gelingt dies in durchaus zu- 
friedenstellender Weise, wenn alleinfizierten Menschen 
durch sorgsame und wiederholte Untersuchung des 
Blutes, in dem die Erreger kreisen, ausfindig gemacht, 
mückensicher abgesondert und einer planmäßigen ener- 
gischen Chininbehandlung unterworfen werden. Auch 
die Bekämpfung anderen Ungeziefers muß in Seu- 
chenzeiten oft energisch betrieben werden. Wissen wir 
doch z. B., daß die Pestorzillen durch Flöhe übertragen 
werden können. Die Fliegen spielen bei der Verbrei- 
tung der Ruhr zweifellos eine große Rolle, indem sie 
von den Entleerungen die Ruhrbazillen aufnehmen 
und weitertragen, besonders wohl Nahrungsmittel 
auf diese Weise infizierend. Auch andere Krankheits- 
keime können sie natürlich gelegentlich verschleppen. 
Zu erwähnen wären nun noch kurz die von kran- 
ken Tieren ausgehenden Infektionen. Bei 
Milzbrand und Rotz, die eigentlich Tierkrankheiten 
sind und nur verhältnismäßig selten auf den Men- 
schen übertragen werden, kommt es bei diesem kaum 
u einer seuchenartigen Ausbreitung. Strenge Ab- 
sonderungs- und Desinfektionsmaßnahmen genügen 
hier, um beim Auftreten einzelner Erkrankungsfälle 
die Verbreitungsgefahr abzuwenden. Massenerkran- 
kungen bei Menschen treten nicht selten nach dem Ge- 
nuß des Fleisches von Tieren auf, diemit Paratyphus- 
bazillen infiziert waren und bei denen häufig gewisse 
Krankheitserscheinungen zur Notschlachtung Veran- 
lassung gaben. Gegen solche Vorkommnisse vermag 
nur eine sorgsame tierärztliche Untersuchung des 
Schlachtviehs und die amtliche Fleischbeschau zusur- 
zen. Bei der Verbreitung der Pest spielen die Ratten 
eine wichtige Rolle, von denen aus die Pestbazillen 
entweder durch die Nattenflöhe oder aber durch den 
Kot und den Harn der kranken Tiere auf den Menschen 
übertragen werden. Beim Maltafieber ist es die Milch 
kranker Ziegen, die, in ungekochtem Zustand genossen, 
den Infektionsstoff dem Menschen zuführt. 
Die Bekämpfungsmaßnahmen s#n. wie aus den 
hier angeführten Beispielen wohl zur Genüge hervor- 
gebe. bei den einzelnen Seuchen durchaus verschieden. 
ie bezwecken aber überall die möglichst frühzeitige 
und volsständige Auffindung der Infektionsquellen 
und — unter Berücksichtigung der jeweiligen Aus- 
scheidungswege — die sichere Vernichtung des An- 
steckungsstoffes. Die mehr schützenden allgemein- 
hygienischen Maßbregeln sind gewiß im Kampfe gegen 
die übertragbaren Krankheiten unentbehrlich und in 
ihren Wirkungen sehr segensreich; ihre herrlichen, 
auch im jetzigen Kriege für die Gesunderhaltung des 
Heeres und der heimischen Bevölkerung so außer- 
ordentlich bedeutungsvollen Erfolge verdankt die mo- 
derne Seuchenbekämpfung jedoch dem unmittelbaren 
Angriff gegen die Seuchenerreger, für den uns Robert 
Koch die richtigen Wege wies. Bei allen übertrag- 
baren Krankheiten ist, wie schon erwähnt, in erster 
Linie der infizierte Mensch der Träger des Infektions- 
stoffes und somit die unmittelbare Quelle für weitere 
Infektionen, während sich die Krankheitserreger in der 
Außenwelt, in der Luft, im Wasser, im Boden und 
an unbelebten Objekten, fast nie lange Zeit halten, ge- 
schweige denn stark vermehren. 
Wesentlich unterstützend wirken gegen die Weiterver- 
breitung von Infektionskrankheiten unter besonderen 
Umständen die Schutzimpfungen, die darauf abzie- 
len, den geimpften Personen künstlich gegen die Krank-
        <pb n="397" />
        Hetsch: Seuchenbekämpfung 
heitserreger eine Immunität zu verleihen, wie sie 
durch das natürliche überstehen der Krankheit erzielt 
wird. Die künstliche Immunisierung läßt sich ent- 
weder durch Einspritzung eines an Tieren gewonne- 
nen Schutzserums erreichen (passive Immunisierung) 
oder durch Einverleibung von Aufsschwemmungen 
der abgetöteten oder abgeschwächten Infektions- 
erreger (aktive Immunisierung). Beide Immunisie- 
rungsarten geben aber im allgemeinen einen verhält- 
nismäßig kurz währenden Schutz, der bei der passiven 
Immunisierung nur 2—3 Wochen, bei der aktiven 
im allgemeinen ½—1 Jahr dauert. Bei der passiven 
Immunisierung tritt der Schutz sogleich nach der 
Serumeinspritzung ein, bei der aktiven Immunisierung 
vergehen dagegen mehrere Wochen, bis der volle Impf- 
schutz erreicht wird. Aus diesen Gründen eignen sich 
die meisten Schußimpfungsverfahren nicht zur all-. 
gemeinen Anwendung, sondern kommen nur unter 
bestimmten Verhältnissen in Betracht: der Schutz durch 
Serum hauptsächlich bei Ärzten, Krankenpflegern und 
besonders gefährdeten Personen aus der näheren 
Umgebung der Kranken, die aktive Immunisierung 
dagegen, wenn es sich darum handelt, bestimmte Men- 
schengruppen, die einer Infektionsgefahr für längere 
Zeit ausgesetzt werden mücssen, gegen diese zu schützen. 
Allgemein und dauernd eingeführt ist unter den akti- 
ven Schutzimpfungsverfahren nur die Pockenschutz- 
impfung, deren vollgültige Wirksamkeit auf4—S Jahre 
zu veranschlagen ist. über die Ausführung der Ty- 
phus-, Cholera= und Tetanusschutzimpfung und ihre 
Leistungen im Kriege ist bereits in dem Aufsatz-Ge- 
311 
sundheitsdienst im Kriege (Bd. I, S. 303) gesprochen 
worden. Auch bei der Bekämpfung der Ruhr und 
der Pest können die spezifischen Schutzimpfungen aus- 
ezeichnete Dienste leisten, und zwar das aktive Ver- 
saßten ebenso wie das passive. Beim Flecksieber wird 
neuerdings eine aktive Immunisierung für Arzte, 
Pfleger und Desinfektoren empfohlen, die sich dem 
Umgang mit verlausten Kranken oder deren Sachen 
nicht entziehen können. Es wird hier das Blutserum 
von Fleckfieberkranken eingespritzt, in dem die Krank- 
heitserreger durch Erhitzung sicher abgetötet sind. 
Unter den passiven Immunisierungsverfahren ist noch 
die Diphtherieschutzimpfung besonders erwähnens- 
wert. Die einmalige Einspritzung einer geringen 
Menge Diyhtherieserum schützt in zuverlässiger Weise 
diejenigen Personen, die mit Diphlherielrachen oder 
bazillenträgern in näherer Berührung leben, vor der 
Erkrankung. In verseuchten Truppenteilen usw. hören 
die Neuerkrankungen oftmit einem Schlage auf, wenn 
die gesamte Umgebung der Kranken auf diese Weise 
immunisiert wird. Trotz der unbestreitbaren Erfolge 
darf man sich aber bei keiner einzigen Infektions- 
krankheit — auch bei den Pocken nicht — auf die 
Schutzimpfung allein verlassen. Sie unterstützt und 
erleichtert dort, wo sie anwendbar ist, die Seuchen- 
bekämpfung sehr wesentlich, kann aber niemals die 
möglichst schnelle und vollkommene Ermittlung und 
Absonderung aller Kranken und Infizierten, die plan- 
mäßige Vernichtung der von ihnen ausgeschiedenen 
Infektionserreger und die sonstigen bewährten allge- 
meinhygienischen Maßnahmen entbehrlich machen.
        <pb n="398" />
        IV. Kultur und Geistesleben 
Fbilosophie und Krieg 
von Professor Dr. Ernst Bergmann in Leipzig 
Allgemeines. Es gibt vielleicht kein zweites Wis- 
sensgebiet, das durch den nun schon so lange an- 
dauernden Weltkrieg soschwer beeinträchtigt worden ist 
wie die Philosophie. Ist doch die Philosophie der 
Gradmesserdder Wissenschaftlichkeit, des Kulturgebarens 
eines Volkes oder Zeitalters überhaupt. Das philo- 
sophische Interesse steigt und fällt mit dem Interesse 
an theoretischen Dingen. Liegt dieses darnieder, stellt 
es sich allzusehr aufs Praktische, ja Technische ein, so 
fehlt jene Atmosphäre der Hochgeltung rein geistiger 
Werte, in der allein die alte Königin der Wissenschaft 
sich wohl fühlt und fruchtbar gedeihen kann. Noch zu 
Beginn des Krieges ward manche philosophisch-kon- 
templative Stimme vernommen, die das beispiellose 
Novum, das in unseren geistig-sittlichen Horizont her- 
eingebrochen war, mit dem subtilen Rüstzeug ideolo- 
ischer Denkweise bewältigen zu können vermeinte. 
iese Versuche sind, je länger der Krieg andauert, 
mehr und mehr eingestellt worden. Die gewaltige 
Wirklichkeit, die uns umgibt, duldet kein abstrakt- 
spekulatives Gehaben und scheint uns alle zu Real. 
politikern machen zu wollen. Dazu kommt, daß eine 
ganze Reihe nicht unbedeutender Köpfe während dieser 
Kriegsjahre aus der philosophischen Gemeinde Deutsch- 
lands ausgeschieden sind, reife Denker, wie Windel- 
band und Külpe, junge, vielversprechende Talente, 
wie Last, Hammacher und eger: die ihr der 
Wissenschaft bestimmtes Streben dem Vaterland opfern 
mußten, das heute keine anderen Götter duldet neben 
sich. Sie alle hatten leidenschaftlich, teils vom ethischen, 
teils vom kulturphilosophischen Standpunkt, Stellung 
genommen zum Geschehen der Zeit, um zu erkennen, 
daß ihre im Trommelfeuer stehende Hörerschaft Ohr 
und Sinn verloren hatte für eine Geisteshaltung, die 
vollste Ruhe des Gemüts und das erhabene Schwei- 
gen des Akademosgartens erfordert. Eine gewisse Un- 
lust ist übriggeblieben, ein Unbehagen, die beiden so 
heterogenen, ja einander negierenden Begriffe-Krieg- 
und „Philosophies noch ferner in einen wilsenschafte 
lichen Zusammenhang zu bringen und in solchem zu 
behandeln. Gleichwohl ist dieser Zusammenhang vor- 
handen und verlangt sein Recht, so verschiedenartig 
er sich auf dem Boden der einzelnen Teilgebiete der 
Philosophie auch gestalten mag. 
Erkenntnistheorie und Logik. Für die soge- 
nannten strengen philosophischen Disziplinen ist frei- 
lich die Kulturerscheinung einer kriegerischen Verwick- 
lung unter den Völkern a. gut wie belanglos. Logik 
und Erkenntnistheorie stehen so fern dem wirklichen 
Leben, haben eine so ausschließlich theoretische Ab- 
zweckung, sind so sehr Angelegenheit einer Menschheit 
an sich, daß selbst der ewaltigste Sturm äußeren Ge- 
schehens ohne jeden Einfluß bleibt auf die Art, wie 
diese beiden Wissenschaften ihre Probleme stellen und 
lösen. Aber freilich nicht auf die Tätigkeit des Lo- 
gikers und Erkenntniskritikers und den Wert, der 
dieser Tätigkeit im Bereich der sozialen Gemeinschaft 
beigemessen wird. Denn die mühsame Arbeit, die hier 
eleistet wird, muß vom Standpunkt des praktischen 
ebens als Luxusarbeit, wenn nicht als Spiel oder 
Vergeudung von Zeit und Kräften gelten, dies um 
so mehr, wenn wie heute die Nation gezwungenist, den 
Gesichtspunkt ökonomischer Haushaltung mit ihrem 
Kräftemaß über alles andere zu stellen. Und der ge- 
ringe buchhändlerische Erfolg erkenntnistheoretischer 
Literatur bei ohnehin erschwerter Bücherherstellung 
beweist denn auch zur Genüge die heute herrschende 
Uninteressiertheit des öffentlichen Lebens an der in 
Friedenszeiten so hoch bewerteten rein theoretischen 
Erkenntnisarbeit. Mancher unbefangene Betrachter 
ist geneigt, diese Wandlung der Dinge zu begrüßen 
und die durch die Zeitereignisse nötig gewordene Be- 
einträchtigung der breiten Tintenarbeit der Erkennt- 
nistheoretiker als eine Errungenschaft zu buchen. 
Sicherlich ist von unseren Philosophen vor dem Krieg 
gar zu viel und gar zu ausschließlich auf erkenntnis- 
ritischem Gebiet gearbeitet worden, und die gewiß 
unentbehrliche und notwendige Voruntersuchung der 
subjektiven Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Be- 
sens hat gar zu sehr als die alleinige und eigentliche 
Aufgabe er Philosophie gegolten. Wie in der Kunst, 
der Lyrik und Malerei, ein bis zur Ausartung zuge- 
spitzter Formalismus und Technizismut alle Richtung 
aufs Ding unterdrückte, um in der Form, der Methode, 
der Außerungsweise des Individual-Ichs den eigent- 
lichen Wert und Sinn künstlerischen Schaffens zu 
erblicken, so war auch der Philosoph, einem allgemei- 
nen Zug der Zeit folgend, Lanz beim methodologischen 
Geschäft, ganz bei der Subjektsbetrachtung Helen- 
eblieben, ohne an die eigentliche Aufgabe der Philo- 
sophte, die Ergründung der Weltzusammenhänge, 
heranzutreten. Das menschliche Bewußtsein war eben 
seine = Welta und zugleich das Lroße Rätsel und Ge- 
heimnis, das alles Denken und Kunstschaffen zu durch- 
dringen suchte, nicht mehr die Welt da draußen, son- 
dern das Ich, seine besondere Struktur, seine Gefärbe- 
heit, sein örrchungswinkel Manche tiefe Erkenntnis 
des menschlichen Wesens hat uns dieser hochgetriebene 
moderne Subjektivismus in Kunst, Dichtung und 
Philosophie der letzten Friedensjahrzehnte gebracht. 
Vielfach aber war diese Ich-Kultur entartet in eine
        <pb n="399" />
        Bergmann: Philosophie und Krieg 
unfruchtbare und abstoßende Selbstbespiegelung des 
ebärenden Kunst-Ichs, und auf philosophischem Ge- 
4 gewahrten wir als Gradmesser der Verirrung der 
Zeit eine ungerechtfertigte überschätzung des rein kriti- 
schen Vorhabens, das die Philosophie unter dem Vor- 
geben, sie zur strengen Wissenschaft zu erheben, abzog 
von ihren eigentlichen noch ungelösten Aufgaben und 
sie zu einer bloßen Ancilla der Naturwissenschaften er- 
niedrigte, so wie sie im Mittelalter eine Ancilla der 
Theologie gewesen war. Metaphysik zu treiben, die 
Philosophie als Weltanschauungslehre zu behandeln, 
alt bei den strengsten Kantianern als Anachronismus. 
Lurch den Krieg dürfte dieser schrankenlose Intellek- 
malismus und Logismus auf philosophischem Gebiet 
eine nicht unerhebliche Abschwächung erfahren haben. 
die für die Folgezeiten den Ansporn zu neuen Taten 
in sich birgt. Ein neues Philosophengeschlecht dürfte 
eranwachsen aus der von der Somme zurückkehrenden 
Fran Deutschlands, ein Geschlecht, das den Bios 
ebenso hoch achtet wie den Logos, weil es ihn durch 
Jahre hindurch tiglich erobern mußte. Die Philo- 
sophie ehemaliger Sommekämpfer, die im dritten und 
vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geschrieben 
werden wird, wird anders aussehen als die hochent- 
wickelte Kantik der abgelaufenen Dezennien. Kant 
wird wie so vieles andere geschichtlich werden, ohne 
seine überragende Bedeutung für das deutsche Geistes- 
leben zu verlieren. 
Metaphysik und Weltanschauunglehre: 
Weit unmittelbarer schon ist der Philosoph als Welt- 
anschauungslehrer mit seiner Problemstellung in das 
äußere Geschehen der Zeit verwickelt. Der Nichtposi- 
tivist oder Nicht-Nur-Positivist, der an der Grenze der 
erfahrbaren Wirklichkeit nicht zögernd und unschlüssig 
stehenbteit sondern auf der Grundlage der durch 
ie Einzelwissenschaften erarbeiteten Erfahrungstat- 
sachen einen Blick zu tun wagt in das Dunkel, das 
dort beginnt, kann nicht gleichgültig bleiben, wenn er 
sieht, wie die Menschheit kämpft und leidet, kämpfen 
und leiden muß, und wie es für sie kein Entrinnen 
u geben scheint aus diesem Kämpfen= und Leiden- 
Kseen. Kämpft und leidet doch die ganze Natur, 
alles Lebende in Tier- und Pflanzenreich! Und dieses 
Lebende ist die Welt selbst. Kampf und Leiden scheinen 
hinabzureichen bis auf ihren Grund, um sich unter- 
halb der Schwelle von Leben und Bewußtsein nur in 
anderer Form fortzusetzen. Niemals seit dem Dreißig- 
jährigen Krieg war das Schicksal der Menschheit so 
sehr angetan, dem Metaphysiker die Frage nahezu- 
legen, ob auf dem Grunde der Welt wirklich der Geist 
und die Liebe wohne, wie die Religionen lehren, oder 
nicht vielmehr jenes dumpfe, blinde, alogische, finstere 
und furchtbare Willenswesen, wie es der Pessimismus 
Schopenhauers mit all den grauenerregenden Entsetz- 
lichkeiten seines ruhelosen, ewig-gualvollen Strebens 
geschildert hat. 
In einem Lazarett, so erzählt ein französischer Arzt, 
sah ich einen Sommekämpfer, der beide Arme und 
Beine bis auf einpaar Stummel, dazu den Unterkiefer 
und das Augenlicht verloren hatte. Ein Klumpen 
Fleisch, ein Stück Darmkanal, den die Kunst ehrgei- 
ziger Arzte am Leben erhalten, und dem kein Gott 
mehr gab, zu sagen, was er leide. Durch den Nervus 
acusticus, den einzigen Strang, durch den dieser Un- 
glückliche mit Welt und Menschheit noch verbunden 
war, vernahm er aus dem Munde einer unbarmher- 
zigen Schwester, die ihm vorlas, eine Predigt über 
das Thema: Gott sei die Liebe. — Wenn Gott wirk- 
313 
lich die Liebe ist, können die Vertreter der pessimistisch- 
alogistischen Weltansicht Schopenhauers einwenden. 
und dazu die Macht und die Weisheit, wie die alten 
Religionen lehren, warum läßt er dann die Mensch- 
heit leiden und sich zerfleischen bis zur Selbstvernich- 
tung, wo keine Besserung mehr möglich ist und der 
Gesichtspunkt der Erziehung des Menschengeschlechts 
nach einem göttlichen Heilsplan sein Gewicht verliert? 
»Gott« oder das Weltwesen ist, so erklären die An- 
hänger dieser Lehre; aber es ist nicht die Liebe, nicht 
die zweckvoll handelnde Intelligenz, sondern jenes 
dunkle und geheime Ur, dessen unheilvolles, schuld- 
erfülltes Wesen der Drang ins Dasein bedeutet und 
an dessen Stirn auf späten Stufen seiner Entwicklung 
Bewußtsein und Intellekt nur aus dem Grundehervor- 
lubrechen scheinen, damit es sich der entsetzenerregen- 
en Irrationalität und Alogik seines Wesens leidend 
bewußt werde. Wäre die Vernunft, der Nous, der 
Logos das herrschende Weltprinzip, wie die Hegelianer 
und Optimisten glauben, Kulturerscheinungen wie der 
gegenwärtige Weltkrieg lägen nicht im Bereich der 
möglichen Dinge. Was in uns allen — und also auch, 
nur in anderer Form, auf dem Grunde der Welt — 
herrscht, ist nicht Geist und Vernunft, sondern Affekt 
und Leidenschaft, Haß und Liebe, Daseinsgier und 
Machthunger, beängstigende Außerungen jenes urhaft- 
blinden, friedlosen Strebens und Drängens zum Sein, 
das sich im Weltfortschritt zerspaltet in zahllose Lebens- 
keime und Individualwillen, die einander — einzeln 
oder im Gemeinschaftskampf ganzer Volkseinheiten — 
auszulöschen bestrebt sind, indem sie einander die be- 
herrschte Materie zu entreißen suchen. So hat die 
Menschheit in sich selbst Ersatz gefunden für ihre mehr 
und mehr verschwindenden Feinde im Tier= und Ba- 
illenreich. Und der höchste Gedanke, unter dem wir 
Heurigen das Dasein werten, der nationale, der vater- 
ländische, wäre — philosophisch betrachtet — nichts als 
eine Krankheits- und Zerfallserscheinung, durch die der 
Wille, andelangt auf der höchsten Stufe seiner Objek- 
tivation, der Menschheit, sich selbst wieder verneint. 
So etwa jene modernen Alogisten und Irratio- 
nalisten in der Metaphysik, deren es mehr gibt, als 
man ahnt, und zu denen neben Schopenhauer und 
seinen Anhängern vor allem der heute so gern gehörte 
Dichter Strindberg (Ein Traumspiel-), aber auch 
der Metaphysiker Nietzsche mit seiner Lehre von der 
ewigen Wiederkunft aller Dinge und von Ausländern 
Spencer mit seiner französischen Anhängerschaft 
(Guyau) gehört. All diese Hoffnungslosen, die mit 
jeder Evolution die endliche Dissolution naturnot- 
wendig verknüpft sehen, könnten im gegenwärtigen 
Weltkrieg einen schlagenderen Beweis für die Richtigkeit 
ihrer Welt= und Lebensinterpretation erblicken, als 
sie jemals auf rein theoretischem Wege zu erbringen in 
der Lage gewesen wären. Allein Pöllosophie ist letzten 
Endes Charakter- und Gemütssache, zum mindesten, 
was die Wahl des metaphysischen Standpunktes an- 
langt. Das politisch nochjunge, zukunftsfreudige und 
von Ngtur gläubige und optimistische Volk der Deut- 
schen hat jenen düsteren Betrachtungen der -Müden 
und Heiligen«, der Resignations= und Erlösungs- 
philosophen nur vorüber ehe sein Ohr geliehen, 
und es erscheint in viesen # ammenhang bemerkens- 
wert, daß — von vereinzelten Stimmen abgesehen — 
gerade die berufensten philosophischen Interpreten des 
modernen deutschen Volksgedankens seit dem 4. Au- 
gust 1914 in entgegengesetztem, in idealistisch-opti- 
mistischem Sinn und Geist Stellung genommen haben
        <pb n="400" />
        314 
zu den durch den europäischen Krieg aufgeworfenen 
Weltanschauungsfragen. Ich verweise, was diese 
Denkrichtung anlangt, auf meine im Frühjahr 1915 
zu dem Thema Philosophie und Krieg« getanen 
Außerungen!. Schon in den letzten Friedensjahren, 
vor allem aber während des Krieges hat sich gezeigt, 
daß der altidealistische Geist der von starken Glaubens- 
motiven getragenen deutschen Philosophie und ger- 
manischen Gedankenwelt überhaupt zwar durch ge- 
wisse, im Anschluß an die Entwicklung der Naturwissen- 
schaften emporgekommene materialistische und positi- 
vistische Richtungen zeitweise verdeckt werden konnte, 
daß aber eine so ehrwürdige Tradition niemals völlig 
aus dem Volksgemüt verschwinden kann. 
Indes, man mag über diese Dinge denken, wie man 
will, soviel steht fest, daß das metaphysische Denken, 
daß die Philosophie als Weltanschauungslehre nicht 
unbeeinflußt aus dem Kampf der Zeit hervorgehen 
kann. Das Nachdenken über das eigentliche Wesen 
der Welt hat einen neuen Impuls erhalten, wie ihn 
die Geschichte der Menschheit seit Jahrhunderten ihrer 
Entwicklung nicht gekannt hat. Wenn ruhigere Zei- 
ten zurückkehren und die philosophische Kontenipla- 
tion wieder Raum gewinnt, wird das Gewicht dieser 
Erscheinung erst voll auf dem Geist des Betrachters 
ruhen, der heute noch mit Zittern und Beben dem Ab- 
lauf der ungeheuren Menschheitstragödie folgt. 
Ethik und Kulturphilosophie. Das gleiche 
ilt vom Ethiker und Soziologen, nur mit dem 
Interschied, daß hier der Krieg als Kulturphänomen 
ersten Ranges unmittelbar zum Gegenstand philoso- 
phischen Nachdenkens wird. Woher kam die Mensch- 
heit und wohin schreitet sie? Dies die beiden Kardinal- 
fragen jeder geschichtsphilosophischen Betrachtung. 
Die erstere, früher von den Religionen als die wich- 
tigere behandelt und selbst noch von Fichte in theolo- 
gisch--mystischem Sinne gelöst, wenn er die paradie- 
sische Idee eines Normalvolkes der Urzeit aufstellt, 
kann heute als durch die Wissenschaft längst endgültig 
geklärt und beantwortet gelten. Die Philosophie, die 
bescheiden zurücktritt, wenn, wie hier, der menschliche 
Forschergeist wirklich einmal endgültig feststehende 
Tatsachen aufdeckt, beschränkt sich dorauP die Entwick- 
lung des Menschengeschlechts von dem Augenblick an, 
da es die Schwelle der Tierheit überschritten, mit der 
ihr eigenen, die verborgenen Zusammenhänge ans 
Licht ziehenden Betrachtungsweise zu begleiten, und 
wendet sich mit um so größerer Energie der zweiten, in 
tiefem Dunkel liegenden Frage zu nach dem Ziel und 
Endpunkt des Menschheitsweges. Denn hierüber ver- 
mag keine noch so exakte Biologie und Paläontologie, 
ja keine Wissenschaft der Welt Aufschluß zu geben. 
Die alten Schemata der Religionen malten das „Reich 
Gottes- als idealen Zielpunkt aller Menschheitsent- 
wicklung an den Horizont der Geschichte, und noch 
bei einem Denker wie Fichte spielt diese Idee eine meta- 
phorische Rolle, während doch gerade der deutsche 
Idealismus es war, in dessen Atmosphäre der Ge- 
danke einer veredelten, dereinst auf Erden lebenden 
Humanität seinen geschichtlichen Ursprung hats. So 
verschieden das Bild der Zukunftshumanität auch aus- 
gesehen haben mag, je nachdem es von Kant oder 
Fichte, von Herder oder den Weimarer Hellenisten, 
1 „ Pbilosophlie und Kriege in ? Der Kampf des deutschen 
Geistes im Weltkriege, Dokumente des deutschen Geisteslebens 
aus der Kriegszeit (Gotha 1915, S. 73 ff.). 
2 Vagl. E. Bergmann, Deutsche Führer zur Humanität 
(Leipz. 1915). 
IV. Kultur und Geistesleben 
von Hölderlin oder Nietzsche — auch der Traum vom 
„übermenschen= bildet ein organisches Glied in der 
Kette des deutschen Kulturidealismus — entworfen 
und gezeichnet wurde, in einem Punkt sind sich diese 
Gläubigen und Seher alle einig, nämlich in der un- 
erschütterlichen Zuversicht, daß die Entwicklung der 
Menschheit aufwärts gehe und dem hohen Endziel 
eines idealen Zustandes mit innerer Folgerichtigkeit 
entgegenstrebe. Sie alle sahen mit Fichte die gol- 
denen Zinnen eines fernen Heliopolis der Mensch- 
heit in der Abendröte ihres kosmopolitischen Jahr- 
hunderts leuchten:, und nur der eine Schopenhauer. 
der Pessimist, der weder auf moralischem noch auf 
intellektuellem Gebiet der Menschheit einen Aufstieg 
oder auch nur eine Entwicklung zugestehen will, dudet 
hier eine Ausnahme. 
Wie nun sieht sich der moderne Betrachter, der die 
langen, inhaltsreichen Jahre 1914—17 mit durch. 
lebt, zu diesen Fragen gestellt? Kann er nach allem 
Erlebten noch glauben, daß der Herdersche Gottmensch, 
daß jene glückliche, durch Vernunftkunst und wissen- 
schaft befreite Menschheit dereinst auf Erden wandeln 
wird und wohnen? Wieder scheiden sich hier die 
Geister. Hat der Krieg, so meint der Skeptiker, nicht auf 
Jahrhunderte hinaus alles Gemeinschaftsstreben der 
Menschheit vernichtet! Geht die Menschheit nicht kul- 
turell wie physisch einem Abgrund entgegen! Der 
Krieg war zunächst in der Hauptsache ein europälischer. 
Erst im dritten Jahre begann er, sich zum Weltkrieg 
auszuwachsen. Ein Abflauen von "rr und Kriegs- 
psychose ist trotz aller Friedenssehnsucht der Völker 
nirgends in der Welt zu spüren. Und selbst wenn 
eines Tages der Frieden da ist, wird nicht ein zweiter, 
ein dritter Weltkrieg folgen? Einige der modernsten 
Sozialphilosophen hofften vor dem Krieg auf einen 
allmählichen Ausgleich des Rassen-- und Sprachen= 
unterschieds unter den Völkern als des eigentlichen 
Kriegsgrundes und zeichneten uns die Menschheit des 
3. und 4. Jahrtausends als ein längst homogen ge- 
ewordenes Völkergemisch, das in einem einzigen 
Staatskörper unter einem einzigen Regierungsober- 
haupt mit einem einzigen Ziel und Streden, der Bei- 
ter- und Höherbildung der planetarischen Mensch- 
heit, lebt#. Wer vermag heute noch an solche Mög- 
lichkeiten zu glauben? Die Menschheit, die heute, in 
einem furchtbaren Wahnsinn befangen, sich selbst 
zerfleischt, scheint für ewige Zeiten unfähi. die Rolle 
eines Führers, Erziehers, Bildners ihrer selbst in 
die Hand zu nehmen, die ein Fichte oder Nietzsche ihr 
zugewiesen. 
Wer möchte leugnen, daß solche Zweifel berechtigt 
sind! Schon die Tatsache muß zu denken geben, daß all 
diese Fragestellungen eines kulturphilosophischen Be- 
trachters, die noch zu Beginn des Krieges lebhaftes 
Interesse erweckten, heute so gut wie gänzlich aus der 
öffentlichen Diskussion verschwunden sinds. Diese ist 
vielmehr heute in allen Ländern erfüllt von den nüch- 
ternsten Daseinsinteressen, Lebensmittelrationierung, 
Steuer-, Anleihen= und Verkehrspolitik. Das geistige 
Leben der Menschheit scheint unterbrochen, scheint still- 
zustehen und umzukehren, und aller theoretische Idea- 
1 Ugl. das Vorwort zu der Schrift von E. Bergmann, 
Fichte, der Erzieher zum Deutschtum (Leipz. 1915). 
2 Vgl. C. Bergmann, Die Grundlagen der deutschen 
Bildung (Leipz. 1916, S. 28) und Die Weltmisston der deut- 
schen Bildung (das. 1915). 
s Vgl. das oben angeführte Sammelwerk ?Der Kampf des 
deutschen Geistes im Weltkriege, S. 78fff.
        <pb n="401" />
        Weitzel: Kultur und Charakker der Kriegführenden 
lismus verblaßt vor der einen großen Sorge um 
Erhaltung im Kampf ums physische Dasein. 
Auch hier steht eine optimistische Meinung der skep- 
ltischen gegenüber. Hat nicht der Krieg ein neues 
Heldentumgezeitigt, wie es die Geschichte vordem nicht 
gekannt! Ist nicht ein neuer Typus Mensch erstanden 
im Sommekämpfer, der, ausgerüstet mit Gasmasske, 
Stahlhelm und Handgranate, halb in die Erde ge- 
scharrt, ohne Schlaf und Nahrung 74 Stunden im 
Trommelfeuer ausharrt! Was sind die Helden der 
Antike, Achill und Herkules, Hegen diesen einen 
Sommekämpfer! Was sind die Thermopylen gegen 
das Dörschen Bouchavesnes! Ein übermenschentyp 
hat sich in den Schlammgräben der Pikardie ent- 
wickelt, wie ihn die A#antafse keines Nietzsche geschaut. 
Der Krieg, der = Vater aller Dinge, hat ihn gebildet 
315 
und damit vielleicht dem Menschheitsfortschritt einen 
neuen Weg geöffnet. Niemand kann sagen, wohin 
die nächsten Monate und Jahre die Menschheit führen 
werden. Aber wenn sich erst einmal die Schächte 
und Stollen am Ancrebach öffnen und diese Helden- 
jünglinge zurückgeben, wenn sie herniedersteigen aus 
den Wolken, herauf aus dem Ozean, um wieder mit 
uns auf Erden zu leben, wird es nicht dieser Gene- 
ration beschieden sein, einer neuen höheren Menschheit 
die Krone des Lebens zu reichen, die jenem Traum- 
bilde gleicht, von dem der Dichter singt: 
»Schbner als die Menschen waren, 
Stärker grüßt mich ein Geschlecht, 
Helden sind es und Barbaren, 
Fröhlich, sieghaft und gerecht.= 
Kullur und GCharakter der Krieg- 
fübrenden 
von Gymnasialoberlehrer Dr. Karl Weitzel in Leipzig 
Die geistige Einheit unseres Volkes hatte bereits 
im Zeitalter Schillers, Goethes und Kanks ihre unse- 
rem Wesen entsprechende Gestaltung gefunden und 
war der Nährboden zu den Taten der Freiheitskriege 
und schließlich zur nationalen Augsgestaltung eines 
deutschen Staatswesens geworden. Trog der inner- 
lichen Vielgestaltigkeit deutscher Kultur hat sie im 
Weltkrieg von neuem ihre Feuerprobe bestanden. 
Nicht aber gilt dies von der sogenannten europäischen 
Kultur, unter welchem Begriff wir nur allzuoft die 
Außerungen und Bestrebungen der europäischen Völ- 
ker zusammenfaßten. Der Krieg hat vielmehr in Kul- 
tur und Charakter derselben scharfe Gegensätze gezeigt 
und bewiesen, daß auch das Christentum oder die mo- 
derne internationale Wissenschaft hier kein wirklich 
einheitliches Kulturbild geschaffen haben. 
Zunächst sei der Hauptgegensatz hervorgehoben. 
Den Weg weist uns das Kaiserwort: = Kultur haben 
bedeutet tiefstes Gewissen und höchste Moral besitzen. 
Moral und Gewissen haben meine Deutschen.= Grund- 
lage aller Kultur ist uns die Sittlichkeit, das sittlich Gute, 
und nur mit dieser Betonung desethischen Moments 
sind wir nach unserer Auffassung imstande, der Auf- 
abe der Kultur, nämlich Streben nach Vollkommen= 
eit und Vollendung des Menschheitsfortschritts, ge- 
recht zu werden. Der Begriff des Guten schließt in 
sich den Begriff der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. 
Dieser trennt die Kriegführenden in zwei Lager. 
Während unsere Feinde von Anfang an als Erobe- 
rungsmächte auftraten, kleine Staaten vergewaltigten 
und noch heute am liebsten unsere staatliche und kultu- 
relle Selbständigkeit vernichteten, ist unser Ideal das 
Nebeneinander freier Staaten, die Freiheit und Gleich- 
berechtigung aller auf den Meeren, der Schuß der 
Schwachen, das Zusammenarbeiten mit allen anderen 
zur Förderung der Kultur. 
VDie Westmächte. 
Frankreich. Schon die ersten Wochen des Krieges 
eigten deutlich, daß es mit der alten Ritterlichkeit der 
Fränzosen längst vorbei war. Eine ganze Generation 
hatte rastlos daran gearbeitet, den Gedanken der Re- 
vanche in allen Kreisen zu pflegen und allmählich zu 
wilder Leidenschaft anzufachen. Diese systematische Ver- 
hetzung, die es außerdem verstand, die Vorstellung zu 
erwecken, als sei alles Deutsche geistlos, unkultiviert 
und fühle sich trotzdem gleichberechtigt mit französischer 
Kultur, führte bei Beginn des Krieges zu maßlosen 
Ausbrüchen des Hasses; in der empörenden Behand- 
lung. wehrloser Deutscher in Paris und anderen 
Städten begann sich jester Tiefstand der Kultur zu 
äußern, der in Völkerrechtsbrüchen, in Roheiten gegen 
deutsche Verwundete, in schändlicher Behandlung der 
Gefangenen und in Unmenschlichkeit der Kriegführung 
seine Ergänzung fand. Dabei zeigte sich von franzö- 
sischer Seile eine völlige Verständnislosigkeit deutschen 
Wesens und deutscher Kultur: Barbar= und „boche- 
sind noch heute die gangbarsten Bezeichnungen für 
einen Deutschen. Der Franzose ist aber nach seiner 
Ansicht allein im Vollbesitz aller Kultur und Zivili- 
sation. Uns allen jedenfalls hat der Krieg die Er- 
lennmis gebracht, daß an dieser Kultur vieles Phrase 
und Außerlichkeit ist. 
Ein wichtiger Bestandteil derselben ist die Presse, 
deren Macht und Einfluß von jeher gerade in Frankreich 
sehr stark war. Sie charakterisiert sich durch zweck- 
bewußte lügnerische Verleumdung und ist in der Er- 
findung von Greueltaten deutscher Soldaten und der 
systematischen Bearbeitung und Verhetzung der Neu- 
tralen groß. Und wie andere, so belügt der Franzose 
sich selbst. Hartnäckig hält der französische Geist fast 
ausnahmslos an seinen Illusionen fest, und während 
des Krieges steht für ihn Deutschland stets unmittel- 
bar vor der Vernichtung und Revolution. Schein und 
innere Unwahrhaftigkeit führen auch hier die Herr- 
schaft, und eine Massensuggestion hält dieses Gebäude 
von Ansichten aufrecht, die den realen Tatsachen so 
anz widersprechen und der Ausfluß einer uns unver- 
tändlichen Kriegspsychose sind. 
Die Erklärung für diesen Tiefstand wahrer Kultur 
liegt darin, daß Frankreich ein niedergehendes Land 
ist, dessen Lebenskraft allmählich versiegt. Am deutlich- 
sten spricht hier der stete Rückgang seiner Bevölkerungs- 
zunahme. Dieses Niedergangs ist sich ein großer 
Teil der Franzosen bewußt, und es klingt aus seinen 
Aufterungen der Lüge und Roheit ein gut Teil ohn- 
mächtige Wutgegen das lebenskräftige, junge Nachbar- 
volk, das auch in diesem letzten Augenblick verheißungs- 
voller geschichtlicher Entwicklung, wo ein ganzes Ge- 
folge von Mächten zu Frankreich stand, in das Herz
        <pb n="402" />
        816 
des Vaterlandes einzudringen vermochte. Doch dür- 
fen wir nicht verkennen, daß aus seinem Kampfe trotz 
alledem eine heroische Energie und der feste Wille 
sprechen, keinesfalls auf seine Großmachtstellung zu 
verzichten. Hatte Frankreich das schon vor dem Kriege 
durch das Opfer der dreijährigen Dienstzeit und durch 
seine systematische militärische Jugendvorbereitung 
(auf amtlichem Wege und durch massenhafte Grün- 
dung der von der Regierung unterstützten Sociétes 
de préparation militaire) bekundet, so haben wir im 
Kriege selbst in ihm einen ebenbürtigen Gegner ge- 
funden; Staat und Kultur der Franzosen zeigten 
einen Lebenswillen, der anerkannt werden muß. 
Während die Kriegsliteratur auf deutscher Seite 
von Odbiektivität und Streben nach Selbsterkennt- 
nis beherrscht wird, bewegen sich die Kriegsschriften 
in Frankreich in den ausgetretenen Bahnen des 
Deutschenhasfses. Typisch ist das vom Comité catho- 
lique de propagation française à T’étranger heraus- 
egebene Werl La guerre allemande et le catho- 
icismec, das eine Anklageschrift gegen Deutschland 
sein will. In maßloser Polemik und unter dünkel- 
hafter Selbstverherrlichung reihen sich hier Unwahr- 
heiten und Vorurteile in einer uns unverständlichen 
Weise aneinander. 
Auch im Wirtschaftsleben hat der Krieg gezeigt, 
daß französische Kultur mit der deutschen nicht Schritt 
zu halten vermag. Schon vor dem Kriege nannte 
man Frankreich das „Rentnervolk- oder den = Welt- 
bankiere, d. h. das Volk, welches im Besitz großen 
Kapitals die Welt gegen gute Verzinsung mit Geld 
versorgt und selbst im behaglichen Genuß seiner Er- 
% leben kann. Der Pievanch uef zuliebe wurde 
das französische Kapital in immer größeren Summen 
an Rußland ausgeliehen (bis 30 Milliarden), so daß 
es jetzt zu einem großen Teil auf dem schwankenden 
Grunde des russischen Staatswesens ruht. Mag nun 
auch die Berechnung des Abgeordneten Brizon, der 
im September 1916 in der Kammer den Verlust an 
schaffendem Volksvermögen für Frankreich durch die 
deutsche Besetzung der nördlichen Departements so- 
wie durch die Menschenverluste seit Kriegsbeginn auf 
320 Milliarden angab, nur ungesähr das Richtige 
treffen, so zeigt doch eine Gegenüberstellung der deut- 
schen und französischen Sparkassen im Kriege sowie 
der beiderseitigen Kriegsanleihen die größere Kraft 
Deutschlands. Schließlich kam Frankreich ohne ein 
in vieler Hinsicht so verhängnisvolles Moratorium 
nicht aus, und man mußte zugeben, daß der fran- 
zösischen Volkswirtschaft die Organisation fehle, wäh- 
rend die deutschen Darlehnskassen die angestrebte Be- 
lebung der gesamten Volkswirtschaft in Deutschland 
erreicht hätten. 
Belgien. Für Belgien war zunächst bezeichnend 
der wilde Franktireurkrieg, den das von seiner Re- 
gierung irregeleitete Volk gegen die Deutschen führte. 
Verhetzung, jahrelange französische Propaganda, 
hauptsächlich aber Unkenntnis der Deutschen undihres 
Staatswesens sowie der wallonische Volkscharakter 
trugen einen großen Teil der Schuld, ohne daß jedoch 
der in den belgischen Greueln zutage tretende Tief- 
stand der Kultur, besonders der unteren Schichten, zu 
beschönigen wäre. Vor allem hat der Krieg gezeigt, 
was für eine künstliche Schöpfung dieser vielsprachige 
Staat ist, der der Londoner Konferenz von 1831 sein 
Dasein verdankt. Der Gegensatz zwischen den germa- 
nischen Flamen und den romanischen Wallonen (zu 
diesen sind auch die ihre germanische Abkunft verleug- 
IV. Kultur und Geistesleben 
nenden Franskiljons= zu rechnen) ist von neuem auf- 
elebt, und Bethmann Hollweg beleuchtete den deut- 
chen Standpunkt in seiner Rede vom 5. April 1916 
mit den Worten: „Deutschland kann den flämischen 
Stamm nicht wieder der Verwelschung preisgeben. 
Es muß ihm eine seinen Anlagen entsprechende Ent- 
wicklung auf der Grundlage seiner niederländischen 
Sprache und Eigenart sichern.“ Die deutsche Kultur- 
arbeit hat edenfalls in Belgien während des Krieges 
verheißungsvolle Anfänge gemacht. Der offene und 
heimliche Piderstand. den die deutschen Bestrebungen 
besonders bei der Großstadtbevölkerung fanden, hat 
mit der Zeit sehr nachgelassen, und will man, vom 
Franktireurkrieg abgesehen, das Wesen der Belgier be- 
zeichnen, wie es sich im Kriege offenbart hat, so wird. 
es am schärfsten beleuchtet durch das Wort des ver- 
storbenen Generalgouverneurs v. Bissing, der wieder- 
holt sprach von der -Kindlichkeit des belgischen Volks- 
charakters im guten und im bösen Sinnet-. 
England hatte sich bei Beginn des Krieges der 
Hoffnung hingegeben, diesen ohne Einsatz seiner vol- 
len Macht lediglich durch die Blockierung Deutschlands 
beenden zu können. Wider Erwarten mußte es seine 
anze Kraft für den Kampf zu Lande einsetzen, und 
ier zeigte sich zunächst das große organisatorische Ge- 
schick des Engländers. Das englische Hilfsheer wurde 
zu einem dem unfrigen ebenbürtigen Millionenheere 
umgestaltet, die technischen und militärischen Errun- 
genschaften der Deutschen wurden nachgeahmt, aus- 
gestaltet und waren diesen Eeitweilig sogar überlegen; 
er Luftabwehrdienst in England selbst wurde mit 
Erfolg vervollkommnet. Damit verbinden sich die an- 
geborene Zähigkeit des Engländers, die Energie und 
das Zielbewußtsein, mit denen er seinen Zweck unter 
Aufbietung aller Mittel verfolgt, ohne sich von dem 
einmal eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen. 
In politischer Hinsicht schließlich zeigt der englische 
Volkscharakter ein großes Maß von Einheitlichkeit 
undgeschlossener politischer Denkart, während die par- 
tikularen Honderbestrebungen unseres Volkes noch 
heute viel schwerer einen Gesamtwillen und gemein- 
samen politischen Geist der Nation zustande bringen. 
Das Gefühl, daß die Engländer unsere germani- 
schen Blutsverwandten seien, war bei uns — zu un- 
serem Unheil — vor dem Kriege besonders rege. Aller- 
dings besteht ihr Kern aus Angelsachsen; aber die 
verschiedenen Ablagerungen von Völkern, vor allem 
die Vermengung mit den keltischen Ureinwohnern, 
ferner mit den Resten der Römer und mit den Nor- 
mannen, die durch jahrhundertelange Vermischung 
mit der galloromanischen Bevölkerung Frankreichs 
ihr germanisches Gepräge eingebüßt hatten, haben 
bor einen Typus nmiit wesentlich normannischem Ein- 
chlag erzeugt. Schärfer als je sind die unserem We- 
sen so ganz entgegengesetzten Züge des Engländers 
im Kriege hervorgetreten. Vor allem ist er nackter 
Realist. Der Satz des englischen Philosophen Jeremy 
Bentham: „Jeder tue, was ihm selbst nützlich ist. gilt 
noch heute als unbedingte Richtschnur. Das erklärt die 
Heucheleien englischer Minister in ihren Kriegsreden; 
das rechtfertigt aber auch anderen Nationen gegenüber 
den schnödesten Egoismus, dessen Grundsatßz ist. alle 
Völker gegeneinander auszuspielen und kleinere Staa- 
ten in den Dienst der englischen Politik zu zwingen 
1 Bedeutsam für Kultur und Charakter der Flamen sind die 
aus ihren Kreisen hervorgegangenen Kriegsschristen. Räberes 
s. Fromme, JDeutsche Rundschaus, Dezember 1915, 4145ff.
        <pb n="403" />
        Weitzel: Kultur und Charakter der Kriegführenden 
oder in für sie vernichtende Kriege zu verwickeln. Krieg 
ist für den Engländer Geschäft, erledigt mit List, Lüge 
und Geld. Letzteres gilt als absoluter Wertmesser. 
Höberer Sold beiert den Patriotismus, besondere 
Leistungen (z. B. Rammen von Unterseebooten) wer- 
den bezahlt; also Geld oder höchstens Auffassung des 
Kampfes als Sport statt freudiger Hingabe an das 
Vaterland! Ein schwerer Nachteilin dieser Moral war, 
daß die englische Arbeiterschaft schon im ersten Kriegs- 
jahre wiederholt die Lage des Landes ausnutzte, um 
durch Ausstände Lohnerhöhungen zu erlangen. Denn 
für den englischen Arbeiter ist der Krieg ein geschäft- 
liches Großunternehmen gewisser Kapitalklassen, wel- 
ches ihm selbst nur Opfer auferlegt. Er nützt also die 
Konjunktur aus. Die Streikstatistik des ersten Kriege- 
jahres zeigt daher in Deutschland 10 700 Streikende, 
in England 345000. Ein weiterer Grund zu dieser 
Haltung der englischen Arbeiter! liegt in der maß- 
losen Eitelkeit des Engländers, in der dünkelhaften 
Selbstverständlichkeit, mit der er sich als den berufe- 
nen Träger der Weltherrschaft und der Zivilisation 
ansieht. Es erscheint ihm ausgeschlossen, daß je ein 
anderes Volk das britische Weltreich gefährden könne. 
Ergänzt wird dies dadurch, daß er nicht das geringste 
Verständnis für Macht und Kultur anderer Völker 
hat, die seiner Ansicht nach vielmehr nur dazu da sind, 
sich von England leiten zu lassen. So zeigte sich Eng- 
land auch unfähig, unser Nationalgefühl, unsere Or- 
ganisationskraft und unsere Parteiverhältnisse richtig 
einzuschätzen. 
ie Gewalt der Tatsachen aber zwang den Eng- 
länder zum Umlernen: Die allgemeine Woehrpslicht 
wurde zum Gesetz erhoben. Gewiß müssen die hier 
zutage tretende Zähigkeit und Willenskraft anerkannt 
werden, doch ist das, was uns im Laufe eines Jahr- 
hunderts in Fleisch und Blut übergegangen ist, bei den 
Engländern heute noch etwas Unorganisches. Man 
hat ferner auf die seelische Ungleichwertigkeit der beiden 
Heere hingewiesen: Dort verbissene Zähigkeit, hier die 
Glut der Begeisterung und der mit nerenn Wesen 
und unserer geschichtlichen Entwicklung unlöslich ver- 
knüpfte Gedanke selbstloser Hingabe an das Ganze bis 
um Tode fürs Vaterland als der höchsten Ehre des 
annes. Dazu kommt, daß die Wehrpflicht in Eng- 
land ein Bruch mit dem bisherigen englischen Frei- 
heitsbegriff ist, der die Bewegungsfreiheit des Bürgers 
möglichst wenig durch die Ansprüche des Staates einge- 
schränkt wissen will, und deshalb einen lästigen Zwang 
darstellt. Das Wesen des Engländers widerstrebt also 
der Einordnung des einzelnen in ein größeres Ganzet?. 
Jedenfalls ist offenbar geworden, daß diese auf dem 
Individualismus beruhende Gesellschaftsverfassung 
nicht imstande ist, alle Kräfte der Nation zu gesteiger- 
tem Kampfe zusammenzufassen. Dies kann nur die 
restlos organisierte und disziplinierte Gesellschaft. Die- 
sen fortgeschrittenen Typus aber vertritt Deutschland. 
Dem heißblütig-fanatischen Franzosen gegenüber 
verleugnet sich der Engländer ebenfalls nicht, und 
seine geistige Berfassung zeigt in vielen Stücken das- 
selbe Bild. Doch die kühle Sachlichkeit des Englän- 
1 Vgl. Lensch, Die Weltstellung Englands und die Galtung 
der englischen Arbeiterklasse (2 Preußische Jahrbüchere 164, 1916, 
Heft II. S. 237 ff.). 
2 Lal. Treitschke, Politik I. S. 157: mEs ist der falsche 
Freiheitsbegriff, welcher nicht die Freiheit im Staate, sondern 
vom Staate sucht.= 
2 Ual. J. B. M. Breslauer, Der englische Buchhandel auf 
dem Kriegspfad (? Sübdeutsche Monatshefte, Januar 1916). 
317 
ders befähigt ihn auch zu objektivem Urteil; eim Werk 
wie die . German Culture- (Untertitel: The Con- 
tribution of the Germans to Knowledge, Litera- 
ture, Art, and Lifer, der Anteil der Deutschen an 
Wissenschaft, Literatur und Kunstim Leben der Mensch- 
beit- herausgegeben von schottischen und englischen 
elehrten, konnte niemals in Frankreich entstehen. 
Das Buch, das in Frankreich stark verstimmte, ver- 
sucht in jeder Hinsicht, unserem Volke gerecht zu wer- 
den. Leider ist dies eine Einzelerscheinung. Die Bil- 
dung der breiten Massen steht in beiden Ländern auf 
einer Stufe, die wir als national beschränkt be- 
zeichnen müssen. 
Derlschrankenlose Egoismus des Engländers zeigt 
sich in einem brutalen Machthunger und Herrschafts- 
willen; er zeigt sich aber auch darin, daß farbige Hilfs- 
völker aus allen Teilen der Kolonien für England 
bluten müssen. 
Die finanzielle und wirtschaftliche Fundie- 
rung Englands hat sich im Kriege nicht als so trefflich 
erwiesen, wie die britische Regierung annahm. Trotz 
seines Riesenvermögens kam England zu keiner Festi- 
gung seiner Kriegsfinanzen. Es behalf sich in erster 
inie mit Schatzwechseln und sonstigen kurzfristigen 
Papieren, von denen es schon zahllose im Umlauf hat, 
und borgt in Amerika; anderseits geht dem Lande als 
Bezahlung für amerikanische Munitionslieferungen 
ein grosßer Teil seines Goldbestandes verloren. Da- 
her ist seine Vahlungeb anz stark passiv gewordent 
der Kurs des Pfund- terling-Wechsels in Neuyork ist 
ansehnlich gefallen, und Londons Bankmonopol ist 
durchbrochen. Doch wird die Zähigkeit und kaufmän- 
nische Verschlagenheit des Engländers manchen Nach- 
teil auszugleichen wissen, und nach wie vor führt er 
den Kampf gegen den deutschen Konkurrenten mit allen 
Mitteln. Dem dienen die gegen neutrale Kaufleute 
angewandten schwarzen Listen« ebenso wie die zur 
Bekämpfung des Exports der Mittelmächte gegründete 
Handelsvereinigung (#United Anti-German Trad- 
Leaàgue). 
Am klarsten jedoch haben sich der Charakter des 
Engländers und der Geist seiner Kultur erwiesen in 
dem immer neuen Bruch des Bölkerrechts. Nie 
ist Benthams erwähnter Satz in größeremn Maße auf 
das Völkerleben übertragen worden. Einige wenige 
Beispiele seien angeführt: Mißbrauch der Abzeichen 
des Genfer Abkommens, Verwendung verbotener Ge- 
schosse, Flaggenmißbrauch, Ermordung von Unter- 
seebootsmannschaften (Baralong-Fall), Bewaffnung 
von Handelsschiffen, Verletzung neutralen Gebiete. 
Auch die Bestimmung des § 11 der Kongoakte von 
1884/85, daß ein Krieg im Interesse der Rassegemein- 
schaft nicht auf fremde Erdteile übertragen werden 
sollte, ist von England nicht eingehalten worden, und 
erade England bet sich bemüht, in den deutschen Ko- 
onien das Ansehen der Deutschen durch systematisch 
entwürdigende Behandlung derselben bei den Ein- 
gebornen möglichst herabzusetzen. 
Deutschland. 
Der Krieg hat zunächst erwiesen, daß die Stellung 
des Deutshen zum Staate eine ganz andere ist 
als die der romanischen Völker oder gar Englands. 
»Der einzelne nichts, der Staat alles!e Das ist der 
Satz, den der Krieg zum Leitsatz unseres Lebens ge- 
macht hat, und zwar — und dies ist das von unseren 
Feinden kaum ganz Verstandene — als Ergebnis
        <pb n="404" />
        318 
einer Unterordnung der Interessen und Persönlichkeit 
des einzelnen unter das große Ganze. Wir sind also 
nicht bevormundet, unfrei, wie unsere Feinde denken, 
sondern wir widmen uns, fußend auf dem Kant- 
schen Pflichtbegriff. dem Staate in freier Hin- 
gabe, wahren dabei unsere innere geistige Freiheit, 
opfern ihm aber ebenso freudig unser Leben. Unlös- 
lich ist dieser kategorische Imperativ Kants mit der 
historischen Entwicklung unseres Volkes verbunden, 
mit der Erhebung von 1813, mit der Einführung 
der allgemeinen Wehrpflicht und in diesem Kriege 
mit der Einrichtung des vaterländischen Hilfsdienstes. 
Diese unsere Fähigkeit zur Hingabe des Ich an einen 
höheren Zweck ist schließlich der Grund zu jener Einig- 
keit, Opferfreudigkeit und Geschlossenheit, die unsere 
Nation seit den Augusttagen 1914 bewies; sie weckte 
eine Fülle ungeahnter Kräfte und Eigenschaften, und 
klarer als je sehen wir in unserem Volke den Beweis 
dafür, daß erst höhere Sittlichkeit höhere kulturelle 
Leistungen schafft. 
Betrachten wir zunächst den Geist unseres 
öffentlichen Lebens im Kriege! Es steht unter 
dem Zeichen freudiger Mitwirkung des einzelnen, sei 
es vor oder hinter der Front; hierbei kommt uns zu- 
statten, daß unser Volk seit den Zeiten des ehrbaren 
mittelalterlichen Bürgers ein wirkliches Arbeitsvolk 
ist, das sich auf engem Gebiet und mit sparsamem 
Wirtschaften seine Lebenswerte und Güter schaffen 
mußte, die z. B. der Engländer draußen in der Welt 
in günstiger gelegenen Bonen leichter und reichlicher 
erntete. Die geistige, moralische und körperliche Schu- 
lung aber, die aus Schulpflicht und Wehrpflicht flos- 
sen, schufen unserem Volke den Geist der Ordnung 
und Disziplin, dessen Offenbarung im Weltkriege 
selbst Ausländer bewundernd begrüßten. Ein beson- 
deres Verdienst gebührt hier der deutschen Presse, 
die sich durch Einheitlichkeit der Gesinnung, durch 
Unterordnung aller kleinlichen Interessen und durch 
großzügige, verständnisvolle Auffassung der Zeit aus- 
zeichnete und redlich dazu beitrug, die in der Heimat 
nötige Geduld und Disziplin zu stärken und zu för- 
dern. Nur auf solchen Grundlagen konnten wir das 
erreichen, was unseren Feinden ein Geheimnis ge- 
blieben ist, die systematische Zusammenfas- 
sung der aufs höchste gesteigerten Einzel- 
kräfte zur großen Gesamtleistung. Diese un- 
sere Besonderheit ist also nicht eine neue Eigenschaft, 
sondern, wie Naumann in seiner Schrift es treffend 
ausdrückt, eine methodische, anerzogene Steigerung 
des Könnens-; wir haben besser als andere Bölker ge- 
lernt, »unsere Arbeit nach gemeinsamem Plane und 
gemeinsamem Rhythmus zu vollziehen. 
Während vor dem Kriege die deutsche Arbeiter- 
schaft fast vollständig der sozialdemokratischen Partei 
angehörte, hat der Krieg uns der Einheit des natio- 
nalen Denkens und Wollens näher gebracht. Das 
Staatsbewußtsein erwies sich im großen und ganzen 
dem internationalen Gedanken überlegen, und das 
Empfinden, daß dieser Krieg ein uns ungerecht auf- 
gezwungener sei. sowie die zwingende Gewalt des seeli- 
schen Erlebnisses führten den Sozialdemokraten dazu, 
seine Parteiüberzeugungen in den Dienst des Vater- 
landes zu stellen. 
Von neuem hat auch der monarchische Gedanke 
seine Kraft bewiesen. Sein tiefstes Geheimnis deutete 
Bismarck einst an: Die deutschen Fürsten haben die 
1 „ Mitteleuropaet (Berl. 1915), S. 106. 
IV. Kultur und Geistesleben 
Gewohnheit, ihre Heere in den Krieg zu führen oder 
zu begleiten, und infolgedessen auch das Bedürfnis, 
auf dem Schlachtfeld und im Lazarett dem Krieger 
in das brechende Auge sehen zu können, ohne sich sa- 
gen zu müssen: Diesen Krieg hätte ich mit Ehren ver- 
meiden könnene. Das Gefühl der Gemeinschaft mit 
ihrem Volke und das Bewußtsein der Verantwortung 
erheben unsere Fürsten über englische Minister oder 
französische Präsidenten. 
Unüberwindlich zeigte sich deutsche Art in der Durch- 
bildung des deutschen Soldaten zur Einzelintelli- 
enz. Militärische Erziehung und hoher Bildungs- 
han unseres Volkes sind daran in gleicher Weise be- 
teiligt; sie befähigen den gut durck ebildeten deut- 
schen Soldaten in der Stunde der Entscheidung zu 
eigener Initiative. Der Charakter des deutschen Sol- 
daten weist folgende hervorstechende Züge auf: gut- 
mütig, begeistert, voll unerschütterlicher Zuversicht 
und ruhiger Entschlossenheit, selbstverleugnend, nie 
ohne Humor, weichem und religiösem Empfinden zu- 
gänglich, dabei stets ein tiefes Bildungsstreben und 
das Bedürfnis, in geistiger Beschäftigung einen Aus- 
gleich und Ruhepunkt zu suchen gegen die Fülle äuße- 
ren Erlebens. Alle Enpfindungen aber legt der deut- 
sche Soldat noch heute im Liede nieder. Es ist der 
unzertrennliche Begleiter seiner Erlebnisse und Stim- 
mungen, und es begesstert ihn zu hehrer Tat. 
Der Krieg, der Sieg deutscher Waffen, ist nicht 
minder ein Sieg deutscher Wissenschaft. Die 
Durchsetzung aller Lebensgebiete bei uns mit den Er- 
Keonissen wissenschaftlicher Arbeit und die geistige 
ifferenzierung des deutschen Charakters haben sich 
glänzend bewährt und auf allen Gebieten, obgleich 
wir von der Zufuhr fremdländischer Rohstoffe ab- 
geschnitten sind, dem Feinde den Erfolg aus der Hand 
gerungen, Neben den Leistungen der Medizin han- 
elt es sich besonders um die der Chemie. Vor allem 
ermöglichte die deutsche Wissenschaft unsere Unab- 
hängigkeit von ausländischen Munitionsstoffen; der 
Chilesalpeter wird nach einem von Haber erfundenen 
Verfahren aus dem Steickstoff der Luft gewonnen; für 
das zur Stahlerzeugung wichtige Ferromangan ist 
ein gleichwertiger Ersatz erfunden worden; für Baum- 
wolle gelang es, aus dem Bestand unserer Wälder 
einen Zellstoff herzustellen, der billiger und geeigneter 
ist zur Pulverfabrikation; ebenso wird der Kampfer. 
der zuletzt synthetisch unter Verwendung amerikani- 
schen Terpentinöls hergestellt wurde, jetzt zu billige- 
rem Preise künstlich erzeugt. 
Andere Kulturleistungentreten dieser Bewäb- 
rung deutscher Wissenschaft zur Seite: der Verkehr 
des Handels-Unterseebootes = Deutschland, die Voll- 
endung der deutschen Bahnbauten in der Türkteit, 
die Wiedereröffnung der Universität Gent als flämi- 
scher Hochschule und die Neuerrichtung einer Uni- 
versität und technischen Hochschule in Warschau, die 
im Verein mit den Verbündeten geordnete Denkmal- 
und Kunstpflege in den besetzten Gebieten (Kriegs- 
tagung für Denkmalpflege in Brüssel im August 
1915). Schließlich sei an dieser Stelle der deut- 
schen Gefangenenlager gedacht; die Reinlichkeit und 
Ordnung, die humane Behandlung und das mensch- 
1 Vgl. R. Hennig, Die deutschen Bahnbauten in der Tüx- 
kei (Leipz. 1915). 
2 Eine Zusammenstellung neuer Kulturunternehmungen wöt- 
rend des Krieges innerhalb der deutschen Einzelstaaten sowie in 
den besetzten Gebleten gibt W. Goet, Deutschlands geistiges 
Leben im Weltkrieg (Gotha 1916), S. 22—80.
        <pb n="405" />
        Weitzel: Kultur und Charakter der Kriegführenden 
liche Verständnis, das hier obwaltet und für 
geistige Unterhaltung der Gefangenen durch Biblio- 
theken, für ihre religiösen Bedürfnisse durch Anlage 
eigener Bethäuser sorgt, alles sind Dokumente deut- 
scher Kultur. 
Unser geistiges Leben hat im Weltkriege nichts 
von seiner Regsamkeit und seinem Reichtum eingebüßt. 
Das wissenschaftliche Leben an den deutschen Hoch- 
schulen geht seine Bahnen weiter; eine reichhaltige 
akademische Kriegsliteratur, unter der die Sammel- 
schriften, die von den einzelnen Universitäten als 
Grüße an ihre im Felde stehenden Studenten versandt 
werden, einen besonderen Platz einnehmen, beweist 
das tiefe Bemühen, unsere Zeit zu verstehen. Aber 
auch deutsches Wesen und deutsche Kultur durchforsch- 
ten wir in ehrlicher Selbstbesinnung und Selbstlrüti, 
obgleich sich Staat und Gesellschaft bei uns keines- 
wegs unfähig gezeigt hatten; wir wollten Wahres und 
Falsches, Echtes und Unechtes scheiden und daraus 
den Boden gewinnen zu einer Erneuerung deutschen 
Lebens nach dem Kriege, wahriich das -Zeichen einer 
schöpferischen Kraft, die sich in allen ihren Mög- 
lichkeiten prüft und sich die höchsten Ziele für die Zu- 
kunft steckt!. Neue Zeitungen und Zeitschriften ent- 
standen sowohl im Reiche selbst als auch in den er- 
oberten Gebieten. Die massenhaft abgehaltenen Vor- 
träge und Kurse zum Verständnis des Krieges so- 
wie der Eifer der verschiedensten Kreise, sich türkische 
oder bulgarische Sprachkenntnisse anzueignen, be- 
weisen unseren t- Drang nach geistiger 
Nutzbarmachung der Zeit. Die vor allem in den 
ersten Kriegsmonaten sehr umfangreiche Kriegsdich- 
tung zeugt davon, wie die Wendung der Geschicke un- 
serem Volke zum Erlebnis geworden ist und das Na- 
tionalbewußtsein mit einer an den Geist der Frei- 
eitskriege erinnernden Kraft alle Schichten durch- 
römt. Bezeichnend für unsere Kultur und unseren 
Üdungswert ist, daß gerade aus dem Arbeiter- 
stande eine Reihe von Dichtern hervorging, die mit 
tiefem sittlichen Ernst eigenes Erleben Unstlerisch zu 
sormen wußtens?. 
Der -Geist von 1914-, wie man ihn kurz genannt 
hat, jene Einigkeit, Opferfreudigkeit und Begeisterung 
der ersten Kriegsmonate, begann im Laufe der Zeit 
allerdings zu schwinden und zeitweise sogar einer star- 
ken Verdrossenheit Platz zu machen. Die Gründe la- 
gen nicht nur in der ungeahnt langen Dauer des Krie- 
ges und den schweren Opfern, die er forderte, sondern 
vor allem in derübermäßigen Verteuerung der gesam- 
ten Lebenshaltung, in den Schwierigkeiten der Nah- 
rungsmittelversorgung. in dem daraus hervorgehen- 
den wirtschaftlichen Kleinkrieg und in dem überall zu- 
aase tretenden, von der Regierung mit wenig Erfolg 
bekämpften Kriegswucher. Inr Gegensatz zu den gro- 
ßen Erfolgen unserer militärischen gas#kation wies 
die der Nahrungsmittelversorgung schwere Mängel 
auf, und manche ungeeignete Maßnahme trug Erbit- 
terung in alle Volkskreise; doch erwiesen sich die -Im- 
ponderabilien-, die unwägbaren Kräfte, in unserem 
Volk als stark genug, um den Siegeswillen und den 
Willen zum Durchhalten nicht schwinden zu lassen. 
Die gesunden Grundlagen der deutschen Volks- 
1 Bgl. W. Goet a. a. O., S. 46. Daselbst finden sich auch 
eine ausführlichere Würdigung und eine Stattstik der deutschen 
Kriegeliteratur (S. 43, 49). 
2 Val. A. Mello, Die Kriegslyrik der deutschen Arbeiter 
(Grenzbotene 1916, Nr. 20, S. 217 f.). 
319 
wirtschaftt haben sich im Kriege glänzend offenbart. 
Es gelang unserem Reiche, das bis dahin mitten in 
der Weltwirtschaft gestanden hatte, sich mit wunder- 
barer Elastizität aus dieser loszulösen und sich zu 
einem neuen Gebilde umzuschalten. Unsere Anpas- 
lungsfährhten und Organisationskraft aber ermög- 
lichte die Umbildung aller Arten von Industriezwei- 
en zur Sicherstellung der Bedürfnisse des Heeres. 
in ähnliches Bild in der Landwirtschaft: Trotz stei- 
genden Leutemangels regelmäßige Bestellung der 
Felder, das größte Verdienst der deutschen Frauen. 
In finanzieller Hinsicht kamen wir ohne Moratorium 
aus, und die Kriegsanleihen führen regelmäßig dem 
Staate die nötigen Milliarden zu; denn fast alles, 
was wir an finanziellen Kräften zazen. bleibt im In- 
land, so daß unsere Kriegswirtschaft auf dem Kreis- 
laufe des Geldes beruht. Die eingezahlte Anleihe 
strömt als Bezahlung für Heereslieferung allmählich 
wieder in die Volkswirtschaft zurück, so daß dem 
Staate stets wieder neue Mittel zur Verfügung gestellt 
werden können. 
Ansere Hundesgenossen. 
Osterreich-Ungarn ist kein Nationalstaat (d. h. ein 
Staat, in dem sich die Begriffe Nation und Staat 
nahezu decken), sondern — wie Rußland und die 
Türkei — ein Völkerschaftsstaat (d. h. ein Staat, 
in dem nicht eine einzelne Nation die überwiegende 
Mehrheit der Bevölkerung ausmacht), in dem Deut- 
sche, Tschechen, Magyaren, Polen, Ruthenen, Slo- 
wenen, Slowaken, Rumänen, Italiener, Kroaten und 
Serben gleichberechtigt nebeneinanderwohnen. Da- 
bei bilden die Deutschen die relative, freilich schwache 
Mehrheit, kein anderes Volk ist stärker als sie. Sie 
tellen das Band dar, das alle zusammenhält, da sie 
as einzige Volk der Monarchie sind, das in allen 
Kronländern nennenswert vertreten ist. So ungün- 
2 dies für ihre politische Zusammenfassung ist, so 
ehr wird dadurch die deutsche Sprache begünstigt 
als allgemeines Verständigungsmittel aller Kreise, ja 
der nichtdeutschen Völker untereinander. Der Streit 
der Nationalitäten, besonders der Kampf der Nicht- 
deutschen gegen die Deutschen, gab Osterreich vor dem 
Kriege sein Gepräge und lähmte seine Kraft. In der 
ganzen Welt zog man daher sehr ungünstige Schlüsse 
betreffs der Bestandesfestigkeit dieses Reiches; ja un- 
sere Feinde sagten den völligen Zerfall Osterreichs 
voraus und ließen sich dadurch zweifellos mit zu ihren 
kriegerischen Entschlüssen bestimmen. 
Schon der August des Jahres 1914 bewies aber, 
daß die bisherigen inneren Kämpfe nicht schlechtweg 
Zeichen des Verfalls gewesen waren; er bewies die 
Gesundheit des Staatskörpers und zeigte, daß 
seine Teile doch noch die Fähigkeit zu einheitlichem 
Zusammenwirken besaßen. So wurde der Krieg, der 
zum erstenmal ein Volkskrieg für Osterreich ist, da 
hier zum erstenmal die Massen ins Feld zogen, ge- 
rade für dieses Land ein Erlebnis. Auch die Kriegs- 
dichtung spiegelte diesen Sieg des gesamtstaatlichen 
Gedankens wider. Neben soldatischer Begeisterung 
(Zuckermanns Osterreichisches Reiterlied), neben 
dem Ausdruck des Einigkeitsgefühls mit den Verbün- 
deten begrüßten Dichter wie Herman Kienzl und Ri- 
chard Schaukal Osterreichs Wiedergeburt mit begei- 
sterten Worten. 
1 Vgl. D. Trietsch, Deutschland. Tatsachen und Ziffern 
(Mönch. 1916).
        <pb n="406" />
        320 
In diesem Siege der Einheit offenbarte sich vor 
allem die Macht des geschichtlich Gewordenen, die in 
der Stunde der Not den Zerfall verhinderte; letzten 
Endes bewährten sich hier aber auch die Reste des viel- 
geschmähten Zentralismus. Als ein weiteres starkes 
Bindeglied der auseinanderstrebenden Teile erwies 
sich das Deutschtum, welches der Kultur des Landes 
doch immer das Merkmal gegeben hatte und sich rüh- 
men darf, stets das Gesamtinteresse des Reiches ver- 
treten zu haben. Schließlich bewahrheitete sich auch 
Bismarcks Prophezeiung: Steigt Kaiser Franz Jo- 
seph aufs Pferd, so folgen ihm seine Völker nach!: Das 
dynastische Gefühl des Osterreichers, die durch Jahr- 
hunderte hindurch ihm eingepflanzte Anhänglichkeit 
an das Haus Habsburg, wurde ein mächtiger Faktor, 
die heterogenen Elemente zum gemeinsamen Kampfe 
zu verbinden. Gerade dieses Moment war vom Aus- 
lande zu gering eingeschätzt worden, und es mußte die 
Erkenntnis gewinnen, daß in ÖOsterreich die Krone im 
Verein mit den auf die staatliche Existenz angewiesenen 
nationalen, wirtschaftlichen und sozialen Kräften aller 
Nationalitäten der stärkste politische Faktor ist. 
In militärischer und wirtschaftlicher Hin- 
sicht zeigte sich Osterreich im allgemeinen seinen Auf.- 
gaben gewachsen. Anfängliche Mängel, die besonders 
in der militärischen Organisation hervortraten, wur- 
den beseitigt, und man lehnte sich dabei fast stets an 
deutsche Einrichtungen und Maßnahmen an, die zum 
Beispiel auch in der Aufbringung der Kriegskosten, 
in der Rohstoffversorgung und in der Befriedigung 
des Heeresbedarfs als Vorbild dienten. Große Schwie- 
rigkeiten machte die Sicherung einer ausreichenden 
Ernährung der Bevölkerung. zumal Galizien und die 
Bukowina, zwei vor allem Fleisch und Eier erzeugende 
Gebiete. lange vom Feinde besetzt und teilweise ver- 
wüstet waren; erst sehr spät entschloß man sich zu einer 
strafferen Ernährungspolitik. Trotz der Mängel der 
inneren Verwaltungsorganisation und trotz der zahl- 
losen politischen GOemmungen, die der wirtschaftlichen 
Entfaltung in Osterreich-Ungarn immer wieder in den 
Weg treten, erwies sich die Volkswirtschaft stärker, als 
man vor dem Kriege geglaubt hatte. Die Kriegs- 
anleihen hatten einen ähnlichen Erfolg wie in Deutsch- 
land; die Industrie zeigte sich auch hier den steigenden 
Anforderungen gewachsen, und wenn auch bei Be- 
ginn des Krieges ein Moratorium erlassen werden 
mußte, gelang es, dieses im Laufe des ersten Jahres 
allmählich abzubauen und bald normale Zahlungs- 
verhältnisse wiederherzustellen. 
Nun deutete aber schon der Verrat tschechischer Trup- 
penteile in den ersten Abschnitten des Krieges an, daß 
der Zusammenschluß Osterreichs nicht gleichbedeutend 
war mit einer inneren geistigen Einheit und daß sich 
die Nationen nicht innerlich gefunden hatten. Die 
Not hatte sie zusammengeführt, innerlich aber waren 
sie sich fremd geblieben, und der in der Dynastie ver- 
körperte Reichsgedanke war wohl in der Stunde der 
Gefahr lebendig geworden, hatte sich dann aber nicht 
als dauerndes Gemeingut erwiesen. Der Tod Kaiser 
Franz Josephs leitete eine Zeit neuer innerer Un- 
ruhe ein, vor der Hermann Bahrs Wort vom vöster- 
reichischen Wundere nicht mehr bestehen konnte. 
Die Frage der Sonderstellung Galiziens (vgl. 
den Beitrag von Seeliger, Galizien und das pol- 
nische Problem, S. 26 ff.) war es, durch die das Problem 
des innerstaatlichen Aufbaues der Monarchie auf- 
gerollt und die der äußere Anlaß wurde, daß Zwie- 
tracht und Partikularismus trotz dem Kriege von 
IV. Kultur und Geistesleben 
neuem im Innern ihr Haupt erhoben. Die Schwie- 
rigkeiten lagen einerseits in der Frage, ob ein Macht- 
spruch der Krone oder der verfassungsmäßige Weg 
die Regelung bringen sollte, anderseits darin, daß 
man sich über die wirtschaftliche Seite dieser Sonder- 
stellung nicht einigen konnte; ja ein Teil der Polen 
biett überhaupt die geplante Lösung im Sinne einer 
loßen Sonderstellung im Rahmen der Monarchie 
nicht für ausreichend. 
Die galizische Frage brachte ganz von selbst das 
Nationalitätenproblem in Fluß, das jetzt aber 
nicht Deulsche und Tschechen allein, sondern die Ge- 
samtheit der Nation berührte. Die Schärfe der Gegen- 
sätze erhellt schon aus den Forderungen der Deutschen 
und Tschechen. Jene verlangen den Einheitsstaat; sie 
sind der Ansicht, daß nur die Führung durch das 
Deutschtum, die Sicherung seiner Stellung und die 
Vereinheitlichung des Staates, deren Symbol die 
deutsche Staatssprache ist. diesem wirkliche Leistungs- 
fähigkeit verbürgt. Die Tschechen fordern den föde- 
ralistischen Staat und die Errichtung eines König- 
reichs Böhmen, bestehend aus den Kronländern Böh- 
men, Mähren und Schlesien und regiert von einem 
gekrönten böhmischen König im Verein mit dem Ge- 
nerallandtag. Auch der Ruf nach der demokratischen 
Republik wurde aus ihren Reihen laut. Jedenfalls 
unterstützen die Slawen Osterreichs den Wunsch der 
Entente, den österreichischen Staat zu zerreißen und 
in ein Bündel selbständiger Nationalstaaten aufzu- 
lösen. Dabei wird — ebenfalls nach der Losung der 
Entente — die sogenannte Freiheit der Völker in den 
Vordergrund geschoben, indem man das Recht der 
Selbstbestimmung ohne weiteres dem Rechte auf staat- 
liche Selbständigkeit gleichsetzt. 
Die Gegensätze, welche die Regierung des neuen Kai- 
sers und vor allem auch die Tätigkeit des seit Kriegs- 
beginn zum erstenmal wiederberufenen Reichsrates 
lähmten, führten von selbst zu dem Versuch um- 
fassender staatlich-nationaler und wirt- 
schaftlich-sozialer Reformen, welche der Weg 
8 einem neuen Österreich werden und die dauernden 
rundlagen eines gesunden Staatslebens und einer 
einheitlichen Kraftentfaltung der Monarchie nach 
außen gewährleisten sollten. Die Hauptpunkte der 
beabsichtigten Neuordnung wurden Sprachenrecht 
und Staatsrecht, nationale Abgrenzung in Böhmen, 
Regelung der Sonderstellung Galiziens, Schaffung 
eines dauernd arbeitsfähigen Reichsrats, eine die 
Schule dem Einfluß der National- und Parteibestre- 
bungen entziehende Verstaatlichung. Dabei erwies 
sich aber der Widerstand der Tschechen als besonders 
stark, und nachdem man sich vergeblich bemüht hatte, 
diesen unter anderem durch Umbildung des Ministe- 
riums und Aufnahme von Vertretern der verschiede- 
nen Nationalitäten in das Kabinett zu brechen. ver- 
suchte Kaiser Karl die widerstrebenden Elemente durch 
Milde und Hochherzigkeit für den Staatsgedanken zu 
gewinnen. Durch einen Amnestieerlaß hob er in Gna- 
den alle Strafen auf, die ween Hochverrats und 
Majestätsbeleidigung, wegen Aufstands und Auf- 
ruhrs verhängt worden waren, gab die Bestraften der 
Freiheit zurück und ließ alle wegen dieser Vergehen 
schwebenden Prozesse niederschlagen. Die Zukunft 
wird lehren, ob dieses Mittel zum Ziele führt. Jeden- 
falls war diese gefährliche Nachgiebigkeit wohl der 
einzige Weg, die einheitliche Stimmung der Völker, 
die durch die lange Kriegszeit auf eine schwere Probe 
gestellt wurde, aufrechtzuerhalten.
        <pb n="407" />
        Weitzel: Kultur und Charakter der Kriegführenden 
Dooalledem steht zu hoffen, daß früher oder spä- 
ter die Wege zu einem neuen Osterreich gefunden wer- 
den, daß das Reich den Ruf der Indolenz, Programm- 
losigkeit und verpaßten Gelegenheiten, wie man es 
nüchtern charakterisiert hat, zunichte macht und daß 
sich der Krieg auch hier als Schöpfer und Erhalter 
staatlichen Lebens erweise. Freilich nur aus Kampf 
heraus wird hier neues Leben geboren werden. 
Voraussetzung des Völkerfriedens und des staat- 
lichen Gedeihens aber ist neben der Demokratisierung 
der Verfassung eine nationale Autonomie, die 
den Nationalitäten Bewegungsfreiheit und Rechte in 
wohlerwogener gegenseitiger Abwägung gewährt fer- 
ner die Führung des Völkerbundes durch das zahlen- 
mäßig und kulturell stärkste Volk, die Deutschen, als 
primus inter pares, als erstes unter gleichberechtigten, 
sowie die Herrschaft der deutschen Sprache, die allein 
den nötigen inneren Zusammenhalt gewährleisten 
kann. Eine weitere Voraussetzung ist, daß das Be- 
wußtsein, ein Teil des mit deutsch gearteter Kultur 
erfüllten Mitteleuropas zu sein, mehr und mehr alle 
Teile der Monarchi: durchdringt. Die Idee, daß 
OÖsterreich-Ungarn als Vertreter und Förderer dieser 
Kultur dazu bestimmt ist. ein Bollwerk gegen den an- 
griffslustigen Osten zu sein, muß ein weiteres Binde. 
glied der Völkergemeinschaft werden. Auf solchen 
Grundlagen wird Osterreich befähigt sein, seiner euro- 
päischen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich im Ver- 
ein mit Deutschland Kultur nach dem Orient zu tra- 
gen und zwischen dem Morgen- und dem Abendlande 
wirtschaftlich sowohl wie geistig zu vermitteln. 
Türkei. Die Türkei, die vor dem Kriege als unter 
der Vormundschaft Europas stehend angesehen wurde 
und unseren Feinden als unerschöpfliche Quelle ihrer 
Machtvergrößerung galt, hat bewiesen, daß größere 
Kräfte in ihr ruhen, als man annahm. Die jung- 
türkische Reformbewegung war das bedeutsamste 
Kennzeichen eines erwachenden Nationalismus ge- 
wesen. Zur Zeit des Balkankriegs, der im allgemeinen 
mit Teilnahmlosigkeit und Unlust verfolgt wurde, 
war der einheitliche Geist einer in ihren Tiefen erreg- 
ten Nation noch nicht erwacht. Inzwischen setzten 
deutsche Organisatoren rastlos ihre Tätigkeit fort. Da 
kam der Weltkrieg. Die Türkei, die in Deutschland 
den uneigennützigen Freund und Förderer erkannt 
hatte, trat auf unsere Seite, und der Sultan prokla- 
mierte den „Dschihad den heiligen Krieg (val. S. 
71ff.). Die alten Tugenden des türkischen Soldaten, 
Tapferkeit, Zähigkeit, Bedürfnislosigkeit, bewährten 
sich glänzend, besonders an den Dardanellen und in 
Rumänien. Trogt unserer organisatorischen Verdienste 
aber blieb das Letzte und Größte doch das Sigentum 
des Volkes selbst und seiner Führer, der Entschluß, im 
richtigen Augenblicke das Ganze einzusetzen zu einem 
Kampfe auf Leben und Tod. Und in dem MWillen, 
sich seine Selbständigkeit und Handlungsfreiheit unter 
den Mächten an unserer Seite zu erkämpfen, hat sich 
das Türkenvolk trotz seiner innerlichen, an öslerreichi- 
sche Verhältnisse erinnernden Verschiedenheiten von 
gleichem Willen und Gedanken beseelt gezeigt. 
Die Türkei schloß im Verlauf des Krieges mit uns 
Verträge auf der Grundlage völliger Gleichberech- 
tigung beider Teile. Die verhaßten Kapitulationen, die 
den Europäern einst Steuerfreiheit gaben und Zoll- 
erhöhungen von der Zustimmung der Vertrags- 
mächte — natürlich nur gegen wirtschaftliche oder 
politische Konzessionen — abhängig machten, sind be- 
seitigt, und für deutsche Kulturarbeit hat sich ein rei- 
Der Krieg 19014/17. II.“ 
321 
ches Feld der Betätigung aufgetan. Verharrt doch der 
Kern des Volkes, der anatolische Bauer, noch auf be- 
scheidener Kulturstufe, so daß sich hier der Volksbildung 
nach deutschem Muster ein reiches Arbeitsgebiet er- 
schließt. Rastlose Förderung des Ackerbaues wird dem 
zum Agrarstaat geschaffenen Lande neue Einnahmen 
erschließen und das Finanzsystem gesunden Grund- 
lagen zuführen; die industrielle Ausbeute der Boden- 
erzeugnisse (besonders Petroleum und Mineralien) 
wird damit Hand in Hand gehen, und neue Bahn- 
bauten werden ebenfalls die Einnahmen steigern, 
den politischen Zusammenhalt des Reiches fördern 
und die Verwaltung vereinheitlichen. 
Bulgarien. Die Bulgaren haben sich als ein Volk 
tarker Individualität erwiesen, als ein Volk von ur- 
prünglicher Kraft, Zucht und gesunden Lebensformen, 
als das Balkanvolk, welches seine geistige und poli- 
tische Selbständigkeit am besten zu wahren verstand. 
Rumänien dagegen steht kulturell heute ganz unter 
französischem Einfluß, den Gesellschaft und öffentliches 
Leben nirgends verleugnen. Auch die Moral hat sich 
dem untergeordnet und eine politische Korruption her- 
vorgerufen, die sich ausländischer Bestechung nur 
allzu zugänglich erwies. Ahnlich ist Serbien poli- 
tisch und geistig ganz von Rußland abhängig. Seine 
zügellose Kroßsebu Propaganda grub dem Staate 
und allen großserbischen Plänen das Grab. Die gei- 
stige Selbständigkeit der Bulgaren beruht zu einem 
großen Teile auf dem trefflichen Bildungswesen, das 
ystematisch von einer guten Volksschule aus ausge. 
baut wurde. Auf dieser Grundlage ist der rasche poli- 
tische und kulturelle Aufstieg in der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts erklärlich. Er beweist auch, 
welche geistige Kraft und Elastizität dieses Volk be- 
sitzt. In klarer Erkenntnis seiner Lage und Ziele, 
auf dem Boden der Tatsachen stehend und nicht von 
blindem Haß geleitet, in klarer Erkenntnis schließlich, 
daß sein ehemaliger Verbündeter Rußland ihm nur 
Abhängigkeit gebracht hätte, während wir Gleich- 
berechtigung bringen, so hat dieses jugendfrische, auf- 
strebende Voll den Anschluß an den germanischen 
Kulturkreis gesucht. Sein zielbewußtes Ringen nach 
nationaler Vreinigun aller bulgarischen Bewohner 
des Balkans in einem Staatswesen wird von Erfolg 
gekrönt sein, und der bulgarische Soldat, dessen An- 
griffslust, Bedürfnislosigkeit und Ausdauer so man- 
chen Erfolg davontrugen, wird mit uns als Sieger 
heimkehren zu gemeinsamer Kulturarbeit. 
Bußland, Italien, Japan. 
Rußland. Zur rechten Würdigung russischer 
Kultur und russischen Charakters ist zu beden- 
ken, daß das russische Volk kein reines Slawenvolk 
ist, sondern jahrhundertelang von asiatischen Völker- 
schaften überschwemmt wurde und daher als halb- 
mongolisch bezeichnet werden muß. Westeuropäische 
Kultur aber ist noch heute dem Russen nichts Wesens- 
verwandtes geworden, sondern etwas Außerliches ge- 
blieben, ganz abgesehen davon, daß nur die oberen 
Kreise an ihr teilhaben. 
Ein Grundzug der russischen Entwicklung ist, daß 
Fragen innerer Kultur stets zurücktreten musßtten 
pinter Eroberungoplänen: auch der Beginn des Welt- 
rieges erwies, daß Eroberungssucht das stärkste 
Motiv für Rußlands Handeln war. Angeblich aber 
sind seine Beweggründe edel, und es erfüllt eine ihm 
von Gott gegebene Mission; es wird als das von Gott 
auserwählte Volk die Slawen unter seiner Führung 
21
        <pb n="408" />
        322 
einen und die östliche christliche Kirche mit dem Mittel- 
punkt in Konstantinopel wiederherstellen; damit dient 
es aber der Menschheit und der Zivilisation. Jeden- 
falls zeigt diese russische Anschauung eine der ganzen 
russischen Kultur charakteristische enge Verbindung der 
staatlichen und kirchlichen Ziele. 
Es ist schwer, von einer rufsischen Kultur im geisti- 
gen Sinne zu sprechen, denn das Volk, auf dem sie 
ruhen müßte, ist ungebildet und das Opfer geistiger 
Ertötung durch den Zarismus. Hervorstechende Cha- 
rakterzüge sind vor allem Phlegma und Fähigkeit 
zum Dulden und Ertragen; es fehlen Pflicht= und 
Ehrgefühl, Organisationskraft, Trieb zum Schaffen 
und Sinn für alles, was uns vorwärts treibt: Be- 
währung sittlicher Tüchtigkeit, Wetteifer der Geister, 
Heldentum. Ordnung und Disziplin. So hat sich auch 
der russische Soldat gezeigt. Er isttapfer; Niederlagen 
drücken ihn bei seiner geistigen Unbeweglichkeit nicht; 
er ist ein furchtbarer Gegner, solange es auf Massen- 
wirkung ankommt: doch versagt er. wenn er führer- 
los ist und seine Einzelintelligenz beansprucht wird. 
Das Wichtigste aber wurdeder systematisch geschürte 
Deutschenhaß, der diesen Krieg geradezu volks- 
tümlich gemacht hat und immer wieder den Willen 
um Kampf und zum Durchhalten aufpeitschte. Deut- 
schenhaß und asiatische Barbarei offenbarten sich schon 
vor Beginn des Kampfes in der Zerstörung des deut- 
schen Botschaftsgebäudes und der Ermordung eines 
Mitglieds der Botschaft, ferner in der Behandlung 
der deutschen Konsuln, die monatelang in verseuchten 
Gefängnissen unter schmählicher Verpflegung wie 
Verbrecher herumgeschleppt wurden!. Das Grauen- 
hafteste aber waren die Verwüstungen und Greuel in 
Ostpreußen; Zerstörungswut und fanatischer Haß 
gegen das germanische Herrenvolk, gegen seine Ord- 
nung und seinen Wohlstand sowie die ungezügelten 
Instinkte der in den Niederungen des Lebens heimi- 
schen Menschenmassen brachen sich hier Bahn. Es 
war, als ob diese Rache nehmen wollten an einer Kul- 
tur, die ihnen verhaßt ist, weil sie keinen Anteil an ihr 
haben. 24 Städte, 600 Dörfer und 300 Güter wur- 
den zerstört. 34000 Gebäude ausgeplündert, 11800 
Personen verschleppt. Und wie Gesetzgebung und 
Verwaltung wetteiferten, die im Völkerrecht niederge- 
legten Güter der Kulturwelt zu vernichten und damit 
ihrem ungehemmten Haß freien Lauf zu lassen, das 
beweisen die gegen die feindlichen Ausländer erlas- 
senen Kriegsgesetze. 
Für die innere Entwicklung Rußlands wurde am 
bedeutsamsten die im März 1917 beginnende Umwäl= 
zung, die das Ende des Zarismus herbeiführte und 
die Demokratie ans Ruder brachte. Abgesehen davon, 
daß diese sehr bald ihren Mangel an staatserhalten- 
der Kraft bewies, gewähren ihre geistigen Außerungen 
ein ähnliches Bild wie früher. Die Aufrufe des Arbei- 
ter= und Soldatenrats, des wichtigsten demokratischen 
Organs, zeigen eine völlige Unkenntnis der deutschen 
Verhältnisse, malen nach wie vor das Schreckbild des 
deutschen Imperialismus an die Wand und nehmen 
an, die Bauern und Arbeiter Deutschlands und Öster- 
reichs könnten mit Leichtigkeit zur Revolution auf- 
gestachelt werden. Jedoch förderte der Sieg der rus- 
sischen Revolution die Bestrebungen der internatio- 
1 Vgl. Die Denkschrift der deutschen Regierung (Beilage zur 
Norddeutschen Allgemeinen Zeitunge 19135). 
2 Vgl. H. Klibanski, Rußlands Kriegsgesetze gegen die semd- 
lichen Ausländer (Bresl. 1916). 
IV. Kultur und Geistesleben 
nalen Sozialdemokratie, die Führung in der Politik 
der mitteleuropäischen Staaten und die Entscheidung 
über das Ende des Krieges in ihre Hand zu bringen 
(Stockholmer Konferenz). 
Die Volkswirtschaft Rußlands schließlich zeigt 
im Kriege ein weiteres Fortschreiten der ungeheuren 
Verschuldung des Staates im Ausland; neben Franl- 
reich ist England jetzt der Hauptgläubiger. Die Haupt- 
stütze seiner Finanzen aber, der gewaltige und früber 
im Ausland abgesetzte überschuß seiner agrarischen 
Erzeugnisse, liegt brach, da das Reich von uns abge- 
schlossen ist. Hatten daher vor dem Kriegegute Ernten 
einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, so sieht die 
Zukunft des im Umlauf seiner wirtschaftlichen Kräfte 
tief gestörten Landes in dieser Hinsicht trostlos aus. 
Italien. Schon vor dem Kriege hat man immer 
wieder auf den an Rußland erinnernden Tiefstand 
der Volksbildung in Italien hingewiesen (etwa 50 
Proz. Analphabeten), auf den Umfang der Beamten- 
bestechung, auf die übliche übervorteilung der Frem- 
den, Dinge, die besonders in Süditalien, dem Lande 
der Verbrechergesellschaften (Camorra, Maffia), her- 
vortreten. Tusse sittliche Minderwertigkeit des Volkes 
hat sich im Kriege nicht verleugnet; der Treubruch 
an den Bundesgenossen bewies denselben moralischen 
Tiefstand und zeigte, durch welche Kluft deutsches 
Empfinden von italienischem getrennt ist. 
Vorbereitet war der Krieg durch die Propaganda 
der Irredentisten (vgl. Rohmeder, Irredenta, S. 34ff., 
sowie Müller, Italien. Bd. L, S. 69). Diese verlangten 
die »Erlösung«, d. h. Einverleibung derjenigen öster- 
reichischen Gebiete in den italienischen Staat, die von 
Italienern bewohnt wurden. obendrein noch deutschen 
und flowenischen Boden auf Grund geographischer 
Verhältnisse. Als geschlossene Partei der Kriegshetzer 
gelang es ihnen, das leicht zu beeinflussende Volk und 
die ganz dem Schein ergebene Menge zu gewinnen. 
Die von Ruhmsucht geblendeten Leiter des Volkes 
glaubten, wenn auch als Vasallen Englands, gegen 
das bedrängte Osterreich leichtes Spiel zu haben. Ob- 
gleich die Neutralität Italiens für seine wirtschaft- 
liche Entwicklung einen unschätzbaren Gewinn bot. 
ließ sich das Land durch seine Staatsmänner Sonnino 
und Salandra (dieser sprach das berüchtigte Wortvom 
sacro egoismo) und durch die von England und Frank:- 
reich bezahlte und geschickt geleitete Presse in den Krieg 
hineinziehen. Weite Gebiete hätte man von Osterreich 
ohne Schwertstreich gewinnen können; trotzdem ließ 
sich Italien durch seine Unersättlichleit verleiten, alle 
die Ansätze zu einer verheißungsvollen Entwicklung 
des Landes, die in den letzten Jahren gemacht wor- 
den waren, wieder aufs Spiel zu setzen. Der Krieg 
selbst aber bewies die Unfähigkeit der Italiener in der 
Organisation. Es fehlte an Lazaretten und Arzten so- 
wie an Kohlenvorräten; die wirtschaftliche Rüstung 
war nicht gesichert, und finanziell geriet das Land 
immer mehr in Englands Abhängigkeit. Ein über- 
triebener Heroenkultus, als dessen Werkzeug beson- 
ders der Dichter Gabriele d Annunzio auftrat, ersetzie 
wirkliche Taten und Siege; blendende Rhetorik täuschte 
das Volk, die Kriegsberichte zeichneten sich durch ge- 
ringe Wahrheitsliebe aus. Alles in allem ein unlös- 
barer Widerspruch zwischen Wollen und Können. 
Japan. Auch bei Japan dürfen wir nicht nur den 
Maßstab deutschen Empfindens anlegen. Wir sehen 
in dem Raubzug gegen Kiautschou zunächst schnöden 
Undank; sind wir doch nicht nur im Militärwesen, 
sondern auch in der Medizin, in der Rechtswissen-
        <pb n="409" />
        Schäfer: Der Krieg in der Auffassung unserer Gegner 
schaft, im Polizeiwesen, in der allgemeinen Bildung 
für dieses Land Lehrer und Vorbild gewesen. Wir 
müssen aber bedenken, daß die japanische Politik von 
jeher einseitig auf maßlosen Imperialismus hinaus- 
lief, der von jeder Sentimentalität frei war und da- 
her auch das geistige Band mit Deutschland ohne Be- 
denken opferte. Dieser kühle Geschäftssinn findet darin 
seine Ergänzung, daß es keinen Nationalhaß gegen 
uns gibt, sondern unsere Leistungen sogar vielfach 
Anerkennung fanden. Die Gefangenen wurden gut 
behandelt, deutsches Eigentum wurde geschont, deutsche 
Vidilersonen durften ihrer Beschäftigung nachgehen. 
Und doch wird Japan diese einseitige machtpolitische 
Orientierung seines Verhaltens mit großer Einbuße 
an geistigen und materiellen Werten bezahlen. Denn 
es ist auf fortwährende geistige Befruchtung durch die 
westlichen Länder angewiesen, da dem Lande eben der 
schöpferische Geist und die schöpferische Kraft fehlen; 
es ist nur Nachahmer. nicht Erfinder, und die Beherr- 
schung der in Korea und Formosa erworbenen Ge- 
biete kKemder Rasse hat diesen Mangel an kultureller 
Kraft klar bewiesen. 
Literatur. Deutschland und der Weltkrieg-, heraus- 
gegeben von O. Hintze, F. Meinecke u. a. (2. Aufl., Leipz. 
1917, 2 Bde.); E. Behrens, Das kriegerische Frankreich 
323 
(Münch. 1915,; A. Lien, Das Märchen von der franzö- 
sischen Kultur (Berl. 1915); K. Nötzel, Der französische und 
der deutsche Geist (Jena 1916); W. Dibelius, England 
und wir (Hamb. 1914); A. Hofmeister, England und das 
Völkerrecht im Weltkriege (Berl. 1916); E. Meyer, Eng- 
land (Stuttg. 1915); Graf E. zu Reventlow, Heruche- 
leien englischer Minister in ihren Kriegsreden (Berl. 1916); 
A. Fendrich, Der Krieg und die Sozialdemokratie (Stuttg. 
1915): W. Götz, Deutschlands geistiges Leben im Weltkrieg 
(Gotha 1916,: K. Hönn, Der Kampf des deutschen Geistes 
im Weltkriege. Dokumente des deutschen Geisteslebens aus 
der Kriegszeit (das. 1916); F. Körner, Die inneren Werte 
des deutschen Soldaten (Münch. 1916); G. Roethe, Von 
deutscher Art und Kultur (Berl. 1915); D. Schäfer, Von 
deutscher Art (Leipz. 1916); K. Weitzel, Der deutsche 
Staatsgedanke (Berl. 1916); R. Charmatz, Osterrech- 
Ungarns Erwachen (Stuttg. 1915); F. Endres, Die Türkei 
(Münch. 1916); N. Tschudi, Der Istam und der Krieg 
(Hamb. 1915); -Bulgarien, was es ist und was es wird- 
(hrsg. vom Kgl. Bulgarischen Konsulat in Berlin, das. 1915); 
K. Nötzel, Das heutige Rußland (7:Deutsche Rundschau, 
April u. Mai 1915); A. Ripke, Der Koloß auf tönernen 
Füßen (Münch. 1916); H. Geiler, Japans Presse und 
öffentliche Meinung während des Weltkrieges (° Grenzboten- 
7411915|. 1, 367 f.; Riegelsberger, Japan und Deutsch- 
land (Heidelb. 1914). Fortlaufende eingehende Besprechungen 
ausländischer Kriegsliteratur gidt E. Daniels in den Preußi- 
schen Jahrbücherne. 
Der Krieg in der Auffassung unserer 
Gegner 
von Professor Dr. Dietrich Schäfer in Berlin-Steglitz 
Man nennt den gegenwärtigen Krieg den Welt- 
krieg. Und wahrlich nicht ohne Grund! Denn die 
Losaamte Menschheit ist in ihn verwickelt. Nun die 
ereinigten Staaten, China und südamerikanische 
Staaten noch eingriffen, bleibt nur ein Zehntel un- 
beteiligt, 153 Millionen von 1670. Unberührt, kann 
man ruhig sagen, ist kein Sterblicher von ihm. Der 
Erdenbewohner lernt es bis zum letzten fühlen, was 
Weltpolitik bedeutet, wie sie durch die Fortschritte der 
Technik und die Erleichterung des Verkehrs im letz- 
ten halben oder ganzen Jahrhundert nicht nur mög- 
lich, sondern unvermeidlich, unumgänglich geworden 
ist. Es zeigen sich ihm auch die Kehrseiten der viel- 
epriesenen -Zivilisatione. Nie haben frühere Ge- 
chlechter etwas Ahnliches erlebt; nie wäre Ahnliches 
auch nur entfernt möglich gewesen. 
Wie der Krieg einen beispiellosen Umfang ange- 
nommen hat, so wird er auch mit einem beispiellosen 
Aufwand von Kraft jeder Art geführt. Es stehen weit 
mehr Millionen im Felde als je zuvor in irgendeinem 
Kriege Hunderttausende. Und die Zahl der Kämpfer 
ist nicht nur größer, weil die Einwohnerzahl der krieg- 
führenden Staaten größer ist, sondern jeder einzelne 
von ihnen stellt fast ausnahmslos ein Aufgebot, das, 
nach dem Prozentsatz der Bevölkerung gerechnet, alles 
hinter sich zurückläßt, was jemals früher, auch bei 
höchster Anstrengung, von Staaten und Völkern ge- 
leistet wurde. Die Befreiungskriege, 1866 oder 1870 
und erst die levee en masse sind völlig in Schatten ge- 
stellt. Und entsprechend steht es mit dem Verbrauch 
an Kriegsbedarf aller Art. Die modernen Verkehrs- 
möglichkeiten gestatten die Ernährung von Massen- 
heeren in einem Umfange, der früher unerreichbar ge- 
wesen wäre, und die staunenswert entwickelte Technik 
liefert Kriegsbedarf in einer Fülle, die es tatsächlich 
gestattet, den umkämpften Boden zu überschütten. 
Der ungeheuren materiellen Wucht, mit der von 
beiden Seiten gekämpft wird, entspricht die seelische 
Erregung, in der die Völker einander gegenüberstehen. 
Wenn aber auf dem militärtechnischen Echiereine über- 
legenheit eher bei den Mittelmächten als beiihren Geg- 
nern gefunden werden kann, so ist unverkennbar, daß 
wilde Leidenschaft weit mehr bei den Genossen der 
Entente aufflammte. Es ist eine allbekannte Erschei- 
nung, daß in Kriegszeiten Zorn und Haß sich in hef- 
tigen, vielfach unverantwortlichen Außerungen und 
Handlungen Luft machen; aber eine solche Fülle von 
Ausbrüchen blinder Wut, von Tobsuchtsanfällen in 
Wort und Tat, von wüstem, unflätigem Geschimpf, 
von gemeinster, verlogenster Verleumdungssucht, von 
Bosheit und Niedertracht, wie dieser Krieg sie bei 
unseren Gegnern gezeitigt hat, zeugte doch noch keiner 
seiner so zahlreichsr Vorgänger. Auch da hat die Ge- 
genwart, um mit unseren sport= und wettverbohrten 
Inselfeinden zu reden, einen Rekord erreicht. übrigens 
auch in diesem Falle im engsten Zusammenhange mit 
moderner Verkehrstechnik, denn ohne die Stellung, die 
der Presse durch diese Technik zugewachsen ist, wären 
eine so allgemeine und so erfolgreiche Verbreitung von 
Lügen, eine solche Stimmungsmache nicht möglich ge- 
wesen. Der Unterliegende regt sich ja immer mehr 
auf als der Sieger; aber nur zu einem sehr geringen 
Teil kann man diese Ausschreitungen auf die erlitte- 
nen Niederlagen zurückführen. 
über Ursachen und Anlaß dieses Krieges ist in Ein- 
gangsartikeln des ersten Bandes die Rede gewesen. 
Unsere Gegner haben den Krieg gewollt; wir können 
mit gutem Gewissen sagen, daß wir nicht schuldig sind, 
es müßte denn das natürliche Wachstum eines Volles 
als Schuld angesehen werden. So mühssen denn die 
Gegner nach Scheingründen suchen; sie sind zu Ver- 
217
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        324 
dächtigungen geradezu gezwungen, wenn sie ihr Tun 
rechtfertigen wollen. Eine der gebräuchlichsten ist der 
Vorwurf des Militarismus, der gegen die Deutschen 
und ihr Reich erhoben wird. 
Er zielt in doppelter Richtung, zunächst äußerlich 
auf die Kriege, die wir führen mußten, um zu einem 
Reiche zu gelangen, und dann auf die seitdem durch 
Preußens Vorbild allgemein gewordene deutsche 
Wehrverfassung. Man schweigt davon, daß auch Eng- 
land und Rußland, Frankreich und Italien im Laufe 
des letzten Jahrhunderls, und gar erst in früheren 
Zeiten, Kriege geführt haben, ihre Reiche aufzurichten, 
zahlreicher und langwieriger als wir und mit weni- 
ger guten Gründen. Denn für uns galt es, unserem 
Volke den lange entbehrten Staat zu erstreiten. Hätte 
sich Frankreich, und zwar sein gesamtes Volk, nicht 
allein sein Kaiser, diesem berechtigten Verlangen nicht 
brutal in den Weg gestellt, es könnte noch heute Elsaß- 
Lothringen besitzen trotz seiner fast ausschließlich 
deutschen Berorsch)). Französische Rach- und 
Ruhmsucht zwangen dann Deutschland, gerüstet zu 
bleiben. Die gegenüber den preußischen Verhältnissen 
erheblich herabgesetzte Wehrpflicht des neuen Reiches 
mußte 1888 wieder auf den alten Stand gebracht wer- 
den, weil die Verbindung gallischen Ehrgeizes mit rus- 
sischer Machtgier drohte. 
Sie ist aber nicht zu solcher Anspannung der Volks- 
kräfte getrieben worden, wie das in Frankreich und 
dann auch in Rußland geschah. Wie oft haben doch 
in den letzten Jahren vordem Kriege französische Blät- 
ter, ja Mitglieder der Regierüng darauf hingewiesen, 
wie sehr Rußlands Streitmacht der deutschen über- 
legen sei, wie der Zarenstaat ein größeres stehendes 
Heer besitze als der ganze Dreibund zusammen! Wie 
haben sie das benutzt, um die Hoffnungen auf den 
glücklichen Ausgang eines Krieges zu beleben, zum 
Angriff zu hetzen! Und Frankreich und Rußland lie- 
gen doch nicht wie Deutschland in der Mitte Europas, 
in Grenznachbarschaft mit den gewaltigsten Militär-- 
mächten der Welt. England machte unentwegt sei- 
nen Zwei-, ja Dreiflottenstandard geltend, sah es als 
sein unbestreitbares Recht an, zu rüsten, um allen Mög- 
lichkeiten gewachsen zu bleiben; Deutschland wollte es, 
abgesehen von Stimmen einzelner, ein ähnliches 
Recht nicht zugestehen. Wenn Deutschland rüstete, 
war das ein Beweis seiner Angriffspläne; wenn die 
Mächte der Entente das gleiche taten, geschah es nur 
zur Abwehr, obgleich ihre vereinigten Kriegsheere, 
und gar ihre Seestreitkräfte, doppelt so stark waren 
als die der Mittelmächte. Als man geschlagen wurde, 
hieß es erst recht, Deutschland habe den Krieg von lan- 
ger Hand vorbereitet, wie Lloyd George es am 24. 
Jund 1915 ausdrückte: Deutschland verfertigte und 
kaufte heimlich ungeheure Vorräte von Kriegsmate- 
rial, um seine Nachbarn im Schlaf zu überfallen und 
zu ermorden.“ Militarismus wurde ein bequemes 
Schlagwort, Deutschlands Macht niederzuhalten. 
?* Der Triumph des preußischen Militarismus ist die 
Vernichtung aller Freiheite erklärte am 15. Februar 
1915 Viviani, der Ministerpräsident des militär. 
belasteten Frankreichs. 
Es wurde dieses Schlagwort aber auch noch in an- 
derer Absicht gebraucht. Deutschlands Wehrverfas- 
sung war preußischen Ursprungs, geschaffen durch 
Preußens Königsmacht, nicht zu trennen von der In- 
stitution des starken Königtums, auch nur mit der Zeit 
zu lösen von preußischer Adelstradition. Das wurde 
in Deutschland selbst in weiten Kreisen mißliebig emp- 
IV. Kultur und Geistesleben 
funden und hatte zu manchen und scharfen Reidun- 
gen geführt; noch gegen Ende 1913 trat das anläßlich 
der t“t3 Hergänge deutlich zutage. Das Schlag- 
wort Militarismus konnte daher wohl benutzt wer- 
den, einen Keil zwischen Regierung und Volk zu trei- 
ben, wird fortgesetzt so benutzt. Die deutsche Offent- 
lichkeit trägt keine geringe Mitschuld daran, daß diese 
Vorstellung im Auslande aufkam und sich verbreitete. 
Daß unsere Wehrverfassung tatsächlich mit unserem 
Volke innerlich und äußerlich verwachsen ist, wie der 
Krieg sofort erwies, und wie im Herbst des Jahres 
1914 weit über 3000 Lehrer deutscher Hochschulen der 
Welt bekundeten, war dem Auslande verborgen ge- 
blieben. im Inlandein den Tagesstreitigkeiten der Par. 
teien oft vergessen oder absichtlich verkannt wordent. 
Aus einer ähnlichen Unkenntnis deutscher Verhält- 
nisse erklärt sich auch, wenigstens zum guten Teil, der 
Versuch unserer Feinde, als Erlöser unterdrückter 
Deutscher aufzutreten, nicht nur, indem man ihnen 
eine freiere Verfassung verschaffe und sie von abso- 
luter Regierungsgewalt erlöse, sondern auch indem 
man die Nichtpreußen, besonders die Süddeutschen 
und die Annektierten von 1866, der Vergewaltigung 
durch Preußen und seine Hohenzollern entziehe. Man 
schreckte dabei vor giftigen Verleumdungen und schmut- 
zigen Beschimpfungen unseres Kaisers nicht zurück, 
desselben Mannes, der doch mehr als einmal gerade 
von Ausländern, und nicht von den geringsten, als Ver- 
körperung von Herrschertugenden gepriesen worden 
war, der auch selbst stets das Erdenkliche getan hatte, 
sich dem Auslande von der besten Seite zu zeigen. 
In gutem Glauben tröstete im September 1914 eine 
englische Familie eine befreundete deutsche, daß man 
allabendlich für sie bete, Gott möge Deutschland da- 
von befreien, von solchem Herrscher ferner auf die 
Schlachtbank geschleppt zu werden. Daß sich Hanno- 
veraner und Hessen, Schleswig-Holsteiner. Nassauer 
und Frankfurter danach sehnten, den Fängen des 
preußischen Adlers wieder entrissen zu werden, galt in 
weiten Kreisen Frankreichs und Englands als aus- 
gemacht, und nicht weniger, daß sich die Bayern sehn- 
ten, je eher, desto lieber, wieder vom Deutschen Reiche 
ulbs4 zu werden. Man rechnete auf freudigen Emp- 
san, wenn man nur an und über den Rhein kommen 
würde; amtlich und nichtamtlich wurde das verkündet. 
Wenn hier eine gewisse Anknüpfung an gegebene 
Verhältnisse möglich war, so fehlte es daran ganz und 
gar bei anderen Beschuldigungen, so vor allem bei 
den angeblichen deutschen Weltunterjochungs- 
plänen. Geibels bekannte Verse vom deutschen 
Wesen, an dem die Welt noch einmal genesen soll, aus 
dem Zusammenhang gerissene, mißverstandene oder 
mißdeutete Wendungen von Heinrich v. Treitschke, 
Nietzsche, Bernhardi suchte man in diesem Sinne aus- 
zunutzen, offenbarte aber damit nur Bosheit der Ge- 
sinnung. Denn wenn von Welteroberung und Welt. 
unterjochung die Rede sein sollte, so mußten doch 
wahrlich Russen und Briten zunächst an sich selber 
denken. Das britische Weltreich umfaßt 30372246 
akm, über ein Fünftel der Erdoberfläche, mit nahezu 
426 Millionen Menschen (mehr als ein Viertel der 
vorhandenen), das russische 22360 096 qkm (fast ein 
Sechstel der Erdoberfläche) mit über 176 Millionen 
Bewohnern. Auch die französische Republik herrscht 
1 Über das wahre Wesen des Militarismus vgl. den Beitrag 
in Vd. I, S. 331 ff.
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        Schäfer: Der Krieg in der Auffassung unserer Gegner 
über 11 114216 qkm und 96 Millionen Untertanen, 
die drei Mächte also zusammen über 44 Prozent der 
Erde und über 42 Prozent ihrer Bewohner. Dem 
gegenüber beläuft sich der gesamte Besitz des Deut- 
schen Reiches auf 3 493781 qokm Bodenfläche mit 
77 Millionen Vewohnern. 
Man mufß sich dabei vergegenwärtigen, daß jene, 
besonders England und Frankreich, ihren ungeheuren 
Besitz zum großen Teil erst im letzten Menschenalter 
zusammengebracht haben. Der französische Minister- 
präsident Waldeck-Rousseau rühmte im Januar 1902, 
daß die Republik einen Kolonialbesitz von 800000 
akm übernommen haboe, jetzt aber über einen solchen 
von 10 Millionen qkm versüge. Nicht weniger Boden 
hat England, das sich um die Zeit des deutsch-fran- 
zösischen Krieges kolonial als gesättigt vorkam, neu 
erworben, ungefähr ein Drittel seines gegenwärtigen 
Besitzes! Was bedeuten dem gegenüber Deutschlands 
junge Kolonien, noch nicht 3 Millionen akm? Auch 
von Rußlands Neuerwerbungen in Asien werden sie 
an Umfang und Einwohnerzahl übertroffen. Aber 
seitdem Deutschland anfing, auch Kolonialmacht zu 
werden, wurde englischer Grundsatz: -Schlecht oder 
gut, brauchbar oder nicht, man muß zugreifen, damit 
der Fremde es nicht nimmt.= 
Englands Ministerpräsident Balfour hat 1905 da- 
von gesprochen, daß sich von Korea bis Marokko über 
drei Weltteile hin eine Reihe von Staaten erstrecke, 
die Schwierigkeiten zwischen den zivilisierten Mächten 
verursachen könnten; er bezeichnete sie als politische 
Depressionsgebiete, die unvermeidlich ein Einströmen 
von außen her veranlassen-. Ein solches Einströmen 
in den machtleeren Raum hatte sich bis zum Aus- 
bruch des Krieges in dem kurzen Zeitraum von neun 
Jahren in allen in Frage kommenden Gebieten voll- 
zogen, an keiner Stelle zugunsten Deutschlands. In 
Korea selbst, in der Mandschurei und der Mongolei, 
in Tibet, Persien und Arabien. in Agypten, Tripolis 
und Marokko hat überall fremde Macht Fuß gefaßt, 
englische, russische, französische, japanische, italienische, 
nirgends deutsche. Wäre bei unseren Gegnern auch 
nur die leiseste Spur von Wahrheitsliebe zu finden, sie 
würden dessen gedenken und zurückscheuen vor so ver- 
logener Verleumdung. Noch während des Krieges hat 
Rußland in der Mongolei weiter um sich Eegrifen, 
England und Rußland in Persien. Mit der Einnahme 
von Baghdad beginnt England alsbald ein neues Un- 
tertanengebiet „Mesopotamiene zu organisieren und 
ähnlich im Hedschas. Wenn aber Deutschland und 
Osterreich-Ungarn Polens Befreiung von russischer 
Herrschaft zu ordnen suchen, begehen sie unerhörten 
Völkerrechtsbruch. Man zwingt das seit zwei Jahr- 
hunderten geknechtete Portugal in den Krieg hinein, 
mißhandelt Griechenland unter den fadenscheinigsten 
Vorwänden, üÜbt schandhafte Bestechung an allen 
Ecken und Enden, schreibt aber -Be reiung der Völker, 
Befreiung Europas" auf seine Fahne und beschuldigt 
Deutschland, das seit der Begründung des Reiches 
peinlich bemüht gewesen ist, die Rechte fremder Völker 
u achten, es intrigiere seit langem in Agypten, in 
ndien, in Südafrika. Deutschland und OÖster- 
reich-Ungarn mögen machen, was sie wol- 
len, sie sind die Unterdrücker der Völker. 
Die Donaumonarchie ist nächst Rußland der bun- 
teste Nationalitätenstaat Europas. Jedermann weiß, 
wie sie das geworden ist, nicht durch Eroberung, wie 
die Zarengewalt ihren ungeheuren Länderbesitz rest- 
325 
los zusammengebracht hat, sondern mit mäßigen 
Ausnahmen durch die Erbrechte einer Dynastie, wie 
einst England und Schottland vereinigt wurden. Daß 
der innere Zusammenhang des Habsburgerstaates 
größer ist, als man in der jüngsten Vergangenheit 
anzunehmen geneigt war, hat der Krieg klar erwiesen. 
Wer sich über die Buntheit der Völkermischung auf- 
regt, der möge einen Blick auf eine Völkerkarte wer- 
fen, und er wird erkennen, daß das eine Eigenart 
von ganz Osteuropa ist. Osteuropa beginnt aber an 
der Oder, dem Böhmer Wald und der Adria. 
Aber Deutschland! Sein leitender Staat hat an der 
Aufteilung Polens teilgenommen, hat 1864 im Nor- 
den Dänen, als Führer Deutschlands 1871 im Süd- 
westen Franzosen unter seine Herrschaft gebracht! 
Daß Preußen durch russischen Machthunger ge- 
zwungen wurde, polnisches Gebiet einzuverleiben, daß 
es nicht mehr „genommen hat, als notwendig war, 
sein deutsches Stammland, dem es den Namen ver- 
dankt, vor Rußland zu schützen, daß es von den drei 
Teilungsmächten den weitaus kleinsten Teil, nur ein 
Zwölftel des Ganzen, erhielt, kann jeder wissen, der es 
wissen will, auch daß sich die preußischen Polen unter 
ihrer Staatsleitung weitaus am meisten entwickelt, 
ihre wirtschaftliche Lage sehr viel mehr gebessert haben, 
als ihnen das insbesondere in Rußland gestattet 
worden ist. Es hilft aber nicht: Der Jude wird ver. 
brannt! Dänen gibtes in Nordschleswig ganze 140000; 
sie haben, solange die Geschichte zu berichten weiß, 
mit ihren Deutsch sprechenden schleswig- holsteinischen 
Landsleuten stets unter der gleichen Herrschaft gelebt 
und werden in ihrem Dänentumnicht beeinträchtigt, so- 
weit die deutsche Staatsangehörigkeit nicht die Zwei- 
sprachigkeit erfordert. In Elsaß-Lothringen machen 
die Französisch Sprechenden ein Zehntel aus, bewoh. 
nen, auch noch durchmischt, einen schmalen Grenz- 
streifen! Alles in allem gibt es unter den 66 Millio- 
nen Reichsdeutschen noch nicht 4 Millionen Sprach- 
fremde, während allein in Europa mehr als 16 Millio= 
nen Deutsche außerhalb der Reichsgrenzen wohnen! 
Kann da von einem Unterjocher- und Unterdrücker- 
volk die Rede sein? Geschichtliche Entwicklung hat ge- 
rade unserem Volke übel mitgespielt, mehr als irgend- 
einem anderen in Europa mit Ausnahme des polni- 
schen. Wie stehtes aber in diesen Dingen mit denen, die 
mit Steinen werfen? Siesitzen wahrlich im Glashause. 
Die Elsaß-Lothringer, die seit 1871 wieder unter 
Deutschland gehören, sind fast 200 Jahre franzö- 
sische Untertanen gewesen. Ein volles Jahrhundert 
haben sie gebraucht, sich einigermaßen einzugewöhnen; 
schon wer -„Wahrheit und Dichtung- liest, fühlt das 
heraus. Um ihre angestammte deutsche Sprache und 
Bildung haben sie oft bangen und kämpfen müssen. 
Und was hat Frankreich mit dem italienischen Nizza 
gemacht, das es sich 1860 zulegte? Seine Sprache 
wurde ausgemerzt, soweit das nur eben möglich war. 
So ist es mit dem Flämischen in der Umgegend von 
Dünkirchen geschehen, nur daß immer neue Zuwande- 
rung die Erreichung des Endziels hier besonders er- 
schwert. In Europa verfügt Frankreich dank seiner 
Geschichte, seiner frühen staatlichen Zentralisation, 
Über ein national gut geschlossenes Gebiet, wie es ein 
mitteleuropäischer Staat nicht soleicht, in seinem Osten 
überhaupt nicht, erreichen kann. Wie steht es aber mit 
Algier und Marokko, mit Tongking und Anam, vom 
Senegal dem Sudan und von Madagaskar gar nicht 
zu reden? Haben sich ihre Bewohner alle freiwillig 
unter Frankreichs Joch gebeugt? Hat es nie einen
        <pb n="412" />
        326 
Abd el Kader gegeben? Hat Deutschland auch nur 
entfernt ähnliche Kämpfe geführt, seine Herrschaft auf- 
zurichten, wie es in diesen Ländern erforderlich ge- 
wesen und zum Teil noch ist? 
Und England?" Man versteht nicht, woher seine 
Staatsmänner die Schamlosigkeit nehmen, von deut- 
scher Völkerunterdrückung zu reden, während sich Ir- 
land inmitten des Krieges in offenem Aufruhr gegen die 
verhaßte britische Herrschaft erhebt. Ist denn die Ge- 
schichte dieser so herrlich gelegenen und von der Natur 
so reich ausgestatteten Inseletwas anderes als eine un- 
unterbrochene schwere Anklage gegen die unerbittliche 
Härte. Selbstsucht und Skrupellosigkeit des englischen 
Herrscherwillens? Ist etwa Schottland immer freu- 
dig und freiwillig englischer Führung gefolgt? Und 
jenseits der Meere? Ist denn das ungeheure, das bei- 
spiellose britische Kolonialreich durch etwas anderes zu- 
sammengebracht worden als durch Krieg, Krieg und 
wiederum Krieg? Ist seine Geschichte nicht eine un- 
endliche Kette von Gewalt, Tücke und Hinterlist, von 
Vernichtung in jeder Form, in allen Weltteilen, gegen 
alle Rassen, von Nordamerikas Rothäuten bis zu den 
Konzentrationslagern für Frauen und Kinder der 
Buren? Die mit solcher Schuld beladen sind, wagen 
es, andere als Unterdrücker anzuklagen! Das bibel- 
feste England sollte sich erinnern, daß es die Splitter 
in des Bruders Auge sieht, während es des Balkens 
im eigenen nicht gewahr wird. Im britischen Riesen- 
reiche macht die Bevölkerung englischer Abstammung 
nur den siebenten Teil der Gesamtheit aus! 
Und ähnlich liegt es in Rußland. Dort sind nach 
der ersten und einzigen Nationalitätenzählung (1897) 
von 128 Millionen Bewohnern 56 Millionen Groß- 
russen, 43,75 Prozent, alle übrigen Fremdvölker. Wie 
sie dem Moskowiterreich ein · und angegliedert wurden, 
braucht nicht wiederholt zu werden (vgl. S. 62ff.). Nie 
und nirgends ist es anders geschehen als durch Ge- 
walt. Deutschland ist von den größeren europäischen 
Staaten der einzige, der von seinem mittelalterlichen 
Bestande eingebüßt hat, erheblich eingebüßt; alle an- 
deren sind gewachsen, zum Teil auf das Vielfache. 
Was war denn Rußland vor 600 Jahren oder die 
Macht des französischen Königtums vor Philipp II. 
August und die Englands, ehe es seine Hand nach 
Wales und Irland ausstreckte? Das neue Deutsche 
Reich hat den Gebietsverlust des alten hingenommen, 
ohne seiner amtlich auch nur zu gedenken, und wird 
ihn ferner tragen. Es hat nicht begehrt und wird 
ferner nicht begehren nach den ehemaligen österreichi- 
schen Bundesländern, obgleich sie durch Jahrhunderte 
Träger seiner Kaiserwürde waren, auch nicht nach 
der Eidgenossenschaft und den Niederlanden; es achtet 
die Verträge, die diese Glieder vom Reiche trennten. 
Wenn es jetzt seine Hand nach Belgien ausstreckt und 
hoffentlich fest zugreift, so geschieht das nicht aus ir- 
gendwelcher Eroberungssucht sondern allein und aus- 
schließlich, um dieses Land nicht mehr unseren Fein- 
den als Einfallspforte offen zu lassen, als welche sie 
es oft benutzt haben und in diesem Kriege wiederum 
benutzt hätten, wenn wir inen nicht zuvorgekommen 
wären. Volle Selbständigkeit oder Neutralität dieses 
Landes kann es in Zukunft nicht mehr geben; es steht 
entweder zu unserer oder der Westmächte, insbeson- 
dere Englands, Verfügung. Gelegentlich wird als 
Unterjochung und Unterdrückung auch hervorgehoben, 
daß Angehörige deutscher Mittel- und Kleinstaaten 
1866 haben Preußen werden, ganz Deutschland sich 
IV. Kultur und Geistesleben 
preußischer Leitung hat anvertrauen müssen. Daß 
solche Behauptungen entweder auf nackter Bosheit oder 
stupider Unwissenheit beruhen, bedarf keines Beweises. 
Von Zweck und Grund dieser ebenso widersinnigen 
wie verlogenen Verleumdungen gilt eigentlich das- 
selbe; denn sieliegen klar zutage. Die solange ohnmäch- 
tige. fast schrankenlos der Ausbeutung und Aus- 
nupung offenstehende Mitte Europas hat sich endlich 
siaatlich zusammengeschlossen. Ihre Bewohner haben 
dann zeigen können, was sie in friedlicher Arbeit zu 
leisten vermochten, und zwar nicht mehr wie bisher 
in fremdem Dienst und zu fremdem Besten, sondern 
u eigener Hebung und Förderung. Aus den Lohn- 
J— deren Fleiß und Begabung man verwerten 
konnte, wurden Mitbewerber, die auch ihren = Platz 
an der Sonne= begehrten, oft recht erfolgreiche. Wir 
beengten Englands Alleingeltung in Handel und 
Weltverkehr; wir hinderten Nußland, über die Trüm- 
mer der Türkei und Osterreich-Ungarns hinweg den 
esamten Osten des Erdteils in ein Konglomerat von 
asallenstaaten umzuwandeln; wir wurden zu stark 
für die Befriedigung französischer Revanchegelüste 
aus eigener Kraft. Für das Volk der Dichter und 
Denker hatte man herablassendes Wohlwollen gehabt: 
der deutsche Staat mußte zum böswilligen Störenfried 
gestempelt werden. Tadelloses Wohlverhalten hat ihn 
davor nicht bewahren können. 
Ganz besonders betrübend vom Standpunkt all. 
gemeiner menschlicher Kultur, nein einfach ekelerregend 
ist aber das allerseits geübte, eifrige Bemühen, Herrsch-, 
Hab- und Rachsucht unter salbungsvollen ethischen 
und religiösen Redewendungen zu verbergen. Die 
Engländer haben dafür die besondere Bezeichnung 
des cant, und sie sind ja auch zweifellos Meister in der 
Übung dieser Kunst, die unsere Dichtung im Reineke 
Vos gekennzeichnet hat. Der Durchschnittsengländer 
ist auch überzeugt, und insofern nicht scheinheiliger 
Bosheit zu bezichtigen, daß der Welt kein größeres 
Glück widerfahren kann, als von der Themse aus 
regiert zu werden. Der liebe Gott hat es einmal so 
gewollt, daß England die -Last der Herrschaft: auf 
sich nehme; es hat das ja nicht gewollt, aber es muß 
sie geduldig tragen zum Besten der sonst führerlosen 
Menschheit. Zu solcher Rolle fühlen sich auch die 
Franzosen berufen, die ja längst ran der Spitze der 
Zivilisatione marschieren. Und auch der Russe will 
die Völker, die er unterwirft, nur beglücken; wo- 
hin er kommt, bringt er den Jungbrunnen aller Kul- 
tur, die recht russische-. Wir Deutschen ahnen ja gar 
nicht, wie gut man es mit uns meint, wie man uns 
nur befreien will von der entsetzlichen Despotenherr- 
schaft, unter der wir leben, von der Gefahr, unser Blut 
vergießen zu müssen in ihrem Dienst; wir hatten es 
früher ja so viel besser, als wir das mit einer gewissen 
Auswahl tun durften für fremde Interessen. Was 
wollen wir uns überhaupt damit plagen, mitzureden 
bei der Verfügung über die Welt? üÜberlassen wir das 
lieber anderen, die dazu besser vorbereitet und berufen 
sind! Denken und dichten wir! Wenn wir uns solch 
wohlgemeintem Rat nicht fügen wollen, dann aller- 
dings, dann muß schon Gewalt helfen; die Folgen 
haben wir zu tragen und zu verantworten. 
Diese Folgen aber denkt man so zu gestalten, daß 
uns die Lust, unsere Stellung in der Gelt selbst be- 
stimmen zu wollen, auf immer vergehen soll. Die 
Staaten der europäischen Mitte sollen für alle Zeiten 
unschädlich gemacht werden.
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        Schäfer: Der Krieg in der Auffassung unserer Gegner 
Die Zahl der feindlichen Kriegszielschriften 
und Kriegszieläußerungen ist unendlich viel größer als 
die der deutschen, auch als die, welche insgesamt von 
den Mittelmächten ausgegangen sind. In Deutschland 
war es bis spät in den November 1916 untersagt, sich 
über Kriegsziele irgendwie öffentlich zu äußern (vgl. 
den Beitrag, Kriegszielbewegung, S. 1 ff.), während 
die Gegner den ihrigen keinerlei Schranken setzten. 
So hat man sich dort in der Presse und in sonstigen 
Kundgebungen aller Art, von einzelnen und von Ge- 
sellschaften, nach allen Richtungen hin über das aus- 
esprochen, was man durch den Krieg zu erreichen 
soft. Es würde viel zu weit führen, die Außerungen 
einzeln zu verfolgen; eine Zusammenfassung muß ge- 
nügen. Die Gliederung ergibt sich von selbst. 
ei den Franzosen steht natürlich die Rückerobe- 
rung Elsaß-Lothringens an erster Stelle; man ist es 
seiner Ehre schuldig, diesen brutalen übergriff der Ge- 
walt wieder gutzumachen. Man scheut aber nicht zu- 
rück vor eigenen größeren übergriffen; die alten Gal- 
lier-Gedanken tauchen wieder auf. Man ist ja auch 
nicht sicher, wenn Deutschland nicht dauernd zur Ohn- 
macht verdammt wird! Also muß Frankreichs Grenze 
nicht nur im Elsaß vorgerückt werden an den Rhein. 
Doch hat man eine gewisse Scheu, Belgien und die 
Niederlande und durch sie doch auch das hinter ihnen 
stehende England zu brüskieren; man erinnert sich, 
daß das Königreich der Niederlande von Wiener 
Kongreßgnaden England seine Entstehung verdankt. 
So begnügt man ch mit dem linksrheinischen Lande 
bis in die Gegend von Bonn; Nachen. Köln, Düssel- 
dorf mögen an Belgien fallen, die weiter abwärts 
gelegenen Gegenden an die Niederlande, die dafür 
aber Seeflandern und den vorspringenden Teil von 
Limburg an Belgien obzurtten haben. 
Das Ubrigbleibende Deutschland ist noch viel zu 
stark, um ungefährlich zu sein; keinesfalls darf es also 
geeinigt, keinesfalls Preußen eine überlegene Vormacht 
dleiben. Man will ja gerade das Deutschtum retten 
vor Preußen im Sinne Talleyrands:= Die Deutschen 
hängen an alten, heiligen Gewohnheiten; die heiligste 
ist, zahlreichen Fürsten zu gehorchene. So wird also 
Hannover wiederhergestellt; Bayern, Sachsen, Würt- 
temberg, Baden, Hessen werden alle oder auch teil- 
weise vergrößert, Preußen so beschnitten, daß es einen 
Vorsprung nicht mehr besitzt. Natürlich überläßt 
man auch guten Freunden ein Stück der Beute. Also 
Dänemark möge die Herzogtümer ganz oder zum 
Teil wieder nehmen, Rußland die ehemals polnischen 
Gebiete sich angliedern, Ostpreußen und Schlesien 
dazu. Auch England darf herübergreifen. Es nimmt 
Helgoland zurückund erhältein Protektorat über Ham- 
burg und Bremen mit dem Küstenland; der Nord- 
ostseekanal wird internationale Meeresstraße. Man 
wünscht auch, Deutschland wehrlos zu machen; eine 
Armee soll es nicht mehr halten, nur noch eine Poli- 
zeitruppe. An ÖOsterreich-Ungarn mögen sich im Nor- 
den die Russen durch Galizien schadlos halten; im 
Süden mögen Italiener, Serben, Rumänen nehmen, 
was ihre nationalen Ansprüche befriedigt. Der Rest 
wird zum größeren Teil ein Königreich Böhmen bil- 
den, zu zwei kleineren Teilen die zukünftigen Staaten 
Osterreich und Ungarn, getrennt natürrlich. 
Trot der ungeerran Kolonialerwerbungen, die 
Frankreich in den lezien Jahrzehnten unter Dach 
bringen konnte, wird doch auch draußen in der Welt 
Gewinn begehrt. Neu-Kamerun will es natürlich 
zurlickhaben, auch sonst noch dieses oder jenes von 
327 
deutschem Afrika-Besitz. Man will aber auch bei der 
Liquidierung der Türlei nicht leer ausgehen. Kreuz- 
zugserinnerungen werden wieder lebendig. Syrien 
und Palästina müssen französisch werden; auch den 
mittleren Euphrat muß man beherrschen; England 
mag das Mündungsgebiet, Rußland sich Türkisch- 
Armenien unterordnen. über Konstantinopel und die 
Meerengen gehen die Meinungen auseinander; nicht 
alle wollen ae einfach Rußland überlassen. 
Englands Gedanken richten sich naturgemäß zu- 
nächst über See. Schon im Februar 1915 hat 6ch 
die mit gutem Grunde berühmte Royal Geographical 
Society, deren deutsche Gäste, soweit sie von der australi- 
schen Reisemit nach England zurückkehrten, dort kriegs- 
efangen zurückgehalten wurden, eingehend mit dieser 
grage beschäftigt. Die Kolonien müssen Deutschland 
alle abgenommen werden; neue soll es nicht erhalten. 
Es bedarf ihrer nicht. Japan, Frankreich, England 
mögen sie unter sich verteilen. England soll sich die 
Linie Kap-Kairo sichern. Bei der Aufteilung der Tür- 
kei soll England natürlich nicht leer ausgehen. Meso- 
potamien, Arabien, ein Teil von Syrien müssen ihm 
zufallen; in Agypten muß an die Stelle der türkischen 
Oberhoheit anerkannt die britische treten, in Süd- 
persien Englands Herrschaft aufgerichtet werden. So 
wird der Indische Ozean ein britisches Binnenmeer. 
Andere Kreise betonen natürlich vor allem Belgien, 
nach Lord Kitcheners Auffassung: = Die Grenze des 
englischen Reiches in Europa ist nicht die Straße von 
Calais, sondern die Maaslinie.: Belgien muß nicht 
nur wiederhergestellt, sondern vergrößert werden, ein 
Begehren, das auch aus den Kreisen der belgischen Ex- 
regierung in Le Havre herübertönt. Mit dem König- 
reich der Niederlande wird dabei ziemlich umgesprun- 
gen; seine Grenzen werden auch bespischerseits unver- 
froren verschoben und beschnitten. Mit der Aufteilung 
Deutschlands beschäftigen sich unsere Vettern auf der 
anderen Seite der Nordsee nicht so angelegentlich wie 
Franzosen und Russen. Es scheint, als sei ein Gefühl 
zurüssgeblieben dafür, daß eine Zerlegung Deutsch- 
ands, Osterreich-Ungarns und des Balkans in eine 
französische, russische und italienische Interessensphäre 
doch nicht so zweifellos zum Vorteil Englands sei. 
Um so nachdrücklicher drängt die Inselmacht auf 
dauernde wirtschaftliche und besonders maritime 
Schwächung des gefährlichen Mitbewerbers. 
Einenennenswerte deutsche Kriegsflotte darfes in Zu- 
kunft nicht mehr geben, auch Handelsfahrzeuge mög- 
lichst wenig. Mit Frankreich ist man einverstanden, 
daß Deutschlands wirtschaftliches Leben durch schwere 
Kriegsentschädigung wenn irgend möglich tödlich ge- 
troffen werden muß. Um die 100 Milliarden herumbe- 
wegen sich die Forderungen, die aufgestellt werden. Hin 
und her ist beraten worden, wie man Deutschland für 
alle Zukunft vom Weltverkehr ausschließen könne. 
In betreff Belgiens tritt doch zutage, daß die Inter- 
essen nicht ganz einig gehen. Französischerseits wird 
an einen Zoll- und Militärverband mit diesem Lande 
edacht, in das auch die Niederlande einzuschließen 
eien, an einen -Gallischen Bund-. In diesem Zu- 
sammenhange wird auch von einer Vergrößerung der 
Niederlande durch Ostfriesland geredet. Das sind 
Träume, die man in England nicht würdigt. Dagegen 
sind dort geradezu wahnwitzige Gedanken gegen die 
deutsche Induftrie ausgesprochen worden; ihre rhei- 
nisch-westfälischen Werte sollen ein fach zerstört werden. 
Auch haben sich gerade Engländer in wüsten Phan- 
tasien über Kriegserfolge ergangen. Hat doch der
        <pb n="414" />
        328 
frühere Gouverneur von Indien Lord Curzon von 
bengalischen Reitern im Park von Sanssouci geredet. 
Daß die russischen Stimmen hinter denen der Ge- 
nossen nicht zurlickbleiben, versteht sich von selbst. 
Hier handelt es sich zunächst um Konstantinopel und die 
Meerengen in ihrem vollen Besitz würde ja Rußland 
ugleich Herr des Balkans und Kieinasiens sein, eine 
Falge. die doch auch bei den Verbündeten nicht ganz 
eresen wird. Da zunächst Osterreich-Ungarn im 
Wege steht, muß es zerschlagen werden. Serben und 
Montenegriner, Rumänen, Tschechen und Italiener 
mögen ihr Teil nehmen: Galizien, nach des Minister- 
präsidenten Goremykins Wort die letzte Blüte, die 
an der lebensvollen Krone des Zaren gefehlt hat., 
sowie die Bukowina gebören Rußland, das auch alle 
preußischen Polen unter seine Obhut nimmt, Ostpreu- 
ßen natürlich wiederum eingeschlossen und Schlesien 
über seinen polnischen Bevölkerungsanteil hinaus. 
In der Duma kleidete das Ssasonow selbst im Fe- 
druar 1916 in die Worte: „Rußland hat die Vereini- 
gung der zerstückelten Teile Polens auf seine Fahne 
geschrieben.= Vom übrigen Deutschland nehmen Fran- 
osen, Belgier und Dänen, was ihnen gefällt und ge- 
ührt, und der Rest wird in mittlere Staaten zerlegt, 
wie es die Franzosen planen. Das historische Seminar 
der Berliner Universität bewahrt eine Schulwandkarte 
von Deutschland, die einer ostpreußischen Dorsschule 
ehörte, und in die beim Russeneinfall ein Offizier die 
lem vorschwebenden zukünftigen Grenzen einzeichnete. 
Er läßt Rußland bis zur Oder reichen; das Küstenland 
von dort bis zur niederländischen Grenzeist = Englische 
Kolonie= zalles Land links vom Rhein gehört zu Frank- 
reich; die Schweiz wird über alles Osterreichische im 
Süden der Donau ausgedehnt; an diesem Flusse be- 
ginnt nordwärts Böhmen; der Rest des Deutschen 
Reiches ist Klein-Deutschlande. Was hier als Phan- 
tasie eines Soldaten bezeichnet werden könnte, ist auch 
wiederholt von ernster zu nehmenden, hochstehenden, 
ja verantwortlichen Leuten vorgetragen worden. 
Wie sich der Urheber des Krieges, Serbien, und 
sein Stammesbruder Montenegro ihre Beziehungen 
zu Osterreich-Ungarn dachten, wird an andrer Stelle 
genügend dargelegt. Später sind noch Italien, Por- 
tugal und Rumänien in die Reihen unserer Gegner 
eingetreten. Italien und Rumänien haben geglaubt, 
ihre Vertragspflichten hintansetzen zu sollen, um ihren 
nationalen Ehrgeiz zu befriedigen, obgleich weder die 
Rumänen Ungarns, noch. ihrer großen Mehrzahl 
nach, die Italiener Österreichs wünschten, sich befreien 
zu lassen. Besonders die Italiener haben ihr Verhal- 
ten, phrasenfreudig und phrasenkundig wie sie sind, 
in der widerwärtigsten Weise zu beschönigen versucht, 
zumal ihren Bruch mit dem Deutschen Reiche. Ihnen 
blieb es vorbehalten, von der beiligen Selbstsucht 
(sacro egoiesmo) zu reden. Ihre Ansprüche an Oster- 
reich machten nicht einmal halt an der Nationalitäten- 
renze (Italia libera al Pyrenaol); geographisches Ge- 
chwätz wurde zum patriotischen zu Hilfe genommen. 
Sie erhoffen vom Kriege aber nicht nur Hinausschie- 
ben ihrer Nordgrenze, sondern auch die Herrschaft 
über die Adria und eine verstärkte Stellung am Agäi- 
schen Meer über den Dodekannesos hinaus, Anteil 
an Anatolien. Sie geraten damit in scharfen Gegen- 
satz zu Griechenland und überdies zu Serbien, das 
am Adriatischen Meere Fuß fassen möchte, Bosnien 
und Dalmatien als sein Erbe ansieht. In ihren Ka- 
rikaturen haben sich die Italiener besonders durch 
Schmutz und Roheit ausgezeichnet. 
IV. Kultur und Geistesleben 
Daß es sich bei all diesen Forderungen und Plänen 
unserer Gegner nicht bloß um Außerungen einzelner 
Verantwortlicher oder Unverantwortlicher, sondern 
um Regierungsprogramme handelt, beweist klar 
und deutlich die am 12. Januar 1917bekanntgewordene 
Antwort unserer Gegner auf den Vermittlungsvor- 
schlag des Präsidenten der Vereinigten Staaten vom 
19. Dezember 1916. Nach Wiederholung der erlogenen 
Beschuldigungen vom Angriff der Mittelmächte, von 
ihrer „systematischen Verachtung der Grundsätze der 
Menschlichkeit und der Rechte der kleinen Staatene, 
von den von ihnen verübten - Greueln= trägt sie die, 
wie sie selbst sagt, = wohlbekannten Kriegsziele vor. 
Daß Ersatz alles erlittenen Schadens, Wiederherstel- 
lung von Belgien, Serbien und Montenegro, Näu- 
mung der besetzten Teile von Frankreich, Rußland und 
Rumänien verlangt wird, neugt zwar von bölliger 
Verkennung der Kriegslage, kann aber sonst nicht wei- 
ter wundernehmen. Trotz der Mißerfolge im euro- 
päischen Kriege beharrt man jedoch darauf, die Mittel- 
mächte zu vernichten; denn nichts anderes ist es, wenn 
die Zurückgabe der Provinzen und Gebiete, die ehe- 
mals (autrefois) den Alliierten durch Gewalt oder ge- 
gen den Willen der Bevölkerung entrissen worden sind, 
ie Befreiung der Italiener, Slawen, Rumänen. 
Tschechen und Slowaken von der Fremdhberrschaft. 
die Befreiung der Bevölkerungen, welche der blutigen 
Tyrannei der Türken unterworfen sind, und die Ent- 
fernung des osmanischen Reiches aus Europa verlangt 
werden. Was bleibt von der Türkei übrig. wenn man 
sie aus Europa hinauswirft und in Asien Armenier 
und Griechen, Syrer und Araber ihrer Herrschaft ent- 
ieht? Was wird aus Osterreich und Ungarn, wenn 
taliener. Slawen und Rumänen, die weit über die 
Hälfte der Bevölkerung ausmachen.-befreite werden? 
Deutschland soll zurückgeben, was es „ehemals den Al- 
lüierten durch Gewalt oder gegen den Willen der Be- 
völferung (par la force ou contre le vou des popu- 
lations) entriß-. Was ist das? Es hat nur einem 
der Alliierten, Frankreich, Gebiet durch Gewalt ab- 
genommen. Warum fordert man nicht einfach Rück- 
gabe von Ellaß-Kothrinchen! Weil man offenbar 
mehr will. Was ist, nach der Auffassung der Allüeer- 
ten, nicht alles gegen den Willen der Bevölkerung an 
Preußen bzw. Deutschland angeschlossen worden? 
Nicht nur Polin und Dänen, sondern auch Hannove-= 
raner und Hessen, Schleswig-Holsteiner, Nassauer 
und Frankfurter, ja auch Sachsen und Bayern, über- 
haupt die Süddeutschen, vor 100 Jahren auch einmal 
Rheinländer. Und dabei betont die Note noch feier- 
lich, daß sie »die Vernichtung der deutschen Völler 
(Mehrzahl: des peuples allemands!) und ihr politi- 
sches Verschwinden nicht anstrebe-, sondern nur = Eu- 
ropa der brutalen Begierde des preußischen Militaris- 
mus entreißen, den Frieden auf der Grundlage der 
Freihxit und Gerechtigkeit, der unverletzlichen Treue 
sichern wolle-, versäumt auch nicht, hinzuzufügen, daß 
»die Regierung der Vereinigten Staaten von dieser 
Treue stets beseelt war-. Wer lacht da? Wo bleiden 
Reineke Vos und Tartuffe? Daß man unentwegt die 
Geschichte auf den Kopf stellt, bewies am 7. März noch 
wieder die Nationalkundgebung in der Sorbonne, in der 
der Kammerpräsident Deschanel erklärte nach der einen 
Version, daß die Deutschen sich 29., nach der anderen 
gar mehr als 200mal auf Frankreich gestürzt hätten! 
Auch Amerika hat sich unseren Feinden ange- 
schlossen. Uüber seine Sympathien konnten von Kriegs-
        <pb n="415" />
        Schäfer: Der Krieg in der Auffassung unserer Gegner 
beginn an Zweifel nicht bestehen. Man hat die Bluts- 
verwandtschaft von John Bull und Bruder Jonathan 
betont. Sie mag einen gewissen Einfluß üben trotz 
des starken Einschlags deutscher und irischer Bewoh- 
nerschaft in der Union; entscheidend ist sie gewiß nicht. 
Die materiellen Interessen bestimmen die Politik des 
Kapitols, haben das ununterbrochen getan von der 
Unabhängigkeitserklärung an bis auf den heutigen 
Tag. Wie lange ist doch das allgemeine Urteil über 
Amerika in die Irre gegangen! Seine materiellen 
Interessen drängen auf nglands Seite, zunächst weil 
die Lage im Stillen Ozeane die beiden Mächte anein- 
ander kettet, dann aber auch, weil sich die ungeügelte 
amerikanische Erwerbsgier den Vorteil der Kriegs- 
bedarfslieferungen nicht entgehen lassen wollte. Je 
mehr man diesem Gewinn nachjagte, desto fester wurde 
man mit dem Kriegsausgang verstrickt. Die Bevor- 
zugung der Entente wurde daher immer offenkun- 
diger. Daß man seine parteiische Haltung mit allen 
möglichen schönen Redensarten: Menschlichkeit, Ge- 
rechtigkeit, Völkerglück, Schutz der Kleinen und Schwa- 
chen verbrämte, dazu brauchte man nicht einmal das 
Vorbild der Entente; darauf hat sich der Dankee von 
jeher mindestens cbenoßut, ja besser als der Jingo 
verstanden. In seiner Masse glaubt er auch an diesen 
cant, genau so wie der Brite. Daher kann Wilson 
sich den ungeheuerlichsten Blödsinn leisten, der je im 
Dienste der Politr verklndet wurde. Man hat keinen 
Streit mit dem deutschen Bolkee, für dieses hat man 
nur ein Gefühl der Sympathie und der Freundschaft: 
Wir sind aufrichtige Freunde des deutschen Volkes. 
Seine Regierung hat aber den Krieg nicht mit 
vorheriger Kenntnis oder Billigung des Volkes ge- 
führt. Sie hat ihn beschlossen, wie in alten ungllück- 
lichen Zeiten Kriege beschlossen wurden, als die Völ- 
ker von ihren Regierenden nirgends befragt wurden, 
Kriege hervorgerufen und geführt wurden im Inter- 
esse von Dynastien, oder von kleinen Gruppen Ehr- 
geiger, die gewohnt waren, ihre Mitbürger als Pfän- 
er und Werkzeuge zu benutzen.“ Aus solcher Lage 
muß man das deutsche Volk befreien, von der preu- 
ßischen Autokratie-, von den Snatürlichen Feinden 
der Freiheite usw. Ein Volk, dessen berufenen Vertre- 
tern man derartigen Unsinn wirkungsvoll vortragen 
kann, haben wir uns vor dem Kriege von deusschen 
Universitätslehrern als Vorbild der Kultur anpreisen 
lassen, haben damals und noch während des Krieges 
erleben müssen, daß seine Staatsmänner und Gelchr- 
ten angefeiert wurden! Die Schamröte steigt einem 
ins Ucsccht. daß derartiges möglich war. 
Die Vereinigten Staaten führen keinen Krieg gegen 
das deutsche Volk. So sagen sie. Sie wollen es nur 
von seiner autokratischen Herrschaft befreien. Sie 
haben auch nicht, wie unsere Nachbarn, ein unmittel- 
bares Interesse daran, Deutschland zu zerschlagen. 
Aber sie wissen gut, daß auf die Dauer Deutschland 
ein gefährlicherer Mitbewerber im Welthandel ist als 
England, vor allem in Südamerika und Ostasien. 
Die Zeit ist gekommen, wo sie sich anschicken, der Mon- 
roe-Doktrin die Form voller Verfügung über den Erd- 
teil zu geben. Sie fordern das als Leine natürliche 
Entwicklung. Sie wollen nicht über Süd- und Mittel- 
amerika herrschen, beileibe nicht; aber sie finden es 
gegeben, daß sich die Bewohner derselben Hemisphäre 
ge neiti ssüen und fördern. Daß solche Förderung 
8 eine Leitung und Ausbeutung der lateinischen 
Republiken durch die übermächtige angelsächsische hin- 
ausläuft, sagt man nicht, weiß es aber genau. Das 
329 
eschieht alles im Dienste menschlichen Fortschritts; 
ollte aber je eine mitteleuropäische Staatenver- 
einigung unter der Führung Deutschlands und Oster- 
reich-Ungarns zusammentreten, so ist das eine Ver- 
sündigung an der Menschheit und an der Freiheit der 
kleinen Staaten und Völker. Es wird auch schon an- 
gedeute. daß amerikanischer Handel in steigendem 
kaße in den weniger entwickelten Ländern der Alten 
Welt vordringt und daß seine ungehinderte Weiter- 
entfaltung eine Segnung der Kultur sei. Der -edle- 
Wilson, der völkerbeglückende Yankee! 
Wie sich der Professor-Präsident die politischen Ge- 
dankengänge der Ententemächte angeeignet hat, nur 
noch in vergröberter Form, nach amerikanischem Ge- 
schmack, gleichsam auf den Mann dressiert, so versteht 
es sich von selbst, daß sich ein Volk, welches mit solchen 
Vorspiegelungen geleitet werden kann, auch willig 
alle die Verleumdungen zu eigen macht, die von un- 
seren Feinden so gewandt wie gewissenlos verbreiter 
werden. Den ersten Anstoß dazu hat unser Ein- 
marsch in Belgien gegeben, den unser Reichskanzler 
voreilig und unbedacht als ein Unrecht bezeichnet 
hatte. Daß er in der Erregung von Verträgen als von 
Fetzen Papier sprach, ist ihm auch immer wieder vor- 
gehalten worden. Die Zucht= und Zügellosigkeil des 
elgischen Bolkes, das wenig gewöhnt ist, sich fester 
Ordnung zu fügen, hat unsere Truppen zu scharfer 
Abwehr gezwungen; unvermeidliche Härten wurden 
dann durch maßlose Übertreibungen und haßerfüllte 
Erfindungen in unerhörte Barbareien umgewandelt, 
und einmal begonnen hat die Verleumdung nicht 
mehr Halt gefunden. In ihr erkennt man die Eng- 
länder aller Zeiten als Meister, ob man nun ihre An- 
klagen und Beschwerden aus dem Mittelalter oder ihre 
abulgaxischen“, armenischene oder = Kongo-Greuel- 
ins Auge faßt. Dient all das doch dem Zweck! 
Es bleibt für deutsche Denkweise unverständlich, 
daß sich der britische Botschafter Lord Bryce, Verfasser 
eines verständigen Buches über unser eiliges Rö- 
misches Reich , Ritter unseres Ordens Pour le merite, 
zum Leiter in diesem Verleumdungsfeldzuge auf- 
werfen konnten. Es gibt nichts so Grausames, Wi- 
derwärtiges, Gemeines, Niederträchtiges, Unmensch- 
liches, keine Greuel der wildesten Vorzeit, die unseren 
deutschen Soldaten nicht angedichtet worden wären, 
den Söhnen des zweifellos gestttetsten und gebildetsten 
Volkes der Welt, das in seiner Masse unendlich über- 
legen ist den Nationen, die durch London und Paris 
ihr Gepräge erhalten. 
Diesen sinnlosen Beschuldigungen ist bei allen geg- 
nerischen Mächten ausnahmslos der amtliche Stem- 
pel aufgedrückt worden; die verantwortlichen Staa- 
tenlenker selber haben sie sich mit vollem Bewußtsein 
und in voller Absicht zu eigen gemacht. Sie haben 
von einem -System der Morde und Kollektivplün- 
derung gesprochen-, von der -Barbarei des Despotis- 
mus., der „unverschämten Vorherrschaft der Krieger- 
kastee, der sie das alles besonders in die Schuhe scho- 
ben, haben natürlich auch die Hunnen wieder hervor- 
eholt, obgleich geschichtskundige Leute ihnen hätten 
sagen können, daß man von deren besonderen Un- 
taten blutwenig weiß. Als der U-Boot-Handelskrieg 
lästig wurde, kannte das wütende Schimpfen gar keine 
Grenzen mehr. Lord Churchill sprach am 15. Fe- 
1 „Roport of tfbe comittee on alleged German ontrages 
appolntod by Hl Britannie Majcnty'’“ Government and pre- 
sented over by tho Rt. Hon. Vut. Uryce, O. M.“ (Lonb. 1915).
        <pb n="416" />
        330 
bruar 1915 von offenbarem Mord und Seeraub; Lord 
Asquith erklärte am 20. Mai: -Der Feind sinkt von 
Stufe zu Stufe zu grenzenloser Schmach herunter.= 
Ein besonderes Kapitel bildete die Beschädigung von 
Baudenkmälern, wie die Kriegführung sie mit sich 
brachte infolge der Überfallversuche seindlicher Bevöl- 
kerung, wie in Löwen, oder der gegnerischen Benutzung 
von Monumentalbauten zu Angriffs= oder Verteidi- 
gungszwecken, wie in Reims und an anderen Orten. 
An das lange Schuldregister, das man Engländern 
wie Franzosen aus früheren Kriegen vorhalten könnte, 
wurde natürlich nicht gedacht. 
Die unablässigen Beschuldigungen gaben eine er- 
wünschte Grundlage für den Schwall von Phrasen, 
mit denen man fortgesetzt die öffentliche Meinung auf- 
peitschte. Nur um das eigene Heim vor Mord und 
Schande zu schützen, stehe man in Waffen, den Kin- 
dern und der Menschheit das geistige Erbe zu sichern, 
dessen Verkörperung und Wächter man sei. In den 
höchsten Tönen redete man von Menschlichkeit und 
Gerechtigkeit, von Gottesfurcht und Gesittung. Man 
»rettete die Sache der Zivilisation und des Rechts- 
und rief »den unbesiegbaren Geist der Menschheit- 
als Verbündeten auf. Und das taten dieselben Völ- 
ker, die Baralong-Mörder in Schutz nahmen, die Net- 
toyeurs bestellten, die Verwundeten hinzuschlachten, 
die deutsche Gefangene, zivile und militärische, un- 
säglichen Mißhandlungen unterwarfen, die Fardige 
auf Weiße hetzten, die sich auf dem Gebiet, das zeit- 
weise oder, wie Teile Ostpreußens und Galiziens, 
längere Zeit in ihre Gewalt kam, die wildesten Aus- 
schreitungen erlaubten, Hunderte und Tausende von 
Menschen fortschleppten, auch von den eigenen Unter- 
IV. Kultur und Geistesleben 
tanen nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen 
unter völliger Vernichtung ihrer Heimstätten gewalt- 
sam hinweg und zum großen Teil in den sicheren 
Tod führten, deren Presse in Gedichten auffordern 
konnte, den teuflischen Deutschen die Zungen abzu- 
schneiden und die Augen auszureißen! Wer vor die- 
sem Kriege gesagt hätte, daß das alles möglich sei. 
würde sich der Gefahr ausgesetzt haben, für geistes. 
krank erklärt zu werden. Damit auch die Komit nicht 
fehle, sprach Ssasonow am 8. Februar 1915 die bie- 
dermännischen Worte:? Der Feind greift auf alle Mittel 
zurück, selbst auf das der Verfälschung der Bahrdeit.= 
Dieses ganze Verfahren ins rechte Licht zu rücken. 
muß daran erinnert werden, daß von den 1670 Mil- 
lionen Bewohnern der Erde 1356, also mehr als vier 
Fünftel, gegen insgesamt 156 Milliounen Gegner unter 
Waffen stehen. Die Vernichtung, die sie wollen, mag 
ihnen nicht unerreichbar erscheinen. 
Die Literatur ist naturgemäß außerordentlich zerstreut, 
wie die Kußerungen in Reden, in der Presse, in Denk= umd 
Flugschriften gefallen sind. Eine Zusammenstellung hat 
Joh. Neumann im Auftrage der Auskunftsstelle Ver- 
emigter Verbände versucht: Die Zerschmetterung Teutsch 
lands. Die Kriegsziele unserer Feinde im Spiegel ihrer 
eigenen Außerungen (Berl. 1915). Zahlreiche Belege finden 
sich in der -Chronik des Deutschen Krieges-, bis jetzt 10 
Bände und ein Ergänzungsband (Die belgischen Gesandt- 
schaftsberichte aus den Jahren 1905—1914) bis 30. No- 
vember 1915 Münch. 1915 ff.). Eine der ausschweifendsten 
franuzösischen Kriegsschriften ist Onéfime Reclus, L'Alle- 
mugne en morceaux. Paix draconienne (Par. 1915. 
deutsch von Paul Brönnle: Die Zerstückelung Deurschlands. 
Drakonische Friedensbedingungen. Mit Geleit= und Schluß- 
wort von Paul Liman, Leipz. 1915). Bgl. auch H. Fro- 
benius, Kriegs ziele und Friedensziele (Berl. 1916). 
Die Presse unserer Gegner 
von Dr. Hermann Diez, Direktor von Wolffs Telegr. Büro, 
Berlin 
Die Bedeutung der feindlichen Presse für den Welt- 
krieg wird am besten dadurch gekennzeichnet, daß man 
diesen geradezu den -Krieg der Presser hat nennen 
wollen, daß man die englische Politik der Abkehr 
von Deutschland und des Anschlusses an Frankreich 
und Rußland zu einem erheblichen Teil auf die ge- 
meinsamen Bemühungen einer Tageszeitung, eines 
Wochenblattes und einer Monatsschrift, nämlich der 
„Times", bes -Spectator- und der National Review. 
zurückgeführt hat und daß man seit dem Anfang des 
20. Jahrhunderts von einem Presse-Dreiverband- 
spricht, den die „Times mit dem Pariser „Matin- 
und der Petersburger = Nowoje Wremja« geschlossen 
hätten. Die Verbandsverträge und ihre finanziellen 
Einzelheiten sind niemals bekanntgeworden. Aber Tat- 
sache ist nicht nur die konzentrische Betätigung eines 
maßlosen Deutschenhasses durch diese führenden Or- 
gane der Dreiverbandsländer, sondern auch das Be- 
stehen geschäftlicher Vereinbarungen zur Unterstützung 
der aus dem Geiste Eduards VII. geborenen Ein- 
kreisungspolitik. 
Die englische Presse. Das geschickteste und gefähr- 
lichste Werkzeug dieser Politik war und ist der von dem 
dankbaren König unter dem Ministerium Balfour- 
Chamberlain zum Lord Northceliffe erhobene Zeitungs- 
magnat A. C. Harmsworth (Northcliffe-Presse). 
Durch die Veröffentlichung der in dem besetzten Brüf- 
sel aufgefundenen diplomatischen Aktenstücke ist be- 
kanntgeworden, daß der früher in Paris tätig gewe- 
sene belgische Gesandte in London, Graf Lalaing, un- 
ter dem 24. Mai 1907 an seine Regierung berichtet hat: 
Eine gewisse Kategorie der Presse, hier unter dem 
Namen #gelbe Presse“ bekannt, trägt zum großen Teil 
für die feindselige Stimmung zwischen den beiden Nationen 
ie Verantwortung. Was kann man denn auch von 
einem Journalisten wie Herrn Harmsworth, heute Lord 
Northclijje, Herausgeber der Daily Mail-, des „ Daily 
Mirror-, des „Daily Graphic-, bes = Daily Express“, 
der -Evening News, und der „ Weekly Dispa#ch- 
erwarten, der in einem Interview für den „Matin. sagt: 
„Ja, wir verabscheuen die Deutschen und das von Her 
zen.. Ich werde nicht zugeben, daß meine Zeitung auch 
nur das geringste druckt, was Frankreich verl könnte. 
aber ich möchte nicht, daß sie irgend etwas aufnimmt, was 
den Deutschen angenehm sein könntec. 
Unter den hier aufgezählten Blättern sind allerdings 
auch die der Pearson-Gruppe angeführt, zu der 
zunächst der--DailyExpressc, die-St.James Gazette. 
der „ Standard- und der bald mit der -St. James Ga- 
zette verschmolzene = Evening Standard= gehörten. 
Aber die fortschreitende äußere Bertrustung undinnere 
Vereinheitlichung rechtfertigen das Urteil des belgi- 
schen Diplomaten durchaus. Der Zeitpunkt, zu dem 
sich Lord Northeliffe durch Unterwerfung der - Times. 
sozusagen zum Alleinherscher des englischen Zeitungs- 
wesens gemacht hat, ist nicht genau festzustellen; jeden- 
falls aber war schon im Jahre 1908 ein maßgeben-
        <pb n="417" />
        Diez: Die Presse unserer Gegner 
der Einfluß zu verspüren, und seitdem ist dieser 
Einfluß ausschließlich und unumschränkt geworden. 
Wenn es schon lange eine Schwäche der liberalen Re- 
gierung war, daß sie dem ungeheuren Machtfaltor 
der konservativen und unionistischen Presse in ihren 
eigenen Organen nichts auch nur annähernd Gleich- 
wertiges gegenüberzustellen hatte, so ist dieses Miß- 
verhältnis durch die mit dem Namen Harmsworth 
verbundene Entwicklung noch viel krasser geworden, 
und bald genug mußte sich die Regierung der 
Tyrannei dieser Presse beugen. Die Einführung der 
Wehrpflicht ist im Grunde das Werk Lord Northcrliffes 
undseiner Presse. Das sogenannte Koalitionskabinett, 
das durch die Aufnahme einer Anzahl hervorragen- 
der Unionisten in das liberale Ministerium hergestellt 
wurde, genügte dieser Tyrannei nicht lange; uner- 
bittlich wurde jeder Staatsmann weggedrängt, bei 
dem man irgendeine Neigung zum Verständigungs- 
frieden argwöhnte. So fielen Haldane, Asquith und 
schließlich auch Lord Grey. Auch die Kriegführung 
selbst wurde aufs schärfste kontrolliert, Kitchener ge- 
legentlich wegen angeblicher Lässigkeit in der Muni- 
tionsbeschaffung auße schärfste angegriffen, und die 
Churchill, Jellicoe und French sind ebenso Opfer der 
Northeliffe-Presse geworden wie der schon um seines 
deutschen Namens willen „unmögliche-Prinz Batten- 
berg. Heute kann man sagen, daß Lloyd George und 
Lord Northcliffe unter Ausschluß jedes anderen Ein- 
flusses das britische Weltreich regieren und daß auch 
jener sein Amt nur führen kann, solange er diesem 
gefällt und genügt, bis eben die Alleinherrschaft dieser 
Presse von unten her, d. h. vom Volke, gebrochen wird. 
Das schon erwähnte Mißverhältnis zwischen der 
konservativ-unionistischen und der liberalen Presse 
wird durch folgende Angaben veranschaulicht: Ihr 
einziges Penny-Morgenblatt, die Tribune, hat die 
liberale Partei überhaupt nur ganz kurze Zeit zu er- 
halten vermocht. Die „Daily News, ein Halbpenny- 
blatt, das ehemalige Organ Gladstones und während 
des Burenkriegs durch seine Burenfreundlichkeit be- 
kannt. mußte sich im Jahre 1912 mit dem = Morning 
Leader« verschmelzen. Liberal sind ferner -Daily 
Chronicle: und die Abendblätter - Westminuster 
Gazette= und -Star- (neuerdings mit dem Echo- 
verschmolzen). Damit ist die Reihe der Londoner libe- 
ralen Blätter schon erschöpft, während auf der Gegen- 
seite außer den obenerwähnten Blättern noch der 
ursprünglich liberale, aber seit 1886 unionistische 
»Daily Telegraph-, der „Globe and Traveller-, die 
„Morning Poste, die „Pall Mall Gazette- stehen. 
Vollends bedeutungslos ist die Arbeiterpresse; der 
»Daily Citizen-, im Jahre 1912 gegründet, ur- 
sprünglich in London und Manchester erscheinend, 
zuletzt nur noch in Manchester, hat im Juni 1915, 
leich einem früheren Unternehmen dieser Art, sein 
rscheinen einstellen müssen. So gibt es in London 
überhaupt keine sozialdemokratische Tageszeitung. 
Der „Labour Leader= ist ein Wochenblatt. Einige 
Stützen hatte allerdings die Regierung noch in der 
Prodinzpresse, so § B. im -Manchester Guardiane, 
in der „Liverpool Daily Post- usw. und insbesondere 
in Schottland und Irland, aber daß sie in England 
selbst und vollends in der Hauptstadt so unzureichend 
vertreten war, mußte sich bei jeder ernsteren Krise 
als verhängnisvoll erweisen. Schließlich war ja 
auch die schlechte Ausstattung mit Preßorganen nur 
ein Ausfluß der finanziellen Schwäche der Partei. 
Im übrigen ist allerdings festzustellen, daß der 
331 
Krieg und seine seelischen Strömungen den Unter. 
schied in der politischen Stellung und insbesondere 
in der Stimmung, gegenüber Deutschland ziemlich 
verwischt haben. Ein erheblicher Teil der englischen 
Presse steht ja noch nicht auf dem Standpunkt, der 
auch die niedrigste, gehässigste und schamloseste Hetze 
egen Deutschland und die verlogenste Verleumdung 
fur salonfähig hält, wie das die -Daily Mail., der 
iDaily Mirror-, der „Daily Express« usw. tun. 
Aber ein gewisses Bestreben, auch Deutschland gegen- 
über anständig im Ton und einigermaßen gerecht 
und sachlich zu bleiben, zeigt sich doch höchstens noch 
in der „Westminster Gazettes, im „Manchester 
Guardian, in -Daily News- und -DailyCbhroniclee, 
die aber insbesondere seit der Versenkung der Lusi- 
taniar ebenfalls schroff deutschfeindlich geworden sind. 
Alle übrigen betreiben die Aufpeitschung der Volks- 
leidenschaft gegen Deutschland mit den niedrigsten 
Mitteln. Das gilt erst recht von den sogenannten 
Society-Blättern, dieimmereinenbesonders frag- 
würdigen Typus dargestellt haben, aber auch von den 
Revuen, die jetzt alle mehr oder weniger auf den 
Standpunkt der „Saturday Review: getreten sind, 
die sich schon im Jahre 1897 zu dem »ceterum cen- 
seo, Germaniam esse delendame bekannt hatte. 
Als Vertreter der niederträchtigsten Deutschland- 
hetze mag noch die Wochenschrift „John Bull. des 
berüchtigten Abenteurers und Schwindlers Horatio 
Bottomley erwähnt sein, die es im Laufe des Krieges 
zu einer Auflage von 1200000 gebracht haben soll 
und die zur Genüge dadurch gekennzeichnet wird, daß 
sie nach dem Einmarsch des englischen Heeres in 
Berlin die Aufknüpfung aller Deutschen an Laternen- 
pfählen forderte. Auf dieses Niveau ist der größte 
Teil der einst so stolzen englischen Presse gesunken. 
Der Einfluß des Krieges auf die wirtschaftliche 
Lagederenglischen Zeitungen war entsprechend 
dem prahlerisch verkündeten #businessas usual in den 
wei ersten Jahren des Krieges sicherlich nicht ungün- 
* Das englische Zeitungswesen ist schon lange auf 
die Anzeigeneinnahmen gestellt, und die Kriegsinserate, 
namentlich die Werbeaufrufe, nahmen bald einen rie- 
sigen Umfang an, dem ein Ausfall kaum gegenüber- 
stand. Dazu kam ein mächtiges Anschwellen der Auf. 
lagen, entsprechend dem leidenschaftlichen Nachrichten- 
bedürfnis insbesondere bei den Morgenblättern, die 
ihren Schwerpunkt von jeher in einem reich aus- 
estalteten Nachrichtenteil gehabt haben. So soll die 
uflage der »Times«, die vor dem Krieg 170 000 be- 
tragen haben soll (nachdem sie im Lars- der voran- 
gegangenen Jahrzehnte erheblich gesunken gewesen), 
im Kriege auf 250000 gestiegen sein; die der „ Daily 
Mailbetrug im Sommer 1915:1200000, ist jetzt an- 
geblich niedriger; während sich die von „Daily News 
and Leader: von 300 —500000 vor dem Kriege 
auf 800000 gesteigert haben soll, was vielleicht doch 
darauf schließen läßt, daß die Harmsworth-Presse den 
Bogen überspannt hat. Auf eine im ganzen doch nicht 
allzu günstige Lage der Zeitungen läßt schließen, daß 
die Londoner Blätter auf die entfernteren Kriegsschau- 
plätze je nur einen gemeinsamen Korrespondenten ent- 
sandt haben. Im dritten Kriegswinter hat der Unter- 
seebootkrieg die englischen Blätter zu einer wesent- 
lichen Einsthrünkung. ihres Umfanges und zu einer 
Erhöhung ihrer Preise gezwungen. 
Von Anderungen, die der Krieg im englischen Zei- 
tungswesen gebracht hat, ist insbesondere noch der 
nach dem Aussterben der Familie Reuter erfolgte
        <pb n="418" />
        332 
Verlauf des Reuterschen Büros an eine Kapitalisten- 
gruppe zu erwähnen, der Sir Leander Starr Jameson 
(belannt und gelennzeichnet durch den berüchtigten 
Jameson-Raid) angehört und die gänzlich unter dem 
Einfluß der Regierung zu stehen scheint. Die Aktien 
sind über den Nennwert bezahlt worden, obwohl das 
Büro in Kriegszeiten keine Dividenden ausgeschüttet 
hatte, ein Beweis, daß die Regierung großen Wert 
auf die publizistische Macht des Büros legt. Der 
„Standarde, der zu Anfang des Krieges die nach Lon- 
don ausgeführte -Independance Belge- gedruckt 
hatte, ist eingegangen. Die -Pall Mall Gazette ist 
von dem radikalen Parlamentsmitglied Dalziel, dem 
Besitzer des Sonntagsblattes Reynold's News- 
paper-, dem bisherigen Besitzer Lord Astor abgekauft 
und in ein Organ für Lloyd George umgewandelt 
worden. Der Herausgeber des Economist-, Fran- 
cis Hirst, der wegen feiner Friedensliebe aus seiner 
Stellung verdrängt worden war, hat eine Zeitschrift 
»Common sense- gegründet, die nicht ins Ausland 
versandt werden darf. Ein anderes neues Wochen- 
blatt ist Zundey Pictorial-, für das Winston Chur- 
chill schreibt. Der Verleger ist Lord Rothermere, ein 
jüngerer Bruder des Lords Northcliffe. 
Die französische Presse. Dassjenige französische 
Blatt, das den traurigen Ruhm für sich in Anspruch 
nehmen kann, das meiste zur Entfesselung des Welt- 
krieges beigetragen zu haben, ist der-Matin-. Auch in 
seiner journalistischen Aufmachung, in der Art seines 
Nachrichtendienstes und in seiner redaktionellen Be- 
handlung der Dinge siellt er in Frankreich den Presse- 
typus dar, der, ursprünglich aus Amerika gekommen, 
in der englischen Harmsworth-Presse seine europäische 
Ausgestaltung erfahren hat, und der -Matin hat von 
dieser auch den giftigen Haß gegen Deutschland und die 
ielbewußte Vorbereitung des Krieges übernommen. 
ese Entwicklung des im Jahre 1884 gegründeten, 
von Stephan Lauzanne, dem Neffen des bekannten 
i„Times--Berichterstatters Blowitz, geleiteten radikalen 
Blattes datiert aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, 
rägte sich aber erst in voller Schärfe aus, als mit der 
ahl Poincarés zum Präsidenten der Republik der 
Sieg der von ihm in Gemeinschaft mit den Delcassé, 
Barthou und Briand vertretenen Politik der Wieder- 
erweckung des Revanchegedankens entschieden war. Da 
diese Wiedererweckung unmittelbar auf die Entente 
Cordiale mit England zurückzuführen ist, ergibt sich 
bier ein voller Parallelismus zwischen dem Feldgugm 
der Presse und dem der Diplomatie. Die Leserzahl des 
„Matin= soll vor dem Kriege 800000 — 850000 be- 
tragen haben, dann bei Ausbruch des Krieges nach 
nicht völlig verbürgten Meldungen auf 300000 ge- 
sunken, im Laufe des Krieges jedoch wieder sehr stark 
gestiegen sein bis zu einer Höchstauflage von 1 700000. 
a die festen Abonnements in Paris, wie übrigens 
auch in London, eine verhältniemäßig kleine Rolle 
gegenüberdem Straßenverkauf spielen, kommen selbst- 
verständlich sehr starke Schwankungen vor, genauere 
Angaben von bleibender Richtigkeit sind nicht möglich. 
Als Gegenfüßlerin des -Matin läßt sich oder ließ sich 
vor Ausbruch des Krieges die im Jahre 1904 von 
Jean Jaurks gegründete „Humanité= bezeichnen. 
Sie war ebenso friedlich wie jener kriegerisch und ver- 
socht mit begeisterter Hingabe die sozialistischen Ideen 
der Annäherung der Völker im Interesse des Welt- 
friedens. Sie soll vor dem Kriege eine Auflage von 
etwa 115000 Bezieher gehabt haben. Als Jauris 
jedoch am 2. August 1914 ermordet wurde, zweifellos 
IV. Kultur und Geistesleben 
nicht ohne Wissen der Regierung, die in ihm den ein- 
zigen ernsthaften Gegner des Krieges fürchtete, ging 
die Bedeutung und Verbreitung es jetzt von Com- 
pere-Morel geleiteten Blattes stark zurück, und die 
Auflage soll, obwohl das Blatt heute noch die so- 
enannten geeinigten Sozialisten, d. h. die sozialisti- 
che Majorität, vertritt, auf etwa 65,000 gesunken sein. 
Ein Blatt, bei dem sich die Erlebnisse des Weltkrieges 
sogar in einer Namensänderung widerspiegeln, ist 
das des früheren Antimilitaristen Gustave Hervé; die 
von ihm seit 1906 herasgegebene „ Guerre Sociale:, 
ein Blatt des radikalsten Sozialismus von völlig 
anarchistischer Färbung, das unermühlich die Verwei- 
gerung des Heeresdienstes predigte und den Militaris- 
mus in der schärfsten Sprache bekämpfte, erscheint seit 
dem 1.Januar 1916 unter dem Namen »La Victoiree, 
treibt aktivsten Patriotismus und soll es glücklich zu 
einer Auflage von 100 000 gebracht haben. Auch das 
Organ Clémenceaus, des ewigen Ministerstürzers, hat 
im Laufe des Krieges seinen Namen, nicht aber seine 
Richtung geändert. Im Mai 1913 unter dem Namen 
»L'Homme Libre“ gegründet, wurde es im Septem- 
ber 1914 wegen seiner an den Sanitätszuständen im 
Heere geübten scharfen Kritik verboken, um kurzdarauf 
als „T'Homme enchainé= („Der Mann in Ketten:) 
wiederaufzuleben. Auch jetzt bekämpft das Blatt alle 
Mißstände im Heer und in der Heeresverwaltung, ins- 
besondere aber die Militärdiktatur, und gibt zugleich 
der alten Gegnerschaft und Rivalität seines Leiters 
gegenüber Poincaré dadurch Ausdruck, daß es emsig 
en vermeintlichen Staatsstreichgelüsten des Präsiden- 
ten nachspürt. Zur Opposition von links gehören ferner 
„La Bataille (früher = La Bataille Syndicalister), 
das Blatt der revolutionären Sozialdemokratie, das 
im übrigen in seiner Polemik gegen Deutschland einen 
verhältnismäßig ruhigen und anständigen Ton wahn. 
undals Kriegsgründung Le Bonnet ronge ein Blatt 
von sehr niedrigem Rang mit einziger Ausnahme der 
Militärkritik, das nebenbei in fortwährendem Kampfe 
mit der orleanistischen »Action Française= liegt und 
dessen Herausgeber Daudet (den Sohn von Alphonse 
Daudet) und Maurras der Urheberschaft an der Er- 
morhung Jaures“ bezichtigt hat. In der Deutsch- 
feindlichkeit kennen beide Blätter kein Maß und Ziel; 
das royalistische Blatt übertrifft aber seinen Rivalen 
in der Gemeinheit und Niederträchtigkeit der Aus- 
drucksweise erheblich. Im Laufe des Krieges aus einer 
Zeitschrift in eine Tageszeitung umgewandelt hat sich 
das ebenfalls oppositionelle-Guvre, das es als seine 
Aufgabe bezeichnet, alles zu sagen. was die anderen 
nicht sagen. und andauernd scharf gegen die Unfädig- 
keit und Lässigkeit der Regierung, die Gewinnsucht der 
Heereslieferanten und die Drückeberger zu Felde zieht. 
Das Blatt, an dessen Spitze Gustave Tery steht. wird 
denn auch jeden Augenblick verboten. Schließlich sei 
als Kriegsgründung noch vLa France de demain:, 
das Organ der Wetterlé und Konsorten, also der elsäs- 
sischen Verräter und Flüchtlinge, erwähnt. 
Im übrigen steht das französische Zeitungswesen 
zum Unterschied vom englischen, das sich nur im mili- 
tärischen Nachrichtenwesen eine allerdings sehr weit. 
gehende Zurückhaltung auferlegen muß (auch die ein- 
gangs erwähnten belgischen Dokumente haben nicht 
veröffentlicht werden dürfen), unter strenger Zenfur. 
welche die äußere Aufrechterhaltung der union sa- 
erée« wesentlich erleichtert. Wie sich von selbst versteht. 
sind auch diejenigen Blätter, dieim Frieden nicht beson- 
ders deutschfeindlich waren, wie der von Jean Dupuy
        <pb n="419" />
        Diez: Die Presse unserer Gegner 
geleitete »Petit Parisien-, das in einer Auflage von 
1½ Million erscheinende Blatt der kleinen Leute, nun- 
mehr eingeschwenkt; im allgemeinen läßt sich aber sa- 
gen, daß sich die Blätter der Rechten, wie der „-Eclaire, 
noch eines leidlich anständigen Tons befleißigen. Das 
gilt auch von dem vornehm akademischen Journal 
des Debats, nicht aber vom -Figaro-, vom :Gau- 
lois-- und erst recht nicht vom „Tempse. Die Auflage 
des Echode Paris-, dessen Leitartikel Maurice Barres 
schreibt, der Nachfolger Dérouledes als Leiter der 
Patriotenliga, soll im Krieg von 150000 auf 600000 
gestiegen sem. Es steht dem -Matine am nächsten. 
Barrés aber kann lberhaupt als klassische Verkörpe- 
rung des französischen Geistes im Weltkriege gelten. 
Vas die französische Presse von jeher von der eng- 
lischen wie auch von der deutschen unterschieden hat, 
das starke Hervortreten der Persönlichkeiten der Leiter 
wie der Kervorragenderen Mitarbeiter, wie es durch 
die von Napoleon herrührende pressefeindliche Vor- 
schrift der Unterzeichnung der Artikel bedingt wird, 
macht sich begreiflicherweise auch in den besonderen 
Verhällnissen der Kriegszeit geltend. Der einzelne 
Poliliker, der einen Ruf zu verlieren oder zu behaup- 
ten hat, und dem die Bergangenheit ebenso vor Augen 
steht wie die Zukunft, unterliegt eher noch gewissen 
Hemmungen als der namenlose Wortführer der von 
der Kriegspsychose beherrschten sogenannten öffent- 
lichen Meinung. So findet man, wenn man von den 
berufsmößigen Deutschenfressernund Deuuschenhehern 
absieht, in den politischen und militärischen Artikeln 
der führenden französischen Blätter noch etwas mehr 
Sachlichkeit und Zurückhaltung als in den gleicharti- 
en anonymen Auslassungen der englischen Presse. 
Dafür lassen sich allerdings die Illustratoren und 
die Karikaturenzeichner um so schrankenloser ge- 
hen, ohne freilich dasjenige Maß von Gemeinheit zu 
erreichen, das von den italienischen Witzblättern schon 
zu einer Zeit geleistet worden ist, wo Italien noch 
der Verbündete der Mittelmächte war. Dabei spielt 
vielleicht auch mit, daß die ernsteren Politiker mit den 
wirklichen Ursachen des Krieges immerhin vertrauter 
gewesen sind als die Künstler und Gelehrten, welch 
letztere an geifernden Wutausbrüchen gegen die bar- 
barischen bochese sich zeitweise nicht gemug tun konn- 
ten. Neuerdings beginnen die Blätter übrigens die- 
ses Schimpfwortes anscheinend überdrüssig zu werden. 
Die kossisce Presse. Es liegt in der Natur der 
Sache, daß die russische Presse als Ganzes in dem 
Chor des Dreiverbandes eine verhältnismäßig beschei- 
dene Stimme Heführt hat, wenn auch das Gebiet der 
äußeren Politik ihr noch in höherem Maße freigegeben 
war als das der inneren. Von einer wirklichen Blüte 
des Zeätungswessens konnte in Rußland nie die Rede 
sein. Eine Ausnahme bildet jedoch gerade das Blatt, 
das als Organ der nationalistischen Strömungen in 
den letzten Jahrzehnten eine immer größere, aber auch 
immer häßlichere Rolle gespielt und insbesondere in 
der zielbewußten Zusammenarbeit mit der englischen 
und französischen Presse Erhebliches geleistet hat, die 
„Nowoje Wremja= (7 Neue Zeit«). So wenig wie 
der .„ Matine ist sie jemals ein angesehenes Blatt ge- 
wesen; man hat es ein #niederträchtiges Pasquill mit 
unanständigem Inseratenteile und seinen Gründer 
und Leiter (1876—1913), Alexis Suworin, den Va- 
ler der Lüge genannt. Aber dieser war ein Jour- 
nalist ersten Ranges und hat sein Blatt zu einer poli- 
tischen Großmacht zuerheben verstanden. Auchsolange 
das amtliche Rußland die freundlichen Beziehungen 
333 
zu Deutschland noch zu pflegen schien, wie Ssasonow 
zur Zeit der Potsdamer Begegnung, um derentwillen 
er von der Nowose Wremja= grimmig angefallen 
wurde, kamen in diesem Blatte, so oft man es auch ver. 
leugnen wollte, die tatsächliche Stimmung Rußlands 
und die eigentlich herrschende Strömung zu unver- 
hülltem Ausdruck. Die Angaben über seine Auflage 
schwanken zwischen 30000 und 150000. Im Jahre 
1916 wurde einer der Redakteure des Blattes. ein Bru- 
der des früheren Ministerpräsidenten Stolypin, in 
einen überaus häßlichen Bestechungsprozeß verwickelt. 
Der in einer Auflage von 60— 70000 erscheinende 
„Bjetsch-„das Sprachrohr Miljukows, ist entsprechend 
der Haltung der Kadettenpartei im Kriege ganz deutsch- 
feindlich geworden, ist jedoch im übrigen ein verhält- 
nismäßig gut redigiertes und ernsthaftes Blatt. 
Im Gegensatz zu der -Nowoje Wremja= war bie 
vier Jahre später entstandene . Birschewijsa Wjedo- 
mosti= (7 Börsenzeitung ) liberal, juden- und deutsch- 
freundlich. Es war aber bezeichnend, daß gerade dieses 
Blatt unmittelbar vor dem Krieg die von dem = Rus- 
skoje Slowo= abgelehnten Kriegsbetzartikel des seitdem 
soschimpflich gestürzten Kriegsministers Suchomlinow 
veröffentlichte, insbesondere den berüchtigten vom 
Juni 1914, in welchem erklärt wurde, Rußland sei 
fertig zum Kriege und erwarte, daß Frankreich eben- 
falls fertig sei. Im Laufe des Krieges sind nun gerade 
die liberalen Elemente die lautesten und giftigsten 
Vertreter des Deutschenhafses geworden. während die 
Blätter der Rechten, denen einigermaßen bange ist 
vor den demokratischen Ideen des Westens, im allge- 
meinen mehr Zurückhaltung üben, weshalb sie der 
Neigung zum Sonderfrieden beschuldigt werden. Eine 
Ausnahme macht der fortschrittliche »Djen«, den die 
„Nowoje Wremja= schon vor dem Kriege mit dem 
deutschen Namen „Tage zu brandmarken liebte. Der 
alten deutschen -Petersburger Zeitunge hat der Krieg 
natürlich das Lebenslicht ausgeblasen. Jetzt ist das 
älteste Blatt Rußlands die 1756 gegründete -Mos- 
kowskija Wjedemosti= („Moskauer Zeitunge), das 
einstige Organ des berühmten Planflawisten Katkow. 
Sie gilt als Professorenblatt und war bis zum Aus- 
bruch des Krieges maßvoll und sachlich, ist aber jetzt 
ebenfalls gehässig und hetzerisch geworden, während die 
schon erwähnte „ Russkoze Slowo= („Kussisches Volk.), 
mit 250—300000 Lesern das verbreitetste Blatt 
Moskaus und Rußlands, im allgemeinen einen an- 
ständigen Ton anschlägt. Dagegen ist bezeichnender- 
weise der „Russkij Invalid-, das auf Staatskosten 
herausgegebene Offizierblatt, mit seinen fortgesetzten 
Meldungen von deutschen Greueln eines der ärmlich- 
sten und verlogensten Blätter Rußlands. 
Die Revolution vom März 1917 hat mit der gänz- 
lichen Aufhebung der Zensur zunächst einen Zustand 
völliger Wirrnis geschaffen, dessen Weiterentwicklung 
abgewartet werden muß. Unmittelbar vorher hatte 
noch das im Dezember 1916 gegründete Organ Proto- 
popows, . Russkaja Wolja-(2 Russischer Wille-), er- 
hebliche Bedeutung gewonnen. Von den Revolutions- 
organen vertritt „Prawdae („Wahrheit-) die radi- 
kale friedensfreundliche Richtung, während „Uache 
Dielo für die Fortsetzung des Krieges eintritt. 
Die italienische Presse. Die Erweiterung des Drei- 
verbandes der Presse zum Vierverband ist seit Jahren 
und Jahrzehnten insbesondere durch zwei italienische 
Blätter, den römischen „Messaggero“ und den Mai- 
länder-Secolo-, vorbereitet worden. Beiden hat man 
seit langem nachgesagt, daß sie im Solde des franzö-
        <pb n="420" />
        334 
sischen Botschafters Barrere stünden. In einer Aus- 
einandersetzung mit dem . Resto del Carlino= in Bo- 
logna hat der -Secolo, diese Beschuldigung zurückge- 
wiesen mit dem Anerbieten, seine Bücher offenzulegen, 
wenn die Gegenpartei ebenfalls dazu bereit seia und 
es mag dahingestellt bleiben, ob in mehr oder weniger 
plumper Weise Bestechungsgelder bezahlt worden 8 
oder ob eine andere Art von Beziehungen die beiden 
ausgesprochenen Freimaurerorgane veranlaßt hat, der 
Loslösung Italiens vom Dreibund und seinem An- 
schluß an den Dreiverband beharrlich und planmäßig 
vorzuarbeiten. Jedenfalls haben sowohl der -Messag- 
gero-, das in einer Auflage von 150—170000erschei- 
nende Lokal- und Skandalblatt der breiten Massen 
Roms — er wird im Volksmund wohl auch -Menxo- 
gnero-, der Lügner, genannt —, alsder 1866 von dem 
bekannten Musikverleger Sonzogno gegründete »Se- 
colo-, das Organ des unteren Mittelstandes in Mai- 
land, dessen Auflage übrigens im Laufe des Krieges 
von 100000 auf etwa 50000 zurückgegangen sein soll, 
erheblich zu dem letzten Endes von der Piazza, d. h. den 
Politikern der Straße, herbeigeführten Umschwung der 
italienischen Politik beigetragen. JImübrigen waren die 
mächtigsten Faktoren dieseslimschwungsdas-Giornale 
Ttalia- das 1901 gegründete, beim Eintritt Italiens 
in den Krieg angeblich zu einer Auflagenhöhe von 
200000 gediehene und in den gebildeten Kreisen Roms 
weitverbreitete Blatt des Ministers des Auswärtigen 
Sidney Sonnino und Sprachrohr der gegenwärtigen 
Regierung, sodann aber und vor allem das eigentliche 
Organ der italienischen Nationalisten und des auf 
rücksichtslose Expansion gerichteten sacro egoismoc, 
die » Idea Nazionaler. Die im Oktober 1914 erfolgte 
Umwandlung dieser ehemaligen Wochenschrift in eine 
Tageszeitung ist das hervorstechendste äußere Merk- 
mal des Geistes, der in der italienischen Presse zum 
Durchbruch und zur fast ausschließlichen Herrschaft 
gelangt ist. Das Blatt gehört der Verlagsgesellschaft 
: I. Italiana-, die bei feiner Umwandlung in eine 
Tageszeitung über 1 Million Lire verfügte. An 
der Spitze des Verwaltungsrates stand zunächst eine 
der hervorragendsten Persönlichkeiten der italienischen 
Industrie, insbesondere der am Krieg interessierten 
Schwerindustrie, der Ingenieur Dante Ferraris. 
Er hat jedoch seine Stellung beider Verlagsgesellschaft 
niedergelegt, und zwar weil er die Angriffe des Blattes 
auf die Banca Commerciale nicht verhindern konnte. 
Kurz darauf soll das Stammkapital um 1,2 Million 
Lire erhöht worden sein. über die Auflage des Blattes 
liegen keine sicheren Angaben vor, es ist aber vor 
allem in der Universitätswelt weit verbreitet und wird 
daneben auch in Handels- und Industriekreisen viel 
gelesen. Die Kriegsbegeisterung der » Idea Nazionale- 
ist älter als ihre Feindschaft gegen die Mittelmächte; 
jetzt aber ist diese Feindschaft aufs schärfste ausgeprägt, 
und sie scheut keine Verkeumdungen und Verheßzungen, 
wenn auch gewisse Vorzüge und Leistungen der deut- 
schen Organisation anerkannt werden. Auch das größte 
und hervorragendste Mailänder Blatt, der= Corriere 
della Sera« (gegründet 1883), hat mit seiner Pflege 
des Irredentismus und mit seinem Protest gegen 
Deutschlands angebliche Weltherrschaftsgelüste, insbe- 
sondere auch als Blatt des Erzhetzers -Gabriele d'An- 
nunzio" sofort nach dem Ausbruch des Weltkrieges 
die entscheidende Wendung einleiten helfen. Eine An- 
zahl anderer maßgebender Blätter hat wenigstens 
Schritt für Schritt die Politik der Regierung mitge- 
macht, so die römische Tribuna, gegründet 1882, das 
IV. Kultur und Geistesleben 
Organ aller Regierungen, von Depretis bis Gio- 
litti, jeßt von dem englischen Botschafter Rennel Rodd 
maßgeblich beeinflußt; vom „Giornale d’Italia: ( 
oben) stark zurückgedrängt, kann die-Tribuna= immer 
noch als Organ der Großbanken und der Großindu- 
strie bezeichnet werden. Maßvoll in seiner Haltung 
gegenüber Deutschland ist neben dem vatikanamtlichen 
„Osservatore Romano auch das nichtamtliche kleri- 
kale Blatt Roms, der , Corriere d'ltalia-. Gegrün. 
det vor etwa zehn Jahren, als Papst Pius X. den 
Katholiken die Beteiligung am politischen Leben frei- 
gegeben hatte, unterstützt er warmherzig die Friedens- 
politik des Papstes. Weiter sind als Blätter von ge- 
mäßigter Haltung zu nennen die »Stampa« in Turin. 
deren Direktor Frassati von Giolitti zum Senatorge 
macht wurde, und die, wie Giolitti selbst, den Eintrin 
Italiens in den Krieg so lange wie möglich bekämpfte; 
ferner der = Mattino= in Neapel und das Organ der 
offiziellen Sozialdemokraten, der früher in Rom, seit 
einigen Jahren in Mailand erscheinende »Avantin, 
der seiner antimilitaristischen und neutralistischen Hal- 
tung treu geblieden ist. Dafür ist ihm in dem von 
seinem früheren Leiter Mussolino herausgegebenen, 
ebenfalls in Mailand erscheinenden Konkurrenzblatt 
»Popolo TItalia, dem Blatt der Reformsozialisten. 
ein wütender Gegner erwachsen, der zugleich in der Be- 
schimpfung der Mittelmächte das Ungeheuerlichsteleistet. 
Die Presse der übrigen feindlichen Länder. Was 
die Presse der übrigen uns feindlichen Länder ande- 
langt, so ist die japanische natürlich von dem Krieg 
kaum berührt worden. Die = Deutsche Japanpost“. 
das einzige deutsche Blatt des Landes, mußte gleich 
nach dem Ultimatum sein Erscheinen einstellen. In 
der japanischen Presse selbst hatte der englische Einfluß 
von jeher stark überwogen; so machte sich auch in der 
Stellung zum Krieg kein erheblicher Unterschied zwi- 
schen den Regierungsblättern und denen der Oppo- 
sition geltend, zumal im Laufe des Krieges mit dem 
Rücktritt des greisen Qkuma in dem Grafen Terau- 
tichi die Militärpartei an die Regierung gelangte. 
Eigentliche Feindseligkeit gegen Deutschland trat nur 
vereinzelt zutage, und gelegentlich wurden sogar Auße 
rungen der Bewunderung und einer gewissen dank 
baren Erinnerung an frühere Wohltaten laut. Die 
Meinungsverschiedenheiten über den Krieg erstreckten 
sich jedoch in der Hauptsache auf die Frage der Ent- 
sendung von Truppen auf den europäischen Kriegs- 
schauplat und die des Verhältnisses zu Rußland und 
zu den Vereinigten Staaten von Amerika. 
In schärfstem Gegensatz zu der japanischen Presse 
wurden natürlich die der kleinen europäischen Länder 
durch die Kriegsereignisse in allerstärkste Mitleiden- 
schaft gezogen. In Belgien stellien nach der Ein- 
nahme von Lüttich und nach der Besetzung von Brüs- 
sel sämtliche alten Blätter ihr Erscheinen ein. Von 
der Brüsseler Presse siedelten mit der Regierung ein- 
zelne nach Antwerpen und Ostende über, so die weit- 
verbreitete „Independance belge« die stets für die 
französische Regierung gearbeitet hatte, und der sozia- 
listische Peuple# Mit ihnen betrieb die Antwerpener 
„Metropole“ und die in Gent erscheinende Flandre 
liberaler die Schürung des glühendsten Hasses gegen 
Deutschland. Nach dem Falle Antwerpens hörten 
auch diese Blätter zu erscheinen auf, nur der = Ami 
de I'Ordre in Namur und der -Bien Public in 
Gent sowie einige flämische Blätter in Gent, Antwer- 
pen und Brüssel beugten sich der deutschen Zenfur. 
Dagegen tat sich nunmehr die belgische Flüchtlings.
        <pb n="421" />
        Dehn: Englische Kampfmethoden 
presse auf. In Le Havre, dem Regierungssitz, -Le 
XXe Sies#cle., in Holland - L'Echo belges und in 
England die -Indépendance belge und die -Metro- 
pole-; an der PMer erschien » Le Standard-. Von den 
im besetzten Belgien erscheinenden Blättern leisten die 
flämischen, wie die = Gazet van Brüssel-, bemerkens- 
werte Arbeit im Sinne der flämischen Kusturbestre- 
bungen, denen durch die deutsche Besetzung günstige 
Aussichten eröffnet werden. Von den in fronföslcher 
Sprache erscheinenden Blättern hat - La Belgiqne. 
in Brüssel die größte Bedeutung, dann folgen »Le 
Bruxzellois- und „Le Bien Public= in Gent. Sie 
wahren im allgemeinen den Burgfrieden und lassen 
keine politische Tendenz erkennen. 
War Belgien vor dem Kriege ein Zeitungsland 
ersten Ranges, wenigstens was die Zahl der Blätter 
anbelangt, so hat auch Rumänien ein verhältnis- 
mäßig stark entwickeltes Zeitungswesen gehabt, das 
allerdings im Range noch erheblich unter dem belgi- 
schen stand. Organe der liberalen Regierung Bratia- 
nus waren= Vittorul= ((Die Zukunfte) und -L'Indeé- 
pendance Roumaine; schwankend wie die Regie- 
rungspolitik war auch das bedeutendste Blatt Rumä- 
niens, . Universule, mit seinen 75—78000 Lesern. 
Vor dem Kriege farblos, hat es im Laufe des Krieges 
seine Haltung mindestens drei= bis viermal gewechselt. 
Kriegspolitik und Anschluß an den Bierverband ver- 
traten seit Ausbruch des Krieges unverhüllt das be- 
rüchtigte Blatt Konstantin Milles, „Adeverul-- (Die 
Wahrheit-; etwa 60000 Leser) mit dem etwas maß- 
volleren Morgenblatt „Dimineate, ferner Take Jo- 
neskus Leiborgan = La Roumanie-, die Epoca= des 
ehemaligen Kriegsministers Filipescu und das Russen- 
blatt-Gazetaz. Auf der entgegengesetzten Seite stan- 
den außer dem seit 1879 bestehenden = Bukarester Tag- 
blatte und dem rumänischen „Lloyd- (1883) die 
1914 von deutscher Seite begründete „Ziua“ (Tag.) 
und die ebenfalls auf die Seite der Mittelmächte ge- 
tretene „Seara: („Abende), in bedingter Weise die 
Blätter der Parteien Marghilomans,-Steagul= (Die 
Fahne-) und „Politique, und die -Moldava Peter 
Carps. Nachdem sich Rumänien auf die Seite der 
Entente gestellt hatte, stellten zunächst die deutschen und 
deutschfreundlichen Blätter ihr Erscheinen ein. Nach 
dem Fall von Bukarest erschien dann wieder das = Bu- 
karester Tagblatt«, eine Zeitlang als einziges. 
Noch vollständiger als die rumüänische ist die ser- 
bische Presse vom Kriege hinweggesegt worden. 
Bald nach seinem Ausbruch siedelten die amtlichen 
„Sobske Worine sowie die halbamtlichen Blätter 
335 
ISamouprava- und --Odjeke mit der Kegierung nach 
Nisch über, um mit dessen Einnahme ganz zu ver- 
schwinden. An der verhängnisvollen Rolle, die Ser- 
bien als das = Zündholze des Weltkrieges gespielt hat, 
kommt der serbischen Presse ohne Unterschied der 
Parteirichtung ein erheblicher Anteil zu. . Samen- 
prava-, das Hauptorgan des radikalen Ministeriums 
Paschitf „stand, als der Krieg ausbrach, in peinlich 
lebhaftem Kampf mit dem seit vielen Jahren im groß- 
serbischen Sinne wirkenden Verschwörerblatt Pie- 
monte, dem Organ der Militärpartei. Beide Par- 
teien stritten sich um die Ehre, die Balkankriege glück- 
lich geleitet zu haben, und der dadurch hervorgerufene 
Gegensatz dauerte noch fort, als die Regierung nach 
Nisch, das Hauptquartier nach Kragujewatsch verlegt 
worden war. Noch hetzerischer und OÖsterreich feind- 
licher als „Piemont= war die Politike der Brüder 
Ribnikav. Das Blatt der Jungradikalen, »Odjek«, 
wurde halbamtlich erst mit dem Eintritt der jung- 
radikalen Führer Dawidowitsch und Draskowitsch in 
das Koalitionskabinett Paschitsch. Die Liberalen und 
ihre Blätter blieben immer in der Opposition gegen 
das Ministerium Paschitsch. 
Was die Presse unseres neuesten Feindes, der Ver- 
einigten Staaten von Amerika, anbelangt, so 
ist an dieser Stelle lediglich zu erwähnen, daß die 
Blätter W. R. Hearsts, der -New Tork Americanz. 
der »New Tork Evening Journal-, der -Boston 
American-, der „Chicago Examiner-, der-Chicago 
American-, der „San Francisco Examiner, und der 
„Los Angeles Examiner-, bie in den ersten Kriegs- 
jahren einen wirklich neutralen und daher deutsch- 
freundlichen Standpunkt eingenommen hatten und 
denen deswegen die Benutzung der nglischen Kabel ! 
sperrt worden war, schon mit dem Abbruch der diplo- 
matischen Beziehungen im Februar 1917 eine volle 
Schwenkung vollzogen und daß auch die deutsche 
Presse nicht mehr gegen den Strom zu schwimmen 
wagte. So behaupteten die eigentlichen Hetzblätter. wie 
„New Vork Herald-,-New Vork Times- und New 
Tork World., die schon seit langem auch in engster 
Fühlung mit der englischen und französischen Presse 
standen, das Feld unbestritten, und als Lord Nortbh- 
eliffe im Frühjahr 1917 daran ging, seine Presse-r- 
l#unisation nach Amerika zu verpflanzen, fand er den 
oden aufs trefflichste vorbereitet. Er stattet damit 
nur eine alte Schuld ab, denn in den Vereinigten 
Staaten von Amerika, welche die niedrigst stehende 
Presse der Welt haben, ist der Gedanke der Daily 
Mail- geboren worden. 
Englische Kampfmetlhoden 
von Paul Dehn in Zehlendorf bei Berlin 
Größeren Erfolg als mit seiner gefürchteten Flotte 
und mit seinem erstaunlich verstärkten Heer erzielte 
England mit gewissen ihm überlieferten Kampfmetho- 
den, mit der Vergewaltigung der Neutralen und ihres 
Schiffahrtsverkehrs durch Beseitigung des Seekriegs- 
rechts, mit Brief- und Depeschenraub, Ausspäherei 
und schwarzer Liste, mit Treuhandgesellschaften zur 
Knebelung des neutralen Handels, mit der Diplo- 
matie des Geldes und mit seinem Pressefeldzug gegen 
Deutschland. 
Die Beseitigung des Seekriegsrechts. Anfangs 
hatte England das Londoner Seekriegsrechtsabkom. 
men von 1909 (vgl. Bd. I, S. 367) mit Vorbehalten 
anerkannt, baute es aber allmählich ab und hob es 
Mitte 1916 ganz auf, um sein altes Kanonenrecht 
wieder in Kraft zu setzen. Anstatt -Britannia, rule 
the waves« müsse man sagen, so meinte ein nord- 
amerikanisches Witzwort: -Britannia waives the 
rules= (England setzt die geltenden Regeln beiseite). 
England gedachte die Mittelmächte durch Ab- 
sperrung aller überseeischen Zufuhren auszuhungern 
oder zu erschöpfen und zum Frieden zu zwingen. 
Es vergewaltigte dabei die Rechte der Neutralen
        <pb n="422" />
        336 
und nötigte Deutschland zur Abwehr, zum Untersee- 
bootkrieg. 
Schon bald nach Kriegsausbruch schuf sich Eng- 
land, wie Minister Runciman am 10. Januar 1917 
im Unterhause zugestand. die längste Bannwarenliste, 
die die Welt je gesehen hat-. Nach Aufhebung der 
Unterscheidung zwischen bedingter und unbedingter 
Bannware beschlagnahmte England nach altem 
Brauch auf neutralen Schiffen alle Güter für neu- 
trale Häfen, sobald englische Willkür den Verdacht 
hegte, daß sie für Feindesland bestimmt sein könnten. 
England vermochte nicht eine formelle Blockade 
über die deutschen Küsten zu verhängen. Um den 
Deutschen alle Zufuhren abzuschneiden, erklärte es am 
3. November 1914 die ganze Nordsee als Kriegsgebiet 
und sperrte sie durch seine papierene Hochseeblockade 
derart, daß auch Holland und die skandinavischen 
Staaten vom freien Seeverkehr abgeschnitten und ge- 
nötigt werden konnten, ihre Handelsdampfer englische 
Häfen anlaufen zu lassen, nachdem die englischen 
Kriegsfahrzeuge wegen der deutschen Unterseeboot- 
gefahr angewiesen worden waren, die neutralen 
Schisse nicht auf hoher See zu durchsuchen. In den 
englischen Häfen war die Untersuchung von Schiff 
und Ladung so umständlich und peinlich wie möglich. 
Jedes Schi mußte seine Ladung löschen. Nach dem 
englischen Weißbuch von Neujahr 1916 prüfte man 
jedes Stück im Lichte all der Nachrichten, die aus den 
verschiedenen der Regierung zu Gebote stehenden 
Quellen (durch Handelsausspäherei oft sehr unsaube- 
rer Art) gewonnen wurden und deren Anzahl jetzt 
nach 1½jähriger Kriegsdauer sehr beträchtlich ist. 
Hunderte von neutralen Schien mit Lebensmitteln, 
Rohstoffen und verderblichen Waren für Holland und 
Slandinavien wurden monatelang in englischen Hä- 
fen zurückgehalten und umständlich untersucht. Bann- 
ware war nach englischer Auffassung jede Ware, deren 
Weiterausfuhr die neutralen Staaten nicht verboten 
hatten. Wurden die beanstandeten Ladungen frei- 
gegeben und waren sie dem englischen Markt er- 
wünscht, so suchte man sie unter Hinweis auf die Kosten 
der Wiedereinladung billig anzukaufen oder ließ sie 
enteignen. Nordamerikanische Beschwerden darüber 
beschied England ablehnend. Am 7. Januar 1915 
verwies Grey auf die rnationale Sicherheite, mit der 
jeder übergriff entschuldigt wurde, und auf die angeb- 
lichen = Abweichungen der Gegner von den Regeln der 
Lesliiung und Menschlichkeite. Nach Einsetzen des 
Unterseebootkrieges von 1917 gab England neutrale 
Schiffe, die es angehalten hatte, nur frei, wenn sie 
sich zu neutralitätswidrigen, gefährlichen Fahrten in 
englischen Diensten verpflichteten. 
ngland veranlaßte die nordamerikanische Union 
nach ihrer Kriegserklärung, die Lebensmittelausfuhr 
nach den neutralen Staaten Europas (Holland, Spa- 
nien, Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark) vom 
15. Juli 1917 anzuverbieten. Nur wenn sich diesever- 
tragsmäßig verpflichteten, keinerlei Waren, besonders 
keine Lebensmittel, auch nicht eigene Landeserzeugnisse, 
wie Vieh und Fleisch, nach Deutschland auszuführen, 
nur dann sollte das Ausfuhrverbot abgeschwächt und 
ihnen, soweit nach Versorgung der Verbündeten Vor- 
räte übrigblieben, der eigene Bedarf in knapper Zu- 
messung unter Aussicht von Beamten der Vereinigten 
Staaten geliefert werden. Die bereits abgeschlossenen 
Kornankäufe der Neutralen in Neuyorkwurden zurück- 
gehalten. Vergeblich verwahrten sich die Neutralen 
gegen diese Erweiterung des englischen Aushunge- 
IV. Kultur und Geistesleben 
rungskrieges. Von Deutschland erhielten sie Kohlen, 
Arzneien und andere unentbehrliche Zufuhren und 
konnten auf den Güteraustausch mit Deutschland, auf 
jede Ausfuhr nach Deutschland unmöglich verzichten. 
Indessen verlangte man in Washington, die Neutralen 
sollten alles, was sie vom Auslande benötigten, aus- 
schließlich aus den Verbandsländern beziehen, obwohl 
England Kohlen nur ungenügend und nur zu über- 
mäßig hohen Preisen, Arzneien usw. garnicht zuführen 
konnte. Durch solche Vergewaltigung, durch Preisgabe 
ihrer handelspolitischen Neutralität, durch Knebelung 
ihrer Selbständigkeit sollten die neutralen Staaten an 
der Seite des Verbandes in den Krieg hineingezwun- 
en werden. Solange die Vereinigten Staaten von 
merika neutral waren, beanspruchte Präsident Wil. 
son für sie freien Handel mit allen Regierungen, auch 
freie Massenausfuhr von Kriegsbedarf als ein Recht 
der Neutralen, verleugnete dieses Recht aber ohne 
Scheu, als er den Krieg gegen Deutschland erklörte, 
angeblich um Amerikas neutrale Handelsrechte zu 
wahren im Namen von Demokratie und Menschlich- 
keit und zum Schutz der kleinen Staaten, die es in 
Wirklichkeit gröblich vergewaltigte. Auch die Schiffe 
sollten ihnen entzogen werden. 
Englands üÜbergriffe zur See schädigten mehr den 
neutralen als den feindlichen Handel. Wie die schwei. 
erische Schrift „Englands Kriegführung gegen die 
eutralene (Zürich 1917) darlegt, suchte England 
den Krieg tunlichst durch die Neutralen führen zu 
lassen und auf sie einen Teil der Kriegslasten abzu- 
wälzen. England dresfan seine Handelsschiffe und 
veranlaßte sie durch Geheimerlaß zur Führung neu- 
traler, also falscher Flaggen, verweigerte neutra- 
len Dampfern die Schlffsccohe. oder gab sie nur dann. 
wenn sie mit Ladung einliefen oder sich verpflichteten. 
ein Drittel ihres Frachtraums dem englischen Verkehr 
vorzubehalten und keinen feindlichen Hasen anzulau- 
fen; es erklärte im April 1916 deutsche Schiffskohle 
als Bannware und ließ sie auf neutralen Schiffen be- 
schlagnahmen, um diese Schiffe in seinen Dienst zu 
zwingen und seine Gewaltherrschaft über die Neutra- 
len noch zu verschärfen. 
Nach dem Londoner Seekriegsrechtsabkommen 
durften auf neutralen Schiffen nur feind'iche Wehr. 
pflichtige, die bereits in die feindliche Streitmacht 
eingereiht waren, gefangengenommen werden. Eng- 
land beeilte sich nach Kriegsbeginn, die neutralen 
Schiffe peinlich zu untersuchen und alle männlichen 
Deutschen, auch Greise, zu Kriegsgefangenen zu 
machen. Dadurch hielt es viele Tausende, vielleicht 
Hunderttausende, von dem Eintritt in das deutsche 
Heer zurück. England übertrug den Krieg auch auf 
feindliches Privateigentum in seinem Bereich, ließ 
deutsche Geschäftshäuser in England auflösen und in 
seinen wie in den besetzten deutschen Kolonien zum 
Teil zerstören. 
Am 20. September 1914 hatte England versicherm 
lassen: »Die Freiheit der Meere für friedlichen Han- 
del ist ein feststehender und allgemein anerkannter 
Grundsatz.= Nach der Durchlöcherung des Londoner 
Seekriegsrechtsabkommens und nach der äußersten 
Vergewaltigung der Neutralen war Grey keck genug, 
am 14. November 1915 im Unterhause zu erklären, daß 
England seine Oberseeherrschaft als Vertrauensamt 
betrachte und nur im Interesse der Freiheit benutze 
— im Interesse der englischen Freiheit. 
Zur Entschuldigung Englands meinten gemäßigte 
Engländer, das Völkerrecht sei etwas Lebendiges, der
        <pb n="423" />
        Dehn: Englische Kampfmethoden 
Entwicklung unterworfen und mülssse je nach den Be- 
dürfnissen des Handelskrieges verändert werden. Wie 
weit diese Entwicklung gekommen war, erhellte ein 
Ausspruch Frenchs von Mitte 1916:7 Im Kriege ken- 
nen wir Engländer kein Völkerrecht.# 
Das hatten die Neutralen erfahren und konnten 
es bestätigen. Von ihrem rechtmäßigen Handel war 
nur ein Schimmer übriggeblieben. Höhnisch klang 
die Behauptung des Handelsministers Runciman im 
Unterhause am 10. Januar 1917, »daß niemals Neu- 
trale besser behandelt wurden als während dieses Krie- 
ges von unserer Seite. Dagegen hatte der Londoner 
„Economist= vom I1. Auguse 1915 gestanden: Tat- 
sache ist, daß die Neutralen, deren Interesse durch un- 
sere Blockade beeinträchtigt wird, unzweifelhaft der 
sesten Ansicht sind, wir mißbrauchten unsere Macht. 
Die Lehre, die sie jetzt empfangen, wird von ihnen 
sicherlich nicht vergessen werden, auch nicht von un- 
seren gegenwärtigen Verbündeten, wenn sie in künf- 
tigen Jahren auf die Ereignisse von 1914/15 zurücck- 
blicken.: Diese Besorgnis hatte das Svenska Dag- 
blad= Nr. 66 vom 20. Juni 1915 in Stockholm mit 
dem Satze bekräftigt, das Faustrecht, das England 
nunmehr auf dem Meere ausübe, trage Englands Fall 
in sich, wenn die neutralen Staaten Englands Will- 
kür, womit es Recht und Unrecht auf dem Meere allein 
zu bestimmen fordere, hinzunehmen sich weigerten, so 
verteidigten sie nicht nur ihr eigenes Recht, sondern 
auch Englands zukünftige Sicherheit, die davon ab- 
hänge, daß das Seerecht nicht nur ein leeres Wort sei. 
Brief= und Depeschenranb. Obwohl das Haager 
Abkommen von 1907 (vgl. Bd. I, S. 370) die amt- 
lichen und privaten Briefpostsendungen der Neutralen 
wie der Kriegführenden für unverletzlich erklärt hatte, 
ließ die englische Regierung, nachdem sie anfangs die 
Unverletzlichkeit der heribsent anerkannt hatte, auf 
neutralen Schiffen alle deutschen Zeitungen, Kreuz- 
bänder und Bücher für übersee beschlagnahmen und 
seit Frühjahr 1915 auch die Briefsäcke der neutralen 
Staaten in Europa und übersee. Die französische 
Regierung folgte diesem vorghen Bis Ende 1916 
hatte England über 53000 Briefpostsäcke, von neu- 
tralen Ländern nach Deutschland oder von Deutsch- 
land nach neutralen Ländern bestimmt, weggenom- 
men, darunter auch Scheck-, Wechsel- und Geldsen- 
dungen, besonders die aus Deutschland versandten 
Wertpapiere, die zumeist bei der Durchsuchung ver- 
schwanden. Außerdem hielt England neutrale Han- 
delsdepeschen in Massen zurück, angeblich weil sie eng- 
lischen Interessen schädlich seien, ohne die gezahlten 
Gebühren zurückzuerstatten. In Chicago erklärte die 
Fabrikanten- und Händlervereinigung am 21. Vupst 
1915, dadurch im Handel mit Rußland um 100 Mi 
lionen Dollar geschädigt worden zu sein, da von 50 
Kabeldepeschen nur fünf übermittelt wurden, und ver- 
langte ein unmittelbares Kabel mit Rußland. Aus 
Brasilien kamen ähnliche Klagen, vor allem aber aus 
den neutralen Ländern Europas. 
Anfangs hielt es England nicht für nötig, sein 
Verfahren zu rechtfertigen. Erst auf wiederholte Vor- 
stellungen der Neutralen antwortete es mit den ge- 
wohnten Rechtsverdrehungen. Am 13. Oktober 1915 
und am 6. Januar 1916 meinte aurh im Unter- 
hause, England lasse die Briefposten auf offener See 
unberührt, sei aber berechtigt, sie auf Schiffen inner- 
halb seiner Landesgewässer zu untersuchen. Eine 
solche Unterscheidung macht das Haager Abkommen 
nicht; es würde dadurch auch durchlöchert werden, 
Der Krieg 1914/17. U. 
337 
zumal England die neutralen Schiffe zum Anlaufen 
seiner Häfen zwang. 
Eine englische Denkschrift, auch im Namen Frank- 
reichs veröffentlicht, vom April 1916 behauptete, das 
Haager Abkommen von 1907 beschränke keineswegs 
das Recht der Kriegführenden, Waren zu durchsuchen 
und r.r beschlagnahmen, die in Hüllen, Umschlägen 
und Briefen in den Postsäcken versteckt seien, und be- 
anspruchte auch fernerhin dieses Recht mit der leeren 
Vertröstung, sich auf dem Meere (also nicht auch wäh- 
rend des Zwangsaufenthalts der neutralen Schiffe in 
englischen Häfen) der Beschlagnahme von Briefen zu 
enthalten. 
Nur infolge lauter Klagen ihrer Angehörigen über 
die schweren Schädigungen durch den englischen Brief- 
raub ließ sich erst am 24. Mai 1916 die Union zu 
einer Verwahrung gegen das rechtswidrige Verfahren 
der englischen und französischen Regierung herbei, 
stellte entgegen englischen Angaben fest, daß Deutsch- 
land der neutralen Post keine Schwierigkeiten bereite, 
und kennzeichnete den englischen Briefraub als un- 
erhört und böswillig, wollte ihn nicht dulden, ließ es 
aber bei diesem Protest bewenden. 
Nur die schwedische Regierung schritt, als ihre Vor- 
stellungen erfolglos blieben, zu Vergeltungsmaßregeln 
und verfügte Ende 1915 die Zurückhaltung der englisch- 
russischen Postwaketdurchfuhr. Darin erblickte Eng- 
land, das fremde otreche fortwährend verletzte, 
einen Eingriff in die seinigen. Mitte 1916gab Schwe- 
den 60000 zurückgehaltene Postpakete wieder frei, er- 
hielt aber von England nur ungenügende Zusiche- 
rungent. Alles blieb beim alten. 
Arger als je zuvor betrieb England den Brief= und 
Depeschenraub und verband damit Absichten unlau- 
teren Wettbewerbs, um den deutschen und mit ihm den 
neutralen Handel zu schädigen, womöglich zu unter- 
binden und das ganze überseegeschäft in Baumwolle, 
Kaffee usw. in englische Hände zu bringen. Zu die- 
sem Zweck waren in London Vermittlungsstellen ein- 
gerichtetr worden, im Anschluß an das Auswärtige 
mt eine umfangreiche Abteilung für den Außen- 
handel, die sich nach der Mitteilung des Ministers 
Lord Robert Cecil vom 27. März 1916 auch mit der 
Aufstellung der schwarzen Liste für den Wiederauf- 
bau nach dem Kriege befaßte, und ferner ein kauf- 
männischer Nachrichtenausschuß mit der Aufgabe, die 
weggenommenen Briefe, Depeschen und Zeitungen 
nach politischen, militärischen, nicht zuletzt nach wirt- 
schaftlichen Nachrichten zu durchspüren. Auch in dem 
Hafen Kirkwall, den die neutralen Schiffe anlaufen 
mußten, bestand ein solches Amt mit 300 Angestellten. 
Alle Mitteilungen über geschäftliche Beziehungen, 
Nachfrage und Angebot, Abschlüsse und Kreise, alle 
Geheimnisse des Geschäftsverkehrs der Deutschen und 
Neutralen mit Üübersee wurden dort ausgezogen, ge- 
sichtet, geordnet, vervielfältigt und den englischen 
Handelskammern und Großhändlern zur Ausnutzung 
übermittelt. Auch amerikanische Interessenten wie 
das Bankhaus Morgan erhielten durch diese plan- 
mäßige Ausspäherei im großen manchen Wink. Bu- 
siness as usual! 
Die schworzen Listen. Unter Mißachtung der 
Haager Landkriegsordnung von 1907 verletzte Eng- 
land die neutralen Hoheitsrechte wie die Privatrechte 
Neutraler, als es Anfang 1916 allen Bewohnern des 
Reiches, auch den dort ansässigen Neutralen, jeden 
1 Näheres in dem schwedischen Blaubuch von Mitte August 1916. 
22
        <pb n="424" />
        338 
Handel mit feindlichen Angehörigen untersagte. Um 
dieses Handelsverbot auch in neutralen Ländern durch- 
usetzen, ließ England auf Grund der Ausspäherei 
seiner Vertreter und mit Hilfe des Briefs= und De- 
peschenraubes eine schwarze Liste neutraler Geschäfts- 
häuser in neutralen Ländern aufstellen, mit denen 
keinerlei Handelsverkehr unterhalten werden durfte. 
Verstießen Neutrale gegen dieses Verbot, so wurden 
sie ebenfalls auf die schwarze Liste nesetz. Durch die- 
sen Kettenverruf verhinderte England neutrale Ge- 
schäfte, mit ihren eigenen Landsleuten zu verkehren, 
und griff störend und schädigend in die Handelsfrei- 
#2 neutraler Angehöriger in neutralen Staaten ein. 
uweilen behandelte England sie wie seine Untertanen 
und ließ ihnen Befehle zugehen. So durften auf Ver- 
langen des englischen Konsuls in Norwegen schwedi- 
schen Dampfern, weil sie auf der schwarzen Liste stan- 
den, weder Lebensmittel, noch Trinkwasser, noch 
Schlepper, noch Aushilfe geliefert werden. Proteste 
wurden nicht beachtet. 
Nicht weniger als 3000 Geschäfte und Gesellschaf- 
ten standen auf der schwarzen Liste Englands vom 
8. August 1916 mit 12 Nachträgen bis 3. Mai 1917, 
auf der Hauptliste 138 in Holland und Kolonien, 29 
in Dänemark, 93 in Schweden, 95 in Norwegen, 196 
in Spanien, 165 in Portugal und Kolonien, 61 in 
Griechenland, 90 in Marokko, 86 in der nordameri- 
kanischen Union und 468 im Übrigen Amerika usw., 
darunter Schiffahrtsgesellschaften, Banken und Zei- 
tungen. Frankreich, Italien und Rußland ahmten 
die schwarze Liste Englands nach. 
Neben der öffentlichen schwarzen hielt England, 
um die Neutralen zu hintergehen, noch eine geheime 
raue Liste mit einer noch größeren Zahl von Ge- 
scthafeshäusern. deren Verkehr als unerwünscht be- 
zeichnet wurde, ferner eine weiße Liste mit empfohle- 
nen Geschäftshäusern, beide mit fortlaufenden Nach- 
trägen. 
entrüstet klagten die geschädigten Kreise, auch in 
der nordamertkanischen Union, über die englische Han- 
delsächtung und verlangten Vergeltungsmaßregeln. 
Leicht hätte die Unionsregierung die Beseitigung der 
schwarzen Liste erzwingen können, versagte aber un- 
ter dem Druck ihrer Hochfinanz, die mit England zu- 
sammenarbeitete und sogar die schwarze Liste ver- 
breiten ließ, um Hand sond mit England den 
deutschen Amerikahandel an sich zu bringen. In Ar- 
gentinien, Brasilien und Chile wurden Abwehrmaß- 
regeln gegen die schwarze Liste beschlossen, doch nicht 
ausgeführt. 
Mit seiner schwarzen Liste gedachte England den 
Handelskrieg gegen Deutschland nach dem Kriege in 
die Wege zu leiten. 
Deutschland untersagte den Handelsverkehr nur 
mit solchen neutralen Geschäftshäusern, die dem 
Feinde Kriegsbedarf lieferten, um ihnen den Bezug 
von Rohstoffen und Maschinen dafür zu entziehen. 
Die Knebelung des neutralen Handels. Durch- 
suchung und Beschlagnahme genügten den Englän- 
dern nicht, auch nicht die Aus- und Durchfuhrverbote, 
zu denen sich die europäischen Neutralen hatten nöti- 
gen lassen. Die englische Handelspolitik ging weiter 
und übertrug ihre auf Brief= und Depeschenraub be- 
ruhende Ausspäherei in die neutralen Staaten selbst 
durch Ereichtung einer Art von Treuhandgesellschaf- 
ten nach dem Vorschlage des Deutsch-Engländers 
Oppenheimer (1900—10 englischer Generalkonsul in 
Frankfurt a. M.) unter Heranziehung von Landes- 
IV. Kultur und Geistesleben 
interessenten mit der Aufgabe, die Ein-, Aus- und 
Durchfuhr der neutralen Länder unter englische über- 
wachung zu bringen, um jeden Güteraustausch mit 
den Mittelmächten, vor allem jede Weiterausfuhr zu 
ihnen, zu verhindern. 
Seil Ende 1914 entstanden für Holland die-Neder- 
landsche Overzee Trust Maatschappije im Haag 
(N. 0. T.), kurzweg Not genannt, für die Schweiz 
die -Sociéèéte Snisse de Surveillance Economique- 
(8. S. S.), für Schweden die Aktiengesellschaft „Tran- 
sito-, für Dänemark das = Grosserer-Sozietete Ko- 
mitee in Kopenhagen und für die Union die - Ame- 
rican Oversea's Corporation. in Neuyork. 
Das Vorbild dieser Gesellschaften, die holländische 
N. O. T., arbeitet mit einem Kapital von 2,4 Mill- 
Gulden, verfügt Über 1000 Angestellte in 15 für sei- 
nen Betrieb eingerichteten Häusern des Haag und er- 
hob sich zu einer Nebenregierung in Handel und Wan- 
del durch den von der Staatsverwaltung stillschweigend 
und von dem Handel vertragsmäßig anerkannten An- 
spruch auf vollständige Herrschaft über Außenhandel 
und Schiffahrt Hollands. Die N. O. T. erstrebte und er- 
langte die ausschließliche Vermittlung der überseeischen 
Wareneinfuhr Hollands, da alle Einfuhr, soweit sie 
nicht unmittelbar für die N. O. T. bestimmt war, von 
England als verdächtig beschlagnahmt wurde. Somit 
waren andere Bezugsquellen für Holland nahezu 
ausgeschlossen. Die N. O. T. ließ Hollands Schiffs- 
und Hafenverkehr peinlich überwachen, bestimmte für 
Reeder, Kaufleute und Fabrikanten die Geschäftsbe- 
dingungen und beschränlkte sogar den Güteraustausch 
wichen Holland und dessen Kolonien. Einfuhrwaren 
urften nur an solche Geschäftshäuser und Fabriken 
geliefert werden, die den Aufsichtspersonen der N. O. T., 
650 an der Zahl, unbeschränkte Einsicht in ihren Be- 
trieb, in ihre Bücher und Lagerhäuser eingeräumt 
betten. Verschärft wurde die Aufsicht durch Mitwir- 
ung des englischen Gesandten, der englischen Konfuln, 
jasogar staatlicher Behörden, ferner besonderer Späher 
und Lockspitzel und des in englischem Solde stehenden 
„Tel u, der die englische Ausspäherei auf das 
ehässigste betrieb. Zuwiderhandlungen wurden mit 
bohen eldstrafen bedroht, Kaufleute und Fabrikanten, 
die sich nicht der N. O. T. unterwarfen oder gar mit 
Deutschland verkehrten, in Verruf erklärt. Vor un- 
sauberen Mitteln, vor Bestechungen und Erpressungen 
scheuten die Sendlinge und Späher der N. O. T. nicht 
zurück. Die N.O. T. soll vorläufig bis Ende 1919 be- 
stehen bleiben, um Englands Handelsherrschaft über 
Holland auch nach dem Kriege aufrechtzuerhalten. 
Ahnlich arbeiteten, wenn auch von der Staatsgewalt 
und durch den Widerstand der Kaufleute mehr beengt, 
die englischen Treuhandgesellschaften in den anderen 
neutralen Staaten und waren wie die N. O. T. vor 
allem darauf bedacht, die Zufuhren an Lebens- 
mitteln und Rohstoffen aus Üübersee auf Grund älterer. 
oft irriger Statistiken so zu beschneiden, daß nur der 
Eigenbedarf der bedrückten Länder so knapp wie mög- 
lich gedeckt wurde. 
Ein englisches Weißbuch von Neujahr 1917 bestä- 
tigte, daß alle Güterfrachten nach neutralen Ländern, 
die an Deutschland grenzen, sorgsam untersucht wür- 
den, um die Güter, die für den Feind bestimmt seien, 
zu entdecken, daß in den neutralen Ländern auf Grund 
von Abkommen mit kaufmänmischen Körperschaften 
strenge Bürgschaften von den Einfuhrhändlern ver- 
langt, der Handel mit diesen neutralen Ländern mög- 
lacst eingeschränkt und versucht werde, begrenzie
        <pb n="425" />
        Dehn: Englische Kampfmethoden 
Mengen für die Einfuhr nach den neutralen Ländern 
sestzusetzen, damit diese nur so viel erhalten, wie sie 
für ihren Bedarf benötigen, um den Mittelmächten 
üÜNberseeische Waren in keiner Form zukommen lassen 
zu können. Als die schwedische Regierung im März 
1916 alle Handelsbeschränkungen ohne ihre Zustim- 
mungbestrafen wollte, verbot England die holländische 
Ausfuhr nach Schweden, soweit sie nicht unter Auf- 
sicht der N. O. T. stand. Am 25. September 1915 unter- 
sagte England für ganz China der internationalen 
Handelswelt die Lisern irgendwelcher Waren an 
den Vierbund, ohne sich um Chinas Neutralität und 
Lohelterechte zu kümmern. 
über die N. O. T. schrieb die = Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung= am 21. Dezember 1916halbamtlich: 
»Eine Organisatiom, die sich einerseits des holländischen 
amtlichen Verwaltungsapparats nach Belieben be- 
dienen darf und anderseits unter Kontrolle des eng- 
lischen Spionagedienstes steht und demselben Mate- 
rial liefert, kann als neutral und privat nicht mehr 
ang fehen werden.= 
ie Neutralen ließen sich nur zu viel gefallen. 
War die Duldung solcher Gesellschaften, die unter 
fremdem Druck sich größere Eingriffse in das Erwerbs- 
leben erlaubten als staatliche Stellen, vereinbar mit 
den Hoheitsrechten der betreffenden Neutralen, mit 
ehrlicher Neutralität? 
Die Diplomatie des Geldes. In den Kämpfen 
Englands gegen Napoleon I. äußerte Lord Castle- 
reagh, damals wiederholt Kriegsminister: »Die Ka- 
nonen Englands bestehen in seinem Kapital.= Wäh- 
rend des Krimkrieges schrieb der Prinzgemahl Albert 
von England an seinen Bruder, Herzog Ernst II. 
von Sachsen-Koburg-Gotha:= Doch wird der vollste 
Beutel im langen Kampfe siegen.= 
Bei Beginn des gegenwärtigen Krieges versicherte 
Lloyd George, daß die silbernen Kugeln den end- 
ültigen Sieg sichern-, und fügte am 21. April 1915 
binzur »Es ist die letzte Milliarde, die den Krieg ent- 
scheiden wird. Die erste wird Deutschland ebensogut 
aufbringen wie England, nicht aber die letzte; Eng- 
land werde bis zum letzten Penny kämpfen. In seiner 
Vorbereitung auf den großen Krieg gegen Deutsch- 
land betrieb England die Politik der ofsenen Hand 
und gab verschwenderisch unter mancherlei Formen, 
wo es möglich schien, Staaten und Völker für seine 
Zwecke zu gewinnen. Eduard VII. hatte Frank- 
reich durch politische Zusagen unter Benutzung ge- 
wisser Beziehungen zwischen der Londoner und Pa- 
riser Hochfinanz gewonnen. Frankreichs Bündnis 
mit Rußland war durch Anleihen und sonstige Geld- 
anlagen in Rußland in Höhe von annähernd 15 Mil- 
liarden Mark gekittet worden. Im Kriege sollte der 
Dreiverband geldlich noch fester verankert werden. 
In der Vierverbands-Kriegsgesellschaft m. b. H. 
bewährte sich England als der Geschäftsführer und 
Johlmeister- Nach dem Londoner -Statiste vom 12. 
ai 1917 hatte England seit Kriegsbeginn bis 5. Mai 
1917 Kriegsvorschüsse in Höhe von 21 Milliarden 
Mark gezahlt, davon an Verbandsgenossen 17,0 und 
an die Selbstverwaltungskolonien 3,2 Milliarden 
Mark, zu einem erheblichen Teil nicht bar, sondern im 
Gestalt von Kriegsbedarf mit entsprechenden Preis- 
aufschlägen. Im Mai 1917 führte Bonar Law die 
auf 160 Millionen Mark erhöhten täglichen Kriegs- 
ausgaben Englands auf die unerwartet großen Vor- 
schüsse an die Verbandsgenossen und Selbstverwal- 
tungskolonien zurück. Weitaus der größte Anteil ent. 
339 
fiel auf Rußland. Der engiische Botschafter in Pe- 
tersburg äußerte darüber nach der „Semschtschina- 
vom 24. August 1916: »Ich schweige von der Zahl 
der Millionen Pfund Sterling, die wir Ihrer Regie- 
rung zur Verfügung gestellt haben. aber ich kann ruhig 
sagen, daß, wenn das russische Volk diese Zahl erfährt, 
es die Loyalität und Freigebigkeit seines Bundes- 
enossen wird anerkennen müssen.= (Frankreichs Vor- 
snne an die verbündeten und befreundetenn Staa- 
ten beliefen sich bis August 1917 auf 4,8 Milliarden 
Mark.) Minister Ssasonow wurde von russischen Blät- 
tern ein englischer Gehilfe genannt. Hervorragende 
Mitglieder der Kadettenpartei ließen sich für englische 
Interessen bageistern. ach dem Umsturz in Peters- 
burg vom März 1917 erhielten die englischen Ver- 
treter daselbst unbeschränkten Kredit und sollen nach 
der finnischen Zeitung » Twoes« vom Mai 1917 min- 
destens 40 Millionen Mark verausgabt haben, um 
die Leiter der vorläufigen Petersburger Regierung 
von dem Abschluß eines Sonderfriedens abzuhalten 
und für die Fortführung des Krieges zu gewinnen. 
Das gelang. Der Arbeiter= und Soldatenrat verleug- 
nete seine friedlichen Ziele. Diktator Kerensti, da- 
mals Kriegsminister, zeigte sich als Stütze Englands, 
bereiste die Front, feuerte die Truppen an und schickte 
sie Ende Juni 1917 und später in blutige Angriffs- 
schlachten, angeblich um den Frieden zu erkän'pfen, in 
Wirklichkeit für Englands Kriegsziele. Ein groher 
englischer = Aufklärungsfeldzug= sollte durch Massen- 
verbreitung von Schriften mit Bildern und Gleich- 
nissen nach russischem Geschmack die Bauern, Arbeiter 
und Soldaten vollends gegen Deutschland aufreizen! 
Nachdrücklich und geldkräftig wurden Englands Be- 
mühungen von den Abgesandten der Union unter- 
stützt, die damit drohten, die zugesagte Milliarden= 
anleihe zu verweigern, falls der Krieg nicht mit aller 
Kraft fortgeführt würde. 
Schon jahrelang hatte englisches Gold reichlich 
vorgearbeitet. Nach Kriegsausbruch betrieb England 
seine unerschöpfliche Bestechungs- und Erpressungs- 
kunst in Verbindung mit ausgedehnter Ausspäherei 
überall da, wo es Hilfe oder Vorleile zu erlangen hoffte. 
Die Höhe der Geheimgelder der englischen Regie- 
rung schwankt je nach Bedarf. Nach den Parlaments- 
berichten waren sie 1916/17 mit 10 Mill. Mark ange- 
setzt. Die wirklichen Ausgaben stellten sich weit höher. 
Rechenschaft wurde darüber nicht gegeben. (In Frank- 
reich waren an geheimen Verfügungsgeldern 5,8 Mill. 
Mark für 1916 ausgeworfen worden.) 
Italien ließ sich durch Verheißungen von Land- 
uwachs, ferner durch englische Bedrohung der unent- 
ehrlichen Seezufuhren an Getreide und Kohlen zum 
Treubruch verleiten, doch erst nachdem englisches und 
anzösisches Gold mit Hilse des französisch-italieni- 
chen Freimaurertums die öffentliche Meinung durch 
Beeinflussung der Presse gewonnen und die Kriegs- 
stimmung durch tostlbielig Straßenkundgebungen 
erregt hatte. Nach Kriegsbeginn neigten die großen 
vordem bündnistreuen Blätter mehr und mehr zu 
England und Frankreich, und die römische-Vittoria- 
fragte:-Herrscht vielleicht die Pfund · Sterling · Kranl- 
heit?« Nachweislich spendele Frankreich 20 Millio- 
nen Mark. Doch waren die Gelder, die aus Frank- 
reich und England für die Einspannung Italiens 
einliefen, um ein Mehrfaches höher. 
Mitte 1915 hatte sich das englische Ministerium 
einen größeren Betrag bewilligen lassen, um englische 
Ziele auf dem Balkan zu fördern. Griechenland, 
227
        <pb n="426" />
        340 
Bulgarien und Rumänien sollten an die Seite des 
Bierverbandes gebracht werden. — In Griechen- 
land erwarb die englische Politik zwar einen ergebe- 
nen Freund, kam aber mit Venizelos erst nach langer 
Blockade und hartem Druck zum zZiele, als französische 
Truppen Mitte Juni 1917 in Athen einrückten und in 
englischem Auftrage die Absetzung des Königs Kon- 
stantin erzwangen. Vordem hatte man jedem ier, 
der sich vom König Konstantin lossagte, 1000 Pfd. 
Sterl. verheißen. — Dagegen blieben in Bulgarien 
Englands Bemühungen erfolglos. Nach der halb- 
amtlichen „Narodni Prava“ vom November 1915 
erhielten busgarische Abgeordnete und Politiker in 
Form von Wchüßen auf Shheingetreinegeschäfte 
annähernd 20 Mill. Mark, versuchten es mit Umtrie- 
ben, wurden aber vor Gericht gestellt und Ende 1916 
wegen Bestechung verurteilt. ihrem Oktoberheft 
von 1915 beklagte die „Candid Quarterly Review- 
als oschwersten Fehlschlag,, daß es nicht gelungen 
sei, „Bulgarien zu kaufen-. 
Mit Rumänien glückte der Handel. Einflußreiche 
Politiker wurden durch englisches Gold bekehrt. Nach 
den „Timese vom 28. Januar 1916 vereinbarte die 
englische Regierung mit der rumänischen für die Beteili- 
gung am Kriege eine Anleihe von 100 Mill. Mark. 
erner erwarbsie durch Vertrag vom 20. Januar 1916 
von dem rumänischen Hauptausschuß für den Ge- 
treideverkauf, vertreten durch den damaligen Ackerbau- 
minister, Weizen für 200 Mill. Mark und zahlte diesen 
Betrag bei der Unterzeichnung des Vertrages, ohne 
das Getreide erhalten zu haben, ohne Aussicht, es 
jemals beziehen zu können. Unter ähnlichen Bedin- 
gungen hatte England für 1914 große Mengen Ben- 
zin in Rumänien angekauft. 
Portu gal. schon lange in Schuldknechtschaft und 
Abhängigkeit von England, wurde in den Krieg ge- 
Bzoen weil England die dort befindlichen deutschen 
ampfer benötigte. Es bot dafür, wie der portugie- 
sische Finanzminister Costa am 10. August 1916 mit- 
teilte, 60 Mill. Mark oder ein entsprechendes Leihgeld, 
dazu den dortigen Machthabern bedeutende Geldbei- 
hilfen, insbesondere eine Anleihe, um den Krieg in 
modernster Art zu beginnen. Der englische Schot- 
minister Mc. Kenna bestätigte im Unterhaus am 30. 
November 1916 diese Angaben mit dem Bemerken, essei 
richtig, daß die englische Regierung der portugiesischen 
finanzielle Unterstützung gewähre, aber es liege nicht 
im öffentlichen Interesse, jetzt Mitteilungen über die 
Form und den Betrag zu machen. 
Um die Freundschaft der nordamerikanischen 
Union hatte England schon seit dem Burenkriege 
geworben und mit den leitenden Kreisen in Washing- 
ton, da sie ein Bündnis ablehnten, Schiedsgerichts. 
verträge abgeschlossen. Bald nach Kriegsausbruch 
og England die nordamerikanische Hochfinanz in 
eine Kreise durch Massenbestellungen von Kriegs- 
bedarf und durch Aufnahme von Anleihen. Mitihren 
Lieferungen an Kriegsbedarf (Sprengstoffen und 
Waffen im Werte von über 4 Milliarden Mark bis 
Ende 1916) machten die nordamerikanischen Groß- 
interessenten the greatest business of the worlde 
und sollen einschließlich der Ausfuhr an Lebens- 
mitteln und Rohstoffen sowie der englisch-französischen 
Anleihen bei einem Umsatz von 16 Milliarden Mark 
beispiellose Gewinne erzielt haben. So entstand zwi- 
schen London und Neuyork eine finanzielle Inter- 
essengemeinschaft mit einer Art von Gegenseitigkeit. 
Die nordamerikanische Hochfinanz hatte dem Vier- 
IV. Kultur und Geistesleben 
verband unter Englands Führung große Kredite ein- 
geräumt auf Grund des sicher erwarteten und fest g. 
gesagten Sieges. Nach Angabe des Schatzamitssekre= 
tärs Baldwin im Unterhause am 11. Juni 1917 be. 
lief sich bis dahin der Gesamtbetrag der englischen 
Anleihen in der Union ohne die Privatverbindlich- 
keiten auf etwa 8 Milliarden Mark. Frankreich schul- 
dete der Union Anfang 1917 rund 2,7 Milliarden 
Mark, Kanada 1,2, Italien 0,1 Milliarde Mark. Nach 
ihrem Eintritt in den Krieg bewilligte die Union wei- 
tere große Vorschüsse und Anleihen und gedachte, sie 
bis Mitte 1918 auf insgesamt 29 Milliarden Mark zu 
erhöhen. Wollte die Neuyorker Hochfinanz ihr Kapi- 
tal nicht opfern, sagte Feldmarschall von Hindenburg, 
so blieb ihr nichts Übrig, als dem schwankenden Unter- 
nehmen mit ihrem gesamten Vermögen beizuspringen. 
In der Union beherrscht die Hochfinanz mit *8 
pitalsmacht die leitenden Kreise und durch die Sensa- 
tionspresse die öffentliche Meinung. Dem Präsidenten 
Wilson fiel die Aufgabe zu, die eigentliche Kriegsursache. 
das Interesse der Hochfinanz, nach englischem Vor- 
bilde und mit englischen Wortwendungen wie Welt- 
friede, Völkerfreiheit, Menschlichkeit usw. zu maskieren 
durch Vorschiebung von Idealen mit einem Zwangs- 
friedensbunde, der sich, sollte er jemals verwirklicht 
werden, auf Heer und Flotte stützen müßte, um jeden 
Krieg zu verbieten, andere Völker zu ewiger Ruhe zu 
verurteilen und widerstrebende niederzuschlagen. 
Auf die mittel- und südamerikanischen 
Staaten konnte England einen starken Druck üben 
es hatte ihnen in Anleihen und sonstigen Kapital- 
anlagen, besonders in Eisenbahnen, nach Londoner 
Börsenberichten bis Oktober 1916 rund 36 Milliarden 
Mark zugewendet. Im Laufe des Krieges verkaufte 
England einen erheblichen Teil der mittel- und füd- 
amerikanischen Schuldverschreibungen an Unions. 
angehörige, die zwar ihr Interesse voranstellten, aber 
doch zu England hielten. 
Das Werben um die Seele der Nenutralen. 
Nach Kriegsausbruch überschwemmten die englischen 
Vertreter die neutralen Staaten in Europa und in 
Übersee, anfangs täglich, mit englischen Siegesmel- 
dungen, später mit Massen deutschfeindlicher Flug- 
blätter. Unter Mitwirkung der Minister Asquith, 
Balfour u. a. entstanden in London Gesellschaften. 
um Geldmittel für die schriftstellerische Verteidigung 
der englischen Sache im In- und Auslande zu sam- 
meln und nach ihrem Aufruf von Mitte Februar 1915 
angemessene Literatur nach den neutralen Ländern 
u senden. Eine dieser Gesellschaften, die National 
atriotic Organisation, hatte nach dem »Daily Tele- 
graph= vom 22. Febr. 1916 durch die englischen Ver · 
treter nahezu 250000 Druckschriften in verschiedenen 
Sprachen in Europa, Amerika, China, Abessinien, Is- 
land, Peru, Java, Mexiko, Persien. Haiti und Hawai 
verbreitet. Diese Schriften wimmelten von Schmähun- 
En und Verleumdungen gegen das deutsche Heer und 
olk. Die englische Regierung eröffnete sogenannte 
Greuelfeldzüge, dichtete darin den Deutschen die ärg- 
sten Untaten an und ließ ihr Blaubuch vom Frühjahr 
1915 mit dem ungeheuerlichen Bericht des Bryce- 
Ausschusses (vgl. S. 329) über vermeintliche Untaten 
deutscher Soldaten in Belgien, über ihr angedlch 
planmäßiges Morden, Plündern, Abschlachten, Schän- 
den usw. auf Grund der Aussagen von zweifelhaften 
Zeugen ohne Namen in die europäischen Sprachen 
Ülbersetzen und in allen Ländern, auch in Ameriko, 
Asien und Afrika zu Millionen verteilen, sogar unter
        <pb n="427" />
        Dehn: Englische Kampfmethoden 341 
die Schwarzen Afrikas, um Deutschland womöglich 
bei aller Welt in Verruf zu bringen. 
Außer entstellten Kriegs-- und Siegesnachrichten 
führte die englische Regierung auch Flugblätter und 
Flugschriften gegen Deutschland aus und ließ sie den 
Buchhändlern und Zeitungsverkäufern in den neu- 
tralen Staaten in erstaunlichen Massen, zuweilen 
wöchentlich zu unentgeltlicher Verteilung übermitteln. 
Millionen solcher Flugblätter wurden von London 
aus an hervorragende Leute in der nordamerikani- 
schen Union gesandt. Nach dem Stockholmer „Dag- 
blad- vom 24. Juni 1916 opferte England dafür jede 
Woche große Geldbeträge. Die unsauberen Zerrbilder 
des Holländers Raemaekers wurden in Heftform als 
Postkarten unter dem Titel= Zeichnungen eines Neu- 
tralene in aller Welt zu vielen Tausenden verbreitet, 
auf Empfehlung Asquiths durch die Peninsular and 
Oriental Steam Navigation Co. auch in Ostasien. 
Die englischen Vertreter in den neutralen Staaten 
unterstützten mit beträchtlichen Mitteln die Bildung 
offener und geheimer Vereinigungen zur 
Bearbeitung der öffentlichen Meinung zugunsten des 
Vierverbandes in Versammlungen und durch die 
Presse, auch durch Straßenkundgebungen, wie sie in 
Rom, Mailand, Athen, Bukarest, Lissabon usw. statt- 
fanden. Außerdem ließen sie englische, französische 
und belgische Wanderredner derufen, die in italie- 
nischen, rumänischen, schweizerischen, holländischen 
und anderen Städten Vorträge hielten und darin die 
alten Greuelmären neu auftischten. Dazu organi- 
sierten sie mit Hilfe hochbezahlter zweifelhafter Leute 
beiderlei Geschlechts, zuweilen unter Heranziehung an- 
sässiger Journalisten, in den neutralen Staaten, aber 
auch in Italien und besonders in Rußland zur Vor- 
bereitung des Umsturzes von 1917 einen geheimen, 
umfangreichen Ausspäherdienst mit der auufgabe- 
die deutschfeindlichen Kreise, je nach Bedarf mit Geld, 
zu unterstützen, die deutschfreundlichen und sonst 
verdächtigen Politiker zu ermitteln, zu Überwachen, 
womöglich auszuhorchen, Depeschen und Briefe ver- 
schwinden zu lassen, in den Wirtshäusern deutsche 
oder deutschfreundliche Gespräche zu belauschen, mili- 
tärische Nachrichten zu beschaffen usw. Einige dieser 
Leute wurden Aufang 1916 von der Schweiz aus- 
gewiesen. Englische Späher waren selbst in Nord- 
amerika tätig. In den neutralen Ländern bearbeite- 
ten sie zuweilen sogar die ländliche Bevölkerung für 
den Vierverband. 
Um die neutral gebliebenen Staaten an seiner 
Seite schließlich in den Krieg hineinzudrängen, suchte 
England bei ihnen Unzufriedenheit und Kriegsstim 
mung zu erwecken auf Grund von Knappheit und 
Teuerung, wie siein jedem europäischen Lande hervor- 
traten, doch nicht, wie die englischen Sendlinge ver- 
sicherten, durch Deutschlands Schuld, sondern haupt- 
sächlich durch Englands Seetyrannei, die fast alle Zu- 
fuhren behinderte und die meisten wegnahm. Mitte 
Mai 1917 kam es in der Schweiz, in Genf, Lau- 
sanne usw., zu deutschfeindlichen Ausschreitungen. In 
Spanien, besonders in Barcelona, veranstalteten 
englische und französische Agenten mit Hilfe der So- 
zialrevolutionäre Mitte Juni 1917 Arbeiterausstände 
und Strahenlundgebungen, Anfang Juli in Hol- 
land, hauptsächlich in Amsterdam. In Schweden 
wirkten neben den Handelskreisen, die an dem eng- 
lisch-russischen Durchgangsverkehr gut verdienten, 
demokratische und sozialistische Abgeordnete und Zei- 
tungen für England und Genossen. Dem schwedi- 
schen Sozialistenführer Branting, einem Kostgänger 
Englands, sagten deutsche Genossen nach, daß er auch 
zu Pariser Kreisen, die mit der Fundierung gewisser 
Presseerzeugnisse vertraut sind-, und zu der franzö- 
sischen Regierung Beziehungen unterhieltet. 
Mit Erfolg arbeitete das englische Gold während 
des Krieges im Hedschas bei der Aufwiegelung der 
Araber und des Scherifs von Mekka, auf der Sinai- 
halbinsel bei den Beduinenhäuptlingen, am Per- 
sischen Meerbusen, ferner in Amerika, namentlich in 
Brasilien und in mittel- und südamerikanischen Re- 
publiken, die aus ihrer Neutralität heraustraten, in 
der Negerrepublik Liberia, nicht zuletzt in China, 
endlich in Siam. 
Was bezweckte England mit seinen Werbungen, 
Bestechungen, Verheißungen, Drohungen, Erpres- 
sungen? Die neutralen Staaten und Völter sollten 
an seine Unüberwindlichkeit, an seinen unzweifelhaf- 
ten Endsieg glauben und ihm durch Eintritt in den 
Krieg dazu helfen. Der -Demoralisator des großen 
Weltkriegese hatte nicht vergebens gearbeitet, fast 
alle Völker in seine Dienste gestellt und hoffte auf 
Sieg und Gewinn. 
Der Pressefeldzug"'. Für die englische Politik war 
die Tagespresse mit ihrer organisatorischen Kraft, auf 
die Massen zu wirken und ein gemeinsames Handeln 
hervorzurufen, schon vordem ein beliebtes Kampf= 
mittel gewesen, um Deutschland allerwärts zu verdäch- 
tigen, als sei es ländergierig, bedrohe die kleinen Staa- 
ten Europas, strebe nach der Vorherrschaft in Europa, 
nach der Oberseeherrschaft, nach der Weltherrschaft, 
als betreibe es überall Ränke, um England zu über- 
fallen und die englische Flotte zu zerstören. Nach 
Kriegsausbruch setzte der englische Pressefeldzug mit 
verschärften Mitteln ein. 
Gleichzeitig mit der Kriegserklärung ließ die eng- 
lische Regierung die deutschen Kabelverbindungen zer- 
stören und so Deutschland von übersee wie übersee 
von Deutschland abschneiden, verbot anfangs die Wei- 
terverbreitung der amtlichen deutschen Kriegsberichte 
durch das Reutersche Büro und ließ sie später meist 
nur entstellt und verstümmelt durch. Um ihre Zenfur 
unbehindert walten lassen zu können, untersagte die 
englische Regierung die Einfuhr deutscher und unbe- 
quemer neutraler Heitungen und ließ sogar ankom- 
mende Reisende daraufhin peinlich untersuchen. Ferner 
beschränkte sie die Ausfuhr englischer Zeitungen num- 
merweise und verbot einigen Zeitungen die Ausfuhr 
allgemein, so im September 1916 dem - Labour Leu- 
der- angeblich weil er von den Deutschen zum Scha- 
den Englandsaus enutzt werde, und Ende April 1917 
dem Londoner Wochenblatt „Natione, weil es die 
Überlegenheit der Deutschen an der Somme bewun- 
dert, die Unterseebootgefahr gekennzeichnet und die 
Regierung wegen ihrer Untätigkeit verspottet hatte. 
Anderseits ließ die englische Regierung besondere für 
das Ausland bestimmte Ausgaben englischer gal 
tungen, ja sogar gefälschte Ausgaben deutscher Zei- 
tungen veranstalten und ausführen, um die Neutralen 
zu verwirren. In der Absicht, Friedenskundgebungen 
in England vor dem Auslande zu unterdrücken. ver- 
bot die englische Regierung Ende April 1917 die Aus- 
1 „ Korrespondenzbkatt der Generalkommisston der Gewerkschaf- 
ten Deutschlandse vom 2. September 1915. 
2 Vgl. auch den Abschnitt über die englische Presse in dem 
Beitrag von Diez, Die Presse unserer Gegner, S. 330 ff., ferner 
P. Dehn, England und die Presse (Hamb. 1915).
        <pb n="428" />
        342 
hr aller Veröffentlichungen friedensfreundlicher 
ereinigungen, wie der Union of Democratic con- 
trol, insbesondere der Schriftsteller Norman Angell, 
C. P. Buxton, A. L. Dickensen, E. D. Morel, Arthur 
Ponsonby, Bertrand Russell, Philip Snowden, C. N. 
Trevelyan. 
Obwohl der Londoner Nachrichtendienst eifrig und 
nicht erfolglos tätig war, forderte in der Pall Mall 
Gazette: vom 10. Januar 1917 der Herausgeber 
der -English Review,. bie Schaffung eines Bierver- 
bandspressestabes, um die öffentliche Meinung ein- 
heitlicher zu bearbeiten. Auch die Herstellung einer 
einheitlichen Zensur 7 gleichem Zweck wurde er- 
wogen. Mitte 1917 begründete die englische Regie- 
rung in Rußland einen eigenen Pressedienst für die 
Verbündeten. 
Indem englischen Pressefeldzug erhielt das Reuter- 
sche Drahtnachrichtengeschäft die Führung und üÜber- 
schwemmte die Presse aller Länder tagtäglich mit 
seinen entstellten, falschen und verleumderischen Mel- 
dungen. Abhängig von ihm waren die amtlichen 
oder halbamtlichen Depeschenämter der meisten ande- 
ren Staaten, die -Agence Havase in Paris, die 
„Agenzia Stefani= in Rom usw., bis zum Kriegsaus- 
bruch auch das Wolsssche Büro in Berlin für über- 
seeische Nachrichten. 
Die ersten Meldungen üben immer den stärksten 
Eindruck. Reuter und Venossen waren mitihrem gro- 
sten Vorsprung nach Kriegsausbruch überall die Ersten 
am Platze, brandmarkten Deutschland als Anstifter 
des Krises, als Verwüster Belgiens, den deutschen 
Kaiser als neuen Herodes, Nero und Kain, den preu- 
ßischen Militarismus als Bedroher aller Völkerfrei- 
eit usw. Nach Britisch= Südafrika meldete Reuter, 
eutschland plane dort einen Überfall von Deutsch- 
Südwestafrika her. Die anderen Selbstverwaltungs- 
kolonien wurden für den Krieg durch die Nachricht 
geistert, England sei mit seinen Verbündeten durch 
»den heimlic vorbereiteten Krieg der wilden raubgie- 
rigen Deutschen überfallen worden. 
Nur zu wirksam waren die Machenschaften des eng- 
lischen Pressefeldzuges egen den deutsch-amerika- 
nischen Nachrichtnserkhrt Schon vor dem Kriege 
hatte sich der englische Pressedienst mit Reuter an der 
Spitze bemüht, durch bösartig gefärbte, oftin London 
verfertigte Nachrichten nach beiden Seiten hin Verstim- 
mungen, Mißverständnisse und Argernisse hervorzu- 
rufen. Nach Kriegsausbruch konnte dieses üble Geschäft 
ungezügelt sortgesetzt werden, da England den unmit- 
telbaren Nachrichtenverkehr zwischen Deutschland und 
der Union abgeschnitten hatte. Es ließ, wie erwähnt, 
alle für Amerika bestimmten deutschen Zeitungen, Bü- 
cher und Briefe auf neutralen Dampfern wegnehmen 
und alle Drahtnachrichten zwischen Deutschland und 
Amerika, besonders Pressemeldungen, anhalten, pein- 
lich durchforschen und nach Willkür unterdrücken oder 
in abgeinderterhaffungweitergeben. Laut, doch ver- 
geblich klagten darüber die amerikanischen Interessen- 
ten, Zeitungen und Berichterstattern. Hunderte von 
Drahtmeldungen amerikanischer Berichterstatter von 
Deutschland nach Amerika wurden in London unter- 
drückt, verstümmelt oder gefälscht, um die Wahrheit 
zu verhüllen, den Charakter des Gennero zu verleum- 
den und die öffentliche Meinung Amerikas für Eng- 
land zu gewinnen?, um die nordamerikanische Union 
1 Vgl. P. Dehn, Englantd und die Presse (Hamb. 1915), S. 112ff. 
2 „Ereninz Poste in Neuyorf vom 20. Oktober 1914. 
IV. Kultur und Geistesleben 
gegen Deutschland auphureiten und in die Gefolgschaft 
englischer Politik herabzudrücken. 
itte August 1916 ersuchten die Berliner Bericht. 
erstatter amerikanischer Zeitungen den damaligen 
Unionsbotschafter Gerard in Berlin, eine Verwah. 
rung gegen Anhalten und Verstümmeln ihrer Presse- 
berichte durch die englische Zensur der Unionsregie- 
rung zuübermitteln. Gerard wollteindessen diese d " 
wahrung nicht befürworten, solange die Depeschen der 
amerikanischen Berichterstatter aus Deutschland zen- 
siert werden, stellte demnach die fälschende englische 
ensur mit der ehrlichen deutschen auf die gleiche 
tufe. Die Bedingung des Botschafters war schon 
aus militärischen Gründen wegen der englischen Aus- 
späherei unerfüllbar. 
is zur Kriegserklärung der Union schürte Reuter 
das Feuer durch gehässige Meldungen nach Neuyork 
über Deutschland und nach Amsterdam-Berlin üÜber 
Amerika. So berichtete er noch vor der Kriegserklä- 
rung nach Amerika, die Entzündungen der Brände ge- 
wisser nordamerikanischer Fabriken seien auf Anstiften 
der deutschen Regierung erfolgt, in ganz Deutschland 
ertönten Haßgesänge gegen Amerika und dergleichen 
mehr. Nach der diegeer ärung der Union empfahlen 
die „Times. Ende April 1917, Amerika durch ent- 
sprechende Kriegsberichterstattung »aufzurütteln«, da 
der Durchschnittsamerikaner noch nicht zu vollem Ver- 
ständnis der schwiersgen Kriegslage gekommen sei. 
In London verhinderte man jede Aufklärung, ver- 
eitelte deutsche Versuche, Über neutrale Länder mit 
Amerika zu verkehren, und erreichte das vorgesteckie 
Ziel. Nach der Sehauptung des amerikanischen Gene- 
ralkonsuls Gaffney in München wäre ohne Reuter 
der Bruch zwischen Deutschland und der nordameri- 
kanischen Union nicht erfolgt und auch manche andere 
gegen Deutschland gerichtete Kriegserklärung unter- 
blieben. England bereitet, wie er auf Grund seiner 
Erfahrungen versicherte, in Reuters Küche das Gift 
für die öffentliche Meinung aller Völkerc. 
Haß und Verachtung gegen Deutschland suchte Reu- 
ter mit Hilfe der Londoner Sensationspressehauptsäch- 
lich durch Schilderungen angeblicher deutscher Greuel 
zu erwecken und mittels der europäischen und über- 
seeischen Kress- in die weitesten Kreise aller Länder zu 
tragen. Wochenlang glaubte man Überall an das, 
was von London aus gedrahtet und in Tausenden von 
Zeitungen, in Millionen von Nummern gedruckt und 
als neueste Sensation in Massen vertrieben wurde, 
an die deutschen Greuel und Niederlagen wie am die 
englischen Siege. Die deutschen Berichte und Berich- 
tigungen kamen zu spät, wurden von den meisten Zei- 
tungen nur versteckt oder gar nicht gedruckt und blie- 
ben unbeachtet. 
»Im Kriege muß die Regierung die Pöbelinstinkte 
des Abscheus vor dem Feinde wachhalten, »muß sie 
in den neutralen Ländern einen wirksamen Nachrich- 
tendienst einrichten, auch falsche Nachrichten verbreiten 
und den Gegner bei der ganzen gesitteten Welt in 
Mißkredit bringens.# Danach handelte die englische 
Regierung und arbeitete hauptsächlich mit Greuel- 
mären. 
Mit erstaunlicher Einbildungskraft erfand man in 
London Untaten der deutschen Hunnen und Bestien, 
1 Toulmin im „Journal of the Royal Economie Soelety- 
vom April 1915. 
2# Oberst Roß nach der Schrift J. Bruce Glaster, Mili- 
tarism. Published by cthe Independent Labour Party Cond. 
1915; Labour and War Pamphlets. Nr. 2).
        <pb n="429" />
        Dehn: Englische Kampfmethoden 
wie sie Kinder verstümmelten und ähnliche Schänd- 
lichkeiten begingen. Die übelsten Schauergeschichten 
wurden massenhaft verbreitet, vielfach mit eigens her- 
erichteten Bildern verzerrt, häufig auch mit Hilfe von 
Eichtbindtweatern durch gestellte Vorgänge veranschau- 
licht. Englische Untaten, der Baralong-Fall und die 
Ermordung der Mannschaft von »L 17., suchte der 
Londoner Nachrichtendienst zu unterdrücken. Für die 
öffentliche Meinung in der nordamerikanischen Union 
erdichteten Reuter und Genossen besonders geeignete 
Greuel, Vergewaltigungen amerikanischer Frauen in 
Deutschland, belgischer Kinder und Geistlicher u. dgl. 
Bis in fernste Länder drahtete Reuter solche Greuel- 
mären. „Seit Kriegsausbruch verging kein Tage, 
schrieb die „Cronica von Peru am 17. Oktober 1916, 
»ohne daß das englische Kabel die Truppen der Mittel- 
mächte einer neuen Grausamkeit beschuldigte. Man 
meldete uns, daß die Deutschen die Flüsse und Brun- 
nen an der französischen Grenze vergiftet hätten, Kin- 
der verstümmelten und Gebäude und ganze Städte 
nur aus Vernichtungswutzerstörten, an Verwundeten 
und Frauen jede erdenkliche Grausamkeit verübten, 
ihre Gefangenen verhungern ließen und bei ihren ver- 
wundeten Gefangenen Amputationen vornahmen, 
nur um sie zu verstümmeln usw.= 
Als die Bevölkerung in England und den Kolonien 
so aufgereizt worden war, daß sie im Oktober 1914 
und im Mai 1915 die ansässigen Deutschen beraubte 
und plünderte, schrieb die Londoner „Morning Poste- 
am 13. Mai 1915:„ Der Mob hat im Grunde genom- 
men recht, er Übte eine rauhe Justiz.« Reuters Be- 
richte brachten es zu Ausschreitungen gegen die Deut- 
schen Mitte April 1917 selbst in Brasilien und Argen- 
tinien. 
Noch am 4. Mai 1917 erklärte der englische Minister 
Lord Cecil im Unterhause die angeblich deutschen 
Zeitungen entnommene Nachricht, daß die deutsche 
Regierung Fett aus Soldatenleichen ziehen lasse, nicht 
für unglaubwürdig. Er habe die Verbreitung dieser 
Tatsache durch die üblichen Kanäle zugelassen! So 
vergiftete das amtliche England die öffentliche Mei- 
nung der von ihm kulturell abhängigen Völker. 
In vielen Ländern ist das Hauptorgan der öffent- 
lichen Meinung, die Tagespresfle käuflich, und die 
englische Regierung geizte nicht. Einige Angaben dar- 
über brachten unbestechliche Zeitungen neutraler Län- 
der an die Offentlichkeit. Mitte 1915 wurden unter 
anderen der „Standaard, im Haag, der „Nieuwe 
Rotterdamsche Courant-, das „Svenska Morgen- 
blad- in Stockholm und der = Correo Espagnole in 
Madrid durch Vermittler der englischen Regierung 
ersucht, englische Berichte über deutsche Greuel gegen 
beliebig hohe Gebühren abzudrucken, lehnten aber ab. 
Anders dachten und handelten Hunderte, vielleicht 
Tausende neutraler Zeitungen. In englischem Sold 
standen mit dem Amsterdamer „Telegraaf“ an der 
Spitze viele Zeitungen der neutralen Staaten und ver- 
breiteten, oft täglich in mehreren Spalten, was ihnen 
von London an Falschmeldungen übermittelt wurde. 
Das „Stockholm Telegrambyraue. wurde besonders 
von der Französischen Aufklärungsstelle für neutrale 
Ländere reichlich mit Geldmitteln bedacht, versorgte 
die schwedischen Provinzzeitungen mit englischen 
Falschmeldungen unentgeltlich und versandte deutsch- 
feindliche Flugschriften in Massen ebenfalls unent- 
geltlich. Nach einer Mitteilung des Pariser - Radical. 
von Mitte April 1916 erhielt der französische Gesandte 
Blondel in Bukarest 14 Millionen Mark, um das Ge- 
313 
wissen der rumänischen Presse zu beschwichtigen. In 
Amerika und Ostasien verfügte dieenglische Regierung 
über zahlreiche Zeitungen. 
Als die englische Regierung dem Hearstschen inter- 
nationalen Nachrichtendienst die Benutzung der 
Posten und Kabel verbot, weil er wahre Nachrichten 
nicht unterdrücken, zurechtstutzen und verdrehen sowie 
falsche Nachrichten nicht ausstreuen wollte, schrieb der 
»New Vork American am 15.Oktober 1916:2 Groß- 
britannien braucht Anleihen, und deshalb ist es nötig, 
sowohl in Großbritannien als in Amerika den Glau- 
ben zu erwecken, Deutschland stehe schon vor dem Zu- 
sammenbruch. Um diesen Zweck zu erreichen, hat die 
britische Regierung Millionen von Dollar ausgegeben 
ur Unterhaltung eigener Pressestellen und zur Be- 
stecung von Zeitungen und anderen Organen, wie 
auch von Politikern und Rednern in Holland, Däne- 
mark, Schweden, der Schweiz, Italien, Spanien, Ru- 
mänien, Griechenland und ganz besonders zu unserer 
bitteren Scham in Amerika.“= Dasselbe Blatt bezifferte 
am 19. Februar 1917 Englands gesamte Aufwen- 
ungen für seine Arbeit in neutralen Ländern auf 
76 Millionen Dollar! Lord Northceliffe selbst, der 
Londoner Zeitungsfürst, rühmte sich schon im April 
1900 gegenüber dem amerikanischen Berichterstatter 
O'Mahong, wie dieser Anfang 1916 in dem India-- 
napolis Star« berichtete, an der Spitze eines Verban- 
des zu stehen, der achtzehn wichtige amerikanische Zei- 
tungen in den größten Städten überwacht. Dieser 
Verdand schien nach Kriegsausbruch außerordentlich 
angewachsen zu sein. Ein Antrag des Abgeordneten 
Moores vom 20. Februar 1917, zu untersuchen, ob 
wirklich 25 amerikanische Zeitungen mit englischem 
Gelde unterstützt wurden, fand im Repräsentanten- 
hause zu Washington keinen Anklang. Nachdem Lord 
Northeliffe während des Krieges in der Schweiz und 
Spanien gewesen war, um Preßorgane für England 
zu gewinnen, wurde er im Juni 1917 nach Amerika 
gesandt als Leiter der englischen Kriegsvertretung 
(.British War Missione), die dort an der Vereinheit- 
lichung der Kriegführung arbeitet. Hauptsächlich sollte 
er die Preßbeziehungen zwischen England und den 
Vereinigten Staaten noch inniger pestalten und die 
öffentliche Meinung Amerikas Über den Krieg aufklä- 
ren. Er gründete unter anderem einen neuen Presse- 
klub mit 400 Abteilungen in Amerikat. Mit Bezug 
darauf, daß Lloyd George hauptsächlich durch das 
Drängen der Northcliffepresse leitender Minister, ja 
Diktator Englands wurde, äußerte Lord Ribbesdale 
am 20. Juni 1917 im Oberhause Föuiisch, das Land 
scheine eine Regierung zu besitzen, die sich von einem 
Zeitungsbesitzer am Gängelband führen lasse. 
Der englische Pressefeldzug mit seinen Verleumdun- 
gen und Verdächtigungen, wie er seit Jahrzehnten 
gegen Deutschland geführt wurde, bewirkte eine Ver- 
gistung der öffentlichen Meinung und verschuldete 
wesentlich den Krieg. Eine Bestätigung dafür fand 
sich in der Londoner „Daily Newse vom 10. Dezember 
1914 mit dem Satze, daß #die verlogene Jingopresse 
Englands, die ein großer Teil der Schuld an diesjem 
entsetzlichen Kriege trifft, vom Sturm der öffentlichen 
Entrüstung Hinweggese t werden möge 4. Leider wird 
Bismarcks Lieblingsgedanke aus dem Taber 1870 
nach einem internationalen Gericht für die Zeitungs- 
1 Gegen Northelisse und seine Presse erscheint seit März 1917 
in Zürich eine Zeitschrift in englischer Sprache »The Uroat 
Antl-Northeliffe Matle.
        <pb n="430" />
        344 
schreiber, Abgeordneten, Senatoren und Minister, die 
zum Kriege gehetzt haben, vorläufig unerfüllt bleiben. 
Was war der Zweck des englischen Kressefeldguges 
Deutschland als ein geächtetes und verächtliches Reich 
hinzustellen, die neutralen Staaten aus ihrer Neutra- 
lität sozusagen moralisch herauszulocken und sie in den 
Krieg gegen Deutschland hineinzuzwingen mit der 
Versicherung, Deutschland, schon halb verhungert, 
müsse erliegen, das unüberwindliche England dagegen 
als Werkzeug der Vorsehung , als -Führer der 
Menschheitin Zwaibsfaton und Kultur, in seinem hei- 
ligen Kriege für Christentum, Völkerfreiheit und Welt- 
frieden« unbedingt den Sieg erringen über den „Ab- 
schaume, = Pestherd: und „Feind des ganzen Men- 
schengeschlechtsc, über das Höllenreich des preußischen 
Antichristse (Ausdrücke Londoner Blätter). 
Indessen begann man allmählich den englischen 
IV. Kultur und Geistesleben 
Peessefeldzug u durchschauen, wenn auch vielfach nur 
zeitweilig. die nordamerikanische Union noch 
neutral war, am 25. Oktober 1916 nach der englischen 
Ministerkrisis, äußerte die englandfreundliche »New 
TVork Tribunee, der englische Betrug sei enthüllt, die 
englische Lüge zusammengebrochen. In den feind- 
lichen Ländern ließ sich die frohe Kriegs= und Sieges- 
stimmung nicht meht aufrechterhalten. Enttänschung, 
Unzufriedenheit, Angstgefühl infolge schleichender 
Gerüchte griffen um sich Selbst die Wahrheit fand 
keinen Glauben mehr. Das öffentliche Vertrauen 
war erschüttert. 
Die englischen Kampfmethoden hatten bedenkliche, 
nicht zu unterschätzende Erfolge, gewannen oder er- 
zwangen neue Bundesgenossen für den Krieg gegen 
Deutschland, waren aber nicht imstande, zum Ziele, zur 
Niederschmetterung des verhaßten Gegners, zu führen. 
Der Krieg und die Frauen 
von Privatdozent Dr. Arnold Ruge in Heidelberg 
Eins von den vielen, tief im ganzen wurzelnden 
Problemen, die der Krieg zur Lösung aufdrängt, ist 
die Frauenfrager. 
Politisch oberflächlicher Betrachtung wird diese 
„Frage als weit hergeholt erscheinen. Sie erkennt 
wohl, daß der Krieg mit Gewaltin das einzelne Frauen- 
leben eingreift, den der Gatten, Söhne und Brüder 
Beraubten, den Verschleppten und Vergewaltigten un- 
endliches Weh bringt, aber sie sieht nicht, daß sich die 
Stellung der = Frauen. im Staatskörper zum Wohl 
oder zum Fluche des Ganzen zu verschieben droht; es 
ist ihr entgangen, daß die -Frauenfrages schon in der 
Friedenszeit eine so bedeutende Eigenrolle spielte, daß 
von der angekündigten »radilalen« Lösung eine Er- 
schütterung der nationalen Grundpfeiler zu fürchten 
war. Sie vermag nicht zu überschauen, daß von der 
richtigen Beantwortung der-Frauenfrage. nicht etwa. 
nur nebensächliche Zukunftsentscheidungen kultureller 
und innerpolitischer Natur, sondern im etzten Grunde 
auch sämtliche Fragen der Außenpotitik abhängig 
sind, wenn man unter Politik die Kunst versteht, ein 
als lebendigen Wert empfundenes Ganzes stark zu 
machen und zu erhalten. 
1. Die = Frauenfrage vor dem Kriege. 
Der Ursprung der sich aus dem Ganzen ablösenden 
„Frauenfrages ist wie der jeder großen Bewegung 
durchaus nicht etwa künstlicher Art. Er ist darin be- 
gründet, daß die Entwicklung der allgemeinen Verhält- 
nisse dem weiblichen Geschlechte nicht mehr das Mi- 
nimum der Befriedigung eines zu Recht bestehenden 
Anspruches auf Glück und Entfaltung der ureigensten 
Kräfte verbürgen konnte. Eine-Frauenfrage- konnte 
nur entstehen, nachdem das Gleichgewicht unter den 
Geschlechtern erschüttert war, d. h. der vielleicht in 
der Natur der Dingt liegenden ungünstigen Gestaltung 
der quantitativen Verhältnisse gegenlber das Gegen- 
gewicht fehlte, um das Gleichmaß auf irgendeine 
Beise wiederherzustellen. Es ist ganz falsch, den 
Grund von -Bewegungen. lediglich in wirtschaftlichen 
Umständen zu erblicken. Das Wirtschaftliche ist stets 
erst die Folge tiefer liegender Ursachen. Die Funda- 
mentaltatsachen der Geschichte lassen sich niemals mit 
„nationalökonomischene Erwägungen erklären. Die 
letzten Anlässe ernsthafter Veränderungen im Gesamt- 
bilde der einzelnen Völker liegen stets entweder in der 
elementaren Wirkung äußerer Mächte oder in der Ab- 
wandlung vorherrschender Weltanschauungen. 
Sucht man daher nach dem Ursprung der-Frauen- 
fragee, so muß man die ganzen Verhältnisse ins Auge 
fassen, aus denen sie mit scheinbarer Notwendigkeit 
geboren worden ist. Dazu gehört vor allen Dingen, 
daß man sich völlig klar darüber ist, was unter 
„Frauenfrage. zu verstehen ist. = Fragen= der Po- 
litik, die sich mit der Stellung des weiblichen Geschlech- 
tes beschäftigen, hat es zu allen Zeiten der Völler- 
geschichte gegeben. Solche -Fragen, sind durch Sitte 
und Gesetz mit Rücksicht auf die geheiligten Einrich- 
tungen in Zeiten gesunder Entwicklung so beantwortet 
worden, daß das Ganze davon eine Förderung hatte. 
Seit undenklichen Zeiten ist dabei dem Umstande 
Rechnung getragen worden, daß ein Teil des weib- 
lichen Geschlechtes nicht zur Erfüllung seiner eigent- 
lichen, mit dem Leben der Nation zugleich aufs engste 
verbundenen Lebensaufgaben in der Ehe gelangen 
kann. Diesem Umstande gegenüber war darauf zu 
achten, daß die Ursachen nicht verstärkt würden, die 
diesen individuellen Notstand hervorriefen, daß die Fol- 
gen dieses Notstandes nach Möglichkeit ausgeglichen 
würden und ihm damit die Kraft genommen wurde, 
zu einer Erschütterung des Ganzen beizutragen. Es 
ist nun aber so gekommen, daß sich eine zweifellos vor- 
handene Not zu einer drohenden Gefahr für die Ge- 
samtheit auswuchs, mit der fertig zu werden immer 
schwerer wurde. Erst als dies eintrat, entstand eine 
eigentliche Frauenfrage:. Das brauchte keineswegs 
zur Folge zu haben, daß sich die „Frauen= bzw. das 
weibliche Geschlecht emanzipierten. Tatsächlich aber 
ist die „Frauenfrage= die Frage der „emayibaton 
der Frauen= geworden, weil die herrschenden Anschau- 
ungen es gestatteten, nicht etwa nur den Männern, 
sondern allen staatlichen Einrichtungen Kampf an- 
zusagen und ihnen auf das persönliche Wohl gerich- 
tete Forderungen entgegenzuhalten. Das konnte nur 
geschehen, als das Ganze die Kraft verloren hatte, 
mit allen Angelegenheiten des Lebens fertig zu wer- 
den. Diese Kraftlosigkeit des Ganzen, die schwindende 
Empfindung für das Wohl der übergeordneten Ge- 
samtheit, hat ihren tiefinnersten Grund in der Ber-
        <pb n="431" />
        Ruge: Der Krieg und die Frauen 
achtung alles dessen, was sich aus einer langsamen 
Entwicklung herauswachsend an Sitte, Haltung nach 
innen und außen gebildet hatte. 
Diese Erschütterung der Grundfesten ist eingetreten, 
als Deutschland in überschnellem Tempo vom Agrar- 
staat zum Industriestaat überging. Es ist die wesent- 
lichste, aber auch die verhängnisvollste Wandlung, die 
Deutschland überhaupt, vornehmlich seit 1870 —71, 
erfahren hat. Es !z7# ein zweiter, nicht minder gefähr- 
licher-Fortschritte hinzugetreten: Deutschland hat den 
weiteren Schritt vom Werte schaffenden Industrie- 
staat zum Werte umsetzenden Handelsstaat gewagt. 
Weltindustrie und Welthandel haben sich vereinigt, 
um die Selbständigkeit zu erstreben, die der Agrarstaat 
schon allein durch seine Existenz besessen hatte. Dieser 
Fortschritt- ist nicht etwa so vor sich gegangen, daß 
der Industriestaat den Agrarstaat ergänzte und 
zu größerer Vollendung, zur Erschließung aller vor- 
andenen schöpferischen Kräfte brachte, uondern die 
dee des Industriestaates setzte sich der des Agrar- 
taates feindlich entgegen, und es war niemand da, 
er diese Feindschaft in einer höheren Form aus- 
geglichen hätte. Das gleiche feindselige Verhältnis 
machte sich bald bemerkbar in dem Gegensatz vom In- 
dustrie- und Handelsstaat. Agrarstaat und Industrie- 
staat sind dem Handelsstaat gegenüber zweifellos hö- 
here Formen der Gemeinschaft. da sie prod uktive 
Kräfte zeitigen; die größte Gefahr für ein Volk liegt 
in der Entwicklung zum Welthandelsstaat, zum Zwi- 
schenhändler, zum Weltwarenhausbesitzer, zum Welt- 
verfrachter; England hat diese Entwicklung, von An- 
fang an auf ganz anderen Bedingungen aufgebaut, 
urchgemacht. 
In dem schnellen Fortgang vom Agrarstaat zum 
Industriestaat und von da zum Handelsstaat ist das 
bedrohlichste Wagnis der Einseitigkeit, der unhar- 
monischen Auslösung der Kräfte, des eigentlichen 
Selbstaufgebens, des Uberganges von der Produktivi- 
tät der Masse zur Produktionslosigkeit, von der Herr- 
schaft der Werte, der Qualitäten, zur Anarchie der 
Werte und zur Tyrannei kleiner Gruppen verborgen. 
Es ist die Bahn von der Werterschaffung, Wertsteige- 
rung und Wertvertiefung beiallen einzelnen Menschen 
r völligen Entwertung auch der Wertträger. Es 
ist zugleich der Weg von der Urwüchsigkeit der Welt- 
anschauung zur Weltanschauungslosigkeit, von der 
mit fester Bürgschaft und deshalb mit Persönlichkeits- 
wertungen begleiteten Leistung zur bürgschaftslosen 
Hergabe und Unterbringung von Waren fremder 
Probarktivitch; es ist — um nur eine Etappe dieses 
eges sinnfällig vor Augen zu stellen — der Weg 
vom Bauer zum Handwerker und von dort zum 
Händler, zum Krämer, zum Warenhausbesitzer, der 
mit Sachen und Menschen, mit Gebrauchsgegenstän- 
den, Werken der Kunst und des Kultus marktet, um 
dort Geld zu verdienen, wo andere schufen. Wäh- 
rend der Bauer noch alles unter dem Gesichtspunkte 
der produktiven Kraft erblickt und der Erschaffer von 
Industriewerten zäh an den Bedingungen einer gulen 
Leistung festhält, erscheint dem Warenhausmenschen 
alles nur nach Maßgabe des äußeren Wertes, gegen 
dessen Ursprung und Verhältnis zu anderen Werten 
er sich völlig gleichgültig verhält. Der Mensch der 
Scholle steht naturgemäß dem Werdenden und Ge- 
deihenden staunend gegenüber; er empfindet stark 
die schöpferische Kraft einer übergeordneten Macht als 
etwas in sein Leben Eingreifendes; der produktive 
Handwerker wertet die persönliche Tugend, die zur 
345 
Erschaffung des gewollten Zweckes führt, der Händler 
dagegen haftet an den Marktpreisen. Die unhar- 
monische Entwicklung vom Agrarstaat zu den An- 
fängen des Händlerstaates ist keineswegs etwa eine 
notwendige, sondern es ist eine gewollte, eine ver- 
schuldete, aus dem Mangel an Willen zur Einheit 
entsprungene; es ist eine unnatürliche, sich gegen die 
ursprüngliche Kraft und den gesunden Instinkt, den 
auf Ganzheit gerichteten Willen wendende; sie ist be- 
gründet in der bewußten und planvollen Vernichtung 
er reinen Empfindung für die eigentlichen Auf- 
gaben, Grenzen und Lebensbedingungen der Völker 
und der Menschheit. Wem das nicht deutlich vor 
Augen steht, hat keine Vorstellung von den treiben- 
den Momenten der Welt- und der Völkergeschichte. 
Der Ursprung der -Emanzipation= zunächst der 
ledigen Mitglieder des weiblichen Geschlechts liegt 
bei solgerichtiger Fortsetzung dieser Grundrichtung in 
der Verbreitung der Anschauung, daß der einzelne 
„Mensch= für sich allein die Bedingungen größtmög- 
lichen Erwerbes und äußerster Luststeigerung t er- 
ringen das Recht habe. Nachdem sich dies die Män- 
ner angemaßt und sich unter Vorantritt der tradi- 
tionellen Führer aus dem gesamten Pflichtenkreise 
»emanzipiert« hatten, war nicht nur das Scheinrecht, 
daß die Frauen das gleiche taten, geschaffen, sondern 
sogar die absolute Notwendigkeit dazu; das Verständ- 
nis für die Fragen des weiblichen Geschlechtes, die 
nur als solche des Familienlebens gelöst werden 
konnten, war geschwunden. Da der Gedanke abhanden 
gekommen war, jedes Mitglied des Volles nur als 
einen Träger der Volksidee zu betrachten, wurde auch 
das Weib als Einzelindividuum, teils als Erwerbs- 
element, teils als Gegenstand der Lust gewertet, und 
es kam darauf an, es nach beiden Seiten hin den Ein- 
zelzwecken der Männer dienstbar zu machen. Damit 
hängt das wachsende Unverständnis für die Werte 
innig zusammen, die durch die Frauen deutlich re- 
präsentiert werden. Fanden beispielsweise früher viele 
unverheiratete Frauen eine befriedigende und geach- 
tete Unterkunft in hilfsbedürftigen Familien, standen 
sie hoch in Ehren als Wohltäterinnen und Kranken- 
pflegerinnen, so wurden sie je## auch hier nur noch 
als konkurrierende Elemente betrachtet oder ihrer Er- 
werbsuntüchtigkeit wegen von oben herab angesehen. 
Infolge dieser gegen vergangene Zeiten ganz verän- 
derten Lage ist die „Frau= dazu gedrängt worden, 
ihr Schicksal selbständig in die Hand zu nehmen. 
Dies hat nun ungeheure Gefahren mitsich gebracht: 
Die -Frauenbewegunge ging nicht aus sittlichen, son- 
dern aus äußerlichen gemeinschaftsfeindlichen Deweg. 
gründen hervor. Sie kämpfte für einen Teil des weib- 
lichen Geschlechtes, aber nicht im Sinne der ralten 
Zeit-, sondern im Geiste einer = Neuorientierung. 
ie Frauenbewegunge, die Bewegung der Ledigen, 
anstatt eine Reaktion zu sein, den Zustand der Sitt- 
lichkeit wiederherzustellen, den Familiengesichtspunkt 
wieder als den einzig berechtigten klar vor Augen zu 
rücken, ist eine Bewegung geworden, den Verselbstän. 
digungsprozeß zu fördern. Die Frau soll dem Manne 
gegenüber selbständige werden, sie kämpft nicht, um 
ihren durch Geschlecht, Religion und überlieferung ge- 
heiligten, mit dem Wohle des Ganzen unabänderlich 
verbundenen Pflichtenkreis zurückzuerobern und den 
Egoismus der Männer zu brechen, sondern sie streitet 
um Rechte, die ihr angeblich als -Mensch- zustehen. 
Dieses Programm der Frauenbewegung stehtsen mehr 
als 20 Jahren vollkommen fest und ist mit Zähigkeit
        <pb n="432" />
        846 
und nicht zu leugnender Zielbewußtheit durchgeführt 
worden; es ist mit Klugheit in allen Erwerbsständen, 
vor allen Dingen aber im Bildungswesen und den 
darauf gegründeten Berufen zur Geltung gebracht 
worden. Der Beginn des Weltkrieges ist der 
Zeitpunkt eween, wo die deutsche Frauen- 
bewegung im Bunde mit den organisierten 
Frauen aller Länder den nachdrücklichsten 
Vorstoß gegen die bestehenden Gemein- 
schaftsformen zu unternehmen entschlossen 
war, um kirchliches, kommunales und staatliches Wahl- 
recht zu erlangen, damit den Prozeß der = Atomisie- 
rung- der Gesellschaft zu vollenden, zugleich aber auch 
das Bestehen staatlicher Verbände in Frage zu stellen. 
Man muß zur Rechtfertigung der deutschen 
Frauen dabeifolgendes scharf unterstreichen: Erstens 
war, wie schon bemerkt, an dem herrschenden Zustande 
die Männerwelt schuld, denen die Machtausübung 
oblag; zweitens ist die Frauenbewegung nicht etwa 
eine HVewegung verheirateter Frauen, sondern, wie 
erwähnt, überwiegend eine solche der ledigen; drit- 
tens trug die Frauenbewegung von Ansang an 
durchaus das Gepräge einer dem schwerfälligeren deut- 
schen Volke künstlich aufgepfropften Sache, da sie vor- 
zugsweise von jüdischen Frauen gefördert wurde, die 
naturgemäß den engsten Anschluß an inter- und 
antinationale Strömungen suchten, ein Sstan der 
im wesentlichen bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt be- 
steht. Diese Momente geben der Hoffnung Raum, 
daß eine durch den Krieg geförderte kraftvoll einsetzende 
deutsche Frauenregsamkeit, ein festes Auftreten der 
elgentlichen vaterländischen Frauenvereine, ein ener- 
sscher Anschluß an die die Not empfindenden Männer 
em Zerfall Einhalt tun und die Werte wieder in 
Ansehen bringen können, auf die uns der Krieg zu- 
rückgeworfen bol 
Um die Lage richtig zu beurteilen, müssen noch einige 
von den verschiedensten Seiten her (von Historikern, 
Hygienikern, Rasseforschern, Philosophen) oftmals be- 
tonte Tatsachen in Erinnerung gebracht werden, die es 
ganz zweifellos erscheinen lassen, daß durch die Frauen- 
ewegung der Notzustand, aus dem heraus eine 
Frauenfrage Überhaupt entstehen konnte, vergrößert 
worden ist. Die -Frauenbewegung= und das völlige 
Versagen der verantwortlichen Männer haben es da- 
hin gebracht, daß den Mädchen nicht nur alle Berufs- 
arten geöffnet worden sind, sondern daß es zur Ge- 
wohnheit wurde, die Mädchen schon im jugendlichen, 
am meisten gefährdeten Alkter dem Haus zu entfrem- 
den und zum Erwerb vorbereiten zu lassen. Es ist 
nun eine sich immer wieder bestätigende Beobachtung, 
daß durch die selbständige Erwerbstätigkeit die Frau 
die Grundeigenschaften einer tüchtigen Mutter 
und Gattin überschnell verliert, nämlich die Selbst- 
losigkeit und die Fähigkeit williger Unterordnung unter 
die Gebote des Familienlebens, daß zweitens die phy- 
sische Kraft, gesunde Kinder hervorzubringen, bei 
dem Verbrauch der Frauen in den Erwerbsbetrieben 
aller Art rasend abnimmt, daß drittens die gesunden 
Männer instinktiv diesen Mangel an Eigenschaften für 
die Ehe empfinden und deshalb die Ehe mit solchen 
Mädchen scheuen, daß endlich durch die starke Kon- 
kurrenz im Erwerb die wirtschaftlichen Bedingungen 
der Ehebildung fast abhanden gekommen sind. Auch 
ist kein Zweifel darüber, daß infolge des Hinsinkens 
aller durch eine feste Sitte errichteten Schranken die 
außereheliche Befriedigung des Geschlechtstriebes viel 
größere Möglichkeit und Duldung findet als zu Zei- 
IV. Kultur und Geistesleben 
ten, wo die Sitte die Frau im Hause hielt und auf 
der Unsittlichkeit der Makel der Gesellschaft ruhte. Ein 
Umstand aber zeigt die ganze Größe der Gefahr: Durch 
den Verbrauch des weiblichen Körpers und der weib- 
lichen Seele im Erwerbsbetrieb einerseits und ander. 
seits durch die Steigerung und Legitimation der Un- 
sittlichkeit für beide Geschlechter ist die Hervor- 
bringung eines kräftigen männlichen Ge- 
schlechtes völlig in Frage gestellt. Das über- 
wiegen weiblicher Geburten gegenülber den männlichen 
ist ein betrübliches Ergebnis; das männliche Geschlecht 
bedarf, wie von vielen Hygienikern nachgewiesen ist, 
weit mehr dersor küngeb Miegeuend vor gero Dingen 
der natürlichen Ernährung als das weibliche, ein Be- 
dürfnis, das zu erfüllen unter den obwaltenden Um- 
ständen völlig ausgeschlossen ist. Nicht nur diesem 
Ergebnis der Verminderung des männlichen Ge- 
schlechtes sah man in Deutschland zu Beginn des Welt- 
krieges entgegen, sondern wir befanden uns, als alles 
über uns herfiel, uns zu vernichten, vor einem Ab- 
grund, der durch den schnell zunehmenden= Geburten- 
rückgang= scharf bezeichnet war. Es könnte noch an 
viele Einzelerscheinungen der angedeuteten Entwick- 
lungen erinnert werden, die dem oberflächlichen Poli- 
tiker unbedeutend erscheinen, aber näher betrachtet den 
Lebensnervunseres Volkes treffen, so beispielsweise die 
das Wachstum der Nation aufs schwerste bedrohende 
„ iienstbotennote und anderes mehr. 
An Gegenströmungengegen die Frauenbewegung- 
hat es keineswegs glsehs. nur konnten sich dieselben 
infolge des herrschenden Materialismus, des fort- 
schreitenden Feminismus bei den Männern und dem 
damitverbundenen Versagen der Parteileitungen keine 
Geltung und keine Macht verschaffen. So haben sich 
die auf den alten Anschauungen vom Pflichtenkreise 
der Frau beruhenden großen Organisationen der 
»vaterländischen Frauenvereinee und viele mit den 
christlichen Kirchen in engster Verbindung arbeitende 
Vereine in rastlosem Kampfe weiter behauptet, obwohl 
sie nicht mehr die alte Anziehungskraft ausüben konn- 
ten. Der= Deutsche Bund gegen die Frauenemanzi- 
pation eine Organisation von Männern und Frauen, 
hat mit richtiger Erkenntnis der Sachlage zuerst das 
wachsende „Bildungsbedürfnis= der = Frauene und 
dann vor allen Dingen die politischen Ziele der 
„ Frauenbewegung= angegriffen. Um diesen Bestre- 
bungen wieder das gebührende Ansehen zu verschaffen, 
bedurfte es eines sichtbaren Zeichens, daß die an- 
pestrebte Entwicklung zu einer Katastrophe hinführe: 
es Weltkrieges. 
2. Die durch den Krieg geschaffene Lage. 
Der Einfluß des Krieges auf bestehende Verhält- 
nisse mußte bei längerer Dauer in jeder Beziehung 
ein ganz anderer sein, als wenn es sich darum ge- 
handet hätte, einen kurzen, die Nation aufrüttelnden 
ampf zu Ende zu bringen. Alle Teile und mehrere 
Generationen des Volkes sind von ihm auf das aller- 
schwerste betroffen; er hat auch gerade an das weib- 
liche Geschlecht Ansprüche gestellt, die in ihren letzten 
Folgerungen kaum mehr zu lbersehen sind und ernste 
Bedenken bei denen hervorbringen, die sich über die 
Zukunft Gedanken machen. 
Die ersten Wirkungen waren zweifellos durchaus 
befreiender Natur. Ein Strom der Behessterung Lur 
eine große gemeinsame, den Menschen aus engen Ber- 
Hältusssen krrausrehende Sache durchflutete alle Teile 
er Bevölkerung. Die Mutter, die Söhne ins Feld
        <pb n="433" />
        Ruge: Der Krieg und die Frauen 
schicken konnte, siieg.gewaltig im Ansehen die Gattin, 
die für kurze Zeit an die Stelle ihres Mannes trat, 
fühlte durch die erhöhte Pflichterfüllung ihre Kräfte 
ungeheuer gesteigert. Die Mädchen, die in die Hilfs- 
organisation des -Roten Kreuzes= eingestellt wurden, 
um unmittelbar am Kriege teilzunehmen, sahen etwas 
von überflüssiger Vergangenheit hinsinken und emp- 
fanden sich als unentbehrliche Glieder des gemein- 
samen, in Not geratenen Vaterlandes. Zu Hundert- 
tausenden drängten sich Frauen, die bis dahin untätig 
gewesen, sich aus edler überlieferung von einem Seele 
und Körper vernichtenden „Erwerbsgeschäft ohne 
Liebe« abhalten ließen, in Tätigkeiten und Berufe hin- 
ein, wo Aufbietung aller Kräfte und zugleich ein gro- 
ßes Maß mütterlicher und schwesterlicher Anteil- 
nahme erfordert wurden. Die im Frieden gefährdete 
Stellung der sich der Wohlfahrt widmenden Frauen 
schien sich von neuem zu heben. Die Mütterlich- 
keit der Nation wurde neben der entschlossenen 
Männlichkeit eine unentbehrliche Waffe. 
Wer die ersten Kriegsmonate in deutlicher Er- 
innerung hat, wird diesen Zeg als einen ganz wesent- 
lichen empfunden haben. Die Sorge der Frauen trat 
Überall ein; sie sorgten für t im Felde stehenden 
Söhne, Gatten und Brüder; sie sorgten in erhöhtem 
Maße für die im Lande gebliebenen Kinder sie sorgten 
für die Armen und diejenigen, die sich nur langsam 
zurechtfinden konnten; Strickstrumpf und Flicheug 
wurden plöglich wieder zur beherrschenden Mode. 
Die großen Opfer der Kriegsorganisationen, die Weit- 
herzigkeit, mit der die Ereper Überall verabschiedet, 
empfangen, verpflegt und behütet wurden, das ins 
Land zurückflutende Elend an verwundeten und ge- 
brochenen Kriegern steigerten von Tag zu Tag das 
Maß von sorglicher -Mütterlichkeit. Die Einschrän- 
kungen im Haushalte, die unleugbaren Fehler in der 
verspäteten und ziellosen Mobilisierung der wirtschaft- 
lichen Kräfte, der zu furchtbarer Blüte getriebene Wu- 
cher spannten alle edlen Kräfte der helfenden Frau 
auf das äußerste an und zeigten, wieviel verborgene 
Kraft in ihr geschlummert hatte. Noch war sie überall 
diejenige, die aus freiem Entschluß zu dem Heere hin- 
ter derprom hinzukam, noch zwang sie keine Not, noch 
galt es, die vorhandenen Dinge richtig zu über- 
schauen und einzuteilen, = Frauentugenden= mobil zu 
machen. Noch war die Nation nicht arm an Män- 
nern, da der Hauptbestand der mobilen Truppen und 
der Reserven aus Deutschlands Jugend bestand, die 
zwar untererschwerten Umständen versorgt sein wollte, 
aber doch noch nicht so Er in den inneren Lebens- 
betrieb der Nation eingereiht war, daß mit ihrer Her- 
aus ichung derIrgan mus gefährdet gewesen wäre. 
Noch war Arbeiterüberfluß vorhanden, noch war der 
eiserne Bestand in keiner Weise angetastet. Es galt 
für die Frau, Lücken zu füllen, aber das, was von 
ihr im wesentlichen verlangt wurde, war gesteigerte 
Mütterlichkeit, Frauentugend, Frauenkraft, Mit- 
verantwortlichkeit für Familie und Beruf des Man- 
nes, kurzum -Mobilisierung der weiblichen Kräfte der 
Natione. 
Natürlich hat sich auch unter den Frauen die große 
Spaltung gezeigt die bei den Männern so unver- 
wischdar in die Augen getreten ist und als eine eherne 
Tatsache den Krieg und alle kommenden Zeiten be- 
stimmen wird. Wie sich die Männer in solche schie- 
den, die in heller Begeisterung für die gemeinsame 
Sache alles, sich selbst, freiwillig hingaben, und solche. 
welche die günstige = Konstellation auszunutzen, in 
847 
Kriegsgesellschaften hineinzukommen und darin sich 
ounabkömmliche zu machen wußten, so war es auch 
mit den Frauen: die einen erfüllte tiefste Sehnsucht 
zu helfen und Liebe zu spenden, die anderen begrüßten 
die Möglichkeit -lockendere und rlohnender-Beschäf- 
tigung. Es fragt sich aber bei allen Bewegungen- 
des Lebens nicht nur, welche Strömungen vorhan- 
den sind, sondern welche sich Ansehen und damit die 
Oberhand zu erringen vermögen, und da ist es zwei- 
fellos, daß dies im Anfang des Krieges die edle Strö- 
mung gewesen ist. Die erste Zeit des Krieges hat die 
kühnsten Aussichten auf eine Wiedergeburt und eine 
Hebung des weiblichen Geschlechtes in dem einzigen 
Sinn eröffnet, in dem eine gesunde und kräftige Na- 
tion eine Hebung des einen Teiles zum Besten aller 
anderen ohne Niederlegung natürlicher und göttlicher 
Schranken anstreben kann. Es schien die Zeit mit 
Riesenschritten zurückzukommen, wo einerseits das 
Ansehen der Mutter und Gattin dauernd gefesti 
war, anderseits sich Berufe als Krankenpflegerin, a 
Fürsorgerin, als Helferin in hauswirtschaftlichen Be- 
trieben erschlossen, die, richtig ausgebaut, der Forde- 
rung zu genützen geeignet gewesen wären, den Mäd- 
chen in der Zeit von der Schule bis zur Ehe eine wür- 
dige weibliche Ausbildung und Erwerbsmöglich- 
keit zu erschließen, die sich unter dem Schutze des 
Elternhauses und unter der AUchtung der Offentlichkeit 
vollzog. Zudem hätte ein nicht zu langer, wenn auch 
blutiger Feldzug das Heimatbedürfnis der männ- 
lichen Jugend gesteigert, und aus ihm wäre von selbst 
der Wille zum Houss undzur se gelommen, andessen 
Mangel die Nation vor dem Kriege schwer erkrankt 
war. Die ungeheuren Gefahren einer dem Geburten- 
rückgange entgegentreibenden Nation wären klar ins 
Bewußtsein getreten. Der Wille zu kraftvoller Ent- 
faltung männlicher und nationaler Instinkte hätte 
klug benußt werden können, um das drohende Ver- 
hängnis eines möglichen Überfalles von allen Sei- 
ten vor Augen zu Helen, wie er sich in diesem Kriege 
als wirklich erwiesen hat. 
Eine ganz andere Wendung ist eingetreten. Die 
allgemeine Wehrpflicht ist bis auf den letzten Mann 
ausgedehnt worden, die Hilfsdienstpflicht ist hinzu- 
getreten; sie hat alles, was an Männern überhaupt 
vorhanden ist, unmittelbaren Kri swecem dienstbar 
gemacht. Das innere Leben der Nation ist den Män- 
nern über 60 Jahren und der Arbeit der Frauen 
anvertraut. Die Frau besorgt die Geschäfte des Man- 
nes schon aus ewohehe. nicht mehr als seine Ver- 
treterin; Tausende sind in die Lage versetzt worden, 
sie dauernd zu übernehmen. Das Staatsinteresse 
lockt Mädchen und Frauen aus den Häusern und stellt 
sie in ungezählten Mengen in Betriebe ein, die jeden 
Funken von weiblichem Menschentum ertöten müssen. 
Nicht auf die= Mütterlichkeite ueß rechnet das Vater- 
land in gegenwärtiger Stunde, sondern auf die phy- 
sischen Käse, Maschinen r- bedienen, landwirtschaft- 
liche Arbeiten zu leisten, Eisenbahnen zu überwachen, 
den strengen Dienst zu tun, der sonst nur der härteren 
und geregelteren Natur der Männer anvertraut wer- 
den durfte. Die Schranken zwischen Mann und Weib 
erscheinen von Staats wegen niedergelegt. Das 
sind Wandlungen, die, sich seldst überlassen, n ur zum 
Untergange der Nation führen können, die allein durch 
entschlossenen Willen, durch zielbewußte Arbeit zum 
Segen geführt werden mögen. Die Tatsachen an sich 
sind jedoch nicht genügend, um die Lage der Frauen 
richtig zu verstehen, man muß auch die Mittel ins
        <pb n="434" />
        348 
Auge fassen, mit denen diese geschaffen und aufrecht- 
erhalten wird. 
Legten im Anfang des Krieges die von selbst kom- 
menden Verhältnisse den »Frauen« natürliche Lasten 
auf, trieb sie damals der Wille zu helfen und die 
Scham des Nichtstuns unwiderstehlich auf einen Platz, 
auf dem sie etwas leisten konnten, und stand damals 
die Mütterlichkeit in hohem Ansehen, so drängen sie 
jetzt dieeigene Not, der unmittelbar winkende Ge- 
winn und endlich die Aussicht, sich irgendwo in Er- 
werbsbetrieben unter Verzicht auf ihre natürliche Le- 
bensaufgabe auch für kommende Zeiten fest zusetzen. 
Dies ist keineswegs verwunderlich, da die Hoffnung 
auf baldige normale Zeiten und auf die Rückkehr eines 
kräftigen männlichen Geschlechtes schwindet, das im 
Bunde mit den zu Hause ausharrenden Frauen die 
Heimat neu bauen, für Glück und wahres menschliches 
Dasein am häuslichen Herde sorgen werde. — Das 
ist im Augenblick die veränderte Lage des Frauen- 
geschlechts, die sich allerdings in jeder Stunde wandeln 
ann. Die Frauen treiben Erwerb, sie halten die von 
den Männern verlassenen Stellen inne, sie verdienen 
ohne Begeisterung Geld, während Deutschlands Män- 
ner um kargen Sold den schweren Dienst mit der Waffe 
tun. Der ausgesprochene Wille, einer dadurch ange- 
bahnten Entwicklung Einhalt zu gebieten, ist nicht zu 
verspüren. Nicht nur die zur Aufrechterhaltung des 
nationalen Lebens unbedingt notwendigen Berufe 
der Männer sind von Frauen überströmt, ohne die 
ausgesprochene Absicht, sie bald wieder aufzugeben, 
sondern es werden ausdrücklich zur staatsmännischen 
Ertüchtigung der männlichen Jugend geschaffene Be- 
triebe jetzt zu Vorbereitungsstätten für junge 
Mädchen, um den an Leib und Seele aus langem 
Kriege geschädigt in die Heimat Zurückkehrenden die 
Aussichten zu verkümmern: Deutschlands Universi- 
täten sind Erwerbsvorbereitungsstätten für junge 
Mädchen geworden. 
3. Die Einstellung der Frauenfrage in die 
Rechnung der Zukunft. 
Die durch den Krieg geschaffene Lage des weiblichen 
Geschlechtes wird in ganz verschiedener Weise in die 
Rechnung der Zukunft eingestellt, als ein Zustand der 
»Not« oder als ein Zustand des Fortschrittes an- 
esehen. Das Schrifttum gerade über diese Frage der 
egenwart ist außerordentlich angeschwollen, und die 
Versuche in bezug auf die zu schaffenden neuen Ver- 
hältnisse sind überaus zahlreich. Das ist vor allen 
Dingen darin begründet, daß erstens die agitierenden 
Frauen ungestört ihre Wünsche vorbringen können, 
während die Männer im Felde stehen, zweitens das 
Gegengewicht der im Haus beschäftigten Frau nicht in 
die Wagschale fallen kann, weil sich diese naturgemäß 
nicht an dem Kampfeder Meinungen beteiligt, drittens 
die -Frauenfrage eine Angelegenheit ist, die nur 
weitsehenden Politikern und vom Staatsgefühl durch- 
drungenen Männern als überaus wichtig erscheint. 
Immerhin ist die Zahl der Stimmen, die aus den 
Kreisen der an das Haus gebundenen Frauen und 
aus denen besorgter Männer kommen, auch nicht so 
anz llein. Jede Entscheidung in dieser Angelegenheit 
gängt davon ab, welche Vorstellung man sich von den 
Aufgaben und unveräußerlichen Rechten eines Volkes 
macht. Bei der Beantwortung der Frauenfrage- 
stoßen die Weltanschauungen auf das allerhärteste 
aufeinander. 
Die schon im Frieden auf die = Verselbständigung- 
IV. Kultur und Geistesleben 
der Individuen gerichteten „Bewegungen= müssen in 
dem augenblicklich vorhandenen Bustände einen er- 
freulichen, für alle Zeit festzuhaltenden Fortschritt- 
auf der Bahn erblicken, den Menschen von der Tradi- 
tion zu abefreien-. Die Vereinzelung der Menschen, 
nicht die Aufeinanderbezlglichkeit oder die Gebunden- 
heit an eine übergeordnete Form ist das Thema und 
das Ziel aller modernen -Emanzipationen. Sie 
streben keineswegs danach, Selbständigkeit und Er- 
werb des nicht zur Ehe gelangenden Mädchens nur 
innerhalb der Grenzen zu fördern, die durch den hö- 
heren Wert der -Familie= geboten sind, sondern sie 
stehen grundsätzlich auf dem Standpunkte, daß es nur 
„Menschen gibt, die durch kein übergeordnetes Ideal 
miteinander verbunden sind, und daß für diese -Men- 
schen= — ob weiblich oder männlich — die größtmög- 
liche Freiheit der Betätigung als Ziel einer fort- 
laufenden Entwicklung zu erstreben sei. Es kommt 
jetzt alles darauf an — unter Vorschiebung von all- 
gemeinen Gründen — die Ungebundenheit durch 
überkommene Sitte zu einem sanktionierten Rechts- 
zustand zu machen. Es gilt die Gleichheit im Erwerb, 
in der politischen Tätigkeit und in allen anderen Din- 
gen unter Aufgabe bisher heiliger Güter nach Maß- 
gabe des im Kriege erreichten Zustandes zu erlangen; 
es gilt, für die „Frauenemanzipatione insbesondere, 
den Kampf gegen die Herrschaft des Mannes, des 
männlichen Staates, der monarchisch eingerichteten 
Ehe eiligst bis zu einem Punkte durchzuführen, der 
neue Aussichten eröffnet, noch bevor sich die durch 
den Krieg gebundenen Männer dessen wirksam er- 
wehren können. Das ist die Grundrichtung, welche die 
Kriegsunternehmungen der Frauenrechtlerinnen, fest- 
organisiert im Bunde deutscher Frauenvereine, seit 
Beginn des Weltkrieges ganz systematisch verfolgen. 
Aus keinem anderen Grunde als aus Kampfeszwecken 
für das angegebene Ziel haben sich die - organisiertene 
Frauen reinlich von den vaterländischene und ereli- 
iösen: Frauenvereinigungen geschieden. Das ist ge- 
schehen durch Schaffung des -Nationalen Frauen- 
dienstes ; die Organisation als solche war notwendig, 
um in und nach dem Kriege die Rechnung vorlegen zu 
können: Die »Frauen« haben im Kriege dieselben 
Leistungen vollführt wie die Männer; folglich er- 
warten sie als Lohn dafür nach dem Kriege die volle 
»Gleichberechtigung« auf allen Gebieten. Unter diesem 
Zeichen der völligen Atomisierung der Gesellschaft 
stehen die Erörterungen über das Frauendienstjahr., 
die -= Beteiligung der Frauen in der Gemeinde, der 
Kommune und dem Staate-, die -Zulassung der 
Frauen zu den staatlichen Amtern, die = Aufrecht- 
erhaltung und Umbildung der Universitätene, die 
e Aufhebung des Zölibates der Lehrerinnene. In 
dieser Form spielt die „Frauenbewegunge bereits in 
den Verfassungsausschuß und in die Programme 
sämtlicher politischer Parteien hinein. 
Den Versuchen, dieser Entwicklung Halt zu gebie- 
ten, fehlt es meistens an agitatorischer Kraft; sie kön- 
nen sich nicht in rein wirtschaftlichen Berechnungen 
bewegen, sie müssen viel tiefer schürfen und sich an 
die edlen Instinkte der Menschen zu einer Zeit richten, 
wo man gewöhnt ist, ausschließlich materialistisch zu 
denken. Dazu kommt, daß sich die zerklüftete, künft- 
lich aufrecht erhaltene Parteipolitik Deutschlands alle 
großen aus dem Weltkriege heranwachsenden Ideen 
fern zu halten scheint. Ein Gefühl der Unsicherheit die- 
sen Ideen gegenüber veranlaßt die Parteiführer, die 
„Frauenbewegunge zu umwerben in der Hoffnung,
        <pb n="435" />
        Ruge: Der Krieg und die Frauen 
dort ein neues Heer von Stimmabgebenden anwer- 
ben zu können. In keiner der bestehenden Parteien 
ist mit der Frauenbewegung deutlich abgerechnet, weil 
die großen, die Einzelpartei üÜberragenden Gesichts- 
punkte noch nicht von durchschlagender Kraft gewor- 
den sind. Hier bleibt das Feld der Betätigung den 
berufenen, über den Parteien stehenden Leitern und 
Vertretern des Staatsinteresses vollkommen frei. 
Die Schlagwörter, die heute zum Sturme gegen 
alle Überlieferung aufrufen und alles das mit sich zu 
reißen drohen, worauf wirklicher, ruhiger Fortschritt 
beruht, sind im Grunde die gleichen, die zur Zeit der 
französischen Revolution für die Masse derer gemünzt 
waren, die ohne jede weltanschauliche Hemmung von 
Extrem zu Extrem eilen, mit denen sich überhaupt 
nicht über Werte sprechen läßt, die über den ma- 
teriellen Werten gelegen sind. Die durch den Krieg 
geförderten und immer wieder vorgeschobenen For- 
derungen der radikalen „Frauenbewegung- sind rein 
materialistischen Ursprunges. Sie fußen ethisch auf 
einer gefährlichen, dem deutschen Idealismus und 
der christlichen Lehre völlig fremden Lohnmoral, 
philosophisch auf einem durchaus negativen Intellek- 
tualismus und einem gegen die sichtbaren Unter- 
schiede blinden Individualismus, religiös auf voll- 
ständigem Nihilismus, politisch folgeri "l auf einer 
Lrundsätzlichen Abneigung gegen den Begriff des 
Staates, kulturell auf einem geschichtsfremden In- 
ternationalismus. Über allen Zweifel aufklärend 
in bezug auf das Wesen der Frauenbewegung und 
auf ihre Einstellung in die Rechnung der Kukiysst ist 
ihre enge Verbindung mit der internationalen Sozial- 
demokratie und den Harteien des äußersten Fortschrit- 
tes. In den politischen Bewegungen der Gegenwart 
feiern die vier großen internationalen Bünde nost täg- 
lich Feste der engsten Verbrüderung, = Sozialdemo- 
kratier, „Fortschritte, „JJudentum und „Frauen- 
bewegung-. 
Von her aus ist auch der Zusammenhang der 
„* Frauenfrage und ihrer möglichen Lösungen mit 
der äußeren Politik des Deutschen Reiches auf das 
einfachste zu Üüberschauen: Der Pazifismus, das Evan- 
gelium von der möglichen „Verständigung-, eine 
durchaus feministische Theorie, die folgerichtig im 
Lager jener internationalen Verbände vertreten wer- 
den muß und ausnahmslos zur Wirtschaftspolitik 
führt, bezeichnet scharf den Gegensatz zu den aus- 
gesprochen nationalen Gruppen, die demgegenüber 
die Machtpolitik betonen müssen. Machtbehaup- 
lung und -erweiterung haben nur einen Sinn, wenn 
das physische und seelische Leben eines Volkes als der 
Quell der schöpferischen Kraft geschützt und gesichert 
werden sollen. Nur der Politiker kann sich für eine kräf- 
tige Außenpolitik mit innerer Berechtigung einsetzen, 
für den die Familie das letzte Hentrum aller politischen 
Bestrebungen ist, der jede „Bewegunge mit heiligem 
orne bekämpf,, die sich gegen gesunde natürliche und 
ittliche Familienbildung richten tönnte. Der Macht- 
politiker erweist sich deshalb in gegenwärtiger Stunde, 
wo im Bunde mit internationalen Gewalten gerade 
die Folgen des Krieges gefördert werden, die nach 
der n ösung der Gemeinschaftsbildung, der Sitte 
und der Autorität hinstreben, als seiner Aufgabe nicht 
gewachsen, dersich der = Frauenfrage- gegenüber gleich- 
gültig verhält. Die Möglichkeiten solcher Folgen liegen 
in dem natürlichen Verlauf der Dinge. Eine Erwei- 
terung unseres Machtbesitzes und ein Anspruch auf 
Welt- und Seegeltung bestehen nur zu Recht, wenn 
349 
damit der Entwickung. die am Unfang des Krieges 
sich durchzusetzen den Anschein nahm, bie Bahn 
gemacht wird, der Entwicklung zur Mütterlichkeit 
des weiblichen, zum staatlichen Verantwortlichkeits- 
bewußtsein des männlichen Teiles, zur Achung, Liebe 
und Sehnsucht nach den verlorengegangenen Grund- 
bedingungen gesunden Daseins aller Teile der Nation. 
Diese Entwicklung kann nach dem bisherigen Ver- 
lauf des Krieges nicht mehr von selbst kommen. Dem 
widerstreitet der Fortgang nach der anderen Seite hin, 
nachdem fast das ganze weibliche Geschlecht in die er- 
werblichen Berufe eingeordnet und seinem eigentlichen 
Lebenszwecke entfremdet worden ist. Die radikale 
Umkehr zu einer wahrhaft menschlichen Lösung der 
„Frauenfrage. kann nur durch Entschließung politisch 
Überragender Persönlichkeiten geschehen, genau so wie 
die schwere militärische Lage nur durch einen über- 
ragenden Geist gerettet werden konnte. Wir sind von 
allen Seiten, uicht nur von äußeren, sondern auch von 
inneren Feinden furchtbar umstellt. Da muß es 
gelten, vor Riesenopfern nicht zurückzuscheuen und 
auch nicht vor den Legionen herbeiziehender Phrasen 
und Gemütsduseleien. Da wird es heißen müssen, 
den börsianischen Skrupellosigkeiten einer rein ma- 
terialistisch denkenden Gesellschaftsgruppe ruhig, aber 
kräftig entgegenzutreten und mächtig zu appellieren 
an die gesunden Empfindungen des im Kampfe und 
in Entbehrungen gestählten Volkes deutscher Männer 
und deutscher Frauen. Alle Hoffnungen der Zukunft, 
in der alle außen- und innerpolitischen Bestrebungen 
fest verankert sein müssen, beruhen darauf, daß die 
alten Autoritäten, die das Einzelleben überstrahlen- 
den Ideale und fest bindenden Formen wieder auf- 
erichtet werden, daß ihnen Ansehen, Geltung und 
acht zuteil werde. Die Aufrichtung solcher Autori- 
täten wird die unnatürliche Spaltung von selbst un- 
tergehen lassen, die zwischen dem männlichen und 
weiblichen Geschlecht eingetreten ist, sie zum Kampfe 
gegeneinander und gegen das übergreifende Ganze 
verleitete, sie dem Satan des Geldes und des Erwer- 
bes statt dem wahren Glücke nachzueilen verlockte. 
Der Krieg selbst kann dazu helfen, indem er das 
Heimatgefühl steigert, den kämpfenden Mann und 
die opferbringende Frau an die Werte erinnert, für 
die das Leben einzusetzen sich überhautt erst verlohnt, 
die für den Staat verantwortlichen Elemente zwingt, 
in der Not des Außeren an den Reichtum der deut- 
schen Innerlichkeit zu mahnen. Aber der Krich allein 
kann die Zukunftnicht retten, das müssen entschlossene, 
mit Führertalent ausgerüstete Männer tun. Eskommt 
auch bei der durch den Krieg von neuem gestellten 
„Frauenfrage“ vor allen Dingen auf die Folge- 
rungen an, die man aus den Ereignissen zieht; deren 
sind verschiedene möglich. Die Ents heidung ¾zl letzthin 
eine Machtfrage, und das ist ihr eigentllmlich, daß sie 
klar und deutlich vor Augen stellt, daß alle Ansprüche 
und Wünsche der Menschen im tiefsten Grunde auf 
Weltanschauung zurückzuführen sind. Es fragt 
sich bei ihnen, welche Werte Anerkennung 
finden und welche dagegen verblassen müssen. 
Literatur. Die Hauptorgane der -Frauenbewe- 
gunge, in denen die gesamte Literatur, soweit sie den Stand- 
punkt der Emanzipation-- einnimmt, sachlich, die Auße- 
rungen der anderen Seite wenigstens der Hauptsache nach 
immerhin polemisch besprochen werden, sind die Zeitschrift 
„Die Frau= (Leipzig) und das „Jahrbuch der Frauen- 
bewegung- (#hr#nd bes Bundes deutscher Frauenvereine; 
Berlin und Leipzig). — Die der »Frauenbewegung« ent- 
gegengesetzte Richtung istin allen eigentlichen Frauenzeitungen
        <pb n="436" />
        350 
mehr oder weniger ausgesprochen vertreten, zum scharfen 
und bewußten Ausdruck kommt sie im „Monatsblatt des 
deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation= (Berlin) 
und in der neugegründeten Zeitschrist „Wege und ziele- 
(Potsdam). — ter den zahllosen Einsellchriften 
eben die nachfolgenden einen ff von der Fülle der 
# an das Wort -Frauenbewegung= anknüpf Pro- 
IV. Kultur und Geistesleben 
bleme: L. Langemann, Auf falschem Wege (Berl. 1913); 
L. J. Taylor, Die Natur des es (Stuttg. 1913); 
A. Ruge, Die Mobilmachung der deutschen Frauentkräfte 
für den Krieg (Berl. 1915); N. Scellenderg. Mutter 
ne 
uttg. ); F. Sigismun enbewegung 
taat (Berl. W. " 
Deutsche Organisation im Kriege 
von W. Barmeisterin Elberfelb, Mitgl. b. preuß. Abgd.-Hauses 
Als im Jahre 1914 der große Krieg über uns kam, 
fand er das Deutsche Reich in wirtschaftlicher Hinsicht 
wenig vorbereitet. Man hatte in den Kreisen der 
Reichsleitung nicht fürchten zu müssen geglaubt, daß 
Deutschland im Kriegsfall von allen ubelselicchen Ver- 
bindungen abgeschnitten werden könnte, und hatte 
aus diesem Grunde versäumt, der Rohstoff= und 
Nahrungsmittelfrage schon vor dem Kriege die 
notwendige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die von 
außen an die Reichsregierung herangetragenen Be- 
strebungen auf Schaffung eines wirtschaftlichen Gene- 
ralstabs und einer wirtschaftlichen Kriegsvorberei- 
tung, an denen auch der Wirtschaftliche Ausschuß be- 
teiligt gewesen war, hatten noch nicht zu irgendeinem 
faßbaren Ergebnis geführt. 
An jenem 4. August 1914, als England wider Er- 
warten der Reichsregierung dem Deutschen Reiche 
den Krieg erklärte, wurde Deutschland vor gewaltige 
neuartige Probleme gestellt. Der Glaube an die Un- 
lösbarkeit dieser Probleme dürfte für die britische 
Regierung ein stark mitbestimmender Beweggrund 
ewesen sein, als sie den Kampf gegen das Deutsche 
Keich wagte. Und in der Tat hatte dieser Glaube viel 
für sich. Echon der Blick auf die Sprengstofffrage, 
auf die Fähigkeit der englischen Kriegsflotte, die deut- 
sche Salpelerzufuhr zu verhindern, konnte zu ihm ver- 
leiten. In Deutschland mußte von vornherein mit 
einem fast vollständigen Stillstand der Einfuhr sol- 
cher Rohstoffe und Waren gerechnet werden, die bis 
dahin allgemein, insonderheit von England, als 
Kriegsbannware bezeichnet worden waren. Darülber 
hinaus aber war es kein übertriebener Pessimismus, 
wenn eine Ausdehnung der englischen Seesperre auf 
den gesamten deutschen überseeischen Außenhandel, 
also auch auf die für die Zivilbevölkerung bestimmte 
Nahrungsmitteleinfuhr in die Kriegsrechnung ein- 
gestelt wurde. Daß England schließlich auch Wege fin- 
en und gehen würde, um eine Umleitung des deut- 
schen Außenhandels über die an Deutschland grenzen- 
den neutralen Staaten zu unterbinden, war ebenso 
vorauszusehen. Da sich die großen Nachbarstaaten 
im Osten und Westen des Reiches im Krieg mit 
Deutschland befanden, deren Handelsbeziehungen zu 
uns über die Landesgrenze also ebenfalls eingestellt 
waren, bedeutete der Eintritt Englands in den Krieg 
für Deutschland die wahrscheinliche Herstellung eines 
Zustandes, der den deutschen Außenhandelsverkehr 
im wesentlichen auf Osterreich-Ungarn, Skandinavien, 
olland, die Schweiz, Italien, Bulgarien, Rumänien, 
riechenland und die Türkei beschränkte, und zwar 
wiederum nur auf die eigenen Erzeugungsüberschüsse 
dieser Länder. Dieser Zustand ist inzwischen von 
England im wesentlichen hergestellt worden, 
wobei Italien und Rumänien mit ihren Erzeugungs- 
überschüssen infolge Kriegserklärung und Griechen- 
land seit Sperrung der griechisch-bulgarischen Verbin- 
dung durch das Saloniki-Unternehmen ausgefallen 
sind. Darüber hinaus hat Englands zielbewußte Poli- 
tik auch noch durch Beschränkung der Überseeischen Zu- 
faren an die in Irage kommenden neutralen Staaten 
eren Erzeugungsüberschüsse herabzusetzen gewußtt. 
Nehkof= und Nahrungsmittelproblem. Das 
Deutsche Reich, das im Jahre 1913 eingeführt hatte 
für 5,26 Milliarden Mark an Rohstoffen, für 1,55 
Milliarde an halbsertigen Waren, für 1.79 Milliarde 
an fertigen Waren, für 3,06 Milliarden an Nahrungs- 
und Genußmitteln und für 2,,0 Milliarden Mark an 
lebenden Tieren, hatte also mit dem Ausfall des weit- 
aus größten Teiles dieser gewaltigen Zufuhren zu 
rechnen. Es war für die Kriegführung und für die 
Bedürfnisse der Zivilbevölkerung angewiesen auf die 
eigene Erzeugung, auf die im Lande befindlichen Vor- 
räte, die verhältnismäßig gering, auf die Vorräte der 
besetzten Gebiete, die verhältnismäßg groß waren, auf 
die Erzeupungsmögiich eiten in den besetzten Gebieten 
und endlich auf nicht sehr große Zufuhren aus den 
verbündeten und benachbarten neutralen Ländern. 
Damit waren die beiden großen Probleme gegeben, 
deren Lösung der deutschen Krisßsorganisatio. ob- 
lag, das Rohstoff= und das Nahrungsmittelpro- 
blem. Beide Probleme erschienen nicht unlösbar, wenn 
es sich um einen Krieg von kurzer Dauer handelte, 
weil dann die vorhandenen Vorräte einen starken 
Sicherheitsfaktor abgaben. Sie gestalteten sich aber 
n Riesenaufgaben schwierigster Art, wenn der Krieg 
ange andauerte, zumal sie beide durch den starken 
Verbrauch der gewaltigen Heeresmassen scharf beein- 
flußt werden mußten. 
Rofstofffrage erschien besonders schwierig 
auf dem Gebiet der Erze und der Faserstoffe. An 
Eisenerzen hatte Deutschland 1913 etwa 14 Millio- 
nen Tonnen eingeführt, davon 3,6 Millionen Tonnen 
aus Frankreich, 3,08 Millionen aus Spanien und 
489 000 Tonnen aus Rußland. Da aber Deutschland 
selbst große Eisenerzlager besitzt, der deutsch-schwedische 
Verlehr in Erzen (1913: 4,56 Millionen Tonnen) von 
Englandnicht abgel chnitten werden konnte und Frank- 
rechs größtes Erzfördergebiet (Briey) in deutsche 
Hand fiel, so bot dies Frage keine allzu oßen Schwie- 
rigkeiten. Bedeutsamer erschien die Kupferfrage. 
Zwar hatte Deutschland vor dem Kriege nicht viel 
mehr Kupfererze und kupferhaltiges Gestein eingeführt 
(27,6 Millionen Tonnen), als es ausführte (25,2 Mil- 
lionen Tonnen). Aber die Kriegsindustrie bedurfte 
groer Mengen an Kupfer, daß die Vorratsfrage 
iesem Metalle von vornherein als sehr bedeutsam 
angesehen werden mußte. 
1 Ugl. die Beiträge „ Weltwirtschaft und Wirtschaftskrieg“, 
Bb. I. S. 376 ff.; „ Englische Kampfmethodene, Bi. II. S. 835fff.; 
iDie neutralen Mächte Europase, Dd. UI. C. 86ff.
        <pb n="437" />
        Bacmeister: Deutsche Organisation im Kriege 
Wichtig waren ferner die Manganerze (deutsche 
Einfuhr 1913: 680000 Tonnen, Ausfuhr nur 9295 
Tonnen), Schwefelkies und Schwefelerze (Einfuhr 
1026000 Tonnen, Ausfuhr 28214 Tonnen), Wolf- 
ramerze (Einfuhr 4803 Tonnen), Zinkerze, die bei 
einer Einfuhr von 313000 Tonnen nur eine Aus- 
fuhr von 45000 Tonnen aufwiesen. Der Krieg 
brachte ein stark vermehrtes Bedürfnis nach all den 
Metallen, die sich in ihrer Erzeugung auf die genann- 
ten Erze stützen. Hier also mußte die deutsche Kriegs- 
organisation einsetzen, die vorhandenen Vorräte und 
Elzeugungemöglichkeiten zu erfassen suchen. 
l#s nicht minder wichtig trat gleichzeitig in den 
Vordergrund die Frage der textilen Rohstoffe, 
in erster Linie Baumwolle und Wolle sowie der Er- 
Frugnifte aus diesen Rohstoffen. Betrug doch 1913 
ie Einfuhr an Baumwolle 4779.45 Tonnen im 
Werte von 607 Millionen Mark, die von Wolle etwa 
190000 Tonnen im Werte von etwa 400 Millionen 
Mark. Für die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung 
durfte allerdings auf lange * mit der Möglichkeit 
gerechnet werden, auf die vorhandenen Vorräte (vom 
ohstoff bis zum Detailhandel) zurückgreifen zu kön- 
nen. Darüber hinaus mußte aber der gewaltige 
Heeresbedarf sichergestellt werden, der sich natürlich 
nicht nur auf Bekleidung, sondern auf zahllose, von 
der Textilindustrie hergestellte Erzeugnisse erstreckte. 
Daß die Vorratsfrage auch auf diesem Gebiete gelöst 
werden konnte tro# der über Erwarten langen Dauer 
des Krieges, ist nicht zum kleinen Teil den Helden- 
taten der deutschen Armee zu danken, die gewaltige 
Mengen in den besetzten Gebieten lagernder textiler 
Rohstosse und Halbfabrikate zur Verfügung der deut- 
schen Kriegsorganisation stellten. 
Daß neben den genannten wichtigsten Rohstoffen 
noch zahllose andere genannt werden müßten, wenn 
der Zustand der wirtschaftlichen Einengung, in den 
Deutschland durch die Absperrung geriet, vollständig 
g#etennzeichnet werden sollte, liegt auf der Hand. 
lber schon das Gesagte deutet den Umfang der Auf- 
gaben an, vor die sich die deutsche Organisation in 
der Rohstofffrage gestellt sah. 
Das Nahrungsmittelproblem enthielt nicht 
minder große Schwierigkeiten. Zwar hatte das Reich 
1913 an Roggen sogar mehr ausgeführt (934000 
Tonnen) als eingeführt (352000 Tonnen). Aber diese 
Mehrausfuhr wurde in den Schatten gestellt durch 
die Mehreinfuhr an Weizen, die etwa 2 Millionen 
Tonnen betrug. Dazu kamen aber noch die gewalti- 
gen Einfuhren an Gerste (38087000 Tonnen), Hafer 
(505.000 Tonnen), Mais (918000 Tonnen), Reis 
(163000 Tonnen), Erbsen (147000 Tonnen) usw. 
Eine Ausfuhr von Bedeutung hatte in allen diesen 
Nahrungsmitteln nicht bestanden. Auch auf seine 
große Kartoffelerzeugung hatte das Reich keinen Aus- 
fuhrüberschuß aufbauen können. Mit der Absper- 
rung entsielen ferner die größten Teile der gewalti- 
en Fetteinführungen (Schweineschmalz 107000, 
alg 27000, Oleomargarin 26500, Butter 54000, 
Sesam 116000, Raps und Rübsen 153000, Palm- 
kerne 235000, Kopra 196 000 Tonnen usw.) und die 
sehr stattliche Einfuhr an Fleisch und lebenden Tie- 
ren sowie an Eiern. 
Es kam hinzu, daß Deutschland einer riesigen Ein- 
fuhr von Kraftfuttermitteln für seine Viehwirtschaft 
bedurft hatte. Nach Hoescht hatten wir im Jahre 
1 „Die wirtschaftlichen Fragen der Zeite (Berl. 1916). 
351 
1913 nachstehende, ausschließlich für die Viehernäh- 
rung bestimmte Mengen hereingenommen: 
1) Eiweißarme Körnerfrüchte (Futter- Tonnen Mark 
gerste, Mais, Dari)l 3099 583 zu 466 631 1,200 
Eiweißreiche Körnerfrüchte, rund J0000 „ 10000000. 
9 Eiwoißreiche und teilweise settreiche 
Futtermittel (Malzkeime, Reis- 
absälle, Kleie, Olkuchen usw) 
H Futtermittel aus #ngeführten Fut- 
terrohstossen, von denen 20 — 17 
der Masse und etwa die Hälfte des 
Wertes auf Futtermittel fällt (Lein- 
saat, Mohn, Rübsen, Palmkerne, 
Kopra, Baumwollensamen, Soja- 
bohnen, Erdnüsse usw.) rund. 1000000 261 996000 
Zusammen: 7418272 zu 995 578000 
Das Fehlen des weitaus größten Teiles dieser ge- 
waltigen Einfuhren mußte entweder zu einer starken 
Einschränkung der deutschen Viehwirtschaft, dadurch 
u einer Vermehrung der Düngemittel--, Fett= und 
leischnot oder zu einer erheblichen Verfütterung der 
sonst für menschliche Ernährung benutzten pflanzlichen 
Stoffe führen. Ohne eine starke Verbrauchsbe- 
schränkung war also das Nahrungsmittelproblem 
in Deutschland auch dann nicht zu lösen, wenn es der 
deutschen Landwirtschaft gelang, ihre Erzeugung noch 
lber den Friedensstand hinaus zu steigern. 
Die Organisation der Rohstofffrage. Die deutsche 
Kriegsorganisation der Rohstofffrage kann als voll- 
ständig gelungen bezeichnet werden trotz vieler Fehl- 
griffe, welche die überleitung der freien Wirtschaft in 
den durch die Organisation bedingten bureaukratischen 
Betrieb mit sich Hebracht hat. Es ist heute noch nicht 
die Zeit, endgültig darüber zu urteilen, wessen Ver- 
dienst das frühzeitige Aufgreifen des Problems und 
damit die rechtzeitige Erfafsung der Vorräte und Er- 
seugungsmöglichkeiten durch das Reich gewesen ist. 
lber die damit zusammenhängenden Vorgänge liegt 
bisher nur die Schilderun alter Rathenaus 
vor, der sicher in klarer Erkenntnis des Problems 
an der Autorschaft der Grundidee beteiligt sein dürfte. 
In zahlreichen Kriegs-Aktiengesellschaflen auf ge- 
meinnütziger Grundlage, die aus den Arbeiten der 
Kriegs. Rohstoff= Abteilung hervorgegangen 
sind, ist die Rohstofforganisation bis zum Jahre 1917 
bis ins einzelne gegliedert und ausgearbeitet, für 
Metalle wie für Erze, für Faserstoffe wie für Textil- 
waren, für Kohlen wie für Leder und Ole. 
Den von Reichs wegen gegründeten Organisationen 
trat der Kriegsausschuß der deutschen Indu- 
strie mit großem Erfolg hilfreich zur Seite. In ihm 
een sich die großen wirtschaftlichen Verbände, die 
ich bis dahin vielfach als Gegner gegenübergestanden 
hatten, zu fruchtbarster Arbeit zusehemen. 
Wenn es dieser weitverzweigten Organisation ge- 
lungen ist, die Rohstoffbedürfnisse der Industrie im 
Kriege zu befriedigen, so war das doch nur möglich, 
weilssch das deutsche Wirtschaftsleben schon vor dem 
Kriege auf eine gewaltige eigene Erzeugungskraft 
stüten konnte und weil es ihr gelungen ist, sich selbst 
urch eigene Organisationskraft den veränderten Um- 
ständen anzupassen. In Europa füheend oder mit 
führend auf dem Gebiete der Kohlenförderung, der 
Eisenerzgewinnung, der Bleierzgewinnung, der Zink- 
erzgewinnung, der Kupfererzgewinnung und der Roh- 
eisenerzeugung sowie der Hestelung chemischer Er- 
eugnisse hat die deutsche Industrie es zugleich ver- 
tanden, die vorhandenen Rohstoffvorräte zu strecken 
oder fehlende Stoffe zu ersetzen. Es sei erinnert an 
2348689 253951000
        <pb n="438" />
        352 
die Stickstofffrage. Ohne die Zufuhr des Chilesal- 
peters hätte das Reich den Krieg längst verloren, wenn 
nicht die Habersche Erfindung der Gewinnung von 
Stickstoff aus der Luft und ihre fabrikmäßige Aus- 
nutzung im größten Stil der Kriegführung die fehlen- 
den riesigen Salpetermengen ersetzt hätten. Und daß 
die Herstellung von künstlichem Kautschuk durch die 
deutsche chemische Industrie ein früher als unlösbar 
erscheinendes Problem gelöst hat, entband die Krieg- 
führung ebenfalls von Schwierigkeiten, die erst später 
in ihrem ganzen Umfange erkannt werden dürften. 
Von den durch die deutsche Industrieorganisation 
#ur Verwertung gebrachten Ersatzstoffen hat besondere 
edeutung das Papiergarn erlangt, das für eine 
große Reihe von Erzeugnissen die pflanzlichen und 
tierischen Faserstoffe ersetzt hat. Daneben haben die 
Nachprodukte aus der Kohle für die Herstellung von 
Sprengstoffen eine ganz hervorragende Rolle gespielt. 
Der deutschen chemischen Industrie ist es gelungen, 
aus den ihr zur Verfügung stehenden Rohstoffen die 
riesigen Schwefelsäuremengen zu gewinnen, deren die 
Kriegsindustrie bedurfte (vgl. Bd. I. S. 295 ff.). 
Neben den organisatorischen Kräften der deutschen 
Industrie haben die in den mannigfachsten Formen 
thesaurierten Vorräte des Landes geholfen, die zen- 
tralisierte Opgpanisation zum Ziele gelangen zu lassen. 
Indem das Reich auf die Metallvorräte nicht nur der 
Industrie selbst, sondern auch des privaten Besitzes 
zurückgriff, konnte es der Kriegsindustrie durch die in 
Frage kommenden gemeinnützigen Gesellschaften stets 
das notwendigste Maß von Rohstoffen bereit halten. 
Es hat also bei der Organisierung des Rohstoffpro- 
blems eine große Reihe von Faktoren zusammenwirken 
müssen, um eine Frage ¾l lösen, deren Schwierigkei- 
ten zuerst fast untbersth ar erschienen, und trotz aller 
Mißgriffe und bureaukratischer Schwerfälligkeiten, 
die dieser Teil der deutschen Kriegsorganisation her- 
vorgebracht hat, wird er doch ein Ruhmesblatt der 
deutschen Geschichte bleiben. 
Die Organisation der Nahrungsmittelfrage. 
Die einheitliche Organisation in der Nahrungsmittel- 
frage ist erst allmählich emporgewachsen. Sie hat von 
Anfang an mehr unter Fehlgriffen gelitten als die 
der Rohstofffrage, vielleicht weil das Problem noch 
schwieriger war als dieses. Es handelte sich in erster 
Linie um zwei große Aufgaben: 
1) Beschaffung aller erreichbaren Vorräte an Le- 
bensmitteln (Vorratsfrage) und 
2) Verteilung der Vorräte an die Bevölkerung (Ra- 
tionierung). 
Die erste Aufgabe sonderte sich in zwei Teile, welche 
die Förderung der einheimischen Erzeugung einer- 
seits, die Beschaffung von Lebensmutteln aus dem 
Auslande anderseits umfaßten. Es wird vielfach 
bezweifelt, daß der Vorratsfrage von vornherein die 
notwendige Aufmerksamkeit zugewendet worden ist. 
Große volkswirtschaftliche Kreise neigen der Ansicht 
zu, daß das Reich unter dem Druck der Arbeiter- 
gewerkschaften und sonstiger Konsumentenkreise eine 
Höchstpreispolitik betrieben hat, die zwar zunächst 
den Verbrauchern billigen Einkauf zu scher# schien, 
die aber, weil sie den durch den Krieg entstandenen 
Verhältnissen nicht gerecht wurde, ungeeignet war, 
die Erzeugung zu fördern und Nahrungsmittel in 
Mmöglichst rosen Umfang an die Verbraucher zu 
bringen. Die Kritik der allmählich durchgeführten 
Zentralisation fast aller wichtigen Lebensmittel wird 
sich allerdings stets gegenwärtig zu halten haben, daß 
tIV. Kultur und Geistesleben 
jede Höchstpreispolitik von Schwierigkeiten mannig- 
fachster Art umgeben ist. Fast nie läßt sich die volks- 
wirtschaftliche Wirkung einer Höchstpreisfestsetzung im 
voraus mit Sicherheit berechnen. Ebenso häufig, wie 
sich die mit Höchstpreis bedachte Ware einen neuen 
Verwertungsweg sucht (Schleichhandel, Verarbeitung 
usw.), um dem Höchstpreis zu entgehen, wird der 
Höchstpreis auch in seiner Weiterwirkung auf eine Ein- 
schränkung der Erzeugung hinführen. Auch ein durch- 
ebildetes, möglichst alle Bodenerzeugnisseumfassendes 
Hochstreig'ysten kann kaum zu wirklich befriedigen- 
den Ergebnissen führen, weil seine Wirkung auf die 
Erzeugung von viel zu viel Faktoren abhängig. ist, 
als daß sie im voraus errechnet werden könnte. Diese 
volkswirtschaftlichen Tatsachen, die auf uralten Natur- 
gesetzen beruhen, sind es auch gewesen, die eine das 
ganze Höchstpreissystem, als in die Irre führend, ver- 
werfende volkswirtschaftliche Richtung haben in den 
Vordergrund treten lassen, an deren Spitze sich 
Schiele-Naumburg und Generallandschaftsdirektor 
Kapp gestellt haben. Sie will nicht den Höchstpreis, 
sondern den Marktpreis regieren lassen in der über- 
#ugung; daß er besser noch als jede Rationierung 
en Verbrauch genau im Verhältnis der vorhandenen 
Waren beschränken werde. Der Preis — sagt diese 
Richtung — ist der S#eschickteste Warenverteiler; er 
wird automatisch die Waren dorthin leiten, wo sie am 
dringendsten gebraucht werden, während die bureau- 
fralische Verteilung, weil kein geschäftliches Privat- 
interesse dahintersteht, niemals die Verteilungsschwie- 
rigkeiten Lanz zu überwinden vermag und zugleich 
zu einer Verärgerung der Erzeuger führt. 
Es soll hier nicht entschieden werden, ob der Weg, 
den das Reich gegangen ist, also der Weg der fort- 
schreitenden Zentralisierung, grundsätzlich richtig oder 
falsch war. Sicher ist, daß die Absichten, die ihm zu- 
grunde lagen und die eine sozial gerechte Verteilung 
der Waren in den Vordergrund rückten, viel zur Be- 
ruhigung der minderbemittelten Kreise des Volkes 
beigetragen haben, und wenn auf diesem Wege scchließ- 
lich trotz aller Fehler das Ziel des Durchhaltens mit 
Nahrungsmitteln erreicht wird, so mag also immer- 
hin der ihm zugrunde liegende soziale Gedanke sein 
Gutes gewirkt haben. 
Die Zentralisierung begann mit dem Brotge- 
treide, also mit Beschlagnahme der Vorräte und 
Rationierung auf die Bevölkerung mit Hilfe der Brot- 
karte. Es wird allgemein anerkannt, daß dieser Teil 
der deutschen Nahrungsmittelorganisation, der früher 
in den Händen der von Reich, Bundesstaaten und 
Kommunen gegründeten gemeinnüzigen Kriegsge- 
treidegesellschaft, später in denen der Reichsgetreide- 
stelle lag, als gelungen zu bezeichnen ist. Das Rück- 
rat der deutschen Volksernährung ist durch ihn ge- 
chert worden. Allmählich sind dann fast alle wich- 
tigen Nahrungsmittel in mehr oder minder straffer 
Form in die Zentralisation einbezogen worden. Es 
entstanden die Reichskartoffelstelle, deren Erfolge aller- 
dings, nicht mit Unrecht, stark bemängelt worden sind, 
die Trockenkartofelverwertungs. m. b. H., die 
Reichsstelle für Versorgung mit Vieh und Fleisch 
Fn], stelle), die in Verbindung mit den Vieh- 
andelsverbänden die organisierte Belieferung der 
ommunen mit Fleisch übernahm, die Reichsstelle 
ür Speisefette, der Kriegsausschuß für Fette und 
le, der auch die Verwertung der wild wachsenden 
Olfrüchte übernahm, die Reichszuckerstelle mit einer 
ganzen Reihe abgezweigter, die Zuckerfragen behan-
        <pb n="439" />
        Bacmeister: Deutsche Organisation im Kriege 
delnden Gesellschaften. Andere Reichsstellen übernah- 
men die Zentralisierung von Gemüle und Obst sowie 
der Erzeugnisse daraus. Die Hülsenfrüchte wurden 
in der Reichshülsenfruchtstelle zentralisiert; es kamen 
eine Gricstzentrale, eine Graupenzentrale, ein Reichs- 
kommissar für Fischversorgung, eine Kriegsgesellschaft 
für Teichsischverwertung, eine Kriegsnährmittelgesell- 
schaft, ein Kriegsausschuß für Kaffee und Tee, eine 
Kriegsgesellschaft für Kaffee = Ersatz u. a. m. 
Daneben entstanden die großen Organisationen 
zur Zentralisierung der Futtermittel, die Reichsfutter- 
mittelstelle, die Reichsgerstengesellschaft, die Gesell- 
schaft für Milchkraftfutter, die Hafer Einkaufsgesell- 
schaft m. b. H., die Kriegsstroh= und Torf-G. m. b. H. 
Alle diese Gesellschaften und Stellen erhielten durch 
Bundesratsverordnungen weitgehende Befugnisse für 
den Einkauf und die Beschlagnahme der ihnen unter- 
stellten Waren, so daß schließlich ein Monopol in allen 
Erzeugnissen entstand, während der Handel gewisser- 
maßen nur noch Agentendienste zu übernehmen hatte. 
Die Frage der Beschaffung von Nahrungsmitteln 
aus dem Ausland wurde der Zentral-Einkaufs- 
gesellschaft m. b. H. (Z. E.G.) übertragen. Hervor- 
egangen aus der großen Einkaufsorganisation der 
Hanbeg Amerikanischen Paketfahrt-Aktiengesell- 
schaft. ist diese Gesellschaft, oft unschuldigerweise, manch- 
mal durch eigene Schuld, der Gegenstand vieler An- 
griffe gewesen. Es muß anerkannt werden, daß der 
grundlegende Gedanke des zentralen Einkaufs im Aus- 
land gesund ist, da auf diesem Wege Preistreibereien 
und zugleich einer nicht nolwendigen Entwertung der 
deutschen Valuta vorgebeugt wurde. Soweit das neu- 
trale Ausland die nach Deutschland hereinzulassenden 
Warenmengen kontingentiert und die Z. E. G. nach- 
weisen kann, daß es ihr gelungen ist, die Kontingents- 
mengen in vollem Umfange zu übernehmen, darf die 
Gesellschaft mit Recht sagen, daß der freie Handel nicht 
mehr Waren hereinschaffen könne als der Zentral- 
einkauf. Die vielen in der Offentlichkeit verbreiteten 
Beispiele, daß der Z. E. G. Waren entgangen seien, 
die der Privathandel schon an der Hand hatte, be- 
weisen von vornherein nichts, da es sich ausschließlich 
um die Gesamtmenge des Hereingebrachten han- 
delt. Eine noch ungeklärte Frage aber ist, ob die 
3. E. G. auch solche Auslandswaren, die von den be- 
treffenden Staaten nicht kontingentiert waren, stets im 
vollen Umfang, der mölich war, hereingebracht hat 
oder ob nicht manchmal Rücksichten auf die Valuta 
stärker mitgespielt haben. als das im Interesse der Ver- 
sorgung Deutschlands mit Lebensmitteln wünschens- 
wert gewesen wäre. Unklar erscheint auch, warum die 
Z. E. G. den Schmuggelhandel an den Grenzen mit 
aller Energie unterbindet. Die Ansicht, daß die durch 
den Schmuggel einem neutralen Staat entzogenen 
Waren dem dortigen Markt fehlen und somit spater 
an dem Ausfuhrkontingent doch abgezogen werden. 
also der deutschen Gesamtheit entgehen müßten, kann 
nicht durchschlagend sein, da die neutralen Staalen 
ja auch an die feindlichen Länder liefern und somit ein 
jeweils entsprechender Teil der nach Deutschland ge- 
schmuggelten Waren auch den für die Feinde bestimm- 
ten Kontingenten abgezogen werden würde, wobei 
sich also immerhin ein Plus für Deutschland ergäbe. 
Die Organisation der Z. E. G. wird vielfach falsch 
beurteilt. Man macht sie ungerechtfertigterweise auch 
für Fehler und Mißgriffe verantwortlich, die zu Lasten 
anderer Kriegsgesellschaften gehen. Die Z. E. G. hat 
lediglich die Aufgabe der Hereinschaffung von Aus- 
Der Krieg 1914 17. II. 
353 
landswaren, die der Zentralisierung unterliegen. Sie 
liefert die beschafften Waren dann an die in Frage 
kommenden Reichsstellen ab, die ihrerseits für die 
Verteilung zu sorgen haben. Alle in Verteilungs- 
fragen gemachten Fehler sind also nicht auf das Konto 
der Z. E. G. zu buchen. 
Um Einheitlichkeit in die umfangreiche Ernährungs- 
organisation des Reiches zu bringen, wurde am 29 
Mai 1916 als leitende Zentralinstanz das Kriegs= 
ernährungsamt gegründet. Präsdent desfelben 
wurde v. BVatocki. In Preußen wurde im Frühijahr 
1917, um eine energische Durchführung der vom 
Kriegsernährungsamt weiter durchgebildeten Zen- 
tralisierung zu sichern, ein mit äußerst weitreichen den 
Befugnissen ausgestatleter Ernährungskommis- 
sar bestellt und für diesen Posten in dem zweifellos 
durch seine Leistungen in der Getreidcorganisation 
bewährten und besonders energischen Unterstaats- 
sekretär Michaelis aus dem preußischen Finanzmini- 
sterium eine Kraft von ungewöhnlichen Fähigkeiten 
gefunden. Durch seine Ernennung zum Reichskanzler 
wurde dieser allerdings im Juli 1917 dem Amt des 
Ernährungskommissars entzogen. Unter ihm hat sich 
die Durchführung der Zentralisation mehr dem Wege 
zugeneigt, der von einer Reihe von Volkswirten längst 
empfohlen worden war und der das Ziel dadurch zu 
erreichen sucht, daß die Warenbeschaffung von unten 
herauf, in den einzelnen Gemeinden organisiert wird. 
Von der gleichen Seite ist stets angeraten worden, die 
Warenverteilung dann auch folgerichtig in der all- 
emeinen Massenspeisung enden zu lassen. Die bis- 
herigen Versuchem t Massenspeisungen (Kriegskuchen), 
die ohne staatlichen Zwang von den Gemeinden or- 
ganisiert worden sind, haben sich im großen und gan- 
zen bewährt. 
Es ist klar, daß die Zentralisierung fast aller 
Lebensmittel und die damit verbundene Warenver- 
teilung durch die Gemeinden eine Umorganisierung 
des ganzen Warenverkehrs mit sich bringen mußten 
und daß an die Gemeinden große, ungewohnte Auf- 
aben herangetreten sind. Fast alle größeren Städte 
gaden volkswirtschaftlich vorgebildete höhere Beamte 
neu einstellen müssen, um diesen Aufgaben gerecht 
# werden. Bezugskartensysteme der verschiedensten 
lrt wurden eingeführt. Dabei sind Schwierigkeiten 
überwunden worden, von deren Größe man sich vor- 
her kaum eine Vorstellung hätte machen können. Es 
muß in hohem Maße anerkannt werden. wie willig 
und verständnisvoll das deutsche Volk die keineswegs 
geringen Unannehmlichkeiten auf sich genommen hat, 
die mit diesem kommunistischen System der Waren- 
verteilung unvermeidlich verbunden sind. 
Es ist erfreulich, daß mit den Schwierigkeiken, 
welche die Warenverteilung verursachte, mit den häu- 
figen Stockungen, die in dem bureaukratischen Betrieb 
unterliefen, mit dem starken Anwachsen des Schleich- 
handels die Erkenntnis für die Bedeutung der Er- 
zeugungsförderung schnell in weiteste Kreise ge- 
tragen worden ist. Das preußische Landwirtschafts- 
ministerium hat, unbeirrt durch Angriffe, die Frage 
der Erzeugung von vornherein in den Vordergrund 
gestellt. Aber auch das Reich hat sich ihrer Bedeu- 
tung auf die Dauer nicht verschlossen. Das neu ge- 
gründete Kriegsamt und die Kriegswirtsch afts. 
ämter widmeten einen großen Teil ihrer Tätigkeit 
der Produktionsförderung mit Hilfe militärischer 
Mittel. Es entstand die Landwirtschaftliche Be- 
triebsstelle für Kriegswirtschaft, und im 
23
        <pb n="440" />
        354 
Frühjahr 1917 wurde auch der Wildgemüsever- 
wertung durch die Reichsbehörden große Aufmerk- 
samkeit zugewendet. 
Der deutschen Landwirtschaft verbleibt der Ruhm, 
daß sie organisalorische Einengungen, die bäufig 
lästig wirkten und tief in den altgewohnten Betrie 
eingriffen, zugleich fast immer in schroffem Wider- 
spruch zu dem konservativen Charakter jeder bäuer- 
lichen Bevölkerung standen, mit Verständnis zu er- 
tragen und bei größtem Mangel an menschlichen wie 
tierischen Betriebskräften ihre Erzeugung auf der 
Höhe zu halten wußte. Zu Hilfe gekommen sind ihr 
der deutsche Monopolbesitz an Kali und die Erfin- 
dung des künstlichen Stickstoffes, die zwar infolge des 
riesigen Stickstoffvedarfs der Kriegsindustrie erst all- 
mähldch ihre segensreichen Wirkungen auch auf die 
Landwirtschaft hat ausdehnen können. 
Es ist nicht möglich, in einer kurzen Abhandlung 
ein annähernd vollständiges Bild der deutschen Kriegs- 
organisation zu geben. Biele wichtige Dinge können 
nicht einmal flüchtig erwähnt werden. Aus dem Ge- 
sagten geht aber schon hervor, welche Riesenaufgaben 
der deutsche Organisationsgeist während des großen 
Krieges zu überwinden gehabt hat. Wer heute durch 
die deutschen Lande reist, wer die wie im tiefsten Frie- 
den liegenden Felder und Fluren in ihrer geordneten 
Bestellung überblickt, kurz darauf gewaltige indu- 
strielle Betriebe schaut, die während des Krieges in 
wenigen Monaten emporgewachsen sind, der ahnt ei- 
was von der unermeßlichen Arbeit und Organisations-= 
kraft, die hinter allen diesen Dingen wirksam gewesen 
ist, und wird, wenn er ein Deutscherist, mit stolzem Ge- 
fühl der Größe seines Vaterlandes innewerden, wenn 
er dem Aus and angehört, sich willig oder widerwillig 
der Bewunderung anschließen müssen, welche die Well 
unverhohlen der Tatsache bekundet, daß deutsche Or- 
ganisation das Reich eineschon dreilährige Absperrung 
von den Märkten der Erde ertragen ließ und während 
dieser Zeit noch die Mittel fand, die größten Heere 
IV. Kultur und Geistesleben 
aufzustellen, die je ein Bolk aufgestellt hat, und sie 
auszurüsten mit der vollendetsten kriegstechnischen 
Rüstung in einem die technischen Kräfte und Stoffe 
ungeahnt in Anspruch nehmenden Krieg. 
Literatur. Dentschrift über wirrschaftliche Maßnab-- 
men aus Anlaß des Kmeges mit zehn Nachträgen, Reichs- 
tagsdrucksachen der 13. Legislaturperiode Nr. 29, 44. 73, 
74, 107, 147, 162, 225, 403, 483, 650 — Zusammenstellung 
der Anordnungen, die der Bundesrat aufs Grund des 83 
des Gesetzes über die Ermächngung des Bundesrats zu 
wirtschaftuchen Maßnahmen usw. vom 4. August 1914 er- 
lassen hat (Reichstagsdrucksachen der 14. Legielaturreriode 
Nr. 27, 30, 43, 40, 72, 78, 86, 106, 122, 116, 164. 
196, 220, 256, 283, 402, 443, 514, 633, 659, 7k, 754, 
801); Ernährung im Kriege“, im Frühjahr 1915 her- 
ausgegeben vom preußischen Ministerium des Innern: Er- 
nährung und Teuerung= (Ausgabe der vorstehenden Schrift 
für Frühjahr 1916); „Statunsches Jahrbuch für das. 
Deutsche Reich-, herausgegeben vom Kaiserlichen Starisn- 
schen Amt, 36. Jahrgang 1915 (Berl.); Zentral-Er- 
kaufsgesellschaft m. b. H. Berlin, Geschäftsübersicht: Stand 
vom 1. April 1917; „Deutschlands Robstoffveriorgung-- 
Vortrag, gthalten von Walter Rathenau in der Deut- 
schen Gesellichaft 1914 (Berl. 1914); Die wirtschaftlechen 
Kräfte Deutschlands im Kriege-, herausgegeben von der 
Dresdner Bank, Berlin (jährl., seit 1016); Karl Helf- 
ferich, Deutschlands Volkowohlstand 1888 —1913 (Berl. 
1913); Felix Hoesch, Die wirtschaftlichen Fragen der Zeit 
(Berl. 1916);= Wirtschafts= und Verkehrofragen im Kriege, 
Vortrag im Jndustrie-Klub Düsseldorf, gehalten am 20. 
Jannar 1915 von Handelskammeriyndilus. Hirsch, M. d. 
R. u. d. A. (Essen-Ruhr 1915); Karl Beyme, Acht Kriegs= 
betrachtungen vom Jahre 1914 bis 1915 über die deutsche 
Volksernährung mit mehreren als Handschrift gedrucken 
vertraulichen Nachträgen (Selbstwerlag des Verfassers, Ham- 
burg 214); Karl Nuese, Die Sicherung unserer Ernährung, 
eine Frage der Landesverteidigung (Anfang Dezember 
1916 vertraulich ale Handschrift gedruckt); Georg Wilhelm 
Schiele, Wirkung der Höchswreise, ein Kapitel aus der 
4 Revolutonsze#t (Sonderdruck der »Tat-. 
Fedruarheft 1916, Jena); -Die nationalen Kreise und der 
Reichskanzler, Denkechrift von Generallandsc aftsdurckter 
Wolfgang Kapp (Grühjahr 1916, als vertrauliche Hand- 
schr. ft gedruck,). 
Deuitsche Erziehung 
von Johannes Tews, Geschäftsführer der Gesellschaft für 
Volksbildung u Berlin 
Deutscher Zukunftsglaube und deutsche 
Erziehung. Crziehung und Unterricht gründen sich 
auf den Glauben der Erzieher an die Zukunft, auf 
den Willen, in den zu Erziehenden weiterzuleben 
und höher zu steigen. Dus deutsche Volk will wei- 
terbestehen; es glaubt an seine Zukunft und 
belämpft in seinen Feinden nicht den anders sprechen- 
den, anders empfindenden Mitmenuschen, den es gern 
gewähren lassen würde, sondern den die deutsche Eigen- 
art verneinenden, mißgünstigen und neidischen oder 
im Wahne wellum pannender Eroberungsgelüste 
kämpsenden Zerstörer seiner friedlichen Arbeit. Ja, 
wir sind uns des Wertes unseres deutschen Wesens 
und unserer deutschen Bildungsgüter während des 
Krieges stärker bewußt geworden. und wenn wir aus 
dieser blutigen Prüfung siegreich hervorgehen. so 
werden die aus dem Schlachtengraus Heimkehrenden 
stärker noch als wir anderen eine erhöhte Pflege und 
Entwicklung alles dessen verlangen, was uns graß und 
stark gemacht hat, alles uns Eigenen, alles Deutschen. 
Hieraus ergeben und hierein beschränken sich auch 
die Hoffnungen auf eine neue Erziehung und Volks- 
bildung. Neu im eigentlichen Sinne werden weder 
die Ziele noch die Mittel sein: Kein Umlernen, son- 
dern nur ein Hinzulernen. Unser Erziehungs- 
wesen, im besonderen unser Schulwesen, ist in den 
Grundlagen gesund. Im Inneren hielten sich 
bisher die Rücksichten auf das Einzelwesen und die 
allgemeinen Zwecke der Erziehung in Lehre und Zucht 
das Gleichgewicht. Lehrstoffe und Erziehungsmittel 
aber sind zum Teil stark verbesserungs- und ersatz 
bedürftig, und der Aufbau des Schulwesens, die Glie- 
derung und der gegenseitige Anschluß der einzelnen 
Bildungsanstalten des Staates aneinander, harren 
überhaupt erst der Inangriffnahme. Insbesondere 
aber sind wir in den Bildungs- und Erziehungsein- 
richtungen, durch die der freie Genuß der Bildunes. 
güter den Erwach'enen allgemein zugänglich gemacht 
werden soll, über die Anfänge kaum hinweggekommen. 
Die deutsche Erziehung hat sich bewährt. 
Wenn unser Volk heute in so herrlich r Weise zum 
Vaterlande steht, wenn Hunderttausende nicht nur 
dem Gebotder Pflicht gehorchend hinausziehen. 
sondern auch freiwillig, nur dem eigensten Wollen
        <pb n="441" />
        Tews: Deutsche Erziehung 
folgend, so dürfen die Erzieher des Volkes darin die 
Er ate langjähriger Arbeil erblicken. Die Begeisterung, 
die durch die Tagesereignisse geweckt wird, ist ohne 
einen tieferen Untergrund nur ein schnell verflackern- 
des Strohfeuer. Wenn es uns heute heiß und kühn 
en’gegenloht und auch im vierten Kriegsjahr noch 
Großes und Gutes überall hervorbricht: am deutschen 
Herd und auf den deutschen Schulbänken haben wir 
diese Feuerkräfte erzeugt. 
Aber nicht nur der Wille zum Vaterland ist durch 
gesteigerte Doltsbildung geklärt und gekräftigt wor- 
den, sie erhöhte auch die Leistungsfähigkeit in 
Arbeit und Kampf. Nicht wenig von dem, was 
die überlegenheit des deutschen Heeres und Volkes 
ausmacht, ist das Ergebnis unserer Erziehung. Nicht 
ihre alleinige Schöpfung! Die Erziehung eines Volkes 
ist niemals das Werk ger Schule allein, aber ohne 
die Schule ist keine Volkserziehung möglich. 
Die Kriege der Gegenwart sind mehr als alle 
blutigen Schauspiele früherer Zeiten ein Ringen 
von wirklichen Kräften geworden. Das -Kriegs. 
glück. mitt zurück; die Kampfkraft ist an die erste 
Stelle gerückt. Es messen sich die körperlichen und geisti- 
gen, vor allem aber auch die sinlichen Kräfte. Auf Ent- 
schlossenheit, Ausdauer, Gewissenhaftigkeit. Pünktlich- 
keit, Gehorsam, Aufopferungsfähigkeit der Führer und 
Mannen ist fast alles Erreichte zurückzuführen! Was 
sind alle Waffen und Kriegsmittel, wenn die, welche 
sie handhaben, sie nicht bis zum Außersten ausnutzen! 
Mit der fortschreitenden Vervollkommnung der Waf- 
sen und Kriegsmittel ist die Bedeutung der Kämpfen- 
den immer größer geworden. Wie in einer Fabrik 
mit leistungsfähigen Maschinen ein Mann nicht mehr 
mit zwei, sondern mit Hunderten von Armen arbeitet 
und, wenn er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist, 
Hunderte von toten Armien nichts schaffen, so tritt 
auch im gegenwärtigen Kriege die Kraft des einzel- 
nen vervielfacht in Wirksamkeit. Nie war es mehr 
der Mensch, der kämpfte, als heute, und so wächst 
das Geistizje und Sitt iche, wachsen die inneren Kräfte 
mit jedem Fortschritt der Technik immer mehr über 
ihre einstige Bedeutung hinaus. Der Mensch wird 
zum Welterbauer und Weltvernichter, zum Bezwinger 
und Schöpfer, jeder einzelne zu einer Vielheit und 
einer Summe von Kräften. Der heutige Krieg wird 
trop der Millionenhee#r## weniger als früher durch die 
Zahl der Kämpfenden entschieden. Wäre das der Fall, 
unsere Trappen ständen weder in Nordfrankreich 
noch in Rußland, Serbien und Rumänien. Der neu- 
tige Krieg ist auch kein bloßer Krieg der Waffen, son- 
dern ein Krieg aller menschlichen Kräfte. Was unsere 
Waffentechnik, die kriegerische Ausbildung, die Technik 
überhaupt, die soziale Fürsorge und vor allem die ge- 
samte Erziehung geschaffen haben, das steht im Felde, 
die Kraft des einzelnen vervielsachend. So war dieser 
Krieg mehr als jeder frühere in gewissem Sinne be- 
reits entschieden, ehe er begann. Was vor dem Kriege 
geschehen war, ist für den Gang der Dingeentscheiden- 
der, als was im Kriege selbst geschieht. Weder die 
Bewaffnung und Ausrüstung, noch die Ausbildung 
und Schu ung der Truppen lassen sich im Kriege selbst 
noch wesentlich verbessern, noch weniger aber alle 
die inneren Voraussetzungen hoher Leistungsfähig- 
leit: Körperliche, geistige und sittliche Erziehung. 
Füralle, die an unserem Volke bildend un 
erziehend gearbeitet haben, ist der Krie 
darum eine Prüfung;: es wird der Bestand aus 
genommen, und wo wenig oder nichts ist, vermag 
355 
keine Kunst und kein Ausstatlungsgeschick etwas hin- 
zuzaubern. 
Aber Schule und Heer stehen wieder auf 
den Schultern anderer. Das Volksleben ist 
ein Ganzes. Die Schule baut auf dem Untergrund 
des Hauses, dieses auf den Grundlagen des ganzen 
Volkstums, und was so, aus tausend und aber tau- 
send Quellen fließend, zu tatenbereiter Kraft erwächst, 
das vermag eine Heeresverwaltung wie die deutsche 
zu einem Werkzeug der Landesverteidigung auszu- 
prägen, wie es zum zweiten Male nicht vorhanden ist. 
Die Siegeunserer Waffen sindauch Schul. 
und Erziehungssiege, die bewundernswerten 
Leistungen unseres Volkes auch ihre Leistungen. Mil 
allem, was gut und groß in unserem Volksleben ist. 
was vorwärts drängt und aufwärts führt, verdunden. 
ist die Schule in der großen Bildungs- und Erziel ungs- 
werkstatt das wichtigste, das unentbehrlichste Werk- 
zeug. und alles, was den Beweis erbringt, daß unser 
Schaffen von Erfolg ist, sind Lorbeer= und Eichen- 
kränze auch für die Schule. 
an kann, wenn man das setige Ningen genau 
verfolgt, in dem Schritt der Bataillone Überall auch 
die leichteren Tritte der Schule wahrnehmen, in der 
Todesverachtung unserer Krieger die Wertung höhe- 
rer Güter, in der Manneszucht die gefesugte Schul- 
zucht, in der geistigen Beweglichkeit und Sicherheit 
auch des einfachen Kriegers die Frucht unseres vor- 
nehmlich auf Entfaltung des Geistes gerichteten Unter- 
richts. Aber in alledem tritt auch die erziehende und 
bildende Wirkung unseres ganzen Volkslebens, z. B. 
die Wirkung unserer hochwertigen wirtschaftlichen Ar- 
beit, hervor. Zur Bedienung Kruppscher Kanonen, zu 
all den Kriegsarbeiten, die technische Geschicklichkeit 
verlangen, erzieht unser Großgewerbe mehr als die 
einfache Handardeit. Wir haben von alledem mehr 
in die Wagschale zu werfen als unsere Gegner. 
Auch was unser Heimheer leistet, sind Früchte 
einer alle edleren Kräfte entwickelnden Volkserziehung. 
Wir sehen heute Frauen und Greise den Pflug führen, 
die noch nie oder seit langen Jahren nicht mehr einen 
Pflugsterz in der Hand gehabt haben. Der Reniner 
sitzt wieder im Kontor, die Kaufmannsgattin an der 
Kusse oder im Verkaufsraum. Man arbeilet gern, die 
einen. um dem Gatten und Sohne und sich selbst den 
Besitz zu wahren, die anderen, um die über alles gehen- 
den vaterländischen Pflichten zu erfüllen. Es mag bei 
den Zurückgebliebenen oft nicht weniger Heldentum sein 
als bei den Hinausgezogenen. Auch das wuchs nich! 
von selbst; auch hier sieht das schärfer blickende Auge 
überall Erziehungsmühen und Erziehungsfrüchte. 
Die Eigenart deutscher Volkserziehung 
und Volksbildung. Deutsches Wesen und deutsche 
Erziehung, von unseren Ahnen Ererbles und von 
uns selbst Erworbenes, haben sich bewährt. Noch nie 
wurde ein Voll so geschmäht und verleumdet als das 
unserige. Wir haben still gehalten und getan, was. 
Ehre, Pflicht und Herz uns geboten. Und jennt schon 
erhebt sich aus dem Dunst von Lüge und Verleum- 
dung eine stille Bewunderung unseres Wesens und 
unserer Leistungen, auch an Stellen, wo man uns 
nicht tief genug herabziehen konnte. 
Heute dürfen sich die deutschen Erzieher freudig 
sagen. duß sie auf dem rechten Wege sind. Hat sich das 
deutsche Volk in diesem Kriege in seiner Üübergroßen 
Mehrheit alsein Volk der Ordnung, der Pflichttreue bis 
in den Tod, der stillen, harten Arbeit bewährt, so war 
das ureigenster Besitz von alters her, aber geläutert, 
23“
        <pb n="442" />
        356 
verklärt und gestärtt durch Erziehung in Haus, Schule, 
Werkstatt und Heer. Und auf diesem Wege muß un- 
sere Erziehung weiterschreiten. »In Züchten frei.« 
Die demokratischene Völker, die in ihrer staatlichen 
Entwicklung uns so unendlich weit voraus zu sein 
glauben, verstehen unseren Freiheitsbegriff, der mit 
Ordnung und Pflichterfüllung untrennbar verbunden 
ist, nicht. Sie schelten uns unfrei, wollen uns zaus 
dem Banne des Militarismus erlösene und sind doch 
in vielem so viel unfreier als wir selbst. In Deutsch- 
land mehr als irgendwo hat die große Erlösung der 
Massen begonnen, die große Erlösung, die innerlich 
und äußerlich nicht dur Verfassung und Gesetz allein 
bewirkt werden kann, sondern letzten Endes nur durch 
Bildung und Erziehung der Massen, durch geistige 
Emporhebung, so daß die großen Unterschiede zwi- 
schen oben und unten, zwischen Besitz und Besitzlosig- 
keitverschwinden und die oft geträumte und in freiene 
Staaten häufig am wenigsten vorhandene Volks- 
einheit entsteht. 
Unsere Auffassung vom Staate und vom an 
menleben überhaupt ist ernster als die anderer Völker, 
ebenso oder noch mehr auf gleichestrenge Pflicht- 
erfüllung als auf gleiches Recht gestellt. Und in 
diesem Sinne, wenn auch bisher nicht mit ausreichen- 
den Mitteln und ausreichendem Erfolge, hat auch un- 
sere Schule die Jugend erzogen. In jahrhunderte- 
langer Arbeit hat sie in die Massen hineingetragen, 
was den Menschen erst zum Menschen macht, die un- 
vergänglichen geistigen Besitztümer der Menschheit in 
der besonderen Ausprägung unseres eigenen Volks- 
tums. Wie wenig oder wie viel davon geistiger Besitz 
auch über die Schule hinaus geworden und geblieben 
ist, läßt sich schwer in bestimmten Maßen festlegen, 
umfaßt jedenfalls aber mehr als in irgendeinem der 
mit uns im Kriege befindlichen Völker. Bis wir aber 
an jenes schöne Heel gelangt sind, welches in H#as 
angeblich erreicht war, daß unser ganzes Volk seine 
Dichter und Denker versteht, die Schöpfungen seiner 
Künstler genießt und bewundert, ist allerdings noch 
ein weiter Weg. Aber eines ist Tatsache: un ser gan- 
zes Volk liest, und ein großer Teil der Lesenden 
verlangt ernste, gute Bücher, will teilhaben an 
dem Besten unseres Schrifttums. 
In den Unterständen, auf die der Eisenhagel der 
feindlichen Geschosse niedersaust, in den Nuhestellun- 
gen hinter der Front und auf den Schmerzenslagern 
der Lazarette ist das Buch des deutschen Kriegers bester 
Kamerad, der ihn auf Stunden und Tage seine Um- 
gebung vergessen läßt und ihn mit Heimat und Freun- 
den und mit allem, was deutsche Geistesarbeit ge- 
schaffen hat, in Verbindung hält. Gewaltige Kräfte 
strömen dem deutschen Heere aus den Vermächtnissen 
unserer Dichter und Denker, unserer Volkslehrer und 
Schriftsteller zu. Hunderttausende unserer kämpfenden 
Volksgenossen sitzen mit den geistig Schaffenden zu 
Tische. Daß das möglich ist und Wirklichkeit wurde, 
verdanken wir der Arbeit unserer Volksschule. Nur 
wenige sandte sie ganz ohne jede Fähigkeit, Anteil zu 
nehmen an den Geistesschätzen des deutschen Volkes, 
ins Leben und in den Kampf hinaus. Unsere Heer- 
führer wissen es und haben es oft bezeugt, daß durch 
die deutsche Volksbildung und Volkserziehung, durch 
Kräfte des Geistes und des Willens die Minderzahl 
der unseren unüberwindlich geworden ist. 
Schulpflege und Schularbeit während der 
Kriegszeit. Unser Schulhaus steht auch in den 
Kriegsstürmen gesichert da. Die Geschichtschreibung 
IV. Kultur und Geistesleben 
künftiger Tage wird diese Tatsache vielleicht als eine 
der kennzeichnendsten für die innere Kraft der deut.- 
schen Staaten bezeichnen. Während das Deutsche 
Reich Milliarden über Milliarden für seinen Schutz 
gegen eine Welt von Feinden aufbringen mußte, 
waren seine einzelnen staatlichen Glieder, die Bun- 
desstaaten, doch in der Lage, die nötigen Mittel 
zur Verfügung zu stellen, um die Jugend in ge 
wohnter Weise zu versorgen. Ja, es war möglich, 
auch mitten im Kriege noch neue Schulklassen zu er- 
richten, neue Bildungskörper zu schaffen. Wurden 
doch zur Errichtung neuer Schulstellen im preußischen 
Staatshaushalt 1915:948000, 1916: 952000, 191 
893000 Mark, d. h. fast dieselbe Summe wie in den 
Friedensjahren vorher, verlangt und zur Verfügung 
gestellt. Und wenn der Kampf der Völker weitergebt, 
wird auch die Erziehungsarbeit weitergehen. Kein 
Stein vom Schulhause darf verfallen, kein Kind, ob- 
wohl über 50000 der Lehrenden im Felde stehen, ohne 
Unterricht und Zucht bleiben. Ist das Vaterland 
wieder gesichert, dann wird man sich hoffentlich auch 
an den Stellen, wo die großen Linien für die zukünf- 
tige Staatsentwicklung gezogen werden, dessen erin- 
nern, was Deutschlands Schule war und ist. was sie 
geleistet hat und was sie leisten könnte, wenn man 
alle ihre Kräfte freimachte, wenn sie auch in alle- 
dem, was noch veraltet und rückständig, was noch zu 
klein und zu eng ist, auf die volle Höhe der Gegen- 
wart gehoben würde. 
Aber wie wirkt der Krieg selbstauf das in- 
nere Leben unseres Volkes und auf die Ju- 
gend? 
Der Krieg ist ein Erzieher. Sicher! Er ist ein Er. 
ieher derjenigen, die in Kampf und Arbeit dem 
chicksal ins Auge blicken. Wen er mit seinen Eisen- 
krallen packt und nicht zerdrückt, der wird hart im 
Willen und in der Pflichterfüllung und ernst, still und 
fromm im Gemüte. Die Kriegszöglinge, die Kriegs- 
zucht ertragen können, werden Menschen, die um so 
mehr können, je mehr von ihnen verlangt wird. 
Alles das betrifft zunächst nicht die Jugend. Sie 
führt keinen Krieg. Jedoch auch sie steht nicht neben 
dem Kriege, sondern mitten darin. Auch sie wird 
im Innersten erfaßt. Bis zu den Abeschützen hin- 
unter begreift sie, wenn nicht verstandesmäßig, so 
doch mit sicherem Gefühle, was unsere Tage bedeuten. 
Zu den kämpfenden Vätern wandern die Gedanken, 
schickt die oft noch recht ungelenke Hand Briefe mu 
rührenden Beteuerungen der Liebe und dem Ver- 
sprechen, gut und brav zu sein. Das Vorbild der 
arbeitenden und sorgenden Mutter weckt die Tatkran 
die Lehren und Anweisungen der Schule lenken den 
unsicheren Sinn auf das, was der Tag verlangt, auch 
an Arbeit für das eigene Laus und die Gesamtheit. und 
auf das, was über den Tag hinausliegt und erst die 
Kraft gibt, in allem Wechsel der Dinge seinen ruhigen 
Sinn zu behaupten und seine Pflicht zu tun. Unser 
Jungvolk wächst seiner Aufgabe, der Bäter wert zu 
werden und, wenn es sein muß, zu kämpfen, entgegen. 
Und mag ietzt für die Schulentlassenen in der Gestalt 
allzu reichlichen Verdienstes auch ein böser Feind 
lauern, es sind nicht mehr als sonst, die heute dadurch 
verkommen und verderben. 
Neugestaltungenimdeutschen Erziehungs- 
wesen nach dem Kriege. Während die Gewitter 
noch über unseren Häuptern toben, regt sich überall 
neues Leben, neues Hoffen, eröffnen sich neue Wege 
zu Fortschritt und Schaffen im gesamten öfsentlichen
        <pb n="443" />
        Tews: Deutsche Erziehung 
Bildungswesen. Dem Soldaten folgt das Buch in 
den Shüfengrahen, die darstellende Kunst, der be- 
lehrende Vortrag, das Lichtbild, das Dichterwort und 
Gesang und Musik in die Etappe und vor allem in 
das Lazarett; auch der Krieger lebt nicht mehr vom 
Brot allein. Ir. der Krieg gründet Schulen, schafft 
Fortschritteim Volkserziehungswesen, die dem Frieden 
unmöglich schienen. Die deutsche Verwaltung hat in 
Belgien die von der belgischen Gesetzgebung eschlos- 
sene Schulpflicht eingeführt und den Flamen die lange 
vergeblich geforderte Hochschule gegeben. Auch in 
Polen hat die Verwaltung in weitem Umfange be- 
gonnen, den unterbrochenen Unterricht wieder einzu- 
richten und zu erweitern und ihr Werk durch Eröff- 
nung der allerdings einstweilen wieder geschlossenen 
wobischen Hochschule in Warschau gekrönt. Alles das 
nd Wechsel auf Ausbau und Weiterentwicklung des 
Bildungswesens in der Heimat. 
In einer Hinsicht bedarf unsere deutsche Erziehung 
eines wesentlichen Ausbaues, auf dem Gebiet der 
körperlichen Erziehung. Die Losung unserer 
Erziehung darf gewiß nicht heißen: Erziehung für 
den Krieg! Denn Krieg dem Kriege!e wird die Lo- 
sung der Staatskunst in der Zukunft sein. Trotzdem 
werden wohl alle Völker ihre Erziehung so gestalten, 
daß im entscheidenden Falle die gesamte männliche 
Bevölkerung in dem in Frage kommenden Alter zur 
Waffe greifen kann. Denn in der Stärke aller liegt 
die sicherste Gewähr für den Frieden. 
Erziehung zur Entwicklung aller Kräfte und An- 
lagen des Geisles und des Körpers, das wird in dem 
vor uns liegenden Zeitraume noch mehr als bisher 
das Richt= und Leitwort aller Schul= und Erziehungs- 
arbeit werden. 
Noch eine zweite große Um- und Neugestaltung 
steht dem deutschen Schulwesen zweifellos bevor. Un- 
sere Bolkskraft ist zu der größten Leistung, welche die 
Weltgeschichte kennt, zusammengefaßt worden. Vom 
untersten bis zum höchsten Beamten, vom kleinsten 
Büdner bis zum größten Grundherrn, vom ärmsten 
Fabrikarbeiter bis zum reichsten Werkbesitzer, alle tra- 
gen dasselbe graue Kleid der Pflicht und kämpfen ge- 
meinsam vor dem Feinde. Aber die Kinder dieser 
Kämpfer werden vom ersten Schultage ab getrennt 
unterrichtet. In dieser Beziehung sind wir in siebzig 
Jahren kaum einen Schritt weiter gekommen. 
Es ist zu erwarten, daß das Wort -Freie Bahn 
für alle Tüchtigene, von dem fünften Reichskanzler 
für das gesamte Schaffen des deutschen Volkes ver- 
heißen, für das Jungvolk zuerst und vor allem gelten 
wird, daß die Lehren des Schützengrabens wie bei 
der Bewertung der einzelnen Volksschichten so auch 
für die Schulbank nicht vergessen werden. Für den 
Aufstieg aller Befähigten und aller Starkwilligen 
müssen neue und gröszere Möglichkeiten geschaffen wer- 
den. Alte Widerstände, die sich dagegen stemmten, 
sind gebrochen oder abgeschwächt. 
Die eine große Schule kommt, sie wird kom- 
men. Wir brauchen alle Köpfe, alle Hände, um 
Verlorenes wieder zu erwerben und Neues aufzubauen. 
Wir dürfen kein junges Leben unentwickelt lassen. 
Wir müssen von jedem das Höchste verlangen, was 
er zu leisten vermag. Darauf gründet sich die For- 
derung der deutschen Einheitsschule. 
Die Einheitsschule ist gewiß nicht das Ganze einer 
Bolksbildung, die diese Ergebnisse sicherstellt. Sie ist 
ein äußerer Ausbau, aber eben darum die Voraus- 
setzung aller inneren Umgestaltungen. Die Einheits- 
357 
schule ist die große Bildungsstraße, die vom letzten 
Dorfe in jede Fach= und Hochschule führt. 
Im Schoße unseres Volkstums schlummert eine 
unendliche Kraft. Was hat dieser Krieg für eine Fülle 
von Menschen, die das Höchste nicht nur wollen, son- 
dern auch können, hervorgebracht! Wenn alle Sperren 
und Schranken, die scholastischer Wahnsinn, sozialer 
Eigennuy und politischer Engsinn aufgerichtet haben 
und immer von neuem aufrichten wollen, beseitigt 
werden und unsere große Schule ein einziger geistiger 
Ringplatz wird, auf dem sich jeder mit seinen ihm von 
der Natur verliehenen Kräften zur Geltung zu bringen 
vermag, dann darf Deutschland seiner Zukunft, möge 
sie Krieg oder Frieden, Kan#pf oder Arbeit, Schaffen 
oder Zerstören bringen, ruhig entgegensehen. 
Die Schule nach dem Kriege wird mehr als je die 
Feuerprobe zu bestehen haben. Die Anforderungen 
werden stiigen, und trotzdem wird es sich darum han- 
deln, allen denjenigen jungen Volksgenossen, die durch 
den Krieg aus der Schulstube, aus den Hörsälen, aus 
der praktischen Einführungsschule in den erwerbenden 
Beruf, aus den Werkstätten und Handlungshäusern 
herausgerissen worden sind, eine Gelegenheit zur Voll- 
endung ihrer Ausdildung zu geben, die sie Zeit und 
Mittel sparen läßt. Mittel wie Zeit werden beschränkt 
sein. Die jungen Kräfte müssen bald in die schaffende 
Arbeit eintreten nnen. Man wird mit den her- 
gebrachten Jahren und Monaten der Ausbildungnicht 
immer, vielleicht überhaupt nicht rechnen dürfen, wird 
nicht auf der Erledigung bestimmt festgelegter Lehr- 
gänge ohne weiteres bestehen dürfen. Wir werden die 
einen früher, die anderen später mit dem Reifeschein- 
entlassen müssen. Den Voranecilenden werden wir 
nicht wie bisher in Reih' und Glied zurückhalten dür. 
fen, weil wir die junge, nach Lebensarbeit verlangende 
Kraft gebrauchen. Vielleicht wird auch hier aus der 
Not der Zeit eine neue Ordnung auf der Schulbank 
geboren, die nicht jedem dasselbe, aber jedem 
das Seine gibt. 
Sicherung der deutschen Hauserziehung. 
Aber die Schulerziehung ist nur ein Teil der Jugend- 
erziehung. Ihr zweiter, gleich wichtiger Pfeiler steht 
im Hause, in der Familie. Das deutsche Haus in 
wirtschaftlicher wie geistiger Beziehung zu sichern, je- 
dem tüchtigen Volksgenossen die Möglichkeit zu geben, 
seine junge Brut zu nähren und zu pflegen, das ist 
die große soziale Aufgabe der Zukunft. Und wir sind 
mitten in dieser Arbeit. Was der Verfasser dieser 
Zeilen seit mehr als zwanzig Jahren, zuerst ohne 
nennenswerten Erfolg, gefordert hat, die Zahlung 
von Erziehungsbeihilfen an alle Familien, die 
unter einem gewissen Einkommen bleiben, wird schon 
jetzt mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als das 
hervorragendste Mittel bezeichnet, den Zuwachs jun- 
ger Kraft zu erhöhen und alle Aufwachsenden zu 
vollwertigen Gliedern des Volks= und Staatskörpers 
zu entwickeln. Mancherlei Maßnahmen, den Gebur- 
tenrückgang zu bekämpfen, Wöchnerinnenbeihilfen, 
Stillprämien, Kinderzulagen für Beamte, liegen auf 
diesem Wege. Ob freilich der Zweck, den man dabei 
zunächst im Auge hat, durch diese Maßnahmen erreicht 
wird, steht dahin. Reichtum und Kind, Wohlhaben- 
heit und Volksvermehrung scheinen Gegensätze zu 
sein; Kind und Armut dagegen wohnen eng beiein- 
ander, und alle Völker, deren breite Schichten in Ar- 
mut und Dürftigkeit leben, haben eine über den 
Durchschnitt weit hinausgehende Vermehrung. Den 
Rückgang in der Volksvermehrungbei uns in Deutsch-
        <pb n="444" />
        858 
land hat erst der wachsende Wohlstand gebracht. Aber 
durch den Ausbau unseres Lohn= und Besoldungs- 
wesens nach dem Familienstande der Arbeitenden 
wird viel junges Leben zu größerer Kraft und größe- 
rer Leistungsfähigkeit gelangen. Die brutale Not 
vernichtet, wenn nicht das Leben, so doch die volle 
Entfaltung der Kräfte im jugendlichsten Alter, und 
die Begünstigung des familienlos Lebenden durch die 
heutigen Wirtschaftsverhältnisse drückt die Lebens- 
haltung der Familie und damit die Entwicklungs- 
möglichkeit des jungen Lebens immer tiefer herab. 
Ceism e Volkspflege. Beider Jugenderziehung 
darf die Fentliche Erziehung nicht stehenbleiben; sie 
muß auch für die Erziehung der Erwachsenen, 
für die geistige Volkspflege Einrichtungen schaffen. 
Bisher ist hierfür wenig geschehen. Und doch ist dieser 
Teil der Volkserziehung etwa der Ernte und dem 
Verzehr der Ernte auf dem vaterländischen Boden 
gleichzusetzen. Alle Jugendbildung ist gewiß nicht 
nur Vorbereitung fürs Leben, sondern zu einem guten 
Teil Steigerung des eigenwertigen Jugendlebens, Er. 
böhung des Jugendglücks, sollte es wenigstens sein. 
Aber ihre Ergebnisse erlangen doch erst greifbaren 
Wert durch Ausnutzung im Leben der Erwachsenen. 
Ein deutsches Volk, dem seine besten Schrift- 
steller fremd bleiben, dem seine Musiker nicht 
we#igstens in ihren Hauptwerken vertraut sind, das 
die Werke seiner Maler und Bildhauer nicht kennt, die 
Herrlichkeiten seines Landes, die Mannigfaltigkeit des 
deutschen Volkskörpers, den Reichtum deutschen 
Wissens und deutscher Techniknicht zur Ver- 
schönerung, Erweiterung und Vertiefung 
seines Lebens benutzt, ein deutsches Volk also, 
dem hierzu nicht vielfache, leicht erreichbare Gelegen- 
heit gegeben ist, hat in der Schule das meiste 
umsonst gelernt, stand in schönen Jugendtagen 
an der Schwelle höheren geistigen Lebens, ohne daß 
viele seiner Glieder diese Schwelle überschreiten. 
Wie tief steht doch noch im allgemeinen unsere gei- 
stige Volkspflege! Auch hier muß gebaut werden. All 
unsere Sorge um die Jagenderhlehung, all unsere 
IV. Kultur und Geistesleben 
wirtschaftliche, politische und soziale Arbeit sind ver- 
geblich, wenn wir das große Haus nicht schaffen, 
in dem deutsches Bildungsgut von jeder- 
mann erworben und genossen werden kann, 
die große weltliche Volkskirche, die geistiges Brot auch 
dem Armsten und Letzten, dem geistig am dürftigsten 
Ausgestatteten bietet. Erst wenn wir dieses Haus 
haben und Tausende von geistigen Arbeitern darin 
fröhlich schaffen können. erst dann ist der Traum so 
vieler edler Geister erfüllt, die unserem Volke den zu 
*’ zu allen Bildungsglütern eröffnen und jeden 
olksgenossen zum Mitkei Ger unseres geistigen Nibe- 
lungenhortes machen wollten. 
Erziehung zum Deutschtum und Deutsch- 
sein. Einmütiger als je verlangt man heute in deut- 
schen Schulen auch eine deutsche Erziehung, Er- 
zichung zu bewußtem, entschiedenem Deutschtum. Un- 
sere Jugend soll deutsch empfinden, sich ihrer Eigen- 
art und ihres Eigenwertes bewußt werden. Nie darf 
wieder die heiße Liebe zum Vaterlande hinter senti- 
mentalen Träumereien von internationaler Verbrü. 
derung zurücktreten. Die Wahrheit: „Willst du den 
Frieden, halt" dich kriegsbereit! muß dem jungen 
Volke zu Fleisch und Blut werden. Diesen tapseren 
Sinn. sich zu behaupten, gegen wen es auch sei. den 
die Jugend aus den Ereignissen des Krieges obnehin 
schon gewinnt, muß auch die Schule mit allen Mitteln 
pflegen. Wir brauchen ein tapferes Geschlecht, das sich 
den Frieden und den Platz für Arbeit und Leben zu 
sichern weiß, überall bereit zu einträchtiger gemein 
samer Arbeit mit anderen Völkern, aber auch darauf 
bedacht, daß wir nicht als die Träumer und Idealisten 
von einer hartgesottenen Gesellschaft, die den heiligen 
Egoismus= auch bei den idealsten Angelegenheiken 
vertritt, übers Ohr gehauen werden. 
Aus der Erziehung zum Deutschtum entspringt von 
selbst jenes tiese Gefühl, das auch in Kampf und Tod 
nicht versagt; dann erzeugt sie aber vor allem cuch 
die Kraft, im Alltag, in Mühe und Arbeit, wie in den 
Tagen der Not das zu leisten, was das Vaterland 
braucht. 
Die militärische Jugenderziehung 
von Prof. Brohmer, Oberleutnant d. Res., zu Freiburg i. Br. 
In einer gleichmäßigen, innerlich vereinten Pflege 
von Geist und Leib waren jene Systeme begründet, 
die an der Schwelle des 19. Jahrhunderts als schwa- 
ches Morgenrot die aufgehende Sonne der deutschen 
Turnerschaft verkündeten. Wenn der Enste eigentliche 
deutsche Turnlehrer, Johann Christoph Guts Muths, 
im Jahre 1793 die vollendete Menschenbildung als 
Zweck der Leibesübungen hinstellt. so ist dies wohl zu 
beachten in einer Zeit, wo das deutsche Turnen in jenem 
Sinne, unterstützt durch die Kriegserfahrungen, nach 
Gesinnung und Inhalt als die beste Grundlage einer 
volkstümlichen, militärischen Jugenderziehung vom 
Kriegsministerium anerkannt wird. An der Quele. 
dieses Empfindungsstromes formte Friedrich Ludwig 
Jahn den Begriff des deutschen Volkstums, in demzu- 
gleich die sittlichen Kräfte der Vaterlandsverteidigung 
als einer ethischen Wehrschulung enthalten waren. 
Sein in größter Vielseitigkeil ausgebautes, technisches 
Lehrgebäude des deutschen Turnens folgle aus sitt- 
lichen Forderungen als vaterländische Pflicht von gro 
ßem moralischem Werte. In dieser nie mehr erreichlen 
harmonischen Durchwirkung von geistigem Leben mit 
einer sehr abwechslungsreichen, physischen Betätigung 
liegen die mannigfachen Möglichkeiten neuzeilliche 
Anwendungen auf dem Gebiete einer gründlichen 
Wehrerziehung. 
In der Tal ist die Entwicklung der nmiilitärischen 
Vorbereitung unserer Jugend seit ihrem Bestehen 
(August 1914), an der Hand der amtlichen Verlau: 
barungen beurteilt, einen Weg gegangen, auf dem 
von Vorschrift zu Vorschrift die Bedeutung des Tur 
neus und seines Geistes immer mehr gewürdigt wurde. 
Man mußte zu dieser Erkenninis einmal kommen 
durch die 700000 Turner, die vor dem Feinde täglick 
ihre Uberlegenheitt an Stoß= und Entsch'ußkraft und 
an unerhörlem Zusammenraffen der Willenskrafte 
eigen konnten. Weiterhin trat gerade bei der Kriegs- 
lugendwehr die Tatsache oft in die Erscheinung. daß 
einer zu starken Betonung militärischer Formen kein 
menschlicher und soldatischer Bildungswertinnewohmt. 
Zwargründen sich die im August 1914 vom preußischer
        <pb n="445" />
        Broßmer: Die militärische Jugenderziehung 
Kriegsministerium herausgegebenen Richtlinien für 
die militärische Vorbildung= bei strenger Abweisun 
jeder Ausbildung mit der Waffe in erster Linie au 
die sittlichen Erfordernisse einer gehegten Vaterlands- 
liebe und auf die Erweckung des Mutee und der Ent- 
schlossenheit. Dann erst tritt eine Reihe von 33 Punk- 
ten vorwiegend militärischer Fertigkeiten hinzu. Aber 
der Grundsatßz der Freiwilligkeit läßt eine folgerichtige 
Erziehung zur Ausdauer und eine Stählung des ju- 
gendlichen Willens nicht zu. Hier fehlten von Anfang 
an die eisernen Erziehungsmiltel und die Möglich'eit 
einer Erfassung der trägen oder unzuverlässigen Ele- 
mente. Unter diesen rein päd a#gogischen Gesichtspunk. 
ten muß ein gut Teil der Enttäuschung, die durch das 
Fernbleiben der größeren Anzahl der Jugendlichen 
erzeugt wurde, begriffen werden. Diesem übelstande 
halfen die Schulleitungen einer Anzahl städtischer Han- 
dels und Gewerbeschulen (z. B. Danzig und Bonn)da- 
durch ab, daß sie die Schüler über 16 Rahre zwangen, 
an der zum Pflichtunterricht erhobenen militärischen 
Jugenderziehung teilzunehmen. Die Schuljzucht wird 
während der Übungszeit auf die Führer übertragen. 
Immerhin blieb die Erfüllung der Richtlinien als 
einziger offizieller Vorschrift wegen ihrer knappen 
Form und des zu wenig scharf begrenzten Inhalts 
eine Aufgabe, die nur durch großes erzieherisches Ge- 
schick und militärisches Können zu bewältigen gewesen 
wäre. Aus diesem Grunde gab das Kriegsministerium 
im Oktober 1915 einen ausführlichen Schriftsatz un- 
ter dem Titel: „Erläuterungen und Ergänzungen 
heraus, der einen pädagogisch wertvollen, abwechs- 
lungereichen behrhang mit starkem volkstümlichen 
Einschlag darstellt. Die Ausbildungsgebiete dieses 
übungsplanes lassen sich in zwei Haupkgruppenteilen. 
Auf der einen Seite die turnerischen Übungen, viel- 
gestallig in ihrer Art an Geräten und im Gelände, 
die nun nach behördlicher Ansicht die Hälfte der ver- 
fügbaren Zeit einnehmen sollten: Die Schule bietet 
in ihrem Turnunterricht eine bewährte Grundlageie. 
Daraus ergibt sich die notwendige zukünftige Forde- 
rung einer besseren Bewertung der Leibesübungen 
(Turnen und Sport) bei Platzordnung und Abgangs- 
prüfung. Damit war von amtlicher Seite der deut- 
schen Turnerschaft jene Stellung im Rahmen der 
Ingenderziehung gegeben, die ihr durch ein jahrhun- 
dertlanges Walten und Wirken im Zeichen des deut- 
schen Geistes gebührt. Nun mußte überall die Mit. 
hilfe der Turnvereine gesordert werden. die anfangs 
in voller Verkennung des erstrebten Ziels von den die 
Organisation der Jugendwehr durchführenden Ver- 
waltungsstellen teilweise zurückgewiesen worden wa- 
ren. Auf der anderen Seite wurden die wichtigen 
Ziele einer Sinnesschärfung nach den alterprobten 
Methoden des Pfadsinderprogramms verlangt, das 
dem technichen übungsinhalte nach schon von Friedrich 
Ludwig Jahn gefordert wurde. Auch diese Vorschrift 
setzt durch den Grundsatz gründlichster Einzelauchil- 
dung eine zahlreiche, gutgeschulte Fuhrerschaft voraus. 
Um ein gewisses Gleichmaß der allgemeinen Auf- 
fajsung unter praktischer Durchführung zu erzeugen, 
hat das Kriegsmimiterium im März 1916 in Berlin 
cinen Belehrungskurfus abgehalten, der von Vertre- 
ternller Stände und Verbände beschicktwar. Auch im 
engeren Rahmen der einzelnen Landesteile geben oft 
veranitaltele Führerkurse die einzige wirkungsvolle 
Möglichkeit, weitere Kreise in das Wesen der militä- 
t Erläuterungen und Ergünzungen, S. 8. 
359 
rischen Jugenderziehung einzuführen. Dabei ist dar- 
auf hin zuweisen, daß bei den Führerkursen das päd- 
agogische Moment in erster Linie berücksichtigt werden 
muß. Dieser Auffassung hat das preußische Kriegsmini- 
sterium dadurch Ausdruck verliehen, daß es im März 
1917 aus jedem Armeekorpsbereich zwei Ofsiziere zu 
einem Kurfus nach Berlin berufen hat. Sie sollen dann 
durch praktische Führerkurse in ihrem Bezirk selbst wie- 
der Unterführer heranbilden. Wie die schon älteren 
Erfahrungen im Auslande deutlich zeigen, ist bei der 
anzen Frage die Mitarbeit der Lehrerschaft aller 
rade unbedingt erforderlich. Der Volksschullehrer 
insbesondere muß den ethischen Kern dieser nationalen 
Aufgabe in die breiten Massen der Volks= und Fort- 
bildungsschüler hineintragen, damit ihr Gewissen in 
dem Augenblick schon geschärft ist, in dem die leibliche 
Pflicht zu beginnen hat. Die Lehrer wären die beru- 
fensten Träger der Turn- und Schießausbildung auf 
dem flachen Lande ungefähr in der in Frankreich und 
in der Schweiz üblichen Weise. Nur müßte für diese 
ehrenamtliche sreiwillige Arbeit eine gewisse dienstliche 
Entlastung gewährt werden. Sonst ist eine über- 
lastung nicht zu vermeiden, die heute viele von einer 
Betätigung an dieser staatsbürgerlichen Arbeit abhält. 
Der körperlichen Bildung zur Seite trete die geistige 
Jugendwehr, die als Erkenntnis ein kraftvolles 
Deutschtum und eine pflichttreue, gotlesfürchtige Per- 
sönlichkeit zu fordern hat. So muß die militänsche 
Jugendersiehung aufgefaßt werden — ganz im Sinne 
Friedrich Ludwig Iohne. 
Der turnerische Bestand des Ausbildungsganges 
wurde dann als Niederschlag der Kriegserfahrungen 
im Nahkampf durch eine weilere kriegsministerielle 
Drucklegung, die -Anleitung zum Stabfechten-, die 
eine Vorbildung für das Gewehrfechten des Heeres 
mit einfachen Mitteln sein soll, bereichert. überall nur 
Vorarbeiten, dem heiteren Spiel, dem Turnen und dem 
Sport geschickt entnommen, konzentrisch auf das eine 
Ziel der allgemeinen Durchbildung des Körpers und 
einer erhöhten Gewandtheit von Glied und Auge ge- 
richtet. Die Aufnuhme von Spielen als grundlegende 
Faktoren zur s—n—x“sFx der Wehrkraft sind alte For- 
derungen des Zentralausschusses für Volks= und 
Jugendspiele, der in nun mehr als 25jähriger Tätig- 
keit von früher Zeit ab Volkskraft und Wehrkraft in 
einen engen Zusammenhang gebracht hat. Durch die 
Verbreitung des Volks- und Jugendspiels im Sinne 
Emil von Schenkendorffs wird der Sierblichteit der 
Jugendlichen, die im Schulalter einen sehr erf eulich 
tiefen Stand hat, aber im Alter von 15—20 Jühren 
stark zunimmt, gesteuert. Es wäre eine dankbare Dienst- 
aufgabe der Militärärzte in den Friedensjahren, den 
Wehrzustand der landsturmpflichtigen Jugend von 17 
bis 20 Jahren auf dem Wege ärztlicher Statistik zu über- 
wachen. Damit wäre ein wissenschaftliches, messendes 
Moment von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung 
den Elementen der Wehrerziehung hinzugefügt. 
Turnerische und sportliche Leistungszahlen im Be- 
reiche der unilitärischen Jugenderziehung sind zum 
ersien Mule im Herbst 1916 durch die Veranstaltung 
der Weltämpfe im Wehrturnen bekanntgeworden. 
Leider stellen diese Zahlenreihen kein zuverlässiges 
Durchschnittsmaterial der körperlichen Wehrstufe un. 
serer landsturmpflichtigen Jugend dar, weil eine elwas 
kurze Vorübungszeit bei zu hohen Anforderungen 
und bei dem großen Mangel an übungsstätten nur 
die dur ##geegelte Leibesübungen vorgeb.ldeten Schu- 
ler der höheren Lehranstallen und die Zöglinge der
        <pb n="446" />
        360 
Turn- und Sportvereine zu einem aussichtsreichen 
Wettbewerb kommen ließ. Sollen solche Veranstal- 
tungen der von Haus aus mit Steifheit und Unge- 
lenkigkeit behafteten Jugend der ländlichen Bezirke zu- 
gute kommen, so muß für diese Jungmannschaft eine 
leichtere Stufe gebildet werden, den weniger günsti- 
gen Vorbedingungen ihrer körperlichen Schulung 
entsprechend. Dort müßte zuerst eine gewisse Beweg- 
lichkeit durch die eifrige Pflege des Turn- und Jugend- 
spiels geschaffen werden, in der Form,. wie sie von dem 
Zentralausschuß für Volks- und Jugendspiele schon 
immer erstrebt worden ist. Damit hängt besonders 
für das Land die von dem gleichen Verbande so sehr 
gehegte Sieblag und Gerätefrage eng zusammen. 
Die militärische Jugenderziehung hat dieses Problem 
als eine Sorge der Kommunen oder wohltätiger Stif- 
tungen in den Vordergrund gestellt. Die im Februar 
1917 bekanntgewordenen Bestimmungen für die auf 
den Sommer dieses Jahres festgesetzten Wettkämpfe 
im Wehrturnen sprechen die Erwartung aus, daß sich 
bei wesentlich leichteren Anforderungen alle Jung- 
mannen an den weiteren Ausscheidungskämpfen be- 
teiligen würden. Indessen waren auch diese Bestim- 
mungen in manchen Teilen (Hindernislauf !) zu schwer 
gewählt, so daß einer größeren Anzahl von Jung- 
mannen die sichere Aussicht auf die eiserne Preis- 
münze verlorenging. Der Hinweis, daß den vorberei- 
tenden Übungen zu den Wettkämpfen im Wehrturnen 
die Hälfte der verfügbaren Zeit zuzuweisen ist, muß 
so gedeutet werden, daß neben der turnerisch-sport- 
lichen Körperausbildung bei der militärischen Jugend- 
erziehung auch eine Reihe von soldatischen Fähigkei- 
ten, wie klare Auskunft und Meldung (Befehlsüber- 
mittlung im Trommelfeuer!), scharfes Sehen. Ge- 
ländebeurteilung u. a. ni. in Betracht gezogen werden 
müssen. Die vor einer großen Offentlichkeit abgewickel- 
ten Wettkämpfe im Wehrturnen haben die Augen vie- 
ler unserer Mitbürger von der stillen mühevollen 
Kleinarbeit im Gelände abgelenkt und einer einseiti- 
gen Beurteilung der Ziele einer vernunftgemäßen 
militärischen Jugenderziehung Raum gegeben. War 
am Anfang das Turnen fast ganz beiseite geschoben, 
so darf jetzt der zweite — auch schon von Friedrich Lud- 
wig Jahn geforderte — Teil der Erwerbung #mili- 
tärischer Werte« nicht übersehen werden. 
Und derselbe Mann, dessen Persönlichkeit unter der 
Bezeichnung des -Turnvaters" viel zu eng gefaßt 
ist, zählte die Schießlunst, neben dem Turnplatz aus- 
geübt. zu einer der notwendigsten Leibesübungen. 
as Schießen mit der Armbrust und dem Bogen wa- 
ren bei den Rittern des 14. Jahrhunderts vielgeübte 
Dinge persönlicher Kraftäußerungen, die erstam Ende 
des 16. Jahrhunderts durch die allgemeine Einfüh- 
rung der Feuerwaffen zurückgedrängt wurden. Mit 
Guts Muths und Jahn zogen die Schießübungen 
als ein wehrhaft machender Teil ihrer turngewalti- 
gen Bestrebungen in den Kreis der Jugenderziehung 
wieder ein. Insbesondere ging ein Lieblingsgedanke 
Jahns dahin, das volkstümliche Schießen zu einer va- 
terländischen Wehrübung und zu einem wichtigen 
Bestandteil der Volksfeste zu machen. Die militärischen 
Außerungen der Heeresverwaltung gingen im Laufe 
des 19. Jahrhunderts auf eine glatte Ablehnung des 
Jugendschießens hinaus. Bei der Gründung der Ju- 
endkompanien im August 1914 ist vom preußischen 
riegsministerium derselbe Standpunkt einer Aus- 
schaltung der Waffe vertreten worden. Ein Fortschritt 
in dieser Richtung ist während des Krieges insofern ge- 
IV. Kultur und Geistesleben 
macht worden, als es dem deutschen Schützenbund und 
dem deutschen Wehrmannsbund gestattet wurde, im 
Rahmen ihrer Vereine landsturmpflichtige Jugend- 
liche im Schießdienst auszubilden. Viele Tausende von 
Jungmannen haben sich auf diese Art für eine durch 
Kriegsverhältnisse nur kurz bemessene Ausbildungs- 
zeit vorzüglich vorbereitet. Wir müssen auf die ent- 
sprechenden Einrichtungen des Auslandes sehr auf- 
merksam sein, wenn wir z. B. hören, daß in Frank- 
reich bisher jährlich 14 Millionen Franken von der 
Regierung für die Schiestausbildung der Zivilbevöl-= 
kerung ausgegeben worden sind. Wenn man mit der 
schulpflichtigen und fortbildungsschulpflichtigen Ju- 
gend nicht so weit zu gehen braucht wie in der Schweiz. 
wo schon die Knaben mit einem kleineren Modell 
scharf schießen, so wäre doch gerade für diese frühere 
Altersstufe das üben mit der Armbrust oder dem 
Bogen eine lohnende Stärkung des Armes und des 
Auges. Das Armbrust= und Bogenschießen könnte in 
der anziehenden Form von Wettbewerben mit Vorteil 
in den Ausbildungsplan der Pfadfinder-, Turn= und 
Wehrkraftvereine aufgenommen werden. Sehschärfe 
und Treffsicherheit würden auf diesem Wege als Vor- 
übung der militärischen Schießausbildung bedeutend 
gehoben werden können. 
Während in den Ausbildungsgrundsäten der mili- 
tärischen Jugenderziehung der anfangs stark gärende 
Most allmählich zu klarem Wein geworden ist. konn- 
ten auf dem Gebiet der späteren Organisationsmög. 
lichkeiten die vielen Meinungen noch nicht zusammen- 
gesaßt werden. Aus einem Erlaß des preußischen 
iegsministeriums vom 29. Dez. 1916 ist zu erseben. 
daß sich die Heeresverwaltung mit den Vertretern 
der deutschen Turnerschaft dahin geeinigt hat. daß 
ihre Jugendabteilungen zum Zwecke der militärischen 
Vorbereitung den Vertrauensmännern unterstellt wer- 
den nnen. Bei bestimmten Verpflichtungen cin 
Rahmen des technischen Betriebs der Jugendwehr- 
erziehung, die sich nur auf die Dauer des Kriegszu- 
standes beziehen, genießen diese Wehrabteilungen eine 
Reihe von Vergünstigungen der Jugendkompanien, 
wie die Erlaubnis zum Tragen der Mütze und der 
Armbinde, Postgeshrenfrechen, der Führer. Aus- 
stellung von Dienstleistungszeugnissen für Führer 
und Jungmannen und, was wohl am zugkräftigsten 
wirken wird, Berücksichtigung von Wünschen der 
Führer und Jungmannen auf Einstellung in einem 
Truppenteil der Waffe, für die sie ausgehoben sind. 
Unter denselben Bedingungen können auch bereits 
bestehende Jugendabteilungen der übrigen Verbände 
als in sich geschlossene Abteilungen den Organisa- 
tionen zur militärischen Vorbildung beitreten. In 
der Tat haben sich auf diesem Wege Teile der kon- 
fessionellen, der Sportvereine und einzelne Schulen 
in den Dienst einer Heeresvorschule gestell4 indessen 
alles nur für die Zeit des Krieges. Eine endgültige 
Entscheidung, ob die Schule, die Vereine oder das Heer 
selbst allein die zukünftigen Träger wehrhafter Jugend- 
pflege werden sollen, wird wohl erst aus der allseutt 
erhofften gesetzlichen Regelung beim Eintritt des Frie- 
dens hervorgehen können. Aber in Krieg und Frieden 
wird die militärische Jugendvorbereitung als ein Teil 
des gesamten Erziehungssystems unseres Volkes beider 
Wertung der kommenden Geschlechter ihre Bedeutung 
erhalten, gestützt auf den Spruch, der sich auf dem Sie- 
gesdenkmal in Leipzig findet: 
„ Enkel mögen kraftvoll walten. 
schwer Errungenes zu erhalten.
        <pb n="447" />
        Schian-Streit: Der Krieg und die christlichen Missionen 
Literatur. L. Aschoff, Die Bebeutung des deut- 
schen Turnens CLeipz. 1916); Broßmer, Die Jungschüt- 
zenbewegung im Auslande (2„In Körver und Geiste, 25. 
Jahrg., Heft 20); Derselbe, Die Wehrerziehung in Frank- 
reich („Preuß. Jahrbüchere, Bd. 165, Heft 1); Corsep, 
Die Erziehung unseres Armeenachwuchses (Erfurt 1915); Fritz 
R. Gasch, Jahrbuch der deutschen Turnkunst 1917 (Eeh. 
1917); F. Habbel, Baterländische Jugendpflege (Regensb. 
361 
1916); F. L. Jahn, Deutsches Volkstum (Leipzig, Meyers. 
Voltsbücher); „Richtlinien, Erläuterungen und Eraän= 
zungen, Anleitung zum Stabfechten, Belehrungskurfus-, 
Frrausgehedee vom preuß. Kriegsministerium (Berl. 1916); 
uhn, Die militärische Jugenderziehung t Bayr uth 1916,; 
« W inther, Körperbildung als Kunst und Pflicht Mün- 
chen 1916); v. Hößlin, Zwei Jahre militärische Jugend- 
erziehung (das. 1916). « 
Der Krieg und die chrifklichen Mis- 
sionent 
I. Die evangelische Mission 
von Professor Dr. Martin Schlan in Gießen 
Keine andere religiöse Arbeit ist durch den Krieg 
so hart mitgenommen worden wie die Heidenmission. 
Die von Deutschland ausgehende evangelische Mis- 
sionsarbeit hatte in den letzten Jahrzehnten an Aus- 
dehnung gewonnen und wachsende Erfolge melden 
können. 25 Missionsgesellschaften verschiedener deut- 
scher evangelischer Kirchengemeinschaften (einschließ- 
lich der Freikirchen) mit über 1200 männlichen und 
über 200 weiblichen europäischen Missionsarbeitern 
waren am Werk; die Zahl der auf ihren Stationen 
arbeitenden eingeborenen ordinierten Geistlichen be- 
lief sich auf mehr als 250; 1912 konnten sie insgesamt 
mehr als 33000 im Missionsgebiet erfolgte Taufen 
von Nichtchristen zählen zreichlich 60 000 Taufbewerber 
standen im Unterricht. Allein die Rheinische Mission 
zählte etwa 200000-Christen im Missionsgebiet, die 
Brüdergemeine aufihren verschiedenen Arbeitsfeldern 
etwa 100000 und die Goßnersche Mission in Indien 
ebensoviel. Auch die Zahlen der in den Missionsschulen 
unterrichteten Schüler war stark im Zunehmen; bei 
der Baseler Mission betrug sie etwa 50000, bei der 
Rheinischen kaum weniger; aber auch die Brüder- 
emeine, Berlin I und die Leipziger Mission wiesen 
tattliche Zahlen von mehreren Zehntausenden auf. 
rn der Heimat war in der -Deutschen evangelischen 
Missionshilfe ein Organ geschaffen, das für die ge- 
samte deutsche Missionsarbeit Interesse wecken, Mit- 
tel sammeln und Kräfte mobil machen sollte. Gerade 
schien es nun auch so weit zu sein, daß die zahllosen 
einzeln arbeitenden evangelischen Missionsgesellschaf- 
ten der mannigfaltigen Völker und Kirchen unter- 
einander Fühlung gewannen und einigermaßen zur 
Verständigung gelangten; die Edinburger Wellmis- 
sionskonferenz 1910, die Abgeordnete fast aller dieser 
Gesellschaften vereinigt hatte, war glücklich gelungen. 
All diese zukunftsfrohe, weitverzweigte Arbeit ist 
nun schwersten Erschütterungen ausgesetzt. Zunächst 
erriß der Krieg jegliche internationale Gemeinsamkeit. 
Um August 1914 boten englische Missionskreise den 
deutschen Gesellschaften pekuniäre Unterstützung für 
die Kriegstei an; die beiden Berliner Gesellschaften 
lehnten das Ungebot ab und empfahlen die Zuwen- 
dung der Mittel an die Pariser protestantische Mis- 
sionsgesellschaft. Die Berliner Mission (Berlin I) ver- 
anstaltete sogar am 21. September 1914 eine eigene 
Kundgebung gegen England. Den Anlaß bot die 
Tatjache, daß infolge der Haltung Englands die Aus- 
schallung des Kolonialgebiets aus dem Krieg unmög- 
lich war und somit auch die Missionsgegenden in ihn 
hineingezogen wurden. 
1 Abgeschlossen Ende Juli 1917. 
Dadurch ist nun auch die Missionsarbeit selbst viel- 
fach hart etrofen worden. Tatsächlich blieb nur in 
wenigen Gebieten (Amerika, China außer den deut- 
schen und englischen Kolonien. Grönland und Hollin- 
disch-Indien) die deutsche Mission unberührt. Reich- 
lich ein Drittel aller deutschen evangelischen Missions- 
arbeiter (593 von 1637) wirkte bei Kriegsausbruch in 
englischen Kolonien, ein weiterer erheblicher Teil in 
den besonders schwer geschädigten deutschen Schutz- 
gebieten; ebenso arbeiten in letzteren englische Missio- 
nare. Die Lage der Missionen ist in den einzelnen 
Ländern je nach den besonderen Bedingungen ver- 
schieden. Von den deutschen Missionen in deutschen 
Schutzgebieten arbeiteten die in Deutsch-Ost. 
afrika ruhig weiter, solange sich die Kclonie gegen 
den Einbruch feindlicher Truppen schützen konnte. 
Als große Teile des Landes dem Feind überlassen 
werden mußten, verfuhr dieser mit den deutschen Mis- 
sionen nicht gleichmäßig. Im Nordosten konnte ein 
Teil der Miskonsorbeiter auf den Stationen bleiben 
und, wenn auch unter Beschränkungen, die Arbeit fort- 
setzen. Dagegen führten die Belgier im Nordwesten 
die Missionare mit ihren Familien in Gefangenschaft; 
sie mußten die höchst beschwerliche Reise durch den 
Kongostaat machen und wurden dann nach Europa 
verbracht. Die deutsche Regierung forderte ihre Aus- 
lieferung und gab dieser Forderung Sommer 1917 
durch Vergeltungsmaßregeln Nachdruck. Am här- 
testen litt die deutsche Mission im Njassagebiet; die 
Stationen wurden in Militärlager verwandelt, die 
Missionare in Gefangenenlager verbracht. Englische 
Missionsgesellschaften beigen Neigung- in die ver- 
waisten Stationen einzuziehen. Die in Deutsch-Ost- 
afrika wirkenden englischen Missionare konnten an- 
fangs mit geringen Einschränkungen weiterarbeiten; 
dann sind sie interniert gewesen, bis die Belgier An- 
fang 1916 dieses Gebiet besetzten. — In Kamerun 
haben die Engländer die Tätigkeit der Baseler und 
der deutschen Baptistenmission fast völlig aufgehoben; 
nur je ein Missionar dieser beiden Gesellschaften konnte, 
weil nicht Reichsdeutscher, weiterarbeiten; die Mis- 
sionsleute einschließlich der Frauen wurden schandbar 
behandelt, gefangengesetzt, dann nach England ver- 
bracht; Frauen und ordinierte Missionare sind dort 
später freigelassen worden. Die Stationen wurden 
der Plünderung preisgegeben. Die Gemeinden sind 
jetzt dort größtenteils eingeborenen Helfern überlassen. 
— In Togo liegen die Dinge nach neueren Nach- 
richten nicht ganz so schlimm, wie man anfangs an- 
nahm. Die Baseler Missionare mußten weichen; von 
den Bremern konnte ein Teil bleiben; eingeborene 
Prediger traten in stärkerem Maße in die Arbeit ein. 
— In Deutsch-Südwestafrikoa konnte die Arbeit 
auf einer Anzahl nicht im Kampfgebiet gelegener 
Stationen fortgeführt werden; die Stationen im Sü- 
den dagegen sind schwer mitgenommen worden. Die 
Missionare kamen zum Teil in englische Gefangen-
        <pb n="448" />
        362 
schaft; nach Beendigung des Kriegszustandes ließ man 
sie aber auf ihre Arbeitsfelder zurückkehren. Auf einer 
Station (Rehoboth) haben die früher treu zur deut- 
schen Regierung haltenden, im Krieg aufsässig ge- 
wordenen Bastards die Missionshäuser ausgeraubt. 
Die Barmer Mission konnte hier während der Kriegs- 
zeit 4000 Taufen vollziehen. — In Tsingtau haben 
die Missionsarbeiter zum Teil in den deutschen Rei- 
hen Waffendienst geleistet; diese sind jetzt in japanischer 
Gefangenschaft. Ein Missionar des Allgemeinen evan- 
gelisch proteslantischen Missionsvereins, der zugleich 
farrer der dortigen deutichen Gemeinde ist, hat nach 
dem Fall Tsingtaus dort bleiben und die Schularbeit, 
soweit die Gebäude imstande geblieben waren, wie- 
der aufnehmen können. An den evangelischen Kran- 
kenhäusern hat die Beschießung schweren Schaden an- 
erichtet; in beschränktem Maße wird auch die Ho- 
Fonaltätkgtein aufrechterhalten. Die Berliner Mission 
arbeilet ebenfalls weiter. — Aus den deutschen Kolo- 
nien in der Südsee meldeten anfäng'iche Nachrichten, 
daß fast alle deutschen Missionare haben an Ort und 
Stelle bleiben dürfen und in ihrer Arbeit nur geringen 
Beschränkungen unterlagen. Später haben die Se. 
paner die Arbeit erheblich beschränkt, auch Missionare 
entfernt. In Deutsch-Neuguinea arbeiten die Mis- 
sionare anscheinend fast ohne Störung. Die Rhei- 
nische Mission scheint sogar gerade jetzt dort einen er- 
freulichen Aufschwung zu erleben. 
Für eine ruhige Fortführung der deutschen Arbeit 
in den vom Krieg nicht bedrohten englischen Kolo- 
nien hatten Missionskenner die günstigsten Hoffnun- 
en gehegt; sie sind durch die Ereignisse gründlich und 
chmerzlich enttäuscht worden. üÜber die Lage in der 
Südafrikanischen Unionlauteten die Nachrichten 
anfangs widersprechend; später zeigte sich, daß, von 
gewissen Einschränlungen abgesehen, die deutschen 
Missionen weiterarbeiten durften; doch scheint die Lei- 
tung der Schulen den Missionen entzogen zu werden. 
Aus Britisch-Ostafrika sind die deutschen Missio- 
nare mit ihren Familien nach Indien verbracht wor- 
den; dort sind sie interniert worden. An der Gold- 
küste hat das Verfahren der Engländer Schwankun- 
gen durchgemacht; schließlich hat man die reichsdeut- 
schen Missionsleute nach England gebracht und dort 
einen Teil freigegeben. Dagegen kann die Baseler 
Mission ohne allzu große Sibeungen weiterarbeiten. 
Rücksichtslos scheint die englische Regierung in In- 
dien verfahren zu sein. Anfangs beließ man dort 
die Missionsarbeiter auf ihren Stationen, stellte sie 
nur unter Aufsicht. Im Winter 191.4/15 aber sind 
die im wehrpflichtigen Alter stehenden Missionare 
meist gefangengesetzt worden. Die übrigen Missions= 
leute scheinen zunächst meist unbehelligt geblieben zu 
sein; teilweise scheinen auch die Familien bald inter- 
niert worden zu sein. Von welchen Grundsätzen sich 
die englische Regierung bei diesen Maßregeln hat lei- 
ten lassen, ist nicht deutlich erkennbar; es sind eine 
ganze Reihe verschiedener deuticher Missionsgesell- 
schaften beleiligt, deren Stationen nicht gleichmaßig 
behandelt worden zu sein scheinen; auch stammen die 
Nachrichten aus verschiedenen Zeiten. also vielleicht 
auch aus verschiedenen Phasen des englischen Vor- 
gehens. Im Laufe des Jahres 1915 sind dann auch 
alle nicht wehrpflichtigen deutschen Musionsangehöri- 
gen, einschließlich der Frauen und Kinder, interniert 
worden. Während die im wehrpflichtigen Alter (so- 
gar bis zu 55 Jahren!) stehenden nichtordinierten 
Missionsarbeiter in Gefangenschaft verblieben, wur- 
IV. Kultur und Geistesleben 
den die anderen später nach mehrfachem Hin und Her 
nach Europa zurückgeschickt, wo sie 1916 ankamen. 
Die Baseler Missionare, soweit sie Schweizer waren, 
durften ihre Arbeit fortsetzen; ihre Zuhl ist gering. 
Die Arbeit der Leipsiger Mission im Tamulenland 
ist in die Hände einer schwedischen Missionsgesellschaft 
übergegangen. Die Arbeit der Herrnhuter in La- 
brador hat man bestehen lessen. Aus Hongkong 
wurden alle deutichen Missionsleute entfernt, ebenso 
aus Vorneo zwei Baseler Missionare. 
Merkwürdigerweise ist die Lage der deutschen Mis- 
sionen in Japan, das doch auch mit Deutschland im 
Kriege liegt, bedeutend besser als in den mieisten Kolo- 
nien des christlichen Englands, das stets an der Spitze 
des Missionswerksmarschierte. Der Allgemeine evan- 
gelisch-protestantische Missionsverein durfte seine Ar- 
beit genau wie im Frieden fortführen, einschließlich 
des deutschen Sprachunterrichts; es wurde sogar be- 
richtet, daß die Regierung die Weiterarbeit wünsche. 
Im Laufe des Jahres Uplß ist aber die Bewegungs- 
freiheit der deutschen Missionare sehr eingeengt wor- 
den. Die japanischen Pastoren im Dienst der deut- 
schen Mission arbeiten mit Erfolg weiter. 
Am schwersten von allen deutschen Missionsgesell. 
schaften ist die Baseter betroffen, die ihre Stationen 
unter anderm in Indien, Togo, Kamerun und an 
der Goldküste hat. Sie berechnete im März 1915, daß 
von ihren Stationen als Zivi gefangene entfernt wa- 
ren 272 Personen (Indien 152, Kamerun 77. Gold- 
küste 43). Freigegeben waren von den nach England 
verbrachten 62; interniert blieben 214; später erfolg- 
ten weitere Freigebungen. Soweit diese Gesellschaft 
Missionsarbeiter schweizerischer Nationalität hat. 
durfte sie ihre Arbeit meist fortsetzen. 1916 forderte 
aber die englische Regierung, daß auch aus der Lei- 
tung der Gesellschaft alle Personen entfernt werden 
sollten, die nicht geborene Schweizer sind, und zwar 
auch für die Zeit nach dem Kriege. Das n sie zwur 
abgelehnt, aber sie hat, um ihre Arbeit in Indien und 
auf der Goldküste zu retten, diese Zweige an einen in 
Bern nur aus Schweizern gebildeten Missionsaus- 
schuß abgetreten, während sie selbst sich einstweilen 
auf China beschränken wird. 
Für die Missionsarbeit in türkischem Gebiet säll 
schwer ins Gewicht, daß die Türkei im Dezember 1914 
die fremden Schulen und Hospitäler der Staatsaufssicht 
unterstellt sowie die religiöse Belehrung der in ihnen 
aufgenommenen Andersgläubigen verboten hat; Neu- 
gründungen wurden nur für Orte mit stärkerer frem- 
der Bevölkerung zugelassen. Diese Maßnahmen deuict 
ein genauer Kenner Palästinas (Dalmang) so, daß sie 
jede fortschreitende fremde religiöse Tätigkeit noch 
Kräften unterbinden sollen. 
Auch die Missionsarbeit in der Heimat ist durch 
den Krieg höchst ungünstig beeinflußt, vielfach fan 
lahmgelegt worden. Da die Zöglinge der Messions 
seminare meist im wehrpflichtigen Aller tanden muß 
ten sie alsbald zu den Wuffen einrücken; die Missions 
seminare wurden ganz oder teilweise geschlossen. Auch 
die in der Heimat weilenden Missionare. für die bin- 
sichtlich der Wehrpflicht keinerlei Ausnahmebestm. 
mung besieht, tragen die Waffen oder stehen un Laza- 
reltdienst. Die Missionsgaben. auf welche die Anstalten 
angewiesen sind, sanken bedeutend; im August 1911 
hatte z. B. die Baseler Mission einen Aussall von 4. 
Proz., in den beiden folgenden Monaten nur nou 
einen solchen von 16 Proz. Die meisten Missions 
gesellschaften haben, weil die Berichte aus den Mt
        <pb n="449" />
        Schian-Streit: Der Krieg und die christlichen Missionen 
sionsgebieten nicht vorlagen, keine endgilltige Ubersicht 
über das Verhältmis von Einnahmen und Ausgaben 
in diesen Jahren aufstellen können; mit sehr erheb- 
lichen F'hibeträgen müssen aber sast alle rechnen. 
Aus der Ve minderung der Einnahmen ergab sich die 
Notwendigkeit, die Zahl der he mischen Angestellten 
nach Möglichkeit zu verringern; die Theologen über- 
nahmen zum Teil pfarramtliche Tätigkeit. Die Mis- 
sionshäuser wurden vielfach Lazoretteo er Erholungs- 
heime. Die Ve. bindung zwischen Heimatanstalt und 
Missionsstationen ist bei fast allen Gesellschaften nahe- 
zu abgeschnitten. Die 6. Herrnhuter Missionswoche 
konnie vom 11.— 15. Oktober 1915 mit 287 auswär- 
tigen Besuchern lagen; fast alle deutschen Missions- 
gesellschaflen und Mussionskonferenzen waren ver- 
treien Mährend des Krieges konnte ein Osterrei- 
chischer Hauptverein für evungelische Heidenmission- 
neu g.g. ündet werden. 
Erwähnung verdient, daß die Missionsgesellschaf- 
ten ihre internationalen Beziehungen nach Kräften in 
den Dienst der Verbreitung der H. orhe im Aus- 
lande, der Bemühungen um den Gefangenenaustausch 
und der Gesangenenfürsorge gestellt haben. Die 1913 
gegründete = Deutsche Evangelische Missionshilser hat 
ihre Tänigkeit im Krieg fortgesetzt und bei diesen Ver- 
mittlungsdiensten Hilfe leisten können. Im Herbst 
191 5haben sich auch Vertreter der evangelischen Mussio- 
nen an einer dem Reichskanzler üb#rreichten Eingabe 
beteiligt, die den Sorgen und Wünschen in der Frage 
des Schicksa's der Armenier in der Türkei Ausdruck 
gab. Der Reichskunzler erwiderte. er werde alles, was 
in seiner Macht stehe, iun, um diesen Wünschen Rech- 
nung zu tragen. 
In der Össentlichkeit ist unter der Einwirkung des 
Krieges alsbald die Fraue erörtert worden, ob sich 
nicht die künftige deutsche Missionsarbeit mehr als bis- 
her oder ganz auf deutsche Gebiele konzentrieren oder 
sich doch aus englischem Gebiel zurückziehen solle (z. B. 
in den „Münchner Neuesten Nachrichten-, 1914, Nr. 
489). Dabei wurde vor allem darauf hingewiesen, 
daß die Mittel, die durch die Mission bisher englischen 
Kolonien zugute gekommen waren, besser deutschen 
Schutzgebieten zuzuführen seien. Wahrscheinlich ist 
auch, deß die deutschen Missionare in englischem Ge- 
biet nach Friedensschluß, wenn überhaupt, so nur 
unter groszen Hemmungen ihre Arbeit werden auf- 
nehmen können. Eine stärkere Kon zentrierung auf 
die deutschen Gebiete wäre zu begrüszen; doch ist zu 
erwägen, daß jahr zehntelange mühsame und verlust. 
reiche Arbeit, die das Vertrauen der Bevölkerung all- 
mählich gewonnen hat, unmöglich allein aus poli- 
lischen Gründen aufgegeben werden kann. 
Die Schilderung hat sich auf die deutschen Missio- 
nen beschränkt, unter Einbe f#ehung der zu einem gu- 
len Teile #leichfalls mit Deutschen besetzten Baseler 
Mission. Sie hat nur das Schicksal der Arbeit in den 
Gebieten der kriegführenden Lander berücksichtigt. Zur 
C gänzung mumn fest lestellt werden, daß die deulschen 
Missionen in den Kolonien neutraler Länder wie in 
anderen bisher vom Rrieg nicht beiroffenen Gebieten 
ihren Gung we ter gehen. Nich einer Bereihnung 
von Anfang 1917 standen noch eiwa 1000 deutsche 
Missionare auf ihren Plätzen. Ebenso ist die Mis- 
sion neutraler Länder (abgesehen von der Baseler) 
in der Hauptsache ungehemmt neblieben; und die eng- 
lischen und ame. ikanischen Gesellschaften konnten ihre 
Arbeil fast ginz (Deulsch-Ostafrila) ohne Störung 
jortietzen; das Missionsleben Nordamerikas hat sogar 
363 
einen beträchtlichen Ausschwung erlebt. Gesellschaf- 
ten dieser Länder schicken sich an, in die deutsche Ar- 
beil einzurücken. 
Literatur. J. Richter, Die Mission in dem gegenwärtigen 
Welikrieg (Berl.n-Lichterfelde 1915); Derselbe, Der deutsche 
Krieg und die deutsche evangelische MissionGlitersloh 1915); 
A. W. Schreiber, Die Wirkungen des Weltkrieges auf die 
deutschen Missionsgesellschaften (Leipz. 1015); W. Stude- 
mund, Der Weltkrieg und die deutsche evangelische Mis- 
sion Schwerin i. M. 1915); C. Mirbt, Das Ausland- 
deutschtum und die christlichen Missionen in dem gegenwär- 
tigen Weltirieg (?Internalionale Monatschrift-, 9. Jahrg., 
Hest 9); (Die deutsch = evangelische Heidenmission während 
des Krieges= (in der -Chronik der chr. stichen Welt-, 1915, 
Nr. 22); A. Gsell, Die Baseler Mission im Weltkrieg (in 
„Deulsch-Evangelisch-, 1915, Heft 5); C. J. Boskamp, 
Aus dem belagerten Tsingiau (Berl. 1915); W. Stark, 
Das Martyrium der evangelischen Missionare in Kamerun 
1914 (Berlin-Steglitz 1915); A. W. Schreiber, Kame- 
runer Kriegserlevnisse in deutscher und enal.scher Beleuch- 
tung (Giünersloh 1916); G. Dalman, Christentum und 
Mission in Paläsuna und ihre Lage im Kriege iuum 1# PaO 
lasimajahrbuch des deutschen evangelschen Instituts für 
Altertumswissenschaft des Heiligen Landes-, 11. Jahrg., 
Berl. 1915, S. 118 ff.); J. Würz, Menschengedan en und 
Gottesgedanken über die Mission im Welttriege Gürersloh 
1915); A. Hauck, Evangelische Mission und deutsches Chri- 
sten: um das. 1916); L. J. Frohnmeher, Die Stellung 
der britischen Regierung zur Mision in Indien kdas. 1916/; 
F. Kammerer, Die deutsche Mussion im Weltkrieg Stuttg. 
1916); R. Grundemann, Unser heimatliches Missions= 
wesen. Anhang: Der Krieg und die Mission (Leipz. 1916); 
C. Mirbt, Die evangelische Mission Deutschlands unter 
dem Druck des gegenwärtigen Weltkrieges Berlen Steglitz 
1917); „Jahrbuch der vereinigten deutschen Missionskon- 
ferenzen 1917., herausgegeben von J. Richter und E. 
Strümpfel (Berl. 1917); J. Witte, Das Kriegsschicksal 
der deutsch = evangelischen Mission (2 Die chrifiliche Welt-, 
1917, Spalte 443 ff. und 467 ff.); serner die Berichte aller 
Missionggesellschaften. 
II. Die katholischen Missionen 
von Robert Streit. O. M. 1. 
Welches ist die Lage der katholischen Missionen? 
Werfen wir zunächst einen Blick auf die deutschen 
Kolonien. 
Die katholische Mission hatte vor dem Ausbruche 
des Krieges in den deutschen Kolonialgebieten 1250 
europäische Missionare, 2250 eingeborene Missions- 
helfer, 170000 Neuchristen, 60 000 Katechumenen 
und 35000 Jahrestaufen, dazu an 2000 Schulen 
mit 115000 Schülern. Diesen erblühenden Missions- 
frühling hat der koloniale Raubzug unserer Feinde 
mit ruuher Hand gebrochen. 
Die Kolome Togo war schon Ende August 1914 
in seindlichen Besitz gekommen. Den Westen nahm 
der Engländer, den Osten der Franzose. Die Steyler 
Mi sionegesellschaft mußtte an erster Stelle die Wir- 
kungen des Weltkrieges verspüren. Verschiedene Mis- 
sionsftationen wurden beschädigt. In Tsewie musz- 
ten die PP. Klasst und Bode nach Lome wandern; 
die Eugländer nahmen das Silber der Mission weg; 
in einer Schule zerichlugen mohammedanische Sol- 
daten Kruzisix und Heili zenbilder. In Pa'ime wur. 
den sämlliche Deutsche auf der Station interniert, und 
selbst der Zutritt zur Kapelle war verbolen, bis die 
Negerfrauen an einem Sonntagmorgen den Glocken- 
turm erstürmten, worauf ein Pater auf der Verand. 
zelebrieren durfte. Die l'P. Wolf und Miinch von 
Anecho wurden als Gefangene nach Duihome de 
schlept. L. Theisen von Kpandu, der den deutsohen 
Bezirksamtmunn vor dem überfall gercttet hatle und
        <pb n="450" />
        364 
von den räuberischen Fetischleuten als deutschfreund- 
lich denunziert worden war, wurde dann über Lome 
nach England gebracht, von wo er im Februar in die 
Heimat zurückkehren durfte. Im allgemeinen mil- 
derte sich später in dem von Enpland besetzten Westen 
die Härte der Behandlung, dank der Verwendung des 
Gouverneurs Clifford von der Goldküste, eines Iren. 
Viel mehr gehemmt ist die Missionstätigkeit im öst- 
lichen, von den Franzosen besetzten Gebiete. Hier sind 
die Missionsschulen geschlossen, die Missionare in 
ihrem Unterrichte auf die Katechese beschränkt, und der 
Krankenbesuch ist an eine besondere behördliche Er- 
laubnis gebunden. 
Ungleich schlimmer hausten die Franzosen in Ka- 
merun. Ende September fiel Duala den Verbün- 
deten in die Hände. Die Hauptstation der Pallot- 
tinermission wurde von den Franzosen in Beschlag 
genommen, die Kathedrale in einen Pferdestall ver- 
wandelt, der Rest der Missionsgebäude ausgeplün- 
dert. Auf der Missionsstation Edea wurden alle Tü- 
ren und Schlösser erbrochen, alles durchstöbert und 
ausgeraubt. In der. Kirche hausten die Unholde 
bestialisch. Der Materialschaden für Edea beläuft sich 
allein auf 80000 Mark. Brutal war auch die Be- 
handlung des Missionspersonals, das schließlich nach 
Fernando Po überführt wurde. Ahnliche Auftritte 
spielten sich auch auf den Übrigen Missionsstationen 
ab Engelberg, Victoria, Marienberg, Einsiedeln, 
Kridi, Batanga, Illasson, Dschang). Von den 14 
Hauptstationen der Pallottiner blieben nur 3 unver- 
sehrt; 120 von den 204 Missionsschulen sind geschlos- 
sen, 20000 Katholiken ohne Priester, 116 eingeborene 
Gehilfen ohne Leitung und Unterhalt. — Nicht viel 
besser erging es den beiden neuen Kamerunmissionen 
der Sittarder Priester vom Heiligen Herzen und der 
VBäter vom Heiligen Geist im Norden und Süden Ka- 
meruns. Auch hier wurden die Missionare gefangen- 
genommen und in das Gefängnis von Lagos (Bri- 
tisch-Nigeria) abgeführt. 
Außerst spärlich sind die Nachrichten über das Schick- 
sal der katholischen Mission in Deutsch-Südwest- 
afrika. Soweit möglich, versuchten hier die Mis- 
sionspatres auf ihren Stationen auszuharren. Wie- 
weit ihnen dies nach der Besetzung des Landes durch 
die Engländer noch gestattet wurde, darüber fehlen 
jede Nachrichten. Besonders ungewiß erscheint das i 
Los der im hohen Nordosten gelegenen Okavango- 
Mission. Im Süden, den die Oblaten des hei- 
ligen Franz missionieren, wurden die Missionare 
als Kriegsgefangene nach dem Konzentrationslager 
in Pietermaritzburg (Natal) gebracht. 
Günstiger ist die Missionslage in Deutsch-Ost- 
afrika. Die Benediktiner von St. Ottilien 
im Vikariat Daressalam und in der Präfektur Lindie 
bemühen sich, den Missionsbetrieb aufrechtzuerhal- 
ten. Die Werkstätten sind allerdings geschlossen, da 
die Missionsbrüder einberufen wurden. Alle Bauten 
und sonstigen größeren Arbeiten mußten eingestellt 
werden, und einige Schulen wurden geschlossen. — 
Ahnlich ist die Lage der Missionen der Bäter vom 
Heiligen Geiste in den Vikariaten Bagamoyo und 
Kilimandscharo. Die Missionstätigkeit konnte, wenn 
auch in beschränktem Maße, fortgeführt werden. — 
Auch die Missionen der Weißen Väter in den Vi- 
kariaten Südnyanza, Unjanjembe, Tanganjika und 
Kiwu hatten bis jetzt wenig unter den Kriegsereig- 
nissen zu leiden. 
Viel menschlicher als in den afrikanischen Kolonien 
IV. Kultur und Geistesleben 
gestaltete sich das Schicksal der Missionare und Mis- 
sionen in der deutschen Südsee. Die Steyler Mis- 
sion auf Kaiser-Wilhelms--Land darf nach wie 
vor unbehelligt ihren Aufgaben nachgehen. Nur der 
wirtschaftliche Betrieb ist in Mitleidenschaft gezogen. 
da die meisten einheimischen Arbeiter ausrissen. Auch 
mußten sämtliche Internate geschlossen und die Kinder 
entlassen werden. — Große materielle Not ist in der 
Mission der Hiltruper Missionare vom Heiligen Herzen 
auf Neupommern eingetreten. Das große Mis- 
sionssägewerk in Torin steht still, und die kurz vor 
Kriegsausbruch ausgelaufenen Kopraladungen der 
Mission wurden von englischen Kriegsschissen beschlag- 
nahmt.— Auf den Nordsalomonen und auf Sa- 
moa befindet sich die Mission der Maristen von Mep- 
pen in gleicher materieller Notlage. Die Ende Auguit 
geschlossenen Schulen wurden später wieder geöffnet. 
— Auch auf den Marshallinseln mußte die Hil- 
truper Mission schweren Herzens ihre Internatsschu- 
len schließen, da die Mittel zum Unterhalt ausgingen; 
doch blieb das Missionspersonal von den Japanern 
unbehelligt. — Desgleichen benahmen sich die Japa- 
ner auf den Karolinen gegen die Kapuzinermissio- 
nare sehr korrekt. 
Schwere Tage bereitete der Krieg der Steyler Mis- 
sion in Deutsc-China. Bei der Mobilmachung 
eilten die deutschen Missionare herbei, um ihre Dienste 
anzubieten, doch behielten die meisten auf Anweisung 
des Gouverneurs ihre Missionsposten. Im ganzen 
waren 86 katholische Missionare (10 Steyler aus Süd- 
schantung, 6 Franziskaner aus Nordschantung, 4 
Benediktiner aus Korea und 16 Franziskanerinnen) 
bei der Verteidigung Tsingtaus im Dienste des Vater- 
landes tätig. Die anfangs schwer geschädigte Mission 
der Steyler Patres in Tsingtau und Kiautschou hat 
aber wieder volle Bewegungsfreiheit erhalten. 
So ist das Bild von der Lage der katbolischen Mis. 
sionen in den deutschen Kolonien ein recht verschieden- 
artiges. Am meisten haben jene Missionen zu leiden, 
die in französischen Besetzungsgebieten liegen, wie 
Kamerun und Ost-Togo. Die französische Brutalität 
gegen alles Heilige und Deutsche ohne Gegenstück 
geblieben. Glimpflicher verfuhr der Engländer. Nach 
rücksichtsloser Härte im Anfang scheint ihm später die 
ruhige Besonnenheit wiedergekommen zu sein. So 
in West-Togo und Deutsch-Südwestafrika. Ungleich 
nobler als beide benahm sich aber der Japaner. Er 
achtete im ganzen Freiheit und Eigentum. Am gün- 
stigsten gestaltete sich noch die Lage der Mission in 
Ostafrika. In allen Missionsgebieten aber ist großer 
materieller Schaden und Schaden ideeller Natur ent- 
standen; der Einfluß des Krieges auf Geist und Ge- 
müt der Eingeborenen ist in seinen schädlichen Folgen 
noch gar nicht abzusehen. 
In den englischen Kolonien an der afrikani- 
schen Westküste, in Benin und Nigeria, wurden zahl- 
reiche Patres interniert, ebenso in Südafrika, wo die 
deutschen Missionare in Pietermaritzburg gefangen- 
gesett wurden; die deutschen Patres Britisch-Ostafrikas 
rachte man als Kriegsgefangene in das indische Lager 
Ahmednagar, die Missionare von Assuan nach Alex- 
andrien. Die anfänglich allenthalben geübte Härte 
wurde später getnildert; doch bleiben diese deutschen 
Missionskräfte mehr oder weniger für den Missions. 
betrieb lahmgelegt. — In Brilisch-Indien schien die 
englische Kolonialbehörde anfangs recht milde vorzu- 
chen. Doch folgten bald sehr strenge Maßregeln. 
lus der deutschen Jesuitenmission von Bombay wur-
        <pb n="451" />
        Schian: Der Krieg und der Vatikan 
den 22 Mitglieder als Kriegsgefangene in das Kon- 
zentrationslager von Ahmednagar gebracht. 13 an- 
dere in das von Khandale. Gleich den Jesuiten wur- 
den auch die deutschen Salvatorianer in Assam als 
Kriegsgefangene erklärt. Auf Ceylon wurden 17 
deutsche Oblaten als Kriegsgefangene in Degatalanja 
von der Außenwelt gänzlich abgesperrt und mußten 
hier ein Jahr unter den glühenden Sonnenstrahlen in 
den Eisenblechbaracken schmachten;zerst Juni1915 wur- 
den sie nach Australien geschafft und 1916 nach Ame- 
rika entlassen. In den übrigen englischen Kolonial- 
gebieten scheinen Belästigungen unterblieben zu sein. 
Einen schweren Schlag erlitten die französischen 
katholischen Missionen in den französischen Ko- 
lonien. Der Mobilisationsbefehl riß tiefe Lücken in 
die Reihen der Missionare. Überall stehen die Mis- 
sionsgemeinden verwaist, die Neuchristen sind sich 
selbst überlassen, die Schulen geschlossen. In allen 
französischen Missionen finden wir dasselbe traurige 
Bild. Um so größer ist aber der Schaden der katho- 
lischen Missionen, als französische Missionare in 
überwiegender Anzahl auch in den übrigen Missions- 
gebieten tätig waren. Aus der Ugandamission der 
Weißen Väter wurden 46 französische Missionare 
ihrem Arbeitsfelde entrissen, aus Abessinien und aus 
den Missionen am Nildelta 43, aus dem der Pariser 
Missionsgesellschaft anvertrauten Japan 60, aus Ko- 
rea im nördlichen Vikariat Söul 14 Patres, in der 
Südmission Taiku der apostolische Vikar selbst mit den 
meisten seiner Missionare. Das chinesische Arbeitsfeld 
büßte nicht weniger als 300 Mitssionspriester ein, Siam 
und Malakka 25, die Erzdiözese Pondichery 14 Missio- 
nare. Geradezu verhängnisvoll wurde der Weltkrieg 
aber der katholischen Mission im Orient, wo 164 fran- 
zösische Missionare an einem Tage das Missionsfeld 
verließen. Um so unbegreiflicher ist es, wie die Mehr- 
zahl der einberufenen Missionsleute mit hellem Jubel 
ihre Missionen verlassen konnten, um unter die fran- 
zösischen Fahnen zu eilen. 
Noch unheilvoller und nachhalliger sind aber die 
Wunden, die der Weltkrieg dem heimatlichen Mis. 
sionsleden geschlagen hat. Geradejene Länder, welche 
die Hauptlasten der Missionspflicht an Berufen und 
an materieller Unterstützung bisher trugen, sehen wir 
in den Kampf verwickelt. Die zahlreichen katholischen 
365 
Missionshäuser in Deutschland sind in Lazarette um- 
ewandelt. Die studierende Jungmannschaft und die 
zrüder sind zu den Waffen einberufen, die übrigen 
Missionskräfte stehen meist im Dienste des Roten 
Kreuzes und der Malteser. Auch die katholische Mis- 
sion hat ihre Blutsteuer entrichten müssen. Am 1. Ja- 
nuar 1917 standen im Dienste des Vaterlandes 4129 
Missionsleute (623 Patres, 1757 Alumnen, 1749 
Brüder). Gefallen waren 361, verwundet 613, ver- 
mißt oder gefangen 134. Mit dem Eisernen Kreuze 
ausgezeichnet wurden 463 Mitglieder (andere Aus- 
zeichnungen 366). In 30 Missionshäusern wurden 
bisher etwa 35 444 Verwundete gepflegt. Freudigen 
Herzens erfüllt die katholische Mission ihre Pflicht am 
deutschen Vaterlande, wo sich in dem letzten Jahr- 
zehnt ein so kräftiges heimatliches Missionsleben ent- 
wickeln konnte. Die Anzahl der Missionsberufe hatte 
sich zusehends vermehrt, die Missionsvereine zur ma- 
teriellen Unterstützung warenlebenskräftig organisiert, 
der Missionsgedanke war volkstümlich geworden. 
Auf alle diese Bestrebungen hat sich der Krieg wie ein 
Frost gelegt. Was wird uns die Zukunft bringen? 
Das eine ist gewiß: Geht Deutschland siegreich aus 
dem blutigen Völkerringen hervor — und das hoffen 
und erflehen wir —, dann wird es vor neuen, großen 
kolonialen Aufgaben und mithin vor neuen, großen 
Missionsaufgaben stehen; dann wird die Missions- 
frage eine der brennendsten Fragen des Tages sein. 
Literatur. Hüttche, S. V. D., Katholische Missions- 
stimmen aus den neutralen Ländern (2Zeitschr. f. Missions-= 
wissenschaft-, V, 261/268) und Katholische Missionsstimmen 
aus den kriegführenden Ländern (ebenda V, 177/190,; 
Schmidlin, Diechriftliche Weltmission im Weltkriege2. Aufl., 
M.-Gladbach 1917); Derselbe, Die Missionen im gegenwär- 
tigen Weltkrieg (vierteljährliche Rundschauen in „Zeitschr. f. 
Missionswissenschaft-); Schwager, S. V.D., Weltkrieg und 
Weltmission (in = Theologie und Glaubee, VII, 37/42); Der- 
selbe, Bemerkungen zum Missionsartikel des französischen 
Buches -La Guerre allemande et le Catholicisme 
(ebenda VII, 579/582); Weber, Erzabt, O. S. B., Der 
Krieg und die Mission /2Zeitschr. f. Missionswissenschafte, V, 
1/9); Derselbe, Am Scheidewege. Nationalpolitische Be- 
deutung der Mission lin -Hochland-, XII, 10•27); -Welt- 
krieg und Welimissione (in -Katholische Missionen-, 43, 
25°29; 145/148: 241.244). Ausführliches Literaturverzeich- 
nis von Rob. Streit, O. M. I., in #2Zeitschr. f. Missions 
wissenschafte (Jahrg. IV—VII). 
Der Krieg und der Vatillan! 
von Professor Dr. Martin Schian in Gießen 
Papst Pius X. mußte, neunundsiebzigjährig, noch 
den Ausbruch des Weltkrieges erleben; es ist wohl 
möglich, daß dieses Ereignis seinen Tod (20. August 
1914) beschleunigt hat. Das Konklave, in dem trotz 
des Krieges nur acht Kardinäle fehlten, wählte zu 
seinem Nachfolger einen früheren Mitarbeiter Ram- 
pollas. Giacomo della Chiese, der als Benedikt XV. 
den päpstlichen Stuhl bestieg. Zu seinem Staats- 
sekretär berief der neue Papst den diplomatisch erfah- 
renen Kardinal Gasparri, früher Professor des Kir- 
chenrechts am Katholischen Institut in Paris. Es 
ergab sich von selbst, daß die Tätigkeit des neuen 
Papstes, soweit sie der weiteren Offentlichkeit bekannt 
wurde, zum allergrößten Teil durch den Krieg be- 
1 Abgeschlossen Mitte Jull 1917. 
stimmt wurde. Schon seine erste Kundgebung (8. Sep- 
tember 1914) war eine Ermahnung zum Frie- 
den. Die Enzyklika, mit der er feierlich den Ponti- 
fikat antrat (1. November 1914), erörterte den ge- 
samten Zustand der Kirche, wandte sich auch scharf 
gegen den Modernismus und erneuerte den Aus- 
druck des Bedauerns darüber, daß der Papst infolge 
der Aufhebung des Kirchenstaats des zur völligen 
Freiheit nötigen Rückhalts entbehre; sie beschäftigte 
sich aber auch mit dem Krieg und seinen moralischen 
Ursachen; dabei betonte sie, es sei Pflicht des Papstes, 
die Herrscher zu ersuchen, Streitigkeiten anders als 
mit den Wafsfen zu erledigen. Weiter wandte sich 
Benedikt XV. vertraulich an die Regierungen der 
kriegführenden Länder mit der Bitte, wenigstens am 
Weihnachtstage 1914 die Waffen ruhen zu lassen; 
damit solle cinerseits Christo, dem Friedefürsten, eine 
Huldigung gebracht, anderseits der Menschlichkeit 
gegen die Familien der Kämpfenden genügt werden.
        <pb n="452" />
        366 
Der Vorschlag, dem die Mittelmächte freundlich gegen- 
überstanden. scheiterte an der Ablehnung durch RNuß- 
land und Frankreich. Erfolgreicher war die Vermitt- 
lung des Papstes in Sachen des Austausches dienst- 
untauglich gewordener Gefangener; ein solcher kam 
nach lungen und schwierigen Verhandlungen zustande 
und wird in gewissen Zwischenräumen fortgesetzt. Für 
die Maiandachten 1915 verfaßte Benedikt XV. selbst 
ein Gebet um den Frieden und versah es mit Ab- 
lässen; der kirchlichen Benutzung des Gebets erwuch- 
sen in Frankreich Schwierigkeiten; zugelassen wurde 
sie dort nur mit einem die französische Meinung 
sicherstellenden Zusatz. Am Jahrestage des Kriegs- 
ausbruchs wurde eine vom 28. Juli 1915 datierte 
Anrede des Papstes an die kriegführenden Völker und 
ihre Führer bekannt, welche die schweren Verwüstungen 
des Krieges beklagte und den Wunsch aussprach, die 
Parteien möchten gutwillig einen direkten oder in- 
diretten Meinungsaustausch beginnen, um zu einem 
Ende des schrecklichen Kampfes zu kommen. Ge- 
segnet sei, wer zuerst den Olzweig erhebt und dem 
Feinde die Hand und vernünftige Friedensbedin-- 
gungen bietet.“ Auch dieser Aufruf ist ergebnislos 
verhallt. Endlich hat Benedikt XV. im Konsistorium 
vom 6. Dez. 1915 seine Stimme zugunsten eines ge- 
rechten, dauerhaften und nicht für einen Teil der 
kriegführenden Völker allein Nutzen bringenden Frie- 
den erhoben. 
Nach diesen Bemühungen um den Frieden mußkte 
es auffallen, daß das Friedensangebot der Mittel- 
mächte vom 12. Dezemder 1916 in Rom kein Echo 
fand. Das Deutsche Reich hat von diesem Akt dem 
Vatikan amtliche Mineilung gemacht; die Note schloß 
mit der Bemerkung, die kaiserliche Regierung glaube 
sich der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß die Ini- 
tiative der Mittelmächte einen wohlwollenden Wider- 
hall bei Seiner Heiligkeit finden werde und daß ihr 
Friedenswerk auf die wertvolle Unterstützung des 
Apostolischen Stuhles rechnen dürfe. Die österrei- 
chisch ungarische Regierung ging noch weiter mit der 
Erklärung, sie wäre dem Apostolischen Stuhl zu Dank 
verpflichtet, wenn er die Initative ergreifen und da- 
durch dem Friedenswerk die mächtige Stütze seines 
boben AUnsehens leihen würde. Eine Antwort des 
apstes auf diese Noten ist nicht bekannt, von Frie- 
densbemühungen Benedikts nichts mehr berichtet 
worden. 
Der obengenannte Aufruf vom 28. Juli 1915 
hatte von einer Abwägung der Rechte und gerechten 
Forderungen der Völker und von der Wiederherstel- 
lung des -Reichs des Rechts= gesprochen. Natürlich 
ist in diese Worte viel hineingedentet worden. Daß 
der Papst dabei gegen eine der kriegführenden Par- 
teien habe Stellung nehmen wollen, ist unwahrschein- 
lich; er hat sich ohne jede Frage gemüht, in seinen offi- 
ziellen Akten Neutralität zu wahren. Von diesem 
Standpunkt aus hat er ein deutliches Eingreifen in 
die gerade durch den Krieg hervorgerufenen Streit- 
fragen vermieden. Manche haben in einigen Wen- 
dungen einer beim geheimen Konsistorium am 22. Ja- 
nuar 1915 gehaltenen Ansprache eine Mißbilligung 
des Verhaltens des belgischen Kardinals Mercier (s. 
Die christlichen Kirchen im Weltkrieg, Bd. I, S. 329) 
erblicken wollen; doch ist diese Auffassung keineswegs 
sicher. Gelegentliche Außerungen des Papstes gaben 
zu Anzweiflungen seiner Neutralität oder doch zu 
lebhaften Erörterungen über ihre Durchführung An- 
laß. Ein deutsch-amerikanischer Journalist, v. Wie- 
IV. Kultur und Geistesleben 
gand, wurde Ostermontag 1915 vom Papst in Audien 
empfangen und veröffentlichte dann in der Ne## 
Vork World= als dessen Osterbotschaft an das ameri- 
kanische Volk die M##hnung. unablässig und uneigen- 
nützig für den Frieden zu arbeilen; der Papit setze 
seine ganze Hoffnung für einen baldigen Frieden auf 
das amerikanische Volk. Stärker noch erregten Mit. 
teilungen über eine Unterredung Benedikts XV. mit 
dem französischen Journalisten Latapie im Früh- 
sommer 1915 die öffentliche Meinung. vor allem die 
des Vierverbande;, weil sie die Greuelpropaganda zu 
entlräften geeignet schienen. Der Erzuischof von Pa- 
ris gab diesen Empfindungen Ausdruck; er wurde 
aber durch ein päpstliches Schreiben vom 11. Juli 
bedeutet, daß Latapie weder die Gedanken noch die 
Worte des Papstes wiedergegeden hibe. Auch sonst 
wurden Worte und Handlungen Benedikts X V. nach 
allen Seiten untersucht, gedeutet und beurteilt. Das 
oben geschilderte Verho#lten gegenüder dem Friedens- 
angebot der Mittelmächte mußte selbstverständlech in 
deren Mitte die Prae nach den Beweggründen wach- 
rufen, und es war kein Wunder, duß dabei die neu- 
trale Haltung in Zweifel gezogen wurde. Auch die 
Tatsachen, daß Benedikt XV. am 4. Dezember 1916 
7 italienische und 3 französische Kardinäle ernannte, 
aber keinem einzigen den Mittelmächten angehörenden 
Bischof die gleiche Würde verlieh, sowie daß er mitten 
im Krieg nach dem Tode des Nuntius Frühwirth den 
Italiener Aversa und nach dessen raschem Abschei- 
den wieder einen Italiener als Nuntius nach Min- 
chen entsandte, wurden unter diesem Gesichtspunkt 
viel beachtet. Das gleiche gilt von einem anderen 
Geschehnis: Der päpstliche Erzkämmerer Präl.,1 Ru- 
dols v. Gerlach wurde vom Lanst im Januar 1917, 
wahrscheinlich infolge des Auftretens von Kardinälen 
der Ententemächte, auf unbestimmte Zeit in seine 
Heimat beurlaubt; damit ist der letzte Deutsche aus 
dem Vatikan gegangen. Die Lage des Vankans ist 
zweifellos schwierig. Länder mit einem starken Anteil 
oder auch mit ganz überwiegender katholischer Bevöl- 
kerung stehen egeneinander; ihre katholischen Fud- 
rer befehden sich aufs erbitlertste; eine unneutrale 
Haltung des Papstes könnte bei der Leidenschaftlichken 
des durch den Krieg gesteigerten Nationalbewußtsems 
geradezu die Gefahr eines Schismus heraufbeschwö- 
ren. Anderseits bringt auch die Neutralität Schwie- 
rigkeiten mit sich. Nicht bloß daß ein wirksames Ein- 
greifen selbst in so krassen Fällen, wie ihn die fran- 
zösische Schmähschrift „La guerre allemande et le 
Catholicisme= (Paris 1915) darstellt. fast unmög- 
lich wird, die katholische Bevölkerung versteht es auch 
großenteils einfach nicht, daß das Oberhaupt ibrer 
Kirche neutral ist. Wenn nach der Auffassung des 
Vierverbandes der Krieg ein Krieg für das Recht 
ist, so scheint ihr der Anspruch auf die Zustimmung 
des Papstes als Hüters des Rechts durchaus selbst- 
verständlich. So begreift es sich, daß nach dem Frie- 
densaufruf vom Juli 1915 der „Temps- meldete. in 
Italien sehe man in dem Aufruf eine ungeheure Un- 
gerechtigkeit gegenüber dem Vierverbund. Die inter- 
nationale Stellung des Vati'ans führt in dieser Hin. 
sicht ganz von selbst zu Folgen, die das durch die 
Kriegserregung stark national beeinflußte religiöse 
Empfinden des katholischen Christen manchmal schwer 
zu fassen vermag. 
Die Tatsache, daß der Vatikan als internationale 
Macht während des Krieges einen nicht unerheblichen 
politisch wirksamen Einfluß zu Üben vermag, hat.
        <pb n="453" />
        Schian: Der Krieg und der Vatikan 
während so seine religiös-kirchliche Stellung von 
mannigfachen Schwierigleiten bedroht war, seine 
politische Stellung gefestigt. Daß Frankreich 
unter der Hand eine Wiederaufnahme der diploma- 
tischen Beziehungen zum päpstlichen Stuhl versucht 
hat, ist mit Bestimmtheit berichtet worden; zustande 
gekommen ist sie nicht. Aber England hat nunmehr 
eine diplomatische Vertretung beim Vatikan eingerich- 
tet; der Katholik Sir Henry Howard übernahm sie. 
Die englische Regierung scheint sie nur für die Dauer 
des Krieges bestehen lassen zu wollen; doch ist dieser 
Punkt wohl mit Rücksicht auf die Zustimmung des 
Papstes nicht zu völliger Klärung gekommen. Der 
Hohe Rat der vereinigten evangelischen Kirchen Eng- 
lands hat gegen die Neuerung erfolglos Einspruch er- 
hoben. Ferner hat die Regierung der Niederlande 
mit Zustimmung der Kammermehrheit (32 gegen 10 
Stimmen bei einer Stimmenthattung) im Sommer 
1915 einen zeitweiligen und besonderen Gesandten 
beim Vatikan in der Person des Katholiken Regout 
ernannt. Sehr wichtig ist die Neuregelung des Ver- 
hältnisses zwischen dem Vatikan und der Türkei. 
Diese hat das Protektorat Frankreichs über die ka- 
tholischen Christen im Orient endgültig aufgehoben. 
Da infolgedessen die Verhandlungen zwischen der 
Pforte und dem päpstlichen Stuhl nicht mehr durch 
die Vermittlung Frankreichs gehen können, ist eine 
unmitteldare gegenseitige Vertretung eingerichtet. Die 
Türkei errichtet eine eigene Gesandtschaft beim Vati- 
kan, und der Papst hat in der Person des Bischofs 
Dolci einen apostolischen Delegaten nach Konstanti- 
nopel geschickt. Serbien, das im Zusammenhang 
mit den durch die Balkankriege erreichten Gebiets- 
erweiterungen den Absch'uß eines Konkordats mit 
dem Vatikan (Juni 1914) für richtig gehalten hatte, 
ernannte einen Gesandten beim päpstlichen Stuhl. 
Das Fürstentum Monaco tat Ende 1915 das 
gleiche. Sogar Japan soll nach Zeitungsmeldungen 
beabsichtigen, einen diplomatischen Vertreter beim 
Vatikan zu ernennen. 
Durch den Krieg ist die weltpolitische Stellung des 
Papsttums aber auch in anderer Hinsicht berührt wor- 
den. Das Eingreifen Italiens machte auch Rom 
zum Kriegsgebiet. Es ist wahrscheinlich, daß Bene- 
dikt XV., von dem Wunsch nach Beschränkung der 
Ausdehnung des Krieges ganz abgesehen, schon um 
der ihm selbst drohenden Schwierigkeiten willen das 
Fortbestehen der italienischen Neutralität gewünscht 
hat; er soll auch zur Vermittlung zwischen Osterreich- 
Ungarn und Italien die Hand gereicht und behufs 
Erzielung von Zugeständnissen an Italien in Wien ein- 
gewirkt haben. Das Scheitern dieser Versuche brachte 
ihn dann in eine nicht leichte Lage. Die Vertreier 
Preußens, Bayerns und Osterreich = Ungarns sahen 
sich genötigt. ihren Wohnsitz von Rom fort in die 
Schweiz in die Nähe der italienischen Grenze zu ver- 
legen. Die italienische Regierung versprach zwar die 
unbehinderte Beförderung der vatikanischen Brief- 
schaften; einige Schriftstücke wurden trotzdem nicht 
in regelmäßiger Weise befördert. Die hieraus ent- 
stehenden Unzuträglichkeiten hat der Papst im Konsi-- 
storium vom 6. Dez. 1915 scharf betont. Die Tatsache, 
daß gewisse, beim Heiligen Stuhl akkreditierte Bot- 
schafter oder Gesandte gezwungen wurden, abzureisen. 
un ihre persönliche Würde und die Rechte ihres Amtes 
zu wahren, bedeute für den Heiligen Stuhl eine Ver- 
ringerung seines eigenen und angeborenen Rechtes, 
ein Versagen der notwendigen Garantien und die Ent- 
367 
ziehung des gewöhnlichen und bequemsten Mittels für 
den Verkehr mit den auswirtigen Regierungen. Die 
italienische Regierung bestritt offiziös, daß die frag- 
lichen Gesandten zur Abreise genötigt gewesen seien; 
doch wurde festgestellt, daß ihnen der diplomatisch 
unentbehrliche Chiffreverkehr unterbunden worden 
war. An diese Lage knüpfte sich eine ziemlich weit- 
reichende Erbrterung über die Notwendigkeit dauern- 
der Abhilfe; in katholischen Blättern Deutschlands 
wurde die römische Frage- lebhaft besprochen. Ab- 
geordneter Spahn nannte 20. August 1915 im Reichs- 
lag die durch den Krieg geschaffene Lage des Papstes 
unha##tbar; sie zwinge dazu, auf eine internationaie 
Regclung bedacht zu sein, die den Rechten, der Würde 
und den Aufgaben des Papsttums gerecht werde. Ka- 
tholische Zeitungen, aber auch Schriften von Katho- 
liken, wie J. Bachem, und von ähnlich Denkenden, wie 
Wehberg (s. Literatur), forderlen die Wiederherstellung 
der Freiheit und Unabhängigkeit des Papstes geradem 
als Friedensziel. Ein in ähnlicher Richtung gehender 
Aufsatz des Freiherrn v. Zedlitz und Neukirch (13. Mai 
1915, also vor Italiens Eintreten in den Krieg) hatte 
das Verbot der Post-, in der er erschienen war, für 
einige Zeit zur Folge; den nach der italienischen Kriegs- 
erklärung zahlreicher werdenden Erörterungen dieser 
Frage ist kein Verbot entgegengesetzt worden. Damit 
soll aber sicherlich die endgultige Stellungnahme der 
Reichsregierung nicht festgelegt sein. Nicht einmal die 
Außerung des Ministerpräsidenten Grafen Hertling 
in der Sitzung des Finanzausschusses der bayrischen 
Kammer vom 6. Oktober 1915 über die Notwendig- 
keit, daß die jetzigen anormalen Zustände (in der Lage 
des Papstes) beseitigt würden (München-Augsburger 
Abendzeitung-, Nr. 278), schließt solche Festlegung in 
irgendeiner Richtung ein. Im Laufe des Jahres 1916 
ing die Erörterung in katholischen Kreisen weiter. 
Iancher unwahrscheinlicher wurde, daß Benedikt XV. 
um der Lösung der römischen Frage willen irgend- 
wie in Gegensag zur italienischen Regierung zu treten 
wünsche; immer wahrscheinlicher, dent er eine gewisse, 
henn nicht einschneidende Korrektur des die Lage des 
apstes regeiden italienischen Garantiegesetzes vom 
italienischen Volk selbst erwartet. In welcher Rich 
tung diese Korrektur gehen würde, das läßt sich eini- 
germaßen aus Veröffentlichungen des Jahres 1916 
mutmaßen, die wie die Aufsätze Claars und Ehrles 
nicht ohne Beziehung zu eingeweihten Kreisen geschrie- 
ben zu sein scheinen; Ehrle denkt an eine Ausdehnung 
der bisher nur auf die Person des Papstes erstreckien 
Exkerritorialität auf ein kleines Gebiet, das den Vati- 
kan, St. Peter und die vatikanischen Gärten mit einer 
kleinen Abrundung umfaßt. während andere es etwas 
anders bestimmen. Solche Regelung, zumal bei mög- 
lichster Beschränkung des Terriloriums, unterliegt von 
allen Lösungen den geringsten Schwierigkeiten. Ob 
nicht aber dochauchirgendwelcheinternationale Garan- 
tien erstrebt werden, bleibe dahingestellt. Von hohem 
Interesse ist die von den Neuen Zürcher Nachrichten 
gebrachte und Bestreitungen gegenüber nachdrücklich 
aufrechterhaltene Meldung, nach der sich Italien bei 
seinem Eintritt in den Krieg die volle Unantastbarkeit 
der von ihm geschaffenen Regelung der bage des Vati- 
kans bei seinen Verbündeten ausgemachthabe. Die Rich- 
tigkeit dieser Nachricht wurde aber energisch bestritten. 
Endlich sei erwähnt, daß der Vatikan auch pekuniär 
infolge des durch den Krieg verursachten Ausbleibens 
des Peterspfennigs aus manchen Geb.eten in eine 
wenig erfreuliche Lage gekommen ist. Sehr reichlich
        <pb n="454" />
        368 
!ldv aber gerade auch in dieser Zeit Deutschland bei- 
gesteuert. 
Literatur. Von katholischen Verfassern: G. Pfeil- 
schifter, Religion und Religionen im Weltkrieg (Freiburg 
1915); H. Schrörs, Der Krieg und der Katholizismus 
(2. Aufl., Kempten 1915); J. Bachem, Der Krieg und 
das Papsttum (M.-Gladbach 1915); K. Hilgenreiner, 
Die röm.sche Frage nach dem Weltkriege (Prag 1915); R. 
v. Nostiz-Nieneck, Der Papst in Feindesgewalt (in 
„Stimmen der Zeit“, 1914/15, S. 405—419); „Die inter- 
nationale Lage des Papstes“ (in „Pemusblätter-, 1915, 
Heft 31); A. J. Rosenberg, Papst Benedikt X V. und der 
Krieg (in »Der deutsche Katholizismus im Weltkriege, 
Paderborn 1915); Einiges auch in G. Pfeilschifter, 
Deutsche Kultur, Katholtzismus und Weltkrieg (Freiburg 
1915); J. Lulves, Die Stellung des Papsttums im Welt- 
kriege (Stuttg. u. Berl. 1916); M. Claar, Jtalien, der päpst- 
IV. Kultur und Geistesleben 
liche Stuhl und die Lösung der römischen Frage (2Zeitschr. 
Politik-, 1916, Heft 3/4); P. Ehrle, Benedikt X V. und 
ie Lösung der römischen Frage (vStimmen der Zeit-, 1916, 
Sept.); K. Bachem. Ein neuer Kirchenstaat und sein Um- 
jang („Kolnische Volkszeitung-, 1916, Nr. 752 u. 756);: K. 
Hoeber, Der Papst und die römische Frage Köln 1916,; 
»Der Vatikane, Sonderheft der „Süddeutschen Monatsbefte- 
(März 1917). In katholischem Sinn: H. Wehberg, Das 
Papsttum und der Weltfriede (M.-Gladbach 1915). — Von 
evangelischen Verfassern: O. Röse, Die Kurie und der Welt- 
krieg (°Schlesische Zeitung, 1915, Nr. 298 u. 301), und 
* Münchner Neueste Nachrichten -, 1915, Nr. 216, 218, 220, 
222, 223,225; W. Köhler, Papsttum und Krieg (in -Chrift- 
liche Welt, 1915, Nr. 29, 30); -Chronik der chres#lichen 
Welt= (Tübingen 1914 f.). — Ungenannter Verfasser: Spec. 
tator novus, Die römische Frage (2 Frankfurter Zeitunge 
1915, Nr. 302, 3. Morgenblatt). 
Die National- und Kriegslieder der 
Deutschen 
von Professor Adolf Bartels in Weimar 
Im Jahre 1871 veröffentlichte Karl Simrock -Lie- 
der vom deutschen Vaterland aus alter und neuer 
Zeite und gab damit die erste einigermaßen vollstän- 
dige Sammlung unserer vaterländischen Dichtung. 
Von ihr ausgehend hat der Verfasser dieses Beitrags 
im Weltkrieg ein zweibändiges deutschvölkisches Dich- 
terbuch = Volk und Vaterlande geschaffen, das sich die 
Aufgabe setzt, die ganze deutsche Geschichte durch die 
berufenen Stimmen aus der Zeit selber zu kennzeich- 
nen und sie so den Leser unmittelbar miterleben zu 
lassen. Und wunderbar: dabei stellt sich heraus, daß 
wir Deutschen in der Tat unsere ganze deutsche Ge- 
schichte in deutschen Gedichten haben, daß keiner Zeit 
der Dichter, der ihre Größe oder ihre Not erkannte. 
gefehlt hat, daß deutsches Wesen immer viel stärker 
nach Ausdruck rang, als man es bisher gewußthat, daß 
das deutsche Gewissen in deutschen Dichtern immer da 
war und die deutsche Geschichte nur deswegen vielfachso 
trostlos erscheint, weil man auf die Stimme der Beru- 
fenen nicht gehört hat. Selbstverständlich hat nicht alle 
vaterländische Dichtung die Form des Liedes gewon- 
nen, aber wir sind auch an National- und Kriegs- 
liedern viel reicher, als die meisten Deutschen wissen, 
und brauchen uns bei nationalen Festlichkeiten keines- 
wegs auf Heil dir im Siegerkranze, . Deutschland, 
Deutschland über alles= und elwa noch die -Wacht 
am Rhein= zu beschränken. 
Der älteste nationale Sänger der Deutschen ist 
Walther von der Vogelweide, und man hat sein 
bvekanntes Lied = Ir sult sprechen willekomene denn 
wohl auch -Deutschland über alles überschrieben. 
Er preist die deutschen Frauen, dann aber auch die 
deutschen Männer und vor allem deutsche Zucht und 
Sitte, und nur der Umstand, daß der fahrende Sän- 
ger in ihm zu persönlich spricht, hat wohl verhindert, 
daß es im Volk gesungenes Lied geworden ist. Zum 
Singen eigneten sich auch die zahlreichen nationalen 
und politischen Spruchgedichte nicht, die Walther 
und nach ihm andere Minnesänger schufen, und 
ebensowenig konnte die nationale Satire einer späte- 
ren Zeit, die Sebastian Brants zum Beispiel. vertont 
werden; dafür hatten wir aber zahlreiche geschichtliche 
Ereignisse feiernde Volkslieder und dann auch Lands- 
knechtlieder, die überall erklangen und wenigstens 
vielsach Stammes-- und Standesstolz, auch kriegerische 
Stimmung aufwiesen. Man kennt die Lieder der 
Schweizer und der Dithmarschen und von den Lands. 
knechtliedern doch wenigstens das ganz unmittelbare 
auf die Schlacht bei Pavia. Volks= und auch Soldaten- 
lied setzen sich bekanntlich durch das Reformations- 
Aestalter und alle späteren Perioden der deutschen Ge- 
chichte fort, und wir werden noch auf manches stoßen, 
das nationale Geltung gewonnen hat. — Auch ein 
Nationallied, ja, vielleicht das eigentliche deutsche Na- 
tionallied, das stärkste von allen, ist Martin Luthers 
»Ein' feste Burg ist unser Gott«, das nicht bloß 
evangelisches Gottvertrauen, sondern auch den stolzen 
kriegerischen Geist des Deutschtums hat und denn auch 
in allen großen Zeiten und Augenblicken deutscher 
Geschichte, so auch inn gegenwärtigen Weltkrieg, immer 
wieder erschollen ist. Das Reformationszeitalter 
bringt dann auch schon kräftige Mahnlieder an die 
Deutschen, wie Johann Walthers -Wach auf. 
wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschla- 
fene und Bartholom äus Ringwalds Lied der 
Kriegsleute wider den Erbfeind (aus der = Lauteren 
Wahrheit.), das sich wider die Türken richtet. Im 
Jahre 1618, also dem Jahre des Beginns des Dreißig- 
jährigen Krieges, gab Johannes Doman aus Oesna- 
brück, Hansischer Generalsyndikus, sein großes Lied 
von der Hanse-, das zwar viel zu lang ist, um ge- 
sungen zu werden, aber an kräftigen volkstümlichen 
Stellen keinen Mangel hat und gesunden politischen 
Sinn verrät. Aus der gewaltigen Entwicklung des 
evangelischen Kirchenliedes, die man heute auch nicht 
mehr hinreichend kennt, sind wenigstens noch zwei 
Lieder als deutsche Nationallieder anzusprechen: Mi- 
chael Altenburgs Verzage nicht, o Häuflein klein- 
und Martin Rinkarts »Mun danket alle Gott“. 
dies letztere ursprünglich ein Tischgebet, aber mit sel- 
ner Bitte um ein immer fröhlich Herz und steten Frie- 
den so recht aus deutscher Seele heraus. Mit ihm sind 
wir mitten im Dreißigjährigen Kriege. 
Man hat diesen mit Recht immer als den denischen 
Zusammenbruch angesehen, und doch ist, da kann 
auch kein Zweifel sein, das neue, das bewußte Deutsch- 
tum aus ihm geboren worden. Er ist vor allem reich 
an mächtigen Kriegsliedern, und zwar sowohl volks- 
tümlicher wie gelehrter Herkunft. Das katholische 
Fürst-Michael-Lied ((Beschütz mit deiner starken Hand 
die Kirche und das Vaterland.) ist, im Anschluß an 
einen lateinischen Hymnus, in ihm erklungen, und
        <pb n="455" />
        Bartels: Die National= und Kriegslieder der Deutschen 
Johann Michael Moscherosch hat -Ein' feste 
Burg ist unser Gott= zu einem reinen Soldatenliede 
(:Gott ist der Christen Lulf und Macht und feste Zi- 
tadelle-) umgedichtet. Sie sind alle große Patrioten 
und kriegerische Geister, die Dichter der neuen Art, 
Georg Rodolf Weckherlin (Frisch auf, ihr tap- 
feren Soldaten-), Julius Wilhelm Zincgref 
(: Drum gehet tapfer an. ihr meine Kriegsgenossene), 
Martin Opitz („Aus, auf, wer deutsche Freiheit 
liebet.) — und bald geht es denn auch gegen den 
fremden, den Alamode-Geist an, der sich in Deutsch- 
land einnistet und deutsches Wesen zu zerstören droht. 
Das Volkslied besingt inzwischen die Schlacht bei 
Leipzig (1631) und Gustav Adolfs Tod bei Lützen 
(wie übrigens auch der Kunstdichter Paul Fleming) 
und widmet dem -Wallenstein, der eisernen Rut«, 
ein Valetliedlein. Philipp von Zesen hat dann 
schon wieder einen Preis des Deutschtums, Auf- 
munterunge (2 Edle Deutsche, ihr habet empfangen 
treffliche Gaben und himmlischen Preis-) gedichtet, 
und einer der jüngeren Schlesier, Hans Aßmann 
von Abschat, sindet in seinem Eisenhütel- („Nun 
ist es Zeit zu wachen, eh'Deutschlands Freiheit stirbte) 
so packende Worte gegen die Raublust Ludwigs XIV. 
und seiner Franzosen, daß man sein Gedicht mit weni- 
gen Veränderungen noch heute singen könnte. Man 
vergleiche es mit dem spielerischen, übrigens auch in 
Deutschland zum Volkslied gewordenen -Marlborough 
s'en va-t-en guerre, um den Unterschied zwischen 
echtem Deutschtum und windigem Franzosentum zu 
erkennen. Auch aus Johann Christian Günthers 
grostem Gedicht auf den Passarowitzer Frieden schlägt 
dentsche Gesinnung mächtig empor, und das Lied von 
Prinz Eugenius, dem edlen Ritter-, in dem Prinz 
Ludwig von Baden seinen Soldaten das -Halt't euch 
brav, ihr deutschen Brüder= zuruft, klingt durch alle 
solgenden Jahrhunderte hindurch. 
Aber das alte Reich zerfällt mehr und mehr, und 
aus seinem Zerfall ringt sich Preußen empor. Sein 
Friedrich wird etwas wie ein Nationalheld, und dir 
deutsche Dichtung schlingt ihren Keandum sein Haupt, 
obgleich er vonihr nichts wissen will. Wir schätzen heute 
die Dichtung der Gleim, E. v. Kleist, Ramler nicht 
mehr so hoch, wie es beispielsweise noch Goethe tat; 
aber es ist doch kein Zweifel, ein starker neuer Geist 
ist in ihr, wie auch in den Volksliedern des Sieben- 
jährigen Krieges, von denen = Als die Preußen mar- 
schierten vor Prag= am bekanntesten ist. Niemand 
kann verkennen, daß der alte Gleim in den Kriegs- 
liedern eines preußischen Grenadiers doch sehr oft 
gute Schlachtschilderungen gibt, und gewisse drastische 
Wendungen seiner Dichtung verdienen ebenso zu 
dauern wie der volkstümliche Spruch von dem Großen 
Friedrich, der nur auf die Hosen zu klopfen braucht. 
Mehr Deutschgefühl als bei den preußischen Dichtern 
findet man beispielsweise bei Johann Peter Uz 
und Johann Friedrich von Cronegl, und Klop- 
stock wird dann der erste Koße nationale Dichter der 
Deutschen. Gewiß, als Nationallied von ihm ge- 
sungen worden ist höchstens -Ich bin ein deutsches 
Mädchen, aber welchen Schatz nationaler Gesinnung 
und —Erkenntnis stellen seine patriotischen Oden dar! 
»Mein Vaterlande von 1768 ist in mancher Hinsicht 
überhaupt nicht übertroffen worden. Und nach Klop- 
stock setzt der nationale Sang nun in vollsten Tönen 
ein: Claudius'-Weiheliede (? Stimmt an mit hellem, 
hohem Klang«) und -Rheinweinlied („Bekränzt mit 
Laub den lieben vollen Becher-), Bürgers= Feldjäger- 
Der Krieg 1914/17. 11. 
369 
liede (:Mit Hörnerschall und Lustgesang-), Maler 
Müllers = Soldatenabschiede („Heute scheid ich, heute 
wandr ich-) erklingen dis auf diesen Tag. Freilich, 
während wir uns urit Claudius -zur Ahnentugend 
weihn-, schallt es in England: Rule, Britannia, rule 
the waves. — das Lied entstammt dem Maskenspiel 
„Alfrede von James Thomson und David Mallet 
(1740) — und mußte so schallen, da die englische 
Politik längst zielbewußt geworden war. 
Unser klassisches Zeitalter mit seinen Höhen Goethe 
und Schiller gilt als in nationaler Hinsicht schwach-, 
da man damals in Deutschland einem allgemeinen 
Humanismus und Kosmopolitismus gehuldigt habe. 
Die Anschauung ist jedoch nicht ganz richtig; Goethe 
z. B. ist in weit höherem Grade ausgesprochen natio- 
naler Dichter, als man gemeinhin annimmt. Oder 
entspricht die Stellung, die er in den - Venetianischen 
Epigrammen= zur französischen Revolution nimmt, 
nicht durchaus deutschem Wesen, ist der Schluß von 
„Hermann und Dorotheae nicht durchaus in gutem 
deutschen Bürgergeiste gehalten? Und es findet sich 
auch bei Goethe ein Lied, das sehr wohl deutsches 
Nationallied sein könnte, das So rissen wir uns 
rings herum von fremden Banden los-in = Des Epi- 
menides Erwachen-, das der besten Lyrik der Be- 
freiungskriege an Energie nichts nachgibt. Schillers 
„Reiterliede aus dem „Wallenstein-: -Wohlauf, 
Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferde ist dann sicher- 
lich eines der am meisten gesungenen deutschen Solda- 
tenlieder und wird nie veralten, da eben auch der 
Geist deutscher Jugend darin ist. Wir haben von 
Schiller, der freilich an eine nationale Zukunft der 
Deutschen nicht recht glauben konnte, seit dem Jahre 
1800 auch noch eine Reihe wichtiger Gedichte natio- 
nalen Gehalts („Die deutsche Muse-, -Die Antiken 
zu Paris-, »Der Antritt des neuen Jahrhunderts, 
„Dem Erbprinzen von Weimare), die allerdings nicht 
liedmäßig sind, aber ihrer Gedanken wegen noch heute 
unveraltet erscheinen. —Von den Dichtern um Schiller 
und Goethe ist doch auch eine größere Anzahl Natio- 
nallieder geschaffen worden; wenigstens die Studen- 
ten singen heute noch Karl Gottlob Cramers 
„Kriegsliede von 1791 (Feinde ringsum.) und 
Johann Gottfried Christian Nonnes Lied zur 
Feier des 18. Oktobers 1814 („Flamme empore#); die 
Schuljugend kennt noch Friedrich Leopold von 
Stolbergs Sohn, da hast du meinen Speer« und 
»Mein Arm wird stark und groß mein Mute, und 
wenigstens den Literaturkennern sind Schmidt von 
Lübecks schöne Lieder = Von allen Ländern in der 
Welt- und »Vom alten deutschen Meer umflossene bis 
heute nicht verklungen. Auch die beiden bekanntesten 
sogenannten deutschen National-, richtiger Fürsten- 
hymnen entstammen der klassischen Zeit, Lorenz 
Leopold Haschkas-Gotterhalte Franz, den Krisere 
vom Jahre 1797 und Heinrich Harries' Heil dir 
im Siegerkranze, das bekanntlich in Nachahmung von 
Henry Careys - Cod save the king. (1743) auf den 
geisteskranken Christian VII. von Dänemark, seinen 
Landesherrn, von Harries geschrieben und dann 1793 
von B. G. Schumacher auf Friedrich Wilhelm II. 
preußisch umgedichtet wurde. Es wäre natürlich ver- 
lorene Liebesmüh“, die beiden Fürstenhymnen durch 
dichterisch Wertvolleres ersetzen zu wollen; ihren Zweck 
erfüllen sie. — Übersehen soll man dann auch nicht die 
nationale Wichtigkeit mancher Volkslieder dieser Zeit, 
wie O Straßburg # 
Aber daß in der Zeit der Freiheitskriege weit 
24
        <pb n="456" />
        370 
Mächtigeres auflommt, empfindet jedermann; in ge- 
wissem Betracht war das Sturmlied der französischen 
Revolution „Allons, enfants de la patrie- auch für 
die Deutschen erschollen. Ernst Moritz Arndts 
P Vaterlandsliede von 1812: „Der Gott. der Eisen 
wachsen ließ, kann man die deutsche Marseillaise nen- 
nen, und sie ist dichterisch noch höher zu stellen als die 
französische; denn der heilige Grimm in ihr kommt 
tiefer heraus, und es ist neben diesem auch echte 
Frömmigkeit in ihr. Was Ernst Moritz Arndt als 
nationaler Dichter überhaupt bedeutet, kann hier nicht 
ründlicher auseinandergesetzt werden. National- 
ieder von ihm sind noch »Was ist des Deutschen 
Vaterland-, das, einst viel gesungen, seit der Errich- 
tung des Deutschen Reiches aber verklungen ist, das 
Bundeslied = Sind wir vereint zur guten Stunde-, 
durch die Feierlichkeit seines Tones auch einzig, und das 
leider nicht genug bekannte = Und brauset der Sturm- 
wind des Krieges heran, das sehr wohl auch in den 
Beginn des gegenwärtigen Krieges gepaßt hätte. 
Die Zahl der Kriegs- und Heldenlieder Arndts — 
man denke nur an das auf die Schlacht bei Leipzig 
(„Wo kommst du her in dem roten Kleid?) und das 
Blücherlied (.Was blasen die Trompeten?-) — ist 
dann sehr groß. Wohl kein anderes Volk hat einen so 
mächtigen nationalen Sänger. Und kein anderes Volk 
hat wohl einen vaterländischen Liederfrühling, wie 
wir ihn in der Zeit der Befreiungskriege aufzuweisen 
haben. Da erschallen, um nur die bekanntesten Lieder 
zu nennen, H. Claurens »Der König rief. und alle, 
alle kamen, Friedrich de la Motte Fouqués 
„Frisch auf zum fröhlichen Jagene, Friedrich A. 
Langes-Es heult der Sturm, es braust das Meer-, 
Friedrich Gottlob Wetzels = Nun mit Gott! Es 
ist beschlossen-, Gustav Adolf Salchows-Heraus, 
heraus die Klingen, die Lieder Maxvon Schenken- 
dorfs, von denen = Auf Scharnhorsts Tod= (Indem 
wilden Kriegestanze) und „Freiheit, die ich meine: 
die bekanntesten geworden sind, Albert Methfessels 
Hinaus in die Fernee, Paul Wigands Keunt 
ihr das Land, so wunderschön-, Theodor Körners 
»Bundeslied vor der Schlacht= (*Ahnungsgrauend, 
todesmutige), -Lützows wilde Jagd« (Was glänzt 
dort vom Walde im Sonnenschein"),-Männer und 
Buben« ¶ Das Volk steht auf, der Sturm bricht lose), 
„Du Schwert an meiner Linken-, Karl Wilhelm 
Göttlings Stehe fest, o Vaterland-, Karlinkels 
»Wo Mut und Kraft in deutscher Seele flammene, 
alles noch heute unvergessene Lieder. Dazu klingt 
auch noch das Volkslied, das in Ernst und Humor 
(„Der Krähwinkler Landsturm!) reiche Töne findet. 
Und an die Freiheitskriegdichtung schließt sich gleich 
die burschenschaftliche Dichtung, der wir unter anderen 
Hans Ferdinand Maßmanns schönes, schlichtes 
„Ich hab' mich ergeben«. das Lieblingenalionallied 
unserer Jungen, und August von Binzers er- 
greifendes »Wir hatten gebauete verdanken. Gestalten 3 
wie Ludwig Uhland, den man der Bedeutung 
nach mit Recht dem Béranger der Franzosen ver- 
glichen hat, obgleich er ganz anders. eben echt deutsch 
ist, und dessen »Ich hatt“ einen Kameraden= (das 
mit seltsamer Umrankung sogar wieder ein Lieblings. 
lied des Weltkrieges geworden ist) allein ganze lyrische 
Bände aufwiegt, und Friedrich Rückert, dessen 
„Alter Barbarossa“ in den Tagen der Sehnsucht nach 
dem neuen Reiche immer wieder neu erklungen ist, 
ragen weit über ihre Zeit hinaus, und auch Joseph 
von Eichendorff, dessen -Wer hat dich, du schöner 
IV. Kultur und Geistesleben 
Wald- man ein Nationallied nennen kann, Franz 
Grillparzer, Wilhelm Müller (2 Auf Arconas 
Berge-), Karl Immermann, August Graf 
Platen, Annettevon Droste-Hülshoffsind nicht 
ohne starke vaterländische Töne. Dem Alter nach ge- 
hört zu ihnen Bernhard Wilhelm Thiersch, der 
Dichter des loyalen Preußenliedes -Ich bin ein 
Preuße-. Neben dem Preußenlied wären als parti- 
kularistische Volkshymnen von einigem Wert etwa noch 
Siegfried August Mahlmanns Gott segne 
Sachsenland- und Michael Oechsners -Gott mit 
dir, du Land der Bayern, zu stellen. 
Es kam darauf die Zeit, wo durch die sogenannte 
»politische Poesie= die Loyalität in Deutschland arg 
ins Schwanken kam. Doch ist der älteste der politi- 
schen Dichter, August Heinrich Hoffmann von 
Fallersleben, unzweifelhaft vor allem nationaler 
Sänger und denn auch der Sänger unserer National- 
oder Volkshymne „Deutschland, Deutschland über 
alles geworden. Man hat gegen sie jetzt allerlei Be- 
denken, mag das bedingende wenne nicht mehr und 
nennt sie überhaupt zu prosaisch; es ist nicht zu leug- 
nen, daß Hoffmann selder packendere Lieder (-Zwi. 
schen Frankreich und dem Böhmerwald-,-Treue Liebe 
bis zum Grabe-, »Wie könnt ich dein vergessen) ge- 
schrieben hat und daß ein fortreißenderes Nationallied 
denkbar wäre, aber mit der alten Haydnschen Melodie 
wird = Deutschland, Deutschland über alles« doch alle 
Versuche, es zu stürzen. überdauern. Das Lied (am 
26. August 1841 gedichtet) entstammt einer Zeit, die 
zahlreiche Nationallieder wachrief. »als«, wie Ernst 
Moritz Arndt sagt, Thiers die Welschen aufgerüttelt 
hatter: auch Nikolaus Beckers „Rheinlied (Sie 
sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein), 
Max Schneckenburgers -Wicht am Roein- 
(Es braust ein Ruf wie Donnerhall), Georg Her- 
weghs »Rheinweinlied« (2Wo solch ein Feuer noch 
gedeihte) entstanden damols und wenige Jahre später 
auch Matthäus Friedrich Chemnitz'-Schleswig- 
Holstein mreerumschlungen, das, solange Schleswig- 
Holstein unter dänischer Vergewaltigung schmachitete. 
eins der meist gesungenen deutschen Nationallieder 
war. Nimmt man zu diesen Liedern noch Willibald 
Alexis' „Friedericus Rex, unser König und Herr., 
Karl Simrocks = An den Rhein, an den Rhein, zieb 
nicht an den Rheine, Paul Achatius Pfizers -Meiner 
Heimat Berge dunkeln", Johann Nepomul Vogls 
Gegrüßt, du Land der Treuec. Wilhelm Hauffs 
I Morgenrot- und Steh'ich in finstrer Mitternachte. 
Julius Mosens »Zu Mantua in Bandene und 
P„ Von Wunden ganz bedecket= ((Der Trompeter an der 
Katzbach-), Robert Reinicks »Viel tausend Stern' 
am Himmel stehn= („Auf der Wacht.), Franz Kug- 
lers = An der Saale hellem Strande-, Franz von 
Dingelstedts Ich kenne einen deutschen Strom-, 
so erkennt man den großen Reichtum der vormärzlichen 
eit an vaterländischer Dichtung, es war eben die 
Zeit der Sehnsucht. Die spöttische und zum Teil, 
namentlich 1848, wilde politische Dichtung verschwindet 
dagegen. übrigens hat uns Georg Herwegh außer 
seinem schon genannten „Rheinweinliede und dem 
schönen „Reiterliede („Die bange Nacht ist nun 
herume) das beste deutsche Flottengedicht (.Erwach“, 
mein Volk mit neuen Sinnen.), das noch heute ganz 
zeitgemäß ist, gegeben, und Ferdinand Freilig- 
rathschricb das beste Gedicht der ganzen Kriegspoesie 
von 1870/71: „Die Trompete von Gravelotte: (° Sie 
haben Tod und Verderben gespien).
        <pb n="457" />
        Bartels: Die National= und Kriegslieder der Deutschen 
Der Reichsherold, der der Begründung des neuen 
Reiches voranschreitende deutsche Sänger, ist Ema- 
nuel Geibel; aber etwas, was man ein National- 
lied nennen könnte, hat er trotz des Reichtums seiner 
vaterländischen Dichtung nicht verfaßt. Immerhin 
seien das „Türmerlied von 1840 („Wachet auf. ruft 
euch die Stimme), das - Lied des Alten im Bart« 
( Durch tiefe Nacht ein Brausen ziehte), = Am 3. Sep- 
tember 1870. (»Nun laßt die Glockene) als lied- 
mäßig genannt. Ziemlich volkstümlich ist ein Lied 
von Julius Sturm, Mein Vaterland- („Dem 
Land, wo meine Wiege stand-), geworden, der mit 
Karl Gerok einer der eifrigsten Sänger von 1870 
war. Dem großen Schmerz um das Scheitern des 
Kampfes für Schleswig-Holstein 1851 haben Theo- 
dor Storm und Klaus Groth ergreifenden Aus- 
druck gegeben, aber nicht eigentlich liedmäßig. Lied- 
mäßig ist dagegen des weniger bekannten Johann 
Peter Willatzen einst viel gesungenes -Es war auf 
Jütlands Auen«. Ganz volssmätt und humorvoll 
sind zwei Lieder von 1870.-König Pühen saß ganz 
heiterr von Wolrad Kreusler und -Was kraucht 
denn dort im Busch herum von Gotthelf Hoff- 
mann-Kutschke. An der Kriegsdichtung von 1870 
haben sich überhaupt so ziemlich alle deutschen Dichter, 
die zwischen 1815 und 1850 geboren sind, beteiligt, und 
sie ist, wie die große Sammlung -Lieder zu Schutz und 
Trutz (herausg. v. Franz Lipperheide, Berl. 1870/71) 
zeigt, immerhin ziemlich reich und vielseitig. Auch das 
Volkslied wacht 1870 wieder auf. Zum Monaltiede 
haben es freilich wenig Dichter gebracht, weder Theo- 
dor Fontane, der Märker, der die ganze Entwicklung 
von 1864 mit packenden Gedichten begleitet hat, no 
Wilhelm Jordan. noch Hermann Lingg oder 
einer der jüngeren Münchener. Manche vielgesunge- 
nen Lieder entstammen aber doch der Zeit von 1850 bis 
1870, so des Schulmanns Karl Theodor Schnei- 
der „Von des Rheines Strand, wo die Rebe blühte, 
so Peter Cornelius' Weimars Volksliede (Von 
der Wartburg Zinnen niedere), so Julius Ottos 
d. J.Treues deutsches Herze ('Ich kenn ein'’n hellen 
Edelstein«), so Joseph Viktor Scheffels „ Alt Hei- 
delberg-, so Ludwig Coelestin Bauers?O Deutsch- 
land hoch in Ehren-, gegenwärtig wohl das meist. 
gesungene Lied, dem man auch eine Zukunft zugestehen 
wird, da es vom Geiste des Treuzusammenstehens ge- 
tragen ist. Nach der Gründung des Reiches schrieb 
Ludwig Eichrodt seinen vielgesungenen „Reichs- 
choral# („Allmacht, die furchtbar, die gnadenvoll über 
uns schaltet“) und Julius Wolff sein „Reichsliede 
(Herrlich auferstanden bist du, Deutsches Reiche) — 
es sind die verbreitetsten Reichslieder geblieben. 
Eine neue Entwicklung unserer vaterländischen 
Dichtung setzt mit dem nerreicher Nobert Ha- 
merling und mit Felix Dahn ein; es gilt nun 
vor allem, das gefährdete Deutschtum in sterreich 
zu schlitzen und die deutsche Fahne auf der Welt hoch 
zu halten. Allzu viele Nationallieder verdanken wir 
dieser neuen Entwicklung aber nicht, da sie nur be.- 
stimmte Kreise, die sogenannten aalldeutschene und 
„deutschvölkischen -, tiefer packt. Von Hamerling wird 
wohl = Das deutsche Lied in Osterreich= (Am Donau- 
strand, vom grünen Hang«) gesungen, von Dahn kaum 
etwas, obwohl seine vaterländische Dichtung sehr um- 
fangreich ist. Martin Greif hat uns ein sehr schönes 
Lied = An Deutlschland= (Sei gegrüßt, du Helden- 
wiegee) gegeben, aber es fehlt ihm wohl noch die Me- 
371 
lodie, die es durch die deutschen Lande trüge. Von 
Rudolf Baumbach singen wir das -Bin durch 
die Alpen gezogen-, das bis zu einem bestimmten 
Grade als Nationallied gelten kann; Liliencron 
uut etwas Liedmäßiges in „Hundert Jahre sind es 
alde gegeben; von Wildenbruch ist das Thürin- 
F Lied = Dunkles Tal zu meinen Füßen« ziemlich 
ekannt, in den genannten deutschvölkischen Kreisen 
wird Georg von Nohrscheidts -Ob drohend die 
Wolken auch hangen= viel gesungen, ferner auch Lie- 
der von Liebermannvon Sonnenberg, »Vater- 
land, höre deiner Söhne Schwören= und -Gewitter- 
schwüle ringsumher= (im Anschluß an Bismarcks Wort 
»Wir Deutschen fürchten nichts als Gott.). Eine- 
Zeitlang war es Mode, Flottenlieder zu dichten; es. 
war auch einmal ein Preis für das beste Flottenlied 
ausgeschrieben; keines aber hat die Verbreitung er- 
langt wie Robert Linderers operettenmäßiges 
„ Stolz weht die Flagge Schwarzweißrote, das frei.ch. 
für uns nun dadurch geweiht ist, daß deutsche See- 
soldaten mit ihm in den Tod gegangen sind. Leidliche- 
Verbreitung hat noch das Flottenlied von Reinhold 
Fuchs, „Hurra, ihr blauen Jungen-, erlangt. Viel 
gesungen wurde im letzten Viertel des 19. Jahrhun- 
erts Des Königs Grenadiere= von H. Wilken. 
Über die Geltung, die die ungeheuer reiche deutsche 
Weltkriegslyrik erlangen wird, ist heute noch schwer 
etwas zu sagen. Daß sie sich von der größtenteils 
rhetorischen und gehässigen. Kunstaichtung. der Fran- 
zosen und Engländer — es genügt, die in Deutschland 
wohlbekannten Namen Eduard Rostand und Rudyard 
Kipling zu nennen — und auch von dem immer 
noch landsknechtmäßigen fremden Soldatenliede (das 
Tipperary-Lied!) vorteilhaft unterscheidet, daß sie 
es zu anschaulicher Gestaltung und auch zu hohen 
Gedanken bringt, unterliegt keinem Zweifel. Vieles 
erstrebt die Liedmäßigkeit; aber es ist doch sicher, daß 
nur weniges wirklich gesungen wird. In die während 
des Krieges aufgekonnnenen patriotischen Anhänge an 
die Kirchengesangbücher sind wohl außer dem alten 
(schlecht verdentschten) niederländischen Dankgebet nur 
zwei neue Lieder gedrungen: Otto Crusius' ? Die 
heilige Not« (-Sie brach herein, die beilige Note), die 
nach -Es geht bei gedämpfter Trommel Klunge ge- 
sungen wird, und Richard Dehmels „Gebet ans 
Volk= („Dank dem Schicksal, Volk in Waffen-). Dann 
ist noch das humoristische O Nikolaus= von Wilhelm 
Platz volkstümlich geworden (nach der Melodie: 
„O Tanunebaume) und etwa noch das „Deutche Ma- 
trosenliede von Hermann Lönst--Heute wollen wir 
ein Liedlein singens). Komponiert sind auch Graf 
Hülsen-Haeselers Nun, deutsche Schmiede, häm- 
mert-, Rudolf Alexgander Schröders »Heilig 
Vaterland in Gefahren= und Rudolf G. Bindings 
»Der heilige Reiter« („Ich zieh' in einen heiligen 
Kriege); gesungen werden sie wohl noch nicht. Man 
wird abwarten müssen, was sich durchsetzt. 
Literatur. Max Jähns, Der Vaterlandsgedanke und 
die deutsche Dichtung (Berl. 1896); Rich. Weißenfels, Deut- 
sche Kriegel.eder und vaterländische Dichtung Gölting. 1915); 
Walter Brecht, Deutsche Kriegolieder sonst und jenzt (Berl. 
1915); Einleitung zu Adolf Bartels, Volk und Vaterland 
(Halle 1917, 2 Bde.). — Sammiungen: Karl Simkock, 
Lieder vom deutschen Vaterland aus alter und neuer. Zeit 
(Frankf. a. M. 1871); Bartels (s. oben); Friedr. u. Op- 
peln-Bronikowski, Deutsche Kriegs= u. Soldatenliedher 
(Münch. 1911); Karl Berger, Frecheit (LeipJ. 1913) Kark 
Quenzel, Des Vaterlandes Hochgesang (das. 191.). 
24*
        <pb n="458" />
        372 
Die deutsche LTilerakur während des 
Krieges 
von Professor Adols Bartels in Weimar 
Allgemeines. Professor Festers Satz-Der Welt- 
krieg bestimmt auch den Charakter der Weltliteratur- 
(vgl.-Kriegs'iteratur-, S. 879) hat natürlich auch für 
die schöne Literatur, die Dichtung, Geltung, insofern 
als kein Schaffender von Kreeg und Kriegsumständen 
ganz unbeeinflußt bleibt und die Werke, welches Cha- 
rakters sie im übeigen sein mögen. davon Spuren 
tragen. Jedoch ist das dichterische Schaffen, als mit 
der angeborenen Natur und dem Talent des Dichters 
egeben, von äußeren Umständen nicht durchaus ab- 
ängig und die Entwicklung der Poesie nicht bloß 
Zeitentwicklung, so daß denn Kriege nicht immer stark 
auf sie einwirken. Hat der Siebenjährige Krieg nach 
Goethes Feststellung den Sturm und Drang sowie 
weiterhin den Aufschwung zur Klassik mit heraufge- 
führt. so haben anderseits die Befreiungskriege und 
der Krieg von 1870/71 nur vorüÜlbergehend Awirt. 
indem durch die ersteren die Entwillung der Roman- 
tik weder gehemmt noch gefördert und durch den letz- 
teren das Epigonentum der Münchener usw. keines- 
wegs aus der Welt geschafft worden ist. So darf man 
auch von dem gegenwärtigen Kriege, so sehr er die 
früheren an Gewalt und Ausdehnung übertrifft. be- 
stimmte Wirkungen auf unsere Dichtung mit Sicher- 
heit nicht erwarten. Man hatte zu Anfang des Krie- 
es in Deutschland die starke Empfindung, daß unsere 
iterarischen. Verhältnisse zum Teil unter dem Ein- 
flusse fremden Geistes, ungesund geworden seien, 
und predigte für Theater und Dichtung Rückkehr zu 
gesundem Volkstum. Daß diese aber nach drei Jah- 
ren schon erfolgt sei, wird man doch nicht behaup- 
ten dürfen, ob auch eine umfangreiche Keiegsichtung 
entstanden ist. Der Umschwung auf dem Gebiete der 
Dichtung ist nie ganz plötzlich; selbst revolutionäre 
Bewegungen, wie sie allerdings vorkommen, heben die 
Überlieferung nicht auf, zumal immer mehrere Gene- 
rationen am Werke sind, und das ist gut so. Daher 
wollen wir es denn auch dankbar begrüßen, daß jetzt 
während der Kriegszeit trotz der großen Erschwerung 
des buchhändlerischen Betriebes die Werke älterer, schon 
verstorbener Dichter zum erstenmal oder neu in ihrer 
Gesamtheit hervortreten und auch andere, noch lebende 
durch Gesamtausgaben voll zu ihrem Rechte kommen. 
Ich denke bei den ersteren vornehmlich an Erust von 
Wildenbruch (1845—1909) und Detlev von Li- 
liencron (1844—1909), die uns beide in dieser 
Kriegszeit noch viel geben können, mehr vielleicht als 
ihre jüngeren Zeitgenossen, und bei den letzteren vor 
allem an Timm Kröger (geb. 1841), dessen eben er- 
schienene gesammelte = Novellen= (mit der Jahreszahl 
1914) deutlich gezeigt haben, daß dieser Dichter ein 
bedeutender = Humoriste und so etwas wie der berufene 
Nachfolsser oder Ergänzer Wilhelm Raabes ist. 
Die Zahl der unmittelbar vor dem Kriege und 
während des Krieges verstorbenen deutschen 
Dichter und Dichterinnen ist verhältnismäßig 
groß. Außer solchen, deren Schaffen abgeschlossen, ja 
schon überwunden war, sind auch manche dahingegan. 
gen, von denen wir noch etwas erwarten durften, so 
daß das Gesamtbild unserer Literatur nun mannig- 
fach verändert erscheint. In den Jahren 1912—17 
haben uns verlassen: Karl Frenzel (1827—1914), 
trotz mancher Schwächen einer der feinsten Köpfe Ver- 
lins, auch als Dichter nicht ohne Verdienst, Paul 
IV. Kultur und Geistesleben 
Heyse (1830—1914), neben Geibel einst das Haupt 
der Münchener Schule, in der letzten Zeit seines Lebens 
sehr zurückgetreten, aber als Novellist doch wohl auch 
jetzt noch nicht ohne Zukunft, Marie von Ebner- 
Eschenbach (1830 —1916), die ihren Ruhm als der 
grösten deutschen Erzählerin bis zuletzt bewahrt hat, 
elix Dahn (1834—1912). dem das Verdienst, die 
alte Germanenwelt für die Poesie erobert zu haben, 
bleiben wird, Wilhelmine von Hillern (1836— 
1916), hinter deren Sensationalität ein starkes Talent 
Leche, Heinrich Steinhausen (1836—1917), der 
erfasser der = Irmela# und Bekämpfer Georg Ebers, 
der österreichische Lyriker und Novellist Stephan 
Milowtovon Millenkovich, 1836—1915), der badische 
Heimaterzähler Heinrich Hansjalob (1837—1916). 
Johannes Trojan (1838—1915), der frühere 
Redakteur des Kladderadatsch-e, Johann Hinrich 
Fehrs, der geschäzte holsteinische (plattdeutsche) Er- 
zähler, Carmen Sylova, die Königin Elisabeth von 
Rumänien (1843—1916), die so glücklich war, den 
Verrat Numäniens an seinen alten Verbündeten nicht 
mehr zuerleben, Berthavon Suttner 1843—1914), 
die so lange »Die Waffen nieder! predigte und deren 
lette Schrift = Die Barbarisierung der Luft« hieß, 
Theodor Hermann Pantenius (1843—1915), 
der langjährige Herausgeber des -Daheim-, dessen 
Romane und Erzählungen das Leben seiner kurländi. 
schen Heimat darstellen, Ferdinand Krüger (1843 
bis 1915), der plattdeutsche Romane aus dem Leben 
seiner westfälischen Heimat schrieb, die aus Danzig ge- 
dürtige Erzählerin Johanna Niemann (1844— 
1917), die manche Probleme des Frauenlebens ange- 
packt hat, der Dramatiker Karl Weiser (1848—1913), 
der die so heiß erstrebte Aufführung seiner = Jesus-= 
Tetralogie nicht erlebt hat, der Humorist Hermann 
Oser (1849—1912), die badische Heimaterzählerin 
Hermine Villinger (1849—1917), Oskar Blu- 
menthal (1852—1917), dessen letztes Lustspiel, vom 
Jahre 1915, -Die große Pause= heißt, Gustav Falke 
(1853—1916), der seine Stellung als Lyriker neben 
Liliencron und Dehmel trotz schwächeren Talents mit 
Glück behauptet hat, übrigens auch als Erzähler et- 
was bedeutet, die moderne Erzählerin Dora 8 uncker 
(1855—1916), Siegfried Lipiner (1856—1913), 
der die mit seinem -Entfesselten Prometheus= einst 
erregten Hoffnungen nicht erfüllt hatte, Joseph Rue- 
derer (1861— 1915), der die moderne -Groteske- 
pflegte, Wilhelm Arminius (eigentlich Schulge, 
1861—1917), der Geschichtsromane schrieb. Lilly 
Braun, geborene v. Kreischmann, verwitwete v. Gi- 
zycki (1865—1916), die erst spät unter die Verfasse- 
rinnen moderner Romane gegangen war, der Lyriker 
und Romandichter Albert Geiger (1866—1915). 
der Lyriker und Ibsen-übersetzer Christian Mor- 
genstern (1871—1914), der feine Erzahler Fried- 
rich Luch (1873—1913), die Lyriker Karl Engel- 
hard (1874—1914) und Georg Busse-Palma 
1876—1915), der Asthet Alfred Walter von 
eymel (1878—1914), die österreichischen Erzähler 
Hans von Hoffensthal (1877—19140 und Ernst 
Hladny (1833—1916). 
Dazu kommen noch die im Kriege Gefallenen: 
Hermann Löns (1866—1914), dessen Heldentod 
dem großen Natur. und Tierschilderer den Ruhm 
brachte, den er bei seinem Leben hatte entbehren 
müssen, Martin Richard Kabisch (1868 —1914), 
Schulmann und Verfasser des gehaltvollen Romans 
»Gottes Heimkehr, die Geschichte eines Glaubense,
        <pb n="459" />
        Bartels: Die deutsche Literatur während des Krieges 
August Seemann (1872—1916), einer der besten 
neueren plattdeutschen Lyriker, Gorch Fock (eigent- 
lich Hans Kinau, 1880— 1916), hoch= und plattdeut- 
scher Erzähler von der Wasserkante, Fritz Rassow 
(1882—1916). Verfasser stark ästhetizistischer Romane, 
Walter Heymann (1882—1915), aus Ostpreußen 
gebürtiger Lyriker, Kuno van der Schalk (l885— 
915) und Reinhard Sorge (1882— 1916), junge 
Dramatiker. Man sieht, die Liste ist lang, und manche 
schmerzlich empfundene Lücke ist zweifellos geblieben. 
Kriegslyrik. Unmittelbar dem Kriege entsprang 
gleich von seinem Beginn an eine ganzgewaltige Kriegs- 
lyrik, zu der auch manche von den inzwischen verstorbe- 
nen und gefallenen Dichtern beigesteuert haben. Schon 
im ersten Kriegsjahre soll die Zahl von etwa zwei 
Millionen Gedichten erreicht worden sein, und wenn 
auch selbstverstündlich von diesen Millionen der größte 
Teil wertlos ist, es kann doch keinem Zweifel mehr 
unterliegen, daß sich die Kriegslyrik von 1914—1917 
achtunggebietend neben die der Befreiungskriege und 
die von 1870/71 gestellt hat. Ganz modern gerichtete 
Geister haben sogar geurteilt, die neue Kriegslyrik 
übertreffe alle ältere; aber wenigstens, was die der 
Befreiungskriege anlangt, ist das wohl stark übertrie- 
ben: Einen Ernst Moritz Arndt haben wir jetzt nicht 
und wohl auch keinen Theodor Körner und keinen 
Max von Schenkendorf. Aber es haben fast alle nam- 
haften deutschen Dichter Kriegsgedichte geschaffen, und 
nach und nach sind auch manche neue ältere wie jün- 
gere Talente mit besonderem Talent für das Kriegs- 
gedicht erkennbar geworden. Der älteste Kriegsdich- 
ter von 1914 ist wabrscheinlich Johannes Trojan 
(s. oben). Ihm reiht sich Viktor luthgen (geb. 
1844) an, der (mit Klara Blüthgen, geb. Eysell · Kil- 
burger) die Kriegsdichtungen = Hinter der Fronte ver- 
öffentlicht hat. Eine eigene Kriegsliedersammlung hat 
auch Hans von Wolzogen Heb 1848) in „Vom 
Krieg zum Frieden= gegeben. Von den in den fünf- 
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geborenen 
bekannteren deutschen Dichtern sind dann als Kriegs- 
lyriker hervorgetreten: Richard von Kralik, der 
österreichische katholische Dichter (geb. 1852,= Schwarz- 
elb und Schwarzweißrot-, mit Franz Eichert), Gu- 
—8* Falke (s. oben), dessen hinterlassene Gedicht- 
ammlung - Das Leben lebt= fast nur völlische und 
Kriegslyrik enthält, Fritz Bley (geb. 1853), Isolde 
Kurz (geb. 1853, = Schwert aus der Scheide), Jo- 
seph von Lauff (geb. 1855, = Singendes Schwert.), 
Ludwig Ganghofer (geb. 1855, -Eiserne Zither), 
Heinrich Vierordt (geb. 1855), Karl Ernst 
Knodt (geb. 1856, -Bausteine zum neuen Deutsch- 
land-, mit Paul Ernst Köhler), Ferdinand Ave- 
narius (geb. 1856), Hermann Wette (geb. 1857, 
»Westfülische Kriegsgedichte--, plattdeutsch). Erst be- 
kannt geworden sind durch ihre Kriegsdichtung Otto 
Haendler, Landgerichtsrat a. D. zu Koblenz (geb. 
1851,-Weltkriegslieder). Kurt von Rohrscheidt, 
Geh. Regierungsrat zu Merseburgegeb. 1857,, Deutsch- 
land, Deutschlande) u. Otto Crusius, Präsident der 
bayerischen Akademie der Wissenschaften (geb. 1857, 
»Die heilige Not-). Eine ungemein eifrige dichterische 
Tätigkeit hat während des Kleges Mar . wer (geb. 
1861) entfaltet und unbedingt die kriegerische Stim- 
mung weiterer Kreise gefestigt. Zwei wertvolle Kriegs- 
gedichte gab auch Gerhart Hauptmannt geb. 1862) 
— und man vergab ihm sein unglückseliges WVestpeel- 
von 1913. Der vielleicht am stärksten wirkende Kriegs- 
dichter ist, den meisten Deutschen unerwartet, Richard 
373 
Dehmel (geb. 1868) heworden. der auch mit ins Feld 
zog; seine (nicht allzu zahlreichen) iekgsgedichte 
(#Vaueesseine Gottesstimme) sind von kühnem 
Wurf und großer Gedankenkraft. Eigene Kriegs- 
edichtsammlungen gaben ferner Cäsar Flaischlen 
7 1864,-Kopfoben auf.), Friedrich Lienhard 
(geb. 1865,= Heldentum und Liebe-), Paul Warncke, 
edakteur des-Kladderadatsch- (e#“ 1866,= Sturm.) 
Artur von Wallpach, der Tiroler (geb. 1866, 
»Wir brechen durch den Tod«), Ottomar Enking 
(geb. 1867, „Vaterländische Gedichtes), Gustav 
Schüler (geb. 1868, -Wider die Welt ins Feld« 
u. a.), Rudolf Presber (geb. 1868, = Der Tag der 
Deutschen= u. a.), Karl Wagenfeld, der westfäli- 
sche plaitdeutsche Dichter (geb. 1869,-Krieg-, -Welt- 
brand), Laurenz Kiesgen (geb. 1869, = Deutsche 
Lieder-), Rudolf Herzog (geb. 1869, „Ritter, Tod 
und Teufel-, = Von Stürmen, Sterben, Auferstehne), 
Dietrich Vorwerk, evangelischer Geistlicher (geb. 
1870,-Heiliger Krieg-Trutz Tode), Bruder Will- 
ram (Anton Müller, katholischer Geistlicher, geb. 1870, 
„Das blutige Jahr«, Der heilige Kampf-). Einzelne 
bemerkenswerte Kriegsgedichte gaben wir unter ande- 
ren noch von Dermann Stehrgeb. 1864), Ricarda 
Huch *— 1864). Ludwig Thoma (geb. 1867), 
Max Bittrich (geb. 1867), Rudolf G. Binding 
(geb. 1867). Das einzige allgemein bekanntgewor- 
dene humoristische Gedicht (»O Nikolaus, o Nikolaus-) 
gab der hessische Ingenieur Wilhelm Platz (geb. 
1866); den Volkston traf am glücklichsten Hermann 
Löns (s. oben), den der Krieg so früh hinwegnahm. — 
Von den in den siebziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts geborenen Kriegsdichtern seien als Heraus- 
eber von Sammlungen genannt: Ernst Wachler 
6 eb. 1871,-Krregsbeute), Karl Busse (geb. 1872, 
» dutsche ariegalieder manuel von Bodman 
(geb. 1874, „Mein Vaterlande), Börries Frei- 
herr von Münchhausen (geb. 1874,,Die Stan- 
darte.), Richard Schaukal (geb. 1874, -Kriegs- 
lieder aus Osterreiche, „Eherne Sonette“-), Wilhelm 
Lennemann (geb. 1875, -Eiserne Heit- Albert 
Sergel(geb. 1876,-Eiserne Saate), Rudolf Alex- 
ander Schroeder (geb. 1878,-Heilig Vaterlande), 
Hermann Claudius (geb. 1878, „Hörst du nicht 
den Eisenschritte, auch Plattdeutsches enthaltend), 
Bruno Tanzmann (geb. 1878), Karl Robert 
Schmidt (geb. 1879), Reinhold Braun (geb. 
1879), Gorch Fock (Hans Kinau, s. oben, Platt- 
deutsche Kriegsgedichte-). Franz Evers (geb. 1871), 
Hermann Anders Krüger gebe 1871), Franz 
Karl Ginskey (geb. 1871), P. Ansgar Pöll- 
mann (geb. 1871). Hanns Heinz Ewers (geb. 
1871), Martin Boelitz (geb. 1874), Emil üllen- 
berg (geb. 1874), Richard Dohse (plattdeutscher 
Lyriker, geb. 1875), Hermann Hesse (geb. 1877), 
Ewald Gerhard Seeliger (geb. 18°7), Karl 
Röttger (geb. 1877), Hans Watzlik (geb. 1879) 
befinden sich mit einzelnen Gedichten in den meisten 
Kriegsgedichtsammlungen. Das Eigentümlichste in 
der Kriegslyrik haben nach dem Urteil moderner Kri- 
tiker die Jüngsten, die nach 1880 Geborenen, geleistet. 
Wir nennen: Ilse Franke (geb. 1881, Deutsche 
Treue= u. a.), Joseph Winckler (geb. 1881, -Mit- 
ten im Weltkriege), Will Vesper (geb. 1882, » Vom 
großen Krieg.), Alfons Petzold Geb. 1882,-Kriege, 
»Voll, mein Volke u. a.), Franz Lüdtke (geb. 1882, 
„ Das deutsche Jahre), Andrea Frahm (geb. 1884, 
»Zeitgedichte«), Hans Reisiger (geb. 1884,-Toten-
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        374 
seier), Ina Seidel (geb. 1885,= Neben der Trom- 
mel her-). Albrecht Schaeffer (geb. 1885, „Des 
Michael Schwertlos vaterländische Gedichte-), Karl 
Bröger (geb. 1886, -Aus meiner Kriegszeite), Wil- 
helm Müller-Rüdersdorf (geb. 1886, Die Zeit 
der großen Erntes), Walter Flex(geb. 1887,-Sonne 
und Schild.), Lans Friedrich Blunck (geb. 1888, 
„Sturm über Lande). Heinrich Lersch (geb. 1889, 
„Herz, aufglühe dein Blut-), Karl von Eisenstein 
(„Lieder im Kampf-). Im besonderen haben Joseph 
Winckler, Albrecht Schaeffer und die Arbeiterdichter 
Alfons Petzold, Karl Bröger und Heinrich Lersch. zu 
denen man noch Bruno Tanzmann (s. oben) und 
Max Barthel stellen kann, hohes Lob gefunden. 
Eine Gruppe für sich bilden dann Dichter wie Al- 
fred Kerrtgeb. 1867), Leo Sternberg((geb. 1876), 
Julius Bab (geb. 1880), Alfred Richard Meyer 
(geb. 1882) und Ernst Lissauer (geb. 1882), dessen 
„Haßgesang gegen England- roßes Aufsehen erregte. 
Auch die Gefallenen Walter Heymann (s. oben) und 
Hugo Zuckermann (1881—1914,. „Reiterliede) 
gehören zu dieser Gruppe. — Ein abschließendes Ur- 
leil über die Kriegslyrik soll man sich bis nach dem 
Kriege vorbehalten. Kein Zweifel, sie ist mächtig, sie 
hat auch neue Töne, eine neue Art des Schauens und 
Darstellens und wird der Poesie des Krieges und 
seinen Schrecken gerecht. Ob es freilich ein Lob ist, 
wenn man von ihr gerühmt hat. daß das tiefere Ge- 
fühl auf die allgemein menschlichen, sozusagen un- 
militärischen Erscheinungen des Krieges beschränkt 
bleibe, sei dahingestellt — das tiefste Gefühl. das ein 
so ungeheurer, uns frevelhaft aufgezwungener Krie 
auszulösen hat, dürfte ja wohl das völkische sein, un 
das war bei der Dichtung der Befreéiungkriege aller- 
dings viel stärker als jetzt, wo die deutschen Dichter 
auch an die Zukunft des deutschen Volkes nur selten 
gedacht haben. 
Soustige Kriegsliteratur. Neben der Kriegslyrik 
will die ubrige, auf den Krieg bezligliche literarische 
Produktion nicht allzuviel besagen: jer ist auch meist 
schriftstellerischer, feuilletonistischer Natur oder Un- 
terhaltungsliteratur für den Tag. Schon vor dem 
Kriege hatten wir eine Art Kriegszukunft= und neben- 
bei rtechnische Literatur, die kommende Dinge zu 
gestalten versuchte. Es seien August Niemanns 
(geb. 1839) Noman-Weltkrieg= (1904), Ferdinand 
Grautoffs (geb. 1871) -Seestern 1906. (1905), der 
zwanzig Auflagen und eine Volksausgabe erlebte, und 
Ewald Gerhard Seeligers (s. oben) Schrecken 
der Völker-(1908) erwähnt, Werke, deren Phantasien 
nur freilich durch den Krieg größtenteils ad absurdum 
geführt worden sind. Schilderungen von Flotten- 
kämpfen verdanken wir unter anderen dem Grafen 
Haus Nikolaus Ernst von Bernstorff (1856— 
1915, „Deutschlands Flotte im Kampf-), und den 
Fliegerroman hat wohl Emil Sandtogeb. 1864) mit 
· Cavete. (1907) und -Im Ather- begründet. Ihm 
sind dann Martin Atlas (geb. 1878,= Titan«), Emil 
Frank (geb. 1880, = Im Ringen um das Luftmeer-), 
Leonhard Adelt (geb. 1881, „ Der Flieger-), Al- 
bert von Trentini (geb. 1878. „ Unser Geist-), 
zuletzt sogar der berühmte Rudolf Hans Bartsch 
(geb. 1873, = Der Flieger-) und noch manche andere 
gefolgt. — Selbstverständlich sind dann während des 
Krieges auch manche deutsche Dichter als Bericht- 
erstatter ins Feld gegangen und haben regelrechte 
Kriegsberichte geliefert; es seien genannt: Ludwig 
Ganghofer (l. oben, „Reise zur deulschen Fronte, 
IV. Kultur und Geistesleben 
„Die stählerne Mauer-, - Die Front im Osten«, »Deir 
russische Niederbruch-), Ernst von Wolzogen (geb. 
1855, = Landsturm im Feuer-), Fedor von Zobel. 
titz (geb. 1857, -Kriegsfahrten eines Johanniters.), 
Artur Brausewetter (geb. 1864,= Meine Fahrten 
an die West= und an die Ostfronte), Paul Oskar## 
Höcker (geb. 1865, = An der Spitze meiner Kom 
pagnie), Otto von Gottbergetgeb. 1867,= Als Ud- 
jutant durch Frankreich und Belgiene,-Kreuzerfahrten 
und U--Boots-Taten-, Die Helden von Tsingtauz), 
Hans Eschelbach (geb. 1868, Dichterfahrten zu 
unsern Feldgrauene), Walter Bloem (geb. 1868, 
Vormarsch-). Ferdinand Grautoff (s. oben, 
„Eine Fahrt an die Westfront-, Auf unserer Flotte 
in der Ostsee-), Paul Grabein (geb. 1869, „Im 
Auto durch Feindesland), Wilhelm Hegeler (ged. 
1870. „Bei unsern Blaujacken und Feldgrauen, flan- 
drische Erlebnisse), Erust Wachler (s. oben, . Der 
Durchbruch von Brzeziny«), Franz Karl Gins- 
key (s. oben, An der Front in Tirol-), Karl Ros- 
ner (geb. 1873,-Der graue Ritter-, = Vor dem Draht- 
verhaue), Wilhelm Schmidtbonn (geb. 1876, 
„Menschen und Städte im Kriege-, -Krieg in Ser- 
bien-), Karl Hans Strobl (geb. 1877, -Zwischen 
Weichsel und Karpathen«, »Krieg im Alpenrot-). Wil- 
helm Konrad Gomol! (geb. 1877, -Im Kampife 
gegen Rußland und Serbien-), Bernhard Keller- 
mann (geb. 1879, = Der Krieg im Westen«, Der 
Krieg im Argonnenwald-), Alfons Paquet (ged. 
1881, = Nach Ostene), Arthur Babillotte (1887 
bis 1917., Kriegsskizzen aus dem Elsaße), Anton 
Fendrich (2 Ini Auto an der Front-, »An Borde, 
„Gegen Frankreich und Albion«). Kriegsbücher. 
haben wir außerdem von Wilhelm Fischer-Graz 
(geb. 1846, -Kriegsbuch-), Adam Müller--Gut- 
tenbrunn (geb. 1852, -Kriegstagebuch eines Da- 
heimgebliebenene), Hans Fraungrubertgeb. 1863, 
»Aus dem Weltkriege), Heinz Tovote (geb. 1864, 
»Aus einer deutschen Festung im Kriege-), Her- 
mann Stegemanntgeb. 1870,-Geschichte des Krie- 
es«), Helene Christaller (geb. 1872, = Wir da- 
beim.), R. H. Bartsch (s. oben. = Das deutsche Volk 
in schwerer Zeite), OLelene Voigt-Diederichs (geb. 
1875, -Wir in der Heimat-), Hermann Kurz- 
Deidt (geb. 1880, Vogesenwacht, Erlebnisse und 
Schilderungen eines Neutralen-), Emil Ludwig 
(geb. 1881, = Die Fahrten der Emden und Ayesha-, 
»Die Fahrten der Goeben und Breslau-,-Der Kampf 
auf dem Balkan-). Kurt Küchler (geb. 1883,-Die 
deutsche Flotteim Weltkrieg,= Allerhand Kriegsvolk.). 
— Sehr rasch pflegen natürlich Kriegserlebnisse und 
Kriegsstimmungen in Roman und Erzählung überzu- 
gehen, und so ist denn die Zahl der Kriegsromane 
und Kriegserzählungen auch bereits sehr groß. 
Der älteste deutsche Dichter, der Kriegsromane ge- 
schaffen hat, dürfte Richard Voß (gev. 1851) min 
Der heilige Haß (1915) und „Brutus, auch du- 
(gegen Italien) sein. Charlotte Niese (geb. 1854) 
gab die Erzählungen -Barbarentöchter: und „Von 
denen, die daheim geblieben sinde, Ada von Gers- 
dorf (geb. 1854) den Roman -Der Krieg als Exzie- 
her-, Fedor von Zobeltitz (s. oben) die Jugend- 
erzählungen= Heinz Stirlings Abenteuer als Kriegs- 
freiwilliger und -Kap Trafalgar-, Walter Schulte 
vom Brühl (geb. 1868) den Roman -Der Welt- 
bürger= u. a., Fritz Skowronnek (geb. 1858) = Der 
Mann von Eisen-, einen Roman aus Ostpreußens 
Schreckenstagen, Karl Bleibtreu (geb. 1859) die
        <pb n="461" />
        Bartels: Die deutsche Literatur während des Krieges 
Kriegsnovellen - Die Entscheidungsschlacht-, Ga- 
briele Reuter (geb. 1859) den Roman „Ins neue 
Land-, Wilhelm Arminius (s. oben) die Jugend- 
erzählung-Der Russenschreck= Georgvon Ompteda 
(geb. 1863) schrieb einen Roman »Der Hof in Flan- 
dern«, Rudolf Stra "6 (geb. 1864) schilderte in -Das 
deutsche Wunder die Entstehung des Krieges und die 
Enttäuschung eines der fremden Hasser, die ihn her- 
aufgeführt, Artur Brausewetter (s. oben) ver- 
öffentlichte den Roman-Wer die Heimat liebt wiedu-, 
Helene Raff (geb. 1865) die Erzählungen = Das 
junge Geschlecht-, Ernst Zahn (geb. 1867) die Er- 
zählungen = Einmal muß wieder Friede werden-, Ru- 
dolf Heubner (geb. 1867) die Novellen Sankt 
Michaels Heervolk-, Auguste Supper (geb. 1867) 
die Erzählungen - Vom jungen Krieg:, Otto von 
Gottberg (s. oben) den Roman Die Spionine, 
Wolf Graf Baudissin (Freiherr v. Schlicht, geb. 
1867) den humoristisch-patriotischen Noman -. Weit 
vom Schuß-; Olga Wohlbrück (geb. 1867) gab die 
beiden Romane -Barbaren“ und -Der große Rachen“, 
Max Geißler (geb. 1868) gleichfalls zwei, -Nach 
Rußland wollen wir reiten= und -Die Wacht in Po- 
lene. Edith Gräfin Salburg (geb. 1868) schrieb 
den Roman Vater und Vaterland-, Meta Schoepp 
(geb. 1868) . Blockade-, Nanny Lambrecht (geb. 
1868) die drei Romane „Die eiserne Freude, Die 
Fahne der Wallonen und -Die letzte Schlacht= so- 
wie die Novellen »Die Höllee, Kurt Aram (Hans 
Fischer, geb. 1869) den Roman= Die Männer im Feuer- 
ofen-, Alfred Funke (geb. 1869) den RNoman-Im 
Banne des deutschen Adlers-, Johannes Jeger- 
lehner (geb. 1871) die Erzählung = Grenzwacht der 
Schweizer-, Nathanael Jünger (Joh. Rump. geb. 
18710 die beiden Romane Revanche= und -Die lieben 
Vettern«, Karl Busse (s. oben) mit andern die No- 
vellen »Feuerschein«, Helene Christaller (s. oben) 
die Novellen und Skizzen = Aus ernster Zeit, der platt- 
deutsche Erzähler Fritz Lau (geb. 1872) „Helden to 
Hus= und--In Luv un Lee“, Karl Rosner (s.oben) 
gab einen Roman -Der deutsche Traum-, Wilhelm 
Frick- Schussen (geb. 1874) die Kregeerzählungen 
»Im großen Jahr-, Helene von Mühlau (geb. 
1874) den Roman Der Kriegsfreiwilliges, Klara 
Hofer (Höffner, geb. 1875) die Erzählung Das 
Schwert im Osten-, Ewald Gerhard Seeliger 
(s. oben) den Roman = Der gelbe Seediebe, Lisbeth 
Dill (v. Drigalski, geb. 1877) die Erzählungen = Der 
Tag in Nancy-, Emil Lucka (geb. 1877) die Kriegs- 
anekooten- Das brennende Jahr«, Paul Linde (geb. 
1877) den Roman „Der russische Sumpf“, Peter 
Dörfler (geb. 1878) die Erzählung = Der Wellkrieg 
im schwäbischen Himmelreich“, Kurt Münzer (geb. 
1879) die Romane Der graue Tod« und Menschen 
von gesterne, Robert Heymann (geb. 1879) Das 
flammende Lande und -Gesegnete Waffen«, Her- 
mann Kesser (geb. 1880) „Unteroffizier Hartmanne, 
Friedrich Freksa (geb. 1882) den Roman-Gottes 
Wiederkehr, Kurt Küchler (s. oben) die Novellen 
„Feuertaufe und die Erzählung = Dieletzten Tage von 
Tsingtau-, Adolf Köster (geb. 1888) die Novellen 
* Brennendes Blute, Paul Burg (Schaumburg, 
eb. 1884) die Romane -Fliegerleutnant Bären- 
prung= und „Die Geschichte der Lena Kalinska sowie 
die Bilder „Alles um Frieden-, Arthur Babil- 
lotte (s. oben) die Romane = André Picards Bekeh- 
runge, -Zwischen den Feinden= und „Neubaut, 
Hans Friedrich Blunck (s. oben) die Romane 
375 
„Der Ritt gegen Morgen- und „Totentanze, Thea 
von Harbou (geb. 1888) den Roman „Der unsterb- 
liche Acker „, Eilhard Erich Pauls (geb. 1890) den 
Roman -Der Püter Israels-. Das ist immer erst ein 
Teil der durch den Krieg angeregten erzählenden Li- 
teratur, und was von ihr dauernde Bedeutung hat, 
muß sich erst herausstellen. In den sogenannten Feld- 
büchern. war sehr oft auch Schund. Auch historische 
RNomane, wie Karl Bleibtreus (s. oben) „Bismarck-, 
Max D ## (geb. 1862) -Der deutsche Morgen-, 
Thomas Manns (geb. 1875) Buch-Friedrich und 
die große Koalitione, selbst Werner Janssens 
Nibelungenroman - Das Buch der Treue= sind aller 
Wahrscheinlichkeit nach durch den Krieg angeregt. Am 
wenigsten hat er wohl auf das Drama eingewirkt: 
Volksstücke und Kriegsoperetten, wie die in Berlin 
häufi gegebenen *Immer feste drusst und Die 
Culass anone-, kommen natürlich für die Literatur 
nicht in Betracht. So mögen hier nur Paul Ernsts 
(geb. 1866) Schauspiel-Preustengeist-, Karl Schön- 
herrs (geb. 1867) Drama -Volk in Not«, Rend 
Schickeles (geb. 1883) elsässisches, nicht eben deutsch 
empfundenes Schauspiel „Hans im Schnakenloch- 
und das plattdeutsche Schauspiel „Twee Feldgraues 
von Gustav Stille (geb. 1845) genannt werden. 
Die Literaturentwicklung während des Krieges. 
Eine wirklich umwälzende Bewegung hat der Krieg in 
unserer Literatur bisher nicht hervorgebracht. und sie 
ist, wie schon gesagt, auch schwerlich noch zu erwarten. 
Zwar hat man namentlich zu Anfang des Krieges so 
getan, als ob er dem Fremdgeist in unserer Dichtung 
und zugleich auch dem sogenannien Asthetismus ein 
Ende bereiten werde, und eine Periode der Sachlich 
keit und — Männlichkeit angekündigt. Heute glaubt 
wohl niemand mehr daran. Betrachten wir die Pro- 
duktion während des Krieges im allgemeinen, nicht im 
Himblick auf den Krieg, so sehen wir noch so ziemlich 
alle alten, uns längst vertrauten Richtungen vertre- 
ten, und wenngleich, übrigens auch schon aus der Zeit 
vor dem Kriege her, etwas Neues, der sogenannte 
Expressionismus, um Geltung ringt, man darf doch 
vielleicht auf die gegenwärtige Lage einfach das be- 
kannte Wort -»Das Gute ist nicht neu, und das Neue 
ist nicht gut« in Anwendung bringen. Es sind auch 
nicht allzu viele neue Talente emporgekommen und 
von den alten Größen nur wenige zurückgetreten. Das 
letztere ist mit Karl Spitteler (geb. 1845), der vor 
dem Kriege vielfach als der bedeutendste zeitgenös- 
sische deutsche Dichter betrachtet wurde, der Fall, aber 
nicht, weil man über seine Dichtung anderer Meinung 
geworden wäre, sondern weil er sich gleich zu Anfang 
des Krieges seiner deutschen Herkunft unwürdig er- 
wiesen hat. Daß Timm Kröger (s. oben) nach dem 
Erscheinen seiner gesammelten = Novellen= sein Recht 
erlungt hat, ward schon bemerkt. Neu waren in die- 
ser Gesamtausgabe unter anderem zwei große Er- 
zählungen, = Daniel Dark= und -Dem unbekannten 
Gott-, die sich mit dem religiösen Problem beschäf- 
tigen und zugleich die gunze Stimmungsgewalt des 
DTichters offenbaren. — Eine stärkere Geltung, wie sie 
Timm RKröger nun gewonnen hat, wünschte man auch 
dem steirischen Dichter Wilhelm Fischer (s. oben), 
von dem eigentlich nur der Roman -Die Freude am 
Licht- weiteren Kreisen bekanntgeworden ist. Er hat 
zuletzt den Noman Die Fahrten der Liebesgöttin 
(1914) geschrieben. Auch Isolde Kurg (s. oben) ge- 
nießzt bei dem breiteren Publikum noch lange nicht 
die Anerkennung, die sie, die stärkste Renaissance=
        <pb n="462" />
        376 
Novellistin, verdient. Sie hat uns in den letzten Jah- 
ren die Erzählungen „Kora= und „Wandertage in 
Hellas gegeben. Mit ihr sei gleich Helene Böhlau 
(geb. 1859) genannt, deren neuester Noman Der 
gewürzige Hund« die Geschichte der Charlotte Stieglitz 
nach dem Weimar Goethes versetzt. Schade, daß ihre 
starke Natur nur selten rein zum Durchbruch kommt. 
Am meisten in den Vordergrund ist von allen unseren 
dichtenden Frauen neuerdings Ricarda Huch ((s. 
oben) getreten, und zwar durch ihren Roman -Der 
große Krieg, der die ganze Geschichte des Dreißig- 
jährigen Krieges in zahrreichen chronikartig gehalte- 
nen, aber meist plastischen Bildern vorführt. — Von 
der ehemaligen sogenannten -Moderne ist nicht viel 
Rühmliches mehr zu sagen. Hermann Sudermann 
(geb. 1857) schreibt noch immer seine Dramen, manche 
jetzt auch mit historischem Hintergrunde, aber es ist 
nicht zu leugnen, daß er sehr manieriert geworden ist. 
Sein letztes aufgeführtes Stück ist die Tragikomödie 
»Die gut geschnittene Ecke. Ludwig Fuldas (geb. 
1862) letzte Stücke,-Die Rückkehr zur Natur-,-Abend- 
sonne-,-Der Lebensschüler. Die verlorene Tochter-, 
sind sehr still vorübergegangen. Von Gerhart 
Hauptmann (s. oben) Hlen dem in einem bestimm- 
ten Zwiespalt steckengebliebenen „Bogen des Odys- 
seuse nichts mehr hervorgetreten. Sein Bruder Karl 
Hauptmann Geb 1858) hat während der Kriegs- 
zeit „Krieg, ein Tedeume, = Aus dem großen Kriege, 
dramatische Szenene, die Soneite »Dort, wo im 
Sumpf die Hürde steckt, die burleske Tragödie -To- 
bias Buntschuhe und die Komödie -Rebhühner= ge- 
schrieben; seit er vom Naturalismus losgekommen, 
experimentiert er. Von der alten Zolaschule ist nur 
Max Kretzer (geb. 1854) lebendig geblieben; manche 
auch seiner neuesten Romane sind noch recht gut 
lesbar, und jetzt in der Kriegezet hat er nicht nur 
Kriegsgedichte, sondern auch -Berliner Kriegsdenk- 
würdigkeiten herausgegeben. — Zu der der Zola- 
schen entgegengesetzten Maupassantschen Richtung 
pflegt man auch den Grafen Eduard Keyserling 
(geb. 1855) zu rechnen; er ist aber ein Eigener und 
wird sich erhalten. Seine letzten Werke sind der Ro- 
man -Abendliche Häuser- und die Erzählung = Am 
Südhang-. Georg Freiherr von Ompteda (s. 
oben), einst übersetzer Maupassants und ernster Dar- 
steller des Lebens der adligen Kreise, ist ganz Unter- 
halter geworden, allerdings nicht gewöhnlicher, wie 
auch noch sein Roman Der Hof in Flandern (1916) 
zeigt. Der schon erwähnte Rudolf Stratz ist nie 
mehr als Unterhalter gewesen, auch Rudolf 1 
(s. oben) nicht, aber dieser hat doch meist Gehalt, und 
so ist auch das nationale Verdienst seines letzten Ro- 
mans = Das große Heimweh., der uns die Deutschen 
Nordamerikas vorführt, nicht zu verkennen. Merk- 
würdig erscheint es, daß sich ein von Haus aus so be- 
gabter Lebensdarsteller wie Wilhelm Hegeler ((. 
oben) so völlig verloren hat. Auch von Felix Hol- 
laender (geb. 1867), dem Verfasser des -Weges des 
Thomas Truck. ist nicht viel übriggeblieben. 
Im Gegensatz zur einstigen Moderne hat sich die 
so viel geschmähte und verhöhnte Heimatkunste recht 
kräftig erhalten und manchen erfreulichen jüngeren 
Zuwachs bekommen. Es ist sehr viel bemerkt worden, 
daß sich Timm Kröger in der Einleitung zu sei- 
nen gesammelten Novellen rückhaltlos zu ihr bekannt 
hat. Hermann Löns, der Heidedichter, der, wie 
schon berichtet, nach seinem Heldentode zu großem 
Rufe gelangt ist, gehört ihr ja wohl auch an und 
IV. Kultur und Geistesleben 
eigt, was einem Ueinen Stück Erde und ihrem Men- 
soen ., Tier= und Pflanzenleben abzugewinnen ist. 
Noch ist der Südhannoveraner Heinrich Sohnrey 
(geb. 1859) rüstig am Werke, und der Hamburger 
Wilhelm Poeck (geb. 1866) hat sein Reich nach der 
Seite des Humors (» Die gestohlene Fregatte«, »Fsint 
und Genossen-) immer mehr erweitert. Diedrich 
Speckmann (geb. 1872), der Schilderer des Lebens 
der Lüneburger Heide, der sich mit seinen Romanen 
durchaus auf der Höhe halten konnte, hat neuerdings 
in Gustadp Kohne (geb. 1871) einen begabten E. 
nossen (°Erhart Rutenberge) erhalten. Seine Dar- 
stellung des Bremer Lebens baut Wilhelm Schar- 
relmann (geb. 1875) immer mehr aus (-Geschichten 
aus der Pickbalge), und jüngere Hamburger sind 
außer Gorch Fock (s. oben, „Seefahrt ist not.) 
Emil Kullberg (geb. 1877), der sich freilich nicht 
auf seine Heimat beschränkt, und Hermann Krieger 
(Familie Hahnekampe). Von den jüngeren Schles. 
wig-Holsteinern sind Wilhelm Lobsien (geb. 1872, 
„ Der Halligpastor-) und der schon genannie Fritz 
Lau erwähnenswert. Die Pommern haben in Wil- 
helm Krauel (geb. 1876) einen guten Heimatdich- 
ter erhalten (Von der andern Art-, - Das Erbe der 
Väter-), die Brandenburger in Wilhelm Koyde 
(geb. 1878), der in „Wilhelm Drömers Siegesgang- 
(1913) einen unserer besten Bauernromane geschaffen 
und sich nun auch mit der = Wittenbergisch Nachtigall= 
an Luther und der Reformation versucht hat. — Von 
den Frauen kann man natürlich Klara Biebig 
(geb. 1860) nicht ohne weiteres auf die Heimatkunst 
festlegen, obgleich sie immer wieder einmal auf den 
Boden der grinusschen Eifel zurückgekehrt ist; sie ist 
vielleicht von allen deutschen Dichtern und Dichterin- 
nen das Talent, das am entschiedensten in der Richtung 
Zolas gegangen ist. Auch ihr letzter, Berliner Ro- 
man -Eine Hand voll Erde. tut dies noch. Nicht ge- 
nug geschätzt wird bisher die Hessin Lotte Gubalke 
(geb. 1856), deren Heimatsgeschichten fast alle auch 
wichtige Lebensprobleme haben. Nanny Lambrecht 
und Helene Voigt-Diederichs, die auch hierher 
gehören, wurden mit ihren letzten Werken bereits er- 
wähnt. — Einen großen Aufschwung hat die Heimat- 
kunst in neuester Zeit in Süddeutschland genommen 
und dabei manche Eigenschaften entwickelt, die die 
ältere norddeutsche noch nicht aufwies. An die Spitze 
kann man hier den in Koblenz geborenen, aber im 
Elsaß heinusch gewordenen Hermann Stege- 
mann (s. oben) stellen, der zur Zeit auch als Kriegs. 
beurteiler des Berner „Bund= großes Ansehen ge- 
nießt. Seine Romane spielen fast alle im Elsaß, und 
namentlich der mit einer Schilderung der Schlacht bei 
Wörth einsetzende, unmittelbar vor dem Kriege er- 
schienene »Die Krafft von Illzach= kann auf groß- 
zügige Gestaltung Anspruch erheben. — Im Franken- 
lande ist langsam Hans Raithel (geb. 1864) empor- 
gekommen, dessen Erzählungen (-Herrle und Han- 
nilee, = Annamaige, -Schusterhans ) eine Note echten 
Humors haben. In Schwaben schaffen Auguste 
Supper (s. oben, -Der Herrensohne), Wilhelm 
Frick (s. oben), Ludwig Finckh (geb. 1876), dessen 
letzter RKoman= Der Bodenseher= ein echter Reutlinger 
Heimatroman ist, — auch Hermann Hesse (s. oben) 
hat sich keineswegs vom Heimatboden gelöst. Baye- 
rischer Schwabe ist Peter Dörfler (s. oden), der 
vor einigen Jahren mit dem Buch -Als Mutter noch 
lebte- begann und rasch zu Ansehen gelangt ist. Zu 
den Jung-Elsässern gehört der bereits verstorbene
        <pb n="463" />
        Bartels: Die deutsche Literatur während des Krieges 
Arthur Babillotte (s. oben); Anton Fend- 
rich, dessen = Emil Himmelheber= etwas verspricht, ist 
Badener. — Auch in OÖsterreich herrscht ganz frisches 
Leben auf diesem besonderen Literaturgebiete. Wer 
hätte gedacht, daß in Adam Müller-Gutten- 
brunn (s. oben), der zunächst ganz im Banne des 
modernen Theaters stand und Augiers -Haus Four- 
chambault= fortsetzte, der Banater Schwabe noch so 
mächtig herauskommen würde? Neben ihm mögen 
hier nur Hans Fraungruber (s. oben), der Ver- 
fasser der Ausseer Geschichten-, Rudolf Greinztgeb. 
1866), der mit der (etwas erotistischene) Gertrud 
Sonnweber= einen Erfolg hatte, Hans Schrott- 
Fiechtl, der Tiroler (geb. 1867), und von Frauen 
Susi Wallner (geb. 1868) u. Henriette Schrott 
(geb. 1877) genannt sein. Karl Schönherrts. oben), 
dessen „Weibsteufel (1915) während der Kriegszeit 
vielfach verboten wurde, gehört natürlich auch hierher. 
— Die Schweizer Dichter sind und bleiben fast alle 
Heimatdichter. Neben Ernst Zahn (s. oben), der um 
1910 den größten Ruf von ihnen hatte und noch jetzt 
rüstig forkarbeitet, sind in den letzten Jahren Hein- 
rich Federer (geb. 1866), der, katholischem Milien 
entwachsen, auch starke kulturhistorische Begabung hat 
und gelegentlich nach Italien hinüberschweift, Jo- 
hannes Jegerlehner (s. oben) und der Bauern- 
dichter Alfred Huggenberger getreten, der auch 
ein guter Lyriker ist.— Über die Berühmtheiten unter 
unseren meist von der Heimatkunst beeinflußten Un- 
terhaltungstalenten soll hier nur ganz kurz gesprochen 
werden. Max Dreyer hat, wie schon erwähnt, zu- 
letzt einen guten Roman aus der Zeit nach den Frei- 
beitskriegen, Der deutsche Morgen, geschrieben. Der 
letzte Teil von Otto Ernsts (geb. 1862) autobio- 
graphischem Roman, -Asmus Semper, der Manne, 
ist dichterisch schwach und menschlich wenig sympa- 
thisch; Gustap Frenssen (geb. 1863) hat fr seinen 
unglaublich taktlosen Versuch, Bismarck episch zu einer 
Art Reineke Fuchs unugestalten. den verdienten 
Lohn erhalten und das Werk schleunigst zurückgezogen. 
Die fleißige Tätigkeit Ottomar Enkings (s. oben), 
von dem uns die Kriegszeit fünf Romane brachte, ist 
unzweifelhaft schätzenswert. Auch Franz Adam 
Beyerlein (geb. 1871) und Paul Keller (geb. 1873) 
haben in ihrer letzten Entwicklung noch beachtenswerte 
erke gegeben.— Einen unzweifelhaften Aufschwung 
hat im letzten Jahrzehnt wieder der Geschichtsroman 
genommen. Paul Schreckenbach (geb. 1866) ist 
gewiß kein Großer, aber man liest alle seine Werke, die 
meist auf dem ihm vertrauten thüringisch-sächsischen 
Boden spielen, mit wahrem Vergnügen. Rühmens- 
wert sind auch Hanns von Zobeltitz (geb. 1853) 
mit „Der Alte auf Topper= (1915) und Fedor 
Sommer (geb. 1864) mit = Das Waldgeschrei". We- 
niger sorgfältig als diese arbeitet Johannes Dose 
(geb. 1860), der zuletzt einen Düppel-= und einen 
Luther--Roman geschrieden hat, ebenso Walter 
Bloem (geb. 1868), der einen Romanzyklus von 
1870 (°Das eiserne Jahr-, - Voll wider Volk-, -Die 
Schmiede der Zukunft ) herausgegeben hat; erist nicht 
ohne sensationelle Elemente. Verdienten Beifall fand 
der Roman aus den Freiheitskriegen = Die Flammen- 
zeichen rauchen= von Paul Grabein (s. oben). — 
Hohe Kunst sind bis zu einem bestimmten Grade sicher- 
lich die Romane von Enrica Baronin Handel- 
Mazzetti (geb. 1871), deren leßter großer (2 Ste- 
phana Schwertnere) sehr verschiedenartige Beurtei- 
lung gefunden hat; ganz ohne Manier sind sie aber 
377 
nicht. Solche findet sich auch in Julius Have- 
manns (geb. 1866) Freihätskriegroman -Der Ruf 
des Lebens-. Ihm kann man dann noch die Friedrich. 
der- Große-Romane von Paul Schulze--Berg- 
hoff (geb. 1873) und auch Wilhelm Schäfers(geb. 
1868) . Der Lebenstag eines Menschenfreundes. 
(Pestalozzi, 1915) anschließen.— Großes Aufsehen hat 
unmittelbar vor dem Krieg ein hinterlassener Frauen- 
roman, Agnes Günthers (1863—1911).-Die Hei- 
lige und ihr Narr«, erregt. Das Urteil über ihn steht 
noch nicht fest. Gehalt kann man ihm jedenfalls nicht. 
absprechen, aber auf neuer Bahn geht er nach des Ver- 
fassers Ansicht nicht. Daß Marie Diers (geb. 1867), 
Agnes Härder (geb. 1864), Marie Burmester- 
(geb. 1870), Helene Christaller (s. oben), Lis- 
beth Dill (s. oben) gute Unterhaltungsschriftstelle- 
rinnen sind und öfter auchin höherem Sinne wertvolle 
Werke schreiben, sei hier kurz bemerkt. In unserer Un- 
terhaltungsliteratur steckt immer noch viel Gesundes. 
Der große Erfolg der Kriegszeit war Gustav 
Meyrinks (eigentlich Meyer, geb. 1868) = Der Go- 
lem“, und mit ihm kommen wir denn zu der neuen 
Moderne, die im großen ganzen nicht sehr erfreulich 
ist. Man hat die neuen Richtungen der Literatur- 
entwicklung mit den Schlagworten Asthetismus und 
Erotismus bezeichnet, und zweifellos ist es richtig, daß 
die Loslösung vom Leben, die Üübertreibung des For- 
malen in der modernen Dichtung unverkennbar und 
daß ferner eine übersteigerung des erotisch-sinnlichen 
Elements vorhanden war. Als drittes Schlagwort 
könnte man dann vielleicht noch Exotismus wählen; 
das Exotische jeder Art, auch wo es sich, wie beim-Go- 
lem, in unserem deutschen Leben nur eingesprengt 
fand, zog das neue Geschlecht stark an. Endlich könnte 
man vielleicht noch das Schlagwort „Perversismus- 
hinzufügen; die Verkehrung aller Dingeins Anormale- 
oder Abnorme war eine oft geübte Liebhaberei deut- 
scher Dichter geworden. Zweifellos gehört die Dop- 
pelgängergeschichte Meyrinks und ferner sein neue- 
tes Werk Das grüne Gesicht“, das den Ahasver- 
toff behandelt und schon roher ist, auch der perversen 
ichtung an. Als ihren Begründer hat man vielfach 
Hanns Heinz Ewers (s. oben)hingestellt, den Ver- 
fasser der „Teufelsjäger (1909), der von E. T. U. 
Hoffmann ausgegangen sein soll, aber doch zuletzt nicht 
allzuviel mit dem alten Romantiker gemein hat. Karl 
Hans Strobl (s. oben, „Eleagabal Kuperus«), 
Hans Hyan (geb. 1868), Hermann Eßwein 
(geb. 1877) sind weitere Vertreter dieser Richtung, 
und in manchem Betracht kann man auch Jakob 
Wassermann (geb. 1873) zu ihr stellen (man ver- 
gleiche den Helden in -Die Masken Erwin Reinerse, 
den Carovius im „Gänsemännchene!), der freilich in 
ihr nicht aufgeht. Als Hauptvertreter des Erotismus. 
ist Heinrich Mann (geb. 1871) zu bezeichnen, dessen 
während des Krieges neu erschienene „Jagd nach 
Liebe= vielfach Unwillen hervorgerusen hat. Sein 
Bruder Thomas Manntgeb. 1875) ist weniger Ero- 
tist, ist scharfblickender Gesellschaftsschilderer, der sich 
aber, wie sein -Tod in Venedig= und sein -Friedrich 
und die große Koalition= zeigen, überschätzt. Nur Un- 
terhalter (mit unangenehmen Einschlägen) ist immer 
Georg Engel (geb. 1866) gewesen, und Georg 
Hirschfeld (geb. 1873), der seit 1912 neun Romane 
geschrieben hat, ist jetzt auch nicht mehr, ebenso trotz 
der ihm nachgerühmten -Innerlichkeit:e Karl Ros- 
ner (s. oben). Georg Hermann (Borchardt, geb. 
1871) möchte wohl ein Humorist heißen, aber sem
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        378 
Humor ist für uns Deutsche — man erinnere sich nur 
des -Kubinke — sehr wenig erfreulich, und auch für 
seinen Ernst (2 Jettchen Geberte usw.) haben wir 
wenig übrig. Bernhard Kellermann (s. oben), 
der eben vor dem Kriege mit dem gewissermaßen exo- 
tischen Zukunftsroman -Der Tunnel einen großen 
Erfolg errang, hatte bereits eine stark ästhetizistische 
Periode hinter sich, und Kurt Münzer (s. oben), 
dessen »Weg nach Zion ein sehr starkes Stück dar- 
stellt, ist mit seinem letzten Werke, = Der Ladenprinze, 
ganz im Banne des Erotismus. Der stärkste von allen 
diesen Dichtern bleibt zuletzt doch Jakob Wassermann, 
weil er der ernsteste ist und auch uns Deutschen zu 
denken gibt. Man wird nach dem Kriege über alle 
diese Erscheinungen sehr viel zu sagen haben. Dann 
wird auch der so rasch zu hohem Rufe gelangte Stei- 
rer Rudolf Hans Bartsch (s. oben), der, wie die 
1914 erschienene Geschichte von - Hannele und ihren 
Liebhaberne und Frau Utta und der Jägere zeigen, 
aus dem Banne des Erotismus nicht herauskommt, 
seinen Urteilsspruch bekommen. Sein-Buch der An- 
dacht« Er., ein Christusroman, ist von der Kritik 
mit Recht durchweg abgelehnt worden. Bartsch ist, 
wie auch der Weg zu Christus, zeigt, so etwas wie der 
österreichische Frenssen, ein noch größerer Stimmungs- 
künstler als dieser, aber auch noch weicher und konfuser. 
Von seinen Landsleuten seien außer dem schon öfter 
genannten, alles machenden Karl Hans Strobl 
noch die Brüder Hans Hart (Hans von Molo, geb. 
1878) und Walther von Molo (geb. 1880), dieser 
Verfasser eines vierbändigen Schillerromans. Albert 
Trentini (s. oben). Emil Lucka (s. oben), Erwin 
Guido Kolbenheyer (geb. 1878), der Verfasser 
des Spinoza-Romans „Amor Dei- und neuerdings 
eines Paracelfus--Romans, und Max Brod (geb. 
1884), der Verfasser von „Tycho Brahes Weg zu 
Gotte, aber auch böser erotistischer Erzählungen, er- 
wähnt. Eine Gruppe von Jungschweizern: Paul 
Ilg (geb. 1875), Jakob Schaffner (geb. 1875), 
Hermann Kesser (geb. 1880) und Felix Mösch- 
lin (geb. 1882) ist zum Teil gleichfalls stark eroti- 
stisch, wenn man bei Schaffner auch gleich Gesundes 
und bei Kesser bereits die Abwendung bemerkt. Außer 
ihnen wären etwa noch Hermann Kurz-Deidt 
(l. oben) und Albert Steffen (geb. 1884), vielleicht 
auch Robert Walser, zu nennen. Dem Exotis- 
mus haben sich im besonderen Max Dauthendey 
(geb. 1868), der sehr viel Ostasiatisches geschrieben 
hat, Alsons Paquet (s. oben) und von den Jüng- 
sten Willy Seidel (geb. 1887) ergeben. Diese *½ 
tung ist natürlich nicht ohne weiteres ungesund. 
über die Entwicklung des deutschen Dramas in der 
neuesten Zeit ist wenig zu sagen. An den Neuklassi- 
zismus, den einst Paul Ernst (s. oben), Wilhelm 
von Scholz (geb. 1874) und der verstorbene Sa- 
muel Lublinski (1868—1910) heraufführen woll- 
ten, glaubt wohl niemand mehr; der Asthetismus 
Eduard Stuckens lp b. 1865) und Hugo von 
Hofmannsthals (geb. 1874) hat schwerlich noch 
eine Zukunft, und eine bevorstehende bedeutendere 
Entwicklung Herbert Eulenbergs (geb. 1876), 
der zuletzt das Schauspiel „Zeitwende: schrieb, oder 
Wilhelm Schmidtbonns (s. oben) oder Ernst 
Hardts (geb. 1876), der, wie übrigens bis zu einem 
gewissen Grade auch Hofmannsthal, zu den Perver- 
tisten gehört, dürfte kaum zu erwarten sein. Das be- 
deutendste spezisisch -dramatische Talent unserer Zeit 
ist Otto Erler (geb. 1873), der Verfasser des = Zar 
IV. Kultur und Geistesleben 
Peter- und des Struensee= (oder, wie er eigentlich 
heißt, des - Engels aus Engellande). Daneben ist 
nach seinem -Katte noch von Hermann Burte 
(Strübe) etwas zu erwarten und auch von Dietrich 
Eckart (geb. 1868). Auf der Bühne durchzusetzen 
sind noch die schon verstorbenen Emil Gött (1864— 
1908), Emil Rosenow (1871—1904) und Fritz 
Stavenhagen (1876— 1906). Friedrich Lien- 
hard (s. oben), den man jetzt als deutschvölkischen 
Dichter preist, obgleich er ganz im klassischen Huma- 
nismus wurzelt, bedeutet für die Entwicklung des 
Dramas nichts, Eberhard König (geb. 1871), der 
mit der epischen Dichtung „Hermoders Ritt= und den 
Legenden Von dieser und jener Welt« jüngst gute 
Erfolge haite, jedenfalls etwas, ob aber so viel, wie 
seine Kreunde glauben, ist auch noch zweifelhaft. Die 
Erfolgleute unter den Jüngsten sind die Osterreicher 
Anton Wildgans (geb. 1881,= Armut-, iebe.) 
und Hans Müäller-- Frü# n (geb. 1882, -Könige.). 
Auf die Bühne gelangt sind auch Franz Dülberg 
(geb. 1878. -Karinta von Orrelandene) und Thad- 
däus Rittner (geb. 1873). Emil Ludwig (s. oden) 
ist durch seine Prosawerke „Bismarck- und -RKichard 
Wagner oder die Entzauberten= bekannter geworden 
als durch seine Dramen, auch Hans Kyser (#Ged. 1882) 
mehr durch seinen Kampf gegen die Schillerstiftung 
als durch „Titus und die Jüdine und -Charlotte 
Stieglitzt. Reinhard Sorge. eine Hoffnung be- 
stimmter Kreise, ist. wie erwähnt, gefallen. Vielleicht 
wird Hans Johst, der unter anderem die Bauern- 
komödie = Stroh- geschrieben, die neue Hoffnung. — 
über Frank Wedekind (geb. 1864), den Tragi- 
komiker, der sich zuletzt sogar an Bismarck wagie, 
braucht hier nur gesagt zu werden, daß er nochimmer 
eine Sensation ist. Möglicherweise werden auch Her- 
mann Essig (geb. 1878) und Georg Kaiser (geb. 
1878), die die nötigen Verbindungen wohl schon 
haben, Sensationen. Karl Sternheim, der einen 
Komödienzyklus = Aus dem bürgerlichen Heldenlebene 
durchführt und zuletzt Klingers -Leidendes Weibe um · 
dichtete, ist schon eine. Neben diesen Talenten haben 
Otto Hinnerk (Hinrichsen. geb. 1870), Paul Apel 
(geb. 1872), Leonhard Schrickel (geb. 1876), ob- 
wohl sie Erfolge gehabt haben, natürlich geringere 
Aussichten. Die Alteren, Artur Schnitler (geb. 
1862), Ludwig Thoma (s.oben) usw., sind zu einer 
Art Einakterkultus gelangt; Haupwertreter des üb- 
lichen Lustspiels sind jetzt Karl Rößler (geb. 18641,, 
Felix Salten (eigentlich Salzmann, geb. 1867). 
Naoul Auernheeimer (gei- 1876) usw. 
Die Größe unserer Lyrik ist nun unbestritten Ri- 
chard Dehmel (s. oben), dessen letzte Sammlung 
„Schöne wilde Welt. zwar noch nicht allzuviel Auf- 
merksamkeit gefunden hat. dessen Kriegsgedichte aber 
ihre Aufgabe erfüllt haben. Die reinen Astheten 
Stefan George (geb. 1868) und Rainer Maria 
Nilke (geb. 1875), dessen -Aufzeichnungen des Malte 
Laurids Brigger auch nicht eben in gesunde Regionen 
führen, sind während des Krieges sehr zurückgetreten. 
Dagegen ist Richard Schaukal (s. oben) durch seine 
Kriegsdichtung unzweifelhaft vorwärtsgekommen. 
Für Talente wie Karl Busse (s. oben) und Hugo 
Salus (geb. 1866) kann man, nachdem sie jetnzt eine 
beträchtliche Entwicklung hinter sich haben, doch wohl 
immer noch keine andere Bezeichnung als die der 
Neueklektiker finden. Eine ziemlich reiche Ausbildung 
hat die fromme Lyrik durch Karl Ernst Knodt 
(s. oben), Otto Frommel (geb. 1871). Gustav
        <pb n="465" />
        Fester: Kriegsliteratur 
Schüler (s. oben) und Therese Köstlin (geb. 1877) 
erfahren. Auch Artur von Wallpach, der Tiroler 
(s. oben), ist in seiner Art ein frommer Dichter, wenn 
er auch dem alten Germanentum und nicht dem Chri- 
stentum zuneigt. Franz Karl Ginskey (s. oben), 
ein anderer sympathischer österreichischer Lyriker, hat 
sich neuerdings dem Geschichtsroman zugewandt. 
Der Meister der Ballade ist Börries von Münch- 
hausen (s. oben) geblieben, überhaupt eine in man- 
chem Betracht fesselnde Erscheinung, da er auch seine 
Weltanschauung hat. Mit ihm mögen Lulu von 
Strauß und Torney (geb. 1873), die gleichfalls 
Balladen und dann bäuerliche und geschichtliche Er- 
zählungen verfaßt hat, und als ausgesprochen aristo- 
kratische Dichterin Erika von Watzdorf-Bachoff 
geeo. 1878), die Verfasserin sehr feiner Lyrik und des 
omans = Maria und YDvonnee, genannt sein. Ru- 
dolf Alexander Schroeder (s. oben) ist Asthet, 
aber kein künstlicher. Aus dem Kreise Ottos zur 
Linde (geb. 1873), des Reformators der Lyrik und 
der Verssprache, hat sich Karl Röttger (s. oben) zu 
allgemeinerer Geltung emporgearbeitet. Auch Will 
Vesper (s. oben), vor allem als fleißiger Anthologist 
bekannt, besitzt diesejetzt. Von den Jüngstensschließtsich 
hier etwa Heinrich Zerkaulen (geb. 1892) an. — 
Die allerjüngsten Lyriker bezeichnet man im allgemei- 
nen als Expressionisten, obgleich schon die Symbolisten 
von Dehmel an, die sich dem Impressionismus oder 
doch dem Naturalismus entgegenstellten, solche sind. 
Freilich wollen die Neuesten nun nicht mehr das Sym- 
bol für die Sache, sondern die Sache selbst. Dieselbe 
Zeit, die die tupfende Sprache des Impressionismus 
schuf«. sagt ein Theoretiker, -hat daran mitgeholfen. 
die geschlossene, gedrängte, konzentrierte Sprache zu 
bilden, die nicht den Eindruck, sondern die Sache selbst 
schildert, aber so energisch, so intensiv, daß sie suggesti- 
ver, dichterischer wirkt als die phantastischen Schnör- 
kel früherer Jahre.“ Ein anderer Theoretiker meint: 
„ Nur die Ekstase des Gefühls, nur die Rückwirkung 
auf die eigene seelische Schwungkraft schafft das neue 
Kunstwerk-, während ein dritter der neuen Dichtkunst 
die Aufgabe zuweist,-die Wirklichkeit vom Umriß ihrer 
379 
Erscheinung zu befreien, sie zu überwinden, nicht mit 
ihren eigenen Mitteln, nicht indem wir ihr entfliehen, 
sondern, sie um so brünstiger umsassend, durch des 
Geistes Bohrkraft, Beweglichkeit, Klärungssehnsucht, 
durch des Gefühls Intensität und Explosivkraft be- 
siegen und beherrschene. Esmußhier genügzeen, die all- 
mählich aus dem Dunkel auftauchenden Namen, die der 
schon verstorbenen Georg Heym und Ernst Stad- 
ler, die der Theodor Däubler, Leo Sternberg, 
Ernst Lissauer, Franz Werfel, Klabund (Al- 
fred Henschke), Albrecht Schaeffer, Johannes 
R.Becher, Oskar Wöhrle, Max Jungnickel zu 
nennen — auch die genannten Arbeiterdichter gehören 
zum Teil hierher, ebenso Erzähler wie Kasimir Ed- 
schmidt, Nobert Walser. Franz Kafka, Drama- 
tiker wie Walter Hasenclever und Max Pulover. 
Was bei diesen Jüngsten wirklich gelebte Kunst, was 
Aufspielerei, was echtes Können, wasgeschickte Rechen- 
kunst und vertuschte Unfähigkeit ist, läßt sich so leicht 
nicht entscheiden. Aber wir werden nach dem Kriege 
an sie heran müssen. Daß sie uns Deutschen geben 
werden, was wir brauchen, ist nicht anzunehmen; einst- 
weilen sieht man nur eine neue Periode der Experi- 
mentier= und Sensationskunst, dieleider im ganzen ver- 
flossenen Menschenalter stark vorgeherrscht hat. Aber 
vielleicht geht etwa von Otto Erler, Hermann Burte, 
dem schon verstorbenen Osterreicher Ernst Hladny, Hans 
Friedrich Blunck usw. eine neue völkische Dichtung aus. 
Literatur. Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung 
der Gegenwart (9. Aufl., Leipz. 1918); Walther Brecht, 
Deutsche Kriegslieder sonst und jetzt (Berl. 1915); Ju- 
lius Bab, Die Kriegslyrik von heute (2Literarisches Echo-, 
1914—15); Franz Blei, über Wedekind, Sternheim und 
das Theater (Leipz. 1915); = Vom jüngsten Tag« (Almanach, 
2. Aufl., das. 1917). — Die wichtigsten Kriegsgedicht- 
sammlungen sind: Adolf Bartels, Volk und Vaterland 
(Halle a. S. 1917; von Walther von der Vogelweide bis 
zur Gegenwart); Julius Bab, Der deutsche Krieg im deut- 
schen Gedicht (Verl. 1914 f.); Karl Quenzel, Des Vater- 
landes Hochgesang (Leipz. 1914); S. Wieser, Schildgesang 
(Münch. 1914; vornehmüch tatholische Dichter): Deutsche 
Kriegsklänge, ausgewählt von Johann Albrecht Her- 
zog zu Mecklenburg= (Leipz. 1915 ff.); Alfred Biese, 
Poesie des Krieges (Berl. 1915; neue Folge, das. 1915). 
Kriegsliteraturt 
von Professor Dr. Michard Fester in Halle 
Der Weltkrieg bestimmt auch den Charakter der 
Weltliteratur. Wie die Industrie der kriegführenden 
Mächte und der Neutralen mehr und mehr für den 
Krieg eingespannt wurde, so sind fast alle Erzeugnisse 
des Buchhandels seit August 1914 als Kriegsliteratur 
zu bewerten. Seldbst Whzenschaft und Kunst machen 
davon keine Ausnahme. Handliche, wohlfeile Klassiker= 
ausgaben gehen als geistige Nahrung an die Fronten. 
Kunsthistorische Bücher sollen beweisen, daß es nicht 
an der Verständnislosigkeit der Kriegführenden liegt, 
wenn Denkmälerin derKriegszone untergehen. Wissen, 
das sonst als Menschheitsgut galt, wird an der Grenze 
als Bannware zurückgehalten, wenn es dem Feinde 
irgendwie dienen könnte. Dem Gedanken an den 
Krieg kann kein Autor entfliehen. Er durchdringt jede 
Zeile, die heute geschrieben wird, was auch das Thema 
sein mag. Die religiöse oder die ästhetische Weltslucht 
1 Abgeschlossen 1. Juni 1917. 
früherer Kriegszeiten wäre heute unmöglich. Isolierte 
Weltwinkel gibt es nicht mehr. Goethe konnte sich in 
Gedanken in den Orient flüchten. Der moderne Künst- 
ler nimmt am Kriege teil, indem er mit seinen Schöp- 
fungen zugleich für die Kultur seines Volles im neu- 
tralen Ausland Reklame macht. Die friedliche Kultur- 
propaganda der jünfsten Vergangenheit ist eine krie- 
erische geworden. Nichts wird mehr rein um seiner 
n willen getrieben. Auch geistige Eroberungen 
zählen nur noch als Eroberungen der engeren Lebens- 
gemeinschaft, der sie entstammen. Das Gefühl, daß 
es sich um Leben oder Sterben der Völler handelt, 
ist allen Literaturerzeugnissen mehr oder minder ge- 
meinsam. Es erklärt die freiwillige Unterordnung 
unter Propagandazwecke und die Kriegspsychose, die 
ehrliche Leidenschaft und die bewußte Gemeinheit, 
das Ringen nach Wahrheit und den Gasangriff er 
stickender Lügen. 
Jede Charakteristik der Kriegsliteratur hat daher 
von den Gemeinsamkeiten auszugehen, die in der Welt- 
kultur der Cpoche von 1914 wurzeln. Der Propa- 
gandacharakter ist ebensowenig wie die Reklame oder
        <pb n="466" />
        380 
der Bluff eine Neuschöpfung des Weltkriegs. Den 
Rohstoff, die Technik und die Mache hat die voraus- 
gegangene Periode des Weltfriedens der Gegenwart 
geliefert. Nur die ungeheure Einseitigkeit der Ver- 
wertung unterscheidet den Augenblick von der jüngsten 
Vergangenheit. Sie erleichtert den überblick, den der 
Mangel vergleichender Statistiken der geistigen Pro- 
duktion sonst erschweren würde. Wissenschaftliche Zäh- 
lung und Sichtung werden jedoch erst möglich sein, 
wenn sich das in Deutschland Gesammelte mit allen 
Sammlungen des Auslandes zusammenzählen und 
vergleichen läßt. Vollständigkeit aller deutschen Druck- 
erzeugnisse erstrebt die Deutsche Bücherei in Leipzig. 
annähernde Vollständigkeit der gesamten Kriegslite- 
ratur sucht die Kgl. Bibliothek in Berlin zu erreichen. 
Als repräsentativ seien außerdem genannt die Kriegs- 
sammlungen der Münchener Hof= und Staatsbibkio- 
thek, der Stadtbibliothek und der Institutssammlungen 
des Kolonialinstituts in Hamburg, der Universitätsbi- 
bliothek in Jena u. des Historischen Seminars in Halle. 
Den Reigen der Propagandaliteratur eröffneten 
die Buntbücher (s. Bd. III, lexikalischer Teil), die 
nicht wie früher nur den Parlamenten vorgelegt wur- 
den, sondern auch in Volksausgaben erschienen. Von 
den Mächien des Vierbundes und des Zehnverbandes 
baben die Türkei und Bulgarien, Japan, Montenegro, 
Portugal und Rumänien auf die Veröffentlichung 
diplomatischer Aktenstücke verzichtet, während der Han- 
delstrieg die Vereinigten Staaten und von den Neu- 
tralen Argentinien, Holland, Norwegen, Schweden 
und die Schweiz ebenfalls veranlaßt hat, an das Ur- 
teil ihrer Untertanen und der Welt zu appellieren. 
Nach einer zum erstenmal in den letzten Balkankriegen 
ausgebildeten Technik haben Deutschland, Österreich- 
Ungarn, die Türkei, Frankreich, England und Belgien 
ihren Feinden in ausführlichen Beweisaufnahmen 
Verletzung der Kriegsregeln und der Gesetze der 
Menschlichkeit vorgeworfen, England im Rahmen der 
seinem Parlamente regelmäßig zugehenden „Mis- 
cellaneous-, die anderen Mächte in besonderen Bunt- 
büchern, die in Widerlegungen und Gegenangriffen 
mehrfach eine Fortsetzung gefunden haben. Auf dieser 
urkundlichen Basis baut sich ein Teil der Kriegslite- 
ratur auf, zunächst die zahlreichen Neuausgaben 
und Übersetzungen, an denen sich von den Mächten 
Deutschland. England und Frankreich und von den 
politischen Parteien die Sozialdemokratiet beteiligt 
haben, sodann die kritischen Bearbeitungen 
und Zusammenfassungem undendlich die Dar- 
stellungen der Kriegsursachen, deren Objek- 
tivitat jedoch, soweit sie überhaupt erstrebt wurde, 
durch den gewaltigen Einsag# des Krieges und die stete 
Rücksicht auf die eigenen Verbündeten gehemmt wer- 
den mußte. Die den Augenblick beherrschende Frage 
nach der Schuld an dem Weltbrande drückt der größe- 
ren Hälfte dieser Vorgeschichten den Propaganda- 
stempel auf, der in den nicht im Buchhandel erschiene- 
nen in alle Sprachen übersetzten Pamphleten der 
kriegführenden Mächte zum Selbstzweck geworden ist. 
1 Bernstein, Dokumente zum Weltkrieg (Berl., selt 1915, 
bis sert 16 Hefte). 
2 Beer, Regenbogenbuch (Bern 1915); 2 European war, col- 
lected documents relating to the outbreak of tbe Europenn 
ware (Lon?. 1915); Riemeyer und Strupp, Die völker- 
rechtlichen Urkunden des Weltkriegs I (Münch. u. Leipz. 1916); 
Fester, Die polit. Urkunden des Weltkreges (in Vorbereitung); 
Piloto, Das Friedensungebot der Mittelmächte (Tüb. 1917); 
Thomsen, Die englische und die deutsche Seesperre (Berl. 1917). 
IV. Kultur und Geistesleben 
Hieran reiht sich die ungeheure Kulturpropa- 
ganda, worin sich schon vor dem Kriege unsere 
Feinde in der Alten und Neuen Welt ausgezeichnet 
haben. Das Eigenlob, das in der Form eines durch 
Selbstkritik immerhin noch gezügelten Nationalstolzes 
im internationalen Verkehr schon im Frieden Rc- 
klamezwecken gedient hatte, hat in England, Frankreich, 
Italien und den Vereinigten Staaten die Form der 
Überlegenheit über die deussche Barbareiangenommen, 
die sich wie der Glaube an die überlegenheit der Zah- 
len nicht durch die quantitativ und qualitativ schwache 
deutsche Kulturliteratur, sondern nur durch die 
deutschen Waffen zerschlagen ließ. Was in Deutschland 
auf diesem Gebiete an Wertvollem und Bleibendem 
entstanden ist, knüpft an die Selbsteinkehr der gei- 
stigen Führer der Nation an, um alle inneren schlum- 
mernden Kräfte für die größte Entscheidung unserer 
Geschichte zu wecken; doch fehlt es auch da nicht an 
ideologischen Verstiegenheiten. Der Einsatz unserer 
Feinde läßt dagegen mit wenigen Ausnahmen trotz 
der englischen Wucht und der französischen Leidenschaft 
die Innerlichkeit vermissen. Sogar ihre religiöse 
Kriegsliteratur verirrt sich in Lästerungen, in 
Frankreich in dem Manifest der Katholiken, in England 
in einer apokalyptischen Literatur, die den Kaiser mit 
dem großen Tier und Deutschlands Daseinskampf mit 
der Schlachtbei Armageddonin Zusammenhangbringt. 
Als Angreifer haben unsere Gegner ihre Kriegs= 
ziele schon in den friedlichen Jahren der Einkreisung 
offen erörtert. Die Aufteilung der Türkei. die Zer- 
trümmerungs#sterreich-Ungarns und die Schwächung 
des Deutschen Reiches sind aus der Losung einzelner 
Politiker der Entente das Feldgeschrei des ganzen 
Zehnverbandes geworden, das die Negierungen eher 
steigerten als dämpften. In Deutschland und Öster- 
reich-Ungarn hat dagegen das militärische Verbot der 
öffentlichen Erörterung der Kriegsziele bis zum Herbst 
1916 unter Ausschluß des Buchhandels eine geheime 
Literatur zur Folge gehabt, die seit Freigabe der 
Kriegsziele erst teilweise der breiteren Offentlichkeit be- 
kanntgeworden ist. Auch ihre Besprechung muß einer 
späteren Zeit vorbehalten werden, da die mit den 
Kriegszielen zusammenhängenden Angriffe auf die 
Politik Bethmann Hollwegs erst durch seine Abwehr 
in den Gesichtskreis der Nation getreten sind und 
einen relativ sehr kleinen Leserkreis gefunden haben. 
Um so reicher konnte sich, in der Hauptsache von der 
Zenfur unbehelligt, die Literatur über die politische 
und wirtschaftliche Ausgestaltung Mitteleuropas 
entwickeln. Ihr entspricht im Lager der Gegner die Er- 
örterung einer den Wirtschaftskrieg fortsetzenden Han- 
delspolitik, die sich jedoch wegen der auseinander- 
strebenden Interessen der Entente weder an Zahl noch 
an Bedeutung mit derselben vergleichen läßt. 
Hinter den genannten Gruppen tritt die Geschichte 
des Krieges weniger an Zahl der Erscheinungen 
als an zeitgeschichtlichem Quellenwert naturgemäß 
stark zurück. Die Frontberichte und die offiziellen 
Zusammenfassungen abgeschlossener Operationen sind 
bis jetzt erst hier und da durch halboffizielle Darstel. 
lungen ergänzt worden. Die Kriegsberichterstatter 
müssen sich auf Stimmungsberichte beschränken. und 
auch die Kriegsteilnehmer liefern in ihren Erzählun- 
gen und Briefen in der Regel nur Farben zu einem 
Bilde, dessen Umrisse noch nicht festgestellt sind. Ne- 
ben wertvollen Urkunden für den soldatischen Geist be- 
gegnen uns gerade auf diesem Gebiet zahlreiche Erschei- 
nungen, die den literarischen Zusammenhang mit der
        <pb n="467" />
        Fester: Kriegsliteratur 
internationalen Sherlock- Holmes-Epidemie der Frie- 
denszeit nicht verleugnen können. Die Literatur über 
den Krieg als Berftbrer wurde schon im Eingange 
gestreist. Den Krieg als Gestalter zeigen die geo- 
graphischen Entdeckungsreisen nach okkupierten Ge- 
ieten, Beiträge zur Völkerkunde und populärwissen- 
schaftliche Bemühungen, die Erkenntnis fremden 
Volkstums zu einem nutzbringenden Gemeingut des 
eigenen Volkes zu machen, was dann wieder zu der 
Gruppe über die Kriegsziele hinüberleitet. 
Die sogenannte Neuorientierung der Völker, 
die noch weiter in die Zukunft weist als die Kriegsziele, 
hat wegen des Burgfriedens in den kriegführenden 
Ländern noch keinen der inneren Bewegung entspre- 
chenden literarischen Ausdruck gefunden. Soweit sich 
diese Gruppe bisher überschauen läßt, sucht nur in 
Deutschland die Literatur mit Parlament und Presse 
leichen Schritt zu halten, während anderwärts noch 
aum Anläufe gemacht worden sind, oder gar die in- 
neren Wandlungen und Revolutionen, wie in Ruß- 
land, sich fast ganz ohne literarische Vorboten zu voll- 
ziehen scheinen. 
Die abseits stehende Gruppe der Exulanten und 
der Fremdvölker der kriegführenden Mächte wird 
der späteren Zusammenfassung ähnliche Schwierig- 
keiten machen wie im Augenblicke dem bibliothekarischen 
Sammler. Soweit Berlin, Paris oder London als 
Erscheinungsorte genannt sind, zählen ihre Schriften 
auch unter die Propagandaliteratur der betreffenden 
Staaten. Im übrigen ist die Schweiz der Treffpunkt 
der Exulanten aus allen Teilen der Welt, mögen sie 
ihre Hoffnungen auf den Vierbund oder den Zehn- 
verband setzen; doch reicht der Propagandaeinfluß 
der feindlichen Lager auch über die Schweizer Grenze 
hinüber, so zwar, daß er sich in Lausanne und Bern 
vielfach kreuzt. 
Die im folgenden gegebenen übersichten über die 
Kriegsliteratur der einzelnen Länder halten sich an 
die Anlage der vorstehenden allgemeinen Kennzeich- 
nung. Die Auswahl der Büchertitel ist repräsentativ, 
hat aber natürlich bei dem augenblicklichen Stand der 
Sammilungen noch nicht den abschließenden Charakter 
durchgearbeiteter Literaturgebiete. 
A. Mierbund. 
Deutschland und Österreich-Ungarn. 
Die deutsche Literatur unseres Verbündeten läßt sich 
von der reichsdeutschen nicht treunen, weil der Erschei- 
nungsort für die Nationalität des Verfassers nicht 
maßgebend ist und der österreichische Buchhandel einer 
Bibliographie entbehrt. Hinrichs verzeichnete bis zu 
seinem Eingehen, Ende 1915, die deutsche Kriegs- 
literatur von Kriegsbeginn in 5 Heften. Seitdem 
ist man auf das Buchhändlerbörsenblatt und die sehr 
vom Zufall abhängigen und zersplitterten übersichten 
in Zeitschriften angewiesen. Die Auslandsliteratur 
wird besonders berücksichtigt im -Historischen Jahr- 
buch der Görresgesellschafte sowie im Weltwirtschaft- 
lichen Archiv-; häufige Besprechungen derselben finden 
sich in den „Preußischen Jahrbüchernz. Während 
viele Fachzeitschriften eingingen, widmeten sich ältere 
allgemeine und politische Zeitschriften, wie die = Süd- 
deutschen Monatshefte, Der Panther«, Die Hilfe-, 
„Das neue Deutschland, »Das größere Deutschland-, 
die = Sozialistischen Monatshefte“ und die jetzt auch 
in deutscher Sprache erscheinende ungarische Zeitschrift 
»Das junge Europa-, ausschließlich den Kriegspro- 
381 
blemen und stellten sich an die Seite der neuentstan- 
denen wie der Deutschen Politik-, der seit April 1917 
erscheinenden Monatsschrift „Deutschlands Erneue- 
rung-, der -Polnischen Blätter-, der Wirtschafts- 
geikung der Zentralmächte, des - Neuen Ostlandse, 
er vom Vorstand deutscher Förderer der ukrainischen 
Fräheitsbestrebungen herausgegebenen -Osteuropäi-= 
schen Zukunfte und der Halbmonatschrift für das po- 
litische, wirtschaftliche und geistige Leben im gesamten 
Osten „Der neue Orient“. Für größere Aussätze 
bildeten sich Sammlungen, deren Hefte in zwangloser 
Folge erschienen, wie Kriegsschriften des Kaiser- 
Wilhelm-Dank-; Jäckh, Der große Krieg; Derselbe, 
Deutsche Orient-Bücherei; Rohrbach, Die russische 
Gefahr; „Deutsche Kriegsschriften: (Bonn); Schüt- 
nrabenbüccher (Berl. 1917 ff.); -Weltkultur und 
eltpolitik= mit einer deutschen und österreichischen 
Folge; Kriegswirtschaftliche Zeitfragen; „Zeitspie- 
gele; Hettner, Die Kriegsschauplätze; Sammlungen 
von Professorenreden aus Berlin, Halle, Hamburg, 
Münster, Tübingen; -Zwischen Krieg und Frieden- 
Leipz., Hirzel); Flugschriften für Osterreich-Ungarns 
rwachene; Vereinsschriften der deutschen weltwirt- 
schaftlichen Gesellschaft«; = Flugschriften der Zentral- 
stelle für deutsch-türkische Wirtschaftssorgen-; = Län- 
der und Völker der Türkei, Schriften des Deutschen 
Vorderasien-Komitees. Unter den folgenden Titeln 
vermißte Schriften sind in einem dieser Sammelwerke 
enthalten, die in Dietrichs „Bibliographie der deutschen 
Zeitschriftenliteratur-ausgenommen werden sollten, 
schon um einen Begriff von der Fruchtbarkeit einiger 
Propagandaschriftsteller, wie Jäckh, Rohrdach und 
Naumann, zu geben. — Buntbücher (s. Bd. III). 
Vorgeschichte. Außer der Bd. I, S. 135, angeführten 
Literatur: Paul Herre, Weltpolitik und Weltkatastrophe 
1890—1915 (Berl. 1916); Graf Julius Andrässy, Wer 
hat den Krieg verbrochen? (Leipz. 1915); J. Haller, Der 
Ursprung des Weltkriegs (Tübing. 1915); E. Müller- 
Meiningen, Diplomatie und Weltkrieg, I (Berl. 1917); 
F. Luckwaldt, Die Vorgeschichte des Krieges (Danzig 
1915); Oskar Müller, Irrung und Abfall Italiens (Leipz. 
1915); W. Doerkes-Boppard, Das Ende des Dreibun- 
des (Berl. 1916. Bülowianer); Severus, Zehn Monate 
italienischer Neutralität (Gotha 1915; Pseudonym für einen 
deutsch-österreichischen guten Kenner ber römischen Verhält- 
nisse); Ottokar Weder, Osterreich und England (Warns- 
dorf 1915); Alexander Redlich, Der Gegensatz zwischen 
Osterreich= Ungarn und Rußland (Stuttg. u. Berl. 1915); 
Karl Mehrmann, Der diplomatische Kreg in Vorderasien 
(Dresd. 1916); H. Spies, Deutschlands Feind! England 
und die Vorgeschichte des Welttrieges (Berl. 1915); Alfred 
Hettner, Englands Weltherrschaft und der Krieg (Leipz. 
u. Berl. 1915); Graf Reventlow, Der Vamnpir des Fest- 
landes (Berl. 1916); Eduard Meyer, England (Stuttg. u. 
Berl. 1915); Felix Salomon, Der brutsche Imperialis= 
mus (Leipz. u. Berl. 1916); Gaston v. Mallmann, Eng- 
lands Schuld am Weltkriege (Berl. 1915); Heinrich Pohl, 
England und die Londoner Deklaration (das. 1915); Ed. 
Meyer, Nordamerika und Deutschland (das. 1915); Der- 
selbe, Der amerikanische Kongreß und der Welttrieg (das. 
1917); D. Schäfer, Die Vereinigten Staaten als Welt- 
macht (das. 1917); S. Hellmann, Deutschland und Ame- 
rika (Münch. u. Leipz. 1917); Richard Graßhoff, Belgieno 
Schuld, zugleich eine Antwort an Professor Waxweiler ; Berl. 
1915; vgl. Belgien, S. 385); Kurt Grelling, Anti-'’ao- 
cuse (Zürich 1916): Th. Schiemann, Em Verleumder 
(Berl. 1915); Max Beer, Greys Konferenzvorschlag (Bern 
1916); Herman Frobenius, Schwenern der Schcrcksals- 
stunde (Berl. 1915); Propagandaschriften der Nachrichten- 
sielle für den Orient. 
üüber Propaganda: A. Haas, Die Propaganda im Aus- 
land (Weimar 1910); K. Bücher, Unsere Sache und die
        <pb n="468" />
        382 
Tagespresse (Tübing. 1916); Derselbe, Die deutsche Tages- 
preise und die Kritik (das. 1917); G. Stoffers, Die Presse 
und der Kr.eg (Düsseld. 1915); A. Meister, Die deutsche 
Presse im Kriege und später (Münster#i. W. 1916); A. Jung, 
Die 7. Grohmacht im Kriege (Berl. 1916); P. D. Fischer, 
Der internanonale Nachrichtenverhr und der Krieg (Leipz. 
1915); G. v. Pacher, Die Dreiverbandspresse (das. 1915); 
W. Bauer, Der Krieg und die öffentliche Meinung (Tübing. 
1915,; Cincinnatus, Der Krieg der Worte#mttg. 1916). 
Kulturliteratur: -Flugschmiten des Kulturbundes deut- 
scher Gelehrter und Künstler und des Weltbundes der Wahr- 
heitsfreundes (W. Marten, über deutsche Barbaren und 
englische Kulturdokumente, die Lüge im Solde Englands, 
Berl. 1915); O. v. Baenigk, Deutschlands künftiger Ruf 
im Ausland (Greifsw. 1915); K. Hönn, Der Kampf des 
deutschen Geistes im Weltkrieg Gotha 1915); W. Goetz, 
Deutschlands geistiges Leben im Weltkrieg (das. 1916). 
Selbsteinkehr (val. unten, Neuorientierung): Fürst Bü- 
low, Deutsche Poluik (Berl. 1916); D. Schäfer, Von 
deutscher Art (s. Bd. I, S. 1 ff.); F. Meinecke, Die deutsche 
Erhebung von 1914 (Stuttg. u. Berl. 1915); P. Rohrbach, 
Welepolitisches Wanderbuch 1897— 1915 (Königstein u. 
Leipzig 1016); K. A. v. Müller, über die Stellung 
Deutschlands in der Welt (Münch. 1916); E. Marcks, 
Vom Erbe Bismarcks (Leipz. 1916); H. Delbrück, Bis- 
marcks Erbe (Berl. u. Wien 1915); R. Borchardt, Der 
Krieg und die deutsche Selbsteinkehr (Heidelb. 1915); L. 
Fulda, Deutsche Kultur und Ausländerei (Leipz. 1916); 
W. Sombart, Händler und Helden (Münch. u. Leipz. 1915);, 
Claß, Weimar und Potedam (Berl. 1917); A. Mat- 
thaei, Militarismus und Poteodamerei (Danzig 1915); 
D. Schäfer, Deutsche Kultur und ihre Aufgaben (Berl. 
1916); F. W. Foerster (der Münchener Pazifist), Die beutsche 
Jugend und der Weltkrieg (Leipz. 1910). Sodann sind nicht 
zu vergessen als schönste Dokumente deutscher Art: »Du mein 
Deutschland, Heimatbilder deutscher Künstler, deutsche Ge- 
dichte«, mit Gelertwort von Hans Thoma (Berl. 1915); Die 
schöne Heimat, Bilderaus Deutschland (Königstein i. T. 1915). 
Neligiöse Propaganda: -Der deutsche Krieg und der 
Katholizumus, Abwehr französischer Angriffe (heraus- 
gegeben von deutschen Katholten, Berl. 1915); Pfeil- 
schifter, Deutsche Kultur, Katholizismus und Welkkrieg, 
eine Abwehr des Buches La guerre allemande et le 
catholicome (Freib. i. B. 1916). 
Kriegsziele: K. Stavenhagen, Die Kriegsziele des 
Großrurfentums (Charlottenb. 19161; P. Nohrbach, Wo- 
her tam der Krieg? Wohin führt er? (Weim. 1916); Der- 
selbe, Rußland und wir (Stutig. 1915); F. W. v. Bissing, 
Die Kriegsz.ele unserer Feinde (Dresd. u. Leipz. 1916); 
H. Michaelsen, Deutsche Kriegögielkundgebungen (Berl.= 
Lichterfelde 1916); W. Weisbach, Kriegsziele und deut- 
scher Idealiemus Berl. 1915); = Flugschriften des Unabhän= 
gigen Ausschusses für einen deutschen Frieden= von D. Schä- 
fer u. a. (darunter -Zur Lages und -Nochmals zur Lage, 
Berl. 1916 u. 1917); -Durch deutschen Sieg zum deutschen 
Frieden= (das. 1917); Reden des Nationalaueschusses (von 
Harnack, Kahl u. a.); -Gedanken und Wünsche zur Gestal- 
tung des Fr.edens-, hrsg. von der Auskunfsstelle vereinigter 
Verbände i Beil. 1917); Trietsch, Kriensziele gegen Eng- 
land (das. 1015): Th. Scheidemann, Es lebe der Frieden 
(das. 1916): K. Haenisch, Wo steht der Hauptfeind? (das. 
1915); L. Brentano, Das ganze deutsche Volk, unser 
Schlachtruf und Kriegsziel (Münch. o. J.);= Vom Kriegs- 
grund zum Kr egsziele (Stuttg. u. Berl. 1916); E. Bran- 
denburg, Deutschlands Kmegsziele (Leipz. 1917); Oberst- 
leutnant Frobenius, Kricgsziele und Friedensziele (Berl. 
1917); C. Gurlitt, De Zmunft Belgiens (das. 1917); 
E. Zitelmann, Das Schicksal Belgiens beim Friedens- 
schluß 3. Aufl., Münch. u. Le.pz. 1917); A. Meister, Unser 
belgisches Kr.egsziel iMünsier i. W. 1917); „Kriegs= und 
Friedensziele= (Weimar 1917, bis jetzt 4 Hefte, von Rohr- 
bach, v. B. ssing, Karstedt, Bacmeister); J. F. Lehmann, 
Deutschlands Zutunft bei einem guten und bei einem schlech- 
ten Frieden Münch. 1917); A. Lanick, Klarheit über die 
Kriegsziele (Heidelb. 1917); H. Triepel, Die Freiheit der 
Meere und der künftige Friedensschluß Berl. 1917); J. 
Neumann= Frohnau, Die Freiheit der Meere (das. 1917). 
IV. Kultur und Geistesleben 
Mitteleuropa und Handelspolitik: H. Mühlestein, 
Deutschlands Sendung, ein neuer mittelenropdischer Böl- 
kerbund (Weim. 1914); K. Mehrmann, Grohdeutschland 
(Dresd. 1915); Derselde, Das neue Gleichgewecht der Staa- 
ten (das. o. J.); F. Naumann, Mitieleuropa (Berl. 
1915); E. Jäckh, Das größere Mitteleuropa (Weim. 19161; 
F. Naumann, Bulgar:en und Mitteleuropa (Berl. 1916) 
H. Herkner, Die wirtschaftliche Annäherung zwischen dem 
Deutschen Reiche und seinen Verbünderen (Münch. u. Leipz. 
1916); R. v. Battaglia, Em Zoll= und Wirrschaftsdünd- 
nis zwischen Osterreich-Ungarn und Deutschland (Wien u. 
Lewz. 1917); J. Wolf, Em deutsch-österreich= ungarischer 
Jollverband (Leipz. 1915); K. Kautsky, Die vereinigten 
Straaten Mitteleuropas (Stuttg. 1916); C. Irresberger, 
Das deutsch-österreichisch-ungarische Wirtschafts= und Zoll- 
bündnis (Berl. 1916); Graf J. Andrassy, Interessen- 
Solidarität des Deutschtums und Ungartums (Münch., Berl. 
u. Leipz. 1916); Geza Lucacs, Die deutsch-önerreichisch- 
ungarischen Handelsbeziehungen (Götring. 1916); E. Palyi, 
Das mitteleuropäische Weltreichdündn.8, gesehen von einem 
Nicht-Deutschen (Münch. u. Lewz. 1916); Luß Korod:, Die 
deutsch-magyarische Freundschaft (Berl. 1916); K. v. Win- 
terstetten, Berlin-Bagdad, neue Ziele mitteleurop#lischer 
Politik (Münch. 1916); K. A. Schäfer, Die Entwicklung 
der Bagdadbahnpolitik (Weim. 1916); K. Diehl; Deursh- 
land als geschlossener Handelsstaat im Weltkriege (Stuttg. 
u. Berl. 1916); H. Schumacher, Meistbegünsugung und 
Zollunterscheidung Münch. u. Leipz. 1916); Dertelbe, Ant- 
werpen, seine Weltstellung und Bedemng fur das deutsche 
Wirtschaftsleden (das. 1916); H. Levy, englische Ge- 
fahr für die weltwirtschaftliche Zukunft des Deutschen Reiches 
(Berl. 1916); R. Junge,. Das Problem der Europärtsierung 
orrentalischer Herrschaft (Weim. 1915): A. Dix, Bulgariene 
wirtschaftliche Zu. unfst (Leipz. 1916); H. Grothe, Türiich- 
Asien und seine Wirtschaftswerte (Frantf. a. M. 19106,; 
Leon Schulm ann,R Zur türtischen Agrarfrage (Weim. 
1910); M. Blankenhorn, Syrien und die deutsche Ar- 
beit (das. 1916); Franz Stuhlmann, Der Kampf um 
Arabien zwischen der Türkei und England (Hamb., Braun- 
schweig u. Berl. 1916); A. Ruppin, Syrien als Wut- 
schaftsgebiet (Berl. 1917); E. Zimmermann, Kann uns 
Mesopotamien eigene Kolonien ersetzen 7 (das. 1917); Der- 
selbe, Die Bedeutung Afrikas für die deutsche Weltpolirsk 
(das. 1917); O. Kasdorf, Der Wirtschaftskampf um Süd- 
amerita (das. 1916); B. Harms, Deutschlands Anteil am 
Welthandel und Welltschiffahrt (Stuttg., Berl. u. Leipz. 1916: 
L. Brentano, lver den Wahnsinn der Handelsfeindschaf. 
(Münch. 1916); W. H. Edwards, Englische Expansion 
und deutsche Durchdringung als Fakroren im Welihande! 
(Jena 1916); W. Vogel, Deutschlands Zurückdrängung 
von der See (Berl. 1916); H. Smidt, Japan im Welt- 
kriege und das Chinaoproblem (Bremen 1915); O. Karstedt, 
Deutschlands koloniale Not (Berl. 1917). 
Neuorientierung: F. Thimme, Vom inneren Frieden 
des deutschen W (Leipʒ. 1916); H. Preuß, Tas 
deutsche Voll und die Polilik (Jena 1916); F. Stier- 
Somlo, Grund= und Zuktunftsfragen deutscher Politil 
(Bonn 1917); W. Nathenau, Von kommenden Dingen 
(Berl. 1917); K. Böhme, Landwirtschaft und nanonal- 
liberale Partei (das. 1916); -Sozialdemokratie und nationale 
Verleidigunge, hrsg. vom Parteivorstand der sozialdemokra- 
tischen Partei Deutschlands Bern 1916); P. Lensch, Die 
deutsche Sozialdemotratie und der Weltkrieg (Berl. 1915); 
W. Zimmermann, Der Krieg und die deutsche Arbeiter- 
schaft (Jena 1915), K. Haenisch, Die deutsche Sozial- 
demokratie in und nach dem Welttriege (Berl. 1916); E. 
David, Die Sozialdemokratie im Weltkriege (das. 1915); W. 
Heine, Die politische Zukunft Deutschlands und die Sozial- 
demotratie (Stuttg. 1915); F. Thimme und C. Legien, 
Die Arbeiterschaft im neuen Deuschland (Leipz. 1915,; 
»Ein Wort an die unten und oben, von einem deutschen So- 
zialdemokraten- (A. Fendrich, Stuttg. 1916): H. Heine- 
mann, Die sozialistischen Errungenschaften der Kriegszen 
(Chemnitz o. J.); W. Heine, Zu Deunchlands Erneuerung 
(Jena 1916); K. Haenisch, Deutsche Sozialdemokraten 
und sozialdemokratische Deutsche (Chemnig o. J.); K. Ken- 
ner, Österreichs Erneuerung 1—II (Wien 1916—17); A.
        <pb n="469" />
        Fester: Kriegsliteratur 
Singer, Vom heutigen Deuisch-Olterreiß (Münch. o. J.); 
Munin, Osterreich nach dem Kriege (Jena 1915); W. v. 
Wannisch, Osterreich-Ungarn nach dem Kriege (Stutig. 
1917); O. Freiherr v. Dungern, Ballanprobleme (Münch. 
1917); Labor und Löwe, Wirtschaftliche Demobilisanon 
(Berl. 1916). 
Kriegsgeschichte: „Zwölf Monate Kriegsverlauf in amt- 
lichen Berichten= (Berl. 1915 ff.); „Kriegsberichte aus dem 
Großen Hauptquartier# (Stutig. u. Berl. 1915 ff.); »Der 
Krieg in den deutschen Schutzgebieten-, hrsg. vom Reichs- 
kolontalamt (Berl. 1915 f.); E. Seeger, Die Kampfplätze 
in West, Ost und Süd, alphabetisches Ortsverzeichnis der 
triegerischen Begebenheiten (Stuttg. u. Berl. 1915 ff.); „ÖOster- 
reichisch-ungarische Kriegsberichte# (Beihefte zu Streffleurs 
„ Militärblatte, Wien 1915 ff.); »Die Schlacht an der Marne- 
(Berl. 1916): Ostar Prinzvon Preußen, Die Winter- 
schlacht in der Champagne (Olbdenb. 1915); „Die Cham- 
pagne-Herbstschlacht-(Münch. u. Leipz. 1916); „Die Kämpfe 
um die Feste Vauxe (o. O. 1916); -Bei Süd= und Bug- 
armee 1915-, Kriegsberichte von Offizieren des A. O. K. 
Linsingen (Stuttg. 1917); Die Niederwerfung Rumäniens- 
(Berl. 1917); Scheibe, Die Seeschlacht vor dem Skager- 
rak (das. 1916); Kalau vom Hofe, Die kämpfenden 
Flotten (das. 1916); S. Toeche-Mittler, Das zwelte Jahr 
im Kampf zur See (das. 1916); K. Hollweg, Die Auf- 
gaben der deutschen Rotte im Weltkricg (das. 1916); „Jahr- 
buch des Norddeutschen Aoyd-(Brem. 1915/16); 2Der Krieg 
und die Seeschiffahrt= (das. 1916); S. Toeche-Mittler, 
2½ Jahre Verluste unserer Feinde zur See (Berl. 1917); 
A. Veltzt, Unter Habsburgs Banner (das. 1916); außer- 
dem viele Chroniken des Kriegsverlaufs und als einzige Ge- 
samtdarstellung von bleibendem Wert H. Stegemann 
#militärischer Mitarbeiter des Berner Bundes), Geschichte 
des Kriegs 1 (Stuttg. u. Berl. 1917). — -Bilderatlas zum 
Welttrieg= (Münch. 1915, bis jetzt 2 Bde.). 
Berichterstatter: Ganghofer, Kellermann, Prigge („Kampf 
um die Dardanellen, Weimar 1916), Moraht, Vogel u. a. 
(vgl. auch Schweden, Schweiz, S. 386). — Feldbriefe: 
„Briefe aus dem Felde 1914/15, hrsg. vom Märkischen 
Museum in Berlin (Oldenb. 1916); H. Nielsen, Nordschles- 
wigische Soldatenbriefe aus dem Welttrieg (Jena 1916); 
Leutn. G. v. Rohden (Tüb. 1916); Hauptmann Bölckes 
Feldberichtes (Gotha 1916). — Berichte von Mitkämp- 
ern: Unsere Seehelden= (Berl. 1915 ff.; I. Graf v. Spee, 
II. O. Weddigen); H. v. Mücke, Ayesha-Emden (das. 1915); 
Graf Dohna-Schlodien, S. M. S.-Möwe- (Gotha 1916);, 
Derselbe, Der Möwe zweite Fahrt (das. 1917); Freiherr 
v. Spiegel, Kriegstagebuch ?1| 207. (Berl. 1916); M. 
Immelmann, Meine Kampfflüge (das. o. J.); C. Möncke- 
berg, Unter Linsingen in den Karpathen (Stuttg. 1917)1 H. 
Wrobel, Acht Kriegsmonate in der asiarischen Türkei (das. 
1917); = Als Orbonnanzoffizier in Belglen, Frankreich und 
Serbien= (Münch. 1916); J. Weis, Mit einer bayerischen 
Division durch Rumänien (Diessen 1917); die Zeichnungen 
von A. Reich, -Unser deutsches Alpenkorps-- und -Mit mei- 
nem Korps durch Serbien= (Berl. 1916): Ernst Vollbehr, 
Kriegsbilder-Tagebuch und Bei der Heeresgruppe Kronprinz 
(Münch. 1915, 1917); P. König, Die Fahrt der-Deutsch- 
land--(Berl. 1916); viele Tagebücher (bei Mittler in Berlin 
u. a. O.). — Biographien: E. Bassermann, Tirpitz 
(Berl. 1916); Bernhard v. Hindenburg, Paul v. Hin- 
denburg (das. 1915); O. Krack, Generalfeldmarschall 
v. Bülow (das. 1916); Thoring, Die Mutter des Feld- 
marschalls v. Mackensen (das. 1916/; L. v. Pastor, Con- 
rad v. Hötzendorf (Wien u. Freib. 1916); Derselbe, Vittor 
Dankl (Freib. i. B. 1916). 
Kriegsschauplätze (s. auch die Literaturangaben zu den 
Beiträgen in Bd. I. S. 148—171, und Bd. II, S. 98—150): 
H. Fischer, Kriegsgeogravphie (Leipz. 1916); Hettners 
Sammlung (s. oben); A. Penck, Politisch = geographische 
Lehren des Krieges (Berl. 1915); O. Schulze, Die wich- 
tigsten Kanalhäfen (das. 1915): A. Penck, Die österreichi- 
sche Alpengrenze (Stuttg. 19161: St. Rudnyckyi, Der 
östliche Kriegsschauplatz (Jena 1915); J. Walther, Zum 
Kampf in der Wüste am Sinai und Nil (Leipz. 1916). 
Kriegstechnik (s. auch Bd. I. S. 235 ff., 273—284): K. F. 
Endres, Das Kriegsbuch (Münch. u. Leipz. o. J.); G. M. 
383 
Neureuther, Das Unterseeboot (Münch. 1915); H. Lü- 
dersdorff, Die Kunst des Kriegsflugs (Berl. u. Leipz. 
1916): R. Hennig, Die drahtlose Telegraphie während 
des Krieges (Berl. 1916). 
Orgonisation: E. v. Woinowich und A. Veltzé, Aus 
der Werkstatt des Krieges, ein Rundbleck über die organisato= 
rische und soziale Kriegsarbeit 1914/15 in Osterreich-Ungarn 
(Wien 1915); M. Rubner, Deutschlands Volksernährung 
im Kriege (Leipz. 1916); K. Th. v. Eheberg, Die Kricgs- 
finanzen (das. 1916); W. Rathenau, Deutschlands Roh- 
stoffversorgung (Berl. 1916; val. auch Bd. I, S. 382—408, 
und Bd. II, S. 350 fl., 388 ff.). 
Kriegsgefangene: Engelbert Krebs, Die Behandlung 
der Kriegsgefangenen in Deutschland (Freib. i. B. 1917); 
„Die Kriegsgefangenenlager im Bezirk des 4. Armeekorps- 
(Halle 1916). — Abbildungen: Backhaus, Die Kriegs- 
gefangenen in Deutschland (Siegen, Leipz. u. Berl. 1916); 
»Unsere Feinde, Charakterköpfe aus Kriegsgefangenenlagern- 
(Stuttg. 1916); Kriegsgefangene, hundert Steinzeichnungen 
von Hermann Struck, mit Begleitworten von Prof. Dr. 
F. v. Luschan (Berl. 1916). — Lagerzeitungen (s. Kriegs- 
zeitungen, Bd. III, lexikalischer Teil). 
Okkupierte Gebiete und Kriegszonen: Erhard, Aus 
Städten und Schlössern Nordfrankreichs (Bapaume 1916); 
„Zwischen Arras und Peronne= (Bapaume u. Münch. 
1916); -An der Somme= (das. 1917); »Vom westlichsten 
Teil der Westfronte, herausg. von der 52. Iuf.-Division 
(Herborn 1917); Mit Schleswig-Holsteinern an der West- 
front= (Münch. 1917); Französische Kunste, herausg. von 
einem deutschen Reservekorps (Bapaume 1917); O. Grau- 
toff, Kunstwerwaltung in Frr und Deutschland (Bern 
1915); Lille in deutscher Hande, herausg. von der »Liller 
Kriegszeitung (Lille 1915); E. Lüthgen, Belgische Bau- 
denkmäler (Leipz. 1916); R. Graul, Alt-Flandern (Dachau 
1915); W. Stein, Im Lande des weißen Adlers (Leipz. 
1916); Struck und Eulenberg, Slizzen aus Litauen 
(Berl. 1916); P. Rohrbach, Das Baltenbuch (Dachau 
1916)) Dasschöne Kurland= (Münch. 1916/: O. Grautoffs, 
Ostsee und Ostland 1 (Berl.-Charlottenb. 1916); W Wei- 
bel, Rußland 1 (Münch. 1916); A. v. Gutiry, Galizien 
(Leipz. u. Münch. 1916); F. Teutsch, Die Siebenbürger 
Sachsen (Leipz. 1916); O. Freiherr v. Dungern, Rumä- 
nien (Gotha 1916); Reisinger, Griechenland (Leipz. 
1916); L. Planiscig, Dentmale der Kunst in den südlichen 
Kriegsgebieten (W.en 1915); A. Veltzé, Aus dem Kricgs- 
land Ofterrech-Ungarn I. Vom Isonzo zum Balkan (Münch. 
1917); F. K. Endres, Die Türkeii das. 1916); W. Ph. Schulz, 
Welt des Islams I. Länder und Menschen (das. 1917). 
Krieg als Zerstörer: Russisches Zerstörungswerk in Po- 
len“ (Berl. 1916); „Ostpreußische Kriegshefte (das. 1916ff.); 
M. Bierfreund, Meine Erlebnisse als Gouverneur von 
Insterburg während des Russeneinfalls (Würzb. 1916); R. 
Müller, Drei Wochen russischer Gouverneur (Gumbinnen 
o. E. Schmidt-Lötzen, Von Masuren nach Sibirien 
(Schwerin 1916); P. Kannengießer, Leidensfahrten ver- 
schleppter Elsaß-Loehringer (Straßb. 1916); „Der Frank- 
tireurkrieg in Belgien, Geständnesse der belgischen Presse 
(Stuttg. u. Berl. 1915); P. Rohrbach, Massenverhetzung 
und Volkskrieg in Belgien (Berl. 1916); C. Clemen, Die 
deutschen Greuel in Belgien und Nordfrankreich nach dem 
offiziellen englischen Bericht (Bielef. u. Leipz. 1916); Die 
Beschießung der Kathedrale von Reims“ (herausg. vom 
Kriegsmmesterium, Berl. 1915). 
Bulgarien. 
A. Ischirkov, Lesconfins cdocidentauxdesterres Bul- 
gares (Lausanne 1916); Derselbe, Bulgarien, Land und Leute 
(Leipz. 1917, 2 Bde.); s. auch die Literaturangaben auf S. 80. 
Türkei. 
Außer den alten Zeitungen „Tanin“. „Ikdam- usw. 
erscheint seit dem Sommer 1915 . Hilal- in französischer 
Sprache. Zeitschriften: „Türk Jordu= (luerarische 
Halbmonatsschrift);-Donanma (Flottenzeitschrift); Ikti- 
saliat Medschmuasy“ (Wirtschaftszeitung):; „ Kuragös= 
(Wiptblatt); »Harb Medschmuasy= (Aullustrierte Kriegs= 
zeitung, seit Mai 1916/: „Haude= (türkIsch-deutsche hu- 
moristisch-satirische Wochenschrift). — Jahrbuch des türkischen
        <pb n="470" />
        384 
Flottenvereins und 1916.— La vérité sur la question 
Frienne, publié par le commandant de la IVWe ar- 
mee (Stambul 19160). Bgl. auch die Literaturangaben auf 
S. 70, 133 und 139. 
B. Dehnverband. 
England und Dominions. 
Ein guter Führer ist Lange-Berry, Books on 
the great war, an annotated bibliography of lite- 
rature issued during the European conflict I—IV 
(Lond. 1915—16; bis Juli 1916); er verzeichnet auch 
die nichtenglische Kriegsliteratur und gibt so einen Be- 
griff des in England Bekannten. Der angelsächsische, 
auch Amerika umfassende Charakter der englischen Li- 
teratur erhellt schon aus den häufigen gemeinsamen 
Esscheinungsorten London und Neuyork. 
Wie in Deutschland sind zu den alten Zeitschriften, 
unter denen „ National Review und „Nation= füh- 
ren, neue erstanden, wie „The new statesman-. Den 
deulschen Sammlungen entsprechen die »Oxford 
Pamphlets-- und -Papers for war time“. 
Vorgeschichte und Sinn des Krieges: Whywe are 
at war, br members of the Oxford faculty of modern 
history--(Oxsord 1914); E. J. Dillon, A scrap of pa 
(Lond. 1914); J. W. Heablam, The history of twelve 
days (das. 1915); Percy Fitzpatrick, The origin, causes 
and the object of the war (das. 1915); Holland Rose, 
The origins Cambridge 1915); Derselde, The develop- 
ment ofthe European nations 1870—1914 (Lond. 1916); 
Derselbe, Nationality as a factor in modern history (daf. 
1916); Gilben Murray, The foreign policy of E. Grey 
1900—1915 (Orford 1915); E. J. Dillon, From the triple 
to the quadruple alliance (Lond. 1915); G. W. Pro- 
thero, German policy before the war (das. 1916); J. A. 
Cramb, Germany and England (das. 1914); S. W. 
Allen, German)y. and Europe (das. 1915); Ramsay Muir, 
Britain'’s case against Germany (Manchester 1914); 
E. J. Dillon, Ourselves and Germany (mit einer Vor- 
rede des australischen Ministers Hughes, Lond. 1916); De- 
metrius C. Boulger, England's arch-enemy (das. 1914); 
G. H. Perris, Germany and the German Emperor 
(das. 1914); W. Wile, The German-American plot 
(das. 1915); Denis Garstin, Friendly Russia (das. 1915); 
R. W. Seton-Watson, Roumania and the great war 
(das. 1915); Derselbe, Tho Balkans, Italy and the Adria- 
tic (das. 1915); Noel Buxton und Charles Roden Bux- 
ton, The war and the Balkans (das. 1915); Crawsurd 
Price, L.ight on the Balkan darknese (das. 1915); F. 
S. Burnell, Australia versus Germany (das. 1915); 
Cassamally Jairagbhoy, India and the war (Bombay 
1914); Lord Cromer, Folitical and literary essays, 
Zih gerien (Lond. 1916); Derselbe, Abbas II. (das. 1916); 
A. Brome-Weigall, A bistory of events in Egypt 
krom 1708—1914 (Edinb. u. Lond. 1915); Philip Gibs, 
The soul of the war (Lond. 1916); „Sir Edward Grey- 
(das. 1915); Harold Spender, Herbert Henry Asquith 
(das. 191.50); Maccallum Scott, Winston Churcbill (das. 
1015); Herbert du Parcqd, David Lioyd Geoege (das. 1915). 
Kulturliteratur: Viele Broschüren und Monographien 
über Treitschte, Nietzsche und General v. Bernhardi als ein- 
zige Repräsentanten des Deutschtums: serner Thomas F. A. 
Smith, The soul of Germany, a twelve vears' study 
of ihe people from within 1902—1914 (Lond. 191.0); 
Charles Tower, Changing Germany (das. 1915); Ro- 
vertson Murray, Kultur and the German Blunder 
(Lond. o. J.); Ernest Belsort Bax, Germun culturec, Past 
and Present (das. 1915); G. K. Chesterton, The Bar- 
Darism of Berlin (das. 10141); Th. A. Cook, Kniser, 
Krupp and Kultur (das. 1915); W. P. Paterson, Ger- 
man culture (das. 1915); J. J. Chapman, Deutsch- 
land über Alles (Neuyork u. Lond. 1914): J. M. Robert- 
son, War and civilisation (Lond. 1915). 
Selbsteinkehr: Humphry Ward, Englands effort (Lond. 
1916); M. D. Petre, Rellectionsuofa Non-Combatantk das. 
1915); Will Irwin, Men, woman and war (das. 1916). 
IV. Kultur und Geistesleben 
Neligiöse apokalyptische) Literatur: Nur als Gruppebe- 
mertenswert; Einzeltitel finden sich bei Lange-Berry (s. oben#7. 
Kriegsziele: Norman Angel, Prussianism and its 
destruction (Lond. 1914,; F. Harrison, The German 
Peril (daj. 19155; J. A. Cramb, Origin and destinx 
of Imperial Britaln (bas. 1915); W. Eveleigh. South 
West Afrika (das. 1915); Annie Besant, The kurure ol 
Voung India (Madras 1915). 
Handelspelitif: The war on German trade, bints- 
for a plan of campaign- (mit Einleitung von Sidner 
Whitman; Londb. 191411 „The Standard-, How to cal 
ture German tracke (Lond., Neuyork u. Toronto 1911.; 
Perchy u. Archibald Hurd, The new empire parinership. 
Defence, Commerce, Policy (Lond. 1915). 
Neuorientierung: R. W. Seton-Watson, The war 
and democracy (Lond. 1915); A. W. Humphrey, Inter- 
national socialinm and tbe war (das. 1915). 
Geschichte des Krieges (s. auch Buntblcher, Bd. III): Die 
gleichen Kategorien wie in Deutschland; Ausschecdung des 
Wertvolleren ist vorläufig unmöglich. In dem Sherlock- 
Holmes-Kapitel bilden eine Spezialität die Erinnerungen von- 
englischen Spionen und Erzieherinnen in deutschen und ösfter- 
reichischen fürstlichen Häusern, die den in England sehr delieb- 
ten Hofklatsch mit angedlichen Enthüllungen über die deulsch- 
österreichische Kriegsverschwörung zu verbinden wissen. 
Frankreich. 
Außer dem -- Catalogue mensuel de la librairie 
française (Paris, Jordell) verzeichnen Spezialnum- 
mern des ZBulletin mensuel die in Frankreich und 
der französischen Schweiz erschienene Kriegsliteratur. 
„Le Musée de la guerre, revue genérale de tout ce 
qui a été publié et édité sur la guerre:, seit Februar 
1916 erscheinend, ist ein Sammelorgan für Mauer-= 
anschläge, Postkarten. Briefmarken. 8 blätter usw. 
Die Zahl der Zeitschriften hat sich anscheinend nicht 
wesentlich vermehrt. „Revne des Deux Mondes«, die 
von Lavisse geleitete »Revue de Paris, „Revue po- 
litique et parlementaire- usw. sind wie die entspre- 
chenden Organe in anderen Ländern ganz auf den 
Krieg eingestellt. Die „Pages Thistoire: (Paris, 
Berger-Levrault) sammeln in verschiedenen Serien 
alles offizielle Material, Buntbücher, Communiquss 
officiels, Kundgebungen der Parlamente, Körper- 
schaften, aber auch Zeitungsstimmen, Soldatenlieder. 
Kriegschroniken und längere Abhandlungen aller Urt, 
während in den 60 Centimes-Heften der auch von 
Belgiern benutzten -Pages actuelles (Paris, Bloud 
et Gay) die französische Kriegspsychose vorzugsweise 
zu Worte kommt. Auch in der monographischen Li- 
teratur überwiegt der hysterische Charakter, der sich 
durch seinen femininen Einschlag von der bornierten 
Gehässigkeit englischer Boxerpropaganda stärker un- 
terscheidet als der Poilu von dem Tommy der fran- 
zösisch-englischen Front. 
Kriegsursprung: P. Albin, D'Agadir à Sarajero 
1911—1914 (Par. 1915); A. Gauvain, Les origines de 
la guerre Européenne (das. 1915); Dves Guyot, Les 
causes et les conséquences de la guerre (das. 1915); 
J. L. de Lanessan, Les empires germaniques et la 
politique de la force (das. 1915); P. Saintyves, Les 
responsabilités de IAllemagne dans la guerre de 1914 
(das. 1914); E. Dandet, Les auteurs de la guerre de 
1914 I. Bismarck (das. 1916); -J’accusel, par un Alle- 
mand. (das. 1915); A. Pingaud, LItalie depuis 1870 
(das. 1914); E. Denis (mit Cheradame, ein im Prozeß 
Kramarsch vielgenannter Hauptagitator gegen den Bestand 
Osterreich-Ungarns), La guerre, causes imm édintes es 
lointuines (das. o. J.); E. Dürkheim und E. Denis, Qui 
a vonlu la guerre (das. 1915); E. Denis, La grande 
Serbie (das. 1915); S. Gargas, La question Boaniadque 
(das. 1914): P. Bertrand, LAutriche a voulu la grande 
guerre (das. 1916); Ch. Baillod, Pourquoi Fallemagne
        <pb n="471" />
        Fester: Kriegsliteratur 
de vait sairo la guerre (bas. 1915); P. Pilant, Leprn 
allemand, pourquol PAllemagne a voulu la guerre 
(das. o. J.); G. Blondel, La doctrine pangermaniste, 
la guerre Européenne (tas. 1915); Ch. Andler, Col- 
lection de doocuments sur le pangermanisme I. Le pan- 
Kermanisme cçontinental sous Guillaume II de 1888— 
1914, II. Le pangermanisme colonial (das. 1915—16); J. 
Aulneau, Lurguie Kaerr (das. 1015) M. or- 
schiller, L'Europe devant Constantinople (daf. 1910). 
Kulturliteratur (s. auch Buntbücher, Bd. III): P. Loti, 
La hyene enragéee (Par. 1916); G. Langlols, L'Alle- 
agsne Barbare (bas. 1915); „e lre rouge des atro- 
cités allemandes (das. o. J.); E. Daudet, L'#áme fran- 
aise et PT#éme allemande, lettres de soldats (das. o. J.); 
. Leroux, France et TAllemagne, les deux culiures 
(bas. 1915); T. de Wyzewa, La nouvelle Allemagne. 
Derrière ie front „Boche= (baf. 1915—16); Petit und 
Leudet, Les allemands et la science (mit Vorrede von 
P. Deschanel; das. 1916); G. Lenotre, Prussiens d'’hier 
t de toujourn (das. 1916); A. Chuquet, De Frédério 
4 Guillaume II (das. 1915); J. Grand-Carteret, Kal- 
ser, Kronprins et Comp. (Karikaturensammlung; das. 
1916); Ch. Andler, Les es de guerre et la doo- 
trine de Pétat-major allemand (das. 1915); J. Bedier, 
Les erimes allemands d'après des témoignages alle- 
mands (das. 1915). 
Selbsteinkehr: Comte de Fels, Limpérialisme frun- 
ęais (Par. 1916); J. Bertourieux, vérité (Genf 
1916); Derselbe, La Victoire (das. 1917); M. Capy, 
Une voix de femme dans la melée (bas. 1916). 
Neligion und Krieg: A. Baudrillart, La guerre 
allemande et le catholicisme (dazu Abum I—II, Illu- 
Ktationen im Stil des Livre rouge; Par. 1915); „L'Alle- 
magne et les alliés devant la conscience chrétienne, 
publications du comité catholique de propagande fran- 
Laise 4 Détranger= (das. 1915); Imbart de La Tour, 
T'opinion catholique et la guerre („Pages actnelles- 
26; das. 1915). 
Kriegsziele und Handelspolitik: Lieutenant Tolonel K. 
de D., Le partage de IAllemagne (Par. 1915); Les 
Prädictions sur Ia fin de PAllemagne, réunies par 
D’Arman-“ (das. o. J.); H. Lorin, La paix que nous 
voudrons (das. 1915); A. Auland, La paix future 
d'après la révolution frangaise et Kant (baf. 1915); 
ChKradame, La guerre européenne et la paix mon- 
struense que vondrait l' Allemagne (das. 1915); A. Rich- 
ter, La guerre actuelle et I’Europe de demain. Ce 
2%% sr# la palx de demain (das. 1915); L. Polier, 
forces de France d’hier et de demain (Lausanne 
Lar. 1915); B. Cambon, Notre avenir (Par. 1916); 
L#bbé Getterlé, Ce qu’était I'Alsace-Lorraine et oe 
zwells“ ser# (das. o. J.); F. Engerand, Les frontières 
rraines et la force allemande (das. 1916); M. Leroy, 
LAlsace-Lorraine, porte de Françe, porte d'Allemagne 
(das. o. J.); E. Driault, La république et le Rhin 
(das. 1916); G. Bielmont, L'’intéret de la France et 
PTintégrité de Autriche- Hongrie (das. 1915); Nabra 
Montran, La Syrie de demain (bas. 1616) G. De- 
morgny, (iI§7 „zueso Persane et la guerre (da 
G. Jéze, La Te#ton intégrale des dommnges causés 
par les faits de guerre (das. 1915); H. Hauser, Les 
méthodes allemandes d’expansion économique (dbas. 
5; bes Guyot, La province Rhénane et la West- 
phalie (das. 1915); P. de Mirecourt, Lecommerce fran- 
çuis aux mains des allemands (das. o. J.); „Conférence 
purlamentaire Iinternationale ducommerce (das. 1916). 
Neuorientierung: Ch. Rappaport, Jenn Jaurées 
(Par. 1915). 
Kriegsgeschichte (s. auch Buntbücher, Bd. III): Communi- 
qués ofticiels in „-Pages d’histoire#. Die künstlerisch her- 
vorragenden, vom französischen Kriegsministerium heraus- 
gegebenen „Documents de la section photographique de 
Tarme (Par. o. J., 20 Lieferungen); „La concentration 
allemande: (bas. 1914); Spezialkataloge des Verlags von 
Berger-Levrault, des französischen Mittler; Albin, Tous 
les journeaux du front (das. 1916, Verzeichnis der Kriegs-= 
zeitungen). Sichtung der Kategorien ist vorläufig unmöglich. 
Der Krieg 191017. 1I. 
l. 1916); 9 
385 
Belgien. 
Die Literatur teilt das Schicksal des Landes. Wäh- 
rend dieflämische, soweit sie nichtim Generalgouver- 
nement oder in Berlin unter den Propagandaschriften 
der Gesellschaft zur Pflege der deutsch-flämischen Be- 
ziehungen erscheint, nach Holland ausgewandert ist. 
wird die wallonische im Exil in Frankreich, der 
Schweiz, England und auch in Holland gedruckt, um 
von dort eingeschmuggelt zu werden. Brüssel als Er- 
scheinungsort ist in diesen Fällen Fiktion. Im -Bul- 
letin mensuel (s. oben, S. 384, Frankreich) ist daher 
nur ein Teil verzeichnet, ÜUbersetzungen ins Englische 
wohl sämtlich bei Lange-Berry (s. oben, S. 384). Die 
von der Regierung in Le Havre unabhängige, in Genf 
erschienene Wochenschrift „La Belgique indeépen- 
dante= ist wieder eingegangen. In ihr und den Zei- 
tungen muß man die belgischen Kriegsziele aufsuchen. 
In der Literatur herrschen die Anklagen gegen die 
deutsche Politik und Kriegführung vor. 
Die folgende Auswahl veranschaulicht schon in den 
Titeln die Richtung: 
„a Neutralitée de la Belique Edition offlcielle du 
honverperment. Belge-(Par. u. Nancy 1915; s. auch Bunt- 
ücher, Bd. III); Baron Beyens, L'Allemagne avant la 
guerre, les Causes et les responsabilinés (Brüss. u. Par. 
1915); A. de Bassompierre, La nuit du 2 au 3 aoct 
1914 au ministere des affaires étrangères de Belgique 
(Poitiers 1916); E. Waxweiler, La Belgique neutre 
et loyale (Par. u. Lansanne 1915); Considérations sur 
Tavenir de la neutralité Belge (Laufanne 1916); P. 
Nothomb, La barrieère belge (Par. 1916); Derselbe, 
Les barbares en Belgique (das. 1915); P. van Houtte, 
Le crime de Gulllaume II et la Belgique, récits d'un 
témoin oculalre (bas. 1915); M. Maeterlinck, Les 
débris de la guerre (bas. 1916); J. Massart, La presse 
Slandenine dans la Belgique occupée (Par. u. Nanchy 
1917); F. Passelecdq, Les déportations Belges à la 
lumiere des documents allemands (das. 1917): „Die 
Zukunst Belgiens, von einem Flamen= (Berl. 1917). 
Italien. 
Die Bibliographie der gesamten Literatur findet 
sich im „Bolletino delle publicazioni Italiane:. Die 
literarische Publizistik tritt stark zurück hinter der um 
so Uppiger wuchernden, die Straße beherrschenden 
Tagespresse. Unter den Zeitschriften sind am ergie- 
bigsten = Nuova Antologiae, die - Rivista di diritto 
internazionale und die neue= Rivista delle Nazioni 
Latine (mit Salveminis Aussätzen über den Drei- 
bund). Dem Modell der -Pages histoire nach- 
gebildet sind die -Quaderni della guerra= (Mailand). 
Repräsentative Monographien: 
G. Ferrero, La guerra Europea (Mailand 1915); 
ilareti, La conflagrazione Europes e TlItalia (Lan- 
ciano 1915); G. Prinzivalli, Gli Stati belligeranti 
(Mailand 1915); G. Preziosi, La Germania alla con- 
duista dell’ Ltalia (Florenz 1916); Ezio M. Gray, L'in- 
vasione tedeson in Italia (das. o. J.); G. A. Borghese, 
Italia e Germania (Mailand 1915); Salvatore Barzi- 
lai, Sulla necessiti della nostra guerra (in Neapel am 
29. September 1915 gehaltene Rede; das. 1915). Offizielle 
-otsaphssche Aufnahmen von den Kriegsschauplätzen an 
Alvengrenze und in Albanien enthält „La Guerra- 
(Mailand 1916). 
Rußland. 
In englischer übersetzung: G. Alexinsky, Russia and 
the great war (Lond. 1915); G. de Wesselitsky, Russla 
and demoerncy, the German ennker in Russin (das. 
1915); ferner Dourdenevsfki, Le régime de la presse 
en Russie et son projet de réforme (Par. 1914); Rou- 
baline, La Russie qui s'en va et ln Russie qui vient 
(Lausanne 1916). Vgal. auch die Literaturangaben auf S. 57. 
25
        <pb n="472" />
        386 
Serbien. 
W. M. Petrovitch, Serbia, her people, histo 
and aspirations (Lond. 1915); Balcanicus, La Bul- 
rie, des ambitions, au trahison (Par. 1915); J. Cvijiéc, 
H### Balkaniques (Par. u. Neuchatel o. J.). 
Bereinigte Staaten. 
Ein vortreffliches Hilfsmittel der Orientierungs- 
Möglichkeit für die Zeit vor dem Kriege ist die inter- 
nationale Bibliographie des Kongreßbibliothekars 
Hermann H. B. Meyer, List of references on Europe 
and international politics in relation to the present 
issues (Washingt. 1914). Ist eine Fortsetzung erschie- 
nen, so ließe sich später der ganze literarische Apparat 
der Regierung überschauen. Die Presse zeigt nur die 
Reklameschilder des amerikanischen Lebens. Einen tie- 
feren Einblick in die Kriegsstimmungen eröffnen die 
Zeitschriften „The North American review“, -Ame- 
rican review of reviews“, „New Republice usw. 
Den Bluffcharakter können freilich auch sie ebenso- 
wenig ganz verleugnen wie die bisher zu unserer 
Kenntnis gelangte Literatur. Als repräsentativ kön- 
nen angesehen werden: 
Th. Roosevelt, America and the World war (Lond. 
1915); Derselbe, Why America should join the allies 
(das. o. J.); Derselbe, Fear God and take your own part 
(das. 1916); H. D. Wheeler, Are we ready , a study 
of the preparedness for war in the U. St. (das. 1915); 
H. Maxim (Munitionsfabrikant), Defenceless America 
(Lond., Neuyork u. Toronto 1915); H. Titcher Okie 
(hoher Justizbeamter mit tiefster Unbildung), Ameerica and 
the German peril (Lond. 1915); K. Usher (Professor in 
St. Louis), Pan-Americanism (das. 1915): E. F. Bald- 
win, The world war, how it looks to the nations in- 
volved and what it menns to us (Neuyork 1914): J. 
Shield Nicholson, The neautrality of the U. St. in rela- 
tion to the Britich and German Empires (Lond. 1915); 
J. M. Beck, The evidence in the case (das. 1915); 
Poultney Bigelow, Prussian memories 1864— 1914 (das. 
1916); W. R. Thayer, Germany vs civilization (Boston 
u. Neuyork 1916). — Deutschfreundlichen Charakter tragen: 
I. W. Burgeß (Austauschprofessor), The European war 
of 1914, its causes, purposes and probable results 
(Chicago 1915, auch deutsch); G. Stuart Fullerton, The 
truth about the German nation (Mürch. u. Berl. 1916); 
H. Münsterberg (Deutschamerikaner), The war and Ame- 
rica und The peace and America (beide Leipz. 1915); R. 
J. Thomson, Der deutsch-englische Krieg im Urteil eines 
Amerikaners, Brief an den amerikanischen Staatssetretär 
(Berl. 1915). — Die amerikanischen Weißbücher (European 
war, bis jetzt 3 Hefte), s. Buntbücher, Bd. III. Dazu noch 
W. B. Hale, American rights and British pretensions 
on the seas, the facts and the documents, official and 
other, bearing up the present attitude of Great Britain 
towards the commerce of the U. St. (Neuyork 1915); 
Derselbe, Peace or war? (Organization of American 
women for striet neutralit 1917). 
C. Neutrale Mächte. 
Schweiz. 
Der literarische Fremdenverkehr ist größer als die 
Eigenproduktion. Auch Zeitschriften, wie die 1915 
gegründete-Internationale Rundschau-(Zürich) und 
die 1914 ins Leben gerufene - Revue politique inter- 
nationale (Paris, Lausanne) sind nur Gäste. Das 
gleiche gilt von der „Friedenswarte-, dem Organ des 
Pazifismus. Die Militärschriftsteller der Schweiz 
suchen französische oder deutsche Verleger (Stege- 
mann, Tanner usw.), Die Berichte des Bundesrats 
s. Buntbücher (Bd. III. lexikalischer Teil). Dazu ver- 
leiche man Kriegszeit-Reden Schweizerischer Bun- 
räte= (Zürich 1915). 
IV. Kultur und Geistesleben 
nenswert für die verschiedenen Standpunkte: H. 
Bächtold, Die geschichtlichen Grundlagen des Weckltriege 
(Zür. 1915); Derselbe, Die nationalpolitische Krisis in 
Schweiz und unser Verhältnis zu Deutschland (Bas. 1916); 
Derselbe, Zum Urteil über den preußisch -deutschen Staat 
(das. 1916); C. Spitteler, Unser Schweizer Standpunkt 
(Zür. 1915); Th. Vetter, Die Kulturbedeutung Englands 
(das. 1915); J. Erni Die europäische Union als Bedin- 
gung und Grundlage bes dauernden Friedens. (das. 1915); 
A. Bonnard, La patrie suisse et IImpérialisme (Genf 
o. J.); P. Balmer, Les Allemands ches eux pendant 
la guerre, impressions d'un neutre (Par. 1915); Andre 
Oltramare, Kiodependane de notre presse (Opi- 
nions sulsses, Genf 1917). 
Holland. 
Alle Neuerscheinungen und eine Auswahl deutscher, 
englischer und französischer Werke verzeichnet mionat- 
lich die „Nederlandsche Bibliographiee (Leiden). 
Inwiefern die Literatur den zwiespältigen Eindruck 
der Presse ergänzt und berichtigt, läßt sich noch nicht 
abschätzen. Zu den Orangebüchern (s. Buntbücher, 
Bd. III), vgl. auch: Hollands Not, der niederlän- 
dische überseetrust= (Bern 1916). — Deutschfreund- 
liche Stimmen: J. H. Valckenier Kips, Der deutschhe 
Staatsgedanke (Leipz. 1916); J. H. Labberton, Die 
sittliche Berechtigung der Verletzung derbelgischen Neu- 
tralität (Berl. 1916); Domela Nieuuenhuis Nije- 
Sgaard, Flandern vom südlichen Zwange befreit (die 
edeutendsten niederländischen Flugschriften 1—2, 
Leipz. 1916). — Gegner: H. Dunlop, The supreme 
will or the danger of a premature peace (Haag 
1916). Den-Telegraaf. übertrifft an erfolgreicher 
Gehässigkeit der Karikaturist Louis Raemakers mit 
seinen kolorierten Zeichnungen, die, nicht auf das Po- 
dium eines politisch-satirischen Blattes wie „Punch- 
oder -Simplicissimus= gestellt, sein großzes Talent in 
einen Sumpf geführt haben, dessen Pesthauch bis 
nach Amerika gedrungen ist. 
Skandinavische Staaten. Schweden. 
Blaubücher, s. Buntbücher (Bd. III). Halb- 
offiziös: Karl Hildebrand, Desvenska Statsmak- 
terna och Krigstidens Folkshushällning (Stockh. 
1915—16)0. Ihren hohen Nang verdankt die schwe- 
dische Kriegsliteratur vor allem dem Verfasser der 
»Großmächte der Gegenwart-, Rudolf Kiellen, Pro- 
fessor in Upsala, dessen = Politische Probleme des 
Weltkrieges= (deutsch, Leipz. u. Berl. 1916) vielleicht 
das gehaltvollste Buch über den Weltkrieg sind. Seine 
Bücher (außerdem: »Die Ideen von 19144., Leipz. 
1915) und die Schriften der Aktivisten Sven Hedin 
(„Ein Volk in Waffen«, Nach Osten-; Leipz. 1915 
bis 1916) und Gustav F. Steffen (2 Krieg und Kul- 
tur-, -Demokratie und Weltkrieg:,-Weltkrieg und 
Imperialismus-, Jena 1915—16) haben sich auch. 
in der deutschen Literatur einen Platz erobert. 
Außerdem: E. Wi giork s, Världekriget och Värld- 
frieden (Stockh. 1915); E. Th. af Wirsén, Förstra 
Världskrigs Aret (das. 1915); C. N. TCarleson, Varlds 
kriget, en mansälders stormaktspolitik (daf. 1915) 
Derselbe, Världskrigets Kulturfejd (bas. 1915); E. Lilje- 
dahl, Sverige och Kriget (Upsala 1915); A. Nyström, 
Före under och efter 1914 (Stockh. 1915); Annie Wall, 
Ein irregeführtes Volk, Eindrücke einer Neutralen aus RKom, 
Winter und Frühjahr 1915 (Wien u. Leipz. 1916). 
Däuemark und Norwegen. 
S. Buntbücher in Bd. III (lexikalischer Teil). Der 
unmittelbare Druck, unter dem beide Länder stehen, 
hindert wohl eine literarische Entfaltung wie in Schwe-
        <pb n="473" />
        Fester: Kriegsliteratur 
den. In Dänemark wirkt deutschfreundlich vor allem 
Karl Larsen (Professor Bedier und die Tagebücher 
deutscher Soldaten, Deutschlands Nationalmilitaris- 
mus, Berl. 1915), in Norwegen Björn Björnson 
(„Bom deutschen Wesen, Impressionen eines Stamm- 
verwandten-, das. 1917). 
über spanische, ostasiatische (Pyau Ling, Bei- 
träge zur neueren Geschichte Chinas, Berl. 1917, in 
„Schriften des deutsch-chinesischen Verbandes= und 
„China-Archive) und südamerikanische Literatur 
ist ein Bericht erst nach Wiedereröffnung des Welt- 
verkehrs möglich. Das gleiche gilt von Griechen- 
land, dessen Zeitungen bis zur Saloniki-Expedition 
wenigstens fragmentarisch zu uns gelangten. Außer- 
halb Griechenlands erschienen: 
latytas, La neutralité Hellénique et le traité 
Gréco-Serbe de 1913 (Freib. i. 1. 1916); C. Kerofilas, 
Venizelos (mit Borrede von Take Jonescu; Lond. 1915); 
Le Guet-Apens du ler décembre 1916 à Atheénes Do- 
cuments, L'union hellénique= (Genf 1917). Ülber die 
#Ebrüger, Lagerzeitung „Neon Asty. s. Kriegszellungen 
( . . 
D. Fremdvälker. 
Obwohl die Bearbeitung dieser Gruppe den Frie- 
den voraussetzt, verlangt die Gegenwart doch eine 
Zusammenstellung des vorläufig Erreichbaren. 
I. Englische Fremdvölker. 
Irland: Roger Casement, The erime against 
Europe, the causes of the war and the foundations 
of peace (Berl. 1915, auch deutsch); Derselbe, Ge- 
sammelte Schriften (Münch. 1916); Chatterton- 
Hill, Irland und seine Bedeutung für Europa (Berl. 
1916); Derselbe, Lettre ouverte à Maurice Barres 
(Bern 1916); Derselbe, Irische Blätter (-Zeitschrift 
der deutsch -irischen Gesellschafte, Berl., seit 1917); 
»Von einem amerikanischen Iren, Britisches gegen 
deutsches Imperiume (mit Vorwort von R. Casement; 
Berl. 1915). 
Indien: Ganga- rao Bramputr, Indien, seine 
Stellung zum Weltkrieg und zu seiner Zukunft (Tü- 
bingen 1916); British rule in India, comdemned 
by the British themselves, published br the Indian 
national party.(Lond. 1915; auch deutsch, Berl. 1916); 
?„ Ist Indien loyal 74 Veröffentlicht von der indischen 
Nationalpartei; W. J. Bryan, Secretary of State 
of the U. St. of America on British rule in India 
(1906; englischer und deutscher Neudruck o. J.). 
Agypten: M. M. Rifat (Präsident des ägyp- 
tischen Nationalkomitees), Die Knechtung Agyptens 
(Berl. o. J.). 
II. Russische Fremdvölker. 
Revelstein, Die Not der Fremdvölker unter dem 
russischen Joche (Berl. 1916); C. C. Eiffe, Zwei Mil- 
lionen Deutsche in Rußland, Rettung oder Unter- 
gang?, eine Denkschrift (Münch. 1915); Der Koloß 
387 
auf tönernen Füßen, hrsg. von A. Ripke (das. 1916); 
Inorodetz, La Russie et les peuples allogenes 
(Bern 1917). 
Ukraine: Literaturangaben in der Osteuropäischen 
ukunfte und den . Ukrainischen Nachrichten«. »Die 
aine und der Krieg-, Denkschrift des Bundes zur 
Befreiung der Ukraine (Münch. 1915); Dmytro 
Donzow, Die ukrainische Staatsidee und der Krieg 
gegen Rußland (Berl. 1915); S. Puluy, Ukraina 
und ihre internationale politische Bedeutung (Prag 
1915); = Dokumente des polnischen Russophilismus, 
mit einer Einleitung: Die russische Propaganda und 
ihre polnischen Gönner in Galiziene, hrsg. vom All- 
gemeinen ukrainischen Nationalrat in Österreich (Berl. 
1915); E. Lewicky (Mitglied des österreichischen 
Reichsrats), Ukraine, Ukrainer und die Interessen 
Deutschlands (das. o. J.); Derselbe, Osteuropäische 
Probleme und der Krieg (das. 1916). 
Polen: „Die Ostmark., Zeitschrift des deutschen 
Ostmarkenvereins,-Polnische Blätter# und-Revuede 
Pologne= (Paris). Dmytro Donzow, Groß-Polen 
und die Zentralmächte (Berl. 1915); Das Los der Polen 
in Rußland und Österreich (Wien 1916); PrinzCzar- 
toryski, Müssen Deutsche und Polen sich immer be- 
fehden 7 (Stuttg. u. Berl. 1915); St. Przpenstews ly, 
Von Polens Seele (Jena 1917); E. v. Slepowron, 
Polen in Ost und West (Bern 1916); Germano---Ju- 
Daeus, Deutsch, Polnisch oder Jiddisch? (Berl. 1916); 
R. Kucharfki, Poland's struggle for independence, 
with a foreword by Lord Weardale (Lond. 1916). 
Litauen: A. Paulukat, Litauische Hoffnungen 
(Halle 1915). 
Balten: „Stimmen aus dem Osten-, Aufsätze 
und Informationen für Tageszeitungen über Finn- 
land, baltische und russische Fragen (Berl. 1915); „Ost- 
land-- (Charlottenb. 1915fff.; Zeitschrift für den Wie- 
deraufbau u. die Neubebauung der östlichen Marken); 
»Die deutsch-lettischen Beziehungen in den baltischen 
Provinzen, von einem Balten-(Leipz. 1916); »Die 
deutschen Ostseeprovinzen Rußlands-, von Kennern 
der Baltischen Provinzen (Berl. 1915); Silvio Broed- 
rich-Kurmahlen, Das neue Ostland (Charlottenb. 
1915); B. Marquart, Die landwirtschaftlichen Ver- 
hältnisse Kurlands, I (Berl. 1916); A. v. Engel- 
hardt, Die deutschen Ostseeprovinzen Rußlands 
(Münch. 1916). — Karte der baltischen Provinzen 
Liv-, Est-und Kurlande mitvergleichenden statistischen 
Angaben über Größe, Bevölkerung und Wirtschaft 
(Leipz. o. J.). 
Finnen: „Stimmen aus dem Osten« (s. oben, 
Balten); F. Wetterhoff, Finnland im Lichte des 
Weltkriegs (Berl. 1916). 
III. Aftatische Fremdvölker. 
Michael v. Tseretheli. Georgien und der Weltkrie 
(Weim. 1916); Derselbe, Die Rechte Georgiens (Ber 
1917); K. Kaukasielli, Der Kanukasus im Weltkrieg 
(Weim. 1916).
        <pb n="474" />
        V. Recht und VWolkswirkschaft 
Arbeitsnachweis und Arbeitsmarkit 
von Professor Dr. J. Jastrow in Charlottenburg 
Arbeitsnachweis. Auf keinem Gebiete der öffent- 
lichen Verwaltungsetzte der Hauptschaden aller gemein- 
nützigen Tätigkeit, das Ein= und Vordrängen unberu- 
fener Helfer, so früh und so stürmisch ein wie auf dem 
des Arbeitsnachweises. Der Beginn des Krieges fiel 
in die Zeit der Ernte. Um diese zu bergen, ergossen in 
den ersten Augusttagen 1914 allerhand städtische Or- 
anisatoren unbrauchbare Arbeitskräfte über die wehr- 
osen Landwirte und unbrauchbare Vorschläge über die 
nochwehrloseren Behörden. Um den bereitsbestehenden 
ordnungsmäßigen Verwaltungszweig der Arbeits- 
vermittlung vor einer Überrennung zu bewahren und 
die freiwilligen Kräfte unter tunlichst schonender Be- 
handlung des Betätigungstriebes sowohl heranzu- 
iehen wie angemessen zu beschränken, wurde für die 
ermittlung im Reichsamt des Innern eine Reichs- 
zentrale der Arbeitsnachweise geschaffen, der 
alsbald die Entwicklungstendenz auf eine dauernde 
Einrichtung hin gegeben wurde. Aus dieser Zentrale 
ging, nachdem ihre erste Aufgabe, die Erntebergung, 
gelungen war, die schon im Geieden lange vergebens 
geforderte Reichseinrichtung zum Ausgleich von An- 
ebot und Nachfrage auf dem deutschen Arbeitsmarkt 
hervor. Zunächst Rewwintg. seit Frühjahr 1915 auf 
Grund einer Meldepflicht, werden zweimal wöchent- 
lich (Mittwoch und Sonnabend) aus allen Gegenden 
des Reiches an das Statistische Reichsamt die offenen 
Stellen und Arbeitsgesuche berichtet, die am Orte nicht 
erledigt werden konnten, und jedesmal am Montag und 
Donnmerstag Mittag in einem . Arbeitsmarkt-Anzei- 
er. (Nr. 1 vom 14. August 1915) zusammengestellt, 
er an sämtliche angeschlossenen Arbeitsnachweise ver- 
schickt wird. Während so die wirkliche Arbeitsvermitt- 
lung Angelegenheit der bestehenden Nachweisanstallen 
blieb, gewann die Zentrale an den ausländischen Ur- 
beitern (sowohl Unterbringung wie auch Entfernung) 
und an den Kriegsgefangenen einen selbständigen, 
recht eigentlich dem Reiche zukommenden Arbeitsgegen- 
stand. Ahnliche Aufgaben von Reichs wegen stellten 
ihr die Beschaffung von Arbeitskräften für Festungs- 
und Schanzarbeiten, für die Betriebe der Militär- und 
Marineverwaltung überhaupt sowie die Unterbrin- 
gung der aus Festungs-- und bedrohten Gebieten ent- 
fernten Bevölkerung. 
Die Reichszentrale hat unbestritten insofern um- 
# taltend eingewirkt, als sie den Zug zur Zentra- 
isierung überhaupt beförderte. Von den süddeut- 
schen Staaten besaßen Württemberg, Baden und 
Elsaß= Lothringen bereits Landesorganisationen, 
Bayern sogar eine bis auf jede Gemeinde des König- 
reichs hinuntergeführte und um die Hauptvermitt- 
lungsstellen der acht Kreise gruppierte Gliederung. 
Hier konnte Überall an Bestehendes angeschlossen wer- 
den, um zunächst den örtlichen und provinzialen Zu- 
ammenschluß so vollständig auszugestalten. daß er 
t die Berichterstattung an die Reichszentrale eine 
ausreichende Unterlage gewährte (in München: je eine 
Arbei#tsgemeinschaft sähhulicher Stellenvermittlungen 
für Gewerbe und für Hauswirtschaft im Anschluß an 
as Städtische Arbeitsamt, V 1914 und Dez. 1915; 
in Straßburg: Verordnung des Gouverneurs der 
Festung vom 12. Febr. 1916 wegen Anschlusses sämt- 
licher nicht gewerbsmäßiger Stellenvermittlungen; in 
Mannheim: Anschluß der letzten Fachnachweise und 
einer neubegründeten Zentrale der Angestelltenver- 
bände an den öffentlichen Arbeitsnachweis in den 
ersten Monaten des Krieges). Ahnliche Einsatzpunkte 
waren für Mitteldeutschland in dem um Frankfurt 
gelagerten Rhein-Main-Verbande vorhanden. Un- 
glei weniger vorbereitet war Norddeutschland. In 
em besonders zersplitterten Wirtschaftsgebiet von 
Groß-Berlin half sich der Verband märkischer Arbeits- 
nachweise zunächst mit einer „Zentrul = Auskunfts- 
stelle- (22. August 1914), die später (Sept. 1915) an 
einen aus Behörden, Korporationen und Verbänden 
ebildeten Verein mit einem Beirat Überging. Diese 
telle, die zu Anfang auch selbst vermittelte, besc ränkr 
sich später auf die Weitergabe unerledigter Gesuche an 
die einzelnen Nachweise. Zu ähnlichen Zwecken bil- 
deten sich die „Arbeitsgemeinschaft Breslauer Arbeits- 
nachweisec, eine Zentrale in Köln (mit elf Zweigstellen 
im Bereich des Verbandes Rheinischer Arbeitsnach- 
weise) sowie innerhalb des niedersächsischen Verbandes 
örtliche Jusammenschlüsse in Hildesheim, Braun- 
E * üneburg, Osnabrück, Oldenburg. Beson- 
dere Aufgaben erhielt die Zentralstelle des Ostpreu- 
ßischen Verbandes in der Heranziehung namentlich 
von Bauarbeitern aus anderen Provinzen; ihr wurde 
auch der Arbeitsnachweis für Kriegsbeschädigte an- 
egliedert. Der Entziehung von Arbeitern aus der 
Pr#inz trat das Generalkommando durch ein Verbot 
der Arbeiteranwerbung im Bezirk des I. Armeekorps 
entgegen. Die Einrichtung derartiger Zentralaus- 
kunftsstellen wurde den bestehenden Verbänden durch 
die Behörden ans Herz gelegt (Erlasse des Reichskanz- 
lers vom 11., des preußischen Handelsministers vom 
21. Mai 1915 u. a. m.). Später wurde durch An- 
ordnung des Kriegsministers der Name auf provin- 
ziale Auskunftsstellen übertragen. Sehr früh und 
entschieden ging Hamburg vor, wo das Aufhören der 
Schiffahrt eine überfüllung des Arbeitsmarktes her-
        <pb n="475" />
        Jastrow: Arbeitsnachweis und Arbeitsmarkt 
beizuführen drohte und die Organisationsseite des- 
wegen besonders schwierig lag, weil ein ungewöhnlich 
Froßer Teil der Vermittlungstätigkeit in den Händen 
ceiner Arbeitgebernachweise war. Durch Senats- 
beschluß vom 14. August 1914 wurde in dem dortigen 
Statistischen Amt die = Landeszentrale für Arbeits- 
nachweise als staatliche Einrichtung geschaffen. — 
Infolge des Anwachsens der Kriegsindustrien einer- 
seits, des Erlöschens von Exportbetrieben und des 
Rohstoffmangels anderseits traten in der Nachfrage 
und im Angebot von Arbeitskräften so bedeutende 
Verschiebungen ein, daß in manchen Gegenden des 
Reiches der Ausgleich sich gesteigerter Mittel bedienen 
mußte. Um wenigstens innerhalb desselben Ver- 
bandsgebietes die Arbeitsnachweise über die Vor- 
änge in den einzelnen Landesteilen auf dem lau- 
enden zu erhalten, kehrten mehrere Verbände zu 
dem System der Stellenlisten zurück, wie es in den 
Anfangszeiten der Arbeitsnachweisentwicklung üblich 
gewesen war. 
Der überzeugung von der Notwendigkeit des ge- 
setzlichen Ausbaues der Arbeiktsnachweise gab am 
10. Februar eine große, im Berliner Gewerkschaftshaus 
tagende Konferenz in zehn Leitsätzen Ausdruck, die als 
Pelition in den Neichstagssigungen vom 19. und 20. 
März 1915 eine eingehende Beratung und trotz einer 
mehr abwartenden und sich auf Kriegsmaßregeln be- 
schränkenden Haltung des Regierungsvertreiers im 
wesentlichen Zustimmung fand. Eine Resolution ver- 
langte einen allgemeinen Gesetzentwurf und eine so- 
fortige gesetzliche Negelun der Vermittlung für heim- 
kehrende Krieger. Eine Bundesratsbekanntmachung 
vom 14. Juni 1916 beschränkte sich zunächst noch dar- 
auf, den Landeszentralbehörden das Recht zu geben, 
die Errichtung kommunaler Arbeitsnachweise zu er- 
zwingen. 
Nach mehreren Richtungen hin schuf der Krieg für 
die Arbeitsnachweise neue und eigenartige Auf- 
gaben. Außer einigen bereits gesreiften stellte sich 
ie Beschaffung von Arbeitskräften für Ackerbestellung 
und Ernte als eine Verwaltungsaufgabe heraus, die 
nur im Zusammenwirken mit einer Reihe anderer 
Ressorts zu lösen war. Allen voran führte die Armee 
ein System von Beurlaubungen, ja sogar von Rekla- 
mationen ein, das hierauf die weitestgehende Rücksicht 
nahm, und stellte Kriegsgefangene ausgiebig zur Ver- 
fügung. Die Justizminister aller deutschen Staaten 
taten dasselbe in bezug auf Strafgefangene, die aus 
landwirtschaftlichen Berufen stammten. Die Preu- 
Lßische Eisenbahnverwaltung beurlaubte Eisenbahn- 
unterhaltungsarbeiter, insbesondere an Nebenbahnen, 
wenn sie eine Tätigkeit in so naher Umgebung fanden, 
daß sie jederzeit zurÜckberufen werden konnten. Das 
Bayerische Staatsministerium verbot das Verlassen 
landwirtschaftlicher Arbeitsstellen ohne wichtigen 
Grund oder ohne Abkehrschein. — Die Reklamierung 
von Arbeitern spielte auch für die Industrie, dem Zeit- 
alter der Technik entsprechend, in diesem Kriege eine 
Rolle wie in keinem früheren. Nicht als widerwillig ab- 
gerungene Ausnahme ließ sich die Armee die Anerken- 
nung der Unabkömmlichkeit abzwingen, sondern sie be- 
willigte sie im Interesse der Erhaltung der Wehrkraft, 
und zwar nicht etwa bloß für Waffen-, Munitions-, 
Werstarbeiter u. ä., sondern unterschiedslos für alle 
Industrien, die für das -Durchhalten= notwendig 
waren. Gerade diese gesteigerte Einsicht der Armee 
in die Bedeutung der volkswirtschaftlichen Zusam- 
menhänge machte Garantien gegen den Mißbrauch 
389 
notwendig. Die Reklamierung von Arbeitern wurde 
von einer Pescheinigung des zuständigen Arbeitsnach-- 
weis-Verbandes abhängig gemacht, daß andere ge- 
eignete Arbeiter nicht zur Verfügung ständen, und 
dast Frauenarbeit oder Heimarbeit als Ersatz nicht 
in Frage kämen (Erlasse des Kriegsministers vom 
21. September und 30. Dezember 1915). Den Ver- 
bänden erwuchs hieraus eine umfangreiche Begut- 
achtungsaufgabe mit weitverzweigtem Schriftwechsel 
für jeden einzelnen Fall (Verband Sachsen-Anhalt 
Okt.Dez. 1915: 4000 Anträge, d.i. 200—250 täglich, 
zuweilen mehrere hundert Arbeiter umfassend; Mär- 
kischer Verband: 646 Gesuche für 2365 Personen, nur 
655 Bescheinigungen erteilt, nebst 85 bedingten). Zu 
Beratungen über die Unterbringung der nach Frie- 
densschluß heimkehrenden Krieger berief das Reichs- 
amt des Innern eine Konferenz von Vertretern der 
Behörden, der öffentlichen Arbeitsnachweise, der grö- 
Hheren Arbeitgeber- und Arbeiterorganisationen sowie 
sonstiger Interessentenverbände (30. April 1915), die 
sich außerdem mit der Ausgestaltung des Arbeits- 
nachweises im allgemeinen (Zentralauskunftsstellen) 
beschäftigte. — Die an vielen Orten neu eingeführten 
oder ausgebauten kommunalen Arbeitslosenunter- 
stützungen (ogl. Bd. L, S. 401) konnten als Ort für 
die tägliche Meldepflicht der Arbeitslosen den Arbeits- 
nachweis bestimmen. 
Arbeitsmarkt. Die Gewinnung eines überblickes 
Über die Lage des Arbeitsmarktes hängt davon ab, 
daß die berichtenden öffentlichen Arbeitsnachweise 
nicht nur ihre eigenen, sondern die Ziffern sämtlicher 
in ihrem Gebiete tätigen Arbeitsnachweise berichten 
können. Um dies zu ermöglichen, führte Bayern schon 
am 26. September 1914 auf Grund von § 15 des 
Stellenvermittlergesetzes eine monatliche Meldepflicht 
der nicht gewerbsmäßig betriebenen Arbeitsnachweise 
ein. Dieses Vorgehen empfahl der Verband deutscher 
Arbeitsnachweise zu allgemeiner Nachahmung. Durch 
Beschluß des Bundesrates vom 12. Mai 1915 wurden 
die einzelnen Landesregierungen zum Erlaß derarti- 
ger Verordnungen angeregt, die im Laufe der Jahre 
1915 und 1916 in fastuallen deutschen Staaten ergingen. 
Viel weiter ging ein Erlaß des Oberbefehlshabers in 
den Marken vom 22. Februar 1917, der die oben 
erwähnte Zentralauskunftsstelle Berlin zum Mittel- 
punkt auch für die gesamte Provinz Brandendurg 
machte und die Hilfsdienst-Meldestellen den nicht ge- 
werbsmäßigen Arbeitsnachweisen gleichstellte. Auch 
von dieser aus dem System noch herausfallenden Er- 
weiterung abgesehen, konnten von den Arbeitsnach- 
weisen, die zur Meldung an das Kaiserliche Statistische 
Amt verpflichtet waren, nunmehr 522 von der direk- 
ten Meldepflicht befreit werden; obgleich noch weitere 
579 wegen Geringfügigkeit des Geschäftsumfanges 
davon befreit wurden, blieb doch dem Reichsamt 
der unmittelbare Verkehr mit 600—700 Arbeits- 
nachweisen. 
Während an dem Reichsamt eine neue Bericht- 
erstattung nach überschießenden Meldungen an den 
beiden wöchentlichen Stichtagen eingerichtet wurde, 
wuchs auch das Material, auf Grund dessen mit der 
Jastrowschen Andrangsziffern die messende Bericht- 
erstattung über die Lage des Arbeitsmarktes nach 
Monaten fortgesetzt werden konnte: 
1 Bezeichnet man die Zahl der Arbeitsuchenden mit ##, die 
der offenen Stellen mit o, so ist die mathemattsche Formel für 
den prozentualen Andrang: 100.
        <pb n="476" />
        Ank 100 obffene Stellen kamen Arbeitsuchende 
4 1 . 
3 " —————- -*pWm 3683 
NES2SN93 
EGESESZEZSSSIEG6G 
Männer 
1913 191G| 1 
1914 234½ 26/200 15440 
1915 12118%%%% S 89 89 
1916 846 8SSO 7773 6GC6O] B 
Frauen 
1913 98| 9189| 100 101 1031001%Q 
1914105 
1915.67|1CSIGÖ 70| 
1916 16381671 
In graphischer Darstellung: 
. 5 9rl * O 4 . 
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440 — T 14 
420 — — 12 
. 
—— —2 t 
— — 
60 60 
i. — o – 
Oeichsarbeitsblatte, Januar 1917.) 
Deutlich sieht man in dem Kriegsmonat August 
1914 die Andrangskurve der Arbeitsuchenden bei bei- 
den Geschlechtern so weit hinaufschnellen, daß sie den 
ewohnten Rahmen der Zeichnung sprengt. Mit fort- 
freitender Einziehung der Männer und -= Anpassung 
der Industriee (vgl. Bd. J, S. 417) geht auf dem 
männlichen Arbeitsmarkt die Kurve schon vom zwei- 
ten Kriegsmonat an abwärts, hält sich vom dritten 
an bereits unter der der Friedenszeit, erreicht im Früh- 
sahr 1915 den stets schon als abnorm günstig gelten- 
en Gleichgewichtszustand und geht von da ab in einen 
uUnunterbrochen intensiver werdenden Arbeitermangel 
über. Auf dem weiblichen Arbeitsmarkte verliert zwar 
die Kurve auch sehr schnell ihre beängstigende höchste 
Höhe, zeigt aber fortdauernd eine ernst zu nehmende 
vote Andrangs ziffer, erreicht nur spät und vorüber- 
ehend einmal (Juli 1916) die Kurvenhöhe des letzten 
riedensmonats und ist Ende 1916 zwar noch nicht 
anz an die Durchschnittskurve, aber doch an, ja auch 
chon unter die Monatsziffer des Jahres 1913gelangt. 
Diese Entwicklung widersprach allen Vorstellun- 
gen von der Gestaltung des Arbeitsmarktes 
während eines Krieges, und noch dazu eines so 
V. Recht und Volkswirtschaft 
roßen Krieges. Bei dem Stocken von Handel. Schiff- 
Hbort und Industrie hatte man sich auf eine weit- 
gaehende Aerbeitslosigleitgefaßtgemocht javon manchen 
eiten schon in denersten Kriegstagen die rechtzeitige 
Bewilligung großer Mittel für Notstandsarbeiten 
in nie gesehenem Umfange verlangt. Wenn die be- 
fürchtete Arbeitslosigkeit ausblieb und überwiegend 
Gegenteil eintrat, so lag ein Hauptgrund gerade 
in der Größe des Krieges, der dem deutschen Arbeits- 
markte nicht, wie 1870/71:1 Million, sondern 4—8 
Millionen Männer entzog und an den Rest in zwei- 
facher Weise höhere Anforderungen stellte. Denn ein- 
mal rief das Aufhören der Zufuhr sofort eine Menge 
deutscher Ersatzindustrien hervor (während die Aus- 
fuhrgewerbe 1 Tätigkeit, solange man an einen 
kurzen Keieg glaubte, Überwiegend noch fortzusetzen 
suchten); sodann stellte der Krieg selbst noch weit über 
die zahlenmäßige Vervielfachung des Heeres hinaus 
Ansprüche an die Industrie: Erhöhter Munitions-= 
bedarf infolge veränderter Kriegführung (Stellungs- 
krieg, Trommelfeuer), in weiterer Folge schnellere Ab- 
nutzung der Geschütze und Bedarf an neuen Modellen, 
gesteigerte Bedeutung der Marine, insbesondere der 
neuen U. Bootflotte, * gänzliche Neuschaffung einer 
Luftflotte, ja ganz allgemein gesagt eine so große 
Reihe technischer Neuerungen (vgl. die betreffenden 
Beiträge in Bd. III), daß die Industrie nicht mehr 
die einmalige Ausstattung und ihre Ergänzung, son- 
dern unausgesetzte Neuausstattungen als eine beinahe 
fortlaufende Aufgabe erhielt. Den Hintergrund bil- 
dete die rechtzeitig in größtem Umfange vorbereitete 
Hriegssinanzverltung (vgl. Geld und Kredit in 
Bd. I. S. 411), die, vermöge der feinen Verästelung 
des deutschen Kreditwesens bis in alle Poren der 
Volkswirtschaft dringend, belebendes Vertrauen auf- 
rechterhielt. Das Schwungad des Wirtschaftsgetrie- 
bes geriet nicht einen Augenblick in Stillstand. 
Für den Arbeitsmarkt war hierbei das Wesentliche, 
daß die Lage auch wirklich erkannt wurde. Jene 
Methode der Messung hat sich auf das glänzendste be- 
dährt Jetzt erntete man die Früchte einer durch zwei 
Jahrzehnte fortgesetzten mühevollen Arbeit, die, un- 
bekümmert um alle Anzweiflung der Erfolgsmöglich- 
keit, an der Messungsmethode festgehalten und ihr 
immer reicheres Material zugeführt hatte. Während 
früher bei einer (wirklichen oder vermeintlichen) 
Krisis auf dem Arbeitsmarkt jede in irgendeinem 
Teile etwa bestehende Arbeitslosigkeit als charakte- 
ristisch ausgegeben und ebensooft eine günstige Lage 
in einem beschränkten Kreise mit überlegen sachver- 
ständiger Miene als Sallgemeine Lage bezeichnet 
wurde, so daß sich in der Beurteilung der Lage des 
Arbeitsmarktes die lautesten Schreier das sicherste 
Gehör verschafften, war "o die Frage dem Streit der 
Parteien entrückt. Die zahlenmäßige Messung ergab 
eine gemeinsame Grundlage für alle Interessenten 
des Arbeitsmarktes. Während die Berichterstattung 
der Börsen zusammenbrach, die der Produktenmärkte 
schwankend wurde, hat sich dieser jüngste Zweig der 
Marktberichterstattung gehalten und die Dienstleistung 
der anderen als Thermometer der Lage übernommen. 
Für die volkswirtschaftliche Organisation Deutsch- 
lands gehört die endgültige Sicherung seiner Arbeits- 
markt-Berichterstattung zu den bedeutsamsten dauern- 
den Wirkungen der Kriegszeit. 
Diese Leistung vollzogsich stillschweigend. Siezeigte 
sich hauptsächlich darin, daß sich gegen die Sprache der 
Zahlen kein Widerspruch erhob, obgleich sie das Ge-
        <pb n="477" />
        Jastrow: Arbeitsnachweis und Arbeitsmarkt 
genteil von dem bekundeten, worauf sich jedermann 
gefaßt gemacht hatte. Dies war um so bemerkens- 
werter, als die Messungsziffer — wie jede Durch- 
schnittsziffer — nur eine mittlere Richtung zwischen 
stark auseinandergehenden Linien abgeben kann, und 
diese dem Mugenschen sich aufdrängenden Abwei- 
chungen in der Kriegszeit besonders stark waren. Der 
früh in den Textilgewerben einsetzende Rohstoffman- 
gel rief hier eine Arbeitslosigkeit hervor, die durch die 
behördlichen Maßregeln zur -Streckung= des Roh- 
stoffes bewußt gesteigert und durch besondere kom- 
munale Fürsorge für Unbeschäftigte (Uübrigens nicht 
bloß Arbeiter) im Textilgewerbe auch amtlich als Not- 
stand anerkannt wurde. Das massenweise Leerstehen 
von die (nicht wesentlich auf den Krieg 
hrüchge ende) Hausbesitz= und Hypothekenkrisis un 
ie Unsicherheit über das zukünftige Wohnbedürfnis 
brachten die private Bautätigkeit zum Erliegen und 
übten ihren Einfluß auf den ganzen großen Kreis 
gewerblicher Tätigkeiten, die als „Baugewerbe= zu- 
sammengefaßt werden (einschließlich Tischler, Gaafer. 
Maler u. a.); dies wurde nur dadurch gemildert. daß 
die Nebenbeschäftigungen, die in diesem Saison- 
gewerbe weit verbreitet sind, ein Abwandern in andere 
Erwerbszweige erleichterten. Der Arbeitslosigkeit in 
zwei der umfangreichsten Gewerbegruppen stand nun 
aber die besonders angespannte Beschäftigung in der 
Landwirtschaft, in den meisten Nahrungsmittelgewer- 
ben und in sämtlichen Kriegsindustrien gegenüber. 
überschichten oder Sonntagsarbeit, vielsach auch bei- 
des, wurden gemeldet aus dem Kohlenbergbau, ins- 
besondere an der Ruhr und in Oberschlesien, bis Ende 
1916 der Wagemmanget anfing, Schwierigleiten zu 
bereiten (auch der Bergbau auf Gien, Zink, Blei. Kup- 
fer, Kali war gut beschäftigt); ferner aus der Eisen- 
Hütten. Metall- und Maschinenindustrie (namentlich 
ampfmaschinen, Lokomotiven, landwirtschaftliche 
Maschinen) aus dem Schiff-, Eisenbahnwagen-, Kraft- 
wagen-= und Luftmotorendau; aus der opt#schen, Elek- 
trizitäts-- und chemischen Industrie. Diese an sich 
schon sehr starken Verschiedenheiten stellen sich in Wirk- 
lichkeit noch stärker, wenn man einzelne Industrien 
nach Geschäftszweigen zerlegt. Die Bekleidungs- 
ewerbe sind, soweit sie für das Heer arbeiten (wenig- 
stens zeitweise) überangespannt, während die übrige 
Schneiderei und Schuhmacherei wegen Zeug- und 
Lederknappheit eingeschränkt wird, die Seiden= und 
Samtindustrie in der Mitte steht. 
391 
Diese Verschiedenheiten machen es doppelt notwen- 
dig, zur Beurteilung der allgemeinen Lage des Ar- 
beitsmarktes auch noch anderes Material heranzu- 
ziehen. Die Einnahmen der Landes-Versiche- 
rungsanstalten aus dem Markenerlös, in denen 
sich die Zahl der geleisteten Arbeitswochen ungefähr 
widerspiegelt, betrugen (in Millionen Marl): 
Jan. März April'Juni JullUSept. Okt.Dez. 
1913 61,0 68,0 63,8 67 
191 4 44 *·2— □ 53,0 
1915 52.7 504 16,2 61,2 
1916 4%% 48.1 40. 65,1 
Danach schwächte sich der Ausfall, der schon durch fort- 
laufende Einziehung von Versicherten entstehen mußte, 
schon 1915 ab und hatte sich 1916 im dritten Quartal 
bereits dem Vorjahr angeglichen (woran jedoch Lohn- 
erhöhungen auch einen Anteil haben). — Bei den 
an die Berichterstattung des Statistischen Reichsamts 
angeschlossenen Arbeiter--Fachverbänden entfielen 
an Arbeitslosen-Tagen auf je 100 Mitglieder: 
Jan. März April Junt Juli'Sept. Okt. Des. 
1913 2,1 r# 2/ 2. 
1914 b 8,2 2,1 11,4 8,7 
1915 4,6 2.2 2% 1,4 
1916 1% 2,1 1% La 
Also ist hier schon Mitte 1915 der Friedensstand er- 
reicht, seit Ende 1915 meist unterschritten (woran 
allerdings die Verschiebung der Mitgliederkategorien 
einen Anteil haben kann; auch war die Arbeitslosigkeit 
1913 höher als in den vorangegangenen Jahren). — 
Bei der Reichszentrale (s. oben, S. 388) wurden um 
die Jahreswende 1916/17 an den Sonnabend-Stich- 
tagen in der Regel gegen 1000000 unbesetzbare offene 
Stellen gemeldet, denen nur etwa 30000 unerledigte 
Arbeitsgesuche gegenüberstanden. — Sehr bedauer- 
lich ist es, daß sich die Beschäftigtenziffern nach den 
Mitgliederzahlen der Krankenkassen nicht in ver- 
leicsfähiben Zustand bringen lassen. Kurz vor dem 
Kriege (lam 1. Januar 1914) war der Kreis der Ver- 
sicherungspflichtigen bedeutend erweitert worden. Die 
Monatsziffern 1914 können mit denen von 1913 nicht 
verglichen werden, aber auch nicht einmal unterein- 
ander, da die Veränderung tatsächlich nur allmäh- 
lich durchgeführt wurde. Die wiederausgenommene 
Berichterstattung wies an prozentualer Zu- oder 
(—) Abnahme (Versicherungspflichtige, abzüglich der 
arbeitsunfähigen Kranken) auf: 
Fe- Septem- Novem- Dezem- 
Im Lause des Monats Januar druar März' Apri' Maii Juni Juli August ber. Oktober ber ter 
Männer: 
1915 —, —0, 201%½%UN.O I, , o -L SSS L, 
1916464 —0, 10 -60,08 -OC 2,20 120½04%%%%% 710 
Frauen: 
1915 ·.76 2,60 2,078886 0%%½ 0,24 1,20 0, a4 0,28 1,34 68%1,,6 ' 
191665 o,24 0, 60 1,67 2,24 1,#110,% 0, 29 0,6: 0,24 1,60 1,a0 —0, at 
Insgesamt: 
191 15 P0 ·0.21 c: 444 0 1 SS (B„Y 
19144 —Oos 12 0ö5o0o02 1,44—2□0% d.oo ——0 o, ail —0, a0 —0 a8 
Danach zeigt die Gesamtziffer der Beschäftigten (mit 
alleiniger Ausnahme des Februars) in jedem Monat 
des Jahres 1916 ein günstigeres Bild als im Vor- 
jahr: Gesteigerte Zunahme oder doch verringerte Ab- 
nahme, ja sogar dreimal (Mai, Aug., Okt.) Zu., statt 
Abnahme. Dieses Ergebnis ist auch nicht etwa bloß 
durch stärkere Einstellung von Frauen herbeigeführt, 
sondern auch in der Zahl der Männlichen ist die Ver- 
änderung in zehn Monaten günstiger und nur in 
weien (Febr., Nov.) ungünstiger als im Vorjahr. 
ie Frühjahrszeit, die alljährlich (Febr.'Mai) mit 
der Belebung des Geschäftsganges und der Einstel- 
Llun der Schulentlassenen mitgliedervermehrend zu 
wirken pflegt, setzte zwar unter den Männlichen etwas
        <pb n="478" />
        392 
später, dann aber so kräftig ein, daß die Abwärtsbewe- 
ung der Männlichen-Ziffer, die mit der Fortdauer des 
Kreeges bis zu einem gewissen Grade notwendig ver- 
bunden ist, im Gesamtergebnis der Frühjahrszeit mehr 
als bloß aufgewogen wurde. Obgleich eine solche Zu- 
nahme nur vorübergehend sein konnte und im all- 
gemeinen sich die Zahl der männlichen Mitglieder ver- 
ringern mußte, standen doch noch am 1. Januar 1917: 
4315519 weiblichen Mitgliedern 4477078 männliche 
gegenüber, so daß selbst nach 30 Kriegsmonaten die 
männlichen noch nicht zur Minderheit zusammenge- 
schmolzen waren. Das Bild würdesichnoch günstigerge- 
stalten, wenn nicht die Bergarbeiter ihrebesonderen Kas- 
seneinrichtungen hätten. Die (beständig zunehmende) 
Zahl von kriegsgefangenen Arbeitern steht naturge- 
mäß außerhalb der Versicherung und ihrer Statistik. 
Als Stichprobe zur Veranschaulichung der Lohn- 
entwicklung lassen wir aus der Lohnklassenstatistik 
der Leipziger Ortskrankenkasse den letzten Frie- 
dens-, den ersten Kriegsmonat sowie die drei Dezem- 
ber der Kriegsjahre folgen. Von je 100 männlichen 
Pflichtmitgliedern befanden sich in folgenden Bei- 
trags-(Lohn.) Klassent#: 
Juli uug. de Dez. Dez. 
19149144914% 
I. (5,61 M. u. dar.) 4148 40% 4%%4 
II. G,o1—S M.) 10,4 9% 10, 7,0 
III. (4,61—5,00 M.) 12141 121 — 
IV. (4001—4,50 M.) 9.# 7,0 7.1 5.7 6,4 
V. (3,.51—9,00 M.) 8.1 6,6 7. 45% 4. 
VI. (3,40—3,50 M.) 8,.5 4, 5,0 2.7 2,0 
VII. (2,61 —3,15 M.)4 8,1 X 4 2,0 8 
VIII. (unter 2,600 M.) 4, 7,1 90 7.2 8 
NJ 4 7n 9„ I , 7% é% 
Danach ist im Laufe des Krieges eine so große Zahl 
von Jugendlichen (Klasse X) eingedrungen, daß gegen- 
über dieser Tatsache im Dezember (1916 fast alle 
anderen Lohnverschiebungen in den Hintergrund ge- 
treten waren. Indes muß die Zunahme der Höchst- 
gelohnten (5,50 M. und darüber) sehr bedeutend ge- 
wesen sein, wenn nach vorübergehendem Absturz 1914 
ihre Vermehrung trotz jenem verdunkelnden Einfluß 
in der Statistik der folgenden Jahre Hewaltig sichtbar 
bleibt. Eine nach Abzug der Klasse X besonders auf- 
gemachte Statistik hat ergeben, daß unter den Er- 
wachsenen fast während des ganzen Jahres 1916 die 
Mehrheit der höchsten Lohnklasse angehörte (Dez. 57 
Proz). Ahnliche, wenn auch nicht ganz so starke Er- 
weiterungen der höchsten Lo mllass wurden im letz- 
ten Jahre in Dresden, Magdeburg und Kiel 
beobachtet. Die Bergarbeiterlöhne in den bei- 
den größten Gebieten (in Mark für den Tag): 
Jahresmittel 1916 
1913 1914 1915 1. U. Ul. uart. 
Oberschleseen 3½%% 8367 5/9% 427 444 66 
Oberbergamt Dortmund 5,826 5,15 5,60 6,02 6,36 — 
haben den Rückgang 1914 im folgenden Jahre mehr 
als eingeholt und sind 1916 auf eine bisher unbe- 
1 Die Lohnklasse IX sehlt, weil die früheren Lohnklassen R 
und X in eine (X) zusammengezogen sind. — 2 X umsaßt vio 
1,60 Mark und weniger verdienenden 14—16 Jahre Alten sowie 
die Lehrlinge und Kinder unter 14 Jahren. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
kannte Höhe gestiegen. Die umfassendste gewerkschaft- 
liche Erhebung der Kriegszeit, die der Arbeitsgemein- 
schaft der Metallarbeiterverbände in Rhein- 
land--Westfalen für August 1915, erhob die Löhne 
nur für die Frauen, gab aber aus diesem Anlaß ein 
Bild von der Stellung der Arbeiterinnen in einer 
Industrie, in der sie während des Krieges zu unge- 
wohnten Arbeiten gelangten. Die Art der Arbeit 
war für beide Geschlechter dieselbe. Der Stunden- 
verdienst (teils in Stundenlohn, teils in Akkordlohn 
auf die Stunde umgerechnet) schwankte von 12—75 
Pf. und soll im Durchschnitt bei Stundenlohn 30, bei 
Akkordlohn 35, bei Mischung der Systeme 45 Pf. be- 
tragen haben. Von 277 Betrieben berechneten 105 
dieselben Akkordsätze wie für Männer, 172 niedrigere; 
im Durchschnitt war der Akkordverdienst zwei Dritiel 
des männlichen. Derchristliche Metallarbeiter-= 
verband ermittelte im Sommer 1915 im Sieger- 
land einen durchschnittlichen Stundenverdienst von 
53,6, im Sommer 1916 von 57.5 Pf. Nach den Auf- 
nahmen des Verbandes der Maler, Lackierer usw. 
standen von je 100 Gehilfen: v 
Lackierer 
loeio 1015 
31# 6% 
Maler 
1912 1915 
in niedrigen Löhnen (bis 40 pf.) 2,, 3,1 
o. mittleren Löhnen (40—60 Pf.). 69,, 51,, 60,1 62. 
* hohen Löhnen (61 Pf. und mehr) 28,4 45,7 8% 30,7 
wobei die Vermehrung der Hochgelohnten (trotz der 
Lage des Baugewerbes, s. oben. S. 391) desto schwerer 
wiegt, weil hier gleichzeitig eine weitgehende Altersver- 
schiebung (Jugendliche, Alte) festgestellt wurde. Doch 
kann aus diesen und ähnlichen Statistiken kein Schluß 
auf die wirkliche Lage der Arbeiterfamilien gezogen 
werden. Einerseils stellte sich, wo Familienunterstüt. 
zungen, Fortzahlung der Löhne an Soldatenfamilien 
und Lohnarbeit von Frauen und Jugendlichen zu- 
sammenkamen, das Familieneinkommen höher, als 
eine bohstatisi es vermuten läßt. Anderseits wurde 
jede noch so große durchschnittliche Lohnsteigerung in 
vielen Fällen von der Teuerung der Lebensmittel 
überboten. Außerhalb jeder Statistik stehen bis jetzt 
exzessive Lohnsteigerungen, die der Krieg hervorrief, 
wie für Schlächtergesellen am Berliner Zentralvieh-- 
hof Lohneinkommen von 500 oder gar 1000 Mark 
monatlich zeitweise berichtet wurden. 
Die zukünftige Gestaltung des deutschen Arbeits- 
marktes wird zu einem erheblichen Teile von der Hand- 
habung des Lussdienstgeseges (ogl. S. 400 ff.) und 
der richtigen Regelung der wirtschaftlichen Abrüstung 
(Übergangswirtschaft, vgl. Bd. III) abhängen. 
Literatur. Außer den allgemeinen Denkschriften „liber 
wirtschaftliche Maßnahmen= in den Reichstags-Drucksachen, 
auch die besondere (Nr. 151, 1915) über Arbeitsnachweis; 
Sitzungen des Reichstages vom 19. März 1915, des preußi- 
schen Abgeordnetenhauses vom 20. Febr. 1917; Reiche- 
arbeitsblatt= (Berl. 1914—17); »Der Arbeitsnachweis in 
Deutschland (das. 1914—17); -Jahresberichte des Verban- 
des Deutscher Arbeitsnachweise 1912/15. (Schr. ften des Ver- 
bandes 13; Berl. 1917); 2 Jastrow, Im Kriegszustande 
(2. Aufl., baf. 1914). ber Abrüstung: J. Jastrow, 
in „Sozialpolitik und Verwaltungswissenschafte I, S. 360 
(Berl. 1902), dann im -Jahrbuch der Ges. österr. Bolks- 
wirte= (1916) und Schriften des Hansabundes Vom Kricg 
zum Frieden I (das. 1916).
        <pb n="479" />
        Lederer: Die Gewerkschaften und der Krieg 
Die Gewerkschaften und der Krieg 
von Privatdozent Dr. Emil gederer in Heibelberg 
Inden Erörterungen über diewirtschaftliche Kriegs= 
bereitschaft haben vor dem Kriege die Einrichtungen 
der Gewerkschaften keine Rolle gespielt. Und doch 
kann man sagen, daß die gewerkschaftlichen Organi- 
sationen in erheblichem Maße dazubeigetragen haben, 
der Arbeiterschaft über die ersten ungünstigen Ein- 
wirkungen des Krieges hinwegzuhelsen. Die Gewerk- 
schaften sind in Deutschland zum allergrößten Teil 
Organisationen von Arbeitern, welche auf dem Boden 
der sozialistischen Anschauungen stehen, die also den 
Klassenkampf, die Auseinandersetzung zwischen Unter- 
nehmern und Arbeitern als die entscheidende gesell- 
schaftliche, wirtschaftliche, politische und au ge- 
schichtliche Tatsache ansehen. Den 2½⅛/ Millionen in 
den freien (sozialistischen) Gewerkschaften organisier- 
ten Arbeitern stehen nur ungefähr 350000 christliche 
und etwas mehr als 100000 in den Hirsch-Duncker- 
schen Gewerkschaften organisierte Arbeiter gegenüber. 
Dazu kommen noch religiöse, nationale und Sgelbe# 
Verbände (Werkvereine). Diese sind jedoch ihrem Cha- 
rakter nach fast ausschließlich Verbände mit Fürsorge- 
wecken und haben für die Auseinandersetzung zwi- 
cchen Kapital und Arbeit wenig Bedeutung. Für 
die freien Gewerkschaften konzentriert sich die Tätig- 
keit in dem Kampf gegen die Unternehmerklasse. 
Durch Appell an die Gesetzgebung, durch Streiks 
und durch direkte Einrichtungen (Arbeitsnachweis, 
Unterstützungen, Rechtsschutz usw.) suchen sie die 
materielle Lage der Arbeiterschaft in der gegenwär- 
tigen Wirtschaftsordnung zu verbessern, und wie- 
wohl sie ihren allgemeinen Anschauungen nach eine 
restlose Lösung der sozialen Frage in der * des 
Kapitalismus ar unmöglich halten, so ist ihr Stre- 
ben doch darauf gerichtet, in dieser Zeit die Lage der 
Arbeiterschaft möglichst günstig zu gestalten und sie 
auch dadurch für den Endlampf um die Macht 
leistungsfähiger zu machen. An diese grundsätzliche 
Haltung der freien Gewerkschaften muß man erinnern, 
wenn man die Größe der Wandlung ermessen will, 
welche die Gewerkschaften seit Beginn des Krieges 
durchgemacht haben. Zwar daß die Gewertschaften, 
trotz ihrer sozialistischen Gesinnung, nicht versuchen 
würden, die Kriegführung mit einem Generalstreik 
oder passiver Resistenz zu erschweren, konnte jeder 
enaue Kenner der Gewerkschaftsbewegung voraus- 
* Zahlreiche Wirtschaftstheoretiker und prak- 
tiler haben schon lange vor dem Kriege darauf hin- 
gewiesen, daß die Staatsmacht im Moment der Mo- 
bilisierung am größten sei und daß aus diesem 
Grunde eine Aktion gegen den Krieg, sobald er er- 
klärt ist, unmöglich sei. Ganz abgesehen davon. daß 
in allen europäischen Staaten die allgemeine Wehr- 
pflicht, die Verstaatlichung der Eisenbahnen und die 
Militarisierung aller für den Krieg wichtigen Indu- 
strien einen jeden Gedanken an die Verhinderung des 
Krieges durch die Arbeiterschaft utopisch erscheinen 
lassen, waren ja bei diesem Krieg auch nirgends die 
psychologischen Borbedingungen für ein kriegsfeind- 
schen Berhalten der Arbeiterschaft gegeben. Alle Völ- 
ker in Europa hatten bei Kriegsbeginn die Meinung, 
angegriffen zu sein, und für diesen Fall des Vertei- 
digunge ieges hatte selbst die radikal-sozialistische 
Doktrin kein hemmendes Eingreifen der organisierten 
Arbeiterschaft in den Krieg vorgesehen. Aus diesen 
Gründen war über die Haltung der Gewerkschaften 
393 
am Beginn des Krieges kein Zweifel; sie mußten da- 
nach trachten, die Wirkungen der Kriegskrise auf ihre 
Mitglieder nach Möglichkeit zu vermindern, und sich 
leichzeitig bemühen, ihre Finanzen und das organi- 
atorische Gerüst im wesentlichen über die Dauer des 
Krieges hinaus zu erhalten und für die Aufgaben nach 
dem Kriege Kräfte und Bundesgenossen zu sammeln 
Von diesen drei Aufgaben bot sich vom ersten 
Kriegstagenn die erste als besonders wichtig und dring- 
lich dar. Wie die Abhandlung über die Gestaltung des 
Arbeitsmarktes (vgl.= Arbeitsnachweis und Arbeits- 
markt., S. 889 zeigt, war die plötzliche Arbeits- 
losigkeit zunächst geradezu katastrophal. Denn ob- 
leich die Moliserug gleichbedeutend ist mit Heraus- 
hebund ungeheurer Massen aus dem Arbeitsmarkte, 
sind die Veränderungen auf dem Weltmarkte, nament- 
lich die Einschränkung des Angebots und die Störun- 
9en des Warenverkehrs (durch Inanspruchnahme der 
isenbahnen für Truppen= und Materialtransporte), 
so durchgreifend, daß die Einschränkungen der Güter- 
erzeugung mehr Hände überflüssig machen, als fürs 
erste zum Kriegsdienst benötigt werden. Dazu kommt 
noch, daß in den Gebieten der Rüstungsindustrie von 
vornherein die militärischen Einberufungen in ge- 
ringerem Maße erfolgen (z. B. wurde der Landsturm 
im Bereich des VII. Armeekorps nicht aufgeboten), 
so daß dort erheblicherer, für das ganze Wirtschafts- 
leben ausschlaggebender Arbeiterbedarf anfangs noch 
nicht eintritt. 9 allen Gewerkschaften war daher das 
brennende Problem zu Kriegsbeginn die Versorgung 
der Arbeitslosen. 
Sehrzahlreiche Gewerkschaften in Deutschland haben 
eine Arbeitslosenunterstützung eingeführt, die 
beim Mangel kommunaler oder staatlicher Fürsorge- 
einrichtungen größeren Umfangs vor dem Krieg die 
einzige Form für die Arbeiterschaft bildete, sich gegen 
die Folgen der Arbeitslosigkeit zu versichern (wenn 
man die Ansammlung von Ersparnissen außer acht 
läßt). Diese Arbeitslosenfürsorge hat für die Arbeiter 
geaoih in erster Linie die Bedeutung, sie im Falle der 
rbeitslosigkeit vor der ärgsten Notlage zu schützen, 
während die Gewerkschaften wieder von ihrem Stand- 
punkt aus der Arbeitslosenfürsorge so bedeutende 
Sorgfalt zuwenden (die Arbeitslosenunterstützungen 
der freien Gewerkschaften betrugen im J. 1913: 13 
Mill. Mk., das ist auf den Kopf 5,12 Mk., bei denchrist- 
lichen Gewerkschaften 285000 Mk. bzw. 1,24 Mk. auf 
den Kopf, bei den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften 
7000 Mk.— 3,81 Mk. auf den Kopf), weil darin ein 
Mittel gegeben ist, das Herabgleiten der Löhne auch in 
Zeiten hllechter Konjunktur zu verhindern. Die Ar- 
beitslosenfürsorge soll die Gungerkonkurrenz der Ar- 
beitslosen ausschalten; sie erspart manche Streiks und 
mühsame Aktionen zur Erhaltung der einmal er- 
reichten Lohnpö iemals aber steht die Arbeits- 
losenfürsorge im Vordergrund der gewerkschaftlichen 
Interessen; sie ist ein Mittel unter vielen anderen zur 
Erreichung der gewerkschaftlichen Zwecke, die aber 
niemals bloß in der Erhaltung der gewonnenen 
Lohnhöhe und Arbeitszeit, sondern in der Steige- 
rung der gesamten Lebenshaltung gipfeln. Wenn 
es demnach unter Umständen vorkommen kann, daß 
eine Gewerkschaft einen prinzipiellen Lohnkampf bis 
zu ihrer völligen finanziellen Erschöpfung führen 
muß, weil sie in ihm eher zu unterliegen als nach- 
zugeben vermag, so bedeutet für sie eine getteigerte. 
katastrophale Arbeitslosigkeit einen unglücklichen Zu- 
fall, dessen überwindung sie nicht um jeden Preis
        <pb n="480" />
        394 
anstreben kann, weil sie sich der Geldmittel begeben 
würde, die für andere Zwecke angesammelt wurden. 
Auch nach der einfachsten Üüberlegung schon mußten 
die Gewerkschaften daher ensschlossen sein, zwar ihre 
Mitglieder, soweit das im Bereich der Möglichkeit 
lag, in der Arbeitslosigkeit während des Krieges zu 
unterstützen, ohne aber so weit zu gehen, durch allzu 
roße Aufwendungen ihre Aktionsfähigkeit für die 
Hert nach dem Kriege zu gefährden. Dieser Beschluß 
war um so notwendiger, als man zu Beginn des 
Krieges noch nicht wissen konnte, daß die wachsende 
Zahl der Einberufungen zum Heere und die Orien- 
tierung der Industrie auf Kriegslieferungen allmäh- 
lich den Arbeitslosenüberschuß absorbieren und so- 
gar Arbeiterknappheit schaffen würden. 
Eine solche Zuversicht wäre zu Beginn des Krieges 
um so phantastischer erschienen, als namentlich in den 
ersten Kriegswochen die Masse der Arbeitslosen zu- 
sehends beängstigend wuchs. Daß es sich nicht bloß um 
ungelernte und weniger qualifizierte Arbeiter handelte, 
beweisen am besten die Arbeitslosenziffern der 
Gewerkschaften. Es waren zu Beginn des Krieges 
(in den ersten Wochen) in den Gewerkschaften der 
einzelnen Berufe arbeitslos (in Prozenten): 
Tertilindustter 28,2 
Industrie der Holz= und Schnizstoffe 34p 
Pelvgraphisches Gewere 41—440 
Gast= und Schankwirtschaast 90,7 
Metallverarbeitngagagagagaga 20—25,0 
Lederindusteee 26,0 
Fabrekarbeiter (meist chemische Industri) 82,.5 
Bauarbeltkter 23.7 
Die höchsten Arbeitslosensätze finden sich bei den 
kleineren Gewerkschaften: Zivilmusiker (88,8 Proz.), 
Hutmacher (66 Proz.), Glasarbeiter (63,6 Proz.) ½0. 
Gewiß kommen auch geringere Arbeitslosigkeitssätze 
vor: Bäcker 6,2 Proz., Brauerei= und Mühlenarbeiter 
1,7 Proz., Bergbau 2,6 Proz., Verkehrsgewerbe 7,7 
Proz., also überall dort, wo eben der Krieg eine gestei- 
gerte Beschäftigung von vornherein mit sich brachte. 
Aber im ganzen führteder Kriegsbeginn eineder schwer- 
sien Krisen auf dem Arbeitsmarkte herauf, welche 
die deutsche Volkswirtschaft je gesehen hat, und das 
war für die Gewerkschaften gleichbedeutend mit enor- 
men Anforderungen an Arbeitslosenunterstützungen. 
Diesemußte man, nach der Sachlage, nicht als vorüber- 
gehende, sondern für die Dauer des Krieges anhal- 
ltende Anforderungen betrachten, und daher war die 
prinzipielle Haltung der Gewerkschaften von der größ- 
ten Wichtigkeit, weil von ihr die finanzielle Existenz- 
fähigkeit abzuhängen schien. Daß die Gewerkschaften 
imstande waren, ihre Ausgaben für Arbeitslosen-= 
unterstützung von ihrer finanziellen Lage abhängig 
zu machen, liegt an der rechtlichen Struktur der Ge- 
werkschaften. Sie sind bekanntlich außerhalb des Ge- 
setzes stehende Organisationen, die allen Mitgliedern 
gegenüber (für die Mitgliederbeiträge) ebensowenig 
ein Klagerecht besitzen als die Mitglieder wiederum 
den Gewerkschaften gegenüber für die versprochenen 
Leistungen. Leistung und Gegenleistung erfolgen nach 
Treu und Glauben, und im wesentlichen ist man da- 
mit bisher ganz gut ausgekommen. 
Wie verhielten sich die Gewerkschaften nun gegen- 
überden Anforderungen des Krieges? Ihre Bemühun- 
gen waren (parallel mit denen der offiziellen Stellen) 
arauf gerichtet, den Arbeitsnachweis zu verbessern, 
namentlich ihn zu zentralisieren (siehe den Beitrag über 
die Lage des Arbeitsmarktes, S. 388) und die Lasten 
der Arbeilslosigkeit auf die Gemeinden und den Staat 
V. Recht und Volkswirtschaft 
zu übertragen. Das erste ist während des Krieges ge- 
lungen, während in der Arbeitslosenfürsorge die ## 
werhschaften im wesentlichen auf sich allein gestellt 
blieben (nur dort, wo Frauen von Einberufenen ar- 
beitslos waren, hat die Reichsunterstützung eine Ent- 
lastung der Gewerkschaften gebracht). In Kürze läßt 
sich nun die finanzielle Lage der Gewerkschaften da- 
hin kennzeichnen, daß die Arbeitslosigkeit ganz außer- 
ordentliche Aufwendungen erforderte (s. unten), daß 
auf der anderen Seite alle anderen Tätigkeitszweigs 
sehr eingeschränkt werden konnten; die Verwaltungs- 
kosten wurden durch Verzicht der Beamten auf einer 
Teil (25 Proz.) ihrer Gehälter herabgesetzt. (Dieser 
Verzicht erfolgte größtenteils freiwillig, wurde aber 
überdies den Angestellten von den Gewerkschaften zur 
Pflicht gemacht, obwohl infolge des Krieges ihre Ar- 
beitslast erheblich stieg.) Streik= und Aussperrungs- 
unterstützungen kamen in Wegfall (Deutschland kennt 
zu Beginn des Krieges keine Streiks, während z. B. 
die englischen Gewerkschaften anfangs nicht auf ihr 
Streikrecht verzichteten, und tatsächlich auch Arbeis- 
kämpfe durchfochten, bis die Gesetze zur Regelung der 
Munitionsindustrie diese Bewegungen ausschlossen. 
Luch diese Gesetze sind unter Mitwirkung der Arbeiter- 
schaft zustande gekommen). Auf der anderen Seitesind 
auch die Einnahmen (infolge der Einberufungen und 
der Arbeitslosigkeit) sehr arheblich gefallen. So wurde 
es für die Gewerkschaften notwendig, sich auf bestimmte 
Grundsätze zu einigen, welche die berechtigten An- 
sprüche der Mitglieder befriedigen sollten, ohne die 
finanzielle Existenz der Gewerkschaftsverbände zu ge- 
fährden. Die meisten Verbände haben die Bedingun- 
gen für die Gewährung der Arbeitslosenunterstützung 
verschärft (namentlich schrieben sie Annahme jeder, be- 
sonders auch landwirtschaftlicher Arbeit vor, und tat- 
sächlich ist ja dem Eingreifen der Gewerkschaften eine 
weitgehende Anpassung der Arbeiterschaft auch an 
ihnen ursprünglich fremde Berufe zu verdanken), des- 
gleichen die Reise-= und Umzugsunterstützung ein- 
geschränkt, die Krankenunterstützung aufgehoben (da 
ja ohnedies die Krankenkasse ein Minimum gewährt) 
und die Zuschüsse beseitigt, welche sonst von den lokalen 
Kassen gewährt wurden. Auch mit diesen Einschrän- 
kungen waren die Ausgaben der ersten Monate ganz 
erschreckend hoch. So betrug die Arbeitslosenunter- 
stützung im Metallarbeiterverband in den ersten Wo- 
chen durchschnittlich 450000 Mk.; das würde für ein 
bolbes Jahr eine Ausgabe von 111/, für ein gonhes 
ahr eine solche von 22½/ Mill. Mk. bedeuten. die 
Jahreseinnahmen vor dem Kriege 22 Mill. Mk. be- 
trugen, infolge der Einberufungen und Arbeitslosig- 
keit bei Kriegsbeginn aber auf ungefähr zwei Drittel 
reduziert waren, hätte die Arbeitslosenunterstützun 
allein bei fortschreitend gleicher Arbeitslosigkeit selbst 
bei dieser reichen Gewerkschaft weit mehr als sämtliche 
Einnahmen verschlungen. Da man nun zu Kriegs- 
beginn noch nicht die Einberufung des ungedienten 
Landsturms voraussehen konnte, die den Arbeits- 
markt so entscheidend beeinflußt hat, so waren die Ge- 
werkschaften von vornherein auf die Einschränkung 
ihrer Ausgaben bedacht. Im großen ganzen kann 
man annehmen, daß in den meisten Fällen lediglich 
die laufenden Einnahmen für Unterstützungen auf- 
ewendet wurden, ohne daß in erheblichem Umfang 
as Vermögen angegriffen worden wäre. (Die Lage 
und die Aktionen der christlichen und Hirsch-Duncker- 
schen Organisationen stimmten mit denen der freien 
Gewerkschaften durchaus überein.)
        <pb n="481" />
        Lederer: Die Gewerkschaften und der Krieg 
Obwohl die Arbeitslosigkeit bald abnahm, ist sie 
zunächst nur im Vergleich mit der Zeit des Kriegs- 
beginns gesunken. Noch im Februar 1915 hatten die 
Bauarbeiter 11,5 Proz., die Holzarbeiter 9,6 Proz. die 
Buchdrucker 9 Proz. Arbeitslose aufzuweisen, und die 
Arbeitslosigkeit betrug im Durchschnitt der größten 
Gewerkschaften 5,1 Proz., war also weit höher als in 
normalen Zeiten. Je länger der Krieg dauerte, desto 
geringer wurde die Arbeitslosigkeit. Sie betrug Ende 
ovember 1915 in den meisten Gewerkschaften unter 
5 Proz., im Durchschnitt aller wichtigeren Verbände 
2,5 Proz., und hat weiterhin die Tendenz, zu sinken. 
Im Jahre 1916 schlägt die Lage auf dem Arbeits- 
markt infolge der wachsenden militärischen Einziehun- 
gen und der Produktionssteigerung in der Rüstungs- 
ndustrie ins Gegenteil um, führt zu Ende 1916 zum 
Hilfsdienstgesetz, das als Mobilmachung der Industrie 
bezeichnet werden kann, da die Einstellung aller nicht 
kriegswichtigen Arbeit und die restlose Durchorgani- 
sation der Volkswirtschaft auf den Krieg hin damit 
angestrebt wird. Daß nunmehr die Pflicht zur Arbeit 
Fesesch ausgesprochen wird, ist Symptom dafür, daß 
chon vorher die letzten Arbeitslosen vom Arbeits- 
markt aufgesogen waren. Diese Besserung darf aber 
nicht dazu verleiten, die Leistungen der Gewerkschaf- 
ten an Arbeitslosenunterstützungen zu unterschätzen; 
sie sind um so wichtiger und beachtenswerter, als es 
sich hier zum Teil um Kriegsgeschädigtehandelt, denen 
aus anderen Fonds keinerlei Hilfe kommen konnte. In 
Anbetracht dessen ist es wichtig, daß vom Kriegsbeginn 
bis Ende Januar 1915, also in einem halben Jahre, 
von den freien Gewerkschaften 17,78 Mill. Mk. an Ar- 
beitslosen- und 6,18 Mill. Mk. an Unterstützungen für 
die Familienmitglieder der Einberufenen aufgewen- 
det wurden, zusammen also nahezu 24 Mill. Mk. in 
einem halben Jahre, während im Jahre 1913 im 
waen die Arbeitslosenunterstüung in sämtlichen ( 
reien Gewerkschaften 13/ Mill. Mk. erforderte. Wir 
kommen also zu Unterstützungsbeträgen, die im 
Durchschnitt viermal so hoch waren als selbst die hohen 
(infolge der Krise gesteigerten Aufwendungen des 
Jahres 1913. Die Bedeutung der gewerkschaftlichen 
Arbeitslosenunterstützungen liegt weiterhin auch noch 
darin, daß an sie vielfach eine städtische Arbeitslosen- 
fürsorge anknüpfte. In ähnlicher Weise wie die freien 
Gewerkschaften haben sich nach Kräften die Übrigen 
Gewerkschaftsrichtungen betätigt. 
Diese erheblichen Aufwendungen der Gewerkschaf- 
ten bilden ihren wichtigsten finanziellen Beitrag zu 
den Leistungen des Krieges. Mit Recht wird vonihnen 
darauf hingewiesen, daß nur durch das Eingreifen 
der Gewerkschaften zahlreiche Arbeiterexistenzen vor 
dem Ruin gerettet wurden. Daher geht auch seit 
Kriegsbeginn von den Gewerkschaften eine gesteigerte 
Agitation für die Einführung einer reichsgesetzlichen 
Arbeitslosenunterstützung aus, deren Möglichkeit durch 
die gewerkschaftlichen Einrichtungen bereits erwiesen 
sei und deren Lasten nunmehr auch die Gesellschaft, 
nicht bloß die Arbeiterschaft allein tragen müsse, da 
dieser nicht zugemmtet werden könne, das Risiko der 
Arbeitslosigkeit allein auf sich zumnehmen. Wenngleich 
während des Krieges die Arbeitslosigkeit keine so er- 
hebliche Rolle spielt, so wird sich dieses Problem mit 
verstärkter Wucht nach Abschluß des Krieges geltend 
machen. Die vielen Millionen, die dann auf den Ar- 
beitsmarkt zurückströmen, werden nicht ohne weiteres 
in ihre bisherigen Arbeitsstellen Einlaß finden kön- 
nen, und die erkschaften können nicht in einem 
895 
Moment erhebliche Lasten auf sich nehmen, in dem die 
infolge der Preisverschiebung unausbleibliche Neu- 
regelung der Arbeitsbedingungen alle ihre Kräfte be- 
ansprucht. Infolgedessen fordern die Gewerkschaften 
sichernde Maßnahmen zum Schutz der demobilisierten 
Arbeiter, in erster Linie durch weitere Gewährung 
von Familienunterstützung und Ausbau der Arbeits- 
nachweise. 
Wie wird sich die Lage der Gewerkschaften nach 
dem Kriege gestalten? Wahrscheinlich wird der Krieg 
die Gewerkschaften, die er zuerst in ihren Finanzen be- 
denklich bedrohte, in ihrer Mitgliederzahl etwas redu- 
zieren. Schon jetzt haben die Gewerkschaften auch unter 
Anrechnung der einberufenen Mitglieder (das waren 
bereits im Jahre 1916 bis zu 50 und 60 Proz.) effektiv 
an Mitgliederbestand verloren, und sie können nicht 
damit rechnen, daß sich (ganz abgesehen von den Ge- 
fallenen und Erwerbsunfähigen) alle ehemaligen Mit- 
lieder nach dem Kriege sofort wieder der Gewerk- 
Hchafe anschließen werden. Es ist nicht möglich, die- 
sen Rückgang im voraus zu schätzen, jedenfalls wird 
die Position der Gewerkschaften infolge der geringeren 
Mitgliederziffer und damit natürlich auch geringeren 
Finanzkraft etwas schwächer sein (den Unternehmern 
egenllber, deren Organisationen unter dem Kriege 
8 gar nicht leiden). Auf der anderen Seite ist zu 
bedenken, daß der Gedanke der Organisalion wahr- 
scheinlich im Arbeiterkreisen an Boden gewonnen hat. 
Die Zusammenarbeit der gewerkschaftlichen Verbände 
mit den staatlichen Behörden bei der Regelung des 
Arbeitsmarktes und der Einrichtung der gemein- 
nützigen Arbeitsnachweise, die großen Leistungen in 
der Arbeitslosenunterstützung und Kriegsfürsorge, 
die Festigung des Tarifvertragsgedankens im Kriege, 
die Tatsache, daß die Gewerkschaften während des 
Krieges mit Geschick die Entlohnung der Arbeiterschaft 
wenigstens dem Geldbetrag nach) unverändert auf- 
rechterhalten konnten, endlich die Wertschätzung, welche 
dem Organisationsgedanken überhaupt nach dem 
Kriege zukommen wird, all das bedeutet ebenso viele 
gunsig! Einwirkungen. Die Gewerkschaften werden 
also vermutlich an Gewicht gewinnen. Schwerlichwird 
nach dem Kriefe die Anschauung vertreten werden. 
daß die Gewerkschaften den freien Willen des Arbei- 
ters beugen, daß nur der -Terrorismus= die Arbei- 
terschaft in die Gewerkschaften hineinzwinge und daß 
die Interessen der Arbeiterschaft viel besser gewahrt 
würden, wenn sie sich nicht organisierten und die Ver- 
stimmung zwischen Unternehmer und Arbeiter nicht 
vertieften. Der Krieg, welcher die Wirkung der Or- 
anisation so klar gezeigt hat, wird auch die wirt- 
chaftliche Organisation im Bewußtsein der Menschen 
als selbstverständlich und notwendig erscheinen lassen, 
und ein entgegengesetzter Einfluß könnte höchstens 
von denjenigen Kriegsteilnehmern ausgehen, deren 
Willen und seelische Kraft im Kriege gebrochen wurde 
und die sich, froh, heimgekehrt zu sein, mit jeder öko- 
nomischen Lage zufrieden geben. Es ist anzunehmen, 
daß deren Zalt jedoch nicht erheblich genug sein wird, 
um einen bestimmenden Einfluß zu üben. 
Dazu kommt noch ein weiteres Moment. Die mit- 
unter vorhandene Spannung zwischen der Regierung 
und den Gewerkschaften dürfte im wesentlichen be- 
seitigt sein. Die Gewerkschaften waren so wesentliche 
wirtschaftliche Organe, sie haben bei der Organisation 
aller ökonomischen Kräfte für den Krieg in so klag- 
loser Weise funktioniert, daß die Regierung in ihnen, 
wenn die oppositionellen Elemente weiterhin in der
        <pb n="482" />
        896 
Minderheit bleiben sollten, jedenfalls kein gefährliches 
Element in der Zukunft erblicken kann. Zum Teil 
haben ja einflußreiche Vertreter der Gewerkschaften 
ihre sozialistische Nloge aufgegeben und befinden 
sich deutlich in einer Strömung, welche letzten Endes 
die Umwandlung der sozialistischen Arbeiterbewegung 
in eine radikale Reformpartei anstrebt. Infolgedessen 
kann man auch mit einer Annäherung der auf sozia- 
listischem Boden stehenden freien Gewerkschaften an 
die christlichen und Hirsch-Dunckerschen Organisatio- 
nen rechnen. Eine solche Annäherung gt z. B. im 
Bergbau schon erfolgt, und hat zu einheitlichem Vor- 
ehen gegenüber den Unternehmern (in Fragen der 
ohnregelung, der Lebensmittelversorgung usw.) ge- 
führt. chonppricht man davon, daß eine überführung 
der Gewerkschaften in gesetzliche Formen bevorstehe 
(als übergangsmaßnahme mag die Absicht der Reichs- 
regierung gelten, die Gewerkschaften in Zukunft nicht 
als politische Bereine zu behandeln), und eine öffent- 
lichrechtliche Urbelteofenversicherun würde zweifels- 
ohne eineengere Verknipfung von Staat, Gemeinden 
und Gewerkschaften bringen. Freilich sind auch hier 
Rückschläge möglich. Die Situation während des 
Krieges aber ist insofern gewandelt, als alle Gefahren, 
welche die Gewerkschaften bedrohten (Schutz der Ar- 
beitswilligen, verschärfte Streicgesehgebung , weg- 
geräumt scheinen, und daß nach dem Krieg eine neue, 
arbeits-, aber auch erfolgreiche Zeit für die Gewerk- 
schaften kommen kann. Das ist aber nur eine Ent- 
wicklungsmöglichkeit. Wir gehen — das dürfen wir 
uns nicht verhehlen — anderseits einer Zeit entgegen, 
in welcher die Lebensverhältnisse schwerer sein werden 
ls je zuvor, in welcher die Belastungen der Klassen 
wachsen müssen, in welcher alle Versuche, die sozial- 
politische Gesetzgebung zu entwickeln, auf den hart- 
näckigsten Widerstand der Unternehmer notwendiger- 
weise stoßen werden. Es ist noch eine ungelöste 
Frage, auf welche Seite sich die Regierung in den 
dann unausbleiblichen Konflikten stellen wird. So- 
viel aber ist sicher, daß die Gewerkschaften ihrer 
Mitgliederzahl nach und finanziell in diesen Aus- 
einandersetzungen kraftvoll die Interessen der Arbei- 
terschaft vertreten werden — ob mit Erfolg, hängt 
schließlich von dem Kräfteverhältnis innerhalb der 
Bolkswirtschaft ab. 
Die ölonomische Lagehatsich, daran ist kein Zweifel, 
zungunsten der Arbeiterschaft verschoben. Die 
onzentration des Kapitals, die Proletarisierung 
breiter mittelständischer Schichten, die überflutung des 
Arbeitsmarktes, die allgemeine Teuerung bedeuten 
ebenso viele Erschwerungen in der Lage der Arbeiter- 
schaft. Wenn sich nach dem Kriege das Streben nach 
Verbesserung der Lebenshaltung lediglich auf dem 
ökonomischen Felde abspielen kann, und wenn in der 
Auseinandersetzung nur ökonomische Kräfte zur Gel- 
tung kommen, wenn die Gestaltung des Arbeitslohnes 
ein bloßes Marktproblem wird, dann wird die Lage 
der Gewerkschaften ganz außerordentlich schwierig. 
Sie werden dadurch unmittelbar auf die Politik, als 
Mittel zur Vertretung und Förderung der Arbeiter- 
interessen, hingewiesen. Die Frage, welche schon vor 
V. Recht und Volkswirtschaft 
dem iet im Mittelpunkt der Diskussion stand, ob 
die gewerkschaftlichen Methoden ausreichen, dauernd 
wertvolle Erfolge für die Arbeiter zu erzielen, könnte 
dann wieder auftauchen, die Frage, ob der „Kampf 
um die Machte an Stelle der schrittweisen, vergeb- 
lichen = Sysiphusarbeit= zu setzen sei. Niemand kann 
diese Entwicllung im voraus bestimmen. Man kann 
nur vermerken, daß die radikalen Strömungen auch 
indergewerkschaftlichen Arbeiterschaft zus ehends wach- 
sen, und daß die wirtschaftlichen Veränderungen, 
welche der Krieg gebracht hat, alle eher in der Rich. 
tung einer Radikalisierung wirken. Allerdings, die 
Entwicklung schien während des Krieges mitunter auch- 
in eine andere Richtung zu weisen: Durch die Not- 
wendigkeiten der Kriegführung wurden manchesozial- 
politischen Einrichtungen bedingt (Arbeitsnachweie, 
Ausbau des Unterstützungswesens), die Gewerkschaf- 
ten wurden praktisch als Organe der Arbeiterschaft 
anerkannt, das Hilfsdienstgesetz hat die Position der 
Gewerkschaften gesteigert und in den Schlichtungs. 
ausschüssen eine von den Gewerkschaften seit Jahren 
verlangte Einigungsinstanz geichaffen. Manche von 
diesen Einrichtungen, zumal Arbeitsnachweisorgani- 
sation und Schiedsämter, mögen auch nach dem Kriege 
beibehalten werden. Sie werden aber nicht ausreichen, 
um den Druck auf dem Arbeitsmarkte, der sich ein- 
stellen dürfte, wesentlich zu mildern. Schon jetzt deutet. 
die Entwicklung der Opposition in den Gewerkschaften 
(die Generalversammlungen der gewerkschaftlichen 
Verbände sind hierfür unteühgiche Anzeichen) auf eine 
wachsende Radikalisierung. Sie fließt aus dem Emp- 
finden, daß sich die Lage der Arbeiterschaft nicht durch 
das Wohlwollen der Regierung oder die Zweckmäßig- 
keitserwägungen der Militärbehörden entscheidend 
bessern könnte, schon gegenwärtig nicht, während des 
Krieges, und noch weniger nach demselben. Auf dem 
Arbeitsmarkt aber entscheiden die Marktlage und auch 
die Konkurrenzbedingungen der Industrie. Da diese, 
auf den Export hingewiesen, eine Herabdrückung der 
Selbstkosten anstreben oder wenigstens das Ansteigen 
derselben zu hindern versuchen wird, so wird ein hef- 
tiger, andauernder Gegensatz der Interessen von Un- 
ternehmer und Arbeitern gegeben sein, der zur Grund- 
lage einer radikalen Gewerkschaftsbewegung werden 
muß. Davon dürften auch die Sejiehungen zur so- 
zialistischen Partei nicht unberührt bleiben. Der Krieg, 
der zwar in seinem Verlaufe für die Gewerkschaften 
bisher keine katastrophalen Erschütterungen gebracht 
hat, dürfte also im gnzen doch die Lage entscheidend 
verändern und die Gewerkschaften vor außerordent- 
lich schwierige Fragen stellen, durch die sie genötigt 
werden könnten, ihre prinzipielle Haltung einer Re- 
vision zu unterziehen und sich in ihrem Programm 
und in ihrer Taktik neu zu orientieren. Daß sich aller- 
dings die Gesamtlage durch den Krieg zugunsten der 
Unternehmer verschoben hat, darüber kann wohl kein 
Zweifel herrschen, und das eiwa vorhandene Wobl- 
wollen der Regierungen bildet demgegenüber das ein- 
zige Gegengewicht. So schwer die Kriegszeit ist, die 
eigentlichen Kriegsprobleme erwarten die Gewerkschaf- 
ten erst nach dem Kriege.
        <pb n="483" />
        Lederer: Der Sozialismus im Kriege 
Der Sozialismus im Kriege 
von Privatdozent Dr. Emil Lederer in Heidelberg 
Dieser Weltkrieg wird von allen an ihm beteiligten 
Völkern mit der größten Anteilnahme und Ausdauer 
geführt. Wenn der militärische Wert der deutschen 
und österreichisch ungarischen Truppen gewiß nicht 
überboten werden kann, so stehen ihnen in den fran- 
ösischen, russischen, englischen, italienischen und ser- 
ischen Armeen durchaus ebenbürtige Gegner gegen- 
über, Über welche den Sieg zu erringen auch bei der 
größten militärischen Leistungefählgre nur mitgröß- 
ter Anstrengung möglich wäre. Nicht nur Deutsch- 
land — um ein Wort Bismarcks zu gebrauchen — 
slammte bei der Kriegserklärung vom Bodensee bis 
kur Memel wie eine Pulvermine auf, dasselbe gilt für 
ie uns feindlichen Länder, und daher ist die Haltung 
der Volksmassen in einem Kriege, welcher unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen zum Volkskrieg werden 
muß, von sehr wesentlicher Bedeutung. Welche Stel- 
lung der Sozialismus als große Volkspartei in den 
einzelnen Ländern zu einem Krieg einnehmen werde, 
war daher schon vor dem Weltkrieg Gegenstand häu- 
siger Diskussionen und mußte nat rich innerhalb 
des Sozialismus selbst zu lebhaften Auseinander- 
setzungen führen. Während sich nämlich die übrigen 
politischen Parteien (in der Ausdrucksweise des So- 
zialismus die abürgerlichen Parteien) insbesondere 
im Falle eines Krieges unbedingt auf Seite ihrer 
Regierung stellen und die Sache des Landes zu der 
ihren machen (in einem gewissen Sinne gilt dann, 
wenn es einmal zum Kriege kommt, der englische 
Spruch: Right or wrong my country), stehen die 
sozialistischen Parteien der einzelnen Länder inner- 
halb der = Internationale= in einem besonderen Zu- 
sammenhang. Betont doch der Sozialismus in der 
Ausprägung, wie er sie durch Marx erhalten hat, die 
internationale Solidarität des Proletariats, gegeben 
durch die gleichartige Klassenlage der Arbeiterschaft 
aller Länder; er betrachtet den Gegensatz gegen den 
Kapitalismus und die bürgerlichen Schichten als 
einen fundamentalen, innerhald der gegenwärtigen 
Gesellschaftsordnung nicht lösbaren Klassengegen- 
satz, die ganze Weltgeschichte als eine Auseinander- 
setzung der Klassen. Der Staat ist in dieser Auffas- 
sung nur ein Ausschuß der herrschenden Klassen und 
kann seiner ganzen Natur nach nicht anders als sich 
im Interesse der Fruce# Klassen auswirken. Dar- 
um ist notwendigerweise auch der Krieg nur im 
Interesse der herrschenden Klassen gelegen, mil welchem 
in manchen Fällen (z. B. im reinen Verteidigungs- 
krieg oder in den Kriegen einer bürgerlichen Revolu- 
tion) das Interesse des Proletariats parallel gehen 
kann. Meist jedoch wird (nach der sozialistischen Auf- 
fassung) die Solidarität zwischen dem Proletariat 
mehrerer Länder, welche miteinander im Krieg liegen, 
nicht durchbrochen. Im Gegenteil, es liegt im Inter- 
esse der Arbeiterschaft, den Krieg durch Einwirkung 
auf die Regierungen zu verhindern oder, wenn er 
ausgebrochen, möglichst viel zu seiner Beendigung 
beizutragen. Die ganze sozialistische Auffassung steht 
daher dem Krieg und Kriegsgeschehen prinzipiell ab- 
lehnend gegenüber und bekämpft den Krieg als eine 
Einrichtung der kapitalistischen Ordnung. Besonders 
in der Zeit des Hochkapitalismus, in welcher wir un- 
gefähr seit den 1890er Jahren leben, werden Kriege 
im Interesse des expansionsbegierigen Finanzkapita- 
(der Banken, der Rüstungsindustrien sowie derjeni- 
397 
gen Industrien, welche ausländis elnkernehmungen 
einrichten wollen) geführt; das Ziel sind Kolonien. 
Lancheren. Absatzmärkte, deren Eroberung im 
besten Falle eigende ewinne für die kapitalistischen 
Schichten, aber nicht eine grundlegende Veränderung 
in der Lage des Proletariats bringen kann. Denn 
die Ausweitung der nationalen Volkswirtschaft zum 
Imperium bedeutet nur dasselbe kapitalistische System 
auf erweiterter Stufeuleiter, ja stärkt vielfach (weil 
Imperialismus bessere Organisation des Kapitals 
zur Folge hat, ohne die Situation der Arbeiterschaft 
auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern) die Macht des 
Kapitals gegenüber der Arbeiterschaft. 
le diese Gründe wirken in der Auffassung des 
Sozialismus zusammen und erklären, daß vor dem 
Weltkrieg dieinternationalen Kongressein ganzeindeu- 
tiger Weise die Pflichten der internationalen Arbeiter- 
parteien gegenüber den Rüstungen und dem Kriege 
umschrieben haben. So hat der internationale So- 
talistenkongreß in Paris (1900) — in der präziseren 
gamasi Fassung — empfohlen, die sozialistischen 
bgeordneten müßten #gegen jeden Maswand für 
eer oder Flotte und Kolonialegpeditionene stimmen. 
chon deutlicher war der Beschluß des Stuttgarter 
Kongresses (1907), nach welchem die sozialistischen 
Arbeiterparteien die Pflicht hätten, „durch Anwen- 
dung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel 
den Ausbruch des Krieges zu verhinderne. Ebenso 
müßten sie danach trachten, Ausbruch eines 
Krieges für möglichst rasche Beendigung desselben 
einzutreten. Der letzte internationale Kongreß, wel- 
cher sich mit der Frage befaßte (Kopenhagen 1910), 
wies das Internationale sozialistische Bureau an, bei 
drohender Keiegsgefahr die nötigen Schritte einzulei- 
ten, um zwischen den Arbeiterparteien der betroffenen 
Länder das Einvernehmen über ein einheitliches Vor- 
gehen zur Verhütung des Krieges herbeizuführen- 
Die Beschlüsse der sozialistischen Internationale 
enthielten also keine Festlegung der Taktik im Falle 
des Kriegsausbruches. Im Gegenteil, man kann 
eher sagen, daß in der sozialistischen wissenschaftlichen 
Literatur der geften Jahre aees betont wurde, bei 
Kriegsausbruch sei eine entscheidende Aktion gegen 
die eigene Regierung unmöglich, weil das System 
der allgemeinen Wehrpflicht die Hauptmassen der Ar- 
beiterschaft unter die Fahnen rufe und unter der 
Herrschaft des Kriegszustandes bei den modernen Mit- 
teln der staatlichen Gewalt jeder Versuch der Wider- 
setzlichkeit mit Leichtigkeit niedergeworfen werden könne. 
Dazu komme, daß zu Kriegsbeginn das Geschäfts. 
leben ohnedies stocke, so daß die massenhafte Arbeits- 
losigkeit den Streik — das Hauptmittel proletarischer 
Aktion — zu einer stumpfen Waffe mache. Daher 
bleibe als einzige Möglichkeit Lahmlegung der Ver- 
kehrsmittel, welche ja für die Mobilisierung und den 
Aufmarsch der Truppen von entscheidender Bedeu- 
tung sind. Aber bei diesen — das wurde schon vor 
dem Kriege in sozialistischen Kreisen eingesehen — 
ist durch die Art der Organisation (Staatsbetrieb, 
eamteneigenschaft des Betriebspersonals) in den 
meisten europäischen Staaten die Möglichkeit einer 
Stillegung nicht gegeben, und sie könnte überdies 
überall durch-Militarisierung-, d. h. übernahme der 
Verkehrsanlagen in militärische Verwaltung, verhin- 
dert werden. 
So ist man denn höchstens in Kreisen, welche die 
sozialistische Bewegung, ihre Ausdehnung und Mög- 
lichkeiten der Machtentfaltung nicht kannten, also in
        <pb n="484" />
        398 
den bürgerlichen, z. T. auch in militärischen Kreisen 
der Meinung enesen, daß die sozialistischen Parteien 
(und zwar meinte man dies jeweils von der Arbeiter- 
partei des feindlichen Landes) den Beginn des Krieges 
mit einer sozialistischen Revolution gegen die eigene 
Regierung beantworten würden. Doch lehrt schon die fühlt 
Geschichte, daß Volksbewegungen fast stets als Reak- 
tionen gegen ein Versagen der staatlichen Macht im 
Kriege eintreten (1870 in Frankreich, 1905 in Ruß- 
land). Es haben diejenigen, welche auf eine Volks- 
bewegung rechneten, auch außer acht gelassen, daß die 
sozialistischen Parteien aller Länder (so auch in Deutsch- 
land durch den Mund Bebels) stets erklärten, im Falle 
eines Verteidigungskrieges die Pflicht der Landes- 
verteidigung auf sich zu nehmen. Schon aus der Ge- 
schichte aber wissen wir, daß jede Regierung imstande 
ist, bei Kriegsbeginn, wo die Verbindungen zu den 
übrigen Ländern abgeschnitten sind, den Peger als 
den Angreifer hinzustellen. Auch in diesem Kriege hat 
sich ja bezeichnenderweise (England ausgenommen) 
jedes Land in der Verteidigung gefühlt. Und so sehen 
wir in allen Ländern die sozialistischen Parteien, weit 
davon entfernt, der eignen Regierun Schwierigkeiten 
zu machen, in geschlossener Linie mit den Übrigen Par- 
teien und den Regierungen an der Verteidigung des 
Vaterlandes teilnehmen. Bloß in England, das der 
Natur der Sache nach nicht als angegriffen in Frage 
kommen konnte (dort spielte wieder die= Rechtsfrage- 
im Volksbewußtsein eine ausschlaggebende Rolle), und 
in Rußland, wo die revolutionäre Kraft der Arbeiter- 
bewegung noch keinerlei Abschwächung erfahren hat, 
sowie in Italien, das seinen Krieg unmöglich alseinen 
PVerteidigungskriege konstruieren konnte, sehen wir 
in erheblichem Umfang eine Kritik und selbst Aktionen 
gegen die Politik der Regierung. 
An Deutschland speziell stellte sich die Situation so 
dar, daß man sich der russischen Mobilisierung gegen- 
Übersah, daß Frankreich offenbar gewillt war, sich bei 
einem Krieg auf Seite Rußlands zu stellen. Der An- 
laß zum Kriege, der Streitfall Osterreichs mit Ser- 
bien, trat ganz in den Hintergrund der Konfliktspitzte 
sich zwischen Rußland und Deutschland als den Haupt- 
beteiligten zu, und in diesem Konflikt hatte Rußland 
zweifelsohne die ersten schwerwiegenden Schritte von 
militärischer Bedeutung getan. Dazu kommt, daß als 
der Hauptgegner damals Rußland erschien. Der 
russische Zarismus jedoch ist in sozialistischer Auffas- 
sung das Haupthindernis einer demokratischen Ent- 
wicklung Europas. Wenn schon der Laigg mit Ja- 
pan im Jahre 1905 zu einer russischen Revolution 
und einer Gefährdung der russischen Regierungsmacht 
führte, um wie viel mehr würde der Krie mit Deutsh- 
land, der stärksten Militärmacht der Welt, wenn er 
mit einer russischen Niederlage endete, das Ende der 
herrschenden Schichten in Rußland sein. Dazu kam, 
daß man annahm, ein solcher Krieg werde die freund- 
schaftlichen Beziehungen, welche immerhin zwischen den 
russischen und deutschen Regierungen bis in die letzte 
Zeit hinein bestanden, zerreißen und dadurch auch in 
Deutschland die Bahn für eine freiheitliche, demokra- 
tische Entwicklung öffnen. Gewiß waren das nur 
Nebengründe, aber aus ihnen stammen die Obertöne 
der sozialistischen Stimmung zu Kriegsbeginn; diese 
Gründe verstärkten das entschlossene Auftreten der 
sozialistischen Partei und der Gewerkschaften für die Re- 
gierung; diese Wendung gegen Nußland erklärt es, 
daß sich unter der Million Freiwilliger, welche zu den 
Fahnen eilten, auch Hunderttausende deutscher Arbei- 
V. Recht und Volkswirtschaft 
ter befanden, und daß die Soldaten und Reservisten 
mit sozialistischer Gesinnung nicht nur hinauszogen, 
um den Boden der Heimat zu verteidigen, wozu sie 
auf jeden Fall entschlossen gewesen wären, sondern 
sich auch zugleich im Dienste der sozialistischen Idee 
en. 
Es konnte also von vornherein von den sozialisti- 
schen Parteien eine Aktion gegen den Krieg nicht er- 
wartet werden. Eine solche wäre nur als interna- 
tionales Vorgehen denkbar. Dazu aber fehlten die 
notwendigen Voraussetzungen (Möglichkeit der Ver- 
ständigung, gleiche Größe der Machtmittel). Bald zeigte 
sich jedoch, daß die sozialistischen Parteien der Krieg- 
führung gegenüber nicht bloß nicht teilnahmslos blie- 
ben, sondern aktiv, auch als Parteien, am Kriege teil- 
nahmen. Überall, wo in den Parlamenten die Regie- 
rungen Kriegskredite forderten, stimmten auch die 
sozialistischen Parteien dafür (teilweise Ausnahmen: 
Rußland, England, Italien). Sie taten es dann stets 
aus der Situation heraus. So führt die Begründung, 
mit welcher die deutsche sozialistische Partei dem ersten 
Kriegskredit zustimmte, aus (Erklärung vom 4. Au- 
ust), daß der Krieg eine Folge der imperialistischen 
Polior und des Wettrüstens sei, daß die sozialistische 
Partei diese Politik stets bekämpft habe und auch jetzt 
für sie nicht die Verantwortung übernehme. Nun sei 
jedoch die Tatsache des Krieges gegeben, es handle 
sich um die Verteidigung des Vaterlandes, um das 
eigene Volk und dessen Keiheitliche Zukunft, die bei 
einem Siege des russischen Despotismus auf dem 
Spiele stehe. »Da machen wir wahr, was wir immer 
betont haben: wir lassen in der Stunde der Gefahr 
das Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei 
im Einklang mit der Internationale, die das Recht 
jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit und Selbst. 
verteidigung jederzeit anerkannt hat, wie wir in lber- 
einstimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurtei- 
len.“# Die Erklärung fordert, daß dem Kriege, so- 
bald das Ziel der Sicherung erreicht ist und die Geg- 
ner zum Frieden geneigt sind, ein Ende gemacht 
werde durch einen Frieden, der die Freundschaft mit 
den Nachbarvölkern ermöglichte. 
Überall gab es in den sozialistischen Parteien Mino- 
ritäten, die sich (in den Parteiberatungen) gegen die 
Bewilligung der Kriegskredite aussprachen. Sie gin- 
gen davon aus, daß man im Momente des Kriegs- 
ausbruchs die Lage noch nicht genau genug übersehen 
könne, daß der Krieg Ausfluß des internationalen 
expansiven Imperialismus sei, den die sozialistischen 
Parteien stets bekämpft haben; man setze sich durch die 
Bewilligung der Mittel mit sich selbst in Widerspruch 
und zerstöre die internationale Solidarität der Ar- 
beiterklasse. Diese Anschauungen aber blieben in der 
Minderheit. 
Auch späterhin standen einander diese beiden An- 
schauungen ganz unvermittelt gegenüber Sie führ- 
ten zu hefligen Kämpfen in den sozialistischen Parteien. 
Es liegt in der Natur der Sache, daß sich die Gegen- 
sätze eher verschärften, als abstumpften. Je länger 
der Krieg dauert, je schwerere Opfer er fordert, um 
so mehr scheint die radikale Auffassung an Boden zu 
ewinnen, daß sich die sozialistischen Parteien in den 
eltkrieg in keiner Weise hätten hineinziehen lassen 
dürfen. Es wird darauf hingewiesen, daß eine Ab- 
lehnung aller Kriegskredite, ohne das eigene Land 
wirklich dem Feinde auszuliefern, ähnliche Beschlüsse 
in den anderen Ländern hervorrufen und dadurch 
bald eine allgemeine Friedensstimmung in Europa
        <pb n="485" />
        Lederer: Der Sozialismus im Kriege 
schaffen müßte, der sich die Regierungen auf die 
Dauer nicht entziehen könnten (Standpunkt der Zim- 
merwalder Konferenz). Dazu kommen Hinweise auf 
die durch den Krieg gesteigerte Ausbeutung der Ar- 
beiterklasse, die Not und O#sflosiget der zurückgeblie- 
benen Frauen und Kinder, die allgemeine Verarmun 
und die Lasten des Krieges, welche der Arbeterschaßt 
in erster Linie aufgebürdet würden. Die Majorität 
der sozialistischen Parteien hingegen (wir sehen diesen 
Prozeß jetzt sogar in England) hält an dem ur- 
sprünglichen Standpunkt fest; sie bewilligt weiterhin 
die Kredite — die deutsche Sozialdemokratie mit dem 
Hinweis darauf, daß das Land immer noch vertei- 
digt werden müsse, daß ja die Gegner zu einem Frie- 
den leider nicht geneigt seien, die französischen und 
belgischen Sozialisten mit dem Hinweis auf die Okku- 
pation ihres Landes, das zuerst befreit werden müsse, 
bevor überhaupt von Frieden die Rede sein könne. 
Diese beiden Auffassungen sind die Auswirkung 
tiefergehender Gegensätze im Sozialismus. Die Mchr- 
heit vertritt letzten Endes den Standpunkt, daß die 
Entwicklung zum und im Kapitalismus notwendige 
Voraussetzung für die Verwirklichung der sozialisti- 
schen Idee sei. Die Vergesellschaftung der Produkk- 
tionsmittel ist überwindung des Kapitalismus in 
höchster Form, und daher muß man diesen und alles, 
was mit ihm gegeben (also auch Imperialismus, der 
nur Kampfum Absatzmärkte sei), wollen. Dazukomme, 
daß das Interesse der Arbeiterklasse unlösbar ver- 
knüpft sei mit dem Interesse der Kapitalisten und des 
Staates, innerhalb dessen zwar die Arbeiterschaft 
für ihre Existenz, die Verbesserung ihrer Existenz und 
ihre Herrschaft kämpfe, der aber erstmals nach außen 
hin gesichert sein müsse, damit das Proletariat über- 
haupt die Möglichkeit des Kampfes im Inneren habe. 
Der entgegengesetzte Standpunkt wiederum verweist 
darauf, ban eine solche Haltung den sozialistischen Ge- 
danken überhaupt preisgeben würde. Denn man 
müßte sich dann ja mit allen Erscheinungen des In- 
dustriesystems gleichfalls befreunden und die Entwick- 
lung zum Sozialismus nur von einem Wunder er- 
warten. Sozialismus aber realisiere sich im Kampf 
mit dem Kapitalismus, und wie die Arbeiter- 
llasse wesentliche Erscheinungsformen des Kapitalis- 
mus bekämpfe, wie sie den Staat bekämpfe, weil er 
ein Ausschuß der herrschenden Klassen sei, so müsse 
sie sich auch gegen den Krieg wenden und in diesem 
die Solidarität mit den Arbeiterklassen anderer Län- 
der obenan stellen. 
In Deutschland hat zuerst die Reichtagsfraktion 
die Trennung auch äußerlich vollzogen. Dieser neuen 
Reichtagsfraktion (·Unabhängige Sozialisten-) hat 
sich späterhin auch eine besondere politische Partei zu- 
eordnet. In beiden Lagern haben sicherlich die be- 
aonnenen Elemente der Trennung solange wie mög- 
lich entgegengewirkt. Auch heute sind noch nicht alle 
Verbindungsfäden abgeschnitten. Zuletzt scheint diese 
Trennung dadurch unvermeidlich geworden zu sein, 
daß sich die Minderheit auch im Reichstag, außerstande 
sah, ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen, weil 
die Mehrheit sie bei der Bestimmung von Rednern 
für die wichtigen Verhandlungen ganz oder größten- 
teils ausschaltete. Parallele Erscheinungen zeigten sich 
auch bald in den Gewerkschaften, in welchen die An- 
hänger der Minderheit bald jede Beteiligung an der 
Parteipolitik, bald auch eine Annäherung an die 
Politik der radikalen Gruppe verlangten. Selbst im 
Deutschen Metallarbeiterverband, dessen Mitglieder 
399 
als gutbezahlte Munitionsarbeiter am ehesten zur 
Auffassung der Mehrheit neigen dürften, hat diese 
Opposition schon eine sehr erhebliche Stärke erreicht, 
wie die letzte Generalversammlung Hrn 1917) be- 
wies. Die Formen, in welchen sich die Auseinander- 
setzungen zwischen der Mehrheit und Minderheit im 
deutschen Sozialismus vollziehen, könnten zu einem 
falschen Urteil Veranlassung geben: je länger der 
Krieg dauert, und je mehr 4h auch die sozialistische 
Mehrheit von ihren Wählern zu radikalem Vorgehen 
in Fragen der inneren und äußeren Politik gedrängt 
sieht, um so mehr verschwinden die sachlichen Differen- 
* Das oben angedeutete Konipromiß mit der 
apitalistischen Entwicklung, dem Staat und seiner 
Außenpolitik findet immer weniger Vertreter. Und 
die Minderheit bleibt nicht etwa deshalb stationär, 
weil ihre Anschauungen keine Anhänger werben, son- 
dern weil sich allmählich auch die Mehrheit auf den- 
selben Standpunkt zu stellen beginnt. 
Eine gewaltige Beschleunigung dieser Entwicklung 
(sie hat ihre Parallelen in allen kriegführenden Län- 
dern, so insbesondere auch in Osterreich und in Frank- 
reich) brachte die russische Revolution. Auf ihre 
moralische Einwirkung i es zurückzuführen, daß zu- 
nächst in Stockholm Besprechungen zwischen einem 
skandinavischen Komitee und fast allen Sozialisten- 
parteien über einige wichtige Fragen stattfinden 
konnten, die eine wenigstens vorläufige Llärung über 
die wichtigsten strittigen Punkte brachte. Selbst die 
französische sozialistische Partei konnte sich von diesen 
Beratungen nicht mehr ausschließen. Wichtiger aber 
ist, daß wpri (im Juli 1917) der russische Ar- 
beiter- und Soldatenrat, als Vertretung und Exe- 
kutivorgan der russischen sozialistischen Parteien selbst 
die Initiative zur Einberufung eines internationa- 
len sozialistischen Kongresses für Mitte August 1917 
ergriff. Der russische Arbeiter= und Soldatenrat 
suchte auf diese Weise die während des Krieges sus- 
pendierte, aber, wie sich zeigte, nicht zerstörte Inter- 
nationale zu beleben, trachtete eine versöhnliche Wir- 
kung auf die verschiedenen Parteirichtungen aller 
Länder zu üben (so wie sich ja in ihm die verschieden- 
len sozialistischen Richtungen bisher zu einheitlicher 
olitik zusammengefunden haben — ein deutliches 
Symptom für die politische Begabung und Aktions- 
fähigkeit der russischen Volksmassen) und arbeitete 
mit großer Energie auf das Zustandekommen einer 
völlig internationalen Konferenz hin. Ihr Ziel 
ist offenbar eine Einigung sämtlicher sozialistischen 
Parteien nicht nur auf eine einheitliche Friedens- 
formel, sondern auf ein konkret umschriebenes Frie- 
densprogramm, das ihren Regierungen gegen- 
Über durchzusetzen sich die einzelnen Parteien ver- 
pflichten sollen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, 
daß ein solches Programm, wie immer es im einzel- 
nen aussehen mag, eine große moralische Bedeutung 
hätte, daß es eine ungeheure Anziehungskraft auf die 
zahlreichen, doch allmählich wachsenden Friedensströ- 
mungen in der Welt üÜben müßte. Zudem sind in 
zahlreichen Ländern die sozialistischen Parteien in den 
Regierungen vertreten und haben daher die Möglich- 
keit direkter Einwirkung auf die Kriegszielpolitik. 
Wie immer der praktische Erfolg der ganzen Bestre- 
bungen auslaufen mag, so ist schon jetzt festzustellen, 
daß der internationale Sozialismus ein außerordent- 
lich wesentlicher außenpolitischer Faktor geworden ist, 
und vielleicht dazu berufen ist, an der Gestaltung 
des Friedenswerks — sei es direkt oder indirekt —
        <pb n="486" />
        400 
entscheidend mitzuwirken. Daß die inneren Umfor- 
mungen, welchen Deutschland entgegengeht, letzten 
Endes wenigstens im Tempo, wahrscheinlich aber 
auch der Sache nach von dieser ganzen Entwicklung 
stark beeinflußt sind. braucht nicht besonders betont 
zu werden. 
Von dem größeren oder geringeren, direkten oder 
versteckten Erfolg der Friedensbemlhungen des inter- 
nationalen Sozialismus wird dann Kohl seine Po- 
sition nach dem Kriege abhängen. DielUmformungen, 
welche die Volkswirtschaft durch den Krieg erfahren 
hat (Konzentration des Kapitals, Proletarisierung 
breiter mittelständischer Schichten, schwere Steuern), 
welche für die Übergangswirtschaft vielfach den Zu- 
stand des Frühkapitalismus wiederbringen werden, 
V. Recht und Volkswirtschaft 
deuten auf ein Wachskum der sozialistischen Bewe- 
#n nach dem Kriege in allen Ländern hin. Dieses 
eckeium dürfte, zumal auch der internationale 
Zusammenhang nicht eine Abschwächung, sondern 
eher eine Steigerung erfahren dürfte, auch die Gegen- 
sätze innerhalb des Sozialismus überbrücken, und 
es ist nicht ausgeschlossen, daß so die Spaltung inner- 
halb der Parteien überwunden wird. Auf welchem 
Wege das geschehen könnte, ist schwer zu sagen: mög- 
licherweise könnte eine den russischen Arbeiterräten 
analoge Obgenisattonssorm (welche also an die in- 
dustriellen Betriebe und nicht an Fachverbände an- 
knüpft) eine solche neue Verschmelzung einleiten. Für 
die innerpolitische Entwicklung Deutschlands ist jeden. 
falls die Entscheidung darlber von größter Bedeutung. 
Naterländischer Hilfsdienst 
von Professor Dr. Theo Sommerlad in Halle 
I. Mit der Dauer des Weltkrieges ist im deutschen 
Volk die Erkenntnis gewachsen, daß es einen Kampf 
führen muß für seine Weltstellung, einen Verteidi- 
gungskrieg für sein gesamtes staatliches und wirtschaft- 
liches Dasein, für den ungeschmälerten Bestand und 
die Zukunft der deutschen Kultur. Erweiterung und 
Vertiefung dieser Erkenntnis bewirkten eine Mobil- 
machung aller deutschen Volkskräfte in nie erlebtem 
ewaltigem Umfang. Der Mobilisierung des Feld- 
geeres il die Mobilisierung des Heimatheeres gefolgt. 
Freiwillig, aus selbsteigenem Antrieb oder beeinflußt 
und geweckt von Gemeinden, Verbänden, Genossen- 
schaften und Vereinen haben in Werkstatt und Fabrik, 
in Kontor und Studierstube, in Haushalt und Küche 
ungezählte männliche und weibliche Volkskräfte unge- 
heure soziale und wirtschaftliche Kriegsarbeit geleistet. 
Ohne Ansehen des Standes und der Person hat ein 
Siegeswille, ein Arbeitswille alle Volksschichten und 
Berufskreise in Deutschland durchdrungen. 
Doch die gebietende Stunde der ehernen Zeit er- 
forderte noch eine Steigerung der Anstrengung und 
der Verwertung der deutschen Kräfte. Der Weltkrieg ist 
immer mehrein Wettstreit der Technik, der Maschinen, 
der Geschütze und Geschofse geworden, und nur das 
Volk wird endgültiger Sieger sein, das dem Sieges- 
willen seiner Heeresmacht die ausdauernde Rüstung 
seiner Wirtschaft und die unerschöpfliche Leistungs- 
fähigkeit seiner Technik zu gesellen vermag. Deutsch- 
lands Feinde haben es verstanden, der Industrie ihrer 
eigenen Länder die Kriegsindustrie anderer sogenann- 
ter neutralen Völker und vornehmlich der Vereinigten 
Staaten von Amerika als Bundesgenossin und Hilfs- 
macht zu gewinnen und damit ihren Munitionsvor- 
rat ins Ungeheuerliche zu vermehren. Zeugnis hier- 
für gaben die großen Durchbruchsschlachten vornehm- 
lich an der Westfront. Die Wucht und Energie des 
feindlichen Anpralls hämmerte unserem Volke noch 
eindringlicher die überzeugung ein, daß es zur sieg- 
reichen Lösung seiner Weltdaseinsfrage Eisen und 
Stahl in genügender Menge seinen wehrhaften Söh- 
nen bereitstellen und allein und aus eigener Kraft 
undauseigenen Mitteln den Munitionsvorratschaffen 
müsse, den unseren Feinden eine befreundete oder 
vergewaltigte Welt zur Verfügungstellt. Das deutsche 
Volk hat weiterhin eingesehen, daß die durch seine 
Feinde völkerrechtswidrig bewirkte Absperrung von 
seinen Einfuhrländern von ihm gebieterisch die Steige- 
rung der vaterländischen Nahrungserzeugung und 
der Herstellung aller notwendigen Ersatzstoffe ver- 
langt, will es nicht verhungern und am notwendigsten 
Lebensunterhalt empfindlichen Mangel leiden. Die- 
ser Volkserkenntnis und diesem Volksempfinden ent- 
keimte das große Gesetz über die Zivildienst- 
pflicht der nicht wehrpflichtigen deutschen 
Männer. 
II. An Schnelllgkeit der Entstehung und Durch- 
führung steht das Gesetz ohnegleichen da in der deut- 
schen Gesetzgebungsgeschichte. Das am 1. November 
1916 beim preußischen Kriegsministerium errichtete 
Kriegsamt beriet die Gestaltung der Hilfspflicht mit 
dem Reichsamt des Innern, und nach den daselbst 
mit Arbeitgebern und Arbeitern gepflogenen Vorbe- 
lprechungen wurde der Gesetzentwurf am 14. Novem- 
ber dem Bundesrat vorgelegt, der am 21. November 
seine Zustimmung erteilte. Der Entwurf war ein 
sogenanntes Mantel- oder Rahmengesetz, das in vier 
Paragraphen ganz allgemein umrissen nur die grund- 
legenden Bestimmungen über die vaterländische 
Dienstpflicht, ihren Begriff und die Festlegung der 
Altersgrenze traf, übrigens aber dem Bundesrat und 
Kriegsamt die weitere Ausfüllung entsprechend den 
mannigfaltigen und wechselnden Verhältnissen der 
Durchführung überlassen wollte. Der Haushalts- 
ausschuß des Reichstages, in dem vom 23.—28. No- 
vember der Entwurf zur Beratung stand, wünschte 
aber gerade die knappe Fassung zu beseitigen und 
bei einem derartig weitgehenden Eingriff in die be- 
stehende Wirtschaftsordnung besondere Sicherheiten 
für die Wahrung der Arbeiterinteressen sowie die 
Mitwirkung des eichstagen bei der Ausgestaltung 
des Gesetzes einzufügen. Auch Anträge der verschie- 
denen Gewerkschaftsrichtungen liefen ein, und schließ- 
lich wurde im Reichsamt des Innern ein neuer Ge- 
setzentwurf ausgearbeitet, der die ursprünglich nur 
als Richtlinien vorgesehenen Bestimmungen und die 
Gewerkschaftsanträge aufnahm. Die erste Lesung 
fand im Reichstag am 29. November statt, und am 
6. Dezember 1916 wurde das Gesetz über den vater- 
ländischen Hilfsdienste im Reichsgesetzblatt ver- 
öffentlicht, mit dem Tage seiner Verkündung in Kraft 
tretend. Das dem Bundesrat in § 19 erteilte Recht 
#m Erlaß der Ausführungsvorschriften wurde da- 
urch beschränkt, daß zu allgemeinen Verordnungen
        <pb n="487" />
        Sommerlad: Vaterländischer Hilfsdienst 
die Zustimmung eines Reichstagsausschusses erforder- 
lich ist. Auch das Kriegsamt als die Spitze des be- 
hördlichen Gliederbaues soll mit diesem Ausschuß in 
ständigem Einvernehmen bleiben. Die ungemeine 
und grundlegende Bedeutung des Gesetzes für das 
Wirtschafts= und Kulturleben des deutschen Volkes 
läßt die ungewöhnliche staatsrechtliche Erscheinung 
einer parlamentarischen Mitwirkung bei Ausführung 
und Vollzug durchaus gerechtfertigt erscheinen. 
III. Das Gesetz, das 20 Paragraphen umfaßt, legt 
zunächst den Begriff des vaterländischen Hilfsdien- 
stes fest. Zu ihm ist jeder männliche Deutsche vom 
vollendeten 17. bis zum vollendeten 60. Ledensjahre, 
soweit er nicht zum Dienste in der bewaffneten Macht 
einberufen ist. verpflichtet (E 1). Unter das Gesetz fallen 
auch Deutsche, die sich im Ausland aufhalten, und 
auch in den besetzten Gebieten kann die Leistung von 
Hilfsdiensten verlangt werden (Sten. Ber.. S. 2216). 
Trotz der Verpflichtung aber gelten die auf Grund der 
Hilfsdienstpflicht geleisteten Arbeiten als Arbeitslei- 
stungen eines freien Arbeiters (Verordnung vom 24. 
Februar 1917, NGBl., S. 171. § 1). Als im vater- 
ländischen Hilfsdienst tälig gelten alle Personen, die 
beschäftigt sind bei Behörden, behördlichen Einrich- 
tungen (Seelsorge, kommunale Einrichtungen für 
Ernährungszwecke, Schulen, Universitäten), in der 
Kriegsindustrie, in der Land= und Forstwirtschaft, in 
der Krankenpflege, in kriegswirtschaftlichen Organi- 
sationen jeder Art oder in sonstigen Berufen oder 
Betrieben, die für Zwecke der Kriegführung oder 
Volksversorgung unmittelbar oder mittelbar Hedeu- 
tung haben (dazu gehören die Presse, die Rechtsan- 
wälte, Krankenkassenverbände, Berufsorganisationen 
der Arbeitgeber und Arbeiter, Banken und Versiche- 
rungsgesellschaften (Sten. Ber., S. 2216 —2218, 82). 
Die Erfüllung der Wehrpflicht geht der Hilfsdienst- 
pflicht vor. 
Die Frage, ob die Zahl der bei einer Behörde be- 
schäftigten Personen das Bedürfnis übersteigt, ent- 
scheidet die zuständige Reichs-- oder Landeszentral= 
behörde im Einvernehmen mit dem Kriegsamt, die 
gleiche Frage bei behördlichen Einrichtungen und die, 
was als solche gilt, dagegen das Kriegsamt nach Be- 
nehmen mit den zuständigen Behörden. Die Ent- 
scheidung über diese Fragen bei Berufen,. Betrieben 
und Organisationen liegt Feststellungsaus- 
schüssen ob, die für den Bezirk jedes stellvertreten- 
den Generalkommandos oder für Teile des Bereichs 
gebildet sind, zu deren jedem unter Vorsitz eines Offi- 
ziers zwei höhere Staatsbeamte und je zwei Vertreter 
der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gehören (§ 4). 
Die Heranziehung zum Hilfsdienst erfolgt 
in der Weise, daß zunichst eine Aufforderung zur 
freiwilligen Meldung ergeht. Wird dieser nicht in 
ausreichendem Maße entsprochen, so erhält der ein- 
zelne Hilfsdienstpflichtige durch den (ähnlich dem Fest- 
stellungsausschuß zusammengesetzten) Einberu- 
fungsausschuß eine schristliche Aufforderung, die 
ihm zwei Wochen zum Suchen einer Beschäftigung 
im Hilfsdienst Zeit läßt. Kann er eine solche nach 
Ablauf der Frist nicht nachweisen, so wird er ihr durch 
den Ausschuß zwangsweise überwiesen (§ 7). Da- 
bei werden Lebensalter, Familienverhältnisse, Wohn- 
ort. Gesundheit und bisherige Tätigkeit des Hilfs- 
dienstpflichtigen gebührend berücksichtigt und besonders 
geprüft, ob der in Aussicht gestellte Arbeitslohn ihm 
und seinen zu versorgenden Angehörigen ausreichen- 
den Unterhalt ermöglicht (8 8). Soziale Unterschiede 
Der Krieg 1014/17. II. 
401 
dagegen haben keinerlei Bedeutung für die Heran- 
ziehung zum Hilfsdienst überhaupt. 
Ein Hilfsdienstpflichtiger kann seine Arbeitsstelle 
wechseln, jedoch darf einen in den letzten zwei 
Wochen schon im Hilfsdienst Beschäftigten ein Hilfs- 
dienstbetrieb nur dann einstellen, wenn er eine Be- 
scheinigung („Abkehrscheine) seines letzten Arbeit- 
ebers beibringt, daß er die Beschäftigung mit dessen 
ustimmung aufgegeben hat. Ein wichtiger Grund 
für das Ausscheiden muß vorliegen; als solcher gilt 
besonders eine angemessene Verbesserung der Arbeits- 
bedingungen im vaterländischen Hilfsdienst. Bei Ver- 
weigerung des Abkehrscheins durch den Arbeitgeber 
steht dem Hilfsdienstpflichtigen die Beschwerde an 
einen Schlichtungsausschuß zu, der für den 
Bezirk einer Ersatzkommission aus einem vom Kriegs- 
amt beauftragten Vorsitzenden und aus je drei Ver- 
tretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gebildet 
wird. Je zwei dieser Vertreter sind ständig, gleichfalls 
vom Kriegsamt ernannt je einer unständig, vom Vor- 
sitzenden aus der Berufsgruppe zu bestellen, welcher 
der beteiligte Hilfsdienstpflichtige angehört (§ 9). 
In allen für den Hilfsdienst tätigen Betrieben, in 
denen in der Regel mindestens 50 Arbeiter beschäftigt 
werden, müssen ständige Arbeiterausschüsse be- 
stehen, die von den volljährigen Arbeitern aus ihrer 
Mitte in geheimer Wahl gewählt werden. Nach den- 
selben Grundsätzen und mit gleichen Befugnissen sind 
in den Hilfsdienstbetrieben, in denen mehr als 50 nach 
dem Versicherungsgesetz für Angestellte versicherungs- 
pflichtige Angestellte sind, besondere Angestellten- 
ausschüsse zu errichten (5 11). Diesen Arbeiter- 
ausschüssen liegt ob, das gute Einvernehmen inner- 
halb der Arbeiterschaft des Betriebs und zwischen der 
Arbeiterschaft und dem Arbeitgeber zu fördern (8 12). 
Die Ausübung des ihnen gesetzlich zustehenden 
Vereins= und Versammlungsrechts darf allen 
im vaterländischen Hilfsdienst Beschäftigten nicht be- 
schränkt werden (§ 14). Die auf Grund des Gesetzes 
der Landwirtschaft überwiesenen gewerblichen Arbeiter 
unterliegen nicht den landesgesetzlichen Bestimmungen 
über das Gesinde (§ 16). 
Den Zeitpunkt des Außerkrafttretens des Gesetzes 
bestimmt der Bundesrat; macht er von dieser Befug- 
nis binnen eines Monats nach Friedensschluß mit 
den europäischen Großmächten keinen Gebrauch, so 
tritt das Gesetz außer Kraft (8 20). 
Das Gesetz, das nach seinem Schlußparagraphen also 
ausdrücklich als ein Ausnahmegeset für eine be- 
stimmte Zeitdauer, die Zeit des Krieges mit den euro- 
päischen Großmächten, in Geltung ist, setzt doch für 
die von ihm Betroffenen kein vom allgemeinen ab- 
weichendes Recht. Der Rechtsschutz, das Koalitions-, 
Vereins= und Versammlungsrecht ist ebenso wie die 
Freizügigkeit gewahrt, die Arbeiterfürsorge-Gesetz- 
gebung und die Rechte der vorübergehend der Land- 
wirtschaft überwiesenen gewerblichen Arbeiter bleiben 
ungeschmälert. Freilich während des Weltkrieges tritt 
die öffentliche Arbeitspflicht an die Stelle des freien. 
Arbeitsvertrags insofern, als die Arbeitskräfte aus 
den für die Kriegsaufgaben minder bedeutsamen 
Arbeitsstätten in die kriegswirtschaftlichen und volks- 
versorgenden Betriebe verpflanzt werden können. Die 
gesamtte Verschiebung der Arbeitskraft erfolgt aber 
urchaus auf der Grundlage der Freiwilligkeit; der 
Zwang ist nur das äußerste Mittel bei der Heran- 
sihun der Hilfsdienstpflichtigen und bei der von 
hnen eingegangenen Arbeitsverpflichtung. Der groß- 
26
        <pb n="488" />
        402 
zügige vaterländische Zweck ist die straffe einheitliche 
Zulammenfassung. die planmäßige und zielbewußte 
egelung und damit die größtmögliche vollwertige 
Nutbarmachung und Ertragsteigerung aller deut- 
schen Kriegsarbeit und der damit eng verbundenen 
Volksversorgungsarbeit für die Kriegszeit. 
IV. Der eisernen Gegenwart dankt das neue Ge- 
setz seine Entstehung, das als krönendes Glied die 
Kette gewaltiger Organisationen schließt, die unter 
der Not und Notwendigkeit des deutschen Daseins- 
kampfes geschaffen worden sind. Aber vom Augen- 
blick geboren, gehört auch dieses in die deutsche Volks- 
wirtschaft tief einschneidende Kriegsgesetz zu dem 
„ Echten“, das der Nachwelt unverloren bleibt. Denn 
es gliedert sich durchaus organisch dem geschichtlich 
Gewordenen und damit geschichtlich Begründeten an 
und ein; es verleugnet als eine Kulturtat unseres 
Volkes nicht den Zusammenhang mit seiner kultur- 
politischen Entwicklung und seiner bisherigen Kultur- 
betätigung. 
Der Versuch einer wirtschaftsthevretischen 
Eingliederung des Gesetzes in die Gedankenarbeit der 
Vergangenheit haftet zunächst an dem lapidaren Satz 
der Begründung= des Gesetzentwurfes: »Wer irgend 
arbeiten kann, hat in dieser großen und schweren Zeit 
kein Recht mehr, müßig zu sein. Durch das Gesetz 
soll eine gesetzliche Verpflichtung zum vaterländischen 
Hilfsdienst geschaffen werden.= Die Worte erscheinen 
wie eine Verwirklichung einer sozialethischen Grund- 
norm, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
8 wiederholten Malen gefordert, in ihrer heutigen 
edeutung zuerst von dem phantastisch-humanen 
Franzosen Charles Fourier verkündigt worden ist, des 
Rechtes auf Arbeit. Vergeblich hatte die Pariser 
Februarrevolution von 1848 unternommen, dieser 
Theorie zu praktischer Durchführung zu verhelfen, 
als sie in den Nationalwerkstätten= die unbeschäf- 
tigten hauptstädtischen Arbeiter mittels einer halb- 
militärischen Organisation vereinigte und zu Erd- 
arbeiten auf dem Marsfeld und zu Baumpflanzungen 
auf den äußeren Boulevards heranzog, während 
gleichzeitig in allen Arrondissements „Krauenwert= 
stätien von 30000—40000 Frauen die Anfertigung 
von Soldatenhemden übernahmen. Später hat bei 
uns in Deutschland die Frankfurter Nationalver-- 
sammlung das Recht auf Arbeit erneut beraten und 
abgelehnt, und in der Reichstagssitzung vom 9. Mai 
1884 kam Fürst Bismarck wiederum auf die alte 
Theorie zurück. Er knüpfte damals an die beiden 
ersten Paragraphen aus dem zweiten Teil (Tit. 19) 
des - Preußischen Landrechts= vom Jahre 1794 an. 
wonach es dem Staat zukommt, für die Ernährun 
seiner hierzu selbst unfähigen Bürger zu sorgen un 
denjenigen, denen es an Mitteln und Gelegenheit 
zum Verdienst fehlt, die ihren Kräften und Fähig- 
keiten entsprechenden Arbeiten zuzuweisen. Der Alt- 
reichskanzler rief aus: „Geben Sie dem Arbeiter das 
Recht auf Arbeit, solange er gesund ist, geben Sie ihm 
Arbeit, solange er gesund ist!: In den sozialethischen 
Zusammenhang dieser Gedanken und Forderungen ge- 
stellt, bedeutet das Zivildienstgesetz in der Tat eine 
praktische Verwirklichung des Rechtes auf Arbeit, in- 
dem es das Recht auf lfiggang durch die Staats- 
pflicht der vaterländischen Arbeit aufhebt. Dem be- 
haglichen unproduktiven Rentnerdasein wie dem 
sorglosen-In-den-Tag-hinein-Leben, kräftiger Jüng- 
linge und deutscher Männer vom 17. bis zum 60. 
Lebensjahre wird ebenso ein Ziel gesetzt wie der Ver- 
V. Recht und Volkswirtschaft 
dienstlosigkeit all der vielen Arbeitswilligen, die unter 
der bisher geltenden, auf dem Grundsatz der Unter- 
nehmungsfreiheit und des freien Arbeitsvertrags auf- 
gebauten Wirtschaftsordnung keine Beschäftigung 
finden konnten. Allen denen, die eine rangemessene 
Verbesserung der Arbeitsbedingungen erstreben, 
die unbefriedigt und erfolglos in ihrem seitherigen 
Beruf verkümmern, bietet sich die erfreuliche Möglich- 
keit, eine ihren Kräften und Fähigkeiten, ihrem Bil- 
dungsgrad und ihrem Lebensalter tunlichst entspre- 
chende Kriegs- und Volksversorgungsarbeit zu über- 
nehmen. Den Arbeitslosen aller Stände und Stel- 
lungen ist wenigstens während der gegenwärtigen 
außerordentlichen Zeit ein wirtschaftliches Daseins- 
recht gesichert vermittels der opferwilligen Hingabe 
der freien Persönlichkeit in den Arbeitsdienst des 
Staates. 
Der Idee des Rechtes auf Arbeit hat man früber 
in Deutschland kein sonderliches Wohlwollen entgegen- 
gebracht. Ihre neue zeitgemäße Form ist dagegen 
von allen Schichten und Kreisen unseres Volkes mit 
ungeteilter, teilweise sogar freudiger Zustimmung be- 
grüßt worden. Ein Verständnis dieser Billigung 
läßt sich nur von der umfassenderen Erkenntnis der 
Grundstimmung unseres staatsbürgerlichen Daseins 
aus gewinnen. Die Zivildienstpflicht tritt inhaltlich 
leichartig in den Kreis der drei anderen großen 
taatspflichten des Deutschen, der allgemeinen Steuer- 
pflicht, der allgemeinen Schulpflicht und der allge- 
meinen Wehrpflicht. Die neue Staatspflicht, die in 
Kriegszeit verkündigt wurde und Kriegszwecken dienen 
soll, ist besonders eng verschwistert der allgemeinen 
Wehrpflicht, die in ähnlicher schwerer Schicksalslage 
des preußischen Volkes ein Jahrhundert früher durch- 
geführt worden ist. Ein alter Hohenzollerngedanke 
war es, von Friedrich I. erwogen und von Friedrich 
Wilhelm I. im Lantonshstem von 1733 grundsätzlich 
bereits ausgesprochen, dem vor dem Freiheitskriege 
Scharnhorst und Boyen in Gemeinschaft mit Friedrich 
Wilhelm III. näher traten, und der dann am 3. Sep- 
tember 1814 zum Gesetz gestaltet wurde, das die Wehr- 
pflicht für alle Staatsbürger vom vollendeten 20. 
Lebensjahr an festlegte. Gleich dem Scharnhorstschen 
Entwurf wiederholte der Gesetzesanfang den schlicht 
erhabenen Ausspruch des alten Soldatenkönigs:! 
»Jeder Eingeborene ist zur Verteidigung des Bater- 
landes verpflichtet.: Aus dieser Staatspflicht erwuchs 
das preußische Heer, das die Befreiungskriege schlug, 
und später das deutsche Heer, das den Einigungskrieg 
gewann, erwuchs das gesamte deutsche Volk in Waffen 
zu den politisch-sittlichen Grundanschauungen der 
Gegenwart. Bezeichnend genug, daß noch im Jahre 
1814 viele in die Humanitätsgedanken des Zeitalters 
versponnene Männer (Niebuhr, Altenstein, Bincke) 
die allgemeine Wehrpflicht »das Grab der Wissen- 
schaften, der Gewerbe, der bürgerlichen Freiheit und 
der menschlichen Glückseligkeite genannt haben. Als 
aber das neue Reichs= und Staatsangehörigkeits- 
gesetz vom 25. Juni 1918 den Auslandsdeutschen vor- 
nehmlich bei Nichterfüllung ihrer Wehrpflicht den Ver- 
lust ihrer Reichsangehörigkeit androhte, war das 
preußische Grundgesetz vor aller Welt als deutsches 
Grundgesetz proklamiert: Ohne Wehrgemeinschaft 
keine Volksgemeinschaft. Dem Gesetzentwurf über den 
vaterländischen Hilfsdienst gegenüber sind wohl in 
Einzelheiten Stimmen der Anhänger der wirtschaft- 
lichen Arbeitsvertragsfreiheit laut geworden, nicht 
aber gegenüber seinem Grundgedanken mehr die alten
        <pb n="489" />
        Warneyer: Kriegsgesetzgebung Osterreichs 
Stimmen von 1814. Einwandfrei und ohne Wider- 
spruch erklangen die Worte der-Begründung-:-Wie 
im Heeresdienste darf keine Rücksicht auf soziale Unter- 
schiede gelten. Für den vaterländischen Dienst, wel- 
cher Art er auch sei, kann es nur Staatsbürger, nicht 
Schichten und Klassen geben. Die staatsbürgerliche 
Erziehung eines Jahrhunderts hat neben der Not 
der eisernen Zeit ein Geschlecht geschaffen, dem der 
Gedanke Scharnhorsts zum Allgemeingut geworden 
ist: Volksgemeinschaft ist Wehrgemeinschaft. 
Die hiermit gewonnene Einsicht spannt das Hilfs- 
dienstgesetz in den weitesten Rahmen kulturgeschicht- 
lichen Verständnisses ein; die staatsbürgerliche Volks- 
erkenntnis der Gegenwart ist nur ein Ergebnis des 
Staatsgeedanlens, der unter der Führung der 
Hohenzollern in Deutschland das Feld behalten hat. 
In harten und erbitterten Kämpfen eines Jahrtau- 
sends deutscher Geschichte hat sich dieses Staatsideal 
durchgesetzt, immer wieder bis auf diesen Tag hat es 
mit der aus der antiken Kulturwelt überkommenen 
Weltstaatsidee und mit dem von der Aufklärungs- 
epoche besonders verherrlichten atomistischen Ideal 
einer schrankenlosen persönlichen Freiheit um Dasein 
und Geltung gerungen, und erst durch das Zeitalter 
Bismarcks hat Schellings Geschichtsphilosophie Ge- 
stalt gewonnen, daß in der Staatsordnung die Ver- 
söhmung von Freiheit und Notwendigkeit beschlossen 
liegt. Dem endlich verwirklichten deutschen Staats- 
ideal, daß nur die Synthese von Freiheit und Macht 
einen gerechten Staat schaffen kann, gilt heute der 
Weltansturm der Entente, deren Staatsmänner und 
Presse im Bann der Freiheits= und Gleichheits- 
phrasen der Aufklärungsepoche und des Naturrechts 
den Staat nur als Mittel zum Zweck individueller 
Glückseligkeit ansehen und die Erweiterung der Volks- 
403 
rechte als seine einzige Aufgabe preisen, damit aber 
eine Ausbeutung der einzelnen und des Staates selbst 
durch Partei und Geldsack nicht verhindern können. 
Das Volk Kants und Bismarcks, das zugleich das 
Volk Fichtes und Goethes ist, sieht dagegen im Staat 
das weltliche Einheitsband für alle Vielheit in Reli- 
gion, Beruf und Verkehr und findet die freie persön- 
liche Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung dann am 
besten gewahrt, wenn die Idee des Ganzen die Teile 
durchdringt, wenn der einzelne unter dem Staats- 
ebot der Pflicht freiwollend Arbeit und Leben der 
esamtheit entsagungsfreudig dahingibt. Der Staat 
in Fichtes Sinn als Erzieher des Volkes zur Pflicht 
und zur Freiheit, das ist deutsches Staatsideal, und 
sein Ruf ergeht an unser Volk wie an die Völker der 
Welt in der Umprägung eines alten Heilandwortes: 
Die Macht wird euch frei machen! 
Rücken wir das Gesetz über den vaterländischen 
Hilfsdienst in das Licht solcher Betrachtungsweise, 
dann erkennen wir in ihm die vom großen Augen- 
blick geborene zeitgemäße Krönung des deutschen 
Staatsgedankens. Und es klingt wie ein Verhei- 
ßungsgruß der deutschen Geschichte, daß ein aus 
dem deutschen Staatsgedanken Fleisch gewordenes 
Gesetz unserem Bolk den Heeressieg im Weltkrieg ver- 
bürgen soll, der zugleich ein Sieg sein wird in sei- 
nem ungeheuren Verteidigungskampf für das deut- 
sche Staatsideal. 
Literatur. Zahlreiche Gesetzkommentare, z. B. der von 
Schiffer und Junck (Berl. 1917, hrsg. auf Veranlassung 
des Kriegsamtes), Siegfried Wille (2. Aufl., Münch. 1916), 
F. Hoffmann (Berl. 1917), Georg Baum (Stuttg. 1917), 
von der Generalkommission der Gewerkschaften Deutsch- 
lands (Berl. 1917); ferner Wilh. Müller, Der Weltkrieg 
und die Einführung der allgem. Arbeitspflicht (Zürich 1917). 
FKriegsgesetzgebung Ssterreichs 
von Oberlandesgerichtsrat Dr. Warneyer in Dresden 
Wie auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiete 
so stand auch auf gesetzgeberischem der österreichische 
Staat dem Deutschen Reich an Bereitschaft und Umsicht 
nicht nach. Vielfach den gleichen Bedürfnissen hüben 
wie drüben entsprungen, mehrfach auch anders gearte- 
ten Verhältmissen entsprechend, zeigt die österreichische 
Kriegsgesetzgebung ein der deutschen ähnliches, aber 
nicht wesensgleiches Bild. Dieses in kurzen Umrissen 
zu entwerfen, ist die Aufgabe der folgenden Zeilen. 
I. Den Ausgangspunkt der Kriegsverordnungen 
bildet der § 14 des Staatsgrundgesetzes vom 21. De- 
zember 1867, der die Regierung ermächtigt, Anord- 
nungen, zu welchen ansich die Zustimmung des Reichs- 
rates erforderlich ist, im Falle dringender Notwendig- 
keit ohne solche Zustimmung zu treffen, wenn der 
Reichsrat nicht versammelt ist. Da dies während des 
gegenwärtigen Krieges bis Ende des Jahres 1916 
nicht der Fall war, so sind sämtliche bis dahin er- 
lassene österreichische Kriegsgesetze in der Form von 
kaiserlichen Verordnungen ergangen. Jener Bestim- 
mung im 8 14 des Staatsgrundgesetzes kommt also 
im österreichischen Kriegsrecht dieselbe Bedeutung zu 
wie im deutschen dem § 3 des sog. Ermächtigungs- 
gesetzes vom 4. August 1914. Eine weitere Möglich- 
keit zu Kriegsmaßnahmen gab der Regierung das 
Gesetz vom 5. Mai 1869, wodurch auf Grund von 
Art. 20 des Staatsgrundgesetzes die Befugnisse der 
verantwortlichen Nesierungsgewalt zur Verfügung 
eitweiliger und örtlicher Ausnahmen von den be- 
g-ispees Gesetzen bestimmt werden. Hierauf beruhen 
ie Verordnungen des Gesamtministeriums vom 
25. Juli 1914, welche gewisse allgemeine Rechte 
der Staatsbürger — Freiheit der Person, Haus- 
recht. Briefgeheimmis. Versammlungs-, Vereins= und 
Preßfreiheit — zeitweilig in der ganzen österreichischen 
Monarchie suspendieren und Beschränkungen im 
Paßwesen und in bezug auf den Besitz von Waf- 
fen und Munition und den Verkehr damit für 
Dalmatien, Galizien, die Bukowina sowie für Teile 
von Schlesien und Mähren anordnen. 
Vom gleichen Tage ist die erste, gemäß § 14 des 
Staatsgrundgesetzes ergangene kaiserliche Verord- 
nung, durch die Befugnisse der politischen Ver- 
waltung an den Höchstkommandierenden der Streit- 
kräfte in Bosnien, der Herzegowina und Dalmatien 
übertragen worden, eine Maßnahme, die unterm 
31. Juli 1914 in gleicher Weise auf den Armee-Ober- 
kommandanten für Galizien, die Bukowina und Teile 
von Schlesien und Mähren ausgedehnt wurde. 
II. Das zivilgerichtliche Verfahren wird durch eine 
große Zahl von Kriegsgesetzen betroffen, von denen 
nur einige der wichtigsten hervorgehoben werden 
sollen. Zunächstistdie kaiserl. Verordnung vom 29. Juli 
26“
        <pb n="490" />
        404 
1914 über Ausnahmebestimmungen auf dem 
Gebiete des Verfahrens in bürgerlichen 
Rechtsangelegenheiten für Militärpersonen 
und ihnen Gleichgestellte zu nennen, dem für 
die Gerichte vielleicht wichtigsten Hriegsgesepen Sie 
umgrenzt zunächst den Begriff der Militärpersonen und 
stellt ihnen gleich die vom Feinde als Gefangene oder 
Geißeln festgenommenen sowie diejenigen Personen, 
die sich an einem Ort aufhalten, der durch den Krieg 
vom Verkehr mit dem Gericht abgeschnitten ist. Sie 
dehnt die nach § 162 der Osterreichischen Zivilprozeß- 
ordnung zur Kriegszeit in gewissen Fällen zulässige 
Unterbrechung zugunsten der Nebenintervenienten aus 
und läßt den Ausspruch der Unterbrechung durch das 
Gericht selbst nach Beendigung des Verfahrens zu, 
wenn dem Gericht hinterher zur Kenntnis kommt, 
daß eine Militärperson als Hauptpartei oder Neben- 
intervenient am Verfahren beteiligt war. Gegen Mili- 
tärpersonen werden wegen Geldforderungen nur 
Exekutionshandlungen zur Sicherung und einstwei- 
lige Verfügungen, und zwar nur mit der Beschrän- 
kung für zulässig erklärt, daß hierdurch der Militär- 
person weder der Besitz beweglicher Sachen noch der 
Genuß von Lohn-oder Gehaltsbezügen entzogen wird. 
Eine begonnene Exekution kann aufgeschoben werden. 
Endlich wird bestimmt, daß im Konkursverfahren und 
in Angelegenheiten des Verfahrens außer Streit- 
sachen für die an diesem Verfahren beteiligten Mili- 
tärpersonen wie für Abwesende zu sorgen ist. Durch 
die Verordnung des Gesamtministeriums vom 27. No- 
vember 1914 ist der Säut der kaiserl. Verordnung 
vom 29. Juli 1914 auf die Militärpersonen des Deut- 
schen Reiches erstreckt worden, wie umgekehrt durch 
die Verordnung des Bundesrats vom 22. Olktober 
1914 das Reichsgeieg. betr. den Schutz der infolge des 
Krieges an der Wahrnehmung ihrer Rechte behinder- 
ten Personen, vom 4. August 1914 auf Kriegsbetei- 
ligte Osterreich-Ungarns ausgedehnt worden war. 
Endlich sind durch die Verordnung des Gesamtministe- 
riums vom 15. September 1914 zugunsten von Mili- 
tärpersonen Ausnahmebestimmungen auch für das 
Verfahren und die Fristen in Angelegenheiten des 
öffentlichen Rechtes erlassen worden. 
Mit den prozessualen Fristen und Terminen befaßt 
sich die kaiserl. Verdrdnung vom 29. August 1914. 
Danach kann durch Verordnung der Einfluß der 
kriegerischen Ereignisse auf den Lauf von Fristen und 
auf die Einhaltung von Terminen, die durch bestehende 
Vorschriften oder auf Grund solcher durch die Behörde 
gesetzt sind, sowie auf das Verfahren geregelt werden. 
öbesondere kann bestimmt werden, inwiefern und 
in welcher Weise Rechtsnachteile, die durch die Ver- 
säumung von Fristen oder Terminen oder sonst in- 
folge der kriegerischen Ereignisse eintreten können, 
hintangehalten und bereits entstandene Rechtsnach- 
teile wieder beseitigt werden. 
Das in diesen Zusammenhang gehörige, jetzt in 
der Hauptsache abgebaute Moratorium vom 31. Juli, 
13. August, 27. September und 13. Oktober 1914 ist 
an anderer Stelles besprochen, weshalb hier von einer 
Darstellung abgesehen werden kann. 
Durch die kaiserliche Verordnung vom 17. Sep- 
tember 1914 wurde nach dem deutschen Vorbild die 
— 
1 Eisinger, in der »Zeitschrift für Notariat und freiwillige 
Gerichtisbarkeit in ÖOsterreich-, 1916, S. 13. 
2 Vgl. Stolper, Osterreich-Ungarns Volkswirtschaftim Krlege, 
Bd. I. S. 518. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
Geschäftsaufsicht eingeführt. Sie kann von dem 
Schuldner zur Abwendung des Konkurses beantragt 
werden, wenn seine Zahlungsunfähigkeit durch die 
kriegerischen Ereignisse entstanden oder bei diesem An- 
lasse hervorgetreten ist. Auch der Glaubiger ist an- 
tragsberechtigt, wenn er den Bestand seiner wenngleich 
noch nicht fälligen Forderung und weiter bescheinigt, 
daß infolge der Gebarung des Schuldners dessen Gläu- 
biger während der gesetzlichen Gestundung von For- 
derungen gefährdet sind. Wird dem Antrag statt- 
gegeben, so hat das Gericht eine oder mehrere Personen 
zur Beaufsichtigung der Geschäftsführung des Schuld-= 
ners zu bestellen und die Anordnung der Geschäfts- 
aufsicht öffentlich bekanntzumachen. Durch die Ver- 
hängung der Geschäftsaufsicht wird der Schuldner 
in der Vornahme von Geschäften beschränkt, aber auch 
gegen Zwangsvollstreckungen und gegen Eröffnung 
des Konkurses geschützt. Die Aussichrbperson hat die 
Geschäftsführung des Schuldners zu unlerstützen und 
zu ÜMberwachen sowie die vorhandenen Mittel zur 
Fortführung des Geschäfts, zur Bestreitung des 
Lebensunterhalts des Schuldners und seiner Familie 
sowie zur Befriedigung der Gläubiger unter sinn. 
gemäßer Anwendung der Grundsätze der Konkurs- 
rrdnung zu verwenden. 
III. Auf strafrechtlichem Gebiet sind aus der Zeit 
unmittelbar nach Kriegsausbruch zu nennen: die 
kaiserl. Verordnung vom 25. Juli 1914 über die Be- 
strafung der Störung desöffentlichen Dien- 
tes oder eines öffentlichen Betriebes und 
er Verletzung einer Lieferungspflicht und 
von demselben Tage die Verordnung über die zeit- 
weilige Unterstellung von Zivilpersonen 
unter die Militärgerichtsbarkeit sowie die 
Verordnung vom 7. August 1914 über den Auf- 
schub und die Unterbrechung des Vollzuges 
von Freiheitsstrafen, wonach der Vollzug von 
allen sechs Monate nicht übersteigenden Freiheits= 
strafen an Personen aufgeschoben wird, die zur mili- 
tärischen Dienstleistung verpflichtet sind. Ferner ist 
hier hin zuweisen auf die lkaiserlichen Amnestie- 
erlasse vom 26. Juli, 7. August und 25. August 
1914. Endlich ist zu erwähnen die Verordnung des 
Justizministeriums, durch die auf Grund der oben 
unter II. mitgeteilten Verordnung vom 29. August 
1914 über den Einfluß der kriegerischen Ereignisse 
auf Fristen, Termine und das Verfahren die Wie. 
dereinsetzung im Strafverfahren wegen des 
Ausbruchs des Krieges in gewissen Fällen für 
zulässig erklärt wird. 
IV. Das Verkehrswesen betreffen die Verord- 
nungen des Gesamtministeriums vom 25. u. 31. Juli 
1914, womit beschränkende polizeiliche Anordnungen 
über das Paßwesen erlassen wurden; die Verord- 
nung der Ministerien des Handels und des Innern 
vom 25. Juli 1914 über die Behandlung der 
Postsendungen, wodurch die Sicherheitsbehörden 
ermächtigt werden, Postsendungen jeder Art ohne 
Angabe der Gründe mit Beschlag belegen oder er- 
öffnen zu lassen, sowie die Verordnung des Gesamt- 
ministeriums vom 25. Juli 1914 über die Ein- 
schränkung und überwachung des Tele- 
graphen- und Telephonverkehrs. 
In das Zeitungswesen greifen die Verord- 
nungen der Ministerien des Innern und der Justiz 
vom 25. Juli, 4. August und 7. September 1914 ein. 
durch welche die in Serbien, Rußland, Belgien, Frank- 
reich und Großbritannien erscheinenden periodischen
        <pb n="491" />
        Warneyer: Kriegsgesetzgebung Osterreichs 
Zeitschriften verboten und die Revision der von dort 
einlangenden nicht periodischen angeordnet wird; die 
Verordnung derselben Ministerien vom 25. Juli 
1914, womit die Veröffentlichung militärischer Nach- 
richten in Druckschriften ausdrücklich verboten wird; 
endlich die kaiserliche Verordnung vom 3. August 
1914, welche die Veröffentlichung von Nach- 
richten über die bewaffnete Macht des Deut- 
schen Reiches in Druckschriften verbietet. 
Die Mehrarbeit, die sich infolge der kriegerischen 
Verwicklungen in vielen Gewerbe= und Indu- 
triezm eigen nötig machte, führte zu den kaiserlichen 
Verordnungen vom 31. Juli und 9. August 1914, 
durch welche die Beschränkungen der Sonn- 
und Feiertagsarbeit im Gewerbebetrieb und im 
Bergbau aufgehoben oder gemildert werden können. 
Zur Sicherstellung der Ernte- und Feld- 
bestellungsarbeiten wurde die Regierung schon 
durch die kaiserliche Verordnung vom 5. August 1914 
ermächtigt. Anordnungen zu erlassen. vermöge deren 
Privatpersonen zu landwirtschaftlichen Arbeiten und 
sonstigen Hilfsleistungen verhalten, hierfür geeignete 
Organe geschaffen und den Gemeinden zu obigem 
Zwecke Verpflichtungen auferlegt werden können, 
also schon zu Beginn des Krieges ein Geseh, welches 
als Vorläufer zu dem in Deutschland erst Ende 1916 
eschaffenen Zivildienstgesetz angesehen werden kann. 
In ähnlicher Weise wie im Deutschen Reich und an- 
nähernd zu derselben Zeit, nämlich am 28. November 
1914. erging in Osterreich mit der Verordnung vom 
28. November 1914 ein Höchstpreisgesetz, welches 
die Landesbehörden anweist, für den Großhandel mit 
Weizen, Noggen, Gerste und Mais Höchstpreise fest- 
zusenen, Weitere Maßnahmen zum Schutze der 
ersorgung der Bevölkerung enthalten die 
kaiserlichen Verordnungen vom 1. August 1914 und 
7. August 1915, durch die für die Dauer der durch 
den Kriegszustand verursachten außerordentlichen 
Verhälltnisse Bestimmungen über die Versorgung der 
Bevölkerung mit unentbehrlsichen Bedarfsgegenftän- 
den getroffen werden; insbesondere werden die Lan- 
desbehörden zur Aufnahme der Vorräte und zu deren 
Einforderung und Beschlagnahme ermächtigt; im 
Handel mit Lebensmitteln wird die Ersichtlichmachung 
und Festsetzung der Preise angeordnet und der Markt- 
verkehr sichergeslellt; die Verlepung einer Lefterungs- 
Pflicht, die einer öffentlichen Behörde gegenüber be- 
gründet ist, wird unter Strafe gestellt; ebenso die 
erheimlichung von Vorräten an unentbehrlichen 
Bedarfsgegenständen sowie endlich das Fordern über- 
mäßiger Preise für solche. Dem Zwecke, Preistreibe- 
reien hintanzuhalten, dient auch die kaiserliche Ver- 
ordnung vom 12.Oktober 1914, die das alte Wucher- 
9a etz vom 28. Mai 1881 durch ein neues ersetzt. 
er Kreis der unter den Begriff des Wuchers fallen- 
den Geschäfte wird bedeutend erweitert; insbesondere 
wird nicht nur der Kredit-, sondern auch der Sach- 
wucher für strafbar erklärt, wenn er gewerbsmäßig 
betrieben wird; an Stelle des Wortes -Notlages tritt 
der weitere Begriff der „Zwangslagee; der Ss des 
Wuchereinwands steht nicht mehr, wie bisher, nur dem 
Nichtkaufmann, sondern auch dem Kaufmann zu auch 
er soll gegen Ausbeutung geschützt sein. Jeder wuche- 
rische Heunrag wird für nichtig erklärt, gleichviel ob 
es sich um strafbaren oder nur zivilrechtlichen Wucher 
handelt. 
V. Das neue Wuchergesetz ist nicht bloß für die 
Kriegszeit berechnet, sondern soll dauerndes Recht 
405 
schaffen; es war schon vor Ausbruch des Krieges vor- 
bereitet und hätte ohne diesen aller Wahrscheinlichkeit 
nach auf normalem gesetzgeberischen Wege Gesetzes- 
kraft erlangt. Da sein Erlaß aber gerade infolge der 
mit dem Krieg zusammenhängenden Preistreibereien 
wünschenswert erschien, ist es um Wege der Notverord- 
nung auf Grund von § 14 des Staatsgrundgesetzes 
erlassen worden. Dasselbe Schicksal hatten noch zwei 
andere bedeutsame Entwürfe, die, vor dem Kriege 
bereits fertiggestellt, aber von den gesetzgebenden Ge- 
walten noch nicht verabschiedet, unter dem Zwange 
der Kriegszeit im Verordnungswege ganz oder zum 
Teil veröffentlicht wurden. Das letztere gilt von dem 
im Herrenhaus bereits beschlossenen Entwurf einer 
Novelle zum allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch, von 
dem durch die kaiserlichen Verordnungen vom 12.Ok- 
tober 1914, 22. Juli 1915 und 19. März 1916 drei 
Ubschnitte als Teilnovellen zum allgemeinen 
bürgerlichen Gesetzbuch erlassen wurden. Die 
erste enthält einschneidende Anderungen auf dem Ge- 
biete des Personen-, Familien= und Erbrechts, die in- 
folge des Krieges besonders dringend und wünschens. 
wert erschienen. Einmal werden die Fristen für die To- 
deserklärung abgekürzt (vgl. -Kriegsverschollenheite, 
Bd. III, lexikalischer Teil), sodann die Fürsorgebestim- 
mungen für Minderjährige erweitert, die Rechts- 
stellung der unehelichen Kinder verbessert; Frauen 
werden als Vormünder zugelassen, und das Institut 
des Vormundschaftsrates wird, ähnlich dem des Ge- 
meindewaisenrats im deulschen BGB., eingeführt; 
endlich wird das gesetzliche Erbrecht des Überlebenden 
Ehegatten erweitert. das der Verwandten eingeschränkt. 
Die zweite Teilnovelle ändert die Bestimmungen des 
allgemeinen BGB. über die Erneuerung und Be- 
richtigung der Grenzen ab. Die dritte endlich, die 
umfänglichste und bedeutungsvollste, bezieht sich auf 
alle Teile des allgemeinen BGB. und enthält in nicht 
weniger als 202 Paragraphen Anderungen, die nicht 
unmittelbar durch den Krieg veranlaßt wurden, deren 
Vornahme die Regierung jedoch bei der langen Dauer 
des Krieges nicht mehr aufschieben zu dürfen glaubte. 
Das Personenrecht wird nur von drei Neuerungen 
betroffen: Der Name wird in ähnlicher Weise wie in 
§ 12 des BGB. für das Deutsche Reich geschützt und 
die Verpflichtungsfähigkeit Minderjähriger sowie die 
Anfechtung der Ehelichkeit werden neu geregelt. Er- 
kelich zahlreicher sind die Underungen des Sachen= des 
Erb= und des Obligationenrechts. Hier handelt es sich 
um Sestiamungen von teilweise sehr einschneidender 
Natur, wie die Begründung der Eigentümerhypothek, 
die ergänzenden Vorschriften über Veräußerungs- und 
Belastungsverbote, die Abänderung der Form eines 
außerordentlichen letzten Willens und die völlige Neu- 
regelung des Dienst-, Werk- und Verlagsvertrags. 
Der zweite Entwurf, der bereits seit längerer Zeit 
fertiggestellt war und infolge des Krieges auf Grund 
der Ausnahmebestimmung in § 14 des Staatsgrund- 
esetzes publiziert wurde, betrifft das Konkursrecht. 
enn die Regierung sich entschloß, ein so großes und 
bedeutsames Gesetzeswerk, als welches sich die neue 
Konkurs-, Ausgleichs= und Anfechtungs- 
ordnung darstellt, im Wege der Notverordnung zu 
erlassen, so mußte sie besondere Gründe zur Beschleu- 
nigung gerade dieser Reform haben. Solche lagen 
in der Tat auch vor. Arnold Lehmann gibt in sei- 
nem großen Kommentar zur neuen Konkursordnungt, 
1 Wren 1916.
        <pb n="492" />
        406 
nachdem er die Unzulänglichkeit der Konkursordnun 
vom 25. Dezember 1868 erörtert hat, auf S. XXI 
die Begründung der amtlichen Denkschrift wie folgt 
wieder: „Unausfschiebbar ist diese# — seit langem ge- 
plante und vorbereitete — „Reform durch den Ein- 
tritt des Kriegszustandes im Sommer 1914 gewor- 
den. Die zeitweilige Unterbindung des Außenhandels, 
der Stillstand vieler gewerblicher Betriebe, die völlige 
Verschiebung in den e und Verbrauchsverhält- 
nissen, die geminderte Kaufkraft weiter Bevölkerungs- 
schichten, alles das zusammen bewirkt eine tiefgreifende 
Störung in der Abwicklung des Zahlungsverkehrs 
und läßt zahlreiche Fälle von Zahlungseinstellungen 
befürchten. Zwar ist durch die kaiserlichen Verord- 
nungen über die Stundung privatrechtlicher Geld- 
forderungen sowie über die Einführung der Geschäfts- 
aufsicht diese Gefahr wesentlich beschränkt worden, 
allein der mit der allmählichen Wiederkehr geordneter 
wirtschaftlicher Verhältnisse eintretende stufenweise 
Abbau des Moratoriums läßt doch die Besorgnis 
nicht unbegründet erscheinen, daß die Aufnahme der 
vollen Zahlungsverpflichtung den Zustand der gid 
lungsunfähigkeit einer größeren Anzahl von Wirt- 
schaftssubjekten zutage fördern wird. Unter diesen 
Umständen glaubt die Regierung den Fortbestand des 
geltenden, in der Offentlichkeit allgemein als ungenü- 
gend und reformbedürftig bezeichneten Konkursrechtes 
nicht verantworten zu können, um so mehr, als das 
Justizministerium bei Ausbruch des Krieges unmittel- 
bar vor Abschluß einer seit langem sorgfältig vorberei- 
teten Arbeit stand, die den gesetzgebenden Gewalten 
ur Genehmigung unterbreitet werden sollte.« So er- 
socgte auf Grund des §14 des Staatsgrundgesetzes vom 
21. Dezember 1867 mit gemeinsamer Einführungs- 
verordnung vom 10. Dezember 1914 die Publikation 
der neuen Konkursordnung, der Ausgleichsordnung 
und der Anfechtungsordnung. Das Inkrafttreten die- 
ser Gesetze wurde auf den 1. Januar 1915 festgesetzt. 
VI. Da die Feinde der Mittelmächte alsbald nach 
Ausbruch des Weltkrieges den Kampf auch auf das 
Gebiet der rein wirtschaftlichen und privatrechtlichen 
Verhältnisse hinüberspielten und sich hierbei in rück- 
sichtsloser Weise über die bis dahin allgemein an- 
erkannten Grundsätze des Völkerrechts hinwegsetzten, 
sah sich Osterreich, ebenso wie Deutschland, gezwungen, 
auf dem Wege der Retorsion zu wirtschaftlichen Gegen- 
maßnahmen zu schreiten. Durch die kaiserliche Ver- 
ordnung vom 16.0ktober 1914, betr. Vergeltungs- 
maßregeln auf rechtlichem und wirtschaft- 
lichem Gebiete anläßlich der kriegerischen Ereignisse, 
wurde die Regierung ermächtigt, kraft des Vergel- 
tungsrechtes Verfügungen rechtlicher oder wirtschaft- 
licher Art Über die Behandlung von Ausländern und 
ausländischen Unternehmungen zu erlassen und Maß- 
regeln zu treffen, die geeignet sind, die unmittelbare 
oder mittelbare Vollziehung von Leistungen in das 
feindliche Ausland zu verhindern. Gleichzeitig wur- 
den die Zuwiderhandlungen gegen die hiernach zu 
erlassenden Vorschriften mit der Strafe des strengen 
Arrestes bis zu einem Jahr bzw. mit Geldstrafe bis 
zu 50000 Kronen bedroht. Auf Grund dieses Rah- 
men= oder Mantelgesetzes sind bereits am 22. Oktober 
1914 drei Verordnungen des Gesamtministeriums 
ergangen, welche die eigentlichen Vergeltungsmaß- 
regeln enthalten. Die erste erklärt es für zulässig, die 
Befriedigung von Ansprüchen, die Angehörigen feind- 
licher Staaten aus Guthaben und Forderungen gegen 
im Inland tätige Unternehmungen, Einzelpersonen 
V. Recht und Volkswirtschaft 
und Körperschaften zustehen, zu verbieten und die 
Hinterlegung der geschuldeten Sachen bis auf wei- 
teres anzuordnen. Die zweite Verordnung enthält 
ein Zahlungsverbot gegen Großbritannien 
und Frankreich und verbietet, an Angehörige dieser 
feindlichen Staaten und ihrer Kolonien sowie an 
Personen, die dort ihren Wohnsitz haben, mittelbar 
oder unmittelbar in bar, in Wechseln oder Schecks. 
durch Überweisung oder in sonstiger Weise. Zahlungen 
zu leisten sowie Geld oder Wertpapiere micktlbor err 
unmittelbar nach diesen Gebieten zu überweisen. Das 
Verbot gilt auch gegen jeden Erwerber des Apspruchs. 
der ihn nach dem 13. August 1914 oder, wenn er im 
Inland seinen Wohnsitz hat, nach Inkrafttreten der 
Verordnung erworben hat. Zahlungs= und Verfall- 
eit von Wechseln und Schecks, die unter das Verbot 
sallen- werden bis auf weiteres hinausgeschoben. Ver- 
zugszinsen sind für die Dauer des Berbots aus. 
geschlossen. Dem Schuldner wird nachgelassen, sich 
durch Hinterlegung des geschuldeten Betrags dei der 
Osterreichisch-Ungarischen Bank oder bei der Postspar- 
kasse zu befreien. Das Verbot findet keine Anwen- 
dung auf Zahlungen im Inland an Angehörige der 
obengenannten feindlichen Staaten, die im Inland 
ihren Wohnsitz haben, oder an Zweigniederlassungen 
ausländischer Unternehmungen, die sich im Inland 
befinden. Durch die Verordnung des Finanzministers 
vom 28. Oktober 1914 sind weiter für zulässig erklärt 
Zahlungen, die zur Erlangung oder Aufrechterhal- 
tung von Patenten, Muster= oder Markenrechten in 
den erwähnten feindlichen Ländern notwendig sind. 
Das Zahlungsverbot ist mit der Verordnung vom 
14. Dezember 1914 auf russische Untertanen aus- 
gedehnt worden. Die driite Vergeltungsmaßregel 
vom 22. Oktober 1914 betrifft die überwachung 
ausländischer Unternehmungen. Danach kön- 
nen für solche in Österreich tätige Unternehmungen 
bber #ireisealine von Unternehmungen., die 
vom feindlichen Ausland aus geleitet oder beaufsich- 
tigt werden, sowie für solche Unternehmungen, deren 
Erträgnisse ganz oder zum Teil in das feindliche Aus- 
land abzuführen sind, auf Kosten der Unternehmungen 
Aufsichtspersonen bestellt werden, die darüber zu 
wachen haben, daß während des Krieges der Geschäfts- 
betrieb nicht in einer den inländischen Interessen wider- 
streitenden Weise geführt wird. Gelder oder sonstige 
Vermögenswerte eines unter Aussicht gestellten Unter- 
nehmens dürfen weder mittelbar noch unmittelbar im 
das feindliche Ausland abgeführt oder überwiesen 
werden; doch können die Anfsichtspersonen Ausnah- 
men zulassen. Diese Verordnung wurde namentlich 
gegenüber ausländischen Versicherungsgesellschaften 
angewendet. Nach einer Angabe von Eidlitzt sind die 
Versicherungsverträge derselben auf österreichische Ge- 
sellschaften übertragen worden. 
VII. Zum Schlusse sei noch auf eine Verfügung 
hingewiesen, der bis jetzt eine ähnliche in Deutschland 
nicht zur Seite gestellt werden kann, obwohl sie von 
hohem sozialen Wert ist, nämlich die kaiserliche Ver- 
ordnung vom 29. Februar 1916 zur Aufrecht- 
erhaltung der privaten Dienstverhältnisse 
während des Krieges. Dieselbe soll Dienstneh- 
mern, die zur Verteidigung des Vaterlandes auf- 
gerufen wurden, die Rückkehr in ihr früheres Dienst- 
verhältnis zusicherns. Sie gilt aber nur für solche 
1 In Necht und Wirtschafte, 4. Jahrg., S. 28.— Ggi. Mayers# 
Aufsaz in der Deutschen Juristen-Zeitunge, 1916, S. 385.
        <pb n="493" />
        Stolper: Kriegsfürsorge in Osterreich-Ungarn 
Dienstnehmer, die dem Handlungsgehilfengesetz vom 
16. Januar 1916 unterliegen. Voraussetzung für 
ihre Anwendung ist, daß das Dienstwerhältnis, aus 
dem heraus sie einberufen worden sind, am 25. Juli 
1914 bereits einen Monat hindurch bestanden hat. 
Ist das der Fall, so darf keiner der beiden Vertrags- 
teile das Dienstverhältnis während der Dauer der 
militärischen Dienstleistung des Dienstnehmers kün- 
digen. Auch Vereinbarungen über eine einverständ- 
liche Lösung des Dienstverhältnisses sind während 
dieses Zeitraumes ausgeschlossen. War aber das Dienst- 
verhältnis bereits vor dem 1. Januar 1916 durch 
Einverständnis, Kündigung oder gerichtliche Ent- 
scheidung erloschen, so findet das Gesetz keine An- 
wendung. Seine Rückwirkung erstreckt sich nur bis 
zum 1. Januar 1916. Es betrifft also nur die min- 
destens einen Monat vorm 25. Juli 1914 begründe- 
ten Dienstverhältnisse, deren Bestand mangels einer 
407 
wirksam gewordenen Lösungserklärung in der 
Schwebe geblieben ist. 
Literatur. K. Forchheimer, Gesetze u. Verordnungen 
für die Zeit des Krieges (Wien 1914); E. Tillu. F. M. Wolf, 
Teilnovelle zum allgem. BGB. vom 12.0Okt. 1914 (das. 1915); 
A. Lehmann, Kommentar zur sterr. Konkurs-, Ausgleichs- 
und Anfechtungsordnung (das. 1916); M. Weiser, Preis- 
treiberei u. ähnliche Delikte (das. 1915): Eidlit, Die wirt- 
schaftl. Retorsionen in Osterreich (Recht u. Wirtschaft-, IV, 
S. 27); Engel, Die Kriegsbereitschaft Osterreichs auf dem 
Gebiete der Geseßgebung („Recht und Wirtsch.-, IV, S. 67); 
Abel, Einfluß des Krieges auf Zivilrecht u. Zivilprozeß in 
Österreich (# Jurise. Wochenschr.-, 1915, S. 902; 1916, S. 
229): Eisinger, Der Schuß der Kriegoteilnehmer nach der 
kais. Verordnung vom 29. Juli 1014 („Zeitschrift f. d. Notariat 
umd freiw. Gerichtsbarkeit in Osterreich-, 1916, S. 13, 23, 
31, 45, 55, 61); Kreis, Der Wuchervertrag nach der kais. 
Verordnung vom 12. Okt. 1914 (ebd., S. 77); Mayer, Die 
Aufrechterhaltung der privaten Dienstverhältnisse während des 
Krieges in Österreich ( Deutsche Jur.-Zig.-, 1916, S. 384). 
Kriegsfürforge in Osterreich-Angarn 
von Dr. Gustad Stolper, Herausgeber des Osterreichischen 
Volkswirt= in Wien 
Die Aufgaben der Kriegsfürsorge haben, wie fast 
alle mit dem Krieg zusammenhängenden Aufgaben, 
durch seine lange Dauer und ungeheure Ausdehnung 
eine Wandlung, aber auch eine ungeahnte Erweite- 
rung erfahren. In den ersten Kriegswochen schien 
neben der Versorgung der Familien eingerückter Krie- 
ger vor allem die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit 
das Hauptziel der Kriegsfürsorge. Durch Ausdau 
der Arbeitsvermittlung, künstliche Schaffung von 
Arbeitsgelegenheit, Unterstützung der Organisationen 
sollte dem Notstand gesteuert werden. Aber auch die 
private Kriegsfürsorge hat sich zunächst, solange der 
Kreis der vom Krieg unmittelbar Betroffenen ver- 
bältnismäßig klein war, hauptsächlich der in der Hei- 
mat Verbliebenen angenommen. In dieser Hinsicht 
ist es bezeichnend, daß lange Zeit der Witwen- und 
Baisenfürsorge Fond- von allen Sammlungen den 
höchsten Spendenstand aufzuweisen hatte. Allmählich 
hat sich das geändert. Andere, größere Aufgaben 
traten in den Vordergrund. Die Arbeitslosigkeit 
wurde überwunden und bald sogar durch eine Über- 
beschäftigung der zurückgebliebenen Arbeitskräfte ab- 
elbst; aber ihre Versorgung wurde in dem Maß 
chwieriger, als die Teuerung wuchs und die ursprüng- 
lichen Unterhaltsbeiträge nicht mehr genügten. Neue 
Aufgaben traten hinzu, als nach einigen Kriegs- 
monaten die Frage der Invalidenfürsorge in ihrer 
wachsenden Bedeutung auftauchte, als die dauernd 
Invaliden in immer größerer Zahl aus den Spitälern 
entlassen wurden, als im ersten Jahr die Gefahr der 
Kriegsseuchen immer drohender ihr Haupt erhob 
und schließlich als für einige hunderttausend Flücht- 
linge aus den vom Feind besetzten Gebieten gesorgt 
werden mußte. Dadurch hat das Gebiet der Kriegs- 
fürsorge einen Umfang angenommen, der zu Beginn 
des Krieges nicht vorhergesehen werden konnte. Im 
krober und ganzen ist das Problem in Osterreich und 
ngarn befriedigend, auf manchen Gebieten, ins- 
besondere auf dem der sozialen Hygiene, sogar in her- 
vorragender Weise gelöst worden. Daß es namentlich 
in der ersten Kriegszeit nicht an Versäumnissen gefehlt 
hat, daß manche Maßnahme größere Raschheit und 
Energie der Entscheidung erfordert hätte, ist angesichts 
der Größe der Aufgaben und des Mangels an Vor- 
bereitung kaum zu vermeiden gewesen. Wenn die Or- 
ganisation öffentlicher Tätigkeit auf einem dem Um- 
fang und zum Teil der Sache nach unbekannten Ge- 
biet mit oft unzureichenden Kräften inprovisiert wer- 
den muß, kann es an Härten und Mängeln nichtfehlen. 
I. Die Grundlage für die Unterstützung der Un- 
gehörigen von Mobilisierten bildetin OÖsterreich 
das Gesetz vom Dezember 1912: REl. Nr. 2377. 
Anspruchsberechtigt auf den Unterhaltsbeitrag aus 
Staatsmitteln sind die Ehefrau und die ehelichen Nach- 
kommen, die ehelichen Vorfahren. Geschwister und 
Schwiegereltern, die unehelichen Mütter und unehe- 
lichen Kinder des Einberufenen, dagegen nicht seine 
uneheliche Gefährtin. Während des Krieges wurde der 
Kreis der Anspruchsberechtigten auf die Wahlkinder 
und Wahleltern sowie auf die Eltern der unehelichen 
Mutter des Eingerückten ausgedehnt. Der Anspruch 
auf den staallichen Unterhaltsbeitrag besteht, wenn der 
Unterhalt dieser Personen im wesentlichen vom Ar- 
beitseinkommen des Einberufenen abhängig gewesen 
ist. Der Anspruch besteht nicht, wenn nach den wirt- 
schaftlichen Verhältnissen des Einberufenen mit Grund 
anzunehmen ist, daß durch die Einberufung der Unter- 
halt der Angehörigen nicht gefährdet ist, oder wenn 
der Einderufene einen Rechtsanspruch auf die Fort- 
zahlung des Lohnes oder Gehaltes hat. Der Unter- 
haltsbeitrag besteht in einer Unterhattsgebühr in der 
Höhe der staatlichen Vergütung für die Militärdurch- 
zugsverpflegung und einem Mietzinsbeitrag in der 
halben Höhe der Unterhaltsgebühr. (Zunächst betrug 
z. B. in Wien die Unterhaltsgebühr 88 Heller, der Miet- 
beitrag 44 Heller, der gesamte Unterhaltsbeitrag somit 
1,32 Kronen auf den Tag, für Kinder unter 8 Jahren 
die Hälfte.) Für breite Kreise von Festangestellten ist 
übrigens durch das Handlungsgehilfengesetz vom 
1 Die Fürsorgemaßnahmen und ihre gesetylichen Grundlagen 
stimmen in Ungarn mit denen Osterreichs im weitesten Um- 
fang überein, was sich nicht nur aus der allgemeinen Paralleli= 
tät der Kriegsmaßnahmen in beiden Staaten der Monarchie, 
sondern insbesondere aus der Gemeinsamkeit der Heeresverwal- 
tung erklärt. Doch sind dank der Tatsache, daß Ungarn nur 
zum kleinsten Teil Kriegsgebiet gewesen ist, viele Aufgaben nicht 
annähernd zu der Bedeutung gelangt wie in Österreich (so die 
Flüchtlingsfuürsorge, die Seuchenbekämpfung u. a.).
        <pb n="494" />
        408 
Jahre 1910 und durch das Güterbeamtengesetz von 
1914 die Fortzahlung des vollen Gehaltes durcheeinige 
Wochen nach dem Einrücken zur militärischen Dienst- 
leistung gesichert. Die Auszahlung des Unterhalts- 
beitrages erfolgt durch die Gemeinden. Diese selbst 
beschränken sich auf die laufende Unterstützung bei 
dauernder Notlage solcher Angehöriger von Einberufe- 
nen, denen kein Anspruch auf den staatlichen Unter- 
haltsbeitrag zusteht. — Während der staatliche Unter- 
haltsbeitrag in den ersten Kriegswochen verhältnis- 
mäßig reichlich bemessen schien. hat er sich allmählich 
infolge der Umwandlung aller Preisverhältnissemehr 
und mehr als ungenügend erwiesen. Durch Gesetz 
vom 27. Juli 1917 Rel. 313 wurde er daher ohne 
Rücksicht auf das Alter der anspruchsberechtigten Per- 
son auf 2 Kronen für Wien bzw. 1,80 und 1,60 Kronen 
für die übrigen Orte, höchstens 12 Kronen für den 
Haushalt erhöht. — Im Gegensatz zum Unterhalts- 
beitrag der Angehörigen von Eingerückten beruht die 
Versorgung der Angehörigen von im Krieg Gefallenen 
oder Vermißten und die von Invaliden auf veralteten 
Bestimmungen aus den 1880er und 1890er Jahren, 
die ganz ungenügende Unterstützungssätze vorsehen. 
Da die Vintekbliebenen. und Invalidenversorgung in 
Österreich-Ungarn sowie in allen kriegführenden Staa- 
ten nach dem Krieg eine völlige Neuregelung erfahren 
wird, hat eine kaiserliche Verordnung vom 12. Januar 
1915 bestimmt, daß an die Angehörigen von Kriegs- 
efallenen sowie an jene Invaliden, die außerstande 
sind, für den Unterhalt ihrer Angehörigen hinreichend 
zu sorgen, die Unterhaltsbeiträge statt bis sechs Mo- 
nate nach dem Tod des Ernährers bzw. der Entlas- 
sung aus dem Heeresverband bis sechs Monate nach 
Eintritt der Demobilisierung weiter bezahltwerden. Wo 
sich eine Unterstützung über den Rahmen des Unter- 
baltsbeitrages hinaus als notwendig erweist, wird eine 
rgänzung aus den verschiedenen aus Privatmitteln 
aufgebrachten Fonds gewährt, worüber das Kriegs- 
hilfsbureau des Ministeriums des Innern enischeidet. 
II. Die Grundlage der staatlichen Fürsorge für 
Kriegsinvalide bildet in Österreich der Erlaß des 
Ministers des Innern an die Landeschefs vom 16. 
Februar 1915, in Ungarn der Gesechesartie XV vom 
Jahre 1915. Dadurch wurden in Osterreich »Landes- 
lommissionen zur Fürsorge für die heimkehrenden 
Kriegere in allen Landeshauptstädten, in Ungarn 
ein eigenes Invalidenamt gegründet. Als Zweck 
wurde in Osterreich bezeichnet 1) die wirksame Son- 
der-Nachbehandlung der verwundeten und erkrank- 
ten Krieger, um 1 Arbeitsfähigkeit in möglichst 
hoheem Grad wiederherzustellen; 2) die Einrichtung 
und Unterstützung von Schulen zur Ausbildung in 
den Berufen, zu denen sich die Invaliden eignen; 
3) die Arbeitsvermittlung. Die Einrichtung dieser 
Organisation wurde nach Kronländern gebildet, um 
die Mitarbeit der Bevölkerung im Dienst der gestell- 
ten Aufgaben zu fördern, was eine streng zentrali- 
sierte, auf die provinziellen Besonderheiten weniger 
Bedacht nehmende Organisation erschwert hätte. Die 
notwendige Einheitlichkeit ist durch die Oberleitung 
des Ministeriums des Innern gesichert, dem für diese 
Angelegenheiten ein besonderer Beirat zur Seite steht. 
Den Landeskommissionen gehören an: Vertreter der 
politischen Landesbehörde, der Militärverwaltung, der 
autonomen Landesverwaltung, der Landesorgani- 
sation des Roten Kreuzes, der Sozialversicherungs- 
institute (Krankenkassen und Unfallversicherungsan- 
stalten), serner je nach lokalen Bedürfnissen Vertreter 
V. Recht und Volkswirtschaft 
der Landesstädte, ärztlicher und anderer beteiligter 
Organisationen. Die Abgrenzung der Tätigkeit der 
Landeskommissionen gegenüber der Militärverwal- 
tuann wurde so vorgenommen. daß diese für die erste 
Heilung allein zu sorgen hat. Die weiterhin pflege- 
bedürstigen Invaliden sind im Fall ihrer militärischen 
Untauglichkeit nicht zu superarbitrieren, sondern so 
lange im Militärverband zu belassen. bis die von den 
Kommissionen eingeleitete Nachbehandlung und Schu- 
lung beendet ist. Die Zuweisung der Invaliden er- 
folgt nach Tunlichkeit an ihre Heimatprovinzen, da- 
mit Nachbehandlung und Schulung möglichst in der 
heimischen Umgebung durchgeführt werden. Die 
Landeskommissionen verfügen sodann die Zuteilung 
der Pfleglinge an die einzelnen Anstalten. Mann- 
schaftspersonen, die sich weigern, sich der Nachbehand. 
lung ordnungsmäßig &amp; unterziehen, wird die Inva- 
lidenrente entzogen. Die anfänglich nur auf äußere 
Verletzungen und Verwundungen beschränkte Für- 
sorge wurde durch Erlaß vom 15. Oktober 1915 auch 
auf die Nachbehandlung von inneren Erkrankungen 
ausgedehnt. Mit einer wichtigen Teilaufgabe auf 
diesem Gebiet befaßt sich die im Mai 1916 beim Mini- 
sterium des Innern gegründete „Osterreichische Ver- 
einigung zur Bekämpfung der Tuberkulose-, die 
hauptsächlich Anstalten zur Heilbehandlung für tu- 
berkulöse Krieger in ausreichender Zahl und Ausdeb- 
nung sicherzustellen hat (s. unten). Die finanzielle Last 
der Fürsorge wird in der Art verteilt, daß das persön. 
liche Erfordernis für die Nachbehandlung und Schu- 
lung einschließlich der Beschaffung künstlicher Glied- 
maßen und sonstiger orthopädischer Behelfe für die 
Höchstdauer eines Jahres in jedem einzelnen Fall 
und für die Zeit bis zur Durchführung der Demo- 
bilisierung vom (gemeinsamen österreichisch- unga- 
rischen) Militär-Arar, dagegen das sachliche Erforder- 
nis für die Errichtung, Einrichtung und Erhaltung 
von Heil- und Erholungsstätten oder Schulen von 
jedem der beiden Staaten der Monarchie gesondert zu 
bestreiten ist. Wenn die Nachbehandlung nicht in einer 
Unstalt der Militärverwaltung, sondern anderwärts 
erfolgt, gebührt ihr dafür eine Vergütung von 4 Kro- 
nen (ursprünglich 3 Kronen) auf Kopf und Tag. 
Was die Invalidenschulung betrifft, so wird 
sie in zahlreichen Spitälern durch eine eigene, von ge- 
werbetechnischen und ärztlichen Fachleuten geleitete 
Berufsberatung vorbereitet. An der Spitze der öster- 
reichischen Invalidenschulen steht eine staatliche Inva- 
lidenschule in Wien, an der Kurse für Buchhaltung, 
gewerbliches Rechnen, Stenographie, Maschinenschrei- 
en, baugewerbliches, dekoratives und mechanisch tech- 
nisches Zeichnen, für Dampfkessel-, Dampfmaschinen- 
wärter, Zuschneider usw. abgehalten werden. Außer- 
dem befassen sich sämtliche staatliche Gewerbeschulen 
und fachliche Unterrichtsanstalten mit der Schulung 
von Invaliden. Neben den staatlichen Anstalten bat 
sich eine große Anzahl von privaten Lehranstalten 
der Berufsausbildung von Invaliden zugewendet. 
die unter bestimmten Voraussetzungen die staatliche 
„Anerkennung= erhalten. Dadurch werden die Inva- 
liden nahezu in sämtliche gewerbliche Beschäftigungen 
wieder eingeführt. Mit bedeutendem Erfolg ist es 
aber auch gelungen, Invalide, die von der Landwirt- 
schaft herkommen, für landwirtschaftliche Sonder- 
gebiete zu schulen. Diese Kurse umfassen die Ausbil- 
dung in der Milchwirtschaft, die Heranbildung zu Ma- 
schinenwärtern, Obst- und Gemüsegärtnern, Kellermei- 
stern usw. Daneben werden Flachsbau-, Brennerei.,
        <pb n="495" />
        Stolper: Kriegsfürsorge in Osterreich-Ungarn 
Bienenzucht-Kurse usw. abgehalten. Ein besonderer 
sorstwirtschaftlicher Kurs ist in Krakau eingerichtet. 
Die Zurückführung der arbeitsfähig gebliebenen 
Invaliden in bürgerliche Berufe wurde durch die 
staatliche „Arbeitsvermittlung an Kriegs- 
invalide- gefördert. Diese ist wieder länderweise 
organisiert, an die Landesstellen lehnen sich Bezirks- 
stellen an, die vielfach von eigenen = Fürsorgeaus- 
schüssene unterstützt werden. Diese haben die Auf- 
gabe, die Bevölkerung über die Bedeutung und die 
Möglichkeiten der Beßhüfügune der Invaliden auf- 
zuklären, dienen als Anmeldestellen der Kriegsinva- 
liden und stellen, soweit sie nicht selbst in der Lage 
sind, die arbeitssuchenden Invaliden auf Arbeits- 
posten in ihrem Bezirke unterzubringen, die Verbin- 
dung zwischen der Landesstelle und den Invaliden 
her. Besonderes Gewicht wird auf die sachgemäße 
Organisation der Berufsberatung gelegt, die ins- 
besondere feststellt, ob der Invalide nicht etwa noch 
vor Antritt eines Postens einer Nachbehandlung oder 
Schulung bedarf, ob er zum Antritt eines Arbeits- 
postens geeignet ist und welche Tätigkeit er ohne Scha- 
den für seine Gesundheit mit dem größtmöglichen 
wirtschaftlichen Erfolg ausüben kann. In der über- 
angszeit, bis den Invaliden geeignete Arbeitsgelegen- 
* zugewiesen werden, können ihnen die amtlichen 
Vermittlungsstellen Unterstützungen (möglichst in 
natura) gewähren. 
III. Besondere Maßnahmenzum Schutzderbestehen- 
den sozialen Versicherungsorgane sind in den 
ersten Wochen nach Kriegsausbruch getroffen worden. 
Durch kaiserliche Verordnung vom 6. September 1914 
wurden die Vorstände der Krankeniafsen und Berg- 
werksbruderladen und die Ausschüsse von Ersatzinsti- 
tuten der Pensionsversicherung ermächtigt, in Ange- 
legenheiten, die gesetz, oder statutenmäßig der General- 
versammlung vorbehalten sind, mit Wirksamkeit für 
die Kriegsdauer rechtsgültige Beschlüsse zu fassen, so- 
weit eine besondere Vorsorge im Interesse der Mit- 
gileder der Kassen dringlich erschien. Dadurch wurde 
ie Funktionsfähigkeit der sozialen Versicherungs- 
anstalten gesichert, die durch die Einberufung von Vor- 
standsmitgliedern und Teilnehmern in der gesetzlich 
vorgeschriebenen Form vielfach nicht aufrechtzuerhal- 
ten war. Eine Erhöhung der Krankenkassenbei- 
träge wurde in Osterreich nicht verfügt (sie sind in 
Österreich im allgemeinen schon wesentlich höher als 
in Deutschland). Vielmehr half man sich bis zur 
überwindung der wirtschaftlichen Krise mit einer Ein- 
schränkung der Kassenleistungen. Um den regelmäszi- 
gen Zufluß der Kassenbeiträge zu sichern, wurden 
diese vom allgemeinen Moratorium ausgenommen. 
Dagegen stieß die Flüssigmachung der Guthaben der 
Sozialversicherungsinstitute bei Banken, Sparkassen 
usw. während der ersten Kriegswochen auf Schwierig- 
keiten, die durch andere Bestimmungen behoben wur- 
den. Die ersten Kriegswochen trafen namentlich die 
Krankenkassen hart. In den ersten drei Kriegsmona- 
ten verloren sie durch Einberufungen wie durch Ein- 
stellung oder Einschränkung zahlreicher Betriebe durch- 
schnittlich 30 Prozent ihrer Mitglieder (einzelne bis 
zu 50 Prozent). Dagegen war ein Ansteigen der 
Krankheitsziffern wider Erwarten fast nirgends zu 
beobachten. Dies wurde zum Teil durch die strenge 
Unterstützungspraxis der Kassen, zum Teil durch die 
schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse bewirkt. die 
die Kashenmüglieder zur möglichsten Anspannung 
ihrer Kräfte nötigten. Mit der Besserung der wirt- 
409 
schaftlichen Verhältnisse wurde der Mitgliederausfall 
bald ganz oder zum größten Teil wieder wettgemacht. 
Gegenüber der Einschränkung der Krankenkassenlei- 
stung wurde die Wirksamkeit der Pensionsver- 
sicherung ausgedehnt. Knapp vor Kriegsausbruch 
war mit kaiserlicher Verordnung vom 25. Juni 1914 
das Pensionsversicherungsgesetz dohin novelliert wor- 
den, daß die Wartezeit für Rentenansprüche von 10 
auf 5 Jahre herabgesetzt und auch die Bestimmungen 
über die Renten, Erziehungsbeiträge und Abfertigun- 
gen günstiger gestaltet wurden. Die Verordnung hätte 
mit 1. Oklober 1914 in Kraft treten sollen. Durch 
kaiserliche Verordnung vom 24. August 1914 wurde 
demgegenüber der Anfangstermin für die Geltung 
der Novelle auf den 1. August zurückverlegt. Gleich- 
zeitig mußte aber auch den Ersatzeinrichtungen die 
Möglichkeit geboten werden, die dadurch erhöhten 
Lasten wie überhaupt das erhöhte Kriegsrisiko auf 
sich zu nehmen. Deshalb wurde die Allgemeine k. k. 
Pensionsanstalt verpflichtet, auf Antrag der Ersatz- 
einrichtungen den Gesamtbestand an versicherungs- 
pflichtigen Angestellten hinsichtlich der gesetzlichen 
Mindestleistungen in Nückrersicherung u nehmen. 
Eine Anfang 1917 herausgegebene Aanfersche Ver- 
ordnung hat die Versicherungsleistung der Kranken- 
kassen beträchtlich erhöht. So wurde die Höchstdauer 
der Krankenversicherung von 20 auf 26 Wochen, die 
Unterstützungsdauer der Wöchnerinnen von 4 auf 6 
Wochen verlängert und für die Dauer von 12 Wochen 
nach der Niederkunft die obligatorische Zahlung von 
Stillprämien in der Höhe des Krankengeldes verfügt. 
Vor allem wird durch die Verordnung unter anderem 
zur Unterstützung der staatlichen Invalidenfürsorge 
die Bildung von Kassenverbänden gefördert, die die 
Kassen in weiterem Umfang zur Erfüllung größerer 
sozialhygienischer Aufgaben (Errichtung von Heil- 
anstalten, Tuberkulosenheimen usw.) befähigen sollen. 
IV. Vorkehrungen zur Eindämmungder Arbeits- 
losigkeit sind gleichfalls nur in den ersten Kriegs- 
monaten erforderlich gewesen. Sie haben vor allem 
in einer Tntralisierung der Arbeitsnachweise be- 
standen. Durch länderweisen Zusammenschluß derteils 
schon bestehenden, teils neugegründeten Arbeitsver- 
mittlungsanstalten einschließlich der Facharbeitsnach- 
weise und durch Herstellung einer Verbindung zwischen 
den Landesarbeitsnachweisen wurde eine die ganze 
Monarchie umfassende Organisation geschaffen und 
durch generelle Freifahrtbegünstigung für an auswär- 
tige Plätze vermittelte Arbeiter ein weitgehender Aus- 
gleich erzielt. In den ersten Wochen galt es vor allem, 
die qualifizierten Arbeiter für die von der Heeres- 
verwaltung beschäftigten Metallverarbeitungsbetriebe 
und die vielen Tausende von ungualifizierten Ar- 
beitern zu beschaffen, die für Schanzarbeiten und 
sonstige Bauten der Heeresverwaltung erforderlich 
waren. Außerdem mußten der Landwirtschaft für 
die Erntearbeiten als Ersatz für die einrückenden 
Männer hinreichende Arbeitskräfte zur Verfügung 
gestellt werden. Daneben suchte die Regierung durch 
eine ausgebreitete öffentliche Bautätigkeit und durch 
Förderung der Privatbauten die industrielle Beschäf- 
tigung anzuregen und zu erhalten. Spezielle Für- 
sorge wurde für Privatangestellte getroffen, für 
die hauptsächlich aus privaten Mitteln ein Fonds ge- 
bildet wurde. Auch suchte die Heeresverwaltung un- 
begründeten Entlassungen von Angestellten in den er- 
len Kriegsmonaten dadurch vorzubeugen, daß sie die 
zergebung von Heereslieferungen von der Verpflich-
        <pb n="496" />
        40 
tung abhängig machte, daß weder der Bestand noch 
der Gehalt der in den betreffenden Betrieben Ange- 
stellten gekürzt werden dürfen. 
Allmählich hat sich auch in Osterreich die Lage auf 
dem Arbeitsmarkte durch die immer weitergreifenden 
Einziehungen zum Militärdienst sowie die Ausdeh- 
nung der Kriegsmaterialbetriebe und die Belebun 
des bürgerlichen Verbrauches so weit verschoben, daß 
die Arbeitslosigkeit im weitestenllmfang durch Arbeiter- 
mangel abgelöst erscheint. Von Bedeutung ist derzeit 
nur die Notstandsaktion für arbeitslos gewordene 
Textilarbeiter, die die Einstellung von Betrieben 
infolge Rohstoffmangels notwendig gemacht hat. 
Durch die Betriebseinstellung ist in manchen Gebieten, 
wo nicht andere Industrien die überschüssigen Arbeits- 
krüfte aufzunehmen vermochten, soin einzelnen Teilen 
Nord- und Ostböhmens, Vorarlbergs, Mährens und 
Schlesiens, ein empfindlicher Notstand eingetreten, 
von dem an 250000 Arbeiter und ihre Familien 
betroffen wurden. Die Hilfsaktion legt dem Arbeit- 
geber die Verpflichtung auf, 60 Prozent des orts- 
üblichen Tagelohns (mindestens wöchentlich 7,80 Kro- 
nen für erwachsene männliche, 6,8o Kronen für er- 
wachsene weibliche und 4.80 Kronen für sugendliche Ar- 
beiter) als Unterstützung weiter zubezahlen, soweitseine 
Mittel es erlauben. Von diesen Unterstützungsbei- 
trägen können die dem Arbeiter gewährten Natural- 
leistungen in Brennmaterialien und Lebensmitteln 
(zu den eigenen Kosten des Unternehmers), die Hälfte 
des eventuellen Arbeitsverdienstes und eventuelle 
anderweitige Nebenverdienste und regelmäßige Un- 
terstützungen (Krankenversicherungs-, Unfallrenten 
u. dgl.) abgezogen werden. Soweit die Mittel des ein- 
zelnen Arbeitgebers nicht hinreichen, übernimmt die 
Leistungen ein Fonds, der aus Beiträgen der Unter- 
nehmer, deren Betriebe aufrechterhalten bleiben, aus 
Beiträgen der mit Heereslieferungen bedachten Unter- 
nehmungen der Baumwollbranche, aus Beiträgen 
der Arbeitnehmerorganisationen und aus einer 
Regierungssubvention gebildet wird. Die Durchfüh- 
rung der Hilfsaktion und die Verwaltung der Fonds 
liegen einem Komitee bei der Baumwollzentrale ob, 
das aus Vertretern der Arbeitgeber, Arbeitnehmer und 
Behörden besteht. Die Organisation ist darum von 
Wichtigkeit, weil ähnliche Organisationen bei einer an- 
läßlich der Demobilisierung eintretenden Arbeitslosig= 
keit auch für andere Industrien in Betracht kommen. 
V. Zu einer unerwartet großen Aufgabe der Kriegs- 
fürsorge ist namentlich durch die lange Dauer des 
Rrieges die Sosialhygieut eworden. Auf diesem 
Gebiet hat vor allem die Bekämpfung der Kriegs- 
seuchen bedeutende organisatorische Anforderungen 
gestellt. über die Ausbreitung der einzelnen Seuchen 
gibt folgende Tabelle Aufschlußs: 
Zahl der Erkrankungen (einschließl. Militärperfo- 
= nen) im österreichischen Staatsgebiet. 
1914 1915 1916 
seit Kriegs= 1. Halb= 2. Halb-1. Halb- 
beginn jahr jahr jahr 
Ebolera 3702 1882 30655 156 
Nuhrr 31886 8111 23901 5131 
Tophus 12278 24212 42292 18806 
Blatteen 192 6668 18644 28098 
Elecktyohusz 281 10483 4972 11562 
1 Die Erkrankungen im ungarischen Staatsgebiet find bisher 
nicht vexöffentlicht, sind aber, da der weitaus größte Teil der 
Erkrankungen auf den galizischen Kriegsschauplag entfällt, gegen 
die öfterreichischen verhälmismäßig unbedeutend. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, daß der 
weitaus ungünstigste Seuchenstand im zweiten Halb- 
jahr 1915 zu verzeichnen war, während der Zeit un- 
mittelbar nach der Vertreibung der Russen aus Gali- 
zien, als die Russen das Land in verseuchtem Zustand 
zurückließen und einige Zeit vergehen mußte, bis ein 
eordneter Sanitätsdienst im befreiten Gebiet seine 
irksamkeit entfalten konnte (bei den Ziffern ist zu 
beachten, daß darin natürlich nur jene Fälle enthalten 
sind, die nach Wiedereinsetzung der politischen Bezirks- 
behörden nachträglich festgestellt werden konnten). 
Die Militärverwaltung ging sehr energisch vor. Im 
Sinne des internationalen Sanitätsübereinkommens 
wurde eine Anzahl von Bezirken als verseuchte 
Zirkumskriptionen erklärt (Ende August 1915 waren 
das 13 galizische Bezirke — als Höchstzahl —. Mitte 
Dezember bereits waren alle cholerafrei). Durch Ad- 
sonderung von Kranken und Verdächtigen, Schutz- 
impfung. Beschaffung genügender Desinfektions- 
apparate, Sorge für keimfreies Trinkwasser usw. ist 
man im wesentlichen aller Kriegsseuchen Herr ge- 
worden. Auch die Blattern, die nach der obigen Auf- 
stellung im ersten Halbjahr 1916 den Höchststand der 
Erkrankungen aufweisen, waren Ende Juni 1916 be- 
reits fast erloschen (in den beiden letzten Juniwochen 
betrug die Zahl der Erkrankungen nur noch 80). Am 
schwierigsten gestaltete sich die Bekämpfung des Fleck- 
typhus, gegen den die gewöhnlichen Schutzmaßnahmen 
noch von verhältnismäßig geringer Wirkung sind. 
Eine Aufgabe anderer Art ist die Bekämpfung der 
durch den Krieg auch in der Armee in großem Um- 
fang auftretenden Volksseuchen, vor allem der Tuber- 
kulose und der Geschlechtskrankheiten. Was den Kampf 
gegen die Tuberkulose betrifft, so hat vor allem die 
(S. 408) erwähnte, im Mai 1916 gegründete -Oster- 
reichische Vereinigung zur Bekämpfung der Tuber- 
kulosee bisher bereits eine ausgedehnte Länareit ent- 
wickelt. Ihre Tätigkeit gliedert sich in den Anschluß 
von Tuberkulosenabteilungen an bestehende Kranken- 
anstalten, die Errichtung und Ausgestaltung von 
Lungenheilstätten, Erholungsheimen, Waldschulen 
u. dgl. sowie schließlich in die planmäßige Schaffung 
eines ausgebreiteten Netzes von Fürsorgestellen (zur 
Entfaltung der Familienfürsorge in den Wohnungen 
der Kranken). Für alle Einrichtungen zur Abwehr 
der Tuberkulose wurden nach Prüfung der Pläne 
namhafte Staatsbeiträge gewährt. Die Beitragslei- 
stung wurde an die Bedingung geknüpft, daß die An- 
stalten nach der Demobilisierung drei Jahre für die 
Unterbringung lungenkranker heimkehrender Krieger 
verwendet werden. Besonderes Augenmerk wird der 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten zuge- 
wendet, die im Krieg erheblich zugenommen haben. 
In wiederholten eingehenden Weisungen der Militär- 
und Zivilbehörden wurde auf die genaue Beaufsich- 
tigung der Prostituierten, auf die Hintanhaltung der 
geheimen Prostitution, auf die Abwehr der Trunksucht. 
vor allem aber auf die Obsorge für die ärztliche Unter- 
suchung und Behandlung bei geschlechtlicher Erkran- 
kung das Hauptgewicht gelegt. Geschlechtskranke wur- 
den hinsichtlich der Spitalaufnahme als unabweis- 
bare erklärt und die Spitalbehandlung ausdrücklich 
auf die Dauer der Ansteckungsfähigkeit ausgedehnt. 
Besondere Maßnahmen wurden für die Entlassung 
dienstuntauglicher geschlechtskranker Heeresangehö- 
riger, ihre weitere Behandlung und die Verhinderung 
einer übertragung der Krankzeit auf die Ziwilbevöl= 
kerung getroffen. Durch Veranstaltung volkstüm-
        <pb n="497" />
        Stolper: Kriegsfürsorge in Osterreich-Ungarn 
licher Vorträge, Verteilung von Merkblättern, Ver- 
öffentlichungen in der Tagespresse sowie durch die 
Mitarbeit gemeinnütziger Bereine, Körperschaften 
und Krankenkassen wird die Mitwirkung der Bevöl- 
kerung im Kampf gegen die Volksseuchen angestrebt. 
VI. Vor ganz besondere Schwierigkeiten ist die 
öffentliche Verwaltung durch die Notwendigkeit der 
Fürsorge für die Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet 
gestellt worden. Der Umstand, daß vorübergehend 
nahezu ganz Galizien und die Bukowina, Nordungarn, 
später auch Südtirol und das Küstenland sowie weiter- 
hin auch Siebenbürgen Kriegsgebiet geworden sind, 
hat Massen der einheimischen Bevölkerung in Bewe- 
gung gebracht, deren Versorgung eine Aufgabe von 
größter Tragweite bilden mubte. Um ihre Schwierig- 
keiten zu ermessen, muß man bedenken, daß es sich da- 
bei um national, sozial und kulturell ganz heterogene 
Elemente gehandelt hat, die natürlich überall in den 
Gebieten, die sie aufnehmen sollten, als Fremdkörper 
empfunden wurden. Bereits am 11. August 1914 
erschienen zwei Verordnungen, die den Schutz der 
Kriegsflüchtlinge bezweckten. Die Behörden wurden 
angewiesen, die Bevölkerungszahl in bedrohten Orten 
rechtzeitig dadurch zu vermindern, daß den mittel- 
und arbeitslosen Bewohnern anderwärts ein Unter- 
kommen gesichert wurde. Für die übrigbleibende Be- 
völkerung wurde im voraus ein Verteilungsplan 
entworfen, damit die Zufluchtsgemeinden nicht durch 
eine plötzliche überflutung mit arbeitslosen Elementen 
allzusehr geschädigt würden. Die tägliche Vergütung 
für die Beherbergung und Verpflegung dieser Perso- 
neu wurde mit 1 Krone für Erwachsene und 60 Hel- 
ler für Kinder sestgesetzt. Bei der Fürsorge für Flücht- 
linge mußte natürlich auch auf die bodenständige 
Bevölkerung Bedacht genommen werden. Für die 
unbemittelten Flüchtlinge wurden Barackenlager in 
großem Stil errichtet. Soweit dies nicht möglich war, 
wurde die Auszahlung der staatlichen Unterstützung 
tursprünglich 70 Heller, später 90 Heller auf Kopf 
und Tag) von dem Aufenthalt in den sogenannten 
„Flüchtlingsgemeindene abhängig gemacht. Auf diese 
Weise wurde die Freizügigkeit der mittellosen Flücht- 
linge tatsächlich aufgehoben. Unter Berücksichtigung 
lokaler, wirtschaftlicher und nationaler Momente 
wurden immer neue Orte und Bezirke für die Flücht- 
linge erschlossen, wobei nur die dem Kriegsgebiet zu 
nade liegenden Gebiete von vornherein ausgeschlossen 
blieben. Verpflegungsschwierigkeiten ließen es auch 
geboten erscheinen, den Zuzug besonders von den Groß- 
städten fernzuhalten und möglichst auf Kleinstädte 
und Landgemeinden abzulenken. Im allgemeinen 
wurde die Sonderung der Flüchtlinge nach nationaler 
und konfessioneller goe durchgeführt. Die 
Barackenlager erreichten vielfach den Umfang größe- 
rer Städte. So beherbergte eine Reihe von Lagern 
20000—30000 Flüchtlinge. Die größte Flüchtlings- 
gemeinde war Wien mit vorübergehend 200000 un- 
demittelten Flüchtlingen aller Nationen und Konfes- 
sionen, die zeitweilig das Stadtbild sowie die Ver- 
sorgung der Stadt mit Lebensmitteln sehr merkbar 
beeinflußten. Brünn, Prag und Graz zählten an die 
hunderttausend Flüchtlinge, waren also im Verhält- 
nis zu ihrer Bevölkerungszahl noch erheblich schwerer 
betroffen als Wien. Bis gegen Mitte Juni, also bis 
nach der Offensive von Gorlice, standen rund 600000 
Flüchtlinge in Unterstützung des Staates. Die Zahl 
der bemittelten nicht unterstützten Flüchtlinge ist zu- 
#verlässig nicht bekannt, ist aber auch auf einige hundert- 
411 
tausend zu veranschlagen. Der Eintritt Italiens in 
den Krieg (Ende Mai 1915) brachte einen Zuzug von 
etwa 150000 Flüchtlingen aus dem Südwesten der 
Monarchie, Italiener, Slowenen, Kroaten. Doch 
wurdees fastgleichzeitiginfolgeder Befreiung des größ- 
ten Teiles von Galizien und der Bukowina möglich, 
die Rückwanderung der galizischen und bukowinischen 
Flüchtlinge zu beginnen, soweit in dem arg verwüsteten 
Land nicht wirtschaftliche und hygienische Bedenken 
entgegenstanden. Immerhin dürften bis zum Früh- 
jahr 1916 etwa 350000 Flüchttinge in ihre galizische 
Heimat zurückgekehrt sein. Der Rückzug von Luzk, der 
im Frühsommer 1916 den neuerlichen Verlust des größ- 
ten Teiles der Bukowina und einiger ostgalizischer Be- 
zirke nach sich zog, zwang allerdings viele Tausende 
wieder zur Flucht in die westlichen Gebiete. Dabei 
wurden vorübergehend etwa 25 000 Flüchtlinge auf 
Kosten der österreichischen Regierung in westungari- 
schen Komitaten untergebracht, so wie sich später nach 
dem rumänischen Einfall in Siebenbürgen sieben- 
bürgische Flüchtlinge hauptsächlich deutscher Zunge in 
großer Zahl nach Osterreich wendeten. Infolge der 
langen Dauer des Krieges wurde es notwendig, in 
den Barackenlagern nicht nur die materielle Notdurft 
der dort untergebrachten Flüchtlinge zu befriedigen, 
sondern auch eine entsprechende kulturelle Fürsorge 
r entfalten. So wurden Kinder= und Mädchenheime, 
olksschulklassen und fachgewerbliche Beschäftigungs- 
anstalten, landwirtschaftliche Haushaltungskurse usw. 
eingerichtet. Für die Kinder der südlichen Flüchtlinge 
wurden in Graz und Wien Mittelschulklassen mit ita- 
lienischer Unterrichtssprache eröffnet. Daneben wurde 
allmählich natürlich auch die Verwertung der Arbeits- 
kräfte der Flüchtlinge organisiert, so daß im Weg einer 
mit den Barackenverwaltungen zusammenarbeiten- 
den Arbeitsvermittlung bereits im Herbst 1915 etwa 
135000 Flüchtlinge in der Landwirtschaft und Muni- 
tionsindustrie tätig waren. 
VII. In innerem Zusammenhange mit der Flücht- 
lingsfürsorge steht die staatliche Hilfsaktion für die 
durch die Kriegsereignisse geschädigten Gebiete. Un- 
mittelbar nach der Vertreibung der Russen aus dem 
größtten Teile von Galizien wurde der Wiederauf- 
au eingeleitet. Die Hilfsaktion erstreckte sich zunächst 
auf die Beschaffung von Lebensmitteln für die zurück- 
gebliebene Bevölkerung sowie auf die Wiederaufrich- 
tung der Landwirtschaft. Zu diesem Zwecke wurden 
niedrig verzinsliche oder unverzinsliche Anbauvor- 
schüsse, Anbauprämien usw. gewährt. Das oberste 
Organ für den Wiederaufbau Galiziens ist die 
der galizischen Statthalterei angegliederte -Landes- 
traler, die sich in drei, eine Bau-, eine land- und 
orstwirtschaftliche und eine gewerbliche, industrielle 
und kommerzielle Abteilung gliedert. An der Spitze 
der Zentrale steht der Statthalter, an der der einzel- 
nen Abteilungen eigene Vorstände, denen durchwe 
alizische Beamte und technische Fachkräfte zugeteilt 
12 Die Vntrale hat vorläufig ihren Sitz in Krakau. 
Für den Wiederaufbau zerstörter Orte sind eigene 
Bauexposituren am Sitz verschiedener Bezirkshaupt- 
mannschaften errichtet. Im übrigen sind die politi- 
schen Bezirksbehörden unter Mitwirkung von Fach- 
männern in den Dienst der Zentrale gestellt. Der 
Zentrale steht ein Beirat zur Seite, der sich entsprechend 
den drei Abteilungen in drei Sektionen gliedert. Die 
Finanzierung des Wiederaufbaues besorgt in erster 
Linie die bereits im April 1915 gegründete galizische 
Kriegskreditanstalt mit einem eigenen Kapital von
        <pb n="498" />
        412 
25 Millionen Kronen, wovon 23 seitens der Staats- 
verwaltung zur Verfügung gestellt wurden. An nicht 
kreditfähige Personen werden staatliche Notstands- 
unterstützungen gewährt. Außerdem hat die Regie- 
rung der Zentrale im ersten Halbjahr 1916 zunächst 
20 Millionen Kronen überwiesen und weitere Zu- 
schüsse in Aussicht gestellt. über den Umfang der 
Wiederaufbauaktion gibt Aufschluß, daß allein in 
1135 Gemeinden für Notunterkünfte gesorgt werden 
mußte, wodurch über 63000 Familien vor Oddach- 
losigkeit geschützt wurden. Dazu waren bis Mai 1916 
bereits 26000 Unterkünfte teils fertiggestellt, teils in 
Bau. Neben dem staatlichen hat sich auch das private 
Kapital in weitem Umfang dem Wiederaufbau des 
V. Recht und Volkswirtschaft 
Landes zugewendet. Insbesondere ist unter Beteili- 
gung der Wiener Großbanken eine Anzahl von Bau- 
gesellschaften entstanden. Außer der Kriegskredit. 
anstalt sind für spezielle Zwecke eine Reihe anderer 
Kreditstellen geschaffen worden, so insbesondere eine 
galizische Städtebank, die die Aufgabe hat, kommu- 
nale Kredite zu gewähren. Die Wiederaufnahme der 
Selbstverwaltung der Gemeinden hat die Regierung 
durch die Vorschüsse erleichtert. Doch ist mit allen die- 
sen Maßnahmen der Wiederaufbau des arg verwüsic- 
ten Landes erst zum kleinen Teile möglich gewesen. 
Auf gesetzliche Grundlage sind der Wiederaufbau und 
die Guschdigung der kriegsbetrosfenen Provinzen 
bisher nicht gestellt. 
Die Rechtsstellung der neutralen 
Staaten, 
zugleich ein Beitrag zur Beurteilung der belgischen Neutrali- 
tät, von Oberlandesgerichtsrat Dr. Warneyer in Dresden 
I. Die am Kriege nicht beteiligten Staaten bezeich- 
net man als neutral. Die Neutralität entsteht also 
ihrem Wesen nach erst mit dem Ausbruch eines Krie- 
ges zwischen anderen Staaten, sofern nicht, wovon 
unten noch zu handelu sein wird, ein Staat für 
dauernd (ewig) neutral erklärt worden ist. Einer 
ausdrücklichen Neutralitätserklärung, wie sie 
vielfach abgegeben wird, bedarf es nicht. Aus dem 
Begriffe der Neutralität als der Nichtbeteiligung an 
dem Streite anderer folgt ferner, daß es Abstufungen 
der Neutralität nicht geben kann. Auch die sog. 
wohlwollende Neutralitätt(nentralité bienveil- 
lante). . steht, sobald sie über die rein diplomatische 
Unterstützung hinausgeht, im Widerspruch mit dem 
Oegif der Neutralitätta. Dagegen ist die bewaff- 
nete Neutralität keine besondere Abart, sondern. 
bedeutet nur, daß der betreffende neutrale Staat Streit- 
kräfte mobil gemacht hat, um ein etwaiges übergreifen 
der Feindseligkeiten in sein Gebiet abzuwehren. Dem 
Recht des neutralen Staates, vom Krieg verschont zu 
bleiden, steht die Pflicht gegenüber, Kämpfe zwischen 
den Kriegführenden auf seinem Gebiet nicht zu dul- 
den, die Wiegsoperationen außerhalb dieses Gebietes 
nicht zu stören und jede Begünstigung der einen oder 
anderen Kriegspartei zu unterlassens. 
Auf dieser Grundlage haben sich einzelne Rechts- 
sätze für das Verhalten zwischen den Neutralen und 
den Kriegführenden berausgebildet, die im wesent- 
lichen ihren Ausdruck gefunden haben in dem V. und 
dem XIII. Haager Abkommen vom 18. Oktober 1907, 
betreffend die Rechte und Pflichten der Neutralen im 
Falle eines Landkriegs und eines Seekriegs. 
II. Aus der Unverletzlichkeit des Gebiets 
der neutralen Macht folgt, daß es den Kriegfüh- 
renden untersagt ist, 
1) Truppen oder Munitions- oder Verpflegungs- 
kolonnen durch das neutrale Gebiet hindurchzufüh- 
ren — auch das überfliegen des neutralen Landes 
mit Flugzeugen oder Luftschiffen ist hiernach verboten; 
2) darauf eine funkentelegraphische Station oder 
eine ähnliche Anlage einzurichten; 
3) irgendeine Cmrichtung dieser Art zu benutzen, 
die von ihnen vor dem Kriege auf dem Gebiete der 
1 v. Liszt, Das Völkerrecht, 10. Aufl., S. 353. 
2 Nach Bischof, Katechismus des Bölkerrechts, S. 111fff. 
neutralen Macht zu einem ausschließlich militärischen 
Zweck hergestellt worden ist; 
4) auf dem neutralen Gebiet Korps von Kombat 
tanten zu bilden oder Werbestellen zu eröffnen. 
Anderseits darf die neutrale Macht keine der unter 
1) bis 4) bezeichneten Handlungen dulden; selbst die 
gewaltsame Zurückweisung einer solchen oder einer 
anderen Neutralitätsverletzung kann daher nicht als 
Feindseligkeit angesehen werden. 
Dagegen ist der neutrale Staat nicht verpflichtet, 
a) die für Rechnung des einen oder des anderen 
Kriegführenden erfolgende Ausfuhr oder Durchfubr 
von Waffen, Munition sowie überhaupt von allem. 
was einem Heer oder einer Flotte von Nutzen sein 
kann, zu verhindern (Artikel 7 des V. Abkommens. 
gleichlautend mit Artikel 7 des XIII.); 
b) für Kriegführende die Benutzung von Tele- 
raphen- oder Fernsprechleitungen sowie von An- 
agen für drahtlose Telegraphie zu untersagen oder 
zu beschränken. 
Ordnet sie jedoch Beschränkungen oder Verbote in 
Ansehung der unter a) und b) erwähnten Gegen- 
stände an, so sind sie von ihr auf die Kriegführenden 
gleichmäßig anzuwenden. 
Aus den obigen Bestimmungen ergibt sich, daß sich 
die Festsetzung der Engländer und Franzosen in Salo- 
niki, der Durchmarsch ihrer Truppen durch das grie- 
chische Gebiet und ihre Festsetzung darin als schwere 
Völkerrechtsverletzungen darstellen. 
Was die Munitions- und Waffenlieferun- 
gen der Amerikaner an die Vierverbandsmächte 
bis Februar 1917 anlangt, so scheinen diese nach dem 
unter a) gebrachten Wortlaut des Arrikels 7 des V. und 
XIII. Abkommens auf den ersten Blick zulässig zu sein. 
also keine völkerrechtswidrige Verletzung der Neutrali · 
tät zu enthalten. Aber bei eingehenderer Prüfung der 
Frage muß man zueinem anderen Ergebnis gelangen. 
Auch im Völkerrecht gilt der alle Rechtsverhältnisse 
beherrschende Satz, daß Verträge nach Treu und 
Glauben auszulegen sind und ein Verstoß gegen Treu 
und Glauben einer Vertragsverletzung gleichkommt. 
Und ein solcher Verstoß ist darin zu finden. daß sich 
die Lieferungen nicht auf vereinzelte Fälle beschränk- 
ten, sondern daß sie in ungeheuren Mengen erfolgten. 
daß durch sie die eine Kriegspartei fast ausschließlich 
ihren Bedarf an Munition deckte und ohne sie schon 
längst die Waffen wegen Mangels an Munition hätie 
strecken müssen, daß ihnen anderseits irgendwelche 
Lieferungen zugunsten Deutschlands und seiner Ver- 
bündeten nicht gegenüberstehen, daß sie sich mithin
        <pb n="499" />
        Warneyer: Die Rechtsstellung der neutralen Staaten 
uls einseitige Begünstigung der einen Kriegs- 
partei zum Schaden der anderen darstellen, also gegen 
die Grundregel der Neutralität verstoßen. 
III. Das zweite Kapitel des V. Haager Abkom- 
mens, betreffend die Rechte und Pflichten der neu- 
tralen Mächte und Personen im Fall eines Landkriegs, 
regelt die Unterbringung der Angehörigen 
einer Kriegsmacht, die in neutrales Gebiet ge- 
langt sind. Lreien Truppen der Kriegführenden auf 
ein neutrales Land über — Übertritt der Armee Bour- 
bakis in die Schweiz am 1. Februar 1871; Üüberschrei- 
ten der holländisch-belgischen Grenze seitens belgischer 
Soldaten anläßlich der Kämpfe um Antwerpen —, 
so muß die neutrale Macht sie möglichst weit vom 
Kriegsschauplatz unterbringen, und zwar muß sie sie 
in Lagern verwahren oder in Festungen oder ähn- 
lichen Orten einschließen. Offiziere können gegen die 
ebrenwörtliche Verpflichtung, aus dem neutralen Land 
nicht zu entweichen, frei gelassen werden. Entwichene 
oder von den übergetretenen Truppen mitgeführte 
Kriegsgefangene sind in Freiheit zu setzen. Den 
Durchzug von Verwundeten oder Kranken kann 
die neutrale Macht gestatten, jedoch nur mit dem 
Vorbehalt, daß die zur Beförderung benutzten Züge 
weder Kriegspersonal noch Kriegsmaterial mit sich 
führen. Die im neutralen Gebiet verbleibenden Ver- 
wundeten und Kranken sind derart zu bewachen, daß 
sie an den Kriegsunternehmungen nicht wieder teil- 
nehmen können. Auch auf sie findet das Genfer Ab- 
kommen Anwendung. 
IV. Im dritten Kapitel jenes V. Haager Abkom- 
mens wird das Verhältnis der Angehörigen 
eines neutralen Staates zu den Kriegführenden 
geregelt. Ein Neutraler kann sich danach auf seine 
Leutralität nicht berufen, 
a) wenn er feindliche Handlungen gegen einen 
Kriegführenden begeht; 
b) wenn er Handlungen zugunsten eines Krieg- 
führenden begeht, insbes. wenn er freiwillig Kriegs- 
dienste in der bewaffneten Macht einer der Parteien 
nimmt. Doch darf er von dem kriegführenden Staat, 
dem gegenüber er die Neutralität verletzt hat, nicht 
strenger behandelt werden als ein Angehöriger des 
anderen kriegführenden Staates wegen der gleichen 
Handlung behandelt werden würde. 
Als Begünstigungshandlungen im Sinne von b) 
sind nicht anzusehen: 1) Die übernahme von Liefe- 
rungen oder die Bewilligung von Darlehen an einen 
Kriegführenden. sofern der Kezferant oder Darleiher 
weder im Gebiet der anderen Partei noch in dem von 
ihr besetzten Gebiet wohnt und die Lieferungen nicht 
aus diesem Gebiet herrühren; 
2) die Leistung von polizeilichen oder Zivilverwal- 
tungsdiensten. 
Dasvierte Kapitel trifft Bestimmungen über das aus 
dem Gebiet einer neutralen Macht herrührende Eisen. 
vahnmaterial. Dieses darf von einem Krieg- 
führenden nur in dem Fall und in dem Maße, in dem 
eine gebieterische Notwendigkeit es verlangt, angefor- 
dert und benutzt werden. Anderseits kann die neu- 
trale Macht im Falle der Not das aus dem Gebiet 
der kriegführenden Macht herrührende Material in 
entsprechendem Umfange festhalten und benutzen. 
V. Mannmigfacher Art sind die Vorschriften des 
XIII. Abkommens von 1907, betreffend die Rechte 
und Pflichten der Neutralen im Falle eines 
Seekriegs. An der Spitze steht der Satz, daß die 
Kriegführenden die Hoheitsrechte der neutralen 
413 
Mächte zu achten und sich in dem Gebiet und den 
Gewässern derselben jeder Feindseligkeit zu enthalten 
haben; insbes. sind den Kriegsschiffen der Kriegführen- 
den innerhalb der neutralen Küstengewässer die Weg- 
nahme und die Durchsuchung neutraler Schiffe unter- 
sagt; neutrale Häfen oder Gewässer dürfen nicht zu 
einem Stützpunkt für Kriegsunternehmungen gentacht 
werden. Dagegen ist den Kriegsschiffen die bloße 
Durchfahrt durch die neutralen Küstengewässer ge- 
stattet, auch kann ihnen nachgelassen werden, sich der 
bestallten Lotsen zu bedienen. 
In neutralen Häfen, Reeden und Küstengewässern 
dürfen sich die Kriegsschiffe der Kriegführenden 
nicht länger als 24 Stunden aufhalten, es sei denn, 
daß sie aus Anlaß von Beschädigungen oder wegen 
des Zustandes der See länger verweilen müssen. Zu 
gleicher Zeit dürfen sich höchstens drei Kriegsschiffe 
einer Macht innerhalb eines neutralen Hafens befin- 
den. Liegen darin gleichzeitig Kriegsschiffe beider 
Kriegführenden, so muß zwischen dem beiderseitigen 
Auslaufen ein Zeitraum von 24 Stunden liegen. 
Die Reihenfolge des Auslaufens bestimmt sich nach 
der Reihenfolge der Ankunft. 
Eine Prise darf nur wegen Seeuntüchtigkeit, un- 
günstiger See sowie wegen Mangeis an Feuerungs-- 
material oder an Vorräten in einen neutralen Hafen 
gebracht werden. Andernfalls muß die neutrale Macht 
die Befreiung der Prise mit ihren Offizieren und 
Mannschaften herbeiführen. Dasselbe gilt, wenn die 
unter den obengenannten Voraussetzungen einge- 
brachte Prise nicht nach der Beseitigung der Ursache 
des Einlaufens alsbald wieder ausläuft. Gestattet 
kann der Mit zu dem neutralen Hafen werden, 
wenn die Prise dorthin gebracht wird, um bis zur 
Entscheidung des Pri'engerichts in Verwahrung ge- 
halten zu werden. Aus der Pflicht der Neutralen, 
keine der kriegführenden Mächte vor der anderen zu 
begünstigen, gan- daß sie Bedingungen, Beschrän- 
kungen oder Verbote, die sie für die Futaffung von 
Kriegsschiffen oder Prisen der Kriegführenden in ihre 
Häfen, Reeden oder Küstengewässer aufgestellt hat, 
auf beide Teile gleichmäßig an zuwenden hat. 
Die Abgabe von Kriegsschiffen, Munition oder son- 
stigem Kriegsbedarf seitens einer neutralen Macht an 
einen der Kriegführenden ist untersagt, während die 
neutrale Macht, wie schon oben unter II. dargelegt, 
nicht verpflichtet ist, die für Rechnung eines der Krieg- 
führenden erfolgende Ausfuhr von Wassen u. dgl. 
zu verhindern. Dagegen muß sie alle ihr zur Ver- 
fügung stehenden Mittel anwenden, um in ihrem 
Hoheitsbereiche die Ausrüstung oder Bewaffnung 
jedes Schisses zu verhindern, von dem anzunehmen 
ist, daß es zum Kreuzen oder zur Teilnahme an krie- 
gerischen Unternehmungen bestimmt ist. Ebenso muß 
sie über die in ihren Gewässern und Häfen befindlichen 
Kriegsschiffe der Kriegführenden die erforderliche Auf- 
sicht ausüben, insbes. darüber wachen, daß diese Schiffe 
ihre Schäden nur in dem für die Sicherheit ihrer 
Schiffahrt unerläßlichen Maße ausbessern, nicht aber 
ihre militärische Kraft erhöhen, daß sie nicht ihre mili- 
tärischen Vorräte oder ihre Armierung erneuern und 
daß sie nur so viel Lebensmittel einnehmen, wie sie 
für den regelmäßigen Friedensbestand brauchen. Hat 
ein Kriegsschiff in einem neutralen Hafen Feuerungs- 
material eingenommen, so darfes seinen Bedarf daran 
in einem Hafen derselben Macht erst nach drei Mo- 
naten wieder decken. 
Die neutrale Macht ist berechtigt, Kriegsschiffe der
        <pb n="500" />
        414 
Kriegführenden, die unberechtigterweise in einem neu- 
tralen Hafen verweilen, für die Dauer des Krieges 
seeunfähig zu machen. Die Ausübung dieser den Neu- 
tralen eingeräumten Rechte darf nicht als unfreund- 
liche Handlung angesehen werden. 
VI. Der Handel der Neutralen wird grund- 
sätzlich von einem Krieg zwischen anderen Mächten 
nicht berührt. -Die Staatsangehörigen der neutralen 
Staaten dürfen zu Wasser und zu Lande, nicht nur 
unter sich, sondern auch mit den Kriegführenden, nicht 
nur. auf neutralem Gebiet, sondern auch auf dem 
Kriegsschauplatz, Handel treibentc. Doch mußsich der 
neutrale Handel gewisse, durch den Krieg gebotene Be- 
schränkungen gefallen lassen, namentlich eine Blockade, 
die ihm die Küsten einer der kriegführenden Mächte 
versperrt; ferner wird er durch das Verbot der Kriegs- 
konterbande beeinträchtigt. Näheres hierüber ist in 
der Abhandlung über das Seekriegsrecht (Bd. J. 
(S. 367 ff.) ausgeführt. 
VII. Wie die Neutralität ihrem Begriff nach erst 
mit dem Ausbruch eines Krieges zur Entstehung ge- 
langt, so kann auch erst von diesem Zeitpunkt an von 
Rechten und Pflichten der Neutralen gesprochen wer- 
den. Eine Ausnahme hiervon gilt für den Fall, daß 
einem Staat von den übrigen dauernde Neutra- 
lität zugesichert, daß er auf Grund internationaler 
Vereindbarungen dauernd neutralisiert ist, wie 
dies bezüglich Belgiens, Luxemburgs und der Schweiz 
geschehen ist. Die bevorzugte Stellung, die den neu- 
tralisierten Staat unter der Garantie aller übrigen 
Mächte gegen die Bekriegung durch eine von ihnen 
schützt, legt ihm schon während der Friedenszeit ge- 
wisse Verpflichtungen auf. Während er auf der einen 
Seite nicht daran gehindert ist, die Erfüllung der ihm 
im Kriegsfall obliegenden Verbindlichkeiten vorzu- 
bereiten, insbes. sein Gebiet zu befestigen und ein 
stehendes Heer auszubilden, um künftige Eingriffe in 
seine Neutralität abwehren zu können, so darf er doch 
anderseits keine Handlung vornehmen, die eine a- 
gegen eine der Garantiemächte enthält. Der wäh- 
rend eines Krieges geltende Grundsatz, wonach der 
Neutrale keine der streitenden Mächte vor der anderen 
begünstigen darf und etwaige Beschränkungen und 
Verbote auf alle anderen Staaten gleichmäßig anzu- 
wenden hat, gilt für den dauernd neutralisierten 
Staat schon in Friedenszeiten. Er muß eine durch- 
aus neutrale Politik beobachten und sich des Ab- 
schlusses jedes Bündnisses enthalten, das ihn zur 
Teilnahme an einem eiaigen Krieg verpflichtet. 
Dieser Pflicht hat Belgien zuwidergehandelt. 
Durch das in Brüssel vorgefundene Aktenmaterial 
ist, wie die Veröffentlichungen in der= Norddeutschen 
Allgemeinen Zeitung= vom 12. Oktober und 24. No- 
vember 1914 ergeben, unwiderleglich nachgewiesen, 
— — — — 
1 v. Liszt, a. a. O., S. 360. 
⁊ BVal. v. Lis#t, a. a. O., S. 62. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
daß Belgien bereits seit dem Jahre 1906 mit Eng- 
land und Frankreich über ein gemeinsames Bündnis 
im Fall eines Krieges gegen Deutschland beraten, daß 
es sich hierbei keineswegs begnügt hat, die von Eng- 
land ausgegangene Anregung zu erörtern, vielmehr 
selbst einen Operationsplan vorgelegt, und die Mög- 
lichleit der Ausgestaltung Belgiens zur Operations= 
basis gegen Deutschland ins Auge gefaßt hatn. Diese 
Annäherung Belgiens an zwei Großmächte, die ihre 
Spitze gegen Deutschland richtete und die im Laufe 
der Jahre zu Verhandlungen und Mitteilungen in- 
timster Art auf politischem, militärischem und strategi- 
schem Gebiet führte, enthält einen Neutralitätsbruch. 
wie er schlimmer nicht gedacht werden kann. Es mag 
unentschieden bleiben, ob sich die Neutralisierung 
Belgiens auf seine Unabhängigkeit, Integrität und 
Unverletzlichkeit oder nur auf die erste bezog — wie 
letzteres namentlich neuere belgische Schriftsteller aus- 
zuführen versucht haben? —; denn durch den zwischen 
Belgien und Holland am 19. April 1839 abgeschlosse- 
nen, von den Großmächten garantierten Vertrag ver- 
Hüchteie sich jenes ausdrücklich in Art.7, »die gleiche 
Neutralität geten alle anderen Staaten zu 
beobachtene . Es durfte hiernach weder ein im 
Kriegsfalle wirksam werdendes, gegen eine der Ga- 
rantiemächte gerichtetes Bündnis mit einer anderen 
Macht anbahnen, noch eine einseilige Lossagung von 
der vertragsmäßig vereinbarten Neutralisierung an- 
streben. Durch die Verletzung dieser Pflicht hat sich Bel- 
ien selbst des Rechtes begeben, als neutraler Staat be- 
gondelt zuwerden und die Beachtung seiner Neutralität 
von den anderen Mächten zu verlangen, und das Deut- 
sche Reich verstieß nicht gegen einen — gar nicht mehr 
bestehenden — völkerrechtlichen Vertrag, als es seine 
Truppenin Belgien einrücken ließ. Voneiner Verletzung 
der belgischen Neutralität durch diesen Einmarsch kann 
nicht die Rede sein, weil Belgien selbst schon längst auf- 
gehört hatte, an seiner Neutralität festzuhalten. 
Abgesehen hiervon beging Deutschland mit dem 
Überschreiten der belgischen Grenze auch deshalb keine 
Verletzung völkerrechtlicher Normen. weil es sich in 
einem Notstand befand, und ein solcher, wie im bürger- 
lichen und im Strafrecht, so auch im Völkerrecht die 
Rechtswidrigkeit einer sonst verbotenen Handlung 
ausschließt: Not kennt kein Gebot. 
Den Literaturnachweisen am Schluß der Abhand- 
lungen in Bd. I über Völkerrecht (S. 360), Landkriegsrecht 
(S. 363) und Seekriegsrecht (S. 367) ist nur der Hinweis 
auf A. Bischof, Katechsmus des Völkerrechts Leipz. 1877. 
J. Kohler, Notkennt kein Gebot (Berl. 1915), W. Schoen= 
born, Die Neutralität Belgiens, in -Deutschland und der 
Weltkriege (2. Aufl., Leipz. 1917), hinzuzufügen. 
1 Näheres hierüber in Frank, Die belgische Neutrajirar. 
S. 27, und Müller-Meiningen, a. a. O., S. 51—63. 
1 Ugl. Kohler, Rot kennt kein Gebot, S. 37; Frank, 
a. u. O., S. 25. 
* Müller-Neiningen, a. a. O., S. 23; Kohler, a. a. O. 
S. 17. 
Patentrechte im Kriege 
von Geh. Regierungorat J. Neuberg in Berlin-Steglitz 
Es galt früher als völkerrechtlicher Grundsatz, daß 
der Krieg nur ein solcher zwischen den Heeren sein 
solle. Zwar hatte noch Napoleon I. mit der von ihm 
verhängten Kontinentalsperre das englische Volk als 
solches niederzukämpfen versucht, jene Tage lagen 
aber weit zurück. Je mehr die Zeiten fortschritien. 
um so vornehmer sollte die Kriegführung werden, und 
cin König Wilhelm I. war in Prankreii eingezogen 
mit Worten des Trostes an das Volk, das durch den 
Krieg möglichst wenig büßen solle. Notwendige Folge 
solchen Standpunktes war, daß man an ein Festhalten
        <pb n="501" />
        Neuberg: Patentrechte im Kriege 
an zwischenstaatlichen Verträgen auch während des 
Krieges und über ihn hinaus glaubte. Die Welt steht 
nun aber im Zeichen des Verkehrs, auch im Rechts- 
leben wird das offenbar. Es gibt ganze Rechts- 
gebiete, die nicht an den Grenzen des Heimatlandes 
haftenzleiben wollen, die vielmehr ihrer ganzen Na- 
tur nach dazu bestimmt und geeignet sind, darüber 
hinaus zu wirken. Zu Rechten dieser Art gehören die 
sogenaunten gewerblichen Urheberrechte, Patent-, 
Muster- und Markenrechte. Sie dienen dem daraus 
Berechtigten nur dann in rechter Weise, wenn sie auch 
im Auslandstaate wirken können. Jedes wertvolle 
Patent muß auch draußen geschützt werden, jede wert- 
volle Handelsmarke sich Auslandsschutz suchen. Ist 
das aber der Fall, dann darf an ihnen ein Krieg an 
sich nicht rütteln, damn müssen sie auch während des- 
selben Bestand haben. 
Ein französischer Abgeordneter war es, der bei Be- 
ginn des gegenwärtigen Krieges die Worte sprach: 
„Kurzsichtige gehen so weit, die Löschung aller gewerb- 
lichen Schutzrechte zu verlangen, die bisher von An- 
gehörigen der mit Frankreich im Kriege stehenden 
änder für unser Staatsgebiet erworben worden 
sind.“ Diese Worte, die freilich im weiteren Verlaufe 
der Rede insofern eingeschränkt wurden, als der Ab- 
geordnete das heimische Interesse bei Bewer- 
tung, ob die Verträge aufrechtzuerhalten, lediglich 
gelten lassen will; sie blieben Worte. Frankreich 
erließ ein Gesetz (vom 15. Mai 1915), wonach dort 
mit Rücksicht auf den Kriegszustand und im Interesse 
der nationalen Verteidigung die Ausnutzung jeder 
patentierten Erfindung oder der Gebrauch jeder Fa- 
brikmarke durch Untertanen oder Angehörige des 
Deutschen Reiches und Osterreich-Ungarns oder durch 
Personen, die auf Rechnung der obengenannten Unter- 
tanen oder Staatsangehörigen tätig sind, verboten ist 
und bleibt. Wenn eine der patentierten Erfindungen, 
deren Ausnutzung hiernach untersagt ist, ein öffent- 
liches Interesse bietet oder als nützlich für die na- 
tionale Verteidigung erklärt wird, kann ihre Aus- 
nutzung ganz oder zum Teil dem Staat vorbehalten 
oder solchen Personen Übertragen werden, die der 
französischen, einer verbündeten oder neutralen Nation 
angehören und ihre Befähigung zur Ausführung 
nachweisen können. Frankreich hat also ein grund- 
sätzliches Erlöschen der Schutzrechte der Angehörigen 
feindlicher Staaten nicht ausgesprochen. 
Anders Rußland. Hier wurde am 21. Februar 
(6. März) 1915 ein Gesetz erlassen, wonach Patente 
auf Erfindungen oder Vervollkommnungen den Unter- 
tanen der mit Rußland Krieg führenden Mächte nicht 
erteilt, ebensowenig Patentanmeldungen von solchen 
Personen angenommen werden, in bereits eingegan- 
genen Anmeldungen das Verfahren eingestellt wird. 
Patente auf Erfindungen, die Untertanen der mit Ruß- 
land Krieg führenden Mächte gehören und für die 
Landesverteidigung von Bedeutung sind, gehen ohne 
Entgelt in das Eigentum des russischen Staates über. 
Die Wirkung aller Üübrigen Patentefeindlicher Staats- 
angehöriger erlischt, die Rechte auf Benutzung von 
Erfindungen dagegen bleiben bestehen. Nur wird der 
Staat Eigentümer und zieht nun die Gebühren ein. 
(Nebenbei gesagt bezieht sich das, was für Rußland 
gesetzlich bestimmt ist, nicht auf Finnland. Hier hat 
der Senatselbständig angeordnet, daß die Behandlung 
aller Gesuche um Patentrechte, die von Angehörigen 
Rußland feindlicher Staaten eingehen, bis auf weiteres 
ausgesetzt werde usw.) Für das Generalgouverne- 
415 
ment Warschau bestehen deutsche Sonderbestim- 
mungen, so vom 25. Januar 1917, wonach die Ver- 
ordnung vom 1. Juli 1915 (s. unten), soweit sie Ruß- 
land und Rußlands Angehörige anlangt, in Ansehung 
des Generalgouvernements Warschau und desjenigen 
in Lublin (unter gewissen Einschränkungen) außer 
Kraft gesetzt wird, oder vom 22. März 1916, wonach 
nach dem deutschen Patentgesetz usw. geschützte Er- 
findungen im Generalgouvernement Warschau ohne 
Zustimmung der Berechtigten gewerbsmäßig nicht be- 
nutzt werden dürfen. 
n Großbritannien ist man, im Gegensatz zu 
Rußland und ähnlich wie in Frankreich, nicht ohne 
weiteres zur Vernichtung gewerblicher Urheberrechte 
Frchritier. Vielmehr hat nur der Board of Trade die 
efugnis, dauernd oder zeitweise, völlig oder teilweise 
Patente usw. unter bestimmten Voraussetzungen außer 
Kraft zu setzen und anderen als Angehörigen eines 
mit Großbritannien Krieg führenden Staates Ge- 
brauchsrechte daran zu erteilen. Ahnliche Bestim- 
mungen sind in Kanada, dem Ostafrikanischen 
Schutzgebiet, der Südafrikanischen Union 
usw. getroffen worden, ebenso wie sich die französischen 
Bestinmungen in Tunis wiederholen. 
Nun konnte das Deutsche Reich nicht mehr nur 
stillehalten, wenn es auch e nicht nur der Vergeltungs. 
standpunkt allein, nein auch die Rücksicht auf die Re- 
elung des zwischenstaatlichen gewerblichen Rechts- 
8 es bei den Friedensverhandlungen und nach der 
Wiederaufnahme eines friedlichen Rechtsverkehrs« 
(Osterrieth) waren, die zur Verordnung über 
die gewerblichen Schutzrechte feindlicher 
Staatsangehöriger vom 1. Juli 1915 führten. 
Nach § 8 trat die Verordnung mit dem Tage ihrer 
Verkündigung in Kraft. Wann die Verordnung wie- 
der außer Kraft treten soll, ob sie ganz wieder auf- 
ehoben sein soll, ob sie teilweise weiter gelten soll, 
as soll in des Reichskanzlers alleiniger Befugnis 
stehen. Feindliche Staaten im Sinne der Patentord- 
nung sind England, Frankreich und Rußland; später 
ist Ausdehnung erfolgt auf Portugal (Bekanntma- 
chung vom 13. Juni 1916) und Italien (Bekannt- 
machung vom 9. Januar 1917). Es fehlen also etliche 
unserer Feinde. Nicht als ob wir etwazueinem Staate 
wie Serbien ganz außer Vertragsverhältnis auf dem 
Gebiete des gewerblichen Urheberrechts stünden. Das 
nicht, aber tatsächlich sind diese Vertragsverhältnisse 
ering. Soweit das Bedürfnis zu ihrer Regelung be- 
tand, half man sich nach Besetzung der in Frage 
kommenden Länder in besonderer Weise. (Vergleiche 
z. B. Belgien, wo seilens der deutschen Behörde eine 
etwaige Patentanmeldung in Le Havre als ungültig 
angesehen wird.) 
1 Italien hatte der Vertreter des Königs, Her- 
vo Thomas von Genua, im Juni 1915 Ausnahme- 
e#mmungen in Patent., Marken= und Musterschutz- 
angelegenheiten erlassen. Später (10. April 1917) er- 
ging eine allgemeine Verordnung über die Aufhebung 
ewerblicher Schußrechte der Angehörigen der mit 
talien im Kriege befindlichen Staaten. Näher sollen 
diese Bestimmungen hier nicht betrachtet werden. Es 
enüge die Hervorhebung ihres feindlichen Charakters 
utschen gegenüber. 
Wenn nach § 7, Abs. 2 der deutschen Verordnung 
der Reichskanzler jene im Wege der Vergeltung auf 
andere Staaten als die zunächst in der Verordnung 
genannten ausdehnen darf, sobrauchen das nicht etwa 
nur Staaten zu sein, mit denen das Reich jetzt oder
        <pb n="502" />
        416 
zur Zeit des Erlasses der Verordnung im Kriege lebte. 
enimmt sich ein Staat in der hier in Betracht kom- 
menden Weise feindselig, so ist das Vergeltungsrecht 
gegeben. Die Ausdehnungsbefugnis steht, das sei her- 
vorgehoben, nur dem Reichskanzler zu, er kann sie 
nicht wie andere ihm nach der Verordimuny ukomemen. 
den Rechte auf andere übertragen. Die Verordnung 
richtet sich aber nicht nur gegen die offenbaren Feinde. 
Nein, will sie ihren Zweck erfüllen, dann muß sie auch 
Schleichwegen nachgehen. Sie schließt demmnach ihre 
Wirksamkeit nicht dadurch aus, daß die in Betracht 
kommenden Rechte nach dem 31. Juli 1914 auf An- 
ehörige anderer Staaten übertragen oder daß zur 
Verdeckung der Rechtsverhältnisse Angehörige anderer 
Staaten vorgeschoben sind. Dem Patentlinhaber, der 
Engländer ist, steht sein niederländischer Freund 
gleich, der von dem Engländer auf dessen Besorgnis 
bin. der Krieg könne das Patent vernichten, das Recht 
daran Übernommen hat. 
Angehörige eines Staates — das ist ein Begriff. der 
leicht zu Zweifelsfragen Anlaß gibt. Es sei betont, 
daß er sich nach den Bestimmungen des öffentlichen 
Rechtes jedes Staates ordnet. Nun fordert es die 
zweckmäßige Handhabung der Verordnung, wenn sich 
das Deutsche Reich gezwungen sieht, über jene außen- 
staatlichen Bestimmungen binaus nicht nur die An- 
gehörigen der Kolonien und auswärtigen Besitzun- 
gen der feindlichen Länder den eigentlichen Staats- 
angehörigen gleichzustellen. Abgeschen davon sollen 
solchen Angehörigen der feindlichen Staaten auch 
Personen gleichstehen, die in den Gebieten dieser 
Staaten oder ihrer Kolonien und auswärtigen Be- 
sitzungen ihren Wohnsitz oder ihre Niederlassung 
haben. Es steht also der in England lebende Deut- 
sche dem Vollengländer gleich. Weiter kommen in Be- 
tracht juristische Personen, Gesellschaften und Unter- 
nehmungen, die in den in Frage kommenden Staaten, 
Kolonien und auswärtigen Besitzungen ihren Sitz 
haben und von dort aus geleitet oder beaufsichtigt 
werden, oder deren Erträgnisse ganz oder zum Teil 
dorthin ab zuführen sind, eine Gepindnung. die durch 
neuerliche Bekanntmachungen über Maßnahmen ge- 
gen feindliches Vermögen zum Teil ihre Wirkung ver- 
loren oder Anderungen erfahren hat. 
Was will die deutsche Verordnung vom 1. Juli? 
Zweierlei: Schon Bestehendes vernichten, Zukünftiges 
nicht zur Entstehung kommen lassen; 81 sagt: Patent- 
rechte, Gebrauchsmusterrechte und Warenzeichenrechte 
können, soweit sie Angehörigen feind'icher Staaten 
zustehen, durch Anordnungen des Reichskanzlers im 
öffentlichen Interesse beschränkt und aufgehoben wer- 
den. Insbesondere können anderen Ausübungs- und 
Nutzungsrechte erteilt werden. Den Anordnungen 
kann rückwirkende Kraft beigelegt werden. Sie können 
jederzeit geändert und zurückgenommen werden. 
Das deutsche Recht kennt außer den Gebrauchs- 
musterrechten noch andere Musterrechte, die sogenann- 
ten Geschmacksmuster. Sie werden von der Verord- 
nung nicht betroffen. Wie ist nun die Wirtung der 
Verordnung? Der Krieg schafft nicht etwa eine Nich- 
tigkeit der Urheberrechte. Die Rechte bleiben vielmehr 
an sich voll bestehen. Das bedeutet Anerkennung des 
Standpunktes, daß der Krieg an Privatrechten nichts 
u verändern vermag. Spricht aber das öffentliche 
Fnteresse dafür, daß ein bestehendes Auslandsrecht 
nicht weiter gelten soll, so önnen Anordnungen des 
Reichskanzlers ergehen, seies, daß etwa eine Auslands- 
marke in ihren Wirkungen aufgehoben oder einem 
V. Recht und Volkswirtschaft 
ausländischen Berechtigten ein Nutzungsrecht abge- 
sprochen wird. Dabei kann das, was angeordnet wird. 
rückwirkende Kraft haben — natürlich nur bis Kriegs- 
beginn; es kann aber das Angeordnete, und zwar 
ohne jede Begründung, auch wieder aufgehoben und 
geändert werden. Um den Reichskanzler, dessen Ar- 
beitslast in den Kriegszeiten ungeheuer ist, von solchen 
ihm an sich fernliegenden Geschäften möglichst zu ent- 
lasten, ist gesagt, daß die Befugnisse des &amp; 1 einer an- 
deren Stelle übertragen werden können. Nach den Be- 
stimmungen zur Ausführung der Verordnung (vom 
2. Juli) ist zuständig für die Anordnungen der Reichs- 
kommissar für gewerbliche Schutzrechte. Auch 
er trifft solche Anordnungen nicht von Amts ween. 
sondern nur auf Antrag. Im Regelfall ist der An- 
trag an den Patentamtspräsidenten zu richten. Er 
bedarf der schriftlichen Form. ist auch in den ihm zu- 
grunde liegenden Behauptungen glaubhaft zu ma- 
chen gemäß den Bestimmungen der Zivilprozeßord- 
nung über Glaubhaftmachung. Bei Stellung des An- 
trags ist für jedes Schutzrecht, auf das sich der An- 
trag bezieht, eine Gebühr von 50 Mark zu zahlen. 
Nach Eingang des Antrags tritt ein bestimmtes Ver- 
fahren in Gang: Der Patentamtspräsident läßt näm- 
lich in geeigneter Weise die Angelegenheit aufklären. 
kann zu solchem Zwecke die Beteiligten laden und 
dergleichen. Danach folgt das Verfahren vor dem 
Reichskommissar, dem die vor dem Präsidenten des 
Patentamts geführten Verhandlungen mit Gutachten 
vorzulegen sind. Der Reichskommissar kann sich bei 
der Vorbereitung seiner Anordnungen an Gerichte 
und andere Behörden, auch an das Patentamt wen- 
den. Geldleistungen, die auf Grund der Anordnun- 
en des Kommissars fällig geworden sind, sind im 
#wongswege einzuziehen; für die im Verfahren ent- 
stehenden Zeugen- und Sachverständigengebühren hat 
der Antragsteller als Kostenschuldner aufzukommen. 
Nicht an den Patentamtspräsidenten ist der Antrag 
zu richten, sondern an die oberste Heeres= oder Flotten- 
behörde, sofern es sich um Anordnungen handelt, die 
für Zwecke des Heeres oder der Flotte erforderlich ge- 
worden sind. 
Oben war die Rede davon, daß die Verordnung 
nicht nur auf Vernichtung des Bestehenden ausgeht, 
sondern auch darauf, Rechte nicht entstehen zu lassen; 
deshalb die Bestimmung: Auf Anmeldungen von An- 
gehörigen feindlicher Staaten werden Patente nicht 
erteilt, Gebrauchsmuster oder Warenzeichen (wieder 
fehlen die Geschmacksmuster) nicht eingetragen. Nicht 
wird dem Patentamte verwehrt, die ihm nach dem Pa- 
tentgesetze usw. obliegenden Prüfungen auf Eintrag- 
barkeit anzunehmen, wohl aber kann es aus eigener 
Entschließung, soweit Angehörige feindlicher Staaten 
in Betracht kommen, Amtshandlungen, die ihm nach 
solcher gesetzlichen Vorschrift obliegen, aussetzen und 
das Verfahren vorläufig einstellen, auch kann der Pa- 
tentamtspräsident allgemeine Bestimmungen erlassen. 
Um ein Beispiel anzuführen. kann das Patentamt 
nach Anmeldung einer deutschen Schutzmarke davon 
absehen, den ausländischen Inhaber einer älteren, mit 
der neuangemeldeten verwechselbaren Marke zu be- 
nachrichtigen, wie das sonst nach § 5 des ren · 
bezeichnungsschutzgesetzes vorgeschrieben ist. Es er- 
folgt dann Aussetzung des Verfahrens über die An- 
meldung der deutschen Schutzmarke, keinesfalls aber 
in völliger Nichtachtung des Rechtes des Ausländers 
Eintragung auf jene Anmeldung hin. Dazu wäre 
Voraussetzung die vorherige Vernichtung des auslän-
        <pb n="503" />
        Neuberg: Patentrechte im Kriege 
dischen Rechts, eine solche Vernichtung soll aber nicht 
statthaben. 
Nur eine de gibt es, was die Beschränkung 
oder Aufhebung solcher Auslandsrechte anlangt. 
Sie gilt Rußland gegenüber. Dort heißt es, der russi- 
schen Gesetzgebung vergeltungsweise entsprechend: Die 
Wirkung von Patenten, die Angehörigen Rußlands 
zustehen, ist, undbeschadet der für Angehörige anderer 
als der feindlichen Staaten bestellten ausschließlichen 
Rechte zur Auslbung oder Nutzung, vom 11. März 
1915 an (dem durch die russische Gesetzgebung an die 
Hand gegebenen Tag) als erloschen anzusehen. Aiso 
auch hier nicht Nichtigkeit im angen denn soweit aus 
solchem Rechte für Deutsche oder Angehörige befreun- 
deter Staaten Rechte abzuleiten sind, gehen sie nicht 
unter. Als Beispiel diene, daß ein russischer Patent- 
inhaber die Verwertung seines Patents im Königreich 
Sachsen einem Angehörigen dieses Königreichs über- 
tragen hat. Soweit solche Einschränkung aber nicht 
besteht, erfolgt hier Aufhebung von Gesetzes wegen, 
ohne besondere Anordnung. 
Auch die Rechte der Deutschen und Befreundeter 
sind aber nur gewährt worden, wenn ihre Anmel- 
dung binnen bestimmter Frist erfolgte. Aus der über- 
tragung russischer Rechte an Deutsche werden im 
Zweifelsfall zugunsten des Russen Vorteile erwach- 
sen, diese sollen ihm aber nach dem Inhalt der Ver- 
ordnung im *. elsfall nicht zukommen, vielmehr 
soll das Deutsche Reich, vertreten durch den Patent- 
amtspräsidenten, auf solche Gegenleistung selbst be- 
rechtigt sein. Ebenso wie die Wirkung von Patenten, 
die Russen zustehen, ist auch die Wirkung der für An- 
gehörige Rußlands bestellten Rechte zur Ausübung 
oder Nutzung von Patenten von dem in der Ver- 
ordnung genannten Tage ab anzusehen. Es können 
auch nach diesem “ [[Üb für Russen keine Rechte mehr 
begründet werden. Entsprechende Anwendung findet 
die Verordnung auch auf Gebrauchsmuster, nicht Ge- 
schmacksmuster, nicht auch Warenzeichen. 
Der Reichskommissar für gewerbliche Schutzrechte 
hat mehrfach in Tätigkeit treten können. Beispiels- 
weise sei angeführt, daß er das einer englischen Firma 
durch ein englisches Patent zustehende Recht, betr. 
Reinigungsmaschine für Fasergut, zugunsten zweier 
Deutschen in der Weise beschränkt hat, daß sie bis 
auf weiteres gemeinschaftlich berechtigt sein sollen, xç 
werbsmäßig den durch das englische Patent geschütz- 
ten Gegenstand herzustellen, in Verkehr zu bringen, 
feilzuhalten und zu gebrauchen, dies nur innerhalb 
des Reichsgebiets bagen Zahlung einer Gebühr usw. 
Nach späteren Anordnungen des Reichskommissars 
sind auch Eingriffe in das Zeichenrecht feindlicher 
Staatsangehörigen angeordnet worden. Auch hier- 
für war das in der Verordnung vom 1. Juli 1915 
vorausgesetzte öffentliche Interesse gegeben, nämlich 
überall da, wo die Anordnung eine Förderung von 
Deutschlands Industrie und Handel bewirkt. 
Ein kurzes besonderes Wort macht sich zur Waren- 
kennzeichnung nötig. Sie kann nach deutschem 
Rechte zwar auch in einer Ausstattung bestehen, solche 
genießt unter besonderen Voraussetzungen ebenfalls 
rechtlichen Schutz. Was aber das Warenbezeichnungs- 
schueese# vornehmlich im Auge hat, ist das eigent- 
liche Warenzeichen, ein — kurz gesagt — auf der 
Ware zur Gewähr für den Wiederabnehmer der da- 
mit bezeichneten Ware angebrachtet Wort oder Bild. 
Der Krieg war kaum ausgebrochen, als sich auch 
hier zeigte, was schon früher — zu Zeiten des Buren- 
Der Krieg 1914/17. II. 
417 
feldzugs usw. — zutage getreten war. Es schien fast 
so, als gebe es Warenzeichen, die nicht den Zeitereig- 
nissen ihren Inhalt entnommen, üÜberhaupt nicht mehr. 
Zahllos die Lindenburg Naren, zahllos Bilder mit 
Hindenburg-Worten! Es erschienen aber auch Zei- 
chen wie= Uns treibt nicht Eroderungslust= und der- 
gleichen. Bei solcher Sachlage verliert natürklich das 
einzelne Gebilde die Wirkung, kennzeichnend für den 
Einzelbetrieb *r5 wirken. (Ausnahmen sind möglich, 
so besteht ein lange vor Ausbruch des gegenwärtigen 
Krieges eingetragenes Eisernes-Kreuz-Zeichen fort.) 
Das Patentamt sah sich veranlaßt, auf die solchen 
Zeichen fehlende Schutzkraft gewissermaßen amtlich zu 
verweisen; je länger der Krieg aber dauerte, um so 
mehr verlor der Verkehr wiederum auch Interesse an 
solcher patriotischen Gestaltung der Ware; sie hatte 
den Reiz der Neuheit verloren. Nur künstlerisch eigen- 
artize ilder können beutzutage noch unterscheidend 
wirken; sie erhalten natürkich infolge ihrer Eigenart 
auch warenzeichenrechtlichen Schutz. 
Auch auf einem andern Felde mußte das Reich 
tätig werden, nämlich was die Warenkennzeich- 
nungen anlangt. Es galt. unlauteres Gebaren, das 
sich auf dem Gebiete des Handels breitmachte, auch hier 
zu bekämpfen, und es erging zunächst die Bekannt- 
machung über die äußere Kennzeichnung 
von Waren vom 16. Mai 1916. Demnach müssen 
Konserven, Kaffee-, Tee-, Kakao-Ersatzmittel. Marme- 
laden, Schokoladen und dergleichen auf der Packung 
leicht erkennbar den Hersteller, Zeit der Herstellung 
und Füllung, Inhalt (bei Konserven zum Beispiel 
das Mindestgewicht des Fleisches), den Kleinverkaufs- 
preis in deutscher Währung angeben. Jede Beseri- 
gung oder Unkenntlichmachung einer Preisangabe so 
durch überklebzettel, ist verboten. (Die Ausdehnung 
dieser Anordnung auf Pulver für die menschliche 
Nahrung erfolgte unter dem 25. August 1916.) 
Ahnlichen Avdsichten entsprang eine Bekannt- 
machung vom 16. Juni 1916, wonach das An- 
bieten. Feilhalten, Verkaufen oder sonst Ju-den-Ver- 
kehr-bringen von Nahrungs= oder Genußmitteln unter 
einer zur Täuschung geeigneten Bezeichnung strafbar 
ist (unter anderm kommt die Nebenstrafe der Beschlag- 
nahme der zu Unrecht bezeichneten Gegenstände in Be- 
tracht, mögen sie dem Verurteilten gehören oder nicht). 
Die Bekanntmachung vom 11. Oktober 
1916 dehnte die vom 16. Juni auf Soda, Seife und 
sonstige Waschmittel aus. Weiter ist zu nennen die 
Bekanntmachung vom 3. August 1916, die eme Neue- 
rung in der Gesetzgebung schaffte, nämlich Verviel- 
fältigung und Nachahmung eiserner Gegenstände, die 
im Auftrag der Reichsbank hergestellt wurden, um 
den Einlieferern von Godsachen als Gedenkstücke ver- 
liehen zu werden, verbot. über sie oder ihre Nach- 
bildungen darf nicht durch Rechtsgeschäft verfügt, sie 
dürfen nicht in den Verkehr gebracht oder feilgehalten 
werden. Gestattel sind lediglich unentgeltliche Ver- 
fügungen zugunsten von Familienangehörigen so- 
wie Verfügungen von Todes wegen. Die Bekannt- 
machung ist außerordentlich streng; sie geht sogar 
lber sonstige Grundsäßze des Rechts hinaus, wenn sie 
unter anderem auch die Vervielfältigung oder Nach- 
bildung auch nur zum eigenen Gebrauch oder in 
einem einzigen Stücke verbietet. » 
Angeführt sei dann eine Bekanntmachung, die 
das Patentamt über die im feind 'ichen Aus ande 
gegen Deutsche verfügte Aufhebung oder Beschränkung 
gewerblicher Schuhrechte zu erlassen für nötig fand. 
27
        <pb n="504" />
        418 
Wie schon die obigen Ausführungen zu den Maßnah- 
men in Frankreich, Ruß'and und Großbritannien 
erkennen ließen, sind in den Feindesländern Bestim- 
mungen erlassen worden, die bezwecken. Patente, 
Muster= und Markenrechte, die nach deutschem Rechte 
Deutschen zustehen, aufzuheben oder zu beschrän- 
ken. In Vervollständigung des Gesagten sei z. B. noch 
angeführt, daß Japan auf Grund oberstrichterlicher 
Entscheidung den auf dem Gebiete des gewerblichen 
Urheberrechts bestehenden sogenannten Unionsver- 
trag gegenüber feindlichen Staaten für aufgehoben 
ansieht, Angehörige solcher also, die in J#wan keine 
Wohnung oder Niederlossung hüben, auf Grund des 
Patentgesetzes, Geschmacksmustergesetzes, Waren- 
zeichengesetzes und Gebrauchsmustergesetzes Rechte 
demnach nicht geltend machen können. Alle Nach- 
richten über die praktische Ausführung jener in den 
Feindeslanden erlassenen Bestimmungen sind aber 
unvollständig, und es ist im eigenen Interesse der 
Beteiligten erwünscht, daß die einzelnen Fälle, in 
denen gewerbliche Schutzrechte Deutscher durch kriegs- 
rechtliche Anordnungen feindlicher Behörden tatsäch. 
lich betroffen worden sind, genau und erschöpfend 
dargestellt werden. Anmeldestelle für solche Mittei- 
lungen ist das Patentamt. Von kritischen und wirt- 
schaftlichen Erörterungen ist bei Anzeigeerstattung 
abzusehen, ebenso soll die Anmeldung von Schaden- 
ersatzansprüchen nicht in Frage kommen. Das ist 
Sache der Regelung im Friedensvertrag. 
Ferner sei noch folgendes angeführt. In der Regel 
wird sich im Frieden niemand darum kümmern. wie 
ein Patentinhaber tätig wird, keine Behörde kann ihm 
Weisungen geben oder ihn hindern. Im Krieg aber 
kann die Ausübung des Patents von der Behörde 
untersagt werden, die Ausübung kann sich zum Lan- 
desverrat gestalten und schwerer Strafe unterliegen. 
Dementsprechend hat der Oberbefehlshaber in 
V. Recht und Volkswirtschaft 
den Marken Ende 1916 für die Stadt Berlin und 
die Provinz Brandenburg bestimmt, daß es verboten 
ist, Patente oder Musterschutzrechte, die ein Deutscher 
oder eine deutsche Firma im Auslande angemeldet 
oder erworben hat und die einem Ausfuhrverbot 
unterliegende Gegenstände betreffen, unmittelbar oder 
mittelbar nach oder in dem feindlichen oder neutralen 
Auslande zu veräusßzern oder dort sonst zu verwerten. 
Gleiches gilt für Fabrikationsgeheimnisse, soweit es 
sich um einem Ausfuhrverbot unterliegende Gegen- 
stände handelt. Ahnliche Verbote sind von den an 
anderen Orten zuständigen militärischen Stellen er.- 
lassen worden. 
Zuvergleichen ist aber auchdie Bekanntmachung 
des preuß. Kriegsministeriums und Reichs-. 
marineamts vom 12 März 1917, die im vater- 
ländischen Interesse verhüten will, daß Erfindungen, 
deren Geheimhaltung im Interesse der Landesverteidi- 
gung oder der Kriegswirtschaft für erforderlich erach- 
tet wird, zur Kenntnis der Feinde gelangen. Deshalb 
ist hier angeordnet: keine Veräußerung, Anmeldung, 
sonstige Mitteilung zur Kenntnis des feindlichen und 
neutralen Auslands, nach erteiltem Auslandschutz 
aber Abstandnohme von der Ausführung. (Prüfung 
durch die beim Patentamt bestehende Nachprüfungs- 
stelle der Heeres= und Marineverwaltung für Aus- 
landsschriftverkehr in Sachen des gewerblichen Rechts- 
schutzes, Hinweis auf die Strafe aus dem Spionage- 
gesetz und den Landesverratsbestimmungen.) 
Verwiesen sei auch auf die Bekanntmachung 
über den Ausschluß der Öffentlichkeit für 
Patenteund Gebrauchsmuster vom 18. Februar 
1917. Erwähnt sei endlich die durch den Krieg ver- 
anlaßte Bekanntmachung über Vereinfachun- 
gen im Patentamt vom V. März 1917, die für die 
deutsche Industrie sehr wesentlich, auf die aber hier 
nicht näher einzugehen ist. 
FKriegsleistungen und Kriegsschäden 
von Oberlandesgerichtsrat Dr. Warneyer in Dresden 
A. Allgemeine Ubersicht. 
Unter dem Begriff der Kriegsschäden im weiteren 
Sinne werden zwei Arten von Vermögensverminde- 
rungen zusammengefaßt die zwar beide durch den 
Krieg veranlaßt. im übrigen aber völlig voneinander 
verschieden sind, nämlich die Kriegsleistungen und 
die Kriegsschäden im engeren Sinne. Unter erste- 
ren versteht man aöffentlich-rechtliche Verpflichtungen. 
welche planmäßig verteilt und in einem geordneten 
Verwaltungsverfahren geltend gemacht werdenie; 
Kriegsschäden dagegen sind alle durch den Krieg ver- 
ursachten Beschädigungen an bewegsichem und un- 
beweglichem Eigentum n hierunter fallen beispielsweise 
Schäden durch feindlichen Einfall, durch Plünderung, 
Beschießung, Versenkung von Schiffen u. dgl. 
Die Verpflichtung zu Kriegsleistungen und die da- 
für zu gewährenden Vergütungen sind durch das 
Reichogse über die Kriegsleistungen vom 13. Juni 
1873 ein für allemal fest geregelt; die Frage, ob und 
in welchem Umfang für Kriegsschäden eine Entschädi- 
gung vom Reich zu gewähren sei, ist nicht allgemein 
1 Laband, eutsche Juristen-Zeitunge, 1915, S. 441. 
beantwortet, ihre Regelung ist vielmehr jedesmaligen 
Spezialgesetzen überlassen worden. 
B. Kriegsleistungen. 
I. Nach dem Kriegsleistungsgesetz vom 13. Juni 
1873 tritt von dem Tage ab, an dem die bewaffnete 
Macht mobil gemacht wird, die Verpflichtung des 
Bundesgebietes zu allen Leistungen für Kriegszmecke 
ein, soweit für die Beschaffung der Bedürfnisse nicht 
anderweit, insbes. nicht durch freien Ankauf bzw. Bar- 
zahlung oder durch Entnahme aus den Magazinen ge- 
sorgt werden kann. Für die Kriegsleistungen ist Ver- 
gütung aus Reichsmitteln zu gewähren. Als einzelne 
eistungen werden in § 3 des Gesetzes ausgezählt: 
1) Gewährung des Naturalquartiers für die be- 
waffnete Macht einschließlich des Heergefolges sowie 
der Stallung für die zugehörigen Pferde; 
2) Gewährung der Naturalverpflegung für die auf 
Märschen und in Kantonierungen befindlichen Trup- 
penteile sowie der Furage für die zugehörigen Pferde: 
3) überlassung der im Gemeindebezirl vorhandenen 
Transportmittel und Gespanne für militärische Zwecke 
und Stellung der in der Gemeinde anwesenden Mann- 
schaften zum Dienst als Gespannführer, Wegweiser 
und Boten sowie zum Wege-, Eisenbahn= und Brücken- 
bau, zu fortifikatorischen Arbeiten usw.;
        <pb n="505" />
        Warneyer: Kriegsleistungen und Kriegsschäden 
4) Überweisung der für den Kriegsbedarf erforder- 
lichen Grundstücke und vorhandenen Gebäude sowie 
der im Gemeindebezirke vorhandenen Materialien zur 
Anlegung von Wegen, Eisenbahnen. Brücken, Lagern, 
Ubungs- und Biwakplätzen, zu fortifikatorischen An- 
lagen und zu Fluß-- und Hasensperren; 
5) Gewährung des im Gemeindebezirk vorhande- 
nen Feuerungsmaterials und Lagerstrohs für Lager 
und Biwaks; 
6) Gewährung der sonstigen Dienste und Gegen- 
stände, deren Leistung bzw. Lieferung das militärische 
Interesse ausnahmsweise erforderlich machen könnte, 
insbeiondere von Bewaffnungs= und Ausrüstungs- 
gegenständen, Arznei= und Verbandmitteln, soweit 
ie hierzu erforderlichen Personen und Gegenstände 
im Gemeindebezirk anwesend bzw. vorhanden sind. 
Die Zivilbehörden bestimmen auf Requisition der 
Mililärbehörde, in welchen Fällen und in welchem 
Umfang die vorgenannten Verpflichtungen einzu- 
treten haben; auch kann die Militärbehörde die Lei- 
stungen in dringenden Fällen unmittelbar von den 
Leistungspflichtigen requirieren. Für die vollständige 
und rechtzeitige Erfüllung der geforderten Leistungen 
sind die Gemeinden verantwortlich, sie sind aber be- 
rechtigt, zu diesem Zwecke die Gemeindemitglieder zu 
Naturalleistungen und Diensten aller Art heranzu- 
ziehen, insbesondere auch die im Bezirk gelegenen 
Grundstücke und Gebäude zu benutzen und sich nö- 
tigenfalls zwangsweise in deren Besitz zu setzen. 
Die in der Gemeinde durch die Leistungen entstehen- 
den Barkosten sind von den zur Teilnahme an den 
Gemeindelasten Verpflichteten aufzubringen. Den mit 
Naturalleistungen oder Diensten in Anspruch Genom-- 
menen hat die Gemeinde Vergütung zu gewähren, 
wofür sie Entschädigung aus Reichsmitteln erhält. 
Die Höhe der Vergütung wird in der Regel nach 
Durchschnittssätzen berechnet und auf Grund sach- 
verständiger Schätung festgestellt. Die Vergütung 
für die oben unter Nr. 6 aufgeführten Leistungen ist 
aus den bereitesten Beständen der Kriegslasse= bar 
zu bezahlen. über die Verglitungsansprüche aller 
ubrigen Kriegslerstungen werden verzinsliche Aner- 
kenntnisse ausgestellt, die nach Maßgabe der verfüg- 
baren Mittel eingelöst werden. 
Das Gesetz enthält ferner besondere Bestimmungen 
bezüglich der Beschaffung von Schiffen und Fahr- 
zeugen, worunter jetzt auch die bei Erlaß des Gesetzes 
noch nicht bekannten Kraftfahrzeuge fallen, bezüglich 
Veschaffung der Mobilmachungspferde und hinsicht- 
lich der Eisenbahnen. In 8 35 des Gesetzes endlich 
vird die Ausgleichung besonderer Härten spezial- 
gesetzlicher Regelung vorbehalten und dieser Vorbehalt 
auf die Entschadigung von Kriegsschäden im engeren 
Sinne ausgedehnt. d der ersten Richtung ist bis 
jetzt ein Sondergesetz noch nicht erlassen; wegen der 
Kriegsschäden s. unten, C. III. 
II. Das Kriegsleistungsgesetz vom 13. Juni 1873, 
einer vergangenen Zeit angehörend, hat den Anforde- 
rungen des gegenwärtigen Weltkrieges nicht allent- 
halben entsprochen. Denn wenn auch in der oben 
unter 6) wiedergegebenen Vorschrift der Umfang der 
für den Kriegsbedarf der Enteignung unterworfenen 
Gegenstände so weit gezogen ist, daß selbst die durch 
ungewöhnliche Verhältnisse hervorgerufenen außer- 
ordentlichen militärischen Bedürfnisse befriedigt wer- 
den könnent, so erwies sich doch das in jenem Gesetz 
1 Val. Lehmann, in Recht und Wirtschafte, 1915, S. 234. 
49 
vorgeschriebene Verfahren dann als zu schwerfällig, 
wenn es galt. auf die im Lande vorhandenen Vor- 
räte zurückzugreifen, um durch deren Verarbeitung zu 
Kriegsbedarfsartikeln den Krieg trotz der Abschnei- 
dung der Zufuhr vom Ausland erfolgreich bestehen 
zu können. Insbesondere standen die für die In- 
anspruchnahme der erforderlichen Gegenstände gelten- 
den Bestimmungen des Gesetzes einer angemessenen 
Preisgestaltung und einer beschleunigten und ein- 
fachen Sicherstellung für den Bedarf der Militär= und 
Marineverwaltung entgegen. Und das Gesetz über 
den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851, »das teil- 
weise schärfere Handhaben gewährt, beschränkt die 
erweiterten Befugnisse auf die Militärbefehlshaber. 
Diese Mängel der bestehenden Gesetzgebung (so 
führt die amtliche Denkschrift über wirtschaftliche Maß- 
nahmen aus Anlaß des Krieges, V. Nachtrag, S. 70, 
aus) waren geeignet, zu einer wirtschaftlichen Schä- 
digung der Gesamtheit unseres Volkes zu führen. Ab- 
gesehen von der durch ungerechtfertigte Preistreiberei 
verursachten erheblichen Erhöhung der Kriegskosten 
wird der Erfolg wirtschaftlicher Kriegematztahmen 
wesentlich von der einheitlichen und schleunigen Sicher- 
stellung der Kriegsbedürfnisse abhängen. Zur Ab- 
stellung dieser wirtschaftlichen Schädigungen ist des- 
halb auf Grund des § 3 des sogenannten Ermäch- 
tigungsgesetzes die Bekanntmachung über die 
Sicherstellungvon Kriegsbedarf vom 21. Juni 
1915 mit Ergänzungen vom 9. Oktober und 25. No- 
vember 1915 erlassen worden. Sie lehnt sich an das 
Kriegsleistungsgesetz an, erweitert aber dessen einer 
anderen Art der Kriegführung angepaßte Bestim- 
mungen in einer den Bedürsnissen des gegenwärtigen 
Krieges besser Rechnung tragenden Weise, ohne den 
Umfang der Gegenstände, die bereits nach bestehendem 
Rechte einen Eingriff in die persönlichen Eigentums- 
verhältnisse im höheren Interesse der Gesamtheit 
unterliegen, zu vermehren und ohne die anderweit 
begründeten Besugnisse der Militärbefehlshaber zu 
beeinträchligen. Nach § 1 der Bekanntmachung sind 
enteignungsfähig alle Gegenstände des Kriegsbedarfs 
sowie Gegenstände, die bei der Herstellung oder dem 
Betriebe von Kriegsbedarfsartikeln zur Verwendung 
elangen können, also Rohstoffe, Halbfabrikate, 
chmieröl für Kraftwagen u. dgl. Die Anordnung 
erfolgt, unbeschadet der Zuständigkeit der Mililär- 
befehlshaber, seilens der bundesstaatlichen Kriegs- 
ministerien oder des Reichsmarineamts oder der von 
diesen bezeichneten Behörden. Mit dem Zugehen der 
Anordnung an den Besitzer geht das Eigentum über. 
Dieser ist verpflichtet, die Gegenstände herauczugeben 
bzw. sie auf Kosten des Erwerbers zu Überbringen 
oder zu übersenden. Bei der Bemessung des über- 
nahmepreises sollen (wie die Begründung der Be- 
kanntmachungin der= Nordd. Allg. Zig.= vom 25. Juni 
1915 hervorhebt) die Interessen der Reichskasse und 
damit der Volksgesamtheit durch Beschränkung der 
unangemessenen Preistreiberei Berücksichtigung fin- 
den. Jedoch ist vorgeschrieben, daß der Friedenspreis 
eine den Umständen entsprechende Erhöhung erfährt. 
Bei Gegensländen, die nach Kriegsausbruch aus dem 
Reichsausland eingeführt sind, ist der Einstandspreis 
des Einführenden zu berücksichtigen. Die Festselzung 
des übernahmepreises, der bar zu bezahlen ist, ersolgt 
durch ein Schiedsgericht. Das Verfahren vor diesem 
1 Hagelberg, in 2Gruchots Beiträgen zur #rläutexung des 
Deutschen Rechts-, Be. 60, S. 70. 
277
        <pb n="506" />
        420 
ist durch die Anordnung für das Verfahren vor 
dem Reichsschiedsgerichte für Kriegsbedarf 
vom 22. Juli 1915 geregelt. Soweit es sich um das 
Eigentum feindlicher Ausländer handelt, kann der 
Reichskanzler im Wege der Vergeltung abweichende 
Bestimmungen treffen. 
Um Gegenstände, unter Umständen schon vor ihrer 
Erzeugung. für einen etwaigen künftigen Bedarf des 
Heeres und der Marine zu sichern, kann die Beschlag- 
nahme angeordnet werden. Sie bewirkt, daß die 
Vornahme von Veränderungen an den von ihr be- 
rührten Gegenständen verboten ist und rechtsgeschäft- 
liche Verfügungen über sie nichtig sind, sofern sie nicht 
mit Zustimmung der beschlagnahmenden Stelle er- 
felgen. Die Beschlagnahme wird in der Regel der 
nteignung vorausgehen und dann erforderlich sein, 
wenn sich noch nicht endgültig voraussehen läßt, ob 
die betreffenden Gegenstände ganz oder teilweise zur 
Herstellung von Kriegsbedürfnissen gebraucht werden 
und deshalb enteignet werden missen. Soweit die 
beschlagnahmte Ware bis zur Enteignung beim Be- 
sitzer lagert, ist er zur Verwahrung und zur pfleglichen 
Behandlung verpflichtet, wofür ihm nach Befinden 
eine angemessene Entschädigung zu gewähren ist. 
Die Einhaltung der Bekanntmachung wird durch 
strenge Strafvorsihriften gewährleistet; eine Bestra- 
fung mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder mit 
Geld bis zu 10000 Mark wird demjenigen angedroht, 
der der Verpflichtung zur Herausgabe der enteigneten 
Gegenstände zuwiderhandelt, der unbefugt einen be- 
schlagnahmten Gegenstand beiseiteschafft, beschädigt 
oder zerstört, verwendet, verkauft oder kauft oder ein 
anderes Veräußerungs= oder Erwerbsgeschäft über 
ihn abschließt, sowie demjenigen, der der Verpflich- 
tung, die beschlagnahmten Gegenstände zu verwahren 
und pfleglich zu behandeln, zuwiderhandelt. 
C. Kriegsschäden. 
I. Wie schon oben unter B. I. am Schlusse erwähnt 
ist, enthält der § 35 des Kriegsleistungsgesetzes das 
Versprechen eines Spezialgesetzes zum Ausgleich von 
Kriegsschäden. Wenn dort gesagt wird: Für alle 
durch den Krieg verursachten Beschädigungen an be- 
weglichem und unbeweglichem Eigentum wird der 
Umfang und die Höhe der etwa zu gewährenden Ent- 
schädigung und das Verfahren bei Feststellung der- 
selben durch jedesmaliges Spezialgesetz des Reiches 
bestimmt-, so geht damit jenes Gesetz über seinen 
eigentlichen Kabmen hinaus; denn es handelt sich nicht 
um Kriegsschäden im allgemeinen. nicht bloß um Be- 
schädigungen von Eigentum, die bei Gelegenheit von 
Kriegsleistungen vorkommen!"“, sondern um Beschä- 
digungen, die durch kriegerische Aktionen und mit 
solchen im Zusammenhang stehende Handlungen, wie 
Beschieszungen, Brandlegungen, Zerstörung von Häu- 
sern, Wasserbauten, Versenkung von Schiffen nebst 
der Ladung, Truppenbewegungen, Verteidigungsan- 
stalten (Gräben, Barrikaden usw.), Verwüstung und 
Plünderung". verursacht sind. Eine rechtliche Ver- 
pflichtung zum Erlaß eines Spezialgesetzes wegen der 
Kriegsschäden besteht, wie Laband zutreffend aus- 
führ!“, an und für sich nicht. Daß aber die Absicht 
bei der Regierung dahin geht, ein solches Gesetz zu 
1 A. M. Liebrecht, Cesetz über die Kriegsleistungen, S. 75; 
ogl. auch Laband, in der 1 Deutschen Jur. Ztg. «, 1915, S. 442. 
2 Hirsch, Das Cesetz über die Kriegeleistungeh, S. 281. 
s M. a. O.; vgl. A. M. Liebrecht, a. a. O., S. 75. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
schaffen, folgt daraus, daß sie unterm 3. Juli 1916 
ein Gesetz über die Feststellung von Kriegs- 
schäden erlassen hat. 
II. Bevor wir dieses die künftige Entschädigung 
vorbereitende Gesetz besprechen, wollen wir noch einen 
Rückolick auf die zwei nach dem deutsch franösicchen 
Kriege von 1870 7 ĩ ergangenen Entschadigungsgeietze 
vom 14. Juni 1871 werfen. Das erste betrifft den 
Ersatz von Schäden an Mobilien und Immobilien, 
die im Laufe des Krieges seitens des französischen oder 
deutschen Heeres durch Beschießung in dem bisherigen 
Bundesgebiet oder in Elsaß-Lothringen belegener 
Orte oder durch Brandlegung zu mulitärischen Zwecken 
in solchen Orten verursacht worden waren. Der Kreis 
der unter die Entschädigung fallenden Ereignisse war 
also ziemlich eng gezogen. Das genügte aber für den 
damaligen Krieg, in dem keine Plünderungen und Ver- 
wüstungen, wie im gegenwärtigen durch die Russen- 
einfälle, vorgekommen waren und der noch keine Zer- 
st5rungen durch Luftschiff. und Fliegerangriffe kannte. 
Die zerstörten Gegenstände wurden nuch dem vollen 
Wert, den sie zur Zeit der Zerst5örung gehabt hatten. 
vergltet; bei bloßen Beschädigungen war für die 
daraus erwachsene Wertverminderung Ersatz zu lei- 
sten. Für Verluste, welche durch Versicherung gedeckt 
waren, wurde Ersatz nicht geleistet. Entschädigung 
für Immobilien wurde ohne Rücksicht auf die Staats- 
angehörigkeit der Beschädigten, unter Umständen also 
auch einem Franzosen, gewährt; Entschädigung für 
Mobilien dagegen nur solchen Beschädigten, die zur 
g der Verkündung des Gesetzes in Deutichland ihren 
ohnsitz hatten und. falls sie nicht die deutsche Staats- 
angehörigkeit besaßen, nur dann, wenn die Regierung 
ihres Heimatlandes für den gleichen Füll die Gegen- 
seitigkeit zusagte. Die Festsetzung der Höhe der ein- 
zelnen Vergütungen erfolgte durch Kommissionen, die 
von den Landesregierungen zu bilden waren; die 
Auszahlung der danach festgestellten Vergütung an 
die Beteiligten lag den Landesdbehörden ob. 
Das zweite Gesetz vom 14. Juni 1871 bekrifft die 
Entschädigung der deutschen Reederei. Danach sollte 
den Reedern und den Ladungseigentümern der von 
Frankreich nicht zurückgegebenen Schiffe und Ladun- 
gen deren Wert vergütet, ferner sollten auch Aus 
gaben und Verluste ersetzt werden, die durch die Auf- 
bringung der Schiffe oder die Wegnahme der La 
dungen erwachsen waren. 
III. Voraussetzung für den Erlaß eines die Aus- 
zahung von Entschädigungen anordnenden Gesetzes 
st das Vorhandensein von Mitteln. Diese Mittel 
tanden 1971 infolge des Friedensschlusses zur Ver- 
ügung: die Vergütungen waren zu gewähren raus 
den bereilesten Mitteln der von Frankreich zu zahlen- 
den Kriegsentschädigunge. Gegenwäriig muß vom 
Erlaß eines die Entschädigung durch das Reich end- 
U'tig regelnden Gesetzes noch abgesehen werden, da 
tch erst nach Beendigung des Krieges übersehen jäßt. 
in we'chem Umfung das Reich zur Gewährung von 
Entschädigungen imstande ist. Dagegen erschien ein 
die Feststellung der Kriegsschäden anordnendes Gesetz 
eboten, um schon im voraus den Landesregierungen, 
ie Vorentschädigungen gewährt haben, die Gewiß- 
heit zu verschaffen, daß die von ihnen gezehlten Ver- 
gütungen bei einem etwaigen sp.iteren Ersatz durch 
das Reich als zutreffend berechnet anerkannt werden. 
Die Begrlündung zu dem Gesetz vom 3. Juli 1916 
führt hierzu aus: Die durch den Einfall der feindtichen 
Heere in den Grenzgebieten des Rciches verursachten
        <pb n="507" />
        Warneyer: Kriegsleistungen und Kriegsschäden 
umfangreichen Kriegsschäden und die Zerstörungen 
und Beschädigungen, welche durch feindliche Flug- 
zeuge innerhalb des Reiches veranlaßt worden sind, 
machten Maßznahmen der Regierungen der Bundes- 
staaten zur Beseitigung der in den betroffenen Ge- 
bieten entstundenen Schäden erforderlich. Namentlich 
mußte Preusßzen dazu schreiten, die Wiederherstellung 
der zum großen Teil vernichteten Lrovingstpreußen 
in Angriff zu nehmen, um der Not der Bewohner zu 
steuern und das an sich äußerst produktiwe Gebiet für 
die Versorgung des Landes wieder nutzbar zu machen. 
Ostpreußen war zweimal durch den Einfall des Fein- 
des heimgesucht worden. Der erste Russeneinfall be- 
gann am 24. August 1914 und endete durch die sieg- 
reichen Schlachten bei Tannenberg und an den Ma- 
surischen Seen Mitte September 1914. Der zweite 
Russeneinsall dauerte über den Winter und wurde 
erst durch die sogenannte Winterschlacht in Masuren 
im Februar 1915 beendet. Namentlich während dieses 
Einfalls der Russen war die Provinz Ostpreusßen das 
Opfer schrecklicher Verheerungen und Zerstörungen 
an beweglichem und unbeweglichem Gute. Besonders 
die im östlichen und südlichen Teile der Provinz be- 
findlichen Ortschasten wurden durch systematische, von 
Haus zu Haus bewerkstelligte Brandlegung in einen 
Trümmerhaufen verwandelt, die Einwohner in großer 
Zahl nach Rußland weggeschleppt und viel kostbares 
Eigentum, insbesondere fast alle landwirtschaftlichen 
Geräte und Maschinen, vernichtet oder wegge führt. 
Durch die beiden Russeneinfälle wurden 24 Städte, 
600 Dörfer, ungefähr 300 Güter und 31000 Gebäude 
zerstört; rund 100000 Wohnungen wurden gänzlich, 
ebenso viele teilweise ausgeplündert; 22 Kirchen, 25 
Pfarrhäuser und 133 Schulgebäude wurden zerstört. 
Der Verlust an Pierden allein betrug etwa 90000 
Stück. Die Gesamtschäden werden, soweit bisher er- 
sichtlich, auf 14—1½ Milliarde Mark geschägzt. 
Derartigen schweren Heimsuchungen gegenllber 
mußte der Staat so rasch wie möglich helsfend ein- 
gräifen. Dies geschah in Verfolg der allerhöchsten 
rlasse vom 27. August und 24. September 1914, 
durch welche unverzlgliche Maßnahmen angeordnet 
wurden, um den geschadigten Bewohnern der Provinz 
einstweilen die Führung ihres Haushalts-, Wirt- 
schafts-- und Gewerbebetriebs zu ermöglichen. Nach- 
dem durch das preußische Gesetz vom 10. November 
1914 die erforderlichen Mittel bereitgestellt waren, 
wurden bis zum 1. März 1916 an Vorentschädigungen 
im ganzen 427968 640 Mark ausgezahlt. Durch die 
Vorentschädigungen, die auf eine spätere endgültige 
Entschädigung anzurechnen sind, wurden die zurück- 
ekehrten Bewohner Ostpreußens in den Stand ge- 
setzt, den Haushalts-, Wirtschafts- und Gewerbebetrieb 
fortzuführen. Darüber hinaus machte es sich bei der 
immer längeren Dauer des Krieges nötig, der Be- 
völkerung wieder ein dauerndes und gesundheitlich 
weckentsprechendes Unterkommen zu verschaffen, die 
Wiedervesetung der Wirtschuften mit Vieh durch Bau 
von Ställen und die Unterbringung der Ernte in 
Scheunen zu ermöglichen. Hierzu ist erforderlich, daß 
den Geschädigten endgültig der volle Betrag des- 
jenigen ausgezahlt wird. was ihnen als Ersatz des 
erlittenen Schadens gewährt werden soll. 
Dabei muß die den Schadenersatz auszahlende 
Landesregierung (außer Preußen kommen noch die 
Reichslande sowie wegen Heimiuchungen durch feind- 
liche Flieger namentlich Baden und Württemberg in 
Betracht) die Gewißheit haben, daß die von ihr ge- 
421 
währte Entschädigung bei einem etwaigen späteren 
Ersatz durch das Reich nach allen Richtungen als zu- 
treffend berechnet anerkannt wird und das Maß der 
Entschädigung und die Art der Ermittlung nicht nach- 
träglich vom Reiche angefochten werden kann. Diese 
Gewißheit wird verschafft durch das mehrerwähnte 
Gesetz über die Feststellung von Kriegsschä- 
den im Reichsgebiete vom 3. Juli 1916. Das- 
selbe begründet also noch keine Verpflichtung des 
Reiches zur Zahlung von Kriegsschäden. Die Landes- 
regierungen, namentlich Preußen, die die Bewohner 
der verwüsteten Provinzen ganz oder teilweise ent- 
schädigen, tun dies zunächst aus ihren Mitteln; und 
erst wenn nach Beendigung des Krieges die Leistungs- 
fähigkeit des Reiches feststeht, gewinnt das Gesetz vom 
3. Juli 1916 seine eigentliche Bedeutung. Es gibt 
die grundlegenden Vorschriften über die materielle 
Abgrenzung der für eine etwaige Erstattung durch 
das Reich in Betracht kommenden Schäden, über die 
z ihrer Feststellung berufenen Organe, über das bei 
er Feststellung einzuhaltende Verfahren, während 
es die Vorschriften über die Erstattung der so fest- 
estellten (und auf Grund dieser Feststellung von den 
andesregierungen verauslagten) Schäden einem 
weiteren Reichsgesetz vorbehält. Ergeht nach Friedens- 
schluß ein solches, so sind die gemäß dem Gesetz vom 
3. Juli 1916 festgestellten, aber auch nur diese Schä- 
den zu vergüten bzw. die von den Landesregierungen 
verauslagten Vergütungen zu ersepen. 
Gemaß der in § 35 des Kriegsleistungögesetzes hin- 
sichtlich der Kriegsschäden vorgesehenen Abgren zung 
erstreckt sich das Gesetz nur auf die durch den Krieg 
innerhalb des Reichsgebiets verursachten Sachschä- 
den. Verluste von Forderungen und anderen Rech- 
ten, wie z. B. Patentrechte, fallen nicht darunter. 
Die Bestimmungen über Schäden an Leib und Leden 
sollen besonderer gesetzlicher Regelung vorbehalten 
bleiben, ebenso die unter besonderen Gesichtspunkten 
zu beurteilenden Schäden der Seeschiffahrt, die Schä- 
den in den Schutzgebieten und andere etwa noch in 
Betracht kommende Schadenskategorien. 
Der Kreis der für die Feststellung in Betracht kom- 
menden Schäden wird in § 2 des Gesetzes vom 3. Juli. 
1916 wesentlich weiter gezogenals im Gesetze von 1871, 
nach dem als durch den Krieg verursacht nur solche 
Beschädigungen galten, die seitens der beiden krieg- 
führenden Heere durch Beschießung oder durch Brand- 
begung. zu militärischen Zwecken herdeigeführt waren. 
Eine Beschränkung auf diese Tatbestände würde den 
besonderen Verhältnissen des gegenwärtigen Krieges 
nicht gerecht werden. VBielmehr sollen nach § 2 des 
neuen Gesetzes als durch den Krieg verursacht gelten: 
1) Beichädigungen. die hervorgerufen sind durch 
die kriegerischen Unternehmungen deutscher, verbün- 
deter oder feindlicher Streitkräfte. Unter solchen 
Unternehmungen sind alle unmittelbar mit der Krieg- 
führung zusammenhängenden Unternehmungen zu 
verstehen; auch Schäden, die durch feindliche Slieger 
verursacht sind, fallen darunter. 
2) Beschädigungen, die hervorgerufen sind durch 
Brand oder sonstige Zerstörung, Diebstahl oder 
Plünderung in den vom Feinde besetzten oder un- 
mittelbar bedrohten Gebieten während der Dauer der 
Besetzung oder Bedrohung, sofern nicht nachgewiesen 
wird, daß ein Zusammenhang der Entstehung und 
des Umfangs des Schadens mit dem Kriege nicht vor- 
liegt. Hierunter fallen alle Schäden, die durch uner- 
laubte oder eigenmächtige Handlungen ohne Rück-
        <pb n="508" />
        422 
sicht auf den Urheber, sei es von Angehörigen der 
Streitkräfte, Marodeuren oder der Bevölkerung unter 
unmittelbarer Einwirkung kriegerischer Ereignisse 
verursacht sind. nicht dagegen Schäden, die allein durch 
Naturereignisse, wie Blitzstrahl. Hochwasser u. dgl., 
oder auch durch gemeinen Diebstahl entstehen. 
3) Beschädigungen, die hervorgerufen sind durch 
die Flucht, Abschiebung oder Verschleppung der Be- 
völkerung oder die Begschaffung ihrer Habe aus den 
vom Feinde besetzten oder unmittelbar bedrohten Ge- 
bieten. Hierunter fallen auch Schäden, die durch un- 
erlaubte oder eigenmächtige Handlungen der Flücht- 
linge oder durch das von ihnen mitgenommene Vieh 
verursacht sind, ferner Schäden an Grundstücken und 
zurückgelassenen Gegenständen, sofern sie auf die 
mangelnde Aufsicht oder Fürsorge während der Ab- 
wesenheit der Bevölkerung zurückzuführen sind. 
Was die Höhe des Schadens anlangt, die der Fest- 
stellung zugrunde gelegt werden soll. so bestimmt § 3 
des Gesetzes, daß bei Vernichtung der Sache der volle 
Wert, bei Beschädigung die Wertminderungfestgestellt 
werden soll. Die Bestimmung des Gesetzes von 1871, 
nach welcher der Wert zur Zeit der Zerstörung maß- 
gebend sein soll, ist nicht übernommen worden. Da- 
mals spielten bei der kurzen Dauer des Krieges die 
Wertsteigerungen während des Krieges nur eine ge- 
ringe Rolle; Friedenspreis und Preis der Zerstörung 
deckien sich in den meisten Fällen. Im gegenwärtigen 
Kriege ist jedoch die Wertsteigerung für die meisten in 
Frage kommenden Gegenstände eine erhebliche ge- 
worden. Sie soll innerhalb angemessener Grenzen 
Berücksichtigung finden. Grundsätzlich wird daher 
bestimmt, daß der normale Friedenspreis der Bewer- 
tung zugrunde gelegt, daß aber Zustandsveränderun- 
gen, die die Sache nach dem Kriegsausbruche erfahren 
und ihren Wert nach unten oder oben verändert haben, 
berücksichtigt werden sollen. Bei Erwerbungen, die 
nach Ausbruch des Krieges mit höheren Kosten statt- 
gefunden haben, sind diese in angemessener Weise in 
echnung zu stellen. 
Aus Gründen der Billigkeit kann ferner ein an- 
gemessener Zuschlag zu dem Friedenswerte festgesetzt 
werden. Insbesondere soll dies dann geschehen, wenn 
die erforderliche Ersatzbeschaffung höhere Kosten ver- 
ursacht. Diese Ausnahmebestimmung trägt beimpiels- 
weise der Tatsache Rechnung, daß der Aris für Haus- 
rat, Inventarien oder Baulichkeiten zu den ehemaligen 
Friedenspreisen nicht wieder beschafft werden kann. 
Ebenso ist dabei an Ernten und Waren gedacht, deren 
tatsächlicher Wert schon bald nach Kriegsausbruch die 
Friedenspreise so erheblich überstieg, daß eine Ver- 
gütung nur nach diesen zu einer Zeit, in der die all- 
gemeinen Betriebsunkosten sehr erheblich gewachsen 
sind, in zahlreichen Fällen die Fortführung der Be- 
triebe in Frage zu stellen vermöchte. 
Der Verlust von Wechseln oder Schecks wird nicht 
festgestellt, der Verlust von anderen Wertpapieren 
nur, soweit der Geschädigte nicht im Wege des Auf- 
gebots Ersatz erlangen kann. 
Soweit ein Verschulden des Geschädigten bei der 
Entstehung des Schadens mitgewirkt hat, wird dieser 
nicht festgestellt; ebensowenig insoweit, als er durch 
Versicherung oder einen sonstigen Anspruch auf Er- 
satzleistung gedeckt ist. Dagegen bleiben Liebesgaben 
oder sonstige Schenkungen außer Betracht. 
Berechtigt, den Antrag auf Feststellung der Beschä- 
digung zu stellen, ist der Geschädigte, d. h. der Eigen- 
tümer oder der, welcher sonst die Gefahr des Unter- 
V. Recht und Volkswirtschaft 
angs der vernichteten Sache trägt. Auch der dinglich 
erechtigte, also z. B. ein Hypothekengläubiger, ist 
antragsberechtigt; das ist wichtig für Fälle, wo der 
Eigentümer, z. B. wegen überschuldung des Grund- 
stücks, den Antrag nicht stellt. 
Die Bestimmung des Entschädigungsgesetzes von 
1871, wonach die Entschädigung auch Ausländern 
gewährt wurde (bei Immobilien schlechthin, bei Mo- 
bilien, wenn die Gegenseitigkeit verbürgt war). konnte 
nicht herübergenommen werden. Denn die Verhält- 
nisse des Angehörige aller Staaten mehr oder we- 
niger schädigenden Weltkrieges machten eine solche 
allgemeine Bestimmung unmöglich. Deshalb ist 
grundsäglich antragsberechtigt nur, wer die Reichs- 
angehörigkeit besitzt; Angehörige anderer Staaten be- 
dürfen zur Stellung des Antrags der Genehmigung 
des Reichskanzlers. Unwürdigen Personen, die sich 
bestimmter Vergehen gegen die Sicherheit des Reiches 
schuldig gemacht oder versucht haben, auf unlauterem 
Wege das Feststellungsverfahren zu beeinflussen, kann 
die Feichellung versagt werden. 
Als Feststellun gebehörden werden Ausschüsse, Ober- 
ausschüsse und ein Reichsausschuß gebildet. Den bei- 
den ersten liegt die Ermittlung des Sachverhalts ob, die 
Nachprilfung des Reichsausschusses bleibt auf recht. 
liche Gesichtspunkte beschränkt. Das Verfahren, das 
kosten- und gebührenfrei ist, wird im ein zelnen geregelt 
durch die Bekanntmachung. betreffend das 
Verfahren zur Feststellung von Kriegsschä- 
den im Reichsgebiete vom 19. September 1916. 
D. Bereinbarung mit Osterreich-Ungarn über 
Entschädigungen für Kriegsleistungen und Kriegs- 
schäden. 
Die Verhältnisse des gegenwärtigen Weltkrieges 
haben es mit sich gebracht. daß sich deutsche Truppen 
auf österreichisch -ungarischem Gebiete bewegen, wie 
auch umgekehrt Truppen der österreichisch-ungarischen 
Monarchie auf deutschem Gebiet. Die Frage in wel- 
cher Weise die hierbei erforderlichen Requisitionen und 
unvermeidlichen Schäden auf bundesfreundlichem 
Gebiete zu entschädigen seien, bedurfte einer gemein- 
samen Regelung seitens der zwei verbündeten Reiche. 
Diese ist erfolgt durch die Verein barung mit 
OÖsterreich-Ungarn über die Regelung der 
Entschädigungen für Kriegsleistungen und 
Kriegsschäden vom 5. Februar 1916. Danach 
werden die von deutschen Truppen auf österreichisch- 
ungarischem Staaksgebiet vorgenommenen Requisi- 
tionen von Verpflegungs- und Transpornnitteln, 
ferner die Inanspruchnahme von Grundstücken und 
Gebäuden zu Lazaretten und zur Unterbringung von 
Truppen oder Heeresbedarf von den österreichisch- 
ungarischen Behörden nach den in der Monarchie be- 
stehenden Kriegsleistung sgesetzen vergütet, sofern die 
Barzahlung nicht schon durch deutsche Truppen selbst 
erfolgt ist. Die Zahlungen der österreichisch-ungari- 
schen Behörden werden als vorschußweise geleistet an- 
gesehen und sind zu erstatten. Entsprechend sind die 
von österreichisch-ungarischen Truppen auf deutschem 
Reichsgebiet in Anprruch genommenen Leistungen 
dieser Art nach den hierfür geltenden Bestimmungen 
des deutschen Kriegsleistungsgesetzes vom 13. Juni 
1873 zu behandeln und von den deutschen Behörden 
vorschußweise gegen spätere Erstattung zu bezahlen. 
Diejenigen Leistungen des Freundeslandes und die 
dort verursachten Schäden dagegen, die sich aus tak- 
tischen Zwecken dienenden operativen Maßnahmen
        <pb n="509" />
        Lederer: Die wirtschaftliche Lage unserer Gegner 
des Heeres ergaben, belasten den Staat, in dessen 
Gebiet die Leistung erfolgt oder der Schaden verur- 
sacht ist. Als solche Leistungen sind anzusehen: das 
Ausheben von Schützengräben, der Bau von Unter- 
ständen, die Herstellung von Befestigungsanlagen, 
423 
die Zerstörung oder teilweise Wiederherstellung von 
Baulichkeiten usw. Eine vorschußweise Zahlung dieser 
Leistungen und Schäden ist ausgeschlossen. Die An- 
spruchsderechtigten haben sich vielmehr lediglich an 
die Behörden ihres Landes zu wenden. · 
Die wirtschaflliche Lage unserer 
Gegner 
von Privatdozent Dr. Emll gederer in Heibelberg 
Auf Grund der uns zur Verfügung stehenden Quel- 
len sind wir noch nicht imstande, uns ein zuverlässiges 
Bild über die Kriegswirtschaft unserer Gegner im 
einzelnen zu machen. Aber wir sind doch in der Lage. 
den grundlegenden Verlauf der Kriegswirtschaft zu 
stizzieren, das Charakteristische daran hervorzuheben, 
zu untersuchen, worin sich die Eigen art ihrer Wirt- 
schaft im Kriege ausprägt. Denn die einzelnen Län- 
der werden, je nach ihrer wirtschaftlichen Struktur, 
auf ganz verschiedene Art und Weise in den Krieg 
hineingezogen. 
Die enge Verflechtung von Krieg und Wirtschaft 
ist erst möglich, seitdem es überhaupt eine Volks- 
wirtschaft gibt. Die Volkswirtschaft im Sinne einer 
lebendigen Durchdringung der Wirtschaftskräfte, einer 
völligen Alhüngigkeit jedes einzelnen in der Wirt- 
schaft von der Gesamtheit der Übrigen Volksgenossen, 
der Empfindlichkeit jedes Einze schicksals gegenüder 
Wandlungen in den Schicksalen underer — alles, 
was uns heute selbstverständlich erscheint, ist Ergebnis 
der jüngsten Entwicklung. Unverbunden standen ehe- 
dem die kleinen Wirtschaftsgebiete nebeneinander: das 
massive Gewicht der landwirtschaftlichen Erzeugnisse 
verbot deren Transport über weitere Entfernungen, 
und diese urwüchsige Schwerfälligkeit schlug den Ver- 
kehr überh#upt in Fesseln, verhinderte die Verschmel- 
zung der schon politisch geeinigten Staaten zu einheit- 
lichen Wirtschaftsgebieten, die überall die leichtere 
Beweglichkeit der Agrarprodulte (in früherer Zeit auf 
dem Wasserwege, späterhin allmählich durch die Eisen- 
bahn) zur Voraussetzung hat. Infolgedessen hat eben- 
sowenig die Friedens= wie die Kriegswirtschaft eines 
Staates in der Vergangenheit einen einheitlichen Zug: 
das Land ist Objekt des Krieges. er wird in ihm ge- 
führt, die Verwüstungen des Krieges ergreifen den 
Landstrich, in dem er tobt, sie wirken aber nicht wesent- 
lich darüber hinaus. Erst die moderne Volkewirt- 
schaft — zum erstenmal England in den Napoleoni- 
schen Kriegen — ist als zusammenhängendes Ganze 
auch in ganzem Umfang in den Krieg verstrickt, wäh. 
rend der Krieg 1870 71 zu kurz war, zu sehr beschränkt 
in seinem Wirkungsbereich, als daß er zum Vergleich 
herangezogen werden könnte. 
An anderer Stelle (Bd. I. S. 382ff.) wurden die 
Bedingungen erörtert, unter denen die deutsche Volks- 
wirtschaft in den Krieg trat. Die militärischen 
Tatsachen waren (wenn wir von England absehen) 
überall die gleichen: überall allgemeine Wehrpflicht 
mit weitgehender Heranziehung der ausgebildeten und 
unausgebildeten Reserven und ungeheure Anforde- 
rungen an die Rüstungsindustrien. Die Art, wie die 
einzelnen Volkswirtschaften auf diese Lage reagierten, 
ist aber sehr verschiedenartig und von der Struktur 
der Volkswirtschaften abhängig. 
Nur von diesen die Substanz der Volkswirtschaft 
betreffenden Einwirkungen und Veränderungen soll 
im folgenden die Rede sein. Sie zeichnen sich bei 
längerer Dauer des Krieges immer deutlicher ab. Hin- 
gegen muß darauf verzichlet werden, die Finanzierung 
des Krieges in den Ländern, mit denen Deutschland 
im Kriege steht, darzustellen. Nur kurz sei erwähnt 
(weil das auch für die Kriegswirtschaft von größter 
Bedeutung ist), daß von den kriegführenden Staaten 
lediglich Emgland den Grundsätzen seiner bisherigen 
Währungspolitik einigermaßen treu geb' 'ieben ist, die 
Einlösbarkeit seiner Noten nicht aufgehoben und seine 
Währung durch energische Abstoßung von Wertpapie- 
ren ins Ausland aufrechterhalten hat. Es hat, wenn- 
gleich unter Opfern, derart das Verhälktnis zwischen 
den englischen und den Zahlungsmitteln des neutra- 
len Auslandes ziemlich (mit geringen Einbußen) ge- 
halten und sich einen relativ Koteen üÜbergang in die 
Friedenswirtschaft gesichert. Es hat auch dadurch — 
was besonders wichtig ist — beruhigend auf die Preis- 
bildung wirken und einen Teil der Kriegslasten auf 
die neulralen Staalen Übertragen können. über diesen 
Zusammenhang soll unten noch gesprochen werden. 
Frankreich, Rußland und Italien hingegen waren 
nicht stark genug, um diesem Beispiele zu folgen. 
Ein moderner Staat wird verschieden auf den Krieg 
reagieren, je nachdem er überwiegend Industriestaat, 
überwiegend Agrarstaat ist oder beide Tätigkeits- 
gebiete in harmonischer Weise entwickelt hat, ferner 
anders, je nachdem seine Volkswirtschaft in Auedeh- 
nung, in kräftigem Wachstum vegriffen ist oder sta- 
gniert, ob sie, um die herrschenden wissenschaftlichen 
Ausdrücke zu verwenden, dynamisch oder statisch ist. 
Er wird anders reagieren, je nachdem die Einkom- 
mens- und Vermögensverteilung eine ziemlich gleich- 
mäßige, demokratische, oder eine ungleichmäßige ist, ob 
also eine weitgehende Konzentration von Vermögen 
und Einkommen vorhanden ist oder nicht; anders, 
je nachdem welche Industriezweige besonders ent- 
wickelt sind (ob Halbfabrikate- oder Fertigfabrikate- 
erzeugung, ob Massenwaren oder Luxuswaren, ob 
Metall= oder Textilindustrie überwiegt). Danach 
könnten wir also eine ganze Typologie entwickeln, für 
die wir in der Gegenwart nicht alle Falle realisiert 
finden würden. Es kann sich nur darum handeln, 
die konkreten Fälle. die uns hier beschaftigen sollen, 
an die entsprechenden Siellen zu setzen. 
Eugland. Der überwiegende Industriestaat wird 
in der Reihe der gegnerischen, kriegführenden Mächte 
am deutlichsten durch England reprasentiert. Der 
englische Industrialismus ist die direkte Folge der 
Napoleonischen Kriege. In diesen hat sich die eng- 
lische Textilindustrie mächtig entwickelt, alle die Er- 
findungen des 18. Jahrhunderts gewannen nun erst 
gesteigerte ökonomische Bedeutung. — Während die 
europäischen Staaten von der schweren Not des Krie- 
ges durch viele Jahre hindurch erfaßt, von gewaltigen, 
dauernden Rekrutierungen erschöpft wurden, konnte
        <pb n="510" />
        4 
England seine Industrie entwickeln; trotz der Kon- 
tinentalsperre waren die Napoleonischen Armeen in 
englisches Tuch gekleidet. Wenngleich die Blüte des 
Wirtschaftslebens nicht ungetrübt war, sich Reichtum 
und Macht bei kleinen Schichten ansammelten, wenn- 
gleich nach dem Kriege der Rülckschlag kam, als die 
erwartete Nachfrage für die englischen Erzeugnisse 
auf dem europäischen Festland nicht den gehegten Er- 
wartungen entsprach — soviel ist sicher, daß England 
durch die Napoleonischen Kriege einen ungeheuren 
Vorsprung gewann, der viele Jahrzehnte hindurch 
nicht einzuholen war. Diese Industrialisierung hatte, 
mit der gleichzeitigen Heranziehung aller verfügbaren 
Kräfte, wachsende Knappheit an Agrarprodukten, stei- 
gende Preise und schließlich bekanntlich Hinwegräu- 
mung der Kornzölle, Durchführung des Freihandels- 
prinzips zur Fo ge. Der bei hohen Preisen rentable 
Getreidebau mußte jetzt auf die fruchtbareren Böden 
eingeschränkt werden. Alerdings ist der Rückgang 
der englischen Landwirtschaft nicht allein aus dieser 
Tatsache, sondern auch aus der Besitzverteilung zu 
erklären; der Großgrundbesitz reagiert stärker auf die 
Preise als der Kleinbesitz, der bis zu einem gewissen 
Grade die Jntensität der Bewielschaftung, bei sinken- 
den Preisen nicht verringert. Aber der Großgrund- 
besitz ist entweder Kapitalsanlage und dann sehr emp- 
findlich gegenüber den Preisen, oder er ist und wird 
(wie in England) in immer steigenderem Umfange 
sozial bedeutsam, wird dann zu Fideikommissen und 
zu Jagdgebieten umgewandelt. Je mächtiger die eng- 
lische FInbusrrie, je beherrschender der englische Geld- 
markt wurde und die Reichtümer der Welt nach Eng- 
land lenkte. je erfolgreicher im 19. Jahrhundert die 
englische Kolonialpolitik wurde, desto mehr schrumpft 
die englische Landwirtschaft ein, desto geringer wird 
ihre Intensität. So wurde England ein Überwiegen- 
der Industriestaat und trat als solcher in den Krieg ein. 
Für die englische Kriegswirtschaft !zn wesentlich, daß 
die Landwirtschaft zu Kriegsbeginn sehr geringe Kräfte 
beanspruchte, daß die Bevölkerung größtenteils in der 
Industrie und im Handel tätig war und daß keine 
allgemeine Wehrpflicht herrschte. Die Kriegswirtschaft 
Englands konnte daher im Bepinn am ähnlichsten 
der Friedenswirtschaft bleiben. Das Wort Business 
as usual hat nicht nur die fatale Nebenbedeutung, 
die England als einen einzigen großen Kriegsliefe- 
ranten erscheinen ließ, der den Krieg seiner Bundes- 
genossen finanzierte und für ihn ardbeitete, es hatte 
ugleich den Sinn, daß sich die englische Volkswirt- 
sa in ihrer Struktur am wenigsten hätie umwan- 
deln müssen, wenn der Krieg in den ursprünglichen 
Ausmaßen gedblieben wäre. Die englische Regierung 
plante offenbar auf folgende Weise den Krieg zu füh- 
ren: Auf dem Festland kämpft ein starkes, während 
des Krieges noch zu steigerndes Expeditionskorps an 
Seite der französischen und belgischen Armeen. In 
England selbst gehen Industrie und Landwirtschaft 
ruhig ihren Gang weiter, sie lassen sich durch den 
Krieg nicht beirren; soweit ihre Erzeugnisse direkt für 
Rüstungszwecke brauchbar sind, sollen sie hierzu ver- 
wendet werden, soweit jedoch nicht, soll die Industrie 
der Verbündeten und darüber hinaus in erster Linie 
diejenige Amerikas die notwendigen Erzeugnisse (ins- 
besondere auch Agrarprodukte) liefern. Dazu dient 
vor allem die Erhebung hoher direkter Kriegssteuern 
(ein alter englischer, schon in den Napoleonischen Krie- 
en geübter Brauch). Mit dem in die Staatskassen 
Hetetenden Geld werden in erster Linie die im Inland 
V. Recht und Volkswirtschaft 
für Kriegsbedürfnisse erzeugten Güter bezahlt. Diese 
ehen in den staatlichen, anstatt in den privaten Kon- 
1 ein. Die Erzeugnisse der eigenen Industrie und 
Landwirtschaft sollen also möglichst sofort durch Ein- 
nahmen aus hohen Kriegssteuern bezahlt werden. Die 
Einfuhr soll durch die Ausfuhr soweit wie möglich kom- 
pensiert werden. Um mehr ausführen zu können, muß 
der eigene Verbrauch möglichst eingeschränkt werden; 
wird weniger im eigenen Lande verbraucht, so lann 
mehr ausgeführt und mit der Ausfuhr die Einfuhr 
bezahlt werden. Die Einfuhr erfolgt für Rechnung der 
Regierung, für Zwecke des Heeres oder der Verbünde- 
ten; die Ausfuhr schafft private Kaufkraft, freie Ein- 
kommens- und Vermögensmassen in den Händen von 
Privaten. Die Brücke zwischen Privaten und Regie- 
rung wird dadurch geschlagen, daß diese Eigner von 
Kaufkraft kurz= oder langfristige Anleihen zeichnen. 
Auf diese Weise wird der Kreislauf geschlossen. 
Das Eigentümliche dieser Kriegswirtschaft bestehl 
darin, daß sie die Friedenswirtschaft unverändert, nur 
noch gesteigert, weiterführen sollte. Die Wirtschaft 
sollte nicht neue Bahnen einschlagen, sondern die 
Haichstosten sollten im Wesen durch Einschränkung 
des Verbrauchs gedeckt werden. 
Mehrere Umstände verhinderten die Verwirklichung 
dieses Planes. Der rasende Munitionsverbrauch stei. 
gerte die Notwendigkeit fremder Einfuhr; die wachsen- 
den Ansprüche des Heeres drängten zur Dienstpflicht 
und schwächten infolgedessen die Kraft der englischen 
Industrie. Die Expeditionen nach den Dardanellen, 
nach Asien, Saloniki beanspruchten einen riesenhaften 
Frachtraum, erhöhten die Frachtraten und verteuerten 
auf diese Weise die Einfuhren, erschwerten die Aus- 
fuhren. In der letzten Zeit! wirkte der Unterseeboot- 
krieg in derselben Richtung. Aus diesen Gründen 
wurde das ursprüngliche Programm nicht aufrecht- 
erhalten. England organisierte, ebenso wie Deutsch- 
land, seine Industrie um — suchte immer mehr das 
Kriegsmaterial im eigenen Lande zu erzeugen. um 
auf diese Weise die Einfuhren auf das notwendige 
Mindestmaß zu beschränken. Aber immer noch ist 
seine Kriegswirtschaft dadurch gekennzeichnet, daß es 
möglichst viel ausführt und möglichst hohe direkte 
Steuern erhebt. Es hat sich auch bisher noch nicht zu 
einer Regelung der Wirtschaft, insbesondere nicht zu 
einer zwangsweisen Regelung des Verbrauchs ent- 
schlossen. Eine solche würde ja in England viel grö- 
ßerem Widerstand als in Deutschland begegnen. 
Auf zwei Momente in der englischen Kriegswirt- 
schaft sei wegen ihrer Bedeutung nochmals himgewie- 
sen, zunächst die Höchstanspannung der Steuerleistung 
im Kriege. Es wurden die Cinkommensteuern außer- 
ordentlich erhöht, und namentlich wurden die Kriegs- 
gewinne von vornherein mit ganz enormen Sätzen 
#ur Deckung der Staatslasten herangezogen. Die 
Mehrgewinne in der Kriegsindustrie sind zum größten 
Teil konfisziert worden. Die Steuer ist auf diese Weise 
so hoch, daß eine überwälzung durch Preiserhöhung 
bereits unmöglich ist. Dieser rücksichtslosen Erfassung 
der Kriegsgewinne und der für deutsche Begriffe gro- 
tesken Uusßestaltung der Einkommentbesteuerung 
geht parallel eine bewußte und erfolgreiche Lohnpoli- 
tik der Gewerkschaften. Als zweites Moment kommt 
in der Gestaltung der englischen Kriegswirtschaft zum 
Ausdruck, daß Engiand als ein demokratisches Land 
ohne allgemeine Wehrpflicht in den Krieg eintrat. 
1 Geschrieben Mitte Juni 1017.
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        Lederer: Die wirtschaftliche Lage unserer Gegner 425 
Die Arbeitermassen standen nicht von vornherein un- 
ter der militärischen Befehlsgewalt; ihre gewerkschaft- 
lichen Organisationen waren nicht zur Ohnmacht ver- 
urteilt, sie konnten wie die Unternehmer den Krieg als 
eine Konjunktur benutzen. So konnten die Arbeiter 
Kriegsgewinne erzielen, und auch die spä'erhin von 
der Regierung durchgesetzte Aufhebung der Gewerk- 
schaftsregeln dürfte kein Sinken des hohen Lohn- 
niveaus zur Folge gehabt haben, da ja inzwischen die 
Anforderungen an die Industrie gestiegen und die 
Zahl der Arbeiter zurückgegangen war. Diese beiden 
Umstände wirken dahin, daß die Umschichtung in Ver- 
mögen und Einkommen, die damit gegebenen sozialen 
Verschiebungen in England nicht in so hohem Maße 
als in den übrigen kriegführenden Ländern erfolgt 
sein dürften. Genaues kann darüber heute" um so we- 
niger gesagt werden, als die lange Dauer des Krieges 
auch in England die gleichen charakteristischen Eigen- 
tümlichkeiten der Kriegswirtschaft hervortreten ließ 
und allmählich alle die Begleiterscheinungen mit sich 
brachte, die den Krieg in Deutschland schon im ersten 
Jahre kennzeichneten. 
Wenn wir den Verlauf der Kriegswirtschaft in 
England in einem Worte zusammensassen wollen, so 
können wir sagen: Englands Volkswirtschaft ist nur 
allmählich und gleichsam widerstrebend in eine Kriegs- 
wirtschaft umgewandelt worden; und insofern hat 
England tatsächlich einen Vorsprung vor den übrigen 
kriegführenden Staaten (auch seinen eigenen Verbün- 
deten gegenüber). Ob dieser Vorsprung durch die 
größeren Kriegsausgaben Großbritanniens wettge- 
macht wird, kann heute noch nicht beurteilt werden. 
Der Handelskrieg Englands war dazu bestimmt, 
Deutschlands Kraft im Kriege zu schwächen und so 
den Sieg der Entente herbeizuführen; obwohl dies 
nicht gelang, so hat er doch die weltwirtschaftlichen 
Beziehungen Deutschlands unterdrochen und schon 
dadurch direkt und indirekt die Englands gestärkt. Ge- 
rade dieser Unterschied, daß sich Deutichland während 
des Krieges vom Weltmarkte fernhalten mußte, wäh- 
rend England seine Beziehungen aufrechterhalten und 
ausbauen konnte, dürfte als Gesamtergebnis bringen, 
daß England leichter und rascher wieder in die Frie- 
denswirtschaft eintreten kann, die es auch während 
des Krieges nicht verlassen hat. 
Frankreich. Die Volkswirtschaft von Frankreich 
zeigt ein ganz anderes Gesicht. Eine erfolgreiche, aber 
nicht sonderlich ausgedehnte Industrie, ein hochent- 
wickeltes Luxusgewerbe, zum Teil zur Luxusindustrie 
Fiteigert. eine intensive, in ziemlich demokratischer 
esitzverteilung gegebene Landwirtschaft mit sehr 
oher Kultur und eine stagnierende Bevölkerung. 
ankreich galt ehedem als das reichste Land Europas, 
ja der Welt. Diesen Reichtum verdankt es der großen 
Fruchtbarkeit seines Bodens und der Tatsache, daß es 
die Bezugsquelle aller wesentlichen Luxusprodukte 
seit Jahreunderten ist. Je mehr die Agrarprodukte 
in der Gesamtversorgung zurücktreten und je mehr 
auch in anderen Ländern Luxusindustrien entstehen, 
je mehr die industrielle Entwicklung breite kaufkräf- 
tige Schichten und Arbeitermassen schafft, die immer- 
* auch Industrieprodulte konsumieren, verschiebt 
ich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen Lebens von 
Frankreich, von Paris weg. Hierbei spielt die stagnie- 
rende Bevölkerung weibells eine sehr erhebliche 
Rolle; Familien, die 6c nichl vergrößern, haben auch 
1 Val. die Fuhnots zur vorhergehenden GSeite. 
nicht den unbezähmbaren Trieb, ihren Reichtum zu 
vermehren, da das Erworbene nicht den Gefahren 
einer starken Zersplitterung unterliegt. Der Reichlum 
wächst unter diesen Umständen langsam, aber stetig 
an, und erst die Geldentwertung zu Ende des 19. 
Jahrhunderts hat diese stagnierende Volkswirtschaft 
wohl etwas in Bewegung geseßt. 
Es ist die Eigentümlichkeit der französischen Volks- 
wirtschaft. langsam zu akkumulieren. Die Akkumu- 
lation erfolgt nur zum Teil in der Industrie. In 
erheblicherem Umfang ziehen es die Franzosen vor, 
die Ersparnisse ihrer Jugend in Rentenpapieren an- 
ulegen, die ihnen im Alter bescheidene, aber sichere 
Ein ünfte verheißen. Der französische Staat mit 
seinen ungeheueren Schulden hat das Seinige dazu 
getan, um den treuen Staatsbürger zum Rentner zu 
erziehen. Er hat den Franzosen daran gewöhnt, 
Renten zu besitzen, und diese Gewohnheit, Renten zu 
kaufen. hat sich späterhin (mit Wissen und Unternützung 
der Regierung) auch auf die ausländischen Anlagen 
übertragen, so daß Frankreich der große Gläubiger 
der ganzen Welt wurde. Nicht nur ökonomische 
Gründe führten dahin — denn das Kapital hätte ja 
auch in industriellen Anlagen im Auslande Verwer- 
tung finden oder das französische Wirtichaftsleben 
neloft häite durch Beeinflussung durch die Regierung 
ein lebhafteres Tempo annehmen können —, sondern 
die französische Regierung sah es nicht ungern, wenn 
ihre Sparer der ganzen Welt Kredit gaben und so das 
politische Gewicht Frankreichs steigerten. Diese poli- 
tischen Nebengründe mülssen sogar sehr erheblich ge- 
wesen sein, da Schon diefranzösischen Kolonien die Mög- 
lichkeit geboten hätten, große Kapitalien anzulegen. 
Diese stagnierende Volkewirtschaft, deren Reichtum 
weiter wächst, aber nur zum Teil als Folge eigener 
intensiver Arbeit und zum großen Teil als Folge 
zuger Sparsamkeit und unter Nutznießung fremder 
Arbeitsfrüchte, kennt daher nicht die Überraschungen 
moderner Konjunkturen, kennt kein amerikanisches: 
Tempo wie Deutschland; in ihm gibt es noch eine 
breite Schicht eines soliden Kleinbürgertums, das sich 
mit 50 Jahren zur Ruhe setzt; und so wie auch noch 
die Industrie mit handwerkerlichen Elementen stark 
durchsetzt ist. so bewegt sich namentlich die französische 
Provinz noch in den Formen behaglichen kleinstädti- 
schen Lebens. Das Ideal einer früen bequemen 
Aitersruhe. in der man das Leben genießt, stammt aus 
Frankreich, und wie geer der Beumte nicht sein ganzes 
Wesen dem Staat, so gibt auch der Krufmann und 
Gewerbtreibende nicht sein ganzes Leben dem Veruf. 
Frankreich zeigte also wirtschaftlich eine außerordent- 
lich große Stabilität. Sein Wirtschaftsprozeß kann am 
ehesten in Europa als statisch bezeichnet werden (darin 
ist etwas an die österreichische Provinz Gemahnen- 
des). Auch das Geldwesen (dessen Versassung für die 
Kriegswirtschaft ja überall von Bedeutung ist) zeigt 
dieses Gepräge; es ist noch ähnlich, wie es Bagehot in 
seinem berühmten Buche über Lomdardstreet (1873) 
beschrieb, daß in Frankreich die Banken nicht die Reser- 
voire des Kaufmanns und Produzenten sind. 
Manhältn Frankreich überall große Kassenbestände 
in Hartgeld; jeder hat seine individuellen Reserven, 
und deshalb konnte England in einem Zeitpunkt schon 
der Bankier der Welt werden, als Frankreich an Reich- 
tum noch weit überlegen war, aber seine Reichtümer 
verborgen hielt und nicht in den Banken arbeitene 
ließ. Späterhin wurde nun — wie erwähnt — Frank- 
reich der Gläubiger der ganzen Welt, aber nicht als
        <pb n="512" />
        426 
Geldgeber auf dem offenen Markte, sondern als Uber- 
nehmer von langfristigen Anleiben. Auch hier also 
nicht durch Eintritt in das Getriebe des Kapitalismus, 
nicht durch Beteiligung an industriellen, möglicher- 
weise gewagten, aber auch gewinnversprechenden Un- 
ternehmungen, sondern durch Darlehen an fremde 
Staaten. Auch die Kassenbestände, die in die Ban- 
ken flietzen, gehen nur zum geringsten Teil als Kre- 
dite an die Industrie Das Wirtschaftsleben in Frank- 
reich ist ruhiger, es bewegt sich mehr als anderwärts 
in denselben Geleisen von Generation zu Generation. 
In den letzten Jahren hütte man geradezu das Ge- 
fühl, daß Frankreich in seinem Reichtum hinter dem 
anderer Länder zurückbleibe. Nicht als ob die Wohl- 
habenheit seiner Bewohner abnehme, denn der Reich- 
tum des Landes an Werten. Ackerbau, Viehzucht, Wa- 
renproduktion, Gewerbe geht ja nicht zurllck, und die 
Bevölkerungszahl bleibt im wesentlichen gleich. Aber 
das Tempo des Wachstums hat doch stark abgenom- 
men. Und über diese Abnahme des Tempos bin aus 
muß durch die Abnahme des Geldwertes Frankreich — 
wie alle Länder, deren Kapital auf Zins angelegt ist— 
in seinem Reichtum getroffen werden. Wenn Frank- 
reich z. B., ganz willkürlich angenommen, 20 Milliar- 
den in fremden Staatspapieren anlegt, die sich 
durchschnittlich zu 5 Proz. verzinsen, so läuft es ein 
doppeltes Risiko, daß der Finslero von 1 Milliarde 
bei Geldentwerng nicht so viel Güter kaufen kann 
wie zur Zeit der Ausleihung und daß zweitens die- 
ses Kapital — bei allmählich steigendem Zinsfuß — 
überdies nicht mehr in denselben Kapitalbetrag zu- 
rückgelöst werden kann, sondern etwa, wenn der Zins- 
fuß von 5 auf 6 Proz. steigt, der Kapitalwert dieser 
Rentenpapiere nur mit 16 1/8 Milliarden zurückgelöst 
werden kann, die überdies ihrem Geldwert nach weni- 
er repräsentieren als 161/ Milliarden zur Zeit der 
Ferteihun .Tatsächlich sind die letzten Jahre nun 
solche der Geldemtwertung gewesen, und es hat daher 
ein Teil des französischen Volksvermögens eine Ent- 
wertung durchgemacht, die bei Kapitalanlagen in aus- 
ländischen Inoustrien natürlich nicht eintritt, da 
diese bei gleichmäßiger Geldentwertung um so viel 
mehr im Geldausdruck repräsentieren als die Geld- 
entwertung beträgt. 
Mit diesen veralteten Zuständen der französischen 
Vol'swirtschaft hängt es zusammen (was für die 
Kriegswirtschaft von großer Wichtigkeit ist), daß die 
Zah'ungssitten in Frankreich und die ganze Verfassung 
des Geldmarktes etwas veraltet sind. Die Kassenbe- 
stände fliessen zwar durch mehrere Zwischenglieder in 
den Banken GEsammen- aber sie gehen aus den oben- 
erwähnten Gründen nicht wieder als Investitions- 
kredite hinaus. Daher ist die französische Volkswirt- 
schaft als Ganzes genommen normalerweise in 
einem hohen Maß liquide, d. h. sie kann den ange- 
sammelten Reichtum (durch Verk#uf der Wertpapiere 
auf den fremden Märkten) zu Kusiger. frei verfüg- 
barer Kaufkraft machen, da ja jede Regierung bis zu 
einem sehr weitgehenden Umfang ihre auf den Markt 
geworfenen Anleihepapiere kaufen muß. Ganz an- 
ders als eine Volkswirtschaft, die alles verfügbare 
Kapital in Investitionen festgelegt hat, kann die fran- 
zösische im gegebenen Falle Rufge sein, frei verfüg- 
bare Kaufkruft haben und auf diese Weise die Kräfte des 
Auslandes mobilisieren. — Allerdings dieser Vorteil, 
der für die finanzielle Kriegsbereitschaft eine Rolle 
spielen könnte, war im gegenwärtigen Kriege weniger 
gegeben, weil der Hauptschuldner Frankreichs selbst 
V. Recht und Volkswirtschaft 
nicht liquide war und die russischen Papiere nichl auf 
den Markt geworfen werden konnten. Hingegen hat 
das französische Wirtschaftsleben in sich — aus den 
früher erwähnten Gründen — sehr starke Reserven. 
Durch Heranziehung der im Lande volhandenen 
Kräfte, durch einen rascheren Umschtag der Kräfte kann 
das Tempo des wirtschaftlichen Prozesses, der Güter- 
erzeugung, beschleunigt werden — und man hat den 
Eindruck. daß die französische Volkswirtschaft diese 
Reserven in hohem Maße zu mobilisieren vermochte. 
Dies war für die Kriegführung um so notwendiger, 
als es an speziellen wirtschaftlichen Maßnahmen für 
den Kriegsfall in Frankreich vollkommen fehlte. 
Noch ein Moment darf in der Lage Frankreichs nicht 
übergangen werden, seine eigene enorme Staats- 
schuld. Der französische Bürger borgt in höchstem 
Maße nicht zur den fremden Staaten, sondern auch 
dem eigenen Lund. Die Staatsschuld Frankreichs be- 
trug am 1. Januar 1918: 31.45 Milliarden Frank 
und wuchs in den letzten Jahren stark an; da das 
herrschende System der indirekten Steuern nicht weiter 
ausgebaut werden konnte, mußien eben vielfach die 
Deftzite (ähnlich wie in Osterreich) durch Anleihen ge- 
deckt werden. Diese Selbstverschuldung der fran- 
fösüchen Volkswirtschaft ist für die Kriegswir#chaft 
nsofern ungünstig, als die Übersättigung des Landes 
mit Staatsrenten die Möglichkeit, neue Anleihen in 
größerem Umfang unterzubringen, wie es der Krie 
notwendig macht. erschwerte. Tatsächlich hat 4 
Frankraich, solange das ging, in der Kriegswirtschaft 
mit Notenausgabe beholfen. 
Der Verlauf des Krieges in der ökonomischen 
Sphäre kann im wesentlichen derart vorgestellt wer- 
den, daß die französische Volkswirtschaft, wenigstens 
im ersten Kriegsjahre, die Bedürfnisse des Krieges 
ähnlich aus der Produktion der eigenen Wirtschaft zu 
bestreiten suchte, wie es in Deutschland der Fall war. 
Die französische Landwirtschaft war — was die Nah- 
rungsmittelversorgung anlangt — hierzu anfangs 
jedenfalls, solange noch Arbeitskräfte auf dem Lan 
vorhanden waren, imstande. Hingegen gestaltete sich 
die Versorgung mit Munition sofort sehr schwierig, 
da zum mindesten die Zufuhr von Kohlen und Erzen 
aus dem Ausland infolge des Verlustes der Nord- 
departements notwendig wurde; auch mit einem we- 
sentlichen Teil der französischen Textilindustrie konnte 
durch die Besetzung der nordfranzösischen Departe- 
ments nicht gerechnet werden. Alle diese Tatsachen 
aber hängen mit der unerwarteten Dauer und der 
Gestaltung des Krieges zusammen. Noch im Juhre 
1914. das ja bereits fünf Kriegsmonate zählte, war 
das Passivum der französischen Handelsbilanz fast 
genau so groß wie in den Jahren zuvor (nämlich 
1,8 Milliarde Frank), wuchs aber dann sehr schnell 
(1915: 8.4 Milliarden, 1916: 12 Milliarden Frank). 
In diesen Ziffern spiegelt sich die Abhängigkeit der 
französischen Kriegführun von der fremden, nament- 
lich englischen und amerikanischen Erzeugung. Der 
Hauptteil von dieser Mehreinfuhr entfällt auf Roh- 
material. Die Folge dieser Importe ist weitgehende 
Verschuldung Frankreichs an das Ausland bzw., rich. 
tiger ausgedrückt, weilgehende Entschuldung des 
Auslands Frankreich gegenüber. Dieser Entschul. 
dungsprozeß, der ähnlichen Vorgängen in der Kriegs- 
wirtschaft der übrigen Staaten parallel geht, hat aus 
den obenerwähnten Gründen für Frankreich aber 
eine andere Bedeutung. Bei der geringen Intensität 
der französischen Volkswirtschaft, der großen Schwä-
        <pb n="513" />
        Lederer: Die wirtschaftliche Lage unserer Gegner 
chung, die es infolge der Besetzung der industriellen 
Gebiete und infolge der schrecklichen Menschenverluste 
erfahren hat, wird Frankreich beim wirtschaftlichen 
Wiederaufbau vor größeren Schwierigkeiten stehen 
als irgendein anderes Land. Insofern als in Frank- 
reich die Quellen der wirtschaftlichen Erneuerung spär- 
licher fließen, sind die Kriegsverluste für Frankreich, 
auf seine Erneuerungskraft bezogen, verhältnismäßig 
wohl am größten. Die Volkswirtschaft Frankreichs ist 
schon vor dem Kriege in ihrer Stoßkraft gegenüber 
der anderer Länder erheblich zurückgeblieben. Wenn 
nun die Verfügung über ausländische Kapitalien und 
damit Warensendungen aus dem Auslande derart 
verringert werden (wie es die Folge des Krieges sein 
wird) und von der Produktionskraft der französischen 
Volkswirtschaft aus den erwähnten Gründen nicht 
allzuviel erwartet werden kann, dann muß man für 
Frankreich mit einem erheblich verringerten ökono- 
mischen Niveau rechnen. dessen Angleichung an das 
der übrigen Staaten Schwierigkeiten bereiten wird. 
Darum wird Frankreich mehr als irgendein krieg- 
führendes Land vermutlich die Unterstützung des Aus- 
landes zu seiner Wiederaufrichtung in Anspruch neh- 
men müssen. 
Italien. Am wenigsten sind wir Über die Vorgänge 
in der italienischen Bolkswirtschaft unterrichtet. Ita- 
lien zeigt in manchem ähnliche Züge wie Frankreich, 
nämlich noch sehr starke Bedeutung der Landwirt- 
schaft, intensive Industrie in einigen Landesteilen 
(allerdings ohne Kohlenbasis). Hingegen hat es 
keineswegs den Rückhalt durch starke Kapitalanlagen 
im Auslande. Anderseits ist während des Krieges fast 
nirgends italienisches Gebiet in größerem Umfang 
besetzt worden, so daß die Wirtschaftskräfte Jialiens 
intakt bleiben konnten. Insofern als sich Italien ver- 
mutlich weniger im Krieg ausgegeben hat als die 
übrigen Westmächte und als es über sehr große Men- 
schenreserven im Auslande verfüg! (die vielen Millio- 
nen Auswanderer würden im Bedarfsfalle unter 
günstigen Bedingungen nach Italien wieder zurück- 
geführt werden können), ist es in seinem Lebensnerv 
weniger als Frankreich getroffen. Gerade weil Ita- 
lien nicht so viele Kräfte wie Frankreich oder England 
entfalten kann, gehen die Kriegswirkungen bei ihm 
auch nicht so tief. 
Rußland. Einen völlig anderen volkswirtschaft- 
lichen Typus stellt Rußland dar. Es ist überwiegend 
Agrarland trotz der großen, rasch wachsenden In- 
dustrie, trotz der zum Teil erfolgreichen Versuche, die 
ohnedies reiche Rohstoffgrundlage durch Anbau von 
Industriepflanzen (Baumwolle) und bessere Aus- 
nutzung der Bodenschätze zu erweitern. Auf abseh- 
bare Zeit wird auch Rußland sicherlich nicht zu einem 
Industrieland im Sinne Westeuropas werden können. 
Daran hindert es schon die Eigentümlichkeit seiner 
Arbeitsverhältnisse; sind doch die russischen Arbeiter 
heute noch zum größten Teil nur einige Monate wäh- 
rend des Jahres in der Industrie tätig und verbrin- 
gen die für die Landwirtschaft wichtigste Zeit in ihrem 
landwirtichaftlichen Betriebe. Die Verknüpfung mit 
dem Boden ist in Rußland noch eine durchaus ele- 
mentare, und mit ihr als einem hemmenden Moment 
muß jeder Versuch zur stärkeren Industrialisierung 
rechnen. Diese vorwiegende Agrargrundlage Ruß- 
lands hat die Folge, daß es in einem modernen Krieg 
für Kriegsmaterial im weitesten Sinne des Wortes 
zunächst auf Einfuhren angewiesen ist. Hingegen 
könnte es diese Einfuhren zum Teil wenigstens mit 
427 
Ausfuhren an Nahrungsmitteln bezahlen. Aller- 
dings wird diese Ausfuhr wohl etwas in ihrer Be- 
deutung Überschätzt. Denn auch in Friedenszeiten war 
sie nur möglich auf Grund eines weitgehenden Unter- 
verbrauchs der russischen Agrarbevölkerung. Die Auf- 
stellung eines ungeheuren stehenden Heeres bindet 
aber den größten Teil der Ernte für die Bedürfnisse 
der Armee. Der russische Bauer verbraucht als Sol- 
dat zweifelsohne viel mehr Getreide als zu Friedens- 
zeiten, und dadurch werden die verfügbaren Uberschüsse 
(ganz abgesehen von dem Nachlassen der Erzeugung) 
außerordentlich verringert. Selbst die Offnung der 
Dardanellen hätte also die Wirtschaftslage Rußlands 
während des Krieges nicht entscheidend geändert. Hin- 
gegen hätte sie von entscheidendem Einfluß auf die 
militärische Lage werden können, da gegemwärtig alle 
Zufuhr von Munition und Kriegsbedarf jeder Art 
auf den langen Umweg über das Nördliche Eismeer 
oder die Sibirische Eisenbahn angewiesen ist. 
Die breite Agrargrundlage hat bei der wirtschaft- 
lichen Abwicklung des Krieges eine außerordentlich 
große Rolle gespielt. Zunächst waren die großen 
Ernten Rußlands die Grundlage für die Verpflegung 
des Riesenheeres. Nicht zum letzten quollen die uner- 
schöpflichen Kräfte des russischen Heeres aus dieser 
breiten agrarischen Grundlage. Rußland ist in einem 
gewissen Sinn (wenigstens sobald einmal die Türkei 
in den Krieg eintrat) in einer ähnlichen Lage wie 
Deutschland. Es ist in einem großen Umfang auf 
seine eigenen Quellen und Reserven angewiesen. Henn 
wiewohl es zwei Zugänge zur Weltwirtschaft hat, so 
sind die Kanäte dieses Verkehrs notwendigerweise 
außerocdentlich schmal und können nicht forcierte 
Transporte großer Massen in schleunigem Tempo auf 
die Dauer bewältigen. Auf einer niedrigen Entwick- 
lungsstufe stehend, hat es nun — zeitweise und teil- 
weise auf sich angewiesen — gewisse Möglichkeiten, 
sich auf sich selbst zurückzuziehen, allerdings Möglich- 
keiten, die nicht in jedem Agrarland, sondern nur bei 
riesenhafter Ausdehnung und Bevölkerung gegeben 
sind. Ein Agrarland ist allerdings in einem be- 
stimmten Sinn widerstandsfähiger als ein Judustrie- 
staat; eine selbst weitgehende Erschöpfung der Men- 
schenreserven braucht bei günstiger Besitzverteilung 
noch nicht den landwirtschaftlichen Betrieb lahmzu- 
legen. Im landwirtschaftlichen Betrieb kann die 
schwache Kraft der Frauen. Kinder und alten Leute noch 
einen durchaus angemessenen Ertrag bringen, und es 
vermag hierbei namentlich gemeinschaftlicher Betrieb 
Außerordentliches zu leisten. Die Balkankriege bieten 
gerade das erste Beispiel einer solchen völligen In- 
anspruchnahme aller Reserven in einem Agrarland 
und die ungeheure Zähigkeit des Kampfes sowie die 
Tatsache, daß die Balkanvölker auch jetzt wieder in 
diesen großen Krieg hineingegangen sind beweisen 
aufs deutlichste die ökonomische Widerstandskraft und 
Leistungsfähigkeit von Agrarländern. 
Diese Stärke der agraren Unterlage ist bei Rußland 
besonders groß, da die alte Mirverfassung (soweit sie 
noch vorhanden ist) geradezu auf gemeinschaftlichen 
Betrieb der Landwirtschaft zugeschnitten ist. Im Mir 
kann noch mehr als im westeuropäischen Dorf eine 
Gruppe zurückgebliebener Arbeitskräfte die notwen- 
dige Arbeit verrichten. Dabei ist ja auch zu berück- 
sichtigen, daß die russische Landwirtschaftaußerordent- 
lich extensiv ist, so daß bei entsprechender Verteilung 
und Anspannung der individuellen Kräfte viel geleistei 
werden kann. Gerade in der Landwirtschaft dürfte
        <pb n="514" />
        128 
der Krieg im Sinn einer zweckmäßigeren Organisation 
von Kräften gewirkt haben, die zu Friedenszeiten 
brach'agen. Die landwirtschaftliche Genossenschafts- 
bewegung, deren Bedeutung schwer überschätzt wer- 
den kimn, hat sicherlich in derselben Richtung gewirkt. 
Trotzdem wird natürlich auch die russische Landwirt- 
schaft durch den Krieg furchtbar in ihrer Leistungs- 
fähigkeit geschädigt: Mangel an Düngemitteln, schlechte 
Versorgung mit Saatgut, Mangel an Zugvieh, die 
Unmöglichkeit, Betriebsgebäude und Maschinen so- 
wie Werkzeug zu vermehren und zu ergänzen, all 
diese Tatsachen wirken sicherlich in sehr hohem Maße. 
Aber trotz alledem konnte — wie es bei dem frlheren 
roßen Export Rußlands selbstverständlich ist — der 
Ernhrungszustand des Heeres auf einer sehr hohen 
Stuse gehalten werden. Die Schwierigkeiten, in die 
auch Rußland verstrickt wurde, rühren weniger von 
einem Versagen der Landwirtschaft als des indu- 
striellen Teiles, eben des Transports, her. Für die 
Transportmittel der ganzen Welt bedeutet der Krieg 
eine unerhörte Belastungsprobe, eine um so größere, 
als fast nirgends die so lange Dauer des Rrieges 
vorausgesehen und demgemäß auch nicht für entspre- 
chende Instandhaltung der Transportmittel gesorgt 
wurde, daher die Kriegführung in einem bestimmten 
Stadium überall an einer Transportkrise leidet. 
Rußland als rodustes, primitives Agrarland hatte 
weiterhin die Möglichkeit, immer dann, wenn die Ver- 
bindung mit den übrigen Industriestaaten abge- 
schnitten war, mit dem Urmaterial der Kriegführung, 
den Menschenmassen, zu kämpfen. Das Massenauf- 
gebot und die Massenvernichtung, die es erfahren hat, 
wurde von keiner anderen kriegführenden Macht 
erreicht. Die russische Armee bildet im wahrsten Sinn 
des Wortes eine lebendige Mauer, und die dynamische 
Kraft der Kriegsmaschine mußte in Rußland oft durch 
die Zähigkeit und Widerstandskraft des menschlichen 
Körpers ersetzt werden. All das hängt — wie weiter 
nicht erörtert zu werden braucht — mit der agraren 
Unterlage zusammen, die also den Charakter der 
Kriegführung stark beeinflußt. 
Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß sich die 
wirtschaftliche Bewältigung der Kriegführung im we- 
sentlichen folgendermaßen vollzog: Die Regeneration 
der lebendigen Kraft erfolgte aus eigenen Mitteln; 
hingegen war die Zuführung von Kriegsmaterial von 
vornherein notwendig. Die russische Industrie war 
zu schwach; ihre Möglichkeiten, aus eigenen Mitteln den 
ungebeuren Erfordernissen eines modernen Krieges 
erecht zu werden, waren zu gering. Zwarsteht die rus- 
sche Industrie, soweit sie vorhanden ist, zum Teil auf 
einer technisch und organisatorisch sehr hohen Stufe, ja 
sieträgt mitunter sogar ganzamerikanischen Charakter. 
Aber gerade als Kriegsindustrie kann sie aus meh- 
reren Gründen nicht ausgereicht haben. Zunächst hat 
sie mit den Schwierigkeiten des Transports (Einfuhr 
von Rohmaterialien, Abtransport der Produkte) zu 
kämpfen. Die Entfernung von der Front war gerade 
bei den wichtigsten Betrieben ungeheuer groß. Dazu 
kommen die Schwierigkeiten der Arbeiterbeschaffung, 
die in Rußland weilaus größer gewesen sein müssen 
als in Deutschland oder England. Denn das moderne 
Heer braucht für die technischen Truppen Mann- 
schaften, die in ihrem Zivilberuf der Industrie an- 
gehören, und je stärker das unbefriedigte Bedürfnis 
nach solchen Mannschaften gewesen sein mag, um so 
schwieriger war es wohl auch, die Industrie im Gan 
zu erhalten. Insofern als jede moderne Armee zugleich 
V. Recht und Volkswirtschaft 
einen riesenhaften industriellen Betrieb darstelkt, ist 
sie nur als Exponent einer industriell tätigen Be- 
völkerung denkbar und muß ständig in Fühlung mit 
der Industrie bleiben, sich aus ihr ergänzen und ihr 
unter Umständen wieder die notwendigen Kräfte zu- 
führen. So sind die Leistungen der russischen Armee 
ganz erstaunlich und schließlich doch nur möglich ge. 
wesen auf der Basis fremder Industrien, die mit 
ihren Erzeugnissen zu Hilfe kamen. Vollends ist die- 
Munitionsbeschaffung Rußlands wahrscheinlich zu 
jedem Zeitpunkt des Krieges in einem viel höheren 
Maße vom Ausland abhängig Lewesen als die irgend- 
eines anderen kriegführenden Staates. 
Als Folge dieser Einfuhren (über deren Höhe wir 
nicht unterrichtet sind) ist eine starke weitere Verschul- 
dung der russischen Volkswirtschaftanzunehmen; Ruß- 
lands militärische Rraft beruhte schon vor dem Krieg 
fin unziell auf der Gewährung großer Kredite an die 
russische Staatswirtschaft. Dies bedeutet, daß die 
russische Volkswirtschaft aus sich heraus nicht die über- 
schüsse aufgebracht hätte, die notwendig waren. um 
die Kroßen Rüstungen zu vollenden, zumal gerade 
in Rußland überdies mit sehr großen -Reibungs- 
verlusten= des korrumpierten bureaukratischen Sy- 
stems zu rechnen war. Die Kriegsfinanzierung wurde 
in derselben Weise fortgesetzt wie die Finanzierung 
der Rüstung. und, durch den Schleier des Geldes hin- 
durch gesehen, führt also Rußland den Krieg genau 
so auf der Basis der fremden Volkswirtschaften (be- 
sonders der englischen), wie es auch auf dieser Basis 
schon die Rüstung in Friedenszeiten aufgebaut hat. 
Auch darin zeigt sich die Eigentümlichkeit der rus- 
sischen Volkswirlschaft; sie gibt auch in der Kriegs- 
wirtschaft nur den Rohstoff her, die Menschenmassen 
und die für sie notwendigen Lebensmittel. Ihre 
Ausrüstung, Bekleidung, Bewaffnung, also die ganze 
Kriegsmaschine. stammt aus der Fremde. Nie ist im 
so gigantischem Maß auf fernhin Krieg geführt wor. 
den. In den englischen und amerikanischen Jabriken 
wurde die russische Westfront verteidigt, und wo diese 
Verteidigung versagte, mußte mit Hinopferung von 
Menschenmassen und Ausgabe von größeren Terri- 
torien der Feind hingehalten werden. Wenn oben 
gesagt wurde. daß die neue Zeit von der Verbesserung 
und Verbilligung der Verkehrsmittel datiert werden 
muß so ist Rußland der lebendige Beweis dafür; es 
* seiner ganzen Anlage nach noch tief in der 
ergangenheit. Seine Opfer können daher — auf 
das Okonomische hin angesehen — auch nicht völlig mit 
denen der westlichen Mächte verglichen werden. Wir 
verfügen hinsichtlich der Kriegskosten noch über keine 
exakten Daten; aber wir haben Grund zur Annabme. 
daß die Subsidien, die Rußland von seinen Verbün- 
deten, namentlich England, erhalten hat, nicht bloß 
vorläufige waren. Sofern dies der Fall war. 
seuerte Rußland Überwiegend Menschenmassen, den 
ohstoff des Krieges, zu den Kosten bei. Immer auf 
das Okonomische hin angesehen, bedeuten die Men- 
schenverluste für Rußland nicht so viel wie analoge 
Verluste für die Weststaaten. Denn das Regenera- 
tionstempo primitiver Agrarschichten ist bekanntlich 
ein sehr rasches. überdies kehren nach Kriegsende 
Millionen von Kriegsgefangenen in gutem Ernäh- 
rungszustande und bereichert durch die Kenntnis in- 
tensiwer Arbeitsmethoden in ihre Heimat zurück. 
Das alles mag dahin wirken, duß Rußland trotz 
der ungeheuren Massenopfer, trotz der maßlosen Ver- 
wirrung und der katastrophalen Krisen schließlich die
        <pb n="515" />
        Lederer: Die wirtschaftliche Lage unserer Gegner 
Folgen des Krieges rascher verwinden wird als die 
Westmächte. Dazu wird auch der Besitz kostbarer, viel- 
begehrter Rohstoffe (insbesondere Agrarprodukte, aber 
auch Textilien wie Flachs und Metalle) beitragen. 
Wenn man es prägnant ausdrülcken will: Der Agrar- 
staat ist durchaus nicht am ehesten geeignet, einen 
modernen Krieg zu führen und in einem solchen zu 
siegen, aber er #n ihn noch immer am besten über- 
stehen, weil er auch durch den modernen Krieg nicht 
wesentlich in seinem Urbestand verändert wird, wenn 
er nur überhaupt kräftig genug ist, aus dem Krie 
herauszukommen. Hingegen sind es gerade die Strul- 
turveränderungen im Industriestaat, die der Wieder- 
herstellung einer Friedenswirtschaft so außerordentlich 
große Schwierigkeiten in den Weg stellen. 
Ausblick. Endlich sei noch kurz die Frage der wirt- 
schaftlichen Regeneration nach dem Kriegeberührt. 
Sie wird, wie schon angedeutet, je nach der Struktur 
der Wirtschaft verschieden sein. Hier kann nur ganz 
allgemein gesagt werden: Sie wird um so leichter sein 
(immer: eeteris paribus betrachtet und keine Kriegs- 
entschädigung vorausgesetzt), je mehr eine Volkswirt- 
schaft in den Bahnen der Friedenswirtschaft verblie- 
ben ist, also die Produktion nicht auf den Krieg um- 
stellen: mußte; je mehr die Kriegslast schon während 
des Krieges durch Steuer getragen wurde; je mehr 
also mit anderen Worten die Kriegslast lediglich in 
einer Verschuldung an das Ausland besteht. Denn ist 
bloß eine solche gegeben, so bestehl die Kriegslast bloß 
darin, daß das kriegführende Land entweder Güter, 
die es früher selbst verbrauchte, ausführen muß, 
oder aber daß es darauf verzichten muß, Erträge aus 
Kapitalanlagen im Ausland zu beziehen, d. h. Waren- 
äquivalente dafür einzuführen. fingegen muß ein 
Land, das seine Kriegskosten “ t gar nicht durch 
Steuern aufbrachte, die ganze Last nach dem Kriege 
tragen, es muß (wenn die Industrie „ umgestellt- 
wurde) einen langwierigen und schmerzhaften Re- 
organisationsprozeß durchmachen. 
Die Organisation für den Krieg erfolgte als Er- 
lösung aus einer lähmenden Geld-, Kredit= und Pro- 
duktionskrise, in der Fülle der Kraft und unter 
dem befeuernden Einfluß steigender Preise. Die 
Liquidation der Kriegswirtschaft aber bedeutet für die 
beteiligte Industrie das Aufgeben einer sicheren Kon- 
junktur. Verringerung der Rentabilität, das Risiko 
der Preisveränderung, zumal für die y 
die Wiederkehr des freien Wettbewerbs. Noch sind 
nicht einmal theoretisch die Formen gefunden, in denen 
sich diese Wiederkehr vollziehen könnte. Sie wird die 
weitere Schwierigkeit auf ihrem Wege finden, daß die 
Kriegsindustrien (und was ist in solchen Ländern nicht 
Kriegsindustrie?). an hohen Gewinn gewöhnt, außer- 
ordentlich liquide sind und den Ausgangspunkt von 
Rentnerexistenzen bilden können, die die Rückkehr ins 
freie Wirtschaftsleben scheuen. Hingegen kann sich 
überall dort, wo die Verbindung mit dem Weltmarkt 
auch während des Krieges nicht abgebrochen, wo die 
Preisbildung in Berührung mit dem neutralen Aus- 
49 
land geblieben war, die Wiederanknüpfung zwangsos 
vollziehen; dort sind auch die Fäden des Verkehrs nicht 
zerrissen worden. Und so kann man sagen: Die Volks- 
wirtschaft unserer Gegner wird fast insgesamt einen 
leichteren übergang zur Normalwirtschaft finden als 
die Volkswirtschaft der Zentralmächte. Je tiefer die 
Umgestaltung für Kriegszwecke ging und je intensiver 
sich die Arbeit ausschließlich nach militärischen Gesichts- 
lunken einrichten mußte, je restloser alle Arbeit des 
andes Kriegsarbeit werden mußte — desto schwie- 
riger die Zurückleitung des ganzen spom weltwirt- 
schaftlichen Zusammenhang aus gesehen), künst- 
lichene Gebildes. In diesem Sinn arbeitet tatsäch- 
lich die Zeite gegen uns (Hilfsdienstgesetzl). 
In dem Geldausdruck der Volkswirtschaft * sich 
diese Differenz außerordentlich prägnant. Dadurch, 
daß die Volkswirtschaft der mit Deutschland im Kriege 
stehenden Staaten den Kontakt mit der Weltwirtschaft 
aufrechterhalten konnte, ist mehr oder minder noch 
immer ein einheitliches Preisniveau in der ganzen 
Welt (mit Ausschluß der Zentralmächte) gegeben. 
Gewiß, die tatsächlichen Preise in den einzelnen Län- 
dern sind außerordentlich verschieden und müssen sich 
(ie höher die Frachtraten werden und je mehr sich 
der Handelsverkehr der Staaten nicht als freies Ge- 
schäft der Privaten, sondern als Austauschgeschäft 
von Staat zu Staat im Kompensationswege vollzieht) 
immer stärker voneinander unterscheiden. Aber prin- 
ipiell sind alle Preisunterschiede auch während des 
Kie es noch Transportkostenunterschiede (von Zöllen 
abgesehen). Hingegen hat sich die Preisbildung in 
Deutschland von dieser Basis fast völlig lesgeiit. 
Nur historisch hängen die Preise noch mit den Welt- 
marktpreisen als ihrem Husgangspunnt zusammen, 
hingegen besteht keine tatsächliche Verbindung mehr. 
Die Kehrseite dieser Entwicklung: Verschiebung des 
Geldwertniveaus bei den Zentralmächten gegenüber 
der übrigen Welt. Der übergang zur Friedenswirt- 
schaft verlangt demgemäß nicht nur Umstellung der 
Kriegs-zur Friedenswirtschaft in der Erzeugung. in der 
Art der Produktion, in den Mengen der Gütererzeu- 
gung. in der Verteilung, sondern auch wieder An- 
Kleichung an das Weltmarktpreisniveau. 
adurch daß die Angebots- und Nachfrageverhältnisse 
innerhalb der Zentralmächte die Höhe der Löhne, 
der Preise usw. bestimmten, daß militärische Erfor- 
dernisse vielfach das Preisniveau korrigierten (meist: 
hobenz. hat sich ein Wirtschaftsprozeß entwickelt, der 
eine direkte Verbindung mehr mit dem Weltmarkt- 
preisniveau hat. Wir sind auch in diesem Sinn eine 
isolierte Wirtschaft geworden, und diese Isolierung 
ist es, die, wenn sie in gleichem Maße bestehen bleibt, 
für die Zukunft das entscheidende Problem schafft. 
Damit sind wir schon etwas über den Rahmen dieser 
Ausführungen hinaus gelangt; aber es sollte wenig- 
teus angedeutet werden, wo der prinzipielle Unter- 
chied der Kriegswirtschaft unserer Gegner gegenüber 
der Deutschlands liegt, wenn wir niche nur die Zeit 
während des Krieges, sondern auch die Epoche un- 
mittelbar nach dem Kriege ins Auge fassen.
        <pb n="516" />
        430 
Englands Handelsstelung 
von Paul Dehn in Zehlendorf bei Berlin 
Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschte 
England den Weltmarkt fast ohne Mitbewerb. Es 
besaß die größte Hande'Slotte, von der stärksten Kriegs- 
flotte geschützt, das umfangreichste Kolonialreich, den 
ausgedehntesten Handel, das usgebildetste Bankwesen 
und nicht zuletzt die entwickeltste Industrie; es war so- 
mit allen anderen Staaten weit überlegen. Englische 
Waren, en llischer Stahl, englische Werkzeuge galten 
als die besten und wurden überall bevorzugt. Noch im 
dritten Viertel des 19. Jahrhunderts war England 
die = Werkstatt der Welte. Es hatte eine Art von indu- 
striellem Monopol auf dem Weltmarkt und versorgte 
auf dem billigen Scewege alle Länder mit Fabrikaten. 
In seinem = Nationalen System der politischen Oko- 
nomie- (1841) kennzeichnete Friedrich List das eng- 
lische Hemdelsziel, England zu einer unermeßlichen 
Fabrik-, Handels- und Hafenstadt zu erheben und für 
die Erde zu werden, was eine größere Stadt gegen- 
über dem flachen Lande ist, -der Inbegriff aller Ge- 
werbe, Künste und Wissenschaften, alles großen Han- 
dels und Reichtums, aller Schiffahrt und Seemacht, 
eine Weltstadt, die alle Länder mit Fabrikaten versorgt 
und sich dagegen an Rohstoffen und Lebensmitteln 
von jedem Lande liefern läßt, was seine Natur Brauch- 
bares und Annehmbares bietet, eine Vorratskammer 
aller großen Kapitalien, eine Bankhalterin aller Na- 
tionen, die über die Umlaufsmittel der ganzen Welt 
verfügt und durch Anleihen und Rentenerwerb alle 
Völker der Erde sich zinsbar macht.= 
Als List so schrieb, bestand in England noch der 
alte hochschutzzöllnerische Tarif mit 1200 Zollsätzen. 
Erst seit 1846 ging England zum Freihandel über, 
erst 1849 fielen die Schiffahrtsbese# erst 1860 wur-. 
den die Fabrikatzölle ganz aufgehoben Unter Hinweis 
darauf verteidigte Bismarck am 14. Juni 1882 im 
Reichstage seine Schutzzollpolitik „England hat die 
stärksten Schutzzölle gehabt, bis es unter deren Schutz 
so erstarkt war, daß es nun als herkulischer Kämpfer 
heraustrat und jeden herausforderte: Tretet mit mir 
in die Schranken! England ist durch sein Kapital und 
durch die Lager von Gisen und Kohlen, durch seine 
Häfen der Stärkste im Freihandelssfaustrecht geworden, 
aber doch nicht allein durch seine günstige geographische 
Lage, sondern nur dadurch, daß es so lange, bis seine 
Industrie vollständig erstarkt war, ganz exorbitante 
Schutzzölle dem Auslande gegenüber hatte.= 
Nachdem England zum #iihamdel Übergegangen 
war, rief es alle Völker zur Nachfolge auf und ver- 
kündete die neue Lehreals Grundbedingunggedeihlicher 
We twirtschaft und gesicherten Weltfriedens. Mit Hilfe 
des Freihandels hofften die en glischen Handelspolitiker 
eine Art internationaler Arbeitsteilung durchführen 
zu können. In der Hauptsache gedachte England als 
einziger Industriestaat für den Geltmark die Fabri- 
kate zu liefern, während sich die übrigen Staaten auf 
die Erzeugung von Rohstoffen, Lebens- und Genuß- 
mitteln verlegen sollten. 
Englands Erwartungen, alle Staaten in die Ge- 
folgschaft des Freihandels zu bringen oder gar durch 
Kampfzölle dazu zu zwingen, wie ein Engländer 1863 
vorschlug, erfüllten sich nicht. Schon in den 1860er 
Jahren begann eine für England unerwünschte Wen- 
dung hervorzutreten. Die Fortschritte der Dampf- 
schiffahrt wurden zwar zuerst von den Engländern 
ausgenutzt und brachten ihnen einen steigenden Auf- 
V. Recht und Volkswirtschaft 
schwung ihres überseeischen Verlehrs, nach dem Krim- 
kriege auch mit der Levante, aber die Vorteile der 
Eisenbahnen kamen in höherem Grade den Festland- 
staaten zugute, erleichterten und verbillinten ihren 
Güteraustuusch, rückten die industriellen Mittelpunkte 
dem Meere nihe, ermöglichten auch ihnen einen aus- 
sichtsvollen Mitbewerb in Übersee und förderten die 
Zusammenfassung der einzelnen Staaten zu kräftigen 
Großmächten. 
Mit Hilfe des Freihandels Redachte England seine 
Oberseeherrschaft über den Weltmarkt für unabsehbare 
eit sicherzustellen, mußte aber zusehen, wie andere 
taaten, an der Spitze Deutschland nach seiner Eini- 
ung und die Vereinigten Staaten von Amerika nach 
em Bürgerkriege, als Wettbewerber auf dem Welt- 
markt hervortraten. 
Die Landwirtschaft. 
Noch um die Mitte der 1870er Jahre galt die Land. 
wirtschaft als der wichtigste Erwerbszweig Englands, 
geriet dann aber durch andauernde Mihernten und 
nachhaltig unter dem Druck des überseeischen Wett. 
bewerbs mit seiner zollfreien. erstaunlich verbilligten 
Masseneinfuhr von Getreide in eine so üble Lage, daß 
der Körnerbau trotz des günstigen Klimas nicht mehr 
ausreichend lohnte. Das Ackerland verminderte sich 
von (1878) 9.7 Mill. ha auf (1892) 8,7 und auf (lols 
7 Mill. ha. das Weizenland von (1875) 1,1 Mill. ha 
auf (19160 0,8 Mill. ha. die Weizenernte in gleicher 
Zeit von 2,6 auf 1,6 Mill. Tonnen. Dagegen ver- 
mehrte sich das Weideland und mit ihm die Viehwirt- 
schaft. Da man es in England für vorteilhafter hielt. 
die Industrie zu fördern und billigeres Getreide aus 
übersee zu beziehen, anstatt die heimische Landwirtschaft 
leistungsfähig zu erhalten, wurde England zum In- 
dustrie-, Handels= und schließlich zum Rentnerstaat. 
Seit 1863 stiege die Bevölkerung in Deutschland von 
35 auf 68, in England von 29 auf 44 Millionen. 
Erwerbstätige in Deutschland in England 
in Millionen 
1907 1911 
in der Landwirtschaft 9. 24 
* der Industrti 11,2 v,0 
* Handel und Verkehr393 42 
Von je 100 Erwerbstätigen gehörten in England und Wale- 
1891 1911 
zur Landwirtschatt 10,« 8,5 
zu Industrie und Bergbau. . 36,6 46. 
zum Handel und Verkehr. 10½ 25,2 
Die landwirtschaftliche Gütererzeugung war von 
10 Milliarden Mark im Jahre 1839 nach amtlichen 
Ermittlungen 1907 auf 2,, Milliarden Mark rein 
zurückgegangen, dagegen in Deutschland 1905 auf 8.5 
Milliarden Mark gestiegen. Amtliche Ermittlungen 
berechneten 1916 die Verluste der englischen Bolks- 
wirtschaft durch Entwertung des Bodens infolge der 
Umwandlung von Acker in Weideland oder Jagdgebier 
für die letzten vierzig Jahre vor dem Kriege auf 16 
Milliarden Mark in kapitalisiertem und auf 500 Mill. 
Mark in jährlichem Ertragswert. Mit seiner Volks- 
ernährung wurde England von Jahr zu Jahr ab- 
hängiger vom Ausland. Noch zu Anfang der 1870er 
Inhre erzeugte die heimische Landwirtschaft die Hälfte 
des Getreidebedarfs, 1913 nur 1,64 Mill. Tonnen, nur 
noch etwa ein Fünftel des ganzen Bedarfs von 8.8 
Mill. Tonnen. Für seine 44 Mill. Köpfe mußte Eng- 
land vom Auslande seinen Bedarf an Fleisch zu mehr 
als /8, an Butter zu ¾, an Getreide zu 58, an Käse 
zu ½, an Pflanzenfett ganz vom Auslande beziehen,
        <pb n="517" />
        Dehn: Englands Handelsstellung 
alles in allem rund ¾8 seines Nahrungsmittelbedarfs. 
Die Einfuhr an landwirtschaftlichen Erzeugnissen, an 
Getreide, Mehl, Fleisch, Butter, Käse. Eiern, konden- 
sierter Milch, Früchten, Gemüse. Hopfen, Schmalz, 
Margarine (ungerechnet Zucker, Tabak, Südfrüchte, 
Kolonialwaren usw.) vermehrte sich, hauptsächlich in- 
folge erhöhter Preise, dem Werte nach von (1913) 4,2 
Milliarden Mark auf di# 4,3 Mill.arden, (1915) 5,5 
Milliarden und cisie) 6,1 Milliarden Mark. 
Englands Lebensmitteleinfuhr 
(nach dem Eeonomie vom November 1916) 
aus fremdenaus dem 
Cesamteinfuhränderneiiche 
in Mill. Mark in Prosenten 
Eiieer 192 100 — 
Mais-. 276 90 1 
Zuckernr 462 96 4 
Schmalslss. 112 66 4 
Frische Früchte 242 86 14 
Hafer. 114 66 14 
Butter 2 81 1v 
Gemöse 110 79 21 
Fleissea 1106 74 26 
Gerst 162 78 27 
Weizen und Mehl 1004 53 47 
gae 140 18 82 
Tee 276 13 87 
Bei der Aufhebung der Getreidezölle (1847) hatte 
man vorausgeseßt, daß in überiee stets billiges Ge- 
treide in genügenden Mengen vorhanden sein werde, 
ohne mögliche große Mißernten, ohne die Treibereien 
internationaler Spekulanten im Kriegsfall zu beden- 
ken. Nur den Kriegsfall selbst hatte man bedacht. Nach 
den Ermittlungen des Königichen Ausschusses zur 
Untersuchung der Vorräte an Lebensmitteln und Roh- 
stoffen von 1903 reichten die durchichnittlichen Vor- 
räte an Brotstoffen nur für sechs Wochen aus. Fürdie 
Sicherung der notwendigen Überseeischen Zufuhren 
sollte die Flotte sorgen. Man wurde aber ängstlich, 
als Deutschland seine Seegeltung herstellte, und ver- 
stärkie die Flotte von Jahr zu Jahr bis zu einem Auf- 
wand von 1030 Mill. Mark für 1913/14, um die über- 
seeischen Zufuhren auch im Kriegsfall möglichst zu 
sichern. Wie der Unterseehandelskrieg gezeigt hat, war 
die englische Flotte dazu nicht imstande. Das Insel- 
land wollte Deutschland durch eine Art von Blockade 
aushungern und wurde durch die Unterseeboote selbst 
der Aushungerung ausgesetzt. Zu spät erkannte man, 
daß die Landwirtschaft nicht vernachlässigt werden 
darf. Lloyd George, der am 23. Februar 1917 den 
Unterseebootkrieg die furchtbarste Gefahr= nannte, 
die England je bedroht habe, empfahl als einzige Ab- 
wehr, England möge sich schleunigst von aller Emfuhr 
unabhängig machen. Aber selbst nach Einführung 
landwirtschaftlicher Schutzzölle könnte England sich 
nicht mehr selbst ernähren. Gelänge es ihm wirklich, 
seine Getreideerzeugung zu verdoppeln, so würde es 
statt ½8 nicht mehr als / seines Bedarfs decken. Die 
Aufhebung des Pachisystems. das die Heranbildung 
eines selbstäindigen Bauernstandes verhindert (nur 
11 Prozent des Landes in England gehören den Be- 
bauern. in Deutschland 98 Prozent), ist ein weites Feld. 
Um eine Vergrößerung der Andaufläche zu erwirken, 
verbürgte die Regierung Mitte 1917 Weizenmindest- 
preise von 273 Mark die Tonne für 1917., von 251 
Mark für 1918 und 1919 und von 205 Mark für 
1920 bis 1922. Mitte 1914 stand in London der 
Weizenpreis auf 165 bis 175 Mark und schwankte von 
431 
1911 bis 1913 zwischen 151 und 185 Mark. Ein 
Regierungszuschuß, der unter Umständen sehr hoch 
werden könnte, war für 1917 überflüssig (Weizenpreis 
im März 1917 in London 420 Mart). 
Kohlengewinnung. 
Englands industrieller Aufschwung beruht auf sei- 
nem Kohlenreichtum. Von den Kohlenschäten Euro- 
pas, die auf 784 Milliarden Tonnen geschäßt werden, 
entfallen 189 Milliarden Tonnen auf England und 
423 auf Deutschland. Jenes stand bis géegen Ende 
des 19. Jahrhunderts in der Gewinnung voran. wurde 
aber von den beiden anderen Koh'enmächten, Nord- 
amerika und Deutschland, überholt und sah seinen An- 
teil an der Erzeugung der drei großen Kohlenmächte 
von (1860) 62 Proz. auf (lole) 23/ Proz. sinken. Die 
Kohlenförderungslechnik soll in England nicht mehr 
auf der Höhe stehen. 
Kohlengewinnung (in Millionen Tonnen). 
1% inso s 180 s ivis ivia 00 
England . 85 149205 2872 
Deutschland 12 69 120 300 B!832 
Bereinigte Staaten. 15 20 82 5S0 513 517 
Frankreic säoälsassolsoln 
Belglten 1i10 1111121 
Okerreich= Ungarn .—.——.—.———— 
NRußland 8 7 111 311 29 2000 
1# Englands Kohlengewinnung wurde für 1916 auf 256 Mil- 
lionen Tonnen angegeben. 
Nach Untergrabung des Seeverkehrs durch die 
Unterseeboote musten viele Kohlenwerke die Förderung 
einschränken. Schon 1914 #ing sie zunächst infolge 
der Anwerbungen wegen Arbeitermangels zurück, 
noch stärker zu Anfang 1917, als der unbeschränkte 
Unterseebootkrieg einsetzte und die Zufuhr an Gruben- 
holz störte. England mußte, da nur 5 Prozent seiner 
Bodenfläche Weld sind, 1913 für 676 Mell. Mark Holz 
einführen.) Am 1. März 1917 übernahm der Staat 
auf Kriegsdauer sämtliche Kohlenwerksbetriebe, etwa 
3000 Kohlenzechen, in eigene Verwaltung und ver- 
bürgte den Besitzern eine Entschädigung nach dem Er- 
trägnis des letzten Friedensjahres 1913. Zur Begrün- 
dung sagte Lioyd George: „Kohle ist Leben für uns. 
Im Frieden und im Kriege ist König Kohle der Be- 
herrscher aller Industrien. Kohle ist alles für uns, 
der schrecklichste Feind und der mächtigste Freund.= 
Als Kohlenstaat war Deutschland der stärkere, soweit 
es sich um die Gewinnung handelte. 
Die Kohle ist der bedeutendste Eigenwert Englands, 
das Rückgrat seiner Industrie, sein wichtigstes Aus- 
fuhrerzeugnes und zugleich sein gewichtigstes, das 
roßen Raum beansprucht. über ¾ seiner Güteraus- 
pr ausmacht, sie im Gleichgewicht erhält, als Ballast 
bei der Ausfracht die Einfuhr von Lebensmitteln und 
Rohstoffen verbilligt und die Grundlageseiner Handels- 
schiff ihrt und ihrer Überlegenheit bildet. Um über die 
Ausbeute unmittelbarer verfügen zu #nnen, Preis- 
spekulationen und Arbeiterausstände zu verhüten, 
erfolgte die schon erwähnte übernahme des gesamten 
Koblenbergbaues durch die Regierung. 
Wie aus der übersicht auf S. 432 hervorgeht, ver- 
minderte sich Englands Kohlenausfuhr von (1918)77 
Mill. Tonnen auf l916) 41 Mill. Tonnen und noch 
mehr 1917, erhöhte sich aber verhältnismäßig dem 
Werte nach von (1919) mit 1014 auf asie) mit 927 Mil- 
lionen Mark. Von Mitte 1914 bis Ende 1916 stiegen 
in England Anthrazit von 21 auf 27, Dampfkohle
        <pb n="518" />
        432 
von 15½ auf 21, Gaskohle von 18 auf 25 und Gie- 
ßereikols von 20 auf 42 Mark für die Tonne. Infolge 
der ungeheuerlichen Frachtsteigerungen seit Kriegs- 
beginn (bis Frühjahr 1917 nach Rouen von 4 bis auf 
51, nach Genua von 7 bis auf 200, nach Skandinavien 
von 5 bis auf 270 Mark) hatten die ausländischen 
Bezieher englischer Kohle unter arger Knappheit und 
Teuerung zu leiden. Mitte 1917 wurde die Tonne in 
Marseille mit 150, in Genua mit 225 Mark bezahlt. 
England machte dabei ansehnliche Gewinne auf Kosten 
seiner Vekblindeten und der Neutralen. Bei der Aus- 
fuhr behandelte England die Kohle als Macht- und 
Kriegsmittel gegenüber kohlenarmen Ländern und be- 
dachte das verbündete Frankreich reichlicher, Italien 
nicht genügend. doch nur wegen der Schiffsknappheit. 
Die befreundeten Neutralen, wie Norwegen, versorgte 
Eng'and ausreichend, ebenso Spanien, um dessen 
Gunst man buhlte, drückte aber auf Holland und 
namentlich auf Schweden durch verringerte Zufuhren. 
Nach dem abgesperrten Rußland wie nach Rumänien 
konnte englische Kohle nicht gelangen. 
Euglands Koglenansfuhr (in Milionen Tonnen). 
Bestimmungsland 1813 10141015 1v16 
Fra#nkech 1282, y 
Italen J— 8e 5. 5.,r 
Deutschland * 90 5. — — 
Ruß and.. 6,0 8,1 0,04 0,00s5 
Schwmeden 4 4. 2.7 1,60 
A#gentinen 8,1 291, ·0. 
Spunlen und Kanarische Inseln ,6 2926921 2,4 
Agypten und Suaon 3 „ 23 O 
Dänemargkkk 3,0 XI X 2,2 
Norweggen 2.5 28382 2,2 
Holland..... 2.0 1,1 1,# 1,2 
Velgien. ... 2,0 1,2 — — 
Brasilen 1, 1,20,6 0,2 
Portugal, Azoren, Madeira L 1,2 1.,0 % 
#latieierer 12 ro– e — 
ÖOfferreich-Ungen 11106e — — 
Andere vänden 6,1 4% 2, 1, 
Koks, Briketts uso. 8,2 282,.2 26 
Insgesamt (abgerundet):: 70, 4604½0 
Schissekohllte 21½0% 1138,0 1 
Für die Kriegführung der Mittelmächte waren ihre 
Kohlenschätze von größter Bedeutung, die die englische 
Kohle leicht enbehren ließen. Deutschlands Güter- 
verkehr mit den Neutralen während des Krieges wurde 
durch die deutsche Kohlenausfuhr, die 1913 bereits 47 
Mill. Mark wertete, zu allseitigem Vorteil gefördert. 
Kriegsschiffban. 
Schisster und Reederei und was damit zusammen- 
hängt, sind Englands wichtigste und blühendste Indu- 
striezweige. Bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhun- 
derts bejaß es darin eine Art von Monopol, war selbst 
der beste Abnehmer seines Schiffbaues, baute Kriegs- 
und Handelsschiffe auch für die mieisten anderen Staa- 
ten bis um 1875 auch fast alle Kriegsschiffe mit den 
Panzerplatten für Deutschland, 1898 das letzte. Mit 
der Weiterverbreitung der technischen Fortschritte ging 
Englands Baumonopol zurück, nahm Englands aus- 
wärtige Kundschaft ab. Eine jede Macht baute selbst 
ihre -Fürchtenichts-. 
Auf den Werften der Erde wurden 19138 fertig- 
gestellt 180 Kriegsschiffe mit 676000 Tonnen, davon 
in England 49 mit 271000 Tonnen, = 40 Prozent. 
An das Ausland lieferte England 7 Kriegsschiffe mit 
84000 Tonnen im Werte von rund 170 Mil. Mark. 
Die deutschen Werften bauten 1913: 59 Kriegsschiffe 
V. Recht und Volkswirtschaft 
mit 162000 Tonnen, davon 19 mit 16360 Tonnen 
für das Ausland. Bestellungen auf den Bau von 
Kriegsschiffen, auch von Großlampsschiffen, hatten die 
englischen Werften vor dem Kriege unter anderen von 
Brasilien, Chile, Spanien, der Türkei, China, Ruß- 
land und Griechenland erhalten. Sie wurden bevor- 
ugt, nicht weil sie günstigere Preise stellten oder in 
er Schiffbautechnik voranstanden, sondern weil ihnen 
diplomatische und finanzielle Beziehungen zustatten 
kamen. Bei Übernahme des Baues von Kriegeschiffen 
für fremde Staaten wurde den betreffenden Verträ- 
gen eine Bestimmung eingefügt, wonach die fertig- 
gestenten und noch nicht abgelieferten Schiffe im 
riegsfall der englischen Regierung zur Verfügung 
estellt werden müssen. Anfang August 1914 be- 
chlagnahmte England so unter anderen zwei faft 
fertige türkische Großkampfschiffe, zwei chilenische Zer- 
törer, drei brasilianische Kanonenboote, zwei spanische 
anzerkreuzer, zy griechische Panzerkreuzer, vier 
swech Torpedojäger sowie ein norwegisches Kriegs- 
chiff und verleibte sie der englischen Kriegsflotte ein. 
Nach einem Vorschlage der „-Times= vom August 
1916 sollten auch alle Handelsschiffe, die für neutrale 
Staaten in England gebaut wurden, mit Beschlag be- 
legt und nach dem Kriege in die englische Kauffahrtei. 
flotte eingereiht werden. 
Durch solches WLerfahre schuf sich England eine 
stille, unter Umständen sehr wertvolle Flottenreserve. 
die bei Rüstungsbeschränkungen nicht in Betracht kam. 
Daher das Interesse der englischen Admiralttät an 
der eifrigen Förderung des heimischen Kriegsschiff. 
baues durch Erlangung ausländischer Bestellungen! 
Für die englische Schiffbauindustrie arbeiteten auch 
die englischen Flottenbeiräte in der Türkei und in 
China, ferner in England selbst freie Vereinigungen 
für die Versorgung anderer Staaten mit Kriegsschiffen. 
In engster Verbindung mit den englischen Inter- 
essentenkreisen standen die zahlreichen und bedeutenden 
englischen Unternehmungen für den Bau von Kriegs- 
schiffen und Schiffsgeschltzen im Auslande. so in Fiume 
(Ungarn) für Torpedos, in Pozzuoli und Terni (Jia- 
lien) für Schiffsgeschütze. in Ferrol (Spanien) für 
Schiffbau, in Zarizyn (Rußtand) für Geschüge und 
in Ismid (Türkei) für Schiffsausbesserungen und 
Kriegsfahrzeuge. 
Zuden Velshriedensfreunden gehörten dieenglischen 
Kriegsschiffbauinteressenten nicht. Ein jeder Krieg 
vernichtet Schiffe, hat Neubestellungen zur Folge und 
eröffnet günstige Aussichten für den Schiffbau. Wenn 
in England, was ja wiederholt vorgekommen, eine 
Flottenpanik veranstaltet wurde, um die öffentliche 
Meinung für neue Flottenverstärkungen und das 
Unterhaus für neue Geldbewilligungen zu gewinnen. 
dann waren die Vertreter der umfangreichsten Indu- 
strie des Landes darauf bedacht, mit ihrer großen 
Kapitalskraft ebenso vorsichtig wie nachdrücklich die 
gefügige Presse im Sinne ihrer Sonderinteressen unter 
Voranschiebung des Gemeinwohls zu beeinflussen. 
So betreuten die Engländer ihren blühendsten 
Industriezweig und gaben ihm die Möglichkeit, einen 
Leigen großen Betrieb mit einem Stamm geschulter 
ngenieure und Arbeiter aufrechtzuerhalten. 
Im gegenwärtigen Kriege hat die deutsche Kriegs- 
otte die Leistungs fähigkeit auch des deutschen Kriegs- 
chiffbaues in ein helles Licht gerückt. Auf diesem Ge- 
biet wurde Englands früherer Vorsprung eingeholt. 
seine überlieferte überlegenheit beseitigt. Im Bau 
und Bewaffnen von Kriegsschiffen büßte England
        <pb n="519" />
        Dehn: Englands Handelsstellung 433 
seine industrielle Vorherrschaft ein. Die englische 
Kriegsflotte verlor erheblich mehr Schlachtschihe als 
die deutsche, bis 4. August 1917: 165 Einheiten mit 
0, ss Mill. Tonnen Verdrängung. Neben den deutschen 
konnten die englischen Unterseeboote nicht bestehen. 
" Handelsschiffban. 
Im Bau von Handelsdampfern errang England 
seit der zunehmenden Verwendung des Eisens die erste 
Stelle. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
entfielen durchschnittlich drei Viertel des gesamten Han- 
delsschiffbaues der Erde auf englische Werften, meist im 
Nordosten, am Tyne, Tees und Wear, dagegen 1907 
bis 1913 nur noch weniger als 60 Prozent, meist grö- 
ßere Dampfer aus Stahl von 6000—10000 Tonnen. 
Nach den Beständen zu Anfang des 20. Jahrhun- 
derts waren von den deutschen Handelsdampfern 29, 
von den russischen 50, von den österreichisch-ungari- 
schen, französischen, belgischen und holländischen je 
60, von den italienischen 73, von den portugiesischen 
80 und von den spanischen Handelsdampfern 98 Pro- 
zent auf englischen Werften #ebaut. Im Jahre 1913 
lieferte England nach dem Auslande 174 Dampfer 
mit 382000 Tonnen, Deutschland dagegen 205 mit 
49000 Tonnen; dieses ließ außerdem ink Auslande 
127 Dampfer mit 48000 Tonnen bauen. 
Handelsdampferban. 
1910 1912 1013 1915 1916 
Zahl I Mill.ton.3ahlMitttowsahlIMimTomZahlMETOMZCHIM.Ion. 
England und Kolonien. 610 1 587 1.6 1.7 700 ·0. 7 510 —. 
Vereinigte Staaten 49 ·0 60 0,# 0,2 127 ·0. 178 *e 
Janrnrnna 4 O, dos 58 0, os 0,1 127 1 250 0,2 
Dollndod 35 *p 60 o, os X 390 0,2 800 0,2 
Deutschland. ... 61 0,2 114 0,2 0,« 46 M ·,2 20 () ·1 
Andere Ländernr 124 Oist 195 o, a0 X 265 ·0.2 223 u— 
Zusammen: 883 1,0 1074 2,6 1750 8,5 1655 L 1481 2,0 
Demnach sank Englands Handelsdampferbau seit 
Kriegsbeginn infolge vermehrter Kriegsschiffbauten 
und Arbeitermangels um mehr als ein Drittel. Eng- 
lands Schiffsausfuhr ging von (1915) 79000 Tonnen 
auf (1916) 38000 Tonnen zuüch Die Angaben über 
die deutschen Schiffbauten beruhen auf Vermutungen. 
Von Kriegsbeginn bis Ende September 1917 wur- 
den durch kriegerische Maßnahmen der Mittelmächte 
feindliche und neutrale Handelsschiffe mit 12 Millio- 
nen Rohregistertonnen versenkt, davon ½ unter eng- 
lischer Flagge. Diese Verluste erhöhten sich durch Un- 
fälle, übermäßige Abnutzung usw. während des Krie- 
ges um weitere 4—5 Millionen Tonnen. Bei Be- 
wertung der Tonne Schisfsraum mit 500 Mark wären 
Englands Verluste durch die Schiffsversenkungen bis 
Ende September 1917 ohnedie hochwertigen Ladungen 
auf über 4 Milliarden Mark zu berechnen. 
England konnte solche Verluste durch Schiffneu- 
bauten nicht erseten. Ende 1916 verbot die englische 
Regierung den Bau fremder Schiffe auf englischen 
Werften for die Dauer von 10 Jahren und hatte 
Anfang 1917 über 50 Schiffe einheitlicher Bauart 
von drei Größen mit je 8000, 5000 und 3000 Tonnen 
Tragfähigkeit auflegen lassen, um durch Vereinheit- 
lichung des Schiffskörpers und der Maschinen rascher 
und billiger zu bauen. Erweist sich diese Art des Schiff- 
baues als vorteilhafter, was von englischen Fach- 
männern bezweifelt wurde, so wird sie auch anderwärts 
befolgt werden. Schiffe sind ebensowenig aus der 
Erde zu stampfen wie Heere, und selbst die äußerste 
Beschleunigung von Schiffbauten konnte die Verluste 
durch die deutschen Unterseeboote nicht ausgleichen. 
So entstand eine empfindliche Schiffsknappheit, noch 
verschärft durch die Beschlagnahme von zwei Drit- 
teln der besten Dampfer für Hilfskreuzer, Truppen- 
und Kriegsbedarfsbeförderung, für Wachzwecke usw. 
Rasch und bis ins Vielfache stiegen die Schiffsfrach- 
ten, so unter anderem von Ende 1913 bis Ende 1916 
durchschnittlich für Getreidefrachten von Neuyork nach 
England von 7½ auf 74½, für Baumwolle von 30 
auf 260, für Getreide von Argentinien nach England 
von 12 auf 145, von Bombay nach England von 18 
auf 230 Mark und mehr. Mit den Frachten erhöhlen 
sich die Gewinne der Reeder und die Schiffswerte. 
Der Krieg 1914/17. U. 
Alte Schiffe brachten bei ihrem Verkauf mehr ein, als 
sie neu gekostet halten. Bei Kriegsbeginn wurden in 
England 120 Mark für die Tonne eines gewöhnlichen 
Frachtdampfers bezahlt, Mitte 1917 bis zu 1200 Mark! 
Bis Anfang 1917 war der Wert vieler englischer und 
neutraler Handelsschiffe auf das Achtfache gestiegen! 
Bei solchen Preissteigerungen befürchteten englische 
Reederkreise, wenn nach Friedensschluß durch schnel- 
les Neubauen Zahl und Schiffsraum der englischen 
Handelsflotte ausrechterhalten werden sollten, vielleicht 
800 Mark für die Tonne Schiffsraum bezahlen zu 
müssen, deren Wert nach wenigen Jahren vielleicht 
auf 80 Mark sinken könnte. 
Die Preissteigerungen kamen hauptsächlich den 
nordamerikanischen (auch kanadischen) Werften zu- 
ute, die von der eigenen Regierung, ferner aus Eng- 
and und Norwegen umfangreiche Bestellungen erhiel- 
ten, die aber nicht geliefert wurden. Denn die Union 
beschloß im September 1917 den Bau einer eigenen 
Handelsslotte von 10 Mill. Tonnen, beschlagnahmte 
alle Schiffsneubauten für fremde, auch englische Rech- 
nung im Umfang von 2,5 Mill. Tonnen und gab ihrem 
Handelsschiffbau einen beispiellosen Aufschwung. 
Rasche Steigerung erfuhr auch der japanische Schif 
bau. Die Union wie Japan hofften die ersten unter 
den schiffbauenden Ländern zu werden und ihre eng- 
lischen Freunde und Bundesgenossen zurückzudrängen. 
England sah seine Handelseflotte durch den Untersee- 
bootkrieg abbröckeln und in Schiffahrt und Schiffbau 
Mitbewerber emporkommen, die es vordem nieder- 
ehalten, aber während des Krieges angerufen hatte. 
b England seine frühere Überlegenheit im Handels- 
schissbau wiedergewinnen wird, ist zweifelhaft. 
Vor dem Kriege hatten die deutschen Schiffswerften 
die größten und schnellsten Schiffe gebaut und konn- 
ten von den englischen nur durch hohe staatliche Zu- 
schüsse eingeholt werden. Noch im Kriege zeigte der 
deutsche Schiffbau zum Staunen aller Völker seine 
unübertreffliche Leistungsfähigkeit durch die Herstel. 
lung von Handelsunterseebooten. 
Handelsschiffahrt. 
Englands Überlegene Stellung in der Handelsschiff- 
fahrt wurde durch den Übergang vom Segel- zum 
28
        <pb n="520" />
        434 
Dampfschiff. vom Holz= zum Eisen- und Stahlbau ge- 
festigt. Nach Kiaern betrug die Beförderungsfähigkeit 
der Hauptreedereiländer um 1850 (1 Dampfertonne 
— 3 Segeltonnen) 8 Mill. Tonnen, wovon auf Eng- 
land 3,5, auf Deutschland 0,5 Mill. Tonnen entfielen. 
Um 1880 hatte sich das Verhälmis zugunsten Eng- 
lands verschoben. Die Beförderungsfähigkeit der 
Hauptreedereiländer war auf 23,6 Mill. Tonnen ge- 
stiegen, in England auf 12,5 und in Deutschland auf 
1.,6 Mill. Tonnen. Seither suchten alle anderen Staa- 
ten ihre Handelsflotte zu vergrößern und machten 
raschere Fortschritte als England. Anfang 1913 zählte 
die Handelsflotte der Erde 30,4 Mill. Tonnengehalt 
mit 83,4 Mill. Tonnen Tragfähigkeit, davon aber nur 
12,6 Mill. Tonnengehalt mit 36.7 Mill. Tonnen Trag- 
fähigkeit unter englischer Flagge. Englands Anteil 
war auf annähernd zwei Fünftel der gesamten Han- 
delsschiffahrt zurückgegangen. Dagegen hatte Deutsch- 
land in dieser Zeit seine Handelssiolte von 1,1 Mill. 
Tonnen mit 1.4 Mill. Tonnen Tragfähigleit auf 3,2 
Mill. Tonnen mit 9 Mill. Tonnen Tragfähigkeit er- 
öht. Wesentlich infolge des gesteigerten deutschen 
ettbewerbs ging Englands Anteil an dem Schiff- 
fahrtsverkehr anu aller anderen Staaten zurück. 
Von dem Gesamttonnengehalt der eingelaufenen 
Schiffe entfielen 
auf die auf die 
in englische Flagge deutsche Flagge 
1888 1912 1888 1012 
in Prozenten 
E#ngladdy 74 58 5 10 
Deutschland 37 28 41 50 
Frankreicg 42 52 4 16 
Verein. Staaten 52 50 8 · 
Spanien 81 28 8 11 
Nußlaad 56 27 10 14 
Italin 48 26 4 10 
Hollaandd 51 30 8 20 
Schweben 1 21 6 5 12 
Velgtten 535 43 11 2a 
Portugal...... 58 47 14 29 
Dänemaoarrkrk 16 5 11 13 
ÖOsterreich= Ungarn. 23 7 1 2 
Norwegen 16 10 2 6 
Japppa 44 28 16 7 
Während in England selbst der Anteil der englischen 
Flagge an dem Seehandelsverkehr von asss) 74 
Prozent auf (1919 58 Prozent herunterging, stieg 
der Anteil der deutschen Flagge an dem deutschen 
Seeverkehr in der gleichen Zeit von 41 auf 50 Pro- 
zent. Deutschland machte sich unabhängiger von der 
fremden, insbesondere von der englischen Schiffahrt. 
Noch anschaulicher zeigt nachstehende übersicht den 
Rückgang des Anteils der englischen Flagge an der 
Schiffahrt der obengenannten 15 Staaten. 
Angekommene Schiffe (in Millionen Negistertonnen). 
s1895 1005150 
in 15 Staaten (s. oben)n131 1944 308 
Davon in England. 66,!|: #4 118,0 
in Deutschland 11,623,36, 409,1 
An dem Seeverkehr der 15 Staaten verminderte 
sich Englands Anteil von 50 auf 38 Prozent, erhöhte 
sich Deutschlands Anteil von 9 auf 16 Prozent. Eng- 
lands Anteil an der Sucskanalschiffahrt sank dem 
Tonnengehalt nach von (1882) 81 Prozent auf (1918) 
1 Statistique intermatlonale“ (Christiania 1876 — 87). 
V. Recht und Volkswirtschaft 
60 Prozent, während Deutschlands Anteil in dieser 
Zeit von 2,5 auf 16,7 Prozent stieg. Wie im See- 
verkehr mit den anderen Staaten gewann Deutschland, 
was England einbüßte. 
Noch weit stärker war die Abnahme der englischen 
Handelsschiffahrt im Laufe des Krieges unter den 
Rückwirkungen der Tätigkeit deutscher Kreuzer, Tor- 
pedo= und Unterseeboote. Nähere Angaben darüber 
bringt die Übersicht auf S. 435. 
Nach ihr hat der Schiffsverkehr der britischen Häfen 
von Kriegsbeginn bis Ende 1916 um 44 Prozent ab- 
genommen, besonders im Frühiahr 1915 durch den 
damaligen unbeschränkten Unterseebootkkrieg. 
Als Anfang 1917 die Wirkungen des Untersee- 
handelskrieges ernster wurden, blieb die Statistik des 
Schiffsverkehrs der englischen Häfen aus. Englands 
Seeschiffahrt, nach Lloyd George die Hauptschlagader 
des Reiches, war empfindlich getroffen. 
Im Laufe des Krieges aasolgee die Zusammen- 
ballung von 40 Prozent der englischen Handelsflotte 
unter Einbeziehung von Werften, Hüttenwerken und 
Kohlenzechen zu fünf großen Kartellen: 
Tonmengehalt 
im Dienst im Bau 
Cunrddddn 1200000 25000 
Peninsular and Orienaoall. 1726500 198600 
Ellenren 11310000 145900 
NRohal Mal 1700000 90000 
Furne 1300000 168500 
Diese fünf Riesenkartelle arbeiten miteinander, ge- 
rüstet gegen die deutsche Schiffahrt im Falle eines 
Wirtschaftskrieges nach dem Kriege, bedrohen aber 
auch den englischen Handel. Vorerst sind sie gegen 
Verstaatlichung, die Lloyd George wegen der wuche- 
rischen Frachtgewinne (1916 bis zu 88 Proz. Dividen- 
den!) der englischen Schiffahrt durch eine staatliche Re- 
organisation für die Dauer des Krieges angebahnt hat. 
eitaus den größten Schiffsverkehr hatten die eng- 
lischen Häsen aufzuweisen, so 1912 im Einlauf u. a. 
London 13 Mill. Tonnen (Hamburg 13,6), Liverpool 
12, Cardiff und Newcastle je 7 Mill. Tonnen. In- 
dessen vollzieht sich Englands gesamter Auslandsver- 
kehr auf dem Seewege, während die anderen Staaten 
daneben einen beträchtlichen Auslandsverkehr zu Lande 
(Deutschland mit einem Drittel) aufzuweisen haben. 
Weitere Verkehrsmittel. 
Seit kangem rückständig war Englands Eisen- 
bahnwesen. Bis um 1860 besaß es einen großen 
Vorsprung in Gestalt eines vollen Drittels der euro- 
päischen Eisenbahnen. Dagegen entfielen Ende 1913 
von den 316000 km europäischer Eisenbahnen nur 
38000 km auf England, 64000 auf Deutschland. 
62000 auf das europäische Rußland, 52000 auf 
Frankreich, 46 000 auf Österreich-Ungarn, 18000 km 
auf Italien usw. Während die staatliche Organisation 
des Eisenbahnwesens in Deutschland ertragreich war 
und einfache, wohlfeile Frachtsätze stellte, fehlte dem 
englischen Eisenbahnwesen diese Einheitlichkeit. Nur 
Privatbahnen bestanden mit 250 verschiedenen Ge- 
sellschaften unter einer vielköpfigen und kostspieligen 
Verwaltung mit hohen und verwickelten Frachtsä 
Wiederholte Anregungen zur Verstaatlichung scheiter- 
ten an dem Widerstand der Interessenten und an der 
Aufbringung der veranlagten Kapitalien in Höhe von 
dolns) 26,5 Milliarden Mark. Bei Kriegsausbruch 
übernahm der Staat den gesamten Eisenbahnbetrieb 
zunächst für Kriegsdauer.
        <pb n="521" />
        Dehn: Englands Handelsstellung 
Schiffoverkehr in den Häsen Großbritanniens und IJrlands. 
Beladene Schiffe (in Millionen Tounen) 
Eingang Ausgang Zusammen 
Britische Fremde Zusammen] Britische, Fremde [Zusammen] Britisches Fremde Zusammen 
191383 32,3 16.n 4%1“ 40,1 277|] 67,6 52,/ 4 116,0 
1914 28,0 14,1 43,0 32,5 23,“ 58,0 61.,4 37,0 vo, o 
19101015 22,8 10,9 33,7 20, 10,1 36,8 48,2 90,0 73.2 
19146464 20,2 9.6 30,0 17, 17,t 356 30,0 27,.7 65.7 
Von Wert für Englands Handelsstellung war sein 
Kabelmonopol mit 300000 km, mehr als der 
Hälfte aller Kabel der Erde (Deutschland 48000 km). 
Es gestattete ihm, bei überseeischen Berwicklungen die 
ersten Nachrichten zu erlangen und geschäftlich aus- 
unutzen oder, falls es selbst Kriege führte, unerwünschte 
achrichten und den Nachrichtenverkehr anderer 
Staaten zu unterdrücken oder, wie im gegenwärtigen 
Kriege, den Feind von allem überseeischen Nachrichten- 
verkehr abzuschneiden. Erst der Funkspruchdienst durch- 
löcherte das englische Kabelmonopol. 
Industrieller Rückgang. 
Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Eng- 
land das erste Industrieland der Erde. Trog# seiner 
Fortschritte ist es durch die rasche Entwicklung anderer 
Industriestaaten, insbesondere Deutschlands und der 
Vereinigten Staaten, überholt worden und hat seine 
Vorherrschaftauf dem Weltmarktnichtiaufrechterhalten 
können. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, der 
Zeit des Stillstandes der englischen Ausfuhr, sank nach 
den Berechnungen Ashleys! der Anteil der englischen 
Hauptgewerbe an der Ausfuhr von (1879) 50 Prozent 
auf (looo) 32 Prozent, der Anteil der Metallindustrie 
von 18 auf 12 Prozent. Außer dem Schiffbau miteiner 
Ausfuhr von (19183) 220 Mill. Mark hatte England 
noch eine Reihe hervorragender Industriezweige auf- 
zuweisen, wie die Wollindustrie.mit einem Ausfuhr- 
überschuß von 623 Mill. Mark (neben 230 der deut- 
schen) und die Leinenindustrie mit einem Ausfuhr- 
überschuß von 166 Mill. Mark. Als die weitaus lei- 
stungsfähigste englische Industrie galten die Eisen-und 
die Baumwollindustrie. Beide gediehen, bestätigten 
aber die Verlangsamung des englischen Fortschritts. 
Augenfällig war die überflügelung der englischen 
durch die deutsche und noch mehr durch die nordame- 
rikanische Eisenindustrie. Noch von 1861 bis 1865 
hatte England mit 4.4 Mill. Tonnen die Hälfte des 
gesamten Roheisens aller Staaten erzeugt und Deutsch- 
land mit 0,8 Mill. Tonnen weit hinter sich gelassen. 
Nach Einführung der Schupzölle von 1879 begann 
Deutschlands Geschwindschritt. 
Noheisengewinnung (in Millionen Tonnen). 
1892 1902 1912 1915 
England.. ..... 6, B,a v,o 8,8 
Deutschand 4499 8,6 170 13,o (O0 
Verelnigte Staaten 9 18,1 ao, ⁊ 29,9 
Auf England entfiel 1912 nur noch ½ der Gesamt- 
erzeugung. Auch die englische Stahlerzeugung mit 
7 Mill. Tonnen wurde 1913 von der deutschen mit 
17,3 Mill. Tonnen und der nordamerikanischen mit 
31,2 Mill. Tonnen weit übertroffen. 
Noch Anfang der 1890er Jahre lieferte England 
an das Ausland neunmalmehr Maschinen als Deutsch- 
land. Die englische Maschinenausfuhr belief sich 1913 
auf 7.12 Mill. Mark, war aber von der deutschen mit 
1 „The Tariff Probleme (Lond. 1908). 
680 Mill. nahezu eingeholt worden. Die nordameri- 
kanische stellte sich auf 529 Mill. Mark. 
Selbst der Vorsprung der englischen Baumwoll-= 
industrie ging zurück. Um 1870 wurden von der ge- 
samten Baumwollernte 40 Prozent in England ver- 
arbeitet, 1913 nur noch 19 Prozent, dagegen in den 
Vereinigten Staaten 29 Prozent. 
Baumwollverbrauch (in Millionen Kilogramm). 
1880 1891—195 1912.13 
Bereinigte Staaten 245 626 1384 
Englauddd 624 605 874 
Deutschland. 123 252 a68 
In einer ganzen Reihe von Industriezweigen, be- 
sonders in der Herstellung von chemischen und eleltro- 
technischen Erzeugnissen, von Eisen-, Leder-, Glas-, 
Papier-, Kautschuk-, Spielwaren usw., war die eng- 
lische Industrie von dem deutschen und anderem Wett- 
bewerb überholt worden. 
Nach halbamtlichen Schätzungen wurden 1907 in 
England und 1905 in Deutschland für je 14.5 Milliar- 
den Mark gewerbliche Güter erzeugt. Wie Barmmt 
berechnete, stellte sich 1913 der Ausfuhrüberschuß der 
englischen Industrie auf 3408, der der deutschen In- 
dustrie auf 5021 Mill. Mark. Zwar war ohne Abzug 
der Einfuhr die englische Fabrikatenausfuhr um 600 
Mill. Mark größer als die deutsche, aber England 
führte von Fabrikaten fast für 2¼ Milliarden Mark 
mehr ein als Deutschland, konnte somit den eigenen 
Bedarf seiner 44 Mill. Bewohner nicht decken, wäh- 
rend die deutsche Industrie 68 Mill. zu versorgen hatte. 
Die Überflügelung der englischen Industrie hatte 
verschiedene Ursachen. Im Bewußtsein seiner über- 
legenheit war der Engländer bequemer und lässiger 
eworden, zeigte nicht genügende Anpassungsfähig- 
eit an die Bedürfnisse des Weltmarktes, auch in 
bezug auf den Kredit, entwickelte die Industrie viel- 
fach zu einseitig und lückenhaft, blieb technisch zurück 
und zeigte kein genügendes Vorwärtsstreben. Die 
Technik der deutschen Großindustrie konnte von der 
englischen nicht eingeholt werden. Dem englischen 
Individualismus und seinemuauf Empirie beruhenden 
Unternehmungsgeist fehlten die wissenschaftliche Plan- 
mäßigkeit und strenge Einordnung ins Ganze, das 
Zusammenarbeiten der Industrie mit der Wissenschaft, 
obwohl sich viele Industrien, besonders die chemische. 
von der ursprünglichsten, auf bloße Erfahrung ge- 
gründeten Entwicklung mehr und mehr entfernten. 
Ein so deutschfeindliches Blatt wie die Northcliffesche 
»Daily Mail- erkannte am 14. Januar 1915 die Rück- 
ständigkeit Englands mit dem Hinzufügen an, daß 
Deutschland seine Truppen mit Millionen von Ge- 
wehren, mit Tausenden von Maschinengewehren, mit 
Hunderten von Riesengeschützen, mit Tausenden von 
Tonnen Stablplatten, mit zahllosen Kraftfahrzeugen 
und mit unbeschränkten Massen Schießbedarf versorgt, 
ja sogar nach Osterreich-Ungarn und der Türkei ge- 
1 „Demntsche und englische Industrie auf dem Weltmarkt- 
(Jena 1916). 
28*
        <pb n="522" />
        436 
liefert habe. Früher habe England in neuen Erfin- 
dungen obenan gestanden. Jetzt bliebe es in jeglicher 
Beziehung hinter Deutschland zurück. „In wissen- 
schaftlicher Beziehung sind alle überraschungen von 
Deutschland gekommen; die neuen Waffen sind alle 
deutsch. Englands Maßnahmen sind gegen die Wissen- 
schaft Deutschlands erfolglos gewesen. Wir können 
das Glück des Krieges nur durch einen Wechsel unserer 
Arbeitsweisen auf unsere Seite zwingen. 
Allmählich ging der Vorsprung der englischen In- 
dustrie verloren. Auch in der Schiffahrt war England 
nicht rasch genug vorgeschritien, war nicht mehr Ver- 
mittler und Verfrachter alles überseeischen Handels. 
verkehrs der europäischen Staaten. Inmitten des 
Vorwärtsstrebens Deutschlands und der Vereinigten 
Staaten, aber auch anderer Länder verlangsamte sich 
Englands wirtschaftliche Entwicklung, begann seine 
Welthandelsstellung abzubröckeln. 
Aus seiner Erstarrung wurde England wesentlich 
durch die deutschen Fortschritte gerissen und zu neuen 
Anstrengungen nach deutschem Vorbilde angeregt. An- 
fang 1917 plante man in London, um die Industrie 
großzügig auszugestalten. nach Schaffung des großen 
Schiffahrtskartells ein Stahlkartell und andere Kar- 
telle sowie die Begründung von Industriebanken und 
bildete nach deutschem Vorbild einen Zentralverband 
britischer Industrieller. Zunächst hat das englische 
Munitionsantt im Laufe des Krieges alle Betriebe für 
den Heeresbedarf übernommen, den Besitzern ihren 
Durchschnittsgewinn der letzten drei Jahre verbürgt 
und ihnen die zweckmäßigste Verwendunß bestimmter 
Maschinen, der Arbeitsart und Arbeitskräfte, unter 
Heranziehung nordamerikanischer Ingenieure und 
Maschinen, vorgeschrieben, um bei möglichst geringem 
Verbrauch von Rohstoff und Arbeitskraft höchste Lei- 
stungsfähigkeit (vom Erz bis zur Granate) zu erzielen. 
Von dieser Kriegszwangsorganisation und ihren Er- 
fahrungen erwartet man die Beseitigung veralteter 
und verschwenderischer Betriebsarten und von der 
staatlich eingeleiteten Zusammenfassung der Industrie 
eine nachhaltige Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit 
auf dem Weltmarkt in der Nachkriegszeit. 
Indessen man übersah, daß sich alle Kulturstaaten, 
selbst die eigenen Kolonien, industriell entwickelten. 
den heimischen Markt selbst zu versorgen suchten und 
ausfuhrkräftiger wurden. übersah auch die Gefahr, die 
von den Vereinigten Staaten her drohte. Weitaus am 
stärksten war deren Bevölkerungszuwachs, war unter 
dem Schutz höchster Zölle der industrielle Ausschwung, 
im Laufe des Krieges noch mächtig gefördert durch die 
englischen Milliardenbeslellungen an Kriegsbedarf. 
Schon vor dem Kriege hatte die nordamerikanische 
Industrie fast in allen Zweigen die englische überholt. 
Man wollte die große Gefahr dieses Wettbewerbs 
nicht sehen, wollte mit der Union um jeden Preis be- 
freundet bleiben und hoffte, daß ihr Wettbewerb auf 
ungesunder Grundlage stehe, zu teuer arbeite und 
schließlich erschlaffen müsse. Im Laufe des Krieges 
geatote man anderseits an eine Neubelebung und 
tärkung der englischen Industrie durch nordameri- 
kanische Einflüsse wie durch den Krieg selbst, der die 
alte Industrie zu erhöhter Erzeugung angestachelt und 
neue Industriezweige hervorgerufen habe. Doch war 
es fraglich, ob nicht gerade der Krieg zur Verschiebung 
des Welt= und Geldverkehrs von London nach Neu- 
york führen würde. Genug, unverwandt blickte man 
in England, und tut es noch immer im Banne der 
Presse und ihrer Aufreizungen und Verdächtigungen, 
V. Recht und Volkswirtschaft 
nur auf den deutschen Emporkömmling, der sich von 
der wirtschaftlichen Vorherrschaft Englands befreit 
hatte, nur auf die deutsche Gefahr. Sie sollte beseitigt 
und mit dem deutschen Wettbewerb vernichtet werden. 
Außenhandel. 
Mit einem Außenhandel von 28,6 Milliarden Mark 
stan England 1913 an der Spitze der Welthandels- 
taaten, an zweiter Stelle Deutschland mit 22,5, an 
dritter Stelle die Vereinigten Staaten mit 18 Mil- 
liarden Mark. Allein die beiden Mitbewerber hatten 
raschere Fortschritte gemacht als England und waren 
auf dem Wege, es zu überflügeln. 
Englands Ausfuhr steigerte sich von aseni) 3,2 Mil- 
liarden Mark auf #872) 6,8 Milliarden Mark, ver- 
minderte sich infolge der ungünstigen Wirtschaftsver- 
hältnisse auf u878) 4.9 Milliarden, blieb mit 5,0 Mil- 
liarden bis 1900 im Stillstand und hob sicherst danach. 
Einfuhr dAusfuhr s Zufammen 
in Millionen Mark 
1900 191 1%0 D1 1 
Deutschland 5“ snnOnL„ 2,0 
England 94 134 1, 15,2 24.1 
Verein. Staaten 3,5 27268 5,6 10, — 17, 
Anteil am Welthandek #n Prozenten). 
18½0 1900 1912 
Deutschlaadddd 11,1 12,1 126 
England.. 28,5 19.5 16,2 
Vereinigte Staaten — 10,5 — 
Englands Ausfuhr war im Hinblick auf die Klein- 
heit seines inneren Marktes und auf die Größe seiner 
Industrie nicht hoch. Deutschlands Außenhandel ent- 
wickelte sich mehr zu Lande als mit übersee. Die eng- 
lische Ausfuhr besand zu ¼, die deutsche zu /8, die 
nordamerikanische zu 3/10 aus Industrieerzeugnissen. 
Im Laufe des Krieges erhöhte sich Englands Außen- 
handel seit 1914, aber in der Einfuhr nur dem Werte 
nach infolge der starken Steigerung der Lebensmittel- 
preise und in der Ausfuhr durch die Massenlieferungen 
an Kriegsbedarf für Frankreich. 
Englands Außenhandel 1914—16 (in WMilliarden Marh. 
Einfuhr Ausfuyhr Überschuß der Einfuhr 
1914. 1I400 10,6 ** 
1915 17,4 9.9 7,6 
1916 . 19,0 10,1 8.9 
50,“ — 19, 
Nach Warengruppen 1916 (in Milliarden Mark 
,Einfuhr Ausfuhr 
Leben smittel und Getlräkke 6,4 *e 
NRohsiofffeeeee::: 6. 1,2 
Fabrikate. 3,6 7. 
Wie die Einfuhr, so nahm auch die Ausfuhr der 
Menge nach ab, dem Werte nach zu. 
Englands Hauptlieferer waren bis Kriegsbeginn 
seine Kolonien und an zweiter Stelle die Vereinigten 
Staaten, die ihre Ausfuhr nach England von (1918 
2,8 Milliarden Mark auf (1918) 4.7 Milliarden Mark 
erhöhten, so an die erste Stelle traten und bei Her- 
stellung von Kriegsbedarf England mindestens zeil- 
weilig überflügelten. 
In der Zeit von 1913 bis 1916 änderte sich die 
Richtung des englischen Außenhandels. Englands 
Ausfuhr nach den verbündeten Ländern verdoppelte 
sich namentlich durch die Kriegsbedarfsausfuhr, ver- 
blieb nach den Kolonien in gleicher Höhe und nahm 
nach den neutralen Ländern ab. Dagegen gingen 
Englands Einfuhren aus den verbündeten Ländern
        <pb n="523" />
        Dehn: Englands Handelsstellung 
zurück, steigerten sich aus den Kolonien wie aus den 
neutralen Ländern und verdoppelten sich aus den 
Vereinigten Staaten. 
England hatte bis zum Kriege in dem Deutschen 
Reich seinen besten Abnehmer und mit Einschluß der 
Kolonien eine günstige Handelsbilanz. 
Ausfuhr nach Einfuhr aus 
Deutschland Deutschland 
1913 (in Milltonen Mark) 
Englaoann 876 1438 
Ontinden 542 151 
Australten 206 88 
Südafrica 70 47 
Kana)n 80 60 
Britisch-Westafrioa 134 17 
Brinsch-Malakkke. 24 15 
Neuseeland. 10 11 
Brittsch-Ostafrika — 5 
Zusammen: 20o32 1882 
Englands Ausfuhr nach Deutschland betrug 1913 
insgesamt 876 Millionen Mark, darunter Steinkohle 
180, Baumwollgarne 91, Kammgarne und Kamm- 
zug 71, Baumwollgewebe 39, andere Garne 34, Felle 
zu Pelzwerk 34, Heringe 28, Wollgewebe 22, Deutsch- 
lands Ausfuhr nach England insgesamt 1438 Mil- 
lionen Mark, darunter Rübenzucker 191, Eisenhalb- 
eug 134, Baumwollgewebe 87, Seidengewebe 37, 
eder und -waren 36, Wollgewebe 30, Felle zu Pelz- 
werk 26, Linderkbieleug, Teerfarbstoffe 22, Hafer 
22, Zink 22 Millionen Mark. 
Finanzielles. 
Vor Ausbruch des gegenwärti en Krieges war Eng- 
land eines der reichsten Länder. Sein Volksvermögen 
wurde auf 300—330 Milliarden Mark veranschlagt 
und vermehrte sich alljährlich um 7—8 Milliarden 
Mark. Denn die ungünstige Handelsbilanz wurde 
durch eine günstige Zahlamn dilang. durch große 
Geldeingänge aus seinem Zwischenhandel und Bank. 
ewinnen, aus Schiffsfrachten und aus seinen in 
Frenden Staatsanleihen, in ausländischen Unter- 
nehmungen (Verkehrsmitteln, Bergwerken, Spinne- 
reien, Brauereien und anderen Fabriken) angelegten 
Kapitalien ausgeglichen. 
Eusglande Haudels= und Zahlungsbilanz 1918 
(#n Milltarden Mardh. 
Einfuurrrr 18,4 
Ausfuht.. ....... 10,1 
Zwischenhandelsgewinn und Bankvermittlung 2,0 
Einnahmen aus Schiffsfrachten 3,0 
Zinsen von 81 Milliarden Mark Kapitallen vom 
utlaynynynynynynynynynuuu:: 4% 
Ruhegehälter aus Inden *□V 
Überschhssss 7,0 
Zusammen: 20,4 204 
Für das Jahr 1915 schätzten »Statist« und Eco- 
nomist= (vom Januar 1917) die unsichtbare Ein- 
fuhr an Schiffsfrachten und Auslandszinsen auf 8,, 
für das Jahr 1916 auf mehr als 10 Milliarden Mark. 
Durch das Anschwellen der Wertsteigerung der 
Einfuhr während des Krieges verschlechterte sich Eng- 
lands Zahlungsbilanz. Das Mehr der Einfuhr be- 
lief sich 1914 auf 8,4, 1915 auf 7,6 und 1916 auf 800, 
für diese drei Jahre also auf 19,9 Milliarden Mark. 
In Wirklichkeit war der überschuß der Einfuhr noch 
erheblich größer, weil die Massenlieferungen an Kriegs. 
bedarf, namentlich aus Nordamerika, von deramtlichen 
437 
Statistik nicht erfaßt wurden, auch nicht die Einfuhr 
für den englischen Heeresbedarf. Auf Grund amtlicher 
Angaben von Ende 1915, wonach die englische Regie- 
rung für Staatsankäufe in den Vereinigten Staaten 
wöchentlich fast 245 Mill. Mark bezahlte, berechnete 
der Londoner -Economiste vom 18. Januar 1917 
den Jahreswert der von der Handelsstatistik ausge- 
lassenen Staatsankäufe in den Vereinigten Staaten 
fir 1915 auf mindestens 12,5 Milliarden Mark. Bei 
nnahme gleichwertiger Bezüge aus den Vereinigten 
Staaten im Jahre 1916 würde sich für Englands 
Handelsbilanz für 1914—16 ein Überschuß der Ein- 
fuhr von mehr als 43 Milliarden Mark ergeben. 
Dieser Fehlbetrag konnte durch die Zahlungsbilanz 
nicht uusgeglichen werden. Zwar steigerten sich die 
Einnahmen aus den Schiffsfrachten, die maßlos in 
die Höhe gingen. Indessen sanken die Zinseinnahmen 
aus den im Ausland angelegten Kapitalien, stockien 
ganz aus den feindlichen und z. T. auch neutralen und 
verbündeten Ländern und wurden erheblich vermin. 
dert, seit die englische Regierung 1916/17 zuerst frei- 
willig, dann angswesse alle ausländischen Wert- 
papiere einziehen ließ, um sie zu verkaufen und da- 
durch die Währung zu halten wie die Finanzkraft zu 
stärken. 
Englands Verschuldung an das Ausland wuchs 
durch Aufnahme beträchtlicher Anleihen in den Ver- 
einigten Staaten. Seit Kriegsbeginn hatte Eng- 
land daselbst 8,4 Milliarden Mark ausgenomment. 
Dazu kamen noch die sehr erheblichen Privatverbind. 
lichkeiten. 
Die Stellung Londons als finanzieller Mittelpunkt 
der Erde hoffte Neuyork zu erobern, nachdem Eng- 
lands Eingreifen in den Krieg für London einen er- 
staunlichen Verlust an wirtschaftlichem Ansehen im 
Gefolge gehabt hatte. 
Englands Staatsschuld betrug bei Kriegsbeginn 
14,4 Milliarden Mark und war durch die Kriegsaus- 
gaben am 31. März 1917 auf 78,5 Milliarden Mark 
angewachsen. Verzinsung mit 5½ und Tilgung mit 
1 Prozent erforderten jährlich 5 Milliarden Mark. 
Mitte 1917 bewilligte die Volksvertretung einen wei- 
teren Kriegskredit von 13 Milliarden Mark. Die Lon- 
doner = Natione vom 17. Februar und 31. März 
1917 berechnete die Gesamtverschuldung Englands bei 
Kriegsende um März 1918 auf 120 Milliarden Mark, 
die jährliche Zinsenlast auf 5, die Ausgaben für Til- 
gung und Ruhegehälter auf je 1 Milliarde Mark. 
Die erste englische Kriegsanleihe von 1914 wurde 
mit 3½ hertent zu 95 ausgcleg. die zweite von 1915 
mit 4½ Prozent zu 100 und die dritte von 1917 mit 
5 Prozent zu 95. Die Kurse gingen zurück, die der 
alten 2½prozentigen Konsols von ü#l 75 auf (1917 
51, der Kriegsanleihen zeitweilig auf 90 und standen 
Mitte 1917 auf 94. Englands Staatskredit wankte. 
Englands Währung ging im Auslande bergab. 
83 Ende Februar 1917 waren an der Londoner 
Börse seit Kriegsbeginn 387 Werte im Kurse um 14 
Milliarden Mark gesunken. Noch verfügte England 
über die goldreichsten Länder. Von der Goldgewin- 
nung der Erde mit (lols) rund 2 Milliarden Mark 
entsielen zwei Drittel auf das britische Reich (790 Mill. 
Mark au Südafrika). Gleichwohl besorgte schon am 
8. Juli 1915 Lord Haldane,-England würde nach dem 
Kriege ein ganz anderes, weil viel ärmeres Landsein. 
1 Nach einer Mitteilung des englischen Schatzamtssekretärs 
vom 11. Juni 1917 im Unterhause.
        <pb n="524" />
        438 
Kriegsursache und Kriegsziel euglischer Handels- 
politik. 
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte man 
in London die Frage erörtert, ob England nach Unter- 
rahung seiner Handelsstellung durch den Aufstieg 
eutschlands und der Vereinigten Staaten mit ihrer 
anwachsenden Leistungsfähigkeit an Arbeit und Kapi- 
talien noch in der Lage sei. seine Überlieferte Vorherr- 
schaft in Industrie, Handel, Schiffahrt und Geldwesen 
unbeeinträchtigt aufrechtzuerhalten. 
In seinem Buche England's Supremacy= von 
1885 erörterte Jeans, der Geschäftsführer der eng- 
lischen Eisenhandelsgesellschaft, die Möglichkeit der 
Zurückdrängung der englischen Vorherrschaft in Po- 
litik, Industrie und Handel infolge der Fortschritte 
anderer hervorragender Völker, nachdem die besten 
Werkzeuge und Maschinen Gemeingut geworden, er- 
hoffte aber von dem geschichtlichen Aufbau und den 
freien Einrichtungen Englands wie von der Rührig- 
keit der Engländer wirksame Abwehr dieser Gefahr. 
Dagegen befürchteten die Schutzzöllner von dem 
Stillstand der englischen Ausfuhrindustrie, von ihrer 
Verdrängung auf dem Weltmarkt, von der raschen 
Zunahme der Einfuhr trotz dem langsamen Anwachsen 
der Bevölkerung, von der sornnsange Verstadtlichung 
des Landes für England das Schicksal Hollands. 
Englands Schwäche entspringt seiner wirtschaft- 
lichen Abhängigkeit vom Auslande, die durch die Insel- 
lage noch verschärft wird. An Lebensmitteln, Roh- 
stossen und Halbfabrikaten mußte es 1913 für mehr 
als 10 Milliarden Mark einführen. 
Um die großen Zufuhren mit Gegenwerten zu be- 
zahlen, muß Englands Industrie unausgesetzt fort- 
arbeiten, im Gange bleiben und für seine Fabrikate 
vom Auslande möglichst zunehmenden Absatz suchen. 
Ein jedes Anwachsen der Industrie erhöht noch Eng- 
lands Abhängigkeit vom Auslande, da seine Insel- 
lage eine Erweiterung des inneren Marktes versagt. 
Als kaufkräftiger Abnehmer hat England in seiner 
V. Recht und Volkswirtschaft 
Bedeutung für den Weltmarkt gewonnen, als indu- 
strieller Versorger verloren. 
Wird die Verstaatlichung der Kohlenwerke, Eisen- 
bahnen, Seeschiffahrt und der Kriegsindustrie beibe- 
halten, so ist mit einem gründlich umgestalteten, start 
bureaukratisierten England zu rechnen. 
Die Aufrechterhaltung seiner Welthandelsstellung 
E eine Lebensfrage für Englond und seine Zukunßt, 
ist die Hauptaufgabe der englischen Politik, wird aber 
von Jahr zu Jahr schwieriger infolge des Aufstieges 
zweier großer Mitbewerber. 
Schon Pitt sagte: -Englands Politik ist Englands 
Handel und Chamberlain wiederholte: „ Das Reich 
ist der Handele. England mit seiner Handelspolitik 
in erweitertem Sinn war darauf bedacht, das Auf. 
steigen starker Mitbewerber in industrieller Ausfuhr, 
in Londelsschiffahrt und Kriegsflotte zu verhindern. 
vor allem Deutschlands emporgekommene Industrie, 
Handel und Schiffahrt auf dem Weltmarkt zu unter- 
drücken, Deutschland als Heeres-, Flotten= und Welt- 
macht niederzuringen und das Deutsche Reich und 
Volk zu erdrosseln, so daß ihm, wie Runciman am 
10. Januar 1917 im Unterhause sagte,-keine Mög- 
keit gelassen wird, seine Handelsstellung wieder auf- 
zurichtene. So stürzte sich England, um seine Stel- 
lung als Welthandelsland, seine wirtschaftliche Vor- 
herrschaft wieder zu gewinnen, um sie auf die verbün- 
deten Reiche und Staaten, anscheinend auch auf neu 
zu erobernde Länder zu übertragen, um womöglich 
alle Hilfsquellen der Erde in sein Machtbereich zu 
bringen, in den großen Krieg. 
Literatur. -Nachrichten der Auslandspresse, zusammen- 
gestellt bei der Auslandsstelle des Kriegspresseamtes= (Berl., 
seit Kriegsbeginn); = Wirtschaftsdienst. Kriegswirtschafuiche 
Uriichte über das Ausland. Herausgegeben von der Zentral- 
Kelle es Hamburgischen Kolonialinstituts- (wöchentlich, jeit 
ugust 1916); = Weltwirtschaftliches Archiv= (Jena, bis 1917 
9 Bände); A. Steinmann-Bucher, Englands Niedergang 
(Berl. 1917); A. Hesse und H. Großmann, Englands 
Handelskrieg und die chemische Indusmie (Stuttg. 1915). 
Die rufsische Sozialpolitikt 
von Dr. phil. Karl Nötzel in Pasing 
Wenn man die russische Sozialpolitik begreifen 
will, muß man sich vor Augen halten, daß ein aller 
natürlichen Grenzen entbehrendes, am äußersten Vor- 
posten Europas stehendes, von Osten und Süden her 
ständig mit Vernichtung bedrohtes Reich, wie der im 
14. Jahrhundert aufkommende, ursprüngliche Mos- 
kauer Staat, nur bestehen konnte, indem er alle körper- 
lichen und geistigen Kräfte des Volkes zur nationalen 
Selbstverteidigung heranzog. Tatsächlich war der rus- 
sische Staat jahrhundertelang gar nichts anderes als 
der Organisator der Selbstverteidigung der Nation. 
Das erklärt das Zartum und seine durch die Jahr- 
hunderte gehende Volkstümlichkeit. Die russische So- 
zialpolitik hatte lediglich den Interessen des sich im 
Zartum verkörpernden Nationalganzen zu dienen, 
und die waren auf möglichste Wehrhaftigkeit gerichtet: 
Finanzen und Heer sind von jeher die Hauptsorgen 
der russischen Regierung. Erst Ende des 18. Jahr- 
hunderts tritt hierzu der Kampf des Zartums um 
1 Abgeschlossen vor Ausbruch der Revolution. 
seine Selbsterhaltung. Durch diese drei Richtlinien 
wird die russische Sozialpolitik restlos gekennzeichnet. 
Entsprechend dem heute noch fast rein agrarischen 
Charakter des Landes erschöpfte sie sich bis zum letzten 
Viertel des 19. Jahrhunderts völlig in Agrarpolitik. 
I. Die russische Agrarpolitik. 
a) Die Leibeigenschaft. Da das Steuerbedürf- 
nis der innerstaatlichen Organisation im alten Ruß- 
land zeitlich weit vorausging, konnte nur der Boden 
besteuert werden, nicht sein Bewohner, der jederzeit 
fortgehen durfte und damit aller Steuerpflicht ledig 
wurde. Dies Steuersystemerwies sich als ungenügend. 
als die Regierung im 16. Jahrhundert den Bauern 
die neue Verpflichtung auferlegte, den neugebildeten 
Dienststand zuerhalten. Dergeldarme Staat bezahlte 
ja seine Militärs mit Land, und da solches an sich im 
Moskauer Staat keinen Wert hatte, mit besiedeltem 
Land. Unterließ es dabei auch die russische Re- 
gierung= die Verpflichtungen der Bauern an ihre 
»Gutsbesitzer« scharf abzugrenzen, so galt dennoch 
weder das Dienstland noch der dazugehörende Bauer 
als dem Gutsbesitzer zum vollen Eigentum übergeben. 
Der Bauer seinerseits war durchaus überzeugt, dem
        <pb n="525" />
        Nötzel: Die russische Sozialpolitik 
Staate zu dienen, indem er dessen unmittelbare Die- 
ner unterhielt. Das war auch anfänglich der Stand- 
punkt der Regierung. Freilich hatte sie so nicht nur 
keinerlei Möglichkeit, die Beziehungen zwischen Bauern 
und Dienstlandinhabern zu überwachen, sie mußte 
sich sogar aus Gründen der Selbsterhaltung mehr 
und mehr auf Seite der Gutsbesitzer stellen. Für 
diese handelte es sich zunächst darum, die Bauern an 
das Land zu festigene. Das geschieht Ende des 16. 
und im Verlaufe des Ganzen 17. Jahrhunderts; durch 
eine ganze Reihe zur Grundanschauung der Regierung 
in schrossem Gegensatz stehender Maßnahmen wird die 
Freizügigkeit der Bauern, die zu einem zügellosen Wett- 
vewerb der Gutsbesitzer untereinander um die Bauern 
geführt hatte, mehr und mehr gehemmt und endlich 
völlig beseitigt. Schrittweise gibt die Regierung den 
immer offeneren Forderungen der Dienstleute nach 
restloser Versklavung ihrer Bauern nach, während 
sie gleichwohl grundsätzlich dabei verharrte, die Guts- 
besitzersbauern als freie Diener des Staates anzu- 
sehen. Dabei wuchs natürlich die Macht des Boden- 
besitzers über den Bauern in dem Maße, als der 
Bauer an den Boden gefestigt wurde. Die Regie- 
rung blieb indes dabei, sich nicht in die Beziehungen 
zwischen beiden einzumischen. Ihr kam es lediglich 
darauf an, daß der Bauer nicht aufhöre, Steuern 
zu zahlen, d. h. daß er nicht aus dem Bauernstand 
austrele. Richter über seine Bauern war der Guts- 
besitzer bereits im 16. Jahrhundert. Schon zu Be- 
inn des 18. Jahrhunderts bedeutet die Leibeigen- 
schaft tatsächlich die unbeschränkte Herrschaft des Men- 
schen über den Menschen. Der Gutsbesitzer reißt nach 
freiem Ermessen die Bauern vom Lande weg, macht 
Hausdiener aus ihnen, verkauft und vertauscht ein- 
gelne Mitglieder der Bauernfamilie und hält für seine 
eibeigenen ein Gefängnis mit den ausgesuchtesten 
Folterwerkzeugen. Das Recht zu strafen, ist unein- 
geschränkt. Das Reglement verbietet zwar, den Leib- 
eigenen zu töten, tatsächlich trug indes der Gutsbesitzer 
selbst für die Ermordung von Leibeigenen keinerlei 
gesetzliche Verantwortung. Dabei behielt der Leib- 
eigene noch volle Rechtsfähigkeit; er konnte sogar mit 
seinem Gutsbesitzer Geschäfte abschließen und selber 
Leibeigene kaufen. 
Zu Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt die Be- 
freiung des Adels vom Staatsdienst und damit seine 
Umwandlung in einen privilegierten Stand. Zu- 
nächst wurde der Adelsdienst vom Adelsgrundbesitz 
getrennt. Peter der Große hatte zwar die Adelsdienst- 
pflicht in vollem Maße aufrechterhalten und sogar 
noch verstärkt, indes hing von nun an der Besitz 
des ehemaligen -Staatsdienergrundstücks# (des ver- 
liehenen sowohl als des ererbten) nicht mehr vom 
Staatsdienste ab; durch die Verordnung von der 
e Unteilbarkeit des Adelsbesitzes= (1714) wurde dieser 
in volles Adelseigentum verwandelt. In ihrem 
Manifest vom 18. Februar 1762, der sogenannten 
"Schenkungsurkunde an den Adel-, befreit ihn dann 
Katharina II. endgültig vom obligatorischen Staats- 
dienst und gibt ihm dabei die Bestätigung, ja sogar 
eine Erweiterung aller seiner Besitzrechte. Folge- 
richtig verlangten sogleich die Leibeigenen ihr Land 
und ihre Freiheit zurück. Tatsächlich aber erkannte 
die Regierung von jezt an den privaten Charakter der 
Leibeigenschaft an. Daß sie die Leibeigenen nunmehr 
für privilegiertes Standeseigentum ansah, bewies sie 
durch eine ganze Reihe von Verordnungen, durch die 
der Bauer nach und nach jegliche Rechtsfähigkeit ein- 
439 
büßte; er verlor das Recht, sein Land zu verlassen 
und einem Gewerbe nachzugehen (1726), das Recht, 
Pachten und Lieferungen, Wechselverpflichtungen und 
Bürgschaften zu übernehmen (1731 und 1762). Den 
Adligen wurde dagegen das Recht, Leibeigene zu 
verkaufen (das schon im 17. Jahrhundert anerkannt 
war), endgülltig bestätigt (1747); sie erhielten die 
Erlaubnis, ihre Leibeigenen nach Sibirien zu ver- 
schicken (1760), und den Bauern wurde endgültig 
das Recht genommen, sich über die Gutsbesitzer zu 
beschweren (1764). Indem die Regierung so die Leib- 
eigenen in die volle Gewalt der Gutsbesitzer gibt, 
bleibt sie lediglich darauf bedacht, sich die restlose 
und pünktliche Entrichtung aller Abgaben zu sichern. 
Seit Peter dem Großen (1731 und 1762) macht 
sie die Gutsbesitzer verantwortlich für die regelrechte 
Steuerentrichtung ihrer Bauern und die Stellung 
von Rekruten und verpflichtet sie außerdem, im Falle 
von Hungersnöten für Ernährung der Bauern und 
für Saatgut zu sorgen. Wir wissen indes, wie leicht 
der Adel diese Verpflichtungen nahm, und wie macht- 
los sich demgegenüber die Regierung erwies. Bis 
zur Bauernbefreiung (1861) vermied sie es pein- 
lichst, sich irgendwie in die inneren Beziehungen des 
Gutsbesitzers zu den Leibeigenen einzumischen. Denn 
hier stieß sie auf den allerschärfsten Widerstand der 
Adligen. Sogar der Reformeifer Katharinas hatte 
hier seine eherne Grenze gefunden. Das geht so bis 
zur Bauernbefreiung und erleichtert hierbei dem 
Staat insofern ganz beträchtlich seine Aufgabe, als 
er nicht, wie das bei der Liquidierung der Hörigkeit 
in Westeuropa der Fall war, eine rechtliche Bestim- 
mung nach der andern über die Beziehungen zwischen 
Hörigen und Herren zu beseitigen hatte, vielmehr ein 
Federstrich genügte. die ganze Einrichtung zu Fall zu 
bringen. Sowohl Katharina II. wie Alexander I. 
und selbst Nikolaus I. waren zu der überzeugung ge- 
langt, daß keinerlei Verbesserung in der Lage der 
Leibeigenen möglich war, solange jene Unbestimmt- 
heit in den Beziehungen zwischen Adligen und Leib- 
eigenen bestehen blieb, die das eigentliche Wesen der 
Leibeigenschaft ausmachte, und woran kein russischer 
Lar zu rütteln wagte. Endgültige Befreiung der 
Bauern erschien demnach als das einzige Mittel. 
Alles drehte sich nur um die Frage, wieviel Land 
der befreite Leibeigene erhalten sollte. Hätte man ihm 
ar kein Land abzutreten brauchen, so wäre die 
Bauernbefreiung spielend leicht durchzusetzen gewesen. 
Der ganze Streit erschöpfte sich in einem Feilschen 
und Handeln um die Größe des Bauernlandes und 
den Preis, den der Bauer dafür zu entrichten habe. 
Schließlich mußte er im Norden, wo der russische 
Boden dürftig ist und der Leibeigene tatsächlich fern 
von ihm seinem Gewerbe nachging und demnach 
seinem Herrn eine rein persönliche Abgabe zahlte, das 
Land überzahlen, während er im Süden, wo der 
Boden sehr fruchtbar ist, viel zu wenig davon erhielt. 
Damit wurde der Grund gelegt für den Ruin des rus- 
sischen Bauernstandes, der dann zu einem völligen 
Umschwung in der Agrarpolitik der Negierung führen 
sollte. Auch hier erwies sich diese dem Adel gegen- 
über als zu schwach und zu kurzsichtig. Die eigent- 
lichen Beweggründe zur Bauernbefreiung 
waren (abgesehen von der sittlichen Empörung der 
eistigen Oberschicht Rußlands) rein praktischer Art. 
Einekseits war die Leibeigenschaft mit dem übertritt 
Rußlands in die Reihe der Getreide ausführenden 
Länder unvorteilhaft geworden (der Boden, der dem
        <pb n="526" />
        440 
Leibeigenen zum eigenen Unterhalt gegeben werden 
mußte, gab, wenigstens im Süden, höheren Ertrag 
als die normale Entlohnung freier Arbeiter ausge- 
macht hätte), anderseits hatten mit Ermordung von 
Gutsbesitzern verbundene Leibeigenenaufstände der- 
art überhandgenommen, daß die Regierung schließ- 
lich fürchten mußte, endgültig das Ruder aus der 
Hand zu verlieren. Alexander II. wiederholte nur 
den Gedanken Katharinas II., als er meinte, es sei 
doch besser, dies geschehe von oben als von unten 
gr. Der 19. Februar 1861 bedeutet denn auch den 
endepunkt in der inneren Politik Rußlands. Es 
wurden dabei alle unmittelbaren Beziehungen zwi- 
schen Gutsherrn und ehemaligen Leibeigenen ein für 
allemal beseitigt; der Staat streckte das Geld vor, 
mit dem die Adligen abgefunden wurden, und ver- 
pflichtete die befreiten Bauern zur Rückzahlung, wo- 
mit sie im Jahre 1931 fertig geworden wären, wenn 
ihnen nicht im Jahre 1907 endgültig alle weiteren 
Zahlungen erlassen worden wären. 
b) Dierussische Landgemeinde. Nächst der 
Leibeigenschaft drehte sich die zarische Agrarpolitik um 
die berühmte russische Landgemeinde (Mir= oder 
„Obschtschinac, wörtlich Gemeinschaft). Siestellt ihrem 
eigentlichen Wesen nach eine erzwungene Organisation 
dar, eine Steuerentrichtungsgemeinschaft, die ihre 
Mitglieder durch die gemeinschaftliche Verpflichtung 
bindet, die auf ihnen lastenden Aufgaben und Dienste 
voll zu entrichten, und die sich diese Pflichterfüllung 
dadurch sichert, daß sie die zu leistenden Dienste und 
Abgaben unter ihren Mitgliedern ihrer Zahlkraft ent- 
sprechend verteilt. Im Gegensatz zu Westeuropa war 
eben in Rußland die direkte Besteuerung früher ein- 
geführt worden, als sich eine Klasse ständiger Zahler 
gebildet hatte. Da indes das russische Staatswesen 
als solches noch viel zu primitiv war, um den ein- 
elnen Steuerzahler zu fassen, wurde der Boden als 
olcher besteuert, und zwar stets ein größeres Stück 
Boden, dessen Bewohner gemeinschaftlich für die auf 
ihm liegende Steuerlast aufkommen mußten. Da der 
Steuerverpflichtung entging, wer den Boden verließ, 
er dabei aber seine Steuerpflicht den auf seinem 
steuerbelegten Landteil Zurückbleibenden aufbürdete, 
kam es ganz von selber dazu, daß sämtliche Be- 
wohner eines steuerbelegten Bodenteils gewisse Ver- 
pflichtungen untereinander eingingen. So wurde die 
Steuerentrichtungsgemeinschaft zu einer wirtschaft- 
lichen Gemeinschaft, eben zur Landgemeinde, die sich 
charakterisiert durch periodische Umteilungen des gan- 
zen Gemeindelandes an die einzelnen Gemeindemit- 
lieder entsprechend der Seelenzahl der Familien. 
Vom Standpunkt der Steuerentrichtung aus ist na- 
türlich die ständige Anpassung der Zahlungen an die 
Zahlkraft des Zahlers — die durch eben diese perio- 
dischen Umteilungen der Landteile erzielt wird — 
die allervollendetste Form der Volksbesteuerung. 
Hierdurch erklärt sich die große Beliebtheit der Land- 
gemeinde bei der russischen Regierung bis in die aller- 
jüngste Zeit hinein. Im Laufe des 17. und 18. Jahr- 
hunderts und der ersten Hälfte des 19. bestrebt sie sich, 
diesen Brauch auch auf die freien Bauern der russi- 
schen Grenzländer im Norden und Süden auszu- 
dehnen, die zu diesem Zwecke überhaupt erst zu 
Kronbauern gemacht werden mußten. Das freie 
Eigentum vermochte eben nicht der Regierung die 
regelrechte Bezahlung der Abgaben zu gewährleisten; 
die Ländereien begannen sich in den Händen der 
reichen Bodenbesitzer zu mehren und denen der armen 
V. Recht und Volkswirtschaft 
zu entschlüpfen. Dies agrarpolitische System geht 
von der Grundidee aus, daß das Land in Rußland 
nicht den Bauern gehöre, vielmehr entweder dem 
Staate oder privaten Gutsbesitzern. Diese An. 
schauung wurde unhaltbar durch den übergang zum 
Loskauf der bäuerlichen Landteile nach der Bauern. 
befreiung. Dementsprechend enthielt sich die russische 
Agrarpolitik eine Zeitlang auch der geringsten staat- 
uhen Einmischung in die inneren Verhältnisse des 
Dorfes. Bereits in den achtziger Jahren des verflos. 
senen Jahrhunderts mehrten sehr deutliche An- 
geichen eines Zerfalls der Landgemeinde, und wie. 
erum traten alle die Erscheinungen auf, die bei den 
freien Bauern in den Grenzländern zur Einführung 
der Landgemeinde geführt hatten (Verproletarisierung 
eines beträchtlichen Teiles der Landbewohner). Dem- 
gegenüber ergriff die Regierung in den achtziger und 
neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts eine 
ganze Reihe von Maßregeln, um den Verkauf bäuer- 
lichen Eigentums zu hemmen und seine Nutznießung 
auf landgemeindlicher Grundlage zu fördern. Indes 
hatten sich die Zeiten allzusehr geändert. Offizielle 
Untersuchungen hatten ergeben, daß in den seit Auf- 
hebung der Leibeigenschaft verflossenen 40 Jahren die 
Bauern einfach ruiniert waren; die Größe des ein- 
gelnen Bodenteils war durchschnittlich auf die Hälfte 
es früheren gesunken, der bereits ungenügend ge- 
wesen war. Der Ertrag erreichte nur noch 88—62 
Proz. des früheren, der Viehbestand hatte sich noch 
mehr vermindert. Die Steuerrückstände hatten sich 
(seit 1870) um das Acht bis Zwanzigfache vermehrt. 
Die Grundursachen dieser übel glaubte man ge- 
funden zu haben in der veralteten Form der russi- 
schen Bodennutzung, d. h. in dem Bestehen der Land- 
gemeinde. Das Jahr 1906 brachte den jähen Wechsel 
in der russischen Agrarpolitik. Bis dahin hatte die Re- 
ierung die Landgemeinde geschützt und gehütet. Die 
Laup###itzet der russischen Agrarpolitik waren einer- 
seits Organisation der Auswanderung nach Sibirien 
und Landzuteilung unter Mitwirkung der Bauern- 
bank auf Kosten des sich rasch auflösenden adligen und 
steatlichen Bodenbesitzes, anderseits Abschaffung der 
opfsteuer, erbeun und schließlich völlige Be- 
seitigung der Ablösungszahlungen. Indes erwies 
sich der Vorrat an Staatsländereien als bei weitem 
nicht ausreichend. Die freiwilligen An- und Berkäufe 
der Bauernbank hatten lediglich zu einer Erhöhung 
der Bodenpreise im Interesse der adligen Bodenver- 
käufer geführt. Zudem zeigte es sich, daß zur Aus- 
wanderung durchaus nicht genügend freies Land vor- 
handen war. „Die Regierung, die in dem eben (1906) 
einsetzenden Kampf um den politischen Aufbau Ruß- 
lands die Bauern auf ihre Seite ziehen wollte, beab- 
sichtigte eine grobtrtee undgleichzeitige Umänderung 
in den Eigentumsverhältnissen an Grund und Boden 
bei weitgehender Geldhilfe von seiten des Staates.= 
Indes scheiterte dies Projekt am Widerstand des 
Adels. Der Urheber des Planes, Minister Kutler, 
wurde entlassen (1906). Die russische Agrarpolitik trat 
wiederum auf die Seite der Agrarier, hauptsächlich 
infolge der Agrarunruhen der Jahre 1906 und 1907, 
und seit in der ersten Duma die Vertreter der Bauern- 
schaft ganz offen gedroht hatten, sich alles Land- 
umsonst zu nehmen. Stolypins berühmtes Agrar- 
gesetz vom 9. November 1907, wohl die kühnste Agrar- 
reform in Europa seit Aufhebung der Leibeigenschaft, 
legte die Axt an die Landgemeinde: Hatte bereits 
jedes ihrer Mitglieder das Recht. sich seinen Boden
        <pb n="527" />
        Nötzel: Die russische Sozialpolitik 
in einem zusammenhängenden Grundstück aus dem 
Gemeindeland austeilen zu lassen, so erhielt es nun- 
mehr das Recht, sich die zur Zeit in seiner tatsächlichen 
Nutzung befindlichen Streuländereien ohne weiteres 
zum Privatbesitz festigen zu lassen (und sie auch an 
einen anderen Bauern zu verkaufen, wenn dieser auch 
zu einer fremden Gemeinde gehört). Landgemeinden, 
bei denen im Verlaufe von 24 Jahren keine allgemeine 
Umteilung mehr stattgefunden hatte, wurden für er- 
loschen erklärt, wenn auch in ihnen das übliche Zu- 
sammenwerfen und Austeilen der Abgabepflichten 
weiterbestand. Die Absicht der Regierung ist klar: sie 
will sich eine Stütze schaffen in einer rarten. am 
Privatbesitze kräftig interessierten Bauernschaft (da 
der Adel nun einmal unaufhaltsam seinem Unter- 
gang entgegengeht; seit Aufhebung der Leibeigen- 
schaft hat er bereits mehr als ein Drittel seines Bo- 
dens verloren). Ob das der russischen Regierung ge- 
lingen wird, dürfte zweiselhaft sein, ganz abgesehen 
davon, daß der Preis denn doch sehr hoch genannt 
werden muß; so erst entstand ja ein landloses Prole- 
tariat in Rußland. Denn selbstverständlich bringen 
Aufkäufer massenhaft russischen Bauernboden zu 
Schleuderpreisen an sich und verpachten ihn den Dorf- 
bauern, denen dieser Boden seiner Lage nach unent- 
behrlich ist, entweder zu ungeheuerlichen Preisen oder 
verkaufen ihnen denselben zum drei= bis vierfachen 
Preise zurück, wobei die Landgemeinden nicht die ge- 
ringste Kreditgewährung von seiten des Staates ge- 
nießen. Trotzdem scheintsich die russische Candgemeinde 
dort, wo sie seit alters her Wurzel faßte, zu halten, 
während sie da, wo sie erst kurze Zeit besteht, vornehm= 
lich da, wo sie von der russischen Regierung selber aus 
Steuergründen eingeführt wurde, in den nördlichen 
und südlichen Gernfländern, unaufhaltsam ausein- 
anderfällt. Aus der Unmengeder vorliegenden Ziffern 
läßt sich ein genaues Bild nicht gewinnen. Zweifellos 
wurde von Inkrafttreten des Gesetzes bis heute der 
Austritt aus der Landgemeinde durch Gouverneure 
und Kreisvorsteher auf jede Weise gefördertunderprett. 
Die Volksnot drängt auf denselben Weg der bäuer- 
lichen Landentäußerung. Die Zunahme des Lumpen- 
proletariats scheint bis jetzt zweifelloser als die Zu- 
nahme des Industrieproletariats. Der Bodenwucher 
blüht auf dem Lande, und die Dorfmächtigen ver- 
stlaven mehr als je die Dorfarmen. Alles in allem 
das Gegenteil eines sozialen Ausgleichs! Wir gehen 
wohl kaum Hen, wenn wir in den heillosen Zuständen 
auf dem russischen Dorfe, d. h. in dem Bestreben der 
russischen Regierung von ihnen abzulenken, eine der 
Hauptursachen des heutigen Weltkrieges erblicken. 
II. Die Sozialpolitik im engeren Sinne. 
a) Arbeiterpolitik. Viel neueren Datums als 
die russische Agrarpolitik ist die russische Sozialpolitik 
im engeren Sinne, d. h. die Politik im Hinblick auf 
die industriellen Arbeiter. Hier gelten indes genan 
dieselben Grundsätze wie für die russische Agrarpoli- 
tik schon insofern, als die Fabrikarbeiter immer noch 
einen sehr geringen Teil des russischen Proletariats 
ausmachen, und selbst von den gewerblichen Arbeitern 
immer noch im ursprünglichen russischen Gewerbe- 
betrieb, der Hausindustrie, zweieinhalb soviel beschäf.- 
tigt sind als in der Fabrik. Die russische Fabrik imeuro- 
päischen Sinn ist an sich schon eine Schöpfung des 
Zartums und lediglich aus Rüstungsbedürfnissen her- 
vorgegangen. Peter der Große brauchte Tuche, Waffen 
und Munition für seine Heere. Er befahl einer Anzahl 
441 
der reichsten Grundbesitzer, Fabriken zu gründen; als 
Arbeiter wurden ihnen Kronleibeigene, sog. Posses- 
sionsbauern, zugewiesen. Käufer wurden ihnen da- 
durch verschufst, daß man ihnen Monopole gab und 
die Einfuhr mit hohen Zöllen belegte. Trotzdem 
führte die russische Fabrik ein kümmerliches Dasein, 
bis Kathatina II. die Monopole nufhob und folgerich- 
tig das System des freien und inneren Wettbewerbs 
durchführte. An Stelle des staatlichen Zwanges trat 
das heute noch gültige Prinzip der staatlichen Unter- 
stützung. Weil die russische Industrie ausschließlich 
für #Dobedürfnise arbeitete — und hierbei natur- 
gemäß die persönlichen Beziehungen zur Krone eine 
große Rolle spielten, errichteten nunmehr die Adligen 
auf ihren Gütern Fabriken, in denen sie ihre Leib- 
eigenen beschäftigten. Diese Leibeigenenfabrik hält 
die Mitte zwischen der Possessionsbauernfabrik der 
Zeit Peters und der mit freien Arbeitern arbeiten- 
den Fabrik, die in den ersten Jahrzehnten des 19. 
Jahrhunderts entsteht, als endlich die russische In- 
dustrie anfing, für den Privatbedarf zu arbeiten, den 
bis dahin die ursprüngliche russische Gütererzeugungs- 
form, die russische Hausindustrie, gedeckt hatte. Erst 
1809 wurde den Tuchfabriken erlaubt, für private 
Abnahme zu arbeiten, und erst zehn Jahre später 
übersteigt das Angebot an Tuchen die Nachfrage der 
Regierung. Aus diesem Entwicklungsgang der rus- 
sischen Industrie erhellt bereits, daß die russische Re- 
ierung (wenigstens bis zur Aufhebung der Leibeigen- 
Hboft) keinerlei Arbeiterpolitik zu treiben brauchte, 
obwohl es auch schon vor der Bauernbefreiung Fa- 
briken mit freien Arbeitern gab, was sich früh schon 
als vorteilhafter erwiesen hatte als das Arbeiten mit 
Leibeigenen. Immerhin war die überwiegende Mehr- 
ahl aller Industriearbeiter Bauern, deren Grund- 
* nicht mehr zum Unterhalt der Familie ausreichte. 
und das blieb im großen und ganzen so bis in die 
allerletzte Zeit hinein; erst die erwähnte Agrarreform 
von 1907 schafft ein landloses Proletariat. Beim 
Eintritt in die Fabrik lassen die allermeisten Fabrik.- 
arbeiter Frau und Kinder auf dem Lande zurück, sen- 
den ihnen allmonatlich den größten Teil ihres Lohnes 
(in der Regel zwei Drittel) und kehren nur zu Weih- 
nachten und Ostern zu den Ihrigen auf wenige Tage 
und Wochen zurück, abgesehen davon, daß immer noch 
ein großer Teil der gesamten russischen Arbeiterschait 
zur Erntezeit auf 8—6 Wochen aufs Land ent- 
lassen wird. Eine russische Arbeitergesetz- 
gebung begegnet uns denn auch erst mehr als zwan- 
zig Jahre nach Aufhebung der Leibeigenschaft, als 
auf ausländischem Kredit und vielfach von Auslän- 
dern ins Leben gerufen, die private russische Groß- 
industrie aufkommt, vor allem dieder Textilbranche. die 
sogenannte Manufaktur, ein gemischter Betrieb größ- 
ten Stils: Spinnerei, Weberei, Färberei und Zeug- 
druck in einem. Damals galt es zunächst, den aller- 
schlimmsten Auswüchsen eines der Leibeigenschaft ent- 
stammten industriellen Herrentums zu steuern, weil 
amit das Bestehen der russischen Industrie von vorn- 
herein in Frage gestellt war. So beseitigte man das 
schamlos blühende Trucksystem: es wurde ein für 
allemal und in jeder Form verboten, die Arbeiter 
mit Waren statt mit Geld zu entlohnen. Alsdann 
mußte das Strafgeldersystem geregelt werden: es war 
bei den Fabrikanten die Praxis aufgekommen, sich an 
willklirlich und maßlos erteilten Geldstrafen zu be- 
reichern. Demgegenüber wurde bestimmt, daß die 
Strafgelder der Arbeiter in die Staatskasse zur Ver-
        <pb n="528" />
        442 
wendung für Wohltätigkeitszwecke fließen sollten, und 
zudem wurden Höchstmaße der Geldstrafen und Lohn- 
abzüge festgesetzt. Endlich galt es, der gewissenlosen 
Art zu steuern, mit der die aufkeimende russische In- 
dustrie von der industriellen Reservearmee Gebrauch 
machte, d. h. den Arbeiter vor willkürlichen und plötz- 
lichen Entlassungen zu schützen. So wurde die für 
beide Teile bindende 14tägige Kündigungsfrist für 
alle Arbeiter zum Gesetz erhoben. Endlich machten 
die in skandalöser Weise sich häufenden Unglücksfälle 
in der russischen Fabrik bis ins einzelne gehende 
Schutzvorschriften ebenso notwendig wie die viel an- 
gegriffene, für russische Verhältnisse indes kaum zu 
missende persönliche Haftung des obersten verantwort- 
lichen Betriebsleiters für Gesundheit und Leben aller 
im Betriebe beschäftigten Arbeiter. Erst verhältnis- 
mäßig spät, Ende der achtziger und zu Beginn der 
neunziger Jahre, setzt dann die gesetzliche Regelung der 
Arbeitszeit und die der Beschäftigung von Frauen und 
Minderjährigen ein. Heute ist die russische Arbeiter- 
schutzgesetzgedung zwar immer noch bedauerlich man- 
gelhaft (namentlich was Kinder= und Frauenarbeit 
betrifft), doch bleibt sie im großen und gansen nicht 
allzusehr hinter dem westeuropäischen Arbeiterschutz 
zurück. Sie ist indes um die Hälfte ihrer Wirkung 
betrogen, da ihre Durchführung im Geiste, nicht nach 
dem Buchstaben, immer wieder an dem Mangel der 
polizeilichen Fabrikaufsicht scheitert. Freilich * die 
russischen Fabrikinspektoren, vielfach aus liberalen, 
sogar oftmals sehr links--liberalen Idealisten gewählt 
(hier machte die zarische Regierung eines ihrer belieb- 
ten Zugeständnisse auf Kosten anderer), ihrer Sache 
mit Eifer und Unbestechlichkeit, wenn auch bisweilen 
in doktrinär- unternehmerfeindlicher Gesinnung er- 
geben. Indes entscheidet über die tatsächliche Durch- 
führung des Arbeiterschutzes schließlich dennoch die 
örtliche Polizei, die, namentlich auf dem Lande, völlig 
im Solde der Industriegewaltigen steht. Ganz im 
allgemeinen haftet der russischen Arbeiterpolitik der 
eigentliche Krebsschaden aller offiziellen russischen so- 
zialen Wirksamkeit deutlich und offenbar an; sie dient 
letzten Endes doch immer nur einem außerhalb ihrer 
selbst liegenden Ziele, dem nackten Selbsterhaltungs- 
interesse des despotischen Regiments. Nur von diesem 
Gesichtspunkt aus ist die Märtyrergeschichte der rus- 
sischen Arbeiterbewegung im europäischen Sinne, 
der Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung, 
zu verstehen; man fürchtet eben in ihnen lediglich 
Sammelstätten regierungsfeindlicher Propaganda. 
Sehr bezeichnend für den Geist dieser Politik bleibt 
der zu Beginn der 1890er Jahre von dem Moskauer 
Polizeimeister Subatoff unternommene Versuch, die 
Moskauer Fabrikarbeiter von sich aus zu einer frei- 
willigen Hilfstruppe der Moskauer Geheimpolizei zu 
organisieren. Mit einer Arbeiterversicherung im deut- 
schen Sinne wäre die russische Regierung wohl ein- 
verstanden. Bisher wollte sie nur nicht die Mittel 
dazu aufwenden. Zweifellos wird die Arbeiterver- 
sicherung in Rußland kommen. Sie wirdaber zweifel- 
los so gestaltet sein, daß sie der Regierung die Mög- 
lichkeit gibt, die Arbeiterschaft in ihrer Hand zu halten. 
Anders tut sie es sicherlich nicht. Von der russischen 
Arbeiterpolitil gilt. was für die russische Sozialpolitik 
im allgemeinen feststeht, sie berücksichtigt öffentliche 
übelstände nur so weit, als es Ruhe und Sicherheit der 
russischen Regierung verlangen, und wo sie regelnd 
in die Beziehungen der einander entgegenstehenden 
sozialen Schichten eingreift, da läßt sie 8 durchweg 
V. Recht und Volkswirtschaft 
leiten von den Forderungen ihres wirklichen oder ver- 
mutlichen Selbsterhaltungs-Interesses. Eine Sozial- 
politik im eigentlichen Sinne des Wortes, d. h. tat- 
sächlich in der Richtung der allgemeinen Wohlfahrt, 
erweist sich wohl mit einem despotischen Staatswesen 
an sich unvereinbar. 
b) Allgemeine Sozialpolitik. Was schließ- 
lich das große Gebiet der öffentlichen Wohl. 
fahrtseinrichtungen anbetrifft: Jugendfürsorge, 
Armenpflege, Gefängniswesen usw., so hat die ruf- 
sische Regierung auch darin von jeher ihre ganz be- 
stimmte Loltti verfolgt. Einerseits mußten alle diese 
Dinge, die wir längst zu den unabweisbaren Pflichten 
des Staates zählen, durchaus als freiwillige Leistung 
der Krone gelten (daher von alters her die großartigen 
kaiserlichen Wohltätigkeitsanstalten), anderseits soll. 
ten diese Gebiete dazu dienen, der Gesellschaft eine 
harmlose (trotzdem stets argwöhnisch überwachte) 
Mitarbeit am Gemeinwohl zu gewähren und sie so 
ihre sonstige Bevormundung vergessen zu lassen. In 
dieser Hinsicht leistet die Kirche unschätzbare Mithilfe. 
Immer noch gilt, was der russische Historiker Kliu- 
tschewsty über die Bedeutung der Wohltätigkeit im 
alten Rußland sagt: sie habe da als eines der Haupt- 
mittel gegolten zur sittlichen Erziehung des Bolkes, 
als ein der Kirche beigeordnetes, praktisches Institut 
ur öffentlichen Moral. Diese Anschauung von der 
kinderung sozialer Not als einer unmittelbaren Auf- 
gabe der persönlichen Wohltätigkeit ist heute noch sehr 
lebendig, selbst in der gebildeten russischen Gesellschaft. 
Wenn trotzdem die Ergebnisseihrer sozialen Hilfsarbeit 
so wenig dem hier in vorbildlicher Weise vorhandenen 
Opferwillen entsprechen, so liegt das an etwas an- 
derem, die Beziehungen zwischen der russischen Gesell- 
schaft und der russischen Regierung sind eben infolge 
unheilbaren gegenseitigen Mißtrauens durch und durch 
vergiftet. Daran krankt die ganze russische Sozial- 
politik. Soweit sich die Regierung in ihrer Verwirk- 
lichung auf gesellschaftliche Strömungen stützt oder 
esellschaftliche Hilfe heran zieht, also vor allem im 
ahmen der großen halbamtlichen Vereinigungen 
zur Bekämpfung sozialer übelstände, ergibt sich das 
nicht auszurottende Verhängnis, daß die Regierung 
die gesellschaftlihe Initiative aufs eifersüchtligste in 
Schranken hält und dazu noch jede derartige Ver- 
einigung mißbraucht, um für ihre Zwecke zu wirken, 
wohingegen die Gesellschaft ihrerseits die hier ge- 
botene Gelegenheit zum öffentlichen Wirken benutzt, 
um, an dem eigentlichen Zweck vorüber, ganz im all- 
gemeinen regierungsfeindliche Propaganda zu treiben 
im Sinne der elementaren politischen und sozialen 
Freiheiten. Das allein erklärt die bescheidenen Er- 
folge der unter gesellschaftlicher Mithilfe vor sich 
gehenden praktischen russischen Sozialpolitik — bei 
aller vorbildlichen schialen Opferbereitschaft der ge- 
bildeten russischen Gesellschaft. In einem despo- 
tischen Staatswesen scheint eben nicht die Möglichkeit 
gegeben zu sein zu einer rein sachlichen, hingebenden 
sozialen Tätigkeit der Gesellschaft. Vollends kann sie 
nicht mit der despotischen Regierung zusammen an der 
allgemeinen Wohlfahrt arbeiten. Das ist wohl das 
eigentliche Verhängnis der russischen Sozialpolitik. 
Literatur. Peter Miljukoff, Die Grundlagen der 
russischen Kultur, Band 1 (Bevolkerung, Staat, Gesellschan: 
deutsch, Münch. 1917); Karl Nötzel, Das heutige Ruß- 
land. Eine Einführung an der Hand von Tolstois Leden und 
Werken, Band I (2. Aufl., Münch. 1916); A. Tschuproff, 
Die Feldgemeinschaft (Abh. des staatswissenschaftl. Seminurs
        <pb n="529" />
        Dietz: Spionage 
zu Straßburg 1902); A. Simkhowitsch, Die Feldgemein- 
schaft in Rußland (Jena 1800, Sergei Prokopowitsch, ( 
Über die Bedingungen der industriellen Entwicklung Ruß- 
lands (Tüb. 1913); Karl Nötzel, Aus dem russischen In- 
dusmieleben ('Preuß. Jahrb.-, Bd. 160, Heft 2, 1915); 
Ders., Der russische Arbeiter und der Sozialismus (7Sozia- 
listische Monatshefte, Jahrg. 1916, Bd. 1); Ders., Hu- 
443 
manitätsbegriff und Rechtsbewußtsein im heutigen Rußland 
P Preuß. Jahrb.“, Bd. 141, Heft 2, 1910); Melnik, 
Russen Über Russen (Frankf. 1916); Th. Masarnk, Soze- 
logische Stizzen zur russischen Geschichts= und Religions= 
huosophie (Jena 1913); Karl Nötzel, Die Grundlagen 
es geistigen Rußlands. Versuch einer Pfychologie des rus- 
sischen Geisteslebens (das. 1917). 
Spionage 
von Kriegsgerichtsrat Heinrich Dietz in Rastatt, z. Zt. im Felde 
Die Bedentung und die Arten der Spionage. 
I. Wer Krieg führt. muß den Gegner kennen. Er 
kann nicht genug wissen von den feindlichen Kräften, 
ihrer Zusammensetzung und Verteilung, von militä- 
rischen Einrichtungen aller Art, Kriegsplan. Bewe- 
gungen u. dgl. Es ist ganz natürlich, daß die Völker 
schon in Friedenszeiten bestrebt sind, in die gegen- 
seitigen Wehrverhältnisse möglichst tiesen Einblick zu 
gewinnen, vor allem dann, wenn Reibungsflächen 
auf einen nahen Krieg hindeuten. Ein wichtiges Hilfs- 
mittel dazu ist die Spionage. Sie spielt heute, wo sie 
sich die Errungenschaften der Wissenschaft, besonders 
der Technik und des Verkehrs nutzbar macht, eine viel 
größere Rolle als früher. Sie ist völkerrechtlich nicht 
etwa verboten; das ergibt sich schon daraus, daß sich 
Satzungen des Völkerrechts mit dem Begriff der 
Kriegsspionage und der Behandlung der Spione 
befassen. Jeder Staat muß und wird aber bestrebt 
sein, die von anderen Staaten ausgehende Spionage- 
tätigkeit möglichst zu unterbinden. Der Beweggrund 
zur Spionage kann durchaus ehrenhaft sein; die 
Spionage durch bezahlte Agenten aber erscheint im 
anderem Licht. 1 
Die vermehrte Friedensspionage der neueren Zeit 
führte zur Verschärfung der Abwehrmittel. England 
begann kurz vor dem Kriege mit neuen, vielfach dra- 
konisch genannten Strafgesetzen. Das Deutsche Reich 
mußte folgen, wiesen doch auch die Verurteilungen 
wegen Spionage in ihren schwersten Erscheinungs- 
formen, Verrat und Ausspähung, in den Jahren 
vor dem Weltkriege deutlich darauf hin, daß sich das 
Netz feindlicher Spürtätigkeit immer mehr verdichtet 
hatte (1895 wurden 11, 1913 50 Personen verurteilt). 
Am 22. Juni 1914 trat das neue Gesetz gegen den 
Verrat militärischer Geheimnisse vom 3. Juni 1914, 
das sogenannte Spionagegesetz, in Kraft. 
Wir befassen uns hier jedoch nicht mit der Friedens- 
spionage, sondern mit der Kriegsspionage, d. h. 
der Spionage nach Ausbruch eines Krieges; für sie 
gelten besondere Rechtssatzungen. 
II. Die Lehre vom Verbrechen unterscheidet zahl- 
reiche Arten der Spionage. Die wichtigsten seien 
hier kurz genannt: 
a) Kopfspionage. Der Spion lernt die Nachrichten 
auswendig und übermittelt sie dem Auftraggeber. 
b) Schriftliche Spionage. Sie ist offen, wenn un- 
verschleierte, an sich also verständliche Mittei- 
lungen in versteckter Weise (z. B. in Gegenständen 
aller Art oder am Körper verborgen) hinaus- 
gehen. Sie ist verdeckt, wenn die Mittleilungen 
in scheinbar harmloser, unbefangener Form ge- 
halten sind (z. B. in Geschäftsanzeigen, in Brie- 
fen; der Schlüssel, der die geheime Mitteilung 
widergibt, ist verabredet). 
e) Zeitungsspionage, vgl. b); Zeitungen, die ins 
neutrale Ausland gehen, werden bevorzugt. 
d) Eisenbahnspionage. Rollende Wagen nehmen die 
verabredeten Zeichen (Striche, Dreiecke, Kreuze 
usw.) mit. Besonders raffiniert ist 
e) die Spionage mit polizeilicher Hilfe (der Spion 
läßt sich z. B. unter allerhand glaubwürdigen 
Vorwänden von der Polizei Räume anweisen, 
die sich für seine beobachtende Tätigkeit beson- 
ders eignen). 
Der echte Spion arbeitet nicht mit gefälschten Päs- 
sen und dergleichen. Seine Papiere sind — jeden- 
falls äußerlich — in tadelloser Ordnung. 
Begriff der Kriegsspionage. 
A. Altere Zeit. Das Bayerische Strafgesetzbuch 
vom 29. April 1869 beeichneie in Artikel 131 den als 
Spion, der, um den Feind zu begünstigen, heimlicher- 
weise den Zustand der Truppen, des Lagers, der Be- 
festigungen oder der Magazine, die Stärke, Stellun- 
en, Bewegungen oder Absichten der Armee oder 
aonsige Umstände, welche sich auf den Angriff oder 
die Verteidigung beziehen, zu erspähen sucht. Ein 
Rundschreiben des preußzischen Generalauditoriats 
vom 25. Juli 1870 hat diese Begriffsbestimmung 
übernommen. Das Reichsstrafgesepbuch vom 
15. Mai 1871 stellt in § 90 u. a. den unter Strafe, 
der dem Feinde Operations= oder Festungspläne 
mitteilt, dem Feind als Spion dient oder feindliche 
Spione aufnimmt, verbirgt oder ihnen Beistandleistet; 
vgl. § 91, wonach gegen Ausländer nach dem Kriegs- 
gebrauch (Begriff ß unter Franktireurwesen, S. 446) 
u verfahren ist. Ergänzend bestraft das Militär- 
Krafgesehbuch für das Reich § 58 (vgl. 8 160, 
161) Spionage und spionageähnliche Handlungen 
mit dem Tode (Näheres s. unten, Strafrecht). 
Mit dem Begriffe = Spion-, -Spionagee hat sich, 
vom älteren Bayerischen Militärstrafgesetzbuch abge- 
sehen, die innerstaatliche deutsche Strafgesetzgebun 
hiernach nicht befaßt. Der erste Versuch, den Veanr 
völkerrechtlich in Anlehnung an seine Gistaltunp in 
der Wissenschaft festzulegen, ist in der von Rußland 
veranlaßten Brüsseler Konferenz im Jahre 1874 ge- 
macht worden, die zum Mrunostein für die heutigen 
völkerrechtlichen Abmachungen auf dem Gebiete des 
Landkriegsrechts geworden ist, obwohl ihre Verein- 
barungen nie ratifiziert wurden. Die Bestimmungen 
der Artikel 19 — 22 der Brüsseler Deklaration über 
Spione erscheinen umgearbeitet in Artikel 29.—31 
der Anlage zum 1. Haager Abkommen über die Ge- 
setze und Gebräuche des Landkriegs vom 29. Juli 1899 
wieder und sind ohne besondere Abänderungen bei 
der 2. Haager Friedenskonferenz in Artikel 29 —31 
der dem neuen Abkommen vom 18. Oktober 1907 an- 
gefügten Anlage-Ordnung der Gesetze und Gebräuche 
des Landkriegs. (Landtricgsordnung) übernommen 
worden. Wegen der Gültigkeit dieses Abkommens im
        <pb n="530" />
        444 
jetzigen Kriege vergleiche man die Ausführungen un- 
ter Franktireurwesen (S. 446 ff.). 
B. Geltendes Recht. Völkerrechtliche Abkom- 
men, also hier die in ihnen getroffenen Bestimmun- 
et über Spionage, können nur im Verhältnis des 
eutschen Reiches zu den kriegführenden Staaten gel- 
ten, und sie gelten auch, weil die Landkriegsordnung 
ratifiziert ist; außerdem ist sie der Felddienstordnung 
vom 22. März 1908 Dienstvorschriften-Etat Nr. 267 
als Anhang II angefügt; damit ist, entsprechend der 
in Artikel 1 des Abkommens vom 18. Oktober 1907 
auferlegten Verpflichtung, das deutsche Heer zur Be- 
achtung der Abmachungen angewiesen. Innerstaat- 
liche deutsche Gesetze über Spionage bleiben von dieser 
völkerrechtlichen Regelung unberührt. Auch den Be- 
griff der Spionage kann jeder Staat für seine Bedülrf- 
nisse abweichend fassen. Das ist nach deutschem Recht 
in der Tat der Fall; vor allem ist nach ihm Spionage 
auch außerhalb des Operationsgebiets möglich (vgl. 
B. 1). Diese Verschiedenheit zwingt dazu, Spionage 
nach Bölkerrecht und Spionage nach deutschem Straf- 
recht zu unterscheiden. 
I. Geltendes Völkerrecht. Als Spion gilt 
nach Artikel 29, Abs. 1 der Landkriegsordnung, wer 
heimlich oder unter falschem Vorwand in 
dem Operationsgebiet eines Kriegführen- 
den Nachrichten einzieht oder einzuziehen 
sucht, in der Absicht, sie der Gegenpartei mit- 
zuteilen. Wesentlich für den Begriff des Kriegsspions 
nach Völkerrecht — gemeint ist der feindliche Spion, 
der Ausländer, der dem Gegner dient — find alle 
diese Merkmale. Der Kriegsspion wird nur auf dem 
Operationsgebiet tätig. Operationsgebiet be- 
deutet hier im wesentlichen dasselbe wie der unseren 
Strafsgesetzen geläufigere Begriff Kriegsschauplatz- 
(vgl. § 160 des Militärstrafgesetzbuchs), d. h. das Ge- 
biet, in dem sich tatsächlich der Krieg abspielt, wo Teile 
des Heeres kämpfen oder marschieren oder lagern; die 
Umgebung, die sie mit ihren Waffen, Patrouillen und 
Aufklärungstruppen beherrschen, ist eingeschlossen, 
ferner das Gebiet, auf dem sich die Sicherung und 
Versorgung des Heeres abspielen (Etappengebiet, ab- 
gegrenztes Generalgouvernement). Der Obersten 
Heeresleitung ist es unbenommen, ausdrücklich zu 
bestimmen, was Kriegsgebiet sein soll. Der außer- 
halb des Kriegsschauplatzes auf neutralem Gebiete 
tätige feindliche Spion bleibt straflos; des Spions im 
Inlande erwehrt sich das deutsche Strafrecht (§ 91 
Abs. 2 des Reichsstrafgesetzbuchs; s. unten, Strafrecht 
A., S. 445). 
Die Betätigung besteht im Einziehen von Nachrich- 
ten über militärische Angelegenheiten, die für den Geg- 
ner von Wert sein können, also im Auskundschaften. 
Von Erfolg braucht sie nicht zu sein. Durch das Unter- 
nehmen, den Versuch des Auskundschaftens, ist dieses 
Tatbestandsmerkmal verwirklicht. Doch muß diese Be- 
tätigung heimlich oder unter falschem Borwande vor- 
enonimen werden. Wer offen und ehrlich auskund- 
chaftet, z. B. der Soldat auf Patrouille, ist kein Spion. 
Um in dieser Hinsicht jeden Zweifel zu beseitigen, 
bestimmt Absatz 2 des Artikels 29 der Landkriegs- 
ordnung ausdrücklich: 
„Demgemäß sind Militärpersonen in Uniform, die 
in das Operationsgebiet des feindlichen Heeres einge- 
drungen sind, um sich Nachrichten zu verschaffen, nicht 
als Spione zu betrachten.= 
Hierzu sei bemerkt: Wer, um besser auszukund- 
schaften, die Uniform ablegt, hat die kriegsmäßige Be- 
V. Recht und Volkswirtschaft 
handlung (als Kriegsgefangener) verwirktz; ihn schutz 
nicht Artikel 24 der Landkriegsordnung, wonach 
Kriegslisten und die Anwendung der notwendigen 
Mittel, um sich Nachrichten über den Gegner und das 
Gelände zu verschaffen, erlaubt sind. Die Anlegung 
einer anderen militärischen Uniform des eigenen Heeres 
wird jedoch zu den erlaubten Kriegslisten gezählt. 
„Desgleichene fährt Art. 29 Abs. 2 der Landkriegs. 
ordnung fort. gelten nicht als Spione Militär- 
personen und Nichtmilitärpersonen, die den ihnen er- 
teilten Auftrag, Mitteilungen an ihr eigenes oder an 
das feindliche Heer zu überbringen, offen ausführen. 
Dahin gehören ebenfalls Personen, die in Luftschiffen 
befördert werden, um Mitteilungen zu überbringen 
oder um überhaupt Verbindungen zwischen den ver- 
schiedenen Teilen eines Heeres oder eines Gebietes 
aufrechtzuerhalten.= 
In diesen Fällen fehlt das Merkmal Einziehen 
von Nachrichtene, im ersteren auch das Merkmal der 
Heimlichkeit. Ob nicht solche Personen, besonders 
Nichtmilitärs, die Nachrichten übermitteln, zwar nicht 
wegen Spionage, aber doch wegen Kriegsverrats (ogl. 
8 58 Ziffer 8. 160 des Militärstrafgesetzbuchs) haftbar 
z machen sind, ist besonders zu fragen. Die Land- 
riegsordnung scheint sie durch den Auftrag als ge- 
deckt unzusehen. Jedenfalls bleibt aber zu prüfen, ob 
sie rechtmäßig handeln, vor allem, ob sie zu den Krieg- 
führenden gehören. Zu den Personen, die auftrags- 
emäß dem Gegner Mitteilungen Überbringen, ge- 
gort der mit einer weißen Fahne erscheinende Parla- 
mentär. Er ist völkerrechtlich durch Artikel 32—34 
der Landkriegsordnung besonders geschützt, solange er 
seine Stellung nicht mißbraucht. 
Auch der den Luftschiffern zugesagte Schutz ist 
nicht unbedingt. Daß auch Lafeschlfer Spione nbein 
können, ist nicht zu bestreiten. Das Merkmal der 
Heimlichkeit und der Täuschung wird freilich selten 
u bejahen sein. An sich haben Luftschiffer in Uni- 
sorm die Vermutung für sich, daß sie regelrecht Krieg 
führen. Bei Personen in bürgerlicher Kleidung sind 
ähnliche Erwägungen wie die vorstehenden anzustel- 
len. Wenn nicht als Spione, so können sie unter Um- 
ständen doch als Kriegsverräter zu haften haben. 
Selbstverständlich genügt, wie überall im Strafrecht. 
nicht der bloße Verdacht strafwürdigen Berhaltens. 
II. Geltendes deutsches Recht. Wie schon oben 
bemerkt ist, fehlt es leider an einer besonderen gesetz- 
lichen Begriffsbestimmung der Spionage. Es kann 
jedoch unbedenklich die ältere, im Bayerischen Militär- 
strafgesetzbuch (s. oben, A., S. 443) wurzelnde, Über- 
nommen werden. Sie erfordert ein vorsätzliches Han- 
deln des Täters nach Kriegsausbruch, das — bei ande- 
rer Wortsaflun — dieselben Merkmale wie Artikel 29. 
Abs. 1 der Landkriegsordnung aufweist und das Ziel 
hat, das Erkundete zum Nachteil der deutschen Wehr- 
macht dem Feinde mitzuteilen. — nur mit der Ad- 
weichung, daß die Tat nicht auf dem Kriegsschauplatz 
(Operationsgebie begangen sein muß. In der Wifsen- 
schaft wird das Merkmal des heimlichen Handelns 
vereinzelt nicht verlangt. Doch ist daran festzuhalten; 
es entfericht der herkömmlichen Auffassung von dem 
Wesen der Tat; nur so ist auch eine einigermaßen zu- 
verlässige Ubgrenzung vom rechtmäßigen Kundschaf- 
terdienst der Militärpersonen zu gewinnen, der sich 
allerdings auch nicht immer offen vollzieden wird (vgl. 
Kriegslisten nach Artikel 24 der Landkriegsordnung). 
Die Erläuterung des Begriffes Spion in Artikel 
29 Abs. 2 ist aber nicht ohne weiteres zu übernehmen.
        <pb n="531" />
        Dietz: Spionage 
Strafrecht. 
Der Verschiedenheit des völkerrechtlichen und inner- 
staatlichen Begriffs der Kriegsspionage enißricht die 
teiweise verschiedene strafrechtliche Behandlung des 
Spions. 
A. Nach deutschem Strafgesetzbuch ist die Spionage 
eine Unterart des Landesverrats. Der Täter kann 
ein Ausländer oder ein Deutscher sein. Nach § 90 
Ziffer 4 und 5 in Verbindung mit 8 89 daselbst be- 
steht die Strafe in lebenslänglichem Zuchthaus, bei 
mildernden Umständen in Festungshaft nicht unter 
5 Jahren (neben Festungshaft sind gewisse Ehren- 
strafen zulässig). Das gilt zunächst allgemein für 
Deutsche; es gilt auch für Ausländer, wenn sie Spio- 
nage begehen, während sie sich unter dem Schutze 
des Deutschen Reiches oder eines Bundesstaates inner- 
halb des Bundesgebiets aufhalten (§ 91 Abs. 2), im 
übrigen ist (nach § 91 Abs. 1) gegen sie -nach dem 
Kriegsgebrauche= (Näheres s. unten) zu verfahren. 
Diese verhältnismäßig milden Strafbestimmungen 
treten jedoch regelmäßig gegen verschärfte zurück: 
Nach § 4 des Einführungsgesetzes #m Reichsstraf- 
gesetzbuch ist dem Spion, soweit die Tat im Kriegs- 
zustandsgebiet begangen ist, die Todesstrafe an- 
edroht. Ann war das ganze Deutsche Reich seit 
Kriegebeginn in Kriegs-(Belagerungs-) Zustand er- 
klärt (Kaiserliche Verordaung. vom 31. Juli 1914, 
Reichsgesetzblatt. Seite 263, Bayerische Verordnung 
vom 31. Juli 1914, Bayerisches Gesetz= und Ver- 
ordnungsblatt. Seite 327). Es griffen also diese 
schärferen Bestimmungen Platz, außer in den Fällen, 
in denen dem Täter die Erklärung des Kriegszu- 
standes nicht bekannt war (tatsächlicher Irrtum). 
Der von Personen des deutschen Soldatenstandes, 
Militärbeamten, Angehörigen des Heerestrosses, 
Kriegsgefangenen begangene Landesverrat. also auch 
Spionage, ist an sich nach den Vorschriften des Reichs- 
strafgesetzbuchs zu bestrafen (§ 56 des Militärstraf- 
ese#tzbuchs in Verbindung mit 8 153, 155— 158). 
Ver Landesverrat im Felde wird aber unter Ver- 
schärfung der Strafdrohung zum Kriegsverrat er- 
klärt (§ 57 daselbst). Der Begriff »im Felde= ergibt 
sich aus § 9 des Militärstrafgesetzbuchs. Dieses Gesetz 
enthält besondere Vorschriften für Handlungen, die 
im Felde begangen sind, sog. Kriegsgesetze. Nachdem 
durch Reichsgesetz vom 25. April 1917 (Reichsgesetz- 
blatt, S. 381) § 9 Ziffer 2 abgeändert worden ist, 
gelten die Kriegsgesetze des Militärstrafgesetzbuchs und 
entsprechend der Begriff im Feldee nicht mehr im gan- 
zen Deutschen Reiche, vielmehr regelmäßig nur im 
Operations= und im Etappengebiet und im Meeres- 
und Küstengebiet (Näheres s. Allerhöchste Kabinetts- 
order vom 8. Mai 1917, Armeeverordnungsblatt 
1917, S. 283; vgl. S. 284, 393 f.; Bayerische Aller- 
höchste Entschließung vom 14. Juni 1917, Verord- 
nungsblatt des Bayerischen Kriegsministeriums, S. 
7190). Es gilt ferner als Kriegsverräter und wird 
mit dem Tode bestraft, soweit nicht minder schwere 
Fälle vorliegen, wer mit dem Vorsatz, einer feind- 
lichen Macht Vorschub zu leisten oder den deutschen 
oder verbündeten Truppen Nachteil zuzufügen, eine 
der im §8 90 des Reichsstrafgesetzbuchs bezeichneten 
Handlungen — die Spionage fällt darunter — be- 
eht (§ 58 Abs. 1 Ziffer 1 des Militärstrafgesetzbuchs). 
eiter ergänzend greift § 160 des Militärstrafgesetz- 
buchs ein. Danach trifft den Spion — Ausländer 
oder Deutscher, also auch Nichtmilitär — der auf dem 
445 
Kriegsschauplatz die Tat verübt, die Strafe des 
Kriegsverrats nach § 58 a. a. O., also regelmäßig die 
Todesstrafe. Hier ist an die Ausführungen oben (B.1, 
S. 444) anzuknüpfen, wonach der Begriff Opera- 
tionsgebiet im Sinne des Artikels 29 der Landkriegs- 
ordnung mit dem Begriff Kriegs chaupla Heusammen. 
fällt. Wenn ausnahmsweise besetztes Gebiet nicht 
als Kriegsschauplatz zu gelten hätte, so greift noch 
§ 161 des Militärstrafgesetzbuchs ein. 
Ergänzend ist zu bemerken: 
Bei feindlichen Spionen auf dem Kriegsschauplatz 
— auch auf deutschem — ist die Erläuterung des Be- 
griffs Spion in Artikel 29 Abs. 2 der Landkriegsord- 
nung bindend (vgl. jedoch unten, B.). 
Deutsche Spione, die im Ausland, jedoch nicht auf 
dem Kriegsschauplatze, tätig waren, können nach § 4 
Abs. 2 seer 2 des Reichsstrafgesetzbuchs verfolgt 
werden, feindliche Spione in gleicher Lage aber nicht. 
B. Strafaufhebunggrund. Nach Artikel 31 
der Landkriegsordnung ist ein Spion, der zu dem 
Heere, dem er angehört, zurückgekehrt ist und später 
vom Feinde gefangengenommen wird, als Kriegs- 
gefangener zu behandeln und kann für früher began- 
gene Spionage nicht verantwortlich gemacht werden. 
Dieser außergewöhnliche Strafaufhebungsgrund 
für Spione, die zu ihrem Heere zurückgekehrt sind, 
wird auf einen althergebrachten Kriegsgebrauch zu- 
rückzuführen sein. Nur dem feindlichen Militär- 
spion, der auf dem Kriegsschauplatze tätig war, also 
einem Heeresangehörigen im engeren Sinne, kommt 
diese Straffreiheit zugute, allerdings auch dann, 
wenn er verkleidet ausgespäht hat. Das ist aus der 
Fassung der Vorschrift zu entnehmen; es widerspräche 
auch der militärischen Auffassung, den nicht beamteten 
Zivilspion, der regelmäßig aus Gewinnsucht handelt, 
straffrei zu lassen, wie auch nicht angenommen werden 
kann, daß dies jemals Kriegsgebrauch gewesen sei. 
Gegen den feindlichen Militärspion, der ergriffen 
wird, bevor er zu seinem Heere zurückgekehrt ist, ist 
die Todesstrafe zulässig. Es ist nicht notwendig, wie 
vereinzelt aus § 58 Abs. 1 Ziffer 1 des Militärstraf= 
gesetzbuchs, 8 89, 90 Ziffer 5 des Reichsstrafgesetzbuchs 
geichlossen wird, daß durch sein Handeln ein wirklicher 
kachteil für die deutsche Kriegsmacht entstanden sei. 
Es genügt — entsprechend der Fassung des Artikels 
31 der Landkriegsordnung — das Unternehmen der 
Spionage; dem entspricht die zweite Kaiserliche Ver- 
ordnung vom 28. Dezember 1899 über das kriegs- 
rechtliche Verfahren gegen Ausländer usw., wo in 82 
bestimmt ist, daß beim Einmarsch in feindliches Ge- 
biet in einer Proklamation des Oberbefehlshabers 
ausdrücklich ausgesprochen werden solle, es habe die 
Todesstrafe verwirkt. -wer es unternehme, der 
seindlichen Macht Vorschub zu leisten oder den deut- 
schen oder verbündeten Truppen Nachteil zuzufügene. 
Daß die Spionage darunter fällt, ist außer Zweisel. 
C. Gerichtsbarkeit und Verfahren. Die 
Spionage auf dem Kriegsschauplatz oder im besetzten 
Gebiete fällt nach § 5 Ziffer 4 der Militärstrafgesetz- 
ordnung für das Reich vom 1. Dezember 1899 unter 
die Militärgerichtsbarkeit, ganz allgemein auch Spio- 
nagehandlungen der aktiven Militärpersonen und der 
ihnen in bezug auf die Gerichtsbarkeit gleichgestellten 
Personengruppen (§ I1ff. der Pällitärstrafgelehord= 
nung). Die Fälle, in denen die bürgerliche Gerichts- 
barkeit für Kriegsspionage zuständig wird, dürften 
selten sein (vgl. z. B. § 4 Abs. 2 Ziffer 2 des Reichs- 
strafgesetzbuchs), häusiger dagegen wird die Spionage
        <pb n="532" />
        446 
der Inländer von den außerordentlichen Kricgs- 
gerichten, die auf Grund des preußischen Gesetzes über 
den Belagerungszustand vom 4. Juni 1851 (vgl. 
§ 10) und des Bayerischen Gesetzes über den Kriegs- 
zustand vom 5. November 1912 (vgl. Artikel 6) in 
einzelnen Gebietsteilen des Reiches eingerichtet sind, 
abgeurteilt werden. Militärgerichtlich gilt eine Be- 
sonderheit für den feindlichen Spion. 
Nach § 91 des Reichsstrafgesetzbuchs ist gegen den 
ausländischen Landesverräter nach Kriegsgebrauch 
zu verfahren. Der Ausdruck weist auf die unmittel- 
bare rein militärische Gegenwirkung durch Tötung 
(Erschießen) des Landesverräters (ohne gerichtliches 
Verfahren) hin. Dieser Kriegsgebrauch gegen Lan- 
desverräter, die Ausländer sind, besteht noch heute; 
seine Anwendung ist durch die zweite Kaiserliche Ver- 
ordnung vom 28. Dezember 1899 über das kriegs- 
rechtliche Verfahren gegen Ausländer für das deutsche 
Heer sicher gestellt; er bezieht sich auf Fälle des Ergrei- 
fens auf frischer Tat (8 2, 18). Er träfe an sich auch 
feindliche Spione, da diese unter die Kriegsverräter 
zählen. Nun bestimmt aber Artikel 30 der Landkriegs- 
ordnung: Der auf frischer Tat ertappte Spion kann 
nicht ohne vorausgegangenes Urteil bestraft werden. 
Durch diese Bestimmung ist die sofortige Tötung des 
feindlichen Spions im Operationsgebiet ausgeschlossen. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
Dem trägt auch die erwähnte zweite Kaiserliche Ver- 
ordnung vom 28. Dezember 1899 in Verbindung mit 
der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 29. Juni 1916 
(Armeeverordnungsblatt, S. 271) Rechnung. Da- 
nach ist grundsänlichin solchen Fällen das außerordent- 
liche kriegsrechtliche Verfahren gegen Ausländer (ver- 
einfacht gegenüber dem ordentlichen Verfahren nach 
der Militärstrafgerichtsordnung) durchzuführen, das 
in besonders dringlichen Fällen im Rahmen genauer 
Anordnungen noch weiter vereinfacht werden darf(§18 
Abs. 2, a— der zweiten Kaiserlichen Verordnung). 
Literatur. G. Friedemann, Die Rechtslage der 
Kriegskundschafter und Kriegsspione (Greifswalder Disfer- 
tation 1892); A. Adler, Die Spionage. Eine völkerrechtliche 
Studie (Mardurng 1906); Fuchs, Das Spionageverbrechen 
(Würzburger Dissertation 1912); Conrad, Kmicgsspionage 
((Deuische Strafrechtszeitung-, Berl. 1914, S. 545—552); 
Grünwald, Das Luftschiff in völker= und strafrechtlicher 
Beziehung (Hannov. 1910): Alex. Meyer, Die Luftschiff- 
fahrt in kriegsrechtlicher Beleuchtung (Frankf. a. M. 1912/ 
Giese und Rissom in Dietz, Handwörterbuch des Milt- 
tärrechts (Rastatt 1912) und Taschenbuch des Militärrechte 
für Kriegszeiten (3. Aufl., das. 1915); Chr. Meurer, Das 
Kriegsrecht der Haager Konferenz (Münch. 1907); F. Stier= 
Somlo, Handbuch des Völkerrechts (in Einzelbeiträgen, 
Stuttg., keit 1912); Th. Niemeyer und K. Strupp, Johr- 
buch des Völkerrechts (Münch., seit 1913). Weitere Schrij- 
ten s. am Schluß des Beitrages = Franktireurwesen (S. 449). 
Franhkhtlireurwesen 
von Kriegsgerichtsrat Heinrich Dietz in Rastatt, z. Zt. im Felde 
I. Geschichtliches, Begriff. 
: Franktireurer sind nach des Wortes Bedeutung 
freiwillige Schützen, die an der Verteidigung des Va- 
terlandes teilnehmen. Die Bildung von Freikorps, 
Freischaren in früheren Kriegen ist bekannt. Auch 
während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 
wurden auf französischer Seite Korps von Freiwilli- 
gen gebildet; sie wurden dem Heere angegliedert. 
Daneben traten aber vielerorts Einzelpersonen oder 
kleinere Gruppen auf, die ohne Anschluß an das Heer 
oder an Heeresteile auf eigene Faust Krieg führten 
und dem Gegner im kleinen, meist aus dem Hinter- 
halt oder in besetzten Dörfern, Abbruch taten. Sie 
traten bald ohne irgendwelche Abzeichen auf (Land- 
leute in der blauen Bluse), bald mit roten Schnüren am 
Armel, die leicht entfernt werden konnten und, wenn 
ihnen Strafe drohte, entfernt wurden. An dieses völ- 
kerrechtswidrige Auftreten knüpft der Ausdruck= Frank- 
tireure# (auch Kriegsrebellene genannt) an und hat 
damit seinen üblen Beigeschmackgewonnen (vgl. II. B.). 
Gegen solche Franktireure wurde in erster Linie 
nach Kriegsgebrauch verfahren; sie wurden nach Wei- 
sung des befehligenden Offiziers beim Betreten auf 
frischer Tat erschossen oder — um auf die Haltung 
der Bevölkerung schärfer einzuwirken — an Bäumen 
der Landstraße aufgehängt. Die deutsche Heereslei- 
tung verlangte auf Grund des Völkerrechts, daß außer- 
halb des Heeres stehende mitkämpfende Personen, wenn 
sie als kriegführend gelten wollten, folgende Bedin- 
gungen zu erfüllen hätten: Eintragung (nachweis- 
barc) in die Listen eines organisierten Korps, Kennt- 
lichmachung durchgleichförmige militärische Abzeichen, 
die von der Ausrüstung untrennbar und dem unbe- 
waffneten Auge auf Gewehrschußweite sichtbar sind. 
Unter den völkerrechtswidrigen Handlungen, die 
dieser Weltkrieg in erschreckendem Maße gebracht hat, 
steht das Franktireurwesen nicht an letzter Stelle. Es 
trat in einem Umfang auf wie nie zuvor. Diese Tat- 
sache wird einmal dadurch verschärft, daß heute ganz 
klare Bestimmungen darilber bestehen, wer als krieg- 
führend zu gelten und daher Anspruch auf kriegs- 
mäßige Behandlung als Gefangener hat (s. unten, II.), 
ferner dadurch. daß sich trogz dieser völkerrechtlichen Re · 
gelung feindliche Staaten nicht gescheut haben, offen 
oder heimlich das Franktireurwesen zu begünstigen 
Verantwortlichkeit, s. unten, III.). Die empörenden 
orgänge in Belgien sind in aller Erinnerung (in 
Löwen, Mecheln, Dinant und andern Orten). Franzö- 
sische und englische Zeitungen forderten offen zu dieser 
Art der Bekämpfung des Gegners auf. An die Land- 
wehr wurden von der Regierung Waffen verteilt, die 
leicht zu verstecken waren; dann wurde die Landwehr 
heimgeschickt. Maschinengewehre gab man an die Bür 
ger ab. Die Mannschaften erhielten bürgerliche Klei- 
dung, um sie in den Tornistern mitzuführen, damit sie 
sich nötigenfalls als einfache Bürger ausgeben konnten. 
II. Geltendes BVölkerrecht. 
A. Es ist von der -Ordnung der Gesetze und Ge- 
bräuche des Landkriegs-, kurz Landkriegsordnung 
(LKO.) genannt, auszugehen, die dem Abkommen der 
2. Haager Friedenskonferenz betr. Gesetze und Ge- 
bräuche des Landkriegs vom 18. Oktoder 1907 als 
Anlage beigegeben ist (vom Deutschen Reich, mit Vor- 
behalt zu Artikel 44, ratifiziert, im RGBl. 1910. S. 
107, veröffentlicht). Dieses Abkommen ist nach seiner 
Ratifikation für die Beziehungen zwischen den Ver- 
tragsmächten an die Stelle des gleichartigen Abkom- 
mens der 1. Haager Friedenskonferenz vom 29. Juli 
1899 (RGBl. 1901, S.42 ff.) getreten. Ob in diesem 
Kriege formell die neuere oder die ältere LK. zu
        <pb n="533" />
        Dietz, Franktireurwesen 
gelten hat, ist zweifelhaft. Nach Artikel 2 des Abkom- 
mens von 1907 ist die LKO. nur zwischen den Ver- 
tragschließenden anzuwenden und nur dann, wenn 
die Kriegführenden sämtlich Vertragsparteien sind. 
Nach Artikel 4 desselben Abkommens bleibt für die 
Beziehungen zwischen den Mächten, die das ältere 
Abkommen unterzeichnet, das neuere aber nicht glei- 
chermaßen ratifiziert haben, das ältere Abkommen in 
Kraft. Nun haben einige der zahlreichen kriegführen- 
den Staaten (Montenegro, Serbien, teilweise die 
Türkei) das neuere Abkommen nicht ratifiziert. Doch 
scheint kein Staat daraus rechtliche Folgerungen ziehen 
zu wollen, so daß die tatsächliche Beachtung des Ab- 
kommens von 1907 gesichert erscheint. Für die Rechts- 
lage der Franktireure ist übrigens die Frage, welches 
der Abkommen als gültig anzusehen ist, von keiner 
großen Bedeutung; denn in der Begriffsbestimmung 
des -Kriegführenden verschärft die neuere LKO. die 
Vorschriften der älteren LK O. nur in einem Punkte 
(Artikel 2 beider LKO.). 
Nach der LKO. von 1907 werden als kriegführend 
in dem Sinne, daß die Gesetze, die Rechte und Pflich- 
ten des Krieges für sie geiten sollen, außer demeigent- 
lichen Heere auch die Milizen und Freiwilligen- 
korps und die Bevölkerung eines noch nicht 
besetzten Gebietes anerkannt, wenn sie gewisse 
Bedingungen erfüllen: 
1. Freiwilligenkorp's (Artikel 1 der LKO., auch 
der älteren) müssen 
a) einen für seine Untergebenen verantwortlichen 
Befehlshaber an der Spitze haben, 
b ein bestimmtes, aus der Ferne erkennbares 
Abzeichen tragen. 
e) die Waffen offen führen, 
d) bei ihren Unternehmungen die Gesetze und 
Gebräuche des Krieges beobachten. 
Es sind hiernach nur organisierte Freiwilligen- 
korps anerkannt (a und b). Das Ahzeichen darf nicht 
auf beliebigen Wechsel eingerichtet sein, wenn der Be- 
griff-Tragen= erfüllt sein soll. Der einzelne An- 
ehörige solcher Korps muß sich über seine Zugehörig- 
eit ausweisen können. 
2. Die Bevölkerung eines nicht besetzten 
Gebietes (Artikel 2 der LKO.) wird als krieg- 
führend anerkannt: 
a) wenn sie beim Herannahen des Feindes aus 
eigenem Antrieb zu den Waffen greift, um 
die eindringenden Truppen zu belämpfen, 
ohne Zeit gehabt zu haben, sich zu organisieren 
(vgl. Artikel 1 a und b); 
b) wenn sie die Waffen offen führt (dieses Er- 
fordernis fehlt in dem sonst entsprechenden 
rtikel 2 der LK O. vom Jahre 1899) und 
e) wenn sie die Gesetze und Gebräuche des Krieges 
beobachtet. 
Die in diesem Kriege hervorgetretene Neigung un- 
serer Gegner, die ganze Bevölkerung, selbst besetzter 
Gebietsteile, zu Kampfhandlungen gegen das deutsche 
Heer aufzureizen (s. oben, I. am Schlusse), ruft die 
Erinnerung an den lebhaften Meinungsstreit wach, 
der bei der Beratung der LKO. im Haag über diese 
Frage entbrannt war. Der damalige Vertreter Bel- 
giens, Staatsminister Beernaert, verlangte im Inter- 
esse der kleineren Staaten, daß die schrankenlose Teil- 
nahme der ganzen Bevölkerung des nicht besetzten 
Gebietes am Kampfe für zulässig erklärt werde. Es 
widersprach vor allem der deutsche Vertreter, Oberst 
v. Schwarzhof; er erklärte die Teilnahme der Ein- 
447 
wohner des angegriffenen Gebietes ohne die vor— 
gesebenen — und auch nachher angenommenen — 
eschränkungen für unannehmbar. In der Tat sind 
auch diese Saatrünkanen (2b undc) derartig milde, 
daß sich jeder verständliche Trieb des Widerstandes 
genügend frei betätigen kann. 
Das Völkerrecht ist, wenn es die Bevölkerung des 
nicht besetzten Gebietes unter den bezeichneten Bedin- 
ungen (Z2a — c) als kriegführend anerkennt, schon 
ehr weit gegangen. Es ist selbstverständlich, daß 
scharf zu prüfen ist, obim Einzelfalle die Bedingungen 
auch alle erfüllt sind. Ist beispielsweise ein feindlicher 
Ort nach Vertreibung des Gegners, wenn auch nur 
auf dem Durchmarsch, betreten. so handelt es sich um 
besegtes feindliches Gebiet, in dem der Widerstand 
der Bevölkerung nicht mehr gestattet ist. Die Bedin- 
ung, daß die Bevölkerung keine Zeit gehabt zu 
guoch braucht, sich zu organisieren (1a und b in Ver- 
bindung mit 23), wird unter den heutigen Verkehrs- 
verhältnissen unter Kulturstaaten überhaupt kaum 
noch gegeben sein können. 
B. Durch die Ausführungen unter II. A. wird das 
Franktireurwesen als eine den Gesetzen und Gebräu- 
chen des Krieges widersprechende eigenmächtige Krieg- 
führunge einzelner oder der Bevölkerung gekennzeichnet. 
Die Fälle, in denen es auftritt, können ganz verschie- 
den geartet sein. Als Franktireure im übelsten Sinne 
erscheinen die Landeseinwohner, die im besetzten Ge- 
biete ohne Zusammenhang mit dem kriegführenden 
Heere und ohne militärische Abzeichen (oder mit solchen. 
die sie bei Gefahr entfernen) aus Häusern und Ver- 
stecken schießen oder einzelne schwache Abteilungen 
des Gegners oder gar Verwundete überfallen, ver- 
stümmeln und töten. Zahlreiche Fälle sind alsfrank- 
tireurähnliche zu bezeichnen und zu behandeln. 
Daß die Teilnahme von Frauen an Kriegshand- 
lungen vom heutigen Völkerrecht ohne weiteres als 
Franktireurart gebrandmarkt sei (ein außerdeutsches 
Blatt hat es behauptet), trifft nicht zu. Sie sind von 
der geordneten Kriegführung nicht ausgeschlossen. 
Daß nur Männer Krieg führen dürfen, ist nicht be- 
stimmt, weder in Art. 1 noch in Art. 2 (vgl. das Wort 
Bevölkerunge) der LKO. Soweit das Heer (NArt. 1) 
Krieg führt, wird freilich an der äußeren Erkennbar- 
keit des Soldaten durch die Uniform als der Voraus- 
setzung für die Zugehörigkeit zum Heere festzuhalten 
sein. Doch sind Ausnahmen denkbar. In Serbien 
haben verein zelt Frauen in der Schützenlinie mit- 
gekämpft. Man hat sie, weil sie erkennbar sich dem 
Heere angeschlossen hatten, als kriegführend behandelt. 
Jedenfalks läßt sich aber sonst weder in den einzelnen 
noch in der nicht organisierten Masse. die bald die 
Waffe führt, bald die friedliche Bevölkerung darstellt, 
die vollends gar, was die Regel sein wird, auch sonst 
in der Art der Kriegführung die überkommenen Ge- 
bräuche mißachtet, ein Feind sehen, der völkerrechtlichen 
Schutz verdient. Beachtenswert hierzu sind die Worte 
des Generalfeldmarschalls Grafen Moltke: 
*Kein auswendig gelernter Paragraph wird den 
Soldaten überzeugen, daß er in der nicht organisier- 
ten Bevölkerung, welche spontanement (also aus eige- 
nem Antrieb) die Waffen ergreift und durch welche 
er bei Tag und bei Nacht nicht einen Augenblick sei- 
nes Lebens sicher ist, nicht einen regelrechten Feind 
zu erblicken hatt.= 
1 Brief an IJ. K. Bluntschli zu dessen Handbuch ? Die Gesere 
des Krieges zu Lander, 12 zu S. 43.
        <pb n="534" />
        148 
III. Abwehrmaßregeln. 
A. Maßregeln unmittelbar gegen Frankti- 
reure. 
Einen Anspruch darauf, wie ein ehrlicher Soldat 
als Kriegsgefangener behandelt zu werden, hat der 
Franktireur nicht. Er wird entweder nach Kriegs- 
gebrauch behandelt oder nach Kriegsgebrauch und be- 
sonderen strafgesetzlichen Vorschriften bestraft. 
1) Verfahren nach Kriegsgebrauch. Der 
kriegsmäßigen Behandlung sind nur Ausländer, nicht 
Angehörige des Reiches unterworfen. Der auf dem 
Kriegsschauplatz (dieser umfaßt auch das besetzte Ge. 
biet im Kriege) auf frischer Tat betroffene Franktireur 
wird (soweit er nicht schon durch reine Kampfhand- 
lungen unschädlich gemacht ist) auf Anordnung des 
befehligenden Offiziers nach Kriegsgebrauch behandelt, 
d. h. er wird erschossen (unter Umständen auch ausge- 
hängt). Er gilt als auf frischer Tat betroffen-, wenn 
er unter Umständen ergriffen wird, die nicht nur einen 
Verdacht begründen, sondern den Tatbestand des Ver- 
brechens ohne weiteres klar erlennen lassen (vgl. die 
zweite Kaiserliche Verordnung vom 28.Dez. 1899 Über 
as kriegsrechtliche Verfahren gegen Ausländer usw., 
8 18; in ihrer Neufassung enthalten in Dietz,-Militär- 
rechtspflege im Kriege-, Sammlungvon Kriegsgesetzen, 
Verordnungen usw., 1917, Nr. 26). Wenn, wie es ver- 
einzelt, besonders im Osten, gelbt worden ist, diesem 
Kriegsgebrauche eine Art abgekürzten gerichtlichen Ver- 
fahrens (Anhörung von mehreren Soldaten, Schuld- 
spruch. schriftliche Aufzeichnung des Falles) voraufgeht, 
so wird dadurch an dem Wesen der reinen Kriegshand- 
lung nichts geändert. Notwendigist das voraufgehende 
Urteil nicht (anders beim Spion, s. S. 446). Das so- 
fortige Erschießen ist fester allgemeiner völkerrechtlicher 
Grundsatz und. was betont sein soll, auch preußisch- 
deutscher Kriegsgebrauch. Vgl. auch § 91 RStGB. 
2) Bestrosung nach Kriegsgebrauch. Der 
nicht nach Kriegsgebrauch behandelte Franktireur kann 
in dem abgekürztien, durch die zweite Kaiserliche Berord- 
nung vom 28. Dezember 1899 näher geregelten feld- 
gerichtlichen Verfahren gegen Ausländer nach Kriegs- 
gebrauch bestraft= werden. über die Zulässigkeit einer 
derartigen Verurteilung nach Kriegsgebrauch, also 
ohne Anwendung bestimmter materieller Strafgesetze, 
berrschten während des Krieges noch lange Zweifel. 
Doch hat sich die Strafe »nach Kriegsgebrauch= durch- 
gesetzt. Die Begründung muß das Wesen des Kriegs- 
gebrauchs und gleichzeitig Wesen und Inhalt der ober- 
sten Befehlsgewalt des Kaisers klarlegen. Der Begriff 
des Kriegsgebrauchs ist wandelbar. Erumfaßteinmal 
die Grundregeln des Bölkerrechts, die bei der Kriegfüh- 
rung zu beachten sind. vor allem die unter gesitteten 
Völkern bestehenden Gebräuche, wie sie sich aus den For- 
derungen der Menschlichkeit und des öffentlichen Ge- 
wissens ergeben (vgl. Einleitung zum Haager Abkom- 
men), sonach Beschränkungen in der Kriegführung. 
Er umfaßt aber notwendig auch die Befugnisse, die 
von der Militärgewalt kraft ungeschriebenen Völker- 
rechts beansprucht werden müssen, wenn der Kriegs- 
zweck, Wahrung der eigenen Machtstellung und Nie- 
derzwingung des Gegners, erreicht werden soll. Dazu 
gehören auch die materiellen Normen, nach denen 
gegen feindliche Ausländer eingeschritten werden soll. 
Ihr Inhalt wird nach eigenem Kriegobedürfnis be- 
stimmt. Die Befehlsgewalt des Kaisirs im Kriege: 
1 Reichsverfassung Artikel 68 Mbf. 1, Artikel 64 Abs. 1; für 
Bayern s. Versailler Vertrag vom 23. Nov. 1870, III #l5 Adf. 1. 
V. Recht und Volkswirtschaft 
ist unbeschränkt. Aus dem Imperium fließt nicht nur 
die vollziehende, sondern auch die gesetzgebende Gewalt 
gegenüber dem unterworfenen Feind. Durch Befehl 
des obersten Kriegsherrn ist nun die Anwendung des 
Kriegsgebräuchs neben dem Gesegz ausdrücklich vor- 
eschrieben worden; vgl. den § 18 der erwähnten zwei- 
en Kaiserlichen Verordnung vom 28. Dezember 1899 
und § 2 daselbst: = die Anwendung der nach den 
Gesetzen, nach dem Kriegsgebrauch oder infolge 
besonderer Verordnungen der dazu ermächtigten Be- 
fehlshaber verwirkten Strafen erfolgt. ferner: 
daß alle nicht zu den Truppen gehörende Personen, 
einschließlich der Zivilbeamten der feindlichen Regie- 
rung, die Todesstrafe verwirkt haben, wenn sie es 
unternehmen, der feindlichen Macht Vorschub zu lei- 
sten oder den deutschen oder verbündeten Truppen 
Nachteil zuzufügen .«. 
Sonahhtt der Kriegsgebrauchnicht nurreine Kriegs- 
handlung (über die Prozedur s. III. A. 1), er ist auch 
zu einer materiell-strafrechtlichen Quelle erhoben, die 
gleichberechtigt neben dem Gesetze steht, ja dem Gesetze 
vorgeht, wenn der Kriegszweck und die Sicherheit des 
Heeres es erfordern. 
Die Strafe nach Kriegsgebrauch gegen den Frank- 
tireur wird grundsätzlich die Todesstrafe sein. 
3) Bestrafung nach den Gesetzen. Außer Be- 
strafung des Franktireurs nach Kriegsgebrauch ist 
Strafe wegen Mordes (vgl. RStGB. 8 4 Absatz 2 
Ziffer 3) und wegen Kriegsverrats nach MSte##. 
g 160, 58, bes. Ziffer 8 (betrifft den Kriegsschauplatz), 
ferner nach MStGB. 8#161 (betrifft besetztes Gebiet, 
das jedoch regelmäßig als Keiegsschauplat gelten 
wird) denkbar. Auch durch besondere Verordnungen 
der vom Kaiser ermächtigten Militärbefehlshaber 
können materiell-strafrechtliche Normen geschaffen 
werden, unter die Handlungen der Franktireure oder 
franktireurähnliche Handlungen fallen. (Verfahren 
auch hier nach der zweiten Kaiserlichen Verordnung 
vom 28. Dezember 1899; Verordnungsrecht: § 3, 
Ziffer 2 daselbst, Allerhöchste Kabinektsorder vom 22. 
November 1916, dazu zahlreiche ergänzende Erlasset. 
B. Maßregeln gegen den feindlichen Staat 
alssolchen. 
Zur Frage der Verantwortlichkeit einer Kriegs- 
partei für Handlungen der Franktireure können her- 
angezogen werden 
ltrtikel 3 des Haager Abkommens, wonach eine 
Kriegspartei für alle Handlungen verantwortlich ist. 
die von den zu ihrer bewaffneten Macht gehörenden 
Personen begangen werden (bezüglich der Frank- 
tireure läßt sich einwenden, daß diese nicht zur be- 
waffneten Macht zählen und daß die Vertragsstaaten 
auf ein Eingreifen zu ihren Gunsten von vornherein 
verzichtet haben); 
Artikel 22 der LKO. gibt den Kriegführenden kein 
unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schä- 
digung des Feindes; 
Artikel 23 der LKO. untersagt unter anderem die 
meuchlerische Tötung von Angehörigen des feindlichen 
Volkes oder Heeres. 
Soweit Franktireure aus eigener Entschließung 
unbeeinflußt von verantwortlichen Stellen der eigenen 
oder verbündeten Regierungen handeln, wird sich 
auch aus Artikel 22 und 23 deren Verantwortlichkeit 
1 Enthalten in Dietz, = Militärrechtapflege im Krieges, II. und 
XII. Abschnitt (Nastatt 1917).
        <pb n="535" />
        Dietz: Franktireurwesen 
nicht ableiten lassen. Wohl aber ist sie ohne weiteres 
festzustellen, wenn Regierungen der feindlichen Staa- 
ten offen oder heimlich zum Kriegsrebellentum an- 
reizen oder es in irgendeiner Weise, sei es auch nur 
durch Duldung begünstigen. Im Grunde hdigt 
der feindliche Staat damit auch sein eigenes Volk; 
denn daß unter der Abwehr auch Unschuldige mitlei- 
den mülssen, liegt auf der Hand. Die Begünstigun 
von Franktireurhandlungen in diesem Kriege hurc 
unsere Feinde (s. oben, I.) kann nicht verwundern sie 
haben ja alle mühsam zus ammengetragenen Bausteine 
des Völkerrechts umgeworfen oder erschüttert. Die 
deutsche Regierung hat wiederholt anläßlich der völ- 
kerrechtswidrig begünstigten Teilnahme belgischer, 
französischer und russischer Bevölkerung an Kampf- 
hanblungen- heimtückischen Uberfällen und Grausam- 
eiten an Wehrlosen die feindlichen Regierungen ver- 
warnt und scharfe Gegenmaßnahmen angedroht. Doch 
scheinen sich diese mehr in der unter C. angedeuteten, 
den Einzelfällen angepaßten Richtung bewegt zu haben. 
C. Maßregeln gegen Gemeinden. 
Nach Artikel 50 der LKO. darf keine Strafe in Geld 
oder anderer Art über eine ganze Bevölkerung wegen 
der Handlungen einzelner verhängt werden. für welche 
die Bevölkerung nicht als mitverantwortlich angesehen 
werden kann. 
Bei Franktireurhandlungen innerhalb oder in der 
Nähe von Gemeinden besteht gar kein Anlaß, den 
Begriff der Verantwortlichkeit enge auszulegen. Eine 
Gemeindepolizei, die ernsthaft die Gemeinde und ihre 
Angehörigen möglichst vor Schaden bewahren will, 
wird derartigen völkerrechtswidrigen Ausschreitungen 
regelmäßig vorzubeugen wissen (durch Belehrung der 
449 
Bevölkerung. strenge Verwarnungen. polizeiliche Siche- 
rungsmaßnahmen u. dgl.). Die Mitverantwortlich- 
keit wird auch durch Verbergen oder Verheimlichen 
der Täter, durch Unterlassung der Anzeige geplanter 
Verbrechen, Nichtbefolgung der vom besegeuen Heere 
angeordneten Sicherungsmaßnahmen oder ihre un- 
genügende Ausführung begründet. 
Die Abwehrmaßnahmen derdurch Franktireurhand- 
lungen betroffenen Kriegspartei werden sich nach den 
allgemeinen und örtlichen militärischen Bedürfnissen 
zu richten haben. Anstifter und Begünstiger haften 
wie die Täter selbst. Geldbußen sind regelmäßig als 
Strafen aufzufassen. Vorbeugemaßnahmen sind völ- 
kerrechtlich unbeschränkt. Von Abwehr= und Sicher- 
heitsmaßnahmen seien genannt: Die Zerstörung von 
Häusern und Ortschaften, Geiselnahme (sie trifft vor 
allem die angesehenen, einflußreichen Bürger Ent- 
fernung der Einwohner aus ihren Gemeinden, deren 
Bewachung an gesichertem Orte oder überführung in 
Schutzhaft, Abführung nach dem Inland. Diese 
militärpolizeilichen Maßnahmen gehen von den höhe- 
ren Kommandoführern kraft der ihnen über die feind- 
lichen Untertanen zustehenden Gewalt aus. Vgl. § 19 
der zweiten Kaiserlichen Verordnung vom 28. Dezem- 
er 1899. 
Literatur. F. v. Liszt, Das Völkerrecht (Berl. 1915); 
A. Zorn, ## zu Lande (das. 1906); K. Endres, 
Völkerrechtliche Grundsätze der Kriegführung (das. 1009); C. 
Rissom in Diegz, Taschenbuch des Militärrechts für Kriegs- 
eiten (3. Aufl., Anl. VII, Kastatt 1915); Dambitsch, 
ranktireurs (2 Deutsche Varssienzeitung-, Berl. 1914, S. 
1096); Friedmann, Kommandogewalt, Kriegsgebrauch u. 
Strafgewalt (als Manuskript gedruckt in St. Quentin 1915); 
A. Romen und C. Rissom, MStGB. (2.Aufl., Berl. 1916). 
Bgl. auch die Lieraturangaben zu Art. Spionage-, S. 446. 
Der Krieg 19146/17. U.
        <pb n="536" />
        S#bkehrschein 401. 
Ablaincourt 218. 
Absolutismus (England) 40. 
Abwehrmaßregeln (gegen Franktireure 
Adamellogruppe 99. 102. (447 ff. 
Adelsverein, deutscher 13. 
Adria 118. 129. 257. 
Adriagebiete 37. 
Adrianopel 64. 79f. 
— (englische Kolonien) 44f. 
i 
*mrm.- ####- 118. 127. 129. 
Agram 25. 
prargeset, russisches 440 f. 
Agrarpolitik, russische 438 ff. 
Agrarwirtschaft, russische 427 ff. 
Agypten 63. 65. 126. 387. 
äba 134. 
Klandsfrage 86. 
Mandsinseln 108. 256 
Albanien 60. 122f. 
Algerien 120. 
Alldeutsche 
Alldeutscher — ’“ 5. 
All India Moslem 
Alpen (als Kriegsschaupla x "n. 
rbrtPl beutsches 227 fl . 
Altissimo 103. 
Alto Adige 36. 
Ampezzotal 104. 
Anatolien 133. 
Ancona 122. 257. 
Ancre 213. 215. 219ff. 
Andrangskurve (Arbeitsmarkt) 390. 
Andrangsziffer, Jastrowsche 389 f. 
Angehbrige (von Mobilisierten) 407. 
— (neutraler Staaten) 413. 
Angestelltenausschüsse 401. 
Anrivari 179. 
Antwerpen 4. 
Appam, britischer Dampfer 260. 
Arabien 63f. 65. 
Arabisches Meer 63. 
Arabische Sprache 67. 
Aras-#fu (Araxes) 137. 
Arbeiterausschüsse 401. 
Arbeitergese gebung. Flch 441 f. 
Arbeiterpolilik, russische 44 
Arbeiter= und Eushuchertan. gW. 399. 
Arbeitslosenunterstützung Zaff. 
Arbeitslosenzissern 304. 
Arbeitslosigkeit 390 f. 393f. 
Arbeitsmarkt (und Arbeitsnachweis) 
Arbeitsmarktanzeiger 388. 388f. 
Arbeitsnachweise 388 ff. 409. 
Arbeitsvermittlung 409. 
Ardanutsch 137. 
Arges 232f. 
Armenien 65. 136f. 
Armenier 68. 
Armierung (Festungs-) 291f. 
achnen Stra- Straußenbura, österr.= ungar. 
eneral 
Aseptil — 
Register. 
M#uith 7. 
Astacher Platean 103. 
Asthetismus 377. 
7*“t 123. 
Aufmarf bene Iung. We. 
usent, f. - 
chwitz S#n 28. 31. 
Außenhandel, englischer 436f. 
Ausspäherdienst, englischer 341. 
Anustralien 46 f. 
Autonome Länderverwaltung (Öster- 
reich-Ungarn) 24. 
amtonomich nationale 321. 
Ltenomieforderung (für Werschtiroh 
anss ur Walb von 195. 
Baba Ludowa, s. Ludowa. 
—— 138 . 
Baghdabbahn 63. 
balance of power 173. 
Balkan 76. 
Balkankomitee 78. 
Balkankriege 1912—13: 69. 78fr. 
Balkanprobleme 57 f. 
Balkanzug 179. 
Balten 387. 
Baltische Lande 3. 
Baltischport 111. 256. 
Balujeff, rusfsischer General 199. 
„Bande Mataram 48. 
Braume 6 Kreuzer 245. 
ralong, britischer — 
Baranowitschi 208ff. 
Barcelona 120. 
Barleux 214 f. 
Bara v 
Batocki, v tscher Staatsmann 182. 
Bauchverwundungen 304. 
Bauernbefreiung (in Rußlanb) 430f. 
Bauernbund, deutscher 5. 
Baumwolle 125. 351. 435. 
Bayerisch-Tirol 38. 
Bazentin-Le-Petit 216. 
Beatty, engl. Admiral 192. 250. 255. 
Befestigungsbauten 289ff. 
Befestigungsgruppen 289f. 
Befreiungskrieg (Friedensschlüsse) 96. 
Beirut 125. 
Beleuchtungsmittel 274. 279. 
Belfort 4. (385. 414. 
Belgien 4. 7. 75. 168 f. 316. 326. 334f. 
Belloy 215. 
Below, Otto v., General 220. 
Beltsee 106f. 
Benedikt XV. 365ff. 
Rengalen 44. 48. 
Bereczker-Gebirge 141. 
Berichterstaner 383. 
Berlin - Baghdad-Programm 75. 
Beschäftigtenziffern 391. 
Leschlagnahme 40. 
Beßarabien 83. 
Bethincourt 198. 
Beutesammelstellen 263. 
Blaches 214 . 
Bill of righie 41. 
Binmenkarst 101. 
Birkenhead 244. 
Biserte 126f. 
Bismarck, Mirk 13. o3f. 
Biftrißatal 141. 
Bitolja, s. Monastir. 
Boddenküsfte 109. 
Bodzapaß 141. 
Böhmen 22. 
Bojaren 82. 
Böne 126f. 
Bora 101. 130. 
Bosnien 25. 59f. 
Bosporus 56. 61f. 
Botha, General 44f. 
Bottnischer Mee 107 f. 111. 114. 
Bouchavesnes 219 
Soloc 246. 
Brila 235. 
Brandtal, s. Brentatal. 88. 
Bratianu, rumän. Mini 
Hermen., deutscher Kleiner Krenzer 
Sn, Brentatal 103. 205. 
Briand, franz. Staatsmann 174. 
Briefrar (der Euglänber) 337. 
Briey 196. 
Brindist 118. 122. 
Britisch-Ostafrika 45. 362 
— -Südafrika 45. 362 
— Westafrika 45. 
— Weseindien 46. 
British War Mission 343. 
Brotgetreide 352. 
Brückenbau 275ff. 
Brückentrains 273. 
Brussilow, rusf. General 181. 206. 
Buchenstein 104. 
Butarest 232. 247 a 
— Friede von 58f. 143. 
Bukowina 28. 210. 
Bulair 133. 
Bulgaren 77. 
Bulgarien 123. 221. 340. 
Balkanprobleme 58f. 61. 
Bevölkerung 77. 
Geschichte 77 ff. 
Kriegeliteratur 383. 
Kriegsschauplatz 143. 
Kultur 321. 
Mitteleuropäisch-türk. Block 74 f. 
Verfassung 77. 
*88 der Iwuzriiellen 5. 
— der Landwirte 5. 
— deutscher Frauenwereine 348. 
Buntbücher 380. 
Burenbewegung 1914: 4f. 
Hürferliches ghrhkuch ( .) 405 f. 
urian v. Rajecz, österreichisch= umgar. 
Staatsmann 193. * 
Burzenland 140. 
Buzen 234.
        <pb n="537" />
        Caillette- Walb 198. 
Camp des Romains 196. 
oant 
Cap 212. 
Capelle, v., Admiral 180. 
Carbonari (ital. Geheimgesellchafth 36. 
Carol, König von Rumänien 83 
Cartagena 120. 
Cattaro 122. 258. 
Cetinje 179. 
Ceuta 126. 
Charakter (und Kultur der Krieg- 
renden) 815fff. 
lnes 218. 
iesetal 102. 
ina 91 ff. 179. 364. 
kruree (Kriegs-) 300 f. 
arünnig PfF Wr Minister- 
präsident 30 
CTer# 219. 
Col di Lana 203. 
Combles 219. 
Combres 196. 
Condino 102. 
Confirmatio Chartarum 
Conta, v., deutscher — 210f. 
Contalmalson 216. 
Copadin 223. 
Corriere della Sera 334. 
Cötes Lorraines 196f. 
Craiova 232. 
Cristallo, Monte 104. 
Crompton, Leutnant z. See 248. 
Csiker = Gebirge 141. 
Cumieères = Wald 195. 
Curia regis 40. 
Cypern 65. 119. 125. 
Czernin, Kras, österr.= ungar. Staats- 
mann 193. 
Czernowitz 183. 
Dalmatien 38. 
Dänemark 87. 386f. 
Danzig 110. 
Darschellen lt. 118. 131 ff. 258f. 
Dardanos 131 
Darowo 209. 
Deal 244. 
Decken, Freiherr Klaus von der 13. 
Dede Ugatsch 60. 123. 148. 
Delbillest Wand 217. 
s vom 8. Jull 1915 (Kriegs- 
ziele 
— zum Unterseebootkrieg 8. 150ff. 
Depeschenraub (der Engländer) 337. 
Depressionsgebiete, politische 325. 
Derestowatahbhen 211. 
Deutsche (in Galtzien) 16 
Deutsche Erziehung 354 ff. 
— Kolonialgesellschaft 10. 14. 
— Organisation (im r* 350 ff. 
Deutscher Bauernbund 5 
— Bund 22. 
— — gegen die Frauenemanzipation 
— Flottenverein 10. (346. 
— Orden 54. 
Deutschland: 
Balkanprobleme 61. 
riedensangebot 164ff. 
olonialpolitik 12 ff. 
Kriegsliteratur 381ff. 
Kultur 316ff. 
Mitteleuropäisch-türk. Block 74. 76. 
Notenaustausch mit den Vereinigten 
Staaten 151 
ff. 
Schutzrechte, gewerbliche 416ff. 
Register 
-eutschland., Unterseehandelsschiff 
Dleenaonaler Fausschuß für einen 
ehrenvollen Frieden 
Deutsch -Neuguinea |# " 
— „Olwfrit 14 ff. 45. 147 f. 361. 
— — 14ff. 45. 147. 
361 f. 364. 
". 
Deusschlch schweizerische Gesellschaft 85. 
private 406ff. 
Dktaturor#granh h 18. 
Dimitrijeff, bulgarischer General 79. 
Doberdo, goczere von 105. 
Dobritsch 142. 221. 
Dobrudscha 58. 80. 83. 123f. 142fs. 
221 ff. 232. 
Dodekannes 65. 69 
Dokumente (zum Kriegsverlauf) 150 fl 
Dolomiten, Südtiroler 100. 
Dolomitenstraße 104. 
Donau 62. 124. 234. 
Donau= Armee, deutsche 230. 232ff. 
Donaukommission 81. 
Douaumont 194. 197f. 
Dover 244f. 
Dreizehn Gemeinden, s. Trebici Tom- 
muni. 
Drei Zimen 104 
Dryswjath - See 201. 
27½ , s. Heiliger Krieg. 
Dum umgescho e 306. 
Dünamünde Hoe. 14. 256. 
Duntirchen 244. 
Durazzo 180. 257. 
Durchschüsse 301. 
Eichhorn, v., General 200f. 
Erberusingtaussc#m 401. 
Einheitswerk 
Ei enbahndirettonen (Militär-) 297f. 
Eisenbahnen 266. 294 ff. 435. 
Eisenbahnsperren 278f. 
Eisenbahnwesen 263 
Eisenerz 350. 
El Ari 656 134. (253. 
„ Elbing, deutscher Kleiner Kreuzer 
Elfer Kogel 104. 
El Kantära 134. 
Elsaß 16 f. 
Franzosentum 19f. 
Französierung 18. 
Geschichte 17f. 
Parrikularismus 20f. 
Verfassung 18. 
Verwaltung, deutsche 18f. 
Wirtschaftsleben 19. 
Emanzipation (der Frauen) 344 . 
England: 
Vallanprobleme 57. 
delsstellung 430 ff. 
apan, Bündnis mit 90. 
Kampfmetboden 335 f. 
Kolonialreich im Kriege 42 fl. 
Kriegsliteratur 384. 
Kriegsziele 326f. 
Kultur 316 f. 
Ostasienpolitik 90. 
Presse 330 f. 
Schutzrechte, gewerbliche 415. 
Verfassungs= und Verwaltungs- 
geschichte 40 fl. 
shalinis zur Türkei 63f. 
Voltzwirtsahat 423ff. 
Entschädigungsgesetze 420. 
Enver Pascha, türk. Staatsmann 69. 
Epirus (Nord-) 123. 
451 
Erkenntinistheorie 312f. 
Ernährungskommissar 353. 
Erotismus 377. 
Erzerum 137. 129. 
Erzeugungsserderung 353. 
Erziehungswesen, deutsches 354. 356f. 
Erzinghian 137. 
Estland 3. 
Etappenwesen 261ff. 
Ethik 314. 
Euph 
Evangelische Mission 361ff. 
Ewert, russi 7 General 181. 
Exotismus 3 77. 
Fabeck, v., General 193 
lenhayn, v., General 227 ff. 282. 
allwinde 130. 
alzaregopaß 104. 
anarioten 82. 
assatal 104. 
tfeuerwafssen 285 f. 
ldbahnen 267. 299. 
ldpostdienst 263. 
ldtelegraphie 263. 
luniform 294. 
obosia 124. 
rdinand, König von Bulgarien 
— König von Rumänien 84. 
2— 246. 
örderbahnen (Etappenwesen) 267. 
rositische Geschlechter 37. 38. 
oureaux-Wald 216. 
rankfurter Frieden 95. 
— Nationalversammlung 39. 
Frankreich 4. 325. 327. 
Balkanprobleme 57. 
Kriegsliteratur 384 . 
Kultur 315f. 
resse 332f. 
3 ewerbliche 415. 
Shercchee ast 425 ff. 
ranktireurwesen 43 (191. 
ranz Joseph I. 6aiser von OÖsterreich 
——“—“. Französierung (Elsaß) 
nsib be (und der Krieg) 344 fl. 
rauenbewegung 345 f. 349. 
rauenemanzipation 348. 
rauenfrage 344. 348. 349. 
:Frauenlob, deutscher Kleiner Kreu- 
zer 252. 
rauenwertstätten (1848) 402. 
iheit der Meere 5. 6. 173f. 336. 
ilofel 105. 
rimurer 325. 
reiwilligemkorke 4. 
remdvölker (. beneliternn 387.
        <pb n="538" />
        452 
Friebensangebot der Mittelmächte 164. 
Ablehnung durch die Entente-Staa- 
ten 167ff. 
Aufruse Kaiser Wilhelms 165. 168. 
Note der Entente an die Bereinigten 
Staaten 170 ff. 
— der Bereinigten Staaten an 
Deutschland 165 f. 
Noten der Mittelmächte an den Papft 
und die Neutralen 165. 168 ff. 366. 
Parlamentsreden, feindliche 174fl. 
Wilsons Bosschaft an den amerika- 
nischen Kongreß 172ff. 
Friedensverhandlungen (und Frie- 
beneschlüsse) 93 ff. 
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Bran- 
denburg 12f. 
— — Prinz von Hessen 222. 
Hunchal 248. 
or#susciti 38; vgl. Forositische Ge- 
schlechter. 
Gelich: Keus. Galitsch) 28 
Galizien 4 
Bnerlil. 26f. 
Deutschtum 27. 
Geschichte, politische 27ff. 
Polnische Frage 26 ff. 128f.. 
Proklamation vom 5. Nov. 1916 
Sonderstellung, politische 29f. 
Wirtschafteleden 26. 
Gallipoli 131 f. 258. 
Gallischer Bund 327. 
Gardasee (Gartsee) 102f. 
Gasbrand (Gasgangrän) 801. 
. Ghaza. 
rauchsmusterrechte 416. 
9 angene 263. 
Gelähe, Verletzungen der 306. 
„ Geist von 1914= 319. 
Genua 121. 
Gerard, ameritan. Botschafter 342. 
Ge 7 404.— 
ichte des Krieges (Literatur) 384; 
Kriegsgeschichte. 
t s Bekämpfung der 
(im Heere) 4 
Geschosse Ialhere, 281 f. 
Gesellschaft für deutsche Kolonisation 
Gewehr 279ff. 14. 
Lrwersscheften 393ff. 
Ghaza 13 
Gibraltar, z von 117. 127. 
Ginchy 219. 
Gjewgieli 144. 
Se (Schußver ungen 7#5 
Goldene Horde von Kiptschak 52 
Goldtüste 13. 
Goltz, Frhr. v. d., Feldmarschall 181. 
Goremnkin, rusf. Staatsmann 179. 
Görz 38. ioi. 105. 186. 
Göteborg 112. 
Graue Liste 338. 
Great Yarmouth 244. 246 
»Greif«, deutscher Ochete•her 260. 
Erenzabtommen, türkisch-bulgar. 64. 
Greuelfeldzüge, englische 340. 
Grie hechen n 68. 
Griechenland 58. 600b 123. 183. 186. 
189. 204. 340. 38 
Groener, ereral 8 
Großbritannien Lsie England 
Großrussen 2. 5 
Großrussentum ii 
»Grune Bewegung« (Siebenbürgen) 
Guerre Sorzialo 332. 5 
Gueudecourt 219. 
Guillemont 219. 
Register 
Gyvergyögebirge 140f. 
Gyimespaß 141. 
aager Abkommen 412f. 
fringe 256. 
Haiderabad 49. 
Halitsch (Galitsch), Fürstentum 28. 
halsschußverletzungen 303. 
handel (der Neutralen) 414. 
handelskrieg, englischer 335 f. 338f. 
— verschärfter, zur See 150ff. 
handelspolmit 382. 384 f. 430 ff. 438. 
handelsschiffahrt, englische 433f. 
handelsschiffban #i England 43. 
handelss 46 Bewaffnung 
handfeuerwassen Noff. u 
hangb 111. 
Hansabund 5. 
hardaumont 198. 
hardcourt 215f. 
hardinge, Lord 48. 
hargitagebirge 140. 
Harmsworth, A. C., engl. Zeitungs- 
verleger 330 f.; vgl. rideliffe. 
Hartlepool 246. 
Harwich 244 fl. (181. 
Haus, Anton, österr.-ungar. Admiral 
Hauserziehung, deutsche 357 f. 
Hedschasbahn 65. 
Heeresversorgung 261. 268. 
Heiliger Krieg 71 f. 
Helgoland 252. 
Helsingfors 111. 
Hermannstadt 227 f. 
Herzegowina 25. 
Herzschüsse 303. 
*éßme vaterländischer W’ie 
Hilfsdien igese 401. 186 
Hindenburo, v h eralseldme el 
Hindu 48 50. 
Hipper, v., Vizeabmiral 249ff. 252. 
Hiruschüss e 301f. 
Hissarlik 132. 
Höchstpreispolitik 352. 
„Höhe 304. 198. 
öhlensteintal 104. 
olland 386; vgl. Niederlande. 
Homerule 42. 
Hongkong 50. 
beppner, v., General 191 
orns Riff 245 
House of Commons 40. 
— of Lorde 40. 
Hubertusburger Frieben 96. 
Hull 244. 246. 
Humanité 332. 
Humber 244. 246. 
Idea Narionale 334. 
Jllyrisch-Tirol 38. 
Fre 18-# beutsch gli 83. 
mmelmann, Max, beutscher Flieger 
rial Federation League 4 1 
#n ien 7* 47 ff. 73. 362. 40 387. 
Industrialisierung (Englands) 424. 
da trie, englische 435f. 
nffanteriegeschosse 281 f. 
anteriegewehre 282. 284. 
nfektionen 8305 f. 310. 
Infektionskrankheiten 308. 
9 sestongaueben 309. 
ekten (als Infektionsquellen) 310. 
„ Internationale. 397. 
Invaliden, s. Kriegsinvaliden. 
Invalidenschulung 406. 
PW0 244. 
rland S 
Sernrde#e##oenene#### e##e## ’okb. 7.n ug 
V # 
Irredentismus 35 fl. 
„ Jrredentista 34 
Islam 68. 
Jeland 87. 
Ismailia 135. 
sonzo 105. 189f. 
Spahan 180. 
Isrien 38. 
⁊ Italia irredentas 34. 
Italien 186. 187. 339. 
Balkanprobleme 58. 60. 
Irredentismus 35 ff. 
Kriegsliteratur 385. 
Kultur 322. 328. 
Landkriegsschauplatz 98. 
Presse 333f. 
Schuprechte, gewerdliche 415. 
Verhältnis zur Türkei 69. 
Volkswirtschaft 427. 
„Italienische Provinzen= 35. 
Rallenisch -Tirol 38. 
Jagow, v., dentscher Staatsmann 191. 
alomitza 234. 
itgesellschaft 14. 
Japan 44. 89 ff. 322 f. 334. 362. 
Jaunde 147. 178. 
ellicoe, engl. Admiral 192. 253. 255. 
iu 14. 
„John Baulle 331. 
uden (in Galizien) 27. 
udikarienlinie 99. 
ugend (und der Krieg) 356 
genderziehung, militärische 358ff. 
u ische Alpen 101. 
ungtürkische Bewegung 69. 
titische Halbinsel 108. 
Kabatepe 131. 
Kabelmonopol 435. 
Kairo 126. 
Kaiser-Wilhelm-Kanal 107. 114. 
Kalif 68. 
»Kalte Erde= 198. 
Kamerun 14 f. 146 f. 179. 361. 364. 
Kamina 146. 
Kampania 144. 
Kanada 4öf. 
Kapitalismus 399. 
Kapitulationen (Türkei) 70. 
Karawanten 100. 
Karlicccher Isthmus 111. 
it 105. 
Arfert Kaiser von Österreich 193. 
Karl, Prinz von Hohenzollern 83. 
Dorlteona- 11. 
Karnische A 100. 
Wi“*-3 14. 15 f. 91. 
Karpathen 140 . 
Harpathen, u#n deutsches 210 ff. 
Kars 137. 
Karstformen 99. 
Larhag 116. 
Kartschewo 209f. (55. 
Katharina II., Kaiserin von Rußland 
Katholische Mission 363ff. 
Kauffahrteischisse, Bewaffnung der 154. 
Kaukasus 55. (156fl. 
Kavallerie-Brückengerät 272. 
Kiautschon 14. 15. 89 f. 149. 
Tezerlchutwunden 302f. 
Kieler —i*-- 108f. 
Kiew 
Kilid- F#- 132. 
»King Sehen.. engl. Dampfer 244. 
Kisielin 207. (249. 
Kitchener, Lorb 246.
        <pb n="539" />
        Klagenfurt 100. 
Klagenfurter Becken 100. 
Kleinasten 65. 67f. 125 133. 259. 
„Klein-Deutf lan 328. 
Kleinrussen 27; vgl. Nuthenen. 
Ko lenansfuhr, englische 
5 431 f. 
lengewinnung (in 
Koldytschewo-See 
Kolonialgesellschaft, Deutsche 10. 14. 
Kelontalsigeinnt (deutsches) 15. 
Kolonialpolitik, deutsche 12ff. 
Kolonialrat iis. 
Kolonien, deutsche (Kriegsschauplägtze) 
*“ Gesellschaft für deut 2 
g#lnz, uie für die österr. Niederlande 13. 
Kongofrage 14. 
Kongreßpolen 75. 
Königsberg 110. 
„Königsboden= 32. 34. 
Konkursrecht 405f. 
Konstantinopel 79. 118. 125. 
Konstanza 83. 123f. 224. 247. 
Konterbande 152f. 
Kopenhagen 109. 
Köprütöi 137. 
Koerber, v., österr.= ungar. Staats- 
mann 30. 190. 193. 
Korfu 178f. 
Korinth, Aus von 118. 
Korna 139. 
Körösmezö 211f. 
Kövess v. Kövesshaza, österr.= ungar. 
Koweit 63. 65. General 33. 
Kowel 205ff. 
Krafft v. Delmensingen, General 229. 
Kraftwagen, -kolonnen 267. 
Krakau (Großherzogtum) 27. 28. 
Kraschin 209. 
Kreuzbergfurche 104. 
Kreuzertrieg 260. 
Kriegerkleidung 293. 
Kriegsamt 353. Fa. 
Kriegsausschuß der deutschen Indusftrie 
Kriegsbedarf, 1a Sicherstellung von 419. 
Kriegsbemalung 292f. 
Kriegsberichte ck# dem Großen Haupt- 
quartier 193ff. 
Kriegschirurgie 300 fl. 
Kriegsdichter 373. 
Kriegsernährungsamt 182. 353. 
Kriegsstüchtlinge 411. (407 fl. 
Kriegsfürsorge (in Osterreich-Ungarn) 
Disgekrauch. Verfahren nach 446. 
gsgefangene 383. 448. 
uE (Literatur) 883. 385. 
Kriegsge Toarhung “ (OÖsterreichs) 403 f. 
Kriegsgewinne 424f 
Kriegsinvaliden 
Kriegskalender 178fl. 
— (See) 238ff. 
Kriegstüchen 353. * 
Kriegsleistungen (und Kriegss en) 
Kriegsleisungsgesetz 418fl. 
Kriegslieder 368 ff. 
Kriegsliteratur 374 . 87off. 
Kriegslprik 373f. 
Hege Rohhtofler Abteilung 351. 
Kri *8 1 ( beratur) 383 
Kiebe “ (Englands) 132. 
Hehescht (in neutralen Häfen) 413. 
biepeicht 8ver veruse- englische, vor dem 
— —— 243. 
Kriegsspionage 443ff. 
Kriegsursprung (Cemttur) 384f. 
Kriegsverrüter 445 
Register 
Kriegswirtschaft (unserer #e 423ff. 
Kriegswirtschaftsämter 
Kriegsziele 1 ff. 171. 327 ff. 382. 384 f. 
Kriegszonen 383. 
Kriehshustandsgebet 445. 
Kiecnwangsorhanisation 437. 
Kroaten 59f. 
Kroatien 25. 
Kronstadt 111. 228. 
Kuk, Berg 212. 
Kultur (und Charakter der Kriegfüh- 
renben) 315ff. 
Kulturliteratur 382. 384 . 
Kulturphilosophie 314. 
Kulturpropaganda 380. 
Kum-Kale 131f. 
Kupfer 350. 
Kurden 68. 
Kurland 3. 75. 110. 
Kuropatkin, russ. General 180. 186. 
Küstenkarst 101. 
Kut el Amara 139. 181. 203. 
»L 19.a. utsches Luftschiff 244. 
Labusy 209 
Lacknau 51. 
Lische Sprache 
Ladinisches Zeer 101. 
Lafraun 103. 
Lagerhütten 277. 
Laibacher Becken 101. 
Landesverräter 446. 
Landes-Versicherungsanstalten 391. 
Landgemeinde, russische 440 f. 
Landkriegsordnung 446 f. 
Lanbskrona 109. 
Landsturmpflicht (Österreich= Ungarn) 
Landwirte, Bund der 5. 1 
Landwirtschaft, englische 430f. 
Lavarone, s. Lafraun. 
La Wictoire 332. 
Lazarettzüge 266. 
Lebensmitteleinfuhr 155. 431. 
Libeigenschaft, rufsische 438 fl. 
Lemberg 27 
„Leopolis Germanica- 27. 
Lesbeeufs 219. 
Lessinische Alpen 
Lend bomben rhls, raleten) 274. 
l ene Libre L'Hoomme en- 
chaino), krons. Zeitung 332. 
Liban 110. 2 
Linsingen, v., 2— 206f. 
Luanen 53. 387. 
Literatur, deutsche 372 ff. 
Li#land 8. 54. 75. 110. 
#Aoyd # 3 engl. Staatsmann 175. 
Lochschüsse 305 (192. 
Lodomerien Ff. 
Logit 312f. 
Löhne (Arbeiter-) 392. 
Lohnentwicklung 392. 
London 244. 246. 
Londoner Konferenz 95. 
— Seekriegsrechtserklärung 157. 
Longueval 216. 
Lothringen 19. 
Lovéen 178. 
Lübeck 109. 
Ludendorff, General 187. 
Luderihbucht 16. 
Lubdowa-Höhe 
#Auftangei been#ude 244 ff. 248 f. 256. 
#ubos bulgarischer General 189. 
Lungenschüsse 303. 
uoLusitania-, britischer Dampfer 7f. 
453 
„# **l beutscher Slschherute 
Lyrit, s. Kriegsl#rik. 
Maas 194#4 ff. 204. 
Me . 6 asch penmarschan 
221. 223. 226. 
Madjaren (in Siebenbürgen) 33. 
Mehiarlsch (als nrcre, 
Magna Charta 40. 
Magura 211. 
Magyaren, s. Madiaren. 
Malancourt 198. 
Malborghet 105. 
Malms 86. 
Malta 117. 
Manchester 244. 
„Mare nostro= 37. 
Marianen 15. 91. 
Mariga 64. 
Marmarameer 118. 125. 
Marmolata 104. 
Marseille 120f. 
Marshallinseln 14 f. 91. 
Martinpuich 217. 
Matin 332. 
Matschin 235. 
Maurepas 216 f. 
Mazedonien 58. 
— (als Ericgsschauplat) 143ff. 
Mebgibia 225 
Medina 63. 
Medjidie 132. 
Meere, Freiheit der 5. 6. 173f. 336. 
Ahriideworrcctung umceweh 281. 
Memel 110. 
Mendelstraße 99. 
Meran 99. 
Mesopotamien 63. 65. 138f. 
Meseagero 
Messina 247. 
— Straße von 117. 
Metaphystk 313f. 
„Meteor-, deutscher Hilfstrenzer 244. 
Michaelis'Ernährungskommissar) 353; 
vgl. Reichskanzler. 
Middlesbrough 2.41. 246. 
„Midillie, türk. Kreuzer 260. 
Militäreisendahndirektionen 297 . 
Militärfahrplan 295f. 
Militärische Jugenderziehung 358 f. 
Militarismus 324. 
Miljukow, russischer Staatsmann 57. 
Minen (Spreng-) 278. 
Ministerien, österreich. = ungarische 24. 
Miscellansous 380. 
Misstogen gcchristiche (und der T# 
Mistral 136 
½ 3282. 
Muteleuropälsc türkischer Block 74 fl. 
Bulgarien 74 f. 
Deutschland 74. 76. 
teressen-- und Macktpollttt 76f. 
serreich- Ungarn 74. 76. 
Türkei 7 
W ## orint 75f. 
Mittellandbahn (Deutsch-Ostafrika) 16. 
Mitee ewl (als Kriegsschauplatz) 
— Historische Bedeu 115 
Ez: ni 6 
lima 129fs# 
— Tiefenverhältnisse 127f. 
Mittelstandsverband, Laeichebutscher5. 
Mobilmachungsbewegun
        <pb n="540" />
        454 
Moglena 144. 
Mohammed 72. 
Mo W## 50. 59f. 
Moldau 141f. 
Moltke, v., Generaloberst 183. 
Monastir 145. 191. 
Monfalcone 105. 
Montenegro 59f. 122. 178. 
Mopla, arab. Volksstamm in ###en 
Mormonta 229. 
„ Mort Homme- 195. 198. 202. 
Morval 219. 
Moscheiki 199f. 
Moskalen 55. 
Moskau 52 . 
„Möwe-, deutscher Hilfskreuzer 260. 
Muhadschir 58. 68. 
Munition 273. 281f. 
Munitionslieferungen, amerikanische, 
s. Waffenhandel. 
Munitionsdersorgung 261f. 
Murmanküste 248 
Musterrechte 416 f. 
Wutilene 257. 
Nachschub (im Operationsgebiet) 267. 
Nagara 132. 
Nahrungemistelproblem beutsches 
»Namenlose Kuppe- 213. L351ff. 
Narbenplastik 303. 
Narotsch-See 160% r. 
„ Nasses Dreieck= 4. 
Nationales g dentraltomitee (polnische 
Tarte20 
Nationa #omu-, Oberstes (polnische 
Partei 
Naunonalkongreß, indischer 41. 
Nationalliberale Partei 5. 10. 
Nationallieder 368 f. 
Nationalwertstätten (1848) 402. 
Navarin-Stellung 195. 
Neapel, Gols von 121. 
Nederlandsche Overzee 
Maatschappij 338. 
Neoslawismus 11. 
Nerven, Verletzungen der 306. 
Neue Gelvetil e Gesellhaut 85. 
»Neues Vaterland 6. 
Neu-Galizien 28. 
Neuguinea (Deutsch-) 14. 15. 
Neuguinea-Kompanie 14. 
„Neujahrsschlacht 1916 179. 
Neuorientierung 382 f. 384 f. 
Trust 
Neutrale Saachen 84fj. 336 f. 386 f. 
41 
Neutralität 412. 414. 
Niederland- Wirtschaftskrieg, eng- 
lischer 87 
Nikolajew 124. 
Nivelle, franz. General 193. 
Njemen 56. 
Nordamerikanische Union, s. Ber- 
einigte Staaten. 
Nordsee 246. 
Norfolk 246. 
Kormanmen 4. (worth. 
W’i'i Lorb 343; vgl. Harms- 
Northclife-Presse 330 f. 
Norwegen 386f. 
— Sib englischer 86 f. 
Norwich 244. 
N. O. T. 88. 838f. 
Notrampen 274. 
Notrampengerät 272. 
Nottingham 246. 
„Novara, österreich.--ungar. Kleiner 
Kreuzer 257. 
Nowoje Wremja. 333. 
Register 
Oberhaus, en enblisches 4. 
Oberstes onal-Komitee, s. Na- 
tional-Komitee. 
Ochrida 78. 
ridasee 145. 
Odessa 124. 
Odrin (Adrianopel) 64. 
Okpierte Gebiete 383. 
Olty 137 
Ombrettapaß 104. 
Operationsgebiet 444. 
Organisation (Literatur) 383 
— deutsche 350 f. 
Ortney-Inseln 238. 244. 246. 
Orsova-Gruppe, rumünische 231f. 
Ortlergruppe 99. 102. 
Osel 108. 
Osmanen 66f. 
Osmanismus 69. 
Ostafrika (Britisch- 
— (Deutsch-) 14ff. 
lasien (im Weltkrieg) Soff. 
Osterre graic Kriegsgesetzgebung 403ff. 
Osterreichische 
— Dezem 
#. 33. 
* Berfassung 23. 
Osterreich-ungar. Ausgleich (1567) 23. 
Osterreich = ungarn: 
Balkanprobleme 57 ff. 
Frienengangebo 164 ff. 
egsfürsorge 407 ff. 
Digsliteratur 381fl. 
Kultur 319ff. 
Mitteleurop.-türk. Block 74. 76. 
Berfassung und Verwalamg 22ff. 
Ostpreußen 56. 322. 42 
Ostrowosee 145. 
Ostseegebiet (als ——# 
— Hydrographie 113 
— Klima 114f#. 
– Tiesenverhältnisse 112f. 
Osts 
Ostse T 
Sllecknader 106 (russische) 3. 
Ostsibirien 55f. 
Otavibahn (Deutsch-Südwestafrika) 16. 
Otranto, Straße don 118. 127. 247. 
Opillers 216. (257. 
Pal 105. 
Palagruppe 103. 
Palauinseln 15. 
Paneveggio 103. 
Pangermanen 32. 
Panislamismus 71. 
Panslawismus 11. 
Pantürkismus 70. 
Panzerbatterien 290. 
Panzertürme 289f. 
Papenholm 256. 
Pariser Frieden 83. 96. 
— Seerechtserklärung 150. 
Parlamentarismus 41. 
Partikularismus (Elsaß) 20f. 
Pasubio 103. 
Patentrechte 414 f. 
Pazifisten 6. 
Pearson-Presse 330. 
“ Ebene 145. 
agosa 257. 
-—mie 409. 
Pernau 114. 
Peronne 218. 
Persischer Golf 137f. 
Perversismus 377. 
Petain, franz. General 181. 
* ber Große 55. 
etersburg 111. 
Peutelstein 104. 
(364.— 
45. 147f. 361. 
1867er Verfassung 23. 
anzer-Baltin, v., österreich.= ungar. 
1 188. 7 
Philippeville 126f. 
P ILosophe (und Krieg) 312ff. 
Phönizier 115. 
Piano, Monte 104. 
illersdorfsche Berfassung 22. 
ionierarbeiten 269 f. 274 ff. 
Pionier-Brückengerät 273. 
Pionierwesen 268ff. 
Piräus 62. 123. 190. 
Plöckenpaß L0. 
Po- e 
d Admiallw 
Wohl« ck ggchsdmitetkdaö Akten 
Polen Baf. 191. 
— Woltsstamm) 26. 30. 887. 
— -Litauen 53. 
Poliwanow, russ. Staatzmemn 181. 
Polnische Fra 2. 7. 10. 26ff. 
Pomaken 77. 
2 l Linienschiff 253. 
— — 
Poniatowsti 4 
Ponton 276f. 
Portsmouth 246. 
Portugal 180. 340. 
Postawy 199. 
Pozieres 216. 
Pragmatische Sanktion 27. 
Predealpaß 141. 
Predelstraße 105. 
Pre oneslogruppe 99. 102. 
Prespa 7 
Pres bact 146. 
Presse 4 s 330 fl. 
— indische 50 
— schweizerische 85. 
„Pres e-Dreiverbande 330. 
Preseseldzug, englischer 341 ff. 
Prümolant 03. 
Primör 103. 
„Prinz Adalbert, deutscher Panzer= 
Prise 413. (#reuzer 256. 
Privy Conneil 41. 
Prrfgarbaliteratr 380. 
„Provincia Giulia 
„Provincia krrodente dell- 4usrch 
Przemysl 28. 
Nabaul 140. 
Rabenwald 195. 198. 
Rämnic-Balcea 230. 
Ramsgate 244. 
Nancourt 219. 
Rasova 223. 225. 
Rätoromanen 36. 
Ravenna 257. 
„Recht auf Arbeit“ 402. 
Rechtsangelegenheiten, bürgerliche 404. 
„Redenzione 35. 
Kegeneration, wirtschftliche 429. 
„Reich des Rechtse 366. 
Reichsdeutscher W—. 
EGN3° (v. Bethmann Hollweg) 
ichaelis) 11; vgl. Michaelis. 
Reichs skolonialamt 15. 
Reichsrat 22ff. 
i, (für Kriegs 
Rei assung, östervreich.= ungar. 22. 
r-
        <pb n="541" />
        Reichszentrale der Arbeitsnachweise 
Reif 37; vgl. Riva. 388. 
amierung (von Arteitern) 
Religion nd Krieg) 385 
Reußen 28 
Reutersches Telegraphenbureau 332. 
Reval 111. 
Revolution, derssicche 20f. 
Rhodesien 
Riga 110. d. 
Rigaischer erbusen 110. 114. 256. 
Riva 37. 
Rietsch 
Rofle)reit 37. 39. 99 
Roheisengewinnun 
Rohstofffrage 350f. 
Rombon 105. 
meree 16. er1 
ömische Frage 
—NN 3 
2 %, 1 ner 
Roterturmpaß 140. 227ff. 
Rotrussen 27; val. Ruthenen. 
Novereto 37; vgl. Rofreit. 
Royal Colocial institute 43. 
Namänen (in Siebenbürgen) 33; (in 
Bulgarien) 77. 
Rumänien 81 ff. 340. 
Balkanprobleme 58f. 
Bevölkerung 81. 
Geschichte 82. 
*zp cauplatz 123f. 140 f. 
Pres 
- 81f#'. 
Nupelpaß 144. 204. 
„Russiae 28. 
Russische Revolution 30f. 
Rußtki, ussscher General 186. 
NRußland 33 
— 57. 
Bevölkerung 54. 56. 
Kriegsliteratur 385. 
Kregsschaupla (Schwarzes Meer) 
Kultur (124. 
Polnische 16 Brage 2. 
Presse 333 
Sworeche, gewerbliche 415. 
Sozialpolitik 438 ff. (92. 
Stellung, politische, in Ostasten 90. 
Verhältnis zur Türkei 63. 
Volkswirtschaft 427 ff. 
Welvpolitik 52 ff. 
Ruthenen 26. 27. 
Sachsen (in Siedenbürgen) 32. 
Sailly = Saillisel 220. 
Saint Mihiel 196. 
Saint Pierre Vast-Walb 220. 
Salandra, ital. Staatsmann 183. 
Saloniki 79. 119. 123. 190. 
Samoainseln 13ff. 
Sanctio pragmatica 22. 
Sandomirz 28. 
Sanitätsdienst 262. 
Sanitätskraftwagenkolonmen 267. 
San Michele, Monte 105. 
Sanok, Vertrag von 28. 
Sansibar 14. 
San Stefano, Friede von 78. 
Saros, Golf von 131. 
Sarrall, franz. General 186. 
Sergtamsch 137. 
Saßnitz 109 
Shäbelschuhverlegungen 301ff. 
“nm s. Kriegsschäden. 
äfer, Dietrich 9. 
Sheem 272. 
ärentüsten 110. 
Register 
Schatt = el- Arab 138f. 
eer, v., Admiral 255. 
# —32 Reichstagsabgeordneter 
werfer 279. (9. 10 
einwerse erät 274. (360. 
ießausdildung (der Jungmannen) 
ESan- englisches 434. 
u, s. Kriegsschi au. 
Stt S engli cker 4 
Schüchtungsausschuß 40 
erbach 104. 
lubdesinfelton 308. 
oltz, v., General 200 f. 
openhauer 313f. 
ostoff, bulgarischer General 187. 
Schrecbemalung, s. Kriegsbemalung. 
Schtschara 208. 
ulpflege 356. 
Schulwesen 354. 
Schußbrüche 305. 
ebiete, deutsche 13ff. 
udimpfungen 310f. 
S *8 gewerbliche 415 f. 
uwajew, ruff. General 181. 
Schwarze Listen 337 f. 
Schwarzes Meer 124. 129. 134. 247. 
Schweden 107. 
Kriegsliteratur 386. 
airtschesterries. englischer 86. 
Sre ges 386. 
Verhalten im Kriege 84f. 
Wircschasterriea. englischer 85. 
Scirocco 
Sturorctol . 
Secolo 334. 
Sed-AUl-Bahr 131f. 258. 
Seekrieg 1915/16: 238ff. 
Seekriegskalender 1915/16: 238ff. 
Seerechtserklärung, Londoner 157. 
— Pariser 150. 
Selbstlade= Faustfeuerwaffen 286. 
Selbstladegewehr 283 ff. 
Selfgovernment 40. 42. 
Senusi 73. 
Wbien rohseme 59f. 
Kriegsliteratur 386. 
Presse 335. 
Serbokroaten 50. 
Seres 144. 
Sereth 142. 
Serwetsch 208. 
Sette Communi 101. 103. 
Seuchenbekämpfung 307 fl. 
Sextental 104. 
Sherue 246. 
Sheffield 244. 246. 
Sidirien 54. 
Siebenbürgen 31 ff. 140 f. 
Sieben Gemeinden, s. Sette Communi. 
Sikh, indische Sekte 50. 
Silistria 79f. 222. 
Sinaihalbinsel 65. 134 f. 
Singapur 50. 
Skagerrak, Seeschlacht vor dem 240ff. 
Skrobowa 209f. 
Skutari 179. 
Slatina 232. 
Slawonien 25. 
Smolary 208. 
Smotrec 213. 
Smuts, Burengeneral 179. 
Smyrna 125. 
Société Suisse de surveillance 4co- 
nomique 85. 
455 
Solf, Wilhelm, Kolonialpolitiker 15. 
Somme 213fff. 235 ff. 
Sommerzeit, deutsche 181. 
Sonmino, ital. Staatsmann 85. 177. 
Sozialbemokratie 8. 
Sozialhygiene 410. 
Sozialismus (im Kriege) 397 fl. 
Sozialisten, Unabhängige 399. 
Snlalboltt russlsche 438ff. 
Spanien 1—— 
Sperrforts 200 f. 
Sperrgebiete (zur See) 162f. 
Spezia 121. 
Spiaglia 201. 
Spionage t 
Sprachenfrage (ÖOsterreich-Ungarn) 24. 
Sprengminen 278. 
Sprengmunition (-patronen) 273. 
Spoengungen 277 . 
S. S. S. 85. 
Staatskirchentum 41. 
Staatsschuld, englische 437. 
— französische 420. 
Stara Obczyna 211. 
— Wipczyna 211f. 
Steckschüsse 301. 
Stefulec 212. 
Stein, v., preuß. Kriegsminister 190. 
Snn 5 
Stues E* 102. 
Stochob 
Stockholm 112. 
Straßburg 17. 
Streckverbände 305. 
Strumigzaatal 144. 
Stürgkh, Graf, österr.= umgar. Staats= 
mann 190. 
Stürmer, russischer Staatsmann 179. 
Se 8 Gritisch-) 45 
afrila - 
Sttetolonun. deutsche 2— 362. 
ti 
Sühmestesrila (Deutsch-) 14 fl. 45. 117. 
Sueskanal 118. 134 f. 
Suganatal 99. 103. 
Sultaniè 131. 
— ahissar 132. 
Sund 107. 109. 114. 
r Sussexe, luane- Dampfer 158 ff. 245. 
Suvlabai 
Spmadeschi- Seesung (Judien) 48. 
Syrien 125. 133 
Szellerland 140. 
Szurdutpaß 141. 
Eaues #el Pascha, türk. Staatsmann 69. 
anga 
Tanga Kb 301f. 
Tees 244. 
„ Terra irredenta“ 34. 
Terschelling 253. 
Tetanus 301. 
Texas 13. 
Textilarbeiter 410. 
Themse 245. 246. 
Therapie, funktionelle 306. 
Thiaumont 198. 
Thiepval 219. 
Tigris 88 
Tirnowo 7 
Tirol beorichuschaupah 98fl. 
Tirolest 102. 
„Tirolo ltalianoe 38. 
rWl 0 v., Admiral 8. 180. 245. 
Titu 
Toblach 100.
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        456 
Togo 14ff. 146. 361. 363. 
Tölgyvespaß 141. 
Tolmein 105. 
Tömöser Paß 141. 
Wnalefurche 102. 
Topraisar 223f. 
Tör 135. 
Törzbdurger Paß 141. 
„Toter Manne, s. Mort Homme. 
Toulon 121. 
Towära, arabischer Stamm 135f. 
Trajanswälle 224. 
„Transitro= 86. 
Transkaukasten 137. 
Transsylvanische Alpen 141. 
Trapezunt 124. 181. 
Tredici Communi 101. 
Trentino 36 f. 99. 
Trepow, russ. Staatsmann 191. 
Trient 39. 99. 
Triesft 36 ff. 105. 122. 
Trinidab 46. 
Tripolis 126. 
Tripolitanien 126. 
Tröneswald 216. 
Tschanak = Kalé 131. 
Tschataldscha 79. 
Tscherna 145. 
Tichernawoda 224 f. 
I erwesche Land 28. 
ruch 137. 
aieroeheet 148. 
Tingtau 90 f. 149. 362. 364. 
Tubertkulose, Bekämpfung der m, 
— Straße von 127. 
Turanismus 70. 
Türkei: 
Balkanprobleme 57. 
Bevölkerung 66f. 
Geographie, politische 64 fl. 
Geschichte (neueste) 69ff. 
Kriegsliteratur 383f. 
Kriegsschaupläte 124f. 131ff. 
Kultur 321. 
Mitteleuropäisch-türk. Block 74 fl. 
Bolkswirtschaft 65f. 
Weltstellung 62f. 
Türken 67 f. 82. 
Türtische Frage 74. 
Turkvölker 66f. 
Turnen 358ff. 
Tutrakan 222. 225ff. 
Tyne 246. 
?U 35., beutsches Unteerseehoot 260. 
ülbersee (Kriegszicle) 4 
U-Boottrieg, s. Unterseebootkrieg. 
Utraine 55. 387. 
Ukrainer 27; vai. Ruthenen. 
Utrainisches Volkstum 29. 
Unabhängiger Ausschuß für einen 
deutschen Frieden Off. 
Register 
Unabhängige Sozialisten 399. 
Unabhängigkeitspartel, 1848er 25. 
ndine-, deutscher Kleiner Kreuzer 
1## (als staatsrechtlicher Be- 
uh (Verfassung) 22ff. 
Uniformen 292 f. 
Union, s. Vereinigte Staaten. 
United Empire Trade League 43. 
Unterhaus, englisches 42. 
Umeernehmungen, Fesssin 406. 
Unterseebootkrieg 7 f. 10. 242f. 2%. 
— Dokumente 150ff. (257 ff. 
Usambarabahn (Deutsch-Ostafrika) 16. 
Badului 229. 
Balona 60. 
— Bucht von 118. 123. 
Bardartal (Wardartal) 144. 
Baterländischer Hilfsdienst 400 ff. 
Vatikan cond der der Krieg) 365ff. 
Berbun 194S. 196 fl. 202. 217. 
Vereinigte Staaten 329. 340. 
Kriegsliteratur 386. 
Notenwechsel mit Deutschland (Frie- 
denganzebol) 165 ff. 
Unterseebootkrieg 7. 151 fl. 
„Bereinigung für Frrihett und Fort- 
schritt« (Türkei) 
Berfassung (Osterreich = Ungarn) 22 f. 
Berkehrswesen 404. 
Bermandovillers 218. 
Berona 257. 
Veroneser Klause 103. 
Berpflegungsreserve, bewegliche 265. 
Berpflegungswesen 262. 
Versicherungsorgane, soziale 409. 
„Berständigungsfrieben 11. 
Via Egnatia 145. 
Vielgereuth, Hochebene von 103. 
Hülach 100. 
ogesen 16f. 
Sobshen 10 deutsche 355f. 
Bolkserziehung, deutsche 355f. 
Bolkspflege, geistige 358. 
Bolkswirtschaft (unserer Gegner) 423 fl. 
Vorgeschichte des Krieges (Literatur) 
381. 384. 
Vorratswirtschaft 75. 
Bulkangebirge 231. 
Bulkanpaß 140f. 
Waffen, s. Hand= bzw. Faustfeuer- 
wassen. 
Wassenhandel, amerikanischer 152 1 
Walachei 142. 231f . (412f. 
Wardartal 144. 
Warenzeichen 417. 
Warenzeichenrechte 416. 
Wassertransport 207. 
Wegsperren 279. 
ehrpflicht, deutsche 402. 
— englische 178 f. 182. 317. 
rnen 358f. 
Wehrverein 10. 
Wedrperfassung, beutsche 324. 
Weichsellinie 56 
Weiße Liste 338. 
Weltanschauungslehre 313f. 
Weltmarkireisnivenu 429. 
Westafrika (Britisch-) 45. 
— (Deutsch-) 147. 
„ Westfalen-, deutsches Lihienscht 253. 
Wenndien Griisch-) 6 
Dänisch-) 87 
— 24 1 246. 
Wiborg 111. (zer 251f. 
»Wiesbaden«, deutscher Kleiner Kreu- 
Wileity 19o . 
Wilhelm II., deutscher Kaiser (Aufrufe 
zum Friebensangebot) 165. 168. 
Wilson 172. 191. 
Windaun 110. 
Wippachtal 105. 
Wirtschaftskonferenz (der Entente- 
Staaten) 183. 
Wirtschaftsleben (unserer Gegner), j. 
Volkswirtschaft. 
Wischnjew-See 199. 
Witena-gemete 40. 
Witu (Ostafrika) 14. 
Wlachen 81. 
Wladimir 28. 
Wokore= Ebene 194. 
Wohlfahrtspflege (in Rußland) 442. 
Wodlkowitschi 209. 
Wolhynien 28. 
Woyrsch, F., General 208. 
Wuchergesetz 405. 
Wundbehandlung, antiseptische 800f. 
7 203. 
nan Schi-kai 99f. 180. 
hlungsverbot 406. 
alesczyki 27. 
ator (Herzogtum) 28. 31. 
eeerh. 245. 
.E. G. 353. 
eitungswesen 50 f. 85. 330 ff. 40f. 
entral= Einkaufsgesellschaft 353. 
mD) Ledensminel) 333. 
entralverband deutscher Indufrrieller 
###um, politische Partei 11. 
erstörungswerkzeug 273. 
igeuner (in Hulgaruen) 77. 
immermann, Alfred, beutscher Staats- 
mann 191. 
irin 209. 
nn.- 192; val. Hilfsdienftl. 
„Zur Lage. 6. 9. 
wischenfeldbefestigungen 291. 
wölfertogel 104. 
Druck vom Bibllographischen Institut in Leipzig.
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